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Title: Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band
Author: Dauthendey, Max
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band" ***

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                              Gedankengut
                        aus meinen Wanderjahren

                              Erster Band



              Ein vollständiges Verzeichnis der Schriften
                           _Max Dauthendeys_
                   findet man am Schlusse des Bandes



                            Max Dauthendey

                              Gedankengut
                        aus meinen Wanderjahren

                              Erster Band

                            [Illustration]

                        Albert Langen, München


                Copyright 1913 by Albert Langen, Munich



Vor ein paar Tagen sagte ich zu meiner Frau: „Ich fühle noch nicht die
nötige Andacht zu dem neuen Buche, das ich schreiben will.“

Und während ich dies sagte, erinnerte ich mich dabei an jene japanische
Dichterin, die, um die nötige Weihe für ein großes Werk zu empfangen,
sich in einen Tempel einschließen ließ und nachts in dem einsamen
Tempelraum auf dem Deckel eines Gebetbuches die Niederschrift ihrer
dichterischen Eingebungen begann.

Der deutsche Übersetzer ihres Buches, der diesen Vorfall in der
Einleitung berichtet, fügte hinzu: „Wo wäre heutzutage in Europa der
Dichter zu finden, der eine ähnliche Vorbereitung für ein Buch nötig
fände?“

Wie wenig kannte doch der Mann die Dichterherzen aller Zeiten!

Wo große Werke entstanden, sind auch die Männer, die diese schufen,
immer mit herzklopfender Andacht an ihr Schaffen herangetreten.

Wenn sich die Dichter auch nicht in die Sakristeien der Kirchen
zurückgezogen haben, so ist doch immer jeder ihrer geistigen
und ernsten Arbeiten eine seelische und körperliche Kasteiung
vorausgegangen.

Jeder künstlerische Schöpfungsakt wird durch Entsagungsakte
vorbereitet. Der Beispiele sind viele, und wer die Geschichte der
Zeiten verfolgt, wird immer wieder auf diese Vorbereitungen stoßen,
Vorbereitungen voll innerster Andacht, die jedem bleibenden Werk
vorangehen müssen.

Als ich nun meiner Frau neulich gestehen mußte, daß ich mich noch
nicht andächtig genug fühle, das neue Buch zu beginnen, das meine
Kameraden und mich in der Zeit der neunziger Jahre (1890-1900) in
unseren Begegnungen und im Ringen um neue Ideale schildern soll, und
als ich sagte, daß ich noch nicht die Weihe zur Mitteilung dieses
Lebensabschnittes hätte -- dessen Aufzeichnungen eine Art Fortsetzung
meines letzten Buches „der Geist meines Vaters“ werden sollten --, da
ahnte ich in meiner Niedergeschlagenheit nicht, auf welche seltsame
Weise mir mein Schicksal die Weihe zu dieser Arbeit erteilen würde.

Seit zwei Jahren ungefähr trage ich den Wunsch, dieses Buch zu
schreiben, mit mir herum.

Seit das erste Jahrzehnt unseres neuen Jahrhunderts vollendet war
und ich bei mir bemerkte, wie schnell wir uns von einem vergangenen
Jahrhundert entfernen, und wie viele Lebensäußerungen in die
Vergessenheit sinken und verloren gehen können, wenn sie nicht in
schriftlicher Erinnerung aufgespeichert und damit der Nachwelt
wieder zugänglich gemacht werden, -- seit ich also wahrnahm, daß
auch das letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts bereits in
meiner Erinnerung zu verblassen begann, drängte es mich, das starke
Dichterleben dieser neunziger Jahre, das reich an neuen Idealen, reich
an großen Geistern war, in Aufzeichnungen für mich festzulegen.

Ich kann in diesem Buche, sagte ich mir, nur den bescheidenen Teil, der
vom Jahrhundertende mit meiner Person zusammenhängt, wiedergeben. Aber
es werden sich daraus für den Leser von selbst anziehende Fernblicke
auf die ganze Dichterwelt der neunziger Jahre öffnen, und mancher junge
Dichter findet vielleicht dann ein besseres Verständnis für seine
eigene Zeit, wenn er einen Ausschnitt aus jener, die deutsche Dichtung
so umwälzenden Vergangenheit nacherlebt.

Aber nicht bloß den jungen Dichtern und Denkern sei dies Buch gewidmet,
das ihnen einiges von ihren Kameraden erzählen will, -- vor allem
dem deutschen Volk, das einen kleinen Einblick gewinnen soll in
die Arbeitsernsthaftigkeit, in das märtyrerhafte Leiden und in die
weltfernen Freuden, zwischen denen sich das Leben der oft verkanntesten
Söhne des Volkes, das Leben der jungen Dichter und Denker, bewegt.

Den Wunsch, Andacht zu diesem Buche zu bekommen, trug ich besonders
heftig nach der Drucklegung meines letzten Buches, im Herbst 1912, mit
mir herum.

Aber ich war, teils zu zerstreut von alltäglichen Sorgen, teils
fortgerissen vom äußerlichen Leben und vom Krieg, der im Balkan sich
abspielte, unaufmerksam für meine Vergangenheit geworden, da mir
stündlich blutende Wirklichkeit vor Augen stand.

Ich hatte mir gewünscht, dieses Buch in den zum Niederschreiben von
Erinnerungen so angenehmen Wintertagen zu beginnen und es bis Frühjahr
vielleicht vollendet zu haben.

Und nun war schon die Weihnachtszeit gekommen, und ich stand
unzufrieden am Fenster und fütterte hungernde Vögel, und unter den
Hungernden sah ich auch als grauen Vogel meine Seele hin und her
fliegen.

Aber sie war scheu. Fürchtete sie den Wirklichkeitsblick meiner Augen?
Sie wollte sich nicht in mir niederlassen und mir nicht von der
Vergangenheit vorsingen.

Die Sperlinge, Amseln und Finken, die auf die Fensterbank kamen, wurden
satt, aber meine Seele blieb hungrig, und meine Hände nahmen täglich
unruhigere Bewegungen an, und meine Augen lasen nur die hastigen
Kriegsnachrichten der Zeitungen und nahmen sich nicht die Ruhe, in mir
selbst zu lesen.

So feierte ich ein unglückliches Weihnachtsfest. Ich war so viel
zwischen dem fernen Balkan, dem Kriegsschauplatz, und meinem Zimmer
hin und her geflogen, daß ich den Fluß unter den Fenstern, den alten
Main, nicht mehr rauschen hörte, dessen Rauschen mir sonst in wachen
Nachtstunden viele Betrachtungen aus der Stille der Vergangenheit
herbeigeholt hatte.

Ich fragte mich oft: ist meine Heimat vor den Fenstern verschwunden? Es
war, als stünde mein Zimmer irgendwo in einer seelenlosen Fremde.

Viel zu viel hatte ich bei den Zeitungen meine Stunden verbracht, und
Wirklichkeitslärm hatte sich in meine vier Wände eingenistet, so daß
das Buch, das ich der Vergangenheit widmen wollte, unmöglich in dieser
seelenlosen Umgebung aufwachsen konnte.

Oft trug ich mich mit dem Gedanken, fortwandern zu müssen in ein
abgeschiedenes Gebirgsdorf, in ein Berghaus in tiefem Schnee, wohin
keine Zeitung und kein Briefbote kommen konnte, in Einsamkeit, wo die
Gegenwart sich leicht in Vergangenheit umwandeln kann.

Aber nein, sagte ich mir, ich will noch das neue Jahr erwarten.
Die Heimatluft ist mir noch nie untreu gewesen. Immer gab sie mir
Arbeitsfrieden, wenn ich nur recht eindringlich danach verlangte. Warum
sollte ich dieses Mal auswandern müssen?

Und ich blieb und fütterte weiter die Vögel an meinem Fenster und sah
in die schönen blauen Wintertage, die zu dieser Weihnachtszeit mild wie
Märztage waren.

Drei Tage vor Neujahr wanderte ich am letzten Sonntagnachmittag des
alten Jahres mit meiner Frau über die Nordseite des Nikolausberges, um
über dem Berg fort das kleine Haus im Guckelsgraben aufzusuchen, das
ich mir in diesem Jahr hatte bauen lassen, und das im Frühjahr meine
Wohnung werden sollte.

Viele Leute sagen, im Winter sei in der Natur draußen nicht viel zu
sehen. Aber ist denn nicht der Winter zu sehen? Auch wenn kein Schnee
liegt, so ist das Winterbild doch erschütternd und die Tragik des
scheinbaren Weltstillstandes.

Ich habe einen gelben Hund. Er ist nicht klein und nicht groß. Er hat
auch keine bestimmte Rasse. Es ist ein gelber kurzhaariger Pintscher,
mit schöner weißer Zeichnung. Jeder aber, der ihn sieht, ruft
unwillkürlich aus: „Ach, der Bauernhund!“

Man soll sich nicht wundern, daß ich von der Landschaft plötzlich auf
meinen Hund überspringe. Man wird bald den Zusammenhang verstehen.

Meine Frau weiß, wie gern ich mit allen Sinnen die Landschaftsbilder
genieße, wenn wir spazieren gehen. Ehe wir nun an diesem Nachmittag
ausgingen, riet sie, den Hund zu Hause zu lassen, denn sie bedachte,
wie sehr mich das Tier stören würde, da dieser Bauernhund immer Hasen
jagen will.

Er hatte uns schon auf manchem Spaziergang geärgert, wenn er
fortstürzte, „Has, Has“ bellend und auf kein Rufen und Pfeifen und
Schelten hörend.

Es tat mir aber an diesem Tag leid, den Hund zu Hause zu lassen, und
so hatten wir ihn bei uns. Meine Frau nennt ihn Sudel, ich nenne ihn
Dusel, woraus man ungefähr seine Art erraten kann.

Er hat nämlich den Glücksdusel, dieser Hund. Es gelingt ihm alles, was
er will, und ich habe oft scherzend gesagt, daß er bei den Göttern
besser angeschrieben steht als mancher Mensch.

Bis auf die Berghöhe folgte Dusel heute meinem zurechtweisenden Ruf
„Zurück“ und hielt sich dicht in der Nähe meines linken Fußes. Als
wir auf die Bergfläche kamen, die wir überschreiten sollten, um nach
dem Guckelsgraben hinunterzugelangen, da ging Dusel mit hochgehobener
witternder Schnauze, weil der Westwind uns entgegenstand und
wahrscheinlich dem wildgierigen Köter ganze Ladungen von Hasenwitterung
in die Nasenlöcher trieb.

Ich konnte es endlich nicht mehr mitansehen, wie das Tier, gleichsam
geblendet vom Wildgeruch, mit zwinkernden Augen schnuppernd in die
Luft blinzelte und der Atem ihm erschauerte und stockte. Mit den
Vorderpfoten ging er wie blind tastend und stieg immer viel zu hoch
durch die Luft, weil sein Hundegeist schon weit fortsprang hinter den
Hasenvorstellungen her.

Ich sagte zu meiner Frau, daß ich den Hund am liebsten querfeldein
laufen lassen möchte. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie das
Tier seine gesunden Naturinstinkte bei meinem barschen Zurufen „Zurück“
unterdrücken mußte.

„Ach,“ meinte meine Frau, „wenn du den Hund jetzt laufen läßt, sehen
wir ihn heute nicht wieder. Dann kommt er vor Abend nicht heim.“

Aber wie wir noch sprachen, hatte der Hund sich schon von uns entfernt
und stand, eine Fährte aufstöbernd, kräftig schnuppernd zwanzig
Schritte querfeldein bei einer Dornenhecke.

Ich rief ihm zu. Da sah sich Dusel lachend um, wedelte lustig mit
seinem geringelten Schweif und fuhr wieder mit der Nase eine Erdfurche
ab.

Daß der Hund mich anlachte und nicht kam, ärgerte mich. Und die
Vorstellung, daß er vielleicht jetzt in nächster Sekunde fortstürzen
würde und dann erst in unabsehbarer Zeit heimfinden wollte, dieser
Gedanke machte mich heftig.

Ich wollte dem Tier zeigen, daß ein Hund vom Menschen abhängig ist, und
daß es nicht umgekehrt ist. Und ich dachte, wenn ich ihm einen Schlag
mit meinem Spazierstock gäbe, so würde er, zahm gemacht, auch den Rest
des Weges hinter mir hergehen.

Ich rief und rief nochmals aus Leibeskräften und hob drohend den
Stock. Da gehorchte Sudel auch endlich und kam in weitem Bogen
herangesprungen. Nun hätte ich ihn nicht schlagen sollen.

Aber ich dachte: ein Denkzettel wird dir und mir nützen, und dann
schließen wir Frieden. Wie nun mein zuschlagender Stock durch die Luft
fuhr, wich der Hund geschmeidig aus, und da ich ihn nicht traf und
mein Körpergewicht in den Schlag gelegt hatte, so wankte ich bei dem
verfehlten Stockhiebe.

Aber die Drehung meines Armes beim heftigen Zuschlagen riß mich, als
ich in die Luft haute, so unglücklich herum, daß ich mir mein rechtes
Bein im Kniegelenk blitzschnell ausrenkte.

Der gewaltige Schmerz dieser plötzlichen Verrenkung und die Angst, daß
ich das Bein vielleicht gebrochen hätte, durchfuhren mich jählings.
Auch konnte ich auf dem sehr schmerzenden Bein nicht mehr stehen, und
ich sank im Feld zusammen, als wenn man mich niedergeschossen hätte.

Dann folgte viel Aufregung. Meine Frau, die glaubte, daß ich mein
Bein gebrochen hätte, weil ich blaß und schmerzverzerrt am Boden lag,
zerschlug ihren Regenschirm an dem Hund und jammerte über den frechen
Sudel, der ebenfalls bei den Schirmschlägen heulte.

Dieses geschah ungefähr um drei Uhr nachmittags. Zwei Stunden brauchten
wir, bis wir in die Nähe des nächsten Hauses kamen. Auf meinen Stock
und auf meine Frau gestützt, arbeitete ich mich mühsam auf einem Bein
bergab. Das rechte Bein war ganz unbrauchbar geworden, auch nachdem ich
es wieder selbst eingerenkt hatte.

Das Bein war wie eine tote Masse, tot insofern, als ich es nicht
bewegen konnte. Es schmerzte brennend. In den steinigen Hohlwegen des
Berges war jeder Schritt eine Marter. Den Weg hätte man mit gesunden
Füßen gut in zehn Minuten bergab zurückgehen können.

Wir kamen erst nach zwei Stunden zu jenem Gutshof, auf welchem ich
viele Tage meiner Jugendzeit verlebt hatte, und welchen ich im Buch
„Der Geist meines Vaters“ genau beschrieben habe.

Mein gelber Dusel, welcher nur einen Augenblick zu mir gekommen war,
als ich hingestürzt, war dann blindlings der nächsten Hasenfährte
nachgejagt und spurlos verschwunden. Wir hörten ihn manchmal noch in
der Ferne „Has, Has“ kläffen. Während der zwei Stunden, die wir zum
Abstieg des verhältnismäßig kleinen Weges brauchten, hetzte der Hund
die Hasen kilometerweit hin und her, unbekümmert um die Menschenwelt.

Da ich kaum noch weitergehen, meine Frau mich aber kaum mehr stützen
konnte, so wurde beschlossen in den Gutshof am Berg einzutreten und
dort eine Droschke abzuwarten, die aus der Stadt heraufgeholt werden
sollte.

So lag ich denn bald auf einem Liegestuhl, den man in den Gartensaal
gerückt hatte, dicht bei dem großen Weihnachtsbaum. Ich war seit drei
Jahren nicht mehr in dem Gutshause gewesen, und während ich auf
den Wagen wartete und die Frau des Hauses meiner Frau und mir zur
Unterhaltung die Lichter des Weihnachtsbaumes anzündete, fielen mir
Stunden ein, die ich vor dreiundzwanzig Jahren an diesem Ort erlebt
hatte.

Auf einem Regal bei der Tür stand eine Photographie von mir, und als
eine der Damen sich erhob, stieß sie zufällig an mein Bild, das dort
auf einer kleinen Staffelei stand. Die Photographie rutschte zur Seite
und zeigte eine andere, die auch auf derselben Staffelei Platz hatte.

Es war das Bild eines jungen Philosophen, eines Freundes von mir. Ein
junger Mann, der die blasse Stirn in die Hand stützt. Diese Aufnahme
hatte ich vor dreiundzwanzig Jahren selbst gemacht. Und es war mir
nun, als seien die dreiundzwanzig Jahre, die zwischen jetzt und damals
lagen, wie dreiundzwanzig Sekunden vorübergegangen.

In dem Gartensaal hatte sich seitdem fast nichts geändert. Menschen
waren zwar im Hause gestorben, Junge waren erwachsen, und Erwachsene
waren alt geworden. Aber die Luft des Saales war dieselbe geblieben.
Die Fenster, die Türen, die Lampe, die Gartenterrasse draußen und die
Aussicht auf die Stadt Würzburg, -- dies alles wollte mir sagen, daß es
Lebendes gibt, das nicht Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft kennt.

Ich hatte das schmerzende Bein auf den Liegestuhl legen müssen und
spürte einstweilen in dieser Lage keine Schmerzen mehr. Ich wußte
zwar, ich hatte ein Bein, das schmerzte, sobald ich aufstehen würde.
Aber augenblicklich war mein Bein unwirklich, und es schien mir nicht
zu gehören.

Und so war es auch mit meiner Gegenwart in diesem Gartensaal. Sie
schien mir nicht zu gehören. Dieses Zimmer gehörte nur der Zeit vor
dreiundzwanzig Jahren.

Dann kam der Wagen. Der fuhr meine Frau und mich und mein Bein in die
Stadt. Dusel hatten wir verloren.

Aber dafür hatten wir eine andere dritte Persönlichkeit mitbekommen,
und das war mein krankes Bein, dessen Kniesehnen verzerrt und zerrissen
waren, und das bei mir lebte hochgeschwollen, steif, schmerzhaft
brennend und das mir die Freude am Gegenwartsleben störte, so daß
ich, um nicht an das Bein denken zu müssen, zu Hause gern in die
Vergangenheit flüchtete.

Am Tag nach dem Sturz sagte ich vom Bett aus, darin ich liegen mußte,
zu meiner Frau: „Die Schmerzen haben mich andächtig gemacht. Ich kann
dir jetzt das neue Buch diktieren.“

Da nickte meine Frau und meinte: „Das war mein erster Gedanke, als
ich dich so schlimm hinstürzen sah und dir ansah, daß du dich schwer
verletzt hattest. Wenn er für nichts anderes gut ist, dieser Sturz,
dachte ich mir, so ist er vielleicht dafür gut, daß er dir die rechte
Andacht zu dem neuen Buch gibt, die du so sehr herbeisehntest.

Denn ich mußte mich mitten in meinem Schrecken blitzschnell erinnern,
daß du vor ein paar Tagen sagtest: ‚Ich habe noch nicht die rechte
Andacht zum Schreiben!‘“ --

Und so war es auch. Ich mußte nun wochenlang das Bett hüten und
Eisbeutel auf das kranke Bein legen. Gleich am ersten Mittag, als
alle Glocken der Stadt an mein Fenster kamen, sie die seit Wochen zur
Mittagsstunde das Trauergeläut für unseren verschiedenen Regenten
Luitpold von Bayern besorgten, sagten diese:

„Hast du es jetzt endlich begriffen, daß wir jeden Mittag nicht bloß
zum Trauergeläut ausgeschickt waren? -- Jahresringe, wie solche jedes
Jahr den Bäumen wachsen, Jahresringe wachsen auch uns Glocken in unserm
Erz. Wenn wir läuten, können wir alle vergangenen Jahre herläuten. Wir
versuchten es, dir jeden Mittag zum Vergangenheitsrausch, in den du
versinken wolltest, die Einleitung zu singen. Du warst aber immer auf
Kriegsschauplätzen und wer weiß wo. Jetzt bist du endlich heimgekehrt.
Liege nun still, dann wollen wir dich hineintragen in das vergangene
Jahrhundert, in die neunziger Jahre, die du wiedersehen möchtest.“

Ich nickte nur und nicke den Glocken jeden Mittag zu, wenn sie um zwölf
Uhr kommen und um ein Uhr gehen. Die uralten Glocken aus den uralten
Türmen meiner Heimatstadt Würzburg berauschen mich, wenn sie in großem
Schwarm die Stadt umkreisen. Bei ihrem Geläute wogt mein Blut, die
Gegenwart löst sich auf, und ich sehe die versunkenen Stunden meiner
Jünglingsjahre, als schaute ich durch die Fenster versunkener Städte
in Räume, die einmal auf der Oberfläche der Erde standen und die
fortgeschwemmt wurden samt ihren Bewohnern von der Flut der Zeit.

Mein krankes Bein, das mich ans Bett verankert hat, zwingt nun nicht
bloß mich, sondern auch die Zeit um mich, die immer wie in Nebeln
entgleiten will, zum Stillstand. Ich kann jetzt mit Muße und Andacht
die Vergangenheit, die einmal lebendig war, wie es mein Fleisch und
Blut sind, betrachten. Und ich will den Schemen, die mich locken,
nachgehen und sie anreden. Sie sollen die Gespräche wiederholen, die
schönen, die ernsten, die jugendbetörten, die einsam traurigen und die
weltumarmenden meiner Jünglingsjahre.

       *       *       *       *       *

Da ist ein Augustnachmittag, der sich zuerst an mich herandrängt,
und der wegen einer Stunde, deren Gedanken die Welt des Unmöglichen
erstürmen wollten, sich bedeutungsvoll aus der Reihe der Jahre
vorschiebt. Aber voraus springen noch ein paar starke Augenblicke, die
der seltsamen Stunde Vorläufer waren.

       *       *       *       *       *

Es war in jener Zeit, als ich gegen meinen Vater noch nicht
auszusprechen wagte, daß ich Schriftsteller werden wollte, teils aus
Scham, diesem allerpersönlichsten Wunsch laute Worte geben zu müssen,
teils aus Verlegenheit, weil ich nicht wußte, wie man Schriftsteller
oder gar Dichter werden sollte.

Denn die Weltordnung will es, daß keiner das Dichten erlernen kann.
Und es wird auch nirgends, auf keiner Schule der Welt, versucht, diese
Kunst zu lehren.

Wohl bedarf der Dichter der Schulung, aber die muß er sich selbst
erringen und selbst geben. Seine Hochschule und Werkstatt, in der er
arbeitet, ist sein Herz.

Keine von den anderen Künsten erfordert so sehr die Hochschule des
Herzens wie das Dichtertum. Und ich behaupte, daß dem jungen Dichter in
seinen Entwicklungsjahren das schwerste Los der Welt zuteil wird.

Er ist da wie eine Raupe, die unter Würmern kriecht. Während die Würmer
aber Würmer bleiben, soll die Raupe ein Schmetterling werden.

Und wenn der junge Dichter auch ahnt, daß ihm Flügel wachsen, -- sein
Herz, das keine Beweise hat, muß schweigen, muß zweifeln, muß in die
Einsamkeit flüchten, muß der Familie, den Freunden, die seine Ahnungen,
seine Hoffnungen, seine Pläne nie ganz teilen, entfliehen. Er muß
sich dem Rufe der Undankbarkeit, der Untreue, der Wetterwendigkeit
aussetzen, wehrlos gefoltert von den Anklagen, die er zu Wäldern von
Dornen anwachsen sieht, durch die er hindurch soll.

Den jungen Dichter können keine Lehrer zur Dichtung leiten, keine
Bücher, keine weisen Männer, keine klugen Frauen, kein Zorn der
Welt, kein Haß der Welt. Er erreicht in seiner Kunst nichts durch
Verbindungen, durch Empfehlungen, nichts durch das Erbe seiner Väter,
nichts durch das Vermögen oder den Rang der Familie, -- er ist
bloßgestellt, auf sich angewiesen, auf sich selbst beruhen müssend,
aus seiner Unerfahrenheit heraus immer an sich selbst glauben müssend,
immer ein einzelner, ein in und über den Dingen stehend Geborener, --
ein weltferner Kamerad.

Er muß drei Welten bewältigen: die Welt des äußeren Miterlebens,
die Welt der inneren Beschaulichkeit und die Welt seiner geistigen
Schöpfungen und soll sich immer in und über den Dingen behaupten.

Und aus diesem ewigen „Von Natur aus anders sein müssen“ als die
anderen, daraus erwachsen dem jungen Dichter die Berge voll Dornen, und
die Kammern des Lebens scheinen ihm oft mit Folterwerkzeugen angefüllt.

Der Dichter ist auch nie alt und nie jung zu nennen. Er ist, so lange
er lebt, Kind, Mann und Greis in einer Person.

Die Kindesnatur gibt ihm immer wieder neues Vertrauen zum Miterleben.
Das Weltbetrachten und das „Über den Dingen stehen“, das ihm angeboren
ist, gibt ihm schon in jungen Jahren die Ruhe, die Tiefe und die
Weisheit des Greises. Und seine Schöpfungen machen ihn zum tatkräftigen
Mann, zum Erzeuger hoher ewiger Werte.

Der Dichter wird innerlich fertig geboren. Er entwickelt sich innerlich
nie. Sein Herz ist ein Diamant, der nicht feuriger und nicht blinder
wird.

Er ist von allen Menschen der Mensch, der im Gleichgewicht geboren
wurde; in jenem Gleichgewicht, das die anderen erst durch Leben
und Alter erlangen, oder es nie erlangen, aber diesem Gleichgewicht
bewußt oder unbewußt zustreben. Denn jedes echte Gedicht muß aus
einer Herzensmelodie geboren werden, und eine Melodie ist nur
entstehungsmöglich dort, wo Harmonie, das ist Gleichgewicht, herrscht.

Ein Dichterherz ist das harmonischste Herz der Welt. Und deshalb können
im letzten Grunde die Wälder und Berge aus Dornen, die Lebenskammern,
die voll Folterwerkzeuge starren, dem jungen Dichter nichts anhaben. Er
ist der Mann im Feuerofen, er ist der Mann in der Löwengrube, er kann
wie Dante die Kreise der Hölle und die Kreise des Himmels durchwandern.
Er ist der Unverletzbare, er ist der Prophet, der auf dem Feuerwagen
in den Himmel fährt. Er ist der Gesetzgeber, der die Lebensgesetze aus
erster Hand der Schöpfung empfängt. Er muß sich plündern lassen wie
Hiob und wird doch sein hohes Lied anstimmen und über seinen Tod noch
weitersingen ohne Mund, über die Jahrtausende wie Homer.

Seht dagegen die anderen Menschensöhne an! Allen, die auf den
Erdstraßen arbeiten, ist ihr Weg bekannt. Alle erhielten Schulen und
Führer, Lehrer und Gesetze für ihren Beruf, nach denen sie sich richten
konnten, um rechtschaffene Meister zu werden.

Der Handwerker hat seine Lehrjahre und seine Meister, die ihn
unterweisen. Der Geschäftsmann hat seine Handelsschule und das
Geschäft, die ihn zur Selbständigkeit vorbereiten. Die Ingeniöre und
die Architekten haben ihre Hochschulen, die Ärzte, die Richter, die
Geistlichen, die Lehrer finden ihren Bildungsweg an Lehrschulen
und Universitäten. Den Offizieren, den Diplomaten, -- allen ist ihr
Lebensplan vom Staate und im Staate eingerichtet.

Ja, selbst den anderen Künstlern, den Bildhauern, Malern, Musikern,
stellt der Staat heute Akademien und Konservatorien zur Verfügung. Er
erteilt ihnen Titel und Ränge. -- Für alle geistigen Arbeiter, die
sich dem Gesamtwohl der Nation widmen, hat der Staat einen Platz, ein
Auge, eine freigiebige Hand, eine Würde übrig. Nicht so für den jungen
Dichter.

Die einen stört das Kindliche an der Dichternatur, das alles miterleben
möchte. Die anderen stört das Greisenhafte an der Dichternatur,
das tiefe und aufrichtige Betrachten und Sichversenken in die
Lebenszustände. Und die Dritten macht das kühne Männliche kopfscheu,
das in der Dichternatur unerschöpflich sprudelt, und von dem man keinen
Weg voraussehen kann, und das die Bürgerruhe verblüfft, schwindlig
macht und abschreckt. Die Vorsichtigen sehen den Dichter unvorsichtig
auf einem geflügelten Rosse reiten. Während der Bürger Pferde artig auf
der Erde rennen und am Abend müde sind, rauscht über sie fort, noch
unter den Sternen, der Dichter als unermüdlicher Sehnsuchtsreiter. --

       *       *       *       *       *

Um das Jahr 1890 hatte ich heimlich angefangen, manches kleine Gedicht
zu schreiben, kleine balladenartige Gedichte, Empfindungsergüsse, die
sich in nichts unterschieden von den tausend Reimereien, die jeder ein
wenig gebildete, schreib- und lesefähige Mensch zustande bringen kann,
und die man nicht Gedichte nennen darf, nicht Dichtungen. Reimverfasser
dieser Art sind vom wirklichen Dichter, der den Namen Dichter mit Würde
tragen darf, so weit entfernt, wie es ein Schaukelpferd, ein Spielzeug,
vom Schulpferd und Rennpferd ist.

Ich wußte, daß mir viel fehlte, aber wußte keine Richtung zu finden. Da
lernte ich in dieser Zeit einen jungen Studenten kennen, mit welchem
ich nach der Tanzstunde, die wir damals besuchten, manche Stunde
nachts plaudernd in den Straßen der Stadt spazieren ging oder in einem
Kaffeehause saß.

Unsere Bekanntschaft war dadurch entstanden, daß jener junge Mann,
der Medizin studierte, mich ganz unvermittelt gefragt hatte, ob ich
schreibe. Die Frage erstaunte und verblüffte mich. Und der Frager
sagte, als ich zustimmte, er habe an meiner Kopfform erkannt, daß
ich künstlerisch tätig sein müsse, daß ich mich mit Phantasiearbeit
beschäftigen müsse.

Ich vertraute ihm an, daß ich einige Verse geschrieben hätte, aber
daß ich das noch keine Dichtung, keine Phantasiearbeit nennen könne.
Aber seit dieser Frage unterhielten wir uns öfters, und er versuchte
mich, da er zum Philosophieren neigte, für die Gedankenwelten der
verschiedenen Philosophien zu begeistern.

Meine Empfindungswelt kam mir zwar reicher vor als alte Gedanken,
über die wir zusammen sprachen. Aber ich hörte doch gerne seiner mir
fremden Welt zu, ließ mir von ihm Schopenhauer vorlesen und hörte seine
Erörterungen an, in denen er manches Mal die Wortfechterei der ganzen
Philosophie verhöhnte. Ich las ihm dagegen den Schriftsteller, den ich
damals mir als Vorbild gewählt hatte, den Dänen J. P. Jacobsen, vor,
und ich war erfreut, daß jener junge Philosoph meiner Begeisterung für
Jacobsens „Niels Lyhne“ beistimmte und auch auf meine Gedanken einging,
so wie es sich für richtige Freunde gehört. Jeder von uns hatte ein
waches Ohr für die Empfindungswelt des anderen, ohne seine eigene Welt
zu verleugnen oder zu verlassen.

Bei einem Abendspaziergang dann auf dem Steinberg erinnere ich mich
deutlich der Augenblicke eines großen Umsturzes, den ein einziger Satz
aus dem Munde meines neuen Freundes in mir hervorbrachte. Ich war
bisher nicht mehr und nicht weniger fromm und religiös gewesen als
andere junge Leute meiner Zeit. Ich war naturehrfürchtig und liebte
außerdem die heiligen Personen des Alten und Neuen Testamentes, so
wie man alte Familienüberlieferungen liebt, deren Echtheit man nicht
bezweifelt.

Ich liebte die Weihnachtsheimlichkeit mit ihrer Mettenstunde, mit
ihren Krippenliedern und ihrem Krippenspiel. Ich liebte die Karwoche
mit ihrem wehmütigen Karfreitagsleid und wandelte so mit den Festtagen
durchs Jahr, denn nur die Kirchenfeste erinnerten mich noch an die
Religion, die man mich in der Schule gelehrt hatte.

Gott konnte für mich ebensogut Wirklichkeit wie eine schöne Vorstellung
sein. Niemand konnte ergründen, wohin die Toten gehen, niemand konnte
ergründen, woher das Leben gekommen war.

Warum sollte es mir daher einfallen, über Gott, der eine uralte
Überlieferung war, nachzugrübeln, oder gar diesen Gott abzusetzen.
Fragte mich denn jemand, ob ich die Welt haben wollte, wie sie war?
Fragte mich denn jemand, ob ich meinen Vater haben wollte, wie er war?
Warum sollte ich nicht ebensogut Gott bestehen lassen, da ihn doch die
Väter hatten bestehen lassen und deren Väter?!

Auf jenem Abendspaziergang aber auf dem Steinberge, als die Sterne
am Nachthimmel wie ein Silberregen glitzerten, kam mir in der Nähe
meines immer gedankenvollen Freundes der leichte Ausruf auf die Lippen:
„Schade, daß man sterben wird und niemals erfahren wird, wer diese
Haufen Sterne geschaffen hat.“

Es war jene Frage, die man so oft nachts an den Himmel richtet, die
jeder junge Mensch einmal fragen muß. Eine Frage, die mehr einen leisen
Stoßseufzer bedeutet, der aus dem angenehmen Unterbewußtsein kommt,
daß das Unerklärliche an der Welt das Köstlichste ist, daß es süß ist,
sich in dieser Unerklärlichkeit nur als eine Krume auf dem ungeheueren
Welttisch zu fühlen, als eine Wenigkeit, die im Verhältnis zu den
riesenhaften Welträumen gar nicht in Frage zu kommen scheint.

Man genießt bei diesem Seufzen in einem Atemzug des Himmels
Riesenräume, in denen keine Menschenmacht mitzureden hat. Man genießt
sie als eine Freiheit, als ein Aufatmen vom Menschendruck unserer
menschenvollen Erde.

Der junge Philosoph antwortete mir, und ich hörte in seiner Stimme ein
spöttisches Verachten:

„Wer sagt Ihnen denn, daß die Sterne einen Schöpfer brauchten?
Die Sterne sind Atome, die immer waren. Wir können das jedenfalls
geradesogut annehmen, wie wir annehmen, daß sie einen Schöpfer haben
sollten. Beweise haben wir weder für das eine noch für das andere
Vorstellungsbild.

Die Vorstellung von einem Schöpfer kennt keine Freiheit des
persönlichen Ich-Bewußtseins. Während, wenn ich mir vorstelle,
daß alles sich selbst schafft und sich selbst vernichtet, das
Ich-Bewußtsein gewahrt und erhöht wird.

Es bleibt jedem natürlich überlassen, sich einen Schöpfer vorstellen
zu wollen oder nicht. Nur wird der Klügere, der schöpferische Mensch,
sich gegen eine solche Vorstellung sträuben, die sein Ichbewußtsein von
einem Schöpfer abhängig macht. Ich, für meinen Teil, stelle mir lieber
vor, daß die Welten sich selbst schufen; da mir scheint, daß diese
Vorstellung dem Verstand des Zeitgeistes, in dem ich aufgewachsen bin,
mehr zusagt.“ -- So sprach mein Freund zu mir.

Ich weiß heute nicht mehr, was ich ihm antwortete. Ich weiß nur,
daß ich mich zuerst heftig sträubte, auf die uralte Vorstellung von
Gott und dem Schöpfer oder Weltgeist, wie mein Vater immer gesagt
hatte, kurzerhand zu verzichten und jedem Wesen eigene Schöpferkraft
zuzusprechen.

Mein Freund lachte nur und sagte: „Ich nehme Ihnen ja nichts, wenn ich
Ihnen zumute, den Schöpfer wegzudenken und an seine Stelle allgemeine
Schöpferkraft zu setzen. Ihr Schöpfer ist so unbeweisbar wie meine
Atomkraft. Ich setze nur an Stelle des Nichts, an das Sie glauben, ein
anderes Nichts.

Ihr Bild vom Schöpfer verhält sich übrigens zu meiner Atomkraft,
die ich mir als Urkraft vorstelle, wie ein Ölporträt zu einem
Photographieporträt. Das Ölbild ist das künstlerische, aber auch das
ungenauere Bild. Die Photographie ist das unkünstlerische, aber das
realistisch genauere Bild.“

In den nächsten Tagen war es mir schwer, mit meinem Freunde
weiterzusprechen. Ich litt unter dem Verlust, den er mir zumutete,
indem ich das künstlerische Bild von Gott und der Schöpfung aus meinem
Herzen ausrotten, und an Stelle der alten Überlieferungen mechanische
Vorgänge der Atome annehmen sollte, die mir zwar glaubhaft schienen,
aber mich stimmungs- und vorstellungsarm machten.

So weh ums Herz, dachte ich, muß es den letzten Griechen und Römern
gewesen sein, als sie die Tempel schließen und Abschied nehmen
sollten von den schönen und vertrauten Bildsäulen ihrer erdachten
Göttergestalten und von den Zeremonien, den gewohnten, mit denen sie
die Feste dieser Götter feierten, die ihnen von ihren Vätern und
Vorfahren seit Jahrhunderten überliefert waren und Familieneigentum
geworden waren und persönliches Eigentum und Welteigentum, beinahe wie
die Bäume, wie der Himmel, wie der Regen und die Sonne, ohne die sie
sich ihre Lebensjahre nicht vorstellen konnten.

Ich hatte in jener Sternennacht, da mein philosophischer Freund meinem
Herzen den Umtausch vorschlug, an Stelle des Schöpfers, an Stelle
des persönlichen Gottes die verallgemeinerte und wissenschaftliche
Atomkraft zu setzen, im bläulichen Zwielicht der Sterne auf die
türmereiche Stadt Würzburg vom Steinberg hinuntergesehen, über meine
kirchenüppige Vaterstadt hin, und ich trug dieses Bild der vielen
Kirchen noch in den nächsten Tagen neben meinen verwirrten Gedanken mit
mir.

Und so wie die letzten Griechen und Römer gefragt haben werden, als
man an Stelle ihrer Götterreligion den einfachen alleinigen Gott der
Christen, den einzigen Weltregenten, setzen sollte: „Wozu waren also
alle die Tempel, die da Jahrhunderte gebaut waren, gut? Haben wirklich
unsere Väter durch Jahrhunderte nur einem schönen Schein gehuldigt?“
So fragte ich mich, wenn ich im Geist das prunkreiche Bild der
Kirchenstadt Würzburg vor mich hinstellte und es mit der Öde des Wortes
Atom verglich.

Meinen Freund, welchen ich absichtlich in den nächsten Tagen mied, und
der, wenn ich ihn traf, es ebenfalls vermied, von neuem das Gespräch
der Entgötterung meines alten Himmels aufzunehmen, er konnte endlich
die Verstimmung, die so sichtlich zwischen uns getreten war, nicht
länger unbekämpft lassen.

Zur Abendstunde zwischen sechs und sieben Uhr holte er mich meistens
in der Wohnung meines Vaters ab, und wir gingen durch die Stadtanlagen
rund um den Ring der Stadt und am Main entlang, bis wir, wieder an dem
Ausgangspunkt zurückgekommen, uns voneinander verabschiedeten, -- wenn
der junge Student nicht zum Vorlesen und Klavierspielen für den Abend
bei mir eintrat und zu Besuch blieb. Er spielte auch manches Mal mit
meinem Vater Schach oder plauderte mit meiner jüngsten Stiefschwester.

Aber in diesen Tagen der Umwälzung der Gottbegriffe in mir forderte
ich ihn nicht mehr auf, nach dem Spaziergang zu uns in die Familie
zu kommen. Er war für mich jetzt nicht mehr bloß Mensch und Freund,
sondern er schien mir ein weltfernes Wesen geworden, ähnlich einem
jener Atome voll Atomkraft, das selbstschöpferisch walten konnte.
Ich war aber mit dieser persönlichen Atomgöttlichkeit noch zu wenig
vertraut, um ihr zu vertrauen.

Und gegenüber den altgeweihten menschlichen Gottesvorstellungen
erschien mir mein Freund mit seiner selbstherrlichen Atomkraft wie
eine Dynamitpatrone, mit der ich noch nicht umzugehen verstand, und
die ich meinem Vater nicht ins Haus bringen wollte. Jedenfalls wollte
ich selbst erst über den Ersatz der Atomkraft, die den persönlichen
Weltschöpfer verdrängen sollte, klar werden, ehe der junge Philosoph,
vielleicht nach einer Schachpartie, meinen Vater oder meine Schwester
in die Atommächte einweihen würde.

Denn, wenn auch mein Vater mir immer an Stelle des persönlichen,
alttestamentarischen Gottes einen neutestamentarischen geistigen
Gott, einen Weltgeist, gesetzt hatte, so war doch diese Vorstellung
für mich immer noch poetischer Natur gewesen. Der Weltgeist, der
über allem schweben sollte, alles durchdringen sollte, war wie ein
Riesenweltadler, der mit seinem Flügelschlag das Leben anfachte, und
dessen Flügelschlag man aus dem Leben aller Dinge spüren konnte.

Die Weltgeistvorstellung war für mich bis dahin immer noch eine
Einheit gewesen, zu der man aufschauen konnte, die über dem Weltall
schwebte und atmete, wie ein großes Welt-Ich. Jetzt sollte aber auf
einmal dieser Weltgeist so wenig da sein wie der alttestamentarische,
persönliche, menschenähnliche Gott und so wenig wie die griechischen,
ägyptischen oder assyrischen Götter.

Jedes Stäubchen, das in der Sonne flog, sollte ein schöpferisches Ich
sein und nichts Mächtigeres über sich kennen. Es sollte es selbst sein,
es sollte Urkraft sein. Alle Legenden des Weihnachtsfestes, des Oster-
und Pfingstfestes, die Poesie der Bibel und der Kirchen sollte ich
verlassen und gegen Atomleben eintauschen!

Fast haßte ich diesen Entgötterer, der mir in diesem jungen Philosophen
zum Freund geworden war. Es war, als kehrte er meine uralte Vaterstadt
aus und kehrte mit den Kirchen die traulichen Winkel, Häuser und Gassen
fort, und statt der türmereichen Stadt lag nun am Main eine leere
Atomwüste.

Nicht einmal mehr das Bild eines grünen gras- und baumreichen Tales,
wie es vor der Entstehung der Stadt am Main gewesen war, konnte ich
jetzt dort vor mir sehen. Denn auch die Wälder, die da früher waren,
die Gräser, die unschuldigen blumigen Mainwiesen, die vor zweitausend
Jahren die Ufer säumten, auch sie wurden ein Atommehl, farblos,
formlos.

Und eine grenzenlose Verlassenheit befiel mich bei diesen ersten
Anfängen meiner Atomkraftvorstellung, die ich an Stelle der
bilderreichen Bibelereignisse und der Schöpfung setzen sollte.

Es war an einem hellen Frühlingsabend, als mich mein Freund wieder
einmal abholte. Und auf dem Wege durch die Stadtanlagen sagte ich
seufzend zu ihm: „Ich glaube nicht, daß wir uns weiter verstehen.“ Er
hatte mich nämlich gefragt, warum ich in letzter Zeit so schweigsam
sei, ob ich Ärger in der Familie hätte.

„Es ist vielmehr,“ klagte ich, „ich habe Ärger mit allem, was Sie
neulich abends auf jenem Berge mir erklärten. Ich streite in mir
hin und her. Wenn ich nachts am Fenster stehe und den mir sonst so
altlieben Sternhimmel bewundern will, fällt mir ein, daß das nur ein
Haufen Atome sein soll, über dem kein Weltgeist waltet, kein Gottgeist,
der versöhnlich dem Ganzen seinen Willen gibt, den Stempel des Guten
und des Bösen.

Diese verantwortungslose Atommasse, die ich vor mir sehen soll, stört
mich sehr. Bei den Frühlingsblüten der Stadtanlagen sehe ich bald
nicht mehr die fröhlichen Farben, das Lila des Flieders, das Goldgelb
des Löwenzahns, die weißen Sterne des Schlehdorns, sondern ein
gleichgültiges Atommeer arbeitet da rund um mich, dessen Farben keinen
Sinn haben, dessen Düfte keine Wollust mehr ausströmen.

Denn wenn der Duft aus den Frühlingsbüschen zu mir kommt, so sind das
nur wieder Atome, die meine Atome anrühren. Das ganze Leben wird öde
bei dieser wissenschaftlichen Atombetrachtung.“

Mein Freund lachte kurz auf. „Aber das ist ja ein großes
Mißverständnis,“ erklärte er eifrig. „Sie dürfen sich die Atome nicht
als Punktmasse vorstellen, die ziellose Kräfte hat. Jedes Atom ist ein
Lebewesen und erlebt Freude, jedes Atom erlebt Leid.

Wenn vorher nur ein einziger großer Schöpfer über all den Dingen
dastand -- die die Menschen fälschlich die toten Dinge nennen --, so
tauschen die, die den Schöpfer ausschalten und allen Dingen eigene
Schöpferkraft, eigene Verantwortung, eigene Freude, eigenes Leid
zusprechen, dadurch eine Welt von Leben ein gegen die Welt der toten
Dinge, die vorher den Menschen umgeben sollte.

Vorher, bei der Vorstellung des fernen Schöpfers, den wir überhaupt
nie zu sehen bekommen sollten, da waren die Menschen unendlich einsam
und sahen sich durch den sogenannten Weltgeist, der über den Dingen
schweben sollte, von der Schöpfung unendlich getrennt und lebten in
einer eiteln Einsamkeit. Denn die Menschen kamen sich fälschlich unter
allen Geschöpfen als die einzigen Erleuchteten vor, da sie ganz allein
einen Funken vom Weltgeist, den sie die menschliche Seele nannten, zu
besitzen glaubten.

Doch mit der Annahme, daß alle Dinge Selbstschöpfer sind, daß die
Atome der sogenannten toten Dinge, die Atome der Pflanzen, die Atome
der Tiere, die Atome der Berge, der Meere, der Wolken, die Atome des
Lichtes, eben solche beseelten Wesen sind wie die beseelten Atome des
Menschen, -- bei dieser Annahme ist der Mensch stündlich und täglich
von ewigem Leben umringt und braucht nicht erst auf seinen Tod zu
warten, um als Seele in ein ewiges Seelenleben überzugehen.

Jedes Atom ist ein ewiges Ich mit Verstand und Gefühl. Tote, leblose,
gefühllose Dinge gibt es im Weltall des ewigen Lebens, in dem sich
unser Leben abspielt, nicht. _Alle Dinge kennen sich, alle Dinge fühlen
sich, alle Dinge verstehen sich._“

„Aber“ entgegnete ich, „das haben die Dichter schon längst in den
Märchen gesagt, in den Märchen, wo die Schneeflocke redet, wo der
Frosch am Brunnenrand mit der Königstochter spricht, wo die Vögel im
Walde mit den Menschen reden. Der Bach und der Regen und der Wind und
der Baum, -- alle reden dort. Und dieses Märchen der Dichter, das soll
Wahrheit sein?“ unterbrach ich den jungen Philosophen.

„Jawohl,“ sagte er. „Die Dichter sind die einzigen, die von jeher
das Weltall in seinem Urbau erkannt haben. Sie fühlten immer die
Einheit und Beseeltheit aller Dinge, der lebenden und ‚toten‘ Dinge
persönliches Leben.“

Wir waren an das Mainufer gekommen, wo die Sonne hinter fernen
Waldbergen untergegangen war. Die Hügel lagen da wie Haufen blaugrauer
Asche, und die roten Abendwolken standen darüber wie Feuerbrände über
Opferaltären.

Noch einmal machte mein Herz, den alten Überlieferungen treu geblieben,
einen Anlauf, und es verteidigte die Bilder der Engelschöre, die
wir Menschen uns in die Wolken versetzen und das Bild des großen
alttestamentarischen Gottes mit dem weißen wehenden Bart, der in den
Sternenmantel der Jahrtausende gehüllt, immer weise richtend, über den
Chören der Engel thronen soll, das Gute zu sich ziehend und belohnend,
das Böse fortstoßend und verdammend.

Und die Abendglocken der dunkelbeschatteten Stadt, die zu den feurigen
Wolken hinaufläuteten, schienen mir recht geben zu wollen. Der schwere
Glockenklang, der mit unseren Schritten auch von den Pflastersteinen
widerhallte, ging durch meinen Körper und wühlte in meinem Blut alle
alten Überlieferungen der Bibelgeschichte auf.

Da wurde meine Stimme ein wenig pathetisch, als ich zu dem jungen Mann
an meiner Seite sagte: „Nein, ich kann ihn nicht absetzen, den alten
großen Gott. Ich kann mir den Himmel nicht leer denken, nur mit den
Atomen der Wolken angefüllt. Ich will Dichter werden, und es muß mein
Dichterrecht sein, mir beliebig die Welt mit Gestalten ausfüllen zu
dürfen.

Mit Atomkräften -- und auch wenn die Atome beseelt sein sollen -- kann
ich künstlerisch nichts anfangen. Es ist, als rauben Sie, Philosoph,
mir aus meinem Puppentheater die Puppen, und als sollte ich nun auf
leerer Szene nur mit der Leere der vier Windrichtungen ein Stück
aufführen.“

Wieder lachte der junge Philosoph auf, und seine Stimme wurde plötzlich
nicht mehr von Gedanken getragen. Sie klang ganz irdisch nüchtern
und knapp, wie die Stimme eines Arztes, der einen phantasierenden
Fieberkranken anredet.

„Ja, können Sie sich denn nicht selbst genügen? Warum müssen denn die
Wolken Arme und Beine haben und Engel tragen? Warum muß denn überall
der Mensch den Menschen hindenken in Regionen, wo es keine Menschen
geben kann? Warum sollen die Dinge rundum nicht ihr eigenes Leben leben
dürfen?

Lassen Sie doch das Leben aller Dinge einmal zu sich herankommen! Diese
Geduld hatte bis jetzt noch keiner von euch Dichtern. Immer müßt ihr
gleich alles ins Menschliche verwandeln. Das Weltalleben aber liegt
voll von unaufgedeckten Poesien.

Sobald man den Schöpfer absetzt und jedes Geschöpf als seinen eigenen
Schöpfer einsetzt, dann wird eine große Fülle von lebenbejahenden,
lebenbejubelnden und lebengründenden Dichtungen entstehen.

In den Märchen ließet ihr bis jetzt die Mäuse nur Hochzeit machen wie
die Menschen. Ihr stelltet euch dann dabei einen Mäusepfarrer vor, der
das Pärchen zusammentat.

Um die Blumen leben zu lassen, müßt ihr ihre Lebensgeister in
menschengestaltige Elfen verwandeln. Und über Riesen und Zwerge
kommt ihr immer noch nicht hinaus. Immer muß eure Phantasie von
kronentragenden Königen, hochzeitmachenden Prinzessinnen und
verwunschenen Prinzen handeln.

Dieser abgenützte Plunder mittelalterlicher Lebensbefangenheit, dem
wir keine neuen Seiten abgewinnen können, wird von selbst fortfallen,
sobald die Weltschönheit, das Weltgefühl und das Weltleben mit
dem kleinsten Grashalm, mit dem Schatten eines Blattes, mit dem
geringfügigsten Leben, _so wie es ist und nicht anders_, zu euch reden
darf.

Verwandelt nicht immer die Gestalten der Dinge, die an sich selbst
jede ihre Schönheit haben. Die Muschel, der Stein, der Staub und ihre
Figuren, ihre Lebensbewegungen, wenn sie im Licht aufblinken -- alle
die Weltalleben an sich selbst sind schön und bieten eine Fülle von
Poesie, wenn der Mensch ihre Rhythmen auf sich wirken läßt. Lernt die
Abendwolke genießen, so wie sie ist, als ein schwebendes Leben und seht
sie nicht als eine erhöhte Kirchenbank für Engel an.

Der Dichter der Zukunft, der dieses fertig bringt, das Weltalleben
in seinen wahren Schönheiten, in seinen erregten Lebensäußerungen
unverwandelt wiederzugeben, dieses wird der Dichter der neuen Zeit
werden, die jetzt anbricht, und die die alte Zeit abstoßen wird, wie
ein altes abgetragenes Kleid.“

Ich begann aufzuhorchen. Das war ein Ausspruch! Meine Lust, ein
Dichter zu werden, fühlte sich nun in Mitleidenschaft gezogen, und es
war mir klar: das, was ich vorher an Versen geschrieben hatte, war
nur eine weiche Schwärmerei und eine Schwelgerei auf altromantischen
ausgetretenen Wegen gewesen.

Ich wußte zwar noch nicht, wohin mich ein Glaubenswechsel führen würde,
und ob er mir wirklich einen Ersatz bieten würde. Aber ich war jung
genug, um mich von der Lust anlocken zu lassen, alle bisherigen Wege,
welche die Dichtkunst der christlichen Zeitspanne überliefert hatte,
kühn zu verlassen und einen Sprung ins Unbekannte tun zu wollen.

Götter- und Ritterromantik sollte weit zurückbleiben. Dafür wollte ich
die Romantik des bisher unentdeckten Landschaftslebens, das Reden der
Dinge an sich, ohne daß sie menschliche Verkörperungen eingingen, ohne
daß sie Märchengestalten annehmen sollten, begeistert aufdecken in ganz
neuen Dichtungen.

So sicher und bestimmt, wie ich es heute in Worten niederschreibe, kam
natürlich nicht jene Eingebung durch meinen Freund über mich. Mein
waches äußeres Auge war noch hilflos, aber innere unbewußte Blicke
redeten zu meinem Herzen, ungefähr so, wie in früheren Zeiten ein
ferner unentdeckter Weltteil einem Kolumbus Unruhe bereitet haben mag
und ihn innerlich gerufen hat, zu ihm zu kommen und unbekanntes Land zu
suchen, zu finden und der bekannten Welt anzugliedern.

Wir waren am Main entlang gegangen, die Stadt zur Linken, den Main zur
Rechten. Und drüben über dem Fluß, aus dem Tal, das der Marienberg,
auf dem die alte Festungsburg steht, mit dem Nikolausberg bildet,
aus diesem zu fernen Waldhöhen eilenden Tal kam eine Flut von gelbem
Abendlicht. Und die Südfenster des Festungsschlosses und die goldenen
Kreuze der Kapelle auf dem Nikolausberge gegenüber und der sanfte
Mainspiegel darunter schienen zu brennen, als wären dort überall
Freudenfeuer angezündet. Und die roten Wolken am Himmel standen
zerpflückt über der Stadt wie große rote Blumensträuße, die auf die
Dächer niederregneten.

War all das Licht umher meine Feststimmung, die aus meinem Herzen in
den Raum hinausgetreten war? -- Jedenfalls fühlte ich mich wie ein
König, gekrönt von dem Entschluß, Herr über ein großes unbekanntes
Reich zu werden. Und so wie der Abendstrahl dort aus dem Tal die mir so
altgewohnte Stadtumgebung verwandelte und in zündendem Licht zeigte,
so daß ich für einen Augenblick kaum das alte Heimatpflaster mehr
erkannte, so durchstrahlte mich der zündende Gedanke einer geistigen
Umwandlung, die jetzt in mein Empfindungsleben einziehen sollte, vom
Scheitel bis zur Sohle, als brächte dieser Augenblick mir neues Blut.

Der junge Philosoph an meiner Seite glaubte, daß mich neue Zweifel
bestürmten, und seine Stimme schlug plötzlich wie in volle Verachtung
um, als er kurz zu mir sagte:

„Und übrigens ist es gar nicht wahr, daß, ehe wir in jener Sternennacht
auf dem Steinberg auf Atomkraft zu sprechen kamen, Sie sich noch immer
einen Gottvater mit einem weißen Bart vorstellten oder Engelsscharen
auf den Wolken oder Ähnliches.

Sie haben längst nicht mehr glauben können, daß menschenähnliche Wesen
den luftleeren Weltraum bevölkern können. Sie leisten mir nur jetzt
Widerstand, weil Sie sich noch nicht in den Reichtum der neuen Welt,
die sich Ihnen darbietet und in die Verantwortung, die Ihr Ich als
eigener Schöpfer auf sich nehmen soll, hineinfinden können.

Das ist aber nur Gewohnheitssache. Die neue Welt, in welcher jedes
Geschöpf Selbstschöpfer ist und keinen anderen Übersichstehenden
anerkennt als sein eigenes Gefühl und seinen eigenen Verstand und als
Richtschnur die Erfahrungen, die es aus den Widerständen des Lebens
sammelt -- diese Welt scheint einem zuerst etwas schwieriger zu sein,
weil sie verantwortungsreicher ist.

_Man muß seine eigene Schuld auf sich nehmen, aber auch die Freuden
werden nicht mehr Geschenke, sondern eigene Errungenschaften. Man ist
nicht mehr Geschöpf, das auf Gnade und Ungnade Knecht eines Herrn ist,
sondern man ist Herr geworden, eigener Herr seines Lebens und aller
zukünftiger Leben._

Niemand, der die neue Weltanschauung annimmt, kann sich mehr mit
Schwäche entschuldigen, denn jeder glaubt dann an die unendlichen
Schöpferkräfte, die er in sich hat, die wir aber bisher nur dem einen
Schöpfer zusprachen.

Sehen Sie die anbrechende Nacht! Sie verhüllt Ihnen nichts mehr vom
Augenblick an, wo Sie die Sonnen nicht höher setzen, als sich selbst.
Die Nacht birgt in ihrem Dunkel keine anderen Schrecken, als die, die
Sie in sich selbst tragen.

Die Nacht ist nicht besser und nicht schlechter als alles Licht. So wie
Sie, im Urbegriff genommen, nicht besser und nicht schlechter sind als
ich und alle anderen Menschen. Niemand ist Herr und niemand ist Knecht.

Wir bieten jeder dem Leben schwache und starke Kräfte an, je nachdem
wir müde oder weniger müde, krank oder gesund sind. Jeder schafft sich,
angemessen den Kräften, die er verbraucht, seine eigene Welt. Jeder
ist Schöpfer seiner eigenen Freuden und seiner eigenen Sorgen.

Die Kräfte rundum antworten nur auf Kräfte, die zu erwecken jeder ein
eigener Schöpfer sein muß. Wir sind nicht Sklaven, nicht Gut und Besitz
eines einzigen höheren Wesens. _Wir besitzen alles und uns besitzen
alle._“ --

Wären Lawinen von den Bergen mit Donner heruntergekommen, hätten die
Berge zu wandern begonnen, und hätte der Mainfluß, an dessen Ufer wir
gingen, sich senkrecht aus seinem Bett aufgerichtet und wäre als heißer
Geiser in den Himmel gerauscht -- ich hätte mich nicht betäubter fühlen
können als jetzt von den Erkenntnisworten, die da mein Herz anredeten.

Mein vom Altgewohnten fast gedankentot gemachtes Herz, das da in den
wuchernden Überlieferungen wie in Bergen von Efeu eingesponnen gelegen,
erwachte aus einer Finsternis, die ihm liebgeworden war. Vorher war es
wie in Dornen eingewickelt gewesen, die es nie ganz hatten aufatmen
lassen.

Und nun war ein Brand in mich hineingefallen. Und die alten staubigen
liebgewordenen Lasten des Gedankengestrüppes der Jahrhunderte flogen
wie leichte Asche fort, und durch den Aschenregen ahnte ich bereits,
daß nun ein ewiger Tag anbrechen würde, ein Tag ewiger Kräfte, ein Tag
von befriedigendem, ewigem Wechsel, begleitet von einer Unermüdlichkeit
und fern aller Wehleidigkeit.

Große handelnde Freuden und große handelnde Schmerzen würden über
mich kommen, und nicht mehr jene verschleierten mitleiddurchtönten
Augenblicke, nicht mehr jene Unluststunden, die mich bisher ein
willenloses Werkzeug nennen durften eines höheren Willens über mir.

„_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._“ Dieses war das Wort, mit
dem man Herzen und Berge öffnen konnte. Keine Angst vor dem Tode, kein
Drang nach Reichtum und Gold, keine Angst vor Armut und keinen Drang
nach Eitelkeiten läßt dieser Ausspruch mehr aufkommen bei dem, der ihn
voll erfaßt: „_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._“

Man arbeitet für alle, und alle arbeiten für einen. Unter diesem
Losungswort lebten seit Jahrtausenden alle Weltatome und waren alle
zusammen Schöpfer dieser Schöpfung, und auch ich war nur im Leben, um
Mitschöpfer an der Schöpfung zu sein.

Und mit mir war es der Hügel dort über dem Fluß, die Wolke am Himmel,
der Fluß, die Stadt mit ihren Gassen, die Menschen und die Tiere, die
Schwalben, die jetzt da im Abend pfeifend in den Äther schossen, die
Wälder in der Ferne, in denen die Sonne fortgewandert war, meine Hand,
das Holz meines Spazierstockes in der Hand, der Pflasterstein, über den
ich ging, die Blütenblätter der Linden, die vor mir im Winde von den
Bäumen flogen, -- sie alle mit ihren Atomen sind mit mir Schöpfer und
Geschöpfe, sagte ich zu mir.

Der verdammende Bibelspruch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du
arbeiten, und dein Acker wird Dornen tragen,“ -- dieses Spruches Fluch
wird ohnmächtig werden auf den Äckern derer, die sich nicht mehr zu
Sklaven und zu aus dem Paradies Verstoßenen stempeln wollen, die sich
der Erde Mitschöpfer nennen, Mitschöpfer an der Weltallarbeit und an
der Weltallfreude. Denn nicht mehr Knechte sind nach dieser Erkenntnis
an der Arbeit, sondern Herren ihrer Lust, Herren ihrer Sorge. --

Ich war still stehen geblieben und hatte über den Main gestarrt und
hatte meinen Freund neben mir vergessen. Und wie ich meine Blicke hob,
stand in der Richtung nach dem Steinbachstal, wo auf Meilen sich der
Guttenbergerwald hinstreckt, ein großer funkelnder Stern, die Venus.

Und die Liebe? Wird deine neue Weltanschauung auch der Liebe den
richtigen Wert geben? Es war mir, als spräche das eine feine Stimme aus
dem blitzenden Punkt dort vom Himmel herab.

Ich wußte damals noch nichts von der Liebe und konnte mir nicht
sogleich antworten.

Leben allein ist wenig, wenn es nur dem Erhaltungstrieb zuliebe
geschieht! Ich hatte mir aber, solange ich zurückdenken kann, immer
vorgestellt, daß das Liebesgefühl zu erleben das Lebenswerteste sein
müßte.

Nicht die Sättigung des Magens, nicht das Wettrennen um das tägliche
Brot, nicht einmal den Dichterruhm und nicht die Dichterunsterblichkeit
wünschte ich zu erreichen, wenn ich dabei auf das Erleben des
Liebesgefühls verzichten müßte.

„Alles wirst du stärker erleben, als es je eine Zeit erlebt hat.
Verstehst du denn nicht: vom Augenblicke an, wo du keinem Weltphantom
huldigen mußt, wirst du deine Huldigungen allen Lebensregungen
unverkürzt zukommen lassen. Die Anbetungsstunden und Andachtsstunden,
die dich aus deinem eigenen Ich entfernten, wirst du nun zu
Anbetungsstunden und Andachtsstunden aller Lebensgefühle machen.

Und auch das Liebesgefühl wird dann von dir reicher bedacht. Du wirst
keinen Gott höher stellen als das Herz der Frau, die du auserwählen
wirst, und du wirst auch in ihr, der Geliebten, eine Schöpferin
begrüßen, wie sie dich als einen Schöpfer begrüßen muß.

Die Frau hat wie der Mann ihre bestimmte Tätigkeit, in der sie am
Weltall mitarbeitet, die, wenn sie auch nicht deiner Tätigkeit gleicht,
doch ebenso wertvoll und dem Weltbau unentbehrlich notwendig ist, wie
das, was du leistest.“ -- So redete ich mit mir.

„Sind Sie nun beruhigt?“ fuhr mein Freund fort, als ich ihn lächelnd
ansah und in meinem Innern keine Abweisung mehr fand für die neue
Empfindungswelt, die er mir anbot.

„Es leuchtet mir ein,“ sagte ich, „daß die alte Welt, die Bilderwelt
der Kirchen und Bibelideale, von den Künstlern so ausgeschöpft ist
wie ein Jahr, das ausgereift und längst abgeerntet worden ist. Ich
ahnte aber vor unserer Aussprache noch nicht, woher neue Ideale kommen
sollten, neue Felder der Phantasie.

Aber noch stehe ich bei Ihren Worten auf keinem sicheren Boden. Ich muß
mich zuerst einleben in das, was Sie mir enthüllten.

Ich wünschte, daß die Begeisterung, die vorhin sich meiner beim letzten
Sonnenstrahl, der dort aus dem Tal kam, bemächtigte, anhalten möchte.
Ich fürchte aber, wenn ich Ihnen heute ‚gute Nacht‘ gesagt habe,
werden in den nächsten vierundzwanzig Stunden aus der alten noch nicht
abgestorbenen Kirchenwelt alle Zweifel wieder auf mich einstürmen.“

„Das macht nichts,“ sagte der junge Philosoph. „Sie werden noch oft
zweifeln müssen. Ich glaube aber, ich kann alle Ihre Zweifel verjagen.
Übrigens wird das nicht einmal nötig sein. Ich glaube, Sie selbst
werden sie verjagen. Denn da Sie Dichter werden wollen und nicht auf
abgeleierten Wegen gehen wollen, wird die Sehnsucht, einen neuen Weg zu
finden, Sie von selbst der neuen Weltanschauung entgegentreiben.

Dafür ist mir gar nicht bang. Jeder, der vorwärts will, muß jetzt
diesen Weg gehen. Und da die Welt nicht stehen bleibt und auch nicht
rückwärts geht, werden alle Menschen von morgen diesen neuen Weg gehen
müssen, da es für das Menschengeschlecht keinen anderen Weg gibt, als
den Weg fortgesetzter Aufklärung.

Auch die Dümmsten werden zuletzt mit fortgerissen werden und werden
mitgehen müssen, da die jetzt kommende Zeit der Menschheit einfach
keinen andern Weg zum Vorwärtsgehen übrig läßt, als diesen einen
Erkenntnisweg, der da heißt: _wir alle sind Schöpfer an der stets
fortschreitenden Schöpfung, die wir Leben nennen._ Über dem Einzelnen
gibt es keinen einzelnen Schöpfer, sondern wir selbst besitzen alles,
und alle besitzen uns.“

       *       *       *       *       *

Diese Spaziergangsstunden waren dem August-Nachmittag vorausgegangen,
von dem ich jetzt weiterfort erzählen will, und der dann zur Folge
hatte, daß ich mich dann äußerlich beinahe von meinem Freunde lossagte,
obgleich ich ihm innerlich ein treuer Freund war.

Man muß bedenken, daß wir beide blutjung waren, er nur einundzwanzig
Jahre alt, ich nur dreiundzwanzig.

Es ist gerade dieses Alter, in dem man als Jüngling die meiste Zeit und
den größten Drang hat, eine Weltanschauung zu suchen, die einem ein
Leitfaden durch das Labyrinth des Lebens werden soll.

Diese Jahre sind die Brutjahre der Ideale, da man noch von keiner
Meisterschaft in irgend welcher Tätigkeit in Beschlag genommen worden
ist. Man läßt sich leicht von Menschen anziehen und leicht abstoßen.
Man ist noch nirgends für immer fest verkettet, man ist in jenen
Jugendjahren wie ein Samenkorn im Wind, das weiterfliegt und noch
keinen Wurzelplatz gefunden hat.

       *       *       *       *       *

Man sollte nun meinen: nach jener Aufklärung, bei der wir uns beide zu
unseren äußersten Geistesgrenzen erhoben hatten und gleichsam über der
Erde im Äther des Weltraums gesprochen hatten, hätte es nie mehr für
uns möglich sein können, in alltäglichen Dunkelheiten unterzutauchen.

Aber so, wie ich das Gespräch jenes Abendspazierganges hier
niederschrieb, ist dasselbe nicht in Wirklichkeit gesprochen worden.
Sein Sinn und seine Bedeutung waren wohl dieselben. Aber die Einheit
des Gedankenganges stand nicht so geradlinig vor uns. Alles wurde
schwankender, im unklaren Plauderton, ausgedrückt, und ich gebe heute,
nach dreiundzwanzig Jahren, mehr das Gespräch unserer Geister wieder
als das ungelenke und unbeholfenere Gespräch unserer Lippen, das ich
natürlich nicht behalten konnte.

Das Endergebnis jenes Abends war, daß ich den neuen Aufklärungen meines
Freundes keinen hartnäckigen Widerstand oder eigensinnige Taubheit,
welche gleichbedeutend mit Dummheit gewesen wäre, mehr entgegensetzen
konnte oder wollte. Im Gegenteil: ich verfiel in einen neugläubigen
Übereifer, und diesem allein schreibe ich auch jene verhängnisvolle
Probe zu, mit der wir die neue Weltanschauung, ganz unsinnig, äußerlich
prüfen wollten.

Wie eine Belastungsprobe bei einer neuen Brücke gemacht wird, so derb
gedachten wir auch einen raschen äußerlichen Beweis von der Macht der
neuen Weltanschauung liefern zu können.

Ich hatte meinem Freund gesagt: „Angenommen, daß der Mensch gleiche
Schöpferkraft hat wie der Schöpfer, den wir uns früher über das Weltall
gesetzt vorstellten, dann kann ich recht gut verstehen, daß die Wunder,
die Christus tat, wenn er lebenden Leibes zum Himmel gestiegen ist,
Wasser in Wein verwandelte, Lahme gehen machte, Blinde sehend und Tote
auferstehend, -- daß eigentlich diese Wunder von jedem Sterblichen
geleistet werden könnten.“

Diese Frage warf ich Monate nach jenem Frühlingsabend auf, nachdem ich,
losgetrennt von meinen alten Überlieferungen, sozusagen zwischen der
alten und neuen Welt vagabondierte. Denn, wenn auch der Geist rasch an
der Schwelle einer neuen Erkenntnis steht und blitzartige Aufhellungen
genossen hat, -- bis der Leib sich an das neue Licht gewöhnt, hat es
noch gute Weile.

Alles, was ich an Dichtungen zu schreiben anfangen wollte, neigte noch
nach der alten Seite hin, und mein Geist sagte mir, daß ich noch nicht
in den Sinnen reif sei, um schon sofort ein Gedicht oder eine Dichtung
auf dem Weg der neuen Weltanschauung zu schaffen.

Darüber war ich unglücklich, denn nichts war mir von jeher widerlicher
gewesen als Tatenlosigkeit. Seufzer stiegen in mir auf und heimliche
Vorwürfe gegen meinen Freund, der mir alles, was jahrhundertelang niet-
und nagelfest gewesen war, gelockert hatte.

Ging ich an den schönen alten ehrwürdigen Kirchen vorbei, so sagte ich
mir jetzt: es wohnt gar kein Gott darin. Und die Priester dort und die
Andächtigen schauen zu einer Leere auf, als ob sie ein leeres Loch in
der Luft anbeten.

Und ich bemitleidete alle Menschen, alle, die mir begegneten, von
meiner Familie angefangen bis zur Obrigkeit des Landes. Sie alle
schienen mir bedauerlich, da sie eine große Null als ihren Herrscher
ausgerufen hatten.

Es ging mir wie in jenem Märchen, in dem es heißt, daß ein König bei
einem Festzug im Hemd durch die Straßen gegangen ist und es allen
Leuten bei Todesstrafe verboten war, zu sehen und zu sagen, daß der
König nur ein Hemd anhabe. Denn der König behauptete, ein kostbares
Gewand anzuhaben, und niemand durfte dieser Behauptung widersprechen.
Bis endlich aus der schweigenden Menge ein kleines unschuldiges Kind,
das einen Königsmantel sehen sollte, wo keiner war, harmlos ausgerufen
hat: „Aber der König hat nur ein Hemd an. Er hat ja gar keinen Mantel
an!“ --

So ging es mir jetzt den Menschen und den Kirchen gegenüber. Ich hätte
gern in alle Kirchentüren hineingerufen: „Ihr guten Leute, die ihr da
kniet, steht doch auf und geht heim und versäumt die Zeit zur Arbeit
nicht und versäumt die Zeit zur Liebe eurer Frauen nicht und versäumt
nicht die Zeit zur Bewunderung der Welt, von der ihr Mitschöpfer seid.
Es ist gar kein Gott im Himmel, nur Luft und Leere; jeder von euch ist
sein eigener Gott.“

So vereinsamt, alleinstehend, einer neuen Weltanschauung verfallen,
die nur jener Freund mit mir teilte, fühlte ich mich aber nicht wohl,
ich, der ich gerne gesellig sein und die Menschen lieben und achten
wollte. Und daß mir von allen Menschen niemand übrig blieb als dieser
junge Philosoph -- mit dem ich mich plötzlich allein, wie von der
ganzen Menschheit getrennt sah, nachdem ich auf seine Gedankengänge
eingegangen war --, das plagte mich. Denn ich war jung und wollte
gern durch die Menschenschwärme gehen, die Menschheit erlebend und
liebend, und wollte ein einfacher Mensch unter Menschen sein und keinen
Sonderling vorstellen.

Der junge Student hatte seine Eltern und seine Heimat in einer andern
süddeutschen Stadt, und in meiner Stadt kannte er, mit Ausnahme von
einigen Mitstudierenden, denen er sich aber wenig anschloß, fast
niemanden.

Er arbeitete in seinen Mußestunden an der Atomkraftlehre, die er später
niederschreiben wollte, und deren vertieftes Durchdenken und Klarlegen
ihm bereits zur Lebensaufgabe geworden war.

Zu Anfang war es wohl wunderschön, wenn wir uns abends trafen und als
zwei verkappte Weltumstürzler an den Provinzlern und Kleinstadtleuten
vorübergingen. Diese fanden an uns beiden vielleicht nichts anderes
merkwürdig, als daß der junge Philosoph untersetzt war, aber im Gesicht
eine kluge regelmäßige Linie zeigte, außerdem ein Augenglas trug und
auf der Oberlippe einen kaum beginnenden Bartflaum. Und an mir fiel
auch nichts auf als der überstarke Haarwuchs auf meinem Kopf. Auch an
unserer Kleidung war nichts Aufrührerisches. Mein Freund trug, solange
ich ihn kannte, hechtgraue Kleider von einfachstem Schnitt, während
ich meistens schwarze Stoffe trug und mich höchstens durch eine etwas
gewähltere Krawatte auszeichnete.

Der junge Philosoph war von Haus aus Katholik, ich Protestant. Aber es
war selbstverständlich, daß Religionsunterschiede nie zwischen uns zu
Tage traten, da wir uns über jede Religion erheben wollten.

So dachten wir auch, als ein dritter junger Mann, welcher Jude war,
sich zu uns gesellte, keinen Augenblick über seine Religion nach
und fühlten ihn, nachdem er von dem jungen Philosophen in die neue
Weltanschauung eingeweiht worden war, als einen geistesfreien Menschen
uns zugehörig. Wenn wir von den neuen Gedankenwegen sprachen, waren wir
alle drei wie ein einziger Mensch, der da denkt, fragt und sich Fragen
beantwortet.

Das Seltsame war aber, daß jeder von uns dreien aus einer
strenggläubigen Familie stammte. Meine Mutter hatte der
strengprotestantischen Sekte der Herrnhuter angehört, und in meines
Vaters Familie waren viele Oberprediger unter meinen Vorfahren gewesen.

Der junge Philosoph hatte eine äußerst strenge Mutter, die jeden
Morgen, Sommer und Winter, ihn und seine Brüder vor dem Schulbesuch in
die Frühmesse geschickt hatte. Und jeden Sonntag hatte er die Kirche
zweimal besuchen müssen, morgens und nachmittags. Ebenso mußte er jeden
Monat zur Beichte gehen, und die äußerst scharfe Mutter, die nie mit
schweren Strafen gegeizt, sammelte eifrig die Beichtzettel, die ihr den
Beweis des Gehorsams geben sollten, den sie blindlings bei allem, was
die Kirche betraf, von ihren Söhnen forderte.

Auch später noch, als mein Freund auf dem Gymnasium war, war sie
eben so streng zu ihm gewesen. Und nachher hatte sie ihn dann
erst zum Studium auf die fremde Universität gehen lassen, als er
ihr versprochen hatte, den Kirchenbesuch dort fortzusetzen. Und
dieser junge Mann, der so aufklärend und auf meine alten religiösen
Überlieferungen vernichtend wirkte, er besuchte regelmäßig -- um seine
Mutter nicht belügen zu müssen, wenn er in den Ferien heimkam und über
den Kirchenbesuch ausgefragt wurde -- jeden Sonntag vormittag eine
katholische Kirche der Universitätsstadt.

Als ich ihn fragte, wie er das fertig brächte, in die Kirche zu gehen,
sagte er: „Es ist mir ganz gleich, ob ich zu Hause auf meinem Zimmer
oder in der Kirche über meine Atomlehre nachgrüble. Meine Mutter
belügen mag ich nicht, das ist mir unbequem. Und würde ich nicht in
die Kirche gehen, so ist diese Frau so stark, daß sie mich nicht
weiterstudieren lassen würde. Also tue ich ihr den Gefallen. Ich bin
das Nachdenken in den Kirchen schon von Jugend an gewöhnt und habe
meine ganze Weltanschauung seit Jahren im Schutz der Kirchengewölbe
und der Kirchenstille durchgearbeitet. Ich habe meiner Mutter nur
versprochen, _in die Kirche zu gehen_. Für meine _Gedanken in der
Kirche_ aber hat sie mir kein Versprechen abgenommen, und dafür hätte
ich ihr auch keines geben können.“

Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf
dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte
die Erziehung seiner Söhne dieser etwas gewalttätigen Mutter ganz
überlassen und war zufrieden, wenn er Ruhe zu Hause fand, und wollte
von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hören. Es hätte
dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich
an seinen Vater gewendet hätte.

Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den
Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: „Warst
du heute vormittag spazieren?“, da war seine stete und mich immer
wieder verwundernde Antwort: „Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das
mußt du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen
Medizinstudierenden der beste Kirchengänger der ganzen Universität.“

Er sagte das lachend. Und ich schüttelte den Kopf und erstaunte immer
wieder. Ich hätte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen
nicht aufbringen können, so glaubte ich immer und äußerte das zu ihm.

Da sagte er zu mir: „Tust denn du nicht dasselbe? Du lebst im Hause
deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Künstler werden lassen will. Und
du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest
in seinem Geschäft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen
dein Vater keine Ahnung hat.

Du gehst folgsam in sein Geschäft, aber deine Gedanken sind nicht dort,
denn du willst Schriftsteller und Dichter werden. Ich tue meiner Mutter
den Willen und gehe in die Kirche, und du tust deinem Vater den Willen
und übst einen Beruf aus, bei dem du, so wie ich in der Kirche, ganz
anderen Gedanken nachhängst.“ --

Der Dritte von uns gehörte einer strengjüdischen Familie an und war
aus einer der jüdischsten Provinzen Ostdeutschlands nach Würzburg
gezogen. Er studierte ebenfalls Medizin, und der junge Philosoph hatte
ihn in einem Kolleg, das sie beide besuchten, und wo sie nebeneinander
saßen, kennen gelernt. Er hatte ihn mir gelegentlich vorgestellt,
und seltsamerweise geschah dieses gerade in dem Augenblick, als ich
es etwas eintönig empfand, mit dem jungen Philosophen immer von der
Entwicklung seiner Atomlehre zu sprechen.

Denn geleitet vom Studium der Physik und der Chemie, die er eifrig
betrieb, da er sie zum Physikum-Examen benötigte, hatte der Philosoph
jetzt eine Atomlehre aufgebaut. Er behauptete, die Atome aller Dinge,
im Eisen, im Holz und so weiter, kreisen ebenso untereinander wie die
Planeten um die Sonne und leben wie die Sonnensysteme kreisend.

Überall, wo Leben herrsche, sei dieselbe kreisende Bewegung in den
Dingen wie im Sternenhimmel, so behauptete er. Die Weltkörper seien
für den Weltraum nichts als Atome von ungeheurem Umfang. Und mit
der Annahme vom Kreisen der Atome wäre auch der Magnetismus und die
Elektrizität, deren fernwirkende Kraft bisher unerklärlich war, leicht
erklärbar. Ebenso wären die Macht der wirbelnden Dampfkraft, das
Schwergewicht und die Ausdehnung der Gase durch das Kreisen der Atome
verständlich.

Und der junge Denker wollte die Vorgänge der Chemie und Physik nun auf
die einfachste Weise erläutern und ein Buch ausarbeiten, das von nichts
weniger als „_vom Wesen aller Dinge_“ handeln sollte.

Bei diesen, auf die Einzelheiten des mechanischen Lebens eingehenden
Übertragungen der neuen Weltanschauung wurde ich unaufmerksam und
konnte nicht genau mitfolgen, da sie fern von meinem Gebiet lagen:
der neuen Dichtung, der ich zustreben wollte. Und so war mir der
andere neue Kamerad willkommen, der als Student dem jungen Philosophen
kritischere Einwände machen konnte als ich. Ich war schon ganz
überanstrengt von den chemischen und physikalischen Vorträgen, die mir
der junge Denker auf allen Spaziergängen gehalten hatte.

Auch war ich, um mir eine persönliche Schriftsprache anzueignen und mir
das eingedrillte aufsatzartige Deutsch der Schuljahre abzugewöhnen,
auf den Gedanken gekommen, alle Spaziergänge und alle Beobachtungen
an Menschen und alle Gespräche mit Menschen aufs knappste zu Hause in
Notizbüchern niederzulegen. Und da hatte ich viel zu tun, denn ich sah
bald ein, wieviele wichtige Beobachtungen aus der Augenblickswelt,
wieviele feine, unauffällige und doch wichtige Menschenzüge und
wieviele vorüberflatternde Ausdrücke in der Sprechweise der Menschen
mir bisher entgangen waren. Denn so, wie in der Landschaft mir jetzt
nichts zu klein war und zu unbedeutend, als daß es nicht eindrucksvoll
gewesen wäre, so erging es mir bei den Menschen und ihren Gesprächen.

Bald häuften sich Stöße von dicken Notizheften bei mir an, und wenn
ich manchmal darin blätterte, war ich erstaunt, wie lebensfrisch
jedes Erlebnis noch nach Wochen wirken konnte, wenn es in treffenden
Worten und mit genauer Beobachtung festgehalten worden war. In diesen
Notizbüchern standen natürlich ganz unzusammenhängende Beobachtungen,
herausgerissen und niedergeschrieben aus dem Tagesleben.

Es waren das meistens Übungen, wie ungefähr Kinder in der Fibel zuerst
Silben lesen und Silben schreiben lernen, ehe sie ganze Worte, Sätze
oder Aufsätze bilden dürfen. Ich schulte dabei mein Gedächtnis für die
Vorgänge um mich, und zugleich eignete ich mir ein schnelles Fühlen,
Auffassen und ein schnelles Bezeichnen jener Vorgänge durch solch
tägliches Niederschreiben an.

Diese Notizbücher hatten aber nichts mit einem Tagebuch gemeinsam.
Es handelte sich darin nicht um zusammenhängende, fortlaufende
Geschehnisse. Ich beschrieb manchmal nur den Gang eines Menschen, der
mir zufällig aufgefallen war, oder Gewohnheitsgesten eines Sprechenden,
oder nur ein paar Bäume im Regen, das Abendlicht über den Dächern der
Stadt, das Windgeräusch in der Nacht in einem Garten und so weiter.
Vielleicht manches Mal nur das Gefühl, den der Händedruck eines
bestimmten Menschen mir gab, das Gefühl eines Kopfnickens nur oder das
eines flüchtigen Blickes, den ich von Vorübergehenden auffing, und der
mir tiefe Seelenzustände zu enthüllen schien.

Ich übte mich so in der Kunst, Kleinstes und Flüchtiges in
bezeichnenden, nachdrücklichen Worten festzuhalten. Und deshalb
wurde es mir allmählich auf den Spaziergängen schwerer, dem jungen
Philosophen in allen seinen Gedankengängen über Chemie und Physik zu
folgen.

Der neue Freund, den mir der Denker zugeführt hatte, und den ich
zum Unterschied von uns beiden Sprechenden und Erörternden, da er
wenig sprach, aber mitempfindend nickte und meist zuhörend war, den
Schweigsamen nennen will, -- dieser neue Freund war mir jetzt eine
wahre Wohltat. Nach den ununterbrochenen Gedankengesprächen der
vorausgegangenen Zeit wirkte er durch seine Ruhe und sein teilnehmendes
Nicken wie jemand, der da war und doch nicht da war. Und man konnte
sich vorstellen, daß, wo er in Gedanken war, es friedlich sein mußte,
da er immer irgendeine Melodie leise vor sich hinsummte oder leise
pfiff. Der Schweigsame setzte sich auch oft ans Klavier und spielte
Chopin oder Grieg, während der Denker, wenn er sich ans Klavier setzte,
nicht ohne Beethoven gespielt zu haben wieder aufstehen konnte.

So war der Sommer herangekommen, und nun komme ich in meiner
Erlebnisschilderung bald zu jenem seltsamen Augustnachmittag.

Es war notwendig, den Leser mit der Entstehung jenes lebensbestimmenden
Grundgedankens bekannt zu machen, der mir von jenem Freund, dem jungen
Philosophen, gegeben wurde, da diese neue Weltanschauung, die sich
mit der Zeit in mir festwurzelte, dann auch wirklich der Grundton
aller meiner Liederbücher und Prosabücher wurde, die in den letzten
zweiundzwanzig Jahren entstanden sind. Auch der Binnenreim und meine,
die Kritiker immer wieder verwundernde, Heranziehung von wechselnden
Vergleichen und Bildern des Naturlebens ist die Folge jenes befreiten
Weltblickes und hat den Ursprung in einem Herzen, das sich Schöpfer
und Geschöpf fühlt und nicht bloß sklavische Unterordnung unter
überlieferte Begriffe kennt.

Viele Kritiker sagten Jahre hindurch, meine Bücher und ich selbst seien
nirgends einzureihen. Dieses ist wahr, sie haben recht, da ich jetzt,
wenn ich auf meine Bücher zurückblicke, mich, ohne mir schmeicheln zu
wollen, den _dichterischen_ Verkünder einer neuen menschenbefreienden
Weltanschauung nennen kann.

Meine Gedichte werden oft mit den kurzen gedrungenen Liedern der
Asiaten verglichen. Ich habe aber niemals weder chinesische noch
japanische Literatur studiert. Ich kenne von diesen Literaturen nur
einige wenige Gedichte, die in den letzten Jahren in Übersetzungen zu
uns gekommen sind.

Ich erhielt öfters Aufforderungen von Literaturprofessoren, ihnen
die Quellen zu nennen, aus welchen ich die japanischen Novellen und
Liebesgeschichten entnommen, die ich nach meiner Reise um die Erde 1911
herausgab. Ich muß aber immer wieder und diesmal öffentlich erklären:
ich kenne nichts von japanischen oder chinesischen Urtexten. Nur ein
weniges, was in Übersetzungen zu uns kam, und das jene Herren viel
aufmerksamer studiert haben werden als ich, kenne ich. Auf meiner
Reise um die Erde, durch ganz Asien, von Bombay bis Yokohama, war
es die vorher vor dem Leser ausgebreitete Weltanschauung, die mich
der Seele der Asiaten sozusagen zum Zwillingsbruder machte. Und fühlt
man seine Seele mit der Seele eines Volkes verwandt, und decken sich
die Weltanschauungen, oder sind sie sich wenigstens sehr ähnlich, so
ist es ein leichtes, das ganze Gebärdenspiel einer fremden Rasse,
ihre Wünsche, Bedürfnisse und Begierden, auch die Wallungen ihrer
Leidenschaften zu verstehen und miterleben zu können, so wie man es zu
Hause bei dem vaterländischen Volk tut.

Durch Beobachtungsgabe und Rhythmusverständnis, die mir im Ohr und im
Blut von meinen Eltern ins Leben mitgegeben wurden, die ich aber beide
durch die Erfassung jener neuen Weltanschauung viel freier schulen
und üben konnte, als wenn ich alten Überlieferungen und ausgetretenen
Gefühlswegen nachgegangen wäre, sind mir auf meiner kurzen Reise
durch Asien die Kulturen der morgenländischen Völker leicht vertraut
geworden, so daß viele Kritiker behaupteten, ich müßte jahrelang
asiatische Studien betrieben haben vor, während oder nach meiner Reise.

Und das ganze Geheimnis, warum ich Asien nahe kam, liegt doch nur in
dem Weltallverständnis, das in jenem Satze enthalten ist: _wir besitzen
alles, und uns besitzen alle, und über uns ist kein anderer Besitzer_.
Dieser Satz, der der neuen Weltanschauung voransteht, macht einen jeden
Menschen zum natürlichen Besitzer aller Lebensregungen, die der Erdball
und der Himmel hervorbringen.

Wenn ein Dichter sich von alten beengten Überlieferungen befreit hat
und die Freuden und Leiden der ganzen Erde gleich hält seinen eigenen
und sich mitbeteiligt fühlt am Lebenszustand aller Rassen, ausgegangen
von der engsten Heimat bis zur weitesten Ferne und zurückkehrend zur
engsten Heimat, so ist es nicht mehr erstaunlich, wenn demselben dann
Gedanken und Gedichte in Fülle zufliegen.

Die meisten Gebildeten heutzutage, die den Schöpfer über sich nicht
mehr anerkennen, werden planlos vom Weltgetriebe umhergeschaukelt;
die meisten, die die alten Überlieferungen ablegten, gehen ziellos
umher, als einziges Ziel nur die Jagd nach ihrem Glück anerkennend. Die
Einsicht aber, daß der Wert aller und ihr eigener Wert unzertrennbar
von einander sind und ebenso das Glück aller und ihr eigenes Glück
zusammengehören, diese Einsicht haben wohl viele, aber danach zu leben,
wird ihnen schwer, weil sie nicht _alle Leben als ihren festlichen
Besitz und nicht sich als den festlichen Besitz aller Leben anerkennen
wollen_.

Dieser Besitz beschränkt sich nicht bloß auf die kurzen Menschenjahre,
sondern es ist gemeint, daß der Besitz sich auch erstreckt auf alle
Zeiten, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt, auf alles
Leben, dem wir immer angehört haben, angehören und angehören werden,
und auf alle Schöpferkraft im Weltall.

Jedes Menschenleben ist ähnlich einem Künstler. Dieser verfertigt ein
Buch, ein Bild, eine Statue, ein Musikstück; und ist eines seiner Werke
beendet, so ist damit doch nicht sein Leben beendet. Er beginnt ein
neues Werk, aber sein Leben steht hinter allen seinen einzelnen Werken.

So leben wir durch alle Zeiten neue Leben, und hinter allen diesen
Leben steht unser eigenes ewiges Leben, das ewige Leben des Weltalls,
von dem wir im Innersten Besitzer sind. Aber kein Leben steht über
uns, kein Schöpfer und kein Richter; wir selbst sind unser Schöpfer
und unser Richter. _Diese Anschauung macht frei und verantwortlich
zugleich._

Vielleicht wird mir einer zurufen: ach, das ist die
Seelenwanderungslehre! Das ist altbekannt und nichts Neues!

Nein, es ist nicht die Seelenwanderung allein, die ich meine. Ich
erkläre: _wir alle sind längst Besitzer der göttlichsten Seelenruhe,
des Nichtseins_, des Nirwana, wie es die Asiaten nennen. _Wir sind
aber auch zugleich Besitzer des Seins. Beide Zustände sind untrennbar
von einander in uns verschmolzen._ Wir wandern nicht anders von Leben
zu Leben, als der Künstler es tut, wenn er ein Werk nach dem andern
vollbringt. Der Geist jedes Schaffenden steht hinter allen seinen
Werken in göttlicher Ruhe und Betrachtung. So stehen wir hinter unseren
Leben.

Wir sind von Leben zu Leben durch die Jahrtausende wandernd, die
Jahrtausende erlebend gegangen, so wie ein Meister von Werk zu Werk
tätig ist und doch hinter seinen Werken, Ruhe bewahrend und mit
göttlichem Geist die Werke betrachtend, unsterblich lebt.

Und nun will ich an Stelle des Wortes _Werk_ das Wort _Fest_ setzen.
Der Elendste unter uns Menschen, das Elendste unter den Tieren und das
Elendste unter allen Atomen feiert das Fest seines Werkes, so lange es
sein Leben liebt. Wenn ihm das Werk nicht mehr genügt, ihn das Fest
seines Lebens nicht befriedigt, so legt er dieses Leben fort und wird
ein neues beginnen, ein neues Werk, ein neues Fest.

Das heißt, jedes Lebewesen kann sich unbewußt oder bewußt sterben
lassen, mit oder ohne Gewalt. Aus der Ruhe seines urewigen Lebensatoms
heraus wird dieses Lebewesen die Gestalt, in der es Schöpfer war,
z. B. den Körper Mensch, Tier, Pflanze eingehen lassen und sich mit
neuer unerschöpflicher Werk- und Festlust, die wir Lebenslust oder
Schöpferlust nennen, neue Gestalt geben.

Jeder wird nach dieser Ausführung verstehen, daß diese Art
Seelenwanderung, wenn man sie so nennen kann, zwar ähnlich jener
bekannten Annahme von der Seelenwanderung ist, _aber da sie aus
Schöpferlust geschieht und keinen Zwang bedeutet, ist sie mehr, sie
ist festlich_. Dieser Gedanke ist eine Verschmelzung von christlicher
Anschauung und buddhistischer Anschauung.

Jede Halbkugel der Erde gab ihren Geist zum Aufbau dieses Ideales,
dieser neuen Weltanschauung. Die Asiaten behaupteten, daß wir
_gezwungen_ von Leben zu Leben gehen müssen, wenn wir uns nicht durch
steten Lebensverzicht von der Lebenswiederkehr bewahren und so durch
fortgesetzte Abtötung des Lebenswillens uns zum Nirwana, zur höchsten
Seelenruhe bringen. Der Asiate sieht also die Seelenwanderung, das
Weiterleben, wie eine Strafe an und das Leben wie eine Plage, aber die
Seelenruhe, das Nichtsein als das einzig lebenswerte Ideal.

Der Geist des Abendländers dagegen gibt die Lebenslust nicht auf.
Er findet es feig, auf das Leben zu verzichten. Er sieht das Leben
als eine _Aufgabe_ an, als ein Werk, an dem er arbeitet, und jene
träumende Seelenruhe des Asiaten erscheint seinem europäischen
Lebenswillen unbehaglich. Und der neuzeitliche Abendländer kann sich
unter der Seelenruhe nach dem Tode und ihrer Seligkeit gar nichts
mehr vorstellen, da er immer kräftig lebenstätig ist und unermüdliche
Lebenstätigkeit über unendliche Ruhe setzt.

Das neue Ideal aber oder die Weltanschauung, die sich ergibt,
wenn wir die edelsten Regungen des morgenländischen Geistes und
die des abendländischen Geistes zu einer einzigen Lebenserklärung
zusammenstellen, dieses Ideal, oder diese Weltanschauung sagt: _Wir
sind immer ungezwungen Schöpfer und Geschöpfe gewesen und werden
es immer sein_, das heißt: wir sind immer im Besitz _ewiger_ und
_endlicher_ Kräfte gewesen. _Jedes neue Leben, das wir erleben, ist uns
ein festlich stimmendes Werk, hinter dessen Endlichkeit unsere eigene
Unendlichkeit weiterlebt und stets mit Schöpferlust nach neuen Werken
und Festen greift._

Wir sind ewige Besitzer der Schöpferkraft seit allen Zeiten. Wir und
alle kleinsten und größten Lebewesen sind immer ewige Besitzer einer
ewigen Ruhe, _die wir nicht erst in einem fernen Nirwana oder Himmel
zu erreichen brauchen. Und wir sind außerdem die ewigen Besitzer des
Lebens, des festlichen Wechsels in der Ruhe, dessen Gestaltung wir
selbst bestimmen aus unserer unendlichen Schöpferlust heraus._

Christus, der große Weise und große Mensch der weißen Halbkugel, sagte:
„Ihr sollt nicht sorgen für den morgigen Tag, das heißt, euch nicht
zu viel Unruhe machen. Der Vater im Himmel sorgt für euch wie für die
Lilien auf dem Felde.“

Jener Vater im Himmel ist unsere eigene, ewig in uns wohnende und uns
gehörende unsterbliche Schöpferlust, die Atomkraft, wie mein Freund,
der Philosoph, sagte, deren Ruhe unerschütterlich ist, vor der unser
jeweiliges endliches Leben weniger als den millionsten Teil eines Atoms
bedeutet. Diese Schöpferkraft wohnt in uns wie in allen, die mit uns
in die Weltallerscheinung treten und am Weltallwerke und Weltallfeste
mitarbeiten und mitfeiern. Dieser unserer Schöpferkraft müssen wir uns
bewußt werden, um uns nicht bloß als die schwachen Geschöpfe und als
Sklaven eines endlichen Lebens oder einer ewigen Seelenwanderung zu
fühlen.

Wir streben weder einem Himmel noch einem Nichtsein oder einem Nirwana
zu. _Das Nichtsein ist uns so gut angeboren wie das Sein._

In unseren tiefsten, erhabensten Augenblicken kehren wir bei unserem
Nichtsein ein. Wir fühlen uns dann weltfern. Wir kehren dann in unsere
Weltferne zurück, in das Apogäum, wie die Griechen sagten, in das
Nirwana, wie es die Asiaten nennen.

Aber wenn wir dann zum Lebensfest und zum Lebenswerk zurückkehren, zum
irdischen Atmen, zum Tätigsein und Handeln in irgendwelcher Gestalt,
in der wir eben unser Lebensfest feiern, dann hat uns auch stets die
Rückkehr entzückt, die Rückkehr von der Weltferne in die Weltnähe.

Denn beides ist unser ewiger Besitz, und keines von beiden wollen wir
missen. _Die Weltferne ist das ewig festlich Unabänderliche in uns, die
Weltnähe das ewig sich festlich Verändernwollende in uns._

       *       *       *       *       *

Und nun, ehe ich endlich jenen seltsamen Augustnachmittag beschreibe,
muß ich noch eine Erklärung abgeben.

Jeder Mensch hat nur zwei Hände bekommen, zwei Augen, zwei Ohren, zwei
Nasenlöcher und im Halse zwei Röhren, eine für die Luft- und eine
für die Speiseaufnahme. Alle diese Zugänge zum Körper bedingen ein
bestimmtes Körperleben, ein bestimmtes Sinnesleben, das, solange wir
als Menschen leben, unverrückbar der Ausführung unseres Lebenswerkes
und unseres Lebensfestes bestimmte Grenzen setzt.

Das Lebenswerk und das Lebensfest würde natürlich anders ausfallen,
anderen Erlebnissen unterworfen sein, wenn wir zum Beispiel mit dem
Leib eines Vogels, mit Flügeln, Schnabel und Fußkrallen geboren wären.
Ebenso wären wir, als Blume oder Baum festgewurzelt, als Stein
festliegend oder als Wasser fortfließend, als Feuer auflodernd oder
als Rauch fortschwebend, einer anderen Lebensbewegung, einer anderen
Lebenstätigkeit, einem anderen Lebenswerk und einem anderen Lebensfest
hingegeben.

Da aber jedes Lebewesen nicht bloß der _Weltnähe_, sondern auch der
_Weltferne_ angehört, da unzertrennbar von einander das Gefühl der
_Weltnähe_ und das Gefühl der _Weltferne_ in jedem Atom vereint wohnen,
sowohl im Rauchatom, als im Feuer, als im Wasser, wie in der Blume und
im Baum, ebenso wie in der Menschengestalt, so sind im Grunde alle
Lebewesen _eine_ Kraft, _eine_ Schöpfung.

Festliche Ruhe, festliche Tätigkeit, an ihnen hat jedes Atom teil,
ebenso an der Lust der Weltferne wie an der Lust der Weltnähe. Die
Gestalten des Lebens gehören sowohl der Weltnähe, welche Tätigkeit
bedeutet, und zugleich der Weltferne, welche eine Erhebung über das
Leben bedeutet, an.

Die Gestalten sind die Geschöpfe, das Gefühl der Weltferne in den
Gestalten ist der Schöpfertrieb, das ewige Leben.

Mit unseren jeweiligen Sinnen können wir immer nur _ein_ Leben leben,
_ein_ Fest feiern, das sich in der Weltnähe abspielt. Aber von der
Weltferne aus, zu der wir uns stündlich über unser endliches Leben
erheben können, weil wir im letzten Urgrund bei ihr untrennbar wohnen,
können wir bei gründlicher Vertiefung alle endlichen Leben überschauen
oder uns in sie hineinversetzen, ohne unsere eigene Gestalt, in der
wir augenblicklich arbeiten und Feste erleben, sterben lassen zu müssen.

Wenn es in der Bibel heißt: siehe, die Stimme Gottes sprach zu ihm im
Traum, oder wenn Buddha sagt: ich ging in einem Traum von Leben zu
Leben, so ist das nicht ein außer uns stehender Gott und Schöpfer,
dessen Stimme wir gehört haben wollen, oder der uns im Traum von Leben
zu Leben geführt hat, sondern: _es ist die Weltferne in uns, die zur
Weltnähe in uns spricht_.

Wir sind es, die im Traum zu uns selbst sprechen. Wir sind es, die uns
im Traum und in der wachen Ahnung Bilder, gewesenes und kommendes Leben
zeigen können.

Wir selbst, vermöge der Schöpferkraft in uns, die von der Weltferne aus
zur Weltnähe spricht, sind allwissend.

Unsere Weltferne steht nicht bloß über uns, sondern sie lebt im
Mittelpunkt aller Weltleben überhaupt.

Wir fühlen, wie die Radien eines Lebens tun, den Mittelpunkt und die
Peripherie des Kreises zugleich. Alle Leben finden sich zusammen in der
Weltferne auf einem Punkt, sowie alle Radien sich im Mittelpunkt des
Kreises treffen. Auf der Peripherie, in der Weltnähe, leben alle Leben
voneinander getrennt in der Welt der tätigen Erscheinungen.

Im Mittelpunkt, in der Weltferne, zu der wir uns in jedem Augenblick
erheben können, sind wir Besitzer und Überschauer des ganzen Weltalls,
gleichwie der Kreismittelpunkt mit allen Radien Fühlung hat. Auf
der Peripherie aber, wo sich unser Gestaltenleben abspielt, dort
entsteht die körperliche Weltnähe, das Fest des endlichen Lebens,
während zugleich unsere Weltferne in ewiger Ruhe, im Mittelpunkt des
Lebens, die Erscheinung aller Leben, die wir im Augenblick oder nach
Jahrhunderten erleben, immer um sich kreisen läßt, betrachtet und das
Fest der Ewigkeitsruhe genießt.

_Wir sind also in jedem Lebensaugenblick da und fort von uns._ Und wenn
unser endliches Leben aufhört, so hört doch nie unser Mittelpunktsleben
im Weltall auf. Wir nehmen vom Mittelpunkt aus sofort neue Fühlung mit
einem neuen Punkt auf der Peripherie.

Unerschöpflich ist das Leben in der Peripherie, unerschöpflich die
Schöpferkraft unseres gemeinsamen Mittelpunktes im Weltall. Da wir
immer Weltnähe und Weltferne, Peripherie und Mittelpunkt in jeder
Sekunde zugleich erleben, _so sind wir alle allwissend, allgegenwärtig,
allfühlend_.

Wir tragen immer in uns alle jene göttlichen Eigenschaften, die wir,
früher unaufgeklärt, immer nur _einem Schöpfer über uns_ zusprachen.

Wir Menschen waren bisher nicht mutig genug, uns unseren gewaltigen
Lebensinhalt, den, daß wir Mitbesitzer der Weltallschöpfung, der
Weltallgedanken, der Weltkraft sind, klar zu machen.

Wir hielten uns nur für ohnmächtige Peripheriewesen, nur von der
Weltnähe lebend. Wir trennten uns, unaufgeklärt, in unseren Worten und
Gedanken vom großen Schöpfungsfest. Wir wollten nie verantwortlich,
nie gründlich den Anlauf zur Selbsterkenntnis unseres ewigen Daseins
nehmen.

Es war uns so wie einem, der nur immer seine Füße sieht und seine Hände
und seinen Unterleib, der sich aber nicht einzugestehen wagt, daß er
auch einen Kopf besitzt, weil er diesen Kopf bisher nicht sehen konnte
und deshalb nicht an das Empfinden glaubte, das ihm sagte, er besitze
einen ihm unsichtbaren Kopf, der für ihn denkt, riecht, schmeckt, hört,
sieht, das heißt wahrnimmt.

Aber nun haben wir den Mut, wir Menschen von heute, zur Erkenntnis.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als endlich zu erkennen, daß der
Weltkopf, den wir fühlen, aber nicht sehen, nicht einem Schöpfer über
uns gehört, sondern uns selbst.

Wir haben bei der neuen Erkenntnis nichts getan, als endlich
vollständig unsere Weltallgestalt festgestellt.

Wir glauben jetzt ganz unserem Gefühl, das uns schon im Christentum als
Mitbesitzer der Weltferne, des Weltkopfes, erklärte, indem es uns den
vagen Begriff Seele einräumte. Aber man setzte über diese Seele damals
noch eine Weltseele, einen Weltschöpfer. Die Seele aber ist unsere
Weltferne, die nichts über sich erlebt, auch keinen Weltschöpfer. Denn
sie selbst ist schon im Vollbesitz der Ursprungskraft, der Weltallruhe
und der Schöpferkraft.

_Wir Menschen sind, wie alle Leben, Schöpfer und Geschöpf, von uns
geschaffen und von allen und jedem Leben des Weltalls. Und wir sind
zugleich Mitschöpfer von allen und jedem Leben des Weltalls._

Mancher wird nun vielleicht nach den vorangegangenen Erklärungen
töricht sagen: wenn wir behaupten, die Schöpferkraft eines
Weltschöpfers zu besitzen, müßten wir dann nicht unser Leben
fortwährend bewußt ändern können? Es müßte uns ein kleines sein, aus
Steinen dann Brot zu machen oder uns im Magen satt zu fühlen, wenn
wir es nicht sind, oder Berge fortwandern heißen, Wasser in Feuer
verwandeln usw. Es müßte uns leicht sein, so könnte ein Tor sagen, ein
willkürliches Spiel mit den Lebensgestalten und Lebenserscheinungen zu
spielen.

Wer so fragt und so spricht, hat aber nicht begriffen, daß die
Weltferne und die Weltnähe sich in uns ewig das Gleichgewicht halten.
Das heißt, ein unsinniges Spiel mit sinnlosen Verwandlungen in der Welt
der sinnvollen Erscheinungen, in der Welt der sinnvollen Weltnähe, ist
durch das Gegengewicht der ewig weisen und ewig ruhenden Weltferne in
uns unmöglich gemacht. Die Weltferne in uns läßt die Weltnähe keine
chaotischen Zuckungen machen. Wir selbst stehen ewig weise über der
Torheit.

Das ewige Wechselleben in der Weltnähe wird in Zucht und Gleichgewicht
gehalten durch die unerschütterlichste Ruhe der Weltferne in uns.

Denn als Schöpferkraft wirken immer zwei Regungen: erstens die
verankerte Ruhe und Betrachtung, die das Überschauen vermittelt, und
zweitens die Tätigkeit, geleitet von jenem Überschauen, die das
Lebenswerk oder Lebensfest gestaltet und in Szene setzt.

Aber wenn Ruhe und Weisheit an unserer Tätigkeit beim Lebenswerk
teilnehmen, -- wie kann dann überhaupt Böses geschehen, da doch die
weise waltende Weltferne in uns von unserer Weltnähe unzertrennlich
ist? Man sollte meinen, Böses könnte nie möglich sein.

Nun müßt ihr, die ihr das fragt, einen Standpunkt so hoch einnehmen,
daß ihr auch die hohe Antwort auf diese Frage verstehen lernt.

Bis jetzt nahmt ihr Menschen meistens alle an, daß das Leben eine Plage
ist. Die Asiaten sprechen von der Lebensqual und von dem Fluch aller
Leben. Die Abendländer sprechen vom Jammertal, von der Hoffnung auf
Erlösung und, wenn es hoch kommt, von der Lebensaufgabe, die man zu
vollenden habe.

Darüber hinaus hat sich noch kaum eine Lehre erhoben, keine Lehre der
beiden Erdhälften.

_Das Leben ist aber ein Fest und soll ein Fest sein._ Das Leben ist
auch dem Elendsten immer festlich gewesen.

Bedenkt doch, daß die Süße des Lebens in euerer Vorstellung das
Paradies hat entstehen lassen, daß sie den Mohammedanern lustige Gärten
vorgaukelt voll sinnenfroher Frauen, den Christen einen melodischen
Himmel voll singender Harmonien und den Asiaten das große selige
Ruhebett des Nirwana.

Wie festlich teuer ist uns Menschen alles Erleben, wie köstlich
festlich! Wir schaffen uns Bilder vom Leben noch über den Tod hinaus,
um das Erleben nie zu entbehren.

Das Leben ist ein so gewaltiges Fest, daß nur, wenn wir uns
bereitwillig die höchste Schöpferkraft und damit zugleich die höchste
Verantwortung zuerkennen, wir das ganze Fest genießen können. Sonst
wird es uns gehen wie einem Dörfler, der nie Musik, nie Bilder, nie
Tanz, nie Geist und Anmut gesehen hat und der beim Eintritt in einen
festlichen Gesellschaftssaal alle für Narren halten würde, die sich
dort rhythmisch bewegen. Er wäre zuerst geblendet vom Fest und würde
nichts als einen Wirrwarr sehen. Er würde an der Schwelle stehen
bleiben und höchstens ausrechnen, wieviel Umstände das ganze Fest dem
Wirt und den Eingeladenen gemacht hat.

Und derselbe Dörfler, in ein Theater geführt, würde, wenn er auf der
Bühne mitspielen sollte, linkisch oder frech werden. Und da ihm der
Überblick über das Stück fehlte, das zu spielen wäre, und über die
Gestalt, die er darin zu verkörpern hätte, würde er sich geärgert
fühlen, wenn er sich nicht einzufügen gelernt hat, wenn er keine Lust
zum Spielen mitgebracht hat.

Und er würde die Festvorstellung, bei der er mitwirken sollte und bei
der er Freude geben und Freude ernten sollte, verwünschen und sie als
eine _Plage_ verfluchen. Und er würde vielleicht seine Gestalt und
seine Rolle wegwerfen aus Unverstand, und weil er keine Ahnung hat, daß
er zu einem Fest, zu einer Lust beitragen soll.

Er würde jammern, unglücklich sein. Und wenn er ein ernster Mann
ist und ein entschlossener Mann, so wird er höchstens die Rolle auf
Zureden aufnehmen und weiterspielen und immer von seiner _Aufgabe_
sprechen, aber nicht von einem _fröhlichen Werk_ oder gar von _einem
Fest_.

Mit dieser Erklärung ist aber noch nicht erklärt, warum Gutes und Böses
da sein können, wenn Weltferne und Weltnähe immer weise herrschen. Der
eigenen Schöpferkraft Weisheit in uns ist so hoch, daß sie versteht,
daß alle Geschöpfe, alle Handlungen, gute und böse, notwendig sind, um
Erscheinungen zu schaffen und Lebenswechsel.

Dem Guten wird deshalb ewig das Böse gegenüberstehen müssen, dem Tag
die Nacht, dem Frieden der Krieg, dem Aufbau der Verfall, dem Anfang
das Ende. Diese Notwendigkeit sieht die Weisheit der Weltferne in
uns ein, und es wird ihr deshalb nicht einfallen, dem Wechsel dieser
Gegensätze, der sich in unserer Weltnähe gestaltend und vernichtend
ausdrückt, einseitigen Einhalt zu tun und nur Gutes zu schaffen und zu
verlangen.

Träte im Peripherieleben, im Leben der Weltnähe, im Leben der
Erscheinungen, ewiger Tag ein, ewig Gutes, ewige Freude ohne Schmerz,
ewiger Frieden, so würde das den Stillstand des Festes bedeuten, das
wir so sehr lieben, und dessen Stillstand ganz unmöglich ist, da unsere
ewige Schöpferkraft am ewigen Werke ist.

Ohne Weltnähe wäre keine Weltferne möglich, und beide sind undenkbar
ohne die unerschöpfliche Kraft, die jedem Atom innewohnt. _Wir sind
Besitzer der Allmacht und der Ohnmacht. In diesem Wechsel von Ewigkeit
und Endlichkeit befindet sich unser endliches und ewiges Leben in
jedem Augenblick._

_Wir sind die Weisheit und das Verbrechen an der Weisheit. Wir sind das
Gute und das Böse, wir sind der Tag und die Nacht, der Frieden und der
Krieg. Alles das besitzen wir, mit all dem handeln wir, und alles das
handelt mit uns._

Wir spielen alle diese Kräfte aus, wie der Kartenspieler all seine
verschiedenen Karten ausspielt. Jedem Spiel aber liegen Regeln
zugrunde. So auch schreibt die Weltferne der Weltnähe ihre Regeln
vor, damit das Spiel in Ruhe geführt werden kann. Da die Karten immer
wechseln, das heißt, aufs Leben übertragen, der eine mal die, der
andere andere Eigenschaften seiner jeweiligen Lebensgestalt einsetzen
kann, so wird das Lebensspiel, so wie jedes Kartenspiel, immer wieder
anders ausfallen, trotz der feststehenden Grundregeln, die das Spiel
regieren.

Wir selbst haben das Schöpfungsspiel erfunden und spielen es, da
es unendlichen Wechsel bietet, unendlich weiter. Manche ähnliche
Kartenzusammenstellungen kehren zufällig wieder. Das erweckt dann den
Schein, als ob ein Spiel wiederkehre. _Aber es ist kein Spiel gleich
dem andern, kein Leben, das wiederkehrt, ist gleich dem andern._

Um die urewigen _Gesetze_ des Spieles dreht sich der urewige _Wechsel_
des Spieles, und das Ganze ist von der Feststimmung der Spielenden
durchdrungen. Wie ein Spiel Scharfsinn fordert, Übung, Ausdauer, Glück,
so fordert das jedes Leben.

Der Elendeste aber fühlt noch im elendsten Augenblick, wenn er
vielleicht vom endlichen Leben gewalttätig scheidet, die Feststimmung,
die auch das endliche Leben der Weltnähe und nicht bloß das unendliche
Leben der Weltferne durchschwingt. --

Glaubt mir, ich habe fünfundvierzig Jahre jetzt nicht nur ein Leben auf
Rosen gelebt. Ich habe gelitten, gezagt, den Tod gewünscht und selbst
durch den Haß und durch das Verfluchen des Lebens hindurch immer noch
die Köstlichkeit und die Feststimmung des Lebens schimmern sehen.

Ich habe gehungert und gedarbt. Ich habe gestritten und habe geweint.
Ich habe mich ohnmächtig, gedemütigt, in den Schmutz gezogen, verlassen
und verloren gefühlt, _aber ich müßte mich unehrlich, taub, blind und
gefühllos nennen, wenn ich das Leben nicht trotzdem, im Rückblick und
im Vorwärtsschauen, in jedem Augenblick als ein Fest ansehen müßte_.

Alles dieses hatte ich nötig zu sagen, und es überkam mich die Lust zu
dieser Aussprache.

Ehe ich die Geschehnisse aus meiner eigenen Weltnähe weitererzähle,
wollte noch einmal meine Weltferne dazwischen reden, und ich mußte ihr
das Wort geben.

       *       *       *       *       *

Noch ein Schlußwort über die Einführung in diese neue Weltanschauung,
_die sagt, daß das Leben ein Fest ist und ein Fest sein will_.

Ihr erinnert euch wohl alle noch der Zeit, als ihr in der Kindheit
noch nichts von Gott oder dem Schöpfer wußtet, von dem man euch später
erzählte.

Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestürzt ich war, als man
mir sagte, daß etwas Stärkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein
stärkerer Herr als mein Vater es war, eine stärkere Macht als meine
beiden Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um mich im Hause
gewesen, ehe diese Erklärung der Elternohnmacht über mich kam! Und
wie seltsam wurde es mir bei dem Gedanken, daß, wenn ich einmal groß
sein würde, vom Vater fortkäme und meine eigene Frau haben würde,
ein Gottherr, der schon über meinen Vater regiert hatte, immer noch
da wäre, auch wenn meine Eltern tot wären, und daß er ewig wie ein
Aufpasser über mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie über allen
Menschen.

Ich empfand das demütigend. Das Erhabenste in mir fühlte sich
gedemütigt; _das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das
Erhabenste dünkte sich nicht erhaben zu sein, wenn man ihm nicht
vertraute, daß es unantastbar wäre._ Es fühlte sich beleidigt und
erniedrigt, einen Aufpasser über sich haben zu müssen. Es war mir, als
dürfte ich mich keinen freien unendlichen Gefühlen mehr hingeben, da
meine Unendlichkeit nicht anerkannt wurde, da immer nur von meiner
„niedrigen“ Endlichkeit gesprochen wurde.

Es war mir wirklich unbequem beim Abend-, Morgen- und Mittagsgebet mit
der Bitte um tägliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem aller
Vorstellung entrückten Ort wohnen sollte, aufzuschauen; einen Fremden
aufsuchen zu müssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte,
was ich nötig habe, schenke mir mein Vater, und dafür schenke ich ihm
meine Liebe und werde leben, wie er es wünscht und werde später mir
selber helfen können.

Für das Brot, für den Rock, für die Wohnung, für Gesundheit und
Wohlergehen, für die meine Eltern sorgten, dankte ich bereits meinen
Eltern. Nun sollte ich jeden Abend noch einmal danken und ebenso
morgens und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, daß er alles, was
ich von meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also
Schwächlinge und konnten sich nicht helfen, so dachte das Kind für sich.

Meinen Eltern zu danken, erschien mir selbstverständlich, und ich tat
es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schöpfer
etwas angenommen hatten, so hatten _sie_ bereits gedankt. Die ganze
Beterei war mir zu viel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei.

Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er brauchte?
Warum mußte er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und ebenso
meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte der fremde
Herr sich mir nicht? Es war mir unverständlich, was seine ewige
Unsichtbarkeit für einen Sinn haben sollte.

Es hieß, er könne mich fortwährend sehen, nur ich könne ihn nicht
sehen. Ich gewöhnte mir danach an, mich blitzschnell im Zimmer
umzusehen, um zu erfahren, ob jener Herr nicht hinter mir stünde und
ich ihn ertappen könnte.

Und als meine Mutter, wie ich fünf Jahre alt war, starb und man mir
sagte, sie wäre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie hätte es
dort viel schöner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn
bei ihm, da doch mein Vater und ich sie so nötig hatten?

Und als man mir antwortete: nichts ist beständig, nichts ist wirklich,
da hatte ich oft das Gefühl: vielleicht ist das Nebenzimmer schon
verschwunden, während ich mich im anderen Zimmer befinde. Und ich
sah vorsichtig durchs Schlüsselloch, ob das Nebenzimmer noch da
wäre. Denn das verstand ich: seit meine Mutter verschwunden war und
weder zum Frühling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter
wiederkehrte und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr
Platz am Eßtisch leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am
Nähtisch am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der
Dämmerstunde, und ihr Platz in der Küche leer war am Herd und im Flur
am Wäscheschrank und im Sommer unter dem großen Nußbaum und auf der
Gartenterrasse, -- da sah ich ein, es hatte sich etwas Unfaßbares
ereignet.

Und ich dachte: jener unsichtbare Herr ist doch mächtiger als mein
Vater. Sonst hätte mein Vater meine Mutter von ihm zurückgefordert,
und es würden ihre Plätze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem
Herrn, der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem
sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine
Heuchelei, die man mich da lehrte.

Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort,
an dem jener fremde Herr wohnen sollte und Furcht vor dem Unsichtbaren
selbst. War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja,
warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht
sofort meiner Mutter nach?

Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie
meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es
dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine
Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine
Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo
man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns
Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte.

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf
mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht
werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich
auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen versicherte:
„Deine Mutter hat uns nicht vergessen,“ da stieß ich unter Schluchzen
hervor: „Warum holst du sie denn nicht endlich?“ Und mein großer
starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren und
Größeren gäbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe,
nicht mehr hergeben wollte.

Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in meiner
Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem
Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er,
und meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den
Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.

Aber nun geschah das noch viel Unverständlichere, etwas, das mich ganz
verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater,
der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte
hassen müssen, wie ich folgerte -- er faltete meine kleinen Hände in
seinen großen Händen und sagte: „Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann
kommen wir der Mutter näher.“

Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit
offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren,
gewalttätigen Herrn benahm. Und wenn ich damals schon gewußt hätte, was
Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben:
wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in
welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet
hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. --

Aber wie einfach, glückselig und menschenwürdig wäre mir die Welt
erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt --
die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt -- die tiefnatürliche
Erklärung gegeben hätte: „Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da.
Nicht bloß wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so
lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle
haben dir etwas zu sagen, alle können dir irgendwie helfen. Wir, die
du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar
von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir
bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.

Wir Menschen alle und alles Leben können die Gestalten verändern,
wenn wir es müde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein.
Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt.
Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein
Blitz, vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht werden wir zusammen
eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir
ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht
sind wir ein Stück Brot, das du ißt, vielleicht ein Schluck Wasser, den
du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein
Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.

Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden können,
und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund
zu dir sein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, während wir am Tisch
und am Bett bei dir sitzen.

Und du kannst überall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh,
du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich
darum vor keinem Leben fürchten. Und kommt eine giftige Schlange in den
Garten, und sie beißt dich, und du willst nicht sterben, du willst noch
Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht über dich haben, und
jemand wird dir von dem Gifte helfen können, vielleicht dein Vater,
vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.

Bist du aber wirklich der Menschengestalt müde, vielleicht durch eine
tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglück, daß du dein
Unglück in anderer Gestalt vergessen möchtest oder durch das Alter
deiner Gestalt müde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt
ablegen können, ohne dir Gewalt antun zu müssen. Und dann werden alle
Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir
gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen
können, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir
festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich
gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden
und neu zu erscheinen.

Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Fleiß und Sorgfalt
aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik
und die Menschenstimmen und alle Stimmen überhaupt haben deine Ohren
ausgedacht. Und es ist kein Ding in der Welt, das nicht teil hat,
irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.

Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut
zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und
ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und
deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswärme.

Und als du fertiggebildet warst im Schoße deiner Mutter, da hatte dich
deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt
sie Beschwerden und neun Monate wünschte sie Tag und Nacht, daß du gut,
stark und tätig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein
Vater und deine Brüder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich
leben, es sind.

Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer
oder Schmerz bereiten muß, so mußt du bedenken, daß du auch manchen
Dingen weh tun mußt und manchen Trauer bereiten mußt, denn das Leben
besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.

Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und
Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel
kann es festlich bestehen.

Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge,
zu denen du mit den Händen und Füßen, mit den Augen und Ohren, mit
deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich
nähern kannst auf der Erde, sie und du selbst leben noch in einer
andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken
unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme über den Fluß
hinüberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken
kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der
Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten über die Äcker
der Erde gehen kann.

Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen
kann, ohne daß die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tür
in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im
Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen,
so leben wir alle in zwei Welten zugleich.

Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge.
Dort wohnt _alle unsere Kraft zusammen_. Dort gibt es dann nicht Vater,
nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir dann _eine_ Stärke. Dort
sind tausend Männer wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und
dort sind Mann und Frau so eng umarmt, daß sie _eine_ Kraft sind, ohne
Anfang und ohne Ende, _eine starke Schöpfer- und Liebeskraft_. Und dort
in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns
versenken, wenn wir uns in hohen Gefühlen erheben und erhaben fühlen.

Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch
zu klein und mußt erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in
die Weltnähe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben,
bis deine Menschengestalt so kräftig fertig geworden ist, daß du den
Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.

Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen.
Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefährtin
jenes Weges zur inneren Welt für dich von ihren Eltern geboren und
auferzogen.

Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du groß genug bist und
du tätig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu können, und
wenn du weise und kräftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst
und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit
ihrer Lebenswärme zusammenlegen zu können. Dann wirst du mit ihr das
Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich
geschaffen haben, damit das Fest sich fortsetzt.“ --

Hätte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf
meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen
kommen und gehen, natürlich und mich zum Leben vorbereitend, also
geantwortet, dann wären mir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche
Mißklänge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart
geblieben.

Und hätte man noch betont: _Das Leben ist ein weises Fest_. Du sollst
es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben
lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und tätig, Freude aufnehmend
und Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, daß
das Weltfest so mächtig ist, daß es in seinem Wechsel von Freude und
Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und daß es deine größten
Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.

Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mußt, um
in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu können, um weiterkämpfen
zu können. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!

Festlich ist das Leben immer, ob du gehen lernen darfst oder schreiben
und lesen lernen sollst. Und wenn du krank liegen mußt, zwischen
Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nächten wach liegen mußt,
mache dich geduldig, mache dich demütig. Hasse deine Schmerzen nicht.
Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu
einer Verjüngung deines Körpers, helfen zu einer Verjüngung deiner
Schöpferkraft.

Sei darum gütig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich
verjüngen will. Sei verständig und gehorsam seinen Mahnungen zur
Verjüngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklärt von der
Hoffnung der Verjüngung und Genesung.

_Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Kräfte aller
Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und
alle Leben verstehen dich._

Denn es ist nur ein Schein, daß du getrennt, scheinbar einsam oder
verlassen umhergehst. Du bist nicht bloß der Mensch, den du im Spiegel
siehst. Du bist zugleich mit deiner inneren Welt in _allem_ Leben, und
alle Erscheinungen und Gestalten sind _in dir_.

Bedenke immer: du hast die größte Macht, und hattest sie seit Tausenden
und Tausenden von Jahren, das Fest des Lebens zu feiern, und wirst dein
Schöpferfest weiterfeiern, Tausende und Tausende von Jahren ohne Ende.

_Durch deine äußere Welt bist du wirklich, durch deine innere Welt
unwirklich zugleich. Und durch deine Schöpferkraft verwandelst du die
äußere Welt und bleibst doch unverwandelbar in deiner inneren Welt ewig
leben._

Und dieses, o Mensch, genießend und festlich zu verstehen, dazu wird
dir jeder Augenblick auf Erden Erkenntnis geben, und du wirst es an
allen, die mit dir festlich lebend sind, ebenso erkennen, wie an dir,
daß du wirklich und unwirklich zugleich bist.

Und wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, wirst du an der Unwirklichkeit
ausruhen können. Und wenn dich die Unwirklichkeit ermüdet, wirst du zur
Wirklichkeit zurückkehren können.

Aber du brauchst nicht zu fürchten, daß du die Menschengestalt, die du
augenblicklich angenommen hast, und die dein augenblickliches Kleid im
Weltfest ist, daß du diese immer ablegen sollst und sterben sollst,
wenn du dich nach Unwirklichkeit sehnst.

Sieh, an jedem Abend legst du mit deinen Kleidern auch deine Gestalt
hin auf die Erde und läßt beide ausruhen, damit sie sich nicht so
schnell abnützen. Denn du hast beide lieb und gönnst ihnen, Kräfte zu
sammeln.

Und wenn du einmal groß bist und größere Tätigkeit hast, als ein Kind
sie hat, und größere Kräfte hergeben mußt und deshalb auch wieder
größere Kräfte und größere Ruhe sammeln mußt, ob du nun als Mann oder
als Weib geboren bist, sieh, die Nächte können dann nicht länger
gemacht werden, um dir größere Erholung zu geben. _Aber die Ruhe um
dich kann tiefer gemacht werden._

Dann wirst du, um tiefste Ruhe zu finden für deine männlichen Kräfte,
oder ein Weib wird, um tiefste Ruhe zu finden für ihre weiblichen
Kräfte, die Arme ausbreiten, und Mann und Weib, die sich lieben,
werden sich im Dunkeln umarmt niederlegen, und ihre Körper werden sich
einander wie ihre Lippen den tiefen Kuß der Liebe geben, und sie werden
das Lebensfest der Liebe feiern.

_Und sie werden für Augenblicke tiefer ausruhen können als je, so tief,
als hätten sie ihre Gestalt wie im Tod abgelegt._

Dann in der Liebesumarmung finden sie sich nicht bloß in der Weltnähe
wieder und nicht bloß in der Weltferne, sondern sie sind in ihrer
Schöpferkraft eins geworden, in der Schöpferkraft, in der sie am Tage
getrennt gearbeitet hatten auf Erden.

Und das ist der tiefste Augenblick des Weltallfestes jedes Lebens
und der höchste eines ganzen Lebens zugleich. Dann, in diesem
Liebesaugenblick, ist in beiden, im Mann und in der Frau, tiefste Ruhe
der Ewigkeit und höchstes Schaffen der Ewigkeit tätig.

Aber sieh, es ist noch ein Ausruhen möglich und eine Einkehr in deine
Unwirklichkeit, wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, ohne daß du sterben
mußt und die Gestalt wechseln sollst.

Wenn der Mann das Weib nicht gefunden, noch nicht gefunden oder wieder
verloren hat, oder wenn beide sich vorbereiten wollen, die sich
gefunden haben, zum Liebesfest, dann sind Leben da, Schöpfungen, die
jeden an die Schwelle der inneren Welt führen können.

Das sind die Werke der Künstler, Lied und Gedicht, ein Bild,
eine Bildsäule und die Musik, Aussprüche der Weisheit und stille
Betrachtungen, die du mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen
empfangen sollst.

Ein Gedicht, ein Gemälde, eine Bildsäule, ein Musikstück -- das
sind Leben, die sich dir zum Wechsel bieten, zum Ausruhen von der
Wirklichkeit und zum Vorbereiten für dein Fest der Lebenstätigkeit und
für das Fest der Liebe.

Diese künstlerischen Schöpfungen sind in die Tagestätigkeit gestreut
wie die Träume in die Nachtruhe. Alle Kunstwerke erinnern dich am Tage
an dein inneres Leben, sie sind in den Tag gestreute Ewigkeitsbilder
des inneren Lebens, während deine Nachtträume Augenblicksbilder deines
äußeren Lebens sind, in die Nachtruhe gegeben.

Kunstwerke und Träume, beide sind Echos zweier entgegengesetzter
Welten; Kunstwerke sind Echos der inneren Welt; Träume sind Echos der
äußeren Welt. --

Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn
jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze
Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.

Lerne die Regeln des äußeren Lebens, das sind die Staats- und
Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln
des inneren Lebens werden bereits in dir dämmern, bis du erwachsen
bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen
kannst und Überblick erhältst über das große herrliche Fest, das wir
alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schöpfer und Geschöpfe
bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden
sind. --

       *       *       *       *       *

Einem Kind, dem also von der ersten Frage an bis zum Verlassen des
Elternhauses verkündet wird, daß es unwirkliche und wirkliche Kräfte
besitzt, daß sein Wesen das Wesen aller Dinge ist, daß es festlich an
der Seite der Eltern das Fest der Tätigkeit, das Fest des Wachsens
zu allen Dingen hin erleben wird, dem man sagt, auch wenn Vater und
Mutter sterben, sind sie in aller Gestalt immer da, sie sind nicht zu
einem fremden Mann gegangen, nicht in ein fremdes unfaßbares Reich
eingegangen, wo es schöner ist, und haben nicht ihr Kind in einer
häßlicheren Welt zurückgelassen, sie sind immer dagewesen und werden
immer da sein in des Kindes eigener Schöpferkraft und in der Kraft
seiner Lebensgespielen um ihn -- für dieses Kind, dem das Leben als
ein ewiges weises Fest erklärt wurde, gibt es keinen Tod, für dieses
Kind gibt es keine Zeit und kein Alter; für dieses Kind gibt es keine
Häßlichkeit ohne Schönheit.

Für dieses Kind gibt es keinen Schmerz ohne Freude. Im Gleichgewicht
seiner wirklichen und unwirklichen Welten und im Bewußtsein seiner
unerschöpflichen Schöpferkraft und in der Erkenntnis seines ewigen
Daseins, im Wissen, daß es vor tausend Jahren war, schöpferisch wie
heute, festlich wie heute, und daß es in Tausenden von Jahren immer
noch sein wird, festlich wie heute, wird es, wenn es dies alles täglich
gehört hat, geduldig, demütig und lächelnd, stolz, frisch und fröhlich,
mutig und todesverachtend und weltallfestlich aufs Leben und auf die
Liebe sehen.

Die Naturunschuld, die Naturweisheit und die Naturlust werden in
ihm bis an sein Lebensende ungebrochen bleiben und werden seine
Menschengestalt festlich auf Erden führen und aus ihm festlich wirken.

Welch ein unerschöpflicher, unentdeckter und noch unangetasteter
Reichtum dem Menschenleben dargeboten wird, wenn es sich nicht mehr von
einem sogenannten höheren Wesen unterjocht fühlen wird und von keiner
Erbsünde belastet, wenn es seine Kraft frei auf sein Ich, auf das Wohl
der mit ihm Lebenden richtet -- das zu ermessen, bleibt jedem Herzen
gegeben, das sich aufmacht und sich als Schöpfer und Geschöpf fühlen
will und das Leben als eine Festlichkeit ansehen will, -- eine Feier
von wirklicher und unwirklicher Welt, eine Feier der Vergänglichkeit
und Unvergänglichkeit, ein unerschöpfliches Fest, bei dem jeder
zugleich Festgeber und Gast ist, jeder in anderer Gestalt, jeder mit
anderen Tätigkeiten und Genußfähigkeiten, jeder in anderen Würden und
anderen Wirkungskreisen, jeder den anderen feiernd und ihn als Kraft
von seiner Kraft anerkennend, Menschen, Tier, Pflanzen und alle Dinge.

Der Schauspieler, der bei der Festvorstellung des Lebens den König
spielt, und der andere Schauspieler, der bei derselben Festvorstellung
den Bettler machen muß, und der, der den Gesunden und der, der den
Kranken darstellen muß, und der, der den Witzigen und der, der den
Dummen spielen soll -- die sollen verstehen, daß hinter jeder Rolle
ihre Schöpferkraft steht, die sich in der nächsten Festvorstellung
sofort in eine andere Gestalt verwandeln kann. Sie werden verstehen,
daß sie nur als augenblickliches Geschöpf die Rolle im Feste
spielen. Und daß sie dem Fest gerecht werden sollen und keine Spiel-
und Festverderber werden sollen, das fordern alle Leben auf Erden
von ihnen. Das fordert, wenn sie sich ehrlich fragen, ihr eigener
Schöpfertrieb. Und nichts anderes haben sie auf der Erde zu erfüllen,
als festlich tätig zu sein, um festlich feiern zu können.

Wo und wie soll ich anfangen, so festlich zu werden? -- Wenn mich
das ein Erwachsener fragen würde, einer, dem man nicht als Kind vom
Lebensfest erzählt hätte, so würde ich ihm sagen: „Du brauchst nicht
erst anzufangen, anders zu werden. Du bist es schon, was du sein
willst. Du bist in diesem Festglauben geboren. Sage mir nicht, daß du
es nicht fühltest, daß du festlich geboren bist, festlich auch in den
tiefsten Sorgen, festlich auch bei dem größten körperlichen Leid.

Du bist nie anders gewesen als festlich, du konntest auch nie anders
sein. Was dir aber gefehlt hat, das war das Bewußtsein deiner
Festlichkeit und deiner Schöpferallmacht. Mache dir deine Weltallkraft
bewußt, macht es euch alle bewußt, daß Geburt, Liebe und Tod zusammen
eure wirkliche festliche und eure unwirkliche festliche Welt bedeuten,
daß ihr ewig und unerschöpflich die unsterbliche Schöpferkraft selbst
seid.“

Macht dieses euch bewußt, sagt es einer dem andern; macht es den
Kindern bewußt, ruft es den Leidenden und den Kranken in die
Erinnerung; sagt es euch selbst, wenn ihr die Liebsten um euch sterben
seht, wenn ihr selber leidet und sterben wollt; sagt es in eurer
Todesstunde euch und denen, die ihr beim Sterben verlassen müßt.

Sagt dieses auch den Hochmütigen, den Tyrannischen, den sich
übermächtig Aufmachenden; sagt es den Gedemütigten, den Erniedrigten,
den Lebensmüden: Alles gehört ihnen im Weltall und nichts. _Alles
sollen sie als Gast genießen und alles als Gastgeber hergeben beim
unerschöpflichen Fest ihrer Schöpferkraft._

Wenn ihr euch umseht in der Welt, -- in jeder Handlung, in jeder
Lebensgestalt fühlt ihr überall Schöpferkraft, nicht bloß in den
Menschen. Alle Gestalten sind gestaltgewordene Schöpferkraft. Ihr müßt
die Tiere nicht dumm nennen, die Steine nicht gefühllos nennen, die
Bäume und Pflanzen nicht als unverständige Wesen ansehen.

Ja, selbst die Dinge, die ihr aus eurer Schöpferkraft, aus eurem Geist,
aus den Gestalten der Erde zusammenfügt, den Tisch und den Stuhl, den
ihr euch gezimmert habt, das Bett und den Schrank, eure Werkzeuge und
eure Maschinen, -- vom Augenblick, wo ihr sie schuft und sie benennt,
sind es Wesen von eurem Geist geworden, lebende Gebilde eurer ewigen
Schöpferkraft.

Denn auch die toten Dinge haben durch euch äußeres Leben und innerstes
Leben erhalten. Ihre Gestalt wird wie eure Gestalt abgenützt und
abgelegt, aber ihre Schöpferkraft geht nicht verloren, und diese Dinge
werden sich aus euch wiedergestalten.

Denn auch die toten Dinge sind zum Feste gekommen, auch sie leben
festlich. Auch sie werden krank, auch sie werden müde, denn auch sie
arbeiten für euch, indem sie euch nützen, auch sie werden alt wie
ihr, auch sie haben ihre bestimmten Festgesetze, die aber natürlich
grundverschieden von denen der Menschengestalt sind.

Wenn ihr euch tief zu eurer inneren Welt zurückzieht oder euch zu
ihr erhebt, so könnt ihr das Lebensgesetz, die Schöpfungsidee, den
Schöpfungsgenuß, die jeder Gestalt zugrunde liegen, verstehen, _denn
ihr wißt im Grunde alles_.

Ihr dürft aber die Dinge um euch nicht mit euren Menschengesetzen
messen. Ihr sollt nicht sagen: „Schrank, sprich Menschenworte, wenn du
lebst, wie ich. Dann will ich dir dein Leben glauben.“

Ihr könnt nicht sagen: „Tisch, bewege dich mit deinen Beinen vorwärts
wie ein Tier. Dann werde ich dir glauben, daß du lebst.“

Ihr sollt nicht sagen: „Stuhl, verneige dich vor mir. Dann will ich dir
glauben, daß du lebst.“

So sollt ihr auch nicht zum Stein sprechen: „Friß Fleisch und weine
Tränen!“ Und da er das nicht kann, verachtet ihr ihn und nennt ihn
leblos.

So könnt ihr nicht zum Baume sagen: „Trage beliebige Früchte, wenn ich
es befehle, damit ich erfahre, ob du meine Menschenstimme hörst und
dich mir verständlich machen willst.“ Oder: „Baum, fliege fort wie ein
Vogel und komme aus dem Tal auf den Berg.“

Ihr werdet nicht zum Pferde sagen können: „Wenn du menschenähnlich
bist, dann gehe aufrecht wie wir Menschen auf zwei Füßen dein Leben
lang.“

Und zum Vogel dürft ihr nicht sagen: „Du kannst nicht so klug und so
festlich sein wie wir, weil du nicht in Häusern mit vielen Zimmern
wohnst, weil du keine Menschengenüsse kennst, keine Menschenbücher,
keine Menschenbilder, keine Menschenmusik verstehst.“

Darauf muß euch euer Weltallverstand antworten, der ebenso im Vogel,
zu dem ihr sprecht, wie in euch regiert: „Wenn du fliegen könntest,
Mensch, von Ast zu Ast, so würdest du zwischen Blüten erfahren, in
welch herrlicher Welt ich lebe. Die Blüten, die für dich, Mensch, klein
sind, sind für mich, den kleinen Vogel, so groß, daß, wenn sie in
deiner Welt wären, sie im Verhältnis zu dir so groß wie dein Kopf sein
würden und noch größer, ja, manche Blumen wären so groß wie du selbst.

Denke dir, in diesem wunderbaren Reich zu fliegen unter Millionen
mühlsteingroßer Blüten! Wenn du dann fliegen dürftest; wenn du in den
Äther hinaufsteigen könntest, wie ich, kleine Lerche, nur getragen
von dir selbst, so wie dich deine Füße über die Erde tragen, aber
nicht getragen von Flugmaschinen, von Motoren; getragen von dem Drang
in deiner Brust. Stelle dir vor, dich hoch, hoch von aller Welt und
Wirklichkeit entfernen zu können, getragen von dem Liebesdrang im Äther
ein Liebeslied zu jauchzen, um der Geliebten zu zeigen, wie hoch deine
Liebe auch deinen Körper über alle Dinge erhebt.

Welch ein Fest, Mensch, würdest du dann fühlen! Würdest du nicht gerne
die Bücher, die Säle, die Bilder und deine Menschenkunst verlassen?

Tu es, und nimm im nächsten Leben die Gestalt einer Lerche oder
die einer Nachtigall an; denn es ist dir ja ein kleines, dieses zu
tun, wie es mir ein kleines sein wird, Mensch zu werden, wenn mich
mein Vogeldasein ermüden sollte und mich ein innerer Wunsch zur
Menschengestalt hindrängen sollte.

Meine Schöpferkraft ist auch deine Schöpferkraft. Du kannst mir
nachfühlen, auch ich kann dir nachfühlen. Wir sind verschieden und doch
nicht verschieden voneinander, da wir beide wirklich und unwirklich
leben, da wir beide im äußeren Leben scheinbar getrennt sind, im
inneren Leben aber unzertrennlich dasselbe sind, Besitzer einer und
derselben ewigen Schöpferkraft.“

So würde der Verstand des Vogels zu dir sprechen, o Mensch, wenn dein
Verstand ihn fragen würde. Und so wird jede Gestalt des Lebens, jedes
Lebewesen, wenn du willst, dir ihr äußeres Leben verschieden von
deinem erklären, aber im inneren Leben seid ihr ein und dasselbe, ihr
Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und Dinge.

Ihr steht alle zusammen in Fühlung, in Verstandes- und Gefühlsfühlung,
geboren unter verschiedenen Gesetzen, aber alle seid ihr dasselbe, die
_eine_ einheitliche Schöpferkraft, die im äußeren und inneren Leben das
ewige Schöpfungsfest feiert.

_Keine Schöpferkraft steht über euch; die Kraft liegt in euch. Alle
Gestalten haben sich zusammen ausgedacht, und es wohnen alle Gestalten
deshalb auch in jedem einzelnen von euch. Das große Fest zerfällt in
viele kleine Feste, und alle Feste zusammen bilden das Schöpfungsfest,
das immer war und immer sein wird, und bei dem ihr immer anwesend wart
und anwesend sein werdet, und bei dem ihr mitgeschöpft habt und immer
mitschöpfen werdet._

Kommt aber da einer und sagt mir: Was hat es für einen Sinn, dieses
ewige Sichverwandeln, dieses ewige Schaffen ohne Ende? Wo will das
Schaffen hin? Wenn auch Schaffen Genuß ist, wird dieser Genuß nicht
eintönig?

So frage ich dich zurück: Hat dein Herz in den neunzig Jahren, die du
vielleicht gelebt, eine einzige Stunde stillgestanden? Hat nicht dieser
kleine Muskel eine Titanenaufgabe erfüllt? Wie kannst du denn da mit
dem Hauch einer Sekunde zweifeln wollen an der unerschöpflichen Lust
der Schöpfungskraft, wenn dein eigenes Herz dich Lügen straft?

Dieses soll dir aber nicht genug Erklärung sein. Ich will dich gar
nicht erinnern, wie sehr du als Kind nach dem Leben verlangtest und
dich sehntest, mithelfen, mitleben, mitfeiern zu dürfen. Ich will dir
nur sagen, wenn du ein alter Mann oder eine alte Frau bist, die mich
so fragt: erinnere dich, als du in der Mitte deines Lebens standest,
auf der Höhe deiner Schöpferkraft, als du dir vorkamst, als wenn alles
dir gelingen würde und dein Körper noch stolz war, dein Blut spielend
durch deine Adern lief, dein Rücken, dein Knie, deine Ellenbogen, deine
Gelenke alle herrlich elastisch waren, dein Geist mutig und dein Herz
voll Wohlbehagen -- würdest du da gesagt haben: Es ist eintönig, ein
Mensch zu sein?

Und wenn dir in der Fülle deiner Kraft, dir, Mann, das Weib
gegenüberstand, das du liebtest und das dich wiederliebte, und nach
dem du vor Sehnsucht branntest, sobald sie dich ansah, und sie vor
Sehnsucht herrlich demütig wurde, wenn du sie ansahst; oder wenn dir,
Weib, der Mann, nach dem du verlangtest, begegnete, glaubst du, Mensch,
daß dann dieser Augenblick eintönig war?

Glaube mir auch, daß, wenn du diesen Augenblick wieder erleben würdest,
in anderer Gestalt, wieder auf dem Gipfel deiner Kraft, glaube mir, er
wäre in keiner Lebensgestalt eintönig. Der Liebesaugenblick ist bei
allen Gestalten ein Augenblick von unerschöpflichster Seligkeit und
Lebenslust und höchster Lebenshöhe.

Ob du in einer Blüte bist mit deinem Weibe und der eine von euch ist
Stempel und der andere ist Staubfaden, oder ob du ein Tiermännchen
bist und dein Weib ein Tierweibchen irgendwelcher Tiergestalt, oder
ob du als Atom in den Steinen liegst, zusammengepreßt in Kalk- oder
Sauerstoffverbindung, -- wo und wie du dich auch mit deinem Weib
gestaltet hast, überall wirst du den Lebenshöhepunkt auf dem Gipfel
deiner Kraft im _Liebesaugenblick_ finden, in der Liebesumarmung, wobei
du, Mann, und du, Weib, euer inneres Leben und euer äußeres so dicht
zusammenlegt, daß ihr in der Schöpferkraft eins seid.

_Und in diesem Augenblick erkennt sich die Schöpferkraft selbst. In
diesem letzten Augenblick der höchsten Liebesvereinigung, des tiefsten
Ineinandersinkens erlebt ihr ein größeres Sichselbstvergessen als im
Tod und zugleich ein höchstes Sichselbstbetätigen, einen stärkeren
Augenblick, als der war, da ihr ins Leben tratet, stärker, als es eure
eigene Geburt für euch war und alles, was ihr im Leben tatet._

Und aus dem fortpflanzenden Liebesaugenblick heraus, der aller
Lebewesen höchstes Fest ist, höher als das Geburtsfest und höher als
das Todesfest, der das Fest der neuen Verwandlung ist, könnt ihr, wenn
auch eure Lebensgesetze euch von allen anderen Leben trennen, den Weg
zur Verständigung mit allen anderen Gestalten finden. _Denn in der
Liebeslust gipfelt die Lust aller Leben, -- der Liebe streben alle
Leben im Weltall zu._

       *       *       *       *       *

_Außer der Liebe gibt es im ganzen Weltall keine höhere Seligkeit, für
jede Gestalt bedeutet die Liebe die höchste Lebenshöhe, sie ist für
alle Leben das einzige Lebensziel, die höchste Lebensfestlichkeit, die
das Weltall kennt._ --

Aber ihr werdet mir sagen: der Schrank gebiert doch keine Schränke, der
Tisch und der Stuhl doch keine Tische und Stühle! Wo ist das Liebesfest
und der Schöpfungsakt bei den toten Dingen?

Der Schreiner, der den Schrank ausgedacht hat, ist Vater und Mutter
des Schrankes. Ihr habt doch gehört, daß alle Dinge zu euch Vater
und Mutter sein können. Alle haben etwas an euch geboren. Und da der
Schrank ein zugehöriges Stück zum Menschen ist, so mußte er auch von
einem Menschen zuerst für das Menschenleben geboren werden.

_Denn, seht, Wünsche sind so gut Lebewesen, wie es Gedanken sind._ Der
Leib des Menschen sprach zum Kopf des Menschen: Bau mir einen Behälter
für meine Kleider. Und der Kopf des Menschen sprach: Du, Leib, dem ich
diene, so wie du mir, Kopf, dienst, schicke deinen Wunsch tief ins
Herz, so daß er ein Herzenswunsch wird. Dort laß ihn rufen und sich
sehnen nach Vereinigung mit einem Gedanken in mir, Kopf.

Und seht, der Leib tat so und schickte den Wunsch zum Herzen, wie er es
mit allen Wünschen tun muß, wenn sie etwas erreichen wollen.

Und im Kopf machte sich der Gedanke auf, der längst für diesen Wunsch
vorbereitet war, so wie ein Mann geboren ist für eine Frau. Und Gedanke
und Wunsch kamen zum Herzen und umarmten sich im Herzen. Und die
Schöpferkraft, die sie erzeugten, setzte den Menschen in Bewegung.

Und der Mensch nahm die Bretter, die er aus einem Baumstamm gesägt
hatte, und seine Hände setzten die Bretter zum Schrank zusammen. Und
siehe, Wunsch und Gedanken, vereinigt im Herzen, freuten sich über ihr
Geschöpf, den Schrank, den sie geschaffen.

Und als der Leib seine Kleider dann in den Schrank legte, war der
Wunsch befriedigt, und auch der Gedanke war befriedigt. Und der Kopf
nickte auf dem Leib, und Wunsch und Gedanke, beide sahen ihr Werk, den
Schrank, an und freuten sich festlich.

Und so, aus Wunsch und Gedanken, aus dem Liebesakt von beiden im Herzen
des Menschen, wurden alle Dinge geboren, die der Menschenleib nicht
vorfand, und die der Wunsch und der Gedanke für das Menschenleben
schaffen mußten. Doch das Leben solcher geschaffenen Dinge kann
natürlich nicht seinen Zweck ändern, und es endet, wie alle Leben, bei
der Zweckerfüllung. Wir können nicht zum Schrank sagen: „Sei du heute
die Treppe des Hauses oder gib uns heute Licht wie die Lampe.“

Erfüllen die Dinge ihren Zweck gut, so sind sie gutgeratene Dinge und
können lange leben.

Der Zweck eines Gegenstandes ist sozusagen das innere Leben des
Gegenstandes. Der Zweck bedingt die Gesetze des Gegenstandes, unter
denen derselbe leben soll, und von denen seine äußere Gestalt bedingt
ist. Die Gegenstände leben darum innerlich und äußerlich, wie die
Menschen, die auch für ihre Menschengestalt ihre Gesetze und ihren
Zweck von ihrer Weltferne für ihre Weltnähe vorgeschrieben bekommen
haben.

Da der Schrank sozusagen ein Glied ist am Menschenleben, so kann er
nicht sich selbst und keine neuen Schränke erzeugen; denn dein Arm an
dir bringt auch keine neuen Arme hervor, dein Kopf setzt keine neuen
Köpfe zwischen deine Schultern, weil er ein Glied an dir ist; die
Glieder selbst pflanzen sich nicht an dir fort. So pflanzt sich auch
kein Schrank fort, der ein Glied deines Menschenlebens bedeutet, da du
ihn dir für deinen Leib geschaffen hast.

Und Glieder des Menschenlebens sind alle Gegenstände, die du dir zum
Leben schaffst, wie der Schrank, wie der Stuhl, wie der Tisch, wie
die Lampe, wie dein Haus, wie dein Kleid, wie alle Maschinen und alle
Kunstwerke, die du dir zur Erhaltung deines Leibes und deines Geistes
erschaffen hast, das heißt, zum Fest deines Menschenlebens, deines
inneren und äußeren Daseins.

Du wirst jedoch, wenn dein Arm seinen Zweck erfüllt, aber sich nicht
an dir fortpflanzt, nicht behaupten wollen, dein Arm sei kein lebendes
Wesen, er sei ein totes Ding. Er besteht aus lebenden Schöpferatomen so
gut wie die Bretter des Schrankes. Sie sind ja gewachsen, die Bretter,
als der Baum wuchs, dem sie angehörten.

So ist dein Arm gewachsen vom Mutterleibe an bis zum Tage, wo dein
Wachstum stillstand. Aber da er jetzt nicht mehr weiterwächst, dein
Arm, und da die Bretter des Schrankes nicht mehr weiterwachsen, sind
sie deshalb doch nicht tot.

Frage nur den Schreiner, ob der Schrank nicht lebt. Wenn er neu und
das Holz zu grün ist, werfen und spannen sich die Bretter. So wie das
Fleisch deines Armes für Wärme und Kälte empfindlich ist, so ist das
Fleisch des Schrankes, das heißt, seine Bretter sind für Wärme und
Kälte empfindlich und leben. Und so wie dein Arm im Alter mürbe wird
und lahm und müde und die Frische und die Lebenslust einbüßt, so geht
es mit dem Schrank. Sein Holz wird mürbe, und das Holz kann Krankheiten
bekommen durch Feuchtigkeit und Nässe. Wucherungen entstehen, so wie in
deinem Fleisch, so auch im Holz.

Und nicht bloß dem Holz und deinem Arm ergeht es so. Frage die
Baumeister, die sich auf Eisen und Stein verstehen. Frage die Gärtner,
die sich auf Erde verstehen. Eisen, Stein, Erde, wenn sie lange gelebt
haben und dem Weltfest dienten und genug mitgefeiert haben, Stein,
Eisen und Erde können krank, müde, mürbe und untauglich werden. Und
wenn sie von den Menschen zu Gegenständen verarbeitet waren, dann
können sie, wenn sie müde werden, auch nicht mehr ihr inneres Leben,
nicht ihren Zweck mehr erfüllen.

Da aber mit den Gegenständen -- die wir nur mit erweiterten Gliedern
unseres Menschenlebens vergleichen können, wenn wir sie in ihrer
Gestalt betrachten und verstehen wollen -- also nur ein Teil von uns,
ein Glied von unserem Leib stirbt, sind wir auch nicht so traurig,
wenn wir diese Gegenstände sterben sehen, als wenn wir ganze Menschen
sterben sehen. Denn der Verlust eines Armes, eines Zahnes, eines Ohres,
eines Beines ist uns wohl sehr wichtig, aber doch nicht so wichtig als
der Verlust einer ganzen Menschengestalt.

Sehen wir aber von der Gestalt ab und denken, daß Lebensatome,
Lebenskräfte, mit den Gegenständen oder mit den Gliedern, die wir
verlieren, um uns verschwinden, so können wir, wenn wir uns auf einen
höheren Empfindungsstandpunkt stellen, uns sagen: die Atome und Kräfte
dieser Gegenstände oder Glieder sind ebensowenig wie die Menschenatome
und ihre Atomkräfte, die mit dem einzelnen Menschenleben scheinbar
aufhören, verschwunden. Sie wirken seit Ewigkeit und wirken in Ewigkeit
fort. Die Schöpferkraft in uns, die den Schrank gebaut hat, und die den
Menschenarm zum Menschenleib aus Wunsch und Gedanken geschaffen hat,
diese gibt dem Schrank ähnlich ewiges Leben, wie sie dem Menschenarm es
gegeben hat.

Ich will damit sagen: die Entstehung des Schrankes aus Wunsch und
Gedanke gehört wie der Mensch im letzten Grunde der Urschöpferkraft
aller Leben an. Und die ist nicht weniger ewig zu nennen, ob sie nun
Glieder des Leibes, wie Arme, oder sogenannte tote Dinge, wie Schränke,
ausdenkt.

Mit dieser Auseinandersetzung habe ich darauf hinweisen wollen, daß
nicht bloß der Mensch zum Menschen reden soll und kann. Sondern Tiere,
Pflanzen, Bäume, Steine, Erde, Holz, da sie mit dem Menschen Wesen
und Glieder desselben ewigen Lebens sind, so können sie und auch die
„toten“ Dinge ihr Leben einander und den Menschen mitteilen. So gut
wie der Vogel den Menschen überzeugen kann, wenn letzterer sich in des
Vogels Leben vertieft, wie schön es dieser in der Luft hat, so können
auch die Gegenstände im Zimmer zum Menschen überzeugend reden und
können von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Frische, von ihrem Alter,
ihren Krankheiten und ihren Erinnerungen zu dir, Mensch, reden.

Und diese Gedanken und Gefühle, die dir, Mensch, beim Anblick toter
Dinge im Herzen zu reden beginnen, _das ist die Sprache der stummen
Dinge_. Höre darum deinen Gedanken und Gefühlen zu, wenn du vor der
Welt und ihren Dingen sitzt. _Die Gedankensprache und Gefühlssprache
ist die Weltallsprache._

Der Gedanke und das Gefühl sind die Stimme, mit denen die Gestalten
des Lebens, die Lebewesen und die von den Menschen geschaffenen
Gegenstände, sich deinem Herzen und seiner Schöpferkraft verständlich
machen wollen.

Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit
Gefühlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe
bitten, daß du tätig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir
selbst helfen, daß du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir
droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, daß sie müde sind und
sterben wollen und die Gestalt wechseln möchten. Mal wollen sie dir
in ihrer Tätigkeit gefallen und deinem Gefühl mit ihrer Farbe und mit
ihrer Linie mitteilen, wie schön, stark und ewig das Lebensfest ist.

_Sage darum niemand, daß nicht im Menschenleben die ganze Welt zu uns
kommen kann und wir nicht zur ganzen Welt kommen können._ Die Gedanken
sind die Klänge und Worte der Festlichkeit, und das Gefühl gibt die
Rhythmen und den Takt an, mit dem uns das Weltallfest jeden Augenblick
anders umgibt.

_Gedanken und Gefühle sind die Sprache, die die Weltalleben
untereinander verbindet._ Glaubt nicht, daß nicht jedes Tier denken und
fühlen kann. Jedes Gras denkt und fühlt; jeder Baum, jeder Stein, die
Berge, die Wolken, der Fluß, die Sterne, Sonne, Mond und Erde denken
und fühlen. _Alles Leben schickt sich Gedanken und Gefühle zu, alles
steht untereinander immer in ewiger Fühlung, denn alles Leben ist eine
und dieselbe Schöpferkraft, alles besitzt eine und dieselbe äußere und
innere Welt._

Eine große unendliche Lebensfühlung waltet im Weltall, und die
äußersten Sterne der Milchstraße sprechen ebenso deutlich zur Erde, wie
deine Freunde in Amerika oder China, nicht bloß mit Telephon, Telegraph
oder Brief, nein, mit den Gedanken und Gefühlen, mit dir sprechen.

Wir wissen jetzt, daß wir ohne Draht von einem Meeresschiff auf dem
Ozean zu einem anderen Meeresschiff, das wir weder sehen, hören, noch
von dessen Dasein wir eine Ahnung haben, durch die „Telegraphie ohne
Draht“ Gedanken aufnehmen und Gedanken, also auch Gefühle, hinleiten
können. Und, stellt euch nun vor: jedes Atom im Weltall ist Besitzer
eines solchen Gedankenübertragungsapparates, da es Besitzer der
Schöpferkraft ist, die seit Millionen Jahren unausgesetzt denkt,
handelt und empfindet.

Ihr werdet mir sagen: zum Denken gehört ein Gehirn.

Wer an die Schöpferkraft des Atomes glaubt, kann sich leicht
vorstellen, daß jedes Atom ein Gehirn besitzt. Denn im Weltraume
gibt es eigentlich kein groß und klein und auch keine Zeit. Es
gibt nur Unendlichkeit in den Größenbegriffen dort und Ewigkeit in
Zeitbegriffen. Also, welche Welt kann nicht in jedem Atom vorhanden
sein!

In jedem Atom können auch Sonnensysteme sein und kann auch ein Weltraum
sein, da des Atomes Kleinheit nur im Verhältnis zum Menschen die letzte
Kleinheit bedeutet. Aber im Verhältnis zur Ewigkeit ist das Atom noch
ein Weltraum, noch ein Weltraum voll Weltkräften, voll Weltempfinden,
eine Weltschöpfung, eine Unendlichkeit in der Unendlichkeit.

       *       *       *       *       *

Wer Frieden im Ohr mitbringt und die Sehnsucht im Willen, sich
aufzuklären, der wird klärende Worte wie Öltropfen in seinem unruhigen
Welttasten empfinden. Und diese Worte werden wie Inseln in ihm werden,
auf denen seine Sehnsucht nach Ruhe und Überblick Fuß fassen kann.

Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird
die Unruhe nicht Fuß fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen
Dämmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper
Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von früheren
falschen Idealen unbefriedigt, von früheren halben Lösungen angewidert;
der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die
Geduld besitzt, es in Ruhe auszukämmen. Und er wird sich Schmerzen
bereiten aus einer unnötigen Ungeduld heraus. Darum gönnt euch Geduld,
diesem Buch zuzuhören.

Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklärung, die
sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat,
vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht hätte ich, daß ich weniger
Unruhe begegnen würde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr
weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum.
Ich möchte, daß es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr
Verinnerlichung und mehr Verständnis für die Weltleben, für Naturleben
und für Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom
Lebensfest geerntet wird.

Der Kapitän des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir,
als die Anker in Nagasaki Grund faßten: „Herr Dauthendey, so lange Sie
jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein
Kind schreien hören und niemals sehen, daß ein Tier geschlagen wird.“

Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit
behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern,
unendliche Geduld zu üben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es
ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verständigen will,
unendliche Geduld zu üben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl
beim Kind als beim Tier. Und für alle Leben, mit denen man in Beziehung
treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig möglichen
Verkehrsmittel, die angewendet werden müssen, weil sonst überhaupt
keine Verständigung möglich ist, keine Übertragung von Gedanken und
Gefühlen dieser lautlosen, aber überall den Verkehr ermöglichenden
Weltsprache.

Denkt euch einem Franzosen oder einem Engländer gegenüber, dessen
Sprachen ihr noch nicht geläufig versteht, so könnt ihr doch bei Geduld
und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen.
Denn es ist durchaus nicht nötig, die Sprache der verschiedenen
Völker oder der Tiere, der Vögel oder aller Dinge in ihren Lauten
auszuklügeln.

Es ist auch nicht nötig, die Zeichensprache der windbewegten Bäume, der
Gräser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergründen. Es ist
auch nicht nötig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten
bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.

Dieses Deuten überlaßt denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des
Weltallebens widmen wollen.

Ihr alle aber könnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn,
ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit
über euch selbst breitet und den Gedanken und Gefühlen so den Zutritt
laßt, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen
Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.

Hört, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht,
hört auf die Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, die zu eurem
inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem äußeren Ohr auf die Sprache und
Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkürlichen
Gedanken und Gefühlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens
miterleben.

Hört auf die Gedanken, die euch übertragen werden von den euch fremden
Wesen, auf die stille Gedankenwelt und Gefühlswelt, die die allgemeine
Weltsprache ist, und wißt es: _auch eure Gedanken und Gefühle dringen
ein in die anderen Leben um euch_.

Ihr braucht dabei nicht an das Wort „Gedankenlesen“ zu denken. Ihr
sollt gar nichts an eurem Wesen ändern, um die Welt zu verstehen.
Ihr sollt nur Geduld und Freundlichkeit und _Lebensfestlichkeit_
unausgesetzt über euch verbreiten. Dann wird euch von allen Leben
zugesprochen und dadurch geholfen, geraten, gewarnt und zugeplaudert,
so wie ihr es nie erwartet habt, daß dieses möglich wäre zu erleben.

Ihr braucht euch aber nicht immer dazu still hinzusetzen und auf die
Welt zu horchen. Gerade mitten in der Tätigkeit, wenn ihr euerer
Beschäftigung am ernstesten nachgeht, spricht irgendein Ding oder ein
Lebewesen um euch seine Gedanken zu euch aus, manchmal betreffs eurer
Arbeit, manches Mal ein Urteil über eure Vergangenheit, manches Mal
einen Gedanken oder einen Vorausblick in eure Zukunft.

Nur _der Glaube_ an die Weltallsprache sei euch gegeben, denn das
_innere Wissen_ habt ihr alle längst selbst gehabt. Freunde müßt
ihr sein mit allen Lebewesen, möglichst geduldige, vertrauende und
liebevolle Freunde, mit allen Gegenständen um euch, mit allen Lebewesen
um euch. Denn nur Freunde werden euch warnen, werden euch helfen und
zusprechen.

Glaubt nicht, daß ihr euch ungestraft Menschen, Tiere und auch tote
Dinge zu Feinden machen könnt. Ihr könnt euch die ganze Welt zu
Feinden machen, wenn ihr ungeduldig, unfreundlich handelt und auf die
Gedankensprache der Welt nicht hören wollt. Dadurch werdet ihr dann
viel leiden und vielleicht zuletzt gezwungen werden, wenn ihr die
ganze äußere Welt euch zu Feinden gemacht habt, die Gestalt, in der
ihr gelebt habt, abzulegen, früher vielleicht abzulegen, als ihr es
vorhattet, und müßt euch verwandeln, um eurem Haß und dem Haß der Welt,
den ihr auf diese Gestalt geladen habt, zu entgehen.

Vielleicht gelingt es euch aber in anderer Gestalt, unter anderen
Verhältnissen, friedfertiger, geduldiger und freundlicher euch die Welt
zu Freunden zu machen und das Weltfest genußreicher zu feiern, als ihr
es vorher tatet, _denn ihr seid immer Schöpfer eurer Zustände_.

Vom Tage an aber, an dem ihr annehmt, daß ihr an einem weise gefeierten
Fest teilnehmt, könnt ihr vielleicht gar nicht anders als euch
freundlich und geduldig und festlich benehmen. Denn welcher Mensch,
wenn er Gastgeber oder Gast ist, könnte seine Lust darin finden, eine
Feindschaftsfeier statt einer Freundesfeier bei einem Fest zu erleben!
Wenn einer so entstellt ungeduldig und unfreundlich zu einem Fest
erscheinen wollte, würde er sich bald hinausgewiesen fühlen und würde
erst wiederkommen dürfen und wollen, wenn er sich in festlicher Gestalt
zeigen kann.

Wohl mag es vorkommen, daß einer sich den rauhen Spaß machen will, sich
Spielverderber zu nennen, und hunderte Male wiederkommt und immer als
Feststörer. Auch diese wird es geben und immer wieder geben müssen,
weil wir Gestalten innerer Schöpferkraft sind, weil Leben aus Licht
und Schatten, Freude und Leid bestehen muß und nur der Wechsel das
festliche Leben erzeugt.

Darum setze ich hinzu: _die große festliche Weltallschöpfung wird
nicht gebessert werden durch diese Weltanschauung, wie niemals eine
Weltanschauung die Schöpfung gebessert hat. Denn die Schöpfung ist
nicht zu bessern und nicht zu verschlechtern. Sie ist ein ewiger Wandel
von Tag und Nacht, von innerer und äußerer Welt, von tiefster Ruhe und
höchster Gestaltungsunruhe, sie ist unsere ewige Schöpferlust._

Es ist nur ein neuer Wandel, der mit der neuen Weltanschauung über die
Welt kommen wird, weil die alte Weltanschauung abgetreten, ausgeleiert,
nichtssagend, mürbe, alt und brüchig geworden ist, weil ihre Zeit um
ist und eine neue Zeit neue Ideale, neue Weltüberblicke aus neuen
Aufklärungen heraus für die Menschheit fordert, und die früheren
Weltanschauungen für uns nicht weitsichtig genug, nicht mehr äußerste
Weltüberblicke sind. So wie ihr alte Kleider ablegt, weil sie eng
werden, weil sie sich nicht mehr erweitern lassen, weil ihr eure Formen
verändert habt, sie aber ihre Formen nicht mehr bewahren können, so
wechseln auch die Weltüberblicke der Menschheit, die sie sich über das
Leben machen muß.

Die Götterlehre der Griechen und Römer, die Götterlehre der alten
Germanen und Kelten, die Götterlehre der Egypter, die Götterlehre
der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Völker, die
jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet
haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, daß
das damals scheinbar Unerschütterliche erschüttert werden konnte,
absterben und schwinden konnte.

Der Leser wird selber verfolgen können, wenn ich ihm jetzt die
Entstehungsgeschichte meiner Bücher und die Richtung meiner
Lebenswege schildern werde, daß ich alle Kraft, alle Arbeit,
Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem
Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefühl schöpfen konnte.

Aber man möge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der
Rede des Pharisäers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und
sagte: „Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohltätig
gewesen.“

Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt
niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde,
herauslesen, keinen Übermut und keine Überhebung über alle die, welche
anders denken.

Es fällt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht
begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich
ans Dunkel gewöhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den
sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom
Dunkel zum Licht gewöhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung
für die wärmste unter der Sonne.

Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder
als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder
nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaos
betrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine
unheilbare Krankheit -- denn alle diese Anschauungen habe ich aus
dem Munde lebender Menschen gehört --, wer eine von diesen genannten
Anschauungen vertritt, der möge doch wenigstens seinem heranwachsenden
Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise
Festlichkeit auslegen.

Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und
Freundlichkeit unternimmt, daß er einen größeren Vorteil davon haben
wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die früheren
Kinder waren, weltverständiger und dadurch edler. Und weltverständige
und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glück, Ehre
und Vergnügen bereiten als eingeschüchterte, verheuchelte oder in
Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschöpfe.

Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel
des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, daß sie Schöpfer und Geschöpfe
zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und daß ihre
augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist,
sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.

Sagt ihnen dann weiter: „Wir erinnern uns nicht und könnten nicht
antworten, wenn wir plötzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei
Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht
und erlebt?“ -- So ist es auch mit unserem früheren Leben. Wir kennen
es äußerlich nicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben,
die wir vor zwei Jahren verdaut haben.

_Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben._ Schon die
Sekunde, während ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der
äußeren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer
anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich
wird, bis ihr ausgedacht habt.

Und wie die Sekunde, so ist auch unser eigenes Wesen, wirklich und
unwirklich zugleich. _Und wir sind immer in der Unwirklichkeit so gut
zu Hause wie in der Wirklichkeit. Und mit uns sind das alle Dinge und
alle Lebewesen._

Alle Leben gehören einer greifbaren und einer ungreifbaren Welt an, und
deshalb ist kein Leben nur niedrig und keines nur hoch. Das niedrige
Tier ist niedrig und hoch zugleich. Die niedrigste Pflanzengattung ist
hoch und niedrig zugleich.

Der toteste Gegenstand ist hoch lebend und niedrig lebend zugleich,
denn er ist unwirklich und wirklich zugleich. Der elendste Mensch ist
hoch und niedrig zugleich, vergänglich und unvergänglich, wirklich und
unwirklich.

Und sagt euren Kindern weiter: „Liebe Kinder, wenn ihr das begreift,
daß alles Leben wirklich und unwirklich, hoch und niedrig, greifbar und
ungreifbar, einer inneren und einer äußeren Welt angehörig zugleich
ist, so müßt ihr nicht den Schluß ziehen, als wäre die Welt und das
Leben ein kreisender Unsinn.

Seht, das Leben soll ein weises Spiel sein.“ Deshalb ist es wie jedes
Spiel wirklich und unwirklich. Was die Puppe für das Mädchen und das
Schaukelpferd für den Knaben, das ist das Leben den Erwachsenen: ein
anregendes, aber zugleich auch ein verantwortungsvolles Spiel. Und
wenn ihr spielt, eifrig, glücklich und lebensvoll, dann fühlt ihr euch
festlich.

_Das ganze Leben ist deshalb im Grunde ein feinsinniges mächtiges
Fest, das wir alle zusammen seit ewigen Tagen begehen und ewig weiter
festlich erleben wollen._ Die verschiedenen Gestalten des Lebens,
Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Gegenstände, Lichtstrahlen und
Schatten, alle sind Millionen festlicher Kleider, in denen die
Schöpferkraft, die in jedem Leben wohnt, zur Festfeier erscheint.

Alle kommen, um Freude und Leiden zu erleben und Freuden und Leiden
erleben zu lassen. Das Freudeerleben und Leiderleben ist unser
wechselndes Erleben bei diesem Feste.

Und in jeder Gestalt sind drei große Hauptfreuden zu erleben möglich,
und alle drei Freuden gehören wie die Geschöpfe, wie die Schöpferkraft
auch, zugleich der wirklichen und unwirklichen Welt an.

Die erste Freude, die dir in der Jugend begegnet, wenn du ins Leben
trittst, das ist die _Tätigkeit_, körperliche und geistige _Tätigkeit_.

Die _Tätigkeit_ ist kein Fluch, keine schwitzende Not, keine bloße
Aufgabe, keine nackte Notwendigkeit. _Tätigkeit_, geistige und
körperliche, ist die erste Freude, die dem aufwachsenden Leben zuteil
wird; und diese Freude täglich zu vergrößern, wird jedem eine Lust
sein.

Denn die _Tätigkeit_ kann jedem wohltun wie Essen und Trinken, wie
Atmen und Schlafen, wie Gehen und Liegen. _Die Tätigkeit anderer
betrachten und die Tätigkeit nachahmen, das ist das Lebensfest des
Kindes._

Wenn ihr dann erwachsen werdet, wird euch eine zweite große Festfreude
begegnen: _die Liebe_, wie Vater und Mutter sie zu einander hegen.
Auch die _Liebe_ gehört einer wirklichen und einer unwirklichen Welt
an, so wie die _Tätigkeit_ einer geistigen und körperlichen Welt
angehört. _Tätigkeit_ und _Liebe_ sind dann die beiden großen Freuden
im _Lebensfest des Erwachsenen_, im Lebensfest des Mannes und der Frau.

Und wenn das Alter kommt und mit ihm der Abschied vom Lebensfest, nicht
der Abschied vom ewigen Fest, nur der Abschied von der Gestalt, von dem
Kleid, das wir wechseln sollen, und das vertragen ist, dann kommt eine
Verklärung über euch, ein Rückblick über das Sattgewordensein in diesem
Kleid, das ihr tragt, ein Dankblick auf diese Gestalt, in der ihr tätig
wart und geliebt habt, und es kommt ein leichter Ruhegenuß über euch.

Doch auch dieser ist wirklich und unwirklich zugleich. Und es kommt
die dritte Freude, die letzte große Festfreude über euch: das ist die
Freude an der _Weisheit_. _Wissend_ und _weise_ werdet ihr über das
Fest zurückschauen, ehe ihr eine Pause macht und die alte Gestalt
ablegt und nach einem neuen Kleide greift und euch verjüngt.

Und auch die _Weisheit_ ist wirklich und unwirklich zugleich, und
darum werdet ihr nicht bei ihr verweilen. Die _Weisheit_ ist eine hohe
Kraft, die wir weder als Kind noch in den mittleren Jahren im höchsten
Grade besitzen konnten, die erst beim Lebensabschied errungen wird.
_Die Weisheit ist die Freude des satten Alters._ --

Aber über eurem äußeren und eurem inneren Leben, die wirklich und
unwirklich zugleich sind, ist _wirklich allein eure_ Schöpferkraft.
_Sie ist ewig und unendlich wirkend, sie war seit ewigen Tagen euer
Eigentum. Sie führt euch durch die drei Festzeiten jedes Lebens.
Sie erschafft euch Lebensgestalt um Lebensgestalt. Sie erschuf und
vernichtet eure Gestalt und alle Gestalten um euch. Sie macht euch zum
Geschöpf und Schöpfer. Sie kann euch nie genommen werden. Sie ist euer
unendlicher Besitz und läßt euch ein unendliches Fest feiern, ohne
Müdigkeit, ohne Eintönigkeit, ein unendliches Schöpferfest._ --

Und seht noch einmal um euch! Alles, was ihr um euch empfindet,
das seid ihr selbst. Nicht bloß euer Kleid schuft ihr euch, eure
Schöpferkraft durchströmt alles und alle Leben, alle lebenden und toten
Dinge um euch. Nie seid ihr allein, nie einsam. Nie sollt ihr ängstlich
sein.

_Was immer ihr empfindet, ist euer festlicher Besitz._ Ihr braucht
nicht danach zu greifen. So wie ihr es empfindet, ist es euer Besitz.
Eure Schöpferkraft umschließt es, auch wenn ihr es nicht in den Taschen
und in den Händen haltet.

_Denn eure jeweilige Gestalt ist auch mit allen Leben verkettet._ Wie
euer Leib einen Kopf besitzt und ein Herz, und wie der Kopf eine Stirn
besitzt, und wie das Herz im Besitz von Herzkammern ist, so ist euere
Gestalt eingegliedert als Teil, als Geschöpf in die Welt. Und euere
Gestalt ist Besitz der Welt, wie die Welt Besitz eurer Schöpferkraft
ist. Das heißt: _Ihr seid der Besitz aller, und ihr besitzt alle, --
ihr seid Geschöpf und Schöpfer zugleich._

       *       *       *       *       *

Nun habe ich die Weltanschauung, die sich von 1890 bis 1913 in mir
ganz langsam ausbaute, mit diesen Zeilen dem Leser erklärt. Bewußt und
unbewußt wuchsen die Gedanken in all diesen Jahren in mir auf. Jetzt,
in meinem sechsundvierzigsten Jahr, da das Leben sich bald dem Abstieg
zuneigt, wollte ich dieses Gedankengut, wie es heute in mir lebt, vor
mir feststellen.

Seit jenem Abendspaziergang mit meinem Freund, dem jungen Philosophen,
der mir im Frühling 1890 bei untergehender Sonne, am Main entlang, jene
mir so wichtige Aussprache gab, habe ich diese Weltanschauung zuerst
wie einen Keim wachsen gefühlt, und jetzt überragt sie mich wie eine
Weltenesche, und ich sitze unter schützenden Gedanken, gelehnt an den
festen Stamm meines gefestigten Schöpfungsbaumes und fühle mich im
innersten Leben wohl und zufrieden, ruhig und reich.

Aber erst war ich nicht gleich zufrieden, als ich noch die Reste der
Spinnweben, der alten unfruchtbaren Weltanschauung, in meinen Taschen
und vor Augen hatte, und ich will erzählen, wie es mir da erging.

Auf jenem Abendspaziergang, im Frühling 1890, gab mir mein Freund mit
den neuen Weltgedanken sozusagen das erste Goldstück meines heutigen
Reichseins, und es hatte die Eigenschaft, daß es sich durch fast
dreiundzwanzig Jahre ganz von selbst in meiner Tasche vermehrte.

Als ich in den ersten Wochen damals die Entdeckung machte, daß sich
das Goldstück von selbst, ohne daß ich damit wucherte, zu vermehren
begann, und ich merkte, daß das Gold, wenn ich in meine Tasche griff,
meine Hand mehr und mehr anfüllte, da kam die lächerliche Gier über
mich, das Reichwerden beschleunigen zu wollen. Und mit Jugendhast
und Jugendfrevel verlockte ich meinen Freund, der bisher ruhig
war und dem selbstverständlichen Wachsen des geistigen Goldes mit
Selbstverständlichkeit zusah, meine Gier zu teilen und die Macht, die
wir mit dem neuen Weltgedanken in uns trugen, zu versuchen und zu
stürmischer Bereicherung anzufeuern.

Und das geschah an jenem Augustnachmittag, dessen Schilderung ich nun
dem Leser so lange schuldig bin, daß er längst das Recht hat, sie
ungeduldig von mir zu fordern.

Mein Vater wohnte im Sommer 1890 einige Wochen zu seiner Erholung
auf jenem Gutshof am Nikolausberg. Es ist dies derselbe Hof, wo ich
nach jenem Sturz verweilte und im Gartenzimmer einen Augenblick, an
dem Weihnachtsbaum vorbei auf die Gartenterrasse schauend, mächtig
an törichte Wunderversuche erinnert wurde, die ich damals mit meinem
Freunde im Angesicht der Stadt Würzburg durchlebte.

       *       *       *       *       *

Ich stand an jenem Augustnachmittag im Jahre 1890 an der Terrassenecke,
halb auf der Mauerbrüstung sitzend und an die Fahnenstange angelehnt,
die dort in der Ecke im Boden eingerammt ist. Ich war an diesem
Samstagnachmittag auf jenes Gut gekommen, um meinen Vater zu besuchen,
und sollte über den Sonntag bleiben.

Zwei Wege führen von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf
einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum
Spätnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, während
ich mich im Landschaftszeichnen üben würde.

Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger
Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spät in der
Nachmittagsstunde drückend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich
dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Täler und die Stadt im Tal
lagen noch breit im glühenden Nachmittagsonnenschein.

Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, über
den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte
sich hier leicht Herr der ganzen Welt fühlen.

Ich wurde endlich ungeduldig, weil ich zum Landschaftszeichnen von
der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich
hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: „Ich finde,
wir nützen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst
diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und
ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wäre es nicht einfacher,
wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prüfen, -- ich
meine von ihnen besonders den Gedanken, daß wir Schöpfer und Geschöpf
zugleich sind und keinen einzelnen Schöpfer über uns haben, -- wäre
es nicht möglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, daß wir uns dann auch
im alltäglichen Leben als Schöpfer gebärden müßten, so daß man alle
diese Wunder spielend vollbringen könnte, welche zum Beispiel Christus
vollbracht haben soll?“

So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schöpfer nicht im weitesten
und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, daß ein weiser
Schöpfer seine Schöpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht
willkürlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe
an seinen Werken tätig war.

Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat,
einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schöpfungskraft geben
zu wollen, indem er ganz unnütze und unnötige Änderungen an dem
vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkür walten
läßt und plötzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen
hat, Ohr und Nase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die
Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um
sich zu beweisen, daß er tun kann, was er will, weil er Schöpfer ist.
So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.

So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund
ausführen sollte als sichtbare Beweise für die neue Weltanschauung,
weil diese sagt, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind.

„Daß ich Geschöpf bin, habe ich immer gewußt. Nun will ich auch an mir
erfahren, daß ich Schöpfer bin,“ so hatte ich zu ihm gesprochen. „Wenn
du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschöpf, und der
Schöpfer lebt dann doch über dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder
beweise dir selbst deine Ohnmacht.“

Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas
ganz Unfaßbares -- das sah ich ihm an --, daß ich mich nicht reich
genug fühlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die
allmählich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem
ich im Innersten zustrebte, schöpferisch wirken sollten.

„Du wirst das Schöpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So
geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im
Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an
Lebensverständnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts
zu tun. Wunder sind billige Verblüffungen für das gedankenlose Volk und
nicht nötig für den Denker.“

„Gut,“ sagte ich ungeduldig, „dann rechne ich mich zum gedankenlosen
Volk. Denn, was heißt unumschränkte Schöpferkraft anderes, als daß
du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist übers Wasser
gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser
in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen
seiner Jünger, so sagt man. Und er tat dies, um sie gläubig für seine
Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.

Du willst, daß ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schöpfer beiseite
legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schöpfungskraft
erklären soll. Beweise mir dieses, daß wir Mitschöpfer sind,
durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder laß die Wolken,
die da weiterziehen, plötzlich stillstehen. Tue irgend etwas
Außergewöhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung
zweifeln und will ihr erster Jünger und erster Verkünder werden.“

Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekränkt, halb
beleidigt und zuletzt ärgerlich. Dann aber änderte sich plötzlich sein
Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig
spöttisch und klug.

„Darauf war ich wirklich nicht gefaßt,“ meinte er immer noch lachend,
„daß du darauf verfallen könntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir
noch nie überlegt, ob Wunder nötig sind, um die neue Weltanschauung,
die die _Mündigsprechung der Menschheit_ umfaßt, zu beweisen. Laß mich
überlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen.“

Und er schnitt kurz das Gespräch ab und sprach von etwas anderem, als
wenn er meine Frage vergessen wollte.

Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, daß ich es lächerlich
fände, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schöpfer
zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher
geleistet hat.

„Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung
eingedrungen,“ antwortete er mir kurz. „Die schöpferischen Leistungen
werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie
erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der
Weltvertiefung.

Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden müssen, einen
neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und größere Verinnerlichung
aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt
stellten, daß nur der Mensch ein gottähnliches Geschöpf sei, Tiere aber
unvernünftige Wesen wären und nicht gottähnliche Geschöpfe, und daß
Pflanzen und Steine und alle Gegenstände und Wolken und Licht für den
Menschen tote Dinge bedeuten.

Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von der
_Menschenseele sprach_, aber die die _Schöpfung_ rundum als _seelenlos_
behandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst
du jetzt als Dichter in deinen Gedichten die _Kameradschaft aller
Lebewesen_ gegenüberstellen.

Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklärt habe, ist alles
von Schöpferkraft durchdrungen, alles aus äußerem und innerem Leben
entstanden, und alles lebt ein äußeres und ein inneres Leben, das
heißt, _alles ist Geschöpf und Schöpfer zugleich und lebt so seit
Unendlichkeit und in Unendlichkeit_.

Dieser Friedensspruch, den die Versöhnung aller Leben mit sich bringt,
die Gleichstellung aller Kräfte, die Aufstellung, daß jedes Ding
dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung
und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht
ausgesprochen und nicht bewußt erlebt wurde, diese Weltanschauung wird
gegen die frühere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.

Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den
alten unfreien Gedanken.

Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklärt dir nur,
wer du bist. Sie erklärt, daß du Schöpfer und Geschöpf bist, das heißt,
daß du von dir abhängig bist, von dir und deiner Schöpfung. Sie sagt
dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heißt,
_du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus
Gesetzen entsteht eine Schöpfung. Und als Geschöpf bist du abhängig
von dir selbst als Schöpfer, und es ist selbstverständlich, daß du
als Schöpfer deine Schöpfung liebst, wie du dich selbst liebst._ Ohne
Drohung, ohne daß ein ‚du sollst‘ und du ‚mußt‘ einer fremden Macht
über dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener
Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennst dich
als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natürlichen
Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen
natürlichen Ansprüchen am Lebensfest.

Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein künftiges Leben nach
dem Tode. _Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil
in jedem Augenblick zu._ Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie
dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in
allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklärt dir: _du warst, du bist und
wirst sein Mitgenießer und Mitschöpfer_.

Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schöpferkraft, hast dich,
Geschöpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schöpfung. Und
müssen dich, Geschöpf, Sorgen bedrängen oder Leiden oder Strafen, weil
du die Schöpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann
erlöst du dich als Schöpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst,
indem du dich, Geschöpf, verschwinden läßt und dich in einer andern
Gestalt aufleben läßt. Von tätiger Freude zu tätiger Freude wanderst
du. Dein Wesen ist die unerschöpfliche Schöpferlust und Schöpferkraft,
dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heißt: _Tätigkeit,
Liebe und Weisheit in Unendlichkeit_.“

So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge
Philosoph, heftig auf mich ein. Ich ließ ihn reden und hörte nur
verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und
ich war ein Tor, dessen Schatten erst über die Schwelle der
Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch draußen vor der
Erkenntnisschwelle.

In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort
Schöpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag,
äußerlich vor mir aufleben lassen.

Und ich sagte plump zu meinem Freund: „Du verschanzt dich hinter vielen
Worten, weil du ohnmächtig bist. Du redest von dem Wort Schöpfer und
bist nichts als ein ohnmächtiges Geschöpf. Ich glaube dir nicht mehr.
Es kann manches gut an deinen Erklärungen sein, aber seit Wochen hast
du mich jetzt totmüde gemacht mit deinen immerwährenden Wiederholungen
von Schöpfer, Geschöpf und Schöpferkraft.

Ich will und muß von der Kraft etwas erleben. Von deiner inneren Kraft
bin ich überzeugt. Zeige mir jetzt auch äußere Kraft.“ Und ich fügte
noch, ihn reizen wollend, hinzu: „Der neue Freund, den du mir neulich
vorgestellt hast, der Schweigende, er sagte auch, solange du dich nicht
als Schöpfer beweisen kannst, bleibst du ein weltabhängiges Geschöpf.“

Im selben Augenblick fuhr es mir durch den Kopf: Hat sich denn der
junge Philosoph nicht längst als Schöpfer bewiesen, indem er die
„_Weltauffassung von morgen_“ ausdachte; so nannte ich die neue
Weltauffassung jetzt.

Aber ich übersprang diesen Gedanken rasch, immer auf die Wunder
begierig, die mein Freund als Beweis seiner Macht vollbringen sollte.

„Du willst mich vielleicht gar nicht mehr als Freund anerkennen
wollen,“ sagte er scherzend, als er sich verabschiedete, „wenn ich dir
nicht ein Wunder zeige.“

„Nein,“ entgegnete ich, „ich werde mich für irregeführt halten, wenn du
kein Wunder vollbringen kannst.“

Da sah er mich rasch an, und es war mir, als hätte ich ihn aufs
Äußerste gereizt.

„Also,“ sagte er plötzlich unvermittelt, „ich werde es mir nochmals
überlegen. Vielleicht kann ich, wenn ich nächstens wiederkomme, doch
einige Wunder vollbringen.“

Diese Entscheidung setzte ihn wieder in meine Achtung ein. Wir trennten
uns mit einem kurzen Kopfnicken.

Nach dieser Aussprache waren einige Tage vergangen.

Nun saß ich auf der Terrassenecke und wartete. Beinahe bereute ich
schon, daß ich den an äußerer Ruhe, Geduld und Weisheit mir so
überlegenen Freund mit den heftigen Wünschen nach Wundern in die Enge
getrieben hatte. Denn es waren bereits zwei Tage vergangen, oder
war es eine ganze Woche -- ich erinnere mich heute nicht mehr so
genau, -- seit er sich nicht mehr hatte sehen lassen. Er war öfters
am Spätnachmittag auf das Gut gekommen, wo ich meinen Vater täglich
besuchte und hatte mir beim Zeichnen zugesehen und geplaudert oder mit
meinem Vater Schach gespielt.

Mit Spannung sah ich über die Äcker hinunter, ob ich nicht seinen Kopf
bei der Buchenhecke am oberen Weg oder unter den Obstbäumen am unteren
Weg auftauchen sehen würde. Der andere Freund, der Schweigende, hatte
mir erzählt, daß er ihn lange nicht mehr in den Kollegs gesehen hatte,
und hatte mich an diesem Morgen gefragt, ob der Philosoph krank sei.
Diese Anfrage war am Telephon geschehen, und der Schweigende hatte
gesagt, er wollte heute gegen Abend kommen und mir Nachricht über
unseren Freund bringen.

Da hörte ich unterhalb der Terrasse den Kies des Weges knirschen, und
als ich mich über die Mauerbrüstung bog, sah ich, bereits dicht am Gut
angekommen, den jungen Philosophen. Aber sofort erkannte ich auch,
daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Sein Gang war fahrig,
sein Gesichtsausdruck war, als er mir jetzt zunickte, lebhafter als
sonst. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand, mit dem er sich
unausgesetzt die Handflächen rieb.

Ein leichtes Gefühl von Schuld verdunkelte meine Gedanken. Ein Gefühl
von Bedauern und Ratlosigkeit begann mich zu quälen, denn ich hatte
blitzschnell begriffen, daß der Wunsch, Wunder zu wirken, in meinem
Freund jetzt stärker Fuß gefaßt hatte als in mir vorher; das sah ich
seiner Veränderung an.

Ich sagte mir dann rasch, daß ich alles wieder rückgängig machen
müsse. Es war, als hätte ich den klugen Freund mit der Wunderforderung
kindisch gemacht. Und ich wollte ihm sogleich Abbitte tun und gern auf
alle Wunder verzichten, damit er seine ruhige gelassene Haltung bei
blindem Vertrauen in seine Weltanschauung zurückgewänne.

Ich sah auf einmal ein, daß er recht hatte, wenn er behauptete, daß
seine Weltanschauung genug innere Wunder wirken würde, und daß man
nicht äußerliche Verblüffungswunder von ihr verlangen sollte.

Unheimlich war mir das Taschentuch, mit dem er sich immer die
Handflächen rieb, während er den letzten Rest der Wegstrecke am
Bergabhang heraufstieg. Dann kam er herein in den Garten. Ich hatte ihm
entgegengehen wollen, war aber an der Terrassenecke sitzen geblieben,
um ihn beobachten zu können, und ich wurde mehr und mehr erschüttert.

Er nahm sein Augenglas ab und putzte die Gläser mit dem Taschentuch,
und ich sah, daß seine Augen fieberten.

Er kam näher; er zwang sich zu lächeln, als wir uns begrüßten, aber
sein Blick war nicht mehr ruhig und nicht in sich gekehrt wie sonst,
nicht gefestigt und unerschütterlich. Seine Augen flackerten, als wären
sie von einem Fieber entzündet.

Wir standen eine Weile nebeneinander, und jeder von uns überlegte,
so schien es mir, um eine Gesprächseinleitung zu finden. Aber
das Taschentuch blieb dabei nicht still in den Händen des jungen
Philosophen. Es glitt von seiner einen Hand in die andere, und wenn
er nicht seine Augengläser putzte, so rieb er sich die Handflächen.
Und dabei konnte er nicht ruhig auf beiden Füßen stehen. Er stand bald
auf dem linken, bald auf dem rechten Fuß, und ich fühlte mich immer
schuldbewußter werden.

Plötzlich meckerte er ein Lachen, schielte mich ein wenig von der Seite
an und sagte: „Nun, welches Wunder verlangst du zuerst von mir?“

Da wurde ich wie erlöst, weil ich glaubte, er scherze, und ich sagte
rasch: „Ich bitte dich, vergiß diesen Unsinn von mir. Ich verlange gar
keine Wunder. Ich verlange nur, daß du derselbe Mensch wieder bist, der
du früher warst.“ Und ich sah voll Angst das Taschentuch an, das da
immer noch von seiner linken Hand in seine rechte wanderte und von der
rechten in die linke Hand zurück.

„Du wunderst dich,“ sagte er und fing meinen Blick auf, „daß ich so
unruhig bin. Aber ich habe in mir seit drei Tagen künstlich ein Fieber
gesteigert. Ich habe Unmassen Tee und Kaffee getrunken und Zigarren und
Zigaretten geraucht, um mich aufzurütteln.“

Während er dies sagte, befühlte er seinen Puls und stellte befriedigt
fest, daß das Fieber immer noch stieg. Und er hielt mir seine rechte
Hand hin, damit ich auch seinen Puls fühlen sollte. Das wollte ich aber
gar nicht tun. Mein Herz klagte plötzlich, als läge es irgendwo wie ein
verwundetes Wild im Dickicht. Dieser Mensch, sagte ich mir, zerstört
sich, um seine Weltanschauung zu beweisen, die längst bewiesen ist.
Denn sie ist dadurch bewiesen, daß sie den festlich stimmt, der sie
ernst überlegt.

Ich wußte mir nicht mehr zu helfen. Er meckerte wieder ein
unnatürliches Gelächter. Vielleicht ist er schon ganz von Sinnen, rief
es in mir eilig und ratlos.

„Du willst ja Wunder haben, und das geht nicht nur so ohne
Vorbereitung, wenn man sich mit der Sache noch nicht befaßt hat. Darum
habe ich mich jetzt in diesen Tagen vorbereitet,“ fuhr er fort. „Laß
uns mal eine Probe machen.

Ich will mal versuchen, ob ich vor deinen Augen fortschweben kann
über die Stadt, über das ganze Maintal, hinüber auf die Berge da
drüben.“ Und er deutete auf den sogenannten „Kugelfang“ hin, auf die
Höhenfläche, die im Osten das Maintal abgrenzt und die Stadt Würzburg,
die mit Türmen und Dächern reich im Tal ausgebreitet liegt. „Du mußt
aber fest an die Möglichkeit glauben und keinen Augenblick an mir
zweifeln,“ fügte er hinzu.

Ich wollte abwehren. Er sah es mir an, daß ich nicht mittun wollte, und
rief aus: „Nun, das ist noch schöner! Jetzt, wo ich mich vorbereitet
habe, willst du gar keine Wunder haben. Aber jetzt gibt es keinen
Rückweg. Jetzt will _ich_ die Wunder haben,“ behauptete er. „Willst du
nun daran glauben oder nicht, daß ich das Wunder fertig bringe?“

Ich verstand, daß er sich fest vorgenommen hatte, mich zu überzeugen,
und daß ich ihn nicht abbringen würde von seinem Vorsatz, Wunder wirken
zu wollen.

„Ach,“ sagte ich, „ich glaube dir alles. An meinem Glauben soll es
nicht fehlen. Sage mir aber nur, warum du fortwährend deine Handflächen
mit dem Taschentuch reibst?“

„Das will ich dir gleich erklären. Das tue ich, um die
Elektrizitätskraft, die ich in meinen Fingerspitzen und in meinen
Handflächen sich ansammeln fühle, an die Hautoberfläche zu bringen,
um vielleicht so die elektromagnetische Stromverbindung mit der Ferne
herzustellen, mit jenem Berge da drüben, zu dem ich mich jetzt durch
die Luft bewegen will.“

Da mußte ich ihm antworten: „Ich habe mir das Wunder eigentlich ganz
anders vorgestellt. Ich habe nicht geglaubt, daß du dich in einen
Fieberzustand versetzen müßtest. Auch nicht, daß du dich vermittelst
Elektrizitätskräften und Magnetismus auf den Berg über das Tal hinweg
versetzen willst. Sondern ich dachte, daß dein einfacher Wunsch allein
im gesunden alltäglichen Körper das Wunder vollbringen würde, das du
deiner Schöpferkraft zu tun befiehlst.“

Da meckerte er wieder und schielte mich von der Seite an mit einem
irren Blick, aus dem ich nicht klug wurde, ob mein Freund ernst war
oder ob er scherzte.

„Du bist aber anspruchsvoll,“ höhnte er ein wenig. „Ich habe noch nie
Wunder vollbracht und kann natürlich nicht sofort mit dem Wunsch allein
arbeiten. Vielleicht, wenn ich einmal Übung habe, wird das möglich
sein. Jetzt aber kann ich noch nicht ohne Vorbereitung eine Wirkung
versprechen. -- Nun wollen wir eine Gedankenkette herstellen,“ fuhr er
fort. „Sieh da, der Stein an der Terrassenbrüstung ist noch warm von
der Sonne, die ihn vorhin beschienen hat.

Lege deine beiden Hände flach auf den warmen Stein. Ich werde dasselbe
tun. Dann benützen wir die Erdkräfte. Aber du mußt stark mit mir
wünschen, denn ich glaube, daß dein Wunsch nach Wundern, weil er
zuerst entstand, der kräftigere ist. Ich glaube, daß dein Wunsch mich
eher hinüberheben wird auf den Berg als der meinige.“

Wir taten, wie er gesagt hatte. Aber natürlich rührte sich sein Körper
nicht von der Stelle, und ich war auch ganz froh darüber, denn es war
alles schon so unheimlich, daß, wenn auch noch ein Wunder sich ereignet
hätte, wir wahrscheinlich alle beide unseren Verstand verloren hätten.

Nachdem wir eine Weile über das Tal hinüber auf den Berg gestarrt
hatten, brach ich zuerst das Schweigen, da ich sah, wie seine Hände
zitterten. „Laß es doch gut sein,“ sagte ich. „Ich glaube jetzt, daß es
keine Wunder gibt. Streng dich nicht weiter an.“

Da wurde er aber böse, fuhr mich heftig an und rief geärgert: „Eben
habe ich mich fortbewegen wollen! Ich fühlte schon meine Hände zittern,
ich fühlte schon, daß ich in die Luft aufsteigen würde. Wenn du aber
ungeduldig bist und keinen Glauben in mich hast, dann allerdings sind
keine Wunder möglich.“

Mir wurde immer banger um seinen Zustand, denn er begann wieder
dieselben heftigen Bewegungen mit seinem Taschentuch. Da sagte ich zu
ihm: „Ich will jetzt auf den Berg gehen und zeichnen. Wir können ja ein
andermal einen neuen Versuch machen. Für heute finde ich es genug.“

Das Seltsame war geschehen, wir hatten unsere Naturen vertauscht. Ich
hatte seine äußere Ruhe angenommen, und er trug meine Wunderbegierde
zur Schau. Ich sprach fast wie ein Philosoph und er wie ein
junger Dichtersmann, der Märchen in der Welt erleben möchte und
Wunderbarkeiten, weil ihn die Dichtersehnsucht mehr zum Unwirklichen
als zum Wirklichen lockt.

Ich nahm meine Zeichenmappe und den Bleistiftkasten, der auf der
Terrassenbrüstung neben mir gelegen, an mich, setzte meinen Strohhut
auf und ging langsam voraus. Ich fühlte, daß ich meinen Freund auf
andere Gedanken bringen mußte, damit der Fieberzustand ihn verlassen
könne.

Er folgte mir zögernd und immer das unheimliche Taschentuch zwischen
den Fingern zerknitternd.

Und als ich ihm sagte, er solle seinen Hut nicht vergessen, erklärte
er mir, er habe gar keinen Hut mitgebracht, damit die Elektrizität aus
seinen Haaren ungehindert ausströmen könne.

Allmählich fing ich an, fast Verachtung für seinen Zustand zu
empfinden. Dieser Wunderwahnwitz, der ihn ergriffen hatte, grenzte ans
Lächerliche. Diese Wundersucht hatte es fertig gebracht, den jungen,
sonst so gern unauffällig und schlicht daherkommenden Mann ganz zu
verwandeln. Er war ohne Hut durch die Stadt aufs Land gewandert!

Eine Viertelstunde später saß ich unterhalb der Steinbrüche, die höher
hinauf hinter dem Gutshof liegen, am Rande eines Akazienwäldchens, und
ich zeichnete und plauderte von harmlosen Dingen, während mein Freund
hinter meinem Rücken unstet umherging und kleine Steine aneinander und
aufeinander klopfte. Das Gewitter, das am westlichen Himmel stand,
grollte dort hinter einem Wald, immer näher herankommend.

„Hörst du,“ sagte der Unruhige, „das ist meine Elektrizität, die das
Gewitter jetzt anziehen wird. Du wirst sehen, es wird sogleich über
unsere Köpfe ziehen. Ich fühle, wie ich mit Elektrizität geladen bin.“

Ich ließ ihn reden, zeichnete ein wenig und sah mich dann erst nach
dem Gewitter um. Aber als ich meinen Freund anblickte, erschrak ich.
Er hatte sich die Stirnecken so heftig mit dem Taschentuch gerieben,
daß seine sonst weiße Stirn zwei feuerrote Male zeigte. Er schien einen
neuen Einfall bekommen zu haben und winkte mir.

Er hielt seine Krawattennadel in der Hand. Diese Nadel war ein
Geschenk seiner Mutter. Es waren in Silber gefaßte Rheinkiesel daran,
die stellten eine Rose dar. „Ich werde diese Rheinkiesel jetzt in
Diamanten verwandeln,“ sagte er mit etwas geduckter Stimme, kicherte
geheimnisvoll und setzte sich auf einen Feldstein.

Das Gewitter grollte jetzt dumpfer und näher. Der Himmel hatte sich
verdunkelt, aber die Wolken waren noch nicht über uns angekommen.

„Ich fürchte für meinen Strohhut,“ sagte ich nachlässig, um abzulenken,
und blickte zum Himmel.

Er meckerte wieder das mir so unangenehme Lachen, das er heute zum
erstenmal mitgebracht hatte, und rief: „Jetzt ist der Augenblick da,
wo ich dir beweisen will, daß ich ein Wunder wirken kann. Das Gewitter
dort und die Elektrizität in mir treffen so günstig zusammen wie
vielleicht niemals wieder. Wünsche nun mit mir, daß diese Glaskiesel
sich in Diamanten verwandeln sollen.“

Ich sah ein, es war ihm nicht zu widersprechen. Ich gab ihm
achselzuckend nach und wünschte, daß die Rheinkiesel, die er
unausgesetzt mit seinem Taschentuch rieb, sich in Diamanten verwandeln
möchten. „Du wirst sehen,“ sagte er eifrig, „dieses Mal wird ein Wunder
geschehen.“

Ich wollte es gerne glauben. Da setzte er noch hinzu: „Du sollst dich
nicht vor dem Gewitter fürchten. Ich habe die Macht, es abzulenken. Ich
werde es nach der anderen Seite des Berges schicken.“

Im gleichen Augenblick blendete uns ein greller Blitz, den ich in den
Augen meines Freundes sich widerspiegeln sah, und zugleich schien die
Erde, wie lebendig geworden, sich zu schütteln und zu brüllen. Die
Steine zitterten, und in den Büschen hinter uns sprang ein heulender
Wind auf. Die dünnen Bäume des jungen Akazienwäldchens legten sich
schräg und begannen alle laut zu pfeifen.

Mein Freund blieb bleich sitzen; er sah aus, als beleuchte der Blitz
ihn noch immer. Und ich sprang fort und rief: „Wir werden hier
erschlagen. Schnell fort!“

„Wie schade,“ rief er mir nach, „daß du dich so fürchtest! Das ist ja
gar kein Gewitter. Das ist meine Schöpferkraft! Bleibe! Ich werde dir
dann die Krawattennadel gleich verwandelt zeigen.“

Ich lief aber schon fort, während er das sagte. Und ich tat, als wären
mir meine Zeichenmappe und auch mein neuer Strohhut im Augenblick
wichtiger als die zweifelhafte Verwandlung der Krawattennadel. Denn es
begann eben mit talergroßen Tropfen zu regnen.

Mit großen Sätzen sprang ich bergab dem Gutshof zu. Ich hatte mich nur
einmal umgesehen und zufrieden bemerkt, daß mein Freund, immer das
Taschentuch durch die Luft schwingend, mir eiligst folgte.

Im Gutshof unter der Haustüre erwartete ich ihn. Er kam aber
nicht eilig, sondern kam gemächlich unter den großen Regentropfen
dahergewandert und behauptete, er habe mit seinem Taschentuch den
Regen von sich abgehalten. Und trotzdem ihm das Regenwasser von beiden
Schultern lief, meinte er, er wäre gar nicht naß geworden.

Jetzt begann ich mich über all die Torheit laut zu ärgern, und
ich hielt ihm seine Selbsttäuschung vor. Er aber sagte, er habe
Herrlicheres erlebt, als ich mir vorstellen könne. Er sei jetzt ganz
frei von der Elektrizität, die in ihm aufgespeichert gewesen, denn
den Donnerschlag und den Blitz, die hätte er mit seinen Kräften
hervorgebracht. Das Gewitter wäre nur Schein und Einbildung von mir
gewesen.

„Jawohl,“ sagte ich, „und dein Rock, der jetzt auf den Schultern ganz
naß ist, und der Regen, der dich bis auf die Haut durchnäßt hat, nennst
du das auch Einbildung?“

„Das ist nur in deinen Augen so,“ entgegnete er mir. „Ich sehe keinen
Regen an mir. Ich bin ganz trocken. Und dich hätte auch kein Regen
eingeholt, wenn du mir vertraut hättest und nicht vorausgelaufen
wärest. Denn ich ging trocken im Regen nach Hause, weil es mein Wille
war, daß der Regen mich nicht berühren sollte.“

„Und die Krawattennadel ist vielleicht jetzt ein Diamant geworden,“
höhnte ich ein wenig.

„Du bist immer so ungeduldig,“ klagte er. „Wärest du nicht
fortgelaufen, wäre der Kiesel längst ein Diamant. Der Stein hat sich
aber wieder zurückverwandelt, weil du das Gewitter mit deiner Furcht
unterbrochen hast.“

Ich wollte: „Unsinn“ sagen, schwieg jedoch und sagte, ich wollte ihm
einen Regenschirm holen, damit er auf dem Heimweg nicht naß würde. Er
behauptete fortgesetzt, er würde nicht naß, er würde den Schirm nicht
aufspannen.

„Denn wenn man von der Weltanschauung _keinen Nutzen_ haben soll,“
lachte er, „dann ist ja die ganze Sache langweilig.“

Ich war erschüttert über den ihn erniedrigenden Ausspruch, den er da
tat, und ich hätte aufweinen mögen. Seine Rede schnitt mir ins Herz.
Er sprach von Nutzen und Vorteil. Während er früher nichts als die
Erhabenheit seiner Gedanken erleben wollte, wollte er die Gedankenkraft
jetzt in Diamanten und in irdischen Nutzen umsetzen. Aber Schuld daran,
das leugnete ich keinen Augenblick vor mir selbst, war ich.

Als ich im Hause in meinem Zimmer den Regenschirm holte, erschien
mein Freund plötzlich unter der Tür, und rief aus: „Ah, du hast
einen eisernen Ofen im Zimmer! Ich habe zu Hause leider nur einen
Kachelofen. Und wenn ich gestern einen eisernen Ofen im Zimmer gehabt
hätte, hätte ich mein Waschwasser in kölnisches Wasser verwandeln
können.“

Ich wurde ganz traurig und ich ließ ihn reden. Er aber stellte einen
Stuhl an den Ofen und bat mich, auf den Stuhl zu steigen. Ich sollte
mit der einen Hand den Ofen berühren. Meiner anderen Hand reichte er
den Zipfel seines Taschentuches hin.

Er behauptete, das Taschentuch sei jetzt mit seiner Elektrizität ganz
gesättigt. Er hatte vorher Wasser in die Waschschüssel gegossen und
hielt nun mit der rechten Hand das andere Ende des Taschentuches. Seine
linke Hand aber tauchte er in das Waschbecken.

„Nun ist der Strom hergestellt,“ triumphierte er. „Soll ich nun das
Wasser in Rosenwasser oder in kölnisches Wasser verwandeln?“

Ich mußte beinahe auflachen. Aber er bat mich inständig, meine
Gedanken zusammenzufassen, und wir entschieden uns, das Waschwasser in
Rosenwasser zu verwandeln.

Plötzlich rief er: „Ach, ich habe ganz vergessen; du bist nicht
isoliert genug. Ziehe deine Stiefel aus!“

Dagegen sträubte ich mich, und er ließ es dabei bewenden, daß ich die
Stiefel anbehalten durfte.

Unser Anblick wäre für einen plötzlich Eintretenden äußerst komisch
gewesen. Feierlich schweigend bildeten wir die Stromkette vom Ofen bis
zum Waschtisch, und als Verbindungsglied zwischen mir und meinem Freund
schwebte das weiße Taschentuch.

Nach einer kleinen Weile sagte er: „Jetzt ist es genug. Jetzt muß die
Verwandlung fertig sein.“ Und er nahm von meinem Schreibtisch ein Stück
Fließpapier, tauchte es vorsichtig in das Wasser, roch dann an dem
durchtränkten Papier und behauptete, daß es einen schwachen Rosengeruch
habe.

„Ja,“ stimmte ich bei, „es riecht nach Rosen im Zimmer.“ Das war
auch wahr, denn die Sonne war eben untergegangen, und durch das
offene Zimmerfenster strömte der feine Atem der Rosenbüsche aus dem
tiefgelegenen Garten herauf. Ich wollte meinen Freund aber nicht daran
erinnern, daß dieser Rosenduft jeden Abend nach Sonnenuntergang ins
Zimmer kam, denn ich war müde von der Narretei.

Er sagte dann ganz ernst: „Der Duft des Wassers wird wahrscheinlich
nicht lange anhalten, denn es ist dies heute das dritte Wunder, an das
ich meine Kräfte verschwendet habe, und die Elektrizität war nicht mehr
stark genug in mir, um das Wasser bleibend in Rosenwasser verwandeln zu
können. Schade, daß ich das Gewitter hinter den Berg geschickt habe.
Wenn es über das Haus gezogen wäre, hätten wir seine Kraft mit zur
Bereitung des Rosenwassers verwenden können.“

Ich sah hinaus. Der Himmel war klar, das Gewitter war verschwunden, und
der Abend breitete sich friedlich über Felder und Gärten aus.

Sichtlich stolz auf seine Leistungen, steckte jetzt endlich mein Freund
das Taschentuch in seine Brusttasche, und ich begleitete ihn zur Stadt
den Berg hinunter. Ich wollte ihn in dem unklaren Zustand, in dem
er war, wenigstens bis zum Stadttor folgen. Ich fürchtete, er würde
unterwegs vielleicht im Felde sitzen bleiben und irgendein neues Wunder
ausdenken.

Vor dem Burkardustor war damals ein großer Zimmerplatz am Mainufer.
Dort lagen lange Baumstämme und Balken, zu Haufen geschichtet, auf dem
Rasen. Als wir an dem Platz vorüberkamen, stand der Mond mit schwach
leuchtendem Halbrund am Himmel. Es war dämmrig geworden, und das
Mondlicht begann auf den glatten Stämmen des Zimmerplatzes zu glänzen.

Ich wollte mich jetzt von meinem Freund verabschieden. Da deutete er
nach dem Mond und sagte: „Warte einen Augenblick! Ich will doch noch
versuchen, dir noch ein ganz einfaches Wunder zu zeigen.“

Ich wollte nicht hinhören und sagte: „Mein Vater wartet mit dem
Abendbrot auf mich. Ich muß eilen, um auf den Berg zurückzukommen.“

Mein Freund aber war schon auf einen Balkenhaufen geklettert.
Schleunigst zog er, oben sitzend, seine Stiefel aus und stand nun da,
aufgerichtet auf den Zehenspitzen, die Arme hoch zum Mond gehoben,
während ich an dem Bach -- der damals noch nicht überbrückt war -- an
einem Maulbeerbaum lehnte und dem Wundersüchtigen von weitem zusah und
nun wirklich von Herzen wünschte, es möge ihm gelingen, vor mir in den
Mond zu steigen, damit wir nicht mehr von den Wundern weitersprechen
müßten.

Es wurde dämmeriger. Wolken schoben sich vor den Mond, und einen
Augenblick schien es wirklich, als wäre mein Freund im Dunkel
verschwunden. Da wurde mir bang, und ich rief mehrmals seinen Namen.

Er war aber nur hinter die aufgestapelten Balken gestiegen und hatte
dort seine Stiefel wieder angezogen. Nun kam er zurück und bewegte
wieder lebhaft das Taschentuch in seiner Hand. Und er sagte: „Es wird
mir gelingen, ich weiß es ganz gewiß. Jetzt ist es Halbmond, aber wenn
es Vollmond ist, wird der Mond kräftig genug sein, mich zu sich zu
ziehen.“

Dann nahm er ganz vergnügt Abschied, und wir trennten uns. Nachher auf
dem Heimweg hinauf zum Gut in der Stille des dunkelnden Heckenwegs
atmete ich auf, als wäre ich einem Zauberer entronnen.

War die Welt nicht wundervoll, wie sie da im Sommerabend nach dem
Gewitter in der gereinigten Luft vor mir lag auch ohne Wunder? War
es nicht wundervoll, als Mensch zu wandern und sich Mensch und sich
nur als Mensch zu fühlen? Warum sollte man fliegen oder Verwandlungen
vornehmen?

Als wäre ich von einem Alpdruck aufgewacht aus einem quälenden Schlaf,
so befreit fühlte ich mich jetzt auf dem Abendweg. In der Ferne stand
der Schattenriß des Giebels vom Gutshaus am Bergabhang. Ein Lichtpunkt
leuchtete auf der dunklen Terrasse. Am Himmel flimmerten ein paar
vereinzelte Sterne.

War es nicht Wunder genug, zu wissen, daß man lebte?

Der Lichtpunkt auf der Terrasse und die Lichtpunkte der Sterne waren
einander ähnlich, und doch wußte ich, die Lichtpunkte oben am Himmel
waren riesige Weltenkörper, und auf der Terrasse unten stand nur eine
kleine Petroleumlampe auf einem gedeckten Tisch, auf dem das Abendbrot
wartete.

War das nicht Wunder genug, daß riesige Welten klein wie Lampen werden
konnten, klein wie eine Lampe, die auf einem Menschentisch steht?

_Beim feierlichen Bewundern der Lebensdinge werden alle Leben Wunder!_
Heute kann ich mir mein Empfinden in Worten ausdrücken. Damals genoß
ich es ohne umfassendes Wort.

       *       *       *       *       *

Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer
Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und
mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen
hätte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wäre ihm nicht
geöffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.

Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter
liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen,
habe auch kein Essen zu sich genommen und wünsche nur in Ruhe gelassen
zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Türe, da er jedesmal
von drinnen herausrufe, daß er nicht gestört sein wolle.

Das, was ich da hörte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzählte in
kurzen Zügen dem Schweigenden die Vorgänge des Nachmittags: daß unser
Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im
gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.

„Er muß uns öffnen,“ sagte ich. „Er darf nicht sich selbst überlassen
bleiben, sonst verfällt er in Irrsinn. Hoffentlich ist es noch nicht
zu spät.“ Der Schweigende nickte, und dann eilten wir beide nach der
Wohnung des jungen Philosophen.

Es war sechs Uhr abends, heller Sommerabend. Und als wir in das
altmodische Haus traten, in welchem unser Freund ein Zimmer gemietet
hatte, war es in dem großen Treppenraum still, und nur unsere Schritte
hallten auf der geräumigen Holztreppe des weiten Stiegenhauses. Mit
einigem Staunen sahen wir, als wir den oberen Flur, der durch keine
Türe von der Treppe abgesperrt war, erreicht hatten, daß dort auf den
Sandsteinfliesen viel Wasser ausgeschüttet war.

Wir dachten aber an nichts Besonderes dabei, sondern meinten, daß
dieses durch die Unachtsamkeit eines Dienstmädchens geschehen wäre;
denn im gleichen Flur war ein Wasserhahn an der Wand angebracht, mit
einem eisernen Becken darunter. Da war es leicht möglich, daß das
Wasser im Becken vielleicht übergelaufen war, wenn der Beckenabfluß
verstopft und der Hahn nicht zugedreht gewesen.

Vorsichtig über die Wasserlachen steigend, kamen wir zur Zimmertür.
Wir klopften, aber wir erhielten keine Antwort. Der Zimmerschlüssel
steckte, also mußte unser Freund zu Hause sein. Wir klopften mehrmals
und versuchten durchs Schlüsselloch zu spähen, und ich sehe uns da
noch heute vor der großen weißlackierten Türe beratschlagen, immer
ängstlicher werdend, weil wir nicht mehr wußten, was wir zu tun hatten.

„Vielleicht ist er eingeschlafen,“ meinten wir dann und wir
beschlossen, einen Augenblick auf der Treppe zu warten, denn es
ging augenscheinlich etwas Unheimliches vor. Das sagten uns immer
eindringlicher die großen Wasserflecken, die, wie es mir auf einmal
schien, ganz von selbst anwuchsen und sich immer mehr über die
Steinfliesen ausbreiteten. Wir stiegen über die Wasserseen zurück bis
zur breiten Holztreppe. Dort standen wir zaudernd und warteten, an das
Geländer angelehnt. Endlich setzten wir uns auf die oberste Stufe und
überlegten.

Während wir noch in die Haustiefe zur Treppe hinunterhorchten und immer
hofften, der junge Philosoph möge ausgegangen sein und würde plötzlich
nach Hause kommen, da fuhren wir auf einmal beide gleichzeitig in die
Höhe, denn das Wasser, das wir aus dem Auge gelassen hatten, hatte uns
am Treppenrand erreicht, und wir sahen staunend, daß es jetzt wie ein
fließender Bach von Stufe zu Stufe hinunterlief.

Wir sahen beide unwillkürlich nach der weißen Zimmertür und verstanden
nun, daß die Unmenge Wasser aus dem Zimmer unseres Freundes kam.

„Was ist das wieder für ein Streich?“ entfuhr es dem Schweigenden.

Das bewegliche Wasser, das da neben uns das einzige Leben im
Treppenhause war, blickte uns an und sagte uns: „Es ist ihm nichts
Schlimmes geschehen, und ihr braucht euch nicht zu ängstigen. Er macht
nur neue Wunderversuche.“

Jetzt hörten wir auch, daß einige Gefäße im Zimmer, Eimer und
Waschschüssel, klirrten, als würden sie zur Seite gerückt. Unsere Laune
heiterte sich auf. Wir klopften nun lebhafter an die Türe und riefen
lachend, daß wir eintreten wollten.

„Es ist offen,“ rief drinnen die Stimme unseres Freundes.

Rasch drückten wir die Türe auf, und nun wurden wir noch mehr erstaunt.
Wir sahen eine Wasserfläche, weit ausgebreitet über den ganzen
Zimmerfußboden, vor uns. Und in seinem Bett, mit dem Augenglas auf der
Nase, lag der junge Mann mit feuerrotem Kopf und vergnügt lachend.

Er erklärte uns, daß er noch einmal Versuche gemacht hätte, sich und
diesmal auch das ganze Zimmer vollständig zu isolieren, damit er
dadurch neue Elektrizitäten in seinem Körper ansammeln könne, die er
heute nacht zum Aufstieg in den Vollmond brauchen wollte. Er sagte
auch, er habe tagelang nichts gegessen, sondern nur Zigaretten geraucht
und sich Kaffee und Tee bereitet.

Als wir durch das Wasser hindurch zu ihm an sein Bett traten, sahen
wir erst, daß er im Gesicht seltsam zerschunden war. Er hatte sich
die Backenknochen, die Stirnecken, Nase und Kinn so sehr mit dem
Taschentuch gerieben, daß diese Stellen wie offene rote Wunden
leuchteten. Und umgeben von diesem Kranz von Röte, glänzten unheimlich
funkelnd seine Augengläser.

Aber das Vergnügen, daß wir ihn lebend antrafen und auch scheinbar
noch bei Verstand, überwog den Schrecken dieser Eindrücke,
und wir versuchten mit Lachen und Scherzen und Plaudern seine
Wundersucht ins Komische zu ziehen und sie als harmlos und spaßhaft
hinzustellen, und brachten es auch fertig, ihn zu überzeugen, daß
diese Nervenüberspannung, hervorgebracht durch Hungern, Rauchen und
Teetrinken, ihn nur schwächer und nicht stärker mache.

Er befahl uns zwar mehrmals, ihn allein zu lassen, vorgebend, er wolle
schlafen. Aber wir ließen uns nicht so leicht abweisen. Da wir nun
ins Zimmer eingedrungen waren, wollten wir es nicht so bald wieder
verlassen, bis wir ihn gesund und vernünftig gemacht hätten.

Wir riefen das Dienstmädchen. Ihr sagten wir, der Wasserhahn wäre offen
gewesen, und das Wasser wäre von draußen hereingeflossen. Daß der junge
Philosoph selber Eimer um Eimer geholt und in sein Zimmer ausgegossen
hatte, das wäre ihr natürlich nie eingefallen auszudenken. Aber man
sah es ihr an, daß sie auch nicht verstehen konnte, wie das Wasser von
draußen hereingeflossen war.

Während viele Hände nun die Flut hinausbeförderten und der junge Mann
im Bett sich ärgerte, daß man ihn nicht in Ruhe ließ, lief einer von
uns fort und kaufte Essen ein, und wir überredeten den Freund, Nahrung
zu sich zu nehmen, was er dann auch tat. Wenn er von Wundern reden
wollte, fingen wir beide an, der Schweigsame und ich, zu schmunzeln
und dann zu lachen. Und besonders der Schweigsame verstand es gut, mit
gesundem Spott des andern ungesunde Wunderlust lächerlich zu machen.

Ich war froh, als der Wundermann endlich mitlachte, und als er, nachdem
er gegessen und Bier getrunken hatte, wieder Schlaflust bekam, die er
seit Tagen künstlich vermittelst Tee und Tabak von sich fern gehalten.
Er mußte uns versprechen, zu schlafen und nicht mehr an Wunder zu
denken und im Bett zu bleiben, bis wir ihn am nächsten Tag wieder
besuchen würden.

Das tat er auch wirklich, und er schlief noch, als wir ihn am nächsten
Mittag um zwölf Uhr wieder aufsuchten. Dann war seine Rede wieder
vernünftig, und nur noch die roten Flecken in seinem Gesicht, die
erst nach einigen Tagen verschwanden, erinnerten an die fieberhafte
Wundersucht, die ihn beinahe um Verstand und Leben gebracht hätte.

       *       *       *       *       *

Nach diesen Erlebnissen mit dem jungen Philosophen war mir eigentlich
das Sprechen mit ihm über Atomkraft und über die neue Weltanschauung
verleidet, und es war mir lieb, daß mein Freund, der erst vorhatte,
den Ferienkurs in Würzburg zu besuchen, sich entschloß, zu den Ferien
heimzureisen, um in der Universitätsstadt, in der er geboren war,
Ferienkollegs zu belegen.

Als das Wintersemester begann und er wiederkehrte, war er wieder
derselbe ruhige und stilldenkende gesetzte Mensch, als den ich ihn
immer gekannt hatte. Er hatte dann auch viele Kollegs zu besuchen,
und sein Studium nahm ihn derart in Anspruch, daß er nicht mehr so
ausschließlich der von ihm auf Physik und Chemie angewandten Lehre der
Atomkraft nachgrübeln konnte. Aber das will nicht sagen, daß er die
neuen Gedanken bei Seite gelegt hatte. Er holte sie immer wieder vor
und ließ sie nicht los und legte sie auch ein Jahr später in einem
Manuskript nieder; nur auf plumpe Wunderversuche ließ er sich nie mehr
ein.

Wenn ich ihn manchmal nach Jahren wiedersah, in dieser oder jener
deutschen Stadt, wo er als Assistenzarzt weilte, und auch dann, als
er später selbständiger Arzt geworden, so war seine Atomkraftlehre
immer mit neuen Erklärungen chemischer und physikalischer Vorgänge
weitergediehen, und er hat diese Lehre niemals aufgegeben, sondern sie
immer mehr vereinfacht und ausgearbeitet.

Doch die Anwendung der neuen Weltanschauung auf das Gesellschaftsleben
der Menschheit und auf das einzelne Menschenleben kam ihm als etwas so
Selbstverständliches vor, daß er sich nicht weiter Mühe gab, darüber
etwas niederzuschreiben.

Mir aber, in meinem Schriftstellerberuf, bildete sich die neue
Weltanschauung zu einer Mündigkeitssprechung der Menschheit aus. Und
die Zeit von 1890 bis heute, vor allem die Zeit von 1890 bis 1900, war
für mich eine fortgesetzte Entwicklung zu einem neuen Menschentum hin
auf Grund der neuen Weltauffassung, von der ich heute fest überzeugt
bin, daß sie dazu da ist, die Menschheitsideale von morgen zu schaffen,
denn das Weltfestlichkeitsgefühl liegt im Menschen eingeboren, _es
ist keine Lehre, sondern ein natürlicher Zustand, den jeder an sich
erkennen kann_.

Ich habe diese Weltauffassung in der Dichtung angewandt und habe sie
bewußt und unbewußt bei allen Begegnungen mit Dichtern, Künstlern und
geistigen Zeitgenossen aus mir sprechen lassen.

Meine festliche Weltauffassung wurde mir aber oft als Oberflächlichkeit
oder Leichtsinn ausgelegt. Um nun endlich ganz verstanden zu werden,
in Werken und Handlungen, will ich die Entwicklungsjahre jener Zeit
weitererzählen und die Zeitspanne, in der die neue Umwandlung am
auffallendsten bei mir zutage trat, im nächsten Abschnitt dieses Buches
schildern.

       *       *       *       *       *

Noch immer liege ich nach dem Sturz mit steifem, schmerzendem Bein im
Bett. Aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, daß ich Wochen am
selben Fleck gelegen habe. Es ist mir, als hätte ich keinen Augenblick
still gelegen, denn ich bin Meilen über Meilen in das Jahr 1890
zurückgewandert.

Ich erlebte nach dem Sturz in den wenigen Minuten im Gartensaal
des Gutshofes, als ich meine und meines Freundes Photographie dort
stehen sah, blitzartig jenen Augustnachmittag wieder und die wirren
Wunderversuche des jungen Philosophen.

Die Glocken schweigen jetzt mittags, denn die Zeit des
außergewöhnlichen Trauergeläutes für den verstorbenen Prinzregenten
ist abgelaufen. Die Glocken haben mich gut in die alten Zeiten
hineingesungen, so daß ich sie im Geiste immer weiter singen höre, auch
wenn sie mittags nicht mehr läuten und nicht mehr melodisch brausend
mein Zimmer umkreisen.

Kaum aber kann ich noch glauben, daß ich bereits im Jahre 1913 lebe,
denn ich habe auf der Erde noch keinen Schritt in diesem Jahr getan.
Nur meine Gedanken marschierten.

Dreiundzwanzig Jahre, die mich vom Jahre 1890 trennen, sind
verschwunden, als wenn sie nie gewesen wären. Ist das nicht auch eine
Festlichkeit, keinen Schritt mit seinen Füßen in der Gegenwart tun zu
können und im Geist bei den Geistern alter Jahre Spaziergänge zu machen
mit frischen Jünglingsgliedern?

Und ist das nicht auch eine Festlichkeit, daß ich bei den Erinnerungen
die Schmerzen der Gegenwart ganz vergessen und mein Buch beginnen
konnte?

Das ist ein großes festliches Wunder, daß die Zeit des Menschen
Wunsch gehorchen muß, und daß der Mensch der Gegenwart Schmerzen in
Vergessenheit verwandeln kann.

Es ist mir das eine neue Bestätigung dafür, daß das Leben in Leid und
Freude ein Fest ist.

Und ich muß es immer wiederholen: _Das Leben ist unter allen Umständen
ein Fest._

_Für den Armen und für den Reichen, für den Lebenden und für den
Sterbenden ist es festlich, wenn wir es nicht bloß mit äußeren, sondern
auch mit inneren Kräften erleben und uns Schöpfer und Geschöpf zugleich
fühlen wollen._

       *       *       *       *       *

Mein Lebenslauf in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war
folgender:

Nachdem ich mein Vaterhaus Weihnachten 1891 verließ, flüchtete ich
fort aus den Bürgerkreisen zu den „hundertjährigen“ Männern. Ich meine
damit diejenigen Dichter und Denker, denen ich teils in Büchern, teils
in der Wirklichkeit begegnete, jene, die reif und weise geboren sind,
wenn sie auch noch einen jungen törichten Körper haben, jene, die
einen bestimmten Grad von Unsterblichkeit besitzen, auch ehe sie ihr
Lebenswerk vollendet haben.

Bis 1890 war ich im alten geistigen Deutschland aufgewachsen, im
Deutschland von Schiller und Goethe, im Deutschland der Idealisten. Ich
hatte noch keine Ahnung, daß dieses nicht mehr das heutige geistige
Deutschland war, trotzdem ich empfand, daß die Gedichte, die ich bisher
gelesen, wie ein alter vererbter Familienschmuck wirkten, und daß sie
auf ihrem Glanz und in ihrer Sprache bereits eine dicke Patinaschicht
trugen. Und auch alle die Gedichte der späteren Romantiker brachten
eine süße Friedlichkeit mit, wie die alten Mahagonischränke sie
ausströmten, in denen jene Bücher ihre Behausung hatten.

Körner und Kleist, Hauff und Mörike, Uhland und Rückert, Heine
und Klopstock, ihre Bücher waren gütig und ehrwürdig und von der
Vergangenheit geheiligt und gaben dem Zimmer, in dem sie standen, eine
glückliche Ruhe und eine Weltferne. Und dieses wunderte mich nicht,
denn sie waren aus alter Zeit. Aber daß die neueren Schriftsteller, die
der sechziger und der siebziger Jahre, einen süßen Vergangenheitshauch
in ihre Sprache legten, als wären ihre Bücher unter der Feder alt
geboren, während die Worte noch tintennaß waren, das fiel mir
unangenehm auf. Die Schriftsteller der achtziger Jahre dagegen, die,
statt mit Tinte, mit Tier- und Menschenblut zu schreiben schienen,
wirkten auf mich erlösend.

Ich hörte eines Tages zwei Herrn in Würzburg vor mir auf der Domstraße
zueinander sagen: „_Zola_, dieses Schwein, sollte in Deutschland
verboten werden.“ Und ich wurde stutzig, denn die Gesichter derer, die
das sagten, waren derart empört, daß ich sofort begriff: wenn diese
Bürgerleute sich so aufregten, dann würde jener Schriftsteller --
dessen Name ich oft gehört, aber von dem ich noch kein Buch gelesen --
sicher sehr ernsthaft sein.

In denselben Tagen war auch die Welt erfüllt vom Geschrei über Tolstois
„Kreuzersonate“. Und es hatten sich, wie für und gegen Wagners Musik,
Streiter für und gegen die „Kreuzersonate“ in allen geistigen Kreisen
des Landes aufgemacht.

Kühler lassend, aber auch aufrührerisch, wirkte das Auftreten
Björnsons, der in seinem Buch „Der Handschuh“ zum erstenmal die
Forderung aufstellte, daß der junge Mann seine Keuschheit bis zum
Hochzeitstage ebenso streng bewahren müsse, wie das junge Mädchen.

Die Erde schien in jenen Tagen dem geistig Miterlebenden im tiefsten
Geiste stündlich zu erzittern. Dem sicheren Gesellschaftsleben
war außerdem in dem noch unsicher schwankenden Geist des neue
Menschenrechte fordernden Sozialismus ein Gespenst erstanden, und
nur die Dichter wurden vorerst angelockt von der noch unbedichteten
Zyklopenwelt des Arbeitertums.

Bei verweichlichten Gemütern mußte jedes Buch dieser neuen Gattung
einen Schrecken erzeugen. Das Wohlbehagen des Bürgergeistes wurde
gewaltig gestört durch die neuen Armuts- und Arbeitergestalten, die,
ungewaschen und ungekämmt, verhungert und ungehobelt, in Fabrikluft
schwindsüchtig und elend geworden, aber mit unverheuchelt ehrlichen
Lebens- und Liebestrieben versehen, das Erbarmen und die Bewunderung
der Dichter gefunden hatten.

In Deutschland konnten darum damals gute Bürger Zola auf offener Straße
ein Schwein nennen! Auch Gerhart Hauptmann und Holz und Schlaf, die
drei ersten deutschen Verkünder des Wirklichkeitslebens in Dramen und
Romanen, waren von der sogenannten guten Gesellschaft noch geächtet,
als könnten sie mit ihren Büchern die Leprakrankheit in Haus und
Theater verbreiten.

Außerdem war da noch der Philosoph Nietzsche aufgetaucht. Ich sah zum
erstenmal in der „Gesellschaft“ -- die M. G. Conrad mit mächtigem
Sturm und Drang stark und mutig begründet hatte -- das Bild Nietzsches,
des Dichterphilosophen, im Lesesaal der Würzburger „Harmonie“ im Jahre
1891, und zugleich war da ein begeisterter Aufsatz mit einer kurzen
Angabe aller seiner Werke und mit der Nachricht, daß der große Mann
geistig umnachtet bei seiner Mutter in Naumburg lebe und wahrscheinlich
nie mehr die Klarheit seiner Gedanken zurückerhalten werde.

Ich eilte vom Lesesaal sogleich zur Stubertschen Buchhandlung und
verlangte dort Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“. Niemand
in der Universitätsbuchhandlung kannte den Namen des deutschen
Philosophen. Man bestritt sogar, daß ein Philosoph dieses Namens in
Deutschland lebe oder gelebt habe. Man behauptete, ich müßte mich
im Namen geirrt haben. Man lächelte und schrieb den Namen, den der
Universitätsbuchhändler und die ihn umgebenden Herren noch nie gehört
hatten, nur ungern auf.

Man wird sich das heute kaum vorstellen können, heute, wo jeder
einigermaßen gebildete Student Nietzsches Namen so gut kennt, wie ein
Musiker Richard Wagner kennt.

„Den Philosophen Nietzsche, den Sie verlangen, kennen wir nicht.
Nehmen Sie doch die Werke eines anderen,“ so riet man mir in jener
Buchhandlung. „Einen Philosophen Nietzsche gibt es gar nicht, und wir
werden uns nur lächerlich machen, wenn wir nach Leipzig schreiben.
Bestellen Sie doch ein Werk von Kant oder Spinoza. Bei diesen Namen
sind wir sicher, daß wir Ihnen die Werke verschaffen können.“

Ich dankte für den billigen Rat und wollte gehen. Da ersuchte man mich
gnädigst, den Namen noch einmal aufzuschreiben. Drei Tage später bekam
ich aus Leipzig das Buch.

Nietzsche war bereits geistig gestorben, aber sein Werk stand vollendet
da. Ist es dann nicht erstaunlich, daß damals bloß die geistigen
oberen Zehn, die sich um M. G. Conrads „Gesellschaft“ sammelten, den
Namen Nietzsche kannten und im Besitz seiner Werke waren? Während
fünfzig Millionen Deutsche, die ahnungslos das Kommen und Gehen eines
deutschen Geisteszyklopen miterlebt hatten, so wenig von ihrem großen
Zeitgenossen wußten und so wenig an seiner Arbeit beteiligt waren, wie
wenn ein fernes Sonnensystem im Weltall untergegangen wäre, von dessen
Glanz und dessen Erlöschen nur einige Sternwarten der Erde Kunde hatten.

Und ich frage mich: woran liegt dieses auffallende Unbeteiligtsein
der gebildeten Massen an der Entwicklung großer Männer und ihrer
Geistesarbeit? Erst wenn ein Lebenswerk vollendet ist, erst wenn manche
Geister irrsinnig werden vor Überanstrengung und vor Qual über den
Unverstand und die Teilnahmlosigkeit, auf die sie stündlich stoßen
müssen, erst dann wird die heutige Gesellschaft in breiteren Massen
auf sie aufmerksam. Selten aber werden junge einsame Geisteshelden von
ermutigenden Zurufen, von der Spannung und Erwartung eines ganzen
Volkes durchs Leben getragen. Jene jungen Männer sind die einsamsten
Söhne ihres Landes, und, wie ich schon zu Anfang dieses Buches sagte,
sie müssen durch Wälder von Dornen wandern.

Heute weiß ich mir die Teilnahmlosigkeit der Nation zu erklären.
Der Hauptgrund, daß das Verachten oder Übersehen starker junger
Männer in einem Volke möglich ist, beruht auf einer unglücklichen
Weltanschauung der Menschheit. Würden die ungeheuren Kräfte und die
ungeheure Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft graugewordenen Idealen
zuwendet, dem Weltfestlichkeitsideal zugewendet, so würde eine größere
Festlichkeit des Geisteslebens das Völkerleben verklären, und die
Schwungkraft des Geistes aller Gesellschaftskreise würde sich erhöhen.
--

Kühnheit und umwälzende Neuheit waren die Kennzeichen aller bedeutenden
Bücher der achtziger und der neunziger Jahre. Diese neuen Werke
wirkten, wenn man sie mit den auf einer alten Weltanschauung fußenden
Werken der Klassiker verglich, wie Dynamitpatronen im Bücherschranke.

Zugleich mit dem umwälzenden Geist des Schrifttums waren in jener
Zeit die Frauen teilweise der Madonnenhaltung müde geworden, und auch
der Geist der Frau wollte am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Zeit
gärte, und es wogten im Geistesleben jener Tage zwei Strudel auf und
nieder. Künstlerbewegung und Frauenbewegung, beide von Schöpferkraft
angefeuert, hielten die öffentliche Meinung in Atem.

Von der Republik Amerika kam dazu das Wort _Arbeit_ wie ein festliches
Schlagwort herüber, und Europa echote: „Arbeit,“ und der Arbeiter wurde
zum Ritter in der Phantasie der Dichter. Und die Frau wollte nicht
zurückbleiben und wollte zur Arbeiterin werden. Sie, die vorher nur im
Hause Mutter und Dame gewesen war, sie suchte sich jetzt auch einen
Wirkungskreis außer dem Hause.

Ich muß gestehen, daß ich im Jahre 1890 noch herzlich wenig von all
diesen geistigen Umwälzungen, die in der Welt vorgingen, wußte. Ich
hatte bis zu meinem dreiundzwanzigsten Jahr von Gefühlsfragen und
von Geistesfragen, die das Weltbild von Jahrzehnt zu Jahrzehnt,
von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrtausend zu Jahrtausend
umgestalten müssen, nur eine Ahnung bekommen aus der Geschichtsstunde
der Schule oder aus den Gesprächen meines Vaters über Politik. Sonst
aber war die Welt bisher für mich scheinbar vollkommen gewesen,
unerschütterlich nach biblischen Vorbildern aufgebaut, die vom Staate
gutgeheißen und von den Dichtern mit Phantasie durchdrungen und
besungen worden waren.

In der Privatier- und Universitätsstadt Würzburg sah man nicht das
Elend und den Haß der Armen gegen die Reichen, der in Fabrik- und in
Bergwerksgegenden damals zuerst aufschrie. Denn die Kaufmanns- und
Rentierbevölkerung, die Beamten, Professoren und Offiziere, dazu die
unbekümmerte Studentenschaft gaben dem Stadtbild, bei Weinbergen und
altersgrauen Kirchen, den Frieden einer Lämmerhürde.

Das Wort Streik kannte man nur aus Zeitungen. Auch von der
Frauenbewegung und Dichterbewegung kamen damals nur die Echos in
Zeitschriften oder Zeitungen zu den stillen Gestaden meiner Vaterstadt.
--

Außer einer würzburger Zeitung hatte ich kaum einmal in einem
Kaffeehause eine andere Zeitung in der Hand gehabt, bis ich von dem
einen meiner beiden Freunde, von dem Schweigenden, eines Tages auf
das Berliner Tageblatt aufmerksam gemacht wurde. Ich höre noch seine
Worte, als er sagte: „Im Feuilleton dieser Zeitung ist immer von einer
Literatur die Rede, die nichts mit der alten Zeit zu tun hat. Diese
Kreise, die in einem neuen Geist schreiben, solltest du aufsuchen.“

Ich hatte jene Literatur bereits aus der Zeitschrift „_Die
Gesellschaft_“ kennen gelernt, aber ich war wie jeder Anfänger scheu
und wollte erst meine eigenen Kräfte sammeln und meine Eigenart
ausgeprägt haben, ehe ich mit jenen fremden Kreisen in Verbindung
trat, die mir vielleicht zumuten würden, ihre Eigenart anzunehmen. Und
ich war ängstlich, mein schriftstellerisches Ich zu hüten, bis es mir
soweit ausgebrütet schien, daß es eine Persönlichkeit bekommen hatte.

So ließ ich es beim Lesen und Wiederlesen von Jacobsens Niels Lyhne
beruhen. An diesem Buche bildete ich zuerst meine Schreibweise, und
zugleich kam mir Niels Lyhnes Weltanschauungskampf, der zwischen dem
Glauben an den alten Gott und dem Glauben an die Menschenvernunft
schwankte, nahverwandt vor. Denn auch ich wog, ähnlich wie Niels
Lyhne, noch immer die alte und meine neue Weltanschauung stündlich ab,
schwankend zwischen der qualvollen Lehre der Erbsünde, der Verdammnis
und der Belohnung nach dem Tode, und jener festlichen Denkweise, die
mir erlaubte, mich Schöpfer und Geschöpf eines ewigen Weltfestes zu
fühlen, zurückgeführt auf die Atomkraft aller Dinge.

Und so wie die Bücher der deutschen christlichen Klassiker nicht mehr
in der Mauserzeit meiner Weltanschauungen auf mich wirken konnten, da
sie mir in der gärenden Zeit zu christlich gottergeben vorkamen, so
konnte ich auch selbst nicht mehr den Wunsch hegen, ähnlich dichten zu
wollen wie die Dichter der alten Weltanschauung, die da in Reihe und
Glied die Familienbücherschränke eines jeden deutschen Hauses füllten
und den eisernen Geistesbestand meiner Zeit darstellten.

Solche Bücher kamen mir damals vor wie die jahrhundertalten
Festungswerke der Stadt Würzburg, die schweigend behaupteten, für alle
Jahrhunderte gut und nützlich zu sein und den Feind, den Erbfeind
abwehren zu können. Sie sahen auch sehr trutzig drein, diese prächtigen
Wälle, die von den klügsten Geistern ihrer Zeit zur Abwehr ausgedacht
waren und stattlich und unerschütterlich schienen, als könnten sie noch
Jahrtausenden trotzen.

Das Stadtleben aber, das sie schützen wollten, engten sie mit
der Zeit so ein, daß die Bevölkerung, die weiterwuchs und immer
licht- und luftbedürftiger wurde, durch Raummangel jeden Tag
verheerende Krankheiten ausbrechen sehen konnte, hervorgerufen durch
Menschenanhäufungen.

Und dieselben Wälle, die dem Feind wehren sollten und ihre Bürger
retten vor dem Tod durch Feindeshand, sie wären schuld geworden, daß
der Tod sich von selbst in der Stadt geboren hätte, wären sie nicht
niedergelegt worden. Denn sie waren jetzt nicht mehr die Verteidiger,
sondern die Feinde der Bürger, deren Kindern und Kindeskindern sie den
Lebensatem und die Lebensfrische unfreiwillig raubten.

Ebensolche Wälle schienen mir die vorsichtig gehüteten Geistesgüter der
Vergangenheit und einer alten Weltanschauung zu sein. Die neuen Bücher
dagegen, wenn sie vielleicht auch nicht bleibende Grundsteine zu neuen
Mauern waren, so brachen sie doch wie Dynamitpatronen Breschen in das
veraltete Geistesbollwerk der europäischen Nationen.

Die neuen Schriftsteller, die diese aufrührerischen Bücher schrieben,
wurden aber zur damaligen Zeit noch vom Adel sowohl als vom Bürger und
vom ganzen Volk, gleich den Geächteten, für vogelfrei erklärt. Das Wort
„Schweine!“ war noch das mildeste, das man ihnen nachwarf.

Und so wie sich damals Familien und Freunde in der Musik über Richard
Wagner zerkriegten, so entspannen sich in der deutschen Dichtung über
Gerhart Hauptmann und die Jüngsten geistige Bürgerkriege, die in allen
Gesellschaftskreisen mit heftigem Dafür und Dagegen ausgefochten
wurden, -- gar nicht zu sprechen von Nietzsche, dessen Name noch
lange in Bürger- und Volkskreisen so unbekannt blieb, wie er es jenem
Universitätsbuchhändler in Würzburg im Jahre 1890 gewesen.

Auch Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“ schlug wie mit Keulen
an die guten alten Bücherschränke. Und es war eigentlich kein Wunder,
daß an der Provinzuniversität der Name eines solchen Umwerters aller
Werte noch unbekannt blieb, auch nachdem der Zyklopengeist dieses
Denkers bereits aufgehört hatte, dem Leib zu gehorchen.

Es war so viel Gärstoff in jener Zeit, so viele große Männer waren an
der Arbeit, daß, wer sich nach Geistesnahrung sehnte, reichlich genährt
wurde.

Zu jedem Weihnachtsfest gab Ibsen ein neues Drama heraus. Björnson und
Tolstoi behaupteten große Wahrheiten. Und Strindberg, der damals noch
an der Züchtung seiner gewaltigen Eigenart arbeitete, stand in der
Mitte seines Lebens und hatte noch seine mächtigsten Arbeitsjahre vor
sich.

Liliencron fing eben an seine stürmischen und weltfröhlichen Lieder zu
singen. Er trat erst mit vierzig Jahren als Dichter auf.

Die meisten der Genannten haben sich aber heute auch schon in jene
alten Bücherschränke eingebürgert, und sie sind die Klassiker der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden; das deutsche Volk
hat sie bereits in Gnaden aufgenommen, dasselbe Volk, das sich damals
gegen ihren neuen Geist gewehrt hat.

Das Deutschland der blauen Ritterromantik und einer bleichsüchtigen
Griechentumverehrung ist in jenen Jahren abgelöst worden von jenen
Männern, die tapfer und furchtlos gegen Geistesverweichlichung weiter
Bürgerkreise wie junge Ritter mit den Arbeitern Schulter an Schulter
kämpften. --

Ich wollte mit diesen letzten Zeilen kurz eine Erinnerung des
Geistesgesichtes jener Umsturzzeit geben. Ich habe auch nicht alle
Geisteshelden jener Zeit genannt, sondern nur einige Schriftsteller
und wollte nur das Zusammenwirken jener Titanen dem Leser in
Erinnerung rufen, damit er Fuß fassen kann und meinen Weg leichter
miterleben kann, den ich ihn jetzt durch die Jahre nach 1890 bis zur
Jahrhundertwende führen will.

Ich habe im ersten Teil des Buches bereits gesagt, daß sich Stöße von
Notizbüchern bei mir ansammelten, da ich die täglichen Spaziergänge,
Gespräche und so weiter im Jahre 1890 niederschrieb und die
Eindrücke in neuen Vergleichen festzuhalten versuchte. Es waren dies
Übungen, wie ein Maler sie beim Aktmalen und der Musiker sie bei der
Kompositionslehre vielleicht ähnlich vornehmen muß.

In meinen ersten Prosaversuchen hielt ich mich nicht an die alte
Erzählungskunst der Klassiker, sondern an die neue Erzählungskunst,
die mit Jacobsens „Nils Lyhne“ mir zum erstenmal bekannt geworden
war. Diese Kunst verweilte nicht bloß am Wege, um notwendige Dinge
zu schildern, die dem Fortgang der Erzählung nützlich waren. Auch
vertiefte sie sich nicht in _moralisierende_ Betrachtungen zum
Beispiel beim Ansehen eines Sternhimmels, einer Blume, des Meeres
und so weiter, wie es die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts mit
Vorliebe getan. Sie beschrieb auch nicht die Dinge nur der Schönheit
halber, sondern es war ihr darum zu tun, künstlerisch Leben zu geben,
vertieftes Weltsehen, das in den leisesten Bewegungen eines Blattes,
eines Baumes, das im Summen einer Biene und in der Zeichnung eines
Gesichtes festliche Erlebnisse findet. In alles Weltalleben vertiefte
sich mehr als in irgendeinem Jahrhundert diese neue Schreibart. Die
früheren Zeiten beschrieben ein Frauengesicht nur, um seine Schönheit
zu schildern, oder um festzustellen, daß jene Frau gut oder böse sei.

Nun aber enthielt man sich jedes Urteils. Die Neuen zeichneten ihre
Personen, wie ein Maler sein Modell zeichnet, das ihn anregt, und dem
Schuld oder Unschuld desselben gleichmäßig künstlerisch anziehend ist.
Man lud keinen Fluch mehr auf die Handlungen des Menschen und übte
keine offensichtliche Belobung ihrer guten Eigenschaften.

In dieser Weise schrieb Jacobsen seinem „Niels Lyhne“, der für eine
ganze Reihe von jungen Schriftstellern der neunziger Jahre gleichsam
als die Schöpfungsgeschichte einer neuen Schreibkunst galt. Jacobsen,
der Naturwissenschaftler, der Botaniker, faßte die Menschen so
behutsam wie Pflanzen an, die Menschen seiner Bücher, und schilderte
ihre leisesten Handlungen mit einem feinen Beobachten, als galt es,
Pflanzensorten zu bestimmen.

Seine durchaus nie verdammende oder beschönigende Art glich der Art
eines Arztes und nicht der eines Richters. Wie ein Arzt, der, seelen-
und körperkundig, die Fehler nachsichtig Schwächen nennt und die
Schönheiten nicht überschätzt, sondern auch diese mit Augen betrachtet,
welche die Vergänglichkeit aller Lebensformen nur zu gut kennen, und
der darum nicht übermäßig begeistert und nicht übermäßig verurteilend
auftreten kann, so war Jacobsen als Schriftsteller.

Seine Art gewann damals rasch die Herzen vieler der jüngeren
aufwachsenden Dichter. Die Seelenkunde in den neuen Büchern schien ein
großer Fortschritt zu sein gegenüber der moralisierenden Schreibart der
Vergangenheit und gegenüber dem einfachen Richtertum, das selten über
gute und böse Helden hinausgekommen war. --

Die meisten jungen Dichter der achtziger Jahre mußten mit einem
Doktortitel versehen in die Welt treten. Denn das Wort Dichter stand
tief gesunken im Ansehen des Volkes, und die komische schmachtlappige
Dichterfigur, die Wilhelm Busch im Dichter Bählamm geschaffen hat,
spukte immerfort in den Gehirnen der Dichter, die, überfüttert von
verweichlichter Lyrik, deutlich ihren Ekel und Spott zur Schau trugen,
wenn man von jemandem sagte, er dichte.

Heute ist es ein wenig besser geworden. Man ahnt wieder, daß die
Dichter ernste Männer sind, arbeitsame, kräftige Naturen voll
Wirklichkeitssinn. Man ahnt wieder, daß das Wort „Dichter“ nicht mit
dem Wort „Schmachtlappen“ verwechselt werden darf, und daß wirkliche
Dichter Kraftnaturen des inneren Lebens bedeuten, so wie große
Feldmarschalle, große Diplomaten und große Herrscher Kraftnaturen des
äußeren Lebens darstellen.

Wenn ein Dichter leiser auftritt als ein anderer Mann, wenn er
träumender umhergehen muß, so ist es, weil er das wirkliche Leben
äußerlich rascher aufgenommen hat als die anderen, blitzartiger,
und weil in ihm die Gedanken und Gefühle dann tosen. Diesem inneren
Gewitter seiner Gedanken und Gefühle muß er nachhängen und muß
äußerlich oft verstummen und sich selbst zuhören.

Jeder wirkliche Dichter wird demütig gemacht von der Wucht, Ehrlichkeit
und Eindringlichkeit seiner Gedanken und Gefühle, die ihm die Melodie
des Lebens schon offenbaren, wenn die andern nur erst Lärm und Wirrnis
sehen. Andere werden vielleicht demütig gemacht durch Niederlagen,
durch Notlagen, Enttäuschungen und durch gewaltsame Demütigungen von
außen. Der Dichter wird demütig gemacht von seiner Dichterstimme, die
ihn fortwährend begleitet, als trüge er die Weltorgel in sich, auf der
er den Lärm der äußeren Ereignisse in innere Töne auflöst.

Die Zerstreutheit eines Dichters, seine geistige Abwesenheit, der
scheinbare Hochmut, der über seiner Haltung oft unbewußt liegen kann,
die Ungeduld und der scheinbare Größenwahnsinn und sein Stolz -- alles
sind Zustände, wie sie die andern Menschen vielleicht kaum zehnmal
in ihrem Leben kennen lernen, ein Zustand, wie ihn ein Feldmarschall
während einer Schlacht empfinden muß, wenn diese noch zwischen Sieg
und Niederlage schwankt. Der Dichter ist in jedem Augenblick auch
ähnlich einem Erfinder, der nahe daran ist, der Welt eine Entdeckung
zu offenbaren, und den nur noch fünf Sekunden von dem Recht trennen,
darüber aufgeklärt zu werden, ob er sich in seinen Voraussetzungen
geirrt hat oder nicht.

In diesem steten Schöpferzustand, in diesem ununterbrochenen
Schöpfungsfieber bewegt sich das Leben des Dichters vom ersten
Gedicht bis zum letzten. Er erledigt das äußere Leben blitzartiger,
vorausfühlend und vorauswissend, wo die andern erst an der Tür des
äußeren Ereignisses stehen. Aber die Verinnerlichung, in der er zum
zweitenmal die äußeren Erschütterungen in sich lautlos nachleben und
in Worte und Rhythmen bringen muß, ist ihm wichtiger und scheinbar
wirklicher.

Ein Dichter im Verkehr wirkt deshalb immer unbequem, rätselhaft und
ungelenk. Er scheint nur mit dem einen Fuß mitzutanzen, während die
andern mit beiden Beinen Lebensgaloppaden ausführen.

Ein ernster Dichter wird immer den Frauen und den Männern
ungesellschaftlich vorkommen, denn während sie ihn noch im Gewande oder
in den Melodien seiner letzten Werke sehen und ihn darüber befragen
möchten, hat seine innere Welt längst neue Töne angeschlagen, und er
kann den Fragenden nicht einmal mehr antworten, da er fortgerückt und
tief benommen ist von dem neuen Schöpfungsfieber, das ihn gepackt hat,
und das ähnlich ist dem Fieber bei einer wogenden Schlacht.

Es würde keinem vernünftigen Menschen einfallen, von einem
Feldmarschall beim Höhepunkt einer Schlacht Aufmerksamkeit für andere
Ereignisse als die mit der Schlacht zusammenhängenden zu verlangen. Ein
anderes Verhältnis besteht aber zwischen Welt und Dichter.

Der Dichter, der nur für die Schlacht in seinem Inneren Ohr hat,
wird meistens als unvernünftig angesehen, wenn er sich in seiner
Hingerissenheit nicht zugleich auch in seiner äußeren Welt so fest
behaupten kann wie die andern. Er gilt als dumm und blöd, wenn er sich
dort nicht helfen kann, wo die anderen sich spielend helfen.

Er gilt der Welt als frech und anmaßend, wenn er Ansprüche an die
Mitwelt stellt, die ihm vom Standpunkt seiner Schöpferkraft aus klein
scheinen, während die anderen den scheinbar Lebensunbeholfenen und
scheinbar Lebensblöden bescheiden und anspruchslos und möglichst
verzichtend haben wollen, da er von seiner inneren Welt reichlich
entschädigt sei, wie sie triumphierend behaupten.

Als ob jeder Künstler die äußere Welt nicht immer reichlich nötig hat,
um zur inneren zu kommen!

Der Gedanke, daß ein Dichter nur eine Dachkammer benötige, und daß
nur die Not ihm Dichterträume gibt, lebte besonders zur Blütezeit
der alten Weltanschauung eingewurzelt im deutschen Volke. Heute
ist es aber bereits besser geworden, wenn auch die Dichter noch
lange nicht vom Staat Pfründen beziehen wie die Kirchenbeamten oder
Gehälter wie die hohen Staatsbeamten. Und doch wäre dieses eigentlich
selbstverständlich, denn der Dichter, der Maler, Bildhauer und Musiker,
sie sind die höchststehenden geistigen Beamten des Staates, und sie
sind durch ihr Schaffen neuer geistiger Güter höher an Würde und Rang
als die größten politischen Führer jedes Volkes. Die Künstler sind die
reichsten Festgeber des festlichen Daseins der Menschheit, und dafür
hat ihnen jeder Staat zu danken.

Ich setze diese Erklärung und Verteidigung der Künstler hierher, weil
ich eben jene Zeiten erlebt habe, in denen Gedicht und junge Dichter
bei der menschlichen Gesellschaft niedriger im Wert standen als im
Mittelalter die Scharfrichter und ihr Handwerk. Aber wer gründlich
verachtet wird wie der Henker, dem wird doch noch von den anderen ein
_volles_ Gefühl zuteil, das Gefühl des Abscheus.

Aber in jener Zeit, die ich meine, hatte man für den jungen Dichter in
den Gesellschaftskreisen entweder ein mitleidiges Achselzucken, oder
ein solch junger Geist wurde kurzweg als eine Lächerlichkeit angesehen,
die nicht einmal mit ernstem Spott verfolgt wurde; er war für die
Gesellschaft Luft und hatte kaum Daseinsberechtigung. --

       *       *       *       *       *

Durch die neue Weltanschauung war ich aus dem Gleichgewicht der
griechischen Rhythmen und einlullenden gutmütigen Melodien der alten
Dichterwelt aufgerüttelt worden, und die Trochäen und die Jamben und
der Hexameter, alle die uns von den Griechen überkommenen Versmaße,
schienen mir undeutsch, zu feierlich und nicht auf die heutigen
Lebensäußerungen und Lebenszerrissenheiten anwendbar, mit denen der
Arbeitsgeist uns Menschen einer neuen Welt umgibt.

Ich sagte mir: unter dem herrlichen blauen Himmel Griechenlands wurden
alle jene Versmaße aus dem Sinn eines angeborenen Gleichgewichts
geboren. Die Südsonne und das Südblut des Mittelmeervolkes mußten dem
inneren Leben der Dichter dort einen mächtigeren Rausch und Schwung
geben, ein höheres Pathos, welches zu uns gebracht, in unser deutsches
Klima und bei unserer kühleren Rasse ewig unnatürlich wirken wird und
unwahr.

Unser Leben in Deutschland, das fast ein halbes Jahr Winter kennt,
den kurzatmigen Sommer hat, und das zugleich von einer neuzeitlichen
Emsigkeit durchdrungen ist und die Aufmerksamkeit auf ganz andere
Lebensgesetze richten muß, als es die Griechen vor zweitausend Jahren
taten, dieses Land muß ein eigenes Versmaß, seine eigenen Rhythmen
haben. Dieses Versmaß muß sich dem inneren Leben, den zarteren
Menschen, dem bewölkteren Himmel und den grübelnden Träumen, den
rauschenden Laubwäldern unseres Landes anpassen.

Die Natur jedes Landes -- Landschaft, Himmelsstrich und Sprache -- gibt
ihren Dichtern ein bestimmtes Versmaß ein.

Die Länder der Zypressen und Pinien, die Länder des heißen Südweines,
die südlichen Länder, wo keine Singvögel nisten, können nicht in
demselben Verstakt dichten wie deutsche Haine, deutsche Wiesen und
Buschlandschaften voll fliegender Sänger und kühler lauschiger
Grashügel.

Nach dieser Erkenntnis war es mir vorerst unmöglich, daran zu denken,
Gedichte zu schreiben, da ich nicht im alten Versmaß schreiben
wollte und zur Eingebung des neuen noch nicht gekommen war. Außerdem
lag nichts zur Dichtung Aufmunterndes in der Haltung des damaligen
Zeitgeistes, wie ich es vorher erklärt habe.

Und so stellte ich mich auf den Standpunkt, daß es vorläufig unmöglich
sei, Gedichte zu schreiben in einer Zeit, die voll Maschinenlärm
und Reiselärm war und mit Triumphen und neuen Wahrheiten der
Naturwissenschaft protzte.

Ich wollte mich deshalb zuerst nur in einer neuen Erzählerkunst
ausbilden, ausgehend von haarscharfster Beobachtung und genauester
Wiedergabe der zartesten Lebenseindrücke. Dann hoffte ich, es würde
sich vielleicht mit der Zeit die Sehnsucht und die Kraft zum Dichten
in mir wieder verstärken und Dichterlust eines Tages von selbst
hervorbrechen. Was ich aber im Lärm aller Neuheiten, die jetzt auf mich
einstürmten, vorläufig stark bezweifelte.

Ja, ich ging damals so weit in meinem Urteil, und war darin nicht der
einzige meiner Zeit, Dichtung und Dichten für eine Unmännlichkeit zu
erklären. Dichtung schien mir, war heutzutage nur noch möglich für
junge Mädchen, Schüler, ältere Tanten und Greise.

Der zeitgemäße Mann sollte auf die altmodische Süßigkeit gedichteter
Gedanken verzichten und das Prosawort handhaben lernen und seine
Gedanken durch die Kraft einer neuen Prosa vermitteln. --

Aber dieselbe Sehnsucht, sich von einer alten überlebten Welt zu
trennen, die damals die Dichter erfaßt hatte, die hatte alle Künstler
erfaßt.

Die Musiker, unter Wagners Führung, sagten sich von der alten Lehre
des Kontrapunktes frei. Und die deutschen Maler packte die Sehnsucht,
die Heimat in Licht und Farben wiederzugeben. Und die Dunkelmalerei
der alten Schule und das Sichbrüsten mit dem Malen von sogenannten
Charakterköpfen und Ideallandschaften wurde ebenfalls mehr und mehr
beiseite gelassen, und die Freilichtmalerei feierte ihre ersten
stürmischen Feste.

Man malte mit Weiß in Weiß, wo man vorher nur Braun in Braun gegeben
hatte, und man malte Bunt in Bunt, lustig befreit von den schematischen
Farbenlehren akademischer Abtönungen.

Und man malte das Häßlichste und das Eintönigste, sowie man auf der
Bühne den Armeleutestand und auch das Häßliche zu Wort kommen ließ und
sich bemühte, Pathos und Pose möglichst von den Brettern zu verbannen.

Die Schauspieler fingen an das Versesprechen zu verachten, weil der
geistige Zuschauer den Versstücken nicht mehr zuhören wollte und
übersättigt von Pathos und Pose war und einen Wirklichkeitshunger
abends ins Theater brachte, der entstanden war aus dem neuen wachsenden
Großstadtlärm und aus dem Bedürfnis nach Kraftbetätigung und
Wirklichkeitslust.

Die ganze Kunstwelt war in jenen Jahren vielleicht mit einem Maskenball
zu vergleichen, bei welchem plötzlich das Zeichen zur Maskenabnahme
gegeben wird. Und wo vorher sich nur Larven angesehen hatten, sah man
plötzlich wirkliche lebende Gesichter wieder, lebende Gesichter in den
Büchern, auf den Bildern und auf der Bühne.

Die Künstler begrüßten fröhlich diese Umwandlung, die Rückkehr zum
Leben ohne Larve, während die breite Bürgermasse sich nicht recht
an die entlarvten Gesichter gewöhnen wollte und nur seufzend,
rückwärtsschauend, schwerfällig und gezwungen dem neuen Zug der Zeit
Folge leistete.

Viele äußere Umstände trafen da noch zusammen, die den
Wirklichkeitssinn bei den Künstlern wachriefen und die auch die Bürger
mitrissen. Das neue ungewohnte schnelle Reisen und Orte wechseln
können, durch das damals ausgebaute Eisenbahnnetz über ganz Europa,
machte die Menschen wirklichkeitsfroh, und ebenso die Erfindung
und Anwendung des reinlichen und verblüffend hellen elektrischen
Lichtes; dessen alle Winkel ausleuchtende Klarheit ließ nachts keine
Gespensterfurcht und keine überflüssig wuchernde Romantik mehr
aufkommen.

In der Wissenschaft legte die Bakterienlehre die Ohnmacht und Macht
des Menschen klar, dem winzigsten und dem Auge unsichtbaren Lebewesen
gegenüber. Und weiter kamen dazu die aufsehenerregenden ersten Versuche
der Hypnose, die in allen Gesellschaftskreisen mit Eifer besprochen
und begutachtet wurden. Die bei diesen Versuchen sich befestigende
Überzeugung, daß der Mensch keine ihn durch Gut und Böse leitende Seele
habe, sondern daß durch den Willen eines stärkeren Menschen der Wille
des Schwächeren so ausgeschaltet werden kann, daß dem besten Menschen
in der Hypnose Böses zu tun befohlen werden kann, dieses alles half mit
am Aufbau einer neuen Weltauffassung.

Auch ein amerikanisches Buch muß ich noch erwähnen, das in jenen Jahren
in hunderttausend Exemplaren von Hand zu Hand ging. Das war Bellamys
„Rückblick aus dem Jahr 2000“. Es war ein Buch, das erstaunlich den
Wünschen und Sehnsüchten der Zeit entgegenkam, indem es scheinbar
alle Wünsche des letzten Standes mit den Wünschen der höheren Stände
so verschmolz, daß ein Idealstaat dem Leser des Buches gar nicht so
unmöglich erschien und es manche Ungeduldige für möglich hielten, im
neuen Jahrhundert diesen Staat noch zu erleben.

Ich will und kann hier nicht alles aufzählen, was in jenen
Jahren bei der Neuheit des Maschinenlebens, bei der Neuheit des
naturwissenschaftlichen Denkens, bei der Neuheit des raschen Reisens
und des plötzlich sich schnell Verständigenkönnens durch Telegraph und
Telephon mit nie dagewesener Macht die Menschen von alten Vorurteilen
entkettete, das abgezirkelte Gesellschaftsleben entkräftete und
Bewegung und Denkfreiheit in Kunst und Leben herstellte. Diesem neuen
Zeitgeist, den zuerst die Künstler erfaßt hatten, arbeitete aber der
altmodische Bürgergeschmack entgegen.

Die Bürgerkreise sehnten sich, kaum ein wenig aufgerüttelt vom neuen
Zeitgeist, scheinbar nach den Dunkelheiten des Mittelalters, so wie
einer, den durch eine aufgerissene Tür die Sonne blendet, die Hand zum
Schutz über die Augen legt oder sich nach dem Zimmerdunkel umsieht und
sich erst allmählich an die plötzliche krasse Helle gewöhnen will.

Es blühte und wuchs bei den Bürgern in jenen Tagen in Deutschland
allgemein die kindische Lust nach sogenannten altdeutschen
Stuben mit Butzenscheiben, diese Lust, die man später höhnend
Butzenscheibenromantik nannte. Bei jeder Gelegenheit wurden in
den Städten altdeutsche Festzüge veranstaltet, wo die Leute, die
im Zeitalter der Zeitungen, Eisenbahnen und der Sozialdemokratie
aufgewachsen waren, plötzlich als Faustritter, Zunftmeister,
Ritterfräulein und Ehrenjungfrauen sich gebärdeten. Als sei die
Gegenwart nicht Maskenspiel genug, wollte man auch noch am hellen Tage
die Gegenwart mit der Vergangenheit maskieren.

Jedes neue Haus mußte damals wenigstens _einen_ altdeutschen Turm
bekommen oder ganz unnötige Zinnen, und die Mode des Altdeutschen
tobte sich auch bei allen Gebrauchsgegenständen in der lebhaftesten
Weise aus. Es ist übrigens heute noch nicht viel anders. Nur ist die
Maskerade der Butzenscheiben von der Maskerade der Biedermeierei
verdrängt worden.

Die Bühnen- und Romanschriftsteller hatten sich noch zu Anfang der
achtziger Jahre so romantisch altdeutsch benommen, daß schon deshalb
Gerhart Hauptmann für jeden ernster empfindenden Deutschen nicht bloß
als Geist einer neuen Zeit, sondern auch als Erlöser vom altdeutschen
Massenwahnsinn begrüßt werden mußte. --

So lagen die Dinge der geistigen Welt, als ich im Frühjahr 1892 nach
München kam, wo die großen Brauereien eben ihre prunkenden Bierpaläste
zu bauen begannen. Da las ich im gleichen Frühjahr in den Zeitungen,
daß sich vom Glaspalast, dem großen Ausstellungspalast der Maler,
eine Malergruppe trennen wolle, die nichts mehr zu tun haben wollte
mit akademischen Grundsätzen. Dieser Gruppe Mitglieder strebten
die Freilichtmalerei und die Freiheit für jede Eigenart fern aller
Schablone an. Auf Wunsch des Prinzregenten hatte man sich aber noch
einmal geeinigt und wollte sich noch nicht vom Glaspalast trennen,
sondern die neue Malergruppe, die sich Sezession nannte, sollte im
Glaspalast einige Säle für sich erhalten.

Wenn ein Bienenvolk schwärmen will, beginnt es im Bienenkorb laut zu
summen, also summte es damals wütend in allen Bierlokalen der Stadt
München. Man ereiferte sich für und wider den Streit, der unter den
Malern im Glaspalast ausgebrochen war. So wie man vorher für und gegen
Wagner gewesen, so stritt man jetzt für und gegen die Sezessionisten.

Das Kaffeehaus Luitpold war eben erst eröffnet worden und galt als das
prächtigste Großstadtkaffeehaus Deutschlands. Das Leben in prunkhaften
Kaffeehäusern hatte damit für München seinen Anfang genommen, und
die Bürger wollten wichtiger genommen sein, seit sie ihren Kaffee
mit ihren Frauen auf rotem Samtsofa bei vergoldeten Säulen und in
Oberlichträumen einnehmen durften. Überhaupt, das Bürgerleben wurde
täglich feister, und das Sprichwort „nur Lumpen sind bescheiden“ wurde
in Bürgerkreisen zum Erziehungswort.

Bahnbrechend im Geistesleben in München war aber damals nicht bloß
die Sezession, sondern ebenso ein Häufchen Schriftsteller, die wie
weltferne Kameraden dem, in altdeutscher Maskerade protzenden Bürgertum
die maskenlose, ehrliche und erschütternde Wirklichkeit in Romanen und
Dramen darbieten wollten.

Ich erinnere mich besonders gut an einen literarischen Abend auf der
Isarinsel in dem Gasthaus „Isarlust“, das, wenn ich nicht irre, ein
paar Jahre vorher zur Zeit der ersten Elektrizitätsausstellung gebaut
worden war. Dort in einem Saal war von jener Schriftstellergruppe ein
Vorleseabend veranstaltet worden, der mich zum erstenmal in die Nähe
von wirklichen Dichtergeistern brachte.

Ich kann kaum ausdrücken, mit welcher heiligen Scheu und mit welcher
höchsten Seelenspannung ich mich auf den Weg zu jener Vorlesung
machte, und wie geweiht ich mir vorkam, die Gesichter neuzeitlicher
Schriftsteller sehen zu dürfen, ich, der bis dahin nur in Würzburg in
engster Familie, fern von allem öffentlichen Leben, aufgewachsen war.

Mir war, als sollte ich einen neuen Olymp kennen lernen. Ich hatte bis
jetzt nur Bücher aus jener neuen geistigen Welt zu Freunden gehabt, nur
Geschöpfe, aber keine Schöpfer. Außer mit meinen beiden studierenden
Freunden hatte ich bisher mit niemandem einen Gedankenaustausch erlebt,
abgesehen natürlich von den Gesprächen meines Vaters, dessen Geist mir
bis dahin die Unterhaltung von hundert Leuten hatte ersetzen können.

Als ich in jenen Vortragssaal eintrat, ließ ich mich scheu und
beklommen auf der letzten Sitzreihe nieder, reich beglückt, dort sein
zu dürfen, wo Frische und neue Geisteslust die Luft, wie mir vorkam,
leichter und zum Atmen selbstverständlicher machte.

Der Saal war ungefähr zu dreiviertel von Zuhörern gefüllt. Max Halbe
las sein Drama „Jugend“ aus der Handschrift vor. Dasselbe war noch
nicht aufgeführt. Nach ihm lasen Johannes Schlaf, Ludwig Scharf und
noch andere, deren Namen ich mich heute nicht mehr entsinne.

Ich hatte von dem, was vorgetragen wurde, da die Schallkraft des Saales
schlecht war, auf meiner letzten Sitzreihe, wo ich einsam saß, zwar nur
halbe Sätze und halben Sinn aufgefaßt, aber ich war doch ehrfürchtig
gestimmt worden, als hätte ich Stimmen aus einer anderen Welt sprechen
hören. Und deshalb blieb mir jener Abend für immer unauslöschlich in
der Erinnerung.

Doch eigentümlicherweise kam in mir nicht die Kraft auf, an einen jener
Dichterkameraden heranzutreten, mich vorzustellen und die Hand zum Gruß
zu reichen. Wohl war der Wunsch da, mich unter jene Männer zu mischen
und mich mit und bei ihnen frei und fern der Bürgerwelt zu bewegen.

Aber, wie ich schon vorher sagte, war es in jenen Tagen allgemein,
daß jeder Dichter in jenen Jahren entweder den Doktortitel führte und
auf eine Universitätsbildung zurücksehen konnte oder daß er doch das
Abiturientenexamen gemacht hatte. Ich aber, da ich Maler hatte werden
wollen, hatte nur eine Realschule besucht und nur mit Mühe und Not das
Zeugnis zum Einjährigfreiwilligendienst erlangt.

Dem geistigen Wissen meiner besten Freunde, dem Denker und dem
Schweigenden, die Studierende der Universität waren, konnte ich meine
künstlerischen Veranlagungen entgegenstellen, und es konnte dadurch
gleiche Wertstellung im Verkehr herrschen.

Den Dichtern aber, denen ich in jener Vorlesung zum erstenmal begegnet
war, hätte ich nur künstlerische Anfänge bieten können. Es waren von
mir bisher nur in der „Gesellschaft“ und in der „Wiener modernen
Rundschau“, den beiden damals einzigen Blättern des neuzeitlichen
Schrifttums, ein paar Novellen erschienen. Mein erster Roman „Josa
Gerth“ lag nur in der Handschrift fertig und sollte erst zum Herbst
1892 erscheinen.

Ich hatte also noch kein Buch aufzuweisen, um mich vor den bereits
anerkannten jungen Dichtern als Geisteskamerad auszuweisen.

Meine Familienangehörigen hatten mir außerdem, wenn ich davon
gesprochen, Schriftsteller zu werden, oft vorgehalten, daß ich
nicht die nötigen Vorkenntnisse zu diesem Beruf besäße, und daß
der künstlerische Drang zwar gut und schön sei, aber daß er kein
überzeugender Beweis dafür wäre, daß ich im Schriftstellerberuf
vorwärts kommen könne.

Auch war ich in einer Universitätsstadt aufgewachsen, in welcher der
junge Studierende alle Hochachtung genoß und dagegen der künstlerisch
Begabte herzlich wenig beachtet wurde. Wenn man noch keine großen Werke
aufweisen konnte, erschien man dort als anfangender Dichter mehr als
lächerlich und wurde ohne Universitätsbildung nicht ernst genommen.

„Glauben denn diese Leute,“ so mußte ich manchmal zu meinen Freunden
sagen, „Homer habe Ägyptisch oder Persisch oder Hebräisch studiert? Hat
man je von einem Dichter der alten Zeit verlangt, daß er ein Examen
machen mußte in fremden Sprachen und in Wissenschaften? Genügte es
nicht, daß er die Begeisterung und das angeborene Können eines Dichters
besaß?

Haben die indischen und arabischen Dichter und die alten deutschen
Barden Universitätskenntnisse besessen? -- Dichterfeuer, dichterische
Vorstellungskräfte und tiefstes Gefühl für den Weltrhythmus, nur
angeborene Kräfte besaßen jene alten Dichter alter Völker. Die
Professoren konnten ihnen nichts lehren. Nur das große Leben war immer
ihr Lehrer gewesen, und ebenso war ihnen Lehrer der Lebensernst und die
Lebensfreude.“

Und meine Freunde gaben mir stets recht. Aber was half mir das, wenn
die Bürgerkreise, in denen sich mein tägliches Leben abspielte,
unaufgeklärt und befangen waren in dem, was sie Bildung nannten.

Diese Kreise glaubten, da sie selbst die Bücher und die Professoren zur
Bildung nötig hatten, der Dichter müsse den bürgerlichen Weg erst gehen
und sollte nachher seinen eigenen künstlerischen fortsetzen. Mit dem
Satz: „Heutzutage ist es einmal so“, lehnten die meisten Leute jener
Zeit jedes höhere Verständnis für die freie angeborene Schöpferkraft
des Dichters ab, die doch über jede Universitätsbildung erhaben ist.

Einige studierte Verwandte von mir, Vettern mit Staatsanstellung,
warfen mir sogar den Ausruf hin: „Wie willst du denn Bücher schreiben
können, wenn du lateinische und griechische Fremdwörter, die in der
deutschen Sprache eingeführt sind, nicht ableiten kannst? Du wirst dich
mit falschen Ausdrücken nur lächerlich machen!“

Ich sagte ihnen zwar: „Für die, denen ein Fremdwort mehr wert ist
als ein deutsches Wort, das ich an Stelle der Fremdwörter möglichst
immer setzen werde, für die, die glauben, daß die deutsche Sprache
nur schön ist, wenn sie sich mit lateinischen und griechischen
Ausdrücken schmückt -- als ob man eine Menschenhand geschmückt mit
falschen Brillanten hinreicht --, für die, die fremdklingende Worte den
deutschen, einfachen deutlichen Worten vorziehen -- für diese Leute
will ich gar nicht schreiben.“

„Es ist gar nicht zu vermeiden,“ antworteten jene darauf, „daß man
fremde Ausdrücke anwenden muß. Die deutsche Sprache reicht nicht für
alle Begriffserklärungen aus.“

„Gut,“ sagte ich, „dann werde ich der deutschen Sprache neue Worte
geben. Denn es ist das Recht jedes wirklichen Dichters, seine
Muttersprache zu bereichern, und es ist seine Pflicht, Fremdworte
auszumerzen und an ihrer Stelle Worte mit heimatlichem Klang der
Heimatsprache zu erschaffen.“

Man lachte und zuckte die Achseln und sagte, die Erfahrung würde es mir
schon lehren, daß ich Unmögliches wolle. Und mein Vater, beeinflußt
von den Reden jener studierten Verwandten, setzte mein Taschengeld
monatlich so knapp an, daß ich ohne die Hilfe meiner Freunde hätte
verhungern müssen. Denn er wollte mich durch die Entbehrungen, die ich
mir auferlegen mußte, zwingen, von dem Vorhaben, Dichter zu werden,
abzulassen, nach Hause zurückzukehren und mein Leben einem sicheren
Geschäftsberuf zu widmen.

Auch dieses Gefühl, daß ich mich noch nicht durch das Schreiben
erhalten konnte und nur von der Gnade meines Vaters leben mußte und
nichts besaß, um auch mal fröhliche Feste feiern zu können, das hielt
mich damals davon ab, mich jenem Dichterkreis in München zu nähern, und
ich wartete bessere Zeiten ab, um dann Anknüpfung zu finden.

Die Entbehrungen zu ertragen, fiel mir leicht. Trotzdem ich in Würzburg
in einem wohlhabenden Hause aufgewachsen war und es mir nie an
irgend etwas gefehlt hatte, empfand ich die Einschränkungen jetzt im
Verhältnis zur geistigen Freiheit, die ich genoß, als fast gar nicht
vorhanden.

Es wäre mir komisch vorgekommen, wenn mich jemand als ärmer angesehen
oder mich bedauert hätte und mir gesagt hätte, ich hätte zu Hause bei
meinem vermögenden Vater reicher gelebt und besser, weil sorgloser.

Ich kam mir in jenen meinen ärmsten Tagen nie arm vor, und das Gefühl,
ich besitze alles und alle besitzen mich, und das Gefühl, Mitteilhaber
an allem Reichtum der Welt zu sein, war mir von jeher angeboren.

Ich konnte deshalb meinen Sorgen immer nur schwer glauben, bis sie
dicht vor mir standen und nicht mehr abzuweisen waren; dann kamen sie
mir erst wirklich vor. Unverständige Leute nennen dies Leichtsinn. Ich
nenne es _Sorgenblindheit_. Und sie ist der angeborene sechste Sinn
aller Künstler.

Denn wie könnten die Dichter Melodien und Lieder finden, die Maler sich
an Farben, die Bildhauer sich an Formen freuen, die Musiker an Tönen,
wenn sie sich nicht die Sorgenblindheit als sechsten Sinn geschaffen
hätten, der ihnen Schutz bietet, wie Öl, das man in die Maschinen
träufelt, damit sich die Räder nicht heiß laufen.

Und ohne die Öldrüse der Sorgenblindheit würde der eindrucksfähige
Künstler tausendmal am Wege, lange vor seinem Ziele, sorgengebrochen
zusammenstürzen.

Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, die zu jener Zeit in
München die Universität besuchten, halfen mir in edelster Weise. Ohne
ihre Mithilfe wäre ich vielleicht doch gezwungen gewesen, ins üppigere
Vaterhaus zurückzukehren. --

In dem vegetarischen Speisehaus „Thalysia“ in der Landwehrstraße, in
welchem ich mittags ein kärgliches Reis- oder Linsenkotelett aß, fand
ich damals seltsame Menschen, von deren Anwesenheit auf der Erde ich
vorher nichts geahnt hatte. Es waren Theosophen.

Diese Menschen mit blassen Gesichtern und großen vergeistigten Augen
wirkten auf mich so befremdend, wie wenn man von einem zoologischen
Garten in die Grotte eines Aquariums eintritt und hinter Glasscheiben
im Wasser die Pflanzen der Tiefsee und die geschmeidigen Gestalten der
Meeresfauna bei künstlicher Sauerstofferhaltung leben sieht.

Mir schien, jene Theosophen hatten die Geschmeidigkeit von Fischen
oder Pflanzen, die schlank im reinen Wasser leben. Ihre Sehnsucht war,
den Indiern ähnlich zu werden, und die Lotosblume, jene auf dem Wasser
ruhende, keusche Reinheitsblume, war auch ihnen wie den Indiern das
höchste Lebenssymbol.

Aber die Indier, aus dem reichen heißen Himmel, aus dem reichen heißen
Tropenleben geboren, kamen sich zu kühlen, wenn sie sich zur Lotosblume
neigten. Die Indier kommen aus dem Reich wildester Begierden und wollen
ähnlich werden der Blume, die in Ruhe über kühlen Wassern schwebt.
Es ist natürlich, daß sie sich aus dem natürlichen Sonnenbrand ihres
Landes, aus ihres edelsteinschweren Landes Üppigkeit nach kühlender
Einfachheit sehnen und dann bei der Weltflucht und der Weltentsagung
anlangen. So wie der von der Sonne Überhitzte gern zum Schatten
flüchtet. Dagegen jene Theosophen kamen, aufgewachsen im nebelgrauen
Deutschland, in einem kargen Klima, auf einer Sorgenerde, zu der
Lotosblume wie die Fische angeschwommen.

Und sie sahen wie Fische zur Lotosblume hinauf, zu ihr, die in
einer höheren Welt lebte, zu ihr, die in der reinen Sonnenluft
atmete, während sie selbst nur in den bläulichen Dämmerungen einer
Wasserschicht ihr Dasein hatten.

Diese Theosophen, schien mir, sehnten sich aus der Kargheit
eines phantasielosen Daseins nach der Phantasieblume des Lebens.
Ihre Gedankenschicht, in der sie immer schwammen, schien mir der
Wasserschicht ähnlich zu sein, auf der die Lotosblume schwimmt. Sie
selbst aber schwammen immer um die Wurzel der Blume und sahen den
Lotoskelch nur von unten.

Denn diese Männer, die ich da sah, waren nicht durch den Weltbrand
hindurchgegangen und hatten sich nicht, um sich vom Leben zu kühlen,
ans Wasser des Gedankenfriedens niedergesetzt wie die Indier. Sie
haßten die Wirklichkeit, ehe sie sie erlebt hatten, weil sie zu schwach
und zu kühl geboren waren und die Wirklichkeit nie ihr Reich gewesen
war.

Sie lebten immer in ihren Gedankengewässern, in denen sie geboren
waren, wie der Fischlaich. Und sie sprachen von dem Begierdereich wie
Kinder, die vom Liebesleben der Erwachsenen in ihrem Kindheitsreich nur
eine verzerrte Ahnung erhalten können.

Diese Menschen, unter denen ich Reis und Gemüse aß -- weil mein Geld
nicht für Fleischspeisen reichte, da ich mir nur abends ein wenig
Wurst gönnen durfte -- diese schlanken, durchsichtigen Menschen, die
meistens in Schriften und Büchern lasen, während sie kauten, wären
mir aber in meiner Armut beinahe doch als eine tröstliche Umgebung
vorgekommen, da sie nach geistiger Erhebung und nach Gedankentiefe
strebten, wenn nur nicht die graue Lebensschwäche aus ihren grauen
Adern geklagt hätte.

Ich lernte dort bald einen jungen Maler kennen, der wie ich aus Not
in die „Thalysia“ verschlagen war, und dieser erzählte mir vom Maler
Dieffenbach, welcher zu jener Zeit bei einem Dorf im Isartal sich
ein Atelierhaus gebaut hatte. Dies Haus war aus schwarzen Teerpappen
zusammengenagelt. Und mit mannshohen gelben Buchstaben stand an dem
Giebel der schwarzen Halle das Wort: „Humanitas“ geschrieben.

Man konnte Dieffenbach damals öfters in den Straßen Münchens begegnen,
wenn er in die Stadt kam, um Besorgungen zu machen. Bart und Kopfhaar
reichten ihm fast bis an den Gürtel. Er trug eine lange Kutte und
ging in Sandalen, und die ganze Stadt kannte ihn, den verrückten
Malereinsiedler vom Isartal, wie ihn die Leute nannten.

Die meisten Theosophen, die ich damals sah, trugen langes schlichtes
Christushaar, das im Nacken weit über den Rockkragen fiel und nicht gut
zum zweckmäßigen geradlinigen Männeranzug des neunzehnten Jahrhunderts
stimmte. Das träumerische langherabfallende Haar stand im Widerspruch
zu den knappen nüchternen Linien des Anzugs des Arbeiterzeitalters.

Daß übrigens die Theosophen und ihre Anhänger, die vom gedankenvolleren
Norddeutschland in das lebensüppigere Süddeutschland gekommen waren,
eigentlich im scharfen Widerspruch zur derben bayerischen Landesseele
standen, das fiel mir auf. Aber so wie die Fische am liebsten an heißen
Tagen an der Oberfläche des Wassers weilen und sich der warmblütigen
Welt über ihnen behaglich nahe fühlen wollen, ohne doch ihre Wasserwelt
aufgeben zu müssen, so schien es mir auch bei jenen Lotossehnsüchtigen
zu sein. Man merkte, daß sie sich im derberen München, wo das Dasein
mehr dem Leibe als der Seele zugewendet ist, wohler fühlten als im
gedankensüchtigeren Norddeutschland.

Eigentlich war mir die Gedankensehnsucht dieser Menschen, die etwas
Mitleiderregendes hatte, nicht unangenehm. Wenn diese Männer nur nicht
alle selbst so mitleiderregend gewesen wären und so weltabgewendet,
dann hätte ich mich gern mit ihnen unterhalten und mich ihnen nähern
wollen. Aber daß sie der Wirklichkeitswelt, ohne nur von derselben
gekostet zu haben, blindlings und vorurteilsvoll den Rücken wendeten
und die gesunden Derbheiten des Daseins nicht ebenso zu beherrschen
gelernt hatten oder beherrschen lernen wollten wie die Seelenwelt, und
daß sie aus dem Wirklichkeitskampffest, das sie nur vom Hörensagen
kannten, flüchteten wie Krieger, die plötzlich der Schlacht den Rücken
wenden und sich unter eine Schanze setzen und sagen, es wäre unnütz
zu kämpfen, denn einmal müßte ja doch diese Erde vergehen und alle
ihre Genüsse, und gegen die Vergänglichkeit des Leibes könnte auch
diese Schlacht nicht ankämpfen, und deshalb sollte man nur seine Seele
befriedigen -- das hat mich von ihnen abgestoßen, und ich fand es weder
der Mühe wert, noch für mich von irgendwelcher Notwendigkeit, an jener
Seelenüberzüchtung Anteil zu nehmen.

So wie der derber werdende Bürgerstand, der damals immer breiter das
mittelalterliche Rittertum und seine Romantik nach Anleitung Makarts
in Wien in üppigen Samt- und Stoffausschmückungen der Räume in Orgien
der derbsten Geschmacklosigkeiten feierte, und dem die Tapezierer die
Fenster und die Türen mit dunklen orientalischen Teppichen schwülstig
bekränzen durften, so entgegengesetzt übertrieben zum sinnenrohen
Treiben wirkte die Leere und die reizlose Klarheit, mit der jene Gruppe
von Theosophen, die ich täglich sah, das sinnliche Leben betrachtete.

Die Bürger waren übertrieben in der Gestaltung des äußeren Lebens,
die Theosophen übertrieben in der Flucht zum inneren Leben. Die einen
hatten zuviel Weltnähe, die anderen zuviel Weltferne. Die einen arteten
in Weltüppigkeit aus, die anderen in Weltfremdheit. Die meisten
Bürger wünschten nur Feste der Sinne zu feiern, die Theosophen nur
Feste der Seele. Und beide Menschengruppen schienen mir entrückt der
Weltnatürlichkeit, der einfachen Weltselbstverständlichkeit. Sie
feierten nicht das selbstverständliche Fest natürlicher Schöpferkraft,
die inneres und äußeres Leben, Weltnähe und Weltferne in möglichstem
Gleichgewicht erlebt.

Weder weltverwildert sein noch weltentfremdet werden ist dem
großen weisen Fest des Lebens günstig. Weder Lebensüberhitzung
noch Lebenserkältung ist das Ideal des Lebensfestes. Eine emsige
Lebensfestlichkeit, die aber nicht das Leben schulmeisterlich verrenken
will, wie es die Seelensehnsüchtigen gern möchten, und die ebensowenig
zur Lebensgier anspornen will, diese natürliche Lebensfestlichkeit fand
ich damals selten unter den Gesichtern der Straße, aber ich fand sie
immer bei den Dichtern jener Zeit.

Alle die Dichter, die ich noch später kennen lernte, und alle, die
ich bereits aus ihren Werken kannte, alle sogenannten „Modernen“
enthielten sich möglichst, seelisch schulmeisterlich zu wirken oder
stumpfsinnig einseitige Lebensüppigkeit zu pflegen. Es war ein markiger
festlicher Ernst in fast jedem neuen Buch, das damals aus der Gruppe
der „Modernen“ erschien.

Aus allen diesen Gründen fühlte ich mich nicht hingezogen, Verkehr mit
jenen Theosophen anzuknüpfen. Ich las nur manchmal in ihrer Zeitschrift
„Sphinx“, die in dem vegetarischen Speisehaus auf den Tischen lag, und
plauderte dort mit einigen Malern.

Am Tage besuchte ich gern die Museen. Ich ließ mich bei der Betrachtung
dort von keiner Kunstgeschichte leiten, sondern gab mich nur den
Eindrücken hin, die die Bilder auf mich ausübten, und ordnete für mich,
je nach der Stärke oder Schwäche dieser Eindrücke, die Meister der
verschiedenen Jahrhunderte nach meinem eigenen Gutdünken.

Und dabei fiel mir auf, wieviel Geistesqualen und wieviel
Geistesentsagung aus den gemalten Gesichtern aller christlichen
Jahrhunderte sprach. Dagegen frei und gesund und festlich trugen die
griechischen Statuen in der Glyptothek ihre Mienen. Von Gedanken- und
Körpergesundheit aufrecht gehalten und natürlich selbstbewußt, trugen
jene festlichen Menschen der Heidenzeit ihren Leib.

In der alten Pinakothek dagegen sprachen die Menschengesichter der
christlichen Zeiten, die ich da auf den Gemälden sah, von einer
Bedrückung, durchdrungen von einer, wie mir schien, unaufrichtigen
Bescheidenheit und einer eingebildeten Demut. Und jene Maler der
Renaissance, die die Gestalten der biblischen Geschichte nackt
darstellen, malten, gereizt vom Fleischton, die enthüllten Körper
meistens in einer lüsternen Beleuchtung. Und nur bei ganz wenigen alten
deutschen Malern, wie bei Holbein und Memmlinger, war das Fleisch
streng, aber abgetötet behandelt.

Auch diese Bilder konnte ich nicht lieben. Die Körper waren von diesen
Malern dargestellt, als sähe man erfrorene Bäume im Sommer, während bei
den italienischen und niederländischen Meistern das Fleisch der nackten
Menschen zu üppig strotzte, zum Beispiel bei Michelangelo und Rubens,
als hätte das Fleisch ohne Geist wuchern dürfen und wollte Orgien
feiern.

Ich traf auch hier wieder dasselbe Gefühl, das mich immer bei der
Betrachtung der alten Weltanschauung begleitet hat: die Eindämmung der
Lebenslust zur Lebensentsagung erzeugt wuchernde Phantasiegebilde,
die nichts mehr mit edler Schönheit gemein haben. Nur eine natürliche
Weltauffassung, eine selbstverständliche Weltanschauung, die den
Menschen zum Schöpfer und Geschöpf erhebt und das Weltalleben einfach
festlich ansieht, kann auf allen Gebieten der Künste festliche und
natürliche Schönheit schaffen.

Die Griechen, die den Menschen nicht mit einer Erbsünde belasteten, die
ihn frei aufwachsen ließen, denen die Götter des Olymps nichts anderes
waren als Personen gewordene Menschengesetze, sie schufen festliche
Schönheiten.

Der griechische Olymp, sagte ich mir, war nichts anderes als eine
höhere Menschengesellschaft, eine erdichtete Versammlung höchster,
schönster und weisester Menschen, die man wegen ihrer Vollkommenheit zu
Menschenoberhäuptern ernannt hatte.

Die Götter waren anspornende Beispiele, um zu zeigen, wie hoch sich der
Mensch entwickeln kann bei fortgesetzter Geistes- und Körperzucht.

Und jeder weiß, es war beim griechischen Volke nicht ausgeschlossen,
daß mutige Naturen, Menschen, die sich auf Erden außergewöhnlich
hervortaten, oder Menschen, die außergewöhnlich vollkommen zur Welt
kamen, als Götter in die Versammlung des Olymps aufgenommen wurden,
manche sogar nur wegen ihrer äußerlichen körperlichen Vorzüge, andere
wegen ihrer geistigen und körperlichen Heldentaten.

Den lebenden Menschen von damals wurde also bestätigt, daß die
Möglichkeit in ihnen lag, Schöpfer und Geschöpf zugleich sein zu
können. Und diese Möglichkeit, ein Gott sein zu können, krönte das
Menschendasein der Griechen.

Und da sie ebensogut durch Körpervorzüge als durch Geistesvorzüge
Götter werden konnten, herrschte im Volkssinn jener Tage ein edles
Bestreben nach Körper- und Geistesgleichgewicht auf Erden, das uns
heute, wie wir alle wissen, noch aus griechischen Kunstwerken unendlich
erhebend anredet. -- Aber warum mußte jenes Ideal vergehen, wenn es
bereits festliches Leben darstellte?

Deshalb mußte es vergehen, weil es doch noch nicht das
selbstverständlich _allumfassende_ Festliche war. Weil die Tierwelt,
die Pflanzenwelt, die Welt der toten Dinge von den Griechen noch nicht
als ihr Ich, als ihre eigene Schöpferkraft angesehen wurden.

So wie die Märchen des Mittelalters, um die Natur belebt zu sehen,
menschliche Figuren in das Landschaftsleben hineindichteten, so taten
dies in noch höherem Maße die Sagen der Griechen. Wo wir Elfen,
Hexen, Kobolde dichteten, dichteten sie Dryaden, Faune, Nymphen und
Halbgötter. Nie aber lebten in den griechischen Dichtungen der Baum,
das Tier, die Quelle, die Wolke als Naturleben.

Es mußte in der Vorstellung der Griechen immer jedes Leben erst eine
menschliche Verkörperung eingehen und deshalb war das griechische
Lebensfest nicht vollkommen zu nennen. Die griechischen Dichter
konnten nicht eine Abendstimmung auf sich wirken lassen, nicht einen
Baum rauschen hören, nicht die Meereswelle sehen, ohne bei diesem
Natureindruck sofort eine menschliche Gestalt hinzuzaubern, die
Nymphe, den Pan oder einen ihrer Götter.

Und dieses Umgestalten will die neue Weltanschauung nicht mehr tun.
Sie will das Fest feiern, wie es ist. Sie will die einfache Musik des
Windes und der Welle, des Regens und der Wälder, das festliche Leben
der Tiere, Vögel und Insekten einfach festlich erleben.

Der „Mensch von morgen“ hat Sehnsucht, in die Nähe aller Wesen zu
kommen, deren Lebensfest er noch nicht bewußt mitgefeiert hat. Er
hat sich jetzt genug Geduld, Ruhe und Ernst angeeignet, um in die
Festlichkeit der anderen Lebewesen dichterisch einzudringen, ohne daß
er notwendig hat, in der Vorstellung die Körper der Tiere und Pflanzen
fortzuwerfen und ihnen Menschengestalten aufzudrängen.

_Der Weltblick des „Menschen von morgen“ will sich erweitern, und mit
dem Weitblick vergrößert sich die Lebensfestlichkeit._

In der Kunst, die menschliche Gestalt darzustellen, darin haben die
Griechen wohl höchste Lebensfestlichkeit erreicht. Aber im Hinblick auf
das Weltalleben waren sie beschränkt und unaufgeklärt. Diese Aufklärung
und diese Festlichkeiten des Menschengeistes zu erleben, blieb späteren
Jahrtausenden vorbehalten, unserer Zeit und der Menschheit von morgen.

Wer aber behauptet, die Künstler seien nicht an eine Weltanschauung
gebunden, sie dichten, musizieren, malen und bildhauern einfach das,
was ihnen gefällt, dem möchte ich antworten, daß die Schöpfungen der
Künstler immer abhängig waren von der Weltanschauung, die die Nation
hegt und die Zeit, der ein Künstler angehört.

Die Künstler der Japaner, der Chinesen, der Indier, die die Tiere
und Menschen, Landschaft und Pflanzen seit Hunderten von Jahren mit
tiefster Kenntnis und künstlerischer Liebe umfassen und darstellen
können, sind von der buddhistischen Weltanschauung beeinflußt, die
alle Wesen gleich achtet. Die Lebenstreue und die Feinheit, mit der
jene asiatischen Künstler die feinsten Lebensregungen in der Natur
in großzügigen Linien auf ihren Bildern einzufangen verstehen, die
Knappheit und Kürze und Anschaulichkeit ihrer Gedichte, die wenig
ermüdend nie den dichterischen Eindruck übertreiben, sondern das
Erlebte und Tiefste in sparsamer Kürze hinzusingen verstehen, ebenso
die wunderbare Einfalt ihrer in Naturlauten summenden träumerischen
und unaufdringlichen Musik, die nicht zum Anfüllen steinerner
Hallen, sondern zum Einwiegen des Menschenohres berechnet ist, diese
Kunstausübung nähert sich der festlichen Anschauungsweise des gesamten
Weltallebens.

Wie wenig dagegen leisteten infolge ihrer engen Weltanschauung
in der Kunst die Mohammedaner. Nur in der Architektur, in der
Raumausschmückung und in der Ausschmückung von Waffen und häuslichen
Geräten sind sie Meister gewesen. Aber nirgends im mohammedanischen
Kunstleben wird das Naturleben oder Menschenleben, das vielgestaltige,
dargestellt, wie dieses bei den buddhistischen Völkern, bei den Indern,
Chinesen und Japanern der Fall ist.

Und seht die christliche Zeit des Abendlandes. Die Künstler des
Mittelalters, sie malten und bildhauerten, musizierten und dichteten,
aufs stärkste beeinflußt von der christlichen Weltanschauung, und jene
mittelalterlichen Künstler konnten nur das hervorbringen, was sich um
die Kirche und den Kirchengeist der damaligen Zeit bewegte. Nie kamen
die christlichen Künstler jener Zeit den Künstlern der buddhistischen
Weltanschauung gleich. Aber den mohammedanischen Künstlern waren die
christlichen wieder an vielseitiger Entfaltung überlegen.

Von der jüdischen Kunst sind uns zwar Bücher und Lieder überliefert,
aber in der darstellenden Kunst leisteten die Juden nichts, da die
Weltanschauung dieses Volkes die bildnerische Kunst nicht zu pflegen
erlaubte.

Und es ist wohl als sicher anzunehmen, daß bei den Juden damals in
Palästina Künstler geboren wurden, ebenso wie in den übrigen Ländern
der Erde, denn wenn dieses Volk auch hauptsächlich ein Handelsvolk ist,
so ist das kein Beweis, daß nicht Kunstliebe und Künstler unter ihnen
leben.

Das große Handelsvolk, die Engländer, haben den großen Dichter
Shakespeare hervorgebracht und andere Künstler. Bei den Juden hätten
sich in alter Zeit wohl auch Bildhauer ausgebildet, so wie bei den
Ägyptern und Griechen, wenn die jüdische Weltanschauung das Aufstellen
von Kunstwerken erlaubt hätte.

Ich wollte hiermit denen antworten, die da glauben, der Künstler dürfe
immer zu allen Jahrhunderten und bei allen Völkern tun und lassen, was
er wolle. _Der Künstler war aber immer an die Weltanschauung seiner
Zeit gebunden_, auch wenn diese ihm ungünstig gesinnt war, _anpassen
mußte er sich immer der Weltanschauung seiner Zeit_.

Ich erinnere nur an die Madonnenmaler, an die Künstler des
Mittelalters, die gar keine himmlischen Gesichter erdachten, sondern
schöne Mädchen des Volkes, die sie herzlich und sinnlich anregten, und
von denen manche eines Künstlers auserkorenen Liebste war, die er in
Holz oder Stein oder Farben im Kunstwerk herstellte, wonach das dann
auf die Altäre als Mutter Gottes oder als irgendeine Heilige in die
Kirche kam. Des Künstlers Liebesideal wurde so oft zum Anbetungsideal
einer Kirchengemeinde.

Ebenso weiß man, daß die vielen Gedichte, die die Mönche für die
Madonna, für ihre himmlische Braut, und die Nonnen an Christus, für
ihren himmlischen Bräutigam schrieben, stark durchsetzt waren von
weltlichen Liebeserinnerungen und unbewußt oder bewußt aus heißen
Liebeserinnerungen und Liebessehnsüchten entstanden, die jene Männer
und Frauen aus der Welt mit in die stillen Klöster brachten.

Wenn jene aus der Welt flüchtenden Menschen Mönche und Nonnen
wurden und sich hinter die Klostermauern zurückzogen, schrieen ihre
Welterinnerungen auf, und ihr heißes Gedenken an genossene oder
entsagte Lust verwandelte sich oft in die inbrünstigsten und schönsten
Liebeslieder, in denen sie ihren eingekerkerten Sinnen Luft machten.
Diese Künstler mußten öffentlich eine Gottheit verehren unter dem Druck
der Weltanschauung ihrer Tage; in Wahrheit aber verehrten sie das
festliche Leben, dem sie sich entzogen hatten.

Als dann eine freigeistige Zeit anbrach, kam auch die große Zeit
für die Porträtmaler, wobei dieselben ihre Menschen nicht mehr als
Heilige und Madonnen verkleiden mußten. Sie folgten der befreiteren
Weltanschauung ihrer Zeit und malten, so gut sie konnten, auch
Landschaften, in denen aber erst immer noch Menschenfiguren als Beigabe
herumstanden.

Zu dem vielseitigeren Genießen reiner Landschaften, reiner
Naturstimmungen und zum Malen aller Leben ist erst unsere heutige
Zeit mit der aufgeklärteren Geistesrichtung gekommen. Aber sie
übt diese Kunst noch nicht so sichtlich reichhaltig und durch
Menschengeschlechter geschult, wie es die buddhistischen Maler Asiens
vermögen, welche die Insekten, fliegende Vögel, alle Blumen und
Gräser und alle Naturstimmungen mit wenigen, kennzeichnenden Strichen
wunderbar künstlerisch darstellen.

Laßt aber allen europäischen Völkern einmal die Weltanschauung von der
Festlichkeit des geringsten Daseins bewußt werden, die Überzeugung von
der Bedeutung der unendlichen Schöpferkraft, die in jedem Geschöpf
liegt, die nicht nur den Menschen seelenvoll nennt, sondern, seelenvoll
und dem Menschen gleichgestellt, das letzte Lebewesen, dann wird erst
ein großes künstlerisches Aufblühen und damit ein inniges Vertiefen in
alle Weltleben in der Dichtung, der Malerei, der Bildhauerei und der
Musik einsetzen, so daß dann die Welt offensichtlich zu einer Festwelt
wird.

Denn ihr sollt nicht sagen, die Japaner und die Chinesen und die
meisten Asiaten erzeugen nur deshalb so viele Kunstwerke, und jeder
ihrer Gebrauchsgegenstände ist nur deshalb von einem Kunstgedanken
zum Leben gebracht, weil diese Völker ein angeborenes größeres
Kunstverständnis und stärkeren künstlerischen ausübenden Sinn mit auf
die Welt gebracht haben.

Das ist es nicht. Das ist eine bequeme Täuschung, mit der ihr euch
selbst herabsetzt, weil ihr euch in Europa nicht gründlich in aller
Weltallfestlichkeit erkannt habt, weil ihr euch nicht gründlich
vertrauen wollt und noch teilweise in einer kunstfeindlichen, weil
weltfeindlichen Weltanschauung befangen seid.

Die Künstler aller Zeiten waren wohl immer durchdrungen von der
Festlichkeit aller Leben. Es waren nur die Volksmassen, die den
Künstlern den Zwang einer beengenden Weltanschauung auflegten. Aber
auch die Völker sind im letzten Grunde immer von der Festlichkeit des
Daseins überzeugt gewesen, es fehlte ihnen nur die Reife und die Kraft
des Eingeständnisses.

Die Kunstseele ist in allen Völkern und zu allen Zeiten immer dieselbe
gewesen. So wie das Sonnenlicht jeden Tag rund um die Erde geht und
überall Sonnenlicht ist, wenn ihr es nur zu euch kommen laßt und euch
nicht vor dem Licht versteckt und das Licht nicht verbaut, und so wie
die Erde unter euren Füßen euch rund um die Weltkugel gleichmäßig
trägt und überall dieselbe Erde unter euren Füßen bleibt, so seid ihr
Menschen, wandelnd zwischen Sonne und Erde überall auf der Welt,
durchdrungen von der Lust am Betrachten, am Zuhören und Wiedergeben der
Welteindrücke, durchdrungen von der Weltallfestlichkeit, geboren.

Und aus diesem festlichen Empfinden heraus, das überall dem
Menschenleben bei allen Völkern angeboren ist, entstehen auch überall
die drei Kunstarten: Dichtung, Bildnerei und Musik. Nur schwächende
Weltanschauungen und enge Weltüberblicke können teilweise das festliche
Weltbetrachten dem Menschenherzen verkürzen, so daß die künstlerische
Wiedergabe beschränkt wird.

Setzt aber einmal bei allen Völkern eine festliche Weltanschauung ein,
so werdet ihr sehen, daß alle Völker höchste künstlerische Kräfte
besitzen, und daß das Menschenleben sich zu einem harmonischen Fest
auch in künstlerischer Hinsicht gestalten wird.

       *       *       *       *       *

Halb bewußt und halb unbewußt gab ich mich damals in den Münchner
Museen diesen Betrachtungen hin. Aber heute erst kann ich sie in Worten
niederschreiben. Ich wußte damals nicht, was mich so eifrig zu den
heidnischen antiken Kunstwerken hinzog, aber mich doch im allerletzten
Grunde auch unbefriedigt ließ.

Ich wußte auch nicht, was mich an den Gemälden der christlichen Bilder
bedrückte, und was mich daran, abgesehen vom malerischen Können jener
Meister, unbehaglich, unbefriedigt ließ. Ich stand vor großen Werken
der Malkunst, aber die Maler selber, das sagten ihre Werke, waren nicht
Besitzer einer freien und natürlich festlichen Weltanschauung gewesen.

Darum fand ich mehr Freude draußen in der Natur, bei Spaziergängen, wo
das Leben der Wälder und Berge, des Himmels und der Flüsse von keinem
kurzsichtigen Zeitgeist erschaffen war, dort im Freien herrschte das
Weltallfest vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Die
Kunstwerke des Christentums konnten mir nicht dieselbe Festlichkeit
geben, wie sie mir die Natur gab. Nur die Statuen des heidnischen
Griechentums trugen ähnliche Lebensfestlichkeit zur Schau wie die immer
festliche Landschaft.

Es war mir aber damals auch noch unmöglich, mein Handeln und mein
Denken zusammen Hand in Hand gehen zu lassen, da die Gedanken nicht so
klar wie heute vor mir standen, also, der Gedanke noch nicht so sicher
die Tat leiten konnte.

Ich wußte noch nicht, wie ich die Welt in Worten knapp durchgeistigt
und verkörpert, ohne Anlehnung an die alte christliche Weltanschauung,
in Gedichten wiedergeben sollte, und war oft recht verzweifelt und von
Ungeduld geschüttelt.

Ich konnte auch niemanden um Rat fragen, mein philosophischer Freund
hatte mir nur sagen können: „Verlaß die alte Weltanschauung! Sei
ehrlich zu dir selbst. Du und wir alle haben sie im Grunde schon längst
verlassen. Du findest den Weg zu neuen dichterischen Schöpfungen von
selbst. Sei nur mutig!“ --

Verlassen hatte ich die alte Welt. Aber ich tappte noch im unklaren
und hatte keine neue vor mir. Denn die Wirklichkeitswelt, in der die
anderen Dichter damals arbeiteten, die Alltagswelt, die Welt der
Taglöhner und Proleten, die von ihnen mit Vorliebe damals aufgesucht
wurde, die schien mir nur ein Nebenweg am Hauptweg zu sein, der
eingeschlagen werden mußte, ein Vermittlungsweg zum Hauptweg.

Ich versuchte diesen Weg ein Stück zu gehen, und ich schrieb in
München, um mir zu beweisen, ob ich mit photographischer Treue das
Wirklichkeitsleben wiedergeben könnte, damals ein Drama in zwei
Akten, betitelt „Das Kind“, das mit allzu deutlicher Deutlichkeit den
Seelenzustand eines jungen Mädchens wiedergab während einer Nacht des
Abschieds von ihrem Bräutigam, und das sich am Morgen nach dem Abschied
aus dem Fenster stürzt.

Das Stück war kraß, erschütternd, aber es löste keine innere Erhebung
in mir aus. Nur die Achtung vor wirklichkeitsgetreuer Schilderung
blieb als Endgefühl in mir übrig. Und ich sah ein, daß äußere
Wirklichkeitswiedergabe nur eine Schulung für einen Schriftsteller sein
konnte, aber daß sie nicht höchstes Kunstideal werden durfte. Das Stück
wurde später im Jahr 1900 vom Münchner Schauspielhaus angenommen. Aber
ich zog es zum Erstaunen des Direktors vor der Aufführung zurück. --

Das Osterfest 1892 kam heran, und ich ging an einem Karfreitag, erfüllt
von den Erinnerungen alter Osterzeiten, durch die Kirchen Münchens
und kam in eine hohe alte Kirche, die war dunkel und wirkte wie ein
geräumiger Keller. Und die Menschenmenge, die zu dem einen Eingang
hineindrängte, Kopf an Kopf, und die Kirche durchquerte und zu einem
anderen Eingang hinausdrängte, schob mich vorwärts.

Alle großen Gemälde über den Altären und die Altäre selbst und die
Altarstufen waren, wie das immer in der Karwoche ist, mit tiefvioletten
Tüchern zugedeckt. Und durch die Weihrauchwolken sah ich die Pyramiden
der Kerzen aufragen, deren unzählige spitze Flämmlein mir den Eindruck
von goldenen Dornen machten.

Vom Weihrauch halb verhüllt, stand der in Spitzengewänder gekleidete
Priester am Altar, und als ich einen Augenblick zurücksah über die
Menge, die mich vorwärts schob, stach durch die offene hohe Kirchentür
das blauweiße Tageslicht grell in das dunkle Kirchengewölbe herein,
als stahlblauer Strahl und war wie ein mächtiges helles Schwert über
den Köpfen der Menge. Und die Menschen, die Kopf an Kopf da drängten,
erschienen mir wie ein Heerwurm, der unter dem blanken drohenden
Schwert durch die Kirche zog.

Einen Augenblick schien es mir, als ich den Weihrauch aufsteigen sah,
als hätten die Kerzen das violette Tuch, das über dem Altarbild hing,
angezündet, und als rolle das Tuch feurig brennend und rauchend über
den Köpfen der Menge hoch.

Ich ging dann nach Hause und schrieb den visionären Eindruck dieses
Karfreitagkirchenbesuches in kurzer Skizze, die ich „Auferstehung“
betitelte, nieder. Ich gab den Eindruck so wieder, wie ich ihn
eben erzählt habe, nur ein wenig mehr ausgearbeitet, in heftigeren
Farbeneindrücken und in knappen, etwas gehackten Sätzen.

In jenen Tagen in München -- das muß ich noch vorher bemerken -- hatte
ich mir manches Mal ein Buch in der „Bibliothek der Modernen“ geliehen.
Diese Bibliothek war im Hause des Schriftstellers Schaumberger, und
dort im Hausgang war ich im Vorübergehen den Dichtern O. J. Bierbaum
und Ludwig Scharf vorgestellt worden.

Einige Tage später erhielt ich von O. J. Bierbaum die Aufforderung,
eine kleine Arbeit für den „Musenalmanach“ 1892-1893 einzusenden.

Nichts schien mir geeigneter für diesen Zweck als die kleine Skizze
„Auferstehung“, die kaum zehn Druckzeilen groß war, und die ich für
meine erste und beste Leistung auf dem neuen Weg beschreibender Prosa
hielt.

Ich dachte mir aber, daß wahrscheinlich Hunderte von Schriftstellern
zu Beiträgen für den Musenalmanach aufgefordert worden waren, und daß
das, was ich geschrieben hatte, so wenig war, daß es in dem Buchband
kaum zehn Menschen auffallen würde. Mir persönlich sollte diese
kleine Skizze die Linie zeigen, die ich einschlagen wollte. Nicht
Wirklichkeitsschilderung, sondern in Vision umgesetzte Wirklichkeit
wollte ich von jetzt ab geben.

Ich hatte damals noch keine Ahnung von Kritik und Kritikern überhaupt.
So wie es nirgends in der Bibel steht, daß Gott bei seiner Schöpfung
an eine Kritik derselben gedacht habe, so wenig war mir der Gedanke
gekommen, daß ich je eine gedruckte Kritik über mich lesen würde. Ich
selbst hatte nie Kritiken über Bücher gelesen, so wie ich auch bis
dahin nur äußerst selten eine Tageszeitung in die Hand genommen hatte.

Ich dachte, Dichtungen werden schweigend geliebt oder schweigend
abgewiesen, und ich wußte noch nicht, daß das meiste, was geschrieben
wird, auch öffentlich besprochen wird.

Daß in den Zeitschriften Bücherbesprechungen gebracht wurden, in jenen
modernen Zeitschriften, in welchen die neuen Dichter sich vereinigt
hatten, um auf neue Wege hinzuweisen, das schien mir natürlich.
Daß aber die Zeitungswelt, die Augenblickswelt, die doch keine
Zeit zum Sichvertiefen haben konnte, Geistesarbeit zu kritisieren
sich berechtigt fühlte, in derselben Weise, als ob man das Wetter
beschrieb und Tagesvorgänge besprach, daß Geistesarbeit unter die
Augenblicksvorgänge gerechnet werden könnte, das war mir ganz unbekannt
und unverständlich.

Im Herbst desselben Jahres, als ich dann später von München nach Berlin
gezogen war, erhielt ich eines Tages von meiner Familie aus Würzburg
eine Nummer des „Berliner Tageblattes“ zugesandt. Im Feuilleton war
der Bierbaumsche „Musenalmanach“ für 1892-1893 breit besprochen. Aber
mein Erstaunen wuchs aufs höchste, als ich meinen Namen an die Spitze
des Aufsatzes gestellt sah und die Worte am Eingang der Kritik las:
„Da tut ein Max Dauthendey seine milde Hand auf und schenkt uns eine
Auferstehung.“

Ich begriff zuerst nicht, daß der Artikel von Hohn strotzte. Man hatte
zugleich meine Skizze wortwörtlich abgedruckt, und man geißelte mit
bissigem Spott die neue verrückte Schreibart. Die für eine Tageszeitung
auch wirklich nicht am Platze gewesen wäre. So schwer denkbar wie
es ist, daß Botticelli Skizzen für eine illustrierte Tageszeitung
gezeichnet haben würde, so wenig paßte natürlich die Skizze eines neuen
Wegesuchers in den Alltagsstil einer Zeitung.

Da ich zur Mitarbeit aufgefordert worden war und meine Skizze als
Geschenk dem „Musenalmanach“ gegeben hatte, hatte ich die Einfalt, zu
glauben, daß die Welt auch meine Arbeit als Geschenk annehmen müsse und
nicht als eine Herausforderung zum Meinungszweikampf.

Grausam und ungerecht fand ich diesen unerwarteten Angriff auf meinen
mit tiefstem, heiligstem Ernst ausgearbeiteten kleinen ersten Versuch,
Wirklichkeit und Unwirklichkeit vereinigen zu wollen. Ohne nach der
alten Figurenwelt von Engeln und Teufeln zu greifen, hatte ich die
Visionen eine Kirchenstimmung, eine Karfreitagsphantasie, versuchsweise
wiedergeben wollen.

Daß meine Welt nicht die Welt von heute war, wurde mir aus jener
Kritik hier gründlich zum erstenmal öffentlich bestätigt. Aber mutlos
oder kopfscheu machte mich diese Erkenntnis nicht. Und so breit, wie
ich heute das Ereignis beachte, tat ich es damals nicht. Es war eine
flüchtige Sekunde des Unbehagens, die aber doch so stark war, so daß
ich sie nach langen Jahren noch in mir aufgezeichnet finde. -- Und ich
erzähle dieses nur, weil es meinen ersten neuen Versuch betraf, der mir
am Herzen lag.

Der Gedanke, die Natur phantastisch, doch ohne Verwandlung der
Naturleben in Menschengestalten, wiederzugeben, beschäftigte mich
damals in München, seit ich den ersten Versuch, die kleine Skizze
„Auferstehung“, geschrieben hatte, unausgesetzt.

Eines Sonntags wohnte ich im Münchner Hoftheater einer Vorstellung des
Byronschen „Manfred“ bei, und Ernst von Possart spielte den „Manfred.“
Von meinem Platz aus auf einem der Ränge konnte ich immer sehen, wie
die Versenkung sich öffnete, und wie einer der Erdgeister oder einer
der Feuergeister aus dem Bretterloch aufstieg. Das störte mich sehr.
Wohl war die Sprache des Dichters schön, aber auf dem Heimweg vom
Theater sagte ich mir, ich hätte das Stück lieber gelesen und hätte mir
dann die Gestalten der Elemente mächtiger und unbegrenzter vorstellen
können.

Es wirkte komisch, wenn da in grauen Kattunstoffe eingewickelte
Menschen auf der Bühne herumliefen wie Gugelmänner, und wenn man sich
vorstellen sollte, diese Vermummten sollen die verkörperten Elemente
der Erde sein. So dürftig und so beschränkt war mir noch nie die
Gestaltung der Elemente vorgekommen. Die Schuld lag nicht an der Bühne,
nicht an der Darstellung, sondern am Dichter, der sich hätte hüten
müssen in seinem Drama ungeheuere Elemente in der Form von Menschen
auftreten zu lassen.

Mein neuzeitlicher aufgeklärter Natursinn sträubte sich fortwährend
gegen die Annahme, daß verkleidete Menschen Elemente darstellen
sollten. Ich ging unbefriedigt nach Hause, und ich sagte zu meinen
Freunden: „Ich möchte ein Drama schreiben, in welchem die Elemente
auftauchen wie die Bilder im Gehirn eines Menschen. In dem Drama möchte
ich Gletscher, Meer, Wüste als unsichtbare Chöre singen lassen.“

Jedenfalls stieg mir an jenem Abend unklar die Idee auf, daß, wenn
ein Drama ohne Menschen auch eine Ungeheuerlichkeit wäre, es doch
keine Unmöglichkeit sein müßte. Heute weiß ich, daß das alles nur
Vorbereitungsgedanken für meine künftige Lyrik waren, in welcher ich
dann mit Vorliebe Liebes- und Landschaftsleben verschmolzen habe, ohne
den Landschaftsdingen Menschengestalten zu geben.

Als die Universität Osterferien hatte, fuhr ich mit dem einen meiner
Freunde, dem Schweigenden, ins Gebirge nach Tirol, und wir stiegen zum
Achensee hinauf. Zu beiden Seiten des Weges lag noch hoher Schnee,
besonders hoch beim See an den kalten Nordseiten der Berge.

Der Ausflug währte nur zwei Tage, aber ich erinnere mich noch deutlich,
als wäre es gestern, einer Sekunde, die ich auf dem See erlebte,
und die in mir blitzartig die Gestaltung eines Dramas ohne Menschen
schaffen sollte.

Wir saßen am Spätnachmittag in einem Boot, mein Freund ruderte. Wir
waren an einer Seeseite gewesen, wo streckenweise der Schnee auf
großen Wiesenflächen geschmolzen war, und dort waren, in der heftigen
Frühjahrssonne, Gruppen von rosa Alpenhyazinthen emporgeschossen, die
da wild und üppig wucherten.

Wir hatten einen großen Strauß davon gepflückt, der lag neben mir auf
der Bootsbank. Ich hielt das Steuer und lag halb über den Bootsrand
gebeugt und starrte in die herrliche smaragdgrüne Tiefe des Bergsees
und freute mich an dem feuerblauen Schatten, den unser Schiff und wir
selbst über die Seefläche zeichneten. Mir schien, wir schwammen mit dem
Boot über einen ungeheueren Kristallberg.

Stellenweise konnte man die schlangenartigen Figuren der Seegewächse
goldig am Grund aufblinken sehen oder Felsblöcke, die wie Goldklumpen
spukartig aus dem grünen Wassergrund heraufsahen. Und versunkene
Baumstämme waren da unten, unheimlichen Tierkörpern ähnlich, mit grünen
und blauen Gliedern, die schienen mehr unwirklich als wirklich zu sein.

Ich ließ von Zeit zu Zeit einen Blütenbüschel des rosa
Hyazinthenstraußes, daran ich einen kleinen Stein gebunden, in die
Seetiefe gleiten, und es erstaunte mich immer wieder, wie die rosa
Blumen in einiger Tiefe blau und dann weißlich wurden und versanken,
als fielen sie durch verschiedenfarbige Tinten.

Und ich stellte mir dann vor, wie meine Blumen nun da unten liegen
mußten und sich nach der Sonne und nach den Wiesen oben sehnen würden,
und daß der Seegrund sie nun nie mehr loslassen würde, und daß sie zu
Stein werden mußten neben dem Stein, der sie hinuntergezogen hatte in
die grüne Glaskammer des Sees.

Als ich müde war vom Hinunterschauen, sah ich drüben über dem
Seeufer einige schneebedeckte Berge Tyrols, und wenn auch keine
Gletscher zu sehen waren, so bildete ich mir doch ein, so starr weiß
müßten Gletschergipfel unberührt den ewigen Schnee tragen wie jene
verschneiten Berge.

In demselben Augenblick ging die Sonne unter, und die Schneegipfel
färbten sich, als wüchsen auf ihnen vor meinen Augen Felder von rosa
Alpenhyazinthen. Es war aber nur die Abendsonne, die die äußersten
Erdzacken aufglühen ließ.

Und dieses feierliche Schauspiel, dem ich im Boot, schwebend über der
Seetiefe, im lautlosen Abend zusah, das prägte sich so stark in mich
ein, daß ich es dichtend nachgestalten wollte, so wie es gewesen.

Und nach München zurückgekommen, dachte ich mir aus, ich wollte
ein Drama schreiben, in welchem kein Mensch auftreten sollte, wie
ich das schon einmal gesagt habe. Nur einzelne Menschenstimmen und
Menschenchöre und Musik hinter der Bühne sollten die Verwandlungen
begleiten.

Und ich wollte zuerst hinter der Szene eine große Stimme singen lassen.
Das sollte die Stimme der menschlichen Sehnsucht sein. Und unsichtbare
Chöre des Weltalls sollten ihr antworten.

Und die Sehnsucht sollte hinuntertauchen in die Meerestiefe, in die
Pflanzengärten dort unten, wo die Perlen in ihren Schalen singen und
tausend Jahre reifen. Und das Bühnenbild sollte den farbigen Meergrund
zeigen.

Und die Sehnsucht, keine Ruhe in der Meerestiefe findend, sollte dann
zum Gletscher eilen, zum ewigen Schnee. Und auf der Bühne sollte das
Eis der Gletscherfelder aufglühen in der Abendsonne, und Chöre der
Stimmen des ewigen Schnees sollten antworten, so wie die Scharen der
Perlen in der Meerestiefe der Sehnsucht geantwortet hatten.

Und die Sehnsucht sollte, auch dort keine Ruhe findend, vom Gletscher
zur Wüste eilen und dem Sand und den Sandmeilen zusingen. Und der im
heißen Wind aufwirbelnde Sand sollte in Chören der Sehnsucht antworten.

Und die Sehnsucht sollte endlich heimkehren, heimgetrieben, nachdem sie
nicht Ruhe gefunden, nicht in der Tiefe des Meeres, nicht in der Höhe
des ewigen Schnees, nicht in der Hitze der Wüste.

Dann sollte im Abend ein Frühlingsgarten voll Blüten als letztes Bild
dastehen und ferne Geigen unter den Blüten singen. Chöre der Blüten
und die Mondstimme in der Frühlingsnacht und die Chöre der Blumendüfte
sollten singen, und die Sehnsuchtstimme des Menschen sollte ihr letztes
Lied finden und sich sagen: da sie nirgends auf Ruhe traf und auch
das Weltall ihr geantwortet habe, daß nirgends Ruhe sei, so wäre die
einzige Weisheit die, das Leid aller und die Liebe aller mitzuerleben,
mitzujubeln und mitzuleiden. --

Ich wollte mich nun für dieses Drama vorbereiten. Schneeberge
hatte ich gesehen. Auch die Seetiefe des Achensees konnte mir eine
Vorstellung geben vom Meeresgrund. Nur über die Wüste wußte ich noch
nichts. Und ich verschaffte mir Bücher mit Wüstenbeschreibungen.

Aber sie gefielen mir nicht. Ich konnte keine Stimmung aus ihnen
erhalten. Und da erinnerte ich mich, wie ich als Knabe oft im heißen
Mainsand auf einer Insel im Fluß nach dem Bade gelegen hatte. Und
dieses ferne erlebte Bild des trockenen Julisandes mit der senkrechten
Sonne am Himmel, gab mir mehr Wüstenvorstellung, als das Lesen von
wissenschaftlichen Wüstenreisen in Büchern es vermocht hätte.

Aber es sollte noch ein Jahr dauern, bis ich die Stimmen dieses Dramas
in Versen schreiben konnte. Das geschah im Jahre 1894, als ich zum
zweiten Male in einem einsamen Pfarrhof an der Westküste Schwedens
mehrere Monate zubrachte. --

Ich hatte jetzt in München fast alle Wagnervorstellungen besucht, den
Nibelungenring gehört und war auch einige Jahre vorher in Bayreuth
gewesen, wo ich bei einem Abstecher von Würzburg aus den „Parsifal“
gehört hatte.

Wagners neue heftige Musik hatte mein junges erregbares Blut tief
erschüttert. Aber Wagners Dramengestalten, die Götterfiguren in
Menschengestalten, erschienen mir in der Darstellung auf der Bühne
unmöglich und kindisch und nicht so überzeugend, wie es für unsere
neuzeitlichen Vorstellungen nötig gewesen wäre, um in mir volle Andacht
zu erwecken.

Ein dicker Tenor, der den Wotan spielte, oder eine üppige Sängerin,
die die verklärte Gestalt der Freja oder die gewaltige Gestalt einer
Walküre darstellen sollte, verärgerte meine Aufmerksamkeit jedesmal,
so daß ich meistens die Augen im Theater schloß und nur den singenden
Stimmen der Musik zuhörte und auf das Bühnenbild, das ich mir in der
Phantasie viel schöner vorstellen konnte, gern verzichtete.

Ich war also aus innerem Antrieb und nicht aus Neuheitssucht auf den
Gedanken gefallen, teils durch die Manfredvorstellung, teils durch die
Wagnervorstellungen herausgefordert, einmal ein Drama zu schreiben, in
welchem nur Chöre und Landschaftsbilder von der Bühne wirken sollten.
Aber es sollte dieses durchaus nicht eine neue Dramengattung werden.

Ich wollte nur einmal eine Bühnenphantasie geben, die, ohne menschliche
Figuren zu verwenden, erhebend wirken sollte. Ich hatte in der
Wagnerschen „Walküre“ in München auch gesehen, wie mit Dampf und
bengalischen Flammen eine künstliche Branddarstellung erzeugt wurde,
und ich stellte mir vor, daß die Landschaftsbilder meines Dramas, der
Meeresgrund, der Gletscher und die Wüste nicht nur einfach nüchtern
auf der Bühne dargestellt werden durften, sondern sie müßten, wie von
Wolken getragen, erscheinen, auftauchen und in Wolken verschwinden wie
Gedankenbilder im Gehirn eines Menschen. Und um dieses zu ermöglichen,
sollte Dampf aus den Versenkungen aufsteigen und sollten so auf der
Bühne Wolken erzeugt werden.

So wie in einem menschlichen Gehirn die Vorstellungsbilder bald
klarer, bald unklarer wie aus Wolken aufzutauchen scheinen und dabei
Stimmen der Gedanken sprechen oder singen, so sollten die Bühnenbilder
in diesem Operndrama „Sehnsucht“ sein. Und ich hatte die jedenfalls
etwas waghalsige Kühnheit, an die Spitze meines Dramas, als ich es
schrieb, die Worte zu stellen: „Die Bühne stellt das Gehirn eines
Menschen dar.“

Die eilige Kritik, welche heutzutage den Dichtern ihren Wert schnell
zu- oder abspricht und sie bei Lebzeiten schon untereinander in
Rangordnungen dem deutschen Volke vorführt, und die nicht Rücksicht
nimmt, ob der Dichter jung ist und sich entwickelt, sondern die ihn mit
fünfundzwanzig Jahren vielleicht sogar an toten Dichtern mißt, welche
achtzig Jahre geworden sind -- diese hastige Kritik, die in dieser
erstaunlich voreiligen Weise an den lebenden und sich entwickelnden
jungen Dichtern oft schweres Unrecht begeht, konnte mir dann zwanzig
Jahre hindurch diesen Jugendausspruch nicht verzeihen: „Die Bühne
stellt das Gehirn eines Menschen dar“. Und man frischte diesen Satz in
unzähligen Kritiken über mich jedes Jahr wieder auf.

Meine zukünftige Welt, die ich in mir täglich weiterbildete -- und
deren erste Anfänge mir heute noch ebenso heilig sind wie damals, weil
sie ehrlich und echt gemeint waren und nicht aus Verblüffungssucht
entstanden -- hat man verhöhnt und verlacht, und man hat nie einen
Augenblick daran denken können, daß alles, was ich damals schrieb,
begründet war von dem Drang, eine neue Weltanschauung in der Dichtung
zur Geltung zu bringen. Alle diese jungen Versuche aber zielten auf die
Schöpfung einer mir eigenen Lyrik hin, die ich doch erst später geben
konnte.

Den Dichter kann man nicht anspornen zum Blühen und ihn nicht hindern,
wenn seine Dichtung blüht. Man kann nur die natürliche Verbindung
zwischen Leserkreis und Dichter zeitweilig schädigen.

       *       *       *       *       *

Mein Freund, der junge Philosoph -- der in München in jener Zeit
neben seinem Studium bereits mit der ersten Niederschrift über die
Atomkraftlehre eifrig beschäftigt war -- schlug mir im Frühjahr 1892
vor, die Pfingstreise, die er zu seiner Erholung hätte unternehmen
sollen, und wozu ihm seine Mutter Reisegeld geschickt hatte, an seiner
Stelle zu machen. Was ich mit Dank gerne annahm, und um die Pfingstzeit
nach Venedig reiste.

Von dieser Reise sind mir zwei kleine Begebenheiten in Erinnerung.

Ich war am Abend von München abgereist, und als ich morgens im Bahnzug
über den Brenner kam, begann ich, bereits von der Station Franzensfeste
ab, unausgesetzt den Himmel zu prüfen, gespannt aufschauend, ob
derselbe bald italienische Bläue zeigen würde. So saß ich in grauem
Morgendämmern, bis wir zur Grenze nach Ala kamen, stundenlang das
Gesicht nach oben gerichtet. Obgleich mein Nacken mich schmerzte und
ich den Kopf kaum noch zurückbiegen konnte, so war doch die Begierde,
den italienischen Himmel zu sehen, stärker als die Unbequemlichkeit.

Aber leider stellte sich die Bläue des Himmels nicht so mächtig ein,
wie ich sie von allen italienischen Bildern in Erinnerung trug. Doch
weit entfernt enttäuscht zu sein, freute ich mich, daß ich mich nicht
blind vom Reisefieber fortreißen ließ und mich nicht selbst belog. Und
ich war stolz darauf, daß ich trotz aller Reisebegeisterung feststellen
konnte, daß der italienische Himmel, wenigstens auf der Fahrt bis
Venedig, nicht blauer war als zwischen Würzburg und München.

Diese Erkenntnis, die zwar für einen jungen Italienreisenden etwas
Schmerzliches hatte, befriedigte mich aber, weil ich mir sagte: ein
neuzeitlicher Schriftsteller muß die Dinge sehen, wie sie sind, und
er darf nicht bloß die gehörte Fabel der Dinge sehen, die die andern
gefabelt haben.

Ich erzähle dies nur als kleinen kennzeichnenden Zug der Schulung zur
Wirklichkeitsbeobachtung, von der ich und meine Zeit damals fanatisch
durchdrungen und besessen waren.

Das glitzernde Venedig, das bunt wie eine indische Stadt an den
Spiegeln der Kanäle und an dem Spiegel eines sonnigen Frühlingshimmels
lag, stimmte mich sehr glücklich.

Diese wirkliche und unwirkliche Stadt, deren Paläste wasserentstiegen,
wie aus Meerschaum und Perlmutter gebaut, irisfarben beim Widerschein
der leichten Wellen beleuchtet sind, beseligte mich. Ich fühlte mich,
vom Norden wie aus einer grauen Wüste gekommen, als hätte ich eine
sonst unerreichbare Fatamorgana erreicht.

Ein körpergewordenes Meeresspiegelbild erschien mir Venedig mit
seinem blendenden, marmorgepflasterten weißen Markusplatz und
mit den silbrigen indischen Kuppeln der Markuskirche und mit den
Schaufensterreihen voll mit Juwelen und glitzernden Glaswaren unter den
Bogengängen des Platzes.

Am Abend vor dem Himmelfahrtstage, als alle Glocken läuteten, trat
ich in einer Seitenstraße in eine Kirche ein. Darinnen jubelte eine
klingende Musik, wie ich sie vorher nur in Operetten gehört hatte.
Scharen von jungen Mädchen und Frauen des Volkes, mit Spitzentüchern
über den schön frisierten Köpfen, saßen dort bis dicht an die
Altarstufen auf Stühlen. Und der Priester und die Chorknaben bei
Blumen, Lichtern und dem weihrauchreichen Altar bewegten sich lebhaft
und fröhlich, als wäre die Messe, die sie lasen, eine Volksvorstellung.

Ich sah in der ersten Sitzreihe Frauen bequem und gemütlich ihre
kleinen Füße -- die in seidenen Stöckelschuhen steckten, als wären sie
zu einem Ball gekommen -- auf die obersten Altarstufen aufstellen. Und
ich bemerkte eine, die mit ihren übereinandergelegten Fußspitzen den
messelesenden jungen Priester, der den Rücken gegen die Menge wendete,
mit der Fußspitze leicht an seinen Fersen streichelte. Sie zeigte
keck, daß sie den jungen Mann liebte und ihm ihre zärtlichen Gefühle
mitteilen wollte. Sie hielt den Fächer halb vor das Gesicht, und ihre
schwarzen Augen blinzelten schelmisch über den Fächerrand zum Kopf des
Priesters hin.

Wahrscheinlich wartete sie auf den Augenblick, da der junge
Geistliche, um die Menge zu segnen, sich umwenden mußte.

Auf den Kirchenemporen jubelten Sängerchöre, helle und dunkle Stimmen
durcheinander. Und es herrschte ein freies und ungebundenes Leben in
dieser Abendkirche, deren Türen weit offen standen und die Stimmen
der Frucht- und Eisverkäufer und das Glockengewoge von der Straße
hereinließen.

Das junge Mädchen, das zum Priester die Fußspitzen hinstreckte, die
klingelnde Operettenmusik und alle auf ihren Stühlen schaukelnden und
singenden Besucher der Kirche -- diese Frühlingsabendstimmung in einer
Kirche habe ich zwanzig Jahre nicht vergessen können. Ich hatte nie
vorher Ähnliches erlebt und habe es nie nachher wieder erlebt.

Hier hatte zum erstenmal die Andacht etwas natürlich
Frühlingsfestliches. Dabei muß ich gestehen, daß die Festlichkeit auch
ein wenig überreizt an Gedankenlosigkeit und Leichtsinn streifte. --

Ich war aber der südlichen Süßlichkeit der Farben und Formen Venedigs
nach acht Tagen schon satt. Es wurde meinem deutschen Herzen zuletzt
vor den ewigen lila und rosigen Perlmutterfarben beinahe übel, als
hätte man mich gezwungen, acht Tage nur von Zuckerwerk zu leben. Und
ich sehnte mich von der großen schwülen Perlenmuschel im Meeresbilde
fort nach dem Festland und nach erquickender grüner Landschaft. Ich
sehnte mich fort von dem ewigen venetianischen Sonntagsgefühl, fort von
dem auf lautlosen Wasserstraßen gleitenden Verkehr, von den Straßen, in
denen keine Wagen dröhnen, keine Hunde bellen, in denen immer stilles
und glattes Wasser steht, als wären das polierte Sonntagsstraßen ohne
Verkehr.

Ich war jung und sehnte mich nach Getriebe und nach der Abnützung
meiner Kräfte, die hier nur gewiegt wurden in Gondeln und auf
sonnenwarmem Wasserspiegel. --

Nach München zurückgekommen und die farbigen venetianischen Eindrücke
noch im Gedächtnis, freute ich mich, nach der Eröffnung des
Glaspalastes täglich nun die Ausstellung besuchen zu können und die
ersten Bilder der Sezession zu sehen.

Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plänen
und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergängen mit meinen
zwei Freunden besprach, so prägten sich bald die auf der Ausstellung
gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein
Gedächtnis, daß ich sie stündlich wie neue Kameraden empfand. Und
ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im
Beschreiben zu üben, einige der Bilder der Sezession in knappen
dichterischen Worten wiederzugeben.

Da waren Bilder von Ludwig von Hoffmann, von Exter und von
Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewählt hatte. Diese
Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfänge zu der kleinen
Prosagedichtsammlung „Ultraviolett“, deren weiteren Inhalt ich
hauptsächlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in
einsamen Granitwüsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im
folgenden Frühjahr weilte.

Den Winter 1892-1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum
erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fühlung.

Mein Roman „Josa Gerth“, mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei
Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewußtsein, mein erstes
Buch der Öffentlichkeit gegeben zu haben, fühlte ich mich mutiger und
getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.

Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte:
_dieses Buch gewidmet einem Toten_. Dem toten Dichter und meinem
Dichtermeister, dem Dänen J. P. Jacobsen -- dessen Schreibart ich mir
zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil
frei zu machen -- hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, daß
nur ich allein es wußte, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.

Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktor Wiking,
eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt.
Nach Jacobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen
lassen, hatte ich meiner Romangestalt möglichst die Ähnlichkeit meines
dänischen Prosameisters zu geben versucht.

Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Würzburg im Herbst 1891
beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem
Vaterhaus geschieden war. -- Diese Trennung habe ich bereits im „Geist
meines Vaters“ ausführlich beschrieben.

Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein
Monatsgeld etwas erhöht, so daß ich in weniger großer Bedrängnis, aber
immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir
zugleich angedroht, daß ich nur bis zu den nächsten Ostern väterliche
Hilfe erhalten würde und dann auf eigenen Füßen stehen müßte.

Einstweilen aber lag Ostern noch für mich hinter tausend Jahren, und
ich versuchte, so wenig wie möglich an das Ende der Gnadenfrist meiner
Freiheit zu denken.

In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller
Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in München das Buch „Sensitiva
Amorosa“ von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten
bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gütig beobachteter
Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorüberwandelnder
Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei
einem Gut in Schonen daher; die andere saß auf einer Bank am Meer
und sah lebensbetroffen über den Sund; und andere traten auf in der
schicksalsreichen, stimmungsvollen Östergade Kopenhagens.

So ungefähr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die
bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere
Menschenschicksale zart und verständnisvoll behandelte, erinnerte
mich an Jacobsens Art. Und als ich hörte, daß Hanson, mit der
Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in
Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.

Denn alles Nordische übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast
menschenleeren Länder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine
reinere und keuschere Luft zu haben, einen stärkeren rücksichtsloseren
Geist, verbunden mit schärferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen
Völker dort oben, außerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich
damals mehr als das von verweichlichten üppigen Kulturen schlaffe,
sinnensüße Südeuropa.

Kunstformen und künstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren
mir alle zu sehr beeinflußt von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter
Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Höllenwahn der Göttlichen
Komödie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir
häßlich vor, daß er sich in seinem großen Gedicht zum Richter seiner
Zeitgenossen aufgestellt hatte.

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen
Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch
beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den
Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu
jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.

Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Völker mit unverbrauchten
Geisteskräften. Und jedes neue Buch, das vom Norden über die deutsche
Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien
von Länderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer
rauhen Wirklichkeit gegenüberstanden, stark geworden waren auf noch
jungfräulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen mußten.

Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdörfer und
Einzelgehöfte an weltentrückten Küsten, und wenn ich ans Reisen dachte,
sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Stätten aufzusuchen.

Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten
Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung,
und das war der, daß ich, in Berlin angekommen, den Schriftsteller Ola
Hanson besuchte. Alles weitere fädelte dann mein Schicksal von selbst
ein, und ich kam plötzlich nach dem Norden, wo ich die nächsten Jahre
meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann
auch später ein Mädchen fand, das meine Frau wurde. --

Die deutschen jungen Mädchen zerfielen damals für mich in zwei
Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschränkter,
gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen
Geistesfreuden -- außer den Grenzen christlicher Auffassung und der
Familienkunstbegriffe -- unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen
Männern gegenüber wohl jugendlich und körperlich lieblich, aber geistig
stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige
Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum
auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen völlig ungebildeten
Eindruck. Ich spreche hier natürlich von der großen Masse. Vereinzelte
geistig wacherzogene Mädchen mag es immer in Deutschland gegeben
haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.

Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang
befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung männlichen
Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung
abstoßend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten,
dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des
weiblichen Körpers möglichst übersehen wissen. Sie taten sich etwas
zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und
sie wählten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit
Absicht vermeidend.

Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glücklicherweise zu
einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer
neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse
natürliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhält von unnatürlicher
Familienverblödung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden.
Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen
Länder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.

Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Südeuropa erkannte
ich aber natürlich nicht früher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort
wurde mir der Unterschied schnell bewußt. Fast alle jungen Mädchen
waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natürlicher geistiger
Frische.

Die Haushaltungsarbeit schloß nicht das tiefere Wissen und die geistige
Aufklärung aus, und ebenso hielten die nordischen Frauen, die sich
ähnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht
die kleinsten Haushaltungsarbeiten für unwert.

Die Mädchen in Schweden waren von ihren Müttern und Vätern und von
den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen
dort, trotz der Rauheit des Landes, fröhlich und festlich aufwachsen,
so freigeistig erzogen, daß sie liebende Frauen, geistige Kameraden
und tüchtige Familienmütter im Hause eines verständigen Mannes werden
konnten.

Die meisten jungen nordischen Mädchen hatten durch ihre geistige
und körperliche Erziehung einen europäischen, vorurteilslosen
Weltblick erhalten. Sie waren auch glühende Vaterlandsverehrerinnen,
treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebräuche und verständige
Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die
meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hälfte des Jahres in
freier Luft, bei Seen und Wäldern, an Küsten und auf Inseln verbracht
hatten, waren sie körperlich und seelisch frisch und gesund.

Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den
Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht bloß auf
städtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln
und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, während
die langen Winternächte den Büchern und dem Familienleben in der Stadt
gewidmet waren.

So wurde ich angenehm überrascht, ernsteren und geistig klareren
und körperlich gesunderen Frauen und Männern in Schweden zu begegnen
als in irgendeinem südlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite
Auslandsreisen gemacht. Viele der jungen Mädchen hatten mit Freundinnen
Paris, London, Italien, Deutschland besucht.

Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stück Welt und fremde Menschen
zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren
Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und
man mußte ihnen Urteile und Gedankenaussprüche entlocken.

Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen öffneten und einen Satz sagten,
sprachen sie nicht Gelesenes aus Büchern nach, sondern gaben ein
unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rücksichtslos,
war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und äußerst schlicht und
ernst gemeint.

Dieses war in großen Zügen das Wesen der Nordländerinnen, die ich in
kleinen und großen Städten, auf Pfarrhöfen und Bauernhöfen in manchen
Jahren kennen lernte.

Aber bis ich das Mädchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte,
vergingen noch zwei Wanderjahre.

       *       *       *       *       *

In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine große
nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Björnson wurde
uns näher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Außerdem
machten die Bilder des jungen norwegischen Malers Munch einen
verblüffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.

Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den
Arbeiten Munchs in Christiania gehört und den jungen Künstler
aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.

Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die
Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen
Akademieprofessoren, die bei der Öffnung der Kisten anwesend waren,
dermaßen erschrocken über die neue Malart des Norwegers, daß sie nicht
einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung
verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmählich die
angebotene Gastfreundschaft kündigten.

Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er
mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße, also an der damals
verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk
eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine
Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene
Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die
Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.

Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs
neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte,
die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala
vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien
und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren
phantastischen Eindrucksbilde getreu, von dem das Herz des Künstlers
erschüttert worden war.

Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange
in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei
den Jahresausstellungen der „Independants“ beobachtet, daß das
Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des
Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem
Lachen sich abwendete.

So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und
Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte!

Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch
vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte
mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es
erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht
der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes
Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit
der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.

Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die
Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten
zuerst ähnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie
gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in
der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den
mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das
Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber
deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.

So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke
zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser
vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.

Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen
altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs
so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern
neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster
und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt,
farben- und formenunmöglich angesehen wurden. --

Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen
Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die
Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind
Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe
wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste
entgegenhalten.

Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und
Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die
großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel
seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund
und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.

Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der großen Tafel
des Lebensfestes, sind die, die beschränkterweise allem neuen
Lebensfestlichen mißtrauen, die schelten und unverständlich schielen
auf die anderen Festlichen.

Doch können sie nicht die unendliche Schöpferlust hindern, und
lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden übergehen, bleibt
jenen Störern doch nichts anderes übrig, als dem Fortgang des Festes
nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre
Trägheitswiderstände überwindet. --

Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft,
ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal
vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich
auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mädchengestalt, die
einem weißen Runenstein ähnlich dastand und über die kahlen Steinfelder
fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im
Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein
aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.

Diese Eindrücke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in
mir eine heftige Sehnsucht nach den Küsten jener urgermanischen Leute,
bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprünglicher zu leben
schien als bei uns.

Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft
abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Lebenlang nur
Wälder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier
aufgezählt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprünglichen
machtvollen Naturwälder; es waren gezüchtete Baumherden, bei denen der
Förster und sein Hund, ähnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht
und Ordnung zu halten hatten.

Die Heimatwälder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren
staatliche Holzgeschäfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer
Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerfülle in die
Wälder hineinträumen konnte, waren bei uns längst vorüber. Die Bürger
hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte
Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen
Wälder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus
der Vergangenheit zurückrufen.

Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich
mich nach kräftigster urweltlicher Ursprünglichkeit, und die fehlte in
dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.

Prächtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das
nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneidete
die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre
träumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Länderstrecken hinhalten
durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergründlich hellen,
gedankenreichen Sommernächten.

Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer
wieder dasselbe Haus, das kahl, unschön, nüchtern, in einem Garten lag,
dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Stürme hatten den
Bäumen erschrockene und ringende Arme gegeben.

Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster
und vom Mondlicht grell getüncht auf einem freien Platz im Garten,
wild beleuchtet, als würde es von den Bäumen und von Sturmstimmen hell
angeschrien. Und im Garten stand das weißgekleidete Mädchen wieder,
schmal und weiß wie eine dünne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer
Orchidee über dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mädchen, einige
Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mädchengestalten, die
der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder preßte,
unwirklich schlank machte.

Die Figuren waren in dem großen Garten so klein, daß ihre Gesichter
im Gemälde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man
sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe
Irrlichtflammen strebten sie vorwärts, dem Sturm, der durch den Garten
jagte, entgegen. Es war, als hörten sie alle zusammen in der großen
Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.

Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachtnen Bäumen glich den Maschen
eines Netzes, in denen die Mädchengestalten wie kleine gefangene Fische
hingen. Das grelle Haus aber über dem Gartenplatz war wie ein Spuk,
vor dem die Mädchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten.
Sie wußten noch nicht, daß ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle
gefangen hielt. --

Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde
der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und
vielleicht mein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Küsten
des Nordens verbinden zu lassen, immer kräftiger in mir.

Und als ich einige Monate später -- nachdem ich oft als Gast im Hause
Ola Hansons aus- und eingegangen war -- mit einem jungen schwedischen
Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwünschter als die
Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen
Westküste zu besuchen.

Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei
seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer
Pensionäre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.

Ehe sich aber für mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach
den nordischen Ländern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin
einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einfluß auf meine
Weiterentwicklung waren.

Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden
Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan
George.

Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine
Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht
gut möglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die Öffentlichkeit
zu treten, und noch nicht einmal an die breitere Öffentlichkeit; sie
wurden damals erst in den Kreisen der jüngsten Schriftsteller genannt.

Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den
früher genannten Gründen, und mich ganz der Entwicklung eines neuen
Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift „Die
freie Bühne“, die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und
da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die
Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus
jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.

Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller
Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe
meinen Roman „Josa Gerth“, der eben erst erschienen war, Richard Dehmel
zum Lesen gegeben. Ich hörte zum erstenmal den Namen, den er für sich
so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt
hätte, die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts
wußte.

Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein
Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube führte. Ich hatte den Namen
des Besuchers nicht verstanden, und ich saß mit dem Fremden vor einem
großen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie
gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fühlte. Die Haltung des
Fremden war sinnend und gedankenvoll, so daß mir jedes Wort im Halse
stecken blieb.

Der fremde Besucher hatte einen großen dunkelblauen Kragenmantel an --
wie sie damals getragen wurden --, in dem er wie in einer Tarnkappe
verborgen saß. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr
durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstand ich nicht, denn er
murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht,
was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein
und leise zu sprechen -- was meinen Vater und meine Umgebung oft zur
Verzweiflung gebracht hatte.

Wohl nahm ich mir ganz schüchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu
fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich
nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen
innersten Gedanken.

Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit
einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergründliche
Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts
anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen hätte. Er murmelte
etwas von „erstaunlicher Ausdrucksweise“ und von sehr „farbig“.

Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als
gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites weißes totstilles
Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.

Dieses Nebeneinanderherdenken war eigentlich ganz nach meinem eigenen
Wesen und Geschmack. Erlebt hatte ich das aber noch nicht bei einem
Fremden. Der Zeitbegriff hörte beinahe auf, und es war die Stille um
uns, von der es in der Bibel heißt: Tausend Jahre sind wie ein Tag.

Dann erhob mein Besuch das furchenreiche Gesicht, das er meistens gegen
die Tischplatte gesenkt gehalten hatte. Er sagte, er hoffe, daß ich
ihn auch einmal besuchen würde. Und er nannte eine Straße und seine
Wohnungsnummer, die ich aber wieder nur halb verstand.

Wir reichten uns die Hände, und dann ging der Besuch fort, von dem ich
immer noch keine Ahnung hatte, wer er gewesen und weshalb er gekommen
war. Es blieb mir nur als tiefer Eindruck das tiefe Schweigen, das wir
miteinander geschwiegen hatten, jeder auf die Tischplatte schauend.

Draußen über Berlin schneite es, als der Mann in der Tarnkappe
fortgegangen war. Der tiefgesenkte Schneehimmel schien den Besuch
fortgenommen zu haben. Er war wie von schweigenden Wolken verschluckt
worden.

Einige Tage später, als ich Przybyszewski besuchte, fiel zufällig
mitten im Gespräch aus Przybyszewskis Mund der Satz: „Richard Dehmel
wollte Sie besuchen. Ist er noch nicht bei Ihnen gewesen?“

„Nein,“ sagte ich ahnungslos. Denn ich hatte mir unter Richard Dehmel
keine Vorstellung gemacht, wie man sich von einer Stadt, die man nicht
gesehen hat, keine Vorstellung machen kann. Den fremden Besuch brachte
ich eigentümlicherweise gar nicht in Zusammenhang mit einem auf Erden
lebenden Menschen. Er war wie die Schneeflocke gewesen, die lautlos ans
Fenster kommt und zergeht, ehe man ihre Form noch recht erkannt hat. Er
war mehr als ein Lebender und zugleich auch weniger als ein Lebender
gewesen, unwirklich und wirklich, wie ich vorher noch keinem begegnet
war.

Darnach wieder, bei einem späteren Besuch bei Przybyszewski, sagte mir
dieser: „Richard Dehmel behauptet, er sei bei Ihnen gewesen. Und ich
soll Ihnen sagen, er erwarte, daß auch Sie ihn bald besuchen.“

Da begriff ich erst und erkannte auch durch Fragen, die ich an
Stanislaus Przybyszewski stellte, daß jener Mann mit dem durchfurchten
Gesicht Richard Dehmel gewesen war.

Aber Przybyszewski, der unruhige und geistig immer lebendige Pole,
wenn er von Richard Dehmel sprach, verwandelte er mir den Mann, der
mich besucht hatte, ohne daß er es wußte oder wollte, in eine andere
Gestalt, und darum bekam ich bei seiner erstmaligen Frage, ob ich
Richard Dehmel gesehen hätte, keine Ahnung davon, daß mein unbekannter
Besuch Richard Dehmel gewesen sein könnte.

Als ich dann meinen Gegenbesuch machte und in einem großstädtischen
Hause in der eben fertig gebauten Elsässer Straße im Treppenhaus auf
einem schönen stattlichen Messingschild den Namen ~Dr. phil.~ Richard
Dehmel las, konnte ich mir den Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der
wie Christus die Sorgen der ganzen Welt zu tragen schien, nicht in
diesen Renaissancebau hineindenken.

Und auch als ich dann in einem mattblauen Schreibzimmer stand und durch
die Flügeltür nach einer Weile ein schmaler feingliedriger schlanker
Mann von ungefähr dreißig Jahren hereinkam und mich begrüßte, da konnte
ich in der Figur, die neulich unter einem weiten Kragenmantel verborgen
gewesen, den Mann, den ich im eisigen Besuchszimmer meiner Hausfrau
gebeugt vor der Tischplatte hatte sitzen sehen, nicht gleich wieder
erkennen.

Nur die angenehme leise Stimme erkannte ich wieder, aber die Furchen
im Gesicht waren lachendere Furchen, lebensbewegter und nicht nur
Sorgenfurchen, wie ich sie zuerst falsch gedeutet hatte. Es war ein von
Begeisterung und innerlichen Ekstasen durchwühltes Künstlergesicht,
über das ich erstaunte, weil es für seine jungen Jahre schon mächtig
lebenserschüttert schien.

Aber immer noch nicht kannte ich den Dichter Dehmel. Denn ich hatte
noch kein Gedicht von ihm gelesen. Dann erlebte ich jenen, mir
unvergeßlichen Abend, an welchem Dehmel mir sein Gedicht „Christus
der Künstler“ vorlas. Wir saßen bei ihm bei der Lampe an einem Tisch,
und Dehmel, in gesteigerter Begeisterung, las stark ergriffen und
hingerissen, wie es seine Eigenart ist, vor.

Auf meinem Stuhl war mir, als hätte man denselben mit mir mitten in
eine Meeresbrandung gestellt. Ich begriff weniger das Gedicht als die
Art des Dichters, der mit einer Urweltstimme fortgesetzt donnernd
zwischen den Zeilen meinem Herzen zuzurufen schien: „Begreifst du nun,
du elender Nichtigkeitswurm, daß der Glaube an die Dichtung Dichtung
schaffen kann und Dichter gebären kann, auch wenn das Zeitalter von
Prosa, Naturwissenschaft und Nüchternheit strotzt!

Ein Gedicht bleibt ewig die Krone der Schöpfung. Wie konntest du so
armselig sein und nicht mehr glauben, daß auch die Neuzeit Gesänge
anstimmen muß! Daß auch die Zeit der Lokomotiven, der Telegraphie und
des elektrischen Lichtes Sänger haben will und muß, die in Reimen, in
begeisterten Versen und ewigen Liedern Verkünder der Menschengefühle
sein müssen!

Kleinmütiger, du glaubtest, die Zeit des Liedes sei vorbei? Du
glaubtest, die Zeit der nüchternen Arbeit habe die Zeit der festlichen
Gefühle verdrängt, habe die Menschen so taub und blind gemacht, daß
keiner mehr Ruhe finden könne, sich in ein Gedicht zu vertiefen! Du
glaubtest, äußerst ehrlich zu sein, als du dem Liederdichten entsagen
wolltest und nur zum erzählenden Wort deine Kräfte sammeln wolltest!

Du irrst gewaltig. Du hast freiwillig verzichten wollen auf den Weg zur
höchsten Menschenhöhe, um wahr gegen deine Zeitgenossen und dich selbst
zu handeln! Werde wach, und sieh auf mich, den Gläubigen, der vor der
Muse mit Begeisterung niederkniet und der durch das Alltagsgeschrei
hindurch an Lied und Dichtung inbrünstig glaubt!“

Da kam eine Träne in mein Auge, und als Dehmel sein Gedicht fortlegte
und die Brandung seiner Stimme im Zimmer verschollen war, bemerkte er
die Träne, die ich gerne versteckt hätte, und wir schüttelten uns die
Hände, und er sagte:

„Habe ich das wirklich fertig gebracht mit meinem Gedicht, daß du
weinen mußtest?“

„Ja,“ sagte ich. Doch konnte ich ihm nicht all die aufgewühlten
Gedanken erklären, die mich plötzlich umgewandelt hatten von einem
dichtungsungläubigen in einen dichtungsgläubigen Menschen.

Und diese Weihe und diesen Glauben, den ich von dieser Stunde an wieder
für Lied und Gedicht über mich kommen ließ, der ist nie wieder von mir
gewichen und steigerte sich von Jahr zu Jahr, sich in Kraft umsetzend.
--

Die andere Begegnung, die mit Stefan George, war nicht von dieser stark
hinreißenden Art gewesen, aber sie bestimmte und festigte ebenfalls
in mir die neue Überzeugung, daß der Wunsch, Dichtungen in Versen und
Gesängen zu schaffen, trotz des Maschinenzeitalters und trotz der
Wirklichkeitskunst, die auf den Bühnen in jenen Jahren Feste feierte,
nicht unmöglich war. Wenn auch der augenblickliche Zeitgeist sich
ablehnend gegen das Lesen von Gedichten verhielt, so war es doch ganz
unmöglich, daß deshalb die Dichter und die Dichtung aussterben und nur
die Erzählungskunst und die Bühnenkunst allein weiterleben sollten.

Die Begegnung mit Stefan George wurde durch seine Zeitschrift
eingeleitet. Ich erhielt im Winter 1892-1893, in jener Zeit, da Dehmel
und ich eben befreundet wurden, eines Tages das Heft einer Zeitschrift
zugesendet, welche den Titel führte „Blätter für die Kunst“. Das zuerst
ins Auge fallende an jenem Heft war die anspruchslose Einfachheit der
Ausstattung, die angenehm berührte. Aber als ich die Einleitung und die
Gedichte darin lesen wollte, fand ich mich zuerst nicht zurecht, der
Schreibweise wegen; alle Hauptwörter waren klein geschrieben. Das war
mir zuerst fremd, schien mir aber nur eine Gewohnheitsfrage zu bedeuten.

Der Inhalt dieser Blätter aber trennte sich noch stärker als die
Schreibweise vom damaligen Zeitgeist. Mitten in der eben stürmisch
eroberten Welt der Wirklichkeit trat der Geist der „Blätter für die
Kunst“ für die Welt der reinen Unwirklichkeit ein. Er hielt sich an
den Geist der alten Romantiker. Nur war seine Sprache, der Neuzeit
angemessen, gewählter. Aber die Dichter des Kreises der „Blätter für
die Kunst“ hatten gar nichts mit der Butzenscheibenromantik gemein, die
ihre Vertreter in Viktor Scheffel und Julius Wolf gehabt hatte.

Doch die Dichter der „Blätter für die Kunst“ schienen immer noch
der Anbetung der Menschenseele ergeben zu sein. Neben der ewigen
Menschenseele schien es für sie noch eine unbelebte tote Welt zu geben
und eine unverständigere Tier- und Pflanzenwelt, auf die man ein wenig
lässiger herabsah. Die man sich aber nicht als Kameraden oder gar als
Geist von gleichem Geist dachte.

Ich war mir aber damals selbst noch nicht klar, wie eine Verjüngung
in der Dichtung zu erreichen war. Nur das war mir klar, daß eine
Verjüngung nur aus der neuen Weltanschauung heraus entstehen konnte,
aus dem Satz: wir besitzen alle und alle besitzen uns. Das heißt:
_Menschen, Pflanzen und Tiere und alle Dinge sind eine Seele und ein
Leib, alle führen wirkliches und unwirkliches Leben zugleich, alle
genießen dieselben Leiden des Hungers und dieselben Seligkeiten der
Liebe und dieselbe Schöpferkraft des ewigen Lebens._

_Nichts im Weltall ist größer, als der Mensch es ist. Nichts ist
kleiner, als der Mensch es ist._ -- Dieses zu wissen, machte mich aber
noch nicht fähig, ganz und gar nach der neuen Weltanschauung zu leben,
zu handeln und zu schaffen.

Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, studierten jetzt auf
verschiedenen Universitäten Deutschlands weiter, und ich erschien mir
in der Millionenstadt Berlin mit meiner festlichen Weltanschauung, die
noch nicht einmal meinen ganzen Menschen durchdrungen hatte, die nur
einstweilen meinen Verstand und meine Begeisterung gepackt hatte, wie
ein kleines Atom, wie eine winzige Lebenszelle, die sich erst aufbauen
wollte zu einem neuen organischen Leben.

Mich freiwillig trennend von den vielen alten Überlieferungen, die
mir vorkamen wie Zeug- und Papierblumen, wie Überbleibsel alter
Jahrhunderte, hatte ich nur einstweilen die neuen Gedanken in mein Herz
gesät und fühlte, daß sie aufgehen wollten. Ich mußte nun geduldig
warten wie ein Ackersmann.

Wohl versuchte ich einige Male, in Gesprächen mit Schriftstellern und
Dichtern auf die Weltanschauung von der Atomkraft und auf die Gedanken
vom ewigen Lebensfest, von der festlichen Beseelung aller lebenden
und aller sogenannten toten Dinge hinzuweisen und jene Freunde zu
überzeugen. Aber meine Erklärungen waren hilflos.

Ich hatte auch noch keine Beweise, um den mir befreundeten Dichtern an
neuen Gedichten meine Weltanschauung zu erläutern. Und so mußte ich,
immer wieder ohnmächtig gemacht von der Umgebung, die keine Ahnung
hatte, was ich sagen wollte, einsam in mich zurücksinken, vertrauend,
daß die Saat in mir im stillen, wenn ich gläubig bliebe, den Gedanken
vom großen Lebensfest ganz von selber reifen würde und mir Beweise
geben würde für die Möglichkeit, mit meiner festlichen Weltanschauung
eine neue Dichtungsweise zu finden.

Nachdem ich in jenem Heft der „Blätter für die Kunst“ wegen des alten
romantischen Geistes, der darinnen zutage trat, nicht viel Erbauung
finden konnte, legte ich es auf die Seite und hatte es beinahe
vergessen.

Da erhielt ich eines Tages die schriftliche Aufforderung, dem
Herausgeber ein Gedicht als Beitrag zu senden.

Ich hatte nach einem Bilde Munchs, das sich „Der Kopf des Ertrunkenen“
nannte, einen ganz winzigen Versuch zu einem Gedicht unternommen.
Jenes Bild stellte ein blaues Teichwasser dar, aus welchem der Kopf
eines Ertrunkenen ragte. Im Wasserspiegel schwammen die Widerscheine
weißer, lieblicher Frühlingswolken, und ein silberweißer Schwan glitt
hinter dem Menschenkopf friedlich, und sich gleichfalls wie eine
Frühlingswolke auf der durchsichtigen Fläche spiegelnd, vorüber.

Schwan, Wolken, Teichspiegel und Frühlingssonne lebten festlich, ohne
daß der Schrecken des Todes, der aus dem Kopf des Ertrunkenen starrte,
sie im Frühlingsfrieden störte. Die ungeheure Macht des Malers, den
Frühlingsteich im Licht darzustellen und dabei den Menschen und seinen
Untergang so nebensächlich zu behandeln, wie es sonst nur der Mensch
der Natur gegenüber zu tun gewohnt ist, nebensächlich auf seine
Mitwesen herabzusehen, -- diese Auffassung erschütterte mich, und ich
schilderte das Munchsche Bild und seine Tragik in ein paar kurzen
Zeilen in einem Gedicht.

Dieses kleine Gedicht schickte ich den „Blättern für die Kunst“. Einige
Tage darnach erhielt ich eine briefliche Einladung, mich zu einer
Besprechung über einige Fragen, die sich auf meine Gedichteinsendung
bezogen, im Café Bauer einzufinden, wohin der Herausgeber und der
Dichter Stefan George kommen wollten.

Es war dieses im Februar 1893, als ich mich bereits mit dem Gedanken
trug, nach Schweden zu reisen und dort in der Einsamkeit eines
schwedischen Pfarrhauses das Drama „Sehnsucht“, das im Hirn eines
Menschen spielen sollte, und das ich erst im Plane bei mir trug, zu
schreiben.

Als ich mich zu jener Besprechung um halb zehn Uhr abends im oberen
Saal im Café Bauer einfand, begrüßte mich dort der Herausgeber, er war
im Zylinder und englischem Gehrock erschienen, und er sagte mir, Herr
Stefan George wünsche mich wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem
Gedichte vermieden werden sollten, zu sprechen.

Das verwunderte mich ein wenig. Dann kam nach einer Weile ein
schlanker, gleichfalls vornehm mit Gehrock und Zylinder bekleideter
Herr, mit ausgeprägten, starken Gesichtszügen, die einem Kardinal
gehören konnten, an den Tisch.

Ich kam mir in meinem alltäglichen Straßenanzug ein wenig überrumpelt
vor von dem gezüchteten Auftreten beider Herren. Wir sprachen über
einige, wie es mir schien, ganz belanglose Dinge, über die Stellung von
Satzzeichen, und Stefan George meinte, er wünsche in meinem Gedicht die
Fragezeichen, wie es in spanischer Literatur üblich sei, an den Anfang
der Sätze zu stellen.

Ich sagte, er möge das mit meinem Gedichte so halten, wie er es in den
„Blättern für die Kunst“ eingeführt habe. Auf die Satzzeichen möchte
ich nicht zu große Bedeutung legen, wenn nur der Sinn des Ganzen nicht
gestört würde. Und damit war unsere Besprechung bald beendet, und wir
trennten uns.

Von Stefan Georges Dichterkraft und Eigenart erhielt ich erst aus
späteren Heften der „Blätter für die Kunst“ einen umfassenden
Eindruck. Aus den Gesprächen bei jener Begegnung nahm ich nur den
angenehmen Gedanken mit nach Hause, daß es also wirklich neue Männer in
Deutschland gab, die ihr Leben für die Dichtkunst einsetzen wollten und
dieses mit Eigenwillen taten.

Um zu verstehen, wie stark Richard Dehmel und Stefan George, jeder in
seiner Art, sich damals von der Prosavergötterung jener Tage abhoben,
muß man sich erinnern, welche große Bewegung in jenen Jahren in Berlin,
im Drama und Roman, die literarischen Kreise im Atem hielt. Auf der
Bühne waren es Ibsen und Gerhart Hauptmann, deren Werke gerade daran
waren, eine völlige Umgestaltung im Geschmacke des Publikums und in
der Schauspielkunst überhaupt hervorzurufen. Man hatte die „freie
Bühne“ gegründet. Die „Wiener moderne Rundschau“, eine neuzeitliche
Monatsschrift, die neben M. G. Conrads „Gesellschaft“ die Gedanken und
Kräfte der naturalistischen Geistesbewegung förderte, war eingegangen
und feierte in Berlin im S. Fischerschen Verlag ihre Auferstehung,
ebenfalls unter dem Titel „Neue freie Bühne“.

Der Verleger Friedrich in Leipzig, der die moderne Bewegung als
erster im Entstehen lebhaft unterstützt hatte, war an seinen modernen
Schriftstellern zugrunde gegangen, da das bücherkaufende Publikum
wie immer einige Jahresreisen hinter den neuen Dichtergeistern
zurückgeblieben war und sie nicht verstehen und kaufen wollte.

An Stelle des Friedrichschen Verlages aber blühte in Berlin der S.
Fischersche Verlag für Deutschland auf, der sich damals von allen
Verlegern am meisten um die Herausgabe der neuzeitlichen Literatur
verdient gemacht hat.

Männer wie Strindberg, Gunnar Heiberg, Gabriel Finne, Knut Hamsun kamen
in jenem Berliner Winter aus dem Norden und hielten einen nordischen
Vorleseabend im Saal der Singakademie. Sie vertraten die damals wuchtig
auftretende neue nordische Prosakunst.

Ich erinnere noch gut jenen Abend, an dem ich Strindberg zum erstenmal
auf dem Podium hinter einem kleinen Holztischchen stehen sah, ein
Blatt Papier in der Hand, von welchem er eine Novelle zu lesen
angesagt hatte. Aber sein Gelispel aus dem überkleinen Mund unter dem
riesengroßen Schädel drang nicht über das kleine Tischchen vor ihm
fort, und die Zurufe des Publikums „lauter, lauter“ wollten nicht enden.

Alle Leute legten sich, um Strindberg hören zu können, mit den Köpfen,
soweit sie es vermochten, vor, und es war, als wüchsen den Horchenden
die Ohrmuscheln zu Strindberg hin, so sehr sehnte sich ein jeder,
nur ein kleines Wörtchen von dem nordischen Mann aufzufangen. Dieser
aber lispelte, als spräche er zu dem Blättchen Papier allein, und im
totenstillen, menschengefüllten Saal konnte jeder nur das unhörbare
Zwiegespräch Strindbergs, das er mit seinem Manuskript hielt, mit den
Augen aufnehmen.

Jedem anderen hätte man unwillig sein leises Lesen endlich verwiesen,
aber hier war es anders. Es war einer meiner tiefsten Eindrücke,
festzustellen, daß Strindbergs Erscheinen und Anwesenheit genügte,
die vielhundertköpfige Menschenmenge in ein Anschauen zu bannen. Die
Rufe „lauter, lauter“, die zuerst gewagt wurden, blieben weg, und
eine halbe Stunde lang versank der Wille der Ohren vor dem Willen der
betrachtenden Augen. Ein brausender Beifall toste dann, als die Hand
mit dem Papier sank und Strindberg mit einem kaum merklichen Kopfnicken
das Podium verließ.

Dieser Glaube und diese Andacht vor der Schöpfungsgewalt eines neuen
Mannes hat mich gerührt und hat mir wohlgetan, und ich habe gern die
Novelle verloren, auf die ich gespannt gewesen.

Ich hatte nie vorher einer ähnlichen Wirkung der Macht einer
Persönlichkeit beigewohnt. Und man hätte nach dem Eindruck, den
Strindberg machte, annehmen können, daß dieser Mann in Ruhe, und sich
in seiner Kraft behauptend, seine Tage ungequält hätte verbringen
können.

Um so erstaunter war ich, als ich eines Tages bei einem Besuch in
Friedrichshagen bei Ola Hanson hörte, daß Strindberg sich von aller
Welt verfolgt fühle. Dieser Mann, der die Macht hatte, durch seine
Erscheinung allein eine Menschenmasse andächtig zu machen und sie zu
bannen, befand sich auf steter kläglicher Furcht vor allem Weltalleben.

Er glaubte, daß alle Dinge und alle Menschen ihm schaden wollten. Seine
Freunde und auch die Frauen, die er liebte, mußte er immer wieder
anklagen und mußte fliehen und unheimlichste Geheimnisse überall im
Weltall wittern, dort, wo doch nur die ungeheure Festlichkeit des
arbeitskräftigen und liebeskräftigen und weisen ewigen Lebens herrscht.

Strindbergs Riesengehirn erschien mir, nachdem ich von seiner Angst
gehört hatte, wie ein Riesenlabyrinth, in welchem ich jenes Mannes
Gedanken durch unentwirrbare Gänge flüchten sah, zusammenfahrend und
erschreckend vor dem eigenen Schatten, vor dem eigenen Licht.

Der große Mann prallte vor jedem versöhnlichen Lichtstrahl
unversöhnlich zurück. Er brauchte die Dunkelheit und das Verdammen der
Mitwelt, um sich mächtig zu fühlen, weil seine Kräfte nicht friedliche
Herrscher in einem versöhnlichen Licht, als der Besitz aller und alle
besitzend, verweilen wollten.

Es war an einem Spätnachmittag, als ich einmal nach Friedrichshagen
kam. Damals bestand Friedrichshagen noch aus Reihen kleiner Häuschen,
in denen sich nur Erdgeschoßwohnungen und darüber Giebelzimmerwohnungen
befanden. Vor jedem dieser Häuschen war ein kleiner Vorgarten mit einem
dünnen Eisenzaun nach der Straße hin.

Hier draußen, zerstreut in diesen winzigen Wohnungen, lebten viele der
großen Geister jener Zeit. Geistige Bergwerksarbeiter, die nach den
Goldadern in Gedankengruben suchten, nach ungeprägtem Golde. Gold,
das heute aus ihrer Hand genommen, als Münze im Volk von Hand zu Hand
wandert. Da lernte ich Wilhelm Bölsche kennen, da besuchte ich an einem
Abend Max Halbe. Da wohnten Gerhart Hauptmann und auch Bruno Wille und
mancher andere.

Als ich an jenem Tage zum Hause Ola Hansons kam, bog vor mir ein
Briefträger in den Vorgarten ein und gab einem Herrn, der ihn hinter
dem Zaun erwartete, einige Briefe. Ich erkannte sofort Strindberg,
trotzdem ich ihn noch nie in der Nähe gesehen hatte. Ich mußte wieder
staunen über den ungemein kleinen Mund, der in keinem Verhältnis zu der
riesigen Schädellast stand. Strindberg studierte die Adressen seiner
eben empfangenen Briefe und sah nicht auf, als ich am Zaun vorüber in
das Haus trat, um bei Ola Hanson anzuklopfen.

Später im Gespräch sagte Frau Laura Marholm zu mir: „Wissen Sie schon,
daß Strindberg bei uns wohnt? Er ist seit ein paar Tagen in Berlin.“

„Ja,“ sagte ich, „ich glaube, ich habe ihn eben am Gartengitter
gesehen. Der Briefträger brachte ihm die Post.“

Einen Augenblick war Frau Marholm ganz verblüfft. Dann wurde sie
zornrot und sagte, sich zum Lachen zwingend, zu ihrem Mann:

„Da siehst du, was ich dir sagte, Strindberg ist auf jedermann
argwöhnisch! Er will seine Post selbst in Empfang nehmen. Er traut
nicht seinen besten Freunden.“ --

Und dieser Ausspruch wurde mir später noch in viel stärkerer Weise von
Eduard Munch in Paris bestätigt. Einige Jahre später forderte mich
Munch einmal auf, in seinem Atelier seine neue Holzschnittart für ein
Mappenwerk anzusehen. Und als er unter anderen Bildern den Porträtkopf
Strindbergs hervorholte und ihn mir zeigte, sagte er und deutete dabei
auf die Atelierwand:

„Hier nebenan hat bis gestern Strindberg gewohnt. Er ist aber jetzt
ganz verrückt geworden. Sehen Sie, was er mir geschrieben hat! Diese
Postkarte bekam ich heute früh von ihm. Lesen Sie!“

Strindberg schrieb auf einer Postkarte an Munch: „Jedermann weiß, daß
man auf physikalischem Weg auch durch eine Mauerwand hindurch ein Licht
ausblasen kann. Ich bin sicher, daß Sie mich töten wollen. Aber ich
werde das zu verhindern wissen. Sie sollen nicht mein Mörder werden.“

Munch lachte, als ich kopfschüttelnd gelesen hatte. „Was,“ sagte er,
„ist er nicht ganz und gar verrückt? Er war schon immer ein wenig
verrückt, aber jetzt ist er ganz und gar verrückt. Er meint, daß ich
ihn durch die Wand töten will, als wenn ich gar nichts anderes zu tun
hätte.“

Strindberg konnte trotz seines Riesenwissens, trotz seines
Riesengehirns, nicht zum Weltgleichgewicht kommen und kam mir wie ein
mittelalterlicher Büßer vor. Seine Geißel war der Menschenargwohn
und die Menschenfurcht. Bald war er der Welt zu fern, verloren in
Weltnebeln, bald war er der Welt zu nah, so daß ihm eine weibliche
Fliege wie ein Elefant vorkam. Er war unglücklich, weil er nicht
festlich lächeln konnte über das Summen einer Fliege und die andern
Leben im Geist nicht festlich nachleben wollte.

       *       *       *       *       *

Im März 1893 reiste ich zum erstenmal nach Schweden. Auf dem Wege
nach Warnemünde waren schon die Felder leicht grün. Der Schnee war
fortgeschmolzen, aber die dunkle Erde und die helle Sonne standen noch
unvermittelt nebeneinander. Dann, nördlich von Gothenburg, an der
schwedischen Küste, war das Meer noch eine Eisebene und das Land ein
Schneeland.

Ein Küstendampfer, der mich nach Fjellbacka, einem Fischerdorf an der
Küste der Provinz Bohuslän, als Fahrgast aufgenommen hatte, machte
seine erste Frühlingsfahrt. Einige tausend Meter voraus dampfte der
Regierungseisbrecher, um dem Passagierschiff den Weg zu bahnen.

Die Fahrt ging sehr langsam, weil unser Dampfer um nicht an die Ränder
des scharfen Eises anzustoßen, sich nur ganz vorsichtig in der Mitte
der engen Eisschollengasse vorwärts bewegen konnte. Deshalb brauchten
wir bei dieser Winterfahrt die doppelte Fahrzeit, die im Sommer
dasselbe Schiff nötig hatte, um nach Fjellbacka zu kommen.

Ich wußte von Schweden aus meiner Geographiestunde kaum noch die
Hauptstadt zu nennen. Wir in Bayern verwechselten damals, wie ich das
öfters später noch erlebte, fortwährend Christiania und Stockholm
miteinander. Und zwischen Schweden und Norwegen gab es für uns keinen
großen Unterschied. Es waren eben Nordländer, Nebelländer, von denen
wir seit der Edda und später seit Gustav Adolf nichts mehr gehört
hatten.

Erst seit neuester Zeit, und das waren kaum fünf, sechs Jahre her,
hörte man vom geistigen Leben, das dort oben erwacht sei. Man hatte uns
Ibsen, Björnson und Strindberg in Übersetzungen vermittelt. Von den
Ländern selbst aber, wie man sonst dort lebte, wußte man zu Anfang der
neunziger Jahre in Süddeutschland recht wenig. Man hörte nur, daß die
Engländer seit einigen Jahren im Sommer die Fjorde und die Gletscher
dort oben aufsuchten, und daß sie das Reisen im Norden dem Reisen in
der altmodisch gewordenen Schweiz vorzogen.

Besonders Schweden, von dem man nur den Wasserfall des Trollhättan als
rauschende Sehenswürdigkeit nannte, lag hinter neunundneunzig Nebeln
den Blicken des Deutschen, und besonders denen des Süddeutschen
entrückt. Ich erinnere mich auch, als ich Schweden schon mehrere Jahre
kannte, später bei einem Vortrag über nordische Kunst von einem Pariser
Schriftsteller die Worte gehört zu haben „~les pays imaginaires~“,
wobei der Vortragende mit großer Geste in die Luft deutete und mit den
Worten „Fabelländer“ Dänemark, Schweden und Norwegen bezeichnete. Den
Parisern auch lag damals Japan näher als der nebelferne Norden.

Ich selbst hatte von Schweden in den letzten Jahren nur den Namen
Strindbergs nennen hören, und aus früheren Jahren war mir von
schwedischer Dichtung nur Tegner und seine „Fritjofs Saga“ bekannt.

In Kopenhagen aber, in Dänemark, war ich geistig stärker zu Hause.
Andersens Märchen und mein Prosameister J. P. Jacobsen hatten mich
mit Stadt und Land vertraut gemacht. Norwegisches Volk kannte ich aus
Ibsens „Peer Gynt“, aus Björnsons „Arne“, aus Kiellands „Novellen“,
Griegs Musik und Munchs Bildern.

Norwegen und Dänemark waren mir deshalb viel bekannter als Schweden,
das ich nur in Strindbergs „Leute von Hemsö“ und Ola Hansons „Sensitiva
Amorosa“ ein wenig aus der Dämmerung unklarer Vorstellungen hatte
auftauchen sehen. Denn das Buch „Gösta Berling“ von Selma Lagerlöf,
das Schwedens Land und Menschen mir hätte nahe bringen können, war in
Deutschland noch nicht bekannt, und ich las es erst ein Jahr später in
Stockholm.

Daß sich an der schwedischen Westküste die Stadt Gothenburg befand,
das war aus meinem Geographiegedächtnis bereits verschwunden gewesen.
Ich sah im Geist an der schwedischen Westküste nur hinter Nebeln
verschanzte Fischerdörfer und vereinzelte Gutshöfe liegen.

Aber es schien auch anderen Leuten so wie mir zu gehen. Denn als ich
ein paar Wochen später eine Büchersendung nach Hause zu schicken
hatte und zum Einpackpapier einige Gothenburger Zeitungen verwenden
mußte, erhielt ich die erstaunte Rückfrage aus Deutschland, ob es denn
in Schweden oben auch Zeitungen und Schnellpressen gäbe. Man konnte
sich eben von dem seit Gustav Adolfs Zeiten verschollenen Land in den
neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wenig Vorstellung machen. --

Ich war über Kopenhagen-Helsingör gereist, hatte in der Nacht den
dunklen Giebel des Hamletschlosses Helsingör über dem Nachtmeer ragen
sehen, war über den Sund nach Helsingborg gekommen und von dort in
einem Bahnzug -- dessen Wagen stark nach Heringen rochen -- durch
eine öde Schneelandschaft am Meer entlang nach einer Tagesreise nach
Gothenburg gekommen.

Ich war in Gothenburg noch nachts auf den Dampfer gegangen, und ich
fühlte mich unter der Obhut des jungen Schweden -- der nur ein paar
Jahre älter war als ich -- in dem neuen Lande sehr gut eingeführt. Ich
sehnte mich vorläufig nicht nach dem glänzenden Berlin zurück, das noch
vor meinen Augen flimmerte, wenn ich sie schloß.

Ich hatte Deutschlands Grenzen früher nur drei Mal verlassen. Einmal
war ich ein Vierteljahr in der französischen Schweiz in Genf gewesen,
um mich im Französischen zu vervollkommnen. Das war im Frühling 1889.
Im gleichen Jahr, im Herbst, war ich ein Vierteljahr bei Verwandten
in Rußland, in St. Petersburg, zu Besuch gewesen. Und die dritte
Auslandsreise war der kleine Pfingstausflug im Jahre 1892 von München
nach Venedig.

Ich erwähne dieses, damit der Leser nicht vermuten soll, ich hätte
in meinem Erstaunen, das mich nun auf meiner Weiterreise in Schweden
packte, keine vergleichenden Anhaltspunkte mit anderen Ländern gehabt
und wäre vielleicht deshalb so übermäßig durch Schwedens Küste in
Verwunderung gesetzt worden.

Ich befand mich nun auf dem kleinen Küstendampfer, der langsam in der
schmalen Wassergasse durch das gefrorene Meer dem Regierungseisbrecher
nachfolgte. Am Abend des ersten Tages, als die Sonne unterging, waren
wir in der Nähe der Insel Smögen, wo der Dampfer für die Nacht anlegen
mußte.

Die gelblichen Felsen, die dort senkrecht aus dem Meer standen, waren
von breiten roten Streifen bestrichen. Es war dies der rote Rost großer
Eisenadern, die sich über die Granitmauer verzweigten. Im Abendlicht
sahen die Felsen wie blutige riesige Fleischstücke aus, die da auf dem
weißen Riesenteller des gefrorenen Meeres lagen.

Als es dunkel war und kein Mond am Himmel, erkletterten der Schwede
und ich im Finstern einen Steinweg zwischen den Holzhütten Smögens
und kamen bis zu einer Felsenplatte, auf welcher der große eiserne
Leuchtturm wie ein ungeheures Eisenrohr festgeschraubt stand. Dort über
der kleinen freien Klippenanhöhe leuchteten die Sterne, jeder einzelne
so groß über dem Meer, als wären sie nah wie winzige Monde. Es war, als
stünden dort im dunklen Weltraum tausend zuckende Leuchttürme, deren
weiße Feuer auf- und niederblinkten.

Ich spürte kaum die Eiskälte der Nacht. Ich erinnere mich, daß ich
erstaunt war, als ich mich mit der Hand an den eisernen Turm stützte
und derselbe kalt war. Das mächtige erhabene Gefühl, das vor den großen
Himmelslichtern über dem lautlosen gefrorenen Meer in mir anschwoll,
war wie eine unergründliche Wärmewelle. Die schien aus einer Sonne zu
kommen, die ich nicht sah, und war in mich gedrungen, und ich fühlte
mich körperlich verschmolzen mit Stein und Sternen und mit ihnen
unzertrennbar zusammengehörig.

Gedanken meiner neuen Weltanschauung, die ich vorher nur in meinem
Gehirn wie aufklärendes Sonnenlicht empfunden hatte, waren jetzt zum
erstenmal hier in der ungeheuren Einfachheit und Größe der Winternacht
am Meer mit der Ahnung der ewigen Wärme, die sie geben konnten, auch
in mein Blut eingedrungen. Ich fühle noch heute, wenn ich daran denke,
die wohltuende warme Zufriedenheit, die jene Nachtlandschaft im Eis und
beim Glanz der tausend großen Weltkörper meinem Herzen gab.

Sonst, in Würzburg oder Berlin, war der Sternhimmel über den Häusern
immer eine ferne fremde Nachtwelt gewesen. Die war scheinbar edler und
reiner als die Tagwelt und hatte mich nur wehmütig sehnsüchtig stimmen
können. Dort aber, in Schweden auf Smögen, fühlte ich jeden Stern so
nah, als wäre er auf meinem Kopf gewachsen, und die Nacht hatte nichts
Fernes und Fremdes mehr. Sie war mir zugehörig wie mein Mantel am
Leib es war, wie das kleine Küstenschiff, in dem ich nachher schlafen
sollte. Sie war viel größer, als ich sie jemals gesehen hatte, die
Sternennacht, und war dabei doch heimlich und gemütlich, wie sie nur
denen wird, die nichts mehr hineingeheimnissen können oder wollen. Sie
wurde zu einer vertraulichen Stube, in der ich seit ewigen Zeiten zu
Hause war.

Es war mir aber auch zugleich, als könnte ich am Fuße jenes
Leuchtturms, von der Klippenanhöhe über den fernen totstillen Meerrand
fort, hinter die Meerlinie sehen, und da lagen in der Nacht in
Deutschland helle große Städte. Und dort in abendbeleuchteten Straßen
kreiselten die Lichter der Wagen und Fenster und Gedanken. Und jede
Stadt war ein Lichterhaufen auf der dunklen Landkarte Deutschlands,
und der größte Lichterhaufen war Berlin. Und wie kleine Phosphorpunkte
sah ich dort denkende Menschen durcheinander rennen. Da waren Dichter
und Maler und Musiker. Das Echo ihrer Worte war noch fern über dem
Meer wach. Aber alles, was die Menschen dort in den Lichterhaufen
ausgrübelten, und was sie mit Licht im Hirn zusammentrugen, schien mir
nicht so gütig, nicht so freundlich und einfach festlich zu sein wie
die reine kluge Luft in diesem reinen guten Frieden auf der kleinen
schwedischen Fischerklippe.

Ich dachte mir: wenn der Morgen kommt, wirst du auch in Schweden am
Land in einem alltäglichen Pfarrhaus, im Spinnwebenalltag, von neuem
die Erhabenheit dieser Nacht einbüßen und den Eindruck vielleicht nicht
einmal mehr erinnern.

Am nächsten Morgen, als ich schon ziemlich zeitig auf Deck kam,
erstaunte es mich, daß das hohle Tuten der Sirenenpfeife des Schiffes,
die nur im Nebel Stimme bekam, scheinbar von vielen Schiffen rundum
beantwortet wurde. Das Meer war mit dickem Nebel bepackt, und das
gellende Geheul der Dampfpfeife schien mir ähnlich dem Gebrüll
mächtiger sagenhafter Nebelkühe. Und als ob ein Leitstier im Dunkeln
brüllte und rundum die Kuhherde antwortete, so wurde die Dampferstimme
vielfach im Nebel wiederholt.

Nachdem ich lange diesem Gebrüll gelauscht hatte, wichen die
Nebelberge, und dunkle Felsenumrisse standen da. Unzählige, aus dem
Meer gewachsene Inseln schienen wie eine große Stadt zu sein, wie
viele Häuserblocks. Und das Meer ging zwischen den steingewölbten
Inselklippen in sich kreuzenden Wasserstraßen hin. Und der kleine
fortschleichende Dampfer schien still zu stehen. Aber die Inseln und
die dämmerigen Gassen zwischen den Felsenwänden der Inseln schienen zu
wandern. Und die schmalen Seewege wurden immer ähnlicher den Gassen
einer großen Stadt, immer dunkler. Zuletzt waren wir tief in die
Stadt aus Inselklippen eingedrungen und hatten nur über uns, wie in
richtigen Straßen, einen schmalen Streifen Himmel, und unsere Stimmen
hallten wie aus großen Gewölben von den kahlen Inselwänden zurück.

Und nun wußte ich auch, daß nicht Schiffe, sondern die Echos dieser
Inseln und Inselgassen das Sirenengeheul unseres Schiffes vorhin hinter
dem Nebel beantwortet hatten. Jede Felsenwand hatte den Dampferruf der
andern Felsenwand weitergegeben. Die alten Bewohner der Mauergassen,
Tausende von Möwenfamilien, saßen in langen Reihen und in Nischen und
auf den Felsenstufen an den steilen Wänden und sahen uns still an.

Wußten die stummen Vogelreihen, daß es bald Frühling wurde, da der
ihnen altbekannte kleine Küstendampfer nach langer Winterpause zum
erstenmal wiederkehrte? Sie waren nicht scheu, die großen silberblauen
Vögel. Aus ihren dunklen Mauerwohnungen äugten sie uns, die Köpfe
schief legend, nach.

Und diese silbernen Vogelscharen, die ich nie vorher in solchen Massen
gesehen hatte, und die Inselgassen, in denen unsere Menschenstimmen
weiter redeten, wenn die Reisenden oder der Kapitän an Bord laut
sprachen, und auch die Steine rundum, alle waren mir vertraute Güter,
als wäre ich von Kindheit an ihr Besitzer hier. Die fremde Inselwelt
war mir so lieb vertraut, als hätte ich die Vögel hier immer gefüttert,
als müßten sie bei meinem Ruf mir aus der Hand fressen.

Die Felsenstimme, die aus den harten Klippen aufgeweckt wurde, kam wie
aus meiner eigenen Brust. Mir war, als könnte ich erzählen, was diese
Steinklippen den Winter über gedacht hatten, während hier kein Dampfer
gegangen war. Es war die reine kluge Luft, der reine kluge Frieden, die
hier nichts Trennendes zwischen mich und die Umgebung legte und mich
allwissend stimmte.

Dann kamen wir an einen großen weiten Meerplatz zwischen Küste und
Inseln. Der Wasserplatz war weiß zugefroren, als wäre er mit einer
einzigen kilometergroßen Marmorplatte gepflastert. Rote Holzhäuschen,
in den Schnee geduckt, standen rot bemalt am Rand des Meerplatzes auf
Pfählen und erschienen mir wie Nürnberger Spielzeug. Diese Meerbucht
wurde von der offenen See durch die Inseln getrennt. Die roten Häuser
am Rand der buckeligen Schneeküste bildeten den Fischerort Fjellbacka,
wo der Küstendampfer anlegen sollte, und wo wir den Dampfer verlassen
sollten.

Von jeder verschneiten Insel rundum löste sich dann ein kleiner
schwarzer Punkt, vor welchem noch ein kleinerer Punkt herzueilen
schien. Jeder Punkt war ein Mann, der von einer Insel übers Meereis
herbeisprang zum Dorf Fjellbacka hin, und der mit dem Fuß vor sich her
ein Fäßchen stieß, das über die Eisfläche rollte. Das Fäßchen, erklärte
man mir, enthielt Fische, die später auf den Küstendampfer verladen
werden sollten.

Auch der große Meerplatz hier, der zugefrorene, wirkte wie eine
lautlose Riesenstube, auf deren weißer Diele die Männer herbeiliefen,
weil Gäste ins Haus gekommen waren. Wunderbar behaglich wirkte diese
winterstille Landung.

Dann am Land führte ein Schlitten, der vom Pfarrhof geschickt war,
den jungen Schweden und mich mehrere Meilen in das verschneite Land
hinein, hie und da an einem Einzelgehöft vorbei. Ich sah nur wenige
Bäume auf dieser Fahrt und eine einzige Windmühle. Sonst waren überall
schneebedeckte Steinbuckel, nirgends ein Wald. Es schien mir, als fuhr
der Schlitten nur auf leeren Eishügeln bergauf, bergab.

Schon begann ich zu bereuen, daß ich das lebensfrische Berlin mit
dieser toten Eiswüste vertauscht hatte. Ich wäre am liebsten mit dem
Dampfer zwischen den Inseln ewig weitergefahren. Denn was konnte
mich in dem Pfarrhause anderes erwarten als Religionsgespräche und
Tagesklatsch und Weltnachrichten, während ich doch so gern tiefer in
die Urwelt eingedrungen wäre. Blicke, wie ich sie am Abend vorher von
Smögen beim Leuchtturm und heute morgen in den Klippengassen hatte --
wo nur Möwenfamilien wohnten und die Steinbrust meiner Menschenstimme
antwortete und ich die stille Landung in der gefrorenen Meerbucht
erlebte, von diesen Blicken ersehnte ich mehr zu bekommen. Und sollte
ich zu alltäglichen Menschen zurückgeführt werden, so wollte ich aber
auch dann gleich lieber wieder nach Berlin zu den geistig regsamen
Menschen kommen.

Ich war noch jung und voreilig und schwankenden Eindrücken leichter
preisgegeben, da ich auf kein Kapital von Erfahrungen zurückschauen
konnte.

Ein wenig entmutigt saß ich neben dem Schweden, der nur ein gebrochenes
Deutsch sprach, der sich freute, mir seine Heimat zu zeigen, und der
während der Fahrt lebhaft seinen Kutscher befragte nach allem, was er
von seinem Vaterhaus wissen wollte.

Der Schwede erklärte mir, daß all die waldlosen Hügel, die ich da
ringsum sah, und an denen unser Schlitten hinaufkletterte, um dann
wieder an der anderen Seite zu Tal zu fahren, daß diese Buckel in
alter Zeit Inseln gewesen waren, an welchen die Wikinger mit ihren
Booten damals landen konnten, und bei denen sie mit den Schiffen in
den Meergassen hindurchgefahren sind, so wie es der Dampfer heute
zwischen den Schären draußen getan. Das Meer aber war von Jahrhundert
zu Jahrhundert weiter zurückgetreten, so war das Land nach Westen hin
gewachsen und war allmählich aus dem Meer gestiegen. Wir flogen also
eigentlich im Schlitten hier über verschneiten Meeresboden.

Mehr als die Erklärung, daß ich in der Urprovinz der alten Wikinger war
-- die Provinz Bohuslän fühlt sich vor allen schwedischen Provinzen
mit Recht stolz, weil sie auf tausendjährige Menschenvergangenheit
zurücksieht -- mehr als diese Erklärung befriedigte mich der Gedanke,
daß ich auch hier im Schlitten immer noch auf meerverwandtem Boden war
und die Hügel des Landes als Brüder der Meerinseln ansehen durfte,
jener Inseln, in deren Nähe mir auf der Herreise so wohl gewesen war.
Würden mir jetzt -- so dachte ich -- die Menschen mit alltäglichem
Gespräch in den Ohren liegen, so brauchte ich im Pfarrhaus dann nur
an das Fenster zu treten und würde dann meine Augen mit den Hügeln
sprechen lassen und würde die Schiffe der Wikinger auf die Steinfelder
kommen sehen, als wäre da noch Meerwasser rund um die Hügel.

Ich muß noch kurz berichten, daß der junge Schwede, der da neben mir
im Schlitten saß, kein alltäglicher Mensch war. Er hing zwar keinen
philosophischen Gedanken nach, aber aufgewachsen als Sohn dieser
Bohuslänschen Provinz, von Mutterseite von altschwedischem Adel
stammend und von Vaterseite stark gemacht durch Wikingerblut, hatte
er das Leben bisher als ein Riesenabenteuer angesehen und es immer
festlich gestimmt aufgesucht. Auch die Unruhe der alten Wikinger hatte
er ererbt, und so war er schon durch die halbe Welt gereist, trotzdem
er erst siebenundzwanzig Jahre zählte.

Aber den Beginn seiner weiten Reisen hatte er nicht mit den
gewöhnlichen Verkehrsmitteln, mit Dampfschiffen und Eisenbahnen,
ausgeführt, sondern ein kleines Ruderboot hatte ihm genügt. Und in
seinem Kahn war er, alle Gefahren verachtend, der Westküste Schwedens
entlang bis nach Kiel gerudert. Dort hatte er sich vom Ruderklub feiern
lassen und war dann weitergerudert nach Holland und war endlich in
Calais gelandet.

Diese seine außergewöhnliche Reise, die mehrere Sommermonate dauerte,
hatte in der damaligen Sportswelt Aufsehen erregt. Die großen Zeitungen
brachten sein Bild, und von den Zeitungen aufgefordert, beschrieb er
seine Reiseeindrücke.

Mehrmals hatte ihn unterwegs beinahe der Meerirrsinn erfaßt. Viele
Nächte mußte er auf dem Meere übernachten. In anderen Nächten war er
bei Leuchttürmen gelandet oder auf Leuchtschiffen, wo die Männer den
Meerentstiegenen erstaunt und ehrfurchtsvoll aufgenommen hatten. In
London, wo er zuletzt hinkam, stellte man sein kleines Boot, das so
viele Mühseligkeiten mit seinem Herrn geteilt hatte, zur Besichtigung
aus. Aber als er die Rückreise antreten wollte, waren die Stürme in der
Nordsee zu schwer. Er nahm dann die Aufforderung einer Zeitung, nach
Amerika zu gehen und Amerikabriefe zu schreiben, an.

Als ich den jungen Schweden und Weltfahrer bei Ola Hanson in
Friedrichshagen in Berlin an einem Abend kennen lernte, war er eben
von Amerika nach Europa zurückgekehrt und sollte nach Hause reisen,
nach Schweden, um dort sein Buch über Amerika in seinem Vaterhaus, im
Pfarrhaus zu Bohuslän, zu schreiben.

Er hatte als Kind, angeregt dadurch, daß er seinen Vater jeden Sonntag
predigen hörte, zuerst Lust gehabt, selbst Prediger zu werden. Wie er
mir erzählte, war er als kleiner Knabe oft auf einen Stuhl gestiegen
und hatte vor den Dienstboten des Hauses gepredigt. Dann aber hatte ihn
das Meer doch stärker angelockt als die Kirche, und er hatte schon, als
er fünf Jahre alt war, von alten Fischern in Fjellbacka Unterweisung
im Segeln bekommen und hatte dann von seinem Vater ein eigenes kleines
Boot erhalten, auf dem er bald eigenmächtig von Insel zu Insel
steuerte.

Da Gothenburg in regem Schiffsverkehr mit England steht und sich der
junge Schwede, als er älter geworden, Schriftsteller zu werden sehnte,
ließen ihn seine Eltern später hinüber nach England, nach Hull, reisen,
wo er in einer Zeitungsredaktion beschäftigt wurde. Zurückgekehrt von
England, pflegte er eifriger den Rudersport als die Schriftstellerei
und unternahm kurz danach die abenteuerliche Ruderfahrt im eigenen
Boote über die Nordsee und machte dann die Rundreise durch Amerika. --

Jener junge Mann hatte also viel Welt und Wirklichkeit erlebt und
sich mutig durch Meer- und Hungerstürme durchgeschlagen, als ich ihn
kennen lernte. Und wir wurden gute Kameraden. Aber nicht bloß, weil er
das Leben großzügig nahm, sondern hauptsächlich deswegen wurden wir
Freunde, weil er einer jener wenigen damals war, die an der Überzeugung
festhielten, daß die Dichtkunst über Prosa und Dramatik erhaben sei,
wenn auch augenblicklich der Zug des Zeitgeistes verächtlich auf
Gedichte und gereimte Dichtungen herabsehen wollte.

Dieses Vertrauen für die Dichtkunst bei ihm zu entdecken, das war mir
ganz überraschend gewesen. Der Gedanke, einen Gleichgesinnten gefunden
zu haben, machte mir ihn besonders wert. Ich war erfreut, daß ein Mann,
der die Wirklichkeit und stets die Wirklichkeit vor Augen gehabt hatte,
in seinem Innern die Dichtung, die damals die verachtetste Kunst in
Deutschland war, hochhielt.

Er hatte eben erst auf seiner Rückreise von Amerika den holländischen
Dichter Gorter, den ich damals nicht einmal dem Namen nach kannte, in
Holland aufgesucht. Gorters Gedichte und dessen Gedichtbuch „Mai“ waren
ihm Heiligtümer geworden.

In jener Dichtung „Mai“ ist der Frühling als ein kleines Mädchen
beschrieben, das auf einem Kahn durch die Kanäle Hollands fährt. Und
die Dichtung erzählt in schlichten und reichen Bildern, durchdrungen
von weiser Innerlichkeit, was das kleine Mädchen, das „Mai“ heißt,
erlebt. Er erzählte mir außerdem, daß Gorter den einfachen Beruf eines
Lehrers ausübe, und daß er eine schöne Gesprächsstunde bei ihm in
seinem Hause erlebt habe, aber daß Gorter sehr traurig gewesen, da ihn
sein Lehrerberuf quäle.

Auch hatte der Schwede Walt Whitmans großen Band „Grashalme“ aus
Amerika mitgebracht. Auch von diesem Dichter wußte ich nichts Genaues.
Ich hatte nur seinen Namen flüchtig nennen hören, denn in Deutschland
war er damals so gut wie nicht bekannt.

Mit diesem Freund, der jetzt in sein Vaterhaus, nach beinahe
zweijähriger Abwesenheit, zurückkehrte, flog ich im Schlitten über die
Hügel der weiß verschneiten schwedischen Provinz Bohuslän, wo jetzt
Ende März der Schnee noch viele Fuß hoch ausgebreitet lag.

Es war aber nicht bloß die Lust an der Dichtung, die uns beide zu
Freunden gemacht hatte, sondern auch die Lust am Wirklichkeitsleben.
Aber darin, fand ich, war der Schwede mir überlegen. Er kannte eine
Welt von Bedürfnissen, die ich nur vom Hörensagen genossen hatte. Er
liebte schöne Frauen, gute Getränke, erlesene Speisen, gute Zigarren,
neue Kleider und außerdem alle neuzeitlichen Bequemlichkeiten. Wohl
waren meine Sinne ebenso wach für alle diese Genüsse wie die seinigen,
aber die Gelegenheit hatte sich mir noch nicht so geboten wie ihm, die
Welt der weltmännischen Genüsse aufzusuchen und zu pflegen.

Es erstaunte mich gleich zu Beginn der Reise, mit welch ausgesuchter
Feierlichkeit er sich im Hotel zu Tische setzen konnte und mit
welcher Ruhe und Gründlichkeit er die Speisekarte untersuchte. Ebenso
verblüffte es mich, daß den schweren Mahlzeiten sofort Kaffee, Likör
und Zigarren folgen mußten, oder daß vormittags vor der Mahlzeit ein
Magenbitter oder irgendein Bolzgetränk zur Anregung des Appetits
genossen werden mußte.

In meines Vaters Haus war gut gekocht und gut gelebt worden. Aber ich
hatte in all den Jugendjahren keine Zeit gefunden, den Gaumengenüssen
nachzuhorchen, und ich wäre wahrscheinlich noch lange nicht auf den
Gedanken gekommen, die Leibesgenüsse zu pflegen, hätte ich nicht in
jenem Schweden einen Meister des Genießens gefunden. Ein gedeckter
Tisch schien ihm ein Altar zu sein, an dem er für eine Stunde einen
Gottesdienst abhalten konnte. Und die Würde, die Ruhe und die Andacht,
mit der er das Zerlegen des Bratens, das Salzen der Speisen, das
Betrachten der aufgetragenen Schüsseln vornehmen konnte, machten, daß
man die Mahlzeit in seiner Nähe für eine heilige Handlung halten mußte.
Und ich mußte bei seiner Art an die alten Helden Homers denken, die
einst mit derselben schönen Umständlichkeit und Andacht die Hände zum
lecker bereiteten Mahle erhoben hatten.

So ließ ich es mir gern gefallen, länger, als ich es früher getan, beim
Essen und bei Essensfragen zu verweilen, und gewöhnte es mir an, mir
den Schweden darin als Vorbild zu nehmen. Denn ich merkte, daß es mir
gar nicht schädlich war, den Körper mehr zu beachten, als ich es früher
getan, und ihm Genüsse zu gönnen, zu denen ich vorher mir nicht Zeit
und Ernst genug eingeräumt hatte.

Ich begriff auch bald, je länger ich in Schweden war, daß es in einem
so ruhigen und verhältnismäßig menschenleeren Lande jedem Menschen
von der Natur leichter gemacht wird, mehr Zeit für sich und seine
Lebensansprüche zu finden. Im hohen Norden mag es auch die vernichtende
Kälte sein, die den Menschen zwingt, den Körper widerstandsfähiger
aufzubauen und ihm breiteres Behagen zu bieten.

Auch diese Wahrnehmung machte mir Schweden lieb. Die Ruhe und Breite,
mit der jeder einzelne Mensch seine Lebenstätigkeit nahm, diese Art tat
mir wohl. Ich war als Bayer gewöhnt, den Körper ebenso gewichtig zu
nehmen wie den Geist, welche Art ich bei Norddeutschen und besonders
bei den Berlinern damals vermißt hatte, die mehr im Gedanklichen
aufgingen.

Im Pfarrhaus, das in der einsamsten Einsamkeit, die man sich kaum
ausdenken kann, wie am Weltende lag, in jenem Pfarrhaus murrte es erst
in meinem Innern einige Tage, wie es im Magen eines Fleischessers
murren mag, dem plötzlich reinste Gemüsekost verordnet wird. Man stelle
sich vor, daß ich mitten aus dem Wintertrubel der Millionenstadt Berlin
in eine Schnee- und Granitwüste verschlagen war, in ein großes weißes
Holzhaus, in dem man den ganzen Tag als einzigen Laut eine Zimmeruhr
ticken hörte. Sie war wie das alte Herz des alten Hauses. Sie redete
den ganzen Tag vor sich hin in einem mächtigen Wohnzimmer, dessen viele
Fenster ins Lautlose sahen. In den Vormittagsstunden kam zu einem
Südfenster die Sonne hinter großen Blumenstöcken herein, und ich möchte
sagen, daß es mich nicht verwundert hätte, wenn ich in der Stille
dieses einsamen weltfernen Zimmers auch plötzlich das Vorwärtsrücken
der Schatten der Blumenstöcke, die die Sonne über die Diele zeichnete,
laut und deutlich gehört hätte, ebenso laut wie die laut marschierende
Uhr.

Im Hause befanden sich unten große Erdgeschoßwohnräume und darüber
unter dem Dach einige Giebelzimmer. In diesem einsamen Hause ging der
Pfarrer, der Vater des jungen Schweden, wie der alttestamentarische
Liebegott, alt und weißbärtig, stattlich und ehrfurchtgebietend, die
Treppe zu seinem Studierzimmer hinauf und hinunter.

Ich hatte nie vorher in einem Holzhause gewohnt, und die
unwahrscheinlich dünnen Wände, die doch keinen Laut hereinließen, weil
es draußen noch stiller als drinnen war, diese dünnen Wände machten mir
das Haus noch unwirklicher, als wäre es eine Erscheinung, gleichsam
als wohnte ich in Eierschalen und könnte das Haus leicht zerbrechen und
könnte in der Stille draußen körperlos aus diesem unkörperlichen Haus
fortschweben.

Die älteste Tochter des Pfarrers, ein Mädchen von vierundzwanzig
Jahren, und eine Gesellschaftsdame führten mit Hilfe mehrerer Mägde
den Haushalt. Das Brot wurde im Hause gebacken. Die Milch kam aus
den Ställen. Fische brachten die Fischer von Fjellbacka. Zu den
Festtagen des Jahres wurde ein Kalb oder ein Schwein geschlachtet und
eingesalzen. Die Hauptnahrung waren Fische, Milch, Grütze und Brot.
Die Mutter des Schweden, die Frau des Hauses, lebte im Winter mit den
jüngeren Töchtern und einem jüngeren Sohn in der Stadt Gothenburg, wo
die Kinder in die Schule gingen. Sie kam mit diesen nur im Sommer und
zu den Festtagen in das Pfarrhaus.

Der Begriff, daß Menschen mit Fleisch und Blut dieses einsame Haus
bevölkerten, der kam mir dort, wenn ich allein in einem von diesen
totstillen Zimmern stand, leicht abhanden. Denn draußen sah ich jetzt,
in den Tagen im April, wo der Schnee, zu großen Stücken zerrissen, von
der Sonne weggeleckt war, keine Ackererde, keinen Grasboden, sondern
überall nur Granit, überall steinerne Granitbuckel. Als trüge das Land
eine eiserne Rüstung, so unbeweglich starrte der graublaue Granit mich
von allen Himmelsgegenden her an. Alle Hügel rundum, von denen der
Schnee verschwand, waren gewölbte Granitkuppeln, ebenso wie es die
Inseln im Meere draußen waren, die ich auf der Herfahrt gesehen, und
zwischen denen meine Stimme wie in Kellergewölben gehallt hatte.

In diesem steinernen Schweigen war es mir zuerst, als sei ich
in einen ungeheuren Kerker geraten. Die Leute, bei denen ich zu
Gast war, schienen meine Kerkermeister zu sein. Da ich noch nicht
Schwedisch konnte, konnte ich nicht an den Gesprächen und an der
harmlosen Unterhaltung teilnehmen. Im Haus bemühte man sich zwar, das
Schuldeutsch, das jeder in Erinnerung hatte, aufzufrischen und mit
mir deutsche Sätze zu radebrechen. Aber man kam oft eine Stunde lang
nicht über zwei Sätze fort, und die Unterhaltung stockte meistens im
Gelächter über die deutsche Aussprache. Zum Beispiel verkündete mir die
Tochter des Hauses eines Tages auf einem Spaziergang, daß sie sieben
Greise im Stalle hätten und zu Ostern einen Greis schlachten würden.
Sie verwechselte das schwedische Wort „gris“, das Schwein bedeutet, mit
dem deutschen Wort „Greis“.

So hörte ich denn wie ein lebendig Begrabener auf das Leben
rundum, ohne ihm näher kommen zu können. Aber um so schärfer wuchs
die Aufnahmefähigkeit meiner Augen und Ohren, je länger ich zu
unfreiwilligem Schweigen verdammt war. Und es ist mir heute, als seien
meine Sinne in jenem Hause dort für alle Zeiten geschärft worden. Und
vor allem lernte ich Landleben kennen. Ich, der vorher nur von Stadt zu
Stadt gezogen war und das Land nur in der engsten Heimat kennen gelernt
hatte, freute mich, hier Land- und Meeresleben und Dichtungsleben
zusammen genießen zu können.

Denn oft lange Vormittage saßen der junge Schwede und ich in dem großen
Wohnzimmer bei der tickenden Uhr und versuchten Gorters holländische
Verse zu übersetzen und ebenso Walt Whitmans englische Verse. Und der
Eifer ging mir dabei ebensowenig aus wie dem Schweden der Rauch seiner
kostbaren Zigarre.

Gegen Ende April konnten wir die Zimmer verlassen. Der heftige
nordische Frühling setzte über Nacht ein. Auf vielen der Granitbuckel
trieb das purpurne Preiselbeerkraut, das die Hügel bedeckte, rote
Blätter, und ferne Hügel standen tagsüber wie blutübergossen in der
Sonne.

Der alte Pfarrer, der alte Liebegott mit weißem Bart, hatte mich
öfters in seinem kleinen Wagen bei seinen Überlandfahrten mitgenommen,
zu Krankenbesuchen oder zu Besuchen in anderen Pfarrhäusern. Und ich
hatte mich immer wieder wundern müssen über die Einsamkeit und über den
Granit, die auf Meilen über Meilen hier nirgends ein Ende nahmen.

Wo sich zwischen zwei Granitbuckeln ein wenig Humuserde angesammelt
hatte, da hatte auch meistens an dem Rand des Erdfleckchens und im
Schutz des Granithügels ein Menschenpärchen sein Holzhäuschen gebaut.
Nirgends im Lande war ein Dorf. Die ganze Provinz schien ein einziges
weites Dorf zu sein. Nur lagen die Häuser nachbarlich meilenweit
auseinander. Und auf diesen Meilenstraßen fuhr der alte Pfarrer mit
seinem alten Wägelchen, mit seinem alten zwanzigjährigen Gaul, als
Hirte in dieser Einsamkeit tagelang umher.

Die kleinen rotgetünchten Bretterhütten mit den weißen schmucken
Fenstervierecken und der weißen Türleiste saßen zwischen grauen Granit
geduckt und tauchten wie rote Gesichter aus ihren Winkeln in der Ferne
auf, wenn wir durchs Land fuhren. Eine einzelne Birke oder ein vom Wind
schief gewehter Ebereschenbaum schmückten karg die ununterbrochenen
Steinwellen des Granithügellandes.

Hier kam der Wind nicht wogend und weich über Äcker und rauschende
Halme, er prallte von Stein zu Stein und zerplatzte an den
Granitkuppeln. Und als ich einmal im Frühlingstauwetter, gegenüber dem
Pfarrhause auf der nächsten Anhöhe, die nur dreimal so hoch wie das
Haus war, stand und auf die ferne Meeresstimme lauschte, die jetzt
aus dem Eis mit der Brandung aufgewacht war, und die man auch mehrere
Meilen von der Küste her immer wie ein fernes Gewitter donnern hörte,
da sah ich die kleinen Schneewasser, die in den Granitsenkungen von der
Bergkuppel herunterrieseln wollten, vom Winde senkrecht aufgestellt, so
daß sie, ähnlich kleinen Springbrunnen, mehrere Fuß hoch in Strahlen
zur Höhe zerspritzten.

Dort oben auf einem anderen Hügel in der Nähe des Pfarrhauses zeigte
mir der junge Schwede eines Tages einige mannshohe Steine, die da,
einen Kreis bildend, einst vor tausend Jahren von Menschenhand
aufgerichtet wurden. Hier hatten die Wikinger den Ratring gehalten,
und an jedem Stein stand einst ein Häuptling angelehnt, wenn die
Ältesten unter freiem Himmel berieten. Die Männer besprachen hier ihre
Kriegszüge. Und der unerschütterliche Steinboden unter ihren Füßen und
der unerschütterliche Himmel über ihnen machte auch ihre Ratschlüsse
fest und unerschütterlich und ihr Vorhaben, das sie hier planten. Die
aufgerichteten Steine, die treuen Stützen jener Männer, standen nun
noch nach tausend Jahren hier, unangetastet von der Zeit.

Als wir beiden jungen Männer uns jeder an einen der Steine anlehnten,
mögen die greisen Blöcke sich gewundert haben, wie leichtbeweglich die
Männer einer anderen Zeit geworden waren. Und vielleicht haben sie erst
daran gemerkt, daß über ihnen tausend Jahre vergangen waren.

Und wieder oben auf einer anderen Granitkuppel beim Pfarrhause zeigte
mir der junge Schwede eine große Steinplatte, darauf neun kleine
Schiffe eingeritzt waren. Als früher das Meer bis an diese Steinplatte
reichte und der Granithügel eine der vielen Inseln in der Meeresfläche
gewesen ist, war hier ein alter Landungsplatz der Wikinger. Neun Boote
landeten hier. Wenn damals die Frauen hier saßen und die neun Boote
abends erwarteten, die von einem Kriegszug oder Fischzug heimkehren
sollten, dann deckten sie mit den Händen die Zeichnungen der Boote auf
der Steinplatte zu. Und für jedes Boot, das in die Bucht einlief, zog
sich eine Frauenhand von den gezeichneten Booten zurück. So wußten
sie, ehe die Boote noch landeten, ob alle heil heimgekommen und keines
untergegangen war.

Tiefer im Lande waren auf anderen Steinplatten unter Dornbüschen
noch mächtigere Granitzeichnungen zu sehen. Da zeigte man mir eine
eingeritzte Bootszeichnung, die war so groß wie ein liegender Mensch,
und der Drachenkopf am Kiel und die Schilde der Krieger im Boote und
viel Runenschrift waren ausführlich mit viel Schmucklinien in den Stein
eingegraben.

Die Runen spielten auch immer noch eine Rolle hier im Lande. Die Kinder
lernten die Runenzeichen in der Schule und die Töchter im Pfarrhause
hatten Bergstöcke, in deren Holz sie sich von ihren Bekannten
Erinnerungsworte in Runenschrift einritzen ließen.

Die Töchter des Pfarrers waren frisch und gewandt, und die jüngste
ritt oft früh morgens in ihren Ferien in weiten Reithosen auf
ungesatteltem Pferd ins Land hinein. Und wenn sie heiß und mit offenem
geringeltem Haar zurückkam und schnell ins Haus springen wollte, um
sich umzukleiden, weil sie sich ihrer Reittracht vor mir schämte, kam
sie mir in ihrem Gemisch von Wagehalsigkeit und Mädchenverschämtheit
noch begehrenswerter vor als sonst. Aber sie war erst fünfzehn Jahre
alt, und ich war nur ein junger Dichtersmann, zwar reich an vielen
Plänen, aber sonst kapitalarm. Und ich wußte, daß ich hier noch nicht
ans Freien denken durfte.

Der junge Schwede und sein Vater saßen am Spätnachmittag oder abends
meistens jeder in einem Schaukelstuhl und rauchten ihre Zigarren,
und der Alte ließ sich von seinem Sohn über dessen Rundreise und
über die Amerikafahrt berichten. Der Alte war einmal als junger
Student Hauslehrer in Brasilien gewesen. Er kannte also auch die
Welt ein bißchen, und er schmunzelte behaglich und frischte bei den
Reiseerinnerungen seines Sohnes seine eigenen Reiseerinnerungen auf.

In jenen Stunden, wenn Vater und Sohn sich in ihrer Sprache
unterhielten, ging ich draußen auf den Steinwegen umher und wunderte
mich, wie beweglich jetzt im Frühling sogar das unbewegliche Steinland
wurde. Da waren tausend kleine Wasser, die wie ein verstricktes Netz
über alle Hügel und Berge gerieselt kamen, und überall hörte man die
Echos von Tropfen noch tagelang, nachdem die kleinen Bäche längst
versickert waren.

In der Osternacht standen dann die Hügel dunkelblau und trocken, aber
ein heller gelber Berg kam wandernd am Erdrand herauf. Der war zuerst
nur ein kleiner Hügel in der Ferne. Mitten unter den abenddunklen
Hügeln ein einziger sonniger Hügel. Und er wuchs, während ich wanderte,
und rollte über die fernen Granitkuppeln fort und wurde zur goldenen
Vollmondskugel, die sich vom Erdboden ablöste.

Der Mond hier in den ewigen Steinen war wie ein Leib aus Fleisch und
wanderte wie ich, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich ihm
dann später in einem der stillen Steintäler an einer Wegecke ganz
nah begegnet wäre. Er schien mir hier keine ferne Welt zu sein, die
da im Weltraum um die Erde kreist. Er war in diesen einsamen Tälern,
wo niemand meine deutsche Sprache sprechen konnte, und wo ich so
allmählich lernte, schweigend mit den schweigenden Dingen zu reden,
mein heimatlicher Wanderkamerad.

Aber ich dachte mir dabei den Mond nicht als Menschen aus, mit dem
ich plaudern wollte. Ich sagte nicht du und nicht Sie und nicht Mann
und nicht Frau zu ihm. Ich ging und er ging, und wir schwiegen und
verstanden uns, und näher bin ich dem Mond nie wieder gekommen als in
den einsamen Steinhügeltälern in Bohuslän, wo wir Kameraden waren und
im fremden Lande deutsch sprachen.

Da gab es auch einen Platz am Weg beim Pfarrhaus, wo ein Dachs wohnte.
Seit Jahren wohnte er da und war ein alter Nachbar des Pfarrhofes. Und
wenn ich mit einer der Töchter spazieren ging, sprachen die jungen
Mädchen immer geheimnisvoller und leiser in der Nähe der Wohnung des
Nachbarn und riefen ihm Scherzworte zu wie einem alten Hausfreund.

Und da war ein kleiner Birkenhain am Fuße eines Hügels und am Rande
eines Baches. Wenn wir dort hinkamen, sprachen die Mädchen noch leiser
und legten den Zeigefinger auf den Mund, weil im Frühlingsabend der
Birkhahn balzte. Der war der zweite Nachbar. Und er balzte dort in
jedem Frühjahr, solange die Leute denken konnten. Vielleicht war es
immer ein anderer, aber davon sprach man nicht.

Und der junge Schwede -- der neben der Schriftstellerei auch Botanik
pflegte -- hatte eine Birke dort am Waldrand besonders lieb. Und schon
als Knabe hatte er in jedem Frühjahr die Birke mit seinem Messer
angeschnitten und ein kleines Rohr in den Stamm gesteckt und sich
den Birkensaft in den Mund träufeln lassen und hatte oft so der Birke
Herzsaft genossen.

Wenn er jetzt manchmal heimkam vom Walde, hatte er wieder seine
Birkenfreundin besucht, und dann war er immer schwärmerisch gestimmt.
Er behauptete auch oft, wenn er von seinen Spaziergängen heimkam,
wunderbare Blumen gefunden zu haben. Doch wenn er sie mir zeigte, waren
es die allerwinzigsten Blüten der Welt. Denn andere wuchsen dort in der
steinernen Welt im Vorfrühling noch nicht. Stiefmütterchen, deren Blüte
nicht größer als eine Linse war, kleine blühende Bärenmoose und die
kleine Linea, die stark mandelduftende Lieblingsblume der Schweden, die
nicht größer als ein großer Stecknadelkopf ist. Wunderbar waren diese
winzigsten Blumen wohl, aber ich hätte, an die deutsche Flora gewöhnt,
diese fast unsichtbar blühenden Pünktchen nicht Blumen nennen können
und erwartete immer, wenn der Schwede von Blumen sprach, daß er einen
Strauß von großen Blüten nach Hause bringen würde, wie ich sie aus
deutschen Wäldern und Wiesen kannte.

Oben auf den Granitkuppeln, wo wir im Vorfrühling, nachdem der Schnee
so plötzlich verschwunden war, zur Mittagsstunde, wenn die Sonne
die Steine wärmte, am liebsten saßen, weil man von dort die ferne
Meerscheibe sehen konnte, dort wuchs aus Steinplatten heraus eine rote
krallenartige Blüte. Und der Schwede fing manchmal eine kleine Spinne
oder eine Fliege und warf sie auf die Krallenblume. Jedes Glied dieser
Blüte war eine kleine Röhre und sah klebrig glänzend aus. Ein solches
Röhrchen krümmte sich sofort und verschluckte das ihm zugeworfene
Insekt. Diese Blume lag da vor uns im Sonnenschein auf dem Granit, der
früher Meeresboden war, und erinnerte an den verkümmerten Rest einer
einst hier lebenden Tiefseepflanze, die sich am Meeresgrund Beute
gefangen hatte mit schlangenartigen Armen, und die nun die Insekten in
der Luft belauerte.

Winzige Eidechsen huschten vertraulich, wenn wir auf den Steinen
saßen, bis an den Rand unserer Schatten. Dann aber erschreckten sie
vor unseren beweglichen Schatten zurück und schossen wie kleine Pfeile
davon.

Die kahlen Granithöhen, deren es Tausende bis tief ins Land hinein gab,
zeigten wenig scharfe Ecken oder Kanten. Man sah ihnen allen an, daß
das Meer sie einst rund gewaschen hatte in mehrtausendjähriger Arbeit.
Und dieses, daß da rundum im Land nicht zackige Felsen waren, sondern
zu Kuppeln geschliffene, glattgerundete Höhen, an denen man noch
den Gang der großen Meereswellen, die sich einst hier überstürzten,
deutlich eingeprägt und eingewaschen sehen konnte, dieses vom Meer
einst umspülte und jetzt verlassene Granitgekröse, das jetzt statt des
Wassers Sonnenlicht und Wärme auf sich leben fühlte, gab dem Gesicht
der Landschaft ein unheimliches Gemisch von alter versteinerter
Sturmpracht und unendlicher himmlischer Friedlichkeit.

Wenn Westwind war und man das Ohr auf einen Steinbuckel legte, hörte
man in ihm das meilenferne Meerdonnern, das fern in Fjellbacka an die
Küste gezogen kam, und das deutlich den Steinen tief im Lande Stimme
gab. Es war, als kehrten die alten brausenden Erinnerungen in die
fernen Granitmeilen der Hügel und Täler zurück. Und man würde sich
nicht gewundert haben, wäre plötzlich das wirkliche Meer angestürzt
gekommen in die hügeligen Granitwüsten, die in der Frühlingssonne nicht
auf Blüten, sondern auf weißen Meerschaum zu warten schienen.

Hinter dem Pfarrhause, einige hundert Schritte fort im Tal, lief ein
Bach am Rande eines verwachsenen Obstgartens. Woher der Bach kam und
wohin er lief, wußte ich nicht. Er kam vielleicht aus irgend einem
der alten Eichenwälder, die ein paar Meilen weiter drinnen im Lande,
urwaldähnlich, in üppiger bemooster Herrlichkeit, ohne Forstaufsicht,
vorweltlich wuchsen. In dem kleinen Tal hatte das stille Wasser im
Verein mit Abend- und Morgennebeln seit Jahrhunderten den Granit mürbe
gemacht und hatte Humus und Waldabfälle in all den Zeiten reichlich
angeschwemmt und hatte mitten im Granit ein paar Wiesen und Gartenerde
geschaffen.

Und die Wärmeausstrahlung des Granites, der sich in der Sonne schnell
erhitzte und nachts noch warm blieb, machte, daß im Frühling in jenem
Tal am Bach entlang die Wiesen über Nacht blitzrasch aufblühten, so daß
sie fast nicht natürlich, sondern wie plötzlich künstlich hingestellt
aussahen. Halme und Wiesenblumen schossen in acht Tagen hoch. Da waren
Schierlingpflanzen, Sauerampfer, Salbei, die da eilig in den Himmel
wuchsen, üppiger als auf irgendeiner anderen Ackerwiese. Und die
Wiesenkräuter dufteten in der reinen Steinluft nach reinstem Honig und
nach starken Gewürzen. Das Grün und die siebenfarbige Blumenschar waren
hier leuchtender und selbstherrlicher als auf irgendeiner Wiese der
Erde.

Eingerahmt von den dunklen, am Tage noch nachtblauen Granithügeln,
die auf der Sonnenseite wie altes Silber schimmerten und rötliche und
lila Schatten warfen, wirkten die wachen Wiesen wie ein greller Spuk,
unwirklich in dem unwirklichsten Land, das ich je gesehen habe.

Eines Tages hatte ich lange mit dem alten Pfarrer über Deutschland
gesprochen. Der alte Herr hatte einmal vor Jahren in Halle und
Leipzig studiert. Und wie ich mich so recht an die deutsche Heimat
zurückerinnerte, da fiel mir erst auf, wie fremd hier um mich alles
war. Ich war im Gespräch mit dem alten Herrn in Gedanken in deutschen
Straßen bei deutschen Lauten, auf deutschen Wegen, an Äckern,
Kornfeldern hingewandert und sah mich dann zurückgekehrt vor einem der
Erdgeschoßfenstern des großen Wohnzimmers im schwedischen Pfarrhof
stehen und sah draußen zwischen den rotgetünchten Stallungen und den
rotgetünchten Futtermagazinen den blauen granitbuckligen Felsenboden,
den keine Menschenhand hier bewältigen konnte. Granit überall in
mannshohen Buckeln und in tiefen Furchen. Der Granit machte auch noch
den inneren Hof zwischen den Stallungen und dem Wohnhaus kraus. Wie
ein zu Stein erstarrter Wasserfall stand der Granit vor den Fenstern,
in steinerstarrten Strudeln, unerbittlich dem Menschen trotzend, hie
und da roten Eisenrost zeigend und offenliegende Eisenadern. Furchtbar
gerüstet und fremdartig starrte so das Land rund die wohnlichen
Holzbauten und mich deutschen Menschen an.

Wenn es Abend wurde, und die Sonne hinter den nächsten Steinkuppen
schwand, ließ sie den staubreinen Himmel zwar noch lange glashell
leuchten, aber die stumme Steinlandschaft verwandelte sich,
sonnenverlassen, rasch in eine dunkle Kohlenlandschaft, die schien
geformt aus riesigen Schlackenmassen voll Höhen und Tälern. Fast
angstvoll sah ich dann immer auf die ungewohnte Verwandlung. An jenem
Abend, nachdem ich im Gespräch mit dem alten weißbärtigen Herrn weit in
Deutschland geweilt hatte und er mich fragte, wie es mir in Bohuslän
gefiele, mußte ich unwillkürlich ausrufen:

„Fremder könnte ich mich nicht fühlen, wenn man mich plötzlich von
einer Erdlandschaft in eine Mondlandschaft versetzt hätte.“

Und ich bat, man möge mir eine Landkarte zeigen, damit ich mich
überzeugen könnte, daß ich wirklich nur eine bis zwei Tagesreisen von
Deutschland entfernt war. Denn ich hatte, solange ich jetzt in Schweden
war, noch keinen genauen Begriff davon, unter welchem Breitegrad ich
eigentlich lebte. Und wenn man mir gesagt hätte: „Sie sind ganz nah am
Nordkap,“ so hätte ich vielleicht erstaunt gefragt: „Ach, bin ich nicht
weiter von Deutschland fort?“ Denn die Landschaft hier im Vorfrühling
erinnerte wirklich mehr an Landschaften auf dem Mond als an Erdgebiete.

Auf der Karte sah ich dann zwar zu meinem Erstaunen, daß die
bohuslänsche Küste nur am Skagerak lag, dessen Meereswellen von
Schottland und von der Nordspitze Dänemarks, von Skagen herüberkommen.
Ich war also mitten in mir bekannter Geographie und war noch nicht
einmal in Norwegen und hatte doch, der Landschaft nach, geglaubt, ich
befände mich schon am äußersten Ende der Welt oder vielleicht gar nicht
mehr auf der Erde.

Ich hatte in den ersten Tagen gefürchtet, mit dem Pfarrer über
Glaubensfragen in Streit zu geraten. Aber dieses Pfarrhaus war so
einzig dastehend in der Welt wie die Landschaft, in der es lag.
Es herrschte da jene echte selbstverständliche Lebensandacht. Die
Würde und die Ruhe, die den alten Pfarrer umgaben, waren ebenso
unerschütterlich wie die Weltallwürde der Granithügel draußen. Denn
dieser Geistliche dachte nicht daran, Glaubensfragen irgendwelcher Art
aufzuwerfen oder aufzutischen. Sein Leben war tägliche Amtsarbeit,
durchdrungen von ernster menschlicher Güte.

Zu Anfang jeder Woche besuchte der alte Herr bei Wind und Wetter -- die
dort schneidender als irgendwo sein konnten -- ferne, verstecktgelegene
Armeleutehäuschen seines Sprengels, wenn er vorher Nachricht bekommen,
daß irgendein armes Weib oder ein Kind oder ein alter Mann krank lagen.
Am Mittwochnachmittag war Katechismusstunde. Aber man denke nicht, daß
da Kinder ins Haus kamen, um die Sprüche und Gebote des Katechismus
aufzusagen.

Es gab im Pfarrhause eine Bank, die stand unter dem Gebälk des
Dachbodens, wo des Pfarrers Arbeitszimmer als breite Mansardenstube
lag, und dort vor der Tür, unter dem schiefen Dach, saßen an jedem
Mittwoch schiefgebückte und ein wenig schiefgeratene Frauenzimmer
der weitzerstreuten Gemeinde. Da waren Frauen, die Ehebruch begangen
hatten, und junge Mädchen, die der Verführung eines Burschen
nachgegeben hatten und sich nun Mütter werden sahen, ehe sie noch mit
dem Burschen einen Hausstand gegründet hatten. Diese Verfehlungen
gegen Haustreue und Gesellschaftssitte mußten vom Pfarrer dadurch
gerügt werden, daß die betreffenden Frauen zusammen Mittwochs
zur Katechismusstunde befohlen wurden, wobei sie noch einmal das
betreffende Gebot, das sie außer acht gelassen hatten, sich einprägen
mußten und sich vom Pfarrer einige darauf hinweisende Worte zum
besseren Verständnis ihrer Lebensstellung sagen lassen mußten.

Der junge Schwede machte sich an jedem Mittwoch immer ein besonderes
Vergnügen daraus, mich aus dem Giebelzimmer, das ich bewohnte, zu
rufen, um mit mir langsamen Schrittes und plaudernd im Hausboden auf
und ab zu gehen, wo die büßenden Frauen und Mädchen der Fischer oder
Mägde der nächsten Güter auf der langen Bank verlegen beieinander saßen
und auf den Pfarrer warteten.

Freitags war der Begräbnistag. Am ersten Freitag meines Aufenthaltes
dort wußte ich das nicht. Als ich ahnungslos, am Giebelfenster
sitzend, von meinem Buch zufällig aufsah, hörte ich fern am
Himmelsrand, wo ein Schneeweg zwischen Granithügeln ging, einen
Schlitten klingeln. Als dann das Gefährt am Pfarrhaus vorbeikam,
bemerkte ich einen Sarg, der neben dem Kutscher einen großen Platz im
Schlitten einnahm. Dieser eine Sarg erstaunte mich noch nicht sehr. Der
Schlitten mit dem Sarg fuhr hinter die Hügel, wo die Kirche lag.

Aber nach einer Weile, als ich einen Spaziergang machte, kam auf einem
ganz anderen Schneeweg, von einer ganz anderen Himmelsrichtung wieder
ein Schlitten an, und als er näher kam, sah ich, daß dieser Schlitten
auch einen Sarg mit sich führte. Und auf einem dritten Weg aus einer
dritten Richtung hörte ich dann wieder einen Schlitten klingeln, und
nun blieb ich neugierig am Kreuzweg im Schnee stehen, um zu sehen, ob
er auch einen Sarg dabei hatte. Und wirklich, es war wieder ein Sarg
auch auf dem dritten Schlitten.

Nun wurde es mir ganz unheimlich. Da schwarzgekleidete Leute in
jedem Schlitten saßen, die in ihre Taschentücher weinten, so konnten
die Särge nicht leer sein. Und da die Schlitten aus verschiedenen
Himmelsgegenden kamen, nahm ich an, es sei im ganzen Land eine Epidemie
ausgebrochen.

Ich hörte dann aber im Pfarrhaus, daß jeden Freitag der Beerdigungstag
war. Da die Leichen in dem kühlen schwedischen Klima acht Tage zu Hause
aufgebahrt liegen dürfen, konnte man es so einrichten, einen einzigen
Tag in der Woche zum Beerdigen festzusetzen.

Samstag und Sonntags waren Kindstaufen und Hochzeiten angesetzt.
Diese fielen aber meistens in die wärmere Jahreszeit und nicht in
die Schlittenzeit, indessen die Särge natürlich auch in der wärmeren
Jahreszeit nicht ausblieben.

Am Samstag und Sonntag sah ich dann immer von meinem Giebelzimmer
aus, auf den verschiedensten Wegen, über den Hügeln Bauernfuhrwerke
auftauchen, deren Kutscher schon von ferne beim Anblick des Pfarrhofs
lustig mit der Peitsche knallten. Gewöhnlich fuhren zwei, drei kleine
Wagen hintereinander; und alle Peitschen knallten, und die Räder
sprangen hoch über den Steinboden, und die Wägelchen hüpften mehr, als
daß sie fuhren, und die Insassen hielten ihre Hüte und ihre Tücher am
Kopf fest. Nur lachende Leute kamen an diesen Tagen in den Pfarrhof.
Sie wurden an der Haustür des Pfarrhauses ausgeladen und stiegen zum
Pfarrer ins Studierzimmer hinauf, wo sie ihre Traupapiere abholten, um
nachher zur Kirche zu fahren.

Oder ein anderer Trupp lachender Leute begegneten mir auf der
Haupttreppe. Sie trugen ein kleines weinendes Kind auf weißen Kissen
oder in dicke Reisedecken gehüllt. Das Kindchen hatte stundenlang
im offenen Wagen reisen müssen, um seinen Vornamen im Pfarrhause zu
erhalten und seine Aufnahme in die Gemeinde. Auch die Särge hatten
oft stundenlang reisen müssen, um ihre Toten bei der Kirche zur Ruhe
zu bringen. Ebenso mußten die Brautpaare von allen Windrichtungen
stundenweit herreisen, um sich ihren Segen zum Ehestand beim alten
weißhaarigen Liebegottpfarrer zu holen. Alles dieses war seit alters
her so eingerichtet und wurde befolgt.

Des Pfarrers stattliches Landkirchlein lag hinter einigen Granithügeln,
eine kleine Viertelstunde entfernt vom Pfarrhause. Das Kirchenhaus
war ein schöner vielhundertjähriger behäbiger Granitbau mit gotischem
Gewölbe und erinnerte an altschottische Kapellen. Ganz einsam lag
das Gebäude in der Landschaft. Auf einer erhöhten Erdfläche, die den
Friedhof bildete, stand diese schmucke silbergraue Kirche und hatte
weite Fernsicht über das narbige steinerne Hügelland. Das Kircheninnere
hatte Ähnlichkeit mit einem trutzigen Burgsaal. Die Sonne ging den
ganzen Tag rund um diesen großen Kirchensaal, der einfach weißgetüncht
war und doch einen festlichen Eindruck machte. Die Sonne sah auf ihrem
Rundgang zu allen Fenstern in den Saal hinein.

Im Kirchhof draußen standen als Grabsteine viele mannshohe
aufgerichtete Granitblöcke, und einige dieser Steine
zeigten neuzeitliche Drachenzeichnungen, alte aufgefrischte
Wikingererinnerungen.

Eines Sonntagmorgens fragte mich der junge Schwede, ob ich nicht einmal
seinen Vater predigen hören wollte. Ich hatte längst gefürchtet, daß
einmal im Pfarrhaus dieses Ansinnen an mich gestellt werden könnte. Und
als ich fragte, ob der Pfarrer den Wunsch selbst ausgesprochen hätte,
ob der Vater den Sohn beauftragt habe, mich zur Kirche zu führen,
lachte der Gefragte und meinte, sein Vater kümmere sich nicht darum,
was ich glaube oder nicht glaube, denn ich gehörte ja nicht zu seiner
Gemeinde. Der alte Herr wisse recht gut, daß jeder nach seiner Art
selig werden dürfe.

Wir gingen dann zur Kirche. Der Gottesdienst hatte schon begonnen, und
der junge Schwede öffnete deshalb vorsichtig und langsam die Türe,
erst nur ein wenig, um zu horchen, weil wir bei einer Pause eintreten
wollten.

Dicht bei der Türe hörte ich aus dem Innern des Steinhauses eine laute
Predigerstimme. Aber das schien nicht die Stimme des Pfarrers, nicht
die Stimme eines gesunden, würdevollen und ruhigen Menschen zu sein.
Diese Stimme klagte in den jämmerlichsten Lauten, ächzte, stöhnte
und krümmte sich, als winde sie sich, um aus einem Menschenkörper zu
entschlüpfen, der sie quälte. Und die Stimme näselte dabei, so daß ich
ihr nicht glauben konnte, daß ihre Qual echt sei. Es schien mir, als
jammere sie den Jammer eingebildeter Leiden; Leiden, die sie mit einer
gewissen Wollust aufzählte. Die Stimme war wie die eines eingebildeten
Kranken, der atemlos eine Krankheit nach der anderen an sich zu
finden beteuert, und der sich und andere überreden muß, an diese
Krankheiten zu glauben, weil er getrieben ist von einer unerklärlichen
Notwendigkeit, fortgesetzt mit Krankheiten, die nicht vorhanden sind,
sich und andere zu beschäftigen.

„Das ist doch nicht Ihr alter, ernster, Ihr stattlicher und rüstiger
Vater, der da drinnen von der Kanzel spricht,“ sagte ich tief erstaunt
zu dem jungen Schweden, nachdem ich einen Augenblick sprachlos
draußen vor der Kirchentür gelauscht hatte. „Das ist doch nicht seine
natürliche Stimme, mit der er sonst so weise, vornehm und würdevoll im
Hause mit uns spricht.“

Der junge Mann sah mich an und lachte. Er hatte seinen Vater oft
predigen hören, und er begriff nicht recht, daß ich die Stimme des
alten Herrn nicht wiederfinden konnte.

„Das ist er nicht! Das ist ganz unmöglich,“ behauptete ich. „Das ist
ein fremder Geistlicher. Sicher hat sich Ihr Vater heute von einem
anderen Prediger ablösen lassen.“

„Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder,“ meinte nun der
Sohn ernst werdend.

„Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht,“ sagte ich, „dieser Stimme
will ich jedenfalls nicht zuhören. Diese Stimme kommt mir so unwahr und
so unmenschlich vor, daß ich dem Menschen nicht zuhören will, der diese
Stimme hat. Wie kann man bei schönem Frühlingsonnenschein so wimmern,
wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme
unvernünftig. Der Frühling lacht auf den Steinen, und die Steine selber
sehen in der Sonne so festlich aus, daß ich es eine Sünde finde, wenn
ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequältes Gewimmer
aufschlägt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und
meine Menschenwürde plagt.“

„Es ist aber _doch_ mein Vater,“ lachte jetzt wieder der Schwede, der
meine Rede mehr lustig als ernst fand, und den es plötzlich gewaltig
unterhielt, daß sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. „Das ist
seine Amtsstimme,“ sagte er. „Mit dieser Stimme muß er zu den Bauern
und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht
den Worten, die er zu sagen hat.“

„Dann können die Worte nicht wahr sein,“ meinte ich und murmelte diesen
Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die
Türspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergnügt wieder zurück und
sagte:

„Natürlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich
die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute
selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen.“

Und wir gingen und wanderten, immer noch über den alten Herrn und seine
Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten
lachend über das frühlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das
so aufrichtig und unverhüllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher
Würde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nur _eine_ tiefe
Weltallsprache und nur _eine_ festliche Lebensstimme kannte.

Später zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr
großgeistig genug, unsere Aussprache über seine zwei Stimmen, die wir
vor der Kirchentür hatten, und die ihm sein Sohn erzählte, lachend und
humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklärung
meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich hätte geben müssen,
enthoben.

Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung
beschäftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder
aufdrängen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg
ich über meine Gedanken.

Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner
Lebensunerfahrenheit älteren und in ihren Bürden und Gedanken weiß
gewordenen Männern gegenüber nicht fürwitzig benehmen wollte, aber
hauptsächlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung
zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Körper durchkosten und
anwenden wollte.

Ich schwieg aber nicht bewußt, ich fühlte nur unbewußt: die Zeit wird
kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens
vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe
dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten
sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.

Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in
mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, daß man glücklich,
weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen
könnend, auch zu den ältesten und zu den jüngsten Leuten wird sagen
können: „Seht, ich weiß einen Weg, einen Gedankengang, der alle
Handlungen des Menschen, die Tätigkeit und die Ruhe, die Freude und
das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen
Jahrhunderten der Menschheit möglich gewesen ist.

_Sich Schöpfer und Geschöpf fühlen, ob man nun Handwerker oder Dichter
ist, Mann oder Frau, König oder Knecht, sich zu fühlen als Besitz
aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken_.

Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie
jene Götter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet
ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfühlend, allweise sein. Ihr
werdet allmilde, allgütig und gestreng sein, mit euch und allen Leben.
Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung
eine natürliche Schönheit geben. _Und ihr werdet euch alle nicht mehr
erniedrigen müssen, mit Doppelzungen zu reden_.“

       *       *       *       *       *

In den nächsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum
erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentüre umgekehrt war und mich
von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach
und sagte mir, daß ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme
erschrocken wäre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich
hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten dürfen als den
mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden
Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis
zur Schulentlassung hatten verbringen müssen.

Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen
Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentüre die Drachenzeichnungen
alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinen
empfingen und einem mächtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit
in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht
des ungebändigten Landes und bei der Nähe des ungebändigten
freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende
Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung
einfügte. So daß ich schon davon allein, vom Klang des jammernden
Predigttones, bedrückt worden wäre, auch wenn ich gar nicht die schöne
vornehme und kräftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her
gekannt hätte. --

Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die
Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund,
Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und
abgelegt werden können durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine
zweite Lunge.

Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das
Weltamt, und keines darf das andere an Würde überbieten wollen.

Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und
zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie
die Amtsarbeit außer dem Hause, die Würde verbreiten soll in das Leben
der Menschenmassen.

Aber es war außer der Stimme auch der Schrecken über die Lehre von der
Erbsünde und über die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im
Frühsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentür
überfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe
und Leid und Sorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und
sehnsüchtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme
schien die Tagessonne auslöschen zu wollen.

Ich versuchte es in den nächsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause
öfters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise
unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl
im großen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von
jenem Sonntagmorgen her wie ein trüber Spuk noch im Geiste stand,
in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem
Wikingerhäuptling ähnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.

Es war mir das aber ganz unmöglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief
und gewichtig, verständig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte
sich auf einer allmenschlichen Güte und Würde, und in seinen blauen
blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie
der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen
weißen Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und
sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig unterstützte, dann war das
ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Würden seit vielen
Jahren beherbergt hatte, für mich mehr festliche Kirche als die Kirche,
zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen
Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mußte
und zu Gespenstern predigen mußte.

Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrängt von neuen Tagen
und neuen fremdartigen Eindrücken.

       *       *       *       *       *

Eines Tages, als wir auf der Höhe beim Pfarrhaus standen, der junge
Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie
Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand
silbern erscheinen ließ, da sagte mein Freund zu mir:

„Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und
Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot
und segeln mehrere Tage.“

Es war nun Mitte Mai, und überall zwischen den Steinen grünte es, und
die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grünen Wimpeln, und die
Sonne ließ sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken
mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der
Hand über das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im
hellen Maisonnenschein behauptete, heute wäre noch Sturm auf dem Meer.
Aber morgen würde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage
gestürmt habe.

Da fühlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich.
Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei
klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte
noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fühlte, daß der Wind
scharf an uns anprallte, als wir da in der Sonne unterm wolkenleeren
Himmel auf dem Granithügel standen. Also mußte es draußen auf dem Meer
bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.

Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen,
die man am Horizont wie den weißen Dampf aus einer Kanone über dem
sonnenglänzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an
unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat
es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein
wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.

Am nächsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht
hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus geführt. Alles
schlief noch. Die Mägde hatten vergessen, uns Milch ins Eßzimmer zu
stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns
einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den
Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.

Um zur Milchkammer zu kommen, mußte man durch die große Mädchenkammer
gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand
ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wänden befanden sich
in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, daß sie
kaum den üppigen Leib der Stall- und Küchendirnen fassen konnten,
die da schliefen. Die Mädchen ließen die nackten Arme auf die Dielen
herunterhängen, schöne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie
sie dem schwedischen Volke eigen ist.

Die lautlose Kammer im dämmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzüge
der drei kräftigen Geschöpfe gutmütig auf- und niedergingen, war wie
ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprünglich, naturwüchsig und festlich
irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mägde, die da den
Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.

Während ich noch unter der Türe stand, ging der Schwede in die
Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht
enthalten, im Vorübergehen mit einem Löffel einige Tropfen Milch
einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestörte öffnete
die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst für zwei
Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rückte auch die Arme
nicht von der Stelle. Sie lächelte ein wenig, schloß die Augen und
atmete weiter.

Wir schlossen wieder vorsichtig die Tür, und nachdem wir die Milch
lachend getrunken hatten, verließen wir das Haus und kletterten auf den
Wagen.

Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zügel gab
und, uns grüßend, sich zurückzog und der Wagen mit Lärm den Hof
verließ, sahen wir hinter den Erdgeschoßfenstern der Mägdekammer alle
drei Mägde hinter den Scheiben stehen. Sie drückten ihre Nasen an das
Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.

Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen
Schweden behagten auch die Landmädchen mehr als die Stadtfräuleins.
Bei jeder Gelegenheit sprach er ein wenig spöttisch über Stadtdamen
und lobte die gesunden einfachen Bauernmädchen seines Landes, deren
Stallgeruch ihm angenehmer war als die überfeinerten Wohlgerüche der
Städterinnen.

Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris
gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. „Sie sind nur
eine Firnismasse und keine Menschen,“ behauptete er. „Es sind Wesen mit
Schminke und Puder maskiert, verstandesmäßige, geldgierige Geschöpfe,
deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von
allen natürlichen, einfach menschlichen und warmen, gütigen Gefühlen.“
Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe
ihn diese Stadt geekelt.

Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hörte diese Äußerungen
mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur
loben hören. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische;
dem Widerwillen, der die beiden Völker wie Hund und Katze in den
tiefsten Instinkten einander nie natürlich befreundet macht, wenn nicht
gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefühl war
ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des
jungen Schweden.

Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an
der Küste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu
weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu
können. Nun fand ich Fjellbacka frühlinghaft wieder. An der steil
zum Meer abfallenden Hauptstraße standen die schmucken Holzhäuschen
frisch weiß und gelb und blaßblau und rot bemalt, und in den winzigen
Vorgärten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grünten sparsame
Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen
als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, ähnlich dem
Schluck Wasser, der in der Wüste den Wert von Menschenleben hat.

Fjellbacka heißt: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhäuschen kleben
hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen
Felsenwand, die dort zum Meer abfällt. Im Dorf sind winzige Gäßchen,
und manches Häuschen ist nicht viel höher als ein Mensch. Manches
Fischerhaus hat nur eine Küche und eine Stube, aber glänzt von
Sauberkeit innen und außen. Die Gassen sind von Felsen natürlich,
höckerig gepflastert, und jeder Schritt muß erklettert werden über
kleinen und großen Granitbuckeln, die auch hier wie überall in Bohuslän
in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den
Umfang einer ganzen Provinz behauptet.

Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten
wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hölzernen
Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf
Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzählige kleine Boote
der Fischer und Händler von Fjellbacka angeseilt.

Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel und abgrundfinster das
Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weiße blinde
Eisfläche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit
kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten
bunten Fischerboote zurückspiegelten, als wäre das Wasser mit gelben,
roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter draußen wurde das
Meer ein dunkelgrüner Abgrund.

Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle
Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufüllen. Ich hatte das
Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelfläche gesehen und ganz
vergessen, daß es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor
einigen Wochen war mir die Meeresoberfläche, die vereist gewesen, wie
ein weißer Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von
Tiefe gesprochen und von keiner Unergründlichkeit, vor der ich jetzt
staunte.

Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines
Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein großer Genuß, sich
vorzustellen, daß wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserfläche
hin über Abgründe, in denen alle Möglichkeiten des Todes lauerten,
schweben sollten.

Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen
Meerplatz bei der Küste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie
von hintereinanderliegenden Hügeln begrenzt wird, das Meer hat hier
durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemütliches. Man war
hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.

Ungefähr in der Mitte dieses eingeschlossenen Meerplatzes liegt ein
winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fuß hoch über den
Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch
steht, sondern wo nur ein paar Holzgerüste zum Trocknen von Fischen
errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im
letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist
damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten
aufgerannt und untergegangen.

Dieses erzählte mir der Schwede, während wir jetzt im schönsten
Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorüberkreuzten. Und es war mir
wunderbar, auszudenken, daß Steine aus dem Meere wachsen und daß neue
Welten sich bilden, und daß das hundertjährige kleine Inselchen noch
wie ein Kind im Verhältnis zu den großen Inseln draußen war und doch
schon hundert Menschenjahre zählte.

Und auszudenken, daß da einmal, wo wir jetzt über Abgründen, mit
Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser
verschwunden sein würde und überall Land auferstehen würde!

Daß dann da Menschen gehen und Häuser bauen würden, wo jetzt Wasser
war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so
würden Menschen hier walten, und niemand würde sich dann der Menschen
von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand würde
an uns beide denken können, niemand an diesen Tag, an dem wir hier
Wirklichkeit waren.

Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hände, die jetzt eben
in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die
die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der
Windrichtung anpassen mußten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen
mußten, um unsere Leben über die Abgründe zu bringen, die unter uns
lagen.

Und auszudenken, daß unsere Schatten und der Schatten des Schiffes,
die als schwarze gezeichnete Flecken über die grüne Wasserfläche
mitfolgten, nicht körperloser waren als die Körpermasse des Bootes und
unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, daß das Holz des
Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Körper
aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in
nichts voneinander unterschieden. Sie würden, wenn hier das Wasser
verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhäusern darin
geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer
von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im
Grunde körperlose Schatten.

Und diese Betrachtung, die sicher täglich an verschiedenen Orten der
Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese
Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde
leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des
Sichhineinfindenmüssen in die lästige Vergänglichkeit.

Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als
eine persönliche Beleidigung an, als eine Beleidigung, die ihnen
jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, daß er stärker wäre als
sie.

Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die
Vergänglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in
all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu
Ende zu denken ist.

Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres
Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind
aus der Vergänglichkeit hergekommen, aus der Unergründlichkeit, und
gehen in die Unergründlichkeit. Wir gehören also dem Unergründlichen
immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen.
_Aber wir gehören ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur
Wirklichkeit kommen konnten_.

Da einmal für uns die Möglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben
zu kommen, so können wir ruhig annehmen, daß diese Möglichkeit schon
tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir müssen
verstehen lernen, daß wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit
gekommen sind, und daß wir viele tausende Male immer wieder dieselbe
Möglichkeit finden werden. Die Unergründlichkeit, der Tod, hält uns
nicht für ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig
festhält.

So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die
alten Ägypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem
neuen Zusatz unserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen
Erkenntnis, daß jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des
ganzen Weltalls so gut in sich trägt, in seiner ihm angeborenen
Unergründlichkeit, wie er auch die Schwächen seiner kleinen
Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trägt.

Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schließen müßt.
Ihr müßt lernen, mit weisem Lächeln eurem Verschwinden nachzusehen.
Ihr müßt es feiern lernen, daß eure kleine Wirklichkeit vergeht und
immer wieder vergehen muß, und müßt wissen, _daß ihr immer besteht
als unvergänglich_, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar
verlaßt; das Festspiel des wirklichen Lebens behält euch immer.

Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle,
dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der
ich heute die Segelfahrt genieße, sie werden in abertausend Jahren
verschollen sein, dann werdet ihr lächelnd sagen:

Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genußreich, und es gibt
noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und
in denen wir wieder aufleben werden.

Ein schöner Tag, eine schöne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen
nicht weniger schön, weil sie vergänglich ist. Denn jedes
Menschen Unergründlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine
Unergründlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem
Boot, und die viel tiefer ist als alle Höhe über dem Boot.

Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz
aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut
aus dem Wasser neben mir herauf, sie dröhnt aus dem Holz des Bootes,
sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge
meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und
alle Dinge rundum unergründlich ansieht.

_Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen
möchtet, der ihr nachseufzen möchtet, da doch die herrliche erhabene
Unergründlichkeit -- die ihr besitzt, und die euch besitzt -- weitaus
großartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen
beleuchtet_!

_Darum seufzt nicht über die unwirkliche Vergänglichkeit. Nichts stört
euer großes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem
Fest, immer und ewig_. --

       *       *       *       *       *

An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen
wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten.
Die vielen Möwenvölker, die im Winter dagewesen, waren jetzt
fortgeflogen. Sie sind im Sommer draußen, sagte mir der Schwede, auf
den äußersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brüten. Nur hie
und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der
geheimnisvollen Gassen.

Ich mußte an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwänden in
den Wasserläufen im Boote hinglitten. An ein versteinertes farbiges
Venedig! Während wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwänden
fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwände auf und purpurbraune
getürmte Riesenblöcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom
feuerblauen Frühlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dämmerigen
Inselgassen hell überdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige
Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grünem Schattengrund, als wäre das
Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefüllt.

Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkoloß an, der die Menschenstimme
zurückgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer
Felsenspalte ein verlassenes Birkengebüsch im Morgenwinde.

Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen
unbekannten Leben: die Gedanken und Gefühle der Fische, die Gedanken
des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die
Gedanken und Gefühle vorüberstreichender lautloser Vogelpaare, die
Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten
uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und
verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der
Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand
zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte,
angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte
uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.

Solchen innersten Zusammenkünften der Gedanken- und Gefühlswelt, die
der Wald oder der Fluß, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und
Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergründlichen
Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die
Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die
natürlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen
Menschen, die fühlen und wissen, daß nicht der Mensch allein dem
Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.

Keine bewußten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung
und jenes Klügerwerden klar. Aber der ganze Mensch fühlt sich, wenn
er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung,
die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurückgekehrt,
lebensbestärkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch
lebensklüger und lebensreicher zu den Mitmenschen.

Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das
wärmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also
in der Natur stärken. Es sind die unbewußten Unterhaltungen und
Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergründlichkeit des
Menschen mit der Unergründlichkeit der anderen Lebewesen zu einem
großen Schöpfergefühl vereinigt. Wobei das Geschöpf Mensch, ohne daß
es sterben muß, totenstill und wunschlos wird und in Fühlung tritt mit
seiner Unermeßlichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.

Nicht bloß dem höher gebildeten Menschen, auch dem geistig
tiefstehenden, ist es unbewußt innigstes Bedürfnis, von Zeit zu
Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im
Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefühl dem
Urweltgefühl der Naturleben bewußt oder unbewußt hinzuhalten und so für
Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. -- Der Dichter aber, der
aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergründlichkeit
mit der Unergründlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein
tiefstes Menschengefühl, sein Liebesgefühl zu einem Menschen, in die
Natur hinausträgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines
unermeßlichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der
Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefühl hintrug,
die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne
und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder
erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen läßt und seine
Unergründlichkeit mit ihrer Unergründlichkeit umgibt.

Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder
Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten täglich
wechselnd vorüberschreiten, so werden sie -- wenn ein Dichter immer mit
dem gleichen warmen Liebesgefühl von seiner Geliebten kommt, oder wenn
er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht
kommt, oder wenn er beglückt von ihr in Freude kommt -- so werden sie
immer wieder, wenn er mit seinem unergründlichen Liebesgefühl die
anderen unergründlichen Leben betrachtet, für jede seiner Stunden, die
er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen
Perle schenken.

Und jedes so entstandene Gedicht wird anders singen, und es ist da
kein bestimmtes Versmaß, das dem Dichter vorgeschrieben ist, als das
Versmaß seines Herzens und seiner Umwelt. Denn das Weltall kann dem
Dichter das Liebesgefühl täglich in neuen Versmaßen zusingen, so daß
er eine tausendtönige Stimme erhält, und jeden Tag eine neue Melodie.
Und später sieht der Dichter auf einen unermeßlichen Melodienreichtum
zurück. --

In der geheimnisvollen Inselstadt, deren Häuser mammutartige
Klippenblöcke waren und Klippenberge, dort war, ganz verloren und
vereinzelt, manchmal eine Menschenhütte hingestellt, ein gelbes oder
rotes Holzhaus eines Fischers, mit weißen Tür- und Fensterleisten,
schmuck und freundlich. Ein solch einsames Häuschen wirkte aber wie
verhext, wenn es hinter einer Klippenkante auftauchte und in den
glasgegossenen Meergassen scheinbar dem Boot entgegenschwamm.

Wir stiegen bei einem solchen Haus aus, der Schwede und ich. Das
Holzgebäude stand etwas vom Wasserspiegel abgerückt, ein paar Schritte
fort auf Steingeröll, aber es hatte eine bretterne Landungsrampe auf
Pfählen vor sich. Sonst wäre es unmöglich gewesen, an den steil ins
Wasser abfallenden Felsenwänden zu landen.

Grabesstille war auf dem kleinen Geröllplatz. Das gelbe Häuschen und
ein paar rotbemalte Holzschuppen daneben leuchteten uns an, als wären
sie von einem gelb und roten Feuer beschienen. Erstaunlich farbig
standen die Gebäude hier bei den grauen Gesteinmassen. Und nichts
rührte sich rund um die Hauswände.

Nur ein paar Geröllsteine klapperten unter unseren Füßen und waren wie
Wächter, die ein Signal geben. Dann schob sich eine Frauengestalt aus
der Haustüre und kam uns in der Morgensonne einige Schritte entgegen.

Als der Schwede seinen Namen nannte, verstand die Frau, daß er des
Pfarrers Sohn war, und ihr erstauntes Gesicht wurde freundlich.

Sie hatte ein einfaches dunkles Kleid an, und in der Stube, in die sie
uns hineinführte, waren mir Tisch und Stühle, Schrank, Spiegel und Sofa
und die Bilder der Königsfamilie so erstaunlich wie das Kleid jener
Frau, denn alle diese Dinge waren aus derselben Zeit wie wir.

Ich würde aber eher erwartet haben, daß eine Wikingfrau im
selbstgewebten Mantel uns in ein leeres Wohngewölbe geführt hätte, wo
nur ein Herd und Felle an der Erde den Gast empfangen hätten.

Denn ich war durch Jahrtausende gefahren in diesen Morgenstunden in den
Inselgassen und mußte mich erst wieder damit zurechtfinden, daß ich in
meiner Zeit geblieben war. So ungeheuerlich war die Einsamkeit zwischen
den Klippen hier gewesen, daß, als wir das Boot angelegt hatten, es mir
schien, als hätte ich seit Menschenalter kein Land mehr betreten, und
als hätte ich viele Leben gelebt.

Ich war auf der Herfahrt, über den Bootsrand schauend, in der
Wassertiefe oft einer der Dorsche da unten gewesen. Ich hatte auch als
ein Muscheltier in vielen Muscheln gelebt. Ich war auch als Qualle
neben dem Boot hergekreiselt. Ich war auch als einzelne Möwe den Möwen
nachgeflogen hinaus zu den Brutstätten. Ich war ein Birkenstrauch
gewesen, eingeklemmt in eine Klippenspalte, und hatte die Morgensonne
auf meinen Blättern spielen lassen.

Und ich war unzählige Male ein roter Stein und ein gelber Stein und ein
brauner Stein und ein grauer Stein gewesen und hatte angeschwemmten
Tang jahrelang an mich anwachsen lassen und kleine Schnecken. Und ich
bin in der Ebbezeit ein wenig aus dem Wasser gestiegen und bin in der
Flutzeit mit meinem Tang und meinen Schnecken, vom Wasser überspült,
unsichtbar geworden für die Oberwelt.

Ich bin in so vielen Leben gewesen, die ich vorher nicht gekannt
hatte, so daß es mich sehr erstaunte, als die Frau in dem Haus an der
Klippengasse in denselben Kleidern zu mir trat und in dieselben Möbel
mich niedersetzen hieß, die ich in Fjellbacka, wie mir schien, vor
Tausenden von Jahren verlassen hatte.

Denn wenn ich im Boot an Menschen dachte, so hatte ich vergangener
Menschen Leben in den Meergassen nachgelebt. Unser Segelboot hatte
sich unzählige Male in das Drachenschiff eines Wikinghäuptlings
verwandelt. Denn diese Wasserläufe, durch die wir kreuzten, hatten
früher die Spiegelbilder der Boote der Wikinger vor Tausenden von
Jahren verschluckt und widergespiegelt. Und die Felsen hatten damals
die Stimmen der erzenen Wikingschilde und die Zurufe der Männer in sich
verschluckt und konnten sie zurückrufen, wenn wir an sie dachten in der
Totenstille.

Dieses gewesene Leben früherer Menschen, das ich auch gewesen bin und
wir alle gewesen sind, tönte mit seiner Unergründlichkeit von fern in
meinem Bewußtsein an, so daß ich die Gegenwart nur noch verschollen
fühlte, und alle Vergangenheit war Macht und Wirklichkeit in mir
geworden.

Und so werden auch wir Heutigen einmal über die Zukunftswelt Macht
haben, wenn wir Großes getan, Starkes, das sich den Zeiten einprägt
wie der Name des Wikingervolkes. So werden Menschen in fernen Zeiten
für Augenblicke uns wieder zur Wirklichkeit rufen können, indem wir
Besitz von ihren Sinnen, ihrem Geist und ihrem Herzen ergreifen
dürfen, und unsere Menschengestalt wird auch für Augenblicke durch
zukünftige Menschen wieder zur Wirklichkeit hintreten können. Denn
die Menschengestalt, die wir im Tode ablegten, auch sie kennt keinen
Tod. Auch ihr Zerfall wird wirklich und unwirklich sein, wie alles
Weltalleben. --

Die Fischerfrau, die uns empfangen hatte, erzählte uns, daß ihr Mann
nach Fjellbacka gefahren sei; aber wir waren ihm in dem Labyrinth der
Inselgassen, da wir auf Umwegen kamen, nicht begegnet. Sie kochte dann
für uns Kaffee. Jede einzelne alltäglichste Handlung in diesem einsamen
Hause, das umgeben vom breiten Rahmen einer unergründlichen Stille
dalag, war hier in dieser Weltferne wertvoll und wichtig, jede Handlung
wurde bedeutungsvoll wie ein Kunstwerk im Rahmen künstlerischer Ruhe.

Ein wenig Reisigfeuer prasselte in der Küche auf dem ganz neuzeitlichen
eisernen Kochherd, der wahrscheinlich von Gothenburg nach Fjellbacka
gebracht worden war. Aber selbst dieser geschmacklose und sonst
unschöne Gußeisenherd konnte in dieser Einsamkeit nicht einmal unschön
wirken. Er sprach von Treuherzigkeit und Einfalt, ließ die Funken
knistern und krachen und zeigte Hilfsbereitschaft wie die Hände der
Frau.

Der arbeitende Eisenherd war in der Weltferne hier ein lebendes
Wesen geworden, hatte Lebensberechtigung und Lebensbedeutung und
war beteiligt am Wohl des Häuschens und verschwand nicht hinter
dem tausendfachen leeren Lärmen des Tages, wie die Dinge in den
menschenreichen Städten heutzutage hinter dem lärmenden Menschenleben,
dem überanspruchsvollen, verschwinden müssen und nur stumme Sklaven
sein dürfen, statt mitlebende Freunde und Berater.

Daß wenig Gerät im Hause war, das war es vor allem, was allen Dingen
Bedeutung und ein Sichtbarwerden ihres Lebens zukommen ließ. Die Stühle
und das Sofa kannten die Frau so gut, wie die Finger an ihren Händen
sie kannten.

Da waren im Häuschen auch keine großen hallenden, toten Räume, die
totgeborenen Geschöpfen gleichen, wie sie der Mensch in den Städten nur
seiner Eitelkeit, seinem leersten Gefühl zuliebe erstehen läßt.

Solche Eitelkeit ist nicht einmal ein Gefühl, so wenig wie der
Sonnenreflex Sonne ist. Eitelkeit ist nur zurückgespiegeltes Gefühl.
Eitelkeit ist hinter allen Gefühlen immer nur eine Gefühlsleiche, und
ihr Anblick erkältet und läßt kein warmes Leben aufkommen. --

Dieses Häuschen war für seine Bewohner nicht mehr als eine Nußschale
um einen Nußkern. Und mehr Schale, als der Kern braucht, mehr sollte
der Mensch an Geräten und Haus nicht um sich sammeln. Sonst wird die
Schale zum Ballast, und der Kern erstickt dumpf und wird schimmelig und
verwest im ungesunden Druck der Eitelkeitslasten.

Die Fischerfrau brachte dann ihre guten Tassen, und aus ihrer silbernen
Kaffeekanne -- die das ständige Hochzeitsgeschenk dort im Lande ist --
goß sie uns den Kaffee in die uns anlächelnden ehrwürdigen Tassen. Und
ebenfalls in einer silbernen Schale auf hohem Silberfuß stellte sie den
Zucker zum Kaffee in die Mitte des Tisches und reichte uns auf einem
Glasteller von ihrem Zwiebackvorrat, der zu jedem Fischerhause hier
gehört wie das Salz.

Ehe die Frau aber das alles brachte, hörten wir zuerst eine Ziege
im Holzschuppen neben dem Häuschen meckern, und der Schwede sagte
lächelnd: „Jetzt ist sie zu ihrer Ziege gegangen, um Milch für den
Kaffee zu melken.“

Wie wunderbar gewichtig wurde dieser einfache Imbiß, dieser Kaffee
vormittags um elf Uhr, der im ganzen Lande Elfuhrkaffee genannt wird
und eine Landesgewohnheit ist, da die Leute arm sind und nicht mit
Wein oder Bier aufwarten können, wie in den südlichen Ländern.

Während wir dann den Kaffee tranken, setzte sich die Frau höflich ans
Fenster, ein wenig abseits, um ihre Gäste nicht durch aufdringliches
Zuschauen zu stören. An der Wand unter einem Glaskästchen sah ich die
in Holz geschnitzte Abbildung eines Bootes, wie man sie fast bei allen
Fischersleuten findet. Gewöhnlich haben einige männliche Angehörige
solcher Fischerfamilien die Welt als Matrosen oder Steuermänner auf
Frachtschiffen bereist und schnitzen, heimgekommen, zur Erinnerung ihr
Schiff. Aber dieses Schiffchen hier war nur das Modell eines kleinen
Segelbootes, wie sie in Fjellbacka von den Fischern angefertigt werden.

Die Frau folgte mit ihren Augen meinen Blicken und sagte dann -- wie
mir der Schwede übersetzte --, daß dieses Boot der eine ihrer beiden
ertrunkenen Söhne angefertigt habe.

Sie sagte das einfach und sah mich an und hörte jetzt erst von dem
jungen Pfarrerssohn, daß ich ihre Sprache nicht verstünde. Aber das
hielt sie nicht ab, auch weiter zu mir zu sprechen, und ich merkte am
Tonfall und an dem Blick, den sie bald mit dem Bootmodell und bald mit
dem Meer draußen wechselte, daß sie mir das Unglück erzählte, wie es
vor Jahren ihre Söhne betroffen.

Und als ich zuhörend unwillkürlich nickte, weil ich begriffen hatte,
daß das Boot in der Inselgasse nicht weit vom Hause bei einem Sturm
gekentert war, und daß dabei die jungen Leute ertrunken waren, da sah
die Frau mich plötzlich ganz entgeistert an und wußte nicht recht, ob
sie jetzt gar Deutsch gesprochen hätte, oder ob ich plötzlich bei ihr
Schwedisch gelernt hätte. Und sie bat mich, Deutsch zu sprechen, sie
wollte sehen, ob sie mich auch verstünde.

Solche Einfalt, welche gläubig ist und nichts für unmöglich hält,
konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.

Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin
lagen, waren trüb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher
gewütet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Stürme
immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der
Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.

Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast
unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Söhnen sprach, und
weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nämlich oft ihre Söhne in
der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder
fortgehen. Die Mützen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tür
am Nagel, und die Frau bürstete sie täglich ab. Auch die Bücher, in
denen die Söhne gelernt hatten, standen säuberlich abgestaubt auf einem
Wandbrett.

In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte die Mutter wohl manchmal
geweint, aber dann waren die toten Söhne wiedergekommen. Sie hörte sie
oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hörte morgens
zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerüstet hatten, ihre Zurufe.

Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und
sprach ein paar Worte ins Leere. Aber daß niemand da war und daß beide
Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das störte sie gar
nicht. Der Todesfall der Söhne war ihr nur wie eine kurze Krankheit
gewesen.

Vom Tod waren für die Mutter beide Söhne längst wieder genesen. Sie
kamen auch oft herein und sagten der Mutter, daß es Zeit sei, die Ziege
zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr
nützlich waren. „Es sind gute Söhne,“ meinte sie und nickte mir zu. --

Diese ihre innersten Gedanken aber erzählte uns die Frau nicht. Die
hörten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurückkamen, von
Leuten, denen es der Mann jener Frau erzählt hatte.

Da ich meine Verwunderung darüber aussprach, daß die Frau die Mützen
der ertrunkenen Söhne immer am Türnagel hängen haben wollte, und
weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie müsse dadurch täglich
von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklärte man mir in
Fjellbacka, daß die Frau immer ihre ertrunkenen Söhne kommen und gehen
sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fühle.

Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle,
die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des
Todes, daß sie seine Geschöpfe kaum noch von den Geschöpfen des Lebens
zu trennen vermögen. --

Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und
kein Lufthauch die Segel antrieb -- so daß wir die Leinwand vom
Mast abnehmen und abwechselnd rudern mußten --, als wir da in den
spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten,
an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden
jungen siebzehn- und achtzehnjährigen Burschen ertrunken waren, da
wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserströmung tot.

Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie
buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da
waren die tiefen Gassen wie große Grüfte. Da war unser Boot, das ohne
Segel mühsam vorwärts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von
den Felswänden eine eisige Kälte über uns.

Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien
nicht vorwärts zu rücken.

Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger
geworden zu sein und schienen uns irre zu führen in ihrem Labyrinth,
denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden
waren nicht mehr wie am Vormittag unergründliche vorüberkreiselnde
Jahrtausende. Es waren schwere unvergängliche Stunden geworden.

„Um diese Stunde mögen sie hier untergegangen sein,“ sagte der Schwede,
und er meinte die Söhne der Fischerfrau.

Da hörte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: „Ja.“ Aber ich sah
mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran,
uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hause jetzt wohl das
Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo
ihre Söhne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das
innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins
Boot gekommen.

Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr „Ja“ sagen. Hier um diese
Stunde mußte die Mutter, so lange sie in ihrem Häuschen lebte, viele
Male des Tages unbewußt mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle
kreisen, und dann zog sie die Söhne beide mit Mutterkräften von dem
untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen über das Wasser heim. Und
die Söhne folgten ihr in die Hütte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk
vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. --

       *       *       *       *       *

Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren
wir nach einer großen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des
Oberlotsen übernachtet hatten, am anderen Tag zur äußersten Insel im
Skagerak weitersegelten.

Diese letzte bewohnte Insel heißt Väderbod, das bedeutet Wetterschutz.
Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel
hatte einen mächtigen Leuchtturm, und außer dem Leuchtturmwärter, der
ein alter abgedankter Kapitän war, befanden sich nur noch ein zweiter
Leuchtturmwächter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese
Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhöhe, alle
drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall für eine Kuh.

Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwürfel aus dem Meer.
Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn
die drei Bewohner hatten unser Kommen längst bemerkt, und sie hißten
uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.

Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man
hatte das Gefühl, als würde einen der Meerwind forttragen. Da oben war
kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das
kleinste Kräutlein, sondern nur eine Steinfläche und in ihr eingehauen
einige gähnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.

Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Küste lag im Abend außer
Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige
graue Wölkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Küste, auf dem
pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob
diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.

Unendlich toste das Meer hier draußen. Ich fühlte mich anfangs betäubt
auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir,
als sprächen die Felsenplatten, über die ich trat, vor Sehnsucht zart
werdend, vor Sehnsucht nach der Küste, mit meinen Füßen, bei jedem
Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wußten nicht, was sie tun
sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Füßen berührt wurden,
die vom riesigen Mutterfestland kamen.

Es war etwas wie Ratlosigkeit über dem kahlen Inselstein, der nie
Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen.
Aber es war eine freundliche, aus Beglückung stammende Ratlosigkeit.

Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitän, dessen Körperchen
flach und dürr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedörrt
wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des
zweiten Wächters, und der Wächter selbst.

Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schüttelten sie uns
abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden
Händen. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und
Armen, und sie lachten, und sie bückten sich, und sie schlugen die
Hände zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei
zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und
sie schüttelten sich selber gegenseitig die Hände, denn es war ihnen
ganz wunderbar, daß sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Männer
an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst während des ganzen
Jahres nur das traurige Geschäft zu verrichten hatten, Leichen von
Schiffbrüchigen, die vorüberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre
Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote
Menschen fanden sich hier selten ein.

Im Frühjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der
Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat für das nächste
halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttürme an der
Küste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar
Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen
wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frühjahr zu den Gezeiten ein
unglücklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die
Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie
oder ein paar Zurufe in der Nacht gehört und sahen am nächsten Morgen
Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar
Schiffsbretter.

Diese Klippe war ein Unglücksblock, düster umstanden von
jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer.
So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, daß der große Felsenwürfel
Tag und Nacht bebte.

Mir aber schien es, als hätten die Wellen den Felsen eben erst
hergetragen und als könnten sie ihn gleich wieder fortheben, denn ich
war auch eben erst hergetragen worden, und ich hatte meinen Standplatz
noch nicht begriffen. So neu und fremd war alles um mich, daß das Leben
mir hier wie ein Spuk vorkam, und hundert Verwandlungsmöglichkeiten
schienen mir möglich.

Ich selbst fühlte mich ratlos. Der weite Ausblick rundum war
schwindelerregend, denn wo ich hinschaute, war ein Abgrund.

Die Kuh im Stall brüllte unausgesetzt, seit wir gekommen waren. Und
aus einer Felsenspalte krähte der Haushahn unausgesetzt, der dort mit
seinen Hennen lebte. Die Tiere begrüßten uns wie die Menschen verwirrt
und aufgeregt.

Es waren da keine Bäume über unseren Köpfen, kein Grashalm am Wege.
Nichts Vermittelndes zwischen Himmel und Erde. Nur die glatte
geschliffene Felsenplatte zu Füßen und darüber unendliche Luft.

Die Felsenfläche war nicht größer als ein kleiner Dorfmarktplatz. Aber
die Häuser fehlten. Nur der Meereswind kam pfeilgerade über den Platz.
Kam und ging. Und draußen im Wasser stand hie und da eine Meereswelle
aufrecht und bäumte sich gegen eine andere Welle, und beide bildeten
zusammen einen weißen Palmbaum aus Schaum. Dort im Meer waren dann die
unterirdischen Klippen, an denen die Schiffe so leicht zerschellten.

Bei den Leuten hier auf der Klippe mußten wir übernachten. Es war gegen
sechs Uhr abends, als wir angekommen waren, und wir hätten nicht mehr
genug Segelwind gefunden, um die Küste zu erreichen. Auch wäre es zu
dunkel in den Inselgassen geworden, und wir hätten vielleicht nicht
zurückgefunden.

Wir gingen zum Haus hin, und ich hatte bei jedem Schritt das Gefühl,
als wenn wir ins Meer fallen könnten. Denn das Meer, das so riesenhaft
ringsum lag, übte eine mächtige Anziehung aus von allen Seiten. Am
liebsten hätte man sich flach auf die Steinfläche gelegt und mit dem
Gesicht in den Himmel gesehen, um von dem Schwindelgefühl frei zu
werden.

Wir hatten vorher im Boot das Rauschen des Meeres als einen wohltuenden
Rhythmus empfunden. Und erst als die Insel, auf der wir jetzt
waren, uns näher gekommen war, waren wir aufgestört worden durch den
betäubenden Lärm, durch den Gischt und die überstürzende Flut, durch
die waschenden Wellen und ihren donnernden Anprall und durch das
gurgelnde Getose der Brandung, das uns mit seinem ohrenbetäubenden Lärm
mehr und mehr umfing.

Vermittelst eines Sprachrohres hatten die Leute von der Klippe oben
zu uns ins Boot hinuntergeschrieen. Und auch jetzt, oben angekommen,
konnte man nicht reden, sondern man mußte schreien und lachen. Man
schrie und lachte mit dem Höllenlärm rundum. Erst als im Haus die Türen
geschlossen waren, wurde es möglich, die Menschenworte zu verstehen.

Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitän plauderte mit uns
zärtlich und kindisch vergnügt, wie ein Knabe, dem man zwei junge
Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Stühle an
den Tisch, so viele Stühle als er hatte, als wären nicht bloß zwei
Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.

„Die Einsamkeit hat ihn etwas närrisch gemacht, den Alten,“ sagte
der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitän von seinen Zigarren
an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen
nach Westindien und von Havanna zu erzählen. Und er erzählte, er wäre
auch viele Male im „echten“ Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta
und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen
und viele Male rund um Afrika und rund um Kap Horn in Südamerika,
war teils mit großen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er
kannte alle Küsten der Erde.

Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt,
und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn
Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage nützlich zu
verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand
so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hände steckten nach alter
Seemannsgewohnheit in den Taschen.

Vierzehn Schiffbrüche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er
verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen
diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt
Feuerturmwächter hier draußen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im
Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslärm,
der hier rund um die Steine war, und er hörte den Lärm schon fast gar
nicht mehr.

Obwohl bei jedem Tür- und Fensteröffnen das Meeresgeschrei
hereinstürzte, als wenn draußen ein ewiger Mord und Totschlag wäre,
war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb
eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen
Jahresgehalt für den Einkauf neuer großer Standuhren auszugeben. Die
Wände waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher
Zeit, und ihr Räderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitän hatte
seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen,
ihre Gewichte aufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.

Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den
Wänden säßen und schnurrten, und im dämmerigen Abend sahen auch alle
die vielen weißen Zifferblätter weißen dickbackigen Katzengesichtern
ähnlich.

Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mächtigen Hummer und
geräucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine
Schüssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollständig
geruchlosen Luft hier draußen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und
kein grünendes Maienholz duftete, und Häuser und Menschen vom Wind
stündlich ausgepeitscht wurden, so daß kein Geruch an den Kleidern und
den Wänden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.

Es roch während der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach
Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte.
Und man hatte das Gefühl, als wären die angerichteten Speisen alle
nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bühne in
Theaterstücken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas
Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war
gleich null.

Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie
kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und
Fisch unterschieden sich nur durch den stärkeren oder schwächeren
Salzgeschmack. Man aß und schmeckte nichts und war eigentlich um
einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hörte
nur Lärm, immer wieder Lärm, nie einen gesteigerten und nie einen
verminderten Lärm. Man horchte auf den unendlich vielen Lärm und hörte
doch nichts und kam sich vor wie einer, der an beständigem Ohrensausen
leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehör.

Trat man an ein Fenster, da sah man draußen nichts als eine Linie
zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und
sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als
dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts
als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren
Leere hingezogen. Und man wußte nicht, was man am Fenster mit den Augen
anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen.
Und man mußte einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier
bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die
Fenster aufriß, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in
deren Mitte eine einzige dünne Linie.

Da auch die Steine vor der Türe keinen Duft hatten, so schienen hier
alle Sinne überflüssig zu sein. Man hätte ebenso gut als Leichnam hier
ankommen können. Man hätte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne
gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier draußen überflüssig!
Das schien der Höllenlärm rundum jedem Ankömmling zuzuschreien. Hier
wollen nur Wasser, Luft, Sonne und Stein zusammenkommen! So schrie es
aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getöse der Brandung und
des Windes.

Und man wird verstehen, daß die Menschen hier alle etwas verrückt
wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie mußten deshalb
abgelöst werden. Sonst lösten sie sich eines Tages selbst ab und
stürzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei,
um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lärm nicht überschreien
könnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lärm
hörte plötzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen
Stille.

Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor,
daß sie den Lärm nicht hörten. Aber das sagten sie nur, weil sie den
Lärm hören mußten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlärm
war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch
und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab für sie keine Nachtruhe.
Wenn die Leute hier schliefen, war der Lärm doch in ihren Ohren, und
die Ohren durften nie schlafen. Und der Lärm zerrüttete allmählich die
Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblöcke absprengte.

Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine
Betten Platz, wie in anderen Häusern, und man schlief in großen
Schubladen, die unter Schränken nachts herausgezogen wurden, und worin
nur die Hälfte des Körpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man,
weil der Lärm den Geist nur zur Hälfte schlafen ließ, sollte auch der
Körper nur ein halbes Bett haben.

Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden
auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem
Meeresgeräusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im
Zimmer und hinter den Wänden ihre Pendel rastlos arbeiten ließen. Als
müßten sie hier die Zeiten anfertigen, die über das Weltall verteilt
werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf
los.

Die Frühlingsnächte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das
hatte ich an der Küste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen
Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier
draußen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es
während der ganzen Nacht bereits so hell, daß man um Mitternacht am
Fenster hätte lesen können.

Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder
Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel
war gelbgrünlich, so wie die Blätter der Pflanzen leuchten, die in
Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwölf Uhr nachts
im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort,
als sähe man die Sonne blaß unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr
kam die Sonne schon wieder wie eine große Elfenbeinkugel aus dem Meer
empor. Übernächtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen
Teig, einem großen Mondleib, und zeigte nichts von ihrer sonstigen
Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag
kahl und verlassen da draußen, als bettelte sie selbst um Licht.

Eine Stunde später entzündete sie sich ganz allmählich. Aber der Himmel
blieb noch lange hellgrün, als müßte er den Klippensteinen nachts hier
draußen im Meer den grünen Schein der Küstenwälder ersetzen, das Grün
jener Wälder und Bäume, nach denen die Steine im Frühling zu hungern
schienen, das Grün, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.

Wohl sind die Nächte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer
Schönheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nächte,
nicht wie eine Verschönerung, sondern wie eine Entstellung der Natur.
Sie waren wie Einäugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen
Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getöteten Blick vom Licht
dieser hellen Nächte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle
als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man saß nicht
ruhig in seinem Körper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist
erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten
Kräften unsicher gemacht wurde.

Ich wünschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen,
daß die Berserkerwut, die früher unversehens bei den nordischen Völkern
einzeln und in Massen ausbrach, und daß auch der große Wanderzug, der
die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach
Nordamerika getrieben hat, von den hellen Nächten angeregt wurde, die
keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternächten mit übermäßigem
Lichtbesitz auch übermäßigen Machtbesitz vorspiegelten und die Männer
in die Meerräume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die
Sonne jene Nächte aufzuhellen schien.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Morgen rückte der kleine vertrocknete Kapitän, während er
alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine
Kirche besuchen zu dürfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, daß er
gerne mit uns hinüber zur Küste segeln wollte.

Wir dachten nicht weiter darüber nach, ob ihn auch noch etwas anderes
zur Fahrt nach der Küste locken könnte, und der junge Schwede sagte zu
mir:

„Wenn der Kapitän mitfahren will, dann ist es nicht nötig, daß wir
gleich in den Vormittagsstunden zurückkehren. Dann können wir auch
erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der
Kapitän, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen,
und wir brauchen nicht zu befürchten, von der Nacht überrascht zu
werden.

Den Vormittag können wir dann damit ausfüllen, daß wir erst noch hinaus
nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da
Steine draußen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende
von Möwen jetzt nisten.“

Wir segelten dann in den Morgenstunden über das blauschwarze
Morgenmeer, das uns mit weißköpfigen kleinen Wellen
entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes
Gebiß.

Das Boot glitt spielend in die Wassertäler und wurde auf halber
Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs,
in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers
wurde immer mächtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen
Skagerak. Das Meer überspritzte uns, und wir kamen in die Nähe von
hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich über unterirdischen
Klippen wie Geisire weißschäumend aufbäumten.

Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter
wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger
und gefahrloser, einfacher und natürlicher fühlte sich mein Herz
werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der
Unergründlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien
mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverfälschter und
unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des
verfälschten Menschenlebens entfernte.

Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback
mitgegeben. Das Frühstück wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln
gelandet waren, verzehren. Aber wir wußten nicht, wohin wir uns wenden
sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhöhen,
keine Klippen, sondern lagen wie flache große Steinlinsen, jede in
einem weißen Brandungskranz.

Der Schwede kannte den Weg nicht und hatte noch nicht hier draußen
gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je höher
die Sonne stieg, die es blauer färbte, wie ein stahlblauer Garten,
in welchem die Brandungen wie rauschende weiße Blütenbäume standen.
Weißen Palmen ähnlich, schäumten die verschiedenen Meerspringbrunnen
über den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die
Schaumwellen und waren ähnlich wirren weißblühenden Hecken.

Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenäther
war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie
ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns
zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.

Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Größen der
Gefahren verflüchtigten das wirkliche Dasein derart, daß man sich über
Tod und Leben gleichmäßig erhaben fühlen mußte.

Von der Küste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der
wir übernachtet hatten, war nur als ein weißes Schaumpünktchen fern
im schwarzblauen Meer zu sehen. Wäre unser Boot in einen Meerstrudel
gekommen, deren es viele rundum gab, so wären wir im Kreis getrieben,
mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der
Gurgel eines Tieres. Nirgends hätte man es bemerkt, und niemand hätte
Rettung bringen können.

Aber darüber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns
eingeladen, und wir fühlten uns als sein Gast, und wir genossen
das Bewußtsein der Gefahr und waren ganz Aug’ und Ohr für die
Meerfestlichkeit ringsum.

Endlich näherten wir uns einer der Inseln, nachdem wir eine Lücke in
der umgebenden Brandung entdeckt hatten, eine Lücke in der weißen
Schaumhecke, wo das Wasser stiller war. Es war schwierig, das Boot
zu befestigen. Nachdem wir ans Land gesprungen waren, drohte uns die
Möglichkeit, daß die zerrenden Wassermassen das Bootseil, auf das wir
ein paar Steine gelegt hatten, lockern würden. Und wir mußten uns
bei jedem Schritt auf dem kleinen Eiland immer wieder nach unserem
Bootsmast umsehen, ob er noch zu sehen war, oder ob das Meer das Boot
vielleicht schon fortgetrieben hatte. Es war das kein angenehmer
Gedanke, hier ohne Boot ausgesetzt zu sein, auf der Insel, die nur wie
ein ovaler Steinfußboden ohne Erhebung und ohne Schutzwand platt wie
ein etwas buckeliger, zerbeulter Zinnteller flach in der Wasserwüste
lag und bei Sturm im Meer verschwand.

Schon als wir uns der Insel näherten, hatte sich ein Klagegeschrei
erhoben, und viele Möwen waren fortgeschossen. Jetzt aber bei unserem
ersten Schritt auf dem Stein brauste plötzlich die Luft um unsere
Köpfe, als schlüge der Meerschaum haushoch und weißflockig wie ein
dickes Schneegestöber über uns zusammen. Es waren Tausende der
brütenden Möwenpärchen, die aufflogen, und ihr Geschrei war wie das von
tausend Klageweibern. Sie blieben wie ein flatterndes, kreischendes
und rauschendes großes Federgespenst alle zusammen oben im Äther
über der Insel hängen. Sie ächzten und stöhnten. Sie verfluchten uns
und beschworen uns, sie flehten und jammerten. Sie stießen gellende
langgedehnte Angstschreie aus. Sie beschworen das Meer und die Wolken,
uns Eindringlinge zu vernichten.

Niemals, so lange Möwen hier gebrütet hatten, waren zwei Menschentiere
aus dem Meer hier auf das Eiland gekommen. Es war, als verhexten wir
ihren Urweltfrieden, an dem nie gerüttelt wurde, so lange Möwen denken
konnten.

In den langen, nur handtiefen Rissen und Sprüngen, die sich über die
Inselplatte hinzogen, hatten die Möwenscharen dort in den getrockneten
Tang unzählige, unauffällige, graugrüne Eier gelegt. Die tausend
Mütter, die da, abwechselnd mit den tausend Vätern, gebrütet hatten,
besprachen sich jetzt über uns im Himmel unausgesetzt fliegend und
durcheinanderkreischend in dichtem Knäuel, und besprachen alles, was
wir taten.

Sie sahen uns beim Frühstücken und beim schnellen Baden zu. Und als wir
dann auf den sonnengewärmten Steinplatten auf dem Rücken lagen und uns
von der Sonne trocknen ließen, da erst ließen sich die Aufgescheuchten
in Gruppen bei uns nieder. Denn daß wir uns sonnen wollten, verstanden
sie. Das taten die Seehunde manchmal auch, wenn einer aus dem Meer
stieg und zu ihnen auf die Steine gerutscht kam und mit offenen Augen
schlief, bis der Mittag vorüber war.

Wie ich dann Mövenpärchen bei Pärchen all die silbergrauen schönen
Vögel beieinander sitzen sah, da fühlte ich, daß wir Menschen uns
nicht so gut auf das Glück verstehen wie die Tiere. Jeder Vogel,
jeder männliche, wenn er liebesreif wird, sucht sich sein Weibchen,
und ein wenig Tang in einer Felsenspalte genügt ihnen für das ganze
Leben als Brutplatz. Und die Möwenfrau und der Möwenmann brüten beide
abwechselnd, und beide lehren später den jungen Möwenkindern zu fliegen
und Fische zu fangen. Wie einfach ist das!

Aber welch eine Unwelt von Hindernissen wissen die Menschen dagegen vor
ihrem Liebesglück aufzubauen! Eine Hölle von Unnotwendigkeiten setzen
sie sich in den Weg, die das Lebensglück schwächt, das in der höchsten
Lebenseinfachheit am edelsten und reichsten sich darbieten will. --

Die Steinfläche, auf der wir uns befanden, wurde bei hohen Stürmen
von den großen Wellen überrollt, und es konnte sich auch im Sommer
ereignen, daß bei plötzlichen Wetterstürzen der Seegang mächtig hoch
wurde, so daß die brütenden Möwen fliehen und ihre Eier im Stiche
lassen mußten.

Am Himmel waren viele Wolken aufgestiegen, und trotzdem wir heute
nichts Ähnliches befürchteten, konnten wir uns doch nicht einiger
Unruhe erwehren. Das Klagegeschrei der Möwenmütter war in uns so tief
eingedrungen, daß wir am liebsten mitgeklagt hätten. Es war, als
könnten uns die Schreie allmählich selber in Möwen verwandeln; und
wäre plötzlich jeder von uns ein weißer Vogel geworden, es hätte uns
nicht erstaunt. Im Geist flogen wir mit den Scharen immer über dem
Inselstein hin und her und schrieen mit.

Derart verhexend wirkte in der Meereinsamkeit die Aufregung auf dem
Möwenbrutplatz, daß wir beinahe Unruhe hatten, unsere Vernunft für
immer verlieren zu können. Denn verwirrend und irremachend war das
Angstgeschrei und das Geächze und das Gestöhne, das aus den Rissen und
Steinspalten zu uns kam. Wir wußten zwar, daß dort Vögel versteckt
saßen, aber es klang, als seufze und stöhne die sich grämende
Brutstätte selbst, und wir eilten endlich, fortzukommen von dem Stein,
auf dem wir von tausend Verwünschungen überschüttet wurden.

Zurückgekommen nach Väderbod, nahmen wir dort den Kapitän ins Boot,
der uns gleich zurief, es würde heute noch schlechtes Wetter geben.
Zugleich donnerte es schon draußen am Meeresrand.

Der Wind war günstig, und wir segelten stundenlang eiligst der Küste
zu. Einige dunkle Wolken holten uns aber doch ein und sandten uns
einige kurze Regenschauer auf den Rücken. Wir erzählten unterwegs dem
Kapitän, daß wir vorhin auf einer der Möweninseln mit dem Segelboot
angelegt hatten.

Der Meergreis schüttelte mißmutig den Kopf und meinte, das hätten
wir nicht tun sollen. Die Brutplätze darf man nicht stören. Das sind
heilige Plätze, sagte er, und außerdem ist es mit so viel Gefahr
verbunden, auf jenen Inselflecken zu landen und loszukommen, daß
deshalb schon niemals einer dort hingeht.

„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dort landen wollten, hätte ich Sie
vorher gewarnt. Denn die Tiere wollen, wenn sie in Familie sind, allein
sein und mögen bei ihren Wochenbetten keine Menschen sehen.“

Der Kapitän, als er dies sprach, stellte Menschen und Tiere ganz
selbstverständlich auf gleiche Vernunftsstufe. So wie es die Leute, die
viel im einsam Freien leben, zu tun gewohnt sind, und wie es auch das
Natürliche ist.

„Ich freue mich,“ hatte der junge Schwede zu mir gesagt, „den Kapitän
ans Land bringen zu können. Er hat seit zwei Jahren die Küste nicht
mehr besucht. Und er roch nur manchmal den Frühling auf seiner Klippe
draußen, wenn zufällig ein scharfer Ostwind vom Lande wehte, der über
alle Wälder Schwedens gegangen war.“

Der Alte wurde, je mehr wir uns den Inselgassen näherten, schweigsam
und schnupperte immer mit der Nase in die Luft. Er roch Land. Und als
der Wind im Abend abflaute, rührte er unermüdlich die Ruder und wollte
sich nicht ablösen lassen.

Wie eng und still kam uns das Meer in den Inselgassen vor! Wie
wohlbekannte Gänge in einer Stadtwohnung, in die man abends heimkommt
nach einem Tagesausflug. Das Wasser lag im Abendlicht goldgelb
ausgegossen. Auf einem Stein saß, wie ein einzelner Mann, ein großer
dunkler Seeadler. Er ruckte mit dem Kopfe hin und her und hob sich mit
den dunklen Schultern vom hellgelben Himmel ab.

„Ich wohne hier,“ meinte der Adler. „Ich bin hier zu Hause,“ sagte er
mit seinem Kopfnicken. „Wir wissen es schon auf allen Inseln,“ fuhr
er fort, „ihr habt die Möwen draußen gestört. Hui, hui, wer wird die
Brutstätten betreten!“ Und die Luft durchfegend flog er fort.

Die dunklen Felsen in den Gassen sahen uns tiefgründig an. Und eine
Steinwand sagte zur anderen: „Habt ihr den Donner heute nachmittag
draußen gehört? Die da vorüberfahren, die haben die Brutstätten
gestört! Die Möwen haben es überall hin ausgeschrieen. Bis zu den
Wolken haben sie gerufen. Und beinahe wäre Wettersturz und Sturm
gekommen. Aber dann nahmen die beiden Jungen den Alten mit ins Boot,
und dadurch waren sie geschützt vor jedem Unwetter. Der Alte ist heilig
wie die Brutstätten. Er ist ein alter Freund dem Meer und allem, was in
und um das Meer ist.“

In einer anderen größeren Gasse, wo das Meer immer noch goldig war,
weil die Felswände weiter auseinander lagen, da hörten wir plötzlich
zwei schrille Pfiffe. Hundert Schritte vom Boot entfernt waren in
der Goldfläche des Wassers zwei Köpfe aufgetaucht, zwei dunkle
menschenähnliche Köpfe.

„Seehunde!“ flüsterte der junge Schwede. Und der alte Kapitän nickte
vergnügt und ruderte. Wieder ein blitzartiger Pfiff, und die beiden
Seehundköpfe verschwanden.

„Hm, hm,“ sagte der Kapitän, „daß sie sich so weit hereinwagen heute,
die Seehunde! Die halten sich doch sonst immer draußen bei den
Möwenbrutstätten auf!“ Und er schüttelte verwundert den Kopf. Es war,
als kannte er jedes Tier hier im Meer im Umkreis um seine Klippe.

„Die beiden Burschen sind uns nachgeschwommen,“ sagte er endlich nach
einer Weile wieder. „Seehunde sind neugierig. Sie haben mich seit zwei
Jahren nicht ans Land fahren sehen und mußten sich überzeugen, ob es
wahr ist, daß ich ans Land segle. Denn alle Inseln wissen es wohl
bereits, daß ich ans Land will, und daß Sie beide die Möwenbrutstätten
gestört haben, das wissen auch schon alle hier herum.“

Der Alte lachte gutmütig und nickte, als wollte er noch viel mehr
erzählen. Aber er mußte jetzt öfters in seine Hände spucken, um die
Ruder fester zu packen, und da blieb ihm nicht allzuviel Atem zum
Erzählen übrig.

In Fjellbacka, am Land, schüttelte der kleine Greis uns die Hand und
sagte, er würde hier bei Freunden übernachten und käme morgen zum
Sonntag in die Kirche und ins Pfarrhaus.

       *       *       *       *       *

Und das tat er auch. Am nächsten Mittag kam der Kapitän zum Pfarrhaus
getrollt. Der junge Schwede hatte seinem Vater von unserer Fahrt
erzählt. Dieser kannte den Alten längst. Als der Pfarrer zugleich
hörte, daß wir eine Möwenbrutstätte aufgesucht hatten, wurde auch er
plötzlich ganz ernst und schüttelte verwundert den Kopf.

Da kam ich mir mit einemmal ganz unwissend vor und hatte das Gefühl,
als wären wir, der Schwede und ich, gestern, als wir auf jener Insel
bei den Möwenmüttern im Boot angelegt hatten, wie zwei täppische junge
Jagdhunde gewesen, die in ein Zimmer hereinspringen und nicht wissen,
wo sie sind, und friedliche Leute erschrecken.

Der alte Pfarrer sagte: „Brutstätten darf man nicht stören. Das tut man
nicht.“ Und als ich ihn fragte, was uns hätte geschehen können, sagte
er kurz: „Das weiß ich nicht. Aber die Leute im Lande, die Fischer,
behaupten, es störe die Seefahrt und den Fischfang.“

„Wir sind auch schon gestraft worden,“ sagte der junge Schwede. „Wir
haben zuerst Angst vor einem Unwetter gehabt, und auf der zweiten
Hälfte des Weges schlief der Wind ganz plötzlich ein, und wir haben
rudern müssen, und wenn der alte Kapitän nicht mitgerudert hätte,
würden wir das Land zum Abend nicht erreicht haben und hätten zur Nacht
auf dem Wasser liegen müssen.“

Und ich mußte viel darüber nachdenken. Wenn man durch einen
Kanonenschuß in den Himmel versucht -- und es auch erreicht hat --,
Wolken und Gewitter zu erzeugen, so, sagte ich mir, konnte auch die
unendliche Masse Möwen, die über unseren Häuptern mit kreisendem Flug
stundenlang im höchsten Äther gelärmt und mit den Flügeln geschlagen
hatten, recht wohl in dem schwülen Maienmittag ein Gewitter erzeugt
haben. Denn um uns fortzuscheuchen, schrien die Möwen ganz besondere
Rufe, Ketten von wirbelnden Rufen. Es hörte sich an, als rauschte ein
lärmendes Feuer mit spitzen Stichflammen in den Himmel, so heftig war
das Pfeifen und Flügelschlagen zur Mittagsstunde im Luftkreis über uns
gewesen.

Und ich sagte mir weiter, wir werden von Haus aus als zu schlechte
Nachbarn der Tiere, Pflanzen und Mitwelt erzogen. Wir lernen
vielen Kram, aber wir lernen nicht, freundlich und geduldig die
Lebensgewohnheiten der Tiere im Auge zu haben, wie Gewohnheiten unserer
Hausnachbarn, die wir achten sollen. Wir sind nur Kameraden mit den
Menschen, aber nicht Kameraden mit dem Weltalleben. Und wie reich,
innig und festlich wäre unser Dasein, wenn wir verständige Kameraden
allen Leben würden und nicht in unserer Unvernunft und unserer Ungeduld
uns verleiten ließen, uns höherstehender vorzukommen als Tiere und
Pflanzen. Solcher Hochmut ist unfruchtbar und unkameradschaftlich und
läßt uns Menschen in den Augen des übrigen Weltalls lächerlich und
beschränkt erscheinen.

Wie roh und beschränkt müssen wir beide den Möwen vorgekommen sein,
als wir nicht die einfachsten Anstandsgesetze achteten und Mütter,
welche Kinder zur Welt brüteten, in ihren Wochenstuben aufstörten.
Wir taten, als wenn die Lebenserzeugung nur bei den Menschen die
Mütter im schwangeren Zustand heilig spräche. Als ob die Tiermütter
in demselben Zustand nicht auch heilig zu sprechen wären von unserer
aller Schöpferkraft, die allen Handlungen bestimmte Grundgesetze
vorgeschrieben hat.

Ich mußte noch den ganzen Sonntag über dieses letzte Ereignis
nachdenken. -- Der alte Kapitän war vom Pfarrer zu Tisch geladen
worden, und er saß mir da bei Tisch gegenüber wie ein lebender Vorwurf
meiner gestrigen Gedankenlosigkeit. Er sprach aber nicht von gestern
und dachte auch sicher kaum noch an unser Versehen. Aber mein Herz ließ
nicht los, mit ihm im stillen darüber zu sprechen.

Und er antwortete mir vieles im stillen zurück, der kleine vertrocknete
mumienhafte Kapitän. Äußerlich aber befand er sich mit sich wie in
einem Sturm. Zwei Jahre hatte er kein grünes Blatt und keinen grünen
Halm gesehen. Zwei Jahre hatte er keine Stille in seinen Ohren genossen.

Er sagte nach dem Essen zum Pfarrer, er wäre gekommen, um die
Nachmittagskirche zu besuchen. Und er ging vom Tisch fort und murmelte
noch etwas. Die Glocke läutete dann, und als alle zur Kirche gegangen
waren und ich in den Garten ging, um mich am Gartenende mit einem Buch
auf die Moosbank zu setzen, staunte ich über die ab- und zufliegenden
Elstern, die in den Erlenbäumen an der Südseite des Gartens gar keine
Ruhe gaben. Auch sah ich über den langen Gartenweg mehr Eichhörnchen
als sonst den Weg kreuzen. Auch die wilden Bienen summten heftiger
unter den eben erblühten Apfelbäumen und über den Köpfen der
hochgeschossenen Pfingstrosen.

Etwas war nicht in Ordnung im Garten. Nun kamen mir auch die drei
Katzen des Hauses entgegen, die weiße, die schwarze und die graue. Sie
gingen nicht, sie strichen, hohe Buckel machend, an den Stämmchen der
jungen Bäume hin und hopsten nach rückwärts. Sie waren also besonders
vergnügt und zufrieden. Wären junge Vögel irgendwo gelegen, die aus
dem Nest gefallen waren, und hätten diese die Katzen angelockt, so
wäre ihr Gang geduckt, zielbewußter und bei meinem Anblick scheu und
bestürzt gewesen. Aber die drei Katzen gingen nur gemütlich spazieren,
erzählten mir aber irgend etwas, das ich mit meinem innersten Ohr noch
nicht deutlich hörte, weil ich noch zu überrascht war.

Das Auge muß fühlen und nicht bloß sehen, wenn man mit dem Weltalleben
Gedankensprache austauschen will. Die eigenen Wünsche müssen verstummen
können. So wie man nicht ohne Übung fremde Sprachen sprechen kann, so
muß man auch im Weltallverkehr ein wenig unauffällig Selbstzucht an
sich üben. Aber nicht mehr, als man braucht, um telephonieren zu lernen.

Ich ging zur Moosbank hin und setzte mich und wollte lesen, aber die
Elstern flogen zu und flogen fort, doch nicht ängstlich und auch nicht
aufgebracht. Nur unterhaltsam, als wären sie in angeregtestem Gespräch.

Nun jagte auch ein großer weißer Vogel tief über den Garten, eine Möwe.
Das war selten, daß im Sommer eine Möwe so weit ins Land hereinflog.
Und ich mußte an die Seehunde denken, die gestern neugierig dem alten
Kapitän nachgeschwommen waren. War nun auch diese Möwe ihm neugierig
nachgeflogen?

Nach einer Weile ging ich an den roten Pfingstrosen vorbei, und ein
paar Goldkäfer, die an den Blüten hingen, blitzten mich goldgrün
an, und ich mußte an die Fenster des Klippenhauses in jener grünen
Meernacht denken, in der der Himmel nicht dunkel wurde. Und ich mußte
bei den Rosen an den purpurroten Tang denken, der draußen um die
Möwenbrutstätten in dickem Kranze schwamm.

Ich habe eine Weile so vor mich hingeträumt und dachte: Wie wunderbar
einschläfernd summen die Bienen! Wenn die Erde nicht so frühlingsfeucht
wäre, müßte es gut sein, hier im Garten auf einer Grasböschung auf
dem Rücken zu liegen, den blauen Himmel anzublinzeln und sich von den
Bienen einschläfern zu lassen.

Dann läutete es wieder von der Kirche her, und ich war erstaunt, wie
schnell die Zeit vergangen war. Die Kirche war aus. Aber daß Zeit
vergangen war, das merkte ich nur an dem Gartenweg. Die Schatten der
Bäume waren gewachsen, und der Weg sah mich nicht mehr grell sonnig an.
Die Schatten zogen alle, länger geworden, sichtbar nach einer Richtung
quer über den Garten fort.

Im Pfarrhof bei den Stallgebäuden hörte ich dann die Bauernwagen von
der fernen Kirche fortrollen, und der junge Schwede kam von seinem
Zimmer herunter, wo er geraucht und Mittagsruhe gehalten hatte. Er
streckte unter der Haustüre seine Glieder und lachte und nickte mir zu.

„Der alte Kapitän wird genug Kirche heute bekommen haben,“ rief er. Und
wir lachten und plauderten unter der Haustür ein wenig von dem alten
Meerkauz.

Dann kam der alte Pfarrer, von einigen Männern der Gemeinde begleitet,
in den Hof. Wir fragten ihn, ob der Kapitän sich schon verabschiedet
habe, weil wir ihn nicht sahen.

„Ach nein,“ lachte der alte Herr gutmütig, „er war gar nicht in der
Kirche. Er schläft wahrscheinlich noch im Garten.“

Und jetzt erinnerte ich mich, daß der Kapitän früher vom Tisch
aufgestanden war und sich entschuldigt hatte, daß er ein Schläfchen tun
möchte, da ihn die ungewohnte Landluft und der Geruch des Frühlings
müde gemacht hätten. Wir waren im Gespräch gewesen und hatten seine
letzten Worte halb überhört und glaubten, er sei zur Kirche gegangen.

„Er wird sich zu Tode erkälten,“ meinten die Damen des Hauses, die
dazugekommen waren.

„Ach, nun verstehe ich alles,“ sagte ich zu dem jungen Schweden.
„Der ganze Garten hat es mir erzählen wollen, daß der Alte, der zwei
Jahre kein Grün und keine Blumen gesehen hat, sich zum Schlaf dort
niedergelegt habe. Deshalb schnatterten die Elstern so laut, sie
machten aufmerksam auf den Schlafenden unter den Bäumen. Und die drei
Katzen strichen so verwunderlich hopsend herum und erzählten es mir,
ihr Behagen ausdrückend, daß einer im Garten schlafe, von dem die Erde
sage, daß man ihn nicht stören dürfe.

Auch die Eichhörnchen hatten sich ihn angesehen, den Meergreis,
der selbst so behende und zwerghaft war wie die Eichhörnchen. Und
der nach Meerluft roch und nach Fischen, wie die Katzen behaglich
hinzugefügt hatten. Und eine Möwe hat im Flug mit dem Schnabel auf ihn
gedeutet. Und die grünen Goldkäfer an den Pfingstrosen hatten mir
verständnisinnig zugeblinkt. Und alle meinten, mir den Schläfer zu
zeigen, der ein Stück Meerwelt in das Garteninnere brachte.“

Dann fanden wir ihn auch, als wir vorsichtig gingen und suchten, auf
der Grasböschung am Gartenrand. Unter einem Haselnußstrauch lag der
kleine alte Mann auf dem Rücken. Er hatte seinen Kapitänsuniformrock
ausgezogen und ihn unter seinen Kopf gelegt und hatte sich mit seiner
Kapitänsmütze Stirn und Augen zugedeckt. Aber den Mund hielt er
weit offen, und seine Hände hielt er über der Brust gefaltet. Die
schwielenreichen alten Finger, die vierzehn Schiffe gesteuert und
geführt hatten, waren fest ineinander gehakt. Sein offener Mund atmete
die langentbehrte Garten- und Landluft und die langentbehrte Stille in
seinen alten meergebeizten Körper ein.

Wir konnten es nicht übers Herz bringen, ihn zu wecken und zu stören.
„Aber wenn er sich erkältet?“ meinte ich einen Augenblick.

„Der ist wie aus Seehundleder,“ sagte der junge Schwede. „Den bringen
Erde und Wasser nicht um. Er hat vierzehn Schiffbrüche erlebt und ist
nicht umgekommen; da wird ihm doch die Erde im Schlaf nichts antun
können und antun wollen.“

„Und wenn er an diesem Schlaf sterben sollte,“ sagte ich, „so hat er
wenigstens die Befriedigung, daß er noch einmal einen Landschlaf in
Ruhe und ohne irrsinniges Meergeschrei und Brandungsgebrüll genossen
hat.“

Und wir ließen den Alten schlafen, trotzdem die Schatten des Gartens
ihn kühl zudeckten. Alles schien auch dem Alten den verdienten
Landschlaf herzlich zu gönnen.

Und der Schlaf im Grünen ist dem Kapitän nicht schlecht bekommen. Nur
darin bekam er ihm vielleicht nicht gut, daß er, als er aufgestanden,
dem Pfarrer und uns erklärte, er möge nicht mehr aufs Meer hinaus. Er
sähe gar nicht ein, warum er seinen alten Knochen nicht endlich am Land
Ruhe gönnen sollte.

Und wirklich kündigte er nach diesem Landbesuch der Regierung seinen
Leuchtturmplatz und mietete sich bei Freunden in Fjellbacka ein. Aber
das Land wußte nichts mehr mit ihm anzufangen, und der kleine Meergreis
starb bald ganz schnell weg, als wäre er nur ans Land gekommen, um in
den Tod hinüberzuschlafen. --

Jene mehrtägige Meerfahrt bedeutete für mich auch zugleich den Abschluß
meines Aufenthaltes im Pfarrhause. Denn der Sommer, der jetzt kam und
Gäste und Besucher und Leben in die Einsamkeit brachte, trieb mich, der
ich Ruhe zu Gedanken und Arbeiten liebte, zum Fortwandern an.

Ich war selbst erstaunt, daß die mächtige Einsamkeit, die mich zuerst
bei der Ankunft, im Gegensatz zum lebhaften Berlin, an jenem Pfarrhause
erschreckt hatte, mir jetzt zur unentbehrlichen Lebensbedingung
geworden war.

Auch der junge Schwede wunderte sich nicht wenig, als ich ihm eines
Tages sagte, ich fände das Haus, in dem Sommergäste kamen und gingen,
zu lebhaft geworden, und daß ich mich nach der Zurückgezogenheit und
totstillen Einsamkeit, wie ich sie hier in den ersten Wochen nach der
Ankunft aus Deutschland genossen hatte, sehnte.

Er erwiderte mir, daß er das ganz unbegreiflich fände, da ich doch
zuerst über die unendliche Winterstille im Pfarrhause erstaunt gewesen
wäre und behauptet hätte, es wohnten keine Menschen, sondern nur eine
tickende Uhr im Hause.

Ich mußte ihm recht geben; aber nicht darin, daß ich mich an den
Sommerlärm in seinem Vaterhause so gut würde gewöhnen können wie an die
Winterstille.

Ich sagte ihm, so wie mir sein Vaterhaus lieb geworden sei, so möchte
ich es immer in meiner Erinnerung tragen. Es stünde dann einzig in
seiner Art unter meinen Erlebnissen, und ich möchte deshalb nicht
das Haus im Sommer beobachten, wie es immer ähnlicher allen anderen
Familienhäusern würde, die ich kannte. Ich wollte es nicht in mir
allgemein und gewöhnlich werden lassen, sondern den Aufenthalt dort als
ein außergewöhnliches Erlebnis, so erhaben und mächtig wie es gewesen,
für alle Zeiten im Gedächtnis behalten.

Bis zum Johannisfest, wo in der hellen Sommernacht im Freien getanzt
wurde und das Klavier hinaus hinter grüne Hecken in die Steinfelder
gebracht wurde und die Töchter des Hauses und ihre Freundinnen mit viel
Gelächter den Auszug des Klavieres unter den freien Himmel begleitet
hatten, bis zu diesem Fest bin ich noch geblieben und war nahe daran,
mich von dem Mädchentrubel verlocken zu lassen, auch den Sommer im
Pfarrhause zu verbringen. --

Es war mir aber nach meiner Abreise dann ganz seltsam zumut. Nirgends
mehr fand ich die unergründliche Ruhe, die majestätische Einsamkeit,
wohin ich mich auch wendete, -- nicht auf dem Lande, nicht in den
Städten, auch nicht bei den Buchenwäldern Dänemarks am Isefjord, die,
auf flachem Sandboden gewachsen, mir wie große Parkanlagen vorkamen im
Vergleich zur Urweltnatur Bohusläns. Das Meer schien mir bei Dänemark
ein Tümpel zu sein und der Isefjord ein Parkteich.

Die dänischen Kornfelder, über denen die Windmühlen einförmig sich
auf- und niederdrehten, kamen mir einfältig, nützlich und langweilig
vor nach der prächtigen Granitdüsterkeit der nordischen Steinprovinz,
in der die Hügel wie versteinerte Walroßherden gelagert waren, wie
versteinerte Mammutleiber. Vorsintflutlich und ungeheuer abenteuerlich
war vor den Fenstern des Bohuslänschen Pfarrhauses die Umgebung
gewesen. Aber dort in Dänemark, wo die Sommerausflügler und die
wandernden Kinderschulen und die herumliegenden Zeitungspapiere
einen fortwährend an enges Menschenleben erinnerten, an sinnlose
Bildungssucht, wie sie über allen Völkern Europas jetzt liegt, da wurde
ich keinen Tag froh. Der Unterschied war so groß, als wäre ich wirklich
wieder vom Mond auf die Erde zurückgekehrt.

Und noch viel schlimmer erging es mir, als ich Landleben mit Stadtleben
zu vertauschen suchte. Selbst das liebenswürdige und ungemein trauliche
Kopenhagen, eine der feinfühlendsten Städte unter den Städten und
die Stadt meines Lieblingsdichters J. P. Jacobsen, konnte mich nach
der erquickenden Zeit in Bohuslän nicht zum Bleiben verlocken. Wohl
wanderte ich in der dänischen Hauptstadt gern in Jacobsens Fußstapfen
und war gern bei Andersens alter tröstlicher Märchenwelt, die jeder
Kopenhagener Pflasterstein einem deutlich wiedererzählt. „Die Galoschen
des Glückes,“ „die kleine Seejungfrau,“ „die Schneekönigin“ begleiteten
mich bei jedem Schritt und ließen mich der Vergangenheit nachhängen.
Aber starkes Gegenwartsleben, neue vertiefte Wirklichkeitseindrücke,
wie ich sie in Bohuslän stündlich erlebt hatte, erhielt ich hier nicht.

Wäre ich älter gewesen, würde mir das trauliche Kopenhagen sehr behagt
haben. Man muß aber zuerst das Ziel möglichst erreicht haben, das man
sich setzte, und muß selbst schon zur Vergangenheit hinneigen, um
wunschlos in der Wirklichkeit ohne starkes Gegenwartsleben auskommen zu
können.

Oder man muß, altgeworden, mit einem Chaos von mächtigen Erlebnissen
angefüllt sein, dann sucht man gern stille träumerische Landschaft oder
idyllische Orte auf, um dort die Flut der Eindrücke wie eine Sammlung
zu sichten und zu ordnen.

Auch als ich zu Weihnachten zu einem Besuch in mein Vaterhaus nach
Würzburg kam, schien mir die Rückkehr dorthin verfrüht. Zwar genoß ich
den erfrischenden Geist meines Vaters und liebte den Kulturreichtum
meiner altfränkischen Heimatstadt, aber doch schien mir beides
im Wege zu sein für meine weitere Entwicklung. Denn die Zeit zur
Selbstbetrachtung und die Zeit, mich in den Heimatboden einzuwurzeln,
war noch nicht gekommen.


_Ende des ersten Bandes_


Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche typografische Fehler sowie Zeichensetzungsfehler wurden
korrigiert.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band" ***

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