Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Der lebende Leichnam - Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)
Author: Tolstoi, Leo N.
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der lebende Leichnam - Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



  +------------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Gesperrter Text (verwendet für Rollen) ist als _gesperrt_        |
  | dargestellt, kleinere Schrift (für Regieanweiseungen, immer in   |
  | Klammern) als ($Anweisung$), und Antiqua-Schrift als =Antiqua=.  |
  |                                                                  |
  | Im Text wurde folgende Korrektur vorgenommen:                    |
  |                                                                  |
  | S. 14  "Gascha" durch "Sascha" ersetzt.                          |
  |                                                                  |
  +------------------------------------------------------------------+



                       Der lebende Leichnam

                Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)

                              von

                        L. N. Tolstoi

                        [Illustration]

                    Übertragen von H. Röhl

                 Im Insel-Verlag zu Leipzig



Personen:


  _Fjodor Wasiljewitsch Protasow_ (_Fedja_).
  _Jelisaweta Andrejewna Protasowa_ (_Lisa_), seine Frau.
  _Mischa_, der Sohn der beiden.
  _Anna Pawlowna_, Lisas Mutter.
  _Sascha_, ein junges Mädchen, Lisas Schwester.
  _Viktor Michailowitsch Karenin._
  _Anna Dmitrijewna Karenina._
  _Fürst Sergei Dmitrijewitsch Abreskow._
  _Mascha_, eine junge Zigeunerin.
  _Iwan Makarowitsch_, ein alter Zigeuner     } Maschas
  _Nastasja Iwanowna_, eine alte Zigeunerin   }  Eltern.
  Ein Offizier.
  Ein Musiker.
  Erster Zigeuner.
  Zweiter Zigeuner.
  Eine Zigeunerin.
  Zigeuner und Zigeunerinnen (Chor).
  Ein Arzt.
  _Michail Andrejewitsch Afremow._
  _Stachow_     }
  _Butkewitsch_ } Freunde Fedjas.
  _Korotkow_    }
  _Iwan Petrowitsch Alexandrow._
  _Wosnesenski_, Karenins Sekretär.
  _Pjetuschkow_, ein Künstler.
  _Artemjew._
  Ein Kellner in einer =chambre séparée=.
  Ein Kellner im Restaurant.
  Der Wirt des Restaurants.
  Ein Schutzmann.
  Der Untersuchungsrichter.
  _Melnikow._
  Der Protokollführer des Untersuchungsrichters.
  Ein Gerichtsdiener.
  Ein junger Rechtsanwalt.
  _Petruschin_, Rechtsanwalt.
  Eine Dame.
  Ein Offizier.
  Ein Gerichtsbeamter.
  Die Kinderfrau bei Protasows.
  Das Stubenmädchen bei Protasows (_Dunjascha_).
  Afremows Diener.
  Ein Diener bei Karenins.



Erster Akt


Erstes Bild

  Die Handlung spielt in Moskau, in Protasows Wohnung. Die Szene stellt
  ein kleines Speisezimmer vor.


Erster Auftritt

  _Anna Pawlowna_, eine korpulente, grauhaarige Dame, sitzt im Korsett
  allein am Teetisch.


Zweiter Auftritt

  Anna Pawlowna und die Kinderfrau, die mit einer Teekanne hereinkommt.

_Kinderfrau_: Kann ich bei Ihnen etwas heißes Wasser bekommen?

_Anna Pawlowna_: Jawohl. Was macht der kleine Mascha?

_Kinderfrau_: Er ist sehr unruhig. Es ist recht übel, daß die gnädige
Frau ihn selbst nährt. Sie hat so ihren Kummer, und das Kind leidet
darunter. Was muß das für eine Milch geben, wenn die gnädige Frau bei
Nacht nicht schläft, sondern immerzu weint.

_Anna Pawlowna_: Aber ich denke, sie hat sich jetzt beruhigt?

_Kinderfrau_: Gott bewahre! Es zieht einem das Herz zusammen, wenn man
sie ansieht! Sie hat da etwas geschrieben und dabei immerzu geweint.


Dritter Auftritt

  Anna Pawlowna, die Kinderfrau und Sascha, welche eintritt.

_Sascha_ ($zur Kinderfrau$): Lisa sucht Sie.

_Kinderfrau_: Ich geh schon, ich geh schon. ($Ab.$)


Vierter Auftritt

  Anna Pawlowna und Sascha.

_Anna Pawlowna_: Die Kinderfrau sagt, sie weint immerzu. Daß sie sich
immer noch nicht beruhigen kann!

_Sascha_: Nein, Mama, über Sie muß man sich wirklich wundern. Sie
soll sich von ihrem Manne, dem Vater ihres Kindes, lossagen, und Sie
verlangen, sie solle dabei ruhig sein!

_Anna Pawlowna_: Daß sie dabei ruhig sein soll, verlange ich nicht.
Aber was geschehen ist, das ist geschehen. Wenn ich als Mutter es
nicht nur zugelassen habe, sondern mich sogar darüber freue, daß
meine Tochter sich von diesem Manne lossagt, so muß er das doch wohl
verdienen. Nicht grämen sollte sie sich, sondern sich freuen, daß sie
von einem so schlechten Subjekte, von einem solchen Goldmenschen frei
kommt.

_Sascha_: Mama, warum reden Sie so? Sie wissen ja doch, daß das
nicht wahr ist. Er ist kein schlechter, sondern im Gegenteil ein
vortrefflicher, ganz vortrefflicher Mensch, trotz seiner Schwächen.

_Anna Pawlowna_: Na ja, ein vortrefflicher Mensch! Sobald er nur Geld
in die Hände bekommt, sei es eigenes oder fremdes ...

_Sascha_: Mama, er hat nie fremdes Geld genommen.

_Anna Pawlowna_: Ganz egal, das Geld seiner Frau.

_Sascha_: Aber er hat ja doch sein ganzes Vermögen seiner Frau
hingegeben.

_Anna Pawlowna_: Warum hätte er es ihr auch nicht hingeben sollen, da
er ja wußte, daß er sonst doch alles durchbringen würde.

_Sascha_: Ob er es nun durchbringt oder nicht, ich weiß nur, daß man
sich von seinem Manne nicht scheiden lassen darf, und am wenigsten von
einem solchen wie Fedja.

_Anna Pawlowna_: Nach deiner Meinung muß man damit warten, bis er alles
durchgebracht hat und seine Zigeunerliebsten ins Haus bringt?

_Sascha_: Er hat keine Liebsten.

_Anna Pawlowna_: Das ist eben das Malheur, daß er euch alle irgendwomit
behext hat. Nur mich nicht; ich durchschaue ihn, und er weiß das. An
Lisas Stelle würde ich mich nicht erst jetzt von ihm losmachen, sondern
ich hätte es schon vor einem Jahre getan.

_Sascha_: Wie Sie das nur so leichten Herzens sagen können!

_Anna Pawlowna_: Nein, nicht leichten Herzens. Mir als Mutter ist es
ein Schmerz, meine Tochter als geschiedene Frau zu sehen. Glaube mir,
daß mir das ein großer Schmerz ist. Aber es ist doch immer noch besser,
als daß sie ihr junges Leben zugrunde richtet. Nein, ich danke Gott,
daß sie sich jetzt entschlossen hat, und daß nun alles zu Ende ist.

_Sascha_: Vielleicht ist es doch noch nicht zu Ende.

_Anna Pawlowna_: Ach was! Wenn er nur erst in die Scheidung einwilligt.

_Sascha_: Was soll daraus Gutes hervorgehen?

_Anna Pawlowna_: Nun, sie ist noch jung und kann noch glücklich werden.

_Sascha_: Ach, Mama, es ist schrecklich, was Sie da sagen; Lisa kann
doch keinen andern liebgewinnen.

_Anna Pawlowna_: Warum sollte sie das nicht können? Wenn sie erst frei
sein wird? Es gibt Männer, die tausendmal besser sind als euer Fedja,
und die sich glücklich schätzen werden, Lisa zur Frau zu bekommen.

_Sascha_: Mama, es ist nicht recht von Ihnen, so zu reden. Ich weiß,
Sie denken dabei an Viktor Karenin.

_Anna Pawlowna_: Warum soll ich nicht an ihn denken? Er liebt sie schon
zehn Jahre lang, und sie liebt ihn.

_Sascha_: Sie liebt ihn, aber nicht so wie ihren Mann. Das ist eine
Jugendfreundschaft.

_Anna Pawlowna_: Diese Jugendfreundschaften kennt man! Wenn nur erst
die Hindernisse beseitigt sind.


Fünfter Auftritt

  Anna Pawlowna und Sascha. Das Stubenmädchen kommt herein.

_Anna Pawlowna_: Was willst du?

_Stubenmädchen_: Die gnädige Frau hat den Hausknecht mit einem Briefe
zu Viktor Michailowitsch geschickt.

_Anna Pawlowna_: Welche gnädige Frau?

_Stubenmädchen_: Jelisaweta Andrejewna, unsere gnädige Frau.

_Anna Pawlowna_: Nun, und?

_Stubenmädchen_: Viktor Michailowitsch hat sagen lassen, er werde
sogleich selbst herkommen.

_Anna Pawlowna_ ($erstaunt$): Eben erst haben wir von ihm gesprochen.
Ich verstehe nur nicht, warum sie ihn hat rufen lassen. ($Zu Sascha:$)
Weißt du es nicht?

_Sascha_: Vielleicht weiß ich es, vielleicht aber auch nicht.

_Anna Pawlowna_: Immer Geheimnisse.

_Sascha_: Lisa kommt gleich; die wird es Ihnen sagen.

_Anna Pawlowna_ ($kopfschüttelnd zu dem Stubenmädchen$): Der Samowar
muß wieder in Glut gesetzt werden. Nimm ihn mit, Dunjascha! ($Das
Stubenmädchen nimmt den Samowar und geht hinaus.$)


Sechster Auftritt

  Anna Pawlowna und Sascha.

_Anna Pawlowna_ ($zu Sascha, die aufgestanden ist und hinausgehen
will$): Es ist gekommen, wie ich gesagt habe. Sofort hat sie ihn rufen
lassen.

_Sascha_: Vielleicht hat sie ihn in ganz anderer Absicht rufen lassen.

_Anna Pawlowna_: In welcher Absicht denn?

_Sascha_: Jetzt, in diesem Augenblicke, ist Karenin ihr ebenso
gleichgültig wie jeder andere.

_Anna Pawlowna_: Nun, du wirst ja sehen. Ich kenne sie doch. Sie läßt
ihn rufen, um sich von ihm trösten zu lassen.

_Sascha_: Ach, Mama, wie wenig kennen Sie sie, wenn Sie denken
können ...

_Anna Pawlowna_: Du wirst ja sehen. Ich freue mich sehr; sehr freue ich
mich.

_Sascha_: Wir werden ja sehen. ($Sie geht, vor sich hinsingend, ab.$)


Siebenter Auftritt

  Anna Pawlowna allein.

_Anna Pawlowna_ ($schüttelt den Kopf und murmelt$): Sehr schön; lassen
wir sie nur gewähren. Sehr schön; lassen wir sie nur gewähren. Ja ...


Achter Auftritt

  Anna Pawlowna und das Stubenmädchen, welches eintritt.

_Stubenmädchen_: Viktor Michailowitsch ist gekommen.

_Anna Pawlowna_: Nun schön; bitte ihn hereinzukommen und sage es der
gnädigen Frau. ($Das Stubenmädchen geht hinaus.$)


Neunter Auftritt

  Anna Pawlowna und Viktor Karenin.

_Viktor Karenin_ ($tritt ein und begrüßt Anna Pawlowna$): Jelisaweta
Andrejewna hat mir einen Brief geschickt mit der Aufforderung
herzukommen. Ich hatte sowieso die Absicht, heute abend bei Ihnen
vorzusprechen, und habe mich daher sehr gefreut ... Befindet sich
Jelisaweta Andrejewna wohl?

_Anna Pawlowna_: Sie befindet sich wohl; aber das Kindchen ist ein
bißchen unruhig. Sie wird gleich kommen. ($In traurigem Tone:$) Ja, ja,
es ist eine schwere Zeit. Sie wissen ja wohl alles?

_Karenin_: Allerdings. Ich war ja vorgestern hier, als sein Brief
ankam. Aber ist denn das wirklich unwiderruflich beschlossen?

_Anna Pawlowna_: Aber selbstverständlich. Das alles noch einmal
durchzumachen wäre doch schrecklich.

_Karenin_: Ein solcher Trennungsschnitt will doch zehnmal überlegt
sein. Ins lebendige Fleisch zu schneiden, das ist doch eine schwere
Aufgabe.

_Anna Pawlowna_: Natürlich ist es eine schwere Aufgabe. Aber die
Ehe der beiden war ja schon längst halb zerschnitten. Und daher war
die vollständige Trennung weniger schwer, als es scheint. Er sieht
selbst ein, daß nach allem Geschehenen seine Rückkehr ein Ding der
Unmöglichkeit ist.

_Karenin_: Wieso?

_Anna Pawlowna_: Aber wie können Sie das nur für möglich halten
nach all den garstigen Dingen, die er begangen hat, und nachdem er
geschworen hat, dergleichen werde nicht wieder vorkommen, und wenn es
doch vorkäme, so verzichte er auf alle seine Rechte als Ehemann und
gebe ihr ihre volle Freiheit wieder ...

_Karenin_: Ja, aber was will die Freiheit einer Frau besagen, die durch
die Ehe gebunden ist?

_Anna Pawlowna_: Es soll die Scheidung erfolgen. Er hat ihr die
Scheidung versprochen, und wir werden darauf bestehen.

_Karenin_: Ja, aber Jelisaweta Andrejewna hat ihn so geliebt ...

_Anna Pawlowna_: Ach, ihre Liebe ist so harten Prüfungen ausgesetzt
gewesen, daß von ihr kaum etwas übriggeblieben ist. Es fallen ihm
Trunksucht, Hintergehung und Untreue zur Last. Kann man denn einen
solchen Mann lieben?!

_Karenin_: Der Liebe ist alles möglich.

_Anna Pawlowna_: Sie reden von Liebe; aber wie kann man denn einen
solchen Waschlappen lieben, auf den gar kein Verlaß ist? Was hat er
noch jetzt eben für einen Streich begangen! ($Sie sieht sich nach
der Tür um und beeilt sich mit ihrer Erzählung.$) Der ganze Haushalt
ist ruiniert, alles versetzt, kein bares Geld vorhanden. Da schickt
ihm sein Onkel endlich zweitausend Rubel, um die Zinsen der Schulden
zu bezahlen. Er entfernt sich mit diesem Gelde und ist verschwunden.
Seine Frau sitzt mit dem kranken Kinde da und wartet; endlich erhält
sie einen Brief, sie möchte ihm Wäsche und andere Sachen seines
persönlichen Bedarfes schicken.

_Karenin_: Ja, ja, ich weiß.


Zehnter Auftritt

  Anna Pawlowna, Karenin. Lisa und Sascha treten ein.

_Anna Pawlowna_: Nun, siehst du, Viktor Michailowitsch ist auf deine
Aufforderung erschienen.

_Karenin_: Ja, ich wurde ein wenig aufgehalten. ($Er begrüßt die
Schwestern.$)

_Lisa_: Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich habe an Sie eine große Bitte.
Und ich kann mich damit an niemand wenden als an Sie.

_Karenin_: Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht.

_Lisa_: Sie wissen ja doch wohl alles?

_Karenin_: Ja, ich weiß es.

_Anna Pawlowna_: Ich werde euch also allein lassen. ($Zu Sascha:$)
Komm, wir wollen die beiden allein lassen. ($Sie geht mit Sascha
hinaus.$)


Elfter Auftritt

  Lisa und Karenin.

_Lisa_: Ja, er hat mir einen Brief geschrieben, er betrachte alles
zwischen uns als beendet. Ich ($sie drängt die Tränen zurück$) fühlte
mich so gekränkt, so ... nun, mit einem Worte, ich war mit der Trennung
einverstanden ... und antwortete ihm, ich nähme seine Absage an.

_Karenin_: Und jetzt bereuen Sie das?

_Lisa_: Ja, ich bin zu der Empfindung gelangt, daß das von meiner
Seite schlecht gehandelt war, daß ich es nicht tun kann. Ich will
lieber alles erdulden, als mich von ihm trennen. Nun, kurz gesagt,
händigen Sie ihm diesen Brief ein! Bitte, Viktor, händigen Sie ihm
diesen Brief ein, und sagen Sie ihm ... und bringen Sie ihn her!

_Karenin_ ($verwundert$): Ja, aber wie soll ich das machen?

_Lisa_: Sagen Sie ihm, ich bäte ihn, alles zu vergessen und
zurückzukehren. Ich könnte ihm ja den Brief einfach zuschicken; aber
ich kenne ihn: die erste Regung würde, wie immer, eine gute sein; aber
dann macht sich irgendein fremder Einfluß geltend, und er wird anderen
Sinnes und tut nicht das, was er in Wahrheit will.

_Karenin_: Ich werde tun, was ich kann.

_Lisa_: Sie wundern sich wohl, daß ich gerade Sie bitte?

_Karenin_: Nein ... übrigens, um die Wahrheit zu sagen: ja, ich wundere
mich ...

_Lisa_: Aber Sie sind mir nicht böse?

_Karenin_: Als ob ich Ihnen überhaupt böse sein könnte.

_Lisa_: Ich habe Sie deswegen gebeten, weil ich weiß, daß Sie ihm
zugetan sind.

_Karenin_: Sowohl ihm als auch Ihnen. Das wissen Sie. Ich bin ihm nicht
um seinetwillen zugetan, sondern um Ihretwillen. Und ich bin Ihnen
dankbar für das Vertrauen, das Sie mir schenken. Ich werde tun, was ich
kann.

_Lisa_: Das weiß ich. Ich werde Ihnen alles sagen: ich bin heute bei
Afremow gewesen, um zu erfahren, wo er sich jetzt aufhält. Es wurde mir
gesagt, er habe sich zu den Zigeunern begeben. Und gerade das ist es,
was ich fürchte. Diese Verlockung fürchte ich. Ich weiß, daß, wenn man
ihn nicht rechtzeitig zurückhält, er sich verlocken und hinreißen läßt.
Darum muß das geschehen. Also Sie werden hinfahren?

_Karenin_: Selbstverständlich, sofort.

_Lisa_: Fahren Sie hin, machen Sie ihn ausfindig, und sagen Sie ihm,
daß alles vergessen ist und ich ihn erwarte.

_Karenin_ ($steht auf$): Aber wo soll ich ihn suchen?

_Lisa_: Er ist bei den Zigeunern. Ich bin selbst dort gewesen. Ich
war an der Haustür und wollte ihm den Brief hineinschicken; aber dann
besann ich mich anders und beschloß, Sie zu bitten ... Hier ist die
Adresse. Sagen Sie ihm also, er möchte zurückkehren; es sei nichts
geschehen; alles sei vergessen. Tun Sie das aus Liebe zu ihm und aus
Freundschaft gegen uns.

_Karenin_: Ich werde alles tun, was ich kann. ($Er verbeugt sich und
geht hinaus.$)


Zwölfter Auftritt

  Lisa allein.

_Lisa_: Ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich will lieber alles
erdulden als ... ich kann es nicht.


Dreizehnter Auftritt

  Lisa, Sascha, welche eintritt.

_Sascha_: Nun, wie ists? Hast du ihn hingeschickt?

_Lisa_ ($nickt bejahend mit dem Kopfe$).

_Sascha_: Und er hat sich dazu bereitfinden lassen?

_Lisa_: Natürlich.

_Sascha_: Warum hast du gerade ihn geschickt? Das ist mir unbegreiflich.

_Lisa_: Wen hätte ich sonst schicken sollen?

_Sascha_: Aber du weißt doch, daß er in dich verliebt ist?

_Lisa_: Das gehört alles der Vergangenheit an und ist vorüber. Aber
wen hätte ich denn deiner Meinung nach sonst darum bitten sollen? Wie
denkst du darüber: wird er zurückkehren?

_Sascha_: Ich bin davon überzeugt; denn ...


Vierzehnter Auftritt

  Lisa, Sascha. Anna Pawlowna, welche eintritt. (Sascha verstummt.)

_Anna Pawlowna_: Nun? Wo ist Viktor Michailowitsch?

_Lisa_: Er ist weggefahren.

_Anna Pawlowna_: Wieso weggefahren?

_Lisa_: Ich habe ihn gebeten, mir eine Bitte zu erfüllen.

_Anna Pawlowna_: Was für eine Bitte? Das ist wohl wieder ein Geheimnis?

_Lisa_: Ein Geheimnis ist es nicht: ich habe ihn einfach gebeten, einen
Brief an Fedja persönlich zu bestellen.

_Anna Pawlowna_: An Fedja? An Fjodor Wasiljewitsch?

_Lisa_: Ja, an Fedja.

_Anna Pawlowna_: Ich dachte, zwischen euch beiden wären alle
Beziehungen abgebrochen?

_Lisa_: Ich kann mich nicht von ihm trennen.

_Anna Pawlowna_: Also soll die ganze Geschichte wieder von vorn
anfangen?

_Lisa_: Ich wollte mich von ihm lossagen und habe mir alle Mühe
gegeben; aber ich kann es nicht. Ich will alles tun, was Sie wollen,
wenn ich mich nur nicht von ihm zu trennen brauche.

_Anna Pawlowna_: Dann möchtest du ihn also wohl wieder zurückholen?

_Lisa_: Ja.

_Anna Pawlowna_: Und du willst dieses schändliche Subjekt wieder zu dir
ins Haus lassen?

_Lisa_: Mama, ich bitte Sie, von meinem Manne nicht in solchen
Ausdrücken zu reden.

_Anna Pawlowna_: Dein Mann ist er gewesen.

_Lisa_: Nein, er ist auch jetzt noch mein Mann.

_Anna Pawlowna_: Ein Verschwender, ein Trunkenbold, ein Liedrian ist
er, und du kannst dich nicht von ihm trennen?

_Lisa_: Warum quälen Sie mich? Es ist mir so schon schwer genug ums
Herz, und Sie scheinen mein Leid absichtlich noch vergrößern zu wollen.

_Anna Pawlowna_: Ich quäle dich! Nun, dann will ich abreisen. Das kann
ich nicht mit ansehen.

_Lisa_ ($schweigt$).

_Anna Pawlowna_: Ich sehe, daß ihr das wollt, und daß ich euch im Wege
bin. Ich kann nicht hier bleiben. Ich verstehe euch gar nicht. Immer
etwas Neues. Erst beschließt du, dich von ihm zu trennen; dann berufst
du auf einmal einen Mann her, der in dich verliebt ist ...

_Lisa_: Das ist nicht der Fall.

_Anna Pawlowna_: Karenin hat dir einen Heiratsantrag gemacht, und nun
schickst du ihn zu deinem Manne, um diesen holen zu lassen. Was stellt
das vor? Willst du deinen Mann eifersüchtig machen?

_Lisa_: Mama, es ist schrecklich, wie Sie da reden. Gönnen Sie mir Ruhe!

_Anna Pawlowna_: Nun, dann jage deine Mutter aus dem Hause und laß
deinen liederlichen Mann herein! Aber ich werde das nicht abwarten.
Lebt wohl; Gott sei mit euch; meinetwegen macht, was ihr wollt! ($Sie
geht hinaus und schlägt die Tür heftig zu.$)


Fünfzehnter Auftritt

  Lisa und Sascha.

_Lisa_ ($läßt sich auf einen Stuhl sinken$): Das fehlte noch!

_Sascha_: Nun, das ist nicht so schlimm. Es wird noch alles gut werden.
Mama werden wir schon wieder beruhigen.


Sechzehnter Auftritt

  Lisa, Sascha und Anna Pawlowna, welche durchs Zimmer geht.

_Anna Pawlowna_: Dunjascha, meinen Koffer!

_Sascha_: Mama! So hören Sie doch! ($Sie eilt ihr nach und zwinkert
dabei ihrer Schwester zu.$)

  Vorhang.


Zweites Bild

  Ein Zimmer bei den Zigeunern.


Erster Auftritt

  Der Chor singt ein Lied. Fedja liegt rücklings in Hemdsärmeln
  auf dem Sofa. Afremow sitzt dem Vorsänger gegenüber rittlings
  auf einem Stuhl. Ein Offizier sitzt an einem Tische, auf welchem
  Champagnerflaschen und Gläser stehen. Ebendort sitzt ein Musiker, der
  sich Notizen macht.

_Afremow_: Fedja, schläfst du?

_Fedja_ ($richtet sich auf$): Schwatzt nicht! Jetzt: „Nicht der
Abendstern”!

_Ein Zigeuner_: Das geht nicht, Fjodor Wasiljewitsch. Jetzt soll Mascha
erst allein singen.

_Fedja_: Na, gut! Aber dann: „Nicht der Abendstern”! ($Er legt sich
wieder hin.$)

_Der Offizier_: „Die Schicksalsstunde”!

_Der Zigeuner_: Einverstanden?

_Afremow_: Meinetwegen.

_Der Offizier_ ($zu dem Musiker$): Nun, haben Sie es sich
aufgeschrieben?

_Der Musiker_: Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Jedesmal klingt es
anders. Und was ist das manchmal für eine Tonart! So gleich dieses
hier. ($Er ruft eine Zigeunerin herbei und fragt sie.$) Stimmt das so?
($Er singt.$)

_Die Zigeunerin_: Ja, ganz richtig. Wundervoll.

_Fedja_ ($sich aufrichtend$): Er wird es nicht aufschreiben können, und
wenn er es aufschreibt und in einer Oper anbringt, so wird er alles
verhunzen. Na, Mascha, dann mal los mit der „Schicksalsstunde”! Nimm
die Gitarre! ($Er steht auf, setzt sich vor sie hin und sieht ihr in
die Augen.$)

_Mascha_ ($singt$).

_Fedja_: Gut gemacht! Bravo, Mascha! Na, aber jetzt: „Nicht der
Abendstern”!

_Afremow_: Nein, warte mal! Erst mein Lied, mein Begräbnislied!

_Der Offizier_: Wieso denn Begräbnislied?

_Afremow_: Deswegen: wenn ich sterbe ... du verstehst, ich werde
sterben und im Sarge liegen, und dann werden die Zigeuner kommen ...
verstehst du? Das werde ich vorher meiner Frau zur Pflicht machen. Und
wenn sie dann anstimmen: „Komm, mein Freund”, dann werde ich aus dem
Sarge herausspringen, -- verstehst du?! ($Zu dem Musiker:$) Das schreib
einmal auf! Na, nun vorwärts! ($Die Zigeuner singen.$)

_Afremow_: Nun, was sagt ihr dazu? Jetzt: „Ihr meine braven Burschen”!
($Die Zigeuner singen.$)

_Afremow_ ($steht auf und macht ein paar Fechterbewegungen$). ($Die
Zigeuner applaudieren ihm lächelnd und fahren fort zu singen.$)

_Afremow_ ($setzt sich hin$). ($Das Lied ist zu Ende.$)

_Die Zigeuner_: Bravo, Michail Andrejewitsch! Sie sind ein echter
Zigeuner!

_Fedja_: Na, jetzt aber: „Nicht der Abendstern”! ($Die Zigeuner
singen.$)

_Fedja_: Das ist mal ein Lied! Das ist mal ein Lied! Wundervoll! An
das, was hier ausgesprochen wird, reicht keine Wirklichkeit heran! Ach,
wie schön! Und warum kann der Mensch in ein solches Entzücken geraten,
wenn es ihm doch nicht möglich ist, in diesem Zustande zu verharren?

_Der Musiker_ ($macht sich Notizen$): Ja, es ist sehr originell.

_Fedja_: Nicht originell, sondern echt.

_Afremow_: Na ... nun erholt euch! ($Er nimmt die Gitarre und setzt
sich zu Katja.$)

_Der Musiker_: Im Grunde ist alles ganz einfach; nur der Rhythmus, der
Rhythmus!

_Fedja_ ($macht ihm eine geringschätzige Handbewegung, geht zu Mascha
und setzt sich neben sie auf das Sofa$): Ach Mascha, Mascha, wie du
mein ganzes Inneres umkehrst!

_Mascha_: Nun, und um was habe ich Sie gebeten?

_Fedja_: Um was? Um Geld? ($Er nimmt welches aus der Hosentasche.$) Na,
schön; da, nimm!

_Mascha_ ($lacht, nimmt das Geld und steckt es in den Busen$).

_Fedja_ ($zu den Zigeunern$): Da soll ein Mensch daraus klug werden!
Mir schließt sie den Himmel auf, und sie selbst bittet um ein
Trinkgeld. Du verstehst ja nicht das geringste von dem, was du selbst
tust.

_Mascha_: Wie sollte ich es nicht verstehen? Ich verstehe, daß ich,
wenn ich jemanden liebe, mir für ihn mehr Mühe gebe und besser singe.

_Fedja_: Und mich liebst du?

_Mascha_: Gewiß tue ich das.

_Fedja_: Das ist herrlich! ($Er küßt sie.$) ($Die Zigeuner und
Zigeunerinnen gehen hinaus. Es bleiben nur die Paare zurück.$)


Zweiter Auftritt

  Fedja mit Mascha, Afremow mit Katja, der Offizier mit Sascha. Der
  Musiker schreibt. Ein Zigeuner klimpert auf der Gitarre einen Walzer.

_Fedja_: Ich bin ja aber verheiratet. Und dir wird es der Chor nicht
erlauben.

_Mascha_: Der Chor ist eine gute Sache; aber das Herz bleibt doch
immer das Herz. Wenn ich einen liebe, so liebe ich ihn, und wenn mir
einer zuwider ist, dann ist er mir zuwider.

_Fedja_: Ach mir ist so wohl! Ist dir auch wohl?

_Mascha_: Natürlich ist mir wohl. Wenn wir nette Gäste hier haben, sind
auch wir vergnügt.


Dritter Auftritt

  Ein Zigeuner tritt ein.

_Der Zigeuner_ ($zu Fedja$): Ein Herr fragt nach Ihnen.

_Fedja_: Was für ein Herr?

_Der Zigeuner_: Ich kenne ihn nicht. Er ist gut gekleidet. Trägt einen
Zobelpelz.

_Fedja_: Ein vornehmer Herr? Na, gut, ruf ihn her!


Vierter Auftritt

  Dieselben ohne den Zigeuner.

_Afremow_: Wer mag dich denn hier aufsuchen?

_Fedja_: Weiß der Teufel! Wer kann etwas von mir wollen?


Fünfter Auftritt

  Dieselben. Karenin tritt ein und sieht sich ringsum.

_Fedja_: Ah, Viktor! Na, dich hätte ich hier nicht zu sehen erwartet!
Leg ab! Welcher Wind hat dich hierher geweht? Na, setz dich! Hör mal
das Lied „Nicht der Abendstern” mit an.

_Karenin_: =Je voudrais vous parler sans témoins.=

_Fedja_: Worüber?

_Karenin_: =Je viens des chez vous. Votre femme m'a chargé de cette
lettre, et puis ...=

_Fedja_ ($nimmt den Brief hin, liest ihn und macht ein finsteres
Gesicht; dann lächelt er wieder freundlich$): Hör mal, Karenin, du
weißt gewiß, was in diesem Briefe steht?...

_Karenin_: Ja; und ich möchte dir sagen ...

_Fedja_: Warte mal, warte mal! Bitte, glaube nicht, daß ich betrunken
bin und meine Worte unzurechnungsfähig sind, ich will sagen, daß ich
nicht zurechnungsfähig bin. Ich bin betrunken; aber in dieser Sache
sehe ich ganz klar. Nun also, was ist dir aufgetragen zu sagen?

_Karenin_: Es ist mir aufgetragen, dich aufzusuchen und dir zu sagen,
daß ... sie ... dich erwartet. Sie bittet dich, alles zu vergessen und
zurückzukehren.

_Fedja_ ($hört schweigend zu und sieht ihm in die Augen$): Ich verstehe
aber nicht, warum gerade du ...?

_Karenin_: Jelisaweta Andrejewna ließ mich rufen und bat mich ...

_Fedja_: So ...

_Karenin_: Aber ich bitte dich nicht sowohl im Namen deiner Frau als in
meinem eigenen Namen: komm mit nach Hause!

_Fedja_: Du bist besser als ich. Was rede ich da für Unsinn! Besser als
ich zu sein, das ist nicht schwer. Ich bin ein Taugenichts; aber du
bist ein guter, ein sehr guter Mensch. Und gerade deswegen werde ich
meinen Entschluß nicht ändern. Und nicht allein deswegen. Ich kann es
einfach nicht und will es nicht ... Na, sag selbst: wie könnte ich so
hinfahren?

_Karenin_: Komm jetzt mit mir in meine Wohnung. Ich werde ihr sagen,
daß du zurückkehren wirst, und morgen ...

_Fedja_: Und morgen was? Ich werde immer ich bleiben, und sie immer
sie. ($Er tritt an den Tisch und trinkt.$) Das Beste ist, den Zahn mit
einem Male auszuziehen. Ich habe ihr ja gesagt, wenn ich wieder mein
Wort nicht hielte, dann solle sie sich von mir lossagen. Ich habe mein
Wort nicht gehalten, und nun ist alles zu Ende.

_Karenin_: Für dich, aber nicht für sie.

_Fedja_: Es ist erstaunlich, wieviel Mühe du dir gibst, daß unsere Ehe
nicht zerstört werde.

_Karenin_ ($will etwas erwidern. Mascha tritt hinzu$).

_Fedja_ ($läßt ihn nicht zu Worte kommen$): Hör mal zu, wie sie das
„Flachslied” singt. Mascha! ($Die Zigeuner sammeln sich.$)

_Mascha_ ($flüsternd$): Wie redet man ihn an?

_Fedja_ ($lacht$): Sage zu ihm: Herr Viktor Michailowitsch. ($Die
Zigeuner singen.$)

_Karenin_ ($hört zerstreut zu; dann erkundigt er sich, wieviel er geben
soll$).

_Fedja_: Na, gib fünfundzwanzig Rubel!

_Karenin_ ($gibt das Geld$).

_Fedja_: Das war wundervoll. Jetzt das „Flachslied”. ($Die Zigeuner
singen.$)

_Fedja_ ($blickt sich um$): Karenin hat sich davongemacht. Na, hol ihn
der Teufel! ($Die Zigeuner zerstreuen sich.$)


Sechster Auftritt

  Fedja und Mascha.

_Fedja_ ($setzt sich mit Mascha hin$): Weißt du, wer das ist?

_Mascha_: Ich habe seinen Namen gehört.

_Fedja_: Das ist ein vortrefflicher Mensch. Er ist hergekommen, um mich
nach Hause zu holen, zu meiner Frau. Sie liebt mich Dummkopf, und ich
führe mich hier so auf.

_Mascha_: Nun, das ist nicht hübsch von Ihnen. Sie müssen zu ihr
zurückkehren, mit ihr Mitleid haben.

_Fedja_: Meinst du, daß ich das muß? Aber ich meine, nein.

_Mascha_: Freilich, wenn Sie sie nicht lieben, dann kehren Sie nicht
zurück! Nur die Liebe hat Wert.

_Fedja_: Aber du, woher weißt du das?

_Mascha_: Natürlich weiß ich das.

_Fedja_: Na, gib mir einen Kuß! Ihr Zigeuner! Noch einmal das
„Flachslied” -- und dann Schluß! ($Die Zigeuner beginnen zu singen.$)

_Fedja_: Ach, wie wohl mir ist! Wenn man nur nie wieder erwachte!... So
möchte ich sterben!...

  Vorhang.



Zweiter Akt


Drittes Bild

  Nach dem ersten Akte sind zwei Wochen vergangen. Bei Lisa.


Erster Auftritt

  Karenin und Anna Pawlowna sitzen im Eßzimmer. Sascha kommt herein.

_Karenin_: Nun, wie steht es?

_Sascha_: Der Arzt hat gesagt, es sei jetzt keine Gefahr mehr
vorhanden. Nur dürfe er sich nicht erkälten.

_Anna Pawlowna_: Na, aber Lisa ist dabei ganz heruntergekommen.

_Sascha_: Er sagt, es sei unechter Krupp in gelinder Form. Was ist das?
($Sie zeigt auf ein Körbchen.$)

_Anna Pawlowna_: Viktor hat Weintrauben mitgebracht.

_Karenin_: Mögen Sie nicht zulangen?

_Sascha_: Ja, die ißt sie gern. Sie ist sehr nervös geworden.

_Karenin_: Wenn sie auch zwei Tage lang nichts gegessen, zwei Nächte
nicht geschlafen hat.

_Sascha_ ($lächelnd$): Sie selbst haben es doch ebenso gemacht.

_Karenin_: Mit mir ist das etwas anderes.


Zweiter Auftritt

  Dieselben. Der Arzt und Lisa treten ein.

_Der Arzt_ ($nachdrücklich$): Also so: wechseln Sie alle halbe Stunde
den Umschlag, wenn er nicht schläft. Wenn er schläft, stören Sie ihn
nicht! Den Rachen zu pinseln ist nicht nötig. Die Zimmertemperatur
halten Sie auf gleichmäßiger Höhe!...

_Lisa_: Aber wenn er wieder Atemnot bekommt?

_Der Arzt_: Das ist nicht wahrscheinlich. Sollte es aber eintreten, so
wenden Sie den Zerstäuber an! Außerdem geben Sie ihm Pulver, morgens
eines und abends eines! Ich werde sie sogleich verschreiben.

_Anna Pawlowna_: Mögen Sie nicht ein Glas Tee trinken, Doktor?

_Der Arzt_: Nein, ich danke; meine Kranken warten. ($Er setzt sich an
den Tisch, Sascha bringt Papier, Tinte und Feder.$)

_Lisa_: Also es ist bestimmt nicht Krupp?

_Der Arzt_ ($lächelnd$): Ganz bestimmt nicht. ($Er schreibt.$)

_Karenin_ ($zu Lisa$): Nun, jetzt trinken Sie aber ein Glas Tee, oder,
noch besser, gehen Sie hin und ruhen Sie sich aus; sehen Sie nur, wie
entstellt Sie aussehen!

_Lisa_: Jetzt fühle ich mich neu belebt. Ich danke Ihnen. Sie sind ein
wahrer Freund. ($Sie drückt ihm die Hand. Sascha geht ärgerlich zur
Seite.$)

_Lisa_: Ich bin Ihnen herzlich dankbar. Da sieht man, wo ...

_Karenin_: Was habe ich denn getan? Zum Danken ist gar kein Anlaß.

_Lisa_: Aber wer hat die Nächte über nicht geschlafen? Wer hat uns
diese Zelebrität ins Haus geholt?

_Karenin_: Ich bin schon dadurch hinlänglich belohnt, daß Mischa außer
Gefahr ist, und besonders durch Ihre Güte.

_Lisa_ ($drückt ihm wieder die Hand und zeigt ihm lachend ein
Goldstück, das sie in der Hand hält$): Das ist für den Arzt. Nur weiß
ich nicht, wie ich es ihm geben soll.

_Karenin_: Ja, ich verstehe mich auch nicht darauf.

_Anna Pawlowna_: Worauf verstehen Sie sich nicht?

_Lisa_: Dem Arzte das Geld zu geben. Er hat mir mehr als das Leben
gerettet, und ich gebe ihm Geld! Das ist eine peinliche Empfindung.

_Anna Pawlowna_: Gib her; ich werde es ihm geben. Ich verstehe, wie man
das macht. Es ist ganz einfach.

_Der Arzt_ ($steht auf und reicht das Rezept hin$): Also diese Pulver
rühren Sie in einem Eßlöffel voll abgekochten Wassers gut um und ($er
spricht weiter$) ... ($Karenin trinkt am Tische Tee; Anna Pawlowna und
Sascha gehen nach vorn.$)

_Sascha_: Ich kann das Benehmen der beiden gar nicht mehr mit ansehen.
Sie ist ordentlich verliebt in ihn.

_Anna Pawlowna_: Was ist daran Verwunderliches?

_Sascha_: Es ist widerwärtig!

_Der Arzt_ ($empfiehlt sich allen und geht weg. Anna Pawlowna begleitet
ihn hinaus$).


Dritter Auftritt

  Lisa, Karenin und Sascha.

_Lisa_ ($zu Karenin$): Er ist jetzt so lieb und nett. Sowie ihm besser
wurde, fing er sogleich an zu lächeln und zu plaudern. Ich will zu ihm
gehen. Aber auch von Ihnen fortzugehen wird mir schwer.

_Karenin_: Sie sollten ein Glas Tee trinken und etwas essen.

_Lisa_: Ich brauche jetzt nichts. Es ist mir so wohl zumute nach all
diesen Beängstigungen. ($Sie fängt an zu schluchzen.$)

_Karenin_: Da sehen Sie, wie schwach Sie sind.

_Lisa_: Ich bin so glücklich. Wollen Sie ihn sich ansehen?

_Karenin_: Natürlich.

_Lisa_: So kommen Sie mit! ($Sie gehen hinaus.$)


Vierter Auftritt

  Anna Pawlowna kommt zu Sascha zurück.

_Anna Pawlowna_: Warum machst du denn ein so finsteres Gesicht? Ich
habe ihm das Geld in sehr schöner Form gegeben, und er hat es ebenso
genommen.

_Sascha_: Es ist geradezu empörend! Sie hat ihn mit in das Kinderzimmer
genommen. Gerade als ob er ihr Bräutigam oder ihr Mann wäre.

_Anna Pawlowna_: Aber was geht es dich an? Weshalb wirst du so hitzig?
Oder hast du vielleicht darauf spekuliert, ihn zu heiraten?

_Sascha_: Ich?! Diesen langen Tölpel?! Da würde ich lieber ich
weiß nicht wen heiraten, aber nicht ihn. Das ist mir überhaupt nie
in den Kopf gekommen. Es ist mir nur zuwider, daß Lisa nach ihrem
Zusammenleben mit Fedja es fertigbekommt, einem fremden Menschen in
dieser Weise näher zu treten.

_Anna Pawlowna_: Wie kannst du ihn einen fremden Menschen nennen? Er
ist ihr Jugendfreund.

_Sascha_: Aber ich sehe ja an dem Lächeln, an den Augen der beiden, daß
sie ineinander verliebt sind.

_Anna Pawlowna_: Was ist denn daran Verwunderliches? Er hat ihr während
der Krankheit des Kindes soviel Teilnahme bewiesen und ihr geholfen;
dafür ist sie ihm dankbar. Und außerdem: warum sollte sie sich nicht in
Viktor verlieben und ihn heiraten?

_Sascha_: Das wäre schrecklich, empörend! Empörend!


Fünfter Auftritt

  Karenin und Lisa treten ein.

_Karenin_ ($empfiehlt sich schweigend$).

_Sascha_ ($geht ärgerlich hinaus$).


Sechster Auftritt

  Anna Pawlowna und Lisa.

_Lisa_ ($zu ihrer Mutter$): Was hat sie nur?

_Anna Pawlowna_: Ich weiß es wirklich nicht.

_Lisa_ ($seufzt schweigend$).

  Vorhang.


Viertes Bild

  Zimmer bei Afremow. Auf dem Tische stehen Gläser mit Wein. Gäste.


Erster Auftritt

  Afremow, Fedja, Stachow (mit struppigem Barte), Butkewitsch (glatt
  rasiert), Korotkow (ein aufdringlicher Mensch).

_Korotkow_: Ich sage euch, daß er weit zurückbleiben wird. =La belle du
bois= ist das erste Pferd Europas. Wetten?

_Stachow_: Sei nur still, Bruder! Du weißt ja doch, daß dir kein Mensch
glaubt. Und auch wetten wird niemand mit dir.

_Korotkow_: Ich sage dir: dein =Cartouche= wird weit zurückbleiben.

_Afremow_: Nun hört auf, euch zu zanken! Ich will euch versöhnen. Fragt
mal Fedja! Der wird es euch zuverlässig sagen.

_Fedja_: Die Pferde sind alle beide gut. Es kommt auf den Reiter an.

_Stachow_: Gusew ist ein Schurke. Den muß man streng halten.

_Korotkow_ ($schreit$): Nein!

_Fedja_: Na, wartet, ich werde euer Schiedsrichter sein. Wer hat das
Derby gewonnen?

_Korotkow_: Nun ja, das hat er gewonnen, aber das besagt nichts weiter.
Das war ein Zufall. Wenn =Cracouse= nicht krank geworden wäre ... Sieh
mal ... ($Ein Diener kommt herein.$)


Zweiter Auftritt

  Dieselben und ein Diener.

_Afremow_: Was willst du?

_Der Diener_: Es ist eine Dame gekommen, die nach Fjodor Wasiljewitsch
fragt.

_Afremow_: Was für eine Dame?

_Der Diener_: Das weiß ich nicht. Aber es ist eine richtige Dame.

_Afremow_: Fedja, da will eine Dame zu dir.

_Fedja_ ($erschrocken$): Wer ist es?

_Afremow_: Das weiß er nicht.

_Der Diener_: Soll ich sie in den Salon bitten?

_Fedja_: Warten Sie, ich will hingehen und zusehen. ($Fedja und der
Diener gehen hinaus.$)


Dritter Auftritt

  Dieselben ohne Fedja und den Diener.

_Korotkow_: Wer will da zu ihm? Gewiß Mascha ...

_Stachow_: Was für eine Mascha?

_Korotkow_: Die Zigeunerin Mascha. Die hat sich in ihn verliebt. Wie
eine Katze verliebt ist sie.

_Stachow_: Ein allerliebstes Mädel! Und wie sie singt!...

_Afremow_: Ganz entzückend. Tanjuscha und sie, über die beiden geht
nichts. Gestern haben sie mit Peter ein Terzett gesungen ...

_Stachow_: Er ist doch wirklich ein Glückspilz!...

_Afremow_: Weil ihn die Weiber lieben? Die gönne ich ihm!

_Korotkow_: Ich kann die Zigeunerinnen nicht leiden; Eleganz ist bei
ihnen nicht zu finden.

_Butkewitsch_: Na, das kannst du denn doch nicht sagen.

_Korotkow_: Ich gebe sie alle für eine einzige Französin hin.

_Afremow_: Na, du bist ja als Ästhet bekannt. Ich will doch mal
hingehen und sehen, wer es ist ... ($Er geht hinaus.$)


Vierter Auftritt

  Dieselben ohne Afremow.

_Stachow_ ($ihm nachrufend$): Wenn es Mascha ist, so bring sie her; sie
soll uns etwas vorsingen! Nein, mit den Zigeunern ist es jetzt nichts
Rechtes! Tanjuscha, die war früher eine großartige Sängerin; ach, hols
der Teufel!

_Butkewitsch_: Ich meine, sie leisten noch dasselbe.

_Stachow_: Wie sollen sie denn dasselbe leisten, wenn sie abgeschmackte
Romanzen statt der Volkslieder singen?

_Butkewitsch_: Es gibt auch gute Romanzen.

_Korotkow_: Wollen wir wetten? Ich werde die Zigeuner etwas singen
lassen, und du wirst nicht erkennen, ob es ein Volkslied ist oder eine
Romanze.

_Stachow_: Korotkow immer mit seinen Wetten!


Fünfter Auftritt

  Dieselben und Afremow.

_Afremow_ ($tritt ein$): Meine Herren, es ist nicht Mascha. Aber Fedja
kann sie nirgends empfangen als hier. Wir wollen ins Billardzimmer
gehen. ($Sie gehen hinaus.$)


Sechster Auftritt

  Fedja und Sascha treten ein.

_Sascha_ ($verlegen$): Verzeih mir, Fedja, wenn ich dir ungelegen
komme; aber höre mich an; ich bitte dich inständig! ($Die Stimme
zittert ihr.$)

_Fedja_ ($geht im Zimmer auf und ab. Sascha hat sich hingesetzt und
sieht ihn an$).

_Sascha_: Fedja, kehre nach Hause zurück!

_Fedja_: Höre, Sascha, ich verstehe dich sehr wohl. Liebe Sascha, wenn
ich an deiner Stelle wäre, so würde ich ebenso handeln: ich würde mir
Mühe geben, alles wieder irgendwie in den alten Zustand zurückzuführen;
aber wenn du, du liebes, feinfühliges Mädchen, an meiner Stelle wärest,
wie seltsam es auch sein mag, das zu sagen, dann würdest du gewiß
dasselbe tun, was ich tue, das heißt, du würdest deiner Wege gehen und
ein fremdes Leben nicht länger stören ...

_Sascha_: Wieso stören? Kann denn Lisa überhaupt ohne dich leben?

_Fedja_: Ach, liebe Sascha, mein Täubchen, das kann sie, das kann sie,
und sie wird noch glücklich werden, weit glücklicher, als sie es mit
mir gewesen ist.

_Sascha_: Niemals!

_Fedja_: Das scheint dir nur so. ($Er hält ihre Hand in der seinigen.$)
Aber darum handelt es sich nicht. Die Hauptsache ist, daß ich es nicht
kann. Weißt du, biege ein Stück dickes Papier hin und her; du kannst
das hundertmal tun, und es hält; aber biege es zum hundertundersten
Male, und es geht entzwei. So steht es auch mit den Beziehungen
zwischen mir und Lisa. Es ist mir zu peinlich, ihr in die Augen zu
sehen. Und ihr ebenfalls, das kannst du mir glauben.

_Sascha_: Nein, nein.

_Fedja_: Du sagst nein, weißt aber selbst, daß es so ist.

_Sascha_: Ich kann nur nach mir urteilen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre
und du mir so antwortetest, wie du es jetzt tust, so würde das für mich
schrecklich sein.

_Fedja_: Ja, für dich ... ($Stillschweigen; beide sind verlegen.$)

_Sascha_ ($steht auf$): Soll es wirklich dabei bleiben?

_Fedja_: Es muß wohl.

_Sascha_: Fedja, kehre zurück!

_Fedja_: Ich danke dir, liebe Sascha. Du wirst mir allzeit eine teure
Erinnerung bleiben ... aber lebe wohl, mein Täubchen! Erlaube, daß ich
dich küsse! ($Er küßt sie auf die Stirn.$)

_Sascha_ ($aufgeregt$): Nein, ich nehme nicht Abschied, und ich glaube
es nicht und will es nicht glauben ... Fedja ...

_Fedja_: Nun, so höre! Aber gib mir dein Wort, daß du das, was ich dir
sage, niemandem wiedersagen wirst. Gibst du mir dein Wort?

_Sascha_: Natürlich.

_Fedja_: Nun, so höre, Sascha! Ich bin allerdings ihr Mann, der Vater
ihres Kindes; aber ich bin ein überflüssiger Mensch ... Warte, warte,
erwidere mir nichts! Du glaubst, ich sei eifersüchtig? Ganz und gar
nicht. Erstens habe ich kein Recht dazu; und zweitens habe ich keinen
Anlaß. Viktor Karenin ist ein alter Freund von ihr und ebenso von mir.
Und er liebt sie, und sie liebt ihn.

_Sascha_: Nein.

_Fedja_: Sie liebt ihn so, wie eine ehrenhafte, sittsame Frau lieben
kann, die es sich nicht erlauben will, einen andern als ihren Mann zu
lieben. Aber sie liebt ihn und wird ihn lieben, sobald dieses Hindernis
($er zeigt auf sich selbst$) beseitigt sein wird, und ich werde es
beseitigen, und sie werden glücklich sein. ($Die Stimme zittert ihm.$)

_Sascha_: Fedja, sprich nicht so!

_Fedja_: Du weißt ja, daß das die Wahrheit ist, und ich werde mich über
das Glück der beiden freuen und kann gar nichts Besseres tun ... Ich
werde nicht zurückkehren und gebe ihnen volle Freiheit ... Das bestelle
du ihnen nur! Und nun sage weiter nichts, sage weiter nichts; lebe
wohl! ($Er küßt sie auf den Kopf und öffnet ihr die Tür.$)

_Sascha_: Fedja, ich bewundere dich!

_Fedja_: Lebe wohl, lebe wohl! ($Sascha geht fort.$)


Siebenter Auftritt

  Fedja allein.

_Fedja_: Ja, ja, wundervoll, prächtig, daß wir so damit zu Ende
gekommen sind ... ($Er klingelt.$)


Achter Auftritt

  Fedja und ein Diener.

_Fedja_: Rufen Sie den Herrn! ($Der Diener ab.$)


Neunter Auftritt

  Fedja allein.

_Fedja_: Das ist das Richtige, das ist das Richtige!


Zehnter Auftritt

  Afremow tritt ein.

_Fedja_: Gehen wir!

_Afremow_: Wie hast du denn die Sache erledigt?

_Fedja_: Wundervoll! Wundervoll! Wo sind die andern alle?

_Afremow_: Sie spielen Billard.

_Fedja_: Vorzüglich! Wir wollen auch hingehen und ein Stündchen da
verbringen.

  Vorhang.



Dritter Akt


Fünftes Bild

  Ein Zimmer bei Anna Dmitrijewna, in diskret-luxuriöser Art
  ausgestattet; voller Andenken.

  Personen: Fürst Abreskow, ein sechzigjähriger, eleganter Junggeselle,
  glattrasiert, mit Schnurrbart, alter Militär, sehr würdevoll und
  melancholisch. Anna Dmitrijewna Karenina (Viktors Mutter), eine sich
  jung machende fünfzigjährige =grande dame=. Sie spickt ihre Rede mit
  französischen Ausdrücken. Ein Diener. Viktor. Lisa.


Erster Auftritt

_Anna Dmitrijewna_ ($schreibt einen Brief$).


Zweiter Auftritt

  Anna Dmitrijewna und ein Diener.

_Der Diener_: Fürst Sergei Dmitrijewitsch.

_Anna Dmitrijewna_: Ich lasse natürlich bitten. ($Sie wendet sich zum
Spiegel und bringt ihre Frisur in Ordnung.$)


Dritter Auftritt

_Fürst Abreskow_ ($tritt ein$): =J'espère, que je ne force pas la
consigne.= ($Er küßt ihr die Hand.$)

_Anna Dmitrijewna_: Sie wissen, daß =vous êtes toujours le bienvenu=.
Und jetzt, heute, ganz besonders. Sie haben mein Briefchen erhalten?

_Fürst Abreskow_: Jawohl, und mein Erscheinen ist meine Antwort.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, mein Freund, ich fange an ganz zu verzweifeln.
=Il est ensorcelé, positivement ensorcelé.= Ich bin bei ihm noch nie
einer solchen Beharrlichkeit, einer solchen Hartnäckigkeit, einer
solchen Mitleidslosigkeit und Gleichgültigkeit mir gegenüber begegnet.
Seit diese Frau sich von ihrem Manne losgesagt hat, ist er vollständig
umgewandelt.

_Fürst Abreskow_: Aber was ist denn eigentlich geschehen? Wie steht die
Sache?

_Anna Dmitrijewna_: Er will sie unter allen Umständen heiraten.

_Fürst Abreskow_: Und wie stellt sich ihr Mann dazu?

_Anna Dmitrijewna_: Er willigt in die Scheidung.

_Fürst Abreskow_: Also so ist das!

_Anna Dmitrijewna_: Und er, Viktor, befaßt sich eifrig mit all diesen
Dingen, mit all dem Schmutz, der dabei aufgerührt wird, und den
Advokaten und den Schuldbeweisen. =Tout ça est dégoûtant.= Aber dadurch
läßt er sich nicht abstoßen. Ich verstehe ihn gar nicht. Er mit seiner
Feinfühligkeit und mit seiner Schüchternheit ...

_Fürst Abreskow_: Er liebt. Ach, wenn jemand so richtig liebt, dann ...

_Anna Dmitrijewna_: Ja, aber warum konnte denn zu unserer Zeit
die Liebe eine reine, freundschaftliche, das ganze Leben hindurch
anhaltende Liebe sein? Eine solche Liebe weiß ich zu verstehen und zu
schätzen.

_Fürst Abreskow_: Die jetzige neue Generation vermag sich nicht mehr
mit idealen Beziehungen zu begnügen. =La possession de l'âme ne leur
suffit plus.= Dagegen läßt sich nichts tun. Aber was machen wir mit ihm?

_Anna Dmitrijewna_: Nein, sagen Sie das nicht mit Bezug auf ihn.
Sondern das ist eine Art von Behexung. Er ist geradezu wie umgetauscht.
Sie wissen ja: ich bin bei ihr gewesen. Er hatte mich so darum gebeten.
Ich fuhr hin, traf sie aber nicht an und ließ meine Karte da. =Elle m'a
fait demander, si je pouvais la recevoir.= Und heute ($sie sieht nach
der Uhr$) zwischen eins und zwei, also sogleich, muß sie herkommen.
Ich habe Viktor versprochen, sie zu empfangen; aber können Sie sich in
meine Lage versetzen? Ich bin ganz verstört. Und nach alter Gewohnheit
habe ich Sie hergebeten. Ich bedarf Ihrer Hilfe.

_Fürst Abreskow_: Ich danke Ihnen.

_Anna Dmitrijewna_: Sie werden sich darüber klar sein, daß dieser ihr
Besuch für die ganze Angelegenheit, für Viktors Schicksal, entscheidend
ist. Ich muß entweder meine Einwilligung verweigern ... aber wie kann
ich das?

_Fürst Abreskow_: Sie kennen sie noch gar nicht?

_Anna Dmitrijewna_: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte
mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren
Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors
Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger
Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, =quels que soient les torts
qu'il a eus vis-à-vis d'elle=, von ihrem Manne darf sie sich nicht
lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie
Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene
Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner
Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür
zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum
unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. =Si elle
a pu le charmer à un tel point= ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber
ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur
ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer
Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen?

_Fürst Abreskow_: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß
er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden
ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein
Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann
um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist,
das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie
lieben und kann mit keiner andern glücklich werden.

_Anna Dmitrijewna_: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten!
Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!...

_Fürst Abreskow_ ($lächelnd$): =C'est compter sans son hôte.= Das ist
jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu
fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein.

_Anna Dmitrijewna_: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er
dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht,
wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau,
wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen
Sohne, zur Gattin wünschen kann?

_Fürst Abreskow_: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich
wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern
haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun
eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist
ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine
Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch
tadellose Frau.

_Anna Dmitrijewna_: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt,
sich von ihrem Manne loszusagen?!

_Fürst Abreskow_: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so
hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen,
von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst.
Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein
schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat
sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein
Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen
Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich
soll mich damit besudeln!

_Fürst Abreskow_: Und Ihre Religion?

_Anna Dmitrijewna_: Ja, ja, die Vergebung! „Wie auch wir vergeben
unsern Schuldigern.” =Mais c'est plus fort que moi.=

_Fürst Abreskow_: Wie kann sie denn mit einem solchen Menschen weiter
zusammenleben? Auch wenn sie nicht einen andern liebte, müßte sie sich
von jenem trennen. Um des Kindes willen müßte sie das tun. Er selbst,
ihr Mann, der, wenn er sich in nüchternem Zustande befindet, ein
verständiger, guter Mensch ist, er selbst rät ihr, dies zu tun.


Vierter Auftritt

  Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor, welcher eintritt, seiner
  Mutter die Hand küßt und den Fürsten Abreskow begrüßt.

_Viktor_: Mama, ich bin nur hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß
Jelisaweta Andrejewna sogleich hier sein wird; und ich bitte und
beschwöre Sie nur um eines: wenn Sie immer noch gegen meine Heirat
sind ...

_Anna Dmitrijewna_ ($unterbricht ihn$): Selbstverständlich bin ich
immer noch dagegen.

_Viktor_ ($fährt mit finsterer Miene fort$) ... so bitte und beschwöre
ich Sie nur um eines: reden Sie nicht von Ihrer Abneigung, sprechen Sie
es nicht aus, daß Sie Ihre Zustimmung verweigern!

_Anna Dmitrijewna_: Ich meine, daß wir überhaupt nicht von etwas
Derartigem reden werden. Ich wenigstens werde nicht davon anfangen.

_Viktor_: Und sie noch weniger. Mein Wunsch war nur, daß Sie sie kennen
lernen möchten.

_Anna Dmitrijewna_: Ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du deinen
Wunsch, Frau Protasowa zu Lebzeiten ihres Mannes zu heiraten, mit
deiner religiösen Überzeugung vereinigen, daß eine Ehescheidung gegen
die Lehre des Christentums ist?

_Viktor_: Mama, Sie verfahren grausam mit mir! Sind wir alle denn so
unfehlbar, daß wir von unseren Grundsätzen nie abgehen dürften, obwohl
doch das Leben ein so kompliziertes Geflecht ist? Mama, warum sind Sie
gegen mich so grausam?

_Anna Dmitrijewna_: Ich liebe dich und will dein Glück.

_Viktor_ ($zu Abreskow$): Sergei Dmitrijewitsch!

_Fürst Abreskow_: Selbstverständlich wollen Sie sein Glück; aber
uns mit unseren grauen Haaren wird es schon schwer, die Jugend zu
verstehen. Und besonders schwer ist das für eine Mutter, die sich an
den Gedanken gewöhnt hat, das Glück des Sohnes müsse ihren eigenen
Vorstellungen entsprechen. Alle Frauen sind von dieser Art.

_Anna Dmitrijewna_: Nun ja, da haben wirs! Alle sind gegen mich.
Natürlich kannst du es tun; =vous êtes majeur= ... aber du machst mich
dadurch unglücklich.

_Viktor_: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Das ist mehr als grausam.

_Fürst Abreskow_ ($zu Viktor$): Hör auf, Viktor. Die Mama redet immer
schlechter, als sie handelt.

_Anna Dmitrijewna_: Ich werde zu ihr sagen, was ich denke und empfinde,
und werde es zu ihr sagen, ohne sie zu kränken.

_Fürst Abreskow_: Davon bin ich überzeugt.


Fünfter Auftritt

  Anna Dmitrijewna, Fürst Abreskow, Viktor und ein Diener, welcher
  eintritt.

_Fürst Abreskow_: Da ist sie.

_Viktor_: Ich werde fortgehen.

_Der Diener_: Jelisaweta Andrejewna Protasowa.

_Viktor_: Ich gehe fort. Mama, ich bitte Sie ... ($Er geht fort.$)

_Fürst Abreskow_ ($erhebt sich ebenfalls$).

_Anna Dmitrijewna_: Ich lasse bitten. ($Zum Fürsten Abreskow:$) Nein,
bleiben Sie!


Sechster Auftritt

  Anna Dmitrijewna und Fürst Abreskow.

_Fürst Abreskow_: Ich glaubte, es würde Ihnen =en tête-à-tête=
angenehmer sein.

_Anna Dmitrijewna_: Nein, ich fürchte mich vor ihr. ($Sie gerät
in nervöse Unruhe.$) Wenn mir der Wunsch kommen sollte, mit ihr
=tête-à-tête= zu bleiben, so werde ich Ihnen einen Wink geben; =ça
dépendra= ... Aber gleich von vornherein mit ihr allein zu bleiben, das
würde mir peinlich sein. Ich werde dann so zu Ihnen machen. ($Sie macht
ihm ein Zeichen.$)

_Fürst Abreskow_: Ich verstehe. Ich bin davon überzeugt, daß sie Ihnen
gefallen wird. Seien Sie nur gerecht!

_Anna Dmitrijewna_: Wie ihr alle doch meine Gegner seid!


Siebenter Auftritt

  Anna Dmitrijewna. Fürst Abreskow, Lisa, welche im Visitenkostüm mit
  Hut eintritt.

_Anna Dmitrijewna_ ($erhebt sich$): Ich habe bedauert, daß ich Sie
nicht antraf; aber nun sind Sie so liebenswürdig, selbst herzukommen.

_Lisa_: Ich hatte Ihren Besuch in keiner Weise erwartet. Ich bin Ihnen
so dankbar, daß Sie mich zu sehen gewünscht haben.

_Anna Dmitrijewna_: Sind Sie bekannt? ($Sie zeigt auf den Fürsten
Abreskow.$)

_Fürst Abreskow_: Gewiß, ich hatte die Ehre, Ihnen vorgestellt zu
werden. ($Shake hands.$) ($Sie setzen sich.$) Meine Nichte Nelly
spricht zu mir oft von Ihnen.

_Lisa_: Ja, wir waren sehr befreundet ($sie wirft einen schüchternen
Blick auf Anna Dmitrijewna$) und sind auch jetzt befreundet. ($Zu Anna
Dmitrijewna:$) Ich hatte es in keiner Weise erwartet, daß Sie den
Wunsch hätten, mich zu sehen.

_Anna Dmitrijewna_: Ich habe Ihren Mann gut gekannt. Er war mit Viktor
befreundet und verkehrte vor seiner Übersiedlung nach Tambow in unserem
Hause. Ich glaube, dort hat er Sie geheiratet?

_Lisa_: Ja, dort haben wir uns geheiratet.

_Anna Dmitrijewna_: Aber nachher, als er wieder nach Moskau gezogen
war, hat er nicht mehr bei mir verkehrt.

_Lisa_: Nein, er hat fast nirgends verkehrt.

_Anna Dmitrijewna_: Und so hat er mich denn auch nicht mit Ihnen
bekannt gemacht. ($Unbehagliches Stillschweigen.$)

_Fürst Abreskow_: Das letztemal traf ich mit Ihnen bei Denisows
zusammen, bei einer Liebhabervorstellung. Es war sehr nett dort. Sie
spielten auch mit.

_Lisa_: Nein ... ja ... gewiß ... ich erinnere mich. Ich spielte mit.
($Wieder Stillschweigen.$) Anna Dmitrijewna, verzeihen Sie mir, wenn
Ihnen das, was ich sagen werde, unangenehm sein sollte; aber ich kann
mich nicht verstellen, ich verstehe das nicht. Ich bin hergekommen,
weil mir Viktor Michailowitsch sagte ... weil er ... das heißt, weil
Sie den Wunsch hatten, mich zu sehen ... aber es wird das beste sein,
wenn ich alles sage ... ($Sie fängt an zu schluchzen.$) ... Es ist mir
sehr peinlich ... aber Sie sind so gut.

_Fürst Abreskow_: Ich werde lieber gehen.

_Anna Dmitrijewna_: Ja, gehen Sie!

_Fürst Abreskow_: Auf Wiedersehen! ($Er empfiehlt sich den beiden Damen
und geht.$)


Achter Auftritt

  Anna Dmitrijewna und Lisa.

_Anna Dmitrijewna_: Hören Sie, Lisa ... Ich weiß nicht und will auch
gar nicht wissen, wie Sie mit Vatersnamen heißen ...

_Lisa_: Andrejewna.

_Anna Dmitrijewna_: Nun, ganz gleich; ich möchte Sie einfach Lisa
nennen. Sie tun mir leid; Sie sind mir sympathisch. Aber ich liebe
Viktor. Ich liebe auf der ganzen Welt nur dieses eine Wesen. Ich kenne
seine Seele wie meine eigene. Er ist eine stolze Seele. Schon als
siebenjähriger Knabe war er stolz, stolz nicht auf seinen Namen, nicht
auf seinen Reichtum, sondern auf seine hohe sittliche Reinheit; und
diese Reinheit hat er sich bewahrt. Er ist rein wie ein junges Mädchen.

_Lisa_: Das weiß ich.

_Anna Dmitrijewna_: Er hat nie eine Frau geliebt. Sie sind die erste.
Ich kann nicht sagen, daß ich nicht eifersüchtig auf Sie wäre; ich
bin eifersüchtig. Aber wir Mütter -- Ihr eigenes Söhnchen ist noch zu
klein, und solche Gedanken liegen Ihnen noch fern --, wir Mütter müssen
uns darauf vorbereiten, unsere Söhne einer anderen Frau abzutreten.
Ich habe mich darauf vorbereitet, ihn einer andern abzutreten, ohne
eifersüchtig zu werden. Aber ich wollte ihn einer Frau abtreten, die
ebenso wäre wie er selbst.

_Lisa_: Aber bin ich ... bin ich denn ...

_Anna Dmitrijewna_: Verzeihen Sie, ich weiß, Sie tragen keine Schuld,
Sie sind unglücklich. Und ich kenne ihn. Jetzt ist er bereit, alles zu
ertragen, und er wird es ertragen und niemals etwas darüber sagen; aber
er wird darunter leiden. Sein verletzter Stolz wird darunter leiden,
und er wird nicht glücklich sein.

_Lisa_: Ich habe darüber nachgedacht.

_Anna Dmitrijewna_: Lisa, liebes Kind, Sie sind eine verständige, gute
Frau. Wenn Sie ihn wahrhaft lieben, so müssen Sie doch mehr sein Glück
wünschen als Ihr eigenes. Wenn es aber so ist, so werden Sie ihn nicht
binden wollen und nicht schuld daran werden wollen, daß er es später
bereut. Obgleich er es nicht sagen wird, es niemals sagen wird.

_Lisa_: Das weiß ich, daß er es nicht sagen wird. Ich habe darüber
nachgedacht und mir diese Frage vorgelegt. Ich habe darüber nachgedacht
und es ihm gesagt. Aber was kann ich tun, wenn er mir erwidert, daß er
ohne mich nicht leben mag? Ich habe gesagt: „Wir wollen Freunde sein;
aber richten Sie sich Ihr Leben für sich ein, und verknüpfen Sie nicht
Ihr reines Leben mit meinem unglücklichen.” Aber er will nicht.

_Anna Dmitrijewna_: Ja, jetzt will er nicht.

_Lisa_: Überreden Sie ihn, von mir abzulassen! Ich bin damit
einverstanden. Ich liebe ihn um seines, nicht um meines Glückes willen.
Nur helfen Sie mir, und hassen Sie mich nicht! Lassen Sie uns beide,
voller Liebe, auf sein wahres Wohl bedacht sein!

_Anna Dmitrijewna_: Ja, ja, ich habe Sie liebgewonnen. ($Sie küßt sie.
Lisa bricht in Tränen aus.$) Aber trotzdem, trotzdem ist das alles
so schrecklich. Hätte er Sie damals liebgewonnen, als Sie noch nicht
verheiratet waren ...

_Lisa_: Er sagt, er habe mich schon damals geliebt, habe aber das Glück
seines Freundes nicht stören wollen.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, wie schrecklich das alles ist! Aber wir wollen
einander trotz alledem liebhaben, und Gott wird uns helfen, zum Ziele
unserer Wünsche zu gelangen.


Neunter Auftritt

  Anna Dmitrijewna, Lisa und Viktor.

_Viktor_ ($tritt ein$): Mama, liebe Mama! Ich habe alles gehört. Ich
hatte es erwartet, daß Sie sie liebgewinnen würden. Und nun wird alles
gut werden.

_Lisa_: Wie leid tut es mir, daß Sie alles gehört haben. Ich hätte es
nicht gesagt, wenn ich das gewußt hätte.

_Anna Dmitrijewna_: Aber entschieden ist noch nichts. Ich kann nur
sagen, daß ich mich freuen würde, wenn nicht alle diese peinlichen
Umstände vorhanden wären. ($Sie küßt sie.$)

_Viktor_: Bitte, verbleiben Sie bei dieser Gesinnung!

  Vorhang.


Sechstes Bild

  Ein bescheidenes Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Sofa.


Erster Auftritt

_Fedja_ ($allein, es wird an die Tür geklopft. Eine weibliche
Stimme fragt von außen: „Warum hast du dich eingeschlossen, Fjodor
Wasiljewitsch? Mach auf, Fedja!...”$).


Zweiter Auftritt

  Fedja und Mascha.

_Fedja_ ($steht auf und öffnet die Tür$): Vielen Dank, daß du gekommen
bist! Ich langweile mich hier, langweile mich furchtbar.

_Mascha_: Warum bist du nicht zu uns gekommen? Du bist wieder ins
Trinken hineingeraten. Ach, du! Und du hattest doch versprochen zu
kommen.

_Fedja_: Du weißt, daß ich kein Geld habe.

_Mascha_: Warum habe ich mich nun in dich verliebt!

_Fedja_: Mascha!

_Mascha_: Ach was! „Mascha, Mascha!” Wenn du mich liebtest, hättest du
dich schon längst scheiden lassen. Deine Leute haben dich ja selbst
darum gebeten. Du sagst, daß du deine Frau nicht liebst, und hältst
doch an ihr fest. Du willst offenbar nicht ...

_Fedja_: Du weißt ja, weswegen ich nicht will.

_Mascha_: Das ist alles dummes Zeug. Die Leute haben ganz recht, wenn
sie sagen, daß du ein schlaffer Mensch bist.

_Fedja_: Was soll ich dir darauf erwidern? Soll ich dir sagen, daß mir
deine Worte ein Schmerz sind? Das weißt du ja selbst.

_Mascha_: Dir ist nichts ein Schmerz ...

_Fedja_: Du weißt selbst, daß ich nur eine Freude im Leben habe: deine
Liebe.

_Mascha_: Ich liebe dich schon, aber du nicht mich.

_Fedja_: Nun, ich werde mich nicht auf Beteuerungen einlassen. Das wäre
ja unnütz; du weißt selbst, daß ich dich liebe.

_Mascha_: Fedja, warum marterst du mich so?

_Fedja_: Wer martert wen?

_Mascha_ ($weint$): Du bist kein guter Mensch.

_Fedja_ ($tritt zu ihr hin und umarmt sie$): Mascha! Warum weinst du?
Hör auf! Leben muß man, aber nicht schluchzen. Und dir steht das nun
schon gar nicht, du mein schönes Kind!

_Mascha_: Liebst du mich?

_Fedja_: Wen sollte ich denn sonst lieben?

_Mascha_: Nur mich? Nun, lies mir einmal vor, was du da geschrieben
hast.

_Fedja_: Es wird dich langweilen.

_Mascha_: Wenn du es geschrieben hast, wird es schon hübsch sein.

_Fedja_: Nun, so höre. ($Er liest.$) „An einem Tage im Spätherbst
hatte ich mich mit einem Kameraden verabredet, daß wir uns auf der
Murygina-Terrasse treffen wollten. Es war ein trüber, warmer, stiller
Tag. Der Nebel ...”


Dritter Auftritt

  Fedja und Mascha. Der alte Zigeuner Iwan Makarowitsch und die alte
  Zigeunerin Nastasja Iwanowna, Maschas Eltern, treten ein.

_Nastasja Iwanowna_ ($tritt auf ihre Tochter zu$): Also hier bist du,
du verlaufenes Schaf verfluchtes! Habe die Ehre, gnädiger Herr! ($Zur
Tochter:$) Was tust du uns an, he?

_Iwan Makarowitsch_ ($zu Fedja$): Du handelst nicht gut, gnädiger
Herr. Machst das Mädchen unglücklich. Wirklich nicht gut. Du handelst
unchristlich.

_Nastasja Iwanowna_: Nimm dein Tuch um und dann sofort marsch! Nun sehe
einer an, weggelaufen ist sie! Was werde ich dem Chor sagen? Läßt dich
mit einem armen Schlucker ein! Was kannst du von dem kriegen?

_Mascha_: Von Einlassen ist nicht die Rede. Ich liebe den gnädigen
Herrn, weiter nichts. Ich werde mich von dem Chor nicht lossagen, werde
weitersingen; aber daß ...

_Iwan Makarowitsch_: Wenn du noch ein Wort sagst, so reiße ich dir den
Zopf aus. Du Dirne! Wer hat dir so ein Beispiel gegeben? Dein Vater
nicht, deine Mutter nicht, deine Tante nicht. Es ist schlecht von dir,
Herr. Wir haben dich lieb gehabt; wie oft haben wir dir umsonst etwas
vorgesungen, weil du uns leid tatest. Aber du, was hast du uns angetan!

_Nastasja Iwanowna_: Du hast unser Töchterchen, unser liebes, einziges,
süßes, goldenes, unschätzbares Töchterchen, mir nichts dir nichts
zugrunde gerichtet, sie in den Schmutz getreten, -- das hast du uns
angetan. Du hast keine Gottesfurcht.

_Fedja_: Du urteilst falsch über mich, Nastasja Iwanowna. Deine Tochter
ist mir wie eine Schwester. Ich taste ihre Ehre nicht an. Glaube so
etwas nicht! Aber ich liebe sie ... Was ist da zu machen?

_Iwan Makarowitsch_: Aber als du noch Geld hattest, da hast du sie
nicht geliebt. Du hättest damals dem Chor zehntausend Rubel stiften
sollen, dann hättest du sie in allen Ehren bekommen. Aber jetzt, wo
du alles durchgebracht hast, da hast du sie heimlich entführt. Schäme
dich, Herr, schäme dich.

_Mascha_: Er hat mich nicht entführt; ich bin von selbst zu ihm
gekommen. Und wenn ihr mich jetzt wegholt, so laufe ich doch wieder
her. Ich liebe ihn -- und damit basta. Meine Liebe ist stärker als alle
eure Schlösser und Riegel ... Ich will nicht.

_Nastasja Iwanowna_: Na, liebste Mascha, mein Herzenskind, werde nicht
hitzig! Du hast nicht gut gehandelt; na, und nun komm!

_Iwan Makarowitsch_: Na, nun ist genug geredet! Marsch! ($Er faßt sie
an den Arm.$) Lebe wohl, Herr! ($Alle drei ab.$)


Vierter Auftritt

  Fedja, Fürst Abreskow, welcher eintritt.

_Fürst Abreskow_: Ich bitte um Verzeihung. Ich bin wider meinen Willen
Zeuge einer unangenehmen Szene geworden.

_Fedja_: Mit wem habe ich die Ehre?... ($Er erkennt ihn.$) Ah! Fürst
Sergei Dmitrijewitsch! ($Er begrüßt ihn.$)

_Fürst Abreskow_: Ja, unfreiwilliger Zeuge einer unangenehmen Szene.
Ich hätte gewünscht, sie nicht mit anzuhören. Aber da ich sie nun
einmal mit angehört habe, so halte ich es für meine Pflicht zu sagen,
daß dies geschehen ist. Man hatte mich hierher gewiesen, und ich mußte
an der Tür warten, bis diese Herrschaften weggingen. Um so mehr, da
mein Klopfen wegen des sehr lauten Redens nicht gehört wurde.

_Fedja_: Ja, ja. Bitte ergebenst, Platz zu nehmen. Ich bin Ihnen
dankbar dafür, daß Sie mir das gesagt haben. Das gibt mir das Recht,
Ihnen diese Szene zu erklären. Was Sie von mir selbst denken, ist mir
ganz gleichgültig; aber ich möchte Ihnen sagen, daß die Vorwürfe,
die Sie diesem jungen Mädchen, einer Zigeunerin, Sängerin, machen
hörten, ungerechtfertigt sind. Dieses junge Mädchen ist sittlich so
rein wie eine Taube. Und meine Beziehungen zu ihr sind lediglich
freundschaftlicher Art. Und wenn sie vielleicht einen poetischen Anflug
haben, so beeinträchtigt das die Reinheit und die Ehre dieses jungen
Mädchens nicht. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Also was wünschen
Sie von mir? Womit kann ich Ihnen dienen?

_Fürst Abreskow_: Ich möchte erstens ...

_Fedja_: Verzeihen Sie, Fürst! Ich bin jetzt zu einer solchen Stellung
in der Gesellschaft gelangt, daß meine oberflächliche und schon weit
zurückliegende Bekanntschaft mit Ihnen mir keinen Anspruch auf einen
Besuch von Ihnen verleiht, wenn nicht eine geschäftliche Angelegenheit
Sie zu mir führt; also worin besteht diese?

_Fürst Abreskow_: Ich will es nicht in Abrede stellen; Sie haben
es erraten. Ich habe allerdings eine geschäftliche Angelegenheit.
Aber dennoch bitte ich Sie zu glauben, daß die Veränderung Ihrer
gesellschaftlichen Stellung keinerlei Einfluß auf meine Beziehungen zu
Ihnen haben kann.

_Fedja_: Davon bin ich vollkommen überzeugt.

_Fürst Abreskow_: Was mich herführt ist dies: der Sohn meiner alten
Freundin Anna Dmitrijewna Karenina sowie diese selbst haben mich
gebeten, mich geradezu und direkt bei Ihnen danach zu erkundigen,
welches Ihre Beziehungen ... Sie gestatten mir von Ihren Beziehungen zu
Ihrer Gemahlin Jelisaweta Andrejewna Protasowa zu sprechen?

_Fedja_: Meine Beziehungen zu meiner Frau (ich kann sagen: zu meiner
ehemaligen Frau) sind vollständig gelöst.

_Fürst Abreskow_: So habe auch ich die Sache aufgefaßt. Und nur
deswegen habe ich diese schwierige Mission übernommen.

_Fedja_: Diese Beziehungen sind gelöst, und ich beeile mich, die
Erklärung abzugeben, daß dies nicht durch ihre, sondern durch meine
Schuld geschehen ist, einzig und allein durch meine Schuld. Sie selbst
war eine makellose Frau und ist das auch geblieben.

_Fürst Abreskow_: Und nun, sehen Sie, hat mich Viktor Karenin sowie
ganz besonders seine Mutter gebeten, Sie nach Ihren weiteren Absichten
zu befragen.

_Fedja_ ($hitzig werdend$): Was meinen Sie für weitere Absichten? Ich
habe keine solchen. Ich lasse ihr völlige Freiheit. Ja, noch mehr: ich
werde ihre Ruhe niemals stören. Ich weiß, daß sie Viktor Karenin liebt.
Mag sie das tun! Ich halte ihn für einen sehr langweiligen, aber sehr
braven, ehrenhaften Menschen und glaube, daß sie mit ihm, wie man sich
gewöhnlich ausdrückt, glücklich werden wird. Und =que le bon Dieu les
bénisse=! Weiter habe ich nichts zu sagen.

_Fürst Abreskow_: Ja, aber wir würden gern ...

_Fedja_ ($unterbricht ihn$): Und glauben Sie nicht, daß ich auch nur
im geringsten eifersüchtig wäre. Wenn ich von Viktor gesagt habe,
er sei langweilig, so nehme ich diesen Ausdruck zurück. Er ist ein
vortrefflicher, ehrenhafter, sittlich guter Mensch, beinah das reine
Gegenteil von mir. Und er hat sie von der Kinderzeit her geliebt.
Vielleicht hat auch sie ihn schon damals geliebt, als sie mich
heiratete. So etwas kommt vor. Die beste Liebe pflegt diejenige zu
sein, von der man selbst nichts weiß. Ich glaube, sie hat ihn immer
geliebt, hat aber als ehrenhafte Frau dies nicht einmal sich selbst
eingestehen mögen. Aber das ... es lag eine Art von Schatten auf unserm
Eheleben ... indessen wozu mache ich Ihnen solche Geständnisse?

_Fürst Abreskow_: Bitte, fahren Sie fort! Sie können mir glauben, daß
mich zu diesem Besuche bei Ihnen in erster Linie der Wunsch veranlaßt
hat, in diese Beziehungen einen vollständigen Einblick zu gewinnen. Ich
verstehe Sie; ich verstehe, daß ein solcher Schatten, wie Sie sich so
treffend ausdrückten, vorhanden sein konnte ...

_Fedja_: Ja, er war vorhanden, und vielleicht war das der Grund,
weswegen das Familienleben, das sie mir gewährte, mich nicht
befriedigen konnte, so daß ich anderwärts umhersuchte und auf Abwege
geriet. Aber das klingt fast, als versuchte ich, mich zu rechtfertigen.
Das liegt nicht in meiner Absicht, und das kann ich auch nicht. Ich
bin ein schlechter Ehemann gewesen, das sage ich ganz offen; ich bin
es gewesen, denn jetzt bin ich in meinem Bewußtsein schon längst kein
Ehemann mehr. Ich betrachte sie als vollständig frei. Also da haben Sie
die Antwort auf Ihre Mission.

_Fürst Abreskow_: Ja, aber Sie kennen Viktors Familie und ihn selbst.
In seinen Beziehungen zu Jelisaweta Andrejewna hat er immer eine
respektvolle Entfernung innegehalten und tut das auch jetzt. Er hat ihr
beigestanden, als sie sich in schwieriger Lage befand.

_Fedja_: Ja, ich habe durch meinen liederlichen Lebenswandel zu der
gegenseitigen Annäherung der beiden mitgewirkt. Was ist zu machen? Es
hat wohl so sein sollen.

_Fürst Abreskow_: Sie kennen seine und seiner Familie streng
rechtgläubigen Anschauungen. Ich teile diese Anschauungen nicht. Ich
betrachte die Dinge von einem freieren Standpunkte aus. Aber ich achte
diese Anschauungen und habe für sie Verständnis. Ich verstehe, daß für
ihn und ganz besonders für seine Mutter ein nahes Verhältnis zu einer
Frau ohne kirchliche Eheschließung undenkbar ist.

_Fedja_: Ja, ich kenne seine dum ... seine schlichte, konservative
Denkungsart in dieser Hinsicht. Aber was wollen die beiden? Die
Scheidung? Ich habe ihnen schon längst gesagt, daß ich bereit bin
darein zu willigen, daß aber, wenn ich die Schuld auf mich nehmen und
mich der ganzen damit verbundenen Lügerei unterziehen soll, das doch
eine sehr schwere Bedingung ist.

_Fürst Abreskow_: Ich verstehe Sie vollkommen und teile Ihre
Anschauung. Aber was soll geschehen? Ich meine, es wird sich doch in
dieser Weise ein Arrangement finden lassen ... Übrigens haben Sie
recht. Das ist furchtbar, und ich verstehe Sie.

_Fedja_ ($drückt ihm die Hand$): Ich danke Ihnen, lieber Fürst.
Ich habe Sie immer als einen ehrenhaften, guten Menschen gekannt.
Nun, sagen Sie also, wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun?
Versetzen Sie sich ganz in meine Lage! Ich suche mich nicht besser zu
machen, als ich bin. Ich bin ein Taugenichts. Aber es gibt Dinge, die
ich nicht ruhigen Herzens tun kann. Ich kann nicht ruhigen Herzens
lügen.

_Fürst Abreskow_: Aber eines ist mir an Ihnen unverständlich: Sie sind
ein so wohlbefähigter, kluger Mensch mit einem so feinen Gefühle für
das Gute: wie konnten Sie so auf Abwege geraten und dermaßen all die
Anforderungen vergessen, die Sie selbst an sich stellen? Wie sind Sie
so weit gekommen? Wie haben Sie es fertiggebracht, Ihr eigenes Leben zu
zerstören?

_Fedja_ ($unterdrückt die Tränen, die ihm die Erregung in die Augen
treibt$): Jetzt führe ich mein Lotterleben schon zehn Jahre lang, und
zum ersten Male hat mich ein Mann wie Sie bemitleidet. Meine Kumpane
und die Weiber haben mich bedauert; aber ein verständiger, guter Mann
wie Sie hat das niemals getan. Ich danke Ihnen. Wie ich dazu gekommen
bin, mich ins Verderben zu stürzen? Da ist erstens der Wein. Nicht,
daß ich so besonders viel Geschmack an ihm fände. Aber ich mag tun,
was ich will, immer habe ich die Empfindung, daß es nicht das Richtige
ist, und dann schäme ich mich. Da rede ich jetzt gerade mit Ihnen und
schäme mich. Wenn ich Adelsmarschall war, wenn ich Hasard spielte, da
schämte ich mich, schämte mich gewaltig. Und nur wenn ich trinke, hört
dieses Schamgefühl auf. Und dann die Musik ... ich meine nicht Opern
und Beethoven, sondern die Zigeunermusik -- da durchströmt einen ein
solches Leben, eine solche Energie! Und dazu noch freundliche schwarze
Augen und ein heiteres Lächeln. Und je mehr man sich davon hinreißen
läßt, um so mehr schämt man sich nachher.

_Fürst Abreskow_: Nun, aber die Arbeit?

_Fedja_: Auch damit habe ich es versucht. Aber es war alles nicht das
Richtige; mit allem war ich unzufrieden. Aber wozu rede ich da von mir
selbst? Ich danke Ihnen.

_Fürst Abreskow_: Was soll ich also meinen Auftraggebern sagen?

_Fedja_: Sagen Sie ihnen, ich würde tun, was sie wünschen. Sie wollen
sich ja doch heiraten und wünschen, daß ihnen dabei nichts im Wege
stehe?

_Fürst Abreskow_: Gewiß.

_Fedja_: Ich werde das bewirken; sagen Sie ihnen, ich würde das
bestimmt bewirken.

_Fürst Abreskow_: Wann denn?

_Fedja_: Warten Sie einmal! Nun, sagen wir: in vierzehn Tagen. Genügt
das?

_Fürst Abreskow_ ($steht auf$): Das darf ich also bestellen?

_Fedja_: Ja. Leben Sie wohl, Fürst; ich danke Ihnen nochmals. ($Fürst
Abreskow geht hinaus.$)


Fünfter Auftritt

  Fedja allein.

_Fedja_ ($sitzt lange da und lächelt schweigend vor sich hin$): Gut,
sehr gut! Das ist das Richtige, das ist das Richtige, das ist das
Richtige. Vortrefflich!

  Vorhang.



Vierter Akt


Siebentes Bild

  In einem Restaurant. =Chambre séparée.=

  Ein Kellner führt Fedja und Iwan Petrowitsch Alexandrow herein.


Erster Auftritt

  Fedja, Iwan Petrowitsch und der Kellner.

_Der Kellner_: Bitte hier herein! Hier wird Sie niemand stören; das
Papier werde ich sofort bringen.

_Iwan Petrowitsch_: Protasow! Ich werde auch mit hereinkommen.

_Fedja_ ($ernsthaft$): Meinetwegen, komm herein; aber ich bin
beschäftigt und ... Wenn du willst, so komm herein!

_Iwan Petrowitsch_: Du willst auf die Forderungen dieser Leute
antworten? Ich werde dir sagen, wie du es machen mußt. Ich würde es
anders machen. Ich spreche immer offen und handle entschieden.

_Fedja_ ($zum Kellner$): Eine Flasche Champagner! ($Der Kellner ab.$)


Zweiter Auftritt

  Fedja und Iwan Petrowitsch. (Fedja zieht einen Revolver hervor und
  legt ihn auf den Tisch.)

_Fedja_: Warte ein Weilchen!

_Iwan Petrowitsch_: Was ist denn das? Du willst dich erschießen? Das
ist auch ein Weg, gewiß. Ich verstehe dich. Sie wollen dich demütigen;
aber du zeigst ihnen, wer du bist. Dich tötest du mit dem Revolver und
die beiden durch deine Großmut. Ich verstehe dich. Ich verstehe alles;
denn ich bin ein Genie.

_Fedja_: Nun ja, nun ja. Nur ... ($Der Kellner kommt herein mit einer
Flasche Champagner, Papier und Schreibzeug.$)


Dritter Auftritt

  Fedja, Iwan Petrowitsch und zu Anfang der Kellner.

_Fedja_ ($bedeckt den Revolver mit einer Serviette$): Zieh die Flasche
auf! Laß uns trinken! ($Sie trinken.$) ($Fedja schreibt.$) Warte ein
bißchen!

_Iwan Petrowitsch_: Auf deine ... große Reise! Ich nehme da einen
höheren Standpunkt ein. Ich werde dich nicht zurückhalten. Leben und
Tod, das macht für ein Genie keinen Unterschied. Ich sterbe im Leben
und lebe im Tode. Du tötest dich, damit sie, diese beiden Menschen,
dich bedauern. Ich aber, ich töte mich, damit die ganze Welt begreift,
was sie verloren hat. Ich werde nicht schwanken, nicht überlegen. Ich
ergreife ihn ($er faßt den Revolver$), bautz -- und alles ist erledigt.
Aber es ist noch nicht an der Zeit. ($Er legt den Revolver wieder
hin.$) Und etwas zu schreiben beabsichtige ich auch nicht; sie müssen
es von selbst begreifen ... Ach, ihr ...

_Fedja_ ($schreibt$): Warte ein bißchen!

_Iwan Petrowitsch_: Klägliche Menschen! Da wimmeln sie umher und
mühen sich geschäftig ab. Und sie verstehen nicht, daß ... gar nichts
verstehen sie. Ich rede nicht zu dir. Ich rede nur so für mich, spreche
meine Gedanken aus. Aber was tut der Menschheit not? Sehr wenig: daß
sie ihre Genies zu schätzen wüßte; aber die hat sie immer hingerichtet,
vertrieben, gefoltert ... Nein! ich werde nicht euer Spielzeug sein!
Ich werde euch entlarven. Neei--n! Ihr Heuchler!

_Fedja_ ($ist mit Schreiben fertig, trinkt sein Glas aus und liest das
Geschriebene noch einmal durch$): Nun, bitte, geh weg!

_Iwan Petrowitsch_: Ich soll weggehen? Na, dann leb wohl! Ich werde
dich nicht davon zurückhalten. Ich werde dasselbe tun. Aber es ist noch
nicht Zeit für mich. Ich will dir nur sagen ...

_Fedja_: Schön! Du kannst es mir sagen, aber erst nachher. Jetzt paß
mal auf, lieber Freund: bitte, gib doch dies hier dem Wirt ($er gibt
ihm Geld$) und frage, ob ein Brief oder ein Paket für mich da ist. Sei
so gut!

_Iwan Petrowitsch_: Schön! Du wirst also warten, bis ich zurückkomme?
Ich will dir noch etwas Wichtiges sagen. Etwas Derartiges, wie du
es weder in dieser Welt noch im Jenseits zu hören bekommen wirst,
wenigstens nicht, bevor ich dorthin komme. Also soll ich das Ganze
abliefern?

_Fedja_: So viel, wie nötig ist. ($Iwan Petrowitsch ab.$)


Vierter Auftritt

  Fedja allein.

_Fedja_ ($seufzt erleichtert auf, schließt hinter Iwan Petrowitsch die
Tür zu, nimmt den Revolver, spannt den Hahn, setzt die Waffe an die
Schläfe, zuckt zusammen und läßt sie sachte wieder sinken. Er stöhnt$):
Nein, ich kann es nicht, ich kann es nicht, ich kann es nicht! ($Es
wird an die Tür geklopft.$) Wer ist da?

_Maschas Stimme_ ($von außen$): Ich.

_Fedja_: Wer ist das: „ich”? Ah, Mascha ... ($Er schließt die Tür auf.$)


Fünfter Auftritt

_Mascha_: Ich bin in deiner Wohnung gewesen und bei Popow und bei
Afremow, und dann fiel mir ein, daß du wohl hier sein würdest. ($Sie
erblickt den Revolver.$) Na, das ist ja nett! Bist du ein Dummkopf!
Wirklich, ein Dummkopf! Hast du das denn wirklich gewollt?

_Fedja_: Ich habe es nicht gekonnt.

_Mascha_: Und an mich hast du wohl gar nicht gedacht? Gottloser! Mit
mir hast du kein Mitleid gehabt! Ach, Fjodor Wasiljewitsch, schäme
dich, schäme dich! Ist das der Dank für meine Liebe?...

_Fedja_: Ich wollte den beiden die Freiheit geben; ich habe es ihnen
versprochen. Und meinem Worte untreu werden, das kann ich nicht.

_Mascha_: Und ich, ich?

_Fedja_: Du? Dich würde ich damit auch von einer Fessel losmachen.
Willst du dich denn lieber noch länger mit mir abplagen?

_Mascha_: Ich muß es doch wohl lieber wollen. Ich kann ohne dich nicht
leben.

_Fedja_: Was hast du für ein Leben mit mir zusammen? Du würdest ein
bißchen weinen und dann ruhig weiterleben.

_Mascha_: Ich würde überhaupt nicht weinen! Hol dich der Teufel, wenn
du mit mir kein Mitleid hast! ($Sie weint.$)

_Fedja_: Mascha, mein Herzchen! Ich wollte es doch recht gut machen!

_Mascha_: Ja, recht gut für dich!

_Fedja_ ($lächelnd$): Aber inwiefern wäre es denn für mich recht gut,
wenn ich mir das Leben nähme?

_Mascha_: Selbstverständlich wäre es für dich recht gut. Aber was
beabsichtigst du denn eigentlich damit? Das sage mir mal!

_Fedja_: Was ich damit beabsichtige? Gar vieles.

_Mascha_: Na was? was?

_Fedja_: Erstens beabsichtige ich damit, mein Versprechen zu halten.
Das ist das Erste, und das genügt schon. Zu lügen und all die andern
garstigen Dinge zu tun, die zu einer Scheidung erforderlich sind, das
bringe ich nicht fertig.

_Mascha_: Das ist allerdings garstig. Ich selbst ...

_Fedja_: Ferner beabsichtige ich, den beiden, das heißt meiner Frau und
ihm, Freiheit des Handelns zu geben. Sie sind ja doch gute Menschen.
Wozu sollen sie sich quälen? Das war Nummer zwei.

_Mascha_: Na, an ihr kann doch nicht sehr viel Gutes sein, wenn sie
sich von dir losgesagt hat.

_Fedja_: Nicht sie hat sich von mir losgesagt, sondern ich mich von ihr.

_Mascha_: Na gut, gut! Du nimmst immer alle Schuld auf dich. Sie ist
ein Engel. Und was nun noch?

_Fedja_: Dann sage ich mir noch, daß du ein gutes, liebes Mädchen bist
und ich dich liebe und dich, wenn ich am Leben bleibe, unglücklich
mache.

_Mascha_: Das ist ja nicht deine Sache. Ich weiß schon allein, wo ich
glücklich und wo ich unglücklich werde.

_Fedja_ ($seufzt$): Und die Hauptsache, die Hauptsache: was ist mein
Leben? Ich sehe ja doch, daß ich ein tief heruntergekommener Mensch bin
und zu nichts tauge. Allen und mir selbst bin ich nur zur Last, wie
dein Vater gesagt hat. Ich bin zu nichts nütze ...

_Mascha_: Dummes Zeug! Ich lasse nicht von dir. Ich halte dich fest,
und damit basta! Und wenn du ein unordentliches Leben führst, trinkst
und dich herumtreibst, so läßt sich das doch abstellen. Du bist ja ein
verständiger Mensch. Wirf das von dir! Ganz einfach!

_Fedja_: Leicht gesagt.

_Mascha_: Mach es so!

_Fedja_: Ja, wenn ich dich so ansehe, so meine ich, ich könnte alles
ausführen.

_Mascha_: Und du wirst es auch ausführen. Alles wirst du ausführen.
($Sie erblickt den Brief.$) Was ist das? Hast du an die beiden
geschrieben? Was hast du geschrieben?

_Fedja_: Was ich geschrieben habe? ($Er nimmt den Brief und will ihn
zerreißen.$) Der Brief ist jetzt nicht mehr erforderlich.

_Mascha_ ($entreißt ihm den Brief$): Hast du geschrieben, du werdest
dir das Leben nehmen? Ja? Von der Pistole hast du nichts geschrieben,
sondern nur im allgemeinen, daß du dir das Leben nehmen werdest?

_Fedja_: Ja, daß ich bald nicht mehr sein werde.

_Mascha_: Warte mal, warte mal, warte mal! Hast du „Was ist zu tun?”[1]
gelesen?

_Fedja_: Ich glaube, ich habe es gelesen.

_Mascha_: Es ist ein langweiliger Roman; aber eines ist darin sehr
gut, sehr gut. Er, dieser, wie heißt er doch? Rachmanow, erweckt den
Anschein, daß er ertrunken sei. Das könntest du auch tun! Schwimmen
kannst du nicht?

_Fedja_: Nein.

_Mascha_: Na, siehst du wohl! Du mußt alle deine Kleider hergeben,
alles, auch die Brieftasche.

_Fedja_: Und wie weiter?

_Mascha_: Warte, warte, warte! Wir fahren zu dir nach Hause. Da
kleidest du dich um.

_Fedja_: Aber das ist ja ein Betrug.

_Mascha_: Das schadet nichts. Du bist baden gegangen und hast deine
Kleider am Ufer gelassen. Und in der Tasche steckt die Brieftasche und
dieser Brief.

_Fedja_: Nun, und dann?

_Mascha_: Und dann? Dann fahren wir weg und führen ein wunderschönes
Leben.


Sechster Auftritt

  Fedja, Mascha und Iwan Petrowitsch, welcher eintritt.

_Iwan Petrowitsch_: Nun sehe mal einer an! Und was wird mit dem
Revolver? Den werde ich mir nehmen.

_Mascha_: Nimm ihn, nimm ihn; wir wollen fahren.

  Vorhang.


Achtes Bild

  Salon bei Protasows.


Erster Auftritt

  Karenin, Lisa.

_Karenin_: Er hat es so fest versprochen, daß ich bestimmt glaube, er
wird sein Versprechen zur Ausführung bringen.

_Lisa_: Es ist mir peinlich, aber ich muß es doch sagen, daß das, was
ich über diese Zigeunerin erfahren habe, mir ein vollständiges Gefühl
innerer Freiheit gegeben hat. Glaube nicht, daß das Eifersucht wäre. Es
ist nicht Eifersucht, sondern, weißt du, ein Gefühl der Befreiung. Wie
soll ich Ihnen das deutlich machen?...

_Karenin_: Wieder „Ihnen”.

_Lisa_ ($lächelnd$): Nun also: dir. Aber lassen Sie mich, laß mich
meine Empfindungen aussprechen! Was mich am meisten quälte, war das
Gefühl, daß ich zwei Männer liebte. Denn das bedeutet, daß ich eine
sittenlose Frau bin.

_Karenin_: Du eine sittenlose Frau?!

_Lisa_: Aber seit ich erfahren habe, daß er mit einer anderen Frau
zusammenlebt und ich also für ihn keine Bedeutung mehr habe, seitdem
bin ich innerlich frei geworden und fühle, daß ich ohne zu lügen sagen
darf: ich liebe Sie, -- dich. Jetzt ist in meiner Seele alles hell und
klar, und nur meine äußere Lage quält mich noch. Diese Scheidung. Das
ist alles so qualvoll! Dieses Warten!

_Karenin_: Es wird sich in allernächster Zeit entscheiden. Abgesehen
davon, daß Fedja uns sein Versprechen gegeben hat, habe ich auch noch
meinen Sekretär ersucht, sich mit einem Bittgesuche an das Konsistorium
zu ihm zu begeben und nicht eher wieder fortzugehen, als bis er seine
Unterschrift gegeben hat. Wenn ich ihn nicht so genau kennte, so würde
ich glauben, daß sein Zaudern Absicht ist.

_Lisa_: Absicht? Nein, das ist alles bei ihm nur Schwäche und
Ehrenhaftigkeit. Er will nicht die Unwahrheit sagen. Aber du hast nicht
gut daran getan, ihm Geld zu schicken.

_Karenin_: Es ging nicht anders. Das konnte die Ursache der Verzögerung
sein.

_Lisa_: Nein, Geld hat etwas Unschönes.

_Karenin_: Nun, er könnte schon weniger =pointilleux= sein.

_Lisa_: Was wir für Egoisten geworden sind!

_Karenin_: Ja, ich bekenne es auch von mir. Aber daran bist du selbst
schuld. Nach all diesem Warten und dieser Hoffnungslosigkeit bin ich
jetzt so glücklich. Und das Glück macht egoistisch. Du bist daran
schuld.

_Lisa_: Du glaubst, du allein seist glücklich. Ich bin es ebenfalls.
Ich fühle, daß meine Seele ganz voll Glücksempfindung ist, sich
gleichsam in ihrem Glücke badet. Alles kommt zusammen: Mischa ist
wieder gesund geworden, und deine Mutter liebt mich, und du liebst
mich, und, was die Hauptsache ist, ich, ich selbst liebe.

_Karenin_: Ja? Und du befürchtest nicht, es jemals zu bereuen und
anderen Sinnes zu werden?

_Lisa_: Seit jenem Tage hat sich alles in mir umgewandelt.

_Karenin_: Und das Alte kann nicht wiederkehren?

_Lisa_: Nein, niemals. Ich habe nur einen Wunsch: daß auch in deiner
Seele alles Vergangene ebenso vollständig abgetan sein möchte wie in
der meinigen.


Zweiter Auftritt

  Karenin, Lisa. Die Kinderfrau mit dem Knaben tritt ein. (Der Knabe
  geht zur Mutter. Sie nimmt ihn auf den Schoß.)

_Karenin_: Was sind wir doch für unglückliche Menschen!

_Lisa_: Wieso? ($Sie küßt das Kind.$)

_Karenin_: Als du dich verheiratet hattest und ich bei meiner Rückkehr
aus dem Auslande dies erfuhr und fühlte, daß ich dich verloren hatte,
da war ich unglücklich; aber ich freute mich, als ich erfuhr, daß du
dich meiner noch erinnertest. Das genügte mir. Als sich dann später
freundschaftliche Beziehungen zwischen uns herausbildeten und ich
fühlte, daß du mir freundlich gesinnt warst, und daß in unserer
Freundschaft ein Fünkchen eines Gefühles glimmte, das stärker war als
bloße Freundschaft, da war ich beinahe glücklich. Es quälte mich nur
das ängstliche Gefühl, daß ich Fedja gegenüber nicht ehrlich war.
Indessen hatte ich immer ein so festes Bewußtsein von der Unmöglichkeit
anderer als rein freundschaftlicher Beziehungen zu der Gattin meines
Freundes (und ich kannte ja auch dich hinlänglich), daß ich mich nicht
mit Selbstanklagen peinigte und ganz zufrieden war. Als dann nachher
Fedja dich durch seinen Lebenswandel zu quälen begann und ich fühlte,
daß ich dir eine Stütze war, und daß du dich vor meiner Freundschaft
fürchtetest, da war ich bereits sehr glücklich, und eine unbestimmte
Hoffnung regte sich in mir. Später, als er schon unmöglich geworden
war und du dich entschlossen hattest, dich von ihm zu trennen, und
ich dir zum erstenmal alles sagte und du nichts erwidertest, aber in
Tränen von mir weggingst, da war ich schon vollkommen glücklich. Und
wenn ich gefragt worden wäre, welchen Wunsch ich noch hätte, so würde
ich erwidert haben: keinen. Aber dann zeigte sich die Möglichkeit, mein
Leben mit dem deinigen zu vereinigen; meine Mutter gewann dich lieb;
diese Möglichkeit begann sich zu verwirklichen; du sagtest mir, daß du
mich geliebt hättest und liebtest; und dann sagtest du mir, wie jetzt
eben, daß er für dich nicht mehr existiere, daß deine Liebe nur mir
gelte: was bleibt mir da noch zu wünschen übrig, sollte man meinen?
Aber nein, jetzt, jetzt quäle ich mich mit der Vergangenheit herum
und möchte, daß diese Vergangenheit nicht vorhanden wäre, daß nichts
vorhanden wäre, was mich an sie erinnert.

_Lisa_ ($vorwurfsvoll$): Viktor!

_Karenin_: Verzeih mir, Lisa! Ich sage das nur, weil ich nicht will,
daß irgendein Gedanke in meiner Seele, der dich betrifft, dir verborgen
sei. Alles dies habe ich absichtlich gesagt, um dir zu zeigen, wie
schlecht ich bin, und wie wohl ich weiß, daß ich mit mir selbst kämpfen
und mich überwinden muß. Und ich habe mich überwunden. Ich liebe ihn.

_Lisa_: So ist es recht. Ich habe alles getan, was ich konnte. Oder
vielmehr: in meinem Herzen hat sich alles so herausgebildet, wie du es
nur wünschen konntest; jedes andere Bild außer dem deinen ist daraus
verschwunden.

_Karenin_: Jedes?

_Lisa_: Ja, jedes, jedes. Sonst würde ich es nicht sagen.


Dritter Auftritt

  Karenin, Lisa, die Kinderfrau mit dem Knaben und ein Diener.

_Der Diener_: Herr Wosnesenski.

_Karenin_: Er bringt die Antwort von Fedja.

_Lisa_ ($zu Karenin$): Lassen Sie ihn in dieses Zimmer eintreten!

_Karenin_ ($steht auf und geht zur Tür$): Nun, da werden wir die
Antwort zu hören bekommen.


Vierter Auftritt

  Karenin, Lisa. (Sie gibt der Kinderfrau das Kind zurück. Die
  Kinderfrau ab.)

_Lisa_: Wird sich jetzt wirklich alles entscheiden, Viktor? ($Sie küßt
ihn.$)


Fünfter Auftritt

  Karenin, Lisa und Wosnesenski, welcher eintritt.

_Karenin_: Nun, wie steht es?

_Wosnesenski_: Er war nicht zu Hause.

_Karenin_: Nicht zu Hause? Und er hat die Bittschrift nicht
unterschrieben?

_Wosnesenski_: Die Bittschrift hat er nicht unterschrieben; aber er
hat einen Brief an Sie und Jelisaweta Andrejewna hinterlassen. ($Er
zieht einen Brief aus der Tasche und reicht ihn Karenin hin.$) Ich kam
nach seiner Wohnung; dort wurde mir gesagt, er sei in einem bestimmten
Restaurant; ich ging dorthin, und da sagte mir Fjodor Wasiljewitsch,
ich möchte in einer Stunde wiederkommen. Ich kam wieder hin, und da
hatte er diesen Brief hinterlassen ...

_Karenin_: Ob er wirklich immer neue Verschleppungsversuche und
Ausflüchte macht? Nein, das ist geradezu häßlich von ihm. Wie tief ist
er doch gesunken!

_Lisa_: So lies doch; mach!

_Karenin_ ($öffnet den Brief$).

_Wosnesenski_: Bedürfen Sie meiner noch?

_Karenin_: Nein, adieu, ich danke Ihnen ... ($Er liest und stutzt
erstaunt. Wosnesenski ab.$)


Sechster Auftritt

  Karenin und Lisa.

_Lisa_: Was steht darin? Was steht darin?

_Karenin_: Das ist schrecklich!

_Lisa_ ($greift nach dem Briefe$): So lies doch vor!

_Karenin_ ($liest$): „Lisa und Viktor, ich wende mich an Euch beide.
Ich will nicht lügen, indem ich Euch die Beiworte ‚lieb’ und ‚teuer’
gäbe. Wenn ich an Euch und Eure wechselseitige Liebe und an Euer
Glück denke, so kann ich mich eines bitteren Gefühles nicht erwehren;
Vorwürfe mache ich allerdings nur mir selbst, aber doch bereiten sie
mir Qual. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich, trotzdem ich der Ehemann
bin, Euch seinerzeit doch nur infolge einer Reihe von Zufälligkeiten
gehindert habe, ein Paar zu werden. =C'est moi qui suis l'intrus.= Aber
doch kann ich ein Gefühl der Bitterkeit und der Kälte Euch gegenüber
nicht unterdrücken. Theoretisch liebe ich Euch beide, besonders Lisa,
die gute Lisa; aber in Wirklichkeit bin ich mehr als kalt. Ich weiß,
daß ich daran unrecht tue; aber ich kann mich nicht ändern.”

_Lisa_: Wie kann er nur ...

_Karenin_ ($liest weiter$): „Aber zur Sache! Eben dieses zwiespältige
Gefühl veranlaßt mich dazu, Euren Wunsch in anderer Weise, als Ihr
es gewollt habt, zur Ausführung zu bringen. Zu lügen, eine unwürdige
Komödie aufzuführen, die Beamten des Konsistoriums zu schmieren, und
was der garstigen Dinge mehr sind, all das ist mir widerwärtig und
unerträglich. Wie garstig ich auch selbst sein mag, wenn auch garstig
in einem anderen Sinne, so kann ich mich doch an diesem garstigen Tun
nicht beteiligen; ich kann es einfach nicht. Der andere Ausweg, den ich
jetzt einschlage, ist der allereinfachste! Ihr wollt Euch heiraten, um
glücklich zu werden; ich bin Euch hinderlich; folglich muß ich aus dem
Leben scheiden!...”

_Lisa_ ($faßt Karenin an den Arm$): Viktor!

_Karenin_ ($liest weiter$): „... muß ich aus dem Leben scheiden. Und
das werde ich auch zur Ausführung bringen. Wenn Ihr diesen Brief
erhaltet, bin ich nicht mehr. =P.S.= Es tut mir sehr leid, daß Ihr
mir Geld zur Betreibung der Scheidung geschickt habt. Mir war das
unangenehm, und Eurem ganzen Wesen entsprach es nicht. Na, da hilft nun
nichts. Ich habe so viele Fehler begangen, da könnt Ihr auch einmal
einen begehen. Das Geld geht Euch wieder zu. Mein Ausweg ist kürzer,
billiger und sicherer. Um eines bitte ich Euch: seid mir nicht böse
und behaltet mich in gutem Andenken! Und noch etwas: hier lebt ein
Uhrmacher, namens Jewgenjew; könnt Ihr dem nicht helfen und seine
wirtschaftlichen Verhältnisse ordnen? Er ist ein schwacher, aber braver
Mensch. Lebt wohl! Fedja.”

_Lisa_: Er hat sich das Leben genommen! Ja ...

_Karenin_ ($klingelt und läuft in das Vorzimmer$): Rufen Sie Herrn
Wosnesenski zurück!

_Lisa_: Ich habe es gewußt, ich habe es gewußt! Fedja, lieber Fedja!

_Karenin_: Lisa!

_Lisa_: Es ist nicht wahr, nicht wahr, daß ich ihn nicht geliebt hätte
und auch jetzt nicht liebte. Ich liebe nur ihn allein. Ich liebe ihn.
Und ich habe ihn ins Verderben getrieben! Laß mich! ($Wosnesenski tritt
ein.$)


Siebenter Auftritt

  Karenin, Lisa und Wosnesenski.

_Karenin_: Wo ist Fjodor Wasiljewitsch? Was hat man Ihnen gesagt?

_Wosnesenski_: Man hat mir gesagt, er sei am Morgen unter Hinterlassung
dieses Briefes weggegangen und nicht wieder zurückgekehrt.

_Karenin_: Das muß ich in Erfahrung bringen, Lisa; ich verlasse dich.

_Lisa_: Verzeih mir, aber auch ich kann nicht lügen. Laß mich jetzt
allein! Geh und stelle fest, was geschehen ist!...

  Vorhang.



Fünfter Akt


Neuntes Bild

  Ein schmutziges Zimmer in einer Schenke. Ein Tisch mit Gästen, welche
  Tee und Branntwein trinken. Im Vordergrunde ein Tischchen, an welchem
  Fedja, ganz heruntergekommen und in zerlumpten Kleidern, sitzt und
  bei ihm Pjetuschkow, ein höflicher, zarter Mensch, dem seine langen
  Haare ein geistliches Aussehen verleihen. Beide sind ein wenig
  angetrunken.


Erster Auftritt

  Fedja und Pjetuschkow.

_Pjetuschkow_: Ich verstehe, ich verstehe. Ja, das ist echte Liebe.
Nun, und was dann?

_Fedja_: Ja, wissen Sie, wenn diese Gefühle bei einem jungen Mädchen
aus unserer Sphäre zutage kämen, so daß sie für den geliebten Mann
alles zum Opfer brächte, dann würde man das noch erklärlich finden;
aber hier handelt es sich um eine Zigeunerin, deren ganze Erziehung auf
Eigennutz gerichtet war; und dabei doch diese reine, selbstlose Liebe!
Sie gibt alles hin, ohne für sich selbst auch nur das geringste zu
verlangen. Dieser Kontrast ist besonders merkwürdig.

_Pjetuschkow_: Ja, das nennt man bei uns in der Malerei =valeur=.
Ein volles, grelles Rot kann man nur dann herausbringen, wenn
ringsumher Grün ist. Na, aber das gehört nicht hierher. Ich verstehe,
ich verstehe ...

_Fedja_: Ja, und das ist, glaube ich, die einzige gute Tat, die ich zur
Rettung meiner Seele getan habe, daß ich ihre Liebe nicht mißbrauchte.
Und wissen Sie warum?

_Pjetuschkow_: Aus Mitleid.

_Fedja_: Ach nein. Mein Gefühl ihr gegenüber war nicht Mitleid. Ich
war, wenn ich sie sah, immer voller Entzücken, und wenn sie sang, --
ach, wie sang sie! Auch jetzt singt sie vielleicht noch -- Und immer
blickte ich zu ihr wie zu einem höheren Wesen empor. Ich habe sie
einfach deswegen nicht unglücklich gemacht, weil ich sie liebte, sie
innig liebte. Und selbst jetzt noch ist das für mich eine schöne,
schöne Erinnerung. ($Er trinkt.$)

_Pjetuschkow_: Sehen Sie, ich verstehe das, ich verstehe das. Das ist
etwas Ideales.

_Fedja_: Ich will Ihnen was sagen: ich habe seinerzeit auch so meine
Schwärmereien und Liebschaften gehabt. Und so war ich denn auch
einmal verliebt, in eine schöne Dame, und ich war in einer häßlichen,
sinnlichen Art verliebt, und sie gab mir ein Rendezvous. Und ich blieb
weg, weil ich der Ansicht war, das sei eine Gemeinheit gegen den
Ehemann. Und bis auf den heutigen Tag geht es mir merkwürdig: wenn ich
daran zurückdenke, so möchte ich mich freuen und mich dafür loben, daß
ich ehrenhaft gehandelt habe; aber -- ich bereue es wie eine Sünde.
Aber hier, bei Mascha, ist es gerade umgekehrt. Ich freue mich immer,
freue mich sehr, daß ich dieses mein Gefühl mit nichts beschmutzt habe.
Ich kann noch tiefer sinken, kann ganz verkommen, alles, was ich auf
dem Leibe habe, verkaufen, kann verlaufen und die Krätze bekommen; aber
dieser Brillant, oder besser, dieser Sonnenstrahl, ja, der bleibt für
immer das Eigentum meiner Seele.

_Pjetuschkow_: Ich verstehe, ich verstehe. Wo ist sie denn jetzt?

_Fedja_: Ich weiß es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen.
Das gehörte alles einem andern Leben an. Und jenes Leben will ich nicht
mit meinem jetzigen vermischen. ($Man hört das Geschrei einer Frau an
dem hinteren Tische. Der Wirt tritt heran; ein Schutzmann erscheint;
die Frau wird abgeführt. Fedja und Pjetuschkow schauen hin, hören zu
und schweigen.$)

_Pjetuschkow_ ($nachdem es dort wieder ruhig geworden ist$): Ja, Ihr
Leben ist ein ganz wundersames gewesen.

_Fedja_: Nein, ein ganz gewöhnliches. Wir alle in der Lebenssphäre, in
der ich geboren bin, haben zwischen drei Dingen die Wahl, nur zwischen
dreien. Erstens, ein Amt zu bekleiden, Geld zu verdienen, den Schmutz,
in dem wir leben, noch zu vergrößern; das war mir zuwider; vielleicht
verstand ich es auch nicht; aber die Hauptsache war: es war mir
zuwider. Zweitens, diesen Schmutz zu bekämpfen; dazu muß man ein Held
sein, und ich bin kein Held. Oder drittens, sich selbst zu vergessen,
zu trinken, zu bummeln, zu singen; und eben dies habe ich getan. Und
nun ist das Lied ausgesungen. ($Er trinkt.$)

_Pjetuschkow_: Nun, und das Familienleben? Ich wäre glücklich, wenn ich
eine Frau hätte. An meinem Unglück ist meine Frau schuld.

_Fedja_: Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale Frau. Sie
ist auch jetzt noch am Leben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es fehlten
die kleinen Rosinen. Wissen Sie, die kleinen Rosinen im Kwas?[2] Es
fehlte in unserm Leben das Element des heiteren Spieles. Und es war mir
doch Bedürfnis, mich zu vergessen. Und ohne solches heiteres Spiel kann
man sich nicht vergessen. Und da fing ich an, garstige Dinge zu tun.
Sie wissen ja aber: wir lieben die Menschen wegen des Guten, das wir
ihnen getan haben, und empfinden Abneigung gegen sie wegen des Bösen,
das wir ihnen zugefügt haben. Und ich habe ihr viel Böses zugefügt. Sie
schien mich zu lieben.

_Pjetuschkow_: Warum sagen Sie: „Sie schien”?

_Fedja_: Das sage ich, weil sie mir seelisch nie so nahe gestanden hat
wie Mascha. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie war in andern
Umständen, und dann nährte sie das Kind; ich aber trieb mich umher
und kam betrunken nach Hause. Natürlich liebte ich sie eben deswegen
immer weniger. Ja, ja. ($Er gerät in Entzücken.$) Da fährt mir eben
ein Gedanke durch den Kopf: darum liebe ich Mascha, weil ich ihr Gutes
getan habe und nicht Übles. Darum liebe ich sie. Jene aber habe ich
gequält, und darum ... aber ich kann nicht sagen, daß ich Abneigung
gegen sie empfände; nein ich liebe sie einfach nicht. Eifersüchtig bin
ich gewesen, ja; aber auch das gehört der Vergangenheit an.


Zweiter Auftritt

  Fedja, Pjetuschkow und Artemjew, welcher herantritt. (Er trägt eine
  Kokarde, einen alten, geflickten Anzug und hat einen gefärbten
  Schnurrbart.)

_Artemjew_: Guten Appetit. ($Er verbeugt sich vor Fedja.$) Sind Sie mit
dem Künstler bekannt geworden?

_Fedja_ ($kühl$): Ja, wir sind miteinander bekannt.

_Artemjew_ ($zu Pjetuschkow$): Nun, haben Sie das Porträt fertiggemacht?

_Pjetuschkow_: Nein, ich war nicht bei Stimmung.

_Artemjew_ ($setzt sich$): Ich störe Sie doch nicht? ($Fedja und
Pjetuschkow schweigen.$)

_Pjetuschkow_: Fjodor Wasiljewitsch hat allerlei aus seinem Leben
erzählt.

_Artemjew_: Geheimnisse? Dann will ich nicht stören; fahren Sie
nur fort! Was mach ich mir aus euch, ihr Ochsen! ($Er geht zum
Nachbartische und läßt sich Bier geben. Während der ganzen folgenden
Zeit biegt er sich zu Fedja und Pjetuschkow hin und behorcht ihr
Gespräch.$)


Dritter Auftritt

_Fedja_: Ich kann diesen Herrn nicht leiden.

_Pjetuschkow_: Er hat sich beleidigt gefühlt.

_Fedja_: Na, meinetwegen. Ich kann mir nicht helfen: wenn so ein
Mensch dabeisitzt, bringe ich kein Wort heraus. Sehen Sie, in Ihrer
Gesellschaft fühle ich mich wohl und behaglich. Wovon redete ich doch
gerade?

_Pjetuschkow_: Sie sagten, Sie seien eifersüchtig gewesen. Nun, und auf
welche Weise haben Sie sich von Ihrer Frau getrennt?

_Fedja_: Ach! ($Er wird nachdenklich.$) Das ist eine wunderliche
Geschichte. Meine Frau ist verheiratet ...

_Pjetuschkow_: Wie denn das? Ist eine Scheidung erfolgt?

_Fedja_: Nein. ($Er lächelt.$) Sie ist als meine Witwe zurückgeblieben.

_Pjetuschkow_: Aber wie meinen Sie denn das?

_Fedja_: Nun ja, als meine Witwe. Ich lebe nicht mehr.

_Pjetuschkow_: Sie leben nicht mehr?

_Fedja_: Nein. Ich bin ein Leichnam. Ja. ($Artemjew biegt sich herüber
und horcht.$) Sehen Sie, Ihnen kann ich es ja sagen. Es ist schon lange
her, und meinen richtigen Familiennamen kennen Sie nicht. Die Sache
trug sich so zu. Als ich meine Frau schon ganz zermartert, alles, was
ich konnte, vergeudet hatte und ganz unerträglich geworden war, da
erschien ein Beschützer für sie. Glauben Sie nicht, daß da irgendetwas
Schmutziges, Häßliches vorgegangen wäre; nein, der Betreffende war
mein eigener Freund und ein guter, sehr guter Mensch, nur in jeder
Hinsicht das gerade Gegenteil von mir. Und da ich viel mehr schlechte
Eigenschaften besitze als gute, so war und ist er denn ein guter, sehr
guter Mensch: ehrenhaft, charakterfest, enthaltsam, mit einem Worte
tugendhaft. Er hatte meine Frau von Jugend auf gekannt, sie geliebt und
dann, als sie mich heiratete, sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt.
Später aber, als ich so garstig wurde und anfing, sie zu quälen, da
begann er häufiger bei uns zu verkehren. Ich wünschte das selbst. Und
sie gewannen einander lieb; ich aber geriet zu jener Zeit ganz und gar
auf Abwege und sagte mich selbst von meiner Frau los. Und dann kam noch
Mascha hinzu. Ich machte ihnen selbst den Vorschlag, sie möchten sich
heiraten. Sie wollten es nicht. Aber ich machte mich immer unmöglicher,
und die Sache endete damit, daß ...

_Pjetuschkow_: Wie immer ...

_Fedja_: Ich bin davon überzeugt und weiß, daß sie rein blieben. Er ist
ein religiöser Mensch und hielt eine Ehe ohne kirchlichen Segen für
Sünde. Na, sie begannen also die Scheidung zu verlangen; ich sollte
dazu meine Einwilligung geben. Wenn aber die Scheidung durchgesetzt
werden sollte, mußte ich die ganze Schuld auf mich nehmen und mich
zu einer großen Lügerei verstehen. Und das brachte ich nicht fertig.
Werden Sie es glauben: es wäre mir leichter geworden, mir das Leben zu
nehmen als zu lügen. Und ich wollte mir auch schon das Leben nehmen.
Aber da sagte eine gute Person zu mir: „Warum willst du das tun?”
Und es wurde alles arrangiert. Ich ließ ihnen einen Abschiedsbrief
zukommen, und am andern Tage fand man am Ufer meine Kleider und meine
Brieftasche mit verschiedenen an mich gerichteten Briefen. Schwimmen
kann ich nicht.

_Pjetuschkow_: Nun, und wie war es mit der Leiche? Wurde die nicht
gefunden?

_Fedja_: Ja, die wurde gefunden; denken Sie sich nur: eine Woche
darauf wurde eine Leiche gefunden. Meine Frau wurde zur Besichtigung
hinzugerufen. Die Leiche war schon stark in Verwesung übergegangen.
Meine Frau sah sie an. „Ist er es?” wurde sie gefragt. „Ja, er
ist es!” antwortete sie. Und dabei blieb es denn auch. Ich wurde
begraben, und sie heirateten sich und leben hier und fühlen sich
glücklich. Und ich lebe auch; ich lebe und trinke. Gestern ging ich
an dem Hause der beiden vorbei. Hinter den Fenstern war Licht; der
Schatten eines Menschen glitt an dem Rouleau vorüber. Manchmal ist mir
dabei scheußlich zumute; aber manchmal mache ich mir nichts daraus.
Scheußlich ist mir zumute, wenn ich kein Geld habe ... ($Er trinkt.$)

_Artemjew_ ($tritt näher$): Na, nehmen Sie es nicht übel, ich habe Ihre
Geschichte mit angehört. Es ist eine sehr nette und vor allen Dingen
eine sehr nützliche Geschichte. Sie sagen, es sei Ihnen scheußlich
zumute, wenn es Ihnen an Geld fehle. Allerdings, es gibt nichts
Scheußlicheres. Aber Sie in Ihrer Lage müßten doch eigentlich immer
Geld haben. Sie sind ja ein Leichnam. Nun gut ...

_Fedja_: Erlauben Sie! Ihnen habe ich das nicht erzählt, und ich
wünsche Ihre Ratschläge nicht.

_Artemjew_: Ich aber wünsche sie Ihnen dennoch zu geben. Sie sind ein
Leichnam, und wenn Sie wieder aufleben, dann sind jene beiden, Ihre
Gattin und der betreffende Herr, die sich jetzt so glücklich fühlen,
einfach Bigamisten und spazieren günstigsten Falls nach einem nicht
allzu entlegenen Verbannungsorte. Also warum sollte es Ihnen an Geld
fehlen?

_Fedja_: Ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen.

_Artemjew_: Schreiben Sie ganz einfach einen Brief! Oder wenn Sie
wollen, werde ich einen schreiben; Sie brauchen mir nur die Adresse zu
geben. Sie werden mir später noch dankbar sein.

_Fedja_: Scheren Sie sich weg, sage ich Ihnen! Ich habe Ihnen nichts
mitgeteilt.

_Artemjew_: Doch, das haben Sie getan. Da ist ein Zeuge. Der Kellner
hat es gehört, daß Sie sagten, Sie seien ein Leichnam.

_Der Kellner_: Ich weiß von nichts.

_Fedja_: Sie Taugenichts!

_Artemjew_: Ich ein Taugenichts?! He, Schutzmann! Es muß ein Protokoll
darüber aufgenommen werden!

_Fedja_ ($steht auf und geht hinaus$). ($Artemjew halt ihn fest. Ein
Schutzmann kommt.$)

  Vorhang.


Zehntes Bild

  Die Handlung spielt auf einem Gute, in einer von Efeu umrankten
  Veranda.


Erster Auftritt

  Anna Dmitrijewna, Karenin, Lisa (die in andern Umständen ist), die
  Kinderfrau mit dem Kinde.

_Lisa_: Jetzt fährt er schon vom Bahnhof im Wagen hierher.

_Der Knabe_: Wer fährt?

_Lisa_: Der Papa.

_Der Knabe_: Papa fährt schon vom Bahnhof im Wagen hierher!

_Lisa_: =C'est étonnant, comme il l'aime, tout-à-fait comme son père.=

_Anna Dmitrijewna_: =Tant mieux! Se souvient-il de son père véritable?=

_Lisa_: Ich spreche nie mit ihm von diesem. Ich denke, wozu soll ich
ihm den Kopf wirr machen? Manchmal aber denke ich wieder, ich müßte es
ihm eigentlich doch sagen. Was meinen Sie, Mama?

_Anna Dmitrijewna_: Ich meine, Lisa, das ist Sache des Gefühls, und
wenn du dich deinem Gefühle überläßt, so wird dein Herz dir schon
zuflüstern, was du ihm sagen sollst und wann. In wie wunderbarer Weise
doch der Tod versöhnend wirkt! Ich muß gestehen, es hat eine Zeit
gegeben, wo er, Fedja (ich habe ihn ja gekannt, als er noch ein Kind
war), für mich etwas Unangenehmes hatte; aber jetzt erinnere ich mich
seiner nur als eines liebenswürdigen jungen Mannes, als eines Freundes
von Viktor und als jenes leidenschaftlichen Menschen, der, ob auch in
gesetzwidriger, nicht religiöser Weise, sich selbst für diejenigen zum
Opfer brachte, die er liebte. =On aura beau dire, l'action est belle=...
Hoffentlich hat Viktor nicht vergessen, Wolle mitzubringen; meine
ist gleich alle. ($Sie strickt.$)

_Lisa_: Da kommt er. ($Man hört Rädergerassel und Schellengeklingel.
Lisa steht auf und tritt an den Rand der Veranda.$)

_Lisa_: Er hat jemand bei sich. Eine Dame mit einem Hute. Es ist meine
Mama! Es ist eine Ewigkeit, daß ich sie nicht gesehen habe. ($Sie geht
zur Tür.$)


Zweiter Auftritt

  Lisa, Anna Dmitrijewna Karenina, die Kinderfrau mit dem Kinde.
  Karenin und Anna Pawlowna treten ein.

_Anna Pawlowna_ ($küßt Lisa und Anna Dmitrijewna$): Viktor hat mich
getroffen und hergebracht.

_Anna Dmitrijewna_: Sehr recht von ihm.

_Anna Pawlowna_: Ja, gewiß. Ich dachte oft, ich möchte euch einmal
wiedersehen, schob es aber immer auf. Da bin ich nun mitgekommen und
werde, wenn ihr mich nicht fortjagt, bis zum Abendzuge hier bleiben.

_Karenin_ ($küßt seine Frau, seine Mutter und den Knaben$): Und ich bin
so glücklich, -- ihr könnt mir gratulieren. Ich kann zwei Tage zu Hause
bleiben. Morgen werden sie sich auf dem Büro ohne mich behelfen.

_Lisa_: Das ist ja prächtig! Zwei Tage! Das ist lange nicht dagewesen.
Laß uns nach dem Klösterchen fahren; ja?

_Anna Pawlowna_: Wie ähnlich das Kind seinem Vater ist! Und was ist er
für ein forscher Junge geworden! Wenn er nur nicht alles von seinem
Vater geerbt hat; dessen gutes Herz, nun ja ...

_Anna Dmitrijewna_: Aber nicht seine Schwäche.

_Lisa_: Er ist sein vollständiges Ebenbild. Aber Viktor ist mit mir
derselben Ansicht, daß, wenn er nur von klein auf richtig erzogen
wird ...

_Anna Pawlowna_: Nun, ich verstehe das alles nicht; ich kann nur sagen:
ich vermag nicht an ihn zurückzudenken, ohne daß mir die Tränen kommen.

_Lisa_: Mir geht es ebenso. Wie er in unserer Erinnerung gewachsen ist!

_Anna Pawlowna_: Ja, das finde ich auch.

_Lisa_: Wie schien doch eine Zeitlang alles unlösbar verworren zu sein!
Und wie entwirrte sich dann plötzlich alles!

_Anna Dmitrijewna_: Nun, Viktor, hast du die Wolle mitgebracht?

_Karenin_: Gewiß, gewiß! ($Er nimmt seine Reisetasche und holt allerlei
daraus hervor.$) Da ist die Wolle, und da die =Eau de Cologne=, und da
die angekommenen Briefe, und da ein amtliches Schreiben an dich. ($Er
gibt es seiner Frau.$) Nun, Anna Pawlowna, wenn Sie Lust haben, sich
nach der Fahrt zu waschen, so werde ich Sie führen. Auch ich muß mich
säubern; wir essen sogleich zu Mittag. Lisa, ich soll Anna Pawlowna
doch wohl in das Eckzimmer im Parterre bringen? ($Lisa, die ganz blaß
geworden ist, hält das Schriftstück in den zitternden Händen und liest
es.$)

_Karenin_: Was ist dir, Lisa? Was steht darin?

_Lisa_: Er ist am Leben. Mein Gott! Wann wird er mich endlich
freigeben?! Viktor! Wie hängt das zusammen? ($Sie schluchzt.$)

_Karenin_ ($nimmt das Schriftstück und liest es$): Das ist entsetzlich!

_Anna Dmitrijewna_: Was denn? So sprich doch!

_Karenin_: Das ist entsetzlich. Er ist am Leben. Und sie ist eine
Bigamistin, und ich bin ein Verbrecher. Dieses Schreiben kommt vom
Untersuchungsrichter, der Lisa vorladet.

_Anna Dmitrijewna_: Welch ein entsetzlicher Mensch! Warum hat er das
angerichtet?!

_Karenin_: Es ist alles Lüge, alles Lüge.

_Lisa_: O, wie ich ihn hasse! Ich weiß nicht, was ich rede. ($Sie geht
weinend ab, Karenin folgt ihr.$)


Dritter Auftritt

  Anna Dmitrijewna und Anna Pawlowna.

_Anna Pawlowna_: Wie in aller Welt geht das zu, daß er noch lebt?

_Anna Dmitrijewna_: Ich weiß nur, daß Viktor, seit er mit dieser Welt
des Schmutzes in Berührung gekommen ist, immer mehr hineingezogen wird.
Und jetzt versinkt er darin. Alles ist Betrug, alles Lüge!

  Vorhang.



Sechster Akt


Elftes Bild

  Amtszimmer des Untersuchungsrichters. Der Untersuchungsrichter sitzt
  am Tische und unterhält sich mit Melnikow. Seitwärts blättert der
  Protokollführer in Akten.


Erster Auftritt

  Der Untersuchungsrichter, Melnikow, der Protokollführer.

_Der Untersuchungsrichter_: Ich habe ihr das nie gesagt. Sie hat sich
das ausgesonnen und macht mir nun Vorwürfe.

_Melnikow_: Sie macht dir keine Vorwürfe; sie ist nur sehr betrübt.

_Der Untersuchungsrichter_: Nun gut, ich werde zum Mittagessen
kommen. Aber jetzt haben wir hier eine sehr interessante Sache. ($Zum
Protokollführer:$) Lassen Sie sie eintreten!

_Der Protokollführer_: Beide?

_Der Untersuchungsrichter_ ($hört auf zu rauchen und verwahrt die
Zigarette$): Nein! Nur Frau Karenina oder richtiger nach ihrem ersten
Manne, Frau Protasowa.

_Melnikow_ ($geht weg$): Ach, es handelt sich um Frau Karenina!

_Der Untersuchungsrichter_: Ja, es ist eine unsaubere Sache. Allerdings
fange ich die Untersuchung eben erst an; aber schön ist die Geschichte
nicht. Na, dann adieu! ($Melnikow ab.$)


Zweiter Auftritt

  Der Untersuchungsrichter und Lisa, die schwarz gekleidet und
  verschleiert eintritt.

_Der Untersuchungsrichter_: Bitte ergebenst. ($Er weist auf einen
Stuhl.$) Wollen Sie mir glauben, daß ich die Notwendigkeit, Ihnen
einige Fragen vorzulegen, sehr bedauere; aber ich befinde mich in
einer Zwangslage ... Bitte, beruhigen Sie sich; ich mache Sie darauf
aufmerksam, daß Sie die Antwort auf meine Fragen verweigern dürfen.
Nur bin ich der Ansicht, daß es für Sie und für alle das Beste ist,
alles der Wahrheit gemäß auszusagen. Das ist immer das Beste und
Zweckmäßigste.

_Lisa_: Ich habe nichts zu verheimlichen.

_Der Untersuchungsrichter_: Also hier ($er blickt in ein Aktenstück$).
Ihren Namen, Ihren Stand, Ihre Religion, das habe ich alles schon
hingeschrieben; stimmt es?

_Lisa_: Ja.

_Der Untersuchungsrichter_: Sie werden beschuldigt, obwohl Sie wußten,
daß Ihr Mann am Leben war, einen andern geheiratet zu haben.

_Lisa_: Ich wußte es nicht.

_Der Untersuchungsrichter_: Und ferner werden Sie beschuldigt, durch
Zahlung einer Geldsumme ihren Mann zur Begehung eines Betruges, nämlich
zur Vorspiegelung eines Selbstmordes, veranlaßt zu haben, in der
Absicht, von ihm loszukommen.

_Lisa_: Das ist alles nicht wahr.

_Der Untersuchungsrichter_: Gestatten Sie mir also einige Fragen. Haben
Sie ihm im Juli vorigen Jahres zwölfhundert Rubel übersandt?

_Lisa_: Dieses Geld gehörte ihm. Es war der Erlös aus seinen Sachen.
Und in der Zeit, als ich mich von ihm getrennt hatte und darauf
wartete, daß er die Scheidung in die Wege leite, da schickte ich es ihm.

_Der Untersuchungsrichter_: So so, sehr wohl. Dieses Geld wurde ihm am
17. Juli übersandt, das heißt zwei Tage vor seinem Verschwinden.

_Lisa_: Es mag am 17. Juli gewesen sein. Ich erinnere mich nicht.

_Der Untersuchungsrichter_: Warum wurden aber die Bemühungen beim
Konsistorium zu derselben Zeit eingestellt und dem Rechtsanwalt das
erteilte Mandat wieder abgenommen?

_Lisa_: Das weiß ich nicht.

_Der Untersuchungsrichter_: Nun, aber als die Polizei Sie aufforderte,
die Leiche zu rekognoszieren, auf welche Weise erkannten Sie in
derselben Ihren Mann?

_Lisa_: Ich war damals so aufgeregt, daß ich die Leiche nicht genauer
ansah, und war so davon überzeugt, daß er es war, daß ich, als ich
gefragt wurde, antwortete, er sei es wohl.

_Der Untersuchungsrichter_: Ja, Sie haben ihn in einer sehr
erklärlichen Aufregung nicht genauer angesehen. Sehr wohl. Nun aber
gestatten Sie die Frage: warum haben Sie denn allmonatlich Geld nach
Saratow geschickt, nach eben der Stadt, wo Ihr erster Mann wohnte?

_Lisa_: Dieses Geld hat mein Mann hingeschickt. Und über die Bestimmung
desselben kann ich nichts aussagen, da das nicht mein Geheimnis ist.
Nur soviel: es wurde nicht an Fjodor Wasiljewitsch geschickt. Wir waren
fest davon überzeugt, daß er nicht mehr am Leben sei. Das kann ich
Ihnen wahrheitsgemäß sagen.

_Der Untersuchungsrichter_: Sehr wohl. Gestatten Sie mir nur die
eine Bemerkung, gnädige Frau: wir sind Diener des Gesetzes; aber das
hindert uns nicht, Menschen zu sein. Wollen Sie mir glauben: ich
habe ein volles Verständnis für Ihre Lage und wende ihr meine ganze
Teilnahme zu. Sie waren an einen Menschen gebunden, der das Vermögen
verschwendete, Sie hinterging, mit einem Worte ein schweres Kreuz für
Sie war ...

_Lisa_: Ich liebte ihn.

_Der Untersuchungsrichter_: Ja, aber es mußte doch in Ihnen ganz
natürlicherweise der Wunsch rege werden, von ihm loszukommen, und
Sie wählten diesen einfachen Weg, ohne zu bedenken, daß er Sie zu
etwas führte, was als ein Verbrechen angesehen wird, zur Bigamie; das
ist auch mir verständlich. Und auch die Geschworenen werden dafür
Verständnis haben. Und daher würde ich Ihnen raten, alles offen zu
gestehen.

_Lisa_: Ich habe nichts zu gestehen. Ich habe nie gelogen. ($Sie
weint.$) Bin ich nicht mehr nötig?

_Der Untersuchungsrichter_: Ich möchte Sie bitten, noch ein Weilchen
hier zu bleiben. Ich werde Sie nicht weiter mit Fragen belästigen.
Haben Sie nur die Güte, dies hier durchzulesen und zu unterschreiben.
Es ist das Protokoll über Ihre Vernehmung. Sind Ihre Antworten richtig
wiedergegeben? Bitte ergebenst, dort Platz zu nahmen. ($Er zeigt auf
einen Lehnstuhl am Fenster.$) ($Zu dem Protokollführer:$) Rufen Sie
Herrn Karenin!


Dritter Auftritt

  Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa. Karenin tritt
  mit ernster, feierlicher Miene ein.

_Der Untersuchungsrichter_: Bitte ergebenst!

_Karenin_: Ich danke. ($Er bleibt stehen.$) Was steht zu Ihren Diensten?

_Der Untersuchungsrichter_: Ich bin verpflichtet, Sie zu vernehmen.

_Karenin_: In welcher Eigenschaft?

_Der Untersuchungsrichter_ ($lächelnd$): Ich in meiner Eigenschaft als
Untersuchungsrichter bin verpflichtet, Sie in Ihrer Eigenschaft als
Beschuldigter zu vernehmen.

_Karenin_: Wieso? Weswegen?

_Der Untersuchungsrichter_: Wegen einer Ehe mit einer verheirateten
Frau. Gestatten Sie aber, daß ich die Fragen der Reihe nach stelle.
Nehmen Sie Platz!

_Karenin_: Ich danke.

_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Name?

_Karenin_: Viktor Karenin.

_Der Untersuchungsrichter_: Stand?

_Karenin_: Kammerherr, Wirklicher Staatsrat.

_Der Untersuchungsrichter_: Alter?

_Karenin_: Achtunddreißig Jahre.

_Der Untersuchungsrichter_: Religion?

_Karenin_: Rechtgläubig. Vor Gericht habe ich noch nie gestanden und
bin nie in Untersuchung gewesen. Nun?

_Der Untersuchungsrichter_: War Ihnen damals, als Sie die Ehe mit Ihrer
Frau eingingen, bekannt, daß Fjodor Wasiljewitsch Protasow am Leben war?

_Karenin_: Nein, das war mir nicht bekannt. Wir waren beide der
Überzeugung, daß er ertrunken sei.

_Der Untersuchungsrichter_: An wen haben Sie nach der unwahren
Nachricht von Protasows Tode allmonatlich Geld nach Saratow geschickt?

_Karenin_: Diese Frage möchte ich nicht beantworten.

_Der Untersuchungsrichter_: Sehr wohl. In welcher Absicht haben
Sie Herrn Protasow kurz vor der Simulation seines Todes am 17. Juli
zwölfhundert Rubel übersandt?

_Karenin_: Dieses Geld hatte mir meine Frau übergeben.

_Der Untersuchungsrichter_: Frau Protasowa?

_Karenin_: Meine Frau hatte es mir übergeben zur Absendung an ihren
Mann. Sie hielt dieses Geld für sein Eigentum, und da sie alle
Beziehungen zu ihm abgebrochen hatte, so hielt sie es für unrecht,
dieses Geld zurückzubehalten.

_Der Untersuchungsrichter_: Jetzt noch eine Frage: warum haben Sie die
Bemühungen um die Ehescheidung eingestellt?

_Karenin_: Weil Fjodor Wasiljewitsch diese Bemühungen auf sich genommen
und mich davon brieflich verständigt hatte.

_Der Untersuchungsrichter_: Besitzen Sie diesen Brief?

_Karenin_: Der Brief ist verloren gegangen.

_Der Untersuchungsrichter_: Merkwürdig, daß alles das, was geeignet
wäre, das Gericht von der Richtigkeit Ihrer Angaben zu überzeugen,
verloren gegangen und nicht zur Stelle ist.

_Karenin_: Wünschen Sie sonst noch etwas?

_Der Untersuchungsrichter_: Ich wünsche weiter nichts als meine Pflicht
zu erfüllen; Ihnen aber liegt ob, sich zu rechtfertigen, und ich habe
soeben Frau Protasowa einen Rat gegeben und möchte ebendenselben
auch Ihnen erteilen: nicht zu verheimlichen, was doch für einen
jeden offensichtlich ist, und alles so zu erzählen, wie es sich in
Wirklichkeit zugetragen hat. Um so mehr, da Herr Protasow schon alles
so ausgesagt hat, wie es gewesen ist, und wahrscheinlich auch vor
Gericht bei seiner Aussage verbleiben wird. Ich möchte Ihnen raten ...

_Karenin_: Ich würde Sie bitten, sich innerhalb des Rahmens der
Erfüllung Ihrer Pflichten zu halten und Ihre Ratschläge beiseite zu
lassen. Dürfen wir weggehen? ($Er tritt zu Lisa hin; sie steht auf und
nimmt seinen Arm.$)

_Der Untersuchungsrichter_: Ich bedauere lebhaft, daß ich Sie noch
zurückhalten muß ... ($Karenin wendet sich erstaunt um.$) O nein, nicht
in dem Sinne, als ob ich Sie verhaften lassen wollte. Wiewohl das zur
Erforschung der Wahrheit ganz zweckdienlich sein würde, werde ich doch
nicht zu dieser Maßregel greifen. Ich möchte nur Herrn Protasow in
Ihrer Gegenwart verhören und Sie mit ihm konfrontieren; Sie werden
dabei eine bequeme Möglichkeit haben, ihn der Unwahrheit zu überführen.
Bitte, nehmen Sie Platz! ($Zum Protokollführer:$) Rufen Sie Herrn
Protasow herein!


Vierter Auftritt

  Der Untersuchungsrichter, der Protokollführer, Lisa, Karenin. Fedja,
  schmutzig und verkommen, tritt ein.

_Fedja_ ($wendet sich zu Lisa und Karenin$): Lisa, Jelisaweta
Andrejewna, Viktor, ich bin nicht schuld daran. Ich wollte es recht
gut machen. Wenn mich aber doch eine Schuld trifft, so verzeiht mir,
verzeiht mir! ($Er verbeugt sich tief vor ihnen.$)

_Der Untersuchungsrichter_: Ich bitte Sie, auf meine Fragen zu
antworten.

_Fedja_: Fragen Sie!

_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Name?

_Fedja_: Den wissen Sie ja doch.

_Der Untersuchungsrichter_: Ich bitte Sie zu antworten.

_Fedja_: Na, Fjodor Protasow.

_Der Untersuchungsrichter_: Ihr Stand, Ihr Lebensalter, Ihre Religion?

_Fedja_ ($schweigt zunächst$): Schämen Sie sich denn nicht, solche
dummen Fragen zu stellen? Fragen Sie doch, was nötig ist, und nicht
solche Torheiten!

_Der Untersuchungsrichter_: Ich ersuche Sie, in Ihren Ausdrücken
vorsichtiger zu sein und auf meine Fragen zu antworten.

_Fedja_: Na, wenn Sie sich nicht schämen, dann hören Sie! Stand:
Kandidat[3]; Lebensalter: vierzig Jahre; Religion: rechtgläubig; na,
nun weiter!

_Der Untersuchungsrichter_: War es Herrn Karenin und Ihrer Frau
bekannt, daß Sie am Leben geblieben waren, als Sie Ihre Kleider am
Flußufer hatten liegen lassen und selbst verschwunden waren?

_Fedja_: Bestimmt nicht. Ich hatte mich wirklich töten wollen, aber
dann ... na, das brauche ich nicht zu erzählen. Tatsache ist, daß sie
nichts wußten.

_Der Untersuchungsrichter_: Wie kommt es denn, daß Sie dem
Polizeibeamten ganz andere Aussagen gemacht haben?

_Fedja_: Welchem Polizeibeamten? Ach so, als einer zu mir in das
Nachtasyl kam? Ich war betrunken und log ihm etwas vor; was, das
weiß ich nicht mehr. Das ist alles dummes Zeug. Jetzt bin ich nicht
betrunken und sage die volle Wahrheit. Sie haben nichts gewußt. Sie
glaubten, ich sei nicht mehr am Leben. Und ich freute mich darüber. Und
es wäre auch alles so geblieben, wenn sich nicht dieser Schuft Artemjew
hineingemischt hätte. Und wenn jemand eine Schuld trägt, so ist er es
allein.

_Der Untersuchungsrichter_: Ich verstehe, daß Sie sich großmütig
zeigen wollen; aber das Gesetz verlangt Wahrheit. Warum ist Ihnen Geld
geschickt worden?

_Fedja_ ($schweigt$).

_Der Untersuchungsrichter_: Sie haben durch Simonow das Geld erhalten,
das Ihnen nach Saratow geschickt wurde?

_Fedja_ ($schweigt$).

_Der Untersuchungsrichter_: Warum antworten Sie nicht? Es wird im
Protokolle vermerkt werden, daß der Beschuldigte auf diese Fragen nicht
geantwortet hat, und das kann sowohl Ihnen als auch jenen beiden sehr
schaden. Also wie wollen Sie sich nun verhalten?

_Fedja_ ($nach anfänglichem Schweigen$): Ach, Herr
Untersuchungsrichter, daß Sie sich nicht schämen! Warum stöbern Sie in
einem fremden Leben herum? Sie freuen sich darüber, daß Sie die Macht
haben, und um diese Macht zu beweisen, martern Sie, wenn auch nicht
physisch, so doch seelisch, Leute, die tausendmal besser sind als Sie.

_Der Untersuchungsrichter_: Ich ersuche Sie ...

_Fedja_: Da ist nichts zu ersuchen. Ich sage alles, was ich denke.
($Zum Protokollführer:$) Schreiben Sie es nur nieder! Wenigstens werden
auf diese Art zum erstenmal in einem Protokolle vernünftige menschliche
Gedanken stehen. ($Dann mit erhobener Stimme:$) Da waren drei Menschen:
ich, er und sie. Unter uns bestanden komplizierte Beziehungen; es
war ein Kampf des Guten mit dem Bösen, ein seelischer Kampf, von dem
Sie keinen Begriff haben. Dieser Kampf endete mit einer bestimmten
Situation, die alle Schwierigkeiten löste. Alle Beteiligten kamen zur
Ruhe. Jene beiden waren glücklich und bewahrten mir ein freundliches
Andenken. Und auch ich war trotz meines tiefen Falles glücklich
darüber, daß ich meine Pflicht getan hatte, daß ich unnützer Mensch aus
dem Leben gegangen war, um nicht zwei andern, braven, lebensfrischen
Menschen im Wege zu sein. Und wir waren alle drei am Leben geblieben.
Auf einmal erschien ein Taugenichts, ein Erpresser, der von mir
verlangte, ich solle mich an der von ihm geplanten Erpressung
beteiligen. Ich wies ihn von mir. Er ging zu Ihnen, dem Kämpfer für das
Recht, dem Hüter der Moral. Und Sie, der Sie an jedem Zwanzigsten des
Monats Ihr Gehalt für die Gemeinheiten erhalten, die Sie verüben, Sie
zogen sich Ihre Uniform an und tun sich nun leichten Herzens diesen
beiden Menschen gegenüber wichtig, denen Sie nicht wert sind die
Schuhriemen aufzulösen, und die Ihnen nicht einmal den Eintritt in ihr
Vorzimmer gestatten würden. Aber Sie haben sich diese beiden Menschen
vorgenommen und freuen sich ...

_Der Untersuchungsrichter_: Ich werde Sie hinausbringen lassen ...

_Fedja_: Ich fürchte mich vor niemand; denn ich bin ein Leichnam, und
Sie können mir nichts antun; es gibt keine Lage, die schlimmer wäre als
die meinige. Na, dann lassen Sie mich nur hinausbringen!

_Karenin_: Dürfen wir nun gehen?

_Der Untersuchungsrichter_: Sofort; ich bitte Sie nur, erst noch das
Protokoll zu unterschreiben.

_Fedja_: Was würden Sie für eine komische Person sein, wenn Sie nicht
so ekelhaft wären.

_Der Untersuchungsrichter_: Führen Sie ihn ab! Ich verhafte Sie.

_Fedja_ ($zu Karenin und Lisa$): Also verzeiht mir!

_Karenin_ ($tritt zu ihm und gibt ihm die Hand$): Es hat wohl alles so
sein sollen ... ($Lisa geht vorüber. Fedja verbeugt sich tief.$)

  Vorhang.


Zwölftes Bild

  Korridor im Gebäude des Bezirksgerichts.

  Im Hintergrunde eine Glastür, bei der ein Gerichtsdiener steht.
  Rechts eine andere Tür, durch die die Angeklagten hineingeführt
  werden. Der ersteren Tür nähert sich Iwan Petrowitsch Alexandrow, in
  zerlumpter Kleidung, und will hineingehen.


Erster Auftritt

  Der Gerichtsdiener und Iwan Petrowitsch.

_Der Gerichtsdiener_: Wo wollen Sie da hin? Es ist nicht erlaubt.
Solche Dreistigkeit!

_Iwan Petrowitsch_: Warum ist das nicht erlaubt? Das Gesetz sagt: die
Sitzungen sind öffentlich. ($Man hört Beifallsklatschen.$)

_Der Gerichtsdiener_: Es ist nicht erlaubt; das genügt. Es ist verboten.

_Iwan Petrowitsch_: Flegel! Du weißt nicht, mit wem du sprichst. ($Ein
junger Rechtsanwalt im Frack kommt heraus.$)


Zweiter Auftritt

  Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und der junge Rechtsanwalt.

_Der junge Rechtsanwalt_: Was ist mit Ihnen? Sind Sie bei dem Prozeß
beteiligt?

_Iwan Petrowitsch_: Nein, ich bin Publikum. Aber der Flegel von
Cerberus hier läßt mich nicht hinein.

_Der junge Rechtsanwalt_: Das ist ja auch kein Eingang für das Publikum.

_Iwan Petrowitsch_: Das weiß ich; aber mich könnte er schon
hineinlassen.

_Der junge Rechtsanwalt_: Warten Sie einen Augenblick; es wird gleich
eine Pause gemacht werden. ($Im Begriff wegzugehen begegnet er dem
Fürsten Abreskow.$)


Dritter Auftritt

  Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch, der junge Rechtsanwalt und
  Fürst Abreskow.

_Fürst Abreskow_: Gestatten Sie mir die Frage: wie weit ist die
Verhandlung gediehen?

_Der junge Rechtsanwalt_: Die Verteidiger halten ihre Plädoyers. Jetzt
spricht Petruschin. ($Erneutes Beifallsklatschen.$)

_Fürst Abreskow_: Nun, und wie ertragen denn die Angeklagten ihre
Situation?

_Der junge Rechtsanwalt_: Mit großer Würde, namentlich Karenin und
Jelisaweta Andrejewna. Es ist, als ob sie nicht angeklagt wären,
sondern über die Gesellschaft zu Gericht säßen. Das ist das allgemeine
Gefühl. Und auf diesen Ton hat auch Petruschin seine Rede gestimmt.

_Fürst Abreskow_: Nun, und Protasow?

_Der junge Rechtsanwalt_: Er ist furchtbar aufgeregt. Er zittert
am ganzen Leibe; indes ist das freilich bei seinem Lebenswandel
erklärlich. Aber er ist von einer besonderen Reizbarkeit und hat
mehrmals den Staatsanwalt und die Verteidiger unterbrochen. Er befindet
sich in einer eigentümlichen Erregung.

_Fürst Abreskow_: Was meinen Sie? Wie wird das Urteil ausfallen?

_Der junge Rechtsanwalt_: Das ist schwer zu sagen; die Zusammensetzung
der Geschworenenbank weist eine bunte Mischung auf. Jedenfalls werden
sie keinen Vorbedacht annehmen; aber trotzdem ... ($Ein Herr kommt
heraus. Fürst Abreskow geht auf die Tür zu.$) Wollen Sie hineingehen?

_Fürst Abreskow_: Ja, ich möchte gern.

_Der junge Rechtsanwalt_: Sie sind Fürst Abreskow?

_Fürst Abreskow_: Ja.

_Der junge Rechtsanwalt_ ($zu dem Gerichtsdiener$): Lassen Sie den
Herrn hindurch! Gleich linker Hand ist ein Stuhl frei.


Vierter Auftritt

  Der Gerichtsdiener läßt den Fürsten Abreskow hindurch. Man sieht
  einen plädierenden Verteidiger. Der Gerichtsdiener, der junge
  Rechtsanwalt und Iwan Petrowitsch.

_Iwan Petrowitsch_: Ja, ja, diese Aristokraten! Ich bin ein Aristokrat
des Geistes, und das ist noch etwas Höheres.

_Der junge Rechtsanwalt_: Nun, entschuldigen Sie mich jetzt! ($Er geht
fort.$)


Fünfter Auftritt

  Der Gerichtsdiener, Iwan Petrowitsch und Pjetuschkow, welcher eilig
  kommt.

_Pjetuschkow_: Ah, guten Tag, Iwan Petrowitsch! Wie weit ist die Sache?

_Iwan Petrowitsch_: Bei den Plädoyers der Verteidiger. Aber man wird
nicht hineingelassen.

_Der Gerichtsdiener_: Machen Sie hier keinen Lärm! Hier ist keine
Schenke. ($Wieder Beifallsklatschen. Die Tür öffnet sich, und es kommen
Rechtsanwälte und Zuhörer heraus: Herren und Damen.$)


Sechster Auftritt

  Dieselben, eine Dame und ein Offizier.

_Die Dame_: Herrlich; er hat mich geradezu bis zu Tränen gerührt.

_Der Offizier_: Das ist schöner als jeder Roman. Unbegreiflich ist mir
nur, wie sie ihn hat lieben können. Ein entsetzliches Subjekt!


Siebenter Auftritt

  Dieselben. Es öffnet sich die andere Tür, und die Angeklagten kommen
  heraus, zuerst Lisa und Karenin, die dann auf dem Korridor auf und ab
  gehen; nach ihnen Fedja, allein.

_Die Dame_: Still, still! Das ist er. Sehen Sie nur, wie aufgeregt er
ist. ($Die Dame und der Offizier entfernen sich.$)

_Fedja_ ($tritt an Iwan Petrowitsch heran$): Hast du ihn mitgebracht?

_Iwan Petrowitsch_: Da ist er. ($Er gibt ihm etwas.$)

_Fedja_ ($steckt den erhaltenen Gegenstand in die Tasche und will
gehen; dabei erblickt er Pjetuschkow$): Die ganze Gerichtsverhandlung
ist dumm und gemein; langweilig, langweilig; sinnlos. ($Er will
weggehen.$)


Achter Auftritt

  Dieselben und Petruschin (Rechtsanwalt, wohlbeleibt, mit frischer
  Gesichtsfarbe und lebhaftem Wesen; er tritt zu Fedja heran).

_Petruschin_: Nun, lieber Freund, unsere Sache steht gut; verderben Sie
sie mir nur nicht durch Ihre letzte Ansprache!

_Fedja_: Ich werde gar nicht reden. Was sollte ich ihnen sagen?! Ich
werde es nicht tun.

_Petruschin_: Nicht doch; reden müssen Sie. Haben Sie nur keine Angst!
Wir haben jetzt schon so gut wie gewonnenes Spiel. Sagen Sie nur das,
was Sie schon zu mir gesagt haben: daß Sie im Falle einer Verurteilung
nur deswegen verurteilt werden würden, weil Sie einen Selbstmord, das
heißt eine nach bürgerlichem und kirchlichem Rechte als Verbrechen
geltende Handlung nicht begangen hätten.

_Fedja_: Ich werde nichts sagen.

_Petruschin_: Warum nicht?

_Fedja_: Ich will es nicht und werde es nicht tun. Sagen Sie mir nur:
was kann im schlimmsten Falle erfolgen?

_Petruschin_: Das habe ich Ihnen bereits gesagt: im schlimmsten Falle
Verschickung nach Sibirien.

_Fedja_: Das heißt, wer würde verschickt werden?

_Petruschin_: Sowohl Sie als auch Ihre Frau.

_Fedja_: Und im besten Falle?

_Petruschin_: Kirchenbuße und selbstverständlich Annullierung der
zweiten Ehe.

_Fedja_: Das heißt also, man würde mich wieder an sie fesseln, oder
vielmehr sie an mich.

_Petruschin_: Ja, so wird es wohl kommen. Aber regen Sie sich nicht
auf! Und bitte, sprechen Sie nur so, wie ich es Ihnen sage, und nur die
Hauptsache, nichts Überflüssiges! Na, aber ... ($er bemerkt, daß sich
ein Kreis von Zuhörern um sie gebildet hat$) ich bin müde geworden und
will weggehen und mich ein Weilchen still hinsetzen. Sie sollten sich
ebenfalls ein bißchen erholen. Die Hauptsache ist: nicht ängstlich sein!

_Fedja_: Und anders kann die Entscheidung nicht ausfallen?

_Petruschin_ ($im Weggehen$): Nein, anders nicht.


Neunter Auftritt

  Dieselben außer Petruschin; ein Gerichtsbeamter.

_Der Gerichtsbeamte_: Gehen Sie weiter, gehen Sie weiter! Nicht auf dem
Korridor stehen bleiben!

_Fedja_: Sofort. ($Er nimmt den Revolver heraus und schießt sich ins
Herz. Er fällt zu Boden. Alle stürzen zu ihm hin.$) Es ist nichts
Schlimmes; mir ist wohl. Ruft Lisa!...


Zehnter Auftritt

  Aus allen Türen kommen die Zuhörer, die Richter, die Angeklagten
  und die Zeugen herbeigelaufen. Allen voran Lisa. Hinter ihr Mascha,
  Karenin, Iwan Petrowitsch und Fürst Abreskow.

_Lisa_: Was hast du getan, Fedja! Warum nur?!

_Fedja_: Verzeih mir, daß ich dich ... nicht anders frei machen konnte.
Nicht um deinetwillen ... für mich selbst ist es so das Beste. Ich
wollte es ja ... schon längst tun ...

_Lisa_: Du wirst am Leben bleiben. ($Ein Arzt biegt sich zu ihm herab
und horcht.$)

_Fedja_: Ich weiß auch ohne Arzt Bescheid ... Viktor, leb wohl ... Und
Mascha ist zu spät gekommen ... ($Er weint.$) Wie wohl ist mir! Wie
wohl!... ($Er stirbt.$)

  Vorhang

                                     Ende.



Fußnoten:

  [1] Ein berühmt gewordener, nihilistisch gefärbter Tendenzroman von
  Tschernyschewski, erschienen im Jahre 1863.

                                              Anmerkung des Übersetzers.


  [2] Ein säuerliches Getränk aus Roggenmehl und Malz.

                                              Anmerkung des Übersetzers.


  [3] Ein juristischer Grad, mit der Berechtigung auf die zehnte
  Rangklasse.

                                              Anmerkung des Übersetzers.


                         _Druck von Breitkopf
                         und Härtel in Leipzig_





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der lebende Leichnam - Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home