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Title: Memoiren einer Grossmutter, Band II - Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert
Author: Wengeroff, Pauline
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Memoiren einer Grossmutter, Band II - Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert" ***

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                  MEMOIREN EINER GROSSMUTTER



                       Pauline Wengeroff


                  Memoiren einer Grossmutter

             Bilder aus der Kulturgeschichte der
             Juden Russlands im 19. Jahrhundert


                            Band II


                        [Illustration]


                            BERLIN
                   Verlag von M. Poppelauer
                             1910



         Alle Rechte, besonders das der Übersetzung
                in fremde Sprachen vorbehalten.



Inhaltsverzeichnis.


                                                               Seite

   1. Vorwort                                                      1

   2. Zweite Periode der Aufklärung                                5

   3. Meine Verlobung                                             28

   4. Das Brautjahr                                               47

   5. Ankunft in Konotop. Hochzeit                                64

   6. Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern                     77

   7. Die Wandlung                                                99

   8. Weitere Schicksale                                         115

   9. Alexander II.                                              129

  10. Zwei Worte sagte meine kluge Mutter                        134

  11. Kowno                                                      136

  12. Wilna                                                      147

  13. Helsingfors                                                152

  14. Petersburg                                                 165

  15. Die gefährliche Operation. -- Die Reform in der Küche      174

  16. Die dritte Generation                                      179

  17. Der Tod meines Mannes                                      213



Vorwort.


Ermutigt durch die Anerkennung, die der erste Band gefunden hat, gehe
ich mit freudigem Bewußtsein an die Herausgabe des zweiten Bandes meiner
Memoiren.

Dem Vorhaben gemäß, treu und ungekünstelt die Vergangenheit zu
schildern, wie sie noch heute in -=meinem Herzen=- und -=meiner
Erinnerung=- lebt, will ich hier den Faden meiner Erzählung
weiterspinnen und Bilder entschwundener Zeiten vorbeiziehen lassen. Ich
will nicht daran denken, daß es ein Buch werden soll. Ich setze mich
wieder an den alten gemütlichen Platz und erzähle: Von meiner Verlobung,
vom Brautjahr, von der Hochzeit und all dem, was noch nachher kam.

Die Aufzeichnungen dieses Bandes stehen teilweise noch unter dem Zeichen
des jugendlichen Frohsinns, der mich in meiner Braut- und
Vermählungszeit umfing, des ehelichen Glückes, das noch in jenes goldene
Zeitalter fiel, in dem die jüdischen Familien und Ehen fest gefügt waren
und aufgebaut auf dem Boden der Liebe, der Treue und der Freundschaft.

Aber die alten Zeiten schwanden und mit ihnen manches Schöne und Große
des jüdischen Lebens. Neue Zeiten kamen, die neue Sitten brachten.
Andere Saiten wurden angeschlagen, und allmählich bildeten sich neue
Werte. Der Zeitgeist zerriß das patriarchalisch-beschauliche jüdische
Familienleben und höhlte eine Kluft zwischen den Alten und den Jungen.

Aber ich danke Gott, daß es ihm gefiel, mich bis zu diesem Tage zu
erhalten, und daß es mir vergönnt war, die Stunde schlagen zu hören, die
so große Wandlungen im jüdischen Leben brachte, das Wiedererwachen der
Zionsliebe, das Ringen um die volksverwaiste Jugend. Gleich an dem
ersten Klang erkannte das alte Herz die große jüdische Melodie, die so
lange geschwiegen und einst so tief und so weit ertönte...

       *       *       *       *       *

Zieht nun hinaus, ihr Blätter in die Welt. Ihr waret mein tröstender
Schatz, da sich Gewitterwolken um meine Heimat ballten. Wolken, aus
denen grausig die Gespenster des Mittelalters lugten. Einsam und
verlassen zog ich in ein gastliches Land. Bei meinen Schwestern Käthe
und Helene in Heidelberg fand die wandermüde Greisin ein Heim. Die Liebe
endet nimmer. Ich hatte Helene einst in schwerer Krankheit gepflegt,
hatte ihren Kummer getragen gleich wie den meinen. Nun nahm sie die
Einsame auf. Eine Heimat wurde mir der große, viereckige Tisch in ihrem
Zimmer, auf dem meine Zettel lagen, die armseligen Reste eines reichen
Lebens. Aber der milde Glanz vergangener Tage lag über ihnen. Die
Erinnerung hob die steinernen Male von den Grüften der Zeiten und weckte
die Vergangenheit zu neuem Sein. Es waren wundersame Stunden. Weißt du
noch, Helene? Wie oft lachten wir in den Unmut der Gegenwart hinein in
seligen Gedanken! Und ach, die Tränen, die dummen, wie oft umflorten sie
unsere Blicke...

Zieht nun hinaus, ihr Blätter, in die Welt! Aus der Liebe seid ihr
geworden, die Liebe hat euch behütet in meinen Wanderjahren. Bringt nun
auch die Liebe zum alten Volkstum meinen jungen Brüdern und
Schwestern!...

Ob ihr die Kraft habt zu diesem beglückenden Segen -- ich weiß es nicht.
Aber ich möchte es so gerne hoffen. Und ich darf es vielleicht hoffen,
ohne darum schon als eitel zu gelten, weil ein Mann, der meine
Erinnerungen liebte, mir den Mut der Hoffnung gab. -=Dr. Gustav
Karpeles=-, der so früh dahinging, dieser gütige und kenntnisreiche
Mann, schrieb mir die folgenden Briefe, den letzteren Brief noch kurz
vor seinem Tode. Ich setze sie hierher, und mag ihm selbst nur seine
Liebenswürdigkeit gegen eine Greisin die Feder geführt haben.


                       Berlin W., den 25. 1. 06. Kurfürstenstr. 21/22.

                Sehr geehrte gnädige Frau!

     Ich habe Ihre Arbeit sofort mit dem größten Interesse gelesen.

     Für eine einmal wöchentlich erscheinende Zeitschrift sind, wie
     gesagt, Ihre Memoiren nicht zu verwenden, da diese in einem so
     großen Werk völlig ertrinken würden. Dagegen wäre es wünschenswert,
     wenn diese interessanten Zeit- und Kulturbilder in Buchform
     erschienen.

     Das Kapitel über Dr. Lilienthal bin ich übrigens gern bereit, in
     der »Allgemeinen Zeitung des Judentums« abzudrucken, und wenn Sie
     damit einverstanden sind, bitte ich Sie, es mir freundlichst
     retournieren zu wollen.

                       In vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener

                                                gez. Karpeles.

       *       *       *       *       *

                   Berlin W., den 3. April 1909. Kurfürstenstr. 21/22.

                Sehr geehrte gnädige Frau!

     Ich habe auch Ihr neues Manuskript mit großem Interesse gelesen und
     finde, daß der zweite Band mindestens so interessant ist wie der
     erste, ja zum Teil noch viel interessanter. Ich bin auch überzeugt,
     daß derselbe viel gelesen werden wird.

     Wenn ich auch selbstverständlich nicht wieder ein Vorwort dazu
     schreiben kann, was ja ausgeschlossen ist, so will ich doch in der
     »A. Z. d. J.« und im »Jahrbuch für jüdische Geschichte und
     Literatur« darüber berichten und das Werk empfehlen, wo ich nur
     kann.

     Mit den besten Wünschen und Grüßen bleibe ich Ihr verehrungsvoll
     ergebener

                                                gez. Karpeles.



     Motto:

                          Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters;
                          Wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht;
                                                     Psalm 71, 9.

                          Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
                          Und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir.
                                                     Psalm 51, 13.


Zweite Periode der Aufklärung.


In dem ersten Bande meiner Memoiren habe ich von dem bedeutungsvollen
Auftreten Dr. Lilienthals in Litauen erzählt, von seiner hinreißenden
Wirkung auf die Jugend, von seiner kulturellen Mission der
bevorstehenden Chederreform, von den ersten Anfängen der beginnenden
Aufklärung. Die Jugend, die bisher ausschließlich den Talmud studiert
hatte, war von den neuen Gedanken begeistert und arbeitete mit einem
heiligen Ernst an der eigenen geistigen Entwicklung. Ihr Ideal war die
Vereinigung der allgemeinen Bildung mit dem Talmudstudium. Erst
Lilienthal hatte dieses Verlangen, die engen Grenzen des alten Wissens
zu erweitern und von dem »Apfel der Erkenntnis« zu kosten, zum
sichtbaren Durchbruch gebracht.

Neben Lilienthal war es der Begleiter und Sekretär von Montefiore, Louis
Loewe, der während seines Aufenthaltes in Rußland überall die
Gelegenheit ergriff, die jüdische Jugend von der Notwendigkeit der
europäischen Bildung zu überzeugen. Seine Worte fanden einen
machtvollen Nachhall, denn Loewe war zugleich ein im westeuropäischen
Sinne gebildeter Mann -- und ein guter Talmudist: In ihm waren die
idealen Forderungen der damaligen Jugend erfüllt. Loewe war wie kein
zweiter geeignet, den neuen Werten Geltung zu verschaffen. War er doch
der Begleiter Montefiores. Und es konnte nicht fehlen, daß die fast
abgöttische Verehrung, die diesem großzügigen und tapferen Philanthropen
in allen Ländern, wo Juden wohnten, zuteil ward, ihren Glanz auch um
Loewe breitete. Wen Montefiore seiner ständigen Begleitung würdigte, der
durfte offen sprechen. Er hatte nichts zu fürchten, und jeder hatte die
Gewißheit, daß sein Wort einer reinen Überzeugung entwuchs und nur der
Sicherung und Adelung des Judentums gelten konnte.

Es war im Jahre 1846. Ein kaiserlicher Ukas war erschienen, nach dem
alle im Bereiche von fünfzig Werst von der russischen Reichsgrenze
wohnenden Juden vertrieben werden sollten. Das war für viele Tausende
Familien der Ruin.

Hier setzte die Arbeit Montefiores ein. Sie ging zum Siege. Die
Ausführung der drakonischen Bestimmungen wurde zunächst wenigstens
verhindert.

Es geschah nicht zum ersten Male, daß Montefiore sich seiner
Glaubensgenossen annahm. Bei allen Juden Europas war die Erinnerung an
jene denkwürdige Reise nach Egypten noch lebendig, wo Montefiore das
entsetzliche Blutmärchen zerstört, die Bedrängten geschützt hatte und
die Ehre des jüdischen Namens vor der Welt hatte wiederherstellen
können.

Fast mehr noch als über den Erfolg seiner Arbeit in Rußland waren die
Juden erfreut über die ehrenvolle Behandlung, die das würdige
Greisenpaar erfuhr. In jeder größeren Stadt wurde Montefiore von einem
hohen Beamten empfangen, der ihn bis zur nächsten Station begleitete.
Die Herren -=mußten=- so handeln. Auf Geheiß der Regierung! Mochten sie
auch ihren Ingrimm schlecht verhehlen.

Selbst am kaiserlichen Hofe wurde das Ehepaar wohlwollend empfangen, und
die Höflinge behandelten Sir Montefiore, den englischen Sheriff, mit
Ehrerbietung.

Kaiser Nikolaus I. war bei der letzten Audienz sehr huldvoll und
versprach Montefiore, seinen Glaubensgenossen gegenüber nachsichtiger zu
handeln, bemerkte aber zum Schluß: »Wenn doch viele Juden in meinem
Lande Ihnen, mein Herr, ähnlich wären!« und riet Sir Moses Montefiore,
die Juden von Litauen und Polen auf seiner Rückreise genauer kennen zu
lernen.

Auf der Rückfahrt wurden Sir Moses Montefiore und seiner Gemahlin
seitens der Juden die größten Ehren erwiesen. Jede größere Stadt
bereitete ihnen einen feierlichen Empfang. Der Rabbiner und die
vornehmen Juden, denen sich angesehene Männer, Delegierte anderer
Städte, anschlossen, gingen den Gästen eine große Strecke Weges zu Fuß
entgegen, um sie zu bewillkommnen. Leider konnten sie sich nicht
unmittelbar mit dem Ehepaare verständigen, denn Sir Moses Montefiore und
Lady Judith sprachen nur englisch. Als Dolmetscher diente ihr Begleiter
Dr. Loewe. Ihr Hauptaugenmerk wandten sie überall dem Leben der Juden
zu, das sie durch viele wohlerwogene Fragen bis in alle Einzelheiten zu
ergründen suchten. Wirtschafts- und Kulturstand reizten sie in gleicher
Weise.

Dabei verhehlten sowohl das Ehepaar Montefiore wie Dr. Loewe nicht, daß
sie das Aussehen und das ganze Gebaren der Juden peinlich berührte. Dr.
Loewe sprach es immer wieder aus, daß die Annahme westeuropäischer
Bildung für die russischen Juden ein absolutes Erfordernis sei. »Wenn
der Messias kommt und das jüdische Reich wiederhergestellt wird, dann
dürfen die Juden nicht hinter anderen Völkern zurückstehen. Die jüdische
Jugend muß sich bilden, um für die bürgerliche Freiheit vorbereitet zu
sein.«

Unsere Stadt hat das hohe Paar auf dieser Reise freilich nicht berührt.
Eine Deputation wurde aber abgesandt unter der Leitung des Rabbiners Reb
Jankew Meïr Padower, um Montefiore die Wünsche und den Dank auch unserer
Gemeinde zu überbringen. Mein Vater wäre der erste gewesen, welcher zu
dieser Deputation hätte gehören müssen. Leider hielt ihn eine Krankheit
zu Haus fest. Aber im Geiste folgte er jedem Schritt der hohen
Reisenden; denn fast jeden Tag erhielt er eingehende Berichte. Es waren
festliche Stunden in unserm Hause, wenn diese Berichte einliefen. Ich
sehe noch den wunderbaren Glanz der Seligkeit in seinen Augen, wenn er
mit den Tischgenossen, mit uns Kindern, die einzelnen Ereignisse
besprechen konnte. Besonders lebhaft stehen noch in meiner Erinnerung
jene denkwürdigen acht Tage, welche die hohen Gäste in Wilna verlebten.
Von Petersburg her war dem Generalgouverneur Mirkowitsch eine Mitteilung
zugegangen, wodurch schon nach außen hin dieser Reise eine ganz
besondere Bedeutung gegeben war.

Von der fünften Poststation vor Wilna erhielt auch die jüdische Gemeinde
durch eine Estafette Nachrichten vom Nahen »der göttlichen Gesandten«,
wie die russischen Juden damals das Ehepaar Montefiore nannten.

Eine freudige Erregung ergriff die jüdische Bevölkerung Wilnas. Die
Gemeinde bereitete den vornehmen Gästen in dem reichen Hause des
bekannten Reb Michel Kotzen eine bequeme Wohnung und sorgte für eine
reichhaltige, streng koschere Verpflegung.

Die angesehensten Bürger der Stadt, mit dem Rabbiner und Stadtprediger
an der Spitze, fuhren den Gästen bis zur nächsten Poststation entgegen.
Tausende Juden versammelten sich in der Wilnaer Vorstadt Schnippeschock,
um schon hier die Erwarteten mit Jubel zu empfangen. Und als der Wagen
endlich in Sicht kam, da erscholl aus tausend Kehlen zugleich ein
begeisterter Ruf: »B'ruchim haboim b'schem Adaunoj!« (»Gesegnet seien
die Nahenden im Namen Gottes!«) Es klang so mächtig stark, daß die Luft
weithin erzitterte. Der Rabbiner segnete die Angekommenen in deutscher
Sprache und der Stadtprediger in hebräischer. Die Ältesten der Gemeinde
überreichten ihnen ein Gelegenheitsgedicht, das den Titel »Hakarmel«
führte. Das Greisenpaar war von diesem Empfang zu Tränen gerührt und
dankte der Gemeinde herzlich. Das Volk drängte sich so dicht an den
Wagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kommen konnte. -- Die Polizei
war nicht mehr imstande, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auch sie
wurde von der großen Menschenmenge fortgerissen. So, von vielen
Zehntausenden begleitet, kam der Zug in Wilna an. Die Straßen waren
überfüllt, sogar auf den Dächern sah man viele Leute. Die Kaufleute
verließen ihre Geschäfte. Die Handwerker ihre Werkstatt. In der ganzen
Stadt war eine festtägliche Stimmung.

Das war Mittwoch, der 14. April 1846!

Am nächsten Tage stattete Sir Montefiore in Begleitung von Dr. Loewe
dem Generalgouverneur einen offiziellen Besuch ab. Hier wurde er mit den
größten Ehren empfangen. Er verhandelte mit dem Generalgouverneur mehr
als zwei Stunden über jüdische Angelegenheiten und begab sich dann zu
den höheren Militärbeamten.

In den nächsten Stunden erwiderten die Exzellenzen den Besuch der
jüdischen Gäste. Der Generalgouverneur lud das ehrwürdige Paar
Montefiore zu einem ihnen zu Ehren veranstalteten Bankett ein. Höflich
dankend lehnte Montefiore die Einladung ab, weil er als Jude nichts bei
ihnen genießen dürfe. Der Generalgouverneur bat ihn, mit Früchten,
Konfitüren und Tee vorlieb zu nehmen und ließ nicht ab, bis Sir Moses
Montefiore ihm entgegenkam.

Am Freitag waren schon am frühen Morgen die Straße und das Haus, wo
Montefiores wohnten, von einer großen Menschenmenge umlagert, denn es
hieß: Sir Moses Montefiore werde alle Wohltätigkeitsanstalten ohne
Unterschied der Nationalität aufsuchen. Der Polizei kostete es große
Mühe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hauptsächlich in den
Straßen, wo die Anstalten sich befanden. Ein Schwarm von Armen
verschiedenen Alters und Glaubens folgte dem Gast, der unterwegs große
Summen Geldes verteilte.

Als Sir Montefiore in seine Wohnung zurückkehrte, erwartete ihn eine
Überraschung: Die angesehensten Bürger der Stadt hatten, der damaligen
Sitte entsprechend, den Gästen zum Sabbath die feinsten Weine und Kuchen
gesandt.

Am Vorabend wollte das fromme Ehepaar zum Gebet in die Synagoge, konnte
aber im Gedränge nicht vorwärts kommen und war gezwungen umzukehren.

Am Sonnabend morgen war das Gedränge in den Straßen Wilnas nicht
geringer. Man mußte daher Sir Montefiore und Lady Judith auf einem
Seitenwege in die Synagoge führen, aber auch hier wurden sie von der
Menge fast auf Händen getragen. In der Synagoge fanden sie ein
auserwähltes, aus Juden und Christen bestehendes Publikum vor, das sich
hier auf besondere Einladung eingefunden hatte. In der Vorhalle der
Synagoge wurden sie vom Synagogenvorstand begrüßt. Zehn junge, schöne,
weiß gekleidete Mädchen streuten vor ihnen Blumen. Eines von ihnen trat
hervor und bewillkommnete sie mit einem Gedicht, das die Reise des
wohltätigen Paares besang.

Im Betraum selbst wurde für sie ein besonderes Gebet gesprochen.

Sonntags fuhr das Ehepaar Montefiore zu dem Bankett beim
Generalgouverneur. Es schien, als ob es nicht dieselben Menschen wären,
die gestern so bescheiden und einfach in der Synagoge gekleidet waren.
Sir Montefiore saß stolz aufgerichtet, in der roten, reich mit Gold
gestickten Sheriffsuniform, an der Seite einen großen, mit Brillanten
besetzten Degen, auf dem Kopfe einen mit Straußfedern geschmückten Hut,
neben ihm Lady Judith in der prächtigsten Kleidung einer englischen
Hofdame.

Der hohe polnische Adel war in den Empfangszimmern des
Generalgouverneurs bereits versammelt, als die englischen Gäste
eintrafen. Der Hausherr empfing sie in der Vorhalle. Ein polnischer
Graf, der an diesem Bankett teilnahm, behauptete, daß die Ohrringe der
Lady Judith den Wert aller Güter der anwesenden Magnaten überstiegen.
Ein anderer wieder konnte die höhnische Bemerkung nicht unterdrücken,
warum man denn so viel Wesen von einer Jüdin mache.

Im Laufe des Abends lud der Generalgouverneur Sir und Lady Montefiore zu
einer Vorstellung im Theater ein, die ihnen zu Ehren gegeben wurde, um
dem aus allen vier Gouvernements zu den Wahlen versammelten polnischen
Adel Gelegenheit zu geben, das würdige Greisenpaar kennen zu lernen.

Während der folgenden Tage sprachen viele angesehene Leute bei Sir
Montefiore vor, um mit ihm über die Angelegenheit der Juden in Rußland
zu beraten, hauptsächlich über den im nächsten Jahre bevorstehenden
Zusammentritt einer jüdischen Kommission in St. Petersburg. Viele Juden
waren aus der Provinz nach Wilna gekommen, um an diesen Beratungen
teilzunehmen.

Und bis zur letzten Stunde ihres Aufenthaltes in Wilna herrschte diese
freudige, gehobene Stimmung. Die Juden verlebten jene Woche in dem
erhebenden Bewußtsein, daß diese beiden von Gott gesegneten Menschen in
ihrer Mitte verweilten. Unter Tränen und Bezeugungen der Dankbarkeit
nahmen die Juden Abschied von dem Greisenpaar. Noch unterwegs an der
Landesgrenze feierten Montefiores mit einer Truppe jüdischer Soldaten
das Osterfest.

Die Verehrung für das Greisenpaar stieg bis zur Vergötterung. Tausende
von ihren Bildern wurden hergestellt, und jeder Jude sah es für eine
Ehre an, sich auch ein solches Bild anzuschaffen. Noch jetzt, nach mehr
als fünfzig Jahren, findet man dieses Bild in guten jüdischen Häusern an
der großen Wand über dem Sofa angebracht, und in den jüdischen Herzen
haben sich jene Tage unvergeßlich eingeprägt.

Nach zahlreichen Gefahren und großen Strapazen trafen Montefiores in
London ein und wurden hier in einer feierlichen Audienz von der Königin
Viktoria empfangen. Die Königin schlug Sir Montefiore zum Ritter, und
als er zu ihren Füßen kniete, berührte sie, die übliche Zeremonie
vollziehend, seine Schulter mit dem Degen, und rief ihn an: »Steh auf,
Ritter von Jerusalem, Moses Montefiore!« Und der Saal, in dem die
Zeremonie stattfand, war mit zahlreichen Fahnen geschmückt, die alle die
Inschrift »Jerusalem« trugen.

Ich erinnere mich, bei dieser Gelegenheit einmal eine deutsche
Übersetzung[1] aus einer englischen Zeitung, eine Episode aus der
Mädchenzeit der Königin Viktoria gelesen zu haben. Vor vielen Jahren
ging eines schönen Morgens in London ein kleines Mädchen mit ihrer
Erzieherin spazieren. Sie kamen an einem großen, reichen Hause, das von
einem Garten umgeben war, vorbei. Durch das Gitter sah man eine
prächtige rote Rose, die so wunderbar schön war, daß sie unter allen
anderen Blumen hervorragte. Das Kind ergötzte sich an der Blume und
wollte sie endlich pflücken. Doch rasch ergriff die Erzieherin das
Händchen des Kindes, um es an der Ausführung seiner Absicht noch
rechtzeitig zu verhindern. Das kleine Mädchen fügte sich ohne Murren dem
Willen seiner Mentorin und setzte, ohne das Gesicht zu verziehen, den
Spaziergang weiter fort. Als es nach Hause kam und in sein Zimmer trat,
fand es zu seiner größten Freude einen Strauß roter Rosen vor. --
Das kleine gehorsame Mädchen war niemand anders als die spätere Königin
Viktoria von England und der Spender des Straußes war der später von ihr
zum Ritter ernannte Moses Montefiore.

Bei dem Aufenthalt in Wilna war es auch, als Louis Loewe in einer mit
Argumenten und Zitaten des Talmuds reich verzierten Rede der zahlreichen
Menge in der Synagoge bewies, daß die jüdische Tradition das Erlernen
der Wissenschaften und fremden Sprachen weder ausschließt, noch verpönt.
--

Daß in diesen Zeiten Moses Mendelssohn ein »Führer der Verirrten« werden
mußte, begreift sich leicht. Seine deutsche Bibelübersetzung und seine
philosophischen Werke hatten die jüdische Jugend dem deutschen Geiste
und der deutschen Sprache näher gebracht. Bisher kannte sie die Bibel
nur als ein religiöses Buch -- jetzt tauchten vor ihr neue
Gesichtspunkte auf. Man fing an, dieses Buch der Bücher mit weltlichen
Augen zu betrachten. Der Nimbus der Unantastbarkeit schwand. Die Kritik
setzte ein.

Es war eine Revolution der jungen Geister!

Die Älteren nannten diese Jugend jetzt in dem Sinne »Berliner«, wie man
sie Ende der dreißiger Jahre »Apikorsim« (Abtrünnige) hieß. Mehr noch
als dem lebendigen Lilienthal galt ihr Ingrimm dem toten Philosophen,
den sie nach seiner Geburtsstadt den »Dessauer« nannten.

Die deutsch-russischen Werke, die »treifenen Büchelach« wurden von den
Alten nur widerwillig geduldet: ehe der Sabbath begann, mußten sie,
ebenso wie jeder Rest der Wochenarbeit, weggeräumt werden. Den ganzen
Sabbath hindurch blieben sie versteckt.

Allein bei dem immer mächtigeren Drange der Jugend zur Aufklärung
konnten diese Maßregeln nicht lange bestehen. Mochten die Eltern sich
noch immer »bösern« (ärgern), sie mußten schließlich nachgeben.

Die neuen Aufklärungsideen des Berolinismus konnten natürlich in dem
Teile Litauens, der an Kurland mit seiner deutschen Kultur grenzt, die
besten Früchte tragen. Aus dieser Gegend ging auch ein Mann hervor, der
in der Geschichte der jüdischen Aufklärung in Rußland keine geringe
Rolle gespielt hatte -- der erste jüdische Student in Rußland -- L.
Mandelstamm. Als siebzehnjähriger Junge begeisterte er sich bereits an
Mendelssohn und 1844 folgte er dem Beispiel seines Vorbildes und
übersetzte die Bibel. Ins Russische. In Rußland herrschte noch zu jener
Zeit das Verbot, über heilige Dinge russisch zu schreiben; und
Mandelstamms Bibelübersetzung konnte zuerst nur im Auslande erscheinen.
Erst 1869 erschien sie auch in Rußland.

Nachdem Lilienthal nach Amerika gegangen war, hatte Mandelstamm die
Stellung des gelehrten Juden im Ministerium für Volksbildung erhalten.
Ihm fiel die Aufgabe zu, den von dem Kultusminister Uwaroff und
Lilienthal gemeinsam ausgearbeiteten Plan der Reformation des
Schulwesens durchzuführen und die Leitung der neubegründeten Schulen zu
übernehmen. Den neuen Zielen dienten die Wörterbücher Mandelstamms, aus
denen ganze Generationen von »Jeschiwabachurim« die Anfänge der
russischen Sprache lernten.

Die Kenntnis der Werke fremder Nationen ließ die Jugend an der eigenen
Religion rütteln und schütteln; und allmählich schwand aus dem jüdischen
Leben die Pietät für die althergebrachte Tradition für die Gesetze und
Bräuche. Die Prophezeiung: Das Wort Gottes wird hintangesetzt und die
heilige hebräische Sprache vernachlässigt werden, hatte sich
bewahrheitet.

Meine Familienchronik hält außer meinen beiden Schwägern, von denen ich
bereits im ersten Bande erzählte, noch die Erinnerung an zwei junge
Leute fest, die von den neuen Ideen mitgerissen waren. Der eine war mein
älterer Bruder E. Epstein, der andere der Gatte meiner Schwester K., A.
S. Beide waren begabte, wißbegierige, fleißige junge Männer; sie
gehörten in Brest, wo der Kreis der Gebildeten schon ziemlich groß war,
zur Elite der Stadt. Sie verbrachten nur noch ihre Jünglingsjahre an den
Talmudfolianten aber der »Melamed« war nicht mehr ihr einziger Lehrer.
Das Talmudstudium wurde von ihnen nur in bestimmten Stunden betrieben,
nicht mehr wie in der guten alten Zeit meiner älteren Schwäger Tag und
Nacht. Dennoch hatte mein Schwager gemeinsam mit meinem Bruder unter der
Leitung des Vaters und eines Melameds das »Lernen« sogar noch einige
Jahre nach der Verheiratung fortgesetzt. Es war schon die Zeit, da die
Lilienthalsche Bewegung in breitere und tiefere Schichten drang. Jetzt
durfte man es wenigstens wagen, die »fremden Bücher« zu studieren; und
die jungen Leute in Brest nutzten diese Möglichkeit nach jeder Richtung
aus. Sie veranstalteten Versammlungen, in denen man deutsche Klassiker,
wissenschaftliche Werke, besonders aber die der alten Griechen las.
Allmählich wurden auch Frauen zu diesen Zusammenkünften zugelassen.

Alle Eltern mißbilligten diesen Eifer, denn bei dieser Gelegenheit wurde
so manche jüdische Sitte verletzt. So fanden oft die Zusammenkünfte am
Sonnabend statt, worin die Eltern schon eine Entweihung des Sabbaths
sahen. Und so gab es wieder Hader und Ärger im Familienleben; und
manche tragikomische Szene spielte sich vor meinen Augen ab: der ewige
Kampf der Alten und Jungen, wenn auch nicht immer der gleiche.

Wenn ich so heute rückschauend die kleinen Ärgernisse wieder bedenke, so
muß ich doch gestehen, daß die Alten wohl wußten, was sie taten. Mit
Äußerlichkeiten fing die Revolution an. Wir Jungen mochten nichts daran
finden. Die Alten aber erkannten, daß auch nur der leisesten Veränderung
in der Tradition, der äußeren Gehabung eine Revolutionierung des inneren
Menschen folgen müsse. Ich muß lächeln und bin doch wieder ernst
gestimmt, wenn ich an die Entrüstung denke, mit der meine Eltern die
Versuche meiner Schwester zurückwiesen, den Bann der alten Tracht zu
durchbrechen. Es war in den vierziger Jahren. Da kam die wunderliche
Mode der Krinoline auf. Bei uns freilich wurde dieses Monstrum noch auf
eine sehr primitive Art hergestellt. In einen Kattunrock machte man
unten einen breiten Saum und zog einen Rohrreifen ein. Ein zweiter
Reifen, der auch umsäumt wurde, folgte etwa einviertel Meter höher. Nach
vielem heißem Bemühen war meine Schwester Kathy glücklich in den Besitz
eines solchen Monstrums gekommen. Eines Morgens -- wir saßen
stillvergnügt im Eßzimmer -- tauchte plötzlich ein Faß in unserem Zimmer
auf und darin steckte Kathy. Meine Mutter machte große Augen: »Was hast
du da für ein Faß angezogen?« Und ohne sich auf irgendeine weitere
Debatte einzulassen, befahl sie, daß das bauschige Ding sofort zu
verschwinden habe. Meine Schwester fing heftig zu weinen an; denn sie
war sehr empfindlich. Aber sie blieb noch eine Weile stehen, ohne sich
zu regen. Da rief ihr die Mutter zu: »Soll ich dir beim Auskleiden
vielleicht behilflich sein?« -- Das genügte. Weinend lief Kathy in ihr
Zimmer, wohin meine Mutter ihr folgte, bemächtigte sich des fatalen
Rockes, riß die Rohrreifen heraus, knickte sie schneckenartig zusammen
und brachte sie nach der Küche. Auf dem Herde war ein gutes Feuer, und
der Dreifuß stand darauf. Die Flammen griffen gierig nach der neuen
Mode. Sie hatte in unserm Hause wenigstens den Vorteil, daß sie das
Wasser in der Kasserolle schneller zum Kochen brachte.

Nicht viel besser erging es meiner Schwester Eva. Sie hatte sich nach
der damaligen Mode eine Manischka, eine Art Jabot, aus weißem Musselin
angefertigt und erschien also angetan am Freitag Abend am Eßtisch. Meine
Eltern waren aufs höchste entrüstet. Mein Vater sagte empört: »Du siehst
wie eine Goje aus. Wie kann eine jüdische Tochter ein Kleid tragen, das
an der Brust durchsichtig ist!« Meine Schwester wagte noch einige
Bemerkungen, daß sie ja keine böse Absicht gehabt und nur geglaubt
hätte, das neue Kleidungsstück stehe ihr so gut zu Gesicht. Aber eine
Diskussion gab's weiter nicht. Das Jabot mußte sofort abgelegt werden
oder E. durfte nicht an den Tisch kommen. Für diesen Sabbath war die
Stimmung im Hause zerstört. Aber das Wort der Eltern hatte doch noch die
Kraft, diese modernen Versuche der Jugend zu unterdrücken.

Bezeichnend für die noch unerschütterte elterliche Autorität war auch
eine Episode, die ich hier erzählen möchte. Das ist sicher kein
welthistorisches Ereignis. Und doch spiegelt sich ein gut Stück
Kulturgeschichte der Juden darin. Es war an einem Sabbath-Nachmittag.
Das Sabbathschläfchen, das als Auneg Schabbes zu den obligatorischen
Genüssen des Sabbaths im Ghetto gehörte, hatte man bereits hinter sich.
Die meisten Juden ergingen sich nun, die Stimmung der abendlichen
Dämmerung genießend, auf der großen Chaussee. Die Männer natürlich
streng gesondert von den Frauen; und es war also, wie es in der Bibel
heißt: Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken. -- Gott weiß, wie
viele Jahrhunderte schon dieser Brauch im Judentum herrschte! Nun traf
es sich, daß mein Schwager A. Sack mit seiner Frau seine Mutter besuchen
wollte. Da wagte der junge Mann, in dem die Stürme der Zeit mächtig
wogten, eine unerhörte, revolutionierende Tat: er wollte diesen Besuch
gemeinsam mit seiner Frau machen. Freilich bis zu der Vermessenheit
wagte sich selbst dieser Stürmer und Dränger nicht, etwa durch die
belebtesten Straßen gehen zu wollen. Also richtig, sie verließen
zusammen das Haus und mußten an den Fenstern unseres Eßzimmers
vorbeigehen, wo zufällig mein Vater seinen Nachmittagstee trank. Er sah
die beiden Sünder, und der Zorn packte ihn. Er klopfte hastig an die
Fensterscheiben und rief in befehlendem Tone meiner Schwester zu: »Du
gehst sofort zurück. Dein Mann kann allein gehen. Für jüdische Frauen,
und gar für meine Töchter, paßt es sich nicht, dicht beieinander und
noch am hellen Tage zu spazieren.« -- Mein Schwager war natürlich sehr
aufgeregt. Aber er wagte es doch nicht, offenen Widerstand zu leisten.
Er ging allein seines Weges. Und meine Schwester, die wieder in das Haus
zurückgekehrt war, folgte ihrem Gatten erst, als sie annehmen konnte,
daß er bereits an seinem Ziele angelangt war.

Aber diese autoritative Stellung meines Vaters, der selbst die
Gewissensfragen niederzudrücken wagen konnte, wurde allmählich
erschüttert. Nach schweren inneren Kämpfen mußte er schließlich
erkennen, daß der Zaun um die jüdische Religion durchbrochen war; und er
war trostlos, sehen zu müssen, daß sein teuerstes Kleinod, die Religion,
die er in allen Stürmen des Lebens gehütet und verteidigt hatte, jetzt
verhöhnt wurde, daß der Sabbath und die Feiertage ihrer Weihe beraubt
und zum Werktage wurden. Mahnungen und laute Proteste verhallten
wirkungslos gegen den Zeitgeist. Was Wunder, daß schließlich beiden
Teilen, den Alten und den Jungen, das gemeinsame Leben auf die Dauer
unerträglich wurde. Sowohl meinen Bruder, wie den Schwager Sack hielt es
nicht mehr im Hause. Es trieb sie hinaus in die große, weite Welt. Sie
hatten beide noch keine größere Stadt als Brest gesehen. Aber sie
hofften in der Fremde vorwärts zu kommen. Sie beluden sich nicht mit
allzu schwerem Gepäck; aber sie nahmen viel ehrliches Streben mit, einen
leichten Kindersinn, starkes Selbstvertrauen, edle Vorsätze und einen
unerschütterlichen Glauben an die Menschheit und an die Zukunft. Mit
diesen gediegenen Reiseutensilien ausgestattet, rissen sie sich nicht
ohne Schmerz und Kampf von Weib und Kind los und folgten ihrem dunklen
Drange, der sie mächtig fortzog. Sack verlor auch im späteren Leben
nicht die Kraft der modernen Überzeugungen und die Kenntnisse der alten
jüdischen Kultur. Er blieb durch sein Leben ein Kämpfer für die
Aufklärung. Die neue Zeit mit allen ihren kulturellen Inhalten zu
ergreifen, galt sein unermüdliches Bestreben. Er stand hoch über dem
geistigen Niveau seiner Umgebung. Aber seine gemütvolle Art und sein
sprühender Geist schlossen jede Überhebung aus. Ein inniger Ton
herrschte in seinem Hause, und daran konnten seine äußeren Erfolge
nichts ändern. Sein edler Charakter, seine Menschenliebe, seine
Opferfreude zeichnen ihn vor vielen aus. Der Titel »Exzellenz«, den
Alexander III. dem verdienten Direktor der Petersburger Diskontobank
verlieh, fügte seinem Wesen keine neue Note zu. Der Geist, der in seinem
Hause herrschte, verschwebte nicht, als der arbeitsfrohe Mann starb. Er
ließ seiner Frau -- meiner Schwester Kathy -- das schöne Vermächtnis,
von ihrem Gute immer den Armen, den Ringenden, den Verzagenden zu geben.
Von ihrer stillen Klause ging viel Edelmut aus. Nahe und Ferne --
Künstler und Gelehrte wissen davon zu sagen. Ich aber darf davon
schweigen....

Die Liebe war der ganzen Familie ein Teil, die Liebe, so auch der
Bildung entraten kann. A. S.' ältere Schwester war zwar kein Kind der
Moderne. Das alte jüdische Haus hatte sie erzogen zur Stille der Seele.
Wie sie voller Gehorsam und Selbstverleugnung ihrer vielfordernden
Mutter gegenüberstand, so innig zärtlich war sie zu ihren Stiefkindern.
Sagt nicht die Volkslegende, daß der Platz der Stiefmutter im Paradiese
leer steht? Ich glaube, er ist jetzt besetzt...

-- Wie schnell die Zeiten wandern: man konnte diesen Zug mit
überraschten Augen an den Brüdern des S.schen Hauses verfolgen.

Mußte der älteste noch um die Anerkennung der Aufklärung ringen, bei
seinen jüngeren Brüdern galt die Beschäftigung mit der Bibel und dem
Talmud nur noch als Zugabe zum neuen Programm. Sie wandten ihre ganze
Mühe und ihren ganzen Fleiß meistenteils auf das Studium der fremden
Sprachen[2].

       *       *       *       *       *

Ähnlich und doch anders war das Leben meines Bruders Ephraim geartet.
Ich mag dieses Kapitel nicht schließen, ohne in wehmütiger Ergriffenheit
noch zu sprechen von seinen Schicksalen, seinen Wanderungen und seinen
-- Wandlungen.

Mein Bruder Ephraim glich mehr meiner Mutter als unserm Vater. Der
Vater war herbe und streng. Die Mutter war weich und schwärmerisch.
Ihr hing er mit ganzer Seele an. Er war der einzige Sohn im Hause. Der
Träger des Namens, der »Kaddisch«. Was Wunder, daß Vater und Mutter und
wir Schwestern ihn alle verzogen! Der ernste Sinn meines Vaters führte
ihn früh in die heiligen Hallen der Bibel ein. Er war noch nicht zehn
Jahre, da kannte er schon einen großen Teil der fünf Bücher auswendig.
In seinem elften Jahre war er im Gedankenkreise der Propheten heimisch.
In ihrer Wucht, in ihrer Schwermut, in der Innigkeit und Größe ihrer
religiösen Welt fand er seine geistige Nahrung. Und es war sein
höchstes Entzücken, wenn er in der Synagoge den Prophetenabschnitt
vorlesen konnte. In seiner wunderbaren Stimme lag die ganze Romantik
eines schwärmerisch-seligen Knaben. Andächtig lauschten die Hörer.
Aber mein Vater war voller Stolz, und die Gewißheit eines Erben seiner
nationaljüdischen Überzeugung war in ihm. Als Ephraim zwölf Jahre
wurde, erschloß sich ihm die Welt des Talmud. Nebenher aber lernte er
die russische und deutsche Sprache und sang mit köstlicher Freudigkeit
die Lieder der fremden Völker. Dabei war er durchaus kein Stubenhocker.
Der Ernst seines Studiums hatte niemals die frohe Kindlichkeit
verdrängt. Unter seinen jugendlichen Kameraden war er der lustigsten
einer. Und voll purzelnder Einfälle war sein Spiel. Seine Laune konnte
den Trübsten erheitern. Wie oft mußten wir Schwestern über ihn, mit
ihm lachen! Schmollend böse und doch belustigt nannten wir ihn den
»Köppeldreher«. Wirklich, er konnte jedem den Kopf verdrehen.

So wuchs er heran, zwar freier werdend in seiner Auffassung des
Judentums. Denn dem Geiste der Lilienthalschen Epoche konnte sich eben
kein junges Gemüt entziehen. Aber die Kraft seiner tiefen Religiosität
war unerschütterlich. Da trat in sein Leben ein Ereignis, das sein
Schicksal werden sollte. Die Eltern drängten darauf, daß er sich
verheirate. Ihre Wahl traf auf unsere Cousine. Er liebte sie nicht, und
sie ihn auch nicht. Aber der Wille der Eltern bestand. Der Großvater
wollte nicht, daß das Vermögen zerstreut würde. So mußte Ephraim denn,
ob er wollte oder nicht wollte, das Mädchen heiraten. Nach der Geburt
seines ersten Kindes ging Ephraim nach Nordamerika. Er hatte die
Zustimmung seiner Frau. Aber es war doch das unglückliche Leben, das ihn
aus der Heimat drängte. Und an Zwiespalt mit den Eltern fehlte es auch
nicht: die Aufklärung höhlte zwischen dem Vater und dem Sohne eine tiefe
Kluft.

Auszug nach Amerika! Es war eine Wanderung aus dem Lande der
Knechtschaft. Dort in der Freiheit wollte er ein neues Leben beginnen,
schaffen und studieren, um seine ganze Kraft und seinen seelischen
Reichtum an neuen Zielen zu erproben. Die Überfahrt war schrecklich.
Neun Wochen in einem Segelschiff! Fast vier Wochen in eisiger Kälte, den
Stürmen des Kanals ausgesetzt. Einsam und verlassen war er nun im
fremden Lande: und seine Geldmittel waren geschwunden. Von seiner Hände
Arbeit konnte er nicht leben. Er hatte ja nichts gelernt, um sich
durchzusetzen. Er versuchte es mit dem Handel. Er versuchte es mit
Fabrikarbeit. Aber das war kein Leben für den geistig angeregten Mann.
Da leuchtete seiner Nacht ein Hoffnungsstern: Lilienthal. Derselbe
Lilienthal, der in der Brester Jugend die Kultursehnsucht erregt hatte,
lebte jetzt in New York. Ephraim ging zu ihm. Er erzählte ihm die
Geschichte seines Leides. Aber es war ein kalter Empfang, der das weiche
Gemüt des jungen Lebensstürmers vollends verwirrte. Was ein hartes Wort
alles kann! Ein gütiges Wort: wie anders hätte sich das Leben meines
Bruders in der Zukunft gestaltet! Er fing wieder mit grober Arbeit an.
Der Landbau war ja den jungen Kämpfern als das höchste Ideal gezeigt
worden. Er ging auf eine Farm. Zu einem Christen, der ihn freundlich
aufnahm. Bald konnte er sich eine eigene kleine Farm erwerben, die
ungefähr zwölf Meilen von New York entfernt war. Hier in dem neuen
Kreise fügte er sich ganz in die neuen Lebensgewohnheiten ein. Er ging
in die Kirche. Er lauschte der Predigt. Besonders war es die Rede eines
Geistlichen, dessen Worte von Sünde, Strafe, Reue und Vergebung ihn
mächtig packten. Von der jüdischen Gesellschaft hielt er sich ganz fern.
Die Predigt war eigentlich seine einzige geistige Erholung. Da fand er
einen Freund. Einen Jugendgefährten aus seiner Heimat Brest, der nach
vielen Wanderungen in Amerika als Blasinstrumentenmacher gelandet war.
Dieser Freund hatte das Judentum verlassen, und er wußte Ephraim zu
bestimmen, die Taufe zu nehmen. Das war ein folgenschwerer Schritt. Man
wurde auf ihn aufmerksam. Seine reichen Kenntnisse der biblischen und
talmudischen Literatur sollten nutzbar gemacht werden. Er gab seine Farm
auf, wurde Theologe und wanderte bald als Prediger von Stadt zu Stadt.
Mit großem Erfolge konnte er sein Studium beenden. Noch während seiner
Seminarstudien rief er seine Frau und sein Kind aus Rußland zu sich. Sie
kamen. Aber es war bei aller äußeren Friedlichkeit doch keine
Gemeinschaft. Es gibt eben im Leben sensitiver Menschen so manches
Verbogene, das nie gerade gerichtet werden kann, und so manche Lücke,
die sich nie füllt. Seine Freunde drängten meinen Bruder, daß er sein
Leben der Judenmission widme. Er fand sich dazu bereit. Aber nur unter
der Bedingung, daß er zuvor Medizin studieren dürfte. Seinem Willen
wurde entsprochen; und nach weiteren drei Jahren konnte er sein
ärztliches Studium abschließen. Er wurde nach der Balkanhalbinsel
gerufen, wo er in mehreren Städten einige Jahre verlebte. Seine
Missionsarbeit hatte keinen Erfolg. Und als ihm die Mittel für eine
Missionsschule versagt wurden, trennte er sich bald von dieser Tätigkeit
und übte fortan nur die medizinische Praxis aus. Unter Juden, Türken,
Bulgaren und Griechen fand er eine große Klientel. Im Beginne der
sechziger Jahre erhielt mein Bruder die Nachricht, daß nach dem Tode des
Großvaters ihm und seiner Frau mehrere tausend Rubel zugefallen seien.
Sein Familienleben war auch in der Türkei nicht glücklicher geworden als
in Amerika; und so kam ihm die Erbschaft gerade recht, seine
unbezwingbare Sehnsucht zu erfüllen. Er wollte seine Geschwister
wiedersehen. Und seine Mutter. Die Geschwister konnten vielleicht
verzeihen. Die Mutter kannte keine Verzeihung. In einer Stadt
Deutschlands traf man sich. Das Wiedersehen war qualvoll,
herzzerreißend. Die alte Mutter fiel dem Sohne zu Füßen und schwur, daß
sie nicht eher aufstehen würde, als bis der Sohn wieder zum Glauben
seiner Väter zurückkehrte und nie wieder während ihres Lebens nach
Amerika ginge. Mein Bruder gab das Versprechen. Er blieb in Deutschland
und wurde ein Jude, der getreu die Satzungen seiner Religion
beobachtete. Die Sohnesliebe siegte. Er blieb eine kleine Zeit mit
Mutter und Vater in Deutschland. Sie fühlten sich glücklich. Sie hatten
ihr Lebensziel erreicht. Ihr Sohn gehörte wieder zu ihnen. Es war, als
wären sie in ihrem hohen Alter noch mit einem Kinde beglückt worden. Ehe
aber die Eltern heimkehrten, hatten sie noch eine schwere Aufgabe. Die
innerlich längst zerbrochene Ehe meines Bruders wurde nach jüdischem
Rechte geschieden. Die Frau behielt das eine Kind; das andere war
inzwischen gestorben. Mein Bruder ging nach Wien, um sich weiteren
medizinischen Studien zu widmen. Indessen kam es, daß unsere alte Mutter
das Zeitliche segnete. Ephraim war nun frei. Er konnte wieder an die
Rückkehr nach Amerika denken. Inzwischen war der Krieg Österreichs gegen
Italien ausgebrochen. Mein Bruder machte die Seeschlacht bei Lissa unter
Admiral Tegetoff als Korvettenarzt mit. In einem englischen Epos besang
er dann diese Schlacht. Tegetoff nahm die Widmung dankend an, und der
Kaiser belohnte den dichtenden Arzt mit einer Ehrengabe von 600 Florin.
Nun kehrte mein Bruder nach Amerika zurück, wo er an einer Reihe
Universitäten als Professor der Sprachen wirkte. Bald nahm er indes
wieder seine Praxis auf, ging nach Chikago, wo er noch heute
Mitredakteur des American Journal of Clinical medicine ist. Er hatte zum
zweiten Male in Cincinnati geheiratet. Sieben Kinder sind aus dieser Ehe
entsprossen. Trotz seiner 81 Jahre ist er rüstig tätig, und seine
Mitbürger halten ihn in Ehren.



Meine Verlobung.

     Station Ratomke bei Minsk, am 20. Juli 1898, unter der Eiche auf
     der kleinen Bank im Walde niedergeschrieben. Erinnerungen an meine
     Verlobung im Jahre 1849.


Der Zufall fügte es, daß ich gerade heute auf die Schatulle stieß, in
der meines Mannes und meine Briefe aus unserer Verlobungszeit aufbewahrt
liegen. Ich öffnete sie, blätterte nachdenklich in den vergilbten
Papieren, und ehe ich es merkte, umfing mich die ganze glückliche
Vergangenheit. Ich vergaß meine Umgebung und las -- Die Eiskruste,
welche das Leben um mein Herz gebildet hat, fühlte ich allmählich
schmelzen, die Jugend stieg in mir auf und mit ihr all die Gefühle, die
ich einst durchlebte, so frisch, so lebhaft, als wenn es gestern gewesen
wäre. Vergessen waren die Gegenwart, alle Sorgen, alle Leiden, die ich
in den siebenundvierzig Jahren durchgemacht habe -- ich war wieder
die sechzehnjährige Pessele in ihrem trauten Heim, von Eltern und
Geschwistern umgeben.

Und ein Bild nach dem anderen stieg plastisch in meiner Erinnerung
empor: Die letzten Zeiten eines sorglosen Daseins; die Schule, das
fleißige, eifrige Lernen; dann das neuerwachende Gefühl, das so
plötzlich und unerwartet in mein Leben trat -- die junge Liebe --
Träume -- Hoffnung -- Sehnsucht -- Verlobung -- Hochzeit --

Sie lassen mich nicht los, all die lieben Erinnerungen, und der Wunsch
wird in mir rege, alles das, was ich einst erlebte, niederzuschreiben
für meine Kinder zum Andenken an ihre Mutter.

       *       *       *       *       *

Nach der Vermählung meiner älteren Schwester E. F. hatte ich noch mehr
als früher in unserer Wirtschaft zu besorgen. Außer der Wirtschaft aber
lernte ich sehr viel, ich wurde immer fleißiger, als ob mir eine innere
Stimme sagte, daß ich nicht mehr lange im väterlichen Hause werde
schaffen können. Ich besuchte mit noch einigen Mädchen eine
Privatschule, wo wir in der russischen und deutschen Sprache
unterrichtet wurden. Unser Lehrer war ein älterer Herr, namens David
Podrewski. Sein schiefer Mund erschwerte ihm häufig die Aussprache
mancher harten russischen Worte, weshalb wir ihn nicht immer verstehen
konnten. Von den beiden Sprachen war ihm in der Tat nur die deutsche
geläufig; seine Kenntnisse in der russischen Sprache waren sehr
mangelhaft. Zwei Rubel monatlich für dreistündigen täglichen Unterricht
-- das war sein Honorar.

Ich hatte eine große Freude an Büchern. Da uns aber in jenen Zeiten
keine Kinderbibliothek zur Verfügung stand, so las ich alles, was mir
unter die Finger kam: Märchen, allerhand Erzählungen in Jüdisch-deutsch,
Gdules Josef, »Zenture, Wenture« (Abenteuergeschichten), Bobe-meisses,
(Bowe-Korelewitsch). Am meisten aber fesselten mein Gemüt die reichen
phantastischen, orientalischen Märchen von »Tausend und eine Nacht«.

Diese Lektüre befriedigte mich nur bis zu meinem elften Jahre; später
wurde Robinson Crusoe mein Lieblingsbuch und noch später Zschokke und
Schiller, dessen erster Band mit seinem poetischen Inhalt von uns
Mädchen gesungen und auswendig gelernt wurde. Dieses Interesse für
Schiller teilten wir mit der gebildeten jüdischen Jugend jener Tage, die
sich an diesem großen Dichter begeisterte und seine Werke fleißig
studierte. In die erdrückende, dumpfe Atmosphäre des Ghetto drang wie
ein Frühlingshauch Schillers Poesie, und die Juden bewunderten all die
Pracht und Schönheit, die vor ihnen so plötzlich auftauchte. Bei den
Juden spielte Schiller eine wichtige Rolle, sowohl in ihrem Leben, wie
in ihrer Literatur. Als die jüdische Jugend die Werke des Auslandes zu
lesen anfing, griff sie zuerst zu Schiller; an ihm begeisterte sie sich
und bildete ihre Kenntnisse der deutschen Sprache aus. Schiller lernten
die Männer auswendig, gleich uns jungen Mädchen. Und bald gehörte die
Kenntnis der Schillerschen Werke mit zum Studienprogramm eines
gebildeten Juden; er lernte den Talmud und Schiller und zwar den
letzteren in der gleichen Methode wie den Talmud. Es wurde jeder
wichtige Satz einzeln durchgenommen und laut über ihn nachgedacht;
Fragen und mögliche Antworten folgten einander, es wurde diskutiert,
solange bis man die befriedigende Lösung fand und den angeblich tiefen
Sinn, der -=hinter=- den Worten stecken sollte. In jener Zeit erschienen
auch zahlreiche Übersetzungen ins Hebräische, verfaßt von den besten
jüdischen Dichtern, die sich alle an Schiller versuchten. Die Ursache
dieser Popularität ist im Wesen der Schillerschen Poesie zu suchen,
ihrem intellektuellen Charakter, in dem Ernst, dem Pathos, in seinem
Idealismus, der alles Geschehene unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen
betrachtet.

In der Schule war's, wo ich zum erstenmal ein russisches Buch, eine
Sammlung Gedichte von Gribojedow und Schukowsky, in die Hand bekam.
Manches Gedicht dieser Sammlung rührte mich bis zu Tränen, und eine
Erzählung in Prosa, die Lebensschilderungen eines Einsiedlers, der sich
Wadim nannte und sein Freund Gostomisl -- diese beiden Helden alter
russischer Vergangenheit, mußte ich immer wieder und wieder lesen und
heute noch, nach Verlauf von 65 Jahren, weiß ich die ganze Geschichte
auswendig.

Monate vergingen seit der Hochzeit meiner Schwester, und ein Tag glich
dem andern; ich ahnte gar nicht, wie nahe der Tag war, der diesem
gleichmäßigen und ruhigen Leben ein Ende machen sollte. Als ich eines
Morgens auf unserem Balkon saß und mit den Schulaufgaben zu tun hatte,
näherten sich mir meine Eltern. Die Mutter faßte mich am Arm, befahl mir
aufzustehen, drehte mich herum und unterzog meine ganze Gestalt einer
Prüfung; dabei lächelte sie liebevoll und wechselte mit dem Vater
verständnisvolle Blicke.

Obwohl ich dieses Verhalten meiner Eltern nicht verstand, wurde ich
instinktiv unter ihren Blicken rot; ich wagte jedoch nicht, eine Frage
an sie zu richten. Die Mutter sah meine Verlegenheit, streichelte mir
zärtlich die Wange und entfernte sich im Gespräch mit dem Vater. Ich
blieb auf meinem Platz zurück, nachdenklich und regungslos. Was sollte
das sonderbare Benehmen der Eltern bedeuten? Lange quälte mich die
Frage, bis ich eine Erklärung zu finden glaubte: Ich hatte an diesem
Sommermorgen 1848 ein blaues Sommerkleid an, das meiner Mutter sehr
gefiel, und wahrscheinlich wollte sie mich in diesem Kleide dem Vater
zeigen, der uns Kinder stets hübsch gekleidet zu sehen wünschte.

So harmlos waren die Gedanken und Gefühle der Kinder zu jener Zeit, als
ihre Eltern sich bereits mit Heiratsplänen für sie umhertrugen.

Seit jenem Morgen aber veränderte sich das Benehmen aller Hausgenossen
mir gegenüber; man schenkte mir viel mehr Aufmerksamkeit als sonst, und
es fiel mir auf, daß Vater, Mutter und Geschwister mich oft mit eigenem
Interesse betrachteten. Erst in den nächsten Tagen erfuhr ich die
Ursache dieser sonderbaren Aufmerksamkeit. Mein Vater hatte einen Brief,
der einen Heiratsantrag für mich enthielt, zustimmend beantwortet.
Dieser Brief rührte von dem Rebben (Talmudlehrer) her, der sich auf der
Suche nach einer Braut für seinen Schüler befand.

Ganz nach der patriarchalischen Sitte hatten die Eltern meines Mannes
den Rebben des erwachsenen Schülers in die Welt geschickt, eine Braut zu
suchen. Die Schadchonim (Heiratsvermittler) zeigten ihm an, wo man
hübsche Mädchen aus guten Familien finden könnte.

Der Rebbe, der sich an meinen Vater schriftlich wandte, war bereits in
einigen Städten, hatte aber bisher die Gewünschte nicht gefunden. Und
nun kam er nach Brest, um in unserem Hause eine Braut für seinen
Schüler zu erlangen.

Die Eltern des betreffenden jungen Mannes waren reiche Leute und suchten
für ihre Söhne Frauen aus vornehmen jüdischen Familien. Der vornehme,
reiche Jude jener Zeit war immer bestrebt, eine Bas Towim, d. h. die
Tochter eines talmudisch Gebildeten, für seinen Sohn zu finden.
Andererseits scheute er keine Mühe und kein Geld, einen ebenso
gebildeten Talmudisten seiner Tochter zum Manne zu geben. Die
Talmudwissenschaft und ihre Pflege war für den damaligen Juden der
Hauptinhalt seines Lebens, die einzige Quelle seiner Weisheit und
geistigen Entwicklung.

Alles im Hause geriet in Aufregung. Jedermann wußte, wer der Fremde war,
und welche Absichten ihn zu uns führten. Ich allein wagte nicht daran zu
denken. Meine älteren Schwestern fanden sich mit ihren Männern zum
Familienrate ein, und der ältere Schwager übernahm die Vermittlung
zwischen meinen Eltern und dem Bevollmächtigten meiner künftigen
Schwiegereltern. Der Familienrat beschloß, den Rebben zum Tee
einzuladen. Niemand aber fand es für richtig, mich davon zu
unterrichten. Am Mittagstisch sprach man von diesem Ereignis nur in
Andeutungen. Die Eltern waren freudig gestimmt. -- Meine Aufregung aber
steigerte sich mit jeder Minute, und das arme Herz, in dem die Ahnungen
deutlicher und deutlicher aufstiegen, drohte zu zerspringen. Die ganze
Zeit am Tisch mußte ich mich zusammennehmen, um nicht in Tränen
auszubrechen.

Nach Tisch ging ich aus. Ich mußte allein sein mit meinen Gedanken, mit
all den neuen, ungekannten Gefühlen, die so plötzlich in mir erwachten,
und meinem jungen Leben einen ganz neuen Inhalt gaben. Ich befolgte
nicht den Rat meiner Schwestern, die mir zuredeten, ein schönes Kleid zu
nehmen, sondern behielt mein blaues Kleidchen mit der schwarzseidenen
Schürze an. »Er« sollte mich sehen, so wie ich jeden Tag bin, wie die
Meinigen und wie ich selbst mich sah.

Als ich gegen Abend nach Hause zurückkehrte, hieß es, der fremde Herr
sei bereits eingetroffen, wäre aber verhindert, zum Abendtisch zu
bleiben. Da er mich aber sehen mußte, veranlaßte mich mein Vater, die
brennenden Kerzen in sein Arbeitszimmer zu bringen, wo die beiden Herren
sich befanden. Ich gehorchte, nahm beide Leuchter mit den brennenden
Kerzen und ging in das Arbeitszimmer meines Vaters. Es war ein kurzer
Weg. Aber mir kam diese Zeit wie eine Ewigkeit vor. Wie viele Gedanken
rasten da in diesen wenigen Minuten durch meinen Kopf. Ein Sturm erhob
sich in meiner Brust; das Herz schien still zu stehen. Äußerlich aber
sah ich ganz ruhig aus. Ein leises Klopfen, und ich stand auf der
Schwelle dieses Zimmers, wie auf der Schwelle eines neuen Lebens.

Da mich das Licht blendete, hob ich die Kerzen in die Höhe, über den
Kopf, und stand so da, in ihrem vollen Lichte -- und harrte. Da
ertönte aus dem äußersten Winkel des Zimmers die Stimme meines Vaters,
der mit dem fremden Herrn auf dem Sofa sich unterhielt. Ich folgte
seiner Stimme, immer noch die Kerzen über meinem Haupte haltend.

Der Mann erhob sich vom Sofa, und mein Vater stellte mich ihm vor: »Das
ist mein Pessele.« Ich fühlte ein Paar große, kluge, schwarze Augen
forschend auf mich gerichtet. Es war ein prüfender, durchdringender
Blick, der mir sogleich sagte, daß des Rebben Reiseziel hier erreicht
war. Ich errötete unter diesem Blick und war nicht imstande, ein
einziges Wort zu sagen. Meine Schüchternheit und Verwirrung war so groß,
daß ich noch immer die Kerzen über meinem Kopfe hielt, bis mich mein
Vater darauf aufmerksam machte. Ich stellte die Leuchter auf den Tisch,
blickte noch einmal den Herrn an und entfernte mich lautlos aus dem
Zimmer.

Im Speisezimmer harrten meiner schon alle Angehörigen, die mich sogleich
mit Fragen bestürmten. Ich bat sie aber inständig, über die ganze
Angelegenheit gar nicht zu sprechen, weswegen ich unaufhörlich
ausgelacht und geneckt wurde.

Nach einer Stunde verabschiedete sich Herr Brim (so hieß der Rebbe) von
meinen Eltern, und trat noch an demselben Abend seine Rückreise nach
Konotop (800 russische Werst von unserer Stadt) an.

Bald kam aus Konotop ein Brief an, in welchem der Rebbe meinem Vater
berichtete, er hätte alles nach seinem Wunsch geordnet, und Herr
Wengeroff werde mit seinem Sohne und ihm selbst in den nächsten Tagen
die große Reise antreten. Wir sollten mit meinem zukünftigen Bräutigam
in einem 15 Meilen weit von uns entfernten kleinen Städtchen Kartuskaja
Berjosa zusammentreffen und, wenn wir einander gefielen, dort gleich die
Verlobung feiern.

Mein Mädchenherz kannte die Gefühle der Liebe noch kaum; plötzlich wurde
es aus seinem Schlummer gerissen. Nie geahnte Bilder stürmten auf mich
ein. In der Dämmerstunde saß ich jetzt oft und träumte von der Liebe,
von dem Manne, der mein Lebensgefährte werden sollte, und unserem
gemeinsamen Schicksal...... Es waren stille, lichte Träume, die ich
damals in der Dämmerstunde jeden Abend träumte; denn mein tiefgläubiges
Gemüt erhoffte alles Gute für die Zukunft. --

Ich suchte die Einsamkeit. Ich wollte allein sein mit meinen Träumen,
die ich so lieb gewann. Aber allein war ich nie, denn das Bild meines
Zukünftigen verließ mich nicht, und in meiner Phantasie nahm er die
verschiedensten Gestalten an: Einmal war er blond, mit hellen Augen, ein
anderes mal schwarz, und ein Paar dunkle, tiefe schöne Augen sahen mich
voll Liebe an. Ich errötete vor mir selber: so beschämten mich meine
Träume, aber ich hatte sie so lieb, lieb über alles. --

Manchmal, wenn ich so im Garten saß, in meine Träume verloren, stimmten
die Mädchen, die die Gartenarbeit verrichteten, neckende, schmeichelnde
Liedchen für mich an. Am liebsten hörte ich das Lied von dem schönen
Mädchen, das von vornehmen Rabbinern stammte:

    Schejn bin ich, schejn,
    Schejn is mein Numen;
    Ich kim doch haraus
    Von lauter Rabunim.

    Auf dem Dach sitz ich,
    Von der Sünn schwitz ich,
    Bloe Socken trog ich,
    Tausend Toler vermog ich.

    Kawe in die Kriglach,
    Met in die Flaschen,
    Tausend Toler...
    In die Taschen. --

       *       *       *       *       *

Die Vorbereitungen zu meiner Verlobung waren großartig. Ich erhielt sehr
schöne Sachen. Es wurde beschlossen, daß die jüngst vermählte Schwester
mit ihrem Manne, der ältere Bruder, Schwester Käthy und der ältere
Schwager Samuel Feigisch uns begleiten sollten.

Vierzehn Tage lang währte die Reise der Wengeroffs bis zu dem
vereinbarten Städtchen. Endlich war das Ziel ihrer Reise erreicht, und
sie setzten uns durch eine Estafette davon in Kenntnis. Wir reisten ab
und erreichten bereits am nächsten Tage in der Nacht Kartuskaja Berjosa.

Es war der 15. Juni 1849 -- ein Datum, das sich tief in mein Herz
eingeprägt hat und das ich nie vergessen werde.

Im Gasthaus, in dem wir Quartier nahmen, wurde uns gesagt, die
Wengeroffs wohnten im Gasthaus uns gegenüber; eine kleine, enge Gasse
liege nur dazwischen, und der Wirt versicherte uns, wir könnten von
unseren Fenstern auch in die ihrigen hineinschauen, zumal von dem
Stübchen, das für mich hergerichtet wurde. Ich begab mich auf mein
Zimmer, ordnete die Sachen und versäumte nicht, obwohl ich sehr müde
war, den Musselinvorhang zu lüften, um einen verstohlenen Blick ins
Nachbarfenster zu werfen. Eine heimliche Stimme in meinem Herzen
schmeichelte mir leise, daß von der anderen Seite das gleiche Manöver
öfters erfolgt sein mußte. Endlich übermannte mich die Müdigkeit, und
ich schlief fest ein.

Am nächsten Morgen weckten mich laute Stimmen aus dem Schlaf, die aus
dem Nachbarzimmer meiner Eltern herrührten, und die ich unwillkürlich
hören mußte. Die heftige Debatte zwischen meiner Mutter und meinem
Schwager berührte -- nach damaliger Sitte sehr eingehend -- die
materielle Seite der bevorstehenden Verlobung: Mitgift, Geschenke,
Juwelen usw. Man war über diese Fragen nicht einig und redete hin und
her. Erst mein Vater machte dem Streit ein Ende, indem er versicherte:
»Wenn nur die Talmudkenntnisse des jungen Mannes gut sind, wird sich das
andere schon machen lassen.«

Und nun rüstete sich mein Vater zu dem Akt, der mein Schicksal
eigentlich erst entscheiden sollte -- nämlich den zukünftigen
Schwiegersohn in seinen Talmudkenntnissen zu prüfen; denn der Grad der
Talmudkenntnisse war zu jenen Zeiten fast ausschlaggebend dafür, in
welche Familie der junge Mann hineinzuheiraten würdig sei. Kein Wunder.
Denn ausschließlich der Talmud war es, der als geistige Nahrung der
damaligen jüdischen Jugend zugänglich war und auf sie veredelnd und
verfeinernd wirken konnte. Zu anderen Wissensquellen führte die meisten
kein Weg.

Nun ging mein Vater zu den Wengeroffs. In freudiger Stimmung kehrte er
zu uns zurück; erging sich in den schmeichelhaftesten Äußerungen über
den jungen Mann und lobte überschwenglich seine talmudischen Kenntnisse.

Von dem alten Wengeroff war er ebenfalls ganz eingenommen. Kurz, er
wollte die Angelegenheit nicht verzögern und war entschlossen, noch an
demselben Tage die Verlobung zu feiern. Wir beide, ich und mein
Zukünftiger sollten noch vor dem offiziellen Verlobungsakt miteinander
bekannt werden. Zu diesem Zweck wurden Vater und Sohn zu uns eingeladen.

Als ich ins Speisezimmer hineinkam, waren meine Angehörigen schon dort
versammelt. Nach einigen Minuten trat ohne jede Meldung ein schöner,
ältlicher Herr ein, begleitet von einer jugendlichen, aber mächtigen
Gestalt. Alle erhoben sich und gingen auf die beiden zu. Ich konnte mich
vor Aufregung kaum aufrechthalten. Wir setzten uns. Ich suchte mich zu
beherrschen, um nach der damaligen Sitte ein Gespräch mit dem Vater
meines Zukünftigen anzuknüpfen. Es fand sich bald so reichlicher
Gesprächsstoff, daß die Unterhaltung allgemein wurde.

Die Meinigen sprachen das sogenannte Russisch-deutsch, während die
beiden Wengeroff einen litauisch-jüdischen Jargon gebrauchten und auch
den nur mangelhaft. Es stellte sich heraus, daß ihnen die russische
Sprache viel geläufiger war, und deshalb unterhielten wir uns weiterhin
meistens russisch. Bald war der kleine Kreis so vertraut miteinander,
als hätte man sich seit Jahr und Tag gekannt.

Allmählich entfernten sich die jungen Leute in das Nachbarzimmer, mein
Zukünftiger schloß sich ihnen ebenfalls an, und zuletzt forderte mich
meine Schwester Kathy auf, den anderen zu folgen. Hier wurde die
Etikette beiseite geschoben. Wir setzten uns zwanglos nebeneinander und
selbstverständlich kam ich in die Nähe meines Bräutigams. Kaum saßen wir
eine Weile nebeneinander, als das Zimmer leer wurde -- alle
entfernten sich, um uns beide ungestört zu lassen. Dieses Benehmen
ärgerte mich dermaßen, daß ich nicht fähig war, ein einziges Wort
hervorzubringen, und ich schwieg verlegen. Da fing aber mein
Zukünftiger an zu reden. Zitternd vor Bewegung sprach er zu mir von
seinen Gefühlen, von Liebe, Treue, von unvergänglicher Seligkeit. Viel
mehr als seine Worte sagten mir seine Augen.

Aber zwei junge Leute vor ihrer Verlobung durften nicht zu lange
miteinander allein bleiben. Es klopfte leise an der Tür, und Schwester
Kathy kam uns abzuholen.

Im großen Zimmer warteten alle auf uns, um die Verlobung zu feiern. Nach
der althergebrachten Sitte, die bei den frommen Juden noch heute gilt,
wurde ein Schriftstück, die »Tnoïm« aufgesetzt, worin genau verzeichnet
stand, wieviel Vermögen mein Bräutigam und ich mitbekommen, wann die
Hochzeit stattfinden sollte usw. Nachdem dieses Dokument laut vorgelesen
worden war, zerschlug man ein Gefäß. Diese Sitte war ein Symbol für die
Zerbrechlichkeit des irdischen Daseins. Und eine Mahnung.

Man gratulierte einander. Wein und Süßigkeiten wurden gereicht. Es
begann ein lustiges, munteres Treiben. Man speiste gemeinschaftlich zu
Mittag, und mein Bräutigam wich nicht von meiner Seite. Am Nachmittag
waren wir alle zum Tee bei den Wengeroffs eingeladen, wo uns am
brodelnden Samowar und reich gedecktem Teetisch in gemütlicher
Unterhaltung die Zeit verging. Mein Vater äußerte den Wunsch, sein
zukünftiger Schwiegersohn solle die deutsche Sprache lernen, weil sie in
unserem Lande aus gesellschaftlichen Rücksichten unentbehrlich sei, und
sowohl der Schwiegervater wie sein Sohn erkannten die Berechtigung
dieses Wunsches an.

Bei Wengeroffs erfolgte das gleiche Manöver wie bei uns: der Jugend
wurde es zu enge bei der sachlichen Unterhaltung der Eltern, und einer
nach dem andern verschwand in das naheliegende Zimmer meines Bräutigams.
Es entstand die Frage, ob ich mich zu den anderen gesellen durfte.
Meiner Mutter kam es als Sittenverletzung vor. Aber mein älterer
Schwager trat für mich ein, und sie erlaubte es schließlich. Als ich am
Arme des Schwagers im Zimmer meines Bräutigams erschien, wurde er vor
Freude ganz närrisch. Mit jeder Stunde wuchs unsere Neigung, Sympathie
und Anhänglichkeit, und wir schlürften vom Kelche der Glückseligkeit mit
vollen Zügen. --

    Ach wenn sie ewig grünen bliebe,
    die schöne Zeit der jungen Liebe!

Es wurde spät -- nach der Meinung der Eltern. Die Mutter trat ins Zimmer
und flüsterte mir zu, daß es unpassend sei, so lange beim Bräutigam zu
verweilen, und ich fühlte in ihrem Ton eine leise Mißbilligung meines
Benehmens. Wir gingen nach Hause. Auf dem dunklen Gange, der zu unserer
Wohnung führte, hörte ich hinter uns die Schritte des jungen Wengeroff,
der uns begleitete. Ich wagte aber nicht, mich umzuschauen, um die
Unzufriedenheit meiner Mutter nicht noch zu vergrößern.

So streng wurden wir damals erzogen. So behüteten uns unsere Mütter,
nicht etwa aus Mißtrauen, sondern einzig und allein, weil sie es als
ihre durch Tradition geheiligte Aufgabe betrachteten, über ihren
Töchtern zu wachen. Es war Zartheit und Fürsorge, die unserer Naivität
zu Hilfe kommen wollte, keineswegs aber Furcht vor den Folgen weiblicher
List. Die Mütter von heute, wenn sie diese Zeilen lesen, dürften sich
vielleicht in jene guten alten Zeiten zurücksehnen.

Am folgenden Tage erwachte ich glücklich, freudestrahlend; und ohne jede
Aufforderung zog ich meine besten Kleider an. Bald aber trübte sich
meine Freude, als ich erfuhr, daß wir noch an demselben Tage nachmittags
die Rückreise antreten sollten. Als aber unsere Eltern mir und meinem
Bräutigam in die betrübten Gesichter schauten, fühlten sie Erbarmen, und
die Abreise wurde bis zum nächsten Morgen verschoben.

Wir jubelten vor Freude. Die Älteren störten uns Junge nicht. Wir
unternahmen im Wagen eine Spazierfahrt, waren unterwegs fast ausgelassen
lustig, erlebten Abenteuer mit Bauern und kehrten in der glücklichsten
Stimmung zu den Unsrigen zurück. Den übrigen Teil des Tages verbrachten
wir mit Teetrinken, Naschen, mit allerlei Possen; wir sangen im Chor
unsere polnisch-jüdischen Lieder, mein Bräutigam seine russischen, und
so verging uns die Zeit bis zum Abendessen. Nach dem Abendessen
übermannte uns die Müdigkeit, und wir trennten uns zeitig voneinander.

Aber ich fand keine Ruhe in jener Nacht, ich konnte nicht einschlafen.
-- Verwegene Gedanken und Bilder hielten mich wach. Mein Herz schwelgte
in Seligkeit.

Der Leser wird den Umfang der Umwälzung gemerkt haben, die sich in der
kurzen Zeit seit der Verlobung meiner Schwester im jüdischen
Familienleben vollzogen hatte. Meine Schwester Eva erblickte ihren
Bräutigam zum erstenmal in ihrem Leben unmittelbar vor der
Hochzeitszeremonie. Sie sträubte sich zwar dagegen, indem sie sich
weigerte, das Hochzeitskleid anzuziehen, bevor sie ihn gesprochen
hatte. Doch genügte ein strenger Blick der Mutter, die Widerspenstige
zu zähmen. Als nun endlich die beiden sich als Brautleute
gegenüberstanden, durfte auch jetzt noch nicht ein Händedruck zwischen
ihnen gewechselt werden. Mir aber erlaubte man, schon zusammen mit
meinen Geschwistern in sein Zimmer zu kommen; gemeinsam mit ihm und
ausschließlich in junger Gesellschaft einen Ausflug zu unternehmen.

Hier sehen wir die Zeit anbrechen, in der sich die Abgeschlossenheit des
jüdischen Familienlebens zu lockern beginnt. Unvermerkt dringen in die
urwüchsigen jüdischen Familiensitten fremde, nichtjüdische Elemente ein.
Noch eine Generation, und die alte jüdische Sitte mutet wie ein längst
verklungenes Märchen an.

Am folgenden Tage stand ich sehr früh auf, und in dumpfer, trüber
Stimmung machte ich mich zur Abreise bereit. Der Wagen stand schon vor
der Tür, meine Eltern und Geschwister waren reisefertig; die Wengeroffs
kamen, um gemeinsam mit uns das Frühstück einzunehmen. Als ich meinen
Verlobten ansah, bemerkte ich auf seinem Gesicht die Spuren von Tränen.
--

Wir hatten uns noch so viel zu sagen und schwiegen beide.

Am Frühstückstisch sprachen nur die Älteren. Die Jugend schwieg
beklommen. Die Stunde der Trennung kam. Man erhob sich vom Tisch. In
diesem Augenblicke konnte ich mich nicht länger beherrschen und, als
mein Bräutigam mich beim Abschied umarmte, -- eine für jene Zeiten
unerhörte Tat -- da brach ich in ein heftiges Weinen aus. Die Eltern
waren gerührt und erlaubten uns, eine ganze Strecke allein
vorauszugehen. Die übrige Gesellschaft und der Wengeroffsche Wagen
folgte. Ein Zwischenfall verlängerte unser Zusammensein: Ich entdeckte
plötzlich, daß mir die neugeschenkte prächtige Uhr und Kette fehlten.
Das gab Anlaß, einen Teil des Weges zurückzugehen, um das Verlorene zu
suchen. Wir fanden beides wieder, und alle behaupteten, es sei von guter
Bedeutung für uns.

Wir erreichten die Unsrigen und stiegen in die Wagen. Noch ein letzter
Blick, und rasch entfernten sich die Wagen voneinander. Ich drückte mich
in eine Wagenecke und versank in trübe Gedanken. Mir war, als schwinde
das Teuerste, Schönste und Erhabenste meines Lebens von mir. Ich litt
unsäglich in meinem Schmerz. Die Schwester versuchte mich zu beruhigen.
Da ward mir plötzlich bewußt, daß ich das Innerste meines Herzens
verraten hatte. Ich schämte mich meiner Schwäche. Das half. Ich wurde
immer ruhiger und tröstete mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Meine Eltern aber suchten mich mit dem Versprechen zu beruhigen, daß wir
mit meinem Bräutigam noch einmal vor der Hochzeit zusammenkommen würden.
So legte sich denn der Trennungsschmerz. Frisch und munter kamen wir zu
Hause an.

Bald besuchten uns Verwandte, Freunde und Bekannte und gratulierten uns
herzlich. Ich zeigte die kostbaren Geschenke, eine große Perlenschnur,
lange Brillantohrringe, Kette mit Uhr. Zugleich mußte ich versichern,
daß ich mich, wie der damalige Ausdruck lautete, »gottlob sehr glücklich
fühle.«

In der Wahl der Geschenke, die man Kalle- und Chossen-Matones (Braut-
und Bräutigamsgeschenke) nannte, folgte man gewöhnlich nicht nur dem
persönlichen Geschmack, sondern richtete sich hauptsächlich nach der
allgemein herrschenden Sitte. Gewisse Geschenke wurden als unumgänglich
betrachtet, und jede Kalle und jeder Chossen, auch die Ärmsten, mußten
sie erhalten. Auch der ärmste Chossen bekam zur Hochzeit vor allem einen
Talles (Gebetmantel) und einen »Kittel« (Totenhemd), den der jüngere
Mann ausschließlich am Jom-Kippur, der ältere, der schon erwachsene
Kinder hat, auch an den Sederabenden anlegt. Wenn die Kalle arm war, so
wurde für sie »gesammelt«, zu allererst für einen Talles für ihren
Chossen. Zu den Geschenken gehörte noch ein Mützchen aus Silberfäden;
zur Verlobung eine Uhr ohne Kette (die Herren trugen damals ihre Uhren
an schwarzen seidenen Schnüren, welche die Braut gewöhnlich selbst
verfertigte). Ich erinnere mich noch jetzt an das Kettchen, das meine
Schwester für ihren Verlobten gemacht hatte -- es war sehr kunstvoll
geflochten, mit kleinen bunten Glasperlchen verziert.

War die Kalle ein reiches Mädchen, so erhielt der Chossen noch zur
Hochzeit einen Streimel -- eine Mütze aus dem kostbarsten Pelz -- und
eine »silberne Puschkele« (Schnupftabakdose).

Der Kalle schenkte man vor allem zur Hochzeit ein Gebetbuch, »Korben
Minche« genannt.

Unter den Geschenken der sogenannten Balbatimtöchter (Töchter von
wohlhabenden Leuten), welche oft nicht mehr als 100 Rubel Mitgift
hatten, befand sich stets ein »Kanek« -- ein Halsband aus schwarzem
Sammet, reihenweise mit kleinen, echten Perlen besetzt; die Perlen
mußten -=echt=- sein; das Vermögen der Mechutonim (Schwiegereltern)
konnte nur ihre Größe bestimmen. Am Kanek waren als Anhängsel einige
Dukaten befestigt, oder bei den reichsten einige größere goldene Münzen,
im Werte von 15 Rubel, oder noch größere Münzen, an der drei Königsköpfe
im Profil zu sehen waren und die einen Wert von 30 Rubel hatten. Man
nannte diese Geldstücke -=Schaustück=-. Ferner erhielt die Braut zwei
»Schleierlach« aus feinem, weißen Nesselzeug, die man auf dem Kopfe
trug. Bei den reichen Partien schenkte man der Braut Brillanten,
hauptsächlich Ohrringe, Perlenschnüre und eine goldene Kette, aber ohne
die Uhr -- die als Brautgabe erst in den vierziger Jahren aufkam. Diese
Kette trug man oft beim Ausgehen über den Straßenkleidern, wie ich es im
ersten Bande geschildert habe. Sie wurde mit einer Nadel an der Brust in
phantastischen Formen befestigt.

Diese Geschenke machten nicht die Verlobten einander, sondern sie wurden
von den zukünftigen Schwiegereltern den Brautleuten am Tage der Hochzeit
überreicht. Gegen 12 Uhr mittags brachte der »Baddchen«, begleitet von
der Musik, die Geschenke ins Haus der Braut.

In dem patriarchalischen Leben jener Zeiten hatte die Sitte das ganze
Leben geregelt. Die heutige Generation in ihrer übertriebenen
Empfindsamkeit mag diese so sehr minutiöse Vereinbarung seltsam anmuten,
vielleicht gar peinlich berühren. Und doch darf man sagen, daß die
genauen Abmachungen nur den einen Zweck hatten, von vornherein alle
Mißstimmungen, Zänkereien und Feindseligkeiten zwischen den
beiderseitigen Familien zu vermeiden.



Das Brautjahr.


Ich kehrte in mein Alltagsleben zurück. Es war mir peinlich, als Kalle
(Braut) behandelt zu werden. Ich bat meine Angehörigen, von meinem
Bräutigam nicht zu sprechen. Ich duldete keine Bevorzugung im Hause und
erfüllte alle meine Pflichten wie vorher. Ich besorgte jetzt
hauptsächlich die Wirtschaft; denn meine ältere Schwester hatte kein
Interesse dafür und unsere liebe Mutter verbrachte den Tag mit Beten,
Psalmensingen und Lesen von heiligen Büchern, wie »Menojres Hamoer« und
»Nachlas Zwi«.

Dabei lernte ich fleißig weiter bei Herrn Podrowski; denn ich hielt fest
an dem Vorsatz, bis zu meiner Hochzeit die beiden Grammatiken, die
russische von Wostokow und die deutsche von Heyse, ganz durchzuarbeiten.
Jede Arbeit war mir jetzt leicht, soviel Frische, Freudigkeit und
Lebenslust war in mir, solch ein Glücksgefühl übermannte mich; es teilte
sich auch den andern mit, und Freude herrschte in unserm Hause.

Erst mehr als drei Wochen nach meiner Verlobung kam mein Vater
freudestrahlend aus der Stadt zurück und übergab mir einen versiegelten,
an mich adressierten Brief mit den Worten: »Da hast du einen Brief,
gewiß von deinem Bräutigam.« Zum erstenmal in meinem Leben erhielt ich
einen Brief; mit zitternden Händen öffnete ich ihn und las folgendes:

     »Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein,
     einzige Seele meine!

     Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewiß zu Haus, bin
     schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir
     (neben Dir), und ich habe gehört Deine süße, liebe Rede! O, wie
     glücklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, daß nach zwei
     Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich müssen
     weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten
     (entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure,
     einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir
     ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen,
     und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es
     ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich
     fürcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du
     kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein
     mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche
     ich wel lesen Deine Gefühle zu mir. Oh, daß wet mich neugeboren
     machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher
     (schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern.
     Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergnügen und as
     ich wel noch erhalten Deine süße Briefe mit Deine Worte!

     Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt).
     Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort
     gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des
     Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir
     baklert (überlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als
     ich wollt gefohren jene Zeit. --

     Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergnügen zu erfreien mich mit
     Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.

     Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher
     (schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!

                                           Chonon Wengeroff.


     P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet
     ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum,
     wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. --

     Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen,
     wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch
     a mol gesund, wie es wünscht Dir Dein

                                             Dich liebender
                                                         Chonon.

                                       8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.

     Ich schreib dem Adreß of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos
     geheißen.« --


Grenzenlos war meine Verwirrung, während ich diese zärtlichen
Herzensergüsse las. Meine Eltern fragten mich nach dem Inhalt des
Briefes; den konnte ich ihnen aber nicht sagen. Nur mit Tränen in den
Augen bat ich sie, die Bitte meines Bräutigams, ihm oft zu schreiben,
erfüllen zu dürfen. Die Eltern willigten ein, was bei der orthodoxen
Weltanschauung jener Zeit sehr erstaunlich und für die beiden Menschen
bezeichnend war. So groß war ihre Freude, daß ihre Pessele einen auf
ihren Namen adressierten Brief erhalten hatte, daß sie nachsichtiger
wurden und wirklich ihre Erlaubnis zu diesem Briefwechsel gaben; und so
fing unsere Korrespondenz an.

Die Briefe meines Bräutigams hab ich stets als mein Teuerstes
aufbewahrt, und noch heute, nach neunundfünfzig Jahren, sind sie alle in
meinem Besitz. Manchmal blättere ich in den vergilbten Papieren,
beschwöre die schöne Zeit herauf und sonne mich noch heute in den
Strahlen des einst erlebten Glückes.

Ich zögerte nicht mit der Antwort, bat aber meine Eltern stets, einige
Worte zuzuschreiben, was ihre Zustimmung bedeuten sollte. Denn in jenen
Zeiten konnte es als Frivolität gelten, wenn ich allein mit meinem
Bräutigam den Briefwechsel geführt hätte.

Ein trauriger Zwischenfall trübte mein Glück. Meine jüngste Schwester
Helene erkrankte plötzlich an einem gefährlichen Nervenfieber. Sie war
schon von den Ärzten aufgegeben, als plötzlich Besserung eintrat, und
unsere liebste kleine Schwester war uns von Gott wiedergeschenkt. Und
das kam so: Als mein Schwesterchen leichenblaß und ohne Bewußtsein so
dalag, versuchten die Ärzte ein letztes Mittel. Das Kind wurde in ein
kaltes Bad gelegt, in dem es zehn Minuten blieb. Dann wurde es wieder in
das gut vorgewärmte Bett gepackt. In der Erregung des Augenblicks hatte
man eine heiße Wärmflasche vergessen. Das Kind lag auf der Flasche. Es
bildete sich eine tiefe Brandwunde. Das war ein Glück für das Kind. Die
Ärzte meinten, ohne diese Wunde wäre es zugrunde gegangen. Ich glaube,
das hing mit den damaligen medizinischen Anschauungen zusammen. Man
liebte es ja einst, bei gefährlichen Krankheiten die Methode des
»Haarseiles« anzuwenden. Die eiternde Wunde -- so meinte man -- zöge
die Krankheit aus dem Körper. Langsam, aber stetig machte die Genesung
Fortschritte. Aber das Kind blieb doch noch monatelang ans Bett
gefesselt. Ich mußte zugleich mit meiner jüngeren Schwester die
Pflichten einer Pflegerin versehen, weil es dem leidenden Kinde
angenehmer war, Anverwandte statt einer fremden Pflegerin in seiner Nähe
zu haben. Tag und Nacht war ich bei ihr. Ich hatte ein Lager neben ihrem
Bette und, da sie selbst nicht langen konnte, führte ich ihr die Speisen
zum Munde. Es war eine böse Zeit für mich. Nur die Briefe meines
Verlobten stärkten meinen Mut und gaben mir neue Kraft.

Aber auch für mich sollte eine Prüfungszeit kommen. Ich bekam es so
»durch die Blume« zu hören, daß die Eltern den häufigen Briefwechsel mit
meinem Bräutigam jetzt nicht mehr billigten, denn nach ihrer Meinung
wäre »die Sache, d. h. mein ganzer Brautstand überhaupt nicht ganz
sicher«. Mein Schmerz war grenzenlos. Tage und Nächte brachte ich in
Tränen zu. Ich forschte nach der Ursache der Verstimmung, konnte aber
längere Zeit nichts erfahren. Endlich erbarmte sich meiner der jüngere
Schwager und erzählte mir, mein Bräutigam wäre bei unseren Eltern
verleumdet und als Ausbund aller bösen Eigenschaften bezeichnet worden.
Ich litt unsagbar. Der Vater grämte sich. Die Stimmung im Hause war sehr
gedrückt. Endlich schrieb der Vater nach Homel, einem Städtchen bei
Konotop, wo ein Verwandter von uns, Reb Eisek Epstein, wohnte, und bat
ihn, sich genau nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Bald langte eine
Antwort an, welche die Haltlosigkeit aller Verleumdungen erwies. Die
Familie Wengeroff, schrieb unser Verwandter, wäre eine vornehme und der
junge Mann ein braver Mensch und guter Talmudist. Diese Nachrichten
dämpften den Sturm in unserem Hause. Die dunklen Wolken zerstreuten
sich. Über meinem Leben strahlte wieder der helle, klare Himmel.

Ich jubelte auf. Meine Liebessehnsucht wurde noch mächtiger. Unser
Briefwechsel häufiger. Die Geschwister neckten mich und lachten, wenn
ein Brief kam. Aber sie freuten sich mit mir.

Das Leben im Elternhause ging seinen gewohnten Weg. Der Winter nahte
seinem Ende, und der Frühling kündigte sich in diesem Jahre sehr zeitig
an. Meine Schwester erholte sich gut und konnte bereits das Bett
verlassen. Unsere Mutter traf große Anstalten zur Herstellung meiner
Aussteuer. Leinewand, seidene und wollene Stoffe. Spitzen wurden
bezogen. Man beriet, wählte, kaufte ein. Es war ein hastiges Treiben.

Auch mich zog man oft zu Rate. Aber ich äußerte meine Meinung stets nur
schüchtern und errötend.

Die Wäsche wurde außerhalb des Hauses angefertigt, die Kleider aber
daheim genäht. Nicht Schneiderinnen, sondern Schneidergesellen
arbeiteten daran. Es waren alles junge Burschen, die zufällig zugleich
dem Synagogenchor angehörten. Während der Arbeit sangen sie oft und gern
Lieder, meistenteils religiösen Charakters, wie Purimspiele,
Ahasverusspiel, Josephspiel. Das letztere war ihr Lieblingsspiel, das
sie sehr oft wiederholten. Sie verteilten die Rollen untereinander und
sangen folgendermaßen:

                                1.

                            -=Jacob:=-

     Ich bin der Bäum vün der ganzer Welt, ün' duhs
     Seinen meine Zweigen (mit der Hand auf seine Kinder weisend)
     Drum bitt ich den Ojlom (_Publikum_),
     Soll a Bissele schweigen.

                                2.

     Schon zwei Johr bin ich vün Häus ojsgezojgen,
     Ün nitchasw'schulem (_gottbewahre_) vün mein Parnusse wegen
                                                    (_geschäftshalber_),
     Nur vün die Zores (_Leiden_), wus is mir gekümmen entgegen,
     La la la, la la la, lalalalala la la.
     Mein Sühn Schimen, mein Sühn Schimen,
     Di bist doch mein bester Sühn,
     Di bist doch mein liebster Sühn,
     Sug'sche (_sage doch_) mir die Wuhrheit,
     Sug'sche mir die Wuhrheit,
     Wie (_wo_) is er, wi is er, mein Sühn Josefl?

                          -=Die Söhne:=-

     Vuter (_Vater_), lieber Vuter sießer,
     Wir weißen nit, wi er is.
                           (Wiederholung.)

                            -=Jacob:=-

     Mein Sühn Riwen (_Ruben_), mein Sühn Riwen,
     Du bist doch mein bester Sühn
     Du bist doch mein liebster Sühn,
     Dir wellen doch tun alle loiben,
     Sug'sche mir die Wuhrheit, sug'sche mir die Wuhrheit,
     Wo is er, wo is er, mein Sühn Josefl?

                          -=Die Söhne:=-

     Vuter, lieber Vuter sießer,
     Wie kennen mir dir derweisen den Ponim (_Gesicht_),
     As mir hoben ihn verkäuft zu die Midjonim.

                            -=Jacob:=-

     Willt ihr mir das Leben schenken,
     Sollt ihr mir ihn bald brengen.

Joseph wird hineingeführt; Jacob gerät in freudige Ekstase. Joseph
singt:

     Ich hob viel Schuff (_Schafe_) ün' viel Rinder,
     Ich hob a Frau mit zwei Kinder,
     Einer heißt Menasse, der andere heißt Ephraim,
     Hoben sie mich gemacht zum Groißen in dem Land Mizraim
     La, la, la, la, lalalala, la, la, lalalala.

       *       *       *       *       *

Auch das kleine lustige Liedchen eines Schneiders sangen sie mit
Vorliebe:

    Sitz ich mich, a Fissele iber a Fiß
    Un sing mir a Liedele zucker-siß.
    N' Schnaider zu sain is gor aus die Welt, --
    Wohin er kummt, verdient er Geld!
    As die Jolden (_lustige Jungen_) wollten sich wellen beklären,
    Wollten sie alle Schnaiders weren. --

Manchmal sangen sie Lieder, die mir und meinem Brautstand galten. Einige
von diesen Liedern leben noch ganz frisch in meiner Erinnerung:

    Kalele, Kalele, wein, wein, wein,
    Der Chosen wet dir schicken a Tellerl Chrein (_Meerrettich_)
    Wellen sech die Trären gießen
    Bis die Zehen.
    Sitz ich auf ein Stein
    Nemt mich on a groiß Gewejn
    Alle Medelach Kales werden
    Ich nebech nejn. --

       *       *       *       *       *

                             -=Oder:=-

    Nemmt der Bucher (_Jüngling_) die Mojd (_Mädchen_) far der Hand,
    mejnt er die Welt is sein,
    Git (_gibt_) er ihr grobe Woll spinnen auf'n dünnen Seid.

                           -=Die Mojd:=-

    Ich wel dir grobe Woll spinnen auf'n dünnem Seid,
    Di sollst mir a Leiterel machen, wus in Himmel soll sein.

                          -=Der Bucher:=-

    Ich wel dir a Leiterl machen, wus in Himmel soll sein,
    Di sollst mir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein.

                           -=Die Mojd:=-

    Ich wel dir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein,
    Di sollst mir dem Jam ausschöppen mit a Krigele dilein (_klein_)

                          -=Der Bucher:=-

    Ich wel dir dem Jam (das Meer) ausschöppen mit a Krigele dilein
      (_klein_),
    Di sollst mir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein.

                           -=Die Mojd:=-

    Ich wel dir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein,
    Di sollst mir dem Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.

                          -=Der Bucher:=-

    Ich wel dir das Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.
    Di sollst mir sieben Kinder huben ün a jinge Frau zi sein. --

Auch die Wärterin Mariasche neckte mich mit einem Lied, wenn sie sah,
daß ich froh und glücklich im Hause herumlief oder wenn sie mich in
irgendeinem Winkel verträumt antraf:

    Oj, weih, wie kenn men leben
    Schwäh'r und Schwieger kowed (_Ehre_) obzugeben.
    Steih ich auf spät
    Sogt main beise Schwieger:
    Ich lieg wie a Nweile (_faule_)
    Bis halben Tog in Bett!

    Oj, weih, wie kenn men leben
    Schwäh'r und Schwieger kowed obzugeben!
    Geh ich gich (_schnell_), sogt sie, ich zerreiß die Schich,
    Geh ich pameilach (_langsam_), sogt sie, ich bin freilach --
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

    Back ich greiße (_grosse_) Challes
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich stell ihr gor b'dalles (_ruiniere sie_)
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

    Back ich kleine Challes
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich zieh auf ihr dem Dalles
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

    Geih ich ongeton schein,
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich mach ihr gor gemein (_arm_).
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben:|:

    Geih ich ongeton mieß (_hässlich_),
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich tu ihr on a Büsch (_Unehre_).
    Oj, weih etc. --

       *       *       *       *       *

                             -=Oder:=-

    Tochter du liebste, Tochter du main,
    'ch wel dir lernen wie ba (_bei_) a Schwieger zu sain:
    As die Schwieger wet gaihn vun weiten,
    Sollstu nit teilen kein oreme Leiten.

    Tochter du liebste, Tochter du main,
    'ch wel dir lernen, wie ba a Schwieger zu sain:
    As die Schwieger wet geihn vün Schul,
    Sollstu ihr trogen antkegen (_entgegen_) a Stuhl.

    Tochter du liebste etc.
    As die Schwieger wet geihn zum Tisch,
    Sollstu ihr geben die beste Stick Fisch.

       *       *       *       *       *

Immer näher rückte die Zeit meiner Trennung vom Elternhause -- eine
Aussicht, die mein Glück störte. Vor der Abreise nach Konotop sollte
ich noch nach Warschau gehen, um von Verwandten, vor allem aber vom
Großvater Abschied zu nehmen und den Segen zu meiner Vermählung zu
erhalten.

Es war Anfang August 1849. In jener Zeit existierte noch die
polnisch-russische Grenze bei dem kleinen Städtchen Terespol, das vier
russische Werst von Brest entfernt lag. Diese Reise unternahm ich mit
meinem Vater. Aber vor der Grenze war er gezwungen, mich zu verlassen;
und ich mußte selbst alle Grenzformalitäten erledigen. Es war mein
erster selbständiger Schritt. Ich muß gestehen, mein Mut war nicht groß.
Als ich in das Bureau kam, wo ich meinen Paß vorzuzeigen hatte, fühlte
ich mich sehr beklommen. Tränen kamen mir in die Augen. Am liebsten
hätte ich geschluchzt wie ein kleines Kind. Ich schämte mich dieser
Schwäche und versuchte mich zu beherrschen. Im Bureau ließ man mich ein
Dokument unterzeichnen: wieder eine selbständige Tat! Endlich befand ich
mich auf der anderen Seite der Grenze. Hier wurde ich von unserem Freund
Reb Jossele erwartet, der mich zu seiner Familie in das kleine Städtchen
Terespol brachte. Am nächsten Tage kam mein sehnsüchtig erwarteter
Vater, und wir reisten gemeinsam nach Warschau.

Unser Aufenthalt in Warschau dauerte acht Tage. Der Großvater empfing
mich mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Tanten und Onkel behandelten
mich die ganze Zeit mit großer Zärtlichkeit. Ich erhielt von allen
hübsche Hochzeitsgeschenke und vom Großvater ein Silberstück und -- den
Segen.

Es war ein Augenblick, den ich nicht vergessen kann: Großvater stand in
der Mitte des Salons. Mit klopfendem Herzen näherte ich mich ihm und
beugte das Haupt in demütiger Ergebung. Er legte seine Hände auf meinen
Scheitel und sprach laut den Segen mit bewegter, zitternder Stimme.
Feierliche Stille herrschte im Zimmer. Nur die Tanten schluchzten leise.
-- Mir war so ernst zumute, so traurig. Hier erst fühlte ich so
recht, welche ernste Wendung mein Leben nehmen sollte. Bangen Herzens
verabschiedete ich mich von meinem lieben, ehrwürdigen Großvater; denn
der Gedanke wollte mich nicht verlassen, daß ich ihn zum letztenmal in
meinem Leben sah.

Nachdenklich und ernster, als ich gekommen war, kehrte ich nach Hause
zurück. Die Aussteuer war fertig. Meine Mutter packte all die schönen
neuen Sachen mit Liebe und Sorgfalt in einen massiven, großen, mit
Eisenblech beschlagenen Koffer ein. Außer der Wäsche erhielt ich
folgende Sachen:

     1. Das Hochzeitskleid: aus schwerer grauer Seide -- ein Streifen
     »moiré antique« und ein Streifen Atlas, mit breiten grauen
     Blondenspitzen (Spitzen aus Flockseide) garniert;

     2. ein Kleid aus Mousseline de laine -- dunkelblau und weiß
     kariert; fußfrei, ganz leger, einfache Fasson; oben mit einem
     Sattel, in der Mitte Gürtel, lange griechische Ärmel;

     3. ein Kleid ans dunkelblauem Atlas, mit dunkelblauem Samt vorne
     garniert; schmale, lange Ärmel mit Samtmanschetten;

     4. ein schwarzes Taftkleid -- »Mantine« genannt -- ohne jede
     Garnitur;

     5. ein Kleid aus grünem Wollenstoff mit schwarzer Tresse in schönen
     Mustern garniert;

ferner: 2 Schlafröcke:

     einen aus hellblauem Musselin mit einfachen weißen Spitzen,

     einen anderen aus »Teefteek« (türkischem Stoff); ganz lose
     verfertigt -- »Rubaschka« (Hemdchen) genannt.

Ferner: 3 Mäntel:

     eine »Mandaronka« -- so wurde die damalige übliche Regenmantelform
     genannt -- aus dunkelblauem Tuch;

     eine »Ziganka« -- grauer Seidenstoff; ein viereckiges Stück einfach
     am Halse und an den Ärmeln zusammengerafft; garniert mit rotem,
     seidenem Band und grauen Quasten;

     eine »Algierka« -- ein langer Mantel mit griechischen Ärmeln,
     empire, aus schwarzer Seide. Vorne an der Brust waren zwei seidene
     Schnüre befestigt, die über die Schultern auf den Rücken mit zwei
     großen Quasten lose herabfielen.

Ferner 2 Tageshauben:

     eine aus Blondenspitzen mit blauem Band -- für Feiertage, die
     andere einfacher für jeden Tag

     und dazu sechs Morgenhäubchen in koketten Formen.

Ferner ein Paar rosa Handschuhe mit weißen Tüllspitzen garniert -- zur
Trauung! --

Alles war also bereitet, und man machte Anstalten zu der großen Reise.
Ich war mir selbst überlassen und hatte Zeit, von allem, was mir lieb
war, Abschied zu nehmen. Es waren schwere Tage für mich -- ein
Durcheinander von Gefühlen und Empfindungen tobte in meinem Inneren.
Bald brachte mich der Gedanke an das Wiedersehen mit meinem
Heißgeliebten in solch eine strahlende Freude, daß jeder, der mir in den
Weg kam, lächeln mußte. So glücklich sah ich aus. Bald kamen mir Tränen
in die Augen, und ich schluchzte leise in irgendeinem Winkel, vom
Trennungsschmerz übermannt. Bald aber lachte ich schon wieder und lachte
vor Seligkeit und Glück.

Den letzten Sonntag vor der Abreise hatte ich noch Abschiedsbesuche bei
Verwandten, Freunden und Bekannten zu machen -- ich erfüllte diese
Pflicht in Begleitung einer älteren Frau, Reisele genannt, die in der
ganzen Stadt als Sarwerke[3] bekannt war und allen jüdischen Bräuten in
Brest als Ehrenbegleiterin diente.

Es kam der vorletzte Tag. Wir saßen alle beisammen am Mittagstisch, als
meine ältere Schwester auf mein ungewöhnlich blasses Aussehen aufmerksam
wurde. Auch die anderen bemerkten es, und der Vater forderte mich
zärtlich besorgt auf, ihm die Ursache meiner Sorgen zu sagen. Es war ein
Traum, der mich quälte: Mir träumte, ich wäre ganz allein in der
kleinen, engen Gasse, durch die ich einst als kleines Mädchen täglich
mit dem »Behelfer« zum Cheder gegangen war. Plötzlich raste ein großer,
schwarzer Ochse in wilden Sprüngen auf mich zu. Ich bebte vor Schrecken,
denn der Ochse mit seinen Riesenhörnern kam immer näher. Ich
suchte mich zu verbergen, konnte aber keinen Winkel finden, lief nach
rechts und links. Doch das schwarze Ungeheuer folgte mir überall. Ich
war endlich ganz erschöpft vor Angst und Müdigkeit und ergab mich meinem
Schicksal. Da tauchte plötzlich im Halbdunkel des engen Gäßchens ein
kleines Männchen auf. Es trug einen seidenen schwarzen Kaftan mit Gürtel
und hoher Zobelmütze. Sein Gesicht war ganz runzlig. Es hatte die Züge
meines Großvaters. Sein Gesicht umrahmte ein ungewöhnlich langer grauer
Bart, der bis zu den Knien reichte. Das Männchen näherte sich mir, nahm
mich an der Hand und sagte, indem es einen Seitenblick auf das Ungeheuer
warf: »Komm mit mir, fürchte dich nicht!« Vertrauensvoll und dankbar
ging ich mit ihm. Nach einer Weile aber blieb er stehen, ließ meine Hand
los, wies mir den geraden Weg und verschwand ganz plötzlich meinen
Blicken. Mit einem Male war auch das Ungeheuer nicht mehr da. Am ganzen
Körper zitternd, erwachte ich und konnte den Eindruck dieses schweren
Traumes gar nicht mehr loswerden. Alle hörten mir mit Spannung zu. Am
meisten bewegt aber war der Vater. Als ich mit dem Erzählen zu Ende war,
erhob er sich rasch vom Tisch und begab sich in sein Arbeitszimmer, wo
er in einem Buch nachblätterte. Freudestrahlend kam er zurück und rief
mir zu: »Sei ruhig, meine Tochter, du wirst Kinder haben, die viel
lärmen werden.«

Ich wurde schamrot und wagte niemanden anzuschauen. Die Meinigen lachten
und neckten mich und wollten mich zum Aufschauen zwingen. Ich aber
verharrte bis zum Schluß des Mittagmahles in der gleichen Haltung.

Für den nächsten Tag war unsere Abreise bestimmt. Schon stand unser
Reisewagen vor dem Hause. Es war ein langes, mit Leder überzogenes und
mit kleinen Fenstern und Vorhängen versehenes Fuhrwerk, »Fürgon«
genannt. Drei Postpferde waren davorgespannt. -- Die Aufregung im Hause
erreichte ihren Höhepunkt. Man lief hin und her. Man raffte noch
mancherlei zusammen und packte es in den Wagen: es gab noch sehr viel zu
tun in dieser letzten Stunde vor der Abreise. Der Wagen war also außen
und innen stark beladen, sollten wir doch vierzehn Tage unterwegs
bleiben. Deshalb nahmen wir großen Vorrat von Backwerk, geräuchertem
Fleisch, gesalzenen Sachen mit, ferner eine ganze Kiste mit Cognak, Rum,
Schnaps, Wein, Tee und Zucker. Das mußte ja reichen für uns alle. Diese
Nahrungsmittel fanden Platz in einer großen, viereckigen, mit weißem
Fell überzogenen und mit Blechstreifen beschlagenen Kiste, »Pogrebez«
genannt. Fünf bequeme Sitze wurden für die Reisenden hergerichtet.

Ich konnte mich gar nicht vom Hause trennen. Da rief der Vater in
befehlendem Tone: »Genug, genug!« und entschlossen half er mir zuerst in
den Wagen. Es folgte meine Mutter, die jüngere von mir innig geliebte
Schwester und der achtjährige Bruder. Ein kurzer, echt russischer Befehl
»pascholl!« (los), und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unter den
Tränen, Wünschen und Segenssprüchen der Zurückgebliebenen fuhren wir ab.
Ich schluchzte wie ein kleines Kind: der Wagen rollte immer schneller.
Durch Tränen hindurch sah ich alte vertraute Straßen schwinden, Häuser,
in denen ich jahrelang ein- und ausgegangen, um liebe Freunde zu
besuchen, Menschen, denen ich solange jeden Tag begegnet. Meine
Lieblingsplätzchen zogen an mir vorbei. Und hinter mir verschwand, um
nie zurückzukehren, die schöne Zeit der sorglosen, glücklichen ersten
Jugend. --

Es war im Jahre 1850, den 5. August.



Ankunft in Konotop. Hochzeit.


Wir fuhren Tag und Nacht, unterbrachen die Reise nur der Sabbathruhe
wegen von Freitag Mittag bis Samstag Abend. Nach sieben Tagen, als wir
die Hälfte unseres Weges zurückgelegt hatten, versagte der Wagen. Wir
waren gezwungen, auf freiem Felde ein Lager aufzuschlagen. Es wurde ein
Teppich ausgebreitet und unser Vorrat herausgeholt. Bald brodelte und
summte der Samowar. Wir setzten uns alle um ihn herum und bei seinem
Summen, im vertrauten Geplauder vergaßen wir unsere unangenehme Lage.

Der Hochzeitstag rückte immer näher heran, und wir waren noch so weit
von unserem Ziele entfernt. Der Vater sandte eine Stafette nach Konotop
und bat um Verschiebung der Hochzeit. In Konotop war man darüber
untröstlich und trug diese achttägige Verzögerung noch lange meinen
Eltern nach, mußten doch die großen Vorräte an Geflügel und anderen
Speisen bei der heißen Jahreszeit verderben.

Wir reisten noch volle sechs Tage, erlebten verschiedene Abenteuer und
gelangten endlich nach der vorletzten Station, Baturim.[4] Hier brachte
uns ein Bote die Nachricht, daß uns der Schwiegervater in Gesellschaft
einiger Herren auf der nächsten Station erwarte.

Mein Herz schlug stürmisch. Aber ich schwieg beharrlich. Denn ich
fühlte, daß gleich dem ersten Worte ein Tränenstrom folgen müßte. Ich
war ja am Ziele meiner schönsten Träume: in einer Stunde sollte meine
Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. -- Ich wagte kaum zu denken an
solche Seligkeit, die wohl nicht jedem Mädchen vom Schicksal beschieden
wird.

Wir Mädchen machten Toilette. Ich wählte ein Kleid, das mir sehr gut
stand, und musterte mich selbst im Spiegel, der mir von meinem eigenen
Glücke erzählte. -- Dann stiegen wir ein und fuhren rasch weiter.
Unterwegs kam uns ein Wagen entgegen. Wir erkannten bereits aus der
Ferne meinen Schwiegervater und den Herrn Brim. Die letzte Station vor
Konotop erreichten wir in einer halben Stunde, und von da aus waren wir
unserm Reiseziel ganz nahe. Wir fuhren in Konotop ein. Die Vorstadt war
nicht vielversprechend: lauter kleine Hütten mit Strohdächern. Meine
Schwester war fast entsetzt über den Dorfcharakter des Städtchens. Mir
aber war alles gleichgültig. Was ging mich damals die Stadt an! Es
schwebte nur das Bild meines Verlobten vor mir gleich wie die leuchtende
Feuersäule in der Nacht vor den Israeliten in der Wüste und bannte alle
trüben Gedanken.

Wir fuhren durch eine lange ungeebnete Straße. Rechts und links die
gleichen strohbedeckten Hütten. Endlich kamen wir an einen weiten
Platz, wo das erste große, vornehme, steinerne Haus mit einem grünen
Blechdach stand. Es war das Ziel unserer Reise; das Haus der Familie
Wengeroff. Begleitet von einer neugierigen Menge fuhr unser Wagen durch
das Einfahrtstor und machte vor einem großen Balkon, der ganz mit
Menschen besetzt war, Halt.

Meine zukünftige Großschwiegermutter kam mir entgegen, küßte mich und
übergab mir ein »süßes Brot«. Ernst und ehrfurchtsvoll war der Eindruck,
den diese Frau auf mich machte. Dagegen wußte die Tante, die Stiefmutter
meines Bräutigams, sogleich mein Vertrauen und meine Zuneigung zu
gewinnen. Auch schien mir ihre Umarmung herzlicher, traulicher und
zärtlicher als die der anderen. Es wurden mir noch die Frau des älteren
Bruders meines Bräutigams und seine jüngere Schwester vorgestellt. Von
dieser wußte ich bereits soviel Gutes und Liebes, daß ich sie wie eine
längst vertraute Freundin herzlich umfing. Aber über all diese Menschen
hinweg schweifte mein Blick weiter und suchte den Liebsten, den
Nächsten, nach dem ich mich das ganze lange Jahr so heiß gesehnt hatte.
Aber nirgends war er zu sehen. Von allen begleitet gelangte ich durch
das Vorzimmer in den Salon. Hier empfing mich glückstrahlend mein
Bräutigam. Unsere Begrüßung war stumm: es bedurfte wirklich keiner
Worte. Die Augen sagten so viel; sie sagten so manches, wofür noch kein
Dichter den Ausdruck gefunden hat. --

Es wurde Abend. Zahllose Lichter brannten, und Wohnung und Menschen
sahen feierlich aus. Man reichte den Tee. Die ältere Schwägerin wich
nicht von der Seite meiner Mutter, die jüngere nicht von der meinigen.
Mein Bräutigam mußte, um die Sitte nicht zu verletzen, meinem Vater
Gesellschaft leisten und in der Herrengesellschaft bleiben. Er wagte es
aber, ab und zu auf eine Weile an meiner Seite Platz zu nehmen, um mir
einige liebe Worte zuzuflüstern.

Bald forderte man uns zum Tanz auf. Wir beide, meine Schwester und ich,
mußten uns auch daran beteiligen, obwohl unsere Lust nicht sehr groß
war. Wir tanzten die Polka-Mazurka mit Figuren, was großen Beifall
erregte. Überhaupt: an diesem Abend waren wir der Mittelpunkt der
lustigen Hochzeitsgesellschaft.

Nach dem Tanze wurde zu Tisch gebeten. Mein Bräutigam saß wieder mit den
älteren Herren an der anderen Seite des Tisches, und nur durch Blicke
konnten wir uns verständigen.

Das Abendessen war zu Ende. Halbschlafend vor Müdigkeit trennte ich mich
von meinem Bräutigam und allen Anwesenden. -- Als ich mit meiner
Schwester in unserem Logis allein zurückblieb, tauschten wir noch
allerlei Bemerkungen und Beobachtungen über die Gesellschaft aus, die
wir soeben verlassen hatten. Plötzlich öffnete sich die Tür, und im
Zimmer erschien ein ganz komisches Wesen. Es war eine kleine,
untersetzte Person mit sehr stumpfer, echt russischer Nase, kleinen
lebhaften Augen, breitem, sonnverbranntem Gesicht in einer ganz
eigenartigen, kleinrussischen Tracht. Auf dem Kopfe trug sie einen
Turban aus wollenem, buntem Tuch, an welchem grellrote, künstliche Rosen
mit noch grelleren, grünen Blättern befestigt waren, die ihr tief ins
Gesicht fielen. Vorn und hinten war der ganze Körper mit zwei bunten
Schürzen bedeckt -- darunter ein viel längeres weißes Hemd mit
bauschigen, buntgestickten Ärmeln. Am Halse eine Masse Korallen, bunte
Perlen, Messingmünzen und große Ringe in den Ohren. Schuhe und Strümpfe
fehlten, und die nackten Füße ließen an Reinlichkeit viel zu wünschen
übrig. Es war das Dienstmädchen, das uns frisches Wasser brachte und
sich nach unseren Wünschen erkundigte. Wir sahen zum erstenmal diese
wunderliche Tracht, waren im ersten Augenblick sprachlos vor
Überraschung und brachen plötzlich in ein lautes, mutwilliges Lachen
aus. Wir lachten noch lange, nachdem das Mädchen fort war und plauderten
vergnügt. Vor dem Einschlafen umarmte mich meine Schwester Cäcilie
stürmisch und rief aus: »Du bist glücklich und wirst sehr glücklich
sein, Schwester!« Auch ich glaubte an mein Glück. Das Herz war so voll,
schlug so stürmisch. Ich hätte die ganze Menschheit in jener Stunde
umarmen können. Vom Glücksgefühl übermannt, in süße Träume eingewiegt,
schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Vater bei den
Mechutonim[5]. Mutter und Schwester waren zum Ausgehen bereit. Von
drüben fragte man schon einige Male nach mir. Ich zog mich rasch an, und
als ich mit meiner Toilette fertig war, brachte mir die Mutter selbst
den Ziganka, und wir verließen unser Quartier. Bei Wengeroffs wurden wir
zum Frühstück erwartet.

In der zwanglosen, intimen und herzlichen Stimmung schwand auch meine
Schüchternheit; wir jungen Leute durften uns in ein anderes Zimmer
zurückziehen. Zweimal ließen wir uns dies nicht sagen und waren lustig
und ausgelassen.

Die Schwiegermutter und die zukünftige Schwägerin äußerten den Wunsch,
meine Aussteuer zu sehen. Sie betrachteten alles Stück für Stück mit
Sachkenntnis und eingehendem Interesse, und meine Mutter erntete bei
dieser Besichtigung großen Beifall. Über einen Gegenstand in der Wäsche
waren sie aber sehr erstaunt, nämlich über die Unterröcke, denn als ich
nach Konotop kam, trug keine einzige Frau solche. Auch in der Aussteuer
meiner Schwester Eva fehlte dieses Stück Wäsche. In der kurzen Zeit seit
der Verheiratung meiner Schwester war so manche neue Sitte in unserem
Hause eingeführt worden. Die Frauen in Konotop trugen auch noch keine
Unterröcke, sondern das Kleid direkt über dem Hemd. Unterröcke zu
tragen, wurde schon als »christlich« betrachtet. Nur im Winter hatten
die Frauen dicke Flanellunterröcke und sehr dicke hohe Herrenstiefel an.
-- Selbstverständlich wußte man nach kurzer Zeit in ganz Konotop von
diesem Bestandteil meiner Aussteuer; und es dauerte nicht lange, so
folgten andere Frauen in Konotop meinem Beispiel. Jedenfalls brachten es
die Jüdinnen in Konotop leicht über sich, ein neues, modernes
Kleidungsstück in ihre Toilette aufzunehmen.

Kulturell hauptsächlich aber gesellschaftlich stand Konotop noch weit
hinter Brest zurück. Von der Mode wußte man hier nicht viel. Meine
Sachen wurden bewundert; ich selbst, so oft ich durch die Straßen ging,
angestaunt; und nach kurzer Zeit galt ich in Modesachen für tonangebend
in ganz Konotop.

Am Tage vor der Hochzeit erwartete man noch Gäste aus Petersburg, einen
Bruder und Schwager meiner künftigen Schwiegermutter. Sie kamen während
des Mittagessens an. Es waren zwei hübsche, vornehm aussehende Herren.
Sie trugen kurze hellseidene Sommerkostüme, eine Art Reiseanzug, und
breitrandige weiße Strohhüte, die sie beim Eintritt ins Speisezimmer
abnahmen, so daß sie mit bloßem Haupt sitzen blieben, während die
übrigen Herren beständig ein kleines, schwarzes Samtkäppchen
aufbehielten. Mein Schwiegervater war sogar etwas betroffen. Das freie,
ungezwungene Benehmen seiner Gäste störte ihn um so mehr, als die
Gegenwart meines lieben Vaters eine tiefreligiöse Stimmung verbreitete.
Doch merkten die jungen Leute schnell ihren Fehler und suchten sich bald
den anderen anzupassen. So setzten sie zum Nachtischgebet die Hüte auf
und murmelten gezwungen vor sich hin, was uns sehr possierlich vorkam.

Nach dem Mittagessen verließ ich die Gesellschaft, denn nach den
althergebrachten Gesetzen mußte ich mich vor meiner Hochzeit der
rituellen Reinigung unterziehen. Bei dieser Zeremonie litt ich die
unerträglichsten Qualen, und meine Feinfühligkeit wurde dabei auf eine
harte Probe gestellt. Die religiösen Formalitäten in der »Mikwe« (dem
rituellen Bade) wollten kein Ende nehmen. Ich wurde gewaschen. Man
putzte mir sorgfältig die Nägel und zum Schluß mußte ich nach der
Vorschrift dreimal ganz im Bassin untertauchen. In stummer Ergebung
erfüllte ich die Befehle der alten Weiber, die mich wie ein Opferlamm
behandelten. Wie froh war ich, als ich sie endlich verlassen durfte!

Am Abend wurde wieder getanzt. Und jetzt waren es nicht nur Mädchen
allein, sondern auch einige junge Leute nahmen daran teil. Es war zwar
gegen die Sitte; die Alten waren aber in einem entfernten Zimmer
versammelt, und die günstige Gelegenheit nutzte die Jugend aus. An
diesem Abend, dem Vorabend meiner Hochzeit, trennten wir uns zeitig
voneinander, doch konnte ich lange nicht einschlafen und nahm mit Wehmut
von meinen Mädchenträumen Abschied.

Am nächsten Tag erwachte ich mit dem Gedanken, daß es der bedeutendste
Tag meines Lebens sei. Wir machten heute alle große Toilette. Ich legte
das schwere grauseidene Kleid an, setzte den Myrtenkranz mit dem langen,
weißen Schleier auf. Weiße Handschuhe, Fächer und ein zierliches
Spitzentaschentuch ergänzten meinen Anzug. Man warf mir den
Zigankamantel um, und wir bestiegen den Wagen, der uns, von einer
gaffenden, neugierigen Menge begleitet, vor das Wengeroffsche Haus
brachte. Die beiden Schwägerinnen empfingen uns. Im Salon wurden wir von
den Schwiegereltern und vielen fremden Damen und Herren begrüßt. Erst
nach einiger Zeit erschien mein Bräutigam, umgeben von zahlreichen
Herren. Er wagte kaum mich anzusehen, denn nach der Sitte des Ortes
sollten Braut und Bräutigam in der letzten Stunde vor der Trauung am
meisten voneinander entfernt bleiben.

Ohne jede Feierlichkeit führte man mich in den Hochzeitssaal. Nicht
einmal der bei uns gebräuchliche Lehnsessel wurde mir angeboten. Ich
mußte an die Hochzeit meiner Schwester zurückdenken --: wie feierlich
war dort alles zugegangen, wie bewegt waren wir Geschwister, als Vater
und Mutter unter Klängen einer rührenden Musik die Braut in den Saal
hineinführten, und sie dann auf einen Armstuhl, der sich in der Mitte
des Salons auf einem Teppich befand, niederließen --. Mir wurde
traurig bei dieser Erinnerung, und ich verspürte eine leise
Enttäuschung. Meine Empfindlichkeit steigerte sich bis zum Ärger, als
ich erfuhr, daß die ganze Zeremonie der Hochzeit nach der dort
herrschenden Sitte auf dem Hofe in einer großen Bretterscheune
stattfinden sollte. Mutter, Schwester und ich konnten es kaum fassen. An
eine Weigerung war aber nicht zu denken, und wir mußten uns fügen. Zu
unserer Beruhigung versicherte man uns, daß eine Hochzeit in Konotop nie
anders gefeiert würde, wenn auch die prächtigsten Räume zur Verfügung
ständen.

In der Scheune nahmen wir auf Stühlen Platz, während die Menge sich auf
Bänken niederließ. Die Musik stimmte in grellen, schrillen Tönen an, und
in die Scheune tanzte in wilden Sprüngen, sich im Kreise drehend, eine
alte Frau herein. Hoch überm Haupte hielt sie einen runden Kuchen, und,
lustig singend, brachte sie folgende Worte hervor:

»Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow!« Dabei ermunterte sie die
Musik, weiter zu spielen.

Ich und meine Schwester hatten noch nie Ähnliches erlebt. Unser
Erstaunen war grenzenlos. Bald aber ergriff uns eine Lachlust, der wir
gar nicht widerstehen konnten. Die Schwägerin merkte es und beeilte
sich, uns diese Szene zu erklären: Nach dem Brauch des Ortes sandte jede
Freundin des Hauses der Hausfrau einen Kuchen, der in dieser seltsamen
Weise überreicht wurde. Diese Erklärung machte die Sache nicht weniger
komisch und unsere Lachlust nicht geringer. Die gleiche Zeremonie
wiederholte sich noch mehrmals, nur mit dem Unterschied, daß jedesmal
der Name einer anderen Freundin ausgerufen wurde.

Um drei Uhr nachmittags waren die Feierlichkeiten in der Scheune zu
Ende, und ich entfernte mich, um das Vorabendgebet zu verrichten und das
Kleid zu wechseln. Die Mutter begleitete mich. Mit bewegter Stimme
sprach sie zu mir von dem Ernste des Hochzeitstages, der für die Braut
einen zweiten Versöhnungstag bedeute, an dem sie Gott um Vergebung aller
ihrer bisherigen Sünden anflehen müsse. Tränen entflossen unaufhaltsam
meinen Augen. Ich umklammerte krampfhaft das Gebetbuch und betete...
Meine fromme und weihevolle Unterredung mit Gott dauerte eine gute
Stunde, und mit verweinten Augen erschien ich wieder in der Scheune. Die
anwesenden Mädchen näherten sich mir, nahmen mir den Brautkranz ab,
lösten das Haar, das zu kleinen Zöpfchen geflochten war, damit die ganze
Frauengesellschaft an dem Auflösen der Haare teilnehmen könnte, und
breiteten es auf Schultern und Nacken aus. Ich schluchzte vor Bewegung.
Da erschien der Bräutigam im Kreise der Herren, nahm das weiße
Seidentuch, das über einer mit Hopfenblumen gefüllten Platte
ausgebreitet lag, und auf Anweisung des Rabbiners bedeckte er damit
meinen Kopf, wobei alle Umstehenden mich mit Hopfen bestreuten, ganz in
derselben Weise, wie ich es bei der Hochzeit meiner Schwester Eva
ausführlich beschrieben habe. -- Dann wurde mein Bräutigam zur Synagoge
gebracht, und ich wurde von Vater und Mutter dorthin geführt, wo der Akt
der Trauung vor sich ging. Darauf trat ich am Arme meines Neuvermählten
unter lustigen Musikklängen den Rückweg an. Ich sah den Weg nicht, da
mein dichtes seidnes Tuch über den Augen mich wie blind machte.

Zu Hause angelangt, zogen wir uns ins Gastzimmer zurück, wo ich endlich
das seidene Tuch auf einen Augenblick lüften durfte, um meinen Mann zum
erstenmal nach der Trauung ins Auge zu sehen. Man servierte uns Tee, den
wir mit wahrer Wonne tranken. Denn nach der jüdischen Sitte hatten wir
bis zu dieser Stunde gefastet.

Während des Abendessens, zu dem in der Scheune gedeckt wurde, und an dem
das ganze Städtchen teilnahm, saß ich am Damentisch und mein Mann am
Herrentisch. Die »Schewa broches«, die sieben Segenssprüche, welche der
Rabbiner bei der Einsegnung des Ehepaares rezitiert hatte, wurden hier
wiederholt, eine Zeremonie, die eine ganze Woche hindurch, aus
besonderem Anlaß sogar während des ganzen Honigmonats, beobachtet werden
muß. Dieses Trauungsmahl (Chuppewetschere) dehnte sich bis Mitternacht
aus, denn die Aufheiterung des Chossen und der Kalle (m'ssameach chosson
w'kaloh) gehörte zu den größten Mizwaus, d. h. gottwohlgefälligen
Handlungen.

Am nächsten Morgen erschien die mit einer Schere bewaffnete Frau, und
auf Befehl meiner Mutter schnitt sie mir das Haar ab. Man ließ mir zum
Andenken noch etwas vom Stirnhaar zurück. Aber auch dieses verdeckte die
Perücke.

Die Perücke war bereits ein Fortschritt; meine letztverheiratete
Schwester hatte nur eine festanliegende Kopfbedeckung aus Stoff und
einem haarfarbenen Bande erhalten.

Die Operation war zu Ende. Ich warf einen Blick in den Spiegel und war
entsetzt, über mein verwandeltes Äußere. Mein Mann tröstete mich aber
liebevoll und versicherte, daß ich ebenso nett wie früher aussehe. So
beruhigte ich mich allmählich. In der kunstvoll gearbeiteten Perücke
mit einem koketten Häubchen, im hübschen Seidenkleid erschien ich, von
Mutter und Schwiegermutter geführt, im Saale. Ich gefiel allgemein in
meiner neuen Tracht, und es fiel so manche Bemerkung, die mich erröten
ließ. Mein Mann wich nicht von meiner Seite.

Die letzten vier Wochen vor der Hochzeit wurde ich dermaßen behütet, daß
ich buchstäblich keinen Schritt allein machen durfte. Ein Aberglaube
herrschte sowohl im Volke, wie unter der damaligen jüdischen
Intelligenz, daß die bösen Geister in den letzten vier Wochen, die man:
kupferne, messingne, silberne und goldene nennt, besonders aber in der
letzten, von der Braut Besitz ergreifen und leichten Zugang zu ihr haben
könnten, wenn sie allein sei. Aus diesem Grunde wurde eine Braut, sowohl
am Tage, wie bei Nacht, bis nach der Chuppe keinen Augenblick allein
gelassen. Nach der Chuppe verloren die bösen Geister die Macht. Nun
hörte auch meine Angst vor den Geistern, die ich überall auf mich lauern
sah, auf, und ich freute mich meiner Freiheit.

Einige Tage vergingen in Lust und Freude. Ich fühlte mich heimisch in
den neuen Lebensbedingungen und dachte nicht mehr mit solcher Angst an
die Trennung von den Eltern.

Roschhaschonoh war vor der Tür, und meine Eltern wollten fort. Aber die
Wengeroffs ließen sie nicht fahren. Sie nahmen die herzliche Einladung
an, und wir verlebten gemeinsam die Feiertage. Aber nach den Feiertagen
traten sie ihre Rückreise nach Brest an, und wir nahmen Abschied
voneinander auf einige Jahre.

Und so kam ich als Gattin eines heißgeliebten, aber mir noch unbekannten
Mannes in ein fremdes Land, unter fremde Leute, fremde Sitten und mußte
mich in all dem Neuen mit meinen achtzehn Jahren zurechtfinden. So haben
die Eltern in jenen Zeiten ihre unvorbereiteten, fast ahnungslosen
Kinder verheiratet und, obwohl sie sie zärtlich liebten, hegten sie
keinen Zweifel und keine Bedenken. Mit Zuversicht in Gottes Beistand
übergaben sie die Kinder ihrem Schicksal. So nahm denn mein geregeltes
jüdisches Eheleben seinen Anfang...



Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern.


Konotop, das von nun an meine zweite Heimat werden sollte, war ein
kleines Städtchen von zehntausend Einwohnern. Dem Aussehen nach machte
Konotop ganz den Eindruck eines Dorfes.

Die Hauptbevölkerung in Konotop bildeten Christen -- Kaufleute, Beamte
und Ackerbauer. Die Juden, die hier in einer ganz geringen Zahl lebten,
waren hauptsächlich Getreidehändler und Schankwirte. Mein
Schwiegervater, der reichste Mann im Orte, war der »Otkupschczik« von
Konotop. In jener Zeit übergab die Regierung einem reichen Kaufmann --
Russen, Juden oder Griechen -- kontraktlich das Monopol auf Branntwein
und alkoholische Getränke. Nach diesem Vertrag war der Konzessionär
»Otkupschczik« verpflichtet, außer der Kaution, die in liegenden Gütern
und Staatspapieren bestand, jeden Monat eine bestimmte Summe in die
Staatskasse zu entrichten; blieb die Zahlung einen, höchstens zwei
Monate aus, so ging die Kaution verloren, und die Konzession fiel an die
Regierung zurück. Jede Stadt hatte einen solchen Konzessionär. Diese
Verpachtung war für den Staat sehr einträglich -- der Gewinn wurde auf
hundert Millionen Rubel jährlich berechnet, eine Summe, die, wie es
allgemein hieß, ausschließlich für die Armee verwendet wurde. Aber auch
die Konzessionäre hatten, wenn die Geschäfte normal gingen, ihren guten
Verdienst dabei. Sie erfreuten sich aller Freiheiten und des Schutzes
seitens der Behörden, führten ein vornehmes, reiches Leben, gaben oft
große Gesellschaften, bei denen üppig geschmaust und getrunken wurde.
Die schönsten Pferde, die elegantesten Equipagen der Stadt gehörten
ihnen. Kleinen Selbstherrschern gleich lebten sie in ihrer Umgebung.

Mein Schwiegervater besaß, wie gesagt, eine solche Branntweinkonzession.
Den Genuß von Wein und Bier kannten damals nur die oberen Schichten der
Gesellschaft. Das Volk trank Schnaps. Freilich verachteten auch die
oberen Zehntausend den Schnaps nicht und tranken gern ein Gläschen, um
ihren Appetit anzuregen. Der Arbeiter gebrauchte schon größere Dosen, um
in den Ruhepausen »seine Kräfte zu stärken«. Den größten Absatz fand
aber der Schnaps auf dem Lande bei dem Bauern, der ihn trank, um sich zu
betäuben. Die Schänkstube war sein Klub, wohin er stets nach der Arbeit
seine Schritte lenkte, wo er seinen »Wodka« trank, bald traurige, bald
lustige Lieder dabei singend und oft im Rausche tanzend.

Der verführerische Schnaps war in den Städten viel teurer als auf dem
Lande. Daher wurde Schmuggel damit getrieben. Es gab damals eine
»Rogatka« (Schlagbaum) vor jeder Stadt. Ein »Straschnik« (Wächter mit
einem großen Messingzeichen, dem Embleme der Konzession, auf der Brust
und dünnem Eisenstock in der Hand) war der Hüter der Grenze. Mit diesem
Stock durchstöberte er jeden Wagen, der an ihm vorbeifuhr, und wehe dem
Bauern oder dem Kaufmann, bei dem etwas gefunden wurde. Der
Unglückliche wurde ins Verwaltungsbureau geschleppt, der Tatbestand zu
Protokoll genommen. Man behandelte den Ertappten dabei wie einen
Verbrecher; und er entging nie einer großen Geldstrafe.

Mit solchen glücklichen Zufällen rechneten die Konzessionäre von
vornherein. Sie bestritten teilweise die großen Ausgaben für das
Personal, für die zahlreichen Aufseher zu Fuß und zu Pferde. Aber trotz
der zahlreichen Hüter der Grenze wurde sehr viel geschmuggelt, und ganze
Sendungen von 20 bis 30 Fässern auf Umwegen durch Schluchten, durch
Wälder in finsteren stürmischen Winternächten in die Städte befördert.
Da kam es nicht selten zu erbitterten Kämpfen zwischen den bewaffneten
Hütern der Grenze und den ebenfalls bewaffneten Schmugglern. Wie oft gab
es bei diesen Zusammenstößen Tote und Verwundete! Die erbeuteten Wagen
wurden mit Triumph in das Verwaltungsgebäude gebracht; und nun begann
der Prozeß. -- Die Angestellten kannten keine Ausnahme -- jeder, der
durch die Grenze kam, mußte sich einer Revision unterziehen. Und so
behelligten sie auch die Pilger, die von allen Enden Rußlands barfuß
nach der heiligen Stadt Kiew wallfahrteten, wo die Katakomben der
unermeßlich reichen Kirche »Peczerskaia Lawra« die Überreste vieler
Heiliger aufbewahren und wo sich das Grab des ersten russischen
Herrschers Wladimir des Heiligen, befindet. Das Fläschchen Branntwein,
das die Pilger, unter denen sich oft die vornehmsten Frauen und Männer
des Landes befanden, zu ihrer Stärkung und zur Einreibung der wunden
Füße bei sich trugen, wurde ihnen zumeist unter Schimpfen und Drohen
fortgenommen. Nur selten ließ man die Pilger ungestraft ihres heiligen
Weges gehen.

Die meisten Juden in Konotop waren Chassidim, eine in ihrem Wesen so
vielfach verkannte, in ihren Lehren so oft verleumdete Sekte. Vor etwa
hundertfünfzig Jahren ist der Chassidismus in Wolhynien entstanden als
Reaktion gegen die vornehmlich in Litauen herrschende, trockene
Talmudgelehrsamkeit. Es war gleichsam der Kampf des aufkommenden
Mystizismus und der Romantik gegen den kühlen Rationalismus. Nicht in
Klügeleien und komplizierten spitzfindigen Auslegungen eines
Bibelwortes, nicht in unaufhörlichem Brüten über dem Talmud, nicht in
den leblosen Wortgefechten besteht die echte, wahre Frömmigkeit. Mit
Herz und Gefühl soll Gott gedient werden. Begeisterung, Inbrunst,
Ekstase müssen den Menschen allem Materiellen entrücken und ihn in die
geistigen Höhen zu der Sphärenharmonie emporheben. So lehren die
Chassidim. Nach ihren späteren Lehren können immer nur wenige -- durch
absolute Vergeistigung eine höhere Erleuchtung, eine göttliche
Inspiration erlangen. Dies ist der Zaddik, der Rebbe, dem unbedingter
Glaube und Vertrauen entgegenzubringen ist. Das Leben soll nicht
getötet, sondern erhöht und gesteigert werden. Der Gottesdienst muß
freudig und jauchzend verrichtet werden, und überall muß Schönheit sein.
Die Schönheit des Rebben offenbart sich in allen seinen Bewegungen und
reißt seine Anhänger zur Entzückung hin. Und so pilgern die Chassidim
bei jeder Gelegenheit zum Rebben, nicht nur um Thora zu lernen und
Gebete zu sagen, sondern um in der Frömmigkeit zu leben und seine
Schönheit zu genießen. Der Rebbe hat Anteil an Gott. Seine Anhänger
wollen Anteil haben an ihm. So greifen sie leidenschaftlich nach den
Resten seiner Speisen. So verfolgen sie in Ekstase seine kleinsten
Bewegungen, suchen ihn in seinem Tanze zu beobachten und tanzen mit ihm.
Tanzend werden Gebete verrichtet, freudig gemeinsame Mahlzeiten
eingenommen und zwischen den einzelnen Mahlzeiten Lieder im Chor
gesungen, die der Rebbe einleitet. So erzählt ein chassidischer Weiser,
Rabbi Leib: »Ich fuhr oft zum Magid (Prediger) von Mezritz, (einem
Fleckchen in Polen), nicht etwa um Thoraneuigkeiten zu hören, sondern um
zu sehen, wie er seine Strümpfe ab- und anlegt.«

In einem anderen chassidischen Buche wird erzählt: »Nie ist der
Großvater aus Spale[6] Gott so nahe gekommen, nie hat er sich so innig
mit ihm vereinigt, wie während seines Tanzes am Sabbath und Jomtow.«
Er besaß dann die natürliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines
vierjährigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem würden sofort die
Gefühle der Buße und Reue wach. Das Herz füllte sich mit Freude, und
die Augen wurden tränenvoll. Rabbi Scholem war einst beim »Großvater
aus Spale«. Voll Ekstase saß er in einer Zimmerecke, während in einer
anderen der »Großvater« saß. Nach dem Essen richtete plötzlich der
Großvater an Rabbi Scholem die Frage, ob er tanzen könne. »Nein,«
antwortete Rabbi Scholem. »Dann sieh, wie der Großvater tanzt.« Der
Großvater erhob sich schnell von seinem Platze und begann einen
herrlichen Tanz. Voll Begeisterung stand Rabbi Scholem da: »Seht, seht,
wie der Großvater tanzt!« Diese Szene wiederholte sich einige Mal, und
Rabbi Scholem sprach zu den Anwesenden: »Glaubt mir, seine Gliedmaßen
sind unendlich weihevoll, mit jedem Schritt hebt er sich zur Gottheit
empor, vereint sich mit der Gottheit.« Am anderen Tage saß Rabbi
Scholem unbeweglich da und betrachtete bewundernd den alten Großvater.

Auch für die Naturschönheiten haben die Chassidim großes Verständnis;
und es mutet uns fast pantheistisch an, wenn von Rabbi Nachman aus
Bratzlaw erzählt wird, er habe die höchsten Stufen der Göttlichkeit
erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte, gemeinsam mit der
Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und
ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem großen, weiten See umherfuhr.

Der Rebbe ist die Verkörperung alles seelischen Adels. In ihm ist Gott
am reinsten offenbart. Muß es da nicht selbstverständlich sein, daß man
das Leben des Rabbi loslöst von allen materiellen Sorgen? Jeder, selbst
der ärmste Chossid hält es für seine vornehmste Pflicht, für den
Unterhalt des Rebben die sogenannten Pidjonim zu spenden. In diesem
Eifer sind sich die mannigfachsten Untergruppen der Chassidim einig.

Es ist ein seltsames Leben, das die Chassidim führen. Sie weihen ihren
Körper, denn auch er ist ein Geschenk des Herrn. Nur in höchster
Reinheit wollen sie vor ihren Gott treten. Häufige Waschungen,
mehrmalige Bäder am Tage, besonders in fließenden Gewässern, ganz
gleich, ob es Winter oder Sommer ist, sind gottesdienstliche Handlungen.

Trotz all den frommen Übungen muß doch bemerkt werden, daß die
litauischen Chassidim viel nüchterner sind und dem praktischen Leben
mehr Verständnis entgegenbringen als die polnischen. Sie sind besonnene
Kaufleute, gute Familienväter und treue Ehemänner. Ihre ganze
weltentrückte Ekstase findet ihren Ausdruck im Gebete. Vollends in jenen
heiligen Stunden, wenn sie einmal im Jahre zum Rosch-Haschonoh-Feste zu
ihrem Rebben fahren. In ihrem Rebben ist Seligkeit und die Gewißheit der
Zukunft. Da braucht man nur auf das Grab des Zaddiks ein Stück Papier zu
legen, das alle Wünsche für das kommende Jahr enthält, und man kann
getrost heimgehen. Der Rabbi wird das Schicksal beugen. Tiefe, mystische
Vorstellungen beherrschen das Sinnen und Handeln der Chassidim. Und es
hieße, die verschlungenen Wege der Kabbala wandeln, wollte man die
tieferen Beziehungen ihrer oft seltsamen Bräuche zu erkennen suchen. So
entsinne ich mich, daß vor dem furchtbaren Tage der Versöhnung, an dem
der Allmächtige über Leben und Tod entscheidet, in den chassidischen
ebenso wie in den misnagdischen Häusern große Wachslichte angefertigt
werden. Aber der siebenmal gefaltete Docht wird nicht früher in das
Wachs gelegt, als bis aus den Fäden die Namen eines jeden lebenden
Familienangehörigen, wie jedes toten zusammengelegt worden ist. Zwischen
den Lebenden und den Toten ist ja nur ein äußerer Unterschied.

Reicher an Bräuchen, ungleich verinnerlichter ist das Leben der
polnischen Chassidim. Hat doch auch heute noch -- in diesen aufgeregten
Tagen -- der Chassidismus gerade in Polen die größte Zahl seiner
Anhänger. Dort hat er nur wenig von seiner alten Kraft und seinen alten
Formen verloren. In jenen Zeiten, von denen ich hier berichte, war der
polnische Chossid ein Wesen, dessen Leben zwischen Himmel und Erde
schwebte und in seiner Verklärtheit dem praktischen Alltag entrückt
schien. Im Gebet erst reifte sein Menschtum zur Ganzheit und Schönheit
aus. So heilig war das Gebet, daß es erst aus der Seele emporsteigen
konnte, wenn alle irdischen Gedanken verbannt waren. Lieber gar nicht
beten, als ohne Inbrunst beten, war ihr Grundsatz. Sie verschmähten
darum die zeitlichen Grenzen, die für das Gebet vorgeschrieben waren,
sie harrten der Feierstunden. Und wollte sich die Seele nicht
aufschwingen zur Weltvergessenheit, dann mußte ein Gläschen Wein -- des
Brechers der Sorgen, des Bringers der himmlischen Freuden -- nachhelfen.
Ihr Auge, aus dem die Flammen des inneren Brandes schlugen, sah die Welt
erfüllt mit guten und bösen Geistern. Sie nahmen mannigfache Formen an.
So erschien ihnen die Frau als ein Dämon, der die Menschen verführt und
in die Niedrigkeit herabzerrt. Lieber einen weiten Umweg machen, als
zwischen zwei Frauen hindurchgehen.

Das Verhältnis der übrigen Judenheit -- der Misnagdim -- zu den
Chassidim ist sehr feindlich. Zwischen den litauischen Chassidim und
Misnagdim bestehen weniger Unterschiede. Und Konflikte sind nur selten,
weil sie auch viel Gemeinsames haben, hauptsächlich die Talmudverehrung.
Die polnischen Chassidim dagegen ignorieren mehr oder weniger den Talmud
und schöpfen ihre Weisheit und Begeisterung aus -=ihren=- heiligen
Büchern. Ein interessanter und bezeichnender Beleg für dieses feindliche
Verhältnis zwischen den beiden Richtungen ist das Liedchen der Misnagdim
über die Chassidim:

    :|: Wer geht in Schül arayn?:|:
    Unsere heilige Idelach.
    :|: Wer geht in Schenk arayn?:|:
    Unsere Kotzker Chassidimlach.
    :|: La, la, la, la, la, la:|:
    :|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:

Auch die Wengeroffs waren Chassidim, aber litauische. Ich, die Tochter
des Misnagid, sah und hörte hier viel Neues und mußte mich allmählich an
manches Fremde gewöhnen.

Meine Schwiegereltern waren sehr gastfreundlich, und in ihrem Hause
verkehrten viele Leute. Dieser Verkehr war aber ein ganz anderer als der
bei den Meinigen in Brest. Da es in Konotop keine vornehmen jüdischen
Familien gab, so bildete sich allmählich der Verkehr mit Nichtjuden aus,
der sich bald recht freundschaftlich und rege gestaltete. Junge
Offiziere, Gutsbesitzer mit ihren Frauen und Geschwistern besuchten
meine Schwiegereltern oft und gerne. Auch manche künftige Berühmtheit
Rußlands befand sich darunter, wie: Dragomirow, der spätere
Generalgouverneur von Kiew und Lehrer Alexander des III., Ponamariew,
Mescenzow und noch andere, die später als Schriftsteller oder auf
militärischem Gebiete bekannt wurden. Durch diesen Verkehr schlichen
sich unvermerkt auch »christliche« Sitten ins Schwiegerelternhaus ein.
Es entstand ein Gemisch von echt jüdischer Religiosität und
nichtjüdischen Gebräuchen.

Allmählich fing ich an, mich an das neue Leben zu gewöhnen und schloß
mich fest und innig meinen Schwiegereltern und den Geschwistern meines
Mannes an. Sie bemühten sich alle, mir über den Schmerz der Trennung
von den Meinigen hinwegzuhelfen, mir das eigene Elternhaus zu ersetzen.
Ich war wie die Tochter im Hause. Auch manche Arbeit in der Wirtschaft
übernahm ich. So war das Teeeingießen des Morgens und Abends, das je
zwei Stunden andauerte, bald mein Amt. Anstrengend war die Erfüllung
dieser Pflicht im Hochsommer während der großen Hitze. Nach vollendeter
Arbeit war ich triefend naß. Hier, am brodelnden Samowar war es, wo mein
Schwiegervater, sonst ein schweigsamer und etwas mürrischer Mann, mit
mir die liebevollsten Gespräche führte und sich stets nach meiner
Gesundheit erkundigte.

Zwei Menschen im Hause waren am meisten tätig: der Schwiegervater und
die Großmutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau
eine große Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand
vortrefflich zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu
den schmackhaftesten Leckerbissen wußte sie alles herzurichten. Sie war
ein besonderer Künstler im Einkochen der mannigfachsten Früchte, denen
sie dabei ihr natürliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt
waren ihre »Knischi«, Pastetchen, die sie mit Gänseschmalz, Grieben,
Gänseleber, auch mit in Gänseschmalz gedämpftem Sauerkohl zu füllen
pflegte. Ihr Meisterstück aber auf dem Gebiete stellten ihre
Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weißen Honig und goß ihn nebst
etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rührte alles mit einem
Holzlöffel gut durcheinander und ließ die Masse ein wenig abkühlen. Dann
nahm sie etwas von dem Teig, in den noch gute große Haselnüsse
hineingeknetet wurden, zwischen beide Hände und rieb, zog, drückte ihn
so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflächen
ablöste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer
Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde.

Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag
kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Sie war der
Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den
Armen stets zur Seite. Täglich fast sah man die alte Frau von einer
Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurückkehren. Der eine wollte von
ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner
Tochter. Ein dritter klagte ihr über Schmerzen in der Brust. Eine Frau
bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in
Geburtswehen daliegt, usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit
guten, verständigen Worten ab. Die andern, bei welchen die Not größer
war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der
Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins
Kontor, um sich hier über verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zu
informieren. Hastig kehrte sie zurück, warf ihren Mantel um und eilte zu
der Wöchnerin.

Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie
verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen
mir noch einige in Erinnerung sind. Bei Brustschmerzen und starkem
Husten ließ sie während eines ganzen Monats das folgende Getränk nehmen:
Hafermehl, Sahne, Butter und vier Lot kandierten Zuckers mußten zusammen
gut aufgekocht werden. Dieses außerordentlich nahrhafte Getränk
kräftigte die Leute sehr bald und der Husten ließ nach. Zur Nachkur
mußte der Kranke süße Sahne nehmen, die in einer Flasche so lange
geschüttelt wurde, bis sich an der Oberfläche kleine Krümel Butter
zeigten. Wurde diese Kur gewissenhaft durchgeführt, so war sie meistens
erfolgreich. -- Bei Rheumatismus, Blutstockungen und Kopfschmerz ließ
sie vier bis sechs Wochen lang einen großen Kelch einer Abkochung von
Sarsaparilla trinken. Bei Blutwallungen nach dem Kopfe und
Schwindelanfällen war ihr souveränes Mittel der Aderlaß, wobei ein
Teller voll Blut abgelassen wurde. Bei Fußbeschwerden ließ sie Bäder von
durchgekochten grünen Pappelblättern machen. Sehr häufig empfahl sie
auch Bäder aus einer Abkochung von trockenem, zerriebenen Heu. Dabei
bevorzugte sie jene zerriebenen Heubröckel, wie sie sich in der Scheuer
bei lange lagerndem Heu am Boden finden. Diese Bäder galten ihr übrigens
auch als ein treffliches Mittel für kranke und schwächliche Kinder. Als
allgemeines ableitendes Mittel bei den mannigfachsten Beschwerden liebte
sie Pflaster von spanischen Fliegen. Diese wurden so lange auf der
kranken Stelle belassen, bis sich eine Blase bildete, die sie dann mit
einer Scheere öffnete und mit Buchnersalbe -- eine Art auf Leinwand
gestrichener Zugsalbe -- längere Zeit offen hielt. Bei skrofulösen
Kindern empfahl sie, Bäder aus Malz oder Rinde von jungen Eichen zu
machen. Senfpflaster gab sie zwei- und dreijährigen Kindern bei
Leibschmerzen. Ein sehr rabiates Mittel wandte sie bei Halsschmerzen und
Mandelentzündungen kleiner Kinder an. Sie tauchte ihren Zeigefinger in
heißes Wasser und massierte die Drüsen vom Munde her. Die Kinder machten
dabei natürlich einen großen Lärm; und ich sehe noch die Alte, wie sie
durch Schnalzen und Schmatzen mit den Lippen die Kinder zu beruhigen
suchte. Versagten aber alle ihre Methoden, dann griff sie zu einem
heroischen Mittel. Ich selbst hatte die Gelegenheit, diese Prozedur bei
meinem Kinde zu verfolgen. Nach dem Tode meines erstgeborenen Kindes
gebar ich ein Mädchen, das in seinem ersten Jahre -- es wurde noch an
der Brust ernährt -- plötzlich zu kränkeln anfing. Es wurde immer
blasser, immer schwächer und magerte ganz ab. Die Alte hatte alle ihre
Mittel schon angewandt. Aber keines half. Das Kindchen siechte immer
mehr und mehr dahin. Mit einem feierlichen Ernste sagte sie mir: sie
werde noch ein Mittel probieren, aber das sei ein furchtbares Mittel,
und es sei nicht unmöglich, daß das Kind unter Umständen dabei zugrunde
gehen könnte. Das Kind schien uns ohnehin verloren. Und so entschlossen
wir uns denn, diesen letzten entscheidenden Versuch zu wagen. Ein Ochse
wurde auf dem Hof geschlachtet. Noch ehe man das Fell abzog, schnitt man
den Leib auf und nahm den dampfenden Magen heraus. Er wurde in eine
Krippe gelegt und mit einem wollenen Tuch bedeckt, damit er warm bliebe.
So wurde er in das Krankenzimmer gebracht. Die Alte schnitt nun mit
einem großen Küchenmesser den Magen auf, schob den dampfenden Speisebrei
auseinander und setzte nun das halbtote Kind mitten hinein. Mit der
einen Hand hielt sie das Köpfchen fest, mit der andern bedeckte sie
immer wieder das Körperchen des kranken Kindes mit dem dampfenden
Mageninhalt. Schon nach wenigen Minuten röteten sich die Wangen des
blassen Kindes wieder. Die sonst halbgeschlossenen Augen öffneten sich
und mit schwacher Stimme rief es mich: -- Mamm', Mamm'. Nun nahm die
Alte das Kind aus den Ochsenmagen, badete es und legte es in die Wiege.
Nach einem halbstündigen, ruhigen Schlaf verlangte es zu essen. Seit
jener Stunde, von der an es sich immer kräftiger und kräftiger
entwickelte, aß es mit bestem Appetit und ich kann versichern, daß
dieser Appetit auch heute noch meine Tochter -- sie ist nun schon 55
Jahre alt -- nicht wieder verlassen hat.

Man kann von der Großmutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, daß sie
eine große Praxis besaß. Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine
Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein
Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden
durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreißenden Frau unentbehrlich
war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen »Beileniu« zu
rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie
fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhältnissen angepaßt.
Sie trug große, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine
schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige
Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu
denen sie hinkam, so groß, daß sogar Windeln für das Neugeborene
fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie riß
ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte
selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die
Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die
Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück
und erzählte häufig und gern von ihren Erlebnissen.

Nach der unter den Juden dieses Ortes herrschenden Sitte wurde die
Hebamme stets nach der geleisteten Geburtshilfe mit einem weißen Hemd
beschenkt. Meine Großschwiegermutter besaß viele solcher Hemden, deren
Annahme sie aus Zartgefühl nie verweigerte. Sie lagen in einer Kommode
aufbewahrt. Verlobte sich im Städtchen ein armes Mädchen, oder war die
Not irgendwo so groß, daß sogar Wäsche fehlte, dann wurde die Kommode
geöffnet und der Vorrat hervorgeholt.

Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich
und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und
der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg
ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die
sich in ihrem kleinen beschränkten Kreise ein Betätigungsfeld schuf und
das soziale Empfinden in diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den
Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange ununterbrochene
Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas
Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an.

Es könnte dem Leser etwas vag vorkommen, daß ich an ein einziges
Beispiel anknüpfend zu solch allgemeinen Schlüssen gelange. Aber die
Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausführlich geschildert habe,
war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden
viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen.
-- Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging
sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze
Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte.

Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele
Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens
besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und
ging dann in die Synagoge.

Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie aß wenig und
einfach. Für die Gäste aber mußte stets ein reichbesetzter Tisch
hergerichtet werden, was in jenen Zeiten in -=jedem=- reichen, vornehmen
jüdischen Hause üblich war.

Die Bevölkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle
Bekannten und Freunde brachten ihr die größte Achtung entgegen. Ihr
Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als ein Gesetz, besonders bei
ihrem Manne und uns Kindern.

Trotzdem sie aber die Macht besaß, ließ sie dies niemals jemanden
fühlen. Nichts von Egoismus und Selbstüberschätzung war in dieser Frau,
keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religiöse
Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den
Willen Gottes -- das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. -- Daß diese
Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue
hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen
gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die in
ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmudstudium, wie auch zu dem der
russischen Sprache anhielt.

Ihr Gatte, ein hageres Männchen mit blitzenden, gutmütigen Augen, war
ihr ganz ergeben und fügte sich, weil er wußte, daß sie ihm in jeder
Hinsicht überlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschäfte
tätig. Das entscheidende Wort führte jedoch seine Frau. Wohl konnte er
gelegentlich gegen die Enkelkinder streng werden. Aber niemand fürchtete
ihn, weil man sein weiches Gemüt kannte. Er war tief ergriffen von allem
menschlichen Elend. Szenen auf dem Hofe, die sich unter Dienstleuten
abspielten, und die sonst niemand bemerkte, konnten ihn tief rühren. Im
gewöhnlichen Leben war er ohne Initiative, energielos... Aber beim
Vorbeten in der eigenen kleinen Synagoge wurde er ein neuer Mensch.
Seine ganze Gestalt veränderte sich in dem Augenblick, da er die ersten
Gebetworte sprach. Eine Kraft und ein Feuer kamen in seine Stimme, daß
man staunen mußte, wo dieser winzige Körper sie hernahm. Der Ton seines
Betens wurde immer bewegter, immer verinnerlichter. Er geriet in eine
weltentrückte Verzückung. Der kleine gebückte Mann wurde groß, so groß
und erhaben, wie die Worte es waren, die er sprach.

Mir persönlich war er sehr gewogen und später, als mein Erstgeborener
einige Monate zählte, kam der Urgroßvater jeden Morgen vor Tagesanbruch
zu ihm ins Zimmer und spielte eine Stunde mit dem Kinde. Der Kleine
erkannte ihn stets und streckte ihm die Händchen entgegen. Er nahm ihn
aus der Wiege, hob ihn hoch über den Kopf und sang dabei: Haisurki,
haisurki...

Das Kind lachte laut, zappelte vergnügt in der Luft und fuhr mit den
Händchen dem Alten ins Gesicht und in den Bart.

Diese Szene wiederholte sich regelmäßig jeden Morgen. Halbschlummernd
hörte ich manchmal aus meinem Schlafzimmer dem Spiel zu, und es wurde
mir dabei stets so warm, so behaglich zu Mute.

Eine Geschichte, die in der Familie ein Geheimnis war und mir erzählt
wurde, knüpft sich an dieses Ehepaar: Vor vielen Jahren wurde der Mann
infolge einer Denunziation ins Gefängnis gebracht. Die tief erschütterte
Frau schreckte vor keiner Gefahr zurück, um ihrem Mann Trost und Mut zu
bringen. Sie besuchte ihn häufig im Gefängnis, als Soldat verkleidet --
eine Tat, die, wäre sie entdeckt worden, ihr den sicheren Tod gebracht
hätte.

Auch in dieser heroischen Tat kommt sie mir wie ein Vorbote derjenigen
jüdischen Frauen vor, die seit den 80er Jahren an der russischen
Revolution teilnahmen und unerschrocken für die gute Sache kämpfen. Aber
zu jener Zeit war Rußland noch in tiefen Schlaf versunken, und für eine
jüdische Frau gab es damals noch keine andere Möglichkeit, ihren
heroischen Geist zu offenbaren, als im engen, geschlossenen
Familienleben. Innerhalb dieses Kreises hat sie auch vollauf ihre
Mission erfüllt.

Munter trug meine Großschwiegermutter ihre Sorgen und blieb bis ins hohe
Alter gesund und rüstig. Als ich ins Wengeroffsche Haus kam, war sie
noch schön -- eine Gestalt von mittlerer Stärke, ein ovales Gesicht,
kluge, gute Augen, eine leicht gebogene Nase und ein sehr kleiner Mund
mit blendend weißen Zähnen, der sich aber fast nie zum Lachen verzog;
ein Kinn, auf dem seltsamerweise ein Bart wuchs, den sie sich jede Woche
entfernen lassen mußte.

Ihr ganzes Trachten und ihre Mühe galten ihrem Sohne, meinem
Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen,
ihrer Sorgen und Wünsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr
brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehörte dem
Sohne, dem lichten Stern ihres mühevollen Lebens.

Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit näher kennen zu
lernen, weil er sehr oft auf Geschäftsreisen ging; und wenn er nach
Hause zurückkehrte, nahmen ihn auch die Geschäfte ganz in Anspruch. Er
war ein kluger Mann mit großen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen
jedermann und seiner Frau gegenüber der liebenswürdigste Kavalier und
geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich
herrschsüchtige Gattin war von ihrer Allwissenheit überzeugt. Die
allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose
Vergötterung ihres Mannes unterstützten sie noch mehr in ihrem
Selbstbewußtsein. Sie besaß Kenntnisse des Hebräischen, was ihren Stolz
noch vergrößerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in
Konotop, sondern in ganz Klein-Rußland damals zur Seltenheit gehörte.

Sie stand sehr spät auf. Wenn sie im Eßzimmer erschien, suchten entweder
meine ältere Schwägerin oder ich ihr das Frühstück mit aller
Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre
Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmädchen und
Bediente erhielten ihr Teil sogleich während des Frühstücks. Nach dem
Frühstück nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Fürstin
gleich ihr ganzes Hab und Gut übersah und beherrschte. Und alle im
Hause, männliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer
Stimme.

Außer einem Schwager und seiner Frau, der Schwägerin Kunze, einer
ungewöhnlich guten und schönen Frau, waren die übrigen Mitglieder des
Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.

Das war die Umgebung, in der ich mein neues Leben lebte. Es war ein
vornehmes jüdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das,
was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuüben und zu
entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und
Verehrung der Eltern -- Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden
hoffen und die hier mit großem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung
und Verehrung empfand ich für meine Schwiegereltern deshalb, weil sie
Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie
standesgemäß erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschäfte gründeten.

Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschönte nicht
jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir
im Schwiegerelternhause gar nüchtern vor. Es störte meine Andacht, daß
am Tisch von Geschäften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt
sich mit seinem Vater über neu gekaufte Pferde, ihre guten und
schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute -- mein
Mann machte es nicht anders -- schliefen oft aus Langeweile bei Tisch
ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet
weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand.
Man erfüllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war;
man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue
Weise. Kam ein Geschäftsbrief am Sabbath an, so öffnete ihn der
Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.

Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich
heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwürdigen Rabbi!
Nichts verriet in ihm den Geschäftsmann, und weder Freitag abends, noch
den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort über geschäftliche
Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden
beiseite gelegt und erst am Abend geöffnet. Im Wengeroffschen Hause war
man nüchterner. Die stille, verklärte, fromme Begeisterung, die an
Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst
erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein
Elternheim: ebenfalls große Räume, kostbares Mobiliar, schönes
Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, häufige Gäste...

Ich las in Konotop sehr viel, hauptsächlich russisch. Die deutschen
Bücher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest
mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, -- und jetzt kamen die
russischen Bücher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die
Reihe. Ich las die Journale »Moskauer Nachrichten«, »die Nordbiene« usw.
und unterrichtete meinen Mann, der äußerst lerneifrig war, in der
deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden
Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, über
großen Folianten gebückt. Beim Tagesanbruch verließen sie erst das
Studierzimmer.

Häufig saß er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen
Schemel, von oben bis unten in einen großen Lappen, »Plachte,« gehüllt,
das Haupt mit Asche beschüttet und tat »Goles abrichten« d. h. das Joch
des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden
Juden einer übt.

Seit unserer Verlobung erfüllte meinen Mann mehr und mehr eine
mystisch-religiöse Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen
Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmählich in dem
schwärmerischen Jüngling den heißen Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des
Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort müsse er vom
Rebben eine erschöpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rätsel
erhalten. Dort wollte er seine Jugendsünden bekennen und um Ablaß
bitten.

Kaum vor zwei Jahren noch hatte mein Mann freie Ideen vertreten, -- was
sogar zu Zwistigkeiten mit den Eltern geführt hatte. Nun verfiel er nach
so kurzer Zeit in das Gegenteil und verlor sich in mystisch-ekstatischen
Stimmungen.

Eines Morgens -- es war Purim -- während ich in der Wirtschaft tätig
war, kam mein Mann zu mir in die Küche und erzählte mir freudestrahlend,
aufgeregt, sein Vater erlaube ihm und seinem älteren Bruder in
Begleitung ihres Rebben nach Libawitz zu reisen. Als Misnagdim-Tochter
verstand ich nicht die Tragweite und den Ernst dieses Ereignisses.
Zweifelnd fragte ich meinen Mann, ob es sein Ernst sei. Ich erhielt zur
Antwort ein kurzes, aber vielsagendes »Ja«.

Man traf die Vorbereitungen. Und bald stand eine Kutsche mit drei
kräftigen Pferden zur Abreise bereit.



Die Wandlung.


Ich weiß nicht, was bei dem Rebben vorgefallen war, denn nie sprach mein
Mann von diesem traurigen Erlebnis; ich weiß nur, daß ein Jüngling voll
Hoffnung und Begeisterung die Seinigen verließ und zu dem Rebben
wallfahrtete, wie zu einem Heiligen, der einzig und allein die Macht
besitzt, den Schleier von den großen Geheimnissen zu heben... und daß er
ernüchtert zurückkehrte. Die blaue Blume, auf deren Suche er, so manchem
anderen gleich, auszog, fand er nicht sonnenbeglänzt am Rande einer
reinen, erfrischenden Quelle, sondern welk und unähnlich dem Bilde
seiner Träume. Nicht Verzweiflung, sondern eine ruhige Trauer legte sich
über sein Wesen. Der Zauber schwand und mit ihm das Interesse und die
Inbrunst, die er im letzten Jahre den religiösen Gebräuchen und
Pflichten entgegengebracht hatte. Und es begann das Sichlossagen von all
dem, was bisher teuer und nahe war, so nahe, daß es mit dem Menschen
verwachsen und in sein Blut übergegangen zu sein schien. Nicht
plötzlich, nicht auf einmal kam es zum Vorschein -- nur allmählich und
leise, so leise, daß man es zuerst kaum merkte... Mein Mann verrichtete
immer noch seine Gebete. Auch das Lernen mit dem Rebben dauerte fort.
Ja, sogar das nächtliche Sitzen und Arbeiten über den Folianten hörte
nicht auf... Aber das liebende Herz eines Weibes, das zu lauschen
versteht und die leiseste Regung wahrnimmt, kann nichts täuschen... Das
war nicht mehr das lebhafte Interesse des Forschers und Suchers, nicht
mehr das inbrünstige, heiße Beten, das sich zur Ekstase erhebt, in
welcher sich der Mensch Gott nahe fühlt und mit ihm redet ... Nein, es
war eine tote Erfüllung der Pflicht. Jung und unerfahren, wie mein Mann
war, verstand er es nicht, den goldenen Mittelweg zu finden. Von
Enthusiasmus und religiöser Begeisterung zur vollkommenen Ernüchterung
war bei ihm ein Schritt. Er tat ihn und betrat den entgegengesetzten
Weg, den viele Juden bereits gegangen waren. Mein tiefreligiöses Gemüt
erfaßte sogleich diese Wandlung. Es wurde mir gar schwer zumute. Ich
ahnte schon damals all die Kämpfe, die mir in den nächsten Jahren
bevorstehen sollten.

Die Erfüllung der religiösen Pflichten ohne die religiöse Überzeugung
wurde meinem Manne auf die Dauer lästig. Er fing allmählich an, sie zu
vernachlässigen. Die Eltern merkten es bald. Es entstand eine Spannung
zwischen ihnen und dem Sohn. Die erste Auseinandersetzung erfolgte, als
mein Mann sich den Bart schneiden ließ. Die Eltern waren darüber
ungehalten und machten ihm bei dieser Gelegenheit schwere Vorwürfe, auch
wegen der Vernachlässigung anderer religiöser Gebräuche, die sie bisher
stillschweigend geduldet hatten.

Damals kam es auch zum ersten Konflikt zwischen mir und meinem Mann. Ich
beschwor ihn, der Eitelkeit nicht nachzugeben und den Bart weiter
wachsen zu lassen. Er fühlte sich verletzt, wollte nichts davon hören,
erinnerte an seine Herrenrechte und forderte von mir Gehorsam und die
Unterwerfung unter seinen Willen... Das war ein scharfer Stich für mein
zartfühlendes Herz; der blaue Himmel meines Eheglücks trübte sich...

In dieser Zeit wurde ich Mutter. Der Wunsch meiner Eltern und
Schwiegereltern ging in Erfüllung: Gott schenkte mir einen Sohn. Es war
der erste Enkel und Urenkel männlichen Geschlechts. Die Freude war groß.

Es war eine schwere Stunde, aber die Liebe und die Sorgfalt halfen mir
darüber hinweg. Im Getto hatte man ganz besondere Mittel, um der
kreißenden Frau die Geburt zu erleichtern. Die erste Bedingung war, daß
niemand im Hause außer der Hebamme und der ältesten Frau von der
bevorstehenden Geburt erfahren durfte. War aber die bevorstehende
Niederkunft bekannt, so war man sicher, daß sie lange dauern würde und
gefährlich werden konnte. Neunmal wurde die Kreißende um den Eßtisch
herumgeführt. Dann mußte sie dreimal über die Schwelle ihres Zimmers hin
und her gehen. Alle Schlösser an den Schränken, Kommoden und Türen,
sogar die Hängeschlösser an der Speisekammer wurden aufgeschlossen. Alle
Knöpfe an der Leibwäsche der Kreißenden wurden aufgeknöpft, alle Knoten
wurden aufgebunden. Dann, so glaubte man in der naiven Symbolik des
Volkes, müßte auch das Kindchen leichter entbunden werden.

Die Wöchnerin wurde natürlich aufs sorgsamste gepflegt. Am ersten Tage
bekam ich nur Schleimsuppe und Tee mit geröstetem Weißbrot. Am zweiten
Tage begann die spezifische Wöchnerinnenschwelgerei. Schon früh am
Morgen wurde Tee mit der besten Sahne gereicht. Nach zwei Stunden kam
jene »Trianke« an die Reihe, jene Haferschleimsuppe, von deren
Zubereitung ich besonders bei der Behandlung von Brustkranken sprach.
Die Alte reichte sie mir immer mit den Worten: Dieser Teller Suppe, mein
Kind, wird dir deine Eingeweide und deine Brust stärken und heilen. --
Nach weiteren zwei Stunden mußte ich eine fette Hühnersuppe mit etwas
Huhn zu mir nehmen. Bald folgte wieder eine »Trianke«. Die war aber
wieder anders hergerichtet. Sie bestand aus gekochtem Honig, der einige
Tage im Warmen offen gestanden hatte, und war mit einem spirituosen
Auszug von Gewürzen, wie Kalhan, Badjan, Muskatnuß, Kaneel, Nelken,
Zimt, Feigen, Johannesbrot übergossen. Ein Glas von diesem Nektar -- und
man schlief köstlich. Beim Erwachen hatte man meist starken Durst, der
mit Tee kräftig bekämpft wurde. Natürlich fehlten Butterzwiebacke nicht.
Nach weiteren zwei Stunden gab es Pflaumenkompott mit Mandeltorte, zum
Vorabend wieder Hühnersuppe mit Huhn. -- Diese Schwelgerei dauerte acht
Tage. In besonderen Fällen wurde sie bis zu vier Wochen fortgesetzt. Es
war eine feststehende Anschauung bei den alten Frauen: solange nicht ein
ziemlich großer Topf mit Hühnerknochen gefüllt war, d. h. solange die
Wöchnerin nicht eine bestimmte Anzahl von Hühnern verzehrt hatte, war
sie immer noch als Wöchnerin zu betrachten.

Nach der allgemeinen Sitte kamen im Laufe der ersten Lebenswoche meines
Sohnes jeden Abend mehr als zehn Knaben mit dem »Behelfer« (Hilfslehrer)
zu mir ins Zimmer, um die erste »Parsche« (Teil) des Krias Schema
(Abendgebet) herzusagen. Dieses geschah nach dem Glauben der frommen
Juden zur Behütung des Neugeborenen vor den bösen Mächten. Die Kinder
erhielten jedesmal nach dem Gebet Rosinen, Nüsse, Äpfel und Kuchen und
der »Behelfer« nach Verlauf dieser Woche eine Geldgabe.

Zu dem gleichen Zweck der Behütung des Neugeborenen wurde bei den Juden
kabbalistische Gebete, »Schemaus« genannt, über dem Kopfe der Wöchnerin
an der Wand angeheftet, ein zweites Blatt an der Tür und ein drittes
zwischen die Kissen des Kindes gelegt. In der letzten Nacht vor dem
»Briß« (Beschneidung) wurde das Kind am meisten behütet -- man nannte
sie die »Wachnacht«. Am Vorabend der rituellen Zeremonie pflegte der
»Mohel« das Messer in einer Scheide und häufig ein kabbalistisches Werk
zu bringen, und die Hebamme legte beides unter die Kissen des
Neugeborenen. Wenn nun das Kind gerade aufschluchzte, so bemerkte
gewöhnlich die Hebamme bedeutungsvoll: Er weiß schon, was kommen wird.
Lächelte er aber im Schlaf, so hieß es, daß der »Malach« (gute Engel)
mit ihm spiele.

Am Vorabend der Beschneidung meines Sohnes gaben wir den Armen ein Mahl,
wie es bei den vornehmen Juden vor einem Briß und einer Hochzeit Sitte
war. Den Tag vorher sandte man den Synagogendiener »Schames« in die
Armengegend und lud die Armen formell ein -- sogar die Straßenbettler
wurden mit »zur Wachnacht gebeten«. In einem großen Raume des Hauses,
das die Gastgeber bewohnten, stellte man einige Reihen langer Tische
auf, an denen die Gäste Platz nahmen. Zuerst wurden die Männer und dann
gesondert die Frauen bewirtet. Die Speisenfolge selbst wurde mit der
Zeit ebenfalls typisch. Und so befand sich auf jedem Platz eine »Bulke«
(Weißbrot), daneben ein Glas Branntwein und ein Stück »Lekach«
(Lebkuchen); sodann folgten Fische oder Heringe, Braten und Grütze.
Große Krüge Bier standen auf den Tischen. Man trank nach Belieben. Der
Wirt, die Wirtin und ihre Kinder bedienten selbst die Gäste. Vor einer
Hochzeit kamen auch die Braut und der Bräutigam zu der Armen und nahmen
die übliche Gratulation -- »Maseltoff« -- entgegen. Die Armen benahmen
sich gewöhnlich mit Anstand. Die Mahlzeit verlief nach allen
Vorschriften der Religion. Zuerst wusch man sich die Hände. Dann wurde
das Gebet gesprochen. Am Schluß wurde mit »M'sumon gebenscht« -- es
waren ja mehr als drei Leute da, an unserer Tafel sogar mehr als
zweihundert. Nach dem Tischgebet gingen die Männer unter Segen- und
Dankessprüchen. Dann kamen die Frauen an die Reihe. Vor dem Fortgehen
erhielt noch jeder Arme ein Almosen.

Zu unserer Familienfeier bekamen wir liebe Gäste von auswärts: den Vater
meiner Großschwiegermutter -=Reb Abraham Selig Selensky=- und seine Frau
aus Poltawa. Das war ein kluger, vornehmer, religiöser, sehr alter Mann,
der alte -=Selensky=-, der sich in Poltawa einer sehr großen Popularität
erfreute. Es war noch einer vom alten Schlage, den der Geschäftseifer
nicht hinderte, den Talmud stets fleißig zu studieren und die religiösen
Pflichten streng auszuüben. Seine vier Söhne erhielten bereits
europäische Bildung, haben es aber verstanden, das Neue zu erfassen und
es in sich zu verarbeiten und gleichzeitig dem Alten nicht zu entsagen.
Der älteste unter ihnen war ungewöhnlich sprachkundig, der zweite
Hofmaler, der dritte Rechtsanwalt und der jüngste ein berühmter
Talmudist. Dieser Talmudist war dermaßen fromm, daß er sich nicht dazu
entschließen konnte, seinen langen Bart schneiden zu lassen. Er trug
ihn stets in einer Halsbinde halb versteckt, um nicht ausgelacht zu
werden.

Doch ich wollte ja vom Briß sprechen. Schon früh am Morgen traf die
Hebamme ihre Vorbereitungen für das Bad. Denn das Baden vor der
Beschneidung ist eine ganz besonders feierliche Zeremonie. Das Kind wird
sehr frühzeitig gebadet. Das Wasser darf nicht sehr warm sein, denn das
Kind durfte nicht erhitzt werden. Sonst würde in der damaligen
Anschauung nach der Operation eine Blutung eintreten. Beim Baden waren
immer eine große Menge alter Frauen zugegen. Galt es doch als ein
verdienstliches Werk, über das Kind zwei Hände voll Wasser zu schütten.
Bei dieser Prozedur ließen die Frauen eine Silbermünze in das Wasser
gleiten. Sie war für die Hebamme bestimmt.

In dem Zimmer, in dem die Beschneidung stattfindet, werden schon früh um
10 Uhr zwei große Kerzen in hohen Leuchtern angezündet. Auf einem
besondern Tisch sind die Utensilien des Briß hergerichtet. Eine Flasche
Wein, ein Becher, der mindestens den Inhalt von einundeinerhalben
Eierschale fassen muß, ein Teller voll Sand, eine Büchse mit Puder, das
aus altem verfaulten Holz besteht. Gegen 10 Uhr kommen schon die ersten
Gäste an. Der Mohel ordnet an, daß das Kind jetzt gewickelt werden soll.
In den reichen Häusern wurde für diese Windeln die feinste Leinwand
verwendet. Das Kind erhält ein Mützchen auf den Kopf, wird in ein
seidenes Steckkissen getan und mit einem Deckchen aus ebenso feiner
Seide zugedeckt. Für das Wickeln vor der Beschneidung war eine ganz
bestimmte Methode üblich. Eine Windel wurde dreieckig gelegt. Die
Händchen des Kindes wurden gerade an die Körperseiten angelegt und mit
je einer Ecke der Windel umschlungen. Das feine, mit Spitzen besetzte
Hemdchen wurde über dem Leibe des Kindes in einem breiten Saum
hochgeschlagen. Dann wurde das Kind in eine große Windel gepackt, um die
ein sehr langes und breites Wickelband so fest herumgeschlungen wurde,
daß das Kind wie eine Mumie aussah. Nur die Füßchen blieben frei, damit
dem Kinde nicht zu heiß würde, weil ja jede starke Erhitzung die Gefahr
der Blutung gäbe.

Wehmütig blickte ich mein Kind an, das nun das Opfer für sein Volk
darbringen sollte. Ich preßte es an mein pochendes Herz. Aber bald nahm
mir die Hebamme das Kind fort und reichte es der ältesten und würdigsten
Frau, die neben dem Bett stand. Sie wiegte es ein paarmal auf ihren
Armen und reichte es dann der nächststehenden Frau, die es auch mehrmals
hin und her schaukelte, um es dann weiterzugeben. So wandert das Kind
von Arm zu Arm, bis es schließlich der Gevatterin überreicht wird. Sie
tritt mit dem Kinde bis an die Schwelle des Zimmers, in dem der Akt vor
sich gehen soll. Sobald die Festversammlung des Kindes ansichtig wird,
rufen die Herren ihm ein Boruch Habo »Gesegnet sei der Kommende« zu. Der
Gevatter (Quatter) übernimmt dann das Kind und reicht es dem Sandik
(Syndikus), der, in einen großen Tallis gehüllt, auf einem Lehnstuhl
Platz genommen hat. Seine Füße stehen auf einem Holzschemel. Dann
spricht der Mohel ein ergreifendes Gebet. Er fleht Elijahu, den
Schutzengel der Beschneidung, den wundertätigen Schirmer der Juden in
Not und Fährde, um seinen Beistand an. Und nun folgt die eigentliche
Beschneidung. Ein heftiger Aufschrei des Kindes. Und während der Mohel
den Segen über den Wein spricht und dem Kinde den Namen gibt, hört man
noch das leise Wimmern des Kindes, das sich erst dann manchmal beruhigt,
wenn ihm der Mohel mit dem kleinen Finger ein paar Tropfen Wein auf die
Lippen gibt. Vielfach ist es Sitte, daß bei den einzelnen Akten nach der
Beschneidung beim Segen über den Wein, beim Namengeben und beim
Schlußgebet je ein anderer Herr mit der Ehre, das Kind halten zu dürfen,
ausgezeichnet wird. -- Die Zeremonie endet damit, daß der Gevatter das
Kind wieder der Gevatterin überreicht. Glückstrahlend nimmt dann die
Mutter das Kind in Empfang, und das kleine Kerlchen darf nun an der
Mutter Brust wieder seine genußreiche Ruhe finden. Er ist nun in den
Bund Israels aufgenommen und ein Nachkomme des Patriarchen Abraham. Die
Gäste bleiben noch lange bei einem Festmahl zusammen, gilt doch diese
Szude als ein ganz besonders heiliges Mahl.

Ist die Beschneidung glücklich vorüber, -- und ich erinnere mich
eigentlich nie eines traurigen Zwischenfalles -- dann ist die Macht der
bösen Geister gebrochen. Nach drei Tagen war bei meinem Kinde die Wunde
geheilt. Diese glückliche Heilung wurde wieder durch ein Festmahl
gefeiert. Und bald konnte nun die mütterliche Sorgfalt sich ganz der
körperlichen Pflege ihres Kindes widmen.

Es war ganz selbstverständlich, daß damals jede Mutter ihr Kind selbst
stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal
einige Tropfen zur Seite abgedrückt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen
die ersten Tropfen vergiftet haben könnten. Die Entartung der
Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutter
zu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund.
Sie tat Weißbrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stückchen Zucker,
nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Läppchen und band es
mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende
Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von
der zumeist alten und erfahrenen Wärterin auf ein großes Kissen gelegt.
Dann wurde der Leib mit Provenceröl tüchtig eingerieben, das linke
Füßchen mit dem rechten Händchen über dem Bäuchlein des Kindes so
zusammengedrückt, daß Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das
gleiche Manöver wurde mit dem linken Händchen und dem rechten Füßchen
vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den
Körper gelegt. So wurde das Kind in die Höhe gehoben und für einen
Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind
auf den Bauch gelegt, Rücken und Füßchen zart gestrichen. Mochte das
Kind auch aus Leibeskräften geschrien haben, es wurde still.

Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes
Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und
Fußende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die
Wärterin das Kind in die Küche, schaukelte es zunächst auf den Händen,
und hob es dann für ein paar Minuten über den Herd in den Schornstein,
wobei sie unverständliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde
ruhig, vorausgesetzt, daß die Wärterin nicht vorher vergessen hatte,
Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in
ihre Hand zu schütten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen.
Manchmal genügte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu
beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bösen Blick, der
besonders dann zu fürchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind
betrachteten. Ein anderes »unfehlbares Mittel« war, daß die Mutter sich
auf ein Knie niederlassen mußte, während das Kind dreimal zwischen den
Beinen hin und her geschoben wurde.

Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn
einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwärts, blieb es mager und
schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose:
Rippküchen. Die Rippen des Kindes fingen zu dörren an. Ich glaube, das
muß wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit
bezeichnet. Diese Kinder weinten natürlich sehr viel. Und um der Ursache
dieser Unruhe zu begegnen, wußten die wohlweisen Weiber ein kräftiges
Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das
man in jenen Zeiten die Wäsche zu wickeln pflegte, legten dieses
Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten
dicken Brett, mit dem man ansonstens über das umwickelte Rollholz fuhr,
neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die
richtigen Beschwörungsworte wußte. Die bösen Geister liefen dann davon.

Allein es gab Kinder, die selbst nach dieser Prozedur und selbst nach
den noch so feierlich gesprochenen Beschwörungen nicht ruhig wurden. Die
Wärterin überlegte dann. Aber Gott half ihr, und sie fand die richtige
Diagnose: das Kind hat Haare auf dem Rücken. War diese Diagnose
gestellt, so ging man schnell an die Therapie. Das Kind wurde gebadet,
abgetrocknet; und dann wurden Kugeln aus frisch gebackenem weichen
Roggenbrot fest auf dem Rücken des Kindes hin und her gerieben, wobei
ein Teil der Rückenhärchen sich an die Brotkugel festsetzte. Dann rieb
sie nur mit der Handfläche den Rücken des Kindes weiter, bis die kleinen
Härchen fest wie die Borsten standen. Und wirklich, meist wurden die
Kinder ruhig.

Für ganz elende und abgemagerte Kinder wandte man noch die folgende
Methode an: Das Kind wurde nach dem Mittagessen in das noch mit allen
Brotkrumen bedeckte Tischtuch gewickelt, dann auf einen Augenblick in
einen großen, verschließbaren Koffer gelegt. Schnell wurde der Deckel
geöffnet. So machte man es täglich durch vier Wochen. In dem Tischtuch
pflegte man das Kind alle Woche zu wägen. Wenn das Kind gesunden sollte,
so nahm es jede Woche an Gewicht zu. Wenn dann die erste schmale Sichel
des Mondes sichtbar wurde, dann hielt man das Kind so dem Monde
entgegen, daß es ihn sehen konnte. Dazu sprach man die folgenden Worte:
Mjesjatz, Mjesjatz wisokoss, dai tyello nassej kosst, zu deutsch: Mond,
Mond, wachse, gib Fleisch auf diese Knochen.

Nach 18, oft schon nach 15 Monaten wurde das Kind entwöhnt. Gab die
Mutter dem Kinde zum letztenmal die Brust, so setzte sie sich auf die
Schwelle und gab dem Kinde so lange zu trinken, bis es von selbst
aufhörte und müde den Kopf zur Seite legte. Das war ein schwerer, aber
doch festlicher Tag. Die grobe Abhängigkeit des Kindes wurde da gelöst.
Hatte aber die Mutter an diesem Tage so manchen Schmerz, so war es ein
Jubeltag, wenn das Kind zum ersten Male sich auf die Beinchen stellte
und ging. An dieser Stelle machte dann die Mutter einen Einschnitt in
die Diele, das bedeutete: die »Pente zerschneiden«. Die Fesseln waren
von den Füßchen des Kindes genommen.

       *       *       *       *       *

Gleichzeitig mit dem Briß meines Sohnes fand noch eine große religiöse
Zeremonie statt. Meine noch junge Schwiegermutter Cäcilie ließ seit
einem Jahre eine »Sefer Thora« schreiben, wofür sie mehrere hundert
Rubel bezahlte. Sie wollte die heilige Rolle in der Synagoge, welcher
sie gewidmet war, einweihen lassen. Diese Handlung meiner
Schwiegermutter fand sowohl in ihrem Hause, wie im Städtchen großen
Beifall und wurde einer Frau hoch angerechnet. Der Sofer, d. h. der
Schreiber der Thora, ein wahrhaft religiöser Jude, der mit Beten und
Fasten sein Leben verbrachte und als ehrlicher Mann in Konotop bekannt
war, brachte die heilige Rolle zu uns ins Haus.

Die Zeremonie der Thoraeinweihung beging man wie eine Hochzeit; man
holte die »Chuppe« (Baldachin), stellte sie in einem großen Saal auf.
Dem Rabbiner war die Ehre zugeteilt, die Thora zuerst auf die Hände zu
nehmen und mit ihr unter die Chuppe zu treten. Dann begab man sich nach
der Synagoge -- der Rabbiner voran, und ihm folgten die Würdigsten und
Ältesten der Stadt. Zuletzt die Frauen und Mädchen mit brennenden Kerzen
in silbernen Leuchtern. Selbst die Mädchen in diesem Zuge durften nicht
mit entblößtem Haupt mitgehen. Als sich der Zug gerade in Bewegung
setzte, ertönte die fröhliche Musik einer Kapelle. Ein munterer Marsch
erschallte durch die Straßen. Unter seinen Klängen hüpfte der ganze Zug
im Tanz. Lebhaft tanzten die Männer, leidenschaftlich in die Hände
klatschend. Hinterher hüpften die Frauen und Mädchen. Alle zusammen
jubelten, jauchzten, freuten sich und ehrten die schöne Tat der frommen
Frau.

So kam der Zug in der Synagoge an. Da die Zeremonie bis zum Vorabend
dauerte, verrichtete die große Menge gleich dort das Minchagebet.

Die Einweihung der Thora gehörte zu den feierlichsten Handlungen. In
einem jüdischen Städtchen war es ein Ereignis, das man nicht leicht
vergaß. Ich erlebte es zum erstenmal. Es machte auf mich einen großen
Eindruck. Aus einem Fenster sah ich dem Zuge zu und bedauerte sehr, ihn
nicht mitmachen zu können.

Nach diesen Feierlichkeiten verreisten unsere Gäste aus Poltawa.
Jedermann nahm seine Pflichten wieder auf. Das Leben im
Schwiegerelternhause ging seine gewohnten Wege. Ich erholte mich
allmählich. Das Mutterherz schwelgte in neuen Seligkeiten. Ich vergaß
die Sorgen der letzten Zeit, als ich das Büblein anschaute, das kleine
winzige Wesen, das noch so ruhig schlummerte, nichts hörte, nichts sah
und nichts von der jungen Mutter wußte, die stundenlang an seiner Wiege
stand, ihn anblickte, ihm zulächelte und von seinem künftigen Glück und
seiner Größe träumte. -- Monate vergingen, und mein lieber herziger Bub
-- er war blond und hatte blaue Augen, ganz verschieden von dem
Wengeroffschen Typus -- wurde immer größer, er gedieh zu einem
kräftigen, gesunden Kinde. Mit jedem Tag wuchs meine Freude an ihm...
Welchen neuen Inhalt erhielt mein Leben! Meine Liebe teilte sich jetzt
zwischen meinem Mann und dem Kinde, und wahrlich, beide kamen nicht zu
kurz dabei! Selbstverständlich war der Kleine der Liebling des ganzen
Hauses.

Daß unser Eheleben noch zärtlicher, unsere gegenseitige Anhänglichkeit
und treue Liebe durch dieses Kind noch intensiver wurde, brauche ich das
noch zu sagen?

Es verging die Zeit, und unser Sohn wurde zwei Jahre alt. Seine geistige
Entwicklung eilte der körperlichen weit voraus. Er war über sein Alter
aufgeweckt und klug. Ich war mit meinem Manne stolz auf unseren
Erstgeborenen. Wir schmiedeten große Pläne für seine Zukunft.

Aber es gefiel Gott anders, und er nahm ihn zu sich, diesen unseren
Liebling... Vom ununterbrochenen Wachen an seinem Krankenbette müde,
verließ ich das Lager meines kranken Kindes. Im Nebenzimmer legte ich
mich kraftlos auf das Sofa und versank in einen schweren Schlaf. Mir
träumte, ich wäre im Eßzimmer; durch die geschlossenen Läden dringe
etwas Licht hinein; im Zimmer herrschte Halbdunkel. Trotz der
geschlossenen Läden konnte ich doch alles, was draußen vorging,
wahrnehmen. Ein großer schwarzer Hund heulte furchtbar, den Kopf ganz in
den Nacken werfend, und hinter ihm stand eine Anzahl Musikanten; sie
spielten auf Geigen, die mit schwarzem Tuch überzogen waren und die sie
verkehrt in den Händen hielten. Erstaunt fragte ich sie, warum sie auf
diese Weise spielten, und erhielt die düstere Antwort: »Heute müssen wir
so spielen«... Ich erwachte in Angst und Schrecken und stürzte in das
Krankenzimmer. Doch man ließ mich nicht mehr zu meinem Kinde. --
Es war nicht mehr das meine! -- Weit, weit von mir, in die
Himmelshöhen ging es und nahm mein junges, verzweifeltes Mutterherz auf
immer mit sich.

Es war der erste schwere Schicksalsschlag, der mich traf, und erst die
beiden Kinderchen, die mir Gott in den nächsten Jahren schenkte,
trösteten mich ein wenig und linderten meinen Schmerz.

Inzwischen hatte sich der Konflikt zwischen meinem Gatten und seinen
Eltern noch zugespitzt. Mein Mann fand keine Freude mehr daran, mit dem
Rebben gemeinsam den Talmud zu studieren. Er holte die großen Folianten
(Gemores) zu sich in unsere Wohnung und lernte selbständig. Er sah es
gern, wenn ich mit einem Buch oder einer Handarbeit neben ihm saß, und
wenn er müde wurde, lasen wir dann zusammen in einem deutschen Werke.
Dieses Talmudstudium verlor aber ganz den früheren religiösen Charakter
und wurde bei meinem Manne mehr zum Philosophieren, zu einer kritischen
Betrachtung und Prüfung und spielte nicht mehr die Hauptrolle in seinem
Leben. Er widmete sich jetzt mehr dem Erwerbsleben und unternahm sogar
mit meiner Mitgift selbständige Geschäfte, wobei er aber das ganze Geld
verlor. In den kaufmännischen Angelegenheiten hatte ich bei ihm keine
Stimme; meine Ratschläge nannte er Einmischung und wollte von ihnen
nichts hören. Er war der Meinung, daß eine Frau, besonders aber die
seinige, keine Begabung in dieser Richtung besitze und empfand meine
Einmischung als eine Erniedrigung für sich. Diese Meinung war damals bei
den meisten Juden Kleinrußlands verbreitet, besonders aber bei den
Konzessionären, die in ihrem Dünkel sich als Selbstherrscher fühlten und
keine Ratgeber dulden wollten.

Wohl keinem meiner Geschwister ist das Lied von der Wanderung so oft und
so vernehmlich an der Wiege gesungen worden wie mir. Die vier Jahre,
welche wir im Schwiegerelternhause verleben sollten, waren um; und nun
hieß es, ein selbständiges Leben beginnen. Die Schwiegereltern besorgten
für uns ein Geschäft, ebenfalls eine Konzession auf Branntwein, und wir
mußten nach einer anderen Stadt übersiedeln.

Eines Morgens stand eine große, bequeme Equipage vor dem Hause zur Reise
fertig und noch ein Wagen mit Lebensmitteln daneben. Die Abschiedsstunde
war gekommen. Begleitet von Segenssprüchen, bestiegen wir, mein Mann,
ich, zwei Kinder und zwei Bediente, unseren Wagen, und fort ging es in
die Welt, den neuen Schicksalen entgegen.

So verließen wir nach vierjährigem gemeinsamem Leben dieses Haus, wo wir
das patriarchalische jüdische Familienleben zuletzt gelebt haben; wir
verließen es für immer.


Weitere Schicksale.

Luben hieß der Ort, in dem wir unsere selbständige Existenz begründen
wollten. Die jüdische Bevölkerung in diesem zu Kleinrußland gehörenden
Städtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop;
zumal in der äußeren Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten näherte sie
sich mehr der europäischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem
überlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle.
Man führte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebräuchen
der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung. Es gab dort keine
Talmudisten, keine großen jüdischen Gelehrten, nicht einmal eine große
Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiosität, die die Aufklärung mit
sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und
ein Aufgehen in fremder Art.

Es existierte in Luben eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder
ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige
Aristokratie betrachteten.

In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die
Schwiegereltern unseren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend
eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner
ziemlich großen Wirtschaft zurecht und führte sie mit Sachkenntnis. Mein
Mann übernahm das Geschäft, für das er, wie sich erwiesen hat,
Fähigkeiten besaß.

Nun war die Rücksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann
durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tägliche Beten
in Tallis und Tefillin hörte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud
dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der
Stadt, welcher häufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte
dieses Interesse, wie ich schon früher bemerkte, einen rein
wissenschaftlichen Charakter angenommen.

Die berühmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem
Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von
Verwandten, Freunden und Bekannten hörten gar nicht auf. Dreimal täglich
war der Tisch reichlich für acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast
nie eine Mahlzeit ohne Gäste. Unsere Wirtschaft vergrößerte sich von Tag
zu Tag. Sie wurde freilich viel zu groß für unsere Verhältnisse. Die
Schwiegereltern machten uns schwere Vorwürfe wegen dieser
Verschwendung.

»Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen.« Mit diesen Worten trat mein
Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein
Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war:
»Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig
und wir haben nichts bei uns.« Mein Mitleid und mein Schreck waren
grenzenlos, und ich überhäufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, daß
der Bote in der Küche wartete, warf hastig etwas über und lief zu ihm
hinaus. Von dem Überbringer des Briefes, einem jungen Bäuerlein, erfuhr
ich, daß der jüdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war,
Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen
der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter
fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese
Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nächsten Tages unterwegs zu
bleiben gezwungen waren. »Heute Abend«, fügte das Bäuerlein hinzu, »kann
sie schon hier sein.«

Ich überlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine
Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes
gekochtes Huhn, Butter, Käse, etwas Likör und Mandeltorte, die meine
Schwester, wie sie mir nachher erzählte, sofort an unsere Kindertage, an
die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher für seine
Mühe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.

Nachdem der Bote abgefertigt war, kleidete ich mich an, ordnete das
Nötige in der Wirtschaft, wobei mich eine nervöse, freudige Ungeduld gar
nicht verlassen wollte. Am liebsten hätte ich den Wagen anspannen
lassen, um meiner Schwester entgegenzufahren und sie abzuholen. Aber es
war ja Samstag, und in jenen Zeiten, in denen die Religion bei uns Juden
in Rußland das ganze Leben, Tun und Handeln regelte und bestimmte,
durfte ich meinem Herzenswunsch nicht nachgeben; hatte doch auch der
Kutscher fast nur des Sabbaths wegen seine Passagiere beinahe verhungern
lassen...

Es wurde dunkel; ich deckte den Teetisch, traf Vorbereitungen für die
lieben Gäste und wartete. Endlich kamen sie. Wie herzlich war unsere
Begrüßung! Wir freuten uns so sehr miteinander! An diesem Abend gingen
wir spät zur Ruhe. Ich begleitete meine Schwester in das für sie bequem
eingerichtete Zimmer, küßte sie herzlich und lud sie ein, gemeinsam mit
uns morgen zu frühstücken. Als wir am nächsten Morgen zum Tee
erschienen, erwartete uns bereits mein Mann. Ich bemerkte sogleich eine
Befangenheit im Benehmen meiner Schwester, suchte nach der Ursache,
konnte sie aber nicht finden. Mein Mann verließ uns. Wir beide blieben
noch lange am Teetisch sitzen und plauderten von unseren Erlebnissen.
Wir vergaßen vollkommen die Gegenwart und verloren uns in der
Vergangenheit. -- Dann kehrte mein Mann vom Geschäft zurück. Wir
speisten in munterer Stimmung zu Mittag und plauderten immerfort bis
spät in die Nacht hinein. -- Das Fragen und Erzählen hatte kein
Ende; was wollten wir alles voneinander erfahren nach der vierjährigen
Trennung!

Als ich Schwester Kathy an diesem zweiten Abend unseres Zusammenseins
auf ihr Zimmer begleitete, lud ich sie wieder herzlich ein, mit mir und
meinem Manne gemeinsam das Frühstück einzunehmen. Da umarmte sie mich
und bat befangen, in ihrem Zimmer allein frühstücken zu dürfen, und als
ich sie befremdet nach der Ursache fragte, antwortete sie mir verlegen:
»Ich habe außer meinem Manne noch keinen Mann im >Chalat< (Morgenrock)
gesehen, und das geniert mich bei deinem Manne.« Obwohl ich diese für
die damaligen Jüdinnen bezeichnende Schamhaftigkeit etwas seltsam fand,
bat ich doch meinen Mann, dem Wunsch der Schwester nachzugeben. Er
erschien von nun an, trotz seines Hanges zur Bequemlichkeit, am
Frühstückstisch vollständig angekleidet. So rücksichtsvoll blieb er die
ganze Zeit; er bezeigte seiner Schwägerin vom ersten Tage ihrer Ankunft
an stets die größte Ehrerbietung und Aufmerksamkeit und fand es ganz in
der Ordnung, daß ich ihr stets den ersten Platz am Tisch einräumte, auch
wenn die vornehmsten Gäste zugegen waren. Ihr fünfjähriges Töchterchen
wurde von uns allen zärtlich geliebt und gepflegt.

Drei Monate vergingen seit der Ankunft der Schwester Kathy, als wir von
unserer älteren Schwester Marie die Nachricht erhielten, daß sie uns in
den nächsten Tagen besuchen würde. Wieder umfing mich eine ungeduldige,
freudige Spannung. Es vergingen aber mehrere Tage, und sie kam immer
noch nicht. Auch blieb jede weitere Nachricht von ihr aus. Unsere Unruhe
wuchs. Eine Möglichkeit der schnellen Verständigung in die Ferne wie
heute gab es nicht. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als geduldig
zu warten, bis sie uns eines Tages überraschte. Stürmisch war die Freude
des Wiedersehens. Ihr Aufenthalt in unserem Hause verbreitete
allgemeinen Frohsinn. Wir wurden lustiger, jugendlicher. Das Verhältnis
zwischen meinem Mann und Marie gestaltete sich viel gemütlicher und
unbefangener als seine Beziehungen zu Kathy. Man lachte, sang und
scherzte den ganzen lieben Tag. Wir suchten alles, was Luben an
Unterhaltung bot, auszunutzen, um uns gut zu amüsieren.

Zu den Belustigungen, die Luben während des Aufenthalts meiner Schwester
Marie bei uns bot, gehörte auch das Theater, das regelmäßig einmal im
Jahre zur Zeit des großen Jahrmarkts in unser Städtchen kam. Dieses
Theater, das aus einer wandernden Truppe bestand, befand sich noch in
einem sehr primitiven Zustande. Als Theatergebäude diente hier, wie auch
sonst in Provinzstädten, eine Scheune. Die Wände schmückte man mit
bunten Bettüchern. Aus Brettern wurde eine Erhöhung, die Bühne,
hergestellt. Bänke, Stühle, sowie das ganze notwendige Mobiliar, ja
selbst einzelne Kleidungsstücke lieferten die wohlhabenden Bewohner von
Luben. Dafür hatten sie freien Zutritt. Man erhielt aber keine
Freikarten, wie es heute zu geschehen pflegt. Es genügte, wenn man vor
der Kasse den geliehenen Gegenstand laut nannte, um ohne weiteres
hineingelassen zu werden. »Ein Leuchter«; »drei Kattundecken«; »zwölf
Stühle«; »ein Rock«, hörte man die Gäste rufen. Gleich zog sich der
geliehene Kattunvorhang zurück, und der Gast konnte seinen Platz
einnehmen.

Die Vorstellung in diesen Theatern sollte gewöhnlich um neun Uhr abends
beginnen, fing aber fast nie vor elf Uhr an, weil stets auf die
Würdenträger des Ortes gewartet wurde.

Während der Pausen spielte eine Musikkapelle, zumeist ausschließlich aus
jüdischen Musikanten -- »Klesmorim« -- bestehend. Da diese mit dem
Publikum gut bekannt waren, so geschah es oft im Theater, daß die Gäste
von ihren Sitzen aus den Musikanten ihre Wünsche zuriefen: »Jankel,
spiel a Polke!« Dann wieder »a Walzer« usw. Jankel erfüllte
selbstverständlich den Wunsch seines Bekannten, sein Kollege wieder den
des seinigen, so daß die Pausen sich bis ins Unendliche hinauszogen. Oft
kam es vor, daß es schon heller Tag war, wenn die Leute das Theater
verließen.

Das Theater war ein Ereignis im Städtchen. Man begrüßte es immer mit
großer Freude und besuchte es jeden Abend. Von den Juden ging nur die
Jugend ins Theater. Die Alten und Frommen besuchten es nie, ließen aber
die Jugend gewähren und schwiegen weise dazu.

Da wir zu den Wohlhabendsten des Städtchens gerechnet wurden und sehr
viele Gegenstände geliehen hatten, so überließ man uns mehrere Plätze.
Wir gingen fast jeden Abend dorthin in großer, lustiger Gesellschaft und
amüsierten uns köstlich.

Wir hatten in dieser Zeit viel Besuch; an den drei täglichen Mahlzeiten
nahmen bis fünfzehn Personen teil. Dabei wurde streng auf »Koscher«
geachtet; Milch- und Fleischgeschirr waren voneinander geschieden sowohl
im Gebrauch, wie auch beim Abwaschen.

Am Freitag abend wurden nach dem jüdischen Gebrauch für jeden Herrn zwei
ganze Brote (»Challes«) zur »Mauze« seinem Gedeck beigelegt; und die
Zahl der Herren in jenen lustigen Wochen war nicht gering... da gab es
viel zu tun!

Marie blieb einige Wochen bei uns und verließ uns sehr entzückt über die
gastfreundliche Aufnahme. Die Solidarität zwischen den Angehörigen einer
Familie gehörte zu den größten Tugenden, die sogar unter dem Einflusse
der ganzen Sturm- und Drangperiode, die so manche gute Sitte des
jüdischen Familienlebens zerstörte, bestehen blieben, wenn auch nicht in
dem hohen Maße wie vorher. Wie alle Ethik bei den Juden, wurzelte sie in
den religiösen Gesetzen, in denen es heißt: »Du sollst dich deinem Blute
nicht entfremden.«

Und so blieb Kathy, da sie wegen des Krimkrieges nicht zu Haus bleiben
konnte, vierzehn Monate unser Gast -- lange, lange Monate, in welchen
die arme Frau viel Leid und Kummer durchgemacht hat.

Tage und Wochen vergingen. Ihre Niederkunft stand nahe bevor. Die
Großmutter meines Mannes, von deren ärztlichen Kenntnissen und
Fähigkeiten ich ausführlich gesprochen habe, erbot sich, zu uns nach
Luben herüberzukommen. Im November erhielten wir die Nachricht, daß die
opferwillige Frau auf dem Wege zu uns war. Der böse Zufall wollte es,
daß nicht Frost und Schnee, wie sonst um diese Zeit in Rußland, sondern
regnerisches Wetter herrschte, und statt einer bequemen, schnellen Fahrt
im Schlitten mußte die alte Frau den beschwerlichen Weg in der
»Postkibitka« machen, einer höchst primitiven Kutsche ohne Federn. Nach
zweitägigen Reisestrapazen langte sie bei uns an, ermüdet und erschöpft.
Zum Glück war sie in einen Riesenpelz gehüllt, der sie vor Erkältung
bewahrte.

Der neue Familiensprößling ließ nicht lange auf sich warten. Es war ein
Sohn. Nach dem Briß reiste die Großschwiegermutter fort. Kathy erholte
sich allmählich, wir kehrten zu unserm normalen Leben zurück. Nach wie
vor verging keine Mahlzeit ohne Gäste. Der Keller und der Geflügelhof
waren stets voll und boten den Gästen die schmackhaftesten
Leckerbissen. Das Geflügel war in Luben zu jener Zeit sehr billig. Ich
glaube, es ist nicht ohne Interesse die damaligen Preise anzuführen: es
kostete ein Truthahn 15 Kop. = ca. 35 Pf., eine Gans 30 Kop. = 65 Pf.,
ein großes fettes Huhn 30 Kop. = 65 Pf.

Das Jahr 1855. Eine wichtige Epoche für das russische Reich, die Epoche
des Krimfeldzuges. Die Zeitungen, die dreimal in der Woche nach Luben
kamen, brachten unaufhörlich die schrecklichsten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze. Eine Niederlage folgte der anderen. Die russische
Armee, in der der unglaublichste Wirrwarr herrschte, hatte viele
Schwierigkeiten, denen sie nicht gewachsen war, zu überwinden, wie den
Transport des Militärs, der Munition, des Proviantes. In den endlosen
Steppen der Krim fand man im Frühjahr so manche Militärabteilung, die im
Winter zu Fuß nach dem Kriegsschauplatze befördert worden war, vom
Schneesturm verschüttet, erstarrt, erfroren. Der russische Adel, die
Gutsbesitzer und die Kaufmannschaft rüsteten ganze Regimenter auf eigene
Kosten aus, die »Ratniki« genannt wurden. Aber es waren nur
undisziplinierte, ungeschlachte Bauern, die man auf dem
Kriegsschauplatze nur als Kanonenfutter verwerten konnte.

Wenn einmal die russische Armee ausnahmsweise einen Sieg davontrug
oder ein General wie Malakoff auf eine geniale Idee verfiel[7], so
war es nur ein momentaner Triumph, der die vollständige Niederlage
nicht verhindern konnte. Es war nicht nur ein Kampf feindlicher Heere,
sondern der Kampf zweier Systeme; und der Sieg gehörte dem neuen,
besseren, vervollkommneten, das alle Errungenschaften der europäischen
Kultur in den Kampf begleiteten.

Die Stimmung im russischen Volke wurde immer düsterer. Nur denen, die
schon längst im stillen gegen das bisherige Regime murrten, war diese
Niederlage eine traurige Genugtuung. Denn nur durch äußere
Erschütterungen, glaubten sie, könnte das gewaltige Reich von seinen
Schäden geheilt werden.

       *       *       *       *       *

Im April wurde ich wieder Mutter. Mein Söhnchen erhielt den Namen Simon.
Ich erholte mich sehr rasch.

Der Frühling kündigte sich in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze an.
Und dazu brachten die Zeitungen die Schreckensnachricht, daß auf dem
Kriegsschauplatz und in seiner Umgegend die Cholera zu wüten anfinge,
und sie mahnten die Bevölkerung zur Vorsicht im Essen und Trinken.

Ich hatte von dieser Krankheit nur eine dunkle Erinnerung von meiner
Kindheit her. Eine furchtbare Angst packte mich, so daß keine
Vernunftgründe imstande waren, mich zu beruhigen. Wie ein Gespenst
verfolgte mich der Gedanke an die Seuche. Er wurde zu einer
Zwangsvorstellung, von der ich mich gar nicht befreien konnte. Meine
Gesundheit litt sehr darunter. Melancholisch, niedergeschlagen ging ich
im Hause umher.

Und nun wollte das trotzige Schicksal, daß ich in nahe Berührung mit der
schrecklichen Krankheit kommen sollte. -- Es war gegen Ende Mai, als
wir von der Tante meines Mannes eine Einladung erhielten, sie in
Kremenschuk, wo sie wohnte, zu besuchen. Wir nahmen unser ältestes Kind
Lise mit auf die Reise nach dem Süden. Wir wurden dort mit großer Freude
empfangen. Am vierten Tage unseres Aufenthaltes versammelten sich viele
Verwandte und Bekannte, um mich, die angeheiratete Nichte, kennen zu
lernen. Es war sehr lustig, und die Zeit verging uns auf die angenehmste
Art. Am nächsten Morgen trat die Tante zu uns ins Schlafzimmer und
kündigte uns an, daß die Seuche schon in Kremenschuk eingezogen sei, und
mit Tränen in den Augen erzählte sie, daß manches Mitglied der gestrigen
munteren Gesellschaft sich nicht mehr unter den Lebenden befinde. Mein
Entsetzen war grenzenlos. Wir rafften unsere Sachen zusammen, und in
einigen Stunden verließen wir traurig und tief erschüttert die Stadt.

Auf der ersten Poststation ließ man uns nicht mehr ins Wartezimmer
hinein. Wir vernahmen von dorther das Stöhnen und Schreien eines in
Schmerzen sich krümmenden Cholerakranken. So mußten wir für die Nacht
draußen im Freien lagern. Es war eine Juninacht, warm und kurz. Um zwei
Uhr morgens ging die Sonne auf. Doch uns kam diese Nacht wie eine
Ewigkeit vor. Meine Angst und Beklommenheit steigerten sich noch, als
mein Töchterchen Lisenka über Magenschmerzen zu klagen anfing. Mit
zitternden Händen gab ich dem Kinde Medikamente, die wir von der Tante
mitgenommen hatten. Gegen hohes Entgelt erhielt ich von den Bauern ein
wenig warmes Wasser, womit ich dem Kinde Pfefferminztee bereitete, und
bangenden Herzens erwartete ich den kommenden Tag. Endlich bekamen wir
Pferde und setzten die Reise fort. Das Kind fühlte sieh besser. Die
Schmerzen ließen nach, und als wir abends zu Hause eintrafen, war es
wieder ganz munter.

In Luben erfuhren wir, daß die Cholera auch hier bereits wütete. Der
Arzt kam und verordnete strenge Diät. Noch an demselben Abend erkrankte
meine Schwester ganz unmittelbar und plötzlich, nachdem sie noch einige
Augenblicke vorher an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte. Ich war vor
Angst einfach wie besessen, brach zusammen und mußte ins Bett gebracht
werden. -- Meine Schwester genas. Aber ihr Kindchen, das sie selber
nährte, steckte sie an, und es starb nach einem Tage furchtbarer
Schmerzen.

Die Seuche verbreitete sich von Sebastopol über das ganze Land mit
Riesenschritten, und tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Und es
waren gar viele Verwandte und Freunde dabei.

Kein Wunder! Es konnte bei den damaligen hygienischen Verhältnissen
nicht anders sein, bei dem vollkommenen Mangel aller Vorsichtsmaßregeln.
Wie günstig mußten die Bedingungen für die Verbreitung der Cholera in
den -=fünfziger=- Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, wenn noch
jetzt, 1908, die Cholera den ganzen Sommer, Herbst und bis spät in den
Winter hinein wütet und ihr so viele Menschen wie Fliegen auf der Straße
zum Opfer fallen. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen, ein
Zeitraum, in welchem gerade die westeuropäische Kultur nach dieser
Richtung so große Fortschritte gemacht hat. Aber zwischen Westeuropa und
Rußland besteht eine strenge Grenze, und der Fortschritt schleicht sich
in Rußland nur auf Schmugglerwegen ein: St. Petersburg besitzt noch
heute keine Kanalisation, und das Volk glaubt nicht an die kleinen
verderblichen Bakterien, die im klaren Wasser leben sollen.

Nicht ohne Interesse ist es, daß unter den Juden die Epidemie ungleich
weniger verbreitet war als unter der übrigen nichtjüdischen Bevölkerung.
Ihr Leben war durch das Gesetz geregelt, war einfacher und entsprach mit
seinen zahlreichen Waschungen, den strengen Speiseverboten wesentlich
mehr allen hygienischen Forderungen.

Ich selbst litt furchtbar, wurde immer schwächer und lag tagelang
apathisch und melancholisch zu Bett. Mein Gemüt war unter dem Eindruck
der letzten Erlebnisse erschüttert.

Und so kam der Juli. Eines Tages erhielt meine Schwester die frohe
Nachricht von der Ankunft ihres Mannes. Wir freuten uns alle herzlich
auf sein Kommen; und diese freudige Erwartung brachte einen freundlichen
Schein in unser so düsteres Leben. Während der Anwesenheit unseres
Schwagers Abraham Sack, der ein munteres, heiteres Wesen besaß, verlor
sich meine Schwermut ein wenig, und ich atmete freier auf. In den zehn
Tagen seines Aufenthaltes bei uns führten wir alle unser altes normales
Leben. Er verreiste voll Hoffnung auf eine Besserung seiner materiellen
Verhältnisse. Mit ihm verließ die Freudigkeit wieder unser Haus. Ich
verfiel von neuem in trübe, melancholische Stimmung. Meine Schwester
blieb zurück und wartete weiter und harrte von Tag zu Tag, von Woche zu
Woche auf Nachrichten. Sie litt unsäglich und fürchtete schon das
Schlimmste. Aber Gott hat Erbarmen. Je größer die Not, um so näher die
Hilfe. Der langersehnte Brief kam an. Er war an mich adressiert und
enthielt ein Schreiben für mich, ein zweites für Schwester Kathy. Mein
Schwager berichtete von der glücklichen Wendung in dem Gange seiner
Geschäfte, die ihm nunmehr endlich gestatteten, seine Frau wieder zu
sich zu nehmen. Unsere Freude hatte keine Grenzen. Wir jauchzten den
ganzen Tag vor Glück, und meine Schwester vergoß Tränen der Rührung und
Dankbarkeit. Ich half ihr beim Packen, und in kurzer Zeit war sie zur
Abreise fertig. Ich begleitete sie mit meinem Mann bis nach Poltawa, wo
wir ihr halfen, eine elegante Equipage mit drei guten Pferden zu kaufen,
einen Kutscher und eine jüdische Köchin mieteten und sie sodann
weiterbeförderten.

Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war ein reicher Mann
geworden. Das war eine der großen Schicksalswendungen, die das
Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische,
verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Rußland in
rascherem Tempo rollen ließ und mit einem mächtigen Stoß alles Obere zu
unterst, alles Untere zu oberst kehrte.

Meines Schwagers Genius führte ihn immer höher und höher, sein
Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch
die Zeit war günstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue
Ära war angebrochen. Tüchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt
in Rußland auf allen Gebieten betätigen. --

-- Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre übernahmen die drei
großen »Otkupscheriki« -- der Großvater und der Vater meines Mannes und
Herr Kranzfeld -- die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols
-- eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte.
In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde
Chef des Bureaus.

Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. -- Wir liquidierten unser
Geschäft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach
Kowno.

Ehe ich aber von meinen weiteren persönlichen Lebensschicksalen weiter
erzähle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht
nur im Leben ganz Rußlands, sondern speziell für die Juden den Beginn
einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung
Alexanders II.



Alexander II.


Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging
golden auf und weckte mit ihren erwärmenden Strahlen alle verborgenen
Keime zur Blüte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron.
Dieser edle, feinsinnige Fürst gemahnte an die Sprüche des königlichen
Psalmensängers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):

     »Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhöht
     er den Dürftigen, daß er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen
     seines Volkes.

     Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.«

Alexander II. hat diese Worte tatsächlich in Erfüllung gebracht, indem
er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite
und auch uns Juden die drückendsten Fesseln löste. Er öffnete uns die
Tore seiner Residenzen, so daß ein Schwarm jüdischer Jünglinge sich in
die Hauptstädte ergoß, um an den Universitäten den Durst nach
westeuropäischer Bildung zu stillen.

In dieser glänzenden Periode geistiger Blüte durfte und konnte sich der
geknechtete Geist der Juden wieder nach Herzenslust recken und strecken.
Der Jude nahm jetzt an der freudigen Aufregung des großen Volkes teil,
an dem Aufschwunge der schönen Künste, an der Entwicklung der
Wissenschaften und trug damit sein Scherflein zu dem geistigen Gut des
Landes bei. Die Wirkungen der Reform der vierziger Jahre zeigten sich
bereits nach zwei Dezennien. Es gab da schon eine Reihe jüdischer
Professoren, Ärzte, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, die
auch im Auslande Anerkennung fanden und ihrem Lande Ehre machten.

Für die Emanzipation der Juden in Rußland sind Generalgouverneur von
Neurußland und Bessarabien Graf Alexander Strogonow und
Generalgouverneur von der Krim Graf Woronzow in den Jahren 1856-1858
energisch eingetreten[8]. Sie äußerten ihre Meinung in der Antwort auf
die Anfrage der eingesetzten Kommission (der Vorsitzende dieser
Kommission war Graf Kisselew) zur Lösung der Judenfrage in Rußland wie
folgt:

»Wenn die Juden auf das einheimische Volk einen schlechten Einfluß
ausüben sollten, so ist es doch nicht ratsam, sie im Nordwesten
Rußlands, auf dem kleinen Teil des Einheimischen zu lassen. -- Unserer
Ansicht und Erfahrung nach wäre es doch rationeller, diese wenigen
Millionen Juden Rußlands auf das ganze große Reich zu verteilen und sie
damit unschädlich zu machen. Ich bin auch nicht weit von der Meinung
entfernt, daß unser einheimisches Volk von den Juden so manches Gute,
wie den Handel und die Enthaltsamkeit vom Trinken, Bescheidenheit im
Essen, lernen könnte. -- Es ist unrecht, unserer Meinung nach, diesem
historisch ältesten Volke alle Rechte zu rauben, die das einheimische
Volk besitzt, und zu gleicher Zeit alle Pflichten zu fordern, Geld
und Menschenmaterial zum Schutz und Trutz des Landes gegen die Feinde
aufzubieten! Nicht mit Strenge kann und soll man Fehler eines Volkes
aus dem Wege schaffen. Wir wollen wie die westeuropäischen Staaten
den Juden erst die Gleichberechtigung geben, dann wird ihr angeblich
unmoralisches Wesen sich bessern können. Die Befreiung vom Drucke,
vom Elend wird schneller wie alle repressiven Mittel helfen. Sie
sind von allen höheren Ämtern im Lande ausgeschlossen, so müssen sie
notgedrungen zum Handel greifen, manchmal auch zum Betruge. Daß sie
aber fleißig, befähigt, beharrlich in ihrem religiösen alten Glauben
sind, kann niemand leugnen.« Die Kommission antwortete, daß sich in
den westeuropäischen Staaten viel weniger Juden finden als in Rußland;
auch wären sie viel gebildeter. Hier habe man noch Schwierigkeiten, den
Juden die Bildung beizubringen.

Die Entwicklung der Dinge brachte es mit sich, daß die Juden auch auf
dem Gebiete des Handels und der Industrie einen ungeahnten Einfluß
gewannen. Niemals vorher und nachher kannten die Juden in St. Petersburg
ein so reiches und vornehmes Leben wie damals, da die Finanzgeschäfte
in den Residenzen zum guten Teil in ihren Händen lagen. Es entstanden
jüdische Bankhäuser. Es wurden Aktiengesellschaften gegründet, die Juden
leiteten. Die Börsen- und Bankgeschäfte nahmen unerwartete Dimensionen
an. Hier auf der Börse fühlte sich der Jude in seinem Element. Die Börse
schuf oft über Nacht reiche Leute. Aber auch so mancher stürzte in die
Tiefe. Diese Art geschäftlicher Tätigkeit war in Rußland etwas Neues.
Von den Juden aber wurde sie geradezu genial erfaßt, selbst von denen,
deren Erzieher nur der Talmud gewesen. --

Gegen Ende der fünfziger Jahre erfuhr das alte Branntweinmonopol »Otkup«
eine Einschränkung, die zugleich in mancher Beziehung eine Verbesserung
war. Hatten sich seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele Kaufleute,
Juden, Russen und Griechen, an diesem Geschäft bereichert, so
entwickelte sich jetzt das Akzisesystem, das in dem vollständigen
Branntweinmonopol der Regierung landete. Schon die Einführung der Akzise
machte das Geschäft für die Unternehmer unlohnend. Mit dem Monopol der
Regierung hörte die Privatinitiative vollständig auf. Da wandten die
jüdischen Kaufleute ihr Kapital anderen Erwerbszweigen zu und
entwickelten eine große Tätigkeit besonders auf dem Gebiete der
Eisenbahnkonzessionen. Hier fand ihr nüchterner und reger Geist ein
dankbares Feld. Großer Gewinn belohnte ihre Mühe und brachte große
Kapitalien in ihre Hände. Die völlig neue Beschäftigung erheischte
freilich eine Lebensweise, die von der altgewohnten bedeutend abwich.
Die jüdische Religion und die Tradition kamen ins Gedränge. Mit dieser
Tätigkeit ließ es sich eben kaum noch vereinen, daß die jüdischen
Angestellten wie einst das Studium des Talmuds pflegen und alle
religiösen Vorschriften getreulich beobachten konnten. Die Bezeichnungen
»Akzisnik«, d. h. ein beim »Otkup« oder bei der Akzise Angestellter, und
»Schmin-Defernik«, das ist ein Angestellter beim Bahnbau (chemin de
fer), waren gleichsam Spitznamen geworden. Und die altjüdische
Gesellschaft mußte die Nichtbeachtung der überlieferten Gebräuche bei
diesen jungen Leuten ebenso dulden wie bei den jüdischen Bankbeamten,
die den Sabbath und die Feiertage zu ignorieren gezwungen waren und auch
nicht -=eine=- Stunde mehr am Tage dem Talmud widmen konnten und --
wollten.

Ein Volksliedchen gibt diesen Zuständen humoristischen Ausdruck:

    Un akzisne junge Lait
    Sainen varschait: (_ausgelassen_, _liederlich_)
    Golen (_rasieren_) die Bärdelach
    Un reiten auf Ferdelach
    Geihen in Galoschen
    Un essen ungewaschen.

Aus dieser Zeit stammt auch ein Scherzlied Michael Gordons: »Ihr seid
doch Reb Jüd in Poltawa gewesen«, das in einer launigen Melodie bald
weit über die Grenzen Rußlands bekannt wurde.



Zwei Worte sagte meine kluge Mutter.


»Zwei Dinge kann ich gewiß sagen: ich un mein >Dor< (Generation) wellen
gewiß als Juden leben und sterben; unsere Einiklach (Enkel) wellen gewiß
nicht als Juden leben und sterben. Nor wos von unsere Kinder wet weren,
kenn ich nit >raten< (erraten, voraussehen).« Die beiden ersten
prophetischen Behauptungen haben sich teilweise erfüllt, die dritte geht
auch in Erfüllung, denn unsere Generation stellt eine Art Zwitterding
dar.

Hingerissen von dem unaufhaltsam vorwärtsdringenden Strom der neuen
westeuropäischen Bildung, haben wir selbst im vorgerückten Alter uns
bemüht, auf mannigfachen Gebieten der Wissenschaft und in fremden
Sprachen uns Kenntnisse anzueignen.

Während aber andere Völker und Nationen von den modernen und fremden
Strömungen und Ideen nur aufnehmen, was ihrem Wesen entspricht und dabei
ihre Individualität und Eigenart bewahren, lastet auf dem jüdischen
Volke der Fluch, daß es das Fremde und Neue sich fast nie anders
aneignet, als indem es sich vom Alten, von seinem Eigensten und
Heiligsten lossagt.

Wie wirbelten im Gehirn der jüdisch-russischen Männer die modernen Ideen
chaotisch durcheinander! Plötzlich, mächtig, unaufhaltsam drang der
Geist der sechziger und siebziger Jahre in das jüdische Leben hinein und
zerstörte seinen bisherigen Charakter. Rücksichtslos sagte man sich vom
Alten los. Die alten Familienideale schwanden, ohne daß neue aufkommen
konnten.

Bei den meisten jüdischen Frauen jener Zeit hatten Religion und
Tradition derart ihr innerstes Wesen durchdrungen, daß sie ihre
Verletzung fast wie einen physischen Schmerz empfanden und deswegen
einen schweren Kampf in ihrem engsten Familienkreis zu bestehen hatten.

In dieser Übergangsperiode wurde der Mutter, der natürlichen Erzieherin
ihres Kindes, das Recht der Erziehung nur für jene Zeit zugebilligt, in
der das Kind nichts als schwere Opfer und schwere Pflichterfüllung
erfordert. Sobald aber die Zeit der geistigen Erziehung heranrückte, da
wurden die Mütter brutal beiseite geschoben, da endeten ihr Walten und
ihre Sorge um das Kind. Die Frau, die an den Traditionen noch mit jeder
Fiber ihres Wesens hing, wollte sie auch ihrem Kinde beibringen: die
Sittenlehre der jüdischen Religion, die Traditionen ihres Glaubens, die
Weihe des Sabbaths und der Feiertage, die hebräische Sprache, das Lernen
der Bibel, dieses Buches aller Bücher, dieses Werkes aller Zeiten und
Völker. Diesen ganzen Reichtum wollte sie in schönen und erhabenen
Formen ihren Kindern übergeben -- zugleich mit den Ergebnissen der
Aufklärung, zugleich mit dem Neuen, das die westeuropäische Kultur
gebracht hatte. Aber auf alle Bitten und Einwände erhielten sie von
ihren Männern stets die gleiche Antwort: »Die Kinder brauchen keine
Religion!« Vom Maßhalten haben die jüdischen jungen Männer jener Zeit
nichts gewußt, und sie -=wollten=- auch nichts davon wissen. In ihrer
Unerfahrenheit wollten sie unvermittelt den gefährlichen Sprung von der
untersten Stufe der Bildung gleich zur obersten machen. Manche
verlangten von den Frauen nicht nur Zustimmung, sondern auch
Unterwerfung, -- sie verlangten von ihnen die Abschaffung alles dessen,
was gestern noch heilig war. Alle modernen Ideen, wie Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit, in der Gesellschaft predigend, waren diese
jungen Leute zu Hause ihren Frauen gegenüber die größten Despoten, die
rücksichtslos die Erfüllung ihrer Wünsche forderten. Es gab erbitterte
Kämpfe innerhalb des bis jetzt so patriarchalischen und beschaulich
dahinfließenden Familienlebens. Gar manche Frau wollte nicht nachgeben.
Sie ließ ihrem Manne volle Freiheit außerhalb des Hauses, verlangte aber
im eigenen Hause die Ehrung der alten, lieben Bräuche. Daß dieses
Doppelleben nicht auf die Dauer möglich war, begreift sich leicht. Der
Zeitgeist siegte in diesem Kampfe; und blutenden Herzens gaben die
Schwächeren nach. Wie das so kam bei den anderen und bei mir, davon will
ich in den nächsten Kapiteln erzählen.


Kowno.

Ich war sehr froh, daß das Schicksal uns 1859 wieder nach Litauen
brachte, wo das Leben großzügiger, inhaltreicher, und die Juden
intelligenter waren. Wir siedelten uns in Kowno an, das damals ein
kleines, schönes Provinzstädtchen war. Juden bildeten den Stamm der
Bevölkerung. Sie sprachen hier ein Gemisch von Hebräisch und Deutsch.
Das preußische Grenzstädtchen Tauroggen war nicht fern. So kam es wohl,
daß ihre ganze Lebensweise von deutscher Art nicht unwesentlich
beeinflußt wurde.

Während in den übrigen Städten Litauens die jüdische Tradition noch
völlig unberührt blieb, hatte sich in Kowno allmählich der Zwang der
Überlieferung gelockert. Als wir nach Kowno kamen, war die Aufklärung
dort in vollem Gange, und die neuen Ideen fanden ihre begeisterten
Vertreter. Es herrschte in den vorgeschrittenen jüdischen Häusern,
zumeist bei den reichen Kaufmannsfamilien, deren Väter und Söhne in
geschäftlicher Verbindung mit Deutschland standen und häufig über die
Grenze kamen, der Abfall. Man behielt eigentlich nur noch die koschere
Küche bei.

Der Sabbath wurde von den Männern nicht mehr heilig gehalten und
unterbrach den Eifer der Geschäfte nicht. War der Jude früher nach den
Worten Heines durch die ganze Woche ein Hund, der sich erst am Sabbath
als Prinz und am Sedertisch des Pesach als Herrscher entzauberte, so
lebten die Männer der zweiten Generation eigentlich das ganze Jahr wie
die Hunde; ohne Ruhe und Rast, immer in Sorgen und Arbeit. Der Geist
stieg nicht empor in himmlische Sphären, und der Körper raffte nicht
mehr in der strengen Ruhe des Sabbaths seine in der Arbeit der Woche
verlorenen Kräfte zusammen. Es war eine seltsam gemischte unruhige
Stimmung am Sabbath. Die Frauen, die ja ihrer ganzen Natur nach zäher am
Alten hängen, pflegten ja noch am Freitag Abend Sabbathlichte anzuzünden
und das Gebet zu sprechen. Aber der aufgeklärte Herr Gemahl steckte sich
seine Zigarette daran an, und ihr sonst so friedliches Gesicht verzog
sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Mit derselben Herzlichkeit, mit der
der Hausherr einst die Sabbathengel begrüßt hatte, hieß er jetzt seine
Freunde willkommen, um mit ihnen Préférence zu spielen. Der
Kidduschbecher stand zwar mit Wein gefüllt auf dem Tisch. Aber niemand
nippte daran. Er war zu einem Symbol geworden. Aber die gefüllten
Pfefferfische -- so weit ging die Abtrünnigkeit nicht, um auch sie vom
Freitag-Abendtisch zu verbannen. Die Barches blieben auch erhalten. Nur
daß eben die Dienerin sie fein säuberlich geschnitten auf dem Brotkorb
servierte. An die Stelle der Sabbathlieder, der Semiraus, traten
Humoresken, Anekdoten -- das ganze Gebiet des jüdischen Witzes. Das
Kartenspiel aber durfte sich weit über die Mitternacht hinziehen. Denn
keine Chewra t'hillim erwartete die Herren am frühen Morgen zum Gebet.
Und die christlichen Bedienten konnten ruhig schlafen gehen. Denn der
Sabbath hinderte die Männer nicht, die Kerzen selbst zu löschen. Am
Samstag stand man früher auf als gewöhnlich. Es war ein Tag vor dem
Sonntag, und da gab es im Geschäft besonders viel zu tun. Aber auch am
Sonntag wurde fleißig gearbeitet. Denn ein letzter Rest nationalen
Trotzes hielt doch alle ab, diesen Tag etwa festlich zu begehen.

Selbstverständlich war auch der Verkehr der beiden Geschlechter
miteinander ein wesentlich anderer geworden. Man veranstaltete
Tanzabende, an denen nicht nur die Jugend, sondern auch die
verheirateten Frauen und Männer unserer Generation teilnahmen. Daß junge
Mädchen von solchen Zusammenkünften in Herrenbegleitung nach Hause
gingen, war ganz selbstverständlich geworden; und es ergab sich bei
diesen Sitten von selbst, daß in den Häusern, wo erwachsene Mädchen
waren, auch junge Herren verkehrten. -- Auch in den Gesprächen herrschte
ein freierer Ton. Jene Innigkeit, mit der man einst die Eisches chajil
(die Heldenfrau) besungen hatte, wurde verdrängt von der aufflackernden
Begeisterung für die Operettendiva, die gerade das Tagesgespräch hergab.
Der Zynismus war der neuen Generation nicht fremd geblieben.

Das Talmudstudium hörte natürlich in diesen fortschrittlichen Kreisen
vollständig auf. Nur hier und da setzte ein Romantiker, der vom Alten
nicht lassen konnte, sein Talmudstudium weiter fort und ließ auch seine
Kinder im Talmud unterrichten. Bei den »Gebildeten« kam das nur selten
vor.

Sogar unter den ganz Frommen sahen manche Eltern die Notwendigkeit der
europäischen Bildung für ihre Kinder ein und erlaubten ihnen, in der
Residenz zu studieren. Eines aber forderten sie von ihren Söhnen
unbedingt: sie sollten »koscher« essen. Diese absonderlichen
Verhältnisse werden durch manche Anekdote illustriert.

So geschah es einmal, daß sehr fromme Eltern ihren Sohn zum Studium nach
Petersburg sandten. Ein christlicher Freund, der nach einiger Zeit in
die Residenz fuhr, sollte nun nachforschen, ob der Sohn wirklich sein
Versprechen halte. Nach seiner Rückkehr beruhigte er die Eltern und
versicherte sie, daß der Sohn nur »koscher« speise -- er selbst war bei
ihm zum Mittagstisch. »Was haben Sie denn bekommen?« fragten die Eltern
interessiert. -- »Einen Hasen,« antwortete der Freund, »aber er war
koscher, denn Ihr Sohn erzählte mir, daß er vom jüdischen Schlächter
(Schochet) geschlachtet sei.«

Die Zustände, von denen ich hier spreche, waren natürlich nur für die
Schichten bezeichnend, die man so gemeinhin die »oberen« zu nennen
pflegt. Wer weiß, an welche Stelle sie rücken, wenn einst die gerecht
waltende Geschichte die Rangordnung feststellen wird!... Allein
gewaltige Kulturumwälzungen wühlen nicht gleich das ganze Volkstum auf
und durcheinander. An der Kruste mögen die Prozesse des kulturellen
Abbaues und des Anbaues schneller und sichtbarer vor sich gehen. In der
Tiefe vollzieht sich das Umsetzungswerk oft überhaupt nicht, meist in
seltsamen Formen. Immer aber ungleich zögernder!

So war es auch in Kowno!

       *       *       *       *       *

In jener Zeit lebten und wirkten in diesem »aufgeklärten« Kowno in einem
anderen Teile der Stadt, drüben über der Brücke des Flusses Wilja,
Menschen, die in ihrem ganzen Leben und Treiben unter dem Einfluß der
veränderten Verhältnisse gerade auf die entgegengerichtete Bahn gedrängt
wurden. Und sie fanden getreue Mitwanderer in den Juden der kleinen
Städtchen des Gouvernements. Sie landeten in der Askese. Es waren kleine
Leute, aber große Menschen! Groß in ihrem Talmudwissen, in ihrer
Hochherzigkeit, Nächstenliebe und in der größten Tugend, der
bescheidenen Selbstlosigkeit. Ihre Ansprüche auf Essen, Trinken und
Kleidung setzten sie auf das geringste Maß herab. Ihre idealen Ziele
aber waren riesengroß. Das Forschen, Schaffen, Grübeln in dem Talmud
betrieben sie jetzt mit gesteigerter Gier Tage und Nächte hindurch.

Zunächst bestand diese Asketengruppe nur aus zehn Personen. Sie
überwachten unermüdlich das junge, heranwachsende Proletariat,
beobachteten ihr Lernen und ihr Leben und wiesen sie mit guten und
strengen Worten zurecht. Mit gleichgestimmten, würdigen Männern
gründeten sie später einen Verein, der sich die Predigt der Askese zur
heiligen Aufgabe stellte. Jeder Lebensgenuß schien ihnen verächtlich.
»Diese« Welt war ihnen nichts anderes als eine Übergangsstufe zu einem
besseren, höheren, reineren Sein. Jeder Schritt, jede Handlung am Tage
sollte deshalb wohl überlegt sein. Und dreimal des Tages müsse man Gott
anflehen, daß er die unwillkürlich begangenen Sünden, selbst des
Lauteren, vergebe.

Das jüdische Proletariat in seinem Getto, zermürbt vom Kampfe ums
Dasein, drängte sich um diese Prediger. Besonders aber wurden die jungen
Talmudisten und die »Orimbocherim« für diese Bewegung begeistert,
hingerissen. Diese Strafpredigten fanden zuerst in der Dämmerstunde
statt, und die Synagoge war von alten und jungen Zuhörern überfüllt wie
am Vorabend zum Jomkippur. Alle weinten und flehten ob ihrer Sünden aus
tiefster Seele zu Gott.

An der Spitze dieser Bewegung stand der berühmte Reb Israel Salanter
(Liebkin), dessen Seelengröße an Hillel heranreichte. Er war hart gegen
sich und voll unsäglicher Liebe gegen andere. Er kämpfte für die
Einfachheit der Sitten. Aber die Askese sollte nie in einer Zerstörung
des Lebens ausarten. Es war im Jahre 1855, da die große Choleraepidemie
durch das Land verheerend zog. Das Volk fastete, um Buße zu tun, denn
die unheimliche Krankheit galt als Gottesgeißel. Da Rabbi Salanter aber
fürchtete, daß das Volk durch die selbstauferlegten Entbehrungen Schaden
leiden könnte, trat er nach dem Morgengebet am Jomkippur in der Synagoge
mit einem Stück Kuchen in der Hand auf den Almemor und aß vor allem
Volke davon. Durch dieses Beispiel wollte er das Volk zu gleichem Tun
ermuntern. R. Salanter war ein echter Lehrer des Volkes. Waren doch
wunderbare Menschen seine Erzieher gewesen: Reb Hirsch Broide und Reb
Sundel.

Von den Tugenden des Reb Broide weiß ich folgende Geschichten: Die
ungepflasterte Straße, an der er mit seiner alten Mutter lebte, hatte
einst ein schwerer Regenguß aufgeweicht. Reb Broide wußte, daß die alte
Mutter trotzdem ihren täglichen Synagogengang nicht unterlassen würde.
So machte er sich des Nachts daran, den Weg mit Ziegelsteinen
auszulegen, daß seine Mutter trockenen Fußes in die Schul' gehen konnte.
Ein anderes: Es erregte seine Verwunderung und war ihm zugleich ein
Schmerz, daß die Bettler ihn gar nicht aufsuchten. Er meinte, daran
könnte nur das Schloß an seiner Tür Schuld haben: es war zu fest. So
entfernte er es eines Tages ganz. Der Gute: er ahnte nicht, daß die
Bettler genau wußten, wie arm er selbst war. Sie mieden sein Haus, um
ihn nicht zu beschämen.

Reb Sundel pflegte seine Studien in Feld und Wald, in Gottes freier
Natur zu betreiben. Einmal bemerkte er, wie sein Schüler Salanter hinter
ihm her kam. Er wandte sich zu ihm mit klugen Worten und schloß mit dem
Satz: »Israel, beschäftige dich mit Strafpredigten und fürchte Gott.«
Diese Worte gruben sich dem Jüngling tief in die Seele und bestimmten
sein ganzes Leben. Sein Amt[9] in Wilna legte er bald nieder, um seiner
idealen Bestimmung nicht untreu werden zu müssen.

Wenn die Chassidim gegen die Schwermut eiferten, so wandte sich
sein Wort gegen den Übermut der Freude. Der Chassidismus lehrte,
Gott mit Freude zu dienen, die Strafprediger dagegen forderten,
Gott im Ernste zu dienen. Die Schwermut hemmt die höhere Eingebung,
behaupten die Chassidim. Die Freude führt zum Leichtsinn, entgegnen
die Strafprediger. Die Tat bringt die Erlösung, lehrte Rabbi Salanter,
und er wurde nicht müde, die Gemeinde zu Werken der Liebe aufzurufen.
Wohltätigkeit und Reue sind die Stützen der Welt. Wenn ein Mensch nur
eine Stunde am Tage in der Reue zubringt und ein einziges Mal vor
Verleumdung sich durch die Reue hütet, hat er schon eine große Tat
vollbracht. Die Wirkung seiner Rede war überwältigend. Aber der Reiz
dieser reinen Persönlichkeit war wie ein Zauber. Man wird es begreifen,
daß das Rabbinat von Litauen durch das Anwachsen der Bewegung in
Schrecken geriet. Man fürchtete, daß die Predigt der Askese zu einer
Sektenbildung führen könnte, die das Judentum streng verbietet. So
gingen die Rabbiner zu den Strafpredigern selbst und traten ihnen
entgegen. Das gab oft verwunderliche Kämpfe, für die die Aufklärung
freilich nur Spott hatte. Lebten doch in Kowno die ersten Adepten der
Lilienthalschen Bewegung.

Unter ihnen war eine der markantesten Erscheinungen der jüdische Dichter
-=Abraham Mapu=-, der dort ein bescheidenes Leben führte und durch
Unterrichten in der russischen und deutschen Sprache sein Brot
verdiente. Er war ein stiller, anspruchsloser Mensch, seinem ganzen
Wesen nach ein Lehrer, der erst in seinem kleinen Studierstübchen
auflebte und zu jenem Mapu wurde, den die jüdische Welt als ihren
-=ersten=- großen hebräischen Belletristen ehrt. Eine wunderbare Seele
lebte in diesem so unscheinbaren Gettojuden. Aus den schmalen, krummen
Gäßchen des Ansiedlungsrayons mit all ihrem Elend und ihrer Armut, aus
der dumpfen schwülen Atmosphäre des Gettolebens trug ihn seine Phantasie
in die große, glänzende Vergangenheit seines Volkes, und voll
Begeisterung schrieb er seinen ersten Roman: »-=Ahawath Zion=-«[10], die
Zionsliebe, und zeigte dem jüdischen Leser an diesen Schilderungen den
Kontrast zwischen ihrem gegenwärtigen trostlosen Dasein und der
ehemaligen Pracht und Größe des jüdischen Lebens auf dem eigenen Boden.

Diesem Romantikerwerk folgte ein wuchtiger, satirischer Tendenzroman:
»-=Ajit Zabua=-«, ein grimmer Protest gegen die althergebrachten Formen
der jüdischen Art. »-=Ajit Zabua=-« begeisterte die Jugend und empörte
die Alten. Es erhob sich ein Sturm gegen Mapu und sowohl er wie sein
Werk wurden verpönt, verspottet, verfolgt. Aber Mapu fand seine
begeisterten Anhänger unter der jüdischen Jugend. Er war ein Kämpfer für
die Aufklärung der Juden. Aber er kämpfte mit ganz neuen, bisher nie
gebrauchten Mitteln -- mit echter Poesie. Er gab der Jugend -=neue=-
Gedanken. Er wies ihnen neue Wege, eröffnete ihnen neue Horizonte und
Lebensmöglichkeiten. So manches Talent wurde durch ihn angeregt und zu
hebräischen Dichtungen begeistert.

Wir hatten oft Gelegenheit, den versonnenen Mann in unserem Hause zu
sehen. Er gab meinem ältesten Sohne Unterricht im Deutschen und
Russischen. Aber er stellte sich auch zu einem gemütlichen
Plauderstündchen ein. Mein Mann verehrte ihn sehr; und es war immer eine
Lust, der angeregten Unterhaltung zu lauschen.

Unser Leben in Kowno gestaltete sich anfänglich sehr angenehm. Mein Mann
fühlte sich hier in seinem Element, und obwohl mich die neuen Sitten
zuerst befremdet hatten, so gefiel mir doch mit der Zeit die
Geselligkeit und der freie, einfache, zugleich doch vornehme und
harmlose Verkehr der beiden Geschlechter miteinander. Meine Verlegenheit
schwand allmählich, und ich nahm gerne teil an den oft veranstalteten
Jours-fix, beobachtete, schaute zu und amüsierte mich auch. Je nach der
Stimmung.

Ich trug noch immer meinen »Scheitel«. Alle übrigen Frauen, auch die
älteren in unserem Kreise, hatten sich längst davon befreit. Ich fühlte
mich unbehaglich. Aber der Gedanke lag mir fern, dem Beispiel anderer
Frauen zu folgen, obwohl ich wußte, daß mein eigenes Haar mich nur
schmücken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so forderte mein Mann die
Entfernung des Scheitels. Ich müsse mich den Sitten der Gesellschaft
anpassen, um mich nicht dem Spotte auszusetzen.

Ich erfüllte seinen Wunsch jedoch nicht und trug die Perücke noch lange
Jahre.

Geschäftlich ging es uns in Kowno nicht gut. Es war die Zeit (1859), in
der es in Russisch-Polen und Litauen im Volke zu gären anfing. Der
polnische Aufstand bereitete sich vor. Die Geistlichkeit begann unter
dem Volke die Abstinenz (trezwost) zu predigen -- also eine Agitation
gegen den Branntwein; und da der Gewinn unseres Geschäftes an einen
ausgiebigen Branntweinverbrauch gebunden war, so drohte uns jetzt der
Ruin. Die monatliche Pachtsumme von 120000 Rubel, welche die
Konzessionäre der Staatskasse zu zahlen verpflichtet waren, konnten sie
bald nicht mehr entrichten. Die drei Familien: Kranzfeld, Gorodezki und
Wengeroff, die an dem großen Unternehmen teilnahmen, wurden materiell
vernichtet. Mein Mann hätte wohl noch seine Existenz als Angestellter
leidlich sichern können. Aber sein Großvater wollte nicht, daß er in
einem Geschäft, in dem er einmal Herr war, eine abhängige Stellung
annehme. Er gehorchte und wurde brotlos.

Die politische Propaganda in Polen riß auch die jüdische Jugend mit sich
fort. Sie nahm Teil am Aufstand, als ob es ihre eigene Sache und ihr
Vaterland wäre, für das sie kämpften. Ungehört verhallten die Warnungen
des berühmten Rabbiners Meisel in Warschau, der die Juden beschwor, zur
jüdischen Fahne, d. h. der Thora, zurückzukehren: sie gingen in den
Kampf -- für Polen!

Sie wurden aber in ihren Hoffnungen betrogen. Das stärkere Rußland
siegte. Kosaken jagten durch Polen, und ihre Nagaikas schonten die Juden
nicht. Aber sie mußten noch mehr erdulden. Sie, die ihr junges Blut
vergossen hatten und unerschrocken, opfermutig in den Reihen der
Kämpfenden gestanden, blieben die Verachteten. Man ließ sie fühlen, daß
sie -=nur Juden=- seien. Wieder einmal hatte das jüdisch-polnische
Sprichwort sich bewahrheitet: »Jak bida, to do Zyda, po bidzie za drzwi
Zydze« -- »Wenn die Not kommt, geh zum Juden, Not vorbei -- Jude raus!«

Das Frühjahr kam. Es wurde wieder still im Lande. Aber es war nicht die
Ruhe im Genusse erfüllter Wünsche und Forderungen, die lächelnde Ruhe
des Sieges. Es war jene unheimliche Stille, die in stummen Worten von
Entsetzen, von Blut und Verbannung erzählt.

Und wir -- wir standen vor dem Nichts. Nun hieß es, von neuem anfangen
und Brot suchen. Zum Glück bot sich meinem Manne bald eine Beschäftigung
beim Telegraphenbau in Wilna. Er zögerte nicht lange und ging dorthin.
Ich blieb mit den drei Kindern vorläufig in Kowno zurück. Nach kurzer
Zeit konnten wir ihm nach Wilna folgen.


Wilna.

Wilna, die einstige Residenz Litauens, war damals eine große Stadt mit
imposanten Staats- und Privatgebäuden, einem alten Rathaus, einem
Theater und großartigen, meistenteils gotischen, katholischen Kirchen,
unter denen sich die »Ostrobrama« durch besondere Pracht und durch ein
Portal von hohem künstlerischen Wert auszeichnete. Durch dieses Tor
durfte weder Christ noch Jude mit bedecktem Haupte gehen. Oft sah man
dort die Gläubigen im Vorübergehen auf die Knie fallen. Die meisten
frommen Juden vermieden es, diesen Weg zu gehen, obwohl sich das Tor im
Mittelpunkt der Stadt befindet.

Dank der reichen Magnaten, die auf ihren Gütern in der unmittelbaren
Nähe Wilnas wohnten und kommerzielle Verbindungen mit der Stadt
pflegten, blühte die Industrie in der Residenz.

Die Stadt trug zu jener Zeit noch ganz den polnischen Charakter; überall
herrschte die polnische Sprache und die ganze Lebensweise war durch
polnische Sitten bestimmt!

Aber es wurde anders: Nach dem polnischen Aufstande im Anfange der
sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde Generalgouverneur
von Wilna der berüchtigte Murawiew. Mit beispielloser Grausamkeit
hat dieser Mann das Polentum in seinem Bezirk auszurotten und das
ganze Land zu russifizieren versucht. Er war gefürchtet, aber er
fürchtete sich auch. Er lebte in seinem Palast wie ein Gefangener.
Selbst der Schornstein in seinem Arbeitszimmer war vermauert. Er
schlief in seinem Arbeitszimmer und dort wurde auch vor seinen Augen
auf einer Spiritusmaschine sein Essen bereitet. Er lebte in solcher
Abgeschiedenheit, daß das Gerücht sich bilden konnte, er existiere
überhaupt gar nicht. Er war ein Gespenst des Schreckens, eine mythische
Person. Eine kleine Episode. Jüdische Arbeiter besserten das Dach
seines Palastes aus. Dabei unterhielten sie sich über die Frage,
ob es überhaupt einen Gouverneur Murawiew gäbe. Die Antwort mußte
gefunden werden. Und als sie gerade oberhalb des einzigen Fensters
des Murawiewschen Arbeitszimmers zu tun hatten, ließen sie an einem
starken Seil den Lehrjungen herunter, damit er durch das Fenster in das
Zimmer hineingucken könne. Als der Junge nun vor dem Fenster schwebte,
erblickte ihn der Gouverneur, der im ersten Moment furchtbar erschrak.
Denn er glaubte, daß auf raffinierte Weise ein Attentat geplant sei.
Er schlug Lärm. Der ganz entsetzte Lehrjunge wurde abgeschnitten. Als
Murawiew den zitternden, halbwüchsigen Knaben nun vor sich stehen sah,
mußte er lachen und er entließ den Kleinen ruhig, ohne ihn die Ruten
kosten zu lassen. -- Häufig kam es allerdings nicht vor, daß Murawiew
Milde walten ließ. Die Henkersknechte kamen unter seiner Herrschaft
nicht zur Ruhe. Es war ein fast alltägliches Ereignis, daß unter
Trommelwirbeln unglückliche Menschen zum Richtplatz geführt wurden.
Immer fand sich dabei eine große Menschenmenge ein, die von Schmerz
und Mitleid, oft auch von Wut und Ingrimm ergriffen, den armen dem
Tode Geweihten das Geleit gaben. Wir saßen eines Morgens am Teetisch,
als dumpfe Trommelklänge uns aufschreckten. Ans Fenster eilend, sahen
wir auf einem von einem einzigen Pferde gezogenen primitiven Wagen
drei Männer zur Richtstatt fahren. Das Gefährt bestand aus einem auf
vier Rädern ruhenden Brett. Darauf stand eine Bank mit einer Lehne und
einer Tafel, auf der die Namen der sogenannten Verbrecher verzeichnet
waren. Dieses Fahrzeug nannte man den Pranger. Es bewegte sich durch
die Straßen bis zu dem großen Marktplatz, wo ein Galgen errichtet war,
an dessen Fuße das Fahrzeug halt machte. Die Henkersknechte mußten die
schon vor Furcht halbtoten Delinquenten stützen, um sie zum Gerüst zu
führen. Dort wurden ihnen Säcke über die Köpfe und die Schnur um den
Hals geworfen und mit einem einzigen Zuziehen der Schnur wurde die
Hinrichtung aller drei vollzogen. Mit Schaudern und Entsetzen sehe ich
noch heute die baumelnden Körper in Todeszucken vor mir und werde den
Anblick wohl nie vergessen können. -- Daß unter der Herrschaft dieses
Gestrengen und in der Erinnerung an die zahllosen Opfer des polnischen
Aufstandes das erregte Volk in trüber Stimmung lebte, begreift
man leicht. Alle -- Christen und Juden -- trugen Jahre hindurch
Trauerkleider. Es galt als ein Verbrechen, selbst bei festlichen
Gelegenheiten, im Theater oder bei Konzerten in hellen Kleidern zu
erscheinen. Wagte es aber jemand, so konnte er sicher sein, daß sein
Anzug von einem polnischen Patrioten mit Petroleum begossen wurde.

Als wir nach Wilna hinkamen, hatte die Stadt noch ihr altes Gepräge.
Politisch eine Stadt des stolzen Polentums; kulturell -- so weit es die
Juden betrifft -- eine Hochburg jüdischer Geistesaristokratie.

Die jüdische Gesellschaft in dieser Stadt, die das jüdische Athen
von Litauen genannt wurde, bestand aus vielen vornehmen, reichen
und meistenteils noch sehr konservativen Familien und aus einer
kleinen Gruppe Fortgeschrittener -- den Vertretern der neuen Ideen.
Diese Aufgeklärten verhielten sich aber kleinlaut und wagten nicht,
wie in Kowno, rücksichtslos gegen die Tradition aufzutreten. Denn
hier in Wilna besaßen die Alten die Autorität. Ihren Führern, wie
Reb Elia, dem Wilnaer Gaon, Reb Akiba Eiger, hat die Nachwelt den
Ehrentitel der »Patriarchen« beigelegt. Diese Namen lebten in ihrem
ganzen Glanze in der Erinnerung der Juden fort. Wilna, die Stätte
der Talmudgelehrsamkeit, die Stadt der großen Gemeinde mit ihren
zahlreichen Lehrhäusern (Bothemidraschim) und dem berühmten Schulhof,
wo Hunderte alter und junger Männer Tage und Nächte den Talmud
studierten -- dieses Wilna wirkte erdrückend auf die Modernen; und
sie wagten sich nicht mit ihrer »aufgeklärten Irreligiosität« in die
Öffentlichkeit.

Die neue Umgebung übte einen sehr günstigen Einfluß auf meinen Mann aus;
und ich freute mich zu sehen, wie er ohne Zwang, nur innerem Bedürfnis
folgend, sich wieder dem Talmudstudium zuwandte und auf dem Irrwege, den
er betreten hatte, ein Stück zurückging. Er unterrichtete jetzt selbst
unseren Sohn Simon in der hebräischen Sprache, las mit ihm die Bibel und
die Mischnah, was er in Kowno nie getan hätte; er beschloß auch, den
Jungen in die Rabbinerschule zu geben.

Hier in Wilna traf ich mit meiner Schwester Helene, die ich während des
Brautjahres gepflegt und noch leidend zurückgelassen hatte, zusammen.
Sie lebte hier als verheiratete Frau mit ihrem Manne und ihren Kindern.
Die Freude des Wiedersehens war groß, aber sie währte nicht lange.

Unsere pekuniären Verhältnisse wurden von Tag zu Tag schlimmer; bis sich
mein Mann entschließen mußte, anderswo eine Beschäftigung zu suchen. Er
ging allein nach Petersburg, wo er bei unserem Schwager Sack, der dort
in reichen Verhältnissen lebte, brüderlich aufgenommen wurde. In diesem
Hause verkehrten Kaufleute großen Stils; und durch ihre Vermittlung fand
sich bald für meinen Mann eine Beschäftigung. In der Festung der
Hauptstadt Helsingfors am Finnischen Meerbusen, in Sweaborg, sollte eine
Kaserne gebaut werden. Bei diesem Unternehmen erhielt mein Mann eine
gute Anstellung. Im März 1866 ging er dorthin, und noch im Frühjahr
desselben Jahres folgte ich ihm mit den Kindern nach Helsingfors.

Da wir in Helsingfors in der Festung wohnen sollten, erwachte in mir die
Sorge um den Unterricht für meine beiden älteren Kinder, und ich
beschloß, sie nach Mitau zum Rabbiner zu bringen. Ich wandte mich
schriftlich an ihn. -- Er ging auf alle Bedingungen ein und versicherte
mich in seinem Antwortschreiben, die Kinder würden in seinem Hause eine
durchaus moderne, europäische Bildung erhalten. Diese Aussicht
beunruhigte mich aber, und ich schrieb ihm wieder, ich hoffe, daß er
trotz der modernen Erziehung eine koschere Küche führe, andernfalls
könnte ich ihm die Kinder nicht anvertrauen. Ich erhielt einen
befriedigenden Bescheid und ging an die Ausführung meines Planes. Ein
seltsamer Zufall vereitelte jedoch mein Vorhaben: Ich setzte mich mit
den beiden Kindern in einen falschen Zug, stieg ein paarmal um und kam
statt nach Mitau in eine mir völlig unbekannte Stadt, und erfuhr zu
meinem großen Ärger, daß ich mich Wilna näher als dem Ziel meiner Reise
befand. Dieser Zufall war entscheidend, und meine Kinder kamen nicht in
die Schule zum Mitauer Rabbiner. -- Kleine Ursachen, große Folgen.

Der verabredete Termin des Zusammentreffens mit meinem Mann, der uns
nach Petersburg entgegenkommen sollte, rückte heran. Es blieb mir keine
Zeit übrig. Ich trat daher sogleich die Rückreise nach Wilna an. Bald
trafen wir in Petersburg zusammen. Ich erzählte meinem Mann die
Geschichte mit den falschen Zügen. Er lachte und freute sich, daß wir
nun doch alle beisammen blieben. Am nächsten Tage bestiegen wir den
Dampfer, der uns nach Helsingfors bringen sollte.

Und wiederum blühte die Hoffnung auf bessere Zeiten.



Helsingfors.


Wir gelangten nach der Festung Sweaborg. Fremdes Volk, fremde Sitten und
Gebräuche. Eine fremde Sprache! Ich verstand weder Finnisch noch
Schwedisch und konnte mich mit der einheimischen Dienerschaft nur durch
Vermittelung des einzigen russischen Angestellten verständigen. Aber
schon nach Verlauf von zwei Monaten gelang es mir, mit Hilfe der
Ollendorfschen Methode so viel zu erlernen, wie ich notwendig brauchte.

Trotz des rauhen Nordens und des siebenmonatlichen strengen Winters
lebte hier in Helsingsfors ein munteres, lebenslustiges, intelligentes
Volk, Schweden und Finnen. Äußerlich sind diese beiden Nationen leicht
voneinander zu unterscheiden. Während die Finnen, Männer wie Frauen,
einen robusten vierschrötigen Typus mit blondem Haar, Kartoffelnase und
kleinen Äuglein darstellen, sind die Schweden hochgewachsen mit feinen,
edlen Gesichtszügen, wundervollem, starkem, blondem Haar und gesunden,
großen, weißen Zähnen. Die Bevölkerung lebte hier sehr bescheiden.
Trotzdem die Lebensmittel sehr billig waren, bestand ihre Mahlzeit
gewöhnlich aus Hering, gekochten Kartoffeln und Schwarzbrot. Dieses
Schwarzbrot wurde nach der Landessitte sowohl vom Volk wie von der
Bürgerklasse im Herbst gebacken und ein Vorrat für den ganzen Winter
vorbereitet. Es hatte eine runde Form; in der Mitte war ein Loch. Man
zog sie alle auf eine Schnur und hängte sie so zum Trocknen auf. Diesem
trocknen Schwarzbrot, so behauptet die Bevölkerung, verdankt sie ihre
gesunden, schönen, weißen Zähne.

Auch die Wohlhabenden in der Stadt führten eine äußerst bescheidene
Lebensweise, und ihre Mahlzeiten waren auch nicht viel üppiger. Dafür
wurde aber in anderer Hinsicht geradezu Luxus getrieben: im Punkte
Bildung und Vergnügungen kannte man in Helsingfors keine Sparsamkeit.
Die Stadt, die nur zwanzigtausend Einwohner hatte, besaß zwei Theater,
drei Leihbibliotheken, komfortable Hotels und zahlreiche Cafés.

Es war ein freies, stolzes Volk, das hier lebte, stolz besonders den
Fremden -- Russen -- gegenüber, die es »rüssene Pergele« (Russenteufel)
nannte. Wenn man einem Bettler ein Almosen gab, so drückte er wohl
dankbar dem Geber die Hand. Ein Droschkenkutscher aber lehnte fast immer
das Trinkgeld stolz ab.

Auch geistig war die Bevölkerung fortgeschritten, interessierte sich
für das, was in der großen Welt vorging. Nie kehrte ein Bauer, der die
Ware in die Stadt brachte, ohne seine Zeitung »Soimele« (»Finnland«)
aufs Land zurück.

Unsere Wohnung war in einer Kasematte und bestand aus vier kleinen,
dunklen Räumen, deren Wände aus mächtigen, wohl zwei Meter dicken
Granitsteinen zusammengefügt waren. Wunderlich war unser Schlafzimmer.
Es hatte ein Fensterbrett, auf dem ein Tisch und Stühle Platz hatten.
Freilich war es für andere Zwecke bestimmt. Während eines Krieges sollte
da ein weniger friedliches Möbel stehen: eine Kanone! Aber einen Vorzug
hatte dieses Schlafzimmer: von dem Fenster gab es eine herrliche
Aussicht auf den Finnischen Meerbusen mit seinen dunklen, waldigen
Ufern. Hier war mein Lieblingsplätzchen. Hier pflegte ich mit den
Kindern zu sitzen, bei einer Handarbeit auszuruhen. Hier konnte ich
träumen, stundenlang auf das weite Meer schauen und seinem ewigen,
geheimnisvollen Murmeln lauschen.

Wir wohnten in der unmittelbaren Nähe des Kommandanten und der
Offiziere, mit denen wir auch bald bekannt wurden und die bald in
unserem Hause verkehrten.

Einer von ihnen erklärte sich bereit, meinen älteren Sohn in der
russischen Sprache zu unterrichten. Mein Mann warf sich eifrig auf das
Studium des Finnischen und Schwedischen und machte bald so große
Fortschritte, daß er sich der beiden Sprachen in geschäftlichen
Angelegenheiten bedienen konnte. Daneben lernte er mit der Tochter
englisch. Die beiden älteren Kinder besuchten eine französische Schule
in der Stadt. Jeden Tag mußten sie über das Meer fahren.

Ich war stolz, so viel Wißbegier bei meinem Manne und der
heranwachsenden Jugend zu sehen, stolz, glücklich und doch zugleich
auch traurig, denn der Lerntrieb erstreckte sich nicht auf das, was mir
vor allem heilig und wert war.

Hier in Helsingfors lebten wir fern von allem Jüdischen. In diesem Lande
bestand nur eine kleine Gemeinde alter Soldaten, die noch seit der Zeit
Nikolaus I. das Privilegium, hier zu wohnen, besaßen. Sie hatten eine
kleine Synagoge und einen sogenannten Rabbiner, der zugleich Schochet
(Schächter) war.

Eine Gemeinde »Nikolajewsker« Soldaten. Das sagt für die Eingeweihten
genug. In den zwanziger Jahren hatte man die Juden auf alle mögliche
Weise zum Heeresdienst, der fünfundzwanzig Jahre dauerte, herangezogen.
Herangeschleppt! Galt doch infolge der Härte und Länge der Dienst für
schlimmer als der Tod. Was Wunder, daß die ausgemergelten Juden sich in
diesen Abgrund nicht bei Lebzeiten schleudern lassen wollten. Da man
aber für die Ergreifung eines flüchtigen jüdischen Jünglings -- sie
waren oft nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre -- 20-30 Rubel
bezahlte, so fanden sich natürlich auch unter den Juden Subjekte, die
ein Geschäft daraus machten, möglichst viel solchen Sündengeldes zu
verdienen. Näherte sich so ein »Chapperl«[11] zum Beispiel einer
Schneiderstube, so kam schnell ein guter Freund, um die Schneiderjungen
zu warnen -- und alles floh rascher als vor der Pest, wo sich nur ein
Versteck bieten wollte. Die Ergriffenen nannte man mit dem russischen
Wort »Pojmeniky«, (Ergriffene).

In einem kleinen Volksliedchen heißt es:

    Sitzen Schneider arim Tisch
    Oj, oj, oj nähen

    Kimmt a giter Briderl
    Ün sagt die Chapperlach gehen!

Die Zahl dieser Volkslieder ist unendlich groß. Eine Reihe geradezu
ergreifender Stücke ist in der trefflichen Sammlung von Günzburg und
Marek zusammengestellt. Einige möchte ich aus meiner Erinnerung hierher
stellen.

    Wie es is bitter,
    Meine liebe Mitter,
    :|: A Schiffele auf'n grünem Gros:|:
    Asoj is bitter, meine liebe Mitter,
    M' tüt doch mir chappen,
    :|: Wie a Hås:|:
    Nit wejn i nit schrei,
    Meine liebe Mitter,
    :|: Nit ich bin dos allein.:|:
    Nemmt mir, ŭn vor meinem Herzen
    :|: Setz ich mir anieder und wein.:|:
    Wie es is bitter, meine liebe Mitter,
    :|: A Bäumele ohn Ritter (_Zweige_).:|:
    Asoj is bitter, meine liebe Mitter
    M' tut doch mir machen
    Far a Moskowiter.

Ein anderes Lied lautet:

    As och ün' Weih zu jüdische Kinder,
    Sint sei hoben gesehen die Like Liwone[12].
    Vün jener Zeit un hoben sei

    Kein güt's, ün' kein N'chome[13]
    As mĕ führt jüdische Kinder zim Priom[14],
    Tüt doch zittern die N'schome[15].
    Drüm beten mir dir Reboine schel oilom[16]
    Du sollst üns geben far unser Zar[17] a stickele Nichome.

    Bitter is doch ünser leben asoj wie der Toit
    As mir darfen essen dem Jewonischen Broit[18]
    As mir darfen gehen in »schatnes«[19] gekleid't,
    Dus is doch ünsere bittere Noit.
    Der wos im Himmel, der versteht. Gott Gott worüm bist
                                       di dir vün üns pourisch[20]!
    Du weißt doch as mir nit kennen nicht hitten deine geseres[21]
    Dus is doch unsere bittere Breres[22],
    Drim betten mir dir Reboine schel oilom
    Du sollst üns moichel sein[23] auf ünsere Aweres[24].

    Deine Struf tün mir doch M'kabel-b'ahwe[25] anzunehmen
    As me tüt üns Bort un Pees arobnehmen
    Tüt doch uns in Harzen klemmen
    As mir tün sich allein var üns schemen;
    Drüm beten mir dir Reboine schel oilom
    Di sollst ins vin gules arois nehmen.

    Wer wet ünser Herausnehmer ün ünser Ausleser sein
    As mir seinen tief in goischke Händ arein,
    Dus is doch ünser Schmarz ün Pein,
    Drüm beten mir dir Reboine schel oilom
    Di sollst ünser Herausnehmer ün Ausleser sein.

    Silber in Gold tün doch die sdatozikes[26] var üns legen
    As der Prijomschick[27] soll sugen mir tün var Soldaten ja
                                                       toigen (taugen)
    Asoi tüt doch vün ünsere Vaters un Mütters nit trückenen sere Oigen.
    Schabossim ün Jomim toiwim tün sei tun varbringen.
    Chaleschen[28] tüt doch ünser Harz vün dem groißen Gerasch[29]
    In der Heim hoben mir doch gehat vün Cholev ün vün Dwasch[30]
    As m' leint den bitteren Ukas[31]
    Tor sach kein junger Mann nit weisen auf der Gaß.

    Toit wünschen mir sich gewiß, as mir darfen sich bucken
                                                 zum Naczalniks[32] Füß
    As der Naczalnik tüt a Geschrei Paschol[33] müssen mir es
                                                 annehmen far zuckersüß.

    Jom Noroim[34] tun mir doch schauffer[35] blosen
    As men leient op dem bitteren ukas tien mir doch zilaufen
                                                          wie die Hasen
    Af Felder ün af Wälder tün mir sich zuspreiten wie di Grasen,
    Drum beten mir dir Reboine schel oilom
    Du sollst üns vün goles[36] araus losen.

Sich dieser »Gesere« zu entziehen, gab es nur für die Reichen das
bekannte Mittel -- die Rubel --, für die Armen aber nur einen Weg: Da
nur die Nichtverheirateten zum Militärdienst ausgehoben wurden, mußten
die Knaben eben schon im frühesten Jugendalter verheiratet werden. Nicht
selten führte man die Kleinen vom Spielplatz hinweg unter die »Chuppe«.

Damals war es auch, daß sich im Volke das Gerücht verbreitete, die
Regierung wolle jüdische Mädchen in die Staatsfabriken nehmen.
Vielleicht war dieses Gerücht entstanden, um die zögernden Eltern von
Mädchen gefügig zu machen. Sie waren natürlich jetzt um so schneller
bereit, ihre unerwachsenen Töchter mit unerwachsenen Knaben zu
verheiraten.

Diese »Chapperei« wurde bei den Juden »Behules« genannt.

Es war ein geradezu unnatürlicher Zustand. Und in jener Zeit ist auch
wohl der Grund gelegt worden für die Degeneration eines großen Teils der
russischen Judenheit. Diese halbwüchsigen Mädchen wurden -=Mütter=-.
Mütter von Kindern, deren Väter noch halbe Kinder waren. Aber die armen
Eltern brachten auch diese Opfer. Der Mensch mochte gefährdet sein! Aber
der Glaube, das Judentum durfte nicht leiden!

War es doch unvermeidlich, daß der Heeresdienst die Beachtung all der
jüdischen Bräuche, dieses heiligen Erbes, ausschloß. Das waren noch die
Glücklicheren, denen es beschieden war, in Städte mit einer jüdischen
Gemeinde zu kommen, wo sie wenigstens mit ritueller Kost von der
Gemeinde versorgt wurden.

Nur einen Vorteil gewährten diese schweren Militärjahre: Waren diese
jüdischen Soldaten nicht den unerhörten Anstrengungen und den
Brutalitäten ihrer halbvertierten »Vorgesetzten« erlegen und hatten sie
mit heilem Körper die fünfundzwanzig Jahre ihres Dienstes überstanden,
so durften sie überall in Rußland wohnen. Dieser Vorzug brachte sie
bisweilen in günstigere Verhältnisse, so daß sie nicht selten später
reiche Leute wurden. Aber der größte Teil von ihnen hat es nicht so weit
gebracht.

In einer Gemeinde Nikolajewsker Soldaten mußte ich nun leben. Nach
Wilna--Helsingfors!

Ich hatte große Mühe, unter solchen Bedingungen eine rituelle Küche zu
führen: Das Fleisch mußte stets aus der Stadt geholt werden und ich
selbst mußte die Küche besorgen, weil ich mich auf eine christliche
Köchin nicht verlassen wollte. Und wie sich erst die Schwierigkeiten vor
Pesach häuften, kann nur eine religiöse Frau und eine gute, echt
jüdische Wirtin begreifen.

Aber über alle diese Schwierigkeiten hinweg half mir der heiße Wunsch,
die Tradition für die Kinder zu erhalten und vor allem die Liebe, die
warme, treue Liebe zu meinem Manne. Nicht umsonst sagt das Volk: »Mit
einem geliebten Manne auch übers Meer.«

Wir suchten nach einem jüdischen Lehrer für die älteren Kinder, konnten
aber keinen finden. So kam es, daß mein Mann selbst dem älteren Sohne
Unterricht erteilte. Aber er war kein Lehrer, hatte wenig Geduld und
vergaß sich oft. »Du Esel, was wird aus dir werden?« schrie er ihn oft
an, wobei es nicht selten zu Handgreiflichkeiten kam. Auf das Kind
konnte diese Behandlung nicht ermunternd und anspornend wirken; die
Stande wurde ihm zur Qual. Ich mußte oft dazwischen treten und die
Aufregung besänftigen. Der Unterricht hörte bald auf, und wir bemühten
uns, einen jüdischen Soldaten, der in der Festung wohnte, als Lehrer zu
engagieren. Aber leider wollte er auf unseren Vorschlag nicht eingehen.

Dieser jüdische Soldat, der uns vom Kapitän Sommer als ein Heiliger
geschildert wurde, war eine so ungewöhnliche und interessante
Erscheinung, daß ich von ihm etwas ausführlicher sprechen muß. Religiös,
bescheiden, schweigsam und still führte er ein fast asketisches Leben.
Sowohl seine Vorgesetzten wie auch seine Kameraden sprachen von ihm als
von einem göttlichen Manne. Er wurde von allen mit besonderer
Auszeichnung behandelt. Trotz der bevorzugten Behandlung, die er erfuhr,
vernachlässigte er aber nie die Dienstpflichten, erschien stets
pünktlich auf dem Exerzierplatz und war eifrig im Dienst. Die übrige
Zeit verbrachte er über Taldmudfolianten gebückt, in seinem eigenen
Kämmerchen, das ihm bewilligt worden war.

Seine Nahrung bestand in Schwarzbrot, »Kwas« (einem kohlensauren,
alkoholfreien Getränk), Kartoffeln und Hering. Aus religiösen Gründen aß
er nie aus dem gemeinsamen Kessel. Am Sabbath erhielt er Urlaub, nach
der Stadt zu gehen, um dort einmal ordentlich zu essen.

Seine Talmudkenntnisse waren tief und bedeutend; und nicht selten saß
mein Mann bei ihm, von dem niemand etwas Näheres wußte, der nie etwas
von seiner Herkunft verraten wollte, in seinem winzigen, ungeheizten
Stübchen und diskutierte mit ihm. Mein Mann zählte diese Stunden auf der
einsamen Insel zu den interessantesten. Er kehrte von dort stets in
guter Laune zurück und erzählte mir voll Bewunderung von diesem einsamen
Menschen, der als Arkadius Petrow im Regiment bekannt war.

Den Unterricht meines Sohnes übernahm er nicht, er schlug unsere Bitte
ab, mit der Begründung, daß es ihm zu viel Zeit rauben würde.

       *       *       *       *       *

Es vergingen ein und ein halbes Jahr. Friedlich und angenehm floß unser
Leben unter dem kalten und abgelegenen Himmelsstrich dahin.

Der Bau der Kaserne näherte sich seinem Ende, und mein Mann sah sich
nach einer anderen Beschäftigung um.

Er ging nach St. Petersburg. Ich blieb wieder einmal allein mit den
Kindern zurück -- Es war Dezember -- kurze, finstere Tage, welchen
jene stürmischen nordischen Winternächte folgten. Es war eine traurige
Zeit für mich!

Am Tage blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken übrig. Da war ich
beschäftigt mit der Wirtschaft und den Kindern. Aber in den Nächten, in
den endlosen, einsamen Nächten lag ich stundenlang mit weitgeöffneten
Augen und horchte auf das Sausen des Windes, auf das Heulen der
hungrigen Wölfe, die der wilde Sturm widerstandslos von den
festgefrorenen Ufern ins Meer jagte. Die Stimmen wurden mir inzwischen
so vertraut, daß ich mit ihnen plauderte und ihnen mein Weh und Leid
klagte -- Und tausendstimmig kam die Antwort -- Zuerst ein
Gemurmel wie Klagen, Weinen und Stöhnen -- so herzzerreißend, daß ich
darüber mein eigenes Weh vergaß. Allmählich beruhigte sich die See und
plötzlich entstiegen den Tiefen tausend lustige, fröhliche zarte Töne
und erklangen durch die Lüfte wie silberne Glocken.

So ging die Zeit dahin. Endlich, nach einigen Wochen -- wie ewig lang
kann eine Woche sein! -- kehrte mein Mann aus Petersburg froh und
zufrieden zurück, denn er war dort in einem neubegründeten Bankhaus
als Leiter angestellt worden. Wir blieben aber noch bis zur endgültigen
Vollendung des Baues der Kaserne in der Festung Sweaborg.

Der Frühling kam.

Am dritten Tage des Peßach segnete mich Gott mit einer Tochter, die ich
Sina nannte. Es waren schwere, schwere Stunden.

Die Kaserne wurde fertig; sie sollte von der Festungsbehörde übernommen
werden. Zu diesem Zwecke kamen aus Petersburg die beiden Teilhaber des
Unternehmens: Herr Hessin und Herr Klonski, ein älterer Herr, der meinen
Mann nach guter, patriarchalischer Sitte mit »du« ansprach. Trotzdem
mein Mann damals 35 Jahre zählte, nahm er keinen Anstoß an dieser
ungezwungenen Anrede, denn der Respekt vor dem Alter war ihm in Fleisch
und Blut übergegangen.

Heute wäre ein solches Benehmen einem jungen Menschen gegenüber fast
ausgeschlossen. Ein Blick würde den freien »Alten« belehren, daß er den
der -=Jugend=- gebührenden Respekt vergaß.

Mein Mann ging nach Petersburg. Wieder einmal blieb ich allein mit den
Kindern, lange, unendlich lange, zehn Monate.

Während dieser Zeit wurde mein ältester Sohn Barmizwah. Er erhielt
Tefilin, die er von nun an jeden Tag zum Beten anlegte. Sein Eifer im
Lesen steigerte sich mehr und mehr, und ich mußte meine Zustimmung
geben, daß er jeden Tag in der Konditorei der Stadt Zeitungen lesen
durfte. Die Besucher dort waren immer verwundert, daß so ein kleiner
Junge die russischen, deutschen und französischen Blätter so flink
durchlesen konnte; er erzählte mir alle Neuigkeiten.

Und wieder einmal stand ich mit meinen Kindern reisefertig da. Wir
bestiegen den Dampfer, der uns nach Petersburg bringen sollte, und
machten es uns in der Kajüte bequem. Auf mein Verlangen wurde uns dort
das Mittagessen serviert -- es war eine üppige Mahlzeit, die wir aber
nur halb genießen konnten, denn die Fleischspeisen, die ja nicht koscher
waren, genoß ich nicht, und ein Blick von mir genügte, daß auch die
Kinder sie unberührt ließen.

Wir waren 24 Stunden unterwegs und gelangten ermüdet nach Petersburg.

       *       *       *       *       *


Petersburg.

In den siebziger Jahren unter der Regierung Alexanders II. war
Petersburg in seiner höchsten Blüte. Der Hauptteil von Petersburg, wo
das bewegteste und eleganteste Treiben herrscht, ist der Newsky Prospekt
und die Morskaja. Hier entwickelte sich vor unseren Augen Tag und Nacht
das russische Straßenleben, in dem sich die ganze russische Natur
widerspiegelt. Um jede Tageszeit ein anderes Bild, stets ganz eigenartig
und sehr interessant.

Acht Uhr morgens. In den Straßen von St. Petersburg dominiert die
Jugend, die aus allen Enden der Stadt in ihre Schulen eilt. Die
Schulzeit in ganz Rußland beginnt um 9 Uhr und währt bis 3 Uhr
nachmittags, nur mit einer einstündigen Unterbrechung von zwölf bis
eins.

Da eilen die kleinen und großen Gymnasiasten in ihren Uniformen in Grau
und Silber. Die Studenten in Schwarz und Blau mit goldnen Knöpfen, die
breitrandigen Mützen keck auf die Seite geschoben. Die Mädchen in ihren
schlichten braunen Kleidern mit schwarzen Schürzen, die, aller Mode
spottend, nach einer streng vorgeschriebenen Fasson angefertigt sind...
äußerlich alle gleich aussehend. Sowohl die Schüler wie die Schülerinnen
haben einen Ranzen, der nach Vorschrift der Schulbehörde auf dem Rücken
getragen werden muß.

Unterwegs einander begrüßend, laute Reden führend, eilen sie aneinander
vorbei, jeder seinem Ziele zu, lustig, übermütig.

Die Lastwagen, die des Morgens die elegantesten Straßen durchziehen,
lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Den mit Kot und Schmutz bedeckten
Wagen zieht ein großes, plumpes Pferd, das seit Jahr und Tag keine
Reinigungsbürste auf seinem Fell verspürt hat. Die zentnerschwere Last
mit einer zerlumpten und zerfetzten Plane bedeckt. Wagen und Pferd
warten nur auf den wohltätigen Regen, der sie einmal von dem Schmutz
befreit. Ganz dem Wagen und dem Pferde angepaßt ist der ungepflegte
Kutscher mit seiner grünen Mütze und dem an den Ärmeln zerrissenen
Schafpelz, der ihm zugleich als Kleid und Schlafdecke dient.

Zwölf Uhr mittags. Von der Peterpaulkirche schlägt die Stunde, von der
Festung ertönt ein Kanonenschuß. Die Leute auf dem Newsky-Prospekt
ziehen mechanisch die Taschenuhren hervor, um sie zu richten. Die
Straßen bieten wieder ein anderes Bild: Gouvernanten, Bonnen, die
russischen »Nianias« (Kindermädchen) und die ausgeputzten Ammen in ihrer
Nationaltracht führen die Kinder durch den schönen breiten Newsky
spazieren.

Um vier Uhr nachmittags beginnt in Petersburg der Korso, der besonders
im Winter ein prächtiges Bild bietet. Was für ein Luxus kommt bei diesen
Fahrten zum Vorschein! Die herrlichsten Schlitten, die seltensten
Rassepferde, die ausgesuchtesten Toiletten und kostbarsten Pelze dürfen
da Revue passieren.

Der Korso bewegt sich vom Nikolaibahnhof durch den Newsky, die große und
breite Morskaja bis zur »Poztelujewbrücke«. Der Weg ist so breit, daß
drei Schlittenreihen bequem nebeneinander fahren können. Alles
prächtige, weite Schlitten (hauptsächlich Privatschlitten), innen mit
Schafpelz und Teppichen ausgeschlagen, ein schwarzes Bärenfell als
Decke. Über die Pferde sind blaue, rote, grüne, manchmal weiße Netze
gebreitet. Silbernes Geschirr. Der Kutscher ist meist von ungewöhnlichem
Umfang, da sein gepolsterter Mantel (»Jarmak«) von Schulter zu Schulter
fast einen Meter breit ist. Es ist ein Oberkleid, festgeknöpft mit einem
roten, grünen, blauen oder weißen Gürtel, entsprechend der Farbe des
Netzes. Dieses Oberkleid deckt den Kutscher und nimmt die Hälfte des
Schlittens ein, so daß es aussieht, als säße der Kutscher auf den Knien
seiner Herrschaften. Auf dem Kopf eine vierkantige gepolsterte,
rotsamtne Mütze, mit Pelzbesatz und Goldschnur geschmückt. Weiße oder
gelbe lange Handschuhe mit Stulpen ergänzen diese so eigenartige Tracht
der Petersburger herrschaftlichen Kutscher.

In den Schlitten Damen und Herren, in die kostbarsten Pelze eingehüllt.
Hier und da saust mit einer unheimlichen Schnelligkeit ein »Lichatsch«
vorbei -- ein Einspänner mit einem kleinen Schlitten, nicht größer als
ein Sessel. Man sieht nicht mehr als einen Biberpelz, darüber ein
kleines kokettes Pelzmützchen.

Das Publikum fährt so nahe aneinander vorbei, daß nicht nur kurze Grüße
ausgetauscht werden können, auch Fragen und Antworten fliegen hinüber
und herüber. Man verabredet Rendezvous und tauscht Komplimente aus.

Der glitzernde, knirschende Schnee, das Wiehern der Pferde, das leise
Rauschen der seidenen Stoffe, das Lachen und Plaudern des Publikums, die
Pracht und der Luxus der Schlitten und seiner Insassen -- das gibt ein
Bild, das nicht nur den Fremden, sondern auch den Einheimischen stets
von neuem fasziniert.

       *       *       *       *       *

Mit der Übersiedelung nach Petersburg ging ich einer Zukunft entgegen,
die an Ereignissen und Veränderungen die Vergangenheit, die Gegenwart
und alle Erwartungen übertraf.

Das Milieu, in das wir in Petersburg kamen, bestand aus vornehmen,
gebildeten Leuten, bei denen meistenteils Reichtum und Luxus herrschten,
und die ein fast sorgloses Dasein führten. Trotzdem die Petersburger
jüdische Gesellschaft eine große, prächtige Synagoge besaß und zwei
Rabbiner hatte, -- einen modernen studierten und einen orthodoxen --
trennte sie doch vieles von jüdischer Sitte und jüdischer Tradition. Die
Vornehmen übernahmen gar manche fremde Tradition und feierten fremde
Feste, wie Weihnachten. Von den eigenen Feiertagen hielt man nur noch
zwei Feiertage: Jom Kippur und Peßach. Aber sie wurden »modern«
gefeiert. Manche kamen ruhig in einer Equipage in die Synagoge und
speisten am Jom Kippur während der Pausen.

Das Peßachfest hielt sich selbst in den vorgeschrittensten Kreisen. Es
blieb ein Fest der Erinnerung. Freilich nicht an den Auszug aus Ägypten,
sondern an die eigene Kindheit in den kleinen litauischen Städtchen. Der
Sederabend wurde gefeiert, aber auf eine sehr abgekürzte Art. Sogar die
getauften Juden mochten sich vom Sederabend nicht trennen.
Veranstalteten sie auch kein besonderes Mahl in ihrem eigenen Hause, so
ließen sie sich doch gern in ihren Bekanntenkreisen bei den -- noch
nicht Getauften einladen. Es sah recht feierlich aus. Die Hausfrau im
höchsten Staat, die Kinder sorgsam angezogen, die Gäste in Frack und
weißer Binde. Den Tisch schmückte ein Stoß Mazzaus, die auf einem
Tablett aufgehäuft waren. Eine Schüssel mit Eiern, mit grünem Salat und
Radieschen war hergerichtet. An gutem Wein fehlte es natürlich nicht.
Und doch zogen die Herren meistens den »Zmukim« (Rosinenwein), vor, der
sie so stark an das Elternhaus erinnerte. Von Gebeten und der ganzen
Reihe alter, symbolischer Bräuche nahm man Abstand. Das Gespräch dauerte
zwar auch bis Mitternacht. Aber es galt nicht dem Auszug aus Ägypten,
sondern Tagesfragen, Zeitungsneuigkeiten, Börsengeschäften. Das Mahl war
recht reichhaltig und fing natürlich mit den Eiern an, die in Salzwasser
genossen wurden. Dann folgten gefüllte Pfefferfische, Fleischbrühe mit
schmackhaften Klößchen und Putenbraten. Es war ein gemütliches Souper
mit einigen Eigenheiten, mehr aber nicht. Mit dem Sederabend hatte es
eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Auf dem Tisch lag keine
Haggadah, sie lag irgendwo in einer alten Holzkiste friedlich bei den
vergilbten Talmudexemplaren, der Bibel und alten hebräischen Büchern.
Die Fragen wurden nicht gestellt. Die Hände hatte man sich zu Hause mit
parfümierter Seife gewaschen. Und beim Weintrinken legte man weiter kein
Gewicht darauf, ob es gerade nur vier Becher waren. Natürlich trat das
Préférencespiel an die Stelle des Benschens.

Was ich hier schildere, waren die neuen Sitten einer feinen, dünnen
Oberschicht der Petersburger Juden.

Die Mehrheit jedoch war der alten hergebrachten Religion, der Tradition
treu geblieben, und darunter waren nicht wenige, die zur Elite der
jüdischen Gesellschaft gehörten.

In dieser Umgebung zu leben und von ihrem Einfluß unberührt zu bleiben,
erforderte eine Charakterstärke und eine religiöse Festigkeit, wie sie
mein Mann leider nicht besaß. Mich hätte es unberührt gelassen, mich
hätte mein starker Glaube, meine Erziehung und die religiöse Innigkeit,
mit der ich an jüdischer Sitte hing, vor der Untreue bewahrt. Ja, stolz
wäre ich umhergegangen unter all den Schwachen. Stolz und glücklich, daß
ich noch im Besitz all des innigen Reichtums war, den jene längst
verloren hatten. Und ich hätte sie wegen ihrer Armut bedauert.

Und doch hatte ich gerade hier in Petersburg, wo die Juden sich von so
vielen jüdischen Bräuchen lossagten, oft Gelegenheit zu beobachten, wie
stark das Zusammengehörigkeitsgefühl trotz allem unter den Juden
entwickelt war: Wenn Juden irgendwo in der Provinz in einem Streit mit
der Behörde unterlegen waren, so wandten sie sich nach Petersburg um
Unterstützung; und niemals sparte die Petersburger jüdische Gesellschaft
Geld und Zeit, um die Sache ihrer Stammesgenossen zu vertreten. Man
appellierte und setzte die höchsten Instanzen in Bewegung, damit den
bedrängten Juden ihr Recht werde; und dieser Eifer war allen natürlich
und selbstverständlich. Nicht umsonst ist ja das Solidaritätsgefühl der
Juden in der ganzen Welt sprichwörtlich geworden. Sogar die meisten
getauften Juden machten dabei keine Ausnahme. Ja, es gehörte geradezu
zum guten Ton in der Petersburger jüdischen Gesellschaft, wohltätige
Anstalten für die Juden zu gründen, wo Hunderte von Kindern Unterkunft,
Erziehung und Bildung erhielten. --

Es ging bei uns ähnlich zu wie in so vielen anderen Familien, in denen
der Kampf um die Tradition gekämpft wurde. »Der Mann, der Verdienende,
der die Pflicht hat, die Seinigen zu versorgen, besitzt auch das größere
Recht, er ist der Herr im Hause, er kann bitten, darf aber auch
fordern,« hieß es dort. Auch mein Mann -=bat=- zuerst, und als er damit
sein Ziel nicht erreichte, -=forderte=- er die Erfüllung seiner Wünsche.
Er wurde despotisch und verlor jedes Maß.

Mit seinem schlichten, ruhigen, ehrlichen Wesen, mit dem grenzenlosen
Vertrauen, das er den Menschen entgegenbrachte, paßte er nicht hinein in
das Großstadtleben, in dessen Hasten und Streben und Ringen. Trotz
seiner Kenntnisse und Fähigkeiten ging es ihm in pekuniärer Hinsicht
nicht gut, und in dem Riesenunternehmen, an dem er teilnahm, konnte er
nicht vorwärts kommen. Das schmerzte und quälte ihn. Denn frisch noch
lebten in seiner Erinnerung die Zeiten, da er ein großer Herr war, reich
und vornehm. Wenigstens in seinem Hause, im eigenen Familienkreise
wollte er Entschädigung haben für diese Ungerechtigkeit. Hier wollte er
ganz Herr sein -- und er war es auch im vollsten Sinne. Es genügte
nicht, daß ich ihm volle Freiheit außerhalb des Hauses ließ. Ich mußte
mich selbst und mein Haus »reformieren«.

Zuerst waren es Kleinigkeiten, aber liebe, vertraute Kleinigkeiten, die
mir ans Herz gewachsen waren, von denen ich mich trennen mußte. Aber
damit waren die Umstürzler noch nicht zufrieden. Es wurde weiter
gefordert; und rücksichtslos wurden die Grundlagen unseres bisherigen
Lebens -=zerstört=-.

Hier in Petersburg war es, wo ich gleich am Anfang unseres Aufenthaltes
den »Scheitel« abnehmen mußte. Hier war es, wo ich nach heftigstem
Widerstand die koschere Küche abschaffte und allmählich -=eine=- schöne,
alte Sitte nach der anderen aus meinem Hause vertrieb. -- Nein,
ich vertrieb sie nicht, ich begleitete jede von ihnen bis zur letzten
Pforte meines Hauses mit Schluchzen und Weinen. Blutenden Herzens ließ
ich sie hinausziehen und schaute ihnen lange, lange nach -- und
war so traurig, als wenn ich das Teuerste zu Grabe brächte. Was litt ich
damals, welche Seelenkämpfe habe ich durchmachen müssen! Ich ahnte
nichts davon in meiner Jugend, als ich noch so glücklich das
beschauliche, ruhige, stolze, patriarchalische Leben in meinem
Elternhause lebte. Trotzdem ich meinen Mann so heiß und treu liebte wie
in der ersten Zeit unseres Zusammenlebens, konnte und durfte ich nicht
widerstandslos nachgeben. Für mich und für die Kinder wollte ich das
teure Gut erhalten und kämpfte einen Kampf um Sein oder Nichtsein.

Das ganze Leben in Petersburg war dazu angetan, daß selbst tausend
verschiedene Erlebnisse immer wieder auf das eine Problem des Judentums
zusammenliefen. Was hat mir die Gymnasialzeit meines Sohnes für Sorge
und Herzeleid gebracht! Simon war Schüler des vierten Gymnasiums. Eines
Tages wurden die Knaben in die Kapelle des Gymnasiums zu einem
Gottesdienst geführt. Vor den Heiligenbildern knieten alle nieder. Mein
Sohn nur blieb stehen. Der Klassenaufseher forderte ihn auf, sofort
niederzuknien. Mein Sohn lehnte es entschieden ab: »Ich bin ein Jude.
Und mein Glaube verbietet mir, vor einem Bilde zu knien.« Wütend ging
der Aufseher. Nach dem Gottesdienst wurde Simon gerufen: er war
entlassen. Morgen sollte er sich seine Papiere holen. Das war eine böse
Kunde. Auch diese Sorge noch! Ich eilte zu den Popetschitjel, flehte,
jammerte. Mein Sohn hätte ja nicht die Schuldisziplin mißachten wollen.
Er wollte nur der Erziehung treu sein, die er im Elternhause und in der
Rabbinerschule genossen. Achtung vor der Autorität der Eltern sei auch
ein wichtiges Erziehungsmoment. Wo sie aufhört, beginnt vielleicht das
Laster. Aber Fürst Liwin blieb hart. Ich konnte nicht mehr sprechen. Der
Schmerz drückte mir die Kehle zu. Tränen auf Tränen quollen aus meinen
Augen. Sah ich doch das Lebensglück meines Sohnes zerstört. Ich lief
hinaus. Aber kaum hatte ich das Vorzimmer erreicht, da rief mich der
Fürst zurück. Dieses Gymnasium sollte er verlassen. Aber er wollte doch
dafür sorgen, daß er in ein anderes aufgenommen würde. Und so geschah
es. Ich fand wieder die Ruhe und genoß mit tiefem Behagen die Freude
über die stolze Handlung meines Sohnes. Das war Blut von meinem Blute.
Aber durfte ich unter den fremden Einflüssen hoffen, daß die Kinder
immer der Art der Mutter folgen würden? Sie wurden größer. Sie begriffen
auf ihre Weise, was in ihrer Umgebung vorging und -- stellten sich
manchmal auf die Seite des Vaters. So war ich oft vereinsamt: Der Mann,
die Gesellschaft gegen mich. Ich unterlag. Aber niemand ahnte die Tragik
jener Tage, die ich damals durchlebte.

Nur ein paar vergilbte Blätter, denen ich mein Leid damals vor
achtunddreißig Jahren in einer Verzweiflungsstunde anvertraut hatte,
sind stumme, starre Zeugen meiner Leiden -- Ich füge hier jene
Worte, die ich am 15. April 1871 schrieb, bei, denn sie scheinen mir von
allgemeinerem Interesse zu sein, geben sie doch dem Schmerz und dem
verzweifelten Kampf Ausdruck, den nicht nur ich allein, sondern so
manche Frau und Mutter in dieser schweren Übergangsperiode des jüdischen
Lebens zu ertragen hatten.



Die gefährliche Operation. -- Die Reform der Küche.


... Das Geschwür ist so groß geworden, daß es mich zu ersticken droht!
Was tun? Wo Rat holen? Woher die Kräfte zum Kampf nehmen? O, lieber
Gott, schenke mir Seelenstärke, die Operation ohne bleibenden Schaden
ertragen zu können! Ich fühle mich zu schwach, das zu überstehen. Es ist
ein Kampf auf Tod und Leben. Ich habe mich in den eigenen Kräften
verrechnet und glaubte nicht, daß diese letzte Reform mich in solche
Bangigkeit und in so starkes Zerwürfnis mit mir selber hineinstürzen
würde. Warum fällt es mir so schwer, meine bisherigen Grundsätze zu
überwinden? Ich glaube, meine anhängliche Natur ist daran schuld. Die
Verehrung und Liebe für meine Eltern sind bei mir unzertrennlich mit der
Verehrung ihrer religiösen Sitte verbunden. Es überkommt mich die
Verzweiflung, wenn ich an die Notwendigkeit meines Handelns denke, von
der mein künftiges Heil, meine Ruhe und Zufriedenheit, selbst das Glück
meiner Kinder abhängen soll. Es wird sicher eine tiefe Wunde in die
Herzen meiner Eltern schlagen. Ich war ihnen bisher eine liebe Tochter.
Nun haben sie volles Recht, mir zu fluchen -- Ja, ich verstehe ihren
brennenden Schmerz. Ich bin selbst Mutter!

Aber wo sind meine eigenen Grundsätze? Ja, sie sind da. Seit fünfzehn
Jahren kämpfe ich, sie zu erhalten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, in
Fleisch und Blut übergegangen. Nun sind sie aber der Störenfried und
Anstoß für alle Meinigen geworden, an ihnen zerschellt jeden Augenblick
alle Zärtlichkeit, alle Achtung und Liebe. -- Und was mich so
unglücklich in meinem jetzigen Zustand macht, ist das Verhältnis meines
Mannes zu mir. Er hat es nie verstanden, oder sich nie die Mühe gegeben,
mich anders zu betrachten, wie ein für sich notwendiges Ding. Er ist nie
auf den Gedanken gekommen, daß ich meine eigenen Grundsätze,
Gewohnheiten habe, daß ich bereits von Haus aus zu ihm mit Erinnerungen,
ja sogar mit gewissen Erfahrungen kam; und daß die mannigfachen
Lebensumstände meine Standhaftigkeit ausgebildet und gefestigt haben. Er
gab sich nicht die Mühe, sich meinem inneren Wesen zu nähern und es zu
erkennen. Er fordert von mir vor allem Unterwürfigkeit und Verleugnung
meiner Grundsätze. Nein, mein Freund, diesen deinen letzten Wunsch ohne
Murren zu erfüllen, bin ich nicht imstande. Dazu hättest du mich
allmählich vorbereiten sollen, dann wäre es mir vielleicht nicht so
tödlich schwer geworden! Da es aber nicht geschah, da du meinem inneren
Leben fremd bliebest, wurde meine Anhänglichkeit an die Eltern und das
Pflichtgefühl ihnen gegenüber von Tag zu Tag stärker. Ich schuf mir eine
eigene Welt in mir, von der ich mich jetzt so schwer trennen kann. O,
Gott im Himmel, nur du kannst unparteiischer Zeuge meiner Leiden sein!
Wem soll ich klagen! Verstehst du mich, mein Mann? Legst du mir meine
Konsequenzen nicht als eine Hartnäckigkeit aus, kannst du nicht darin
etwas Höheres, Edleres sehen, als Eigensinn? Und die Kinder? Die sind ja
noch zu jung -- sie werden aber schon auf deine Seite kommen. Sie
sind ja Kinder ihrer Zeit!

Das Messer ist geschärft. Ich muß mich entscheiden. Die Operation soll
vor sich gehen, denn ich ersticke! Nur bitte ich um Zeit, damit ich den
Kampf zuerst mit mir selbst auskämpfe und meine geistigen Kräfte sammle.
O, wer hilft mir? Niemand! Zurück also in meine eigene Welt, in mein
Herz, in die Gesellschaft meiner Gedanken, in die Welt meiner
Vergangenheit, die eine inhaltreiche Geschichte ist, und in die
undurchdringliche Zukunft. Ich will dieses furchtbare Opfer auf dem
Altar meines häuslichen Herdes darbringen. Eher darf ich nicht sagen,
daß ich meine Pflicht als Frau und Mutter erfüllt habe, bis ich auch
diesem Wunsch der Meinigen nachgegeben habe. Was ist mein Leben ohne
Liebe, ohne Anhänglichkeit und in einem immerwährenden Streit mit den
Nächsten? Nach jedem Auftritt wegen dieser unheilvollen Frage sehe ich
den Tod vor Augen. Die Bitterkeit, die ich stets dabei empfinde, könnte
drei Leben, und nicht nur eines vergiften! Daher, ihr Henker, schärft
die Messer, ich bin fertig. Ich will mit dieser Tat dem ewigen Spotten
über die Religion in meinem Hause ein Ende machen. Lieber begehe ich
selbst das Schreckliche und rette mit dieser Handlung die wahre
Grundlage der Religion, den Glauben. Ich darf vielleicht nicht länger
zögern, wenn ich das Schlimmste verhindern soll. -- Heutzutage muß man
ein Hillel und kein Schamai sein[37].

O, Schweres, namenlos Schweres hast du mir, Gott, auferlegt! Ich lebe
ja in der schwersten Übergangszeit, in der wir jüdischen Frauen ohne
alle persönlichen Rechte in den Ehestand getreten sind, in der unsere
Männer sich als unsere Herren oder Diener, nie aber als unsere Freunde
betrachten. O, totes Papier, fühlst du es nicht, welche Worte ich hier
niedergeschrieben habe? Es wird mir schrecklich zumute. Meine Sinne
schwinden. Meine Hand versagt ihre Dienste. Ich werfe das Papier weit
von mir. Soll ich wünschen, daß es jemandem einmal in die Hände kommt?

       *       *       *       *       *

So wurde denn in meinem Hause die treifene Küche eingeführt. Für dieses
Opfer, das ich den Meinigen brachte, forderte ich die Erfüllung eines
Wunsches: Einundfünfzig Wochen im Jahre mußte ich so leben, wie sie es
haben wollten, eine Woche, die der Peßachfeiertage, sollte mir gehören.
Und niemand sollte mir im Wege stehen, diese Feiertage ganz so zu
feiern, wie ich es von Hause aus gewohnt war. Und dabei blieb es.

Ein guter Freund beeilte sich natürlich, meinem Vater von dieser Reform
in meinem Hause Mitteilung zu machen. Mein Vater hörte ihn ruhig an,
schwieg weise eine Weile und sagte dann. »Wenn meine Pessele es getan
hat, so mußte sie es tun.«

       *       *       *       *       *

Zu diesen religiösen Kämpfen im Hause kam noch der Kampf ums Dasein. Die
geschäftlichen Angelegenheiten meines Mannes blieben dauernd
unerfreulich. Weder als Bankangestellter, noch als Börsenmakler hatte er
Glück. Er fühlte sich niedergeschlagen und müde, denn das schlechte
Petersburger Klima übte einen bösen Einfluß auf seine Gesundheit aus.
Die Kinder wurden groß. Ihre Erziehung forderte Mittel, die die unseren
überstiegen. Unsere materiellen Verhältnisse hielten nicht Schritt mit
den Bedürfnissen, die noch durch unseren Verkehr von Tag zu Tag größer
wurden. Ich hatte so manche schwere Stunde durchzumachen. Aber ich tat
mein Möglichstes, um vor den Kindern und den Fremden unsere materielle
Lage zu verbergen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten verließ mich nie. Ich
arbeitete und arbeitete, daß das Glück, sollte es einmal kommen, keine
verelendete Familie vorfände. Diese Hoffnung gewann mit der Zeit in
meiner Phantasie Form und Gestalt -- ich sah vor unserer Wohnung das
Unbestimmte, das Wunderbare, das uns die frohe Nachricht bringen sollte,
harren und leise unsere Tür öffnen --

Aber es öffnete sie gar so leise und langsam --

Es bedeutete eine glückliche Wendung für uns, als meinem Manne die
Stellung eines Vizedirektors der Kommerzbank in Minsk angeboten wurde.
Wir überlegten nicht lange, packten unser Hab und Gut zusammen und
siedelten nach Minsk über.

Das war gegen Ende 1871.

Endlich wich die materielle Sorge von uns. In kurzer Zeit erhielt mein
Mann die Stelle des Direktors, und von nun an führten wir wieder ein
reiches, vornehmes Leben in Minsk.



Die dritte Generation.


Und es kam die dritte Generation, die weder Gott noch den Teufel
fürchtete. Die allerhöchste Huldigung brachte sie dem eigenen Willen
entgegen und erhob ihn zu einer Gottheit. Dieser Gottheit wurde
Weihrauch gestreut. Ihr wurden Altäre errichtet; und ohne Scheu, ohne
Rücksicht wurden ihr die heiligsten Opfer dargebracht. Es war die Tragik
und das Verhängnis dieser Jugend, daß sie ohne Tradition aufgewachsen
war. Unsere Kinder erhielten keine Eindrücke von den Erinnerungen des
historischen, selbständigen Judentums. Fremd blieben ihnen die
Klagelieder am Tischo b'Ab, fremd die in den dreimal täglich
verrichteten Gebeten lebende Sehnsucht nach Zion, dem Lande der großen
Vergangenheit, fremd der Rhythmus der jüdischen Feiertage, nach welchem
stets einem traurigen ein freudiger folgt. Sie fand nirgends Anregungen
-- diese Generation. Sie wurden Atheisten.

Vielleicht mag mancher jugendliche Leser glauben, daß ich die
Verhältnisse gar zu trübe sehe. Ist meine Erinnerung getrübt und decken
dunkle Flore meine Augen?! O nein. Ich bin ein getreuer Chronist. Mein
lichter Blick sieht nur die tiefen Schatten, weil sie wirklich die Wege
der neuen Jugend über und über decken.

Die dritte Generation! Zeigt mir das Glück, zeigt mir den Adel eurer
Moral -- und ich will mich vor euch beugen!...

... Allmählich sahen die Väter, die jüdischen Brauch und jüdische Sitte
aus der Erziehung der Kinder entfernt und sie ausschließlich im modernen
aufklärerisch-europäischen Sinne hatten bilden lassen, ihren
verhängnisvollen Fehler ein. Sie selbst, wenn sie sich auch von Religion
und Tradition abgewandt hatten, blieben doch im Grunde ihres Herzens
Juden. Gute Juden im nationalen Sinne dieses Wortes, stolz auf ihre
Vergangenheit; denn in ihnen lebten noch die Erinnerungen ihrer
Kindheit. Aber ihre Kinder hatten diese Erinnerungen nicht mehr; ihre
eigenen Eltern, hauptsächlich die Väter, waren daran schuld. Und nicht
selten kam es, daß feiner empfindende Jünglinge, die ihre innere Armut
erkannten, die Eltern anklagten!

Es gab zwar eine Möglichkeit, die Mängel der häuslichen Erziehung
einigermaßen zu ersetzen: durch einen geordneten Religionsunterricht in
den öffentlichen Schulen. Tüchtige Lehrer hätten so leicht das Interesse
der Jugend der großen jüdischen Vergangenheit zuwenden, ihre
Aufmerksamkeit auf die alte hebräische Poesie, die Geschichte der Juden
lenken und auf diese Weise in ihnen die stolze Gewißheit erwecken
können, daß sie einem Volke angehörten, dessen Kultur und Geschichte
alt, inhaltsreich, erschütternd sind. Dann hätte die jüdische Jugend
sich nicht gleich bei der ersten Berührung mit der Schuljugend anderen
Stammes verloren. Sie hätte nicht das Gefühl der Erniedrigung gehabt,
das ihnen jede Erinnerung an die jüdische Abstammung brachte. Sie hätte
sich nicht mit solcher Wut von ihrem eigenen Volke abgewandt, ihre
Pflichten vergessen und ihre Kräfte rücksichtslos in die Dienste der
»anderen« gestellt, wie sie es getan. -- Aber leider standen die
jüdischen Religionslehrer nicht immer und nicht überall auf der Höhe
ihrer Aufgabe. Nur die allerwenigsten verstanden ihre Mission.

In den sechziger Jahren beginnt die Russifizierung der Juden durch die
Regierung. -- In der ersten Epoche der Aufklärung, in der Zeit des
Einflusses Mendelssohns, war die Unterrichtssprache in den jüdischen
Schulen deutsch. Jetzt war die Stimmung eine andere geworden, die
»Aufgeklärten« kamen den Russifizierungstendenzen der Regierung
entgegen, weil sie von der Zukunft politische Freiheiten erwarteten und
die Vereinigung mit dem großen russischen Volke anstrebten. Die
Sprachenfrage war definitiv gelöst, als die Regierung nach dem
polnischen Aufstand die russische Sprache in den jüdischen Schulen
Litauens als obligatorisch eingeführt hatte.

Danach ging man zu den Unterrichtsgegenständen über und verfolgte dabei
die gleiche Tendenz der Russifizierung. So wurde allmählich das Programm
der jüdischen Unterrichtsgegenstände gekürzt zugunsten der
»allgemeinen«, d. h. russischen Bildung. Es kam so weit, daß in den
Mädchenschulen der hebräische Schreibunterricht -=verboten=- wurde. --
Auch in dieser Hinsicht entsprach die Tendenz der Regierung dem stillen
Wunsche der jungen Generation und vor allem auch dem der jüdischen
Lehrer, daß der allgemeinen Bildung der Vorzug zu geben sei. Diese
Lehrer haben das Judentum schließlich auch aus den jüdischen Schulen
gedrängt.

So war es kein Wunder, als die finstere, kalte, stürmische Periode der
achtziger und neunziger Jahre für uns Juden hereinbrach und unsere
Kinder in ihrem schwanken, gebrechlichen Schiffchen von der Hochflut
ergriffen und von den brausenden Wellen des Lebens bald nach oben, bald
nach unten geschleudert wurden, -- daß sie ihr Schifflein in Sicherheit
bringen wollten.

Dieser sichere Hafen war -- die Taufe.

Das glaubten sie damals.

Da fiel es, das inhaltsreiche, schwere, schreckliche Wort, das wie eine
Seuche in das Innere des Judentums hineingriff und die Nächsten
auseinanderriß. Nur ganz selten kam dieses Wort über meine Lippen, weil
es mir zu nahe ging, mir zu tief ins blutende Mutterherz schnitt...

Nachdem das Furchtbare geschehen war, sprach ich darüber auch mit den
Nächsten nicht.

Nur meinen Blättern habe ich es anvertraut, mit Tränen benetzt und
aufbewahrt tief, tief in der Erinnerung -- bis heute.

Aber heute will ich mich überwinden, heute will ich von jener finsteren
Nacht erzählen... Und wie alles, was ich erlebe, so fügt sich mir auch
dieses Vorhaben, diese Aufgabe, in ein Bild: ich sehe mich selbst als
das Großmütterchen am Kamine sitzen -- und um mich herum die Jugend
von heute. Sie hören mir so gerne zu, wenn ich von den alten vergangenen
Zeiten des jüdischen Lebens erzähle. Die Augen werden größer, sie
leuchten, die Kinder heben stolz die Köpfe und lauschen. O, Wunder des
Blutes! Die Kinder, deren Eltern sich vom Judentum abgewendet, kehren zu
ihm zurück. Sie sehnen sich nach ihm und nach der alten großen jüdischen
Melodie, die sie nie gehört. Das alles lese ich in den klugen Augen der
Kinder, und ihnen will ich das wunde Herz öffnen und von all dem Leid
und den Schrecknissen jener Nacht erzählen ...

       *       *       *       *       *

Zwischen dieser modernen Schule, deren Führer überzeugt und systematisch
die Kinder dem Judentum entfremdeten, und der großen Masse der
orthodoxen jüdischen Bevölkerung herrschte ein sehr feindliches
Verhältnis. Man wird das begreifen. Die hebräische Sprache sollte nicht
treulos verlassen werden. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel mußten
herhalten, um den hebräischen Unterricht zu ermöglichen. Bestrafung und
Strafgelder -- ganz gleich, wenn nur das Ziel erreicht wurde. So
leichten Kaufes wollten sich die Alten nicht ergeben. Die Chedarim
bestanden fort, die arg verspotteten Melamdim »knellten« ihre Schüler
weiter. Und mochte sich auch die Regierung einmischen; wie armselig war
diese Bevormundung gegen den heiligen Eifer der Frommen! Standen auch
die höheren Talmudschulen -- die Jeschiwaus -- unter der Kontrolle des
Ministeriums für Volksbildung, so blieb die Aufsicht nur eine
theoretische. Die Regierungsgewalt drang nicht in die Stille der
Bethäuser. Mit Zwang war eben wenig zu erreichen. Schließlich gab die
Regierung nach. Nicht zum mindesten, als sich 1863 die Gesellschaft zur
Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden gebildet hatte und
nach Überwindung einer Sturm- und Drangperiode mit versöhnender Liebe
und Verständnis für den Wert des Althergebrachten ihre stille, aber
hartnäckig durchgeführte Arbeit betrieb. Freilich fand sie im Zeitgeist
eine kraftvolle Unterstützung. Die wohlhabenden Klassen sandten ihre
Kinder nur in die Kronsschule. Der Cheder blieb eigentlich nur den
Kindern des Proletariats. Aber ganz wurde auch bei den Reichen in der
Folge das Studium der hebräischen Sprache nicht vernachlässigt. Der
Melamed kam für einige Stunden in der Woche ins Haus. Gymnasium und
Universität: das waren jetzt die Ziele. Und es war schon eine auffällige
Ausnahme, wenn ein Reicher seinen begabten Sohn in eine Jeschiwah gab.

In diesen Jahren der inneren Wandlung, in der Zeit der siebziger Jahre,
tauchten in Rußland alle möglichen geflügelten Worte, wie Nihilismus,
Materialismus, Assimilation, Antisemitismus, Dekadenz, auf. Sie
beherrschten das letzte Viertel des XIX. Jahrhunderts und hielten sowohl
die jüdische wie die nichtjüdische Jugend in Rußland in einer
unaufhaltsamen Bewegung, in -=einer=- Aufregung. Es erschien der Roman:
»Väter und Söhne« von Turgenjew, in dem das Wort Nihilismus zuerst
geprägt wurde. Die begeisterte Jugend fand in dem Helden dieses Romans
in der Folge das Echo ihrer Anschauungen und Bestrebungen, und sie
ergänzte und formte das, was noch fehlte, nach dem Vorbild des Basarow.
Der Kampf mit den Eltern wurde immer rücksichtsloser und erbitterter.
Mehr und mehr entfernte sich die jüdische Jugend von den Eltern. Ja, es
war nicht selten, daß die Kinder sich ihrer schämten. In ihren eigenen
Eltern sahen sie oft nichts anderes als den Geldbeutel, der ihnen die
Mittel zur Befriedigung ihrer Wünsche verschaffen mußte. Die Eltern
achten? Weshalb? Achten kann man ja nur den, der an Bildung höher
steht. Die Ergebenheit, Dankbarkeit, Pietät der früheren Zeiten waren
aus dem jüdischen Leben spurlos verschwunden, als seien sie niemals der
Stolz und der Glanz des jüdischen Hauses gewesen. Im Eifer, das Alte zu
stürzen, alles Vorhandene skeptisch zu prüfen, zu kritisieren, die
eigene Individualität zu behaupten, kannte die junge Generation keine
Grenzen mehr, und nicht selten kam es vor, daß ein solcher Philosoph
(Mädchen nicht ausgenommen), ausgestattet mit allen Sentenzen Franz
Moors, seine Geburt den Eltern zum Vorwurf zu machen wagte, wenn es ihm
einmal im Leben nicht nach Wunsch erging. Solch ein Wesen neuester
Formation äußerte sich beispielsweise gnädig: »Wenn ich sehe, daß meine
Mutter und ein Fremder sich gleichzeitig in Gefahr befinden, so rette
ich zuerst meine Mutter!« -- Als ob es anders sein könnte. -- Das
ist ein kleiner Beleg dafür, wieweit die Jugend der achtziger und
neunziger Jahre vom natürlichen Empfinden entfernt war, daß sie erst
beweisen zu müssen glaubte, was so selbstverständlich sein sollte, was
im Blut liegt und zum Instinkt geworden ist.

Wenn ich die Szenen zwischen Eltern und Kindern der vierziger und
fünfziger Jahre als tragikomisch bezeichnet hatte, so waren die
Auftritte in vielen jüdischen Familien der achtziger und neunziger Jahre
rein tragisch.

Die jüdische Jugend verlor sich in fremder Art. Assimilation bis in den
Kern war ihr Losungswort. Im jüdischen Leben ging alles durcheinander,
es herrschte ein wahres »Tohuwabohu«. Aber der Geist Gottes schwebte
nicht über der Oberfläche.

Das war die allgemeine Stimmung und die Verfassung der jüdischen
Jugend, als die finstere, kalte, stürmische Periode über ihr Leben und
ihr Schicksal hereinbrach --

»Wajhi hajaum«! Und es war ein Tag am 1. März 1881, an dem die Sonne,
die in den fünfziger Jahren über dem jüdischen Leben aufgegangen,
plötzlich erlosch: Alexander II. wurde am Ufer des Kanals Mojka in St.
Petersburg erschossen! Die Hand, die den Befreiungsakt für sechzig
Millionen Leibeigene unterzeichnet hatte, wurde starr. Der Mund, der das
große Wort der Befreiung ausgesprochen, verstummte auf ewig. Und das vom
Volke erwartete Heil rückte in weite, weite Ferne.

In einer Sitzung hatte die Minsker Stadtduma beschlossen, zwei Männer
aus ihrer Mitte als Delegierte nach Petersburg zu senden, um dort auf
das frische Grab des humanen Kaisers einen Kranz niederzulegen.

Man wählte den Bürgermeister der Stadt, H. Golinewitsch, und meinen
Mann; die Gemeinde fertigte eine Vollmacht mit den Unterschriften aller
Mitglieder aus, und sie reisten ab.

Es geschah zum erstenmal, daß Juden an einer solchen Trauerkundgebung
teilnahmen.

       *       *       *       *       *

Und es kamen andere Zeiten -- andere Lieder erklangen -- Das
Schlangengezücht, das sich bisher nicht ans Tageslicht gewagt hatte,
kroch jetzt aus den Sümpfen hervor: der Antisemitismus brach los und
drängte die Juden zurück in das Getto. Ohne viel Umstände verschloß man
ihnen die Pforten der Bildung. Der Jubel der fünfziger und sechziger
Jahre wurde zu »Kines«[38], die Hoffnungen auf die Zukunft zu den Klagen
Jeremias --

Den Juden wurde der letzte Rest ihrer bisherigen Freiheiten genommen.
Beschränkungen über Beschränkungen, die mit zeitweisen Verschärfungen
und Milderungen noch bis heute fortdauern und deren Ende nicht abzusehen
ist. Das Wohnrecht der Juden wurde mehr und mehr eingeengt. Der
Aufenthalt in Petersburg und anderen Städten Rußlands wurde ganz
verboten oder nur bestimmten Kategorien von Juden gestattet, z. B. den
Kaufleuten erster Gilde, die dafür eine sehr hohe Gebühr an die
Regierung bezahlen mußten und denen, die in Rußland ein akademisches
Diplom erworben hatten.

Die akademische Bildung selbst aber wurde den Juden immer mehr
erschwert, indem man zur Aufnahme in die Gymnasien nur eine geringe
Anzahl zuließ und die wenigen, die dann trotz aller Hindernisse das
Gymnasium absolviert hatten, bei der Einschreibung in die Hochschulen
nochmals durchsiebte. Es ist begreiflich, daß diese Härten eine arge
Korruption bei Juden und Russen zeitigen mußten. Alle nur denkbaren
Mittel wurden von den Juden angewandt, um ihren Kindern den Eintritt in
die Gymnasien und Universitäten zu ermöglichen und die brutalen Gesetze
zu umgehen. Kam es doch später sogar so weit, daß jüdische Eltern für
unbemittelte christliche Kinder das Schulgeld bezahlten, nur um so
die Zahl der christlichen Schüler zu erhöhen und dann ihre eigenen
Kinder noch in die Schule bringen zu können. Denn es durfte nur ein
bestimmter Prozentsatz Juden aufgenommen werden.

Geld und Protektion spielten vereint die größte, ja oft einzig und
allein eine Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme jüdischer
Schüler. Welche Demoralisation sogar bei den kleinen Kindern diese
Zustände im Gefolge hatten, läßt sich leicht denken. Oft fragten die
kleinen Kandidaten einander schon bei Beginn der Prüfungen: »Wieviel
gibt dein Vater...?« Und welche Erbitterung mußte das in die
Kinderherzen tragen, daß die Reichen noch allenfalls manches für sich
erlangen konnten, während die Armen ganz zurückstehen mußten. -- Das
Geld war das Recht!

Und wenn es nun schon nach unendlichen Mühen gelungen war, einen
jüdischen Knaben bis zur Reifeprüfung zu bringen, und wenn er diese
sogar mit der höchsten Auszeichnung bestanden hatte, dann war er doch
noch keineswegs sicher, auch in die Hochschule aufgenommen zu werden.
Abermals trat die »Prozentnorm« in Wirksamkeit. Da die Zahl der
jüdischen Studenten ebenfalls wieder abhängig war von der der
nichtjüdischen Studierenden, so mußten beim Eintritt in die Universität
wieder viele, viele Juden zurückbleiben. Und die Wahl des Berufes war
und ist für den jüdischen Jüngling in Rußland keine Frage der Neigung
und Fähigkeit oder der Absichten der Eltern, sondern einzig und allein
des blinden Zufalls, der einige wenige zuläßt und die meisten ohne Wahl
und ohne Rücksicht ausscheidet. Aus keinem andern Grunde, als weil sie
Juden sind.

Wie in der Schule, so im Leben.

Die Atmosphäre um die Juden wurde düster und gewitterschwer. Sie wurden
auf Schritt und Tritt auch von der niedrigsten Schicht der Bevölkerung
verspottet und verfolgt. So erinnere ich mich einer für jene Zeiten
charakteristischen Episode, die mein Mann in Minsk erlebte. Als er
einmal auf der Straße ins Gedränge geriet, hörte er plötzlich neben sich
einen kurzen Befehl: »Jud', fort vom Wege!« Er wandte sich um und
erblickte einen Russen, aus dessen Zügen das Gift des Hasses quoll. Die
Straße wimmelte von Juden. Da erhob mein Mann unzweideutig seinen
Spazierstock und rief dem Antisemiten laut zu: »Was fällt Ihnen ein, so
verächtlich zu reden; die Straße ist doch für jeden frei --!« In
einem Augenblick war er von Juden umringt, die in ihrer Wut sofort Rache
an diesem Menschen nehmen wollten. Der Antisemit machte sich aber
schleunigst aus dem Staube.

Einige Tage nach diesem Vorfall ließ der Gouverneur Petrow meinen Mann
zu sich bitten und begrüßte ihn mit folgenden Worten: »Wie ich höre,
sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht
wollen Sie überhaupt meinen Posten übernehmen?« Mein Mann bedankte sich
höflich und versicherte dem Gouverneur stolz und mit vornehmer Ruhe, er
sei mit -=seiner=- Stellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden
und verlange keine andere.

Nur die hohe Stellung meines Mannes und seine Verbindungen in der
Beamtenschaft verhinderten einen schlimmen Ausgang dieses Vorfalles.
Jeder andere würde ihn schwer gebüßt haben.

Solche und ähnliche Episoden wiederholten sich immer häufiger. Sie waren
die Vorboten jener blutigen Ereignisse, die nicht mehr lange auf sich
warten ließen.

Und »Pogrom« war das neue Wort, das die achtziger Jahre geprägt
hatten... Die Juden von Kiew, Romny, Konotop und anderen Orten mußten
zuerst das Furchtbare erleben; sie waren die ersten, die wehrlos von den
wilden Massen des heimischen Pöbels überfallen und auf die roheste Weise
niedergemacht wurden. Die Zeitungen, hauptsächlich aber Privatbriefe,
brachten ausführliche Nachrichten über das Vorgefallene und verbreiteten
eine unglaubliche Panik --

Das war der Anfang... Ein vielfaches Echo erscholl aus allen Enden
Rußlands. Unter den Juden herrschte Niedergeschlagenheit und die
Verzweiflung.

Doch verharrten sie nicht lange in dieser trostlosen Starrheit und
rafften alle ihre Kräfte zusammen, um sich gegen den Feind zu wehren.
Sie sahen ein, daß Gott ihnen nur dann helfen würde, wenn sie sich
selbst helfen -- und sie trafen Maßregeln und Vorbereitungen für
die Zukunft, unerschrocken, mutig, an die Worte aus der »Megilath Ester«
denkend: »Kaascher -- owadeti, owodeti« -- »Sowieso sind wir verloren,
daher wollen wir uns doch wehren!«

In der Stadt Minsk herrschte eine düstere Stimmung. Der Handel stockte.
Die Juden verließen ihre Geschäfte. Man sah sie durch die Straßen eilen,
hastig, unruhig, mißtrauische Blicke um sich werfend. Sie waren auf
ihrer Hut und hätten im Falle eines Pogroms verzweifelt gekämpft. Die
Luft war geladen. Jeden Augenblick erwartete man die Explosion.

Die jüdischen Marktweiber, die zu mir ins Haus kamen, erzählten voll
Schrecken und Entsetzen von den Roheiten und den Drohungen der Bauern,
die zweimal wöchentlich ihre Ware zum Minsker Markt brachten. Die Bauern
sprachen öffentlich von einem baldigen Überfall und von der Ermordung
aller Juden.

Mein Mann brachte ebenfalls Schreckensnachrichten aus seiner Bank, die
Kinder aus der Schule. Die judenfeindliche Stimmung wuchs mit jedem
Tage. Und es kam dahin, daß sogar kleine Straßenbengel sich
erdreisteten, die Fensterscheiben bei den angesehensten Familien von
Minsk mit Steinen einzuwerfen und den Juden verächtliche Worte und
Schimpfreden nachzurufen.

Einmal wurde an der Entreetüre unserer Wohnung, die zu ebener Erde lag,
stark geklopft. Das Mädchen öffnete die Tür und sah erstaunt einen
kleinen Gassenjungen vor sich. Dreist, mit einem frechen,
herausfordernden Gesichtsausdruck, ohne die Mütze zu ziehen, fragte er
nach dem Namen der Herrschaft. Als das Mädchen ihm unseren russisch
klingenden Namen und unseren russischen Vornamen nannte, wiederholte er
noch einmal ungeduldig seine Frage: »Ich will wissen, ob hier Juden oder
Christen wohnen!« Nachdem er die gewünschte Antwort erhalten, schrie er
wütend in die Wohnung hinein: »Judenpack, na, warum protzt ihr denn mit
russischen Namen --« und lief davon.

In allen Schichten der Bevölkerung glimmte der Haß gegen die Juden, die
sich unter den feindlichen, gehässigen Blicken wie unter geschliffenen
Messern bewegten.

Die Juden in Minsk rüsteten sich zum Kampf und ihre Häuser wurden
Kriegszelte. Jeder nach seiner Art, wie es ihm am leichtesten war: einer
besorgte sich starke Stöcke -- »Drongi« genannt --, der andere mischte
Sand und Tabak, um dieses Zeug dem Pogromgesindel in die Augen zu
werfen. Jungen von acht Jahren, Mädchen von zehn nahmen Teil an den
schrecklichen Vorbereitungen, »waren mutig, unerschrocken auf den
Straßen«. Es kam, daß ein solcher Held seiner besorgten Mutter zurief:
»Sei ruhig, wenn die Kazappes kommen, uns zu töten, so hab ich auch ein
Messer!« Bei diesen Worten griff er in seine Tasche und holte sein
kleines Messer, das er für zehn Kopeken gekauft hatte, hervor.

Im eigenen Hause fühlte man sich nicht mehr sicher. Die christliche
Dienerschaft, die seit längerer Zeit bei uns im Dienst war, wurde
plötzlich unhöflich und herausfordernd, so daß wir uns vor diesen
Hausfeinden zu sichern gezwungen waren. Jeden Abend, nachdem die
Dienerschaft zur Ruhe gegangen, nahm ich alle Messer und Hämmer aus der
Küche und verschloß sie in einem Schrank in meinem Schlafzimmer, und
ohne daß es die Dienerschaft merkte, richtete ich jede Nacht vor der
Eingangstür eine Barrikade aus Küchenbänken, Stühlen, einer Leiter und
anderen Möbelstücken auf. Dabei lächelte ich wehmütig, denn ich glaubte
nicht, daß wir uns im Falle eines Pogroms auf diese Weise wehren und
retten könnten. Doch ich baute diese Barrikade immer von neuem, und
frühmorgens stand ich als die erste auf, um alles wieder in Ordnung zu
bringen, damit die Dienerschaft unsere Angst nicht merke.

Doch zu einem Pogrom kam es in Minsk nicht. Diese Stadt wurde
zufälligerweise, oder vielleicht nicht zufälligerweise, verschont.

So gab es in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz
Rußland wütete, für einen Juden nur zwei Wege: entweder auf alles, was
ihm jetzt schon unentbehrlich geworden war, im Namen des Judentums zu
verzichten -- oder die Freiheit und alle Möglichkeiten, wie Bildung,
Karriere, d. h. die Taufe. -- Und Hunderte von den aufgeklärten
Juden gingen den letzten Weg. Aber die Meschumodim dieser Zeit waren
nicht Täuflinge aus Trotz (l'hachis), sie waren auch nicht, wie die
Marannen in früherer Zeit, die in Kellern ihren Gottesdienst abhielten,
diese Meschumodim waren Verneiner alles Religiösen -- sie waren
Nihilisten --.

-- Es komme der größte Zadik und sage, daß er den Mut und das
Recht hätte, von einem jungen Menschen, der ohne jede Tradition, fern
vom Judentum aufgewachsen, zu fordern, er solle im Namen dieses ihm
unbekannten und leeren Begriffes auf alles verzichten, was die Zukunft
ihm bieten könnte, auf Glück, Ehre, Namen. Zu fordern, daß er diesen
Versuchungen widerstehe und sich in die Finsternis und Enge eines
Provinzstädtchens zurückziehe und ein armseliges Dasein friste. Er sage,
ob er das Recht und den Mut dazu hätte, denn -=ich hatte ihn nicht=-!

Und so gingen auch meine Kinder den Weg, den so viele andere gingen. Der
erste, der uns verließ, war Simon.

Als wir es erfuhren, schrieb mein Mann unserem Kinde nur folgende Worte:
»Es ist nicht schön, das Lager der Besiegten zu verlassen.«

Seinem Beispiele folgte mein Herzenskind Wolodia, der sich nicht mehr
unter den Lebenden befindet. Nachdem er die Maturitätsprüfung in Minsk
glänzend bestanden hatte, reiste er nach St. Petersburg, um dort an der
Universität sein Studium zu beginnen. Er erschien in der
Universitätskanzlei und wies seine Papiere dem Beamten vor, der über die
Aufnahme zu entscheiden hatte.

Für die Juden herrschten große Beschränkungen. Es wurden nur diejenigen
aufgenommen, die eine goldene Medaille bei der Abgangsprüfung erhalten
hatten, und auch von diesen nicht alle, sondern nur bis zu zehn Prozent
der Gesamtzahl der Studenten. Der Beamte gab die Papiere meinem
Sohne mit den barschen Worten zurück: »Das sind nicht Ihre Papiere!«
Als mein Sohn ihn erstaunt ansah, fügte er noch bestätigend hinzu:
»Sie haben sie irgendwo entwendet; Sie sind ja Jude und in Ihren
Zeugnissen steht kein jüdischer, sondern ein russischer Name >Wladimir<
verzeichnet.« Noch an demselben Tage mußte der tiefgekränkte, in seiner
Würde verletzte Jüngling St. Petersburg verlassen, denn als Jude
durfte er, ohne Student zu sein, dort keine vierundzwanzig Stunden
verbleiben. Noch einige Male mußte der Junge in dieser Angelegenheit
nach Petersburg reisen, stets mit dem gleichen Erfolg, bis er den
verhängnisvollen Schritt tat -- und sogleich in die Liste der
Studenten eingetragen wurde. Und ähnlich erging es auch manchen anderen
Kindern.

Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem
Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel
ertragen -- ich verzieh und schob die Schuld auf uns Eltern.

Allmählich verlor dieses Leid für mich die Bedeutung eines persönlichen
Erlebnisses, immer mehr wurde es zu einem Nationalunglück. Ich
betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jüdin das ganze
jüdische Volk, das so viele edle Kräfte verlor.

Aber es haben sich in jener finsteren Periode nicht alle aufgeklärten
Juden zu den Fremden verirrt -- es waren unter ihnen viele, die den
Weg zum Judentum zurückfanden und die unter dem Einfluß der letzten
Ereignisse sich zusammenschlossen. Ja, es entstand als Reaktion auf den
Antisemitismus die Gesellschaft der »Chowewe Zion« (Palästinafreunde),
gegründet von Dr. Pinsker, Dr. Lilienblum und anderen.

Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange
niedergeschlagen, verkümmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot,
seine Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen, kam von
neuem ein Geist freudigen Schaffens über ihn.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Rußland die
Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmählich an
Bedeutung und Interesse.

Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die
größtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein
Wunder, daß sie von einem Volke, das die Bildung am höchsten ehrt, bei
dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschätzt wurde.
Redensarten, wie: »Er versteht >Chumisch< (die 5 Bücher Moses) wie ein
Schuster, wie ein Schneider« usw. haben sich eingebürgert und wurden
sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jüdischen Familien nicht
selten vor, daß der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines
Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfährt, daß in der Familie
Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute
bei der großen Mehrheit auch der aufgeklärten Juden der »Jiches«[39]
sehr viel.

Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses
dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese
Zurückgebliebenen zum neuen, schöneren Leben. Auch unter ihnen begann
eine geistige Gärung.

Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermögende, vornehme Judentum
entgegen und schonte keine Mühe und kein Geld, seine Bestrebungen zu
unterstützen.

Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und
mein Mann faßte den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben in
Minsk zu begründen. Gedacht, getan! »Ojmer w'ojße,« wie der Hebräer
sagt.

Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die
jüdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte
Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das übrige notwendige Geld
sollten Mitglieder durch monatliche Beiträge zusammenbringen.

Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde
widmete er jetzt der »heiligen Sache«. In dieser Schule sollten anfangs
die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei,
Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfächern Unterricht
erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.

Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem
Mann gelang es zu seiner großen Freude, das Inventar sehr billig und oft
umsonst zu erhalten.

Die jüdische Bevölkerung von Minsk war sehr zufrieden. Von den
wohlhabenden Juden erklärte sich jeder bereit, mit einer Geldgabe das
gute Werk zu fördern. Nicht ohne Grund sagten unsere Weisen schon:
»Jisroel rachmonim bne rachmonim« -- »Die Kinder Israel sind barmherzig
und Kinder der Barmherzigen«.

Es wurde ein Vorstand aus den fortschrittlichen vornehmen Juden der
Stadt gewählt, die meinen Mann zum Vorsitzenden ernannten.

Alles war bereit, und man begann mit der Aufnahme der Kinder. Den Vorzug
hatten Waisenkinder und Kinder sehr armer Eltern. Es wurden über sechzig
Knaben angenommen.

Man richtete Internate für die ganz Armen und Obdachlosen ein; zuerst
aßen die Kinder bei den Bürgern der Stadt -- jeden Tag wurden sie bei
anderen Leuten untergebracht. Doch mit der Zeit fanden sich Mittel, um
eine Köchin zu mieten, und die armen Kinder bekamen dreimal täglich in
der Schule zu essen. An Wochentagen waren die Mahlzeiten sehr einfach,
doch frisch und gesund -- Suppe, ein Stück Suppenfleisch, Grütze. Aber
am Freitag abend und am Sabbat wurde der Tisch festlich gedeckt und die
Kinder bekamen ein echt jüdisches traditionelles Mahl. Am Sabbat wurde
nicht gearbeitet. Es war ein Festtag, an dem die Knaben auch in ihrer
Synagoge beteten.

Diese Schüler, meistens Kellerbewohner waren magere, blasse Kinder, mit
großen, klugen, schwarzen Augen. Sie waren natürlich nur schlecht
gekleidet. Aber sie arbeiteten und lernten mit Lust. Ich kam öfters in
die Schule, um mich an dem Anblick der arbeitenden Kinder zu erfreuen.

Es verging kein Tag, ohne daß mein Mann die Schule besucht und
mindestens eine Stunde dort verweilt hätte. Rabbiner Chaneles
beschäftigte sich sehr viel mit dieser Anstalt und unterrichtete selbst
die Kinder unentgeltlich in der Bibel und in anderen Fächern.

So verging ein Jahr. Die Schule hatte gute Erfolge. Mein Mann und
Rabbiner Chaneles veranstalteten einen offiziellen Akt, um den
Jahresbericht über ihre Tätigkeit abzustatten.

Man lud zu dieser Feierlichkeit den Gouverneur Petrow ein und mehrere
Regierungsbeamte, die Direktrice des Mädchengymnasiums, Madame
Buturlina, und die Lehrer der oberen Klassen, wie auch die vornehmsten
Damen und Herren der jüdischen Gesellschaft.

Mein Mann las den Bericht vor, und die ganze Gesellschaft folgte mit
wahrem Interesse seinen Ausführungen. Es geschah zum erstenmal, daß in
den Räumen einer -=jüdischen=- Schule Juden und Christen einträchtig und
in feierlicher Weise die Angelegenheiten des heranwachsenden jüdischen
Proletariats besprachen.

In der großen Tischlerwerkstatt waren die Schüler -- Knaben im Alter von
11-13 Jahren -- versammelt; sie erweckten durch ihr elendes Äußere in
den Gästen das wärmste Mitleid.

Als der offizielle Teil des Aktes vorbei war, wandte ich mich an die
reichen Damen und sagte ihnen, daß es unsere heilige Pflicht sei, für
das tägliche Brot und eine angemessene Bekleidung dieser armen Knaben zu
sorgen. Meine Aufforderung hatte den gewünschten Erfolg.

Am nächsten Tage lud ich einige Damen zu mir, und wir berieten unser
Vorhaben. Wir bildeten vor allem einen Damenverein; ferner sandten wir
einige hundert Briefe an die jüdischen Damen mit der Bitte, unserem
Verein beizutreten. Wir baten sie gleichfalls um neue oder abgetragene
Wäsche und Kleidungsstücke, wie auch um kleine Geldspenden für unsern
Zweck.

Schon in den nächsten Tagen kamen ganze Sendungen Kleidungsstücke. Für
das Geld, das wir zu diesem Zweck erhielten, kaufte ich den Kindern
wollene Handschuhe und sogenannte »Baschliki« -- Kapuzen. Alles, was an
Stoffen in meinem Hause war, wurde zusammengesucht, und die Bonne meiner
Kinder saß mehrere Tage an der Nähmaschine und verfertigte die
Baschliki. Ich empfand eine wahre Freude, wenn ich während meines
Spazierganges den Kindern in warmen Mützen und Handschuhen begegnete. An
diesen Kapuzen erkannte das Volk die Angehörigen dieser Schule, die man
in der ersten Zeit »Wengeroffs Werkstatt« nannte.

Die Beiträge der Mitglieder liefen pünktlich in die Schulkasse ein, und
wir hatten nun die Möglichkeit, den Kindern außer den Mahlzeiten in der
Schule auch neue, gediegene Kleidung aus grauem, starkem Baumwollstoff
zu verschaffen.

Es war eine große Genugtuung für meinen Mann, als einige Generationen
von Lehrlingen, die die Schule mit einem Diplom verlassen hatten,
überall, wo sie angestellt wurden, als gute Handwerker gelobt und
anerkannt wurden. Diese ersten Handwerker zerstreuten sich im ganzen
Lande; viele gingen aus Litauen nach Großrußland, wo sie als Handwerker
das Wohnrecht erhielten. Es waren die ersten jüdischen Handwerker im
nordwestlichen Ansiedelungsrayon, die eine systematische Ausbildung
sowohl in ihrem Fach, als auch in der Bibel und in den Elementarfächern
wie Lesen, Schreiben, Rechnen genossen hatten.

Die Zeiten waren noch so nahe, in denen der Handwerkerlehrling vor allem
bei seinem Meister als Hausknecht dienen mußte und jahrelang hungerte
und darbte, bis er etwas vom Handwerk lernte. Jetzt konnte er in
gesunden Verhältnissen sich ruhig und systematisch zum guten Arbeiter
heranbilden.

Unter solchen günstigen Bedingungen blühten die Kinder auf. Sie lernten
eifrig und machten große Fortschritte.

Doch das Budget reichte leider nicht aus. Unser Damenverein beschloß,
die Bürger von Minsk auf angenehme Weise zu Beiträgen heranzuziehen und
veranstaltete ein Herbstfest, an dem auch viele Nichtjuden, sogar der
Gouverneur, teilnahmen. Das Fest brachte uns an zweitausend bis
dreitausend Rubel, und wir veranstalteten seitdem jeden Herbst von neuem
diese Feste, stets mit großem Erfolge. Wir brauchten aber für unsere
Zwecke immer mehr Geld, und nicht selten beglich mein Mann das Defizit
aus seiner eigenen Tasche.

So existierte die Schule schon etwa acht Jahre unter der Leitung meines
Mannes. Ein gelungener Tanzabend brachte in die Kasse des Damenvereins
über dreitausend Rubel. Bei der nächsten Sitzung machte mein Mann den
Vorschlag, bei dieser Kasse eine Anleihe zu machen, da die große Kasse
leer sei -- dieser Antrag stieß auf Widerspruch. Mein Mann legte,
dadurch gekränkt, das Präsidium nieder. Es war ein Schlag sowohl für
meinen Mann wie für mich -- uns wurde ein wichtiger Lebensinhalt
geraubt.

Aber gottlob prosperierte die Schule auch ohne uns; sie entwickelte sich
mit jedem Jahre und existiert bis auf den heutigen Tag.

In dieser Zeit kam ein großes Unglück über die Stadt. Es brach ein Brand
aus, der mehr als zwei Millionen Rubel Schaden anrichtete. Unsere
Wohnung samt allen Möbeln und neuen Schränken, voll mit kostbaren
Kleidern und Pelzen, wurde vernichtet. Wir waren froh, mit dem Leben
davonzukommen. Durch Flammen und Rauch bahnten wir uns mit den Kindern
den Weg nach einem entlegenen Teil der Stadt, wo unsere Freunde wohnten,
die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Der Schrecken jener Nacht
erschütterte mich sehr. Ich wurde sehr krank und mußte zur Kur ins
Ausland reisen. Ich nahm die Kinder nach Wien mit.

Die Gewerbeschule hatte nur wenig durch diesen Brand gelitten.

       *       *       *       *       *

Ich kehrte erst nach drei Jahren nach Minsk zurück. Wir bezogen unser
eigenes Heim, das mein Mann in unserer Abwesenheit hatte bauen lassen.
Ich brachte aus Wien eine ganz neue Einrichtung mit; und unser Haus sah
vornehm und gemütlich aus. Unser Leben gestaltete sich sehr angenehm.

Nicht lange nach meiner Rückkehr erschien bei mir eine Frau Kaplan, eine
sehr gescheite Dame, eine »Gabbete«, die für die Not des jüdischen
Volkes großes Verständnis hatte und auch einen starken Drang, dieser Not
abzuhelfen. Sie schlug mir die Gründung einer Gewerbeschule für Mädchen
vor, einen Plan den ich mit Begeisterung aufnahm. Ich drückte dankbar
ihre Hand, und damit war unser Bund geschlossen.

Und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie mein Leben wieder einen
Inhalt, eine intensivere, ich möchte sagen religiöse Färbung erhielt.

Wir gingen sofort an die Arbeit. In den nächsten Tagen mietete Frau
Kaplan eine Wohnung für die Schule. Wir wählten dann ein Damenkomitee
aus jungen Frauen und wandten uns ebenso, wie bei der Begründung der
Knabenschule, an die jüdischen Bürger von Minsk mit der Bitte, sich mit
Beiträgen an dieser Sache zu beteiligen. Für die ersten Ausgaben jedoch
veranstaltete ich ein Liebhabertheater. Die Einnahme brachte etwa die
Hälfte der nötigen Summe.

Und nun führten uns jeden Tag die Bewohner der Mansarden, der Keller der
entlegensten Teile der Stadt ihre acht- bis zehnjährigen Töchterchen zu
und baten, sie in die Schule aufzunehmen. Wir kauften auf Abzahlung drei
Nähmaschinen, engagierten eine Schneiderin mit einem Gehalt von zwanzig
Rubeln monatlich, eine Wäschenäherin mit zehn Rubeln monatlich und eine
Korsett- und Miedernäherin mit dem gleichen Gehalt. Wir kauften mehrere
hundert Meter vom einfachsten Kattun, alles nötige Nähzeug, einige
Plätteisen, Scheren usw.

Der Tag, an dem wir diese bescheidene Anstalt eröffnen sollten, rückte
heran. Wir fanden uns alle zur bestimmten Stunde in den Schulräumen ein.
Frau Kaplan, die selbst die Schneiderkunst mehrere Jahre in Königsberg
gelernt hatte, schnitt von einem großen Stück Stoff mehrere einzelne
Teile ab und verteilte sie unter die versammelten Mädchen, und der
Unterricht in den drei Klassen nahm seinen Anfang.

Es währte nicht lange, so meldeten sich mehrere Damen und junge Mädchen
bei uns und boten ihre Dienste an. Die jungen Mädchen erteilten den
Kindern unentgeltlichen Unterricht in der russischen Sprache und im
Rechnen; auch ein Melamed für den Unterricht im Hebräischen wurde von
uns engagiert, der täglich unterrichtete, während die Lektionen in der
russischen Sprache nur zweimal wöchentlich stattfanden.

Aber das vernachlässigte wilde Äußere unserer Schützlinge gab uns keine
Ruhe, und unser nächster Wunsch, sie anständig gekleidet zu sehen, ging
bald in Erfüllung.

Schon nach kurzer Zeit hatten wir die Genugtuung und Freude, unsere
sechzig Mädchen sauber gewaschen, mit kurzgeschnittenen Haaren in
einfachen, reinen Kleidchen und Schürzen bei ihrer Arbeit fleißig
beschäftigt zu sehen.

Auf meinen Vorschlag hin wurden diesen Kindern des Volkes die kernigen,
praktischen Lebensregeln unserer Weisen: »Pirke Abot« (Sprüche der
Väter) beigebracht.

Ich war oft bei diesen Vorlesungen zugegen, und es bereitete mir viel
Freude zu sehen, mit welchem Interesse und Verständnis die Kinder diesen
Ausführungen folgten.

Dank der warmen Teilnahme der Bürger der Stadt Minsk, die mit Spenden
und Beiträgen unsere Schulkasse unterstützten, waren wir bald imstande,
nicht nur für den Unterricht der Mädchen, sondern auch für die Ernährung
dieser armen, ausgehungerten Wesen zu sorgen.

Die Kinder lernten sehr schnell und verfertigten bald nützliche
Kleidungsstücke. Im Verlauf eines Jahres brachten sie es so weit, daß
vornehme jüdische und christliche Damen ihre Toiletten in unserer
Werkstatt anfertigen ließen.

Im Herbst des ersten Jahres veranstalteten wir zugunsten unserer Schule
ein Fest, das uns zweitausend Rubel brachte. Die Feste wurden zu einer
ständigen Einrichtung bis auf den heutigen Tag.

Beide Gewerbeschulen, die für Knaben und die für Mädchen, existierten
lange Zeit ohne alle Privilegien und Rechte. Doch gelang es uns mit der
Zeit, für beide Schulen gewisse Rechte vom Ministerium für
Volksaufklärung zu erlangen, so das Wohnrecht in Großrußland. Das
Zeugnis, das der Handwerker nach Absolvierung der Schule erhielt, gab
ihm das Recht, in ganz Rußland sein Gewerbe auszuüben. Ich selbst habe
eine Weißnäherinnenprüfung bestanden, als ich nach Jahren das Wohnrecht
in Kiew erlangen wollte.

Von jetzt ab standen unsere Minsker Schulen unter dem Schutz und der
Aufsicht der Direktion der Volksbildung. Die Regierung protegierte diese
Schulen von Anfang an, weil sie durch die Einführung der russischen
Unterrichtssprache auch hier ihre russifizierenden Tendenzen fördern
konnte.

Zehn Jahre nach der Begründung der Mädchenschule veranstalteten wir eine
Ausstellung der von unseren Schülerinnen verfertigten Gegenstände. Das
vornehmste Publikum der Stadt, Juden und Christen, fanden sich ein, und
sogar der Gouverneur, Fürst Trubetzkoi, beehrte uns mit seiner
Gegenwart. -- Es war wieder ein schöner Tag in meinem Leben!

Die Mädchen, vor kurzem noch verarmte, elende, verwilderte Kinder,
standen jetzt in dem festlich geschmückten Ausstellungsraum da, schmuck,
rein, gesund und umgeben von den Höchsten und Vornehmsten der Stadt, die
ihre Arbeiten bewunderten und lobten.

Den Armen und Zurückgesetzten gab unsere Schule die Möglichkeit, redlich
und anständig ihr Brot zu verdienen, sie gab ihnen Gesundheit, Frische,
Jugend und vor allem die menschlichen Rechte. Vielleicht kommt bald der
große Tag wieder, wo die jüdischen »Bal meloches«, Arbeitsleute, auf
gleicher Stufe mit den Gelehrten des Volkes stehen werden. Wie in den
Zeiten unserer Tanaïm und Amoraïm, wo Rabbi Jochanan Schuhmacher, Rabbi
Jizchok und R. Jehuda Schmiede, R. Joseph Zimmermann, R. Schimon Weber,
R. Hillel Holzhauer, R. Hunna Wasserschöpfer, R. Jichah Köhler, R. Jose
und R. Chanina Schuhflicker auf öffentlichem Markt, R. Nehunja
Brunnengräber waren. Ihr Handwerk hinderte sie nicht, talmudische
Vorträge zu halten...

Mit Tränen im Auge sah ich unsere jüdischen Kinder, und eine stille
Freude war in mir, denn ich wußte in diesem Augenblick, daß Gott unsere
Mühe und Arbeit gesegnet hat.

Trotz der großen Geldgaben, der monatlichen Beiträge unserer Mitglieder
und der Erträgnisse der Feste reichten unsere Mittel nicht aus, und wir
arbeiteten mit einem Defizit. Da kam zu uns die Nachricht, daß Baron
Hirsch in seinem Testament mehrere Millionen Rubel für die
Gewerbeschulen der russischen Juden hinterlassen hätte. -- Es
klang wie ein Märchen. Doch bald wurde es Tatsache. Aus Petersburg kam
zu uns ein Bevollmächtigter des Hauptkollegiums der Vertrauensmänner,
und nach Erledigung gewisser Formalitäten erhielten beide Schulen eine
ständige Unterstützung -- jede einige tausend Rubel jährlich --, die bis
auf den heutigen Tag bezahlt wird.

Nach Jahren begegnete ich manchmal fremden jungen Mädchen in der Straße,
die mich mit besonderer Freundlichkeit begrüßten und mit meinem Namen
ansprachen. Als ich sie dann etwas erstaunt nach ihrem Namen fragte,
erhielt ich zur Antwort: »Madame Wengeroff, ich bin doch Riwke oder
Malke usw., aus der Werkstatt --,« und ich brauchte eine gute Weile,
um in dem fast wohlhabend aussehenden Mädchen die kleine zerlumpte,
elende Riwkele zu erkennen!

       *       *       *       *       *

Der Prozeß der Europäisierung der jüdisch-russischen Massen ist, so sehr
er auch das alte Gefüge des Gettos zerstörte und bei den Schwachen und
Widerstandslosen eine vollkommene Zerrüttung herbeiführte, im
wesentlichen doch nur als ein Umwandlungsprozeß zu betrachten. Wie
konnte es auch anders sein! Ein Geist, der seit Jahrhunderten in die
straffe Zucht des Talmuds genommen war, der über den Alltag hinaus nach
dem höheren Gesetz strebte, der in höchster Anspannung zwischen Recht
und Unrecht zu scheiden sich geübt hatte; ein Gefühlsleben, das sich in
milden, verklärten und sinnigen Gebräuchen ausgelebt und in den stillen
Gärten der Haggadah von der Herbheit des Alltags seine Erholung gefunden
hatte --: der Reichtum dieser psychischen Werte konnte unmöglich durch
die neue Bildung einfach verschüttet werden. Im Blute liegende Kultur,
verfeinert und höher gezüchtet durch die Jahrhunderte, suchte und fand
ein neues Gebiet ihrer Betätigung, eine neue Heimat in der Kunst.
Freilich waren es nur wenige, die Bildner von starker Qualität wurden.
Aber die Tausende und Abertausende junger Schriftsteller, die um die
sechziger Jahre zum Lichte drängten, die vielen Empfinder, Nachempfinder
und Genießer all der künstlerischen Schöpfungen Europas bewiesen immer
nur das eine: daß wohl das Gebiet des persönlichsten, leidenschaftlichen
Interesses ein anderes geworden war; daß aber die seelischen Antriebe
die gleichen waren wie seit Jahrhunderten. Wer die Dinge in dieser
Auffassung sieht, dem werden sich Erscheinungen wie Antokolski nicht
mehr als Wunder darstellen. Künstler gab es eben immer im Getto. Es
mußte aber eine geistige Freiheit kommen, um den Schöpferwillen zu
entbinden, die Knebel von den Händen zu lösen. Antokolski war der Sohn
eines armen Schankwirtes aus dem Vororte Antokol bei Wilna. Schon früh
war seine ungewöhnliche Begabung aufgefallen. Er schnitzte Holzfiguren,
machte Siegel, deren Griffe allerlei Gestalten wiedergaben. Noch als
kleiner Junge schnitzte er in eine Brosche aus Bernstein die Ganzfigur
des Generalgouverneurs Nasimow, die sprechend ähnlich war, obwohl der
Knabe den Gouverneur nur mehrmals flüchtig von der Ferne gesehen hatte.
Aufsehen erregte eine Holzschnitzerei, die die Überraschung einer
Marannenfamilie in einem Keller beim Szederabend darstellte. Die ganze
Tragik dieser Situation war festgehalten. Der Tisch war umgestürzt, die
Haggadahs, das Geschirr, die Leuchter, die Kerzen, Weinflaschen alles
wirr durcheinandergeworfen. In einem Winkel standen die Männer
aneinandergepreßt. An eine Wand war eine Frau gelehnt, einen Säugling
auf dem Arm haltend. Man fühlte, daß sie nicht zu atmen wagte.

Es war klar, daß dieses ungewöhnliche Talent im Getto verkümmern mußte,
wie so viele dort verkümmert waren. Da nahm sich ein Herr Gerstein in
Wilna des jungen Mannes an und verschaffte ihm, als er heranwuchs, die
Möglichkeit, nach Petersburg zu gehen. Das war eine lange Reise auf
einem Leiterwagen. Brot und Hering waren des Jünglings einzige Nahrung.
In Petersburg wurde der berühmte Schriftsteller Turgenjew auf ihn
aufmerksam, der ihn zu sich heraufzog, ihm die Bildung seiner Zeit
vermittelte und ihm den Weg zu den einflußreichen Männern der Stadt
ebnete. Ich hatte das große Glück, den jungen Meister kennen zu lernen,
als er an seinem gewaltigen Werke, Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche,
arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den
akademischen Rat um Gewährung eines größeren Ateliers gewandt. Aber ihm
wurde nur eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer
schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mußte sich mit dem schlecht
erhellten niedrigen Raume bescheiden. Aber das Werk wuchs und wuchs. Und
alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich denke noch heute jener
fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes
packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war, hatte mir
den Zutritt zu seinem Atelier ermöglicht. Das Werk war noch im
Tonmodell. Aber mir war, als stand ich nicht vor einem toten Gebilde,
sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die großen
Gedanken werden, die rücksichtslos auf ein Ziel lossteuern. Beide Arme
waren auf die Sessellehnen gestützt, so daß man glaubte, daß Iwan jetzt
aufspringen müßte; die Bibel, die auf seinen Knien liegt, würde
herabgleiten, und bald würde seine machtvolle Hand die Paliza, den
adlergeschmückten Stab erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnick
(Gardist) durch Stiefel und Fuß jagen.

Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Rußland
gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis
schließlich das Gerücht von diesem Werke bis zu Kaiser Alexander II.
kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stümpern der
Schrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Künstler, das Modell in
einen größeren Raum bringen zu lassen. Denn sie fürchteten, der Kaiser
könnte ahnen, wie engherzig sie den jungen Künstler behandelt hatten.
Antokolski lehnte ab. Angeblich, weil er sein Modell nicht gefährden
wollte. Auf der schmalen Treppe könnte es beschädigt werden. Aber auch
sein Künstlerstolz bäumte sich auf. Sollte doch der Kaiser sehen, daß
Großes auch im Niedrigen wachsen könnte. So wurde denn die Treppe hastig
mit echten Teppichen belegt und mit exotischen Pflanzen geschmückt. Der
Kaiser fühlte sich zwar auf diesen labyrinthischen Wegen, deren Ausgang
man nicht recht sah, unbehaglich. Aber als er in die Mansarde des
Künstlers trat, riß ihn das Werk in den Bann. Er reichte dem Künstler
die Hand, lobte ihn und dankte ihm. Bald darauf erhielt Antokolski den
Titel Professor.

       *       *       *       *       *

Ungleich größer war die Zahl der reproduzierenden Künstler. Die Musik
war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Kleßmorim nicht nach
Noten spielen, aber in ihr ungefüges, wildes Spiel legten sie ihre ganze
Seele. Und sie wußten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik
studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die
letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und
-- Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer
Chason -- und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe
wanderten -- war ein Ereignis. Er stillte auch jene Bedürfnisse, denen
heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour
der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen
»Grammen« die Zuhörer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch
auch ein Künstler. Verfolgt man die große Schar der ausübenden Musiker,
die jetzt die ganze Welt überschwemmen, und weiß man die verdrehten
Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Kleßmorim,
Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt
Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier
erzählen. Die Geschichte ist eben typisch.

       *       *       *       *       *

Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei
Jungen, von denen der ältere sieben, der jüngere sechs Jahre zählte, zu
mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: »Das sind die
Kinder von Badchen Fidelmann« vorstellte. Es waren blasse, magere
Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen
anblinzelten. »Ich möchte, daß sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch
spielen hören, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse für sie zu
gewinnen.« »Gut,« sagte ich, »ich werde mein Möglichstes tun.«
Unterdessen lief der ältere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei
kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine,
polnische Lieder und Tänze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der
ältere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich
horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende
war. Nun begann der Jüngere mit Eifer zu spielen -- seine Äuglein
funkelten, seine Gesichtszüge belebten sich, und ich folgte ergriffen
den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein
ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prüfung war beendet. Ich sagte Herrn
F., daß ich und meine Freunde für das Unterrichtshonorar -- monatlich
acht Rubel -- gutsagen würden. Somit wurden die Kinder in Frieden
entlassen, um schon am nächsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den
sie hatten abbrechen müssen, da der Lehrer ein größeres Honorar
verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte
bei dem Jüngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten
eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Außer der Musik ließ ich sie bei
dem jüdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen
unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine
Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prüfungen
zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich für das Spiel des Kleinen zu
interessieren.

Es pflegte oft zu geschehen, daß der Kleine den Korb mit Lebensmitteln
zu mir in die Küche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte,
ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht
unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. »Ich hoffe zu
Gott,« sagte ich, »daß du ein großer, berühmter Mann werden und in
Kutschen fahren wirst und will nicht, daß jemand dich mit dein Korbe
sieht.« Er antwortete: »Für Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.«
Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer
ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab,
beschloß ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich
schrieb an meine Schwester, Exzellenz Sack, sie möge sich des Knaben,
von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzählt
hatte, annehmen.

Es mußte Geld für die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in
Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch
mein Schützling Ruwinke, später »Roman Alexandrowitsch« auftrat. Das
Konzert hatte den gewünschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner
Abreise.

An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er
erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten
Protektor, über die er sich ganz närrisch freute.

Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glück seiner alten
Mutter und all seiner Gönner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn
auch, bald über seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten,
worauf er naiv sagte: »Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen?« Ich
gab ihm einen Rubel für Briefmarken. -- Er hat ihn für diesen Zweck
nicht verwendet.

Durch Vermittlung meiner Schwester und die Fürsprache Anton Rubinsteins
erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und
unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse
von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange,
bis er seiner Militärpflicht zu genügen hatte. Vorher mußte er noch eine
Gymnasialprüfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei
dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; für
seine übrigen Lebensbedürfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk,
in deren Häusern er oft mit großer Anerkennung spielte. Er trat in das
vornehmste Gardekürassierregiment ein und trug die malerische Uniform,
den reich mit Tressen besetzten Hut. Man räumte ihm zwei Zimmer in der
Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit
Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel
die Herzen der Obrigkeit. Um seinen täglichen Übungen zuzuhören, kamen
die höchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu
zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.

Zur selben Zeit besuchte ein französisches Orchester Petersburg und gab
seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach
Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als
erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militärdienste, in der
glänzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Präsidenten Carnot mit
großem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er
beendigte sein Studium im Konservatorium. Während der Militärzeit
konzertierte er in Petersburg, Düsseldorf und Berlin.



Der Tod meines Mannes.


Leise und tückisch schlich sich das Gespenst des Todes an unser Heim
heran. Mein Mann fühlte sich von Tag zu Tag schlechter. Es stellte sich
bei ihm ein Herzleiden ein, das die Aufregung im Geschäft nur immer
verschlimmerte. Er sollte nicht mehr lange unter den Lebenden weilen.
Aber ich ahnte damals noch nicht, -=wie=- nahe sein Ende war.

In den letzten Jahren seines Lebens wurde er still, milde und verfiel in
die mystische Stimmung der Jugendzeit, da er sich in die Lehren der
Kabbala vertiefte. Ich fühlte, wie er mich beneidete, daß ich mir durch
alle Stürme unseres Lebens mein gläubiges Gemüt erhalten hatte --

Er empfand die mystischen Regungen aber dennoch als eine Schwäche. Und
er schämte sich ihrer im Stillen. Mich ließ er jetzt gewähren und hatte
keinen Hohn mehr für meine religiöse Auffassung und mein Tun. Ja es kam
sogar vor, daß er an Feiertagen -- er selbst ging nicht beten -- zu mir
in die Synagoge kam, um, wie er sich verlegen entschuldigte, nach mir zu
sehen -- Seine Besuche hatten aber eine tiefere Ursache: es war
ein Zwang der Seele, der ihn ins Bethaus trieb. Die Atmosphäre der
feierlich versammelten betenden Juden zog ihn an.

Er kam ins Schwanken. Die einmal eingeführte Lebensweise mochte er nicht
ändern. Die Jugenderinnerungen wurden aber doch immer mächtiger, immer
stärker und schlugen ihn in Bande. Die Tradition, die ihm im Blute lag,
war eben doch stärker als aller moderne Sturm und Drang...

Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz
unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen
geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt
sich mit allen und spielte den liebenswürdigen Wirt. Es war schon spät
in der Nacht, als die Gäste unser Haus verließen. Plötzlich, wie
aufgewühlt von einem großen Schmerz, rang mein Mann die Hände und rief:
»Ach, sechzig jüdische Kinder saßen hier beieinander und aßen treife!«

Und so erfüllte sich die Prophezeiung meiner Mutter! -- Diese Stimmung
gewann wieder Macht über viele Männer dieser Generation. Denn in den
heiligen Stunden, da sie sich selbst zu offenbaren wagten, fühlten sie
den Riß, der durch ihre Seele ging. Der Rausch verflog, die Erinnerungen
der Jugend rieben sich den Schlaf aus den Augen und heischten
schmeichlerisch ihr Recht. Das Alte nahm sie gefangen. Die neue Zeit
lockte.

Mein Mann wurde immer stiller und einsamer. Die einzige Leidenschaft
seiner letzten Lebensjahre war die Pflege der Blumen, die er mit
väterlicher Sorge betreute. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich
auch gern mit der Holzschnitzerei und Kupferstecherei. Aber das tat
seinen Lungen nicht gut.

Bis zum letzten Augenblick seines Lebens vertrat er die Interessen
seiner Stammesgenossen. Sein Eifer kannte keine Grenzen, wenn es galt,
ihnen zu helfen, irgend etwas Nützliches für sie durchzuführen. Da half
nicht mein Warnen und Flehen. Er arbeitete dann ohne Rücksicht auf den
bedrohlichen Zustand seiner Gesundheit. Jedes jüdische Ungemach traf ihn
wie ein eigenes. Und ein Unrecht, das anderen mehr als ihm galt, gab ihm
den Tod.

Der Bürgermeister der Stadt Minsk war damals der Graf Czapski, ein
vornehmer, gebildeter Mann von echt europäischer Kultur, dessen einziges
Ziel es war, Minsk zu europäisieren. So führte er die Straßenbahn ein,
ließ ein prächtiges Schlachthaus bauen, die Straßen pflastern u. a. m.
Er gab Hunderttausende Rubel für diese Zwecke aus -- nicht nur vom
Gemeindegeld, sondern er legte auch große Summen aus seiner eigenen
Tasche zu. Für seine eigene Person war er einfach und sparsam. Sein
Essen und seine Kleidung waren schlicht, ja dürftig. Doch rechnete Graf
Cz. bei der Ausführung seiner großen Pläne nicht mit den Mitteln der
Bürgerschaft, die in der Mehrheit arme Leute waren und die Ausgaben
nicht tragen konnten. Das Resultat seines Eifers war eine städtische
Schuld von 200 000 Rubeln, und diese sollten selbstverständlich die
Bürger begleichen. Es war eine überschwere Last, die vor allem den Juden
aufgebürdet wurde. Mein Mann hielt es für eine Ehrenpflicht, gegen
dieses Ansinnen anzukämpfen.

Er arbeitete genaue Aufstellungen für die Ausgaben der letzten Jahre
aus, die seine Ausführungen stützen sollten. So ausgerüstet begab er
sich in die letzte Sitzung der Stadtduma -- deren Mitglied er seit 12
Jahren war. Trotz meiner Beschwörungen und verzweifelten Bitten!

Mein Mann hielt eine zweistündige Rede, die einen starken Eindruck
machte. Sie wurde in den Blättern abgedruckt und war das Tagesgespräch
in der Stadt. Aber schon am folgenden Tage brach er zusammen.

Am dritten Tage -- es war ein Freitag -- ging mein Mann zum letztenmal
in die Bank, kam aber bald zurück und ließ unseren Hausarzt holen. Der
Arzt beruhigte uns, daß es nur eine vorübergehende Schwäche sei. Zwar
ahnte ich das Furchtbare schon, doch ließ ich mich gern täuschen.

Mein Mann teilte mir mit, daß er zum Abendessen einen Geschäftsfreund
eingeladen hätte und bat mich, gute jüdische Fische vorzubereiten. Der
Abend verlief sehr gemütlich, die Kinder spielten auf Vaters Wunsch
Klavier und Cello. Die eleganten Räume waren festlich erleuchtet und
zum letzten Male herrschte in unserem Heim Sabbathstimmung.

Aber mein armer Mann hatte keine Ruhe, es hielt ihn nicht auf seinem
Platze. Er sprang auf und ging hastig in der Wohnung herum.

Er sah auf die spielenden Kinder, auf die schönen Räume, und ich merkte,
daß in aller Unrast ein Hauch des Glückes über seine flammenden Wangen
strich. -- Gott hatte ihm noch eine frohe Stunde vor seinem Hinscheiden
gegönnt.

Der Gast nahm Abschied von uns und lud mich ein, mit den Kindern zu ihm
nach Libau zu kommen.

Mein Mann begab sich, von seinem Diener begleitet, sofort in sein
Schlafzimmer. Die Kinder gingen zur Ruhe. Im Hause wurde es still. Nur
ich allein war noch im Eßzimmer beschäftigt.

Plötzlich ertönte schrill die Klingel aus dem Zimmer meines Mannes.
-- Das war die Glocke, die den kommenden Sturm ankündigte, der unser
ganzes bisheriges Leben zerstören und uns für immer zerstreuen sollte
--.

Ich eilte in das Schlafzimmer und fand meinen Mann schon sehr verändert.
Der Arzt kam, verordnete Medikamente und tröstete uns, so gut er es nur
vermochte. Doch blieb er gemeinsam mit mir die ganze Nacht am
Krankenbett. Mein Mann war unruhig, erwachte jeden Augenblick von seinem
Schlummer, und jedesmal, wenn er mich noch am Bette wachen sah, bat er
mich, zur Ruhe zu gehen: »Schone dich, erhalte du dich wenigstens gesund
für die Kinder...«

Morgens fühlte sich der Kranke erheblich besser und verlangte
aufzustehen. Er kleidete sich an, trank seinen Tee, ging in sein
Arbeitszimmer, las in einem Buche und erteilte sogar einem
Bankprokuristen Anordnungen.

Und wieder schlich sich die Hoffnung in mein verzweifeltes Herz --
doch die verhängnisvolle Stunde näherte sich immer mehr und mehr. Mein
Mann fing von neuem zu klagen an. Die Unruhe in ihm erreichte den
Höhepunkt. Bald saß er, bald legte er sich wieder hin, um sich nach
einem Augenblick wieder hastig zu erheben. Die Uhr schlug sechs. --
Die entsetzlichste Stunde meines Lebens. Es war an einem Samstag, 18.
April 1892. Ich war neben meinem Mann, der sich auf ein Sopha
niedergesetzt hatte. Ängstlich schaute ich ihm ins Gesicht, und mit
quälender Sorge beobachtete ich die winzigsten Veränderungen seiner
Züge. Das regte ihn auf, und er ließ meine Fragen unbeantwortet. Ich goß
ihm Tee auf die Untertasse, von dem er einen Schluck zu sich nahm.

So saßen wir noch etwa fünfzehn Minuten nebeneinander, als er plötzlich
die Augen voll Schrecken weit aufriß, den Atem schwer durch Mund und
Nase einzog und den Kopf in den Nacken warf. Die Kräfte versagten ihm.
Er fiel zurück und blieb bewegungslos liegen.

Es wurde ganz still -- einen Augenblick herrschte im Zimmer jene
entsetzliche Ruhe, die entsteht, wenn Tausende Stimmen aus Verzweiflung
und in grenzenlosem Schmerz verstummen.

Halb wahnsinnig warf ich mich schluchzend über meinen Mann. Ich hielt
seinen Kopf in beiden Händen. Seine Augen waren schon geschlossen. Ich
rief laut seinen Namen. Mein ganzes Herz, meine ganze Liebe, alle
unsere lieben Erinnerungen legte ich in diesen Ruf. Ich glaubte, er
müßte ihn noch einmal wecken. Noch einmal sollten seine Augen auf mir
ruhen, bevor er sie für ewig schloß. Und er blickte auf. Aber es waren
nicht mehr die Augen meines geliebten Mannes. Verschwommen, glanzlos,
fremd war sein Blick, als ob er von weither käme, von dort vielleicht,
woher man nicht mehr zurückkehrt.

Die nächsten Stunden war ich bewußtlos. Und dann -- das Erwachen! Eine
Leere tat sich vor mir auf, in der alle Trost- und Liebesworte der mich
umgebenden Kinder und Freunde und Verwandten ohne das leiseste Echo in
meinem Herzen verhallten.

Leer, leer, namenlos leer lag das Leben vor mir, das ich in jener Stunde
so gerne verlassen hätte, um gemeinsam mit meinem Teueren, Geliebten den
anderen Weg zu gehen. In dieser Stunde begriff ich so gut die indische
Sitte, nach der die Frau des Toten zusammen mit ihm eingeäschert wird.

Zehn alte Juden (ein Minjan) »Batlonim« verrichteten dreimal täglich an
der Leiche Gebete, und mein seliger Wolodia sagte »Kaddisch«.

Am Montag, um zwölf Uhr mittags, fand das Begräbnis statt.

Eine große Menschenmenge versammelte sich um unser Haus. Viele Knaben,
die von den Gebethäusern abgesandt waren, sangen Psalmen an der Leiche.
Man brachte Blumenkränze, die aber auf mein Verlangen im Hause
zurückgelassen wurden.

Meine Kinder und ich -- wir zerrissen unsere Kleider an der Brust. Man
hob die Bahre und trug ihn hinaus -- den Mann, den Vater, den
Herrn dieses Hauses.

Auf dem Friedhof sprachen alle, die das Grab umstanden, Gebete. Aus der
Menge, in der sich die vornehmsten Juden und Christen befanden, trat der
Maggid, der Stadtprediger, hervor und hielt eine Leichenrede, die mit
den Worten schloß: »Wenn er auch manche jüdische Sitte in seinem Leben
vernachlässigt hat, so muß man doch an seinem Grabe laut gestehen: >Daß
er ein Auhew Amau Jisroel war, daß er sein Volk Israel liebte.<«


Im gleichen Verlag erschien:

                  Memoiren einer Großmutter.

      Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands
                     im 19. Jahrhundert.

                              Von

                      Pauline Wengeroff.

          Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles.

                             Band 1.

         Preis broschiert M. 3.--. Leinwandband M. 4.--


Urteile der Presse:


=Berliner Tageblatt.=

Wenn man das Memoirenwerk eines russischen Autors zur Hand nimmt, das
russische Verhältnisse behandelt, ist man von vornherein darauf
gestimmt, eine Jobiade zu lesen, in der alles zu finden ist, nur keine
Freude und kein Sonnenstrahl. Diese Vorerwartung steigert sich noch,
wenn es sich um russisch-jüdische Verhältnisse handelt, die ein
jüdischer Verfasser schildert. Aber diesmal sind wir auf wunderbarste
und angenehmste Weise enttäuscht. Das Werk der Pauline Wengeroff ist so
sonnig und innig, daß es kein Leser unbefriedigt aus der Hand legen
wird. Insbesondere wird der jüdische Leser seine reiche Freude finden an
der warmherzigen Pietät, die das ganze Buch adelt. Die Schilderungen der
jüdischen Feiertage nehmen den breitesten Raum ein; aber sie sind so
künstlerisch dargestellt und dabei von soviel Gemütswärme unterströmt,
daß man mit tiefer Ergriffenheit der alten Erzählerin lauscht, als sei
sie unser aller Großmütterchen, das uns in stimmungsvoller Dunkelheit
wunderbare Märchen erzählt; Märchen, die wir selber einmal geschaut und
erlebt haben, da wir jung waren... Das Herz feiert Reminiszenzen bei
dieser Lektüre, und die Seele klagt um all das, was wir Modernen
verloren haben im Kampf ums bittere Leben -- alles, was tief und innig
war, und was das Leben einst zu einem ernsten Feiertag machte. Welch ein
naives, gemütreiches Buch, das keine andere Prätension hat als die, uns
den Spiegel der eigenen Vergangenheit vorzuhalten. Und doch gibt dieses
Memoirenwerk zugleich ein Kulturbild von unvergleichlicher Treue.


=Vossische Zeitung, Berlin.=

Ein merkwürdiges und, was noch mehr bedeutet, ein wertvolles Buch sind
diese von einer Greisin geschriebenen Memoiren, die durch die
Gewissenhaftigkeit und Ausführlichkeit, mit denen die von einem
staunenswerten Gedächtnis unterstützte Verfasserin zu Werke geht, einen
sehr schätzenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte der russischen Juden
während der Mitte des vorigen Jahrhunderts liefern. Der Leser wird in
das Familienleben, wie es sich in jener Zeit in einem reichen jüdischen
Haus abspielte, eingeführt und gewinnt durch die keine Einzelheit
vergessende Darstellung einen Einblick in die von tausend religiösen
Vorschriften eingeengte, nur dem Studium des Talmuds dahingegebene und
jede weltliche Bildung abweisende Lebensführung auch der oberen Klassen
der orthodoxen Juden damaliger Zeit. Von der Wiege bis zum Grabe,
während der zahlreichen Fest-, Trauer-, Buß- und Fasttage des
Kalenderjahres mußte der Jude auf die Erfüllung der unzähligen
Vorschriften bedacht sein, die ihm der Talmud machte, und durch die sein
Essen und Trinken, seine Kleidung, sein Wachen und Schlafen, sein Beten
und Feiern, seine Lust und seine Trauer geregelt wurden. Das, was dem
Laien nur als Sitte erscheint, wurde bei diesem temperamentvollen Volke
auch zur Sittlichkeit. Innerhalb der strengen Gebundenheit, die jede
menschliche Empfindung einer Kontrolle unterwarf, wurde der Jude zur
Frömmigkeit, zur Selbstbeherrschung erzogen. Das Studium des Talmuds
gewöhnte an logisches Denken, und die Gemeinsamkeit der zahlreichen
Religionsübungen entwickelte im Verein mit der Abgeschlossenheit des
Juden gegen die ihn umgebende christliche Welt den Familiensinn zu einer
Innigkeit, wie kaum je bei einem anderen Volke. Ergreifend ist die
Schilderung der auf Befehl Kaiser Nikolaus I. erfolgten Zerstörung des
Heimatsortes der Verfasserin, der Stadt Brest in Lithauen, an deren
Stelle eine Festung erbaut werden sollte. Selbst die Toten mußten ihre
letzte Ruhestätte verlassen. Im Jahre 1838 kam es wie die erste Ahnung
einer neuen Zeit über das in Unwissenheit und strengem Formelglauben
dahinlebende Volk, als die russische Regierung die Schulen einer
gründlichen Reform unterzog und mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung
unter den Juden zu verbreiten, den Minister der Volksbildung und den
Gelehrten Dr. phil. Lilienthal betraute. Zu dem Wert und Reiz des Buches
trägt die Darstellung nicht wenig bei. Schlicht und einfach, ohne
rethorischen Aufputz, ohne besonderes Pathos schreibt die Verfasserin
Gebräuche und Einrichtungen, jedoch besitzt sie in hohem Grade die Gabe,
Erlebtes anschaulich zu machen und auch den fernstehenden Leser lebhaft
zu interessieren.


=Frankfurter Zeitung.=

Die Verfasserin, deren Jugend in die dreißiger und vierziger Jahre des
verflossenen Jahrhunderts fällt, entwirft ein sehr anschauliches Bild
vom Leben und Treiben in einer streng gläubigen, jüdischen Familie, die
zu den wohlhabendsten in der Stadt Brest-Litowsk zählte. Schon nach
Durchsicht der ersten Seiten wird einem der Eindruck zuteil, daß man
es mit einer photographisch treuen, dabei künstlerisch abgerundeten
Wiedergabe des Geschauten und Erlebten zu tun hat, daß, mit einem
Wort, ein kulturhistorisches Dokument vorliegt. Solche Bücher sind
immer lesenswert. In diesem Falle kommt noch das Spezialinteresse
hinzu, welches die bis in die feinsten Details gehenden, dabei
keineswegs ermüdenden Schilderungen der religiösen Gebräuche der
lithauischen Juden, den Religionsgenossen der Verfasserin, darbieten
können. Bedeutungsvoll ist das Kapitel, welches vom Beginn der
Aufklärungsperiode unter den russischen Juden handelt. Wie anderwärts,
so auch hier hat die Emanzipation der Geister neben mancherlei Freuden
auch ihre Leiden mit sich gebracht. Die Aufklärung hat, wie Dr.
Karpeles in seinem Geleitwort sagt, »die Nebel, die bis dahin über
dem russischen Judentum lagerten, durchbrochen,« sie hat aber auch
die Juden, die bis dahin, gleichsam wie auf einer Insel inmitten des
slawischen Völkerozeans eine Sonderexistenz führten, in Berührung mit
feindlichen und häufig moralisch minderwertigen Elementen gebracht.
Im zweiten Bande, der hoffentlich bald dem ersten nachfolgen wird,
erfahren wir vielleicht einiges darüber.


=Die Zeit.= Wien.

»La Russie se recueille«, »Rußland sammelt sich«, hat bekanntlich
Gortschakow nach dem Krimkriege gesagt. Dasselbe kann man vom Judentum
sagen, seitdem es von allen Seiten aus der Oeffentlichkeit verdrängt
ist. Zwar finden die reichen Juden noch immer Eingang in
aristokratischen Kreisen, wenn man ihr Geld braucht, und man läßt sich
sogar auf eine Mesallianz mit ihnen ein, wenn es gilt, ein verblaßtes
Adelswappen frisch zu vergolden. Auch lassen sich »freisinnige« Deutsche
die Stimmen der Juden bei den Wahlen gefallen. Aber es heißt doch auf
der ganzen Linie: »Grüß mich nicht unter den Linden!« Der Rückschlag
dieser Verdrängung äußert sich bei den Juden in ihrer Besinnung auf sich
selbst, in verstärkter Pflege ihrer Memoirenliteratur und vermehrter
Schilderung der Vergangenheit des Judentums, besonders seines
Innenlebens. Eine solche Schilderung liegt in den »Memoiren einer
Großmutter« vor. Es ist ein liebenswürdiges Buch, das die Häuslichkeit
und Lebensführung eines wohlhabenden russischen Juden in Brest aus dem
ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in anspruchsloser Weise
beschreibt. Über dem Hauswesen lagert der Hauch patriarchalischer
Frömmigkeit und angestammter Sitte. Von Sabbat zu Sabbat, von Festtag zu
Festtag übersteigen die Hausgenossen wie auf Brücken die Mühseligkeiten
und Beschwerden der Arbeitstage und erhalten sich in gehobener
Stimmung, die in der Innigkeit des Ehe- und Familienlebens, in strenger
Kinderzucht, in der Gastlichkeit und Wohltätigkeit zum Ausdruck kommt.
Es entfaltet sich hier ein Reichtum an geistigen Anregungen und
sittlichen Befriedigungen, der wohl imstande war, für manche bittere
Erfahrung zu entschädigen. Auch an Seelenkämpfen fehlt es nicht, die
durch den Eintritt deutscher Bildungsversuche und die veränderte
Kleidertracht herbeigeführt wurden. Die fesselnde Schilderung macht das
Buch zu einer ebenso anregenden wie belehrenden Lektüre.

     Wien.                             Oberrabbiner Dr. M. -=Güdemann=-.


=Pester Lloyd.=

»Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und
mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese
Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in
der stillen Dämmerung ihres einsamen Lebensabends schlicht erzählt, was
sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.« Wahrlich, jeder
Versuch einer sachlichen Kritik und Würdigung dieses Buches wäre eine
Blasphemie. Solange wir unter dem Banne der Lektüre stehen, kommt uns
die Erwägung gar nicht in den Sinn, ob diese Blätter vom rein
künstlerischen Standpunkt aus überhaupt eine literarische
Existenzberechtigung haben, und selbst wenn wir das Buch schon lange aus
der Hand gelegt, empfinden wir nur das Gefühl verehrungsvoller
Dankbarkeit für diese feinsinnige Großmutter, die uns so großmütig aus
dem reichen Schatz ihrer abgeklärten Lebenserfahrungen teilnehmen läßt.
Mit liebevollen, behutsamen Frauenhänden entrollt Pauline Wengeroff
heitere und ernste, aber immer gleich farbenprächtige Genrebildchen aus
dem jüdischen Familienleben; Bilder, von denen jedes einzelne durch
seinen eigenartigen strengen Reiz unser Herz gefangen nimmt, die aber
dann in ihrer Gesamtheit sich zu einem imposanten Kulturgemälde runden.
Was die temperamentvolle Greisin da von Emanzipation der lithauischen
Juden erzählt, mutet uns wirklich an wie ein Märchen aus Großmütterchens
liebem Plaudermunde; aber ein ganz modernes Märchen, vom
schicksalsschwangeren Feuergeiste unserer Zeit durchweht. Mit
zauberhafter Geschwindigkeit verdrängt die Morgenröte einer neuen Epoche
die Nebel des Ghetto. Manch liebliches Bild, das nur im Dämmer gedeihen
konnte, muß der unbarmherzigen Helle weichen. Aber wie zahlreich auch
die Opfer der Übergangszeit gewesen sein mögen, der Platz an der Sonne
war den Juden damit nicht zu teuer erkauft. Schmerzlich süß muß es für
diese Großmutter sein, in diesen freud- und leidvollen Erinnerungen zu
wühlen. Wahrhaft heroisch ist es jedenfalls, diese zarten Herzensblüten
vor der großen, blasierten Menge auszubreiten. Aber wenn auch nur wenige
sich finden sollten, denen aus diesen vergilbten Blättern erquickender
Duft bis ins tiefste Gemüt dringt, so werden diese wenigen um so
gespannter der weiteren Plaudereien der Großmutter harren.


=Tägliches Unterhaltungsblatt der Posener Neuesten Nachrichten.=

Den bisher ganz vereinzelten Memoirenwerken der jüdischen Literatur
reiht sich hier ein Werk an, das uns einen tiefen, charakteristischen
Einblick in die große Übergangszeit der Aufklärungsperiode unter den
Juden Lithauens gestattet. Pauline Wengeroff ist eine der ersten, die
uns diesen Kulturschatz aufzeigt, und sie tut es mit so inniger Liebe
und Pietät, mit so seltener Treue und Wahrhaftigkeit, mit mildem Humor
und feinem psychologischen Takt, daß man mit größtem Interesse ihren
liebenswürdigen Schilderungen folgt. Wenn mau diesen ersten Band gelesen
hat, wird man mit um so lebhafterer Erwartung dem zweiten entgegensehen.


=Unterhaltungsblatt des Fränkischen Kurier.=

Die jüdische Literatur besitzt nur sehr wenige Memoirenwerke. Aus dem
jüdischen Leben in Rußland dürfte nur ein einziges, die »Zapiski
Jewreja« von Gregor Isaakowitsch Bogrow, bekannt sein. Diesem Werke, das
einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben
der Juden in Rußland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnet hat,
schließen sich die Memoiren von Pauline Wengeroff ebenbürtig an. Mit
inniger Liebe und großer Pietät, mit seltener Treue und aufrichtiger
Wahrhaftigkeit, mit einem milden, verklärenden Humor und feinem
psychologischen Takt erzählt sie wichtige Episoden aus einer großen
Übergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden
in Rußland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum
lagerten, zu durchbrechen begann.


=Essener Volkszeitung.=

Es ist ein Buch, das uns in breiter, behaglicher Form das Leben der
Juden in der Stadt Brest in Litauen vorführt. Die Verfasserin blickt
bereits auf siebzig Jahre zurück, und sie hat sogar die Eindrücke aus
ihrer frühesten Kindheit mit bewundernswerter Genauigkeit im Gedächtnis
behalten. Der vorliegende Band schildert die Zeit, wo die Juden noch
ungestört nach ihren alten Sitten und Gebräuchen und in ihrer eigenen
Tracht in Rußland leben konnten, sowie den Anfang des von der Regierung
eingeleiteten Reformwerkes. Eine Menge charakteristischer Einzelzüge aus
dem Leben dieses Volkes finden wir hier mit gewissenhafter Sorgfalt
verzeichnet. Es sind ganz eigenartige kleine Kulturbilder, die auch für
den Forscher von Wert sein werden und in denen nebenbei auch die Kenner
des jüdischen Jargons eine reiche Ausbeute finden werden. Besonders
muten uns die Schilderungen des behaglichen, engumgrenzten
Familienlebens dieser Juden alten Schlages an, dies feste Zusammenhalten
der einzelnen Familienglieder, der Eltern und der Kinder, selbst wenn
diese schon selbst verheiratet waren. Jeder, der den ersten Teil dieser
interessanten und auch in der Form gut abgerundeten Memoiren gelesen
hat, wird der Fortsetzung mit Spannung entgegensehen.


=Breslauer Zeitung.=

Selten haben in kurzer Zeit so mächtige Wandlungen in einer
Bevölkerungsschicht stattgefunden als unter den russischen Juden
Litauens, jahrhundertelang wie bewegungslos, einem Bilde gleich
verharrend, hat ganz plötzlich eine gewaltige Umgestaltung dort Platz
gegriffen und gewitterartig Veränderungen geschaffen. Das Interesse für
dieses Eckchen Unkultur und Kultur ist ein allgemeines geworden, und
insbesondere die Verfolgungen, denen die russischen Juden ausgesetzt
waren, ließen die Augen der ganzen Welt sich nach jenen Gegenden
richten. Da interessiert es denn besonders, wenn ein Buch uns mit
Schilderungen bekannt macht, die noch von keinem Hauche der Neuzeit
berührt wurden, und doch finden wir dort eine Fülle von interessanten
Tatsachen, von Phantasie, dichterischer Begabung, eigenartiger Bildung
und sonderlicher Zustände. Man wird deshalb mit großem Interesse das
Buch »Memoiren einer Großmutter« lesen und es gleich einem interessanten
alten Bilde auf sich wirken lassen.


=Ost und West, Berlin.=

Ein Buch der Erinnerungen. Wir haben diese stillen Dämmerstunden der
sabbatlichen Nachmittage alle selbst erlebt. Und glühend haben unsere
Kinderaugen zur Großmutter geblickt und Großmutters Träume zogen wie
wundersame Helden-Scharen in unsere Seelen ein.

Nicht als Erlebnis: -- als Traumgebilde voll blasser, milder Farben,
voll schwermütigen Dämmerglanzes knüpft sich das Einst an das Heute. Und
so erscheint uns das Einst immer so reich an Frieden, selbst wenn es
noch so stürmisch war und die blaue Blume der Romantik blüht auf der
Stätte, die eines Ahnen Fuß beschritt...

Eine Großmutter erzählt von altem Leben und eine Welt der Stille,
idyllischer Enge und einer die Seelen befreienden Gebundenheit steigt
vor uns auf. Aber sie würde wieder versinken. Die Enkel wachsen heran
und von Großmutters Erzählungen bleibt nur süße körperlose Erinnerung.
Das Wort verfliegt. Die Melodie nur bleibt. Akkorde, --

Ein sabbatlicher Spätnachmittag... Heimlich und verstohlen gleiten
scheue Sonnenstrahlen durch das dichte Netzwerk der Gardinen und
zeichnen matthelle, seltsam verästelte, verschlungene Linien auf den
dunklen Eßtisch.

In einem Winkel sitzt Großmutter in ihrem Lehnstuhl, und die Enkel
drängen sich an sie, und die Dämmerung hüllt sie mit dunkeldichtem
Schleier ein...

Großmutter erzählt von fernen Tagen; von Menschen, die ferne sind, weit,
weit, wo Gottes stille Himmel liegen; von einem Leben, das längst
erstorben.

Großmutter erzählt: Ein süßes Behagen läßt jedes Wort aufquellen; selige
Erinnerungen steigen lächelnd auf; und eine milde Trauer flutet weich um
die versunkene Vergangenheit und dämpft die Worte zu stiller Ergebung.

Großmutter erzählt: Und Seufzer schleichen durch das Dunkel. Und die
Kinder lauschen und lauschen. Es ist wie ein Märchen...

Es fehlt den Juden nicht der Sinn für einstiges Geschehen. Der Zwang der
Tage, das Joch des Heute hielt nur immer die Seelen gefesselt. Die
Großmütter, die in den engen Stübchen ihre Gebete flüstern, hüteten --
frei von der Frohnde des Daseinskampfes -- den Schatz der Erinnerungen.
Und hätten sie alle nur die Erzählungen aufgeschrieben, denen im Dämmer
sabbatlicher Nachmittage ihre Enkel gelauscht, die Geschichte unseres
Volkes läge vor uns, festgefügt und durchglüht von einem
Stimmungszauber, den niemals ein Historiker wird ahnen lassen können.

Das Wort war behende. Doch die Hand war schwach und welk... Und so trug
der Tod zugleich mit den Hütern der Vergangenheit die Vergangenheit ins
Grab. Nicht was einst war und was einst geschah, bildet den intimen Reiz
der Geschichte. Das mag die Sorge des hockenden Chronisten sein, der wie
ein geiziger Wucherer die Einzelstücke aneinanderreiht und aufeinander
schichtet. In den Geschehnissen und Menschenschicksalen suchen wir das
Einzelschicksal. Wir kennen wohl die Wirkungen großer Ereignisse als
kompakte Größen; und der Philosoph wird aus diesen Werten den Weg der
Geschichte, die Richtung der Entwicklung, aus der Verworrenheit der
wirksamen Faktoren die Gesetzmäßigkeit, aus allen Brutalitäten ringender
Mächte den Sinn, den Geist der Geschichte ableiten. Aber verhüllt sind
uns die einzelnen kleinen Komponenten der geschichtsschreibenden Kräfte:
wie der einzelne Mensch die Geschichte beeinflußt und wie er von der
Geschichtsentwicklung beeinflußt wird. Denn ein Nehmender und Gebender,
zugleich Schöpfer und Geschöpf, Baumeister und Baustein, Subjekt und
Objekt der Geschichte ist das Individuum. In diese wundersame Gewalt des
Werdens, des Wandelns, der ewigen Umformung läßt uns die mikroskopische
Geschichtsforschung blicken. Diese »Andacht zum Kleinen« -- wie Grimm
sie genannt -- schafft und verinnerlicht die Weihe für den wuchtigen
Schritt Gottes in der Geschichte. Die Sonne spiegelt sich in den
kleinsten Tautropfen und gigantischen Epochen der Vergangenheit in der
Seele des niedrigsten Zeitgenossen. Aus diesen Erkenntnissen ist
allmählich der Sinn für die Familienforschung erstanden, das Interesse
für den Briefwechsel zwischen Menschen früherer Geschlechter, die Lust
an Memoirenwerken ... »Großmutter erzählt...«

Das neuere jüdische Schrifttum ist arm an solchen nachdenklichen
Erinnerungen und es kann wohl nicht anders sein. Familienforschung! Wie
kann Familienforschung den Spürsinn regen, wo in unserer Gemeinschaft
ängstliche Scheu die Kette der Geschlechter zerbrechen möchte? Ein jeder
möchte ein Autochthone sein -- gewachsen aus der Erde, geworden durch
eigene Kraft. Wir haben noch nicht den Mut, von der geduldigen
Märtyrerkraft unserer Ahnen zu sprechen, noch nicht den Sinn, die stille
Schönheit ihres engen Seins zu rühmen. Wer möchte das Leben seines
Urahns erforschen, der mit dem Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf
keuchte, mit alten Kleidern handelte -- und doch ein ganzer Mensch war:
unbarmherzig gegen sich, weil das Wissen um Gottes Barmherzigkeit in ihm
war... Wir haben noch nicht die Kraft der festwurzelnden Persönlichkeit,
den billigen Witz zu verachten, den der Tor über das armselige,
erzwungene äußere Leben unserer Ahnen machen könnte. Wir wagen noch
nicht laut zu sagen, daß sie nur Knechte schienen und freie Menschen
waren, die in Not und Wanderelend danach rangen, würdig zu werden der
Gnade, im Ebenbilde Gottes erschaffen zu sein. Wir haben uns noch nicht
emanzipiert von dem Hochmut der eben erst bürgerlich Emanzipierten, über
Sitte und Brauch unserer Ahnen, über ihre Vorstellungen und Gedanken zu
lächeln. Wir haben die Phrase noch nicht überwunden -- die Phrase, die
unsere ganze Armut bloslegt: Moderne Menschen. Mit dieser Phrase wollen
wir das eiserne Band zerhauen, das uns an die Ahnen schmiedet. Bilden
wir uns ein -- und ist doch ein Strohhalm in der Hand eines Kindes.

»Großmutter erzählt.« Von ihrer Welt! Wie weit wären wir, könnten wir
erst ohne ängstlich umherblickende Voreingenommenheit mit Großmutter
durch ihre Zeiten wandern. Sie faßt uns gütig an der Hand und führt uns:
ein kleines Städtchen, ein niedriges Häuschen, sogar mit einer richtigen
Vortreppe -- also ein Herrensitz! -- ein paar winklige Gassen, ein
dunkles Cheder -- und da lebt man!

Man lebt da!...

»Ein Jahr im Elternhause.« Wir wandern von Fest zu Fest. Und der graue
Alltag wird licht, weil er eine Vorstufe der Feste ist.

Was ist eigentlich das Ziel unseres Lebens? Der Festtag.

Unser ganzes Leben ist nur ein Warten auf den kommenden Tag der Feier.

Aber unser Warten ist voll Pein und Ungeduld, quälerisch. Unsere
Hoffnung ist wirr und wildtreibend, zermürbend in der Angst des
Verschmachtens auf halbem Wege: Wann kommt uns die Stunde der Feier?
Vielleicht kommt sie uns niemals.

Großmutter lächelt: Ihr Armen. Zunächst freut man sich die ganze Woche
auf den Sabbat. Man braucht sich nicht zu sorgen: Kommt er? Kommt er
nicht?! Er kommt! Kommt der Sabbat, kommt die Ruhe. Und wer den Sabbat
so recht feiert, weiß gar nicht, daß es einen Alltag gibt. Wir heiligen
den Sabbat, glauben wir. Aber der Sabbat heiligt uns. Er weiht unser
Leben und Treiben; und Essen und Trinken wird Gottesdienst. Und so fällt
schon auf den Freitag -- den Torwart der Ruhestunden -- der milde
Abglanz des Sabbats. Die Arbeit am Freitag macht die Hand nicht müde.
Die Erdenlast ist von ihr genommen. Und gute Engel helfen beim Werke.
Darum schmecken die Fische am Freitag abend so köstlich. Sie haben den
Geschmack von -- »jener Welt« selbst wenn Vater sich nicht so besorgt in
der Küche umsähe und die Sauce kostete. Beten, Ruhe und Essen -- dieser
Dreiklang schlingt sich zur Harmonie des Sabbats zusammen. Und wenn der
Tag zur Neige gegangen, begleitet wieder ein Mahl die »Königin Sabbat«
in ihre Heimat.

Es singt in allen Festen die gleiche Melodie -- nur die Tonart wechselt
und der Rhythmus. Am Chanuka läßt uns Großmutter die Reise durch das
ganze Jahr beginnen. Mit den Latkes -- den Honigflinsen -- fängt sie an.
Mit dem Pflichträuschchen am Simchas-thora hört sie auf. Zwischen Lust
und Trauer pendelt das Leben hin. Wenn die Trauer die Seele gar zu fest
zu umschnüren droht, löst ein Festtag die Schlingen. Und ein Trauertag
dämmt die über die Borde schlagende Fröhlichkeit ein. Nicht
kalendarisch-äußerlich gehalten, sondern in ihrem spezifischen Charakter
hingenommen, nach ihrem Stimmungsgehalt gelebt, nach ihren gedanklichen
Inhalten begriffen -- wirken die jüdischen Feste wie ein Regulator
menschlichen Treibens. Sie lösen die Verworrenheit unseres Seins in
geruhige Harmonien auf und gleichen das stürmische Auf und Nieder aus
zum Wellenschlag eines friedlich hingleitenden Lebens. Und wundersam
haben sich Sitte und Brauch dem Sinn der Feste angeschmiegt.

Großmutter Wengeroff hat in ihren Memoiren, -- »dem Ben-Sekunim«, dem
Kind des Greisenalters -- mit unendlicher Liebe den Kranz der vielen
Bräuche zusammengewunden, die die Feste schmücken und -- ihr Werk. Wenn
einmal die alte Formensprache unserer Volkssitten verstummt sein sollte,
wird der Ethnologe und Kulturhistoriker nach diesen Blättern das Leben
der Juden in alten Tagen wieder aufbauen können. Der häusliche Herd --
der in der Küche steht -- ist der Mittelpunkt der Familie. Was dort
brodelt und kocht, dient nicht gedankenloser Genußsucht und Völlerei.
Die Hausfrau beginnt ihre Arbeit nicht, eh daß sie ein Gebet gesprochen
und ein Opfer dargebracht hat. Die Speisen sind den Festen angepaßt und
alle Zutaten sind zugleich -- Symbole! Speise und Trank, die den Körper
kräftigen sollen, damit die Seele ungehemmt von irdischer Schwere ihren
Flug in die Höhe nehmen kann, sind selbst nur -- beseelte Materie. Sie
sind geweiht. Und wenn die Hausfrau nicht fast erdrückt wurde von der
Fülle der Sorgen, der Pflichten, der religiösen Gebote und der
Subtilitäten, die der Brauch zum Zwange gesetzlicher Vorschriften
erhoben hat, so konnte nur der Gedanke, mit all der peinlichen Arbeit
höheren Zwecken, ja dem höchsten Zwecke zu dienen, die Last heiligen und
adeln -- und aus der Sphäre des ermattend Körperlichen hinaus -- und
emporrücken.

In dieser in Gott und Judentum zentrierten Welt kann schlaffe
Bequemlichkeit nicht hemmend in den Weg der Pflichten treten. Je
getreulicher die Gebote erfüllt werden, um so leichter wird das Leben
getragen. Je enger der Zaun der Gesetze, um so lichter und freier
schwingt sich die Seele zu Gottes Thron. Und gemeinsam wie der Flug in
die Höhe, rollt sich auch das bürgerliche Leben ab. Der einzelne
versinkt nicht in der Gemeinschaft bis zur Unkenntlichkeit. Sein
individueller Wert wird gesteigert, sein individueller Charakter
ausgearbeitet durch die Gemeinschaft. In das Schicksal des einzelnen,
welche Phasen vom Glück zum Leid es auch durchlaufe, sind doch
Schicksalfäden der anderen verwoben. Die Lebensbedingungen jedes
einzelnen Juden sind die der anderen Juden. Jeder braucht den anderen,
zum gemeinsamen Gebet in der Chewra, in der Trauerzeit, beim Mahle, in
den Scherzen des Purim, in der Lust des Freudenfestes. Und dieses
Aufeinanderangewiesensein in den Bedürfnissen eines höheren Lebens
verinnerlicht die Bande angeerbten Volkstums und gemeinsamer äußerer
Geschicke und schafft auf einem weitab vom materialistischen Sozialismus
führenden Wege einen sozialen Bund von ganz spezifischer Prägung.

Eine idyllische Ruhe und der Frieden einer in ihren Sehnsüchten, ihrem
Gottvertrauen geeinten Menschengruppe ruhten über jener Generation. Und
lösten wir selbst den Glorienschein auf, den die alte Großmutter um ihre
Jugendjahre legt, und wollten wir in Einzelzügen ergänzen, was die
versöhnende und nivellierende Vergeßlichkeit des Alters verwischte, die
Grundlinien einer lieblichen Idylle verlören ihre Schärfe nicht. Die
Spiele der Kinder und das Sinnen der Alten erfüllen nur eine enge Welt;
aber sie ist voller duftiger Träume, voll tiefer Beziehungen und in
jeder Spanne persönlich erobert und ganz zu persönlichem Besitze
geworden. Der Tag ist unendlich lang, so lang, daß das gewöhnliche
Ausmaß der Stunden seine Geltung verloren zu haben scheint. Aber Gefühl
und Begriff der Langeweile sind keinem bekannt. Es gibt keine toten
Stunden, weil jede Stunde ihr eigenes Leben hat. In grauer Frühe, da die
Nacht kaum an den kommenden Tag denkt, denken die Juden schon an ihr
Tagewerk. Wer weiß, wie der Beruf die Stunden knebeln wird -- darum
schnell noch zum Talmudfoliant greifen, der von gestern noch
aufgeschlagen ungeduldig schon des »Lerners« harrt; darum schnell noch
in das Beth-Hamidrasch eilen, um in der Chewra Thillim im Zweisang die
lieben Psalmen zu sagen.

Das Leben ist so kurz -- und des Betens und Lernens ist so viel. Diesen
Gedanken heißt es den Kindern zu überliefern. Sie können nicht früh
genug in den Cheder. In seiner Enge und seinem ewigen Dämmer wächst eine
heilige Weit. Und der erste Chederbesuch wird so der wahre Geburtstag --
der Menschenseele. Der Ärmste gibt sein letztes Gut hin, um sein Kind
nicht geistig verhungern zu lassen. Und es ist ein Brauch, der die ganze
Judenseele bloßlegt, ein Brauch von ergreifender Tiefe und unsagbarer
Innigkeit, daß der Vater den jungen Chederbuben in einen Gebetmantel
gehüllt zum Melammed trägt... Er zeigt ihm die strahlende Pracht der
Himmel und lehrt sie, sich den Weg zu Gott zu schlagen und mit den
Quadern der heiligen Buchstaben zu ebnen. Sonnig ist das Ziel. Aber die
Arbeit ist hart. Selbst die Spiele in den freien Zeiten sind noch
durchwebt mit den Seidenfäden der Lehre, die das Halbdunkel des Cheders
gesponnen. Schon frühe lernt das Kind sich bescheiden. Denn das Ghetto
ist eine bescheidene Welt. In gedämpften Tönen klingt aller Sturm der
Seelen aus. Das ganze Sein ist voller Geheimnis. Und die Bangheit und
Scheu, die das Kind empfand, als es einmal in dem leeren Gotteshause vor
der heiligen Lade stand, trägt es allezeit mit sich und sie geben ihm
die stille Ergebenheit, wenn es einst vor den heiligen Fragen des Lebens
stehen wird... In diese festgefügte Welt mit ihrer eigenen Bildung, mit
ihrem schillernden Reichtum der Phantastik, mit ihrer geschlossenen
Lebensanschauung, in diese Welt der Träume und mystischverdämmerter
Ahnungen, in diese Welt der klaren Tage, der besonnenen Arbeit -- tritt
nun polternd mit groben Füßen die neue Zeit! Kann aus den zerstampften
Schollen gleich herrliche Saat erblühen? Die Menschen sind zu gefestet,
als daß die neue Zeit sie ganz zu zerbröckeln vermöchte. Noch lachen sie
und spotten ihrer, und reißen der Zeit ihre neuen Gaben aus der Hand.
Chausseen werden gebaut. »Solange sich Menschen erinnern, waren zwei
Tage nötig, um den Weg von Brest nach Bobruisk zurückzulegen, nun kommt
Reb Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise
verkürzen.« Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine
Tasche stecken? Und Reb Zimel Epstein hat Recht. Indessen was
verschlägt's? Kann man mit Lampen, die heller und ruhiger brennen als
Kienfackeln, den Sabbatabend nicht lichtiger und geruhiger machen?...
Und kann man bei neuen Wegen nicht ein alter Jude bleiben?... Und doch:
auf neuen Wegen kommt die neue Zeit! Die Welt wird größer. Die Enge löst
sich. Die plumpen Wägelchen verschwinden. Es kommen die Karossen und
bald, bald wird das Dampfroß die Wälder durchjagen. Jeder Tag bringt
neue Wünsche; und wie die Mauern des Ghetto zu wanken beginnen, so
kommen die Kinder des Ghetto ins Wanken. Die stille Harmonie wird
zerstört. Sie scheinen wie Trunkene und wir lächeln ihres torkelnden
Ganges. Auf den Hintertreppen schleicht die Aufklärung in die Häuser.
Sie verdüstert mehr als sie erleuchtet -- denn es ist eine Aufklärung,
der -- russischen Regierung! Über dem Talmudexemplar liegt Schillers
Don Carlos und Posa sagt seine Leitartikel auf im »Gemara-Nigen«. Die
Jugend will dadurch die Eltern täuschen. Aber sie täuscht sich selbst:
Schiller wäre ihnen unverständlich, wenn er nicht »gelernt« würde... Die
Eltern fürchten die neue Zeit und sie beschwören den Missionar der
russischen Regierungsaufklärung, Lilienthal, bei »der Sepher Thora« zu
erklären, ob er die Juden zur Taufe führen will. Sie fürchten. Aber ihre
Furcht ist mehr ein Ahnen furchtbarer Entwicklungen. Was sie um sich
sehen, macht sie mehr stutzig, als erschrocken. Hier eine Szene, die die
schwangere Zeit köstlich zeichnet: Dem Schwager unserer Großmutter hatte
es die Naturwissenschaft angetan. Bei grauendem Morgen war er halb
entblößt in den Garten gegangen. »Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie
beseitigt die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die
mein Schwager -- nicht ohne Ekel! -- in ein kleines Kästchen mit einem
Glasdeckel warf.« Die Mutter hatte ihn bemerkt und rief halb verwundert,
halb belustigt: »Wos tust du do?«

»Gur nischt«, gab er lakonisch zur Antwort.

»Wos is do im Kästchen auf der Erd'?« fragte die Mutter weiter.

»Gur nischt«, meinte der erregte Naturforscher.

»Warum biste so früh do?«, forschte die Mutter.

»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann, in der
Hoffnung, sich so aus der Affäre zu ziehen... Die Mutter beugte sich
über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger ein Buch neben dem
Kästchen. Sie tritt näher. Der Naturforscher ergreift die Flucht. Meine
Mutter blickte in das Kästchen und entdeckte zu ihrem unbeschreiblichen
Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen,
eine Ameise, einen Holzwurm... Sie traute ihren Augen nicht, und ihr
Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können,
auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?«

Zu dem »Gewürm«, das den inneren Menschen zernagte, kam ein anderes
Unheil. Ein Ukas der Regierung verbot die jüdische Tracht: der äußere
Mensch mußte reformiert werden. Sogar die Pejes, »die dem Juden erst die
Gottähnlichkeit geben«, sollten schwinden. Es gab erbitterte Kämpfe mit
den ausführenden Polizeiorganen. Aber schwerer waren die Kämpfe in der
Seele der Juden. Der Mantel fiel und der Herzog mußte ihm folgen. Die
neue Tracht führte die Juden nicht in eine neue Welt hinein. Sie führte
sie nur aus ihrer alten Welt heraus. Das empfanden alle tiefer blickende
Männer, das machte sie traurig und ihre Ohnmacht so unsäglich qualvoll.
Als die Gräber des alten Brester Friedhofs geöffnet wurden und die
Leichen ihre Friedensstätte verlassen mußten, weil die Stadt zu einer
Festung umgebaut wurde, war ein Wehklagen in der Gemeinde -- doch die
Toten fanden einen Ruheplatz. Aber die Seelen, die aus ihrer stillen
Welt hinausgezerrt wurden, die Seele der Jugend wurde heimatlos und
mußte wandern in eine ungewisse Welt. Die Besten wurden schwankend. Die
Schwachen wurden haltlos. Sie wechselten die äußere Tracht und wurden
äußerlich.

    »Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
    Weiße, höfliche Manschetten
    Sanfte Reden, Embrassieren --
    Ach! Wenn sie nur Herzen hätten.«

Es sind nur die ersten Anfänge jener neuen Zeit, von denen unsere
Großmutter spricht. Mit verhaltenen Worten. Ihre ganze Innigkeit hat sie
über das alte Ghettoleben gebreitet, von dem sie uns freilich nur einen
Bruchteil gibt. Wir lernen nur ein Haus mit allen seinen Freuden,
Erregungen und seinem Kummer kennen. Es ist ein reiches und vornehmes
Haus, in das wir als Gäste eintreten. Und doch ist es nur ein Paradogma
für das Treiben im Ghetto. Denn das Leben im Patrizierhaus ist seinem
Wesen und seiner Form nach nicht herausgehoben aus der Ghettoartung.

Hütte und Herrensitz unterscheiden sich nur in den groben
Äußerlichkeiten der Lebensformen. Charakter und Inhalt der
Vorstellungsinhalte, die Skala der Gefühle und die zarten Bedürfnisse
der Seele: -- vielleicht, daß sich darin eine individuelle
Differenzierung spiegeln könnte. Aber niemals die soziale! Dem Reichen
wird nur die Gnade, daß er die Fülle der Pflichten leichter und
unermüdlicher tragen konnte. Und sein Dank für diese Gnade war, daß er
die Pflichten peinlicher beobachtete und ihre Kreise weiterzog!

Im Hause des Reichen zerbröckelte nicht das Judentum. Sitte und
Überzeugung, Tat und Gebet, Alter und Jugend standen in Schönheit und
unbefleckt durch die grobe Not nebeneinander, das Haus zu einer Stätte
Gottes zu machen...

Großmutter erzählt... Und eine Welt der Schönheit, des Friedens und
verjüngender Heiterkeit steht vor uns auf. Und uns überflutet eine
Sehnsucht nach dem versunkenen Lande der Ganzen.

Nach all den Enttäuschungen, die die Zivilisation bringt und die sie --
je empfindsamer und zarter wir werden -- uns immer herber wird fühlen
lassen, blicken wir in jene stille, abgestorbene Welt zurück und in
einsamen Stunden regt sich leise in uns ein Fragen, ob dort nicht die
blaue Blume der Romantik ihre Düfte um die Menschen hauchte.

Es war eine enge Welt. Aber sie war hoch und reichte bis an den
siebenten Himmel...

Die Menschen waren klein. Aber ihre Seelen waren voller Harmonie und
Einheit. Sie verschmachteten nicht im Genusse. Wunsch und Kraft, Wille
und Ziel, Leben und Lehre waren eines nur. Sie gaben den heiligen
Frieden, der nicht einmal ahnen konnte, daß es auch eine Zerrissenheit
gibt.

                                             Dr. Th. -=Zlocisti=-.


=Allgemeine Ztg. d. Judentums. Berlin.=

Ein versonnenes »Es war einmal« klingt mit leiser Wehmut aus dem Buche
der feinfühligen Verfasserin. Wie bei einem Rembrandtschen Gemälde
blicken wir in das anziehende Helldunkel einer verflossenen jüdischen
Kulturperiode, und das stechende Licht des Alltags schmerzt uns, wenn
wir das Buch schließen. Denn was uns die Verfasserin aus der
Vergangenheit des vorigen Jahrhunderts so anspruchslos zu erzählen weiß,
ist mehr als das Leben einer vornehmen jüdischen Familie in der
russischen Stadt; es ist überhaupt ein Mikrokosmos des guten Judentums
alten Schlages, ein Kleingemälde voll intimen Reizes, das uns moderne
Israeliten, die wir uns als »Kinder der Welt« so groß dünken, mit
Schmerz empfinden läßt, wie klein wir geworden sind -- weil wir keine
eigene Kultur mehr haben. Man mag das Leben jener Juden, das nichts
anderes war, als ein von Anfang bis Ende des Jahres wunderbar sich
abrollender Gottesdienst, in gewissem Sinne beschränkt nennen, in der
Beschränktheit zeigt es die Meisterschaft. Das Gemälde ist etwas
Ausgefülltes und Ganzes, und wir nehmen einen wohltuenden Volleindruck
mit. Wir mögen es wohl im Sinne des Fortschritts begrüßen, daß endlich
in den patriarchalischen Dämmer das volle Licht der europäischen Kultur
hereinbrach -- aber wir klagen auch mit der Verfasserin über die
fürchterlichen Zerstörungen, die die zersetzenden Strahlen anrichteten.
Wieviel jüdische Lebenskunst, Poesie und Ethik ist zu Grabe getragen
worden! -- Möge das Buch der Großmutter, dem Dr. G. Karpeles ein
freundliches Geleitwort mitgegeben hat, nicht nur gelobt, sondern auch
gelesen werden! Es ist nicht nur für liebe »Enkelkinder« bestimmt, die
spielend, besser vielleicht als es in den Religionsschulen geschehen
kann, in den Reiz und die Weihe des altjüdischen Lebens eingeführt
werden, es gibt auch den Erwachsenen einen interessanten Beitrag zur
»Umwertung der Werte« bei unseren Brüdern im Nachbarreich. Und endlich
wird es jeden ernsten Juden gedankenvoll stimmen. Denn wenn wir auch mit
Koheleth sagen müssen: »Sprich nicht, wie kommt es, daß die vergangenen
Zeiten besser waren, nicht aus Weisheit fragst du,« so erweckt es doch
das heiße Verlangen nach der inneren Einheitlichkeit und
Geschlossenheit, wie sie die Väter kannten, die Sehnsucht nach neuen
jüdischen Kulturwerten.

                                                             E. L.


=Jüdische Zeitung. Wien.=

Wenn man das Buch aufschlägt, so findet man auf der ersten Seite das
Bild der Verfasserin: Ein altes, freundliches Gesicht mit klugen, milden
Augen, die schon von vornherein für alles einnehmen, das die Verfasserin
sagen wird. In freundlichen Worten wird nun ein Bild aus dem jüdischen
Leben eines wohlhabenden Bürgerhauses in den vierziger Jahren des 18.
Jahrhunderts geschildert. Alles ist so unbeweglich still und atmet
Traulichkeit, innere Abgeklärtheit, starken Familiensinn und echtes
Menschentum. Es ist alles so licht und lieb, daß man den Gedanken nicht
bannen kann, daß die Verfasserin unbewußt schöner dargestellt hat, als
es wirklich gewesen ist, daß sie ihre Kindheitstage, die jetzt vor uns
vorbeiziehen, mit dem Glorienschein der Poesie umgeben hat. Eines aber
erfahren wir unzweideutig daraus: Daß das jüdische Familienleben jener
alten guten Zeit innig und traulich war, daß die Häuser der Juden in
jener Zeit Kulturstätten waren im besten Sinne des Wortes. Die
Schilderung des Übergangsstadiums zum Haskalah erscheint uns minder
gelungen, wie überhaupt der ganze Aufbau des Buches eine mangelhafte
Technik verrät. Doch wir wollen mit der Verfasserin darüber nicht
rechten, denn der herzliche Ton des Buches, der wie Märchenzauber unsere
Herzen gefangen nimmt, entschädigt uns überreichlich. Wir wünschen dem
Buch die weiteste Verbreitung unter Alten und Jungen. Besonders ist das
Buch jungen Mädchen zu empfehlen, denn die jüdische Innigkeit und der
jüdische Familiensinn sind leider im Schwinden begriffen, und da kann
dies Büchlein dazu beitragen, daß die zukünftigen Mütter unseres Volkes
weniger modern, dafür aber natürlicher und jüdischer werden.


=Israelitische Monatsschrift, Breslau.=

Die Memoirenliteratur ist während der letzten Jahre in ihrer Bedeutung
für die Geschichtswissenschaft voll erkannt worden. Von jüdischen
Memoirenwerken, deren Zahl ohnedies gering ist, darf man nun allerdings
nur eine geringe Ausbeute für die pragmatische Geschichte erwarten. Gab
es doch nicht allzuviele Persönlichkeiten unter den Juden, die an den
aktiven Tagesereignissen großen Anteil hatten, und auch unter diesen
nicht viele, die Zeit und Muße zur Niederschrift ihrer Denkwürdigkeiten
fanden. Um so größer ist aber dieser Gewinn, der aus dieser Literatur
für das innere Leben und die Kulturgeschichte sich ergibt. In diesem
Sinne und mit dieser Beschränkung ist auch das angezeigte Buch als
wertvolle Quelle, aus der mancherlei Belehrung und Aufklärung über das
Leben unserer Glaubensbrüder im Osten zu schöpfen ist, anzusprechen.
Wo geschichtliche Vorgänge berichtet werden, so in der Darstellung
der Aufklärungsperiode, ist der Wert dieser Aufzeichnungen mehr
als problematisch; es berührt eigentümlich -- um die einer Dame
gegenüber gebotene Höflichkeit zu wahren -- wenn Verfasserin wiederholt
von dem »scholastischen Gespinst« und den »vielen talmudischen
Spitzfindigkeiten« spricht und damit ihre Legitimation für die
Beurteilung jener so verhängnisvollen Epoche zu erbringen vermeint.
(Hierher gehört auch die Feststellung, daß »viele Traktate des Talmud
mit den Worten omar abaja beginnen«!). Wo dagegen die Verfasserin sich
auf das ihr liegende Gebiet der Detailmalerei und der Szenen aus dem
Volks- und Familienleben beschränkt, liefert sie wahre Kabinettstücke
dieser Kleinkunst, die niemand ohne Vergnügen und Nutzen lesen wird.


=Israelitisches Familienblatt, Hamburg.=

Diese Memoiren gehören zu den liebenswürdigsten Büchern, die seit langem
auf den jüdischen Büchertisch gekommen sind. Das Großmütterliche wie das
Jüdische darin verschmelzen sich zu einer warmen, trauten Herzlichkeit,
die eine blendende, poetische Darstellung, die man von diesem Werke
nicht erwarten darf, vollkommen ersetzt. Wir haben es aber auch mit
einer kulturhistorischen Gabe allerersten Ranges zu tun. Sie hält in
getreuester, liebevollster Hingabe und Erinnerung für die Nachwelt fest,
was jetzt bereits im Aussterben begriffen ist, das echt jüdische Haus-
und Gemeindeleben unserer russischen Brüder. Die Behauptung von einer
Trockenheit und Verknöcherung des alten Judentums, von seelischer
Finsternis und Sklaverei unter dem »Gesetz« schmilzt vor dieser
Darstellung wie Schnee vor der Sonne. Wer dieses Buch liest, das in
jedem Buchstaben den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt, muß sagen, daß
unsere Großväter und Großmütter, die so lebten, ein solches rundes,
jüdisches, von Festen wie von wunderbaren jüdischen Ereignissen
durchzogenes Jahr, glücklich waren. Trotz allen äußeren Druckes, trotz
ihrer Einfalt und Fremdheit von der modernen Kultur. Wir lernen aus
diesem Buch vieles wieder lieben, was wir bereits belächelt haben.
Besonders unseren Frauen kann es eine Offenbarung bedeuten.



Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen.



Fußnoten:

[1] »Die Welt« 1900.

[2] Von diesen beiden Brüdern wurde der eine ein Bibelforscher, der
folgende Werke veröffentlichte: »-=Die Religion Altisraels=- nach den in
der Bibel enthaltenen Grundzügen«, dargestellt von -=Israel Sack=-.
(Leipzig und Berlin 1885. Verlag von Wilhelm Friedrich, Kgl.
Hofbuchhdl.)

»-=Die altjüdische Religion=- im Übergang vom Bibeltum zum Talmudismus«
von -=Israel Sack=-. (Berlin 1889. Verlagsbuchhandlung v. -=Ferd.
Dümmler=-.)

»-=Monistische Gottes- und Weltanschauung.=- Versuch einer
idealistischen Begründung des Monismus auf dem Boden der Wirklichkeit.«
(-=Leipzig=- 1899. Verlag v. Wilhelm Engelmann.)

Der andere Bruder, Gregor Syrkin (Stiefbruder), ist ein hervorragender
Kenner der hebräischen Sprache und Literatur. Er schrieb ein Werkchen
unter dem Titel: Chesjaunaus Lajlo -- Traumbilder.

[3] Sarwerke -- eine Frau, die in besseren jüdischen Häusern während der
Feierlichkeiten serviert, Süßigkeiten, Konfitüren, Eingemachtes
vorbereitet.

[4] Das Städtchen spielte in der Geschichte Kleinrußlands eine Rolle. Es
war des Hetman Mazepa Residenz.

[5] Des Bräutigams Eltern und Verwandten.

[6] Ein Ort in Polen, wo ein Heiliger wohnt, der unter dem Namen »der
Großvater aus Spale« bekannt ist.

[7] Malakoff-kurgan (Schanze). Auf Veranlassung des General Malakoff
füllte man unzählige tausende Säcke mit Sand und baute daraus eine
Schanze, indem man sie in Quadraten dicht aneinander legte. Die Kugeln,
welche vom feindlichen Lager herüberflogen, blieben in den Säcken
stecken.

[8] In jener glücklichen Zeit wurden auch Pläne zur Gleichstellung der
Juden vorbereitet.

[9] Als Haupt einer Talmudschule.

[10] Der Roman ist auch in deutscher Sprache unter dem Titel »Thamar«
erschienen. Ein schmachvoller literarischer Diebstahl. Der Übersetzer S.
Mandelkern gab das Werk unter seinem eigenen Namen heraus. Aber er
übersteigerte die Frechheit noch, indem er den Roman Mapu, dem
eigentlichen Verfasser, widmete!

[11] Ein Hascher.

[12] Mondfinsternis.

[13] kein Trost.

[14] Soldatenaushebung.

[15] Seele.

[16] Gott.

[17] Kränkung.

[18] Soldatenbrot.

[19] Wollenzeug mit Leinen genäht.

[20] Sich entfernen, sich zurückhalten.

[21] Verordnungen.

[22] Wahl.

[23] Verzeihen.

[24] Sünden.

[25] Gottergeben.

[26] Die die Soldaten der Regierung abliefern.

[27] Der die Soldaten annimmt.

[28] Ohnmächtig werden.

[29] Tumult.

[30] Milch und Honig.

[31] Befehl.

[32] Befehlshaber.

[33] Fort, weg!

[34] Die hohen Festtage.

[35] Horn.

[36] Exil.

[37] Zwei Gelehrte, die entgegengesetzte Richtungen vertraten: Hillel --
die milde, nachgiebige; Schamai -- die strenge.

[38] Klagelieder am Tischo b'Ab.

[39] Ahnenstolz.



Notizen des Bearbeiters:

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