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Title: Die Gewerkschaftsbewegung - Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter - und der Arbeitgeber aller Länder.
Author: Kulemann, Wilhelm
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Gewerkschaftsbewegung - Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter - und der Arbeitgeber aller Länder." ***

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                                  Die
                         Gewerkschaftsbewegung.

                              Darstellung
                                  der
              gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter
                   und der Arbeitgeber aller Länder.

                                  Von

                              W. Kulemann

                            Landgerichtsrat.


                                 $Jena$,
                      $Verlag von Gustav Fischer$.
                                 1900.


                        Alle Rechte vorbehalten.



                                Vorwort.


Als ich bei der Vorbereitung des von mir auf dem evangelisch-sozialen
Kongresse in Frankfurt a. M. am 17. Mai 1894 gehaltenen Vortrages
über die Gewerkschaften daran ging, mich näher mit dem Gegenstande
und der darüber bestehenden Litteratur zu beschäftigen, fand ich
eine auffallende Thatsache. Man kann sicher unserer Zeit nicht den
Vorwurf machen, daß zu wenig Bücher geschrieben würden. Sollte man da
glauben, daß über eine Erscheinung, wie die Gewerkschaftsbewegung,
deren weittragende Bedeutung von ihren Freunden wie von ihren Gegnern
übereinstimmend anerkannt wird, nicht ein einziges Buch besteht,
aus dem man sich zusammenhängend über sie unterrichten könnte! Man
möge mich nicht mißverstehen. Ich will gewiß nicht das Verdienst
der Werke von $Brentano$, $Lexis$, $Sartorius von Waltershausen$,
$Berghoff-Ising$, $Schmöle$, des Ehepaares $Webb$ u. a., deren Arbeiten
dauernden Wert behalten, herabsetzen, aber sie alle haben sich auf
ein bestimmtes eng begrenztes Einzelgebiet beschränkt, und ich trete
ihnen deshalb nicht zu nahe, wenn ich es als eine auffallende Lücke
unserer volkswirtschaftlichen Litteratur bezeichne, daß sie $kein
zusammenhängendes Werk über die Gewerkschaftsbewegung aufweist$.

Ein solches ist aber neben jenen Arbeiten ein unabweisbares
Bedürfnis, dessen Befriedigung um so dringender wird, je mehr die
Ueberzeugung sich Bahn bricht, daß gerade bei uns in Deutschland die
Sozialdemokratie nur deshalb ihre jetzige Bedeutung hat erlangen
können, weil es an einer anderweiten Organisation der Arbeiterklasse
zur Vertretung ihrer berechtigten Interessen fehlte, und deshalb auch
diejenigen Arbeiterkreise, die den politischen Zielen jener Partei, wie
ihren ethischen und volkswirtschaftlichen Grundlagen ablehnend oder
wenigstens gleichgültig gegenüberstehen, sich notgedrungen ihr zuwenden
müssen, weil nun einmal die Arbeiterinteressenvertretung eine soziale
Naturnotwendigkeit ist, der auf irgend einem Wege Rechnung getragen
werden muß.

Die bezeichnete Lücke auszufüllen ist der Zweck meines Buches.
Ich habe versucht, so vollständig, wie es mir möglich war, alles
Thatsachenmaterial zusammenzustellen, das sich auf die wirtschaftliche
Interessenorganisation der Arbeiter bezieht, ohne Beschränkung auf
einzelne Länder oder Formen. Ich bin auch der Ansicht, daß eine solche
Arbeit nicht nur den Nutzen einer äußeren Zusammenfassung bietet,
insbesondere den Personen, die sich mit der Bewegung beschäftigen
wollen, die Mühe erspart, sich durch die Speziallitteratur hindurch
zu arbeiten, sondern einen höheren Wert hat, denn, wie in allen
jenen Einzelerscheinungen nur ein allgemeiner Gedanke der sozialen
Kulturentwickelung zum Ausdrucke kommt, der aber in den verschiedenen
Ländern eine durch die Eigenart der Verhältnisse bedingte verschiedene
Ausprägung erhalten hat, so kann dieses einheitliche Moment auch nur
durch eine einheitliche Behandlung zum vollen Verständnisse gelangen.

Aber die Aufgabe, die ich zu lösen hatte, bestand doch nicht etwa, wie
es nach dem bisher Gesagten scheinen könnte, lediglich darin, das in
den vorhandenen Einzelwerken enthaltene Material zusammenzustellen,
vielmehr ist das Gebiet, das bis jetzt eine litterarische Bearbeitung
erfahren hatte, nur ein Teil, und nicht einmal ein sehr großer Teil
des Gesamtgebietes. Es ist zunächst $räumlich$ begrenzt, denn es
beschränkt sich auf die fünf Länder: England, Frankreich, Nordamerika,
Deutschland und die Schweiz. Hinsichtlich der übrigen Länder giebt
es nichts als zerstreute Aufsätze in einzelnen Zeitschriften. Aber
zu dieser räumlichen Begrenzung kommt, wenigstens hinsichtlich des
Landes, das uns am meisten interessiert, nämlich Deutschlands, noch
eine $inhaltliche$ hinzu, denn das einzige in Betracht kommende Werk
von $Schmöle$ über die $sozialdemokratischen Gewerkschaften$ stellt
sich gar nicht die Aufgabe, die ganze deutsche Gewerkschaftsbewegung zu
umfassen, sondern greift nur eine einzelne Gruppe heraus, die freilich
die stärkste, aber nicht entfernt die einzige ist, neben der vielmehr
noch verschiedene beachtenswerte andere Organisationen bestehen, für
die es an einer litterarischen Bearbeitung völlig oder fast völlig
fehlt.

Zu diesen Organisationen gehören zunächst die $Hirsch-Duncker$'schen
$Gewerkvereine$. Aber wenn in der Oeffentlichkeit meistens sie und die
sozialistischen Gewerkschaften als die einzigen gewerkschaftlichen
Bildungen angesehen werden, so ist das durchaus unrichtig. Nicht allein
ist in neuester Zeit mit Erfolg der Versuch gemacht, christliche
Gewerkvereine ins Leben zu rufen, sondern es giebt auch eine ganze
Anzahl von Vereinigungen aller Art, die man freilich nicht zu den
Gewerkschaften im engsten Sinne zählen kann, die aber nicht allein
unter den Begriff der wirtschaftlichen Interessenorganisation der
Arbeiter fallen, sondern die man sogar im weiteren Sinne zu den
gewerkschaftlichen Bildungen rechnen muß. Wie in der Natur, so giebt
es auch im sozialen Leben Uebergangsstufen, Formen, bei denen die
karakteristischen Eigenschaften der betreffenden Gattung freilich
noch nicht zu voller Entwicklung gelangt sind, aber doch bereits mehr
oder weniger scharf hervortreten. Das gilt auch auf unserem Gebiete.
Neben Vereinigungen, die sich ausdrücklich als Gewerkvereine oder
Gewerkschaften bezeichnen, giebt es andere, die dies nicht thun, die
aber dennoch unverkennbare Berührungspunkte mit ihnen haben. Sie
sind als Vorstufen zu betrachten, als embryonale Formen, die sich
aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Zeit zu vollen Gewerkschaften
entwickeln werden. Zu ihnen gehören neben den $evangelischen$ und
$katholischen Arbeitervereinen$ vor allem eine Reihe $kaufmännischer
Organisationen$, die in bunter Mannigfaltigkeit den gewerkschaftlichen
Karakter in den verschiedensten Stufen der Ausbildung zeigen. Endlich
haben auch vielfach staatliche und private $Beamte$ das Bedürfnis
einer gemeinsamen Vertretung ihrer Interessen empfunden und ihm durch
Vereinigung Rechnung getragen. Nun werden freilich die Beamten im Sinne
des Sprachgebrauches nicht zu den Arbeitern gezählt; aber sie befinden
sich nicht allein in abhängiger Stellung, sondern diese unterscheidet
sich auch meist nicht wesentlich von derjenigen des Arbeiters,
insbesondere ist sie regelmäßig weder eine dauernd gesicherte, noch
hinsichtlich der Leistungen und Gegenleistungen fest bestimmte, so daß
für die Verteidigung der Interessen der Mitglieder gegenüber deren
Arbeitgebern volle Veranlassung geboten ist.

Alle diese Organisationen, die, wie gesagt, als unentwickelte
gewerkschaftliche Formen zu betrachten sind, haben ein Recht auf
unsere Beachtung und müssen ihren Platz finden in einem Buche,
welches sich die Aufgabe stellt, einen Ueberblick über die gesamte
Gewerkschaftsbewegung zu geben. Aber damit ist eine große Schwierigkeit
verbunden, nämlich diejenige der Abgrenzung und Auswahl. Sind
jene Vereinigungen, wie ich ausführte, nicht völlig ausgereifte
Gewerkvereine, enthalten sie vielmehr deren karakteristische Elemente
nur in mehr oder weniger hohem Grade, so entsteht die Frage: welche
Stufe der Entwickelung, welches Maß von gewerkschaftlichen Momenten
ist zu erfordern, um danach eine bestimmte Vereinigung aufzunehmen
oder unberücksichtigt zu lassen? Offenbar ist es nicht möglich,
dies grundsätzlich zu bestimmen, sondern es muß dabei ein gewisses
subjektives Ermessen walten, hinsichtlich dessen ich durchaus nicht
den Anspruch erhebe, es überall zutreffend ausgeübt zu haben. Ich bin
völlig darauf gefaßt, daß mir in dieser Beziehung Fehler nachgewiesen,
daß mir Vereinigungen bezeichnet werden, die ich nicht berücksichtigt
habe, während sie mindestens dasselbe Recht auf Beachtung gehabt
hätten, wie andere. Ich werde solche Ergänzungen gern entgegennehmen
und, sofern sich einmal das Bedürfnis einer zweiten Auflage geltend
machen sollte, sie gewissenhaft verwerten.

Giebt es über die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine wenigstens einige
kleinere Schriften, so fehlt es dagegen hinsichtlich der übrigen
im Vorstehenden bezeichneten Organisationen völlig an allgemein
zugänglicher Litteratur. Ich war deshalb nicht allein für die
Materialbeschaffung auf private Bemühungen angewiesen, sondern vor
Allem konnte ich auch hinsichtlich der Existenz solcher Vereinigungen,
abgesehen von zufälligen Notizen in den Zeitungen, nur auf diesem Wege
etwas erfahren. Ich muß deshalb, obgleich ich mich an die am besten
orientierten Stellen um Auskunft gewandt und diese fast ausnahmslos
in liebenswürdigster Weise erhalten habe, trotzdem die Möglichkeit
zugeben, daß mir die eine oder die andere Organisation entgangen sein
könnte.

Aber noch in einer anderen Beziehung fiel mir die Aufgabe zu, völlig
jungfräulichen Boden zu beackern. Fehlte es bisher nicht allein
für einzelne Länder, sondern auch, namentlich in Deutschland, für
große Gruppen innerhalb der Arbeiterbewegung an jeder litterarischen
Bearbeitung, so gilt das Gleiche hinsichtlich der $internationalen
Organisation$. Es liegt auf der Hand, daß die gewerkschaftliche
Entwickelung nicht in die Grenzpfähle der einzelnen Staaten eingeengt
werden kann, wird doch gegen jede noch so berechtigte Arbeiterforderung
von den Vertretern der Unternehmer stets in erster Linie der Einwand
erhoben, daß durch ihre Befriedigung der einheimischen Industrie die
Konkurrenz auf dem Weltmarkte unmöglich gemacht werde. Wenn dies nicht
in einzelnen, vielleicht auf dem betreffenden Gebiete unvollkommen
entwickelten Ländern, sondern überall in gleichem Maße geschieht, wenn
man sich in Deutschland auf Oesterreich, Frankreich, England, Amerika
und dort wieder auf Deutschland beruft, so erinnert das allerdings
lebhaft an die Heine'sche Erzählung von den beiden edlen Polen, von
denen keiner wollte, daß der andere für ihn zahle und die deshalb
beide schließlich nicht dazu kamen, ihre Zeche zu berichtigen. Aber
immerhin ist nicht zu bestreiten, daß die Produktionsbedingungen in den
Kulturländern einem natürlichen Ausgleichungsbedürfnisse unterworfen
sind und daß die Industrie eines Landes geschädigt werden müßte, wenn
die Ungleichheit ihrer Belastung im Vergleiche mit derjenigen der
übrigen Länder ein gewisses Maß überschreiten würde. Aus diesem Grunde
ist die gewerkschaftliche Bewegung, will anders sie dauernden Erfolg
haben, grundsätzlich auf internationale Entwickelung hingewiesen.

Hier ist nun die bisherige Litteratur nicht allein völlig
unzureichend, sondern es ist einfach keine vorhanden. Ja, mehr als
das. Die Thatsachen der internationalen Organisation sind selbst
in den eingeweihtesten Kreisen fast völlig unbekannt geblieben.
Das scheint eine kühne Behauptung, aber ich darf doch ganz gewiß
die Generalkommission der Gewerkschaften und den Vorstand des
sozialdemokratischen Parteiarchivs zu diesen Kreisen zählen, und von
beiden habe ich trotz des bereitwilligsten Entgegenkommens, für das
ich hiermit öffentlich meinen Dank ausspreche, nicht allein keine
derartige Litteratur erhalten, sondern es wurde mir vielmehr erklärt,
daß eine internationale Organisation, abgesehen von den Buchdruckern,
eigentlich noch gar nicht existiere und es kaum der Mühe verlohne, sich
mit den vereinzelt gemachten erfolglosen Versuchen zu beschäftigen.
Wenn es mir desungeachtet gelungen ist, eine, wie ich glaube, ziemlich
vollständige Uebersicht der vorhandenen internationalen Beziehungen in
den einzelnen Industriezweigen zu beschaffen, die in ihrer Gesamtheit
doch recht beachtenswert sind und einen zwar langsamen, aber stetigen
Fortschritt des Organisationsgedankens auch im internationalen Rahmen
beweisen, so darf ich also hier den Ruhm eines Entdeckers unbekannter
Gebiete für mich in Anspruch nehmen.

Soviel über die $Arbeiterorganisationen$. Aber je länger ich mich mit
ihnen beschäftigte, um so mehr wurde mir klar, daß ich mich nicht
auf sie beschränken durfte, wenigstens wenn ich nicht meine Aufgabe
lediglich in der Zusammentragung von Thatsachen sehen, sondern in
ihnen einen höhern Gedanken verfolgen und zum Ausdrucke bringen
wollte. Dieser Gedanke, der sich ganz von selbst aufdrängt, sobald
man nur die Thatsachen unbefangen auf sich wirken läßt, ist der, daß
die Organisation als solche, die Zusammenfassung vieler Einzelner,
die in gleichartigen Verhältnissen leben, nicht auf willkürlicher
Neigung beruht, sondern einem inneren Bedürfnisse der Entwickelung
unserer wirtschaftlichen Verhältnisse entspringt. Es wäre ja auch
wunderbar, wenn es anders sein sollte. In früheren Jahrhunderten, als
die Beziehungen der Staatsbürger untereinander unendlich viel einfacher
und übersichtlicher waren, bestanden Organisationen, die jedem den
seiner Stellung im Wirtschaftsleben entsprechenden Platz zuwiesen.
Sollte heute, wo diese Beziehungen von Tag zu Tag mannigfaltiger und
verworrener werden, das Bedürfnis nach Organisation geringer sein?
Das ist kaum denkbar. Wenn man in unserem Jahrhundert die von früher
überkommenen Formen zerschlagen hat, so war das berechtigt, weil diese
Formen ihrem Zwecke nicht mehr entsprachen, aber nicht deshalb, weil
der Zweck selbst, der sie ins Leben gerufen hatte, nicht mehr bestanden
hätte. Indem man sie zerschlug, ohne sie zu ersetzen, schuf man eine
Lücke, und das innere Bedürfnis, diese Lücke auszufüllen, ist die
Triebkraft der modernen Organisationsbewegung. Individualismus und
Sozialismus, Stellung des Einzelnen auf sich selbst und Zusammenfassung
vieler oder aller Einzelnen zu organischen Gesamtheiten, das ist der
große Gegensatz, zwischen dem sich unsere wirtschaftliche Entwickelung
in Pendelschwingungen bewegt. Haben wir die Perioden sowohl der
Zunftverfassung wie des Manchestertums überwunden, so liegt es nahe,
gerade in der gewerkschaftlichen Organisation als einer Mittelstufe
zwischen dem reinen Individualismus und dem extremen Sozialismus
diejenige Form zu sehen, die unserer heutigen Entwickelung am besten
angepaßt ist und mittelst deren es gelingen wird, einen harmonischen
Ausgleich zu erzielen. Aber ist das richtig, so liegt auf der Hand,
daß die Bewegung sich nicht auf die Arbeiter beschränken kann. Auch
die $Unternehmer$ haben durch Beseitigung der Zunftverfassung ihre
frühere Organisation verloren, ohne daß doch das Erfordernis einer
solchen beseitigt wäre. Es ist ja möglich, daß das Bedürfnis der
Zusammenfassung zu Verbänden, die das gemeinsame Interesse verfolgen,
bei ihnen nicht so stark ist, wie bei den Arbeitern, weil der
einzelne Unternehmer schon für sich allein widerstandsfähiger ist,
und daraus mag es sich erklären, daß im allgemeinen die Arbeiter den
Organisationsgedanken lebhafter aufgegriffen haben, aber gerade nachdem
diese vorangegangen sind, bleibt den Unternehmern nichts übrig, als
denselben Weg einzuschlagen.

Wollte ich also den Organisationsgedanken zur Geltung bringen,
wollte ich zeigen, daß die Vertretung der Interessen der Arbeit als
volkswirtschaftlichen Faktors gegenüber denjenigen des Kapitals und
der Konsumtion, kurz, daß die »Organisation der Arbeit«, wie man es
vielfach genannt hat, eine Naturnotwendigkeit ist, die sich in den
Thatsachen widerspiegelt, so mußte ich auch die $Vereinigungen der
Unternehmer$ berücksichtigen.

Aber hier bot sich eine große Schwierigkeit, wenngleich rein äußerer
Art, nämlich die Rücksicht auf den Umfang des Buches. Hätte ich die
Organisation der Unternehmer in derselben Ausführlichkeit behandeln
wollen, wie diejenige der Arbeiter, so würde der Stoff in dem Maße
angewachsen sein, daß er in einem Bande nicht hätte bewältigt werden
können; damit aber würde ich den Zweck, auf den mein Buch nach seiner
ganzen Anlage zugeschnitten ist, nämlich die Verbreitung in größeren
Kreisen, aufgegeben haben. Es entstand nun die Frage, wie das zu
vermeiden sei. Auf die Darstellung der Unternehmervereinigungen
ganz zu verzichten, war nicht möglich. Wie schon bemerkt, liegt der
leitende Gedanke meines Buches, die Quintessenz dessen, was ich durch
dasselbe beweisen will, in dem Satze, daß der einzige Weg, um zu einer
durchgreifenden und dauernden Gesundung unserer wirtschaftlichen und
sozialen Verhältnisse zu gelangen, in der Organisation der Arbeit,
d. h. der $beiden$ an ihr beteiligten Faktoren, der Arbeiter und
der Unternehmer, zu sehen ist. Aber die Organisation ist ja nicht
Selbstzweck, sondern, wie bemerkt, das Mittel, zu gesunden sozialen
Zuständen zu gelangen. Für diese ist nun der weitaus wichtigste Faktor
das Verhältnis zwischen den beiden Klassen der Bevölkerung, die
sich heute fast wie zwei feindliche Heere gegenüberstehen, nämlich
zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. Wenn es deshalb möglich ist, die
Organisation der Unternehmer nur insoweit zu behandeln, wie sie für
dieses Verhältnis von Bedeutung ist, so mag freilich ein gewisser
systematischer Fehler übrig bleiben, aber er ist dann von vorwiegend
formeller Bedeutung, er beeinträchtigt nicht den Hauptzweck des Buches
und darf als Preis der damit erzielten Umfangsbeschränkung in Kauf
genommen werden.

In der That ist diese Scheidung leichter durchführbar, als es
zunächst scheinen könnte. Der Unternehmer hat ein wirtschaftliches
Interesse nach zwei ganz verschiedenen Richtungen, nämlich einerseits
hinsichtlich der $Herstellung$ und andererseits hinsichtlich des
$Absatzes$. Bei dem letzteren tritt er in einen Interessengegensatz
zu den $Konsumenten$, aber nicht zu den $Arbeitern$ als solchen;
zu ihnen besteht vielmehr eine Beziehung des Unternehmers
lediglich im Rahmen der $Produktion$, insofern die Erfüllung der
Forderungen, die im Interesse des Arbeiters liegen, in der Regel die
Produktionskosten erhöht. Es ergiebt sich hieraus, daß diejenigen
Unternehmerorganisationen, die sich mit der Regelung des Absatzes
befassen, ganz von selbst aus dem hier gezogenen Rahmen entfallen.

Aber damit ist die uns obliegende Ausscheidung noch nicht erschöpft,
vielmehr muß sie auch das Gebiet der Produktion ergreifen. Hier ist sie
schwieriger, weil der Unternehmer mit einer ganzen Anzahl von Personen
in ein Verhältnis des Interessengegensatzes tritt, und zwar sind dies
alle diejenigen, deren Leistungen erforderlich sind, um die Produktion
in ihren verschiedenen Stadien zu ermöglichen. Dazu gehören also außer
den Arbeitern vor allem die $Lieferanten der Roh- und Hülfsstoffe$.
Endlich kommen sowohl hinsichtlich des Absatzes, wie hinsichtlich der
Herstellung für die Interessen des Unternehmers sehr wesentlich die
Einrichtungen des $Staates$ in Betracht, insbesondere auf dem Gebiete
der Zoll- und Tarifpolitik. Die vielfachen »Vereine zum Schutze der
wirtschaftlichen Interessen«, ebenso wie die Kartelle und Syndikate
befassen sich nun in der That mit den Beziehungen der Unternehmer
nach allen diesen Richtungen, also gegenüber den Konsumenten,
den Lieferanten der Roh- und Hülfsstoffe und den staatlichen
Behörden. Wenn wir deshalb für unseren Zweck uns auf diejenigen
Unternehmerorganisationen beschränken, welche die Beziehungen zu den
Arbeitern berühren, so scheiden wir dadurch nicht nur das Gebiet des
Absatzes aus, sondern auch einen Teil desjenigen der Produktion, aber
immerhin ist der Schnitt, den wir machen, ein völlig scharfer und
begrifflich bestimmter, der erkennen läßt, was rechts oder links liegt.

Ich werde in dem Buche selbst nochmals auf diesen Punkt zurückkommen
müssen[1], glaubte aber doch schon hier, wo es sich darum handelt, die
verfolgte Aufgabe zu bezeichnen und den Leser über dasjenige, was er
zu erwarten hat, zu unterrichten, mich darüber aussprechen zu sollen,
zumal dadurch die Wahl des $Titels$ berührt wird. Ich habe in diesem
den Ausdruck »Arbeitgeber« und nicht »Unternehmer« gebraucht, weil in
ihm das Verhältnis gerade zu den Arbeitern bezeichnet wird. Allerdings
war es schwierig, hier die richtige Abgrenzung zu finden, da naturgemäß
viele Vereinigungen sich nicht auf die Verfolgung der Interessen ihrer
Mitglieder nach einer einzelnen Richtung beschränken. Lediglich die in
neuerer Zeit zahlreich ins Leben gerufenen »Antistreikvereine«, die
sich in einzelnen Gewerben zu Zentralverbänden für ganz Deutschland
zusammengeschlossen haben, während andere alle Arbeitgeber eines
bestimmten Bezirkes ohne Unterschied des Gewerbes umfassen, verfolgen
als einziges Ziel die Regelung des Verhältnisses zu den Arbeitern, bei
den meisten dagegen bildet diese Aufgabe nur die mehr oder minder in
den Vordergrund tretende Seite ihrer Thätigkeit. Vereine, die sich ein
weiteres Ziel gesteckt haben, habe ich überall da berücksichtigt, wo
die Wahrung der Interessen gegenüber den Arbeitern in dem Statute zum
Ausdruck kommt.

  [1] Vgl. S. 516 ff.

Es war meine Absicht, alle Unternehmerorganisationen, die sich mit
den Beziehungen zu der Arbeiterschaft überhaupt befassen, zu erwähnen
und das Wesentlichste über sie mitzuteilen. Aber an keiner anderen
Stelle meines Buches ist das Gelieferte so weit hinter dem Gewollten
zurückgeblieben, wie hier, insbesondere ist es mir nicht entfernt
möglich gewesen, die angestrebte Vollständigkeit zu erreichen. Auch
hier fehlte es bisher an aller und jeder Litteratur. Ja wohl, über die
Kartelle und Syndikate giebt es solche in völlig ausreichendem Maße,
und um so ruhiger konnte ich deshalb deren Ausscheidung verantworten,
aber die Kampforganisationen der Unternehmer gegenüber den Arbeitern
haben weder in Deutschland noch in anderen Ländern bisher irgendwelche
litterarische Behandlung gefunden.

War ich deshalb zur Beschaffung des Materials ausschließlich auf den
Weg privater Ermittelung verwiesen, so machte sich um so mehr eine
weitere Schwierigkeit geltend. Die in Rede stehenden Vereinigungen
wünschen nämlich zum Teil nicht, daß über ihre Einrichtungen etwas in
die Oeffentlichkeit dringt. $Brentano$, den ich um seine Unterstützung
bat, schreibt mir: »Gerade die Unternehmervereine sind heutzutage die
wahren geheimen Gesellschaften.« So habe ich denn auf meine Anfragen
zum großen Teil entweder eine ablehnende oder gar keine Antwort
erhalten.

Ich habe die gegen die Systematik meines Buches zu erhebenden
Einwendungen offen dargelegt und dessen mangelnde Vollständigkeit
anstandslos eingeräumt, aber ich konnte mich nicht entschließen, wegen
dieser Unvollkommenheit den zweiten Teil ganz zu unterdrücken. Ist
auch der Abschnitt über die Organisation der Arbeitgeber gewissermaßen
ein Torso geblieben, so glaubte ich ihn doch als den ersten Versuch
einer solchen Arbeit der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten zu sollen.
Dazu kommt, daß die Unvollständigkeit hier nicht von solcher Bedeutung
ist, wie es scheinen könnte. Den Zweck einer Zusammenstellung, wie sie
mein Buch bieten soll, wird man nicht sowohl darin zu sehen haben,
den Leser über alle irgendwo bestehenden Vereinigungen dieser Art zu
unterrichten, als vielmehr darin, die bisher unternommenen Versuche
einer Organisation der Arbeitgeber mit Rücksicht auf die hierbei
gemachten Erfahrungen und hervorgetretenen Tendenzen zu zeigen. Dieser
Zweck aber ist erreicht, wenn in den zusammengestellten Thatsachen alle
typischen und sonst interessanten Züge zum Ausdrucke gelangt sind, und
daß dies geschehen ist, glaube ich annehmen zu dürfen.

Das bisher Gesagte gilt im wesentlichen auch hinsichtlich des dritten
Hauptabschnittes, nämlich der $gemeinsamen Organisation von Arbeitern
und Unternehmern$. Auch hier fehlte es bisher, abgesehen von dem Buche
von $Alfred Swaine$ über den ostschweizerischen Stickereiverband, dem
Buche von $Boissard$ über die französischen _syndicats mixtes_ und
einigen Arbeiten über die Tarifgemeinschaft der Buchdrucker an jeder
Litteratur, so daß ich nur das bieten konnte, was mir durch private
Erkundigung zugänglich geworden ist. Ich muß deshalb auch hier die
Verantwortung für die Vollständigkeit meiner Zusammenstellung ablehnen.

Nach alledem sehe ich die Berechtigung meines Buches in folgenden
Punkten. Dasselbe bietet zum erstenmale:

  1. eine Zusammenstellung der gesamten gewerkschaftlichen Entwickelung;

  2. eine Darstellung hinsichtlich derjenigen Länder, für die es bisher
     eine allgemeine zugängliche Litteratur nicht gab;

  3. eine Behandlung der in Deutschland bestehenden gewerkschaftlichen
     Ansätze, soweit sie außer den sozialistischen Gewerkschaften und den
     $Hirsch-Duncker$'schen Gewerkvereinen vorhanden sind;

  4. eine Uebersicht der bisherigen internationalen Organisation;

  5. Material über die Vereinigungen der Arbeitgeber, soweit sie das
     Verhältnis zu den Arbeitern berühren;

  6. eine Zusammenstellung der bisher unternommenen Versuche einer
     gemeinsamen Organisation von Arbeitern und Arbeitgebern. --

Habe ich mich bisher mit dem $Inhalte$ meines Buches beschäftigt,
so darf ich mir zum Schlusse noch einige Worte über die $formelle
Seite$, insbesondere die Art der Behandlung gestatten. Wenn ich mir
die Aufgabe stellte, die wirtschaftlichen Interessenorganisationen der
Arbeiter und der Arbeitgeber in allen Kulturländern in einem einzigen
Buche zu umfassen, so war damit von selbst die Notwendigkeit einer
weitgehenden Beschränkung gegeben. Das ganze ungeheure Gebiet mit der
Ausführlichkeit zu behandeln, wie es die vorhandene Speziallitteratur
thut, würde zunächst die Kraft eines Einzelnen weit überstiegen haben.
Aber selbst abgesehen hiervon, würde eine solche Arbeit kaum eine
innere Berechtigung gehabt haben, denn, soweit bereits befriedigende
Bearbeitungen der Einzelgebiete vorliegen, ist für ein neues Buch von
gleichem Zuschnitte kein Bedürfnis vorhanden. Endlich aber würde ein
solches Werk von vielen Bänden gerade den Zweck nicht erreicht haben,
auf den es mir vor allem ankam, nämlich nicht ein Buch für Bibliotheken
zu schreiben, das nur wenige Personen in die Hand bekommen, sondern das
Verständnis für die große soziale Organisationsbewegung der Gegenwart
in möglichst weite Kreise zu tragen. Hierzu bedarf es eines Buches,
das freilich einerseits den ganzen Stoff umfaßt und von einheitlichen
Gesichtspunkten aus behandelt, das aber andererseits unbeschadet der
Vollständigkeit sich möglichster Knappheit befleißigt und dadurch eine
Begrenzung nach Umfang und Preis erzielt, wie sie für den bezeichneten
Zweck weiter Verbreitung unerläßliche Bedingung ist.

War ich aber hiernach ohnehin nicht in der Lage, mit den vorhandenen
Werken der Speziallitteratur in Konkurrenz zu treten, indem vielmehr
derjenige, der sich eingehender mit einem Spezialgebiete beschäftigen
will, auf jene verwiesen werden muß, so würde es eine thörichte
Eitelkeit gewesen sein, wenn ich hier die Absicht gehabt hätte,
Originalstudien zu bieten und auf die Urquellen zurückzugehen. Ich habe
deshalb vielmehr überall da, wo bereits Bearbeitungen des betreffenden
Gebietes vorhanden waren, diese meiner Darstellung zu Grunde gelegt
und nur, soweit sie nicht bis auf die Jetztzeit reichten, die
erforderlichen Ergänzungen auf anderem Wege beschafft.

Unter den Werken, die für ein eingehenderes Studium in Betracht kommen,
stehen in erster Linie die einschlägigen Artikel des von $Conrad$,
$Elster$, $Lexis$ und $Loening$ herausgegebenen »Handwörterbuches der
Staatswissenschaften«, in denen auch ausführliche Litteraturnachweise
gegeben sind. Die wertvollste Materialsammlung für die fortlaufende
Entwickelung bietet das von H. $Braun$ begründete »Sozialpolitische
Zentralblatt«, das seit 1. April 1895 unter dem Titel »Soziale Praxis«
erscheint und jetzt von C. $Francke$ herausgegeben wird. Leider sind
meist die Originalquellen, aus denen die Angaben entnommen sind, nicht
bezeichnet. Ich erwähne beide Werke in diesem Zusammenhange, da ich
vielfach aus ihnen geschöpft habe und es doch nicht gut durchführbar
erschien, mich an jeder einzelnen Stelle ausdrücklich auf sie zu
beziehen. Im übrigen habe ich die von mir benutzten Quellen und die
wichtigere Litteratur bei den einzelnen Abschnitten angegeben.

Es war zuerst meine Absicht, mich nicht auf eine Sammlung des
Thatsachenmaterials zu beschränken, sondern daneben in einem zweiten
Bande die $prinzipielle Seite der Organisation$, insbesondere deren
wirtschaftliche und sozialpolitische Bedeutung zu erörtern.

Es waren auch hier äußere Gründe, die mich zwangen, hiervon abzusehen,
und zwar einerseits die bereits hervorgehobene Rücksicht, den Umfang
des Buches nicht zu sehr zu vergrößern, andererseits der Wunsch, die
Veröffentlichung des fertig gestellten ersten Bandes nicht länger
hinauszuschieben. Aber ich hoffe, in nicht allzulanger Zeit das jetzt
Unterlassene nachzuholen und in einer ferneren Arbeit nicht allein
den Nachweis zu erbringen, daß die Organisation von Arbeitern und
Unternehmern als den beiden Faktoren der Arbeit eine unabweisbare
Notwendigkeit ist, um deren Interesse gegenüber denjenigen des
Kapitals und der Konsumtion wahrzunehmen und zu einer Ordnung in den
verworrenen Verhältnissen des heutigen Erwerbslebens zu gelangen,
sondern auch zu den hiermit zusammenhängenden Einzelfragen über die
beste Form, insbesondere gemeinsame oder getrennte, freiwillige oder
zwangsweise Organisation der beiden Berufsklassen, über die Beziehungen
zwischen den gewerkschaftlichen und den politischen Aufgaben und das
dadurch bedingte Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie
und endlich über die Berechtigung der einzelnen gewerkschaftlichen
Forderungen, insbesondere die Erhöhung des Arbeitslohnes und die
Verkürzung der Arbeitsdauer Stellung zu nehmen. In diesem Zusammenhange
wird es mir auch möglich sein, etwas nachzuholen, was eigentlich der
jetzigen Arbeit hätte vorausgehen müssen, insofern die Auswahl der
behandelten Organisationen dadurch bedingt ist, nämlich den Begriff von
»Gewerkschaft« oder »Gewerkverein« und dessen karakteristische Momente
genau zu bestimmen. Ich bemerke dabei, daß ich die beiden genannten
Ausdrücke in meinem Buche als gleichbedeutend behandele und abwechselnd
gebrauche, ohne durch die Wahl des einen oder des anderen zu dem in
Deutschland zwischen den $Hirsch-Duncker$'schen Gewerkvereinen und den
sozialistischen Gewerkschaften bestehenden Gegensatze und insbesondere
zu der Frage, welche von beiden Arten den englischen trade unions
am nächsten steht, Stellung zu nehmen. Im allgemeinen ist das Wort
»Gewerkschaft« wegen der handlicheren Ableitungsformen für den Gebrauch
bequemer.

Die bereits vorliegende und die vorstehend bezeichnete fernere Arbeit
werden in gewisser Weise nur zwei Bände eines Buches bilden, indem
sie nicht allein denselben Gegenstand lediglich nach zwei Seiten
hin behandeln, sondern auch denselben Grundgedanken zur Darstellung
bringen, nämlich die Notwendigkeit der sozialen Organisation, für
die der Nachweis auf doppeltem Wege geführt wird, nämlich einerseits
$induktiv$ an der Hand der Thatsachen der bisherigen Entwickelung,
andererseits $deduktiv$ als Ausfluß anerkannter oder doch als sicher
vorhanden nachzuweisender volkswirtschaftlicher und psychologischer
Gesetze. Deßungeachtet sind beide Arbeiten formell selbständige
Bücher, da sie beide für sich ihr Gebiet erschöpfen und keine von
beiden die andere zur Voraussetzung hat.

Ich habe übrigens diese Scheidung in zwei Bände nicht in der Weise
durchgeführt, daß ich mich in dem vorliegenden streng auf die
Darstellung von Thatsachen beschränkt und jede Kritik vermieden hätte.
Zweifellos wäre das rein systematisch das Richtige gewesen, aber
Systematik ist eben nicht Selbstzweck und wird, wo sie als solcher
behandelt wird, zur Pedanterie. Ist ganz gewiß das Durcharbeiten eines
so massenhaften Materials, wie ich es zusammentragen mußte, für den
Leser in hohem Grade ermüdend, so schien es mir geeignet, die Monotonie
der Darstellung gelegentlich dadurch etwas zu unterbrechen, daß ich an
einzelnen Stellen kurze kritische Bemerkungen mir gestattete. Dadurch
wird freilich der sonst nach Kräften gewahrte durchaus objektive
Karakter meines Buches etwas beeinträchtigt, und ein Leser, der nicht
auf meinem Standpunkte steht, wird gewiß an diesen Aeußerungen zuweilen
Anstoß nehmen. Immerhin darf ich hoffen, daß solche Leser, die gewohnt
sind, auch gegnerische Meinungen anzuhören, mir darum nicht zürnen
werden. --

Zum Schlusse will ich nicht verfehlen, den üblichen Appell an die
Nachsicht meiner Kritiker zu richten. Welche Schwierigkeiten die
Verarbeitung eines so ungeheuren Materials bietet, wie es mir vorlag,
kann nur derjenige völlig beurteilen, der sich schon mit ähnlichen
Arbeiten befaßt hat; besteht doch gerade die Aufgabe darin, diese
Schwierigkeit gar nicht merken zu lassen, sondern bei dem Leser das
Gefühl hervorzurufen, als ob das, was ihm auf wenigen Seiten über einen
Gegenstand gesagt wird und den knappen Auszug aus vielen Bänden und
umfangreichen Protokollen, Berichten, Statuten u. s. w. darstellt,
Alles enthalte, was darüber zu wissen nötig und möglich sei. Das
Exzerpieren ist an sich eine mechanische und gerade deshalb wenig
befriedigende Arbeit, aber die Aufgabe, die dabei gelöst werden muß,
nämlich zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem zu unterscheiden, so
viel zu bieten, wie zur Orientierung erforderlich ist, aber auch nicht
mehr, ist doch weniger leicht, als es scheinen könnte, insbesondere
erfordert sie einen litterarischen Takt, ein Feingefühl, dessen
Bedeutung man nur am eigenen Leibe erfährt, wenn man an hundert und
tausend Stellen vor der Frage steht, ob man eine Angabe aufnehmen oder
fortlassen, sie ausführlicher oder knapper fassen soll.

Aber es ist nicht nur die $Verarbeitung$ eines so großen Materials,
was Mühe verursacht, sondern schon dessen $Zusammenbringung$ ist mit
Schwierigkeiten verknüpft, die sich der Fernstehende nicht träumen
läßt, und die doppelt groß sind für Jemanden, der einerseits nicht am
Sitze einer größeren Bibliothek wohnt und anderseits solche Studien
nicht als Beruf betreibt, sondern in einem Amte steht, das notwendig
den Hauptteil seiner Arbeitskraft in Anspruch nimmt, und der deshalb
nur seine unregelmäßigen Mußestunden zur Verwendung hat. Perioden
von Wochen und Monaten, in denen die Berufsgeschäfte die gesamte
Thätigkeit in Anspruch nehmen, zwingen zu Unterbrechungen, die nicht
allein dadurch, daß das stete Wiedereinfädeln des zerrissenen Fadens
doppelte Mühe und Zeit beansprucht, eine sehr erhebliche Erschwerung
mit sich bringen, sondern vor allem die Einheitlichkeit der Arbeit
beeinträchtigen.

Sollte es mir gelungen sein, den geneigten Leser von der Größe aller
dieser Schwierigkeiten zu überzeugen, so wird er es vielleicht milder
beurteilen, wenn er die Aufgabe nicht überall als glücklich gelöst
anerkennt, insbesondere einige Partien zu lang, andere zu kurz
behandelt findet. Ich bilde mir nicht entfernt ein, hier überall das
Richtige getroffen zu haben, ja ich sehe das Verdienst meiner Arbeit
überhaupt weniger in dem, was sie selbst unmittelbar bietet, als in der
Anregung, die ich mir von ihr für weite Kreise verspreche, sich mit den
von mir behandelten Dingen eingehender, als es bisher geschehen ist, zu
beschäftigen.

Für solche ferneren Arbeiten, die auf dem gleichen Boden weiterbauen,
wird mein Buch, so hoffe ich, im Stande sein, eine brauchbare Unterlage
zu bieten.

     $Braunschweig$, 15. September 1899.

                                                       =W. Kulemann.=



                          Inhaltsverzeichnis.


                              Erster Teil.
                          =Arbeiterverbände.=
                                                                 Seite

  Erster Abschnitt. $Nationale Vereinigungen$                        1

       I. England                                                    1

      II. Frankreich                                                63

     III. Oesterreich                                               85

      IV. Schweiz                                                  111

       V. Belgien                                                  135

      VI. Holland                                                  140

     VII. Italien                                                  145

    VIII. Die übrigen europäischen Länder                          152

      IX. Nordamerika                                              159

       X. Australien                                               178

      XI. Deutschland                                              183

           1. Einleitung                                           183

           2. Die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine               185

           3. Die sozialistischen Gewerkschaften                   201
               A. Der v. Schweitzer'sche Gewerkschaftsbund         201
               B. Die Internationalen Gewerksgenossenschaften      202
               C. Die York'sche Gewerkschaftsunion                 205
               D. Die Vereinigung der Lassalleaner und Marxisten   206
               E. Die lokalen Fachvereine                          207
               F. Die Wirkung des Sozialistengesetzes              208
               G. Wiederaufleben der gewerkschaftlichen Bewegung   210
               H. Die neueste Entwickelung                         216
               I. Die Lokalorganisierten                           255

           4. Der deutsche Buchdruckerverband                      258

           5. Die Bergarbeiter                                     293

           6. Die Postbeamten                                      316
                 a) Allgemeines                                    316
                 b) Der Bayrische Verkehrsbeamtenverein            318
                 c) Verband deutscher Post- und
                    Telegraphenassistenten                         321
                 d) Die Postunterbeamten                           326

           7. Die Eisenbahnbediensteten                            331

               A. Beamte                                           331
                 a) Deutscher Eisenbahnbeamtenverein               332
                 b) Verein Deutscher Lokomotivführer               333

               B. Arbeiter                                         334
                 a) Verband Deutscher Eisenbahnhandwerker und
                    Arbeiter                                       335
                 b) Der Bayrische Eisenbahnerverband               336
                 c) Verband bayrischer Eisenbahnwerkstätten- und
                    Betriebs-Arbeiter                              338
                 d) Verband badischer Eisenbahnbediensteter        339
                 e) Der Verband der deutschen Eisenbahner          340

               C. Gemischte Vereine                                342

           8. Der deutsche Privatbeamtenverein                     343

           9. Der Deutsche Werkmeisterverband                      347

          10. Die kaufmännischen Vereinigungen                     349

               A. Die ältere Richtung                              351
                 a) Deutscher Verband kaufmännischer Vereine       351
                 b) Verein für Handlungskommis von 1858            353
                 c) Kaufmännischer Verein in Frankfurt a. M.       354
                 d) Kaufmännischer Verein in Mannheim              355
                 e) Kaufmännischer Verein Union in Bremen          356
                 f) Kaufmännischer Verein München                  356
                 g) Verein junger Kaufleute in Berlin              357
                 h) Kaufmännischer und gewerblicher Hülfsverein
                    für weibliche Angestellte                      358
                 i) Verband deutscher Handlungsgehülfen            359
                 k) Verband reisender Kaufleute Deutschlands       360
                 l) Kaufmännischer Hülfsverein in Berlin           361

               B. Die neuere Richtung                              362
                 a) Verein der deutschen Kaufleute                 362
                 b) Deutschnationaler Handlungsgehülfenverband     364
                 c) Verein für kaufmännische Angestellte           367
                 d) Zentralverband der Handlungsgehülfen
                    und -Gehülfinnen Deutschlands                  369

          11. Konfessionelle Arbeitervereine                       372

               A. Evangelische                                     372

               B. Katholische                                      388

               C. Fachabteilungen                                  391

               D. Christlich-soziale Gewerkvereine                 396
                 a) Textilarbeiterverband Aachen, Burtscheid       397
                 b) Textilarbeiterverein Eupen                     399
                 c) Textilarbeiterverein Düren                     399
                 d) Niederrheinischer Verband christlicher
                    Textilarbeiter                                 400
                 e) Textilarbeiterverband in Mönchen-Gladbach      403
                 f) Bayrischer Textilarbeiterverband               404
                 g) Gewerkverein der Maurer                        405
                 h) Gewerkverein der Metallarbeiter                407
                 i) Gewerkverein der Gastwirtsgehülfen             407
                 k) Gewerkverein kaufmännischer Hülfsarbeiter      408
                 l) Schwarzwälder Uhrenindustriearbeiter           408
                 m) Christliche Gewerkschaft in Frankfurt a. M.    409
                 n) Gesamtverband christlicher Gewerkvereine       410

  Zweiter Abschnitt. $Internationale Beziehungen$                  414

       I. Einleitung                                               414

      II. Die internationale Arbeiterassoziation                   415

     III. Allgemeine Arbeiterkongresse                             416

      IV. Die einzelnen Gewerbe                                    440

           1. Buchdrucker                                          440

           2. Bergarbeiter                                         462

           3. Eisenbahnarbeiter                                    472

           4. Textilarbeiter                                       475

           5. Die Metallarbeiter                                   478

           6. Die Holzarbeiter                                     481

           7. Die Seeleute und Hafenarbeiter                       483

           8. Tabakarbeiter                                        486

           9. Lederarbeiter                                        489

          10. Die Brauer                                           490

          11. Former                                               491

          12. Handschuhmacher                                      492

          13. Hutmacher                                            496

          14. Töpfer                                               499

          15. Porzellanarbeiter                                    500

          16. Glasarbeiter                                         500

          17. Die Diamantarbeiter                                  504

          18. Die Bildhauer                                        505

          19. Die Lithographen                                     507

          20. Die Sattler und Tapezierer                           509

          21. Schuhmacher                                          510

          22. Die Schneider                                        512

          23. Handlungsreisende                                    514


                             Zweiter Teil.
                         =Arbeitgeberverbände.=

       I. Einleitung                                               516

      II. Deutschland                                              522

               A. $Uebersicht der bestehenden
                   Interessentenvereinigungen$                     522
                 a) Allgemeine Verbände                            522
                 b) Organisationen einzelner Berufszweige          526

               B. $Arbeitgeber-Schutzverbände$                     533

                 a) $Allgemeine Arbeitgeberverbände$               535
                      1. Arbeitgeberverband Hamburg-Altona         535
                      2. Bund der Arbeitgeberverbände Berlins      538
                      3. Arbeitgeberverband Flensburg              539
                      4. Verein Bielefelder Fabrikanten            540
                      5. Bergischer Fabrikantenverein              541
                      6. Die Streikversicherungsgesellschaft
                         Industria                                 542

                 b) $Vereinigungen einzelner Berufszweige$         545

                   I. Bergbau                                      545
                      1. Ausstandsversicherungsverband des
                         Oberbergamtsbezirks Dortmund              545
                      2. Oelsnitz-Gersdorf-Lugauer
                         Steinkohlenbergwerke                      546
                      3. Magdeburger Braunkohlenbergbauverein      547

                  II. Metallindustrie                              548

                      1. Gesamtverband Deutscher
                         Metallindustrieller                       548
                      2. Verband der Metallindustriellen für
                         Nürnberg, Fürth und Umgebung              550
                      3. Verband der Metallindustriellen
                         Magdeburgs und Umgebung                   550
                      4. Vereinigung der Berliner
                         Metallwarenfabrikanten                    551
                      5. Vereinigung der Berliner Klempner,
                         Kupferschmiede, Gas- und
                         Wasser-Installateure und verwandter
                         Berufszweige                              552
                      6. Verein der Kupferschmiedereien
                         Deutschlands                              552
                      7. Verband Berliner Metallindustrieller      553
                      8. Verband der Metallindustriellen
                         Württembergs                              554
                      9. Verband der Metallindustriellen in
                         Halle a. S. und Umgegend                  554
                     10. Verein Braunschweiger Metallindustrieller 555
                     11. Verband der Metallindustriellen im Bezirk
                         Leipzig                                   555

                 III. Brauerei                                     556

                      1. Verband Braunschweigischer Bierbrauereien 556
                      2. Verband der norddeutschen Brauereien      557
                      3. Die bayrischen Bierbrauereien             557
                      4. Zentralverband deutscher Brauereien gegen
                         Verrufserklärungen                        558

                  IV. Textilindustrie                              560

                      1. Verein zur Wahrnehmung der gemeinsamen
                         Interessen der Tuchfabrikanten zu Cottbus 560
                      2. Tuchfabrikantenverein zu
                         Aachen-Burtscheid                         563
                      3. Verein der Riemenfabrikanten in Barmen    564
                      4. Wupperthaler Riemendreherverband          565

                   V. Tabakindustrie                               566

                  VI. Baugewerke                                   567

                          A. Oertliche Vereine                     567
                      1. Arbeitgeberbund für das Maurer- und
                         Zimmerergewerbe von Berlin und den
                         Vororten                                  567
                      2. Bund der vereinigten Arbeitgeber der
                         Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter in
                         Brandenburg a. H.                         568
                      3. Verein bremischer Baugewerksmeister       569
                      4. Verband der Baumeister und Bauunternehmer
                         in Dresden                                570
                      5. Freie Vereinigung der Baugeschäftsinhaber
                         in Greiz                                  571
                      6. Arbeitgeberverband des Maurer- und
                         Zimmerergewerbes in Magdeburg             572
                      7. Verband der Arbeitgeber des Baugewerbes
                         in München                                574
                      8. Verband süddeutscher Baugewerksmeister    575
                      9. Freie Vereinigung der Maurer- und
                         Zimmermeister in Stettin                  577

                          B. Der deutsche Arbeitgeberbund für das
                             Baugewerbe                            578

                 VII. Hutfabrikation                               580

                      1. Verein Berliner Wollfilzhutfabrikanten    580
                      2. Verein sächsischer Strohhutfabrikanten
                         zur Wahrung gemeinsamer Interessen        581

                VIII. Tapetenfabrikation                           581

                  IX. Handwerk                                     582

                      1. Arbeitgeberbund der vereinigten Tischler-
                         und Drechslermeister, sowie verwandter
                         Holzbearbeitungsbetriebe in Stettin       582
                      2. Verein der Möbel- und Bautischlereien in
                         Herford                                   583
                      3. Verband der Faßfabrikanten und
                         Küfermeister von Rheinland und Westfalen  584

                   X. Landwirtschaft                               585

                  XI. Der Deutsche Buchdruckerverein               587

     III. Oesterreich                                              602

      IV. England                                                  611

       V. Frankreich                                               619

      VI. Die übrigen Länder                                       622


                             Dritter Teil.
                      =Gemeinsame Organisationen.=

               A. $Freiwillige Vereinigungen$                      624

                      1. Die Tarifgemeinschaft der deutschen
                         Buchdrucker                               624
                      2. Der Schweizerische Stickereiverband       643
                      3. Der Sächsische Stickereiverband           651
                      4. Die Schweizerische _fédération horlogère_ 652
                      5. Die Lippeschen Ziegler                    654
                      6. Solinger Stahlwarenindustrie              667
                      7. Die Feilenhauerindustrie in Remscheid     671
                      8. Die Bergische Bandindustrie               675
                      9. Die Schlittschuhindustrie in Remscheid    677
                     10. Die französischen _syndicats mixtes_      678
                     11. Die englische _trade alliance_            685

               B. $Gesetzliche Organisationen$                     689


                              =Nachträge.=

                           I.                                      697
                          II.                                      699
                         III.                                      700
                          IV.                                      700
                           V.                                      702
                          VI.                                      703
                         VII.                                      704
                        VIII.                                      708
                          IX.                                      709
                           X.                                      710
                          XI.                                      710
                         XII.                                      711
                        XIII.                                      711
                         XIV.                                      712
                          XV.                                      712
                         XVI.                                      712
                        XVII.                                      714
                       XVIII.                                      714
                         XIX.                                      716
                          XX.                                      718

                   *       *       *       *       *



                       Die Gewerkschaftsbewegung.



                            $Erster Teil.$

                           Arbeiterverbände.



                           Erster Abschnitt.

                        Nationale Vereinigungen.

                             I. England[2].


Auf dem Gebiete der Arbeiterorganisation nimmt England zweifellos den
ersten Platz ein. Die Entwickelung ist hier am längsten zu verfolgen
und am weitesten vorgeschritten, und es liegt nahe, anzunehmen, daß
diejenige der übrigen Länder in ihr das Vorbild zu sehen hat, dem sie
gut thut als Ziel nachzustreben, womit es völlig vereinbar ist, daß
sie sich je nach der Eigenart der Völker und ihrer geschichtlichen
Entwickelung verschieden modifiziert.

Ueber den Ursprung der englischen _trade unions_ besteht keine
Uebereinstimmung der Meinungen. Während $George Howell$, dem sich
die ältere Auffassung in England anschloß, in seinem Buche: »_The
conflicts of capital and labour_«, London 1877, sie als Ausläufer der
alten Handwerkergilden betrachtet, wird diese Auffassung von S. und B.
$Webb$ entschieden bekämpft, die vielmehr den Ausgangspunkt in den früh
auftauchenden Genossenschaften von Lohnarbeitern finden wollen.

  [2] Die erste erschöpfende Bearbeitung des englischen
      Gewerkschaftswesens, die in gewisser Weise noch immer die Grundlage
      bildet, sind die Arbeiten von L. $Brentano$, insbesondere seine
      »Arbeitergilden der Gegenwart«, Leipzig 1871. In neuester Zeit ist
      diesen Arbeiten ergänzend zur Seite getreten das umfassende Buch
      von $Sidney$ und $Beatrice Webb$: »Die Geschichte des
      Trade-Unionsmus«, London 1874, übersetzt von E. Bernstein,
      Stuttgart 1895, A. Dietz. Dieses Werk hat in der deutschen
      Litteratur mit Recht die allgemeinste Anerkennung gefunden; die
      Verfasser sind selbst Mitglieder der _Fabian Society_, stehen also
      auf dem Boden des Sozialismus, wahren sich aber nicht allein einen
      durchaus unabhängigen Standpunkt, sondern machen auch aus ihrer
      Abneigung gegen die Marxistische Sozialdemokratie so wenig ein
      Hehl, daß der Uebersetzer an mehreren Stellen in Anmerkungen ihnen
      deswegen Tadel zu teil werden läßt. In der folgenden Darstellung
      ist in erster Linie dieses Buch zu Grunde gelegt.

      Die sonstige Litteratur ist in dem Aufsatze von L. $Brentano$ »Die
      Gewerkvereine in England« im Handwörterbuch der Staatswissenschaften
      IV, 7 und den Ausführungen von $Biermer$ im I. und II. Erg.-Bande,
      S. 412 u. 440 zusammengestellt.

      Seit dem 1. April 1891 erscheint in London das Wochenblatt »_The
      Trade Unionist_«.

      Seit 1887 werden die amtlichen Labour Statistics »_Statistic tables
      and reports on Trade Unions_« herausgegeben, umfangreiche
      Blaubücher als Anlagen zum _Labour Correspondent_ (J. $Burnett$).
      Besonders wertvoll sind auch die Mitteilungen der von dem _Labour
      Department_ der englischen Regierung in der Mitte jedes Monats
      herausgegebenen »_Labour Gazette_«, die seit Mai 1893 erscheint
      und eine umfassende Statistik aller auf die Arbeiterverhältnisse
      bezüglichen Thatsachen bietet. Vergl. außerdem L. $Brentano$:
      »Entwickelung und Geist der englischen Arbeiterorganisationen« in
      $Braun$: »Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik«, VIII,
      S. 75 ff., $Galton$, daselbst, XII, S. 449 ff. Ueber die
      Organisationen der Arbeiterinnen vergl. G. $Dyrenfurth$ in
      $Brauns$ Arch. VII, 166 ff.

Auch $Brentano$[3], ebenso wie $Schanz$[4] sehen das Vorbild der _trade
unions_ nicht in den Gilden, sondern in den Arbeiterbrüderschaften.

Solche Vereinigungen von Handwerksgesellen, ähnlich den deutschen
Gesellen- und Bruderladen, finden wir in England wie in den meisten
übrigen Kulturländern schon im Mittelalter, aber überall stehen diese
Bildungen im Gegensatze zu der Gesetzgebung, die häufig mit strengen
Strafbestimmungen gegen sie einschreitet. Aus diesem Grunde hüllen sie
ihre Thätigkeit regelmäßig möglichst in Dunkel, und es ist deshalb
über sie wenig bekannt. Die Zeit, über die wir besser unterrichtet
sind, beginnt erst mit dem im Jahre 1562 durch die Königin Elisabeth
erlassenen sog. $Lehrlingsgesetze$, dessen Bestimmungen für das
Verständnis der damaligen gewerblichen und sozialen Verhältnisse von
dem größten Interesse sind. Vorbedingung für den Betrieb eines Gewerbes
ist eine 7 jährige Lehrlingszeit. Die Anzahl der von einem Meister
angenommenen Lehrlinge darf die der von ihm beschäftigten Gesellen
höchstens um zwei übersteigen. Die Arbeitszeit dauert im Sommer 12
Stunden, im Winter von Tagesanbruch bis zur Nacht. $Der Lohn wird
vierteljährlich von den Friedensrichtern und Magistraten festgesetzt$,
doch ist nicht das Zahlen eines geringeren, sondern nur das eines
höheren, als des bestimmten Lohnes mit Strafe für Arbeitgeber und
Arbeiter bedroht; man hatte also nicht, wie heute gefordert wird,
einen $Minimal$-, sondern einen $Maximallohn$. Der Grund hierfür war,
daß, nachdem die Pest im Jahre 1348 die Bevölkerung um ein Drittel
oder gar die Hälfte vermindert hatte, die Arbeitslöhne infolge des
verminderten Angebotes an Arbeitskräften plötzlich außerordentlich in
die Höhe gingen, so daß das Parlament 1349 zu einer besonderen Sitzung
zusammenberufen wurde, um das »Arbeiterstatut« zu erlassen, in welchem
den Arbeitern verboten wurde, höhere Löhne zu fordern, als zwei Jahre
vor Ausbruch der Pest üblich gewesen waren. Das Lehrlingsgesetz behielt
diese Vorschrift bei, und verschiedene dagegen unternommene Aufstände
hatten keinen Erfolg.

  [3] Arbeitergilden, Buch I, Kap. III, S. 83.

  [4] Zur Geschichte der deutschen Gesellenverbände, Leipzig 1877,
      S. 25 ff.

Kann hiernach das Gesetz gewiß nicht als ein arbeiterfreundliches
bezeichnet werden, so wurde doch in den bald folgenden Zeiten der
steigenden industriellen Entwickelung die behördliche Lohnregelung von
den Arbeitern als ein Schutz angesehen, den die meist die Partei der
Arbeitgeber nehmenden Behörden ihnen dadurch zu entziehen suchten, daß
sie sich weigerten, den Anträgen auf Lohnfeststellung Folge zu geben,
und die meisten Arbeiterunruhen aus dem 18. Jahrhundert haben ihren
Grund in der Erbitterung der Arbeiter über den ihnen verweigerten
Schutz. Einzelne Versuche der Gesellen, den Beistand des Parlamentes
anzurufen, gelangen, waren aber ohne nachhaltigen Erfolg. So wurde im
Jahre 1756 auf Antrag der Wollweber der _Woollen Cloth Weavers Act_
erlassen, in dem die Festsetzung der Stücklöhne den Friedensrichtern
übertragen wurde, aber auf Grund von Petitionen der Fabrikanten, die
erklärten, der Konkurrenz gegenüber nicht bestehen zu können, wurde das
Gesetz wieder aufgehoben.

Die frühere Periode der staatlichen Fürsorge wurde gegen Ende
des 18. Jahrhunderts endgültig überwunden infolge der durch das
1776 erschienene berühmte Buch von $Adam Smith$: »_The Wealth of
Nations_« verkündeten und bald allgemein angenommenen Lehre von
der wirtschaftlichen Freiheit, die dahin führte, daß 1813 das
Lehrlingsgesetz von Elisabeth als »schädlich« im vollen Umfange
aufgehoben wurde.

Dieser Grundsatz der Freiheit forderte nach damaliger Auffassung
die Beseitigung aller Vereinigungen, die im stande waren, sie zu
beeinträchtigen und, nachdem schon eine Reihe von Einzelgesetzen für
die verschiedenen Berufe vorangegangen waren, wurde 1799 durch das
Gesetz 39 _Geo. III c._ 81, den _General Combination Act_ allgemein
jede Verbindung verboten und für kriminell strafbar erklärt; dieses
Gesetz wurde auch im folgenden Jahre durch ein neues Gesetz (39 und 40
_Geo. III c._ 60) ausdrücklich bestätigt.

Nun richtete sich freilich das Verbot formell gegen die Arbeitgeber
ebensogut, wie gegen die Arbeiter, aber nicht allein waren gegen sie
nicht, wie gegen die Arbeiter, Gefängnisstrafen, sondern nur geringe
Geldstrafen angedroht, sondern vor allem gelang es niemals, gegen
sie ein Eingreifen des Friedensrichters zu erzielen, so daß ein
Parlamentsbericht von 1824 anerkennen muß, daß sich kein einziger Fall
von Verurteilung eines Arbeitgebers habe nachweisen lassen.

Erschwert wurde die Lage für die Arbeiter noch durch die nach dem
Frieden von 1815 in Verbindung mit dem niedrigen Stande der Preise
einsetzende außerordentliche Herabdrückung der Löhne. Es ist deshalb
begreiflich, daß sich überall Geheimbunde bildeten und Verschwörungen
stattfanden, die mit blutigen Verfolgungen endeten.

In dieser Not erstand den Arbeitern ein Helfer in der Person von
$Francis Plate$, eines Schneidermeisters, der sich nach Aufgabe seines
Geschäftes mit einer bewundernswerten Energie der Aufgabe der Befreiung
der Arbeiterklasse widmete. Ihm in Verein mit dem Parlamentsmitgliede
$Josef Hume$ gelang es im Jahre 1824, im Parlamente ein Gesetz (5 _Geo.
IV c._ 95) durchzubringen, welches alle Koalitionsverbote, insbesondere
die _Combination Laws_ von 1799/1800, aufhob und den gewerblichen
Verbindungen gesetzliche Anerkennung verlieh, indem dieselben nur dann
strafbar sein sollten, wenn sie Gewalt gegen Personen oder Sachen
verübten. Aber die daraufhin einsetzende allgemeine Bildung von
Gewerkvereinen in Verbindung mit erheblichen Lohnsteigerungen riefen
einen Entrüstungs- und Petitionssturm der Unternehmer hervor, und es
schien, als ob es ihnen gelingen würde, das neue Gesetz völlig wieder
rückgängig zu machen. In Wahrheit kam es jedoch nicht hierzu; dasselbe
wurde freilich aufgehoben, aber das neue Gesetz von 1825 (6 _Geo. IV
c._ 129), obgleich es formell das allgemeine Verbot von Verbindungen
wieder herstellte, berührte doch insofern die Interessen der Arbeiter
nicht allzutief, als es von dem Verbote die Verbindungen zum Zwecke der
Regelung der Löhne und der Arbeitszeit ausnahm und so das Recht der
Arbeiter zum Verhandeln über diese Punkte anerkannte. Allerdings bezog
sich dies nur auf Versammlungen, die sich mit den Arbeitsbedingungen
der in der Versammlung anwesenden Personen beschäftigten. Ebenso waren
Vereinbarungen, mit bestimmten Personen nicht zusammen zu arbeiten oder
Jemand zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen, strafbar. Die Folgen
dieser gesetzlichen Maßregeln waren auch jetzt wieder Unruhen, die sich
bis zu Mordthaten steigerten.

Zu dieser Ungunst der Gesetzgebung kam noch der mit dem Jahre 1825
einsetzende und bis 1829 dauernde wirtschaftliche Niedergang, der keine
Ausdehnung der Gewerkschaften zuließ; alle von ihnen eingeleiteten
Lohnbewegungen endigten mit völligen Niederlagen.

Die nächste Periode in der Entwickelung der englischen Gewerkvereine
wird beherrscht durch den Einfluß des Fabrikanten $Robert Owen$, des
ersten kollektivistischen Sozialisten, der nach Vereitelung des in
seiner Kolonie New-Harmony in Nordamerika unternommenen Versuches,
ein kommunistisches Gemeinwesen ins Leben zu rufen, seine ganze
Kraft der heimischen Arbeiterbewegung widmete. Aber sein Ziel war
nicht, wie es der Grundgedanke der heutigen _Trade unions_ ist, eine
berufliche Organisation innerhalb jedes einzelnen Gewerbes, sondern
die Zusammenfassung aller Arbeiter ohne Unterschied zu einem $einzigen
umfassenden Verbande$, entsprechend dem Ideale von der gemeinsamen
absoluten Solidarität der Arbeiterinteressen. Dies ist deshalb der
Typus für die Periode von 1829-1834, dessen Unterschied gegen die
heutigen Gewerkvereine schon in dem Namen hervortritt, indem die
damaligen Verbände sich nicht _trade unions_ nannten, sondern ihre
Organisation als _trades union_, also als eine einheitliche Vereinigung
bezeichneten. Den äußeren Abschluß fanden diese Bestrebungen in der
von R. $Owen$ auf dem Kongresse in London am 6. Oktober 1833 ins Leben
gerufenen _Grand National Consolidated Trades Union_, die in kurzer
Zeit eine Mitgliederzahl von mehr als einer halben Million erreichte
und einen wahren Gewerkschaftstaumel einleitete. Die Grundlage bildeten
als Regel Vereine (»Logen«) von Angehörigen desselben Gewerbes, doch
gab es auch »gemischte Logen«. Die Leitung der ganzen Union lag in den
Händen eines Exekutivkomitees, das aus vier Personen bestand und als
Ziel offen den Generalstreik aller Lohnarbeiter ins Auge faßte. In
einzelnen Fällen wurden auch tief eingreifende Arbeitseinstellungen
unternommen. So war infolge einer von den Londoner Gasarbeitern
eingeleiteten Arbeitseinstellung Anfang März 1834 ein Teil der
Hauptstadt einige Tage nachts in völlige Dunkelheit gehüllt.

Es ist begreiflich, daß hiergegen nicht allein die Arbeitgeber alle
Mittel der Abwehr in Bewegung setzten, indem sie hauptsächlich
die Beschäftigung der Arbeiter davon abhängig machten, daß sie
»das _document_ unterschrieben«, d. h. erklärten, der Union nicht
anzugehören, sondern daß auch die staatlichen Behörden sich zum
Eingreifen verpflichtet hielten. Hierzu benutzte man nicht allein den
alten _master and servant act_, auf Grund dessen man Arbeiter wegen
Niederlegung der Arbeit zu Gefängnisstrafen verurteilte, sondern
vor Allem richtete man den Angriff gegen eine aus dem Mittelalter
überkommene Gewohnheit der Arbeiterverbände, sich mit allerlei
mystischem und phantastischem Apparate zu umgeben und sowohl bei der
Aufnahme der Mitglieder, wie bei sonstigen wichtigen Vorkommnissen
feierliche Eidesleistungen zu fordern. Gegen diesen Gebrauch brachte
man ein im Jahre 1819 erlassenes Gesetz (37 _Geo. III c._ 123) zur
Anwendung, welches die Abnahme von Eiden seitens eines ungesetzlichen
Vereins mit schweren Strafen bedrohte. Auf Grund dieses Gesetzes
wurden am 18. März 1834 sechs Arbeiter in Dorchester zu sieben
Jahren Deportation verurteilt. Hiergegen leitete die _Grand National
Consolidated Trades Union_ eine allgemeine Arbeiterbewegung ein,
die nicht nur in einer Riesenpetition mit mehr als einer Million
Unterschriften, sondern auch einer am 21. April 1834 ins Werk gesetzten
Prozession vor das Parlamentshaus, an der 100000 Menschen teilnahmen,
ihren Ausdruck fand.

Aber hinderte man hierdurch zwar den von den Arbeitgebern betriebenen
Erlaß strengerer $gesetzlicher$ Maßregeln gegen das Vereinigungsrecht,
so erwies sich doch die Union nicht als fähig, die Uebermacht der
Unternehmer auf rein $privatem$ Gebiete, zu brechen. Das höchst
wirksame Mittel, welches dieselben anwandten, bestand, wie schon
bemerkt, darin, daß Sie überall durch »Präsentierung des Dokumentes«
die Arbeiter zum Austritte zwangen. $Owen$ selbst sah sich gezwungen,
seine Organisation im August 1834 auf einem zu diesem Zwecke
einberufenen Kongresse aufzulösen und in eine »_British and Foreign
Consolidated Association of Industry, Humanity and Knowledge_«
überzuleiten, deren Ziel die Errichtung einer »Neuen moralischen Welt«
durch die Versöhnung aller Klassen war, von der aber, außer wenigen
mißglückten Versuchen der Gründung von Produktivgenossenschaften,
nichts zu berichten ist.

$Owen$, der hiermit vom Schauplatze abtritt, war, wie gesagt, ein
Vertreter des kollektivistischen Sozialismus und stand $Marx$
ziemlich nahe. Er fand bei seinem Auftreten die Ideen vor, die in
den Jahren nach 1815 die Schriften von $Cobbes$ in die englische
Arbeiterschaft hineingetragen hatten und die sich zusammenfassen
lassen als den Gedanken der Erringung der politischen Macht seitens
der Arbeiterklasse. Dieser politischen Demokratie, die er gering
anschlug, setzte $Owen$ seine »industrielle Demokratie« mit dem
genossenschaftlichen Eigentum und der genossenschaftlichen Kontrolle
der Produktion entgegen. Es war begreiflich, daß nach dem Scheitern des
$Owen$schen Gedankens das politische Ziel wieder in den Vordergrund
trat, daß die Partei der »physischen Gewalt« immer neue Anhänger fand,
mit einem Worte, daß es zu der unter dem Namen der »Chartistenbewegung«
bekannten Schreckenszeit kam, die an Gefahr für alle staatliche
und gesellschaftliche Ordnung weit alles überbot, was jemals der
Sozialdemokratie hat nachgesagt werden können.

Da diese Bewegung, die von 1837 bis 1842 ihren Höhepunkt erreichte,
aber bis 1848 ihren bedrohlichen Charakter bewahrte, durchaus
politischer Natur ist, so fällt ihre Darstellung aus dem Rahmen der
vorliegenden Aufgabe. Es sollen deshalb nur zwei Ereignisse erwähnt
werden, die die oben aufgestellte Behauptung beweisen, nämlich
einerseits die am 15. Juli 1839 seitens der Chartisten unternommene
Plünderung von Birmingham und andererseits die am 10. April 1848
erfolgte Bestellung des Generals Wellington zum Oberbefehlshaber
des Heeres, um den drohenden Angriff von 300000 Chartisten, die
gegen London heranzogen, abzuwehren. Es ist zweifellos festgestellt,
daß damals unter dem Drucke der politischen Erregung nicht allein
sonstige Gewaltthätigkeiten, sondern geradezu Mordthaten von Personen
verübt wurden, die sich sonst bei ihren Mitbürgern der besten Achtung
erfreuten und diese auch ihrer Verurteilung ungeachtet nicht verloren,
indem sie eben als politische Märtyrer angesehen wurden.

Uebrigens bestand hinsichtlich des Verhältnisses zu den _trade unions_
zwischen der Owenistischen und der Chartistenbewegung der große
Unterschied, daß die erstere die _trade unions_ als Gesamtheit in ihren
Bannkreis gezogen hatte, während sie der letzteren in ihrer Eigenschaft
als Vereinigungen durchaus fern standen, womit vereinbar ist, daß
manche ihrer Mitglieder für ihre Person zugleich eifrige Chartisten
waren.

Kann man in gewissem Sinne die bisherige Periode der _trade unions_,
die etwa bis 1843 zu berechnen ist, als die $revolutionäre$
bezeichnen, der die etwa mit dem Jahre 1860 beginnende Glanzzeit der
$parlamentarischen$ Periode gegenübersteht, so giebt es zwischen
beiden eine $Periode des Ueberganges$, in der sich die Ideen der neuen
Entwickelung vorbereiten. Indem man alle Pläne sozialer Revolution
aufgab, legte man das Hauptgewicht darauf, Wissen und Kenntnisse
unter der Masse der Arbeiter zu verbreiten und im übrigen sich auf
Maßnahmen rein praktischer Natur zu beschränken. Von der Kampfpolitik
der früheren Zeit ist kaum eine Spur geblieben, insbesondere war
das Mittel des Streiks so in Mißkredit geraten, daß nicht allein
die meisten Verbände ihn völlig aus ihrem Programm beseitigten,
sondern die Loge Portsmouth der Steinmaurer sogar beschloß, das Wort
»Streik« abzuschaffen. An Stelle des Streiks sollte das System der
Einigungsämter und Schiedsgerichte treten. Man betonte nicht allein
den Nutzen eines guten Einvernehmens mit den Arbeitgebern, um die
bestehenden Vorurteile gegen die Arbeiterverbände zu zerstören, sondern
wies vor allem darauf hin, daß die Höhe des Lohnes nicht in dem
Belieben der Unternehmer stehe, sondern dem großen Gesetze von Angebot
und Nachfrage unterworfen sei, daß es deshalb die erste Aufgabe der
Arbeiterschaft sein müsse, das Angebot von Arbeit zu verringern, wofür
man vor allem die Beschränkung der Zahl der Lehrlinge, die Beseitigung
der Ueberzeitarbeit und die Schaffung eines Auswanderungsfonds ins
Auge faßte. Insbesondere die letztere Maßregel fand allgemeinen
Anklang, und in den nächsten 20 Jahren finden wir bei den meisten
_trade unions_ einen Fonds, aus dem man Personen unterstützte, die
zur Auswanderung geneigt waren, bis die Erfahrung bewies, daß nicht
allein die Mittel für einen solchen Zweck nicht entfernt ausreichten,
sondern daß man auch gerade die kräftigsten Elemente der Arbeiterschaft
entfernte, während die schwächeren zurückblieben. Dagegen stammt aus
dieser Periode die segensreiche und auch noch heute anerkannte Politik
der »$lokalen Gewerbeämter$« zur schiedsrichterlichen Beilegung von
Streitigkeiten als Ausdruck des Systems autoritativer Verhandlungen
zwischen den Vertretern des Kapitals und der Arbeit. Die Betonung der
besseren Bildung der Arbeiterschaft, um die sich insbesondere die
allmählich in den Vordergrund des gewerkschaftlichen Lebens tretenden
Bucharbeiter (Buchdrucker und Buchbinder) Verdienste erwarben, führte
zu der immer allgemeineren Bildung von Gewerkschafts-Bibliotheken und
ebenso zu der Gründung von ständigen Gewerkschaftsblättern. »Verschafft
euch Wissen statt Alkohol« -- das ist eine in diesen öfters zu lesende
Aufforderung an ihre Leser.

Hand in Hand mit dieser veränderten grundsätzlichen Haltung ging
eine Umgestaltung der Organisation. Die Gewerkvereine hatten sich
früher nicht nur auf Personen desselben Gewerbes, sondern auch auf
einen bestimmten Ort beschränkt. Aenderte deshalb ein Mitglied seinen
Aufenthalt, so verlor es alle Vorteile seiner bisherigen Mitgliedschaft
und mußte erst an dem neuen Orte wieder einem Vereine beitreten,
der ein hohes Eintrittsgeld forderte. Dazu kam, daß infolge dieses
örtlichen Charakters innerhalb desselben Gewerbes eine ganze Reihe
von Gewerkvereinen bestanden, unter denen es keinen organischen
Zusammenhang gab. Dem half man dadurch ab, daß man nicht allein
Freizügigkeit unter den Vereinen einführte, sondern diese selbst zu
einer höheren Einheit verschmolz, indem man einen Exekutivausschuß und
einen Sekretär einsetzte. Die erste Vereinigung dieser Art war der am
1. Januar 1851 ins Leben getretene Maschinenbauerverein (_Amalgamated
engineers_).

Um den $Streiks$ entgegenzuwirken, erfand man zwei Wege: entweder
übertrug man die Entscheidung dem Exekutivkomitee, d. h. der
Zentralinstanz, so daß rein lokale Einflüsse ausgeschlossen waren,
oder man verlangte zur Einleitung eines solchen die Unterbreitung
unter das Votum der gesamten Mitgliederschaft des ganzen Landes, womit
ein erheblicher Zeitaufschub und eine Abkühlung der erregten Gemüter
gegeben war.

Die $Politik$ suchte man immer entschiedener aus den Bestrebungen der
Gewerkschaften ganz auszuschließen, mit der einzigen Ausnahme der
Beeinflussung des Parlamentes hinsichtlich solcher Gesetze, welche
unmittelbar das Interesse der Arbeiterschaft berühren. Für diesen Zweck
dagegen machte man große Anstrengungen, und so gelang es z. B. im Jahre
1844, als von den Unternehmern versucht wurde, ein Gesetz zustande zu
bringen, durch welches die Friedensrichter ermächtigt wurden, »jede
schlechte Aufführung in Bezug auf das Dienst- oder Arbeitsverhältnis«
mit zwei Monaten Gefängnis zu bestrafen und gegen jeden von seinem
Arbeitgeber verklagten Arbeiter einen Verhaftsbefehl zu erlassen,
durch Protestversammlungen und eine Riesenpetition mit zwei Millionen
Unterschriften diese Gefahr abzuwenden.

Eine eigentümliche Stellung in dieser Periode bezeichnet die »_National
Association of United Trades for the Protection of Labour_«, die von
den vereinigten Gewerkschaften Sheffields, insbesondere unter dem
Beistande des Parlamentsmitgliedes $Duncombe$, eines aristokratischen
Demagogen im guten Sinne, Ostern 1845 auf einer von 110 Vertretern
in London abgehaltenen Versammlung ins Leben gerufen wurde und
eine Reihe von Jahren einen großen Einfluß hatte, obgleich sich ihr
von vornherein gerade die großen Verbände fernhielten. Der Zweck
der Vereinigung war »die Förderung der Interessen der vereinigten
Gewerbe und deren Wohlergehens durch Schlichtung, Schiedsspruch und
Rechtsanrufung sowie durch Förderung aller politischen, sozialen
und erzieherischen Maßregeln, die die Lage der arbeitenden Klassen
zu bessern bestimmt sind«, insbesondere aber die Erringung eines
gerechten Lohnes (_fair wage_). Das Unternehmen knüpfte insofern an
die Pläne $Owens$ an, als es auf eine $Zusammenfassung aller Gewerbe$
Bedacht nahm, doch unterschied es sich von diesen nicht nur durch den
Grundzug der Mäßigung und der Fernhaltung aller anderen, als der rein
gewerkschaftlichen Politik, sondern wollte auch durchaus vermeiden, in
die Angelegenheiten der einzelnen Gewerkschaften einzugreifen. Obgleich
man auch den $genossen$schaftlichen Gedanken $Owens$ aufgriff, wollte
man ihn doch nicht in den Vordergrund stellen und beschloß deshalb auf
der am 28. Juli bis 3. August 1845 in London abgehaltenen Konferenz,
das Unternehmen in zwei Teile zu zerlegen: in eine Vereinigung »zum
Schutze der Arbeit«, welche die Interessen der Arbeiter gegenüber den
Unternehmern und im Parlamente wahrnehmen sollte, und eine solche
»zur Beschaffung von Arbeit«, welche den durch Streik arbeitslos
gewordenen Mitgliedern auf genossenschaftlichem Wege Arbeit verschaffen
sollte. Aber obgleich der Verband auf der im Juni 1846 in Manchester
abgehaltenen und von 126 Vertretern besuchten zweiten Konferenz 40000
Mitgliedern zählte, krankte er doch bald an den Schwierigkeiten,
die sich stets bei Zusammenfassung der Arbeiter aus verschiedenen
Gewerbszweigen ergeben und hauptsächlich in deren widerstreitenden
Interessen liegen; jeder Zweig glaubt sein Interesse zu Gunsten
eines anderen zurückgesetzt, was insbesondere bei Unterstützung von
Streiks sich geltend macht. Ebenso scheiterten die Versuche einer
genossenschaftlichen Organisation der Arbeit, und nachdem $Duncombe$,
der als Leiter dem Unternehmen seine ganze Kraft gewidmet hatte, 1848
infolge geschwächter Gesundheit sich hatte zurückziehen müssen, verlor
der Verband immer mehr an Bedeutung; als Zeitpunkt der formellen
Auflösung wird von $Howell$ das Jahr 1860 bezeichnet.

War der genannte Verband gewissermaßen noch ein Nachzügler der älteren
Periode, so sehen wir dagegen in der genannten $_Amalgamated Society_
of _Engineers_$, die noch heute im Mittelpunkte des gewerkschaftlichen
Lebens Englands steht, den vollen Durchbruch der neuen Anschauungen,
die sich von denen der früheren Zeit wesentlich unterscheiden.
Der Schwerpunkt liegt neben den bereits hervorgehobenen Momenten
hauptsächlich darin, daß die Vereine auf eine breitere Basis, als
die des bloßen gewerkschaftlichen Kampfes, gestellt wurden und das
Ziel ins Auge faßten, den Mitgliedern einen Rückhalt für ihre ganze
wirtschaftliche Existenz zu bieten, insbesondere durch Aufnahme der
Versicherung gegen alle diejenigen Schädigungen, die den Arbeiter
in seiner Lebensführung bedrohen. Diese vielfach angegriffene
»$Kassenpolitik$« hatte allerdings neben Vorzügen auch erhebliche
Mängel. Der wesentlichste Vorzug bestand in der Sicherung eines
festen Mitgliederbestandes, einer Sicherung, die so weit ging, daß
selbst große Streiks mit unglücklichem Ausgange den Bestand des
Verbandes kaum merklich erschütterten. Die Kehrseite dagegen tritt
hervor in einer gewissen Ausschließlichkeit, in der Schaffung einer
$Arbeiteraristokratie$, die sich dadurch behauptet, daß sie eine
tiefere Schicht zu ihren Füßen schafft, auf der sie steht. »Schutz
gegen Eindringlinge« ist ein wesentlicher Programmmpunkt, mit dem man
unmittelbar an die Verhältnisse der höheren Klassen, insbesondere
den Abschluß der studierten Kreise durch Prüfungen, sich anlehnte.
Hiermit war verknüpft eine einsichtsvollere Beurteilung der übrigen
Bevölkerungsklassen; die in der früheren Periode übliche Bezeichnung
derselben als »Müßiggänger«, die Scheidung zwischen »produktiven« und
»unproduktiven« Klassen läßt man fallen und erhebt zum Grundsatz, keine
Forderungen zu stellen, von denen man sich sagen muß, daß der Gegner
sie nicht erfüllen kann.

Das Mittel, dessen die Gewerkschaften bedurften, um zu dieser neuen
Stellung zu gelangen, war ein doppeltes. Einerseits erhoben sie
$Beiträge$ von einer solchen Höhe, wie man sie in Deutschland noch
heute $kaum$ kennt, und andererseits hatte man eine Sorgfalt der
$Geschäftsführung$ nötig, an die man früher gar nicht gedacht hatte.
Damit hängt es zusammen, daß man nicht, wie früher, die Geschäfte der
Verwaltung Arbeitern im Nebenamte übertragen konnte, sondern besondere
Sekretäre mit angemessenem Gehalte anstellen mußte. Es genügten, wie
$Webb$[5] sich ausdrücken, nicht mehr Enthusiasten und Agitatoren,
sondern man bedurfte eine Klasse ständig bezahlter Beamten, die, aus
den Reihen der trade unions selbst hervorgegangen, ausdrücklich auf
Grund ihrer Fähigkeiten zur Geschäftsführung ausgewählt wurden.

  [5] A. a. O. S. 163.

Für alles dieses liefert die _Amalgamated Society of Engineers_
den besten Typus. Ihre Entstehung verdankt sie in erster Linie den
beiden um die Entwickelung der _trade unions_ hochverdienten Männern
$William Newton$ und $William Allam$. Der erstere war Mitglied des
»Unterstützungsvereins der Dampfmaschinenarbeiter und Maschinen- und
Mühlenarbeiter«, denen bei der Bewegung die Führung zufiel. Während
$Newton$ in London für die Verschmelzung der bestehenden Vereine thätig
war, richtete =Allam= seine Bemühungen auf die Provinz, insbesondere
Lancashire und Manchester, und suchte die dort bestehende Rivalität
gegen die Hauptstadt zu besiegen. Auf einer im September 1850 in
Birmingham abgehaltenen Konferenz wurde der Plan der Verschmelzung
endgültig beschlossen und am 6. Januar 1851 konnte das Exekutivkomitee
sein Amt endgültig übernehmen. Obgleich der Bestand an Mitgliedern
zunächst nur 5000 betrug, indem eine ganze Reihe von Vereinen sich
zurückhielt, war derselbe doch bis zum Oktober auf 11000 gestiegen,
die mit einem Wochenbeitrage von 1 Shilling eine stärkere Organisation
darstellten, als man sie bis dahin überhaupt gekannt hatte.

Der neue Verein hatte sehr bald seine Feuerprobe zu bestehen, indem
er mit dem ihm gegenüber begründeten Unternehmerverein der »$_Central
Association of Employers of Operative Engineers_$« über die Frage
der Stückarbeit und der Ueberarbeit in einen Kampf verwickelt wurde,
der das höchste Interesse der ganzen Arbeiterschaft erregte. Um
einem Streik zuvorzukommen, schlossen die Unternehmer am 10. Januar
1852 ihre Werkstätten, und obgleich auch die unbeteiligten Kreise,
insbesondere unter dem Einflusse der »$Christlichen Sozialisten$«,
eines im Jahre 1851 gegründeten Vereins, der sich die Aufgabe stellte,
das Publikum zu einer gerechten Würdigung der Arbeiterforderungen zu
veranlassen und hier zum erstenmal energisch in die Arbeiterbewegung
eingriff, über 5000 Pfund beisteuerten, mußten doch die Arbeiter,
nachdem ihr Vorschlag eines Schiedsgerichts abgelehnt war, im April
die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder aufnehmen. Aber das
Bedeutungsvolle dieses Kampfes war, daß er trotz seines ungünstigen
Ausganges die Stellung des neuen Verbandes kaum ernsthaft berührte.
Ebenso erwies sich das auch hier wieder zur Anwendung gelangte
Mittel des »Dokumentes« als wirkungslos, denn, obgleich die meisten
Arbeiter in ihrer Notlage dasselbe unterzeichneten, hielten sie
innerlich an ihrem Vereine fest, und selbst hochstehende Personen
bestritten öffentlich die Verbindlichkeit einer solchen erzwungenen
Erklärung. Im Jahre 1861 konnte die Union auf eine Mitgliederzahl
von 22000 und einen Vermögensbestand von 73398 Pfund zurückblicken.
Die Grundlage dieses Erfolges war aber »das wunderbar durchdachte
Finanz- und Verwaltungssystem, das die Union in den Stand setzte, die
Funktionen eines gewerblichen Schutzvereines mit dem einer permanenten
Versicherungsgesellschaft zu verbinden und auf solche Weise eine
finanzielle Stabilität zu erlangen, wie sie vorher nicht geträumt
worden war«[6].

  [6] $Webb$, a. a. O. S. 175.

Die Folge dieser Ereignisse war, daß der Union die anerkannte
Führerschaft der englischen Gewerkschaftsbewegung der nächsten
Jahrzehnte zufiel und daß von 1852 bis 1875 kaum eine Gewerkschaft zu
finden ist, die nicht die Einrichtungen der Maschinenbauer als Muster
und Vorbild übernommen hätte.

Einen Hauptgegenstand des Streites zwischen den Arbeitern und den
Unternehmern bildet in dieser Zeit $die Anerkennung der Gewerkschaften
als berufene Vertreter der Arbeiterschaft$. Ließ man die Politik
des »Dokumentes« von jetzt ab fallen, so wollten die Unternehmer
doch durchaus die Befugnis der Gewerkschaften, mit ihnen über die
Arbeiterforderungen zu verhandeln, nicht anerkennen, indem sie sich
ängstlich besorgt zeigten um die Freiheit der Arbeiter, die angeblich
durch die Vereine bedroht würde. Zuerst die Bauarbeiter erreichten in
den Provinzialstädten die Anerkennung von »Arbeitsstatuten« (_Working
rules_), die von den beiderseitigen Vereinigungen der Arbeiter und der
Arbeitgeber bis in die geringsten Einzelheiten festgestellt wurden und
den neuen Grundsatz der $kollektiven Ordnung des Arbeitsverhältnisses$
zur Geltung brachten.

Das Beispiel der Maschinenbauer sich zu »amalgamieren«[7] fand bei
verschiedenen Gewerben Nachahmung, und indem die intelligenten
Generalsekretäre dieser großen Arbeiterverbände durch ihren
gemeinsamen Wohnort in London die Möglichkeit eines engen
Freundschaftsverhältnisses und steten Gedankenaustausches erhielten,
entwickelte sich das System einer eigenartigen Oligarchie. Die
»_Junta_«, die bis zum Jahre 1871 die Führerschaft des englischen
Unionismus in der Hand hatte, bestand aus fünf Personen: $Allam$,
$Applegarth$, $Guile$, $Coulson$ und $George Odger$, von denen
besonders die beiden ersten sich durch eine ungewöhnliche Intelligenz
auszeichneten, während $Odger$ eine sehr wertvolle populäre
Beredsamkeit mitbrachte. $Allam$ richtete seinen ganzen unermüdlichen
Fleiß auf die Schaffung eines außerordentlich sinnreichen, wenn
auch etwas schwerfälligen Systems der Verwaltung und Kontrolle.
»Uebertriebene Vorsicht, bureaukratische Genauigkeit und eine an
Geiz streifende Sorge für Vermehrung der Vereinsgelder gehörten zu
$Allams$ Schwächen, aber zu einer Zeit, wo den »Arbeiteragitatoren«
allgemein Liederlichkeit in Geldsachen und Unfähigkeit zu angespannter
regelmäßiger Thätigkeit vorgeworfen wurde, hatten diese Schwächen
einen äußerst günstigen Einfluß auf die öffentliche Meinung zur
Folge«. »Während $Allam$ danach strebte, den »bezahlten Agitator«
in den verantwortlichen Beamten eines großen Finanzinstituts
umzuwandeln, suchte $Applegarth$ der organisierten _Trade union_
eine anerkannte soziale und politische Stellung zu gewinnen«. »Bei
allen diesen Männern fanden die Verleumder des Trade-Unionismus sich
Personen gegenübergestellt, die bedeutende Charaktereigenschaften und
außergewöhnliche Geschäftskenntnisse mit einem großen Stück jenes
offiziellen Anstandes verbanden, die der englischen Mittelklasse so
imponiert.« »Der Besitz guter Manieren war, obgleich er als eine
Kleinigkeit erscheinen mag, nicht der geringste ihrer Vorzüge. Mit
vollendeter Selbstachtung und Integrität verbanden sie Korrektheit des
Ausdruckes, durchaus vorwurfsfreies Verhalten im Privatleben und eine
bemerkenswerte Abwesenheit von allem, was an die Schenke erinnert.«
»Es war das erstemal in diesem Jahrhundert, daß die Arbeiterbewegung
unter die Leitung kam nicht von Gönnern aus den mittleren und
höheren Klassen, sondern von wirklichen Arbeitern, die für ihre
Stellung speziell vorgebildet waren[8].« Sie hatten kein bestimmtes
Glaubensbekenntnis, sondern standen dem extremen Individualismus der
englischen Radikalen ebenso unbefangen gegenüber, wie der $Marx$schen
Internationale, der $Applegarth$ und $Odger$ eine Zeit lang als
Mitglieder angehörten. Ihre Gewerkschaftspolitik war in der Praxis
darauf beschränkt, allen Arbeitern die Bedingungen zu sichern, die von
den entgegenkommendsten Arbeitgebern freiwillig zugestanden wurden.

  [7] Unter _amalgamation_ versteht man die völlige Verschmelzung
      verschiedener Berufe zu einer einheitlichen Organisation, während
      _federation_ ein bloßes Bündnis selbständiger Vereine bedeutet.

  [8] $Webb$, a. a. O. S. 189 ff.

Aber die Thätigkeit der _Junta_ griff über das rein gewerkschaftliche
Gebiet hinaus und umfaßte zugleich eine energische $politische$
Thätigkeit durch Beeinflussung des Parlamentes, und zwar beschränkte
man sich nicht auf Maßregeln, die, wie Erweiterung des Stimmrechtes
und Abschaffung der arbeiterfeindlichen Gesetze, insbesondere des
_Master and Servant Law_, das unmittelbare Interesse der Arbeiterschaft
berührten, sondern man beschäftigte sich auch mit allgemeinen Fragen,
wie der Unterstützung der amerikanischen Nordstaaten in ihrem Kampfe
gegen die Sklaverei und dem Auftreten Garibaldis. Durch diese Betonung
des politischen Elementes stellte sich die _Junta_ in entschiedenen
Gegensatz zu dem alten Unionismus, aus dessen Reihen sie lebhaft
befehdet wurde.

Neben der _Junta_ sind ein wichtiger Faktor in der nächsten
Entwickelungsperiode der _trade unions_, die allmählich in den
meisten größeren Städten ins Leben gerufenen $_trade councils_$,
d. h. gemeinsame Ausschüsse der sämtlichen an dem betreffenden Orte
vertretenen Gewerkschaften, die zuerst nur bei besonderen Vorkommnissen
zum Zweck gemeinsamer Stellungnahme und Beschlußfassung einberufen
wurden, später aber sich zu festen Organisationen entwickelten. Um 1860
gab es solche permanente _councils_ in Glasgow, Sheffield, Liverpool
und Edinburgh; am 10. Juli 1860 wurde dann das Londoner _trade council_
begründet, das bald eine besondere Bedeutung gewann. An demselben waren
zunächst nur die kleinen Vereine beteiligt, bis allmählich auch die
größeren aus ihrer Zurückgezogenheit heraustraten und sich anschlossen.
$George Howell$ und $Odger$ waren die ersten Sekretäre und schon
nach einigen Jahren stand das _council_ völlig unter dem Einflusse
der _Junta_. Uebrigens erhielt dasselbe wertvolle Unterstützung durch
eine Gruppe von jüngeren Anwälten und Schriftstellern, die es sich
zur Aufgabe machten, die berechtigten Forderungen der Arbeiter in den
Zeitungen zu vertreten.

Der Hauptgegenstand der Thätigkeit war die Organisierung einer Bewegung
gegen das _Master and Servant Law_, dessen Bestimmungen aus der in den
Worten ausgedrückten Auffassung des Verhältnisses von Herren zu ihren
Dienern entsprangen und die größte Rechtsungleichheit enthielten.
So wurde der Arbeiter, der vorsätzlich seinen Vertrag brach, mit
Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft, während der Arbeitgeber nur auf
Schadensersatz verklagt werden konnte; auch war es bei dem letzteren
zulässig, ihn in eigener Sache als Zeugen zu vernehmen, während der
erstere in Ermangelung ausreichender Beweismittel machtlos war. Gegen
die Entscheidung der Friedensrichter, mochten sie noch so willkürlich
sein, gab es keine Berufung. In einer Anfang 1863 abgehaltenen
Versammlung des Glasgower _trade council_ wurde nachgewiesen, daß in
einem einzigen Jahre 10339 Arbeiter wegen Vertragsbruches bestraft
waren.

Auf Veranlassung der Glasgower Gewerkschaftsführer $Macdonald$ und
$Campbell$ trat im Mai 1864 in London eine $Konferenz$ von Vertretern
der _trade unions_ zusammen, die als erste gemeinsame Beratung
besondere Bedeutung hat. Auf ihre Anregung hin wurde überall eine
Bewegung gegen das verhaßte Gesetz eingeleitet, die den Erfolg hatte,
daß 1867 ein neuer _Master and Servant Act_ (30 u. 31 _Vict. c._ 141)
erlassen wurde, der einen erheblichen Fortschritt darstellte.

Aber schon zog sich ein neues Gewitter gegen die _trade unions_
zusammen. Die Unternehmer hatten, nachdem das »Dokument« bei den
letzten großen Kämpfen der Maschinenbauer und der Bauhandwerker sich
erfolglos erwiesen hatte, ein neues Kampfmittel in der Aussperrung,
dem $_Lockout_$, gefunden und wandten es in der Ausdehnung an, daß
die _trade unions_ im Juni 1866 eine $Konferenz$ nach $Sheffield$
beriefen, an der 138 Vertreter teilnahmen, um gegen diese Angriffe
Schutzmaßregeln zu ersinnen. Man begründete die $_united kingdom
alliance of organised trades_$, die aber, ohne wesentliche Erfolge
erzielt zu haben, 1870 sich wieder auflöste, nachdem die Frage, welche
Fälle im Gegensatz zum Streik als _Lockout_ zu behandeln und demgemäß
zu unterstützen seien, zu steten Streitigkeiten geführt hatte.

Auch andere Kreise, als die Unternehmer, erhoben öffentliche Anklagen
gegen den »Terrorismus der _trade unions_«, und die heute üblichen
Angriffe gegen die gewissenlosen Männer, die, ein nichtsthuerisches
Leben führend, von den Groschen der von ihnen Betrogenen leben, im
Gegensatz zu den Vertretern von Bildung, Talent und Wissen, spielen
auch in der damaligen Zeitschriftenlitteratur eine große Rolle.

Den Funken ins Pulverfaß warf ein Vorgang in $Sheffield$, wo im Hause
eines Arbeiters eine Büchse Schießpulver eine Explosion hervorrief, von
der man behauptete, daß sie ein beabsichtigtes $Attentat$ darstelle,
indem man sich zugleich auf Vorgänge ähnlicher Art bezog, die
gleichfalls in Sheffield in den letzten Jahren vorher sich ereignet
hatten. Von allen Seiten erscholl der Ruf noch einer gründlichen
Untersuchung des Treibens der _trade unions_, und diese selbst
schlossen sich der Forderung an, um den Nachweis zu liefern, daß es
sich um Vorgänge von rein örtlicher Bedeutung handele, für die die
Gewerkschaften als solche durchaus nicht verantwortlich gemacht werden
könnten. Eine im Februar 1867 eingesetzte $königliche Kommission$
erhielt den Auftrag, eine eingehende Untersuchung anzustellen, die
sich nicht auf die Vorgänge in Sheffield beschränken, sondern sich auf
alle innerhalb der letzten 10 Jahre vorgekommenen Gewaltthätigkeiten
erstrecken, auch nicht nur einzelne Vereine, sondern die ganze
Thätigkeit der _trade unions_ umfassen sollte.

Hierzu gesellte sich noch eine weitere Gefahr, die dadurch entstanden
war, daß der oberste Gerichtshof (_Queens Bench_) in einer Entscheidung
im Jahre 1867 dem Gesetze von 1825 eine Auslegung gab, nach welcher die
Gewerkschaften keine Prozeßfähigkeit, also insbesondere nicht das Recht
hatten, gegen ungetreue Kassenverwalter gerichtlich vorzugehen. Dadurch
war das Vermögen der Vereine, das sich bereits auf eine Viertel Million
Pfund belief, schutzlos den Angriffen solcher Personen preisgegeben.
$Applegarth$ berief deshalb Ende Januar 1867 nach $London$ eine
»$Konferenz der amalgamierten Berufe$«, die im wesentlichen aus den
Mitgliedern der _Junta_ und einigen ihnen nahestehenden Freunden
bestand und von 1867 bis 1871 als das eigentliche Kabinett der _trade
union_-Bewegung fungierte.

Eine wirksame Unterstützung leisteten auch in dieser schweren Zeit die
bereits erwähnten »Christlichen Sozialisten« insbesondere $Frederic
Harrison$ und der Professor $Beesly$. $Webb$[9] äußern sich dahin: »Es
würde schwer halten, den Eifer und die geduldige Ergebenheit dieser
Freunde des Trade-Unionismus und die Dienste, die sie demselben in der
Stunde der Not geleistet haben, zu übertreiben.« Unterstützt wurden die
Bestrebungen der _trade unions_ auch durch die im Jahre 1850 gegründete
$Gesellschaft zur Förderung der Staatswissenschaften$, die 1860 einen
aus den hervorragendsten Sozialpolitikern gebildeten Ausschuß zur
Untersuchung der Thätigkeit der _trade unions_ einsetzte.

  [9] A. a. O. S. 216.

Die Verhandlungen vor der $königlichen Kommission$ bedeuteten
einen vollen Sieg der Gewerkschaften. Die Kommission stellte fest,
daß selbst in Sheffield vier Fünftel der dortigen Vereine sich an
keinerlei Gewaltthätigkeiten beteiligt hätten, diese vielmehr ganz
überwiegend von nicht organisierten Arbeitern ausgegangen seien.
Allerdings stellte sich der Bericht keineswegs unbedingt auf die
Seite der _trade unions_, insbesondere versuchte er darzulegen, daß
derartige Vereinigungen den Arbeitern keinen wirklichen ökonomischen
Vorteil brächten, aber trotzdem empfahl er, ihnen unter gewissen
Voraussetzungen durch Anmeldung bei einer Registerbehörde gesetzliche
Anerkennung zu gewähren. Diese Voraussetzungen waren die Beseitigung
von Bestimmungen über die Lehrlingszahl, des Verbotes der Stückarbeit
und der Zwischenkontrakte, sowie der gegenseitigen Unterstützung
in Streikfällen. Während das Gesetz von 1825 die Verbindungen, die
sich auf die Frage des Lohnes und der Ueberstunden beschränkten, von
dem Makel der Ungesetzlichkeit ausnahm, empfahl die Kommission für
die Zukunft, nur solche Vereine für ungesetzlich zu erklären, die
geschaffen würden, um Handlungen zu vollführen, die einen Kontraktbruch
enthalten oder zum Zweck der Weigerung, mit einer bestimmten Person
zusammen zu arbeiten.

Die $Minderheit der Kommission$ ging in dem von ihr erstatteten
Sonderberichte noch weiter und stellte den Satz auf, der für die
nächste Zeit den Mittelpunkt der politischen Bestrebungen der
Gewerkschaften bildet, daß keine von einem Arbeiter begangene Handlung
strafbar sein solle, die nicht ebenso strafbar sei, wenn sie von
einem Anderen begangen werde, und daß keine von einer Verbindung von
Arbeitern ausgeführte Handlung als strafbar angesehen werden solle, die
nicht strafbar sei, wenn sie von einer Einzelperson vorgenommen werde.

Von diesem Berichte der Kommission datiert ein neues Stadium in
der Stellungnahme der öffentlichen Meinung gegenüber den _trade
unions_, die sich insbesondere auch in den Leitartikeln der Presse
wiederspiegelt. Auch große Unternehmer, wie $Brassey$, äußerten sich
öffentlich dahin, daß die Gewerkschaften erzieherisch auf die Arbeiter
einwirkten, und daß ihre Thätigkeit die Kosten der Produktion nicht
erhöhe, sondern vermindere.

Die Führer verfehlten nicht, diesen Sieg auszunutzen, und Anfang 1869
arbeitete der christlich-soziale $Harrison$ einen Gesetzentwurf aus,
den die Parlamentsmitglieder $Hughes$ und $Mundella$ im Parlamente
einbrachten, und obgleich er nicht ohne weiteres zur Annahme gelangte,
erklärte doch die Regierung sich bereit, im nächsten Jahre ihrerseits
ein Gesetz vorzulegen.

In der That brachte sie im Jahre 1871 einen $Gesetzentwurf$ ein,
durch den die bisherigen Angriffe gegen die Gewerkschaften, soweit
sie sich auf ihre angebliche Beschränkung der Freiheit des Gewerbes
bezogen, künftig ausgeschlossen sein sollen. Jeder Verein sollte das
$Recht der Registrierung$ haben, sobald seine Statuten nicht gegen das
Strafgesetz verstießen. Aber obgleich die Vorlage von den Unternehmern,
als den Wünschen der _trade unions_ zu weit entgegenkommend, wütend
angegriffen wurde, enthielt sie Bestimmungen, welche für die letzteren
sehr bedenklich waren: Es sollte nämlich jede Gewaltanwendung, Drohung
oder Belästigung, die zu dem Zwecke verübt wurde, auf die Unternehmer
oder Arbeiter einen Zwang auszuüben, streng bestraft werden. Die
unbestimmten Ausdrücke der früheren Gesetze, wie »belästigen, hemmen,
drohen, einschüchtern« waren wieder aufgenommen; das Ausstellen von
Piketts, das andauernde Hinterhergehen oder Beobachten von Personen und
selbst das friedliche Zureden, sich einer Vereinigung anzuschließen,
war ausdrücklich verboten. Aber obgleich die Gewerkschaftsführer nicht
verfehlten, alle Fälle, in denen die Anwendung dieser Bestimmungen zu
großen Härten geführt hatten, zu sammeln und geltend zu machen, und
obgleich die Gewerkschaften selbst in zahlreichen Versammlungen dagegen
protestierten, daß irgend eine Handlung, die sonst nicht strafbar sei,
dies dadurch werden solle, daß sie zur Förderung der Arbeiterinteressen
vorgenommen werde, gelang ihnen doch nichts Weiteres, als daß sie die
Zerlegung des Entwurfes in zwei Teile durchsetzten, von denen der eine
unter dem Namen $_Trade Unions Act_$ die Gewerkschaften legalisierte,
während der andere unter dem Titel »$_Criminal Law Amendment Bill_$«
sich als eine Ergänzung des allgemeinen Strafrechtes darstellte. Beide
Gesetze wurden 1871 erlassen.

Die Bewegung, die durch diese Ereignisse in der Arbeiterwelt
hervorgerufen wurde, führte übrigens zu einer wichtigen Neugestaltung
der gewerkschaftlichen Organisation, nämlich zu der Schaffung jährlich
wiederkehrender allgemeiner $Gewerkschaftskongresse$. Dieselben
haben ihren Ursprung genommen von den _trades councils_. Wir haben
bereits die im Mai 1864 in London und die im Juni 1866 in Sheffield
abgehaltenen Konferenzen erwähnt, die gewissermaßen als Vorläufer zu
betrachten sind. Aber der Gedanke, jährlich wiederkehrende Kongresse zu
berufen, ging aus von den _trades councils_ von Manchester und Salford,
die im April 1868 ein Cirkular erließen, durch das sie alle bestehenden
_trade unions_ zu einem Pfingsten 1868 in $Manchester$ abzuhaltenden
Kongresse einluden. Derselbe war von 34 Abgeordneten als Vertretern von
118000 Mitgliedern besucht und bestimmte $Birmingham$ als Ort des im
folgenden Jahre abzuhaltenden 2. Kongresses. Derselbe tagte im August
1869 und konnte bereits die Zahl von 48 Abgeordneten als Vertreter
von 250000 Mitgliedern aufweisen; dort wurde auch zuerst das später so
wichtig gewordene $parlamentarische Komitee$ eingesetzt.

Aber während diese Bewegung von der Provinz ausging, fand sie bei
der Londoner Junta eine unfreundliche Aufnahme. An dem Kongreß in
Manchester nahm außer dem in scharfer Opposition zu der Junta stehenden
$Potter$ kein einziger Londoner Vertreter teil, und in Birmingham waren
freilich $George Howell$ und $Odger$ zugegen, weigerten sich aber, in
das parlamentarische Komitee einzutreten. Obgleich hier beschlossen
wurde, den nächsten Kongreß 1870 in London abzuhalten, unterließen
es doch die Londoner Führer, ihn einzuberufen. Erst unter dem Drucke
der oben mitgeteilten Ereignisse vollzog sich ein Umschwung, und so
bildet der im März 1871 in $London$ abgehaltene Kongreß den ersten, an
dem die eigentlichen Führer der Bewegung teilnahmen. Dieser Umschwung
erhielt auch äußerlich dadurch seinen Ausdruck, daß die im Januar 1867
begründete »Konferenz der amalgamierten Berufe« sich im September
1871 zu Gunsten des parlamentarischen Komitees auflöste, indem die
Führer $Applegarth$, $Allam$, $Powell$, $Odger$ u. a. in das letztere
eintraten.

Den hauptsächlichsten Gegenstand der gewerkschaftlichen Thätigkeit
bildet in den nächsten vier Jahren die Bewegung für Abschaffung
der _Criminal Law Amendement Bill_. Man berief sich insbesondere
auf die Dehnbarkeit der in derselben enthaltenen Ausdrücke und die
Ungerechtigkeit, daß entsprechende Maßregeln der Unternehmer, wie
»schwarze Listen« und »Führungszeichen«, nicht strafbar waren, und
nachdem im Dezember 1872 verschiedene Londoner Gasheizer auf Grund des
Gesetzes mit 12 Monaten Gefängnis bestraft waren, stellte man überall
die bestimmte Forderung auf, alle auf die gewerkschaftlichen Kämpfe
bezüglichen besonderen Strafbestimmungen zu beseitigen.

Der Kongreß von $Sheffield$ 1874, auf dem 1191922 organisierte Arbeiter
vertreten waren, zeigt uns den Einfluß der hervorgerufenen Entrüstung
auf das Wachstum der Gewerkschaften.

Das Mittel, um zu einem Erfolge zu gelangen, boten die für das
Jahr 1874 bevorstehenden $Parlamentswahlen$, indem man überall den
Kandidaten der beiden großen Parteien die Frage nach ihrer Stellung
zu jener Forderung vorlegte. Während nun die Liberalen sich durchaus
ablehnend verhielten, stellten sich die Konservativen auf Seiten der
Gewerkschaften, und so gelang es ihnen mit Hülfe der letzteren, einen
entscheidenden Sieg zu erringen. An einigen Orten hatte man auch eigene
Arbeiterkandidaten aufgestellt. Die _Labour representation league_
hatte schon 1869 mit der Aufstellung $Odgers$ den ersten Versuch dieser
Art gemacht, und 1871 gelang es, von 13 Kandidaten wenigstens zwei
durchzusetzen, so daß $Alexander Macdonald$ und $Thomas Burt$ als
erste Arbeiterabgeordnete in das Parlament einzogen.

Die konservative Regierung löste denn auch ihr Wort ein, und so
wurde 1875 die $_Criminal Law Amendement Bill_$ widerrufen und
durch den $_Conspiracy and Property Protection Act_$ (38 u. 39
_Vict. c._ 86) ersetzt. Ebenso wurde das $_Master and Servant Law_$
gänzlich aufgehoben, und es trat an dessen Stelle der $_Employers
and Workmen Act_$ (38 u. 39 _Vict. c._ 90), der schon durch ihren
Namen, insbesondere Ersetzung der Ausdrücke: »Herr« und »Diener«
durch »Unternehmer« und »Arbeiter«, die veränderte Grundauffassung
anzeigt und den Gedanken von zwei selbständigen und gleichberechtigten
Vertragsteilnehmern zum Ausdruck bringt. Die Bestrafung des
Vertragsbruches wurde abgeschafft, Gefängnisstrafe soll nur den
treffen, der eigenwillig einen Vertrag bricht, obgleich er weiß
oder Grund hat, anzunehmen, daß die wahrscheinliche Folge seiner
Handlungsweise die ist, daß Menschenleben gefährdet oder schwere
körperliche Verletzungen verursacht werden oder daß wertvolles
Eigentum der Zerstörung oder schweren Beschädigung ausgesetzt wird,
das friedliche Ausstellen von Piketts wurde gestattet, die dehnbaren
Begriffe »Zwang« und »Belästigung« wurden beseitigt und die Anwendung
von Gewalt lediglich dem allgemeinen Strafgesetze unterstellt.
Keine von einer Gruppe von Arbeitern begangene Handlung ist in
Zukunft strafbar, sofern sie nicht auch bei ihrer Verübung durch
einen Einzelnen und ohne Rücksicht auf die Stellung als Arbeiter
strafbar ist. Darin lag aber zugleich die Zulässigkeit der neuen
wirtschaftlichen Form ausgesprochen, nämlich den Arbeitsvertrag nicht
mehr seitens des einzelnen Arbeiters, sondern kollektiv d. h. seitens
der ganzen Arbeiterschaft eines bestimmten Gewerbes festzusetzen.

Man darf sich jedoch durch diese äußeren Erfolge nicht darüber täuschen
lassen, daß innerlich der Trade-Unionismus sich auf absteigender
Bahn befand. Der industrielle Aufschwung, der bis 1875 andauerte,
hatte diese innere Zersetzung nicht hervortreten lassen, indem er der
Bewegung einen äußeren Anstoß gab, aber sobald er nachließ, machte sich
jener Umstand geltend und führte insbesondere Ende der 70er und Anfang
der 80er Jahre in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Niedergange zu
einer Krisis, die nur deshalb nicht in höherem Maße verhängnisvoll
wurde, weil der Trade-Unionismus bereits eine zu starke Macht in der
Arbeiterwelt erlangt hatte.

Wir haben oben die Vorzüge der Männer wie $Applegarth$ und $Allam$
gewürdigt, aber auch ihre Mängel nicht verschwiegen. War damals vor
allem erforderlich, der Arbeiterbewegung das auf Lauterkeit des
Charakters und Solidität der Geschäftsführung beruhende öffentliche
Vertrauen zu sichern, so trat doch, nachdem dies erreicht war, der mit
dem Uebermaße der Vorsicht psychologisch untrennbar zusammenhängende
Mangel an Initiative immer schärfer hervor, und so groß die
Autorität der alten Führer war, so wurden doch die Klagen über ihren
»reaktionären Standpunkt« immer lebhafter und führten zu wesentlichen
Verschiebungen, deren wichtigste $die Verlegung des Schwerpunktes von
London in die Provinz$ war. Die $Junta$, die so lange die Führerschaft
gehabt hatte, $löste sich auf$. $Applegarth$ hatte schon 1871 sein Amt
als Sekretär niedergelegt. $Allam$ starb 1874. $Odger$ trat aus der
Gewerkschaftsbewegung zurück und widmete sich mehr der allgemeinen
Politik. Umgekehrt hatte die Bewegung in der Provinz erheblich an
Bedeutung gewonnen, und zwar insbesondere durch das Emporblühen von
zwei Industriezweigen, die in London nicht vertreten waren. Der eine
waren die $Kohlenarbeiter$, die, nachdem ihre Bewegung 1855 fast
vollständig erloschen war, besonders unter ihrem bereits erwähnten
Führer $Macdonald$ einen außerordentlichen Aufschwung nahmen und auf
dem vom 9.-14. November 1863 in Leeds abgehaltenen Kongresse eine
Nationale Union bildeten. Allerdings trat derselben bald eine durch
die Grubenarbeiter in Lancashire 1869 ins Leben gerufene andere
Organisation, die amalgamierte Association der Bergarbeiter gegenüber,
aber gerade diese Spaltung regte das Interesse an und so erreichte
die Gesamtzahl der organisierten Bergarbeiter in wenigen Jahren die
außerordentliche Höhe von 200000.

Die zweite dieser Arbeitergruppen waren die $Baumwollarbeiter$, die
seit 1853 eine amalgamierte Association besaßen, aber erst seit 1869,
insbesondere infolge der Bedeutung ihres Generalsekretärs $Thomas
Birtwistle$, in den Vordergrund der Bewegung traten.

Diese beiden Organisationen, die Bergarbeiter einerseits und die
Spinner und Textilarbeiter andererseits, bezeichnen aber zugleich
auch die Vertreter von zwei entgegengesetzten Auffassungen für das
wichtigste der Arbeiterinteressen, die $Lohnfrage$. Die eine dieser
Auffassungen ist niedergelegt in dem System der »$gleitenden Skala$«
(_sliding scale_) und beruht auf dem Grundgedanken, daß der Lohn sich
dem Preise des Produktes anzuschließen habe, sodaß er mit ihm steigt
und fällt. Insbesondere in den Spinnereibezirken von Oldham und Bolton
wurden Listen von 80 Druckseiten aufgestellt, um diesen Grundsatz in
alle Feinheiten der Technik hinein zu verfolgen, wahre Kunstwerke der
Berechnung, die ein solches Maß von Studium erforderten, daß man für
den Sekretär ein besonderes Examen hierüber einführen mußte. Dieser
Grundanschauung stellte $Macdonald$ die entgegengesetzte gegenüber,
daß unter allen Umständen ein die Aufrechterhaltung der Lebenshaltung
des Arbeiters ermöglichender Lohnsatz (_fair wage_) zu zahlen sei, der
seinerseits ein für den Preis bestimmender Faktor sein müsse.

Ein anderer Gegensatz, der aber sich nicht auf die Bergarbeiter und
die Textilarbeiter beschränkte, sondern alle Gruppen in seinen Bereich
zog, war die Stellung zu dem $Eingriffe der staatlichen Gesetzgebung
in die Fragen der Arbeiterinteressen$, ein Punkt, der sich am
schärfsten zuspitzte in der Ordnung der $Arbeitsdauer$. Während die
eine Richtung hier jeden staatlichen Eingriff ausschloß, wollte die
andere die gesetzliche Festlegung, insbesondere den Achtstundentag.
Eine Mittelmeinung, auf die man sich zuweilen verständigte, beschränkte
die Forderung auf Frauen und Kinder, verwarf aber den gesetzlichen
Maximalarbeitstag für Männer, in der Erwartung, daß diese doch
mittelbar durch jene beeinflußt werden würde.

Aber noch schärfer trat der Gegensatz der beiden Grundanschauungen
hervor hinsichtlich der beiden großen Aufgaben der Gewerkschaften,
nämlich einerseits der Unterstützung in den Notfällen des Lebens
und andererseits der Erkämpfung günstigerer Arbeitsbedingungen.
Gewiß stehen beide Richtungen, die $Hülfskassenthätigkeit$ und die
$gewerkschaftliche$ im engeren Sinne, nicht in dem Verhältnisse,
daß die eine die andere ausschlösse[10], aber offenbar ist es
möglich, einseitig das Gewicht auf diese oder auf jene zu legen. Die
alten Verbände, die unter der Leitung von Männern wie $Applegarth$
und $Allam$ groß geworden waren, gingen in der Wertschätzung der
Hülfskassenpolitik so weit, daß sie in der That die gewerkschaftliche
Seite, also die Vertretung der Arbeiterinteressen gegenüber den
Unternehmern, in unangemessener Weise zurücktreten ließen.

Dieses Ueberwiegen der Unterstützungsthätigkeit führte endlich zu
einer Praxis, die am tiefsten den Gegensatz der einen und der anderen
Grundanschauung erkennen läßt. Es ist für eine Hülfskasse natürlich,
daß sie bei der Aufnahme von Mitgliedern das Moment des $Risikos$ in
den Vordergrund rücken muß, daß sie »schlechte Risiken« vermeidet
und deshalb Personen oberhalb einer gewissen Altersgrenze überhaupt
nicht mehr aufnimmt, da sie die Wahrscheinlichkeit einer baldigen
Inanspruchnahme der Kasse bieten, ohne bereits entsprechende Beiträge
gezahlt zu haben. Aber mit dieser Rücksicht steht der Gesichtspunkt der
$Solidarität$ und der Zweck, möglichst alle Angehörigen des Berufes zu
vereinigen, um die gemeinsamen Interessen auch mit gemeinsamer Kraft
zu vertreten, in offenbarem Widerspruche. Führte deshalb schon dieser
Hülfskassenstandpunkt der alten großen Verbände zu einer Politik der
$Absonderung$, so war es nur ein weiterer Schritt, daß dieselben nicht
jedem Berufsangehörigen, sondern nur solchen den Eintritt gestatteten,
die ein gewisses Maß von Leistungsfähigkeit boten und demgemäß einen
$bestimmten Lohnsatz verdienten$. Damit war in der That der Grundsatz
der Teilung der Arbeiterschaft in eine höhere und eine niedere Schicht,
eine Aristokratie und eine rückständige Masse, ausgesprochen.

  [10] $Webb$, a. a. O., S. 270.

Führte nun der Verlust der Führerstellung der Hauptstadt mit Rücksicht
darauf, daß keine einzelne der Provinzialstädte eine solche erlangte,
zu einer Dezentralisierung des ganzen Trade-Unionismus, so gab die
bezeichnete aristokratische Politik der großen Verbände den Anlaß, daß
selbst innerhalb derselben Berufe eine Zersplitterung Platz griff,
die häufig sogar zu Reibereien und Kämpfen führte. Streitigkeiten
der einzelnen Gewerbe untereinander über ihre Abgrenzung, ähnlich
denen der alten Zünfte, füllen die Protokolle der damaligen
Gewerkschaftskongresse. Wir können also die etwa 1876 einsetzende und
bis 1885 andauernde Periode in der Entwicklung der Trade-Unionismus
bezeichnen als diejenige des $Partikularismus$ und der Sonderpolitik,
die notwendig eine Schwächung der ganzen Bewegung mit sich brachte.
Demgemäß ist das charakteristische Moment dieser Periode der allgemeine
Rückgang, die verlorenen Streiks und die Herabsetzung der Löhne.
Der Gesamtbestand von Mitgliedern ging auf denjenigen von 1871
zurück, und auf dem Kongreß in London im Jahre 1881 waren nur 463899
Gewerkschaftler vertreten.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die in diese Zeit fallende
$Landarbeiterbewegung$, die mit dem Jahre 1872 einsetzt. Es war ja
nur natürlich, daß, wenn alle Arbeitergruppen eine Verbesserung
ihrer Lebenslage erlangten, auch die Landarbeiter glaubten, nicht
zurückbleiben zu sollen, und das damals herrschende Organisationsfieber
führte in Anlehnung an einen am 11. März 1872 ausgebrochenen Streik
von 200 Landarbeitern in Warwickshire zur Gründung einer $Nationalen
Landarbeiter-Union$, die schon am Schlusse des Jahres 100000 Mitglieder
zählte. Aber obgleich die Bewegung in $Josef Arch$ einen talentvollen
Führer hatte und bei den industriellen Vereinen warme Unterstützung
fand, war doch die Union innerhalb einiger Jahre auf wenige Tausend
Mitglieder zurückgegangen und die Bewegung als erloschen anzusehen.

Auch die schon 1833/34 versuchte Organisation der $weiblichen
Arbeiter$ wurde in den folgenden Jahren von neuem in Angriff genommen,
insbesondere von $Emma Patterson$, der Frau eines Tischlers, die,
nachdem sie von einer Studienreise nach Amerika zurückgekehrt war, im
April 1874 in den »_Labour News_« einen Aufruf erließ, in dem sie die
Notwendigkeit einer Organisation der weiblichen Arbeiter nachwies.
Der Aufruf erregte allgemeine Aufmerksamkeit, und schon nach kurzer
Zeit hatte sich ein Komitee gebildet, das am 13. Juli 1874 seine erste
Sitzung hielt und die »_Womens Protective and Provident League_«
begründete. Abweichend von dem ursprünglichen Plane von Mrs. Patterson,
einen allgemeinen Arbeiterinnenverein ins Leben zu rufen, beschloß
man, die Arbeiterinnen nach den verschiedenen Gewerben zu organisieren.
Die League, die später den Namen »_Womens trade union provident
league_« annahm, besteht noch heute und hatte im Jahre 1894 45000
Mitglieder. Mrs. Patterson starb 1886, doch fand sie in Lady Dilke eine
gleichwertige Nachfolgerin. In den folgenden Jahren trat der League ein
ähnlicher Verein unter dem Namen »_National Union of Working Women_«
mit gleichen Zielen zur Seite.

Anfangs hatten diese Bestrebungen nicht allein mit der Indolenz der
Frauen selbst und der Abneigung der öffentlichen Meinung, sondern auch
mit dem Widerstande der _trade unions_ zu kämpfen, die auf dem alten
bürgerlichen Standpunkte standen, daß die Frau ins Haus gehöre. Später
drang jedoch die Einsicht durch, daß die Organisation der Arbeiterinnen
in dem eignen Interesse der Männer liege, und so beschloß der Kongreß
von Dundee 1889 ausdrücklich, dieselbe zu unterstützen.

Die Periode von 1875-1885 ist aber nicht allein, wie schon bemerkt,
eine solche der Zersplitterung, sondern auch eine der inneren Auflösung
und Schwäche. Die Führer, die an die Stelle der alten Mitglieder
der Junta getreten waren, insbesondere $Henry Broadhurst$, $John
Burnett$, $Prior$ und $George Shipton$, übernahmen von ihren Vorgängern
die Politik der Bedächtigkeit und Vorsicht. Die Kongresse lehnten
grundsätzlich die Verhandlung tiefer eingreifender Fragen ab, und
da man auch die innere Organisation als eine Aufgabe der einzelnen
Vereine ansah, so gestalteten sich die Kongresse immer mehr zu bloßen
Auseinandersetzungen persönlicher Art unter den Mitgliedern. In
allen Fragen der Taktik und des Prinzips herrschte stets die größte
Einstimmigkeit, indem von der durch das parlamentarische Komitee
vorbereiteten Tagesordnung alle gewerkschaftlichen Streitpunkte
ausgeschlossen waren. Auch in dem parlamentarischen Komitee selbst
herrschte völlige Ruhe; man wählte in der Regel dieselben Mitglieder
wieder, und so war H. Broadhurst 14 Jahre lang Vorsitzender, bis er als
Unterstaatssekretär in das Ministerium des Innern berufen und durch
Shipton ersetzt wurde.

Die einzige Angelegenheit von größerer Bedeutung, die in dieser Periode
von den Gewerkschaften eifrig betrieben wurde, war die Regelung der
$Haftpflicht der Unternehmer bei Unfällen$. Nach dem gemeinen Rechte in
England ist Jeder verpflichtet, den Schaden zu ersetzen, den er selbst
oder seine Angestellten im Rahmen ihrer Thätigkeit verschuldet haben.
Aber von diesem Grundsatze besteht eine wichtige Ausnahme für die
»Arbeitsgemeinschaft«, indem er nicht Platz greift, falls der Schaden
durch einen bei derselben Arbeit Beteiligten verursacht ist. Hierdurch
ist die Entschädigungsbefugnis der Arbeiter in den meisten Fällen
ausgeschlossen. Obgleich es der Agitation der Gewerkschaften gelang,
im Jahre 1880 ein Gesetz (_Act. 43 u. 44 Vict. c. 52_) durchzubringen,
welches eine teilweise Reform darstellt, indem das Parlament die
Verpflichtung der Unternehmer aussprach, ihre Arbeiter gegen Unfall zu
versichern, so war doch dadurch wenig geholfen, da den Unternehmern
das »$_contracting out_$« gestattet, d. h. die Befugnis gegeben war,
die gesetzliche Bestimmung durch den Arbeitsvertrag auszuschließen,
wovon sie begreiflicherweise weitgehend Gebrauch machten. In der
Parlamentssession 1893/94 nahm das Unterhaus ein Gesetz an, durch
welches die ganze Bestimmung über die Arbeitsgemeinschaft beseitigt
und der Arbeiter jedem anderen Staatsbürger gleichgestellt, auch
das _contracting out_ für unwirksam erklärt wurde; doch scheiterte
die Vorlage im Oberhause und so ist eine befriedigende Ordnung der
Angelegenheit noch heute nicht erzielt.

Im übrigen verhielten sich die _trade unions_ gegen alle Vorschläge,
die in der gleichen Zeit die Arbeiter anderer Länder bewegten, völlig
ablehnend, und noch auf den Kongressen von 1882 und 1883 wurden Anträge
hinsichtlich der Ausdehnung des Wahlrechts auf alle erwachsenen Männer
mit großer Mehrheit verworfen. Dagegen erwärmte man sich für die
Schaffung von bäuerlichen Stellen und eines eignen Hauses für jeden
Arbeiter, sowie die Gründung von Produktivgenossenschaften, während man
jeden staatlichen Eingriff in den Arbeitsvertrag grundsätzlich verwarf.
Ueberhaupt geriet der Trade-Unionismus völlig in das Fahrwasser des
bürgerlichen wirtschaftlichen Liberalismus, und einzelne vom sozialen
Standpunkte als Fortschritte zu begrüßende Maßregeln sind lediglich
der liberalen Partei im Unterhause ohne Mitwirkung der _trade unions_
zuzuschreiben. Dazu gehört z. B. das Gesetz, welches die Auszahlung
des Lohnes in Schankwirtschaften verbietet, hinsichtlich dessen das
parlamentarische Komitee sich zwar zustimmend äußerte, aber mit
der Bemerkung, daß das Gesetz für die organisierten Arbeiter nicht
notwendig sei. In derselben Weise erklärte man 1877 hinsichtlich einer
Verschärfung des Druckverbotes kein Bedürfnis anerkennen zu können, und
erst 1887 gelang es, ein solches Gesetz zur Annahme zu bringen.

Ein Umschwung der Anschauungen wurde zuerst angebahnt durch die in
die Jahre 1880-1883 fallende ganz ungewöhnliche Verbreitung des
Buches: »Fortschritt und Armut« von dem Amerikaner $Henry George$
mit seinen Forderungen der Verstaatlichung des Grund und Bodens
bezw. der Besteuerung der Grundrente. Hier war ein neuer Gedanke in
die Geister geworfen und zum Nachdenken darüber angeregt, ob nicht
in den Unterlagen der bestehenden Wirtschaftsordnung ein Grund
für die unbefriedigende Lage der Arbeiterklasse zu finden sei.
Der Hinweis darauf, daß die ungemeine Steigerung der Produktion
und des Gütervorrates infolge der Fortschritte der Technik allen
Bevölkerungsklassen zu gute kommen müsse, während er bis jetzt wegen
Mangels angemessener Verteilung nur zu jähem Wechsel von Perioden
des Aufschwunges und tiefgreifender Krisen Anlaß gebe, führte dazu,
$sozialistische Anschauungen$, deren Verbreitung früher vergeblich
versucht war, dem Verständnisse näher zu bringen.

Im Zusammenhang hiermit steht die Thätigkeit der $_Fabian Society_$,
die 1883 gegründet wurde und durch die Massenverbreitung ihrer
»_Fabian Essays in Socialism_« und »_Fabian Tractats_« sowie durch
Tausende von Vorträgen einen weitgehenden Einfluß auf die öffentliche
Meinung, insbesondere auch auf die Arbeiterschaft gewann. Vorwiegend
aus gebildeten Kreisen hervorgehend, vertritt die Gesellschaft einen
gemäßigten Sozialismus, den sie nicht plötzlich und gewaltsam, sondern
schrittweise und allmählich zu verwirklichen bestrebt ist, wie sie in
dem von _Fabius cunctator_ entnommenen Namen andeuten will.

Unterstützung fanden die theoretischen Erörterungen durch statistische
Erhebungen über die Notlage der besitzlosen Klassen, wie sie von
mehreren Seiten ins Werk gesetzt wurden. Besondere Verdienste erwarb
sich in dieser Beziehung ein reicher Großkaufmann, $Charles Booth$, der
1886 eine systematische Untersuchung über die Verhältnisse in London
einleitete, aus der sich ergab, daß 1-1/4 Millionen Menschen unter die
von ihm gezogene »Linie der Armut« fielen, daß 32% der Bevölkerung der
Hauptstadt in einem Zustande chronischer Armut lebten, die nicht nur
die Entwickelung zu höherer Kultur, sondern sogar die Vorbedingungen
physischer Gesundheit und gewerblicher Leistungsfähigkeit ausschloß.

So war der Boden vorbereitet, daß neben den $beiden bisherigen
gewerkschaftlichen Richtungen$, von denen die eine die
$Hülfskassenthätigkeit$, die andere den Kampf um $bessere
Arbeitsbedingungen$ in den Vordergrund stellte, sich eine $dritte$
entwickeln konnte, die den Schwerpunkt in die $Ordnung des
Arbeitsverhältnisses durch staatliche Maßregeln$ vorlegte, die sich im
übrigen aber wieder abstuft von dem Standpunkte des Staatssozialismus
bis zum reinen Kollektivismus und der Anhängerschaft der Marxistischen
Sozialdemokratie.

Einen bedeutenden Einfluß auf diese Entwickelung haben vor allem zwei
Männer gewonnen, deren Stetigkeit bis zu einem gewissen Grade für die
Stellung der heutigen englischen Arbeiterschaft typisch ist, nämlich:
$Burns$ und $Mann$.

$John Burns$, 1859 in Battersea geboren, beteiligte sich schon als
Lehrling in einer Maschinenfabrik an öffentlichen Versammlungen, trat
dann dem amalgamierten Maschinenbauervereine bei und benutzte die
Dauer einer Beschäftigung in Westafrika zum gründlichen Studium der
Schriften von Adam Smith und John Stuart Mill. In der _socialdemocratic
federation_, der er 1883 beitrat, wurde er bald das hervorragendste
Mitglied; seinem Einflusse verdankten insbesondere die Dockarbeiter
in dem unten zu erwähnenden großen Streik ihre Erfolge. Bei den
Wahlen 1892 wurde er für Battersea in das Parlament gewählt und
auf dem Trade-Unions-Kongreß von 1893 wurde er Vorsitzender des
parlamentarischen Komitees.

Auch $Tom Mann$, der 1856 in Foleshill geboren wurde, ist
Maschinenbauer und trat 1878 dem amalgamierten Verein bei. Nachdem
er sich insbesondere an den $George$'schen Schriften gebildet und
1884 durch einen Aufenthalt von 6 Monaten die nordamerikanischen
Verhältnisse kennen gelernt hatte, wurde auch er Mitglied
der _socialdemocratic federation_ und gab zu Gunsten seiner
Agitationsthätigkeit seinen bürgerlichen Beruf auf. Auch er war 1889 an
den großen Streiks der Gasarbeiter und der Dockarbeiter hervorragend
beteiligt und wurde demnächst Vorsitzender in dem Gewerkvereine der
letzteren. 1891 wurde er in die königliche Kommission zur Untersuchung
der Arbeiterverhältnisse berufen; 1894 wurde er Sekretär der
neugebildeten unabhängigen Arbeiterpartei.

Das Element, welches jetzt neu in die Arbeiterbewegung eingeführt
wurde und die Begründung einer neuen Periode bedeutet, waren die
$ungelernten Arbeiter$, die von den alten _trade unions_ grundsätzlich
ausgeschlossen waren und nun in dem Sozialismus das neue Evangelium der
Befreiung begrüßten. Für sie war nicht allein die Hülfskassenpolitik
unverwendbar, da sie bei ihren geringen Löhnen nicht imstande waren,
erhebliche Beiträge zu leisten, sondern auch der gewerkschaftliche
Kampf aussichtslos, da ihre Kraft zu gering war, um selbst bei
Zusammenfassung einen ausreichenden Machtfaktor zu bilden. Ihnen blieb
deshalb nichts übrig, als sich an die $Hülfe des Staates$ zu wenden.

Vor die Oeffentlichkeit trat die neue sozialistische Bewegung
zuerst im Februar 1886 durch Organisierung einer Anzahl
Arbeitslosenversammlungen, bei denen es zu großen Tumulten kam. Die
deshalb gegen die Führer $Hyndman$, $Burns$, $Champion$ und $Williams$
wegen Aufruhrs erhobenen Anklagen führten jedoch zu Freisprechungen.

Hieran schloß sich dann die $Periode der großen Streiks$. Eingeleitet
wurde sie durch den im Juli 1888 wegen harter Behandlung unternommenen
Ausstand von 672 »$Zündholz-Fabrikmädchen$« in London, die, von Frau
$Annie Besant$ ins Leben gerufen, eine so allseitige Unterstützung
im Publikum fand, daß unter dem Drucke der öffentlichen Meinung
die Unternehmer nachgeben und Abhülfe schaffen mußten. Dieser Sieg
bedeutete eine ganz neue Entwickelung der Arbeiterverhältnisse.
Hatte es sich bisher lediglich darum gehandelt, die Kräfte der
streikenden Teile gegeneinander zu messen, so hatten hier Arbeiterinnen
einen Erfolg erzielt ohne Hülfsmittel und ohne Organisation, nicht
aus eigener Kraft sondern durch das Eingreifen der unbeteiligten
Bevölkerungsklassen. Offenbar war unter solchen Umständen auch für die
ungelernten Arbeiter eine Besserung möglich.

Nachfolge fand das Vorgehen der Zündholzarbeiterinnen bei den
Londoner $Gasarbeitern$, die eine Union der Gasarbeiter und sonstigen
Arbeitsleute (_Gas workers and general labourers' union_) gründeten
und ohne Streik die Herabsetzung der Arbeitszeit von 12 auf 8 Stunden,
verbunden mit einer kleinen Lohnerhöhung, erreichten.

Aber den Höhepunkt der Bewegung bildet der große $Dockarbeiterstreik$.
Die Arbeit in den Docks und beim Beladen und Entladen der Schiffe
im Londoner Hafen ist naturgemäß eine sehr ungleichmäßige, da
sie durch das Eintreffen der Schiffe bedingt ist. Deshalb halten
die Dockverwaltungen und Werftbesitzer nur einen kleinen Stamm
fester Arbeiter, die sie im Bedarfsfalle aus den Reihen der sog.
Zufallsarbeiter (_Casuals_) durch diejenigen ergänzen, die sich
arbeitsuchend vor den Thoren der Docks drängen, um bei einer sich
bietenden Gelegenheit die Ersten zu sein, die Beschäftigung erhalten.
Aber nicht allein dauert diese oft nur wenige Stunden, sondern infolge
des Ueberangebotes sind auch die Löhne auf das äußerste gedrückt, und
außerdem führt das Herumtreiben ohne Arbeit zu einer großen moralischen
Gefahr. Auf die Klasse dieser bejammernswerten Menschen richteten
die Londoner Sozialisten ihre Fürsorge, indem sie eine Organisation
derselben ins Leben zu rufen versuchten. Nachdem diese Versuche
anfangs wenig Erfolg gehabt hatten, brachte am 12. August 1889 ein
unbedeutender Streit einen Ausstand der Arbeiter auf dem _South West
India Dock_ zum Ausbruche, der sich unter Führung von $Ben Tillet$
(der selbst Arbeiter in einem Thee-Lagerhause war) und Beihilfe von
$John Burns$ und $Tom Mann$, wie ein Lauffeuer auf alle Docks nördlich
der Themse ausbreitete. Auch die beiden großen Vereine der Stauer
traten auf die Seite der Streikenden, und so hatten sich binnen einer
weiteren Woche alle am Themseufer beschäftigten Arbeiter dem Streik
angeschlossen, der über vier Wochen hindurch den größten Hafen der Welt
völlig lahm legte. Ein förmlicher Enthusiasmus für die Streikenden
bemächtigte sich aller Gesellschaftsklassen, so daß nicht weniger
als 48736 Pfund zur Unterstützung eingingen, und unter dem Drucke
der öffentlichen Meinung gelang es der Vermittelung hervorragender
Personen, insbesondere des Erzbischofs Kardinal $Manning$, alle
Forderungen der Arbeiter, die in der Erhöhung des Lohnes auf 6 Pence
für die Stunde, der Abschaffung der Zwischenverdingungen und der
Stückarbeit, Mehrvergütung für Ueberzeit und Mindestanstellung auf
vier Stunden bestanden, durchzusetzen.

Ueberall wurden jetzt Vereine der ungelernten Arbeiter ins Leben
gerufen, deren Mitgliederzahl sich innerhalb Jahresfrist auf
200000 belief. An die beiden großen Flutwellen in dem englischen
Trade-Unionismus von 1833/34 und 1873/74 hatte sich die dritte
angeschlossen.

Der Geist dieser neuen Unionen war ein wesentlich anderer, als bei
den alten. Geringe Beiträge bei großen Mitgliederbeständen bedingten
schon für sich allein die Ablehnung der Unterstützungspolitik; umsomehr
mußte deshalb der Kampfcharakter in den Vordergrund treten. Als
hauptsächlichste Ziele bezeichnete man die Verringerung der Arbeitszeit
und die Beseitigung der Sonntagsarbeit.

Naturgemäß übte dieser »$Neue Unionismus$« erheblichen Einfluß auch
auf diejenigen Kreise, die ihm nicht unmittelbar angehörten, und zwar
nach zwei Seiten, nämlich sowohl auf die alten Gewerkschaften, wie
auf die Entwickelung des eigentlichen Sozialismus. Hatte auch die
Sozialdemokratie im deutschen Sinne, insbesondere die Marxistische
Propaganda in England zunächst wenig Boden gefunden, so war sie doch
gegen Ende der 80er Jahre immer mehr gewachsen und stand auf dem
Sprunge, größere Kreise insbesondere unter den ungelernten Arbeitern
zu ergreifen. In dem Hauptorgane derselben, der »_Justice_«, und
zwar in den Jahrgängen 1884-1889 und in den Veröffentlichungen der
$_socialdemocratic federation_$ finden wir starke Anklänge an $R.
Owen$ und die Periode von 1833/34. Nicht allein die Vereinigung aller
Arbeiter ohne Unterschied und in allen Ländern der Welt zu einem
einzigen großen Bunde und die Herstellung einer umfassenden Republik
auf Grundlage genossenschaftlicher Produktion und Gemeinbesitz aller
Produktionsmittel wird unter ausdrücklicher Anlehnung an $Owen$
gefordert, sondern auch die Anwendung von Gewalt wird entweder mit
den Worten des kommunistischen Manifestes ausdrücklich empfohlen oder
mindestens als eine offene Frage behandelt, deren Entscheidung von dem
Verhalten der besitzenden Klassen abhängen werde.

Hierin bewirkte das Jahr 1889 einen weitgehenden Umschlag, indem es
»den Strom der sozialistischen Arbeiterbewegung aus revolutionären
in konstitutionelle Kanäle leitete«[11]. Der Plan, »die Arbeiter
aller Gewerbe und aller Grade zu einem Ansturm auf das mörderische
Monopol der Minderheit zu vereinigen«, wird mit dem Aufschwunge der
politischen Demokratie von der Tagesordnung abgesetzt. Gerade als
der Kampf der Dockarbeiter sich zur Entscheidung neigte, flackerte
für einen Augenblick die Idee eines Generalstreikes auf, aber nur,
um auch alsbald als unausführbar aufgegeben zu werden. Als die neuen
Führer der Bewegung den Problemen der Verwaltung gegenüber wirklich
Stellung zu nehmen hatten, ließ man die speziell Owenschen Merkmale der
sozialistischen Propaganda ruhig fallen[12].

  [11] $Webb$, a. a. O., S. 352.

  [12] $Webb$, a. a. O.

$Burns$ wurde im Januar 1889 in den Londoner Grafschaftsrat gewählt
und mußte sich gerade dort auf praktischem Gebiete bald von der
Unmöglichkeit der sozialistischen Pläne überzeugen. Es kann deshalb
nicht überraschen, daß sowohl er als $Tom Mann$ der $_socialdemocratic
federation_$ den $Rücken kehrten$, wofür sie von deren Anhängern mit
den heftigsten Angriffen überhäuft wurden. »Als die »neuen Unionisten«
abtrünnig wurden, hörte der revolutionäre Sozialismus auf, um sich
zu greifen, und der Wetteifer in der Propaganda für den Kampf um
gesetzliche Reformen wurde das bezeichnende Merkmal der englischen
sozialistischen Bewegung[13].«

[13] $Webb$, a. a. O., S. 353.

Noch interessanter als die Auseinandersetzung, welche der
Neu-Unionismus mit der Sozialdemokratie zu vollziehen hatte, ist
diejenige mit dem alten Unionismus und der Versuch des Sozialismus,
dort Eingang zu erhalten. Den ersten Versuch, den Boden für
sozialistische Ideen zu ebnen, unternahm $Adam Weiler$, ein Freund
von $Marx$, und eifriges Mitglied der Internationale 1878 auf dem
Kongresse in Bristol, indem er zu Gunsten der gesetzlichen Beschränkung
der Arbeitszeit der Männer eine Rede hielt und im folgenden Jahre
einen Antrag zu Gunsten der $Nationalisierung des Grund und Bodens$
einbrachte, der aber nicht einmal eine zweite Unterschrift zu erlangen
vermochte. Im Jahre 1882 sah man bereits die Wirkung der Georgeschen
Lehre, und derselbe Antrag wurde mit 71 gegen 31 Stimmen angenommen.
Allerdings schien dies mehr ein Zufallserfolg gewesen zu sein, denn
in den nächsten 5 Jahren wurde der gleiche Antrag stets abgelehnt.
Aber die Minderheiten stiegen von Jahr zu Jahr, und nachdem 1887 in
$Swansea$ der Antrag eine kleine Mehrheit erlangt hatte, wurde er 1888
in $Bradford$ sogar mit 66 gegen 5 Stimmen zum Beschlusse erhoben.

Hinsichtlich der $gesetzlichen Regelung der Arbeitsdauer$ gelangte
$Weiler$ noch rascher zum Siege, indem er 1883 eine Resolution
durchsetzte, durch die das parlamentarische Komitee beauftragt wurde,
Schritte zu thun, um für alle Arbeiter im Dienste öffentlicher
Behörden oder von Gesellschaften, die vom Parlamente mit Vollmachten
ausgestattet seien, die gesetzliche Beschränkung der Arbeitsdauer auf
8 Stunden herbeizuführen. Da der Beschluß nur bei geringer Beteiligung
gefaßt war, so suchte das parlamentarische Komitee ihn zunächst ebenso
zu ignorieren, wie denjenigen hinsichtlich der Nationalisierung des
Grund und Bodens. Aber die auf Beschluß der beiden folgenden Kongresse
vorgenommenen Urabstimmungen bewiesen, daß der Gedanke selbst in
solchen Unionen der herrschende geworden war, die früher durchaus
gegnerisch gesinnt gewesen waren, und ferner, daß die bisherige
Zulässigkeit der Ueberstunden dahin geführt hatte, den Neunstundentag
zu einer Illusion zu machen, indem über die Hälfte der Arbeiter
Ueberschichten hatte.

Unter den $Bergarbeitern$ führte diese Frage zu einer $Spaltung$ und
einem scharfen Gegensatze zwischen den Bezirken von Northumberland
und Durham auf der einen und den übrigen auf der andern Seite, indem
die ersteren die gesetzliche Beschränkung der Arbeitsdauer selbst für
Knaben ablehnten, während die letzteren sie befürworteten. Die Leitung
der $_National-Union_$ war freilich seit dem 1881 erfolgten Tode
$Macdonalds$ in die Hände der Führer von Northumberland gefallen und
hielt deshalb an dem Prinzip der gleitenden Skala und Bekämpfung der
gesetzlichen Regulierung fest, aber die Folge hiervon war, daß, nachdem
der Streit auf den jährlichen Bergarbeiterkongressen von 1885-1888
mit steigender Erbitterung geführt war, auf einer im September 1888
in Manchester abgehaltenen Konferenz eine Gegenorganisation in der
$Föderation der Bergarbeiter$ (_miners federation_) gegründet wurde,
der sich allmählich alle Bezirke außer Northumberland und Durham
anschloßen. Im Jahr 1893 zählt die Förderation bereits über 200000
Mitglieder und ist damit die stärkste aller bestehender Unionen
geworden.

Einen letzten Gegenstand des Streites bildete die Frage der
$internationalen Kongresse$, die insofern mit der Stellung zum
Sozialismus zusammenhing, als dessen Gegner mit der festländischen
Sozialdemokratie keine Berührung haben wollten und deshalb jenen
Gedanken bekämpften. Schon 1883 und 1886 hatte das parlamentarische
Komitee nur ungern und auf ausdrücklichen Beschluß des Kongresses die
beiden internationalen Zusammenkünfte in Paris[14] beschickt. Den
Beschluß, 1887 nach London einen Kongreß zu berufen, hatte es einfach
unausgeführt gelassen, und erst einem nochmaligen Beschlusse in
Swansea 1887 gelang es, den Widerstand zu überwinden, so daß 1888 ein
internationaler Kongreß in London abgehalten wurde, wobei das Komitee
nur die Beschränkung durchgesetzt hatte, daß von demselben die deutsche
Sozialdemokratie ausgeschlossen werden sollte.

  [14] Siehe unten.

Unter diesen Umständen wurde die Stellung der alten Führer und
insbesondere des parlamentarischen Komitees immer schwieriger; seine
alten Forderungen mußte es, da sie den Anschauungen der Mehrheit
der Kongresse widersprachen, Schritt für Schritt fallen lassen,
während es sich auf der anderen Seite sträubte, dafür die neuen an
die Stelle zu setzen. Der einzige Punkt, hinsichtlich dessen in den
Jahren 1884-1894 eine erfolgreiche Thätigkeit zu verzeichnen ist,
besteht in der eingeleiteten Agitation zur Erlangung »gerechter Löhne«
(_fair wages_), indem man die staatlichen und städtischen Behörden zu
veranlassen suchte, Lieferungen nur unter der Bedingung zu vergeben,
daß an die Arbeiter die von den _trade unions_ anerkannten Löhne
gezahlt würden. Allmählich ist dies in dem Maße gelungen, daß 1894
bereits 150 städtische Behörden diesen Grundsatz angenommen hatten. Den
staatlichen Behörden ist dies durch einen Parlamentsbeschluß vom Jahre
1895 ausdrücklich zur Pflicht gemacht.

Trotzdem wurde der Gegensatz immer schärfer und würde bereits 1889
auf dem Kongresse in $Dundee$ zu einem Sturze des parlamentarischen
Komitees geführt haben, wenn nicht die Sozialisten den Fehler gemacht
hätten, die Gegner in gehässiger Weise persönlich anzugreifen, wodurch
sie die Stimmung in der Weise gegen sich aufbrachten, daß der Kongreß
mit einer entschiedenen Niederlage der Sozialisten endete.

Aber schon das nächste Jahr brachte in $Liverpool$ den Umschwung. Der
eigene Verein von $Henry Broadhurst$ hatte sich für den Achtstundentag
erklärt, und nachdem auch der Kongreß mit 193 gegen 155 Stimmen sich
diesen Standpunkt zu eigen gemacht hatte, sah $Broadhurst$ sich
gezwungen, seine Stellung als Sekretär des parlamentarischen Komitees
niederzulegen[15]. Sein Nachfolger wurde $Fenwick$, der Vertreter der
Kohlenarbeiter von Northumberland, der zwar ebenfalls ein Anhänger
der liberalen Politik war, den sozialistischen Forderungen aber nicht
so schroff gegenüberstand, wie $Broadhurst$. Auch $Shipton$ erklärte
seine Bekehrung zu den neuen Anschauungen, und so war der Kongreß
von Liverpool ein ebenso entschiedener Sieg der sozialistischen
Anschauungen, wie der von $Dundee$ eine Niederlage derselben gewesen
war.

  [15] Später hat auch $Broadhurst$ sich zu dem Grundsatze des
       Achtstundentages bekehrt und ist 1893 von neuem in das
       parlamentarische Komitee gewählt.

Im folgenden Jahre hat man dann allerdings in $Newcastle$ den gefaßten
Beschluß ganz wesentlich eingeschränkt, indem man die Ausnahme
beifügte, daß der Achtstundentag da nicht zur Anwendung gelangen solle,
wo die Mehrheit der organisierten Mitglieder eines Gewerkes in geheimer
Abstimmung ihn ablehne, aber in dieser Form ist die Forderung auch 1892
auf dem Kongresse von $Glasgow$ mit überwältigender Mehrheit und 1893
in $Belfast$ mit 197 gegen 8 Stimmen angenommen. Seitens der Regierung
ist in allen Kriegs- und Marinewerkstätten der achtstündige Arbeitstag
eingeführt, und es ist wahrscheinlich, daß diese Einrichtung immer mehr
Nachahmung finden wird.

Ganz ähnlich ist der Verlauf gewesen hinsichtlich der eigentlichen
sozialistischen Grundforderung, nämlich der $Ersetzung der
Privatproduktion durch die kollektive$. Wie schon erwähnt, hatte 1888
der Kongreß von $Bradford$ die Verstaatlichung des Grund und Bodens
gefordert, aber erst in $Belfast$ wurde dies auf alle Mittel der
Produktion ausgedehnt durch den am 6. September 1893 mit 137 gegen
97 Stimmen gefaßten Beschluß, nur solche Kandidaten zu unterstützen,
die für diesen Programmpunkt einträten. Dieser Beschluß wurde am 6.
September 1894 in $Norwich$ mit 219 gegen 61 Stimmen bestätigt.

Der Verschiebung in der prinzipiellen Richtung, wie sie in dem
Programme zum Ausdruck kommt, hat auch eine Aenderung in den
leitenden Personen entsprochen. Während 1893 $Fenwich$ trotz seines
antisozialistischen Standpunktes als parlamentarischer Sekretär
nochmals wiedergewählt wurde, da man noch keinen geeigneten Ersatzmann
besaß, hat man ihn 1894 in Norwich fallen lassen und an seine Stelle
den Bergmann $Samuel Woods$ gewählt, der den Sozialisten wesentlich
näher steht, indem er zwar ein Gegner der Verstaatlichung der
Produktionsmittel ist, aber für den gesetzlichen Achtstundentag
eintritt. Der ausgesprochene Sozialist $Tom Mann$ unterlag mit einer
starken Minderheit.

Auf dem vom 2. bis 6. September 1895 in $Cardiff$ abgehaltenen
Kongresse ist nun aber ein Rückschlag erfolgt, der sich aus der,
durch Rückgang der »neuen« G.-V., der ungelernten, insbesondere der
Dockarbeiter hervorgerufenen Verschiebung erklärt. Der parlamentarische
Ausschuß hatte bereits eine Reihe von Veränderungen der
Geschäftsordnung beschlossen, die der älteren Richtung im Verhältnis
zu der jüngeren ein Uebergewicht verschaffen mußten, nämlich, daß nur
solche Vertreter zugelassen werden sollten, welche den Beruf, den sie
vertreten, auch thatsächlich ausüben oder Beamte einer Organisation
sind, daß ferner die lokalen Gewerkschaftskartelle, deren bisherige
Beteiligung eine Doppelvertretung bedeutete, ausgeschlossen sein, und
daß die Abstimmung nicht mehr nach der Zahl der erschienenen Vertreter,
sondern nach der Mitgliederzahl der vertretenen Vereine (je 1 Stimme
auf 1000 Mitglieder) stattfinden solle. Durch diese Aenderungen
war das Stimmenverhältnis der neuen zu den alten Vereinen auf 357
zu 604 herabgesetzt, und so wurde denn der Antrag angenommen, die
$Verstaatlichung$ nicht für alle Produktionsmittel, sondern nur für den
Grund und Boden, die Bergschätze und die Eisenbahnen und daneben die
$Kommunalisierung$ der Werft- und Häfenbetriebe zu fordern. Allerdings
wurde beschlossen, den deutschen Sozialdemokraten die Sympathie des
Kongresses für ihren Kampf gegen die Behörden auszusprechen und
gegen die Uebergriffe der letzteren zu protestieren, doch wurden in
den parlamentarischen Ausschuß nur zwei Sozialisten ($Thorne$ und
$Wilson$) gewählt. Als Sekretär wurde $Samuel Woods$ wiedergewählt.

Diese antisozialistische Strömung ist auf dem Kongresse in $Edinburgh$
(7. bis 12. September 1896) noch entschiedener zum Ausdrucke
gelangt. Zunächst machte sich dies geltend bei der Beratung des von
dem parlamentarischen Ausschusse erstatteten Jahresberichtes, der
sich über den kurz vorhergegangenen internationalen Arbeiter- und
Gewerkschaftskongreß in London[16], den ersten, auf den die _trade
unions_ gemeinschaftlich mit der Sozialdemokratie getagt hatten, dahin
äußerte, daß man zwar über die Nützlichkeit derartiger Kongresse kein
Urteil fällen wolle, daß man aber doch fragen dürfe, »ob es angesichts
der Dinge, die sich auf diesem Kongresse ereignet haben, und der
Erfahrungen, die dort gesammelt wurden, für die _trade unions_ eine
weise und kluge Politik sei, sich in Zukunft mit Kongressen dieser Art
zu identifizieren«. Der von sozialistischer Seite gestellte Antrag,
diesen Satz zu streichen, wurde nach einer lebhaften Auseinandersetzung
zwischen Anhängern und Gegnern des Sozialismus mit 143 gegen 91 Stimmen
abgelehnt.

  [16] Vergl. unten.

Ein anderer Antrag von $Ben Tillet$, der dahin ging, daß zukünftige
$internationale Kongresse$ nur aus wirklichen (»_bona fide_«)
Vertretern von Arbeiterorganisationen bestehen und daß die Vertretung
nach der Ordnung der _trade unions_-Kongresse geregelt werden solle,
richtete sich nicht geradezu gegen die Sozialdemokratie, zumal der
Antragsteller selbst als ein gemäßigter Sozialist gilt, bedeutet
aber doch die Ausschließung der politischen Parteien als solcher und
insbesondere der Parteiführer von den Kongressen. Der Antrag wurde mit
172 gegen 11 Stimmen angenommen.

Den Hauptpunkt bildete auch jetzt wieder die Stellung zum
$Kollektivismus$. Die schottischen Buchdrucker beantragten folgende
Erklärung: »Der Kongreß ist der Ansicht, daß den Interessen der
Arbeiter am besten gedient wird, wenn das Land und die Produktions-,
Verteilungs- und Austauschmittel verstaatlicht werden; er beauftragt
den parlamentarischen Ausschuß, einen dahin gehenden Gesetzentwurf
auszuarbeiten und alsbald einzubringen.« Demgegenüber beantragte die
Gewerkschaft der Webstuhl-Aufseher: »Der Kongreß beschließt, die auf
dem Kongresse von Norwich am 6. September 1894 beschlossene Resolution
von $Keir Hardie$ aufzuheben und an ihre Stelle die folgende zu
setzen: »Der Kongreß ist der Ansicht, daß es zur Aufrechterhaltung
der britischen Industrie durchaus notwendig ist, den Grund und Boden,
die Bergwerke, Mineralien, Berggerechtigkeiten, Wegeanlagen und
Eisenbahnen zu verstaatlichen und alles Wasser, künstliche Licht und
alle Straßenbahnen zu kommunalisieren.« Dadurch, daß dieser Antrag
die Aufhebung der Resolution von Norwich forderte, stellte er sich
in ausdrücklichen Gegensatz zu dem Programme des Kollektivismus und
setzte an dessen Stelle dasjenige der Bodenbesitzreformer, indem er die
Verstaatlichung nicht auf alle Produktionsmittel ausdehnen, sondern
auf Grund und Boden beschränken wollte. Nun erklärte freilich der
Vorsitzende des Kongresses es formell für unzulässig, den früheren
Beschluß aufzuheben, da jeder Kongreß für sich souverän sei und nur die
Aufgabe habe, für das folgende Jahr dem parlamentarischen Ausschusse
Instruktionen zu erteilen. Aber obgleich aus diesem Grunde der erste
Teil des Antrages nicht zur Abstimmung gelangte, so lag doch darin,
daß der Kongreß den zweiten Teil mit 172 gegen 42 Stimmen annahm, eine
Ablehnung des früheren Standpunktes und eine entschiedene Niederlage
der Kollektivisten. Allerdings bietet das Stimmenverhältnis keinen
Anhaltspunkt für das beiderseitige Stärkeverhältnis, da einerseits auch
Sozialisten für den Antrag stimmen konnten und andererseits zu der
Minderzahl auch Vertreter des reinen Individualismus gehörten, aber der
Beschluß war eben deshalb, weil er sich in Gegensatz zu demjenigen von
Norwich stellte, eine Ablehnung des Kollektivismus[17].

  [17] Auch in dem stärksten der englischen Gewerkvereine, nämlich der
       schon erwähnten neuen Union der Bergarbeiter (_miners
       federation_), der um so mehr Interesse bietet, als in ihm die
       ältere und die jüngere Richtung sich am schärfsten bekämpfen, hat
       auf der am 3. Januar 1897 in Leicester abgehaltenen
       Generalversammlung, in der 326214 Mitglieder durch 54 Abgeordnete
       vertreten waren, die gemäßigte Richtung den Sieg gewonnen, indem
       der Antrag der Abteilung Schottland, sich für Verstaatlichung
       aller Produktionsmittel zu erklären, abgelehnt und statt dessen
       der Antrag von Yorkshire angenommen wurde: »Die Federation
       erachtet es zur Erhaltung der britischen Industrie für
       absolut notwendig, den Grund und Boden, die Bergwerke,
       Bergwerksgerechtigkeiten und die Eisenbahnen des Landes zu
       verstaatlichen.«

Die Forderung des gesetzlichen achtstündigen Arbeitstages wurde mit 211
gegen 34 Stimmen wiederholt.

Außerdem wurden Beschlüsse gefaßt zu Gunsten eines Haftpflichtgesetzes
für alle Gewerbe, der gesetzlichen Altersversicherung, des
Genossenschaftswesens, der Ausdehnung der Kinderschutzvorschriften
auf Kinder unter 15 Jahren, der besseren Ausbildung der Lehrlinge,
des Verbotes der Nachtarbeit für Personen unter 18 Jahren und einer
allgemeinen Amnestie für alle wegen politischer Vergehen Verurtheilten.
Ein Fonds für politische Wahlen wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.

Infolge eines Telegramms des Präsidenten der amerikanischen _federation
of labour_ $Samuel Gomper$'s wurde beschlossen, die einzelnen
Gewerkschaften darüber zu befragen, ob sie geneigt wären, im Jahre
1898 einen $internationalen Gewerkschaftskongreß$ abzuhalten. Für den
amerikanischen Gewerkschaftskongreß wurden zwei Abgesandte gewählt.

Der 30. Kongreß wurde vom 6. bis 11. September 1897 in $Birmingham$
abgehalten bei einer Beteiligung von 381 Abgeordneten, die 1093191
Mitglieder in 149 Vereinen vertraten. Die Verhandlungen hatten erhöhte
Bedeutung durch den großen Maschinenbauerstreik und den dadurch aufs
neue entfachten schroffen Gegensatz zu den Unternehmern, der die
Veranlassung bot, den schon früher öfters aufgetauchten, aber niemals
zur Ausführung gebrachten großen Plan eines einheitlichen $Verbandes
aller Gewerkvereine$ von neuem aufzugreifen. In der That wurde der
Vorschlag im Prinzip angenommen und ein Ausschuß von 13 Mitgliedern
beauftragt, bis zum 1. Januar 1898 ein Statut auszuarbeiten, das dem
nächsten Kongresse zur Genehmigung vorgelegt werden sollte, dessen
Grundzüge aber darin bestehen sollten, daß der Verband aus regelmäßigen
Beiträgen, die alle Vereine nach Verhältnis ihrer Mitgliederzahl zu
leisten haben, einzelne in Streik befindliche Gewerke zu unterstützen
hat. Zunächst wurde den Vereinen zur Pflicht gemacht, zu Gunsten der
Maschinenbauer besondere Umlagen zu erheben.

Mit dem Maschinenbauerstreik stand auch ein anderer Punkt der
Tagesordnung in Verbindung, nämlich das Verhältnis zu den
$Genossenschaften$. Schon seit längerer Zeit war der Plan erörtert,
daß diese den Maschinenbauern beispringen sollten, und um die
bisher nicht seltenen Grenzstreitigkeiten zwischen Gewerkschaften
und Genossenschaften zu vermeiden, beschloß der Kongreß, künftig
etwa auftauchende Meinungsverschiedenheiten einem gemeinsamen
Schiedsgerichte zu unterbreiten.

Der Antrag, den $Achtstundentag$ mit allen Mitteln einzuführen,
wurde, wie früher, mit großer Mehrheit (923000 gegen 141000
Stimmen) angenommen; ebenso die $Verstaatlichung$ von Grund und
Boden, Bergwerken, Eisenbahnen, Wasserläufen und Docks, sowie die
$Kommunalisierung$ der Wasserleitungen, Lichtwerke und Straßenbahnen.
Hinsichtlich des $Arbeiterschutzes$ forderte man den Ausschluß von
aller gewerblichen Arbeit bei Kindern bis zu 15 Jahren und der
Nachtarbeit bei jugendlichen Personen unter 18 Jahren mit 595000 gegen
274000 Stimmen.

Bei allen diesen Abstimmungen bestand die Minderheit aus den
Kohlenarbeitern von Durham und Northumberland unter Hinzutritt der
Weber von Lancashire. Ein Antrag, im Jahre 1898 einen internationalen
Gewerkschaftskongreß zu berufen, wurde mit 317145 gegen 282071
Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde einstimmig beschlossen, für die
Parlamentsmitglieder eine staatliche Vergütung zu fordern. Andere
Beschlüsse betrafen den Schutz der Wöchnerinnen und die Forderung,
daß im Staatsbetriebe und beim Schiffbau nur organisierte Arbeiter
verwendet werden sollen, endlich die unentgeltliche Erteilung von
Schulunterricht mit Schulzwang bis zum 16. Lebensjahre und Gelegenheit
für jedes Kind, je nach seinen Fähigkeiten wissenschaftliche Ausbildung
zu erhalten, Ausschluß des Religionsunterrichtes aus der Schule,
sowie Speisung sämtlicher Schulkinder auf Kosten der Schule durch
die Schulbehörde. Die Bildung eines Wahlfonds zur Unterstützung von
Parlamentswahlen im sozialistischen Sinne wurde mit großer Mehrheit
abgelehnt.

Der vorstehend erwähnte $Maschinenbauerstreik$ ist ein in der
neueren Geschichte der englischen Gewerkvereine so bedeutendes
Ereignis, daß er einige nähere Angaben verlangt[18]. Er war insofern
eigenartig, als beide Parteien ihre eigentlichen Ziele nicht völlig
aufdeckten, so daß nach außen der Streitpunkt etwas unklar bleibt. Die
Unternehmer, die sich über die Tyrannei des Gewerkvereins beklagten,
beabsichtigten in erster Linie überhaupt diesen zu vernichten, in
zweiter Linie wenigstens das früher in langen Kämpfen errungene
Prinzip des kollektiven Verhandelns, d. h. die Aufstellung der
maßgebenden Vertragsbedingungen durch Uebereinkunft der Unternehmer
mit dem Gewerkverein zu beseitigen und an seine Stelle wieder den
Individualvertrag mit den einzelnen Arbeitern zu setzen. Sie stellten
auch anfangs diese Forderung auf, ließen sie aber später fallen,
da sie dadurch die öffentliche Meinung gegen sich aufbrachten. Die
Arbeiterführer ihrerseits kämpften insofern unter falscher Flagge, als
die Forderung des Achtstundentages nur wegen ihres populären Karakters
gewählt war, während sie nicht den eigentlichen Streitpunkt bildete,
wie sich schon daraus ergiebt, daß sie nach kurzer Zeit von 250 Firmen
bewilligt wurde und trotzdem der Streik fortdauerte. Der letzte
Grund für den Kampf war wohl, daß beide Teile ihre Kraft erproben
wollten und dabei die des Gegners unterschätzten. Daneben wirkten
gewisse Schwierigkeiten mit, die sich aus den veränderten technischen
Einrichtungen und ihrer Anpassung an die bestehenden Arbeitsverträge
ergaben, insbesondere spielte eine große Rolle die Frage, ob an der
Maschine auch ungelernte Arbeiter beschäftigt werden dürften.

  [18] Ich folge im allgemeinen der Darstellung von $Clement Edwards$ in
       $Brauns$, Archiv für soziale Gesetzgebung XII, 626 ff.

Nach kleineren Scharmützeln im Anfange des Jahres begann der Konflikt
dadurch, daß der Ausschuß der vereinigten Vereine, unter denen die
vereinigten Maschinenbauer mit 92000 und die Kesselschmiede mit 41000
Mitglieder die weitaus stärksten waren, am 1. Mai 1897 an mehrere
hundert Londoner Firmen die Forderung richtete, den Achtstundentag ohne
Lohnermäßigung zu bewilligen. Wie schon bemerkt, kam ein Teil dieser
Firmen der Forderung nach, ein anderer Teil aber lehnte sie am 26.
Mai ab, nachdem sie sich vorher des Schutzes des Arbeitgeberverbandes
(_Federated Engineering Employers_) versichert hatten. Dieser war
im Juni 1896 dadurch gegründet, daß sich die bis dahin bestehenden
vier lokalen Vereine der Maschinenfabrikanten zu einem nationalen
Verbande zusammenschlossen, der in der Person des $Oberst Dyer$
einen ungewöhnlich geschickten Führer hatte. Am 1. Juli trat der
Unternehmerverband in Manchester zusammen und beschloß, falls die
Arbeiter wegen der von ihnen gestellten Forderungen in einzelnen
Fabriken streiken würden, 25 % aller Arbeiter zu entlassen. Da die
Arbeiter sich durch diese Drohung nicht zurückhalten ließen, so trat
die Aussperrung am 14. Juli in Kraft, worauf die Arbeiter damit
antworteten, daß auch die übrigen 75 % die Arbeit kündigten.

Nach sechsmonatlicher Dauer und mehrfachen Vermittelungsversuchen,
insbesondere seitens des Handelsamtes, wurde endlich am 24. Januar
1897 eine Verständigung erzielt, bei der die Arbeiter insofern der
unterliegende Teil waren, als sie ihre Forderung des Achtstundentages
fallen lassen mußten; andererseits wurde von den Unternehmern der
Grundsatz des kollektiven Verhandelns ausdrücklich anerkannt.

Die unmittelbaren Kosten des Streiks haben etwa 25 Millionen Mark,
die Schädigung der Arbeiter unter Berücksichtigung des Lohnausfalles
fast 100 Millionen betragen. Der Verlust der Unternehmer läßt sich
auch nicht annähernd schätzen. Ein Hauptgrund für den Mißerfolg
der Arbeiter lag darin, daß sich der große, etwa 180000 Mitglieder
zählende Gewerkverein der Maschinenbau- und Eisenschiffbaugewerbe von
dem Streite fern hielt, indem der Gewerkverein der Maschinenbauer die
von jener Seite als Bedingung der Beihülfe gestellte Forderung des
Beitrittes ablehnte. Es ist wahrscheinlich, daß jetzt nachträglich eine
Verschmelzung beider Vereine erfolgen wird.

Der 31. $Gewerkschaftskongreß$ ist am 29. August bis 3. September
1898 in $Bristol$ abgehalten; auf demselben waren 159 Vereine mit
1176896 Mitgliedern durch 406 Abgeordnete vertreten. Die Verhandlungen
waren erregter, als gewöhnlich, und hierzu trug insbesondere bei
die Mißstimmung gegen das parlamentarische Komitee wegen nicht
genügender Unterstützung der Maschinenbauer in ihrem Ausstande. Man
machte demselben zum Vorwurfe, daß es nicht wegen dieser wichtigen
Angelegenheit einen besonderen Kongreß einberufen habe, doch wurde ein
Tadelsantrag abgelehnt.

Die durch die Niederlage der Maschinenbauer hervorgerufene
Unzufriedenheit war wohl auch der Grund dafür, daß der in den letzten
Jahren stets abgelehnte sozialistische Antrag, die $Vergesellschaftung
des Bodens$, sowie $aller Produktions- und Umsatzmittel$ zu fordern,
dieses Mal mit 710000 gegen 410000 Summen angenommen wurde, nachdem
man vorher bereits beschlossen hatte, den steigernden Grundwert
durch Steuern für den Staat nutzbar zu machen. Auch in der Wahl des
Kongreßvorsitzenden $O'Grady$, der zu den Neu-Unionisten gehört, fand
diese sozialistische Stimmung Ausdruck. Derselbe bekannte sich in
seiner Eröffnungsrede zu der Auffassung, daß die Arbeiter auch in ihrer
Vereinigung dem vereinigten Unternehmertum nicht gewachsen seien, wie
das Schicksal der Maschinenbauer beweise, und daß man deshalb sich an
der $Politik$ beteiligen müsse, um durch die Macht des Staates die
berechtigten Forderungen der Arbeiter durchzusetzen. Man müsse ohne
Anlehnung an die bestehenden Parteien nur solche Kandidaten wählen, die
sich verpflichteten, das trade-unionistische Programm zu vertreten.
Außerdem seien Diäten für die Abgeordneten, Einführung der Stichwahl
und das allgemeine Wahlrecht zu fordern.

Man hat in Deutschland vielfach in diesem Auftreten des Kongresses
einen Uebergang in das sozialistische Lager finden wollen, aber die
Engländer selbst haben es keineswegs in dieser Weise aufgefaßt,
sondern die Beschlüsse lediglich als Ausdruck der augenblicklichen
Unzufriedenheit über den Verlauf des Maschinenarbeiterstreikes
aufgefaßt, die es nicht im geringsten ausschließt, daß die
Gewerkvereine nach wie vor sich auf praktische Politik beschränken.
So wurde das parlamentarische Komitee einfach wiedergewählt,
obgleich es in seinem Berichte sogar den vorjährigen Beschluß über
Bodenverstaatlichung für »schlechterdings unausführbar« erklärt hatte.

Dem Einflusse dieser Meinung ist es auch wohl zuzuschreiben, daß
man der $internationalen Verbindung der Arbeiter$ geneigter war,
als früher. Der betreffende Beschluß lautet: »Um die Arbeiter
der Welt fester zusammenzuschließen, um genauere Informationen
über ihre Stellung und Arbeitsbedingungen zu erlangen, erhält das
parlamentarische Komitee den Auftrag, einen Austausch der verschiedenen
Berichte der Verbände mit denen ähnlicher Verbände im Auslande zu
veranlassen und, wo es möglich ist, zur Veranstaltung internationaler
Kongresse verwandter Gewerbe Beihülfe zu leisten, aber auch in
sonstiger Beziehung zur Konsolidation der internationalen Arbeit
beizutragen.«

Der wichtigste und zwar ebenfalls durch den Maschinenbauerstreik
veranlaßte Punkt der Beratungen war die schon 1897 in Birmingham
behandelte Gründung eines Zentralverbandes der Gewerkvereine ($_General
Federation of Trade Unions_$). Der dort gewählte Ausschuß hatte
einen Plan ausgearbeitet, der sich aber nicht der Billigung der
sozialistischen Richtung erfreute. Diese, und zwar der rechte Flügel,
der in dem Blatte »_The Clarion_« seine Vertretung findet, hatte
einen Gegenentwurf, das $_Clarion-Scheme_$, aufgestellt und sogar,
um denselben durchzusetzen, ein besonderes »$Arbeiterparlament$«
einberufen, das vom 18. bis 20. Juli 1898 in $Manchester$ tagte.
Obgleich die zuerst angegebene Zahl von 750000 Mitgliedern nach den
offiziellen Protokollen auf 428000 zusammenschrumpfte, von denen an
dem zweiten Tage nur noch 200000 an den Verhandlungen teilnahmen,
handelte es sich zweifellos um eine bedeutende Versammlung, aber es
hatten sich auch solche Gewerkvereine beteiligt, die keineswegs der
sozialistischen Richtung zuneigen. Jedenfalls war es verfehlt, daß
man dort bereits die Bildung eines Verbandes vollzog, für den man auf
200000 Mitglieder rechnete, die einen von ihnen selbst festzusetzenden,
aber nicht unter 1 Penny betragenden Wochenbeitrag zahlen sollten.
Unterstützung sollte den beteiligten Vereinen im Falle eines Streiks
dann gezahlt werden, wenn der Verband denselben als berechtigt
anerkenne und wenn mindestens 26 Mk. für jedes Mitglied eingezahlt
seien.

Diese Beschlüsse bedeuteten eine Rücksichtslossigkeit gegen den
Gewerkvereinskongreß, da sie dessen Stellungnahme vorgriffen,
und vielleicht war dies der Hauptgrund, weshalb der Kongreß das
_Clarion-Scheme_ verwarf und den Entwurf seines Komitees annahm. Nach
demselben soll zur Aufrechterhaltung des Koalitionsrechts und zur
Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen ein $Zentralverband
aller Gewerkvereine$ gebildet werden, in dessen Kasse außer einem
Eintrittsgeld von 5 Pf. ein vierteljährlicher Betrag für jedes
Mitglied zu leisten ist, der sich auf 25 oder 50 Pf. beläuft, je
nachdem der Verein der ersten oder der zweiten Klasse angehört.
Dementsprechend wird im Streikfalle eine Unterstützung von 2-1/2
bezw. 5 Mk. wöchentlich gezahlt. Doch sollen Streitigkeiten mit den
Unternehmern in erster Linie durch gütliche Verständigung insbesondere
Schiedsgerichte oder ständige Einigungsämter beigelegt und Streiks nur
dann unterstützt werden, wenn der Verbandsvorstand, in den jeder Verein
zwei Vertreter sendet, seine Genehmigung dazu erteilt hat, auch der
Verein mindestens ein Jahr dem Verbande angehört. Aber obgleich der
Kongreß so grundsätzlich die Gründung beschloß, so glaubte man doch
zur entgültigen Erledigung der wichtigen Sache nicht die nötige Zeit
zu besitzen, und so wurde das parlamentarische Komitee beauftragt, im
Januar 1899 nach Manchester einen besonderen Kongreß für diesen Zweck
einzuberufen.

Die übrigen Beschlüsse waren zum Teil alte Bekannte, z. B. die
Forderung des Achtstundentages, die Forderung, daß Armenunterstützung
nicht den Verlust der bürgerlichen Rechte zur Folge haben soll, die
Besoldung der Fabrikärzte durch den Staat, die Bewilligung von Diäten
für die Parlamentsmitglieder und das allgemeine Wahlrecht für alle
erwachsenen Männer, Revision des Verschwörungsgesetzes und Erweiterung
des Haftpflichtgesetzes, insbesondere Verbot des _contracting out_
d. h. der vertragsmäßigen Ausschließung der Haftpflicht. Ebenso
forderte man von neuem, daß die Regierung Arbeiten nur an solche
Unternehmer vergeben solle, die angemessene, insbesondere die vom
Gewerkverein festgesetzten Löhne (_fair wages_) zahle. In der gleichen
Weise erledigte man den Antrag auf zwangsweise Einführung von
Schiedsgerichten, indem man verlangte, es sollten Regierungsarbeiten
nur solchen Unternehmern gegeben werden, die sich einer
schiedsgerichtlichen Erledigung in Streitfällen unterwerfen. Andere
Beschlüsse forderten das Verbot der Beschäftigung ungelernter Arbeiter
an Maschinen und des Abzugs der Strafen vom Lohne, die Einführung des
Achtuhr-Ladenschlusses und Verbesserung der Arbeiterschutzgesetze.

Auf dem Kongresse waren außer Vertretern der amerikanischen und
australischen Gewerkschaften sowie zwei Japanern auch Abgesandte der
englischen $Genossenschaften$ (_cooperative societies_) zugegen,
und ein wichtiger Teil der Verhandlungen bezog sich auf die
Herbeiführung eines engen Zusammenschlusses zwischen Gewerkschaften und
Genossenschaften, insbesondere in der Weise, daß letztere nur die von
den ersteren gearbeiteten Waren umsetzen und dagegen die Mitglieder der
Gewerkschaften ihre Waren von den Genossenschaften beziehen. Allerdings
verlangte man auf dem Kongresse auch, daß die Genossenschaften ihren
Angestellten die von den Gewerkschaften festgesetzten Löhne zahlen und
den Achtstundentag einführen sollten. Bindende Beschlüsse wurden nicht
gefaßt.

Der letzte Punkt der Verhandlungen des Kongresses betraf die Schaffung
eines gemeinsamen $Gewerkvereinsblattes$, doch wurde dieselbe
abgelehnt, wie es scheint, aus dem Grunde, weil ein Teil der Vereine,
insbesondere die sozialistischen, dem parlamentarischen Komitee, mit
dessen Geschäftsführung sie unzufrieden waren, nicht ein solches
Machtmittel in die Hand geben wollten. Nachträglich ist der Plan
dennoch verwirklicht, indem das Parlamentsmitglied F. $Maddison$ seit
1. Oktober 1898 ein Blatt unter dem Titel: »_The Trade Unionist_«
herausgiebt, das sich nach seiner Programmnummer in der That in
entschiedenen Gegensatz zu den sozialistischen Bestrebungen stellt, den
Standpunkt des Klassenkampfes als falsch bekämpft und für friedliche
Verständigung, sowie für Organisation von Arbeitern und Unternehmern,
als im beiderseitigen Interesse liegend, eintritt. An demselben sind
die hervorragendsten Gewerkschaftsführer dieser Richtung beteiligt.

Das Programm, welches die Gewerkvereine für die nächste Zukunft
verfolgen wollen, ist in der Eingabe (_charte_) aufgestellt, welches
das parlamentarische Komitee, nachdem es zuvor die Ansichten der
einzelnen Verbände eingeholt hatte, dem Ministerium eingereicht hat,
und das auch jedem Parlamentskandidaten zur Erklärung vorgelegt
werden soll. Es enthält folgende Forderungen: 1. Erleichterung und
Verallgemeinerung des Wahlrechts; 2. volle Besteuerung des Grund und
Bodens; 3. Diäten für die Parlamentsmitglieder; 4. Ausdehnung des
Haftpflichtgesetzes auf alle Gewerbe zu Lande und zur See; 5. bessere
Durchführung der _fair-wages_-Resolution; Lohnminimum von wöchentlich
24 sh. in allen Staatsbetrieben; 6. Achtstundentag für die Bergleute;
7. amtliche Erhebungen über Maßregelung von Bergleuten wegen ihrer
Beteiligung an Gewerkvereinen; 8. Schutzgesetz für Dampfmaschinen- und
Kesselarbeiter. In einem Teile der Presse wird gegen dieses Programm
der Vorwurf erhoben, daß es sehr wichtige Forderungen, wie z. B. die
weitere Beschränkung der Kinderarbeit, nicht enthalte.

Der in Bristol beschlossene $außerordentliche Gewerkschaftskongreß$
hat vom 24. bis 26. Januar 1899 in $Manchester$ stattgefunden
unter Beteiligung von 280 Abgeordneten, die zusammen rund eine
Million Mitglieder vertraten. Anfangs schien es schwierig, eine
Verständigung zu erreichen, da die Ansichten sich insofern schroff
gegenüberstanden, als mehrere größere Verbände, insbesondere die
Bergarbeiter (_miners federation_) -- die Vertreter von Durham waren
überhaupt nicht erschienen -- einen ganz losen Zusammenschluß wollten,
der die einzelnen Verbände möglichst wenig in ihrer Selbstständigkeit
beschränken sollte, während die kleineren Verbände umgekehrt eine
straffe Zentralisation begünstigten. In Verbindung hiermit stand die
weitere Frage, ob der Bund nur eine Vereinigung der Zentralverbände
sein und deshalb die einzelnen Vereine nur insoweit ihm beitreten
könnten, wie sie dem Zentralverbande ihres Gewerbes angehören, oder ob
von einer solchen Vorbedingung Abstand genommen werden sollte. Bei der
Abstimmung über den ersten Paragraphen des Statutes zeigte sich aber
sofort, daß die föderalistischen Bestrebungen sich in der Minderheit
befanden, denn die Gründung eines Gesamtverbandes unter dem Namen
$_General Federation of Trade Unions_$ wurde mit 756000 gegen 204000
Stimmen angenommen.

Als $Zweck$ des Verbandes ist bezeichnet, das Recht der
Arbeiterorganisationen zu wahren, die allgemeine Lage der Arbeiter und
ihre soziale Stellung in jeder Richtung zu heben durch eine Politik,
die ihnen die Macht verschafft, die wirtschaftlichen und sozialen
Bedingungen zu bestimmen, unter denen sie arbeiten und leben sollen,
die Zusammenfassung der Arbeiterklasse als Ganzes und die Herstellung
eines einheitlichen Vorgehens seitens aller am Bunde beteiligten
Gewerkschaften. Der $prinzipielle Standpunkt$ ist dahin festgelegt, daß
als Aufgabe aufgestellt ist die Förderung des sozialen Friedens und die
Verhinderung von Ausständen und Aussperrungen zwischen Arbeitern und
Unternehmern, sowie von Streitigkeiten zwischen den einzelnen Gewerben
und Organisationen durch alle Mittel freundschaftlicher Beilegung,
wie Einigung, Vermittelung, Schiedsspruch oder die Errichtung fester
Schiedsämter. Bei Ausbruch von Zwistigkeiten soll auf ihre Erledigung
durch ein gerechtes, auf beiderseitiger Gleichberechtigung beruhendes
Verfahren hingewirkt werden.

Der Verband soll zur gegenseitigen Unterstützung und für die
Durchführung der statutenmäßigen Aufgaben einen Fonds ansammeln, zu
dem die Vereine nach Maßgabe ihrer Größe vierteljährlich 3 bezw. 6
Pence und daneben ein Eintrittsgeld von 1 Penny für jedes Mitglied zu
zahlen haben. Vereine, die dem Bunde später beitreten, haben außerdem,
falls sie bereits jetzt bestehen, 10 %, falls sie aber erst später
gegründet werden, 5 % des auf den Kopf entfallenden Bundesvermögens
beizusteuern. Dafür zahlt die Bundeskasse bei Streiks einen Zuschuß
von wöchentlich 2 sh. 6 p. bezw. 5 sh. für jedes Mitglied, jedoch erst
seit der zweiten Woche. Bei Eintrittsgeldern und Beiträgen sowie bei
dem Streikzuschusse werden nur 90 % des Mitgliederbestandes in Ansatz
gebracht. Uebrigens hat der Bundesausschuß darüber zu bestimmen, ob
er den Unterstützungsfall als gegeben ansieht, auch steht ihm nach
achtwöchiger Dauer oder nach den Umständen schon früher das Recht zu,
zu entscheiden, ob die Fortsetzung des Kampfes Vorteil verspricht.
Kein Verband wird unterstützt, der nicht ein Jahr lang seine Beiträge
bezahlt hat und nachweisen kann, daß er die Mittel hat, 10 % seiner
Mitglieder 8 Wochen lang das statutenmäßige Streikgeld zu zahlen.

Die $Organisation$ des Bundes besteht in einem Generalrat (_general
council_), in den die Verbände je nach ihrer Größe (10000, 25000,
50000) 1-4 Vertreter entsenden, und in einem von diesem ernannten
Ausschusse (_management committee_) von 15 Personen, gegen dessen
Entscheidung Berufung an den Generalrat offensteht. Daneben bestehen
Distriktskomitees nach näherer Bestimmung des Generalrates, die an den
Ausschuß regelmäßige Berichte zu erstatten haben. Ueber die Frage, ob
in die Vertretungskörper nur wirkliche (_bona fide_) Arbeiter oder auch
die festangestellten Vereinsbeamten sollten gewählt werden können,
wurde lange gestritten, schließlich aber die letzteren mit 500000 gegen
357000 Stimmen zugelassen. Uebrigens darf in dem Ausschusse jedes
Gewerbe nur durch ein Mitglied vertreten sein. Bei den Verhandlungen
wurde dem Zwecke des Bundes, Streiks nach Möglichkeit zu vermeiden,
mehrfach und von allen Seiten entschieden Ausdruck gegeben.

Das langangestrebte Ziel einer Gesamtorganisation der _trade unions_
ist also jetzt erreicht, denn wenn auch der Beitritt der einzelnen
Verbände von einer Urabstimmung in denselben abhängig gemacht ist, so
kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß die große Mehrzahl sich
dafür erklären wird. Allerdings ist auch eine skeptische Auffassung,
ja eine gewisse Abneigung vertreten, insbesondere bei den großen
Verbänden, die sich stark genug fühlen, um auf eigenen Füßen zu
stehen und jetzt eine Einmischung des Bundes in ihre Angelegenheiten
befürchten, so daß als Träger der Bewegung gerade die kleineren
Verbände anzusehen sind. Die Frage, ob der Bund eine Zukunft haben
wird, ist vorwiegend dadurch bedingt, ob seine Leitung es verstehen
wird, die Selbständigkeit der Verbände soweit zu schonen, daß sie hier
nicht auf Widerstand stößt, ohne doch ihren allgemeinen Pflichten etwas
zu vergeben. --

Nachdem wir im Vorstehenden die $äußere Entwicklung$ des
Trade-Unionismus zusammenhängend zur Darstellung gebracht haben,
verbleibt noch einiges über deren $Wirksamkeit im einzelnen$ zu sagen.

Die Thätigkeit der Gewerkvereine richtet sich natürlich in erster Linie
auf die beiden Hauptpunkte des Arbeitsvertrages: den $Arbeitslohn$
und die $Arbeitsdauer$. Die letztere ist in England wesentlich kürzer
als in Deutschland. Für weibliche Personen ist sie schon seit 1847
gesetzlich auf 10 Stunden festgesetzt, und dies hat wesentlich dazu
beigetragen, sie auch für Männer abzukürzen. Sie beträgt für diese
durchschnittlich 9-9-1/2 Stunden; Sonnabends schließen die Fabriken
schon am frühen Nachmittage (_half holy day_). Aus diesem Grunde
stehen Kämpfe um die Arbeitsdauer nicht in der Art im Vordergrunde
der gewerkschaftlichen Thätigkeit, wie in Deutschland, und sie treten
zurück gegen solche über den Arbeitslohn.

Aber auch auf diese üben die G.-V. einen besänftigenden Einfluß.
Soweit nicht durch die automatisch wirkende Regelung der gleitenden
Skala eine feste Ordnung geschaffen ist und deshalb die Verständigung
von Fall zu Fall erfolgen muß, hat man verschiedene Systeme des
$Einigungsverfahrens$, die man als $_negotiation_$, $_conciliation_$
und $_arbitration_$ bezeichnet. Der erstere Ausdruck bedeutet die
Verhandlungen, die im Falle eines ausgebrochenen oder wenigstens schon
drohenden Streikes unter den beiden Sekretären, dem des G.-V. der
Arbeiter und dem des G.-V. der Arbeitgeber, eingeleitet werden. Führen
diese nicht zum Ziele, so tritt der $_board of conciliation_$, das
Einigungsamt in Thätigkeit. Dasselbe wird gebildet durch eine gleiche
Anzahl Vertreter, welche auf seiten der Arbeiter und der Arbeitgeber
gewählt werden und zerfällt in einen Ausschuß ($_joint committee_$),
dem nur eine kleine Anzahl von Mitgliedern angehören und vor dem
insbesondere die Streitigkeiten »individueller« Natur, d. h. die ein
bestehendes Vertragsverhältnis betreffenden, soweit sie nicht bereits
durch die Sekretäre beigelegt sind, zur Entscheidung kommen, und die
Vollversammlung ($_full board_$), in welcher die sog. Grafschaftsfragen
d. h. die allgemeinen Verhältnisse des Gewerbes und deren Regelung für
die Zukunft erörtert werden. Ist eine Verständigung nicht zu erreichen,
so tritt das Schiedsgericht ($_board of arbitration_$) in Wirksamkeit,
d. h. jede Partei ernennt zwei Schiedsrichter (_arbitrator_), die
ihrerseits einen Obmann erwählen.

Wenn das Einigungsverfahren im Zusammenhange mit der Lohnfrage
erwähnt ist, so bedeutet das nicht, daß die Thätigkeit sich auf diese
beschränke, sie umfaßt ebenso auch die Arbeitsdauer und die Regelung
der sonstigen Arbeitsbedingungen. Ebenso ist nicht gesagt, daß stets
alle Formen zur Anwendung kommen, daß insbesondere beim Scheitern der
Verständigung unter allen Umständen das schiedsrichterliche Verfahren
eingeschlagen wird. Jedenfalls ist die ganze Einrichtung, die sich als
äußerst segensreich erwiesen hat, nur denkbar auf der Unterlage der
$beiderseitigen Organisation in G.-V.$, denn daß die Frage, ob das
Ergebnis der beiderseitigen Verhandlungen gerichtlich erzwingbar sei,
bis jetzt in England in der praktischen Bedeutung ganz zurückgetreten
ist, hat allein darin seinen Grund, daß die Verhandlungen zwischen
Organen geführt werden, die eine zu hohe Stellung in der öffentlichen
Achtung einnehmen, als daß sie sich der Anerkennung des einmal
ordnungsgemäß geschaffenen Zustandes frivol entziehen könnten, und
die einen so großen Einfluß auf ihre Mitglieder ausüben, daß sie
deren Folgeleistung sicher sind. Aber selbst in dem Falle, daß einmal
ein gerichtlicher Zwang nötig werden sollte, giebt insbesondere
hinsichtlich der Arbeiterorganisationen deren angesammeltes, nicht
unerhebliches Vermögen einen Rückhalt, auf den bei der Vollstreckung
gegriffen werden kann und den die Mitglieder nicht im Stiche lassen.

Einen anderen Teil der Thätigkeit des G.-V. der Arbeiter bildet der
Kampf gegen die Mittelmänner (_sweating system_), d. h. Personen,
welche die Arbeit von dem Arbeitgeber übernehmen und sie auf ihre
Rechnung von Arbeitern ausführen lassen, diese aber dabei meist in der
nichtswürdigsten Weise aussaugen.

Ist ihre Wirksamkeit hier von erheblichem Erfolge begleitet gewesen,
so sind sie dagegen in ihrem Kampfe gegen die $Accordarbeit$ im
wesentlichen unterlegen. Man wirft derselben vor, daß sie insofern
für den Arbeiter ungünstig sei, als sie ihn zu einer ungesunden
Anspannung seiner Kräfte anreize, daß dadurch aber ein Ueberschuß an
Arbeitskräften hervorgerufen werde und daß selbst der beschäftigte
Arbeiter nicht einmal selbst Vorteil habe, indem der Arbeitgeber,
sobald tüchtige Arbeiter einen erheblichen Verdienst erzielten, den
Lohnsatz herabsetze. Trotz dieser Angriffe ist jedoch die Stücklöhnung
noch die überwiegend übliche Form geblieben.

Eine wesentliche Aufgabe der G.-V. ist ferner die Fernhaltung der
$Arbeitslosigkeit$. Dies ist, wie hervorgehoben, eine Hauptrücksicht
bei der Bekämpfung der Stücklöhnung und ebenso bei den Bestrebungen
auf Herabsetzung der Arbeitsdauer, insbesondere durch Verbot der
Ueberarbeit. Man hat aber vor allem für eine vorzügliche Regelung des
$Arbeitsnachweises$ gesorgt, der vielfach auch von den Arbeitgebern
benutzt wird, und ebenso giebt man bei Arbeitslosigkeit nicht allein
Wandergelder, -- die früher üblich gewesene Reisekarte, die das
Recht auf Unterkunft und Verpflegung gewährte, ist wegen Mißbrauches
außer Uebung gekommen -- sondern vor allem erhält das ohne seine
Schuld arbeitslos gewordene Mitglied eine $Unterstützung$, deren
Höhe verschieden ist und sich bei Personen, die als Führer von
Arbeiterbewegungen gemaßregelt sind, häufig auf die volle Höhe des
Lohnes, z. B. bei den Maschinenbauern auf etwa 2000 Mk. beläuft. Auch
die Dauer der Unterstützung ist verschieden, meist wird sie für eine
Zeit von drei Monaten bis zu einem Jahre gewährt.

Ein weiteres Ziel ist die Herstellung $gesunder Arbeitsräume$ und die
Schaffung ausreichender $Schutzvorrichtungen$; in dieser Richtung wird
teils unmittelbar auf die Arbeitgeber, teils auf die Gesetzgebung
einzuwirken gesucht.

Von größter Bedeutung Sind die von den G.-V. ins Leben gerufenen
$Unterstützungseinrichtungen$ für die verschiedensten Lebensschicksale,
die um so wertvoller sind, als auf diesem Gebiete staatlicherseits in
England bisher nichts geschehen ist. Allerdings bestehen auch freie
Hülfskassen, die _friendly societies_, denen jeder beitreten kann, aber
der Schwerpunkt liegt doch ganz überwiegend in der Thätigkeit der G.-V.
Die hauptsächlichsten Formen der Unterstützung sind folgende:

1. $Sterbe$- und $Begräbnisgeld$; es ist die älteste Form der Beihülfe
und findet sich in allen Vereinen. Die Höhe beträgt im Durchschnitt
etwa 200 Mk.; zuweilen wird es beim Tode nicht bloß des Arbeiters
selbst, sondern auch der Familienangehörigen gezahlt.

2. $Krankengeld$. Es beträgt meist wöchentlich etwa 10 Mk. und wird
13-25 Wochen lang gezahlt; daneben wird meist Arzt und Apotheke
bezahlt, doch ist die Einrichtung nicht so allgemein, wie das
Sterbegeld.

3. Die $Altersrente$. Sie ist nicht so häufig und meist niedriger als
das Krankengeld. Das Recht auf dieselbe setzt ein gewisses Alter, meist
60 Jahre, und eine gewiße Dauer, meist 30-40 Jahre, der Mitgliedschaft
voraus. Zuweilen wird eine einmalige Abfindungssumme gezahlt, z. B. bei
den Eisenbahnarbeitern 400 Mk.

4. $Invalidenrente$, indem nicht ein bestimmtes Alter, sondern der
Eintritt der Arbeitsunfähigkeit den Anspruch auf Rente begründet.

5. $Unfallunterstützung$ findet sich meist nicht als jährliche Rente,
sondern als einmalige Entschädigung von 1000-2000 Mk.

6. $Waisengeld$ wird nur von einzelnen Vereinen gezahlt, ebenso

7. $Auswanderungsunterstützung$ gegen die Verpflichtung, innerhalb
gewisser Zeit nicht zurückzukehren.

8. $Arbeitslosenunterstützung$. Dieselbe besteht in fast allen Vereinen.

Außer diesen $materiellen Zwecken$ suchen die G.-V. auch auf das
$sittliche Leben$ der Mitglieder günstig einzuwirken und sie $geistig$
zu $heben$. Um dem Spirituosengenusse entgegenzuwirken und den
Einzelstehenden einen Halt zu gewähren, wird das Klubleben gefördert;
es werden Lesezimmer mit Zeitungen und guten Büchern gehalten, wobei
insbesondere die Naturwissenschaften bevorzugt werden. Vorlesungen, zum
Teil von Universitätslehrern und Disputierübungen dienen der geistigen
Anregung.

Um diese großen Aufgaben erfüllen zu können, bedürfen die Gewerkvereine
erheblicher $Beiträge$ ihrer Mitglieder, die aber sehr verschieden sind
und sich von wöchentlich 10 Pf. bis zu 1 Mk. 40 Pf. belaufen; während
langdauernder Streiks ist sogar schon bis zu täglich 1 Mk. erhoben.

Wie schon erwähnt, sind die G.-V., um ihre Einzelkraft zu steigern,
zu $Verbindungen$ zusammengetreten, und zwar nicht allein so, daß
die Vereine desselben Gewerbes sich untereinander mehr oder weniger
eng (_federation-amalgamation_) zusammengeschlossen haben, sondern
auch durch die Schaffung von Gewerkschaftsräten (_trade councils_),
welche für einen bestimmten Bezirk alle G.-V. ohne Unterschied des
Berufes vereinigen. Aber dieselben üben keinen erheblichen Einfluß auf
die Bewegung aus, da sie einerseits nicht über Geldmittel verfügen
und im Falle des Bedarfes auf freiwillige Beiträge angewiesen sind,
andererseits auch keine beschließende, sondern nur eine beratende
Stimme haben. So kommt es denn auch, daß gerade die bedeutenderen
Kräfte der Bewegung sich von ihnen fernhalten; daß es zur Zeit der
Junta anders war, lag an den damaligen besonderen Verhältnissen und
Personen.

Auch die Gewerkschaftsräte größerer Bezirke, insbesondere der
verschiedenen Provinzen, vereinigen sich zuweilen untereinander zu
$Kartellen$, deren Befugnisse sehr mannigfaltig bestimmt sind.

Ihre oberste Zusammenfassung erhalten die G.-V. in den
$Gewerkschaftskongressen$, die seit 1868 jährlich stattfinden[19].
Aber obgleich in denselben bis auf verschwindende Ausnahmen alle
G.-V. vertreten sind, so ist der Kongreß doch »mehr ein Aufmarsch
der Gewerkvereinskräfte als ein echtes Arbeiterparlament«. »Alle
Nebenumstände drängen dazu hin, den Karakter des Kongresses
als eine Schaustellung auf Kosten der Eigenschaft desselben
als gesetzgeberisches Organ zu verstärken. Der Mayor und die
Gemeindevertretung des Ortes, wo er abgehalten wird, heißen die
Delegierten in öffentlicher Ansprache willkommen und veranstalten
ihnen zu Ehren eine prächtige Empfangsfeier. Die Gallerie der Besucher
ist voll von interessierten Beobachtern. Ausländer von hervorragender
Stellung, Vertreter von Regierungsabteilungen, Deputationen von
dem Verbande der Genossenschaften und anderen einflußreichen
Organisationen, wißbegierige Politiker und Minister auf der Jagd nach
Popularität wohnen den Sitzungen von Anfang bis zu Ende bei. Der
für die Presse bestimmte Tisch ist von Reportern aller bedeutenden
Zeitungen des Königreichs dicht besetzt, während die Lokalblätter
einander in Extraausgaben überbieten, die wortgetreue Berichte über die
Verhandlungen bringen. Aber mehr als alles andere macht der gänzliche
Mangel gesetzgebender Macht den Kongreß zu einer Feiertagsdemonstration
statt zu einer verantwortlichen, beratschlagenden Versammlung. Die
Delegierten wissen genau, daß die Resolutionen keine bindende Kraft
für ihre Mandatgeber haben und nehmen sich deshalb nicht die Mühe, sie
in ausführbarer Form oder auch nur miteinander in Uebereinstimmung zu
bringen[20]«.

  [19] Die bisher abgehaltenen Kongresse sind folgende: 1. Manchester,
       2. Juni 1868, 118367 Mitglieder mit 34 Vertretern; 2.
       Birmingham, 23. August 1869, 250000 M. mit 48 V.; 3. London,
       6. Mai 1871, 287430 M. mit 50 V. Hier wurde zum erstenmale ein
       parlamentarisches Komitee gewählt. 4. Nottingham, 8. Januar 1872,
       255710 M. mit 77 V. Hier wurden die Abgesandten politischer
       Vereinigungen, die erschienen waren, zurückgewiesen. 5. Leeds,
       13. Januar 1873, 730074 M. mit 130 V.; 6. Sheffield, 12. Januar
       1874, angeblich 1191922 M. mit 169 V., doch ist man einig, daß
       diese hohe Ziffer durch Doppelzählungen herbeigeführt ist. 7.
       Liverpool, 18. Januar 1875, 818032 M. mit 151 V.; 8. Glasgow,
       11. Oktober 1875, 539823 M. mit 139 V.; 9. Newcastle _on Tyne_,
       18. September 1876, 556488 M. mit 140 V.; 10. Leicester, 17.
       September 1877, 691089 M. mit 114 V.; 11. Bristol, 9. September
       1878, 623927 M mit 136 V.; 12. Edinburg 1879, 541892 M. mit 115
       V.; 13. Dublin, 16. September 1880, 494222 M. mit 105 V.; 14.
       London, 12. September 1881, 463899 M. mit 157 V.; 15. Manchester,
       13. September 1882, 509337 M. mit 153 V.; 16. Nottingham 1883,
       471651 M. mit 163 V.; 17. Aberdeen, 8. September 1884, 569033
       M. mit 141 V.; 18. Southport, 7. September 1885, 580976 M. mit
       141 V.; 19. Hull, 6. September 1886, 633088 M. mit 143 V.; 20.
       Swansea, 5. September 1887, 674034 M. 156 V.; 21. Bradford, 3.
       September 1888, 674634 M. 150 V.; 22. Dundee, 2. September 1889,
       885055 M. mit 211 V.; 23. Liverpool, 1. September 1890, 1470191
       M. 457 V.; 24. Newcastle _on Tyne_, 7. September 1891, 1302855
       M. mit 552 V.; 25. Glasgow, 5. September 1892, 1219934 M. mit
       418 V.; 26. Belfast, 4. September 1893, 900000 M. mit 380 V.; 27.
       Norwich, 3. September 1894, 1080545 M. mit 372 V.; 28. Cardiff,
       2.-6. September 1895, 951000 M. mit 345 V.; 29. Edinburg, 7.-12.
       September 1896, 1035341 M. mit 346 V.; 30. Birmingham, 6.-11.
       September 1897, 1093191 M. mit 381 V.; 31. Bristol, 29. August
       bis 3. September 1898, 1176896 M. mit 406 V.

       Seit 1874 veranstalten die irischen Gewerkvereine jährliche
       Sonderkongresse, da die meist kleineren Vereine nicht imstande
       sind, die Kosten eines Abgesandten für die englischen Kongresse
       zu tragen. Der dritte irische Kongreß wurde im Mai 1896 in
       Limerick abgehalten; es waren auf ihm 50000 Mitglieder vertreten
       (Vgl. _Labour Gazette_, Juni 1896, S. 177). Auch die schottischen
       Gewerkvereine sind jetzt diesem Beispiele gefolgt, indem sie den
       ersten schottischen Kongreß im März 1897 in Glasgow abgehalten
       haben; auf demselben waren 38 Vereine mit 41000 Mitgliedern
       vertreten (Vgl. _Report of the first annual Scottish trade unions
       congress. Glasgow, March 1897_).

  [20] $Webb$, a. a. O. S. 420.

Das $Verhältnis zu den Unternehmern$ ist das der gegenseitigen Achtung
und Höflichkeit; häufig werden von den Delegierten größere industrielle
Werke besichtigt, von den Pferdebahnen wird ihnen freie Fahrt bewilligt
und in jeder Weise wird ihnen äußere Auszeichnung entgegengebracht.

Der Kongreß wählt seit 1871 aus seiner Mitte für das folgende Jahr
den »$parlamentarischen Ausschuß$«, der aus 10 Mitgliedern und einem
Sekretär besteht. Derselbe ist gewissermaßen die oberste Leitung des
ganzen Gewerkschaftswesens, zumal seine Befugnisse in keiner Weise
scharf bezeichnet und abgegrenzt sind. Aber um eine solche Stellung
auszufüllen, bedürfte man einer Organisation, deren Mitglieder sich
ganz dieser Aufgabe widmen könnten, während man vielmehr regelmäßig in
den Ausschuß die Sekretäre der großen Verbände wählt, die schon durch
ihre sonstigen Arbeiten vollständig in Anspruch genommen sind. »Es
ist daher nicht verwunderlich, wenn man erfährt, daß das dem Komitee
unterbreitete Arbeitsprogramm, statt das durch die Kongreßbeschlüsse
angezeigte weite Feld zu umfassen, gewöhnlich auf das armseligste
Minimum herabgeschraubt ist. Die Jahresleistung des Komitees hat
sich in den letzten Jahren in der That je auf ein paar Deputationen
an die Regierung, zwei oder drei Rundschreiben an die Vereine, eine
kleine Beratung mit befreundeten Politikern und die Zusammenstellung
eines ausführlichen Berichtes an den Kongreß beschränkt, der
nicht ihre eigenen Leistungen, sondern die im Laufe der Session
zustande gekommenen Gesetze und anderen parlamentarischen Vorgänge
schildert[21]«. So ist die Bedeutung des parlamentarischen Ausschusses
in den letzten Jahren immer mehr zurückgegangen und es hat eine immer
größere Unzufriedenheit mit seinen Leistungen um sich gegriffen, aber
der Mangel liegt nicht an den Personen, sondern an deren
Ueberlastung. --

  [21] $Webb$, a. a. O. S. 423.

Das bisher Gesagte bezieht sich großenteils nicht auf alle G.-V.,
sondern nur auf diejenigen der $gelernten Arbeiter$ (_skilled men_).

Die Unionen der $ungelernten Arbeiter$ (_unskilled men_) unterscheiden
sich von den ersteren, abgesehen von der bereits erwähnten anderen
Grundanschauung, auch im einzelnen in wesentlichen Punkten.

Zunächst sind sie überwiegend Streikvereine, beschränken sich
hauptsächlich auf Unterstützung bei Arbeitslosigkeit und schließen
andere Zwecke, wie Kranken-, Unfall- und Altersfürsorge grundsätzlich
aus. Der eigentliche Grund hierfür ist wohl, daß die jungen
Organisationen der zum Teil sehr gering gelohnten ungelernten
Arbeiter nicht annähernd über solche Mittel verfügen, wie die bereits
befestigten Verbindungen ihrer besser gestellten Kollegen. Oeffentlich
freilich begründen sie ihre Ablehnung der Unterstützungspolitik mit dem
prinzipiellen Gesichtspunkte, daß diese die Vereine allzu bedächtig
und vorsichtig gegenüber Arbeitseinstellungen mache. Immerhin ist es
wahrscheinlich, daß die neuen G.-V. dieselbe Entwickelung durchmachen
werden, wie die älteren, und bereits jetzt läßt sich ein besänftigender
Einfluß der ungünstigeren wirtschaftlichen Lage auf die überschäumende
Streiklust beobachten.

Ebenso beginnen schon einzelne Vereine mit den
Hülfskasseneinrichtungen. So zahlt die Dock-, Werft- und
Uferarbeiter-Union Sterbegeld, während viele Filialen derselben
Krankenunterstützungsfonds ins Leben gerufen haben. Einige Ortsvereine
der »_National Union of Gasworkers and General Labourers_« haben
örtliche Unterstützungsfonds, und die Unfallunterstützung seitens des
Gesamtvereins wird eifrig erörtert.

Eine weitere Verschiedenheit beider Organisationen besteht in ihrer
Stellung zu der $Regelung von Arbeitsstreitigkeiten$, insbesondere
bei $Lohnfragen$. Nachdem es eine Zeit lang üblich gewesen war, in
solchen Fällen, sofern eine unmittelbare Verständigung nicht zum
Ziele geführt hatte, gemeinsam einen Schiedsrichter zu ernennen und
hierzu eine Person zu wählen, die weniger gewerbliches Verständnis,
als vor allem das allgemeine Vertrauen der Unparteilichkeit besaß,
gingen die $älteren$ G.-V. immer mehr dazu über, an Stelle dieses
$schiedsrichterlichen$ das oben näher beschriebene $Einigungsverfahren$
zu setzen. In diesem wird die Streitfrage fast ausschließlich nach der
Richtung erörtert, ob der erhobene Anspruch in der allgemeinen Lage
des Gewerbes seine Begründung findet, ob also z. B. eine Lohnerhöhung
oder -herabsetzung durch die Preislage des Marktes und die Verhältnisse
in den Konkurrenzländern gerechtfertigt wird. Um dies festzustellen,
werden häufig sehr umfassende Erhebungen veranstaltet. Läßt man sich
auf ein schiedsrichterliches Verfahren überhaupt ein, so schließt
man durchaus $gewerbsfremde Personen$ aus, man wählt jemand, der die
einschlagenden gewerblichen Verhältnisse völlig übersieht und dessen
Aufgabe darin besteht, nicht sowohl nach $Billigkeitsrücksichten$
über die Berechtigung des beiderseitigen Standpunktes zu entscheiden,
sondern lediglich zu beurteilen, ob nach Lage des augenblicklichen
$wirtschaftlichen Machtverhältnisses$ bei einem etwaigen Streik die
eine oder die andere Partei den Sieg davon tragen werde, um so das
gleiche Ergebnis, welches nach Wahrscheinlichkeitserwägungen ohnehin
zu erwarten ist, anstatt durch den Kampf lieber durch freiwilliges
Nachgeben der schwächeren Partei herbeizuführen. Es ist begreiflich,
weshalb die $neuen$ G.-V. hier das entgegengesetzte Verfahren befolgen.
Da ihre Stärke weniger in der eigenen Kraft als in der Sympathie der
Bevölkerung beruht, und diese sich weniger durch wirtschaftliche
Erwägungen als durch solche der Billigkeit bestimmen läßt, so streben
sie dahin, die Entscheidung einem $gewerbsfremden Schiedsrichter$,
also einer Person zu übertragen, die gewissermaßen als Organ der
öffentlichen Meinung betrachtet werden kann.

Das Bewußtsein der eigenen Schwäche bringt endlich die neuen G.-V. auch
zu der bereits erörterten, grundsätzlich abweichenden Haltung gegenüber
der $Stellung des Staates zu den wirtschaftlichen Verhältnissen$.
Während die alten _trade unions_ den staatlichen Eingriff ablehnen und
sich zutrauen, falls man ihnen nur keine Hindernisse in den Weg legt,
selbst ihre Interessen wirksam vertreten zu können, stehen die neuen
Verbände durchaus auf dem Boden des Staatssozialismus.

Uebrigens hat sich in der Stellung zur $Politik$ in den englischen
Arbeiterkreisen überhaupt ein gewisser Umschwung vollzogen. Während die
_trade unions_ sich früher grundsätzlich mit politischen Fragen als
solchen nicht beschäftigten und die beiden bestehenden großen Parteien
unterstützten, je nachdem sie sich zu den Arbeiterforderungen stellten,
besteht seit 1893 eine $_Independent Labour Party_$, die es sich zur
Aufgabe stellt, die Arbeiter auch auf politischem Boden zu sammeln.
Sie wurde auf einer am 13./14. Januar 1893 in Bradford abgehaltenen
Konferenz gegründet, hielt am 2. Februar 1894 in Manchester ihre
erste Jahresversammlung und zählte im September 1894 350 Zweigvereine
mit 38500 Mitgliedern. Seitdem scheint aber das Wachstum kaum
fortgeschritten zu sein, denn die Angaben aus dem Jahre 1897 lauten nur
auf 40000 Angehörige. Auch bei den ersten allgemeinen Parlamentswahlen
1895, bei denen die neue Partei ihre Kraftprobe machte, hat sie keine
eigenen Kandidaten durchgesetzt, denn die beiden einzigen im Parlamente
befindlichen Arbeiter S. $Woods$ und J. $Mallinson$ gehören ihr nicht
an. Die Zahl der für sie abgegebenen Stimmen, die damals 27566 betrug,
ist allerdings bei späteren Nachwahlen auf 64480 in 38 Wahlkreisen
gestiegen. Ihr Präsident ist $Keir Hardie$, ihr Sekretär $Tom Mann$.
Im Vorstande, der den Titel »Nationaler Verwaltungsrat« trägt, sitzt
u. a. $Ben Tillet$. Auf dieser Personalunion beruht der Hauptteil ihres
Einflusses.

Eine formelle $sozialdemokratische$ Partei besteht in England erst seit
kurzer Zeit. Allerdings wurde im März 1881 durch angesehene Personen
aus den oberen Klassen unter Führung des Schriftstellers $Hyndman$
eine _democratic federation_ mit dem Programm der Verstaatlichung des
Grund und Bodens gegründet, die sich im Jahre 1883 in _socialdemocratic
federation_ umtaufte und ein eigenes Organ, die »_Justice_«
herausgiebt. Anfangs schlossen sich ihr auch die bedeutendsten
Arbeiterführer an, wie $John Burns$, $Tom Mann$, $Ben Tillet$ und $Keir
Hardie$, von denen aber, wie oben erwähnt, die ersten beiden ihr später
den Rücken kehrten. Ihre Mitgliederzahl wird auf 3500-5000 angegeben.

Wiederholt sind Versuche gemacht, die Bildung einer einheitlichen
sozialdemokratischen Partei, insbesondere eine Verschmelzung der
_Independent $Labour Party$_ mit der _Socialdemocratic Federation_
herbeizuführen und noch auf dem letzten Jahreskongresse der letzteren
am 12. April 1898 ist die Frage eingehend erörtert, doch ist es bisher
nicht gelungen, sie zu lösen, indem insbesondere die Mitglieder der
_I. L. P._ der _S. F._ den Vorwurf machen, revolutionäre Phrasen an
Stelle ernsthafter Arbeit zu kultivieren. Der neueste Versuch dieser
Art ist zugleich in mehrfacher Hinsicht interessant für die Stellung
der Sozialdemokratie in England. Er wurde unternommen von dem bereits
erwähnten rechten Flügel, den Clarionisten unter Führung von $Robert
Blatchford$, indem sie eine Abstimmung durch Umfrage nicht allein über
die Bildung einer einheitlichen sozialdemokratischen Partei, sondern
auch noch über einige der wichtigsten Einzelfragen veranstalteten. An
der Abstimmung haben sich 8885 Personen beteiligt, und da viele von
ihnen nicht wahlberechtigt sind, so ergiebt sich daraus die geringe
politische Bedeutung. Die Notwendigkeit einer Gesamtpartei wurde fast
allgemein bejaht, und so sollen bei den nächsten Wahlen in erster
Linie überall Sozialdemokraten aufgestellt und nur im Notfalle für
andere arbeiterfreundliche Kandidaten gestimmt werden. Im übrigen
stimmten für Referendum und Initiativwahl nach schweizerischem Muster
5995, für Altersversorgung, Beschäftigung der Arbeitslosen, Verbot
der Kinderarbeit bis zum 14. Jahre und gesetzlichen Achtstundentag
zwischen 4763 und 5115, für Nationalisation des Grund und Bodens bezw.
volle Besteuerung, Parlamentsdiäten, Verstaatlichung der Eisenbahnen
3709-4052, das allgemeine Stimmrecht 2856, Befreiung von Schulgeld,
Verstaatlichung des Schankgewerbes und der Bergwerke, Einführung von
Stichwahlen und Erhöhung der Erbschaftssteuer 1423-1976 Personen.

Ist auch im allgemeinen das Verhältnis der Unternehmer zu den
Gewerkvereinen der Arbeiter jetzt ein günstiges und wird im ganzen
in den Kreisen der ersteren das Ziel einer Beseitigung der _trade
unions_ nicht mehr verfolgt, so werden doch naturgemäß Klagen über
ihren »Terrorismus« oft gehört, und so ist denn in neuerer Zeit der
Versuch unternommen, eine Gegenorganisation ins Leben zu rufen. Dies
ist die _national free labour association_. Sie wurde auf einem am
31. Oktober 1893 in London abgehaltenen Kongresse begründet und hat
seitdem jährliche Jahresversammlungen abgehalten, besitzt auch in
der »_Free Labour Gazette_« ein eigenes regelmäßiges Organ. Auf dem
Kongresse in Manchester im Oktober 1896 wurde mitgeteilt, daß die
Mitgliederzahl Ende 1895 131650 betragen habe und Ende Juli 1896
auf 150353 gestiegen sei, im Oktober 1897 soll sie sogar 180000 und
im Juni 1898 200000 betragen haben, doch werden diese Ziffern von
gegnerischer Seite als nackter Schwindel dargestellt. Die Vereinigung,
die sich insbesondere in London und den nördlichen Hafenplätzen des
Mersey und des Clyde sowie des Bristol-Kanals ausbreitet, will nicht
die _trade unions_ als solche, oder die von ihnen geübte Tyrannei
bekämpfen, insbesondere setzt sie mit ihren Angriffen ein bei der
Praxis der _trade unions_, nicht mit _blake legs_ zusammenzuarbeiten
und die Behörden zu zwingen, ausschließlich ihre Angehörigen zu
beschäftigen. Die Vereinigung will für jeden Bezirk aus Arbeitgebern
und Arbeitern in gleicher Zahl zusammengesetzte Schiedsgerichte
(_boards of arbitration_) der verschiedenen Berufszweige errichten,
denen sämtliche Arbeitsstreitigkeiten unterbreitet werden müssen. Falls
sich das Gericht über einen Urteilsspruch nicht einigen kann, soll ein
Unparteiischer mit der Entscheidung betraut werden. Streiks sind nicht
völlig ausgeschlossen, sollen aber nur dann unterstützt werden, wenn
sie zuvor einem Schiedsgerichte unterbreitet sind. Die Einrichtung von
Unterstützungskassen soll den örtlichen Vereinen überlassen bleiben.

Am 10. Oktober 1898 hat die Association ihren Jahreskongreß gehalten,
auf dem erwähnt wurde, daß die Vereinigung im Laufe des Jahres an
Fabriken, in denen gestreikt wurde, 13000 Arbeitskräfte gesandt habe,
darunter 900 während des Maschinenbauerstreiks. Von einzelnen Rednern
wurde das neue Haftpflichtgesetz als die englische Industrie schädigend
verurteilt, andere wollten das Postenstehen bei Streiks unter Strafe
gestellt wissen.

Auch auf diesem Kongresse sollen 250000 Mitglieder durch 100 Abgesandte
vertreten gewesen sein, aber unparteiische Blätter, wie der »_Daily
Chronicle_«, behaupten, die ganze Association bestehe aus drei
oder vier Leuten, die in London ein Bureau für den Zweck errichtet
hätten, bei Ausständen den Unternehmern Arbeit zu verschaffen und
deren Angestellte die Kongresse bildeten. Ein gewiß klassischer
Zeuge, der jetzige Vorsitzende der _Federated Engineering Employers_,
$Alexander Siemens$ schreibt mir: »Die _F. L. A._ besteht zum Teil
aus zweifelhaften Elementen. Während des _Engineering_-Streiks
unternahm sie, unabhängige Arbeiter zu finden, um die Ausständigen
zu ersetzen. Soviel mir bekannt ist, war der Erfolg so gering,
daß die Association jetzt ignoriert wird, nachdem sie während des
Ausstandes eine Menge Anhänger gefunden hatte.« Danach darf man davon
ausgehen, daß Herr v. $Stumm$ sehr unrichtig berichtet war, wenn er
in der Reichstagssitzung vom 9. März 1898 der Vereinigung eine große
Bedeutung beimessen wollte, es scheint sich im Gegenteil um ein völlig
verunglücktes Unternehmen zu handeln.

$Statistische Angaben$ über die _trade unions_ giebt es erst
seit der im Jahre 1886 erfolgten Ernennung $John Burnetts$ zum
Arbeitsberichterstatter (_chief labour correspondent_) im Handelsamte.
Seit dieser Zeit werden jährliche Berichte herausgegeben, doch waren
dieselben anfangs unvollständig, indem nur ein kleiner Teil der Vereine
die ihnen zugesandten Fragebogen ausfüllte. Erst der im November 1898
veröffentlichte Bericht für 1897[22] giebt eine Uebersicht, die den
Anspruch auf annähernde Vollständigkeit erhebt. Danach gab es:

              1892   1203 Vereine mit 1500451 Mitgliedern
              1893   1259    "     "  1478474     "
              1894   1299    "     "  1437765     "
              1895   1303    "     "  1404898     "
              1896   1308    "     "  1491007     "
              1897   1287    "     "  1609909     "

  [22] _Report of the chief labour correspondent of the board of trade on
       trade unions in 1897 with comparative statistics for 1892-1896.
       London 1898, Darling & Son._

Die Gesamtzunahme von 109458 Mitgliedern entspricht 7,3%, doch verteilt
sie sich nicht gleichmäßig, indem die 100 größten Vereine einen Zuwachs
von 17,2% haben, während die kleineren 7,7% abgenommen haben. Die
Verminderung der Vereine um 21 von 1896 auf 1897 bei gleichzeitiger
Vermehrung der Mitglieder erklärt sich aus den in dieser Zeit erfolgten
Verschmelzungen von Vereinen. _Trade councils_ gab es 1894 148 mit
698550, 1895 151 mit 696270, 1896 148 mit 694701 und 1897 151 mit
693390 Mitgliedern.

Die Verteilung der _trade unions_ auf die $einzelnen Gewerbegruppen$
zeigt folgende Tabelle:

  =======================================================================
                        |             Zahl der              |
      Gewerbegruppen    |_trade                             |Prozentsatz
                        |unions_| Zweigvereine | Mitglieder |
  ======================+=======+==============+============+============
   Metallindustrie,     |       |              |            |
     Maschinen- und     |       |              |            |
     Schiffbau          |  272  |     2433     |   317518   |     20
   Bergbau und          |       |              |            |
     Hüttenwesen|       |   64  |     1543     |   282432   |     17
   Bauwesen             |  138  |     3034     |   219072   |     14
   Textilindustrie      |  244  |      499     |   217217   |     14
   Transportwesen       |       |              |            |
     (Eisenbahnen,      |       |              |            |
     Docks u. s. w.)    |   65  |     1268     |   183418   |     11
   Ungelernte Arbeiter  |   16  |      744     |    92858   |      6
   Bekleidungsindustrie |   48  |      652     |    75617   |      5
   Buchdruckerei u.     |       |              |            |      3
     Buchbinderei       |   54  |      350     |    52527   |
   Oeffentlicher Dienst |   37  |      873     |    45157   |      3
   Holzbearbeitung      |  115  |      559     |    38401   |      2
   Sonstige Gewerbe     |  234  |     1380     |    85692   |      5
  ======================+=======+==============+============+============
        Zusammen        | 1287  |    13335     |  1609909   |    100

Das Alter und die Entwickelung der Vereine zeigt folgende Aufstellung:

  ======================================================================
   Gründungszeit|  Anzahl der  |Prozentsatz|Mitgliederzahl|Prozentsatz
                |_trade unions_|           |              |
  ==============+==============+===========+==============+=============
    Vor 1825    |     48       |     4     |     54264    |     3
   1825-1829    |     12       |     1     |      9436    |     1
   1830-1839    |     32       |     2     |    107848    |     7
   1840-1849    |     46       |     3     |     66951    |     4
   1850-1859    |     72       |     6     |    221106    |    14
   1860-1869    |    118       |     9     |    250958    |    16
   1870-1879    |    162       |    13     |    286093    |    18
   1880-1887    |    152       |    12     |    233008    |    14
   1888-1897    |    640       |    50     |    375411    |    23
  ==============+==============+===========+==============+=============
    Zusammen    |   1282[23]   |   100     |   1605075[23]|   100

  [23] Für fünf kleine Vereine mit zusammen 4834 Mitgliedern ist die
       Gründungszeit nicht zu ermitteln gewesen.

Das Gesetz gewährt denjenigen Vereinen, die ihre Eintragung in ein
öffentliches Register bewirken, eine Reihe von Vergünstigungen,
insbesondere das Recht, Grund und Boden bis zu 1 Acre und sonstiges
Eigentum durch ihre Vorstände (_trustee_) zu erwerben, sowie einen
umfassenden Schutz gegen Veruntreuungen. Die Anzahl der Vereine,
die diese Eintragung erlangt haben, sowie die $Abstufung nach der
Mitgliederzahl$ zeigt folgende Tabelle:

  ========================================================================
                  |    Eingetragene Vereine   |Nicht eingetragene Vereine
  $Mitgliederzahl$|---------------------------+---------------------------
                  |          $Anzahl$         |         $Anzahl$
                  |der Vereine |der Mitglieder|der Vereine|der Mitglieder
  ================+============+==============+===========+===============
    Ueber 50000   |       5    |     341167   |     --    |      --
    20000-50000   |       6    |     190854   |     --    |      --
    10000-20000   |      14    |     192503   |      5    |    60446
     5000-10000   |      54    |     226680   |     26    |   148977
     2000- 5000   |      29    |      86812   |     20    |    63019
     1000- 2000   |      40    |      51294   |     25    |    36961
      500- 1000   |      65    |      45089   |     54    |    37412
      300-  500   |      53    |      20163   |     60    |    22065
      100-  300   |     154    |      26837   |    213    |    35331
       50-  100   |      89    |       6352   |    161    |    11269
       Unter 50   |      58    |       1859   |    156    |     4819
  ================+============+==============+===========+===============
     Zusammen     |     567    |    1189610   |    720    |   420299

Im allgemeinen zeigen die größeren Vereine eine stärkere Zunahme als
die kleineren, deren Mitgliederzahl sogar nicht selten zurückgeht. Das
hängt damit zusammen, daß sie ihren Mitgliedern freilich geringere
Beiträge abfordern, ihnen dafür aber auch weniger bieten können.
Die amtliche Statistik giebt die Ziffern über Einnahme, Ausgabe und
Vermögensbestand, sowie über die einzelnen Arten der Ausgaben nur für
die 100 größten Vereine, die zusammen 1059609 Mitglieder haben. Sie
zeigen in den Jahren 1892-1897 folgende Entwicklung:

  ======================================================================
   Jahr | Mitgliederzahl |   Einnahme  |   Ausgabe   | Vermögensbestand
        |                |   Pfd. St.  |   Pfd. St.  |      Pfd. St.
  ======+================+=============+=============+==================
   1892 |     903981     |   1455885   |   1418311   |      1618790
   1893 |     910119     |   1614379   |   1848159   |      1385010
   1894 |     924584     |   1629550   |   1433867   |      1580693
   1895 |     914766     |   1557667   |   1390717   |      1747643
   1896 |     961026     |   1673571   |   1233494   |      2187720
   1897 |    1059609     |   1981971   |   1896072   |      2273619

Die $Einnahmen$ bestehen neben Zinsen aus belegten Kapitalien,
Eintrittsgeldern, Erträgen aus dem Verkauf von Mitgliedskarten und
Statuten u. s. w. naturgemäß überwiegend aus den Beiträgen, und zwar
sowohl den regelmäßigen Jahreszahlungen wie aus besonderen Umlagen,
zu deren Ausschreibung meist das Exekutivkomitee befugt, zuweilen
aber auch ein Mehrheitsbeschluß der Mitglieder erforderlich ist. Die
Beiträge sind sehr verschieden, und zwar sowohl in den verschiedenen
Vereinen wie nach den Jahren mit Rücksicht auf besondere Bedürfnisse.
Eine Uebersicht der $Beiträge$, und zwar der regelmäßigen wie der
außerordentlichen, für das Jahr 1897 bietet folgende Tabelle:

  =======================================================================
          Beitrag auf den Kopf:           |            Zahl
                                          | der Vereine | der Mitglieder
  ========================================+=============+================
                       Unter  5 Schilling |       1     |       2300
    mindestens  5 aber   "   10     "     |      17     |     119369
        "      10  "     "   15     "     |      17     |     241842
        "      15  "     "   20     "     |       9     |      49074
        "      20  "     "   30     "     |      19     |     251825
        "      30  "     "   40     "     |      16     |     115077
        "      40  "     "   60     "     |       8     |      81031
        "      60  "     "   80     "     |      10     |      88421
        "      80 Schilling und darüber   |       3     |     110670
  ========================================+=============+================
                  Zusammen:               |     100     |    1059609

Der Durchschnittsbeitrag belief sich 1892 auf 28 sh. 9-1/4 d., 1893 auf
31 sh. 2-1/2 d., 1894 auf 32 sh. 1-1/2 d., 1895 auf 31 sh. 11-1/4 d.,
1896 auf 32 sh. 3-3/4 d., 1897 auf 32 sh. 11-1/4 d.

Unter den $Ausgaben$ sind die wichtigsten Posten: 1. Streikgeld
(_dispute pay_); 2. Arbeitslosenunterstützung; 3. Alterspension;
4. Kranken- und Unfallunterstützung; 5. Begräbnisgeld; 6.
Verwaltungskosten. Damit ist nicht gesagt, daß alle Vereine diese
sämtlichen Arten von Unterstützungen gewähren. Der amtliche
Bericht teilt die Ausgaben in drei Klassen, nämlich Streikgeld,
Verwaltungskosten und Unterstützungen, wobei zu den letzteren die unter
2-5 bezeichneten Posten gezählt werden.

Die Gesamtausgabe aller Vereine für die Jahre 1892-1897 beträgt:

  für Streikgeld           2171271 Pfd. Sterl.  =   23-1/2 Proz.
   "  Unterstützungen      5466903  "     "     =   59-1/2  "
   "  Verwaltungskosten    1582446  "     "     =   17      "
  --------------------------------------------------------------
                           9220620  "     "     =  100      "

Eine Verteilung auf die hauptsächlichsten Gewerbegruppen, bei der auch
die einzelnen Unterstützungen getrennt sind, ergiebt folgende Tabelle:

  Spaltenüberschriften:
  A = Streikgeld
  B = Arbeitslose
  C = Krankheit und Unfall
  D = Alter
  E = Begräbnis
  F = Zusammen
  G = Verwaltungskosten

  ======================================================================
                            |  Prozentsatz der Ausgaben für:   |
                            |----------------------------------|
         Gewerbegruppe      |    |  Unterstützungen für   |    | Betrag
                            |  A |------------------------| G  | in Pfd.
                            |    |  B |  C | D  | E  | F  |    | Sterl.
  ==========================+====+====+====+====+====+====+====+========
   Baugewerbe               |12,8|16,6|26,5| 8  |12,3|63,4|23,8|1358292
   Bergbau u. Hüttenwesen   |44,5|15,7| 9,5| -- |16,9|42,1|13,4|1452284
   Metallindustrie,         |    |    |    |    |    |    |    |
     Maschinen-             |    |    |    |    |    |    |    |
     und Schiffbau          |11  |40,2|17,2|13,7| 7,1|78,2|10,8|3686798
   Textilindustrie          |38,1|25,6| 4  | 1,3|13,8|44,7|17,2| 948664
   Bekleidungsindustrie     |27,2| 4,1|35,1| 9,1| 7,4|55,7|17,1| 422261
   Transportgewerbe         |10,8| 5,6| 9,5| 3,3|17,8|36,2|53  | 407611
   Buchdruckerei und        |    |    |    |    |    |    |    |
     Buchbinderei           | 6  |50,2| 5  |10,7| 9,9|75,8|18,2| 325992
   Holzverarbeitung         |12,1|31,3|11,3|13,8| 9,9|66,3|21,6| 201062
   Ungelernte Arbeiter      |    |    |    |    |    |    |    |
     verschiedener Betriebe |19,8|22,2|15,4| 6,2| 9,5|53,3|26,9| 417656
  ==========================+====+====+====+====+====+====+====+========
                            |    |[24]|    |    |    |[24]|    |
           Zusammen         |20,3|27,5|15,9| 8,3|10,9|62,6|17,1|9220620


  [24] Die Abweichung dieser Ziffern mit den oben angegebenen ist
       in dem Berichte nicht erläutert, scheint aber auf der schwierigen
       Unterscheidung zwischen Streikgeld und Arbeitslosenunterstützung
       zu beruhen.

Diese Aufstellung zeigt, wie verschieden das Verhältnis zwischen
Streikgeld und Unterstützungen sich bei den einzelnen Vereinen
gestaltet. Der Bericht giebt nähere Nachweisungen für die 100
größten Vereine, die in drei Gruppen geteilt werden. Die $erste$,
bei der das Streikgeld im Vordergrunde steht, obgleich zuweilen auch
Begräbnis-, Kranken- und Unfallunterstützung gezahlt wird, umfaßt
25 Vereine mit 243411 Mitgliedern. Die $zweite$, bei welcher zu
dem Streikgeld die Arbeitslosenunterstützung hinzukommt, umfaßt 34
Vereine mit 264548 Mitgliedern. Die $dritte$, bei der daneben alle
Arten von Unterstützung (Alter, Krankheit, Unfall) bezahlt werden,
ist die größte, denn sie umfaßt 41 Vereine mit 551650 Mitgliedern.
Die Vereine, die sich ausschließlich auf Streikgeld beschränken,
sind die jüngsten, denn das Durchschnittsalter der Vereine beträgt
in der ersten Klasse nur 16, in der zweiten 25, in der dritten 55
Jahre. Aber jedenfalls ergiebt sich aus diesen amtlichen Ziffern, wie
unzutreffend es ist, zu behaupten, daß die _trade unions_ überwiegend
Streikvereine seien; nicht allein sind die Vereine, bei denen die
Streikunterstützung im Vordergrunde steht, stark in der Minderzahl,
sondern selbst bei Berücksichtigung aller Vereine beläuft sich der, auf
die Streikunterstützung entfallende Betrag, wie nachgewiesen, auf 20,8
bezw. 23-1/2%.

Obgleich alle Vereine ihre Mitglieder bei Streiks unterstützen, ist
doch der Betrag in den einzelnen Jahren sehr verschieden; so hatten
von den 100 größten Vereinen im Jahre 1897 14 mit 50070 Mitgliedern
überhaupt keine Ausgaben hierfür gehabt.

Eine Uebersicht über die Jahre 1892-1897 giebt folgende Tabelle, bei
der zu berücksichtigen ist, daß 1892/93 der große Baumwollenstreik,
1893 der große Kohlenstreik und 1897 der Maschinenbauerstreik
stattfand, und daß bei solchen Streiks nicht nur die unmittelbar
beteiligten, sondern infolge der gegenseitigen Unterstützung auch die
übrigen Gewerbe in Mitleidenschaft gezogen werden.

In den 100 größten Vereinen wurden verausgabt in Pfd. St.:

  ===============================+=======================================
                         | 1892  | 1893  | 1894  | 1895  | 1896  | 1897
  -----------------------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
  im Baugewerbe          | 33286 | 30655 | 25279 | 20110 | 35178 | 20516
  im Bergbau und         |       |       |       |       |       |
   Hüttenbetriebe        |111656 |346361 | 63235 | 41403 | 39478 | 43374
  in d. Metallindustrie, |       |       |       |       |       |
   Maschinen-            |       |       |       |       |       |
   u. Schiffbau          | 28997 |  9265 | 23575 | 30145 | 34855 |280460
  Textilindustrie        |134610 |132014 | 33432 | 21245 | 17778 | 31941
  Bekleidungsindustrie   | 12743 | 10086 |  8017 | 60136 |  5666 | 18297
  Eisenbahndienst        |  2643 |  9286 |  2176 |  2018 |  2753 |  9684
  Dockbetrieb            |  3789 |  6044 |   995 |  1004 |  2129 |  1234
  anderen Gewerben       | 26770 | 32089 | 13451 | 10343 | 16070 | 27994
  -----------------------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
        Zusammen         |352500 |584800 |160160 |186404 |153907 |433500

$Arbeitslosenunterstützung$ zahlen 75 von den 100 größten
Vereinen ihren Mitgliedern in Höhe von 6 sh. bis 20 sh.
wöchentlich; die häufigsten Beträge sind 10, 12 oder 15 sh.
Die höchsten Ausgaben hierfür werden in der Metallindustrie
sowie dem Maschinen- und Schiffbau gemacht. In der folgenden
Uebersicht ist deshalb diese Gruppe von den übrigen getrennt;
zugleich ist der Prozentsatz der Arbeitslosen angegeben.

  =======================================================================
        | Ausgabe für Arbeitslosenunterstützung         |
        |-----------------------------------------------|
   Jahr | Metallindustrie, Maschinen- |                 | Prozentsatz der
        |       und Schiffbau         |  Andere Gewerbe |   Arbeitslosen
        |         Pfd. St.            |     Pfd. St.    |     in allen
        |                             |                 |     Gewerben
  ======+=============================+=================+================
   1892 |          216688             |      134824     |        6,3
   1893 |          253874             |      208627     |        7,5
   1894 |          266907             |      194282     |        6,9
   1895 |          206822             |      229412     |        5,8
   1896 |          131923             |      152483     |        3,4
   1897 |          404851             |      137373     |        3,5

Den Betrag der übrigen von den 100 größten Vereinen in den Jahren
1892-97 gezahlten $Unterstützungen$ sowie des $Vermögens$ ergiebt
folgende Tabelle.

  Spaltenüberschriften:
  A = Alterspension[25]
  B = Kranken- und Unfallunterstützung[26]
  C = Begräbnisgeld[27]
  D = Vermögen

  ========================================================
          |    A     |    B     |    C     |    D
    Jahr  |          |          |          |
          | Pfd. St. | Pfd. St. | Pfd. St. | Pfd. St.
  ========+==========+==========+==========+==============
    1892  |  102432  |  210243  |  68589   |  1618790
    1893  |  112588  |  241638  |  75343   |  1385010
    1894  |  122434  |  230233  |  70104   |  1580693
    1895  |  131861  |  263966  |  76443   |  1747643
    1896  |  142518  |  246788  |  75858   |  2187720
    1897  |  152207  |  269784  |  82156   |  2273619[28]

  [25] Diese wird nur von 40 Vereinen gezahlt.

  [26] Nur 49 Vereine zahlen Krankengeld, nur 44 zahlen
       Unfallunterstützung.

  [27] Das Begräbnisgeld ist am allgemeinsten verbreitet; es wird von 87
       Vereinen mit 954965 Mitgliedern gezahlt. Der Betrag schwankt
       zwischen 2 und 30 Pfd. St., meist ist er 10, 12 oder 15 Pfd. St.
       Zuweilen wird es auch beim Tode von Frauen oder Kindern gezahlt.

  [28] Die verhältnismäßig geringe Zunahme gegen 1896 erklärt sich
       daraus, daß der Maschinenbauerstreik in den betreffenden Vereinen
       eine Verminderung des Vermögens im Betrage von 130725 Pfd. St.
       verursacht hatte.

Der Betrag des $Vermögens$, berechnet auf den Kopf des einzelnen
Mitgliedes, ist sehr verschieden. Er betrug 1897 bei den 100 größten
Vereinen:

  Spaltenüberschriften:
  (A) = Vereinen
  (B) = Mitgliedern


   1 Schill. 4 d. bis weniger als 10 Schill. bei 19  (A)  mit  148998  (B)
  10    "          "     "     "   1 Pfd. St. "  15   "    "    97180   "
   1 Pfd. St.      "     "     "   2  "    "  "  31   "    "   344472   "
   2    "          "     "     "   3  "   "   "  16   "    "   302237   "
   3    "          "     "     "   4  "   "   "   7   "    "    64804   "
   4    "    und darüber                         12   "    "   101918   "
                                                --------------------------
                                                100   "   mit 1059609   ".

Die geringsten Beträge von 1 sh. 4 d. und 1 sh. 5 d. finden sich nur
bei zwei Vereinen; der Höchstbetrag war 13 £. St. 4 sh. 11 d. Bei 57
Vereinen mit 646709 Mitgliedern = 60% belief er sich zwischen 1 und 3
Pfd. St. Am niedrigsten stehen die Vereine, die sich auf Streikgeld
beschränken, am höchsten diejenigen, welche möglichst alle Arten von
Unterstützungen, insbesondere Alterspension, zahlen. Der Durchschnitt
für die 100 Vereine belief sich

              1892 auf 1 Pfd. St. 15 Schill.  9-3/4 Doll.
              1893  "  1  "    "  10   "      5-1/4   "
              1894  "  1  "    "  14   "      2-1/4   "
              1895  "  1  "    "  18   "      2-1/2   "
              1896  "  2  "    "   5   "      6-1/4   "
              1897  "  2  "    "   2   "     11       "

Die $Organisation der Frauen$ ist naturgemäß noch weit weniger
vorgeschritten, als die der Männer; wo aber die Frauen organisiert
sind, gehören sie überwiegend den von den Männern begründeten Vereinen
an. Vereine, die ausschließlich aus Frauen bestanden, gab es 1897 nur
25 mit 7935 Mitgliedern gegenüber 114 gemischten, denen 161539 Männer
und 111840 Frauen angehörten. In allen 139 Vereinen gab es also 119775
Frauen, so daß sie innerhalb der Gesamtzahl von 1609909 organisierten
Arbeitern nur etwa 7% darstellen. Die genauen Verhältnisse der
Verteilung zeigt folgende Tabelle:

  =======================================================================
      Prozentsatz der   |                  |    Zahl der Mitglieder
   weiblichen Mitglieder| Zahl der Vereine |-----------------------------
                        |                  | Männer  | Frauen | Zusammen
  =======================================================================
           100          |        25        |   --    |   7935 |   7935
  50 bis weniger als 100|        63        |  38041  | 101895 | 139936
  10  "     "     "   50|        23        |  10208  |   6143 |  16351
  unter 10              |        28        | 113290  |   3802 | 117092
  =======================================================================
        Zusammen        |       139        | 161539  | 119775 | 281314

Weitaus die meisten der organisierten Frauen, nämlich 109180 = 91,1%
in 91 Vereinen, sind in der Textilindustrie beschäftigt, wovon allein
74034 = 61,8% in 48 Vereinen auf die Baumwollweberei und 19996 = 16,7%
in 18 Vereinen auf die Baumwollspinnerei entfallen. Von den 25 Vereinen
mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern bestehen nur zwei länger als
seit 1874, fünf haben ein Alter von 10-18 Jahren, sieben ein solches
von 5-10 Jahren und 11 sind jünger als 5 Jahre. Von den 25 Vereinen
haben 20 weibliche Sekretäre.

Das $Verhältnis der organisierten Arbeiter zu den nicht organisierten$
ist nicht genau zu bestimmen, zumal die letzte Volkszählung von
1891 die verschiedenen Beschäftigungsarten nicht streng sondert und
deshalb nicht genau diejenigen ausscheiden läßt, die überhaupt für
die Organisation in Betracht kommen, indem zu berücksichtigen ist,
daß dies durch mancherlei Gründe, insbesondere jugendliches Alter,
Gebrechlichkeit u. dgl. ausgeschlossen ist. Nach einer oberflächlichen
Schätzung kann man die Anzahl der erwachsenen Männer in den Berufen,
die für die Organisation in Frage kommen, auf etwa 7 Millionen
annehmen, diejenige der Frauen auf 1 Million. Danach bedeutet die
Zahl von 1490134 männlichen und 119775 weiblichen Mitgliedern einen
Prozentsatz von 21 bez. 12%. Scheidet man aber die Landwirtschaft
aus, in der bisher nur 0,8% der Arbeiter organisiert sind, so steigt
der Prozentsatz der männlichen Mitglieder von 21 auf 25%. Am höchsten
steigt er im Bergbau und Hüttenbetriebe, indem hier von den insgesamt
beschäftigten 776267 Arbeitern über 16 Jahren 282432 = 36% organisiert
sind. In der Textilindustrie sind von 403669 beschäftigten Männern über
18 Jahren 108037 = 27% und von den 519915 Frauen gleichen Alters 109180
= 21% organisiert. Von der Gesamtbevölkerung bilden die Mitglieder der
_trade unions_ etwa 4%.

Die _trade unions_ sind übrigens über die verschiedenen Gegenden des
Königreiches sehr ungleichmäßig verteilt, wie folgende von S. und B.
$Webb$ aufgestellte Tabelle ergiebt:

  =====================================================================
      $Berufszweig$      |  England  | Schottland | Irland | Insgesamt
                         | und Wales |            |        |
  =====================================================================
   Maschinenbau u.       |           |            |        |
    Metallindustrie      |  233450   |    45300   |   8250 |  287000
   Baugewerbe            |  114500   |    24950   |   8550 |  148000
   Bergbau               |  325750   |    21250   |    --  |  347000
   Textilgewerbe         |  184270   |    12330   |   3400 |  200000
   Bekleidungs- u.       |           |            |        |
    Lederindustrie       |   78650   |     8400   |   2950 |   90000
   Druckgewerbe          |   37950   |     5650   |   2400 |   46000
   Verschiedene          |           |            |        |
    kleinere Berufe      |   46550   |     7450   |   4000 |   58000
   Landarbeit.,          |           |            |        |
    Transportgewerbe &c. |  302880   |    21670   |  10450 |  335000
  =====================================================================
      Gesamtsummen       | 1324000   |   447000   |  40000 | 1511000

Die nördlich vom Humber und Dee gelegenen sieben Grafschaften enthalten
allein 726000 Mitglieder; dann folgen die industriellen Bezirke von
Mittelengland, Leicester, Derby, Nottingham, Warwick, Gloucester,
Northampton und Stafford mit 210000 und Südwales mit 89000, während
London mit seiner nächsten Umgebung nur die verhältnismäßig geringe
Zahl von 194000 Mitgliedern aufweist. Die führenden Bezirke sind
Northumberland, Durham und Lancashire, wo in verschiedenen Berufen 80
bis 100% der Arbeiter Mitglieder ihrer Gewerkschaft sind. In diesen
Gegenden bilden die _trade unions_ in der That die ausschlaggebende
Macht in der Arbeiterschaft; aber in vielen Bezirken gehören ihnen
immerhin 50% der Arbeiter an, und da dies naturgemäß die tüchtigsten
sind, so haben sie auch dort die unbestrittene Führerschaft.

Im wesentlichen liegt diese noch heute in der Hand der gelernten
Arbeiter der Großindustrie; gegen 750000 Mitglieder gehören allein den
drei großen Stapelindustrien an: dem Kohlenbergbau, dem Maschinen- und
Schiffbau und der Baumwollenbearbeitung. Der plötzliche Aufschwung
der ungelernten Arbeiter von 1889/90 hat rasch nachgelassen. Von den
200000 Eisenbahnarbeitern sind nur 48000 organisiert, von denen
noch die größere Zahl auf die höheren Stellungen der Schaffner und
Lokomotivführer entfällt. Der Dockarbeiterverein, der 1890 57000
Mitglieder zählte, war schon 1893 auf 14000, 1894 auf 10000 und 1895
auf 9000 zurückgegangen. Die Nationale Union der Hafenarbeiter, der
1890 30000 Personen angehörten, hatte 1893 nur noch 11000 Mitglieder.
Die Pferdebahn- und Omnibuskutscher, die Lagerhausarbeiter, Lastträger
und städtischen Tagelöhner sind im wesentlichen wieder in den Zustand
mangelnder Organisation zurückgesunken.

Die englische Gewerkschaftsbewegung hat insbesondere in den letzten
Jahren die deutschen sozialistischen Gewerkschaften ebenso wie die
Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine lebhaft angeregt; von beiden
Seiten sind Versuche gemacht mit den englischen trade unions nähere
Beziehungen anzuknüpfen. So war auf dem Kongresse in Edinburg auch
ein Vertreter der deutschen sozialistischen Gewerkschaften, v. $Elm$,
anwesend, dessen Beteiligung zu einer lebhaften Preßfehde zwischen
diesen und den Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereinen Anlaß gegeben hat.
Die »Generalkommission« hat zugeben müssen, daß ihr keine Einladung
zu dem Kongresse zugegangen war und v. $Elm$ sich ohne eine solche
nach Edinburg begeben hat, obgleich die »Generalkommission« die _trade
unions_ zu ihrem II. Gewerkschaftskongresse in Berlin eingeladen
hatte, was mit der Begründung abgelehnt war, daß die Einladung zu
spät eingetroffen sei, um noch eine Sitzung des parlamentarischen
Ausschusses abhalten zu können. Auch der Vorwurf des »Gewerkvereins«
ist als berechtigt anzuerkennen, daß v. $Elm$ das Hauptgewicht
seines in London gehaltenen Vortrages darauf gelegt habe, die
Hirsch-Duncker'schen Vereine anzugreifen und herabzusetzen. Daß beide
gewerkschaftliche Gruppen Deutschlands großen Wert darauf legen,
Fühlung mit den _trade unions_ zu erhalten und deren Autorität für
ihre Sache zu benutzen, ist begreiflich und berechtigt, aber der
Kampf der beiden Konkurrenten soll in Deutschland ausgefochten werden
und nicht auf einem englischen Kongresse, auf dem, sofern überhaupt
deutsche Gewerkschaften zugelassen werden, die eine Partei ebenso
berechtigt ist, wie die andere. Die Haltung der _trade unions_, wie
sie insbesondere durch die beiden Kongresse in Cardiff und Edinburg
festgelegt ist, entspricht weder der Politik der sozialistischen
Gewerkschaften, noch derjenigen der Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine,
sondern bewegt sich auf einer Mittellinie, und es scheint wenig
Aussicht vorhanden, daß sie diese zu Gunsten des einen oder anderen
extremen Standpunktes verlassen werden; dazu sind sie zu sehr Männer
des praktischen Lebens und Gegner aller theoretischen Prinzipien, mögen
sie liegen in der Richtung des Sozialismus oder des Individualismus.

Auch die Gegner der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland haben
versucht, aus den Kongreßbeschlüssen der letzten Jahre Kapital zu
schlagen und insbesondere aus den Beschlüssen in Liverpool und
Norwich den Beweis hergeleitet, daß auch in England die G.-V. sich
auf die Dauer nicht als derjenige Schutz gegen die Sozialdemokratie
bewährt hätten, als welcher sie bis dahin gepriesen wären; man hat
deshalb prophezeit, daß diese staatsgefährliche Bewegung jetzt sehr
bald auch England erobert haben und dann für jeden klar ersichtlich
sein werde, daß jedes Entgegenkommen gegenüber der Arbeiterbewegung
lediglich zur Stärkung der Sozialdemokratie führe. Ich werde auf
diese Frage an anderer Stelle zurückkommen und bemerke hier nur, daß
es sehr viele Leute giebt, die für den Maximalarbeitstag eintreten
und selbst den Achtstundentag für ein erstrebenswertes und im Laufe
der Zeit erreichbares Ziel halten, ja die auch den Bodenwucher und
die Gewinnung ungeheurer Vermögensmassen durch das Steigen des
Grundwertes in den Großstädten ohne irgend welche eigene Arbeit für
verwerflich halten und deshalb Anhänger der Bodenbesitzreform sind
und gewisse Betriebe lieber in der Hand des Staates oder der Gemeinde
als in derjenigen des Privatunternehmers sehen, ohne doch trotz aller
dieser sozialistischen oder halbsozialistischen Neigungen in der
spezifisch sozialdemokratischen Richtung der heutigen Arbeiterbewegung
etwas anderes als eine auf das Tiefste zu beklagende Verwirrung zu
sehen. Schon hier mag auch darauf hingewiesen werden, daß selbst
die sozialistischen G.-V. in England in wichtigen und vielleicht
entscheidenden Fragen eine durchaus entgegengesetzte Haltung einnehmen,
wie die deutsche Sozialdemokratie. Vor allem teilen gerade die
bedeutendsten sozialistischen Führer die geschichtlichen und sittlichen
Ideale der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung: Vaterlandsliebe und
Religion. Begeisterung für die Größe und Macht Englands macht sich auch
bei ihnen in einer den Nichtengländer fast verletzenden Form geltend;
häufig eröffnen sie ihre Versammlungen mit Gebet- und Liederandachten,
und unerschrocken halten sie den Massen Strafpredigten über
Unsittlichkeit und Ausschweifung. Eine große Anzahl von Geistlichen der
englischen Staatskirche sind Mitglieder der _Fabian Society_. Aus der
religiösen Gesinnung der englischen Sozialdemokraten ist im Jahre 1891
die Begründung der »Arbeiterkirche« hervorgegangen, der die meisten
der oben genannten Führer angehören. Sie steht auf einem freien, aber
durchaus religiösen Boden, setzt sich aber das Ziel, »Mitglieder aller
Klassen zu vereinigen, um die gewerbliche Sklaverei abzuschaffen«.

Uebrigens ist schon auf dem Kongresse in Belfast offen von Trennung
der beiden mehrgedachten Richtungen gesprochen, und es liegt nicht
außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, daß hier neben dem vierten
Stande der gelernten Arbeiter demnächst die Bildung eines neuen fünften
Standes der ungelernten Arbeiter in Frage kommt.


II. Frankreich[29].

Der Grundzug der Entwickelung, den wir in England beobachtet haben,
tritt uns auch in Frankreich entgegen. Auch hier finden wir zunächst
die entschiedenste Ablehnung aller fachvereinlichen Bestrebungen sowohl
seitens der Unternehmer wie seitens der öffentlichen Meinung und der
Gesetzgebung, aber ebenso das allmähliche Vordringen der Ueberzeugung,
daß nur auf diesem Wege eine friedliche soziale Entwickelung möglich
sei, und schließlich den völligen Sieg dieser Bewegung über die
früheren Vorurteile, ja endlich auch die feindliche Stellung, welche
die Sozialdemokratie zu derselben einnimmt. Dabei ist es interessant,
daß die beiden großen Revolutionen von 1789 und 1848, weit entfernt,
der Arbeiterbewegung Vorschub zu leisten, derselben vielmehr in
durchaus bureaukratischer Weise die engsten Fesseln angelegt haben,
ein Beweis für die neuerdings oft gemachte Bemerkung, daß diesen
Revolutionen der $soziale$ Karakter noch völlig fehlte, daß sie
lediglich $politischer$ Natur waren und daß der Arbeiterstand, der
zu einem Klassenbewußtsein noch nicht erwacht war, sich bei ihnen
lediglich von den bürgerlichen Parteien hat ins Schlepptau nehmen
lassen.

  [29] Vgl. W. $Lexis$: Gewerkvereine und Unternehmerverbände in
       Frankreich, in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik
       XVII, Leipzig 1879. v. d. $Osten$: Die Fachvereine und die
       soziale Bewegung in Frankreich, Schmollers Jahrb. 1891, S.
       1031 ff. und Sonderausgabe. $Raoul Jay$: Die Syndikate der
       Arbeiter und Unternehmer in Frankreich, Brauns Archiv IV, S.
       403 ff.: _Annuaire des Syndicats professionnels._ _Paris_ seit
       1889. _Bulletin de l'Office du travail_, insbesondere die
       Januarhefte. Einen wertvollen Ueberblick über die Entwickelung
       der französischen Gewerkschaften bis auf die neueste Zeit bietet
       der Aufsatz von $Bourdeau$: »_Le mouvement syndical en France_«
       in _Serie A Circulaire Nr. 15_ des _Musée sozial_ vom 31. Juli
       1897. Vgl. auch $Zacher$: Die rote Internationale. 3. Aufl.,
       Berlin 1884. Hertz. S. 48 ff.

Seit dem 16. Jahrhundert waren gegen die Gesellenverbände
(_compagnonnages_) Gesetze erlassen, die jede Vereinigung verboten.
Dies wurde zwar durch die Revolution zunächst insofern geändert, als
das Gemeindegesetz vom 16. Dezember 1789, Art. 62, allen französischen
Bürgern das Recht gab, sich friedlich und ohne Waffen zu vereinigen,
um Adressen und Petitionen zu beraten, wobei nur die vorherige
polizeiliche Anmeldung vorgeschrieben war. Aber obgleich diese
Bestimmung durch das Polizeigesetz vom 19. Juli 1791, Art. 14, auf
alle Vereine und Klubs erstreckt und in Tit. I, Art. 3 der Verfassung
von 1791 und Art. 7 der Verfassung von 1793 wiederholt wurde, so galt
sie doch nicht für gewerkschaftliche Vereinigungen, vielmehr verbot
das Gesetz vom 14./27. Juni 1891 in Art. 4 alle Vereinigungen von
Bürgern desselben Standes oder Gewerbes und erklärte, daß solche
Vereine ebenso wie Unternehmer, Inhaber von offenen Läden und Arbeiter
oder Gesellen irgend eines Gewerbes nicht das Recht hätten, in ihren
Versammlungen Vorsitzende, Sekretäre und Sachwalter zu bestellen,
Register zu führen und über ihre angeblichen gemeinsamen Interessen
Beschlüsse zu fassen, zu beraten oder Statuten zu erlassen. In gleicher
Weise verbot das Gesetz vom 28. Septbr./6. Oktober 1791, Tit. II, Art.
20, die Koalitionen der ländlichen Arbeiter und Dienstboten.

Dieser Standpunkt wurde auch später beibehalten, indem man zugleich das
Vereins- und Versammlungsrecht im allgemeinen erheblich einschränkte.
Schon die Verfassung vom 5. Fructidor III (1795) verbot alle Vereine,
die der öffentlichen Ordnung zuwiderlaufen und gab dadurch der
Regierung das freie Auflösungsrecht. Zugleich wurden durch das Dekret
vom 6. Fructidor III alle Klubs aufgehoben und durch das Dekret vom 22.
Ventôse VI (14. März 1798) alle politischen Vereine geschlossen. Der
_Code pénal_ von 1810 forderte nicht allein für jeden Verein mit mehr
als 20 Mitgliedern polizeiliche Genehmigung (Art. 291-294), sondern
hielt das schon durch das Gesetz vom 22. Germinal XI (12. April 1803)
erlassene Verbot aller Vereinigungen der Arbeiter und der Arbeitgeber
aufrecht (Art. 414-416). Die Ungerechtigkeit, die darin lag, daß die
Uebertretung dieses Verbotes bei den Arbeitgebern neben Geldbuße nur
mit Gefängnisstrafe von 6 Tagen bis 1 Monat, bei den Arbeitern aber mit
Gefängnis von 1-3 Monaten und bei den Anstiftern sogar mit Gefängnis
von 2-5 Jahren bedroht war, wurde erst durch das Gesetz vom 27.
November 1849 aufgehoben und gegen Arbeiter und Arbeitgeber die gleiche
Strafe festgesetzt.

Die Verfassung vom 4. November 1848 hatte freilich in Uebereinstimmung
mit dem Gesetze vom 28. Juni 1848 die Vereins- und Versammlungsfreiheit
ausgesprochen, aber schon durch Gesetz vom 19. Juni 1849 wurde der
Regierung das Recht, Vereine und Versammlungen im öffentlichen
Interesse aufzulösen und zu verbieten, wiedergegeben, und durch Gesetz
vom 25. März 1852 wurde einfach das Gesetz vom 28. Juni 1848 aufgehoben
und der frühere Rechtszustand wieder hergestellt. Die Folge war das
Blühen zahlreicher geheimer Gesellschaften.

Auch Napoleon III. verfolgte zunächst diese Politik, und von 1853-1862
wurden 3909 Arbeiter wegen Teilnahme an 749 verbotenen Vereinen
bestraft. Erst als der Kaiser die Bedeutung des in der sozialen
Bewegung enthaltenen Machtfaktors für seine Interessen erkannte,
änderte sich seine Politik. Zunächst wurde durch Gesetz vom 30. Mai
1864 das Koalitionsverbot des _Code pénal_ Art. 414-416 insoweit
beseitigt, als nur diejenigen strafbar sein sollten, die durch Gewalt,
Drohung oder betrügerische Vorspiegelungen eine Arbeitseinstellung
zum Zwecke einer Erhöhung oder Erniedrigung der Löhne herbeizuführen
oder die freie Ausübung der Industrie oder der Arbeit zu beschränken
versuchen, sowie die Arbeiter oder Arbeitgeber, welche nach einem
verabredeten Plane durch Sperren, Bußen oder Verrufserklärungen die
Freiheit der Industrie oder der Arbeit beeinträchtigen. Dabei blieb
aber das allgemeine Vereinsgesetz auch für die Vereine der Arbeiter und
Arbeitgeber in Kraft. Noch weiter ging man im Jahre 1868, indem man
seitens der Regierung erklärte, daß man den Fachvereinen der Arbeiter,
sofern sie sich von Politik fernhielten, dieselbe Duldung gewähren
werde, wie sie bisher schon -- wenngleich im Widerspruche zu dem
Gesetze -- den Vereinen der Arbeitgeber gewährt war. Zugleich ersetzte
das Gesetz vom 6. Juni 1808 allgemein für alle nicht politischen
Versammlungen das bisherige System der polizeilichen $Genehmigung$
durch die bloße $Anmeldung$. Die Folge dieser freieren Stellung war
zunächst in den Jahren 1868-1870 eine wilde Streikbewegung, die aber
fast ausnahmslos ohne Erfolg war.

Die neuere Entwicklung der Arbeitergewerkschaften hat sich in engem
Anschlusse an die politische Bewegung der Arbeiterschaft vollzogen und
ist durch deren Spaltungen erheblich beeinflußt.

Nachdem die Ausbreitungen der Kommune im Jahre 1871 zu dem Erlasse
des Gesetzes vom 14. März 1872 gegen die Internationale und überhaupt
zu einem entschiedeneren Auftreten der Regierung gegen die ganze
Arbeiterbewegung geführt hatten, wurde der Versuch, die Gewerkschaften
zu organisieren, zunächst nicht von der sozialdemokratischen, sondern
von der radikalen Partei wieder aufgenommen. Das gilt insbesondere
auch von dem ersten $allgemeinen französischen Arbeiterkongresse$,
der vom 2.-10. Oktober 1876 in $Paris$ abgehalten wurde und auf dem
101 Gewerkschaften und 46 lokale Arbeitervereine (_cercles d'étude_)
aus 39 Städten mit einer angeblichen Mitgliederzahl von 1 Million
Arbeitern durch 360 Abgeordnete vertreten waren. Er war von der
radikalen Zeitung »_La Réforme_« zusammenberufen, während die Kosten
von dem Minister Crémieux getragen wurden. Man betonte ausdrücklich,
daß man sich nicht mit sozialpolitischen Prinzipien, sondern mit
rein wirtschaftlich-praktischen Arbeiterangelegenheiten befassen und
die Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital auf friedlichem
Wege herbeiführen wolle. Man forderte die ungehinderte Entwicklung
der Gewerkschaften (_chambres syndicales_) durch Abschaffung aller
einschränkenden Gesetze und Erteilung der juristischen Persönlichkeit,
volle Autonomie derselben bezüglich aller einschlagenden Fragen,
insbesondere des Genossenschaftswesens, der Versorgungskassen, der
gewerblichen Ausbildung und durch Vereinigung aller Arbeitersyndikate
zu einer »_Union nationale_« behufs Vertretung der Gesamtinteressen
der französischen Arbeiterschaft, Einführung des Maximalarbeitstages,
Reform des Fabrikwesens hinsichtlich die Frauen-, Kinder- und
Nachtarbeit und der Fabrikaufsicht, Umgestaltung der Schiedsgerichte
zur möglichsten Vermeidung der Streiks u. s. w., kurz, der erste
französische Gewerkschaftskongreß stellte sich ganz auf den Boden des
englischen Trade-Unionismus, ja auf demselben wurde sogar energisch
gegen die Vermischung mit der Politik protestiert und betont, daß man
ehrgeizigen Führern, welche das Volk nur benutzen wollten, um ihren
persönlichen Interessen zu dienen, nicht folgen solle.

Das äußere Ergebnis des Kongresses war die Gründung des Blattes »_Le
Prolétaire_«, das von den Vertretern der Pariser Syndikate geleitet
wurde, und die Einsetzung einer Exekutivkommission, die mit den
Abgeordneten der parlamentarischen Linken Fühlung zu nehmen hatte,
indem man bei ihnen solange Belehrung suchen wollte, bis man eigene
Arbeiterkandidaten werde durchsetzen können.

Es ist begreiflich, daß die Partei der Revolution, die durch
Gefangensetzung und Verbannung ihrer thätigsten Anhänger auf Grund
des Kommuneaufstandes zunächst machtlos war, sich über die auf dem
Pariser Kongresse eingeschlagene Richtung empörte. In einem aus
London datierten, von der »_Commune révolutionnaire_« unterzeichneten
Schriftstücke mit dem Titel: »_Les Syndicaux et leur Congrès_«
beschuldigte man die Gewerkschaften des offenen Verrates an der Sache
der Revolution. Zugleich suchten einige jüngere Anhänger dieser
Richtung, unter ihnen auch der soeben zum Marxismus bekehrte spätere
Parteiführer $Guesde$, durch Gründung des Blattes »_L'Egalité_« der
sozialdemokratischen Bewegung einen festen Halt zu geben.

Auf dem vom 28. Januar bis 8. Februar 1878 in $Lyon$ abgehaltenen
$zweiten Gewerkschaftskongresse$ war die revolutionäre
kollektivistische Richtung bereits vertreten und forderte die
Ueberführung der Produktionsmittel in Gemeinbesitz, indem sie erklärte,
daß sie die Gewerkschaften nicht als Mittel, die Lage der arbeitenden
Klassen zu bessern, sondern nur als Organisierung des Klassenkampfes
ansehen könnte; jede Beziehung zu der bürgerlichen Demokratie müßte
abgebrochen, eine eigene Arbeiterpartei geschaffen und der Umsturz
der bestehenden Gesellschaftsordnung angestrebt werden. Aber diese
Anträge wurden gegen etwa 10 Stimmen abgelehnt und von den Wortführern
der Mehrheit nicht allein der Kollektivismus verworfen, sondern
sogar erklärt, daß auch die Streiks zu mißbilligen seien, da sie zur
Verteuerung der Waren führten; man müsse überhaupt das Heilmittel in
der Bethätigung der individuellen Freiheit erblicken. Revolutionen
führten, abgesehen von den Opfern, die sie kosteten, nur zur Diktatur.

Aber die Mehrheit war unter sich nicht einig; sie bestand aus
Vertretern der unter dem Einflusse von $Buchez$ ins Leben gerufenen
Genossenschaftsbewegung, denen sich auch die Anhänger $Proudhons$
anschlossen, und endlich den Mitgliedern der neuen Schule der
Possibilisten unter Führung von $Finance$. Einer ihrer Hauptführer
war $Vaillant$, der später insbesondere im Pariser Gemeinderate eine
hervorragende Rolle spielte.

Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß die revolutionären
Elemente allmählich an Einfluß gewannen. Zunächst ging das Blatt »_Le
Prolétaire_« im Jahre 1878 in die Hände von $Benoit Malon$ und $Paul
Brousse$ über, die ihrerseits die Ideen $Proudhons$ mit dem System
von $Marx$ zu vermitteln suchten. Daneben entstanden andere Blätter
derselben Richtung, z. B. »_Le Citoyen_«, »_La Bataille_«, »_La Commune
libre_«.

So vorbereitet, hoffte man, auf dem folgenden $dritten Kongresse$, der
vom 20.-31. Oktober 1879 in $Marseille$ stattfand, den entscheidenden
Schlag führen zu können, und man hatte sich nicht getäuscht. Dieser
Kongreß hat für die soziale Bewegung in Frankreich die größte
Bedeutung, sowohl durch die Anzahl der Teilnehmer, wie durch die dort
gefaßten Beschlüsse. Gegen 250 Syndikate und 100 andere Organisationen
waren durch 130 Abgeordnete vertreten; das Kongreßprotokoll umfaßt 820
Seiten. In Widerspruch zu der von dem Exekutivkomitee der Regierung
gegenüber abgegebenen Zusicherung, alle Fragen politischen und
internationalen Karakters fern zu halten, beschloß die Mehrheit, für
die selbständige Organisation der Arbeiterklasse einzutreten und zu dem
Zwecke nicht allein an den politischen, sondern auch an den kommunalen
Wahlen teilzunehmen. Als Mittel, durch welches allein die Emanzipation
der Arbeiterklasse erreicht werden könne, bezeichnete man die
Einführung des $Kollektiveigentums an allen Produktionsmitteln$. Zum
Zwecke der Durchführung dieser Beschlüsse, deren genauere Festsetzung
dem folgenden Kongresse vorbehalten wurde, teilte man Frankreich in
6 Distrikte: 1. Zentrum mit Paris, 2. Norden mit Lille, 3. Osten mit
Lyon, 4. Westen mit Bordeaux, 5. Süden mit Marseille, 6. Algier. Als
Mittel wurde auch die Anwendung von Gewalt für zulässig erklärt.

Die Minderheit des Kongresses, die insbesondere von Finance vertreten
wurde, bestritt freilich die Gesetzlichkeit der Abstimmung, und 23
Abgeordnete legten einen formellen Protest ein, aber das Ergebnis wurde
dadurch nicht geändert: $die Leitung der gewerkschaftlichen Bewegung
war an die revolutionäre Partei und insbesondere an die Kollektivisten
übergegangen$.

Aber begreiflicherweise wollten die überstimmten Vertreter des
gewerkschaftlichen Gedankens sich dieser Entthronung nicht fügen,
und so beginnt von jetzt an die für die französische Bewegung
karakteristische $Spaltung in eine große Anzahl sich heftig
bekämpfender Gruppen$.

Zunächst vollzog sich auf dem $Kongresse von Havre$ (14.-22. November
1880) die Scheidung der politischen von der rein $gewerkschaftlichen$
Richtung, von denen die erstere durch 55, die letztere durch 57
Abgeordnete vertreten war. Beide hielten nach der Trennung ihre
Sitzungen nebeneinander und beanspruchten, als der eigentliche Kongreß
angesehen zu werden.

Die $gewerkschaftliche$ Gruppe, deren Hauptführer $Clémenceau$ war, gab
sich den Namen »$_Alliance socialiste républicaine_$« und schuf sich
neben dem Blatte »_La ville de Paris_« noch ein besonderes Organ »_Le
moniteur des syndicats ouvriers_«.

Die politische Gruppe hatte durch ihre beiden Führer $Guesde$ und
$Lafargue$ (Schwiegersohn von $Marx$) unter der Beihülfe von $Marx$
und $Engels$ in London ein ausführliches Programm ausarbeiten lassen,
das sie in Havre annahm und in welchem erklärt wurde, daß die
Gewerkschaften und die Streiks nur Hülfsmittel für die Organisation und
die Agitation seien.

Aber die Einigkeit auf seiten der $Kollektivisten$ fand schon auf
ihrem $Kongresse in Reims$ (30. Oktober bis 5. November 1881), auf
dem 45 Abgeordnete als Vertreter von etwa 300 Gewerkschaften und
sozialistischen Gruppen (Studienzirkeln) erschienen waren, ein
frühes Ende. Hier waren auch die »Anarchisten« oder »Kommunisten«
vertreten, die gegen die Tyrannei der Führer protestierten und in den
aufgestellten Forderungen nur ein »Minimalprogramm« sehen wollten,
das je nach den örtlichen Verhältnissen Erweiterungen zulaße. Vor
allem aber widerstrebten sie der von der Mehrheit beabsichtigten
straffen Organisation, die lokal, regional und national gegliedert
sein, in einem aus je fünf Vertretern jeder der sechs Distrikte und je
einem Vertreter jeder national organisierten Gewerkschaft gebildeten
Nationalkomitee mit dem Sitze in Paris gipfeln und die Aufgabe haben
sollte, die Verbindung unter den einzelnen Vereinigungen und mit dem
Auslande aufrecht zu erhalten. Schließlich verließ die Minderheit unter
Protest den Kongreß.

Aber auch unter der Mehrheit zeigte sich der Beginn weiterer
Streitigkeiten zwischen den Marxisten, vertreten durch $Guesde$ und
$Lafargue$ und den Anhängern von $Brousse$, denen sich auch $Malon$
anschloß. Der Gegensatz war mehr persönlich als sachlich. Die
Broussisten erklärten, daß sie die Ideen aber nicht die Autorität von
$Marx$ anerkennen und sich nicht dessen Leitung unterwerfen wollten.
So richtete sich die von $Brousse$ und $Malon$ durchgesetzte Gründung
eines $Nationalkomitees$ hauptsächlich gegen die bisher von $Guesde$
ausgeübte Diktatur und hatte deshalb eine persönliche Spitze. Spielte
bei dem Gegensatze ferner auch die nationale Eitelkeit zweifellos eine
Rolle, so handelte es sich doch zugleich um einen Einfluß der alten
$Proudhon$'schen Erinnerungen.

Obgleich man die Austragung dieser Streitigkeiten dem folgenden
Kongresse vorbehielt, setzten sie sich doch in der Presse und
insbesondere in heftigen Fehden zwischen dem auf dem Kongresse als
Parteiorgan anerkannten »_Prolétaire_« und den an die Stelle der
»_Égalité_« getretenen Blättern »_Le Citoyen_« und »_La Bataille_«
fort, ja man beschuldigte sich gegenseitig des Verrates und der
Beziehungen zur Polizei. Als $Joffrin$, der in den Pariser Gemeinderat
gewählt wurde, dabei von dem Marseiller Programm insofern abwich, als
er sich nicht für die Abschaffung des Erbrechts für Erbschaften über
20000 Fr. aussprach und nicht den Achtstundentag, sondern nur allgemein
die gesetzliche Festsetzung der Arbeitszeit forderte, wurde er von den
Marxisten auf das heftigste angegriffen.

Der Bruch vollzog sich dann auf dem $Kongresse$ von $Saint-Etienne$
(24. September bis 1. Oktober 1882), auf dem 200 Gewerkschaftler und
150 Studienzirkel vertreten waren. Die Marxisten wurden bei der Wahl
des Nationalkomitees mit 66 gegen 6 Stimmen ausgeschlossen, worauf
sie in Stärke von 27 Abgeordneten als Vertretern von 37 Vereinen
den Kongreß verließen, sich nach $Roanne$ begaben und dort einen
$Gegenkongreß$ abhielten.

Die Mehrheit von 86 Abgeordneten als Vertretern von 401 Vereinen tagte
in St. Etienne weiter und beschloß, das Hauptgewicht auf die Bildung
von Gewerkschaften zu legen. Da sie erklärten, daß sie die politische
Thätigkeit nicht als bloße Vorschule der Organisation betrachteten,
sondern ihr Ziel auf das Nächstliegende und insbesondere auf die
praktische Arbeit richteten, so nannten die Marxisten sie spöttisch:
»$_Les Possibilistes_$.« Sie selbst änderten ihren Namen auf dem vom
30. September bis 7. Oktober 1883 in Paris abgehaltenen Kongresse
in »$_Fédération des travailleurs socialistes de France_$« und
beschlossen, ohne grundsätzlich auf die Revolution zu verzichten, doch
sich vorwiegend mit praktischen Fragen, insbesondere dem Versicherungs-
und Lehrlingswesen, Schiedsgerichten u. s. w., beschäftigen zu wollen.

Die rein gewerkschaftliche Richtung, die sich in Havre von den
Kollektivisten getrennt hatte, hielt seitdem unter den Namen
»$_Alliance socialiste républicaine_$« eigene Kongresse ab, so vom 27.
November bis 5. Dezember 1881 in $Paris$ und vom 3.-12. September 1882
in $Bordeaux$. Sie organisierte eine Zentralstelle in der »$_Union
des syndicats_$« in Paris mit dem eigenen Organ »$_Le Moniteur
des syndicats ouvriers_$«. Sie schloß jede politische Thätigkeit
aus und beschränkte sich ganz auf die wirtschaftliche Hebung der
Arbeiterklasse durch Gewerkschaften, und zwar thunlichst im Wege
friedlicher Verständigung mit den Syndikaten der Unternehmer. In der
That erreichte sie eine weitgehende Verständigung mit diesen auf dem
Wege gegenseitiger Nachgiebigkeit.

Das wichtigste Ereignis in der Entwicklung der gewerkschaftlichen
Bewegung in Frankreich bildet das umfassende und segensreiche
$Syndikatsgesetz$ (_Loie rélative à la creation des Syndicats
professionels_) vom 21. März 1884.

Das Gesetz verfügt zunächst die Aufhebung des Gesetzes vom 14./27.
Juni 1791 und des bereits durch Gesetz vom 30. Mai 1864 abgeänderten
Art. 416 des _Code pénal_ und erklärt die Art. 291-294 des letzteren
sowie das Gesetz vom 10. April 1834[30] auf die Syndikate für nicht
anwendbar und bestimmt dann, daß gewerbliche Vereinigungen auch in
größerer Mitgliederzahl als 20, sofern diese Personen denselben oder
einen verwandten Beruf ausüben, sich ohne Erlaubnis der Regierung
bilden können. Die Syndikate dürfen sich nur mit dem Studium oder
der Verteidigung wirtschaftlicher, industrieller kommerzieller und
landwirtschaftlicher Interessen beschäftigen. Sie brauchen nur die
Statuten und die Namen der Vorstandsmitglieder, sowie jede Veränderung
bei der Behörde anzuzeigen und die Vorschrift zu befolgen, daß
alle Vorstandsmitglieder Franzosen und im Besitze der bürgerlichen
Ehrenrechte sein müssen, um das Recht der juristischen Persönlichkeit
und die Befugnis zur Erhebung von Beiträgen zu erlangen. Grundstücke
dürfen sie allerdings nur insoweit erwerben, als sie für ihre
Versammlungen, Bibliotheken und Unterrichtskurse notwendig sind. Sie
dürfen Arbeitsnachweise begründen und für ihre Mitglieder Hülfskassen
jeder Art errichten. Endlich ist es ihnen gestattet, innerhalb des
ihnen selbst zugewiesenen Rahmens Verbände zu bilden, denen aber
das Recht der juristischen Persönlichkeit und des Grunderwerbes
vorenthalten ist. Jedes Mitglied der Syndikate hat das durch
Statutenbestimmung nicht einzuschränkende Recht, vorbehaltlich der
Beitragspflicht für das laufende Jahr jederzeit auszuscheiden, ohne daß
dabei das durch Beitragszahlungen erworbene Recht an den bestehenden
Hülfskassen verloren geht. Uebertretungen des Gesetzes werden an den
Vorstandsmitgliedern mit Strafen von 16-200 Frcs. bestraft, doch kann
von den Gerichten auch auf Schließung des Vereins erkannt werden.

  [30] Dasselbe hatte die Bestimmungen des _Code pénal_ Art. 291, die an
       sich nur für Vereine von mehr als 20 Mitgliedern galten, auf
       solche Vereine ausgedehnt, die in mehrere Abteilungen von weniger
       als 20 Mitgliedern zerfallen.

Durch ein späteres Gesetz vom 30. November 1892 wurde bestimmt,
daß auch Aerzte, Zähnärzte und Hebammen, nicht aber Staats- und
Gemeindebeamten unter das Syndikatsgesetz fallen.

Daß ein Gesetz von solcher Bedeutung nicht ohne lebhaften Widerspruch
geschaffen werden konnte, liegt auf der Hand, und es hat nicht an
Stimmen gefehlt, die von demselben die Auflösung aller staatlichen
Ordnung vorhersagten. Aber die sowohl auf der Linken wie auf der
Rechten der französischen Kammer verteidigte Ansicht, daß gerade
umgekehrt die gesetzliche Organisation der Fachvereine zu einer
sozialen Beruhigung führen werde, hat schließlich den Sieg davon
getragen.

Für die Arbeiterklasse war dieses Gesetz ein Ferment, welches zu
lebhaften Auseinandersetzungen und völlig neuen Gruppenbildungen
führte. Die $revolutionäre Richtung$, die durch dasselbe den Verlust
ihres Einflusses befürchtete, suchte es als ein Werk der Reaktion zu
bekämpfen und die ihr zugänglichen Vereine zu bestimmen, sich ihm
nicht zu unterwerfen, insbesondere also ihre Anmeldung, durch die sie
die im Gesetze gewährte Stellung erlangen konnten, nicht vorzunehmen.
Um dieser Bewegung entgegenzuwirken, veranstalteten die Syndikate der
Rhonegegend unter Begünstigung seitens der Regierung im Jahre 1886
einen $Kongreß$ in $Lyon$, der lediglich für die gewerkschaftliche
Richtung unter Ausschluß der politischen Parteien bestimmt sein sollte
und der deshalb als der $erste Gewerkschaftskongreß$ bezeichnet werden
kann. Aber trotz dieser Beschränkung erklärten sich auf dem Kongresse,
auf dem 248 Syndikate durch 158 Abgeordnete vertreten waren, 74 Stimmen
gegen und nur 29 für das Gesetz, obgleich von den 248 Syndikaten sich
88 demselben unterworfen hatten. Ja es kam sogar zu Ausschreitungen,
indem die dreifarbige Fahne zerrissen und an ihrer Stelle die rote
aufgezogen wurde. Die »$_Union des syndicats ouvriers_$« blieb in der
Minderheit, und um gegen sie ein Gegengewicht zu schaffen, beschloß
der Kongreß die Bildung eines Verbandes aller Syndikate unter dem
Namen: »_Fédération nationale des syndicats ouvriers_«. Zur Leitung
der Geschäfte ernannte man ein $Nationalkomitee$, dessen sich nun die
verschiedenen Parteien zu bemächtigen suchten. Die Possibilisten, die
es nach Paris verlegen wollten, unterlagen jedoch den Marxisten, die
durchsetzten, daß es in der Provinz bleiben und seinen Sitz jährlich
wechseln sollte.

Auch auf dem folgenden II. $Kongresse$, der 1887 in $Montluçon$
stattfand, waren die $Marxisten$ in der Mehrheit, so daß sich
die $Possibilisten$ nach $Charleville$ zurückzogen. Die rein
$gewerkschaftliche$ Richtung hatte sich infolge ihrer Niederlage in
Lyon ganz fern gehalten.

Dasselbe Bild zeigte der III. $Kongreß$ von $Bordeaux$ 1888, auf dem
die Marxisten zuerst einen Beschluß zu Gunsten des Generalstreiks
durchsetzten, indem sie behaupteten, daß nur auf diesem Wege das Ziel
der Sozialisierung der Produktionsmittel zu erreichen sei.

Für eine Zeit lang wurde die bisherige Entwicklung des Parteiwesens
innerhalb der Syndikate durchbrochen durch die $Boulangistische
Bewegung$ (1887-1890), die von den Marxisten begünstigt, dagegen von
den Possibilisten bekämpft wurde, während die Blanquisten sich in
zwei Lager teilten. Dieser Umstand sowie die Weltausstellung hinderte
im Jahre 1889 die Veranstaltung eines Gewerkschaftskongresses. Statt
dessen fanden in Paris zwei internationale Arbeiterkongresse statt, von
denen der eine durch die Marxisten in Verbindung mit den Blanquisten,
der andere von den Possibilisten mit Unterstützung der englischen
_trade unions_ einberufen war[31].

  [31] Vgl. unten.

Der IV. $Kongreß$ von $Calais$ 1890 brachte keine Aenderung der Lage.
Er beschloß auf Anregung der Marxisten, daß die Bergarbeiter in den
$Generalstreik$ einzutreten hätten, um durch Mangel an Kohlen auch die
übrigen Industrien zum Stillstande zu bringen und so die Beseitigung
der bestehenden Wirtschaftsordnung zu erzwingen. Man erklärte dabei,
daß eine gewaltsame Revolution bei den modernen Waffen unmöglich sei,
daß aber ebensowenig auf dem Wege der Eroberung der politischen Macht
durch das allgemeine Wahlrecht ein durchgreifender Erfolg zu erzielen
sei, Abhülfe biete nur die »Revolution der untergeschlagenen Arme«. Die
Bergarbeiter leisteten aber diesem Beschlusse keine Folge.

Wie die bisherige Darstellung ergiebt, vollzieht sich die
gewerkschaftliche Bewegung in Frankreich zwar formell unabhängig von
der politischen, indem die Kongresse lediglich gewerkschaftlichen
Karakter tragen und die Kongresse der politischen Parteien neben
ihnen hergehen. In Wahrheit jedoch bestimmen sich die verschiedenen
gewerkschaftlichen Richtungen völlig durch die politischen Gegensätze.
Aus diesem Grunde muß hier auch die Geschichte der politischen Parteien
verfolgt werden.

In dieser Hinsicht ist von Interesse, daß sich nicht allein auf dem
Kongresse der $Possibilisten$ von 1890 in Chatellerault eine Spaltung
zwischen den Anhängern von $Brousse$ und $Allemane$ vollzog, auf die
später noch zurückzukommen ist, sondern daß die $Marxisten$, seit
sie bei den Gemeinderatswahlen von 1892 und 1893 erhebliche Erfolge
erzielt hatten, ihre Haltung nicht unwesentlich änderten. Während
sie, wie erwähnt, noch 1890 in Calais die politischen Wahlen für eine
bloße Agitationsschule erklärt und den Generalstreik als einziges
Mittel der Abhülfe empfohlen hatten, wurden sie durch ihre Wahlerfolge
plötzlich zu Gunsten der parlamentarischen Thätigkeit umgestimmt,
und obgleich sie auf dem V. $Gewerkschaftskongresse$ in $Marseille$
(19.-23. September 1892) noch für den Generalstreik eintraten, ließen
sie ihn bereits auf ihrem gleichzeitig in Marseille abgehaltenen
Parteikongresse fallen und haben ihn auf dem am 15. September 1894 in
$Nantes$ abgehaltenen Kongresse endgültig verworfen, sich überhaupt
seitdem mehr auf das politische Gebiet begeben. Neben der Erlangung
der politischen Macht ist seitdem ihr Ziel die Gewinnung von Anhängern
unter den Bauern, indem sie den bäuerlichen Kleinbesitz verteidigen.
Um so mehr werden sie von den $Possibilisten$ als Verräter an der
Sache des Sozialismus angegriffen. Es hat sich mithin im Laufe der
Zeit zwischen beiden Parteien eine völlige Vertauschung der Rollen
vollzogen, indem die Marxisten jetzt die gemäßigte Richtung darstellen.

Von besonderem Interesse und erheblichem Einflusse auf die
gewerkschaftliche Bewegung hat sich ferner ein neues Element erwiesen,
nämlich die Entwickelung der $Arbeitsbörsen$. Schon im Jahre 1842
war der Gedanke zuerst von $Molinari$[32] ausgesprochen und damit
begründet, daß man durch sie und die damit ermöglichte Vermittelung
zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeit die Interessen der Arbeiter
am besten befördern und die letzteren zugleich den Einflüssen
politischer Neuerungen entziehen könne, indem man sie auf das rein
gewerkschaftliche Gebiet verweise. Im Laufe der Zeit ist der Gedanke
der Arbeitsvermittelung immer mehr in den Hintergrund getreten und die
Börsen sind, genau besehen, nichts als Gewerkschaftsverbände geworden,
nur mit dem Unterschiede, daß sie Zuschüsse seitens der Gemeinde
erhalten. Sie sind ganz allgemeine Anstalten zur Wahrung der gesamten
Interessen der ihnen angehörigen Arbeiter. Sie übernehmen deshalb
außer dem Arbeitsnachweise die Veranstaltung von Versammlungen zur
Erörterung von Fragen, die das Arbeiterinteresse berühren, oder für
wissenschaftliche Vorträge, ferner die Einrichtung von Fachlehrkursen
und von Bibliotheken, die Herausgabe periodischer Zeitschriften u. s. w.

  [32] Vergl. G. de $Molinari$: _Les bourses du travail Paris.
       Guillaunmin, 1893_, S. 121 ff.

Der Plan der Schaffung solcher Arbeitsbörsen wurde seit 1884 seitens
der Possibilisten aufgenommen, um in ihnen für alle Syndikate,
mochten sie auf dem Boden des Syndikatsgesetzes stehen oder nicht,
eine $gemeinsame Vereinigung$ und zugleich eine Möglichkeit zu haben,
praktisch im Interesse der Arbeiterklasse zu wirken. Allerdings
hatten sich seit Erlaß des Gesetzes mehrfach $Kartelle$ zwischen
den Syndikaten verschiedener Gewerbe derselben Stadt gebildet, aber
obgleich diese grundsätzlich allen Syndikaten offen standen, hatten
sich auch hier die politischen Spaltungen als Hindernis erwiesen.
In den Arbeiterbörsen sollten dagegen alle Syndikate unabhängig
von der politischen Richtung zusammenarbeiten und die Arbeiter zur
gewerkschaftlichen Arbeit erziehen.

In Wahrheit nahm die Entwickelung der Arbeitsbörsen zunächst einen
ganz anderen Verlauf. Die erste derselben wurde am 28. April 1887
in Paris eröffnet, indem der Pariser Gemeinderat einen jährlichen
Zuschuß von 20000 Frs. zusagte, der 1892 auf 100000 Frs. und 1894
auf 154000 Frs. erhöht wurde. Alle Syndikate, mochten sie sich dem
Gesetze unterworfen haben oder nicht, waren zugelassen. Aber während
die Possibilisten, die den Gemeinderat beherrschten, geglaubt
hatten, auch in der Arbeitsbörse die Leitung zu erhalten, drängten
sich in Masse neu gegründete Syndikate herzu, die zum Teil unter
anarchistischem Einflusse standen, zum Teil auch überhaupt keine
Leitung anerkannten. Endlich führte die Ernennung von $Ribanier$ zum
Mitgliede der Anfang 1891 geschaffenen obersten Arbeitskommission zu
einer Explosion; die Exekutivkommission wurde gewaltsam abgesetzt und
die Broussisten, die bisher die Leitung gehabt hatten, wurden durch die
Allemanisten entthront. Seitdem entwickelte sich die Arbeitsbörse zum
Mittelpunkte derjenigen Syndikate, die dem Syndikatsgesetze feindlich
gegenüberstanden. Alle Elemente, die im Verdachte der Mäßigung standen,
wurden entfernt, in dem »$_Journal de la Bourse du Travail_$« wurde ein
Organ geschaffen, das den Kapitalismus und das Unternehmertum bekämpfen
sollte, öffentliche Versammlungen wurden abgehalten, eine Streikkasse
begründet und der Plan des Generalstreiks verfolgt. Durch Bildung eines
Ausschusses aus Vertretern der Bataillone der Nationalgarde betrat
man sogar das rein politische Gebiet und suchte die Kommune und den
Bürgerkrieg vorzubereiten.

Hiergegen glaubte der Minister Dupuy einschreiten zu müssen. Zunächst
forderte er die außerhalb des Syndikatsgesetzes stehenden, bisher
zugelassenen sog. irregulären Syndikate auf, sich bis zum 5. Juli 1893
dem Gesetze zu unterwerfen und schloß, als dieser Aufforderung nicht
Folge geleistet wurde, an diesem Tage die Börse. In einer Erklärung vom
7. Juli 1893, die von Vertretern der verschiedensten Parteirichtungen,
insbesondere von $Lafargue$, $Jaurès$, $Brousse$ unterzeichnet war,
wurde hiergegen Protest erhoben und an die Arbeiter die Aufforderung
gerichtet, sich auf den Generalstreik vorzubereiten. Thatsächlich
freilich gereichte die Auflösung den Marxisten zum größten Vorteile,
da durch sie eine Einrichtung beseitigt wurde, die ihren Händen
längst entschlüpft und in diejenigen ihrer entschiedensten Gegner
übergegangen war. Nachdem dann unter dem Ministerium Bourgeois durch
Dekret des Präsidenten vom 5. Dezember 1895 eine andere Verfassung
der Börse angeordnet und durch den Gemeinderat von Paris beschlossen
war, wurde die Börse im April 1896 wieder eröffnet, doch blieb ein
Teil der Syndikate derselben nach wie vor fern und hielten die in der
Zwischenzeit gegründete freie Börse aufrecht.

Auf dem Kongresse in $St. Etienne$ (7.-8. Februar 1892) hatte sich
unter den Arbeitsbörsen von 11 Städten, die etwa 500 Syndikate
umfaßten, ein Zusammenschluß zu der »$_Fédération nationale des
Bourses du travail_$« vollzogen, die vom 12.-14. Februar 1893 in
$Toulouse$ einen zweiten Kongreß abhielt. Aus den Beschlüssen ist
hervorzuheben: Unentgeltliche Arbeitsvermittelung ausschließlich durch
die Arbeitsbörsen, Ernennung der Arbeitersekretäre durch dieselben,
gesetzliche Festsetzung gewisser Bedingungen des Arbeitsvertrages,
insbesondere Minimallohn und gleiche Entlohnung männlicher und
weiblicher Arbeiter, Ausführung der Gemeindearbeiten in eigener
Regie unter Zulassung von Arbeitervereinigungen. Außerdem wurde von
dem _Comitée fédéral_ vorgeschlagen, in Zukunft mit der auf dem
Gewerkschaftskongreß von Marseille 1892 gegründeten $_Fédération
nationale des Chambres syndicales_$ zusammenzugehen und insbesondere
den nächsten Kongreß gemeinsam 1894 in Nantes abzuhalten, um eine
gemeinsame Vertretung aller Syndikate herbeizuführen. Obgleich die
Marxisten sich hiergegen energisch auflehnten, mit der Begründung, daß
die Arbeitsbörsen, die nur Hülfsmittel für die Syndikate sein sollten,
jetzt den Versuch machen wollten, die Herrschaft an sich zu reißen
und sich an die Stelle der _Fédération nationale_ zu setzen, erklärte
sich die Mehrheit für den Plan, und so fand vom 17.-22. September
1894 in $Nantes$ der VI. $Gewerkschaftskongreß$ zugleich als solcher
der $Arbeitsbörsen$ statt. Auf diesem siegte die possibilistische
über die marxistische Richtung, und der von der letzteren auf ihrem
Parteikongresse 8 Tage zuvor fallen gelassene, dagegen von der ersteren
aufgenommene Plan des Generalstreiks wurde mit 63 gegen 36 Stimmen
bei 9 Stimmenthaltungen angenommen. Nach stürmischen Auftritten
zogen sich die Marxisten von dem Kongresse zurück. Man gründete
eine allgemeine Streikkasse, zu der jedes Mitglied monatlich 5 Cts.
beizutragen hat. Jede Gewerkschaft soll sich dem für sie bestehenden
Berufsverbande anschließen. Die Gesamtheit der Berufsverbände in
Gemeinschaft mit den Arbeitsbörsen bildet den Landesgewerkschaftsbund,
an dessen Spitze ein Zentralkomitee ($_conseil national ouvrier_$)
steht, das aus 2 Mitgliedern der einzelnen Berufsverbände und 4
Mitgliedern des Arbeitsbörsenverbandes zusammengesetzt ist. Ihm soll
die Aufgabe des früher auf dem Kongresse in St. Etienne eingesetzten
Arbeitersekretariates zufallen. Weitere Beschlüsse forderten die
Ausdehnung der _Prudhommes_-(Gewerbe-) Gerichte auf Handels-,
Eisenbahn- und Staatsbedienstete, sowie Arbeitsvermittlung durch die
Gewerkschaften unter Zuschüssen seitens der Gemeinden.

Im Jahre 1895 fanden infolge dieser Spaltung zum erstenmale seit 1884
getrennte Gewerkschaftskongresse statt. Der _conseil national ouvrier_
berief den VII. Kongreß nach $Limoges$, wo derselbe vom 23.-28.
September 1895 unter Teilnahme von rund 100 Vertretern mit 140 Mandaten
tagte. Man gab sich hier eine neue Organisation, deren Ziel besteht
in der möglichsten gewerkschaftlichen Zentralisation, unabhängig von
politischen Einflüssen. Man betonte besonders die Uebertragung der
gewerkschaftlichen Bewegung auf die landwirtschaftlichen Arbeiter
und die Schaffung einer Invalidenversicherung rein aus staatlichen
Mitteln. Auf kommunalem Gebiete verlangte man Ausführung der Arbeiten
in eigener Regie unter Arbeiterinspektoren, die von den Gewerkschaften
vorzuschlagen sind, Unentgeltlichkeit der Lehrmittel in den Schulen,
unentgeltliche Schulküchen, Einrichtung von Arbeitsbörsen auf Kosten
der Gemeinde und unter Leitung der Gewerkschaften, Einrichtung
kommunaler Werkstätten. Als Zwangsmittel zur Durchführung dieser
Forderungen betrachtet man in erster Linie den Generalstreik. An der
Spitze steht der _conseil national ouvrier_.

Die Marxistische $_Fédération des chambres syndicales_$ hielt
vom 12.-14. September 1895 in $Troyes$ einen eigenen Kongreß ab,
der gleichfalls von etwa 100 Abgeordneten als Vertretern von 750
Gewerkschaften besucht war. Man beschloß u. a. die Aufhebung des
Gesetzes gegen die Internationale vom 14. März 1872 und der gegen die
Vereinsfreiheit gerichteten Art. 414 und 415 des _Code pénal_, ferner
die Forderung eines Gesetzes, nach welchem die von den Gewerkschaften
festgesetzten Arbeitsbedingungen für das ganze Gewerbe maßgebend sind,
und die Wahl der Gewerbeinspektoren durch die Gewerkschaften. Auch die
Landagitation will man betreiben unter Anschluß an das sozialistische
Landprogramm von 1891 und ebenso die Beteiligung an allen
Gemeindeangelegenheiten. Der Kongreß empfahl außerdem die nationale und
internationale Verbindung der Gewerkschaften.

Die $_Fédération des chambres syndicales_$ hat seitdem weitere
Kongresse nicht abgehalten, die marxistischen Gewerkschaften haben
sich vielmehr auf dem 1896 in Lille abgehaltenen Kongresse mit der
politischen Partei vereinigt und halten seitdem ihre Zusammenkünfte
gleichzeitig mit denen der letzteren ab. Die Zahl ist auf 152 meist
unbedeutende Organisationen herabgegangen.

Dagegen hat der von dem $_conseil national ouvrier_$ einberufene
VIII. Gewerkschaftskongreß vom 14.-19. September 1896 in $Tours$
stattgefunden, auf dem 203 gewerkschaftliche Organisationen
und Arbeitsbörsen, die zusammen 826 Syndikate umfaßten, durch
69 Abgeordnete vertreten waren. Leider wird auf den Kongressen
nur die Zahl der Organisationen, nicht aber die der Mitglieder
derselben angegeben, wie denn auch bei den Abstimmungen nicht das
Stärkeverhältnis berücksichtigt wird. Deshalb ist es nicht möglich,
über die Anzahl der auf den Kongressen vertretenen Arbeiter genaue
Ziffern zu geben. Nach Schätzungen soll dieselbe in Tours etwa 100000
betragen haben.

Im Vordergrunde der Beratungen stand die Organisationsfrage. Gemäß
einem auf dem internationalen Arbeiterkongresse in Brüssel 1891
gefaßten Beschlusse, in allen Ländern nationale Arbeitersekretariate
einzurichten, hatte man auch für Frankreich auf dem Kongresse von
St. Etienne ein solches Sekretariat eingesetzt. Aber dasselbe war
niemals eigentlich wirklich in Kraft getreten, und seine ganze
Thätigkeit hatte sich auf die Veröffentlichung eines einzigen Berichtes
über die Lage der arbeitenden Klassen beschränkt. Der Grund hierfür
war, daß in dem Sekretariate alle die sich bekämpfenden Richtungen der
Blanquisten, Allemanisten, Broussisten, Anarchisten und der reinen
Gewerkschaftler vertreten waren und die innere Uneinigkeit jede
gemeinschaftliche Thätigkeit unmöglich machte. Schon in Limoges hatte
man nun versucht, unter dem Namen einer »$_Confédération générale
du travail_$« eine Vereinigung aller Syndikate und Arbeitsbörsen
zu schaffen, die sich frei halten sollte von allen Einflüssen der
politischen Gruppen (_en dehors de toute ingérence politicienne_).
Auch die wenigen dort vertretenen Marxisten hatten sich hierfür
ausgesprochen, und so schien dieser neue Verband endlich den inneren
Streitigkeiten ein Ende machen zu sollen. Aber indem man den Sitz nach
Paris verlegte und in das Programm den Generalstreik aufnahm, hatte
man diese Einigkeit sofort wieder zerstört und den Verband unter den
Einfluß der Allemanisten gestellt. Dies wurde auch in dem auf dem
Kongresse in Tours erstatteten Berichte über die Thätigkeit des ersten
Jahres offen ausgesprochen und darauf hingewiesen, daß an der unseligen
Zersplitterung, hervorgerufen durch den Einfluß der politischen
Richtungen, jede Machtentwicklung der gewerkschaftlichen Organisation
scheitern müsse. Von den sämtlichen vereinigten Verbänden hatten nur 34
den auf jährlich 2 Frs. festgesetzten Beitrag bezahlt und so stellte
sich die für den 10. September 1896 abgeschlossene Kassenrechnung auf
808 Frs. 30 Cts. Einnahme und 371 Frs. 50 Cts. Ausgabe.

In Tours versuchte man, diesen Mißerfolg durch eine Aenderung der
Organisation zu beseitigen. Der leitende »_conseil national_« wird
gebildet aus Vertretern, die durch die einzelnen Verbände gewählt
werden. Jedes Mitglied kann nur zwei Verbände vertreten und höchstens
zwei Stimmen führen; sieben ständige Kommissionen (für Agitation,
Schiedsgerichte, Gesetzgebung, Statistik, Streiks, Zeitungswesen
und Verwaltung) wurden eingesetzt. Die Kommission für Agitation hat
die Aufgabe, die ganze Gewerkschaftsbewegung zusammenzufassen und
einen einheitlichen Gewerkschaftskongreß vorzubereiten, auf dem alle
Gewerkschaften vertreten sein sollen. Die Beiträge sind nach der
Mitgliederzahl der Verbände von 1-10 Frs. abgestuft. Der Vereinigung
können nur ganze Verbände, nicht die einzelnen Syndikate angehören,
um dadurch die letzteren zum Anschlusse an die Verbände zu zwingen.
Immerhin soll die Vereinigung nicht zentralistisch die Selbständigkeit
der Verbände aufheben, sondern nur ein föderatives Band herstellen und
eine gegenseitige Verständigung anbahnen. Eigenartig ist die Stellung
der $Arbeitsbörsen$, da sie selbst ihrerseits Gewerkschaftsverbände
darstellen. So ist die $_fédération nationale des bourses du travail_$,
die 43 von den bestehenden 51 Börsen umfaßt und der von den 826 in der
_Confédération générale_ vertretenen Syndikaten 686 angehören, ein
Zentralverband, der innerhalb der _Confédération_ einen Staat im Staate
darstellt und auf die Dauer neben ihr keinen Raum haben wird, obgleich
man bis jetzt eine Abgrenzung der beiderseitigen Aufgaben dahin
versucht hat, daß die Arbeitsbörsen die lokalen, die _Confédération_
die allgemeinen Interessen der Gewerkschaften zu vertreten haben soll.

Der unpolitische Karakter der Vereinigung wurde von neuem betont
durch den an die Spitze des Statutes gestellten Satz: »_Les éléments
constituant la Confédération générale se tiendrout en dehors de toute
école politique._«

Hinsichtlich der Frage des Generalstreiks beschloß der Kongreß ein
gewisses Entgegenkommen gegen die Marxisten, indem man freilich das
Prinzip mit allen gegen 4 Stimmen annahm, aber nicht allein die
Thätigkeit für dessen Verwirklichung einem besonderen, außerhalb der
regelmäßigen Organisation stehenden Komitee übertrug, was in Limoges
vergeblich von den Marxisten gefordert war, sondern auch als Aufgabe
dieses Komitees nicht die Vorbereitung des allgemeinen Streiks, sondern
nur die Propaganda für denselben bezeichnete. Von allen für Streiks
aufkommenden Geldern sollen 5 Proz. für diesen Zweck zurückbehalten
werden.

Man beschäftigte sich ferner mit der Schaffung eines allgemeinen
gewerkschaftlichen litterarischen Organes, doch wurde die Frage nicht
zum Abschlusse gebracht, sondern einer Kommission überwiesen.

Dasselbe gilt von der Frage der schiedsgerichtlichen Vermittelung
entstehender Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, doch
wurde den Arbeitern empfohlen, in solchen Fällen, ehe sie irgend
welche Schritte thäten, sich behufs Vermittelung an ihre Gewerkschaft
zu wenden. Die Schiedsgerichte sollen nicht obligatorisch sein, auch
sollen ihre Sprüche nur einen moralischen Zwang darstellen, dagegen
sollen ständige Einigungsämter bestehen.

Hinsichtlich der Streiks empfahl man äußerste Vorsicht, jedoch die
Schaffung ständiger Streikkassen, um die einmal unvermeidlichen
Arbeitseinstellungen mit Erfolg durchzuführen.

Die übrigen Beschlüsse betrafen die Ausdehnung der Gewerbegerichte
auf alle Betriebszweige, die Wahl der Fabrikinspektoren durch die
Arbeitersyndikate, die Gefängnisarbeit, das Submissionswesen, das
Zwischenmeistersystem, Kinderarbeit, Lehrlingswesen, Stückarbeit und
Einbehaltung des Lohnes, Arbeiterschutzgesetzgebung, Minimallohn und
den achtstündigen Maximalarbeitstag.

Man beschloß endlich, für Abhaltung eines allgemeinen internationalen
Gewerkschaftskongresses thätig zu sein, der sich ausschließlich mit
gewerkschaftlichen Angelegenheiten unter Beiseitelassung aller Politik
beschäftigen soll.

Obgleich der Kongreß mit einem Hoch auf die Revolution geschlossen
wurde, ist er doch als ein wesentlicher Fortschritt auf der Bahn einer
gewerkschaftlichen Entwicklung zu betrachten.

Der III. Kongreß der $_Confédération générale du travail_$ hat vom
20. bis 25. September 1897 in $Toulouse$ stattgefunden[33], wo 1316
Vereine durch 150 Abgeordnete vertreten waren. Die Hauptgegenstände
der Beratung waren die Aenderung der Statuten und die Gründung eines
täglichen an Stelle des bisherigen monatlich erscheinenden Organs.
Grundsätzlich können nur Verbände von Vereinen die Mitgliedschaft
erwerben, Einzelvereine nur dann, wenn der Verband, dem sie angehören,
den Anschluß an die _confédération_ ablehnt. Der Sitz wurde endgültig
nach Paris verlegt. Die Ablehnung der früheren Abhängigkeit von den
politischen Parteien fand seinen scharfen Ausdruck in der Bestimmung
der Statuten, daß die dem Bunde angehörigen Verbände und Vereine
nicht bei einer politischen Partei eingeschrieben sein dürfen.
Das Ziel des Bundes ist vielmehr der Zusammenschluß der gesamten
Arbeiterschaft lediglich auf wirtschaftlichem Gebiete zum Kampfe für
deren »_émancipation intégrale_«. Der geschäftsleitende Ausschuß
zerfällt in mehrere Abteilungen, die sich mit der Propaganda, mit der
Einwirkung auf die Gesetzgebung, der schiedsgerichtlichen Thätigkeit,
den Streiks, der Arbeitsstatistik u. s. w. zu beschäftigen haben. Auf
Kongressen sollen die nationalen Verbände durch drei, die lokalen durch
einen Abgeordneten vertreten sein; jeder Abgeordnete muß einem Vereine
angehören. Für das tägliche Organ wurden 200000 Frs. aufgebracht. Auch
dieser Kongreß hielt fest an der Empfehlung des Generalstreiks.

  [33] Da bis zu dem Kongresse von Limoges 1895, wo die Gründung
       der Confédération générale erfolgte, bereits sechs allgemeine
       Gewerkschaftskongresse (Lyon 1886, Montluçon 1887, Bordeaux
       1888, Calais 1890, Marseille 1892 und Nantes 1894) stattgefunden
       hatten, so war der von Toulouse der neunte. Die Arbeitsbörsen
       hatten vorher Kongresse abgehalten in St. Etienne 1892, Toulouse
       1893, Lyon 1894, Nimes 1895, Tours 1896, so daß es für sie
       der sechste war. Die Marxistische _Fédération nationale des
       Syndicats_ hat außer Troyes 1895 keine weiteren Kongresse
       abgehalten.

Auch der IV. Kongreß, der am 1. Oktober 1898 in $Rennes$ unter
Anwesenheit von 104 Abgeordneten als Vertretern von 1090
Organisationen stattfand, hat in die unbefriedigenden Verhältnisse
keine durchgreifende Besserung gebracht. Um die in der Stellung zu den
Arbeitsbörsen liegende Schwierigkeit zu beseitigen, wurde beschlossen,
daß diese in dem _conseil général_ künftig keine unmittelbare
Vertretung haben, sondern daß in außerordentlichen Fällen beide
Verbände miteinander in Beratung treten sollten. Die Gefahr, daß
hierbei Zwistigkeiten entstehen, ist um so größer, als der Verband der
Arbeitsbörsen unter der Leitung des Anarchisten $Pelloutier$ steht,
der bestrebt ist, die Börsen und die ganze Gewerkschaftsbewegung in
anarchistisches Fahrwasser zu leiten. Die Verhandlungen über den
Generalstreik ergaben, daß die Stimmung für denselben zurückgegangen
ist, insbesondere haben nicht allein nur wenige Vereine die Zahlungen
in den dafür vorgesehenen Fonds geleistet, sondern es sind sogar
auf Anfrage bei den Vereinen nur wenige Antworten eingegangen.
Sonstige Gegenstände der Beratungen waren: die Kontrollmarke, die
Altersversorgung, das staatliche Getreidemonopol, die Abrüstungsfrage,
die Einschränkung des Alkoholismus, der Boykott und einzelne Punkte des
Arbeiterschutzes. --

Bei der Verworrenheit der Parteiverhältnisse möge die jetzige
Gruppierung noch einmal kurz zusammengefaßt werden.

Es giebt in Frankreich augenblicklich sechs sozialistische Gruppen:

1. $_Parti ouvrier français_$ d. h. die auf dem Kongreß in Havre 1880
in der Minderheit verbliebenen Marxisten, die nach ihrem jetzigen
Führer $Paul Guesde$ gewöhnlich als $Guesdisten$ bezeichnet werden.
Sie bilden heute ein verhältnismäßig gemäßigtes Element, indem sie die
»Revolution des Stimmzettels« vertreten d. h. ihre Pläne lediglich auf
dem Wege der gesetzlichen Eroberung der politischen Macht durchzusetzen
beabsichtigen. Die wirtschaftlichen Fragen, insbesondere die Streiks,
stehen für sie erst in zweiter Linie.

2. $_Fédération des travailleurs socialistes de France_$, die 1882
auf dem Kongreß in St. Etienne von den Guesdisten getrennte und nach
ihrem Führer $Paul Brousse$ als $Broussisten$ bezeichnete Gruppe,
die aber an Bedeutung zurücktritt. Auch sie vertreten eine gemäßigte
Richtung, ja ihnen wird seitens ihrer Gegner sogar vorgeworfen, daß sie
mit fliegenden Fahnen in das Lager der Staatssozialisten übergegangen
seien. Seit 1892 verwerfen sie den Generalstreik ebenso wie die
Guesdisten; ihr Gegensatz zu diesen ist vorwiegend ein persönlicher.

3. $_Parti ouvrier socialiste révolutionaire_$, die 1890 auf dem
Kongresse in Chatellerault abgetrennten, nach ihrem Führer $Jean
Allemane$ als $Allemanisten$ bezeichnete Gruppe. Sie betrachten die
politische Thätigkeit nur als Mittel der Propaganda und erwarten alles
von der Revolution, obgleich sie diese nicht durch Gewalt, sondern
durch den Generalstreik d. h. die gleichzeitige Arbeitseinstellung
in allen Betrieben herbeiführen wollen. Sie sind heute die Vertreter
des revolutionär-kommunistischen Prinzips und lieben es, sich als
»Arbeiterproletarier« den »geistigen Proletariern« gegenüberzustellen.

4. Neben diesen drei auf der Grundlage des Marx'schen Systems stehenden
Gruppen giebt es noch das $_comité révolutionaire central_$, das unter
Führung von $Vaillant$ die alten $Blanquisten$ in sich vereinigt
und nur politisch-revolutionäre Tendenzen verfolgt. Sie gehen meist
Hand in Hand mit den Allemanisten und schließen sich diesen auch
an hinsichtlich des Generalstreiks, obgleich sie keine besondere
Begeisterung für ihn zeigen. Die gewerkschaftliche Thätigkeit halten
sie von der politischen völlig getrennt; beide sollen dasselbe Ziel auf
verschiedenen Wegen erreichen. Sie sind in erster Linie Vertreter der
Zusammenfassung aller gewerkschaftlichen Richtungen.

5. Die $Anarchisten$. Sie haben, seitdem sie unter ein scharfes
Ausnahmegesetz gestellt sind, auf die »Propaganda der That« verzichtet,
und da sie die politische Thätigkeit grundsätzlich verwerfen, so suchen
sie in den Gewerkschaften ihren Einfluß geltend zu machen, um die
Arbeiter für die Revolution zu erziehen.

6. Die letzte Gruppe bilden die »$_Socialistes indépendants_$«, eine
nicht geschlossene Organisation, in der sich seit 1885 um den jetzt
verstorbenen $Benoit Malon$ hauptsächlich bürgerliche Sozialisten
sammeln, die, wie $Jaurès$, $Millerand$, $Viviani$, nur unbestimmt
gegen den Radikalismus abgegrenzt sind.

Außer diesen Gruppen giebt es noch die unabhängigen Gewerkschaften,
unter denen die Buchdrucker die erste Stelle einnehmen. Sie sind
im Gegensatz zu den revolutionären Theorien Anhänger praktischer
Thätigkeit im Sinne der sozialen Reform.

Geographisch grenzt sich der Einfluß dieser Gruppen dahin ab, daß die
Guesdisten in der Provinz, und zwar im Norden, in Lille, Roubaix,
ferner in Lyon, Marseille und Bordeaux, die Allemanisten in Paris,
die Broussisten außer in einigen Pariser Vierteln in den Städten des
Westens, Blois, Chatellerault, Poitiers, Tours, die Hauptrolle spielen;
hier, sowie im Departement Cher teilen sie sich den Einfluß mit den
Blanquisten. --

Nach dieser geschichtlichen Darstellung mögen noch einige Angaben über
die Thätigkeit der Gewerkschaften und ihrer Ausbreitung am Platze sein.

Die Syndikate zerfallen in die beiden Hauptgruppen: 1. _syndicats
industriels et commerciaux_, 2. _syndicats agricoles_.

Die $landwirtschaftlichen Syndikate$[34], die in dem Entwurf des
Gesetzes vom 21. März 1884 überhaupt nicht vorgesehen waren und erst
bei der Beratung in der Kammer aufgenommen wurden, haben eine sehr
große Bedeutung erlangt. Allerdings ist ihr Karakter von demjenigen
der industriellen Syndikate sehr verschieden, indem sie vielfach
Aufgaben übernommen haben, die in Deutschland den landwirtschaftlichen
Vereinen und Genossenschaften zufallen. Dahin gehören Verbesserung der
Bodenbearbeitung, Errichtung landwirtschaftlicher Versuchsanstalten
und Untersuchungsstellen, gemeinschaftliche Beschaffung von Samen,
Düngungsmitteln, Vieh und Maschinen, gemeinsamer Verkauf der
Erzeugnisse, insbesondere Korn, Wein, Butter, Milch, Geflügel, Eier
u. s. w. Auch suchen sie die Gesetzgebung, hauptsächlich die Zoll- und
Agrarpolitik zu beeinflussen. Den Betrieb einer Produktivgenossenschaft
verbinden sie vielfach mit demjenigen eines Konsumvereines, auch
errichten sie genossenschaftliche Schlächtereien, Bäckereien,
Müllereien; so giebt es allein im Departement Charente-Inferieure 130
Bäckereigenossenschaften. Eine sehr wichtige Thätigkeit entfalten die
Syndikate auf dem Gebiete des Versicherungswesens, indem sie entweder
selbst allerlei Versicherungen, z. B. gegen Hagel und Feuer, ja sogar
gegen die Gefahr, die Ernte nicht einbringen zu können, errichten, oder
sich mit Versicherungsgesellschaften in Verbindung setzen. Auch neue
Industrien, wie Konservenfabriken, Stärke-, Nudelfabriken u. s. w.
suchen sie auf dem Lande einzuführen, um so eine Verbindung der
Industrie mit der Landwirtschaft zu erreichen.

  [34] Einen interessanten Ueberblick gewährt der bei Gelegenheit
       des am 5.-7. Mai 1897 in Orleans abgehaltenen dritten nationalen
       Kongresses der französischen landwirtschaftlichen Syndikate von
       Graf de $Bocquigny$ gehaltene Vortrag: »_Le mouvement syndical
       dans l'Agriculture_«. Paris, Guillaumin, 1897.

Kommen solche Einrichtungen freilich in erster Linie den
landwirtschaftlichen Besitzern zu gute, so ist doch der Gegensatz
zu den ländlichen Arbeitern in Frankreich schon deshalb nicht
so stark, wie in Deutschland, weil die meisten der letzteren
ein kleines Grundstück besitzen. Außerdem sind aber auch viele
Einrichtungen den Arbeitern als solchen von Nutzen. Hierzu gehören
Witwen-, Waisen-, Sterbe-, Pensions- und Sparkassen, Sühne- und
Schiedsgerichte, Volkssekretariate und Arbeitsauskunftstellen; die
letzteren will man sogar zu einer Zentralstelle für ganz Frankreich
zusammenfassen. Gleichfalls Bedeutung für alle Klassen haben die
landwirtschaftlichen Fachkurse, Bibliotheken und Haushaltungsschulen,
sowie die geselligen Veranstaltungen, bei denen das ausgesprochene Ziel
ist, die gegenseitigen Vorurteile abzuschleifen und »die Schranken
niederzureißen, die sich gewöhnlich zwischen die einzelnen Personen
stellen«. In vielen Syndikaten wird dieser soziale Zweck mit besonderem
Nachdruck betont.

Die $Syndikate der Industrie und des Handels$ zerfallen in drei
Klassen, nämlich 1. solche der Arbeitgeber, 2. solche der Arbeiter, 3.
gemischte.

Die Arbeiter haben erst langsam von den Befugnissen des Gesetzes
Gebrauch gemacht. Bis 1890 hielten die Syndikate der Unternehmer
denen der Arbeiter die Waage; erst seit dieser Zeit steigen die
letzteren rascher. Die von ihnen verfolgten Aufgaben sind neben der
Statistik die Hebung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse in allen
Beziehungen, also insbesondere Erhöhung der Löhne und Verkürzung
der Arbeitszeit, Arbeitsnachweis, Regelung des Lehrlingswesens,
sowie Gründung von Kassen für Durchführung von Streiks und zur
Unterstützung in Fällen von Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit.
Die meisten haben auch Bibliotheken eingerichtet. Der Bericht von
1895 giebt den Arbeitersyndikaten das Zeugnis, daß sie beherrscht
sind durch eine alles Lobes und aller Anerkennung würdige Mäßigung
und Weisheit, wenn man sie mit der Arbeiterbewegung anderer Länder
vergleicht. Im Jahre 1895[35] bestanden bei ihnen: 419 Bibliotheken,
297 Versicherungskassen, 295 Arbeitsnachweisestellen, 113
Unterrichtsanstalten, 102 Reisekassen, 94 Kassen für Arbeitslose, 43
Unterstützungskassen, 36 Konsumanstalten, 17 Produktivgenossenschaften.
Uebrigens haben alle Syndikate von der Befugnis Gebrauch gemacht, sich
zu Verbänden zusammenzuschließen.

  [35] Bis 1895 einschließlich war den Tabellen und statistischen
       Zahlen der jährlich vom _office du travail_, einer Abteilung des
       Handelsministeriums, herausgegebenen _Annuaires des syndicats
       professionels_ eine erläuternde Einleitung vorangeschickt, der
       die folgenden Angaben entnommen sind; für 1896 und 1897 ist sie
       fortgelassen.

Das Wachstum und die jetzige Ausdehnung der Syndikate ergiebt folgende
Tabelle. Es gab

  -----------------------------------------------------------------------
           |  Industrielle und kommerzielle  |                 |
           |          Syndikate              |                 |
  im Jahre |---------------------------------| Landwirtschaftl.| Zusammen
           |Unternehmer| Arbeiter| Gemischte |   Syndikate     |
  ---------+-----------+---------+-----------+-----------------+---------
    1884   |    101    |    68   |      1    |         5       |    175
    1885   |    285    |   221   |      4    |        39       |    549
    1886   |    359    |   280   |      8    |        93       |    740
    1887   |    598    |   501   |     45    |       214       |   1358
    1888   |    859    |   725   |     78    |       461       |   2123
    1889   |    877    |   821   |     69    |       557       |   2324
    1890   |   1004    |  1006   |     97    |       648       |   2755
    1891   |   1127    |  1250   |    126    |       750       |   3253
    1892   |   1212    |  1589   |    147    |       863       |   3811
    1893   |   1397    |  1926   |    173    |       952       |   4448
    1894   |   1518    |  2178   |    177    |      1092       |   4965
    1895   |   1622    |  2163   |    173    |      1188       |   5146
    1896   |   1730    |  2253   |    169    |      1275       |   5427
    1897   |   1823    |  2316   |    170    |      1371       |   5680

Die Anzahl der Mitglieder ist nur für die Zeit seit 1890 veröffentlicht
und ergiebt sich aus folgender Tabelle:

  ========================================================================
        |          $Mitgliederbestand der Syndikate$           |
  $Jahr$|------------------------------------------------------| Zusammen
        |    der      |   der     |    der     | der landwirt- |
        | Unternehmer |  Arbeiter | gemischten |  schaftlichen |
  ======+=============+===========+============+===============+==========
   1890 |    93411    |   139692  |    14096   |     234234    |   481433
   1891 |   106157    |   205152  |    15773   |     269298    |   596380
   1892 |   102549    |   288770  |    18561   |     313800    |   723680
   1893 |   114176    |   402125  |    30052   |     353883    |   900236
   1894 |   121914    |   403440  |    29124   |     378750    |   933228
   1895 |   131031    |   419781  |    31126   |     403261    |   585199
   1896 |   141877    |   422777  |    30333   |     423492    |  1018479
   1897 |   159293    |   431794  |    32237   |     438596    |  1061920

Die Verteilung auf die Syndikate ist eine sehr verschiedene; sie
ergiebt sich aus folgender für den 1. Juli 1894 gültigen Tabelle:

  Spaltenüberschriften:
  A = Unternehmer
  B = Arbeiter
  C = gemischte
  D = landwirtschaftl.

  ===================================================
                  |     $Syndikate$       |
  $Mitgliederzahl$|-----------------------| Zusammen
                  |  A  |  B  |  C  |  D  |
  ================+=====+=====+=====+=====+==========
   20 u. darunter | 314 | 294 |  30 |  48 |    686
       21-   50   | 578 | 613 |  50 | 174 |   1415
       51-  100   | 287 | 386 |  43 | 199 |    915
      101-  200   | 140 | 319 |  25 | 195 |    679
      201-  500   |  56 | 205 |   9 | 184 |    454
      501- 1000   |  13 |  62 |   7 |  77 |    159
     1001- 2000   |   5 |  27 |   8 |  55 |     95
     2001- 5000   |   3 |  10 |   1 |  14 |     28
     5001-10000   |   1 |   7 |  -- |   4 |     12
     über 10000   |  -- |   3 |  -- |   2 |      5

An Verbänden von Syndikaten gab es:

  Spaltenüberschriften:
  A = Unternehmer
  B = Arbeiter
  C = gemischte
  D = landwirtschaftl.
  E = Zusammen

  ============================================
      $Jahr$    |  A  |  B  |  C  |  D  |  E
  ==============+=====+=====+=====+=====+=====
           1884 | 10  | 10  | --  | --  |  20
           1885 | 12  | 13  | --  | --  |  25
           1886 | 13  | 13  | --  |  2  |  28
           1887 | 16  | 15  | --  |  7  |  38
           1888 | 17  | 15  | --  |  9  |  41
   1. Juli 1889 | 18  | 16  | --  |  8  |  42
       "   1890 | 22  | 24  |  1  |  9  |  56
       "   1891 | 22  | 27  |  5  |  9  |  63
       "   1892 | 24  | 47  |  8  | 14  |  93
       "   1893 | 29  | 61  | 11  | 16  | 117
       "   1894 | 29  | 72  |  9  | 15  | 126
       "   1895 | 38  | 79  |  9  | 17  | 143
       "   1896 | 42  | 86  |  8  | 19  | 155
       "   1897 | 46  | 92  |  8  | 20  | 166

Die Zahl der in diesen Verbänden vereinigten Syndikate und deren
Mitgliederbestand ergiebt sich aus folgender Tabelle:

  Spaltenüberschriften:
  A = Unternehmer
  B = Arbeiter
  C = gemischte
  D = landwirtschaftliche

  =======================================================================
          |  $Zahl der Syndikate$  ||   $Mitglieder der Syndikate$
   $Jahr$ |-------------------------------++-----------------------------
          |  A  |   B  | C  |   D  ||   A   |    B   |   C  |    D
  ========+=====+======+====+======++=======+========+======+============
    1894  | 498 |  896 | 35 |  729 || 61509 | 132986 | 2394 | 537966
    1895  | 672 | 1191 | 35 |  821 || 80261 | 334824 | 2518 | 565318
    1896  | 730 | 1248 | 34 |  876 || 84677 | 336491 | 2807 | 590121
    1897  | 783 | 1320 | 36 | 1006 || 89016 | 326835 | 3395 | 596534[36]

  [36] Daß diese Ziffer größer ist, als die der Mitglieder der Syndikate
       selbst, beruht auf mangelhaften Angaben der letzteren.

Ein ziemlich erhebliches Schwanken in der Syndikatsbewegung ergiebt
sich daraus, daß viele sich auflösten und andere sich neu bildeten. So
wurden 1897

  Spaltenüberschriften:
  A = Unternehmer
  B = Arbeiter
  C = gemischte
  D = landwirtschaftliche
  E = Zusammen

  ========================================================================
             |         $Syndikate$         ||     $Syndikatsverbände$
             |-----------------------------++-----------------------------
             |  U  |  A  |  G  |  L  |  Z  ||  U  |  A  |  G  |  L  |  Z
  ===========+=====+=====+=====+=====+=====++=====+=====+=====+=====+=====
  $aufgelöst$|  87 | 167 |  7  |  48 | 309 ||  4  |  3  |  -- |  4  | 11
  $gegründet$| 180 | 230 |  8  | 144 | 562 ||  8  |  9  |  -- |  5  | 22

Die Zahl der Arbeitsbörsen, der an ihnen beteiligten Syndikate und
deren Mitglieder enthält folgende Tabelle:

  ======================================================================
   $Jahr$ | Zahl der Börsen | Zahl der Syndikate | Zahl der Mitglieder
  ========+=================+====================+======================
    1894  |       37        |         658        |        73359
    1895  |       34        |         688        |       199382
    1896  |       45        |         946        |       144727
    1897  |       49        |        1047        |       166886

Von den 49 Arbeitsbörsen waren 2 1887, 1 1888, 2 1889, 4 1890, 6 1891,
6 1892, 9 1893, 2 1894, 4 1895 und 13 1896 entstanden; 3 andere hatten
sich wieder aufgelöst. Die 48 Börsen der Provinz hatten 1896 auf 68220
Nachfragen 40061 Stellen vermittelt. Die Börse von Paris umfaßte nach
ihrem am 31. Oktober 1897 abgeschlossenen Berichte 194 Syndikate, von
denen 82 einen Arbeitsnachweis besaßen, während die Börse selbst sich
damit nicht befaßt, sondern ihre Thätigkeit in der Vertretung der
allgemeinen Klasseninteressen sieht.


III. Oesterreich[37].

In Oesterreich begegnet die Gewerkschaftsbewegung einer Reihe
schwerwiegender Hindernisse. Dazu gehört in erster Linie der Gegensatz
der verschiedenen Nationalitäten, die, abgesehen von einer gewissen
instinktiven gegenseitigen Abneigung, zugleich verbunden ist, mit einer
weitgehenden Abweichung in der hergebrachten Lebenshaltung; so fühlt
der slavische und romanische Arbeiter sich noch völlig zufrieden bei
einer Lebensweise, die dem Deutschen unerträglich ist. Ferner kommt in
Betracht die Verschiedenheit der Sprache, durch welche die Herausgabe
gemeinsamer Arbeiterblätter wesentlich erschwert wird. Außerdem
steht Oesterreich noch auf einer verhältnismäßig niedrigen Stufe der
industriellen Entwicklung. Es überwiegt einerseits die Landwirtschaft
und andererseits das Handwerk. Beide aber begünstigen nicht einen so
scharfen Interessengegensatz zwischen Arbeitern und Unternehmern, wie
die Industrie. In weitem Umfange besteht auch noch die Hausindustrie
mit ihren traurigen Verhältnissen[38].

  [37] Vgl. $Kautsky$: »Die Arbeiterbewegung in Oesterreich« in der
       »Neuen Zeit VIII (1890), S. 49 ff., 97 ff., 154 ff.«
       $Kralik$: Nutzen und Bedeutung der Gewerkschaften. Wien
       1891. Oesterreichischer Arbeiterkalender seit 1891 (Brünn).
       Verhandlungen des I. und II. sozialdemokratischen Parteitages.
       Wien 1889 u. 1891. Bretschneider, Arbeiterzeitung, erscheint seit
       1. Juli 1889. Rechenschaftsbericht der Gewerkschaftskommission
       Oesterreichs für die Zeit vom 1. Januar 1894 bis 31. Oktober 1896
       und Protokoll des II. österreichischen Gewerkschaftskongresses.
       Wien 1896. Hueber: Einige sonstige Litteratur ist bei den
       einzelnen Organisationen angegeben.

  [38] Nach der Berufszählung von 1890 waren im cisleithanischen
       Oesterreich beschäftigt in

       die Landwirtschaft                     13351370 Personen = 55,9 %
       die Industrie                           6155510    "     = 25,8 "
       Handel und Verkehr                      2115313    "     =  8,8 "
       öffentlichen Dienst und freien Beruf    2273211    "     =  9,5 "

Im Jahre 1880 betrug der Anteil der Landwirtschaft noch 59,9%, der
Industrie 24,6%, des Handels 7%. In Deutschland ergab die Zählung von
1895 für Landwirtschaft 35,7%, für Industrie 39,1%.

Die Gesetzgebung enthält für die Gewerkschaftsbewegung teils günstige,
teils ungünstige Momente. Zu den ungünstigen gehört die Bestimmung des
Vereinsgesetzes, noch welcher den Vereinen verboten ist, Beschlüsse zu
fassen, durch welche sie sich eine Autorität in irgend einem Zweige der
Gesetzgebungs- oder Exekutivgewalt anmaßen. Auf Grund dieser Bestimmung
hat z. B. die Wiener Polizeibehörde 1888 den Fachverein der Bäcker
geschlossen, weil derselbe statistische Erhebungen über die Lage der
Bäckereiarbeiter unternommen hatte. Das frühere Koalitionsverbot ist
freilich durch Gesetz vom 7. April 1870 aufgehoben, aber den Behörden
steht das Recht zu, beschäftigungslose Personen in die Heimatgemeinde
abzuschieben, wovon vielfach gegen streikende Arbeiter Gebrauch gemacht
wird. Eine günstige Einrichtung dagegen liegt in der gesetzlichen
Zwangsorganisation, die für das Kleingewerbe bereits durchgeführt und
für die Großindustrie und den Bergbau ins Auge gefaßt ist. Sowohl
Arbeiter als Arbeitgeber sind hiernach durch gesetzliche Bestimmung zu
bezirksmäßig abgegrenzten Vereinigungen verbunden. Die Arbeiterschaft,
insbesondere soweit sie unter sozialdemokratischem Einflusse steht,
verhielt sich anfangs diesen Gehülfenverbänden gegenüber wegen ihres
Zwangskarakters durchaus ablehnend. Aber bald überwog die Ansicht, daß
man sich den durch sie gebotenen Vorteil nicht entgehen lassen dürfe,
und so hat ein im Jahre 1890 abgehaltener allgemeiner Gewerkschaftstag
beschlossen, die Zwangsgenossenschaften thunlichst für die Zwecke der
Arbeiterbewegung zu verwerten, wobei der Umstand, daß in denselben alle
Arbeiter vereinigt sind, daß aber den fortgeschritteneren naturgemäß
die Führung zufällt, und daß der Gehülfenausschuß eine staatlich
anerkannte Behörde bildet, als besonders bedeutungsvoll hervorgehoben
wurde.

Die erste umfassende Begründung von $Gewerkvereinen$ erfolgte
zum Beginn der 70er Jahre, nachdem 1870 durch die Aufhebung des
Koalitionsverbotes ein freier Spielraum geschaffen war. Ende der 70er
Jahre sollen etwa 30000 Arbeiter gewerkschaftlich organisiert gewesen
sein. Aber einerseits wurde dieser Aufschwung durch die spätere
ungünstige wirtschaftliche Entwicklung stark gedämpft, andererseits
führte das Uebergewicht, welches der Anarchismus zeitweilig in der
Arbeiterbewegung erlangte, zu einer gegnerischen Haltung der Behörden
und insbesondere zur Verhängung eines Ausnahmezustandes durch ein dem
deutschen Sozialistengesetze entsprechendes Gesetz. So zählte man 1888
nur 15000 Mitglieder der Gewerkschaften.

Ein Umschwung erfolgte erst seit dem vom 30. Dezember 1888 bis
1. Januar 1889 in $Hainfeld$ abgehaltenen $ersten Parteitage der
österreichischen Sozialdemokratie$, auf dem es unter Zurückdrängung
der anarchistischen und antiparlamentarischen Elemente gelang, eine
einheitlich organisierte österreichische sozialdemokratische Partei
zu schaffen. Hier wurde auch die Stellung zu den Gewerkschaften
behandelt und beschlossen, deren Gründung mit möglichster Heranziehung
der männlichen und weiblichen Hilfsarbeiter zu empfehlen, wobei
man betonte, daß ein Gegensatz zwischen der politischen und der
gewerkschaftlichen Bewegung nicht bestehe und nur mit Rücksicht auf die
bestehende Gesetzgebung beide getrennt vorzugehen gezwungen seien.

Auch auf dem $zweiten sozialdemokratischen Parteitage$ in
$Wien$ (28.-30. Juni 1891) wurde das Thema »Stand und Ziele der
gewerkschaftlichen Organisation« behandelt. Obgleich man erklärte,
Ziffern über den Bestand nicht angeben zu können, so wurde doch
behauptet, daß seit 1889 die Zahl der Vereine sich verdoppelt, die
der Mitglieder sich verdreifacht habe. Die Gesamtzahl der Fach- und
Gewerkschaftsvereinen wurde auf 300, die der Mitglieder auf 600000
geschätzt. Es wurde dabei wiederholt betont, daß die Gewerkschaften nur
die Bedeutung einer Erziehung für die Sozialdemokratie haben dürften,
daß allerdings manche derselben humanitäre Bestrebungen, insbesondere
das Kassen- und Versicherungswesen zu stark in den Vordergrund
treten ließen und in einigen sich geradezu eine Arbeiteraristokratie
entwickelt habe, in der ein konservativer Geist großgezogen würde, wie
ja früher die Arbeiter für die Ideen von Schultze-Delitzsch geschwärmt
hätten, daß aber auf eine Umwandlung zu hoffen sei. Eine Resolution
empfahl die Förderung der Gewerkschaften auf föderativer Grundlage
doch mit der Einschränkung, »daß durch die Gewerkschaftsorganisation
die sozialdemokratische Bewegung in keiner Weise hintangesetzt werden
darf.« Die Gewerkschaften sollen sich über ganze Kronländer, womöglich
über das ganze Reich erstrecken; wo das nicht angeht, sind lokale
Vereine zu gründen, doch soll die Schaffung eines das ganze Reich
umfassenden Verbandes angestrebt werden. Solange dies nicht gelungen
ist, sollen regelmäßig Delegiertentage die Verbindung vermitteln.
In den Vereinen sind auch die nicht qualifizierten Arbeiter und die
Frauen aufzunehmen. Als Aufgaben der Gewerkschaften wurden bezeichnet:
die Arbeitsvermittelung, die Schaffung von Widerstandsfonds, die
Unterstützung der Arbeitslosen sowohl am Orte als auf der Reise und die
Gewährung von Rechtsschutz. Die Resolution schloß mit der Aufforderung,
allenthalben in Oesterreich Gewerkschaftsvereine zu gründen.

Die späteren Parteitage haben sich mit der Gewerkschaftsfrage nicht
mehr beschäftigt, vielmehr unternahm man es bald, eine eigene
gewerkschaftliche Organisation zu schaffen. Den Anlaß hierzu bot der
Beschluß des englischen _trade unions_ Kongresses in Glasgow 1892,
gleichzeitig mit dem für 1893 in Zürich geplanten internationalen
Arbeiterkongresse einen internationalen Gewerkschaftskongreß zu
berufen. Um diesen Plan zu vermitteln, bildete sich ein Komitee
der Wiener Gewerkschaften, das einen Protest gegen den Versuch,
zwischen den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie einen Gegensatz
zu schaffen, veröffentlichte, aber zugleich beschloß, die Schaffung
einer Gesamtorganisation der österreichischen Gewerkschaften ins
Leben zu rufen und zunächst selbst die Aufgabe einer provisorischen
Gewerkschaftskommission übernahm.

Nach mühevollen Vorarbeiten gelang es, den I. österreichischen
Gewerkschaftskongreß[39] zustande zu bringen, der vom 24.-27. Dezember
1893 in Wien tagte. Auf demselben waren 194 Vereine mit angeblich
50000 organisierten Arbeitern durch 270 Abgeordnete vertreten. Davon
entfielen 69 Vereine mit 158 Vertretern auf Wien. Außerdem waren die
deutsche Generalkommission der Gewerkschaften und der schweizerische
Gewerkschaftsbund vertreten.

  [39] Der Beschluß des Kongresses, seine Verhandlungen als Broschüre
       zu veröffentlichen, ist in Ermangelung ausreichender Beteiligung
       beim Absatze desselben nicht zur Ausführung gelangt. Als Quelle
       der Darstellung konnten deshalb nur die Berichte der Zeitungen
       benutzt werden.

Der Bericht der provisorischen Generalkommission betonte die großen
Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen gehabt habe. Die Ausgaben der
Kommission hatten 576 fl. betragen gegenüber einer Einnahme von 447 fl.

Die wichtigste Aufgabe war die Schaffung einer gemeinsamen
$Organisation$. Als Zweck der $Gewerkschaften$ bezeichnete man: »Die
wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder allseitig zu wahren,
insbesondere durch Maßnahmen zur Erzielung bezw. Erhaltung möglichst
günstiger Arbeitsbedingungen beizutragen.«

Die nächsten $praktischen Aufgaben$ sollen sein:

»1. Regelung der Arbeits- und Lohnverhältnisse sowie Beseitigung von
Mißständen in den einzelnen Betrieben und dem ganzen Gewerbe.

2. Regelung des Vermittelungswesens und Errichtung von Herbergen.

3. Pflege der Statistik.

4. Einführung bezw. Regelung der Reiseunterstützung.

5. Beseitigung der Lehrlingsausbeutung.«

Die Gewerkschaften sollen sich auf das ganze Kronland erstrecken; in
allen Orten, wo eine genügende Anzahl von Berufsgenossen vorhanden
ist, sind Ortsgruppen zu errichten. Die Gewerkschaften haben sich
mit den verwandten Berufsorganisationen unter einheitlicher,
aus Vorstandsmitgliedern sämtlicher dabei in Betracht kommender
Berufsorganisationen bestehender Leitung zu Gruppenorganisationen in
der Form der $Industrieverbände$ zu vereinigen. Deren Aufgaben sind:

1. Möglichst planmäßige und auf gemeinschaftliche Kosten zu betreibende
Agitation für die zur Industriegruppe gehörenden Berufsorganisationen.

2. Herausgabe eines gemeinschaftlichen Organs, das so eingerichtet
sein muß, daß den Interessen sämtlicher dabei in Betracht kommender
Organisationen Rechnung getragen wird.

3. Streiks, die innerhalb der zur betreffenden Gruppe
gehörenden Industriezweige notwendig werden, von den einzelnen
Berufsorganisationen aber nicht wirksam geführt werden können,
sind, nachdem sie in der Industriegruppe gutgeheißen worden, auf
gemeinschaftliche Kosten im prozentualen Verhältnis zur Mitgliederzahl
zu führen.

4. Die Berufsstatistik der einzelnen Organisationen zu führen und für
die Veröffentlichung der Resultate zu sorgen.

5. Die für die zur Industriegruppe gehörigen Berufe errichteten
Herbergen, Zahlstellen für Reiseunterstützung, Rechtsschutz u. s. w. in
einzelnen Städten sowie im ganze Reiche möglichst zu zentralisieren.

Für die Zeit, bis die Industrieverbände genügend ausgebaut sind, um
einen geschlossenen Verband bilden zu können, wurde zur Regelung der
gemeinsamen Angelegenheiten eine zentrale Körperschaft in Form einer
aus je einem Vertreter der verschiedenen Industriegruppen gebildeten
$Gewerkschaftskommission$ eingesetzt. Dieselbe hat sich durch je
einen Vertrauensmann der Gewerkschaften in der Hauptstadt eines
jeden Kronlandes zu ergänzen und ist dem Kongresse für ihr Gebahren
verantwortlich. Ihre Aufgaben sind:

1. Die Betreibung der Organisation und Agitation in denjenigen
Industrien und Gruppen, deren Angehörige teilweise oder noch gar nicht
organisiert sind, mit besonderer Berücksichtigung der Provinz.

2. Gründung von Widerstandsfonds.

3. Die Statuten des Vereins, sowie der Verbände zu einem Einheitlichen
und Praktischen zusammenzustellen.

4. Das Unterstützungswesen, als: Rechtsschutz-, Reise-, Herbergs- und
Vermittelungswesen u. s. w. zu zentralisieren durch Anstrebung der
Errichtung von Arbeitsbörsen.

5. Die in den einzelnen Vereinen aufgenommenen Statistiken zu einer
einheitlichen zusammenzustellen, sowie statistische Aufzeichnungen über
sämtliche Streiks zu führen.

6. Verbände für zusammengehörende Industriegruppen, sowie einen
Zentralverband aller Verbände zu bilden.

7. Veröffentlichung aller die gewerkschaftliche Organisation
betreffenden Angelegenheiten durch das Korrespondenzblatt für die
Vorstände und Vertrauensleute.

8. Regelung der Fachpresse.

9. Einen Gewerkschaftskongreß mit Zustimmung der Mehrheit der
Organisationen einzuberufen.

Die Kommission hält ihre Sitzungen nach Bedarf und wählt aus ihrer
Mitte einen Sekretär.

Die Organisationen haben:

1. für Mitglied und Monat einen Kreuzer an die Gewerkschaftskommission
zu leisten. Von diesen Beiträgen sind zunächst die Kosten des Blattes,
der Verwaltung, Agitation u. s. w. zu bestreiten;

2. die statistischen Erhebungen der Kommission zur allgemeinen
Zusammenstellung und Veröffentlichung zu übermitteln, sowie einen
vierteljährlichen Bericht über Arbeitslosen- und Reiseunterstützung,
Rechtsschutz und Vermittelungswesen u. s. w. einzusenden resp.
diesbezügliche Fragebogen der Kommission genau zu beantworten;

3. von etwaigen Streiks der Kommission zu berichten, womöglich und nach
Thunlichkeit deren Gutachten einzuholen;

4. sich bei Streiks gegenseitig zu unterstützen oder, wenn es die
Notwendigkeit erheischt, daß einzelne Industriezweige sich dem Streik
anschließen, dasselbe zu vollführen;

5. zu den Verbandstagen und Kongressen die Kommission einzuladen;

6. die Beschlüsse der Kommission, und sowohl der gemeinsamen Kongresse
der Vertreter der Vereine wie der Gewerkschaftskongresse, zu beachten
und einzuhalten;

7. die Kommission bei den Erhebungen über Statistik zu unterstützen;

8. Vorschläge in Bezug auf Organisation zu machen.

Die Gruppeneinteilung, wie sie vom Kongresse beschlossen wurde, ist
folgende:

I. Bauarbeiter. II. Bekleidungsindustrie. III. Bergarbeiter. IV.
Chemische Industrie. V. Eisen- und Metallindustrie. VI. Gas- und
Wasserarbeiter. VII. Glas-, Porzellan- und Thonwarenindustrie.
VIII. Graphische Fächer und Papierindustrie. IX. Handelsgewerbe
und Handelsangestellte. X. Holzarbeiter. XI. Horn-, Bein- und
Schildkrotindustrie. XII. Landwirtschaftliche Gruppen. XIII.
Lebensmittelbranche. XIV. Ladenindustrie. XV. Textilindustrie.
XVI. Verkehrs- und Transportwesen. XVII. Weibliche, Hand- und
Maschinenindustrie.

Die $Stellung zur Politik$ wurde in einem Beschlusse niedergelegt,
in dem, mit der Erwägung, daß es Zweck der gewerkschaftlichen
Organisation sei, eine Kampfes- und Widerstandsorganisation zu sein,
deren vornehmste Pflicht darin besteht, die Folgen der kapitalistischen
Produktionsweise zu mildern und zu beseitigen und die Arbeiterschaft
vor gänzlicher physischer wie geistiger Degeneration zu bewahren,
als Aufgabe bezeichnet wird, die wirtschaftlichen Interessen der
Arbeiterschaft zu wahren, daneben aber, um den Kampf nach allen Seiten
hin erfolgreich durchführen zu können, auch die politischen Mittel
zum Zweck nicht zu vergessen; deshalb habe die gewerkschaftliche
Organisation sich voll und ganz auf den Boden und die Prinzipien der
$Sozialdemokratie$ zu stellen.

An sonstigen Beschlüssen sind noch folgende zu erwähnen:

Da die Gewerkschaften in verschiedenen Kronländern noch sehr
schwach und bloß $Bildungs$- und $Unterstützungsvereine$ vorhanden
sind, so sollen die sämtlichen derartigen Arbeitervereine
in die Gewerkschaftsorganisation einbezogen werden. Diese
Bildungs-, Fach- und Gewerkvereine der Provinz und Wiens sind der
Gewerkschaftsorganisation zuzuzählen, sobald sie ihr Statut in die von
der Gewerkschaftskommission vorzuschlagende Normalfassung bringen.

Jeder Arbeiter, der sich als Genosse bekennt, muß auch Mitglied der
Gewerkschaft seiner Branche sein.

Die Regelung der $Fachpresse$ bleibt den einzelnen verbündeten
Organisationen der verwandten Berufe vorbehalten, doch wurde das schon
vorläufig von der Generalkommission herausgegebene $Korrespondenzblatt$
für sämtliche Gewerkschaften des Reiches womöglich mit dreimaligem
Erscheinen im Monate beibehalten. Dasselbe soll in deutscher und nach
Möglichkeit in tschechischer Sprache erscheinen. Kleine Organisationen
sollen sich zur Herausgabe eines gemeinschaftlichen Fachblattes
vereinigen; doch sollen im allgemeinen die kleinen Branchenblätter
abgeschafft und durch Verschmelzung zu großen leistungsfähigen Blättern
umgestaltet werden.

$Streiks$ sind bei der jeweiligen Kronlandszentralleitung anzumelden,
die unverzüglich die Gewerkschaftskommission zu verständigen hat.
Dies gilt für Streiks, die zum Zweck der Lohnverbesserung geführt
werden, unbedingt; sie sollen nur eintreten, nachdem sie gutgeheißen
sind. Streiks wegen Lohnverkürzung oder aus anderen Ursachen, welche
nicht vorhergesehen werden können, sind nach Möglichkeit vorher
anzuzeigen. Streiks, welche weder bei der Gewerkschaftskommission
noch bei der Kronlandszentralleitung angezeigt sind, verlieren,
wenn der Ausbruch nicht ein unvorhergesehener und durch begründete
Umstände bedingt ist, den Anspruch auf Unterstützung, doch darf die
Gelegenheit zur Entgegennahme freiwilliger Beiträge gegeben werden.
Auch nichtorganisierte Arbeiter soll die Organisation nach Kräften bei
Streiks unterstützen, um sie dadurch zum Beitritt zu gewinnen.

Boykotts können von der Kommission angeordnet werden und sind dann von
den beteiligten Organisationen zur Ausführung zu bringen.

Nach langen Verhandlungen über den Generalstreik wurde von einer
Beschlußfassung darüber abgesehen, dagegen beschloß man, die Feier des
1. Mai zu empfehlen. --

War hiermit die Grundlage einer umfassenden Gewerkschaftsorganisation
gelegt, so boten sich doch bei der Ausführung sehr große
Schwierigkeiten, die durch die Wahl eines ungeeigneten Sekretärs
noch vermehrt wurden; insbesondere fiel es schwer, die Vereine an
regelmäßige Beiträge zu gewöhnen.

Als erste Aufgabe betrachtete es die Gewerkschaftskommission, in den
einzelnen Kronländern $Zentralleitungen$ zu bilden; solche wurden 1894
und 1895 in Mähren, Schlesien, Ober- und Niederösterreich, Salzburg,
Tirol und Vorarlberg, Böhmen, Steiermark, Kärnten, Buckowina und
Galizien geschaffen. Ihre Ergänzung fanden sie in $Vertrauensmännern$,
denen ein Hauptteil der Arbeit zufiel. Eine ganze Anzahl von Vereinen
wurde durch deren Mitwirkung ins Leben gerufen.

Die $Regierung$ stellte sich von Anfang an nicht unfreundlich zu
der Gewerkschaftskommission, ja als es sich 1895 darum handelte,
eine offizielle Statistik über den Stand der Arbeitsvermittelung
in Oesterreich aufzunehmen, wurde von der k. k. Zentralkommission
für Statistik die Gewerkschaftskommission sowie einige große
Gewerkschaften, wie die Metallarbeiter, Schneider u. s. w.
eingeladen, ihr Gutachten über die von der Regierung vorgelegten
Fragebogen abzugeben. Auf Wunsch des statistischen Departements
des Handelsministeriums übernahm es die Gewerkschaftskommission,
als Erhebungsstelle für die Gewerkschaften und Bildungsvereine
zu fungieren. In gleicher Weise ist man bei Besetzung der neu
geschaffenen, dem Amte für Arbeitsstatistik beigegebenen ständigen
Arbeitsbeiräte, die am 1. Oktober 1898 in Wirksamkeit getreten sind,
vorgegangen, indem sich der Handelsminister bei Auswahl der acht
Arbeitervertreter mit den Arbeiterorganisationen ins Einvernehmen
gesetzt und zwei von der Organisation der christlich-sozialen
Arbeiter vorgeschlagene sowie sechs von der Gewerkschaftskommission
empfohlenene Personen ernannt hat. Dafür erklärte auch der Sekretär
der Gewerkschaftskommission, $Hueber$, in der Eröffnungssitzung vom
26. September 1898, daß das neue Amt jederzeit die Unterstützung
der organisierten Arbeiterschaft haben würde und die Arbeiter alles
daransetzen wollten, um ihren guten Willen zur Mitarbeit zu beweisen.
In Deutschland würde eine solche Anerkennung der Arbeiterorganisationen
von der Bureaukratie als gleichbedeutend mit der Unterwerfung des
Staates unter die Sozialdemokratie betrachtet werden. So ist es denn
begreiflich, daß, wie an anderer Stelle[40] dargelegt, auch die
Unternehmer den Arbeitern gegenüber eine ganz anderen Haltung als in
Deutschland einnehmen und infolge davon die soziale Entwicklung einen
wesentlich anderen Gang genommen hat.

  [40] Vgl. unten.

Der Rechenschaftsbericht der Kommission für 1895 und 1896 führt
lebhafte Klage über planlose und deshalb mit großen Opfern verlorene
$Streiks$. Er macht geltend, der Standpunkt mancher Organisation:
»Nun stehen wir im Streik und müssen unterstützt werden,« müsse
vertauscht werden mit dem entgegengesetzten der Kommission: »Zuerst
der Widerstandsfonds, die Einwilligung der Organisation, dann erst zum
Streik.«

Ein besonderer Abschnitt wird in dem Berichte den
$Arbeiterbildungsvereinen$ gewidmet. In Oesterreich bestehen danach
230 deutsche und 289 tschechische, zusammen also 519 solcher Vereine.
Von den deutschen haben 157 = 70%, von den tschechischen nur 81 =
28% die Fragebogen beantwortet; wie der Bericht meint, hat dabei
das Mißtrauen der tschechischen Vereine gegen die als »deutsch«
verschrieene Kommission mitgewirkt. Von den Vereinen hatten sich bis
1896 39 aufgelöst. Die 238 Vereine, aus denen Angaben vorlagen, hatten
19508 Mitglieder, von denen 2256 Frauen waren, mit einer Gesamteinnahme
von jährlich 36747 fl., einer Gesamtausgabe von 24657 fl. und einem
Vermögensbestande von 12220 fl. Nach dieser Ziffer wird der gesamte
Mitgliederbestand der 519 Vereine auf 33400 geschätzt, von denen 20%
auch den Gewerkschaften angehören. Die meisten Arbeiterbildungsvereine
haben auch Fachblätter, Arbeitslosen- und Waisenunterstützung,
Rechtsschutz und Streikgeld, stehen also den Gewerkschaften sehr nahe.

Vom 25. bis 30. Dezember 1896 hat dann der $zweite österreichische
Gewerkschaftskongreß$ in Wien stattgefunden. Auf demselben waren 243
Vereine mit 91966 Mitgliedern durch 228 Abgeordnete vertreten. Nach dem
mündlichen Berichte des Referenten $Hueber$ umfaßte die Organisation
Ende Juni 1896 105000 Mitglieder; insgesamt seien die organisierten
Arbeiter Oesterreichs auf 150000 zu veranschlagen, was bei einer
Gesamtzahl von acht Millionen noch nicht 2% bedeutet. Die Beiträge
wurden an die Kommission 1894 für 37500, 1895 72883 und 1896 für 95900
Mitglieder bezahlt. Als Organ wurde »Die Gewerkschaft« ins Leben
gerufen, die schon bald in erweitertem Umfange erscheinen mußte.

Der erste Gegenstand der Tagesordnung, der Bericht der
Generalkommission, führte zu lebhaften Auseinandersetzungen, wobei
namentlich die Tschechen sich über Vernachlässigung beklagten.
Ebenso wurde es getadelt, daß die sozialdemokratische Partei
Oesterreichs nicht offiziell eingeladen sei, doch wurde dies mit der
Rücksicht auf die Polizei entschuldigt; übrigens war sie durch drei
Abgeordnete vertreten. Auch $Legien$ als Vertreter der reichsdeutschen
Gewerkschaften war anwesend.

Weitaus die meiste Zeit nahm die Beratung über die $Organisation$
in Anspruch. Die Gewerkschaftskommission hatte einen Entwurf
aufgestellt, der auf dem Grundsatze möglichster Zentralisation
beruhte. Die Grundlage sollten Vereine der einzelnen Berufe bilden,
die sich zu großen, das ganze Reich umfassenden Zentralverbänden
zusammenzuschließen hätten. Die Zentralverbände verwandter Berufe
sollten sich zu Industrieverbänden vereinigen, doch waren diese nur als
Vorstufe gedacht, denn überall, wo es möglich sei, sollte die Auflösung
der Berufsgewerkschaften und die Bildung von Unionen angestrebt
werden. Der Unterschied dieser gegenüber den Industrieverbänden beruht
darauf, daß, während die letzteren die Berufsgewerkschaften, und zwar
sowohl die Ortsvereine wie die Zentralverbände bestehen lassen und
lediglich unter ihnen eine föderative Vereinigung schaffen, die Unionen
eine völlige Verschmelzung der verwandten Berufe darstellen, so daß
schon in den Ortsgruppen nicht die einzelnen Berufe, z. B. Maurer,
Zimmerer, Dachdecker, Hülfsarbeiter u. s. w., sondern die Gesamtheit
der beteiligten Gruppen, z. B. der Bauarbeiter zusammengefaßt ist.
Zur Erledigung der lokalen Angelegenheiten, wie Herbergswesen,
Arbeitsnachweis, Abhaltung von Vorträgen u. s. w. sollten übrigens
an allen Orten aus allen dort vertretenen Arbeiterorganisationen
Ortsverbände gebildet werden. Die Bildungsvereine sollten überall
aufgelöst und nur da, wo die örtlichen Verhältnisse die Schaffung
von Berufsgewerkschaften oder von Ortsgruppen der Unionen nicht
gestatteten, »allgemeine (gemischte) Gewerkschaften« zugelassen werden.

Diese Vorschläge fanden jedoch lebhaften Widerspruch, indem darauf
hingewiesen wurde, daß man mit dem Zusammengehörigkeitsgefühle
innerhalb der einzelnen Berufsarten als einer Thatsache rechnen
müsse, die man durch Tadel über Kastengeist und Berufsdünkel nicht
aus der Welt schaffe; man werde niemals erreichen, daß Modelleure
sich mit Ziegelarbeitern, Bildhauer mit Bauarbeitern zu einer Union
zusammenschlössen, selbst die Maurer pflegten den Hülfsarbeitern den
Beitritt zu versagen. Das Ergebnis des langwierigen Redekampfes war,
daß, nachdem anfangs die Annahme des Vorschlages der Kommission mit
38844 gegen 37019 Stimmen verkündet war, eine nochmalige Zählung die
Ablehnung mit 37163 gegen 36555 Stimmen ergab, wobei 11221 Stimmen
nicht abgegeben waren.

Bei den Verhandlungen wurde auch das Verhältnis zur Sozialdemokratie
gestreift und erwähnt, daß einzelne Gewerkschaften sich zu ihr in
scharfem Gegensatze befänden und sozialdemokratische Redner nicht
einmal zum Worte zuließen.

Der gegen die $Arbeiterbildungsvereine$ gerichtete Antrag der
Kommission, der freilich von einigen Seiten mit dem Hinweise auf die
Möglichkeit, durch sie die Arbeiterschaft für die Bewegung zu gewinnen,
bekämpft, von der Mehrheit oder wegen der Rückständigkeit jener
Bestrebungen unterstützt wurde, fand schließlich insofern Annahme, daß
die Auflösung der bestehenden Vereine gefordert und die Neubildung
untersagt wurde, doch wurden die vorgeschlagenen »allgemeinen
Gewerkschaften« gestrichen.

Ein weiterer erbitterter Streit betraf die Anstellung eines selbständigen
$tschechischen Sekretärs$ bei der Gewerkschaftskommission. Für diese
Forderung wurde geltend gemacht, daß die tschechischen Arbeiter dies als
Zugeständnis an ihre Nationalität beanspruchten, während die Gegner teils
einen solchen Gesichtspunkt als grundsätzlich unzulässig bekämpften, da
die Interessen der Arbeiter nicht durch die Nationalitätsunterschiede
berührt würden, teils sich darauf beriefen, daß die Forderung praktisch
unausführbar sei, da sie zu einer Zweiteilung der Gewerkschaftskommission
selbst führen müsse. Als der Antrag abgelehnt und nur beschlossen war,
daß einer der beiden Angestellten, der Sekretär oder sein Stellvertreter,
der tschechischen Sprache völlig mächtig sein müsse, zogen sich die
tschechischen Abgeordneten zu einer Sonderberatung zurück, als deren
Ergebnis sie verkündeten, daß sie gegen die Majorisierung protestierten
und es den Organisationen im Lande überlassen müßten, zu beschließen, was
weiter zu geschehen habe.

Der an die Gewerkschaftskommission monatlich zu zahlende Beitrag wurde
unter Ablehnung des Kommissionsantrages, der 1-1/2 Kr. forderte, auf
1 Kr. festgesetzt.

Der Wortlaut der auf die $Organisation$ bezüglichen Beschlüsse ist
folgender:

1. »Bildungs- und Lesevereine und gemischte Gewerkschaften, die
aus Mitgliedern bestehen, für deren Branchen eine Ortsgruppe oder
Zahlstelle der Berufsorganisation auf Grund der am Orte beschäftigten
Arbeiter eines Berufes möglich ist, haben sich in Ortsgruppen oder
Zahlstellen der betreffenden Berufsorganisation umzuwandeln. Die
Gründung von Bildungs- und Lesevereinen hat in Zukunft zu unterbleiben.

2. Gründung von Berufsgewerkschaften und Verbänden, welche sich auf das
ganze Reich zu erstrecken haben.

3. Verbindung verwandter Berufsgewerkschaften (Verbände) zu einem
Industrieverbande.

4. Verbindung von Gewerkschaften, Fachvereinen, Ortsgruppen und
Zahlstellen zu einem Ortsverbande zum Zwecke der Zentralisation der
Arbeitsvermittelung, Errichtung von Herbergen, Abhaltung von Vorträgen
und Unterrichten am Orte.

5. Die Gewerkschaftskommission Oesterreichs, welche sich aus je
einem Vertrauensmann der Industriegruppen zusammensetzt, ist die
Gesamtvertretung der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter
Oesterreichs.«

Als $Aufgaben der Gewerkschaftskommission$ wurde neben der Durchführung
der beschlossenen Organisation unter Beobachtung der vom Kongresse
angenommenen Normalstatuten noch ferner bezeichnet: Zentralisation
des Rechtsschutz-, Herbergs- und Arbeitsvermittelungswesens durch
Anstrebung und Errichtung von Arbeitsbörsen unter ausschließlicher
Führung der Gewerkschaften, Führung einer sorgfältigen Statistik und
Aufzeichnung sämtlicher Streiks, Entgegennahme von An- und Abmeldungen
von Angriffs- und Abwehrstreiks und Beschlußfassung über dieselben,
Sammlung freiwilliger Spenden für die im Lohnkampfe stehenden
organisierten Arbeiter im Wege der freien Organisation der Branchen,
Pflege der internationalen Beziehungen zu den Gewerkschaften anderer
Länder und Einberufung der nach Bedürfnis, jedoch mindestens alle
drei Jahre abzuhaltenden Gewerkschaftskongresse, sowie Besorgung der
erforderlichen Vorarbeiten.

Zu ausgedehnten Verhandlungen führte die $Streikfrage$. Man war
allgemein darüber einig, daß freilich Streiks und Boykotts nicht zu
entbehren seien, daß aber das Mittel nur mit großer Vorsicht angewandt
werden dürfe. Leichtsinnige Streiks seien das Zeichen der Unreife
und schädigten die Organisationen. Die Gewerkschaftskommission
hatte ein eingehendes Streikreglement vorgelegt, nach dem alle
Streiks spätestens sechs Wochen vor ihrem Beginne bei der Kommission
angemeldet und nur mit deren Zustimmung unternommen werden dürften; nur
Abwehrstreiks sollten hiervon ausgenommen sein. Zur Ansammlung eines
$Zentralstreikfonds$ sollten die einzelnen Organisationen für jedes
Mitglied monatlich 1 Kreuzer an die Kommission abführen, doch sollte
jede Gewerkschaft daneben einen eigenen Widerstandsfonds gründen.
Kleine Werkstättenstreiks sollten überhaupt nicht von der Kommission
unterstützt werden.

Am heftigsten angegriffen wurde die Ansammlung eines Zentralstreikfonds
und die vorherige Anmeldung bei der Kommission, von der man
befürchtete, daß die Absicht, einen Streik einzuleiten, zur Kenntnis
der Unternehmer gelangen könnte, während andrerseits gerade eine
längere Anmeldungsfrist aus dem Grunde gefordert wurde, um dem
»Streikfieber« entgegenzuwirken. Das Ergebnis der Abstimmung war die
Ablehnung des festen Beitrages von 1 Kr.: vielmehr soll die Kommission
die Beiträge zum Streikfonds durch Sammellisten einziehen. Die
Anmeldefrist von sechs Wochen wurde gestrichen, aber die Zustimmung
der Kommission als Vorbedingung der Unterstützung beibehalten.
Ausgenommen hiervon sind nur Abwehrstreiks, doch sollen auch diese nur
im Notfalle und nur dann geführt werden, wenn eine gütliche Beilegung
sich als unmöglich erwiesen hat. Genehmigte Streiks sind durch die
»Gewerkschaft« und die »Arbeiterzeitung«[41] bekannt zu machen. Durch
eine besondere Resolution wurde für alle Streiks die größte Vorsicht
empfohlen.

  [41] Das Organ der politischen Partei.

Ein weiterer Gegenstand der Beratung war die Stellung zu der
vorgeschlagenen kommunalen $Arbeitsvermittelung$. Dieselbe wurde aus
dem Grunde abgelehnt, weil die Kommunalverwaltungen zur Zeit dem
Einflusse des Kapitales in der Weise unterworfen seien, daß ihre
Arbeitsvermittelung nur dessen Interessen dienen würde. Ebenso wurde
vor gemeinsamen Arbeitsnachweisen der Arbeiter und der Unternehmer
gewarnt und die Arbeitsvermittelung als alleinige Angelegenheit der
Gewerkschaften in Anspruch genommen.

Hinsichtlich der $Hausindustrie$ wurde deren völlige Aufhebung
und die Einrichtung von Betriebswerkstätten gefordert. Solange
dies nicht durchgeführt ist, soll die Hausindustrie unter
die Arbeiterschutzbestimmungen der Gewerbeordnung, unter die
Gewerbeinspektion und die Arbeiterversicherung gestellt werden.

Auch bei der Frage der Ausgestaltung des $Rechtsschutzes$ ergab sich
eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob derselbe den einzelnen
Gewerkschaften zu überlassen oder bei der Gewerkschaftskommission zu
zentralisieren sei; doch wurde dies letztere beschlossen.

Endlich wurde noch eine ausführliche Resolution angenommen, in der
eine Verbesserung der $Arbeiterschutzgesetzgebung$, insbesondere die
Einführung des gesetzlichen Achtstundentages und eine staatliche
Invaliditätsversicherung gefordert wurde; ebenso wurde beschlossen, an
der Feier des 1. Mai festzuhalten. Die Vergebung öffentlicher Arbeiten
ist an die Bedingung einer höchstens neunstündigen Arbeitszeit und
die Gewährung eines ausreichenden, mit den Arbeiterorganisationen zu
vereinbarenden Lohnes zu knüpfen.

Im Gegensatze zu den deutschen Verhältnissen wurde von den anwesenden
Vertretern der sozialdemokratischen Partei anerkannt, daß auch die
sozialpolitische Gesetzgebung Gegenstand der Beratungen und der
Thätigkeit der Gewerkschaften zu bilden habe.

Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie wurde der
Kongreß geschlossen. Der nächste Kongreß soll 1899 abgehalten werden. --

Die Entwicklung und die Bedeutung der österreichischen
Arbeiterorganisationen wird am besten beleuchtet durch einige
$statistische Angaben$.

Nach einer im Jahre 1893 aufgenommenen Statistik gab es damals rund
50000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter. Für Niederösterreich
wurden 136 Vereine mit 31522 Mitgliedern gezählt, von denen 56 mit
20202 Mitgliedern auf Wien und 80 mit 11320 Mitgliedern auf die Provinz
entfielen. Da die in den betreffenden Berufen beschäftigten Arbeiter in
Wien 311652 und in der Provinz 132041 betrugen, so entsprach dies einer
Beteiligung von 6-2/3, bezw. 8%.

Eine für Mähren und Schlesien vom 8./9. September 1894 in Wien
abgehaltene Konferenz, die von 123 Vertretern aus 35 Orten besucht war,
zählte für diese beiden Länder 29 Gewerkschaften mit 11859 Mitgliedern
nebst 56 Bildungsvereinen mit 5865 Mitgliedern.

Auf der am 30. Juni 1895 in Wien abgehaltenen Gewerkschaftskonferenz
wurde die Gesamtzahl der in Oesterreich bestehenden Gewerkschaften auf
591 mit 80000 Mitgliedern angegeben, neben 275 Bildungsvereinen mit
27000 Mitgliedern.

Die »Gewerkschaft« veröffentlichte auf Grund von Fragebogen, die von
750 Organisationen versandt und von 730 beantwortet waren, folgende für
den 31. Dezember 1895 berechnete Statistik:

Die Mitgliederzahl der 730 Organisationen betrug 88826, während die der
fehlenden 20 Organisationen auf 2000 geschätzt wurde. Die Verteilung
auf die einzelnen Gewerbe ergiebt folgende Tabelle:

  Spaltenüberschriften:
  A = Gesamtzahl der beschäftigten Arbeiter
  B = Gesamtzahl der organisierten Arbeiter
  C = Prozentsatz

  -------------------------------------------------------------------
             $Berufsgruppen$             ||    A    |   B   ||   C
  ---------------------------------------++---------+-------++-------
   Polygraphische Gewerbe                ||   21375 |  8258 || 38,77
   Eisenbahn- und Postdienst             ||  122318 | 17851 || 14,60
   Industrie der Steine und Erden        ||  119974 |  7591 ||  6,33
   Metallindustrie                       ||  246023 | 14867 ||  6,04
   Berg- und Hüttenwesen                 ||  139769 |  7710 ||  5,50
   Handel                                ||  287283 | 14719 ||  5,32
   Industrie der Holz- und Schnitzstoffe ||  163400 |  6673 ||  4,08
   Papier- und Lederindustrie            ||   57411 |  2070 ||  3,60
   Baugewerbe                            ||  252900 |  3251 ||  1,68
   Textilindustrie                       ||  399938 |  6265 ||  1,56
   Chemische Industrie                   ||   19312 |   281 ||  1,45
   Bekleidungsindustrie                  ||  383339 |  6614 ||  1,07
   Nahrungsmittelindustrie               ||  317600 |  3319 ||  1,04
   Sonstige Gewerbe                      ||  123693 |  3375 ||  2,71
  ---------------------------------------++---------+-------++-------
                                         || 2654335 | 88826 ||  3,30

Eine Ende Juli 1896 aufgenommene Zählung ergab sogar 99434 Mitglieder,
darunter 3501 Frauen.

Dazu kommen noch die in mehr oder weniger engem Verbande mit den
Gewerkschaften stehenden und in der Umbildung zu ihnen befindlichen
Arbeiterbildungsvereine, denen Ende Juni 1896 33400 Personen (31900
Arbeiter und 1500 Arbeiterinnen) angehörten.

Eine Ergänzung finden diese Angaben an den Ziffern der oben erwähnten,
von der Regierung im Jahre 1895 vorgenommenen Erhebung, die zugleich
die Verteilung auf die einzelnen Kronländer erkennen läßt. Danach
ergiebt sich folgende Tabelle:

  Spaltenüberschriften:
  A = Gewerkschaften
  B = Ortsgruppen
  C = Bildungsvereine
  D = Zusammen

  ------------------------------------------------------
         $Kronland$          ||  A  |  B  |  C  ||  D
  ---------------------------++-----+-----+-----++------
   Niederösterreich: Wien    ||  85 | 110 |  33 ||  228
            "        Provinz ||   2 | 109 |  34 ||  141
   Oberösterreich            ||  14 |   6 |  14 ||   34
   Böhmen                    ||  91 | 152 | 322 ||  465
   Mähren                    ||  39 |  56 |  72 ||  167
   Schlesien                 ||  11 |   6 |  14 ||   31
   Galizien                  ||  10 |  -- |   1 ||   11
   Bukowina                  ||   2 |  -- |  -- ||    2
   Steiermark                ||  24 |  28 |   5 ||   57
   Tirol                     ||  11 |   8 |  17 ||   36
   Vorarlberg                ||   4 |  10 |   7 ||   21
   Krain                     ||   5 |   1 |   3 ||    9
   Kärnten                   ||   7 |   3 |   5 ||   15
   Triest und Istrien        ||   1 |  -- |  -- ||    1
   Salzburg                  ||   7 |   1 |   3 ||   11
  ---------------------------++-----+-----+-----++------
               Zusammen      || 313 | 490 | 527 || 1330

Doch wurden von den ausgesandten 1330 Fragebogen nur 660 beantwortet.

Die in die Statistik der Gewerkschaftskommission einbezogenen
$Gewerkschaften$ hatten vom 1. Januar bis 30. Juni 1896 492585,88
fl. Einnahmen und 300760,76 fl. Ausgaben. Die Ausgaben betrugen
in Prozenten der Einnahme für Fachblätter 9%, für Agitation 3,6%,
Rechtsschutz 0,7%, Reiseunterstützung 2,8%, Arbeitslosenunterstützung
10,1%, Kranken- und Invalidenunterstützung 14,8%. In einem besonderen
Dispositionsfonds wurden außerdem für denselben Zeitraum noch
113502 fl. 49 Kr. vereinnahmt und 85103 fl. 22 Kr. verausgabt. Der
Vermögensbestand betrug 367634,70 fl.

Die Einnahmen der $Bildungsvereine$ beliefen sich in derselben Zeit auf
113502,49 fl., die Ausgaben auf 85013,22 fl., der Vermögensstand auf
24124,46 fl.

Die Einnahmen der $Gewerkschaftskommission$ für den Zeitraum vom
1. Januar 1894 bis 31. Oktober 1896 betrugen 21913 fl. 39 Kr.,
die Ausgaben 20150 fl. 33 Kr. Daneben hatte die Kommission für
Streiks 45371,50 fl. vereinnahmt und 44960,51 fl. ausgegeben. Die
gewerkschaftliche $Presse$ umfaßte 19 deutsche, 12 tschechische und 2
slavonische Fachblätter mit einer Gesamtauflage von 119850 Exemplaren
(gegen 77550 im Jahre 1894). Das Zentralorgan ist die »Gewerkschaft«.

Nach dem für das Jahr 1897 veröffentlichten Rechenschaftsberichte
beliefen sich für das Jahr 1897 die Einnahmen der
Gewerkschaftskommission auf 14120 fl. (gegen 11891 fl. 1896) und die
Ausgaben auf 12996 fl. Darunter befanden sich 10892 fl. (gegen 11700)
für Streiks. Beiträge wurden im Durchschnitt von 93193 Mitgliedern
gezahlt. Die »Gewerkschaft« erschien in 53000 Exemplaren.

Der Bericht für 1898 ist nur knapp gehalten, da für die Pariser
Weltausstellung von dem Ausstellungskomitee, dem auch der Sekretär der
Gewerkschaftskommission angehört, eine umfassende Aufstellung aller
Arbeiterorganisationen ohne Unterschied der Parteistellung vorbereitet
wird; die Einnahme der Kommission betrug 24111,40 fl., die Ausgabe
23130,65 fl. Im Durchschnitt haben 1898 105855 Mitglieder ihre Beiträge
gezahlt. An Streikgeldern hat die Kommission 8317,62 fl. vereinnahmt
und 7793,68 fl. verausgabt. Vielfach ist es der Kommission gelungen,
bei Streiks eine gütliche Beilegung zu erzielen. Die »Gewerkschaft«
würde in 46350 Exemplaren unentgeltlich an die Organisationen abgegeben.

Für das Jahr 1899 ist eine wesentliche Zunahme des Umfanges der
österreichischen Gewerkschaften zu erwarten, da eine am 3. Januar
1899 in Krakau abgehaltene Konferenz der galizischen Gewerkschaften
beschlossen hat, ihre Mitglieder zum Anschluß an die österreichischen
Verbände zu verpflichten und eine gemeinsame Reise- und
Arbeitslosenunterstützung einzuführen. Die Gewerkschaftskommission soll
aufgefordert werden, im Einvernehmen mit der Landeskommission Galiziens
und Schlesiens ein monatliches Gewerkschaftsblatt in polnischer Sprache
herauszugeben, das für die Mitglieder obligatorisch sein soll. --

In Oesterreich hat, wie die angeführten Zahlen beweisen, die
gewerkschaftliche Bewegung noch nicht den Umfang und deshalb auch die
Zentralorganisation noch nicht die Bedeutung erlangt wie in England,
Deutschland, Frankreich u. s. w. Es ist deshalb von Interesse, auch
die Entwicklung der $einzelnen Berufsgruppen$ zu verfolgen, und mögen
deshalb noch einige auf sie bezügliche Angaben hier Platz finden.

Wie bereits hervorgehoben, datiert die Gewerkschaftsbewegung in
Oesterreich im wesentlichen erst vom Jahr 1890; ja der hier genommene
Aufschwung ist vielfach ohne nachhaltige Wirkung gewesen und die
abgehaltenen Kongresse haben später seine Nachfolge gefunden.

1. Vom 7./8. September 1890 fand in Wien der I.
österreichisch-ungarische $Tischlertag$[42] statt. Auf die an 150
Vereine versandten Einladungsschreiben hatten sich außer zahlreichen
Wiener Genossen 30 Vertreter aus 18 Provinzorten eingefunden, u. a. aus
Pest, Prag, Innsbruck, Graz, Agram, Salzburg, Reichenau. Gegenstände
der Tagesordnung waren: 1. Berichte über die Lohnbewegung; 2.
Genossenschaftswesen; 3. Gewerkschaftsorganisation; 4. Gründung einer
Fachpresse. Als Form der gewerkschaftlichen Organisation wurde ein ganz
Oesterreich und ein ganz Ungarn umfassender Verband mit Zweigvereinen
für jedes Kronland beschlossen. Neben dem deutschen Fachblatte soll ein
solches in böhmischer Sprache erscheinen.

  [42] Die Verhandlungen sind nach dem stenographischen Protokoll
       herausgegeben von $Adolf Presl$, Wien 1890, Mathias Eibensteiner.

2. Die $Berg$- und $Hüttenarbeiter$ Oesterreichs[43] haben vom 7.-9.
Dezember 1890 in Wien einen Kongreß abgehalten, auf dem Böhmen durch
45, Mähren-Schlesien durch 18, Steiermark durch 13, Niederösterreich
durch 6 und Krain durch 4 Abgeordnete vertreten war. Die Tagesordnung
betraf: 1. die Lage der Arbeiter und die Mittel zu ihrer Verbesserung;
2. die Achtstundenschicht; 3. die Organisation der Bruderladen; 4. die
Organisation der Fachpresse.

  [43] Die Verhandlungen sind nach dem stenographischen Protokoll
       herausgegeben von E. $Berner$, Prag 1891, Verlag von Knorr.

Man forderte die achtstündige Schicht einschließlich Ein- und
Ausfahrt und Beseitigung der Akkordarbeit. Es soll ein ganz
Oesterreich umfassender Zentralverband angestrebt und durch Gründung
von lokalen Fachvereinen vorbereitet werden. Aufgabe derselben
ist Arbeitslosenunterstützung, Schaffung von Widerstandsfonds,
Arbeitsvermittelung und Gewährung von Rechtsschutz. Es wurde
hervorgehoben, daß es schwer sei, sich mit den ungarischen Kollegen zu
verständigen, sodaß ein gemeinsamer Kongreß nicht durchführbar wäre.
Der Kongreß erklärte einstimmig, sich auf den Boden der internationalen
Sozialdemokratie zu stellen. Auf einer am 4. März 1895 in Brüx
abgehaltenen Generalversammlung des neu begründeten Zentralvereins
wurde eine Mitgliederzahl von 3745 in 21 Ortsgruppen festgestellt. In
der Osterwoche 1895 wurde in Wien ein fernerer allgemeiner Kongreß
der Berg- und Hüttenarbeiter abgehalten, bei dem 8500 Arbeiter durch
45 Abgeordnete vertreten waren. Zwischen den Deutschen und den Böhmen
fanden kleine Reibereien statt, auch zeigten sich einzelne fachliche
Meinungsverschiedenheiten; so forderten die ersteren bei der Beratung
der Kranken- und Unfallversicherung eine Bruderlade für das ganze
Reich, während die Böhmen einzelne Landesbruderladen verlangten.

3. Vom 26.-28. Dezember 1890 tagte in Brünn der erste österreichische
$Metallarbeiterkongreß$[44] unter Beteiligung von 122 Abgeordneten aus
43 Orten. Tagesordnung: 1. Organisation sämtlicher Metallarbeiter;
2. Arbeiterschutz und Sozialreform; 3. Koalitionsrecht; 4.
Arbeitszeit; 5. Fachpresse; 6. Lohnstatistik. In jeder Provinz soll
ein Gewerkschaftslandesverein mit Filialen oder Zahlstellen in den
einzelnen Orten bestehen; alle Vereine bilden einen gemeinsamen
Verband. Für ganz Oesterreich sollen zwei Fachorgane gegründet werden,
und zwar ein solches in deutscher und eins in tschechischer Sprache.

  [44] Die Verhandlungen sind als Broschüre herausgegeben von $Ludwig
       Exner$, Wien 1891, im eigenen Verlage.

Auf dem am 30. Oktober 1892 in Wien abgehaltenen Verbandstage wurde
das Bestehen von 18 Fachvereinen mit 8500 Mitgliedern und ein Vermögen
von 16500 fl. festgestellt, auch wurde ein Sekretariat und ein
Verbandsorgan begründet.

4. Der II. österreichisch-ungarische $Schneidertag$[45] wurde
vom 15.-17. August 1891 in Wien abgehalten in Anwesenheit von
106 Abgeordneten. Tagesordnung: 1. Berichte über die soziale
und wirtschaftliche Lage der Schneider und Schneiderinnen
Oesterreichs; 2. Organisation und Agitation; 3. Fachpresse; 4.
Arbeiterschutzgesetzgebung. Beschlossen wurde die Gründung eines
einheitlichen, aber lokal gegliederten Verbandes über das ganze Reich
nach dem Vertrauensmännersystem, mit der Zentralstelle Wien. Die
Fachvereine sollen sich über ein ganzes Kronland erstrecken. Neben
dem bereits bestehenden Fachblatte soll die Gründung eines deutschen
ins Auge gefaßt werden, bis dahin aber die in Hamburg bestehende
»Schneiderzeitung« als Ersatz eintreten; den ungarischen Kollegen soll
die Gründung eines eigenes Fachblattes überlassen und schließlich auch
auf die Schaffung eines solchen für die kroatisch-slavonische Sprache
Bedacht genommen werden. Der Kongreß beschloß, für die Feier des 1. Mai
einzutreten und sich auf den Boden der Sozialdemokratie zu stellen.

  [45] Das Protokoll ist erschienen im Verlage von Ignaz Brand, Wien.
       Ueber den I. Schneidertag habe ich nichts ermitteln können.

5. Die $Bäcker$[46] haben den I. österreichisch-ungarischen
Bäckertag vom 7. bis 9. Dezember 1890 in Wien abgehalten. Verhandelt
wurde über Gewerkschafts- und Genossenschaftsorganisation,
Reiseunterstützungswesen und Arbeitsvermittelung, Arbeitszeit
und Arbeitslage, Fabrik- und Werkstättenordnung, Lehrlingswesen,
Gewerbeinspektion, Arbeiterkammern und Einigungsämter, Kranken- und
Unfallversicherung, Fachpresse. Es wurde eine auf örtliche Verbände
gestützte Zentralorganisation beschlossen und zu deren Durchführung ein
Organisationskomitee eingesetzt.

  [46] Die Protokolle beider Bäckertage sind im Verlage von J. Tobola in
       Wien 1891 und 1893 erschienen.

Der II. österreichisch-ungarische Bäckertag fand vom 2. bis 4. April
1893 in Wien statt. Die Beteiligung war infolge des mißlungenen Wiener
Streiks von 1891 nicht erheblich; es waren nur 20 Abgeordnete aus der
Provinz und 10 aus Wien anwesend. Auch fanden Streitigkeiten statt,
indem die Vertreter der Provinz gegenüber den Wiener Kollegen über
»Zentralismus« sich beklagten. Der auf sozialdemokratischem Boden
stehenden Mehrheit trat eine Minderheit entgegen, die von politischer
Thätigkeit nichts wissen und sich rein auf gewerkschaftlichen
Boden stellen wollte. Die Tagesordnung betraf: Situationsberichte,
Rechenschaftsbericht, Organisation und Agitation, Nachtarbeit,
Sonntagsruhe, Lehrlings- und Vermittelungswesen, Streiks und Boykotts,
Achtstundentag, Reise- und Unterstützungswesen, internationale
Vereinigung und den internationalen Bäckereiarbeiterkongreß, die
Presse. Es wurde ein Zentralkomitee eingesetzt, um die Organisation
für das ganze Reich auf Grund örtlicher Verbände durchzuführen und
einen gemeinsamen Fonds anzusammeln. Für die slavischen Länder soll
ein Zentralkomitee in Prag eintreten. Bis zur Durchführung einer
selbständigen Organisation für Ungarn soll das deutsche Komitee die
bezüglichen Aufgaben mit übernehmen. Daneben soll jedoch die Verbindung
mit den verwandten Berufen zu einem Industrieverbande angestrebt
werden. Ein deutsches und ein tschechisches Fachorgan soll unter der
Leitung der beiden Zentralkomitees erscheinen.

Der III. österreichisch-ungarische Bäckertag ist vom 1. bis 3.
Januar 1898 in Wien abgehalten und war von 39 Abgeordneten besucht.
Die Beschlüsse bezogen sich auf Fragen des Arbeiterschutzes,
insbesondere zehnstündige Arbeitszeit einschließlich zwei Stunden
Pausen, Sonntagsruhe, Ausschluß jugendlicher Personen von der
Nachtarbeit, Aufhebung der unterirdischen Werkstätten, daneben
forderte man obligatorische Fach- und Fortbildungsschulen, Regelung
der Arbeitsvermittelung, insbesondere Beseitigung der Winkelherbergen,
Beschränkung der Lehrlingszahl und Verstärkung der Gewerbeaufsicht.
Zur Durchführung dieser Forderungen beschloß man in Notfällen den
Generalstreik ins Auge zu fassen.

Entsprechend dem erwähnten Beschlusse wurde die Vereinigung mit den
verwandten Berufen angebahnt, und am 25. Dezember 1894 wurde der
Verband der Arbeitervereine in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie
begründet. Der erste Verbandstag wurde am 5. Januar 1896 in Wien und
ebendaselbst am 5./6. April 1896 der I. Kongreß der $Arbeiter in den
Lebensmittelbranchen$ Oesterreichs abgehalten[47]. Vertreten waren
die Bäcker, Fleischhauer, Müller, Brauer, Faßbinder, Kellner und
Feigenkaffeeerzeuger. Die Tagesordnung betraf: 1. Situationsberichte,
2. Organisation und Agitation, 3. Arbeiterschutzgesetzgebung, 4. Presse.

  [47] Das stenographische Protokoll ist in Wien 1894 im Verlage der
       Administration des »Zeitgeist« erschienen.

6. Nachdem schon 1893 eine Konferenz stattgefunden hatte, in der die
Gründung eines $Verbandes$ der Vereine der $Buchbinder und verwandten
Berufe Oesterreichs$ angeregt wurde, ist ein solcher auf dem am
25. und 26. Dezember 1896 in Wien abgehaltenen Kongresse endgültig
begründet[48]. Vertreten waren 10 Vereine aus Böhmen, Galizien, Krain,
Niederösterreich, Mähren, Oberösterreich, Steiermark und Tirol durch
18 Abgeordnete, außerdem waren Gäste aus Deutschland und Ungarn, sowie
Vertreter des Vereins der graphischen Fächer, der Buchdrucker, des
Vereins der Papierarbeiter, des Vereins der Futteralmacher und des
Vereins der Etuitischler und der Gewerkschaftskommission anwesend.
Während von der Vorkonferenz die Böhmen aus nationalen Gründen sich
fern gehalten hatten, wurde auf dem Kongresse eine Verständigung
erreicht. Es wurde mitgeteilt, daß zunächst versucht sei, sich mit
den Buchdruckern zu einem Verbande der Bucharbeiter zu verschmelzen,
doch sei dies daran gescheitert, daß die Buchdrucker wesentlich höhere
Beiträge hätten, als die Buchbinder leisten könnten; von einigen
Seiten wurde auch der Vorwurf aristokratischer Auffassung gegen die
Buchdrucker erhoben. Ebenso sah man von einem Anschluß an den Verein
der graphischen Fächer ab und beschloß zunächst, einen eigenen Verband
zu gründen. Aus den Beratungen über das Statut ist hervorzuheben, daß
man Reise- und Arbeitslosenunterstützung, Einrichtung von Herbergen und
Arbeitsvermittelung, Pflege der Statistik, Schaffung von Bibliotheken
und Lesezirkeln, sowie Gewährung von Rechtsschutz beschloß; Politik und
Religion sollen ausgeschlossen sein.

  [48] Das Kongreßprotokoll ist, Wien 1897, im Verlage der »Einigkeit«
       erschienen.

Der Ausdruck »verwandte Berufe« ward absichtlich nicht näher bestimmt,
um späterer Ausdehnung Raum zu lassen. Zu Schwierigkeiten führte
die Ordnung der Fachpresse, indem die Böhmen einerseits erklärten,
zur Schaffung eines eigenen Blattes zunächst nicht im stande zu
sein, dagegen eine größere Ausdehnung des tschechischen Teiles des
Verbandsorgans »Die Einigkeit« wünschten, was aber abgelehnt wurde.
Weitere Punkte der Tagesordnung waren Arbeits- und Lohnverhältnisse,
Accordsystem, Minimallohn, Strafhausarbeit und neunstündiger
Arbeitstag. Die Ungarn erklärten, daß auch sie die Gründung eines
Verbandes beabsichtigten, sich aber zunächst noch zu schwach fühlten.

7. Die $Buchdrucker$[49] hatten am frühesten eine Organisation,
indem für Niederösterreich schon 1842 ein Verein der Buchdrucker
und Schriftgießer begründet wurde, der 1891 2200 Mitglieder und
ein Vermögen von 168612 fl. besaß. In diesem Jahre wurde er von
der Regierung aufgelöst, weil er die bei der Maifeier arbeitslos
gewordenen Mitglieder unterstützte. Erst am 28. November 1891 konnte
sich ein neuer Verein mit 1800 Mitgliedern bilden. Auch die Bildung
eines Gesamtverbandes für ganz Oesterreich wurde schon vor Jahren
angeregt, insbesondere wurde schon auf einer Konferenz in Brünn 1881
als Vorbereitung für einen festen Verband die Gemeinsamkeit des
gesamten Unterstützungswesens beschlossen, doch kam der Beschluß nicht
zur Ausführung. Ebenso scheiterte ein auf dem Buchdruckertage in Wien
1883 beschlossenes Normalstatut an der Nichtgenehmigung seitens der
Behörden, und dasselbe Schicksal hatte ein die Zentralisation des
Viatikums bezweckender Beschluß des 1890 in Klagenfurt abgehaltenen
Buchdruckertages. Auf dem folgenden, der 1892 in Wien tagte, wurde die
Zentralisation der örtlichen Arbeitslosenunterstützung durchgeführt,
und endlich am 23. Dezember 1894 auf dem Buchdruckertage in Brünn
konnte, nachdem die vorher von einer Kommission ausgearbeiteten
Statuten am 31. Mai 1894 von der Behörde genehmigt waren, die
endgültige Begründung des »$Verbandes der Vereine der Buchdrucker und
Schriftgießer und verwandter Berufe Oesterreichs$« erfolgen. Die
dem Verbande zunächst beigetretenen 12 Vereine von Böhmen, Bukowina,
Kärnten, Krain, Mähren, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg,
Schlesien, Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Triest umfaßten 5540
Mitglieder. Nachdem am 26. September 1895 auch Galizien beigetreten
war, betrug die Mitgliederzahl Ende 1895 6305. Ende 1896 war dieselbe
auf 6965 und Ende 1897 auf 7565 gestiegen. Am 30. September 1897
hat sich auch ein Verein für Dalmatien gebildet, der dem Verbande
beigetreten ist, so daß die Zahl der Vereine 13 beträgt.

  [49] Das Material verdanke ich dem »Verbande der Vereine der
       Buchdrucker und Schriftgießer und verwandter Berufe Oesterreichs«.
       Die Thätigkeitsberichte 1. für 1894-96, 2. für 1896, 3. für 1897
       sind im Verlage des Verbandes erschienen.

Das Unterstützungswesen ist jetzt in vollem Umfange im Verbande
zentralisiert. Die Ausgaben desselben betrugen 1897 für
Krankenunterstützung 89817 fl., für Arbeitslosenunterstützung 44720
fl., für Reiseunterstützung 17371 fl., für Invalidengeld 30802 fl., für
Sterbegeld 10662 fl., für Waisenunterstützung 7765 fl., für sonstige
Unterstützungen 2929 fl.

Der Verband besitzt außer dem »Vorwärts« noch drei Verbandsorgane
in böhmischer, polnischer und italienischer Sprache. Er hat mit dem
ebenfalls für ganz Oesterreich bestehenden Prinzipalverein einen
Normallohntarif vereinbart, der mit dem 1. Januar 1896 in Kraft
getreten ist und außer den Lohnsätzen die Vorschrift des neunstündigen
Arbeitstages sowie genaue Bestimmungen über die zulässige Lehrlingszahl
enthält. Der Tarif ist bis auf geringe Ausnahmen in allen Druckereien
eingeführt. Ein Tarifeinigungsamt, in dem Gehilfen und Prinzipale in
gleicher Anzahl vertreten sind, entscheidet entstehende Streitigkeiten.
Der Verband hat sich der österreichischen Gewerkschaftskommission
angeschlossen und steht auf dem Boden der Sozialdemokratie. Er umfaßt
die große Mehrzahl aller Berufsangehörigen, wie sich aus folgenden
Zahlen ergiebt. Es gab

                      Ende 1892    Ende 1893     Ende 1894

  Verbandsangehörige 3917 = 71,7% 5096 = 78,44% 5540 = 80,43%
  Nichtverbändler    1545 = 28,3% 1401 = 21,56% 1348 = 19,57%
                    ------------------------------------------
            Zusammen 5462         6497          6888

                      Ende 1895     Ende 1896     Ende 1897

  Verbandsangehörige 6305 = 81,14% 6595 = 83,03% 7565 = 85%
  Nichtverbändler    1466 = 18,86% 1424 = 16,97% 1335 = 15%
                    -------------------------------------------
            Zusammen 7771          8389          8900

Von den Ende 1895 vorhandenen 1466 Nichtmitgliedern waren etwa 600
Mitglieder der Gegenorganisation, des sog. Prinzipalvereins. Danach
verblieben 866 = 11,14%, die überhaupt nicht organisiert waren. Das
Gesamtvermögen des Vereins belief sich Ende 1895 auf 555667 fl. = 88,13
fl. auf den Kopf des Mitgliedes.

8. Weit fortgeschritten ist die Organisation der
$Eisenbahnbediensteten$. Bereits Mitte Oktober 1895 hatten die
österreichischen $Lokomotivführer$ in Wien eine Delegiertenversammlung
abgehalten, die von etwa 400 Personen, darunter 110 aus der
Provinz, besucht war und eine Organisation nach Heizhäusern mit der
Zentralstelle Wien beschloß, unter Anlehnung an die Fachorganisation
der Eisenbahnbediensteten und an den Verband der Beamten, Hilfsbeamten
und Unterbeamten. Zum Organ wurde »Der Eisenbahner« bestimmt.

Vom 22. bis 24. März 1896 tagte dann in Wien der erste österreichische
Eisenbahnerkongreß. Vertreten waren insgesamt etwa 20000 organisierte
Mitglieder durch 93 Abgeordnete, und zwar 30 der Staatsbahn, 48 der
Südbahn, 10 der Staatseisenbahngesellschaft, 3 der Nordwestbahn,
2 der Nordbahn. Die Forderungen, deren Durchführung man beschloß,
sind folgende: 1. Vermehrung des Personals und des rollenden
Materials, wöchentliche 36stündige ununterbrochene Ruhepause und
jährlichen vierzehntägigen Urlaub ohne Lohnabzug; 2. Abschaffung
des Prämien-, Kilometer-, Stundengelder- und Akkordsystems und
Einführung eines anständigen festen Lohnes; 3. Bestimmungen darüber,
daß jeder Angestellte nach 20 Jahren Dienstzeit seinen höchsten Lohn
und längstens nach einem Jahr seine definitive Anstellung erhält.
Abschaffung der Bestrafung durch Ausschluß der Beförderung oder
Bezugsverkürzung; 4. Einführung eines Eisenbahnschiedsgerichts; 5.
Schaffung eines Gesetzes, welches die Wahl von Inspektoren aus den
Reihen der Bediensteten bestimmt. Die Inspektoren sollen darüber
zu wachen haben, daß die zum Schutze der Eisenbahnbediensteten
erlassenen Gesetze befolgt werden; 6. Verbesserung der staatlichen
Unfallversicherung durch Erhöhung der Renten; 7. Verwaltung der
Betriebskrankenkassen durch das Personal; 8. Durchführung der Alters-
und Invaliditätsversorgung durch den Staat und Auflösung der bei
den Bahnen bestehenden Pensions- und Provisionsfonds; inzwischen
Verbesserung der bestehenden Versicherungen; 9. Verstaatlichung der
Eisenbahnen und aller Verkehrsmittel.

Außerdem beschloß man die Feier des 1. Mai und die Ausdehnung
des Wahlrechts auf alle 21jährigen Staatsbürger ohne Unterschied
des Geschlechtes. Außer dem bereits bestehenden Fachorgan »Der
Eisenbahner« mit 18000 Abonnenten und einem slovenischen Fachblatte
wurde die Gründung eines solchen auch für die polnische und böhmische
Sprache beschlossen. Rechtsschutz, Statistik und Agitation soll
zentralisiert, die übrige Thätigkeit dagegen den Einzelorganisationen
überlassen werden; doch wurde allen Vereinen empfohlen, der
Gewerkschaftskommission beizutreten. Der nächste Kongreß soll nach drei
Jahren in Prag stattfinden.

Abgesehen von dem Kongresse, der hauptsächlich auf die Gewinnung der
Nichtorganisierten berechnet war, besteht in Oesterreich seit 1893
eine Organisation der Eisenbahnbediensteten nach Ortsgruppen, deren
Gesamtzahl auf dem Kongresse zu 18-20000 angegeben wurde.

Ein im Oktober 1896 abgehaltener allgemeiner Eisenbahnbeamten-,
Hilfsbeamten- und Unterbeamten-Tag suchte eine ähnliche Verbindung auch
für die Beamten anzubahnen.

Durch Erlaß des Ministers des Innern vom 13. März 1897 sind sämtliche
Organisationen mit der Begründung aufgelöst, daß sie »Tendenzen
verfolgen, welche mit den Staatsinteressen unvereinbar sind«, doch hat
sich bald darauf ein neuer Verband gebildet.

Die bisher nur dürftige Statistik über die gewerkschaftlichen
Verhältnisse in Oesterreich wird für die Zukunft wahrscheinlich
wesentlich ausgiebiger werden durch die Thätigkeit des bereits
erwähnten, im Sommer 1898 im Handelsministerium eingerichteten
arbeitsstatistischen Amtes, zumal wenn ein dem Reichsrate vorgelegter
Gesetzentwurf Annahme finden wird, nach welchem eine allgemeine
Auskunftspflicht für statistische Zwecke eingeführt und der Kommission
ein weitgehendes Recht der Einsicht von Büchern und anderen Urkunden
eingeräumt ist.

                                Ungarn.

In Ungarn steht die Industrie noch auf niedriger Stufe; es ist deshalb
interessant, daß hier die Arbeiterbewegung ihren Ausgangspunkt von
der Landwirtschaft nimmt. Den ersten Anfang einer solchen, der aber
sofort allgemeines Aufsehen erregt und zu einer zweitägigen Verhandlung
im Reichsrate Anlaß gegeben hat, war der vom 1. bis 4. Februar 1897
in Budapest abgehaltene und von 60 Vertretern aus 90 Gemeinden
besuchte erste ungarische $Feldarbeiterkongreß$. Derselbe beschloß
Einleitung einer umfassenden Organisation, die einem aus 11 Mitgliedern
bestehenden Aktionskomitee übertragen wurde. Die Verhandlungen,
an denen auch der frühere ungarische Landwirtschaftsminister Graf
$Festetich$ teilnahm, zeigten ein schreckliches Bild der Lage der
ungarischen Feldarbeiter. Obgleich der Kongreß den Beschluß faßte, sich
der sozialdemokratischen Partei anzuschließen, so handelt es sich doch
in demselben Maße um eine gewerkschaftliche, wie um eine politische
Organisation.

Die hauptsächlichsten Forderungen waren: Allgemeines Stimmrecht und
volle Preß- und Versammlungsfreiheit, Maximalarbeitstag von vorläufig
zwölf Stunden, der später bis auf acht Stunden herabgesetzt werden
soll, Abschaffung der Akkordarbeit und Bezahlung nicht in Naturalien,
sondern in barem Gelde, Abschaffung der Robot-(unentgeltlichen) Arbeit,
gleiche Bezahlung für Männer und Frauen bei gleicher Leistung.

Ein zweiter Kongreß fand Ende Februar 1897 in Czegled statt unter
Beteiligung von 195 Abgeordneten aus 12 Komitaten als Vertretern
von 50 Gemeinden. Auch hier wurde allgemeines Stimmrecht und Preß-
und Versammlungsfreiheit gefordert, doch wollte man eine teilweise
Entlohnung in Naturalien und während der Ernte eine Arbeitszeit von 5
Uhr morgens bis 7 Uhr abends zulassen; selbst darüber hinaus sollten
Ueberstunden gegen besondere Bezahlung gestattet sein.

Der dritte Kongreß ist vom 1. bis 3. Januar 1898 in Budapest
abgehalten, unter Beteiligung von etwa 200 Abgeordneten aus 121
Gemeinden, unter denen sich auch eine Anzahl Kleinbauern befanden.
Es wurde festgestellt, daß der Erntestreik des vorigen Sommers fast
durchweg zu Lohnerhöhungen geführt habe. Es wurden dieselben Beschlüsse
gefaßt, wie im Jahre zuvor, auch soll nicht allein die Organisation der
Feldarbeiter nötigenfalls gegen das Gesetz im geheimen fortgesetzt,
sondern auch der jährliche Erntestreik solange wiederholt werden, bis
alle Forderungen bewilligt sind.

Der Verband der Feldarbeiter giebt seit 1. Mai 1897 unter dem Titel
»Der Feldarbeiter« ein monatlich zweimal erscheinendes Organ heraus und
wirkt daneben hauptsächlich durch Flugschriften und Wanderredner.

Die ungarische Regierung ist sich der Gefahr, die in der Bewegung
liegt, wohl bewußt, aber sie handelt ganz nach deutschem Vorbilde,
indem sie die Bewegung nicht durch Beseitigung der Uebelstände zu
entkräften, sondern mit Gewalt zu unterdrücken sucht. Nicht allein
hat man im Sommer 1897 Soldaten zu Erntearbeiten kommandiert und
das Gleiche für ähnliche Fälle in Aussicht genommen, sondern auch
ein am 1. März 1898 in Kraft getretenes Gesetz erlassen, nach dem
die Aushaltung der Landarbeiterverträge durch Polizei und Militär
erzwungen werden soll. Der Reichsrat hat bei Beratung des Gesetzes den
Wunsch ausgesprochen, daß das gleiche Verfahren, welches bisher nur
für Erntearbeiten vorgesehen ist, auf alle Arten landwirtschaftlicher
Arbeiten ausgedehnt wird.

Auf den 25. Dezember 1898 war nach Czegled in Verbindung mit
dem Parteitage der ungarischen Sozialdemokratie ein neuer
Feldarbeiterkongreß einberufen, insbesondere um gegen das
»Sklavengesetz« zu protestieren. Beide Versammlungen sind von der
Regierung verboten. Man hat deshalb beschlossen, den Schwerpunkt in die
geheimen sozialdemokratischen Tischgenossenschaften zu verlegen, ihnen
gedruckte Referate und Resolutionen zugehen zu lassen und über die
erforderlichen Fragen eine schriftliche Abstimmung herbeizuführen.

Am 2. April 1899 hat der zu Weihnachten verbotene Kongreß in
Budapest stattgefunden unter Beteiligung von 133 Vertretern aus 92
Orten. Die Verhandlung verlief durchaus ruhig, obgleich die Redner
sich ausnahmslos als Anhänger der sozialdemokratischen Partei
bekannten. Man protestierte gegen das Feldarbeitergesetz und dagegen,
daß die Regierung, wie sie es 1898 gethan und für 1899 wieder
angekündigt hatte, während der Ernte eine Feldarbeiterreserve auf den
Staatsdomänen zusammenziehe. Daneben forderte man Preß-, Vereins-
und Versammlungsfreiheit, Beseitigung der mit den Schnitterverträgen
getriebenen Mißbräuche und auskömmlichen Lohn, sowie endlich die
Einrichtung staatlicher Ackerbauinspektoren durch Wahl der Feldarbeiter.

Neben der unter sozialdemokratischem Einfluß stehenden
Feldarbeiterbewegung hat sich aber in neuester Zeit auch eine
christlich-soziale Bewegung entwickelt. Ein Verein dieser Richtung
ist in Raab gebildet, ebenso hat im Dezember 1897 eine Konferenz in
Budapest stattgefunden, auf der 20 Industriezweige durch etwa 200
Abgeordnete vertreten waren. Man beschloß die Durchführung einer
allgemeinen Gewerkschaftsorganisation und ernannte zunächst einen
Gewerkschaftsrat, der die Zentralstelle bilden soll.

Auch die Organisation der Arbeiterinnen ist von dieser Seite in
die Hand genommen und vom 6. bis 8. September 1897 in Czegled
ein Arbeiterinnenkongreß abgehalten, auf dem Einführung des
Achtstundentages für die Industrie und des Zehnstundentages für die
Landwirtschaft, sowie gewisse Mindestlöhne gefordert wurden. Das Organ
dieser Bewegung ist das in Budapest erscheinende Wochenblatt »Die
Freiheit.«

Auch für Ungarn ist in neuester Zeit eine dem österreichischen
arbeitsstatistischen Amte entsprechende Behörde ins Leben getreten,
nämlich der Landesindustrierat in Budapest, der am 1. Februar 1899
seine erste Sitzung abgehalten hat. Sein Arbeitsprogramm umfaßt
folgende Aufgaben: Arbeiterstatistik, Arbeiterversicherung gegen
Unfälle, Invalidität und Alter, Regelung der Frauen- und Kinderarbeit
und Revision des Gesetzes über die Arbeiterkrankenkassen. Aber der
karakteristische Unterschied der ungarischen Einrichtung gegenüber
der österreichischen tritt am deutlichsten darin hervor, daß zu allen
diesen Beratungen über Arbeiterangelegenheiten die Arbeiter selbst
nicht zugelassen wurden, während die Handels- und Gewerbekammern
Vertreter entsandten. Der hauptsächlichste Gegenstand der bisherigen
Beratungen bildete die Regelung des Arbeitsnachweises. Man beschloß
eine auf Beihülfe des Staates, der Gemeinden und der Handelskammern
beruhende Zentralanstalt mit Filialen in den größeren Orten
einzurichten, die unter staatlicher Aufsicht zu je einem Drittel aus
Arbeitgebern, Arbeitern und unabhängigen Personen bestehen und ihre
Thätigkeit unentgeltlich besorgen soll.


IV. Schweiz[50].

Die Verhältnisse in der Schweiz sind in mannigfacher Beziehung
abweichend von denen anderer Länder, und gerade diese Abweichungen
bieten hinsichtlich der Entwickelung, welche die Arbeiterbewegung hier
genommen hat, ein besonderes Interesse. In erster Linie gilt dies von
dem Umstande, daß es in der Schweiz an dem Hindernisse, das anderwärts
der freien Entfaltung der eignen Leistungsfähigkeit der Arbeiterklasse
sich in den Weg gestellt hat, nämlich dem Widerstande der staatlichen
Gewalt, fast völlig fehlt. Die Verfassung sowohl der Eidgenossenschaft
wie der einzelnen Kantone ist die denkbar freieste, das Wahlrecht
durchaus demokratisch; die Regierung wird von dem Volke selbst gewählt,
der Arbeiterklasse ist deshalb die Möglichkeit gewährt, alle ihre
Bestrebungen insoweit durchzusetzen, wie sie im stande ist, die aus
den Gesamtinteressen der Bevölkerung sich ergebenden natürlichen
Beschränkungen zu überwinden, vor allem aber die Arbeiterschaft selbst
zu gemeinsamer Stellungnahme zu veranlassen. Insbesondere die Bildung
von Gewerkvereinen ist in keiner Weise beschränkt, dieselben bedürfen
sogar, um juristische Persönlichkeit zu erlangen, lediglich der
Anmeldung zum Handelsregister.

  [50] Die wertvollste Quelle für die Schweiz bildet das Buch von
       Dr. $Berghoff-Ising$: Die sozialistische Arbeiterbewegung in
       der Schweiz. Leipzig 1895, Duncker & Humblot. Vgl. außerdem
       $Bechtle$: Die Gewerkvereine in der Schweiz, Jena, 1888 und
       $Bücher$: Die schweizerischen Arbeiterorganisationen in der
       Zeitschrift für die gesamt. Staatswissenschaft. Bd. XLIV (1888),
       S. 609-674. Das neuere Material ist mir von dem schweizerischen
       Arbeitersekretariate zur Verfügung gestellt.

Ergeben sich hieraus für die soziale Entwickelung besonders günstige
Verhältnisse, so liegen allerdings hindernde Umstände einerseits in
der niedrigen Stufe, auf der sich die Industrie des Landes bisher
im allgemeinen befindet und der hiermit zusammenhängenden Kleinheit
und Enge der Verhältnisse, sowie andererseits in der staatlichen und
sprachlichen Zerrissenheit.

Eine letzte Eigentümlichkeit, die man in Betracht ziehen muß, um
die Entwicklung der Arbeiterbewegung in der Schweiz zu verstehen,
liegt endlich in der eigentümlichen nationalen Abgeschlossenheit und
Ablehnung aller fremden Einflüsse. Dies ist besonders aus dem Grunde
von Bedeutung, weil die Schweiz seit Jahrhunderten ein Zufluchtsort
solcher Elemente gewesen ist, die aus andern Ländern wegen ihres
Widerstandes gegen die herrschenden Gewalten sich entfernen mußten,
von denen also ein erheblicher Einfluß auf die Schweizer Verhältnisse
hätte erwartet werden dürfen. Thatsächlich hat ein solcher nicht
stattgefunden; man hat freilich die fremden Elemente, solange sie
gewisse Grenzen nicht überschritten, gewähren lassen, aber ihnen eine
Herrschaft nicht gestattet.

Dies gilt insbesondere von der $Sozialdemokratie$, mit deren
Entwicklung hier wie in den meisten übrigen Ländern diejenige der
Gewerkschaftsbewegung so eng verknüpft ist, daß beide bei der
Darstellung nicht getrennt werden können. Nachdem die Propaganda
$Lassalle$'s im Anfange der sechziger Jahre Schiffbruch gelitten
hatte, wurde ein neuer Versuch seitens der »Internationale« von
dem begeisterten Schüler $Karl Marx$', $Johann Philipp Becker$,
unternommen, der schon 1864 in Genf eine »$Sektionsgruppe deutscher
Sprache der internationalen Arbeiterassoziation$« mit einem eigenen
Organe, dem »Vorboten«, begründete, der ersten regelmäßigen Zeitung der
Internationale.

Das neue Unternehmen fand bereits zwei ältere Arbeiterorganisationen
vor, auf die der geübte Einfluß wesentlich verschieden war. Die
$erste$ derselben waren die $deutschen Arbeiterbildungsvereine$,
die bereits in den dreißiger und vierziger Jahren entstanden waren.
Unter dem Einflusse der Bewegung von 1848 waren sie stark in das
revolutionäre Fahrwasser geraten, und als es $Liebknecht$ und anderen
deutschen Flüchtlingen gelang, 1850 eine »Vereinigung der deutschen
Arbeitervereine in der Schweiz« ins Leben zu rufen, bildete dieselbe
einige Zeit lang den Sammelpunkt der revolutionären Elemente, bis der
Bundesrat auf Drängen der deutschen Regierungen alle diese Vereine
auflöste und ihre Mitglieder auswies. Im geheimen bestanden sie jedoch
fort und konnten sogar 1858 in Horgen ein Zentralfest der deutschen
Arbeitervereine abhalten; doch hatte sich die verfolgte Richtung
wesentlich geändert, indem neben den eigentlichen Bildungszwecken auch
die genossenschaftlichen Bestrebungen $Schulze-Delitzsch$'s weite
Verbreitung fanden. In diesem Sinne wurde auch das 1862 begründete
Organ »Das Felleisen« geleitet. Aber bald wechselte die Stimmung, wobei
sich insbesondere der Einfluß der deutschen Sozialdemokratie geltend
machte, und auf der Zentralversammlung in Neuenburg am 9./10. August
1868 wurde offiziell der Anschluß der Vereinigung an die internationale
Arbeiterassoziation beschlossen, wodurch derselben über 50 Lokalvereine
mit 1500 bis 1600 Mitgliedern zugeführt wurden. Nachdem dann auch auf
dem V. deutschen Arbeitertage in Nürnberg am 6. September 1868 eine
Mehrheit von 61 Vereinen gegen eine Minderheit von 32 sich für den
Anschluß erklärt hatte, stand die Internationale auf der Höhe ihrer
Macht.

Die $zweite$ Organisation war der »$Grütliverein$«, der im Mai
1838 in Genf begründet war und sich im bürgerlich-demokratischen
Fahrwasser bewegte, auch seit Oktober 1851 ein eigenes Organ: »Der
Grütlianer« herausgab. Der Verein beschränkte sich streng auf Schweizer
Bürger und schloß alle Ausländer aus. Obgleich von den anfangs bunt
gemischten Elementen allmählich alle anderen bis auf die Arbeiter
und kleinen Handwerker ausgeschieden waren, bot doch die Mischung
dieser beiden Klassen ein Hemmnis gegen sozialdemokratischen Einfluß,
das insbesondere dadurch verstärkt wurde, daß der Sozialismus in
internationalem Gewande auftrat und deshalb das oben bezeichnete
nationale Selbstgefühl verletzte. Die Folge dieser Umstände war, daß
der Grütliverein gegenüber der Internationale eine wesentlich andere
Haltung einnahm, als die deutschen Arbeitervereine. Fanden auch deren
Bestrebungen in einzelnen Sektionen des Vereins Beifall, so verhielt
sich doch die Mehrheit durchaus ablehnend und setzte es durch, daß
auf dem Grütli-Zentralfest am 14./15. Juni 1868 ein Anschlußantrag
abgelehnt und lediglich eine wohlwollende Neutralität beschlossen wurde.

Auch die $Gewerkschaftsbewegung$ wurde von der Internationale in die
Hand genommen. Die erste und einflußreichste Verbindung dieser Art
war der im Jahre 1858 entstandene schweizerische Typographenbund;
1867 folgten die Schuhmacher und 1868 die Uhrmacher. Im allgemeinen
freilich hatte man sich bis dahin auf lokale oder kantonale Unionen
beschränkt, in denen Arbeiter der verschiedensten Berufe nebeneinander
zusammengefaßt waren. Die Internationale hatte auf ihrem Kongreß in
Brüssel im September 1868 den Arbeitern den fachgenossenschaftlichen
Zusammenschluß empfohlen und den Bemühungen $Becker$'s war es bereits
Anfang 1869 gelungen, einen Genfer Arbeiterbund mit 23, einen Baseler
mit 11 und einen Züricher mit 5 Fachvereinen ins Leben zu rufen.
Aber der Grundgedanke war die internationale Zusammenfassung und
an ihm scheiterte der groß angelegte Plan, ja es gaben sogar die
neu entstehenden Gewerkschaften, die sich regelmäßig auf nationale
Abgrenzung beschränkten, den ersten Anstoß, daß die internationale
Bewegung $Becker$'s zurückging und ihren Ersatz fand in einer auf die
Schweiz beschränkten sozialdemokratischen Partei.

Einer der Ersten, der die Notwendigkeit einer solchen Schwenkung
erkannte, war der frühere Buchbinder, spätere Arbeitersekretär Hermann
$Greulich$, der schon 1865 Vizepräsident des Verbandes der deutschen
Arbeiterbildungsvereine war und seit 1. Januar 1870 ein neues Organ
derselben, die »Tagwacht« herausgab, in der er für die Gründung einer
sozialdemokratischen Partei der Schweiz eintrat. Auf Grund eines von
ihm entworfenen Programms wurde eine solche auf dem am 13./14. März
1870 in Zürich abgehaltenen allgemeinen sozialdemokratischen Kongreß
beschlossen. Allerdings hielt man hier noch an der Notwendigkeit
internationaler Berufsorganisationen fest, aber es war doch gegen die
$Becker$sche Richtung ein Gegengewicht geschaffen, und nachdem auf
dem Kongresse des romanischen Bundes der Internationale in Chaux de
Fonds (4.-6. April 1870) unter $Bakunin$ die Anarchisten, die ihre
Thätigkeit ebenfalls auf die Schaffung von Berufsorganisationen (_corps
de métier_) richteten aber jede politische Thätigkeit verwarfen, mit
21 gegen 18 Stimmen den Sieg davon getragen hatten, ging der Einfluß
$Beckers$ mit raschen Schritten zurück und der »Vorbote« erschien im
Dezember 1871 zum letztenmal.

Den Hauptanstoß zu einer wesentlichen Umgestaltung der Verhältnisse
gab der $deutsch-französische Krieg$, und zwar nach zwei Richtungen.
Ergriff die Begeisterung über die deutschen Siege die Mehrzahl der
Mitglieder der deutschen Arbeiterbildungsvereine, so mußte das
zunächst eine Spaltung innerhalb derselben, insbesondere zwischen
der durch das »Felleisen« vertretenen demokratischen und der
sozialistischen Richtung, deren Organ die »Tagwacht« war, hervorrufen,
indem die letztere ihrem internationalen Karakter gemäß für die
Revolution Partei ergriff. Andererseits begeisterte sich auch der
sonst gemäßigte »Grütliverein« für die Schwesterrepublik und trat in
einen scharfen Gegensatz gegen die deutschen »fremden« Elemente. Ein
Umschwung trat erst ein, als die »Tagwacht« soweit ging, selbst die
Schreckensherrschaft der Kommune zu verherrlichen. Jetzt erhob sich
gegen die Internationale ein Sturm der Entrüstung ohne Unterschied der
Parteien, und der Grütliverein beschloß in seiner Generalversammlung in
Langenthal am 26./27. Mai 1872 die völlige Lossagung von ihr. Dieser
Beschluß bildete zugleich den Anfang für einen neuen Aufschwung des
Vereins, der jetzt wieder entschieden die Führung der Arbeiterbewegung
übernahm.

Die Sozialdemokratie hatte demgegenüber einen schweren Stand.
Ihr Versuch, einen allgemeinen schweizerischen Arbeiterkongreß
zusammenzubringen, scheiterte an der Abneigung gegen die »Fremden«.
Mehr Erfolg hatte sie auf gewerkschaftlichem Gebiete. Man suchte
zunächst die vielen bestehenden Krankenkassen zu Invalidenkassen
zu erweitern und stellte als Ziel auf, für die gesamte Schweiz
einen Gewerkschaftsverband zu gründen, für den man zunächst
einen Zentralausschuß aller Krankenkassen, Gewerkschaften,
Produktivgenossenschaften und gemischten Arbeitervereine einsetzte.

Da man jedoch auf diese Weise das Politische stark in den Hintergrund
drängte, so stieß man auf heftigen Widerstand bei den Anhängern
der Internationale. Diese benutzten jetzt ihrerseits die Abneigung
gegen die Fremden als Hebel für ihre Bestrebungen, indem sie dem
Plane der Gründung einer schweizerischen sozialdemokratischen Partei
entgegenhielten, daß die Schweizer den Fremden niemals die Einmischung
in schweizerische Angelegenheiten politischer Art gestatten würden. Sie
empfahlen demgegenüber in einem Rundschreiben vom 19. Februar 1873 eine
rein gewerkschaftliche Organisation, indem es erst durch diese möglich
werden würde, das Klassenbewußtsein der Arbeiter soweit zu stärken,
um demnächst den nationalen Gegensatz zu überwinden und zur Grundlage
einer sozialdemokratischen Landespartei zu gelangen.

Der Schachzug hatte Erfolg, und indem man bei den
nichtsozialdemokratischen Gruppen, insbesondere auch bei dem
Grütlivereine Beifall fand, gelang es, Pfingsten 1873 in Olten den
$ersten schweizerischen Arbeiterkongreß$ zustande zu bringen, der zum
Markstein einer neuen Periode der schweizerischen Arbeiterbewegung
wurde.

Vertreten waren außer dem Grütlivereine, der mit 4000 Mitglieder die
stärkste Organisation darstellte, 13 Arbeiterbildungsvereine mit etwa
1000 Mitgliedern und 35 gewerkschaftliche Vereine mit 3400 Mitgliedern
sowie die Reste der Internationalen. Insgesamt waren 9900 Arbeiter
durch 82 Abgeordnete vertreten, doch erscheint die Zahl infolge der
Doppelzählungen zu hoch. Abgelehnt hatte die Beteiligung lediglich der
schweizerische Typographenbund. Die fünf Mitglieder der $Bakunin$schen
_Fédération Jurassienne_ verließen nach kurzer Verhandlung den
Kongreß mit der Erklärung, daß sie zwar mit den gewerkschaftlichen
Zielen einverstanden seien, aber die Schaffung eines Zentralkomitees
ablehnten, da ein solches die Gefahr einer Diktatur begründe.

Von den übrigen Mitgliedern wurde die Gründung eines $schweizerischen
Arbeiterbundes$ einstimmig beschlossen, dessen Mitgliedschaft allen
Gewerkschaften und Arbeitervereinen offen stehen sollte, die die
Statuten anerkennen würden.

In diesen Statuten vermied man sorgfältig jeden Uebergriff auf das
politische Gebiet und beschränkte sich lediglich auf gewerkschaftliche
Forderungen; und zwar auf solche, die auf dem Boden der bestehenden
Ordnung erreichbar waren, indem man allerdings in der Einleitung
betonte, daß es sich nur eine $einstweilige$ Besserung des Loses
der Arbeiter und deshalb um »Uebergangsforderungen« handele, wobei
die Erringung des vollen Arbeitsertrages das Ziel bleiben müsse.
Solche Forderungen waren: Verminderung der Arbeitszeit, insbesondere
ein Normalarbeitstag von 10 Stunden, Feststellung der Löhne nach
dem Erfordernisse einer auskömmlichen Existenz, Einschränkung der
Kinderarbeit, gleiche Bezahlung von Männer- und Frauenarbeit,
Gründung der Produktivgenossenschaften seitens der Gewerkschaften,
Einrichtung von Arbeitsnachweisen seitens der Arbeiter, Gründung
einer Arbeiter-, Kranken-, Invaliden- und Sterbekasse u. s. w. Die
lokale Organisation sollte den beteiligten Arbeitern überlassen
bleiben, doch wurde empfohlen, für jeden Beruf eine eigene Sektion
zu bilden; aushülfsweise sollten gemischte Sektionen eintreten. Das
aus neun Personen bestehende Bundeskomitee wurde durch die Sektionen
des Vorortes gewählt. Seine Aufgabe bestand in Ueberwachung und
Ausführung der Kongreßbeschlüsse und Verwaltung der Bundeskasse sowie
Veranstaltung statistischer Erhebungen und Betreibung der Propaganda.
Jedes Mitglied hatte jährlich 20 Cent. Beitrag an die Bundeskasse zu
zahlen. Oberstes Organ war der jährlich zusammentretende Kongreß, zu
dem die Sektionen auf je 50 Mitglieder einen Vertreter wählten, doch
sollten alle das Programm und die Statuten berührenden Beschlüsse der
Urabstimmung unterbreitet werden. Die Ordnung der Streiks war den
einzelnen Gewerkschaftsverbänden überlassen, das Bundeskomitee war
auf Sammlung freiwilliger Unterstützungen beschränkt. Zum Bundesorgan
wurde die »Tagwacht« bestimmt, die von Juni 1873 ab mit dem Zusatze:
»Sozialdemokratische Zeitung« wöchentlich zweimal erschien.

Durch die Gründung des Arbeiterbundes hatte die sozialdemokratische
Richtung infolge weiser Mäßigung einen erheblichen Sieg erfochten.
Immerhin konnten die Reibereien nicht ausbleiben, und zwar um so
weniger, als man bald versuchte, den Sieg in dem Sinn auszunutzen,
daß man die politische Thätigkeit und die letzten Endziele stärker
betonte und mit der Internationale festere Fühlung zu gewinnen
suchte. Dies führte insbesondere zu lebhaften Kämpfen zwischen der
»Tagwacht« und dem »Felleisen«, das die Traditionen der nationalen
Richtung aufrecht erhielt. Doch siegte auch hier die schärfere Tonart,
und nachdem auf dem II. $Kongresse$ in $Winterthur$ im Mai 1874 die
Züricher »Eintracht« wegen ihrer Feindseligkeit gegen die »Tagwacht«
aus dem Bunde ausgeschlossen war, mußte auch das »Felleisen« nach
13jähriger Wirksamkeit sein Erscheinen einstellen, ja der Verband der
Arbeiterbildungsvereine selbst nebst der von ihnen eingerichteten
Wanderunterstützungskasse wurde aufgelöst.

Auch im $Grütliverein$ war die sozialdemokratische Richtung erstarkt,
und obgleich der Antrag, den Gesamtverein als solchen an den
Arbeiterbund anzuschließen, mit 1479 gegen 676 Stimmen abgelehnt wurde,
so richtete sich doch die Thätigkeit des Vereins immer mehr auf das
soziale und gewerkschaftliche Gebiet.

Der Aufschwung des $Arbeiterbundes$ dauerte in den Jahren bis 1876 und
1877 fort. Auf dem $zweiten$ Kongresse in $Winterthur$ Mai 1874 waren
62 Vereine mit 4439, auf dem $dritten$ in $Basel$ Mai 1875 76 Vereine
mit 4953 und auf dem $vierten$ in $Bern$ Juni 1876 71 Vereine mit 5815
Mitgliedern vertreten. Von diesen 71 Vereinen waren 38 Gewerkschaften
mit 3342 Mitgliedern. Die nächststärkste Gruppe waren die 17
Arbeiterbildungsvereine mit 1113 Mitgliedern. Von dem Grütliverein
hatten sich nur 5 Sektionen mit 524 Mitgliedern angeschlossen.

Aber bald begann der Rückschlag. Der Gegensatz zwischen den
politischen und den gewerkschaftlichen Elementen machte sich in
steten Streitigkeiten geltend. Der Plan einer Unterstützungskasse für
Arbeitseinstellungen mußte wegen mangelnder Beteiligung fallen gelassen
werden, auch die ins Leben gerufene Kranken- und Sterbekasse kam nicht
zu einer befriedigenden Entwicklung. Das Bundesorgan, die »Tagwacht«
arbeitete bei 1200-1400 Abonnenten mit einem steten Defizit.

So mußte dann endlich auf dem $siebenten Kongresse in Olten$, 6. bis
8. November 1880, die $Auflösung des Bundes$ beschlossen werden,
nachdem die Beteiligung bereits auf 20 Sektionen mit 1400 Mitgliedern
zurückgegangen war. Man hatte einsehen müssen, daß die Verschmelzung
der schweizerischen und der ausländischen Elemente auf politischem
Boden ebenso unmöglich war, wie die Gewinnung der ersteren für die
sozialdemokratischen Grundanschauungen. So gründeten denn die Deutschen
in Anlehnung an das Mutterland den »$Landesausschuß der organisierten
deutschen Sozialisten in der Schweiz$«, während die Schweizer
Sozialisten sich in der »$sozialdemokratischen Partei der Schweiz$«
zusammenfinden wollten. Endlich schuf man für die unpolitischen Zwecke
den »$allgemeinen schweizerischen Gewerkschaftsbund$«, der allen
Arbeitern ohne Unterschied der Nationalität offen stehen sollte. Zum
Vororte wurde Genf bestimmt. An Stelle der »Tagwacht« wurde als Organ
der sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des Gewerkschaftsbundes
die »Arbeiterstimme« ins Leben gerufen, die versuchen sollte, die auch
im Gewerkschaftsbunde herrschenden sozialdemokratischen Traditionen
fortzusetzen.

Alle diese Gründungen hatten wenig Lebenskraft. Dem Gewerkschaftsbunde
gehörten zur Zeit seiner am 9./10. September 1882 in Olten
abgehaltenen, von 16 Vertretern beschickten Konferenz nur 17 Sektionen
mit 450 Mitgliedern an; die sozialdemokratische Partei der Schweiz
erhob sich nicht über eine Anhängerzahl von 400.

Im Gegensatze hierzu hielt sich der $Grütliverein$ auf seiner früheren
Höhe; er zählte Ende September 1882 185 Sektionen mit mehr als 7000
Mitgliedern. Allerdings hatte er gewisse sozialreformerische Gedanken
in sich aufgenommen, ja auf der Delegiertenversammlung in Luzern,
Pfingsten 1878, war sogar das von einem Ausschusse entworfene »Programm
der sozialdemokratischen Partei der Schweiz« mit 114 gegen 2 Stimmen
angenommen, zugleich aber ein »Allianzvertrag« mit dem Arbeiterbunde
mit 119 gegen 28 Stimmen abgelehnt. »Grütlianer« und »Arbeiterstimme«
lebten fortwährend in lebhaftester Fehde. An der Schaffung des
allgemeinen Gewerkschaftsbundes hatte sich der Verein beteiligt, doch
trat er schon 1887 mit der Begründung zurück, daß er »als nationaler
Verein mit den internationalen Bestrebungen des Gewerkschaftsbundes und
der Sozialisten sich nicht befreunden könne«.

Ein neuer Versuch, zu einer Einigung zu gelangen, wurde
unternommen durch den »$Allgemeinen schweizerischen Arbeitertag$«,
der von einflußreichen Personen im Grütliverein und in der
sozialdemokratischen Partei einberufen wurde und vom 8. bis 10.
September 1883 in $Zürich$ unter Beteiligung von 172 Abgeordneten
zusammentrat, doch waren von den 183 Sektionen des Grütlivereins
nur 60 vertreten. Das Ergebnis war die Einsetzung eines aus je 2
Mitgliedern des Grütlivereins, der schweizerischen sozialdemokratischen
Partei, des Gewerkschaftsbundes, der deutschen sozialdemokratischen
Mitgliedschaften und der deutschen Arbeiterbildungsvereine
zusammengesetzten »$Aktionskomitees des schweizerischen
Arbeitertages$«, dem es gelang, bis Ende 1883 eine Gesamtzahl von
3900 Mitgliedern zusammenzubringen, von denen 1500 dem Grütliverein,
300 der schweizerischen sozialdemokratischen Partei, 650 den
deutschen sozialdemokratischen Mitgliedschaften und 550 den deutschen
Arbeiterbildungsvereinen und kleinen Gruppen angehörten. Der Beitrag
beschränkte sich auf ein Agitationsgeld von vierteljährlich 5 Cts. Auf
eine eigentliche Zentralleitung hatte man ebenso verzichtet, wie auf
größere praktische Aufgaben; es handelte sich lediglich um eine lose
Verbindung zum Zwecke sozialistischer Propaganda. Außerdem versuchte
man durch Eingaben an den Bundesrat und die Staatsregierungen, sowie
Beeinflussung der öffentlichen Meinung für arbeiterfreundliche
Maßregeln zu wirken. Dabei trat jedoch, wie bei der Stellung zum
Branntweinmonopol, das von dem Grütliverein befürwortet, von den
Sozialisten dagegen bekämpft wurde, vielfach der Gegensatz in den
Grundanschauungen deutlich hervor.

Um den sozialistischen Elementen einen stärkeren Einfluß zu
verschaffen, setzte man im Sommer 1887, wo die Mitgliederzahl übrigens
bereits auf 6000 gestiegen war, durch, daß der Sitz des Aktionskomitees
von Zürich nach Bern verlegt wurde. In der That wurde jetzt die Tonart
schärfer und das Ziel der Gründung einer sozialdemokratischen Partei
deutlicher in den Vordergrund gestellt. Insbesondere der Fürsprecher
Stock in Bern und der Bezirksanwalt Otto Lang in Zürich, der seit dem
1. Januar 1888 in seinem Verlage ein neues Blatt, den »Schweizerischen
Sozialdemokraten« erscheinen ließ, waren die Führer der Bewegung, und
obgleich der Grütliverein sich fern hielt, gelang es doch, auf den 21.
Oktober 1888 nach Bern einen $zweiten »schweizerischen Arbeitertag$«
zusammenzuberufen, auf dem die neue »$sozialdemokratische Partei der
Schweiz$« gegründet wurde. Es sollten nicht mehr, wie früher, Vereine
als solche, sondern nur noch einzelne Mitglieder beitreten können. Nur
Schweizer Bürgern war der Beitritt gestattet. Der Beitrag belief sich
auf jährlich 20 Cts. An der Spitze steht das aus 15 Personen bestehende
Parteikomitee. Jährlich findet ein ordentlicher Parteitag statt, dessen
Beschlüsse jedoch auf Verlangen einer Urabstimmung unterworfen werden
müssen.

Der »$schweizerische Gewerkschaftsbund$« hatte sich nach kümmerlichen
Anfängen allmählich eine etwas festere Stellung erworben. Er zählte
1886 1000 Mitglieder; die »Arbeiterstimme« hatte sogar eine Auflage
von 1700 und deckte ihre Ausgaben. Immerhin hatte der Bund wenig
praktische Bedeutung, insbesondere fehlte ihm die Befugnis, bei
Streiks einzugreifen, und so war es ganz naturgemäß, daß man nach
dieser Richtung hin neuen Plänen nachging. In der That wurde auf
dem Zentralfeste des Grütlivereins in Grenchen am 26. Juni 1886 dem
Zentralkomitee des Vereins der Auftrag erteilt, mit anderen Vereinen
zur Gründung einer »$Allgemeinen schweizerischen Reservekasse$« in
Verbindung zu treten, und es gelang, mit dem Gewerkschaftsbunde und
dem Aktionskomitee des Arbeitertages eine Verständigung zu erzielen,
nach der die für die Leitung der Kasse bestimmte Kommission aus 9
Mitgliedern bestehen und von diesen 5 dem Grütliverein und je 2 den
beiden anderen Gruppen angehören sollten. Die Mitgliedschaft an der
Kasse war keine direkte, sondern nur Vereine und Verbände konnten
derselben beitreten. Die Einnahmen der Kasse bestanden aus jährlichen
Beiträgen der beteiligten Verbände, die für den Grütliverein auf 1000,
für das Aktionskomitee auf 800 und für den Gewerkschaftsbund auf 400
Frs. festgesetzt wurden. Doch wurden diese Beiträge von den einzelnen
Verbänden selbständig verwaltet und von der Ablieferung derselben an
eine eigene Kasse abgesehen. Ein fester Fonds von 5000 Frs. sollte
stets unangetastet bleiben und erst bei Ansammlung von 10000 Frs. die
Bewilligung von Unterstützungen eintreten. Diese sollte erst zulässig
sein, wenn alle Mittel einer friedlichen Beilegung des Streites
erschöpft waren.

Der Erfolg des Unternehmens war zunächst sehr erheblich. Allerdings
waren die festen Einnahmen gering, aber es gelang, in einzelnen
Fällen große Summen an freiwilligen Beiträgen zu sammeln, und den
Arbeitern gab der bloße Bestand einer solchen Kasse einen moralischen
Stützpunkt. Immerhin wünschte man mehrfach eine festere Organisation
und die Einführung direkter Mitgliederbeiträge. Aber ein in diesem
Sinne auf dem Delegiertentage in $Aarau$ am 1. April 1888 gefaßter
Beschluß scheiterte an dem Widerspruche des Grütlivereins, und erst
nach langen Verhandlungen einigte man sich im März 1889 dahin, daß die
übrigen Mitglieder direkte Beiträge von monatlich 20 Cts. zu zahlen,
der Grütliverein dagegen eine jährliche Pauschalsumme von 2000 Frs. zu
leisten habe; außerdem wurde eine eigene Kassenverwaltung eingerichtet.

Aber die praktische Notwendigkeit drängte weiter. Es war ein
unnatürlicher Zustand, daß neben den zentralisierten Verbänden der
einzelnen Berufe noch zwei selbständige gewerkschaftliche Organe
bestanden, und man forderte deshalb wiederholt die Verschmelzung der
Reservekasse mit dem Gewerkschaftsbunde, sowie den engeren Anschluß an
die Gewerkschaftsverbände. Trotz des Widerstandes des Grütlivereins
gelang es auf dem am 25. Januar 1891 in $Zürich$ abgehaltenen
$Delegiertentage$, diesen Plan durchzusetzen. $Die Reservekasse wurde
dem Gewerkschaftsbunde überwiesen$ und die Verwaltung dem aus 12
Mitgliedern bestehenden Bundeskomitee unterstellt.

Aber noch immer wurden weitere Umgestaltungen gewünscht, und nachdem
in $Bern$ 1893 beschlossen war, eine Neuregelung hinsichtlich der
Behandlung von Streiks vorzunehmen und zu diesem Zwecke einen
$außerordentlichen Kongreß$ zu berufen, wurde dieser am 5./6. Juni 1895
in $Luzern$ abgehalten unter einer Beteiligung von 9 Zentralverbänden
mit 83 Sektionen durch insgesamt 141 Vertreter.

Die Statuten wurden dahin geändert, daß der Beitritt zum
Gewerkschaftsbunde allen Berufsverbänden offensteht, daß aber der
Anschluß von Einzelmitgliedern nicht statthaft ist, diese vielmehr
ihrem Berufsverbande beizutreten haben. Wo einzelne Berufe zu wenig
Mitglieder für eine eigene Organisation besitzen, sollen gemischte
Gewerkschaften zulässig sein. Alle zwei Jahre soll ein Bundeskongreß
stattfinden; die Gewerkschaften können auf je 50 Mitglieder einen
Vertreter entsenden. Gegen alle Beschlüsse kann von 1/3 der Vertreter
oder 1/10 der Bundesmitglieder Urabstimmung gefordert werden. Um die
durch den großen Uhrenarbeiterstreik erschöpften Mittel des Bundes zu
ergänzen, wurde ein außerordentlicher Beitrag von 2 Frs. auf den Kopf
beschlossen. Den Verbänden wurde empfohlen, Beitragsleistungen an die
sozialdemokratische Partei einstweilen einzustellen. Hinsichtlich des
Verhältnisses des Bundes zu den einzelnen Verbänden fand sowohl die
straffere Organisation als auch die Lockerung derselben Vertreter.
Einerseits wurde den einzelnen Verbänden dadurch ein größerer Einfluß
eingeräumt, daß dem Bundesvorstande Vertreter der Verbände hinzutreten
und mit ihm das erweiterte Bundeskomitee bilden sollen. Andrerseits
wurde angeregt, die Zentralverbände sollten sich zu Gunsten des
Bundes auflösen, doch wurde ein Beschluß hierüber nicht gefaßt. Auch
die Regelung der Stellung des Bundeskomitees gegenüber Streiks wurde
lebhaft erörtert: endlich wurde beschlossen, daß über die Genehmigung
eines Streiks das Bundeskomitee, über dessen Beendigung dagegen
dasselbe in Verbindung mit den beim Streik beteiligten Arbeitern
entscheiden soll.

Auf dem Kongresse ließ der Typographenbund, der früher dem
Gewerkschaftsbund angehört hatte, seinen Austritt anzeigen. Auch das
Zentralkomitee des Grütlivereins hatte erklärt, auf Vertretung im
Bundeskomitee zu verzichten. Trotzdem wurde beschlossen, ihm eine
solche Vertretung gegen Zahlung eines festen jährlichen Beitrages
einzuräumen, worauf der Verein dann später eingegangen ist.

Auf dem am 5. April 1896 im Schwurgerichtssaale in $Zürich$
abgehaltenen Kongresse, auf welchem 11 Zentralverbände mit 142
Sektionen durch 185 Abgeordnete vertreten waren, war als Vertreter der
sozialdemokratischen Partei der Schweiz der Staatsanwalt $Zgraggen$
aus Bern zugegen. Ein Hauptgegenstand der Verhandlungen war das
Verhältnis der bisher als Organ des Bundes benutzten »Arbeiterstimme«
zu der sozialdemokratischen »Tagwacht«. Es wurde beschlossen, die
»Arbeiterstimme« zum wirklichen Gewerkschaftsblatte umzugestalten und
wöchentlich erscheinen zu lassen; politische Angelegenheiten soll
dasselbe nur soweit bringen, wie sie eng mit der Gewerkschaftsbewegung
verknüpft sind. Ferner wurde beschlossen, am 1. Januar 1897 ein
selbständiges Sekretariat in Zürich einzurichten.

Der letzte Kongreß ist vom 8. bis 10. April 1898 in $Solothurn$
abgehalten unter Beteiligung von 16 Verbänden mit 138 Sektionen, die
durch 187 Abgeordnete vertreten waren. Der Typographenbund hatte
mit einer kleinen Mehrheit gegen den Vorschlag seines Vorstandes
beschlossen, mit dem Gewerkschaftsbunde einen Kartellvertrag
abzuschließen, aber trotz lebhafter Befürwortung seitens derjenigen,
die auf diese Weise die Wiederannäherung anbahnen wollten, wurde dies
abgelehnt mit der Begründung, daß man dadurch auch andere Verbände
bestimmen würde, ein solches loseres Verhältnis mit geringeren
Opfern der eigentlichen Mitgliedschaft vorzuziehen. Das Verhältnis
der Zentralverbände zum Gewerkschaftsbunde wurde wieder einer
eingehenden Erörterung unterzogen, wobei angeregt wurde, einerseits
den Bundesvorstand lediglich aus den Vorständen der Verbände
zusammenzusetzen, andererseits die Verbände zu Gunsten des Bundes
aufzulösen. Schließlich wurde zur Prüfung der Frage eine Kommission
eingesetzt, die davon ausgehen soll, daß das gesamte Kassenwesen an
den Bund abgetreten, hingegen die Berufsorganisation den Verbänden
überlassen werden soll. Besonders interessant waren die Verhandlungen
über die Organisation. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei
hatte den Gewerkschaftsbund benachrichtigt, daß er eine Neuorganisation
anstrebe und anheimgestellt, daß der Bund sich derselben anschließen
möge. Obgleich von mehreren Seiten hiergegen mit dem Bemerken
protestiert wurde, daß keineswegs alle Mitglieder Sozialdemokraten
seien, wurde doch dem Bundesvorstande Vollmacht erteilt, unter
Vorbehalt späterer Genehmigung seitens des Bundes in Verhandlungen
einzutreten. Dagegen wurde der von einem Vertreter geäußerte Wunsch,
es möge auch Nichtschweizern der Eintritt in die sozialdemokratische
Partei gestattet werden, von allen Seiten unter dem Hinweise darauf
abgelehnt, daß dies nach den bisherigen Erfahrungen den Tod der Partei
bedeuten würde.

Diese Verhandlungen zeigen deutlich, daß der Gewerkschaftsbund
stark unter sozialdemokratischem Einflusse steht, eine Thatsache,
die auch durch mancherlei andere Umstände, z. B. dadurch, daß auf
allen Bundeskongressen der sozialdemokratische Parteistand offiziell
vertreten ist, bestätigt wird. Ihr ist auch zweifellos der Austritt
des Typographenbundes zuzuschreiben, denn bei den einschlägigen
Kongreßverhandlungen wurde stets betont, daß derselbe auf konservativem
Standpunkte stehe und seine Mitglieder sich zu gut dünkten, um mit
anderen Arbeitern zusammenzuwirken.

Die äußere Entwickelung und jetzige Bedeutung des Gewerkschaftsbundes
zeigen folgende Zahlen.

Bei seiner Gründung im Jahre 1880 hatte er 13 Sektionen mit 133
Mitgliedern. In Olten (9. September 1882) hatten sich diese auf 17
Sektionen mit 450 Mitgliedern vermehrt. 1886 zählte der Bund 1000
Mitglieder, 1893 gab es bereits 260 Sektionen mit 9495 Mitgliedern.

Durch den Austritt des 1100 Mitglieder zählenden Typographenbundes
trat ein starker Rückschlag ein, doch gab es nach dem auf dem Kongreß
in Zürich (5. April 1896) erstatteten Berichte am 31. Dezember 1895
bereits wieder 9203 Mitglieder, die sich auf folgende Verbände
verteilen: 1. Uhrmacher 3000, 2. Metallarbeiter 1750, 3. Schneider
500, 4. Lithographen 280, 5. Schuhmacher 220, 6. Buchbinder 200, 7.
Glaser 150, 8. Tabakarbeiter 100, 9. Müller 40, 10. Korbmacher 20, 11.
Holzarbeiter 1261, 12. verschiedene andere Gewerkschaften 1468, 13.
politische Vereine 214.

Eine ausführliche Darstellung der äußeren Verhältnisse des Bundes
giebt der von demselben zum Zwecke der Landesausstellung in Genf 1897
zusammengestellte und auf besonderen Erhebungen beruhende Bericht.
Danach gab es folgende Verbände:

1. Der Metallarbeiterverband mit 53 Sektionen und 2620 Mitgliedern.

2. Die Brauerunion mit 8 Sektionen und 490 Mitgliedern.

3. Der Schneider- und Schneiderinnenverband mit 25 Sektionen und 746
Mitgliedern.

4. Der Schuhmacherverband mit 14 Sektionen, von denen 11 mit 424
Mitgliedern berichtet haben.

5. Der Tabak- und Zigarrenarbeiterverband mit 5 Sektionen und 108
Mitgliedern.

6. Der Müllerverband mit 6 Sektionen und 145 Mitgliedern.

7. Der Buchbinderverband mit 7 Sektionen und 236 Mitgliedern.

8. Der Lithographenbund mit 292 Mitgliedern.

9. Der Korbmacherverband mit 80 Mitgliedern.

10. Der Verband der Baugewerbe mit 22 Sektionen und 1374 Mitgliedern.

11. Der Verband der Holzarbeiter mit 26 Sektionen und 2080 Mitgliedern.

12. Zwei Gärtnerfachvereine mit 64 Mitgliedern.

13. Die Färbergewerkschaft in Zürich mit 90 Mitgliedern.

14. Allgemeine Arbeitervereine mit 477 Mitgliedern.

Dazu kommt noch der Uhrenarbeiterverband mit 3000 Mitgliedern.

Mit Rücksicht auf die zum Teil unvollständigen Antworten ist die
Gesamtmitgliederzahl auf 12700 zu veranschlagen.

Auf dem Kongresse in Solothurn (8. April 1898) wurde mitgeteilt, daß
der Bund 322 Sektionen mit rund 14000 zahlenden Mitgliedern umfasse,
was etwa 10 % der gesamten schweizerischen Arbeiterschaft entspreche.

Von 1887-1897 hatte der Bund 203267 Frs. verausgabt. Einnahmen
und Ausgaben belaufen sich jährlich auf etwa 20000 Frs., der
Vermögensbestand betrug am 31. Dezember 1897 12319 Frs. 31 Cts. Das
Organ des Bundes »Die Arbeiterstimme« hat eine Auflage von etwa 4000.

In noch höherem Grade, als in dem Gewerkschaftsbunde, hat die
sozialdemokratische Richtung allmählich das Uebergewicht erlangt in
dem »$Grütliverein$«. Wie oben gezeigt, stand der Verein anfangs auf
einem durchaus anderen Standpunkte, obgleich schon früh einzelne
Sektionen sich dem Einflusse der Sozialdemokratie zugänglich erwiesen.
Den Abschluß erreichte diese Bewegung auf dem am 8./9. Oktober 1892
in Olten abgehaltenen Delegiertentage. Nach dem hier gefaßten und
dann Ende Mai 1893 durch Urabstimmung mit 4952 gegen 623 Stimmen
angenommenen Beschlusse wurden die Statuten dahin geändert, daß sich
der Verein nicht mehr, wie bisher, auf die »Grundlage der freisinnigen
Demokratie«, sondern auf die »Grundlage der Sozialdemokratie«
stellen will. Demgemäß wurde die frühere Zweckbestimmung: »Förderung
des nationalen Bewußtseins« gestrichen und statt dessen betont,
daß der Verein auch mit zweckverwandten Vereinen des Auslandes in
freundschaftliche Verbindung treten will. Dieser Umschwung erregte
großes Aufsehen und hatte zur Folge, daß eine Anzahl Mitglieder ihren
Austritt erklärten. Freilich darf man die Bedeutung des Beschlusses
nicht überschätzen. Muß zunächst schon auffallen, daß von 15241
Mitgliedern nur 5675 sich an der Abstimmung beteiligten, wie denn auf
der Oltener Versammlung von den 352 Sektionen nur 78 vertreten waren,
so bewies die im November 1892 erfolgte Wahl des Redakteurs für das
Vereinsorgan, den »Grütlianer«, daß die eigentliche Sozialdemokratie
noch immer im Vereine sich in der Minderheit befand. Der von ihr
aufgestellte Kandidat, der Redakteur der »Arbeiterstimme«, R. $Seidel$,
erhielt nur 2858 Stimmen, während 5379 sich auf den Redakteur des
»Bieler Anzeigers«, H. $Mettier$, den Kandidaten der Grütlianer
Partei, vereinigten. Der Verein lehnte deshalb anfangs auch, trotz
seines Programms, die formelle Verbindung mit der Sozialdemokratie
durchaus ab. Aber schon aus den Abstimmungsziffern ergiebt sich,
daß die sozialdemokratischen Elemente innerhalb des Vereins weitaus
die energischeren waren, und so ist es denn begreiflich, daß diese
immer mehr die andern aus ihrem Einflusse und schließlich aus dem
Vereine verdrängten und dieser völlig zu einer sozialdemokratischen
Organisation wurde. Die Jahresberichte für 1895, 1896 und 1897 stehen
durchaus auf diesem Standpunkte, bezeichnen die sozialdemokratische
Partei und den Grütliverein als »die beiden sozialdemokratischen
Zentralverbände«, bekämpfen »die Geringschätzung, mit der einzelne
Gewerkschaften und Genossenschaften auf die politische Arbeiterbewegung
glauben herabschauen zu dürfen« und erwarten von einer »Ausbreitung
der sozialdemokratischen Ideen« das Heil der Zukunft. Die Frage, ob
die Bildung politisch neutraler oder ausdrücklich sozialdemokratischer
Gewerkschaften und Genossenschaften den Vorzug verdiene, wird
als eine solche der bloßen Zweckmäßigkeit bezeichnet. Allerdings
sind gewerkschaftliche und genossenschaftliche Organisationen
ein unentbehrliches Mittel im sozialen Emanzipationskampfe des
Proletariates, aber »eine gänzliche Befreiung aus den Fesseln des
Kapitalismus werden nur diejenigen dieser Bildungen finden, in denen
der sozialdemokratische Geist am lebendigsten und konsequentesten sich
äußert«.

Aus der öffentlichen Wirksamkeit des Vereins innerhalb der letzten
Jahre ist insbesondere hervorzuheben das Eintreten für eine Revision
des Fabrikgesetzes im Sinn einer Beschränkung der Nacht- und
Sonntagsarbeit, der Herabsetzung des gesetzlichen Maximalarbeitstages
von 11 auf 10 Stunden für Männer und 8 Stunden für Frauen, ferner die
Unterstützung des Tabakmonopols und der Schaffung einer eidgenössischen
Bundesbank mit alleinigem Banknotenrechte, die Agitation für ein
gemeinsames bürgerliches Recht und obligatorische Kranken- und
Unfallversicherung, sowie Vorbereitung der Arbeitslosenversicherung.
Während in allen diesen Punkten die Bewegung fruchtlos verlief, wurde
hinsichtlich des Eisenbahnrückkaufes durch den Bund ein Erfolg erzielt,
indem dieser bei der Volksabstimmung am 20. Februar 1898 mit großer
Mehrheit angenommen wurde. Daneben hat der Verein und seine Sektionen
sich nachdrücklich der Unterstützung der Lohnbewegung gewidmet
und eine Reihe von Streiks unterstützt. Der Verein besitzt eine
Unterstützungskasse sowie eine eigene Buchhandlung und Buchdruckerei.
Die offiziellen Blätter des Vereins sind »Der Grütlianer« und »_Le
Grutli_«; außerdem erhalten noch mehrere Blätter jährliche Zuschüsse.

Die Zahl der Mitglieder ist seit dem Jahre 1890, wo der Verein
den Gipfel der Blüte erreicht hatte, stetig zurückgegangen. Die
Mitgliederzahl betrug: am 1. Juli 1860: 2253; am 1. April 1872: 4217;
am 1. Oktober 1876: 7332; am 1. Oktober 1881: 6165; am 1. Oktober 1886:
11080; am 1. Oktober 1889: 15363; am 31. Dezember 1890: 16391; zu dem
gleichen Zeitpunkte 1891: 15241; 1892: 14140; 1893: 13289; 1894:
12976; 1895: 12439; 1896: 11286 und 1897: 10919.

Allerdings ist die Zahl der Sektionen, die Ende 1897 324 betrug,
nicht im gleichen Maße gesunken, da vielfach neue Sektionen gebildet
wurden; um so größer ist der Rückgang der Mitglieder in vielen der
bestehenden Sektionen. Der Bericht für 1897 giebt auch zu, daß neben
anderen Gründen für das Herabgehen des Vereins die Abschwenkung
zur Sozialdemokratie in Betracht komme, glaubt aber, daß dafür
die Einheitlichkeit des Vereins um so mehr gewachsen sei. Da die
sozialdemokratische Partei der Schweiz noch immer recht schwach ist,
so bedeutet der Grütliverein augenblicklich, wie auch die Berichte
betonen, die wichtigste Zusammenfassung der sozialdemokratischen
Elemente.

Dem Rückgange der Mitglieder entspricht der schwache Besuch der
Vereinstage, von denen der letzte, der am 2./3. Oktober 1897 in St.
Gallen abgehalten wurde, nur 78 Abgeordnete als Vertreter von 62
Sektionen aufwies. Das Verbandsvermögen betrug am 31. Dezember 1897
5765 Frs. Die neben dem Vereine bestehende Kranken- und Sterbekasse
hatte 4651 Mitglieder und ein Vermögen von 116011 Frs.

Der Verein hat übrigens trotz seines sozialdemokratischen Karakters in
den letzten Jahren versucht, mit den sozialreformerischen Elementen
anderer Parteien, insbesondere der bürgerlichen Demokratie, eine
Verbindung anzuknüpfen. Nicht allein haben sich im Nationalrate
die Abgeordneten dieser Richtungen zu einer gemeinsamen Gruppe
zusammengeschlossen, sondern es hat auch am 6. Juni 1897 in Luzern
eine Vertrauensmännerversammlung stattgefunden, auf der 91 Vertreter
aus 15 ganzen und 5 halben Kantonen zugegen waren und nach eingehenden
Vorträgen über wichtige Tagesfragen zur Beratung des weiteren
Vorgehens eine Kommission aus 9 Mitgliedern eingesetzt wurde, von
denen die sozialpolitische Gruppe 3 und die übrigen 3 Verbände,
nämlich Grütliverein, sozialdemokratische Partei und Gewerkschaftsbund
je 2 ernannten. Diese Kommission hat am 25. September 1897 in Olten
ihre erste Sitzung gehalten und verschiedene Beschlüsse gefaßt. Die
Fortsetzung dieser Beratungen ist beabsichtigt.

Der bereits erwähnte »$Schweizerische Typographenbund$« hatte
sich bis zu dem im Jahre 1889 zu Gunsten des Neunstundentages
ausgebrochenen großen Streik in ausgesprochenem Gegensatze zu der
Sozialdemokratie befunden und sich aus diesem Grunde auch von dem
Gewerkschaftsbunde fern gehalten. Dieser unglücklich verlaufene
Streik hat einen gewissen Umschwung der Anschauungen herbeigeführt,
indem ein Teil der Vereinsmitglieder für einen Anschluß an die
sozialdemokratische Partei eintritt. Trotzdem wurde ein entsprechender
Antrag auf der Generalversammlung in Burgdorf 1892 abgelehnt und
lediglich unter Freistellung des Beitrittes für die einzelnen
Mitglieder die Zahlung eines jährlichen Zuschusses von 200 Frs.
beschlossen. Dem Gewerkschaftsbunde ist der Typographenbund 1892
beigetreten, doch hat, wie oben mitgeteilt, das Verhältnis nur bis
Ende 1895 gedauert. Seitdem ist wegen des Wiedereintrittes mehrfach
innerhalb des Typographenbundes verhandelt, wobei sich die beiden
Vorschläge einer völligen Mitgliedschaft mit festen Beiträgen oder
eines bloßen Kartellverhältnisses gegenüberstanden. Bei der am 26.
März 1898 vorgenommenen Urabstimmung siegte die letztere, auch vom
Zentralvorstande vertretene Ansicht mit 660 gegen 651 Stimmen, doch ist
abzuwarten, ob der Gewerkschaftsbund auf dieses Angebot eingehen wird.

In der Schweiz besteht auch ein $Verein der Buchdruckereibesitzer$,
und das Verhältnis zwischen ihm und dem Gehülfenverbande ist ein
friedliches, obgleich es nicht so weit entwickelt ist, wie in
Deutschland, insbesondere besteht kein allgemeiner Tarif für die ganze
Schweiz, und die Vorschläge, ihn herbeizuführen, haben innerhalb des
Gehülfenverbandes bis jetzt noch nicht die Mehrheit gefunden. In den
letzten Jahren hat man eingehend über die Frage der Setzmaschine
verhandelt, aber zu einer festen Vereinbarung ist man bis jetzt noch
nicht gelangt.

Auch die Bildung einer $graphischen Union$ ist schon mehrfach,
insbesondere von den Lithographen, angeregt, der Typographenbund hat
sich aber bisher ablehnend verhalten mit der Begründung, daß dieselbe
erst möglich sei, wenn die übrigen graphischen Berufe sich auf
einer ähnlich hohen Stufe der Organisation befinden würden, wie die
Buchdrucker.

In welchem Umfange der Bund in den letzten Jahren seinem Ziele, die
Gesamtheit der Angehörigen des Gewerbes zu vereinigen, näher gekommen
ist, zeigen folgende Ziffern. Die Zahlen der dem Bunde angehörigen und
der außerhalb stehenden Setzer und Drucker waren 1890: 1034 und 524;
1891: 1118 und 560; 1892: 1147 und 509; 1893: 1183 und 526; 1894: 1332
und 543; 1895: 1417 und 563; 1896: 1556 und 494; 1897: 1563 und 559.

Der Bund besitzt Kranken-, Invaliden- und Sterbekasse, die 1896
zu einer einzigen verschmolzen sind, ferner ein eigenes Organ,
die »Helvetische Typographia« und eine eigene Vereinsdruckerei.
Aus der allgemeinen Kasse werden außerdem Viatikum und
Konditionslosenunterstützung, sowie Umzugsvergütung geleistet. Das
Vermögen des Bundes belief sich am 31. Dezember 1897 auf 37000 Frs.
neben 100654 Frs. der Kranken-, Invaliden- und Sterbekasse.

Für die französische Schweiz besteht ein gleicher Verband, die
_Fédération romande_; zwischen beiden herrschen freundschaftliche
Beziehungen. --

Eine ähnliche Stellung, wie die Buchdrucker haben in der Schweiz
von je her die $Uhrenarbeiter$ eingenommen, indem sie sich
insbesondere von der allgemeinen Arbeiterbewegung fern hielten
und die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu den Arbeitgebern
erstrebten. Obgleich man bereits 1868 eine _Fédération des Graveurs
et Guillocheurs_ begründet hatte, beschränkte sich doch anfangs die
gewerkschaftliche Bewegung auf kleine lokale Vereinigungen. Nachdem
dann eine nach dem Muster des Stickereiverbandes am 31. Juli 1886
gegründete _fédération horlogère_, aus Arbeitern und Fabrikanten
bestehend, nach kurzem Bestehen an dem Widerstande der beiderseitigen
Interessen gescheitert war, wurde endlich auf einem am 16. Oktober
1892 in St. Immer abgehaltenen Kongresse der »$Uhrenarbeiterverband$«,
die »_Fédération Ouvrière Horlogère_« ins Leben gerufen, der sich
freilich dem Gewerkschaftsbunde nicht formell anschloß, aber doch
zu ihm freundschaftliche Beziehungen unterhält und sich an der
Reservekasse in der Weise beteiligt hat, daß er für jedes Mitglied
jährlich 50 Cent. an dieselbe zahlt. Auf dem am 3. Dezember 1893 in
Biel abgehaltenen ersten ordentlichen Kongresse wurden 4500 Mitglieder
gezählt. Das Verbandsorgan ist die von G. $Reimann$ herausgegebene
»_Solidarité horlogère_«, die in einer gemäßigt sozialdemokratischen
Richtung geleitet wird. Es ist also nicht zu verkennen, daß die
sozialdemokratischen Anschauungen unter der schweizerischen
Arbeiterschaft allmählich einen größern Einfluß erlangt haben, als die
ersten Entwickelungsstadien erwarten ließen. --

Die letzten Jahre haben endlich aber auch einen formellen
$Zusammenschluß sämtlicher Arbeitervereine in der Schweiz$
herbeigeführt. Schon auf dem Arbeitertage in Zürich 1883 war von
dem Grütliverein die Schaffung eines eidgenössischen Bureaus für
Arbeiterstatistik nach dem Vorbilde der nordamerikanischen _boards
of trade_ angeregt, jedoch ohne Erfolg. Am 28. August 1886 richtete
das Zentralkomitee des Grütlivereins an das Handelsdepartement des
Bundes ein Gesuch um einen Zuschuß für ein im Rahmen des Vereins zu
errichtendes $Arbeitersekretariat$, dessen Aufgabe sich unabhängig von
allen politischen Zielen lediglich auf Förderung der wirtschaftlichen
Interessen der Arbeiterschaft beschränken sollte. Schon am 7. September
1886 erfolgte eine grundsätzlich zustimmende Antwort. Auf ein
Ausschreiben des Grütlivereins, in dem derselbe alle Arbeitervereine
ohne Rücksicht auf Parteistellung und religiöses Bekenntnis zur
Teilnahme aufforderte, erklärten sich nicht allein das »Aktionskomitee
des schweizerischen Arbeitertages« und der »Allgemeine schweizerische
Gewerkschaftsbund«, sondern auch zahlreiche andere Gruppen, z. B.
die katholischen Vereine, zur Mitwirkung bereit. Seitens der
Bundesregierung wurden dann folgende Bedingungen gestellt:

1. daß ein Komitee gebildet werde, in dem alle schweizerischen
Arbeiterverbände im Verhältnis ihrer Mitgliederzahl vertreten seien,

2. daß der Arbeitersekretär von diesem Komitee ernannt werde und von
ihm seine Anweisungen erhalte,

3. daß jährlich ein Voranschlag über Einnahme und Ausgabe aufgestellt
und am Schlusse des Jahres eine Rechnung mit Belegen eingesandt werde,

4. daß das Handelsdepartement sich bei den Beratungen des Komitees
durch einen Abgesandten mit beratender Stimme vertreten lassen dürfe,

5. daß wahlberechtigt nur die Vereine sein sollten, die in ihrer
Mehrheit aus schweizer Bürgern beständen, und daß stimmberechtigt nur
die letzteren sein dürften: endlich sollte für den Arbeitersekretär und
die Mitgliedschaft des Vorstandes die gleiche Eigenschaft erfordert
werden.

In der zur endgültigen Beschlußfassung auf den 10. April 1887 nach
$Aarau$ berufenen allgemeinen Delegiertenversammlung waren der
Grütliverein mit 13000, der Piusverein mit 10000, die _Fédération
horlogère_ mit 15000, das Aktionskomitee des schweizerischen
Arbeitertages mit 6000, die katholischen Gesellenvereine mit 2600,
der allgemeine Gewerkschaftsbund mit 2000 Mitgliedern, sowie eine
große Anzahl von Kranken- und Unterstützungskassen durch insgesamt 158
Abgeordnete vertreten. Die Gesamtzahl der Mitglieder wird auf 100000
angegeben, doch erscheint sie ebenso wie die Einzelziffern wesentlich
zu hoch. Bei den Verhandlungen machte sich wieder der Gegensatz
zwischen der Sozialdemokratie und dem Grütliverein geltend, doch
überließ man schließlich dem letzteren die Leitung.

Das Ergebnis war die Gründung des »$Schweizerischen Arbeiterbundes$«.
Der erste Paragraph der Statuten lautet: »Zur gemeinsamen Vertretung
der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse der Schweiz
bilden die Arbeitervereine des Landes einen Verband unter den Namen:
»Schweizerischer Arbeiterbund«. Beitrittsberechtigt ist jeder Verein,
der in seiner Mehrzahl aus schweizerischen Arbeitern besteht und
Arbeiterinteressen vertritt, ohne Unterschied seiner politischen und
religiösen Richtung.«

$Organe$ des Bundes sind

1. die alle drei Jahre zu berufende $Delegiertenversammlung$
(»Arbeitertag«), für die jeder Verein auf je 250 Mitglieder einen
Vertreter zu entsenden berechtigt ist;

2. der aus 25 Mitgliedern bestehende $Bundesvorstand$, der auf je drei
Jahre von der Delegiertenversammlung gewählt wird. Mitglieder können
nur Schweizer Bürger werden; 2/3 müssen Arbeiter sein;

3. der aus drei Mitgliedern bestehende $leitende Ausschuß$. Die
Mitglieder müssen einem bestimmten Verbande angehören; das Amt wurde
dem Grütliverein übertragen;

4. der $Arbeitersekretär$, der vom Bundesvorstande auf drei Jahre
gewählt wird, doch hat die Delegiertenversammlung ein Vorschlagsrecht.
Der Sekretär ist ausschließlich dem Bundesvorstande unterstellt, aber
verpflichtet, dem schweizerischen Bundesrate in allen Angelegenheiten,
die Arbeiterfragen betreffen, Beihülfe zu leisten.

Der Versuch der sozialdemokratischen Gruppe unter Führung von $Steck$,
diesem Programme ein anderes gegenüberzustellen, nach dem von der
Bildung eines Arbeiterbundes ganz abgesehen, vielmehr der Sekretär von
einer jährlich zu berufenden allgemeinen Delegiertenversammlung gewählt
und einem von ihr eingesetzten dreigliedrigen Ausschusse unterstellt
werden sollte, mißlang ebenso, wie die Bestrebungen, einzelne Vereine,
insbesondere den »Piusverein« von dem Verbande auszuschließen. Immerhin
erreichte man auf dem $ersten ordentlichen Arbeitertage in Olten$
Ostern 1890 eine Abänderung der Statuten dahin, daß die Wahl des
Sekretärs dem Bundesvorstande genommen und der Delegiertenversammlung
zugewiesen wurde. Der schweizerische Bundesrat erteilte hierzu seine
Zustimmung.

Für die Stellung des Arbeitersekretärs wurde am 11. April 1887 vom
Bundesvorstande mit 14 gegen 9 Stimmen, die auf R. $Seidel$ fielen,
$Hermann Greulich$ gewählt, der das Amt bis jetzt bekleidet.

Der Zuschuß der Regierung wurde von ursprünglich 5000 seit 1891
auf 25000 Frs. erhöht. In diesem Jahre wurde auch eine Filiale des
Sekretariates für die romanische Schweiz in Biel begründet.

Als $Aufgabe des Sekretariates$ waren von Anfang an in erster
Linie statistische Arbeiten, insbesondere über Lohnhöhe, Unfälle
u. dgl. ins Auge gefaßt. Allerdings ist die der Regierung gegebene
Zustimmung, sich streng auf wirtschaftliche Fragen zu beschränken
und politische Vereinsverwaltungsfragen vollständig unberührt zu
lassen, nur unvollkommen erfüllt. Mit sehr günstigem Erfolge hat der
Sekretär mehrfach eine vermittelnde Thätigkeit bei Streitigkeiten
ausgeübt. Ein Hauptteil seiner Arbeit bezieht sich auf die
Durchführung des eidgenössischen Fabrikgesetzes. Eine Beeinflussung
seitens des schweizerischen Bundesrates ist von diesem stets
entschieden abgelehnt, und gerade darauf beruht das Zutrauen, das die
Arbeiterschaft dem Sekretariate entgegenbringt. Man ist sich seitens
der Regierung wohl bewußt, daß die Arbeiterschaft in erheblichem
Maße von den sozialdemokratischen Elementen geleitet wird und daß
sich dieser Umstand auch in der Thätigkeit des Arbeitersekretariates
wiederspiegelt, aber man hat trotzdem daran festgehalten, das
letztere als eine eigene Einrichtung der Arbeiterschaft völlig deren
selbständiger Leitung zu überlassen.

Der Ausschuß des Arbeiterbundes hatte seinen Sitz zunächst in St.
Gallen; im Juni 1891 wurde er dann nach Winterthur und am 1. Januar
1897 nach Luzern verlegt. Der Bund erhebt bisher keine festen
Mitgliederbeiträge, sondern bezieht nur freiwillige Zahlungen der
beteiligten Vereine. Es ist schon mehrfach auf das Mangelhafte dieses
Zustandes hingewiesen, doch steht einer Aenderung das Hindernis im
Wege, daß die am Bunde beteiligten Krankenkassen gesetzlich ihre
Mittel nicht anders, als zur Krankenunterstützung verwenden dürfen.
Die Mitgliedschaft des Piusvereins ist mehrfach, insbesondere
von sozialdemokratischer Seite, angegriffen, doch hat, nachdem
der Piusverein den Nachweis erbracht hatte, daß von seinen 15000
Mitgliedern 9000 Lohnarbeiter und auch nur 1000 Ausländer sind, die
Mehrheit des Zentralvorstandes sich dahin entschieden, daß der Verein
den statutarischen Bedingungen entspreche.

Durch den 1895 erfolgten Beitritt des Eisenbahnerverbandes mit seinen
15000 Mitgliedern hat der Bund eine erhebliche Verstärkung erfahren,
so daß auf dem am 6. April 1896 in Winterthur abgehaltenen $vierten
ordentlichen Schweizer Arbeitertage$ insgesamt 174181 Mitglieder
vertreten waren, von denen 66528 auf die Krankenkassen, 54562 auf
Gewerkschaften und Berufsvereine, 16031 auf den Grütliverein, 11548 auf
allgemeine Arbeitervereine, 10512 auf katholische Vereine und 15000 auf
den Piusverein entfielen. Dabei waren sogar die 30000 Mitglieder des
welschen Krankenkassenverbandes, die auf dem früheren Arbeitertage in
Zürich vertreten waren, dieses Mal fern geblieben.

Unter den Angelegenheiten, mit denen sich der Bund bisher beschäftigt
hat, ist die interessanteste die Errichtung $obligatorischer
Berufsgenossenschaften$. Der Gedanke, Arbeiter und Arbeitgeber seitens
des Staates zu korporativen Verbänden zusammenzufassen und diesen
die Fassung verbindlicher Beschlüsse in gewerblichen Angelegenheiten
zu übertragen, war schon mehrfach aufgetaucht, insbesondere unter
den Uhrmachern, indem man glaubte, dadurch dem Uebergewichte der
Großindustrie begegnen zu können. Man stützte sich dabei auf die
günstigen Erfolge des Ostschweizerischen Stickereiverbandes.
Anfangs hatte die Sozialdemokratie diesen Bestrebungen den
schärfsten Widerspruch entgegengesetzt, indem sie fürchtete, daß das
Klassenbewußtsein der Arbeiter hinter den Berufsinteressen zurücktreten
könnten, allmählich aber war man auch in diesen Kreisen zu einer dem
Plane günstigeren Auffassung gelangt.

Die erste öffentliche Beratung der Frage erfolgte auf dem Arbeitertage
in Olten Ostern 1890. Der Referent, der radikale Nationalrat $Cornatz$
empfahl, in das Fabrikgesetz die Bestimmung aufzunehmen: »Die Kantone
sind ermächtigt, für die Bedürfnisse gewisser Industrien obligatorische
Berufsverbände zu schaffen.« Die Beschlüsse derselben sollten durch die
Vertreter der Meistervereinigungen und die der Arbeitervereinigungen
in gemeinsamer Beratung gefaßt werden, wobei die Mehrheit entscheiden
sollte. Die Berufsgenossenschaften sollten der Ueberwachung durch die
öffentlichen Behörden unterliegen.

Der Korreferent $Greulich$ forderte dagegen ausschließlich, daß den
»Arbeitergewerkschaften«, sobald sie die Mehrzahl der Berufsgenossen
umfassen -- der Beitritt sollte also freiwillig bleiben -- folgende
Rechte zustehen sollten:

1. Begutachtung aller Gesetze und Verwaltungsmaßregeln, die den
bezüglichen Beruf betreffen, insbesondere Anträge über Bewilligung von
Ueberstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit.

2. Begutachtung der Ortsgebräuche hinsichtlich der Arbeitszeit,
Lohnzahlung, Kündigungszeit und anderer Streitpunkte des
Arbeitsvertrages.

3. Vertretung der Arbeiter des Berufes vor Gericht, soweit berufliche
Interessen in Frage kommen.

4. Das Recht, für die Arbeiter als Vertragspartei mit den Arbeitgebern
über die Arbeitsbedingungen zu unterhandeln und Arbeitsverträge
abzuschließen, die für alle Arbeiter der Gruppe verbindlich sind,
sowie die Befugnis, die Innehaltung derselben zu überwachen und gegen
Zuwiderhandelnde mit Strafen einzuschreiten.

Aus den Wahlen der Gewerkschaften aller Berufe werden die $kantonalen
Arbeiterkammern$ und aus Wahlen der letzteren die $schweizerische
Arbeiterkammer$ gebildet.

Gleiche Organisationen mit gleichen Rechten bestehen für die
Arbeitgeber.

Beide Gruppen wählen Abgeordnete in gleicher Zahl, die zusammen die
$gemischten Gewerbekammern$ bilden unter einem neutralen Vorsitzenden.
Sie können Beschlüsse fassen, die für alle Berufsangehörigen
verbindlich sind. Auch hier erfolgt eine Zusammenfassung zu $kantonalen
Industriekammern$ und einer $schweizerischen Industriekammer$.

Diese Körperschaften haben Gewerbeschiedsgerichte und Einigungsämter
zu bilden und gemeinsame Einrichtungen für gewerbliche Ausbildung und
Förderung der gewerblichen Interessen zu treffen.

Der Arbeitertag stellte sich auf den Boden der $Greulich$'schen
Vorschläge, beschränkte sich aber auf einen allgemeinen Beschluß,
»durch Schaffung von Berufsgenossenschaften mit korporativen Rechten
und unter strenger Ausscheidung der Organisationen der Arbeiter und
Gewerbsinhaber den Boden herzustellen, auf welchem die gegenseitige
Verständigung der Gewerbsgenossen vor sich gehen und die Industrie- und
Gewerbegesetzgebung erblühen kann.«

Nachdem am 20. Januar 1892 im Nationalrate ein Antrag $Favon$
eingebracht war, der sich in ähnlicher Richtung bewegte, und
nachdem auch der schweizerische Gewerbeverein am 12. Juni 1892 auf
seiner Versammlung in Schaffhausen sich für staatlich geregelte
Berufsgenossenschaften ausgesprochen und auf dem Kongresse des
Gewerkschaftsbundes in Aarau am 17./18. April 1892 $Greulich$ von
neuem seine Vorschläge verteidigt hatte, gelang es endlich, auf dem
Arbeitertage in Biel am 2./3. April 1893 nach einem Referate des
ultramontanen Nationalrats $Decurtins$ einen einstimmigen Beschluß
herbeizuführen, daß jedes Gewerbegesetz als verfehlt zu betrachten
sei, das nicht die obligatorischen Berufsgenossenschaften enthalte.
Dabei wurde allerdings die Trennung der Unternehmer und Arbeiter in
selbständige Gruppen gefordert, um einer Majorisierung der einen oder
der anderen Partei vorzubeugen. Die Ausgleichung der Sonderinteressen
soll einer aus beiden Gruppen gewählten Delegiertenkommission
übertragen werden. Der Wortlaut des Beschlusses ist folgender:

1. Die obligatorischen Berufsgenossenschaften müssen in jedem Berufe
zwei verschiedene Gruppen umfassen: die der Meister und die der
Arbeiter. Diese Gruppen haben durch Verständigung zu regeln: a. die
Lehrlingsverhältnisse, b. die Arbeitszeit, c. die Lohnverhältnisse.

2. Die obligatorischen Berufsgenossenschaften müssen in allen
Gemeinden oder Bezirken organisiert werden, in dem sich die nötigen
Berufselemente vorfinden.

3. Jeder Meister und jeder Arbeiter, der auf einem organisierten Berufe
arbeitet, ist Mitglied der Berufsgenossenschaft.

4. Die von der Berufsgenossenschaft gefaßten Beschlüsse haben
Gesetzeskraft für alle Prinzipale und Arbeiter, die in einer Gemeinde
oder in einem Bezirke den organisierten Beruf ausüben.

5. In jedem Kanton besteht ein Kantonalverband obligatorischer
Berufsgenossenschaften. Dessen Organ ist eine Kommission, bestehend
aus einer gleichen Anzahl von Delegierten jeder Meister- und
Arbeitergenossenschaft. Sie entscheidet über die Reklamationen gegen
die Beschlüsse einer Gewerkschaft des Kantons und legt die Konflikte
zwischen den Meister- und Arbeitergewerkschaften eines Berufes bei.

6. Alle Kantonalverbände bilden einen schweizerischen Verband, dessen
Organ eine Kommission von gleich vielen Delegierten der Meister und
Arbeiter aus den Kantonalverbänden ist. Diese entscheidet über die
Reklamationen gegen die Beschlüsse der kantonalen Kommissionen und
begleicht die Konflikte zwischen den letzteren.

7. Die eidgenössischen und kantonalen Behörden haben das Recht, sich
in den eidgenössischen und kantonalen Kommissionen durch Mitglieder
vertreten zu lassen, die beratende Stimmen haben.

Anfangs hatte insbesondere die Sozialdemokratie die Befürchtung
geltend gemacht, daß nicht allein die Arbeiter in der gemeinsamen
Organisation mit den Unternehmern der schwächere Teil sein, sondern
daß insbesondere die zielbewußten Arbeiter von der großen Masse der
indifferenten erdrückt werden würden. Später ließ man aber dieses
Bedenken fallen in der Erwägung, daß die natürliche Führung doch stets
den intelligenteren Arbeitern zufallen werde, und so erklärte sich
schließlich selbst der Führer der radikalen sozialistischen Richtung,
$Seidel$, mit dem Antrage $Greulich$'s einverstanden. Einen praktischen
Erfolg hat der gefaßte Beschluß bisher noch nicht gehabt, da die
Verfassungsänderung, die bezweckte, dem Bunde die Zuständigkeit auf dem
Gebiete des Gewerbewesens einzuräumen, bei der Volksabstimmung am 4.
März 1894 mit 155000 gegen 134500 Stimmen verworfen wurde.

Der Arbeiterbund hat aber trotzdem sein Ziel nicht fallen gelassen,
sondern sich auch auf dem Arbeitertage in Winterthur (6. April 1896)
wieder mit der Frage der obligatorischen Berufsgenossenschaften
beschäftigt. Man beschloß, den obligatorischen Karakter insoweit zu
mildern, als der Zwang von der Zustimmung der Mehrheit abhängig gemacht
wird und deshalb ein Bundesgesetz mit folgenden Bestimmungen zu fordern:

Wenn in einem Berufszweige, der sich mit der Erzeugung von Waren
beschäftigt -- dadurch sollte der Handel ausgeschlossen sein --
von bestehenden Organisationen der Arbeiter oder der Arbeitgeber
die Bildung einer solchen Genossenschaft beantragt wird, so soll
unter sämtlichen Beteiligten eine Abstimmung stattfinden. Hat in
beiden Gruppen die Mehrheit sich für den Antrag erklärt, so sind
zunächst in jeder Gemeinde Sektionen zu bilden, aus deren Wahl
dann die unter Vorsitz eines Bundesbeamten tagende konstituierende
Delegiertenversammlung aus gleicher Vertretung beider Gruppen
hervorgeht. Beide Gruppen haben das Recht, sich selbständig zu
konstituieren und ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen; ihre
Beschlüsse sind für alle Arbeiter bezw. Arbeitgeber verbindlich.
Keine Gruppe ist an die Beschlüsse der anderen gebunden; allgemeine
Beschlüsse können nur von der Berufsgenossenschaft als Gesamtheit
gefaßt werden, wobei stets erforderlich ist, daß die Mehrheit der
Arbeiter und die Mehrheit der Arbeitgeber sich für die Maßregel
erklärt. Die Berufsgenossenschaft ist befugt, alle Arbeitsverhältnisse
in ihrem ganzen Geschäftsgebiete zu regeln, insbesondere kann sie
Lohntarife aufstellen, die Arbeitszeit festsetzen, das Lehrlingswesen
ordnen, die Verkaufspreise für die Erzeugnisse bestimmen, die
Arbeit verteilen (kontingentieren), Betriebe selbst übernehmen,
den Absatz genossenschaftlich organisieren und Vorkehrungen zur
Sicherung der Existenz ihrer Angehörigen treffen. Gegen Beschlüsse
der Berufsgenossenschaft, die nicht in beiden Gruppen mindestens
2/3 der Stimmen erhalten, findet Rekurs an den Bundesrat und die
Bundesversammlung statt. Beide Instanzen können auch von Amtswegen
einen Beschluß aufheben, wenn er die allgemeinen Interessen der
Bevölkerung schädigt.

Neben der Frage der obligatorischen Berufsorganisation haben sich
die Verhandlungen der Bundesversammlungen besonders bezogen auf die
Reform des eidgenössischen Fabrikgesetzes, insbesondere einen besseren
Arbeiterschutz, die Haftpflicht der Unternehmer, sowie die Kranken- und
Unfallversicherung.

Aus dem von dem Bundesvorstande veröffentlichten Berichte für das
Jahr 1897 ist hervorzuheben, daß sich in Zürich am 18. März 1897
eine Arbeitskammer aus dem dort bestehenden Arbeiterberufsverein auf
politisch und religiös neutraler Grundlage gebildet hat, die bei ihrer
Gründung 7000 Mitglieder umfaßte und ein eigenes Bureau besitzt. Ihr
Hauptzweck ist neben organisatorischen Aufgaben die Auskunftserteilung.
Man hat sich entschlossen, bei dem Bundesrate die Erhöhung des
Bundeszuschusses von 25000 auf 30000 Frs. zu beantragen, um einen
italienischen Gehülfen des Arbeitersekretärs anzustellen, wofür das
Bedürfnis durch die sich lebhafter entwickelnde gewerkschaftliche
Bewegung in Tessin gegeben ist.

Der am 3. April 1899 in Luzern abgehaltene $fünfte schweizerische
Arbeitertag$ beschäftigte sich vor allem mit den $Gewerkschaften$.
Es ist von großer Bedeutung, daß beide Referenten, nämlich der
christlich-soziale Prof. $Beck$ wie der sozialdemokratische
Arbeitersekretär $Greulich$ in der Forderung, die Gewerkschaften
auf politisch und religiös neutraler Grundlage aufzubauen,
durchaus übereinstimmten, sodaß, nachdem ein Antrag, sie den
sozialdemokratischen Grundsätzen anzupassen, gegen wenige Stimmen
abgelehnt war, fast einstimmig beschlossen wurde, »in Erwägung, daß
eine einheitliche gewerkschaftliche Organisation der großen Mehrheit
der Arbeiter nur auf dem neutralen Boden der wirtschaftlichen
Interessen der Arbeiterklasse unter Ausschluß parteipolitischer oder
religiöser Stellungnahme erzielt werden kann«, die Agitation für solche
unpolitische Gewerkschaften zu empfehlen, um dadurch den Zusammenschluß
aller Organisationen in dem Gewerkschaftsbunde herbeizuführen.

Daneben wurden die Fragen der $Arbeitslosenversicherung$ und des
$Arbeitsnachweises$ verhandelt und in letzterer Hinsicht beschlossen,
es sei als Ideal ein Arbeitsnachweis anzustreben, der unter Kontrolle
der Betriebsinhaber in den Händen der Arbeiter liege, wobei
Streitigkeiten durch eine gemischte Kommission zu schlichten seien;
solange dieses Ideal noch nicht erreicht sei, müßten paritätisch
verwaltete Arbeitsnachweisebureaux geschaffen werden.

In den letzten Jahren ist übrigens auch für die Schweiz angeregt, nach
dem französischen Vorbilde $Arbeitsbörsen$ zu schaffen, insbesondere
wird der Gedanke von den Züricher Metallarbeiterorganisationen
vertreten und in der Sitzung der Züricher Arbeiterunion vom 8. März
1894 ist ein entsprechender Entwurf zur Annahme gelangt. Zweck der
Arbeitsbörsen soll sein: Arbeitsvermittelung, sowie statistische
Erhebungen über Wohnungsverhältnisse, Lohn, Lehrlingswesen,
Lebensmittelpreise und Reiseunterstützung. Die Arbeitgeberverbände, die
sich der Börse als ausschließlichen Arbeitsvermittelungsortes bedienen,
sollen ein Kontrollrecht erhalten.


V. Belgien[51].

Belgien besitzt, nachdem 1830 die früheren Beschränkungen aufgehoben
sind, ein völlig unbeschränktes Vereinsrecht; es ist deshalb wunderbar,
daß trotzdem die Entwicklung des Gewerkschaftswesens sich noch in
einem wenig fortgeschrittenen Zustande befindet. Die ersten Versuche
wurden von der Internationale unternommen, aber die ins Leben
gerufenen Vereine, die nicht nach Berufen gesondert waren und weniger
wirtschaftliche als politische Zwecke verfolgten, sind nach 1870
rasch wieder verschwunden. Erst nach der 1885 erfolgten Gründung der
unter sozialdemokratischem Einflusse stehenden Arbeiterpartei (_Parti
ouvrier_) ist die Gewerkschaftsbewegung in lebhaften Fluß gekommen.
Anfangs freilich beschäftigte sich auch die Arbeiterpartei mehr mit
der Errichtung von »Kooperativgesellschaften« (Genossenschaften),
die sich zu großer Bedeutung entwickelt haben. Die bedeutendste, der
_Voruit_, wurde 1880 gegründet und zählt jetzt, bei einem jährlichen
Geschäftsumsatze von 16000000 Frs., über 5000 Mitglieder. Der _Progrès_
in Jolimont mit 6276 Mitgliedern betreibt eine Bäckerei mit einem
Jahresumsatz von 8000000 kg Brot, zwei Schlachtereien, mehreren
Apotheken und vier Gast- und Volkshäusern. Das _Maison du Peuple_ in
Brüssel mit einem Jahresumsatze von 2000000 Frs. liefert Brot, Kohlen,
Kurzwaren und betreibt ebenfalls mehrere Wirtshäuser. Der Zusammenhang
dieser Genossenschaften mit der Arbeiterpartei ist ein sehr enger,
so daß sie sogar aus ihren Ueberschüssen Beiträge für Streikzwecke
liefern. In der neueren Zeit hat man aber auch angefangen, eigentliche
Gewerkvereine zu gründen.

  [51] Die weitaus wichtigsten Quellen für die belgischen Gewerkschaften
       sind einerseits die Arbeit von $Emile Vandervelde$: »_Enquète
       sur les associations professionels d'ouvriers et d'artisans
       en Belgique_«, 2 Bände, Brüssel 1891. _Imprimerie des travaux
       publies_ (vgl. dazu die Besprechung von $Binck$ in $Braun$,
       Archiv für soziale Gesetzgebung VI, 627) und andererseits $Ernest
       Mahaim$: _Etudes sur l'association professionelle_, Lüttich
       1891. Außerdem: _Rapport sur les associations professionelles en
       Belgique_, _Bruxelles_ 1889 und _Rapport sur le projet de loi
       accordant la personification civile aux unions professionelles_,
       _Bruxelles_ 1889.

Dem Beispiele der Sozialisten ist seit 1886 die katholische Partei
gefolgt und hat katholisch-konservative und katholisch-demokratische
Arbeitervereine geschaffen, die aber ebenfalls in erster Linie
politische Zwecke verfolgen. Da sie den Grundsatz vertraten, daß die
Arbeitgeber aus Gründen christlicher Liebe nicht berechtigt seien,
ihre Sonderinteressen in einer den Arbeitern nachteiligen Weise zu
verfolgen, so gelangen sie zu einer gewissen Interessenharmonie und
haben deshalb überall Arbeiter und Arbeitgeber zu Mitgliedern.

Die Liberalen sind hinsichtlich der Arbeiterorganisation die letzten
gewesen und haben bis jetzt am wenigsten Erfolge aufzuweisen; erst
die 1893 geschaffene liberale Arbeiterpartei hat die Gründung von
Gewerkvereinen in die Hand genommen.

Außer diesen Gruppen giebt es noch einige unabhängige
Arbeiterorganisationen, z. B. die Buchdrucker und die Schneider.

Endlich haben die amerikanischen Ritter der Arbeit in Belgien einigen
Anhang, doch haben sich die Bergarbeiter (_fédération des mineurs_) in
neuerer Zeit von der amerikanischen Oberleitung unabhängig gemacht, so
daß dieser jetzt nur noch die Glasarbeiter (_Union verrière_) mit 1120
Mitgliedern unterstellt sind.

Die Gesamtzahl dieser Vereine wird von $Vandervelde$ und $Mahaim$
übereinstimmend auf 180 mit etwa 60-70000 Mitgliedern geschätzt, was
bei etwa 7-800000 männlichen Arbeitern einem Verhältnis von etwa 8%
entspricht. In acht Gewerben haben sich die Vereine der einzelnen Orte
miteinander zu Verbänden (_fédérations_) zusammengethan; es sind dies
die Zigarrenmacher mit 6, die Holzarbeiter mit 12, die Buchdrucker mit
14, die Steinarbeiter mit 12, die Maler mit 3, die Bergarbeiter mit 27
und die Metallarbeiter mit 20 Ortsvereinen. Die stärksten Verbände sind
die Bergarbeiter mit 23000 und die Buchdrucker mit 14000 Mitgliedern; 8
andere besitzen über 500, die meisten aber unter 200 Mitgliedern.

Etwa 100 Vereine gehören als »_affiliés_« der Arbeiterpartei an. Im
übrigen läßt sich das Stärkeverhältnis der Parteien annähernd ersehen
aus den Ziffern für Gent, wo die Bewegung sich am stärksten entwickelt
hat; hier besaßen 1897 die Sozialisten 14 Gewerkschaften mit 10195,
die Antisozialisten 18 Gewerkschaften mit 2981 und die Liberalen 4
Gewerkschaften mit 884 Mitgliedern.

Im allgemeinen sind die Vereine noch zu schwach, um äußere Erfolge zu
erzielen; die nach dem 1. Mai 1891 zahlreich unternommenen Streiks
endigten überall mit Niederlagen und führten zu einem erheblichen
Verluste von Mitgliedern.

Bei den meisten Vereinen steht der Kampfkarakter im Vordergrunde, und
dies gilt nicht allein von den sozialistischen, sondern auch von den
unabhängigen und den Rittern der Arbeit. Die Hauptform ist die der
Vereine zur Behauptung des Lohnsatzes (_Sociétés de maintien de prix_).

Von allen belgischen Gewerkvereinen sind nach außen am meisten
die Bergarbeiter hervorgetreten, die nicht allein an dem Londoner
internationalen Gewerkschaftskongresse mit 15000 Mitgliedern
teilnahmen, sondern auch seit 1892 ihre regelmäßigen öffentlichen
Jahresversammlungen abhalten. Die dritte derselben, die am 8./9. April
1894 in La Louvière stattfand, hat eine Reihe wichtiger Forderungen
aufgestellt, insbesondere die Verstaatlichung der Bergwerke und ihren
Betrieb durch den Staat oder durch die Arbeitersyndikate, Festsetzung
eines Minimallohnes, Abschaffung der Akkordarbeit, internationale
Vereinbarung zur Einschränkung der Kohlenförderung behufs Vermeidung
der Ueberproduktion. Auf dem am 20. Oktober 1896 gleichfalls in
La Louvière abgehaltenen fünften Kongresse, auf dem 91 Gruppen
vertreten waren, beschloß man, den Bergarbeitern frei zu stellen, ob
sie sich den Gewerkschaften oder den Genossenschaften anschließen
wollen. Am Eröffnungstage der Brüsseler Ausstellung hat ein großer
Bergarbeiterkongreß stattgefunden. Ein am 10. Januar 1897 in Charleroi
abgehaltener außerordentlicher Kongreß forderte eine Lohnerhöhung,
lehnte aber für den Weigerungsfall ab, den Generalstreik zu beschließen.

Einen erheblichen Einfluß haben die Arbeitervereine auf die Gemeinden
gewonnen, insbesondere seitdem bei den Gemeindewahlen am 19. November
1895 die Sozialisten in 19 Städten ausschließlich und in 29 anderen
in Gemeinschaft mit den Radikalen die Verwaltung in die Hand bekommen
haben. So haben sie es durchgesetzt, daß regelmäßig bei den städtischen
Arbeitsverdingungen ein gewisser Mindestlohn zur Bedingung gemacht wird.

Die staatliche Gesetzgebung hat erst seit 1890 ihr Interesse den
sozialen Fragen zugewandt. Das erste einschlägige Gesetz war
dasjenige vom 9. August 1890 über die Einrichtung und Verwaltung von
Arbeiterwohnungen.

Die Versuche, den Gewerkvereinen die Rechte der juristischen
Persönlichkeit und des Eigentumserwerbes zu verschaffen, die
schon am 7. August 1889 zur Einbringung einer Vorlage seitens des
Ministers Lejeune und am 16. November 1894 zur Vorlegung eines neuen
Gesetzentwurfes durch den Minister Bergerem geführt hatten, scheiterten
lange an der Befürchtung, daß dadurch das »Eigentum der toten Hand«
begünstigt werden würde. Schließlich ist aber doch das Gesetz vom 31.
Mai 1898 zur Verabschiedung gelangt, nach welchem den Berufsvereinen
nach näher Bestimmung des Gesetzes die Rechte der juristischen Person
zugesichert sind. Als Berufsverein ist anzusehen »eine Vereinigung,
die ausschließlich zum Betriebe, zum Schutze und zur Entwicklung
ihrer Berufsinteressen zwischen Personen gebildet ist, die in der
Industrie, im Handel, in der Landwirtschaft oder in den freien Berufen
mit einem Erwerbszwecke entweder denselben oder ähnliche Berufe,
entweder dasselbe Gewerbe oder solche ausüben, die auf die Herstellung
derselben Produkte abzielen«. Vereine mit politischem Karakter sind
ausgeschlossen. Die Anmeldung geschieht bei einer besonderen Behörde,
die darüber zu entscheiden hat, ob der Verein den Bedingungen des
Gesetzes entspricht. Eine Vorbedingung für die Anerkennung ist, daß
der Verein die Verpflichtung übernimmt, »gemeinsam mit der Gegenpartei
die Mittel und Wege aufzusuchen, um jede auf die Arbeitsbedingungen
bezügliche Streitigkeit, bei welcher der Verein beteiligt ist, entweder
durch Einigung oder durch ein Schiedsgericht beizulegen«. Jährlich
muß der Verein eine Liste der Vorstandsmitglieder und ein Verzeichnis
von Einnahmen und Ausgaben einreichen. Die Liste der Mitglieder muß
öffentlich ausgelegt werden. Zur Annahme von Geschenken und Legaten
kann der Verein durch königliche Verordnung ermächtigt werden. Vereine,
die sich nicht im Rahmen des Gesetzes halten, insbesondere ihr Vermögen
zu anderen als den im Gesetze zugelassenen Zwecken verwenden, werden
aufgelöst. Ihr Vermögen wird nach den Bestimmungen des Gesetzes
verwandt und die Vorstandsmitglieder bestraft.

Das Gesetz ist besonders von sozialdemokratischer Seite heftig
bekämpft, und es ist zu erwarten, daß die Gewerkschaften dieser
Richtung auf die hier gewährte Rechtsstellung verzichten und ihre
Anmeldung nicht nachsuchen werden. Die Hauptangriffe stützen sich
darauf, daß das Gesetz nur solche Vereine zuläßt, welche ausschließlich
die Förderung der Interessen eines bestimmten Berufes bezwecken, daß
aber alle allgemeinen Angelegenheiten, also nicht bloß politische,
sondern insbesondere auch die Versicherungen gegen Krankheit, Unfälle,
Alter, Arbeitslosigkeit u. s. w. ausgeschlossen sind. Auch Werkstätten
für Arbeitslose dürfen sie nur für einen vorübergehenden Zeitraum
errichten. Oertliche Verbände der Gewerkschaften sind untersagt. In der
That scheint das Gesetz ein recht unvollkommener Versuch geblieben zu
sein.

Die sozialdemokratische Partei hat sich auf ihrem im August 1898
abgehaltenen Parteitage eingehend mit den Gewerkschaften beschäftigt
und ihre Stellung in einer umfassenden Resolution bezeichnet, aus der
folgende Punkte hervorzuheben sind:

Jede Gewerkschaft soll alle Arbeiter des gesamten Berufes umfassen ohne
Unterscheidung der Spezialfächer. Geschäftsführer und Schatzmeister
sind zu besolden. Der Beitrag soll wöchentlich 50 Cts. für Männer und
15-25 Cts. für Frauen und Lehrlinge betragen. Jede Gewerkschaft soll
eine Unterstützungskasse besitzen oder sich einer solchen anschließen,
auch die Hälfte ihrer Einnahme hierauf verwenden. Aus der Kasse sollen
hauptsächlich bei Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit durch
Krankheit oder Unfall Unterstützungen gewährt werden. Die andere
Hälfte der Einnahmen ist für Verwaltungskosten und die Streikkasse
zu bestimmen. Jede Gewerkschaft soll eine Bibliothek einrichten
und die Parteiblätter halten. Streiks sind nicht zu billigen,
wenn die Gewerkschaft nicht stark genug ist, oder wenn Ueberfluß
an Arbeitskräften besteht, oder wenn es sich darum handelt, die
Wiederbeschäftigung eines Einzelnen zu erzwingen, falls dieser nicht
seine Stelle im Kampfe für die Gewerkschaft verloren hat.

In neuester Zeit scheinen übrigens auch die Liberalen größere
Anstrengungen zu machen, den Vorsprung ihrer sozialistischen und
klerikalen Konkurrenten wieder einzuholen. Sie haben am 25./26.
Dezember 1897 in Brüssel ihren ersten Kongreß abgehalten, auf dem
55 Vereine mit angeblich 300000 Mitgliedern durch 80 Abgeordnete
vertreten waren. In dem aufgestellten Programme finden sich folgende
Forderungen: Staatliche Organisation einer Alters- und Pensionskasse;
Einrichtung von Arbeitsbörsen mit einen Schutzausschusse für die
Arbeiter; allgemeine obligatorische Volksschule mit weltlichem
und unentgeltlichem Unterricht; allgemeines gleiches Stimmrecht
mit Proportionalvertretung, Mindestlöhne und Maximalarbeitszeit;
Besteuerung des Kapitalbesitzes und des Einkommens; allmähliche
Abschaffung der Eingangszölle, Umkehr der Beweispflicht bei
Arbeitsunfällen, die dem Unternehmer zufallen soll.

Nach dem Vorbilde von Frankreich hat man in Belgien auch
$Arbeitsbörsen$ geschaffen. Der erste Versuch wurde schon 1850 von
Molinari in Brüssel unternommen, 1885 nahm der Bürgermeister von
$Brüssel$, Buls, den Gedanken wieder auf und rief 1889 neben dem
bereits von Arbeitervereinigungen begründeten _Oeuvre du travail_ eine
doppelte Einrichtung dieser Art: das _maison du travail_ für männliche
und das _comptoir du travail_ für weibliche Arbeiter ins Leben. In
$Lüttich$ hat am 11. Februar 1888 die Handelskammer eine Arbeitsbörse
mit gemeinsamer Verwaltung eines Arbeiters, eines Arbeitgebers und
eines Vertreters der Stadt geschaffen. In $Gent$ ist 1891 von dem
»Handels- und Gewerbeverein« eine ähnliche, von Stadt und Provinz
unterstützte Einrichtung begründet.

Seit 1892 besteht auch zwischen den verschiedenen Börsen ein
Verband, um eine Arbeitsvermittelung von Ort zu Ort für ganz Belgien
herzustellen.

Uebrigens weichen die belgischen Arbeitsbörsen von ihrem französischen
Vorbilde doch in ihrer Grundlage erheblich ab, indem sie sich streng
auf das Ziel der Arbeitsvermittelung beschränken und hierbei eine
volle Gleichberechtigung beider Parteien betonen, während jene sich zu
einseitigen Kampforganisationen der Arbeiter entwickelt haben, die den
Unternehmern keinerlei Einfluß gestatten.


                           VI. Holland[52].

In Holland ist es sehr schwer, über Arbeiterverhältnisse etwas zu
erfahren. Bis vor wenigen Jahren hatte man keine amtliche Statistik,
sondern überließ diese Thätigkeit einer Privatgesellschaft, der
»Vereinigung für Statistik«, deren Erfolge sehr gering waren. Im Jahre
1889 wurde bei Gelegenheit der Beratung eines Gesetzes über Frauen- und
Kinderarbeit die Einsetzung einer staatlichen statistischen Kommission
angeregt, und 1892 wurde in der That durch königliche Verfügung eine
solche unter dem Namen »Zentralkommission für Statistik« geschaffen,
in die man unter anderem auch einen bekannten Sozialdemokraten, R.
$van Zinderen-Bakker$, berief. Die Kommission begann ihre Thätigkeit
damit, daß sie außer an die Gemeindebehörden auch an die bestehenden
vier großen Arbeiterverbände: 1. den allgemeinen niederländischen
Arbeiterverband (_Het algemeen nederlandsch werklieden verbond_), 2.
den niederländischen römisch-katholischen Volksbund (_De nederlandsche
roomsch-katholicke volksbond_), 3. den niederländischen Arbeiterverband
»Patrimonium« (_Het nederlandsch werklieden verbond »Patrimonium«_),
4. den sozialdemokratischen Bund (_De socialdemocratische Bond_)
Fragebogen schickte. Allein die unter 2 und 4 genannten Vereinigungen
lehnten die Antwort ab, und da auch von den 1149 Arbeitervereinen,
die nach den Berichten der Bürgermeister bestanden, nur 693 Auskunft
gaben, so ist das Ergebnis der Erhebungen durchaus ungenügend. Das
Wesentlichste aus dem von der Kommission erstatteten und im Jahre 1894
veröffentlichten Berichte ist im folgenden wiedergegeben.

  [52] Die wichtigste Quelle für Holland ist der im Texte erwähnte
       Bericht der »Zentralkommission für Statistik«, der unter dem
       Titel: _Statistik der Arbeidervereenigingen, utgeven door de
       Centrale Commission voor de statistik, s'Gravenhage 1894,
       van Weelden en Mingelen_, im Buchhandel erschienen ist. Vgl.
       außerdem H. $Polak$ in der »Neuen Zeit« 1894/95, Nr. 2. S. 54
       ff. $Falkenberg$ u. $Mayer$ in $Braun$, Archiv f. soz. Ges. XI,
       750. Endlich veröffentlicht das »_Nationaal Arbeids-Secretariaat
       in Nederland_« seit 1893 jährliche Berichte. Die Adresse des
       Arbeitersekretärs ist: G. van $Erkel$, Amsterdam, Rozenstraat 155.

Vor 1811 bestanden in Holland keine Arbeitervereine. Von 1811-1855,
wo das Koalitionsverbot aufgehoben wurde, sind 13, von 1855-1865 8,
von 1865-1878 65, von 1878-1885 72 und von 1885-1894 271 derartige
Vereinigungen gegründet.

Die Mitgliederzahl, soweit sie genau ermittelt wurde, betrug:

                   bei 265 allgemeinen Vereinen   42712
                   bei 133 Gewerkschaften         10106
                   bei 181 Hülfskassen            63201
                   bei 103 Geselligkeitsvereinen   5601
                   bei  29 anderen Vereinen        5049
         insgesamt bei 711 Vereinen              126669

Doch sind diese Zahlen wesentlich zu hoch, da viele Mitglieder mehreren
dieser Vereinigungen angehören. Die Gesamtzahl der bestehenden
Gewerkschaften wurde auf 226 ermittelt. Am stärksten und am besten
organisiert sind der Typographen- und der Zigarrenmacherbund, sowie der
Verein der Eisenbahnarbeiter.

Von den erwähnten vier Verbänden zählte der erste 23 Zweigvereine mit
2500 Mitgliedern, der zweite 12 Zweigvereine mit 11000 Mitgliedern,
der dritte 160 Zweigvereine mit 12000 Mitgliedern und der vierte 99
Zweigvereine, deren Mitgliederzahl absichtlich geheim gehalten wird.

Die holländischen Gewerkschaften schwimmen durchaus im
sozialdemokratischen Fahrwasser, und zwar verfolgt die holländische
Sozialdemokratie unter ihrem allmächtigen Führer $Domela Nieuwenhuis$
eine völlig andere Richtung, als diejenige der meisten übrigen Länder,
insbesondere die deutsche, und steht zu derselben in einem schroffen
Gegensatze, der sich auf dem internationalen Kongresse in London
1896 in der entschiedensten Form geltend machte. Der Standpunkt der
holländischen Sozialdemokraten ist etwa derselbe, den die deutschen
sog. »Jungen« oder »Unabhängigen« vertreten: sie verwerfen die
Vertretung ihrer Ansicht im Parlamente und die Mitwirkung an der
Gesetzgebung, und obgleich nach dem bei den letzten Wahlen (Juni 1897)
in Kraft getretenen Wahlgesetze eine Erweiterung des Wahlrechts von
290000 auf 580000 Wähler (bei 5 Millionen Einwohnern) eingetreten
ist, so besteht doch der Beschluß des Weihnachten 1893 abgehaltenen
Parteitages in Groningen, unter keinen Umständen an den Wahlen
teilzunehmen, auch jetzt noch in Kraft. Thatsächlich ist freilich diese
Enthaltungspolitik bei den Wahlen keineswegs durchgeführt, vielmehr
sind vier sozialdemokratische Abgeordnete gewählt, während insgesamt
15000 sozialdemokratische Stimmen abgegeben sind[53]. Obgleich
nun diese antiparlamentarische Richtung der Sozialdemokratie die
Gewerkschaften durchaus begünstigt und ihnen geneigter gegenübersteht,
als die parlamentarische, die in ihr eine Konkurrenz sieht, so ist
die holländische Gewerkschaftsbewegung dennoch bisher schwach und
wenig entwickelt, was sich daraus erklären mag, daß die Bevölkerung
vorzugsweise aus Landarbeitern, Kleinbürgern, Handels- und Seeleuten
besteht und die Industrie wenig vertreten ist.

  [53] Gewählt sind: 17 Altliberale (früher 38), 30 Sozialliberale
       (früher 20), 4 Radikale (früher 2), 22 Antirevolutionäre
       (früher 15), 22 Katholiken (früher 25), 4 Sozialdemokraten,
       1 Christlich-Historischer.

Dagegen ist es jetzt gelungen, einen Zusammenschluß der
gewerkschaftlichen Organisationen in dem $Arbeitersekretariat$
zu schaffen, welches thatsächlich die Stellung einer obersten
Gewerkschaftsinstanz besitzt. Die Anregung hierzu war zunächst
von dem »Sozialdemokratischen Bunde« auf seiner Hauptversammlung
in Amsterdam 1891 gegeben; es zeigte sich jedoch bald, daß die
Uebernahme der Sache seitens der sozialdemokratischen Partei
nicht der richtige Weg war, und so wurde auf der Hauptversammlung
in Zwolle 1892 beschlossen, zunächst eine Verständigung mit den
gewerkschaftlichen Zentralverbänden zu suchen. Dieser Anregung
entsprechend fand eine auf den 9. Juli 1893 einberufene Zusammenkunft
von Gewerkschaftsvertretern statt, die zwar über den Grundgedanken sich
einigte, jedoch beschloß, zu einer neuen Konferenz am 27. August 1893
nicht nur die sozialistischen, sondern alle Arbeiterorganisationen
einzuladen, »welche davon überzeugt sind, daß die Arbeiter gegenüber
dem geschlossenen Vorgehen der Arbeitgeber gemeinsame Sache machen
müssen«. Obgleich einzelne Vereinigungen dieser Aufforderung keine
Folge leisteten, so war doch diese neue Konferenz so zahlreich
besucht, daß man zur Gründung des »Nationalen Arbeitersekretariats«
schreiten konnte. Dessen Zweck ist nach dem Organisationsstatut die
Verbindung der bestehenden Arbeitervereinigungen untereinander, das
Sammeln und Veröffentlichen statistischer Daten und die Korrespondenz
mit Arbeitersekretariaten anderer Länder. Dasselbe besteht aus je
einem Vertreter der beteiligten Verbände. Eine Versammlung der
Zentralvorstandsmitglieder aller angeschlossenen Verbände wird nach
Ermessen vom Sekretariate einberufen. Nach dem ersten im Februar 1893
veröffentlichten Berichte des Sekretariates umfaßte dasselbe damals
22 Fachverbände und allgemeine Arbeiterorganisationen mit zusammen
330 Abteilungen, 15728 Mitgliedern und Fachorganen. Der Vorschlag,
ein gemeinsames Organ seitens des Sekretariates herauszugeben, ist
zunächst abgelehnt. Auf der am 23. Februar 1896 in Haarlem abgehaltenen
zweiten Jahresversammlung, auf der 22 Verbände vertreten waren,
wurde mitgeteilt, daß sich im Jahre 1895 15 neue Organisationen
dem Sekretariat angeschlossen hätten und dasselbe Ende 1895 31
Verbände und Vereine mit 18700 Mitgliedern umfaßte; doch scheint die
Mitgliederzahl infolge von Doppelzählungen zu hoch gegriffen. Die
31 Organisationen sind folgende: 1. Allgemeiner Möbelarbeiterbund,
2. Internationaler Maler- und Anstreicherbund, 3. Niederländischer
internationaler Tabak- und Zigarrenarbeiterbund, 4. Sozialistenbund, 5.
Niederländischer Bürstenmacherbund, 6. Kalk- und Steinarbeiterbund, 7.
Schneiderverein, 8. Metallarbeiterbund, 9. Erd- und Bergarbeiterverein,
10. Allgemeiner niederländischer Schriftsetzer(Typographen-)bund, 11.
Allgemeiner niederländischer Holzarbeiterbund, 12. Niederländischer
Bund der Eisenbahn- und Tramarbeiter, 13. Korkschneiderverein, 14.
Steinhauerbund, 15. Neutraler Schmiedegesellenverein Amsterdam,
16. Handlangerverein, 17. Blei- und Zinkarbeiterverein, 18. Verein
der Arbeiter für Pfahlarbeiten, 19. Weber- und Spinnerbund, 20.
Schneiderverein in Heerenveen, 21. Maschinisten- und Heizerbund, 22.
Kombinierter Fachverein in Appeldoorn, 23. Verein der Schmiedegesellen
und verwandter Fächer, 24. Oelschlägerverein in Zaandyk, 25.
Sozialdemokratische Arbeiterpartei, 26. Kupfer- und Blecharbeiterbund,
27. Zuckerbäckerbund, 28. Spiegel- und Leistenmacherverein, 29.
Bäckergesellenbund, 30. Arbeitersekretariat Maastricht, 31.
Feldarbeiterverein.

Elf dieser Verbände haben ein eigenes Fachorgan.

Auf der am 28. Februar 1897 abgehaltenen dritten Jahresversammlung
hatte sich die Anzahl der zugehörigen Vereine von 31 auf 44 erhöht, die
Zahl der Mitglieder aber wird, auf Grund genauerer Zählungen, auf 17553
angegeben. Die Einnahmen betrugen 832,80 fl., die Ausgaben 658,81 fl.
Die Streikkasse hatte 14923,70 fl. Einnahme und 15119,1 fl. Ausgabe.

Die Thätigkeit des Sekretariates hat sich bisher vorwiegend auf
Organisationsfragen und die Behandlung der Streiks beschränkt. Eine
am 23. Juni 1895 abgehaltene Versammlung der Hauptvorstände der
Organisationen lehnte den Vorschlag der Begründung eines gemeinsamen
Streikfonds ab, beschloß aber ein allgemeines Streikreglement und
forderte die Vereine auf, sich bei Streiks gegenseitig zu unterstützen.
Der Jahresbeitrag der Verbände für das Sekretariat wurde von 1 fl. auf
2-1/2 fl. für je 100 Mitglieder erhöht. Als Aufgabe des Sekretariates
wurde vor allem die Schaffung einer möglichst genauen Arbeitsstatistik
bezeichnet.

In der bereits erwähnten Hauptversammlung vom 28. Februar 1897 wurde
die Herausgabe einer monatlich erscheinenden gemeinsamen Zeitung
wiederholt abgelehnt. Unter die Stellung der politischen Parteien
zu dem Sekretariate einigte man sich dahin, daß deren Vertreter als
solche auszuschließen seien, dagegen sich als Privatpersonen beteiligen
könnten.

Unter den Verbänden der einzelnen Gewerbe ist der bedeutendste
derjenige der $Diamantarbeiter$, der Anfang 1898 7500 Mitglieder
zählte, eine jährliche Einnahme von 93630 fl. und eine Ausgabe
von 104545 fl. hatte. Von den Ausgaben entfielen 68269 fl. auf
Unterstützungen. --

Der $Typographenbund$ zählte 1716 Mitglieder; die Einnahme betrug
2581 fl., die Ausgabe 2528 fl. Das Fachblatt hatte eine Auflage von
3700. Die im Januar 1898 abgehaltene Generalversammlung beschloß die
Gründung einer Krankenkasse. Die Buchdrucker haben aber Anfang 1898
auch einen allgemeinen Kongreß unter Beteiligung aller Richtungen,
insbesondere auch der katholischen Vereine, abgehalten, auf dem man
einen einheitlichen Tarif aufstellte und dessen Durchführung mittels
gemeinsamen Vorgehens beschloß; die Errichtung eines föderativen
Zentralverbandes wurde ins Auge gefaßt.

Der Bund der Post- und Telegraphenbeamten zählt 55 Vereine mit 1850
Mitgliedern.

Der Bund der Weber und Spinner zählt 9 Vereine mit 1000 Mitgliedern und
besitzt ein gemeinsames Fachblatt. Die Einnahme betrug 673 fl., die
Ausgabe 624 fl.

Es besteht auch noch seit 28 Jahren ein allgemeiner niederländischer
Arbeiterbund mit 3600 Mitgliedern und einer Jahreseinnahme von 2196
fl. Derselbe besitzt eine Begräbniskasse, an der auch andere Arbeiter
teilnehmen können, mit 9870 Mitgliedern.

Uebrigens beginnt jetzt auch die holländische Regierung den sozialen
Dingen ein größeres Interesse zuzuwenden. Ein am 23. Mai 1897 von der
Regentin vollzogenes Gesetz über Errichtung von Arbeitskammern ist das
erste greifbare Ergebnis dieser Politik.

In Zukunft können durch königliche Verordnung in einer Gemeinde
oder in einer Gruppe von Gemeinden für ein jedes oder für mehrere
verwandte Gewerbe gemeinsam Arbeitskammern errichtet werden. Diesen
Kammern soll eine gleiche Anzahl von Arbeitgebern und Arbeitern
angehören. Eine vierfache Aufgabe wird ihnen zugedacht, nämlich
1. das Sammeln von Informationen über Arbeiterangelegenheiten, 2.
das Erstatten von Gutachten an die staatlichen, provinziellen oder
städtischen Behörden in Bezug auf alle Fragen, welche die Interessen
von Arbeit und Arbeitern berühren, 3. das Erstatten von Gutachten
und das Ausarbeiten von Verträgen und Regelungen, wenn von einer bei
Arbeiterangelegenheiten beteiligten privaten Seite ein derartiges
Gesuch erfolgt, endlich 4. das Verhindern oder Beilegen von
Arbeitsstreitigkeiten entweder durch direkte Vermittlung oder durch das
Anraten zur Anrufung eines Schiedsgerichts.

Die Kammer soll mindestens jährlich viermal zusammentreten und außerdem
auf Verlangen des Vorstandes oder eines Drittels der Mitglieder.
Wähler ist jeder Niederländer, männlich oder weiblich, Arbeiter
oder Arbeitgeber, der 30 Jahr alt ist. Wahlberechtigt sind alle
männliche oder weibliche Personen, die im letzten Kalenderjahre in
ihrem Bezirke den Beruf als Arbeitgeber oder Arbeiter ausgeübt haben
und 25 Jahr alt sind. Die Kammer hat einen Vorstand, bestehend aus
einem unparteiischen Vorsitzenden, zwei Beisitzern als Vertreter von
Arbeitern und Arbeitgebern und einen Sekretär. Die Art der Beilegung
von Streitigkeiten ist genau geordnet.

Auch die auf Grund der Neuwahlen im Juni 1897 zusammengetretene
II. Kammer ist für soziale Reformen günstig gestimmt, insbesondere
ist die treibende Kraft in sozialpolitischer Richtung die neu
gebildete »Liberale Union«, die bei den letzten Wahlen 30 Abgeordnete
durchgesetzt hat und mit Nachdruck für soziale Verbesserungen eintritt.
Aus dem im November 1896 veröffentlichten Programme sind folgende
Punkte hervorzuheben: Erweiterung des Wahlrechts, insbesondere
Befreiung vom Zensus, Arbeitskammern, Regelung des Arbeitsvertrages,
Einschränkung übermäßiger Arbeitszeit auch für erwachsene Männer,
Sonntagsruhe, Zwangsversicherung gegen Unfall, Krankheit, Invalidität
und Alter mit Staatszuschuß, Wohnungsgesetz, Neuordnung des Armenwesens.

Demgemäß hat auch das auf Grund der Kammerwahlen neu gebildete
Ministerium Pierson-Gormann-Borgesius die Bahn der Sozialreform
eingeschlagen und die Thronrede, mit der die Kammer am 21.
September 1897 eröffnet wurde, bezeichnet als Vorlagen u. a. ein
Arbeiterschutzgesetz für Kinder und jugendliche Arbeiter, ein
Gesetz über obligatorische Unfallversicherung und eine Regelung der
Wohnungsfrage.


                           VII. Italien[54].

In Italien ist das Vereinsleben von je her stark entwickelt gewesen,
wie die Neigung zu Geheimbünden beweist; auch das Klubleben umfaßt
größtenteils nicht nur die höheren Klassen, sondern auch die Arbeiter.
Vereinigungen der letzteren sind die über ganz Italien verbreiteten
und mitgliederreichen fasci, die man als eine Zwischenstufe zwischen
Bildungsvereinen und Gewerkvereinen Hirsch-Duncker'scher Richtung
bezeichnen kann; sie stehen nicht allein nicht auf dem Boden des
Klassenkampfes, sondern werden sogar häufig von Nichtarbeitern,
insbesondere auch von den Arbeitgebern geleitet.

  [54] Mitteilungen über italienische Gewerkschaften finden sich in:
       _C. F. $Ferrari$_, _Saggi di economia statistica_, übersetzt
       von $Eheberg$ in Schmollers Jahrb. Bd. V, S. 247 ff., außerdem
       in der _Statistica della società di mutuo soccorso_, Rom 1888,
       p. XV und in $_Colnaghi_$, _Italy, the condition of labour
       1891_. Im allgemeinen ist die Litteratur über italienische
       Arbeiterverhältnisse äußerst dürftig, so daß $Biermer$ im
       Handw. d. Staatsw., II. Erg.-Bd., S. 437 bemerkt: »Ueber die
       Organisation der Arbeiter und Arbeiterinnen sind wir so gut
       wie nicht unterrichtet.« Die beste deutsche Quelle bilden die
       Aufsätze von $Sombart$ in den »Blättern für sozial. Praxis«
       und »$Braun$'s Archiv für soz. Gesetzgebung, insbesondere Bd.
       VI, S. 209, 215, 549, 557, Bd. VIII, S: 521 ff. Vgl. außerdem
       $Virgili$, daselbst Bd. XI, S. 726. Einen Ueberblick über die
       Entwickelung der »Italienischen sozialistischen Partei« giebt der
       für den internationalen Arbeiterkongreß in London 1896 erstattete
       Bericht vom 27. Juli 1896. Mailand. Druckerei des Vorstandes der
       sozialistischen Partei.

Eine besondere, mit den übrigen Arbeitervereinigungen des Landes nicht
in organischer Verbindung stehende Organisation bilden die _fasci
dei lavoratori_ in Sizilien, insbesondere in den Provinzen Palermo,
Catania und Girgenti. Dieselben werden geleitet durch einen Ausschuß
von 9 Personen, an deren Spitze der in den Zeitungen öfters genannte
Buchhalter der Volkbank in Palermo, $Garibaldi Bosco$, steht. Die
Vereinigungen, aus Männern und Frauen bestehend, haben das allgemeine
Ziel der Erringung besserer Arbeitsbedingungen, sehen von politischen
Forderungen ab und sind deshalb als gewerkschaftliche zu betrachten,
obgleich die italienische Regierung sie als sozialistische bekämpft.
Einige haben Lebensversicherungseinrichtungen, andere betreiben
Kranken- und Unterstützungskassen, Vorschuß- und Konsumvereine.

Einen ähnlichen Karakter tragen die $Hilfs$- und
$Unterstützungsvereine$ (_società di mutuo soccorso_), die eine
Unterstützung in einzelnen Notfällen des Lebens bezwecken, insbesondere
bieten sie eine Versicherung gegen die aus Krankheit und Todesfall
erwachsenden Vermögensnachteile, doch unterstützen sie auch im Falle
von Arbeitslosigkeit und insbesondere auch bei Streiks und nähern
sich dadurch dem gewerkschaftlichen Gebiete. Lebenslängliche Renten
zu gewähren ist ihnen durch das Gesetz vom 15. April 1886 verboten.
Die Mehrzahl der Mitglieder sind Handwerker und Kleingewerbetreibende,
auch Kleinbauern; deshalb tragen die Vereine im ganzen einen
kleinbürgerlichen Karakter, doch haben sie sich überwiegend der in den
letzten Jahren gebildeten selbständigen Arbeiterpartei angeschlossen.
Ueber die Ausbreitung dieser Vereine fehlen neuere Nachrichten;
nach der amtlichen Statistik von 1885 gab es damals 4971 mit 804000
Mitgliedern und 32 Millionen Lire Vermögen.

Die eigentlichen $Gewerkvereine$, die im Gegensatze zu der
Unterstützung in einzelnen Notfällen die Hebung des Arbeiterstandes im
allgemeinen und insbesondere die Verbesserung der Arbeitsbedingungen
bezwecken, nennen sich in Italien _società di resistenza_ und
bezeichnen so ihren Kampfkarakter und ihre Hauptaufgabe des Eingreifens
bei Streiks. Obgleich durch den erst 1890 aufgehobenen Art. 386 des
_codice penale italiano_ jede Verständigung der Arbeiter untereinander
zu dem Zwecke, »ohne vernünftigen Grund« (_senza ragionevole causa_)
die Arbeit einzustellen, zu verhindern oder Lohnsteigerungen
herbeizuführen, mit Gefängnis bis zu 3 Monaten bestraft wurde, so
haben doch schon früh einzelne Arbeitervereinigungen auch auf diesem
Gebiete eine Thätigkeit entfaltet. Der allererste Verein dieser Art
ist der $Hutmacherverband$ (_federazione dei cappellai_), doch ist
die Verbindung der einzelnen Vereine untereinander sehr lose; der
Vorschlag, die lokalen Organisationen zu zentralisieren, wurde auf
dem Hutmacherkongreß in Intra 1885 von der Mehrheit abgelehnt. Die
Zahl der zum Verbande gehörigen Vereine betrug 1891 85 mit etwa 5000
Mitgliedern, was bei einer Gesamtzahl von 17292 Hutmachern (nach der
Statistik von 1881) ein Verhältnis von 29 % bedeutet.

Der wichtigste Gewerkverein ist derjenige der $Buchdrucker$, der seit
Anfang der 70er Jahre besteht. Die einzelnen Vereine haben freilich
keine gemeinschaftliche Streikkasse, entrichten aber doch an das
Zentralkomitee eine nach der Zahl der Mitglieder bemessene Steuer, aus
der ausständigen Genossen ein Zuschuß gewährt wird. Der Hauptzweck,
den der Verband verfolgt, ist Aufrechthaltung eines für Italien
gemeinsam aufgestellten Tarifs. Die Zahl der Mitglieder betrug 1878:
2238, 1881: 2958, 1885: 3752, was bei einer Gesamtzahl von 14317
Buchdruckergehilfen ein Verhältnis von 26 % bedeutet.

Eine Frucht des großen Ausstandes im Jahre 1891 ist der Gewerkverein
der $Metallarbeiter$ in Mailand (_federazione di resistenza agli operai
metallurgici di Milano_), der trotz polizeilichen Verbotes fortbesteht
und sich neuerdings stark ausbreitet.

Endlich hat sich auf dem am 27. April 1894 in Mailand abgehaltenen
Kongresse sämtlicher italienischer $Eisenbahnarbeitervereinigungen$
ein Gewerkverein unter dem Namen _Lega dei ferrovieri_ gebildet, der
den Zweck der moralischen und materiellen Hebung der Klasse verfolgt,
während die gegenseitige Hilfeleistung zunächst noch den einzelnen
Vereinen überlassen bleibt. Zugleich wurde der Anschluß an die
Arbeiterpartei beschlossen. Sie besitzt ein eigenes Fachblatt »_Il
Treno_« (der Zug). So haben wir hier den Abschluß einer Entwicklung:
der alte _fascio ferrovierio_ stand durchaus auf dem Boden der oben
bezeichneten Auffassung der _fasci_, konnte also als G.-V. nicht
angesehen werden. Die später im Gegensatze dazu gegründete _Unione
ferrovieri_ vertrat den gewerkschaftlichen Standpunkt, lehnte aber
anfangs politische Bestrebungen ab, bis diese auch in ihr das
Uebergewicht erlangten und sie nun diese auch in die Kreise des alten
_fasci_ übertrug.

Die Hauptforderungen der _lega_ sind: gesetzliche Regelung der
Arbeitszeit und der Sonntagsruhe, Lohnminimum bei gleichem Lohne für
Frauen und Männer, besondere Gewerbegerichte und Schiedsämter (_probi
viri_) für die Eisenbahnen, Verstaatlichung der Eisenbahnen, Teilnahme
der Arbeiterschaft an den Wohlfahrtseinrichtungen.

Einen sehr erheblichen Aufschwung der gewerkschaftlichen Entwicklung
haben die $Arbeiterkammern$ (_camere di lavoro_) herbeigeführt,
eine Einrichtung, die mit den französischen Arbeitsbörsen und den
Arbeitersekretariaten Verwandtschaft hat. Nachdem ein von dem
($Mazzini$'schen) XIV. allgemeinen Arbeiterkongreß in Genua 1876
gefaßter Beschluß, entsprechend den Handelsgerichten und Handelskammern
auch Arbeitergerichte und Arbeiterkammern zu errichten, ohne weitere
Wirkung geblieben war, wurde der Gedanke unter dem Einflusse der
am 28. April 1887 erfolgten Begründung der Arbeitsbörse in Paris
insbesondere von dem Buchdruckerverbande wieder aufgenommen und es
gelang zuerst in Mailand am 22. September 1891 eine Arbeiterkammer zu
errichten. In den beiden folgenden Jahren folgten Bologna, Brescia,
Cremona, Florenz, Monza, Parma, Pavia, Piacenza, Rom, Turin, Venedig,
Neapel, Padua und San Pier d'Arena. Auf dem 1893 in Parma abgehaltenen
ersten Delegiertenkongreß wurde die Begründung eines $Gesamtverbandes$
(_Federazione italiana delle Camere del Lavoro_) und die Einrichtung
eines $Arbeitersekretariates$ (_Segretariato nazionale del Lavoro_)
beschlossen. Die hier gleichfalls ins Leben gerufene und zuerst am 1.
Januar 1894 erschienene eigene $Zeitschrift$ (_Giornale delle Camere
del Lavoro_), die in Mailand monatlich herausgegeben wurde, ist bereits
nach neun Nummern wieder eingegangen. Die Spitze des Gesamtverbandes
bildet das $Zentralkomitee$ (_comitato centrale_), das zuerst seinen
Sitz in Mailand hatte, denselben aber am 21. März 1895 nach Bologna
verlegte. Jährlich finden Delegiertenkonferenzen statt, in denen die
maßgebenden Beschlüsse gefaßt werden.

Die Arbeiterkammern sind nach ihrem Grundgedanken selbständige
Klassenvertretungen der Arbeiterschaft. Sie erhalten von den
Gemeinderäten jährliche widerrufliche Zuschüsse von 500-15000 Lire
und haben dagegen jährliche Berichte zu erstatten. Dagegen sind sie,
abgesehen davon, daß sie keine politische Thätigkeit betreiben dürfen,
durchaus unabhängig. Ihre Aufgabe ist im allgemeinen die Vertretung
der Interessen der Arbeiter. Im einzelnen werden in den Statuten
aufgeführt: 1. die Sammlung von Nachrichten, insbesondere über die
Lage des Arbeitsmarktes, 2. die Errichtung von Arbeitsnachweisen, 3.
Einflußnahme auf die soziale Gesetzgebung, insbesondere Ausdehnung der
Arbeiterschutzgesetzgebung und Ueberwachung der bestehenden Gesetze,
4. Verhandlungen mit den Unternehmern, insbesondere bei Feststellung
der Lehrlingsverträge und Herbeiführung einheitlicher Lohntarife, 5.
Thätigkeit als Schiedsgerichte und Einigungsämter, 6. Förderung des
Genossenschaftswesens, 7. Pflege der geistigen Interessen, insbesondere
der Bildung in den Arbeiterkreisen durch Vorträge, Unterrichtskurse,
Lesehallen, Bibliotheken u. s. w. Politische und religiöse Fragen sind
allgemein ausgeschlossen.

Ueber die Abgrenzung der Mitgliedschaft ist bei der ersten Entstehung
von Arbeiterkammern viel gestritten, insbesondere ob man ausschließlich
Arbeiter oder auch andere Personen zulassen sollte, wobei in Betracht
kommt, daß in den meisten bestehenden Arbeitervereinen auch Arbeitgeber
vertreten sind, so daß man bei deren Ausschließung den Beitritt der
Vereine als solcher nicht hätte gestatten dürfen. Obgleich die Regelung
in den einzelnen Städten verschieden ist, so werden doch im allgemeinen
sowohl Einzelpersonen als Vereine zur Mitgliedschaft zugelassen,
aber man hat dadurch eine gewerkschaftliche Organisation und eine
allmähliche Ausscheidung der nicht zu der Arbeiterklasse gehörenden
Elemente herbeigeführt, daß in den Kammern besondere $Fachabteilungen$
gebildet sind, deren Mitgliedschaft mehr oder weniger weitgehende
Rechte innerhalb der Kammer begründet.

Ueber den Mitgliederbestand der einzelnen Kammern liegen nur Zahlen aus
dem Jahre 1895 vor. Damals gab es in Bologna 9628, in Cremona 4494, in
Florenz 4000, in Mailand 12000, in Neapel 2600, in Parma 1800, in Pavia
1134, in Rom 10782, in Turin 4806, in Venedig 9163 Mitglieder. Zu den
meisten Kammern stehen die Unterstützungsvereine, die Kampfvereine und
die Genossenschaften in dem Verhältnis als »_società aderenti_«.

Das Verhältnis zu den städtischen Behörden war durchweg ein durchaus
freundliches; obgleich vielfach ausgesprochene Sozialdemokraten an
der Spitze der Kammer standen, aber gerade indem die italienischen
Arbeiter, schon bevor die Sozialdemokratie eine ausschließliche
Herrschaft erlangt hat, zu einer geordneten praktischen Mitarbeit und
Vertretung ihrer Interessen herangezogen werden, ist vorgesorgt, daß
die Arbeiterverhältnisse sich in gesunden Bahnen entwickeln.

Aber der reaktionäre Wind, der in den letzten Jahren in anderen Staaten
zur Herrschaft gelangt ist, hat auch in Italien die viel versprechende
Schöpfung gestört. Nach § 260 des Gesetzes über die Gemeindeverwaltung
dürfen die Gemeinden Ausgaben nur für gemeinnützige Zwecke beschließen.
Der Minister erforderte nun ein Gutachten des Staatsrates darüber, ob
die in den oben genannten Städten in den Etat aufgenommenen Zuschüsse
für die Arbeiterkammern als gemeinnützige Ausgaben angesehen werden
könnten, und in der Sitzung vom 12. November 1896 entschied der
Staatsrat dahin, daß die Arbeiterkammern, selbst wenn sie sich durchaus
auf ihre legalen Aufgaben beschränkten, doch nur als Einrichtungen
im Interesse einer bestimmten Klasse von Personen anzusehen seien.
Der Minister hat nicht allein durch Erlaß vom 28. November 1896
dieses Gutachten den Präfekten zur Nachachtung mitgeteilt, sondern
ist noch weiter gegangen und hat kurz darauf die Arbeiterkammern
völlig aufgehoben mit der Begründung, daß sie nicht wirtschaftliche,
sondern ausschließlich politische Zwecke verfolgten. So wird also
auch Italien vor dem Schicksale nicht verschont bleiben, daß alle
eingreifenden sozialen Reformen erst durch den Einfluß der erstarkten
Sozialdemokratie erzwungen werden müssen.

Bis zu dieser jüngsten Aera wandelte die italienische Gesetzgebung auf
der Bahn der sozialen Reform. Nicht allein wurde durch Gesetz vom 8.
Juli 1883 eine nationale Kasse für Versicherung gegen Betriebsunfälle
begründet, sondern durch Gesetz vom 15. April 1886 sind auch die
Verhältnisse der freien Hülfskassen (_Società di mutuo soccorso_) dahin
geregelt, daß Unterstützungsvereine der Arbeiter, die sich aber auch
mit Bildungszwecken befassen dürfen, durch Eintragung die Rechte der
juristischen Persönlichkeit erlangen. Endlich ist am 15. Juni 1893 ein
Gesetz über Gewerbeschiedsgerichte und Einigungsämter (_Collegii dei
probi viri_) erlassen.

Die Aufgaben, welche in anderen Ländern die Gewerkschaften übernommen
haben, sind bisher den politischen Parteien zugefallen. Insbesondere
ist die bürgerliche Demokratie, die unter der Fahne des fast als
Nationalheiligen verehrten $Mazzini$ kämpft, von je her stark mit
sozialem Oele gesalbt gewesen. Der von $Mazzini$ selbst begründete
_Patto di fratellanza_ hat schon seit mehreren Jahren sich mit anderen
ihm nicht angehörenden, aber nahe stehenden Vereinen zur Abhaltung
gemeinsamer Arbeiterkongresse verbunden, die deshalb den Namen
_congresso operaio italiano delle società affratellate ed aderente_
haben. Der XVIII. Kongreß dieser Art, der Ende Mai 1892 in Palermo
abgehalten und von 415 Brudervereinen und 274 Anschlußvereinen durch
insgesamt 217 Abgeordnete beschickt wurde, führte zu lebhaften
Auseinandersetzungen zwischen Kollektivisten und Individualisten, und
während der Kongreß von Neapel 1889 die individualistische Tagesordnung
angenommen hatte, entschied man sich hier für eine neutrale Resolution,
die lediglich die Notwendigkeit einer vollständigen politischen und
sozialen Emanzipation betont. Zugleich beschloß man die Bildung
einer umfassenden Arbeiterpartei und setzte einen Ausschuß ein, um
innerhalb sechs Monaten mit den übrigen nationalen und regionalen
Arbeiterverbänden eine _federazione dei lavoratori d'Italia_ ins
Leben zu rufen auf Grundlage der Erwägung, daß »das moderne Leben
sich ausdrückt im Kampfe des Proletariats gegen den Kapitalismus zur
Erlangung wirtschaftlicher Gerechtigkeit«.

Aber in diesen Bestrebungen ist die bürgerliche von der sozialen
Demokratie überflügelt. Bisher hatte die letztere in Italien keine
erheblichen Erfolge aufzuweisen, zumal sie an dem Anarchismus einen
starken Gegner hatte. Den Kern der sozialistischen Bewegung bildete
bisher die _Lega socialista_ in Mailand unter der geistigen Leitung
des Herausgebers der _Critica sociale_ des Advokaten $Turati$. Diese
berief auf den 2. und 3. August 1891 nach Mailand einen italienischen
Arbeiterkongreß, auf dem gleichfalls beschlossen wurde, eine
italienische Arbeiterpartei zu begründen. Der eingesetzte Ausschuß hat
dann nach umfangreichen Vorarbeiten eine konstituierende Versammlung
(_congresso per l'organizatione operaia italiano_) ausgeschrieben,
die am 14. und 15. August 1892 in Genua zusammentrat. Da man alle
Arbeitervereinigungen zugelassen hatte, so war es begreiflich, daß
es zu einer Auseinandersetzung zwischen Sozialisten und Anarchisten
kommen mußte, und obgleich die Präsidentenwahl, bei der für die
ersteren 106, für die letzteren 46 Stimmen abgegeben wurden, das
Uebergewicht der Sozialisten ergeben hatte, so räumten dieselben
doch das Feld und eröffneten am 15. August einen neuen Kongreß, auf
welchem die Gründung einer $italienischen Arbeiterpartei$ (_partito dei
lavoratori italiani_) erfolgte. Das Organ derselben ist »_La Lotta di
Classe_«. Auf dem Kongresse waren 192 Arbeiterorganisationen vertreten,
unter ihnen auch 450 _società affratellate_.

Vom 8. bis 10. September 1893 ist in Reggio (Emilia) der zweite
Parteitag abgehalten, auf dem 164 Abgeordnete anwesend waren.

Die Partei ist zweifellos als politische zu betrachten, da sie nicht
allein die Vergesellschaftung der Arbeitsmittel und der Produktion in
ihr Programm aufgenommen hat, sondern dies Ziel auch dadurch erreichen
will, daß sie sich in Besitz der staatlichen Macht setzt. Immerhin hat
sie auch rein gewerkschaftliche Zwecke, will aber diese im Rahmen des
Parteiverbandes durch besondere Organisationen verfolgen, indem sie als
Aufgaben bezeichnet:

1. den gewerkschaftlichen Kampf zur unmittelbaren Verbesserung der
Lebenslage des Arbeiters hinsichtlich der Arbeitszeit, des Lohnes, der
Fabrikordnungen u. dgl., ein Kampf, dessen Leitung den Arbeiterkammern
und den Gewerkvereinen übertragen wird;

2. einen umfassenderen Kampf zur Eroberung der politischen
Machtstellung.

Gewerkschaftliche Angelegenheiten sollen nur von den G.-V. behandelt
werden, und Mitglieder der letzteren dürfen nur Handarbeiter sein,
während an der politischen Organisation auch andere Personen teilnehmen
können.

Bei der geringen Entwickelung der politischen und gewerkschaftlichen
Arbeiterverbände ist es von Interesse, daß sich in Italien eine
eigenartige Ausbildung des $Genossenschaftswesens$ vollzogen hat, die
sich an die russischen Kartelle anlehnt. Die _società cooperative di
lavoro_ haben den Zweck, unmittelbar vom Staate, den Gemeinden und
auch Privatleuten Arbeiten zu übernehmen und so den Verdienst der
Zwischenpersonen auszuschließen. Die Mitglieder sind sämtlich Arbeiter.
Von den erzielten Ueberschüssen werden gewöhnlich erhebliche Beträge in
Reservefonds für Pensions-, Kranken- und Invalidenkassen zurückgelegt,
der Rest wird verteilt. Durch das Gesetz vom 11. Juni 1889 wird die
Gründung solcher Genossenschaften begünstigt, die denn auch bereits
unter den Pflasterarbeitern, Fuhrleuten, Handlangern, Maurern,
Steinhauern, Bildhauern, Malern, Lackierern u. s. w. ins Leben getreten
sind. Von 1889-1894 wurden an 146 Arbeitsgenossenschaften Arbeiten
im Betrage von 9-1/2 Millionen Mark vergeben. Ende 1894 bestanden
530 anerkannte Genossenschaften. Einige derselben haben sich auch zu
größeren Verbänden zusammengeschlossen.

Eine Zeit der heftigsten Verfolgung der Partei begann, als Crispi Ende
1893 zum zweiten Male das Ministerpräsidium übernahm. In Veranlassung
der Unruhen in Sizilien, für die man die Partei verantwortlich machte,
beschloß Anfang Juli 1894 die Kammer auf Vorschlag der Regierung
eine Reihe von Gesetzen, die der Regierung das Recht gaben, alle
Versammlungen der Partei zu verbieten, und sogar die Führer in
bestimmten Orten zu internieren. Am 22. Oktober 1894 wurde darauf die
»sozialistische Arbeiterpartei« durch Beschluß der Regierung aufgelöst.

Aber trotz des Verbotes gelang es, am 13. Januar 1895 einen Kongreß
nach Parma einzuberufen und im geheimen abzuhalten. Hier wurde der
Name »Italienische sozialistische Partei« angenommen und beschlossen,
daß nicht mehr Vereine als solche, sondern nur noch Einzelmitglieder
der Partei angehören können. Bei den Parlamentswahlen, die am 26. Mai
und 2. Juni 1895 stattfanden, erhielt die Partei 80000 Stimmen gegen
27000 im Jahre 1892, und obgleich man 20-25000 als Unterstützung der
Radikalen abziehen muß, so bedeutet dies doch eine starke Verdoppelung
innerhalb drei Jahren. Die Anzahl der Abgeordneten stieg von 5 auf 12.

Die Niederlage der italienischen Truppen in Adua Anfang März 1896
führte dann zum Sturze Crispis, und da auch die Verlängerung des mit
Ende 1895 ablaufenden Internierungsgesetzes von der Kammer abgelehnt
war, so war damit der Höhepunkt der Verfolgung überschritten. Der
am 11.-13. Juni 1896 abgehaltene Kongreß von Florenz zeigte eine
neue Stärkung der Partei, denn während in Reggio nur 294 Vereine
in 209 Orten vertreten gewesen waren, zählte man jetzt 450 in 420
Orten. Allerdings war die Mitgliederzahl von 107830 in Reggio auf
28000 herabgegangen, aber dies war nur die Folge des Grundsatzes der
unmittelbaren Mitgliedschaft, und die 21000 waren ausschließlich solche
Personen, die eingeschrieben waren und regelmäßig ihre Beiträge gezahlt
hatten. Die Partei verfügt über 27 Zeitungen, von denen einige, wie
»_La Lotta di Classe_«, »_Battaglia_«, »_Giustizia_«, bis zu 7500
Auflage haben. Das wissenschaftliche Organ der Partei ist die »_Critica
Sociale_«.


                VIII. Die übrigen europäischen Länder.

Wie in Italien, so haben sich auch in den noch zu erwähnenden
europäischen Ländern die meist noch sehr geringen Ansätze einer
gewerkschaftlichen Bewegung im Anschlusse an die politische
Sozialdemokratie entwickelt.

In $Dänemark$ ging die Bewegung von der Internationale aus, indem
1871 der »$Internationale Arbeiterverein für Dänemark$« gebildet
wurde, der, in eine Reihe von Sektionen für die verschiedenen
Gewerbe eingeteilt, die Beförderung von Arbeitseinstellungen und die
Schaffung von Produktivgenossenschaften als seine Aufgabe ansah. Als
1873 die Internationale polizeilich aufgelöst und verboten wurde,
bildeten die einzelnen Sektionen selbständige $Gewerkvereine$, deren
es damals 27 gab, von denen aber die Mehrzahl sich später wieder
zu einem »$Sozialdemokratischen Bunde$« zusammenschlossen. Seit
1880 ist die $Gewerkschaftsbewegung$ stärker geworden und es haben
sich in den meisten Betriebszweigen Gewerkvereine gebildet. Auf
dem sozialdemokratischen Kongreß, der Ende Juli 1892 in Kopenhagen
stattfand, wurde die Zahl der politischen Parteiangehörigen auf 15000,
diejenige der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter auf 32000
angegeben.

Ueber die Fortschritte in den letzten Jahren geben folgende Zahlen
Anhalt:
                                                       1894     1896
  Die Gesamtzahl der gewerkschaftlich organisierten
    Arbeiter
    in Dänemark betrug                                 27841    63377
    Davon waren Mitglieder von Zentralverbänden        25576    54757
      "     "      "        "  einzelstehenden
                                 Lokalvereinen          2265     8620
    Solche Lokalvereine gab es                            45       53
    während die zentralisierten Vereine                  426      802
    betrugen, die an Gewerkschaftsverbänden bildeten      23       40
    Die Jahreseinnahmen betrugen in Kronen           317372,14 711063,61
    Die Jahresausgaben     "     "    "              261862,97 586669,83

Die Verteilung auf die einzelnen Berufe ergiebt sich aus folgender
Tabelle:

  =====================================================
      Zentralverband       |          Zahl der
                           | Lokalvereine | Mitglieder
  =========================+==============+============
    Arbeitsleute           |      96      |   19395
    Bäcker                 |      30      |     900
    Klempner               |      23      |     750
    Buchbinder             |      11      |     789
    Former                 |      36      |     982
    Glasarbeiter           |       4      |     190
    Schneider              |      60      |    2200
    Schmiede-  und         |              |
      Maschinenarbeiter    |      53      |    4657
    Textilarbeiter         |      12      |    1200
    Zimmerleute            |      61      |    3298
    Wagenbauer             |      14      |     230
    Lohngerber             |       6      |     165
    Drechsler              |      11      |     205
    Vergolder              |       2      |      44
    Maler                  |      28      |    1500
    Maurer                 |      67      |    4296
    Müller                 |      13      |     360
    Papierfabrikarbeiter   |       7      |     561
    Maschinentischler      |       9      |     517
    Sattler und Tapezierer |      30      |     450
    Schuhmacher            |      49      |    2000
    Schlachter             |      28      |     610
    Tischler               |      45      |    3422
    Tabakarbeiter          |      31      |    2461
    Buchdrucker            |      45      |    1475
    Schiffszimmerer        |       5      |     350

Außerdem giebt es noch Zentralverbände der Weißgerber, Lithographen und
der Dienstboten, die zusammen 12 Lokalvereine mit etwa 1000 Mitgliedern
hatten.

Vom 3. bis 5. Januar 1898 ist in Kopenhagen der erste reine
$Gewerkschaftskongreß$ abgehalten, auf dem 943 gewerkschaftliche
Organisationen mit 69720 Mitgliedern durch 403 Abgeordnete vertreten
waren. Hier wurde der Zusammenschluß sämtlicher Fachvereine zu einem
einheitlichen Verbande unter dem Namen: »Vereinigte Fachverbände
Dänemarks« erreicht. An dessen Spitze steht ein Zentralvorstand aus
21 Mitgliedern, zu denen noch zwei Mitglieder des Vorstandes der
Sozialdemokratischen Partei hinzutreten. Der Zentralvorstand wählt
einen geschäftsführenden Ausschuß von fünf Personen. Der Schwerpunkt
der Leitung fällt in die Einzelverbände, doch ist für wichtige Fälle
die Entscheidung des Zentralvorstandes vorbehalten, z. B. muß jeder
Streik bei ihm angemeldet werden und bedarf seiner Genehmigung,
wovon die aus dem Zentralfonds zu zahlende Streikunterstützung
von wöchentlich 10 Kronen für Männer und 6 Kronen für Frauen
abhängig ist. Die Mittel sollen durch Sondersteuern der Mitglieder
in Höhe von wöchentlich 25-50 Oere aufgebracht werden. Außerhalb
des Verbandes stehen 52 lokale Vereine in Kopenhagen mit etwa
20000 Mitgliedern. Es wurde beschlossen, für die Durchführung des
Achtstundentages einzutreten. Neben mehreren Fachorganen besitzt
auch der Gewerkschaftsbund eine eigene Wochenzeitung. Die Beiträge
belaufen sich auf jährlich 20 Oere. Es soll in der Regel kein Streik
unterstützt werden, bei dem nicht ein Versuch der gütlichen Beilegung
oder eines schiedsgerichtlichen Verfahrens gemacht ist; dabei ist der
Zentralvorstand zuzuziehen. Für die erste Woche wird Unterstützung
seitens des Verbandes nicht gezahlt[55].

  [55] Der Wortlaut des Organisationsstatutes ist in Nr. 21 des
       »Correspondenzblattes der Generalkommission der Gewerkschaften
       Deutschlands« vom 23. Mai 1898 veröffentlicht.

Auch die politischen Vereine der $Sozialdemokratie$ bilden einen
einheitlichen Verband. Die Partei besitzt im Reichstage 11
Abgeordnete und hat fünf Tageszeitungen, von denen die gelesenste,
»_Socialdemokraten_«, allein in Kopenhagen 33000, die übrigen zusammen
etwa 17000 Abonnenten haben. Daneben giebt es ein wöchentlich
erscheinendes gemeinsames Gewerkschaftsorgan, und endlich besitzen die
meisten Gewerkschaften ihr eigenes Fachblatt.

In $Norwegen$[56] gab es bis zum Jahre 1886 nur wenige und
unbedeutende Arbeitervereine, die aber kaum einen gewerkschaftlichen
Karakter trugen, sondern neben der Krankenunterstützung vorwiegend
gesellige Zwecke verfolgten. Die einzige Ausnahme bildeten die
Buchdrucker, die schon seit 1874 eine gewerkschaftliche Organisation
besitzen und auch heute an der Spitze der Bewegung marschieren.
Aus den Mitgliederbeiträgen von wöchentlich 1 Krone (= 1 Mk.
12-1/2 Pfg.) werden außer der Verbandskasse eine Streikkasse, eine
Arbeitslosigkeitskasse, eine Reisekasse, eine Krankenkasse und eine
Sterbekasse unterhalten.

  [56] Die nachfolgende Darstellung beruht auf den von Herrn Dr. $Oscar
       Jäger$ in Christiania mir gemachten Mitteilungen, die sich
       ihrerseits auf Angabe des Geschäftsführers der Norwegischen
       sozialdemokratischen Partei stützen.

Eine allgemeine gewerkschaftliche Bewegung beginnt erst seit 1886,
und ist auch heute noch wenig entwickelt. Bis 1890 gab es nur lokale
Vereine; seit dieser Zeit haben sich nicht allein die meisten Vereine
desselben Gewerbes zu Zentralvereinen zusammengeschlossen, sondern
es haben sich auch Gesamtverbände gebildet. Endlich bestehen in den
meisten größeren Städten Kartelle der verschiedenen Fachvereine.

Ende 1898 gab es folgende 13 Zentralvereine:

   1. Buchbinder        20 Vereine mit  1400 Mitgliedern
   2. Metallarbeiter    13   "      "   1200     "
   3. Tischler          12   "      "   1000     "
   4. Schneider         12   "      "   1000     "
   5. Schuhmacher       12   "      "   1000     "
   6. Maler              6   "      "    900     "
   7. Eisenbahnarbeiter 16   "      "   1000     "
   8. Bäcker            24   "      "    900     "
   9. Steinhauer        10   "      "    800     "
  10. Former             4   "      "    500     "
  11. Klempner           3   "      "    400     "
  12. Buchbinder         3   "      "    400     "
  13. Hafenarbeiter      7   "      "   1600     "
  --------------------------------------------------------
          Zusammen     142 Vereine mit 12100 Mitgliedern.

Daneben giebt es aber noch in Christiania einen Verband unter dem Namen
»$_De samwirkende Fagforeninger i Kristiania_$«, dem 50 Vereine mit
6000 Mitgliedern angehören und der eine gemeinsame Unterstützung in
Streikfällen bezweckt. Zu ihm gehören die meisten der oben aufgeführten
Vereine, soweit sie in Christiania ihren Sitz haben, daneben aber auch
noch andere nicht zu Zentralverbänden zusammengeschlossene Fachvereine.
Endlich besteht noch unter dem Namen »$_Norsk Fagforbund_$« ein Verband
von 30 Vereinen mit etwa 2000 Mitgliedern, der insofern von den
Zentralverbänden und den »_Samwirkende Fagforeninger_« unabhängig ist,
als seine Mitglieder keiner von beiden Organisationen angehören.

Zusammengenommen giebt es in Norwegen etwa 270 Fachvereine mit ungefähr
24000 Mitgliedern.

Auf dem am 2. April 1899 in Christiania abgehaltenen
Gewerkschaftskongresse, auf dem 73 Vereine mit rund 20000 Mitgliedern
durch 113 Abgesandte vertreten waren, wurde unter dem Namen
»Landesorganisation der norwegischen Fachvereine« ein Zentralverband
für das ganze Land gebildet.

Von den politischen Parteien haben sich sowohl die Sozialdemokraten wie
die Liberalen der Gewerkschaftsbewegung angenommen. Die ersteren haben
erst seit 1884 eine Organisation, indem damals auf dem Arbeitertage in
Arendal die Norwegische Arbeiterpartei ($_Det norske Arbeiderparti_$)
gegründet wurde, die zur Zeit 80 Vereine mit etwa 12000 Mitgliedern
zählt. Von den Vereinen haben 36 ihren Sitz in Christiania, 44 in der
Provinz. Der Einfluß der Sozialdemokratie überwiegt in den meisten
der obengenannten Fachvereine (mit Ausnahme der Buchdrucker) und
in den _Samwirkende Fagforeninger_, während der _Norsk Fagforbund_
den Liberalen folgt, die auch eine politische Organisation in den
»Vereinigten norwegischen Arbeitergesellschaften« ($_De forenede norske
Arbeidersamfund_$) geschaffen haben. In der Nationalversammlung hat die
Sozialdemokratie bisher noch keinen Vertreter; seitens der Hauptstadt
ist in dieselbe ein Buchdrucker gewählt, der sich zu der liberalen
Partei zählt.

In $Schweden$[57] ist ebenfalls sowohl die politische, wie die
gewerkschaftliche Bewegung bisher nur schwach entwickelt. Beide haben
erst seit 1885 begonnen; 1889 wurden die bestehenden Einzelvereine zu
einer einheitlichen $sozialdemokratischen Partei$ zusammengefaßt, deren
Mitgliederzahl auf dem Kongresse in Gothenburg 1894 auf 7000 angegeben
wurde, dagegen war sie im Juli 1897 auf 21261 angewachsen.

  [57] Die folgenden Angaben, die ich Herrn Dr. $Uppström$ in Stockholm
       verdanke, beruhen überwiegend auf dem letzten der alle 5 Jahre
       von dem Oberstatthalteramte in Stockholm veröffentlichten Bericht
       für 1890-1895.

Gewerkschaftliche Zentralverbände gab es Ende 1895 in folgenden
Gewerben: 1. Metallarbeiter, 2. Gießer, 3. Klempner und Blecharbeiter,
4. Holzarbeiter, 5. Schuharbeiter, 6. Schneider, 7. Sattler und
Tapezierer, 8. Erd- und Hafenarbeiter, 9. Maurer, 10. Maler,
11. Töpfer, 12. Böttcher, 13. Bäckereiarbeiter, 14. Buchbinder,
15. Kellner, 16. Buchdrucker. Für sämtliche Verbände war der
Vorort Stockholm mit Ausnahme der Klempner (Malmö), Schuharbeiter
(Gothenburg), Sattler und Tapezierer (Gothenburg), Erd- und
Hafenarbeiter (Helsingborg), Maurer (Malmö). Die Tabakarbeiter besitzen
einen Verband für die drei skandinavischen Länder mit dem Vorort
Stockholm.

Ueber die Mitgliederzahlen liegen nur Angaben vor von den in Stockholm
bestehenden Ortsvereinen. Von diesen hatten die Metallarbeiter 9
Vereine mit 843, die Gießer 240, die Klempner und Blecharbeiter 2
Vereine mit 161, die Holzarbeiter 7 Vereine mit 385, die Schuharbeiter
2 Vereine mit 266, die Schneider 461, die Sattler und Tapezierer 2
Vereine mit 72, die Erd- und Hafenarbeiter 2 Vereine mit 350, die
Maurer 240, die Maler 508, die Böttcher 44, die Tabakarbeiter 125
Mitglieder. Außerdem gab es in Stockholm noch 36 Fachvereine, die
keinem Zentralverbande angehörten, u. a. Bürstenbinder mit 19, Seiler
mit 20, Zuckerraffinadeure mit 35, Telegraphen- und elektrische
Arbeiter mit 70, Brauereiarbeiter mit 282, Gerbereiarbeiter mit 12,
Gasarbeiter mit 25, Handelshülfsarbeiter mit 85, Pantoffelmacher
mit 20, chemisch-technische Arbeiter mit 38, Rohrarbeiter mit 275,
Gepäckträger mit 60, Korbmacher mit 30, Porzellanarbeiter mit 32,
Buchdrucker mit 36 Mitgliedern. Die meisten dieser Mitglieder sind
gleichzeitig solche der sozialdemokratischen Partei, die in Stockholm
3500 Mitglieder besitzt. In einzelnen dieser Fachvereine, z. B. bei den
Holzarbeitern, hat die Stellung zur Sozialdemokratie schwere Kämpfe
hervorgerufen, doch haben schließlich deren Anhänger meistens den Sieg
davongetragen.

Einen Markstein der gewerkschaftlichen Entwickelung bildet
der vom 5. bis 8. August 1898 in $Stockholm$ abgehaltenen
$Gewerkschaftskongreß$, auf dem es gelang, den Zusammenschluß zu
einer $einheitlichen Landesorganisation$ herbeizuführen. Anwesend
waren 269 Vertreter für 23 Gewerkschaftsverbände, 13 Lokalvereine
und 19 »Arbeitergemeinden« (lokale Gesamtorganisationen entsprechend
den deutschen Gewerkschaftskartellen) mit insgesamt über 50000
Mitgliedern, bei weitem mehr, als bis dahin auf einem schwedischen
Arbeiterkongresse vertreten waren. Die geschaffene Landesorganisation
bezweckt durch Einfordern von Berichten eine möglichst vollständige
Uebersicht über die Wirksamkeit der Gewerkschaften zu erlangen, durch
ein Sekretariat diese Berichte zu verarbeiten und sich gegenseitig zu
unterstützen in allen Fällen, wo die Arbeitgeber durch Aussperrungen
die Organisation oder die Bestrebungen der Arbeiter auf Verbesserung
ihrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse hindern, wo das Koalitionsrecht
bedroht ist, sowie bei erheblichen Lohnherabsetzungen. Die
Einzelvereine sollen sich zu $Zentralverbänden$ zusammenschließen,
die ihrerseits die Landesorganisation bilden; ebenso sollen örtliche
Gewerkschaftskartelle gebildet werden. Nur wenn Zentralverbände
fehlen, können die Einzelvereine unmittelbar dem Landesverbande
beitreten. Die Leitung des letzteren wird geführt durch ein aus 5
Mitgliedern bestehendes $Sekretariat$, das von einem $Ausschusse$
aus Vertretern der Zentralverbände kontrolliert wird. Die oberste
Instanz ist der $Kongreß$, auf dem alle Vereine nach ihrer Größe
vertreten sind. $Streiks$ werden nur dann unterstützt, wenn sie
von dem Sekretariat gebilligt sind und mehr als 5% der Mitglieder
umfassen. Die Mittel werden durch wöchentliche Steuern von 25 Oere
aufgebracht. Ein Hauptpunkt des Streites war die Frage, ob dem Vereine
die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei zur Pflicht gemacht
werden sollte. Nach dreitägigen Debatten siegte die bejahende Ansicht
mit 173 gegen 83 Stimmen bei 7 Enthaltungen, jedoch wurde für den
Anschluß eine Frist von drei Jahren gestattet.

Seit mehreren Jahren hat man übrigens angefangen, eine $gemeinsame
Organisation der drei skandinavischen Länder$ ins Auge zu fassen, indem
man gemeinsame Kongresse veranstaltet, die zugleich für die politische
und für die gewerkschaftliche Bewegung bestimmt sind. So wurde auf
dem am 18. August 1892 in $Malmö$ abgehaltenen $skandinavischen
Sozialistenkongresse$ der Zusammenschluß aller Fachvereine der drei
Länder namentlich zum Zwecke des gemeinsamen Vorgehens in Lohnfragen
beschlossen. Ebenso faßte der vom 19. bis 22. Juni 1897 in $Stockholm$
stattgefundene $skandinavische Arbeiterkongreß$, auf dem 51 dänische,
24 norwegische und 101 schwedische Vertreter anwesend waren, eine
Resolution, in welcher als gemeinschaftliche Aufgabe der politischen
und der gewerkschaftlichen Arbeiterorganisation bezeichnet wurde,
die Arbeiter zum Kampfe für die Anerkennung ihrer Menschenrechte zu
sammeln, um unter den gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen
die bestmöglichen ökonomischen Bedingungen und die politische
Freiheit zu erringen und die Arbeiter über die wirtschaftliche
Entwickelung und ihre Folgen aufzuklären. Um Verbesserungen in
den Existenzbedingungen der Arbeiter zu erreichen, sollen die
gewerkschaftlichen und politischen Organisationen Einfluß auf die
gesetzgebenden Körperschaften zu gewinnen suchen und bei jeder
Gelegenheit solche Fragen behandeln, die in sozialökonomischer oder
politischer Beziehung für die Arbeiter von Wichtigkeit sind. Der
gewerkschaftliche Kampf ist so lange nötig, bis die Gesellschaft selbst
die Produktionsmittel in Besitz nimmt, aber durch diesen Kampf kann
die Ausbeutung nicht abgeschafft, sondern nur gemildert werden. Als
Ziel wurde die Erringung des allgemeinen Wahlrechts bezeichnet und als
Mittel zu dessen Erreichung eine allgemeine Arbeitseinstellung ins Auge
gefaßt. Die Gewerkschaften sollen in jedem Lande von einem Sekretariate
geleitet werden und sich in allen drei Ländern bei Streiks gegenseitig
unterstützen.

Von den einzelnen Gewerben sind die $Bäcker$ bisher am besten
organisiert. Auf einem im September 1895 in Kopenhagen abgehaltenen
Kongreß der skandinavischen Bäckergesellen wurde mitgeteilt, daß in
Christiania eine Organisation besteht, die in dieser Stadt 800, im
übrigen Norwegen 500 Mitglieder zählt. Der dänische Bäckerverband
hat etwa 800 Mitglieder. Der Kongreß beschloß die Bildung eines
$skandinavischen Bäckereiarbeiterverbandes$ unter der Bedingung, daß
die drei Länder gegenseitige Reise- und Unterstützungskassen errichten,
dagegen jedes Land seine eigene Organisation behält. --

In $Rumänien$ hat die Arbeiterpartei auf ihrem Parteitage im Juni
1894 beschlossen, in allen Orten, wo Industrie vorhanden ist,
Gewerkschaftsorganisationen zu gründen. (Adresse: $Josef Schneid$,
Bukarest, _Clubul Muncitorilor Palatul Bâilor Etorie_). --

Für $Spanien$ besteht nach einer mir zugegangenen Notiz ein Nationales
Arbeitersekretariat (_M. $Antonio Garcia Quejido$, Barcelone Sadurni,
3 I_).

Für $Portugal$ hat ein im August 1892 abgehaltener und von 96
Abgeordneten besuchter Arbeiterkongreß die Bildung gewerkschaftlicher
Organisationen beschlossen, welche Widerstandskassen gründen, aber
gegen leichtfertige Streiks auftreten und daneben die Schaffung von
Arbeiterschutzgesetzen für Frauen und Kinder, von Gewerbegerichten und
Arbeitsbörsen, sowie die Unterdrückung der Gefängnisarbeit verfolgen
sollen.


IX. Nordamerika[58].

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind die Vorbedingungen
für die gewerkschaftliche Entwickelung insofern denen in der
Schweiz ähnlich, als derselben keinerlei staatliche Hindernisse
entgegenstehen, ja die politische Freiheit ist in Amerika aus dem
Grunde noch unbeschränkter, als in der Schweiz, weil das Land gegen
fremde Einflüsse gesichert ist. Wenn deshalb in beiden Ländern die
Arbeiterbewegung sich nicht, wie in Deutschland, Oesterreich und zum
Teil in Frankreich in einer der Staatsgewalt feindlichen Richtung
vollzogen und überhaupt nicht eine Bedeutung erlangt hat, aus der
den übrigen Bevölkerungsklassen Gefahr drohen könnte, so liegt es
nahe genug, hierin einen inneren Zusammenhang zu finden und daraus
den Schluß zu ziehen, daß nur der Druck den Gegendruck erzeugt.
Uebrigens nimmt Amerika noch in einer anderen Beziehung gegenüber allen
europäischen Ländern eine Sonderstellung ein, nämlich insofern, als
die Bevölkerung im Verhältnis zu der Ausdehnung des Landes gering ist
und deshalb Arbeitslosigkeit, falls sie die Folge von Uebervölkerung
wäre, hier ausgeschlossen sein müßte. Wenn in Wahrheit auch in Amerika
Verkehrskrisen und Arbeitslosigkeit eine kaum geringere Rolle spielen,
als in Europa, so ist der Schluß nicht abzuweisen, daß der Grund dieser
traurigen Erscheinungen in Verhältnissen ihren Grund haben müsse, die
diesseits wie jenseits des Ozeans in gleichem Maße Geltung haben.

  [58] Vgl. H. W. $Farnam$: Die amerikanischen Gewerkvereine,
       Leipzig 1879. $Sartorius v. Waltershausen$: Die
       nordamerikanischen Gewerkschaften unter dem Einflusse der
       fortschreitenden Produktionstechnik, Berlin 1886. $Derselbe$:
       Der moderne Sozialismus in den Vereinigten Staaten von Amerika,
       Berlin 1890. W. T. $Stead$: Der Krieg zwischen Arbeit und Kapital
       in den Vereinigten Staaten, deutsch von M. $Pannwitz$, 1894.
       $Stevens$: Die Gewerkvereine der Vereinigten Staaten in $Braun$,
       Archiv für sozial. Gesetzgebung, Bd. XII. S. 695 ff.

Wie in der Schweiz, so kommt auch in Nordamerika bei der sozialen
Entwickelung ein gewisser Gegensatz des deutschen Elementes gegen das
einheimische in Betracht, der um so wichtiger ist, als hier wie dort
das erstere sich den Einflüssen des Sozialismus in weit höherem Grade
zugänglich zeigt, als einerseits das schweizerische und andererseits
das englisch-amerikanische. In beiden Ländern finden wir aber auch
innerhalb der deutschen Arbeiterschaft eine Teilung hinsichtlich der
Stellung zu der Frage des Internationalismus. Die von $Marx$ geleitete
Internationale hat hier wie dort anfangs einen nicht unerheblichen
Einfluß geübt, der aber schließlich ganz zurückgedrängt wurde. Um aber
die Parallele zwischen beiden Ländern zu vervollständigen, finden wir
endlich beiderseits die Nachwirkungen der innerhalb der Internationale
eingetretenen Spaltung zwischen Sozialisten und Anarchisten. Dagegen
ist eine Besonderheit des englisch-amerikanischen Wesens eine
eigentümliche kirchlich-religiöse Richtung und die wohl hiermit in
Verbindung stehende Neigung, auch Vereinen, deren Zweck vorwiegend
auf wirtschaftlichem Gebiete liegt, einen gewissen Ordenskarakter mit
allerlei wunderlichem Ritual zu geben, womit eine stark autoritäre
Stellung des Vorsitzenden verbunden zu sein pflegt.

Schon seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts bestanden Gewerkvereine,
welche den englischen ähnlich waren, doch hatten sie meist nur lokalen
Karakter und haben sämtlich die Handelskrise von 1837 nicht überdauert.
Eine umfassendere Arbeiterbewegung beginnt erst nach dem Ende des
Sezessionskrieges insbesondere durch die Gründung der $_National Labor
Union_$, die sich zum erstenmale mit Erfolg der Aufgabe unterzog, alle
Gewerkvereine zu einer großen Organisation zusammenzufassen.

Die Anregung hierzu ging aus von der Gewerkschaft der Maschinenbauer,
die schon 1863 den Vorschlag machte, eine allgemeine »_National Trades
Assembly_« ins Leben zu rufen. Die Gewerkschaft der Farmer schloß
sich 1864 auf ihrem Vereinstage in Buffalo diesem Plane an und trat
zunächst mit den Maschinenbauern zu der »_Labor Reform Association_«
zusammen. Im März 1866 wurde endlich von dem Gewerkverein der
Wagenbauer ein Ausschuß eingesetzt, mit dem Auftrage, einen allgemeinen
Arbeiterkongreß einzuberufen, dessen Hauptaufgabe darin bestehen
sollte, die Agitation für den Achtstundentag einzuleiten[59]. Auf dem
Kongresse, der am 20. August 1866 zusammentrat, waren 60000 Arbeiter
vertreten. Man beschloß die Gründung eines alle Arbeiter umfassenden
Zentralvereins unter dem Namen »_National Labor Union_«, dem alle auf
dem Kongresse vertretenen Vereine beitraten, deren Hauptzweck darin
bestehen sollte, die Besserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere
die Verkürzung der Arbeitszeit auf 8 Stunden, herbeizuführen.
Streitigkeiten mit den Arbeitgebern suchte man möglichst durch
Schiedsgerichte zu erledigen, doch wollte man im Notfalle auch
Arbeitseinstellungen durchführen. Daneben befürwortete man die Gründung
von Konsumvereinen, die Errichtung staatlicher arbeitsstatistischer
Aemter und das Zurückbehalten der öffentlichen Ländereien für wirkliche
Ansiedler im Gegensatze zu dem Verkaufe an Spekulanten. Dem Verbande
traten sehr bald 3000 lokale Gewerkschaften bei.

  [59] Mit Recht weist S. v. $Waltershausen$: Die n. a. Gewerkschaften,
       S. 28, darauf hin, daß der erste Versuch zur Bildung einer
       allgemeinen Arbeiterpartei sich abweichend von Deutschland nicht
       auf politischer, sondern auf wirtschaftlicher Unterlage vollzogen
       habe.

Die wichtigste Frage war von Anfang an die Stellung zur Politik, über
die es sowohl bei der Gründung in Baltimore, wie auch auf dem im August
1867 in $Chicago$ abgehaltenen $zweiten Jahreskongresse$ lebhafte
Auseinandersetzungen gab. Insbesondere das Organ des Verbandes,
der »_Workmen's Advocate_« trat für die politische Bethätigung
ein und ebenso der Präsident, $Sylvis$, eine der bedeutendsten
Persönlichkeiten in der amerikanischen Arbeiterbewegung, der jedoch
schon am 27. Juli 1869 starb. Seinen Bemühungen gelang es, auf dem
$dritten Jahreskongreß$ in $New York$ am 21. September 1868 die
»$Arbeiterreformpartei$« zu begründen, die freilich von der _N. L. U._
äußerlich getrennt sein, innerlich aber mit ihr in fester Verbindung
stehen sollte. Man wollte insbesondere bei den Präsidentenwahlen
gegenüber den alten großen Parteien, den Republikanern und den
Demokraten, selbständig vorgehen.

Auf dem $vierten Kongresse$ in $Philadelphia$, August 1869, war die
Beteiligung noch größer, als auf den früheren; es wurden 178571
eingeschriebene Mitglieder der _N. L. U._ gezählt. Die Stärke der
»Arbeiterreformpartei« war noch größer. Aber trotzdem begann bereits
jetzt der Rückgang. Den mehrfach begonnenen Streiks war man in
Ermangelung ausreichender Streikfonds nicht gewachsen, und der mit den
1870er Jahren beginnende Geschäftsaufschwung entfremdete die Arbeiter
den Gewerkschaften. Schon der $fünfte Kongreß$ in $Cincinnati$ am 15.
August 1870 war schwach besucht, und auf dem $sechsten$ in $St. Louis$
(7. bis 10. August 1871) waren nur noch 21 Abgeordnete anwesend; von
größeren Gewerkschaften waren nur die Bergarbeiter vertreten.

Einen Hauptgrund zu diesem Rückgange bildete die innerhalb der
»Arbeiterreformpartei« ausgebrochene Meinungsverschiedenheit über
die Frage, ob man sich auf die industriellen Arbeiter beschränken
oder auch die Kleinbauern (Farmer) heranziehen sollte. Auf einer im
Februar 1872 in $Columbus$ abgehaltenen Konferenz kam es über diese
Frage zu einer Spaltung, und so tagten am 21. August 1872 die beiden
Gruppen in getrennten Versammlungen, die eine in $Columbus$, die andere
in $Philadelphia$. Die erste der beiden Richtungen hat dann noch
zwei Kongresse, den einen 1873 in $Cleveland$, den anderen 1874 in
$Rochester$ abgehalten, doch war die Bedeutung der _N. L. U._ für das
öffentliche Leben bereits geschwunden.

Schon 1866 hatten auch eine Reihe deutscher Gewerkvereine einen
Verband, die »$Arbeiterunion$«, gegründet, die ein Blatt unter
gleichem Namen herausgab. In demselben fanden anfangs die beiden
Richtungen, von denen die eine die Interessengemeinschaft von Kapital
und Arbeit betonte, während die andere sozialdemokratische Grundsätze
verfolgte, gleichzeitig Vertretung, doch erlangte die zweite Richtung
allmählich das Uebergewicht, und als das Blatt bei Beginn des
deutsch-französischen Krieges gegen Deutschland Stellung nahm, war die
Mißstimmung so groß, daß es am 17. September 1870 einging.

Die »$Internationale Arbeiterassoziation$« hatte bis zum Ende der
1860er Jahre in Amerika wenig Boden zu fassen vermocht. Als in der
_National Labor Union_ die durch $Sylvis$ vertretene Richtung das
Uebergewicht erlangte, suchte sie mit jener Verbindungen anzuknüpfen,
die dahin führten, daß die _N. L. U._ sich auf dem Kongreß in Basel
1869 durch zwei Abgesandte vertreten ließ. Auch gelang es mehrfach,
auf dem Boden der Internationale stehende deutsche Arbeitervereine
ins Leben zu rufen und Sektionen der verschiedenen Nationalitäten
zu begründen, obgleich der Höchstbestand der Mitgliederzahl niemals
4-5000 überschritten hat; bereits 1873 war dieselbe wieder auf 2-3000
und Anfang 1874 auf 1800-2000 zurückgegangen. Diese Sektionen, deren
man Anfang 1871 erst 6, am Ende des Jahres aber bereits 24 zählte,
setzten ein Zentralkomitee ein, das mit dem Londoner Generalrate in
engster Verbindung stand. Am 6. Juli 1872 wurde in New York der $erste
Kongreß der Internationale$ in Amerika abgehalten, auf dem 22 Sektionen
vertreten waren und ein Föderalrat, bestehend aus 3 Deutschen, 2
Franzosen, 2 Irländern, 1 Schweden und 1 Italiener, eingesetzt wurde.
Die eingeborenen Amerikaner fehlten. Hinsichtlich der auf dem Kongreß
im Haag 1872 vollzogenen Spaltung der Anhänger von $Marx$ und $Bakunin$
trat der amerikanische Verband durchaus auf die Seite der ersteren.
Dieser Rückhalt war auch der Grund, weshalb der Kongreß im Haag auf
Vorschlag von $Marx$ den Beschluß faßte, den Sitz des Generalrates von
London nach New York zu verlegen.

Entsprechend dem von $Marx$ gegebenen Rate, die Erringung politischer
Macht durch Anlehnung an die wirtschaftlichen Forderungen zu
unterstützen, suchte man auch in Amerika im weitesten Umfange
internationale Gewerkschaften ins Leben zu rufen, doch war der mit
dem Jahre 1873 beginnende gewerbliche Niedergang diesen Bestrebungen
sehr ungünstig. Die traurigen geschäftlichen Verhältnisse, die
bis 1879 andauerten, führten auch zu einer Spaltung innerhalb der
Arbeiterschaft. Ein Teil derselben unter Führung der deutschen
Arbeitervereine, die sich im März 1872 in der »Arbeiterzeitung«
ein wertvolles Organ geschaffen hatten, forderte gegenüber der
allgemeinen Not staatliche Hilfe, insbesondere Beschäftigung der
Arbeitslosen, Außerkraftsetzung der Mietgesetze, Verteilung von
Lebensmitteln $u. s. w.$ Andere gingen noch weiter und verlangten die
Einführung der Volksabstimmung über jedes Gesetz und die Beschränkung
des Vermögensbesitzes auf 300000 Dollars. Auch griff man zu dem
bedenklichen Mittel öffentlicher Umzüge, die zu Konflikten mit der
Polizei führten.

Es scheint übrigens weniger die sachliche Meinungsverschiedenheit,
als persönliche Gegensätze und der Unabhängigkeitsdrang gegenüber dem
Generalrate der Internationale gewesen zu sein, was zu der Spaltung
führte und den Generalrat veranlaßte, zunächst den Föderalrat der
amerikanischen Föderation aufzulösen und einige andere Sektionen bis
zum nächsten Kongresse zu suspendieren. Dieser, der $zweite$ und
letzte amerikanische $Kongreß$ der Internationale wurde am 11. April
1874 in $Philadelphia$ abgehalten. Es gelang, die Unzufriedenen aus
der Partei auszuschließen; um den Föderalrat zu überwachen, wurde
eine Kontrollkommission eingesetzt. Die »Arbeiterzeitung« wurde zum
offiziellen Organ erklärt, aber der Kontrollkommission unterstellt.

Die Ausgeschlossenen, die im allgemeinen mehr das einheimische
amerikanische Element darstellten, gründeten jetzt ihrerseits im Sommer
1874 die »$sozialdemokratische Arbeiterpartei von Nordamerika$«.
In einer Konferenz am 4. Juli 1874 in New-York wurden Programm und
Statuten angenommen. Anfangs machte sich innerhalb der Partei der
Gegensatz zwischen Lassalleanern und Marxisten sehr stark geltend,
aber nachdem in Gotha die Einigung der deutschen Sozialisten vollzogen
war, gelang es auch für Amerika, auf dem vom 4. bis 6. Juli 1875 in
$Philadelphia$ abgehaltenen $ersten Jahreskongresse$ grundsätzlich
eine Einigung aller sozialistischen Gruppen zu beschließen, deren
Durchführung dann auf dem Kongresse in Pittsburg am 16. April 1876
in der Weise zustande kam, daß man erklärte: 1. die zu schaffende
Arbeiterorganisation aller Sozialisten Amerikas soll eine nationale mit
internationalen Tendenzen sein; 2. sie soll zentralistisch gerichtet
sein; 3. die Partei wird für die Schaffung von Gewerkschaften mit
nationaler und internationaler Grundlage Sorge tragen; 4. es soll
eine internationale beratende Behörde eingesetzt werden. Der Versuch,
auf einer gleichzeitig tagenden Versammlung eine Einigung auch mit
den anderen politischen Gruppen, insbesondere den Greenback-Leuten,
zustande zu bringen, mißlang.

Die Internationale hatte bei diesen Verhandlungen im Bewußtsein ihrer
Schwäche weitgehende Zugeständnisse machen müssen, jedenfalls hatte sie
durch die Schaffung einer nationalen Arbeiterpartei für Amerika ihre
Bedeutung verloren, und da, wie der letzte Bericht des Generalrates
hervorhebt, der Verkehr mit den europäischen Ländern sich auf einen
unerheblichen Briefwechsel mit einigen Personen beschränkte, Beiträge
aber überhaupt nicht mehr eingingen, so hielt der Generalrat es für
richtig, die $Internationale auch formell aufzulösen$. Er berief
eine Delegiertenkonferenz nach $Philadelphia$ auf den 15. Juli 1876,
auf der aber nur 14 amerikanische und keine einzige europäische
Sektion vertreten waren und sprach seine Ansicht dahin aus, daß die
Internationale Arbeiterassoziation als nicht mehr vorhanden anzusehen
sei. Es wurde dann auch die Auflösung einstimmig beschlossen.

Am 22. Juli 1876 wurde die neue Partei unter dem Namen: »Arbeiterpartei
der Vereinigten Staaten« oder »_Workingmen's Party of the United
States_« in Philadelphia formell begründet. Das Programm fordert,
daß alle Arbeitsmittel, Grund und Boden, Maschinen, Verkehrswege
Eigentum der Gesellschaft werden und an Stelle der Lohnarbeit die
genossenschaftliche Produktion trete. Die Gewerkschaften wurden als
Vorstufe zur sozialistischen Organisation gutgeheißen. Zu Organen der
Partei wurden der »_Labor Standard_«, die »Arbeiterstimme« und der
»Vorbote« bestimmt.

Aber der Streit der Meinungen war nur äußerlich beigelegt und machte
sich bald von neuem geltend, insbesondere gab es zwischen den beiden
neu geschaffenen Organen der Partei, dem Vollziehungsausschusse
in Chicago und dem Aufsichtsrate in New-Haven lebhafte Fehde.
Die Gemäßigten und die Radikalen bekämpften sich heftig über die
prinzipielle Frage, ob die politische oder die gewerkschaftliche
Richtung in den Vordergrund zu stellen sei. Die früheren Mitglieder
der Internationale vertraten im allgemeinen mehr die gemäßigte,
insbesondere die gewerkschaftliche Richtung, sie suchten mit den
bestehenden Gewerkvereinen enge Fühlung zu halten und gründeten eine
_International Labor Union_, die sich jedoch schon 1880 wieder auflöste.

Die Jahre 1876-78 standen unter dem Zeichen der durch die
wirtschaftliche Notlage hervorgerufenen großen Streiks, die überwiegend
mit einem Mißerfolge der Arbeiter endeten. Das hatte zur Folge,
daß die öffentliche Meinung in Arbeiterkreisen sich mehr von der
gewerkschaftlichen Richtung ab- und der politischen zuwandte. Ja es
bildeten sich die berüchtigten $_Molly Maguires_$, Geheimbünde, die
Gewaltthätigkeiten und Aufstände hervorriefen und gewaltsam unterdrückt
werden mußten. Ein Ausfluß dieser Stimmung war auch die auf dem
$Kongreß$ in $Newark$ vom 25. bis 31. Dezember 1877 beschlossene
Abänderung der bisherigen Bezeichnung »Arbeiterpartei der Vereinigten
Staaten« in »$Sozialistische Arbeiterpartei Nordamerikas$«. Die
gewerkschaftliche Richtung unter Führung von $Strasser$ wurde in
den Hintergrund gedrängt und ein selbständiges Auftreten bei der
Präsidentschaftswahl beschlossen. Auch die Mitgliederzahl hob sich auf
etwa 10000, die in 25 Staaten etwa 100 Sektionen bildeten.

Aber dieser Aufschwung der Sozialdemokratie fand rasch sein Ende
mit der im Jahre 1879 wieder beginnenden günstigern Entwicklung der
wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Mitgliederzahlen der Vereine
schmolzen zusammen wie Schnee vor der Sonne, und auf dem vom
26. Dezember 1879 bis 1. Januar 1880 in Alleghany abgehaltenen
Jahreskongreß wurde berichtet, daß nur noch 1500 Mitglieder ihre
Beiträge zahlten. Man versuchte deshalb, durch Sendboten aus
Deutschland zu wirken, und verschiedene Parteiführer, insbesondere
$Fritzsche$ und $Viereck$, unternahmen große Agitationsreisen, jedoch
ohne nennenswerten Erfolg.

Auch die in Deutschland zurückgedrängte sozialrevolutionäre Richtung
glaubte in Amerika neuen Boden zu finden, und ihre Vertreter,
insbesondere $Hasselmann$ und $Most$, bearbeiteten denselben mit dem
Feuereifer des Fanatismus. In der That gelang es, am 14. Oktober 1883
in $Pittsburg$ einen Kongreß der Sozialrevolutionäre und Anarchisten
zustande zu bringen, auf dem Abgesandte aus 26 amerikanischen
Städten anwesend waren; auch einige Vertreter aus dem Auslande waren
erschienen. Man beschloß, eine $neue Internationale$ zu begründen und
gab dem neuen Verbande, der zunächst für Amerika wirken sollte, den
alten Namen: »Internationale Arbeiterassoziation« oder »$_International
Working Peoples' Association_$«; er betrachtete sich als einen Zweig
der auf dem Londoner Weltkongreß[60] am 14. Juli 1881 ins Leben
gerufenen neuen Internationale, die allerdings ihr Dasein nur auf dem
Papiere führte, denn das dort errichtete Auskunftsbureau hatte schon
längst seine Thätigkeit wieder eingestellt.

   [60] Vgl. unten S....

Die Organisation des neuen Verbandes war dem Prinzip gemäß durchaus
föderalistisch, die Sektionen hatten weitgehende Autonomie. Der
verbindende Gedanke war die Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer
»Propaganda der That«; Beteiligung an der Politik wurde grundsätzlich
verworfen. Hinsichtlich der Gewerkschaften erklärte man: »Wir erblicken
in solchen Gewerkschaften, die auf radikalen Prinzipien beruhen und
die Abschaffung der Lohnarbeit erstreben, die Grundlage zu einem
besseren Gesellschaftssystem. Andrerseits sind wir entschlossen,
alle Organisationen, welche auf reaktionären Prinzipien beruhen, zu
bekämpfen, indem sie Feinde der Arbeiterklasse und ein Hindernis von
Humanität und Fortschritt sind.« Schiedsgerichte wurden, als für die
Arbeiter wertlos, unbedingt verworfen.

Das Verhältnis der neuen Internationale zu der sozialdemokratischen
Arbeiterpartei wurde, nachdem die zunächst, insbesondere auf dem in
Baltimore vom 26. bis 28. Dezember 1883 abgehaltenen Kongresse der
letzteren gemachten Versuche einer Annäherung gescheitert waren,
bald ein immer feindlicheres und die gegenseitigen Angriffe in den
Parteiblättern immer heftiger.

Hatte schon die bisherige Entwicklung den Beweis geliefert, daß die
praktisch veranlagten Amerikaner für die sozialistischen Bestrebungen
einen durchaus ungeeigneten Boden bildeten, denn auf dem im Mai 1883 in
Kopenhagen abgehaltenen Parteitage der deutschen Sozialdemokratie wurde
die Zahl der amerikanischen Genossen auf nur 2000 angegeben, so waren
die nächsten Jahre noch wesentlich ungünstiger. Der wirtschaftliche
Aufschwung im Anfange der 80er Jahre hatte für die Arbeiter den Anlaß
gegeben, in eine umfassende Bewegung zur Erringung des Achtstundentages
einzutreten. Aber die unternommenen Ausstände hatten wenig Erfolg,
führten dagegen vielfach zu Unruhen und Gewaltthätigkeiten, bei denen
insbesondere die sozialrevolutionäre Partei eine Rolle spielte. Die
schärfste Zuspitzung fanden diese Dinge in Chicago, wo vom 1. bis
4. Mai 1886 umfassende Straßenkämpfe stattfanden, bei denen durch
das Werfen von Dynamitbomben sieben Polizisten getötet und 60 schwer
verwundet wurden. Ihre Sühne fand diese Schreckensthat in der am 11.
November 1887 in Chicago erfolgten Hinrichtung der vier Anarchisten
$Spies$, $Parsons$, $Fischer$ und $Engel$. Aber die Folge dieser
Ereignisse war zugleich eine allgemeine Abneigung gegen alles, was
mit der sozialen Revolution kokettierte, und obgleich davon in erster
Linie die _International Working Peoples' Association_ betroffen
wurde und deren Schwächung ihrer Gegnerin, der sozialdemokratischen
Arbeiterpartei scheinbar hätte zu gute kommen müssen, so wandte sich
die Stimmung doch auch gegen sie, und indem Streitigkeiten persönlicher
Art noch hinzutraten, machte sich bald ein starker Rückgang bemerkbar,
ja $Most$ berechnet in seiner »Freiheit« die Mitgliederzahl für den
Sommer 1889 auf nur noch 780.

Die $Gewerkvereine$ hatten sich inzwischen kräftig entwickelt, und in
der Not sahen sich die Vertreter der politischen Richtung gezwungen,
die soeben noch als Aschenbrödel behandelte Gewerkschaftsbewegung
wieder in den Vordergrund zu rücken, wobei ihnen der schon nach 2-3
Jahren wieder einsetzende wirtschaftliche Rückgang wesentlich zu
statten kam.

So gelang es, in den meisten größeren Städten $_central labor unions_$
zu gründen, in denen überwiegend ungelernte Arbeiter vertreten waren
und die stark unter sozialistischem Einflusse standen. Die älteren,
mehr konservativen Gewerkschaften der gelernten Arbeiter fanden sich
meist zu sog. $_Trade Assemblies_$ zusammen, lokalen Verbänden,
die zunächst gegenseitige Unterstützung und erst in zweiter Linie
politische Thätigkeit bezweckten.

Die weitere Entwicklung knüpft sich vor allem an zwei große Verbände,
die in der amerikanischen Arbeiterbewegung eine erhebliche Bedeutung
erlangt haben.

Der erste derselben ist der Orden der Ritter der Arbeit ($_Knights
of Labor_$), der 1869 in Philadelphia von dem Schneider $Stevens$
begründet wurde, sich aber bald zu einem alle Berufszweige umfassenden
Bunde erweiterte. Er war anfangs ein Geheimbund und geriet dadurch,
daß er die Geheimhaltung seiner Einrichtungen auch im Beichtstuhle
forderte, in Gegensatz zu der katholischen Kirche, den er durch
Nachgeben beendigte. Seitdem wird er von katholischer Seite begünstigt;
übrigens hat er den Karakter als Geheimbund 1881 aufgegeben und seine
Statuten in dem Bundesblatte (_Journal of the Knights of Labor_)
bekannt gegeben.

Der Zweck des Ordens ist die allgemeine Hebung der Arbeiterklasse,
insbesondere die gemeinsame Vertretung der Arbeiterinteressen gegenüber
den Unternehmern. Aber seine Organisation ist insofern abweichend von
derjenigen der eigentlichen Gewerkvereine, als er sich $nicht auf die
Berufszugehörigkeit stützt$, sondern alle Arbeiter ohne Unterschied,
insbesondere also gelernte und ungelernte vereinigt; selbst andere,
nicht den Arbeiterkreisen angehörende Personen können ihm beitreten,
doch dürfen sie nicht 1/4 der Gesamtmitgliederzahl übersteigen. Auch
gegen die Unterschiede der Religion, Nationalität und Rasse ist er
durchaus gleichgültig und gestattet nicht allein den Negern, sondern
unter gewissen Beschränkungen sogar den Chinesen den Eintritt.
Endlich steht er allen politischen Anschauungen grundsätzlich neutral
gegenüber, und Sozialisten wie Anarchisten sind in ihm vertreten.

In den letzteren Jahren haben die sozialistischen Ideen sich etwas
mehr Boden verschafft, insbesondere wurde 1894 das noch zu erwähnende
von der _Federation of Labour_ abgelehnte Programm angenommen.
Dasselbe erklärt sich für Zusammenschluß aller Arbeiter- und
Farmerorganisationen zu einer einzigen politischen Partei und fordert:
»1. Obligatorischen Schulbesuch; 2. unmittelbare Gesetzgebung; 3.
gesetzlichen Achtstundentag; 4. sanitäre Ueberwachung der Werkstätten,
der Bergwerke und des Hauses; 5. ausgedehnte Unfallversicherung
seitens der Arbeitgeber; 6. Abschaffung des Kontraktsystems bei allen
öffentlichen Arbeiten; 7. Abschaffung des Schwitzsystems; 8. Erwerb
von Straßenbahnen, Gas- und elektrischen Werken seitens der Gemeinden
zum Zwecke öffentlicher Verteilung von Licht, Wärme und Betriebskraft;
9. Ankauf der Telegraphen, Telephone, Eisenbahnen und Bergwerke durch
den Staat; 10. gemeinsamen Besitz des Volkes an allen Mitteln der
Produktion und Güterverteilung; 11. Volksabstimmung (Referendum) bei
allen Gesetzen.«

Auf den Mitgliedskarten der $Arbeitsritter$ ist deren Standpunkt in
folgender Weise bezeichnet:

»Die Ritter der Arbeit bilden die größte Arbeiterorganisation der
Welt. Sie sind die einzige Organisation, die -- neben dem Eintreten
für möglichst günstigen Lohn, kurze Arbeitszeit und sonstige Vorteile
-- die der industriellen Ungerechtigkeit zu Grunde liegenden
Ursachen zu beseitigen sucht. Sie überlassen jedem Gewerbe und jedem
örtlichen Zweigvereine die selbständige Regelung der Verhältnisse
des betreffenden Gewerbes oder Ortes und können doch vermöge ihrer
Organisation, falls nötig, ihre Kräfte rasch zusammenfassen. Sie
streben nach der Beseitigung des kapitalistischen Systems der
Produktion und des Austausches, wollen aber, in der Ansicht, daß
Reformen nur wohltätig und von Dauer sein können, wenn sie auf der
Ueberzeugung eines gebildeten und einsichtigen Volkes beruhen, ihre
Ziele allein durch den Appell an die Vernunft und das Gewissen,
niemals auf gewaltsame Weise erreichen. Sie laden alle ehrlichen
und nützlichen, mit der Hand oder geistig thätigen Arbeiter zur
Mitgliedschaft ein ohne jede Rücksicht auf Religion, Rasse oder
Abstammung.«

Trotz dieser sozialistischen Anwandlungen hat der Orden sich nicht
allein gegenüber dem Anarchismus wegen seiner ungesetzlichen Haltung
durchaus gegensätzlich gestellt und z. B. die Attentate in Chicago
scharf getadelt, sondern auch zu der Sozialdemokratie wegen ihres
antireligiösen Verhaltens eine ablehnende Stellung eingenommen.
Die Hauptziele sind neben Erhöhung der Löhne und Herabsetzung der
Arbeitszeit insbesondere die Erringung des Achtstundentages, die
Errichtung arbeitsstatistischer Aemter, das Verbot der Kinderarbeit
und Sicherung gegen gesundheitsschädliche Einflüsse, Einschränkung der
Gefängnisarbeit, sowie die Einrichtung von Produktivgenossenschaften
und Konsumvereinen. Auf staatlichem Gebiete erstrebt der Bund die
Verstaatlichung der Telegraphen und Eisenbahnen, die Einrichtung von
Postsparkassen, die Reform des Münzwesens insbesondere durch freie
Silberprägung, die Zurückbehaltung der öffentlichen Ländereien für
wirkliche Bebauer und die Einführung der progressiven Einkommensteuer.
Endlich legt man das Hauptgewicht auf die Einschränkung der
Einwanderung, da diese ein Ueberangebot von Arbeitskräften erzeugt. Die
wirtschaftlichen Ziele sucht man in erster Linie durch Selbsthülfe,
insbesondere auf friedlichem Wege durch Verhandlungen mit den
Unternehmern und Schiedsgerichte zu erreichen, scheut aber auch vor
Arbeitseinstellungen nicht zurück, wie denn große Streiks seitens
des Bundes durchgeführt sind. Soweit auf diesem Wege Abhülfe nicht zu
erreichen ist, verlangt man das Eingreifen der staatlichen Gesetzgebung
ohne scharf ausgesprochenes Prinzip. In die eigentliche Politik hat
man, abgesehen von der 1886 bei den New-Yorker Gemeindewahlen dem
bekannten Bodenreformer $Henry George$ gewährten Unterstützung, sich
nur insoweit eingemischt, als man bei den Wahlen die Kandidaten zu
gewissen Zusagen zu bestimmen suchte; der Wunsch, auf Schaffung einer
selbständigen Arbeiterpartei neben Republikanern und Demokraten
hinzuwirken, ist allerdings seit Jahren laut geworden, bisher aber ohne
Erfolg geblieben.

Für die $Organisation$ des Bundes bilden die Grundlage die $_local
assemblies_$, Ortsvereine, in denen die Mitglieder ohne Unterschied der
Rasse, der Religion und des Berufes vereinigt sind, nur in größeren
Städten nimmt man diese Unterschiede zur Unterlage für Sondergruppen.
Meist sind Frauen den allgemeinen Vereinen zugeteilt, doch giebt es
einige Ortsvereine, die nur aus Frauen bestehen. Die Ortsvereine
werden zu Bezirksverbänden ($_district assemblies_$) vereinigt, über
denen die $_General Assembly_$ steht, die jährlich zusammentritt und
die oberste Instanz bildet. Sie wählt den Großmeister ($_Grand Master
Workman_$), der sehr weitgehende Befugnisse besitzt, jedoch von einem
$Aufsichtsrate$ aus 5 Mitgliedern kontrolliert wird.

Großmeister war von 1869 bis 1879 der Begründer des Ordens, $Stevens$,
der dann durch $Powderley$ ersetzt wurde; der letztere ist ebenso,
wie sein Vorgänger, aus den niedrigsten Verhältnissen hervorgegangen
und hat neben einem außerordentlichen Organisationstalente eine große
Mäßigung insbesondere in den Verhandlungen mit den Unternehmern
bewiesen. Auf dem Kongresse in Philadelphia 1893 wurde er wegen
des zurückgegangenen Einflusses des Ordens und der unzweckmäßigen
Verwendung der Gelder lebhaft angegriffen und legte, nachdem er nur mit
geringer Mehrheit wiedergewählt war, sein Amt nieder. Sein Nachfolger
wurde R. $Sovereign$, ein Mann, der zuerst _cowboy_, dann Steinhauer
und endlich Journalist gewesen war, auch bereits in der Politik eine
Rolle gespielt hatte und dem Orden seit 1887 angehörte. Seine Wahl
bedeutete den Sieg der westlichen über die bis dahin herrschend
gewesene östliche Gruppe, hat aber eine Verschiebung der allgemeinen
Richtung innerhalb des Bundes nicht zur Folge gehabt.

Der $äußere Entwickelungsgang$ drückt sich aus in der Zahl der
Mitglieder. Dieselbe hatte in den ersten Jahren nach der Gründung
schon einmal 80000 betragen, war aber 1878 auf 12000 zurückgegangen,
1883 betrug sie 52000, 1884 71000, 1885 111000, Anfang 1886 etwa
200000 und am 1. Juli 1886 sogar 752430; schon am 1. Juli 1887 war
sie wieder auf 585127 und am 1. Juli 1888 aus 425038 zurückgegangen.
Auf der Nationalkonvention (Generalversammlung) in St. Louis 1892
waren angeblich 241000, in Philadelphia 1893 nur noch 212000 Arbeiter
vertreten und in New-Orleans im November 1894 wurde nur erwähnt, daß
der Bestand an Mitgliedern noch weiter zurückgegangen sei. Später
scheint wieder ein Aufschwung eingetreten zu sein, denn für 1897 wird
die Mitgliederzahl auf 325000 angegeben[61].

  [61] Bei W. T. $Stead$ a. a. O., S. 113.

Der Orden hat einen ausgesprochen $amerikanischen Karakter$. Aus diesem
erklärt sich auch seine Abneigung gegen die Einflüsse der deutschen
Sozialdemokratie, denn er fordert von seinen Mitgliedern, daß sie die
aus ihrer früheren Heimat mitgebrachten Anschauungen und Besonderheiten
völlig aufgeben und sich ganz als Amerikaner fühlen. Allerdings hat
er auch außerhalb Amerikas, insbesondere in England und Belgien[62],
Vereine zu gründen versucht, aber doch nur mit ziemlich geringem
Erfolge. Dadurch, daß er keinen Unterschied zwischen gelernten und
ungelernten Arbeitern macht, ja sich hauptsächlich auf die letztern
stützt, erhält er ein gewisses anti-aristokratisches Gepräge.

  [62] Vergl. oben S....

Die staatssozialistischen Neigungen, die sich eine Zeit lang stark
geltend machten, sind auch in neuerer Zeit mehr zurückgetreten, nachdem
man die Erfahrung gemacht hat, daß die im Parlament durchgesetzten
arbeiterfreundlichen Gesetze, insbesondere das Gesetz über den
achtstündigen Arbeitstag für Regierungsarbeiter lediglich auf dem
Papiere stehen geblieben und von den Behörden nicht befolgt sind, so
daß man jetzt von der Stärkung der eigenen wirtschaftlichen Kraft
der Verbände sich mehr Erfolg verspricht, als von der Gesetzgebung.
Doch haben die großen Ausstände der letzten Jahre, der Minenarbeiter
in Idaho und Tennessee, der Eisenbahnarbeiter in Buffalo, der Eisen-
und Stahlarbeiter der Carnegie'schen Werke in Homestead und endlich
der große Pulman-Streik bewiesen, daß auch hier die Macht des großen
Kapitals überwiegt.

Bildet der hervorgehobene Umstand, daß der Orden der Arbeitsritter eine
Sonderung der Arbeiter nach Berufen nicht zuläßt, den Grund, weshalb
er als Gewerkverein im engeren Sinn nicht zu betrachten ist, so trägt
dagegen der zweite große Verband durchaus diesen Karakter. Es ist das
die $_American Federation of Labour_$.

Im Jahre 1881 hatten mehrere große Gewerkschaften in $Pittsburg$ unter
dem Namen »$_Federation of organised Trades and Labor Unions_$« einen
allgemeinen nationalen Verband gegründet, der auf jährlichen Kongressen
zu den die Arbeiter betreffenden gesetzlichen Einrichtungen Stellung
nehmen wollte. Der Verband stand den sozialistischen Ideen ziemlich
ablehnend gegenüber, und auf den Kongressen in $Pittsburg$ 1881 und
$Cleveland$ 1882 wurden die Anträge, die Verstaatlichung des Grund und
Bodens in das Programm aufzunehmen, mit großer Mehrheit verworfen.
Erst 1883 auf dem III. Kongreß in $New York$ wurde die Forderung der
Ueberführung der Eisenbahnen und Telegraphen in das Eigentum des
Staates zugestanden.

Auf dem im Oktober 1884 in $Chicago$ abgehaltenen IV. Kongresse
beschloß man, für die Erringung des Achtstundentages und die Feier
des 1. Mai einzutreten, wiederholte auch diesen Beschluß auf dem
V. Kongresse in $Washington$ im Dezember 1885, erzielte aber wenig
praktische Erfolge. Auf dem VI. Kongresse in $Columbus$ im Dezember
1886 änderte der Verband seinen Namen und bezeichnet sich seitdem als
»_$American Federation of Labor$_«.

Der Grundkarakter ist durchaus derjenige eines gewerkschaftlichen
Zentralverbandes, der sich aus einer Reihe einzelner nach Berufen
getrennter Vereine zusammensetzt. Zweck des Bundes ist die Weckung des
Klassen- und Solidaritätsgefühls der Arbeiter. Das nächste Ziel bildet
die Durchführung des Achtstundentages. Der Politik steht man sehr
kühl gegenüber, und der langjährige Präsident Samuel $Gompers$, der
sich vom einfachen Zigarrenarbeiter zu seiner jetzigen einflußreichen
Stellung emporgearbeitet hat, gilt den deutschen Sozialdemokraten
geradezu als der Typus eines »Nur-Gewerkschaftlers«, gegen den man die
schärfsten Angriffe richtet. Neben dem Präsidenten, der weitgehende
Machtvollkommenheit besitzt, besteht ein Exekutivausschuß aus vier
Mitgliedern. Bei kleinen Streiks, die nicht über 5 Wochen dauern,
erfolgt die Bewilligung der Unterstützung durch den Präsidenten,
in anderen Fällen findet Urabstimmung unter sämtlichen zum Bunde
gehörigen Vereinen statt. Das Organ des Bundes ist der seit März 1894
erscheinende »_American Federationist_«.

In neuester Zeit haben hinsichtlich der Stellung zum $Sozialismus$
heftige Kämpfe stattgefunden. Schon auf dem im Dezember 1892
in $Philadelphia$ abgehaltenen Kongresse neigte etwa 1/4 der
Abgeordneten nach dieser Richtung, insbesondere hinsichtlich einer
von den bestehenden Parteien unabhängigen Arbeiterpolitik und der
Verstaatlichung der Produktionsmittel. Die Mehrheit jedoch beschränkte
diese Forderung auf die Verkehrsmittel und erklärte die Bildung einer
selbständigen Arbeiterpartei solange für aussichtslos, wie die Arbeiter
nicht in wesentlich größerem Umfange an den Organisationen sich
beteiligten.

Auf dem Kongresse in $Chicago$ im Dezember 1893 setzte sich
dieser Kampf fort, indem der Sozialist $Morgan$ einen Antrag
einbrachte, der eine unabhängige Arbeiterpolitik verlangte und
folgende Einzelforderungen aufstellte: 1. Schulzwang; 2. direkte
Gesetzgebung[63]; 3. gesetzlicher achtstündiger Arbeitstag; 4.
Sanitäre Inspektion für Fabriken, Bergwerke und Arbeiterwohnhäuser;
5. Haftpflichtgesetz; 6. Abschaffung des Kontraktsystems bei
öffentlichen Arbeiten; 7. Beseitigung des Schwitzsystems; 8. Uebernahme
der Straßenbahnen, Gasanstalten und elektrischen Anlagen durch die
Stadt; 9. Verstaatlichung der Telegraphen, Telephone, Eisenbahnen und
Bergwerke; 10. Verstaatlichung aller Produktionsmittel; 11. Einführung
des Referendums für die gesamte Gesetzgebung. Der Kongreß lehnte es
jedoch ob, zu diesen Forderungen Stellung zu nehmen, indem er sie
lediglich den Arbeiterverbänden zur Erwägung überwies mit dem Ersuchen,
ihre Vertreter zur nächsten Jahreskonvention über die aufgeworfenen
Fragen zu instruieren.

  [63] Es ist nicht recht verständlich, was damit gemeint ist,
       denn die Forderung dahin zu verstehen, daß die Gesetze nicht von
       Vertretungskörpern endgültig gemacht, sondern dem Volke selbst
       zur Urabstimmung unterbreitet werden, scheint nicht angängig, da
       dies schon unter Ziffer 11 (Referendum) ausgesprochen ist.

Dieser nächste Kongreß, der am 12. Dezember 1894 in $Denver$ stattfand,
entschied gegen die Sozialisten. Zunächst wurde die Forderung einer
unabhängigen Arbeiterpolitik verworfen. Dann wurden die mitgeteilten
Punkte 1-9, 11 angenommen, Ziffer 10 dagegen abgelehnt. Endlich wurden
bei der Gesamtabstimmung für das so geschaffene Programm nur 735,
dagegen aber 1173 Stimmen abgegeben, so daß es verworfen war, wobei die
Sozialisten sich der Abstimmung enthielten.

Auf diesem Kongresse, bei dem als Vertreter der englischen _trade
unions_ John Burns und David Holmes anwesend waren, wurde übrigens der
Sitz des Verbandes von New York nach Indianapolis verlegt und ebenso
an Stelle von Gompers zum Präsidenten $Mac Bride$ gewählt, eine Wahl,
die nicht eine prinzipielle Aenderung der Haltung, sondern nur den Sieg
des Westens über den Osten bedeutete. Bride war früher Kohlengräber
und wurde dann zum statistischen Beamten des Staates Ohio berufen; er
ist ebenso wie sein Vorgänger Gegner des Sozialismus und wird sogar
als noch weiter rechts stehend betrachtet. Uebrigens wurde schon nach
zwei Jahren Gompers mit großer Mehrheit wiedergewählt und ist seitdem
Präsident geblieben.

Der letzte (XVI.) Kongreß hat vom 12. bis 21. Dezember 1897 in
$Nashville$ stattgefunden unter Beteiligung von 97 Abgeordneten als
Vertreter von 74 Organisationen. Auch die englischen _trade unions_
hatten zwei Vertreter gesandt. Nach dem Jahresberichte hatte die
Einnahme sich auf 18639, die Ausgabe auf 10113 Dollars belaufen; der
Vermögensbestand betrug 4168 Dollars.

Die aufgestellten Forderungen waren: Allgemeine Schulpflicht,
Beschränkung der Kinderarbeit, direkte Gesetzgebung des
Volkes durch das Referendum und Initiativbegehren, sanitäre
Beaufsichtigung der Betriebsstätten, Haftpflicht der Unternehmer
bei Gesundheitsschädigungen und Tötungen der Arbeiter, Abschaffung
des Schwitzsystems, Aufhebung der Verschwörungsgesetze, städtische
Verwaltung aller öffentlichen Unternehmungen, Beseitigung des
Banknotenmonopols, Errichtung eines Arbeitsamtes, die Schaffung von
Postsparkassen, Beschränkung der Einwanderung durch Festsetzung eines
Bildungsminimums, die Einführung eines gesetzlichen Achtstundentages,
für die sich die Mehrheit erklärte. Auch forderte man, daß die
Regierung ihre Kriegsschiffe nicht Unternehmern in Auftrag geben,
sondern auf eignen Werften bauen solle und erklärte sich für den
Uebergang aller dem öffentlichen Verkehr dienenden Anstalten,
insbesondere der Telegraphen, in das Eigentum des Staates. Zu dem
vorgeschlagenen Gesetze über die _trusts_ nahm man im allgemeinen eine
zustimmende Haltung ein, wollte aber auch gegen dessen Anwendung auf
die Gewerkschaften geschützt sein. Für einige Streiks, so auch für
den der englischen Maschinenbauer, wurden Unterstützungen bewilligt.
Auch Fragen der Politik wurden behandelt. So erklärte man sich mit
der Anerkennung der Aufständischen auf Cuba als kriegführender Macht
einverstanden, mißbilligte aber die beabsichtigte Erwerbung von Hawaii.
Zur Vorbereitung der nächsten Parlamentswahlen wurde eine besondere
Konferenz ins Auge gefaßt. Der Bund will künftig das Hauptgewicht auf
die Bildung von Vereinen ungelernter Arbeiter legen. $Gompers$ wurde
mit 1858 Stimmen gegen 407, die auf den Sozialisten $Kraft$ fielen, als
Präsident wiedergewählt.

Den Gesamtkarakter des Kongresses bezeichnet ein Bericht in dem
»_American Federationist_«, dem Organ des Bundes[64], dahin: »Während
der ganzen Zusammenkunft beschränkten sich die Abgeordneten durchaus
auf praktische Fragen, welche den Arbeiter unmittelbar angehen. Sehr
wenig sozialistische Gesinnung wurde entfaltet. Nur sieben Abgeordnete
können als Mitglieder der sozialistischen Arbeiterpartei angesehen
werden.«

  [64] Der Bericht ist in Nr. 7 des Korrespondenzblattes der
       Generalkommission für die Gewerkschaften Deutschlands vom 14.
       Februar 1898 abgedruckt.

Der $Mitgliederbestand$ des Bundes hat sehr geschwankt. Auf dem Kongreß
in Washington 1882 wurden 280000, in Columbus 1886 316469, in Boston
1889 549641 Mitglieder gezählt. Im Jahre 1890/91 soll diese Zahl
sogar auf 675117 in 60 Gewerkschaftsverbänden gestiegen sein, doch
wurden auf dem Kongreß in Philadelphia 1892 nur 17 Verbände mit 229800
Mitgliedern gezählt, die durch 89 Abgeordnete vertreten waren. In der
noch zu erwähnenden Statistik der New Yorker Volkszeitung wird die
Mitgliederzahl auf 350000 angegeben. Auf dem Kongreß in Nashville 1897
wurde mitgeteilt, daß dem Bunde im letzten Jahre 18 Zentralverbände,
189 Ortsvereine und 8 Nationalverbände mit insgesamt 34000 Mitgliedern
beigetreten waren, doch wurde der Gesamtbestand nicht angegeben.

Die _American Federation of Labor_ steht zu dem Orden der
Arbeiterritter in einem gewissen Konkurrenzverhältnisse, huldigt auch,
wie erwähnt, zum Teil anderen Ansichten, insbesondere ist der Orden
streng zentralistisch, während der Bund seinen einzelnen Unterverbänden
weitgehende Selbständigkeit gewährt. In dieser Beziehung steht zwischen
ihnen gewissermaßen in der Mitte der erst in den letzten Jahren
begründete Zentralverband der Eisenbahnangestellten, die $_American
Railway Union_$. Die Eisenbahnarbeiter hatten bis dahin eine große
Menge von Vereinen, die aber alle auf kleine Bezirke beschränkt
waren und sich nicht allein gegenseitig nicht unterstützten, sondern
häufig gegeneinander auftraten. Erst 1893 gelang es dem früheren
Lokomotivheizer, späteren Stadtschreiber $Eugen Debbs$, der bis dahin
Sekretär des Heizerverbandes und später Redakteur des Fachorganes
war, in dem neuen Verbande eine Verbindung zu schaffen, die sich zu
erheblicher Bedeutung entwickelt hat. Allerdings fand $Debbs$ bei
den bestehenden Vereinen den schärfsten Widerstand, doch gelang es
ihm, eine Menge bisher noch nicht organisierter Eisenbahnarbeiter
insbesondere aus dem Westen zu Vereinen zusammenzuschließen, die seinem
Verbande beitraten. Er suchte zwischen diesen und den Einzelvereinen
dadurch ein festes Band herzustellen, daß die Mitglieder der letzteren
zugleich einem Ortsvereine des Gesamtverbandes angehören mußten.

Der Standpunkt der $_Railway Union_$ ist am besten zu ersehen aus der
von $Debbs$ bei deren Gründung abgegebenen Erklärung, in der es heißt:

»Der Hauptpunkt der Organisation ist der Schutz der Mitglieder
hinsichtlich ihres Lohnes und ihrer Rechte. Die Eisenbahnbediensteten
können ein Mitbestimmungsrecht für den Lohnsatz und die
Arbeitsbedingungen beanspruchen. Genügender Lohn und angemessene
Behandlung müssen die Gegenleistung für erfolgreiche treue Dienste
bilden. So werden wir zu harmonischen Beziehungen und befriedigenden
Ergebnissen gelangen. Der neue Bund wird konservativen Grundsätzen
huldigen. Auch dem geringsten Mitgliede wird bei gerechten Forderungen
der Beistand nicht versagt werden, aber auf der anderen Seite
sollen keine maßlosen Forderungen, keine unberechtigten Beschwerden
Unterstützung finden. Nach gründlicher Organisation jedes Dienstzweiges
bei gebührender Berücksichtigung jedes Rechtes kann man zuversichtlich
hoffen, daß alle Differenzen zu befriedigender Erledigung kommen,
daß harmonische Beziehungen hergestellt werden, daß der Dienst
unberechenbar besser wird, daß die Notwendigkeit für Ausstände und
Sperren, Verrufserklärungen und schwarze Listen, die beiden Teilen
gleich verderblich sind und für die allgemeine Wohlfahrt eine
beständige Drohung bilden, ganz und für immer wegfällt«.

Die Gesamthaltung des Bundes ist hiernach als eine antisozialistische
zu bezeichnen. Allerdings verfolgt er im Gegensatze zu den älteren
Vereinen, die nur gelernte Arbeiter aufnehmen und deshalb einen
aristokratischen Karakter tragen, eine fortschrittliche Politik;
$Debbs$ selbst gehört zu der Partei der Demokraten. Aber der
Sozialismus hat von ihm keine Förderung zu erwarten; ebenso gilt er als
ein Mann, der dem in Amerika allmächtigen Einflusse des Dollars nicht
unterliegt.

Ueber den $Mitgliederbestand$ liegen nur Zahlen aus dem Jahre 1894 vor.
Danach zählte die Union im April 1894 80000 Angehörige, während auf
der ersten Generalversammlung Mitte Juni 1894 425 Vereine mit 125000
Mitgliedern vertreten waren.

Obgleich hiernach kollektivistische Anschauungen zum Teil in die
angeführten großen Verbände Einzug gehalten haben, so stehen diese
doch dem Sozialismus in der Form der Sozialdemokratie durchaus
ablehnend gegenüber; insbesondere ist es karakteristisch, daß die
genannten Führer streng religiös sind und zugleich dem Templerenztum
zuneigen. Es wird hier also der Beweis geliefert, daß eine in ihrer
Gegnerschaft gegen den Kapitalismus durchaus entschieden vorgehende
Arbeiterorganisation nicht entfernt Veranlassung hat, gleichzeitig
materialistischen Grundsätzen zu huldigen.

In neuester Zeit hat übrigens auch die sozialdemokratische Bewegung
wieder einen gewissen Aufschwung genommen und zugleich ihr Interesse
den Gewerkschaften in höherem Grade zugewandt. Es ist ihren
Anhängern gelungen, im November 1895 einen neuen gewerkschaftlichen
Zentralverband unter dem Namen »_$Socialist Trade and Labor Alliance$_«
ins Leben zu rufen, der vom 29. Juni bis 2. Juli 1896 in New York
seine erste Hauptversammlung abhielt. Schon der Name bezeichnet
die sozialistische Richtung, wie denn auch das Programm als Zweck
angiebt, den bestehenden Gewerkschaftsorganisationen und ihren teils
trägen, teils korrumpierten, teils bewußt reaktionären Elementen
eine Gewerkschaftsorganisation gegenüberzustellen, die es sich zur
Aufgabe macht, die Interessen der gewerkschaftlich organisierten
Arbeiter nicht nur nach der ökonomischen, sondern auch nach der
politischen Seite hin zu wahren«. In der Versammlung waren 64 Lokal-
und 7 Distriktsorganisationen, sowie einige gewerkschaftliche
Nationalverbände durch 75 Abgeordnete vertreten.

Außer den bisher behandelten großen Verbänden bestehen noch eine
ganze Anzahl von $Einzelgewerkschaften$, die ihnen teils angehören,
teils ihnen fern stehen. Dieselben bezeichnen sich, wenn sie auf die
Vereinigten Staaten beschränkt sind, als nationale, wenn sie dagegen
auch Mitglieder in Canada oder Mexiko haben, als $internationale
Vereine$. Die wichtigsten sind die Eisengießer, die Eisen- und
Stahlarbeiter, die Zigarrenarbeiter, die Möbelarbeiter, die
Hafenarbeiter, die Granithauer; unter den Buchdruckern bestehen zwei
Vereine, nämlich einerseits der deutsch-amerikanische Typographenbund
und andererseits die _International typographical union_. Meist giebt
es auch in den größeren Städten lokale Verbände der am Orte bestehenden
Gewerkschaften, die häufig in deren Selbstbestimmung tief eingreifende
Befugnisse haben. Ebenso haben sich zuweilen die _local assemblies_ der
einzelnen Staaten zu Verbänden zusammengeschlossen, so in New York, New
Jersey, Pennsylvania, Ohio, Illinois, Maryland, Missouri, Michigan und
Wisconsin.

Der Versuch, eine Zusammenfassung aller Gewerkschaften nach dem
Vorbilde der englischen _trade unions_-Kongresse mit ihren eigenem
parlamentarischen Komitee ins Leben zu rufen, ist 1881 unternommen
durch einen $nationalen Gewerkschaftskongreß$, der in Pittsburg tagte
und auf dem die »_$Federation of organised Trades and Labor Unions of
the United States and Canada$_« mit einem »_Legislative committee_« aus
5 Personen gegründet wurde. Aber obgleich einige Jahresversammlungen
abgehalten wurden -- auf derjenigen in Chicago im Oktober 1884
waren 400000 Arbeiter durch 200 Abgesandte vertreten -- hat es die
Organisation doch niemals zu wirklicher Bedeutung gebracht.

Hinsichtlich der $Statistik$ der gesamten amerikanischen
Arbeiterbewegung ist man auf private Angaben angewiesen, die um so
weniger zuverlässig sind, als viele Vereine ihre Mitgliederzahlen
absichtlich geheim halten. Aus älterer Zeit ist eine von der _American
Review_ für den 1. Januar 1885 veranstaltete Erhebung vorhanden,
nach der es damals 26 nationale und 15 internationale Gewerkschaften
mit zusammen 434550 Mitgliedern gab; doch waren dabei viele örtliche
Vereinigungen nicht mitgerechnet. Eine neuere Statistik hat die New
Yorker Volkszeitung veranstaltet und in ihrem Blatte vom 27. August
1892 veröffentlicht. Danach betrug die Mitgliederzahl:

1. bei den _Knights of Labor_ 205000,

2. bei der _American Federation of Labor_ 350000.

3. Eine Anzahl von Vereinen, die den beiden Verbänden sich nicht
angeschlossen hatten, umfaßte 266871 Personen. Dazu gehörten: die
_International Bricklayers and Stonemasons Union_ mit 35000, die
_Brotherhood of Locomotive Engineers_ mit 31000, die _Brotherhood of
Locomotive Firemen_ mit 25071, die _Brotherhood of Railroad Trainmen_
mit 23500, der _Order of Railway Telegraphers_ mit 22506, die
_Granite Cutters National Union_ mit 20000, die _Operative Plasters
International Union_ mit 14000, die _Musicians National League_ mit
11000, der _Order of Railroad Conductors_ mit 10000, die _National
Association of Machinists_ mit 10000, die _Brotherhood of Railroad
Carmen_ mit 10000 Mitgliedern.

Ein Teil der hier aufgeführten Vereinigungen hat sich später der
_American Railway Union_ angeschlossen.

4. Außer diesen Gruppen zählt die Erhebung noch 14 Vereine, von denen
nicht ermittelt ist, ob sie der _Federation_ angehören, mit 55000
Mitgliedern und schätzt, daß in nicht bekannt gewordenen Vereinen,
insbesondere Geheimbünden, noch etwa 50000 Arbeiter gesammelt sind.

Hiernach ergiebt sich eine Gesamtzahl von 926900 oder, da viele
Doppelzählungen vorzuliegen scheinen, von rund etwa 825000
organisierten Arbeitern, was etwa 30 % der in der Industrie, im
Handwerk und im Bergbau beschäftigten Personen und 10 % der gesamten
Arbeiterbevölkerung entspricht.

Nach einer Uebersicht des _American Federationist_, des Organes der
_American Federation of Labor_, gab es Ende 1898 in den Vereinigten
Staaten rund eine Million gewerkschaftlich organisierte Arbeiter,
von denen etwa 60 % der _Federation of Labor_, 10 % den Verbänden
der Eisenbahnangestellten und 10 % den lokalen Bauarbeitervereinen
angehörten.

Diese Zahlen sind zusammengetragen aus den Berichten der Behörden
für Arbeitsstatistik und den Berichten der verschiedenen Landes- und
Ortsgewerkschaften und Arbeiterverbände.

Nach der letzten Volkszählung giebt es in den Vereinigten Staaten
22000000 Personen, welche in Erwerbsverhältnissen stehen. Hiervon
sind 4000000 weibliche Personen, 7000000 Landarbeiter, gelernte
Handwerker, Bank- und Handlungsgehülfen, 2000000 Arbeiter, welche
kein Gewerbe erlernt haben und 2000000 Dienstboten und Personen in
ähnlichen Stellungen, welche sich zu gewerkschaftlicher Organisation
nicht eignen. Von den übrigen 5000000 sind vielleicht 500000
Arbeitgeber und wenigstens 2000000 leben in Landstädten und in den
dünnbevölkerten Distrikten des südlichen und westlichen Gebietes,
außerhalb der Mittelpunkte der gewerblichen Betriebe, des Bergbaues
und anderer Industriegebiete, welche das Feld für Arbeiterverbände
darbieten. Hiernach verbleiben ungefähr 2500000, welche die Gewerbe und
die Gebiete umfassen, in welchen die Gewerkschaften ihre Thätigkeit
entfalten.

In manchen Bezirken sind fast alle Arbeiter organisiert. Die meisten
Gewerkschaften haben Unterstützungskassen. Der Buchdruckerverband
verausgabt für Unterstützungszwecke jährlich etwa 1400000 Mk.; der
Zigarrenarbeiterverband zahlte 1893 für Arbeitslose 356000 Mk. Die
Lokomotivführer gaben in den letzten 15 Jahren durchschnittlich
jährlich 700000 Mk. für Sterbegeld, die Heizer 600000 Mk. Die
Gesamtausgabe dieser vier größten Verbände, die zusammen etwa 120000
Mitglieder haben, beträgt jährlich rund vier Millionen Mark für
Unterstützungen.


X. Australien[65].

Australien ist das Land, dessen soziale Verhältnisse man bei uns
am wenigsten kennt, die aber dieser Kenntnis am meisten wert sind,
nähern dieselben sich doch mehr, als die irgend eines anderen Landes
denjenigen Zuständen, die wir als das letzte Ziel der sozialen
Entwickelung, als das durch den Jammer und Kummer, durch den Hader und
Streit unserer heutigen Uebergangsverhältnisse wie ein trostreiches
Licht hindurchschimmernde Ideal befriedigender Ausgleichung der
Gegensätze betrachten müssen. Nirgend hat der Arbeiterstand und
damit die Masse der Bevölkerung eine so hohe Stufe der materiellen
und ideellen Lebenshaltung erreicht, nirgend findet ein so günstiges
Verhältnis zwischen Produktion und Konsumtion, eine so weitgehende
Verwertung der vorhandenen Arbeitskraft und eine so geringe
Arbeitslosigkeit statt, wie in Australien. Eine nähere Beschäftigung
mit den dortigen Verhältnissen ist deshalb allen, die sich mit sozialen
Fragen beschäftigen, auf das nachdrücklichste zu empfehlen.

  [65] Eine vorzügliche Darstellung der australischen
       Arbeiterverhältnisse, insbesondere auch hinsichtlich der
       Gewerkschaftsentwicklung, bietet G. $Ruhland$ in seinem Aufsatze:
       Achtstundentag und Fabrikgesetzgebung in Australien, Ztschr. f.
       d. ges. Staatsw. Jahrg. 47, S. 279 ff. Vgl. außerdem: $Charles
       Dilke$ in der _Révue sociale et politique_, _Brüssel_ 1891, Heft
       2; H. H. $Champion$, _The crushing defeat of trade unionism in
       Australia_. _Nineteenth century_, Februar 1891; W. P. $Reeves$ in
       $Braun$, Archiv f. soz. Ges., Bd. XI, S. 635 ff.

Australien verdankt diese glücklichen Zustände in erster Linie der
Entwicklung seines $Gewerkschaftswesens$. Allerdings kommt ihm dabei
zustatten, daß ihm aus Europa im allgemeinen ein gutes Arbeitermaterial
zufließt; auch hat man sich im Interesse der nationalen Arbeit zu
hohen Schutzzöllen entschlossen, aber das Wesentliche ist doch, daß
man in der eignen Bevölkerung sich einen kaufkräftigen Abnehmer, einen
wertvollen inneren Markt geschaffen hat. Die Löhne der australischen
Arbeiter übersteigen die amerikanischen, die ihrerseits die englischen
weit hinter sich zurücklassen, von den deutschen gar nicht zu reden.
Sätze von 10-12 Mark nach unserm Gelde bilden die Regel für ungelernte
Arbeit; für gelernte steigen sie auf 30-35 Mk. Daneben ist die
Arbeitszeit fast ausnahmslos auf acht Stunden herabgesetzt, und die
gewonnene Muße wird von den Arbeitern benutzt, um sich auf eine Stufe
der Bildung zu bringen, die uns unglaublich erscheint. Eine natürliche
Folge dieser günstigen Verhältnisse ist es, daß $sozialistische
Ideen$ bis jetzt in Australien nirgends Boden gefunden haben, selbst
Eingriffe der Gesetzgebung, die uns durchaus berechtigt erscheinen,
wie z. B. die Schaffung staatlicher Schiedsgerichte für gewerbliche
Streitigkeiten, finden keinen Beifall, da man vorzieht, den Ausgleich
durch freie Verhandlungen und nötigenfalls freiwillige Einsetzung einer
Schiedsinstanz herbeizuführen. Es ist deshalb völlig begreiflich, daß
insbesondere der bekannte englische Politiker $Sir Charles Dilke$, der
den australischen Arbeiterverhältnissen eingehende Studien gewidmet
hat, sich gewissermaßen zum Apostel derselben aufgeworfen hat und mit
Feuereifer dafür eintritt, dem dort gegebenen Vorbilde nachzueifern.
Daß auch in Australien noch nicht das Ideal selbst erreicht ist, daß
auch dort noch menschliche Leidenschaften sich häßlich geltend machen
und Streitigkeiten selbst größeren Umfanges zwischen Arbeitern und
Arbeitgebern nicht zu vermeiden sind, hat insbesondere der große, von
den Wollscherern ausgegangene, dann aber allgemein gewordene Streik vom
Jahre 1890 bewiesen, der infolge der Ueberspannung der Forderungen,
insbesondere des verlangten Ausschlusses aller nicht den G.-V.
angehörenden Arbeiter von der Beschäftigung, für die G.-V. ungünstig
auslief, indem die öffentliche Meinung sich gegen die Streikenden
erklärte. Aber selbst dieses Ereignis hat die sozialen Verhältnisse
nicht dauernd zu schädigen und eine Strömung gegen die private Form der
Produktion und das Lohnsystem nicht ins Leben zu rufen vermocht.

Gerade der Kampf um den $Achtstundentag$ hat den Ausgangspunkt für die
australische Gewerkschaftsbewegung gebildet, er steht noch heute in
dem Maße im Vordergrunde, daß keine Arbeitergruppe als G.-V. anerkannt
wird, die nicht dieses Ziel errungen hat. Die ersten, die in den Kampf
eintraten, waren die Bauhandwerker, die 1856 einen G.-V. bildeten
und ohne nennenswerten Widerstand der Arbeitgeber den Achtstundentag
durchsetzten. Der Tag, an welchem dies geschah, der 23. April, wird
als sog. $_demonstration day_$ jährlich als allgemeiner Festtag der
gesamten Arbeiterschaft Australiens mit großem Pomp gefeiert, wobei
sich nicht nur die höchsten Spitzen der Behörden und der Statthalter,
sondern auch die Vertreter der G.-V. der Arbeitgeber beteiligen. Auf
die Bauhandwerker folgten bald die Maschinenbauer, die Eisengießer und
die Schiffbauer. Nach einem Rückschlage, den die Bewegung im Anfange
der 60er Jahre durch das massenhafte Rückströmen der Goldwäscher von
den erschöpften Goldfeldern des Innern erlitt, beginnt seit 1869 die
Ausdehnung auf alle Arbeiterklassen, so daß heute über 60 G.-V. in dem
Ausschusse vertreten und eigentlich nur noch die Textilarbeiter von der
Organisation ausgeschlossen sind; selbst einige Zweige der weiblichen
Arbeiter sind bereits angegliedert.

Der statutenmäßige $Zweck$ aller G.-V. ist Verteidigung der Rechte der
Arbeit, insbesondere neben der Aufrechterhaltung des Achtstundentages
die Erlangung günstiger Lohnbedingungen, aber dies alles $unter
möglichster Vermeidung von Streiks$ durch Beförderung des guten
Einvernehmens mit den Arbeitgebern.

So bezeichnen z. B. die Statuten des Vereins der $Wollscherer$ dessen
Ziele, wie folgt: »Verteidigung des Rechts der Arbeit, Verbindung zu
gegenseitigem Schutze, Erreichung und Erhaltung einer ausreichenden
Lohnhöhe, Beistand in allen Fällen der Unterdrückung, Aufbringung eines
Vereinsvermögens, möglichste Verhinderung von Streiks und Beförderung
eines guten Verhältnisses zwischen Arbeitgebern und Arbeitern,
Beilegung von Streitigkeiten durch Einigungsämter, Schiedsgerichte und
andere gesetzliche Mittel, Anlegung von Geldern in Unternehmungen,
welche von Arbeitern betrieben werden.«

Der größte australische G.-V., die Organisation der vereinigten
$Bergleute$, hat nach dem am 24. Februar 1891 dem Delegiertentage
erstatteten Berichte in den 18 Jahren seines Bestehens neben 71293
Pfd. St. für Unfallentschädigung, 13929 Pfd. St. für Sterbegelder und
15329 Pfd. St. für andere Hilfskassenzwecke nur 6614 Pfd. St. für
Streiks ausgegeben.

Die Verhandlungen erfolgen zwischen dem Zentralverein der Arbeiter und
demjenigen der ebenfalls zu G.-V. organisierten Arbeitgeber. Nirgends
in der Welt haben die den englischen _trade councils_ entsprechenden
Provinzialausschüsse der G.-V. über ihre Mitglieder eine solche
fast schrankenlose Gewalt, wie in Australien. Auch von den Behörden
werden sie allgemein als Vertreter der Arbeiter anerkannt. Soll ein
Streik durchgeführt werden, so wird von dem Ausschusse zuweilen für
ganz fern stehende Arbeiterklassen angeordnet, daß sie ebenfalls die
Arbeit niederlegen, und niemals wird solchem Befehle die Folgeleistung
versagt. Für die Verhandlungen besteht ein besonderes dem G.-V.
gehöriges Gebäude, die _Trades Hall_. Uebrigens hat man 1887 für
Victoria ein festes Schiedsgericht (_board of conciliation_) errichtet
und ist bestrebt, diese Einrichtung allgemein zu machen, auch eine
gesetzliche Bestimmung durchzusetzen, daß das Vermögen der Vereine für
die Durchführung der getroffenen Entscheidungen in Anspruch genommen
werden kann. Ebenso geht man darauf aus, dem Vereine ein gesetzliches
Besteuerungsrecht über seine Mitglieder einzuräumen; da sie das Recht
der juristischen Persönlichkeit bereits besitzen, so würde das ein
weiterer Schritt sein, ihnen öffentlich-rechtliche Gewalt zu verleihen
und sie zu staatlichen Faktoren zu erheben. Das Kassenwesen hat man
bei vielen G.-V. zurücktreten lassen, da die Mitglieder zugleich
Versicherungsgesellschaften (_friendly societies_) angehören.

Ist in Australien, wie in anderen Ländern, die Gewerkschaftsbewegung
zunächst von den gelernten Arbeitern ausgegangen, so haben doch
insbesondere seit 1890 auch die $ungelernten$ sich der Organisation
zugewandt, und es besteht jetzt ein Zentralverein derselben, die
$_General labor union_$. Auch die $landwirtschaftlichen$ Arbeiter
(_bush labourers_) und insbesondere die schon genannten Wollscherer,
die, über den ganzen Kontinent zerstreut, auch ihre Arbeit in
nomadisierender Weise verrichten, haben seit Ende der 80er Jahre
die Organisation begonnen. In neuester Zeit ist man bestrebt, an
Stelle der kolonialen Ausschüsse eine $einheitliche Zentralinstanz
aller australischen$ G.-V. zu setzen, durch die man dann die weitere
Forderung durchzusetzen hofft, daß nur Mitglieder von G.-V. beschäftigt
werden dürfen. Viel Erfolg haben diese Versuche bisher noch nicht
gehabt, denn obgleich 1890 die $_Australian labour federation_$
gegründet wurde, so hat sie doch eine rechte Bedeutung nicht erlangt,
da die an die einzelnen G.-V. zur Genehmigung gesandten Statuten eine
ausgesprochene sozialistische Tendenz verfolgten und deshalb wenig
Beifall fanden. Im September 1895 haben sich auf einer Konferenz in
Sidney die Zentralverbände von Queensland und Neu-Süd-Wales sowie
zwei lokale Gewerkschaften Südaustraliens zu einem festen Bunde
zusammengeschlossen, der beabsichtigt, die Gesamtvereinigung energisch
in die Hand zu nehmen.

Ein Ansatz zu einer gewissen gemeinsamen Organisation ist dadurch
gemacht, daß ein Gesetz der Kolonie Victoria vom 28. Juli 1896 den
Gouverneur ermächtigt für eine Reihe von Gewerben eine je zur Hälfte
aus Arbeitgebern und Arbeitern gebildete Behörde einzusetzen, die das
Recht hat, die Mindestsätze an Zeitlohn und Stücklohn zu bestimmen;
Uebertretungen sind mit Geldstrafe bis 2000 M. bedroht. Nach dem
Berichte des ersten Fabrikinspektors vom 1. Juni 1898 ist von dieser
Befugnis u. a. für Bäckerei, Schuhmacherei, Tischlerei und die
Gewerbe zur Herstellung von Bekleidungs- und Wäschegegenständen mit
befriedigendem Erfolge Gebrauch gemacht.

$Statistische$ Angaben liegen nur hinsichtlich einzelner Vereine vor.
So besaß nach dem bereits erwähnten Berichte die Organisation der
vereinigten Bergleute im Februar 1891 94 Zweigvereine mit etwa 25000
Mitgliedern, die sich über alle Kolonien verteilten. Die Wollscherer
besaßen einen Verein für Südaustralien, Victoria und Neu-Süd-Wales
und einen andern für Queensland und Neuseeland, von denen der erstere
25000, der letztere 10000 Mitglieder hat. Insgesamt schätzt man die
Zahl der organisierten auf 75% aller Arbeiter.

Ein interessanter gesetzgeberischer Versuch verdient hier kurze
Erwähnung, der in der Kolonien Neuseeland gemacht ist. Die in
Australien bestehenden glücklichen sozialen Zustände haben sich seit
Anfang der 1870er Jahre, seitdem das öffentliche Land, soweit es
günstigen Boden hatte, in Privatbesitz übergegangen war, wesentlich
verschlechtert, und darunter hatten auch die Gewerkvereine zu
leiden, so daß insbesondere im Jahre 1890 nicht allein der große
Hafenarbeiterstreik, sondern noch mehrere andere Streiks z. B. der
Schafscherer, der Bergleute, der Schuhmacher u. s. w. mit völligen
Niederlagen endeten. Versuche gütlicher Beilegung durch freiwillige
Einigungsämter und Schiedsgerichte waren regelmäßig an der Weigerung
der Unternehmer gescheitert, und nachdem in Süd-Wales eine zur Prüfung
dieser Verhältnisse eingesetzte königliche Kommission einen eingehenden
Bericht erstattet hatte, brachte die Regierung 1892 einen Gesetzentwurf
wegen Bildung von Schiedsgerichten ein, der auch Annahme fand. Aber
da man den Gerichten keine Zwangsgewalt beigelegt hatte, so erwies
sich das Mittel bald als völlig wirkungslos, und der 1895 unternommene
Versuch, die zwangsweise Durchführung der Schiedssprüche zu sichern,
scheiterte im Oberhause.

Günstiger verlief die gleiche Angelegenheit in Neuseeland, wo der
von der Regierung 1891 vorgelegte Entwurf zum Gesetze erhoben wurde
und seitdem in Kraft steht. Nach ihm hat jede Partei, Unternehmer
und Gewerkverein, das Recht, bei ausbrechenden Streitigkeiten über
das Arbeitsverhältnis die Gegenpartei vor das Bezirksamt (_district
board_) zu laden, wo nach eingehender Untersuchung ein Schiedsspruch
erlassen wird. Dieser kann freilich nicht zu zwangsweiser Durchführung
gebracht werden, sondern ist nur ein guter Rat, aber sobald er nicht
befolgt wird, kann die Entscheidung eines Schiedsgerichtes (_court
of arbitration_) angerufen werden. Dieses besteht aus einem Richter
des obersten Gerichtshofes als Vorsitzendem und zwei Beisitzern, von
denen der eine von den organisierten Unternehmern und der anderen
von dem Verbande der Gewerkvereine gewählt wird. Der Spruch dieses
Gerichtshofes, der ebenfalls nach eingehender Sachuntersuchung ergeht,
kann, sofern das Gericht selbst es anordnet, zwangsweise durchgeführt
werden, indem gegen den Unternehmer oder den Gewerkverein, der sich
nicht fügt, Geldstrafen bis zu 500 Pfd. St. verhängt werden.

Gegenstand der Entscheidung sind die Länge der Arbeitszeit, die
Feiertage, die Höhe des Lohnes, die Frage des Akkordlohnes, die Zahl
der Lehrlinge, das Recht der Unternehmer, nicht organisierte Arbeiter
zu beschäftigen oder organisierte auszuschließen, sowie die Pflicht der
Arbeiter, Unterstützungskassen beizutreten. Jeder Unternehmer und jeder
Gewerkverein kann in dieser Weise vor Gericht gezogen werden.

Bei der Beratung des Gesetzes wurde der naheliegende Einwand geltend
gemacht, daß doch der Staat nicht einen Unternehmer zwingen könne,
zu Bedingungen, die er für unmöglich erkläre, sein Gewerbe zu
betreiben, aber man hielt dem entgegen, daß man ihn auch nur zwinge,
falls er die von einer berufenen Instanz als angemessen anerkannten
Arbeitsbedingungen nicht annehmen wolle, überhaupt auf einen
Betrieb seines Gewerbes zu verzichten. Thatsächlich hat das Gesetz,
welches seit 1. Januar 1894 in Kraft ist, bis jetzt zur allgemeinen
Zufriedenheit gewirkt, wobei allerdings in Betracht zu ziehen ist,
daß die Auswahl der betreffenden Richter mit ganz besonderer Vorsicht
geschieht, denn offenbar kommt hier alles darauf an, wie die große in
die Hand des Gerichtes gelegte Gewalt in der Praxis gehandhabt wird.
Uebrigens ist das Gesetz bis jetzt nur für die organisierten männlichen
Arbeiter erlassen und auf die nicht organisierten und die Frauen noch
nicht ausgedehnt.


                         XI. Deutschland[66].

                            1. Einleitung.

Die ersten Anfänge einer Gewerkschaftsbewegung in Deutschland finden
wir in den Handwerker- und Bildungsvereinen, die insbesondere in den
Jahren vor 1848 unter der Leitung von liberalen Politikern entstanden,
aber in der Zeit der Reaktion vielfach sich wieder auflösten. Ein
Interessen- und Klassengegensatz trat jedoch in diesen Vereinen
noch nicht hervor, und in der That war zu einem solchen der Anlaß
erst geboten, nachdem die Verdrängung des Kleinbetriebes durch den
Großbetrieb, der Handarbeit durch die Maschinenarbeit das frühere
Verhältnis des Gesellenstandes als einer Vorstufe des Meisterstandes
beseitigt und eine immermehr sich vertiefende Scheidungslinie zwischen
Arbeitgeber und Arbeiter gezogen hatte.

  [66] Eine umfassende Darstellung der deutschen Gewerkschaftsbewegung
       besteht nicht; die Litteratur ist deshalb bei den einzelnen
       Abschnitten angegeben. Außer den von mir behandelten
       Vereinigungen erwähnt $Oldenberg$ im Handw. d. St.-W. I.
       (Ergänz.-Band, S. 395) und in $Schmollers$ Jahrb., Jahrg. XX, S.
       253 ff. noch: den Zentralverband deutscher Zuschneidervereine,
       den Bund deutscher Bierbrauergesellen, die beiden 1888
       gegründeten Braumeistervereine, den 1894 entstandenen
       süddeutschen Bäckerverband, die organisierten Kellner,
       den deutschen Photographengehülfenverband und den Verein
       deutscher Versicherungsbeamter, sowie eine Reihe von Berg-
       und Hüttenarbeitervereinen. Teils schienen mir diese Vereine
       nicht wichtig genug, um eine eingehendere Berücksichtigung
       zu verdienen, teils ist es mir nicht gelungen, Material zu
       erhalten, indem meine Anfragen unbeantwortet blieben.

Der älteste wirkliche G.-V. in Deutschland ist der im Jahre 1865 von
$Fritzsche$ gegründete deutsche $Tabakarbeiterverein$ und der im
folgenden Jahre ins Leben gerufene $Verband der deutschen Buchdrucker$.
Der letztere verdient unser besonderes Interesse dadurch, daß er sich
bis auf die allerneueste Zeit von politischen Einflüssen völlig fern
gehalten hat und aus diesem Grunde das treueste Bild eines wirklichen
G.-V. bietet. Wir wollen uns deshalb mit ihm demnächst noch eingehender
beschäftigen. Das Gleiche gilt von einer Reihe anderer in neuester Zeit
begründeter Organisationen, insbesondere den christlichen Vereinigungen
aller Art. Im übrigen ist die deutsche Gewerkschaftsbewegung teils
ausgesprochenermaßen, teils wenigstens thatsächlich unter Anlehnung an
politische Parteien erwachsen und zwar aus einer doppelten Wurzel.

Der äußere Anstoß wurde gegeben durch Berichte, welche $Max Hirsch$
im Sommer 1868 in Briefen aus England über die dortigen G.-V. in der
»Berliner Volkszeitung« veröffentlichte, und in denen er das englische
Vorbild zur Nachahmung empfahl. Nach seiner eigenen Angabe hatte
er die Reise nach England unternommen, um sich über die dortigen
sozialen Verhältnisse, insbesondere über das Genossenschaftswesen zu
unterrichten und hatte dort die ihm vorher kaum bekannten G.-V. kennen
gelernt. Ob dieselben den Führern der jungen sozialdemokratischen
Bewegung bekannt gewesen sind, oder ob diese erst aus den Hirsch'schen
Berichten ihre Anregung erhalten haben, mag dahingestellt bleiben,
jedenfalls griff der damalige Präsident des von $Lassalle$
gestifteten »Allgemeinen deutschen Arbeitervereins«, v. $Schweitzer$,
in Gemeinschaft mit $Fritzsche$, dem Gründer des »Deutschen
Tabakarbeitervereins«, den Gedanken lebhaft auf und beantragte am 23.
August 1868 bei der in Hamburg tagenden Generalversammlung seines
Vereins, daß man seitens desselben mit der Gründung von Gewerkschaften
vorgehen solle. Er fand jedoch hier den entschiedensten Widerspruch und
erlangte schließlich nur, daß man erklärte, nichts dagegen einwenden
zu wollen, wenn er und Fritzsche persönlich, oder $ganz unabhängig von
dem Vereine$, die Sache in die Hand nähmen. Daraufhin beriefen beide
auf den 26. September 1868 einen $deutschen Arbeiterkongreß$ nach
Berlin »zur Begründung allgemeiner, nach den verschiedenen Berufsarten
gegliederter Gewerkschaften«.

$Max Hirsch$, der inzwischen von England zurückgekehrt war und unter
den Berliner Arbeitern insbesondere durch die Maschinenbauer eine
starke Stütze hatte, versuchte mit deren Hilfe auf diesem Kongresse
seinen Standpunkt zu vertreten, blieb aber in der Minderheit und wurde
schließlich mit Gewalt aus dem Saale getrieben. Er berief darauf
seinerseits auf den 28. September 1868 eine große Arbeiterversammlung,
welche unter dem Vorsitze des fortschrittlichen Abgeordneten $Franz
Duncker$ tagte und schließlich die von $Hirsch$ entworfenen »Grundzüge
für die Konstituierung der deutschen Gewerkvereine« mit großer Mehrheit
annahm.

So waren also gleichzeitig zwei verschiedene Bewegungen ins Leben
gerufen, welche beide eine Interessenvertretung der Arbeiter
bezweckten. Aber, wie sie sich schon in ihren Namen insofern
unterschieden, als die von $Hirsch$ begründeten und gewöhnlich noch
ihm und ihrem zweiten geistigen Vater als $Hirsch-Duncker$'sche
bezeichneten Vereine sich »Gewerkvereine« nannten, während
die $Schweitzer$'schen sich den Namen »Arbeiterschaften« oder
»Gewerkschaften« beilegten, so waren beide Organisationen auch in
ihrem Karakter wesentlich verschieden, wie dies insbesondere bei
ihrer $Stellungnahme gegenüber den Arbeitseinteilungen$ hervortritt.
$Schweitzer$ bezeichnete in seiner öffentlichen Aufforderung zur
Beschickung des einberufenen Kongresses als dessen Ziel »die umfassende
festbegründete Organisation der gesamten Arbeiterschaft Deutschlands
durch und in sich selbst zum Zwecke gemeinsamen Fortschreitens $mittels
der Arbeitseinstellungen$«.

Während also die Aufgabe dieser Gewerkschaften geradezu als
Organisation der Streiks bezeichnet werden kann, gehen umgekehrt die
Gewerkvereine davon aus, daß zwischen den Interessen der Arbeiter und
der Arbeitgeber eine natürliche Harmonie bestehe, weshalb man sie
höhnisch »Harmonieapostel« genannt hat, daß deshalb eine Verbesserung
der Lage der Arbeiter thunlichst in friedlicher Entwicklung
geschehen und ein Ausgleich etwa ausbrechender Streitigkeiten durch
Schiedsgerichte und Einigungsämter geschehen müsse. Beide Gruppen
stehen zu einander in scharfem Gegensatze, insbesondere muß jeder,
der den »Gewerkvereinen« als Mitglied beitreten will, vorher einen
Revers unterschreiben, durch welchen er erklärt, weder Mitglied noch
Anhänger der Sozialdemokratie zu sein. Versuche, eine Aufhebung dieser
Statutvorschrift herbeizuführen, wie sie wiederholt z. B. auf dem
letzten am 30. Mai 1898 in Magdeburg abgehaltenen Verbandstage gemacht
sind, haben bisher keinen Erfolg gehabt.

Wir wollen jetzt die Entwicklung dieser beiden Gruppen gesondert
verfolgen und uns dann noch mit einer Reihe anderer Organisationen,
insbesondere dem bereits erwähnten deutschen Buchdruckerverbande
beschäftigen.


2. Die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine[67].

Nach den in der Versammlung vom 28. September 1868 angenommenen
Grundsätzen sollte eine Organisation der gesamten deutschen
Arbeiterschaft mit beruflicher Gliederung angestrebt werden. Die
Einheit bildet deshalb der $nationale Gewerkverein$ eines bestimmten
in sich abgeschlossenen Gewerbes. Dieser stützt sich auf die
$Ortsvereine$, und zwar wird zur Bildung eines Gewerkvereins das
Vorhandensein von mindestens fünf Ortsvereinen gefordert. Uebrigens
giebt es auch »selbständige« d. h. nicht zu einem G.-V. vereinigte
Ortsvereine. Eine Mittelstufe zwischen diesen beiden Formen, die
$Bezirksvereine$, die man anfangs nach dem Vorbilde der englischen
_trade unions_ ins Auge gefaßt hatte, sind nur ganz vereinzelt
gebildet. Dagegen sind vielfach Vereinigungen aller an einem Orte oder
in einem Bezirke bestehenden Vereine zur Vertretung der gemeinsamen
Interessen als $Orts$- oder $Bezirksverbände$ geschaffen, denen
insbesondere das Bildungswesen, die Erteilung von Rechtsbeistand,
die Abwehr gegenüber anderen Parteien und die Errichtung von
Herbergen übertragen ist. Der Beitritt zu diesen Verbänden war früher
obligatorisch, bis man dies auf dem Verbandstage von 1892 beseitigt
hat, immerhin bestehen jetzt 145 Orts- und 7 Bezirksverbände.

  [67] Die besten Quellen sind: $Karl Walcker$: »Die Arbeiterfrage
       mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Gewerkvereine
       (Hirsch-Duncker)« Eisenach 1881 und die in Veranlassung des
       25jährigen Jubiläums der G.-V. von dem Verbandsanwalt Dr.
       $Max Hirsch$ veröffentlichte Festschrift: »Die Arbeiterfrage
       und die deutschen Gewerkvereine«, Leipzig 1893, sowie das
       Verbandsorgan »Der Gewerkverein«, das jetzt im 31. Jahrgange
       erscheint. Vgl. außerdem $Max Hirsch$: »Die Arbeiterfrage und
       die deutschen Gewerkvereine«, Leipzig 1893. Eine Vergleichung
       mit den englischen Gewerkschaften enthält: $Max Hirsch$: »Die
       Entwicklung der Arbeiterberufsvereine in Großbritannien und
       Deutschland«. Berlin 1896.

An der Spitze jedes G.-V. steht ein »$Generalrat$«, welcher auf
der alle drei bis fünf Jahre zusammentretenden Generalversammlung
gewählt wird. Eine Gesamtvertretung aller G.-V. war von Anfang
an beabsichtigt und ist schon Pfingsten 1869 durch Gründung des
»$Verbandes der deutschen Gewerkvereine$« geschaffen, an dessen Spitze
der »$Zentralrat$« steht. Beirat des letzteren ist $Max Hirsch$ unter
dem Titel »$Verbandsanwalt$«; derselbe ist zugleich Herausgeber des
$Verbandsorganes$: »Der Gewerkverein«. Die regelmäßige Versammlung des
Verbandes ist der »$Verbandstag$«. Auf demselben wird jedesmal der
Betrag festgestellt, welchen jeder G.-V. an die Verbandskasse zu zahlen
hat; derselbe darf jedoch den Satz von 5 Pfennigen vierteljährlich auf
den Kopf des Mitgliedes nicht übersteigen. Die Verbandstage finden
jetzt alle drei Jahre statt und nehmen regelmäßig eine ganze Woche in
Anspruch. Außer der konstituierenden Versammlung, die am 18. Mai 1869
in Berlin stattfand und in der die Begründung des Verbandes erfolgte,
haben bis jetzt 12 ordentliche Verbandstage stattgefunden und zwar 1)
27. bis 29. August 1871 in Berlin; 2) 17. bis 21. April 1873 in Berlin:
3) 28. bis 31. März 1875 in Leipzig; 4) 15. bis 17. Oktober 1876 in
Breslau; 5) 23. bis 27. Oktober 1877 in Gera; 6) 12. bis 17. Oktober
1879 in Nürnberg; 7) 19. bis 25. Juni 1881 in Stuttgart; 8) 24. bis
29. Juni 1883 in Stralsund; 9) 17. bis 22. Juni 1886 in Halle a. S.;
10) 11. bis 16. Juni 1889 in Düsseldorf; 11) 7. bis 15. Juni 1892 in
Mannheim; 12) 3. bis 9. Juni 1895 in Danzig; 13) 30. Mai bis 6. Juni
1898 in Magdeburg. Außerdem sind zwei außerordentliche Verbandstage
in Berlin abgehalten; der erste am 19. Juni 1869 betraf Aenderungen
des Verbandsstatutes, der zweite am 8. September 1889 bezweckte die
Aufhebung der Verbandsinvalidenkasse.

Der Grundgedanke für das Verhältnis dieser verschiedenen Instanzen ist
der, daß den Ortsvereinen möglichste Selbständigkeit gelassen ist, mit
einziger Ausnahme des Kassenwesens, welches naturgemäß zentralisiert
sein muß. Jeder G.-V. hat eine $Kranken$- und $Sterbekasse$. Der
Verband hatte außerdem am 1. Juli 1869 eine $Invalidenkasse$ ins
Leben gerufen, die aber nach Einführung der reichsgesetzlichen
Invaliditätsversicherung am 8. September 1889, nachdem ihr
Mitgliederbestand auf 2046 herabgesunken war, liquidieren mußte,
wobei übrigens die Mitglieder 76% ihrer Beiträge zurückerhielten.
Gleichzeitig mit der Invalidenkasse des Verbandes hatte auch der
größte Einzelverein, der G.-V. der Maschinenbauer und Metallarbeiter
eine solche gegründet, die man anfangs auch neben den gesetzlichen
Zwangsverbänden aufrecht zu erhalten suchte, bis sich ergab, daß die
Mitglieder nicht die Beiträge zu beiden Versicherungen nebeneinander
aufbringen konnten. So wurde denn im November 1893 von der
Generalversammlung die Auflösung beschlossen und das nach Zahlung von
insgesamt 928000 Mk. Invalidengeldern noch vorhandene Vermögen in Höhe
von 500000 Mk. zur Verteilung gebracht, so daß sämtliche Mitglieder die
von ihnen eingezahlten Beiträge zurückerhielten.

Bei ausbrechenden ernsteren $Streitigkeiten$ wenden sich die
Ortsvereine zunächst an ihren Generalrat, der, falls seine Versuche zur
Beilegung erfolglos bleiben, die Sache dem Zentralrate unterbreitet.
Dieser soll eine $Arbeitseinstellung$ nur unter der dreifachen
Voraussetzung anordnen, daß auch durch seine Vermittelungen keine
Verständigung zu erzielen ist, daß er den Streik als berechtigt
anerkennt und daß derselbe nach Lage der Umstände Erfolg verspricht.

Der $Zweck$ der G.-V. ist nach dem Normalstatut »der Schutz und die
Förderung der Rechte und Interessen seiner Mitglieder auf gesetzlichem
Wege«. Aus den »leitenden Grundsätzen« ist folgendes hervorzuheben:

Es soll ein $Arbeitslohn$ angestrebt werden, der zum künftigen
Unterhalte des Arbeiters und seiner Familie ausreicht mit Einschluß der
Versicherung gegen jede Art von Arbeitsunfähigkeit, sowie der nötigen
Erholung und humanen Bildung. Die $Arbeitszeit$ ist auf 10 Stunden zu
beschränken, $Sonntags$- und $Nachtarbeit$ möglichst zu beseitigen.
$Weiblichen$ und $unerwachsenen Arbeitern$ ist der erforderliche
Schutz zu gewähren. $Zuchthausarbeit$ soll der freien Arbeit keine
Konkurrenz bereiten. $Fabrik$- und $Arbeitsordnungen$ sind mit den
Arbeitern zu vereinbaren. Zur Erledigung von Streitigkeiten ist ein
von beiden Teilen zu besetzendes stehendes $Schiedsgericht$ unter einem
unparteiischen Obmann zu bilden.

Ein Hauptgewicht haben die G.-V. von Anfang an auf die Bildung von
$Hülfskassen$ jeder Art gelegt. Ihrem Einflusse ist es wesentlich
zu danken, daß das Gesetz über die eingeschriebenen Hülfskassen vom
7. April 1876 erlassen und daß in der Gewerbeordnung und in den
späteren Versicherungsgesetzen im wesentlichen der Grundsatz des
bloßen Kassenzwanges im Gegensatz zu der weitergehenden Forderung
der Zwangskassen Aufnahme gefunden hat, daß also insbesondere
die Zugehörigkeit zu einer den gesetzlichen Normativbedingungen
entsprechenden Hülfskasse von dem Beitritte zu den gesetzlichen
Zwangskassen entbindet. In neuerer Zeit freilich beklagt man
sich immer mehr über ungünstige Behandlung der freien Kassen,
insbesondere insofern, als man ihre Vertreter nicht zu den für die
Schiedsgerichte, das Reichsversicherungsamt und die Unfalluntersuchung
und Unfallverhütung geschaffenen Ausschüssen zuläßt, und als das neue
Krankenkassengesetz vom 10. April 1892 die Bestimmung traf, daß die
freien Kassen die ärztliche Behandlung in Natur -- im Gegensatz zu
der früher gestatteten Geldentschädigung -- leisten und daß der Satz
des Krankengeldes sich nach dem ortsüblichen Tagelohn des Wohnortes
des Versicherten -- im Gegensatze zu dem Sitze der Kasse -- richten
müsse, entwickelte sich eine große Bewegung auf völlige Aufhebung der
Kassen, die aber von der Zentralleitung mit Erfolg bekämpft ist. Nach
dem Gesetze müssen die Hülfskassen von den G.-V. völlig getrennt sein.
Immerhin hat man eine gemeinschaftliche Interessenvertretung zunächst
durch ein Kartell und seit 1892 durch den »$Verband der deutschen$
G.-V.-$Hülfskassen$« hergestellt.

Ueber die Ziele der bisherigen Sozialversicherung hinaus hat man
seitens der G.-V. die $Versicherung gegen Arbeitslosigkeit$ ins Auge
gefaßt, also eine Aufgabe von ungemeiner Bedeutung. Allein obgleich
auf dem Verbandstage in Nürnberg 1879 das von einer zu diesem Zwecke
eingesetzten Kommission ausgearbeitete Statut einer »Verbandskasse für
Reisende und Arbeitslose« zur Annahme gelangte, so ist die letztere
doch mangels ausreichender Beteiligung nicht ins Leben getreten.
Immerhin hat man durch statistische Erhebungen über Häufigkeit und
Dauer der Arbeitslosigkeit sich ein erhebliches Verdienst erworben.
Außerdem haben schon seit 1881, wo die Tischler damit begannen, die
einzelnen G.-V. eine Arbeitslosenunterstützung eingerichtet, und auf
dem Verbandstage in Danzig 1895 konnte der Verbandsanwalt feststellen,
daß dieselbe jetzt bei allen Vereinen durchgeführt sei.

Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sucht man zunächst zu
erreichen durch eine möglichst ausgebildete $Arbeitsstatistik$
verbunden mit $Arbeitsnachweis$. Neben den Ortsvereinssekretären,
denen die Arbeitsvermittelung obliegt, sind bisher 90 besondere
Arbeitsnachweisestellen eingerichtet. Auch eine Ausdehnung über den
örtlichen Rahmen hinaus mit Hülfe der Generalsekretäre wird angestrebt,
doch haben hier bis jetzt nur die Vereine der Kaufleute und der Kellner
ernsthafte Versuche unternommen. Die $Arbeitslosenunterstützung$
beläuft sich meist auf wöchentlich 7 Mk. 50 Pf. und wird bis zu 13
Wochen gezahlt. Mit derselben verbunden ist eine $Reiseunterstützung$
bei Ortswechsel und eine $Uebersiedelungsbeihülfe$ für die Angehörigen.
Endlich giebt es noch eine $Unterstützung in besondern Notfällen$.

Die G.-V. haben sich die nachdrückliche Förderung des
$Genossenschaftswesens$ angelegen sein lassen. Allerdings ist die
versuchte Schaffung von Produktivgenossenschaften fast überall an der
mangelnden kaufmännischen Berechnung und Umsicht gescheitert; nur in
Burg bei Magdeburg bestehen Produktivgenossenschaften der Tuchmacher,
der Zigarrenarbeiter und der Goldleistenverfertiger mit gutem Erfolge.

Die Kredit-, Rohstoff- und Magazinvereine haben Bedeutung wesentlich
nicht für Arbeiter, sondern für kleine Unternehmer, die übrigens in
den G.-V. ebenfalls vertreten sind. So hat z. B. der Generalrat der
Schneider seit zwei Jahren einen genossenschaftlichen Wareneinkauf
eingerichtet, dagegen hat man Konsumvereine an sehr vielen Orten ins
Leben gerufen und zur Blüte gebracht und nicht minder die Bildung von
Baugenossenschaften angeregt.

Ebenso haben die G.-V. die Förderung des $Volksbildungswesens$
thatkräftig in die Hand genommen und sich deshalb mit den zu diesem
Zwecke bestehenden Vereinigungen, insbesondere der »Gesellschaft für
Verbreitung von Volksbildung«, in nahe Fühlung gesetzt.

Als sehr nützlich haben sich die Einrichtungen zur Gewährung von
$Rechtsschutz$ erwiesen. Die Ortsvereine oder häufiger noch die Orts-
und Bezirksverbände bestellen einen geeigneten Rechtsverständigen,
bei dem die Mitglieder unentgeltlich Rechtsbelehrung erhalten
können, übernehmen auch auf ihre Kosten die Durchführung von
Prozessen der Mitglieder, wobei nur Beleidigungs-, Ehescheidungs- und
Erbschaftssachen, sowie Streitigkeiten der Mitglieder untereinander
ausgeschlossen sind. Vorzugsweise wird von dem Rechtsschutze in
Versicherungsangelegenheiten und vor den Gewerbegerichten Gebrauch
gemacht.

In neuester Zeit sind die G.-V. vor allem bestrebt, sich selbst
eine gesichertere rechtliche Grundlage zu verschaffen, indem sie
den Erlaß eines Gesetzes über die Zulassung von »$Berufsvereinen$«
fordern, dessen Grundgedanke darin besteht, daß Vereine, welche
die Berufsinteressen ihrer Mitglieder vertreten, unter den durch
Gesetz festzustellenden Voraussetzungen ihre Eintragung in ein
öffentliches Register nachsuchen können und durch diese eigene
Rechtsfähigkeit erlangen. Der erste Versuch in dieser Richtung wurde
von $Schulze-Delitzsch$ durch einen am 4. Mai 1869 im Reichstage
eingebrachten Antrag unternommen, der die privatrechtliche Stellung
der Vereine überhaupt regeln und die Rechtsfähigkeit, sobald gewisse
gesetzliche Bedingungen erfüllt waren, lediglich von der Eintragung in
ein bei den Amtsgerichten zu führendes Register abhängig machen wollte.
Nachdem eine Kommission den Gesetzentwurf weiter ausgearbeitet hatte,
wurde er am 21. Juni 1869 vom Reichstage angenommen. Aber obgleich
$Schulze-Delitzsch$ seinen Antrag noch zweimal wiederholte, gelang es
nicht, das Widerstreben des Bundesrates zu besiegen, und längere Zeit
ist man auf die Angelegenheit nicht zurückgekommen. Erst seit einem am
14. Mai 1890 von den Abgeordneten $Hirsch$ und $Eberty$ eingebrachten
Antrage ist die Frage wieder in Fluß gekommen, aber ein in der Session
1893/94 mit großer Mehrheit angenommener Beschluß hat bei der Regierung
keine Zustimmung gefunden, und da man im Bürgerlichen Gesetzbuche[68]
den Regierungsvorschlag annahm, nach welchem: Vereine mit
sozialpolitischen Zwecken nur mit Genehmigung der Verwaltungsbehörde
die die Rechtsfähigkeit bedingende Eintragung erlangen können und sich
darauf beschränkte, in einer Resolution die Vorlegung eines Gesetzes
über die Berufsvereine zu fordern, so ist bei der ablehnenden Haltung
der Regierung zunächst eine endgültige Regelung nicht zu erwarten.
Die in den Sessionen 1897/98 und 1898/99 von dem Abg. $Schneider$,
sowie von den Abg. $Pachnicke$ und $Rösicke$ eingebrachten Anträge,
welche die Vereine zur Wahrung der Berufsinteressen von der erwähnten
Genehmigungspflicht befreien wollten, sind nicht zur Erledigung
gekommen.

  [68] § 61.

Den Bestrebungen auf gesetzliche Einführung von $Schiedsgerichten$ und
$Einigungsämtern$ und bessere Ausbildung des $Arbeiterschutzes$ haben
die G.-V. ihre lebhafte Förderung und Unterstützung angedeihen lassen,
und die im Jahre 1890 erlassenen Gesetze über diese Einrichtungen
sind wesentlich auf ihren Einfluß zurückzuführen. Dagegen hat
neuerdings die Frage des gesetzlichen $Maximalarbeitstages$ eine
Meinungsverschiedenheit wachgerufen, die mit der grundsätzlichen
Stellung der G.-V. zu der Frage der Selbsthülfe oder Staatshülfe
zusammenhängt. Das vorläufige Ergebnis der in dieser Hinsicht geführten
langwierigen Verhandlungen ist eine beim Reichstage eingereichte
Resolution, nach welcher die Regelung der Arbeitszeit erwachsener
Männer bei vollem Koalitionsrechte in erster Linie Sache der
Berufsvereine, womöglich mit Hülfe von Einigungsämtern, ist, daneben
aber ein beruflich-sanitärer Maximalarbeitstag für solche Gewerbe, in
welchen durch übermäßige Dauer der täglichen Arbeitszeit die Gesundheit
der Arbeiter gefährdet wird, von Reichswegen eingeführt werden soll.
Auf diesem Standpunkte steht bekanntlich auch das Arbeiterschutzgesetz
vom 1. Juni 1890.

Auch bei der durch die Frage des Acht-Uhr-Ladenschlusses für
Kaufgeschäfte herbeigeführten Beratung trat der Gegensatz der
Anschauungen hervor. Während ein von dem Generalrate der Kaufleute
gestellter Antrag forderte, daß man sich einfach auf den Boden des
Vorschlages der Kommission für Arbeiterstatistik stellen sollte, wollte
der Anwalt freilich dem Grundsatze der gesetzlichen Feststellung
der Ladenschlußzeit zustimmen, dagegen die Tageszeit der Bestimmung
»auf dem Wege der örtlichen Selbstverwaltung unter Mitwirkung der
beteiligten Prinzipale und Gehülfen« vorbehalten. Nach heftigen
Erörterungen siegte jedoch in der Sitzung des Zentralrates vom 21. Mai
1896 die entschiedenere Richtung mit 15 gegen 12 Stimmen.

Einen Einblick in die Thätigkeit des Verbandes und der Gewerkvereine
überhaupt gewähren die Verhandlungen des vom 30. Mai bis 6. Juni
1898 in Magdeburg abgehaltenen 13. Verbandstages. Von den 42
vertretungsberechtigten Vereinen waren 40 erschienen und wurden von
dem Oberbürgermeister im Namen der Stadt begrüßt. Der Oberpräsident
v. $Bötticher$, Freiherr v. $Berlepsch$, Dr. v. $Rottenburg$, Dr.
$Bödiker$ und viele andere bekannte Staatsmänner, ebenso wie das
Parlamentarische Komitee der _trade unions_ sowie $Thomas Burt$, der
Vorsitzende der Bergarbeiter und $Georg Barnes$, Generalsekretär
der Maschinenbauer, hatten Glückwünsche gesandt, der Vertreter der
Ungarischen Arbeiterschutzvereine $Soltan Czikora$ war persönlich
anwesend und der Vertreter des Zentralrates der Belgischen Liberalen
Arbeiterpartei Professor $Wilmotte$ war nur durch plötzlich
eingetretene persönliche Gründe an der Teilnahme gehindert.

Aus dem von dem Anwalte erstatteten Berichte ist folgendes
hervorzuheben: Der Verband hat sich in der vorangegangenen
dreijährigen Periode in erster Linie mit der Versicherungsfrage
beschäftigt, insbesondere mit der dem Reichstage vorgelegten
Novelle zu dem Unfallversicherungsgesetze. In einer Massenpetition
mit 40000 Unterschriften forderte man Beseitigung der Wartezeit
von 13 Wochen, für die heute die Krankenkassen eintreten müssen,
bessere Unfallverhütungsvorschriften, Beschleunigung des
Rentenfeststellungsverfahrens und Aufrechterhaltung des vollen
Rekursrechtes an das Reichsversicherungsamt. Hinsichtlich der auf
Schaffung einer Arbeitslosenversicherung seitens des Reiches oder
der Gemeinden abzielenden Pläne hat der Verband seinen Standpunkt,
dieses Gebiet den Arbeitervereinen zu erhalten, nachdrücklich
vertreten und in einer am 25. Januar 1897 in Berlin abgehaltenen
Gewerkvereinsversammlung die Zwangsversicherung auf das schärfste
verurteilt. Umgekehrt ist der Verband in einer Petition am 2. November
1896 nachdrücklich für erhöhten staatlichen Arbeiterschutz eingetreten
und hat insbesondere eine Erhebung über den Zusammenhang der
Betriebsunfälle und Betriebskrankheiten mit der Länge der Arbeitszeit
unter Berücksichtigung des Alters und Geschlechtes, sowie den Erlaß
weiterer Schutzvorschriften nach § 120 e Absatz 3 der Gewerbeordnung
(Regelung der Arbeitszeit in gesundheitsschädlichen Betrieben),
insbesondere für Verkaufsstellen und in der Konfektionshausindustrie,
ferner Verbesserung der Gewerbeaufsicht, insbesondere Verbot der
Verbindung derselben mit der Dampfkesselrevision und endlich
Ausdehnung des Schutzes jugendlicher Arbeiter von 16 auf 18 Jahre
und die Herabsetzung des Maximalarbeitstages der Frauen von 11 auf
10 Stunden gefordert. Ein von dem Anwalte ausgearbeiteter Plan wegen
Schaffung eines besonderen Reichsarbeitsamtes ist dem Reichstage noch
nicht vorgelegt. Für die durch Bundesratsbeschluß vom 4. März 1896
angeordnete Beschränkung der Arbeitszeit in Bäckereien und Konditoreien
ist der Verband nachdrücklich eingetreten; ebenso hat er sich den
Bestrebungen auf gesetzliche Einführung des Acht-Uhr-Ladenschlusses
und für Errichtung kaufmännischer Schiedsgerichte angeschlossen.
Eine an den Reichstag gerichtete Petition wegen Kürzung der
Arbeitszeiten und Einführung der wöchentlichen Lohnzahlung, sowie
Vorkehr gegen Arbeitslosigkeit in den staatlichen Betrieben ist
von diesem dem Reichskanzler überwiesen. Als dieser durch Beschluß
vom 17. Dezember 1896 die beantragten Maßnahmen als teils unnötig,
teils unausführbar ablehnte, hat der Zentralrat im Januar 1897
eine vom Anwalte ausgearbeitete Denkschrift eingereicht, in der er
die geltend gemachten Bedenken zu widerlegen sucht, auf die aber
eine Antwort nicht erfolgt ist. Der G.-V. der Maschinenbauer und
Metallarbeiter ist auf Grund einer am 26. März 1897 abgehaltenen
großen Eisenbahnarbeiterversammlung noch besonders unter Hinweis auf
die immer mehr sich häufenden Eisenbahnunfälle für Verkürzung der
Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne im Eisenbahnbetriebe eingetreten,
doch wurde von der Eisenbahndirektion Berlin ihren Arbeitern
der Besuch der Versammlung verboten. Im Interesse der endlichen
gesetzlichen Regelung der Berufsvereine beschloß der Zentralrat bei dem
Reichskanzler durch eine Deputation seine Wünsche vorzutragen. In der
dieser Deputation am 12. Februar 1896 gewährten Audienz trat deutlich
hervor, daß die Regierung diese Bestrebungen wesentlich aus dem
Grunde bekämpfte, weil sie daraus eine Stärkung der Sozialdemokratie
befürchtete, wogegen die Deputation vergeblich geltend machte, daß
gerade umgekehrt die Beförderung praktischer Reformbestrebungen die
utopischen und staatsfeindlichen Anschauungen lahm legen werde. Der
frühere Handelsminister Frhr. v. $Berlepsch$, der am 28. November
1895 einer gleichen Deputation eine Audienz bewilligte, hatte eine
wesentlich mehr entgegenkommende Erklärung abgegeben, und es ist nicht
unwahrscheinlich, daß gerade diese Stellung gegenüber der Frage der
Berufsvereine in Verbindung mit der Einführung des Maximalarbeitstages
in Bäckereien der unmittelbare Anlaß für seinen Rücktritt wurde.
Als das berühmte Rundschreiben des Grafen $Posadowsky$ vom 11.
Dezember 1897 bekannt wurde, welches die Beseitigung des bisherigen
Koalitionsrechtes befürchten ließ, veranstaltete der Zentralrat
auf den 7. Februar 1898 in Berlin eine große Protestversammlung,
der mehrere andere in der Provinz sich anschlossen. Eine besondere
Fürsorge hat der Verband von je her der Errichtung von Schiedsgerichten
und Einigungsämtern gewidmet und so auch in den letzten Jahren in
verschiedenen Städten darauf hingewirkt, solche ins Leben zu rufen.
Bei den Gewerbegerichtswahlen hat der Verband sich eifrig beteiligt
und ist hierbei auch zuweilen mit den Sozialdemokraten Hand in Hand
gegangen. Der Verband ist dem Verein für Sozialpolitik beigetreten und
hat sich auf dessen letzter Generalversammlung in Köln, wo Freiherr
v. $Berlepsch$ das berühmte Hoch auf den vierten Stand ausbrachte, an
den Verhandlungen über die Handwerkerfrage und das Koalitionsrecht
mit Erfolg beteiligt. Auch für die Bestrebungen der internationalen
Friedensgesellschaften sind einzelne Vereine eingetreten. Zu den
ausländischen Arbeiterberufsvereinen, insbesondere in England, Belgien,
Holland und Ungarn hat der Verband Beziehungen angeknüpft. An dem
internationalen Arbeiter- und Gewerkschaftskongresse in London (Juli
1896) hat der Verband nicht teilgenommen, weil er ein Uebergewicht
der Sozialdemokratie befürchtete. Zu dem bald darauf folgenden
Kongresse der englischen _trade unions_ in Edinburg, auf dem der
Vertreter der sozialistischen Gewerkschaften v. $Elm$ den Verband
in unangemessener Weise angriff[69], hatte er eine Einladung nicht
erhalten. Man geht mit dem Gedanken um, in Gemeinschaft mit den _trade
unions_ einen internationalen Kongreß auf rein gewerkschaftlicher
Grundlage einzuberufen. Selbst das Bedenken, bei solchen Gelegenheiten
mit den Sozialdemokraten zusammen arbeiten zu müssen, hat sich, seit
dem ruhigen Verlaufe und der gemäßigten Haltung des im August 1897
in Zürich abgehaltenen internationalen Arbeiterschutzkongresses,
auf dem der Verband aus dieser Rücksicht nicht vertreten war,
vermindert, so daß der Bericht des Anwaltes eine Mitwirkung des
Verbandes bei solchen Unternehmungen für die Zukunft ins Auge faßt.
Die Agitation für Ausbreitung des Verbandes ist nachdrücklich in die
Hand genommen; Agitationsvorträge wurden gehalten 1889-91 200 mit
7000 Mk. Kosten, 1892-94 250 mit 9000 Mk. Kosten und 1895-97 311 mit
9400 Mk. Kosten. An Flugblättern wurden 255000, an Broschüren 90000
Stück vertrieben. Auf der Berliner Gewerbeausstellung im Sommer 1896
hatte der Verband eine übersichtliche Darstellung seiner bisherigen
Entwicklung und Thätigkeit ausgelegt. Der Erfolg zeigte sich u. a.
in der Gründung von sechs Ortsvereinen der Kellner, die auf diese
Weise zuerst in die Organisation einbezogen wurden. Auch unter
die Arbeiterinnen hat man die Agitation getragen und insbesondere
während der Konfektionsarbeiterinnenbewegung mehrere Versammlungen
abgehalten, deren Ergebnis darin bestand, daß in Berlin, Stolp und
Stettin Ortsvereine der Arbeiterinnen in Anschluß an den G.-V.
der Schneider gegründet wurden. Streiks sucht man möglichst durch
friedliche Verständigung zu vermeiden, doch ist der Verband nicht
allein für den Ausstand der englischen Maschinenbauer eingetreten und
hat Sammlungen unter den Mitgliedern veranstaltet, die einen Ertrag von
34292 Mk. ergaben, sondern hat auch für die Hamburger Hafenarbeiter
seine Sympathie erklärt, nachdem die Unternehmer die Einleitung von
Ausgleichsverhandlungen abgelehnt hatten.

  [69] Vgl. unten II. Abschnitt.

Zu dem Thätigkeitsberichte des Anwaltes wurde folgender Antrag
angenommen:

Der 13. ordentliche Verbandstag der Deutschen Gewerkvereine protestiert
$gegen jede irgendwie geartete Beeinträchtigung des Koalitionsrechts$
als ungerecht und gemeinschädlich, fordert vielmehr als unentbehrliches
Mittel zur Abwehr von Druck und Elend und zur Herbeiführung besserer
materieller, geistiger und sittlicher Zustände für die Arbeitermassen
die $vollste Koalitions- und Vereinigungsfreiheit und die
Rechtsfähigkeit der Arbeiterberufsvereine durch lediglich gerichtliche
Eintragung$.

Der zweite Gegenstand der Verhandlungen war die $Zoll$- und
$Handelspolitik$. Nach ausführlichen Vorträgen des Prof. $Lotz$ und des
Redakteurs $Goldschmidt$, in denen darauf hingewiesen wurde, daß die
Arbeiter nicht nur als Konsumenten, sondern auch als an dem Gedeihen
der Industrie beteiligte Personen ein Interesse an der Zoll- und
Handelspolitik hätten, wurde beschlossen, die Handelsvertragspolitik
ohne Erhöhung der Getreidezölle aufrecht zu halten und auszubauen, auch
das Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Eingabe des Zentralrates
an den Reichskanzler wegen Zuziehung von Arbeitervertretern zu der
Vorbereitung neuer Handelsverträge keinen Erfolg gehabt habe.

Ein fernerer Vortrag des Verbandsabgeordneten $Mauch$ behandelte
die $Arbeitslosenunterstützung$ und insbesondere die Frage, von wem
dieselbe in die Hand zu nehmen sei. Das Ergebnis der Beratungen wurde
niedergelegt in folgenden Sätzen:

1. $Unterstützungseinrichtungen gegen Arbeitslosigkeit$ zu treffen,
gebietet das private wie das öffentliche Interesse. Die Lösung dieser
Aufgabe steht aus den einfachsten und faßlichsten Gründen in $erster
Linie$ den $gewerblichen Berufsvereinen$ zu; sie erfüllt einen ihrer
wesentlichsten und wichtigsten Zwecke.

2. Die $Selbstversicherung$ in den $Berufsvereinen$ fördert und
kräftigt die persönliche und wirtschaftliche Moralität des Arbeiters,
indem sie ihn zur Selbstverantwortlichkeit und Selbsthülfe erzieht.
Sie bietet durch die Selbstverwaltung Sicherheiten gegen sträfliche
Ausbeutung durch Arbeitsscheu wie gegen Parteilichkeit und
Zurücksetzung aus Gründen, die mit den gewerblichen und moralischen
Eigenschaften des Arbeiters nichts gemein haben.

3. Die Notwendigkeit $staatlicher$ und $kommunaler$ Einrichtungen
zur Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist so lange zu $verneinen$,
bis nicht durch die Erfahrungen erwiesen ist, daß die gewerblichen
Berufsvereine zur befriedigenden Lösung dieser ihrer Aufgabe unfähig
und unvermögend sind.

4. Zur wirksamen Durchführung dieser Aufgabe bedürfen die
Arbeiterberufsvereine $öffentlich-rechtlicher Grundlagen$, die sowohl
die Ansprüche der Mitglieder sicherstellen, als auch die Vereine vor
willkürlichen Eingriffen der Aufsichtsbehörden schützen.

5. Die $Arbeitsvermittelung$ bildet eine notwendige Ergänzung der
organisierten Arbeitslosenunterstützung; sie wird sich am fruchtbarsten
und erfolgreichsten in gewerblicher und sozialer Beziehung erweisen
auf dem Boden der $Freiwilligkeit$ in Gemeinschaft mit Arbeitgeber-
und Arbeitnehmervereinen oder -verbänden. In dieser Form verdient sie
die erste Stelle. Staatliche oder kommunale Arbeitsnachweise, die als
Ersatz oder als Ergänzung der ersten Form eingerichtet werden, erfüllen
nur dann ihren Zweck als Wohlfahrtseinrichtungen, wenn in ihrer
Verwaltung den Arbeitnehmern wie den Arbeitgebern ein ausreichendes
Mitbestimmungsrecht eingeräumt wird.

Der vierte Gegenstand der Verhandlungen war der Vortrag des
Verbandsabgeordneten $Pioch$ über die $Berufsorganisation der
Arbeiterinnen und der jugendlichen Arbeiter$. Der Referent forderte
möglichste Beseitigung der Fabrikarbeit für verheiratete Frauen durch
Erhöhung des Verdienstes der Männer, Beschränkung der Arbeitszeit
für weibliche und jugendliche Arbeiter und Anstellung weiblicher
Fabrikinspektoren und empfahl als Mittel die Berufsorganisation.
Die Versammlung stellte sich auf denselben Standpunkt durch Annahme
folgender Sätze:

»Zur wirksamsten Lösung der Frage $gewerblicher Frauenarbeit$ muß
gesucht werden, die Lage der männlichen Arbeiter mit allen gesetzlichen
Mitteln und durch Vereinigungen auf dem Boden der Selbsthülfe zu
bessern.

Der $Beruf der Frau$ ist am wichtigsten und segensreichsten $in der
Familie$. Solange jedoch die wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse
einen bedeutenden Teil der weiblichen Bevölkerung für ihre Existenz
zur Lohnarbeit nötigen, bedürfen diese Arbeiterinnen im besonderen
Grade des gesetzlichen Schutzes sowohl in der Fabrik- als auch in der
Hausindustrie.

Die $Arbeitszeit$ der erwachsenen Arbeiterinnen ist allmählich auf
acht Stunden herabzusetzen, die Arbeitszeit jugendlicher weiblicher
Arbeiterinnen entsprechend niedriger. Die Altersgrenze jugendlicher
weiblicher Arbeiterinnen ist auf 18 Jahre zu erhöhen. Eine weitere
Beschränkung aller Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter in
gesundheitsschädlichen Betrieben ist anzustreben.

Die Anstellung $weiblicher Fabrikinspektoren$ ist unbedingt nötig und
diese sind aus den mit dem Arbeiterleben bekannten Kreisen zu wählen.

Die $Entlohnung der weiblichen Arbeitskraft$ muß bei gleichen
Leistungen der der männlichen Arbeiter gleichkommen. Die Forderung der
Erhöhung der Löhne der Arbeiterinnen von ihrem jetzigen tiefen und zum
Lebensunterhalt unzureichenden Stande ist zugleich ein Hauptmittel zur
Besserung der Löhne männlicher Arbeiter.

Die $Berufsorganisation der Arbeiterinnen$ ist das wichtigste Mittel
zur Besserung ihres Loses. Die deutschen Gewerkvereine haben die
Pflicht, so viel wie möglich weibliche Mitglieder zu erwerben. Die
Arbeiterinnen müssen ihr Interesse diesen bewährten Organisationen
zuwenden, um dadurch im Kampfe um ihre Existenz gestärkt zu werden.

Den $Arbeitsverhältnissen jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen$
ist volle Aufmerksamkeit zuzuwenden; ebenfalls müssen diese Personen
frühzeitig in die deutschen Gewerkvereine aufgenommen und durch
allgemeine und gewerbliche Fortbildung zu tüchtigen Mitgliedern
geschaffen werden, um so durch Nachwuchs jugendlicher Kräfte der
Organisation die weiteste Verbreitung zu geben.«

Weiter gelangte folgender $Zusatzantrag$ des Verbandsanwalts einstimmig
zur Annahme:

»Der Verbandstag beschließt, bei den gesetzgebenden Körperschaften um
gründliche $Umgestaltung der Gesindeordnung$ gemäß den wesentlichen
Grundsätzen der Gewerbeordnung zu petitionieren. Mit der Ausarbeitung
dieser Petition wird der Zentralrat betraut.«

Den letzten Hauptgegenstand der Tagesordnung bildete das Referat
des Anwalts Dr. $Max Hirsch$ über die Frage: »$Wie stellen sich die
deutschen Gewerkvereine zu den Arbeitseinstellungen?$«

Der Redner tadelte die häufigen unüberlegten und zu wenig vorbereiteten
Streiks und empfahl zu ihrer Verhütung obligatorische Einführung von
Schiedsgerichten und Einigungsämtern, die außerdem das Recht haben
müßten, auch ohne Anrufen der Beteiligten bei drohenden oder schon
ausgebrochenen Streiks Einigungsversuche zu machen. Das Ergebnis der
Beratungen war der folgende Beschluß:

1. »Eine Petition bei dem neuen Reichstag um Abänderung des
$Gewerbegerichtsgesetzes$ einzureichen in der Richtung, daß
die Gewerbegerichte für alle Orte und Bezirke mit entwickeltem
Gewerbebetrieb $obligatorisch$ eingeführt und verpflichtet werden,
auch ohne Anrufung der Parteien bei jeder größeren Arbeitsdifferenz
Einigungsversuche zu machen.

2. Den Gewerk- und Ortsvereinen dringend zu empfehlen, daß sie
bezüglich aller Arbeitsdifferenzen gemäß unseren altbewährten
Grundsätzen und Statuten einen $festen$, $selbständigen Kurs$
einhalten, darin gipfelnd, daß die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse
thatkräftig und ausdauernd erstrebt, hierzu aber unter allen Umständen
$zuerst$ der Weg der $Verständigung und Einigung$ beschritten und erst
bei Erfolglosigkeit aller friedlichen Versuche und bei Vorhandensein
günstiger Aussichten und genügender Mittel in den Ausstand getreten
wird. In dieser Weise hat unsere Organisation auch bei der Beteiligung
von anders oder nicht organisierten Arbeitern zu handeln und sich
niemals willenlos mitreißen zu lassen. Dem Generalrat ist sofort bei
jeder auftauchenden Differenz wahrheitsgemäße und genaue Mitteilung zu
machen und dessen Rat oder Anweisung einzuholen und streng zu befolgen.
$Die betreffenden Ortsvereins- und Ortsverbandssekretäre werden
dringend aufgefordert, auch dem Gewerkvereins- und dem Verbandsorgan
von Arbeitsstreitigkeiten Nachricht zu geben.$«

Hinsichtlich der Unterstützung von Streiks anderer Organisationen wurde
noch ausdrücklich beschlossen, dieselbe davon abhängig zu machen,
daß die beteiligten Ortsvereine bei den Verhandlungen zur Mitwirkung
zugezogen seien.

Die übrigen Beratungsgegenstände waren von geringerer Bedeutung. Der
Antrag, daß auch nicht dem Verbande angehörige Organisationen im
Streikfalle aus Verbandsmitteln unterstützt werden dürften, wurde
ebenso abgelehnt, wie ein Zwang zum Eintritt in die Ortsverbände
und die Vergrößerung des Verbandsorgans. Es wurde beschlossen, den
Ortsverbänden gemeinschaftliche Arbeitsnachweise zur Pflicht zu machen,
dagegen die Kosten des Rechtsschutzes von ihnen auf die Gewerkvereine
zu übertragen. Die Zahlung von Pension an die Gewerkvereinsbeamten
wurde prinzipiell beschlossen, die Ausführung aber späteren Beschlüssen
vorbehalten. Die Beschickung wirtschaftlich-sozialer Kongresse soll in
Zukunft stattfinden, dagegen wurde, wie schon erwähnt, die Beseitigung
des bei der Aufnahme eines neuen Mitgliedes zu erfordernden Reverses
wegen der Nichtzugehörigkeit zur Sozialdemokratie mit allen gegen drei
Stimmen abgelehnt.

Der $äußere Umfang$ des Verbandes ist mehrfachen Schwankungen
unterworfen gewesen.

Gewaltig war bei dem ersten Auftauchen des Gedankens der Zulauf und die
Begeisterung, sodaß Ende 1869, also nach etwa einjährigem Bestehen,
die Leitung auf 258 Ortsvereine mit rund 30000 Mitgliedern, gegliedert
in 13 Gewerkvereine und 9 selbständige Ortsvereine, herabblicken
konnte. Aber die Bewegung wurde in ihrer Blüte gebrochen durch den
unglücklichen Waldenburger Streik, der am 1. Dezember 1869 von 7000
Bergarbeitern infolge des von den Grubenbesitzern an sie gestellten
Verlangens, aus dem G.-V. auszutreten, begonnen wurde, aber nach 8
Wochen mit einer völligen Niederlage endigte. Der Zentralrat hatte es
an Bemühungen, zunächst durch Vermittelung bei den Bergwerksbesitzern
und nachher durch Abmahnungen bei den Arbeitern, den von Anfang
an aussichtslosen Streik zu vermeiden, nicht fehlen lassen, auch
nach Ausbruch desselben nach Kräften Gelder für die Ausständigen
gesammelt, aber er konnte es nicht hindern, daß man den unglücklichen
Ausgang den G.-V. zur Last legte, daß man von seiten der Arbeiter
das Zutrauen zu ihnen verlor und von seiten der Unternehmer sie als
Beförderer von Streiks anklagte. Auch der französische Krieg wirkte
ungünstig ein, und so war denn am Ende desselben die Mitgliederzahl
von 30000 auf etwa 6000 zurückgegangen. Ende 1872 war man jedoch
schon wieder zu 279 Ortsvereinen mit 19000 Mitgliedern und Ende 1874
zu 357 Ortsvereinen mit 22000 Mitgliedern emporgestiegen. Aber mit
dem wirtschaftlichen Rückgange der folgenden Jahre trat auch für die
G.-V. wieder eine Abwärtsbewegung ein, so daß Ende 1878 freilich die
Ortsvereine auf 365 gestiegen, die Mitgliederzahl aber auf 16500
herabgegangen war. Ein Aufschwung wurde dann erst wieder durch die
Krankenversicherungsgesetzgebung begründet, indem durch dieselbe der
Zulauf zu den Hülfskassen der G.-V. und dadurch auch zu diesen selbst
wesentlich gesteigert wurde, so daß Ende 1885 953 Ortsvereine mit
51000 Mitgliedern bestanden, die sich Ende 1891 auf 1350 Ortsvereine
mit 63000 Mitgliedern vermehrt hatten. Der Austritt des G.-V. der
Porzellanarbeiter, der am 1. Januar 1893 in das sozialdemokratische
Lager abschwenkte, brachte dann einen Verlust von 4000 Mitgliedern,
so daß Ende 1891 nur 1315 Ortsvereine mit 58000 Mitgliedern vorhanden
waren. Seitdem hat eine regelmäßige und wachsende Ausdehnung
stattgefunden. Allerdings ist 1895 der 554 Mitglieder zählende G.-V.
der Berg- und Grubenarbeiter wegen Hinneigung zur Sozialdemokratie aus
dem Verbande ausgeschlossen, doch ist dafür der 1894 gegründete G.-V.
der deutschen Bergarbeiter beigetreten. Ende 1894 hatte der Verband
1436 Ortsvereine mit 67000 Mitgliedern, Ende 1897 1633 Ortsvereine
mit 80000 Mitgliedern und am 30. März 1898 1673 Ortsvereine mit 81150
Mitgliedern. Am 31. Dezember 1898 betrug die Mitgliederzahl 82755. Der
Kassenabschluß für den 1. April 1899 ergiebt einen Mitgliederbestand
von 84419.

Die $Verteilung auf die einzelnen Gewerbe$ ergiebt sich aus folgender
Tabelle:

  ======================================================================
                                  | Ende |Anfg. |31.|12.|31.|12.|31.|12.
                                  | 1872 | 1879 | 1892  | 1893  | 1894
  ================================+======+======+=======+=======+=======
  Maschinenbauer u. Metallarb.    | 4468 | 3749 | 12129 | 24163 | 27836
  Fabrik- u. Handarbeiter         | 3543 | 2423 |  9908 | 10080 | 11339
  Tischler und verwandte Berufe   | 2019 | 2879 |  4795 |  4393 |  4733
  Schuhmacher und Lederarbeiter   |  306 |  666 |  3845 |  3670 |  3900
  Textilarbeiter und verw. Berufe | 1571 | 1129 |  3403 |  3002 |  2788
  Schneider       "    "      "   |  438 |  457 |  2415 |  2595 |  3060
  Bauhandwerker                   | 2521 | 1642 |  1709 |  2090 |  2226
  Graphische Berufe, Maler und    |      |      |       |       |
    verwandte Berufe              |  289 | 1058 |  1486 |  1612 |  1655
  Zigarren- und Tabakarbeiter     |  102 |  125 |  1212 |  1121 |  1145
  Töpfer                          |  266 |   43 |   890 |   843 |   916
  Berg- und Grubenarbeiter        |  --  |  239 |   727 |   554 |   455
  Schiffszimmerer u. verw. Berufe |  633 |  240 |   170 |   173 |   163
  Klempner und Metallarbeiter     |  --  |  180 |  2508 |  2346 |  2472
  Bildhauer und verw. Berufe      |  --  |   28 |   234 |   194 |   221
  Kaufleute                       |  --  |   13 |  1831 |  3951 |  3820
  Konditoren und verw. Berufe     |  --  |  --  |   484 |   313 |   263
  Selbständige Ortsvereine[70]    |  --  |   41 |    54 |    54 |    66

  ================================================================
                                  |31.|12.|31.|12.|31.|12.|31.|12.
                                  | 1895  | 1896  | 1897  | 1898
  ================================+=======+=======+=======+=======
  Maschinenbauer u. Metallarb.    | 27000 | 28127 | 30837 | 32938
  Fabrik- u. Handarbeiter         | 11833 | 13284 | 15006 | 15415
  Tischler und verwandte Berufe   |  4880 |  5423 |  6010 |  6152
  Schuhmacher und Lederarbeiter   |  4200 |  4620 |  5300 |  5690
  Textilarbeiter und verw. Berufe |  2899 |  3022 |  3330 |  3434
  Schneider       "    "      "   |  3000 |  3010 |  3350 |  3360
  Bauhandwerker                   |  1629 |  1624 |  2300 |  1985
  Graphische Berufe, Maler und    |       |       |       |
    verwandte Berufe              |  1918 |  1944 |  1900 |  1951
  Zigarren- und Tabakarbeiter     |  1230 |  1344 |  1408 |  1462
  Töpfer                          |  1021 |  1139 |  1324 |  1487
  Berg- und Grubenarbeiter        |   --  |   182 |   210 |   257
  Schiffszimmerer u. verw. Berufe |   173 |   181 |   193 |   190
  Klempner und Metallarbeiter     |  2667 |  3103 |  3134 |  3225
  Bildhauer und verw. Berufe      |   243 |   299 |   387 |   376
  Kaufleute                       |  3620 |  4085 |  4298 |  4382
  Konditoren und verw. Berufe     |   305 |   256 |   254 |   247
  Selbständige Ortsvereine[70]    |   141 |   124 |   312 |   204

                    (Siehe Tabelle auf Seite 200).

Die Gesamteinnahme für die Jahre 1869 bis 1895 belief sich auf 20500000
Mk., die Gesamtausgabe auf 18500000 Mk., so daß ein Vermögen von zwei
Millionen Mark verblieb. Von den Ausgaben entfielen 11000000 Mk. auf
Kranken- und Begräbnisgelder, 1750000 Mk. auf Invalidenunterstützung,
2850000 Mk. auf Rechtsschutz, Bildungszwecke, Reise-, Notstands- und
Arbeitslosenunterstützung.

Das Verbandsvermögen belief sich am 1. April 1899 auf 54977 Mk.
04 Pf. neben einem Bestande der Organkasse von 8322 Mk. 76 Pf.
Das Gesamtvermögen der Vereine mit Ausschluß der Kranken- und
Begräbniskassen betrug Ende 1895 741257 Mk., d. h. mehr als 11 Mk. auf
den Kopf.

Neben dem Verbandsorgan, dem »Gewerkverein«, der 1899 im 31. Jahrgange
erscheint, haben noch sechs Gewerkvereine ihre besonderen Fachblätter.
Die Gesamtauflage beträgt 74800. Außerdem besteht noch eine zur
Benutzung durch die Tagespresse bestimmte »Gewerkvereinskorrespondenz«,
die nach einem Beschlusse des Zentralrates vom 2. Juli 1896 künftig
mindestens einmal monatlich erscheinen und allen sich dafür
interessierenden Blättern unentgeltlich zugesandt werden soll.

  [70] Dazu gehören die Reepschläger, Vergolder und Kellner. Die
       letzteren bilden seit Anfang 1898 einen Gewerkverein.

Ueber die $Leistungen$ der Vereine giebt für die sechs Jahre 1892-1897
folgende Tabelle eine Uebersicht.

  Spaltenüberschriften:
  A = Reise- und Wanderunterstützung
  B = Uebersiedelungsbeihülfe
  C = Arbeitslosenunterstützung
  D = Beiträge arbeitsloser Mitglieder
  E = Unterstützung in besonderen Notfällen
  F = Gesamtsumme der Unterstützungen in Mark

  Zahl = Zahl der unterstützten Mitglieder
  Mark = Betrag in Mark

  ========================================================================
                     |       |      A       |      B       |      C
     $Gewerkvereine$ | Jahr  +------+-------+------+-------+------+-------
                     |       | Zahl | Mark  | Zahl | Mark  | Zahl |  Mark
  -------------------+-------+------+-------+------+-------+------+-------
  Maschinenbau- u.   |1892/94| 6296 | 24371 |  651 | 14959 | 1894 |  65453
   Metallarbeiter    |1895/97| 6751 | 27558 |  954 | 22121 | 1412 |  53914
                     |       |      |       |      |       |      |
  Fabrik- u.         |1892/94|  --  |   --  |   67 |   859 |  689 |  10659
   Handarbeiter      |1895/97|  --  |   --  |  210 |  2650 |  799 |  13559
                     |       |      |       |      |       |      |
  Tischler u.        |1892/94|  --  |  --   |  183 |  3421 |  605 |  12483
   verwandte Berufe  |1895/97|  469 |  2493 |  115 |  3518 | 1053 |  20696
                     |       |      |       |      |       |      |
  Schuhmacher u.     |1892/94|  394 |  2459 |  119 |  1592 |  215 |   4825
   Lederarbeiter     |1895/97|  403 |  2761 |  145 |  2260 |  569 |  12334
                     |       |      |       |      |       |      |
  Kaufleute          |1892/94|  --  |   --  |  --  |   --  |  215 |  14498
                     |1895/97|  --  |   --  |  --  |   --  |  424 |  26039
                     |       |      |       |      |       |      |
  Schneider u.       |1892/94|  273 |  1167 |   20 |   333 |   57 |   1054
   verwandte Berufe  |1895/97|  257 |  1403 |   37 |   605 |  150 |   3557
                     |       |      |       |      |       |      |
  Textilarbeiter u.  |1892/94|   60 |   554 |   42 |   405 |   73 |   1233
   verwandte Berufe  |1895/97|   58 |   297 |   61 |   852 |  186 |   3594
                     |       |      |       |      |       |      |
  Klempner u.        |1892/94|  257 |  1069 |   22 |   523 |   68 |   1260
   Metallarbeiter    |1895/97|  383 |  2132 |   60 |  1721 |  115 |   2632
                     |       |      |       |      |       |      |
  Graphische Berufe, |       |      |       |      |       |      |
   Maler u.          |1892/94|   64 |  1292 |    9 |    72 |    8 |    198
   verwandte Berufe  |1895/97|   75 |   457 |   10 |   137 |  122 |   1633
                     |       |      |       |      |       |      |
  Bauhandwerker      |1892/94|    6 |    58 |    5 |    68 |    1 |     10
                     |1895/97|    9 |    81 |   12 |   172 |   17 |    504
                     |       |      |       |      |       |      |
  Zigarren- u.       |1892/94|   39 |   205 |   23 |   315 |   45 |   1264
   Tabakarbeiter     |1895/97|   54 |   258 |   24 |   264 |  --  |    844
                     |       |      |       |      |       |      |
  Töpfer u. Ziegler  |1892/94|   17 |    54 |   17 |   221 |   25 |    189
                     |1895/97|   61 |   222 |   20 |   189 |   25 |    499
                     |       |      |       |      |       |      |
  Konditoren u.      |1892/94|   49 |   249 |   16 |   177 |   21 |    290
   verw. Berufe      |1895/97|   27 |   142 |    2 |    64 |   22 |    430
                     |       |      |       |      |       |      |
  Bildhauer u.       |1892/94|   17 |    89 |    4 |    79 |   31 |    461
   verw. Berufe      |1895/97|   33 |   186 |    2 |    32 |   40 |    703
                     |       |      |       |      |       |      |
  Schiffszimmerer u. |1892/94|    4 |    27 |  --  |   --  |  --  |    --
   verw. Berufe      |1895/97|    3 |    21 |  --  |   --  |    1 |     34
                     |       |      |       |      |       |      |
  Berg- u.           |1892/94|  --  |   --  |  --  |   --  |    4 |    108
   Grubenarbeiter    |1895/97|  --  |   --  |  --  |   --  |  --  |    --
                     |       |      |       |      |       |      |
  Selbständige       |1892/94|  --  |   --  |  --  |   --  |  --  |    --
   Ortsvereine       |1895/97|  --  |   --  |  --  |   --  |    4 |    166
  -------------------+-------+------+-------+------+-------+------+-------
                     |1892/94| 7476 | 31594 | 1178 | 23084 | 3914 | 113985
         Insgesamt   |       |      |       |      |       |      |
                     |1895/97| 8583 | 38011 | 1652 | 34585 | 4938 | 141138


  ========================================================================
                     |       |      D      |      E       |       F
     $Gewerkvereine$ | Jahr  +------+-------------+-------+---------------
                     |       | Zahl | Mark | Zahl | Mark  |1892-94|1895-97
  -------------------+-------+-------------+------+-------+---------------
  Maschinenbau- u.   |1892/94| 4392 | 7340 |  382 |  4765 |       |
   Metallarbeiter    |1895/97| 3074 | 4142 |  449 |  5809 | 116888| 113544
                     |       |      |      |      |       |       |
  Fabrik- u.         |1892/94|  --  |  --  |  247 |  3818 |       |
   Handarbeiter      |1895/97|  --  |  --  |  458 |  6986 |  15336|  23195
                     |       |      |      |      |       |       |
  Tischler u.        |1892/94|    4 |    7 |  183 |  3545 |       |
   verwandte Berufe  |1895/97|  479 |  920 |  175 |  3171 |  19456|  30798
                     |       |      |      |      |       |       |
  Schuhmacher u.     |1892/94|  202 |  554 |   73 |  1123 |       |
   Lederarbeiter     |1895/97|  645 | 1378 |   96 |  1540 |  10553|  20273
                     |       |      |      |      |       |       |
  Kaufleute          |1892/94|  165 |  921 |   26 |   745 |       |
                     |1895/97|  354 | 1643 |   39 |  1464 |  16164|  29146
                     |       |      |      |      |       |       |
  Schneider u.       |1892/94|    9 |   41 |   81 |  1960 |       |
   verwandte Berufe  |1895/97|   20 |   94 |   86 |  1947 |   4555|   7606
                     |       |      |      |      |       |       |
  Textilarbeiter u.  |1892/94|   16 |   58 |  199 |  2059 |       |
   verwandte Berufe  |1895/97|    2 |    3 |  208 |  2223 |   4369|   6909
                     |       |      |      |      |       |       |
  Klempner u.        |1892/94|  274 |  596 |   96 |  1433 |       |
   Metallarbeiter    |1895/97|  204 |  445 |   94 |  2040 |   4881|   8970
                     |       |      |      |      |       |       |
  Graphische Berufe, |       |      |      |      |       |       |
   Maler u.          |1892/94|   51 |  202 |   35 |   451 |       |
   verwandte Berufe  |1895/97|   19 |   45 |   31 |   398 |   1215|   2670
                     |       |      |      |      |       |       |
  Bauhandwerker      |1892/94|  --  |  --  |   28 |   377 |       |
                     |1895/97|  --  |  --  |   44 |   533 |    513|   1290
                     |       |      |      |      |       |       |
  Zigarren- u.       |1892/94|   20 |   57 |   39 |   527 |       |
   Tabakarbeiter     |1895/97|   27 |   55 |   67 |   871 |   2368|   2292
                     |       |      |      |      |       |       |
  Töpfer u. Ziegler  |1892/94|  --  |  --  |   12 |   205 |       |
                     |1895/97|    1 |    8 |   24 |   374 |    669|   1292
                     |       |      |      |      |       |       |
  Konditoren u.      |1892/94|  --  |  --  |    5 |    70 |       |
   verw. Berufe      |1895/97|    1 |    1 |    5 |    76 |    786|    713
                     |       |      |      |      |       |       |
  Bildhauer u.       |1892/94|  --  |  --  |    1 |    20 |       |
   verw. Berufe      |1895/97|  --  |  --  |    2 |    27 |    649|    948
                     |       |      |      |      |       |       |
  Schiffszimmerer u. |1892/94|    4 |   10 |    2 |    30 |       |
   verw. Berufe      |1895/97|    5 |    8 |    6 |    80 |     67|    143
                     |       |      |      |      |       |       |
  Berg- u.           |1892/94|  --  |  --  |   25 |   352 |       |
   Grubenarbeiter    |1895/97|    6 |    8 |   12 |   124 |    460|    132
                     |       |      |      |      |       |       |
  Selbständige       |1892/94|  --  |  --  |  --  |  --   |       |
   Ortsvereine       |1895/97|  --  |  --  |    6 |    29 |       |    195
  -------------------+-------+------+------+------+-------+-------+-------
                     |1892/94| 5137 | 9786 | 1434 | 21480 |       |
         Insgesamt   |       |      |      |      |       | 198929| 250176
                     |1895/97| 4835 | 8750 | 1802 | 27692 |       |


              3. Die sozialistischen Gewerkschaften[71].

             A. Der v. Schweitzer'sche Gewerkschaftsbund.

Der von v. $Schweitzer$ auf dem 26. September 1868 berufene und
unter seinem Vorsitze tagende Kongreß war von 206 Abgeordneten aus
allen Teilen Deutschlands besucht, die 142008 Arbeiter aus 110
Orten vertraten. Nach der gewaltsamen Entfernung der $Hirsch$'schen
Anhänger gelang es v. $Schweitzer$ ohne Mühe, in den viertägigen
Verhandlungen, seine vorher bis in alle Einzelheiten ausgearbeiteten
Pläne zur Annahme zu bringen. Jede Gewerkschaft sollte durch ganz
Deutschland eine geschlossene Einheit bilden. Aus den Vorständen der
einzelnen Gewerkschaften wurde eine Zentralleitung unter dem Namen
»$Deutscher Gewerkschaftsbund$« gebildet, dessen Sitz in Berlin war
und dessen Präsidium aus v. $Schweitzer$, $Fritzsche$ und einer
dritten unbekannten Person bestand. v. $Schweitzer$ beabsichtigte
die Einteilung der Gewerkschaften, die auf dem Grundsatze der
Branchenorganisation beruhten, in 32 Berufsgruppen, die sogenannten
»$Arbeiterschaften$«, die etwa den späteren »Industrieverbänden«
entsprechen. Von solchen Arbeiterschaften wurden auf dem Kongresse
sofort 10 gebildet, nämlich: die Berg- und Hüttenarbeiter, die
Metallarbeiter, die Färber, die Weber und Manufakturarbeiter,
die Schuhmacher, die Bäcker, die Buchbinder, die Schneider, die
Holzarbeiter und die Maurer.

  [71] Das beste zusammenfassende Werk über die sozialistischen
       Gewerkschaften ist das Buch von $Schmöle$: Die
       sozialdemokratischen Gewerkschaften in Deutschland seit dem
       Erlasse des Sozialistengesetzes, Jena 1896 Fischer, von dem bis
       jetzt der erste, vorbereitende Teil, der übrigens im Gegensatz
       zu seinem Titel auch wertvolles Material aus der Zeit von 1878
       enthält, und der zweite, den Zimmererverband behandelnde Band
       erschienen ist. Seit 1891 erscheint das Korrespondenzblatt der
       Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Redaktion
       und Verlag E. $Legien$ Hamburg, als offizielles Organ der
       Zentralorganisationen. Ueber die drei Gewerkschaftskongresse von
       1892, 1896 und 1899 sind im Verlage von E. $Legien$ Hamburg, die
       offiziellen Verhandlungsberichte erschienen.

Aber diesem günstigen Anfange entsprach nicht der weitere Verlauf,
und insbesondere v. $Schweitzer$ selbst grub schon nach einem
Jahr seinem soeben geschaffenen Werke das Grab, indem die $erste
Delegiertenversammlung$ des »deutschen Gewerkschaftsbundes«, die Ende
1869 in Anschluß an die in $Kassel$ abgehaltene Generalversammlung des
von $Lassalle$ gegründeten »Allgemeinen deutschen Arbeitervereins«
tagte, auf Antrag v. $Schweitzer$'s die Auflösung aller bestehenden
Gewerkschaften und den Uebertritt ihrer sämtlichen Mitglieder in
einen gleichzeitig ins Leben zu rufenden »$Allgemeinen deutschen
Arbeiterunterstützungsverband$« mit dem Sitze in Berlin beschloß.
Dieser Verband sollte mit dem »Allgemeinen deutschen Arbeitervereine«
in engster Verbindung bleiben, indem nicht allein zwischen den
Präsidenten eine Personalunion bestehen sollte, sondern auch die
Mitgliedschaft des Unterstützungsverbandes von der Anerkennung der
Grundsätze des Arbeitervereins abhängig gemacht war.

Welche Gründe v. $Schweitzer$ hierzu bestimmt haben, ist schwer
zu beurteilen. Möglicherweise fürchtete er aus der nahe liegenden
Konkurrenz beider Organisationen eine Zersplitterung und war von
der alleinseligmachenden Kraft der politischen Sozialdemokratie
so überzeugt, daß er sie nicht durch eine selbständige
Gewerkschaftsbewegung lahm legen wollte, vielleicht aber war es auch
ein aus seiner eigenartigen Natur zu erklärender blasierter Ueberdruß
an dem selbstgeschaffenen Unternehmen, der ihn ja auch bald bestimmte,
von seiner ganzen politischen Thätigkeit zurückzutreten. Jedenfalls war
durch die Gründung des Unterstützungsverbandes, in dem alle Arbeiter
ohne Rücksicht auf die Berufsgliederung und die durch diese bedingten
besonderen Beziehungen und Interessen Aufnahme fanden, das allein
lebenskräftige Prinzip der gewerkschaftlichen Organisation verlassen.

Dem entsprach auch der äußere Verlauf der Entwicklung. Während, wie
erwähnt am 26. September 1869 in Berlin 142000 Arbeiter vertreten
gewesen waren, während in Kassel immerhin noch 35232 Mitglieder
gezählt wurden, war diese Zahl bereits auf der im folgenden Jahre
1870 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung auf 20657 und bei
einer am 25. Mai 1871 vorgenommenen Zählung auf 4257 herabgegangen.
Als man in den folgenden Jahren seitens der Polizei energisch
gegen alle sozialdemokratischen Vereinigungen vorging, benutzte
$Hasenclever$, der Nachfolger v. $Schweitzer$'s im Arbeitervereine
und im Unterstützungsverbande, dies als Vorwand, um den nicht mehr
lebensfähigen Verband durch einen Erlaß vom 8. September 1874 formell
$aufzulösen$. Allerdings hatten sich nicht alle Gewerkschaften dem in
Kassel gefaßten Beschlusse gefügt, und es bestanden deshalb einige
derselben auch noch ferner weiter, aber zu irgend welcher Bedeutung
vermochten sie nicht zu gelangen.


            B. Die internationalen Gewerksgenossenschaften.

Auch die $Marxisten$ hatten die große praktische Bedeutung der
Gewerkschaften erkannt, aber sie gerieten, als die konsequenteren, noch
mehr als die Lassalleaner in Konflikt mit ihrer Grundauffassung von der
Unmöglichkeit, unter der Herrschaft der bestehenden Wirtschaftsordnung
zu befriedigenden Zuständen zu gelangen, während doch die
Gewerkschaften sich grundsätzlich auf den Boden dieser Ordnung stellen.
So fand man denn schließlich eine Vermittelung in dem Standpunkte,
daß die Gewerkschaften freilich das Los der Arbeiterklasse nicht
eigentlich zu bessern vermöchten, aber doch weiteren Verschlechterungen
vorzubeugen im Stande sein und vor allem Schulen bildeten, in denen
es möglich sei, die Arbeiter zum Verständnisse ihrer Lage zu bringen
und für die politischen Aufgaben vorzubereiten. Eine konsequentere
Richtung freilich sprach es offen aus, daß die Gewerkschaftsbewegung
keinen weiteren Zweck haben könne, als gewissermaßen experimentell
die Unmöglichkeit zu beweisen, im Rahmen der bestehenden Ordnung zu
befriedigenden Zuständen zu gelangen und so die Arbeiterschaft von
der Notwendigkeit einer Umgestaltung der heutigen Verhältnisse zu
überzeugen.

Eine weitere Verschiedenheit beider Richtungen bestand darin, daß
die Lassalleaner sich im $nationalen$ Rahmen hielten, während die
Marxisten die $internationale$ Regelung als die allein mögliche
ansahen. Anstatt nun aber den Ausgangspunkt von nationalen Verbänden zu
nehmen und deren internationale Zusammenfassung als letzten Abschluß
der Zukunft vorzubehalten, ging man umgekehrt davon aus, daß vor allem
die an der Abgrenzung der Völker klebende rückständige Auffassung
durchbrochen werden müsse und deshalb die internationale Organisation
die Grundlage der nationalen zu bilden habe. Uebrigens war das Ziel,
das man anstrebte, das gleiche, wie es $Schweitzer$ verfolgte,
nämlich $nicht$ berufsmäßig abgegrenzte Vereinigungen, von denen man
vielmehr annahm, daß sie als auf falschem »Kastengeist« beruhend,
dem Solidaritätsgedanken Abbruch thun würden, $sondern$ allgemeine
Arbeiterverbände, die sich von den politischen nur durch ihr zunächst
in Angriff genommenes Arbeitsgebiet unterschieden. Endlich hielt man
die gewerkschaftlichen Vereinigungen überhaupt, da sie auf dem Boden
des Lohnsystems standen, nicht für in erster Linie wertvoll, sondern
richtete vielmehr die Agitation zunächst auf Produktivgenossenschaften,
die den Arbeiter in die Lage bringen sollten, sich der Herrschaft
des Kapitals und des Unternehmertums zu entziehen und deshalb
geeignet schienen, einen Uebergang zu der künftigen sozialistischen
Wirtschaftsordnung herzustellen.

Demgemäß beschloß der erste von der »Internationalen
Arbeiterassoziation« in London einberufene Kongreß, der vom 3. bis
9. September 1866 in $Genf$ tagte, auf Vorschlag des Generalrates,
daß die Thätigkeit der »Gewerkvereine«, die sich mit den Fragen des
Lohnes und der Arbeitszeit zu beschäftigen hätten, als notwendig
anzuerkennen sei, solange die heutige Wirtschaftsform bestehe, daß
sie aber bisher zu ausschließlich den unmittelbaren Kampf gegen das
Kapital vor Augen gehabt und ihre eigene Macht der Thätigkeit gegen
das heutige Produktionssystem noch nicht vollkommen verstanden hätten,
daß sie vielmehr Schwerpunkte der Organisation für die Arbeiterklasse
zu bilden und ihre Thätigkeit durch die Verbindung der Vereine in
allen Ländern zu verallgemeinern hätten. »Die Errichtung und Förderung
von Gewerkvereinen soll daher« -- so heißt es dann wörtlich -- »die
Hauptaufgabe des Arbeiterstandes für die Gegenwart und die nächste
Zukunft bleiben; abgesehen davon, daß sie den Uebergriffen des Kapitals
entgegenwirken, müssen sie lernen, in bewußter Weise als Brennpunkt
der Organisation der Arbeiterklasse zu handeln im Interesse ihrer
vollständigen Emanzipation.«

Die Arbeitseinstellungen beschloß man, obgleich von einigen Seiten
ihr Nutzen völlig bestritten wurde, »als notwendiges Hülfsmittel
im Kampfe zwischen Kapital und Arbeit« anzuerkennen, doch sei ihr
Hauptwerk zu sehen »in der Gewöhnung der Arbeiter an gemeinsame Aktion
und in der zuweilen im Anschluß an Streiks erfolgenden Gründung von
Produktivgenossenschaften«.

Auf dem dritten Kongresse in $Brüssel$, der vom 6. bis 13. September
1868 tagte, wurden diese Beschlüsse bestätigt, die allgemeine Gründung
von Streikkassen empfohlen und alle Mitglieder der internationalen
Arbeiterassoziation zum Eintritte in die »$Gewerksgenossenschaften$«,
wie man sie jetzt nannte, aufgefordert. Auch der 1869 in $Basel$
abgehaltene $Kongreß$ beauftragte den Generalrat, »die internationale
Verbindung der Gewerksgenossenschaften aller Länder zu ermitteln«.

In Deutschland hatte die Marx'sche Richtung der Sozialdemokratie
zuerst Fuß gefaßt, als der auf den 5. September 1868 nach $Nürnberg$
berufene $fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine$, die bis
dahin im Fahrwasser der Fortschrittspartei gesegelt waren, auf
Antrag von $Liebknecht$ den Beschluß gefaßt hatte, »das Programm
der internationalen Arbeiterassoziation zu dem seinigen zu machen.«
Zugleich wurde unter Ablehnung eines Antrags $Sonnemann$, der sich
für staatliche Altersversorgungs- und Lebensversicherungskassen
aussprach, beschlossen, »den Mitgliedern des Verbandes und speziell dem
Vororte aufzugeben, für Vereinigungen der Arbeiter in zentralisierten
Genossenschaften thatkräftig zu wirken.«

Auch der konstituierende $Kongreß der sozialdemokratischen
Arbeiterpartei$ in $Eisenach$ (7. bis 9. August 1869) stellte sich
auf den gleichen Standpunkt, fand aber eine Schwierigkeit darin vor,
daß das gewerkschaftliche Interesse bereits überwiegend durch die
lassalleanischen Gründungen in Anspruch genommen war. So wurde denn auf
Antrag von $Bebel$ und $York$ beschlossen: »Die sozialdemokratische
Arbeiterpartei betrachtet es als eine Pflicht jedes Parteigenossen,
auf eine Einigung der Gewerkschaften mit allen Mitteln hinzuwirken,
hält aber als Bedingung fest, daß die Gewerkschaften sich von dem
Arbeiterschaftspräsidium des Herrn $von Schweitzer$ lossagen. Zugleich
empfiehlt der Kongreß die weitere Bildung von Gewerksgenossenschaften
auf internationaler Grundlage.«

Diese Bestrebungen waren nicht ohne Erfolg. Nicht allein erhielt
die Marx'sche über die Lassalle'sche Richtung überhaupt bald das
Uebergewicht, sondern dazu kam noch, daß $von Schweitzer$ durch seine
diktatorische Haltung sich viele Feinde gemacht hatte. Außerdem knüpfte
der Ausdruck »Gewerksgenossenschaft« an die gerade von $Lassalle$ in
den Vordergrund seines Programms gestellten Produktivassoziationen an,
und endlich gab der internationale Karakter einen gewissen Nimbus,
als ob dadurch eine außerordentliche Macht gewährt wäre. So gelang
denn vielfach die Verschmelzung der von beiden Richtungen begründeten
Verbände.


                 C. Die York'sche Gewerkschaftsunion.

Von besonderem Interesse sind die Bestrebungen des bereits erwähnten
$York$, eines Tischlers in Harburg, der es als seine Lebensaufgabe
ansah, die gewerkschaftliche Entwickelung auf eine höhere Stufe
zu heben. Er sah den Grund des bisherigen Mißerfolges einerseits
in der zu großen Zersplitterung der Gewerksgenossenschaften und
andererseits in der Abhängigkeit derselben von der politischen
Partei. Er forderte deshalb eine Trennung von der letzteren und eine
selbständige wirtschaftliche Arbeiterbewegung, zugleich aber auch die
Verbindung aller Fachverbände zu einer »$Gewerkschaftsunion$«. Die
Aufgabe derselben sollte vor allem sein die einheitliche Regelung
der Lohnkämpfe, ferner der Austausch der gemachten Erfahrungen
und gemeinsame statistische Erhebungen, planmäßige Agitation und
gemeinsame Wanderunterstützung. Die Union sollte unter einem
leitenden Ausschusse stehen, alljährliche Unionskongresse abhalten
und ein gemeinsames Preßorgan, »Die Union«, haben. Es gelang $York$,
einen Gewerkschaftskongreß[72] zur Beratung seines Programms
zusammenzuberufen, der vom 15. bis 17. Juni 1872 in Erfurt tagte und
von 51 Abgeordneten mit 65 Mandaten als Vertretern von 11358 Arbeitern
besucht war. Welche Grundanschauungen $York$ verfolgte, tritt am
deutlichsten hervor in folgender von ihm beantragten Resolution:
»In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel ob
sie konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten
sind, gleich sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß
es für die heiligste Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader
beiseite zu setzen, um auf dem neutralen Boden einer einheitlichen
Gewerkschaftsorganisation die Verbindung eines erfolgreichen kräftigen
Widerstandes zu schaffen, die bedrohte Existenz sicher zu stellen
und eine Verbesserung ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere
aber haben die verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen
Arbeiterpartei die Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern
und spricht der Kongreß sein Bedauern darüber aus, daß die
Generalversammlung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins einen
gegenteiligen Beschluß gefaßt hat.«

  [72] Die Verhandlungen sind im Verlage von W. Brocke in Braunschweig im
       Druck erschienen.

Aber obgleich der Kongreß diese Resolution annahm, so wurden doch
die $York$'schen Vorschläge wesentlich abgeschwächt, indem sich
gegen die geplante Zentralisation der Widerstand der bestehenden
Gewerkschaften geltend machte. Nachdem ein, allerdings von $York$
nicht unterstützter Antrag, die Vororte der bestehenden Vereine als
Exekutivausschüsse und Kassenverwaltungen ganz zu beseitigen und so
die Vereine in der Union aufzulösen, abgelehnt und es statt dessen
jedem Vereine überlassen war, ob er dies thun wolle, wurde auch die
Schaffung eines selbständigen Organes verworfen und beschlossen, ein
solches unter dem Namen »Die Union« als Beiblatt dem »Volksstaat«
beizulegen. Immerhin wurde die Gründung der »$Union$« als eines
Zentralverbandes aller Gewerkschaften, sowie eine Unionssteuer von
wöchentlich 8 Pfennig einstimmig beschlossen, ein Zentralausschuß mit
dem Sitze in Leipzig gewählt und zur Beratung eines Unionsstatutes
eine Kommission eingesetzt. Diese hat jedoch die übertragenen Aufgaben
unerledigt gelassen. Auch der $zweite$ von $York$ zu Pfingsten 1874
nach $Magdeburg$ berufene $Kongreß$ scheiterte an dem Widerstande der
einzelnen Gewerkschaftsvorstände gegen die ihnen zugemutete Aufgabe
ihres Selbstbestimmungsrechtes. Der am 1. Januar 1875 erfolgte Tod
$Yorks$ hatte den baldigen völligen Verfall seiner Schöpfung zur Folge,
und damit war der Plan der Gründung unpolitischer, von allen Parteien
unabhängiger Gewerkschaften, der vielleicht geeignet gewesen wäre, der
sozialen Entwickelung Deutschlands eine ganz andere Richtung zu geben,
für Jahrzehnte gescheitert. Allerdings verfolgte man den Plan, alle
Gewerkschaften zu einem einheitlichen Verbande zusammenzufassen, in den
nächsten Jahren noch weiter und hatte bereits zu Pfingsten 1876 einen
allgemeinen Gewerkschaftskongreß nach Magdeburg berufen, doch wurde
er unter dem Eindrucke des $Hödel$'schen Attentates von der Polizei
verboten.


           D. Die Vereinigung der Lassalleaner und Marxisten.

Die auf dem Gothaer Kongresse vollzogene Vereinigung der Lassalleaner
und Marxisten zu einer einheitlichen »sozialistischen Arbeiterpartei«
bot den Anlaß, jetzt auch die Bestrebungen auf Verschmelzung
der beiderseitigen gewerkschaftlichen Organisationen von neuem
aufzugreifen. Dies wurde dadurch erleichtert, daß auch die Marxisten
im Hinblick auf ihre recht geringen praktischen Erfolge den Gedanken
einer internationalen Ausgestaltung des Gewerkschaftswesens als ein
noch für lange Zeit unausführbares Ziel aufgegeben hatten. So trat
denn im Anschluß an den Parteikongreß in $Gotha$ am 28. und 29. Mai
1875 eine von beiden Richtungen beschickte $Gewerkschaftskonferenz$
zusammen, die sich dahin einigte, den bestehenden Vereinen desselben
Gewerbes den Zusammenschluß zur Pflicht zu machen. Zur Vorbereitung
eines allgemeinen Gewerkschaftskongresses wurde eine Kommission von
5 Personen mit dem Sitze in Berlin eingesetzt, mit der die Vorstände
der einzelnen Organisationen in Verbindung treten sollten; die
Konferenz erklärte ferner: »Es ist Pflicht der Gewerksgenossen, aus
den Gewerkschaftsorganisationen die Politik fern zu halten, dagegen
sich der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands anzuschließen,
weil nur diese die politische und wirtschaftliche Stellung der Arbeiter
in vollem Maße zu einer menschenwürdigen zu machen vermag.« Die
bestehenden 13 Gewerkschaftsblätter zu einer einzigen zu verschmelzen,
hielt man für unthunlich, dagegen sollten die verwandten Berufe sich in
dieser Hinsicht zusammenthun. Auch die gemeinsame Wanderunterstützung
erklärte man für die erste Aufgabe, die erledigt werden müsse.


                      E. Die lokalen Fachvereine.

Während die bisher behandelten Bestrebungen sämtlich auf dem Grundsatze
der Zentralisation beruhten, indem man davon ausging, daß nur durch
Zusammenschluß wenn nicht der gesamten Arbeiterschaft, so doch
wenigstens aller Arbeiter eines bestimmten Gewerbes ein Erfolg zu
erzielen sei, hatten sich in der Stille, ohne daß man ihre Entstehung
im einzelnen verfolgen kann, in den größeren Städten örtliche
Vereine von Fachgenossen gebildet, die sich deshalb die Bezeichnung
»$Fachverein$« beilegten, und die, im Gegensatz zu den zentralisierten
Gewerkschaften, die Beschränkung auf einen bestimmten Ort als Grundsatz
aufstellten. Daß diese Bewegung von den großen Städten ausging, erklärt
sich sehr einfach, war doch die Organisation der Arbeiterschaft in
diesen erheblich weiter fortgeschritten, so daß von den seitens einer
über ein größeres Gebiet erstreckten Gewerkschaft gesammelten Geldern
das Meiste für die Betreibung der Organisation an den kleineren Orten
verwendet werden mußte, und deshalb, vom Standpunkte des Egoismus
betrachtet, die Arbeiterschaft der Großstädte nicht mit Unrecht den
Vorwurf gegen die Gewerkschaften erhob, daß sie für die Arbeiterschaft
der kleinen Orte die Last zu tragen habe. Dazu kam, daß man sich durch
die Abhängigkeit von den auswärts befindlichen Gewerkschaftsorganen
an freier Bewegung und rascher Ausnutzung augenblicklicher Vorteile
gehindert fühlte.

Aber auch abgesehen von diesen egoistischen Beweggründen hatten die
Lokalorganisationen zweifellos gewisse Vorzüge. In erster Linie fiel
bei ihnen die Schwierigkeit fort, daß sie sich nicht mit öffentlichen
Angelegenheiten beschäftigen durften, da dies nur in Frage kam, wenn
mehrere Vereine miteinander in Verbindung traten. Dadurch aber, daß man
politische Fragen in den Versammlungen behandeln durfte, erhielten
diese mehr Reiz und Anziehungskraft und gestatteten die Verwendung im
Sinne der sozialdemokratischen Agitation.

Dazu kommt, daß nicht allein die Opferwilligkeit für die dem Gebenden
aus unmittelbarer Nähe bekannten Aufgaben und Personen größer zu sein
pflegt, als für entfernte Kreise, und daß die Kontrolle und überhaupt
die Verwaltung sich erheblich vereinfachte. Machten die Anhänger
der Zentralorganisation geltend, daß nur sie die wichtige Aufgabe
der Wanderunterstützung zu erfüllen im stande seien, so wiesen dem
gegenüber die Vertreter der lokalen Vereine darauf hin, daß gerade
durch die Wanderunterstützung der Zuzug aus der Provinz in die großen
Städte erleichtert und so den Arbeitern der letzteren eine schwere
Konkurrenz geschaffen werde.


                F. Die Wirkung des Sozialistengesetzes.

Das »Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der
Sozialdemokratie« vom 21. Oktober 1878 war, wie der Titel sagt,
nicht bestimmt zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie als solche,
sondern gegen ihre »auf Umsturz gerichtete« Thätigkeit in
Vereinen, Versammlungen und der Presse, noch weniger aber gegen
die ganze Arbeiterbewegung und die aus derselben entspringenden
Interessenvertretungen. Machte dieser Grundgedanke in der Fassung
des Gesetzes einen noch so unklaren und der Auslegung der Behörden
weiten Spielraum lassenden Ausdruck gefunden haben, so kann man doch
von einer loyalen Handhabung, die bei der Beratung des Gesetzes im
Reichstage feierlich angelobt war, nicht mehr sprechen, wenn die
Anwendung der gegen die gedachten staatsumstürzenden Bestrebungen
gegebenen Machtmittel sich richtete gegen Bestrebungen, die, wie die
gewerkschaftlichen, sich grundsätzlich auf den Boden der bestehenden
Staats- und Wirtschaftsordnung stellten. Zweifellos giebt es für jene
staatsumstürzende Richtung, die allein auf dem Boden der Auffassung
erwachsen kann, daß die bestehende Ordnung in ihrer Grundlage verfehlt
und zu irgend welcher Besserung unfähig sei, keinen gefährlicheren
Feind, als Bestrebungen, die auf dem Boden eben dieser selben Ordnung
eine solche Besserung herbeizuführen und so den schlagendsten Beweis
für die Verkehrtheit jenes radikalen Ausgangspunktes zu liefern suchen.
Wir werden uns mit dem Verhältnisse der Gewerkschaftsbewegung zur
Sozialdemokratie an anderer Stelle[73] eingehender zu beschäftigen
haben und werden dort den Satz begründen: die Gewerkschaftsbewegung ist
der Todfeind der Sozialdemokratie. Daß also die zum Kampfe gegen die
letztere verpflichteten Behörden die erstere nicht, wie es natürlich
gewesen wäre, mit allen Mitteln unterstützten, war ein Beweis eines
unglaublich geringen Verständnisses auf sozialpolitischem Gebiete, wie
es uns allerdings bei dem dem realen Leben abgewandten Bureaukratismus
nicht wunder nehmen kann; daß man aber zwischen beiden einen
Unterschied gar nicht anerkannte, sondern alles, was auf Vertretung der
Arbeiterinteressen abzielte, mit den Waffen des Gesetzes bekämpfte,
läßt sich in der That nur so erklären, wie es ein sehr vorsichtiger
Beurteiler[74] thut mit den Worten: »Ist von staatlichen Organen doch
nur zu oft dann gerade in eine Bewegung einer Berufsvereinigung störend
eingegriffen worden, wo innerhalb der letzteren eine die spezifisch
gewerkschaftlichen Aufgaben ernst nehmende Richtung allgemach
die Oberhand über die große Zahl derer gewonnen hatte, denen die
Gewerkschaftsbewegung nur als Mittel zur Verfolgung politischer Ziele
gilt.« ... »Ohne tieferes Verständnis für die den Berufsorganisationen
bei der Weiterbildung unserer sozialen Verhältnisse zugefallene Rolle
waren manche Polizei- sowie andere Staatsbehörden bisher geneigt,
das Interesse der besitzenden Klasse und insbesondere dasjenige der
Arbeitgeber ohne weiteres mit dem der Gesamtheit zu identifizieren und
gegen die Fachvereinigungen der Arbeiter jedes nur irgend angängige
gesetzliche Hinderungsmittel in Anwendung zu bringen.«

  [73] In dem in Aussicht genommenen II. Bande. Vergl. Vorwort.

  [74] $Schmöle$ in dem eingangs angeführten Werke; Einleitung S. XVI.

Die Ausbreitung und die Leistungen der Gewerkschaften zur Zeit
des Erlasses des Sozialistengesetzes sind am besten zu ersehen
aus der im Jahre 1877 von dem Hamburger Buchhändler $Geib$ auf
privatem Wege aufgenommen und in Nr. 4 des »Pionier« vom 26. Januar
1878 veröffentlichten, neuerdings in dem »Korrespondenzblatt der
Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands« Nr. 30 von 1893
wieder abgedruckten $Statistik$. Nach dieser gab es damals 25
Gewerkschaften, welche zusammen mit 5 Lokalorganisationen 49055
Mitglieder in 1266 Ortsgruppen umfaßten; 18 derselben mit 22145
Personen zahlten einen Monatsbeitrag bis zu 40 Pf., nur 8 derselben
erhoben 60 Pf. oder darüber. Nach einer anderen Quelle[75] zählten
die Gewerkschaften damals 58000 Mitglieder in 29 Verbänden und 1300
Zweigvereinen mit 15 Gewerkschaftsblättern. Ueber die Ausbreitung
der lokalen Fachvereine fehlen alle Angaben, doch geht ihre nicht
geringe Bedeutung daraus hervor, daß auf dem von $York$ einberufenen
Erfurter Gewerkschaftskongresse von den insgesamt vertretenen 11358
Mitgliedern der Marx'schen Organisationen 6152 den internationalen
Gewerksgenossenschaften, dagegen 3768 lokalen Fachvereinen und 1438
freien Vereinigungen angehörten.

  [75] $Schmöle$ im Handw. d. Staatsw. I, S. 22.

Von den in der Geib'schen Statistik aufgezählten 25 Verbänden sind bis
zum Ende des Jahres 1878 nicht weniger als 16 der Auflösung zum Opfer
gefallen. Die meisten der übrigen lösten sich, um dem zu entgehen,
freiwillig auf. Auch die lokalen Fachvereine hatten größtenteils
dasselbe Schicksal. Die ganze Arbeiterbewegung, die politische wie
die gewerkschaftliche, schien zunächst vom Erdboden verschwunden. Daß
man selbst Verbände, wie die der Buchdrucker, die in ausgesprochenem
Gegensatze zu der Sozialdemokratie standen, nicht verschonte[76],
zeigte deutlich den Karakter des obrigkeitlichen Schreckensregimentes.

  [76] Vergl. unten.


          G. Wiederaufleben der gewerkschaftlichen Bewegung.

Lag es zunächst wie ein Bann auf der ganzen Arbeiterschaft, so
suchten doch die Führer möglichst eine Fühlung der Genossen aufrecht
zu erhalten und benutzten hierzu in erster Linie die Gründung von
$Fachblättern$, die sich anfangs ängstlich von jeder Berührung mit
allgemeinen oder gar politischen Angelegenheiten fern hielten,
deren Unterstützung aber trotzdem gerade mit dem Hinweise den
Arbeitern ans Herz gelegt wurde, daß sie den einzigen zunächst
möglichen Weg darstellten, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern.
Solche Organe entstanden schon fast unmittelbar nach der auf Grund
des Sozialistengesetzes erfolgten Unterdrückung der früheren
Gewerkschaftsblätter und politischen Zeitungen. So wurde schon 1878
das »Schuhmacherfachblatt«, 1879 die »Neue Tischlerzeitung«, der
»Schiffbauerbote« und das Organ der Tabakarbeiter »Der Gewerkschafter«
begründet. Bald bot die von der Regierung ins Leben gerufene soziale
Versicherungsgesetzgebung Stoff zur Besprechung, und insbesondere die
zugelassene Bildung freier Hülfskassen gab Anlaß, den ablehnenden
Standpunkt der Arbeiterschaft gegen die staatliche Bevormundung
zum Ausdrucke zu bringen. Hatte man doch die Bekämpfung der
Umsturzbestrebungen so weit ausgedehnt, daß selbst die im Jahre 1876
auf Grund des Hülfskassengesetzes errichtete »Zentral-, Kranken- und
Sterbekasse« verboten war, um der Arbeiterklasse das Gefühl völliger
Recht- und Schutzlosigkeit mit voller Klarheit zum Bewußtsein zu
bringen.

Auch einzelne Vereinigungen, die lediglich die Fachinteressen der
Beteiligten vertreten wollten, wagten sich unter dem Namen von
»Fachvereinen« ans Licht, obgleich sie es möglichst vermieden,
an die Oeffentlichkeit zu treten und vielmehr ihre Thätigkeit im
wesentlichen darauf beschränkten, arbeitslos gewordene Mitglieder
durch Wanderbeihülfen zu unterstützen, Krankenkassen, Herbergen und
Arbeitsnachweise zu errichten und ein Fachblatt herauszugeben.

Uebrigens war doch auch die durch die Botschaft vom 17. November 1881
eingeleitete Sozialpolitik, genau besehen, bereits eine Abweichung von
derjenigen des Sozialistengesetzes. Allerdings beschränkte sie die
Aufgabe des Staates auf eine möglichst bureaukratische Staatshülfe und
trat den Versuchen der Arbeiter, aus eigner Kraft für sich zu sorgen,
rücksichtslos entgegen. Aber immerhin war doch die Parole ausgegeben,
die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der
Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig
auf dem der $positiven Förderung des Wohles der Arbeiter$ zu suchen
und daß ein Anspruch der letzteren auf ein höheres Maß staatlicher
Fürsorge, als ihnen bisher zu teil geworden, in den Aufgaben eines
auf den sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens stehenden
Staates begründet sei. So bedauerlich es war, daß dieses Entgegenkommen
der staatlichen Gewalt von den Arbeitern schroff zurückgewiesen wurde,
indem man darin nur den Versuch sah, die selbständige Stellung ihrer
Klasse noch weiter herabzudrücken, so gab doch diese Haltung zugleich
den unbefangen Denkenden Anlaß zur Prüfung der Frage, ob nicht in der
That eine Hebung der Arbeiterklasse ohne deren eigene Beteiligung ein
verfehltes Unternehmen sein müsse.

Diesen Erwägungen und insbesondere dem Wunsche, das Mißtrauen der
Arbeiter zu bekämpfen und zwischen ihm und dem Königtume eine Brücke zu
schlagen, entsprang die von $Stöcker$, A. $Wagner$, $Henrici$ u. a. im
Jahre 1880 eingeleitete sog. $Berliner Bewegung$, die sich stützte auf
die Gründung einer eigenen $christlich-sozialen Partei$. An maßgebender
Stelle stand man zunächst dieser Bewegung nicht unsympathisch
gegenüber, und da sie nur auf dem Wege der Vereinsbildung und
öffentlicher Versammlungen wirken konnte, so ging damit eine freiere
Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechtes Hand in Hand.

Eine besondere Stellung nahm hierbei ein der damals vielgenannte
Vergolder $Ewald$, der im Anfang 1882 öffentlich mit dem Vorschlage
hervortrat, die Berliner Arbeiter möchten doch durch eine an den
Fürsten Bismarck zu entsendende Deputation oder eine an den Reichstag
gerichtete Petition ihre Wünsche und Beschwerden in loyaler Weise zum
Ausdruck bringen, einem Vorschlage, der auch in Regierungskreisen
Beifall fand. In einer auf den 31. März 1882 einberufenen Versammlung,
zu der die Vorstände der damals in Berlin bestehenden 18 Fachvereine
eingeladen und in der 9 derselben vertreten waren, wurde zur
Ausarbeitung des Petitionsentwurfes ein »$Generalkomitee der Berliner
Gewerkschaften$« eingesetzt, in das außer sieben Mitgliedern von
Fachvereinen auch zwei christlich-soziale Vertreter gewählt wurden.
Die Petition, über die man sich schließlich einigte, umfaßte die
bekannten Arbeiterschutzforderungen bezüglich der Sonntags-, Frauen-
und Kinderarbeit, Ueberwachung der Betriebe und Einführung eines
gesetzlichen Maximalarbeitstages von neun Stunden. Aber wichtiger,
als dieses formelle Ergebnis, war das durch diese Anregung und
die zahlreichen Versammlungen in die gewerkschaftliche Bewegung
hineingetragene neue Leben, dessen Bedeutung daraus ersichtlich ist,
daß die Zahl der $Fachvereine$ am Schlusse des Jahres 1883 von 18 auf
50 gestiegen war. Die Polizei ging schließlich freilich gegen $Ewald$
und das neugegründete Gewerkschaftskomitee mit Strafen und Schließung
vor, doch wurde die letztere von den Gerichten nicht bestätigt.

Die hierdurch gegebene Anregung wirkte im übrigen Deutschland fort.
Zunächst begannen solche Arbeiterklassen, die, wie die Buchdrucker,
stets im Gegensatze zur Sozialdemokratie gestanden und trotzdem die
Wucht des Sozialistengesetzes gefühlt hatten, eine neue Organisation
ins Leben zu rufen. Dann folgten andere, die sich in dem Verhältnisse
zur Sozialdemokratie einigermaßen neutral gehalten hatten, wie die
Hutmacher und Bildhauer, bis dann mit dem auf dem Tischlerkongresse
Weihnachten 1883 begründeten Zentralverbande der Tischler unter
dem Vorsitze von $Kloß$ eine Arbeiterschaft folgte, in der
sozialdemokratische Anschauungen unzweifelhaft vertreten waren. Den
Genannten folgten dann bis 1884 einschließlich nach: die Zimmerer, die
Manufakturarbeiter, die Schneider, die Steinmetzen, die Schuhmacher und
die Tabakarbeiter.

Als $Aufgaben$ bezeichnete man in den Statuten:
Arbeitslosenunterstützung, Reisegeld, unentgeltlichen Rechtsschutz,
Stellenvermittelung und im allgemeinen Erringung günstigerer
Arbeitsbedingungen auf gesetzlichem Wege. Am schwierigsten war die
Stellung zu Streiks; einzelne Verbände beschränkten die Unterstützung
auf Abwehrstreiks, andere schieden sie ganz aus oder überwiesen sie
besonderen Organisationen.

Gerade die Lohnbewegung führte dann noch zu einer Form der Verbindung,
die man nicht als eigentliche Organisation bezeichnen kann, die aber
praktisch große Bedeutung gewann. Bei einer Arbeitseinstellung mußte
es von äußerster Bedeutung sein, alle Berufsgenossen für dieselbe zu
gewinnen. Dies war nur möglich durch $allgemeine Versammlungen$, in
denen dann auch die betreffenden $Streik$- oder $Kontrollkommissionen$
gewählt und die bindenden Beschlüsse gefaßt wurden. Obgleich die
Aufgabe dieser Kommissionen zunächst auf einen einzelnen Streik
beschränkt war, behielten sie häufig doch ihre Funktionen als eine
allgemeine Leitung bei, indem sie nicht allein von Zeit zu Zeit je
nach Bedürfnis Versammlungen einberiefen, sondern auch regelmäßige
Sammlungen durch »Sammellisten« und »Quittungsmarken« in die Hand
nahmen, ja häufig erhielten die Kommissionsmitglieder sogar gewisse
Besoldungen, wogegen ihnen dauernde Aufgaben, wie die Kontrolle der
Werkstätten, Errichtung von Arbeitsnachweisen, Ausarbeitung von
Statistiken, übertragen wurden.

Eine ähnliche Stellung hatten die sog. $Vertrauensmänner$, die zuweilen
für eine bestimmte einzelne Aufgabe bestellt wurden, zuweilen aber auch
die vorbezeichnete Thätigkeit der Kommissionen übernahmen. Die eine
oder die andere Art dieser losen Organisation hat sich nach und nach
in fast allen den Berufen entwickelt, in denen man zu festeren Formen
nicht gelangte.

Nun haben offenbar beide Firmen der Organisation, die feste und die
lose, ihre Vorteile, und es ist das Verdienst des vielgenannten
Regierungsbaumeisters a. D. $Keßler$, daß er in einer Folge von
Nummern des von ihm herausgegebenen »Bauhandwerkers« (Februar und
März 1887) einen umfassenden Plan entwickelte, der es ermöglichen
sollte, beide miteinander zu kombinieren. Sein Grundgedanke ist
der, daß es gewisse Angelegenheiten gebe, auf deren Beeinflussung
nun einmal die Arbeiterschaft nicht verzichten könne, da sie ihre
wichtigsten Lebensinteressen berührten, wie insbesondere die Aufklärung
und Schulung der Mitglieder und die Beeinflussung der Gesetzgebung
im arbeiterfreundlichen Sinn, daß aber diese Angelegenheiten unter
den Begriff der politischen fielen, und da zu ihrer Besorgung feste
Verbände unentbehrlich seien, so ergebe sich daraus die notwendige
Folge, daß die Vereine auf Politik nicht verzichten könnten, dafür
aber davon absehen müßten, miteinander in Verbindung zu treten.
Andererseits ließen sich umgekehrt gewisse andere Aufgaben,
insbesondere die Durchführung von Lohnbewegungen, nur erreichen durch
gemeinsames Vorgehen der Gewerbsgenossen an verschiedenen Orten.
Daraus ergebe sich, daß eine Teilung der Geschäfte nötig sei, indem
neben die Vereine, die politischen Karakter haben müßten, $öffentliche
Generalversammlungen des ganzen Gewerbes$ träten, denen die Besorgung
aller derjenigen Angelegenheiten anheimfalle, die einen breiteren
Rahmen, als die Mitgliedschaft des Vereins, erforderten. Als Organe
dieser Generalversammlungen sollen endlich $Lohnkommissionen$ bestehen.
Diese werden allerdings in der Rechtsprechung ebenfalls als Vereine
betrachtet und dürfen deshalb sich nicht mit Politik beschäftigen,
können aber für nicht-politische Zwecke miteinander in Verbindung
treten.

So scharfsinnig der Gedanke ausgedacht war, so ist doch seine
Ausführung gescheitert, wobei wohl die Abneigung der Vereinsleiter,
sich einen wesentlichen Teil ihrer Befugnisse entziehen zu lassen,
mitgewirkt haben mag, doch liegt auch ein berechtigtes Bedenken in dem
Gesichtspunkte, daß der Plan die Bedeutung der festen Vereinsbildung
stark zurücktreten läßt, während doch gerade in ihr der beste Weg
gesehen werden muß, zu einer befriedigenden Gestaltung unserer sozialen
Verhältnisse zu gelangen.

Für die $Stellung der Verwaltungsbehörden$ gegenüber der
gewerkschaftlichen Bewegung ist karakteristisch der sogen.
$Puttkamer'sche Streikerlaß$ vom 11. April 1886. In demselben wird
zunächst die Unanfechtbarkeit des Koalitionsrechts und insbesondere
der aus § 152 der Gewerbeordnung sich ergebenden Befugnis zur
Arbeitseinstellung betont, dann aber ausgeführt, daß sich dies nur auf
solche Vereinigungen und Bestrebungen beziehe, bei denen die Erringung
besserer Arbeitsbedingungen in der That das eigentliche und wahre
Ziel sei, nicht aber auf solche, bei denen der Lohnkampf nicht Mittel
zur Erringung eines an sich legitimen Erfolges, sondern Selbstzweck
sei, indem es den Führern lediglich darauf ankomme, die nach ihren
falschen Theoremen mit Naturnotwendigkeit aus der heutigen Form des
Arbeitsverhältnisses sich ergebende Kluft zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern zu einer unüberbrückbaren zu erweitern, in den letzteren
den Haß gegen die Gesamtheit unserer politischen und gesellschaftlichen
Zustände anzufachen und zu unterhalten und so die Gemüter der ihren
Verführungskünsten anheimgefallenen Arbeitermassen allmählich auf einen
gewaltsamen Losbruch vorzubereiten. Arbeitseinstellungen, die unter
diese Gesichtspunkte fielen, von welchen also anzunehmen sei, daß sie
durch die sozialdemokratische Agitation vergiftet oder auch nur in
ihrem weiteren Fortgange der Leitung derselben verfallen, hätten ihren
$wirtschaftlichen$ Karakter abgestreift und seien zu $revolutionären$
Bestrebungen geworden, die unter das Gesetz vom 21. Oktober 1878 zu
stellen seien.

Hiernach war also jeder Streik verboten, bei dessen Leitung
sozialdemokratische Elemente beteiligt waren; es ist begreiflich, daß
damit die Thätigkeit der Gewerkschaften völlig lahm gelegt war.

Einen anderen Angriffspunkt entnahm man aus der
$Versicherungsgesetzgebung$, indem man die sämtlichen von den
Gewerkschaften eingerichteten Kassen für Versicherungen erklärte
und der für diese bestehenden staatlichen Aufsicht unterwarf. Die
Gewerkschaften suchten sich dem dadurch zu entziehen, daß sie durch
eine Aenderung der Statuten ausdrücklich den Mitgliedern jeden
Rechtsanspruch entzogen und die Gewährung von Unterstützung in
das freie Ermessen des Vorstandes stellten. Hierin sahen aber die
Behörden eine einfache Umgehung des Gesetzes und hielten auch in
solchen Fällen an dem Erfordernis der Genehmigung fest. Es liegt
auf der Hand, daß dies dem Gesetze zuwiderläuft, da der Grund der
staatlichen Ueberwachungspflicht lediglich in dem Zwecke beruht, die
Versicherten bei dem durch die Versicherung übernommenen Risiko zu
schützen, indem die Beurteilung der Sicherheit des Unternehmens und des
angemessenen Verhältnisses zwischen Prämie und Versicherungssumme für
das Verständnis der großen Masse zu schwierig ist. Dieser, und nicht
der Gesichtspunkt der Gefährdung der Staatssicherheit ist der Grund des
staatlichen Aufsichtsrechtes, das also nicht Platz greifen kann, wenn
die Beteiligten auf irgend welches Recht ausdrücklich verzichten oder
wenn auch nur die Gefahr einer Leistungsunfähigkeit der Kasse, wie es
bei bloßen Unterstützungen der Fall ist, nicht eintreten kann.

In Preußen suchte man außerdem noch die Bestimmungen des $Allgemeinen
Landrechts$ II, Tit. 6, § 2-21 über die erlaubten Gesellschaften
herbeizuziehen, indem man die Gewerkschaften unter diesen Begriff
stellte und dann das über sie zugelassene staatliche Aufsichtsrecht in
Anspruch nahm.

Endlich wurde kein Mittel unversucht gelassen, die verschiedenen
$Vereinsgesetze$ zur Bekämpfung aller gewerkschaftlichen Bestrebungen
heranzuziehen, indem man nicht allein jede Thätigkeit von mehreren
Menschen unter den Begriff des Vereins stellte, sondern zugleich den
Begriff der politischen Angelegenheiten so weit ausdehnte, daß neben
ihnen für gewerkschaftliche Aufgaben kaum noch irgend ein Raum blieb.

Erwiesen sich nun auch die $Gerichte$ diesen Bestrebungen gegenüber
teilweise ablehnend, so ist doch nicht zu verkennen, daß auch ihre
Urteilssprüche durch die allgemeine Stimmung beeinflußt wurden, so
daß $Schmöle$[77] das harte Urteil fällt, die Polizeibehörden und
die Mehrheit der Gerichte hätten der Ansicht Vorschub geleistet,
daß sie in ausschließlicher Parteinahme für die Interessen des
Unternehmertums vor keiner Beugung des Rechtes zurückschreckten, sobald
die Arbeiter die mindesten Anstalten träfen, sich einer weiteren
Verkümmerung ihrer Lebenshaltung zu erwehren oder eine günstigere
Gestaltung der Arbeitsverträge herbeizuführen. Diese Auffassung war
um so begreiflicher, als niemals etwas davon verlautet hat, daß man
die Vereinsgesetze auch einmal gegen Innungen, landwirtschaftliche
und Fabrikanten-Vereine angewendet hätte, obgleich diese sehr häufig
staatliche Maßnahmen in den Kreis ihrer Erörterungen zogen.

  [77] a. a. O. S. 144.

Ganz besonders unverständig war dabei die Bekämpfung des $Kassenwesens$
der Arbeiter, denn es ist klar, daß gerade hier ein konservativer Zug
liegt, der eine feste Verbindung mit der bestehenden Ordnung herstellt,
wie denn umgekehrt die radikale Richtung innerhalb der Sozialdemokratie
stets gerade gegen die »Kassensimpelei« ihre schärfsten Angriffe
gerichtet hat, indem sie behauptete, daß dadurch die Gewerkschaften
übertrieben ängstlich und vorsichtig gemacht würden. Als ein Uebel
konnten diese Kassen nur erscheinen von einem ganz engherzigen,
egoistischen Unternehmerstandpunkte, der die durch sie ermöglichte
Hebung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse grundsätzlich verwirft, um
in einer niedrig stehenden Masse jedes Widerstandes unfähige Sklaven
zu haben. Das Vorgehen der staatlichen Behörden hätte also nur Sinn
gehabt, wenn sie beabsichtigt hätten, sich auf diesen Standpunkt zu
stellen. Da hiervon keine Rede sein kann, so bleibt nur die auch von
$Schmöle$[78] gegebene Erklärung übrig, daß unter der damaligen
Zeitrichtung, die aber leider auch heute noch leider die weitaus
überwiegende ist, die meisten Angehörigen der oberen Klassen mit einem
unklaren Vorurteil auf alles herabsehen, was zu der Sozialdemokratie
in irgend welcher Beziehung steht und außerdem von dem Unterschiede
zwischen ihr und der Gewerkschaftsbewegung keine Spur eines
Verständnisses haben.

  [78] a. a. O. S. 151.

Offenbar mußte die Auffassung der Arbeiterschaft, daß ihr gegenüber
die staatlichen Behörden alle Mittel und Kniffe anwendeten, um sie
zu schädigen, ungemein verbitternd wirken, und es ist das Zeichen
eines fast unerklärlichen Vertrauens, wenn man dennoch stets an
der bestehenden Rechtsordnung festhielt und es versuchte, sich ihr
gegenüber so gut als möglich einzurichten.


                      H. Die neueste Entwicklung.

Nachdem durch Ablauf des Sozialistengesetzes die Bahn für eine
kräftigere Entwickelung des Gewerkschaftswesens frei gemacht war,
glaubte man vor allem auf die Schaffung einer $einheitlichen Leitung$
und $obersten Spitze$ bedacht sein zu sollen.

Man berief deshalb eine aus den Vertretern der einzelnen Vereinigungen
bestehende $Gewerkschaftskonferenz$ zusammen, die am 16. und 17.
November 1890 in Berlin tagte und als provisorischen Zentralausschuß
die $Generalkommission$ einsetzte mit dem Auftrage, einen allgemeinen
Gewerkschaftskongreß einzuberufen und eine $Vorlage für die
Organisation der deutschen Gewerkschaften$ auszuarbeiten. Daneben
sollte die Kommission den bestehenden Organisationen ihre Hülfe
gewähren, insbesondere alle Abwehrstreiks unterstützen und für die
Agitation zur weiteren Verbreitung der Organisation Sorge tragen.

Die Generalkommission, welche aus sieben Mitgliedern besteht, hat ihren
Sitz in Hamburg. Vorsitzender ist Reichstagsabgeordneter $Legien$.
Sie hat ausweislich ihres für die Zeit vom 17. November 1890 bis 1.
März 1892 erstatteten Berichtes sich zunächst mit einer $Statistik der
bestehenden Gewerkschaften$ beschäftigt, nach welcher im Jahre 1890
in Deutschland 53 Zentralvereine mit 3150 Zweigvereinen und 227733
Mitgliedern bestanden. Außerdem gab es fünf Organisationen nach dem
Vertrauensmännersystem mit 73467 Mitgliedern, so daß einschließlich der
lokalen Fachvereine die Gesamtzahl aller gewerkschaftlich organisierten
Arbeiter auf rund 350000 geschätzt wurde. Ein Versuch, eine gleiche
Statistik über die vorgekommenen $Streiks$ aufzustellen, ist an dem
mangelnden Entgegenkommen der bestehenden Vereinigungen gescheitert.
Dagegen hat die Kommission die ausgebrochenen Ausstände, soweit es sich
um Abwehrstreiks handelt, unterstützt. Dieser Karakter wurde von 37
angemeldeten Streiks bei 31 anerkannt und für diese insgesamt 184396
Mk. ausgegeben. Nach dem Beschlusse der Berliner Konferenz sollten
diese Auslagen von sämtlichen Gewerkschaften nach dem Verhältnis
ihrer Mitgliederzahl aufgebracht werden, da aber die Beiträge nicht in
ausreichendem Maße eingingen, so sah sich die Kommission gezwungen,
ein Anlehen von 106950 Mk. aufzunehmen, worüber sie nachher lebhafte
Vorwürfe zu hören gehabt hat.

Da sich übrigens die Ansicht geltend machte, daß die Kommission in der
Unterstützung von Ausständen zu freigebig sei, so wurden auf einer am
7. und 8. September 1891 in $Halberstadt$ abgehaltenen $Zusammenkunft
von Gewerkschaftsvertretern$ hierfür bestimmte einschränkende
Grundsätze aufgestellt.

Auch mit dem $Auslande$ suchte die Kommission Verbindungen anzuknüpfen,
insbesondere wurden zwei Mitglieder nach England geschickt, um von
den dortigen Gewerkschaften Unterstützung für die ausgebrochenen
Streiks zu erhalten. Der Erfolg war freilich nicht erheblich. Um für
den genannten Zweck im voraus größere Mittel bereit zu halten, wurden
Sammlungen für den sog. $Maifonds$ ausgeschrieben, indem man zu diesem
Zwecke am 1. Mai, dem durch den Pariser internationalen Arbeiterkongreß
1889 eingeführten allgemeinen Arbeiterfeiertage, gewisse Abzeichen
verkaufte. Aber auch hier entsprach der Erfolg nicht den Erwartungen,
und die eingegangenen Summen reichten nicht einmal aus, um das
aufgenommene Darlehen vollständig zurückzuzahlen. Endlich schuf sich
die Kommission in dem »Correspondenzblatte der Generalkommission
der Gewerkschaften Deutschlands« ein eigenes $Organ$, welches
nach Bedarf, regelmäßig aber wöchentlich in etwa 400 Exemplaren,
an die Vertrauensleute der Gewerkschaften und die Redaktionen der
Arbeiterzeitungen unentgeltlich versandt wird.

Um die endgültige Organisation zu schaffen, wurde dann der $erste$
»$Kongreß deutscher Gewerkschaften$« einberufen, der vom 14. bis 18.
März 1892 in $Halberstadt$ tagte und als Beginn eines neuen Abschnittes
in der Gewerkschaftsbewegung von der größten Bedeutung gewesen ist.

Der Schwerpunkt der Aufgabe bestand in der Schaffung einer
$einheitlichen Organisation$, und zwar handelte es sich dabei um
erheblich mehr als eine praktisch-formelle Frage, denn die Stellung
zu den vorgeschlagenen Formen war wesentlich beeinflußt durch die
prinzipielle Auffassung über Zweck und Wesen der Gewerkschaften. Nach
den weitaus meisten deutschen Vereinsgesetzen ist es Vereinen, die
sich mit öffentlichen Angelegenheiten, insbesondere mit Politik im
engeren Sinne befassen, verboten, mit anderen Vereinen gleicher Art
in der Weise in Verbindung zu treten, daß sie unter einem gemeinsamen
Organe vereinigt werden. Da nun eine solche Vereinigung für die rein
gewerkschaftlichen Aufgaben, also die Vertretung der Arbeiterinteressen
gegenüber den Unternehmern von dem höchsten Werte ist, so kann es für
diejenigen Gewerkschaften, die wirklich auf diesem Boden stehen,
keinem Zweifel unterliegen, daß sie diesen Verhältnissen Rechnung
tragen und zur Erreichung ihres Zweckes auf die politische Thätigkeit
verzichten müssen. Anders müssen sich dagegen diejenigen Vereinigungen
stellen, die umgekehrt die politischen Aufgaben als das Wesentliche
ansehen und die Maske der Gewerkschaft nur vorgebunden haben, um sich
dadurch leichter in den Arbeiterkreisen Eingang zu verschaffen.

Aber der Gegensatz greift noch tiefer, denn ob man die politische oder
die gewerkschaftliche Seite der Arbeiterbewegung als die wichtigere
ansehen soll, ist durchaus davon abhängig, ob man glaubt, mit den
Mitteln der gewerkschaftlichen Thätigkeit eine wesentliche Besserung
der Lage des Arbeiterstandes erreichen zu können, oder ob man der
Ansicht ist, daß dies ausgeschlossen und ein Erfolg lediglich durch
grundlegende Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse zu erzielen
sei, m. a. W. ob man sich grundsätzlich auf den Boden der bestehenden
Staats- und Gesellschaftsordnung stellt oder diesen verläßt. Wir
werden diesen Gedankengang an anderer Stelle noch eingehender zu
verfolgen haben, einstweilen wird das Gesagte ausreichen, um zu zeigen,
daß der Streit um die Organisation zugleich die Stellungnahme der
Gewerkschaften zu den Grundfragen der Arbeiterbewegung wiederspiegelt.

Auf dem Kongresse standen sich übrigens nicht 2 sondern 3 Gruppen und
Systeme gegenüber, indem die Vertreter der $zentralen Organisation$ in
2 Gruppen zerfielen, nämlich die Anhänger der $Branchenorganisation$
und der $Industrieverbände$. Die letzteren wollten zur Grundlage
der Organisation die Gliederung nicht nach Einzelberufen, sondern
nach ganzen Industrien machen, so daß z. B. nicht die Tischler,
Zimmerleute, Drechsler, Stellmacher u. s. w. je eine selbständige
Vereinigung, sondern alle Arbeiter der Holzindustrie einen gemeinsamen
Verband bilden sollten. Als Vorteil dieser Organisationsform, die
bis dahin insbesondere unter den Metallarbeitern bestand, wurde
die Kostenersparung geltend gemacht, indem es bei ihr insbesondere
möglich sein würde, die jetzt bestehenden 58 Gewerkschaftsblätter
auf 12 bis 15 zu beschränken. Von der Gegenseite wurde dem
entgegengehalten, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit in den
Berufs- oder Branchenorganisationen sich stärker entwickele, als in
den Industrieverbänden, und daß die Rücksicht auf diese Auffassung
der Verwischung der Grenze zwischen den einzelnen Berufen im Wege
stehe, daß diese Verbände außerdem nicht im stande sein würden,
den Verschiedenheiten der einzelnen Berufe, die sich z. B. darin
zeigten, daß die wöchentlichen Beiträge der Mitglieder zwischen
7-1/2 und 35 Pf. schwankten, ausreichend Rechnung zu tragen, und daß
deshalb der Industrieverband vielleicht für eine spätere Zukunft,
aber nicht für die Gegenwart die richtige Form sei. Die Anhänger
der Industrieverbände konnten die Thatsache des erwähnten engeren
Zusammengehörigkeitsgefühls innerhalb der einzelnen Gewerbe nicht
bestreiten, bekämpften sie aber als »Berufsdünkel« und »Kastengeist«,
den man ausrotten müsse und wollten ihm deshalb einen Einfluß auf die
Form der Organisation nicht zugestehen.

Neben den genannten 3 Organisationsformen wurde endlich noch von
einigen Seiten empfohlen, von der Bildung geschlossener Vereine
überhaupt abzusehen und sich mit dem $Vertrauensmännersystem$ zu
begnügen, und auf den Vorzug desselben als Brücke zu den nicht
organisierten Arbeitern hingewiesen, indem den letzteren Gelegenheit
geboten sei, bei öffentlichen, für alle Arbeiter des betreffenden
Gewerbes bestimmten Versammlungen sich an diesen zu beteiligen und
so die Gedanken der Arbeiterbewegung allmählich in sich aufzunehmen,
während Vereinsversammlungen sich auf die bereits zum Verständnis der
Notwendigkeit einer Organisation gelangten Arbeiter beschränkten.

Aber die Vertreter dieser Anschauung vermochten gegenüber den
offenbaren Vorteilen eines geregelten Vereinswesens nicht
durchzudringen, so daß man es auf dem Kongresse im wesentlichen mit den
Auseinandersetzungen zwischen den angeführten 3 Organisationsformen
zu thun hatte, und zwar stand im Vordergrunde des Interesses der
Gegensatz zwischen der $lokalen$ und der $zentralen Organisation$, da
es sich hier um die bereits bezeichnete prinzipielle Stellungnahme
handelte. Diese bildete denn auch den roten Faden in den von beiden
Seiten vorgebrachten Gründen. Die Vertreter der Lokalorganisation
sprachen ganz offen aus, daß man die Arbeiter nicht zu der Anschauung
bringen dürfe, als ob auf dem Boden der bestehenden Wirtschaftsordnung
eine wesentliche Besserung zu erreichen wäre, daß die Möglichkeit des
Erfolges und deshalb der Schwerpunkt der ganzen Arbeiterbewegung auf
$politischem Gebiete$ liege, daß die gewerkschaftliche Thätigkeit $nur
eine Vorschule$ bedeute und man deshalb, ohne das eigentliche Ziel
zu verlieren, nicht auf die Beschäftigung mit der Politik verzichten
könne, während ihnen von den Gegnern entgegengehalten wurde, daß der
Grundgedanke der ganzen Gewerkschaftsbewegung darin bestehe, das auf
dem Boden der bestehenden Verhältnisse Mögliche zu erreichen und sich
von politischer Thätigkeit völlig fern zu halten.

Die Generalkommission hatte sich für die Zentralorganisation
entschieden, und von Anfang an unterlag es keinem Zweifel, daß die
Vertreter der Lokalorganisation sich in erheblicher Minderheit
befanden, hatte doch die Berliner Gewerkschaftskonferenz sogar die
Frage offen gelassen, ob man ihnen überhaupt die Teilnahme an dem
Kongreß gestatten sollte. Diese wurde ihnen nun freilich durch
Beschluß des Kongresses eingeräumt, aber eine Reihe von Vereinigungen
hatte schon vorher durch Proteste ihre Teilnahme abgelehnt, und
nachdem nach einer 4 Sitzungen ausfüllenden Verhandlung, in der man
sich recht scharfe Dinge gesagt hatte, die von den Vertretern der
Lokalorganisation eingebrachte Resolution »mit bedeutender Mehrheit«,
wie der offizielle Bericht sagt, abgelehnt war, verließen diese mit
einer Protesterklärung den Kongreß.

So standen denn nur noch die Vertreter der Organisation nach $Berufen$
(Branchen) und $Industrieen$ sich gegenüber. Uebrigens wollten auch
die ersteren einen weiteren Zusammenschluß der Berufsverbände zu
sog. $Unionen$, und die Generalkommission, die den Standpunkt der
Berufsorganisation vertrat, hatte einen Entwurf vorgelegt, nach welchem
die verwandten Gewerkschaften zu solchen Unionen verbunden werden
sollten. Zwischen ihnen und den $Industrieverbänden$ bestand nur der
Unterschied, daß die ersteren die einzelnen Mitglieder zunächst zu
selbständigen Berufsgruppen vereinigen und erst diese Gruppen wiederum
zu den Unionen zusammenfassen, während die Industrieverbände jene
Zwischenstufe fallen lassen und die Mitglieder in einen $unmittelbaren$
Zusammenschluß bringen würden. Die $Union$ bedeutet allerdings eine
feste Organisation, welche die Zentralverbände der verwandten Berufe zu
einer höheren Einheit zusammenfaßt, aber diese läßt die Einzelverbände
doch als solche mit einer relativen Selbständigkeit bestehen, während
der $Industrieverband$ dieselben auflöst und sich an deren Stelle
setzt. Mitglieder der Union sind die Zentralverbände, Mitglied des
Industrieverbandes sind die einzelnen Arbeiter. Die letztere Form des
Zusammenschlusses ist deshalb die engere, sie schafft einerseits eine
größere Kraftkonzentration, setzt aber andererseits auch eine höhere
Stufe des Solidaritätsgefühls voraus und tritt dem »Kastengeiste und
Berufsdünkel«, über den auf dem Kongreß allseitig geklagt wurde, am
schärfsten entgegen.

Endlich wurde eine noch losere Verbindung der Berufsgruppen dahin
vorgeschlagen, daß dieselben sich nicht zu Unionen, also festen
Organisationen, vereinigen, sondern sich auf die Abschließung sog.
$Kartellverträge$ beschränken sollten, in denen lediglich für
gewisse gemeinsame Zwecke Vereinbarungen der im übrigen in ihrer
Selbständigkeit nicht beeinträchtigten Gewerkschaften getroffen würden.

Der Kongreß nahm mit 148 gegen 37 Stimmen eine von den
Holzarbeitern vorgeschlagene Resolution an, welche insofern einen
Mittelstandpunkt vertrat, als sie einerseits die völlige Vereinigung
zu $Industrieverbänden$ als letztes Ziel anerkennt und deren
Bildung schon jetzt überall da empfiehlt, wo die Verhältnisse es
zulassen, andererseits aber hinter die Unionen zurückgeht und sich
auf bloße $Kartellverträge$ beschränkt, indem »die Frage, ob die
späteren Vereinigungen der Berufsorganisationen zu Unionen oder
Industrieverbänden stattzufinden hat, der weiteren Entwickelung der
Organisationen infolge der Kartellverträge überlassen wird«. Das
$Vertrauensmännersystem$ soll nur da stattfinden, wo der zentralen
Organisation gesetzliche Hindernisse im Wege stehen.

Die $Generalkommission$ wurde als ständige Einrichtung beibehalten,
deren Thätigkeit aber insofern eingeschränkt, als sie sich künftig
mit der $Unterstützung von Ausständen$ nicht mehr zu befassen
haben soll, diese vielmehr zu einer Angelegenheit der einzelnen
Zentralorganisationen erklärt ist, wobei lediglich eine gegenseitige
Unterstützung auf Grund der Kartellverträge stattfinden soll. Der Grund
für diese Aenderung bestand in der Befürchtung, daß die einzelnen
Gewerkschaften in ungleicher Weise unterstützt werden möchten, je
nachdem in der Generalkommission die Interessen derselben vertreten
wären.

Um die letztere möglichst unabhängig zu stellen, wurde auch der von den
Metallarbeitern gemachte Vorschlag, an ihre Stelle einen aus je einem
Vertreter jeder Gewerkschaft bestehenden Gewerkschaftsrat mit einem von
diesem zu bildenden Exekutivausschusse von 5 Mitgliedern zu setzen,
abgelehnt und vielmehr beschlossen, daß die Generalkommission aus 7
Mitgliedern nebst 3 Ersatzmännern bestehen und auf dem jedesmaligen
Gewerkschaftskongreß gewählt werden soll. Als Sitz wurde Hamburg
beibehalten.

Die Aufgaben der Generalkommission bestehen

  1. in der Betreibung der $Agitation$;
  2. in der Führung einer einheitlichen $Gewerkschaftsstatistik$;
  3. in der $Streikstatistik$;
  4. in der Herausgabe eines $Blattes$, welches insbesondere die
     Verbindung sämtlicher Gewerkschaften unterhalten soll;
  5. in der Anknüpfung und Unterhaltung $internationaler Beziehungen$.

Jede zentralisierte Gewerkschaft hat für jedes Mitglied vierteljährlich
5 Pf. an die Generalkommission abzuführen; der von der letzteren
vorgeschlagene Satz von 10 Pf. wurde auf die Hälfte herabgesetzt,
nachdem man die Streikunterstützung gestrichen hatte. Gewerkschaften,
welche ihre Beiträge nicht zahlen, verlieren Sitz und Stimme auf
dem Gewerkschaftskongreß. Dieser ist von der Generalkommission
unter Zustimmung der Mehrheit der Zentralvorstände einzuberufen.
Den einzelnen Verbänden ist die Erhöhung der Mitgliederbeiträge zur
Ansammlung ausreichender Fonds zur Pflicht gemacht.

Als Gegenstände der $Kartellverträge$ sind empfohlen:

  1. die gegenseitige Unterstützung bei Ausständen und Aussperrungen;
  2. die gegenseitige Unterstützung reisender Mitglieder;
  3. die gemeinschaftliche Betreibung der Agitation;
  4. die gemeinschaftliche Veranstaltung statistischer Erhebungen;
  5. die Zentralisierung von Herbergen und Arbeitsnachweisen;
  6. die Schaffung eines gemeinsamen Organes;
  7. die Erleichterung des Uebertrittes von einer Organisation in die
     andere, insbesondere ohne Eintrittsgeld bei Ortswechsel.

Von den übrigen Beschlüssen des Kongresses ist noch folgendes
hervorzuheben:

Die der bisherigen Generalkommission gemachten Vorwürfe richteten
sich vorzugsweise gegen die Aufnahme des Darlehns von 106950 Mk.
und die Verwendung der Mai-Sammlungen zu dessen Deckung, gegen die
Begünstigung der Hamburger Gewerkschaften, insbesondere die zu weit
gehende Unterstützung des dortigen Tabakarbeiterausstandes, gegen die
Herausgabe des »Korrespondenzblattes« und die unzureichende Pflege der
internationalen Beziehungen. Es gelang jedoch den Mitgliedern, diese
Vorwürfe, die vorzugsweise von der grundsätzlichen Opposition, nämlich
den Vertretern der Lokalorganisationen, ausgingen, im wesentlichen zu
widerlegen und einem Tadelsvotum zu entgehen.

Hinsichtlich der $weiblichen Arbeiter$, von denen eine Vertreterin in
die Generalkommission aufgenommen wurde, beschloß man, den bestehenden
Organisationen zu empfehlen, auch Frauen als gleichberechtigte
Mitglieder aufzunehmen und von der Bildung besonderer Gewerkschaften
für Arbeiterinnen abzusehen.

Die bisher schon übliche Einrichtung der $Kontrollmarken$, d. h.
eines an den Fabrikaten angebrachten Zeichens dafür, daß der
Fabrikant in seinem Geschäfte die von den Gewerkschaften geforderten
Arbeitsbedingungen eingeführt habe, ohne welches die Arbeiter die Ware
nicht kaufen dürfen, wurde ohne Debatte zur allgemeinen Nachahmung
empfohlen.

Ebenso fand einstimmige Annahme eine Resolution, welche die Forderung
möglichster $Beseitigung der Akkordarbeit$ mit der Begründung erhebt,
daß dadurch die Erreichung eines Maximalarbeitstages und eines für alle
Arbeiter gleichen oder wenigstens eines Minimallohnes vorbereitet werde.

Die große Streitfrage, ob die bei Gelegenheit der $Maifeier$
aufkommenden Gelder der politischen oder der gewerkschaftlichen
Bewegung zufließen sollten, wurde dahin erledigt, daß von einer
allgemeinen Maisammlung für gewerkschaftliche Zwecke Abstand genommen,
den einzelnen Orten und Gewerben aber überlassen wurde, in ihren
Kreisen Sammlungen zu veranstalten.

Um das $Defizit der Generalkommission$, das insbesondere durch
Unterstützung des Buchdruckerausstandes herbeigeführt war, zu decken,
wurde eine freiwillige Sammlung durch Ausgabe von 10-Pf.-Marken
beschlossen.

Von der _American Federation of Labor_ war an den Kongreß der Vorschlag
gerichtet, den bei Gelegenheit der Weltausstellung in Chicago zu
veranstaltenden internationalen Kongreß durch Delegierte zu beschicken.
Man beschloß jedoch mit Rücksicht auf die damit verbundenen
erheblichen Kosten hiervon abzusehen.

Das $Ergebnis$ dieses ersten Deutschen Gewerkschaftskongresses
können wir kurz dahin zusammenfassen, daß die $Organisationsfrage$
zu einem vorläufigen Abschlusse gelangt ist, und zwar im Sinne der
$Zentralisation$. Allerdings giebt es auch künftig noch lokale
Vereinigungen, aber dieselben werden seitens des Gewerkschaftsverbandes
nur dann anerkannt, wenn für sie ein Zentralverband nicht besteht.
Diese Zentralverbände, welche nach Gewerben (Berufen, Branchen)
abgegrenzt sind, bilden die Einheit und die Grundform der Organisation,
aber dieselben gliedern sich einerseits nach unten zu örtlichen
Zweigvereinen und suchen andererseits untereinander einen weiteren
Zusammenschluß anzubahnen.

Der Kongreß hat, wie mitgeteilt, den Industrieverband in erster Linie
empfohlen, und demgemäß sind seitdem außer dem Metallarbeiterverbande,
der bereits bestand, noch ferner der »Verband der Deutschen
Holzarbeiter« auf dem ersten Holzarbeiterkongresse, der vom 4. bis
7. April 1893 in Kassel tagte, und der »Verband der Lederarbeiter
Deutschlands« ins Leben getreten, indem die am 2./3. April 1893 in
Altona abgehaltene Generalversammlung des Zentralvereins Deutscher
Gerber und Lederzurichter dem von dem Deutschen Weißgerberverbande in
seiner Generalversammlung vom 8. August 1892 in Altenburg gefaßten
Beschlusse beitrat.

Während es sich bei diesen Formen um Verbindungen der
Zentralorganisationen handelt, hat man dem Zwecke der gegenseitigen
Annäherung und Unterstützung außerdem, entsprechend dem
Kongreßbeschlusse, durch $Kartelle$ unter den lokalen Vereinen
Rechnung getragen, indem die am Orte vertretenen Gruppen der einzelnen
Berufe je nach ihrer Stärke Delegierte wählen, welche zusammen das
$Kartell$ bilden, das seinerseits einen Vorstand unter dem Namen
einer »$Kartellkommission$« wählt. Hierbei hatte man aber sich mit
der Vereinsgesetzgebung auseinander zu setzen, welche einerseits
für politische Vereine die gegenseitige Verbindung verbietet
und andererseits für alle Vereine, die sich mit öffentlichen
Angelegenheiten beschäftigen, die Einreichung der Statuten und der
Mitgliederliste sowie aller Veränderungen derselben vorschreibt.
Zur Umgehung dieser Schwierigkeit benutzt man zwei Wege. Der $eine$
ist der, daß man die Delegierten von den einzelnen Vereinen in der
Weise wählen läßt, daß sie lediglich als Vertreter dieser Vereine
auftreten, nicht aber selbst einen Verein bilden; aber dann ist die
Einrichtung eine Verbindung der Vereine untereinander, und es muß dann
die Politik ausgeschlossen werden. Der $andere$ Weg besteht darin, daß
man die Delegierten nicht von den Vereinen, sondern in öffentlichen
Versammlungen der betreffenden Berufsgenossen wählen läßt, dann ist
von einer Verbindung von Vereinen nicht die Rede, das Kartell darf
sich mit Politik beschäftigen, ist aber nun seinerseits ein Verein,
der Statut und Mitgliederliste einreichen muß. Die Generalkommission
hat für beide Formen Musterstatute ausgearbeitet und bekannt gemacht,
ja denselben noch eine dritte Form hinzugefügt, nach welcher die in
öffentlichen Versammlungen gewählten Delegierten sich gar nicht als
Verein organisieren, sondern wenn sie beraten wollen, hierfür eine
öffentliche Versammlung einberufen; in diesem Falle besteht dann auch
keine Kartellkommission, sondern es wird lediglich ein Vertrauensmann
mit weitgehenden Befugnissen gewählt. Es muß dahingestellt bleiben,
ob diese dritte Form wirklich den beabsichtigten Zweck erreicht,
jedenfalls wird sie als ganz lose Verbindung der Berufsgenossen ihrer
Hauptaufgabe nur in unvollkommener Weise gerecht.

Die Thätigkeit der $Kartelle$ ist in dem Kongreßbeschlusse im
allgemeinen bezeichnet. Der Schwerpunkt liegt in der Regelung der
$Streiks$. Diese werden von dem Kartell nur dann unterstützt, wenn
sie von dem Zentralverbande des betreffenden Berufes oder in dessen
Ermangelung von der Kartellkommission gebilligt sind. $Boykotts$
können nur von dem Kartell mit zwei Drittel Mehrheit beschlossen
werden. Regelmäßig soll die Kartellkommission vorher eine gütliche
Verständigung mit den Arbeitgebern versuchen. Zur Deckung der Ausgaben
sind für jedes Mitglied vierteljährlich 5 Pf. in die Kartellkasse
einzuzahlen. Aus derselben werden die Kosten der Agitation, des
Herbergswesens, des Arbeitsnachweises, der Statistik u. s. w.,
nicht aber diejenigen der Streiks bestritten, hierfür sind vielmehr
freiwillige Sammlungen zu veranstalten; mit drei Viertel Mehrheit darf
das Kartell auch die Aufnahme von Darlehen beschließen.

In neuerer Zeit ist den Gewerkschaften durch eine Aenderung der
Rechtsprechung in Preußen eine erhebliche Schwierigkeit erwachsen.
Bisher hatte man, um der polizeilichen Aufsicht zu entgehen, von
der Bildung eigentlicher Zweigvereine abgesehen, alle Mitglieder
gehören unmittelbar dem Zentralverbande an, und an den einzelnen
Orten bestehen lediglich »Zahlstellen« zur Einsammlung der Beiträge,
Annahme von Mitgliederanmeldungen und Verteilung der Fachzeitschrift.
Der Gedankenaustausch wird in öffentlichen, nicht auf die Mitglieder
beschränkten Versammlungen vorgenommen. Nun hat jedoch das
Kammergericht durch Entscheidung vom 3. Oktober 1892 ausgesprochen, daß
diese Zahlstellen als Vereine anzusehen seien. Dadurch ist, solange die
Politik fern gehalten wird, eine Schwierigkeit für die Verbindung mit
der Zentralleitung einstweilen noch nicht geschaffen, wohl aber ist die
polizeiliche Anmeldung der Mitglieder erforderlich.

Eine Wiederholung des in Halberstadt abgehaltenen
Gewerkschaftskongresses in Zwischenräumen von etwa 3 Jahren lag
wohl von Anfang an in der Absicht der Generalkommission, ging doch
deren Ziel zweifellos auf einen selbstständigen organischen Ausbau
des Gewerkschaftsverbandes neben dem Verbande der politischen
Partei. Aber hatte die letztere schon den Halberstädter Kongreß mit
offen kundgegebenem Mißtrauen empfangen, so trat diese Abneigung
noch entschiedener hervor, als es sich darum handelte, durch eine
Wiederholung den Weg der Erhebung der Kongresse zu einer ständigen
Einrichtung zu betreten. Man benutzte deshalb Andeutungen über
gewisse »dunkele Pläne«, die angeblich von der Generalkommission
verfolgt würden und auf die unten zurückzukommen sein wird, um die
Gewerkschaften gegen ihre Leitung aufzuhetzen, indem der »Vorwärts«
einen Artikel des »Handschuhmacher«, der von Plänen sprach, die geheim
gehalten werden müßten, aber geeignet wären, eine Zersplitterung in
der Arbeiterbewegung herbeizuführen, abdruckte und die Frage stellte:
»Was geht vor?« Der Zweck wurde auch insofern erreicht, als die
Generalkommission nach einer Umfrage bei den Zentralvorständen ihren
Plan für das Jahr 1895 fallen ließ. Die Folge dieser Aufhetzung war
dann ferner, daß sowohl die Hutmacher als auch die Tabakarbeiter
beschlossen, ihre Beitragsleistung an die Generalkommission
einzustellen. Von den Tabakarbeitern war dies um so rücksichtsloser,
als gerade das zu ihrer Unterstützung von der Generalkommission
aufgenommene Darlehen von 106950 Mk. den Hauptgrund der gegen diese
erhobenen Vorwürfe bildete.

Für das Jahr 1896 dagegen wurde die Absicht, einen Kongreß in Berlin
und zwar am 4. Mai abzuhalten, von der Generalkommission bereits
am 25. November 1895 bekannt gegeben. Dabei wurde der Vorschlag
gemacht, auch die Delegierten derjenigen Zentralverbände, die
keine Beiträge an die Generalkommission gezahlt hätten, sowie die
Handelsangestellten, Handelshülfsarbeiter und Gastwirtsgehülfen und
endlich Lokalorganisationen derjenigen Berufe zuzulassen, für welche
Zentralverbände nicht bestehen. Diese Vorschläge wurden angenommen.
Die Generalkommission hatte sich an das Gewerkschaftskartell in
Berlin mit dem Antrage gewandt, die Vorbereitung für den Kongreß
zu übernehmen, doch war dies, wie zu erwarten, abgelehnt, da in
Berlin die Lokalorganisationen überwiegen. So mußte von den Berliner
Zentralorganisationen ein besonderes Lokalkomitee gebildet werden, um
die Vorarbeiten zu erledigen.

Vom 4. bis 8. Mai 1896 hat nun der »$zweite Kongreß der Gewerkschaften
Deutschlands$« in Berlin stattgefunden. Auf demselben waren 48
Zentralorganisationen durch 129 Abgeordnete, 6 lokal organisierte
Verbände durch 8 Abgeordnete und 11 Zweigvereine der Tabakarbeiter
durch 2 Abgeordnete, insgesamt 271141 Mitglieder durch 139 Abgeordnete
vertreten. Die Hutmacher und Tabakarbeiter fehlten, letztere mit
Ausnahme der 11 Zweigvereine.

Aus dem vom Vorsitzenden $Legien$ erstatteten Berichte ist folgendes
hervorzuheben.

Seit dem Halberstädter Kongresse sind eine Anzahl Organisationen
gebildet, die sich später wieder aufgelöst haben, nämlich die
Fabrikarbeiterinnen, die Näherinnen, die Porzellan- und Glasmaler
und die Posamentiere. Der Zentralverein der Frauen und Mädchen
wird nach Aenderung seiner Statuten nicht mehr als Gewerkschaft
betrachtet. Dagegen ist der 1891 aus dem Hirsch-Duncker'schen
Verbande ausgeschiedene Gewerkverein der Porzellanarbeiter, dessen
Mitgliederzahl sich seitdem von 4000 auf 7300 gehoben hat, dem
Verbande der Gewerkschaften am 1. Januar 1893 beigetreten. Die
Weißgerber und die Lohgerber haben sich Anfang 1893 zu einem Verbande
der Lederarbeiter vereinigt. Am 1. April 1894 haben die Maler
ihren Anschluß an die Generalkommission erklärt. Die Agitation ist
hauptsächlich auf die östlichen Provinzen Preußens gerichtet, wo
Organisationen mit insgesamt 2168 Mitgliedern gegründet sind. Dagegen
ist die Agitation unter den Lippe'schen Zieglern erfolglos geblieben;
ein ins Leben gerufener Verband hat sich wieder aufgelöst.

Ueber die zur Kenntnis der Generalkommission gelangten Streiks giebt
der Bericht folgende Tabelle.

  Spaltenüberschriften:
  A = Anzahl der Gewerbe, in denen Streiks vorkamen
  B = Anzahl der Streiks
  C = Zahl der beteiligten Personen
  D = Dauer des Streiks in Wochen

  ===================================================
   $Jahr$  |  A |  B  |   C   |   D  | Gesamtausgabe
  =========+====+=====+=======+======+===============
   1890/91 | 27 | 226 | 38536 | 1348 |  2094922 Mk.
   1892    | 21 |  73 |  3022 |  507 |    84638  "
   1893    | 26 | 116 |  9356 |  568 |   172001  "
   1894    | 27 | 131 |  7328 |  879 |   354297  "

Der Bericht schätzt, daß zu diesen Zahlen noch etwa 6000 Streikende und
900000 Mk. Ausgabe hinzukommen, sodaß in den 5 Jahren 64000 Personen
mit einer Gesamtausgabe von 3600000 Mk. an Streiks beteiligt waren.

Das Korrespondenzblatt erscheint in einer Auflage von 5300. Außerdem
sind verschiedene Agitationsschriften vertrieben.

Der Bericht erwähnt, daß ein Vertreter der Generalkommission an dem
vom Freien deutschen Hochstift einberufenen am 8. Oktober 1893 in
Frankfurt a. M. abgehaltenen Sozialen Kongreß zur Beratung der Frage
der Arbeitslosigkeit und Arbeitsvermittelung teilgenommen, daß man es
aber abgelehnt habe, sich bei der Einladung zu einer Konferenz der
bei der Arbeitsvermittelung praktisch thätigen Personen im März 1894
beteiligen.

Auch die internationalen Beziehungen sind gepflegt. Mit der
Gewerkschaftskommission in Oesterreich, dem Schweizerischen
Gewerkschaftsbunde, der _Fédération nationale des Bourses du travail_
in Paris und den _Syndicats et groupes corporatifs de France_ in
Troyes, mit dem _Board of Trade_ und dem _Trades Union Congress
Parliamentary Committee_ in England, der _American Federation of Labor_
sind Nachrichten ausgetauscht, zu den Kongressen der österreichischen
Gewerkschaften und des schweizerischen Gewerkschaftsbundes wurden
Vertreter geschickt.

Der in dem Berichte vorherrschende Grundzug einer gewissen Resignation
tritt besonders hervor in den Schlußworten: »Arbeitsfreudigkeit
und thätiges Eingreifen in alle die Gewerkschaften berührenden
Angelegenheiten wird nicht erzeugt, wenn zu befürchten steht, daß
diese oder jene Unternehmung auf Widerstand stoßen und neue Angriffe
hervorrufen wird. Nur durch einmütiges Zusammenwirken aller denselben
Ziele Zustrebenden kann Großes erreicht werden.«

Der Schwerpunkt der Verhandlungen lag in den gegen die
Generalkommission und ihre bisherige Wirksamkeit gerichteten und auf
ihre Beseitigung abzielenden Angriffen, in denen sich teils allgemeine
Oppositionslust und Partikularismus, teils die Anschauung geltend
macht, daß die Generalkommission auf eine gegnerische Stellung der
Gewerkschaften zu der politischen Partei hin arbeite. Träger der
Opposition waren insbesondere die Metallarbeiter, die einfach die
Aufhebung der Generalkommission beantragten. Andere Anträge bezweckten,
sie durch einen bloßen Generalsekretär oder einen aus den Vorsitzenden
der einzelnen Gewerkschaften bestehenden Verein (Gewerkschaftsbund) zu
ersetzen, oder nur die Beiträge zu ermäßigen. Umgekehrt wurde auch die
Wiederausdehnung der Thätigkeit der Generalkommission auf das ihr in
Halberstadt entzogene Gebiet der Streikunterstützung und eine Erhöhung
der Beiträge beantragt.

Die Angriffe richteten sich in erster Linie gegen die bereits
erwähnten »dunklen Pläne«. Der Hauptwortführer der Opposition,
$Schlicke$-Stuttgart, äußerte: »Ich kann die Entrüstung der einzelnen
Gewerkschaften sehr wohl begreifen. In der Generalkommission glaubt
man jetzt das Gegengewicht gegen den Parteivorstand zu besitzen, dem
die Gewerkschaftsbewegung ein Dorn im Auge sein soll.« Daneben wurde
geltend gemacht, die Kommission habe nichts geleistet; die Statistik
sei bei dem gegenwärtigen Stande der Bewegung nur von zweifelhaftem
Werte; die Kosten des Korrespondenzblattes von jährlich 14000 M. seien
überflüssig; nötig sei vor allem eine Verschmelzung der kleineren
Organisationen mit größeren, während gerade die Generalkommission den
»Kastendünkel« Vorschub geleistet habe.

Der Vorsitzende $Legien$ erklärte, die viel besprochenen »dunklen
Pläne« seien lediglich dahin gegangen, neben dem Kongresse der
Gewerkschaften einen solchen von dem Lokalkomitee des Kongreßortes
einberufen zu lassen, zu dem die Vertreter in öffentlichen
Versammlungen gewählt würden. Dieser Kongreß habe sich mit den
Fragen der Vereinsgesetzgebung, den Arbeiterschutzgesetzen, der
Fabrikinspektion u. s. w. beschäftigen sollen. Dieser Plan sei den 300
Vorstandsmitgliedern der Gewerkschaften bekannt gewesen, also durchaus
nicht geheim gehalten, auch der »Vorwärts« habe nicht, um ihn zu
erfahren, eine öffentliche Anfrage nötig gehabt, sondern, da ebensowohl
seine Redakteure wie 2 Mitglieder der Generalkommission im Reichstage
säßen, sich nur bei diesen zu erkundigen brauchen. Wenn man übrigens
der Kommission die Mittel beschneide und sie so wenig unterstütze, so
sei es unberechtigt, sich gleichzeitig über ihre zu geringe Wirksamkeit
zu beklagen.

Auch von anderen Seiten wurden die Angriffe scharf abgewiesen und die
Kommission energisch verteidigt. $Faber$ (Goldarbeiter) erklärte,
ein Gegensatz zwischen Partei und Gewerkschaftsbewegung bestehe
nicht, der Streit zwischen $Auer$ und $Legien$ gehe nur diese beiden
persönlich an. $Fricke$ (Maler) meinte, $Legien$ hätte $Auer$ ganz
anders abführen sollen für seine Liebenswürdigkeiten. $Lehrich$ (Maler)
will für die Gewerkschaften eine Spitze haben, die es verhindert,
daß die Gewerkschaften zum politischen Hausknecht degradiert werden;
wenn beschlossen werden sollte, daß der politische Weg eingeschlagen
werde, so seien sowohl die Generalkommission als die Zentralverbände
überflüssig. Besonders die Buchdrucker stellten sich auf diese Seite.
Ihre Redner, $Massini$ und $Döblin$, erklärten: »Wir Gewerkschaften
dürfen keineswegs unter die Botmäßigkeit der Partei kommen; wir sind
ein souveränes Volk und brauchen keinen Rat und keine Bevormundung
von anderer Seite.« »Von der politischen Partei dürfen wir uns nicht
abhängig machen, und es wäre schon ein Erfolg, wenn man im politischen
Lager die Berechtigung der Gewerkschaftsbewegung voll anerkennen
würde.« $Massini$ äußerte auch: »Ich habe nicht viel im Sinn mit der
Internationalität; deshalb lege ich auch keinen so großen Wert auf die
Anknüpfung internationaler Beziehungen.«

Der Erfolg der zweitägigen zum Teil recht erregten Verhandlungen war,
daß auch die Gegner der Kommission, nachdem sie ihrem Aerger Luft
gemacht hatten, friedlicher wurden und selbst die Notwendigkeit einer
Zusammenfassung betonten. Es war logisch berechtigt und taktisch
geschickt, daß man zunächst über die Grundfrage abstimmte, ob man
überhaupt prinzipiell eine zusammenschließende Vertretung sämtlicher
Gewerkschaften wolle. Nachdem diese Frage durch 133 Vertreter von
262926[79] Mitgliedern gegen 5 Vertreter von 8215 Mitgliedern
bejaht war, handelte es sich ferner um die weitere Ausgestaltung,
insbesondere die Befugnisse des Zentralorganes. Der Antrag der
Generalkommission auf Errichtung eines $gemeinsamen Streikfonds$
wurde mit 104 gegen 18 Stimmen abgelehnt, darauf aber der Antrag, die
zu bildende Zusammenfassung »Gewerkschaftsausschuß« zu nennen, mit
Stimmengleichheit abgelehnt und die Bezeichnung »$Generalkommission$«
beibehalten.

  [79] Nach Hinzurechnung der Stimmen der Bäcker, deren Vertreter bei der
       Abstimmung fehlte, aber nachträglich für den Antrag stimmte.

Die Organisation und Aufgabe derselben ergiebt sich aus folgender vom
Kongresse angenommene Resolution:

»Der Gewerkschaftskongreß wählt eine aus 5 Mitgliedern bestehende
Generalkommission. Zur Unterstützung derselben werden von den
Zentralvorständen der Gewerkschaften, die am Sitze der Kommission
eine Verwaltungsstelle haben und regelmäßige Beiträge an den Ausschuß
zahlen, je ein Vertreter ernannt. Die Zuziehung dieser Vertreter zu
den Versammlungen der Kommission hat nach Bedarf mindestens aber
allvierteljährlich einmal zu erfolgen. Am Anfang einer Geschäftsperiode
der Generalkommission sind in einer gemeinsamen Sitzung eine
Geschäftsordnung für die Generalkommission, die Verteilung der Aemter
und eventuelle Besoldungen und Remunerationen festzusetzen. Auch die
berechtigten Lokalorganisationen haben Stimme in der obenbezeichneten
Vertretung.

Die Aufgaben der Generalkommission sind:

1. Die gewerkschaftliche Agitation namentlich in denjenigen Gegenden,
Industrien und Berufen, deren Arbeiter nicht oder nicht genügend
organisiert sind, zu fördern und den Zusammenschluß der kleinen
Verbände und Lokalorganisationen zu Industrieverbänden anzustreben.

2. Die von den Gewerkschaften aufgenommenen Statistiken, soweit sie
allgemeines Interesse haben, zusammenzustellen und solche über Stärke,
Leistungen und Entwickelung der Gewerkschaften, sowie solche über
sämtliche Streiks selbstständig aufzunehmen.

3. Das »Korrespondenzblatt« erscheint in der bisherigen Weise weiter.
Es soll den Vorständen der Gewerkschaften, den Vorsitzenden der
Gewerkschaftskartelle, den Vorsitzenden der Agitationskomitees und
der Parteipresse unentgeltlich übersandt werden. Kurze, wichtige
Publikationen sollen allen Gewerkschaftsblättern zum Abdruck zugehen.

(Anträge auf Vergrößerung des »Korrespondenzblatt« wurden
abgelehnt. Ebenso fiel der Antrag der Kommission, welcher den
Buchdrucker-»Korrespondent« als Publikationsorgan vorschlug.)

4. Die Generalkommission hat internationale Beziehungen zu den
Gewerkschaften anderer Länder zu pflegen.

5. Die Generalkommission hat die allgemeinen deutschen
Gewerkschaftskongresse einzuberufen und die hierzu nötigen Vorarbeiten
zu erledigen.

Diese Kongresse sind nach Bedürfnis, mindestens jedoch alle drei Jahre
einzuberufen.

Zur Teilnahme an diesen Kongressen sind sämtliche Zentralorganisationen
und Lokalorganisationen berechtigt, die verhindert sind, sich zentral
zu organisieren. In Zweifelsfällen entscheidet die Gesamtkommission.
Ausgeschlossen von der Teilnahme an den Kongressen sind alle
Gewerkschaften, welche ohne genügende Entschuldigung mit drei
Quartalsbeiträgen im Rückstande sind.

Auf Antrag der Hälfte der bei der Generalkommission beteiligten
Gewerkschaften ist die Generalkommission verpflichtet, einen Kongreß
einzuberufen.

Die Kommission kann zu denjenigen Berufskongressen, wo es nötig
erscheint, einen Vertreter entsenden.

Die Gewerkschaften sind berechtigt, für je 3000 Mitglieder einen
Delegierten zu wählen. Die Zahl der Delegierten einer Gewerkschaft
darf 6 nicht überschreiten. Kleinere Gewerkschaften wählen einen
Delegierten. Wichtige Anträge entscheidet die Zahl der durch die
Delegierten vertretenen Mitglieder.«

Die Annahme dieser Anträge erfolgte mit 86 gegen 43 Stimmen (152763
gegen 99738 Mitglieder). Darauf drohte jedoch ein großer Streit,
indem die beiden großen Verbände der Holzarbeiter und Metallarbeiter
erklärten, wegen der durch Beschränkung der Vertreterzahl auf sechs
ihnen zugefügten Benachteiligung auf die Vertretung in der Kommission
ganz zu verzichten; derselbe wurde dadurch beigelegt, daß man diese
Bestimmung mit 79 gegen 29 Stimmen wieder beseitigte. Das Verhältnis
bei der nunmehr vorgenommenen neuen Abstimmung war, daß die Resolution
von 113 Vertretern von 214502 Mitgliedern gegen 16 Vertreter von 37999
Mitgliedern angenommen wurde.

Auch Hamburg wurde gegen mehrfachen Widerspruch wieder als Sitz der
Kommission bestimmt und $Legien$ als Vorsitzender wiedergewählt.
Dagegen wurde der Beitrag, den die Gewerkschaften vierteljährlich für
jedes Mitglied zu zahlen haben, von 5 Pf. auf 3 Pf. herabgesetzt, indem
65 Vertreter von 113548 Mitgliedern für 5 Pf., aber 58 Vertreter von
131373 Mitgliedern für 3 Pf. stimmten.

Ein Beratungsgegenstand, bei dem es sich gleichfalls um eine
Verschiedenheit des grundsätzlichen Standpunktes handelte, war
die Frage der $Arbeitslosenunterstützung$. Der Referent $Eichler$
(Buchdrucker) begründet diese Einrichtung, die bei den Buchdruckern und
bei den englischen Gewerkschaften schon lange besteht, mit dem Hinweise
darauf, daß sie geeignet sei, die Mitglieder, die erfahrungsgemäß
nach ihrem Beitritte bald wieder der Organisation den Rücken kehrten,
bei derselben zu erhalten. Die Buchdrucker hätten es gerade dieser
Einrichtung zu danken, daß nach dem verlorenen großen Streik ihr
Mitgliederstand nicht herabgegangen sei, sondern sich sogar gehoben
habe. Außerdem sei es auch für die Lohnfrage von höchster Wichtigkeit,
zu hindern, daß nicht die Arbeitslosen den Lohn drückten.

Der Korreferent $Fricke$ (Maler) bekämpft die Arbeitslosenunterstützung
als eine kapitalistische Einrichtung, die dem Klassenkarakter der
modernen Arbeiterbewegung zuwiderlaufe, indem sie den Arbeitern
ein Interesse am modernen Kapitalismus einflöße, und daß keine
Veranlassung vorliege, dem Staate seine Pflichten für das Volk
abzunehmen, derselbe vielmehr zu zwingen sei, die erforderliche
Fürsorge seinerseits zu übernehmen. Es sei auf die freien Hülfskassen
zu verweisen, an denen man sehe, wohin das Unterstützungssystem führe;
mit ganz wenigen Ausnahmen seien diejenigen, die in den Krankenkassen
Verwaltungsämter inne hätten, nicht mehr zu bewegen, sich praktisch an
der Verwirklichung dessen, was die moderne Arbeiterbewegung erstrebe,
zu beteiligen. Man müsse prinzipiell die Arbeitslosenunterstützung
ablehnen, weil man damit die Arbeiter nur von dem Ziele der endgültigen
Befreiung der Arbeiterklasse ablenke.

Trotz dieser Einwendungen wurde mit großer Mehrheit folgende Resolution
angenommen:

»In der Erwägung, daß die Arbeitslosenunterstützung -- abgesehen von
deren humanitärem Karakter -- die Stabilität des Mitgliederstandes
in den einzelnen Organisationen in hohem Maße garantiert und in der
weiteren Erwägung, daß durch diese Unterstützung auf die Lohn- und
Arbeitsverhältnisse verbessernd eingewirkt werden kann, indem das
Angebot der arbeitslosen Hände unter den jeweilig geltenden Lohn-
und Arbeitsbedingungen wenn auch nicht vollständig beseitigt, so
doch ganz bedeutend vermindert wird, erkennt der zweite deutsche
Gewerkschaftskongreß in diesem Unterstützungszweige einen bedeutenden,
ja notwendigen Förderer der gewerkschaftlichen Organisationen,
der keineswegs geeignet ist, den Klassen- und Kampfeskarakter der
Organisationen zu verwischen.

Der Kongreß empfiehlt deshalb den deutschen Gewerkschaften überall
da, wo sich der Einführung der Arbeitslosenunterstützung keine
Schwierigkeiten bieten, eine solche einzuführen.«

Im Zusammenhange hiermit stand das fernere Thema der
$Arbeitsvermittelung$. Gegen einzelne Stimmen, welche sich zu
Gunsten kommunaler Arbeitsnachweise aussprachen, wurde eine
Resolution angenommen, welche nicht allein jede Arbeitsvermittlung
durch gemeinsame Thätigkeit der Arbeiter und Arbeitgeber, als dem
unausgleichbaren Gegensatze zwischen Kapital und Arbeit zuwiderlaufend,
verwirft, sondern auch wegen des Uebergewichts der kapitalistischen
Interessen in der Gemeindeverwaltung deren Eingreifen ablehnt, den
Arbeitsnachweis ausschließlich den Gewerkschaften vorbehält, wobei der
Staat oder die Gemeinde die pekuniären Mittel wie bei den Handelsbörsen
zu gewähren habe und deshalb »die Arbeiter aller Orte vor jeglichem
Experimente auf einer anderen Grundlage als der alleinigen Leitung von
Arbeitsnachweisen durch die Organisationen der Arbeiter warnt«. Die
Arbeitsvermittelung gegen Entgelt soll gesetzlich als Wucher behandelt
und verboten werden.

Nachdem endlich noch Resolutionen gegen das $Schwitzsystem$
zu Gunsten der Konfektionsarbeiter und der Einführung von
$Betriebswerkstätten$, gegen die Ausführungsvorschriften zur Ausführung
des Arbeiterschutzgesetzes im $Müllergewerbe$, sowie zur Bekämpfung
von Mißständen im $Baugewerbe$ und wegen der Agitation unter den
Arbeiterinnen angenommen waren, wurde der Kongreß von dem Vorsitzenden
geschlossen mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß nach den jetzigen
Beschlüssen der Bestand der Generalkommission gesichert sei und die
späteren Kongresse sich eingehender mit anderen gewerkschaftlichen
Fragen beschäftigen könnten, sowie mit dem Hinweise darauf, daß die
politische Freiheit ohne die wirtschaftliche Gleichstellung leerer
Schall sei und mit einem Hoch auf die Gewerkschaftsbewegung, die
Befreiung der Arbeit und auf eine schönere Zukunft.

Die Bedeutung dieses zweiten Kongresses liegt hauptsächlich in der
Auseinandersetzung der Anhänger einer kräftigen $zentralisierten$
Gewerkschaftsbewegung mit den $föderalistischen$ Elementen[80].
Im ganzen waren die letzteren zugleich Vertreter der radikaleren
Richtung, die das Heil der Zukunft wesentlich nur von der Erringung
der $politischen$ Macht erhofft und deshalb die $gewerkschaftliche$
durchaus in engem Anschlusse an die politische Bewegung zu
halten sucht, während ihre Gegner, obgleich sie aus taktischen
Gründen Vorsicht üben müssen, sich doch thatsächlich immer
mehr zu dem entwickeln, was man als »Nur-Gewerkschaftler« oder
»Nichts-als-Gewerkschaftler« bezeichnet. In Berlin erfolgte nicht
wie in Halberstadt durch den Ausschluß der Lokalorganisierten eine
Spaltung, sondern im ganzen siegte die konservativere Richtung, denn
wenn auch die Entziehung der Streikunterstützung und die Ermäßigung
des Beitrages von 5 auf 3 Pf. eine Schwächung der Generalkommission
bedeutet, auch in der Herabsetzung der Mitgliederzahl von 7 auf
5 und in der Beifügung der Vorsitzenden der Zentralverbände als
außerordentlicher Mitglieder eine Maßregel gegen allzugroße
Selbständigkeitsgelüste zu sehen ist, so sind doch nicht allein die
gegen die Existenz der Kommission gerichteten Angriffe abgeschlagen,
sondern es ist doch auch im wesentlichen beim alten geblieben,
ja in der Annahme des Grundsatzes der Arbeitslosenunterstützung
liegt ein prinzipiell sehr wichtiger Schritt zur Annäherung an den
englischen Trade-Unionismus der älteren Richtung und ein Bekenntnis
zur praktischen Arbeit auf dem Boden der bestehenden Verhältnisse
im Gegensatze zu fruchtlosen doktrinären Phrasen. Eine wertvolle
Unterstützung hat hierbei zweifellos die gemäßigte Richtung durch den
Beitritt der Buchdrucker erhalten, und unter diesem Gesichtspunkte
gewinnen die im folgenden Abschnitte darzustellenden Verhältnisse der
letzteren in ihrer jüngsten Entwickelung ein doppeltes Interesse.

  [80] $Biermer$ im Handw. d. Staatsw., II. Erg. Band, S. 388, bezeichnet
       als Gegner der Generalkommission die auf ihre Selbständigkeit
       eifersüchtigen örtlichen Gewerkschaftskartelle.

Seit dem Schlusse des Kongresses hat sich übrigens in der Haltung des,
wie bemerkt, aus dem Verbande ausgeschiedenen Unterstützungsvereins
deutscher Tabakarbeiter insofern ein Umschwung vollzogen, als derselbe
auf seiner am 12. bis 17. Juli 1896 in Stuttgart abgehaltenen
Generalversammlung beschlossen hat, zwar die bisherige Haltung seines
Vorstandes zu billigen, aber von jetzt ab sich der Generalkommission
wieder anzuschließen.

$Der dritte Gewerkschaftskongreß$ ist vom 8.-13. Mai 1899 in Frankfurt
a. M. unter Beteiligung von 130 Abgeordneten als Vertretern von 495138
Mitgliedern abgehalten. Auch die dänischen und österreichischen
Gewerkschaften sowie das Schweizerische Arbeitersekretariat waren
vertreten.

Aus dem Geschäftsberichte der Generalkommission ist zu erwähnen, daß
dieselbe eine Erhebung über die Lage der graphischen Arbeiterinnen
durchgeführt, dagegen den ihr erteilten Auftrag wegen einer solchen
bezüglich der Hausindustrie und des Schwitzsystems noch nicht
erledigt hat. Nach der aufgenommenen Streikstatistik kommen auf 1000
organisierte Arbeiter nur 3,3 Bestrafte. Die Höhe der monatlichen
Beiträge beläuft sich auf 2913 Mk. Die Generalkommission hat zum Zweck
der Agitation in Triest und Trient italienische Sekretäre eingesetzt,
auch ein besonderes Blatt »_L'Operaio Italiano_« ins Leben gerufen,
welches seit dem 18. Juni 1898 erscheint. Im übrigen ist die Agitation
wirksam insbesondere in Ost- und Westpreußen, Posen und Oberschlesien
unter den Landarbeitern betrieben, außerdem unter den Seeleuten, unter
denen man einen Seemannsverband errichtet hat, dagegen ist sie unter
den Zieglern »ohne nennenswerten Erfolg geblieben«.

Der karakteristische Moment des Kongresses das am deutlichsten die
ihn beherrschende Grundauffassung erkennen läßt, trat am schärfsten
hervor bei der Stellungnahme gegenüber den unter den Buchdruckern
ausgebrochenen Streitigkeiten. Wie an anderer Stelle[81] eingehender zu
erwähnen ist, hat die im Jahre 1896 wieder begründete Tarifgemeinschaft
mit den Prinzipalen zu den erbittertsten Kämpfen im Lager der Gehülfen
geführt, Kämpfe, die sich freilich formell um die Einzelheiten
des getroffenen Abkommens, insbesondere dessen fünfjährige Dauer
drehten, in Wahrheit aber die Stellung zu der Sozialdemokratie zur
Unterlage hatten. $Gasch$, der Führer der Opposition, der aus dem
Buchdruckerverbande ausgeschlossen war und eine »Gewerkschaft der
Buchdrucker« begründet hatte, machte dem ersteren vor allem den
Vorwurf, daß er nicht »auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung
stehe«.

  [81] Vgl. unten S. 280 ff.

Der Streitpunkt wurde gleich bei der Prüfung der Mandate berührt, indem
es sich darum handelte, ob der Vertreter der Buchdruckergewerkschaft,
$Pollender$, zu den Verhandlungen des Kongresses zuzulassen sei.
Die Vertreter des Verbandes bekämpften diese Forderung auf das
entschiedenste und brachten mit hinreichender Deutlichkeit zum
Ausdruck, daß der Verband von der zu betreffenden Entscheidung seine
fernere Teilnahme abhängig mache. Die nach erregten Verhandlungen
eingesetzte Kommission beschloß mit vier gegen drei Stimmen, den
Verband als die einzige rechtmäßige Organisation der Buchdrucker
anzuerkennen und nur deren Vertreter zum Kongresse zuzulassen, dagegen
das Mandat von $Pollender$ als ungültig zurückzuweisen. Dieser Antrag
wurde schließlich mit großer Mehrheit angenommen, indem 96 Abgeordnete,
die 347034 Mitglieder vertraten, dafür und nur 26, die 116323
Mitglieder vertraten, dagegen stimmten.

Hatte bei dieser Frage der Kongreß eine inhaltliche Stellungnahme zu
der unter den Buchdruckern hervorgetretenen Meinungsverschiedenheit
insofern noch nicht nötig gehabt und sogar ausdrücklich vermieden, als
er seine Entscheidung lediglich auf den Gesichtspunkt stützte, daß
jede Organisation nach eigenem Ermessen über ihre Angelegenheit zu
bestimmen und die Minderheit sich der Mehrheit zu fügen habe, so war
dies dagegen bei dem ferneren Punkte der Tagesordnung: »$Tarife und
Tarifgemeinschaften$« nicht möglich, vielmehr mußte die grundsätzliche
Haltung gegenüber dem Unternehmertume zur Entscheidung gebracht
werden. Aber hier ergab sich die bedeutungsvolle Thatsache, daß
die Tarifgemeinschaft als solche, die doch dem Grundsatze von der
unversöhnlichen Gegensätzlichkeit der Interessen zwischen Arbeitern
und Unternehmern offen ins Gesicht schlägt, Gegner auf dem Kongresse
so gut wie gar nicht hatte, denn selbst $Pollender$, den man freilich
als Korreferent abgelehnt, aber als Redner zum Worte gelassen hatte,
bekämpfte nur die Bedingungen, die von dem Buchdruckerverbande den
Prinzipalen zugestanden waren. Schließlich wurde mit allen gegen 4
Stimmen folgender Beschluß angenommen.

»Tarifliche Vereinbarungen, welche die Lohn- und Arbeitsbedingungen für
eine bestimmte Zeit regeln, sind als Beweis der Gleichberechtigung der
Arbeiter seitens der Unternehmer bei Festsetzung der Arbeitsbedingungen
zu erachten und in den Berufen erstrebenswert, in welchen sowohl eine
starke Organisation der Unternehmer, wie auch der Arbeiter vorhanden
ist, welche eine Gewähr für Aufrechterhaltung und Durchführung des
Vereinbarten bieten. Dauer und Umfang der jeweiligen Vereinbarungen
lassen sich nicht schematisieren, sondern hängen von den Eigenarten des
betreffenden Berufes ab.«

Auch die übrigen Gegenstände der Verhandlungen hatten fast ausnahmslos
die Bedeutung grundsätzlicher Entscheidungen für die Auffassung der
gewerkschaftlichen Aufgabe und insbesondere die Stellung zu der
Politik und der sozialdemokratischen Partei. Dies gilt in erster
Linie für den Antrag wegen Errichtung einer $Zentralstelle für
Arbeiterversicherung und Arbeiterschutz$. Wie früher erwähnt, war
der Vorschlag, das Interesse der Arbeiter an den Gewerkschaften
dadurch zu heben, daß diese sich mit Arbeiterschutzfragen
beschäftigen sollten, zuerst von $Quarck$ gemacht, hatte aber
einen großen Entrüstungssturm hervorgerufen. Trotzdem hatte eine
von den Redakteuren der Gewerkschaftspresse am 17. August 1898 in
Gotha abgehaltene Konferenz den Beschluß gefaßt, dem Kongresse
etwas ganz Aehnliches zu empfehlen, nämlich zu beantragen, daß in
Verbindung mit der Generalkommission eine Zentralstelle errichtet
werde, welche die Arbeiterversicherungs- und Arbeiterschutzgesetze
in gemeinverständlicher Weise für die Gewerkschaftspresse bearbeiten
und dadurch eine nutzbringende Beeinflussung der Ausgestaltung und
Handhabung herbeiführen, sowie endlich die Wahlen der Arbeitervertreter
zu den Versicherungskörperschaften organisieren sollte. Wie begreiflich
stieß dieser von dem bestellten Referenten $Bringmann$ befürwortete
Antrag auf den entschiedensten Widerspruch derjenigen Richtung, welche
ängstlich darüber wachen zu müssen glaubt, daß die Gewerkschaften
sich nicht etwa zu Konkurrenten der sozialdemokratischen Partei
entwickeln und ihrer Oberleitung entziehen könnten. Der Hauptwortführer
dieser Anschauung, der Redakteur des »Vorwärts«, $Pötzsch$ sah in
dem Antrage ein Mißtrauen gegenüber der Reichstagsfraktion, und
obgleich insbesondere von den Buchdruckern betont wurde, daß die
Gewerkschaften »nicht ein Anhängsel irgend einer politischen Partei,
sondern vollkommen »selbstständige Institutionen« seien, welche die
Verpflichtung hätten, je nach ihrer Stärke und ihrem Einfluße auf dem
Wirtschaftsgebiete die höchsten Probleme wirtschaftlicher und sozialer
Fragen praktisch in Angriff zu nehmen und zu beeinflussen«, so gelang
es doch nicht, diesen Standpunkt zur völligen Anerkennung zu bringen,
vielmehr beschränkte man sich schließlich darauf, unter die später
zu erwähnenden Aufgaben der Generalkommission auch die Aufklärung
der Arbeiter über die Bedeutung der Arbeiterversicherung und eine
Einflußnahme auf die betreffenden Wahlen aufzunehmen.

Von nicht geringerer prinzipieller Bedeutung waren die Verhandlungen
über die Frage der $Arbeitsvermittlung$. Es kann nicht wohl zweifelhaft
sein und ist auch eigentlich niemals bestritten, daß diese, rein
technisch betrachtet, d. h. lediglich mit Rücksicht auf ihren Zweck
eines Ausgleiches zwischen Angebot und Nachfrage, am besten wirken
wird, wenn die beiden beteiligten wirtschaftlichen Gruppen, Unternehmer
und Arbeiter, an ihr gleichmäßig beteiligt sind und jede Nebenabsicht,
insbesondere die Verwendung im einseitigen Interesse einer von beiden
Parteien fern gehalten wird. Aber bisher haben beide Teile sich noch
nicht entschließen können, die Arbeitsvermittlung auf ihre angegebene
natürliche Aufgabe zu beschränken und auf ihre Verwendung als
wirtschaftlichen Kampfmittels zu verzichten.

Anfangs hatten in erster Linie die Arbeiter und insbesondere die
Gewerkschaften sich auf diesen Standpunkt gestellt und z. B. auf
dem von dem Freien deutschen Hochstift berufenen, am 8. Oktober
1893 in Frankfurt a. M. abgehaltenen Kongresse zur Verhandlung über
Arbeitslosigkeit und Arbeitsvermittlung die von neutraler Seite
gemachten Vorschläge der Uebertragung dieser Aufgabe auf staatliche
und gemeindliche Organe entschieden bekämpft. Auch der Berliner
Gewerkschaftskongreß hatte die gleiche Stellung eingenommen und
beschlossen, daß »jede Erwägung der Möglichkeit einer gemeinsam
geführten Arbeitsvermittlung zwischen Arbeitern und Arbeitgebern
grundsätzlich abzulehnen« sei. Inzwischen hatten auch die meisten
Unternehmerorganisationen diese Auffassung sich zu eigen gemacht
und auf der am 5. September 1898 in Leipzig abgehaltenen, von dem
Arbeitgeberbunde Hamburg-Altona einberufenen Arbeitsnachweiskonferenz
im Gegensatz zu der von dem Verbande der deutschen Arbeitsnachweise
veranstalteten gleichartigen Versammlung in München vom 27. bis 28.
September 1898 beschlossen, den Arbeitsnachweis ausschließlich für die
Unternehmer in Anspruch zu nehmen. Auf dem Gewerkschaftskongresse waren
die Ansichten geteilt. Von dem Referenten $Leipart$ (Holzarbeiter)
wurde der in Berlin gefaßte Beschluß als ein »übertriebener
Radikalismus« bezeichnet, »der unserer Gewerkschaftsbewegung ganz und
gar nicht ansteht« und an der Hand umfaßenden Materials bewiesen,
daß nicht allein schon viele Gewerkschaften gemeinsam mit den
Unternehmern Arbeitsnachweise eingerichtet, sondern daß sogar die
sozialdemokratische Fraktion durch ihre Anträge auf Schaffung von
Arbeitskammern und Arbeitsämtern diese Forderung aufgenommen habe;
deshalb seien in erster Linie kommunale Anstalten zu empfehlen.
Von der Gegenseite, insbesondere von $Pötzsch$ wurde nicht allein
dieser letztere Vorschlag unter Hinweis darauf bekämpft, daß nach der
bestehenden Gesetzgebung in den Gemeindeverwaltungen der überwiegende
Einfluß in den Händen der Unternehmer liege, sondern überhaupt daran
festgehalten, daß grundsätzlich die Arbeitsvermittlung in die Hände der
Arbeiter gehöre.

Das Ergebnis der ausgedehnten Verhandlungen war ein Beschluß, der
freilich prinzipiell den radikalen Standpunkt billigt, aber doch sowohl
paritätische wie kommunale Arbeitsnachweise zuläßt. Der Wortlaut ist
folgender:

»Die gewerkschaftliche Arbeitsvermittlung ist ein wertvolles Mittel zur
Hebung der Lage der Arbeiter und zur Sicherung ihrer wirtschaftlichen
Existenz. Der Kongreß hält deshalb nach wie vor an dem grundsätzlichen
Standpunkt fest, daß der Arbeitsnachweis den Arbeiterorganisationen
gebührt.

Die Mitwirkung von Staat und Gemeinde bei der Arbeitsvermittlung kann
deshalb nur darauf beschränkt sein, die Mittel für die dazu notwendigen
Einrichtungen und deren Erhaltung zur Verfügung zu stellen.

Der Kongreß erkennt dagegen an, daß es unter den gegenwärtig
bestehenden Verhältnissen an manchen Orten für eine Reihe von
Berufen von Vorteil sein kann, sich an kommunalen Arbeitsnachweisen
zu beteiligen. Dieselben sind jedoch nach folgenden Grundsätzen
auszugestalten:

a) Verwaltung durch eine von in gleicher Zahl von den Arbeitgebern
und Arbeitnehmern je in freier Wohl gewählten direkten Vertretern,
zusammengesetzte Kommission, unter Leitung eines unparteiischen
Vorsitzenden;

b) Führung der Geschäfte durch aus den Reihen der Arbeiter
hervorgegangene Beamte; Wahl derselben durch die Verwaltungskommission;

c) Ablehnung der Vermittlung von Arbeitskräften an solche Arbeitgeber
und Dienstherren, welche notorisch ihre Pflichten als Arbeitgeber
nicht erfüllen, sowie an solche Arbeitgeber, welche bei ausbrechenden
Differenzen mit ihren Arbeitern in keine Verhandlungen zur Beilegung
derselben mit der zuständigen Arbeiterorganisation eintreten wollen;

d) genaue Feststellungen über die Lohnbedingungen und Veröffentlichung
derselben mit den übrigen Ergebnissen der Arbeitsnachweisstatistik;

e) vertragsmäßige Verpflichtung der Arbeitgeber, die vor dem Arbeitsamt
angegebenen Arbeits- und Lohnbedingungen nach erfolgter Anstellung
auch zu erfüllen, um den Arbeiter oder Dienstboten vor Täuschung oder
Benachteiligung zu schützen;

f) vollständige Gebührenfreiheit und Uebernahme der gesamten Kosten auf
die Gemeinde- oder Staatskasse.

Wo kommunale Arbeitsämter errichtet werden, hat die organisierte
Arbeiterschaft ihren berechtigten Einfluß geltend zu machen und für
die Durchführung vorstehender Forderungen einzutreten, ohne daß die
einzelne Gewerkschaft verpflichtet werden kann, den etwa bestehenden,
gut funktionierenden Facharbeitsnachweis ohne besonderen Grund
aufzuheben. Derartige Facharbeitsnachweise sind jedoch möglichst
mit dem städtischen Arbeitsamt in Verbindung zu bringen, um eine
vollständige Arbeitsnachweisstatistik zu ermöglichen.

Paritätische Arbeitsnachweise sind nicht zu verwerfen, wenn es dadurch
den Arbeitern gelingt, zugleich ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse
günstiger und stabiler zu gestalten.

In den Arbeitsnachweisen der Innungen fällt den gewerkschaftlich
organisierten Arbeiten ebenfalls die Aufgabe zu, diese, wenn sie einmal
geschaffen, nach Möglichkeit im Interesse der Arbeiter auszugestalten.«

Auch bei dem ferneren Beratungsgegenstande, der Stellung der
$Gewerkschaftskartelle$, handelte es sich um den Gegensatz zwischen
der radikalen und der gemäßigten Richtung. Die Kartelle, d. h. die
örtlichen Vereinigungen aller dort vertretenen Gewerkschaften bilden
offenbar einen Ansatz zu der Verschmelzung der Arbeiter zu einer
umfassenden Organisation ohne Unterschied des Berufes, wie sie in
England R. $Owen$ in seiner _Consolidated trades union_[82] angestrebt
hatte, wie sie den »Internationalen Gewerksgenossenschaften«[83]
zu Grunde lag, wie man sie in Amerika in der _National labour
union_[84] versucht hatte und wie sie auch auf dem Halberstädter
Gewerkschaftskongresse als Ideal empfohlen war, das man unter
Ueberwindung des »Berufsdünkels und Kastengeistes« erreichen müsse[85].
Aber ferner ist es eine längst beobachtete Thatsache der praktischen
Erfahrung, daß bei Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern
ein Ausgleich leichter möglich ist, solange der Streik auf die
unmittelbar Beteiligten beschränkt bleibt, als wenn Berufsfremde
sich einmischen[86]. So hatten auch die Gewerkschaftskartelle schon
wiederholt die Fortsetzung von Streiks durchgesetzt, die von den
Nächstbeteiligten längst als aussichtslos erkannt waren. War schon
aus diesem Grunde die gemäßigte Richtung ihnen nicht günstig gesinnt,
so hatten sie sich eine weitere Gegnerschaft dadurch geschaffen,
daß sie in einer Art Rivalitätsstellung gegen die Vorstände der
Zentralorganisationen getreten waren. Am schärfsten zugespitzt hatte
sich dieser Gegensatz in der seitens der Kartelle erhobenen Forderung,
auf dem Kongresse eine besondere Vertretung zu erhalten, die sie,
nachdem die Generalkommission dies verweigert hatte, durch die Drohung
durchzusetzen suchten, einen eigenen Sonderkongreß zu berufen. Auf dem
Kongresse bezeichnete die insbesondere durch den Referenten $Päplow$
(Maurer) vertretene gemäßigte Richtung die Kartelle geradezu als ein
»notwendiges Uebel« und betonte, daß es zwecklos, ja schädlich sei,
innerlich bereits verlorene Streiks noch künstlich halten zu wollen,
daß überhaupt ein Streik nur dann berechtigt sei, wenn die Organisation
die erforderlichen Mittel besitze, um ihn aus eigener Kraft
durchzuführen, und daß nicht stets der Klingelbeutel umhergehen dürfe,
daß aber die jetzigen Zustände gerade durch die mit dem Eingreifen
der Kartelle verbundene Regellosigkeit der Streikunterstützung
herbeigeführt seien. Demgemäß forderte man vor Allem, daß den Kartellen
jeder Einfluß auf die Streiks entzogen werde, was insofern mit einer
gewissen Schwierigkeit verknüpft war, als jene sich wesentlich um
die Beschaffung der Streikgelder bemüht hatten und es deshalb der
Billigkeit zu entsprechen schien, ihnen auch einen Einfluß auf den
Verlauf der Streiks einzuräumen. Trotzdem stellte sich schließlich
der Kongreß im wesentlichen auf diesen Standpunkt, indem er folgenden
Beschluß einstimmig annahm:

»Die Gewerkschaftskartelle haben die gemeinsamen gewerkschaftlichen
Interessen ihres Ortes zu vertreten, wie Regelung des Arbeitsnachweises
und des Herbergswesens, der Statistik, Bibliotheken, Errichtung von
Arbeitersekretariaten &c. Sie haben die Arbeiterinteressen gegenüber
den Behörden: Gewerbeinspektion, Gemeindeverwaltung &c. und bei Wahlen
zu Gewerbegerichten und Versicherungsanstalten zu wahren. Sie haben
weiter im Einverständniß mit den betr. Organisationsleitungen die
Agitation unter den Berufen, deren Organisation aus eigener Kraft dazu
nicht im Stande sind, zu unterstützen.

Die Beschlußfassung über Streiks ist ausschließlich Aufgabe der
Vorstände der Zentralverbände.

Die Kartelle sind verpflichtet, dem Zentralvorstand der Organisation,
die am Orte in einen Streik eintreten will oder sich im Streik
befindet, auf Erfordern einen Situationsbericht zu geben. Materielle
Unterstützung für Streiks wird seitens des Kartells nur dann gewährt,
wenn der Zentralvorstand, der im Streik befindlichen Organisation dies
beantragt oder seine Zustimmung erteilt hat. Ueber die Taktik bei
Lohnbewegungen und bei auftauchenden Fragen innerhalb ihres Gewerbes
entscheidet die betreffende Gewerkschaft selbstständig.«

  [82] Siehe oben S. 5.

  [83] Siehe oben S. 202.

  [84] Siebe oben S. 160.

  [85] Siehe oben S. 220.

  [86] Ein Beispiel bietet der Hamburger Hafenarbeiterstreik, bei dem
       die unmittelbar Beteiligten, die Rheder, ihrer Neigung, den
       Arbeitern entgegenzukommen, nur deshalb nicht folgen konnten,
       weil sie die Entscheidung in die Hände des Arbeitgeberverbandes
       gelegt hatten.

Von je her hat das $Kassenwesen$ einen Prüfstein dafür geboten, ob
Arbeiterorganisationen sich auf den gemäßigten, rein gewerkschaftlichen
oder auf den politisch-revolutionären Standpunkt stellen. Sind auch in
der deutschen Gewerkschaftsbewegung die Angriffe auf »Kassensimpelei«
allmählich fast verstummt, indem man den Wert der Kassen für einen
festen und gleichmäßigen Mitgliederbestand zu schätzen gelernt
hat, so hat doch noch bis in die neueste Zeit der Radikalismus
an einem Punkte den Kampf fortgesetzt, nämlich hinsichtlich der
$Arbeitslosenunterstützung$. Hier glaubte man geltend machen zu können,
daß es Pflicht des Staates sei, für die Arbeitslosen zu sorgen, und
daß die Arbeiterklasse gar keine Veranlassung habe, dem Staate diese
Last abzunehmen. Aber obgleich auch bürgerliche Sozialreformer[87]
aus diesem Grunde die staatliche Arbeitslosenversicherung gefordert
haben, so hat doch in gewerkschaftlichen Kreisen immer mehr die Ansicht
die Oberhand gewonnen, daß gerade die Arbeitslosenunterstützung
ein unentbehrliches Mittel sei, um die Organisationen stark
und leistungsfähig zu machen; und nachdem schließlich auch die
Metallarbeiter auf ihrem 1898 in Braunschweig abgehaltenen Kongresse
ihren früheren abweichenden Standpunkt aufgegeben hatten, konnte
man von einer Streitfrage kaum mehr sprechen. Immerhin ist es von
Interesse, daß der Gewerkschaftskongreß die Generalkommission
beauftragte, bei den einzelnen gewerkschaftlichen Organisationen auf
die Durchführung der Arbeitslosenunterstützung hinzuwirken.

  [87] Z. B. Leopold $Sonnemann$ und die deutsche Volkspartei. Vgl.
       »Soziale Praxis«, VI, Nr. 45; VII, Nr. 1.

Nach einem Referate von $Legien$ über das $Koalitionsrecht$ beschloß
der Kongreß einstimmig, gegen jede Beeinträchtigung desselben zu
protestieren, wobei darauf hingewiesen wurde, daß den heutigen
Verhältnissen nicht mehr der individuelle, sondern nur noch der
kollektive Abschluß des Arbeitsvertrages durch die beiderseitigen
Organisationen entspreche, daß auch die organisierten Arbeiter stets
eine friedliche Vereinbarung gesucht hätten, bevor sie zum Streik
griffen, daß aber, von einigen Ausnahmen abgesehen, die Unternehmer
es rücksichtslos zurückgewiesen hätten, die Organisation der Arbeiter
als berechtigten Faktor bei der Festsetzung der Arbeitsbedingungen
anzuerkennen, dadurch aber jede friedliche Verständigung abgelehnt und
die Arbeiter zum Streik gezwungen hätten.

Hinsichtlich der $Gewerbeinspektion$ wurde beschlossen, den
Arbeitern die Bildung von Beschwerdekommissionen in Anschluß an
die Gewerkschaftskartelle zu empfehlen, um durch diese mit den
Aufsichtsbeamten mündlich in Beziehung zu treten, »wobei die mancherlei
Eigentümlichkeiten jener Beamten in Kauf zu nehmen sind«. Sehr gerühmt
wurde dabei die in Württemberg bestehende Einrichtung, daß jährlich
ein Mal eine Konferenz zwischen sämtlichen Gewerbeaufsichtsbeamten und
den Vertretern der Arbeiterorganisationen stattfindet. Man forderte
übrigens die Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf Handwerk, Klein- und
Hausindustrie, Handel, Transport und Verkehr, Vermehrung der Beamten
unter Zuziehung von Gehülfen und Gehülfinnen aus Arbeiterkreisen,
Ausstattung der Beamten mit eigenem Vollzugsrecht und voller
Unabhängigkeit sowie Zentralisierung in einer Reichsinspektion.

Die $Arbeitersekretariate$ wurden als ein bedeutsamer Fortschritt der
Arbeiterorganisation anerkannt, gleichwohl aber von Ueberhastung bei
deren Gründung gewarnt, so lange nicht die erforderlichen erheblichen
Geldmittel sichergestellt seien.

Die Lage der $Gewerkschaftsbeamten$, zu denen vor allem auch
die Redakteure der Fachblätter gehören, war bisher eine sehr
unbefriedigende gewesen, indem nicht allein ihre Gehälter sehr gering
bemessen, sondern insbesondere ein Recht auf Pension nicht anerkannt
war. Von dem Referenten $Rexhäuser$ (Buchdrucker) wurde unter Berufung
auf die Ausführung von S. u. B. $Webb$[88] darauf hingewiesen, daß
die englischen Gewerkvereine nicht eher zu durchgreifender Bedeutung
gelangt seien, als bis sie durch Anstellung ständiger und gut bezahlter
Beamten sich Personen von einer höheren Bildung geschaffen hätten,
als sie ein gewöhnlicher Arbeiter besitzen könne. Es sei nicht mehr
angängig, gemaßregelte Arbeiter ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten
durch solche Stellungen zu versorgen, und wenn von gegnerischer Seite
der Einwand erhoben sei, daß Beamten dieser Art »das proletarische
Gefühl verloren gehe,« so sei dies nicht als maßgebend anzusehen. In
der That fand auf dem Kongresse der Standpunkt des Referenten keinen
Widerspruch, vielmehr wurde mit allen gegen vier Stimmen beschlossen,
den Gewerkschaften die Befolgung dieser Grundsätze, insbesondere die
bessere Bezahlung und demnächstige Pensionierung ihrer Beamten zur
Pflicht zu machen.

  [88] Vgl. oben S. 12.

Den letzten Gegenstand der Tagesordnung bildeten die Aufgaben der
$Generalkommission$. Während 1876 in Berlin die Existenzberechtigung
einer solchen Zentralinstanz stark in Frage gestellt und schließlich
nur mit einer geringen Mehrheit anerkannt wurde, war jetzt von einem
solchen Zweifel keine Rede mehr, vielmehr wurde deren Wirkungskreis
nicht unerheblich erweitert, indem man ihr die Aufgabe zuwies, in
dem zu vergrößernden »Correspondenzblatte« ein Zentralorgan für die
ganze Organisationsbewegung zu schaffen, insbesondere nicht nur alles
auf die deutschen Gewerkschaften bezügliche Material zu sammeln,
sondern ebenso die Unternehmerorganisationen und die ausländische
Entwickelung, sowie endlich die internationalen Beziehungen zu
verfolgen[89]. Zu diesem Zwecke wurde beschlossen, außer den bisherigen
beiden besoldeten Beamten der Generalkommission noch einen dritten
fest anzustellen. Die Zahl der Mitglieder wurde von fünf auf sieben
erhöht. Der Gewerkschaftsausschuß wurde beibehalten, ebenso der Beitrag
von 3 Pf. Ueber einen Antrag der Hamburger Buchbinder auf Gründung
eines Gewerkschaftsbundes- und einer Streik-Reservekasse, wurde zur
Tagesordnung übergegangen. Der ablehnende Standpunkt gegenüber den
Lokalorganisationen wurde von neuem festgelegt durch den Beschluß,
dieselben nur insoweit zu den Gewerkschaftskongressen zuzulassen, wie
sie verhindert sind, sich zentral zu organisieren.

  [89] Wer, wie ich bei der vorliegenden Arbeit, den bisherigen Mangel
       ausreichender Litteratur auf allen diesen Gebieten hat
       schmerzlich empfinden müssen (vgl. oben Vorwort), wird diesen
       Entschluß besonders freudig begrüßen.

Der Wortlaut des gefaßten Beschlusses ist folgender:

»Der Gewerkschaftskongreß wählt die aus sieben Mitgliedern bestehende
»Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands.« Zur Unterstützung
derselben wird von den Zentralvorständen der Gewerkschaften, die
regelmäßig Beiträge an die Generalkommission zahlen, und den dazu
berechtigten Lokalorganisationen je ein Vertreter ernannt. Diese
Vertretung führt den Namen »Gewerkschaftsausschuß.« Der Zusammentritt
dieses Ausschusses hat nach Bedarf, mindestens aber vierteljährlich
einmal, zu erfolgen.

Jede Gewerkschaft hat vierteljährlich an die Generalkommission einen
Beitrag von 3 Pf. pro Kopf ihrer Mitglieder zu zahlen.

Am Anfang einer Geschäftsperiode der Generalkommission sind in einer
gemeinsamen Sitzung mit dem Gewerkschaftsausschuß eine Geschäftsordnung
für den Ausschuß, die Verteilung der Aemter der Generalkommission und
eventuelle Besoldungen und Remunerationen festzusetzen.

Die Aufgaben der Generalkommission sind:

1. Die gewerkschaftliche Agitation namentlich in denjenigen Gegenden,
Industrien und Berufen, deren Arbeiter nicht oder nicht genügend
organisiert sind, zu fördern und den Zusammenschluß kleiner,
existenzunfähiger Verbände und Lokalorganisationen zu leistungsfähigen
Zentralverbänden anzustreben.

2. Die von den Gewerkschaften aufgenommenen Statistiken, soweit sie
allgemeines Interesse haben, zusammenzustellen und solche über Stärke,
Leistungen und Entwickelung der Gewerkschaften, sowie solche über
sämtliche Streiks selbstständig aufzunehmen.

3. Ein Blatt herauszugeben und den Vorständen der Zentralvereine
in genügender Zahl zur Versendung an deren Zahlstellen, sowie den
Gewerkschaftskartellen und Agitationskomissionen zuzusenden, welches
die Verbindung sämtlicher Gewerkschaften mit ihr zu unterhalten, die
nötigen Bekanntmachungen zu veröffentlichen und, soweit geboten, deren
rechtzeitige Bekanntmachung in der Tagespresse herbeizuführen hat.
Kurze Publikationen sind der Arbeiterpresse zur Veröffentlichung direkt
zuzusenden.

4. Pflege der internationalen Beziehungen zu den Gewerkschaften anderer
Länder, sowie Sammlungen und Nutzbarmachung des über Entstehung und
Entwickelung dieser Beziehungen in den einzelnen Gewerkschaften
vorhandenen Materials.

5. Soweit die der Generalkommission zur Verfügung stehenden Mittel
hierzu ausreichen und die Gewinnung geeigneter Personen hierfür möglich:

a) Sammlung und Nutzbarmachung des in den amtlichen Publikationen des
Reiches, der Einzelstaaten und Gemeinden (als Statistik des Deutschen
Reiches, Jahresberichte der Fabrikinspektoren, der statistischen
Landes- und städtischen Aemter &c.), ferner in den Berichten der
Handels- und Gewerbekammern, der Versicherungsbehörden, Krankenkassen
&c., sowie in Zeitschriften und sonstigen Druckwerken sich immer mehr
anhäufenden Agitationsmaterials speziell für die Gewerkschaftsbewegung.

b) Erweiterung des »Correspondenzblattes,« so daß dasselbe eine
regelmäßige Uebersicht über alle Vorgänge in den deutschen wie
auch ausländischen Gewerkschaften, über die Streikbewegung,
über die innere Einrichtung und Verwaltung der verschiedenen
Organisationen, über wichtigere Diskussionen in den Fachblättern,
besondere Eigentümlichkeiten einzelner Berufe und deren Einwirkung
auf die Organisation, Auszüge aus den regelmäßigen Abrechnungen
der einzelnen Verbände, Berichte über die Geschäftslage, über die
Unternehmerorganisationen, über wichtige Prozesse etc., sowie auch das
nach der Aufgabe unter a) bearbeitete Material enthält.

c) Herausgabe eines Jahresberichtes der Generalkommission, welcher als
Handbuch für alle wichtigeren Vorkommnisse im Geschäftsleben von den
Gewerkschaftsbeamten, Redakteuren, Rednern, wie von allen Mitgliedern
und sonstigen Interessenten benutzt werden kann. In dem Jahresberichte
sind die jährlichen statistischen Ausweise über die Zahl und Stärke der
deutschen Gewerkschaften und deren Einnahmen und Ausgaben nebst der
Streikstatistik zu veröffentlichen.

d) Die Aufklärung der Arbeiter durch geeignete Publikationen über
die Bedeutung der staatlichen Arbeiterversicherung und die Wahl der
Arbeitervertreter zu den hier in Betracht kommenden Körperschaften;
ferner: Leitung aller diesbezüglichen Wahlen, welche die Einwirkung von
einer Zentralstelle aus erfordern.

6. Die allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresse einzuberufen und
die hierzu nötigen Vorarbeiten zu erledigen.

Diese Kongresse sind nach Bedürfnis, mindestens jedoch alle drei Jahre,
einzuberufen. Auf Antrag der Hälfte der bei der Generalkommission
angeschlossenen Gewerkschaften ist die Generalkommission verpflichtet,
einen Kongreß einzuberufen.

Zur Teilnahme an diesen Kongressen sind sämtliche Zentralorganisationen
und solche Lokalorganisationen berechtigt, welche verhindert sind,
sich zentral zu organisieren. Ausgeschlossen von der Teilnahme an
den Kongressen sind alle Gewerkschaften, welche ohne genügende
Entschuldigung mit drei Quartalsbeiträgen im Rückstande sind.

Die Gewerkschaften sind berechtigt, für je 3000 Mitglieder einen
Delegierten zu wählen. Kleinere Gewerkschaften wählen einen
Delegierten. Wichtige Anträge entscheidet die Zahl der durch die
Delegierten vertretenen Mitglieder. Die Generalkommission kann zu
denjenigen Berufskongressen, wo es nötig erscheint, einen Vertreter
entsenden.«

Für die prinzipielle Bedeutung des Kongresses ist von großem Interesse
das Schlußwort des Vorsitzenden $Bömelburg$. Er betonte den ungemeinen
Fortschritt, den die Gewerkschaftsbewegung seit den früheren beiden
Kongressen gemacht habe; die damals erörterten Streitfragen hätten
längst aufgehört, solche zu sein, insbesondere werde die Notwendigkeit,
die Macht der deutschen Gewerkschaftsbewegung in einer einheitlichen
Spitze zum Ausdruck zu bringen, von keiner Seite mehr beanstandet,
ja die »dunkeln Pläne« der Generalkommission, die damals so heftige
Angriffe erfahren hätten[90], seien auf diesem Kongresse verwirklicht.
Die Gegner der Arbeiterbewegung suchten zwischen der gewerkschaftlichen
und der politischen einen Gegensatz zu konstruieren. Das Verhältnis
beider sei so zu bezeichnen, daß die Gewerkschaften keinerlei Zwang
hinsichtlich der politischen und religiösen Ueberzeugung auszuüben
versuchten, daß sie konservative freisinnige, ultramontane,
protestantische, katholische und atheistische Mitglieder willkommen
hießen, daß aber bisher in der deutschen gewerkschaftlichen Bewegung
die Sozialdemokratie als die beste Vertreterin der arbeitenden
Bevölkerung betrachtet sei und dies auch für die Folgezeit wohl so
bleiben werde. Deshalb seien auch die Mitglieder der Gewerkschaften zum
größten Teile Sozialdemokraten und erhofften die Herbeiführung einer
durchgreifenden Verbesserung der Lage des arbeitenden Volkes von der
Ersetzung der bisherigen kapitalistischen durch die kollektivistische
Wirtschaftsordnung.

  [90] Vgl. oben S. 225.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Frankfurter Kongreß
einen großen äußeren und inneren Fortschritt der deutschen
Gewerkschaftsbewegung bedeutet. Man hat sich von vielen Vorurteilen
der früheren Zeit losgesagt und mit der Macht der Phrase, insbesondere
der revolutionären Phrase endgültig gebrochen, indem man sich klar
und offen auf den allein möglichen Boden aller gewerkschaftlichen
Thätigkeit stellte, nämlich im Rahmen der bestehenden Verhältnisse und
ohne Rücksicht auf deren Berechtigung oder Nichtberechtigung durch
Zusammenfassung der Kräfte eine möglichst weitgehende Besserung in der
wirtschaftlichen Lage der Arbeiterklasse herbeizuführen. Man ist sich
dabei des naturgemäßen Gegensatzes gegen das Unternehmertum voll bewußt
geblieben, hat aber ebensowenig verkannt, daß gemeinsame Interessen
bestehen, zu deren Förderung ein Zusammenwirken mit den Arbeitgebern
das innerlich berechtigte Mittel ist. Man hat endlich auch offen zum
Ausdrucke gebracht, daß die aufstrebende Arbeiterschaft in denjenigen
bürgerlichen Elementen, die dies als naturnotwendig und vollberechtigt
anerkennen und ihrerseits zu fördern versuchen, einen wertvollen
Bundesgenossen besitzt, dessen Hülfe man nicht in rauhbeinigem
Selbstgefühl abweisen soll. Kurz der 3. Gewerkschaftskongreß
bedeutet eine erhebliche und hoch erfreuliche Annäherung an das
gewerkschaftliche Ideal, und es ist zu hoffen, daß durch ihn die
Richtung auf dieses hin endgültig und dauernd festgelegt ist. --

Die $Statistik der Gewerkschaften$ ist, wie oben mitgeteilt, Aufgabe
der Generalkommission. Diese hat sich denn auch seit ihrem Bestehen
die Sammlung möglichst genauer Ziffern angelegen sein lassen, allein
erst für das Jahr 1892 ist es ihr gelungen, die erforderte Auskunft von
den einzelnen Verbänden bis auf einige Ausnahmen zu erhalten. Aus den
früheren Jahren sind meist nur dürftige Anhaltspunkte vorhanden, mit
einziger Ausnahme der bereits oben (S. 209) erwähnten Privatarbeit des
Hamburger Buchhändlers A. $Geib$ aus dem Jahre 1877, die in Nr. 4 des
»Pionier« am 26. Januar 1878 veröffentlicht ist und auf gute Quellen
gegründet zu sein scheint.

Nach dieser Zusammenstellung gab es 1877 30 Organisationen, darunter
25 Zentralverbände mit 1266 Zweigvereinen und 5 Lokalvereinen. Die
Mitgliederzahl betrug 49055, die durchschnittliche Monatseinnahme 33551
Mk. Von dem monatlichen Ueberschusse zu rund 8000 Mk. entfielen allein
3538 Mk. auf die Buchdrucker. Es erschienen 15 Gewerkschaftsblätter
mit 37025 Abonnenten. Die damalige Anzahl der in den betreffenden
Berufen vorhandenen Arbeiter wird auf 2000000 angegeben, so daß etwa
2-1/2% organisiert waren. Nur die Buchdrucker und die Schiffszimmerer
erreichten eine Beteiligung von etwa der Hälfte aller Beschäftigten.
Die absolut stärkste Vereinigung war die der Tabakarbeiter mit 8100
Mitgliedern in 170 Orten.

Nach $Zacher$ soll die Anzahl der unter sozialdemokratischem Einflusse
organisierten Arbeiter im Jahre 1886: 81200, im Jahre 1888: 89700 und
im Jahre 1889: 121647 betragen haben.

$Oldenberg$ hat in seinem Artikel »Gewerkvereine« im Ergänzungsbande
des Handw. d. St.-W. S. 384 ff. aus den an den Minister erstatteten
Berichten der Polizeibehörden geschöpft, die zum Teil von den Angaben
der Generalkommission abweichen und zwar meist höher sind, da sie auch
die lokalorganisierten Arbeiter umfassen. $Oldenberg$ berechnet nach
diesen beiden Quellen folgende Durchschnittszahlen:

            1885/86        100356     Frühjahr 1892  300815
            1887/88        103330     März 1892      279594
            Frühjahr 1889  135353     Ende 1892      236516
               "     1890  277098     Frühjahr 1893  242555
            Ende 1890      320213     Ende 1893      249985
            Frühjahr 1891  277474     Frühjahr 1894  255622
            Ende 1891      269988     Letztes Datum  273451

Die erste Aufzeichnung der $Generalkommission$ ist für das Jahr 1890
gemacht und berechnet 301200 Mitglieder in 58 Organisationen. Auf dem
Halberstädter Gewerkschaftskongresse waren nach Ausweis des Berichtes
305519 Arbeiter durch 208 Delegierte vertreten. Aber die Zahlen sind
offenbar in den einzelnen Gruppen nach oben abgerundet und deshalb
erheblich zu hoch.

Für die folgenden Jahre ist die Aufzeichnung genauer und giebt folgende
Zahlen:

Es bestanden $1891$ 65 Zentralorganisationen -- wovon 4 durch
Vertrauensmänner zentralisiert -- von denen 55 die erforderten Angaben
machten. Diese umfaßten 176664 Arbeiter. Die Mitgliederzahl der
fehlenden 10 Organisationen wird nach den entsprechenden Angaben für
1892 auf 101365 berechnet, wozu auch die Mitglieder der Lokalvereine
kommen, die auf 10000 geschätzt werden, so daß die Gesamtzahl der
in den Gewerkschaften organisierten Arbeiter sich auf etwa 288000
berechnet. Die jährliche Einnahme betrug 1116588 Mk., die Anzahl
der Fachorgane 44, deren Kosten sich auf 154015 Mk. beliefen. Für
Streiks wurden 1037789 Mk., für Reiseunterstützung 144338 Mk. für
Arbeitslosenunterstützung 64290 Mk., an Verwaltungskosten 155676 Mk.
ausgegeben. Der Vermögensbestand betrug 427058 Mk.

Im Jahre $1892$ gab es 57 Zentralorganisationen, von denen 52 mit
3959 Zweigvereinen und 227023 Mitgliedern berichteten. Die fehlenden
5 hatten nach den Angaben früherer Jahre 10271 Mitglieder, wozu 6
Lokalvereinigungen mit einem von den Zentralvorständen auf 7640
ermittelten Bestande kommen, so daß die Gesamtzahl der organisierten
Arbeiter 244934 betrug. Das bedeutet also eine Abnahme von 43000 gegen
1891, die wesentlich auf die Bergarbeiter entfällt; den Hauptanteil
dieses Rückganges hatte der Bergarbeiterverband für Westfalen
aufzuweisen, dessen Bestand von 45000 auf 15300 zurückgegangen war. Die
Verminderung der Zentralorganisationen war die Folge der Vereinigung
verwandter Verbände.

Die Jahreseinnahme betrug 2031922 Mk., die Ausgabe für die Fachorgane
285475 Mk., für Streiks 44943 Mk., für Reiseunterstützung 382607 Mk.,
für Arbeitslosenunterstützung 357087 Mk., für Verwaltungskosten 204427
Mk. Der Vermögensbestand belief sich auf 646415 Mk.

Im Jahr $1893$ vereinigten sich, wie schon erwähnt, auf dem vom 4. bis
7. April in Cassel abgehaltenen Kongresse die Bürstenmacher, Drechsler,
Stellmacher und Tischler zu dem deutschen Holzarbeiterverbande.
Da sich außerdem der Gasarbeiterverband und der Verband der
Posamentiere auflöste, so ergiebt sich, indem man den Zentralverein
der Frauen und Mädchen, weil er nur Bildungszwecken dient, jetzt
als Gewerkschaft nicht mehr mitzählt, für Ende 1893 eine Zahl von
51 Zentralorganisationen, von denen 50 Angaben gemacht haben. Nach
diesen betrug die Mitgliederzahl 221530. Rechnet man dazu die
fehlende eine Organisation der Steinmetzen mit 2000 und den auf 6280
geschätzten Bestand der Lokalorganisationen, so ergiebt sich eine
Gesamtzahl der in Gewerkschaften organisierten Arbeiter von 229810.
Die Bergarbeiter in Westfalen sind gegen 1892 mit 15300 noch weiter
auf 11174 zurückgegangen, der Rechtsschutzverein der Bergleute des
Saargebietes mit 22400 Mitgliedern ist aufgelöst, dagegen haben 26
andere Organisationen um insgesamt 19739 zugenommen.

Die Jahreseinnahme betrug 2224367 Mk., die Ausgabe für die Fachorgane
292158 Mk., für Streiks 65356 Mk., für Reiseunterstützung 328748 Mk.,
für Arbeitslosenunterstützung 220926 Mk., für Verwaltungskosten 227129
Mk. Der Vermögensbestand belief sich auf 607033 Mk.

Im Jahre $1894$ ist der sächsische Bergarbeiterverband aufgelöst,
dagegen sind Verbände der Schlachter, der süddeutschen Mühlenarbeiter,
der Bureauangestellten, der Flößer und der Binnenschiffer neu
gegründet, so daß, indem die Organisation der Steinarbeiter, die
keine Zweigvereine, sondern nur Vertrauensmänner in den einzelnen
Orten besitzt, nicht mehr mitgezählt ist, sich Ende 1894 54
Zentralverbände ergaben. Von diesen haben 46 mit 4217 Zweigvereinen
und 230225 Mitgliedern sowie 2 durch Vertrauensmänner zentralisierte
Organisationen mit 133 Zweigvereinen und 8388 Mitgliedern Angaben
gemacht. Rechnet man für die fehlenden Verbände und 2 fernere
Vertrauensmännerorganisationen deren nach den Angaben für 1893
ermittelte Ziffern mit 8615 bezw. 3888 und endlich 5550 Mitglieder
der Lokalorganisationen hinzu, so ergiebt sich ein Gesamtbestand der
gewerkschaftlich organisierten Arbeiter von 256666[91]. Dabei ist
allerdings zu bemerken, daß die Ziffern für 1891, 1892 und 1893 den
Bestand am Schlusse des Jahres wiedergeben, während diejenigen für 1894
den Durchschnitt aus den Vierteljahrsziffern darstellen, doch hat diese
Verschiedenheit auf die Vergleichbarkeit keinen in Betracht kommenden
Einfluß. Die Jahreseinnahme der 40 Organisationen, deren Angaben
vorliegen, betrug 2685564 Mk., die Ausgabe für die Verbandsorgane
265957 Mk., für Streiks 188980 Mk., für Reiseunterstützung 350455 Mk.,
für Arbeitslosenunterstützung 239750 Mk., für Verwaltungskosten 154408
Mk. Der Vermögensbestand belief sich auf 1148020 Mk. Der Bericht der
Generalkommission für 1894 weist zur Entkräftung der Behauptung, daß
die Gewerkschaften Streikvereine wären, darauf hin, daß, während die
Ausgaben der aufgeführten Verbände für Rechtsschutz, Gemaßregelten-,
Reise-, Arbeitslosen-, Kranken- und Invalidenunterstützung,
Umzugskosten und Beihilfe in Not- und Sterbefällen sich auf 1078455,90
Mk. belaufen, die Streikunterstützung nur 179703,76 Mk. betrage.

  [91] Der Bericht der Generalkommission giebt als Gesamtzahl nur 252044,
       doch scheint dies den mitgeteilten Einzelziffern nicht zu
       entsprechen.

Auch der Bericht für $1895$ erhebt die alte Klage über mangelhafte
und verspätete Angaben der Verbandsleitungen. Die Ziffern der
Müller, Seiler, Tabakarbeiter und Steinarbeiter haben deshalb aus
1894 übernommen werden müssen. Als Gesamtergebnis des Berichtsjahres
wird bezeichnet eine erhebliche Zunahme des Mitgliederbestandes,
aber eine Verringerung des Vermögensbestandes infolge großer und
andauernder Lohnkämpfe. Die Zahl der Zentralorganisationen hat sich um
5 verringert. Die Verbände der Kürschner und Plätterinnen haben sich
infolge geringer Beteiligung aufgelöst; der Verband der Schlachter wird
in Ermangelung von Lebenszeichen als tot betrachtet. Die Formenstecher
haben sich den Lithographen, die Korbmacher den Holzarbeitern, die
süddeutschen Müller dem allgemeinen Müllerverbande angeschlossen.
Dagegen ist Anfang 1896 der Verband der Werftarbeiter neu gegründet.

Danach bestanden 1895 -- abgesehen von den noch nicht berücksichtigten
Werftarbeitern -- 49 Zentralverbände und 4 durch Vertrauensmänner
zentralisierte Organisationen mit insgesamt 259175 Mitgliedern nebst
10781 in den Lokalorganisationen. Der Bericht führt jedoch aus,
daß hierin die volle Zunahme nicht zum Ausdruck gelange, weil der
sächsische Bergarbeiterverband mit 8821 Mitgliedern durch die Behörden
aufgelöst sei, während diese Mitglieder deshalb der Bewegung nicht
verloren gegangen seien. Der Bericht betont wiederholt die Unsicherheit
der angegebenen Zahlen und ihre Unvergleichbarkeit mit anderen Jahren,
da viele Vorstände, insbesondere der Lokalorganisationen überhaupt,
keine Angaben gemacht hätten und diejenigen Zahlen, die auf Grund
solcher Angaben eingestellt wären, sich zum Teil auf andere Verbände,
als in den Vorjahren, bezögen.

Der Bericht bemerkt, daß die Gesamtzahl der Mitglieder 1889/90 größer
gewesen sei, als 1894/95, wie denn stets bei aufsteigender Konjunktur
ein Wachstum, bei niedergehender ein Sinken stattfinde, daß aber seit
1894 ein Aufschwung beginne, der sich voraussichtlich noch fortsetzen
werde. Sehr nachdrücklich wird die Herbeiziehung der Frauen zur
Organisation empfohlen.

Die Jahreseinnahme hat sich von 2643015 Mk. bei 40 Organisationen
im Jahre 1894 auf 2745617 Mk. in 44 Organisationen gehoben, doch
beziehen sich auch hier die Ziffern nicht auf dieselben Verbände. Der
Löwenanteil entfällt auf die Buchdrucker mit 1032460 Mk., dann folgen
die Metallarbeiter mit 280262 Mk., die Holzarbeiter mit 205498 Mk., die
Porzellanarbeiter mit 195739 Mk., die Maurer mit 109848 Mk. u. s. w.

Die Gesamtausgabe der 43 Organisationen im Jahre 1894 von 2135609
Mk. war bei 44 Organisationen im Jahre 1895 auf 2140985 Mk., der
Kassenbestand am Ende beider Jahre von 1319295 Mk. (bei 41) auf
1640438 Mk. (bei 44) gestiegen. Derselbe betrug auf den Kopf des
Mitgliedes bei den Buchdruckern 49,12 Mk., den Hutmachern 34,80
Mk., den Zigarrensortierern 18,69 Mk., den Bildhauern 15,06 Mk., den
Handschuhmachern 14,47 Mk., den Buchbindern 11,49 Mk., bei den übrigen
unter 10 Mk. Der Bericht weist zum Schlusse darauf hin, daß bisher in
Deutschland von 100 Industriearbeitern nur 5 organisiert seien und
daß die meisten Organisationen es scheuten, durch höhere Beiträge die
Füllung der Kassen zu erreichen, ohne die ein kräftiger Widerstand im
Falle des Kampfes unmöglich sei.

Der Bericht für $1896$ erklärt, daß zum erstenmale die Beschaffung
des statistischen Materials wenigstens hinsichtlich der wichtigsten
Zahlen für alle Organisationen erreicht sei. Von den am Schlusse
des Jahres 1895 vorhandenen 49 Zentralverbänden hat sich 1896 der
Verband der Seiler dem Textilarbeiterverbande angeschlossen. Dagegen
wurde der Verband der Gasarbeiter neu begründet, so daß am Schlusse
des Jahres 1896 48 Zentralverbände bestanden. Daneben gab es 2 durch
Vertrauensmänner zentralisierte Organisationen.

Die Mitgliederzahl hat sich, wie schon der Bericht für 1895
vorausgesagt hatte, 1896 sehr bedeutend, nämlich von 259175 auf 329230,
also um 70055, gehoben. Dazu kommen noch 5873 Lokalorganisierte.

Die Gesamteinnahme von 49 Organisationen betrug 3616444 Mk., dazu
ist noch zu rechnen die Einnahme der Tabakarbeiter, die keine Angabe
gemacht hatten und in dem Berichte auf 140000 Mk. geschätzt wird.
Für die Gasarbeiter, die noch nicht ein volles Jahr bestanden, lagen
ebenfalls noch keine Angaben vor. Uebrigens entfallen von der obigen
Einnahme allein 1115163 Mk. auf die Buchdrucker. Die Jahresausgabe
betrug in 50 Organisationen (ausschließlich der Gasarbeiter) 3323713
Mk., wovon auf das Verbandsorgan bei 44 Verbänden 362708 Mk., auf
Agitation 86676 Mk., auf Rechtsschutz 18349 Mk., auf Reiseunterstützung
in 31 Verbänden 310000 Mk., auf Arbeitslosenunterstützung in 13
Verbänden 243201 Mk., auf Krankenunterstützung in 9 Verbänden 430038
Mk. und auf Verwaltungskosten 187599 Mk. entfielen. Für Streiks waren
944344 Mk. verausgabt gegen 704528 Mk. im Jahre 1895. Der Kassenbestand
betrug bei 47 Verbänden 2323677 Mk., woran die Buchdrucker mit 1265297
Mk. beteiligt waren.

Im Jahre $1897$ sind 5 neue Verbände gegründet, die sämtlich auf einem
Zusammenschluß von Lokalvereinen beruhen, deren Mitglieder deshalb
zum Teil in den früheren statistischen Ziffern mit enthalten sind.
Es sind dies die Verbände der Gastwirtsgehülfen, der Graveure, der
Handlungsgehülfen, der Handelshülfsarbeiter und der Seeleute. Damit
ist die Zahl der Zentralverbände auf 52 und unter Zurechnung von 4
durch Vertrauensmänner zentralisierten Organisationen auf 56 gestiegen.
Die Mitgliederzahl ist um 83129 = 25,2 % gewachsen und betrug Ende
1897 412359, wovon 14644 Frauen waren. Unter Hinzurechnung der von
den Zentralverbänden auf 6803 angegebenen Lokalorganisationen ergiebt
sich mithin eine Gesamtzahl von 419162. Von den nach der Berufszählung
vom 14. Juni 1895 in den betreffenden Gewerben beschäftigten 5064034
männlichen und 1101701 weiblichen Arbeitern waren mithin 7,53 % bezw.
1,05 %, im Durchschnitt 6,66 % in den sozialistischen Gewerkschaften
organisiert.

Im Jahre 1898 hat sich die Zahl der Organisationen auf 59, diejenigen
der Mitglieder auf 491955 (also um 79596) vermehrt. Darunter befanden
sich 13009 weibliche. Die Zahl der Lokalorganisierten wird auf 15792
geschätzt.

Der Bericht der Generalkommission bemerkt zu diesen Ziffern, daß
sie ungünstiger schienen, als sie in Wahrheit seien, denn man müsse
berücksichtigen, daß die Organisation auf dem Lande gegen die in den
Städten sehr zurückgeblieben sei und daß deshalb bei einer Stadt und
Land nicht sondernden Durchschnittsberechnung die städtischen Ziffern
durch die ländlichen herabgedrückt würden; in den Städten aber liege
der Schwerpunkt der Bewegung und die dort errungenen Vorteile kämen
schließlich auch den ländlichen Arbeitern zu statten, in den Städten
aber sei die Organisation so weit vorgeschritten, daß in einzelnen
Orten fast zwei Drittel aller Arbeiter organisiert seien.

Ebenso erwähnt der Bericht, daß, abgesehen von den Hirsch-Duncker'schen
Gewerkvereinen, auch noch andere Arbeiterorganisationen vorhanden
seien, die nicht »auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung« ständen.
Solche Vereine beständen nach Ermittelungen der Zentralverbände

       bei den Brauern              28 Vereine mit 3200 Mitgliedern
        "   "  Buchdruckern          2    "     "  2000      "
        "   "  Gärtnern              1    "     "   800      "
        "   "  Hafenarbeitern        1    "     "   140      "
        "   "  Konditoren            2    "     "   700      "
        "   "  Porzellanarbeitern   21    "     "   518      "
        "   "  Steinsetzern          3    "     "   300      "
      --------------------------------------------------------------
                           zusammen 58 Vereine mit 7758 Mitgliedern.

Endlich kommen noch die später[92] zu erwähnenden Organisationen in
Betracht, die nur zum Teil einen ausgesprochenen gewerkschaftlichen
Karakter haben, so daß sie den Uebergang bilden zu Vereinen, die diesen
ganz vermissen lassen.

  [92] Vergl. unten die unter Ziffer 6-11 aufgeführten Vereinigungen.

Die Verteilung der Mitglieder, der Einnahmen, Ausgaben und der
Kassenbestände auf die $einzelnen Berufe$ ergiebt die folgende
Tabelle:

Spaltenüberschriften:
  A = Zweigvereine
  B = Mitglieder der Organisation
  C = Berufsangehörige
  D = Prozentsatz der Organisation
  E = Lokalorganisierte

  ====================================================================
  Nr.|      $Verband$[93]     |   A  |    B   |    C   |   D   |   E
  ===+========================+======+========+========+=======+======
   1.|Bäcker                  |   42 |   1635|  129527 |  1,27 |   80
   2.|Barbiere                |   21 |    588|   30789 |  1,91 |  --
   3.|Bauarbeiter             |   82 |   4339|  371762 |  1,16 |  ?
   4.|Bergarbeiter            |  190 |  18000|  534157 |  3,36 |  --
   5.|Bildhauer               |   88 |   3327|    6000 | 55,45 |  --
   6.|Bötticher               |   89 |   4150|   31483 | 13,22 |  --
   7.|Brauer                  |  106 |   8133|   71482 | 11,37 |  --
   8.|Buchbinder              |   59 |   6258|   46280 | 13,52 |   30
   9.|Buchdrucker             |  899 |  22865|   37000 | 61,80 |  200
  10.|Bureauangestellte       |    3 |    260|     ?   |   ?   |  --
  11.|Dachdecker              |   76 |   1800|   21844 |  8,23 |  --
  12.|Fabrikarbeiter          |  127 |  15639|  208737 |  7,50 |  --
  13.|Former                  |   90 |   4853|   70804 |  6,85 |  200
  14.|Gärtner                 |   18 |    350|   79001 |  0,45 |  --
  15.|Gasarbeiter             |   10 |    924|   12113 |  7,62 |  --
  16.|Glasarbeiter            |   18 |   4024|   47528 |  8,47 |  --
  17.|Glaser                  |   64 |   1195|   11033 | 10,83 |  --
  18.|Graveure                |   17 |    752|    9519 |  7,95 |   40
  19.|Hafenarbeiter           |   39 |  11000|   28981 | 37,95 |  --
  20.|Handelshülfsarbeiter    |   32 |   2703|  175336 |  1,53 | 1800
  21.|Handlungsgehülfen       |   13 |    225|  270053 |  0,08 |  350
  22.|Handschuhmacher         |   39 |   2970|    9381 | 31,66 |  --
  23.|Holzarb. (Verband)      |  475 |  40876|  372635 | 10,91 |  ?
  24.|   "     (Hülfsarb.)    |    8 |    921|   66047 |  1,39 |  --
  25.|Hutmacher               |   44 |   2688|   15521 | 17,34 |   40
  26.|Konditoren              |   12 |    452|   20418 |  2,21 |  --
  27.|Kupferschmiede          |   57 |   3284|    9769 | 33,51 |  --
  28.|Lagerhalter             |  --  |    267|     --  |   --  |  --
  29.|Lederarbeiter           |   90 |   4136|   42015 |  9,84 |  150
  30.|Lithographen            |   95 |   5189|   23781 | 21,80 |  100
  31.|Maler                   |  167 |   6861|   95419 |  7,19 |  --
  32.|Maurer                  |  530 |  42652|  372416 | 11,45 | 2312
  33.|Metallarbeiter          |  427 |  59890|  645536 |  9,27 |  ?
  34.|Müller                  |   42 |   1072|   66849 |  1,60 |   70
  35.|Porzellanarbeiter       |  128 |   8668|   41141 | 21,06 |  566
  36.|Sattler u. Tapezierer   |   57 |   2151|   41914 |  5,10 |   50
  37.|Seeleute                |   ?  |   2444|   15294 | 16,00 |  --
  38.|Schiffszimmerer         |   11 |   1259|     --  |   --  |  --
  39.|Schmiede                |   27 |   2190|  130768 |  1,67 |  --
  40.|Schneider               |  215 |   9041|  328931 |  2,74 |  ?
  41.|Schuhmacher             |  233 |  14935|  162931 |  9,18 |  --
  42.|Steinarbeiter           |  160 |  11500|  125195 |  9,19 |  --
  43.|Steinsetzer             |   95 |   2980|   17053 | 17,52 |  220
  44.|Stukkateure             |   34 |   1325|   12089 | 10,95 |  ?
  45.|Textilarbeiter          |  194 |  22648|  697523 |  3,25 |  --
  46.|Töpfer                  |  127 |   4416|   36891 | 11,96 |   95
  47.|Vergolder               |   18 |   1029|   15957 |  6,44 |  --
  48.|Werftarbeiter           |   13 |   2526|   20116 | 12,56 |  200
  49.|Xylographen             |    3 |    132|     --  |   --  |  --
  50.|Zigarrensortierer       |   25 |    685|     --  | 15,43 |  --
  51.|Zimmerer                |  306 |  17620|  155475 | 11,33 |  ?
  52.|Gastwirtsgehülfen[94]   |   11 |   1108|  258152 |  0,43 |  --
  53.|Gold- u. Silberarb.[94] |   14 |   1401|   31764 |  4,40 |  150
  54.|Tabakarbeiter[94]       |  375 |  17951|  120767 | 15,43 |  --
  55.|Tapeziere[94]           |   36 |   1344|   20558 |  6,53 |  150
  ============================+======+=======+=========+=======+======
                    Insgesamt | 6151 | 410864| 6165735 |  6,66 | 6803

  Spaltenüberschriften:
  F = Jahreseinnahme in Mark
  G = Jahresausgabe in Mark
  H = Vermögensbestand in Mark

  ===================================================================
  Nr.|      $Verband$[93]     |     F      |     G      |     H
  ===+========================+============+============+============
   1.|Bäcker                  |   14555,11 |   12542,40 |    2012,71
   2.|Barbiere                |    1690,28 |    1393,17 |     297,11
   3.|Bauarbeiter             |   21051,56 |   27239,69 |   10270,72
   4.|Bergarbeiter            |   48847,70 |   29923,03 |   15554,35
   5.|Bildhauer               |   83785,55 |   75612,17 |   61635,97
   6.|Bötticher               |   33169,73 |   26071,04 |   12280,48
   7.|Brauer                  |   57630,24 |   49970,69 |   19804,14
   8.|Buchbinder              |   89039,20 |   63963,61 |   62779,54
   9.|Buchdrucker             | 1212694,10 |  840811,71 | 1636007,34
  10.|Bureauangestellte       |    1716,59 |    1726,74 |      34,20
  11.|Dachdecker              |    4800    |    5806    |     650,12
  12.|Fabrikarbeiter          |     ?      |   52977,13 |   26673,74
  13.|Former                  |   41848,99 |   44974,58 |   22201,04
  14.|Gärtner                 |    2677,62 |    2588,85 |      88,77
  15.|Gasarbeiter             |    3614,50 |    4024,64 |     847,10
  16.|Glasarbeiter            |   28858,52 |   39042,40 |   10479,09
  17.|Glaser                  |    9142,39 |    8999,13 |   13416,56
  18.|Graveure                |    9269,17 |    2385,99 |    4236,40
  19.|Hafenarbeiter           |   25803,86 |   44856,19 |   12216,96
  20.|Handelshülfsarbeiter    |   17465,92 |   13998,32 |    3467,60
  21.|Handlungsgehülfen       |    1406,61 |    1142,58 |     264,03
  22.|Handschuhmacher         |   51573,79 |   38209,32 |   48388,66
  23.|Holzarb. (Verband)      |  377927,79 |  303534,15 |  123263,24
  24.|   "     (Hülfsarb.)    |    3021,36 |    2009,09 |    1739,74
  25.|Hutmacher               |   63303,32 |   82417,92 |   86327,01
  26.|Konditoren              |    3411,45 |    2202,58 |    1645
  27.|Kupferschmiede          |   83988,61 |   25646,69 |   58351,92
  28.|Lagerhalter             |    2346,26 |    1262,15 |    1084,11
  29.|Lederarbeiter           |   51420,43 |   29451,91 |   31524,39
  30.|Lithographen            |   42651,58 |   37167,71 |    5483,87
  31.|Maler                   |   44720,78 |   40375,38 |   20159,45
  32.|Maurer                  |  371654,20 |  372727,63 |   69987,96
  33.|Metallarbeiter          |  479522,47 |  366893,59 |  176291,25
  34.|Müller                  |    6027,10 |    5556,86 |    1716,84
  35.|Porzellanarbeiter       |  127192,82 |  106662,32 |  143910,01
  36.|Sattler u. Tapezierer   |   12966,81 |    8739,51 |    9477,57
  37.|Seeleute                |   16637,80 |   16129,10 |    2772,10
  38.|Schiffszimmerer         |    7910,45 |    6915,25 |    4599,91
  39.|Schmiede                |   14229,25 |   12285,46 |    4706,83
  40.|Schneider               |   62496,70 |   45782,87 |   38772,39
  41.|Schuhmacher             |   91667,13 |   97549,14 |   10165,49
  42.|Steinarbeiter           |   55134    |   41338,90 |   13795,88
  43.|Steinsetzer             |   22247,45 |   21210,29 |    5319,47
  44.|Stukkateure             |    7885,24 |    5190,44 |    7139,24
  45.|Textilarbeiter          |  114306,58 |   84276,43 |   23913,72
  46.|Töpfer                  |   35934,62 |   41828,91 |    9926,95
  47.|Vergolder               |    9228,80 |    8319,43 |    8881,54
  48.|Werftarbeiter           |   21103,27 |   16523,76 |    6593
  49.|Xylographen             |    3782,10 |    4530,71 |   16068,46
  50.|Zigarrensortierer       |   14623,70 |    8890,95 |   20105,44
  51.|Zimmerer                |  175703,46 |  161164,77 |   84095,22
  52.|Gastwirtsgehülfen[94]   |     --     |     --     |     --
  53.|Gold- u. Silberarb.[94] |     --     |     --     |     --
  54.|Tabakarbeiter[94]       |     --     |     --     |  197963,63
  55.|Tapeziere[94]           |     --     |     --     |     --
  ============================+============+============+============
                    Insgesamt | 4083696,96 | 3542807,87 | 2951424,63

  [93] Der Verband der Eisenbahnarbeiter ist nicht aufgenommen, da
       er mit Rücksicht auf die Eisenbahnbehörden glaubt, Angaben nicht
       veröffentlichen zu dürfen.

  [94] Ortsverbände.

In der folgenden Tabelle sind die $wichtigsten Posten der Ausgabe$,
nämlich die Arbeitslosen-, Kranken-, Invaliden- und Reiseunterstützung,
die Kosten des Verbandsorganes und die für Streiks verausgabten Beträge
nach ihrer absoluten wie nach ihrer relativen Höhe nachgewiesen.

  Spaltenüberschriften:
  A = Arbeitslosenunterstützung
  B = Kranken- u. Invalidenunterstützung, Sterbegeld
  C = Reiseunterstützung

  UM  = Ueberhaupt Mark
  AKM = Auf den Kopf Mark

  =======================================================================
     |                       |       A      |       B      |       C
  Nr.|      $Verband$        |-------+------+-------+------+-------+-----
     |                       |   UM  |  AKM |   UM  |  AKM |   UM  | AKM
  ===+=======================+=======+======+=======+======+=======+=====
   1.|Bäcker                 |   --  |   -- |   --  |   -- |    388| 0,30
   2.|Barbiere               |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
   3.|Bauarbeiter            |   --  |   -- |   --  |   -- |    461| 0,10
   4.|Bergarbeiter           |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
   5.|Bildhauer              |  33430| 10,04|   9722|  2,91|   7610| 2,28
   6.|Bötticher              |   --  |   -- |    284|  0,07|   3373| 0,81
   7.|Brauer                 |   4007|  0,49|    864|  0,10|   3070| 0,38
   8.|Buchbinder             |  14284|  2,28|   --  |   -- |   --  |  --
   9.|Buchdrucker            | 132779|  5,81| 428787| 17,74| 137388| 6,01
  10.|Bureauangestellte      |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  11.|Dachdecker             |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  12.|Fabrikarbeiter         |   --  |   -- |    665|  0,04|   2983| 0,19
  13.|Former                 |    283|  0,05|     15|   -- |   4835| 0,99
  14.|Gärtner                |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  15.|Gasarbeiter            |   --  |   -- |    613|  0,66|   --  |  --
  16.|Glasarbeiter           |   4440|  1,10|   4820|  1,19|     22|  --
  17.|Glaser                 |    721|  0,60|   --  |   -- |    965| 0,80
  18.|Graveure               |    475|  0,63|   --  |   -- |    445| 0,59
  19.|Hafenarbeiter          |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  20.|Handelshülfsarbeiter   |   --  |   -- |    852|  0,31|   --  |  --
  21.|Handlungsgehülfen      |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  22.|Handschuhmacher        |   5128|  1,72|    225|  0,07|   1567| 0,53
  23.|Holzarbeiter (Verband) |   --  |   -- |   4736|  0,11|  19676| 0,48
  24.|    "      (Hülfsarb.) |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  25.|Hutmacher              |  19015|  7,07|  40028| 14,88|   2736| 1,01
  26.|Konditoren             |    247|  0,54|   --  |   -- |   --  |  --
  27.|Kupferschmiede         |   6018|  1,83|    465|  0,14|   5068| 1,54
  28.|Lagerhalter            |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  29.|Lederarbeiter          |   1163|  0,28|   1607|  0,39|  10493| 2,53
  30.|Lithographen           |   --  |   -- |    464|  0,09|   7254| 1,40
  31.|Maler                  |   --  |   -- |    215|  0,03|    779| 0,11
  32.|Maurer                 |   --  |   -- |   --  |   -- |   3309| 0,08
  33.|Metallarbeiter         |   1236|  0,02|   5611|  0,11|  21965| 0,36
  34.|Müller                 |   --  |   -- |    873|  0,81|   --  |  --
  35.|Porzellanarbeiter      |  33552|  3,87|  34175|  3,96|   --  |  --
  36.|Sattler                |   --  |   -- |    640|  0,30|    882| 0,41
  37.|Schiffszimmerer        |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  38.|Schmiede               |   --  |   -- |   --  |   -- |    538| 0,24
  39.|Schneider              |   --  |   -- |    289|  0,03|   7361| 0,81
  40.|Schuhmacher            |   --  |   -- |   2481|  0,16|   5358| 0,36
  41.|Steinarbeiter          |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  42.|Steinsetzer            |   --  |   -- |    728|  0,24|    466| 0,15
  43.|Stukkateure            |    50 |  0,04|   --  |   -- |    275| 0,21
  44.|Tabakarbeiter          |   --  |   -- |  43361|  2,41|  27718| 1,54
  45.|Textilarbeiter         |   --  |   -- |   --  |   -- |   7112| 0,31
  46.|Töpfer                 |   --  |   -- |   --  |   -- |   3299| 0,74
  47.|Vergolder              |   --  |   -- |    149|  0,14|    134| 0,13
  48.|Werftarbeiter          |   --  |   -- |   --  |   -- |   --  |  --
  49.|Xylographen            |    801|  6,07|     40|  0,30|      6| 0,04
  50.|Zigarrensortierer      |   2697|  3,91|   3282|  4,79|    556| 0,81
  51.|Zimmerer               |   --  |   -- |   --  |   -- |    944| 0,05
  ===========================+=======+======+=======+======+=======+=====
                   Insgesamt | 289036|      | 587488|      | 289036|

  Spaltenüberschriften:
  D = Verbandsorgan
  E = Streikunterstützung

  UM  = Ueberhaupt Mark
  AKM = Auf den Kopf Mark

  ========================================================
     |                       |       D      |       E
  Nr.|      $Verband$        |-------+------+-------+-----
     |                       |   UM  |  AKM |   UM  | AKM
  ===+=======================+=======+======+=======+=====
   1.|Bäcker                 |   3055|  1,86|    547| 0,33
   2.|Barbiere               |    634|  1,08|     12| 0,02
   3.|Bauarbeiter            |   4848|  1,12|  10665| 2,45
   4.|Bergarbeiter           |  13727|  0,76|   2270| 0,13
   5.|Bildhauer              |   6800|  2,04|   4189| 1,25
   6.|Bötticher              |   8680|  2,09|   1950| 0,46
   7.|Brauer                 |  10083|  1,24|   4980| 0,61
   8.|Buchbinder             |  12916|  2,06|   7605| 1,21
   9.|Buchdrucker            |   --  |   -- |  81507| 3,56
  10.|Bureauangestellte      |    812|  3,12|   --  |  --
  11.|Dachdecker             |   2226|  1,23|   2190| 1,21
  12.|Fabrikarbeiter         |   6477|  0,41|  13269| 0,85
  13.|Former                 |   8292|  1,71|  14041| 2,89
  14.|Gärtner                |   1150|  3,18|   --  |  --
  15.|Gasarbeiter            |    298|  0,32|     34| 0,04
  16.|Glasarbeiter           |   6845|  1,70|   1170| 0,28
  17.|Glaser                 |   3457|  2,89|   1054| 0,88
  18.|Graveure               |    816|  1,08|   --  |  --
  19.|Hafenarbeiter          |    781|  0,07|  12492| 1,13
  20.|Handelshülfsarbeiter   |   1610|  0,59|    229| 0,08
  21.|Handlungsgehülfen      |    453|  2,01|   --  |  --
  22.|Handschuhmacher        |   4396|  1,48|  17923| 6,03
  23.|Holzarbeiter (Verband) |  51951|  1,27|  96643| 2,36
  24.|    "      (Hülfsarb.) |   --  |   -- |    705| 0,78
  25.|Hutmacher              |   5589|  2,08|   9152| 3,40
  26.|Konditoren             |    949|  2,10|   --  |  --
  27.|Kupferschmiede         |   3894|  1,18|    750| 0,23
  28.|Lagerhalter            |   --  |   -- |    250| 0,94
  29.|Lederarbeiter          |   3692|  0,89|   5559| 1,34
  30.|Lithographen           |   7750|  1,49|  11253| 2,17
  31.|Maler                  |  10382|  1,51|   3420| 0,50
  32.|Maurer                 |  48850|  1,12| 192477| 4,49
  33.|Metallarbeiter         |  61400|  1,02| 110966| 1,82
  34.|Müller                 |   2323|  2,16|     92| 0,08
  35.|Porzellanarbeiter      |   7964|  0,92|  11060| 1,27
  36.|Sattler                |   2899|  1,35|    700| 0,32
  37.|Schiffszimmerer        |   2002|  1,59|    450| 0,36
  38.|Schmiede               |   5442|  2,48|    550| 0,25
  39.|Schneider              |  14109|  1,56|   2906| 0,32
  40.|Schuhmacher            |  14840|  0,99|  51864| 3,47
  41.|Steinarbeiter          |   --  |   -- |  26324| 2,28
  42.|Steinsetzer            |   3355|  1,12|   9082| 3,05
  43.|Stukkateure            |   1953|  1,47|   1458| 1,09
  44.|Tabakarbeiter          |  26467|  1,42|  55410| 3,09
  45.|Textilarbeiter         |  25587|  1,13|  43215| 1,20
  46.|Töpfer                 |   4391|  0,99|  18709| 4,22
  47.|Vergolder              |   1136|  1,10|    600| 0,57
  48.|Werftarbeiter          |   --  |   -- |  14927| 5,90
  49.|Xylographen            |   2215| 16,79|    138| 1,05
  50.|Zigarrensortierer      |     65|  0,09|   --  | --
  51.|Zimmerer               |  31698|  1,80|  36971| 2,10
  ===========================+=======+======+=======+=====
                   Insgesamt | 439259|      | 881758|

Aus diesen Zahlen ergiebt sich, daß es durchaus unberechtigt ist, die
Gewerkschaften als reine oder auch nur überwiegend als Streikvereine
darzustellen, wie es Graf $Posadowsky$ im Reichstage that. Allerdings
haben 1897 die Zentralverbände 881758 Mk. für Streiks ausgegeben, und
die Gesamtsumme, die die Streiks erfordert haben, beläuft sich sogar
auf 1267308 Mk., indem nicht alle Streikgelder durch die Zentralkassen
laufen. Aber dem stehen 1197960 Mk. an Unterstützungen gegenüber,
nämlich

     Rechtsschutz                      in 37 Verbänden   30147 Mk.
     Gemaßregeltenunterstützung         " 25     "       30973  "
     Reiseunterstützung                 " 33     "      289036  "
     Arbeitslosenunterstützung          " 18     "      260316  "
     Krankenunterstützung               " 14     "      454494  "
     Invalidenunterstützung             "  3     "       68688  "
     Beihülfe in Not- und Sterbefällen  " 21     "       64906  "
                                                      ------------
                                                       1197960 Mk.

Noch günstiger stellt sich die Rechnung, wenn man den
Unterstützungsbeträgen noch die Kosten für das Verbandsorgan (439259
Mk.) hinzurechnet; dann stehen den 881758 Mk. oder auch 1267308 Mk. für
Streiks 1637219 Mk. gegenüber.

Die $Beiträge$ schwankten zwischen 6,9 Pf. und 1 Mk. 10 Pf.
wöchentlich. Sie betrugen bei den Buchdruckern 1 Mk. 10 Pf., den
Bildhauern 50 Pf., den Hafenarbeitern 9,2 Pf., den Kupferschmieden
25-30 Pf., den Handschuhmachern 35 Pf., den Lithographen 20 Pf.,
den Porzellanarbeitern 10-35 Pf., den Steinsetzern 10,11 Pf., den
Hutmachern 25-45 Pf., den Seeleuten 19 Pf., den Tabakarbeitern 10-20
Pf., den Zigarrensortierern 25-75 Pf., den Schiffszimmerern 15 Pf., den
Werftarbeitern 10 Pf., den Buchbindern 35 Pf., den Böttchern 11,5 Pf.,
den Töpfern 15-20 Pf., den Maurern 15-20 Pf., den Brauern 20 Pf., den
Zimmerern 10-30 Pf., den Stuckateuren 10 bis 20 Pf., den Holzarbeitern
(Verband) 20 Pf., den Glasern 15 Pf., den Lederarbeitern 25 Pf., den
Metallarbeitern 20 Pf., den Steinarbeitern 10-50 Pf., den Schuhmachern
15 Pf., den Glasarbeitern 30 Pf., den Dachdeckern 10,4 Pf., den
Graveuren 30 Pf., den Gasarbeitern 15 Pf., den Fabrikarbeitern 10 Pf.,
den Malern 10-20 Pf., den Formern 20 Pf., den Tapezierern 15 Pf., den
Vergoldern 20 Pf., den Sattlern 15 Pf., den Gold- und Silberarbeitern
20 Pf., den Bergarbeitern 6,9 Pf., den Textilarbeitern 10 Pf., den
Schneidern 15 Pf., den Konditoren 30 Pf., den Barbierern 20 Pf., den
Schmieden 20 Pf., den Müllern 13,8 Pf., den Handelshülfsarbeitern 20
Pf., den Holzarbeitern (Hülfsarbeiter) 15 Pf., den Bäckern 18,11 Pf.,
den Bauarbeitern 15 Pf., den Gärtnern 15-20 Pf., den Gastwirtsgehülfen
30 Pf., den Handlungsgehülfen 23 Pf. und den Lagerhaltern 11,5 Pf.

Es hat Interesse, auch die $Entwickelung der Gewerkschaften in
den letzten Jahren$ in Ziffern zu verfolgen. Diese ist, was den
Mitgliederbestand betrifft, ersichtlich aus folgender Zusammenstellung:

  ===================================================================
        | Zentral-Organisationen
        |      +-----------------------------------------------------
        |      | Zweigvereine
        |      |        +--------------------------------------------
        |      |        | Mitglieder
   Jahr |      |        |           +--------------------------------
        |      |        |           | Darunter weibliche
        |      |        |           |          +---------------------
        |      |        |           |          | In Lokalvereinen
        |      |        |           |          |          +----------
        |      |        |           |          |          | Zusammen
  ======+======+========+===========+==========+==========+==========
   1891 |  62  |   --   |   277659  |     --   |   10000  |  287659
   1892 |  56  |  3959  |   237094  |    4355  |    7640  |  244734
   1893 |  51  |  4133  |   223530  |    5384  |    6280  |  229810
   1894 |  54  |  4350  |   246494  |    5251  |    5550  |  252044
   1895 |  53  |  4819  |   259175  |    6697  |   10781  |  269956
   1896 |  51  |  5430  |   329230  |   15265  |    5858  |  335088
   1897 |  56  |  6151  |   412359  |   14644  |    6803  |  419162
   1898 |  59  |   --   |   491955  |   13009  |   15792  |  507747

Das $Verhältnis der verschiedenen Ausgabeposten$ in den einzelnen
Jahren und das Wachstum der Leistungen zeigt folgende Uebersicht:

  Spaltenüberschriften:
  A = Rechtsschutz
  B = Gemaßregeltenunterstützung
  C = Reiseunterstützung
  D = Arbeitslosenunterstützung
  E = Krankenunterstützung

  =========================================================
     Im  |   A    |   B    |   C     |      D    |   E
   Jahre |  Mk.   |  Mk.   |  Mk.    |     Mk.   |  Mk.
  =======+========+========+=========+===========+=========
    1891 |  10843 |  14737 | 144338  | [95]64290 | [95]--
    1892 |   9705 | 236964 | 382607  |    357087 |     --
    1893 |  12542 |  28321 | 328748  |    220926 |  304648
    1894 |  12902 |  14630 | 350455  |    239750 |  425489
    1895 |  15871 |  40307 | 302603  |    196912 |  454114
    1896 |  18349 |  37346 | 310000  |    243201 |  430038
    1897 |  30147 |  30973 | 289036  |    260316 |  454494
  =======+========+========+=========+===========+=========
   Summa | 110359 | 403278 | 2107787 |   1582482 | 2068783

  Spaltenüberschriften:
  F = Invalidenunterstützung
  G = Beihülfe in Not- und Sterbefällen
  H = Zusammen
  I = Streikunterstützung
  J = Verbandsorgan

  =========================================================
     Im  |    F    |    G    |    H    |    I    |    J
   Jahre |    Mk.  |    Mk   |    Mk.  |    Mk.  |    Mk.
  =======+=========+=========+=========+=========+=========
    1891 | [95]--  | [95]--  |  234298 | 1037789 |  154015
    1892 |   21972 |   25284 | 1033619 |   44943 |  285475
    1893 | [95]--  |   41762 |  936947 |   65356 |  292157
    1894 | [95]--  |   41744 | 1084970 |  188980 |  265957
    1895 | [95]--  |   42080 | 1051887 |  253589 |  274398
    1896 |   57947 |   53837 | 1150718 |  944372 |  362708
    1897 |   68088 |   64906 | 1197960 |  881758 |  439259
  =======+=========+=========+=========+=========+=========
   Summa |  148007 |  269613 | 6690309 | 3416787 | 2073969

  [95] Für 1891 sind diese Ausgaben in der Statistik nicht geführt und
       bis 1896 ist die Invalidenunterstützung nicht getrennt
       berechnet, sondern in der Ausgabe für Krankenunterstützung
       enthalten.

Auch hier tritt hervor, daß der Schwerpunkt der Thätigkeit nicht
auf dem Gebiete der Arbeitseinstellungen liegt, denn in den Jahren
1891-1897 steht den für Streikunterstützung verausgabten 3416787 Mk.
eine Gesamtsumme für Unterstützungen von 6690309 Mk. gegenüber, die
sich unter Hinzurechnung der Ausgabe für das Verbandsorgan sogar auf
8764278 Mk. erhöht.


                      I. Die Lokalorganisierten.

In den vorstehenden statistischen Uebersichten sind auch Zahlen für
die lokalorganisierten Arbeiter angegeben, die danach 1891 10000,
1892 7640, 1893 6280, 1894 5550, 1895 10781, 1896 5858, 1897 6803 und
1898 15792 betragen haben. Diese Angaben stützen sich auf Schätzungen
der Vorstände der Zentralorganisationen, werden aber von der
Generalkommission selbst als »höchst unzuverlässig« bezeichnet, indem
darauf hingewiesen wird, daß allein der nicht berücksichtigte Berliner
Lokalverband der Metallarbeiter angeblich 10000 Mitglieder zählen
solle. Auf der vom 20. bis 24. April 1897 in Braunschweig abgehaltenen
dritten Generalversammlung des deutschen Metallarbeiterverbandes
ist nun aber der Anschluß des Berliner Lokalverbandes, dessen
Mitgliederzahl dabei auf 9000 angegeben wurde, zu stande gekommen,
sodaß die Metallarbeiter jetzt aus der Reihe der Lokalorganisationen
ausscheiden. Auf dem I. Gewerkschaftskongresse in Halberstadt waren
angeblich 32805 lokalorganisierte Arbeiter vertreten, doch scheint
diese Ziffer viel zu hoch gegriffen.

Obgleich hiernach die lokal organisierten Arbeiter keine große Zahl
darstellen, haben sie doch schon mehrere eigene Kongresse veranstaltet.
Der $erste$ derselben wurde vom 17. bis 19. Mai 1897 in Halle a. S.
unter Leitung des Regierungsbaumeisters a. D. $Keßler$ abgehalten.
Es waren 38 Abgeordnete aus 13 Orten und für 14 verschiedene Berufe
vertreten, aber über den Umfang der Lokalorganisation ist auch
hier kein Anhaltspunkt geschaffen, vielmehr erklärte man, daß die
Mitgliederzahl noch nicht ermittelt werden könne, ein Eingeständnis,
das hinreicht, um die offenbare Schwäche zu verraten[96]. Wenn die
Generalkommission in Nr. 22 des Korrespondenzblattes vom 31. Mai 1897
die Zahl von 10000 für sicher zu hoch gegriffen erklärt, so ist das
ganz gewiß richtig. Ein anderer Berichterstatter[97] schätzt dieselbe
auf 4-5000.

  [96] Der Reg.-Baumeister $Keßler$ hat mir auf meine briefliche Bitte um
       nähere Angaben keine Antwort gegeben.

  [97] Vgl. »Soziale Praxis« VI, 874.

Der Grundgedanke der Lokalorganisation ist, wie schon früher betont,
die Auffassung, daß die Gewerkschaften die Beschäftigung mit
politischen Angelegenheiten nicht entbehren könnten und deshalb, da
die Vereinsgesetze in diesem Falle das In-Verbindung-Treten mehrerer
Vereine nicht gestatten, besser thäten, hierauf zu verzichten;
außerdem aber würden die Zentralverbände durch die Nichtbeschäftigung
mit Politik zur Vereins- und Verbandssimpelei und Züchtung einer
Gewerkschaftsbureaukratie geführt. Diese Auffassung fand ihren Ausdruck
in folgender Resolution:

       In Erwägung

    1. daß der sogenannte gewerkschaftliche Kampf um Verbesserung der
       Lage der Arbeiter auf dem Boden der heute bestehenden Ordnung
       nicht geführt werden kann, ohne das Verhältnis der Arbeiter zu
       dem heutigen Staate und seinen Organen der Gesetzgebung und
       Verwaltung scharf und bestimmt zu berühren;

    2. daß der gewerkschaftliche Kampf also von dem politischen Kampfe
       um die politische Macht und deren Erweiterung nicht zu trennen
       ist;

    3. daß weder eine wesentliche Verbesserung der Lage der Arbeiter
       noch eine Vermehrung ihrer Rechte von der Humanität oder von dem
       guten Willen der heutigen Gesellschaft zu erwarten ist, sondern
       anerkanntermaßen nur der Kampf ums Recht das Recht bildet;

    4. daß dieser Kampf aber nur dann mit dem nötigen Nachdruck und der
       nötigen Einheitlichkeit von den Arbeitern geführt werden kann,
       wenn er in seinem Karakter als Klassenkampf der Arbeiterklasse
       gegen ihre Ausbeuter erkannt und geführt wird;

    5. daß dieser notwendige und unvermeidliche Klassenkampf nur unter
       engem und bewußtem Anschlusse an die Grundsätze und Taktik der
       sozialdemokratischen Partei Deutschlands mit Aussicht auf Erfolg
       geführt werden kann,

erklärt der zu Halle a. S. tagende erste Kongreß der
lokalorganisierten, nur auf dem Boden des Vertrauensmännersystems
zentralisierten Gewerkschaften Deutschlands:

    I. Eine Trennung der gewerkschaftlichen Bewegung von der bewußten
       sozialdemokratischen Politik ist unmöglich, ohne den Kampf um die
       Verbesserung der Lage der Arbeiter auf den Boden der heutigen
       Ordnung aussichtslos zu machen und zu lähmen.

   II. Daß die Bemühungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, den
       Zusammenhang mit der Sozialdemokratie zu lockern oder zu
       durchbrechen, als arbeiterfeindliche zu betrachten sind.

  III. Daß Organisationsformen der gewerkschaftlichen Bewegung, die sie
       in dem Kampfe um die politischen Ziele hindern, als fehlerhaft
       und verwerflich zu betrachten sind. Der Kongreß sieht in der
       Form der Organisation, die sich die sozialdemokratische Partei
       Deutschlands auf den Kongreß zu Halle a. S. 1890 gegeben hat,
       mit Rücksicht auf die bestehende Vereinsgesetzgebung auch für
       die gewerkschaftliche Organisation die zweckmäßigste und beste
       Einrichtung zur Verfolgung aller Ziele der Gewerkschaftsbewegung.

Die Teilnehmer waren in ihren Angriffen gegen die Zentralorganisation
und insbesondere die Generalkommission so scharf, daß selbst die der
Lokalorganisation sympathisch gegenüberstehenden sozialdemokratischen
Blätter dies tadelten. Dementsprechend ist denn andererseits auch
der oben erwähnte Bericht der Generalkommission gehalten, indem den
lokal Organisierten der Vorwurf gemacht wird, daß sie mit ihren
Begriffsvermögen zu kurz gekommen seien, und daß ihre Führer sich
durch egoistische Gründe leiten ließen. Uebrigens waren auch nicht
sozialdemokratische Arbeiter vertreten, denn ein Abgeordneter aus
Solingen erklärte, daß die gefaßten Beschlüsse 300 der durch ihn
vertretenen 400 Mitglieder zum Ausscheiden zwingen würden, da sie von
der Sozialdemokratie nichts wissen wollten.

Aus den übrigen Beschlüssen ist zu erwähnen, daß eine
»Geschäftskommission« aus 5 Personen mit dem Sitze in Berlin geschaffen
wurde um die planmäßige Agitation zu betreiben. Jede Lokalorganisation
soll an jedem Orte einen Vertrauensmann wählen, der die Sammlungen
zum Agitationsfonds zu leiten und sämtliche Verhältnisse nach den
Beschlüssen des Kongresses zu regeln hat. Der Kongreß proklamiert die
unbedingte Solidarität der Lokalorganisierten mit allen Arbeitern ohne
Rücksicht auf die Organisation und die politische Anschauung, soweit
sie auf den Boden des Klassenkampfes stehen. Es soll eine Broschüre
über Wesen und Form der Lokalorganisation und ein wöchentliches Organ
herausgegeben werden.

Vom 12.-14. April 1898 hat dann der $zweite Kongreß$ der
»lokalorganisierten und durch Vertrauensmänner zentralisirten
Gewerkschaften Deutschlands« in $Berlin$ stattgefunden. Der Erfolg des
verflossenen Jahres war ein höchst geringer gewesen. Der Bericht der
Geschäftskommission klagt darüber, daß ihre Thätigkeit gehemmt war, da
sie von den Delegierten des ersten Kongresses nicht unterstützt sei,
die Anerbietungen der Kommission, Redner zu schicken und Versammlungen
abzuhalten, seien in verschiedenen Orten nicht angenommen, an andern
Orten seien ihre Mitglieder nicht eingeladen um zu belehren, sondern
um sie in langen Reden, auf die sie nichts erwidern durften, todt zu
reden. Auch an Geld habe es gefehlt und die Kommission habe stets
betteln müssen; die Einführung des unter dem Titel »Einigkeit« ins
Leben gerufenen Blattes sei auf Schwierigkeiten gestoßen, sodaß
fortwährend Geld habe zugeschossen werden müssen; deshalb hätten auch
die Agitationsreisen nicht in der nötigen Ausdehnung gemacht werden
können.

Auf dem Kongresse waren 28 Vertreter aus 16 Orten anwesend, doch
sind dabei die Vororte von Berlin als selbständige Orte gezählt.
Außer Berlin waren vertreten Königsberg, Halle, Solingen, Jüterbogk,
Brandenburg, Braunschweig und Breslau. Die Zahl der Mitglieder wurde
auch dieses Mal nicht angegeben, sodaß die Annahme nahe liegt, daß
diese Zahl zurückgegangen ist, zumal einige Vertreter dies aus ihren
Vereinen berichteten. Auch über Einnahmen und Ausgaben hat man jede
Angabe vermieden. Die Thätigkeit der Vereine hat sich wesentlich auf
Kampf gegen die Zentralverbände und die Generalkommission beschränkt,
wenigstens wird von einer weiteren Wirksamkeit nicht berichtet.
Auch in den Verhandlungen bildeten die Anklagen gegen diese den
Hauptbestandteil und es wurde beschlossen, den Kampf rücksichtslos
fortzusetzen. Man erklärte sich gegen Arbeitslosenunterstützung, da
man damit nur dem Staate eine ihm obliegende Aufgabe abnehme und die
Gewerkschaften durch Unterstützungseinrichtungen versumpften. Doch
soll Reiseunterstützung an die beteiligten Vereine gezahlt werden.
Bei Streiks sollen diese sich gegenseitig helfen, indem über die
Aufbringung der Mittel jeder Ort und Beruf selbständig bestimmt. An die
Geschäftskommission, deren Sitz in Berlin verbleibt, hat jeder Verein
vierteljährlich für jedes Mitglied 5 Pf. abzuführen.

Der $dritte Kongreß$ ist vom 4. bis 6. April 1899 in Braunschweig
abgehalten unter Beteiligung von 29 Delegierten aus 18 Orten und
13 Berufen. Die Anzahl der Mitglieder ist in Zeitungsberichten auf
5000 bezeichnet, doch wurden auf dem Kongresse Angaben nur über
einzelne Vereine gemacht. Die Einnahmen haben einschließlich eines
bis auf 100 Mk. zurückbezahlten Darlehens von 5200 Mk. 7345 Mk., die
Ausgaben 6876 Mk. betragen. Der Preßfonds hatte eine Einnahme von
11129 Mk. gegen 10200 Mk. Ausgabe. Das Organ »Die Einigkeit« erscheint
in einer Auflage von 5140; es wurde beschlossen, den Vereinen die
obligatorische Einführung zu empfehlen. An die Geschäftskommission
haben die Vereine für jedes Mitglied vierteljährlich 5 Pf. abzuführen.
Der Schwerpunkt der Verhandlungen lag wieder in den Angriffen gegen
die Zentralorganisationen; es wurde beschlossen, »für die Zukunft jede
Rücksicht auf ein friedliches Zusammenarbeiten fallen zu lassen«.


                4. Der deutsche Buchdruckerverband[98].

Zu dem Verbande der sozialdemokratischen Gewerkschaften gehört seit
einigen Jahren eine Vereinigung, die aus dem Grunde unser ganz
besonderes Interesse und eine gesonderte Darstellung beanspruchen
darf, weil sie am meisten sich nicht allein den für Deutschland als
Vorbild anzuerkennenden englischen trade unions, sondern sogar dem
Ideal nähert, welches man für eine Lösung der sozialen Frage im
friedlichen Sinne als Ziel der Zukunft aufstellen muß. Dies ist der
$deutsche Buchdruckerverband$.

  [98] Als Quellen und Materialsammlungen sind zu bezeichnen einerseits
       $Karl Klimsch$: Adreßbuch der Buch- und Steindruckereien
       des Deutschen Reiches und andererseits die vom
       Vorstande des Gehülfenverbandes herausgegebene Schrift:
       Zur Arbeiterversicherung. Geschichte und Wirken des
       Unterstützungsvereins Deutscher Buchdrucker von 1866-1881.
       Daneben kommen die beiderseitigen Organe in Betracht, nämlich
       einerseits der »Correspondent für Deutschlands Buchdrucker und
       Schriftgießer« der seit 1863 in Leipzig, und zwar jetzt dreimal
       wöchentlich erscheint und andererseits bis 1888 die »Mitteilungen
       des Deutschen Buchdruckervereines« und seit 1889 die »Zeitschrift
       für Deutschlands Buchdrucker«, welche ebenfalls in Leipzig
       erscheint. Als litterarische Bearbeitungen sind in erster
       Linie zu nennen 1. $Zahn$: Die Organisation der Prinzipale und
       Gehülfen im deutschen Buchdruckgewerbe im 45. Bande der Schriften
       des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig, Duncker & Humblot.
       2. A. $Gerstenberg$: Die neuere Entwickelung des deutschen
       Buchdruckgewerbes in statistischer und sozialer Beziehung, Jena
       1892, Gustav Fischer. Die statistischen Angaben sind in erster
       Linie der zur Feier des 25jährigen Bestehens des Verbandes
       herausgegebenen Festnummer des »Correspondent für Deutschlands
       Buchdrucker« vom 20. Mai 1891 entnommen; die neueren Daten
       verdanke ich den brieflichen Mitteilungen des Verbandsvorstandes.

Das Buchdruckgewerbe hat von je her insofern eine bevorzugte Stellung
eingenommen, als der Beruf sich in den an seine Mitglieder zu
stellenden Anforderungen weit über das gewöhnliche Niveau erhebt und
deshalb eine führende Rolle in der Arbeiterbewegung in Anspruch nehmen
darf. Andererseits hat dieser Umstand stets einen starken Zufluß von
Arbeitskräften zur Folge gehabt, der dazu zwang, auf Schutzmittel gegen
Ueberfüllung Bedacht zu nehmen.

Die älteste Form der Organisation war das sog. $Postulat$, so
bezeichnet von dem Aufnahmeakte der Gesellen, von dem man den Ausdruck
auf die ganze Einrichtung als solche übertrug. Durch diesen Akt
wurde der in 5 Jahren ausgelernte Lehrling zum Gesellen und zugleich
zum Mitgliede der $Gesellenbruderschaft$. Die letztere stand unter
Aufsicht der Innung und sorgte für ihre Angehörigen durch Unterstützung
bei Krankheiten, Unglücksfällen, Alter und Arbeitsunfähigkeit,
insbesondere aber bei Reisen und sonstiger Arbeitslosigkeit durch
das sog. $Viatikum$. Das Verhältnis zu den »Herren« war durch die
$Buchdruckerordnung$ geregelt, die insbesondere genaue Vorschriften
über Arbeitslohn und Arbeitszeit enthielt. Mit dem Beginne des jetzigen
Jahrhunderts begann die Gesetzgebung diesen Gesellenverbindungen
grundsätzlich feindlich gegenüber zu treten, man verbot größtenteils
die Gesellenläden, legte die Unterstützungskassen und den
Arbeitsnachweis in die Hände der Prinzipale, deren Vereine unangetastet
bestehen blieben, und hob schließlich das ganze Postulat mit allen
Einrichtungen auf. Seit im Jahre 1826 die Ersetzung der Handpresse
durch die Maschinenschnellpresse begann, blieben auch die allgemeinen
Folgen der Ersparnis von Arbeitskräften nicht aus, und um den sinkenden
Preisen Rechnung zu tragen, nahm man seine Zuflucht zu einer stets
wachsenden Einstellung von Lehrlingen, die man nicht völlig, sondern
nur in einzelnen Zweigen der Thätigkeit ausbildete, um sie nach Ablauf
ihrer Lehrzeit durch andere zu ersetzen.

Das Jahr 1848 gab dem schon lange gehegten Wunsche eines »nationalen
Postulates« d. h. einer über ganz Deutschland erstreckten Organisation
Gelegenheit zur Verwirklichung, und nach manchen lokalen Versuchen
gelangte auf der von dem Heidelberger Gehülfenvereine auf den 11.
Juni 1848 nach $Mainz$ berufenen Versammlung, auf welcher 10000
Gehülfen durch 44 Abgeordnete vertreten waren, der »$Deutsche
Nationalbuchdruckerverein$« zur Existenz. Derselbe war $sowohl für
Gehülfen als für Prinzipale$ bestimmt, und durch genaue Vorschriften
über die Organisation, über Schiedsgerichte, Lehrlingswesen,
Lohnberechnung, Unterstützungskassen und ein gemeinsames Organ war
die Unterlage für eine wirksame Thätigkeit geschaffen. Während
der neu gebildete Verein unter den Gehülfen überall begeisterte
Zustimmung fand, war die Aufnahme unter den Prinzipalen geteilt und
überwiegend ablehnend. Immerhin gelang es auf einer am 27. August 1848
in $Frankfurt$ zusammengetretenen von beiden Parteien beschickten
Versammlung, den Plan eines allgemeinen deutschen Buchdruckervereins
aufrecht zu erhalten, indem man die Mainzer Beschlüsse etwas zu Gunsten
der Prinzipale umgestaltete. Aber leider gelang es nicht für dieses
Ergebnis die Zustimmung der Mehrheit der Prinzipale zu gewinnen, und
als man um zu einer Verständigung zu gelangen, Ende September 1848 in
$Berlin$ von neuem zu einer gemeinsamen Versammlung zusammentrat, wurde
dieselbe plötzlich seitens der Polizei aufgelöst. Die folgenden Jahre
der politischen Reaktion haben dann sehr bald den letzten Rest der
vorhandenen Organisationsansätze vernichtet. Nur der 1849 gegründete
»Thüringische Buchdruckerverein«, dem Gehülfen und Prinzipale
angehörten, und der verschiedene Unterstützungskassen besaß, erhielt
sich bis in die neueste Zeit und neben den späteren Organisationen.

Erst nach Beginn der »Neuen Aera« nahm man seitens der Gehülfen den
Gedanken eines, jedoch zunächst auf Gehülfen beschränkten, allgemeinen
deutschen Verbandes wieder auf. Anfang 1862 bildete sich in Leipzig
der »Fortbildungsverein für Buchdrucker«, der vom 1. Januar 1863 ab
ein eigenes Organ, den »Correspondent, Wochenschrift für Deutschlands
Buchdrucker und Schriftgießer« herausgab und die allgemeine
Gewerkschaftsorganisation unter den Buchdruckern energisch in die Hand
nahm. Im März 1866 erließ der Fortbildungsverein mit Genehmigung der
sächsischen Regierung einen Aufruf zur Beschickung eines zu Pfingsten
1866 nach Leipzig berufenen deutschen Buchdruckertages, der dann vom
20. bis 22. Mai unter der Beteiligung von 34 Abgeordneten, die 3187
Gehülfen aus 185 Städten vertraten, stattfand. Der Kongreß beschloß die
Gründung des $deutschen Buchdruckerverbandes$, dem jeder ausgelernte
Buchdrucker oder Schriftgießer beitreten konnte.

Wegen des inzwischen ausgebrochenen Krieges trat der Verband erst
mit dem 1. Januar 1867 ins Leben. Auf dem vom 11. bis 14. April 1868
in $Berlin$ tagenden zweiten deutschen Buchdruckertage waren 5000
Mitglieder durch 43 Abgeordnete vertreten, während der vom 9. bis 12.
September 1871 in $Frankfurt$ a. M. abgehaltene dritte Buchdruckertag
bei 50 Delegierten 6227 Mitgliedern in 38 Gauverbänden und 167
Lokalvereinen aufwies.

Die folgenden Verbandstage fanden statt: der IV. vom 21. bis 26. Juni
1874 in $Dresden$, der V. vom 24. bis 27. Mai 1876 in Leipzig.

Am 21. November 1878 wurde mit Rücksicht auf das Sozialistengesetz der
Verband aufgelöst und gleichzeitig der $Unterstützungsverein deutscher
Buchdrucker$ gegründet. Derselbe hat folgende Generalversammlungen
abgehalten:

  1. vom 2. bis 5. September 1879 in Hannover;

  2. vom 30. August bis 2. September 1882 in Stuttgart;

  3. vom 28. bis 31. Mai 1885 in Berlin;

  4. vom 15. bis 17. Februar 1886 in Gotha;

  5. vom 13. bis 15. März 1888 in Hamburg;

  6. vom 23. bis 25. Juni 1891 in Berlin;

  7. vom 28. Juni bis 2. Juli 1892 in Stuttgart.

Aus dem auf dem II. Verbandstage in Berlin beschlossenen
Verbandsstatute ist folgendes hervorzuheben. Als $Zweck$ wird
bezeichnet die materielle Besserung und geistige Hebung der Mitglieder
und als $Mittel$:

  1. die Vereinigung der Gehülfen, event. mit den Prinzipalen, zur
     Hebung und Förderung des Berufes, Feststellung und
     Aufrechterhaltung der entsprechenden Arbeitspreise, Sicherstellung
     gegen unbefugte und maßlose Konkurrenz, Abschaffung aller
     regelmäßigen Sonntagsarbeit;

  2. gründliche Regelung bezw. Besserung des Lehrlingswesens;

  3. Errichtung und Erweiterung von Kranken-, Invaliden- und
     Viatikumskassen, Regelung der weiteren Unterstützungskassen,
     Förderung von Produktivgenossenschaften;

  4. Hebung und Förderung der geistigen Fähigkeiten, würdige Pflege
     der Kollegialität, Hebung der Moral, Anschaffung von Bibliotheken,
     Einführung von Unterrichtsstunden, wissenschaftlichen und
     technischen Vorträgen u. s. w., festes Zusammenhalten in allen
     Lagen und Gefahren des Berufes; gegenseitige Unterstützung.

An der Spitze des Verbandes stand eine fünfgliedrige Kommission und der
Präsident. Organ ist der »Correspondent für Deutschlands Buchdrucker
und Schriftgießer«.

Der Verband hat das so abgegrenzte Gebiet später ausgebaut. Zunächst
wurde schon 1868 in Berlin die Gründung einer $Zentral-Invalidenkasse$
beschlossen, deren Mitgliedschaft seit dem 1. Januar 1876 obligatorisch
ist. Da später der Betrieb der Geschäfte in Bayern verboten
wurde, so errichtete man dort eine besondere Invalidenkasse für
Bayern. Mit dem 1. Oktober 1875 trat eine $Reisekasse$ ins Leben,
aus welcher reisende Mitglieder täglich 1 Mk. 25 Pf. erhalten.
Die $Arbeitslosenunterstützung$ am Orte war schon 1875 von einer
dazu bestellten Kommission, die vom 11. bis 15. April in Gotha
tagte, beschlossen, wurde dann aber bei vorgenommener Urabstimmung
abgelehnt. Auf dem vom 24. bis 27. Mai 1876 in Leipzig abgehaltenen V.
Verbandstage wurde die Arbeitslosenunterstützung im Prinzip genehmigt
und dieser Beschluß auf der vom 2. bis 5. September 1879 in Hannover
abgehaltenen ersten Generalversammlung des »Unterstützungsvereins
deutscher Buchdrucker« wiederholt, indem zugleich die baldige
Gründung einer $Zentralkrankenkasse$ beschlossen wurde. Die
Arbeitslosenunterstützung trat darauf mit dem 1. Januar 1880, die
Zentralkrankenkasse mit dem 3. Juli 1881 in Thätigkeit. Auf der vom
28. bis 30. Mai 1885 in Berlin abgehaltenen III. Generalversammlung
wurde dann auch die Einführung des $Rechtsschutzes$ beschlossen. Am
22. März 1873 wurde die Leipziger $Produktivgenossenschaft$ gegründet,
doch wurde am 2. September 1879 deren Liquidation beschlossen und das
Unternehmen im Oktober 1879 verkauft.

Die notwendige Ergänzung des Gehülfenverbandes war ein
$Prinzipalverein$, der auf einer am 15. August 1889 in Mainz tagenden
Versammlung unter dem Namen »Deutscher Buchdruckerverein«[99] von
85 Prinzipalen gegründet wurde. Der Vorstand aus 9 Mitgliedern hat
seinen Sitz in Leipzig, mit einem besoldeten Sekretär. Das Organ
waren zunächst die »Annalen der Typographie«, dann von 1875-1888 die
»Mitteilungen des Deutschen Buchdruckervereins« und seit 1889 die
»Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker«.

  [99] Wir werden uns mit dem deutschen Buchdruckerverein noch an anderer
       Stelle (vgl. unten III. Teil) zu beschäftigen haben; hier ist
       über denselben nur dasjenige mitzuteilen, was zum Verständnisse
       seines Verhältnisses zu der Gehülfenorganisation erforderlich ist.

Als $Zweck$ bezeichnete der Verein neben einer »geordneten
Organisation« auch »die thunlichste Förderung der materiellen und
geistigen Interessen der Gehülfen, worin der Verein sowohl eine
zeitgemäße Berechtigung, als auch das eigene Interesse seiner
Mitglieder erkennt«; aber die zu diesen Zwecken zu gründenden Kassen
für Kranken-, Begräbnis-, Witwen-, Invaliden- und Reise-Unterstützung
sollen $allen$ Gehülfen zu Gute kommen, und der Verein will
deshalb »mit aller Energie den Bestrebungen der Gehülfen-Vereine
entgegentreten, die die Unterstützung aus solchen Kassen, namentlich
die Gewährung des Reisegeldes nur ihren eigenen Mitgliedern gewähren
wollen«.

Diese feindliche Haltung gegen den Gehülfenverband zeigte sich denn
auch sofort darin, daß der Vorstand sich im Oktober 1889 nicht an
diesen, sondern an $alle$ Gehülfenvereine Deutschlands mit der
Aufforderung wandte, »sich darüber zu äußern, in welcher Weise
der Deutsche Buchdruckerverein nach ihrer Ansicht das Interesse
der Gehülfen fördern könne«. Aber der Gehülfenverband erreichte
es, daß diese Anfragen mit der einzigen Ausnahme des Leipziger
Buchdruckervereins unbeantwortet blieben. Der Hamburger Gehülfenverein
gab der herrschenden Stimmung Ausdruck durch die Antwort seines
Vorsitzenden: »Wünsche, die die Gehülfenschaft bei Beratung der
Statuten Ihres Vereins geltend machen möchte, kann ich mich nicht
veranlaßt fühlen zu deklarieren, denn nach meiner Ueberzeugung ist die
Zeit vorüber, wo man in patriarchalischer Weise Wünsche an den Stufen
des Thrones niederlegte, sondern jetzt verständigt man sich auf der
Grundlage, daß alle Menschen gleichberechtigt sind, ob Arbeitgeber und
-nehmer«.

Die gegenseitigen Streitigkeiten setzten sich ununterbrochen fort,
insbesondere als die wichtige Frage der $Lohnregulierung$ immer
brennender wurde. Man bezahlte den Lohn einerseits in dem »gewissen
Gelde«, d. h. einem festen Wochensatze, andererseits aber nach der
Arbeitsleistung als Akkordlohn. Die Gehülfen forderten nun nicht
nur eine Erhöhung des Lohnes, sondern eine ihnen günstigere Art der
Berechnung, indem an die Stelle des »1000 n-Tarifes«, nach welchem der
Raum nach dem Normalmaße des n gemessen wird, der »Alphabet-Tarif«,
bei welchem die Gesamtheit der Buchstaben des Alphabetes die
Einheit bildet, treten sollte. Der Prinzipalverein war nun zu
einem Entgegenkommen an sich bereit, lehnte aber jede Verhandlung
mit dem Gehülfenverbande, obgleich demselben die Mehrheit aller
Gehülfen angehörte, ab und forderte die gesamte Gehülfenschaft auf,
Vertreter zu wählen. Diese Wahl wurde aber fast überall abgelehnt,
und nachdem der von dem Gehülfenverbande aufgeteilte Tarif von dem
Prinzipalvereine verworfen war, kündigten zunächst in Leipzig die große
Mehrzahl der Gehülfen zum 1. Februar 1873. Die Leipziger Prinzipale
wandten sich hierauf an den Prinzipalverein mit dem Antrage, gemäß
des Vereinsstatutes nunmehr die Entlassung aller Mitglieder des
Gehülfenverbandes herbeizuführen. Der Vereinsvorstand stimmte auch
diesem Verlangen zu, aber thatsächlich wurde ihm nur sehr lässig
Folge gegeben, so daß die Aussperrung nur etwa 2000 Gehülfen umfaßte.
Angesichts dieser Verhältnisse sah sich der Prinzipalverein zum
Rückzuge gezwungen und nachdem man im wesentlichen den Forderungen des
Gehülfenverbandes hatte nachgeben müssen, die eine Lohnerhöhung um etwa
20-25% darstellten, wurde am 21. April 1873 die Arbeitseinstellung und
Aussperrung für beendigt erklärt. Der neue Normaltarif wurde, nachdem
eine vom 1.-5. Mai 1873 in Leipzig abgehaltene gemeinsame Versammlung
ihn endgültig festgestellt hatte, am 9. Mai 1873 allgemein eingeführt.

Der Tarif wurde zunächst für die Zeit bis zum 1. Juli 1876 vereinbart,
doch sollte er, falls nicht von einer der beiden Parteien bis zum 1.
April 1876 die Kündigung erfolgt wäre, fortbestehen und nur durch
vierteljährliche Kündigung aufgehoben werden können. Um Streitigkeiten
zu entscheiden wurde für jeden der 12 Kreise, in welche man das
deutsche Reich einteilte, ein $Schiedsamt$ eingerichtet, bestehend
aus 3 Prinzipalen und 3 Gehülfen; den Vorsitz führt ein Prinzipal,
falls die Klage von einem Gehülfen ausgeht, und umgekehrt. Auch
Nichtverbandsmitglieder dürfen sich an das Schiedsamt wenden. Als
Berufungsinstanz gilt das aus je einem von den Kreisen gewählten
Prinzipal- und Gehülfenvertreter gebildete $Einigungsamt$ in Leipzig.
Falls von einer der beiden Parteien eine Abänderung des Tarifes
verlangt wird, tritt das Einigungsamt als $Tarif-Revisionskommission$
in Thätigkeit, doch sind deren Beschlüsse der Abstimmung seitens der
Kreise zu unterwerfen.

Aber hatte man auf diese Weise der Entstehung von Streitigkeiten
theoretisch auf das Beste vorgebeugt, so scheiterte doch die Sache
bald daran, daß der Prinzipalverein nicht allein zu wenig Mitglieder
besaß, um seinen Beschlüssen den erforderlichen Nachdruck zu geben,
sondern sich nicht einmal imstande zeigte, seine eigenen Mitglieder
zur Anerkennung seiner Abmachungen zu zwingen. Dazu kam die in den
nächsten Jahren ungünstige allgemeine Geschäftslage, und obgleich die
Gehülfen sich sowohl 1876 als 1878 den von den Prinzipalen beantragten
und von der Tarifrevisionskommission beschlossenen Lohnherabsetzungen
fügten, wobei insbesondere der Verbandsvorstand Ehrlichkeit und Einfluß
genug bewies, um selbst einzelne Widerstände zu beseitigen, ließ man
doch 1878 die $Schiedsämter$ und das $Einigungsamt$ wieder fallen und
übertrug die Verhandlung über Tarifänderungsanträge einer $besonderen
Tarifrevisionskommission$ aus 24 Mitgliedern. Der neue Tarif trat
mit dem 1. Oktober 1878 in Kraft, nachdem er in Urabstimmung von
254 Prinzipalen gegen 16 und von 2832 Gehülfen gegen 537 angenommen
war, aber thatsächlich wurde er nur in der Minderzahl der Geschäfte
eingeführt, und eine 1879 vorgenommene Umfrage ergab, daß er unter 2715
Prinzipalen nur von 654 beobachtet wurde, ja an verschiedenen Orten
z. B. Berlin hatten sich besondere Prinzipalvereine gebildet, die sich
in Gegensatz zu dem Hauptverein stellten.

Eine schwere Krisis und bedauerliche Unterbrechung des bisherigen
erfreulichen Fortschrittes brachte die Zeit des $Sozialistengesetzes$.
Wie die sächsischen Behörden sich überhaupt vor fast allen übrigen
dadurch nicht zu ihrem Ruhme ausgezeichnet haben, daß sie unter
der Herrschaft des Gesetzes Alles unterdrückten, was irgendwie nach
Arbeiterorganisation und Arbeiterbewegung aussah, so glaubten sie
auch hier die Sozialdemokratie dadurch zu schädigen, daß sie ihren
gefährlichsten Gegner vernichteten. Um derartigen Angriffen und
dem Verdachte, daß politische Zwecke verfolgt würden, thunlichst
vorzubeugen, beschloß, wie schon erwähnt, der Verband am 21.
November 1878 seine Auflösung, indem gleichzeitig der lediglich die
Unterstützung seiner Mitglieder bezweckender »$Unterstützungsverein
Deutscher Buchdrucker$« mit dem Sitze in Leipzig gegründet wurde.
Aber dieser Vorsicht ungeachtet wurde der neue Verein am 5. März 1879
polizeilich aufgelöst. Derselbe verlegte deshalb seinen Sitz nach
Stuttgart, wo man mehr sozialpolitisches Verständnis zeigte. Auch in
Bayern wurde jetzt plötzlich der Verband für einen solchen politischen
Karakters erklärt und den bayrischen Vereinen die Beteiligung
untersagt, bis man sie 1889 wieder gestattete. Aehnliches bereitete man
1885 in Preußen vor, sah aber merkwürdigerweise von weiteren Schritten
ab, als der Verband seinen $Sitz nach Berlin verlegte$; nur die dem
Verbande angehörige Invalidenkasse blieb in Stuttgart.

Die neue $Sozialversicherungsgesetzgebung$ bot zunächst erhebliche
Schwierigkeiten für das Kassenwesen des Verbandes, doch gelang es sich
derselben anzupassen und daraufhin war die Wirkung ähnlich wie bei den
Hirsch-Duncker'schen Vereinen, daß die Arbeiter sich um so stärker
beteiligten, um den Zwangskassen zu entgehen.

Nachdem man einige Jahre ohne schiedsgerichtliche Instanz gelebt
hatte, machte sich deren Notwendigkeit von neuem zwingend geltend,
und nach einer seitens der Gehülfen Anfang 1886 erfolgten Kündigung
des Tarifes trat man am 16. August 1886 in Leipzig zu Verhandlungen
zusammen, die neben einer geringen Lohnerhöhung und anderen Aenderungen
zu einer $Wiederherstellung der lokalen Schiedsgerichte und des
Einigungsamtes$ als Berufungsinstanz führten, doch sollten bei den
Wahlen nur diejenigen Prinzipale und Gehülfen stimmberechtigt sein,
die den Tarif anerkannten und nach demselben arbeiteten. Hierdurch
wurde ein ganz neues Organ geschaffen, nämlich die $Tarifgemeinschaft$,
eine Vereinigung von Prinzipalen und Gehülfen, die den beiderseitigen
Vereinen mit einer gewissen Selbständigkeit gegenübersteht.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Verhandlungen bestand in der
Festsetzung einer $Skala über das Verhältnis der Lehrlinge$ zu den
Gehülfen, die innerhalb 6 Jahren durchgeführt werden sollte[100].

  [100] Nach derselben durften gehalten werden:

              I. Setzer:                          II. Drucker:
        auf -- bis  3 Geh. 1 Lehrl.         auf -- bis  2 Geh. 1 Lehrl.
        auf  4  "   7  "   2   "            auf  3 bis  5  "   2   "
         "   8  "  12  "   3   "             "   6  "   9  "   3   "
         "  13  "  18  "   4   "             "  10  "  14  "   4   "
         "  19  "  24  "   5   "             "  15  "  20  "   5   "
         "  25  "  30  "   6   "
    auf fernere 8 Geh. 1 Lehrl. mehr.   auf fernere 6 Geh. 1 Lehrl. mehr.

In noch höherem Grade, als bei den Gehülfen, führte die Einführung der
staatlichen Zwangsversicherung für den Prinzipalverein eine Stärkung
herbei, indem dessen Mitgliederzahl von 277 im Jahre 1885 sich 1886
plötzlich auf 1104 erhob. Aber man that jetzt einen verhängnisvollen
Schritt. Durch das Unfallversicherungsgesetz waren die sämtlichen
Prinzipale zu einer neuen Zwangsvereinigung, der Berufsgenossenschaft,
zusammengeschlossen und so mochte der Gedanke nahe liegen, den
bestehenden Verein an diese anzuschließen. In der That ging man diesen
Weg, indem man in Anlehnung an die 9 Sektionen der Berufsgenossenschaft
auch 9 Sektionen des Vereins bildete und beide örtlich zusammenfallen
ließ, ja man machte die Sektionsvorstände der ersteren zugleich zu
solchen des letzteren. Das war aber ein schwerer Fehler, denn auf diese
Weise legte man wichtige Aufgaben zum Teil in die Hände von Personen,
die zu ihrer Erfüllung durchaus nicht geneigt waren und dem Vereine
und seiner verständigen sozialpolitischen Tendenz völlig ablehnend, ja
feindlich gegenüberstanden.

Das sollte sich sofort zeigen bei der Ausführung der getroffenen
Vereinbarungen. Wie auf allen Gebieten der Sozialpolitik die
Industriellen in Rheinland-Westfalen sich stets als Vertreter des
engherzigsten Unternehmerstandpunktes erwiesen haben, so fand auch
hier die auf Verständigung mit den Gehülfen gerichtete Haltung des
Prinzipalvereins bei den Prinzipalen in Rheinland-Westfalen die
entschiedenste Mißbilligung, und da sie in der rheinisch-westfälischen
Sektion der Berufsgenossenschaft die Mehrheit hatten, so war es
begreiflich, daß deren Vorstand sich zum Organ der Opposition machte,
ja dieser Widerstand ging so weit, daß die Sektion nicht allein auf
ihrer Weigerung, den vereinbarten Tarif einzuführen, selbst dann
verharrte, als der Prinzipalverein ihn in formgerechter Abstimmung mit
214 gegen 93 Stimmen angenommen hatte, sondern sogar eine regelrechte
Agitation gegen denselben einleitete. Der Vereinsvorstand war außer
stande, diesen Widerstand zu brechen und die getroffene Vereinbarung
bei seinen Mitgliedern zur Anerkennung zu bringen. Es war deshalb ein
Beweis großer Selbstverleugnung, daß der Gehülfenverband sich in neue
Unterhandlungen einließ, die dahin führte, daß man sich über einen
neuen Tarif einigte, der mit dem 1. Januar 1889 in Kraft trat.

Aber dieser wurde bald von den Gehülfen gekündigt, und erst nach
langen Verhandlungen, die vom 11.-14. September 1889 in $Stettin$
stattfanden, gelangte man endlich zu einem Abkommen, welches vom
1. Oktober 1890 ob gelten sollte und insbesondere den wichtigen
Beschluß enthielt, daß die tariftreuen Prinzipale nur solche Gehülfen
beschäftigen sollten, die nachweislich zu tarifmäßigen Bedingungen
gearbeitet haben und in tariftreuen Geschäften ausgebildet sind, wie
man es ebenso den Gehülfen zur Pflicht machte, nur bei tariftreuen
Prinzipalen in Arbeit zu treten. Man hatte nämlich längst eingesehen,
daß der Interessengegensatz nicht bestehe zwischen Prinzipalen und
Gehülfen, sondern zwischen diesen beiden Klassen, soweit sie ihr wahres
Interesse im Auge haben, auf der $einen$, und den Tarifgegnern unter
Prinzipalen und Gehülfen auf der $andern$ Seite. Der schlimmste Feind
der gemeinsamen Interessen ist die Schmutzkonkurrenz, welche die Preise
drückt; ihr kann man nur durch gemeinsame Thätigkeit entgegentreten.

Um $Tarifverhandlungen$ leichter zum Abschluß bringen zu können, wurde
von den Gehülfen eine Aenderung dahin beantragt, daß $an Stelle der
Gesamtheit der Prinzipale und Gehülfen vielmehr die beiderseitigen
Organisationen als vertragschließende Teile treten$ sollten, doch wurde
der Antrag von den Prinzipalen abgelehnt. Dagegen wurde ein ganz neues
Prinzip in den Stettiner Tarif eingeführt, indem es dort in § 32 heißt:
»Der Prinzipal ist verbunden, die bei ihm konditionierenden Gehülfen
voll zu beschäftigen und dieselben bei unzureichender Arbeit für
etwaige Zeitversäumnis nach dem Durchschnittsverdienste der letzten 30
Arbeitstage zu entschädigen.«

Den lokalen Schiedsgerichten hat man an einzelnen Orten, so z. B. in
Leipzig, einen $gemeinsamen Arbeitsnachweis$ angeschlossen, der unter
einem vom Schiedsgerichte gewählten, aus einem Prinzipal und einem
Gehülfen bestehenden Vorstande durch einen Gehülfen besorgt wird, wobei
die Reihenfolge der Anmeldungen entscheidet; für jede erfolgreiche
Anmeldung sind 50 Pf. zu entrichten. Leider haben die Leipziger
Gehülfen diesen gemeinsamen Arbeitsnachweis nach einiger Zeit gekündigt
und einen solchen einseitig eingerichtet, doch sind sie hierbei von
dem Einigungsamte nachdrücklich bekämpft. Abgesehen von diesem Falle
haben sich die Gehülfen regelmäßig durchaus den getroffenen Abmachungen
gefügt, während es dem Prinzipalverein nur selten gelungen ist, seine
Mitglieder zur Befolgung derselben anzuhalten.

Hatte sich bisher die Entwickelung im Buchdruckergewerbe durchaus in
einer Richtung vollzogen, welche die besten Hoffnungen für die Zukunft
gestattete, so wurde dieselbe leider durch den großen Streik von 1891
in höchst bedauerlicher Weise unterbrochen. Angesichts der großen
und immer mehr steigenden Arbeitslosigkeit[101] und der zunehmenden
Lehrlingszüchterei[102] hatte die in Berlin vom 23. bis 25. Juni
1891 abgehaltene VI. Generalversammlung des U. V. D. B. beschlossen,
an der schon früher angeregten Forderung einer Herabsetzung der bis
dahin üblichen Arbeitszeit von 10 auf 9 Stunden, sowie der energischen
Durchführung des Tarifs seitens der Prinzipale mit Nachdruck
festzuhalten. In Ausführung dieser Beschlüsse hatte man am 1. Juli
1891 den Tarif gekündigt, so daß dessen Gültigkeit am 1. Januar 1892
ablief[103].

  [101] Nach den sehr wertvollen von dem Verbande geführten Tabellen
        hat die Zahl der Arbeitslosen in den Jahren 1880-1893 zwischen
        5 und 9% geschwankt, ist aber im Durchschnitt stets gestiegen.
        Die an Arbeitslose gewährte Unterstützung belief sich 1890 auf
        180000 Mk.

  [102] Dieselbe wird vorzugsweise in den kleinen Druckereien betrieben.
        Nach der Reichsstatistik von 1895, Tab. XIII, kommt in
        Deutschland ein Lehrling im Großbetriebe auf 5,35, im
        Kleinbetriebe auf 1,33 Gehülfen. Die späteren Zählungen haben
        Lehrlinge und Gehülfen nicht getrennt, doch ist das Verhältnis
        zweifellos nicht günstiger geworden, viele kleine Druckereien
        arbeiten fast nur mit Lehrlingen. Vergl. hierzu die Seite 265
        mitgeteilte Lehrlingsskala.

  [103] Seitens der Prinzipale würde dies allerdings bestritten, indem
        man die §§ 40 und 42 des Tarifs, welche bestimmen, daß derselbe
        so lange in Gültigkeit bleibe, bis eine Aenderung beschlossen
        sei, dahin auslegte, daß der Tarif nicht einseitig aufgehoben,
        sondern nur durch eine beiderseitige Vereinbarung beseitigt
        werden könne. Diese Auffassung erscheint jedoch unberechtigt,
        zumal es dem Prinzipalverein keineswegs gelungen war, die
        Ausführung des Tarifes bei seinen Mitgliedern durchzusetzen.
        Vergl. $Gerstenberg$ a. a. O., S. 170.

Die Tarifkommission, die nach den bestehenden Vereinbarungen nunmehr
die Feststellung eines neuen Tarifes zu betreiben hatte, tagte vom
6. bis 8. Oktober 1891 in Leipzig. Die Gehülfen forderten einerseits
Herabsetzung der Arbeitszeit auf 9 Stunden und andererseits, um den
dadurch entstehenden Ausfall auszugleichen, eine Lohnerhöhung von 10%.
Die Prinzipale waren zu einer Lohnerhöhung von 7-1/2% bereit, lehnten
aber die Verkürzung der Arbeitszeit entschieden ab. Da nun aber die
Gehülfen aus dem angegebenen Grunde, nämlich um der Arbeitslosigkeit
zu steuern, gerade auf den letzteren Punkt das Hauptgewicht legten und
deshalb glaubten, mindestens eine Herabsetzung auf 9-1/2 Stunden bei
Erhöhung der Grundpositionen um 5% festhalten zu müssen, während die
Prinzipale hierauf nicht eingehen wollten, so mußten die Verhandlungen
abgebrochen werden, indem zugleich die Gehülfenmitglieder der
Tarifkommission ihr Mandat für erloschen erklärten.

Auf Veranlassung des U. V. D. B. fanden am 22. Oktober 1891 an allen
Orten Buchdruckerversammlungen statt, welche beschlossen, überall da,
wo die Forderungen nicht bewilligt würden, am 24. desselben Monats
die Arbeit zu kündigen. Dies wurde denn auch ausgeführt, und da dem
Beschlusse fast überall Folge gegeben wurde, so konnte der Vorstand am
28. Oktober bekannt machen, daß mehr als 12000 Gehülfen in Kündigung
ständen, während etwa 3000 die Forderungen bewilligt erhalten hätten.

Aber die Gehülfen hatten sich zu sehr auf ihre wohlgefüllten Kassen
verlassen und im übrigen die Zeit des Kampfes ungünstig gewählt. Bald
machte eine Anzahl von Gehülfen in den kleinen Druckorten die Kündigung
rückgängig, so daß nur etwa 8 bis 9000 den Streik durchführten. Ebenso
war die anfangs gezahlte Unterstützung von täglich 2 Mk. zu hoch, als
daß sie nicht bald zu einer Erschöpfung der Kasse hätte führen müssen.
Allerdings erhielten die Gehülfen Unterstützung aus Arbeiterkreisen
aller Länder, insbesondere von den englischen trade unions 3520 Pfd.
St., außerdem aber aus fast allen Staaten Europas, sowie aus Amerika
und Australien, so daß der Rechenschaftsbericht für die Zeit vom
1. April 1891/92 als Ergebnis der »freiwilligen Sammlungen« 270361
Mk. aufführen konnte. Aber diese Anlehnung an die internationale
Arbeiterbewegung, ja geradezu eine Hinneigung zu einem Anschlusse
an die Sozialdemokratie[104], wie sie je länger um so entschiedener
in dem Organe der Gehülfenschaft, dem »Korrespondent«, hervortrat,
trug dazu bei, den Gehülfen die Sympathien in der öffentlichen
Meinung und bei den Regierungen zu rauben. Insbesondere die letzteren
nahmen eine feindselige Haltung ein und haben dadurch wesentlich
dazu beigetragen, den Ausstand zum Scheitern zu bringen. So wurde in
Stuttgart, wo der Sitz der Verbandsinvalidenkasse sich befand, in
Anlaß eines Beschlusses, derselben 24000 Mk. zu Unterstützungszwecken
zu entnehmen, die Sequestrierung der Kasse verfügt. Vor allem aber
nahm die preußische Polizei den Kampf auf. Auf eine Eingabe des
Prinzipalvereins au den Minister des Innern vom 4. Dezember 1891, in
welcher die Auszahlung von Streikgeldern als statutenwidrig angefochten
wurde, erhielt derselbe am 12. desselben Monats eine zustimmende
Antwort, und am 30. desselben Monats wurde dem Vorstande des U. V.
durch Verfügung des Polizeipräsidenten in Berlin die weitere Gewährung
von Unterstützungen aus Vereinsmitteln an Streikende, zugleich aber
auch die fernere Erhebung von Extrasteuern verboten. Dabei stützte
man sich auf eine Bestimmung des Statuts, deren Aenderung bereits
durch die Generalversammlung beschlossen war. Die Genehmigung dieser
Aenderung war auch schon beim Minister nachgesucht und von diesem in
einem Reskripte vom 6. Oktober 1891 insofern in Aussicht gestellt,
als nur noch geringfügige redaktionelle Aenderungen erfordert wurden.
Jetzt wurde die Genehmigung zunächst hinausgezögert und dann gänzlich
verweigert[105]. Das ganze Verfahren des Polizeipräsidenten ist später
auf erhobene Verwaltungsklage durch die Urteile des Bezirksausschusses
vom 29. März 1892 und des Oberverwaltungsgerichts vom 5. Januar 1893
für ungesetzlich erklärt, aber damit konnte natürlich die einmal
eingetretene Schädigung nicht wieder beseitigt werden.

  [104] Auf sozialdemokratischer Seite hat man später behauptet, auf das
        Bedenken der ungünstigen Zeitverhältnisse hingewiesen und vom
        Streik abgeraten zu haben. Vgl. A. $Braun$ im Sozialpolit.
        Zentralblatt Nr. 4 vom 25. Januar 1892.

  [105] Die vorstehende Darstellung stützt sich auf $Gerstenberg$
        a. a. O., S. 175 ff., wo das Nähere nachzulesen ist.

Das Verfahren des Ministers des Innern stand hierbei in einem
wunderbaren Gegensatze zu demjenigen des Handelsministers Freiherrn
von $Berlepsch$, der sich durch Vermittelung des Privatdozenten
Dr. v. $Schultze-Gävernitz$ in Leipzig bereit erklärte, unter der
Voraussetzung der Zustimmung beider Teile eine Vermittelung zu
übernehmen. Aber ebenso, wie die schon vorher von privater Seite
($Freund$ und $Böhmert$) angebotene Vermittelung, scheiterte auch
dieser Versuch daran, daß die Prinzipale erklärten, von ihrem
Standpunkte nicht abgehen zu können.

Unter diesen Umständen blieb den Gehülfen nichts übrig, als
nachzugeben, und nachdem am 10. Januar 1892 eine Konferenz von
Vertretern der bedeutendsten Druckorte die Notwendigkeit einer
Beendigung des Streiks anerkannt hatte, wurde am 13. desselben Monats
von einer gemeinsamen Versammlung der beiderseitigen Vertreter ein
$Abkommen$ geschlossen, welches nach den beiden Hauptunterhändlern
$Döblin$ und $Büxenstein$ benannt wird. Von denselben wurde die
Wiederaufnahme der Arbeit unter den Bedingungen des alten Tarifs
vereinbart. Nachdem die der Form halber noch vorbehaltene Zustimmung
der einzuberufenden Gehülfenversammlungen am 16. Januar erteilt war,
wurde am 18. desselben Monats der Streik von beiden Seiten formell für
beendigt erklärt.

Der durch 10 Wochen fortgesetzte Ausstand, der übrigens von den
Gehülfen unter strenge Fernhaltung aller Gesetzwidrigkeiten geführt
ist, hat denselben außerordentlich hohe Opfer gekostet. Allerdings
scheint die im »Korrespondent« (Nr. 117 von 1893) angegebene Nummer
von 2741119 Mk. sehr hoch zu sein, aber immerhin ergeben die
Rechnungsablagen eine Gesamtausgabe der Verbandskasse von 999610 Mk.,
wobei die lokalen Aufwendungen nicht einbegriffen sind[106].

  [106] Eine eingehende Darstellung des Streiks und der Verhältnisse,
        die ihm zu Grunde lagen, giebt $Tiedemann$ in der Zeitschr.
        f. d. ges. Staatswissenschaft, Jahrg. 53, S. 209 bis 286. Der
        Verfasser macht den Gehülfen den Vorwurf, daß sie in Stettin
        ihre übrigen Forderungen aufgegeben hätten zu Gunsten des
        Zugeständnisses, künftig den Tarif durch Vereinbarungen der
        beiderseitigen Verbände festzusetzen. Dies sei allerdings
        ein äußerst wertvolles Prinzip, aber die Entwicklung sei
        in Deutschland noch nicht so weit vorgeschritten, daß es
        durchführbar erschiene. So habe denn auch der Erfolg bewiesen,
        daß die Durchführung seitens des Prinzipalvereins kaum
        ernsthaft versucht sei. Ferner hätten sie dadurch, daß sie den
        in Stettin vereinbarten Tarif auf 2 Jahre festgelegt hätten,
        den Prinzipalen die Möglichkeit gegeben, sich auf den schon
        damals zu erwartenden Streik in ausgiebigster Weise zu rüsten,
        was auch dadurch geschehen sei, daß, soweit irgend möglich,
        alle Aufträge vorher erledigt und so künstlich für die Dauer
        des Streiks eine Zeit der Geschäftsstille geschaffen sei. Das
        unbegreifliche Eingreifen des Preußischen Ministers des Innern
        sei darauf zurückzuführen, daß dort sich die später herrschend
        gewordene Politik der Bekämpfung aller Arbeiterorganisationen
        bereits damals geltend gemacht habe. In der That sei durch
        dieses Vorgehen, obgleich es bei der bereits eingetretenen
        Erschöpfung der Kasse einen wirklichen Einfluß auf das Ergebnis
        des Streiks kaum mehr gehabt habe, eine tiefe Erbitterung der
        bis dahin antisozialistischen Buchdrucker und ihre Ueberführung
        in das Lager der Sozialdemokratie bewirkt. Der Verband habe
        jetzt, unter dem Drucke der Verhältnisse, sein früheres und
        durchaus notwendiges Prinzip, nur solchen Mitgliedern Beitritt
        zu gestatten, die zu den tarifmäßigen Preisen arbeiteten,
        fallen gelassen und sei damit dem Ideale eines Gewerkvereins
        untreu geworden. Das Hauptziel müsse sein, der verhängnisvollen
        Lehrlingszüchterei entgegen zu wirken.

Das bisherige günstige Verhältnis zwischen Prinzipalen und Gehülfen war
naturgemäß jetzt völlig zerstört. Allerdings wollte der Prinzipalverein
die frühere Tarifgemeinschaft fortsetzen und forderte am 8. April 1892
die Gehülfen auf, an Stelle der früheren Vertreter, die wie erwähnt,
ihre Aemter am 22. Oktober 1891 niedergelegt hatten, andere zu wählen.
Nachdem man sich zunächst dieser Wahl zu entziehen gesucht hatte,
empfahl man dann, überall die Wiederwahl der früheren Vertreter, die
dann auch fast überall mit großer Mehrheit erfolgte. Obgleich die
Gehülfenschaft hierbei offenbar durchaus in ihrem Rechte war, erklärte
der Vorstand des Prinzipalvereins diese Wahl für eine Ablehnung der
Tarifgemeinschaft und $lösten die Tarifkommission einseitig auf$.

Auf der am 19. Juni 1892 in Breslau abgehaltenen Generalversammlung
wurde dieses Vorgehen des Vorstandes vielfach angegriffen, dann aber
doch beschlossen, sich auf den Boden der geschaffenen Thatsachen
zu stellen und unter Vorbehalt späterer Vereinbarungen mit der
Gehülfenschaft zunächst selbständig gewisse Aenderungen des alten
Tarifes vorzunehmen, von dem später die Gehülfen behaupteten, daß
sie eine durchschnittliche Herabsetzung um 10-15% bedeuteten. Doch
ist das Inkrafttreten dieses Tarifs bisher hauptsächlich durch den
Widerstand der Berliner und Stuttgarter Prinzipale gehindert. Außerdem
beschloß man die Begründung einer $Unterstützungskasse für arbeitslose
Gehülfen$, zu der die Gehülfen wie die Prinzipale je 10 Pfennig
wöchentlich beizusteuern haben. Dafür wird ein Tagegeld von 1 Mk.
bis zu 140 Tagen gewährt, doch ist den Gehülfen keine beschließende
Mitwirkung bei der Verwaltung eingeräumt. Trotz des Widerspruches der
Gehülfen ist diese Kasse am 1. Januar 1893 ins Leben getreten und mit
derselben zugleich eine $Invalidenzuschußkasse$ in der Art verbunden,
daß die Mitgliedschaft der einen Kasse die der anderen nach sich zieht.

Nach den Erfahrungen, welche die Gehülfenschaft hinsichtlich des
Eingreifens der staatlichen Behörden gemacht hatte, war es ihr nicht zu
verdenken, daß sie versuchte, eine dieser Störung weniger ausgesetzte
Organisation zu schaffen. Der bisherige Unterstützungsverein hatte
die juristische Form einer eingeschriebenen Hülfskasse gehabt
und war deßhalb den Bestimmungen des Gesetzes vom 7. April 1876
insbesondere auch hinsichtlich der obrigkeitlichen Bestätigung der
Statuten (§ 4) unterworfen gewesen. Um dem zu entgehen, beschloß man
auf der 7. Generalversammlung, die vom 28. Juni bis 2. Juli 1892 in
Stuttgart stattfand, die $Auflösung des Unterstützungsvereins$ und
die Neugründung des »$Verbandes deutscher Buchdrucker$«, indem man
damit an die frühere Entwicklung bis zum Jahre 1878 anknüpfte. Bei der
statutengemäß über diesen Beschluß vorgenommenen Urabstimmung in den
Tagen vom 17. bis 21. November 1892 wurde derselbe mit 13085 von 13722
abgegebenen Stimmen genehmigt.

Gleichzeitig beschloß man die bisher bestehenden $einzelnen Kassen
aufzulösen$ und deren Leistungen alle auf die einzige allgemeine
Verbandskasse zu übernehmen. Um staatlichen Eingriffen sich zu
entziehen, wurde zugleich beschlossen, die $Unterstützungen$ künftig
$in das diskretionäre Ermessen des Vorstandes zu stellen$ und ihnen
dadurch den Karakter eines Rechtsanspruches zu nehmen, eine höchst
bedenkliche Maßregel, die nur durch den äußern Zwang entschuldigt
werden kann.

Ausgeführt wurde dieser Auflösungsbeschluß zunächst nur hinsichtlich
der $Kranken- und Begräbniskasse$, die ihn in ihrer am 13. November
1892 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung bestätigte. Man wollte
dabei zugleich den Erschwerungen des neuen Krankenversicherungsgesetzes
entgehen und faßte ins Auge, den Mitgliedern zu den aus den
Zwangskassen bezogenen Krankengeldern einen Zuschuß zu geben, und
zwar in Höhe von wöchentlich 7 Mk. bei einem Wochenbeitrage von 30
Pfennig. Die dem Vorstande übertragene Liquidation der bisherigen Kasse
war am 20. Juni 1894 beendigt, und da mit verschiedenen Ausnahmen
die Mitglieder auf den ihnen statutengemäß zustehenden Rest des
verbleibenden Vermögens zu Gunsten des Verbandes verzichteten -- wobei
die Einzelnen Beträge von 60-80 Mk. aufgaben -- so konnte demselben
der Betrag von 276923 Mk. 51 Pfennig zugeführt werden. Ein Beispiel
anerkennenswerther Opferwilligkeit!

Hinsichtlich der $Zentral-Invalidenkasse$, deren Sequestration durch
einen am 18. März 1892 abgeschlossenen Vergleich beendigt war, beschloß
man, die Kasse zwar einstweilen fortbestehen zu lassen, solange
nicht von den Behörden weitere Schwierigkeiten gemacht würden, im
letzteren Falle aber gleichfalls die Auflösung herbeizuführen. Die
Prinzipale suchten dann durchzusetzen, daß auch die aus dem Verbande
ausgeschiedenen Buchdrucker an der Kasse teilnehmen dürften, und da ein
gerichtliches Urteil dieser Auffassung beitrat, die Verbandsmitglieder
aber die Vorteile der Kasse den nicht organisierten Gehülfen nicht
zukommen lassen wollten, so beschloß die am 3. Juli 1893 in Weimar
abgehaltene außerordentliche Generalversammlung die Liquidation der
Kasse. Aehnlich erging es der Invalidenkasse, welche der Gau Bayern für
sich gegründet hatte; auch hier erfolgte wegen des gleichen Grundes
in der Ostern 1893 in München abgehaltenen Generalversammlung die
Liquidation. Die Aufgaben beider Kosten wurden auf die Verbandskasse
übernommen.

Hinsichtlich des Tarifs protestirte der Verband gegen dessen einseitige
Festsetzung durch die Prinzipale, bevollmächtigte aber seinen Vorstand,
mit den letzteren eine Vereinbarung zu treffen.

Ebenso erhielt der Vorstand den Auftrag, mit den übrigen graphischen
Arbeiterorganisationen (Schriftschneiderei, Holzschneiderei,
Messinglinienfabrikation, Stein-, Metall- und Farbdruckerei), zum Zweck
der Abschließung eines Vertrages über gegenseitige Unterstützung in
Streikfällen in Verhandlungen zu treten.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hat sich der Verein auch auf dem
vom 13. bis 18. März 1892 in Halberstadt abgehaltenen ersten deutschen
Gewerkschaftskongresse beteiligt und ist damit völlig in den Verband
der durch die $Generalkommission in Hamburg$ vertretenen Gewerkschaften
eingetreten.

Aus den Verhandlungen der vom 17. bis 21. Juni 1895 in $Breslau$
abgehaltenen $ersten Generalversammlung$ des neuen Verbandes und dem
dort erstatteten Berichte ist folgendes zu erwähnen:

Ueber den $Tarif$ war mit den Prinzipalen eine Einigung noch nicht
erzielt. Der Vorschlag der letzteren, zum Zwecke der Verständigung eine
Kommission von je 9 Gehülfen und Prinzipalen niederzusetzen, wobei von
den Gehülfenvertretern nur 5 durch den Verband, die übrigen aber durch
die nicht zum Verbände gehörigen Gehülfen gewählt werden sollten, wurde
mit Entrüstung abgelehnt, indem zugleich darauf hingewiesen wurde,
daß auch der Prinzipalverein nur ein Viertel sämtlicher Prinzipale
vereinige und trotzdem die Vertretung des gesamten Gewerbes beanspruche.

Die Verhandlung mit den übrigen graphischen Gewerben über den
Abschluß eines Kartells hatte ergeben, daß man zu einer gegenseitigen
Unterstützung bereit ist, aber von der Sammlung eines gemeinsamen Fonds
zunächst noch absehen will.

Der Beitrag der Mitglieder ist auf wöchentlich 1 Mk. 10 Pf.
festgesetzt, doch sind Arbeitslose befreit. Arbeitslose Mitglieder
können, je nachdem ihre Mitgliedschaft 100, 150 oder 750 Wochen
gedauert hat, Unterstützung bis zu 10, 20 oder 40 Wochen erhalten;
dieselbe beträgt täglich 1 Mk. Der Krankengeldzuschuß ist auf täglich
1 Mk. 40 Pf. festgesetzt und wird je nach der Dauer der Mitgliedschaft
für 13, 26 oder 52 Wochen gewährt. Die Invalidenbeihülfe beträgt 1 Mk.
täglich, das Begräbnisgeld 50 bis 100 Mk.

Die Organisation des Verbandes hat Deutschland in 22 Gaue[107]
eingeteilt, die in Breslau durch 64 Abgeordnete vertreten waren. --

  [107] Die Gaue sind folgende: 1. Bayern. 2. Berlin. 3. Dresden.
        4. Erzgebirge-Vogtland. 5. Frankfurt a. M. Hessen.
        6. Hamburg-Altona. 7. Hannover. 8. Mecklenburg-Lübeck.
        9. Mittelrhein. 10. Nordwest. 11. Oberrhein. 12. Oder.
        13. Osterland-Thüringen. 14. Ostpreußen. 15. Posen.
        16. Rheinland-Westfalen. 17. An der Saale. 18. Schlesien.
        19. Schleswig-Holstein. 20. Westpreußen. 21. Württemberg. Dazu
        kommt noch die selbständige Mitgliedschaft Leipzig.

Das Verhältnis zwischen den Prinzipalen und Gehülfen blieb zunächst
ein sehr gespanntes; die Tarifgemeinschaft, sowie Schiedsgericht und
Einigungsamt waren aufgelöst und es fehlte mithin an allen Formen,
auftauchende Schwierigkeiten beizulegen. Die Gehülfen waren großenteils
gezwungen, den von den Prinzipalen geschaffenen Unterstützungskassen
beizutreten und deren Arbeitsnachweis zu benutzen. Die
Lehrlingszüchterei wurde immer stärker betrieben und ein Bericht des
Gehülfenverbandes stellte fest, daß 5000 Lehrlinge über die vereinbarte
Zahl beschäftigt würden. Durch den Unmut über diese Zustände, denen
man einstweilen machtlos gegenüberstand, wurden die Gehülfen immer
mehr in eine Stimmung hineingetrieben, die jede spätere gemeinsame
Thätigkeit mit den Prinzipalen auszuschließen drohte. Unter diesen
Umständen machte sich auf beiden Seiten allmählich die Ueberzeugung
geltend, daß der Versuch, zu geregelten Verhältnissen zu gelangen, von
neuem unternommen werden müsse. Der Gehülfenvorstand hat sich später
gegenüber Angriffen, die ihm zu weitgehendes Entgegenkommen vorwarfen,
darauf berufen, daß er zunächst dafür eingetreten sei, die bei dem
großen Streik aufgestellten Forderungen von neuem aufzunehmen und es
auf einen neuen Kampf ankommen zu lassen, daß aber nicht allein die
Gau- und Bezirksvorstände angesichts der durch den Streik geschwächten
Kräfte gegen diesen Plan sich erklärt hätten, sondern daß auch die
Stimmung in den Gehülfenkreisen durchgängig gegen denselben gewesen sei.

Der äußere Verlauf der Verhandlungen war folgender:

Schon im Herbst 1894 hatten an verschiedenen Orten
Gehülfenversammlungen stattgefunden, in denen man beschlossen hatte,
mit den örtlichen Vereinen der Prinzipale Fühlung zu nehmen, da man in
dem Prinzipalverein einen widerstrebenden Faktor sah. Demgegenüber sah
sich der Vorstand des letzteren veranlaßt, am 26. November 1894 eine
öffentliche Erklärung dahin zu erlassen, daß der mit dem 1. Januar 1893
in Kraft getretene Prinzipaltarif nach seiner ausdrücklichen Bestimmung
so lange in Kraft stehe, bis durch eine Verständigung zwischen den
beiderseitigen Gesamtheiten eine Abänderung herbeigeführt und daß es
deshalb unzulässig sei, in örtliche Sonderverhandlungen einzutreten.
Unter diesen Umständen wandte sich der Verbandsvorstand am 11. Dezember
1894 an den Vorstand des Prinzipalvereins mit der Frage, unter welchen
Bedingungen hinsichtlich der beiderseitigen Vertretung Verhandlungen
mit der Gehülfenschaft in Aussicht genommen seien. Die am 28. desselben
Monats erfolgte Antwort ging dahin, daß um bestimmte Vorschläge gebeten
wurde. Der Verbandsvorstand schlug darauf am 5. Januar 1895 vor, daß
in Verfolg des früher getroffenen Büxenstein-Döblin'schen Abkommens
zwischen je 12 Vertretern der Prinzipalität und der Gehülfenschaft
Verhandlungen über Schaffung eines neuen Tarifes stattfinden sollten.
Der Vereinsvorstand antwortete am 6. März 1895, daß freilich der am
1. Januar 1893 eingeführte Tarif in Kraft bestehe, daß er aber bereit
sei, Wünsche auf Abänderung entgegenzunehmen und vorschlage, für
Verhandlungen mit dem aus 9 Mitgliedern bestehenden Tarifausschusse
des Vereins 5 Verbandsmitglieder zu bestimmen, während der Vorstand
sich vorbehalte, fernere 4 Gehilfen aus dem Kreise der Nichtverbändler
zu ernennen bezw. wählen zu lassen. Der Verbandsvorstand erklärte
hierauf am 18. März 1895, daß er die beiderseitige Vertretung von 9
Mitgliedern annehme, aber die Art der Wahl beanstande. Nachdem der
Vereinsvorstand am 9. April sich nochmals dahin geäußert hatte, daß
er die Urabstimmung seitens der ganzen Gehülfenschaft vorschlage,
erklärte der Verbandsvorstand am 24. desselben Monats, daß er
bei der Wichtigkeit der Sache die Entscheidung der am 11. Juni
stattfindenden Generalversammlung des Verbandes vorbehalten müsse. In
dieser wurde dann der Vorschlag des Prinzipalvereins als die Würde
der Gehülfenschaft verletzend energisch zurückgewiesen, und die
Verhandlungen waren somit vorläufig gescheitert.

Da jedoch die Mißstimmung unter den Gehülfen immer drohender
und die Neigung zu einem neuen Streik immer größer wurde, zumal
nicht allein die allgemeine Geschäftslage hierfür günstig zu sein
schien, sondern auch die Vereinbarung eines Normallohntarifs mit
neunstündiger Arbeitszeit zwischen den Prinzipalen und Gehülfen in
Oesterreich einen unmittelbaren Anstoß gab, machte sich auch in
Prinzipalskreisen öffentlich die Ansicht geltend, daß es erforderlich
sei, durch Entgegenkommen gegen die Wünsche der Gehülfen ein neues
Vertragsverhältnis anzubahnen, um den agitatorischen Elementen
unter den letzteren den Boden zu entziehen. Es war wohl eine Folge
dieser Ermunterung, daß Ende Februar und Anfang März 1896 an den
verschiedensten Orten große Gehülfenversammlungen stattfanden, in denen
ein neuer Tarif gefordert wurde. Insbesondere eine am 21. Februar in
Leipzig abgehaltene Versammlung, in welcher der Verbandsvorsitzende
$Döblin$ Bericht erstattete, erklärte sich in diesem Sinne. Bereits
am 24. desselben Monats beantragte der Verbandsvorstand, dem in der
Versammlung erhaltenen Auftrage entsprechend, bei dem Vereinsvorstande
die Anberaumung einer gemeinsamen Verhandlung, indem er als Forderungen
der Gehülfen geltend machte: 1. möglichste Verkürzung der Arbeitszeit,
2. eine dementsprechende Lohnerhöhung, 3. Präzisierung der durch die
Praxis als streitig empfundenen Paragraphen des Tarifs. Versammlungen,
die an andern Orten abgehalten wurden, schlossen sich fast überall den
Leipziger Beschlüssen an und bezeichneten als Forderungen: Arbeitszeit
von 9 Stunden, Lohnerhöhung bei Berechnung um 5%, bei dem gewissen
Gelde um 15%.

Der Vorstand des Prinzipalvereins ging, nachdem am 3. März eine
persönliche Besprechung der beiden Vorsitzenden stattgefunden hatte,
auf den Vorschlag ein, und so traten am 11. März 1896 zum ersten Male
seit 4 Jahren wieder Vertreter des Gehülfenverbandes mit denjenigen
der Prinzipale zu gemeinsamer Beratung zusammen. Die schwierigen
Verhandlungen, bei denen beide Teile große Mäßigung und weitgehendes
Entgegenkommen bewiesen, endeten mit Annahme folgenden Beschlusses:

»Der Vorstand des Deutschen Buchdrucker-Vereins erklärt sich bereit,
dem Antrage der Gehülfenschaft auf Zusammentritt beiderseitiger
Tarifvertreter zu entsprechen, und werden zu den vorzunehmenden Wahlen,
Beratungen und Beschlußfassungen mit den Gehülfenvertretern die
folgenden Termine vereinbart:

  1. Die erforderlichen Gehülfenvertreterwahlen werden durch das
     Einigungsamt des Gewerbegerichtes der Stadt Leipzig ausgeschrieben
     und sind durch Urwahlen bis zum 25. März zu erledigen;

  2. Anträge für den Tarifausschuß sind bis zum 8. April bei dem
     Einigungsamte des Gewerbegerichtes zu Leipzig einzureichen und
     hat die Veröffentlichung in der »Zeitschrift für Deutschlands
     Buchdrucker« und im »Correspondent« durch die in Leipzig ansässigen
     Prinzipals- bezw. Gehülfenmitglieder des Tarifausschusses zu
     erfolgen;

  3. am 15. April tritt der Tarifausschuß der Prinzipale mit
     den gewählten Tarifvertretern unter Zulassung von je zwei
     Vorstandsmitgliedern des Deutschen Buchdrucker-Vereins und des
     Verbandes der Deutschen Buchdrucker und zwei Nichtverbandsgehülfen,
     letztere sechs mit beratender Stimme, zu Verhandlungen in Leipzig
     zusammen;

  4. der Vorstand des Deutschen Buchdrucker-Vereins erklärt,
     den vereinbarten Tarif der Hauptversammlung des Deutschen
     Buchdrucker-Vereins zur Annahme zu unterbreiten, und soll der Tarif
     spätestens am 15. Mai d. J. in Kraft treten.

Die anwesenden Prinzipalsvertreter erklären für sich persönlich, in
ihren Kreisen für eine mäßige Verkürzung der Arbeitszeit und eine
Aufbesserung der Grundpositionen des Tarifs wirken zu wollen. Auch
erklären sie sich bereit, die Prinzipalität von diesen Beschlüssen
sofort in Kenntniß zu setzen und an dieselbe eindringlich das
Ersuchen zu richten, den gegenwärtigen Zustand bis zum Abschlusse
der Verhandlungen als Friedensstand zu betrachten und keinerlei
Maßnahmen an den Personalen vorzunehmen. Anderseits erklären
die Gehülfenvertreter, dafür sorgen zu wollen, daß bis zu dem
oben erwähnten Schlußtermin Ausstände oder sonstige gewaltsame
Auseinandersetzungen nicht stattfinden.«

Man wollte auf Seiten der Gehülfen nicht eine Verhandlung zwischen den
beiderseitigen Verbänden, sondern zwischen Vertretern der Gesamtheit;
auf Seite der Prinzipale hielt man dagegen an dem Standpunkte fest,
daß der Prinzipalverein zur Vertretung der Gesamtheit befugt sei.
Schließlich gaben die Gehülfen in diesem Punkte nach. Interessant war,
daß in einer ganz Deutschland berührenden Angelegenheit eine lokale
Behörde, das Leipziger Einigungsamt, eine Thätigkeit übernahm, die von
allen Seiten anerkannt wurde.

Die vom Einigungsamte ausgeschriebenen Wahlen zum Tarifausschusse
fanden vom 20. bis 25. März statt und ergaben ausschließlich
Verbandsmitglieder; der von den Prinzipalen begünstigte »Gutenbergbund«
erwies sich als völlig machtlos. Schon nach dem Ausfalle der Wahlen
konnte man beurteilen, daß die grundsätzlich der Schaffung der
Tarifgemeinschaft günstige Stimmung gesiegt hatte. Immerhin machte die
Verständigung große Schwierigkeiten und in den durch 3 Tage vom 15. bis
17. April fortgesetzten Verhandlungen drohte häufig die Einigung zu
scheitern. Schließlich aber gelang diese, indem man einstimmig folgende
Beschlüsse faßte:

  1. Die Grundpreise für Berechnung werden um 2 Pfennig für 1000
     Buchstaben erhöht;

  2. das gewisse Geld wird von 20 Mk. 50 Pf. auf 21 Mk. erhöht;

  3. die tägliche Arbeitszeit beträgt 9 Stunden mit Ausnahme der
     Pausen und hat innerhalb der Zeit von 6 Uhr morgens bis 9 Uhr
     Abends stattzufinden und zwar in der Weise, daß z. B. beim
     Arbeitsbeginn um 6 Uhr morgens die Arbeit bis spätestens 5 Uhr
     abends beendigt sein muß. An Pausen sind zu gewähren je 1/4 Stunde
     für Frühstück und Vesper und mindestens 1 Stunde für Mittag. Bei
     durchgehender Arbeitszeit soll die effektive Arbeitszeit 1/4 Stunde
     kürzer sein. Die Lohnsätze bleiben jedoch dieselben. Bei dieser
     Arbeitszeit fällt die Vesperpause fort. Die Mittagspause soll
     zwischen dem betr. Prinzipal und seinen Gehülfen vereinbart werden;
     als Willensäußerung der Gehülfen gilt die Ansicht der Mehrheit.

Hierbei waren jedoch 2 Klauseln gemacht, nämlich

  1. Hinsichtlich der Maschinenmeister und Drucker die Herabsetzung der
     Arbeitszeit in anderer Form, als täglich 1/2 Stunde, insbesondere
     in der Form zu verwirklichen, daß an 3 Tagen je 10 Stunden und an 3
     Tagen je 9 Stunden gearbeitet wird.

 2. hinsichtlich der Städte unter 20000 Einwohner, in denen auf Antrag
     der Mehrheit beider Parteien die bisherige Arbeitszeit einstweilen
     beibehalten werden darf.

Der Tarif soll mindestens 3 Jahre gelten, doch ist eine Verlängerung
auf 5 Jahre in Aussicht genommen.

Zur Regelung der noch offen gelassenen Punkte fand dann vom 15. bis
19. Mai eine Fortsetzung der Verhandlungen in Berlin statt, als deren
Ergebnis folgendes zu erwähnen ist:

  1. Der _Tarif_ gilt für die Zeit vom 1. Juli 1896 bis 1. Juli
     1901. Sollte jedoch nach Ablauf von 3 Jahren, also bis 1. Juli
     1899 festgestellt werden, daß die Zahl der den Tarif anerkennenden
     Prinzipale und der nach demselben arbeitenden Gehülfen nicht
     fortgesetzt größer geworden ist, so kann er bereits vom 1.
     Juli 1899 für den 1. Oktober 1899 gekündigt werden. Obige
     Feststellung geschieht durch das Tarifamt. Wird der Tarif nicht
     mindestens 3 Monate vor Ablauf von mindestens 4 Prinzipalen oder
     4 Gehülfenvertretern im Auftrage ihrer Kreise gekündigt, so
     verlängert er sich stets um ein Jahr.

  2. Anträge auf Abänderung einzelner Teile des Tarifs sind bis zum 1.
     Juli jedes Jahres von mindestens 4 Prinzipalen oder
     Gehülfenvertretern im Auftrage ihrer Kreise beim Tarifamte
     einzubringen und von diesem sofort zu veröffentlichen. Ueber die
     eingegangenen Anträge muß bis zum 1. Oktober des betreffenden
     Jahres vom Tarifausschusse Beschluß gefaßt werden; die
     beschlossenen Aenderungen treten am folgenden 1. Januar in Kraft.

  3. Als Organ zur Festsetzung des Tarifs wird der aus je 9 Prinzipalen
     und Gehülfen bestehenden »$Tarifausschuß der deutschen
     Buchdrucker$« gewählt. Jeder der 9 Kreise der
     Buchdruckergenossenschaft wählt einen Prinzipal und einen Gehülfen.
     Wahlberechtigt sind nur diejenigen Prinzipale, welche den Tarif
     anerkannt haben und diejenigen Gehülfen, welche in tariftreuen
     Druckereien arbeiten. Die Thätigkeit des Ausschusses erstreckt
     sich auf Beratung und Festsetzung des Tarifs sowie Maßnahmen zu
     dessen Durchführung. Die Beschlüsse werden mit absoluter Mehrheit
     gefaßt, in welcher jedoch von jeder Seite mindestens 3 Vertreter
     zugestimmt haben müssen.

  4. Zur Ausführung seiner Beschlüsse sowie zur Vermittelung des Verkehrs
     der Tarifkontrahenten unter einander behufs Aufrechterhaltung und
     Durchführung des Tarifs errichtet der Tarifausschuß ein Organ,
     welches an dem Vororte eines Kreises seinen Sitz hat und den Namen
     »$Tarifamt der deutschen Buchdrucker$« führt. Dasselbe besteht aus
     je 3 Prinzipalen und Gehülfen. Das Tarifamt hat folgende
     Obliegenheiten:

     a) Die Ausführung der Beschlüsse des Tarifausschusses;

     b) die Aufstellung und alljährliche Veröffentlichung eines
        Verzeichnisses der den Tarif zahlende Firmen;

     c) die Vornahme statistischer Erhebungen über die Lohn-, Lehrlings-
        und Lebensverhältnisse;

     d) die Vermittelung zwischen Prinzipalen und Gehülfen in allen
        Tarifangelegenheiten, soweit nicht die Schiedsgerichte in
        Betracht kommen, nachdem die Thätigkeit der am Vororte der
        betreffenden Kreise ansässigen Mitglieder des Tarifausschusses
        erfolglos war;

     e) die Schaffung und Fortführung eines Tarifkommentars;

     f) die Errichtung von Schiedsgerichten und Aufstellung einer
        Geschäftsordnung;

     g) Errichtung von Arbeitsnachweisen;

     h) Ausschreibung der Wahlen der Vertreter zum Tarifausschuß;

     i) Entgegennahmen der Abänderungsanträge zum Tarif, die Einberufung
        des Tarifausschusses und Erledigung aller den Tarif betreffenden
        Angelegenheiten.

  5. Zur Schlichtung von Streitigkeiten in Bezug auf Auslegung
     des Tarifs sind an allen Kreisvororten oder sonst auf Antrag
     $Schiedsgerichte$ zu errichten. Falls die Beschlüsse nicht mit
     mindestens 2/3 Mehrheit gefaßt sind, findet Berufung gegen die
     Schiedsgerichte an das Tarifamt statt.

  6. Die bestehenden $Arbeitsnachweise$ müssen sich verpflichten, nur
     tariftreue Gehülfen in tariftreuen Druckereien unterzubringen
     und auf Anweisung des Tarifamtes in erster Linie den durch ihr
     Eintreten für tarifmäßige Bezahlung arbeitslos gewordenen Gehülfen
     Arbeit nachzuweisen.

Nachdem auch die Generalversammlung des Prinzipalvereins am 10.
Juni die Abmachungen anerkannt hatte, wurde der Einführungstermin
für den neuen Tarif auf den 1. Juli 1896 festgesetzt, wogegen die
übrigen Einrichtungen, Tarifamt, Tarifkasse, Schiedsgerichte und
Arbeitsnachweise erst im September in Kraft treten sollten.

So war also das große Werk gelungen in dem Betriebszweige, der sich
schon immer durch das fortgeschrittenste sozialpolitische Verständnis
von allen übrigen ausgezeichnet hatte, im Buchdruckergewerbe war wieder
eine organische Verbindung von Arbeitern und Arbeitgebern hergestellt,
eine $Tarifgemeinschaft$, die über den beiderseitigen getrennten
Gruppen die höhere Einheit bildet, um die über den gegensätzlichen
stehenden gemeinsamen Interessen zu vertreten, eine Gemeinschaft, die
nicht zusammenfällt mit der Zusammenfassung der beiden Gruppen, sondern
ein neues selbständiges Wesen ist, welches in beiden Gruppen diejenigen
Elemente bekämpft, die sich noch nicht auf die Stufe ausreichenden
Verständnisses erhoben haben, um die in Wahrheit höheren Interessen
auch thatsächlich über die untergeordneten Sondervorteile der einzelnen
Gruppen zu stellen.

Eine Reihe von Bestimmungen, z. B. über die Lohnzahlung, die Kündigung
und vor allem eine Lehrlingsskala, die bei den Verhandlungen
nicht ausdrücklich erwähnt wurden, sind einfach aus der früheren
Tarifgemeinschaft übernommen; es wird sich jetzt darum handeln,
ob insbesondere die Bestimmungen über die Lehrlingszahl von den
Prinzipalen streng zur Durchführung gebracht werden, was damit
zusammenfällt, ob überhaupt die besseren, tariftreuen Elemente
unter den Prinzipalen imstande sein werden, die Herrschaft über die
schlechten zu behaupten. Dazu ist vor allem das Verständnis dafür
erforderlich, daß sie in diesen in höherem Grade, als in den Gehülfen
ihren Gegner zu sehen haben, den sie deshalb in erster Linie mit aller
Kraft zu bekämpfen und zu besiegen haben, wenn es gelingen soll, dem
Buchdruckergewerbe seine vorbildliche Stellung und erzieherische
Bedeutung für unsere ganze soziale Entwickelung zu wahren und zu
erhalten.

Ein Nachspiel fanden die Tarifverhandlungen noch in der
$außerordentlichen Generalversammlung$ des Buchdruckerverbandes, die
vom 13. bis 18. Juli 1896 in $Halle$ a. S. stattfand. Allerdings
handelte es sich nicht mehr darum, über den Tarif zu beschließen, denn
der war seitens der Gesamtheit der Buchdrucker durch die in allgemeinen
Wahlen gewählten Vertreter mit den Prinzipalen endgültig festgesetzt.
Aber es war noch über die Stellung zu beraten, die der $Verband als
solcher$ zu der bisherigen Entwickelung der Dinge und insbesondere zu
der dabei von seinem Vorstande beobachteten Haltung einnehmen wollte.
Im Verbande bestand eine $Gegenströmung gegen den Vorstand$, die
von dem bisherigen Redakteur des Verbandsorganes, $Gasch$, geführt
wurde und aus dem Grunde besonderes Interesse bietet, weil sie auf
einer prinzipiellen Verschiedenheit des Standpunktes beruhte und
nicht mehr und nicht weniger bedeutete, als den $Gegensatz zwischen
Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie$. Den Hauptvorwurf, den
$Gasch$ gegen den Vorstand und insbesondere gegen dessen Vorsitzenden
$Döblin$ erhob, ging dahin, daß der Vorstand »nicht auf dem Boden
der modernen Arbeiterbewegung stehe«, daß er in »Harmonieduselei«
versunken sei und mit den »Rückschrittlern« zusammengehe. $Döblin$
habe sogar offen ausgesprochen, daß er nichts von der Sozialdemokratie
wissen wolle. Dem gegenüber erklärte es $Gasch$ für erforderlich,
einen Systemwechsel vorzunehmen und sich auf die politische Partei zu
stützen. Er verfolgte dies Ziel mit Aufwand aller Kräfte, insbesondere
durch Flugblätter[108] und Agitationsreisen, vor allem aber durch
das seiner Leitung unterstellte Organ. Schon am 5./6. Juni hatte
auf Berufung des Vorstandes eine Konferenz der Gauvorsteher in
Berlin stattgefunden und einstimmig ihre Verurteilung über $Gasch$
ausgesprochen. In der Generalversammlung wurde dieses Urteil bestätigt
und $Gasch$ mit allen 65 Stimmen bei einer Enthaltung seines Amtes
enthoben. Sein Nachfolger als Redakteur des »Correspondenten« wurde
$Rexhäuser$. Durchschlagend war für dieses Vorgehen nicht in erster
Linie der von $Gasch$ vertretene Standpunkt, der vielmehr von
einigen Seiten Verteidiger fand, sondern die Art seines Auftretens,
insbesondere daß er nach einem zur Verlesung gebrachten Briefe
beabsichtigt hatte, den Verband zu sprengen, sich mit einigen tausend
Mitgliedern zu trennen und ein Gegenorgan ins Leben zu rufen.

  [108] Eines derselben trug den viel versprechenden Titel: »Die Leitung
        des Buchdruckerverbandes während 8 Jahren, dienstbar der
        Polizei, den Unternehmern und der kapitalistischen Politik«,
        und gab den Anlaß zu einer von $Döblin$ gegen $Gasch$ erhobenen
        Privatklage.

Aber auch in der Sache selbst stellte sich die Versammlung auf den
Standpunkt des Vorstandes, indem sie mit 45 gegen 22 Stimmen die
$Tarifgemeinschaft billigte$ und einstimmig beschloß, daß der bisherige
Vorstand bis zum Jahre 1899 im Amte bleiben solle.

Die Verhandlungen waren für die Auffassung der Verhältnisse zur
Sozialdemokratie von großem Interesse, indem von der Mehrzahl der
Stimmen die völlige Unabhängigkeit dieser Partei gegenüber betont
wurde. Der Referent $Rexhäuser$ spottete über das »Kirchturmswettrennen
in radikalen Phrasen«, das im »Correspondent« stattgefunden
habe, $Döblin$ erklärte, wenn er geäußert habe, ein Gegner der
Sozialdemokratie zu sein, so gehe das den Verband gar nichts an,
da derselbe als Gewerkschaft auf dem Boden der heutigen Staats-
und Gesellschaftsordnung stehe. »Ich habe mich Ihnen nicht als
Sozialdemokrat vermietet: vor allem bin ich ein Feind jeder Phrase.«

Auch die sozialdemokratische Presse, insbesondere die »Leipziger
Volkszeitung« und das Parteiorgan, der »Vorwärts«, hatten gegen den
Vorstand und die Tarifgemeinschaft Stellung genommen und setzten ihre
Angriffe nach der Generalversammlung noch fort, so daß $Döblin$ sich
veranlaßt sah, im »Correspondent«[109] sich hiergegen zu verteidigen
und zu erklären: »Herr $Auer$ mag $sein$ Feld beackern und die
Austragung interner Angelegenheiten dem betreffenden Berufe überlassen.
Die Buchdrucker sind selbst Mannes genug, um zu entscheiden, was ihrem
Interesse entspricht, sie verzichten sicher gern auf die $Auer$'schen
Vorschläge. Wir respektieren das Thätigkeitsfeld der politischen Partei
und bitten uns aus, daß Letztere uns in unserer gewerkschaftlichen
Thätigkeit ungeschoren läßt.«

  [109] Nr. 87 vom 28. Juli 1896.

Der Kampf beider Richtungen innerhalb der organisierten Buchdrucker ist
aber noch keineswegs beendet. $Gasch$ hat eine Gefolgschaft um sich
gesammelt, die auf Schritt und Tritt den Verbandsvorstand bekämpft
und sehr rührig ist. Seit dem 15. August 1896 redigiert $Gasch$ die
von einem freien Komitee herausgegebene »Buchdruckerwacht«, die an
Gehässigkeit gegen den Verbandsvorstand das denkbar Möglichste leistet.
Seit dem 1. Oktober 1897 erschien sie zunächst 2 Mal wöchentlich, doch
ist sie bald auf 1 Mal zurückgegangen.

Auf den Einfluß dieser Kreise ist es wohl auch zurückzuführen, daß das
Leipziger Gewerkschaftskartell sich in den Kampf einmischte, indem es
in seiner Sitzung vom 5. April 1897 mit allen gegen 2 Stimmen die am
26. März 1897 in einer öffentlichen Buchdruckerversammlung gewählten
6 Vertreter mit der Begründung zurückwies, daß sie nicht auf dem
Boden der modernen Arbeiterbewegung ständen, da die Tarifgemeinschaft
deren Grundsätzen zuwiderlaufe. Obwohl die Wahl mit mehr als 1000
Stimmen Mehrheit erfolgt war, ließ man statt dieser andere 6 Vertreter
zu, die in einer kleinen Versammlung der Tarifgegner von etwa 150
Anwesenden gewählt waren. Dieser Beschluß hat jedoch in der gesamten
sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftspresse mit einziger
Ausnahme der von $Schönlank$ geleiteten »Leipziger Volkszeitung«
allgemeine Mißbilligung gefunden, und auch die Generalkommission
ist energisch dagegen aufgetreten mit der Begründung, daß das
Gewerkschaftskartell seine Befugnisse überschreite, wenn es sich in die
Angelegenheiten der Zentralvorstände einmische; übrigens sei auch die
Tarifgemeinschaft sachlich zu billigen.

Die Opposition hat auch bereits zwei eigene $Kongresse$ abgehalten.
Der $erste$ fand statt am 7. Juni 1897 in $Leipzig$ und war von 22
Vertretern besucht. Es wurde beschlossen, die Tarifgemeinschaft auf
jede Weise zu bekämpfen und dazu einen Fonds zu gründen, zu welchem
jeder der Opposition angehörige Kollege wöchentlich 10 Pf. beizutragen
habe. Dagegen wurde ein Antrag, sozialdemokratische Buchdruckervereine
zu bilden, gegen 8 Stimmen abgelehnt. Das Organ der Opposition ist die
»Buchdruckerwacht«, deren Redakteur $Gasch$ wieder gewählt wurde. Die
Zahl der Abonnenten wurde auf 1520 am Ende des I. Quartals angegeben.

Unter diesen Umständen blieb dem Verbandsvorstande nichts übrig,
als auf eine formelle Ausschließung der oppositionellen Elemente
hinzuarbeiten. Obgleich nach § 15 des Statuts der Vorstand das Recht
hat, für dessen Aufrechterhaltung Sorge zu tragen und notorische
Verbandsschädiger auszuschließen, so wollte er doch dies nicht
selbständig thun, sondern veranstaltete eine Urabstimmung sämtlicher
Verbandsmitglieder über die beiden Fragen, 1. ob die auf Grund der
Beschlüsse des Leipziger Pfingstkongresses entwickelte Thätigkeit der
Opposition gegen das Verbandsinteresse gerichtet sei, und 2. ob gegen
die Verbandsschädiger auf Grund des Statutes vorgegangen werden solle.
Bei der Anfang September vorgenommenen Abstimmung wurde die erste Frage
mit 13759 gegen 4601, die zweite mit 13251 gegen 5164 Stimmen bejaht.
Der Vorstand hat darauf eine Bekanntmachung erlassen, in der er die
Absicht erklärt, diejenigen, die diese Willenskundgebung des Verbandes
nicht achten und künftig »die in der »Buchdruckerwacht« zu Tage
tretenden Bestrebungen von $Gasch$ durch Ausübung von Vertrauensämtern
in der gegnerischen Vereinigung, Abhaltung von Sonderzusammenkünften
zwecks Förderung dieser Bestrebungen oder sonstige von der
Oppositionsleitung veranlaßte zur Schädigung des Verbandes führende
Maßnahmen unterstützen« würden, aus dem Verbande zu entfernen.

Da die Opposition nicht auf ihre Bestrebungen verzichten wollte,
so war sie jetzt gezwungen, sich zu einem selbständigen Vereine
zusammenzuschließen. Sie hat dies gethan, indem sie am 30. Oktober
1897 die »$Gewerkschaft der Buchdrucker, Schriftgießer und verwandter
Berufsgenossen$« mit dem Sitze in Leipzig gründete. Neben Rechtsschutz
und Unterstützung bei Tarifkonflikten will die Gewerkschaft
Arbeitslosen-, Reise-, Kranken- und Invalidenunterstützung, sowie
Umzugskosten und Beihülfe in Sterbefällen gewähren. Das Eintrittsgeld
wurde auf 1 Mk., der wöchentliche Beitrag auf 1 Mk. 20 Pf. festgesetzt.
Das Fachorgan, die »Buchdruckerwacht«, erhalten die Mitglieder
unentgeltlich. Die Leitung wurde einem provisorischen Komitee aus
7 Personen übertragen. In einem an die organisierte Arbeiterschaft
Deutschlands gerichteten Aufrufe suchte dieses Komitee die
Notwendigkeit des gethanen Schrittes damit zu begründen, daß nach den
Vorgängen im Verbande »die sozialdemokratischen Mitglieder fortwährend
mit dem Ausschlusse bedroht sind, was bei jeder Gelegenheit den
betreffenden Mitgliedern fühlbar gemacht wird.«

Am 10. April 1898 hat dann in Halle a. S. der $zweite Kongreß$ der
Opposition stattgefunden, auf dem die Neugründung endgültig beschlossen
wurde. Nach Angabe der der Bewegung günstigen »Leipziger Volkszeitung«
waren Vertreter aus 21 Orten erschienen, doch wird die Zahl nicht
mitgeteilt. Der »Correspondent« dagegen behauptet, es seien außer 30
Vertretern aus Leipzig und den Vororten nur sechs bis sieben Personen
aus anderen Orten anwesend gewesen. Der Schwerpunkt der Verhandlungen
lag in der Festlegung des $Verhältnisses zum Verbande$, doch wurde
folgender Antrag

»Eine Einigung der Buchdrucker ist herzustellen, insofern der Verband

  1. sich von der jetzigen Tarifgemeinschaft lossagt, der Tarif von Jahr
     zu Jahr festgestellt wird und nur die Gehülfenorganisation den
     Tarif festsetzt. Sämtliche Anhängsel des Tarifs müssen fallen;

  2. Eine Revision des Verbandsstatutes vornimmt, wodurch

     a) die Mitgliederrechte gesichert werden,
     b) die persönliche Freiheit sichergestellt wird und
     c) die Machtbefugnisse der leitenden Personen beschränkt werden;

  3. Wird Einigung erreicht, dann treten alle ausgeschlossenen
     Mitglieder wieder in ihre alten Rechte ein;

  4. Desgleichen findet dann eine Neuwahl des Verbandsvorstandes statt«

von der Mehrheit abgelehnt und statt dessen folgender Beschluß
angenommen:

»In Erwägung, daß es Sache des Verbandes ist, Vorschläge über
Herstellung des Friedens unter den Buchdruckern zu machen, weil der
Verband durch die vielen Ausschlüsse die Spaltung verschuldet hat,
geht der Kongreß über die vorgeschlagenen Friedensbedingungen zur
Tagesordnung über.«

Auch der von der Preßkommission gestellte fernere Antrag, die
»Buchdrucker-Wacht« mit Rücksicht auf das bei ihr zu Tage getretene
Defizit von 220 Mk. künftig nur einmal wöchentlich erscheinen zu
lassen, wurde abgelehnt und dagegen wurde der Vorschlag des »Bundes
der Lithographen« in Stuttgart, die Buchdrucker-Wacht als sein Organ
zu benutzen, angenommen. Der genannte Verein ist eine wenig Mitglieder
zählende Abzweigung von dem »Verbande der graphischen Arbeiter«, dem
wegen Streitigkeiten die Benutzung des Verbandsorgans, die »Graphische
Presse«, untersagt ist.

An diesen Kongreß schloß sich am folgenden Tage die $erste
Generalversammlung$ der neu gegründeten »$Gewerkschaft der Buchdrucker,
Schriftgießer und verwandter Berufsgenossen$«, die ebenfalls in $Halle$
tagte und auf der nach den Berichten 220 Mitglieder durch 9 Abgeordnete
vertreten waren.

Ueber den finanziellen Stand der Gewerkschaft gab der Kassierer
folgende Abrechnung: Einnahme der Gewerkschaft 2287,20 Mk.,
des Unterstützungsfonds der Minderjährigen 246,45 Mk., des
Witwenunterstützungsfonds 192 Mk., Summa 2725,65 Mk. Ausgabe der
Gewerkschaft 1069,70 Mk., des Unterstützungsfonds der Minderjährigen
42,75 Mk., des Witwenunterstützungsfonds --,--Mk., bleibt Bestand
1613,20 Mk. Die Ausgaben der Gewerkschaft verteilten sich auf
Arbeitslosenunterstützung mit 272,50 Mk., Krankenunterstützung
180,60 Mk., Agitation 348,50 Mk., Druckkosten 62 Mk., Abonnement der
»Buchdrucker-Wacht« 45 Mk., Porti 38,15 Mk., Utensilien 29,15 Mk.,
Unkosten-Conto 58,80 Mk., Diverse 35 Mk. Mitgliederzahl 196.

In der Diskussion wurde das Verhalten des »Vorwärts« gegenüber der
neuen Gewerkschaft getadelt. Der »Buchdrucker-Wacht« wurden 200 Mk.
zur Deckung des Defizits überwiesen. Der Sitz der Gewerkschaft bleibt
in Leipzig, es wurden sieben Personen in das Zentralkomitee gewählt.
Außerdem wurden fünf Kontrolleure, die an verschiedenen Orten wohnen,
eingesetzt.

Die Generalkommission wurde gleichfalls wegen ihrer Stellungnahme zur
Gewerkschaft scharf verurteilt, aber beschlossen, daß diese an die
Generalkommission angeschlossen werden soll.

Die angenommene Resolution lautet: »Die Gewerkschaft der Buchdrucker
ist daselbst anzumelden und der Generalkommission schriftlich wegen
ihrer Stellungnahme zur Gewerkschaft der Tadel auszudrücken, event.
auch dahin zu wirken, daß die Generalkommission durch andere Personen
ersetzt wird.«

Es wurde dann noch eine Protestresolution gegen das Rundschreiben
des Staatssekretärs Grafen v. Posadowsky angenommen und ein Referat
gehalten über die Bestrebungen der bürgerlichen Sozialpolitiker, durch
die Gewerkschaftsbewegung als »staatserhaltenden Faktor« einen Keil in
die allgemeine Arbeiterbewegung zu treiben und diese zu zerstückeln.
Der alte Buchdruckervorstand verfahre nach diesen Tendenzen und die
Generalkommission habe auch die Exklusivität der Berufsorganisationen
anerkannt, eine Selbständigkeit der einzelnen Berufe, die die Gegner
dem einheitlichen Vorgehen der Sozialdemokratie entgegensetzen wollen.
Der Kongreß schließt sich dem Wunsche an, daß die Arbeiterschaft ein
scharfes Auge auf die Quertreibereien werfen solle.

Die Generalkommission hat sich diesen Tadel nicht sehr zu Herzen
genommen und sogar den beantragten Anschluß mit Berufung darauf, daß
bei ihr nicht zwei Organisationen desselben Gewerbes vertreten sein
könnten, abgelehnt. Sie faßt im »Correspondenzblatt«[110] ihr Urteil
dahin zusammen: »Ein kleines Häuflein mit revolutionären Phrasen um
sich werfender Leute bemüht sich heute in dem Berufe, in welchem eine
völlige Einmütigkeit in der Organisation noch nicht erreicht ist,
die Zersplitterungsversuche fortzusetzen. Noch kurze Zeit ruhiger
Entwickelung, und auch sie werden einsehen, daß die Arbeiter Besseres
zu thun haben, als sich zum eigenen Schaden zum Nutzen der Ausbeuter zu
bekämpfen.«

  [110] Nr. 46 vom 15. November 1897.

Nach einer privaten Mitteilung des Verbandsvorstandes belief sich die
Mitgliederzahl der neuen Gewerkschaft im September 1898 auf 270 und
ist anzunehmen, daß die leitenden Personen nur beabsichtigen, dieselbe
noch bis zu der 1899 stattfindenden Generalversammlung des Verbandes
über Wasser zu halten, in der Hoffnung, daß dieser den Abtrünnigen den
Wiederanschluß gestatten werde, eine Hoffnung, auf deren Erfüllung kaum
zu rechnen sei.

Auch in den letzten Jahren hat in diesem Kampfe zwischen dem Verbande
und der Opposition die sozialdemokratische Presse überwiegend
gegen den Verband Partei genommen. Daß dieser nicht gewillt ist,
sich dies gefallen zu lassen, ergiebt eine Reihe von Artikeln des
»Korrespondent«, die in dessen Nummern vom November 1898 erschienen
sind und eine sehr deutliche Sprache reden. So heißt es: »Selbst
wenn die Auffassung der Mehrheit der sozialdemokratischen Blätter
richtig wäre, daß der größte Teil der Buchdrucker nichts von der
Sozialdemokratie wissen wollte, so könnten wir uns keine verkehrtere
Taktik denken, als mit wüsten und blöden Schimpfereien die Buchdrucker
zu Sozialdemokraten »erziehen« zu wollen. Und dann noch eine Frage:
Wie kommt es, daß fast ausschließlich in sozialdemokratischen
Druckereien jene Kollegen zu finden sind, welche mit allen Mitteln
die Organisation der Buchdruckergehilfen zu vernichten und die
übrigen Arbeiter gegen dieselbe aufzuhetzen bemüht sind, wie kommt
es, daß sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, Redakteure,
Gewerkschaftsvorsitzende und ähnliche Arbeiterführer ihr Mandat
mißbraucht haben und noch mißbrauchen, um durch Verdächtigungen
unseres Verbandes, dessen Leitung wie seines Organs, und Förderung
einer Gegenorganisation den Verband lahmzulegen oder den Unternehmern
gegenüber zu schwächen und dann die Folgen dieser demoralisierenden
Thätigkeit aufs Konto der Tarifgemeinschaft zusetzen? Wir sind
jederzeit objektiv genug gewesen, nicht die Partei als solche für die
Dinge verantwortlich zu machen, wenn es aber in derselben schon so
weit gekommen sein sollte, daß jeder von persönlichen Leidenschaften
oder Gehässigkeiten erfüllte Mensch namens der Partei die Bekämpfung
von Arbeitern oder deren Organisationen zum »Prinzip« erklären kann,
wenn eine Abwehr persönlicher Angriffe und Gehässigkeiten mit dem
Ausschluß aus der Partei geahndet und damit zur Parteisache gemacht
wird, dann verzweifeln wir an dem Glauben, in der sozialdemokratischen
Partei die Vertreterin unserer Interessen zu erblicken«. »Wir müßten
ja geradezu feige Hunde sein, wenn wir uns auf die Dauer eine solche
Behandlung gefallen ließen.« Es könnte hiernach kaum unerwartet kommen,
wenn der Buchdruckerverband demnächst sich in offnem Gegensatz zur
Sozialdemokratie setzen sollte. --

Die Entwickelung des Buchdruckerverbandes hinsichtlich seines äußeren
Umfanges und seiner inneren Wirksamkeit zeigt folgende Tabelle:

  ==================================================================
             |                | Unterstützung z. | Arbeitslosen-
      Jahr   | Mitgliederzahl | Aufrechterhalt.  | unterstützung
             |   im Jahres-   |   des Tarifs     |
             |     mittel     |       Mk.        |
  ===========+================+==================+==================
      1867   |      3192      |       --         |       --
      1868   |      5000      |      8751        |       --
      1869   |      6589      |      2529        |       --
      1870   |        ?       |      7952        |       --
      1871   |      6227      |      1042        |       --
      1872   |      7471      |     21946        |       --
      1873   |      7030      |    124746        |       --
      1874   |      7325      |     43090        |       --
      1875   |      7276      |     45082        |       --
      1876   |      6386      |      5617        |       --
      1877   |      5511      |     66711        |       --
      1878   |      5696      |      6963        |       --
      1879   |      5724      |      1038        |       --
      1880   |      6278      |      9590        |     16806
      1881   |      8762      |      1605        |     14156
      1882   |      9021      |      9035        |     24619
      1883   |     10116      |     22024        |     28532
      1884   |     10648      |     34252        |     34832
      1885   |     11423      |     18355        |     35763
      1886   |     12824      |     21874        |     56448
      1887   |     11856      |    266344        |    130861
      1888   |     11643      |     26282        |     76687
      1889   |     12792      |     17664        |     56512
      1890   |     15377      |     39514        |     56394
      1891   |     16921      |    835679[111]   |     51333
      1892   |     15188      |    218042[111]   |    235528[111]
      1893   |     15749      |      9143        |     92906
      1894   |     17334      |     16920        |    101562
      1895   |     19188      |     22782        |     97702
      1896   |     21437      |     74689        |    127342[113]
      1897   |     22854      |     63044        |    132779
      1898   |     24942[114] |     49154        |    141688

  =================================================================
             |     Reise-      |   Invaliden-   |  Krankenunter-
      Jahr   |  unterstützung  |  unterstützung |stützung einschl.
             |                 |                |    Sterbegeld
             |       Mk.       |       Mk.      |       Mk.
  ===========+=================+================+==================
      1867   |       --        |       --       |       --
      1868   |       --        |       --       |       --
      1869   |       --        |       --       |       --
      1870   |       --        |       --       |       --
      1871   |       --        |       --       |       --
      1872   |       --        |       --       |       --
      1873   |       --        |       --       |       --
      1874   |       --        |       --       |       --
      1875   |     28737       |       --       |       --
      1876   |    120250       |       --       |       --
      1877   |     44017       |       --       |       --
      1878   |     47871       |       --       |       --
      1879   |     62005       |       --       |       --
      1880   |     52500       |       102      |       --
      1881   |     64974       |       829      |     13351
      1882   |    114651       |      2314      |    147932
      1883   |    132191       |      8882      |    226947
      1884   |    125584       |     15404      |    239145
      1885   |    107081       |     22231      |    271813
      1886   |     92237       |     50670      |    320942
      1887   |    147418       |     75349      |    329396
      1888   |     83496       |     68954      |    305399
      1889   |     62421       |     78648      |    300377
      1890   |     86190       |     83661      |    347424
      1891   |     90482       |     97285      |    377574
      1892   |    121164       |    116330      |    455303[111]
      1893   |    100712       |    124232      |    316820[112]
      1894   |    114914       |    131123      |    318484
      1895   |    110843       |    127260      |    326447
      1896   |    138491[113]  |    129529      |    327918
      1897   |    137388       |    138942      |    365152
      1898   |    115177       |     67949      |    391336[115]

  [111] Die Höhe der Ziffern erklärt sich durch den großen Streik und die
        nach demselben verbliebenen Opfer.

  [112] Die auffällige Abnahme erklärt sich daraus, daß vom 1. Januar
        1893 ab das Krankengeld von 2 Mk. auf 1 Mk. 50 Pf. herabgesetzt
        wurde.

  [113] Die Erhöhung gegen das Jahr 1895 hat ihren Grund fast
        ausschließlich darin, daß nach den Beschlüssen der Breslauer
        Generalversammlung die Karenzzeit von 150 auf 100 Wochen
        herabgesetzt und die Reiseunterstützung um täglich 5 Pf. erhöht
        ist.

  [114] Die Mitgliederzahl am 31. Dezember 1898 betrug 26877.

  [115] In den hier aufgeführten Beträgen sind auch die Leistungen der in
        Liquidation befindlichen Zentralinvalidenkasse enthalten.

Um die Bedeutung der mitgeteilten Mitgliederzahlen zu würdigen, bedarf
es einer Vergleichung mit der Gesamtzahl der im Buchdruckgewerbe
beschäftigten Personen, da sich hieraus das Verhältnis der in dem
Verbande organisierten Gehülfen zu den übrigen und die Berechtigung des
Anspruches auf Vertretung der gesamten Gehülfenschaft ergiebt. Dies
ist dadurch erschwert, daß die bisherigen Berufszählungen von 1875,
1882 und 1895 zwar die Anzahl der Betriebe sowie der Geschäftsleiter
und der Hülfspersonen angeben, nicht aber die einzelnen Klassen der
letzteren ersehen lassen. Nach der Zählung vom 14. Juni 1895 waren in
Deutschland in 6303 Buchdruckereibetrieben 80942 Personen beschäftigt.
Davon waren Geschäftsleiter 6034, Verwaltungspersonal 4946, technisches
Aufsichtspersonal 1820, 43183 männliche und 10249 weibliche Gehülfen
und 14512 Lehrlinge. Die Ende 1897 vorhandenen 22854 Verbandsmitglieder
entsprechen mithin 53% aller Gehülfen[116].

  [116] = 0,84% aller Erwerbsthätigen.

Im Jahre 1887 hat die Buchdruckerberufsgenossenschaft eine Statistik
veranstaltet, nach der in 3863 versicherungspflichtigen Betrieben 58000
Hülfspersonen beschäftigt waren, doch beschränkt sich diese Zählung
auf den Umfang der Berufsgenossenschaft, der die Stein-, Metall- und
Farbdruckereien und alle die nicht unfallversicherungspflichtigen
Betriebe nicht angehören.

Von dem Herausgeber des $Klimsch$'schen Adreßbuches sind 1886 und
1890 ebenfalls Zählungen veranstaltet[117]. Diejenige von 1886 giebt
folgende Zahlen:

    I. Setzerei: 1480 Faktoren, 841 Korrektoren, 19872 Setzer,
       184 Setzerinnen, 7118 Lehrlinge.
   II. Buchdruckerei: 3645 Maschinenmeister, 1031 Schweizerdegen,
       667 Handpressendrucker,  1681 Druckerlehrlinge, 1518 Einleger,
       3454 Einlegerinnen.
  III. Lithographie: 3507 Lithographen, 1559 Lehrlinge.
   IV. Steindruckerei: 1429 Maschinenmeister, 5079 Handpressendrucker,
       2168 Lehrlinge, 680 Einleger, 1451 Einlegerinnen.
    V. 299 Präger, 4126 Comptoiristen, 370 Materialienverwalter.

Dieses Personal war beschäftigt in 3453 Buchdruckereien, 1295
Steindruckereien, 834 Buch- und Steindruckereien.

  [117] In der neuesten Ausgabe von 1895 erklärt der Herausgeber, für
        die Zukunft auf die statistischen Mitteilungen verzichten
        zu müssen, giebt aber an, daß zur Zeit in Deutschland 4859
        Buchdruckereien, 1242 Buch- und Steindruckereien, 1165
        Steindruckereien und 75 Licht- und Kupferdruckereien beständen.

Die Zählung von 1889 erstreckt sich auf 5300 Druckereien und giebt an:

1647 Faktoren, 1028 Korrektoren, 21922 Setzer, 4382 Drucker und
Maschinenmeister, 1056 Schweizerdegen, 10253 Setzerlehrlinge, 2519
Druckerlehrlinge.

Auch die Gehülfen haben Erhebungen veranstaltet. Die $erste$ aus dem
Jahre 1885 umfaßte nur 2408 Druckereien mit 2708 Prinzipalen (1618
gelernten und 1090 Nicht-Buchdruckern) und ergab 923 Faktoren, 485
Korrektoren, 13929 Setzer, 2916 Drucker und Maschinenmeister, 570
Gießer und 6699 Lehrlinge. Die $zweite$ vom 15. Oktober 1894 umfaßte
4152 Druckereien und ergab 1309 Faktoren, 759 Korrektoren, 21922
Setzer, 4382 Drucker und Maschinenmeister, 1056 Schweizerdegen, 548
Stereotypeure, mithin insgesamt 30022 Hülfspersonen, von denen 14517
dem Verbande angehörten, während 14464 demselben fern standen. Diesen
Gehülfen standen 10253 Setzerlehrlinge und 2519 Druckerlehrlinge
gegenüber. Die neueste Zählung vom Dezember 1898 erstreckte sich auf
3826 Druckereien und ergab: 1589 Faktoren, 902 Korrektoren, 26481
Setzer, 5393 Drucker, 1060 Schweizerdegen, 277 Stereotypeure und 168
Maschinensetzer. Von der Gesamtziffer zu 35870 waren 21217 Mitglieder
des Verbandes, während 14653 ihm nicht angehörten. Außerdem gab es 8189
Setzerlehrlinge und 2371 Druckerlehrlinge.

Obgleich der große Streik die Mittel des Verbandes sehr geschwächt
hatte, so daß der Vermögensbestand der Allgemeinen Kasse, der am 31.
März 1891 412411,92 Mk. betragen hatte, am 31. März 1892 auf 3025,25
Mk. gesunken war, ist derselbe doch rasch wieder gestiegen, indem
er betrug: am 31. März 1893 20769,35 Mk., am 31. März 1894 56567,53
Mk., am 31. März 1895 578197,13 Mk., am 31. März 1896 931082,18 Mk.,
am 31. März 1897 1204141,28 Mk., am 31. März 1898 1594201,26 Mk. und
am 31. März 1899 2106822,89 Mk. Allerdings sind die drei zuletzt
genannten Zahlen mit den früheren nicht unmittelbar vergleichbar; wie
erwähnt, sind die beiden früher selbständigen Kassen, die Verbands-,
Kranken- und Begräbniskasse und die Zentralinvalidenkasse 1892 und 1893
aufgelöst; dabei ist das Vermögen der Ersteren, wie oben hervorgehoben,
infolge Verzichts der Berechtigten im Betrage von 276923,51 Mk. ohne
Gegenleistung auf die Verbandskasse übergegangen. Die Invalidenkasse
wird freilich zunächst noch fortgeführt, aber nur zu dem Zwecke, die
bestehenden Verpflichtungen abzuwickeln. Der Vermögensbestand derselben
betrug am 31. März 1896 947835,75 Mk., am 31. März 1897 883423,94 Mk.,
am 31. März 1898 825383,27 Mk. und am 31. März 1899 769365,16 Mk. Die
Gesamtausgabe hatte im Jahre 1895/6 111573,35 Mk., im Jahre 1896/7
97978,01 Mk., im Jahre 1897/8 88742,81 Mk. und 1898/99 82660,60 Mk.
betragen. Die Gesamtzahl der Invaliden war Ende Dezember 1895 auf
262, Ende Dezember 1896 auf 239, Ende Dezember 1897 auf 220 und Ende
Dezember 1898 auf 199 herabgegangen. Seit Auflösung der Invalidenkasse
fließen die Invaliditätsbeiträge in die Verbandskasse.

Schon die Stuttgarter Generalversammlung 1894 hatte den Vorstand
beauftragt, ein $graphisches Kartell$ d. h. eine Verbindung der
Buchdrucker mit den Lithographen, Steindruckern, Buchbindern u. s. w.
herbeizuführen. Die Verhandlungen hatten zunächst Schwierigkeiten
darin gefunden, daß die übrigen Berufe die Zahlung eines Beitrages zu
einer Reservekasse beanstandeten. Am 9. Mai 1896 wurde jedoch von den
betreffenden Bevollmächtigten die Bildung eines Kartells beschlossen.
Zur Bestreitung größerer Kämpfe sollte jedes Mitglied der beteiligten
Organisationen vierteljährlich 30 Pf. in den Reservefonds einzahlen.
Die Verwaltung desselben sollte gemeinsam durch Bevollmächtigte der
einzelnen Berufe besorgt, Unterstützungen aber erst bezahlt werden,
wenn der Fonds auf 30000 Mk. angewachsen ist; die Höhe derselben
wird von der Verwaltung in Verbindung mit den Verbandsvorständen
bestimmt. Bei Streiks einzelner Berufe in einzelnen Anstalten haben
die kartellierten Berufsgenossen, die in derselben Anstalt beschäftigt
sind, nach erfolgter Zustimmung ihrer Verbandsvorstände ebenfalls die
Arbeit niederzulegen, sobald damit voraussichtlich ein Erfolg erzielt
wird. Trotz dieses Beschlusses ist aber das Kartell nicht zustande
gekommen und auch keine Aussicht eines besseren Erfolges für die
Zukunft vorhanden. Der Grund liegt teils darin, daß die Lithographen
und Steindrucker nicht imstande sind, die erforderlichen Beiträge
aufzubringen, teils darin, daß insbesondere die Buchbinder sich der
Auffassung der Buchdrucker, die dem Kartell lediglich praktische
Aufgaben zuweisen wollten, widersetzen.

                   *       *       *       *       *

Die Streitigkeiten, welche zum Ausbruche des Streiks von 1891 führten,
gaben zugleich Anlaß zur Gründung einer zweiten Gehülfenorganisation,
die der Erwähnung bedarf, nämlich des »$Gutenbergbundes$«[118]. Schon
längere Zeit hatte unter den nicht zum Verbande gehörigen Gehülfen
eine »Freie Vereinigung« bestanden; ebenso gab es eine Reihe von
örtlichen Unterstützungskassen. Die Einleitung des Streiks hatte zur
Folge, daß auch eine Anzahl Mitglieder des Verbandes, die den Streik
mißbilligten, austraten. Diese Nichtverbändler hatten nun einen Kampf
nach zwei Seiten zu führen, nämlich einerseits gegen die schlecht
zahlenden Prinzipale, andererseits gegen den Verband, von welchem gegen
sie die schärfsten Angriffe gerichtet wurden. Das Bedürfnis, diesen
doppelten Kampf mit Erfolg zu führen, hatte bereits die Schaffung eines
besonderen Blattes für Nichtverbändler, des »$Typograph$« in Stuttgart,
zur Folge gehabt, und ebenso führte er im Herbst 1892 zur Gründung
des »$Berliner Buchdruckervereins$«. Aber die Verhältnisse drängten
dazu, eine feste Organisation für ganz Deutschland ins Leben zu rufen,
und so trat am 3. September 1893 in Erfurt eine Anzahl Gehülfen zu
dem »$Gutenbergbunde$« zusammen, dessen Statuten mit dem 1. April
1894 in Kraft traten. Die Schwierigkeiten, die aus dem Verhältnisse
zu der früheren »Freien Vereinigung« sowie daraus erwuchsen, daß die
bestehenden örtlichen Unterstützungskassen nicht geneigt waren, sich
zu Gunsten des Bundes aufzulösen, hatten zur Folge, daß derselbe eine
eigentliche Wirksamkeit erst seit dem 1. April 1895 entfalten konnte.

  [118] Das verwandte Material verdanke ich privaten Mitteilungen;
        meine an den Vorstand des Bundes gerichtete Bitte um Auskunft ist
        unbeantwortet geblieben.

Die Statuten in der durch die Generalversammlung von 29./31. August
1897 festgesetzten Form bezeichnen die Aufgabe des Bundes in folgender
Weise:

»Der Gutenbergbund bezweckt den Zusammenschluß derjenigen Buchdrucker
Deutschlands, welche dem »Verbande Deutscher Buchdrucker« oder der
»Gewerkschaft Deutscher Buchdrucker und Schriftgießer« $nicht$
angehören.

Dieser Zweck wird erstrebt durch:

  a) Gewährung von Unterstützung an arbeitslose und erwerbsunfähige
    (kranke) Mitglieder;

  b) Gewährung von Unterstützung an dauernd erwerbsunfähige (invalide)
     Mitglieder;

  c) Gewährung von Umzugskosten;

  d) Vertretung der gemeinsamen materiellen und Berufsinteressen;

  e) Vermittelung von Arbeitsgelegenheit durch Errichtung von
     Arbeitsnachweisen;

  f) Herausgabe eines Organs: »Der Typograph«;

  g) Pflege der Kollegialität.

Die Kassen des Bundes stehen Lohnkämpfen gegenüber auf völlig
neutralem Boden; es darf die Bezugsberechtigung der Mitglieder von der
Beteiligung oder Nichtbeteiligung an solchen nicht abhängig gemacht
werden.

Der Abschluß der Gegenseitigkeit mit außerdeutschen Vereinen gleicher
Richtung wird angestrebt und werden dementsprechende Abschlüsse durch
den Hauptvorstand bezw. durch die Generalversammlung vollzogen.«

Der Beitritt zu dem Verbande oder der Gewerkschaft hat das Ausscheiden
aus dem Bunde zur Folge. Der Bund gewährt Unterstützungen an
Arbeitslose auf der Reise und am Orte, bei Krankheit (seit 1898) und
Invalidität (seit 1895), sowie einen Zuschuß zu den Umzugskosten,
jedoch haben die Mitglieder kein klagbares Recht auf dieselben, sie
werden vielmehr nach dem jeweiligen Vermögen des Bundes festgesetzt.
Nur für die Invalidenunterstützung wird ein besonderes Entgelt von
wöchentlich 20 Pf. erhoben, die übrigen Unterstützungen werden durch
den Bundesbeitrag gedeckt, der 1894 und 1895 25 Pf., 1896 und 1897 55
Pf. betrug und seit 1898 auf 65 Pf. erhöht ist. Der Sitz des Bundes ist
Berlin; das Organ desselben ist der »Typograph«, der den Mitgliedern
unentgeltlich geliefert wird.

Die bisherige Entwickelung des Bundes ergiebt sich aus folgender
Tabelle.

Es ergaben sich am Schlusse des

  ======================================================================
          |           |          |Einnahmen |Geleistete Unterstützungen
          |           |          |   aus    |          +----------------
   Jahres |Ortsvereine|Mitglieder|Beiträgen |          |Vermögensbestand
          |           |          |    Mk.   |    Mk.   |      Mk.
  ========+===========+==========+==========+==========+================
    1894  |     27    |   1200   |   9222   |    --    |     7400
    1895  |     34    |   1420   |  15176   |   2314   |    17495
    1896  |     40    |   1570   |  36899   |  14033   |    29919
    1897  |     57    |   1925   |  46283   |  24109   |    40909
    1898  |     69    |   2800   |  64000   |  28000   |    63000

Der seitens des Verbandes erhobene Vorwurf, der Bund stehe im Solde
der Prinzipale und seine Mitglieder gäben sich zu Streikbrechern her,
wird von ihm mit Entrüstung zurückgewiesen mit der Behauptung, daß auch
seine Arbeitsnachweise Arbeit nur in tariftreuen Geschäften vermitteln
und daß der Bund das Interesse der Gehülfen nicht minder wirksam
wahre als der Verband, daß er vielmehr lediglich dem Terrorismus
des letzteren entgegentreten und die freie Selbstbestimmung der
Gehülfen bei etwaigen vom Verbande beschlossenen Streiks wahren wolle.
Deshalb dürfe kein Mitglied wegen Teilnahme oder Nichtteilnahme an
Lohnbewegungen aus dem Bunde und von der Beteiligung an dessen Kassen
ausgeschlossen werden.

Es ist bei den widersprechenden gegenseitigen Darstellungen schwer, in
dem zwischen Verband und Bund geführten verbitterten und gehässigen
Streite ein unbefangenes Urteil zu gewinnen. Daß seitens des Verbandes
ein starker Druck zum Eintritte auf die Gehülfen ausgeübt wird, ist
nicht zu bezweifeln, und ebenso wird vom Standpunkte der persönlichen
Freiheit aus das an die Mitglieder gestellte Verlangen, sich einem
Beschlusse des Verbandes wegen Einleitung eines Streiks auch da zu
fügen, wo sie ihn für unberechtigt halten, verwerflich erscheinen. Aber
es ist zu bedenken, daß Ziele, die einer größeren Gruppe gemeinsam
sind, sich einfach nicht anders erreichen lassen, als wenn eine
solche Gruppe sich zu einer straffen Organisation zusammenschließt
und der Einzelne sich den Beschlüssen der Mehrheit unterordnet.
Insofern liegt auch dem heute so viel angeschuldigten »Terrorismus«
im wirtschaftlichen Kampfe, mag er auf Seiten der Arbeiter oder der
Unternehmer geübt werden, eine gewisse geschichtliche Notwendigkeit und
ein soziales Recht zu Grunde, das allerdings mit unserem gesetzlich
anerkannten Rechte in Widerspruch steht, aber wesentlich deshalb,
weil dieses auf dem Boden der die letzten 100 Jahre beherrschenden
individualistischen Anschauung erwachsen ist. Die letztere steht zur
Zeit im Begriffe, durch eine andere, die soziale, abgelöst zu werden,
und von dieser aus betrachtet, muß Manches als Recht erscheinen, was
wir bisher gewohnt waren, als Unrecht zu betrachten.


                       5. Die Bergarbeiter[119].

Die Bergarbeiter haben sich von jeher durch eine gewisse konservative
Anschauung von den meisten Gruppen der Industriearbeiter
unterschieden, wobei die durch ihren Beruf geförderte Neigung zu
ernster Lebensauffassung und religiöser Stimmung wesentlich ins
Gewicht fielen; ist es doch meist üblich, daß der Bergmann vor
seiner Einfahrt in den Schacht ein kurzes Gebet spricht. In vielen
Gegenden sind die Bergleute auch regelmäßig im Besitze eines eigenen
Hauses. Die mit dem Berufe verknüpften Gefahren haben früh zu
der Ausbildung von Unterstützungskassen geführt, die meist unter
der Aufsicht der Behörden stehen, an denen aber den Arbeitern
(Knappen) ein wesentliches Mitbestimmungsrecht eingeräumt ist.
Dieses sog. $Knappschaftswesen$[120] ist der erste Ansatz zu einer
Organisation gewesen. In neuerer Zeit haben sich aber daneben noch
$Bergarbeitervereine$ gebildet, in denen begreiflicherweise die
verschiedenen Richtungen einander den Vorrang abzugewinnen suchen.

  [119] Außer den im Vorworte bezeichneten allgemeinen Quellen und den
        an den einzelnen Stellen erwähnten besonderen Nachrichten habe
        ich die beiden Broschüren von $Oldenberg$ und von $Natorp$: Der
        Ausstand der Bergarbeiter 1889 zu Grunde gelegt.

  [120] Die Gesamtzahl der Knappschaftsvereine in Deutschland betrug
        Ende 1894 139 mit 477186 Mitgliedern, einer Jahreseinnahme
        von 36219972 Mk., einer Ausgabe von 31990215 Mk. und einem
        Vermögen von 76820206 Mk. Diese Vereine können, da sich ihre
        Zwecke wesentlich auf Unterstützungen beschränken, zu den
        gewerkschaftlichen Bildungen nicht gerechnet werden.

Die älteste Organisation dieser Art bestand im $Königreich Sachsen$,
wo schon 1868 die »Zwickauer Gruben- und Tagearbeitergenossenschaft«
3000 Mitglieder zählte, die sich 1870 auf 6000 vermehrt hatten. Nachdem
die Genossenschaft unter dem Einflusse des deutsch-französischen
Krieges sich aufgelöst hatte, bildete sich im Mai 1876 der »Sächsische
Berg- und Hüttenarbeiterverband,« der am 10. September 1876 seine
erste Generalversammlung abhielt und am 9. Oktober 1877 die Rechte
der juristischen Persönlichkeit erlangte. Die Mitgliederzahl betrug
1879 1502, 1880 1331, 1885 3332, 1886 3669, 1888 4224, 1889 5661,
1890 6976, 1891 7226, 1892 7731, 1893 8013, 1894 9225. Der Verband
besaß, neben der Verbandskasse eine Beerdigungskasse und ein
eigenes Organ unter dem Titel »Glück auf«. Aber nachdem derselbe
sich der Gewerkschaftskommission angeschlossen hatte und angeblich
sozialdemokratische Bestrebungen in ihm hervorgetreten waren, wurde
er auf Veranlassung der sächsischen Regierung durch Beschluß des
Amtsgerichts Zwickau vom 2. Februar 1895 auf Grund des sächsischen
Vereinsgesetzes aufgelöst.

In $Schlesien$ hatte 1868 $Max Hirsch$ eine erfolgreiche Agitation
entfaltet, aber nach dem unglücklichen Waldenburger Streik lösten
sich die Vereine fast sämtlich auf. In den 1880er Jahren entstand im
Waldenburger Revier unter den Bergarbeitern eine Bewegung, die den
Zweck hatte, durch öffentliche Versammlungen auf eine Verbesserung
des Knappschaftswesens hinzuwirken. Bald zog dieselbe aber auch die
Lohnverhältnisse, die Behandlung der Arbeiter und andere Punkte in
ihren Bereich, und da in den mehrfach begründeten Knappenvereinen bald
sozialdemokratischer Einfluß sich geltend machte, so suchte man von
anderer Seite ein Gegengewicht zu schaffen. So bildete sich zuerst im
Mai 1891 in Hermsdorf ein »$Reichstreuer Bergarbeiterverein$«, der nach
seinem Statute den Zweck verfolgt, »die Kameradschaftlichkeit unter
seinen Mitgliedern zu erwecken und zu pflegen, auf der Grundlage der
bestehenden gesetzlichen Ordnung die Berufsinteressen der Mitglieder in
friedlichem Einverständnis mit den Arbeitgebern und deren Beamten zu
fördern und durch Vorträge über Gegenstände, welche den Interessenkreis
der Mitglieder berühren, belehrend zu wirken«. »Insofern es sich um
die Förderung christlicher Bildung und Sitte, sowie um Kundgebungen
politischen Sinnes handelt, dürfen auch ausnahmsweise Religion und
Politik in die Vorträge hineingezogen werden, dagegen sind Debatten
über Religion und Politik ausgeschlossen.«

Dem Beispiel von Hermsdorf folgten andere Orte, und so entstanden
reichstreue Bergarbeitervereine in Altwasser, Charlottenbrunn,
Dittersbach, Fellhammer, Waldenburg und Weißstein. Diese Vereine
hielten untereinander rege Fühlung und im Oktober 1896 wurde ein
»$Verband der reichstreuen Bergarbeitervereine im Bezirke des
niederschlesischen Bergreviers$« begründet, der seinen Sitz in
Waldenburg hat und den Beitritt allen Vereinen freistellt, die den
oben bezeichneten Zweck verfolgen; ergiebt sich, daß ein Verein von
diesen Grundsätzen abweicht, so kann er durch den Verbandsvorstand
ausgeschlossen werden. Dem Verbande ist außer den genannten Vereinen
auch der auf ähnlicher Grundlage beruhende ältere Knappenverein in
Rothenbach beigetreten. Dem Vorstande steht ein Ehrenbeirat zur
Seite, dessen Mitglieder von den Einzelvereinen aus den Reihen der
Werksbesitzer, der höheren Beamten, der Vorsteher von Kriegervereinen
und anderer Gönner der Sache gewählt werden. Die Vereine erhalten von
den Werksverwaltungen Zuwendungen, mit deren Hülfe sie humanitäre
Bestrebungen, z. B. Weihnachtsbescheerungen veranstalten. Die
Mitgliederzahl des Verbandes betrug[121] am 8. Septbr. 1898 1138.

  [121] Nach einer Mitteilung des Herrn Generaldirektor Dr. Ritter in
        Waldenburg, dem ich die vorstehenden Angaben verdanke.

Im $Saargebiete$ bestand bis 1889 keine eigentliche Organisation.
Der große rheinisch-westfälische Streik von 1889 zog auch die
Saarbergleute, von denen sich ihm 13000 anschlossen, in seinen
Stromkreis, und nach dessen Beendigung versuchte man die einmal
angeregte Bewegung in einer festen Verbindung der Arbeiter
festzuhalten. Diese war der $Rechtsschutzverein$, der im November 1889
ins Leben gerufen wurde, damals 24000 Mitglieder zählte und unter
dem Namen »Schlägel und Eisen« ein eigenes Organ besaß. Der Verein
stand anfangs durchaus unter geistlichem Einflusse, aber bald begann
auch die Sozialdemokratie Boden zu fassen, und der Streit zwischen
beiden Richtungen zog sich lange hin, bis Mitte 1892 der Sieg der
sozialdemokratischen Elemente endgültig entschieden war. Anfangs
verfügte der Verein über erhebliche Mittel und erbaute sogar mit
diesen einen eigenen Versammlungssaal in Bildstock, aber vielleicht
war gerade dies ein Fehler und ein Grund für den späteren Mißerfolg,
da es die Mittel zu stark erschöpfte. Nachdem man nämlich zu Gunsten
der in der Versammlung vom 4. Mai 1890 in Völklingen gefaßten
Beschlüsse, unter denen neben einer Lohnerhöhung der wichtigste Punkt
die Achtstundenschicht war, eine umfassende Agitation eingeleitet
hatte, kam es endlich am 29. Dezember 1892 zum Streik, wobei die
Handhabung der Wahlen zu den Arbeiterausschüssen, die Maßregelung von
Arbeiterführern, die Häufung der Feierschichten und die Kürzung der
Gedinge die Hauptrolle spielten. Am 2. Januar 1893 hatten von den 30000
Bergarbeitern des Saargebietes etwa 5/6 die Arbeit niedergelegt, aber
eine Aussicht auf Erfolg war in Ermangelung ausreichender Mittel von
Anfang an ausgeschlossen, und schon nach kurzer Zeit war der Streik
verloren. Die Folge war, daß überall nicht allein seitens der Behörden,
sondern auch seitens der Kriegervereine, evangelischen Arbeitervereine
u. s. w. gegen den Verein vorgegangen wurde, und, nachdem schon seit
dem Streik keine Beiträge mehr gezahlt waren, mußte er sich im Juli
1893 auflösen.

Der größte und wichtigste Bezirk des Kohlenbergbaues in Deutschland ist
$Rheinland-Westfalen$ und insbesondere das $Ruhrgebiet$. Hier bestehen
auch in erster Linie die im Eingange erwähnten Verhältnisse, und so
hatten sich die Knappenvereine zunächst unter Führung der Geistlichen
beider Bekenntnisse entwickelt. Allerdings gab es neben katholischen
und evangelischen auch gemischte Vereine, in denen an Stelle des
religiösen Elementes mehr die Förderung der Berufsinteressen in den
Vordergrund trat; doch abgesehen von einem freilich umfaßenden oder
kurzlebigen Verbande, der 1878 von sozialdemokratischer Seite ins Leben
gerufen war, hatte sich eine eigentlich gewerkschaftliche Bewegung
bis zum Jahre 1886 nicht entwickelt. Damals gründete der Redakteur
der »Westdeutschen Volkszeitung«, der jetzige Reichtagsabgeordnete
Fußangel in Bochum den »Rechtsschutzverein«, der aber bald an Einfluß
verlor und 1888 nur noch 4000 Mitglieder zählte.

Eine völlige Verschiebung der Verhältnisse brachte der große Streik
vom Jahre 1889. Derselbe ist durchaus den Kreisen der Bergarbeiter
selbst entsprungen, Einflüsse politischer Parteien sind dabei nicht
nachzuweisen. Schon seit Anfang April bestand ein westfälisches Komitee
zur Vertretung gewisser Forderungen der Bergarbeiter, unter denen
neben einer Lohnerhöhung von 15 bis 25% die wichtigste die war, daß in
die achtstündige Schicht die Zeit der Ein- und Ausfahrt eingerechnet
werden sollte. Obgleich man anfangs eine Arbeitseinstellung nicht
plante, vielmehr auf den 2. Juni eine allgemeine Delegiertenversammlung
einberufen hatte, in der die erforderlichen Maßnahmen beraten werden
sollten, brach doch infolge der Ungeduld der jüngeren Elemente schon
in den ersten Tagen des Mai an verschiedenen Orten, insbesondere in
Gelsenkirchen, der Streik aus und riß dann die Masse auch der älteren
Arbeiter mit, so daß am 8. Mai 40000, am 10. Mai 70000 und am 14. Mai
100000 Bergleute die Arbeit, und zwar ohne Kündigung, niedergelegt
hatten. Nachdem die in einer Versammlung in Essen am 12. Mai gewählten
sog. Kaiserdelegierten Schröder, Bunte und Siegel am 14. Mai vom
Kaiser empfangen und unter Zusicherung arbeiterfreundlicher Reformen
aufgefordert waren, die Arbeit wieder aufzunehmen, führten die mit dem
Vorstande des bergbaulichen Vereins eröffneten Verhandlungen am 19. Mai
zu einem Abkommen, auf Grund dessen die große Mehrzahl der Streikenden
zur Arbeit zurückkehrte. Einem Wiederausbruche des Streiks, der infolge
der mißverständlichen Fassung des Abkommens vom 27. Mai drohte, wurde
durch Verhaftung des Streikkomitees vorgebeugt, und so war am Ende des
Monats die Arbeit überall wieder aufgenommen.

So wenig bei der Einleitung des Streiks ein Einfluß der
Sozialdemokratie festzustellen ist, so hatte doch während dessen Dauer
dieselben erheblich an Boden gewonnen, und vor allem wußte sie sich den
Erfolg zu sichern, indem sie den »$Verband zur Wahrung und Förderung
der bergmännischen Interessen im Rheinland und Westfalen$« ins Leben
rief, der freilich keinen ausgesprochenen politischen Karakter trug,
in dem aber von Anfang an der sozialdemokratische Einfluß überwog. Der
Verband war sogar bestrebt, sich über ganz Deutschland auszudehnen
und berief deshalb den $ersten deutschen Bergarbeitertag$, der Mitte
September 1890 in $Halle$ a. S. tagte. In der That gelang es dort,
einen »$Verband deutscher Bergleute$« ins Leben zu rufen, der 1892
beschloß, auch $Hüttenarbeiter$ aufzunehmen und dementsprechend seinen
Namen änderte und in der »Berg- und Hüttenarbeiterzeitung« sich ein
eigenes Organ schuf; aber obgleich in dem »Glück auf« vom 4. Januar
1891 die Mitgliederzahl für das Königreich Sachsen auf 4000 angegeben
wird und auch in Oberschlesien ein Zweigverein ins Leben gerufen
wurde, so blieb doch die Bedeutung des Verbandes im wesentlichen auf
Rheinland-Westfalen beschränkt. Von Anfang an war derselbe natürlich
für die Bergwerksbesitzer der Gegenstand der schärfsten Angriffe, und
in der That war die bei der Gründung vorhandene Mitgliederzahl von
58000 bald wesentlich vermindert.

Bald nach dem Streik war auch katholischerseits der Versuch gemacht,
die vorhandene Erregung auszunutzen, und im Mai 1890 wurde der
»$Rheinisch-westfälische Bergarbeiterverein Glück auf$« begründet, der
aber nicht zu irgendwelcher Bedeutung zu gelangen vermochte und sich
bald mit dem »Rechtsschutzverein« verschmolz.

Der Erfolg des ersten Streiks in Verbindung mit der Fortdauer vieler
Beschwerdepunkte bewirkte, daß unter den Bergleuten die Neigung Boden
fand, eine neue Kraftprobe zu unternehmen, und so brachen denn im
Winter 1890/91 in verschiedenen Orten Unruhen aus. Auf einem am 15.
Februar 1891 in Bochum abgehaltenen Delegiertentage, auf dem sowohl die
sozialdemokratischen wie die katholischen Elemente vertreten waren,
wurde ein aus beiden Richtungen zusammengesetzter Ausschuß gewählt,
um bestimmt formulierte 5 Forderungen, insbesondere Lohnerhöhung und
Achtstundenschicht einschließlich Ein- und Ausfahrt durchzuführen.
Wie das erste Mal, so brach auch jetzt der Streik aus, ohne daß ein
entsprechender Beschluß gefaßt wäre, aber nicht allein erreichte er
nicht den früheren Umfang, indem die genau zu verfolgende Zahl der
Streikenden niemals über 18122 stieg, sondern er hatte auch keinerlei
Erfolg und mußte, nachdem er vom 16. April bis 5. Mai gedauert hatte,
wieder aufgehoben werden.

Die Schuld an dem Mißerfolge suchten die beiden Richtungen sich
gegenseitig zuzuschieben, thatsächlich hatte der sozialdemokratische
»alte Verband«, wie er meist genannt wird, den Nutzen davon, denn
seine Mitgliederzahl stieg erheblich über ihre frühere Höhe und wird
am 19. April auf 100000 angegeben. Aber der Aufschwung war von kurzer
Dauer, und bald machte sich ein starker Rückgang geltend. Dazu trug
bei einerseits ein völlig mißglückter Sympathiestreik zu Gunsten der
streikenden Saarbergleute, der am 8. Januar 1893 ausbrach und an
dem sich 11000 Mitglieder beteiligten, und andererseits der Verlust
des größten Teils des Verbandsvermögens in Höhe von 16000 Mk., die
in dem Konkurse eines gegründeten bergmännischen Konsumvereins
verloren gingen. Auf der am 25. August 1895 in Bochum abgehaltenen
5. Generalversammlung wurde die Zahl der Mitglieder auf 11000
angegeben, bei einer Einnahme für das Jahr vom 1. Juli 1894/5 zu 11796
Mk. und einer Ausgabe von 14765 Mk., mithin einem Fehlbetrage von
2968 Mk. und einem Vermögensbestande von 3777 Mk. Auf dem Berliner
Gewerkschaftskongresse wurden nur noch 9500 Mitglieder gezählt, in der
Statistik der Generalkommission für 1895 nur 8000 und von gegnerischer
Seite wurde auch diese Zahl als erheblich zu hoch bezeichnet. Auf der
8. Generalversammlung in Helmstedt am 18. April 1897 wurde ohne nähere
Ziffernangabe erwähnt, daß die Zahl der Mitglieder erheblich gestiegen
sei; die Jahreseinnahme wurde auf 15704 Mk., die Ausgabe auf 13304
Mk., der Kassenbestand auf 7685 Mk. angegeben. Die letzte Statistik
der Generalkommission Vom 1. August 1898 verzeichnet 18000 Mitglieder,
48847 Mk. 70 Pf. Jahreseinnahme, 29923 Mk. 3 Pf. Jahresausgabe
und 15554 Mk. 35 Pf. Kassenbestand[122]. Der Verband hat sich der
Generalkommission angeschlossen. Der Vorsitzende ist der Bergmann H.
$Möller$ in Bochum, Redakteur des Verbandsorganes ist $Hué$ in Essen.

  [122] $Oldenberg$ im Handw. der Staatsw. I. Erg.-Bd. S. 385 giebt
        folgende Zahlen:

     Frühjahr  1889  162 Vereine mit 16902 Mitgl. und  5278 Mk. Vermögen
         "     1890  200    "     "  50000   "
     Ende      1890                  58000   "
     Frühjahr  1891  187    "     "  33983   "     "  27681  "      "
     Ende      1891  291    "     "  45000   "     "   5517  "      "
     Frühjahr  1892  287    "     "  58778   "     "  28040  "      "
     März      1892  222    "     "  50000   "     "  28000  "      "
     Ende      1892  167    "     "  15000   "     "    955  "      "
     Frühjahr  1893  184    "     "  16906   "
     Ende      1893  171    "     "  11174   "     "   1113  "      "
     Frühjahr  1894  169    "     "  14208   "     "  21428  "      "
     31. Juli  1895                  11000   "     "   3778  "      "

$Hué$, der Redakteur der »Berg- und Hüttenarbeiterzeitung« behauptet
in Nr. 4 des »Correspondenzblattes« vom 24. Januar 1898, daß
15000 Mitglieder ihre Beiträge gezahlt hätten und berechnet unter
Berücksichtigung der Säumigen die Gesamtzahl auf 18-19000.

In den letzten Jahren ist unter den Bergarbeitern eine neue Art der
Organisation entstanden. War bis dahin das religiöse Element der
Grund eines scharfen Gegensatzes unter den nicht sozialdemokratisch
beeinflußten Bergleuten, so hat man jetzt den Versuch unternommen,
die beiden Bekenntnisse zu gemeinsamem Vorgehen zu vereinigen,
indem man dabei im Anfange besonders den Gegensatz gegen die
Sozialdemokratie betonte. Als nämlich der 1894 abgehaltene
internationale Bergarbeiterkongreß in Berlin aus dem Ruhrgebiete von
6 sozialdemokratischen Abgeordneten beschickt wurde, die sich als
Vertreter der dortigen Bergarbeiter ausgaben, protestirte eine am 3.
Mai 1894 in Essen abgehaltene Delegiertenversammlung der christlichen
Knappen- und Arbeitervereine des Kreises Essen hiergegen und erklärte
gleichzeitig, daß die Aufgabe der christlichen Vereine darin bestehe,
gleichfalls die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder zu
wahren. Eine niedergesetzte Kommission berief dann auf den 26. August
1894 nach der Rotenburg bei Essen eine von 424 Abgeordneten als
Vertretern von 182 Vereinen besuchte Delegiertenversammlung, auf der
eine Resolution gefaßt wurde, welche die gewerkschaftliche Organisation
der christlichen Bergarbeiter des niederrheinisch-westfälischen
Kohlenreviers für erforderlich erklärte und ein vorläufiges
Statut annahm. In der am 28. Oktober 1894 in Essen abgehaltenen
konstituierenden Versammlung wurde dann der $Gewerkverein christlicher
Bergarbeiter für den Oberbergamtsbezirk Dortmund$ endgültig
begründet.[123]

  [123] Die folgende Darstellung beruht auf dem »Bergknappen« und dem mir
        außerdem von dem Vorsitzenden Brust zur Verfügung gestellten
        Material.

In der Versammlung war auch die Bergbehörde und die
Knappschaftsdirektion vertreten, ohne sich jedoch an den Verhandlungen
zu beteiligen. Ein in der Versammlung vom 26. August 1894 an den
Kaiser gerichtetes Huldigungstelegramm war freundlich beantwortet. Der
Hauptgrund der Unzufriedenheit der Bergleute lag in ihrer ungenügenden
Beteiligung an der Verwaltung der durch ihre Beiträge unterstützten
Knappschaftskassen. Nach einer gehaltenen Umfrage hatten von 88 Zechen
des Oberbergamtsbezirkes Dortmund nur 26 entsprechende Bestimmungen;
auf 34 Zechen geschah die Verwaltung und die Verteilung der Gelder ganz
nach dem Ermessen der Grubenverwaltungen. Das Statut des neugegründeten
Gewerkvereins betont deshalb diese Forderung, stellt aber neben sie
noch einige andere Punkte. Als allgemeiner Zweck wird bezeichnet
»die Hebung der moralischen und sozialen Lage der Bergarbeiter auf
christlicher und gesetzlicher Grundlage und Anbahnung und Erhaltung
einer friedlichen Uebereinkunft zwischen Arbeitgebern und Arbeitern«.
Insbesondere wird erstrebt: »1. Die Herbeiführung eines gerechten
Lohnes, welcher dem Werte der geleisteten Arbeit und der durch diese
Arbeit bedingten Lebenshaltung entspricht, 2. die Einschränkung der
Schichtdauer, soweit solche zum Schutze von Gesundheit, Leben und
Familie geboten ist, 3. ein Mitbestimmungsrecht über die Verwendung
der in die Zechenunterstützungskassen fließenden Beiträge, 4. eine
Vermehrung der Kontrollorgane zur Ueberwachung der Durchführung der
bergpolizeilichen Vorschriften unter Hinzuziehung praktisch erfahrener
Bergleute, 5. eine zeitgemäße Reform des Knappschaftswesens«.

Als Mittel zur Erreichung dieser Zwecke sind bezeichnet »Verhandlungen
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Lohnfragen und bei
berechtigten Wünschen und Beschwerden, Eingaben und Petitionen an die
Werkverwaltungen, Bergbehörden, Regierung, Parlamente, belehrende und
bildende Vorträge auf dem Gebiete der Berggesetzgebung, des Bergbaues
und der Bestrebungen der Bergarbeiter in anderen Revieren und Ländern«.

Der Verein steht treu zu Kaiser und Reich und schließt im übrigen
die Erörterung konfessioneller und politischer Parteiangelegenheiten
aus. Durch den Eintritt bekennt sich jedes Mitglied als Gegner der
sozialdemokratischen Grundsätze und Bestrebungen.

Jeder Bezirk wählt auf je 100 Mitglieder ein Ausschußmitglied; die
Gesamtheit der letzteren bildet die Generalversammlung und wählt den
Zentralvorstand, der aus 16 Mitgliedern besteht, und zwar je 8 aus
den beiden Konfessionen. Daneben besteht ein Ehrenrat, dem außer
Bergarbeitern auch Geistliche beider Bekenntnisse als Ehrenmitglieder
angehören. Im Vorstande wie im Ehrenrate findet Parität der
Bekenntnisse statt. Neben einem Eintrittsgelde von 50 Pf. wird ein
vierteljährlicher Beitrag von 25 Pf. bezahlt. Diejenigen Mitglieder,
die wegen ihres Eintretens für die Interessen des Gewerkvereins ohne
sonstigen Grund von der Zechenverwaltung entlassen werden, haben
Anspruch auf Unterstützung aus der Vereinskasse, über deren Höhe der
Vorstand nach den Mitteln derselben und dem Grade der Bedürftigkeit
entscheidet. Das Organ des Vereins ist der »Bergknappe«, der anfangs
monatlich einmal, jetzt monatlich zweimal erscheint. Der Vorsitzende
des Vereins, Bergmann August Brust in Altenessen, ist zugleich
Redakteur des »Bergknappen«. Seit Januar 1898 hat er seine Thätigkeit
im Bergbau aufgegeben, um sich ganz dem Vereine zu widmen und bezieht
ein Gehalt von monatlich 150 Mk.

Obgleich der Verein, wie bemerkt, durchaus auf dem Boden friedlichen
Zusammenwirkens mit den Arbeitgebern steht, so fand er doch in deren
Kreisen die erbittertste Feindschaft, und da er gleichzeitig gegen
die Sozialdemokratie den Kampf aufgenommen hat, so hat er große
Schwierigkeiten zu überwinden. So ist es denn auch erklärlich, daß,
obgleich die 182 Vereine, welche am 26. August 1894 in Essen vertreten
waren, angeblich über 30000 Mitglieder zählen sollten, und obgleich
am 28. Oktober 1894 noch 137 Vereine teilnahmen, in der am 31. März
1895 in Essen abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung nur
die Errichtung von 100 Meldestellen berichtet werden konnte, von denen
68 Listen mit insgesamt etwa 4000 Mitgliedern eingesandt hatten. Die
Einnahme betrug bis dahin 1553 Mk. 75 Pf., das Vermögen 865 Mk.

In der am 16. Dezember 1895 in Altenessen abgehaltenen ersten
ordentlichen Generalversammlung wurde mitgeteilt, daß die
Mitgliederzahl sich inzwischen auf 5400 gehoben habe. Ein Sekretär im
Nebenamte mit einer Vergütung von monatlich 30 Mk. ist angestellt.
Die Einnahme hat 4261 Mk., die Ausgabe 3929 Mk. betragen, letztere
einschließlich eines belegten Betrages von 1400 Mk.

Der Verein hat sich seitdem günstig entwickelt. In der am 1. Februar
1897 in Bochum abgehaltenen zweiten ordentlichen Generalversammlung
betrug die Mitgliederzahl bereits 8270 mit 80 Anmeldestellen und einem
Kassenbestande von 6000 Mk. Die am 26. Juni 1897 in Essen stattgehabte
außerordentliche Generalversammlung konnte sogar auf eine Zahl von
15000 Mitgliedern mit 113 Anmeldestellen und einen Kassenbestand von
6300 Mk. zurücksehen. Am 1. Januar 1898 war die Zahl der Mitglieder
auf 21439 und der Vermögensbestand auf 12682 Mk. gestiegen. Die
dritte ordentliche Generalversammlung wurde am 16. Januar 1898 in
Gelsenkirchen unter Anwesenheit von 286 Ausschußmitgliedern als
Vertretern von 103 Zahlstellen abgehalten. Nach einer Notiz im
»Bergknappen« vom 15. Dezember 1898 betrug am 27. November 1898 der
Mitgliederbestand 27983 und das Vermögen 14014 Mk. 15 Pf. In der
vierten ordentlichen Generalversammlung, die am 8. Januar 1899 in Essen
stattfand, waren 400 Vertreter anwesend. Nach dem Rechenschaftsberichte
betrug die Mitgliederzahl 27983 und der Kassenbestand 16771 Mk.

In dieser gedachten Generalversammlung wurde übrigens von mehreren
Seiten das schroffe Auftreten des Vorsitzenden Brust gegenüber dem
alten Verbande getadelt. Brust hatte im Oktober 1868 seinen Rücktritt
von seinem Posten erklärt, und man hatte dies vielfach auf den
Gegensatz zwischen ihm und anderen Vorstandsmitgliedern hinsichtlich
dieses Punktes zurückgeführt, doch hatte er seine Erklärung schon
vor der Generalversammlung wieder zurückgenommen. In der letzteren
wurde die Erhöhung des monatlichen Beitrages von 10 auf 20 Pf. und
zugleich das wöchentliche Erscheinen des »Bergknappen« vom 1. April
1899 ab beschlossen. Außerdem forderte man in einer Resolution: 1.
Erweiterung der Zuständigkeit der Gewerbegerichte als Einigungsämter
und Zulassung von Arbeitervertretern als Rechtsbeistände. 2.
Abänderung des Unfallversicherungsgesetzes, insbesondere Erhöhung
der Renten. 3. Abänderung des Berggesetzes, insbesondere Zuziehung
von Arbeitervertretern zu der Bergaufsicht. 4. Verleihung von
Korporationsrechten an die eingetragenen Berufsvereine. 5. Errichtung
von Arbeiterkammern. Auch erklärte man, daß die bisher eingetretene
Erhöhung der Löhne den zu stellenden billigen Anforderungen noch nicht
entspreche, war aber darüber einig, daß ein Lohnstreik zur Zeit nicht
aussichtsvoll sei.

Aus der $Thätigkeit des Verbandes$ sind insbesondere hervorzuheben
die Bestrebungen wegen Reform des $Knappschaftswesens$ in dem oben
bereits bezeichneten Sinne; man ist dabei in scharfen Gegensatz zu der
bisherigen Leitung der Knappschaftskassen getreten und hat ziemlich
dieselben Forderungen gestellt, die auch von dem alten Verbande
erhoben wurden. Da die Knappschaftskassen für Krankheit, Invalidität,
Alter und Todesfall sowie für die Witwen- und Waisen Sorge tragen,
so hatte der Verband keine Veranlassung, das Unterstützungswesen in
dem Maße auszubilden, wie es bei anderen Arbeiterklassen geboten
war. Immerhin hat er 2 Kassen errichtet, an denen die Beteiligung
freilich freiwillig ist, den Mitgliedern aber dringend ans Herz gelegt
wird. Die erste ist eine $Krankengeldzuschußkasse$, deren Zweck, wie
der Name besagt, darin besteht, zu dem durch die Knappschaftskasse
gesicherten Krankengelde noch einen Zuschuß zu gewähren, die andere
ist eine $Spar$- und $Sterbekasse$, deren Aufgabe es ist, einerseits
im Falle des Todes, der Invalidität oder sonstigen Bedürftigkeit durch
die angesammelten Spargelder zu helfen, andererseits aber auch eine
Vorsorge für Streikfälle zu treffen, indem bei solchen ebenfalls die
Mitglieder in der Lage sind, ihr Guthaben anzugreifen. Die letztere
Absicht ist bei den einschlägigen Beratungen ausdrücklich betont, wie
denn auch in den Statuten der Kasse als deren Zweck »die Stärkung der
Organisation« bezeichnet wird. Uebrigens sind beide Kassen noch nicht
in Kraft getreten, da, wie in der Generalversammlung am 8. Januar 1899
mitgeteilt wurde, das am 9. August 1897 eingereichte Statut noch immer
nicht genehmigt ist.

Mehrfach hat der Verein in Eingaben an die Behörden und insbesondere
den Reichstag und Landtag die Interessen der Arbeiter zu fördern
gesucht, z. B. durch Vorschläge zur Reform der Unfallversicherung und
Erweiterung der Rechte der Gewerbegerichte, insbesondere Einräumung der
Befugnis, auch auf Anrufen nur eines Teiles einzugreifen und Ausdehnung
der Einrichtung auf den Bergbau, endlich durch die Forderung von
Arbeiterausschüssen und Beteiligung von Bergleuten an der Aufsicht im
Betriebe, zu welchem Zwecke die Unabhängigstellung der hierzu berufenen
Personen von der Werksverwaltung verlangt wird.

Die $Stellung der Grubenbesitzer$ zu dem Vereine ist von Anfang an
kaum weniger schroff ablehnend gewesen, als wenn es sich um ein
sozialdemokratisches Unternehmen handelte, ja selbst die auch von
unternehmerfreundlichen Blättern als durchaus berechtigt anerkannte
Beteiligung der Bergleute an der Grubenaufsicht ist vom »Bergbaulichen
Verein« mit dem Bemerken abgelehnt, daß dazu kein Bedürfnis vorliege.
Noch schlimmer ist es dem Gewerkverein mit seinen Bestrebungen um
Erhöhung der Löhne ergangen. Auf die schon in Bochum am 1. Februar
1897 beschlossene Eingabe wegen einer allgemeinen Lohnerhöhung von
mindestens 10% und eines Minimallohnes für die Hauer von jährlich 1500
Mk., die unter Ablehnung weitergehender Wünsche gefordert und durch
ausführliches Material über die gestiegenen Kohlenpreise gerechtfertigt
wurde, erteilte der »Bergbauliche Verein« die Antwort, daß die
Bergleute mit den einzelnen Zechen verhandeln mögen, lehnte also die
Befugnis des Gewerkvereins zur Einmischung ab. Spätere Eingaben wurden
überhaupt keiner Antwort gewürdigt.

Die $Bergbehörde$ hat anfangs dem Vereine eine entgegenkommende Haltung
bewiesen, der Berghauptmann $Täglichsbeck$ hat regelmäßig persönlich
an den Verhandlungen teilgenommen und über einzelne Beschwerdepunkte
Auskunft gegeben, was von den Bergleuten stets anerkannt und durch
öffentliche Aussprache des Dankes erwidert ist. In neuester Zeit
freilich, wo der Wind in den Regierungskreisen in die gegen früher
gerade entgegengesetzte Richtung umgeschlagen ist, hat sich auch die
Haltung der Bergbehörden etwas geändert.

Ueber die $Stellungnahme gegenüber dem alten Verbande$ hat in dem
Gewerkvereine seit seinem Bestehen ein Widerstreit der Ansichten
geherrscht. Schon bei der Gründung vertrat der auf katholischer Seite
in erster Linie beteiligte Kaplan Dr. $Oberdörffer$ den Standpunkt, daß
man bei aller Betonung des christlichen Karakters und bei entschiedener
Bekämpfung sozialdemokratischer Bestrebungen doch in praktischen Fragen
mit dem Verbande zusammengehen müsse und dadurch am besten dahin wirken
werde, Jenen von dem Einfluße der Sozialdemokratie zu befreien. Damals
erlangte aber die von dem evangelischen Pfarrer $Weber$ empfohlene
Politik schroffster Ablehnung jeder Berührung mit der Sozialdemokratie
die Oberhand, was wohl der Grund dafür war, daß $Oberdörffer$
aus dem Ehrenrate ausschied. An seine Stelle trat der bekannte
Zentrumsabgeordnete $Hitze$. Auch im Kreise der Vereinsmitglieder
selbst fand die Neigung zur Anbahnung eines guten Verhältnisses zum
alten Verbande Vertreter, insbesondere an dem zweiten Vorsitzenden
$Wahl$-Wattenscheid, während der erste Vorsitzende $Brust$-Altenessen
den $Weber$schen Standpunkt vertrat. Da $Wahl$ evangelisch und $Brust$
katholisch ist, so ergiebt sich, daß der Gegensatz mit dem Bekenntnisse
nichts zu thun hat. Die Meinungsverschiedenheit fand schließlich in der
Generalversammlung in Gelsenkirchen am 16. Januar 1898 ihren Abschluß
dadurch, daß eine Resolution angenommen wurde, die jedes Paktieren
mit dem alten Verbande verwarf und das Auftreten $Wahls$ entschieden
mißbilligte, infolge wovon er aus dem Vereine ausschied. In neuester
Zeit hat übrigens auch hier das schroffe Auftreten der Grubenbesitzer
seine einigende Wirkung auf die Arbeiterkreise dahin geäußert, daß in
dem »Bergknappen«[124] mehrfach erklärt ist, es bleibe schließlich doch
nichts übrig, als auf praktischen Gebiete gelegentlich mit dem »alten
Verbande« Hand in Hand zu gehen.

  [124] Vgl. z. B. Nr. 6 vom 15. März 1899.

Seitens der $Hirsch-Duncker$schen $Gewerkvereine$ haben anfangs
Annäherungsversuche stattgefunden, die aber ziemlich kühle Aufnahme
fanden, und noch in neuester Zeit hat der Vorsitzende $Brust$ mit
Nachdruck erklärt, daß der Verein jede Berührung mit politischen
Parteien, zu denen auch jener Verein zu rechnen sei, durchaus
vermeiden müsse; daß $Hitze$ in dem Ehrenrate sei, rechtfertige sich
nur durch seine Stellung als hervorragender Sozialpolitiker.

Mit der Stellung gegenüber dem alten Verbande hängt diejenige zu der
Frage der $Streiks$ auf das engste zusammen. Das Vereinsstatut betont,
wie oben angegeben, die »Anbahnung und Erhaltung einer friedlichen
Uebereinkunft zwischen Arbeitgebern und Arbeitern.« Hiernach und nach
der Persönlichkeit der leitenden Personen kann es gar keinem Zweifel
unterliegen, daß die Absicht eines Gegensatzes gegen die Grubenbesitzer
anfangs völlig ausgeschlossen war, wurde doch gerade darin von den
Vertretern einer entschiedeneren Haltung der Hauptmangel des Vereins
gesehen, indem man sogar so weit ging, die führenden Personen zu
verdächtigen, daß sie unter dem Einfluße der Regierung ständen und
beabsichtigten, die Bergarbeiter in deren Lager überzuführen. Aber die
Verhältnisse erwiesen sich stärker als die Menschen. Schon in Bochum
sprachen selbst diejenigen, die für die möglichste Mäßigung eintraten,
sich dahin aus, daß man, falls die Grubenbesitzer auf ihrer Politik
der schroffen Ablehnung auch der gemäßigtsten Forderungen beständen,
sich mit der Möglichkeit eines Streiks vertraut machen müsse, auch
gut thun werde, die Einrichtung einer Streikkasse ins Auge zu fassen,
»um gegebenenfalls, wenn man den berechtigten Wünschen der Arbeiter
nicht entspricht und alle sonstigen Mittel vergeblich sind, durch den
gesetzlichen Ausstand eine Besserung der Lage zu erzwingen[125].«
Trotzdem bewahrte man selbst harten Zumutungen gegenüber die Ruhe
und ging sogar so weit, daß man, als im Frühjahr 1897 auf der
Zeche Osterfeld einige Mitglieder wegen ihrer Zugehörigkeit zum
Vereine entlassen wurden, also dem Vereine in schroffster Form der
Fehdehandschuh hingeworfen und eine Provokation ausgesprochen war, die
nur den Zweck haben konnte, diesen zu einer Unbesonnenheit zu verleiten
und dann zu vernichten, desungeachtet von einem Streik absah und sich
darauf beschränkte, die Entlassenen zu unterstützen.

  [125] Aus dem Berichte über den Bochumer Delegiertentag vom 1. bis
        2. Februar 1897.

Aber es ist begreiflich, daß solche und ähnliche Vorgänge allmählich
auch in den Vertretern der Mäßigung das Blut in Wallung brachten, und
es liegt eine eigentümliche Ironie des Schicksals darin, daß gerade
der Vorsitzende $Brust$, der z. B. die Befreiung des internationalen
Gewerkschaftskongresses (1896) mit äußerster Energie bekämpfte und
die Aufhebung eines schon gefaßten, für Beteiligung eintretenden
Beschlusses erzwungen, der ferner, als auf dem Kongresse in Bochum am
2. Februar 1897 $Naumann$ die gemeinsame gewerkschaftliche Thätigkeit
mit dem alten Verbande empfahl, dies in der schroffsten Weise
abgelehnt, der endlich aus der gleichen Veranlassung die Ausschließung
$Wahls$ durchgesetzt hatte, -- daß dieser selbe $Brust$ zum Führer
einer großen Streikbewegung werden mußte, die ihn in scharfen
Gegensatz zu $Weber$ brachte und dessen Ausscheiden aus dem Ehrenrate
zur Folge hatte. Das Ereignis, um das es sich handelt und das für die
weitere Entwickelung der Dinge in der Bergarbeiterbewegung von der
größten Bedeutung sein muß, ist der $Streik am Piesberge$.

Der Piesberg ist ein dem »Georg- und Marien-Bergwerks- und
Hüttenverein« gehöriges, in der Nähe von Osnabrück gelegenes Bergwerk.
Bei dessen Betriebe wurde seit Jahrhunderten an den sog. sieben
kleinen katholischen Feiertagen nicht gearbeitet. Da seit November
1896 erhebliche Wassereinbrüche in die Gruben stattgefunden hatten,
wünschte die Verwaltung, vom 1. Januar 1898 ab eine Beseitigung
dieser Einrichtung und erhielt nicht allein die erforderliche
polizeiliche Genehmigung, sondern auch unterm 27. November 1897 den
bischöflichen Dispens gegen die Zusicherung, die mit Einrichtung
eines Frühgottesdienstes verbundenen Kosten zu übernehmen. Aber die
Bergleute sahen in der Entziehung der Festtage, soweit sie nicht nur
zur Beseitigung einer augenblicklichen Notlage, sondern für die Dauer
erfolgte, eine ungerechtfertigte Maßregel, indem sie geltend machten,
daß sie vor einer anstrengenden Tagesarbeit nicht in der Lage seien,
noch einen Frühgottesdienst zu besuchen, daß sie aber, abgesehen
von diesem religiösen Gesichtspunkte, auch nicht geneigt seien, im
Interesse einer Erhöhung der Dividenden auf die ihnen erforderlichen
Ruhetage zu verzichten. Die Ortsgeistlichen stellten sich von Anfang
an auf die Seite der Arbeiter, und schließlich hat auch der Bischof
von Osnabrück unterm 29. Januar bezw. 24. Februar 1898 seinen Dispens
zurückgezogen. Die Werkverwaltung hatte den ersten Festtag, den 6.
Januar, vorübergehen lassen, ohne die Arbeit zu verlangen, hatte dann
freilich für den 2. Februar 1898 eine Aufforderung zur Einfahrt an
die Arbeiter erlassen, aber, als derselben keine Folge gegeben wurde,
einstweilen von weiteren Schritten abgesehen. Als aber an dem folgenden
Festtage, dem 25. März, eine unter Androhung der Entlassung erneute
Aufforderung ebenfalls keinen Erfolg hatte, wurde am folgenden Tage
500 Arbeitern gekündigt. Am 30. März kündigten dann mehrere hundert
Arbeiter ihrerseits, aber nicht allein war nach dem Statute eine
Gesamtkündigung nur der Werkverwaltung, nicht den Arbeitern erlaubt,
sondern am 12. April wurde auch von einer großen Anzahl Arbeiter die
Arbeit ohne Kündigung niedergelegt. Obgleich am 17. Mai auf Grund einer
von der Zentrumsfraktion gestellten Interpellation eine Verhandlung
der Angelegenheit im Reichstage stattfand, bei der der Handelsminister
$Brefeld$ erklärte, die Grubenverwaltung solle die ihr erteilte
polizeiliche Erlaubnis nur so lange behalten, bis die durch den
Wassereinbruch hervorgerufene Notlage beseitigt sei und die Arbeiter
sollten deshalb im Vertrauen hierauf die Arbeit wieder aufnehmen,
wurde doch eine Verständigung nicht erzielt, da die Werkverwaltung
auf bedingungsloser Aufnahme bestand, was von den Arbeitern in
ihren Versammlungen vom 3. und 4. Juni abgelehnt wurde, und so fand
schließlich der Streik erst dadurch seine Erledigung, daß die am 8.
Juni tagende Generalversammlung der Aktiengesellschaft beschloß, die
Gruben am Piesberge stillzulegen, d. h. den Betrieb aufzugeben. So hat
keine Partei den Sieg davon getragen; die durch die Betriebseinstellung
beschäftigungslos gewordenen Bergleute haben ohne Mühe an anderen Orten
Arbeit erhalten.

In diesen Streik hat auch der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter
durch seinen Vorsitzenden $Brust$ in einer Weise eingegriffen, die
ihm heftige Vorwürfe zugezogen hat; insbesondere hat Pfarrer $Weber$
in einer öffentlichen Erklärung das Vorgehen $Brust$'s, als im
Widerspruche mit den Statuten und Beschlüssen des Ehrenrates stehend,
angegriffen und ist, nachdem in der einberufenen gemeinsamen Sitzung
des Vorstandes und Ehrenrates vom 17. April nur noch ein Mitglied auf
seine Seite getreten war, die übrigen aber das Verhalten $Brust$'s
gebilligt hatten, aus dem Ehrenrate ausgeschieden. Der Verlauf der
Dinge ist nach dem »Bergknappen« folgender gewesen.

Als am 2. Februar (Mariä Lichtmeß) trotz der ergangenen Aufforderung
2/3 der Arbeiter nicht eingefahren waren und die Ergreifung von
Zwangsmaßregeln zu erwarten stand, wandte man sich seitens der
beteiligten Bergleute, obgleich bis dahin der Gewerkverein in dem
dortigen Bezirke noch keine Mitglieder hatte, an diesen und ersuchte
$Brust$, in einer Versammlung zu erscheinen. Diese fand am 27. Februar
statt und hatte zur Folge, daß sofort 500 Bergleute dem Gewerkvereine
beitraten. $Brust$ forderte in ihr die Bergleute auf, sich die
Feiertage nicht rauben zu lassen, stellte auch in Aussicht, daß der
Gewerkverein eine Vermittelung versuchen werde. Diese erfolgte dann
durch ein seitens des Vorstandes an die Zechenverwaltung gerichtetes
Schreiben vom 17. März, in welchem unter Bezugnahme darauf, daß 500
der beteiligten Bergleute dem Gewerkvereine angehörten, um Zurücknahme
der Anordnung ersucht und gleichzeitig um eine mündliche Besprechung
des Generaldirektors $Hermann$ mit $Brust$ gebeten wurde. Diese fand
am 19. März statt, hatte aber keinen Erfolg. In einer am folgenden
Tage in Osnabrück abgehaltenen Versammlung berichtete $Brust$ über die
Lage, enthielt sich aber hinsichtlich der Frage, ob man am 25. März
arbeiten solle, der eigenen Stellungnahme und erklärte vielmehr, die
Entscheidung jedem einzelnen Bergmanne überlassen zu müssen. Als dann
am 26. März infolge Nichteinfahrens gegen 333 Arbeiter die Kündigung
ausgesprochen war, wurde $Brust$ telegraphisch aufgefordert, am
folgenden Tage in einer in Wallenhorst abzuhaltenden Versammlung zu
erscheinen. Er that dies und trug nach Kräften dazu bei, die vorhandene
Aufregung zu beschwichtigen, mahnte vor allem eindringlich, sich vor
Kontraktbruch zu hüten und die gesetzliche Kündigungsfrist inne zu
halten. Inzwischen hatte der Vorstand des Gewerkvereins in einer an den
Handelsminister gerichteten Eingabe vom 24. März den Vorschlag gemacht,
den Streik dadurch beizulegen, daß die Arbeiter sich nur insoweit zur
Arbeit an Festtagen verpflichten sollten, wie die Wassergefahr es
erfordere, doch wurde am 7. April durch das Oberbergamt im Namen des
Ministers dem Vorstande eröffnet, daß ihm eine Befugnis zur Vertretung
der beteiligten Arbeiter überhaupt nicht eingeräumt werde. $Brust$,
der zum Zwecke einer persönlichen Audienz bei dem Handelsminister nach
Berlin fuhr, erhielt die Antwort, daß dieselbe nicht bewilligt werden
könne. Auch ein von dem Vorstande am 6. April an die Zechenverwaltung
gerichtetes Schreiben gleichen Inhalts und eine Unterredung $Brust$'s
mit dem Generalsekretär $Stumpf$, in der er sogar versprach, sich
dafür verwenden zu wollen, daß die Bergleute bedingungslos an
den Festtagen arbeiten sollten, bis die im Bau begriffenen neuen
Wasserhaltungsmaschinen fertig sein würden, hatten keinen Erfolg.
Nachdem dann die Verhandlungen im Reichstage stattgefunden hatten,
richtete der Vorstand am 23. Mai nochmals ein Schreiben an die
Zechenverwaltung mit dem Vergleichsvorschlage, es sollten bis zum Mai
1899, wo die beiden Wasserhaltungsmaschinen eingebaut sein würden,
die Bergleute an den Festtagen arbeiten, von da ab aber die Festtage
frei bleiben. Auf dieses Schreiben, in dem zugleich um eine mündliche
Unterredung gebeten war, erfolgte überhaupt keine Antwort. Unter diesen
Umständen hielt es der Vorstand für seine Pflicht, sich der Streikenden
nach Kräften anzunehmen, und es gelang ihm, insgesamt 54267,04 Mk. zur
Verteilung zu bringen.

Es erschien gerechtfertigt, den Piesberger Streik etwas eingehender
darzustellen, da er ein ganz besonderes Interesse verdient, wie ja
auch die Verhandlung im Reichstage beweist. Zum erstenmale ist ein
Gewerkverein, der nicht allein die Förderung des guten Verhältnisses
zu den Arbeitgebern anstrebt, sondern zugleich auf ausgesprochen
christlichem Boden und unter dem Einflusse der Geistlichen beider
Bekenntnisse steht, in die Lage gekommen, einen Streik durchzuführen,
und, wie schon bemerkt, wird dieser Vorgang nicht allein für die
weitere Entwicklung dieses einzelnen Vereins von maßgebender Bedeutung
sein, sondern es handelt sich auch zugleich um die Frage, welche
Rolle diese neue Art von Gewerkvereinen in der sozialen Bewegung der
Gegenwart spielen werden. Es kann ja keinem Zweifel unterliegen, daß
gegen die streikenden Bergleute und deshalb auch gegen den sich ihrer
annehmenden Gewerkverein erhebliche Vorwürfe zu erheben sind. Dazu
gehört nicht allein die Nichtinnehaltung der Kündigungsfrist, sondern
es war auch der Gegenstand des Streites von der Art, daß man nicht ohne
weiteres den Bergleuten Recht geben kann. Religiöse Bedenken waren
durch den bischöflichen Dispens erledigt und sind auch wohl kaum
das treibende Motiv gewesen. Obgleich man nun die Bestrebungen auf
Herabsetzung der Arbeitszeit grundsätzlich durchaus zu billigen hat,
so ist doch der eingeschlagene Weg, 7 Feiertage, die nur in einem ganz
beschränkten Gebiete bestehen, aufrecht zu erhalten, wenig glücklich,
und wenn die hohen Dividenden der Aktionäre ins Feld geführt wurden, so
ist durch die Reichstagsverhandlungen erwiesen, daß dieselben seit 20
Jahren nicht mehr als 3% betragen haben.

Wenn man trotzdem das Verhalten der Zechenverwaltung und noch mehr
dasjenige der Regierung mißbilligen muß, so liegt der Grund hierfür
darin, daß beide sich nicht darauf beschränkt haben, die Forderung
der Arbeiter zurückzuweisen, sondern sich auf den Standpunkt des
hochmütigen Unternehmertums gestellt haben. Inhaltlich war der Streit
von dem Augenblicke ab erledigt, daß beiderseits erklärt war, bis zur
Fertigstellung der Wasserhaltungsmaschinen solle an den Feiertagen
gearbeitet werden, von da ab aber nicht mehr. Weshalb war trotzdem eine
Einigung nicht möglich? Nun lediglich deshalb, weil die Grubenbesitzer
es ablehnten, dieses Zugeständnis in die Form eines Vergleiches zu
kleiden; bedingungslos sollten die Arbeiter sich unterwerfen, dann
wurde ihnen Gnade für Recht in Aussicht gestellt. Die Begründung
dieses Vorgehens war die oft gehörte, daß die Disziplin und das
Recht, Herr im eigenen Hause zu bleiben, eine andere Erledigung
ausschließe; der Arbeiter soll eben in dem Arbeitgeber seinen Herrn
sehen, der, wenn er artig ist, ihn gut behandelt, der aber sich niemals
so weit erniedrigt, sich mit ihm auf dieselbe Bank zu setzen. Aber
noch zweifelloser ist das Unrecht der Grubenverwaltung hinsichtlich
der Ablehnung der von dem Vorstande des Gewerkvereins angebotenen
Vermittelung. Ein großer Teil der beteiligten Bergleute waren dessen
Mitglieder; wenn also dessen Legitimation trotzdem bestritten wurde,
so bedeutet dies nichts weiter, als eine grundsätzliche Stellungnahme
gegen die gewerkschaftliche Organisation überhaupt und findet seine
Erklärung lediglich in dem Gesichtspunkte, daß natürlich die Stellung
des Arbeitgebers dem einzelnen Arbeiter gegenüber stärker ist, als
gegenüber einer Vereinigung derselben. Dieses Uebergewicht wollten sich
die Grubenbesitzer nicht nehmen lassen, wie ja auch aus der bereits
erwähnten Bestimmung des Statuts hervorgeht, die den Arbeitern eine
gemeinschaftliche Kündigung verbietet, während sie der Zechenverwaltung
gestattet ist. Der Arbeiter soll vereinzelt bleiben, um seine Kraft
zu schwächen. Auf denselben engherzigen und ungerechten Standpunkt
stellte sich auch der Handelsminister, indem er die Einmischung des
Gewerkvereins ablehnte; wir leben eben in der Zeit der sozialen
Reaktion.

In neuester Zeit hat übrigens der Gewerkverein zum zweitenmal
Gelegenheit gehabt, einen Streik zu unterstützen, indem er auf
der am 8. Januar 1899 in Essen abgehaltenen Generalversammlung
dem Niederrheinischen Gewerkverein christlicher Textilarbeiter in
Krefeld als Beihülfe in dem von ihm unternommenen Streik[126] 1000
Mk. bewilligte. Selbst einen Streik in die Hand zu nehmen, hat der
Verein bisher abgelehnt, obgleich er wiederholt für eine Erhöhung der
Löhne bei der augenblicklich günstigen Geschäftslage eingetreten ist;
der Grund ist aber lediglich der, daß man einen Streik zur Zeit als
aussichtslos ansieht.

  [126] Vgl. unten S. 401.

Wie bereits erwähnt, hat der Piesberger Streik innerhalb des
Christlichen Bergarbeitervereins insofern eine Sezession zur Folge
gehabt, als Pfarrer $Weber$ und mit ihm das zweite evangelische
Mitglied, Kaufmann $Legewitt$, aus dem Ehrenrathe ausschieden,
weil sie die Beteiligung am Streik mißbilligten. $Brust$ hat sich
gegen die von $Weber$ veröffentlichte Erklärung dahin verteidigt,
daß $Weber$ sich nicht auf einen Rath beschränkt, sondern sich ein
Recht der Oberleitung angemaßt habe, das ihm nicht zukomme. In
neuester Zeit hat dieser Streit eine weitere Folge gehabt durch den
Versuch, eine Gegenorganisation in's Leben zu rufen. Am 7. April 1899
veröffentlichte nämlich ein Bergmann $Fürkötter$, der seit einem Jahre
eine »Evangelische Berg- und Hüttenarbeiterzeitung« herausgiebt, eine
Erklärung, durch welche mit der Begründung, daß viele Bergarbeiter
weder in dem alten Verbande wegen dessen sozialdemokratischer Richtung,
noch in dem christlichen Gewerkvereine wegen dessen »ultramontaner
Allüren« ihre Befriedigung fänden, zur Gründung einer $großen
evangelischen Organisation$ aufgefordert wurde. In einer Versammlung
des Evangelischen Arbeitervereins Mönchen-Gladbach vom 10. April
in welcher Pfarrer $Weber$ den Plan befürwortete, wurde dessen
Unterstützung beschlossen. Aber in der zum Zwecke der Gründung auf
den 7. Mai nach Bochum einberufenen Versammlung, in der sich nur 30
Personen als Vertreter von 15 Vereinen eingefunden hatten, mußte man
sich überzeugen, daß der Gedanke einer Gegenorganisation keinen Boden
fand, hatten doch am 16. April die 9 evangelischen Vorstandsmitglieder
desselben einen Protest erlassen, in welchem sie die Behauptung,
daß innerhalb des Vereins ultramontane Propaganda getrieben werde,
für völlig unberechtigt erklärten. So beschränkte man sich denn
nach einem Referate des Pfarrers $Weber$ auf den Beschluß, der auch
von dem anwesenden Vertreter des Gewerkvereins unterstützt wurde,
einen lediglich zur Belebung des religiösen Bewußtseins bestimmten
»$evangelischen Knappenbund$« in's Leben zu rufen. --

Das Beispiel des Christlichen Bergarbeitervereins im Ruhrgebiete
hat zur Folge gehabt, daß auch im $Siegerlande$[127] eine ähnliche
Organisation ins Leben gerufen ist. Am 1. Juli 1897 wurde nämlich nach
mehreren Vorverhandlungen der »$Verein christlicher Berg-, Eisen- und
Metallarbeiter, im Sieg-Haller Industriebezirk$« mit 8 Anmeldestellen
und 400 Mitgliedern begründet.

  [127] Das Material für die nachfolgende Darstellung verdanke ich dem
        Vorsitzenden Bergmann Richard Breidebach in Eiserfeld.

Der Zweck des Vereins ist die Hebung der moralischen und sozialen Lage
der Arbeiter auf christlicher und gesetzlicher Grundlage und Anbahnung
und Erhaltung einer friedlichen Uebereinkunft zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern. Insbesondere erstrebt der Verein: a) die Herbeiführung
eines gerechten Lohnes, welcher dem Werte der geleisteten Arbeit
und der durch diese Arbeit bedingten Lebenshaltung entspricht; b)
die Arbeitsdauer, soweit solche zum Schutze von Gesundheit, Leben
und Familie geboten ist; c) eine Vermehrung der Kontrollorgane zur
Ueberwachung der Durchführung der berg- und gewerbepolizeilichen
Vorschriften unter Hinzuziehung praktisch erfahrener Arbeiter; d) eine
zeitgemäße Reform des Krankenkassenwesens.

Der Verein steht treu zu Kaiser und Reich. Im übrigen schließt er die
Erörterung konfessioneller und politischer Parteiangelegenheiten aus.

Die Mittel zur Erreichung des Zwecks sind: Verhandlungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Lohnfragen und bei berechtigten
Wünschen und Beschwerden, Eingaben und Petitionen an die
Werksverwaltungen, Bergbehörden, Regierung, Parlamente, belehrende und
bildende Vorträge auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung.

Durch den Eintritt in den Verein bekennt sich jedes Mitglied als
Gegner der sozialdemokratischen Grundsätze und Bestrebungen. Der
Zentralvorstand ist aus Vertretern beider christlicher Bekenntnisse
in gleicher Anzahl zusammengesetzt; dabei sollen Berg- und
Industriearbeiter möglichst gleichmäßig berücksichtigt werden.
Mitglieder, die wegen ihres Eintretens für die Interessen des
Vereins entlassen werden, haben Anspruch auf Unterstützung aus der
Vereinskasse. Nach dem Statute soll auch ein Ehrenrat bestehen, doch
ist ein solcher bisher noch nicht errichtet, wie denn überhaupt der
Verein sich mehr, wie andere ähnlicher Art, allein auf die eigene Kraft
der Arbeiterschaft verläßt und Elemente aus anderen Klassen fernhält.

Der Verein hatte sofort Gelegenheit, das Wohlwollen der Werksbesitzer
kennen zu lernen. Der zum Vorsitzenden gewählte Bergmann $Arnold Utsch$
in Mudersbach hatte nämlich in der am 5. September 1897 in Niederndorf
abgehaltenen Generalversammlung die Aeußerung gethan, es sei richtiger,
zu Knappschaftsältesten Bergleute und nicht, wie bisher, Beamte zu
wählen, da diese weniger unabhängig seien, als die Arbeiter. Die Folge
dieser staatsgefährlichen Aeußerung war, daß Utsch am 9. September 1897
gekündigt wurde. Der Grubenbesitzer Kommerzienrat Siebel in Kirchen,
an den sich Utsch mit der Bitte um Rücknahme der Kündigung wandte,
stellte als Bedingung, daß derselbe die Stellung als Vorsitzender
des Vereins niederlege, nirgends mehr Versammlungen abhalte und
die mißbilligte Aeußerung öffentlich widerrufe. Utsch lehnte diese
Bedingungen ab und wandte sich um Vermittelung zunächst an das
Oberbergamt in Bonn und dann an die Regierung in Arnsberg, doch beides
ohne Erfolg. Natürlich hatte dieses Ereignis eine große Erregung der
Bergarbeiter zur Folge, die in mehreren großen Protestversammlungen,
u. a. am 3. Oktober in Gosenbach, am 14. November in Siegen unter
Teilnahme des Hofpredigers Stöcker, des Vikars Brauns und des Bergmanns
Wahl als zweiter Vorsitzender des christlichen Bergarbeitervereins
im Ruhrgebiete und am 28. November in Mudersbach ihren Ausdruck
fand. In der Letzteren wurde mitgetheilt, daß der Verein bereits 32
Anmeldestellen mit 2136 Mitgliedern besitze. Dem Vorsitzenden Utsch
wurde für die Dauer seiner Beschäftigungslosigkeit eine Unterstützung
von monatlich 100 Mk. bewilligt. Es wurde zugleich über den Anschluß
an den christlichen Gewerkverein, dessen Vorsitzender Brust hiefür
warm eintrat, verhandelt, doch wurde dagegen geltend gemacht, daß
die Verhältnisse in beiden Bezirken wesentlich verschieden seien, da
im Siegreviere der Kohlenbergbau zurücktritt und die Eisenförderung
überwiegt. Man vertagte die Entscheidung auf eine andere Versammlung,
die am 2. Januar 1898 in Siegen stattfand, in der aber beschlossen
wurde, von dem Anschlusse abzusehen, auch ein eigenes Vereinsorgan
zu gründen und das Statut dahin zu ändern, daß der Verein den ganzen
Oberbergamtsbezirk umfaßt. Dementsprechend wurde der neue Name
»$Gewerkverein der christlichen Berg-, Eisen- und Metallarbeiter für
den Oberbergamtsbezirk Bonn$« angenommen.

Das beschlossene eigene Organ ist unter dem Titel »Christliche
Arbeiterzeitung« mit dem 15. März 1898 ins Leben getreten.

Die $erste ordentliche Generalversammlung$ des Vereins hat am 17.
Juli 1898 in $Betzdorf$ stattgefunden. Es wurde mitgeteilt, daß die
Mitgliederzahl bereits 4000 bei 50 Anmeldestellen betrage und daß sich
die Jahreseinnahme auf 4010 Mk., die Ausgabe auf 2220 Mk. und der
Kassenbestand auf 1790 Mk. belaufe. Der Vorsitzende $Utsch$ legte sein
Amt nieder und wurde durch $Breidebach$ ersetzt. Es wurde beschlossen,
daß der Verein seinen Mitgliedern in Unfallsachen Erstattung von
Reisekosten und ärztliche Gutachten gewähren soll. Ein Antrag, die
Bekämpfung der Sozialdemokratie als besondere Aufgabe in das Statut
aufzunehmen, wurde abgelehnt. Dasselbe Schicksal hatte der Vorschlag
des Vorstandes wegen Errichtung einer Krankengeldzuschußkasse, doch ist
man seitdem der Ausführung von neuem nahe getreten. Der Verein hat sich
auch an dem Piesberger Streik durch Sammlung von Unterstützungsgeldern
beteiligt. Bisher erhalten die Mitglieder des Vorstandes keine
Vergütung, doch beabsichtigt man, demnächst einen besoldeten Sekretär
anzustellen.

In einer am 27. November 1898 in Siegen abgehaltenen außerordentlichen
Generalversammlung wurde beschlossen, den monatlichen Beitrag von 10
auf 20 Pf. zu erhöhen und die »Christliche Arbeiterzeitung« zweimal
monatlich erscheinen zu lassen. Außerdem richtete man eine Eingabe an
den Handelsminister, in der um Errichtung eines Berggewerbegerichts
gebeten wird. Die Mitgliederzahl betrug am 1. April 1899 6500. --

Der Versuch, eine alle Bergleute in ganz Deutschland umfassende
Organisation ohne Unterschied der religiösen und politischen Stellung
ins Leben zu rufen, ist bis jetzt erfolglos gewesen. Allerdings
hatte der »Alte Verband« zu diesem Zwecke den $ersten nationalen
Bergarbeiterkongreß$ berufen, der am 26. und 27. Dezember 1894 in
Essen unter Beteiligung von 87 Abgeordneten tagte. Die letzteren waren
jedoch fast ausschließlich aus Rheinland-Westphalen, nur drei aus
dem Königreich Sachsen, einer aus Brandenburg, einer aus Ober- und
einer aus Niederschlesien. Der christliche Bergarbeiterverband war
zur Beteiligung eingeladen, aber nicht vertreten. Aus den Beschlüssen
ist hervorzuheben: die achtstündige Arbeitsschicht einschließlich
Ein- und Ausfahrt, einheitliches Berggesetz und Arbeitsordnung für
ganz Deutschland, Wahl der Bergaufsichtsbeamten durch die Arbeiter.
Der Antrag auf Nationalisierung der Bergwerke wurde abgelehnt, die
Religion mit keinem Worte berührt, wie man überhaupt alles that, um den
rein gewerkschaftlichen Karakter streng zu wahren und Anschluß allen
Richtungen und Anschauungen offen zu halten.

Obgleich man beschloß, solche Kongresse jährlich stattfinden zu lassen,
so vergingen doch zunächst über 2 Jahre, und erst am 19. und 20.
April 1897 wurde in Helmstedt der $zweite nationale Bergmannskongreß$
abgehalten, der von 57 Abgeordneten, und zwar 28 aus dem Ruhrgebiete,
7 aus dem Königreich Sachsen, 8 aus der Provinz Sachsen, 4 aus
Sachsen-Altenburg, 4 aus Braunschweig, 1 aus Oberbayern, 2 aus
Niederschlesien und 1 aus dem Saarbezirke besucht war. Man behandelte
die Reform des Knappschaftswesens und der staatlichen Versicherung und
forderte neben einem Maximalarbeitstage von 8 Stunden einschließlich
Ein- und Ausfahrt einen einheitlichen Mindestlohn von 4 Mk. für ganz
Deutschland, unter Ablehnung der weitergehenden Forderung von 5 Mk.
Der Kongreß sprach sich ferner dafür aus, daß die gewerkschaftlichen
Organisationen einen rein wirtschaftlichen Karakter haben müßten, so
daß jedem Arbeiter ohne Rücksicht auf seine religiösen oder politischen
Ansichten der Eintritt offen stehe. Deshalb seien einseitige religiöse
oder politische Arbeiterverbindungen hierzu nicht geeignet.

Der $dritte Kongreß$ hat vom 2. bis 4. April 1899 in Halle
a. S. stattgefunden unter Beteiligung von 74 Abgeordneten.
Gegenstände der Verhandlungen waren der Arbeiterschutz und die
ungenügenden sanitären Einrichtungen in den Gruben, insbesondere
die mangelhaften Reinigungsvorrichtungen, sowie endlich die Lohn-
und Arbeitsverhältnisse; man forderte den achtstündigen Arbeitstag
und einen Durchschnittslohn von täglich 5 Mk., sowie Regelung des
Knappschaftswesens durch Reichsgesetz.

Der christliche Bergarbeiterverein für den Oberbergamtsbezirk Dortmund
hat sich, wie bemerkt, an diesen Versammlungen nicht beteiligt, dagegen
seinerseits den Plan ins Auge gefaßt, auf christlicher Grundlage eine
Organisation über ganz Deutschland herbeizuführen. Der Verein hatte
auf den 31. Januar, 1. und 2. Februar 1897 einen »$Delegiertentag
christlicher Bergarbeitervereine Deutschlands$« nach Bochum einberufen,
an dem außer den Vertretern des Vereins noch 2 Abgeordnete aus
Niederschlesien, 2 aus Oberschlesien, 6 aus dem Sauerlande, 5 aus
dem Siegerlande und einer aus dem Sulzthale erschienen waren. Die
Gründung eines christlichen Bergarbeitervereins für ganz Deutschland
scheiterte vorläufig an dem Umstande, daß die einzelnen Vereine
erhebliches Vermögen angesammelt haben, das sie nicht einfach aufgeben
wollten, während die Bildung eines die einzelnen Vereine in ihrer
Selbständigkeit nicht antastenden Verbandes derselben durch das
Vereinsgesetz zur Zeit verboten ist, da die von den Vereinen geübte
Thätigkeit von den Behörden als eine politische aufgefaßt wird. Doch
wurde die Anbahnung engerer Fühlungnahme ins Auge gefaßt.

Die übrigen Verhandlungsgegenstände betrafen: 1. Arbeitszeit,
2. Sonntagsruhe, 3. Frauenarbeit, 4. Schutz für Leben und Gesundheit der
Arbeiter, 5. Arbeiterausschüsse, 6. das Kassenwesen der Bergleute,
7. die Lohnfrage.

An den Verhandlungen nahmen auch als eingeladene Gäste neben dem
Professor $Hitze$ als Mitglied des Ehrenrates der Geheimrat A. $Wagner$
und der Verfasser dieses Buches teil, indem sie Vorträge über ihnen
gestellte Themata hielten. Sie alle, insbesondere aber A. $Wagner$,
sind deshalb von der antisozialen Presse lebhaft angegriffen, ja gegen
letzteren wurde sogar von dem Freiherrn v. Stumm bei dem Kultusminister
die Einleitung eines Disziplinarverfahrens beantragt, doch hat dieser
ein solches abgelehnt. --

Die Bergarbeiterbewegung befindet sich zweifellos noch in einem
Zustande der Gärung und der Unklarheit, und es ist schwer, über
ihre wahrscheinliche Entwickelung eine Vermutung auszusprechen.
Daß die vorhandene Zersplitterung der erfolgreichen Wirksamkeit
nachteilig sein muß, liegt auf der Hand, und es sind dem Christlichen
Bergarbeiterverbande wegen seiner Haltung von beachtenswerter Seite
ernsthafte Vorwürfe gemacht, ja die ganze Schöpfung ist wegen
ihrer ausschließenden Tendenz für ein totgeborenes Kind erklärt
und behauptet, daß die heutigen Leiter des »alten Verbandes«
obgleich sie sich persönlich zur sozialdemokratischen Partei
zählen, Selbstverleugnung genug besitzen würden, zurückzutreten
und einer durchaus neutralen Leitung Platz zu machen, sobald
Aussicht vorhanden sei, einen wirklich lebenskräftigen Verband
zum thatkräftigen Schutze der Bergarbeiterinteressen zustande zu
bringen. Es ist für den Fernstehenden schwer, die Berechtigung dieser
Anschauungen zu prüfen. Wie oben dargelegt, besteht innerhalb des
christlichen Gewerkvereins hinsichtlich der Grundanschauung und
insbesondere des Verhaltens gegenüber der Sozialdemokratie eine
wesentliche Meinungsverschiedenheit, wobei der weiterblickende und
vorurteilslose Standpunkt als der richtigere anerkannt werden muß.
Es ist ja gewiß berechtigt, den in der Sozialdemokratie herrschenden
religionsfeindlichen und auf Verbitterung des Klassengegensatzes
abzielenden Bestrebungen entschieden entgegenzutreten, aber den
Schwerpunkt einer Arbeitervereinigung in diese Bekämpfung zu legen,
ist verkehrt. Nicht allein ist ein solches bloß negatives Ziel nicht
geeignet, einen Sammelpunkt für praktische Besserungsbestrebungen zu
bieten, sondern unter der Flagge der Sozialdemokratie segeln auch sehr
wertvolle Elemente der Arbeiterschaft, mit denen man wegen dieses
einzigen Trennungspunktes die Verbindung nicht abbrechen sollte. Daß
wenigstens zunächst die weitere Spaltung der christlichen Bergarbeiter
durch Gründung einer evangelischen Gegenorganisation gescheitert ist,
ist jedenfalls hocherfreulich als Beweis dafür, daß die Bergleute die
Gefahr der Zersplitterung einsehen. Da auch der »alte Verband« in den
letzten Jahren in die gemäßigte und rein gewerkschaftliche Richtung
eingelenkt hat, so ist die Hoffnung nicht aufzugeben, daß allmählich
eine gegenseitige Annäherung stattfinden und die Möglichkeit gegeben
sein wird, daß in rein praktisch-gewerkschaftlichen Fragen alle
Bergarbeiter geschlossen vorgehen.

An sich sind ja offenbar Gewerkvereine auf religiöser Grundlage etwas
Widersinniges, denn die Berufsinteressen sind von der Stellung zur
Religion durchaus unabhängig. Sie erhalten ein relatives Recht nur
als Reaktion gegen einen anderen Fehler. Genau so widersinnig wie
religiöse Gewerkschaften sind politische, denn auch das politische
Glaubensbekenntnis ist für die Verfolgung praktischer Berufsinteressen
ohne Bedeutung. Solange also die in der Generalkommission vertretenen
Gewerkschaften sich als Anhängsel der Sozialdemokratie betrachten,
ist es eine natürliche Reaktion, daß sich antisozialdemokratische
Gewerkvereine bilden, und da der gegen die Sozialdemokratie zu
erhebende Vorwurf sich vor allem auf ihre Stellung zur Religion und
die Monarchie richtet, müssen die hiergegen reagierenden Gewerkvereine
gerade diese beiden Punkte zum Gegenstande ihres Gegensatzes nehmen. Da
es nun aber bis jetzt außer der Sozialdemokratie eine Arbeiterpartei
nicht giebt und deshalb die Arbeiterschaft sich gewöhnt hat, in ihr
nicht die Sozialdemokratie, sondern die Arbeiterpartei zu sehen, so
ist es begreiflich, daß gewerkschaftliche Vereinigungen, die sich zur
Sozialdemokratie in Gegensatz stellen, dem Mißtrauen begegnen, daß sie
überhaupt nicht oder wenigstens nicht mit dem erforderlichen Nachdruck
die Vertretung der Arbeiterinteressen beabsichtigten. Diesem Mißtrauen
können sie nur durch entschiedenes Auftreten die Spitze abbrechen.
Setzte sich deshalb der christliche Gewerkverein, indem er für die
vertragsbrüchigen Arbeiter von Piesberg Partei ergriff, ins Unrecht,
so mußte er doch, falls er es nicht that, befürchten, dem bezeichneten
Mißtrauen neue Nahrung zu geben, und es ist möglich, daß von den
beiden Uebeln, zwischen denen er zu wählen hatte, die moralische
Mitverantwortung für den Vertragsbruch als das geringere anzusehen war.

Aber die Schwierigkeiten, die sich für die Stellung des Vereins
ergeben, sind hiermit noch nicht erschöpft. Wird er einerseits von
kapitalistischer Seite der agitatorischen Verhetzung der Arbeiter
beschuldigt, während, wie schon bemerkt, von anderer Seite gewünscht
wird, daß er in praktischen Dingen mehr, wie bisher, sich dem
alten Verbande nähern möge, so kommt dazu endlich noch die aus der
Beteiligung von Arbeitern $beider Bekenntnisse$ sich ergebende
Schwierigkeit, die dadurch gesteigert ist, daß seit dem Ausscheiden
$Webers$ der evangelischen Seite eine rechte Vertretung fehlt, woraus
bereits die Behauptung hergeleitet ist, daß in dem Vereine das
katholische Element stark überwiege. Es kann als sicher angenommen
werden, daß eine solche Einseitigkeit von der Leitung des Vereins nicht
beabsichtigt wird. Daß die Haltung gegenüber dem alten Verbande unnötig
schroff ist, muß als Mangel anerkannt werden, denn gerade jetzt, wo
der Gewerkverein dem alten Verbande gegenüber der stärkere Teil ist,
würde ein Zusammenwirken mit ihm auf praktischem Gebiete nur zur Folge
haben, die spezifisch sozialdemokratischen Elemente in den Hintergrund
zu drängen und den Verband auf die Bahn einer rein gewerkschaftlichen
Thätigkeit zu leiten.

Es muß auch als durchaus wahrscheinlich angesehen werden, daß die
Entwicklung sich in dieser Richtung vollziehen wird, denn die
Verhältnisse sind nun einmal stärker als die Menschen, und in der
That ist der christliche Gewerkverein trotz seines Gegensatzes
gegen die Sozialdemokratie seit dem Piesberger Streik immer mehr
in die entschiedenere Haltung hineingedrängt; manche Aeußerungen
gegen das Unternehmertum, die der antisozialistische $Brust$ in dem
»Bergknappen« anwendet, würden einem sozialdemokratischen Blatte
keine Schande machen. Offenbar findet aber die entschiedenere Haltung
den Beifall der Bergarbeiter und hat dazu gedient, das anfängliche
Mißtrauen gegen den christlichen Verein zu zerstreuen, wie dessen
steigende Mitgliederzahlen beweisen. Es bewahrheitet sich auch hier
die oft beobachtete Erfahrung, daß Einseitigkeit auf der einen Seite
stets als Reaktion die Einseitigkeit auf der andern hervorruft.
Daraus läßt sich aber zugleich die weitere Entwicklung beurteilen.
Der kurzsichtige Unternehmerhochmut, der in jeder Regung des
Selbständigkeitsdranges unter der Arbeiterschaft sofort eine Gefahr
der Staats- und Gesellschaftsordnung erblickt und gewerkschaftliche
mit sozialdemokratischen Bestrebungen ohne weiteres in denselben
Topf wirft, wird schon das Seinige dazu beitragen, die verschiedenen
Gruppen in der Arbeiterbewegung Schulter an Schulter zu reihen; und die
Ereignisse des letzten Jahres zeigen deutlich die Richtung, in der die
Dinge in der nächsten Zukunft sich gestalten werden.


                          6. Die Postbeamten.

                           a) $Allgemeines$.

Die staatlichen Beamten befinden sich gegenüber ihrem Arbeitgeber, dem
Staate, in einer wesentlich anderen Stellung, als die im Dienste von
Privaten stehenden Beamten und Arbeiter. Insbesondere liegt dies daran,
daß der Staat eben nicht nur Arbeitgeber und Unternehmer, sondern
zugleich die Zusammenfassung der Gesamtheit ist. Freilich sollte man
zwischen den aus beiden Eigenschaften sich ergebenden Befugnissen, den
privatrechtlichen des Arbeitgebers und den öffentlich rechtlichen des
Staates, streng unterscheiden. Aber das ist aus dem Grunde unmöglich,
weil die Beamten vielfach Hoheitsrechte des Staates zur Geltung zu
bringen haben und in dieser Eigenschaft eine Stellung einnehmen, die
nur nach staatsrechtlichen Gesichtspunkten zu beurteilen ist, während
in anderen Fällen die Thätigkeit keine grundsätzlich andere ist, als
bei Privatangestellten.

Nun ist freilich durch diese Sonderstellung der staatlichen
Beamten an sich kein Umstand gegeben, der ihre Zusammenfassung zu
Berufsvereinen hinderte, denn diese verfolgen nach ihrem Begriffe kein
anderes Ziel, als die Vertretung der gemeinsamen Interessen aller
Berufsangehörigen, und solche sind vorhanden, mag das Wirkungsgebiet
dem öffentlichen oder dem Privatrechte angehören. Aber trotzdem
wäre es nicht unerklärlich, wenn das Bedürfnis zur Bildung von
Berufsvereinen unter den staatlichen Beamten entweder gar nicht oder
in geringerem Grade hervorträte, denn die Behörde, der gegenüber sie
die Interessen der Mitglieder zu vertreten haben, steht diesen anders
gegenüber als der Privatunternehmer seinen Beamten und Arbeitern.
Läßt sich in letzterem Falle ein gewisser Gegensatz der Interessen
nicht bestreiten, und mag man ihn auch hinsichtlich der verschiedenen
Beamtenklassen gegeneinander und deshalb die Berechtigung eines sog.
Ressortpartikularismus zugeben, so sollte doch bei verständiger
Auffassung ein Gegensatz zwischen den Interessen der Beamten und denen
ihrer Vorgesetzten nicht bestehen. Aber ein solcher Gedankengang
hat nicht mit der psychologischen Thatsache des »Willens zur Macht«
gerechnet, der es mit sich bringt, daß der Durchschnittsmensch, wenn
er in die Lage kommt, einen Untergebenen zu haben, eine Befriedigung
darin findet, dieses Unterordnungsverhältnis in der Weise zum Ausdruck
zu bringen, daß er ihn seine Gewalt fühlen läßt und selbst berechtigte
Wünsche nicht erfüllt, um zu beweisen, daß eben er derjenige ist, dem
die Entscheidung zusteht.

Aus dem Gesagten ergiebt sich ein doppeltes: $einerseits$, daß
auch unter den staatlichen Beamten die Bildung von Berufsvereinen
zum Schutze der gemeinsamen Interessen, also kurz gesagt von
Gewerkvereinen, eine Notwendigkeit ist, die je nach der in den
Kreisen der obersten Leitung herrschenden Richtung mehr oder weniger
scharf hervortritt; $andererseits$ aber auch, daß gerade da, wo die
Notwendigkeit am stärksten ist, diese Bestrebungen bei den Oberbehörden
den entschiedensten Widerstand finden werden. Notwendigkeit und
Widerstand stehen, wie der Mathematiker sagt, im geraden Verhältnisse.
Es ist deshalb begreiflich, daß bis jetzt die Gewerkschaftsbewegung
in den Staatsbetrieben nur da hervorgetreten ist, wo die Leitung, am
sozialen Maßstabe gemessen, die schlechteste war, wo insbesondere
Bureaukratismus und Fiskalismus am stärksten sich geltend machte.

Nun ist aber, wie schon bemerkt, in Staatsbetrieben die Bildung
solcher Vereine schwierig, da die Behörde, gegen deren Willen sie
ins Leben gerufen werden, den Beamten mit ganz anderen Machtmitteln
gegenübersteht, als sie der Privatunternehmer gegen seine Angestellten
besitzt. Und zwar aus einem doppelten Grunde. Einerseits macht sich bei
den meisten Staatsbetrieben die Monopolstellung des Staates geltend,
d. h. ein anderer ähnlicher Betrieb, in dem der entlassene Beamte
Arbeit finden könnte, ist nicht vorhanden. Andererseits verfügt die
Behörde nicht nur über die privaten Machtmittel des Arbeitgebers,
sondern zugleich über die öffentlich-rechtlichen des Staates. Wird
durch diese Umstände die Lage der Beamten erschwert, so kommt ihnen
dagegen allerdings als ein gewisser Ausgleich zu statten, daß die
Handlungsweise der staatlichen Behörden in höherem Maße, als die der
Privatunternehmer, der öffentlichen Kritik untersteht und es deshalb
leichter ist, durch die Macht politischer Faktoren einen Einfluß
geltend zu machen. --

Die oben bezeichnete Voraussetzung für die Notwendigkeit
von Berufsvereinen trifft in erster Linie zu für die
$Reichs-Postverwaltung$. Hat zwar $von Stephan$ sich zweifellos um
das Postwesen außerordentliche Verdienste erworben, so hatte doch
nicht allein in seinen letzteren Jahren die frühere Elastizität des
Geistes einer bureaukratischen Verknöcherung Platz gemacht, sondern
selbst in seinen besten Jahren hat in der Fürsorge für seine Beamten
nicht der Schwerpunkt seiner Thätigkeit gelegen. Es ist deshalb ebenso
verständlich, daß diese den Versuch unternahmen, ihre Interessen durch
Berufsvereine zu schützen, als daß diese den heftigsten Zorn des Chefs
erregten und daß ihre Mitglieder in jeder Weise gemaßregelt wurden. Daß
diese Verfolgungen nicht im stande waren, die Vereine zu vernichten,
ist ein ehrenvolles Zeichen karakterfester Gesinnung.

Der jetzige Staatssekretär des Reichspostamtes v. $Podbielsky$ zeigte
im Anfange seiner Amtsthätigkeit einen wesentlich freieren Blick, als
sein Vorgänger und schien insbesondere hinsichtlich der Organisation
der Postbeamten eine vorurteilslose Auffassung zu verfolgen. Aber die
Luft des Bureaus und der Staub der Akten übt einen Einfluß, dem selbst
die besten Nerven nicht standhalten, und so scheint auch unter dem
neuen Regimente die Furcht, daß durch eine Organisation der Beamten die
Disziplin untergraben werde, das Uebergewicht erlangt zu haben.

Es giebt naturgemäß unter den Postbeamten eine Reihe von $Abstufungen$
und Klassen, zwischen denen sogar zum Teil eine gewisse Rivalität
besteht. Uns interessiert nur folgende Abstufung:

1. die oberen Beamten bis einschließlich der Sekretäre,

2. die Assistenten und Oberassistenten,

3. die Unterbeamten.

Die erste dieser 3 Gruppen kommt für unsere Frage nicht in Betracht.
Allerdings bestehen an den meisten größeren Orten Postbeamtenvereine,
deren Vorsitzende meist der Postdirektor ist, aber diese haben
einen lediglich geselligen Karakter; Aufgaben, wie die Wahrung
der gemeinsamen Berufsinteressen oder auch nur die Förderung
fachwissenschaftlicher Kenntnisse liegen ihnen fern. Solche Ziele
werden nur von den Klassen 2 und 3 verfolgt. Die einzige Ausnahme
bildet der Bayrische Verkehrsbeamtenverein, in welchem auch die
höchsten Beamten vertreten sind; er verdient deshalb eine besondere
Darstellung.


            b) $Der Bayrische Verkehrsbeamten-Verein$[128].

In Bayern wurden seitens der Beamten der Post-, Telegraphen-
und Eisenbahnbeamten schon in den 70er Jahren Versuche zu einer
Organisation gemacht, die sich allerdings zunächst auf die einzelnen
Verkehrsgruppen und einzelnen Orte und Bezirke beschränkten. So
entstand im Januar 1874 ein »Verein Münchener Telegraphenbeamten«
und Ende 1875 unter dem Namen »Postalia« ein solcher der Münchener
Postbeamten, der sich am 2. Januar 1876 zu dem »Verein Münchener
Verkehrsbeamten« erweiterte. Auch in Ingolstadt, Augsburg, Nürnberg
und der Rheinpfalz bildeten sich ähnliche Vereine, die alle zunächst
überwiegend geselligen Zwecken dienten, bald aber sich höhere Ziele
steckten. Bald brach sich auch der Gedanke Bahn, daß eine Verschmelzung
aller dieser Einzelvereine erforderlich sei, und so erfolgte am 13.
Juni 1883 die Gründung des »$Bayrischen Verkehrsbeamten-Vereins$«,
indem zunächst der Münchener Telegraphenverein und der Verein Münchener
Verkehrsbeamten sich verschmolzen, doch konnte schon am 19. August
1883 eine von 80 Abgesandten aus ganz Bayern besuchte konstituierende
Generalversammlung zusammentreten, die die Ausdehnung auf das ganze
Königreich beschloß, indem ein Statut angenommen, ein Vorstand
gewählt und ein Verbandsorgan geschaffen wurde, zugleich übernahm man
die von dem Verein Münchener Verkehrsbeamten gegründete Spar- und
Vorschußkasse auf den neuen Verein; schon 1884 wurde auch eine Witwen-
und Waisenunterstützungskasse ins Leben gerufen.

  [128] Das Material verdanke ich den Mitteilungen des Vereinsvorstandes,
        insbesondere enthält die Festschrift zur XIII.
        Generalversammlung des Vereins eine Uebersicht über die
        Entstehungsgeschichte.

Der neue Verein erfreute sich ebenso, wie seine Vorläufer, der Gunst
der Regierung, die nicht allein den Mitgliedern zu den Versammlungen
freie Fahrt, sondern zugleich für das Vereinsorgan und Geldsendungen
Portofreiheit bewilligte. Aber bald erfolgte ein Umschwung,
hervorgerufen durch einige Artikel des Vereinsorganes über Personal-
und Dienstverhältnisse, in denen nach Auffassung der Behörde das
zulässige Maß freier Aussprache überschritten war. Zunächst wurde dem
Verein die Zulassung als »anerkannter Verein«[129] verweigert, und
am 17. Januar 1885 wurde derselbe von der Polizeidirektion München
als politischer Verein erklärt; am folgenden Tage wurde auch die
Portofreiheit entzogen. Diese Maßregeln hatten den Austritt vieler
Mitglieder zur Folge, viele der Spar- und Vorschußkasse gegebene
Kapitalien wurden zurückgezogen, und der Verein kam so stark in
Rückgang, daß das Vereinsorgan aufhören mußte, zu erscheinen. Unter
diesen Umständen schien nur der Weg der Unterwerfung übrig zu bleiben,
und er wurde gewählt. Der Vorstand trat zurück und im April 1885 löste
der Verein sich auf, um sich dann sofort von neuem zu bilden; andere
Personen wurden zur Leitung berufen, die das gute Einvernehmen mit
der Regierung als obersten Grundsatz betrachteten, und so begann jetzt
die Zeit der Blüte, die noch heute andauert. Die Portofreiheit wurde
wieder bewilligt, der Verein als »anerkannter Verein« eingetragen
und der Generaldirektor $Schnorr$ v. $Carolsfeld$ trat demselben als
ordentliches Mitglied bei.

[129] Dadurch erwirbt nach dem bayrischen Gesetze ein Verein die Rechte
einer juristischen Person.

Die Mitgliederzahl ist seitdem ständig gestiegen. Sie betrug 1885 etwa
1400; 1888: 1865; 1889: 2160; 1890: 2789; 1891: 3867; 1892: 4429; 1893:
4960; 1894: 5207; 1895: 5568; 1896: 5742; 1897: 5772.

An Stelle des 1884 eingegangenen Vereinsorganes traten zunächst
Vereinsberichte in zwangloser Folge, aus denen 1888 die »Monatsschrift
des Bayrischen Verkehrsbeamten-Vereins« entstand, die endlich vom 1.
Juli 1892 ab den Titel »Bayrische Verkehrsblätter« erhielt. Die Auflage
betrug 1897 6800.

Die »Spar- und Vorschußkasse« sowie die »Witwen- und Waisenkasse«
wurden 1893 von dem Verein formell getrennt und zu selbständigen
»anerkannten Vereinen« umgebildet, doch ist der Beitritt zu der
letzteren Kasse für jedes Vereinsmitglied obligatorisch.

Seit 1895 hat der Verein auch Fachunterrichtskurse eingeführt, ebenso
gibt er Fachwerke heraus und stiftet Preise für die Lösung von
Fachaufgaben unter seinen Mitgliedern. Am 1. Juli 1897 hat er ein
eigenes Vereinshaus mit Bibliotheks- und Unterrichtsräumen, in dem auch
die Verwaltungen der beiden Kassen untergebracht sind, errichtet.

In den Statuten ist als Zweck des Vereins bezeichnet: »Die Förderung
und Pflege der geistigen und materiellen Interessen seiner Mitglieder«
und als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes u. a. die Herausgabe
eines Fach- und Vereinsorganes, die Schaffung von Einrichtungen, um
den Mitgliedern bei ihrer beruflichen Fortbildung behülflich zu sein,
die Anlegung einer Bibliothek, die Zirkulation von Fachzeitschriften,
die Veranstaltung von Vorträgen und Diskussionen sachlichen und
wissenschaftlichen Inhalts, die Pflege des geselligen Lebens und der
Kollegialität, die Errichtung eines Unterstützungsfonds, Vermittelung
von Versicherungsverträgen.

Als ordentliche Mitglieder können dem Verein beitreten alle im Dienste
der bayrischen Verkehrsanstalten sowie der pfälzischen Bahnen stehenden
Beamten, Aspiranten und Bahnärzte. Unterbeamte und Arbeiter werden
nicht aufgenommen. Der Jahresbeitrag ist 8 Mk.

Wie die vorstehende Darstellung ersehen läßt, ist der gewerkschaftliche
Karakter, der also auch die Vertretung der Interessen der Mitglieder
gegenüber der Verwaltung erfordert, seit der Katastrophe im Jahre 1884
fast ganz zurückgetreten.


        c) $Verband deutscher Post- und Telegraphenassistenten$.

Der Verband wurde am 6. Juni 1890 gegründet und bezweckt nach seinen
Satzungen, »unter seinen Mitgliedern allgemeine und Berufsbildung
zu fördern, Vaterlandsliebe, Geselligkeit und Kollegialität,
wirtschaftliche Vorteile für die Mitglieder herbeizuführen und
die Interessen des Post- und Telegraphenassistentenstandes zu
vertreten«. Aufnahmefähig ist jeder Angehörige des Post- und
Telegraphenassistentenstandes. Außer Unterstützungen, die nach
freier Entschließung des Vorstandes an bedürftige Hinterbliebene
verstorbener Mitglieder gegeben werden, gewährt der Verband
seinen Mitgliedern günstigere als die allgemeinen Bedingungen bei
verschiedenen Versicherungsgesellschaften. Außerdem ist in jedem
Bezirke ein $Familienbeirat$ errichtet, der den Zweck hat, bei
Sterbefällen von Mitgliedern dessen Hinterbliebenen mit Rat und That
zur Seite zu stehen, insbesondere besorgt derselbe die Abwickelung
der für die Beerdigung erforderlichen Geschäfte, die Flüssigmachung
der Gnadenbezüge, der Sterbekassen-, Lebensversicherungs-, Witwen-
und Waisengelder, die Vermögensregulierung, die Einleitung der
Vormundschaft, nötigenfalls die Erwirkung von Unterstützungen,
Stipendien, Erziehungsbeihülfen und ähnlichen Zuwendungen.

In dieser Beziehung liegen dem Familienbeirat namentlich folgende
Geschäfte ob:

Anmeldung der Beerdigung bei dem Geistlichen, Besorgung
der Traueranzeigen, Beschaffung des Sarges, Bestellung des
Leichenwagens und der Wagen für das Trauergefolge, Besorgung der
Auszüge aus dem Sterberegister, des ärztlichen Totenscheines,
der Heiratsurkunde, der standesamtlichen Geburtsurkunden der
Kinder unter 18 Jahren, Wahrnehmung des Schriftwechsels mit den
Lebensversicherungsgesellschaften, Stellung des Antrages auf
gerichtliche Eröffnung eines etwaigen Testaments, Erstattung
einer Anzeige an die Einkommensteuer-Veranlagungskommission
behufs Herabsetzung der Steuern und einer Anzeige an das
Vormundschaftsgericht, Unterstützung bei Anfertigung von Gesuchen
u. s. w.

Von besonderer Bedeutung ist die vom Verbande errichtete $Warenkasse$
nebst Warenhaus. In die Kasse muß jedes Mitglied monatlich mindestens
3 Mk. einzahlen, bis ein Bestand von 60 Mk. erreicht ist. Bei Bezügen
aus dem Warenhause wird zunächst das Guthaben angerechnet; sonst wird
es mit 4% verzinst. Das Warenhaus, das jetzt einen wesentlichen Teil
der Einrichtungen des Verbandes ausmacht, verdankt seine Gründung
dem Umstande, daß im Jahre 1891 der damalige Verbandsvorsitzende
$Funk$, durch dessen Einfluß überhaupt der Verband ins Leben gerufen
war, wegen dieser Thätigkeit von der Postbehörde seines Amtes
enthoben wurde und der Verband den Wunsch hatte, ihm eine mit
entsprechendem Einkommen verbundene Stellung zu verschaffen. Das
Warenhaus hat jetzt eine erhebliche Bedeutung erreicht, es hat nach
dem Abschlusse vom 31. Dezember 1895 während seines 4-1/2 jährigen
Bestehens für 920000 Mk. Waren umgesetzt. Die Waren sind ganz
überwiegend Bekleidungsgegenstände; so entfielen auf diese im Jahre
1894/95 bei einem Gesamtumsatze von 360000 Mk. volle 320000 Mk.,
und den Vorwürfen gegenüber, daß der Verband durch sein Warenhaus
die Kleingewerbetreibenden schädige, hat sich derselbe stets darauf
berufen, daß diejenigen, denen er Konkurrenz mache, nicht diese,
sondern etwa 40 große Konfektionsversandtgeschäfte seien, in deren
Hände die jungen Leute bei Beschaffung ihrer Uniform fielen und die
infolge des gewährten und selten wieder völlig getilgten Vorschusses
den Betreffenden regelmäßig jahrelang zum weiteren Bezuge zwängen.

Das äußere Wachstum des Verbandes ist trotz aller Verfolgungen sehr
rasch vor sich gegangen. Die Mitgliederzahl betrug Ende 1890: 1840;
Februar 1892: 2197; Ende 1892: 2766; Ende 1893: 3923; Ende 1894:
5610; Ende 1895: 7703; am 6. Juni 1896: 8846; Ende 1896: 9710; Ende
1897: 12289; am 17. Oktober 1898: 14000 in 41 Bezirksvereinen und 87
Ortsvereinen. Da die Gesamtzahl der Assistenten 24000 und die der
Gehülfen 10000 beträgt, so sind jetzt etwa 40% organisiert.

Der Umsatz der Warenkasse, die 11 Zweiggeschäfte besitzt, belief sich
im Jahre 1897 auf 606939 Mk. Das Vermögen betrug Ende 1894: 77290 Mk.,
Ende 1895: 100776 Mk., Ende 1897: 136194 Mk. 60 Pf.

Der Vorsitzende des Verbandes ist Oberpostassistent $Kahsnitz$ in
Berlin. Das Vereinsorgan ist die »Deutsche Postzeitung« die im 8.
Jahrgange erscheint mit einer Auflage von 15800.

Der Verband hat bei den Beratungen des Reichstages über den Postetat
im Frühjahr 1898 einen großen Erfolg erzielt, indem er durch
seinen Einfluß auf die Abgeordneten es durchsetzte, daß bei der
allgemeinen Gehaltserhöhung die in der Vorlage der Regierung gar
nicht berücksichtigten Assistenten durch einstimmigen Beschluß des
Reichstages mit einem Höchstgehalte von 3000 Mk. eingefügt wurden,
obgleich die Regierung sich dem lebhaft widersetzte.

Im allgemeinen freilich ist an Stelle der früheren Verfolgung des
Verbandes und Maßregelung seiner Mitglieder, die früher regelmäßig im
Reichstage zu lebhaften Verhandlungen führte, jetzt das System der
stillschweigenden Duldung getreten.

Um den grundsätzlichen Standpunkt des viel angegriffenen Verbandes
authentisch darzulegen, mögen hier die »Leitsätze für die Mitglieder
des Verbandes Deutscher Post- und Telegraphenassistenten« abgedruckt
werden, in denen die Grundauffassung desselben insbesondere auch
hinsichtlich seiner Stellung zu den Behörden mit ausreichender
Klarheit zum Ausdrucke gelangt ist. Dieselben lauten mit Auslassung
eines hierfür nicht in Betracht kommenden Absatzes:

1. Der Verband Deutscher Post- und Telegraphenassistenten ist eine
Vereinigung, die auf gesetzlicher Grundlage beruht und deren Wirken als
ein staatserhaltendes und fortschrittförderndes bezeichnet werden muß.

2. Der Verband verfolgt die Hebung des Assistentenstandes
der Reichspost- und Telegraphenverwaltung in dienstlicher,
gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung. Er wirkt damit im
Interesse sowohl seiner Mitglieder, als auch zum Wohle der Gesamtheit,
letzterer insofern, als er ihr Kräfte nutzbar zu machen sucht, die
unter den gegenwärtigen Verhältnissen gebunden sind. Die Besserung der
dienstlichen und gesellschaftlichen Stellung des genannten Standes wird
angestrebt durch sachgemäße und offenherzige, sich in angemessenen
Bahnen bewegende Besprechung vorhandener Mißstände und durch dauerndes
Hinweisen auf nicht mehr zeitgemäße Einrichtungen und Bestimmungen.
Die wirtschaftliche Besserstellung des Assistentenstandes wird, soweit
sie aus eigener Kraft erfolgen kann, erreicht durch gemeinschaftliche
Einrichtungen, wie das Verbandswarenhaus, die Zweiggeschäfte des
Verbandswarenhauses, die Warenkasse u. s. w.

3. Die Zugehörigkeit zum Verbande bringt die Mitglieder in keiner Weise
mit ihren Pflichten als Beamte in Widerspruch, sie ist im Gegenteil
geeignet, anregend auf den Einzelnen zu wirken, seinen Gesichtskreis zu
erweitern und so, mittelbar, auch den Dienst zu fördern.

4. Es ist Ehrenpflicht eines jeden Verbandsmitgliedes, in dienstlicher
Beziehung alles zu vermeiden, was ihn in Konflikt mit Vorgesetzten
bringen könnte, damit aus vereinzelten Vorfällen nicht der Schluß
gezogen werde, daß die Zugehörigkeit zum Verbande die Neigung zur
Unbotmäßigkeit fördere oder den Wunsch erzeuge, den geordneten Organen
der Verwaltung Schwierigkeiten zu machen. Ganz im Gegenteil liegt es
durchaus im Sinne der Verbandsbestrebungen und entspricht nur der von
der Verbandsleitung bisher stets beobachteten und empfohlenen Haltung,
daß jedes Mitglied für seinen Teil danach trachte, den Vorgesetzten,
und unseren Gegnern durch ernstes, pflichttreues Verhalten die
höchste Achtung abzunötigen. Es muß dahin gestrebt werden, daß die
Zugehörigkeit zum Verbande als eine Empfehlung, nicht als ein Nachteil
gilt.

5. Wenn einerseits tadellose Dienstführung und angemessenes
Benehmen gegen Vorgesetzte und Untergebene jedem Verbandsmitgliede
zur Ehrenpflicht gemacht wird, so muß ihm andererseits empfohlen
werden, auch seine staatsbürgerlichen Rechte in jeder Beziehung zu
wahren, jeden Versuch einer Beschränkung derselben mit Festigkeit
zurückzuweisen und Uebergriffen von Vorgesetzten in geziemender, aber
nachdrücklicher Weise zu begegnen. Es suche ein jeder, dem Unrecht
gethan worden ist, sein Recht noch bis zur höchsten Instanz, damit
nicht, wie es geschehen ist, aus dem Fehlen berechtigter Beschwerden
der Beweis für die Behauptung hergeleitet werde, daß Uebergriffe und
Maßregelungen nicht vorkommen.

6. Es ist mit allen gesetzlich und moralisch erlaubten Mitteln der
Agitation, soweit der Dienst dadurch nicht beeinträchtigt wird, die
Gewinnung neuer Mitglieder zu betreiben. Es muß der Beweis geliefert
werden, daß der Verband, sobald ihm freie Bahn zu seiner Entwickelung
gelassen wird, mit großer Schnelligkeit wächst.

7. Die Mitgliedschaft ist stets und überall offen zu bekennen; schwache
Gemüter mögen es sich gesagt sein lassen, daß zaghafte, schwankende
Haltung oder gar Leugnen das letzte ist, was Achtung einflößen
kann, und daß ein solches Verhalten ganz gewiß keinen besseren
Schutz gewährt, als freimütiges Bekennen eines als richtig erkannten
Standpunktes und offenes, in angemessener Form sich äußerndes Vertreten
einer gewonnenen Ueberzeugung.

8. Jedes Mitglied möge sich stets bewußt sein, daß unser Heil in uns
selbst, in unserer eigenen Kraft und Einigkeit liegt. Fremde Hülfe ist
uns stets willkommen, wird dankbar angenommen und kann unseren Weg uns
ebnen, finden aber und beschreiten müssen wir ihn selbst. »Selbst ist
der Mann!« Können wir uns selbst nicht helfen, so hilft uns auch sonst
niemand.

9. Der Verband hat sich von jedem, auch dem leisesten Versuch einer
politischen Stellungnahme auf das Peinlichste fern zu halten. Er
beansprucht keinerlei Einfluß auf die politische Meinung seiner
Mitglieder und überläßt es jedem derselben, sich eine solche selbst zu
bilden nach seiner eigenen Ueberzeugung.

Daß man einen Verband, der solche Ansichten vertritt, der ungeachtet
der bis an die Grenze des Möglichen gehenden Ausnutzung der
Arbeitskraft bei kärglicher Bezahlung, wie sie im Postdienste
stattfindet, so entschieden die Ehrenpflicht seiner Mitglieder betont,
durch pflichttreues Verhalten sich die Achtung der Vorgesetzten zu
erringen, -- daß man einen solchen Verband mit allen gesetzlichen
und ungesetzlichen Mitteln verfolgte und ihm noch jetzt ablehnend
gegenübersteht, ist ein Beweis, daß unsere Reichsbehörden sich noch
auf einer unglaublich tiefen Stufe sozialpolitischen Verständnisses
befinden. Weiß man denn gar nicht, daß die Sozialdemokratie unter dem
niederen Beamtentum reißende Fortschritte macht? Hat man die Absicht,
diese Thatsache dadurch zu rechtfertigen, daß man den Beteiligten den
Weg, im gesetzlichen Rahmen ihre Interessen zu vertreten, gewaltsam
versperrt? Und welchen Grund hat man für dieses Verfahren? Es scheint
keine andere Erklärung dafür zu geben, als ein auf die äußerste Spitze
getriebener Bureaukratismus, der so weit geht, daß er schon in den
bloßer Vereinigung der Beamten ohne Rücksicht auf deren Zwecke einen
Akt der Auflehnung sieht, der die Beamten wie Maschinen oder wenigstens
wie Kinder behandeln will, für deren Interessen nicht sie selbst,
sondern ihre Vorgesetzten zu sorgen haben.

Daß unter dem Verbande tüchtige Kräfte enthalten sind, von deren
Wirksamkeit sich ein weiteres Gedeihen erwarten läßt, beweisen gewisse
Reformgedanken, die in neuester Zeit in dem Verbandsorgan[130] von
einem Postassistenten unter dem Pseudonym $Lohe$ erörtert werden;
danach will man eine grundsätzliche Erweiterung des gewerkschaftlichen
Rahmens durch Einbeziehung derjenigen Thätigkeit, die man bisher
als genossenschaftliche zu bezeichnen pflegt. Insbesondere ist
vorgeschlagen, die Thätigkeit des Warenhauses nicht, wie bisher, auf
das Gebiet der Konsumtion zu beschränken, sondern auch die Produktion
einzubeziehen und z. B. die Herstellung von Kleidungsstücken in eigenen
Werkstätten, die Einrichtung einer Verbandsdruckerei und -buchhandlung,
die Herstellung von Wohnungen für die Mitglieder u. dgl. seitens des
Verbandes in Angriff zu nehmen. Aber die genossenschaftliche Thätigkeit
soll nicht auf das wirtschaftliche Gebiet beschränkt bleiben, sondern
auch das Bildungs- und Geselligkeitsleben z. B. durch Einrichtung
von Verbandsschulen, Veranstaltung von Vorträgen, Einrichtung von
Lesezirkeln und Anschluß an die Bestrebungen sozialreformerischer
Vereinigungen, wie des evangelisch-sozialen Kongresses u. dgl., in
seinen Bereich ziehen, um so zu der mittelalterlichen Form einer den
ganzen Menschen umfassenden Personalgenossenschaft zurückzukehren.
-- Solche Pläne beweisen nicht allein die in dem Verbande enthaltene
geistige Triebkraft, sondern sind in der That interessant als Ausblicke
auf eine mögliche Zukunftsentwickelung des ganzen Gewerkschaftswesens.
Allerdings passen sie nicht in das Schema der allgemeinen
Dienstanweisung und werden deshalb die Sympathieen für den Verband in
den Kreisen des Postregimentes nicht vermehren.

  [130] Vgl. die Nr. 16-20 des Jahrganges 1895 und Nr. 2, 4-7 des
        Jahrganges 1896. Einen Auszug aus den Ausführungen giebt der
        »Genossenschaftliche Wegweiser« in der Nr. 11 vom 30. Mai 1896.

In neuester Zeit hat sich in dem Verhältnisse des Verbandes
zu dem Staatssekretär des Reichspostamtes eine eigenartige
Umgestaltung vollzogen. Der Letztere berief auf dem 25. März drei
Vorstandsmitglieder zu sich um ihnen mitzuteilen, daß der jetzige
Zustand nicht bestehen bleiben könne. Der Verband bilde einen Staat
im Staate, da er die Interessen einer einzelnen Beamtenklasse
vertreten wolle, während seine Mitglieder sich vielmehr als Teile der
ganzen Verwaltung zu fühlen hätten. Dadurch werde die Neigung zur
Unbotmäßigkeit gereizt. Er, der Staatssekretär, vertrete die Interessen
der Assistenten ebenso, wie die der andern Beamten und müsse verlangen,
daß dieselben volles Vertrauen zu ihm hätten. Der Kaiser wolle
zufriedene Beamte haben, und er sei bestrebt, solche zu schaffen. Die
auf diese Auseinandersetzung gestützte Forderung ging dahin, daß aus
den Statuten die »Vertretung der Interessen des Postassistentenstandes«
als Aufgabe des Verbandes gestrichen werde. Die Entfernung des
gegenwärtigen Redakteurs des Verbandsorganes wurde nicht verlangt, wohl
aber, daß der Vorstand für dasselbe die Verantwortung übernehme. Eine
maßvolle Kritik solle nicht untersagt sein, aber die Spitze derselben
dürfe sich nicht gegen die Verwaltung kehren.

Der Vorstand, ebenso wie die auf den 7. Mai einberufene
außerordentliche Generalversammlung, in der übrigens mitgeteilt wurde,
daß der Mitgliederbestand auf 14600 in 94 Ortsvereinen gestiegen sei,
nahm den gemachten Friedensvorschlag mit Dank und ohne Widerspruch
an. In den Satzungen wurde die »Vertretung der Interessen des
Assistentenstandes« als Aufgabe des Verbandes gestrichen und durch die
»Pflege der Kameradschaft« ersetzt; ebenso wurde das Verbandsorgan der
Durchsicht des Verbandsvorsitzenden unterteilt.

Es mag sein, daß dem Verbande kaum etwas anderes übrig blieb, als
die von dem Staatssekretär gebotene Hand anzunehmen, zumal Jener für
den Fall des Widerstandes die entschiedensten Maßregeln in Aussicht
gestellt hatte. Aber eine andere Frage ist es, ob der Staatssekretär
sozialpolitisches Verständnis beweist, wenn er den Grundsatz aufstellt,
daß, weil er die Interessen der Beamten vertrete, eine Organisation
derselben zu gleichen Zwecke entbehrlich und schädlich sei. Offenbar
ist es der Geist des patriarchalischen Bureaukratismus, der aus dieser
Auffassung spricht und sich in den schärfsten Gegensatz stellt zu der
modernen Anschauung, daß auch der Beamte Staatsbürger ist und alle
Rechte desselben ausüben darf, soweit er nicht zu den Pflichten seines
Amtes in Widerspruch tritt. Diese Pflichten verbieten ihm aber nicht,
Wünsche auf Verbesserung seiner Lage auf gesetzlichem Wege geltend zu
machen, und der Umstand, daß die Beamten dies gemeinsam thun, kann die
an sich berechtigte Handlungsweise nicht zu einer unberechtigten machen.

Jedenfalls hat der Postassistentenverband durch seinen jüngsten Schritt
seinen gewerkschaftlichen Karakter im wesentlichen verloren und damit
auch das hohe sozialpolitische Interesse, das er vorher verdiente.


                    d) $Die Postunterbeamten$[131].

Bis zum Jahre 1895 gab es in den größeren Städten eine Anzahl
Unterbeamtenvereine, die aber rein geselligen Karakter hatten.
Gewöhnlich war der Postdirektor oder ein anderer Vorgesetzter
ihr Ehrenmitglied. In einigen Städten, z. B. Breslau, Hannover,
Bremen, Hamburg, Köln, Dresden, Leipzig hatte man auch
Sterbeunterstützungskassen, welche mit den Vereinen in Verbindung
standen. In Berlin gab es zwei große Sterbekassen, die zusammen von
den 10000 Unterbeamten etwa 9500 umfaßten. Endlich bestand auch
noch für ganz Preußen die 1827 gegründete amtliche Sterbekasse für
Postunterbeamte, der aber nur 2900 Mitglieder angehörten.

  [131] Das benutzte Material verdanke ich der Redaktion des »Deutschen
        Postboten«.

Die Versuche, eine Gesamtorganisation der Postunterbeamten für das
Reichspostgebiet zu schaffen, gingen von zwei verschiedenen Seiten aus.
Die erste war der »$Deutsche Postbote$«, der am 1. Dezember 1895 ins
Leben gerufen wurde und nach kurzer Zeit über 20000 Abonnenten zählte.
Sein Begründer und Eigentümer ist der frühere Postassistent $Remmers$,
der aber in der Zeit der gegen den Assistentenverband gerichteten
Verfolgungen seine Stellung verlor und, nachdem er eine Zeit lang
in der Leitung des Verbandes und an der »Deutschen Postzeitung«
beschäftigt gewesen war, den Plan faßte, ein Organ zur Förderung der
Interessen der Unterbeamten zu schaffen.

Die Gründung des »Postboten« gab den Anstoß, auch eine eigentliche
Organisation ins Auge zu fassen, und zwar war der Urheber dieser
Bestrebungen der langjährige Vorsitzende der »Sterbekasse der
Briefträger«, der größten der beiden oben erwähnten Berliner
Sterbekassen, Postpackmeister a. D. $Allert$. Er hatte schon früher
die Gründung einer großen freien Sterbekasse der Postunterbeamten
Deutschlands ins Auge gefaßt, aber das Preußische Ministerium des
Innern verweigerte die hierzu erforderliche Genehmigung mit der
Begründung, daß die Uebersicht zu schwierig und die Organisation
zu teuer werden würde. Immerhin gelang es, in Dresden, Dortmund
und Hannover Bezirkssterbekassen ins Leben zu rufen, obgleich die
Postbehörde sich dazu feindlich stellte und vielmehr versuchte, die
alte amtliche Sterbekasse von 1827 wieder zu beleben.

Als sich der Gedanke einer allgemeinen Sterbekasse nicht zur Ausführung
bringen ließ, faßte $Allert$ den Plan, einen Unterstützungsverband
und eine Witwen- und Waisenkasse zu schaffen. Dieser Plan ist in
dem »$Verbande der deutschen Post- und Telegraphen-Unterbeamten$«
verwirklicht, der am 30. Januar 1898 gegründet wurde und im
Oktober 1898 bereits 6000 Mitglieder zählte, wovon allein auf
Berlin und Hamburg 3000 entfallen. Insbesondere in Hamburg hat die
Bewegung fruchtbaren Boden gefunden, und eine von den Post- und
Eisenbahnunterbeamten auf den 15. Februar 1898 einberufene gemeinsame
öffentliche Versammlung erklärte sich für die Notwendigkeit einer
selbständigen gewerkschaftlichen Organisation der in staatlichen
Betrieben beschäftigten unteren Beamten und empfahl deshalb allen
Beteiligten den Beitritt zu dem Postunterbeamtenverbande bezw. dem
Verbande der Eisenbahner.

Der Verband hat nach seinen Statuten den Zweck: A. durch Gewährung
einmaliger Unterstützungen an die Mitglieder, welche durch
Schicksalsschläge und andere unvorhergesehene Unglücksfälle in
Bedrängnis geraten sind, B. durch Errichtung einer Witwen- und
Waisenunterstützungskasse, welche nach Maßgabe der verfügbaren Mittel
den Witwen und Waisen der dieser Kasse angehörenden Mitglieder eine
fortlaufende Unterstützung gewährleistet -- die wirtschaftliche Lage
der Unterbeamten zu verbessern.

Ein klagbares Recht erwächst den gedachten Personen aus den hiernach in
Aussicht gestellten Unterstützungen gegen den Verband nicht, sondern
die Unterstützungen werden nur gewährt, soweit die Mittel reichen.

Der Verband stellt sich ferner die Aufgabe: sonstigen geeigneten, auf
die Hebung des Unterbeamtenstandes hinzielenden Einrichtungen oder
Veranstaltungen, sowie dem auf die Pflege von Treue zu Kaiser und
Reich, Vaterlandsliebe, Kollegialität und Geselligkeit gerichteten
Streben der angeschlossenen Vereine seine Unterstützung angedeihen zu
lassen.

Der Beitrag beläuft sich für die Unterstützungen unter A auf 10 Pf.,
für die unter B auf 25 Pf. monatlich. Der ersteren werden in Höhe von
25-100 Mk., der letzteren je nach der Dauer der Mitgliedschaft von
48-72 Mk. jährlich gewährt. Daneben hat der Verband in Uebereinstimmung
mit dem Assistentenverbande die Einrichtung des Familienbeirates.

Der Verband überläßt dem »Postboten« die Vertretung der eigentlichen
Berufsinteressen und benutzt ihn lediglich als Organ für seine
Veröffentlichungen.

Die Postbehörde, die unter Stephan den »Postboten« nicht behelligte,
hat jetzt gegen ihn ein Unterdrückungssystem ins Werk gesetzt, das
die kleinlichsten Mittel nicht verschmäht. Nicht allein werden die
Unterbeamten, die man als Besteller des Blattes ermittelt, von dem
Postdirektor vorgeladen und unter entsprechenden Androhungen veranlaßt,
dasselbe aufzugeben, ja in Hameln ist 19 Beamten wegen des Haltens
des Blattes der Dienst gekündigt, sondern selbst die in dem Blatte
aufgenommenen Familienanzeigen werden durchgesehen und die betreffenden
Beamten auf Weisung der Oberpostdirektion hierüber zur Verantwortung
gezogen[132]. Die Wirkung dieser Verfolgungen ist gewesen, daß die
Abonnentenzahl des Blattes zunächst von 20000 auf 15000 herabging, doch
beginnt sie schon wieder zu steigen, indem man statt des Postbezuges
andere Wege findet. Gegen den Verband als solchen ist man bisher nicht
eingeschritten, vielmehr sucht man auf seine Leiter einzuwirken, um
ihn von dem Blatte zu trennen und dieses dadurch zu isolieren; bisher
ist dies nicht gelungen.

  [132] Ich habe mich aus den mir vorgelegten Originalbriefen von der
        Wahrheit dieser kaum glaublichen Thatsachen überzeugt.

Fragt man nach dem Grunde dieser Maßregelungen, so ist er nur in der
grundsätzlichen Bekämpfung aller Organisationsbestrebungen unter den
Beamten zu finden. Der Beamte soll bedingungslos in der Behörde seinen
Vormund sehen, dem er einzeln demüthig seine Bitten vortragen darf,
aber jeder Zusammenschluß bedeutet schon die »Hydra der Revolution«. In
der Reichstagssitzung vom 4. Februar 1899 wußte der Staatssekretär des
Reichspostamtes gegen den »Deutschen Postboten« keinen anderen Vorwurf
zu erheben, als daß er für die Postunterbeamten Gehälter fordern,
die unmöglich gezahlt werden könnten. Also das ist ein Verbrechen
einer Fachzeitung, das mit deren Tode gesühnt werden muß. Noch in den
letzten Nummern schreibt das Blatt u. a.: »Die Entfernung derjenigen
Elemente, die sozialdemokratischen Anschauungen Ausdruck geben, aus
unsern Reihen, ist uns sehr lieb; ausgeschlossen aber sollte sein, daß
jemand, der seine Rechte energisch verteidigt, zum Sozialdemokraten
gestempelt und entlassen wird. Ein dergestalt Entlassener wird erst
nach der Entlassung ein echter Staatsfeind und führt lediglich einige
Dutzend neue Genossen dem Umsturz zu. ---- Wir sind patriotische
deutsche Männer, wir verfolgen keine unerlaubten Ziele, da sollte man
uns bei unserer loyalen Haltung nicht in den Weg treten. Strengste
Pflichterfüllung, unbedingte Unterordnung unter die Disziplin der
Postverwaltung, treues Festhalten an Kaiser und Reich! In diesem
Sinne werden wir unsere Thätigkeit fortsetzen. ---- Unser Bestreben
soll es sein, zu beweisen, daß wir loyale Männer sind, die nichts
weiter wünschen, als die Vertretung der Berufsinteressen, wie sie
jedem anderen Stande zugestanden wird.« -- Das sind jedenfalls für ein
»sozialdemokratisches« Blatt recht ungewöhnliche Erklärungen.

Die Wirkungen des Vorgehens der Postverwaltung auf die Stimmung der
Beamten konnten natürlich nicht ausbleiben. In einem Briefe schreibt
mir die Redaktion des »Postboten«: »Die Unterbeamten hingen mit
geradezu kindlicher Liebe an dem neuen Staatssekretär, sind aber durch
die falschen Maßnahmen der Behörde wieder so hochgradig erbittert, daß
ein großer Teil wieder der Sozialdemokratie Material liefern wird,
was fast ganz aufgehört hatte, solange der »Deutsche Postbote« sich
wirklich in energischer Weise ihrer Interessen annehmen konnte. Herr
v. $Podbielsky$ war schlecht beraten, als er eine nationalgesinnte,
wenn auch dem Unterbeamtenstande entsprechend in etwas sehr freimütiger
Weise geleitete Fachzeitschrift in der Weise angriff. Ein Teil
Furchtsamer wird eingeschüchtert, ein großer Teil geht weiter links.
Das sind die Folgen!«

Und dabei ist das derselbe Staatssekretär, der bei Antritt seiner
Stellung erklärte, er verlange von seinen Beamten nur, daß sie ihre
Schuldigkeit thäten; ihre persönlichen Angelegenheiten gingen ihn
nichts an! Es muß wohl auch einem von Natur aus verständigen Menschen
schwer werden, sich dem Einfluße der heute in den Regierungskreisen
herrschenden antisozial-bureaukratischen Strömung zu entziehen.

Um den »Postboten« zu unterdrücken hat die Postbehörde zugleich
ein neues Konkurrenzblatt ins Leben gerufen, das unter dem Namen
»Neue Post« seit Oktober 1898 erscheint. Dasselbe will nach seiner
Probenummer die Angelegenheiten der Postunterbeamten »in einer
deren Interessen dienlichen Weise« zur Erörterung bringen. Er will
»kraftvolle Förderung des Wohles der Unterbeamten, aber mit der
Verwaltung, nicht $gegen sie$.« Auch die »deutsche Verkehrszeitung«
begrüßt das neue Unternehmen, für dessen Verbreitung auf amtlichem
Wege lebhaft Propaganda gemacht wird. Man wird abwarten müssen, ob die
Postunterbeamten das Urteil über die »ihren Interessen dienliche Weise«
der Erörterung ihrer Angelegenheiten ihren Vorgesetzten überlassen oder
für sich selbst in Anspruch nehmen wollen.

Uebrigens sucht die Postbehörde auch ihrerseits an verschiedenen Orten
Postunterbeamtenvereine ins Leben zu rufen, offenbar um dem Verbande
Konkurrenz zu machen; auch hat man bereits Beamte gemaßregelt, die
für den Verband agitiert hatten. In neuester Zeit ist der Kampf gegen
ihn in aller Form aufgenommen durch einen Erlaß des Staatssekretärs
vom 30. Mai 1899 in dem es heißt, daß Postunterbeamtenvereine, welche
sich der Pflege kameradschaftlicher Geselligkeit und der Hebung der
wirtschaftlichen Lage ihrer Mitglieder widmen, in vielen Fällen
segensreich wirken können, aber nur insofern sie sich auf einzelne Orte
und deren Umgebung beschränken, daß aber »bei der Verschiedenartigkeit
der Verhältnisse in den einzelnen Bezirken und in Hinblick auf die
Größe des Reichspostgebietes die Ausdehnung solcher Vereine auf mehrere
Oberpostdirektionsbezirke für unrichtig zu erachten« sei. Zugleich
wird bestimmt, daß »als Vorstände und in sonstige leitende Stellen nur
solche Mitglieder gewählt werden dürfen, die noch in Dienst stehen«.
Die Begründung mit der Verschiedenheit der Verhältnisse und der Größe
des Reichspostgebietes ist das Muster einer Verlegenheitsphrase;
weshalb sagt man nicht offen, daß solche Vereine nur solange geduldet
werden sollen wie sie klein und machtlos sind und ihre Leiter
der jederzeitigen Maßregelung ausgesetzt sind? Es wäre übrigens
interessant, wenn sich einmal ein Vertreter dieses politischen Systems
der Aufgabe unterziehen wollte, nachzuweisen, daß diese Beschränkung
des Vereinsrechtes der Beamten, die doch auch sozusagen Staatsbürger
sind, nicht in Widerspruch stehe mit dem Vereinsgesetze und der
Verfassung, in welchen die Vereinsfreiheit aller Staatsbürger insoweit
gewährleistet wird, wie sie nicht durch das Gesetz selbst beschränkt
ist.


                     7. Die Eisenbahnbediensteten.

                           A. Beamte[133].

Dadurch, daß die Eisenbahnen in Deutschland in den letzten 3
Jahrzehnten ganz überwiegend in den Besitz des Staates übergegangen
sind, haben sich auch die Verhältnisse des Personals verschoben,
insbesondere hat sich ein gewisser Gegensatz zwischen den angestellten
höheren und mittleren $Beamten$ einerseits und den auf Kündigung
angenommenen $Arbeitern$ und Unterbeamten andererseits entwickelt.

  [133] Außer den hier erwähnten beiden Vereinen, die sich über ganz
        Deutschland erstrecken, giebt es noch eine Reihe von
        Landesvereinen, die aber an Bedeutung zurücktreten, sodaß
        es genügt, hier dieselben kurz anzuführen. Ich stütze mich
        dabei auf einen von dem Inspektor der österreichischen
        Nordwestbahn Sigismund Wolf in dem Klub österreichischer
        Eisenbahnbeamter in Wien am 10. Dezember 1896 gehaltenen und
        in der »Oesterreichischen Eisenbahnzeitung« veröffentlichten
        Vortrag: »Ueber Eisenbahnbeamtenvereine.« Eine andere
        Quelle ist der im Verlage von Robert Krause in Leipzig
        erscheinende »deutsche Eisenbahnkalender.« Organ der meisten
        deutschen Eisenbahnbeamtenvereine sind die in demselben
        Verlage erscheinenden »deutschen Verkehrsblätter. Allgemeine
        deutsche Eisenbahnzeitung«, die in durchaus antisozialem
        Sinne geleitet wird. Die hiernach in Betracht kommenden
        Vereine d. h. unter Ausschluß bloßer Versicherungsvereine,
        Sparkassen und dergl. sind: 1. Vereine mittlerer Beamter des
        Stations- und Abfertigungsdienstes Preußischer Staats- sowie
        der Reichseisenbahnen mit dem Sitze in Berlin gegründet 1893
        mit 78 Ortsvereinen und 5875 Mitgliedern. 2. Der Landesverein
        Württembergischer Verkehrsbeamten in Stuttgart, gegründet 1886
        mit 20 Bezirks- und 64 Ortsvereinen und 950 Mitgliedern. 3.
        Der bayrische Verkehrsbeamtenverein in München, gegründet 1883
        mit 5568 Mitgliedern. 4. Der Verein badischer Eisenbahnbeamten
        in Karlsruhe, gegründet 1890 mit 10 Bezirksvereinen und 900
        Mitgliedern. 5. Der Verein der Beamten der Königl. Sächsischen
        Eisenbahnen in Chemnitz, gegründet 1885 mit 5 Bezirksvereinen,
        71 Ortsgruppen und 6900 Mitgliedern. 6. Am 14. Juni 1896
        ist auch ein Verein der Reichseisenbahnbeamten in Straßburg
        begründet, dem bei seiner Gründung 500 Mitglieder beitraten;
        Ende 1897 belief sich die Zahl auf 1000.

Wie schon oben bei den Postbeamten bemerkt wurde, ist der staatliche
Karakter des Arbeitgebers für die Beamten kein ausreichender Schutz,
um die gewerkschaftliche Organisation überflüssig zu machen, obgleich
solche Bestrebungen gerade da, wo sie nötig werden, auch den Widerstand
und die Verfolgungssucht der oberen Behörden hervorzurufen pflegen. Ein
Beispiel hierfür bieten auch die $Eisenbahnbeamten$, nur daß hier die
Maßregelungen den Erfolg gehabt haben, der ihnen bei den Postbeamten
zum Teil versagt geblieben ist, nämlich die oppositionellen Tendenzen
völlig zu unterdrücken.


                 a) $Deutscher Eisenbahnbeamtenverein$.

Das Gesagte tritt, abgesehen von dem bereits oben behandelten
bayrischen Verkehrsbeamtenvereine, der, wie dort bemerkt, Post- und
Eisenbahnbeamte gemeinsam umfaßt, insbesondere hervor bei der einzigen
Vereinigung der Eisenbahnbeamten, die nach ihrem Zwecke alle Klassen
derselben umfaßt, nämlich dem »$deutschen Eisenbahnbeamtenvereine$« in
Hannover[134].

  [134] Das benutzte Material verdanke ich dem Geschäftsführer des
        Vereins Herrn Schirmer in Hannover.

Anfang 1892 entstand in Hannover der »Rechtsschutzverein deutscher
Eisenbahn-Verkehrsbeamten«, dessen Zweck darin bestand, »seinen
Mitgliedern in allen auf den Eisenbahndienst bezüglichen Strafsachen,
sowie in denjenigen Zivilprozessen, welche aus dem Eisenbahndienste
heraus entstehen, den nötigen Rechtsschutz angedeihen zu lassen«,
außerdem auf Verhütung von Eisenbahnunfällen hinzuwirken, die
Einrichtung besonderer Eisenbahngerichte zur Untersuchung der
Betriebsunfälle anzustreben und Wohlfahrtseinrichtungen zur
Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Vereinsmitglieder in
die Hand zu nehmen. Zum Beitritte waren berechtigt »alle dauernd
angestellten Eisenbahnbediensteten von deutschen Lokomotiveisenbahnen
mit Ausschluß der selbständig betriebenen Bergwerks-, Industrie-
u. dgl. Bahnen, soweit sie zum Betriebe oder zur Bahnbewachung in
irgend welcher Beziehung stehen«, und zwar sowohl die aktiven als die
pensionierten.

Der Verein stand anfangs in Oppositionsstellung zu den Behörden,
wurde von ihnen verfolgt und war im Begriffe der Auflösung, als
man im September 1892 sich entschloß, diese Haltung zu ändern und
an die Stelle des Oppositionsprinzipes das Loyalitätsprinzip zu
setzen und die unruhigen Elemente zu entfernen. Man erweiterte den
»Rechtsschutzverein« zu dem »deutschen Eisenbahnbeamtenverein«, dessen
Zweck nach dem am 8. Juli 1894 beschlossenen Statute dahin geht, »die
wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Mitglieder zu fördern und die
kollegialen und idealen Interessen, sowie den Sinn für Patriotismus und
Pflichttreue derselben zu pflegen«.

Diese Bestimmungen sind auch in dem neuen Statut vom 15. Mai 1898
beibehalten, in dem überhaupt nur untergeordnete Punkte geändert
sind. Der Verein hat wiederholt energische Beschlüsse gefaßt, um das
Eindringen der Sozialdemokratie in seine Reihen zu verhindern und seine
strenge Loyalität zu betonen; mehrere Eisenbahndirektionspräsidenten
sind seine Ehrenmitglieder. Die ordentlichen Mitglieder zerfallen in
aktive und passive, je nachdem sie noch im Dienst sind oder nicht.
Der vierteljährliche Beitrag beträgt für die ersteren 50 Pf., für die
letzteren 25 Pf.

Der Schwerpunkt der Vereinsthätigkeit liegt auch jetzt noch in
der Rechtshülfe, insbesondere der Uebernahme der Verteidigung bei
Anklagen gegen Vereinsmitglieder wegen Betriebsgefährdung. Solche
Fälle wurden im Jahre 1898 90 erledigt. Daneben wird eine »allgemeine
Interessenvertretung« bezweckt, die sich auch auf das Verhältnis zu
den vorgesetzten Behörden, Gehalt, Dienstwohnung, Pensionierung,
Umzugskosten u. dgl. bezieht. Im Jahre 1898 wurden 130 solcher Fälle
erledigt. Außerdem besitzt der Verein eine Unterstützungskasse,
eine Spar- und Darlehenskasse und gewährt seinen Mitgliedern bei
Unfallversicherung durch vertragsmäßige Uebereinkunft mit einer
Versicherungsgesellschaft besondere Vorzüge. Die 1895 beschlossene
Sterbegeldkasse hat wegen ungenügender Beteiligung noch nicht errichtet
werden können.

Bis Ende 1896 hatte der Verein mit den Vereinen von Sachsen, Baden,
Württemberg und Darmstadt hinsichtlich der Rechtshülfe eine gemeinsame
Organisation, die aber seit 1897 aus dem Grunde aufgelöst ist, weil
angeblich die Behandlung von Betriebsunfällen in den anderen Ländern
eine viel mildere ist, als in Preußen, so daß durch die gemeinsame
Rechtshülfe die außerpreußischen Mitglieder überlastet wurden. Auch
die Zugehörigkeit des Vereins zu dem Verbande der deutschen und
österreichischen Eisenbahnbeamtenvereine ist nach dem Beschlusse der
am 16. Oktober 1898 abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung
gelöst, dagegen wird die Errichtung eines Bundes mit allen Preußischen
Eisenbahnbeamtenvereinen angestrebt.

Die Mitgliederzahl betrug Ende 1896 8146 in 217
Vertrauensmännerbezirken, aber obgleich 1897 1100 neue Mitglieder
beitraten, ging die Zahl dennoch durch Bildung besonderer Vereine,
insbesondere des Landesvereins für Elsaß-Lothringen, wodurch 2388
Mitglieder austraten, Ende 1897 auf 6858 herunter, doch war sie Ende
1898 wieder auf 7752 und am 1. Juli 1899 auf über 9000 gestiegen. In
die Spar- und Darlehenskasse des Vereins waren bis Ende 1898 10120 Mk.
eingezahlt. Vereinsorgan sind die »Deutschen Verkehrsblätter«.


              b) $Verein deutscher Lokomotivführer$[135].

Der Verein ist im Jahre 1866 in Ludwigshafen von dem jetzigen
Ehrenmitgliede desselben, $Scotti$, gegründet und zählte bei der
letzten Generalversammlung am 14. Juni 1897 13640 Mitglieder.
Aufnahmefähig ist jeder Lokomotivführer und zur selbständigen Führung
einer Lokomotive Berechtigte, soweit ihm die Eigenschaft eines
öffentlichen Beamten beigemessen ist, sowie höhere Betriebsbeamte
solcher Bahnen, welche die deutsche Sprache als Geschäftssprache
führen. Zweck des Vereins ist nach den Statuten die Wahrnehmung
der gemeinsamen Interessen, insbesondere aber die Fortbildung und
Belehrung in ge