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Title: Der Erbe. Erster Band.
Author: Gerstäcker, Friedrich
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  Der Erbe.

  Roman
  von
  Friedrich Gerstäcker.

  Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

  Erster Band.

  Jena,
  Hermann Costenoble.
  1867.



Inhaltsverzeichniß.


                                             Seite
   1. Beim Frühstück                             7
   2. Die Bewohner von Schloß Wendelsheim       30
   3. Ein unbequemer Besuch                     56
   4. Die elende Familie                        79
   5. Beim Schlosser Baumann                   112
   6. Der alte Salomon                         133
   7. Rebekka                                  159
   8. Der Familienball                         182
   9. Am andern Morgen                         212
  10. Neue Spuren                              237
  11. Die beiden Verbündeten                   266
  12. Frau Müller                              287
  13. Vater und Sohn                           322



1.

Beim Frühstück.


»Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich entzückend,«
sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in einem allerliebsten
Negligé zur Mutter in's Zimmer trat, wo das Kaffeeservice noch auf dem
Tische stand. »Ich kann Dir versichern, man fliegt ordentlich mit ihm
über den Boden hin und wird gar nicht einmal müde.«

»Nun, mein Kind,« erwiederte die Mutter, »ich kann Dir versichern, daß
_ich_ wenigstens müde geworden bin.«

»Aber Du hast gar nicht getanzt, Mütterchen.«

»Das fehlte auch noch,« stöhnte die Frau; »das Herumsitzen ist so schon
arg genug -- und nun auch noch diese schreckliche Räthin Frühbach neben
mir! Ich sage Dir, ich habe meinem Schöpfer gedankt, als es drei Uhr
schlug und wir mit Ehren fort konnten.«

»Arme Mama -- und ich habe mich so gut amüsirt!«

»Junges Blut,« nickte die Mutter; »aber trink' Deinen Kaffee, Kind, denn
er steht schon eine ganze Weile und wird sonst kalt.«

Ottilie hatte sich neben sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der
kleine Fuß klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der
erst vor wenigen Stunden beendeten Tänze -- ihre Gedanken waren noch
entschieden bei dem Balle! Und wer hätte es ihr verdenken wollen? War
sie doch kaum zwanzig Jahr alt, in der Blüthe ihrer Jugend, und der
Blick, der unter den langen Wimpern so glücklich hervorleuchtete, sah
nur Licht und Freude, denn kein dunkler Tag in ihrem jungen Leben warf
seinen Schatten auf der Zukunft Bahn.

Ottilie war die Tochter des Staatsanwalts Witte, eines seiner
Tüchtigkeit sowohl als Rechtlichkeit wegen allgemein geachteten Mannes,
und das einzige, also auch das verzogene Kind im Hause. Von Herzen
lieb und gut, hatte ihr Charakter dadurch aber doch etwas Eigenwilliges
bekommen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sich der fast übermäßig
beschäftigte Vater hätte mehr um ihre Erziehung bekümmern können.
Leider konnte er das nicht, und sie wurde einzig und allein der Mutter
überlassen, die freilich nicht recht dazu paßte, ein junges Mädchen
heranzubilden.

Die Frau Staatsanwalt Witte war, wie ihr Niemand absprechen konnte,
eine brave und tüchtige Frau, und als sie vor langen Jahren ihren Mann
heirathete und Beide sich fast ohne Vermögen kümmerlich durch das Leben
arbeiten mußten, da hatte sie bewiesen, daß sie eine tüchtige Hausfrau
sei, und mit den bescheidensten Ansprüchen gesorgt und geschafft und
immer den Kopf oben behalten. Solchen gedrückten Verhältnissen war sie
auch gewachsen gewesen, und Witte hätte sich dafür keine bessere Frau
wünschen können. Als er aber in seinem Berufe einen Namen bekam und viel
Geld verdiente, ja, später sogar Staatsanwalt wurde und sie weit mehr
einnahmen, als sie gebrauchten, da fiel sie in einen Fehler, in den nur
zu viele Frauen fallen -- sie wurde auf ihren Mann stolz und beschränkte
das nicht allein, wie es passend gewesen wäre, auf die eigene Familie,
sondern suchte es der Stadt zu zeigen.

Von da an zog der Luxus in ihr Haus ein, und wenn Witte auch selber
viel zu vernünftig war, sie weiter gehen zu lassen, als er für gut fand,
behielt sie doch in vielen Dingen -- des Hausfriedens wegen -- ihren
Willen und arbeitete sich mit den Jahren endlich in ein solches Gefühl
ihrer Würde hinein, daß Witte selbst oft und bedenklich darüber den Kopf
schüttelte.

In diesem »Bewußtsein ihrer Stellung« wurde Ottilie erzogen, und leider
bekam sie von der eigenen Mutter öfter als gut zu hören, wie hübsch
sie sei -- und wie vornehm, und daß sie sich mit gutem Gewissen zu den
ersten Familien der Stadt, der sogenannten »Crême« der Gesellschaft,
zählen dürften.

Dadurch wurden viele Verbindungen mit früher befreundet gewesenen,
aber ärmeren Familien abgebrochen und an deren Statt eine nähere
Bekanntschaft mit dem Adel gesucht, von dem Witte selber gar nichts
wissen wollte, aber die Frau Staatsanwalt desto mehr; und wenn sie auch
vielleicht nichts Derartiges äußerte, so war sie doch jedenfalls im
Herzen fest entschlossen, ihre Ottilie -- komme was wolle -- dermaleinst
als »Frau Baronin« einhergehen zu sehen. Dann, wie sie oft im Stillen
seufzte, »wollte sie gern sterben.«

Daß Ottilie selber gegen solche Andeutungen nicht gleichgültig blieb,
läßt sich denken. Das Samenkorn hatte jedenfalls Wurzel geschlagen, und
es war nun jetzt die Frage, wie es gepflegt und genährt werden würde.

»Wo ist denn der Vater?« fragte Ottilie endlich. »Hat er schon
getrunken?«

»O, schon seit einer vollen Stunde,« sagte die Mutter; »aber er wurde
mitten darin abberufen.«

»Der arme Papa, nicht einmal seinen Kaffee lassen sie ihn ruhig trinken!
Wer ist denn bei ihm?«

»Ich weiß es nicht; ich glaube, es war in Sachen einer Scheidungsklage.
Es ist erstaunlich, wie das jetzt überhand nimmt. Denke Dir nur, Herr
von Löser läßt sich auch von seiner Frau scheiden.«

Ottilie war recht nachdenklich geworden und sah eine ganze Weile
still vor sich nieder. Endlich sagte sie: »Es ist doch sonderbar und
eigentlich recht traurig, daß Leute, die geschworen haben, in Freude und
Leid treu bei einander auszuhalten, auf einmal so andern Sinnes werden
und sich so unglücklich mit einander fühlen können. Ich bin gar nicht im
Stande, mich da hineinzudenken.«

»Gewiß ist es traurig,« sagte die Mutter achselzuckend, »aber auch nur
wieder ein Zeichen, wie leichtsinnig und unüberlegt viele Verbindungen
für das ganze Leben geschlossen werden. Ein junges Mädchen sollte nie
vor dem achtundzwanzigsten Jahr heirathen.«

»Aber, Mama,« lachte Ottilie, »dann ist sie ja kein junges Mädchen mehr,
sondern eine alte Jungfer, und die bleiben regelmäßig sitzen. Wie alt
warst Du denn, als Du den Vater nahmst?«

»Was Du davon verstehst, Kind!« sagte die Mutter ausweichend. »Freilich
sind die Männer selbst daran schuld, denn sie sollten vernünftiger sein,
als solchen jungen Dingern ihre faden Schmeicheleien vorzuschwatzen, wie
es der Herr Referendarius Blaufuß etwa macht; Referendarius -- er kann
ein Greis sein, ehe er Assessor wird. Das ist die erste Giftsaat, und
nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf, das dumm und unerfahren
genug war, um all' den Unsinn zu glauben, auch gleich nach der Hochzeit
all' die schönen Sachen vergessen und eine tüchtige, nüchterne Hausfrau
werden soll. Da war Dein Vater anders.«

»Wie war denn der, Mama?« fragte Ottilie schelmisch.

»Ja, das möchte ich auch wissen,« sagte der Staatsanwalt, welcher in
diesem Augenblick in der Thür erschien und die letzten Worte gehört
haben mußte. »Von was sprecht Ihr denn eigentlich?«

»Guten Morgen, Papa,« rief Ottilie, ihm entgegenspringend. »Wir sprachen
gerade von nichts Besonderem, ich und die Mama -- nur vom Heirathen.«

»Vom Heirathen?« rief der Vater erstaunt aus, indem er seiner Tochter
die Backe zum Kuß hinhielt -- »Blödsinn! Du solltest doch gescheidter
sein, Therese, als solche Morgengespräche mit dem Kind zu führen. Sie
kann noch nicht einmal eine Suppe kochen.«

»Hör' einmal, Dietrich,« sagte die Mutter gereizt, »ich denke, ich
weiß selber gut genug, über was ich mit dem Kind zu sprechen habe, und
brauche Deine Ermahnungen und Rathschläge nicht. Ich setzte ihr eben den
Ernst der Angelegenheit auseinander, und dagegen wirst Du hoffentlich
nichts einzuwenden haben.«

»Ja, Papa,« lächelte Ottilie, »und dann wurde der Vorschlag gemacht,
daß sich ein junges Mädchen erst mit achtundzwanzig Jahren verheirathen
dürfe, und auch darüber abgestimmt; aber der Antrag blieb unentschieden,
denn die Stimmen waren getheilt.«

»Da hörst Du,« sagte der Staatsanwalt, indem er über die Brille weg nach
seiner Frau hinüber sah, »wie die Mamsell den Ernst der Angelegenheit
aufgefaßt hat -- =à propos=, ist noch eine Tasse Kaffee für mich da?«

»Gewiß, Papa, die Menge.«

»Schön -- na und wie hast Du dich gestern amüsirt, Tilchen? Wie war der
Ball?«

»Ach, himmlisch, Papa,« rief das junge Mädchen, bei dem Capitel rasch
alles Andere vergessend; »es war wundervoll, und ich werde den Abend in
meinem ganzen Leben nicht vergessen!«

»In der That? Also das heißt, Du hast ununterbrochen getanzt und nicht
ein einziges Mal -- geschimmelt -- nicht wahr, so nennt Ihr das?«

»Nicht ein einziges Mal,« bestätigte ernsthaft Ottilie; »ich habe alle
Tänze getanzt, die Extratouren noch gar nicht gerechnet, und freue mich
jetzt nur auf _unsern_ Ball. Nicht wahr, Papa, bei dem bleibt es doch
noch?«

Der Staatsanwalt stöhnte recht schmerzlich, denn er wußte, was ihm da
bevorstand; seine Frau aber sagte würdevoll:

»Das ist ja schon Alles abgemacht und versteht sich von selbst. Wo
wir die vielen Einladungen erhalten haben, müssen wir uns ja einmal
revanchiren.«

»Auch dieser Kelch wird vorübergehen,« nickte der Vater.

»Ach, Dietrich,« sagte die Frau, »thu' nur nicht so; Du amüsirst Dich
gewöhnlich dabei am besten von Allen, und gestern hast Du auch den
ganzen Abend Whist gespielt.«

»Wenn Du das ein Amüsement nennst, mit dem Rath Frühbach Whist zu
spielen, so hast Du Recht. Der Mensch hat keine Idee vom Spiel und thut
dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.«

»Und die Mama hat sich indessen so gut mit der Frau Räthin unterhalten,«
lächelte Ottilie schelmisch.

»Allerdings nicht so gut, wie Du Dich mit Deinem Lieutenant,« rief die
Mutter, »spotte auch noch, daß ich Dir zu Liebe da geblieben bin!«

»Nicht böse, Mütterchen, nicht böse, es war ja gar nicht so gemeint!«

»Mit was für einem Lieutenant?« fragte der Vater.

»Ach, mit Herrn von Wendelsheim, Papa; er tanzt so wundervoll, Du kennst
ja doch den Lieutenant von Wendelsheim?«

»Sollte es denken,« sagte der Vater und nickte dabei still vor sich hin;
»aber das ist so in der Welt: die fadesten Menschen haben es gewöhnlich
am besten in den Füßen.«

»Aber er ist gewiß nicht fade, Papa; er spricht so interessant und
versteht Alles so aus dem Grunde.«

»So?« sagte der Vater und sah dabei seine Tochter scharf an. »In der
That? und über was hat er mit Dir gesprochen, wenn ich fragen darf?«

»Ih nun,« erwiederte Ottilie und wurde in dem Augenblick wirklich
feuerroth, »eigentlich über Alles. Ueber Concert und Theater, über die
jetzigen Moden -- über....«

»Pferde,« ergänzte der Staatsanwalt trocken.

»Er hat mir allerdings von dem wilden, prachtvollen Fuchs erzählt, den
er jetzt reitet.«

»Und was er kostet....«

»Zweihundert Louisd'or.«

»Na ja, so ungefähr meine Gedanken.«

»Aber es soll ein prachtvolles Pferd sein!« rief das junge Mädchen.

»Nein, ich meine nicht das Pferd, ich meine den Reiter,« sagte der
Vater; »aber laß gut sein. Er ist eben nicht anders, wie die meisten
Uebrigen, und zu einem Abend auf dem Ball mag er ausreichen. Doch ging
da nicht eben draußen die Thür?«

In dem Augenblick klopfte es an.

»Herein!«

»Bitte underthänigst um Escüse, wenn ich etwa stören sollte!« sagte eine
etwas scharfe Stimme, und ein Kopf mit rothen Haaren erschien -- etwa in
der Nähe des Schlosses -- in der Thür.

»Ah, der Schuhmacher!« rief Ottilie, während ein muthwilliges Lächeln
über ihre Züge blitzte. »Kommen Sie herein, Meister Heßberger; Papa ist
gerade hier.«

»Mich allergehorsamst zu bedanken,« sagte der Höfliche, indem er, wie er
schon vor der Thür gestanden hatte, in's Zimmer trat. »Gelobt sei Jesus
Christus -- wünsche allerseits einen vergnügten Morgen!« Dabei blitzten
die kleinen, hellgrauen Augen rasch durch das Zimmer, um zu sehen, wer
sich hier befand, und auf den Spitzen der Zehen trat er dann weiter in
die Stube hinein.

Schuhmachermeister Heßberger war in der That ein wunderlicher Bursche
und hatte seine Eigenthümlichkeiten. Von kleiner, untersetzter Gestalt,
machte er bei seinem ersten Erscheinen fast stets den Eindruck, als ob
ihm der Kopf, den er trug, gar nicht gehöre und er ihn nur aus Versehen
heute Morgen aufgesetzt habe. Der Körper war dünn und schmächtig, das
Gesicht aber, mit einem tüchtigen Unterkinn daran, sah fett und glänzend
aus, mit breitem Mund und etwas aufgestülpter Nase. Das Haar trug er
glatt angekämmt =à la= Napoleon =I.=, nur daß es feuerroth war, und in
den Ohren kleine goldene Ringe. Die kaum sichtbaren Augenbrauen waren
dabei immer in die Höhe gezogen, und kein Mensch hatte ihn außerdem im
Leben lachen sehen. Die Mundwinkel gingen ihm stets nach unten, und er
machte permanent ein Gesicht, als ob er auf der Erde innig betrübt wäre
und nur zum Troste gen Himmel und nach oben blicke. Er stand auch in
der That im »Geruche der Frömmigkeit« und würde nie an einem Sonn- oder
Feiertage die Kirche versäumt haben, wo er sich dann jedesmal durch
seine gellende Stimme auszeichnete.

Er arbeitete übrigens schon seit längeren Jahren für Witte's Familie,
und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden
und würde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie
bat aber immer für ihn, denn sie amüsirte sich so vortrefflich über sein
komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. »Entschuldigen Sie,
Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der
ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat, »daß
ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und
ich wünschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen.«

»_Ich_ habe Sie rufen lassen?«

»Ich war's, Papa,« lachte Ottilie; »Herr Heßberger sollte mir ein Paar
starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng
gemacht hat, wollte ich gern, daß er noch einmal Maß nähme.«

»Mit Plesir, mein Fräulein,« sagte Meister Heßberger, indem er in die
Tasche griff und sein hölzernes Maß herausholte: »wenn Sie sich nur
gefälligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen.«

»Aber nicht wieder über den Spann so eng, Meister,« sagte das junge
Mädchen, indem es ihm den kleinen Fuß hinhielt: »die letzten Schuhe
haben mir hierherüber wirklich Streifen gedrückt.«

»Soll nicht wieder vorfallen, meine Gnädigste, soll gewiß nicht wieder
vorfallen,« versicherte Heßberger. »Also dicke Schuhe wollen Sie haben.
Vielleicht mit guten Pertsche-Sohlen?«

»Wie Sie es machen wollen. Aber ich fürchte, die Guttapercha-Sohlen
lösen sich ab.«

»Können sie nicht -- können sie bosetief nicht; denn sie werden an
den Rändern so hermöglichst verschlossen, daß gar keine Luft zudringen
darf.«

»Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder,« sagte die Frau
Staatsanwalt, »als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon
nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte
es doch länger halten, als die Sohlen.«

»Bei mir nicht, Frau Geheime Staatsanwalt, bei mir nicht,« sagte
Heßberger; »denn ich arbeite meine Sohlen so, daß sie gar nicht
zerreißen können.«

»Sie sind unverbesserlich, Heßberger,« lachte Witte.

»Danke ergebenst,« sagte der Meister, indem er wieder aufstand und das
Maß in die Tasche schob. »Und wünschen Sie vielleicht Frangsemangs oben
drum herum?«

»Nein, Meister, ganz einfach, und oben um den Knöchel auch nicht zu
weit; ich glaube, das haben Sie noch gar nicht gemessen.«

»Ist auch nicht nöthig, das sagt mir schon der Instinct, mit Respect zu
melden; aber was ich noch fragen wollte: die Schnürbänder doch wieder
horizonticulär über den Fuß weg?«

»Ganz wie die vorigen.«

»Sehr schön. Und der Herr Geheime Staatsanwalt haben nichts auf dem
Herzen?«

»Nichts weiter, Heßberger, als daß Sie den Unsinn mit »Geheimer« lassen.
Wenn ich geheimer Staatsanwalt wäre, könnten Sie es doch nicht wissen.«

»Bitte um Escüse, Herr Ge--, Herr Staatsanwalt,« sagte Heßberger. »Wie
der Herr Rath Blumfeder, der bei mir im Hause unten wohnt, geheimer
wurde, ließ er es den Augenblick in die Zeitungen setzen.«

Der Staatsanwalt lachte.

»Also Sie befehlen nichts weiter?«

»Für heute nichts; und vergessen Sie nicht, wieder die quittirte
Rechnung beizulegen, wenn Sie die Stiefel schicken. Sie wissen, daß ich
keine Schulden haben will.«

»Sollen bedient werden, Herr Geheimer Staatsanwalt, sollen pünktlich
bedient werden. Habe indessen die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen!«
Und damit drückte er sich wieder mit einem tiefen Bückling zur Thür
hinaus.

»Das ist ein zu komischer Kauz,« lachte Ottilie, als er die Thür
geschlossen hatte; »und er braucht immer so drollige Ausdrücke. Wenn man
nur Alles behalten könnte, was er sagt.«

»Ein ganz durchtriebener Halunke ist er, darauf möchte ich meinen Hals
verwetten,« sagte der Vater; »und faustdick hat er es dabei hinter den
Ohren.«

»Ich würde ihn eher für dumm, als durchtrieben halten,« meinte Frau
Witte.

»Den verkaufe nur nicht für dumm,« nickte ihr Mann; »umsonst liegt der
nicht jeden Sonntag in der Kirche.«

»Aber daraus willst Du ihm doch keinen Vorwurf machen? Es wäre besser
für Dich, wenn Du häufiger gingest.«

»Ich kann die Heuchler nicht leiden,« sagte der Staatsanwalt, »und daß
sich der Schuhmacher nur fromm stellt, davon bin ich fest überzeugt.«

»Und was sollte er dabei haben?«

»Wer weiß es. Seine Frau betreibt hier ein sehr einträgliches Geschäft
mit Kartenlegen, Krankheiten besprechen und anderem Unsinn -- wer kann
sagen, wie er sie dabei unterstützt? Die Polizei hat dem würdigen Paare
nur noch nicht beikommen können; aber aus den Augen werden sie nicht
gelassen.«

»Und Ihr thut ihm gewiß unrecht. Er ist so komisch, und wenn er sagt:
Herr Geheimer Staatsanwalt...«

»Das ist eine ganz gemeine Schmeichelei,« erwiederte ärgerlich der
Vater, »wie es überhaupt eine Menge von Menschen an sich haben, Leuten,
mit denen sie verkehren, und besonders solchen, von denen sie etwas
erhoffen, einen höheren Titel beizulegen, als sie wirklich besitzen. Und
doch giebt es Schwachköpfe, die sich dadurch geehrt fühlen.«

»Du bist wirklich zu hart mit dem armen Heßberger, Papa.«

»Glaube aber nicht, daß ich ihm unrecht thue -- hol' ihn der Henker!
Ich, für meinen Theil, würde dem Burschen nie über den Weg trauen. Aber
weshalb ich eigentlich herüberkam: Ihr kennt doch Alle den Schlosser
Baumann, unsern früheren Nachbar? Du hast ja als kleines Mädchen auch
immer mit den Baumann'schen Kindern gespielt, und sein ältester Sohn
kommt manchmal hier in's Haus.«

»Ja, gewiß, Vater,« sagte Ottilie; »er ist Werkführer beim Mechanikus
Obrich drüben.«

»Wie viel Kinder hat der Baumann?«

»Ich weiß es nicht, Vater, ich glaube aber vier.«

»Keine Tochter?«

»Doch, eine Tochter und, wenn ich nicht irre, drei Söhne.«

»Und wie alt ist die Tochter?«

»Sie kann kaum über fünf oder sechs Jahre alt sein.«

»Also keine ältere Tochter?«

»Ich weiß es nicht. Weshalb, Papa?«

»Ach, es war nur so eine Frage; aber schicke doch einmal nachher die
Jette hinüber und laß ihn bitten, zu mir zu kommen. Ich möchte mir einen
neuen Schlüssel zu meinem Schreibtisch machen lassen, denn den alten muß
ich verkramt haben; ich kann ihn nirgends mehr finden.«

»Ja, und ein anderes Schloß an unsern Vorsaal auch, Dietrich,« sagte
die Frau; »denn seit mir der Schlüssel damals weggekommen ist, fehlt
mir alle Augenblicke etwas. Denke Dir nur, zwei von unseren schweren
Eßlöffeln sind fort -- ich wollte Dir eigentlich gar nichts davon
sagen.«

»Ach, die werden sich schon wiederfinden; gestohlen können sie doch
nicht gut sein.«

»Aber ich weiß nicht, wo; alle Kisten und Kasten habe ich schon
umgedreht, alle Winkel und Ecken durchsucht.«

»Nun gut, schicke nur einmal hinüber zu dem Meister und laß ihm sagen,
es wäre mir angenehm, wenn er selber kommen könnte; ich hätte etwas für
ihn zu thun.«

»Aber unser Schlosser ist eigentlich Weller nebenan.«

»Baumann soll sehr geschickt sein, und mein Schloß ist etwas complicirt.
Wie alt kann sein Sohn, der Mechanikus, etwa sein?«

»Ich weiß es nicht, Papa; vielleicht fünf- oder sechsundzwanzig Jahre.
Er trägt einen vollen Bart, da kann man es nie so genau sehen.«

»Hm,« sagte der Vater und nickte still und nachdenkend vor sich hin,
»das ist doch ein recht ordentlicher Mensch und der alte Baumann ein
braver und durchaus rechtlicher Mann.«

»Ich habe wenigstens noch nie das Gegentheil gehört,« sagte Frau Witte;
»aber er ist entsetzlich roh. Doch paßt das wohl zu seinem Geschäft, und
so weit wir mit den Leuten in Berührung kommen, läßt man es sich schon
gefallen. Höchstens daß sein Sohn einmal eine Arbeit herüberbringt.«

»Ich denke, unser Schlosser ist Weller?«

»Nein, vom Mechanikus drüben.«

»Und was habt Ihr für Arbeiten beim Mechanikus?«

»Du lieber Himmel, Papa,« sagte Ottilie ernsthaft, »in einer Wirthschaft
fällt immer Allerlei vor. Bald ist einmal eine Lorgnette zerbrochen oder
ein Opernglas muß nachgesehen werden; neulich war erst das Thermometer
schadhaft geworden. Und der junge Baumann ist darin wirklich
außerordentlich aufmerksam und so gefällig; man kann es sich gar nicht
bequemer wünschen.«

»So?« sagte der Vater, dem jedenfalls andere Dinge im Kopf herumgingen.
»Aber ich habe zu thun, und wenn ich Euch rathen soll, so macht Ihr
auch Eure Toilette; denn es ist spät geworden und könnten doch einige
Ballbesuche kommen, mit denen ich wenigstens verschont bleiben möchte.
Vergiß nur nicht, nach dem Schlosser zu schicken.«

Der Vater ging in sein Zimmer hinüber, und die Mutter hatte sich
noch behaglich in die Sophaecke gedrückt, um vorher in aller Ruhe das
Morgenblatt zu lesen. Ottilie schickte, dem Auftrage des Vaters folgend,
das Mädchen fort und schritt dann eben über den Vorplatz hinüber ihrem
eigenen Zimmer zu, als es klingelte. Sie öffnete selber, denn ein Besuch
konnte es noch nicht sein.

»Ah, Herr Baumann,« sagte sie, halb erröthend, als sie den
Außenstehenden erkannte und wußte, daß sie eben erst über ihn
gesprochen.

»Fräulein Witte,« erwiederte der junge Mann, der in seiner Arbeitstracht
an der Treppe stand, »ich habe mir erlaubt, Ihnen das Lorgnon selber
hinüber zu tragen, da ich glaubte, daß Sie es vielleicht brauchen
würden. Ich hoffe, es soll jetzt besser halten, als früher; ich habe es
selber reparirt. Den Thermometer werde ich Ihnen auch bald bringen.«

»Ich danke Ihnen sehr, Herr Baumann,« sagte Ottilie und wurde noch
verlegener, denn der junge Mann sah sie mit einem so eigenthümlichen
Blick an. »Und was -- was habe ich Ihnen dafür zu zahlen?«

Wie Purpur zuckte es über das offene Gesicht des jungen Handwerkers und
er zögerte mit der Antwort.

»Ich hoffe,« sagte er endlich, »Sie werden die Kleinigkeit nicht
erwähnen; es war eine Feierabends-Arbeit.«

»Aber das kann ich nicht annehmen,« stotterte Ottilie; »bitte, sagen Sie
mir, was ich schuldig bin.«

»Nun denn, wenn Sie es nicht anders wollen -- einen Groschen.«

»Einen Groschen? Die ganze Schale war zerbrochen!«

»Mein Fräulein, ich muß selber am besten wissen, was meine Arbeit werth
ist. Ich habe nicht mehr verdient und kann also auch nicht mehr dafür
nehmen.«

»Aber ich kann doch nicht wagen, Ihnen einen Groschen...«

»Sie wollten mich ja absolut bezahlen, Fräulein; ich bitte also deshalb
um einen Groschen.«

Ottilie war jetzt noch viel verlegener geworden, als vorher; aber sie
konnte nun auch nicht mehr zurück. Sie wußte wenigstens im Augenblick
nicht, wie sie sich helfen sollte, griff deshalb in die Tasche und gab
dem jungen Mann den Groschen, den er lächelnd und mit leisem Danke nahm.

»Den werde ich mir zum Andenken aufheben, Fräulein Ottilie,« sagte er
dabei, drehte sich ab und sprang die Treppe wieder hinunter.



2.

Die Bewohner von Schloß Wendelsheim.


Draußen vor Alburg, kaum eine halbe Stunde Weges von der Stadt entfernt,
lag das Rittergut des Freiherrn von Wendelsheim in einem reizenden, von
prachtvollen Buchen und Linden bewachsenen Thale. Das alte Stammschloß
der Familie, die sogenannte Wendelsburg, stand allerdings auf dem
nächsten Felsenhügel, oder hatte vielmehr dort in früheren Jahrhunderten
gestanden, denn ihr Glanz war lange gesunken, und nur aus leeren
Fensterhöhlen starrte sie jetzt in ihren Trümmern melancholisch und
unheimlich auf das freundliche Landschaftsbild zu ihren Füßen nieder.

So stand die alte Wendelsburg aber schon lange. Ein Raubritter sollte
dort zuletzt gehaust und dermaßen gewirthschaftet haben, daß es der
Landesherr zuletzt nicht mehr mit ansehen konnte und durfte und seine
Mannen gegen das Diebesnest sandte. Die stürmten es denn auch und
räumten gründlich auf. Was aus dem Herrn der Burg wurde, weiß man nicht;
vielleicht fiel er in der Vertheidigung des Schlosses, vielleicht zog er
mit den Kreuzfahrern in das gelobte Land. Die Burg aber ward zerstört;
die einzelnen, von den Mauern niedergeschleuderten Steinbrocken lagen
noch jetzt hier und da am Bergeshange in Schlucht und Ravine, und
nur die leeren Mauern der Wohngebäude blieben stehen und fast ein
Jahrhundert lang unbenutzt.

Endlich ließen sich wieder Abkömmlinge jenes alten Geschlechts, die sich
mit den Reichsfürsten ausgesöhnt haben mochten, dort nieder; aber nicht
in der alten Burg selber, die ihnen doch wohl zu steil und unbequem
liegen mochte. Auf dem schmalen Felsenkamm hätte auch nicht einmal ein
Garten Platz gefunden, während das Thal selber wie gemacht zu einer
herrschaftlichen Wohnung schien. Dort bauten sich denn auch die Herren
von Wendelsheim an -- großartig, wie sich nicht läugnen läßt, denn
einige Zweige der Familie waren enorm reich --, mit weiten Gehöften,
Stallungen und einem palastartigen Wohngebäude. Auch ein herrlicher
Park, gefüllt mit edlem Wild, umschloß das Ganze, und ein Fürst hätte
sich dort behaglich fühlen können.

Ob nun aber schon der erste Erbauer durch die vielleicht zu großartigen
Anlagen in Schulden gerieth oder ob seine späteren Nachkömmlinge
das vorhandene Vermögen etwas scharf in Angriff nahmen, kurz, die
Wendelsheim, die von je her sehr viel Geld verbraucht, gingen in den
auf einander folgenden Geschlechtern zurück und schienen genöthigt zu
werden, sich mehr und mehr einzuschränken.

Wenn noch im vorigen Jahrhundert ein wahrer Troß von Dienern die inneren
Räume des großen Schlosses belebt hatte, wenn lustige Cavalcaden von
Herren und Damen draußen im Park dem edlen Waidwerk oblagen und manchen
braven Hirsch zu Tode hetzten, wonach dann bis spät in die Nacht
dauernde Gelage das Siegeswerk feierten, so wurden derlei Dinge jetzt
wohl auch noch ausgeführt, aber nur =en miniature=. Der alte Freiherr
setzte sich, von einem einzigen Reitknecht und dem Revierförster zu
Fuße begleitet, auf einen alten Klepper, der das Schießen gut vertragen
konnte, und ritt pirschen, und Abends trank er dann, wenn auch gerade
keinen Humpen, so doch eine halbe Flasche Landwein, und legte sich früh
schlafen. Er konnte das lange Aufsitzen nicht mehr vertragen.

Auch mit dem Schlosse selber war eine sichtbare Veränderung vorgegangen,
und zwar nicht zum Besseren. Die großen Räumlichkeiten wurden nicht mehr
gebraucht, zwei Drittel der Stallungen standen schon ohnedies leer, und
das eigentliche, drei Etagen umfassende Schloß, das sonst wohl manchmal
bis unter den Giebel von Gästen und ihrer Dienerschaft angefüllt
gewesen, zeigte den Zahn der Zeit in nur zu deutlichen Spuren. Es hätte
auch in der That viel Geld und eine weit größere Dienerschaft, als sie
die jetzigen Besitzer hielten, erfordert, um die Gebäude alle in Stand
zu halten -- und wozu? Die erste Etage mit den unteren Räumen für Küche
und andere häusliche Zwecke genügte vollkommen und stand noch in zwar
verblichener, aber doch alter Pracht. Von den übrigen Gemächern wurden
aber nur wenige dann und wann zu Fremdenzimmern benutzt, und die
beiden Flügel blieben ganz leer; ja, zerbrochene und mit Spinngeweben
überzogene Fensterscheiben zeigten sogar, daß sie gar nicht mehr
betreten wurden. Nur die oberen Etagen waren zu Kornböden eingerichtet
worden, und dazu besaß der Verwalter den Schlüssel. Die Herrschaft kam
nie mehr hinüber, den alten Freiherrn ausgenommen, der manchmal
dort hinaufstieg, um den Kopf zu schütteln, daß die aufgeschichteten
Getreidehaufen in ihrer Quantität die Summe nicht repräsentirten, die er
nothwendig dafür brauchte.

Trotz alledem wurde die äußere Form eines vornehmen Haushalts nach
besten Kräften aufrecht erhalten. Der Freiherr von Wendelsheim war
allerdings zugleich Kammerherr des Königs und als solcher, wenn auch im
Sommer selten in Anspruch genommen, doch verpflichtet, den Winter in
der Residenz zuzubringen. Dort machte er aber kein eigenes Haus, sondern
begnügte sich mit seiner Dienstwohnung im Palais, während daheim auf
Schloß Wendelsheim seine unverehelicht gebliebene Schwester Aurelia die
Oberleitung der ganzen Wirthschaft mit eisernem Scepter führte.

Der Freiherr hatte zwei Söhne, von denen der älteste -- jetzt fast
vierundzwanzig Jahre alt -- Lieutenant war, während der jüngste -- ein
zarter Knabe von kaum etwas mehr als siebenzehn Jahren -- seines sehr
leidenden Körpers wegen in den letzten Jahren sogar seine Studien hatte
unterbrechen müssen und hier auf dem Schlosse, in der milden und freien
Luft, nur seiner Gesundheit lebte.

Aber es war eigentlich ein trauriges Leben auf Schloß Wendelsheim, und
besonders seit die Freifrau einige Jahre nach der Geburt ihres jüngsten
Sohnes gestorben, schien es, als ob der Frohsinn die alten Mauern
gründlich verlassen habe und nur noch bei dem Freiherrn und dessen
Schwester das Bewußtsein ihres Ranges und Standes mit Stolz und Härte
genug zurückgeblieben wäre, um eine dreifache Anzahl von Dienstleuten,
als sich jetzt im Schlosse befand, mürrisch zu erhalten und unbehaglich
zu machen.

Wenn aber auch die Vermögensverhältnisse des Freiherrn jetzt ziemlich
gedrückter Art waren und er bedeutende Schulden machen mußte, um nur
standesgemäß leben zu können, so bekam er trotzdem überall geborgt
und wußte auch, daß sich sogar in allernächster Zeit seine
Vermögensverhältnisse, oder die des Hauses wenigstens, glänzend
verbessern, ja wie ein Phönix aus der Asche erstehen würden.

Mit dem Geburtstage seines ältesten Sohnes, des Lieutenants nämlich,
der in kaum zwei Monaten fiel, wurde eine außerordentlich bedeutende
Erbschaft für diesen fällig, die eigens dazu bestimmt worden, den alten
Glanz des Hauses Wendelsheim wieder neu zu beleben.

Der letzte Abkömmling einer der Hauptlinien hatte diese Erbschaft
ausgesetzt, aber mit einer eigenthümlichen Nebenbestimmung.

Beide Vettern, jener alte General von Wendelsheim und unser alte
Freiherr, hatten eigentlich nie in gutem Vernehmen mitsammen gestanden,
ja, sich sogar gründlich gehaßt, und dieser Gefühle auch nie groß Hehl
gehabt. Bruno von Wendelsheim aber, wie der General hieß, war, bei einem
enormen Reichthum, unvermählt geblieben, ja, sogar ein Weiberhasser, und
hing nur mit all' der zähen Liebe und Verehrung, deren er fähig war, an
seinem alten Stammbaum, an dem Glanze und Ruhme derer von Wendelsheim,
und doch drohte das ganze Geschlecht auszusterben, denn unser Freiherr
war damals der Letzte des Namens und, obgleich er schon fünf Jahre
vermählt, noch ohne Lebenserben.

Da bezwang der alte General auf seinem Sterbebette den Haß, den er
gegen die Person des Vetters vielleicht gefühlt, und nur noch in ihm den
alleinigen Träger des Namens sehend, setzte er wenige Tage vor seinem
Tode ein Testament zu dessen Gunsten auf.

Er wußte, in welch' zerrütteten Vermögensverhältnissen sich jener Zweig
der Familie schon damals befand, und wenn ihm auch nichts daran lag, dem
Vetter selber aus der Verlegenheit zu helfen, sollten doch die Erben des
Namens wenigstens nicht mit einer solchen Misère zu kämpfen haben. Das
Testament lautete aber vorsichtiger Weise nur auf einen männlichen Erben
des Hauses Wendelsheim, der aber auch erst wenn er das vierundzwanzigste
Jahr erreicht hätte, die damals für ihn verzinslich angelegte Summe von
zweihunderttausend Thalern ausgezahlt erhalten solle.

Bekam der Baron von Wendelsheim mehrere Söhne, so blieb dieses Capital
trotzdem nur für den ältesten bestimmt und ging erst nach dessen Tode,
wenn er ohne Söhne starb, auf den zweiten über. Bekam der Baron dagegen
keine Kinder, oder nur Mädchen, so sollte er nicht einen Pfennig von der
Summe erhalten, denn diese konnten den alten Namen nicht fortpflanzen.
Fünfzigtausend Thaler waren in diesem Falle einem sehr weitläufigen
Verwandten und damals sehr lockern Officier, einem Herrn von Halsen,
ausgesetzt, und mit dem Rest, von dem indessen Zins zu Zins geschlagen
wurde, sollte ein Stift für adelige Fräuleins gegründet werden. Bekam
der Freiherr dagegen Knaben, so sollte er schon in so fern früher eine
theilweise Nutznießung der Zinsen haben, als er vom zwölften Jahre
des Erstgeborenen an jährlich für dessen Erziehung zweitausend Thaler
erheben konnte.

Freiherr von Wendelsheim wurde nach dem Tode seines Vetters mit dem
Inhalt dieses Testaments bekannt gemacht und allerdings sehr freudig
überrascht. Mit um so größerer Angst sah er aber nun auch dem Zeitpunkt
entgegen, der seine frohesten Hoffnungen verwirklichen sollte und
einzutreten versprach: nämlich die Geburt eines Kindes. Aber Alles hing
natürlich davon ab, daß es ein Knabe sei, denn bei der Geburt einer
Tochter änderte sich in seinen Vermögensumständen nichts; er blieb nach
wie vor auf seine eigenen, sehr reducirten Mittel angewiesen und ihm
schließlich, wenn kein Sohn nachkam, nichts weiter übrig, als die
Tochter in das nämliche Stift zu thun, das sein Vetter mit dem ihm
entzogenen Gelde gegründet haben wollte.

Damals soll er sich auch in einer furchtbaren Aufregung befunden haben
und halbe Nächte nicht vom Pferde gekommen sein. Aber er hatte sich
umsonst geängstigt. Die so heiß ersehnte und gefürchtete Stunde brach
endlich an, und lauter Jubel weckte plötzlich mitten in der Nacht die
Dienerschaft, denn der erwartete Erbe, ein prächtiger, dicker Junge, war
erschienen und schrie lustig in die ihm noch fremde Welt hinein.

Das war ein Jubel im Hause: der Champagner floß und die Dienerschaft
bekränzte am folgenden Morgen das ganze herrschaftliche Schloß mit
grünen Guirlanden und Blumen. Ja, der Schulmeister aus dem Dorfe
Wendelsheim rückte sogar mit der ganzen Schuljugend hinauf auf's Schloß,
ließ die Jungen einen Choral absingen, als ob sie eine Leiche zu
Grabe trügen, und zog sich dann wieder, Taschen und Hut voll von noch
dampfenden, warmen Kuchen gestopft, in die Stille des Privatlebens
zurück.

Der Knabe wuchs und gedieh. Es war anfangs ein bildhübsches Kind
gewesen, aber er entwickelte sich später etwas derber und knochiger,
wie man das ja wohl häufig bei auffallend hübschen Kindern hat, daß
sie nicht immer halten, was sie versprechen. Die Eltern aber hingen mit
größerer Liebe an dem Knaben, als sich die Hoffnung, einen zweiten Sohn
und Erben zu erhalten, immer weiter hinausschob.

Daß dabei im Publikum, mit der eigenthümlichen Erbschaft
zusammenhangend, anfangs ganz sonderbare Gerüchte auftauchten, läßt sich
denken. Auf die Aussagen verschiedener Leute im Schlosse fußend,
wurde behauptet, mit dem Erben sei nicht Alles so recht und richtig
zugegangen. Es wäre eigentlich ein Mädchen gewesen, und der alte Baron
hätte dafür gesorgt, daß er sich die Erbschaft trotzdem sicherte.
Aber es war in all' den Gerüchten keine feste Basis, und das Meiste
beschränkte sich nur auf Hörensagen. Der Verdacht war allerdings da; man
traute dem Baron etwas Aehnliches zu, aber die Beweise fehlten, und
wie sich diese Gerüchte ein paar Monate gehalten und das stehende Thema
aller Kaffeegesellschaften gebildet hatten, verschwanden sie, wie sie
gekommen. Zuletzt sprach kein Mensch mehr davon, und als sechs und ein
halb Jahr später die Baronin noch einem zweiten Knaben das Leben gab,
zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen überhaupt in
Nichts.

Leider kränkelte von da ab die Baronin selber unaufhörlich, und wenn es
auch manchmal schien, als ob sie wieder hergestellt werden könne, war
das nur immer ein Aufflackern der Lebenskräfte. Benno hatte noch nicht
sein viertes Jahr erreicht, als sie ihrer unheilbaren Krankheit erlag.

Nun ist es allerdings ein sehr natürlich Ding, daß Eltern nur zu sehr
geneigt sind, das jüngste Kind etwas zu verwöhnen und ihm anscheinend
ihre ganze Liebe zuzuwenden. Das Kleinste ist ja auch immer das
Niedlichste und erfordert die meiste Sorge und Pflege, und wir geben uns
am liebsten und häufigsten mit ihm ab. Auffallend war aber doch, wie
der Vater von dem Augenblick an, wo er seinen jüngsten Sohn auf dem Arm
schaukelte, den Erstgeborenen vernachlässigte und sich fast gar nicht
um dessen Erziehung kümmerte. Das jüngste und allerdings sehr zarte Kind
ließ er fast nicht aus den Augen und wachte mit ordentlich mütterlicher
Sorgfalt über ihn. Der Aelteste dagegen mochte thun, was er eben wollte,
er ließ ihm ganz seinen eigenen Weg. Bruno wuchs demnach ganz allein,
seinen eben nicht glänzenden Anlagen überlassen, ziemlich wild und
ungehindert auf. Zur Musik zeigte er entschiedenes Talent, zu weiter
nichts, und als die Frage endlich an den Vater herantrat, was einmal aus
ihm werden sollte, wurde er in die große Versorgungsanstalt für adelige
Kinder, in ein Cadettenhaus gesteckt.

Benno, der zweite Sohn, wuchs indessen ebenfalls heran; aber es war in
der That nur ein Angstkind und sein kleiner Körper so empfänglich für
die geringsten Einflüsse, daß es fast keine gesunde Stunde hatte. Ob man
es vielleicht mit allzu großer Pflege versehen, läßt sich nicht sagen;
aber während Bruno draußen in Wind und Wetter herumtollte, wenn er
einmal nach Hause kam, des Vaters wildeste Pferde ritt, oder Nächte
durch draußen im Wald auf dem Anstande lag, mußte Benno wie ein rohes Ei
vor jedem rauhen Luftzug gehütet werden.

Merkwürdig stach außerdem Benno's zarter, von lichtblauen Adern
durchzogener Teint, das bleiche Antlitz mit den großen, dunklen Augen
und den wirklich edlen Zügen gegen das kräftige, sonnverbrannte Gesicht
des Bruders ab, der außerdem noch blaue Augen und eine etwas stumpfe
Nase hatte. Die beiden Brüder sahen sich überhaupt gar nicht ähnlich,
wenn sie sich auch herzlich lieb hatten, und waren auch in ihren
Neigungen ganz verschieden.

Bruno fand weniger Freude am Soldatenstande als an der Oekonomie,
für welche er schon von früher Jugend an eine Vorliebe zeigte. Benno
dagegen, vielleicht auch durch seinen kränklichen Körper darauf
angewiesen, warf sich mit größter Liebe auf die Wissenschaften, und
darunter besonders auf physikalische und mathematische Werke. Er schien
auch dabei nur eine Leidenschaft seines Großvaters geerbt zu haben, der
sich ebenfalls mit der Mathematik viel beschäftigt und eine Masse von
ihm benutzter Instrumente noch hinterlassen hatte.

So wuchsen die Brüder heran, und der Zeitpunkt war schon auf wenige
Monate, ja, fast auf Wochen nahe gerückt, wo Bruno, als der älteste
Sohn oder Erstgeborene, die indessen durch Zins und Zinseszins
bedeutend angewachsene Erbschaft erheben sollte. Es schien ja auch allen
Bedingungen genügt, und Vater wie Sohn wünschten den Tag sehnlichst
herbei, denn beide hatten nicht gering auf ihn gesündigt. Du lieber
Gott, wie viel Geld braucht denn nicht allein ein adeliger Lieutenant,
wenn er auf der Welt nichts weiter zu thun, als einen alten Namen zu
repräsentiren hat!

Benno's Zustand verschlimmerte sich dagegen mit jedem Tage, und wenn
man gehofft hatte, daß er in einem mehr reiferen Alter die
Kränklichkeitskeime abschütteln würde, so zeigte sich leider nur zu
bald das Gegentheil. Der Arzt hatte die Krankheit für einen Herzfehler
erklärt, und sie schien, anstatt sich zu heben, einen immer drohenderen
Charakter anzunehmen.

Sein Vater und selbst die Tante, oder das »gnädige Fräulein,« wie sie im
Schlosse genannt wurde, pflegten ihn allerdings nach besten Kräften
und thaten, was sie ihn nur an den Augen absehen konnten, aber Benno
erwiederte die Liebe kaum, die sie ihm entgegenbrachten. Des Vaters
hastiger, unruhiger Charakter sagte dem kranken Knaben nicht zu, und
die Tante nun gar, die keinem Menschen auf der Welt, ihn vielleicht
ausgenommen, ein freundliches Wort gönnte, vermochte nicht ihn an sich
zu gewöhnen.

Die Einzige im ganzen öden Schlosse, bei deren Erscheinen ein Lächeln
seine Züge überflog, und der er traurig nachsah, wenn sie ging, war ein
junges Mädchen, eine weitläufige Verwandte, die seine Mutter noch als
kleines Kind zu sich genommen und der jetzt seine Hauptpflege übergeben
worden.

Kathinka von Stromsee, in ziemlich gleichem Alter mit Benno, dem
jüngsten Sohne, war eigentlich dessen Cousine, wenn auch die Familie
Wendelsheim nie etwas von der Verwandtschaft wissen wollte. Ein
Neffe des alten Barons, der Sohn seiner älteren, längst verstorbenen
Schwester, ein von Stromsee, hatte nämlich den furchtbaren Mißgriff
begangen, mit selbst keinem Vermögen, ein blutarmes, bürgerliches
Mädchen zu heirathen, welcher Mesalliance dann glücklicher Weise nur
diese einzige Tochter entsproß. Die beiden Eltern starben auch bald
nachher, und Frau von Wendelsheim setzte es gegen ihre Schwägerin durch,
die Waise in ihre Familie aufzunehmen.

Fräulein von Wendelsheim war aber vom ersten Augenblick an gegen das
Kind gewesen und würde ihren Bruder nach der Baronin Tod sicher bewogen
haben, die Kleine wieder fortzuthun, wenn sich nicht Benno so sehr
an sie gewöhnt hätte. Er war unglücklich, sobald er die kleine
Spielgefährtin nur auf eine Secunde missen sollte, und der Baron selber,
der Alles für den Knaben that, duldete deshalb nicht, daß sie aus dem
Hause gestoßen wurde.

Er blieb auch ziemlich gut mit ihr, aber Kathinka konnte sich dagegen
nicht rühmen, je nur einen freundlichen Blick selbst von der Tante
gesehen zu haben, die sie von Grund aus zu hassen schien, und doch hatte
ihr das Kind nie etwas zu Leide gethan. Es lag das freilich im Charakter
des »gnädigen« Fräuleins, und ließ sich eben nicht ändern.

So blieb Kathinka allerdings im Schlosse, verlebte dort aber auch eine
traurige, trostlose Jugend. Zuerst nahm sie an den Unterrichtsstunden
Benno's Theil und war seine Gespielin, dann wurde sie seine Pflegerin,
ja, endlich nur die Krankenwärterin des armen, dahinsiechenden Knaben,
aber auch zugleich seine treueste Freundin und Vertraute.

War kein Mensch im Stande, ihn von seinen anstrengenden Studien und
Büchern wegzubringen, selbst nicht sein Vater, so brauchte Kathinka nur
ihren Strohhut aufzusetzen und zu sagen: »Nun, wie ist's, Benno, wollen
wir einen kleinen Spaziergang machen? Ich muß nach unseren Rosen sehen,«
dann warf er den Band, den er gerade in Händen hielt, rasch bei
Seite, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und schritt mit einem
glücklichen Lächeln an ihrer Seite durch die schattigen Laubgänge
des Parkes. Nach solchen Spaziergängen fühlte er sich auch immer viel
wohler, jedenfalls heiterer, und der darüber befragte Arzt rieth ihm,
diese Zerstreuung unter jeder Bedingung zu erhalten. Er wisse nichts,
was wohlthätiger auf ihn wirken könne.

Benno, so jung er war, beschäftigte sich sehr gern mit physikalischen
Arbeiten; er hatte sich auch mit Hülfe eines Technikers aus der Stadt
-- unseres jungen Bekannten Baumann --, der manchmal herauskam, um ihm
Anleitung zu geben, eine kleine Elektrisirmaschine selber gebaut und war
jetzt wieder dabei, um einen Luftballon mit Centrifugal-Fliegmaschine
herzustellen. Freilich konnte er die dazu nöthigen feineren und sehr
genau zu arbeitenden Theile nicht allein bewältigen, und Fritz Baumann
half ihm da, wo es nur irgend seine Zeit erlaubte, mit wirklich
aufopfernder Geduld. Baumann hatte aber auch nicht allein bald den sehr
bösartigen und vielleicht drohenden Charakter von Benno's Krankheit
erkannt, sondern er fand in der That selber Freude an den oft sogar
geistreichen Versuchen des Knaben, und verbrachte manchen ganzen Sonntag
auf Schloß Wendelsheim. Die »gnädige« Tante gestattete aber natürlich
nie, daß er mit am Herrentische aß -- der war nicht für Bürgerliche und
noch dazu für Handwerker, sondern er wurde, wie auch Benno dagegen
bat, jedesmal auf den Verwalter angewiesen, gewissermaßen an die
»Marschallstafel.«

Bei solchen Besuchen unterstützte er den kranken Knaben aber nicht
allein in seinen Arbeiten und experimentirte mit ihm, sondern er gab ihm
auch zugleich manche werthvolle Anleitung, wie er sich Kleinigkeiten mit
leichter Mühe herstellen konnte, und Benno fand eine unendliche Freude
daran.

So war er auch heute wieder herausgekommen, um Benno eine von diesem
selber entworfene und angefangene Arbeit zu bringen: einen Mechanismus,
der die genaue Bewegung des Mondes um die Erde darstellen sollte. Wie
er aber das Schloß betrat, hörte er eine scharfe, keifende Stimme; das
konnte nur die des gnädigen Fräuleins sein, und er blieb zögernd
stehen. Er wußte nicht, sollte er trotzdem hinaufgehen oder lieber einen
günstigeren Zeitpunkt abwarten, denn obgleich ihm die »Tante« gerade
nichts zu befehlen hatte, theilte er doch unwillkürlich die Furcht
oder Scheu vor ihr, die fast das ganze Schloß erfüllte. Wie er noch
so dastand, kam Kathinka die Treppe herunter und glitt mit einem
schüchternen Gruße hastig an ihm vorüber in die Wirthschaftsräume. Es
konnte ihm auch nicht entgehen, daß sie geweint hatte oder noch weine,
wenn sie ihr Gesicht auch von ihm abdrehte. Ein einzelner fallender und
in der Sonne blitzender Tropfen verrieth Alles.

»Armes Mädchen,« murmelte er leise vor sich hin, »Du hast auch einen
schweren Stand in diesem Hause, und ich möchte nicht an Deiner Stelle
sein! Daß vornehme Leute nur so selten wissen, wie solch einem armen
Wesen unter fremden Menschen zu Muthe sein muß -- oder ob sie's wissen
und es nur nicht wissen wollen? Die Tante sähe mir etwa gerade danach
aus. Himmel, ist das ein Drache!«

Er wollte langsam und ganz in seine Gedanken vertieft die Treppe
hinaufsteigen, denn das Keifen oben hatte aufgehört, als einer der
Diener unten aus der Küche kam und ihm zurief, der junge gnädige Herr
sei im Garten in der Weinlaube. Kathinka mußte den Boten gesandt haben,
um ihm die Treppe zu ersparen. Er dankte dem Manne, der sich aber schon
nicht weiter um ihn kümmerte, denn was ging ihn der Handwerker an, und
schritt dann rasch in den Garten und der bekannten Stelle zu, wo er auch
Benno zwischen seinen Büchern und Instrumenten traf.

Benno's ganzes Gesicht leuchtete, als er ihn kommen sah, und Fritz
Baumann mußte sich jetzt zu ihm setzen, damit er die gebrachte
Arbeit genau prüfen konnte. Fritz erklärte ihm dabei eine kleine, nur
unwesentliche Aenderung, wie er sagte, die er für nöthig befunden und
die nur das Arbeiten des Werkes erleichtere, in Wahrheit es aber nur
allein möglich machte, und Benno war glücklich darüber und schien auch
heute wohler und lebendiger, als seit langer Zeit. Er plauderte und
erzählte dem jungen Manne noch von einer Menge seiner Pläne und merkte
gar nicht, daß Kathinka endlich mit seinem gewöhnlichen Getränk selber
herausgekommen war, um ihn dann zu seinem vom Arzte vorgeschriebenen
Spaziergange abzurufen.

»Spazierengehen? Ja, liebe Kathinka,« sagte Benno, »recht gern, aber was
fange ich indessen mit diesem kleinen Kunstwerk an?«

»Kann das nicht so lange hier stehen bleiben?«

»Daß mir der Gärtnerbursche wieder, wie neulich einmal, seine dicken
Finger dazwischen steckt und etwas verdirbt, nicht wahr?« rief Benno
rasch.

»Dann will ich es lieber rasch hinauftragen,« erbot sich das junge
Mädchen.

»Meine liebe Kathinka,« sagte Benno kopfschüttelnd, »das ist mein
Steckenpferd, und das vertraue ich nicht einmal Dir an. Wenn Du fielst
und es zerbrächst, wäre mir die ganze Freude verdorben. Ich trage es
selber hinauf. Warten Sie hier nur einen Augenblick, Baumann; ich bin
gleich wieder bei Ihnen und bringe dann auch den Gartenschlüssel mit,
daß wir Sie hinten hinauslassen können; Sie ersparen dadurch einen
Umweg.« Und ohne eine Einrede zu gestatten, nahm er mit sorglicher Hand
das Räderwerk und schritt rasch durch den Garten dem Schlosse zu.

Die beiden jungen Leute folgten ihm, Jedes seinen eigenen Gedanken
nachhangend, mit den Augen. Endlich sagte Baumann, aber fast mehr zu
sich selbst als der neben ihm Stehenden redend:

»Armer junger Mann, so reich begabt, so gut und so unglücklich!«

»Ja, er ist wirklich gut und unglücklich,« seufzte Kathinka, »denn ich
fürchte das Schlimmste für ihn!«

»Und glauben Sie nicht, Fräulein, daß er geheilt werden könnte,
vielleicht durch eine Luftveränderung?«

»Ich weiß es nicht; aber der Arzt sieht ihn immer so mitleidig an und
hat ihm in der letzten Zeit wieder so Vieles erlaubt, was ihm sonst
streng verboten war -- das ist kein gutes Zeichen.«

»Und Sie sind immer so gut mit ihm und geben sich so viele Mühe...«

»Ich wollte, ich könnte mehr für ihn thun,« sagte Kathinka herzlich,
»und wenn er stirbt, werde ich ihn wie einen Bruder betrauern.«

»Und Sie Beide haben keine Mutter!« sagte Baumann fast unwillkürlich,
denn er dachte an die rauhen Worte, die er vorhin im Schlosse gehört,
bereute aber augenblicklich das Gesprochene, als er sah, welch ein
wehmüthiger Ausdruck sich über Kathinka's Züge legte. Er setzte auch
rasch hinzu: »Ich habe Ihnen nicht weh thun wollen, liebes Fräulein,
seien Sie mir nicht böse.«

»Gewiß nicht, ich weiß es,« erwiederte Kathinka leise; »aber da kommt
der Baron schon wieder zurück,« fuhr sie rasch und augenscheinlich
erfreut, das Gespräch abbrechen zu können, fort. »Wie schnell er muß
gegangen sein! Er fühlt sich heute doch viel kräftiger! Gott gebe nur,
daß es so bleibt!«

Benno kehrte zurück. Er sah in der That heute viel wohler aus, als in
den letzten Tagen; sein sonst so bleiches, wachsähnliches Gesicht hatte
Farbe, und das Auge einen viel gesunderen und natürlichen Glanz. Er
nahm auch ohne Weiteres, wie stets gewohnt, Kathinka's Arm und sagte
fröhlich: »So, und nun gehen wir langsam durch den Park der Hinterpforte
zu; von dort aus schneiden Sie den ganzen langen und häßlichen Weg durch
das Dorf ab, Baumann, und haben gar nicht mehr so weit in die Stadt.
Aber wann kommen Sie wieder heraus?«

»Sobald ich irgend kann, Herr Baron, gewiß.«

»Aber spätestens am Sonntag. Ich möchte Sie so gern dabei haben, wenn
ich meine kleine Maschine arbeiten lasse. Die Kathinka versteht eben
gar nichts davon und freut sich nicht halb so viel darüber, als ich gern
möchte.«

»Ich freue mich, ja gewiß, wenn ich sehe, daß es Dir Freude macht,
Benno.«

»Ja, nur mir zu Liebe,« sagte Benno mit einem fast noch kindlichen
Schmollen, »aber nicht über die Sache selber. Das habe ich wohl
gemerkt.«

»Aber ich verstehe es ja auch nicht, lieber Benno; ich bin solch ein
armes, unwissendes und dummes Ding.«

»Glauben Sie es ihr nicht, Baumann, das ist nicht wahr,« sagte Benno
schnell. »Sie ist gar nicht so dumm und versteht Manches so gut, daß ich
selber oft darüber erstaunt bin. Aber sie zankt immer mit mir, wenn ich
einmal ein wenig lange bei meinen Berechnungen gesessen habe, und will
mir nicht recht geben, daß das meine größte Erholung ist.«

»Aber der Arzt hat es Ihnen doch auch verboten,« sagte Baumann.

»Ach was, der Arzt!« rief Benno heftig. »Der glaubt auch, daß ich krank,
ganz gefährlich krank wäre! Aber es ist gar nicht wahr! Ich fühle mich
heute so wohl und leicht, daß ich tanzen möchte!«

»Gott gebe, daß es immer so bleibt!«

»Es wird schon. Sie sollen einmal sehen, Baumann, was wir Beide noch
Alles zusammen bauen werden, und wenn Sie erst selbstständig sind, haben
Sie auch nachher mehr freie Zeit. Nicht wahr, das geschieht bald?«

»In den nächsten Tagen, hoffe ich.«

»Das ist herrlich -- aber hier ist die Pforte. So, nun machen Sie,
daß Sie wieder in Ihr Joch kommen, und tausend Dank noch für Ihre
Freundlichkeit!«

Er ließ ihn hinaus und schloß die Pforte wieder, und als Baumann
zurückschaute, sah er, wie Benno, lebhaft plaudernd, am Arme seiner
jungen Führerin durch den Park schritt, und noch wie sie schon hinter
dem Gebüsch verschwunden waren, hörte er sein fröhliches Lachen.



3.

Ein unbequemer Besuch.


Der alte Freiherr von Wendelsheim ging eben in seinem »Studirzimmer,«
das er aber kaum je zu dem Zwecke benutzte, auf und ab und rauchte dazu
aus einer langen Pfeife mit Meerschaumkopf.

Es war eine hohe Gestalt, nur mit etwas schwammigem Oberkörper und
eben nicht besonders ansprechender Physiognomie, obgleich er einmal
ein schöner Mann gewesen sein mußte; aber das Alter rückte früh an ihn
heran. Die schon etwas in's Graue spielenden Haare wurden um die fast
zu flache Stirn schon dünn und spärlich, und die kleinen dunkeln Augen
kniff er, nach einer häßlichen Gewohnheit, nur noch mehr zusammen. Er
sah auch nie den, mit dem er gerade sprach, fest an, sondern fuhr mit
den Blicken unstät über dessen ganzen Körper oder bald da, bald dort
in die Stubenecken hinein, als ob er etwas suche. Uebrigens galt er für
einen echten Cavalier von sogenanntem »alten Schrot und Korn« und war
jedenfalls ein ausgeschulter Hofmann, wenn er auch selbst dort manchmal
mit einer gewissen Derbheit coquettirte.

Allerdings sollte er früher viele gute gesellige Eigenschaften und
besonders einen trockenen, wenn auch etwas bittern Humor besessen haben;
jetzt war der freilich verschwunden oder doch wenigstens bei Seite
gestellt, denn er verließ das Schloß selten oder nie, so lange er seinen
Wohnsitz dort hatte, und in dem Schlosse, mit der bissigen Schwester zur
täglichen Gesellschafterin, mußte der Humor wohl weichen, und wenn es
der vorzüglichste gewesen wäre. Man konnte aber auch nicht sagen, daß
er gerade mürrisch oder verdrießlich sei; er ließ die Welt eben an sich
kommen und schien nur dem fast unmittelbar bevorstehenden Zeitpunkt
entgegen zu harren, wo die Erbschaft ausbezahlt und damit auch zugleich
die Schuldenlast getilgt wurde, die ihn jetzt zu Zeiten drückte.

Heute zogen sich aber, ganz ungleich anderen Tagen, finstere Wolken über
seine Stirn, denn rechts in einem der Fauteuils lehnte sich, mit der
Reitpeitsche die Stiefelschäfte klopfend, sein erstgeborener Sohn Bruno;
und sonderbarer Weise zeigte er sich gerade gegen den, von dem der ganze
neue Wohlstand seines Hauses ausgehen sollte, auf dem er allein basirte,
fast immer mürrisch und verschlossen, und Bruno konnte sich kaum
erinnern, je ein freundliches Wort von ihm gehört zu haben. Auch heute
war er in nicht besserer Laune, und den Sohn, der eben erst eingetreten
sein konnte, denn er hatte noch die Mütze in der Hand, mit dem Blick nur
streifend, sagte er:

»Und was wolltest Du eigentlich heute? Du sagtest doch neulich, Du
hättest jetzt strengen Dienst und könntest nicht abkommen.«

»Freundlich ist die Frage gerade nicht,« lächelte der Lieutenant, aber
doch etwas verlegen, denn er war sich bewußt, daß die Ursache seines
Besuches den Vater allerdings nicht besonders ergötzen würde; »aber --
ich will Dich auch nicht lange auf die Folter spannen, Vater, und Dir
rund heraussagen, was mich hergeführt.«

»Geld,« sagte der Alte trocken.

»Geld allerdings.«

»Das konnte ich mir denken; aber wofür schon wieder?«

»Ich muß den Fuchs bezahlen.«

»Und was kostet der?«

»Zweihundert Louisd'or.«

»Bist Du wahnsinnig?« rief der Vater, indem er vor ihm stehen blieb und
dabei eine alte, verräucherte Silhouette fixirte, die gerade über ihm
hing. »Und wer heißt Dich jetzt ein so theures Pferd kaufen? Konntest Du
nicht warten?«

»Nein, denn wenn ich nicht rasch zugriff, hätte ihn Graf Bentheim
gekauft; er hatte schon darauf geboten. Es ist ein prachtvolles Pferd.«

»Dann sieh' auch zu, wie Du ihn bezahlst,« knurrte der Vater und setzte
seinen Spaziergang fort. »Der Verkäufer mag bis zum Termine warten; ich
habe kein Geld.«

»Das geht nicht, Vater,« sagte Bruno ernsthaft, »ich muß das Geld bis
spätestens morgen Abend sechs Uhr schaffen; denn ich habe mein Ehrenwort
gegeben und in der Stadt schon umsonst Himmel und Hölle aufgeboten, um
das Capital nur für menschliche Zinsen zu bekommen.«

»Weshalb giebst Du Dein Ehrenwort in Geldsachen?« sagte der Vater
finster. »Jetzt sieh', wie Du es einlösest; ich kann Dir nicht helfen.«

»Und ließe es sich denn gar nicht machen, die paar Wochen vor der Zeit
ein paar Tausend Thaler abschläglich von der Erbschaft zu bekommen?«

»Daran ist kein Gedanke; sie thun es nicht.«

»Hast Du es schon versucht, Vater?« fragte Bruno nicht ohne Spott.

»Sie können es auch nicht,« fuhr der alte Freiherr fort, ohne die Frage
zu beantworten; »denn das Testament lautet auf Auszahlung erst nach dem
zurückgelegten vierundzwanzigsten Lebensjahre meines Sohnes. Stürbest
Du noch vorher, so müßte der Zeitpunkt erst in Benno's Alter abgewartet
werden, und stürbe auch er, was Gott verhüten wolle, so wäre die ganze
Erbschaft für uns verloren.«

Ein schmerzliches und doch bitteres Lächeln zuckte über das Antlitz des
jungen Officiers, als er erwiederte: »Du sagtest nur bei Benno, Vater,
was Gott verhüten wolle.«

»Sei nicht kindisch!« murmelte der Baron. »Wenn ich das Geld hätte,
solltest Du es haben; aber das ist nicht der Fall, also kann ich Dir
nicht helfen. Sieh', wie Du mit Deinem Gläubiger ein Abkommen triffst.
Du mußt doch auch Uebung und Erfahrung darin haben; vielleicht hilft Dir
auch die Tante -- versuch' es.«

»Sie könnte, wenn sie wollte, das weiß ich,« sagte Bruno finster, »und
wenn es Benno gebrauchte, würde sie sich keinen Augenblick besinnen; ich
selber bin ja aber bei Euch Beiden immer der Ausgestoßene gewesen, der
lästig wurde, sobald er sich nur blicken ließ.«

»Das hast Du Dir nur gedacht, kein Mensch weiter; geh' zur Tante, wenn
sie Dir helfen kann, thut sie es.«

»Ich will zu ihr gehen, weil ich muß,« sagte Bruno aufstehend, »aber ich
weiß vorher, daß es nutzlos ist; ich kenne meine »steinerne« Verwandte.«
Und langsam schritt er aus dem Zimmer.

Der alte Freiherr folgte dem Sohne, als dieser ihm den Rücken drehte,
mit den Augen, und sein Blick haftete noch fest an der Thür, als diese
sich schon geschlossen. Aber es war ein häßlicher Blick, mit nicht
einer Spur von väterlicher Liebe darin, ja die zusammengebissenen
Lippen bewegten sich sogar, als ob er eine Verwünschung hinter ihm drein
murmele; doch wurde kein Laut hörbar; nur seine buschigen Brauen zogen
sich zusammen, und fest auf einander hatte er die Zähne gebissen. Er
stand auch eine lange Weile so, bis draußen wieder ein Schritt auf dem
Gange laut wurde. Kehrte sein Sohn zurück? Nein, es war nur ein Diener,
der in der Thür stehen blieb und meldete: es sei eine alte Frau draußen,
die Frau vom Schuhmachermeister Heßberger, die sage, der gnädige Herr
hätte sie herausbestellt, um ihm die Hühneraugen auszuschneiden.

»Ich?« rief der Freiherr und drehte sich plötzlich auf seinem Absatze
herum; »das alte Weib ist wohl -- wie hieß sie?«

»Die Heßberger, Herr Baron; sie kam früher wohl manchmal heraus, ist
aber jetzt die langen Jahre nicht dagewesen.«

Der Baron qualmte wieder, daß eine dicke Rauchwolke über ihm
emporwirbelte, und ging mit langen Schritten auf und ab, so daß der
Diener im Stillen die Beobachtung machte, arg weh thun könnten dem Herrn
die Hühneraugen nicht, denn er trat wenigstens ganz herzhaft auf. Es
war auch fast, als ob er den auf ihn Wartenden ganz vergessen habe, bis
dieser endlich wieder fragte:

»Wie befehlen der Herr Baron? Soll ich sie vielleicht wieder
fortschicken, daß sie ein andermal....«

»Laß sie hereinkommen, Christoph,« unterbrach ihn sein Herr; »wenn sie
einmal da ist, mag sie meinetwegen nachsehen. Ich hatte gar nicht mehr
daran gedacht. Wo ist Benno?«

»Er geht unten im Garten mit dem Fräulein spazieren.«

»Es ist gut; daß Du mir nachher Niemanden hereinläßt, bis wir fertig
sind!«

»Sehr wohl, Herr Baron.«

Der Diener verschwand, und es dauerte nicht lange, so klopfte es leise
an die Thür, die sich auch fast augenblicklich auf das barsche »Herein«
des Freiherrn öffnete.

»Sie entschuldigen, mein gnädigster Herr Baron, wenn ich vielleicht
stören sollte,« sagte die alte Frau, indem sie die Thür wieder
vorsichtig in's Schloß drückte; »da Sie aber gewünscht hatten....«

»Ich habe gewünscht?« rief der alte Herr, dessen Laune der Besuch
wahrlich nicht gebessert zu haben schien. »Was wollt Ihr von mir, daß
Ihr Euch mit einer Lüge hier hereindrängt? Was habe ich noch mit Euch zu
schaffen?«

Die alte Frau Heßberger war eine hagere, etwas lange Gestalt. Sie
hatte schon eisgraue Haare, eine spitze Nase und etwas zusammengezogene
Lippen, auch zahllose Falten im Gesicht, aber ein Paar große, kluge,
lichtblaue Augen, und ging auch sonst ganz nett und sauber angezogen. So
demüthig sie dabei auftrat, lag aber doch in ihrem ganzen Wesen nichts
weniger als Schüchternheit, ja fast wie mit einem leisen Anflug von
Spott erwiederte sie auf die rauhe Frage:

»Ach, gnädigster Herr Baron, Unsereins muß gar oft lügen; aber nicht
unserer selbst, sondern zuweilen nur der Herrschaften wegen, die wir
bedienen -- und was für Dank haben wir nachher davon!«

»Was wollt Ihr? macht es kurz!« fuhr der Freiherr sie an; »ich habe
keine Zeit, mich lange mit Euch einzulassen.«

Die Frau antwortete nicht gleich; sie horchte erst nach der Thür, als
ob sie sich vor einer Störung oder vielleicht vor einem Horcher
fürchte. Endlich trat sie dem Freiherrn, der sie eben nicht freundlich
betrachtete, näher und sagte mit leiser, aber vollkommen deutlicher
Stimme:

»Eigentlich hatte ich geglaubt, daß der Herr Baron eine arme alte Frau,
die seinetwegen viel Ungelegenheiten gehabt, nicht ganz vergessen hätte;
aber Du lieber Gott, es ist einmal so der Welt Lauf, und ich will Ihrem
Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Ich bin die Frau Heßberger, die alte
Kartenschlägerin aus der Stadt, und war früher, als die gnädigste
Frau Baronin von einem so allerliebsten Knäblein entbunden wurden, die
Hebamme bei der gnädigen Frau.«

»Was soll der Unsinn?« sagte der Freiherr finster. »Eure Person habe ich
doch wohl nicht vergessen; ich denke, Ihr sorgtet schon dafür, daß das
nicht geschah. Was wollt Ihr jetzt?«

»So, der Herr Baron erinnern sich also noch?« lächelte die Frau. »Nun,
dann kann ich kurz zur Sache kommen, und wir brauchen keine Umschweife
weiter zu machen. Sie wissen, Herr Baron -- aber Sie erlauben
vielleicht, daß ich mich ein bischen auf den Stuhl da setzen darf, der
Weg ist weit hier heraus, und die alten Knochen wollen doch nicht mehr
so recht mit fort -- Sie wissen also, Herr Baron, daß jetzt die Zeit
bald umgelaufen ist, wo Sie die große Erbschaft antreten -- lieber Gott,
Unsereins kann sich so viel Geld fast nicht einmal denken --, und wenn
Sie das erst einmal haben, dann wird wohl das Gedächtniß für die arme
Heßbergern ganz weg und verloren sein, und da wollte ich mir nur noch
einmal vorher erlauben, ganz gehorsamst nachzufragen, ob Sie uns nicht
mit einer Kleinigkeit auf die Füße helfen können. Der Verdienst ist
jetzt bei den harten Zeiten so schlecht, und, Du lieber Himmel, man thut
ja wohl, was man kann, und ist immer bei der Hand, aber der Neid der
Menschen macht Alles wieder zu nichte. Die Herren Aerzte, wenn sie auch
viele Krankheiten gar nicht curiren können, gönnen es doch einer armen
Frau nicht, daß sie mit Kräutern, die sie sich mühsam im Walde sucht,
und mit frommem Gebet die Bresten der Menschen lindert. Nichts als
Verfolgung und Anfeindung habe ich zu leiden gehabt die langen Jahre,
und seit der Zeit sogar, wo einmal das Kind der Frau Baronin Zühfel
starb -- du lieber Himmel, es war ein Wechselbalg und konnte nicht
leben --, da haben sie mir gar das Metier verboten, und ich muß nun
sehen, wie ich mich so ärmlich durchschlage durch die Welt.«

»Und was habe _ich_ damit zu thun?« sagte der alte Freiherr finster.

»Nichts, Herr Baron, gar nichts,« erwiederte die Frau seufzend; »es ist
nur unser alltägliches Elend, das wir durch's Leben schleppen müssen.
Gott behüte, daß Sie damit zu thun bekämen! Wessen aber das Herz voll
ist, Sie wissen ja wohl, davon geht der Mund über. Es thut mir auch
leid, Ihre werthvolle Zeit damit so lange in Anspruch genommen zu haben,
aber -- es ging eben nicht anders. Dazu sind wir Menschen ja auch da auf
der Welt, daß wir einander helfen und beistehen sollen, und ich habe das
Meinige redlich gethan, Herr Baron, das Zeugniß müssen Sie mir geben --
wie?«

»Ich habe Euch noch nicht das Gegentheil zum Vorwurf gemacht,« sagte der
Freiherr finster; »aber....«

»Das ist hübsch von Ihnen,« nickte die Frau, und wieder zuckte das
spöttische Lächeln um ihre dünnen Lippen, »und ich werde es Ihnen
gedenken, so lange ich lebe; aber -- schöne Worte verfliegen im Winde,
wie die Spreu, denn nur das Korn fällt auf den Boden und wiegt. Bis
jetzt kann Ihnen kein Mensch die Erbschaft streitig machen, Herr Baron
-- kein Mensch auf der ganzen Welt, und wird es auch nicht, denn eher
bisse ich mir die Zunge ab, ehe Ein Wort von der Geschichte über meine
Lippen käme; aber leben wollen wir Alle, und selbst der arme Bauer läßt
die Kinder, wenn er sein Korn einfährt und den Segen in die Scheune
führt, ein paar einzelne Aehren lesen. Sie werden wahrhaftig nicht
weniger thun, Herr Baron.«

»Aber die Aehrenleser dürfen erst auf das Feld kommen, wenn das Korn
eingefahren ist,« sagte der Freiherr, der schon lange verstand, auf was
die Frau abzielte; »das meinige steht noch draußen.«

»Aber fertig geschnitten, beim schönsten Wetter, und die Wagen zum
Einfahren bereit,« nickte die Frau, nicht so leicht abgewiesen; »ich
kann auch nicht länger warten. Uebermorgen ist der Erste, und wir
müssen Hauszins bezahlen; die Rechnungen sind uns außerdem über den Kopf
gewachsen, denn mein Mann war lange krank und konnte das Salz nicht zu
seinem Brot verdienen.«

»Macht es kurz -- was wollt Ihr?« unterbrach der Baron sie ärgerlich.
»Ich sehe, das Ganze läuft nur auf eine Gelderpressung hinaus. Ich sage
Euch auch, Frau, heute will ich Euch noch einmal zu Willen sein; aber
meine Geduld ist jetzt zu Ende -- das kann so nicht fortgehen, und kommt
Ihr mir dann noch einmal auf den Hof, so....«

»So? Der Herr Baron haben noch nicht ausgesprochen.« Und ihre blauen
Augen hafteten in lauerndem Trotze auf ihm. Er begegnete aber dem Blicke
nicht.

»Macht es kurz -- wie viel braucht Ihr? Aber ich schwöre es Euch zu, es
ist das letzte Mal! Nachher thut Euer Schlimmstes. Was Ihr selber dabei
riskirt, wißt Ihr besser, als ich es Euch sagen könnte.«

»Es ist nicht nöthig, viel darüber zu reden,« lächelte die Alte. »Wir
sind Beide nicht von gestern, Herr Baron, und wissen genau, wie weit wir
gehen können; nur das ausgenommen, daß der eine Theil nichts oder doch
beinahe nichts dabei zu verlieren hat und der andere eben Alles.«

»Das ist nicht wahr,« fuhr der Baron auf; »Gott ist mein Zeuge, wie ich
bereue, jemals Euren Worten, Eurem Rathe gefolgt zu sein, und zehn-,
ja tausendfach trage ich jetzt an der Last, die ich mir damals ganz
unnützer, unnöthiger Weise aufgeladen!«

»Unnöthiger Weise, Herr Baron? Sie vergessen die Clausel.«

»Und habe ich nicht einen rechtmäßigen Erben für mein Haus -- für meinen
Namen?«

»Sie meinen den Baron Benno, nicht wahr? Armer Vater, sehen Sie denn
nicht, daß das Kind nur ein wurmstichiger Apfel ist? Und sechs Jahre
müßte er noch leben, um der Frist zu genügen.«

»Ich hoffe, daß er noch sechzig leben soll!« rief der alte Mann; »denn
die Gefahr der Krankheit ist beseitigt. Heute noch war er kräftiger
und gesunder als je. Seine Wangen bekommen wieder Farbe, sein Geist ist
frischer, sein Körper kräftiger geworden, und wenn....«

Der alte Freiherr horchte auf, denn über den Gang kam ein hastiger
Schritt; kaum fünf Secunden später wurde die Thür aufgerissen, und der
alte Christoph stürzte mit einem ganz verstörten Gesicht herein.

»Was giebt's? Was hast Du?« rief ihn der Baron erschreckt an.

»Ach, gnädiger Herr Baron,« stammelte der Alte, und schon sein Gesicht
kündete ein Unglück -- »Sie -- Sie möchten doch einmal schnell in den
Garten kommen; der junge Herr Baron....«

»Benno?« schrie der Freiherr in Todesangst.

»Der junge Baron Benno hat plötzlich einen Blutsturz bekommen, und
Fräulein Kathinka ist allein mit ihm.«

»Armes junges Blut!« sagte die Frau, während der alte Herr fast starr
vor Entsetzen auf einem Stuhl zusammenknickte und einen Moment das
Antlitz in den Händen barg. Aber es war auch nur ein Moment. Im nächsten
schon fuhr er wieder empor und griff mit wild verstörtem Blick nach
seinem Hut.

»Ist schon Jemand fort nach einem Arzte?«

»Der Karl sattelt eben das eine Wagenpferd; der Schimmel lahmte heute
Morgen ein wenig.«

»Mein ältester Sohn ist mit seinem Fuchse hier; er soll augenblicklich
selber in die Stadt jagen und einen Arzt heraussenden.«

Der Diener eilte fort, und der Baron wollte ihm nach, als sein Blick die
noch dort stehende Frau traf.

»Aber jetzt -- jetzt kann ich nicht!« rief er von Angst gepeinigt aus.

»Nein, Herr Baron,« sagte die Frau, mit dem Kopf schüttelnd, »jetzt
gewiß nicht; ich komme wieder -- morgen oder übermorgen oder in acht
Tagen vielleicht -- wenn die »sechzig Jahre« vorüber sind,« setzte sie
leise murmelnd hinzu und verließ das Gemach und gleich darauf auch das
Schloß.

Der Diener hatte übrigens den Unfall, der den armen jungen Mann
getroffen, nicht übertrieben. Als der Vater mit zitternden Gliedern,
aber festen Schrittes den Park durcheilte, fand er den Sohn auf dem
Rasen liegend, den Kopf an Kathinka's Kniee gelehnt, deren lichtes Kleid
von seinem Blute geröthet war. Er sah dabei todtenblaß aus, und die
Augen hafteten mit einem ganz eigenthümlichen Glanz auf dem Nahenden.

»Benno, mein armer Benno, was ist geschehen?« rief der Baron, neben ihm
niederknieend und seine Hand ergreifend. »Du bist gewiß zu rasch mit ihm
gegangen, Kathinka, ich habe es Dir so oft verboten.«

Der Kranke schüttelte leise mit dem Kopf und hob mühsam die eine Hand;
dann sagte er leise: »Nein, Kathinka ist nicht Schuld daran; es kam so
plötzlich -- ich -- fühlte mich so wohl und leicht -- wie lange nicht
mehr. Ich war so glücklich -- es ist so schön, gesund sein -- und ich
bin immer krank gewesen. Arme Kathinka, und wie Dein hübsches Kleid
aussieht -- aber ich konnte nicht dafür.«

»Mein lieber, guter Benno,« sagte das junge Mädchen bittend, »das hat
ja gar nichts zu sagen; sorge Dich nur darum nicht, das wäscht sich ja
Alles wieder aus.«

Der Vater hatte mit angsterfüllten Blicken den Sohn betrachtet, und die
Worte schnitten ihm in's Herz. Nur erst, als Benno einen Versuch machen
wollte aufzustehen, wehrte er ihm.

»Bleib' noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte er mit herzlicher
Stimme; »die Leute werden gleich mit einem Stuhle hier sein, um Dich
hinaufzutragen -- ich bin ihnen nur vorausgeeilt. Du darfst Dich jetzt
nicht anstrengen, oder es könnte sich wiederholen.«

»Aber Kathinka wird müde mich zu halten, Papa.«

»Nein, gewiß nicht, gewiß nicht -- ich könnte noch eine Stunde so
knieen,« rief diese; »und dorthinten sehe ich auch schon die Leute
kommen. Du darfst Dich nicht anstrengen.«

»Nun werde ich wieder diese Woche nicht mit meiner Maschine fertig,«
seufzte der Knabe -- »ich soll auch gar keine Freude haben! Aber da
kommt auch Bruno -- den habe ich recht lange nicht gesehen.«

»Und weshalb bist Du nicht fort nach dem Arzt?« rief diesem der Vater
entgegen. »Was thust Du noch hier?«

»Was ich hier thue, Vater?« rief Bruno erstaunt. »Soll ich nicht selbst
nachsehen dürfen, wie es dem Bruder geht?«

»Guten Tag, Bruno!« sagte der Knabe, ihm matt die Hand
entgegenstreckend; »ich bin wieder einmal krank geworden.«

»Mein armer Benno -- wie blaß Du aussiehst! Soll ich Dich hinauf in Dein
Zimmer tragen?«

»Du wirst mir weh thun.«

»Ah, dort kommen sie ja schon mit einem Sessel,« rief Bruno; »so, das
ist recht, Kathinka, laß ihn den Kopf ein wenig anlehnen. Habe nur einen
Augenblick Geduld, Benno, Du sollst gleich zur Ruhe und auf Dein Bett
kommen.«

Der Knabe nickte ihm freundlich zu, und Bruno sprang jetzt selber fort,
um den gebrachten Stuhl so herzurichten, daß sie den Kranken gut darauf
transportiren konnten. Da hinein setzten sie ihn dann, und während
die Dienerschaft herbeigerufen war, um ihn langsam und vorsichtig in's
Schloß zu tragen, ging Kathinka an der einen, Bruno an der andern Seite
und unterstützten ihn.

Indessen war auch Bruno's Fuchs gesattelt worden, und wie er den Bruder
nur erst einmal gut untergebracht wußte, eilte er hinab, sprang, ohne
weder von Vater oder Tante Abschied zu nehmen, in den Sattel und ritt,
seinem feurigen Thier die Sporen eindrückend, in einem scharfen Trab aus
dem Schloßhof hinaus und durch das Dorf.

Am letzten Hause des Dorfes stand eine Frau, die dem Reiter, als er
vorüber brauste, freundlich und fast vertraulich zunickte. Bruno kannte
sie auch, es war die alte Heßberger, die er sonst wohl oft in seines
Vaters Hause gesehen; er bemerkte auch vielleicht, daß sie ihn
grüßte, sah wenigstens die Bewegung, hatte aber den Kopf so voll der
verschiedensten Dinge, daß er gar nicht daran dachte, ihr auch nur
zu danken, sondern gleich darauf, ohne ihr nur den Kopf noch einmal
zuzuwenden, die breite Fahrstraße verließ und rechts ab in einen Fußweg
einbog, der nicht allein die Strecke bis zur Stadt etwas verkürzte,
sondern auch zwischen den Getreidefeldern einen weichen und elastischen
Rasenboden für sein Thier gewährte.

Die Heßberger sah ihm mit demselben lachenden Gesicht, mit dem sie ihn
vorhin gegrüßt, nach, selbst wie er schon weit von ihr entfernt durch
die Kornfelder dahintrabte, bis er endlich eine kleine Erhöhung überritt
und dann dahinter verschwand; und nun erst nickte sie still vor sich hin
mit dem Kopf und murmelte dabei:

»Merkwürdig, merkwürdig -- und man lernt doch nie im Leben aus. Sonst
denkt man doch immer, es stäke im Blute und wär' angeboren -- aber es
läßt sich auch anerziehen, wenn es nur recht begonnen und durchgeführt
wird. Ja, ja, Puppe, reite Du nur da so stolz auf Deinem hübschen Gaul,
als ob Du ein König oder Kaiser wärest, und gucke die alte Frau nicht
an, die den Staub von Deines Rosses Hufen schluckt. Und wenn die
alte Frau wollte -- doch sie will eben nicht und läßt Dich so lustig
hinreiten, als ob Du wirklich alles das wärest, was Du Dir denkst. Nun,
vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo sie Dir in den Weg tritt --
und wie höflich Du dann werden wirst, mein Bürschchen, wie erstaunlich
höflich!«

Bruno von Wendelsheim trabte indessen, ohne auf die Alte auch nur einen
Gedanken zu wenden, scharf den Rasenpfad entlang, und das Herz war ihm
so voll und schwer, der Kopf that ihm so weh vom vielen Grübeln.

Benno, sein armer Bruder, er war viel kränker, als er es je für möglich
gehalten -- und wer blieb ihm von all' seinen Verwandten, wenn der
Knabe starb? Sein Vater? Er hatte wohl rauhe und heftige Reden oder
Ermahnungen, nie aber ein Wort der Liebe von seinen Lippen gehört. Seine
Tante? Er biß die Zähne fest auf einander, wenn er nur an das letzte
Begegnen mit ihr dachte, wo sie ihn ordentlich mit Hohn abgewiesen.
Hatte sie Liebe zu ihm? Wahrlich nicht! Und vor sich hin schüttelte er
still den Kopf, wenn er daran dachte, wie groß der Haß gegen ihn sein
müsse, daß sie sich nicht einmal aus Klugheit freundlicher gegen ihn
benahm.

Seinem Fuchs hatte er dabei die Zügel gelassen; er mußte bald in der
Stadt sein, einestheils seiner eigenen Angelegenheit wegen, anderntheils
aber auch, um den Arzt so rasch als nur irgend möglich nach Wendelsheim
hinauszusenden. Wie er so auf dem schmalen Weg dahin trabte -- und
der Fuchs war eigentlich halb mit ihm durchgegangen, denn der Reiter
bekümmerte sich gar nicht mehr um seine Führung --, machte der Weg,
gerade an einer niedern Stelle, wo das Korn außerordentlich hoch stand,
eine scharfe Biegung, und als Bruno dahinflog, sah er plötzlich einen
Fußgänger vor sich, der auf dem weichen Rasen das nahende Pferd gar
nicht gehört hatte und jetzt kaum noch Zeit genug behielt, um zur Seite
zu springen. So dicht an ihm vorbei aber schoß der Fuchs, daß Bruno den
Fremden, in dem er jetzt den jungen Baumann erkannte, noch mit dem
Knie streifte. Er versuchte auch sein Pferd einzuzügeln, um sich zu
entschuldigen; aber es war nicht möglich. Der Fuchs hatte das Gebiß
zwischen die Zähne genommen und setzte in eine ordentliche Carrière ein,
daß Kies und Rasenstücke hinter ihm emporstiebten. Bruno mußte ihn eben
laufen lassen, und wenige Minuten später erreichte er schon die Thore
der Stadt, wo er das wilde Roß erst wieder in seine Gewalt bekam.



4.

Die elende Familie.


In der Lindenstraße, aber ziemlich weit draußen, so daß der Garten mit
seiner Rückseite schon an die dort beginnenden Felder stieß, lag das
Grundstück des alten Majors a. D. von Halsen, der da mit einer alten
Verwandten, die ihm das Hauswesen führte, einem Gärtner, einer Köchin
und einem alten Stubenmädchen wirthschaftete.

Das Haus selber war groß und massiv gebaut und in den oberen Räumen
wirklich herrschaftlich eingerichtet, der Garten parkähnlich, mit einem
großen Treibhause und dem kostbarsten Obst darin, und der Besitzer
galt für reich, aber für einen Sonderling, der sich hier von der Welt
vollkommen abzuschließen schien. Er hatte es allerdings sehr gern,
wenn ihn Jemand besuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, denn die
Langeweile quälte ihn oft fürchterlich; er selber aber machte nie einen
Besuch, außer in letzter Zeit häufig bei dem Staatsanwalt Witte, mit dem
er besonders viel und heimlich zu verkehren hatte.

Uebrigens fanden sich nur Wenige, die dann und wann das »Lazareth,«
welchen Namen das Haus schon in der ganzen Stadt erhalten, betraten,
denn es bot sehr wenig Anziehendes, und der Major selber, ohne die
geringste gesellschaftliche Tugend, war ein so unliebenswürdiger Gesell,
daß man ihm immer lieber aus dem Wege ging, als ihn in seiner Höhle
aufsuchte. Es sah auch noch dazu selbst ungemüthlich bei ihm aus.

Schon der Garten war wie ein Nonnenkloster mit einer zehn Fuß hohen und
sehr dicken Mauer, in die nicht einmal eine Gitterthür einen Einblick
gestattete, umschlossen. Ebenso wurden alle nach der Straße führenden
Fenster, wenn nicht das Logis einmal gereinigt werden mußte, fest
verhangen gehalten, und das Wohnzimmer des Majors selber, wo er
auch seine sämmtlichen Besuche empfing, glich eher der Wohnung eines
Tagelöhners oder ärmeren Bürgers, als der eines reichen Mannes aus den
höheren Ständen.

Die obere Etage war, wie schon erwähnt, sehr elegant eingerichtet, aber
nur wenige Menschen hatten sie einmal zufällig zu sehen bekommen und
sie wohl kaum je betreten. Das untere Zimmer dagegen, das, mit der
Küche dicht daneben, nach dem Garten zu hinausführte, zeigte nicht
die geringste Bequemlichkeit, einen alten, mit abgeschabtem Leder
überzogenen Lehnstuhl ausgenommen, noch viel weniger Eleganz. Die Wände
waren nicht einmal tapeziert, sondern nur gemalt, die Dielen weiß, mit
Sand bestreut. Ein großer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte, und
zwei hölzerne, zwei Rohrstühle und ein vereinzelter aus Kirschbaumholz
zierten die Ecken. Auch das Buffet war nichts weiter als ein lackirter
Holzschrank, und das Sopha unter dem kleinen, schwarz umrahmten Spiegel
so furchtbar hart und zusammengesessen, daß man sich erst dann ausruhte,
wenn man wieder davon aufstand.

Als Verzierung befanden sich allerdings drei Lithographien in schwarzen
Rahmen im Zimmer, aber sie paßten zu den Bewohnern. Die eine stellte ein
Schlachtfeld mit schrecklich Verstümmelten und Todten vor, die andere
das Martern und Verbrennen verschiedener Ketzer im Mittelalter, und
die dritte jenes bekannte Pferd, an welchem alle nur erdenklichen
Pferdekrankheiten mit Nummern angedeutet und darunter auch die Namen
genannt werden.

Nicht einmal Gardinen zeigten die Fenster, ein paar zerwaschene
Lappen ausgenommen, die oben darüber angebracht waren und weit eher so
aussahen, als ob sie dort zum Trocknen aufgehangen wären. Ueberhaupt das
ganze Zimmer machte den Eindruck der Dürftigkeit, und doch schien sich
der alte Major wunderlicher Weise nur gerade hier wohl und zufrieden zu
fühlen, wenn er das überhaupt je gethan hätte. Er gehörte aber leider
zu jenen Menschen, die eigentlich die größte und jede Ursache gehabt
hätten, gegen Gott dankbar zu sein, aber sich dabei allein für schlecht
und nichtswürdig behandelt hielten, und nun schon darüber, weil sie
keine gegründete Ursache zur Klage auffinden konnten, ärgerlich und
verdrießlich durch das Leben stöhnten.

Eine Verwandte von ihm, die verwittwete Frau von Bleßheim, lebte mit in
dem nämlichen Hause, und ein besser zusammenpassendes Paar hätte es auf
der Welt nicht geben können. Das mußte sie auch allein bewogen haben,
dieses »Lazareth« zu ihrem Aufenthaltsort zu wählen, wo sie »angeblich«
dem Major die Wirthschaft führte, in Wirklichkeit aber nur mit ihm
stöhnte und ächzte.

Sie war allerdings schon ziemlich hoch in den Jahren und von kränklichem
Körper, und würde mit dem Vermögen, das sie besaß, recht gut und bequem
haben leben können, aber sie mochte nicht allein sein. Sie fühlte das
dringende Bedürfniß, nicht allein bedauert zu werden, sondern auch
Jemanden zu haben, den sie bedauern konnte, dem es wenigstens nicht
besser ging, als ihr selber. Das Lamentiren gehörte mit zu ihrem Leben,
ja bildete fast ihre einzige Unterhaltung, und da sie gefunden, daß sie
gesunden Leuten damit endlich lästig fiel und unerträglich wurde, so war
der alte Major ihre letzte Zufluchtsstätte geworden. Dort konnte sie in
ihrer Leidenschaft grünen und blühen, und fand sogar in der Dienerschaft
Mitleidende.

Der Major saß auf seinem gewöhnlichen Platz, dem alten Lehn- oder
Sorgenstuhl, hielt das Morgenblatt, seine einzige Lectüre, in der Hand
und stöhnte. Ihm gegenüber, an einem in die Ecke geklebten dreieckigen
Schranke, stand Frau von Bleßheim und nahm einiges Geschirr heraus.

»Ach Du mein großer Gott,« seufzte sie dabei vor sich hin, »o Du mein
lieber Himmel!«

»Ah--h!« stöhnte der Major aus seiner Ecke. »Aber was hast Du nur heute,
Rosamunde? Was fehlt Dir denn?«

»Mir? Ach du großer Gott, und das fragst Du auch noch?« lautete die
Antwort. »Alle Glieder sind mir wie zerschlagen, und mein Herz klopft
mir so furchtbar, daß ich es ordentlich an den Rippen fühle!«

»Ach, was Du auch immer hast,« ächzte der Major, »ewig winseln und
lamentiren! Was soll ich denn da sagen, wie mir zu Muthe ist?«

»Ich wollte nur, ich wäre so gesund wie Du!« seufzte die gnädige Frau.

»O du meine Güte, versündige Dich nicht!« rief der Major und ließ vor
Erstaunen über den entsetzlichen Wunsch die Zeitung sinken. »Sitz' ich
denn hier nicht in dem verdammten alten Stuhl mit allen Fehlern und
Leiden behaftet, wie das Pferd da drüben an der Wand, und es fehlte
weiter nichts, als daß ich numerirt würde über den ganzen Leib, um sie
nachher auch auf einer Tabelle neben einander zu haben! Du so gesund wie
ich, wünschest Du Dir -- es ist rein zum Todtschießen, wenn man nur so
etwas mit anhören muß!«

Die alte Dame schwieg und stöhnte nur leise weiter, als die Köchin,
mit einem dicken, weißen Tuch um die Backen -- denn sie hatte ewig
Zahnschmerzen -- in's Zimmer trat, um die Schüsseln herauszuholen.
Diese faßte sie unter den linken Arm, mit der Rechten hielt sie sich die
Backe.

»Ist der Christian noch nicht wieder da, Liese?« fragte der Major, ohne
von ihren Schmerzen weitere Notiz zu nehmen. »Der bleibt auch wieder
eine Ewigkeit! Kein Mensch kommt hieher, um Einen im Elend zu besuchen;
nur amüsiren wollen sich die Leute, tanzen und vergnügt sein, ja wohl,
aber an einen armen Mitmenschen denken sie eben so wenig, wie an ihr
einstiges Seelenheil!«

»Der Christian kann auch selber nicht fort,« sagte die Liese mürrisch.
»Der Rheumatismus ist ihm die Nacht wieder in's Kreuz geschlagen, und er
geht ja so krumm wie eine Tischbürste.«

»Ach, der hat auch immer was!« stöhnte der Major.

»Ja wohl,« sagte die Liese; »es soll auch schon gar Niemand weiter krank
sein, wie Sie ganz allein. Wenn ich nur den Jammer hier im Hause nicht
mehr mit ansehen müßte!«

»Na, meinethalben kann Sie gehen,« fuhr da der Major auf, »ich halte Sie
nicht, wenn Sie's hier gar so schlecht hat! Ich will Niemanden zwingen,
bei einem armen und kranken Manne zu bleiben; ich kann mich auch allein
in eine Ecke auf's Stroh legen und verrecken, wen kümmert's -- keinem
Teufel würde ein Auge drum naß werden! Ach Du lieber Gott, ist das ein
Elend auf der Welt!«

Die Köchin, der schon seit zwanzig Jahren alle Tage wenigstens zweimal
der Dienst gekündigt wurde, verließ brummend das Zimmer, und die beiden
Verwandten waren wieder eine Zeit lang allein, bis die Thür endlich
aufging und der lang erwartete Christian hereintrat.

Christian paßte vollkommen in die Gesellschaft. Er lahmte vollständig,
trug dabei einen dicken, wollenen und sehr bunt gestopften Strumpf um
den Hals und hielt den Oberkörper ganz gebückt oder vielmehr krumm und
nach der rechten Seite hinübergezogen.

»Na, Christian,« sagte der Major, indem er den Kopf nach ihm hindrehte,
»wie seht Ihr wieder aus -- wie ein wahres Jammerbild! Geht nachher nur
hinaus und stellt Euch in die Erbsen, denn weiter werdet Ihr doch wohl
keine Arbeit thun können!«

»Ja, Sie spotten noch,« sagte Christian; »wenn _Sie_ das Kreuz
hätten...«

»Und ich tausche augenblicklich!« rief der Major, schon von dem Gedanken
entrüstet, daß Jemand ein schlimmeres Kreuz haben sollte, als er selber.
»Wenn Euch aber nur ein Finger weh thut, dann möchtet Ihr Euch gleich in
Baumwolle einwickeln! War der Staatsanwalt zu Hause, und kommt er? Ich
kann ja nicht ausgehen!«

»Ja, er käme gleich,« knurrte der Mann, »und ich glaubte, er wäre schon
da; er ging mit mir zur Thür hinaus, und ich bin nur den Weg hieher
gekrochen, ich konnte nicht mehr fort -- da ist er auch schon.«

Draußen ging in der That die Saalthür auf, und es pochte gleich darauf
an; aber es war nicht der Erwartete, sondern ein alter Freund des
Majors, der »Rath Frühbach,« wie er in der Stadt genannt wurde, der mit
einem sonoren: »Nun, mein lieber Herr Major, wie geht's heute
Morgen?« den Hut schon von draußen in der Hand, in das Eß-, Wohn- und
Empfangszimmer eintrat.

Rath Frühbach war einer von den Menschen, die der liebe Gott nur auf die
Erde gesetzt hat, um sich hier zu amüsiren, aber etwa in der Art, wie
eine Stechfliege, die sich von dem Blute ihrer Mitgeschöpfe nährt und
dabei äußerst wohl befindet. Allerdings war er nicht blutgieriger Art,
wenn er auch daheim über seinem Schreibtische einen Cavallerie-Säbel und
eine Doppelflinte hangen hatte; aber er benutzte die beiden letzteren
so wenig wie den ersteren, und seine einzige sichtbare Beschäftigung auf
der Welt war: seinen linken Arm auf den Rücken spazieren zu tragen und
Geschichten oder vielmehr Anekdoten ohne Pointe zu erzählen. Von denen
stak er aber bis zum Rande voll, und man brauchte ihn nur anzutupfen,
so entlud sich schon das Eine oder Andere über den nächsten, besten
Unglücklichen, ja, sie kamen sogar ohne Antupfen, er schwitzte
sie ordentlich aus, und konnte in dieser Eigenschaft, besonders
beschäftigten Leuten, furchtbar werden. Dazu kam, daß er sehr laut,
aber sehr langsam sprach -- er hatte immer Zeit --, und wo er einmal ein
Opfer fand, konnte man sich auch darauf verlassen, daß er es festhielt
und zu würdigen verstand. Leicht war er nie im Leben abzuschütteln.
»Herr Rath« wurde er ebenfalls in der ganzen Stadt genannt, und seine
Frau im natürlichen Weltlauf »Frau Räthin,« was sie den Dienstboten
gleich beim Anzuge selber sagte. Was für ein Rath er aber sei, konnte
Niemand erfahren oder herausbekommen, und da der Mann das Interesse
auch wirklich nicht besonders in Anspruch nahm, so bemühte sich Niemand
deshalb. »Herr Rath« war außerdem kürzer als »Herr Frühbach.«

Wie er nach Alburg kam, hatte er den Major, den er von Schwerin aus
kannte, wohl dann und wann gesprochen, aber selten aufgesucht. Dessen
Haus bot zu wenig Genüsse, und er war in der Stadt noch nicht bekannt,
also auch nicht gefürchtet. Wie er sich aber erst einmal entwickelte,
einzelne Spaziergänger überfiel und sich an sie hing, ja, Leuten, die
ihm vertrauensvoll genaht, sogar auf's Zimmer rückte und ihnen so lange
Geschichten erzählte, bis sie verzweiflungsvoll in Rock und Stiefeln
fuhren und einen wichtigen Ausgang vorschützten, da fing es ihm an
schwerer zu werden, Opfer für seine Anekdoten zu finden, und nun fiel
ihm der alte Major als passendes Lamm in die Hände. Damit war denn auch
Beiden geholfen, denn der Major wollte nur erzählen hören, was auch
immer, blieb sich gleich, ja er wußte oft nicht einmal, von was
gesprochen wurde. Frühbach dagegen wünschte sich nur mitzutheilen, und
die alte Dame ging dann um Beide herum und seufzte oder machte draußen
der Liese Umschläge auf ihren Backen. Ein Topf mit Camillenthee kochte
wenigstens permanent das ganze Jahr und Winter und Sommer auf dem
häuslichen Herde des Majors.

»Ah, mein lieber Rath,« sagte der Major, doch einigermaßen enttäuscht,
»ja, wie soll's gehen -- wie es einem armen, kranken Menschen gehen
kann, dem der Tod schon im Nacken sitzt. Ich athme eben noch, das ist
etwa Alles, was ich von mir rühmen kann.«

»Bei Athmen,« sagte der Rath, indem er seinen Stock und Hut, wie
gewohnt, in die Ecke stellte, »fällt mir.... -- ach, ergebenster Diener,
Frau von Bleßheim, freue mich, Sie so wohl zu sehen!«

»Wohl? Ach Du lieber Gott, ich kann die Glieder kaum fortschleppen!«

»Fällt mir eine komische Geschichte ein,« fuhr der Rath fort, ohne auf
den Krankheitszustand der Dame weitere Rücksicht zu nehmen. »Denken Sie,
ich sitze eines Abends noch spät an meinem Schreibtische und arbeite,
und meine Frau war schon zu Bett gegangen, denn sie ist kein Freund
vom langen Aufbleiben. Auf einmal, wie ich horche, um die Uhr draußen
schlagen zu hören -- wir haben eine Schwarzwälder Uhr, die immer auf dem
Gange hängt, weil es für das Mädchen in der Küche bequem ist, wenn sie
sehen kann, welche Zeit es ist --, da athmete 'was im Zimmer, und zwar
lang und schwer. Nun sehen Sie, Herr Major, ich bin wahrhaftig
nicht ängstlicher Natur und habe ja auch immer meine Waffen über dem
Schreibtisch hangen, wenn je einmal etwas vorfallen sollte, aber im
ersten Augenblicke lief mir's doch ordentlich kalt über den Leib, und
mein erster Gedanke war: Da hat sich ein Kerl hereingeschlichen und
liegt unter dem Sopha. Ich nicht faul, meinen Säbel von der Wand und mit
der Lampe unter das Sopha geleuchtet; aber es lag nichts darunter. Ich
sehe mich im ganzen Zimmer um, und es war eigentlich nirgends mehr ein
Raum, wo sich ein Mensch hätte verstecken können. Auf einmal höre ich
etwas klopfen, und zwar von meinem Schreibtische her, und wie ich mich
jetzt dorthin drehe, was ist da? Mein Hund, der verwünschte Jagdhund,
der sich hereingeschlichen haben muß, ohne daß ich ihn bemerkte, und
der jetzt ganz vergnügt, weil ich aufstand, mit dem Schwanze wedelte und
dabei gegen den Schreibtisch schlug.«

»Ja,« sagte der Major, der indessen die ganze Zeit an den Staatsanwalt
gedacht hatte und ob der noch nicht käme, »er wird wahrscheinlich noch
beschäftigt gewesen sein.«

»Gott bewahre,« versicherte der Rath, »er hatte geschlafen und ich das
Athmen gehört, und weil er unter dem Schreibtische lag, klang es so
curios, als ob es von dem Sopha herkäme.«

»Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin?« sagte die gnädige Frau.

»Ah, ich danke Ihnen, Frau von Bleßheim, recht gut! Es ist merkwürdig,
wie sich die Frau auf den Füßen hält, und immer thätig, immer auf dem
Zeuge, und doch den vielen Aerger dabei! Ich versichere Ihnen, mit den
Dienstboten ist gar nicht mehr auszukommen, wir haben nun in diesem Jahr
schon das fünfte Mädchen...«

»Da kommt er,« sagte der Major, der indessen draußen einen Schritt
gehört hatte. Gleich darauf klopfte es auch wieder, und auf sein rasches
»Herein!« trat der Staatsanwalt in's Zimmer.

»Guten Morgen, Major, guten Morgen, gnädige Frau! Ah, da ist ja auch der
Herr Rath Frühbach! Wie geht's, Rath?«

»O, ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, so ziemlich! Ich erzähle eben
der gnädigen Frau...«

»Nun, lieber Major, Sie hatten mich rufen lassen, ich habe eben nicht
viel Zeit und noch einen Termin abzuhalten, den ich nicht gern versäumen
möchte...«

»Wie es mir beinahe einmal gegangen ist,« sagte der unverbesserliche
Rath Frühbach. »Denken Sie, ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit
-- es betraf das Vermögen einer Wittwe in Schwerin, deren Mann nach
Konstantinopel gegangen und an der Cholera gestorben war, und die Stadt
hatte die Sache zu besorgen -- einen Termin angesetzt bekommen, um elf
Uhr Morgens, und es verstand sich von selbst, daß ich den einhalten
mußte, wenn ich das Ganze auch nur aus Gefälligkeit that. Ich ziehe mich
also an, und da es noch ein wenig früh war, schlendere ich langsam über
die Promenade dem Rathhause zu. Unterwegs treffe ich aber den früheren
Minister von Bassefeld, einen alten Freund von mir, und ich bleibe
natürlich stehen; wir kommen in's Plaudern und erzählen uns so einige
interessante Sachen aus früheren Zeiten. Wie ich aber noch so dastehe,
schlägt es ja wahrhaftig Elf, und ich hatte noch reichlich zehn Minuten
zu gehen. Ich sage Ihnen, so rasch bin ich in meinem ganzen Leben nicht
ausgeschritten! Der Minister lachte ordentlich, wie er mich fortlaufen
sah, aber ich kam doch noch eben zur rechten Zeit auf's Amt.«

Witte hatte wie auf Kohlen gestanden und wiegte sich immer von einem Fuß
auf den andern.

»Könnten wir denn nicht vielleicht hinauf in eins der Zimmer oder in
den Garten gehen,« sagte er jetzt, »um unsere Sache abzumachen? Ich habe
nicht lange Zeit, Major....«

»Ach, Sie wollen etwas mit einander besprechen,« sagte der Rath, »ja,
dann will ich Sie lieber allein lassen. =A propos=, Herr Major, haben
Sie denn die Aepfelwein-Cur begonnen, die ich Ihnen das letzte Mal
anrieth? Sie glauben gar nicht, wie segensreich das auf die Eingeweide
wirkt. Ich fühle mich immer ungeheuer erleichtert danach und bin auch
überzeugt, daß es eine Umwandlung im ganzen Blut hervorbringt....«

»Also was war es, Major?« rief der Staatsanwalt, der ungeduldig wurde
und schon nach der Uhr sah. »Ich muß wahrhaftig wieder fort, wenn Sie
nicht reden!«

»Rechtshändel,« sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging,
»müssen unter vier Augen abgemacht werden, und ein Dritter ist dabei das
fünfte Rad am Wagen. Also Adieu, lieber Herr Major -- leben Sie recht
wohl, Frau von Bleßheim! Bald hätt' ich auch noch vergessen, daß ich
Sie von meiner Frau grüßen sollte, und wenn ich wiederkomme, bringe ich
Ihnen auch das Recept zu den Umschlägen mit; heute habe ich wirklich
nicht daran gedacht. Solche Recepte sollte man übrigens immer bei sich
führen, denn man weiß nie, wie man Jemandem damit helfen kann. So ging
es mir einmal, da fuhr ich von Schwerin nach Wasmuhlen -- damals hatten
wir noch keine Eisenbahn -- (der Staatsanwalt lief, die Hände auf dem
Rücken, im Zimmer auf und ab und sah nach der Decke hinauf), und in
Wasmuhlen, gleich im ersten Hause, wo ich abstieg, lag eine Frau, die
ich recht gut von früher her kannte, und hatte furchtbare Krämpfe, und
kein Arzt war aufzutreiben. Aber glücklicher Weise trug ich ein ganz
vortreffliches Recept für solche Fälle, das mir der berühmte Schönlein,
ein alter Jugendfreund von mir, einmal gegeben, bei mir in der
Brieftasche, ging gleich selber in die Apotheke, ließ es zubereiten, und
die Krämpfe verloren sich. Aber die Herren haben zu thun -- also guten
Morgen allerseits! Wenn ich Zeit habe, komme ich vielleicht morgen
einmal wieder vor und sehe nach, wie es geht. Fangen Sie nur mit dem
Aepfelwein an, Major.«

»Herr Du mein Gott,« rief der Staatsanwalt, als der Rath kaum die Thür
hinter sich zugedrückt hatte, »ist das ein langweiliger Peter! Der
Mensch bringt Einen ja rein zur Verzweiflung! Ich begreife nicht, wie
Sie den, zu allen Ihren übrigen Leiden, auch noch ertragen können,
Major!«

»Du lieber Gott,« sagte dieser, »es ist ein seelenguter Mensch, und
vertreibt mir manchmal eine Stunde die Zeit.«

»Schlägt sie todt, ja,« nickte Witte; »aber nun heraus mit der Sprache,
denn ich habe wirklich wenig Zeit.«

»Also vor allen Dingen,« sagte der Major, »haben Sie den Schlosser
Baumann gesprochen?«

»Ja, aber Ihre Nachricht, so weit es die Familie betrifft, war
vollkommen unbegründet. Schlosser Baumann, außerdem ein anerkannt
rechtlicher Mann, der nie zu einer Schurkerei die Hand bieten würde,
wohnt noch in dem nämlichen Hause, das er von seinem Vater ererbte,
und hat dort hinein vor etwa sechsundzwanzig Jahren geheirathet. In
derselben Kirche, in der er getraut wurde, sind auch seine sämmtlichen
Kinder getauft; und ich habe selber das Kirchenbuch nachgesehen, und
Ihre Nachricht, die Sie mir gaben, ist vollkommen falsch. Seine ältesten
Kinder sind lauter Jungen, er hat nur ein einziges Mädchen von noch
nicht sieben Jahren. Der älteste Sohn ist Werkführer beim Mechanikus
Obrich, der zweite arbeitet mit dem Vater, der dritte ist bei einem
Tischler in der Lehre. Seine Kinder sind außerdem alle gesund und am
Leben geblieben, daß also auch mit einem Todesfalle keine Schmuggelei
vorgefallen sein konnte. Wie kamen Sie überhaupt auf die Familie?«

»Weil die Heßberger, die damalige Hebamme der Baronin Wendelsheim, die
Schwester von des Schlossers Frau ist,« sagte der Major. »Und wie ich
neulich zufällig hörte, daß die Baumann ihr erstes Kind, ein Mädchen,
gleich wieder verloren hätte, war doch nichts natürlicher, als nach
dieser Richtung hin Verdacht zu fassen.«

»Es ist aber, wie ich Ihnen sage, nicht wahr, denn ich habe mich selber
überzeugt. Ein blankes altes Weibergeschwätz, mit dem Sie keinen Hund
hinter dem Ofen vorlocken. Sie sind nun einmal auf die Ihnen entgangenen
fünfzigtausend Thaler verbissen und können die fixe Idee nicht los
werden, daß bei der Geburt des Erben irgend eine Täuschung stattgefunden
haben müsse. Aber so lange Sie dafür weiter nichts beibringen können,
als Ihre eigene Ueberzeugung, hilft Ihnen das gar nichts. Beweise müssen
wir haben, kalte, trockene Beweise, keine hitzköpfigen Verdächtigungen,
sonst will ich wenigstens mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.«

Der Major hatte, beide geballte Hände auf der Lehne seines Stuhles
liegend, still und verbissen zugehört, und Witte in der That Recht, denn
der Major war eben jener, damals junge und etwas lockere Officier von
Halsen, der, im Falle der Baron von Wendelsheim ohne männlichen Erben
blieb, fünfzigtausend Thaler von der Erbschaft auf seinen Antheil
bekommen haben würde, wobei sich natürlich denken ließ, daß er, mit
einem solchen einmal gefaßten Verdacht, Alles aufbieten werde, um
sein Ziel zu erreichen. Er war auch in der That die langen, dazwischen
liegenden Jahre nicht müssig gewesen und bald auf dieser, bald auf
jener Fährte laut geworden, aber immer ohne Resultat, bis er es
endlich aufgab. Nur das Heranrücken des entscheidenden Zeitpunktes, der
vierundzwanzigste Geburtstag des jungen Erben, rüttelte ihn noch einmal
aus seiner Lethargie auf, um einen letzten, verzweifelten Versuch zu
machen, um dem alten Baron, den er ärger als die Sünde haßte, den fetten
Bissen vor dem Munde wegzuschnappen.

»Beweise, Beweise,« knurrte er vor sich hin; »wenn ich nur das verdammte
Wort gar nicht mehr hören müßte. Aber Sie sollen auch Beweise haben, und
deshalb gerade ließ ich Sie heute zu mir rufen.«

»Da wär' ich begierig,« sagte Witte.

»Wir haben,« berichtete der Major, »vor etwa sechs Monaten ein
Hausmädchen angenommen, mit dem wir die ganze Zeit sehr zufrieden waren.
Sie that ruhig und unverdrossen ihre Arbeit, und wir bekümmerten uns
auch gar nicht darum, wo sie früher in Dienst gestanden. Heute Morgen
nun wischt sie im Zimmer ab, und da mich die Langeweile plagte....«

»Aber das brauch' ich ja Alles nicht zu wissen!«

»Lassen Sie mich doch nur ausreden -- knüpfe ich also ein Gespräch
mit ihr an und erfahre dabei, daß sie, bald nach der Vermählung des
Freiherrn von Wendelsheim, als Kammermädchen in Diensten der gnädigen
Frau gestanden und drei Jahre bei ihr gewesen sei, also auch in der Zeit
ihrer ersten Niederkunft....«

»Hm, und weiter?«

»Nachher wurde sie schlecht behandelt -- sie behauptet, die gnädige Frau
wäre eifersüchtig auf sie gewesen und habe sie plötzlich fortgeschickt.
Es muß jedenfalls etwas vorgefallen sein, denn sie spricht nur in den
bittersten Ausdrücken von allen Beiden und behauptet dabei, in jener
Nacht sei nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen.«

»Aber ich will gar nicht wissen, was sie behauptet. Welche _Beweise_
bringt sie dafür? Das Geschwätz haben wir schon seit vierundzwanzig
Jahren gehabt, und es konnte nachher doch Niemand auftreten und sagen:
ich weiß etwas; es hieß nur immer: ich vermuthe.«

»Ich fragte natürlich weiter,« fuhr der Major fort, »und sie erzählte,
daß an dem nämlichen Abend mit der Hebamme Heßberger ein Mann, der etwas
unter dem Arm getragen habe, nicht vorn herein, sondern durch den Park
gekommen sei und sich dort aufgehalten habe; ja, der Gärtner wollte
sogar gehört haben, daß es ein kleines Kind gewesen sei, denn es hätte
geschrieen.«

»Und kann er das beschwören?« fragte Witte. »Und wenn er es selbst
beschwören könnte, was hälfe es? Aber weiter! Was sonst noch?«

»Da lief plötzlich der Ruf durch's Schloß, die gnädige Frau habe einen
Knaben bekommen; der Freiherr kam selber heraus auf die Treppe und
schrie es den Leuten jubelnd zu, und dann wurde Hurrah geschrieen, und
Wendelsheim vertheilte Wein unter die Leute...«

»Und ist das Alles?«

»Aber die Heßberger soll selber in der Zeit auf der dunkeln Treppe
gewesen sein, so behauptet die Frau wenigstens.«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Major,« rief der Staatsanwalt, »ich werde
aus Ihrer ganzen Erzählung nicht klug, denn Sie mengen alte Geschichten
und neu Erfahrenes bunt durch einander! Wir können die Sache deshalb
vereinfachen. Wo ist die Person?«

»Draußen in der Küche.«

»Rufen Sie sie herein.«

»Sie wird aber nicht in Ihrer Gegenwart reden wollen....«

»Und weshalb nicht? Sie braucht oder soll gar nichts weiter sagen,
als was sie selber gehört und gesehen hat; ich will auch nichts weiter
wissen und kann nichts Anderes gebrauchen. Lassen Sie die Person nur
einmal hereinkommen.«

Der Major griff nach der neben seinem Stuhl hangenden Klingel und zog
daran, und gleich darauf steckte die bezeichnete Frau den Kopf in die
Thür und fragte, was sie solle.

»Kommen Sie einmal her, Frau Meier,« sagte der Major.

»Aber ich kann ja nicht, ich sehe so schrecklich aus!«

»Macht nichts,« lachte der Staatsanwalt, »wir sind alle Zwei ein paar
alte Knaben und haben unsere Herzen schon lange, der Eine verloren, der
Andere eingetrocknet. Wir wollen Sie nur bitten, uns ein paar Fragen zu
beantworten.«

»Fragen beantworten?« wiederholte die Frau mißtrauisch, indem sie, in's
Zimmer tretend, sich noch die Hände an ihrer Schürze abtrocknete.

»Sie haben früher bei der Frau Baronin Wendelsheim in Dienst gestanden,
wie?«

»Ja,« nickte die Frau; »das hab' ich ja schon dem Herrn Major erzählt.«

»Schön. Sie waren also auch dort, wie der erste Knabe geboren wurde,
wie?«

»War ich auch. Aber weshalb?«

»Liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig, »es handelt sich hier
nur darum, von Ihnen die Bestätigung oder Nichtbestätigung eines alt
gefaßten Verdachts zu bekommen. Sie selber haben natürlich gar nichts
damit zu thun, und es ist nur die Frage, ob Sie vielleicht irgend ein
Interesse dabei hätten, etwas zu verschweigen, was mit jener Sache in
Verbindung steht.«

»Ich,« sagte die Frau halb beleidigt, »was sollte _ich_ für ein
Interesse dabei haben? Ich bin mir nichts Schlechtes bewußt und kann
jedem Menschen frei und offen in die Augen sehen.«

»Wollen Sie mir also das genau erzählen, was Sie heute Morgen dem Herrn
Major erzählt haben?«

Die Frau zögerte. »Was geht's mich an?« sagte sie endlich. »Was
Einen nicht juckt, soll man nicht kratzen. _Ich_ will mit der ganzen
Gesellschaft nichts weiter zu thun haben.«

»Das sollen Sie auch nicht, liebe Frau,« sagte der Staatsanwalt ruhig;
»aber wissen Sie, wer ein geschehenes Unrecht verheimlicht, nimmt
indirect selber Theil daran, er mag sonst noch so unschuldig sein.«

»Aber ich weiß von keinem Unrecht,« sagte die Frau; »ich habe nur
erzählt, was ich an dem Abend gesehen, und -- hätte auch vielleicht mein
Maul besser gehalten. Ueber die Geschichte ist Gras gewachsen, und Todte
können doch nicht wieder lebendig werden.«

»Todte?« fragte der Staatsanwalt, indem er sie scharf dabei ansah.

»Nun, ich weiß nicht, wie's damals gewesen ist,« sagte die Frau,
vielleicht selber unwillig darüber, daß sie schon so viel gesprochen.
»Dem Herrn Major hab' ich's aber einmal erzählt, und wenn Sie's auch
wissen wollen, weshalb fragen Sie denn nicht den darum?«

»Da haben Sie recht,« lenkte der Staatsanwalt ein, »und die Hauptsache
weiß ich ja nun doch; es war mir nur nicht glaublich, daß der Freiherr
selber in der Nacht sein Kind hätte forttragen können.«

»Das hab' ich auch nicht gesagt, Herr Major,« rief die Frau rasch,
»keine Silbe davon! Wie das Kind aber geboren war, ließ die Heßberger
damals die Wartefrau, eine Verwandte von ihr, mit der sie dicke
durchsteckte, oben allein bei der Wöchnerin und der »Tante« und ging
in den Hof hinunter, so viel ist sicher, denn das habe ich mit meinen
eigenen Augen gesehen. Sie trug auch etwas unter dem Mantel und kam
ebenso zurück, und wir Alle haben viel darüber gesprochen, denn so eine
Frau gehört in der Zeit in das Wochenzimmer und nicht in den Hof. Die
Leute im Hause meinten auch damals, es sei gar kein Knabe gewesen,
sondern ein Mädchen, und der Herr Baron hätte es nur so verkündet; aber
nachher stellte es sich doch heraus, daß es ein prächtiger Junge war,
der ja auch gut gediehen und groß und stark geworden ist. Das wär'
Alles, was ich darüber sagen könnte.«

»Und wer war der Mann, der damals mit jener Frau in den Park kam?«

»Und woher sollt' ich das wissen?« sagte die Frau. »Ich habe ihn gar
nicht einmal gesehen, und das Volk im Hause, oder vielmehr der Gärtner,
meinte freilich, es wäre der Schuster Heßberger, der Heßberger ihr Mann,
gewesen; aber wer kann's sagen! Dunkel war's ebenfalls und regnete die
ganze Nacht hindurch, und nachher kümmerte sich auch weiter Niemand
um ihn, denn in dem Regenguß mochte natürlich Keiner mehr in den Park
gehen, da noch dazu unten in der Gesindestube eine Flasche Wein neben
der andern stand.«

»Das ist erklärlich,« nickte der Staatsanwalt leise vor sich hin, »und
kommt auch wohl eigentlich nichts darauf an, aber Sie meinten vorher,
Frau Meier, daß Todte nicht wieder lebendig werden könnten. Was wollten
Sie eigentlich damit sagen?«

»Von Todten habe ich nichts gesprochen,« sagte die Frau zurückhaltend.

»Doch, Frau Meier,« nickte der Staatsanwalt; »aber es ist zu leicht
denkbar, daß in einer so aufgeregten Zeit Manches von den Leuten nur so
obenhin gesprochen und vermuthet wird, ohne daß irgend ein fester Beweis
dafür zu Grunde liegt. Wahrscheinlich bezieht sich das, was Sie sagten,
auch nur auf derartige Vermuthungen. Erinnern Sie sich vielleicht noch
einiger der damals gehenden Gerüchte? Lieber Gott,« setzte er hinzu,
als er sah, daß die Frau noch unschlüssig schwieg, »es ist seitdem eine
lange Zeit vergangen und viel Wasser den Berg hinabgelaufen; es wäre
kein Wunder, wenn Sie es vergessen hätten, und kommt auch eigentlich
nichts darauf an, aber einen Grund müssen die Leute doch damals für ihre
Behauptung gehabt haben.«

»Für welche denn?« sagte die Frau, die dem Gedankengang nicht folgen
konnte.

»Nun dafür,« meinte Witte ruhig »daß sie glaubten, der Mann, der das
Kind umgetauscht, habe das ihm überlieferte, also wahrscheinlich ein
Mädchen, umgebracht.«

Die Frau sah ihn bestürzt an. Hatte sie denn das selber schon gesagt,
oder war das dem Manne mit der hohen, kahlen Stirn und den weißen Haaren
selber so vorgekommen.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich, durch das viele Fragen ganz
verwirrt gemacht, »die Leute reden viel. Gesprochen wurde allerdings
davon, die damalige Wirthschafterin hatte ein böses Mundwerk und sagte
immer mehr, als sie verantworten konnte.«

»Und die meinte es auch?«

»Ganz ähnlich so wenigstens,« nickte die Frau; »aber ich habe von Anfang
an dagegen gesprochen und glaub's auch nicht bis auf den heutigen Tag,
denn dazu kann eine Mutter nicht ihr Kind hergeben und ein anderes
annehmen und so lieb haben, wie die gnädige Frau den Jungen gehabt hat.
Sie küßte ihn nur immer in Einem fort und ließ ihn gar nicht aus den
Augen, so lange sie ihn nur eben hüten konnte, und der Baron selber
wußte nicht vor lauter Freude, was er angeben sollte. Der freilich hätte
sich auch nichts Besseres wünschen können; denn daß er mit dem Knaben
eine große Erbschaft machte, war ja schon damals überall bekannt.«

Die Frau war in Zug gekommen, und Witte hütete sich wohl, sie darin zu
stören. Nur erst als sie schwieg, sagte er, aber auch mehr zum Major
gewandt, als zu ihr:

»Ganz richtig ist die Sache keineswegs gewesen, davon bin ich ebenfalls
überzeugt, aber die Frau Meier hat ganz recht; es ist Gras darüber
gewachsen, und Alles, was sie uns da erzählt hat, weiter nichts, als was
sich ein paar Monate nach der Entbindung eben die ganze Stadt heimlich
erzählte, ohne irgend etwas beweisen zu können. Nur noch Eins, Frau
Meier. Sie erwähnten vorhin einer Wartefrau, die allein bei dem Kinde
geblieben, als die Frau Heßberger fortging. Lebt die noch und wo ist
sie?«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte die Frau, »wer weiß das! Eine Zeit lang
war sie noch in der Gegend, nachher ging sie fort und, wie es allgemein
hieß, nach Amerika, und später soll sie sogar dort gestorben sein; die
Heßberger erzählte es wenigstens so in der Stadt. Sie hatte einen Vetter
in Amerika, und von dem wollte sie einen Brief erhalten haben.«

»Genau so, wie ich mir dachte,« nickte der Staatsanwalt. »Alles, was
irgend eine positive Aussage machen könnte, fehlt, und was uns bleibt,
sind nichts als wilde Gerüchte und Vermuthungen; denn daß die Frau
Heßberger selber irgend welche Auskunft geben würde, ist doch wohl nicht
denkbar.«

»Die?« rief die Frau Meier. »Die schlechte Person, die -- eher bisse die
sich die Zunge ab, ehe sie aus der Schule schwatzte! Und die weiß
auch wohl, warum, denn umsonst trägt sie nicht an Sonn- und Feiertagen
seidene Kleider und echte Spitzen daran und einen Hut mit großen Federn
auf, damit sie ja nicht so aussieht wie Unsereins! Die ist mit allen
Hunden gehetzt, und ihr Mann auch, der alte Heuchler...«

»Na, Frau Meier,« sagte der Major, der wohl einsah, daß sie jetzt
Alles erzählt hatte, was sie wußte, »dann gehen Sie nur wieder an Ihre
Arbeit;« und als die Frau sich zurückzog, rief er triumphirend den
Staatsanwalt an: »Na, was sagen Sie nun? Sind das keine Beweise?« -- Er
schien auch seinen sonst so trostlosen Krankheitszustand rein vergessen
zu haben, denn während der ganzen Zeit hatte er nicht ein einziges Mal
geächzt oder gestöhnt, sondern mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den
Worten der Frau gelauscht.

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal im Zimmer auf und
ab gegangen. Jetzt sagte er kopfschüttelnd: »Beweise? Nicht die blasse
Spur. Dem alten Freiherrn traute ich allerdings eine solche Handlung
schon zu, und schlimmere Dinge sind wirklich vorgefallen; aber die Frau
hat auf der Gotteswelt nichts weiter gethan, als die alten Gerüchte,
die damals Jahre lang wiedergekaut wurden, bestätigt. Neues ist nichts
darin, als daß die Wartefrau in dem Wochenzimmer, während die Heßberger
hinausging, allein zurückgeblieben, und hätten wir die Frau hier und
könnten sie zum Reden bringen, so möchten wir allerdings Genaueres
erfahren. Wenn sie aber todt oder nur nach Amerika ausgewandert ist, so
hilft uns das Alles nichts und wir sind so klug als vorher.«

»Wenn aber nun jener Mensch das kleine, neugeborene Mädchen wirklich
umgebracht hätte?«

»So wäre das allerdings ein scheußliches Verbrechen,« sagte der
Staatsanwalt, »ist aber gar nicht denkbar, denn irgendwo hätte dann in
damaliger Zeit ein Kind gefehlt, und man würde davon gesprochen und es
in jener Aufregung und dem allgemeinen Verdacht gegen den Baron gewiß
mit dieser Sache in Verbindung gebracht haben. Nein; hat jene alte Frau
Heßberger wirklich zu einem Verbrechen oder einer Betrügerei die Hand
geboten, so ist das Alles so schlau und geschickt angefangen, daß nicht
einmal auf frischer That ein Beweis geführt werden konnte, wie viel
weniger denn jetzt, nach beinahe vierundzwanzig Jahren.«

»Und dann erbt also in den nächsten Wochen der Lieutenant das ganze
riesige Vermögen, und wir Anderen sind geleimt.«

»Allerdings, wenn er an dem Tage noch lebt, und gesund und kräftig genug
sieht er dazu aus. Jetzt bitte ich Sie aber, Major, daß Sie mich mit der
Sache ungeschoren lassen, denn Sie haben mich schon drei- oder viermal
darin vergebens auf den Trab gebracht.«

»Aber es ist doch Sache des Staates, einem solchen Verbrechen
nachzuforschen!« rief der Major gereizt.

»Jawohl,« sagte Witte, »wenn wir selber die Möglichkeit einer
Beweisführung einsehen oder irgend ein gegründeter Verdacht vorliegt,
gewiß; doch auf altes Weibergeklatsch, auf Hörensagen und blinde
Gerüchte hin, nachdem beinahe ein Menschenalter verflossen ist, trete
ich nicht mit einer solchen Klage vor die Gerichte. Also gute Besserung,
Major!« Und mit diesen Worten griff er wieder Hut und Stock auf und
verließ das Haus.



5.

Beim Schlosser Baumann.


Beim Schlosser Baumann wurde das Abendbrot auf den Tisch gestellt:
Kartoffeln in der Schale, kräftiges Schwarzbrot, Butter, Käse und ein
Krug Bier dazu, denn Baumann arbeitete allerdings ganz tüchtig und war
ein geschickter Mann, ließ sich jedoch nichts abgehen und hielt etwas
auf seinen inneren Menschen. Aber er duldete auch nicht, daß die Leute
schlechteres Essen bekamen, als er selber. Er verlangte ordentliche
Arbeit von ihnen, und wahrhaftig kein Feiern dabei, denn wie er selber
zugriff, mußten auch die Anderen mit angreifen. Doch ordentliche Nahrung
sollten sie dazu in die Knochen haben, und dann hielten sie es auch mit
Vergnügen aus und schlugen in der Schmiede nicht zu, als ob sie Nüsse
knacken wollten.

Nur auf seinen äußeren Menschen gab er nichts. Sonntags allerdings, wenn
er einmal mit der Frau ausging, zog er seinen langen, blauen Rock an und
band sich eine etwas unbequeme, hohe Cravatte um; in der Woche aber ging
er in Hemdsärmeln und mit dem Schurzfell und dazu ein schwarzes, kleines
Käppchen auf; ja, selbst wenn er Arbeit in der Stadt hatte und ausgehen
mußte, wechselte er das nicht, wie auch die Frau dagegen redete. Es
schickte sich nicht für einen Meister, sagte sie, daß er wie ein Gesell
umherlief, und er solle doch etwas mehr auf seine »Reputation« sehen.
Aber Meister Baumann lachte dann nur immer und meinte: er sähe in seinem
Schurzfell ein ganz Theil besser und anständiger aus, als sie selber mit
ihrer aufgedunsenen Crinoline, mit der sie dem Ambos nicht einmal mehr
dürfe zu nahe kommen. Und dabei blieb es, denn Baumann, so seelensgut er
sonst sein mochte, hatte einen entsetzlichen Dickkopf in manchen Dingen,
und auch gerade nicht ganz Unrecht mit der Crinoline, die er seiner Frau
vorwarf.

Seine Frau war wirklich herzensgut und sorgte für ihren Mann und ihre
Kinder, wie nur eine Mutter sorgen kann, und besonders an dem Jüngsten,
einem Mädchen von sieben Jahren, hing sie mit unsagbarer Liebe; aber
sie besaß einen Fehler: sie war ein wenig eitel, und zwar nicht mehr auf
ihre Schönheit, so hübsch sie auch vielleicht in früheren Jahren gewesen
sein mochte, aber auf ihr Aeußeres, auf ihre »Stellung« im Leben, und
das Gefühl geht freilich durch alle Schichten der Gesellschaft, von hoch
herunter bis zum Niedrigsten. Meister Baumann versuchte nun allerdings
zuweilen, ihr den »Dünkel«, wie er es nannte, auszutreiben, und
argumentirte dann ganz einfach, daß sie nichts als schlichte Handwerker
wären, die keinen Anspruch machten und an die kein Anspruch gemacht
würde; aber darin gab sie ihm nie Recht. Er, ihr Mann, sei, wie
sie behauptete, ein geachteter Bürger der Stadt, wenn auch nur ein
Handwerker, der sich sein Brot mit seiner Hände Arbeit verdiene:
aber deshalb gerade könne sie nicht wie eine Tagelöhnersfrau in einer
»schlampigen Fahne« umherlaufen, und »wenn dem Tischler Behrens seine
Frau und dem Bäcker Gluck seine« in großen Crinolinen einherstolzirten,
so möchte sie einmal das Gesicht sehen, mit dem die sie angucken würden,
wenn sie »nur so« zwischen ihnen herum liefe.

Baumann lachte bei solchen Argumenten, und die Sache war abgethan. Nur
wie sie einmal den Versuch machte, eine Schleppe zuzulegen, curirte
er sie gründlich gleich von vorn herein. Er sagte nämlich kein Wort
darüber; wie aber Abends, nach einem stolz verlebten Sonntag-Nachmittag,
das Kleid im Schrank hing, nahm er eine Scheere, ging hin und schnitt
heimlich hinten alles Ueberflüssige herunter. Gesprochen wurde auch
darüber gar nichts. Die Frau fand das etwas arg zugerichtete Kleid --
denn Baumann war nichts weniger als ein Damenschneider --, reparirte es
wieder, so gut es gehen wollte, und gab dann jeden weiteren Versuch in
dieser Richtung auf.

Diese Eitelkeit hatte aber auch ihre guten Seiten, denn sie warf sich
auf die Erziehung der Kinder, für die sie Alles anstrengte. Ein paar
Jahre nach ihrer Verheirathung hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht,
und wie der Erstgeborene heranwuchs, wollte sie absolut, daß er studiren
und ein gelehrter Mann werden solle. Dagegen aber legte Meister Baumann
entschieden Protest ein; denn wenn das Kind auch in den ersten Jahren
etwas kränkelte, entwickelte es sich doch später vortrefflich, und der
Vater behauptete, daß sein Sohn nichts Anderes werden dürfe, als was der
Vater gewesen: ein ehrlicher und tüchtiger Schlosser auch. Das bahne ihm
dann den Weg weiter, und habe der Junge Talent und Geschick, so könne
er es schon noch zu Allerlei bringen, denn das Schlosserhandwerk sei
in jetziger Zeit der Anfang zu allen möglichen ehrenvollen Laufbahnen
geworden.

Fritz, wie der Knabe getauft worden, trat denn auch bei ihm selber in
die Lehre, und der Erfolg bewies, daß der Vater recht gehabt. Er zeigte
sich bald so außerordentlich fleißig und geschickt, daß ihn der alte
Schlossermeister selber nach drei Jahren dem Mechanikus Obrich überließ,
um etwas Tüchtiges aus ihm heranzubilden.

Der zweite Sohn, ein derber, prächtiger Junge, wurde ebenfalls
Schlosser, und der dritte, da er mehr Neigung zu Holzarbeiten verrieth,
kam zu einem Tischler in die Lehre. Mit dem Studiren, wie es die Frau
immer gehofft, war es also nichts, und die Knaben befanden sich auch
alle drei bei dem gewählten Beruf vortrefflich.

»Sag' einmal, Alte,« begann der Meister, während er mit seiner Frau,
den Gesellen und einem Lehrling am Tisch saß und eben eine etwas heiße
Kartoffel schälte -- Fritz war gleichfalls herüber gekommen, hatte aber
schon gegessen und sich nur ein Glas Bier eingeschenkt, was es drüben
nicht gab -- »kennst Du denn den Staatsanwalt Witte oder seine Familie
näher?«

»Näher?« sagte die Frau kopfschüttelnd. »Woher soll ich die Leute näher
kennen? Die Kinder haben früher oft mitsammen gespielt; ich bin aber nie
zu ihnen in's Haus gekommen. Weshalb denn?«

»O, ich meinte nur,« sagte der Meister, während Fritz, ohne jede
scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen
aussah. »Aber wie ich heute drüben war, denn er ließ mich eines
Schlüssels zu seinem Schreibtisch wegen rufen, fragte er mich so
angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir hätten, und ob
es Jungens oder Mädchens wären, und ob uns keines gestorben sei, und
wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch
eigentlich verwünscht gleichgültig sein könnte.«

»_Ich_ kenne die Leute, Vater,« sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das
Bier an die Lippen hob; »ich komme manchmal hinüber, wenn wir etwas für
den Staatsanwalt zu thun haben.«

»_Du_ kommst hinüber?« sagte der Vater erstaunt. »Wozu?«

»Nun, wenn irgend eine gemachte Arbeit abgeliefert wird.«

»Na, das hat bei Euch der Werkführer zu thun? Bei uns thut's der Junge.«

»O,« meinte Fritz, doch jetzt etwas verlegen, »wenn einmal irgend etwas
sehr Zerbrechliches vorkommt, was man dem Jungen nicht gut anvertrauen
kann. Er ist gar so zerstreut.«

»So?« sagte der Vater und nickte still lächelnd vor sich hin; »ei, wie
besorgt der Fritz ist. Das junge hübsche Mädchen drüben hast Du wohl
noch gar nicht einmal gesehen?«

»O doch, Vater,« sagte Fritz rasch, und der Alte lachte.

»Ja, kann ich mir denken; aber da laß die Finger von, mein Junge. Das
ist nichts für Unsereinen, und ein ehrlicher Handwerker soll sich auch
nicht einmal der Gefahr aussetzen, von dem vornehmen Volk abgewiesen zu
werden.«

»Aber wie Du nur gleich wieder bist, Vater,« sagte die Frau; »Fritz
ist ein ganz schmucker Bursche, und wer weiß denn, ob sich der Herr
Staatsanwalt nicht gerade deshalb so genau bei Dir nach uns erkundigt
hat. Lieber Gott, er ist doch auch kein Prinz und sie keine Prinzessin.«

»Ne, Alte, da hast Du recht,« sagte der Schlosser; »aber Gleich und
Gleich gesellt sich doch immer besser, und ich denke, der Alte hat
sich da auch schon sein Part ausgesucht -- oder vielmehr das junge Blut
selber. Wie ich gerade hinüber ging und anklopfen wollte, kam ein Herr
Lieutenant, der junge Baron Wendelsheim, aus der Stube, wo er den Damen
jedenfalls einen Besuch gemacht hatte, denn der Staatsanwalt war in
seinem Büreau; und wie er Adjes sagte, küßte er der Mamsell nicht allein
auf das zärtlichste die Hand, sondern sie wurde dabei auch über und über
roth und dachte gar nicht daran, sie wieder fortzuziehen, bis ich ihnen
wohl ein bischen in die Quere und nicht besonders gelegen kam.«

»Der junge Herr Baron von Wendelsheim?« sagte die Frau und ihr Blick
flog wie forschend nach Fritz hinüber.

»Na, der Alte küßt keinen hübschen jungen Mädchen mehr die Hand,« lachte
der Schlossermeister, »oder sie würden sich wenigstens nicht besonders
viel daraus machen. Es war der zierige Lieutenant, der immer den --
Rücken so dreht, wenn er geht, wie ein coquettes Frauenzimmer -- wir
haben so ein eigenes Sprichwort dafür. Ich weiß nicht, mein Geschmack
wär's nicht. Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch hat schon manchem
sonst vernünftigen Mädel den Kopf verdreht und Unheil angerichtet. Weiß
der Himmel, wo's drin steckt; ich kann's nicht begreifen.«

»Nun, der Herr von Wendelsheim,« sagte die Mutter, »ist doch gewiß ein
ganz sauberer, hübscher Mensch, und so vornehm sieht er immer aus!«

»Hübscher Mensch!« lachte der alte Baumann; »er sieht genau so aus, wie
unser Karl da, mit derselben aufgestülpten Nase -- nur dümmer; und die
Haare hat er sich bis hinten in die Halsbinde hinunter gescheitelt
-- weiter kann man's nicht sehen. Uebrigens wär' er eine ganz famose
Partie, das ist richtig, denn er muß ja nächstens die große Erbschaft
heben; da giebt's nachher Geld wie Heu, und das können alle Menschen
gebrauchen, auch die Advocaten.«

»Und der machte bei Wittes Besuch?« fragte die Frau.

»Nun natürlich, und weshalb sollte er auch nicht? Ein Lieutenant hat
ja doch auf der Gotteswelt nichts weiter zu thun, und mit etwas muß der
liebe lange Tag todtgeschlagen werden.«

»Aber er war doch heute in Wendelsheim draußen,« sagte Fritz.

»Nun, das war etwa um zwölf Uhr, vielleicht wie er zurückkam. Aber woher
weißt Du das?«

»Ich war selber draußen.«

»Du, in Wendelsheim?« fragte die Mutter rasch und erstaunt. »Was hattest
Du denn da zu thun?«

»O, ich bin oft draußen,« sagte Fritz, »bei dem kranken jungen Baron.
Heute brachte ich ihm eine Maschine hinaus, die wir zusammengestellt
hatten. Das ist ein liebenswürdiger junger Herr, aber nur leider immer
so krank und schwächlich. Ich fürchte, ich fürchte, er macht's nicht
lange mehr, was mir recht leid um ihn thun sollte.«

»Es ist doch eigenthümlich,« sagte die Frau, »daß da weiter gar keine
Kinder sind. Wenn der nun auch noch stirbt, so erbt der Aelteste Alles.«

»Nun, und was hast Du darüber zu seufzen?« lachte ihr Mann. »Und der
Herr Lieutenant wird ebenfalls nicht böse darüber sein und schon wissen,
wohin er mit dem Gelde soll. Der bringt's bald unter die Leute, darauf
kannst Du Dich verlassen, denn Schulden hat er schon jetzt in der Stadt
wie Sand am Meere -- beinahe mehr noch, als sein Vater.«

»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke eine etwas
scharfe Stimme in der Thür.

»Hol' Dich der Teufel!« beantwortete Meister Baumann etwas rauh und
lästerlich den frommen Gruß.

»Aber Baumann,« sagte die Frau, während der Schuhmacher Heßberger,
ein kleines, schwarzes Buch unter dem Arm, und nicht im mindesten
zurückgeschreckt, das Zimmer betrat -- »schämst Du Dich denn gar nicht?
Vor den Kindern und dem Lehrlinge solltest Du Dich doch wenigstens
geniren!«

»Ach was,« sagte Baumann ärgerlich, indem er sich das schwarze Käppchen
auf's eine Ohr schob: »Dein Schwager soll auch die albernen Faxen
lassen, denn er müßte doch nun nachgerade wissen, daß er bei mir damit
an den Unrechten kommt!«

»Du bist und bleibst ein Heide, Bruder Baumann,« sagte der Schuhmacher,
indem er näher zum Tisch trat und in den Bierkrug sah -- er war aber
geleert. »Ein gutes Wort sollte auch eine gute Statt finden, und ich
thue keinem Menschen damit weh.«

»Nicht weh?« sagte Baumann mürrisch. »Sand willst Du den Leuten damit in
die Augen streuen, Du alter Heuchler Du, weiter nichts, denn im Herzen
bist Du ein so durchtriebener Strick, wie's nur einen auf der Welt
giebt! Und woher kommst Du jetzt?«

»Aus der Kirche,« erwiederte Heßberger ruhig.

»Aus der Kirche? Am Werkeltag?«

»Aus der Abendstunde, die unser Herr Pastor hielt -- o, es war sehr
schön!«

»Und weshalb bist Du nicht dort geblieben?« lachte Baumann, der den
kleinen Schuster kopfschüttelnd betrachtete. -- Er sah auch in der That
komisch genug aus, denn er trug schwarze, ganz abgeschabte und an den
Knieen ordentlich glänzende Hosen, einen eben solchen, aber etwas zu
engen, besonders in den Aermeln zu kurzen Frack, eine weiße Halsbinde
und Weste und einen wahrhaft monströsen Seidenhut mit fuchsigem Deckel.
Die Kinder auf der Straße liefen ihm auch gewöhnlich nach, und wenn er
dann stehen blieb und ihnen einen grimmigen Blick zuschleuderte, hätte
man sich keine schönere Caricatur eines Menschen auf der Welt denken
können. -- »Junge, Junge, wie Du so da stehst, könnte man Dich, bei
Gott, für Geld sehen lassen -- es wär' der Mühe werth!«

»Bruder Baumann,« sagte der Schuster mit Würde, »Du redest wie Du es
eben verstehst. Wenn ich in ein Gotteshaus gehe, muß ich mich auch
anständig constimiren....«

»Und das nennst Du anständig....?«

»Und kann nicht einhergehen, als ob ich zu Bier ginge,« fuhr der
Schuhmacher unbekümmert fort.

»Und was willst Du?« sagte Baumann trocken.

»Nichts von Dir,« entgegnete Heßberger mit scharfem Ton; »nur meiner
Schwägerin Guten Abend sagen und dann den Staub wieder von meinen Füßen
schütteln.«

»Na, dann schüttele,« lachte Baumann; »je eher, desto lieber.«

»Aber Gottfried!« bat die Frau.

»Ach was,« rief der Schlosser ärgerlich, »er soll sich betragen wie ein
anderer vernünftiger Mensch, nachher wird er auch so behandelt; aber die
Firlefanzereien duld' ich nicht in meinem Hause und will nichts davon
wissen!«

Die Meisterin war praktischer Natur. Sie hatte dem Lehrjungen schon
ein Zweigroschenstück in die Hand gedrückt und mit dem Auge nach dem
Bierkrug hinüber gewinkt, und der fuhr auch, ohne daß der Meister auf
ihn Acht hatte, damit zur Thür hinaus.

»Na, Onkel Heßberger,« sagte da Karl, dem es selber leid that, den
kleinen Mann so rauh behandelt zu sehen, »so legen Sie doch wenigstens
ab und nehmen Sie sich einen Stuhl. Wie geht's zu Hause? Ist die Tante
wohl?«

»Danke, mein Sohn,« sagte der Schuhmacher, indem er der Einladung Folge
leistete -- denn das Verschwinden des Bierkruges war nicht unbeachtet
von ihm geblieben -- »leidlich wenigstens; sie hat aber heute wieder
über Land gemußt, um ein paar Patienten in Wendelsheim zu besuchen,
leider jedoch keine guten Nachrichten von dort mitgebracht.«

»Von Wendelsheim?« rief Fritz schnell. »Doch nicht vom Schlosse?«

»Ja, allerdings,« nickte der Schuhmacher mit einem wehmüthigen Blick
nach oben. »Des Herrn Hand ruht schwer auf dem stolzen Baron; sein
zweiter Sohn, der Benno....«

»Es ist ihm doch nichts geschehen?«

»Er hat heute Morgen einen furchtbaren Blutsturz bekommen und liegt am
Tode.«

»O, Du großer, allmächtiger Gott!« rief Fritz erschreckt aus. »Aber
das ist ja gar nicht möglich. Ich bin selber noch heute Morgen bei
ihm gewesen, und als ich fortging, hörte ich noch, wie er sich laut
unterhielt und fröhlich lachte.«

»Ganz richtig,« sagte der Schuhmacher; »nach dem Deschuneh war er in
den Garten spazieren gegangen, und da hat's ihm arrivirt. Er ist ja
auch elend von seiner Geburt an gewesen; seine ganze Constitution ist
corrumführt. Kurz und gut, er bekam plötzlich einen Blutsturz, und als
meine Frau, die unten zufällig im Dorfe war und davon hörte, hinauf
eilte, waren ihm schon die ganzen Extermitäten kalt.«

»Ach, das ist ja schrecklich,« stöhnte Fritz; »der arme junge Herr! Und
ich freute mich noch so, als ich fortging, daß er so vergnügt und heiter
war.«

»Ja, Du lieber Himmel,« sagte der Schuhmacher, »mit dem Menschen geht es
oftmals schnell zu Ende, und es weiß Keiner, wann ihm sein Brot gebacken
ist. Aber was thut's, der Freiherr hat ja noch immer den einen Sohn, und
der erbt jetzt die ganze Bescherung. Es soll ein heidenmäßiges Vermögen
sein.«

»Der arme Vater!« seufzte die Frau.

»Ja, das kann nichts helfen,« sagte Baumann; »der Tod sieht nicht
auf Rang und Stand und kehrt bei Armen und bei Reichen ein. Wer mag's
ändern!«

»Wir müssen Alle sterben,« sagte der Schuhmacher und schenkte sich von
dem Bier ein, das der Lehrling eben auf den Tisch stellte; »der Gerechte
mit dem Ungerechten, und erst dort werden die Schafe und Böcke gesondert
werden.«

»Na, Schwager Heßberger,« lachte Baumann wieder, der die Familie
Wendelsheim viel zu wenig kannte, um größeren Antheil an ihrem Verlust
zu nehmen, wie bei anderen fremden Menschen. »Du kommst zu den Böcken,
darauf kannst Du Dich verlassen; denn Du hast schon hier auf Erden so
lange bei den Schafen gestanden, daß Dir eine Veränderung ingrimmig Noth
thut.«

»Du redest, wie Du es verstehst, Bruder Baumann,« sagte Heßberger, indem
er sich noch einmal einschenkte. »Was ich aber gleich sagen wollte,
Schwägerin, meine Frau läßt Dich bitten, Du möchtest doch heute Abend
einmal zu ihr hinüber kommen; sie hätte Dir etwas zu sagen.«

»Und weshalb kommt sie da nicht her?« fragte Baumann. »Sie liegt ja doch
den ausgeschlagenen Tag auf der Straße.«

»Eben deshalb,« erwiederte ruhig der Schuhmacher, »weil sie so viel
herumzulaufen und bald da, bald dort eine Besorgniß zu machen hat, so
muß sie die wenige Zeit im Hause zusammennehmen und uns doch auch etwas
zu essen machen. Vom Canditer können wir es uns nicht holen lassen und
von Confett leben.«

»Na,« lachte Baumann, »dazu seid Ihr Beide nicht hübsch genug.«

»Was hat sie denn? Ist was vorgefallen?« fragte die Frau.

»Nicht daß ich wüßte,« sagte Heßberger kopfschüttelnd; »Du bist aber
auch so lange nicht bei uns gewesen, und wenn sie hieher kommt, kriegt
sie ewig mit Deinem Manne Streit.«

»Mit mir?« sagte Baumann. »Ich thu' ihr wahrhaftig nichts; aber sie soll
mir auch mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien vom Leibe bleiben.«

»Na, Guten Abend denn miteinander!« sagte der Schuhmacher, indem er
wieder aufstand; »ich muß auch heim, sonst machen mir die verflixten
Jungen lauter dumme Streiche.« Und nach kurzem Gruß gegen die
Verwandtschaft nahm er sein Buch wieder unter den Arm, setzte den
riesigen Hut auf und stieg aus der Thür.

Baumann hatte ihm kopfschüttelnd zu- und nachgesehen und ließ den
Lehrjungen dann das Geschirr hinausräumen. Wie der draußen war, sagte er
finster: »Kathrine, Du darfst mir's glauben, der Heßberger, wenn er auch
Deine Schwester geheirathet hat und dadurch unser Schwager wurde, ist
ein Erzlump, und Deine leibliche Schwester -- bestärkt ihn nur darin.«

»Aber Gottfried!«

»Nein, nein,« winkte ihr Mann mit der Hand, »das ist der reine Betrug,
was die Beiden mitsammen treiben, und daß sie nur noch Esel finden, die
ihnen glauben und Geld bezahlen, das einzige Unglück bei der Sache.«

»Aber sie hat schon so viel vorhergesagt, was eingetroffen ist.«

»Bah, komm Du mir nicht auch etwa mit dem Unsinn! Wenn der Zufall einmal
sein Spiel hat, wird es ausgebeutet, und wenn es nicht eintrifft, eben
nicht weiter davon gesprochen. Ueberhaupt, Kathrine, es thut mir leid,
daß ich es sagen muß, denn es ist nun einmal Deine Schwester, aber der
Umgang mit ihr ist mir nicht lieb, und da Du lange Jahre fast gar
nicht mit ihr verkehrt hast, thut's mir leid, daß das jetzt wieder von
Frischem anfangen soll.«

»Sie meint es gewiß gut,« sagte die Frau mit einem recht aus tiefer
Brust herausgeholten Seufzer. Aber Baumann schüttelte auch dazu den
Kopf.

»Mit sich, ja, das geb' ich zu, aber nicht mit anderen Leuten,« sagte
er finster; »sie hat kein gutes Herz, das steht ihr schon in den Augen
geschrieben, und wenn sie Einen damit ansieht, kommt es mir immer so
vor, als ob sie durch und durch bohrte, um Alles zu errathen, was man
denkt.«

»Du kannst sie nun einmal nicht leiden, Gottfried.«

»Ehrlich gesagt, nein, und kein Mensch in der ganzen Stadt. Niemand hält
mit ihr Umgang, und wenn sie die vornehmen Weibsleute Nachts heimlich
besuchen, um sich von ihr die Karten legen zu lassen, oder wer weiß was
sonst für Mittel und Latwergen zu holen, so sitzt der augenverdrehende
Lump, der Heßberger, nebenan in der Stube bei seinem Leisten und brüllt
geistliche Lieder ab. Es ist rein zum Verrücktwerden, wenn man's nur mit
ansehen muß!«

»Aber kann ich's ändern, Gottfried? Ich habe auch schon dagegen
gesprochen...«

»Und sie hat auch keinen guten Einfluß auf Dich ausgeübt, Kathrine,«
fuhr der Mann, finster vor sich hin mit dem Kopfe nickend, fort.
»Das erste Jahr nach unserer Verheirathung warst Du ganz anders, bis
plötzlich Deine Schwester hieher zog und immer so viel mit Dir zu
erzählen und zu schaffen hatte. Nachher war's aus, und wie viel hast Du
damals nicht geweint, und wenn ich Dich fragte, was Du hättest, immer
nur gesagt, das Herz thäte Dir so weh und Du wüßtest eigentlich selber
nicht, weshalb Du weinen müßtest.«

»Aber, Gottfried, das ist gewiß nicht so arg gewesen.«

»Nicht so arg? Wie Du damals mit Deiner Schwester fort warst, um die
Erbschaft zu heben, und wieder zurückkamst, sahst Du mehr todt als
lebendig aus, und ich glaubte schon, Du würdest ganz ernstlich krank
werden. Der arme Junge, der Fritz, hatte auch darunter zu leiden, denn
der kam ganz von Kräften -- na, er scheint sich doch wieder aufgefuttert
zu haben. Jetzt war auch die langen Jahre Frieden, und ich habe Deine
Schwester über Jahr und Tag nicht einmal gesehen -- fangt mir deshalb
also nicht die alten Geschichten an, denn ich will von der Gesellschaft
nichts wissen, und wenn wir zehnmal mit einander verschwägert sind.«

»Wer weiß denn, was sie von mir will?« sagte die Frau, die bis dahin mit
im Schooße gefalteten Händen vor sich nieder gestarrt hatte. »Vielleicht
thut's ihr leid, daß wir so gar nicht zusammenkommen, und hart kann
ich doch nicht gegen sie sein; sie hat mir ja noch niemals 'was zu Leid
gethan und bleibt doch immer meine Schwester.«

Der alte Schlosser rückte wieder an seinem Mützchen. Recht war's ihm
nicht, aber er konnte der Frau auch nicht so ganz unrecht geben und
litt eben -- was er nicht verhindern mochte. Er war aber doch ärgerlich
geworden und mußte sich ein klein wenig zerstreuen; da war denn freilich
das Beste, daß er hinüber in den »Goldenen Stern« ging und noch ein Glas
gutes Bier trank. Nachher vergaß er all' die unangenehmen Sachen und
bekam wieder eine glatte Stirn.



6.

Der alte Salomon.


Lieutenant Bruno von Wendelsheim hatte seine Dienstwohnung eigentlich in
der Kaserne; da ihm das aber aus mancherlei Gründen nicht recht paßte,
so miethete er sich derselben gerade gegenüber ein kleines
freundliches Parterre-Logis mit Stallung, und führte dort eine
Junggesellen-Wirthschaft, in der es manchmal außerordentlich vergnügt
herging. -- Er sah aber heute Morgen nicht so vergnügt aus. Es konnte
kaum zehn Uhr sein, und er kam schon erhitzt und müde, mit bestaubten
Stiefeln, von einem Gang zurück, warf Mütze und Handschuhe auf den Tisch
und ging mit unterschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen
in seiner Stube auf und ab.

Die Sache war aber auch unangenehm, denn daß er, der Erbe eines so
ungeheuern Vermögens, ja eigentlich schon der Besitzer, da es sich nur
um Wochen handelte, jetzt seit drei Tagen fast vergebens in der Stadt
herumgelaufen sein sollte, um lumpige zweihundert Louisd'or zu bekommen,
schien fast unglaublich, ließ sich aber nicht abläugnen, denn die
Thatsache stand fest. Aber er mußte das Geld haben; er konnte sich nicht
so furchtbar blamiren, den Handel rückgängig zu machen -- der Verkäufer
wäre auch gar nicht darauf eingegangen --, und er zerbrach sich eben den
Kopf, wie er es am besten ermöglichen könne, ohne zu riesige Procente
zu zahlen, als der Briefträger draußen anpochte. Er kannte ihn schon am
Klopfen.

Der Herr Lieutenant wußte recht gut, daß ihm von daher keine Hülfe kam;
Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus
schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe
Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier
Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber plötzlich
haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die übrigen
zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder
allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die
Wohnung -- die letztere sehr gewissenhaft angegeben -- und war mit etwas
schwerfälligen Zügen, wie von der Hand eines Quartaners geschrieben.
Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur
einfach einen Fünfthalerschein.

»Das ist aber doch merkwürdig,« sagte der Officier, indem er
kopfschüttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; »wieder eine
Fünfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nämliche
Handschrift auf der Adresse -- und richtig, wieder mit einem Geldstück
petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr großmüthiger, aber
leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von
Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen läßt? Fünf Thaler! Du
lieber Gott, nicht einmal fünfhundert könnten mir heute helfen, und das
ist höchstens genügend zu einem Frühstück, um mir die Grillen aus dem
Kopfe zu jagen!«

Noch während seines kurzen Selbstgespräches hatte er das Couvert nach
allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein
anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten ließe,
aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinäres Schreibpapier, mit
Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstück petschirt, und er
steckte kopfschüttelnd den Fünfthalerschein in die Westentasche und warf
das Papier in die Ecke.

Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand
liebte ihn oder schwärmte für ihn und sandte ihm -- jetzt schon das
zehnte oder zwölfte Mal -- durch die Post, ohne irgend einen Werth auf
der Adresse anzugeben, einen Fünfthalerschein. Zurückschicken konnte er
denselben nicht, er wußte ja nicht an wen, und das Geld auf die Straße
werfen? Es wäre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei
früheren Sendungen den Kopf darüber zerbrochen, wer nur möglicher Weise
der freundliche Geber sein könne, aber natürlich vergebens; denn der
Fall, daß ihn Jemand Geld schickte, war so außerordentlich, daß er jedes
Versuches spottete, ihn jemals zu enträthseln.

Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen
noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hören, wie es
seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmöglich, und hoffte ja auch,
daß es doch nur einer jener Anfälle gewesen, die der stets Kränkliche
von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch
vorüberging. Hier aber drängte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen,
ließ sich noch einmal sorgfältig abbürsten, zog seine Handschuhe an und
eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern
vermieden hätte. Aber es ging eben nicht mehr, er mußte, und wenn er
dort auch kein Geld bekam.... -- Er biß die Zähne auf einander und
schüttelte die trüben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so
schlimm.

Vor dem Hause begegnete er einer ältlichen Frau aus den geringeren
Ständen, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grüßte. Er warf ihr einen
Blick über die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis
zwölf Zoll, als ob er damit an die Mütze greifen wollte, kam aber noch
nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau,
sie war ihm schon begegnet, aber er wußte nicht, wer es sei -- möglicher
Weise seine Wäscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel
besser, sie vollständig zu ignoriren.

Sein Weg führte ihn durch die nämliche Straße, in welcher, Nr. 11 im
ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte
heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufällig hob
er im Vorübergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort saß Ottilie
schon am Nähtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschäftigt,
um nicht dann und wann das Auge nach der Straße hinabgleiten zu lassen.
Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorüberging. Sie hatte auch
schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu grüßen, oder
vielmehr grüßend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief
dabei erröthend, als diesmal. Man sah es ihr ordentlich an, daß es
sie freute, ihren Tänzer von neulich Abend wieder zu erblicken, und
Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, daß er sie fast übersehen
hätte, grüßte auf das verbindlichste.

Dadurch aber, daß er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben
richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade
gegen den unvermeidlichen Rath Frühbach an, der ihn auch ohne weiteres
Säumen stellte.

»Ah, mein lieber Herr Baron, auch schon auf der Promenade, und wie ich
sehe, sehr angenehm beschäftigt? Ja, mein lieber junger Freund -- na,
ich gehe ein Stück mit Ihnen hier hinunter, denn ich habe doch nichts zu
versäumen -- mein lieber junger Freund, was ich gleich sagen wollte
-- in meiner Jugend habe ich es auch nicht besser gemacht, und ich
war Ihnen ein verfluchter Kerl. Da lebte in Schwerin ein alter reicher
Rauchwaarenhändler, ein steinreicher Bursch, sag' ich Ihnen, aber
auch ein komischer Kauz, eine Art von Sonderling, der hatte eine
wunderhübsche Tochter, Rosine hieß sie -- nein, warten Sie einmal,
das war eine andere; Rosine war die Nichte vom Ober-Appellationsrath
Breitnagel, mit der ich auch einmal verlobt sein sollte -- die Tochter
von dem Rauchwaarenhändler -- Herr Gott, fällt mir jetzt der Name nicht
mehr ein -- na, wenn sie das wüßte -- aber es bleibt sich gleich, ich
komme auch vielleicht noch darauf -- aber es ist ärgerlich, wenn Einem
so ein Name fehlt, und man quält sich manchmal einen Tag damit herum,
ja, kann Nachts nicht davor einschlafen. Dieser Tochter also, Fräulein
Therese -- Jesus ja, Therese, wie ich das auch vergessen konnte! --
machte ich damals furchtbar den Hof. Lieber Gott, ich war jung, sie war
jung, und wenn sich ein paar junge Leute gern haben -- warum nicht?
Ja, das war ein wunderhübsches Mädchen, und ich hätte eine ganz gute
Speculation mit der Heirath gemacht.«

»Und warum heiratheten Sie sie nicht?« fragte von Wendelsheim, der nur
mit halbem Ohr auf die Salbaderei hörte.

»Wie ich mir's noch überlegte,« sagte der Rath, »war sie auf einmal
mit einem Lieutenant verlobt, und noch dazu mit einem weitläufigen
Verwandten von mir, den ich dort selber eingeführt hatte.«

»Das war Pech,« sagte der Baron; »aber, =à propos=, mein lieber Rath,
Sie sagten mir doch einmal, daß Sie so etwas von einem Finanzmann
wären?«

»Ei, gewiß,« rief Rath Frühbach rasch, »ich könnte Ihnen da Arbeiten
zeigen...«

»Bitte, ist gar nicht nöthig; aber die Hauptaufgabe eines Finanzmannes
wäre meiner Meinung nach die, lieber Rath, Geld in Zeit der Noth zu
schaffen, nicht wahr?«

»Und das vorhandene zu verwalten,« ergänzte der Rath.

»Während wir von dem letzteren Punkt vor der Hand absehen,« fuhr der
Lieutenant fort, »möchte ich Sie dann bitten, mir, gegen gute Interessen
natürlich, bis heute Abend zweihundert Louisd'or zu schaffen.«

Rath Frühbach sah seinen Begleiter über die Brille an und lächelte. »Da
fällt mir eine Geschichte ein,« sagte er.

»Mein lieber, bester Rath,« rief der junge Officier, jetzt wahrlich
nicht in der Stimmung, lange Geschichten anzuhören, »alle Ihre
Erzählungen helfen mir gar nichts, wenn Sie nicht Geld schaffen können!«

»Aber sie erläutern den Fall.«

»Der Fall ist schon so klar wie Krystall; ich brauche zweihundert
Louisd'or, um ein Pferd zu bezahlen. Haben Sie so viel?«

»Nöthig, ja, lieber Freund,« erwiederte Frühbach, sich ausnahmsweise
einmal kurz und bündig fassend, »aber nicht baar.«

»Und können Sie mir dieselben auch nicht verschaffen?«

»Ich wüßte nicht wo.«

»Dann leben Sie recht wohl,« nickte ihm der Lieutenant zu, indem er sich
dabei ohne weitere Umstände von ihm frei machte und rechts ab in eine
der Seitenstraßen bog. Rath Frühbach schien auch einen Moment nicht
übel Lust zu haben, ihm zu folgen, denn gewöhnlich ließ er seine
Schlachtopfer nicht so rasch wieder frei; aber bei näherer Ueberlegung
stand er doch davon ab. Der Lieutenant brauchte Geld, und solchen Leuten
geht man eher aus dem Wege, als daß man sie aufsucht.

Der junge Baron kümmerte sich indessen nicht weiter um seinen Begleiter,
sondern schritt auf ihm allerdings wohlbekannten Pfaden zuerst eine
schmale Gasse entlang, tauchte dann rechts in einen Durchgang und
gerieth hier in ein Viertel der Stadt, das vorzugsweise Bekenner der
mosaischen Religion zu Insassen zu haben schien. Da war Laden neben
Laden, jeder einzeln aus einem kleinen, dunkeln Käfterchen bestehend und
mit Waaren vollgestopft, die man sich nicht bunter hätte denken können.
Da standen alte Bettladen vor der Thür, mit schauerlichen, bunt gemalten
Lithographien darüber; da hingen verrostete Flinten und zerbrochene
Pulverhörner, alte, getragene Kleider und Stiefel; da standen Porzellan
und Steingut friedlich neben eisernen Kochtöpfen und Stutzuhren, da
lagen Messer und Gabeln, Terzerole, Kämme, Hosenträger und Gott weiß was
Alles bei einander, und in den kleinen, wohl kaum je geputzten Fenstern
prangten zerknitterte Blumen, die vielleicht einst ein bildhübsches
Mädchen zuerst beim Tanze getragen, unechter Schmuck, Halsketten mit
Halbmonden und Kreuzen, und dazwischen war gewöhnlich eine Tafel
von Pappe angebracht, auf welcher schreckbar aussehende, vergilbte,
zerbrochene Cigarren verkünden sollten, daß auch dieser Geschäftszweig
-- und welcher nicht? -- hier vertreten wäre.

Gleich daneben war ein Fleischerladen, nicht größer und nicht reinlicher
oder heller als die Rumpelbuden, mit kleinen Papieren auf das
Fleisch geheftet, auf welchen hebräische Zeichen standen. Auch
die Aushängeschilder waren in dieser wie in deutscher Sprache, und
entsetzlich schmutzige Kinder balgten sich auf der Gasse herum,
oder wurden von genau solchen Müttern aus irgend einem in allen
Regenbogenfarben schillernden Fenster des ersten Stocks zur Ordnung
gerufen.

Der Baron durchschritt auch die enge Gasse mit einiger Vorsicht,
besonders wenn sich irgendwo ein Fenster öffnete, denn er wußte
aus Erfahrung, daß die Bewohner dieser Spelunken gerade nicht sehr
wählerisch in den Gegenständen waren, die sie zuweilen von oben herab
auf die Straße schütteten. Er selber aber, obgleich ein Officier in
diese Umgebung allerdings nicht paßte, schien hier nicht die geringste
Aufmerksamkeit zu erregen. Es war eben nichts so Seltenes, daß sich sehr
anständig gekleidete Herren, in Uniform wie in Civil, in dieses Viertel
verloren, und wenn sie auch nichts von den da aufgestellten Waaren
gebrauchen konnten, wurde doch manches »Geschäft« mit den Eigenthümern
derselben abgemacht. Wer konnte diesen verwehren, daß sie auf Uhren oder
sonstige Pretiosen Geld verborgten! Und Mancher, der sich scheute, offen
in das städtische Leihhaus zu gehen, suchte dringenden Bedürfnissen hier
ganz im Geheimen, wenn auch mit etwas größeren Opfern, abzuhelfen.

Das aber galt doch nur für kleine, unbedeutende Verlegenheiten,
wenigstens für solche, die eine geringe Summe betrafen. Bruno von
Wendelsheim brauchte aber mehr, und kannte auch genau die Quelle, zu der
er gehen mußte. Und trotzdem ging er den Weg mit schwerem Herzen, denn
gerade dem Manne gegenüber fühlte er sich unbehaglich, gerade diese
Schwelle hätte er nicht mit einem Ansuchen um Geld mehr überschritten,
wie er es früher so oft gethan, wenn ihm nur eben eine Wahl geblieben
wäre; aber es half ihm nichts, er mußte.

Die enge Gasse hatte er jetzt durchschritten, in welcher das Proletariat
dieser Bevölkerung zu leben schien. Hier kreuzte sie eine andere Straße,
und sie nahm von da ab einen andern Namen an und wurde breiter.
Die Namen der Schilder gehörten allerdings noch ganz entschieden
israelitischer Abkunft an; da gab es einen Oppenheimer und Hirsch, einen
Goldmeier und Levy, einen Süß und Rosenstengel, aber die Läden wurden
eleganter und die Häuser reinlicher und sahen wohnlicher aus. Da
waren Ausschnittläden und Materialwaaren-Handlungen, rechts stand eine
Druckerei und gegenüber wohnte ein Geldwechsler, aber ein Geschäft
betrieb jedes Haus, und die unteren Räume nahm bei allen ein oder das
andere Verkaufslocal ein. Der junge Officier schritt aber immer noch
hindurch, bis er fast das Ende der Straße erreichte, und dort erst
betrat er gleich darauf einen Laden, der wohl auch eine wunderliche
Mischung von Dingen zeigte, aber sich nicht mit dem Abwurf des
gewöhnlichen Lebens beschäftigte.

Es war ein großes Kreuzgewölbe, mit einem dicken steinernen Pfeiler
in der Mitte, und sah allerdings so aus, als ob es weit eher zu dem
Refectorium eines Klosters, als zu seiner jetzigen Bestimmung gepaßt
hätte. Der Hintergrund blieb auch düster, obgleich ihm vorn zwei hohe
Bogenfenster Licht gaben. Der ganze Raum zeigte sich aber mit Dingen
gefüllt, die der Umgebung allerdings entsprachen und fast sämmtlich
vergangenen Jahrhunderten zugehören mußten. Da waren alte, wunderlich
geformte und gemalte Vasen, mit Silber und Elfenbein eingelegte
Kasten, riesige, echt beschlagene Trinkhörner, kostbare, aber ebenfalls
alterthümliche Waffen, chinesische und japanische Schnitzereien
und Lackarbeiten, prachtvolle, aber schon angerauchte alte
Meerschaumpfeifenköpfe, Bernsteinspitzen vom größten Umfange; dann
Rüstungsstücke, mit Silber eingelegte Panzerhemden, Spazierstöcke mit
mächtigen Amethysten oder anderen edlen Steinen als Knopf, Theebretter
mit kostbaren Malereien, Tabaksdosen mit in Brillanten eingelegten
Namenschiffern und Kronen, Thee-Service in Rococoform, kurz alles nur
Erdenkliche, was in dieses Fach schlug und aus allen Theilen der Erde,
von allen Völkern hier versammelt schien.

Der Baron kannte den Platz, und als er ihn erreicht, war es fast, als ob
sein Fuß einen Moment zögerte. Aber was half ihm unschlüssiges Besinnen
-- da drinnen lag seine letzte Hoffnung, und es nützte ihm wahrlich
nichts, den Entscheid nur hinauszuschieben. Wenn er jetzt auch
vorbeigegangen wäre, weiter oben hätte er doch umdrehen und hieher
zurückkehren müssen. So denn, die Zähne fest zusammengebissen, schritt
er auf die Thür zu, warf noch einen raschen Blick nach rechts und links
hinüber, ob er nicht doch vielleicht zufällig jemand Bekanntes sähe, was
ihm wahrscheinlich nicht lieb gewesen wäre, und trat dann schnell ein.

Der Laden war indeß nicht leer von Besuchern, wie er anfangs geglaubt,
denn der alte Mann, der Eigenthümer desselben, stand ziemlich im
Hintergrund mit einer kleinen, corpulenten und wunderlich gekleideten
Gestalt. Das Geschäft mußte aber beendet oder gar nicht entrirt sein,
denn wie er jetzt entschlossen nach hinten schritt, hörte er nur noch,
daß der alte Salomon sagte:

»Nein, lieber Freund, thut mir leid, mache gern Geschäfte, aber nicht
solche und mit unbekannten Leuten.«

Der Kleine flüsterte etwas dagegen; der Alte schüttelte aber mit dem
Kopf und fuhr fort: »Würde Ihnen auch nichts helfen; derlei Sachen kaufe
ich nicht, ist auch nicht mein Geschäft, als ich nur offen und ehrlich
handele mit guten, reellen Waaren. Sollte mich aber gar nicht wundern,
wenn Sie in der Straße weiter unten einen Käufer finden; _ich_ mag
nichts damit zu thun haben.«

Dem kleinen Mann schien die Gegenwart eines Dritten nicht besonders
angenehm. Der Baron merkte auch, daß er etwas in ein rothbaumwollenes
Tuch einschlug und dann unter den Arm nahm. Er erwiederte aber nichts
weiter, drehte sich ab und glitt dann an dem Lieutenant, an dem er einen
halbscheuen Blick hinaufwarf, vorüber, der Thür zu. Dem Baron war es
auch fast, als ob er ihn gegrüßt hätte, das konnte aber auch vielleicht
Verlegenheit oder allgemeine Höflichkeit gewesen sein, und überdies
fühlte er sich gerade nicht in der Stimmung, darauf zu achten oder den
Gruß zu erwiedern. Er sah sich nach dem Davonschleichenden, der aber von
dem alten Händler fest im Auge behalten wurde, bis er die Thür hinter
sich in's Schloß drückte, auch gar nicht um, und nun auf Salomon
zuschreitend, streckte er ihm die Hand entgegen und sagte freundlicher,
als er bis dahin ausgesehen:

»Nun, wie geht's, alter Freund -- immer noch auf dem Zeug?«

»Gott der Gerechte, der Herr Baron!« sagte der Mann mit einem eigenen,
fast wehmüthigen Lächeln, die dargebotene Hand aber nehmend und
schüttelnd. »Hab' ich doch beinah' geglaubt, daß Sie vergessen hätten,
wo der alte Salomon wohnt. Es muß ein Menschenalter sein, daß wir
einander nicht gesehen haben.«

»Nun so lange doch wohl nicht, Salomon,« sagte der Baron halb verlegen,
»ich dächte, es könnten kaum vier Wochen sein.«

»Wie Sie recht haben,« sagte der Alte, sich mit dem dritten Finger der
linken Hand vor die Stirn klopfend. »Aber das Gedächtniß wird schwach,
Herr Baron, das Gedächtniß wird schwach. 's ist ja wahr, vor vier Wochen
etwa, wo Sie mir die Ehre gaben, ein kleines Geschäft mit mir zu machen.
Gott der Gerechte, wie schlecht die Zeiten seitdem geworden sind!«

»Und wie geht es Ihrer Fräulein Tochter?«

»Danke der Nachfrage, Herr Baron -- aber wollen Sie nicht ein wenig
Platz nehmen bei einem alten Manne -- der liebe Gott sei gepriesen,
recht gut geht's ihr! Sie blüht wie ein Röschen im Moos, und der Herr
hat mich Freude erleben lassen an dem Kind; nur in der letzten Zeit
ist sie leidend gewesen. Hat ihr nichts gefehlt im Körper, ist sie blos
gewesen schwermüthig und betrübt, wie junge Mädchen haben ja manchmal
die Laune. Es ist ein gutes, liebes Kind, aber mit viel Gefühl, zu viel
Gefühl für Unsereinen -- möge sie mir noch lange erhalten bleiben.«

»Sie erlauben mir doch vielleicht, daß ich sie nachher begrüßen darf?«
sagte Wendelsheim, immer noch mit einer gewissen Empfindung, das, was
ihn eigentlich hieher geführt, so lange als möglich hinauszuschieben.

Der alte Mann zögerte einen Moment mit der Antwort; endlich sagte er,
still vor sich hin mit dem Kopf nickend: »Sie hält viel auf den Herrn
Baron und hat oft gesagt, er hätte versprochen, einmal wieder zu kommen
und mit ihr zu musiciren. Wie haißt? hab' ich gesagt -- der Herr Baron
hat zu thun, wird er nicht haben so viel Zeit, sich zu Dir herzusetzen
und Musik zu machen.«

»Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »ich hatte ihr versprochen, bald
wieder zu kommen und ihr die Schubert'schen Lieder zu accompagniren; ich
hatte aber wirklich so viel zu thun...«

»Nu, wer hat nicht zu thun?« sagte der alte Mann. »Ist ein Kunststück.
Sie haben zu thun in Ihrer, wir in unserer Art; jeder Mensch hat zu thun
und kann nicht immer auf Zeitvertreib denken.«

»Ich hoffe aber, jetzt öfter kommen zu können.«

»Versprechen Sie nichts, Herr Baron, besonders der Rebekka nichts, denn
man weiß nicht immer, ob man's halten kann, und das Warten macht nachher
müde. Es giebt kaum was Schlimmeres auf der Welt, als warten.«

»Ja,« sagte der Baron etwas zerstreut; »aber -- was ich gleich sagen
wollte -- ich bin noch so weit in Ihrer Schuld, lieber Salomon...«

»Da giebt's ein Mittel, das zu ändern,« lächelte der Alte.

»Ein Mittel?«

»Nun, Sie zahlen eben.«

»Ja so, -- gewiß -- das ist wahr -- aber...«

»Nun, ich habe Sie noch nicht gedrängt,« erwiederte der Händler. »Unser
Contract lautet: bei Zurücklegung Ihres vierundzwanzigsten Jahres, wann
wird ausgezahlt werden die Erbschaft. Gott Abraham's, es ist viel für
mich, aber Ihnen wird es dann nicht weh thun!«

»Aber wenn ich heute noch um weitere Vorschüsse käme?«

»Heute?« sagte der Alte, etwas verlegen auf seinem Stuhl umherrückend.
»Der Herr Baron werden gewiß einem alten Mann nicht mehr aufbürden,
als er tragen kann, und es sollte mir leid thun, Ihnen eine abschlägige
Antwort zu geben.«

»Aber ich muß heute Geld haben, Salomon!« rief Wendelsheim, also
gedrängt und in die Enge getrieben. »Ich brauche bis heute Abend sechs
Uhr zweihundert Louisd'or...«

»Gott der Gerechte, was ein Geld!«

»Die zu der bestimmten Frist zu zahlen, ich mein Ehrenwort gegeben habe.
Als Officier muß ich das einlösen oder meinen Abschied nehmen.«

»Wär' kein Unglück,« sagte Salomon; »wenn Sie die Hunderttausende
erben, was thun Sie mit der Lieutenants-Gage? Sie reicht nicht einmal zu
Taschengeld.«

»Aber ich bin auch zugleich beschimpft.«

»Es ist ein sonderbar Ding,« sagte der alte Jude, langsam dazu mit dem
Kopf nickend, »daß sich die Menschen ein Wort so hoch hinstellen und
so verehren, und dann nachher doch so leichtsinnig damit umgehen. Ich
versteh's nicht und kann's nicht begreifen. Aber haben Sie vielleicht
für einen guten Freund oder Verwandten, der in großer Noth und Gefahr
war, gutgesagt, Herr Baron, daß Sie das viele Geld brauchen, oder haben
Sie -- Gott will's verhüten! -- gespielt?«

»Nein, Salomon,« sagte der Baron, »gespielt habe ich nicht. Ich
versprach Euch ja bei dem letzten Anlehen, nicht zu spielen; aber --
mein Pferd war schlecht, ich mußte ein anderes Thier haben, und der
englische Lord, der hier kürzlich seinen Marstall verkaufte, hatte einen
so wundervollen Fuchs...«

»Für zweihundert Lujedor?« rief der alte Mann, seine Hände vor
Verwunderung zusammenschlagend.

»Es ist ein Spottpreis für das Pferd,« rief der Lieutenant, »und ich
konnte es mir nicht entgehen lassen! Die Kaufbedingungen waren aber
baar Geld, oder letzter Zahlungstermin heute Abend unter Garantie. Mein
Ehrenwort wurde natürlich als solche genommen, und ich bekam das Pferd.«

»Zweihundert Lujedor für ein Pferd,« sagte Salomon noch immer
kopfschüttelnd über den Gedanken, »und wenn Sie drauf sitzen und
es stolpert und bricht ein Bein, so sind die zweihundert Lujedors
mitgebrochen und kapores. Man sollt's nicht glauben, wenn man's nicht
mit eigenen Ohren hörte.«

»Und kann ich das Geld bekommen, Salomon?«

Der alte Mann hörte nicht auf zu schütteln. »Herr Baron,« sagte er
endlich, »Sie wissen, daß ich Ihnen bin gefällig gewesen, wo ich konnte,
aber -- es hat Alles seine Grenzen -- auch mein Geldbeutel. Ich bin kein
armer Mann, der Herr hat meine Arbeit und meinen Fleiß gesegnet; aber
in den Waaren steckt viel Geld, und wenig Leute kommen, die kaufen. Wer
soll sorgen für meine alten Tage, wenn ich's nicht thue? Keine Seele.
Was kümmert sie der alte Salomon!«

»Aber das Geld ist Euch doch sicher, Salomon.«

»Weiß ich nicht,« sagte der alte Mann entschlossen, »denn es ist keine
Erbschaft wie sonst, sondern noch in den Händen des Gerichts und an
Bedingungen geknüpft.«

»Die aber in so kurzer Zeit gelöst sind.«

»Weiß ich wieder nicht,« sagte der Alte. »Der Herr Baron sind Officier,
und die Herren Officiere haben einen starken Begriff von Ehre. Es
darf Einer dem Andern aus Versehen auf den Fuß treten und sich nicht
entschuldigen -- und, Gott der Gerechte, was für ein Unglück! -- und sie
gehen hinaus und schießen mit geladene Pistolen auf einander. Der Herr
Baron kann in den paar Wochen auf dem theuern Pferd ausreiten und fallen
und den Hals brechen, und geb' ich das Geld, so bricht der Herr Baron
den Hals nicht, aber der alte Salomon bricht ihn.«

»Aber ich werde mich gewiß in der Zeit sehr in Acht nehmen, Salomon. Ich
weiß ja doch, was für mich und die Meinen davon abhängt.«

»Ist recht schön von Ihnen,« erwiederte der alte Mann, »aber ich stecke
schon tief genug in der Geschichte drin, und mehr noch zu riskiren, wäre
nicht klug gehandelt, selbst angenommen, daß ich das Geld hätte, was
aber, soll mir Gott helfen, nicht der Fall ist. Wenn Sie ein Haus
versichern bei einer Gesellschaft, so nimmt sie die Versicherung nur zu
einem bestimmten Werth, nicht mehr. Ich bin schon weiter gegangen. Als
ich habe nachgesehen meine Bücher am letzten Ersten, habe ich gefunden
große Summen hinter dem Herrn Baron seinen Namen, und alle auf der
einen Seite -- war doch die andere blank und rein, eine wahre
Papierverschwendung. Auf die Seite geht noch viel, auf die andere nichts
mehr, oder der Salomon könnt's nicht verantworten vor Weib und Kind
und dem Gott seiner Väter, als ich will bleiben gesund -- das ist mein
letztes Wort.«

»Aber, Salomon,« rief der Officier in Todesangst, »ich habe keinen
Menschen weiter auf der Welt, von dem ich heute noch so viel Geld
bekommen könnte, und ich muß es haben, oder ich weiß nicht, was ich
thue! Ihr treibt mich zur Verzweiflung, und mir bleibt nichts Anderes
übrig als....«

»Drohen Sie nicht mit einer Sache, junger Mann,« sagte der alte Jude
ernst, »wo der Gedanke, noch nicht einmal ausgesprochen, schon Sünde
ist vor dem Thron des Höchsten. Denken Sie an Ihren Vater, an Ihre todte
Mutter, denken Sie an die Leute, die Ihnen vertraut haben, wenn auch
ohne gegebenes Ehrenwort, doch mit gedachtem, und die Sie auf die Weise
nicht bezahlen können. Sie sind noch jung, und ein Fehler ist in Ihrem
Alter leicht wieder gut gemacht -- aber das müssen Sie selber thun --
ich nicht --, und doch verlangen Sie's von mir.«

Der Officier saß vor ihm, die rechte Faust auf seinem Knie geballt, die
Augen stier und düster am Boden haftend. Ein Gedanke, wie ein Blitz,
schoß ihm durch die Seele. Noch war Hoffnung. Rebekka, des Juden
Tochter, hatte ihn lieb, das wußte er, und wenn er oft mit dem wunderbar
schönen Mädchen getändelt, traf ihn manchmal ein Blick aus ihren
schwarzen Augen, der ihm in die Seele schnitt. Er mied sie auch deshalb,
denn er war nicht schlecht, und wollte keine Neigung erwecken, die er,
wie er glaubte, doch nie erwiedern durfte. Aber jetzt galt es, ihn aus
einer wirklichen Noth zu erretten, und zwar einer Summe wegen, die er
ja in wenigen Monden schon mit reichen Zinsen zurückzahlen konnte und
wollte. -- Sie mußte ihm helfen, den Vater zu erweichen, und sie that
es, denn mit dem Alten war, nach dem letzten Schwure, den er gethan,
kein Wort weiter zu reden, das wußte er gut genug.

»Ihr seid hart heute, Salomon,« sagte er endlich, »hart und zäh, wie ich
Euch nie gefunden....«

»Schade für mich,« sagte der Alte störrisch.

»Ich weiß auch im Augenblick nicht, wie ich mir helfen soll, wenn Ihr
mich im Stiche laßt. Ich muß Zeit zum Ueberlegen haben, und es ist das
Beste, daß ich gehe....«

»Thut mir leid,« sagte der alte Mann, »den Herrn Baron umsonst den
weiten Weg haben machen zu lassen; aber soll mir Gott helfen, ich kann
nicht anders. Ich habe mehr für Sie gethan, als für einen andern fremden
Menschen auf der Welt; aber eine Grenze muß sein, und wir stehen dran.«

»Es ist möglich, Salomon,« sagte der junge Mann, »daß wir uns jetzt
in längerer Zeit nicht sehen. Erlauben Sie mir, Ihre Tochter noch zu
begrüßen.«

Der Alte zögerte. »Gehen Sie,« sagte er endlich; »ihre Mutter ist oben,
ich kann jetzt noch nicht; es ist vier Uhr gerade, und ein Freund wollte
kommen, mit dem ich habe zu reden. Ich folge gleich nach, muß dann erst
zuschließen die Ladenthür, denn viel Gesindel treibt sich hier herum.«

»Ich werde vorausgehen.«

»Der Herr Baron wissen ja den Weg, die Treppe ist etwas dunkel; erst
vier Stufen, dann ein Absatz und dann drei. Fallen Sie nicht.«

»Ich kenne ja die Treppe -- also auf Wiedersehen, Salomon!« Und mit
schwerem Herzen schritt der junge Mann durch die Hinterthür über den Hof
und dort dem schmalen Eingang zu, der zu dem eigentlichen Wohnhaus des
alten Mannes hinaufführte.



7.

Rebekka.


Das Haus war von der Vorderseite, wenn auch massiv gebaut, doch
unscheinbar genug, denn den ganzen unteren Theil nahm der gewölbte
Laden ein, während die oberen Räume zu Speichern und Waarenläden benutzt
wurden und nicht einmal Fenster, sondern braune Laden zeigten. Eben so
schmal war der Hof; aber von dem Hintergebäude an erweiterte sich das
Grundstück, das hinter diesem einen wohl von Mauern eingeschlossenen,
aber doch freundlichen und auch nicht ganz kleinen Garten besaß. Auf der
Treppe herrschte allerdings kaum Dämmerlicht, und es erforderte einige
Geschicklichkeit, sich hinaufzufinden; oben aber verrieth eine sauber
angestrichene Glasthür die behäbigere Wohnung, und das Licht fiel hier
durch ein Fenster von dickem Glase schräg auf den Vorsaal hinab, in dem
sich drei Thüren öffneten.

Wendelsheim zog die Klingel; drinnen wurde der Vorhang etwas
zurückgeschoben, und er hörte die Stimme der Mutter.

»Gott der Gerechte, der Herr Baron -- Rebekkchen, der Herr Baron kommt!«

Zugleich wurde der Schlüssel umgedreht und die Kette zurückgeschlagen,
und die alte Frau begrüßte den jungen Officier mit einem tiefen Knix.

»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«

»Mit dem größten Vergnügen, wenn Sie uns die Ehre anthun wollen.«

Die Frau war wirklich die Höflichkeit selber, denn erstens wirkte der
Name eines Barons doch immer auf sie ein, und dann hatte sie den jungen
Mann, der sich früher in ihrem Hause eingeführt und manche Stunde
dort in harmloser, geselliger Weise verbracht hatte, in der That
liebgewonnen.

Bruno schritt der Thür zu, wo er Rebekka wußte, und als er dort
anklopfte und ein leises, kaum hörbares Herein! vernahm, sah er sich
plötzlich dem Mädchen gegenüber, das schon seinen Namen draußen gehört
hatte und jetzt, ihn erwartend, mitten in der Stube stand. Aber auf der
Schwelle blieb er wie gefesselt halten, denn mehr einer überirdischen
Erscheinung als einem menschlichen Wesen glich das wunderbar schöne
Mädchen.

Ein langes weißes Gewand, nur in der Mitte durch einen blitzenden Gürtel
gehalten, umhüllte ihre schlanke Gestalt. In vollen, üppigen Locken fiel
ihr das rabenschwarze Haar auf den Nacken nieder, und aus dem jetzt
nur durch die Erregung bleichen Antlitz sahen ihn ein Paar große,
seelenvolle Augen an -- und diese Augen, dieser Blick, der ihn traf!

»Rebekka,« sagte der junge Officier, wirklich überrascht von dem
Anblick, denn so schön -- so ungewöhnlich schön hatte er das Mädchen
noch nie gesehen -- »wie freue ich mich, Sie wieder begrüßen zu dürfen!«

»Thun Sie das wirklich?« sagte sie mit leiser, zitternder Stimme. »O,
wenn ich das glauben dürfte!«

Er schritt auf sie zu und faßte ihre Hand -- sie war kalt und bebte in
der seinigen; er hatte sie sonst nur auf diese Weise begrüßt, heute
hob er unwillkürlich die feinen Finger an seine Lippen und preßte einen
heißen Kuß darauf.

»Und wie lange sind Sie ausgeblieben,« flüsterte Rebekka mit einem
leisen, aber doch so freundlichen Vorwurf im Tone; »wie hatte ich mich
darauf gefreut, daß Sie Ihr Versprechen halten und mit mir die Noten
durchgehen würden, die Sie mir geschickt.«

»Ich bekenne mich schuldig, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, indem
er ihr voll in die klaren Augen schaute, während die ganze duftige
Gestalt des Mädchens vom Sonnenlicht wie übergossen schien; »aber ich
fürchte fast, daß ich trotzdem noch -- zu oft gekommen bin.«

»Was Sie für häßliche Wortspiele machen,« lächelte Rebekka, leicht
erröthend. »Wie kann man dahin, wo man gern gesehen ist, zu oft kommen?
Das verstehe ich nicht.«

»Und wenn es nun zu oft für mich wäre?«

»Das verstehe ich wieder nicht; wenn Sie gern kommen, und ich -- hätte
das doch so gern geglaubt --«

»Sie sind so lieb und gut, Rebekka,« sagte der junge Mann, »daß
Ihnen die Welt nur immer, wohin Sie schauen, Ihr eigenes Spiegelbild
zurückwirft. O, bleiben Sie so -- ich kann Ihnen nichts Weiteres
wünschen!«

»Sie sprechen heute wirklich in lauter Räthseln,« sagte kopfschüttelnd
das schöne Mädchen. »Aber wollen Sie nicht ablegen? Sie stehen da
so mitten in der Stube -- oder -- war das nur ein Besuch, den Sie im
Vorübergehen abmachen wollten, um vielleicht eine alte Verpflichtung
einzulösen?«

»Es wäre möglich, daß es -- ein Abschiedsbesuch sein sollte,« erwiederte
Wendelsheim, aber wie scheu und halb abgewandt.

»Ein Abschiedsbesuch?« rief Rebekka erschreckt. »Sie wollen fort?«

»Ich -- muß vielleicht -- doch diese kurze Stunde wollen wir uns nicht
verbittern; kommen Sie zum Instrument -- wo haben Sie Ihre Lieder, daß
ich noch einmal Ihre liebe Stimme höre?«

»Ich werde nicht singen können, Herr Baron.«

»Es wird schon gehen; wenn Sie Musik hören, können Sie doch nicht
widerstehen.«

»Ich will es versuchen,« hauchte das schöne Mädchen leise und schritt
zum Flügel, den sie öffnete und einen Band mit Liedern vornahm, der
obenauf in ihrem Pult lag. Sie hatte sie ja täglich durchgespielt.

Bruno war ganz tüchtig auf dem Instrument und begleitete besonders
vortrefflich, und das Mädchen sang dazu mit einer so vollen und so
glockenreinen Stimme und dabei einem so weichen, schmelzenden Ausdruck
in den Tönen, daß es dem jungen Mann wirklich bis in alle Herzensfasern
drang und er genau aufpassen mußte, um nicht selber aus dem Tact zu
kommen.

Die Mutter stand dabei, die Hände gefaltet, und war glücklich. Plötzlich
sprang Wendelsheim in die Höhe.

»Rebekka,« sagte er, »Ihre Töne dringen durch Mark und Bein, und es
ist manchmal, als ob sie Einem das Herz aus der Brust reißen könnten.
Mädchen, wo haben Sie die wunderbare Stimme her?«

»Ach, ich mußte mich heute so zusammennehmen,« sagte Rebekka schüchtern,
»ich hatte solche Angst!«

»Angst -- und wozu Angst?« sagte die Mutter. »Der Herr Baron weiß, wie
Du singst, und Du brauchst Dich vor ihm nicht zu geniren -- und vor
keinem Menschen. Aber glauben Sie, Herr Baron, daß Sie der Einzige
sind, vor dem sie überhaupt den Mund aufthut, ihren Vater und mich
ausgenommen? Wenn Besuch da ist und wir bitten sie noch so schön, da
macht sie bald die, bald jene Ausrede, und wenn wir sie lange quälen,
geht sie ganz weg und kommt nicht wieder.«

»Weil ich mich nicht selbst begleiten kann, Mutter,« sagte das junge
Mädchen tief erröthend.

»Ob Du nicht kannst,« rief aber die Mutter, mit dem Kopf nickend, »ob
Du nicht kannst, wenn Du willst! Sie sollten sie nur hören, Herr Baron,
wenn sie ganz allein ist, wie sie da spielt und dazu singt, daß mir
alten Frau manchmal die Thränen aus den Augen laufen.«

»Du lieber Himmel,« sagte Rebekka seufzend, »wir leben hier gar so
einsam in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt. Die Musik ist da ja das
Einzige, das uns Ersatz bieten kann, und wie der Vogel draußen auf den
Zweigen sein Lied unbekümmert zwitschert, gut oder schlecht, wie es
gerade herauskommt, so singe auch ich -- aber nicht besser, Mütterchen,
gewiß nicht besser.«

Bruno hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so befangen gefühlt.
Er war sich bewußt, was ihn heute eigentlich hieher geführt -- in welche
gedrückte, peinliche Lage ihn sein Leichtsinn gebracht; aber er wäre
nicht im Stand gewesen, zu dem Mädchen heute von Geld zu sprechen und
ihr Fürwort bei dem Vater zu erbitten. Alles, was gut und edel in ihm
war und vielleicht lange da geschlummert hatte, oder auch durch das
schale Garnisonleben, seine Umgebung und tägliche Gesellschaft
betäubt und unterdrückt gehalten worden, erwachte heute mit voller und
vielleicht nie geahnter Stärke, und gute, ernstgemeinte Vorsätze für
sein künftiges Leben keimten in seinem Herzen frisch und gewaltig empor.
Er nahm Rebekka's Hand und sagte leise: »Dann muß ich Ihnen um so viel
dankbarer sein, Rebekka, daß Sie gerade in meiner Gegenwart die
Scheu ablegen. Sie haben mich recht glücklich damit gemacht, und die
Erinnerung an diese Zeit wird immer -- so lange ich noch lebe -- mir die
schönste und liebste sein.«

»So lange Sie noch leben -- Gott der Gerechte!« lächelte die Frau.
»Sollte man nicht glauben, wenn man Sie hörte, Sie wären ein Mann von
achtundachtzig Jahren, mit grauen Haaren und mit einem Stocke? So lange
Sie noch leben -- Sie fangen ja erst an, und der liebe Gott wird Ihnen
schon ein langes und freudiges Leben schenken. Wir werden uns wieder
sprechen.«

Die beiden jungen Leute schwiegen, Jedes mit seinen eigenen Gedanken
beschäftigt, und die Mutter sah Eines nach dem Andern verwundert an.

»Nun, wie haißt?« lächelte sie endlich. »Keine Musik? Keine
Unterhaltung? Wo bleibt da die Gesellschaft? Was hast Du nur, Bekkchen?
Hab' ich doch geglaubt, das Kind wäre nur so still und schweigsam, wenn
sie allein wär'; jetzt macht sie's in der Gesellschaft gerade so.«

»Ich dachte eben -- Mutter -- der Herr Baron hat vorhin angedeutet, daß
er nur hergekommen wäre, um Abschied von uns zu nehmen.«

»Abschied? Gott soll's verhüten, und wozu? Wollen Sie verreisen?«

»Wahrscheinlich -- auf einige Zeit wenigstens,« sagte der Lieutenant
verlegen; »es sind Geschäfte, die mich dazu zwingen.«

»Aber Sie kommen hieher zurück?« fragte Rebekka, und ihr Auge hing
forschend an den Zügen des jungen Mannes.

»Was für a Frag!« sagte die Mutter. »Hat der Herr Baron sein großes,
schönes Gut hier, und die Familie; wird er nicht zurückkommen!«

Rebekka sah ihn angstvoll an, als ob sie die Bestätigung dieses
Ausspruches in seinen Blicken lesen wolle; aber er wandte sich ab,
schritt zum Fenster und sah hinaus.

Es war eine wunderliche Scenerie, die sich hier dem Blicke zeigte, und
so pittoresk wie bunt gemischt. Unten vor dem Fenster lag der kleine
freundliche Garten, gegen die Umgebung von der Mauer scharf abgegrenzt
und selbst unnahbar; denn daß man der Nachbarschaft nicht besonders
traute, bewiesen die auf dem oberen Rand des Steinwalles eingekitteten,
spitz und gefährlich hervorragenden Glassplitter, die ein
Hinüberklettern ganz unmöglich machten. Unter dem Schutz derselben
blühte und grünte aber auch da unten eine kleine, vollkommen für sich
abgeschlossene Welt, ein Rosenflor zum Beispiel, wie er nicht weiter
in der Stadt vorkam, und die Beete dabei so sorgfältig gepflegt, die
schmalen Wege so rein und sauber gehalten, der kleine Springbrunnen in
der Mitte, sein Wasser so rein und frisch und lustig emporplätschernd.
Und was für ein lauschiges Plätzchen hatte der alte Salomon da unten
seinem Kinde gebaut! Dicht hinter dem Springbrunnen, kühl und zugleich
geschützt und versteckt, lag eine kleine Laube, deren Dach ein einziger
ausrankender Rosenbusch zu bilden schien; aber blühende Granat- und
Orangenbäume, gemischt mit Vanille und hochstämmigen Fuchsien, bildeten
die Wände, und mildes Dämmerlicht lag in dem kleinen, zauberisch schönen
Raum. Hob sich aber der Blick, dann traf er gleich darüber hin auf einen
so schroffen, trostlosen Gegensatz, daß er ordentlich staunend wieder
zurück zu jenem kleinen Paradiese flog, um sich zu überzeugen, daß er
recht gesehen, und wirklich zwei Bilder so unmittelbar neben einander
stehen könnten, die das eine dem Himmel, das andere der Hölle glichen.

Dort, gleich rechts über der Mauer nämlich, und nur durch wenige Gärten
oder offene Hofplätze davon getrennt, erhoben sich die Hintergebäude der
eigentlichen Judengasse, spitz und phantastisch genug, es ist wahr, mit
hohen Giebeln und rauchgeschwärzten Dächern; aber ordentlich Gespenstern
glichen die schmalen, fest in einander gedrängten Häuser mit den leeren,
düsteren Augen, die überall hinausstarrten. Da war kein einziges fast
mit ganzem Rahmen oder Glas, keine weiße Gardine zeigte auch nur an
einem Punkt, daß dort gesittete Menschen hausten -- schmutzige Lappen
und Tücher, alte, wüst aussehende Kleidungsstücke hingen überall heraus,
der Luft, als einziger Reinigung, ausgesetzt, und an jeder Wand zeigten
die Spuren niedergegossenen Wassers und Unraths den Zustand, der im
Innern herrschen mußte.

Der junge Baron von Wendelsheim hatte auch früher wohl oft staunend und
kopfschüttelnd zu jenen Höhlen hinübergeschaut, die ja doch ebenfalls
das umschlossen, was der Mensch seine Heimath nennt und wo er sich wohl
und glücklich fühlen soll, und dann immer nicht begriffen, wie Menschen
gerade dort freiwillig existiren konnten. Heute schweifte sein Blick
glanzlos, ohne das Paradies, ohne die Hölle dahinter auch nur zu sehen,
über die Blumen, über die rauchverbrannten Häuser wie über eine Leere
hin.

Sein Ehrenwort! -- er hatte es leichtsinnig, gedankenlos gegeben --
es war den Leuten gegenüber, die ihn bei dem Kauf umstanden, mehr eine
Prahlerei gewesen, und die Folgen der Nichterfüllung konnte er noch
nicht übersehen. Aber selbst das lag ihm jetzt weniger auf dem Herzen,
als die Trennung von dem Mädchen, das heute, erregt wie er war, einen
nie geahnten Einfluß auf ihn ausgeübt. Und was durfte sie ihm je sein?
Sie, die Tochter des alten Salomon, eine Jüdin -- er, der Sohn eines
der adelstolzesten Häuser im ganzen Reiche! Und konnte ihm das eine
Rücksicht auferlegen? Hatte ihn nicht gerade dieser Vater, so lange er
denken konnte, rauh und abstoßend behandelt? -- Er faßte die fieberheiße
Stirn mit den Händen. Die Gedanken, die ihm wild und toll durch das Hirn
zuckten, machten ihn fast schwindeln.

»Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron?« sagte eine weiche Stimme an seiner
Seite. »Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?«

»Ja, Kind, mit ein paar Tropfen Rum hinein, von dem guten, den der Vater
neulich auf der Auction gekauft hat.«

»Ich danke Ihnen, Rebekka,« sagte der junge Mann freundlich; »es war
nur -- ein heftiger Schmerz, der mir durch die Schläfe zuckte -- es ist
schon vorüber.«

»Aber ich hole es doch, damit es nicht wiederkehrt,« lächelte das junge
Mädchen -- »Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr? Und dann
spielen Sie mir noch einige von den Mendelssohn'schen Liedern; es giebt
für mich nichts Schöneres auf der Welt. Das wird Sie auch ein wenig
zerstreuen,« setzte sie leiser hinzu und huschte dann aus dem Zimmer.

»Armes Kind,« sagte die Mutter, die ihr nachsah und langsam dazu mit dem
Kopfe nickte -- »jetzt ist sie noch so jung und heiter, und kennt keine
Sorgen und Schmerzen; und wie bald wird die Zeit kommen, wo sie an die
Thür klopfen und dann nicht mehr weggehen, man mag thun und machen, was
man will!«

»Gott möge sie ewig fern von ihr halten!« sagte Bruno viel weicher,
als er sonst wohl dachte und fühlte, denn unwillkürlich traf ihn der
Gedanke, daß er selber die Ursache sein könne, welche die erste Thräne
in des Mädchens Augen rief, den ersten wehen Schmerz in ihre Brust
einziehen ließ.

»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« rief da die Frau, deren Gedanken rasch
einen andern Flug nahmen, »Sie haben ein so gutes und weiches Herz und
sind so ein braver Mensch, und tragen doch immer an Ihrer Seite einen
langen spitzen Degen, um Menschen damit todtzustechen -- Gott der
Gerechte, wenn ich mir denken müßte, wo so eine Klinge in den Leib
geht!«

»Aber, liebe Frau Salomon,« lächelte Bruno, der sich gewaltsam Mühe gab,
die alten Gedanken abzuschütteln, »der Degen ist so weit ganz harmlos
und gehört nur mit zu meiner Uniform. Eben so wenig aber, wie ich
die Epauletten ablegen dürfte, darf ich auch die Waffe von der Seite
lassen!«

»Und mitten im Frieden -- wer thut Ihnen denn 'was? Und Sie wollen doch
auch Niemandem etwas zu Leide thun.«

»Aber der Soldat muß doch Waffen tragen!«

»Im Kriege, ja, wenn sie sich einander todtschlagen; aber wenn nun der
Salomon den ganzen Tag mit einem Schleppsäbel herumgehen wollte,
und über die Treppen rasseln, und unten im Laden das Porzellan damit
herunterschmeißen -- Gott Abraham's, wie der Salomon damit aussehen
müßte! Hat er sich doch neulich einmal zum Spaß einen umgeschnallt und
ist damit auf und ab gegangen, aber nicht lange, denn er kam ihm gleich
zwischen die Füßcher, und beinahe wär' er damit hingefallen. Hätt' sich
können Schaden thun mit dem Säbel, und wär' ihm recht geschehen, warum
macht er solche Dummheiten auf seine alten Tage!«

Bruno lachte, und auch Rebekka's liebes Gesicht klärte sich wieder auf,
als sie in diesem Augenblick in's Zimmer trat und ihren jungen Gast so
freundlich sah.

»Und nun trinken Sie,« sagte sie, ihm Glas und Flaschen hinschiebend;
»es wird Ihnen gut thun und der Kopf Ihnen wieder klar werden.«

»Aber nur auf so lange, Rebekka, bis ich Ihnen wieder in die Augen
sehe.«

Das Mädchen wurde ernst. »Das ist nicht recht, Herr Baron,« sagte sie.
»Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal bei uns waren und mir so
viele Schmeicheleien sagten, wie sie wohl draußen bei Ihnen Sitte sind?
Damals bat ich Sie so herzlich, das nicht mit mir zu thun, und Sie
versprachen es mir und haben Ihr Wort ehrlich gehalten. Wollen Sie es
jetzt brechen?«

»Nein, Rebekka -- nein, wahrlich nicht,« seufzte der junge Mann recht
aus tiefster Brust; »es sollte auch bei Gott keine fade Schmeichelei
sein, es war ehrlich gemeint! Aber -- Sie haben recht,« brach er kurz
ab, »wir wollen wieder musiciren -- kommen Sie.«

»Und wollen Sie nicht erst trinken? Das Wasser ist so frisch.«

Bruno folgte der Einladung; er goß sich reichlich Rum hinzu und stürzte
das Glas hinunter. Dann trat er zum Instrument und griff einzelne
Accorde.

Während Rebekka zu ihm ging und die Mutter sich auf einem der nächsten
Stühle niederließ, wurde nebenan leise und geräuschlos die Thür
geöffnet, und der alte Salomon trat ein; wie er aber die Musik hörte,
warf er erst einen Blick durch den Vorhang, der die beiden Zimmer
schied, hinein, glitt dann still zu dem nächsten Kanapee und ließ
sich darauf nieder. Er regte sich dabei nicht und sah nur still
und unverwandt ein Bild an, das ihm gegenüber hing -- das seiner
verstorbenen Mutter.

Der junge Officier präludirte eine Weile, aber nicht lange; er ging
bald in eine etwas schwermüthige Phantasie über, der er sich hingab und
darüber seine Zuhörer fast vergaß.

»Aber so ernst?« sagte Rebekka endlich leise.

»Sie haben recht, mein Fräulein -- ich muß....« er horchte -- die Uhr
hob zum Schlagen aus -- er zählte: es schlug fünf Uhr -- »ich muß Ihnen
etwas Heiteres spielen, denn Sie sollen nicht sagen, daß ich mit einem
Trauermarsch von Ihnen geschieden bin.« -- Und jetzt spielte er einen
der wildesten Strauß'schen Walzer von Anfang bis zu Ende durch. --
»Nun,« sagte er dann, »klang der besser?«

»Der klang fast noch trauriger als das erste Stück,« sagte das junge
Mädchen ernst und wandte sich dabei halb scheu zur Seite.

»Aber ich weiß nicht, was Du willst, Kind,« rief die Mutter -- »was
Lustigeres kann es ja doch gar nicht geben, und zuckt es doch sogar mir
alten Frau, die das Tanzen lange abgeschworen hat, in den Füßen.«

Bruno erwiederte nichts; wieder griff er einige Accorde, die sich
aber fast von selber zu einer Melodie gestalteten, und ohne daß er
es vielleicht wußte, klangen sie plötzlich zu Mendelssohn's: »Es ist
bestimmt in Gottes Rath,« zusammen. Er spielte es durch, beide Verse,
die letzten Töne so leise, daß sie kaum hörbar durch das Zimmer klangen;
dann stand er langsam auf und griff nach seiner Dienstmütze, die oben
auf dem Instrument lag.

Rebekka stand ihm stumm und regungslos gegenüber; ihr Gesicht war
marmorbleich geworden, daß sich die rabenschwarzen, langen Wimpern der
niedergeschlagenen Augen deutlich und scharf in einem dunkeln Bogen auf
den Wangen abzeichneten. Jetzt schlug sie den Blick zu ihm auf; er war
mit Thränen gefüllt und schwamm darin wie zwei dunkle Diamanten, und o
-- wie zauberschön und lieblich sie war!

»Rebekka!« rief der junge Officier, seiner Sinne kaum mehr mächtig --
»und Dich, Mädchen, Dich soll ich nie wiedersehen? Aber es muß sein --
die Zeit verfliegt, ich kann nicht länger säumen! Leb' wohl, und wenn
Du....«

Er vermochte nicht weiter zu reden, Thränen erstickten seine Stimme;
aber er hatte auch das Uebermenschliche geleistet, und die Jungfrau an
sich ziehend, preßte er einen heftigen Kuß auf ihre Lippen. In demselben
Augenblick fühlte er sich aber auch von Rebekka's Armen in wilder
Leidenschaft umschlungen.

»Bruno,« flüsterte sie, indem sie ihn fest an sich preßte, »wenn Du mich
verläßt, sterbe ich.«

»Gott der Gerechte!« rief die Mutter, die ebenfalls aufgesprungen war
und vor Verwunderung die Hände zusammenschlug.

»Herr Lieutenant,« sagte da die kalte, ruhige Stimme Salomon's, »es wird
Zeit, daß Sie aufbrechen; es ist halb sechs Uhr vorüber, und wir haben
noch unten ein kleines Geschäft mit einander abzumachen.«

»Salomon,« hauchte der junge Mann, sich verstört, wie aus einem Traum
emporrichtend -- »zürnen Sie mir nicht....«

»Ich habe gehört,« fuhr der alte Mann ruhig, aber doch mit bewegter
Stimme fort, »was die Rebekka gesagt hat, und habe gehört, was Sie
gesagt haben. Ich hatte anfangs geglaubt, Sie wollten über 'was Anderes
mit dem Mädel sprechen. Es hätt' Ihnen nichts geholfen, Herr Baron; aber
-- nehmen Sie mir den Verdacht nicht übel -- Sie sind ein Ehrenmann, und
ich hoffe, Sie werden nicht abreisen und das gegebene Ehrenwort derweil
auf mich übertragen.«

»Salomon!«

»Bitte, kommen Sie herunter, es liegt Alles bereit, und Dinte und Feder
steht daneben; wir brauchen keine zwei Minuten damit zu versäumen. Sie
wissen doch um sechs Uhr.«

»Und er kehrt zurück, Vater?«

»Wird er zurückkehren, wenn er sein Wort hält, und ich glaube, er thut's
-- meinetwegen -- und vielleicht auch Deinetwegen.«

»Salomon, wie soll ich Euch danken.«

»Ein Kunststück,« lachte der alte Mann still vor sich hin, »das wär'
leicht genug -- aber wir vertrödeln die kostbare Zeit. Er kommt wieder,
Rebekka, ich versprech' Dir's, und Du weißt, _ich_ halte mein Wort.«

»Und ich auch, Salomon, so wahr sich ein Himmel über uns wölbt!« rief
der junge Officier leidenschaftlich, indem er das schöne Mädchen noch
einmal an sich preßte und einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte. Der
alte Salomon seufzte tief auf, aber er sprach nichts mehr hinein, und
den jungen Mann nur bei der Hand nehmend, führte er ihn aus der Stube
hinaus, die etwas dunkle Treppe hinab in das Gewölbe.

Die Läden waren schon geschlossen; es brannte nur ein Licht auf dem
Tisch. Dort blieb der Mann stehen.

»Der alte Salomon hat sich zum ersten Mal in seinem Leben verrechnet,«
sagte er. »Wie ich Ihnen das Geld verweigerte und Sie mich fragten, ob
Sie zu der Rebekka hinaufgehen dürften, glaubte ich, daß Sie das Mädel
um das Geld drängen würden -- ich hatt' es gehofft, denn leider hab' ich
schon lange fühlen müssen, daß sie mehr an Ihnen hing, als ihr und mir
gut war. Das aber hätt' sie curirt und es wär' aus und vorbei gewesen
mit dem Baron und der Tochter des alten Juden. -- Es ist anders
gekommen. Die Liebe ist aufgeschlagen wie eine Flamme aus lodernder
Scheune -- und ob das ein himmlisches oder ein verderbliches Feuer wird
-- die Zeit muß es lehren.«

»Salomon -- haltet Ihr mich für einen ehrlichen Mann?«

»Lieber Gott,« sagte der Jude, »wie haißt -- Sie sind ein Baron und von
altem Adel, und wie es einmal werden soll, der Herr da oben weiß es
-- doch es wird spät. Hier, Herr Baron,« fuhr er fort, indem er mit
langsamen Zügen einen Wechsel ausfüllte, »Geld hab' ich nicht so viel im
Haus -- besonders kein Gold -- aber das Papier hier, mit dem Namen vom
alten Salomon darunter, ist in der ganzen Stadt so gut wie Gold. So,
und hier auf den Zettel schreiben Sie: »von Isaak Salomon 200 Lujedor --
schreibe zweihundert Lujedor mit fünf Procent Zinsen geborgt erhalten zu
haben, bescheinigt« -- und Ihren Namen darunter.«

»Salomon....«

»Es wird gleich sechs Uhr schlagen -- wozu das viele Reden -- wo ich
mein eigenes Kind riskire -- was liegt an dem Geld!«

»Ich werde Euch das nie vergessen!«

»Wär' mir auch nicht lieb,« nickte der Alte, indem er den rasch
geschriebenen Schein gegen das Licht hielt und dann wegschloß. »Und
jetzt leben Sie wohl! Warten Sie, ich lasse Sie gleich durch den Hof auf
die Straße, vorn ist zu.«

»Mein lieber, braver Salomon!«

»Auf Wiedersehen, Herr Baron, auf Wiedersehen!«

Und der alte Mann drängte ihn selber hinaus auf die Straße; dann ging er
zurück in den Laden, schloß den Geldschrank und schob den Schlüssel in
die Tasche, löschte das Licht aus, kniete neben dem Stuhl, an dem er
stand, nieder und betete da im Dunkeln, allein mit seinem Gott, heiß und
brünstig.



8.

Der Familienball.


Am Mittwoch Abend war große Gesellschaft beim Staatsanwalt Witte,
allerdings nicht zu dessen eigenem Vergnügen, denn er haßte nichts
mehr auf der Welt -- einen schlechten Proceß ausgenommen --, als derlei
sogenannte Vergnügungen oder Festlichkeiten, die das eigene Haus
schon auf drei, vier Tage vorher auf den Kopf stellen und jede eigene
Bequemlichkeit aus dem Fenster werfen. Er hatte auch gewünscht, daß
sie das Ganze in einem Hotel arrangiren möchten, wo sich nicht allein
passendere Räumlichkeiten fanden, sondern auch die Leute darauf
eingerichtet waren, und er dann Abends, nach überstandenem Genusse,
augenblicklich wieder in seine alte Ordnung und Ruhe zurückkehren
konnte. Es kostete allerdings eine Kleinigkeit mehr -- und das
vielleicht nicht einmal. Wenn man aber all' die Unruhe und Aufregung und
die vielen fremden Leute rechnete, die man gezwungen war zur Bedienung
in das Haus zu nehmen, so konnte das gar nicht in Betracht kommen. Er
wurde jedoch im Familienrath überstimmt, denn Frau wie Tochter hatten
es sich einmal in den Kopf gesetzt, die kleine Festlichkeit auch in den
eigenen Räumen zu geben, selbst wenn diese etwas beschränkt waren.

Ein Hotel -- dort war die Frau Staatsanwalt weiter nichts, als was ihr
Titel besagte, aber nicht die Hausfrau, und Ottilie nicht die Tochter
vom Hause. Man bewegte sich in fremden Sälen genau so, als ob man wo
anders zu Gaste gewesen wäre, und viele der Eingeladenen wurden sich am
Ende nicht einmal recht klar, wem sie die Einladung verdankten: dem, der
die Karten geschickt, oder vielleicht einem Andern, für den er das nur
besorgt hatte; ja, es konnte eben so gut eine »Actien-Gesellschaft«
sein, wo sich Mehrere zusammengethan, um ihre Freunde und Bekannten
einmal »abzufüttern.« Da lieber nicht -- die Frau Staatsanwalt erklärte,
daß sie ihrem Manne »den Gefallen gethan habe,« die Freunde zu sich zu
bitten (sie hatte ihn nämlich bis auf's Blut gequält und immer wieder
erinnert und gebohrt, bis sie seine Einwilligung bekam), nun aber wolle
sie die Sache auch ordentlich in's Werk setzen, wie sich's gehöre, und
nicht halb und stückweise.

Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur ein Anwalt,
kein Richter, besonders in seinem eigenen Hause, und hatte dafür das
Vergnügen, daß ihm schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festabend
sein Studirzimmer selber, aus Mangel an Raum, mit denjenigen Möbeln
vollgepfropft und verstellt wurde, die aus dem Salon und anderen
Nebenpiècen ausgeräumt werden mußten, um Platz für Seitentische und den
Tanzraum zu schaffen. Er protestirte allerdings dagegen und behauptete
thörichter Weise, daß er zu seinen Bücher-Regalen freien Zugang haben
müsse, weil er nicht wissen könne, welches er gerade brauche; aber
was half es ihm! Seine Frau bewies ihm, daß die Sache nicht anders zu
arrangiren sei; er habe den Ball einmal gewollt, und nun müsse er
auch die Folgen tragen. Mit einem Seufzer fügte er sich deshalb in das
Unvermeidliche.

Witte's Unglück war, daß seine Frau für den Adel schwärmte. Sie
behauptete selber, im vierten oder fünften Zweig ihres Stammbaumes aus
einer edlen Familie abzuleiten, aus welcher eine ihrer Vormütter -- Gott
vergebe es ihr -- einmal eine Mesalliance gemacht. Für sie hatte denn
auch nur der Adel Werth, und sie begriff eigentlich manchmal in stillen
Stunden selber nicht, weshalb sie einen Bürgerlichen geheirathet hatte.
Witte mußte jedenfalls in seiner Jugendzeit zu unwiderstehlich gewesen
sein, und an der Sache war auch überhaupt nichts mehr zu ändern. Aber
sie suchte sich wenigstens ihre Umgebung am liebsten unter dem Adel auf,
und ihr Lieblingsgedanke blieb immer der: ihre Ottilie doch jedenfalls
wieder gesetzlich und berechtigt in die Kreise und den Rang einzuführen,
aus dem jene besagte Vormutter freiwillig und leichtsinniger Weise
ausgetreten, das heißt, sie an einen Baron zu verheirathen.

Die eingeladenen Gäste gehörten deshalb auch vorzugsweise diesem Stande
an. Es war allerdings nicht zu vermeiden gewesen, einige bürgerliche
Appellations-, Gerichts- und Justizräthe wie mehrere Collegen Witte's
mit ihren Familien zu laden; aber adelige Namen, mit dem »von« jedesmal
deutlich ausgeschrieben, glänzten hauptsächlich auf ihrer Liste, zu der
sie sich denn auch vielleicht nur aus diesem Grunde bewogen gefunden,
den alten Major von Halsen und Frau von Bleßheim hinzuzufügen.
Sie brauchte Tänzer, also nicht den Major; aber der Major spielte
vortrefflich l'Hombre, und dazu hatte ihn sich Witte für den Abend
ausersehen.

Daß Lieutenant von Wendelsheim geladen war, verstand sich von selbst.
Witte hatte allerdings gegen ihn protestirt; denn wenn er auch den
Verdacht des Majors für zu vage erklärte, um ihm besonders viel Glauben
zu schenken, war er doch in etwas mißtrauisch geworden und wollte eine
nähere gesellschaftliche Bekanntschaft nicht provociren. Aber, lieber
Gott, er hätte eben so gut von seiner Frau verlangen können, an dem
Abend des Balls in einem Kattunkleide zu erscheinen! Er wurde mit
Entrüstung abgewiesen, ja der Lieutenant erhielt eine der ersten Karten,
und das Einzige, was der Rechtsanwalt erlangen konnte, war, noch einen
Referendar von seiner Seite einzuschmuggeln.

In der Ausschmückung und Arrangirung des Gesellschaftsraumes war
wirklich das Aeußerste geleistet, und die Zimmer sahen in der That gar
nicht mehr so aus, als ob sie zu einer stets benutzten Familienwohnung
gehörten. Da stand aber auch kein Sopha und kein Stuhl mehr auf
seiner alten Stelle, und der Secretär mit der Commode friedlich in der
Waschküche, während wieder Chiffonièren und Schränke einen Platz auf dem
Trockenboden einnahmen und dort allerdings wunderlich genug aussahen.
Selbst das Heiligthum der Schlafzimmer war nicht unangetastet geblieben,
und als der Staatsanwalt Abends noch einmal hineinging, um seine etwas
derangirte Frisur ein wenig in Ordnung zu bringen, fand er statt des
sonst gewohnten Lagers an der nämlichen Stelle einen wahren Berg von
Matratzen und Kopfkissen, die fast zu Manneshöhe aufgeschichtet
lagen. Aber er sagte kein Wort; nur einen tiefen Seufzer stieß er aus,
arbeitete sich dann zwischen den beiden Nähtischen seiner Frau
und Tochter, die hier, wie in eifriger Unterhaltung begriffen,
zusammenstanden, durch, kam zu seinem Waschtisch, beendete die
gewünschte Operation und gelangte nach einiger Mühe wieder in's Freie
und hinaus, wo er wenigstens Raum hatte sich zu bewegen.

Aber jetzt bekam er auch keine Zeit mehr, um ein finsteres Gesicht zu
ziehen, ja, er mußte im Gegentheil lächeln und sehr liebenswürdig sein,
denn die ersten Gäste langten eben an, und seine Frau war mit ihrer
Toilette, die sie in der Tochter Zimmer beendete, richtig noch nicht
fertig geworden -- Damen werden das überhaupt selten. Sie hatte aber
freilich auch noch bis zum letzten Augenblick so entsetzlich viel zu
thun und anzuordnen gehabt, daß ihr nicht ein Moment für sich selber
blieb. Sie wollte auch, wie sie meinte, an das Fest und die Unordnung
im Hause denken, und so 'was passirte ihr nicht wieder, so lange sie ein
Wort da hinein zu reden hätte.

Aber das war freilich in dem Moment Alles vergessen, wo sie den
hellerleuchteten, ja, von Lichtern ordentlich strahlenden Saal betrat
und nun nichts mehr hörte, als das Rauschen schwerer Kleiderstoffe
und süß gelispelte Begrüßungsformeln, zwischen welche sich melodisch
manchmal das Klirren von einem Paar Sporen oder einer Säbelscheide
mischte.

Im Anfang ging das auch vortrefflich. Die ziemlich geräumigen Gemächer,
von geputzten, fröhlichen Menschen belebt, sahen vortrefflich aus, und
Alles schien sich außerordentlich behaglich zu befinden; aber mehr und
mehr trafen ein -- es waren doch, wie das ja oft geschieht, etwas
mehr geladen, als man anfangs beabsichtigt hatte, und die Zimmer dabei
ebenfalls nicht so groß, wie man gedacht. Aber es half jetzt nichts, es
mußte gehen, und ging, und nur die Gruppen standen ein wenig dicht, und
es hatte später einige Schwierigkeit, um einen Raum zum Tanzen frei zu
bekommen. Dazu herrschte gleich von Anfang an, und durch die zahlreichen
Lichter noch vermehrt, eine drückende Schwüle in den Räumen, so daß die
Rouleaux beseitigt und die oberen Fenster geöffnet werden mußten, wonach
sich wieder einige alte Herren und Damen über Zug beklagten. Allen
Menschen kann man es aber doch nicht recht machen, und da sich das junge
Volk bedeutend in der Majorität befand, setzte es seinen Willen durch.

Der Staatsanwalt hatte aber auch für sich etwas durchgesetzt, und
zwar auf sehr schlaue Weise, nämlich ein Spielzimmer, das zugleich zum
»Rauch-Coupé« dienen sollte. Dagegen -- gegen das Rauchen nämlich
-- hatte die Frau Staatsanwalt sich mit Händen und Füßen gesträubt,
obgleich sich ein vollkommen passendes Stübchen am Ende der Wohnung
befand, das aber zu entfernt vom Speisezimmer lag, um zu anderen Zwecken
zu dienen und von ihr in Anspruch genommen werden konnte. Das Stübchen
war dabei nur einfach gemalt, und Ottiliens Mutter hatte ihren Mann
lange deshalb gequält, es einmal tapezieren zu lassen, damit man es zu
einem, wie sie sagte, »anständigen« Fremdenstübchen herrichten
konnte. Der Staatsanwalt war aber aus verschiedenen Gründen nie darauf
eingegangen, jetzt wurde er weich. Er versprach der Gattin Wunsch zu
erfüllen, wenn es ihm an dem Abend zur Disposition gestellt würde, und
wie er die Einwilligung erhielt, wurde augenblicklich der Tapezierer
beordert, der in unglaublich kurzer Zeit die gemalte Wand mit einer
Tapete überklebte; dann kamen drei Spieltische hinein mit den nöthigen
Karten und Marken, und -- Aschenbecher und Feuerzeuge mit zwei Kisten
ausgesuchter Havannah-Cigarren. Jetzt sah er dem Kommenden ruhig
entgegen; er wußte einen Platz, wo er untertreten konnte.

In der Gesellschaft bewegte sich indessen noch Alles ziemlich wirr und
ungeordnet durcheinander, denn die Leute waren noch nicht recht mit
einander bekannt geworden. Thee wurde herumgereicht mit Backwerk, aber
man stand zu gedrängt, und wenn Jemand der einen Dame eine Verbeugung
machen wollte, so gerieth er dabei einer andern auf die Robe und mußte
sich wieder entschuldigen. Doch das regulirt sich zuletzt Alles von
selber.

Wenn ein Schiff, zum Ueberlaufen mit Passagieren besetzt, in See geht,
so glaubt man anfangs gar nicht, daß alle die Leute mit ihren zahllosen
Koffern und Kisten ein Unterkommen darauf finden können; aber
kaum einmal eine kurze Zeit in See, und sie werden so in einander
geschüttelt, daß noch viel mehr darauf Platz gefunden hätten. Genau so
ist es in Gesellschaft. Anfangs stehen sich die Leute alle im Wege und
getrauen sich gar nicht, da oder dort hinüber zu rücken. Aber das dauert
nicht lange, da gewinnen auch die Blödesten ihre freie Bewegung wieder,
und nur erst einmal in Bewegung, und die Masse vertheilt sich aus
eigenem Antrieb bald so zweckmäßig, daß sie sogar noch Raum für die hin
und her gehenden Diener läßt.

Das Militär war besonders zahlreich vertreten, vorzüglich der Stand
der Lieutenants, denn schon Hauptleute sind meist verheirathet und
außerordentlich schwer zum Tanzen zu bringen, während ein Major nur
in Ausnahmefällen springt. Lieutenant von Wendelsheim hatte sich denn
ebenfalls pflichtschuldigst eingefunden, denn wenn er sich auch nicht
gerade in der Stimmung fühlte, eben jetzt einer solchen Gesellschaft
beizuwohnen, mochte er auch nicht unhöflich gegen eine Familie
erscheinen, die sich ihm immer so freundlich und aufmerksam gezeigt. So
leichtherzig, ja man könnte sagen, leichtfertig er sich aber auch sonst
bei solchen Gelegenheiten benommen, so still und zurückgezogen hielt
er sich heute, mischte sich fast gar nicht unter das rege Getümmel
des jungen Volkes, sondern hielt sich fast einzig und allein zu der
freundlichen Wirthin selber, die auch über diese Aufmerksamkeit entzückt
schien und ihn mit ihrer Liebenswürdigkeit überschüttete.

Aber das junge Volk ließ nicht lange Ruhe. Ein kleines Gerüst war für
die Musici aufgebaut worden, und einige von diesen hatten sich dort
sehen lassen, um ihre Instrumente einzustellen. Ein paar Geigenstriche,
der Stimmung wegen, wurden dabei unvermeidlich, und der scharfe Ton
derselben wirkte wie ein Zauber auf die Tanznerven der Gesellschaft.

Zuerst wurden die jungen Damen unruhig und fingen an zu flüstern und
zu zischeln, dann wagte einer oder der andere der jungen Herren den
allerdings lauten, aber doch aus sicherem Versteck hervorgestoßenen Ruf:
»Musik!« so daß man nicht genau bestimmen konnte, von welcher Ecke
er eigentlich zuerst erschallte. Da aber Ottilie selber bei der Sache
interessirt war und gewissermaßen als Vice-Hausfrau fungirte, so wußte
sie die Musici bald auf die Tribüne zu bringen, und erst einmal dort,
verstand es sich von selbst, daß sie ihre Instrumente in Thätigkeit
setzten.

Eigentlich hatte die Frau Staatsanwalt bestimmt gehabt, daß der Tanz
erst nach dem Essen beginnen sollte; aber was half ihre kalte Berechnung
an einem so heißen Abend. Die Leidenschaft siegte, und während
der Staatsanwalt selber sich seine Mannschaft für das Rauch-Coupé
zusammensuchte und dadurch ebenfalls dafür sorgte, daß ein wenig mehr
Raum wurde, fing das junge Volk schon an, sich im Kreise zu drehen.

Wendelsheim hatte dabei schon aus schuldiger Artigkeit die Tochter des
Hauses zum ersten Tanze engagirt und keinen Korb bekommen, und Paar an
Paar schloß sich dem lustigen Reigen an, während es der Staatsanwalt
dagegen lange nicht so leicht fand, die Spieltische zu besetzen. So
gern nämlich viele Leute spielen, haben sie auch nur zu häufig den
Aberglauben dabei, daß sie sich müssen dazu nöthigen lassen, um nachher
zu gewinnen. Aber es gelang trotzdem, und er brachte, während er sich
selber für das l'Hombre mit dem Major und dem Justizrath Bertling
engagirte, noch eine Whist- und eine Skat-Partie zusammen, wobei sich
dann noch etwa zehn oder zwölf ältere Herren der Hitze und dem Gewirr
der anderen Zimmer entzogen, um hier in aller Gemüthlichkeit dem
Spiel zuzusehen und dabei ihr Glas Wein zu trinken und eine Cigarre zu
rauchen. Sie hätten es sich nicht besser wünschen können.

Der alte Major war ein ungemein eifriger l'Hombrespieler und vergaß
merkwürdiger Weise von dem Moment an, wo er am Kartentische saß, seine
ganze Krankheit und sein sonstiges Elend. Zu anderen Zeiten stöhnte und
jammerte er den ganzen Tag bald über dies, bald über das, was ihn im
Körper quälte und peinigte. Jetzt stöhnte er allerdings auch -- denn
das war ihm nun einmal zur andern Natur geworden, und er konnte es
eben nicht mehr lassen --, aber keineswegs über irgend ein
Krankheits-Symptom, sondern nur einzig und allein über schlechte Karten,
die er, wie er äußerte, immer unter der Würde bekam. Außerdem aber
verläugnete er auch beim Kartenspiel seine sonstige Unausstehlichkeit
nicht und hatte bald da, bald dort etwas auszusetzen; aber er spielte
sehr gut, und man ließ es sich deshalb gefallen.

So hatten die Herren, während im Saale schon flott getanzt wurde, ein
paar Stunden etwa gesessen, als die Frau Staatsanwalt selber einmal
hinüberging, um ihrem Gatten anzuzeigen, daß gegessen werden könne und
die Herren ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrechen möchten. Sie öffnete
auch vollkommen athemlos die Thür, blieb aber wirklich vor Entsetzen wie
festgebannt auf der Schwelle stehen, als ihr eine fast undurchsichtige
blaue Dampfwolke entgegenquoll, in der sie nur in höchst unbestimmten
Umrissen einzelne sitzende und stehende Gestalten erkennen konnte.

»Herr Du meine Güte!« rief sie ordentlich erschreckt aus. »Dietrich, wo
bist Du denn?«

»Hier, mein Kind,« sagte der Verlangte, indem er sich wie ein graues
Nebelbild aus dem Qualm emporhob, oder vielmehr damit in die Höhe zu
steigen schien.

»Aber weshalb, um Gottes willen, öffnen Sie denn kein Fenster? -- ich
begreife gar nicht, daß Sie noch im Stand sind, die Karten zu sehen!«

»Das hätten wir allerdings thun können,« lächelte der Staatsanwalt
verlegen, »aber wir waren so in unser Spiel vertieft....«

»Und dürft' ich die Herren bitten, hinüber zum Essen zu kommen -- es ist
Alles bereit.«

»Sehr wohl, gnädige Frau! -- Den Augenblick! -- Letztes Spiel!« und
mehrere andere derartige Ausrufe antworteten ihr, während die Frau
Staatsanwalt scheu wieder zurückwich und die Thür hinter sich schloß,
denn in der Atmosphäre konnte sie nicht existiren, der Tabaksgeruch
hätte sich ihr ja in Kleidern und Locken festgesetzt.

Begonnene Partien wurden jetzt beendet und, da der Tabaksqualm auch
einmal erwähnt worden und die Herren darauf aufmerksam gemacht waren,
auch die Fenster geöffnet. Dann bereitete man sich vor, um hinüber in
den Speisesaal zu gehen. Die l'Hombre-Partie war am ersten aus und das
Dreiblatt aufgestanden. Der Justizrath trat noch zu einem andern Tisch,
als der Major den Staatsanwalt unter den Arm faßte und etwas mit sich
bei Seite führte.

»Wissen Sie, Staatsanwalt, daß ich wieder auf einer neuen Spur bin?«
sagte er dabei leise.

»Spur? Wohin?« sagte Witte, der noch das letzte Spiel im Kopfe hatte,
das er mit den brillantesten Karten verloren.

»Nun, in der Wendelsheim'schen Sache.«

»Mein lieber Herr Major,« erwiederte der Jurist, »ich fürchte, Sie geben
sich, mit anerkennenswerther Thätigkeit, da ganz vergebene Mühe; denn
Sie werden zuletzt finden, daß Sie auf Ihrer neuen Spur, genau wie auf
der alten, nur auf einem Holzweg sind. Die Sache ist eben ungreifbar,
sie bietet nirgends einen Halt, denn Alles, was wir bis jetzt davon
erfahren haben, sind eben weiter nichts als Verdachtgründe und vage
Vermuthungen, und damit dürfen wir nicht arbeiten. Bringen Sie mir
_einen_ haltbaren Beweis, nur einen einzigen, dann überlassen Sie das
Andere mir; denn wenn man erst das eine Ende von einem Faden hat, findet
man auch das andere. Aber sonst will ich mit der Geschichte nichts
weiter zu thun haben, schon des jungen Mannes selber wegen, der sogar in
diesem Augenblick mein Gast ist.«

»Hol' ihn der Teufel!« knurrte der Major. »Er ist so wenig ein Baron von
Wendelsheim, wie Sie und ich....«

»Wollen wir nicht zum Essen gehen? Die Herren scheinen ihr Spiel beendet
zu haben.«

»Und ich setz' es doch durch,« sagte der Major, der, störrisch wie viele
alte Leute, sich einmal auf den Gedanken verbissen hatte und nun mit
menschlichen Mitteln nicht wieder davon abzubringen war. »Ich bin kein
Advocat, aber ich wollte, ich wäre einer geworden; denn wenn irgend ein
Haken an der Sache zu finden ist, _ich_ finde ihn, Staatsanwalt, _ich_
finde ihn -- soll mich der Teufel holen!«

Der Staatsanwalt war froh, daß er Gelegenheit bekam, sich von der ihm
lästig werdenden Unterredung zu befreien, und jetzt verschlang auch der
Zug der in die Eßzimmer strömenden Menschen jedes weitere Gespräch,
denn das wogte nur so herüber und hinüber und erforderte die ganze
Aufmerksamkeit und Umsicht der Hausfrau, Allen nicht allein ihren Platz,
sondern sogar ihren bestimmten Platz anzuweisen. Frau Staatsanwalt
Witte war ihrer Aufgabe aber auch vollkommen gewachsen; sie hatte viel
unternommen, aber nicht zu viel, und nach kaum einer Viertelstunde,
wobei sich das junge Volk besonders gut amüsirte, wenn es ein wenig
herüber und hinüber gestoßen wurde, fand sich die Gesellschaft wirklich
untergebracht, und die Lohndiener konnten jetzt ungehindert in den
Gängen hin und wieder schießen, um die verschiedenen Speisen herum zu
reichen.

Ottilie war glücklich heute Abend -- Lieutenant von Wendelsheim, den sie
aber ausnahmsweise still und schweigsam fand, während er sonst gar nicht
genug erzählen und plaudern konnte, hatte sich fast ausschließlich den
ganzen Abend durch mit ihr beschäftigt und sie dann natürlich auch zu
Tisch geführt. Sie saß jetzt neben ihm und mußte sich gestehen, daß ihm
der Ernst viel besser stand, als das frühere, etwas fahrige Wesen. Ein
wenig galanter freilich hätte er schon sein können, und sie erinnerte
sich nicht, daß er ihr an dem ganzen Abend auch nur ein paar aufmerksame
Worte über ihre gewiß brillante Toilette gesagt, und beim Tanze selber
-- das fiel ihr eigentlich jetzt erst auf -- schien er ganz vergessen
zu haben, ihr seine Bemerkungen über den Putz anderer Damen, worüber
sie sich sonst so amüsirt, mitzutheilen. Er war wirklich heute wie
ausgewechselt. Nicht einmal von seinem Fuchs hatte er gesprochen;
Ottilie mußte ihn erst daran erinnern, und dann wußte er so gut als gar
nichts über ihn zu sagen. Wenn sie nur im Stande gewesen wäre, heraus zu
bekommen, was eine solche Veränderung bei ihm hervorgebracht -- es wäre
so interessant gewesen!

Ottilie war aber wirklich an dem Abend vollkommen zwischen das Militär
gerathen, denn an ihrer andern Seite hatte sie noch einen Lieutenant,
und dieser wußte in der That, über was er sich unterhalten sollte, denn
er ließ das Gespräch mit seinen beiden Nachbarinnen auch nicht einen
Augenblick stocken.

»Sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein,« schnarrte er, »pompös heut' Abend,
auf Ehre -- wüßte nicht, wann mich so trefflich amüsirt hätte -- =à
propos=, haben himmelblauen Aufsatz von Frau Professor Nestewitz schon
entdeckt? Himmlisch, im wahren Sinne des Worts -- genau so, wie Kolibri
auf Klatschrose!« und in dieser Art weiter. Ottilie gerieth auch dadurch
ein paarmal ziemlich in Verlegenheit, denn eine Verwandte gerade jener
etwas auffällig gekleideten Professorin saß gar nicht so weit von
ihnen entfernt und hätte eigentlich das Ganze hören können, und ihr
=vis-à-vis= war mit der Dame ebenfalls bekannt. Der Sohn des Mars schien
aber einmal im Gang und nicht aufzuhalten, und überfluthete seine
beiden schönen Nachbarinnen unaufhörlich bald mit solchen ziemlich
rücksichtslosen Beobachtungen, bald mit den überschwänglichsten
Schmeicheleien.

»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« wandte sich endlich Ottilie, als sie nur
einen Augenblick Luft bekam, an ihren Nachbar zur Linken, denn sie war
entschlossen, in der Sache etwas klarer zu sehen, »weshalb sind Sie
eigentlich heute so einsilbig? Fehlt Ihnen etwas, oder -- noch schlimmer
-- langweilen Sie sich?«

»Aber, mein gnädiges Fräulein, das ist ungerecht von Ihnen,« sagte
Wendelsheim freundlich, »mir auch nur fragweise einen solchen Vorwurf
zu machen, denn es wäre schlimmer als undankbar, wenn das an Ihrer Seite
der Fall sein könnte.«

»Also fehlt Ihnen etwas?« sagte Ottilie leicht erröthend, denn das Wort
»Ihrer« war mit besonderer Betonung gesprochen worden.

»Auch das nicht,« lächelte Wendelsheim ausweichend. »Wie wäre das auch
möglich? Wir schwelgen ja hier im Ueberfluß.«

»So meinte ich es nicht,« sagte Ottilie, die fest entschlossen schien,
ihren Nachbar nicht so leichten Kaufs davon zu lassen. »Fühlen Sie sich
vielleicht nicht wohl, oder drückt Sie ein geheimer Kummer?«

»Habe ich mich wirklich so ungeschickt benommen, daß ich in den Verdacht
kommen konnte?« fragte der Lieutenant.

»Ungeschickt? O, gewiß nicht, Herr von Wendelsheim!« sagte Ottilie
rasch. »Aber ich weiß nicht, der Ausdruck in Ihren Zügen kam mir so
-- wie soll ich nur sagen -- so gedrückt, so wehmüthig vor, und ein
paarmal, wenn Sie sich unbemerkt glaubten, starrten Sie so düster vor
sich nieder. Sie haben doch sicher und gewiß keine Ursache, traurig zu
sein?«

»Und woher wissen Sie das, mein gnädiges Fräulein?« sagte Wendelsheim,
indem er ihr so voll in die Augen sah, daß sie die ihrigen verwirrt
abwandte. »Wie mancher Mensch hat wirklich einen geheimen Kummer, in
dem ihm entweder kein Anderer beistehen kann, oder wo er es wenigstens
glaubt, die ganze Sorge auch vielleicht nur eingebildet ist, und er
trägt sie nur eine Zeit lang mit sich herum und hegt und pflegt sie, bis
er einsieht, daß Alles, was er bis dahin für ein Unglück gehalten, der
Vorbote seines Glückes gewesen...«

Ottilie erröthete tief. »Ich will gewiß wünschen,« sagte sie endlich,
»daß das auch bei Ihnen der Fall ist; mein anderer Nachbar scheint aber
keinen solchen Kummer zu haben, denn er plaudert frisch von der Leber
weg.«

»Glückliche Menschen,« sagte Wendelsheim, »weil sie ihre eigene
Unbedeutendheit nicht fühlen; denn wenn sie einmal zur Selbsterkenntniß
kämen, wäre es vorbei -- gerade wie bei mir.«

»Also das wäre Ihr Kummer?« lächelte Ottilie. »Da ist es doch ein wahres
Sprichwort, wenn man sagt: »Wer keine Sorgen hat, macht sich welche,
oder er ist nicht zufrieden.«

»Ah, reden Sie von Sorgen?« fiel hier der unverwüstliche Nachbar ein,
der das Wort aufgefangen haben mußte. »Famoser Gedanke das, hier bei
diesem lucullischen Mahl und bei dem Wein von Sorgen zu reden! Halten
wohl meinem Kameraden da drüben eine kleine moralische Vorlesung?
Sehr liebenswürdig, meine Gnädige, denn ich fürchte fast, er kann sie
nothwendig gebrauchen.«

»Ich dürfte sie dann vielleicht zwischen den beiden Herren vertheilen?«
lächelte Ottilie, die ihn gern bei dem Gedanken lassen wollte.

»Bitte unterthänigst, meine Gnädige,« sagte abwehrend der junge Officier
-- »kriegen Nasen genug auch ohne das -- auf Ehre! Wäre auch rein
weggeworfene Müh' -- gründlich verloren gegangene Zerknirschung
verduftet, vollständig verduftet, und nichts übrig geblieben, als
namenlose Seligkeit und Verzückung -- auf Ehre! Schwimme in einem wahren
Taumel von Wonne, und wäre grausam, daraus zu wecken!«

Mit dem jungen Mann war kein ernstes Wort zu reden, noch weniger ein
vernünftiges, das fühlte Ottilie recht gut, und da dessen Nachbarin
sich, vielleicht ebenfalls des Geschwätzes müde, zur andern Seite
gewandt hatte, so blieb ihr, als Tochter vom Hause, nichts weiter übrig,
als ihn artig anzuhören.

So verging die kurze, einer leiblichen Stärkung gewidmete Zeit, denn die
jungen Damen, die überhaupt bei solchen Gelegenheiten, sehr zum Aerger
älterer Herren und Damen, nur sehr wenig essen und fast gar nichts
trinken, fingen schon wieder an unruhig zu werden und winkten Ottilien
zu -- wo das irgend unbemerkt geschehen konnte --, doch so bald als
möglich nur die Tafel aufzuheben.

Ottilie zögerte noch, denn sie wußte nicht, ob es ihrem Vater recht
wäre, der solche Gelegenheiten selten und nur höchst ungern zu kurz
abbrach. Die jungen Dämchen, überhaupt erfinderisch in solchen Dingen,
wußten aber ein anderes Mittel, das sich auch als vollkommen probat
bewährte. Eine von ihnen flüsterte nämlich dem nächsten Lohndiener, bei
dem sie ein Glas Wasser bestellt hatte, zu, die Musici aufzufordern,
einen Galopp zu spielen, und kaum erklangen die verführerischen Töne,
als auch kein Halten mehr in der Gesellschaft war. Der ältere Theil
derselben sträubte sich allerdings noch und wollte Stand halten, aber
unter dem Tisch trippelten schon die kleinen Füße den Tact zu der
so lange ersehnten Melodie, und von da und dort her ertönte das
verrätherische und zündende Geräusch eines heimlich gerückten Stuhles.
Da glaubte der Staatsanwalt durch ein verzweifeltes Mittel die Tafel
noch etwas zu verlängern -- er wollte einen Toast ausbringen, räusperte
sich und stand auf. Wie er aber nur den Stuhl zurückschob, war es, als
ob ein Funke in ein Pulverfaß geflogen. Im Nu folgten zwei Drittheile
der Gesellschaft seinem Beispiel; er wollte an ein Glas anschlagen, sah
sich aber schon in den Strudel hineingerissen. Noch hielt er das Messer
in der Hand, aber von allen Seiten preßten die jungen Damen auf ihn ein
und wünschten ihm gesegnete Mahlzeit, und die Herren drückten ihm die
Hand. Es war eben nichts zu machen, er mußte es aufgeben und trat mit
dem demüthigenden Gefühl zurück, sich an seinem eigenen Tisch nicht
einmal satt gegessen zu haben.

Jetzt war aber kein Halten mehr. Die jungen Herren, Militär wie Civil,
griffen selber mit zu, um die Tische und Stühle bei Seite zu schaffen,
das Dienstpersonal konnte kaum schnell genug das Geschirr retten, daß
es nicht mit in die Verwirrung hineingerieth, und in unglaublich
kurzer Zeit war, wenigstens im Saale selber, die Ordnung wieder so weit
hergestellt, daß die Paare zum neuen Tanze antreten konnten.

Das war aber auch das Signal für die älteren Herren gewesen, sich
wieder zu einer Tasse Kaffee und Cigarre in das kleine Hinterstübchen
zurückzuziehen und ihr Spiel fortzusetzen, denn daß das junge Volk davon
nicht so bald müde werden würde, ließ sich voraussehen.

Dort in dem Stübchen fanden sie aber eine Heidenverwirrung vor, denn die
Frau Staatsanwalt hatte befohlen, sobald die Herren den Raum verlassen
würden, sämmtliche Fenster ebenso wie die Thür zu öffnen, damit der
Qualm einen Abzug finde und die Luft gereinigt würde. Das war auch
in der That gründlich geschehen; aber der heftige Zug, der dadurch
entstand, hatte sämmtliche Karten von den Tischen hinabgefegt und unter
einander geworfen, so daß es einige Mühe kostete, um sie wieder in
Ordnung und spielfähig zu bekommen.

Als Witte noch einmal zur Küche zurückging, um von dort einen der
dienstbaren Geister einzufangen, der unter die Tische kriechen und die
Karten auflesen konnte, hörte er von da her ein schallendes Gelächter
und fand, als er, neugierig gemacht, hineinsah, den Schuhmacher
Heßberger mitten in der Küche, wie er dort, mit einem Glas Wein in der
rechten erhobenen Hand, aufrecht stand und eine Rede hielt.

»Bitte tausendmal um Escüse, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte der
Schuhmacher, wie er nur seiner ansichtig wurde, und machte eine
tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, »daß Sie uns hier in einer kleinen
Conservation treffen! Da ich aber gerade ein Paar Schuh' für das
unterthänigste Fräulein Tochter gebracht habe, so sagte die Frau Geheime
Staatsanwalt, ich möchte so frei sein und ein Glas Wein auf ihr Wohl
leeren, und das wollten mit Dank begründen....«

»Schon gut, Heßberger,« sagte der Staatsanwalt; »haltet mir nur hier die
Leute jetzt nicht von der Arbeit ab, denn sie haben gerade viel zu thun.
Franz, springen Sie einmal hinüber in's Spielzimmer und suchen Sie die
heruntergewehten Karten mit auf!« Damit drehte er sich ab und schritt
dem kleinen Zimmer wieder zu.

Im Saale wurde indessen flott getanzt, und Wendelsheim hatte natürlich
zu dem ersten Galopp wieder seine Tischnachbarin aufgefordert. Ottilie
war dann von ein paar anderen Herren zu den nächsten Tänzen engagirt
worden, und der junge Officier benutzte die Gelegenheit, sich auf
einen der Stühle zurückzuziehen und dem Vergnügen eine Weile ausruhend
zuzusehen. Er war nicht in der Stimmung, selber große Freude daran zu
finden.

Jetzt schwebte Ottilie an ihm vorüber, und ein freundliches Lächeln
glitt über ihre Wangen, als ihr Blick den seinen traf. Er tanzte
nicht, weil sie nicht mit ihm tanzen konnte -- er war wirklich zu
liebenswürdig! Und doch, welch andere Gedanken zuckten ihm durch den
Sinn! »Merkwürdig,« dachte er, als sie, noch immer lächelnd, im Tanze
ihr Gesicht so drehte, daß er das Profil zu sehen bekam, ob sie nicht
Aehnlichkeit mit Rebekka hat? Ganz die leise gebogene Nase und die
schwellenden Lippen; nur der seelenvolle Ausdruck der Augen, nur das
reizende Grübchen im Kinn fehlen ihr; auch ihr Teint ist lange nicht so
zart und weiß, das Haar nicht so üppig und natürlich gelockt. Er konnte
sich nicht helfen: sein Blick mußte sie immer und immer wieder suchen,
und so vertieft war er in den Gedanken, daß er nicht einmal bemerkte,
wie er dabei sowohl von Ottilien als ihrer Mutter beobachtet wurde.
Er vergaß sich selber, und die Gedanken flogen hinüber zu dem kleinen
sonnigen Stübchen in der Judengasse, zu dem Instrument dort und seiner
Sängerin, und die Gestalten vor ihm bewegten sich im Tacte der Musik
wohl sichtbar, aber ungesehen vor seinen Augen.

Wie aus einem wachen Traum fuhr er auch empor, als er plötzlich seinen
Namen genannt hörte und Ottilie vor sich sah, die ihm lächelnd und
erröthend eine Verbeugung machte. Es war zum Cotillon angetreten, und
die Damen forderten ihre Tänzer selber auf. Was er sprach -- er wußte
es selber nicht; er fühlte wohl, daß er blutroth dabei wurde, aber ein
verlegener Lieutenant ist schon an und für sich interessant, und Ottilie
führte ihre Beute im Triumph den Reihen zu.

Es war spät geworden, und der Cotillon, der mit seinen mannigfachen
Variationen über eine Stunde dauerte, näherte sich seinem Ende. Aeltere
Damen, die als Ehrengarde mit ihren Töchtern oder Nichten hergekommen
und in irgend einer Ecke, »des langen Harrens müde,« sanft entschlummert
waren, wurden von ihren Nachbarinnen geweckt und rafften sich, wie sie
nur erst einmal wieder begriffen, wo sie waren und was man von ihnen
wollte, mit einem »Gott sei Dank -- beinah' wär' ich eingeschlafen!«
zusammen. Einzelne Paare und Gruppen hatten sich schon entfernt; auch
die Spielpartie war bei so vorgerückter Zeit aufgebrochen, obgleich sie
keine Störung von der Frau Staatsanwalt mehr zu fürchten brauchte.

Draußen in der Garderobe suchten junge, decolletirte Damen nach ihren
Mantillen, und junge Herren drückten mit Lichtern umherwartenden
Dienstmädchen warm getanzte Zehngroschenstücke in die Hände. Jetzt
verstummte aber die Musik, und Wendelsheim, bis zuletzt beschäftigt,
empfahl sich der freundlichen Wirthin und ihrer Tochter, und war
dabei so herzlich und unbefangen, und drückte der Frau Staatsanwalt so
»bedeutungsvoll« die Hand, und schüttelte die des Staatsanwalts
selber so ausnehmend dankbar, und küßte die Ottiliens so zart und
ehrfurchtsvoll -- es war ordentlich, als ob er auf zeitlebens Abschied
genommen hätte. Wie er aber das Haus verließ, huschte Ottilie, ihrer
fast unbewußt, in ihr jetzt dunkles Schlafzimmer, um zu sehen, ob sie
nicht noch einmal seinen Schatten unten auf der Straße erkennen könne.
Dort kam er -- er ging quer über den Weg -- ob er wohl noch einmal
stehen blieb und heraufsah? Wahrhaftig, dort hielt er mitten im Fahrwege
-- er schaute sich gewiß nach den erleuchteten Fenstern um und suchte
_sie_. Jetzt blitzte etwas -- es war ein Funken, der stärker zu glimmen
anfing. Ottilie ließ enttäuscht die Gardine fallen -- er zündete sich
eine Cigarre an. -- Das abscheuliche Rauchen!



9.

Am andern Morgen.


Am nächsten Morgen fand sich der Staatsanwalt zu seinem Leidwesen viel
früher geweckt, als ihm lieb war; denn die Nachwehen des gestern Abend
erduldeten Festes mußten jetzt erst in allen Stadien durchgekostet
werden -- und es wurde ihm nichts geschenkt oder erspart.

Hauptursache des so frühen Alarmirens war natürlich die Nothwendigkeit,
das Logis wieder in Ordnung zu bringen, ehe der übliche Besuch an dem
Morgen kam, und wenn der müde Hausvater auch meinte: »Der Besuch solle
zum Teufel gehen,« so wußte seine Frau doch besser, was sich schicke,
und handelte danach. Dienstleute waren deshalb auch schon auf sieben Uhr
früh bestellt worden, um die verschiedenen ausgestreuten Möbel wieder an
ihre alten Plätze zu schaffen; zu gleicher Zeit mußten die sämmtlichen
Stuben natürlich -- ohne Ausnahme -- naß aufgewischt und wo nöthig
gescheuert werden, zu welchem Zwecke eine Anzahl von alten Weibern schon
seit sechs Uhr früh, mit aufgestreiften Aermeln und sackleinene,
nasse Schürzen vor, auf den Knieen herumrutschten und dabei die
Familienverhältnisse ihrer Bekanntschaft besprachen.

Das aber verstand sich, als unausbleibliche Folge eines solchen
Genusses, von selbst, und der Staatsanwalt hatte es voraus gewußt, ja es
sogar als Schreckbild -- freilich vergeblich -- seiner Ehehälfte schon
früher vorgehalten und gewissermaßen prophezeit. Was er aber nicht
gewußt hatte, das waren die »unvorhergesehenen Fälle,« die bei
derartigen Gelegenheiten nie ausbleiben und dann im Stande sind, den
sonst ruhigsten Menschen zur Verzweiflung zu treiben.

Vier silberne Löffel fehlten und der schwere Deckel der silbernen
Zuckerdose mit einem massiven Engel darauf, der ein flammendes Herz
in der Hand hielt. Außerdem war ein Stück aus einer der guten
Porzellanschüsseln, mit blau und goldenen Streifen, ausgebrochen,
drei englische Gläser lagen ohne Fuß auf dem Küchentische, und die
Fruchtschale von Krystall -- ein Leibstück der Frau Staatsanwalt,
denn sie hatte es erst zur Feier ihres Hochzeitstages im vorigen Jahr
bekommen -- war rettungslos geborsten und konnte jeden Augenblick
auseinandergehen.

Außerdem fehlten sechs Flaschen Wein; sie hatte sie selber
herausgegeben, gezählt und aufgeschrieben, und wenn sie getrunken worden
wären, wie das freche Geschöpf, die Köchin, behauptete, so hätten
doch wenigstens die leeren Flaschen oder selbst deren Scherben da sein
müssen. Aber Gott bewahre -- keine Spur davon, und sie wußte wohl,
wer sie fortgetragen, denn umsonst war sie nicht schon ein paarmal im
Dunkeln unten im Hausflur an einen langen Soldaten angestoßen, den sein
Hauptmann doch sicher nicht dahin auf Posten gestellt hatte.

Und was nun außerdem von eßbaren Dingen fortgeschleppt worden, wollte
sie gar nicht einmal rathen, denn das heilige Abendmahl konnte sie
darauf nehmen, daß die Nußtorte zum Beispiel zur großen Hälfte noch vom
Tisch abgetragen sei, und jetzt lagen nur noch zwei dünne Stücke auf dem
Porzellanteller -- und selbst auf denen fehlte das Eingemachte oben.

Aber das Alles verschwand trotzdem in dem einen Gefühl der Entrüstung
über den Silberdieb und der gänzlichen Rathlosigkeit, wie man desselben
habhaft werden sollte -- denn wer unter all' den fremden Dienstleuten
war es gewesen?

Mit dieser Nachricht wurde der Staatsanwalt auch geweckt. Er lag noch
und schlummerte sanft, trotzdem daß die Nebenstube schon unter Wasser
gesetzt war und die Thür eben abgescheuert wurde. Sein Morgengruß
lautete:

»Weißt Du's schon, Dietrich? -- vier silberne Eßlöffel und den Deckel
zu der Zuckerdose, mit dem Amor, haben sie uns gestohlen, und die große
gute Schüssel ist zerbrochen und die Krystallvase -- vier englische
Gläser und die Teller habe ich noch nicht einmal gezählt; die
Maiweinbowle klingt mir ebenfalls verdächtig, wenn die nur nicht auch
'was gekriegt hat!«

»Gott sei mir gnädig,« sagte der Staatsanwalt, indem er sich, noch
schlaftrunken, im Bett emporrichtete, »der Tag fängt gut an! Aber --
scheuern sie denn hier die Schlafstube?«

»Nein, das ist nebenan -- denke Dir nur...«

»Ich will Dir etwas sagen, Therese,« unterbrach sie der Staatsanwalt,
indem er nach der neben seinem Bett liegenden Uhr sah und dazu mit dem
Kopf schüttelte, »wenn Du mir nicht den ganzen Morgen verderben willst,
so sei so gut und laß mich vorher aufstehen und besorge mir eine Tasse
Kaffee; nachher wollen wir dann in Ruhe...«

»Ja, Kaffee,« sagte die Frau, »wir haben noch gar kein Feuer in der
Küche -- das sieht ja Alles aus wie Sodom und Gomorrha, und muß doch
erst gereinigt und aufgewaschen werden; aber vier silberne Eßlöffel
fehlen, noch dazu von den schwersten, und der Deckel von der Zuckerdose
ist ebenfalls fort. Wenn da die Polizei nicht einschreitet, wozu ist sie
denn da?«

Der Staatsanwalt erwiederte kein Wort; er seufzte nur aus tiefster Brust
und streckte das eine Bein aus dem Bett, wonach seine Frau ihm denn
wenigstens gestattete, sich unbelästigt ankleiden zu können. Durch die
Thür rief sie ihm aber noch zu:

»Zieh' Dir nur auch gleich die Stiefel an, Dietrich; Du mußt unverweilt
auf die Polizei und die Anzeige machen -- so 'was ist ja noch gar nicht
erlebt worden!«

»Das ist recht,« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin, indem er seine
verschiedenen Leiden, aber mit einer gewissen Resignation, aufsummirte:
»Morgens vor Tag aufstehen, Stuben scheuern, keinen Kaffee,
Silber gestohlen, Geschirr zerbrochen, Waschtisch mit Nähtischen
verbarrikadirt, Stiefel anziehen und auf die Polizei laufen -- na, an
das Vergnügen will ich denken!«

Der Ausgang auf die Polizei diente übrigens doch als Rettung aus diesem
Heidenwirrwarr der eigenen Wirthschaft. Vor allen Dingen ging er,
nachdem er sich angezogen, in das nächste Hotel und trank dort im
Speisesaale, bei offenen Thüren und Fenstern, wobei alle Stühle auf
den Tischen standen und zwei Stubenmädchen einen furchtbaren Staub
mit Auskehren machten, seinen Kaffee. Dann machte er die Anzeige der
gestohlenen Sachen in der festen Ueberzeugung, daß die Polizei eben
so wenig über den Diebstahl herausbekommen würde, wie er selber, und
nachher lief er hinaus auf die Promenade und rauchte seine Cigarre --
was sollte er jetzt in seiner Wohnung thun? Dort fing ihn Rath Frühbach
ab und erzählte ihm sehr interessante Geschichten: eine von einem
Gummischuh, den er einmal nicht anbekommen hatte, aber nachher doch noch
-- von seinem Zusammentreffen mit dem früheren Handelsminister, der
so geheimnißvoll gethan hatte, daß er gleich merkte, es müsse etwas
vorgefallen sein -- von einer berühmten Sängerin, mit welcher er
einmal zufällig in einer Droschke vom Bahnhofe gefahren -- von seinem
Schneider, den er abgeschafft und wieder angenommen hätte, und noch
mehrere andere Erlebnisse, bis der Staatsanwalt endlich aus blanker
Verzweiflung eine Droschke anrief und irgend ein Haus in einer
entfernten Straße nannte, nur um Ruhe für seine Gehörwerkzeuge zu
bekommen.

In seiner Wohnung herrschte indessen die Thätigkeit eines
Bienenschwarmes, und die Frau Staatsanwalt, darin besonders tüchtig und
erfahren, setzte es auch durch, sie bis elf Uhr Morgens wieder wie ein
Puppenstübchen hergestellt zu haben. Es roch allerdings noch ein wenig
darin nach Seife, und ein feuchter Dunst lag auf dem Ganzen; aber es war
doch Alles wieder rein und stand auf seiner Stelle -- die Studirstube
ihres Mannes ausgenommen. Aber die hatte noch Zeit, da ja dort Niemand
hineinkam, als er selber. Die Schreiber nebenan saßen indessen
schon wieder auf ihren Drehstühlen und copirten und excerpirten nach
Herzenslust.

So war es zwölf Uhr geworden und richtig schon hier und da ein Besuch
gekommen, der sich erkundigte, wie man geschlafen hatte und ob der
gestrige Ball gut bekommen wäre. Bei den Meisten war dies auch nur eine
leere Höflichkeitsform, aber es füllte doch die Zeit aus, und das ist
bei vielen Menschen schon von großem Werth. Die Unterhaltung der Frau
Staatsanwalt drehte sich jedoch an diesem Morgen so ausschließlich um
das Thema der Schlechtigkeit der jetzigen Menschen im Allgemeinen und
silberne Löffel und Zuckerbüchsendeckel insbesondere, daß Ottilie,
der die ewige Wiederholung langweilig zu werden anfing, die jüngeren
Damenbesuche in ihr eigenes Zimmer nahm -- nur die Herren wurden bei
Mama empfangen.

Gegen ein Uhr trat eine kleine Pause ein; die Frau Professor Nestewitz
war allein noch da und zeigte, da sie selber in der vorigen Woche den
Verlust dreier Theelöffel zu beklagen gehabt, ein so warmes Interesse
an der Sache und so tiefe Entrüstung, daß sie die Frau Staatsanwalt,
als sie Abschied nahm, bis an die Treppe begleitete und dort die
Angelegenheit noch einmal von vorn und gründlich durchnahm.

Ottilie war allein im Zimmer, als sie hörte, wie das Mädchen einen neuen
Besuch brachte. Es war ein männlicher Schritt, und ihr Herz klopfte ein
wenig -- Lieutenant von Wendelsheim hatte auch gar so lange auf sich
warten lassen; als sie sich aber der Thür zuwandte, erschien nicht der
Erwartete, sondern Fritz Baumann auf der Schwelle, und zwar hielt er
den Thermometer in der Hand, den er schon vor einiger Zeit zur Reparatur
erhalten. Uebrigens konnte es ihr nicht entgehen, daß er heute anders
aussah als gewöhnlich, denn er war nicht in seinen Arbeitskleidern,
sondern in einem dunkeln, saubern Anzug, der ihm vortrefflich stand.

Fritz Baumann war überhaupt ein ganz hübscher Bursche -- oder Bursche
konnte man eigentlich kaum mehr sagen, denn er mußte die Zwanzig schon
lange überschritten haben. Sein gutmüthiges, offenes Gesicht mit den
klugen dunkeln Augen nahm auf den ersten Blick für ihn ein, und der
kleine Schnurrbart, den er trug, gab ihm dabei etwas Männliches. Auch
seine Gestalt war schlank und edel, und er bewegte sich damit frei und
ungezwungen -- wenigstens wenn er draußen und unter seines Gleichen war.
Jetzt dagegen schien er etwas befangen, und es war fast, als ob er ganz
vergessen habe, daß er eine gefertigte Arbeit trug und abgeben wolle,
denn er fand nicht gleich ein Wort zur Einführung. Ottilie half ihm
darüber hin.

»Ah, Herr Baumann,« sagte sie freundlich, »Sie bringen mir den
Thermometer wieder; das ist mir sehr lieb, denn -- Vater hat schon ein
paarmal danach gefragt.«

»Ja, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, der dadurch wieder Luft
bekam, indem er ihr den Gegenstand reichte; »er war gestern schon
fertig, da ich aber hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, wollte ich nicht
stören.«

»Und Sie bemühen sich dabei immer selber.«

»Und soll ich das nicht?« sagte Fritz herzlich. »Wie selten wird mir
überhaupt Gelegenheit geboten, Sie zu sehen, und ich möchte doch so
gern, daß Sie nicht vergäßen, wie wir als Kinder mit einander gespielt
und immer ungeduldig wurden, wenn Einer auf dem Platze fehlte!«

Ottilie war blutroth geworden und stand verlegen, den Thermometer noch
immer in der Hand haltend -- er zeigte schon auf 30 Grad Réaumur --, vor
dem jungen Manne. Wohl erinnerte auch sie sich der Zeit -- lieber Gott,
sie lag ja noch nicht einmal so übermäßig fern -- und sie wußte auch
recht gut, daß gerade Fritz immer ihr liebster Spielgefährte gewesen und
sich ihrer am treuesten und mannhaftesten angenommen hatte, wenn irgend
Jemand ihr zu nahe treten wollte. Aber ihr Vater hatte damals -- sich
erst aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen wacker emporarbeitend -- noch
kein so großes Haus gemacht. Die Nachbarskinder standen ihr näher; jetzt
war sie in andere Kreise eingeführt und schon seit Jahren nicht mehr
mit ihnen, außer einem flüchtigen Gruß, zusammengetroffen. Eigentlich
gehörte es sich auch gar nicht, daß sie der junge Handwerker jetzt daran
erinnerte, denn er mußte dies ja ebenfalls wissen, und die Spielzeit
ihrer Kinderjahre lag doch längst hinter Beiden.

Auch Baumann fand nicht gleich ein Wort wieder, und zwar weniger
aus Verlegenheit, als weil ihn die Erinnerung zu jenen fröhlichen,
glücklichen Stunden zurückführte, und er im Geist noch das kleine
hübsche Mädchen mit dem flatternden Lockenkopf und den vor Lust
gerötheten Wangen jetzt in der aufgeblühten Jungfrau wiedersah.

»Damals war es doch eine herrliche Zeit,« fuhr er endlich leise fort,
»und das einzige Böse nur bei der Sache, daß Kinder eigentlich nie
wissen, wie glücklich, wie namenlos glücklich sie sind; sie könnten es
freilich sonst auch gar nicht ertragen.«

»Ja, das ist allerdings schon eine lange Zeit her,« sagte Ottilie, die
doch wohl fühlte, daß sie etwas darauf erwiedern müsse; »ich glaube, ich
war damals ein recht wildes Mädchen.«

»Ich sehe Sie noch vor mir,« nickte Baumann, »als Sie an jenem Morgen,
wie der Strom die ganzen Wiesen und Felder überschwemmt hatte, in den
Kahn gestiegen waren und, als dieser sich losriß, draußen auf dem Wasser
mit der Strömung forttrieben.«

»Und Sie sprangen damals hinein, um mich an Land zu bringen.«

»Gefahr war nicht dabei,« schüttelte Fritz Baumann mit dem Kopf, »denn
Sie hätten doch an den Damm antreiben müssen; aber ich freue mich noch
darüber, daß Sie damals gar nicht weinten oder um Hülfe riefen, sondern
nur ruhig und trotzig im Boot standen.«

»Es war so ungezogen...«

»Wir sind Beide älter geworden,« setzte der junge Mann nach einer Weile
hinzu -- »unsere Wege liefen auseinander, und wir verbrachten unsere
Zeit getrennt. Sie zogen in ein großes, schönes Haus und wuchsen zur
Freude Ihrer Eltern heran; ich selber mußte etwas Tüchtiges lernen, um
mir einmal mein Brot zu verdienen und einen Hausstand zu gründen.
Ich weiß nicht, Fräulein Ottilie, ob es Sie vielleicht interessirt zu
erfahren, daß ich jetzt meinen Zweck erreicht. Mein Meisterstück habe
ich schon vor einem halben Jahre gemacht und eingeliefert. Es ist nicht
allein sehr günstig aufgenommen worden, sondern ich schickte es auch auf
die Londoner Ausstellung und bekam dafür die goldene Medaille. Ich bin
jetzt im Begriff Meister zu werden, und will mich in der Stadt hier, da
ein einziger Mechanikus wirklich nicht mehr all' die einkommende Arbeit
bewältigen kann, in nächster Zeit etabliren.«

Ottilie schwieg und horchte nach der Thür; es war ihr, als ob sie
draußen wieder fremde Stimmen gehört hätte -- Lieutenant von Wendelsheim
war viel zu aufmerksam, als daß er den schuldigen Morgenbesuch hätte
versäumen sollen -- wenn ihn wirklich sonst nichts hieher trieb, als
eben nur die kalte Artigkeit.

»Das freut mich in der That,« sagte sie und erglühte dabei wie eine
Rose, denn draußen unterschied sie jetzt deutlich die Stimme des
Erwarteten, der sich noch mit ihrer Mutter auf dem Vorsaal unterhielt.

»Wie gut Sie sind, Fräulein,« sagte Fritz, der das augenscheinliche
Erröthen einer ganz andern Ursache zuschrieb, »noch immer wie früher.
Ich bin auch nicht mittellos; meine Mutter hat von einer Erbschaft, die
sie früher gemacht...«

Die Stimmen draußen waren dicht vor der Thür.

»Sie entschuldigen mich gewiß heute,« sagte Ottilie, »wir werden so mit
Besuchen gedrängt...«

»Ja, ich glaube, es kommt sogar in diesem Augenblick Besuch,« sagte
Fritz, jetzt selber aufhorchend -- in seiner Erregung hatte er gar nicht
darauf gehört -- »ich darf Sie dem nicht entziehen. Vielleicht findet
sich später einmal eine passendere Zeit...«

»Gewiß, gewiß -- es wird mich immer freuen...«

Die Thür wurde aufgemacht, aber es kam noch Niemand herein, denn die
Mutter wollte den Herrn Lieutenant in's Zimmer nöthigen, während er
darauf bestand, der Dame den Vortritt zu lassen.

Fritz Baumann sah, daß eine weitere Unterhaltung jetzt zu den
Unmöglichkeiten gehöre, und machte Ottilien nur eine stumme Verbeugung;
aber er traf ihr Auge nicht mehr, das an der Thür haftete, und verließ,
Frau Staatsanwalt Witte ebenfalls achtungsvoll grüßend, das Zimmer,
um nach Hause zurückzukehren. Er sah auch noch, daß der Besuch der
Lieutenant von Wendelsheim war; aber Du lieber Gott, das gehörte einmal
zu den Lasten des höheren Lebens, daß man es sich erst mit großen
Gesellschaften schwer machte und dann auch noch die Bürde langweiliger
Höflichkeitsbesuche trug. -- Wenn er nur hätte ahnen können, wie lästig
gerade Ottilie diesen Besuch ansah!

Wendelsheim hatte indessen, ohne den Fremden weiter zu beachten, während
ihm jedoch die Frau Staatsanwalt erstaunt nachsah, das Zimmer betreten;
er ging ohne Weiteres auf Ottilie zu, nahm ihre Hand, führte sie an
seine Lippen und sagte -- er war in diesem Augenblick wieder ganz
Lieutenant: »Mein gnädiges Fräulein, ich schätze mich glücklich, Sie
heute Morgen so frisch und blühend begrüßen zu können -- brauche also
gar nicht zu fragen, wie Ihnen die gestrige Anstrengung bekommen ist --
wie ich zu meiner Freude sehe, vortrefflich!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Baron,« sagte die Mutter, während das junge
Mädchen wie mit Purpur übergossen vor ihm stand. »Aber wer war denn der
junge Herr eben, Ottilie? Den kannte ich ja gar nicht.«

»Der junge Baumann,« sagte die Tochter, »der den Thermometer hier
gebracht hat« -- er zeigte jetzt fast Siedehitze --, »er wollte ihn
selber abgeben, damit er nicht wieder zerbrochen würde.«

»_Das_ war der Fritz Baumann?« rief die Mutter aus. »Herr Du meine Güte,
und er sah so anständig aus, ich habe ihm eine ordentliche Verbeugung
gemacht -- ich kannte ihn gar nicht!«

»Er ist selbstständig geworden -- aber Ihnen ist der Ball ebenfalls gut
bekommen, Herr Baron?«

»Ausgezeichnet, mein gnädiges Fräulein; ich habe vortrefflich
geschlafen, aber die ganze Nacht von weiter nichts geträumt, als
mißglückten Touren und allen möglichen Fatalitäten.«

»Ob Einem das aber nicht immer so geht,« sagte die Mutter; »ich habe
geträumt -- aber wollen der Herr Baron sich denn nicht niederlassen, Sie
nehmen uns ja sonst die Ruhe mit -- ich habe geträumt, das Mädchen hätte
den Rehrücken in die Kohlen fallen lassen und die Eistorten wären ganz
aus einander geschmolzen gewesen. Aber wissen Sie schon, daß uns gestern
so viel Silberzeug gestohlen worden ist?«

»In der That, gnädige Frau? Das bedauere ich ja unendlich!«

»Ja, denken Sie nur, wie ich die Löffel heute Morgen nachzähle --
gestern Abend war ich so müde, daß ich die Augen nicht mehr aufhalten
konnte...«

»Aber, liebe Mutter, das interessirt ja doch den Herrn Lieutenant
nicht!«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, gewiß...«

»Siehst Du wohl, Kind -- das wußte ich auch vorher. Wie ich also die
Löffel heute Morgen nachzähle, fehlen richtig gerade vier von den
allerschwersten und der Deckel von der silbernen Zuckerdose, mit einem
Engel, einem Amor, massiv in Silber, oben drauf.«

»Aber wie ist das möglich?«

»Ja, das sage nun ein Mensch -- bei dem Staatsanwalt -- und dabei haben
wir Polizei im Ort, und reitende Gensdarmen, und einen Stadtrath und
Stadtverordnete! Aber ich will keinen Kopf wieder ruhig auf ein Kissen
legen, bis ich die Räuberbande herausgefunden habe und die Kerle am
Galgen sehe, denn den haben sie im reichsten Maß verdient! Der Deckel
ärgert mich nur, und gleich vom ganzen Service weg; aber was macht sich
so ein schlechter Mensch daraus, wenn er Einem ein Service verdirbt --
die lachen noch darüber!«

»Ich will nur hoffen, daß Sie die Gegenstände wiederbekommen!«

»Ja, es wäre wirklich zu wünschen -- und das waren noch nicht einmal
die ersten; schon in voriger Woche sind uns einzelne Löffel abhanden
gekommen. Es muß auch ein Hausdieb sein, das lasse ich mir gar nicht
ausreden; denn ein anderer Mensch hätte die Frechheit nicht, blos hieher
zu kommen, um Löffel zu stehlen und Deckel von Zuckerdosen.«

Die Frau konnte das unselige Silberzeug nicht aus dem Kopf bekommen. So
oft auch Ottilie versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben,
es blieb vergebens, während der Lieutenant zu viel Tact besaß, um
nicht Alles über sich ergehen zu lassen. Es war eben ja Besuch, der
bekanntermaßen nicht unter die Vergnügungen gezählt werden darf.

Endlich kam ein Blitzableiter -- die Frau Appellationsgerichtsräthin
Nebeldamm, die denn allerdings die nämliche Sache noch einmal erfuhr,
nothgedrungen aber auch die Zuckerdose, auf welche der fehlende Deckel
gehörte, von Angesicht zu Angesicht sehen mußte.

Die Frau Staatsanwalt führte sie hinüber; sie hätte gern den Lieutenant
ebenfalls gebeten, mitzugehen -- er würde bei der Gelegenheit auch
gleich ihr Silberzeug beisammen gesehen haben. Aber der Schrank sah
leider noch ein wenig zu unordentlich aus; die Zeit heute Morgen war ja
nur so kurz und sie selber nicht im Stande gewesen, Alles wieder in der
gehörigen Ordnung wegzuräumen.

»Es war so wunderhübsch gestern Abend,« sagte Ottilie, wie sie nur
erst einmal Luft bekam, auch ein Wort zu reden, »und ich habe mich so
herrlich amüsirt!«

»In der That, mein gnädiges Fräulein,« erwiederte Bruno -- und wieder
fiel ihm die Aehnlichkeit zwischen ihr und Rebekka auf -- »ich muß Ihnen
auch gestehen, daß ich lange nicht so viel getanzt habe.«

»Aber zuletzt wurden Sie so still und nachdenkend; Sie müssen drei oder
vier Tänze versäumt haben. Sie wurden gewiß müde?«

»Nein, das nicht -- auf -- wirklich nicht, aber -- Sie wurden ja
engagirt.«

»Aber die anderen Damen würden sich ebenfalls sehr gefreut haben,
von einem so guten Tänzer engagirt zu werden,« lächelte Ottilie,
und Wendelsheim wurde so verlegen, daß er nicht gleich wußte, was er
erwiedern sollte.

»Ihr Herr Vater ist wohl nicht zugegen?« sagte er endlich.

»Vater wird sehr bedauern, Sie heute Morgen nicht zu sehen,« fuhr
Ottilie fort; »er mußte der unangenehmen Sache wegen in die Stadt und
ist noch nicht zurückgekehrt. Aber was sehen Sie mich immer so sonderbar
an?« lächelte sie plötzlich. »Trage ich irgend etwas Auffälliges an
mir?«

»Ich? -- Sie? Nein, gewiß nicht!« rief Wendelsheim. »Entschuldigen Sie,
aber -- Sie können es mir auch nicht verdenken,« setzte er rasch gefaßt
und galant hinzu; »es ist etwas Seltenes, nach einer durchtanzten Nacht
eine junge Dame wieder so morgenfrisch zu finden, und thut den Augen
ordentlich wohl.«

»Ah, Sie können auch schmeicheln! Die Eigenschaft hatte ich noch nicht
bei Ihnen entdeckt.«

»Schmeicheln? Nein, gewiß nicht, liebes Fräulein! Ich hasse die faden
Schmeicheleien und glaube, ich darf dabei, um mit der Tochter eines
Anwalts zu reden, »nicht schuldig« plaidiren. Ich begreife auch wirklich
manchmal nicht, wie junge Damen etwas Derartiges gern anhören mögen.«

»Wer weiß denn, ob sie es gern thun?« sagte das junge Mädchen. »Aber
was will man machen? Viele junge Herren kennen gar keine andere
Unterhaltung, und wenn man ihnen die abschneiden wollte, so ist es sehr
die Frage, ob sie nicht gänzlich stumm würden.«

»Und wäre das ein Verlust?«

»Für sie selber jedenfalls. Aber nehmen Sie auch meine Frage nicht zu
ernst; ich hatte Ihnen den Vorwurf gewiß nicht machen wollen. Doch
was ich gleich sagen wollte: ich habe Sie ja heute Morgen nicht hier
vorbeireiten sehen -- und gestern und vorgestern auch nicht, wie mir
jetzt einfällt.«

»Sie werden mich auslachen,« sagte Wendelsheim, »und mich inconsequent
nennen, aber ich besitze in diesem Augenblick nur noch mein altes Pferd,
das ich schonen muß, denn ich habe den Fuchs wieder verkauft.«

»Das wunderschöne Thier!«

»Ich bekam ein gutes Gebot und -- er gefiel mir auch nicht besonders --
er war sehr unartig und scheute gern.«

»Aber Sie reiten sonst immer die wildesten Pferde!«

»Vielleicht bin ich vorsichtiger geworden,« lächelte der Officier.

»Ach, das wäre recht zu wünschen,« sagte Ottilie mit ordentlich
komischem Ernst, indem sie die Hände dabei faltete.

»Sie haben sich doch nicht etwa meinetwegen schon gesorgt, mein
Fräulein?« sagte der junge Mann freundlich. »Es würde mich sehr
glücklich machen, wenn ich das wüßte!«

»Ich war einmal Zeuge, wie der Rappe damals mit Ihnen durchging.«

»Ah, an jenem Tage,« nickte der Baron, und es war, als ob eine Wolke
über seine Stirn flöge; »ja, das war ein böses Thier -- aber,« brach
er plötzlich ab, »wir unterhalten uns richtig wieder von Pferden, das
Ungeschickteste, was ein Herr in Gegenwart einer Dame thun kann.«

»Ich glaube, ich habe selber davon angefangen.«

»Dann werde ich mich Ihnen dankbar zeigen und das Gespräch auf die
gestrigen Toiletten bringen. Wissen Sie, daß ich lange nicht so
geschmackvolle Toiletten gesehen habe, wie gestern Abend?«

»Auch die der Frau Professor Nestewitz?« lächelte Ottilie.

»Die war allerdings nicht ganz geschickt gewählt,« sagte Wendelsheim
achselzuckend. »Damen, die über das jugendliche, ja nur über das
jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein,
nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft
wird das doch versäumt, und die Trägerinnen sehen dann, anstatt pompös,
gewöhnlich nur komisch aus.«

»Für einen Lieutenant,« lächelte Ottilie, »entwickeln Sie ganz
achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein;
das Ganze ist ja überhaupt nur Gefühlssache.«

»Vielleicht haben Sie sogar recht.«

»Möglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich
ausspreche. Das gerade gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich immer so
einfach kleiden, Fräulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein
hohes, dunkles, eng anschließendes Kleid steht!«

»Soll ich Sie wieder denunciren?« drohte Ottilie schelmisch mit dem
Finger.

»Nein, Fräulein Ottilie,« sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die
Hand hinreichte, »wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, daß ich
früher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich
fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das
abgewöhnt, gebe mir wenigstens die größte Mühe, und Ihnen gegenüber am
allerwenigsten würde ich mich falsch zeigen.«

»Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim,« sagte Ottilie,
indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; »es war auch nur ein
Scherz, aber Sie wissen....«

Das Gespräch ward hier abgeschnitten, denn die beiden älteren Damen
traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsräthin,
nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen,
war so entrüstet über den Diebstahl, daß sie kaum Worte genug dafür
finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, und
nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen
Mädchen gewechselt, empfahl er sich und ließ Ottilie mit einem ganzen
Herzen voll Seligkeit zurück.



10.

Neue Spuren.


Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat
in seinem ganzen Wesen, wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten.
Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand
dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast
außer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gespräch zufällig
auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als
Thatsache auf, was er früher selber Wort für Wort verfochten, dann war
er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinüber zu
springen und nun alle die Beweisgründe gegen den aufgestellten Satz
hervor zu suchen, die früher gegen ihn selber angewendet worden.

Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und während er sich
heute einredete, daß er todsterbenskrank sei und vielleicht die nächste
Woche, den nächsten Tag nicht mehr erleben würde, vergaß er plötzlich
einmal das imaginäre Elend und hinkte so flott und rüstig in der Stadt
umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschüttelt
hätte und nie in seinem Leben krank gewesen wäre.

Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thätigkeit war die in Aussicht
gestellte Erbschaft jenes alten, längst verstorbenen Freiherrn von
Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon
lange für ihn verloren sein mußte, da sämmtliche an die letzte Linie
Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfüllung standen.
War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur für eine einzige
Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann hätten ihm alle Processe der Welt
nichts mehr genutzt, und da er das wußte, trieb es ihn ordentlich wie
mit einer feindlichen Macht vorwärts, um wenigstens jeden möglichen
Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprüche des von
ihm gründlich gehaßten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoßen.

Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß in der Erbfolge des
Hauses faules Spiel getrieben sei. Wie er dazu gekommen, wer konnte
es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von
früheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das,
mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gerücht zusammengebracht,
mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben
nicht ruhen und nicht rasten ließ. -- Den Staatsanwalt Witte, einen
scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen
gesucht, und die Möglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar
dafür sprechenden Einzelheiten, machten diesen anfangs selber stutzen
und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr
herausstellte, daß Alles, was der Major wußte oder zu wissen glaubte,
nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerüchten, ohne irgend einen auch nur
annähernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurück und war
besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage
zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren.

Der Major hing aber jetzt sogar für kurze Zeit seine oft von ihm
ausgesprochene lebensgefährliche Krankheit an den Nagel und beschloß,
selber der Sache auf den Grund zu gehen.

Einen neuen Sporn dazu fand er allerdings in der Frau Meier, die ihren
besondern Grund haben mußte, jene Familie oder wenigstens den alten
Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr
Gedächtniß ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener
Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, während der Major nun seinerseits
alle Minen springen ließ und keine Kosten scheute, um die namhaft
gemachten Personen wieder aufzufinden.

Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit,
und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder
verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den
Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte
sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber,
der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Gärtner, ein Mann
Namens Tettelberg, der sich schon vor längerer Zeit in der Nachbarschaft
von Alburg angekauft haben und später in die Stadt selber übergesiedelt
sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst kürzlich
seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Rechtsanwalt
von einer »neuen Spur« gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine
Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschloß deshalb, ihn selber
aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versäumen, was ihn zu dem
ersehnten Ziel führen konnte.

Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er
kannte den Platz genau, da es das nämliche Grundstück zu sein schien,
auf dem sein alter Bekannter Rath Frühbach wohnte. Er hatte auch anfangs
nicht übel Lust, den Rath selber mit in das Geheimniß zu ziehen und
seine Meinung darüber zu hören; aber der Mann sprach zu viel. Er
traute ihm nicht, daß er es bewahren würde, und hielt es deshalb für
gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als
unumgänglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn
auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den
Nachforschungen bekam und seine Maßregeln danach nehmen würde, während
er jetzt, in vollständige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend
einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der
Sache ruhig ihren Lauf ließ?

Jene Wohnung lag allerdings eine ziemliche Strecke von seinem Hause
entfernt, und zu jeder andern Zeit würde der Major die Zumuthung,
einen solchen Weg bei seiner Körperschwäche zu Fuß zurückzulegen, mit
Entrüstung und einem entsetzlichen Stöhnen abgewiesen haben. Heute
dachte er aber weder an Rheumatismus noch fliegende Gicht, und setzte
die alte Frau von Bleßheim auf's äußerste in Erstaunen, ihn, statt
hülflos in seinem Lehnstuhl, stramm und entschieden vor seinem Spiegel
zu finden, wo er sich den langen Schnurrbart auskämmte und an der
Cravatte zupfte. Er ließ auch alle Einreden wegen noch zu früher
Tageszeit, Ostwind oder Regendrohen nicht gelten, nahm seinen Stock,
setzte seinen grauen Filzhut auf und hinkte rüstig, wenn auch ein wenig
knochensteif, auf seine Entdeckungstour aus. Freilich mußte er sich
dabei gestehen, daß ihm nur sehr geringe Aussichten blieben, wenn sich
auch dieser Zeuge nicht bewährte oder doch weiter nichts aufbringen
konnte, als ebenfalls Vermuthungen und Gerüchte; aber er verlor deshalb
den Muth nicht, denn er war, wie er sich selber vorerzählte, ein alter
Soldat, der vor Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht zurückschrecken
dürfe. Nein, im Gegentheil, je mehr ihrer sich zeigten, desto
hartnäckiger hieß es ihnen zu Leibe rücken.

Der Weg war übrigens ziemlich weit, oder kam ihm wenigstens so vor, denn
der alte Gärtner wohnte draußen vor der Stadt, eigentlich im letzten
Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch
die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das
kleine, in grünen Büschen fast versteckte Haus herausgefunden,
in welchem der alte Tettelberg eine, allerdings sehr beschränkte
Handelsgärtnerei angelegt und dort, ziemlich zurückgezogen von der Welt,
aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte.

Dicht neben ihm, auf dem nämlichen Grundstück in einer Parterrewohnung,
residirte Rath Frühbach, und der Major sah, als er den Garten betrat,
die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, »auf der Weide,« das heißt,
alles von Früchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum
hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drückte er
sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls
erreichen konnte, und fand den alten Mann, der überhaupt nie ausging,
auch daheim.

»Hören Sie einmal, Tettelberg,« fing hier der alte Herr ohne weitere
Umschweife an, »ich bin der Major von Halsen, möchte gern ein paar Worte
mit Ihnen über eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick
Zeit?«

»Zeit, Herr Major?« sagte der Mann. »Wenn man erst einmal so alt ist,
hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine
Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.«

»Donnerwetter,« sagte der Major, »graben Sie denn noch selber in Ihrem
Garten? Wie alt sind Sie?«

»Wird wohl so um die Zweiundsiebenzig herum sein,« meinte der Alte;
»ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem
Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden.
Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund
ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?«

»Können wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?«

»Ja, gewiß. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz
ungestört.« Und dabei führte ihn der alte Gärtner in eine dicht an ein
Treibhaus stoßende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich
sah es darin nicht aus. Nur ein hölzerner Tisch und ein paar eben
solche Stühle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden,
Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mögliche ziemlich bunt
durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafür nicht
nöthig, rückte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann
auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gestützt, geduldig
erwartete, was der Herr von ihm wolle.

Der Major ließ ihn nicht lange in Zweifel. Er räusperte sich allerdings
erst ein paarmal, denn er wußte nicht gleich, wie er beginnen sollte.
Der harte Stuhl, auf dem er saß, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte
sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden könne,
und da ihm das ebenfalls am besten paßte, so that er es. Er erzählte ihm
geradezu, welchen Verdacht er habe, daß nämlich der alte Freiherr, da
die Erbschaft nur auf einen Sohn überging, ein ihm geborenes Mädchen
gegen einen Knaben eingetauscht haben könne, und zählte ihm dann auch
die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur
immer mehr bestärkten.

Der alte Gärtner hörte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort
hinein zu reden zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er
das eben Gesagte bestätigen könne. Als aber der alte Herr wärmer wurde
und auf die Möglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven,
da schüttelte er ihn langsam und zweifelnd, und als der Major endlich
schwieg, sagte er:

»Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie es da hergezählt haben:
die Frau Meier hat recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten
gesehen, und daß er ein Kind getragen haben muß, glaube ich ebenfalls.
Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die
Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein
darüber reden könnten, werden sich hüten, und was wir Anderen davon
wissen, ist nichts.«

»Sie meinen die alte Heßberger?«

Tettelberg schüttelte mit dem Kopf. »Nein, noch eine Andere -- aber es
ist auch ein häßlich Ding, solche alte Geschichten wieder aufzurühren
und sich dann vor Gericht damit umherzutreiben. Ich wenigstens möchte
nichts damit zu thun haben, auch nichts darin beschwören, denn es ist
damals so viel darüber unter dem Gesinde gesprochen worden, daß man
wirklich gar nicht mehr recht weiß, was man eigentlich selber gesehen
oder nur gehört hat.«

»Aber von welch einer andern Person reden Sie?«

»Von der damaligen Amme des ältesten Sohnes.«

»Die ist aber mit ihrem Kinde nach Amerika gegangen.«

Der Gärtner schüttelte wieder den Kopf. »Nein,« sagte er, »sie wollte
hinüber, ja, und die Köchin, die damals mit ihrer Zunge immer ein
wenig flink bei der Hand war, meinte, der alte Baron hätte sie selber
fortgeschickt. Aber das Schiff verunglückte an der englischen Küste, die
Passagiere wurden jedoch gerettet und an Land gebracht, und jene Person
trat in England in Dienst und blieb dort wohl sechzehn oder siebenzehn
Jahre. In der Zeit muß sie sich aber etwas erspart haben, denn noch
gar nicht so lange her ist sie mit ihrer Tochter in die hiesige Gegend
zurückgezogen, nach Vollmers, von wo sie zu Hause war, und die Tochter
soll dort verheirathet sein.«

»Und wie alt ist die Tochter?«

»Nun, genau so alt, wie der erste Sohn des Herrn Barons. Sie muß jetzt
in's vierundzwanzigste Jahr gehen, denn gerade nach der Geburt dieses
Kindes trat sie ja als Amme in den Dienst der Herrschaft.«

»Und wer hat sie dahin gebracht?«

»Ja, wer soll das wissen! Aber sie war mit der Heßbergerin dick
befreundet.«

»Und haben Sie das Kind einmal gesehen, Freund? Seien Sie mir nicht böse
über mein vieles Fragen, aber die Sache ist in der That von der höchsten
Wichtigkeit.«

»Als Kind, ja,« nickte der alte Mann. »Sie wohnte damals, oder ihre
Mutter vielmehr, dicht neben meinem Bruder in Vollmers, und so lange der
noch lebte, kam ich manchmal hin. Nun ist er aber schon die langen Jahre
todt.«

»Und wie sah es aus?«

»Das Kind? O, es war ein allerliebstes Ding,« erwiederte der alte Mann,
»zart wie Wachs, und die Glieder so fein und zierlich! Ich weiß auch,
daß sie damals vielerlei redeten; aber, wie das so immer geht, die Leute
wurden's endlich müde, und wie die Mutter mit der Kleinen zu Schiffe
ging, sprach kein Mensch mehr davon.«

»Und wie heißt das Kind?«

»Ja, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht einmal -- mit Vornamen Martha,
und ihre Mutter war eine verehelichte Müller. Jetzt hat die Tochter aber
einen Feldmesser geheirathet, und wenn ich den Namen auch schon gehört
habe, kann ich mich doch nicht mehr darauf besinnen. Uebrigens erfährt
man das leicht in Vollmers.«

»Und ist sie jetzt dort?«

»Kann ich auch nicht sagen; sie soll manchmal zum Besuch hinkommen. Sie
wohnt mit ihrem Mann eine Stunde weiter, in Rübhausen; aber die Mutter
treffen Sie jedenfalls.«

»Vollmers liegt etwa anderthalb Stunde entfernt....«

»Knapp; es giebt noch einen näheren Weg über den Wald.«

»Tettelberg, wenn ich etwas in der Sache ausrichte, soll es Ihr Schaden
nicht sein.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Wenn die Müllern noch ein solch'
resolutes Frauenzimmer ist wie früher,« sagte er, »so werden Sie wohl
unverrichteter Sache wieder zurückkommen. Ueberdies ist es auch ein bös
Ding, etwas Derartiges, was so lange geschlafen hat, wieder aufzurühren.
Wenn ich wie Sie wäre, ging ich verwünscht vorsichtig dran, oder --
ließe es am allerliebsten ganz zufrieden. Mit der Müllern ist nicht gut
spaßen.«

»Wenn die Sache einen Haken hat,« sagte der Major, »so fass' ich sie,
darauf können Sie sich verlassen.«

»Manchmal bleibt man auch an so 'nem Haken hangen,« meinte der Alte,
»und ich könnte Ihnen da, wie mein Nachbar, der Herr Rath Frühbach,
sagt, eine Geschichte erzählen. Mit dem Herrn Baron von Wendelsheim ist
ebenfalls nicht zu spaßen; ich kenne den Herrn, und wenn der etwas davon
erführe, hing er Ihnen den schönsten Proceß an den Hals.«

»Proceß?« rief der Major, denn Processe waren ja gerade sein
Steckenpferd. »Damit soll er nur kommen, weiter verlange ich gar nichts!
Dem wollen wir heimleuchten, dem alten Cujon und Schuldenmacher! Den
Henker auch -- kein Ziegel auf den Dächern von ganz Wendelsheim ist ja
noch sein eigen, und die ganzen langen Jahre borgt er nun schon auf
das Capital los, das sein Sohn einmal erben soll! Hab' ich recht oder
nicht?«

Der alte Gärtner zuckte die Achseln. »Das sind Dinge,« sagte er, »von
denen ich nichts weiß, und die mich nichts angehen, Herr Major, möchte
auch nichts damit zu thun haben. Außerdem muß ich Sie auch bitten, mich
nicht als Zeugen aufzurufen, wenn die Sache wirklich vor Gericht kommen
sollte.«

»Aber Sie können doch aussagen, was Sie gesehen haben?«

»Wenn ich etwas gesehen hätte, ja; aber so war's dunkel und Regenwetter
noch dazu, und das wissen Sie wohl, im Dunkeln sind alle Katzen grau.«

»Ihr habt Alle solch eine Heidenangst vor den Gerichten,« sagte der
Major, eben nicht besonders erfreut, daß ihm der alte Gärtner auch
wieder zwischen den Fingern durchschlüpfen wollte; »die beißen Einen
doch wahrhaftig nicht, und Recht muß am Ende doch Recht bleiben!
Was können sie Euch thun, wenn Ihr bei der Wahrheit bleibt, heh? Gar
nichts!«

»Ich kann aber auch nichts nützen,« meinte der Alte, »und habe im
günstigsten Falle nur Lauferei und Aerger davon. Ich wollte überhaupt,
die Meier hätte das Maul gehalten; da sie es aber in ihren jungen Jahren
nicht gethan, so war kaum zu erwarten, daß sie in ihren alten damit
anfangen würde.«

»Und wie kann ich am besten nach Vollmers hinaus?« fragte der Major.
»Eine Post geht wohl gar nicht hin?«

»Post? nein,« sagte Tettelberg; »aber ich glaube, der Herr Rath Frühbach
könnte Ihnen da die beste Auskunft geben; der fährt manchmal hinüber und
bezieht auch seinen Aepfelwein daher. In Vollmers pressen sie eine Menge
Aepfel, und der Wein schmeckt auch gar nicht so schlecht -- wer ihn eben
vertragen kann. Ich bekomme immer Leibschneiden danach.«

»Hm, so?« sagte der Major, noch nicht recht mit sich einig, ob er den
Rath Frühbach zum Vertrauten gebrauchen könne. Der Mann hatte jedenfalls
viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht und war auch vielleicht
praktischer Art -- er wußte es nicht; aber er fürchtete sich vor seinen
endlosen Geschichten, die wie die Bilder eines Kaleidoskops, immer und
ewig aus demselben gehackten Material bestehend, einen langweiligen
Stern darstellten. Da er übrigens so unmittelbar neben seinem Hause war,
beschloß er, einmal hinüber zu gehen. Die Familie traf er ja auch wohl
im Garten, und konnte dann, was er zu fragen hatte, im Vorbeigehen
abmachen.

»Also, Tettelberg,« sagte der Major, indem er dem Gärtner die Hand
reichte, »ich danke Ihnen vorläufig für die ertheilte Auskunft, und wenn
ich von Vollmers zurückkehre und etwas ausgerichtet habe, komme ich noch
einmal heraus, und wir verabreden das Weitere.«

»Wird wohl weiter nichts zu verabreden sein, Herr Major,« sagte der Mann
in der hartnäckigen Weise alter Leute; »wenn Sie sich denn absolut die
Finger verbrennen wollen, ich kann's nicht hindern. Durch Schaden wird
der Mensch klug, sagen die Leute; manchmal dauert's aber lange.«

»So wollen wir denn sehen, Tettelberg, daß wir den alten Baron
klug machen können,« nickte der Major, viel zu verbissen auf sein
Steckenpferd, um auch nur eines Haares Breite davon abzuweichen. »Guten
Morgen!« Und sich an seinem Stock emporrichtend, denn er war auf dem
harten Stuhl ganz steif geworden, humpelte er zur Thür hinaus wieder
in's Freie.

Draußen hinkte der Major zuerst einmal um das Haus herum, wo der Rath
wohnte, weil er ihn vorher da bei der Fruchtlese getroffen; aber der Weg
wurde ihm nicht so leicht gemacht, denn quer vor dem schmalen Gang, der
dorthin führte, hingen ein paar alte wollene Decken, die so schmutzig
aussahen, daß sich der Major ekelte, nur daran zu streifen. Er wollte
auch schon umkehren, aber sein Bein that ihm weh. Er scheute den Umweg,
und vorsichtig mit dem Stock die eine Decke emporhebend, bückte er sich
mit einem leise gemurmelten Fluch darunter durch und fand sich jetzt
in dem Garten selber, aus dem aber die Familie verschwunden schien. Er
konnte wenigstens Niemanden mehr darin entdecken, als einen Jungen, der
eben an einem Birnbaum schüttelte, um die letzten Birnen davon herunter
zu bekommen. Den rief er an; der Junge mochte aber wohl unter dem
»falschen Baume« gewesen sein und hatte kein gutes Gewissen, denn er sah
sich gar nicht einmal um, _wer_ ihn gerufen haben könne, sondern fuhr
gleich zwischen die nächsten Büsche hinein, hinter denen er verschwand
und nicht wieder zum Vorschein kam.

Dem Major blieb jetzt nichts weiter übrig, als in das Haus selber zu
gehen und dort den Rath aufzusuchen, und er entschloß sich gerade nicht
gern dazu, blieb auch wirklich noch einmal stehen und überlegte sich
die Sache, als plötzlich ein Fenster geöffnet wurde und die wohlbekannte
Stimme des Raths herausrief:

»Ah, bester Major, wie haben _Sie_ sich einmal in diesen entlegenen
Winkel verloren? Wollen Sie denn nicht näher treten? Ich ziehe mich
gerade an und begleite Sie dann ein Stück.«

»Ei guten Morgen, mein lieber Rath!« sagte der Major, dem jetzt
wenigstens die Wahl erspart worden. »Werde so frei sein« -- und den Weg
dahin einschlagend, betrat er gleich darauf das Haus.

Der Rath wohnte parterre und hatte ein ganz bescheidenes Schild an
seiner Thür, auf dem nur der Name Frühbach stand. Die Thür war auch
nicht verschlossen, und der Major gerieth in einen langen schmalen
Gang mit einer Unzahl Thüren, aus welchen er nicht gleich die rechte
herausfinden konnte. An der rechten Seite war aber eine geöffnet -- wie
er gleich darauf bemerkte, die Küche, und dort handirte ein weibliches
Wesen in einem sehr schmutzigen Ueberrock von verschossener Barège,
aber ohne Schürze, das er natürlich für die Köchin oder das Hausmädchen
hielt.

»Können Sie mir wohl sagen, liebes Kind,« fragte er dieses, »in welchem
Zimmer ich den Herrn Rath finde.«

»Gehen Sie nur gerade aus,« lautete die Antwort, »mein Mann ist in der
letzten Stube links.«

»Bitte,« sagte der Major erschreckt, einen solchen Verstoß gegen
die Höflichkeit und die Frau vom Hause zugleich begangen zu haben.
»Entschuldigen Sie, es ist hier so dunkel im Vorsaal....« Und damit
wandte er sich, immer still mit dem Kopf schüttelnd, der bezeichneten
Thür zu. Er hatte aber die letzten Worte der Frau gar nicht mehr gehört,
ging geradeaus und öffnete die dort befindliche Thür, schloß sie aber
eben so rasch wieder, denn er war in das Heiligthum eines Schlafzimmers
im Urzustand gerathen.

»Hier herein, bester Freund! Hier herein!« rief der Rath und stieß seine
eigene Thür auf. »Sie wären beinah' in das falsche Zimmer gefahren, heh?
Treten Sie nur näher, ich bin den Augenblick fertig -- na, wie geht's?
Das ist gescheidt, daß Sie sich auch einmal bei mir sehen lassen!«

»Es thut mir leid, daß ich Sie störe, bester Freund,« sagte der Major,
der den Rath noch in schon seit einiger Zeit getragenen Unterhosen fand,
während seine übrigen Kleidungsstücke im Zimmer umhergestreut lagen.

»Mich stören? Nein, sicher nicht!« lachte der freundliche alte Herr.
»Sie sehen ja, daß ich mich gar nicht stören lasse -- aber bitte, wollen
Sie nicht Platz nehmen?«

»Danke Ihnen, habe die ganze Zeit gesessen,« sagte der Major, der in
der Stickluft des Zimmers, die so unangenehm nach Schweiß roch, kaum zu
athmen vermochte. »Wenn Sie erlauben, gehe ich einen Augenblick an das
Fenster, indessen ziehen Sie sich fertig an. Famoser Garten, das!«

»Ja, recht hübsch,« sagte der Rath, während der Major das Fenster
öffnete.

»Aber wer wohnt hier über Ihnen?«

»Ueber mir? Ist augenblicklich gar nicht vermiethet -- zwei Treppen hoch
wohnt ein Beamter.«

»Hören Sie, lieber Rath,« sagte der Major -- denn gerade vor dem Fenster
hingen die beiden wollenen Decken -- »dem würde ich dann aber nicht
erlauben, mir die beiden Schmierlappen da gerade vor die Nase zu hängen
-- Alles, was recht ist, aber....«

»Die beiden Decken?« sagte Frühbach, zum Fenster hinaussehend. »Das sind
ja meine eigenen -- in denen schlafe ich jede Nacht.«

»In _den_ Decken?« sagte der Major, wirklich starr vor Schrecken.

»Ja, sehen Sie, lieber Freund,« fuhr der Rath fort, »ich muß jede Nacht
tüchtig schwitzen -- wenn ich nicht schwitze, leidet meine Verdauung,
und da ich genöthigt bin, mit meiner Gesundheit sehr vorsichtig zu
sein....«

»Ob Sie noch frühstücken wollen, ehe Sie ausgehen, Herr Rath?« sagte in
diesem Augenblick ein ziemlich sauber gekleidetes Dienstmädchen, das,
trotz der etwas derangirten Toilette des Hausherrn den Kopf in's Zimmer
steckte.

»Frühstücken? Gewiß!« lautete die Antwort. »Aber bringen Sie gleich
zwei Gläser mit herein, Henriette, und zwei Teller und Messer und Gabeln
dazu!«

»Ich danke Ihnen wirklich, lieber Rath,« sagte der Major, dem der ganze
Appetit vergangen war -- »ist mir noch zu früh.«

»Noch zu früh?« lachte der Rath. »So? -- Da waren wir einmal in Schwerin
»Im Mohren«, fuhr er fort, während er sich die Unaussprechlichen anzog,
was mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ihm die Brille immer
dabei herunterrutschte, »und der Geheime Regierungsrath Hesse -- er
wurde nachher Minister und hat eine bedeutende Rolle gespielt -- war
auch hereingekommen -- um nach einem Fremden zu fragen. Wir saßen und
frühstückten -- frische Austern und alten Rheinwein dazu -- es
schmeckt eigentlich Morgens nichts besser als frische Austern und alter
Rheinwein --, und wie er hereinkam, riefen wir ihm zu und sagten, er
solle sich doch mit hersetzen; aber er meinte auch, es wäre ihm zu früh.
Und glauben Sie, daß er gefrühstückt hätte? Gott bewahre!«

»Sagen Sie einmal, lieber Rath,« fragte jetzt der Major, der nicht mit
Unrecht eine zweite, der ersten rasch folgende Erzählung fürchtete,
denn wenn der Mann im Zuge war, ging es Schlag auf Schlag, »weshalb ich
eigentlich herkam: können Sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach
Vollmers hinaus komme?«

»Nach Vollmers?« rief Rath Frühbach erstaunt aus, indem er seinen
Besuch über die Brille ansah. »Ja, alle Wetter, Major, das wäre ja ein
merkwürdiges Zusammentreffen! Aber was haben _Sie_ in Vollmers zu thun?
Aha, kommen Sie endlich auch auf meine Sprünge? Ja, Sie können mir's
glauben, es geht nichts in der Welt über eine Aepfelwein-Diät, und wenn
ich den nicht die langen Jahre hindurch gebraucht hätte, wäre ich gar
nicht der Mann, der ich bin. Denken Sie sich, da kam vor etwa drei
Monaten, gerade als ich von Schwerin fortziehen wollte...«

»Aber Sie wollten mir wegen Vollmers sagen -- wie so ist das ein
merkwürdiges Zusammentreffen?«

Rath Frühbach hatte _eine_ gute Eigenschaft: er war unerschöpflich in
nichtssagenden Geschichten; sowie er aber unterbrochen wurde, vergaß er
augenblicklich, was er eben erzählen wollte, und wenn er nicht gerade in
eine andere hineingerieth, blieb er bei der Sache.

»Ja so, Vollmers,« nickte er; »das ist allerdings merkwürdig, denn ich
ziehe mich gerade an, um meine gewöhnliche Fuhre dahin zu machen. Um
elf Uhr wollte ich fort, und wenn Sie mich begleiten, nehmen wir den
Einspänner zusammen.«

»Um elf Uhr -- das muß es aber gleich sein.«

»Es ist auch dicht hierbei. Jetzt frühstücken wir erst, und dann kann
die Henriette gleich hinüber springen und den Wagen besorgen. Das wäre
ja wundervoll, Major! So eine Stunde lang im Wagen allein zu sitzen und
den Mund nicht aufzuthun, ist für mich immer eine Qual, denn mit dem
Kutscher läßt sich leider gar nicht reden; er hört so furchtbar schwer,
daß man immer laut schreien muß, und das verdirbt jede Unterhaltung.
Also fahren wir?«

Der Major war in allen seinen Bewegungen, sobald er nur erst einmal den
einen Punkt: seine Krankheit, überwunden hatte, ziemlich resolut. Jetzt
fand er das Eisen heiß, jetzt mußte es also auch geschmiedet werden.

»Na, meinetwegen, Rath,« sagte er dann, »fahren wir zusammen; allein
getraue ich mir die Tour ohnedies nicht gern zu machen, des verdammten
Beines wegen, und meinen Gärtner kann ich nicht gut mitnehmen -- das
ist ein ebenso alter, elender Krüppel, als ich selber bin. Also basta --
bestellen Sie die Karre. Bis wann können wir wieder zurück sein?«

»Wann wir wollen, bester Freund. Wir essen draußen zu Mittag -- ich sage
Ihnen, ganz delicat. Heute giebt es dort Wildpretsbraten -- ich habe
mich schon danach erkundigt -- und einen ganz magnifiquen Selleriesalat,
und nach dem Essen, wenn wir unser Geschäft beendet haben, setzen wir
uns wieder ein und kommen in aller Behaglichkeit zurück.«

»Also abgemacht.«

»Und da bringt die Henriette gerade das Frühstück -- so, mein Kind,
setzen Sie nur hieher,« sagte der Rath, indem er auf dem Tisch, auf
welchem es wild genug aussah, ein wenig Platz machte und einen dort
liegenden Kamm, sein Rasirzeug mit der Seifenbüchse und ein Paket frisch
angebrochenen Schnupftabaks ein wenig bei Seite schob. »Da, so, das soll
nicht lange dauern. Aber wo haben Sie denn die Flasche?«

»Ich bringe sie gleich, Herr Rath.«

»Und dann springen Sie einmal zum Kutscher Behrens hinüber, er sollte
nur gleich anspannen -- er weiß schon -- und ein bischen Heu in den
Sitzkasten legen; wenn wir zurückkommen, packen wir ihn voll. Und nun,
lieber Major, seien Sie so gut, setzen Sie sich und langen Sie zu; wir
werden sonst flau, ehe wir hinauskommen.«

Das Frühstück roch allerdings delicat und bestand aus einem sehr schön
braun gebratenen Fleischgericht und Brot.

»Alle Wetter,« sagte der Major, der jetzt selber Appetit bekam, »was
haben sie denn da, Rath? Das riecht ja vortrefflich.«

»Ja, und schmeckt noch besser,« nickte Frühbach, dessen Augen schon
in dem Vorgenusse funkelten; »das ist auch mein Leibgericht: gebratene
Kuh-Euter.«

»Kuh-Euter?« rief der Major entsetzt, indem ihm die schon aufgenommene
Gabel wieder aus der Hand fiel. »Das ist ja ein schrecklicher Gedanke,
Rath! Sie essen Kuh-Euter?«

»Alles,« rief der Mann, indem er sich ein tüchtiges Stück auf den Teller
nahm und mit wahrer Wonne hineinbiß -- »Alles von der Kuh, bis auf die
Klauen und Hörner, aber das Euter und Gehirn am liebsten! Aber schenken
Sie sich ein, lieber Freund, schenken Sie sich ein, daß Sie zu Kräften
kommen.«

Dem Major war der ganze Appetit vergangen, und er sehnte sich nach
einem Glase Wein. Aber auch der zog ihm die Backen zusammen; er war von
schnöden Aepfeln gepreßt und herb und bitter.

»Nun, wie schmeckt Ihnen der?«

»Na, wissen Sie, Rath,« sagte der Major, dessen Höflichkeit doch nicht
so weit ging, einen Wein zu loben, der ihm in dem nämlichen Augenblicke
die Eingeweide zusammenzog, »ich habe in meinem Leben schon besseren
getrunken.«

»Besseren?« rief der unverwüstliche Rath. »Das gebe ich zu, wenigstens
solchen, der besser schmeckte, aber keinen gesunderen, darauf können Sie
sich verlassen, Major, keinen gesunderen! Der arbeitet Ihnen das Innere
heraus und macht Sie zu einem vollständig neuen Menschen! Aber nun
trinken Sie auch und langen Sie zu.«

Der Major aß ein Stückchen Brot, um den Wein, und trank dann wieder
einen Schluck, um das Brot herunter zu bekommen. Er wäre nicht im Stande
gewesen, ein Stück von dem Kuh-Euter auch nur an die Lippen zu bringen,
ja bei dem bloßen Gedanken wurde ihm übel. Endlich waren sie fertig, und
der Wagen hielt auch schon vor der Thür.

Wie sie hinausgingen, klopfte der Rath an die Thür des Schlafzimmers.

»Herzchen,« sagte er zärtlich, »können wir Dir Adieu sagen?«

»Ich bin noch nicht angezogen, Männi,« antwortete die Stimme der Frau
Räthin.

»Na, denn leb' wohl, mein Schätzchen,« erwiederte Rath Frühbach. »Ich
komme bald wieder und bringe Dir auch etwas mit.«

»Aepfelwein,« dachte der Major und fühlte, wie ihm die Zähne schon
wieder stumpf wurden. Dann gingen sie hinaus vor den Garten, wo der
Wagen hielt, und fort rollte das leichte Fuhrwerk die Straße entlang,
die nach Vollmers zu führte.



11.

Die beiden Verbündeten.


Der alte Major von Halsen war, als er an dem Morgen zum Rath Frühbach
kam, wie schon gesagt, gar nicht etwa gewillt gewesen, ihn zum
Vertrauten in der Erbschafts-Angelegenheit zu machen; aber Umstände
verändern manchmal die Sache, und der Wagen schüttelte ihn nach und nach
in eine andere Ansicht hinein.

»Der verdammte Kasten hat, glaub' ich, gar keine Federn,« sagte er, als
sie eine Weile auf einem Feldweg hingerasselt waren; »er stößt Einem ja
die Seele aus dem Leib.«

»Aber Sie glauben gar nicht,« erwiederte der Rath, »wie wohlthätig
das Schütteln auf die Verdauung wirkt, und ich spüre den segensreichen
Einfluß jedesmal. Sie wissen, ich leide daran. Da fuhr ich einmal
in Schwerin, wo ich etwas auf dem Lande zu besorgen hatte, mit einem
Leiterwagen, weil kein anderes Fuhrwerk zu bekommen war, und zu Fuß war
mir der Weg zu weit, obgleich ich täglich meinen Spaziergang mache
und mich dann jedesmal in Schweiß laufe -- ich muß das schon meiner
Gesundheit wegen thun -- etwa dritthalb Stunde über einen Weg -- einen
Weg, sage ich Ihnen, Major, man kriegte Hühneraugen, wenn man nur den
Weg ansah. Wissen Sie, es war weicher Boden, wo sie an den sumpfigen
Stellen hatten Knüppel hineinwerfen müssen, um bei nasser Witterung
die Wagen vom Versinken abzuhalten. Nun aber war es sehr lange trocken
gewesen und die alte Wagenspur so hart und fest wie Stein geworden. Da
ging es denn hinauf und herunter, daß man die Zunge im Munde festhalten
mußte, und wenn man einmal auf so eine Stelle mit Knüppeln kam --
nein, ich versichere Ihnen, es stieß einem geradezu den Hut vom Kopf
herunter!«

»Hören Sie einmal, Rath,« sagte der Major, der nicht mit Unrecht
fürchtete, auf dem ganzen Wege derartige Erzählungen dulden zu müssen,
»ich will Ihnen etwas sagen. Wissen Sie, weshalb ich heute nach Vollmers
fahre?«

»Sie? Nun, um den Aepfelwein einmal an der Quelle zu trinken. Ich habe
Sie ja lange genug darum gebeten, mich einmal zu begleiten.«

»Der Teufel soll Ihren Aepfelwein holen,« knurrte der alte Soldat, »er
liegt mir noch wie blanker Essig im Magen! Nein, ich habe einen andern
Zweck, und da Sie doch einmal ein Rath sind, so sollen Sie mir nun auch
einen Rath in einer Sache geben. Aber ich muß ein bischen vorsichtig
sprechen, sonst beißt man sich, weiß es Gott, auf dem verfluchten
Marterfuhrwerk einmal aus Versehen die Zunge ab.«

»Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte der Rath.

»Jetzt will ich Ihnen erst einmal eine erzählen,« sagte aber der Major,
fest entschlossen, den Rath nicht so schnell wieder zum Wort kommen zu
lassen. »Sie haben mir versichert, der Kutscher hört schwer.«

»Er ist halb taub. Sie müssen schreien, wenn Sie mit ihm reden wollen,
und das greift Einem die Lunge an.«

»Desto besser, denn er braucht auch gar nicht zu hören, um was es sich
hier handelt. Sie können doch verstehen, was ich sage?«

»Jedes Wort. Ich habe ein Ohr wie ein Luchs. Da kam einmal in
Schwerin....«

»Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen,« fiel ihm der Major in die
Rede, »und Sie zu gleicher Zeit ersuchen, das, was ich Ihnen jetzt unter
vier Augen sage, »vor der Hand« noch als Geheimniß zu behandeln.«

»Ein Geheimniß, he?« sagte der Rath und zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Es wird hoffentlich nicht mehr lange ein Geheimniß bleiben,« fuhr
der Major fort; »aber vor der Hand und so lange wir nicht fest und
entschieden auftreten können, muß es jedenfalls als ein solches
betrachtet werden. Sie geben mir auch gewiß recht, wenn Sie erfahren, um
was es sich hier handelt -- aber jetzt hören Sie.«

Und nun erzählte er dem allerdings genau aufhorchenden Rath zuerst
mit kurzen Umrissen den Stand der Familien-Angelegenheit des
Wendelsheim'schen Hauses, den Frühbach aber auch schon so ziemlich
kannte, und dann den Verdacht, den er selber gefaßt habe und jetzt, ja
in diesem Augenblick, bis zur Quelle verfolgte.

Frühbach unterbrach ihn dabei mit keinem Wort, so erstaunt war er über
eine Erzählung, die wirklich eine Pointe bot und zu dem Interessantesten
gehörte, was er in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Nur »Hm!« und »Es
ist die Möglichkeit!« oder andere kurze Ausrufe ließ er manchmal hören
und schüttelte dabei, wie über etwas Unglaubliches, den Kopf. Endlich,
wie der Major geendet hatte, warf er selber einige Fragen ein, die sich
aber merkwürdiger Weise auf den Gegenstand bezogen, und schien jetzt so
von der Wahrheit des Gehörten durchdrungen, daß er darüber ordentlich in
Ekstase gerieth.

»Major,« rief er und drückte das Knie des neben ihm Sitzenden, »einen
besseren Gehülfen, als mich, hätten Sie sich zu Ihrer Expedition nicht
aussuchen können -- das ist gerade mein Fach, und jetzt sollen Sie
einmal sehen, wie geschwind wir der Geschichte auf den Grund kommen; der
Madame wollen wir auf die Hacken treten!«

»Lieber Rath, wir werden ungemein vorsichtig zu Werk gehen müssen,
da wir eigentlich noch gar keine wirklichen Beweise in Händen haben,
sondern nur einen, wenn auch sehr stark begründeten Verdacht.«

»Eigentlich hätten wir uns gleich einen Polizeidiener mitnehmen sollen,«
sagte der Rath, der indessen nur seinen eigenen Gedanken gefolgt war.

»Daß der Alles gleich von vornherein verdorben hätte, nicht wahr?« rief
der Major. »Wir können doch die Frau nicht arretiren!«

»Gott bewahre!« schüttelte Frühbach mit dem Kopf; »denken nicht daran.
Aber Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck eine Uniform macht. Ich
bin mir doch wahrhaftig nichts Böses bewußt, aber wenn selbst zu mir
ein Polizeidiener in's Zimmer tritt, fährt's mir immer gleich in die
Kniekehlen. Denken Sie sich, da sitz' ich einmal in Schwerin...«

»Sind Sie denn in Vollmers bekannt und wissen Sie, wo jene Frau Müller
wohnt?«

»Ja, lieber Major,« sagte der Rath, »ich kenne zwei verschiedene Müller
in Vollmers. Erstlich heißt unser Wirth so, von dem ich den Aepfelwein
beziehe, und dann giebt's auch noch einen Butter- und Käsehändler Müller
im Ort, von dem sich meine Frau immer Handkäse bringen läßt.«

»Aber der Müller ist lange todt.«

»Der Käsehändler? Nein, er war noch vorige Woche bei uns.«

»Nein, ich meine den Mann von dieser Müller; sie ist ja Wittwe.«

»Ja so, von der -- nun, die wird auch aufzutreiben sein; Vollmers
ist nicht so groß. Wenn Sie nur wenigstens wüßten, wie der Mann ihrer
Tochter heißt; an einem solchen Namen hängt manchmal viel. Da lebte bei
uns in Schwerin...«

Rath Frühbach hatte heute mit seinen Erzählungen Unglück. In dem
nämlichen Augenblick, wo er wieder begann, that das Pferd einen Ruck,
wurde scheu und fing an zu galoppiren.

»Na, das fehlte uns auch noch,« rief Frühbach, sich erschreckt
festhaltend, »daß der alte, halbblinde Gaul mit uns durchgeht! Auf der
einen Seite sieht er nicht einmal die Gräben.«

Der Kutscher, der wohl ein wenig eingenickt war, griff aber die Zügel
auf, zog dem alten Gaul ein Paar mit der Peitsche über und brachte ihn
bald wieder zu einem Verständniß seiner Lage, das er auch wohl kaum aus
den Augen verloren. Er hatte sich nur einmal in Bewegung setzen wollen,
oder auch vielleicht die schon ganz nahen Häuser von Vollmers entdeckt,
wo er den Stall und dessen Futter kannte.

An eine weitere Unterhaltung war aber schon deshalb für die beiden
Passagiere nicht mehr zu denken, weil hier das Pflaster begann und
selbst der gegen Derartiges sonst ziemlich unempfindliche Rath beide
Hände auf den Sitz stemmte, um sich gegen allzu hartes Stoßen zu
sichern. Der Major aber memorirte laut seine sämmtlichen Flüche, die er
auswendig konnte -- und es waren deren nicht gerade wenig --, bis sie
endlich vor dem niederen, mit rothen Ziegeln gedeckten Wirthshause
hielten und ein riesiges blaues Schild über sich sahen, auf dem ein
feuerrother Engel abgemalt war, der eine rothe Trompete in der rechten
und ein rothes Bierkrügel in der linken Hand hielt. Welcher Götterlehre
er angehörte, ließ sich nicht bestimmen.

Rath Frühbach schien hier übrigens ein alter Stammgast zu sein,
wenigstens wurde er so von dem Wirth empfangen, der mit dem
freundlichsten Gesicht von der Welt, sein Käppchen in der Hand, unter
der Thür stand und Hausknecht, Kellner und Stubenmädchen augenblicklich
herbeirief, um den Herren beim Aussteigen zu helfen und Mäntel oder
sonstiges Reisegepäck in das Haus zu tragen.

»Nun, Herr Müller, wie gehen die Zeiten?« sagte Rath Frühbach, als er
glücklich ausgestiegen war und dem Major, der mit seinem Bein nicht so
recht fort konnte, ebenfalls vom Wagen herunter geholfen hatte. »Haben
doch 'was Ordentliches zu essen heute?« -- Er schien auf eine besondere
Beantwortung der ersten Frage zu verzichten.

»Nun, danke bestens, Herr Rath,« sagte der gewissenhafte Gastgeber, »es
geht ja immer so lala; meine Alte will nicht so recht fort -- hat immer
mit ihrem Magen zu thun.«

»Daran ist der verdammte Aepfelwein schuld!« sagte der Major, eben nicht
in bester Laune.

»Ein guter Freund von mir,« stellte ihn der Rath vor, »Herr Major von
Halsen.«

»Sehr angenehm, Herr Major -- sollen bestens bedient werden. Wann
befehlen die Herren zu speisen?«

»Was haben Sie denn? Das versprochene Wildpret fehlt doch nicht etwa?«

»Nein, gewiß nicht, Herr Rath; habe es Ihnen ja besonders hineinsagen
lassen. Werde Ihnen doch keine Unwahrheit berichten. Aber die
Speisekarte liegt drinnen auf dem Tisch.«

Der Rath nickte nur, denn eine weitere Unterhaltung war für den
Augenblick, wo Wichtigeres ihnen bevorstand, unnöthig geworden, und die
beiden Herren begaben sich in das untere Local, wo in einer der Ecken
ein Tisch schon gedeckt stand; denn wenn auch Vollmers an keiner
Poststraße lag, kamen doch eine Menge von Fuhrleuten vorüber und kehrten
da ein, und Niemand lebt besser unterwegs, als ein Frachtfuhrmann.

Der Major hätte sich nun gern selber nach der verwittweten Müller im Ort
erkundigt; aber bei ihm, als vollkommen Fremden, würde das gleich von
vorn herein zu sehr aufgefallen sein, und er bat deshalb den Rath, das
für ihn zu besorgen, und dazu war Frühbach auch der rechte Mann. Er
fragte überhaupt ununterbrochen, und in seiner cordialen Weise (es hätte
eigentlich auch einen andern Namen dafür gegeben, denn er behandelte die
Leute gewöhnlich anscheinend freundlich, aber immer von oben herunter)
fand er mit leichter Mühe einen Anknüpfungspunkt.

»Hören Sie einmal, Herr Müller,« sagte Frühbach, als der Wirth mit
der Serviette unter dem Arm hinter ihnen am Tisch stand, »ist denn
der Müller, der hier in Vollmers Butter und Käse verkauft, mit Ihnen
verwandt? Er schreibt sich wenigstens ebenso.«

»Bitte um Verzeihung, Herr Rath,« sagte der Wirth mit Würde,
»jener Müller stammt gar nicht aus unserer Gegend; er ist aus dem
Mecklenburgischen hieher eingewandert.«

»Ih, sehen Sie einmal an,« rief Frühbach, »da sind wir ja Landsleute.
Waren Sie schon einmal in Mecklenburg, Herr Müller?«

»Nein, bedaure sehr,« sagte der Wirth.

»Na, da haben Sie gar nichts zu bedauern,« meinte trocken der Major,
»wenn Ihnen weiter kein Unglück begegnet ist.«

»Hm!« sagte der Rath aber, der, ganz aus seiner sonstigen Sphäre, wo er
nur im Allgemeinen wie ein Fisch im Ocean herumschwamm, heute einmal auf
ein besonderes Ziel lossteuerte. »Ich dächte aber doch, Sie hätten mir
einmal von Verwandten von Ihnen erzählt, die hier noch im Orte leben.«

»Wüßte wirklich nicht, wer das sein sollte,« sagte Herr Müller
achselzuckend. »Es sind allerdings noch Zwei meines Namens hier im Ort:
der Bäcker heißt Müller und dann lebt hier eine verwittwete Müller, die
lange in England war; sie wollte einmal nach Amerika, aber das Schiff
wollte nicht, wie sie hier sagen -- doch ich bin mit allen Beiden nicht
im entferntesten verwandt. Lieber Gott, der Name kommt ja so häufig
vor!«

»Ja, da haben Sie recht,« nickte der Rath. »Hören Sie, Herr Müller,
der Hirschbraten ist wirklich delicat; ich habe lange nichts Zarteres
gegessen.«

»Freut mich, wenn er Ihnen schmeckt, Herr Rath.«

»Und noch eine Flasche Aepfelwein, bitte. Aber Sie trinken ja gar nicht,
Major.«

»Danke, habe mir ein Glas Bier bestellt und verzichte auf den Aepfelwein
-- kann das Zeug nicht vertragen.«

»Es ist die reine Muttermilch,« sagte der Rath; »aber was ich gleich
fragen wollte: also die Frau war so lange in England?«

»Die Müller? Ja wohl -- sie spricht auch das Engländische, und wenn
sie sich mit ihrer Tochter manchmal unterhält, kann sie kein Mensch
verstehen. Das ist eine verflixte Sprache, und so geschwind geht's --
aber man muß es auch können.«

»Ach ja, ich dächte, davon hätte ich gehört,« fuhr der Rath, heftig
dabei kauend, fort. »Ist die Tochter nicht an einen gewissen Becker,
einen Telegraphen-Beamten, verheirathet?«

»Nein, Herr Rath, doch nicht; an einen sogenannten Geodäten, einen
Herrn Melker, der jetzt in Rübhausen stationirt ist, um dort die
Zusammenlegung der Felder zu bewerkstelligen.«

»Ach ja, das ist recht, Melker hieß er -- wie komm' ich denn nur auf
Becker? Aber es klingt ähnlich. Da war einmal in Schwerin ein Mann, der
hieß Beyer, aber mit einem e und y geschrieben; Gott, ich habe ihn noch
so genau gekannt -- ich brachte ihn später als Schreiber beim damaligen
Regierungspräsidenten Utrecht, einem intimen Freund von mir, unter. Aber
da wohnte noch ein anderer Mann, ein Schuhmacher, Namens Bayer, mit a
und y, in der Stadt, und die Beiden wurden doch fortwährend mit einander
verwechselt. So schickte ich einmal mein Mädchen zu dem Bayer mit einem
a, der gerade für uns arbeitete, um ihn zu mir zu bestellen, weil er mir
das Maß zu einem Paar neuer Stiefel nehmen sollte; ich litt damals sehr
an Hühneraugen, und die alten Stiefel drückten mich. Aber das Mädchen
ging wahrhaftig zum Regierungspräsidenten hinauf und bestellte mir den
Schreiber, weil der schon ein paarmal bei mir im Hause gewesen war, und
nachher mußte sie denn richtig noch einmal zu dem wirklichen Bayer mit
einem a gehen. Ueberhaupt, man glaubt gar nicht, was so ein einziger
Buchstabe im Namen für einen Unterschied macht. Da war in Schwerin ein
Schneider...«

»Ich dächte, einen Geodät Melker hätte ich auch einmal gekannt,« fiel
hier der Major ein, denn der Rath ging wieder durch. »Kommt er manchmal
hier herüber?«

»Ach, habe ihn erst heute Morgen gesehen,« sagte der Wirth; »ich glaube,
er kam herüber, um seine Frau abzuholen, die hier ein paar Tage bei
ihrer Mutter zum Besuch war.«

»In der That?« sagte der Rath, dadurch wieder zur Gegenwart
zurückgerufen, da er sonst nur eigentlich in der Vergangenheit lebte.
»Da könnten wir ja einmal nach dem Essen hinübergehen, Major, denn einen
Verdauungs-Spaziergang müssen wir doch machen. Wohnt sie weit von hier?«

»Nein, gleich dort hinter dem Garten, Herr Rath. Wenn Sie um die Ecke
vom Zaun herumbiegen, sehen Sie das kleine hübsche Häuschen gleich vor
sich. Die Müller hat eigentlich das hübscheste Häuschen im ganzen Ort.«

»So? Na, dann wollen wir nachher einmal da vorbeischlendern und es uns
ansehen -- also so ein hübsches Häuschen. Sie ist da wohl reich?«

Der Wirth zuckte mit den Achseln. »Wer kann's wissen?« sagte er. »Sie
zeigt's wenigstens Niemandem und lebt einfach und zurückgezogen genug
-- hat aber auch, das muß wahr sein, keinen Pfennig Schulden im Ort.
Man bekommt sie jedoch wenig zu sehen. Sie sitzt fast immer im Hause und
näht, oder liest auch wohl in einem Buche; aber wahrhaftig,« unterbrach
er sich rasch, als ein Wagen draußen vorbeirollte, »da kommt gerade
die Tochter mit ihrem Manne an. Die fahren jetzt wieder nach Rübhausen
zurück. Nun haben Sie ihn verpaßt. Na, ein andermal trifft sich's
vielleicht besser.«

Der Major war aufgesprungen und an's Fenster getreten. Ein leichter,
hübscher Korbwagen, vortrefflich in Federn hangend, rasselte vorüber.
Ein sehr anständig gekleideter Herr von vielleicht zweiunddreißig
Jahren fuhr, und neben ihm saß, ebenfalls städtisch, aber sehr einfach
gekleidet, ein junges, allerliebstes Frauchen und lachte und plauderte
mit ihm.

»Also das ist die Tochter?« nickte der Major, sich wieder abwendend,
denn der Wagen bog in dem Augenblick um die Ecke. »Sie sieht ja beinahe
aus wie eine Dame.«

»Ja,« nickte der Wirth, »ein sehr hübsches Weibsen ist es und eine gute,
tüchtige Frau dabei. Die Mutter hat sich's aber auch 'was kosten lassen,
um sie zu erziehen, das muß wahr sein, und der Herr Melker das große
Loos dabei gezogen.«

Der Rath stieß den Major heimlich an, blinzelte ihm über die Brille zu,
flüsterte: »'s ist Alles in Richtigkeit!« und setzte sich dann wieder zu
seinem Wildbraten nieder, um noch einmal von vorn zu beginnen. Er rühmte
sich nicht mit Unrecht, daß er für drei Mann essen und trinken könne.
Dem Major brannte aber jetzt der Boden unter den Füßen, und wenn ihn
auch ein eigenes, unbehagliches Gefühl beschlich, sobald er daran
dachte, daß die Entscheidung seines lange gehegten Zieles -- denn dies
war seine letzte Hoffnung -- so nahe sei und er zu dem Zweck einer
vollkommen fremden Person in das Haus rücken solle, so war er doch nicht
der Mann, von der einmal begonnenen Sache nun zurückzuschrecken. Je eher
sie abgemacht wurde, desto besser. Es dauerte freilich noch eine
Weile, bis er den Rath hinter dem Tisch vorbrachte, aber es gelang doch
endlich, und die Beiden schritten jetzt langsam erst eine Strecke durch
den Ort hinauf, um ihr Ziel nicht gleich zu verrathen, und dann der
bezeichneten Richtung zu, wo sie das kleine Haus auch bald in Sicht
bekamen.

Es war in der That ein freundliches Plätzchen, klein und beschränkt
freilich -- wenigstens dem äußeren Anschein nach --, aber
außerordentlich sauber gehalten, ordentlich beworfen und licht bemalt,
sowie mit grünen Jalousien versehen; auch schien das daranstoßende
Gärtchen sorgsam gepflegt, und selbst über die Hecke herüber schauten
blühende Rosenbüsche. Das Ganze war in der That wie ein kleines Idyll,
und man dachte sich unwillkürlich ein reizendes, zartes Wesen, das
jetzt dort hinter den Blumen am Fenster an einer Stickerei arbeiten und
vielleicht einmal mit dem Lockenkopf hinausschauen müsse.

Hinter den Blumen am Fenster war aber nichts als eine große weiße Haube
zu erkennen, die sich auch gar nicht regte, als die beiden Fremden
vorübergingen.

»Hören Sie, Major,« sagte der Rath, indem er von der Seite über die
Brille hinüberschielte, »das erinnert mich an ein Abenteuer in Schwerin,
wo ich....«

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen,« unterbrach ihn der Major, »und
erzählen Sie mir jetzt nichts; ich fange außerdem schon an ganz nervös
zu werden. Wollen wir hinein?«

»Nun, versteht sich von selbst,« sagte der Rath; »wir sind einmal da
und müssen nun auch durch. Wie wollen Sie aber anfangen? Wir müssen doch
gewissermaßen eine Introduction haben, nachher macht sich dann Alles
von selber. Könnten wir zum Beispiel nicht nach Herrn Melker fragen? Wir
wissen jetzt genau, daß er nicht da ist.«

»Daran habe ich auch schon gedacht,« sagte der Major; »aber nachher?«

»Dann lassen Sie mich nur das Uebrige besorgen; ich knüpfe mit allen
Menschen ein Gespräch an, wenn ich sie nur erst einmal fest habe, und
eine Einleitung zu unseren Fragen ist ja auch dadurch gegeben, daß
Sie mit der Familie Wendelsheim, in der sie selber früher gedient hat,
verwandt sind. Fangen Sie zum Beispiel nachher einmal von der in der
nächsten Zeit fälligen Erbschaft an, und wir sehen dann gleich, was
sie dazu für ein Gesicht macht; ich werde sie indessen beobachten.
Donnerwetter, Major, zwei alte Knaben, wie wir sind, und mit allen
Hunden gehetzt, sollen es doch wohl in der Intelligenz mit einer alten
Frau aufnehmen können!«

»Und wenn sie nichts gesteht?«

»Sie braucht nicht direct zu gestehen, lieber, bester Freund,«
versicherte ihm der Rath, »und wird das auch auf keinen Fall, davon bin
ich schon jetzt vollkommen überzeugt, ohne sie nur einmal gesehen
zu haben. Ich verlange auch weiter nichts, als daß sie sich nur ein
einziges Mal verschnappt, nur mit Einer Silbe, daß sie sich nur einmal
widerspricht; dann haben wir sie fest, und daß dann die Gerichte das
Andere aus ihr herausbekommen, darauf können Sie sich fest verlassen.
Sagen Sie mir nur um Gottes willen, weshalb Sie mit dem Allen erst jetzt
herausrücken, und nicht schon vor zwanzig Jahren, als die Sache noch
warm war, ihr zu Leibe gegangen sind?«

»Lieber, bester Freund,« sagte der Major, »das wäre allerdings besser
gewesen; aber gerade in der Zeit, in der das Kind geboren wurde, befand
ich mich in Rußland, und als ich nachher zurückkehrte, waren die Leute,
die damals in Wendelsheim gedient, so in alle Welt zerstreut, daß meine
Bemühungen vergeblich blieben. Erst jetzt, nachdem über dem Ganzen
scheinbar Gras gewachsen, haben sie sich wieder eingefunden, und jetzt,
ja, ich kann wohl sagen, eigentlich in den letzten Tagen und so recht
vor Thorschluß, bin ich erst auf die richtige Fährte gekommen. Aber es
ist selbst jetzt noch nichts versäumt.«

»Gott bewahre, Gott bewahre,« nickte der Rath; »ein Heidenglück nur,
daß Sie wenigstens jetzt noch auf die Spur kamen, denn ein paar Wochen
später hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können!
Doch wir wollen umkehren -- jetzt hilft's nichts. Also die Zähne
zusammengebissen, Major, und fest vorwärts. Umbringen kann sie uns
nicht, und im schlimmsten Fall sind wir immer unserer Zwei!«

Die beiden Verbündeten, die indessen eine Strecke auf der Straße
hinausgegangen waren, so daß sie schon die Felder wieder vor sich sahen,
drehten jetzt um und schritten direct auf das Haus der Wittwe Müller zu,
dessen Pforte, da der Eingang durch den Garten führte, sie bald darauf
erreichten. Draußen war auch eine Klingel angebracht; die Glocke hing
inwendig am Pfosten, und der Rath streckte schon den Arm nach dem Griff
aus, als er plötzlich sagte:

»Hören Sie, Major, wenn wir jetzt hier läuten, steckt sie am Ende den
Kopf zum Fenster heraus und fertigt uns gleich auf der Straße ab. Das
wäre Pech!«

»Vielleicht ist die Thür offen; fassen Sie einmal auf die Klinke.«

»Wahrhaftig,« sagte der Rath, indem er die Klinke probirte, »das war
ein guter Gedanke. Die Zugbrücke ist nieder, nun laufen wir Sturm, he,
Major? Also vorwärts marsch, ich sehe schon, ich muß die Leitung doch
wohl übernehmen!«



12.

Frau Müller.


Die beiden Verbündeten traten in den Garten, den sie auf das fleißigste
gehalten und gepflegt fanden, und Keiner von ihnen dachte wohl daran,
daß sie in diesem Augenblick gerade im Begriff standen, ihr Möglichstes
zu thun, diesen Frieden zu stören und die glückliche Besitzerin
desselben in das Zuchthaus zu liefern. Dem Rath war die Sache auch noch
viel zu neu, und er hatte sie sich, mit dem Reiz des Abenteuerlichen,
der sie umgab, noch gar nicht ordentlich zurechtlegen können, und der
Major, nur das Ziel vor Augen, dem er entgegenarbeitete, schien
Alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte, gerade wie ein wilder
=steeple-chaser=, als gar kein Hinderniß zu betrachten. Hier galt, wie
er sich die langen Jahre hindurch fest eingeredet, nur das Recht, und
einzig und allein das Recht, und der alte Baron, den er von Grund seiner
Seele aus haßte, mußte für verübtes Unrecht bestraft werden. Daß er
damit dann nachher Alle, die ihm dabei geholfen, mit hineinzog, daran
dachte der Major gar nicht, oder wenn er daran dachte, war es ihm
vollkommen gleichgültig. Vorwärts! Der Rath hatte ganz recht; das war
das einzige Wort, das jetzt für sie galt, und mit festen, entschlossenen
Schritten ging er auf die grün gemalte Thür zu, die ihn noch von seiner
Beute trennte.

Diese fanden die beiden Herren aber nicht offen, doch war ebenfalls
ein Klingelzug dort angebracht, und ohne auch nur noch einen Augenblick
durch unnützes Zögern zu verlieren, zog der Rath daran.

Drinnen im Hause ging gleich darauf eine Thür, und es dauerte nicht
lange, so wurde innen ein Riegel zurückgeschoben und die Pforte
geöffnet, wobei sie sich einer ziemlich robusten Dame »in den besten
Jahren« gegenüber sahen.

Die Dame trug ein dunkelrothes Kattunkleid mit engen Aermeln, dazu eine
schneeweiße Haube und eben solchen Halskragen, und sah überhaupt recht
sauber und adrett aus. Aber ihr Gesicht gefiel dem Major nicht; um
den Mund, auf dessen Oberlippe ein kleiner Anlauf zu einem Schnurrbart
sichtbar wurde, lag ein Zug, der etwa ausdrückte: »Ich habe etwas
durchgesetzt in meinem Leben und kümmere mich den Henker um die Welt!«
Die ziemlich starken Augenbrauen waren ihr dabei über der Nasenwurzel
zusammengewachsen, und ein Paar große blaue Augen sahen mehr forschend
als freundlich darunter vor. Aber nicht gerade unfreundlich sagte sie,
als sie die Fremden in ihrem Garten sah: »Und mit was kann ich den
Herren dienen?«

»Sie entschuldigen, verehrte Frau,« nahm hier der Rath das Wort, »wie
ich gehört habe, befindet sich gerade ein alter Bekannter von mir, Herr
Melker, bei Ihnen?«

»Das thut mir leid,« sagte die Frau, »mein Schwiegersohn ist eben
fortgefahren; meine Tochter war auf Besuch bei mir, und die hat er
wieder abgeholt.«

»O, das bedauere ich doch wirklich sehr,« sagte Rath Frühbach, indem er
sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuch abwischte, »ich
hätte ihn so gern gesprochen! Können Sie uns nicht vielleicht sagen,
wann er zurückkehren wird?«

»Thut mir leid, weiß ich aber nicht,« entgegnete ruhig die Frau.

»Sie sind auch vielleicht nicht im Stande, uns zu sagen, wann er seine
Arbeiten dort beendet haben wird?« fuhr Frühbach unverdrossen fort. »Ich
habe selber ein Gut -- warten Sie, wo ist denn gleich die Liste...« --
Und er nahm dabei sein Taschenbuch heraus.

»Wollen denn aber die Herren nicht näher treten?« sagte Frau Müller,
die jetzt nicht anders vermuthen konnte, als daß es sich um einen neuen
Auftrag und Verdienst für ihren Schwiegersohn handle. »Sie stehen hier
so draußen auf dem Flur...«

»Wenn wir Sie nicht stören, verehrte Frau...«

»Bitte, ganz und gar nicht. Seien Sie so gut und kommen einen Augenblick
mit hier herein; ich bin ganz allein, und wenn ich Ihnen irgend eine
Auskunft geben kann...«

Die Herren ließen sich natürlich nicht lange nöthigen. Rath Frühbach
ging mit seinem gewinnendsten Lächeln voran, und der Major folgte ihm
dicht auf dem Fuße.

Das Zimmer sah außerordentlich sauber aus; es war allerdings sehr
einfach möblirt, aber doch mit Geschmack, und die vielen Blumen
besonders, der frisch gestreute Sand und die Sonne, welche auf dem
Ganzen lag, gaben ihm etwas unendlich Freundliches. Die Frau selber
benahm sich dabei mit vielem Anstand; man sah es ihr an, daß sie sich
häufig in gebildeten Kreisen bewegt haben mußte, und die Art, wie sie
sich selber wieder auf ihren Stuhl niederließ und den beiden Herren
winkte, auf zwei anderen Sesseln Platz zu nehmen, hatte wirklich etwas
Vornehmes.

An Frühbach, während es dem Major imponirte, ging das aber vollständig
verloren; er nahm mit seinem wohlwollendsten Lächeln Platz und begann
dann auch eine längere Erzählung (während er noch immer in seiner
Brieftasche herumsuchte), die sich einzig und allein um sein Rittergut
und die dort vorhandene Nothwendigkeit drehte, die Zusammenlegung der
Felder so rasch als irgend möglich in Angriff zu nehmen. Dadurch aber
gewann der Major Zeit, um seinen Schlachtplan zu entwerfen, und wenn
Frühbach einmal, was aber nicht so bald geschah, eine Pause machte, nahm
er selber das Gespräch auf und sagte:

»Nicht wahr, Madame, Sie waren früher auch einmal -- es sind jetzt
freilich schon lange Jahre her -- in dem Hause meines Vetters, des
Freiherrn von Wendelsheim?«

»Ei gewiß,« erwiederte Frau Müller, die, wie sich bald herausstellte,
trotz ihres etwas absprechenden Wesens eine Unterhaltung liebte; sie
mußte nur erst einmal warm werden. »Also das ist ein Herr Vetter von
Ihnen? Ein lieber, braver Herr! -- Jawohl, ich war Amme dort im Hause,
gleich nachdem mir mein Töchterchen, die Martha, geboren war, und mein
Mann wollte es damals eigentlich nicht zugeben, aber lieber Gott, was
konnten wir machen -- die Frau Baronin war so leidend, auch immer so gut
mit uns gewesen, da mußten wir ja zuletzt nachgeben, und meine kleine
Martha wurde unterdessen zu Hause mit Milch großgezogen. Das Kind ist
auch wohl dadurch ein bischen schwächlich und zart geblieben, aber
doch, Gott sei Dank, gesund und kräftig, und ich habe mir später keine
Vorwürfe zu machen gebraucht.«

»Die beiden Kinder sind also wohl so ziemlich in Einem Alter?« fragte
der Major.

»Ja, gewiß,« sagte Frau Müller, »kaum achtundvierzig Stunden auseinander
-- ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm
allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen,
eine große Glaskutsche, und es half nichts, ich mußte hinein.«

»Mein Vetter,« sagte der Major, der jetzt glaubte von einer andern Seite
angreifen zu müssen, »war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders
beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein, und sie hat auch, wie
ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte
immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon
besonders erzählen.«

»Wie es mit der Familie gewesen ist, weiß ich nicht,« sagte die Frau;
»gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen
mich und den kleinen Baron -- Du lieber Gott, er wußte gar nicht vor
Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit
Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen müssen, so sprang und tanzte
er damit herum, und wollte sich gar nicht zufrieden geben, daß die
gnädige Frau Tante oft mit ihm zankte und böse wurde.«

»Die gnädige Frau Tante?«

»Nun, dem gnädigen Herrn seine Schwester, ein Fräulein von Wendelsheim,
die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein
bitterböses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beißzahn, und
wenn sie damals schon wie ein Beißzahn auftrat, so gnade Gott jetzt die
armen Dienstboten, die unter ihr stehen müssen!«

»Das gnädige Fräulein führte wohl den Oberbefehl im Hause?« warf der
Rath eine Frage ein.

»Ja, und führt ihn wahrscheinlich noch,« nickte Frau Müller; »denn sie
sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Händen
winden ließe. Sie biß eher.«

»Aber mit dem Kinde war sie gut?«

»Ich weiß es nicht,« sagte achselzuckend die Frau; »manchmal, ja. Dann
aber betrachtete sie es auch wieder mit ganz finsteren Blicken und
konnte oft stundenlang kein freundliches Wort -- was überdies selten
genug aus ihrem Munde kam -- mit irgend einer Seele reden.«

Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber,
ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort:

»Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel über das Kind gesprochen;
die Leute hörten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu
erzählen....«

»Natürlich,« nickte die Frau, »weil mit dessen Geburt eine große
Erbschaft in Aussicht stand. Lieber Himmel, über was reden die Leute
nicht, und ich bin damals auch oft gefragt und drangsalirt worden, habe
ihnen aber heimgeleuchtet, bis sie mich zufrieden ließen -- das Pack
das!«

Die Erinnerung oder vielmehr Erwähnung jener mißglückten Versuche schien
gerade nicht ermuthigend auf den Major zu wirken. »Der zweite Sohn ist
jetzt recht leidend,« sagte er nach einer kleinen Pause, »man glaubt
kaum, daß er noch lange leben wird.«

»Na, dem Beißfräulein gönne ich das,« meinte Frau Müller, »denn sie soll
den zweiten Sohn fast vor Liebe aufgefressen haben, während sie sich um
den ersten wenig oder gar nicht bekümmerte -- und was für ein draller,
derber Junge war das! Aber um den Vater sollte mir's leid thun. Lieber
Gott, die Mutter liegt ja schon so lange in ihrem kalten Grabe!«

»Und haben Sie den Aeltesten kürzlich einmal gesehen? Er ist, wie Sie
wissen, Officier.«

Die Frau schwieg, und wieder sah der Rath den Major an, diesmal aber zog
er die Augenbrauen hoch in die Höhe. Endlich erwiederte die Frau, die
indessen still vor sich niedergesehen:

»Lange nicht, seit langer, langer Zeit. Du lieber Himmel, aus Kindern
werden Herren, und wenn die vornehm sind, was kümmert sie nachher eine
arme alte Frau, die sie früher mit ihren eigenen Säften genährt! Sie
denken nicht mehr daran. Wenn der Herr Baron gewollt hätte, wäre er
schon lange einmal zu mir herausgekommen, denn daß ich wieder hier
wohne, muß er doch wohl wissen; aber er kümmert sich nicht mehr um seine
alte Amme, die Mutterstelle an ihm vertrat, und wenn _er's_ aushalten
kann -- na, ich kann's auch.«

»Da scheint Ihr eigenes Kind mehr an Ihnen zu hangen,« sagte der Rath,
der auch nach dieser Seite hin anzuklopfen wünschte.

»Nun,« fragte die Frau und sah ihn verwundert an, »soll sie denn das
auch nicht? Hatte sie denn, bis sie sich vor Kurzem verheirathete,
irgend Jemanden sonst in der weiten Welt, der für sie sorgte und mühte,
als mich? Alle Ursache für sie, daß sie an mir hängt, und es wäre
unnatürlich, wenn sie anders sein wollte.«

»Ach, wenn Sie in jener Zeit in Schloß Wendelsheim waren,« bemerkte der
Major, »dann kennen Sie ja auch wohl eine Frau Heßberger, die damals
dort aus und ein ging?«

Die Frau Müller sah den alten Herrn etwas erstaunt an. Es mochte ihr
jetzt vielleicht zum ersten Mal auffallen, daß überhaupt so viele Fragen
an sie gerichtet wurden, während Rath Frühbach, der diese Antwort mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit erwartete, um sich mit keinem Blick
zu verrathen, seine Dose hervornahm und der alten Dame eine Prise
offerirte.

Wenn diese gewußt hätte, daß Rath Frühbach immer Morgens, ehe sein
Zimmer gereinigt wurde, den über Tag beim Schnupfen auf die Matte
gefallenen Schnupftabak wieder sorgfältig zusammenschob und zurück in
die Dose that, so würde sie die Prise wohl verweigert haben. Der Major
wußte es wenigstens und schnupfte deshalb nie mit ihm. So aber nahm sie
dankend eine Prise an und sagte nach kleiner Weile:

»Die Heßberger? Gewiß kenne ich die -- die schlechte Person! Aber
weshalb fragen Sie mich das? Wie kommen Sie überhaupt jetzt auf die
Heßberger?«

»Lieber Gott,« sagte der Major, doch halb verlegen, »da wir gerade so
von alten Zeiten sprachen, fiel mir die Person wieder ein, weil sie
ja damals just so viel im Hause ein und aus ging und die stolze Frau
Baronin sie trotzdem nicht leiden konnte; das hab' ich wenigstens oft
und oft gehört.«

»Das ist auch wahr,« nickte die Frau, »weil sie mit dem gnädigen
Fräulein immer durchsteckte, und der alte Baron mußte wohl thun, was die
Beiden wollten. An mich durfte sie sich freilich nicht wagen, weil ich
das Kind hatte, und mit dem verstand der alte Baron keinen Spaß; aber
die Anderen hat sie in der kurzen Zeit genug geschuhriegelt, und sie
haben's ihr auch gedacht. Aber was macht die sich daraus!«

»Die Heßberger hat sich damals ein schön Stück Geld verdient,« sagte der
Major.

»Was geht's uns an,« brach jedoch die Frau, jedenfalls mißtrauisch
werdend, kurz ab; »ich rede nicht gern über die Zeiten, und mit fremden
Leuten gar nicht. Sie suchten ja aber vorhin ein Papier in Ihrer
Brieftasche, Herr -- ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen....«

»Frühbach, verehrte Frau -- Rath Frühbach,« sagte der also Angeredete,
der seine Tasche schon lange wieder zurückgeschoben hatte, indem er
jetzt rasch und doch etwas verlegen danach griff. »Aber das hat Zeit,
bis ich den Herrn Melker einmal selbst sprechen kann. Wir haben uns
hier angenehm unterhalten -- ich sage Ihnen, die Zeit ist mir nur so
dahingeflogen, und Sie wohnen auch hier wie in einem kleinen Paradies.«

»Ja, die Wohnung ist allerdings recht hübsch,« nickte die Frau, »nur
eigentlich fast ein bischen zu groß für eine alleinstehende Wittwe;
aber, lieber Gott, es ist doch ein eigenes Haus, und man kann es sich
darin bequem machen.«

»Merkwürdig, daß es mir noch nicht aufgefallen ist,« meinte Frühbach,
»und ich komme doch so oft nach Vollmers heraus -- ich trinke den
Aepfelwein so gern, er ist auch für meinen Körper zum Bedürfniß
geworden, ich könnte ihn gar nicht mehr entbehren. Leider scheint dieser
Jahrgang nicht so ausgefallen zu sein wie der vorige; der Wein säuert
ein wenig, ist aber auch dafür, glaube ich, um so viel gesunder als der
vorjährige. Das war aber in der That etwas Wunderbares, und ich denke
jetzt noch mit Schmerzen daran, daß er vorüber ist.«

»Nun,« lächelte die Frau, freundlicher als bisher, »wenn Sie denn so
für unsern vorjährigen Aepfelwein schwärmen, dann kann ich Ihnen die
Erinnerung daran vielleicht wieder auffrischen. Gästen sollte man doch
eigentlich etwas vorsetzen, und das ist gerade das Einzige, was ich im
Hause habe. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«

Damit war sie aufgestanden und verließ das Zimmer, während ihr der Major
kopfschüttelnd nachsah. »Mein lieber Rath,« sagte er, als sie hinaus
war, aber mit etwas unterdrückter Stimme, »ich fürchte, ich fürchte,
ich habe heute meine letzte Hoffnung zu Grabe getragen. Aus der Frau
bekommen wir auf die Weise heilig nichts heraus.«

»Lieber, bester Freund,« rief Frühbach, der nur einen Augenblick
gewartet hatte, bis sie von der Thür weg sein konnte, indem er den
Arm des Majors ergriff und heftig drückte, »kriegen wir nichts heraus,
meinen Sie? Wir _haben_ sie!«

»Haben -- wen?«

»Die Frau! Ist Ihnen denn entgangen, wie sie zusammenfuhr, als wir
den Namen der Heßberger nannten? Sie erschrak sichtlich -- und jetzt
_klopfen_ wir nicht mehr auf den Busch, jetzt _schlagen_ wir drauf!«

»Begehen Sie um Gottes willen keine Unvorsichtigkeit! Ich möchte hier
nicht in Unannehmlichkeiten gerathen, die, wenn sie nachher bekannt
würden, ohne daß wir etwas erreicht hätten...«

»Sehen Sie das Bild dort?« fragte der Rath, mit dem Arm auf ein nicht
ganz schlechtes Oelgemälde deutend, das gegenüber an der Wand hing und
ein junges, sehr hübsches Mädchen darstellte. »Wollen Sie _noch_
einen Beweis?« fuhr der Rath ganz in Eifer fort. »Ist das nicht ein
entschieden vornehm adeliges Gesicht, und hat es auch nur die Spur
von der Frau Müller? Nein -- aber dem Baron von Wendelsheim sieht es
ähnlich, wie aus den Augen geschnitten!«

»Aber das Bild ist vielleicht aus der Wendelsheim'schen Familie,« sagte
der Major, es jetzt ebenfalls aufmerksam betrachtend. »Aehnlichkeit
liegt allerdings darin, aber wir wissen ja gar nicht, ob sie das Bild
nicht einmal von der seligen Frau geschenkt bekommen oder auf irgend
einer Auction erstanden hat.«

»Das wollen wir bald herausbekommen,« sagte Frühbach entschlossen;
»jetzt aber lassen Sie mich nur machen. Ich habe Ihnen meine Hülfe
zugesagt, und Sie sollen sich mir nicht umsonst anvertraut haben. Die
Frau hat kein gutes Gewissen, darauf möchte ich meine Schnupftabaksdose
verwetten, und daß sie jetzt den Aepfelwein holt, geschieht nur, um uns
mit guter Manier los zu werden. Aber ich will nicht Frühbach heißen,
wenn ich sie nicht fasse, und zwar, ehe sie eine Ahnung davon hat, ganz
unvorbereitet, und Sie sollen erleben, wie sie bleich wird und zu Kreuze
kriecht!«

»Aber wir können ihr ein Verbrechen, für das wir noch gar keine directen
Beweise haben, doch nicht auf den Kopf zusagen.«

»Auf den Kopf!« erwiederte Rath Frühbach mit der Miene eines Mannes, der
zum Aeußersten entschlossen ist. Aber es blieb dem Major keine Zeit zu
weiteren Bemerkungen oder irgend einer Widerrede oder Abmahnung, denn
in demselben Augenblick wurde die Thürklinke wieder aufgedrückt, und
während sie schon das Klirren der Gläser hörten, erschien Frau
Müller wieder mit einem irdenen Krug in der Hand und einem kleinen
Präsentirteller, auf dem drei Gläser standen.

»So, meine Herren,« sagte sie freundlich, indem sie die Sachen auf den
Tisch stellte und dann zu einem kleinen Eckschrank trat, aus dem sie
Brot und frische Butter nahm. »Langen Sie zu; es ist Alles, was das
Haus bietet, aber ein Gericht Gerngesehen, und daran darf man eben keine
großen Ansprüche machen. Und nun kosten Sie einmal den Aepfelwein, Herr
Rath, und sagen Sie mir, ob Sie schon irgendwo in Ihrem Leben besseren
getrunken haben.«

Während Frau Müller sprach, schenkte sie die Gläser voll; Frühbach,
der sie indessen über die Brille betrachtet hatte, schmunzelte
unwillkürlich, als ihm der wohlbekannte und geliebte Duft in die Nase
stieg. Er konnte es sich auch nicht versagen, das Glas an die Lippen zu
heben und zu kosten; aber »famos!« sagte er, »unübertroffen!« und leerte
es schon im nächsten Augenblick auf Einen Zug.

Der Major nahm das Glas nur ungern; es war ihm ein eben nicht angenehmes
Gefühl, von der Frau, hinter deren Rücken sie eben noch ihren Plan
geschmiedet, gastlich behandelt zu werden. Sie durften auch jetzt nicht
weiter in sie dringen, und da er die Einladung, doch auch ein Glas zu
kosten, nicht gut ablehnen konnte, hob er es an die Lippen und nippte
daran. Der Aepfelwein war allerdings süßer als der bei Frühbach
getrunkene, immer doch aber nur ein sehr zweifelhaftes Gebräu, dem indeß
der Rath mit voller Hingebung zusprach, ja sich sogar, trotzdem daß sie
eben vom Mittagessen kamen, noch ein tüchtiges Stück Brot abschnitt und
es mit Butter bestrich, um es dazu zu verzehren.

Beim Kauen überlegte er sich seinen Feldzugsplan, dessen Ziel in nichts
Geringerem bestand, als die Festung, die nicht durch List bezwungen
werden konnte, zu überrumpeln und mit Sturm zu nehmen.

»Werthe Frau Müller,« sagte er deshalb, wie er nur den letzten Bissen
verschluckt und ein Glas Aepfelwein hintennach geschickt hatte, indem er
sich den Mund mit dem sehr oft gebrauchten Taschentuch wischte, dieses
dann immer kleiner zusammendrückte und zuletzt zurück in die Tasche
schob (dabei nahm er wieder die Dose heraus), »allen Respect vor Ihrem
Aepfelwein, er ist wirklich vortrefflich, und ich habe in meinem Leben
keinen besseren getrunken. Unser voriges Gespräch schien Ihnen vorhin
nicht angenehm zu sein, was ich bedauere, aber ich muß doch noch einmal
darauf zurückkommen. Sie wissen nämlich nicht, daß, wenn die Erbschaft
-- durch irgend eine gebrauchte List -- in falsche Hände geräth... --
Vielleicht noch eine Prise gefällig?«

»Ich danke,« sagte die Frau, ärgerlich mit dem Kopf schüttelnd. »Was
geht mich die Erbschaft an? Ich kriege doch nichts davon! Ueberhaupt
will ich von der ganzen Wendelsheim'schen Geschichte gar nichts wissen!«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte der Rath, »denn als Frau
können Sie keine Kenntniß von den in dieser Hinsicht furchtbar strengen
Gesetzen haben -- daß also dann die, welche mit dazu beigetragen haben,
einen Betrug zu unterstützen, den schwersten, jedenfalls Leibes- und
vielleicht gar Lebensstrafen ausgesetzt sind.«

»Lieber Rath,« sagte der Major, dem nicht ganz wohl bei der Einleitung
wurde, »das Gesetz wird ja...«

»Bitte, lieber Major,« entgegnete Frühbach, »erlauben Sie mir, daß
ich der Dame, die uns so freundlich aufgenommen hat, den Standpunkt
vollkommen klar mache; wir werden dann mit der größten Leichtigkeit zu
einem Verständniß kommen.«

Die Frau Müller hatte ihn staunend angesehen, denn sie schien entweder
gar nicht zu begreifen, worauf hinaus der Rath arbeitete, oder wollte
es nicht; der Major, welcher sie mißtrauisch von der Seite beobachtete,
wurde wenigstens nicht klug daraus. Frühbach aber, die linke Hand, in
der er die Dose hielt, auf den Rücken legend, mit der Rechten, zwischen
deren Fingern er noch eine Prise hielt, gesticulirend, fuhr, immer über
die Brille weg, fort:

»Daß Sie vollkommen gut verstehen, worauf ich hindeute, verehrte Frau,
davon bin ich überzeugt. Die Welt hat sich eben nicht täuschen lassen,
denn zu Viele wußten um das Geheimniß. Bis jetzt aber, wo es eben nicht
darauf ankam, ließ man die Sache gehen; nun jedoch, da der Termin der
Erbschaft abgelaufen ist, wird es unmöglich, die damalige Täuschung
länger durchzuführen. Seien Sie also vernünftig, und gestehen Sie, was
Sie wissen -- Sie sind unter Freunden...«

»_Ich_ soll gestehen?« sagte die Frau, die sich von ihrem Erstaunen noch
immer nicht erholen konnte, denn Frühbach brachte das Alles mit solcher
Salbung an. »Aber was denn um Gottes willen?«

»Gut,« rief jetzt der Rath, wie erbittert über so viel Störrigkeit,
»wessen Bild ist das, was da an jener Wand hängt? Das dort mein' ich!«

»Das dort? das Bild meiner Tochter -- und was haben _Sie_ denn?«

»Nein,« rief der Rath mit erhobener Stimme, »das ist nicht wahr! Wissen
Sie, wessen Bild das ist? Wissen Sie, was die Frau Heßberger in der
Stadt schon gestanden und gebeichtet hat?«

Die Frau war todtenbleich geworden und trat einen Schritt zurück, und
der Major selber erschrak über die plötzliche Veränderung in ihren Zügen
-- die Augen starrten den Redenden stier und entsetzt an, der Mund war
halb geöffnet, die eine Hand vorgestreckt. Rath Frühbach aber, dem das
ebenfalls nicht entging, fuhr, seinen Sieg verfolgend, triumphirend
fort:

»Das ist das Bild der Tochter des Barons von Wendelsheim, dem Sie dafür
den Sohn untergeschoben haben, und wenn Sie jetzt, wo Sie noch unter
Freunden sind, Alles gestehen, so kann ich Ihnen die Versicherung...«

Weiter kam er nicht. Alles Blut, das zuerst das Antlitz der Frau
verlassen hatte, schoß dahin zurück, daß es jetzt eine fast kupferrothe
Färbung annahm, und die Arme in die Seite stemmend, rief sie mit vor
Wuth fast erstickter Stimme:

»Sie -- Sie alter grauhaariger Esel, Sie wollen ein Rath sein?!«

»Frau Müller!« rief Rath Frühbach entsetzt.

»Und deshalb ist das Lumpengesindel in mein Haus gekommen?« schrie die
Frau, die jetzt erst ihre Zunge wiederzufinden schien. »Nach meinem
Schwiegersohn erkundigen sie sich, weil sie wissen, daß er nicht da
ist, und heimlich hinten herum kommen sie und fragen und bohren und thun
schön und unschuldig, um eine arme Frau in's Unglück zu stürzen!«

»Aber, beste Frau Müller!« fiel auch jetzt der Major ein, der aus all'
seinen Himmeln herausstürzte und nur allein den aufkochenden Zorn der
Gereizten zu besänftigen wünschte.

»Pfui Teufel!« rief aber die Frau Müller, die jetzt das Wort hatte und
es sich nicht so leicht wieder nehmen ließ. »Indianer und Türken und
Heiden, wenn sie mit einem andern Menschen gegessen und getrunken haben,
üben weder Hinterlist noch offene Feindschaft gegen ihn aus, sondern
behandeln sich als Brüder -- aber das nennt sich Christen, und ist ärger
als Türken und Heiden!«

»Aber, Frau Müller, ich versichere Ihnen...« sagte der Major.

»Sie brauchen mir nichts zu versichern!« schrie die Frau, immer mehr in
Zorn gerathend. »Was haben Sie überhaupt hier zu thun? Glauben Sie, daß
ich mich in meinen eigenen vier Wänden ungestraft beleidigen lasse? Und
die Frau Heßberger -- was geht das mich an, was die gestanden hat, oder
möchten Sie mir vielleicht damit drohen? Aber das wollen wir doch
einmal sehen, ob noch Recht und Gesetz im Lande ist und hülflose,
alleinstehende Frauen in ihrem eigenen Hause überfallen werden dürfen,
das wollen wir doch einmal sehen! Den Augenblick gehe ich auf's Gericht,
und dann will ich wissen, ob das da das Bild meiner Tochter, meines
eigenen Kindes ist oder nicht, und ob jeder hergelaufene Lump, der sich
Rath nennt, herkommen und mich beschimpfen darf!«

»Aber, Frau Müller,« sagte Rath Frühbach, allerdings etwas bestürzt über
die Wendung, die sein fein angelegter Plan, bei dem er sich schon einen
Moment am glücklich erreichten Ziel geglaubt, plötzlich genommen, »Sie
werden uns doch erlauben...«

»Gar nichts erlaube ich Ihnen,« rief die Frau, »gar nichts auf der Welt!
Je eher Sie sich aus meinem Hause scheren, desto besser, und wenn Sie
nicht gleich gutwillig gehen, dann rufe ich die Nachbarn zu Hülfe, daß
die Ihnen Beine machen!«

Der Major hatte sich schon, auf's äußerste verlegen, während des letzten
Gespräches der Thür zu gedrückt und eigentlich nur auf einen günstigen
Moment gewartet, um hinauszufahren, denn die ganze Sache war ihm
fürchterlich fatal; er mochte nur auch nicht geradezu fortlaufen. Jetzt
aber fand er keine Veranlassung mehr, länger zu zögern; die Thür war
ihnen deutlich genug und ohne ein Mißverständniß möglich zu machen,
gewiesen worden.

»Kommen Sie, Rath, das geht nicht länger,« sagte er, jetzt selber
ärgerlich werdend, denn der Mann war nicht von der Stelle zu bringen. Er
stand, aber jetzt ebenfalls mit einem dicken rothen Kopf, immer noch die
Prise zwischen den Fingern, vor der Wüthenden und schien nur auf einen
Moment zu passen, wo er wieder einfallen konnte. -- »Nun gut denn,
wenn Sie allein dableiben wollen, meinetwegen -- ich gehe aber -- guten
Morgen, Madame!«

»Einen schönen guten Morgen, das weiß Gott!« rief die Frau. »An den
Morgen werde ich denken, aber ich will Sie begutenmorgen mit Ihrer
Höflichkeit, oder mein Name ist nicht Barbara Müller! Vor Gericht sehen
wir uns wieder, und dort soll sich dann einmal herausstellen, ob ich
mich brauche in meinen vier Wänden überfallen und beschimpfen zu lassen,
und dort sollen Sie beweisen, was Sie gesagt haben, Sie -- Rath Sie,
oder wir wollen einmal aufpassen, was geschieht!«

Frühbach hatte einen Blick nach dem Major zurückgeworfen, bemerkte aber
kaum, daß dieser wirklich Ernst machte und schon halb aus der Thür war,
als er es auch für gerathen fand, seinem Beispiele zu folgen. Etwas
mußte er aber noch sagen, denn lautlos konnte er nicht abziehen.

»Schön, verehrte Dame,« nickte er, indem er sich die Brille festschob,
wobei er die vergessene Prise fallen ließ und zugleich nach Stock und
Hut griff, »wenn Sie es denn nicht anders wollen, mir kann's recht sein
-- empfehle mich Ihnen!« setzte er aber rasch hinzu, denn der Zorn der
gereizten Frau war auf's höchste gestiegen, und sie fing an gegen ihn
vorzurücken; er wollte es nicht zum Aeußersten kommen lassen.

»Ihnen kann's recht sein, so? Sie alter Schafskopf Sie!« schrie die
Frau.

Frühbach wartete jedoch keine weiteren naturhistorischen Eigennamen ab,
er war viel schneller, als er sich sonst gewöhnlich bewegte, aus der
Thür hinaus, und gerade noch zur rechten Zeit, denn dieselbe wurde im
nächsten Augenblick hinter ihm zugeschleudert, daß die Fenster im ganzen
Hause zitterten. Die Stimme der gereizten Frau übertäubte dabei noch den
Lärm. Der Major hielt sich auch gar nicht weiter auf, um seinen Freund
und Leidensgefährten zu erwarten, sondern humpelte, so rasch es ihm
sein obstinates Bein erlaubte, die Straße hinab, so daß der Rath tüchtig
ausschreiten mußte, um ihn wieder einzuholen. Aber er that das mit
Vergnügen, denn er verlängerte mit jedem Schritt die Entfernung zwischen
sich und der schrecklichen Frauensperson, und hatte auch gar nichts
dagegen, daß der Major rechts ab in eine Seitenstraße bog und nicht eher
einhielt, bis er die dort daranstoßenden Kartoffelfelder erreichte. Da
blieb er stehen und sagte, sich zum ersten Mal nach dem Rath umsehend:

»So, mein Herr Rath, da haben Sie uns mit Ihrem« -- Maul hätte er am
liebsten gesagt, aber das litt seine Höflichkeit nicht, darum ersetzte
er es mit -- »Hitzkopf in eine schöne Sackgasse hineingefahren.«

»_Ich_ habe Sie hineingefahren, mein bester Major?« sagte der Mann,
indem er stehen blieb und sich den Schweiß über der Brille wegtrocknete.
»Das nehmen Sie mir nicht übel; was habe _ich_ denn überhaupt von der
ganzen Geschichte, ehe Sie mich hieherbrachten, gewußt? Gar nichts --
und wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, daß sie auf so schwachen
Füßen steht, ich würde den Teufel gethan haben, meine Nase hinein zu
stecken!«

»Aber wer um Gottes willen hieß Sie auch so mit der Thür in's Haus
fallen und die ganze Sache der Frau auf den Kopf zusagen? Ich bat Sie
doch, es nicht zu thun, und da konnten wir uns noch mit guter Manier aus
der Schlinge ziehen und einen ehrenvollen Rückzug sichern -- jetzt
sind wir mit Schimpf und Schande abgezogen und haben uns auf das
lächerlichste blamirt.«

»Das weiß Gott,« stöhnte Frühbach, »an die Situation werde ich mein
Leben lang denken! Wissen Sie aber, daß es mir früher schon beinah'
einmal ähnlich gegangen ist. In Schwerin damals....«

»Und damit ist die Geschichte noch nicht aus,« unterbrach ihn der Major,
dem die letzte Drohung der Frau nicht aus dem Kopf ging. »Passen Sie
auf, das rabiate Weib geht am Ende noch vor Gericht, und wir können ihr
nicht allein öffentlich Abbitte thun, sondern der ganze fatale Handel
kommt auch in's Publikum und, das Allerschlimmste, dem alten Wendelsheim
zu Ohren, der überhaupt keine Gelegenheit vorbeiläßt, um mir etwas
anzuhängen. Heiliges Donnerwetter, wenn ich nicht mit meinem elenden
Körper so an die Scholle gebannt wäre, ich setzte mich heute Abend noch
auf die Bahn und führe nach Neapel oder Griechenland!«

»Hm,« sagte der Rath, der seinen Stock unter den Arm genommen hatte und
an dem seidenen Taschentuche eine reine Stelle suchte, an der er seine
Brille hätte abwischen können (er fand aber keine und rieb sie dann
auf dem Aermel), »sie wäre es allerdings im Stande, aber sie wird sich
hüten, Major; denn die Sache ist doch nicht ganz rein, sie hat einen
faulen Fleck. Bemerkten Sie, wie blaß sie wurde, als ich sie nach dem
Bilde fragte?«

»Ja gewiß, und ich dachte im ersten Augenblick ebenfalls, wir hätten
sie; aber ich glaube jetzt, es war vor Wuth.«

»Mein lieber Major, lehren Sie mich die Menschen kennen, das war mehr
als Wuth, das war ein schlechtes Gewissen, und der nachher ausbrechende
Grimm nur ein Mantel, um es zu verdecken. Wir hätten uns nicht
davon sollen einschüchtern lassen, es war Maske; ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort, nichts als Maske, und noch dazu plump durchgeführt. Ich wäre
auch nicht sogleich abgegangen, das versichere ich Ihnen, aber Sie waren
auf einmal zur Thür hinaus, und allein konnte ich da drinnen auch nichts
ausrichten.«

»Ich hatte genug,« meinte der Major, »und es fiel mir gar nicht ein,
mich länger als unumgänglich nöthig mit jenem alten Weib herum zu
zanken.«

»Wenn ich nur meiner ersten Eingebung gefolgt wäre und mich ihr
als Polizeirath vorgestellt hätte! Ich sage Ihnen, eines Tages in
Schwerin....«

»Weiter hätte nichts gefehlt,« rief der Major, »daß wir dann Beide in
Teufels Küche gekommen und am Ende gar noch eingesteckt wären! Hören
Sie, Rath, Sie haben gar keine Idee davon, welcher Gefahr Sie dadurch
entgangen sind, daß Sie es nicht gethan.«

»Sie haben keine Courage, Major.«

»Allerdings nicht zu so faulem Kram, wo man sich den Rücken nicht
gedeckt weiß. Ehrlich drauf, ja.«

»Na, ich dächte, weiß es Gott, ich wäre ehrlich draufgegangen,« sagte
Rath Frühbach mit Selbstgefühl. »Und was wird nun? Denn hier auf dem
Kartoffelacker können wir doch nicht gut stehen bleiben.«

»Haben Sie noch etwas im Ort zu besorgen?«

»Nichts als einige Flaschen Aepfelwein einzupacken. Hören Sie, Major,
der Aepfelwein bei der Alten war wirklich famos! Schade, daß er von
einem solchen Cerberus bewacht wird.«

»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,« sagte der Major
mürrisch; »darin hatte die Alte recht, es sah häßlich aus, ich nippte
auch nur daran. Aber nun thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns
machen, daß wir fortkommen. Ich habe genug von Vollmers, und hoffe das
Nest in meinem ganzen Leben nicht wieder zu sehen.«

»Für heute muß ich auch sagen,« bestätigte der Rath, »daß ich kein
großes Verlangen trage, länger da zu bleiben, und ich möchte besonders
der aufgeregten Dame nicht noch einmal begegnen. Aber kommen Sie, Major,
wir brauchen ja nicht wieder an dem Haus vorbei zu gehen, sondern können
hier geradeaus die Straße halten. Mit einem ganz unbedeutenden Umweg
kommen wir dann zum Wirthshaus zurück.«

Der Major ließ sich nicht lange nöthigen, und die beiden Herren kreuzten
bald darauf, mit einem scheuen Seitenblick nach links, ohne aber ein
Wort weiter darüber zu erwähnen, die Straße, in welcher das Haus der
Frau Müller so still und friedlich lag, als ob da nie ein Sturm gewüthet
hätte.

Aber sie hatten damit, wie sie vielleicht wähnten, noch nicht Alles
überstanden; denn wie sie in die breite Chaussee einbogen, die nach dem
Wirthshaus hinaufführte, stand vor demselben und unter dem Schild mit
dem hellrothen Engel ein anderer, dunkelrother, in einer weißen Haube --
der obere trug Locken -- und gesticulirte eifrig mit dem achselzuckend
vor ihr stehenden Wirth.

Beide Freunde blieben unwillkürlich mitten in der Straße stehen, als sie
gleichzeitig die Dame erkannten. Das hatte keiner von ihnen erwartet,
und selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich. Aber ob
die Dame sie selber bemerkte und nicht wieder mit ihnen zusammentreffen
wollte, oder ob sie beendet hatte, was sie hieher geführt, sie machte
noch ein paar entschiedene Bewegungen mit dem rechten Arm -- in der
Entfernung konnten sie natürlich nicht hören, was sie sagte --
und wandte sich dann die Straße hinab, wo sie bald darauf in eine
Seitengasse einbog.

»Das Frauenzimmer ist zu Allem fähig,« stöhnte der Major, als sie
wieder, Beide zugleich, ihren Weg verfolgten, denn das Hinderniß war
beseitigt; »jetzt hat sie sich dort nach unseren Namen erkundigt.«

»Und der Esel von Wirth wird ihr auch die genaue Adresse gegeben haben,«
ergänzte der Rath. »Es sieht ihm ähnlich.«

»Nun, versteht sich von selbst, und in den nächsten Tagen steht die
Geschichte in der Zeitung. Mein lieber Rath, ich wollte, ich hätte das
verdammte Vollmers in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«

»Jetzt kann's nichts mehr helfen,« bemerkte Frühbach ganz richtig; »der
Stein rollt, und wir können ihn nicht mehr halten.«

»Ja, und Sie haben ihn in's Rollen gebracht.«

»Bitte,« sagte der Rath, »Sie haben mich darauf gestoßen, oder es wäre
mir nicht eingefallen, diese Madame Müller aufzusuchen. Aber da ist der
Hausknecht. Hören Sie, lieber Freund, sagen Sie doch dem Kutscher.... Wo
ist der Kutscher denn eigentlich?«

»Er sitzt drin in der Stube,« erwiederte der Angeredete. »Es ist ihm
nicht recht wohl; er hat Leibschneiden.«

»Der verfluchte Aepfelwein!« bemerkte der Major.

»Sagen Sie ihm, daß er einspannen soll,« befahl der Rath, der sich über
das Leibschneiden völlig hinwegsetzte, »wir wollen augenblicklich nach
Alburg zurückfahren. Ah, lieber Herr Wirth, unsere Rechnung, wenn ich
bitten darf!«

»Zu Befehl, Herr Rath,« erwiederte der höfliche Mann, sein Käppchen
ziehend. »Aber sagen Sie mir nur,« setzte er dann mit unterdrückter
Stimme hinzu, »was haben Sie denn um Gottes willen mit der Frau Müller
gehabt? Die war eben da....«

»Wir? Gar nichts. Was sollen wir mit ihr gehabt haben?« fragte Frühbach
mit der unschuldigsten Miene von der Welt.

»Na, dann weiß ich nicht, was die Alte wollte,« sagte der Wirth. »Aber
sie fragte mich erst um die Namen der beiden Herren und schrieb sie
sich auf einen Zettel (der Major sah den Rath von der Seite an, seine
schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich), und dann hat sie geschimpft
und raisonnirt, daß mir die Leute ordentlich zusammenliefen.«

»Aber über was denn?« fragte Frühbach.

»Ja, Gott weiß es! Von ihrer Tochter, und dem Baron Wendelsheim, und den
Gerichten, und eine Menge anderes Zeug, ich bin gar nicht daraus klug
geworden, und Ihnen gab sie erst Ehrentitel! Ja, die hat ein böses
Mundwerk, wenn sie einmal losgelassen wird, und wer nicht muß, soll sich
mit der ja nicht im Bösen einlassen. Sonst ist sie gut genug und legt
keinem Menschen 'was in den Weg, aber wenn sie erst einmal anfängt und
warm wird, dann hört sie auch gar nicht wieder auf.«

»Wir möchten gern bezahlen, lieber Freund,« sagte der Major, dem die
Sache peinlich wurde; »dürfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir
schuldig sind?«

Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und während ihm der
alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwölf Flaschen
Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen
linken Arm auf den Rücken gelegt, draußen auf und ab), kam der Kutscher
mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frühbach
fühlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige
Minuten später rasselte das kleine Fuhrwerk wieder durch den Ort auf der
Straße nach Alburg hinaus.



13.

Vater und Sohn.


Die Bewohner von Schloß Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich
traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen
Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser,
sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich
allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwäche trat ein, daß er
selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte.

Bruno kam jetzt häufiger heraus als früher, und saß manche Stunde bei
seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben -- aber über was konnte
er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von
Kindheit an nicht vertragen, und sonst wußte Bruno eigentlich -- Pferde
und Dienstsachen ausgenommen -- über nichts mit ihm zu sprechen.

Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb
auch jenes junge Mädchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit
erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichten und Märchen erzählen
mußte. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die
Haare aus dem Gesicht oder glättete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus,
wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte
ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Sträuße oder Kränze
daraus, die sie am Tage über sein Bett hing, und pflegte ihn mit
einer Sorge und Liebe, daß sie selbst das Herz der »steinernen Tante«
erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie
gestimmt machte.

Am glücklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen
konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plänen
-- und was für Pläne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit
er so still und ruhig liegen mußte, und wie sehnte er die Zeit herbei,
wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thätig in's Werk zu
setzen!

Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden
hörte, denn ob auch selber noch jung, fühlte und sah sie doch recht gut,
daß sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte;
aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein
mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzählte,
die er bauen wollte, und nächstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen
versprach, das ihnen aus dem großen Teiche das Wasser über alle
Blumenbeete führen sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab
ihm die Plätze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief
oft ein Lächeln auf seine bleichen Wangen hervor und machte seine Augen
leuchten und blitzen.

Der alte Baron kam jetzt oft herüber, setzte sich still in eine Ecke und
hörte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verändert,
denn je näher der Termin der Erbschaft rückte, der sich jetzt schon nach
Tagen zählen ließ, desto düsterer und in sich gekehrter wurde er, und
doch hätte man gerade glauben sollen, daß er die Zeit herbeisehnte, wo
er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder
nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um
den zweiten Sohn? Er hätte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen
hoffnungsloser Zustand kein Geheimniß sein -- war es ein anderer Kummer,
der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darüber, am
wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte,
und hatte es denn auch geschehen lassen, daß sie jetzt das ganze
Hauswesen dermaßen in Händen hielt, um als unumschränkte Herrin darin
zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein
gewöhnlicher Kostgänger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten,
ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an
Fräulein von Wendelsheim, die schon das Nöthige darüber bestimmen würde.

Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber
selbst das verließ er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche
Luftschlösser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren
schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die großen
hellen Thränen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein -- aber
er ging hinaus, daß sie der Sohn nicht sehen sollte.

Bruno war nach der Zeit, wo er das Geld von dem Vater erbat und
unverrichteter Sache wieder heimreiten mußte, in Wendelsheim gewesen,
hatte aber nie mehr, und zwar sehr zum Erstaunen des Vaters, ein Wort
von Geld oder neuem Bedarf erwähnt, und der alte Baron hütete sich wohl,
selber davon anzufangen.

Heute kam er wieder -- er ritt seinen alten Schimmel -- und ging, wie
immer, zuerst in Benno's Zimmer hinauf, um zu sehen, wie es ihm gehe.
Er fand ihn kränker aussehend, als das letzte Mal, aber ein freundliches
Lächeln glitt über die Züge des Leidenden, als er dem Bruder die Hand
reichte.

»Wie geht es Dir, Benno?« fragte dieser herzlich. »Du siehst recht blaß
aus.«

»O, gut heute, recht gut,« sagte der Knabe. »Kathinka hat mir eine so
wunderschöne Geschichte von einem kranken Königssohn erzählt, den eine
gütige Fee geheilt und vollkommen gesund gemacht hat, und der ist dann
nachher so glücklich geworden und hat sein Volk noch viele Jahre regiert
-- ach, wenn es doch auch bei uns noch solche gute Feen gäbe! Aber,
Bruno, Du thust mir ja weh, sieh' einmal, Du hast mir die Hand ganz roth
gedrückt.«

»Und kannst Du nicht ein wenig aufstehen und in den Garten oder nur an's
offene Fenster treten, Benno? Die Luft ist so wundervoll und mild; es
würde Dir gewiß gut thun.«

»Es will doch nicht recht gehen, Bruno,« sagte der Knabe; »wenn ich
aufstehe, sticht es mich immer so hier, und der Doctor hat es mir heute
Morgen streng verboten. Hast Du nichts von dem jungen Baumann gesehen,
Bruno? Er wollte mich heute besuchen -- er hat es mir fest versprochen
-- und mir etwas Neues mitbringen.«

»Nein, Benno, ich bin nicht den Fußweg geritten; er ist vielleicht schon
unterwegs. Aber regt Dich das nicht zu sehr auf, wenn Du über solche
Sachen nachgrübelst und Dir den Kopf über Räder, Hebel und Schrauben
zerbrichst?«

»Ach nein, Bruno,« lächelte der kranke Knabe. »In der Zeit, wo ich mich
damit beschäftigen kann, fühle ich gar nicht, daß mir etwas fehlt, und
mir wird dann so wohl und leicht zu Muthe. Baumann leidet auch nicht,
daß ich selber mit anfasse. Er zeigt mir nur Alles, und wir besprechen
dann, wie wir es machen wollen. Er ist so geschickt und so freundlich
immer. Ich wollte, er wohnte nicht so weit entfernt von uns.«

»Wo ist der Vater, Kathinka?«

»Ich glaube, unten im Garten, Herr Baron. Er war vorhin hier oben, und
ich sah ihn später dort drüben unter den Linden auf und ab gehen.«

»Ich werde ihn aufsuchen; ich komme dann noch einmal zu Dir herauf,
Benno, ehe ich wieder fortreite.«

»Ja, Bruno und wenn Du Baumann sehen solltest, sage ihm doch, daß ich so
auf ihn warte.«

»Ich schicke ihn Dir gewiß gleich, verlaß Dich drauf.«

Als Bruno mit schwerem Herzen den Bruder verließ und hinunter und durch
den Gartensaal ging, fand er dort seine Tante, die, ihre mageren Arme
fest zusammengelegt, auf und ab ging.

Fräulein von Wendelsheim war nie, selbst nicht in ihren jungen Jahren,
hübsch gewesen; denn eine scharfe Nase, sehr dünne Lippen und schlechte
Zähne gaben ihren Zügen etwas Schroffes, Abstoßendes. Im reiferen Alter
verschönerte sie sich natürlich nicht, und da sie sich auch nur sonst
ausnahmsweise liebenswürdig zeigte und besonders mit ihrem Bruder in
stetem Hader lebte, wunderte man sich allgemein, daß sie trotzdem bei
einander aushielten. Auch die verstorbene Baronin hatte sich nie mit
ihr befreunden können und sogar manchen heftigen Auftritt mit ihr,
vorzüglich nach der Geburt des ersten Sohnes gehabt, auch damals ihren
Gatten oft gebeten, ein Verhältniß zu lösen, das nach keiner Seite hin
genügte. Die Dame besaß außerdem durch die Erbschaft einer Tante ein
kleines Privatvermögen, mit dem sie recht gut hätte unabhängig leben
können, aber zugleich eine solche Gewalt über ihren darin schwachen
Bruder, daß sie ihren Platz hartnäckig behauptete und sogar schon nach
dem Tod der Baronin als unumschränkte Herrscherin im Schlosse galt.
Sie befahl und ordnete an, und wenn sich Dienstboten ihrem Willen nicht
fügen wollten, gleichviel wie zufrieden ihr Bruder selber mit ihnen sein
mochte, so mußten sie den Platz räumen -- und thaten's auch gewöhnlich
gern, denn lange hielt es doch keiner von allen unter ihr aus.

Mit Bruno, dem ältesten Sohn, stand sie, wie schon erwähnt, auf keinem
guten Fuß, obgleich der alte Pommer, der Kutscher, der Einzige, der noch
aus jener Zeit seine Stellung behalten hatte, behauptete, als kleines
Kind habe sie den Knaben sehr gern gehabt und ihn besonders verzogen.
Nach der Geburt des zweiten Sohnes änderte sich das aber, und Bruno
selber erinnerte sich nicht, so lange er wenigstens denken konnte, ein
freundliches Wort von ihr gehört oder eine Liebkosung von ihr empfangen
zu haben. Als Kind fühlte er das natürlich nicht so schwer; als er aber
nach dem Tode der Mutter heranwuchs und sich vom Vater vernachlässigt,
von der Tante zurückgesetzt, ja oft ungerecht mißhandelt sah, da ging
er oft still hinunter in den Park, setzte sich dort auf eine Bank in
dichtes Gebüsch hinein und weinte sich recht herzlich aus. Aber er
gedieh trotzdem und vielleicht gerade dadurch so viel besser, daß sich
Niemand viel um ihn bekümmerte, und als er an Jahren reifte und zu
begreifen begann, daß er gerade, der Erbe des ganzen Besitzthums, des
ganzen Vermögens der Wendelsheim, eigentlich wie ein Ausgestoßener oder
doch nur Geduldeter im Hause behandelt würde, fing er an, rauhe Worte
mit gleichen zu vergelten. Er und die Tante hatten da manchen Strauß,
bis sich zuletzt ein recht gesunder Haß zwischen Beiden entwickelte, den
Keiner vor dem Andern zu verbergen sich große Mühe gab.

Sonderbarer Weise hatte dabei der herangewachsene Mann unter all' den
unfreundlichen Worten, die er als Kind und Knabe ertragen mußte, eins
im Herzen bewahrt und nicht wieder vergessen können -- eins, das er als
Knabe von etwa elf Jahren gehört, und das ihm wahrscheinlich nur deshalb
unter all' den tausend anderen in der Erinnerung blieb, weil er es nicht
begriff und damals schon oft und bitter darüber nachgrübelte. Es war
gewesen, als er es zum ersten Male wagte, der Tante offen entgegen
zu treten. Er hatte irgend eins der zahllosen ihm gestellten Verbote
übertreten oder einem Befehl nicht gehorcht -- die Ursache war seinem
Gedächtniß entschwunden, aber die Folgen blieben um so deutlicher darin,
wie es ja oft geschieht, daß uns einzelne, oft unbedeutende Scenen
der Kinderzeit, manchmal bis in die ersten Jahre zurück, unvergessen
bleiben, während andere, viel wichtigere, gänzlich sich verwischen.

Er sah noch den Blick voll Haß und Zorn vor sich, mit welchem ihn die
Tante ansah, als er ihr sagte, daß sie von den Leuten im Hause Beißzahn
genannt würde, er sich aber nicht mehr von ihr beißen lassen wolle.

»Und wer bist Du denn?« hatte sie damals zu ihm gesagt. »Was wärest
Du denn, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?« -- Er erinnerte sich
auch, sie damals um die Erklärung der Worte gefragt zu haben, ohne aber
eine Antwort darauf zu erhalten; sie schlug nur nach ihm, und als er ein
auf dem Tische liegendes Messer ergriff, schrie sie um Hülfe, und der
Vater gab ihm nachher drei Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot auf
seiner Stube mit so viel lateinischen Strafarbeiten, daß er sie kaum in
der Zeit bewältigen konnte.

Von da ab war der Bruch mit der Tante vollständig ausgesprochen, hatte
aber doch ein Gutes gehabt, denn sie wagte von dem Tag an nie wieder die
Hand gegen ihn zu erheben, und nur in dem Hirn des Knaben arbeitete der
Gedanke fort: »Weshalb hat mich die Tante zu dem gemacht, was ich bin?
Was soll das heißen?« Er hatte aber Niemanden, gegen den er sich darüber
aussprechen konnte -- seinen Vater wagte er nicht zu fragen, sein Bruder
war noch zu klein, sein Hofmeister ein strenger, finsterer Pedant, der,
wie leider nur zu viele Pädagogen, nichts auf der Gotteswelt in seinem
ganzen Leben gelernt hatte als Griechisch und Lateinisch, und für
welchen deshalb auch weiter nichts existirte. Und die Tante selber? Es
lag ihm oft in ihrer Gegenwart auf der Zunge, aber er war viel zu
stolz und trotzig, um sie ahnen zu lassen, daß er sich etwas zu Herzen
genommen, was über ihre Lippen gekommen. Er haßte sie, wie nur ein
mißhandeltes Kind ein Wesen hassen kann, dem es keine Rechte über sich
zugesteht und von dem es sich ungerecht und schlecht behandelt weiß. Und
was hatte er ihr je gethan, das zu verdienen? Nichts, das er sich denken
konnte. So blieb denn die Erinnerung an jenen Morgen fest in seinem
jungen Herzen verschlossen, und wie viele Jahre auch mit ihren
frischeren Eindrücken darüber hingingen, aus allen hervor wuchsen immer
wieder die da gehörten Worte: »Wer bist Du denn? Was wärest Du, wenn ich
Dich nicht dazu gemacht hätte?«

Jetzt war er ein Mann geworden, und man hätte denken sollen, die Tante
würde sich, mit der Gewißheit, daß er bald als Herr eines bedeutenden
Vermögens dastehen mußte, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht
haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es
schien auch wirklich, als ob sie sich Mühe dazu gäbe; aber es gelang ihr
trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgültigen Worten traf ihn
ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Haß und
Zorn, daß er sie dann oft staunend ansah. Er wußte sich aber die Sache
nicht zu erklären denn lange schon war kein böses Wort mehr zwischen
ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie
konnten -- und weshalb dann noch dieser unauslöschliche Haß?

Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen
bemerkte, daß sie nicht in besonderer Laune schien -- überdies ein sehr
seltener Fall --, wollte er auch mit einem kurzen Gruß vorübergehen.

»Guten Morgen, Tante!« sagte er nur und schritt der Gartenthür zu.

»Und wen suchst Du?« fragte Fräulein von Wendelsheim, ohne selbst den
Gruß zu erwiedern.

»Den Vater. Weshalb?«

»Du warst bei Benno oben?«

»Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.«

»Und Du regst ihn nur immer noch mehr auf.«

»Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur »guten Tag«
gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem
jungen Baumann.«

»Wenn der oben ist, kann er reden und erzählen, und wenn ich zu ihm
komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.«

»Er bekommt manchmal plötzliche Schmerzen. Ich fürchte, seine Krankheit
ist gefährlicher, als wir ahnen.«

»_Du_ fürchtest das?« sagte die Tante, und wieder traf ihn solch ein
böser Blick aus ihren Augen.

»Und weshalb sollte _ich_ es weniger fürchten, weniger fühlen, Tante,
als Ihr?« sagte Bruno erstaunt. »Glaubst Du, daß ich Benno weniger lieb
habe als Ihr -- wenn Ihr ihn auch mehr geliebt habt als mich?«

»Ich sagte das nicht,« erwiederte finster die Tante und wandte sich von
ihm ab; »Du drehst Einem die Worte im Munde herum. Ich glaube gar nicht,
daß er so krank ist, sondern nur schwach und angegriffen, das meinte ich
-- aber da kommt der Vater.«

Und damit ließ sie ihn stehen, verließ den Saal und warf die Thür hinter
sich in's Schloß.

Bruno war stehen geblieben und sah ihr nach, und wieder tauchten jene
geheimnißvollen Worte in ihm auf, die sie damals gesprochen; aber ein
anderer Gegenstand beschäftigte seinen Geist -- was kümmerte ihn auch
die Tante!

Draußen durch die Glasthür sah er seinen Vater kommen, und etwa zwei
Schritt hinter ihm folgte der junge Baumann, der eine kleine, wunderlich
geformte Maschine in der Hand trug. Der alte Herr hatte sich aber
auf keine Unterhaltung mit dem »Handwerker« eingelassen; er wußte
allerdings, daß Benno mit großer Liebe an dem jungen Mann hing, und
Benno's wegen duldete er den Besuch, aber er sah ihn nicht gern und
machte auch nicht viel Umstände mit ihm.

»Gehen Sie hinauf,« sagte er, als sie die Thür des Gartensaales
erreichten; »Sie wissen den Weg. Benno ist oben und hat mich schon heute
Morgen nach Ihnen gefragt; aber bleiben Sie nicht zu lange. Sein
Kopf glüht jedesmal, wenn Sie ihn verlassen haben; der Arzt hat jede
Aufregung streng untersagt.«

»Sehr wohl, Herr Baron,« sagte der junge Mann ruhig; »ich wäre auch gar
nicht herausgekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte dem Kranken eine
Freude zu machen. Er hat mich gestern selber darum bitten lassen, und
ich sagte es deshalb zu.«

»Es ist gut,« nickte ihm der Baron vornehm zu, und Baumann wollte mit
einem kurzen Gruß an Benno vorüber der Verbindungsthür zuschreiten, als
Bruno die Hand gegen ihn ausstreckte.

»Herr Baumann,« sagte er dabei, »ich habe Sie noch um Entschuldigung
zu bitten, daß ich Sie neulich mit dem Pferd anritt; aber ich konnte
wirklich nichts dafür. Der Weg war so eng und der Fuchs so ungezogen,
daß ich nicht einmal im Stand war, ihn nachher einzuzügeln; er ging
förmlich mit mir durch.«

»Herr Lieutenant,« sagte Baumann freundlich, »ich sah, daß das Pferd
wild war, und habe später erfahren, wie gegründete Ursache Sie hatten,
sich unterwegs nicht aufzuhalten. Ich erschrak allerdings im ersten
Augenblick; das aber war auch das ganze Unglück, das Sie angerichtet
haben. Reden wir nicht weiter davon.« -- Und ihn grüßend, schritt er
den wohlbekannten Weg durch den Gartensaal dem Gange zu und die Treppe
hinauf zu Benno's Zimmer.

»Guten Tag, Vater!« sagte der Officier, als der junge Handwerker das
Zimmer verlassen hatte. »Ich wollte Dich eben aufsuchen, um ein paar
Worte mit Dir zu reden.«

»Und was steht zu Diensten, wenn ich fragen darf?«

»Hast Du kein freundlicheres Wort für mich, Vater?«

»Du wirst wieder Geld haben wollen,« sagte der Baron mürrisch, »und Du
weißt, daß ich nicht mehr im Stande bin, es Dir zu geben. Die Tausende
und Tausende, die ich die langen Jahre für Dich ausgelegt, haben meine
Mittel erschöpft, und es wird Zeit, daß Du zurückzahlst, was Du mich
gekostet, aber nicht mehr verlangst.«

»Ich bin nicht um Geld gekommen, Vater,« sagte der junge Officier ruhig,
»ich brauche keins, und hoffe mich bis zu dem Tage, wo die Erbschaft
ausgezahlt wird, selber durchzubringen. Nachher magst Du von mir Ersatz
für das »Ausgelegte« verlangen.«

»Und wie hast Du Dein Ehrenwort damals eingelöst? Wo hast Du das Geld
aufgetrieben? -- wahrscheinlich die doppelte Summe dafür gezeichnet?«

»Ich habe es zu fünf Procent bekommen.«

»Zu fünf Procent?« rief der alte Mann, ihn mit einem ungläubigen
Kopfschütteln von der Seite ansehend.

Bruno aber, darauf nicht achtend, fuhr langsam fort: »Allerdings bin
ich dafür, wenn auch vollkommen freiwillig, eine Verbindlichkeit
eingegangen, und um darüber mit Dir zu sprechen, heute hier
herausgekommen.«

»Thu' mir den Gefallen und rede nicht in Räthseln und Bildern,« sagte
der alte Herr mürrisch; »ich habe den Kopf schon ohnedies zu voll, um
ihn mir noch damit zu zerbrechen.«

»Ich werde sehr deutlich sein, Vater,« erwiederte Bruno, indem er sich
in einen Stuhl warf und den Kopf auf dessen Lehne in die Hand stützte;
»es bedarf auch dabei nicht der Umschweife, denn es betrifft nur eine
einfache Mittheilung, keine Frage oder Bitte.«

»Und die wäre?«

»Ich werde heirathen.«

»In der That?« sagte der Vater, doch etwas erstaunt, »so bist Du endlich
vernünftig geworden. Aber wen, wenn ich fragen darf, da es, wie Du
sagst, doch blos eine Mittheilung sein soll?«

»Und trage ich die Schuld, Vater, daß es so weit zwischen uns gekommen?
Was habe ich gethan, was verschuldet, daß ich, so lange ich denken kann,
nur wie ein Fremder, Ueberlästiger zwischen Euch herumgehe?«

»Ich verstehe Dich nicht!«

»Du hast mich nie verstanden,« sagte Bruno bitter, »mich nie verstehen
wollen!«

Der alte Baron warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn; denn so wenig
er daran gedacht haben würde, etwas Aehnliches gegen ihn einzugestehen,
im Herzen fühlte er die Wahrheit des Vorwurfs, und war auch deshalb
nicht im Stande, ihn gleich und entschieden von sich abzuwälzen.

»Du machst eine lange Vorrede,« sagte er endlich; »ich hoffe doch
nicht, daß Du eine Wahl getroffen, deren Du -- deren ich mich zu schämen
brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt,« setzte
er rasch hinzu, »denn Du kannst und mußt wissen, was ich Alles mein
langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht
zu erhalten.«

»Die _Ehre_ unseres Hauses,« wiederholte Bruno düster -- »das heißt den
äußeren matten Glanz, den Anstrich -- wie aber war es indeß im Innern?
Die Ehre des Hauses -- und wie stand es indessen mit dem Glück, dem
Frieden des Hauses, Vater? Ich höre und lese draußen manchmal von dem
Segen der eigenen Familie, dem Glück der Heimath. Was habe ich gethan,
daß mir das Alles gestohlen wurde?«

»Was hast Du nur heute?« sagte der Vater, unruhig werdend, indem er
den Sohn groß ansah. »Wie bist Du so sonderbar, und was sollen diese
vollkommen unbegründeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem
Hause fühltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit
draußen in wüsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in
Schulden stürzte?«

»Das ist recht, Vater,« lachte Bruno bitter, »mach' Du mir noch
Vorwürfe, daß ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mußte, weil
ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar
auf ewigem Kriegsfuß mit der Tante lebte. Doch genug -- übergenug davon!
Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo
ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu gründen --
aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht
mich hieher zurück.«

»Nicht hier in Wendelsheim?« rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast
erschreckt. »Und wohin sonst willst Du ziehen?«

»Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und
die Versicherung erhalten, daß er mir bewilligt wird.«

»Und wer ist die Dame, die Du Dir zur künftigen Gattin ausersehen?«
sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fühlte
er, daß der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift
habe und entschlossen sei, seine vollständige Unabhängigkeit zu wahren.
»Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, daß ich nicht einmal auf
irgend Jemanden rathen kann.«

»Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,«
sagte Bruno, während ein eigenes trotziges, aber doch düsteres Lächeln
über seine Züge flog. »Ich liebe die Tochter des alten Salomon.«

»Bruno,« schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor
Schreck wurde, »bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott
mit mir? Die Tochter des alten Juden?«

»Die Tochter des alten Juden,« wiederholte Bruno scharf und langsam;
»ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit
Dir -- habe es nie gethan.«

»Und meinen Namen willst Du beschimpfen?«

»Ist es nicht auch der meine? Ich sehe keinen Schimpf darin, ein braves
Mädchen zum Altar zu führen.«

»Bruno,« rief der alte Baron außer sich, »Du weißt nicht, was Du thust!
Unser Geschlecht ist bis jetzt rein und unbefleckt erhalten -- der alte
Stamm wenigstens --, und Du hast keine Ahnung, welche Opfer Einzelnen
von uns auferlegt wurden, um das durchzuführen. Willst Du gerade der
Erste sein, der einen schwarzen Strich durch unser Wappen zieht. Es
kann, es darf nicht sein, und ich werde es nie und nimmer dulden!«

»Du kannst es nicht hindern, Vater,« sagte Bruno ernst und kalt; »Du
hast Dir das Recht vergeben, über mein Thun und Handeln zu bestimmen. Du
hast keine Liebe in meinem Herzen gesäet, Du kannst nicht erwarten, dort
Liebe zu ernten -- kannst mir aber auch nicht verdenken, daß ich sie
dort suchte, wo sie mir von ganzer Seele entgegengebracht wurde. Du
kennst auch Rebekka nicht,« fuhr er etwas weicher fort, als der alte
Mann wie gebrochen in einen Stuhl sank und sein Gesicht mit den Händen
deckte; »hättest Du nur ein einziges Mal in ihr liebes, engelschönes
Antlitz geschaut, hättest Du gesehen, wie lieb und gut sie mit mir ist,
Du würdest begreifen, daß ich das vergaß, was mir noch nie ein Segen,
nur ein Zwang gewesen.«

»Das kann, das darf nicht sein!« rief der alte Baron, wieder von seinem
Stuhl emporspringend; »die Erbschaft war von jenem alten Manne nur
deshalb unserem Hause zugewendet, um den Glanz des Namens aufrecht zu
erhalten, das Geschlecht nicht aussterben zu lassen.«

»Die Erbschaft lautet auf Deinen ältesten Sohn nach Zurücklegung von
dessen vierundzwanzigstem Lebensjahre; die Bedingung ist in wenigen
Wochen erfüllt,« erwiederte Bruno ruhig.

»O, daß ich so -- daß ich so hart gestraft werden sollte,« rief der
Baron die Hände ringend, indem er in dem großen Saal rasch auf und ab
schritt -- »so hart gestraft!«

»Wofür, Vater?«

Der alte Mann war zur Glasthür getreten, lehnte seine Stirn an eine
der Scheiben und starrte in den Garten hinaus; aber er beantwortete
die Frage nicht. Bruno fühlte sich beängstigt: er war auf Vorwürfe und
Zornesworte gefaßt und entschlossen gewesen, denen kalt und entschieden
zu begegnen -- so weich, so gebrochen hatte er den Vater nicht zu finden
geglaubt -- so hatte er ihn nie gesehen. Langsam ging er auf ihn zu, und
die Hand auf seine Schulter legend, sagte er, freundlicher, als er bis
jetzt gesprochen:

»Und was ist es denn weiter, Vater, daß Du es Dir so arg zu Herzen
nehmen solltest? Der alte Salomon ist ein braver, rechtlicher Mann und
hat den Ruf in der ganzen Stadt; und was mich betrifft, ich ziehe fort
von hier, auf Jahre vielleicht, und wenn ich zurückkehre, ist die Sache
längst vergessen und begraben. Hier bei Euch,« fuhr er fort, als der
alte Mann ihm nichts darauf erwiederte und regungslos in seiner Stellung
blieb, »könnte ich ja auch nicht einmal bleiben, denn ich möchte meine
Frau, und wenn sie einem der edelsten Geschlechter angehörte, nicht
unter ein Dach mit Tante Aurelia bringen -- Du weißt selber recht gut,
daß Haß und Unfrieden im Hause die nächsten Folgen davon wären.«

»Gottes Strafe -- Gottes Gericht!« flüsterte der Baron.

»Aber von was redest Du, Vater?« rief Bruno ordentlich erschreckt.
»Wofür Gottes Strafe, wenn Du das eine Strafe nennst, daß Dein Kind
endlich das Glück findet, das es so lange gesucht und -- leider nicht im
Vaterhause finden konnte?«

»Geh',« sagte der alte Mann, indem er ihn mit der Hand langsam von sich
schob, ohne ihm aber sein Auge zuzuwenden, »geh', Du bist mündig und
bald Dein eigener Herr. Was kümmert Dich auch der Name unseres Hauses,
auf das Du Schmach und Schande häufst? Ich will Dir nicht fluchen -- ich
darf es nicht; aber -- verlange nie meinen Segen zu einer Verbindung mit
der Judentochter -- er würde Dir auch nichts nützen,« setzte er heiser
hinzu -- »er würde selber nur zum Fluche werden!«

Die Worte des alten Mannes waren für den Sohn räthselhaft; er begriff
nicht, welche mögliche Deutung er ihnen geben konnte. Ehe er aber im
Stande war eine weitere Frage an ihn zu richten, öffnete sich die Thür,
und Tante Aurelia, deren scharfer Blick, selber staunend, die Gruppe
überflog, stand auf der Schwelle.

»Was ist da vorgegangen?« sagte sie finster. »Was hast Du wieder mit
dem Vater gehabt, Bruno? Das weiß doch der Himmel, daß Du das Haus nie
betrittst, ohne einen Verdruß zu bereiten!«

»In der That, Tante?« sagte Bruno, der ihr gegenüber ganz wieder den
alten Groll erwachen fühlte und sich auch wenig deshalb sorgte, die ihm
verhaßte Verwandte zu schonen.

»In der That,« lautete ihre Antwort, »ich erwarte es gar nicht anders.«

»Dann möchten heute Ihre Erwartungen vielleicht noch übertroffen werden
-- guten Morgen, Tante!«

Staunend sah sie ihm nach; aber Bruno kümmerte sich nicht weiter um
sie. Ohne selbst noch einmal zu dem Zimmer des Bruders hinauf zu gehen,
schritt er nach dem Stall hinüber, sattelte sich selber sein Pferd und
ritt dann in die Stadt zurück.


  Ende des ersten Bandes.

  Druck von _G. Pätz_ in Naumburg a. d. S.



Im Verlage von #Hermann Costenoble# in _Jena_ erschienen ferner folgende
neue Werke:

  #Höcker, Gustav#, _Geld und Frauen_. Erzählungen. 3 Bde. 8. broch.
  3½ Thlr.

  #Kleinsteuber, Hermann#, _Schach dem König_. Historischer Roman. 2
  Bde. 8. broch. circa 3 Thlr.

  #Möllhausen, Balduin#, _Der Meerkönig_. Eine Erzählung. 6 Bde. 8.
  broch. circa 6½, Thlr.

  #Sacher-Masoch, Leopold von#, _Der letzte König der Magyaren_.
  Historischer Roman. 3 Bde. 8. broch. 4 Thlr.

  #Wickede, Julius von#, _Eine Deutsche Bürgerfamilie_. Nach einer
  Familienchronik bearbeitet. 3 Bde. 8. broch. 4½ Thlr.

  #Bibra, Ernst Freiherr von#, _Erlebtes und Geträumtes_. Novellen und
  Erzählungen. 3 Bde. 8. broch. 3¾ Thlr.

  #Ewald, Adolph#, _Nach fünfzehn Jahren_. Ein Strauß Geschichten. 2
  Bände. 8. eleg. broch. 3 Thlr.

  #Robiano, L. Gräfin von#, _Anna Boleyn_. Historischer Roman. 2
  starke Bde. 8. eleg. broch. 3½ Thlr.

  #Baker, Samuel White#, _Der Albert-Nyanza, das große Becken des Nil
  und die Erforschung der Nilquellen_. Deutsch von _J. E. A. Martin_.
  Autorisirte Ausgabe. Nebst 33 Illustrationen in Holzschnitt, 1
  Chromolithographie und 2 Karten. Zwei starke Bände. Eleg. broch. 5½
  Thlr.

  #Deutsche Schützen, Turner und Liederbrüder# oder: _Was will das
  Volk?_ Zeitgeschichtlicher Roman



[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung
wurde nicht in den Text aufgenommen.

Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend
korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 12:
  "das" geändert in "daß"
  (und nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf)

  Seite 15:
  "." eingefügt
  (und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.«)

  Seite 15:
  "," eingefügt
  (rief die Mutter, »spotte auch noch)

  Seite 40:
  "gegründeteten" geändert in "gegründeten"
  (zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen)

  Seite 93:
  "Frühauf" geändert in "Frühbach"
  (sagte der unverbesserliche Rath Frühbach)

  Seite 94:
  "Frühauf" geändert in "Frühbach"
  (sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging)

  Seite 119:
  "Ihnen" geändert in "ihnen"
  (bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere)

  Seite 120:
  "du" vereinheitlicht zu "Du"
  (Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch)

  Seite 122:
  "sagt" geändert in "sagte"
  (»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke)

  Seite 149:
  "," eingefügt
  (sagte der Baron halb verlegen, »ich dächte)

  Seite 153:
  "," eingefügt
  (rief der Lieutenant, »und ich konnte es mir nicht)

  Seite 160:
  "Salamon" geändert in "Salomon"
  (»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«)

  Seite 171:
  "wir" geändert in "mir"
  (Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr?)

  Seite 184:
  "den" geändert in "denn"
  (Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur)

  Seite 211:
  "Staasanwalt" geändert in "Staatsanwalt"
  (drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand)

  Seite 228:
  "," entfernt
  (mein gnädiges Fräulein)

  Seite 235:
  "Sie" geändert in "sie"
  (sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete)

  Seite 285:
  "sie" geändert in "Sie"
  (hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können)

  Seite 294:
  "." eingefügt
  (Sie biß eher.)

  Seite 302:
  "?" geändert in "!"
  (wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!)

  Seite 311:
  "gegestiegen" geändert in "gestiegen"
  (der Zorn der gereizten Frau war auf's höchste gestiegen)

  Seite 312:
  "gegesagt" geändert in "gesagt"
  (Maul hätte er am liebsten gesagt)

  Seite 316:
  "hätte" geändert in "hätten"
  (»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,«)

  Seite 317:
  "fühlt" geändert in "fühlte"
  (selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich)

  Seite 339:
  "Ist" geändert in "Ich"
  (»Ich verstehe Dich nicht!«)]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Erbe. Erster Band." ***

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