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Title: Der Schwierige - Lustspiel in drei Akten
Author: Hofmannsthal, Hugo von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Schwierige - Lustspiel in drei Akten" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Zeichenkodierung:

$ - Zeichen markieren Regieanweisungen

= - Zeichen markieren "gesperrte" Phrasen



                             DER SCHWIERIGE

                               LUSTSPIEL

                                  VON

                         HUGO VON HOFMANNSTHAL

                          S. FISCHER / VERLAG
                                 BERLIN

[Illustration: Logo Fischer-Verlag]



                             DER SCHWIERIGE

                               Lustspiel

                             in drei Akten

                                  von

                         HUGO VON HOFMANNSTHAL

                                  1921
                      S. Fischer / Verlag / Berlin



                        Erste und zweite Auflage

                        Alle Rechte vorbehalten

              Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript

        Das Recht der Aufführung ist nur von S. Fischer, Verlag,
                  Berlin W, Bülowstr. 90, zu erwerben

              Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin



Personen


     Hans Karl Bühl
     Crescence, seine Schwester
     Stani, ihr Sohn
     Helene Altenwyl
     Altenwyl
     Antoinette Hechingen
     Hechingen
     Neuhoff
     Edine   }
     Nanni   } Antoinettes Freundinnen
     Huberta }
     Agathe, Kammerjungfer
     Neugebauer, Sekretär
     Lukas, erster Diener bei Hans Karl.
     Vinzenz, ein neuer Diener.
     Ein berühmter Mann.

     Bühlsche und Altenwylsche Diener.



_ERSTER AKT_


     $Mittelgroßer Raum eines Wiener älteren Stadtpalais, als
     Arbeitszimmer des Hausherrn eingerichtet.$


Erste Szene

     $Lukas herein mit Vinzenz.$

_Lukas._ Hier ist das sogenannte Arbeitszimmer. Verwandtschaft und sehr
gute Freunde werden hier hereingeführt oder nur wenn speziell gesagt
wird, in den grünen Salon.

_Vinzenz_ $(tritt ein)$. Was arbeitet er? Majoratsverwaltung? Oder was?
Politische Sachen?

_Lukas._ Durch diese Spalettür kommt der Sekretär herein.

_Vinzenz._ Privatsekretär hat er auch? Das sind doch Hungerleider!
Verfehlte Existenzen! Hat der bei ihm was zu sagen?

_Lukas._ Hier geht's durch ins Toilettezimmer. Dort werden wir jetzt
hineingehen und Smoking und Frack herrichten zur Auswahl je nachdem,
weil nichts Spezielles angeordnet ist.

_Vinzenz_ $(schnüffelt an allen Möbeln herum)$. Also was? Sie wollen mir
jetzt den Dienst zeigen? Es hätte Zeit gehabt bis morgen früh, und wir
hätten uns jetzt kollegial unterhalten können. Was eine Herrenbedienung
ist, das ist mir seit vielen Jahren zum Bewußtsein gekommen, also
beschränken Sie sich auf das Nötige; damit meine ich die Besonderheiten.
Also was? Fangen Sie schon an!

_Lukas_ $(richtet ein Bild, das nicht ganz gerade hängt)$. Er kann kein
Bild und keinen Spiegel schief hängen sehen. Wenn er anfängt, alle
Laden aufzusperren oder einen verlegten Schlüssel zu suchen, dann ist er
sehr schlechter Laune.

_Vinzenz._ Lassen Sie jetzt solche Lappalien. Sie haben mir doch gesagt,
daß die Schwester und der Neffe, die hier im Hause wohnen, auch jedesmal
angemeldet werden müssen.

_Lukas_ $(putzt mit dem Taschentuch an einem Spiegel)$. Genau wie jeder
Besuch. Darauf hält er sehr streng.

_Vinzenz._ Was steckt da dahinter? Da will er sie sich vom Leibe
halten. Warum läßt er sie dann hier wohnen? Er wird doch mehrere Häuser
haben? Das sind doch seine Erben. Die wünschen doch seinen Tod.

_Lukas._ Die Frau Gräfin Crescence und der Graf Stani? Ja, da sei Gott
vor! Ich weiß nicht, wie Sie mir vorkommen!

_Vinzenz._ Lassen Sie ihre Ansichten. Was bezweckt er also, wenn er die
im Haus hat? Das interessiert mich. Nämlich: es wirft ein Licht auf
gewisse Absichten. Die muß ich kennen, bevor ich mich mit ihm einlasse.

_Lukas._ Auf was für gewisse Absichten?

_Vinzenz._ Wiederholen Sie nicht meine Worte! Für mich ist das eine
ernste Sache. Konvenierendenfalls ist das hier eine Unterbringung für
mein Leben. Wenn Sie sich zurückgezogen haben als Verwalter, werde ich
hier alles in die Hand nehmen. Das Haus paßt mir eventuell soweit nach
allem, was ich höre. Aber ich will wissen, woran ich bin. Wenn er sich
die Verwandten da ins Haus setzt, heißt das soviel, als: er will ein
neues Leben anfangen. Bei seinem Alter und nach der Kriegszeit ist das
ganz erklärlich. Wenn man einmal die geschlagene Vierzig auf dem Rücken
hat. --

_Lukas._ Der Erlaucht vierzigste Geburtstag ist kommendes Jahr.

_Vinzenz._ Kurz und gut, er will ein Ende machen mit den
Weibergeschichten. Er hat genug von den Spanponaden.

_Lukas._ Ich verstehe Ihr Gewäsch nicht.

_Vinzenz._ Aber natürlich verstehen Sie mich ganz gut, Sie Herr Schätz.
-- Es stimmt das insofern mit dem überein, was mir die Portierin erzählt
hat. Jetzt kommt alles darauf an: geht er mit der Ansicht um, zu
heiraten? In diesem Fall kommt eine legitime Weiberwirtschaft ins Haus,
was hab' ich da zu suchen? -- Oder er will sein Leben als Junggeselle
mit mir beschließen! Äußern Sie mir also darüber Ihre Vermutungen. Das
ist der Punkt, der für mich der Hauptpunkt ist, nämlich.

_Lukas_ $(räuspert sich)$.

_Vinzenz._ Was erschrecken Sie mich.

_Lukas._ Er steht manchmal im Zimmer, ohne daß man ihn gehen hört.

_Vinzenz._ Was bezweckt er damit? Will er einen hineinlegen? Ist er
überhaupt so heimtückisch?

_Lukas._ In diesem Fall haben Sie lautlos zu verschwinden.

_Vinzenz._ Das sind mir ekelhafte Gewohnheiten. Die werde ich ihm zeitig
abgewöhnen.


Zweite Szene

_Hans Karl_ $(ist leise eingetreten)$. Bleiben Sie nur, Lukas. Sind
Sie's, Neugebauer?

_Vinzenz_ $(steht seitwärts im Dunkeln)$.

_Lukas._ Erlaucht melde untertänigst, das ist der neue Diener, der vier
Jahre beim Durchlaucht Fürst Palm war.

_Hans Karl._ Machen Sie nur weiter mit ihm. Der Herr Neugebauer soll
herüberkommen mit den Akten, betreffend Hohenbühl. Im übrigen bin ich
für niemand zu Hause. $(Man hört eine Glocke.)$

_Lukas._ Das ist die Glocke vom kleinen Vorzimmer. $(Geht.)$

_Vinzenz_ $(bleibt)$.

_Hans Karl_ $(ist an den Schreibtisch getreten)$.


Dritte Szene

_Lukas_ $(tritt ein und meldet)$: Frau Gräfin Freudenberg.

_Crescence_ $(ist gleich nach ihm eingetreten)$.

_Lukas_ $(tritt ab, Vinzenz ebenfalls)$.

_Crescence._ Stört man dich, Kari? Pardon --

_Hans Karl._ Aber meine gute Crescence.

_Crescence._ Ich geh' hinauf, mich anziehen -- für die Soiree.

_Hans Karl._ Bei Altenwyls?

_Crescence._ Du erscheinst doch auch? Oder nicht? Ich möchte nur wissen,
mein Lieber.

_Hans Karl._ Wenn's dir ganz gleich gewesen wäre, hätte ich mich
eventuell später entschlossen und vom Kasino aus eventuell
abtelephoniert. Du weißt, ich binde mich so ungern.

_Crescence._ Ah ja.

_Hans Karl._ Aber wenn du auf mich gezählt hättest --

_Crescence._ Mein lieber Kari, ich bin alt genug, um allein nach Hause
zu fahren -- überdies kommt der Stani hin und holt mich ab. Also du
kommst nicht?

_Hans Karl._ Ich hätt' mir's gern noch überlegt.

_Crescence._ Eine Soiree wird nicht attraktiver, wenn man über sie
nachdenkt, mein Lieber. Und dann hab' ich geglaubt, du hast dir draußen
das viele Nachdenken ein bißl abgewöhnt. $(Setzt sich zu ihm, der
beim Schreibtisch steht.)$ Sei er gut, Kari, hab' er das nicht mehr,
dieses Unleidliche, Sprunghafte, Entschlußlose, daß man sich hat aufs
Messer streiten müssen mit seinen Freunden, weil der eine ihn einen
Hypochonder nennt, der andere einen Spielverderber, der dritte einen
Menschen, auf den man sich nicht verlassen kann. -- Du bist in einer
so ausgezeichneten Verfassung zurückgekommen, jetzt bist du wieder so,
wie du mit zweiundzwanzig Jahren warst, wo ich beinah' verliebt war in
meinen Bruder.

_Hans Karl._ Meine gute Crescence, machst du mir Komplimente?

_Crescence._ Aber nein, ich sag's, wie's ist: da ist der Stani ein
unbestechlicher Richter; er findet dich einfach den ersten Herrn in der
großen Welt, bei ihm heißt's jetzt, Onkel Kari hin, Onkel Kari her,
man kann ihm kein größeres Kompliment machen, als daß er dir ähnlich
sieht, und das tut er ja auch -- in den Bewegungen ist er ja dein
zweites Selbst -- er kennt nichts Eleganteres als die Art, wie du die
Menschen behandelst, das große air, die distance, die du allen Leuten
gibst -- dabei die komplette Gleichmäßigkeit und Bonhomie auch gegen
den Niedrigsten -- aber er hat natürlich, wie ich auch, deine Schwächen
heraus; er adoriert den Entschluß, die Kraft, das Definitive, er haßt
den Wiegel-Wagel, darin ist er wie ich!

_Hans Karl._ Ich gratulier dir zu deinem Sohn, Crescence. Ich bin
sicher, daß du immer viel Freud' an ihm erleben wirst.

_Crescence._ Aber -- pour revenir à nos moutons, Herr Gott, wenn man
durchgemacht hat, was du durchgemacht hast, und sich dabei benommen hat,
als wenn es nichts wäre ...

_Hans Karl_ $(geniert)$. Das hat doch jeder getan!

_Crescence._ Ah, pardon, jeder nicht. Aber da hätte ich doch geglaubt,
daß man seine Hypochondrien überwunden haben könnte!

_Hans Karl._ Die vor den Leuten in einem Salon hab ich halt noch immer.
Eine Soiree ist mir ein Graus, ich kann mir halt nicht helfen. Ich
begreife noch allenfalls, daß sich Leute finden, die ein Haus machen,
aber nicht, daß es welche gibt, die hingehen.

_Crescence._ Also wovor fürchtest du dich? Das muß sich doch diskutieren
lassen. Langweilen dich die alten Leut'?

_Hans Karl._ Ah, die sind ja scharmant, die sind so artig.

_Crescence._ Oder gehen dir die Jungen auf die Nerven?

_Hans Karl._ Gegen die hab' ich gar nichts. Aber die Sache selber ist
mir halt so eine Horreur, weißt du, das Ganze -- das Ganze ist so ein
unentwirrbarer Knäuel von Mißverständnissen. Ah, diese chronischen
Mißverständnisse!

_Crescence._ Nach allem, was du draußen durchgemacht hast, ist mir das
eben unbegreiflich, daß man da nicht abgehärtet ist.

_Hans Karl._ Crescence, das macht einen ja nicht weniger empfindlich,
sondern mehr. Wieso verstehst du das nicht? Mir können über eine
Dummheit die Tränen in die Augen kommen -- oder es wird mir heiß vor
Gêne über eine ganze Kleinigkeit, über eine Nuance, die kein Mensch
merkt, oder es passiert mir, daß ich ganz laut sag', was ich mir denk'
-- das sind doch unmögliche Zuständ', um unter Leut' zu gehen. Ich
kann dir gar nicht definieren, aber es ist stärker als ich. Aufrichtig
gestanden: ich habe vor zwei Stunden Auftrag gegeben, bei Altenwyls
abzusagen. Vielleicht eine andere Soiree, nächstens, aber die nicht.

_Crescence._ Die nicht. Also warum grad die nicht?

_Hans Karl._ Es ist stärker als ich, so ganz im allgemeinen.

_Crescence._ Wenn du sagst, im allgemeinen, so meinst du was Spezielles.

_Hans Karl._ Nicht die Spur, Crescence.

_Crescence._ Natürlich. Aha. Also, in diesem Punkt kann ich dich
beruhigen.

_Hans Karl._ In welchem Punkt?

_Crescence._ Was die Helen betrifft.

_Hans Karl._ Wie kommst du auf die Helen?

_Crescence._ Mein Lieber, ich bin weder taub, noch blind, und daß die
Helen von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an, bis vor kurzem, na, sagen
wir, bis ins zweite Kriegsjahr, in dich verliebt war bis über die Ohren,
dafür hab' ich meine Indizien, erstens, zweitens und drittens.

_Hans Karl._ Aber Crescence, da redest du dir etwas ein ...

_Crescence._ Weißt du, daß ich mir früher, so vor drei, vier Jahren, wie
sie eine ganz junge Debütantin war, eingebildet hab', das wär' die eine
Person auf der Welt, die dich fixieren könnt', die deine Frau werden
könnt'. Aber ich bin zu Tod froh, daß es nicht so gekommen ist. Zwei so
komplizierte Menschen, das tut kein gut.

_Hans Karl._ Du tust mir zuviel Ehre an. Ich bin der unkomplizierteste
Mensch von der Welt. $(Er hat eine Lade am Schreibtisch herausgezogen.)$
Aber ich weiß gar nicht, wie du auf die Idee -- ich bin der Helen
attachiert, sie ist doch eine Art von Cousine, ich hab' sie so klein
gekannt -- sie könnte meine Tochter sein. $(Sucht in der Lade nach
etwas.)$

_Crescence._ Meine schon eher. Aber ich möcht sie nicht als Tochter. Und
ich möcht erst recht nicht diesen Baron Neuhoff als Schwiegersohn.

_Hans Karl._ Den Neuhoff? Ist das eine so ernste Geschichte?

_Crescence._ Sie wird ihn heiraten.

_Hans Karl_ $(stößt die Lade zu)$.

_Crescence._ Ich betrachte es als vollzogene Tatsache, dem zu Trotz,
daß er ein wildfremder Mensch ist, dahergeschneit aus irgendeiner
Ostseeprovinz, wo sich die Wölf' gute Nacht sagen ...

_Hans Karl._ Geographie war nie deine Stärke. Crescence, die Neuhoffs
sind eine holsteinische Familie.

_Crescence._ Aber das ist doch ganz gleich. Kurz, wildfremde Leut'.

_Hans Karl._ Übrigens eine ganz erste Familie. So gut alliiert, als man
überhaupt sein kann.

_Crescence._ Aber, ich bitt' dich, das steht im Gotha. Wer kann denn das
von hier aus kontrollieren?

_Hans Karl._ Du bist aber sehr acharniert gegen den Menschen.

_Crescence._ Es ist aber auch danach! Wenn eins der ersten Mädeln, wie
die Helen, sich auf einem wildfremden Menschen entêtiert, dem zu Trotz,
daß er hier in seinem Leben keine Position haben wird ...

_Hans Karl._ Glaubst du?

_Crescence._ In seinem Leben! dem zu Trotz, daß sie sich aus seiner
Suada nichts macht, kurz, sich und der Welt zu Trotz ...

$(Eine kleine Pause.)$

_Hans Karl_ $(zieht mit einiger Heftigkeit eine andere Lade heraus)$.

_Crescence._ Kann ich dir suchen helfen? Du enervierst dich.

_Hans Karl._ Ich dank' dir tausendmal, ich such' eigentlich gar nichts,
ich hab' den falschen Schlüssel hineingesteckt.

_Sekretär_ $(erscheint an der kleinen Tür)$. Oh, ich bitte untertänigst
um Verzeihung.

_Hans Karl._ Ein bissel später bin ich frei, lieber Neugebauer.

_Sekretär_ $(zieht sich zurück)$.

_Crescence_ $(tritt an den Tisch)$. Kari, wenn dir nur ein ganz kleiner
Gefallen damit geschieht, so hintertreib' ich diese Geschichte.

_Hans Karl._ Was für eine Geschichte?

_Crescence._ Die, von der wir sprechen: Helen-Neuhoff. Ich hintertreib'
sie von heut' auf morgen.

_Hans Karl._ Was?

_Crescence._ Ich nehm' Gift darauf, daß sie heute noch genau so verliebt
in dich ist wie vor sechs Jahren, und daß es nur ein Wort, nur den
Schatten einer Andeutung braucht --

_Hans Karl._ Die ich dich doch um Gottes willen nicht zu machen bitte --

_Crescence._ Ah so, bitte sehr. Auch gut.

_Hans Karl._ Meine Liebe, allen Respekt vor deiner energischen Art, aber
so einfach sind doch gottlob die Menschen nicht.

_Crescence._ Mein Lieber, die Menschen sind gottlob sehr einfach,
wenn man sie einfach nimmt. Ich seh' also, daß diese Nachricht kein
großer Schlag für dich ist. Um so besser -- du hast dich von der Helen
desinteressiert, ich nehm' das zur Kenntnis.

_Hans Karl_ $(aufstehend)$. Aber ich weiß nicht, wie du nur auf
den Gedanken kommst, daß ich es nötig gehabt hätt', mich zu
desinteressieren. Haben denn andere Personen auch diese bizarren
Gedanken?

_Crescence._ Sehr wahrscheinlich.

_Hans Karl._ Weißt du, daß mir das direkt Lust macht, hinzugehen?

_Crescence._ Und dem Theophil deinen Segen zu geben? Er wird entzückt
sein. Er wird die größten Bassessen machen, um deine Intimität zu
erwerben.

_Hans Karl._ Findest du nicht, daß es sehr richtig gewesen wäre, wenn
ich mich unter diesen Umständen schon längst bei Altenwyls gezeigt
hätte? Es tut mir außerordentlich leid, daß ich abgesagt habe.

_Crescence._ Also laß wieder anrufen: es war ein Mißverständnis durch
einen neuen Diener und du wirst kommen.

_Lukas_ $(tritt ein)$.

_Hans Karl_ $(zu Crescence)$. Weißt du, ich möchte es doch noch
überlegen.

_Lukas._ Ich hätte für später untertänigst jemanden anzumelden.

_Crescence_ $(zu Lukas)$. Ich geh. Telephonieren Sie schnell zum Grafen
Altenwyl, Seine Erlaucht würden heut' abend dort erscheinen. Es war ein
Mißverständnis.

_Lukas_ $(sieht Hans Karl an)$.

_Hans Karl_ $(ohne Lukas anzusehen)$. Da müßt er allerdings auch noch
vorher ins Kasino telephonieren, ich laß den Grafen Hechingen bitten,
zum Diner und auch nachher nicht auf mich zu warten.

_Crescence._ Natürlich, das macht er gleich. Aber zuerst zum Grafen
Altenwyl, damit die Leut' wissen, woran sie sind.

_Lukas_ $(ab)$.

_Crescence_ $(steht auf)$. So, und jetzt laß ich dich deinen Geschäften.
$(Im Gehen.)$ Mit welchem Hechingen warst du besprochen? Mit dem Nandi?

_Hans Karl._ Nein, mit dem Adolf.

_Crescence_ $(kommt zurück)$. Der Antoinette ihrem Mann? Ist er nicht
ein kompletter Dummkopf?

_Hans Karl._ Weißt du, Crescence, darüber hab' ich gar kein Urteil. Mir
kommt bei Konversationen auf die Länge alles sogenannte Gescheite dumm
und noch eher das Dumme gescheit vor ...

_Crescence._ Und ich bin von vornherein überzeugt, daß an ihm mehr ist
als an ihr.

_Hans Karl._ Weißt du, ich hab' ihn ja früher gar nicht gekannt, oder
$(er hat sich gegen die Wand gewendet und richtet an einem Bild, das
nicht gerade hängt)$ -- nur als Mann seiner Frau -- und dann draußen, da
haben wir uns miteinander angefreundet. Weißt du, er ist ein so völlig
anständiger Mensch. Wir waren miteinander, im Winter Fünfzehn, zwanzig
Wochen in der Stellung in den Waldkarpathen, ich mit meinen Schützen
und er mit seinen Pionieren, und wir haben das letzte Stückl Brot
miteinander geteilt. Ich hab' sehr viel Respekt vor ihm bekommen. Brave
Menschen hat's draußen viele gegeben, aber ich habe nie einen gesehen,
der vis-à-vis dem Tod sich eine solche Ruhe bewahrt hätte, beinahe eine
Art Behaglichkeit.

_Crescence._ Wenn dich seine Verwandten reden hören könnten, die würden
dich umarmen. So geh hin zu dieser Närrin und versöhn sie mit dem
Menschen, du machst zwei Familien glücklich. Diese ewig in der Luft
hängende Idee einer Scheidung oder Trennung, g'hupft wie g'sprungen,
geht ja allen auf die Nerven. Und außerdem wär es für dich selbst gut,
wenn die Geschichte in eine Form käme.

_Hans Karl._ Inwiefern das?

_Crescence._ Also, damit ich dir's sage: es gibt Leut', die den
ungereimten Gedanken aussprechen, wenn die Ehe annulliert werden könnt',
du würdest sie heiraten.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Crescence._ Ich sag' ja nicht, daß es seriöse Leut' sind, die diesen
bei den Haaren herbeigezogenen Unsinn zusammenreden.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Crescence._ Hast du sie schon besucht, seit du aus dem Feld zurück bist?

_Hans Karl._ Nein, ich sollte natürlich.

_Crescence_ $(nach der Seite sehend)$. So besuch' sie doch morgen und
red' ihr ins Gewissen.

_Hans Karl_ $(bückt sich, wie um etwas aufzuheben)$. Ich weiß wirklich
nicht, ob ich gerade der richtige Mensch dafür wäre.

_Crescence._ Du tust sogar direkt ein gutes Werk. Dadurch gibst du ihr
deutlich zu verstehen, daß sie auf dem Holzweg war, wie sie mit aller
Gewalt sich hat vor zwei Jahren mit dir affichieren wollen.

_Hans Karl_ $(ohne sie anzusehen)$. Das ist eine Idee von dir.

_Crescence._ Ganz genau so, wie sie es heut' auf den Stani abgesehen hat.

_Hans Karl_ $(erstaunt)$. Deinen Stani?

_Crescence._ Seit dem Frühjahr. $(Sie war bis zur Tür gegangen, kehrt
wieder um, kommt bis zum Schreibtisch.)$ Er könnte mir da einen großen
Gefallen tun, Kari ...

_Hans Karl._ Aber ich bitte doch um Gottes willen. So sag sie doch! $(Er
bietet ihr Platz an, sie bleibt stehen.)$

_Crescence._ Ich schick' ihm den Stani auf einen Moment herunter. Mach'
er ihm den Standpunkt klar. Sag' er ihm, daß die Antoinette -- eine Frau
ist, die einen unnötig kompromittiert. Kurz und gut, verleid' er sie ihm.

_Hans Karl._ Ja, wie stellst du dir denn das vor? Wenn er verliebt in
sie ist?

_Crescence._ Aber Männer sind doch nie so verliebt, und du bist doch
das Orakel für den Stani. Wenn du die Konversation benutzen wolltest --
versprichst du mir's?

_Hans Karl._ Ja, weißt du -- wenn sich ein zwangloser Übergang findet --

_Crescence_ $(ist wieder bis zur Tür gegangen, spricht von dort aus)$.
Du wirst schon das Richtige finden. Du machst dir keine Idee, was du
für eine Autorität für ihn bist. $(Im Begriff hinauszugehen, macht
sie wiederum kehrt, kommt bis an den Schreibtisch vor.)$ Sag ihm, daß
du sie unelegant findest -- und, daß du dich nie mit ihr eingelassen
hättest. Dann laßt er sie von morgen an stehen. $(Sie geht wieder zur
Tür, das gleiche Spiel.)$ Weißt du, sag's ihm nicht zu scharf, aber auch
nicht gar zu leicht. Nicht gar zu sous-entendu. Und daß er ja keinen
Verdacht hat, daß es von mir kommt -- er hat die fixe Idee, ich will ihn
verheiraten, natürlich will ich, aber -- er darf's nicht merken: darin
ist er ja so ähnlich mit dir: die bloße Idee, daß man ihn beeinflussen
möcht' -- ! $(Noch einmal das gleiche Spiel.)$ Weißt du, mir liegt sehr
viel dran, daß es heute noch gesagt wird, wozu einen Abend verlieren?
Auf die Weise hast du auch dein Programm: du machst der Antoinette klar,
wie du das Ganze mißbilligst -- du bringst sie auf ihre Ehe -- du singst
dem Adolf sein Lob -- so hast du eine Mission, und der ganze Abend hat
einen Sinn für dich. $(Sie geht.)$


Vierte Szene

_Vinzenz_ $(ist von rechts hereingekommen, sieht sich zuerst um, ob
Crescence fort ist, dann)$. Ich weiß nicht, ob der erste Diener gemeldet
hat, es ist draußen eine jüngere Person, eine Kammerfrau oder so etwas ...

_Hans Karl._ Um was handelt sich's?

_Vinzenz._ Sie kommt von der Frau Gräfin Hechingen nämlich. Sie scheint
so eine Vertrauensperson zu sein. $(Nochmals näher tretend.)$ Eine
verschämte Arme ist es nicht.

_Hans Karl._ Ich werde das alles selbst sehen, führen Sie sie herein.

_Vinzenz_ $(rechts ab)$.


Fünfte Szene

_Lukas_ $(schnell herein durch die Mitte)$. Ist untertänigst Euer
Erlaucht gemeldet worden? Von Frau Gräfin Hechingen die Kammerfrau, die
Agathe. Ich habe gesagt: Ich weiß durchaus nicht, ob Erlaucht zu Hause
sind.

_Hans Karl._ Gut. Ich habe sagen lassen, ich bin da. Haben Sie zum
Grafen Altenwyl telephoniert?

_Lukas._ Ich bitte Erlaucht untertänigst um Vergebung. Ich habe bemerkt,
Erlaucht wünschen nicht, daß telephoniert wird, wünschen aber auch
nicht, der Frau Gräfin zu widersprechen -- so habe ich vorläufig nichts
telephoniert.

_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Gut, Lukas.

_Lukas_ $(geht bis an die Tür)$.

_Hans Karl._ Lukas, wie finden Sie den neuen Diener?

_Lukas_ $(zögernd)$. Man wird vielleicht sehen, wie er sich macht.

_Hans Karl._ Unmöglicher Mann. Auszahlen. Wegexpedieren!

_Lukas._ Sehr wohl, Euer Erlaucht. So hab' ich mir gedacht.

_Hans Karl._ Heute abend nichts erwähnen.


Sechste Szene

_Vinzenz_ $(führt Agathe herein. Beide Diener ab)$.

_Hans Karl._ Guten Abend, Agathe.

_Agathe._ Daß ich Sie sehe, Euer Gnaden Erlaucht! Ich zittre ja.

_Hans Karl._ Wollen Sie sich nicht setzen?

_Agathe_ $(stehend)$. Oh, Euer Gnaden, seien nur nicht ungehalten
darüber, daß ich gekommen bin, statt dem Brandstätter.

_Hans Karl._ Aber liebe Agathe, wir sind ja doch alte Bekannte. Was
bringt Sie denn zu mir?

_Agathe._ Mein Gott, das wissen doch Erlaucht. Ich komm' wegen der
Briefe.

_Hans Karl_ $(ist betroffen)$.

_Agathe._ Oh Verzeihung, oh Gott, es ist ja nicht zum Ausdenken, wie
mir meine Frau Gräfin eingeschärft hat, durch mein Betragen nichts zu
verderben.

_Hans Karl_ $(zögernd)$. Die Frau Gräfin hat mir allerdings geschrieben,
daß gewisse in meiner Hand befindliche, ihr gehörige Briefe, würden
von einem Herrn Brandstätter am Fünfzehnten abgeholt werden. Heute ist
der Zwölfte, aber ich kann natürlich die Briefe auch Ihnen übergeben.
Sofort, wenn es der Wunsch der Frau Gräfin ist. Ich weiß ja, Sie sind
der Frau Gräfin sehr ergeben.

_Agathe._ Gewisse Briefe -- wie Sie das sagen, Erlaucht. Ich weiß ja
doch, was das für Briefe sind.

_Hans Karl_ $(kühl)$. Ich werde sofort den Auftrag geben.

_Agathe._ Wenn sie uns so beisammen sehen könnte, meine Frau Gräfin. Das
wäre ihr eine Beruhigung, eine kleine Linderung.

_Hans Karl_ $(fängt an, in der Lade zu suchen)$.

_Agathe._ Nach diesen entsetzlichen sieben Wochen, seitdem wir wissen,
daß unser Herr Graf aus dem Felde zurück ist und wir kein Lebenszeichen
von ihm haben ...

_Hans Karl_ $(sieht auf)$. Sie haben vom Grafen Hechingen kein
Lebenszeichen?

_Agathe._ Von dem! Wenn ich sage, »unser Herr Graf«, das heißt in
unserer Sprache Sie Erlaucht! Vom Grafen Hechingen sagen wir nicht
»unser Herr Graf!«

_Hans Karl_ $(sehr geniert)$. Ah, pardon, das konnte ich nicht wissen.

_Agathe_ $(schüchtern)$. Bis heute nachmittag haben wir ja geglaubt,
daß heute bei der gräflich Altenwylschen Soiree das Wiedersehen sein
wird. Da telephoniert mir die Jungfrau von der Komtesse Altenwyl: Er hat
abgesagt!

_Hans Karl_ $(steht auf)$.

_Agathe._ Er hat abgesagt, Agathe, ruft die Frau Gräfin, abgesagt, weil
er gehört hat, daß ich hinkomme! Dann ist doch alles vorbei und dabei
schaut sie mich an mit einem Blick, der einen Stein erweichen könnte.

_Hans Karl_ $(sehr höflich, aber mit dem Wunsche, ein Ende zu machen)$.
Ich fürchte, ich habe die gewünschten Briefe nicht hier in meinem
Schreibtisch, ich werde gleich meinen Sekretär rufen.

_Agathe._ Oh Gott, in der Hand eines Sekretärs sind diese Briefe! Das
dürfte meine Frau Gräfin nie erfahren!

_Hans Karl._ Die Briefe sind natürlich eingesiegelt.

_Agathe._ Eingesiegelt! So weit ist es schon gekommen?

_Hans Karl_ $(spricht ins Telephon)$. Lieber Neugebauer, wenn Sie für
einen Augenblick herüberkommen würden! Ja, ich bin jetzt frei -- aber
ohne die Akten -- es handelt sich um etwas anderes. Augenblicklich?
Nein, rechnen Sie nur zu Ende. In drei Minuten, das genügt.

_Agathe._ Er darf mich nicht sehen, er kennt mich von früher!

_Hans Karl._ Sie können in die Bibliothek treten, ich mach' Ihnen Licht.

_Agathe._ Wie hätten wir uns denn das denken können, daß alles auf
einmal vorbei ist.

_Hans Karl_ $(im Begriff, sie hinüberzuführen, bleibt stehen, runzelt
die Stirn)$. Liebe Agathe, da Sie ja von allem informiert sind -- ich
verstehe nicht ganz, ich habe ja doch der Frau Gräfin aus dem Feldspital
einen langen Brief geschrieben, dieses Frühjahr.

_Agathe._ Ja, den abscheulichen Brief.

_Hans Karl._ Ich verstehe Sie nicht. Es war ein sehr freundschaftlicher
Brief.

_Agathe._ Das war ein perfider Brief. So gezittert haben wir, als wir
ihn gelesen haben, diesen Brief. Erbittert waren wir und gedemütigt!

_Hans Karl._ Ja, worüber denn, ich bitt' Sie um alles!

_Agathe_ $(sieht ihn an)$. Darüber, daß Sie darin den Grafen Hechingen
so herausgestrichen haben -- und gesagt haben, auf die Letzt ist ein
Mann wie der andere, und ein jeder kann zum Ersatz für einen jeden
genommen werden.

_Hans Karl._ Aber so habe ich mich doch gar nicht ausgedrückt. Das waren
doch niemals meine Gedanken!

_Agathe._ Aber das war der Sinn davon. Ah, wir haben den Brief oft und
oft gelesen! Das, hat meine Frau Gräfin ausgerufen, das ist also das
Resultat der Sternennächte und des einsamen Nachdenkens, dieser Brief,
wo er mir mit dünnen Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere
Liebe war nur eine Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen --

_Hans Karl._ Aber nichts von allen diesen Worten ist in dem Brief
gestanden.

_Agathe._ Auf die Worte kommt's nicht an. Aber den Sinn haben wir
gut herausbekommen. Diesen demütigenden Sinn, diese erniedrigenden
Folgerungen. Oh, das wissen wir genau. Dieses Sichselbsterniedrigen ist
eine perfide Kunst. Wo der Mann sich anklagt in einer Liebschaft, da
klagt er die Liebschaft an. Und im Handumdrehen sind wir die Angeklagten.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Agathe_ $(einen Schritt näher tretend)$. Ich habe gekämpft für unsern
Herrn Grafen, wie meine Frau Gräfin gesagt hat: Agathe, du wirst es
sehen, er will die Komtesse Altenwyl heiraten, und nur darum will er
meine Ehe wieder zusammenleimen.

_Hans Karl._ Das hat die Frau Gräfin mir zugemutet?

_Agathe._ Das waren ihre bösesten Stunden, wenn sie über dem gegrübelt
hat. Dann ist wieder ein Hoffnungsstrahl gekommen. Nein, vor der Helen,
hat sie dann gerufen, nein, vor der fürcht' ich mich nicht -- denn die
lauft ihm nach; und wenn dem Kari eine nachlauft, die ist bei ihm schon
verloren, und sie verdient ihn auch nicht, denn sie hat kein Herz.

_Hans Karl_ $(richtet etwas)$. Wenn ich Sie überzeugen könnte --

_Agathe._ Aber dann wieder plötzlich die Angst --

_Hans Karl._ Wie fern mir das alles liegt --

_Agathe._ Oh Gott, ruft sie aus, er war noch nirgends! Wenn das
bedeutungsvoll sein sollte --

_Hans Karl._ Wie fern mir das alles liegt!

_Agathe._ Wenn er vor meinen Augen sich mit ihr verlobt --

_Hans Karl._ Wie kann nur die Frau Gräfin --

_Agathe._ Oh, so etwas tun Männer, aber Sie tun's nicht, nicht wahr,
Erlaucht?

_Hans Karl._ Es liegt mir nichts in der Welt ferner, meine liebe Agathe.

_Agathe._ Oh, küss' die Hände, Erlaucht! $(Küßt ihm schnell die Hand.)$

_Hans Karl_ $(entzieht ihr die Hand)$. Ich höre meinen Sekretär kommen.

_Agathe._ Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für
die Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören
soll, in das können wir uns nicht hineinfinden!

_Hans Karl._ Sie sehen mich dann. Ich gebe Ihnen selbst die Briefe und
-- Herein! Kommen Sie nur, Neugebauer.

_Agathe_ $(rechts ab)$.


Siebente Szene

_Neugebauer_ $(tritt ein)$. Euer Erlaucht haben befohlen.

_Hans Karl._ Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, meinem Gedächtnis
etwas zu Hilfe zu kommen. Ich suche ein Paket Briefe -- es sind private
Briefe, versiegelt -- ungefähr zwei Finger dick.

_Neugebauer._ Mit einem von Euer Erlaucht darauf geschriebenen Datum?
Juni 15 bis 22. Oktober 16?

_Hans Karl._ Ganz richtig. Sie wissen --

_Neugebauer._ Ich habe dieses Konvolut unter den Händen gehabt, aber
ich kann mich im Moment nicht besinnen. Im Drang der Geschäfte unter so
verschiedenartigen Agenden, die täglich zunehmen --

_Hans Karl_ $(ganz ohne Vorwurf)$. Es ist mir unbegreiflich, wie diese
ganz privaten Briefe unter die Akten geraten sein können --

_Neugebauer._ Wenn ich befürchten müßte, daß Euer Erlaucht den leisesten
Zweifel in meine Diskretion setzen --

_Hans Karl._ Aber das ist mir ja gar nicht eingefallen.

_Neugebauer._ Ich bitte, mich sofort nachsuchen zu lassen; ich werde
alle meine Kräfte daransetzen, dieses höchst bedauerliche Vorkommnis
aufzuklären.

_Hans Karl._ Mein lieber Neugebauer, Sie legen dem ganzen Vorfall viel
zu viel Gewicht bei.

_Neugebauer._ Ich habe schon seit einiger Zeit die Bemerkung gemacht,
daß etwas an mir neuerdings Euer Erlaucht zur Ungeduld reizt. Allerdings
war mein Bildungsgang ganz auf das Innere gerichtet, und wenn ich
dabei vielleicht keine tadellosen Salonmanieren erworben habe, so wird
dieser Mangel vielleicht in den Augen eines wohlwollenden Beurteilers
aufgewogen werden können durch Qualitäten, die persönlich hervorheben zu
müssen meinem Charakter allerdings nicht leicht fallen würde.

_Hans Karl._ Ich zweifle keinen Augenblick, lieber Neugebauer. Sie
machen mir den Eindruck, überanstrengt zu sein. Ich möchte Sie bitten,
sich abends etwas früher freizumachen. Machen Sie doch jeden Abend einen
Spaziergang mit ihrer Braut.

_Neugebauer_ $(schweigt)$.

_Hans Karl._ Falls es private Sorgen sind, die Sie irritieren,
vielleicht könnte ich in irgendeiner Beziehung erleichternd eingreifen.

_Neugebauer._ Euer Erlaucht nehmen an, daß es sich bei unsereinem
ausschließlich um das Materielle handeln könnte.

_Hans Karl._ Ich habe gar nichts solches sagen wollen. Ich weiß, Sie
sind Bräutigam, also gewiß glücklich ...

_Neugebauer._ Ich weiß nicht, ob Euer Erlaucht auf die Beschließerin von
Schloß Hohenbühl anspielen?

_Hans Karl._ Ja, mit der Sie doch seit fünf Jahren verlobt sind.

_Neugebauer._ Meine gegenwärtige Verlobte ist die Tochter eines höheren
Beamten. Sie war die Braut meines besten Freundes, der vor einem halben
Jahr gefallen ist. Schon bei Lebzeiten ihres Verlobten bin ich ihrem
Herzen nahe gestanden -- und ich habe es als ein heiliges Vermächtnis des
Gefallenen betrachtet, diesem jungen Mädchen eine Stütze fürs Leben zu
bieten.

_Hans Karl_ $(zögernd)$. Und die frühere langjährige Beziehung?

_Neugebauer._ Die habe ich natürlich gelöst. Selbstverständlich in der
vornehmsten und gewissenhaftesten Weise.

_Hans Karl._ Ah!

_Neugebauer._ Ich werde natürlich allen nach dieser Seite hin
eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und diese Last schon in die
junge Ehe mitbringen. Allerdings keine Kleinigkeit.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Neugebauer._ Vielleicht ermessen Euer Erlaucht doch nicht zur Genüge,
mit welchem bitteren, sittlichen Ernst das Leben in unsern glanzlosen
Sphären behaftet ist, und wie es sich hier nur darum handeln kann, für
schwere Aufgaben noch schwerere einzutauschen.

_Hans Karl._ Ich habe gemeint, wenn man heiratet, so freut man sich
darauf.

_Neugebauer._ Der persönliche Standpunkt kann in unserer bescheidenen
Welt nicht maßgebend sein.

_Hans Karl._ Gewiß, gewiß. Also Sie werden mir die Briefe möglichst
finden.

_Neugebauer._ Ich werde nachforschen, und wenn es sein müßte, bis
Mitternacht. $(Ab.)$

_Hans Karl_ $(vor sich)$. Was ich nur an mir habe, daß alle Menschen
so tentiert sind, mir eine Lektion zu erteilen, und daß ich nie ganz
bestimmt weiß, ob sie nicht das Recht dazu haben.


Achte Szene

_Stani_ $(steht in der Mitteltür, im Frack)$. Pardon, nur um dir guten
Abend zu sagen, Onkel Kari, wenn man dich nicht stört.

_Hans Karl_ $(war nach rechts gegangen, bleibt jedoch stehen)$. Aber gar
nicht. $(Bietet ihm Platz an und eine Zigarette)$.

_Stani_ $(nimmt die Zigarette)$. Aber natürlich chipotierts dich, wenn
man unangemeldet hereinkommt. Darin bist du ganz wie ich. Ich hass' es
auch, wenn man mir die Tür einrennt. Ich will immer zuerst meine Ideen
ein bißl ordnen.

_Hans Karl._ Ich bitte, genier' dich nicht, du bist doch zu Hause.

_Stani._ Oh pardon, ich bin bei dir ...

_Hans Karl._ Setz dich doch.

_Stani._ Nein wirklich, ich hätte nie gewagt, wenn ich nicht so deutlich
die krähende Stimm' vom Neugebauer ...

_Hans Karl._ Er ist im Moment gegangen.

_Stani._ Sonst wäre ich ja nie ... nämlich der neue Diener lauft mir
vor fünf Minuten im Korridor nach und meldet mir, notabene ungefragt,
du hättest die Jungfer von der Antoinette Hechingen bei dir und wärest
schwerlich zu sprechen.

_Hans Karl_ $(halblaut)$. Ah, das hat er dir ... ein reizender Mann!

_Stani._ Da wäre ich ja natürlich unter keinen Umständen ...

_Hans Karl._ Sie hat ein paar Bücher zurückgebracht.

_Stani._ Die Toinette Hechingen liest Bücher?

_Hans Karl._ Es scheint. Ein paar alte französische Sachen.

_Stani._ Aus dem XVIII. Das paßt zu ihren Möbeln.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Stani._ Das Boudoir ist scharmant. Die kleine Chaiselongue! Sie ist
signiert.

_Hans Karl._ Ja, die kleine Chaiselongue. Riesener.

_Stani._ Ja, Riesener. Was du für ein Namensgedächtnis hast! Unten ist
die Signatur.

_Hans Karl._ Ja, unten am Fußende.

_Stani._ Sie verliert immer ihre kleinen Kämme aus den Haaren, und
wenn man sich dann bückt, um die zusammenzusuchen, dann sieht man die
Inschrift.

_Hans Karl_ $(geht nach rechts hinüber und schließt die Tür nach der
Bibliothek)$.

_Stani._ Zieht's dir, bist du empfindlich?

_Hans Karl._ Ja, meine Schützen und ich, wir sind da draußen rheumatisch
geworden wie die alten Jagdhunde.

_Stani._ Weißt du, sie spricht scharmant von dir, die Antoinette.

_Hans Karl_ $(raucht)$. Ah!...

_Stani._ Nein, ohne Vergleich. Ich verdanke den Anfang meiner Chance bei
ihr ganz gewiß dem Umstand, daß sie mich so fabelhaft ähnlich mit dir
findet. Zum Beispiel unsere Hände. Sie ist in Ekstase vor deinen Händen.
$(Er sieht seine eigene Hand an.)$ Aber bitte, erwähn' nichts von allem
gegen die Mamu. Es ist halt ein weitgehender Flirt, aber deswegen doch
keine Bandelei. Aber die Mamu übertreibt sich alles.

_Hans Karl._ Aber mein guter Stani, wie käme ich denn auf das Thema?

_Stani._ Allmählich ist sie natürlich auch auf die Unterschiede zwischen
uns gekommen. Ça va sans dire.

_Hans Karl._ Die Antoinette?

_Stani._ Sie hat mir geschildert, wie der Anfang eurer Freundschaft war.

_Hans Karl._ Ich kenne sie ja ewig lang.

_Stani._ Nein, aber das vor zwei Jahren. Im zweiten Kriegsjahr. Wie
du nach der ersten Verwundung auf Urlaub warst, die paar Tage in der
Grünleiten.

_Hans Karl._ Datiert sie von daher unsere Freundschaft?

_Stani._ Natürlich. Seit damals bist du ihr großer Freund. Als Ratgeber,
als Vertrauter, als was du willst, einfach hors ligne. Du hättest dich
benommen wie ein Engel.

_Hans Karl._ Sie übertreibt sehr leicht, die gute Antoinette.

_Stani._ Aber sie hat mir ja haarklein erzählt, wie sie aus Angst vor
dem Alleinsein in der Grünleiten mit ihrem Mann, der gerade auch auf
Urlaub war, sich den Feri Uhlfeldt, der damals wie der Teufel hinter ihr
her war, auf den nächsten Tag hinausbestellt, wie sie dann dich am Abend
vorher im Theater sieht und es wie eine Inspiration über sie kommt, sie
dich bittet, du solltest noch abends mit ihr hinausfahren und den Abend
mit ihr und dem Adolf zu dritt verbringen.

_Hans Karl._ Damals hab' ich ihn noch kaum gekannt.

_Stani._ Ja das entre parenthèse, das begreift sie gar nicht! Daß du
dich später mit ihm hast so einlassen können. Mit diesem öden Dummkopf,
diesem Pedanten.

_Hans Karl._ Da tut sie ihrem Mann unrecht, sehr!

_Stani._ Na, da will ich mich nicht einmischen. Aber sie erzählt das
reizend.

_Hans Karl._ Das ist ja ihre Stärke, diese kleinen Konfidenzen.

_Stani._ Ja, damit fangt sie an. Diesen ganzen Abend, ich sehe ihn vor
mir, wie sie dann nach dem Souper dir den Garten zeigt, die reizenden
Terrassen am Fluß, wie der Mond aufgeht ...

_Hans Karl._ Ah, so genau hat sie dir das erzählt.

_Stani._ Und wie du in der einen nächtlichen Konversation die Kraft
gehabt hast, ihr den Feri Uhlfeldt vollkommen auszureden.

_Hans Karl_ $(raucht und schweigt)$.

_Stani._ Das bewundere ich ja so an dir: du redest wenig, bist so
zerstreut und wirkst so stark. Deswegen find ich auch ganz natürlich,
worüber sich so viele Leut den Mund zerreißen: daß du im Herrenhaus
seit anderthalb Jahren deinen Sitz eingenommen hast, aber nie das Wort
ergreifst. Vollkommen in der Ordnung ist das für einen Herrn wie du
bist! Ein solcher Herr spricht eben durch seine Person! Oh, ich studier
dich. In ein paar Jahren hab ich das. Jetzt hab ich noch zuviel Passion
in mir. Du gehst nie auf die Sache aus und hast so gar keine Suada, das
ist gerade das Elegante an dir. Jeder andere wäre in dieser Situation
ihr Liebhaber geworden.

_Hans Karl_ $(mit einem nur in den Augen merklichen Lächeln)$. Glaubst
du?

_Stani._ Unbedingt. Aber ich versteh natürlich sehr gut: in deinen
Jahren bist du zu seriös dafür. Es tentiert dich nicht mehr: so leg
ich mir's zurecht. Weißt du, das liegt so in mir: ich denk über alles
nach. Wenn ich Zeit gehabt hätt', auf der Universität zu bleiben -- für
mich: Wissenschaft, das wäre mein Fach gewesen. Ich wäre auf Sachen,
auf Probleme gekommen, auf Fragestellungen, an die andere Menschen gar
nicht streifen. Für mich ist das Leben ohne Nachdenken kein Leben. Zum
Beispiel: Weiß man das auf einmal, so auf einen Ruck: Jetzt bin ich kein
junger Herr mehr? -- Das muß ein sehr unangenehmer Moment sein.

_Hans Karl._ Weißt du, ich glaub', es kommt ganz allmählich. Wenn einem
auf einmal der andere bei der Tür vorausgehen läßt und du merkst dann:
ja, natürlich, er ist viel jünger, obwohl er auch schon ein erwachsener
Mensch ist.

_Stani._ Sehr interessant. Wie du alles gut beobachtest. Darin bist du
ganz wie ich. Und dann wird's einem so zur Gewohnheit, das Ältersein?

_Hans Karl._ Ja, es gibt aber immer noch gewisse Momente, die einen
frappieren. Zum Beispiel, wenn man sich plötzlich klar wird, daß man
nicht mehr glaubt, daß es Leute gibt, die einem alles erklären könnten.

_Stani._ Eines versteh' ich aber doch nicht, Onkel Kari, daß du mit
dieser Reife und konserviert wie du bist, nicht heiratest.

_Hans Karl._ Jetzt.

_Stani._ Ja, eben jetzt. Denn der Mann, der kleine Abenteuer sucht, bist
du doch nicht mehr. Weißt du, ich würde natürlich sofort begreifen, daß
sich jede Frau heut' noch für dich interessiert. Aber die Toinette hat
mir erklärt, warum ein Interesse für dich nie seriös wird.

_Hans Karl._ Ah!

_Stani._ Ja, sie hat viel darüber nachgedacht. Sie sagt: du fixierst
nicht, weil du nicht genug Herz hast.

_Hans Karl._ Ah!

_Stani._ Ja, dir fehlt das Eigentliche. Das, sagt sie, ist der enorme
Unterschied zwischen dir und mir. Sie sagt: du hast das Handgelenk immer
geschmeidig, um loszulassen, das spürt eine Frau, und wenn sie selbst im
Begriff gewesen wäre, sich in dich zu verlieben, so verhindert das die
Kristallisation.

_Hans Karl._ Ah, so drückt sie sich aus?

_Stani._ Das ist ja ihr großer Charme, daß sie eine Konversation hat.
Weißt du, das brauch' ich absolut: eine Frau, die mich fixieren soll,
die muß außer ihrer absoluten Hingebung auch eine Konversation haben.

_Hans Karl._ Darin ist sie delizios.

_Stani._ Absolut. Das hat sie: Charme, Geist und Temperament, so wie sie
etwas anderes nicht hat: nämlich Rasse.

_Hans Karl._ Du findest?

_Stani._ Weißt du, Onkel Kari, ich bin ja so gerecht; eine Frau kann
hundertmal das Äußerste an gutem Willen für mich gehabt haben -- ich
geb' ihr, was sie hat, und ich sehe unerbittlich, was sie nicht hat.
Du verstehst mich: Ich denk' über alles nach, und mach' mir immer zwei
Kategorien. Also die Frauen teile ich in zwei große Kategorien: die
Geliebte und die Frau, die man heiratet. Die Antoinette gehört in die
erste Kategorie, sie kann hundertmal die Frau vom Adolf Hechingen sein,
für mich ist sie keine Frau, sondern -- das andere.

_Hans Karl._ Das ist ihr Genre, natürlich. Wenn man die Menschen so
einteilen will.

_Stani._ Absolut. Darum ist es, in Parenthese, die größte Dummheit, sie
mit ihrem Mann versöhnen zu wollen.

_Hans Karl._ Wenn er aber doch einmal ihr Mann ist? Verzeih', das ist
vielleicht ein sehr spießbürgerlicher Gedanke.

_Stani._ Weißt du, verzeih' mir, ich mache mir meine Kategorien, und da
bin ich dann absolut darin, ebenso über die Galanterie, ebenso über die
Ehe. Die Ehe ist kein Experiment. Sie ist das Resultat eines richtigen
Entschlusses.

_Hans Karl._ Von dem du natürlich weit entfernt bist.

_Stani._ Aber gar nicht. Augenblicklich bereit, ihn zu fassen.

_Hans Karl._ Im jetzigen Moment?

_Stani._ Ich finde mich außerordentlich geeignet, eine Frau glücklich
zu machen, aber bitte, sag' das der Mamu nicht, ich will mir in allen
Dingen meine volle Freiheit bewahren. Darin bin ich ja haarklein wie du.
Ich vertrage nicht, daß man mich beengt.

_Hans Karl_ $(raucht)$.

_Stani_. Der Entschluß muß aus dem Moment hervorgehen. Gleich oder gar
nicht, das ist meine Devise!

_Hans Karl._ Mich interessiert nichts auf der Welt so sehr, als wie man
von einer Sache zur andern kommt. Du würdest also nie einen Entschluß
vor dich hinschieben?

_Stani._ Nie, das ist die absolute Schwäche.

_Hans Karl._ Aber es gibt doch Komplikationen?

_Stani._ Die negiere ich.

_Hans Karl._ Beispielsweise sich kreuzende widersprechende
Verpflichtungen.

_Stani._ Von denen hat man die Wahl, welche man lösen will.

_Hans Karl._ Aber man ist doch in dieser Wahl bisweilen sehr behindert.

_Stani._ Wieso?

_Hans Karl._ Sagen wir durch Selbstvorwürfe.

_Stani._ Das sind Hypochondrien. Ich bin vollkommen gesund. Ich war im
Feld nicht einen Tag krank.

_Hans Karl._ Ah, du bist mit deinem Benehmen immer absolut zufrieden?

_Stani._ Ja, wenn ich das nicht wäre, so hätte ich mich doch anders
benommen.

_Hans Karl_. Pardon, ich spreche nicht von Unkorrektheiten -- aber
du läßt mit einem Wort den Zufall oder nennen wir's das Schicksal
unbedenklich walten?

_Stani._ Wieso? Ich behalte immer alles in der Hand.

_Hans Karl._ Zeitweise ist man aber halt doch versucht, bei solchen
Entscheidungen einen bizarren Begriff einzuschieben: den der höheren
Notwendigkeit.

_Stani._ Was ich tue, ist eben notwendig, sonst würde ich es nicht tun.

_Hans Karl_ $(interessiert)$. Verzeih', wenn ich aus der aktuellen
Wirklichkeit heraus exemplifiziere -- das schickt sich ja eigentlich
nicht ...

_Stani._ Aber bitte ...

_Hans Karl._ Eine Situation würde dir, sagen wir, den Entschluß zur
Heirat nahelegen.

_Stani._ Heute oder morgen.

_Hans Karl._ Nun bist du mit der Antoinette in dieser Weise immerhin
befreundet.

_Stani._ Ich brouillier mich mit ihr, von heut' auf morgen!

_Hans Karl._ Ah! Ohne jeden Anlaß?

_Stani._ Aber der Anlaß liegt doch immer in der Luft. Bitte. Unsere
Beziehung dauert seit dem Frühjahr. Seit sechs, sieben Wochen ist
irgend etwas an der Antoinette, ich kann nicht sagen, was -- ein
Verdacht wäre schon zuviel -- aber die bloße Idee, daß sie sich außer
mit mir noch mit jemandem andern beschäftigen könnte, weißt du, darin
bin ich absolut.

_Hans Karl._ Ah, ja.

_Stani._ Weißt du, das ist stärker als ich. Ich möchte es gar nicht
Eifersucht nennen, es ist ein derartiges Nichtbegreifenkönnen, daß
eine Frau, der ich mich attachiert habe, zugleich mit einem andern --
begreifst du?

_Hans Karl._ Aber die Antoinette ist doch so unschuldig, wenn sie etwas
anstellt. Sie hat dann fast noch mehr Charme.

_Stani._ Da verstehe ich dich nicht.


Neunte Szene

_Neugebauer_ $(ist leise eingetreten)$. Hier sind die Briefe, Euer
Erlaucht. Ich habe sie auf den ersten Griff ...

_Hans Karl._ Danke. Bitte, geben Sie mir sie.

_Neugebauer_ $(gibt ihm die Briefe)$.

_Hans Karl._ Danke.

_Neugebauer_ $(ab)$.


Zehnte Szene

_Hans Karl_ $(nach einer kleinen Pause)$. Weißt du, wen ich für den
gebornen Ehemann halte?

_Stani._ Nun?

_Hans Karl._ Den Adolf Hechingen.

_Stani._ Der Antoinette ihren Mann? Hahaha! --

_Hans Karl._ Ich red' ganz im Ernst.

_Stani._ Aber Onkel Kari.

_Hans Karl._ In seinem Attachement an diese Frau ist eine höhere
Notwendigkeit.

_Stani._ Der prädestinierte -- ich will nicht sagen was!

_Hans Karl._ Sein Schicksal geht mir nah'.

_Stani._ Für mich gehört er in eine Kategorie: der instinktlose Mensch.
Weißt du, an wen er sich anhängt, wenn du nicht im Klub bist? An mich.
Ausgerechnet an mich! Er hat einen Flair!

_Hans Karl._ Ich habe ihn gern.

_Stani._ Aber er ist doch unelegant bis über die Ohren.

_Hans Karl._ Aber ein innerlich vornehmer Mensch.

_Stani._ Ein uneleganter, schwerfälliger Kerl.

_Hans Karl._ Er braucht eine Flasche Champagner ins Blut.

_Stani._ Sag' das nie vor ihm, er nimmt's wörtlich. Ein uneleganter
Mensch ist mir ein Greuel, wenn er getrunken hat.

_Hans Karl._ Ich hab' ihn gern.

_Stani._ Er nimmt alles wörtlich, auch deine Freundschaft für ihn.

_Hans Karl._ Aber er darf sie wörtlich nehmen.

_Stani._ Pardon, Onkel Kari, bei dir darf man nichts wörtlich nehmen,
wenn man das tut, gehört man in die Kategorie: Instinktlos.

_Hans Karl._ Aber er ist ein so guter, vortrefflicher Mensch.

_Stani._ Meinetwegen, wenn du das von ihm sagst, aber das ist noch gar
kein Grund, daß er immer von deiner Güte spricht. Das geht mir auf
die Nerven. Ein eleganter Mensch hat Bonhomie, aber er ist kein guter
Mensch. Pardon, sag' ich, der Onkel Kari ist ein großer Herr und darum
auch ein großer Egoist, selbstverständlich. Du verzeihst.

_Hans Karl._ Es nützt nichts, ich hab' ihn gern.

_Stani._ Das ist eine Bizarrerie von dir! Du hast es doch nicht
notwendig, bizarr zu sein! Du hast doch das Wunderbare, daß du mühelos
das vorstellst, was du bist: ein großer Herr! Mühelos! Das ist der große
Punkt. Der Mensch zweiter Kategorie bemüht sich unablässig. Bitte, da
ist dieser Theophil Neuhoff, den man seit einem Jahr überall sieht.
Was ist eine solche Existenz anderes als eine fortgesetzte jämmerliche
Bemühung, ein Genre zu kopieren, das eben nicht sein Genre ist.


Elfte Szene

_Lukas_ $(kommt eilig)$. Darf ich fragen -- haben Euer Erlaucht Befehl
gegeben, daß fremder Besuch vorgelassen wird?

_Hans Karl._ Aber absolut nicht. Was ist denn das?

_Lukas._ Da muß der neue Diener eine Konfusion gemacht haben. Eben wird
vom Portier herauftelephoniert, daß Herr Baron Neuhoff auf der Treppe
ist. Bitte, zu befehlen, was mit ihm geschehen soll.

_Stani._ Also, im Moment, wo wir von ihm sprechen. Das ist kein Zufall.
Onkel Kari, dieser Mensch ist mein Guignon, und ich beschwöre sein
Kommen herauf. Vor einer Woche bei der Helen, ich will ihr eben meine
Ansicht über den Herrn v. Neuhoff sagen, im Moment steht der Neuhoff
auf der Schwelle. Vor drei Tagen, ich geh' von der Antoinette weg -- im
Vorzimmer steht der Herr v. Neuhoff. Gestern früh bei meiner Mutter, ich
wollte dringend etwas mit ihr besprechen, im Vorzimmer find' ich den
Herrn v. Neuhoff.

_Vinzenz_ $(tritt ein, meldet)$. Herr Baron Neuhoff sind im Vorzimmer.

_Hans Karl._ Jetzt muß ich ihn natürlich empfangen.

_Lukas_ $(winkt: eintreten lassen)$.

_Vinzenz_ $(öffnet die Flügeltür, läßt eintreten)$.


Zwölfte Szene

_Neuhoff_ $(tritt ein)$. Guten Abend, Graf Bühl. Ich war so
unbescheiden, nachzusehen, ob Sie zu Hause wären.

_Hans Karl._ Sie kennen meinen Neffen Freudenberg?

_Stani._ Wir haben uns getroffen. $(Sie setzen sich.)$

_Neuhoff._ Ich sollte die Freude haben, Ihnen diesen Abend im
Altenwylschen Hause zu begegnen. Gräfin Helene hatte sich ein wenig
darauf gefreut, uns zusammenzuführen. Um so schmerzlicher war mein
Bedauern, als ich durch Gräfin Helene diesen Nachmittag erfahren mußte,
Sie hätten abgesagt.

_Hans Karl._ Sie kennen meine Cousine seit dem letzten Winter?

_Neuhoff._ Kennen -- wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen
darf. In gewissen Augenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das
Wort ist: es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich
das tiefste Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.

_Hans Karl_ $(und Stani wechseln einen Blick)$.

_Neuhoff._ Ich habe das Glück, Gräfin Helene nicht selten zu sehen und
ihr in Verehrung anzugehören.

$(Eine kleine, etwas genierte Pause)$.

_Neuhoff._ Heute nachmittag -- wir waren zusammen im Atelier von
Bohuslawsky -- Bohuslawsky macht mein Porträt, das heißt, er quält sich
unverhältnismäßig, den Ausdruck meiner Augen festzuhalten: er spricht
von einem gewissen Etwas darin, das nur in seltenen Momenten sichtbar
wird -- und es war seine Bitte, daß die Gräfin Helene einmal dieses Bild
ansehen und ihm über diese Augen ihre Kritik geben möchte -- da sagt sie
mir: Graf Bühl kommt nicht, gehen Sie zu ihm. Besuchen Sie ihn, ganz
einfach. Es ist ein Mann, bei dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht
und die Absicht nichts. Ein wunderbarer Mann in unserer absichtsvollen
Welt, war meine Antwort -- aber so hab' ich mir ihn gedacht, so hab' ich
ihn erraten, bei der ersten Begegnung.

_Stani._ Sie sind meinem Onkel im Felde begegnet?

_Neuhoff._ Bei einem Stab.

_Hans Karl._ Nicht in der sympathischesten Gesellschaft.

_Neuhoff._ Das merkte man Ihnen an, Sie sprachen unendlich wenig.

_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Ich bin kein großer Causeur, nicht wahr, Stani?

_Stani._ In der Intimität schon!

_Neuhoff._ Sie sprechen es aus, Graf Freudenberg, Ihr Onkel liebt es,
in Gold zu zahlen; er hat sich an das Papiergeld des täglichen Verkehrs
nicht gewöhnen wollen. Er kann mit seiner Rede nur seine Intimität
vergeben, und die ist unschätzbar.

_Hans Karl._ Sie sind äußerst freundlich, Baron Neuhoff.

_Neuhoff._ Sie müßten sich von Bohuslawsky malen lassen, Graf Bühl.
Sie würde er in drei Sitzungen treffen. Sie wissen, daß seine Stärke
das Kinderporträt ist. Ihr Lächeln ist genau die Andeutung eines
Kinderlachens. Mißverstehen Sie mich nicht. Warum ist denn Würde so ganz
unnachahmlich? Weil ein Etwas von Kindlichkeit in ihr steckt. Auf dem
Umweg über die Kindlichkeit würde Bohuslawsky vermögen, einem Bilde von
Ihnen das zu geben, was in unserer Welt das Seltenste ist, und was ihre
Erscheinung in hohem Maße auszeichnet: Würde. Denn wir leben in einer
würdelosen Welt.

_Hans Karl._ Ich weiß nicht, von welcher Welt Sie sprechen: uns allen
ist draußen soviel Würde entgegengetreten ...

_Neuhoff._ Deswegen war ein Mann wie Sie draußen so in seinem Element.
Was haben Sie geleistet, Graf Bühl! Ich erinnere mich des Unteroffiziers
im Spital, der mit Ihnen und den dreißig Schützen verschüttet war.

_Hans Karl._ Mein braver Zugführer, der Hütter Franz! Meine Cousine hat
Ihnen davon erzählt?

_Neuhoff._ Sie hat mir erlaubt, sie bei diesem Besuch ins Spital zu
begleiten. Ich werde nie das Gesicht und die Rede dieses Sterbenden
vergessen.

_Hans Karl_ $(sagt nichts)$.

_Neuhoff._ Er sprach ausschließlich von Ihnen. Und in welchem Ton! Er
wußte, daß sie eine Verwandte seines Hauptmanns war, mit der er sprach.

_Hans Karl._ Der arme Hütter Franz!

_Neuhoff._ Vielleicht wollte mir die Gräfin Helene eine Idee von Ihrem
Wesen geben, wie tausend Begegnungen im Salon sie nicht vermitteln
können.

_Stani_ $(etwas scharf)$. Vielleicht hat sie vor allem den Mann selbst
sehen und vom Onkel Kari hören wollen.

_Neuhoff._ In einer solchen Situation wird ein Wesen wie Helene Altenwyl
erst ganz sie selbst. Unter dieser vollkommenen Einfachheit, diesem
Stolz der guten Rasse verbirgt sich ein Strömen der Liebe, eine alle
Poren durchdringende Sympathie: es gibt von ihr zu einem Wesen, das sie
sehr liebt und achtet, namenlose Verbindungen, die nichts lösen könnte,
und an die nichts rühren darf. Wehe dem Gatten, der nicht verstünde,
diese namenlose Verbundenheit bei ihr zu achten, der engherzig genug
wäre, alle diese verteilten Sympathien auf sich vereinigen zu wollen.

$(Eine kleine Pause)$.

_Hans Karl_ $(raucht)$.

_Neuhoff._ Sie ist wie Sie: eines der Wesen, um die man nicht werben
kann: die sich einem schenken müssen.

$(Abermals eine kleine Pause)$.

_Neuhoff_ $(mit einer großen, vielleicht nicht ganz echten Sicherheit)$.
Ich bin ein Wanderer, meine Neugierde hat mich um die halbe Welt
getrieben. Das, was schwierig zu kennen ist, fasziniert mich; was sich
verbirgt, zieht mich an. Ich möchte ein stolzes, kostbares Wesen, wie
Gräfin Helene, in Ihrer Gesellschaft sehen, Graf Bühl. Sie würde eine
andere werden, sie würde aufblühen: denn ich kenne niemanden, der so
sensibel ist für menschliche Qualität.

_Hans Karl._ Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das
gar nichts so Besonderes an meiner Cousine.

_Neuhoff._ Ich denke mir die Gesellschaft, die ein Wesen wie Helene
Altenwyl umgeben müßte, aus Männern Ihrer Art bestehend. Jede Kultur
hat ihre Blüten: Gehalt ohne Prätention, Vornehmheit gemildert durch
eine unendliche Grazie, so ist die Blüte dieser alten Gesellschaft
beschaffen, der es gelungen ist, was die Ruinen von Luxor und die Wälder
des Kaukasus nicht vermochten, einen Unstäten, wie mich, in ihrem
Bannkreis festzuhalten. Aber, erklären Sie mir eins, Graf Bühl. Gerade
die Männer Ihres Schlages, von denen die Gesellschaft ihr eigentliches
Gepräge empfängt, begegnet man allzu selten in ihr. Sie scheinen ihr
auszuweichen.

_Stani._ Aber gar nicht, Sie werden den Onkel Kari gleich heute abend
bei Altenwyls sehen, und ich fürchte sogar, so gemütlich dieser kleine
Plausch hier ist, so müssen wir ihm bald Gelegenheit geben, sich
umzuziehen. $(Er ist aufgestanden.)$

_Neuhoff._ Müssen wir das, so sage ich Ihnen für jetzt adieu, Graf Bühl.
Wenn Sie jemals, sei es in welcher Lage immer, eines fahrenden Ritters
bedürfen sollten $(schon im Gehen)$, der dort, wo er das Edle, das Hohe
ahnt, ihm unbedingt und ehrfürchtig zu dienen gewillt ist, so rufen Sie
mich.

_Hans Karl_ $(dahinter Stani, begleiten ihn. Wie sie an der Tür sind,
klingelt das Telephon.)$

_Neuhoff._ Bitte, bleiben Sie, der Apparat begehrt nach Ihnen.

_Stani._ Darf ich Sie bis an die Stiege begleiten?

_Hans Karl_ $(an der Tür)$. Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Besuch,
Baron Neuhoff.

_Neuhoff_ $(und Stani ab)$.

_Hans Karl_ $(allein mit dem heftig klingelnden Apparat, geht an die
Wand und drückt an den Zimmertelegraph, rufend)$: Lukas, abstellen! Ich
mag diese indiskrete Maschine nicht! Lukas! $(Das Klingeln hört auf.)$


Dreizehnte Szene

_Stani_ $(kommt zurück)$. Nur für eine Sekunde, Onkel Kari, wenn du mir
verzeihst. Ich hab' müssen dein Urteil über diesen Herrn hören!

_Hans Karl._ Das deinige scheint ja fix und fertig zu sein.

_Stani._ Ah, ich find' ihn einfach unmöglich. Ich verstehe einfach eine
solche Figur nicht. Und dabei ist der Mensch ganz gut geboren!

_Hans Karl._ Und du findest ihn so unannehmbar?

_Stani._ Aber ich bitte: so viel Taktlosigkeiten als Worte.

_Hans Karl._ Er will sehr freundlich sein, er will für sich gewinnen.

_Stani._ Aber man hat doch eine Assurance, man kriecht wildfremden
Leuten doch nicht in die Westentasche.

_Hans Karl._ Und er glaubt allerdings, daß man etwas aus sich
machen kann -- das würde ich als eine Naivität ansehen oder als
Erziehungsfehler.

_Stani_ $(geht aufgeregt auf und ab)$. Diese Tiraden über die Helen!

_Hans Karl._ Daß ein Mädel wie die Helen mit ihm Konversation über
unsereinen führt, macht mir auch keinen Spaß.

_Stani._ Daran ist gewiß kein wahres Wort. Ein Kerl, der kalt und warm
aus einem Munde blast.

_Hans Karl._ Es wird alles sehr ähnlich gewesen sein, wie er sagt. Aber
es gibt Leute, in deren Mund sich alle Nuancen verändern, unwillkürlich.

_Stani._ Du bist von einer Toleranz!

_Hans Karl._ Ich bin halt sehr alt, Stani.

_Stani._ Ich ärgere mich jedenfalls rasend, das ganze Genre bringt mich
auf, diese falsche Sicherheit, diese ölige Suada, dieses Kokettieren mit
seinem odiosen Spitzbart.

_Hans Karl._ Er hat Geist, aber es wird einem nicht wohl dabei.

_Stani._ Diese namenlosen Indiskretionen. Ich frage: was geht ihn dein
Gesicht an?

_Hans Karl._ Au fond ist man vielleicht ein bedauernswerter Mensch, wenn
man so ist.

_Stani._ Ich nenne ihn einen odiosen Kerl. Jetzt muß ich aber zur Mamu
hinauf. Ich seh' dich jedenfalls in der Nacht im Klub, Onkel Kari.

_Agathe_ $(sieht leise bei der Tür rechts herein, sie glaubt Hans Karl
allein)$.

_Stani_ $(kommt noch einmal nach vorne)$.

_Hans Karl_ $(winkt Agathe zu verschwinden)$.

_Stani._ Weißt du, ich kann mich nicht beruhigen. Erstens die Bassesse,
einem Herrn wie dir ins Gesicht zu schmeicheln.

_Hans Karl._ Das war nicht sehr elegant.

_Stani._ Zweitens das Affichieren einer weiß Gott wie dicken
Freundschaft mit der Helen. Drittens die Spionage, ob du dich für sie
interessierst.

_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Meinst du, er hat ein bißl das Terrain
sondieren wollen?

_Stani._ Viertens diese maßlos indiskrete Anspielung auf seine
künftige Situation. Er hat sich uns ja geradezu als ihren Zukünftigen
vorgestellt. Fünftens dieses odiose Perorieren, das es einem unmöglich
macht, auch nur einmal die Replique zu geben. Sechstens dieser
unmögliche Abgang. Das war ja ein Geburtstagswunsch, ein Leitartikel.
Aber ich halt dich auf, Onkel Kari.

_Agathe_ $(ist wieder in der Tür erschienen, gleiches Spiel wie
früher)$.

_Stani_ $(war schon im Verschwinden, kommt wieder nach vorne)$. Darf ich
noch einmal? Das eine kann ich nicht begreifen, daß dir die Sache wegen
der Helen nicht näher geht!

_Hans Karl._ Inwiefern mir?

_Stani._ Pardon, %mir% steht die Helen zu nahe, als daß ich diese
unmögliche Phrase von Verehrung und »Angehören« goutieren könnt'. Wenn
man die Helen von klein auf kennt, wie eine Schwester!

_Hans Karl._ Es kommt ein Moment, wo die Schwestern sich von den Brüdern
trennen.

_Stani._ Aber nicht für einen Neuhoff. Ah, ah!

_Hans Karl._ Eine kleine Dosis von Unwahrheit ist den Frauen sehr
sympathisch.

_Stani._ So ein Kerl dürfte nicht in die Nähe von der Helen.

_Hans Karl._ Wir werden es nicht hindern können.

_Stani._ Ah, das möcht' ich sehen. Nicht in die Nähe!

_Hans Karl._ Er hat uns die kommende Verwandtschaft angekündigt.

_Stani._ In welchem Zustand muß die Helen sein, wenn sie sich mit diesem
Menschen einläßt.

_Hans Karl._ Weißt du, ich habe mir abgewöhnt, aus irgendeiner Handlung
von Frauen Folgerungen auf ihren Zustand zu ziehen.

_Stani._ Nicht, daß ich eifersüchtig wäre; aber mir eine Person wie
die Helen -- als Frau dieses Neuhoff zu denken, das ist für mich eine
derartige Unbegreiflichkeit -- die Idee ist mir einfach unfaßlich -- ich
muß sofort mit der Mamu davon sprechen.

_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Ja, tu das, Stani. --

_Stani_ $(ab)$.


Vierzehnte Szene

_Lukas_ $(tritt ein)$. Ich fürchte, das Telephon war hereingestellt.

_Hans Karl._ Ich will das nicht.

_Lukas._ Sehr wohl, Euer Erlaucht. Der neue Diener muß es umgestellt
haben, ohne daß ich's bemerkt habe. Er hat überall die Hände und die
Ohren, wo er sie nicht haben soll.

_Hans Karl._ Morgen um sieben Uhr früh expedieren.

_Lukas._ Sehr wohl. Der Diener vom Herrn Grafen Hechingen war am
Telephon. Der Herr Graf möchten selbst gern sprechen wegen heute abend:
ob Erlaucht in die Soiree zu Graf Altenwyl gehen oder nicht. Nämlich,
weil die Frau Gräfin auch dort sein wird.

_Hans Karl._ Rufen Sie jetzt bei Graf Altenwyl an und sagen Sie,
ich habe mich freigemacht, lasse um Erlaubnis bitten, trotz meiner
Absage doch zu erscheinen. Und dann verbinden Sie mich mit dem Grafen
Hechingen, ich werde selbst sprechen. Und bitten Sie indes die
Kammerfrau, hereinzukommen.

_Lukas._ Sehr wohl. $(Geht ab, Agathe herein.)$


Fünfzehnte Szene

_Hans Karl_ $(nimmt das Paket mit den Briefen)$. Hier sind die Briefe.
Sagen Sie der Frau Gräfin, daß ich mich von diesen Briefen darum trennen
kann, weil die Erinnerung an das Schöne für mich unzerstörbar ist: ich
werde sie nicht in einem Brief finden, sondern überall.

_Agathe._ Oh, ich küss' die Hand! Ich bin ja so glücklich. Jetzt weiß
ich, daß meine Frau Gräfin unsern Herrn Grafen bald wiedersehen wird.

_Hans Karl._ Sie wird mich heut' abend sehen. Ich werde auf die Soiree
kommen.

_Agathe._ Und dürften wir hoffen, daß sie -- daß derjenige, der ihr
entgegentritt, der gleiche sein wird wie immer?

_Hans Karl._ Sie hat keinen besseren Freund.

_Agathe._ Oh, ich küss' die Hand.

_Hans Karl._ Sie hat nur zwei wahre Freunde auf der Welt: mich und ihren
Mann.

_Agathe._ Oh, mein Gott, das will ich nicht hören. Oh Gott, oh Gott, das
Unglück, daß sich unser Herr Graf mit dem Grafen Hechingen befreundet
hat. Meiner Frau Gräfin bleibt wirklich nichts erspart.

_Hans Karl_ $(geht nervös ein paar Schritte von ihr weg)$. Ja, ahnen
denn die Frauen so wenig, was ein Mann ist?! Und wer sie wirklich lieb
hat!

_Agathe._ Oh, nur das nicht. Wir lassen uns ja von Euer Erlaucht alles
einreden, aber das nicht, das ist zu viel!

_Hans Karl_ $(auf und ab)$. Also nicht. Nicht helfen können! Nicht so
viel! $(Pause.)$

_Agathe_ $(schüchtern und an ihn herantretend)$. Oder versuchen Sie's
doch. Aber nicht durch mich: für eine solche Botschaft bin ich zu
ungebildet. Da hätte ich nicht die richtigen Ausdrücke. Und auch
nicht brieflich. Das gibt nur Mißverständnisse. Aber Aug' in Aug': ja,
gewiß! Da werden Sie schon was ausrichten! Was sollen Sie bei meiner
Frau Gräfin nicht ausrichten! Nicht vielleicht beim erstenmal. Aber
wiederholt -- wenn Sie ihr recht eindringlich ins Gewissen reden --
wie sollte sie Ihnen denn da widerstehen können? $(Das Telephon läutet
wieder.)$

_Hans Karl_ $(geht ans Telephon und spricht hinein)$. Ja, ich bin es
selbst. Hier. Ja, ich bin am Apparat. Ich bleibe. Graf Bühl. Ja, selbst.

_Agathe._ Ich küss' die Hand. $(Geht schnell ab, durch die Mitteltür.)$

_Hans Karl_ $(am Telephon)$. Hechingen, guten Abend! Ja, ich hab's
mir überlegt. Ich habe zugesagt. Ich werde Gelegenheit nehmen. Gewiß.
Ja, das hat mich bewogen, hinzugehen. Gerade auf einer Soiree, da ich
nicht Bridge spiele und deine Frau, wie ich glaube, auch nicht. Kein
Anlaß. Auch dazu ist kein Anlaß. Zu deinem Pessimismus. Zu deinem
Pessimismus! Du verstehst nicht? Zu deiner Traurigkeit ist kein Anlaß.
Absolut bekämpfen! Allein? Also die berühmte Flasche Champagner. Ich
bringe bestimmt das Resultat vor Mitternacht. Übertriebene Hoffnungen
natürlich auch nicht. Du weißt, daß ich das Mögliche versuchen werde. Es
entspricht doch auch meiner Empfindung. Es entspricht meiner Empfindung!
Wie? Gestört? Ich habe gesagt: Es entspricht meiner Empfindung.
Empfindung! Eine ganz gleichgültige Phrase! Keine Frage, eine Phrase!
Ich habe eine gleichgültige Phrase gesagt! Welche? Es entspricht meiner
Empfindung. Nein, ich nenne es nur eine gleichgültige Phrase, weil du es
so lange nicht verstanden hast. Ja. Ja. Ja! Adieu. Schluß! $(Läutet.)$
Es gibt Menschen, mit denen sich alles kompliziert, und dabei ist das so
ein exzellenter Kerl!


Sechzehnte Szene

_Stani_ $(aufs neue in der Mitteltür)$. Ist es sehr unbescheiden, Onkel
Kari?

_Hans Karl._ Aber bitte, ich bin zur Verfügung.

_Stani_ $(vorne bei ihm)$. Ich muß dir melden, Onkel Kari, daß ich
inzwischen eine Konversation mit der Mamu gehabt habe und zu einem
Resultat gekommen bin.

_Hans Karl_ $(sieht ihn an)$.

_Stani._ Ich werde mich mit der Helen Altenwyl verloben.

_Hans Karl._ Du wirst dich ...

_Stani._ Ja, ich bin entschlossen, die Helen zu heiraten. Nicht heute
und nicht morgen, aber in der allernächsten Zeit. Ich habe alles
durchgedacht. Auf der Stiege von hier bis in den zweiten Stock hinauf.
Wie ich zur Mamu in den zweiten Stock gekommen bin, war alles fix und
fertig. Weißt du, die Idee ist mir plötzlich gekommen, wie ich bemerkt
hab', du interessierst dich nicht für die Helen.

_Hans Karl._ Aha.

_Stani._ Begreifst du? Es war so eine Idee von der Mamu. Sie behauptet,
man weiß nie, woran man mit dir ist -- am Ende hättest du doch daran
gedacht, die Helen zu nehmen -- und du bist doch für die Mamu immer der
Familienchef, ihr Herz ist halt ganz Bühlisch.

_Hans Karl_ $(halb abgewandt)$. Die gute Crescence!

_Stani._ Aber ich hab' immer widersprochen. Ich verstehe ja jede Nuance
von dir. Ich hab' von jeher gefühlt, daß von einem Interesse für die
Helen bei dir nicht die Idee sein kann.

_Hans Karl_ $(dreht sich plötzlich zu ihm um)$. Und deine Mutter?

_Stani._ Die Mamu?

_Hans Karl._ Ja, wie hat sie es aufgefaßt?

_Stani._ Feuer und Flamme natürlich. Sie hat ein ganz rotes Gesicht
bekommen vor Freude. Wundert dich das, Onkel Kari?

_Hans Karl._ Nur ein bißl, nur eine Idee -- ich hab' immer den Eindruck
gehabt, daß deine Mutter einen bestimmten Gedanken hat in bezug auf die
Helen.

_Stani._ Eine Aversion?

_Hans Karl._ Gar nicht. Nur eine Ansicht. Eine Vermutung.

_Stani._ Früher, die früheren Jahre?

_Hans Karl._ Nein, vor einer halben Stunde.

_Stani._ In welcher Richtung? Aber die Mamu ist ja so eine Windfahn'!
Das vergißt sie ja im Moment. Vor einem Entschluß von mir, da ist sie
sofort auf den Knien. Da spürt sie den Mann. Sie adoriert das fait
accompli.

_Hans Karl._ Also, du hast dich entschlossen? --

_Stani._ Ja, ich bin entschlossen.

_Hans Karl._ So auf eins, zwei!

_Stani._ Das ist doch genau das, worauf es ankommt. Das imponiert ja den
Frauen so enorm an mir. Dadurch eben behalte ich immer die Führung in
der Hand.

_Hans Karl_ $(raucht)$.

_Stani._ Siehst du, du hast vielleicht früher auch einmal daran gedacht,
die Helen zu heiraten ...

_Hans Karl._ Gott, vor Jahren vielleicht. In irgendeinem Moment, wie man
an tausend Sachen denkt.

_Stani._ Begreifst du? Ich hab' nie daran gedacht! Aber im Augenblick,
wo ich es denke, bring' ich es auch zu Ende. -- Du bist verstimmt?

_Hans Karl._ Ich habe ganz unwillkürlich einen Moment an die Antoinette
denken müssen.

_Stani._ Aber jede Sache auf der Welt muß doch ihr Ende haben.

_Hans Karl._ Natürlich. Und das beschäftigt dich gar nicht, ob die
Helen frei ist? Sie scheint doch zum Beispiel diesem Neuhoff Hoffnungen
gegeben zu haben.

_Stani._ Das ist ja genau mein Kalkul. Über Hoffnungen, die sich der
Herr v. Neuhoff macht, gehe ich einfach hinweg. Und daß für die Helen
ein Theophil Neuhoff überhaupt in Frage kommen kann, das beweist doch
gerade, daß eine ernste Okkupation bei ihr nicht vorhanden ist. Solche
Komplikationen statuier ich nicht. Das sind Launen, oder sagen wir das
Wort: Verirrungen.

_Hans Karl._ Sie ist schwer zu kennen.

_Stani._ Aber ich kenn' doch ihr Genre. In letzter Linie kann die sich
für keinen Typ von Männern interessieren als für den unsrigen; alles
andere ist eine Verirrung. Du bist so still, hast du dein Kopfweh?

_Hans Karl._ Aber gar nicht. Ich bewundere deinen Mut.

_Stani._ Du und Mut und bewundern?

_Hans Karl._ Das ist eine andere Art von Mut als der im Graben.

_Stani._ Ja, ich versteh' dich ja so gut, Onkel Kari. Du denkst an die
Chancen, die ich sonst noch im Leben gehabt hätte. Du hast das Gefühl,
daß ich mich vielleicht zu billig weggeb'. Aber siehst du, da bin ich
wieder ganz anders: ich liebe das Vernünftige und Definitive. Du, Onkel
Kari, bist au fond, verzeih', daß ich es heraussage, ein Idealist: deine
Gedanken gehen auf das Absolute, auf das Vollkommene. Das ist ja sehr
elegant gedacht, aber unrealisierbar. Au fond bist du da wie die Mamu;
der ist nichts gut genug für mich. Ich habe die Sache durchgedacht, wie
sie ist. Die Helen ist ein Jahr jünger wie ich.

_Hans Karl._ Ein Jahr?

_Stani._ Sie ist ausgezeichnet geboren.

_Hans Karl._ Man kann nicht besser sein.

_Stani._ Sie ist elegant.

_Hans Karl._ Sehr elegant.

_Stani._ Sie ist reich.

_Hans Karl._ Und vor allem so hübsch.

_Stani._ Sie hat Rasse.

_Hans Karl._ Ohne Vergleich.

_Stani._ Bitte, vor allem in den zwei Punkten, auf die in der Ehe alles
ankommt. Primo: sie kann nicht lügen, secundo: sie hat die besten
Manieren von der Welt.

_Hans Karl._ Sie ist so delizios artig, wie sonst nur alte Frauen sind.

_Stani._ Sie ist gescheit wie der Tag.

_Hans Karl._ Wem sagst du das? Ich hab' ihre Konversation so gern.

_Stani._ Und sie wird mich mit der Zeit adorieren.

_Hans Karl_ $(vor sich, unwillkürlich)$. Auch das ist möglich.

_Stani._ Aber nicht möglich. Ganz bestimmt. Bei diesem Genre von Frauen
bringt das die Ehe mit sich. In der Liaison hängt alles von Umständen
ab, da sind Bizarrerien möglich, Täuschungen, Gott weiß was. In der Ehe
beruht alles auf der Dauer; auf die Dauer nimmt jeder die Qualität des
andern derart in sich auf, daß von einer wirklichen Differenz nicht mehr
die Rede sein kann: unter der einen Voraussetzung, daß die Ehe aus dem
richtigen Entschluß hervorgeht. Das ist der Sinn der Ehe.


Siebzehnte Szene

_Lukas_ $(eintretend)$. Frau Gräfin Freudenberg.

_Crescence_ $(an Lukas vorbei, tritt schnell ein)$. Also, was sagt er
mir zu dem Buben, Kari? Ich bin ja überglücklich. Gratulier' er mir
doch!

_Hans Karl_ $(ein wenig abwesend)$. Meine gute Crescence. Ich wünsch'
den allergrößten Erfolg.

_Stani_ $(empfiehlt sich stumm)$.

_Crescence._ Schick' er mir das Auto retour.

_Stani._ Bitte, zu verfügen. Ich gehe zu Fuß. $(Geht.)$


Achtzehnte Szene

_Crescence._ Der Erfolg wird sehr stark von dir abhängen.

_Hans Karl._ Von mir? Ihm steht's doch auf der Stirne geschrieben, daß
er erreicht, was er sich vornimmt.

_Crescence._ Für die Helen ist dein Urteil alles.

_Hans Karl._ Wieso Crescence, inwiefern?

_Crescence._ Für den Vater Altenwyl natürlich noch mehr. Der Stani ist
eine sehr nette Partie, aber nicht epatant. Darüber mach' ich mir keine
Illusionen. Aber wenn er ihn appuiiert, Kari, ein Wort von ihm hat
gerade für die alten Leut' so viel Gewicht. Ich weiß gar nicht, woran
das liegt.

_Hans Karl._ Ich gehör' halt selbst schon bald zu ihnen.

_Crescence._ Kokettier' er nicht mit seinem Alter. Wir zwei sind nicht
alt und nicht jung. Aber ich hasse schiefe Positionen. Ich möcht' schon
lieber mit grauem Haar und einer Hornbrille dasitzen.

_Hans Karl._ Darum legt sie sich zeitig aufs Heiratstiften.

_Crescence._ Ich habe immer für ihn tun wollen, Kari, schon vor zwölf
Jahren. Aber er hat immer diesen stillen obstinaten Widerspruch in sich
gehabt.

_Hans Karl._ Meine gute Crescence!

_Crescence._ Hundertmal hab' ich ihm gesagt: sag' er mir, was er
erreichen will, und ich nehm's in die Hand.

_Hans Karl._ Ja, das hat sie mir oft gesagt, weiß Gott, Crescence.

_Crescence._ Aber man hat ja bei ihm nicht gewußt, woran man ist!

_Hans Karl_ $(nickt)$.

_Crescence._ Und jetzt macht halt der Stani, was er nicht hat machen
wollen. Ich kann gar nicht erwarten, daß wieder kleine Kinder in
Hohenbühl und in Göllersdorf herumlaufen.

_Hans Karl._ Und in den Schloßteich fallen! Weiß sie noch, wie sie mich
halbtot herausgezogen haben? Weiß sie -- ich hab' manchmal die Idee, daß
gar nichts Neues auf der Welt passiert.

_Crescence._ Wie meint er das?

_Hans Karl._ Das alles schon längst irgendwo fertig dasteht und nur auf
einmal erst sichtbar wird. Weißt du, wie im Hohenbühler Teich, wenn
man im Herbst das Wasser abgelassen hat, auf einmal die Karpfen und
die Schweife von den steinernen Tritonen da waren, die man früher kaum
gesehen hat? Eine burleske Idee, was!

_Crescence._ Ist er denn auf einmal schlecht aufgelegt, Kari?

_Hans Karl_ $(gibt sich einen Ruck)$. Im Gegenteil, Crescence. Ich danke
euch so sehr, als ich nur kann, ihr und dem Stani, für das gute Tempo,
das ihr mir gebt mit eurer Frische und eurer Entschiedenheit. $(Er küßt
ihr die Hand.)$

_Crescence._ Findet er, daß ihm das gut tut, uns in der Nähe zu haben?

_Hans Karl._ Ich hab' jetzt einen sehr guten Abend vor mir. Zuerst eine
ernste Konversation mit der Toinette....

_Crescence._ Aber das brauchen wir ja jetzt gar nicht!

_Hans Karl._ Ah, ich red' doch mit ihr, jetzt hab' ich es mir einmal
vorgenommen, und dann soll ich also als Onkel vom Stani die gewissen
seriösen Unterhaltungen anknüpfen.

_Crescence._ Das Wichtigste ist, daß du ihn bei der Helen ins richtige
Licht stellst.

_Hans Karl._ Da hab' ich also ein richtiges Programm. Sieht sie, wie sie
mich reformiert? Aber weiß sie, vorher -- ich hab' eine Idee -- vorher
geh' ich für eine Stunde in den Zirkus, da haben sie jetzt einen Clown
-- eine Art von dummem August ...

_Crescence._ Der Furlani, über den ist die Nanni ganz verrückt. Ich hab'
gar keinen Sinn für diese Späße.

_Hans Karl._ Ich find' ihn delizios. Mich unterhält er viel mehr als die
gescheiteste Konversation von Gott weiß wem. Ich freu' mich rasend. Ich
gehe in den Zirkus, dann esse ich einen Bissen in einem Restaurant, und
dann komm' ich sehr munter in die Soiree und absolvier mein Programm.

_Crescence._ Ja, er kommt und richtet dem Stani die Helen in die Hand,
so was kann er ja so gut. Er wäre doch ein so wunderbarer Botschafter
geworden, wenn er hätt' wollen in der Karriere bleiben.

_Hans Karl._ Dazu is es halt auch zu spät.

_Crescence._ Also, amüsier er sich gut und komm' er bald nach.

_Hans Karl_ $(begleitet sie bis an die Tür, Crescence geht)$.


Neunzehnte Szene

_Hans Karl_ $(kommt nach vorn)$.

_Lukas_ $(ist mit ihm hereingetreten)$.

_Hans Karl._ Ich ziehe den Frack an. Ich werde gleich läuten.

_Lukas._ Sehr wohl, Eure Erlaucht.

_Hans Karl_ $(links ab)$.


Zwanzigste Szene

_Vinzenz_ $(tritt von rechts ein)$. Was machen Sie da?

_Lukas._ Ich warte auf das Glockenzeichen vom Toilettezimmer, dann geh'
ich hinein helfen.

_Vinzenz._ Ich werde mit hineingehen. Es ist ganz gut, wenn ich mich an
ihn gewöhne.

_Lukas._ Es ist nicht befohlen, also bleiben Sie draußen.

_Vinzenz_ $(nimmt sich eine Zigarre)$. Sie, das ist doch ganz ein
einfacher, umgänglicher Mensch, die Verwandten machen ja mit ihm, was
sie wollen. In einem Monat wickel ich ihn um den Finger.

_Lukas_ $(schließt die Zigarren ein. Man hört eine Klingel)$.

_Lukas_ $(beeilt sich)$.

_Vinzenz._ Bleiben Sie nur noch. Er soll zweimal läuten. $(Setzt sich in
einen Fauteuil.)$

_Lukas_ $(ab in seinem Rücken)$.

_Vinzenz_ $(vor sich)$. Liebesbriefe stellt er zurück, den Neffen
verheiratet er, und er selber hat sich entschlossen, als ältlicher
Junggeselle so dahinzuleben mit mir. Das ist genau, wie ich mir's
vorgestellt habe. $(Über die Schulter nach rückwärts, ohne sich
umzudrehen.)$ Sie, Herr Schätz, ich bin ganz zufrieden, da bleib' ich!

     $Der Vorhang fällt.$



_ZWEITER AKT_


     $Bei Altenwyls. Kleiner Salon im Geschmack des XVIII.
     Jahrhunderts. Türen links, rechts und in der Mitte. _Altenwyl_ mit
     _Hans Karl_ eintretend von rechts. _Crescence_ mit _Helene_ und
     _Neuhoff_ stehen links im Gespräch.$


Erste Szene

_Altenwyl._ Mein lieber Kari, ich rechne dir dein Kommen doppelt
hoch an, weil du nicht Bridge spielst und also mit den bescheidenen
Fragmenten von Unterhaltung vorlieb nehmen willst, die einem heutzutage
in einem Salon noch geboten werden. Du findest bekanntlich bei mir immer
nur die paar alten Gesichter, keine Künstler und sonstige Zelebritäten
-- die Edine Merenberg ist ja außerordentlich unzufrieden mit dieser
altmodischen Hausführung, aber weder meine Helen noch ich goutieren
das Genre von Geselligkeit, was der Edine ihr Höchstes ist: wo sie
beim ersten Löffel Suppe ihren Tischnachbar interpelliert, ob er an
die Seelenwanderung glaubt, oder ob er schon einmal mit einem Fakir
Bruderschaft getrunken hat.

_Crescence._ Ich muß Sie dementieren, Graf Altenwyl, ich hab' drüben
an meinem Bridgetisch ein ganz neues Gesicht, und wie die Mariette
Stradonitz mir zugewispelt hat, ist es ein weltberühmter Gelehrter, von
dem wir noch nie was gehört haben, weil wir halt alle Analphabeten sind.

_Altenwyl._ Der Professor Brücke ist in seinem Fach eine große
Zelebrität und mir ein lieber politischer Kollege. Er genießt es
außerordentlich, in einem Salon zu sein, wo er keinen Kollegen aus der
gelehrten Welt findet, sozusagen als der einzige Vertreter des Geistes
in einem rein sozialen Milieu, und da ihm mein Haus diese bescheidene
Annehmlichkeit bieten kann --

_Crescence._ Ist er verheiratet?

_Altenwyl._ Ich habe jedenfalls nie die Ehre gehabt, Madame Brücke zu
Gesicht zu bekommen.

_Crescence._ Ich find' die berühmten Männer odios, aber ihre Frau'n
noch ärger. Darin bin ich mit dem Kari einer Meinung. Wir schwärmen für
triviale Menschen und triviale Unterhaltungen, nicht Kari?

_Altenwyl._ Ich hab' darüber meine altmodische Auffassung, die Helen
kennt sie.

_Crescence._ Der Kari soll sagen, daß er mir recht gibt. Ich find', neun
Zehntel von dem, was unter der Marke von Geist geht, ist nichts als
Geschwätz.

_Neuhoff_ $(zu Helene)$. Sind Sie auch so streng, Gräfin Helene?

_Helene._ Wir haben alle Ursache, wir jüngeren Menschen, wenn uns
vor etwas auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie
Konversation; Worte, die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz
beruhigen.

_Crescence._ Sag, daß du mir recht gibst, Kari!

_Hans Karl._ Ich bitte um Nachsicht. Der Furlani ist keine Vorbereitung
darauf, etwas Gescheites zu sagen.

_Altenwyl._ In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch
mehr kennt: nicht selbst perorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem
andern das Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir
kommt, mit dem muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die
Türschnallen in der Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf
der Stiegen mich gescheit finden. -- Heutzutag hat aber keiner, pardon
für die Grobheit, den Verstand zum Konversationmachen und keiner den
Verstand, seinen Mund zu halten -- ah, erlaub', daß ich dich mit Baron
Neuhoff bekannt mache, mein Vetter Graf Bühl.

_Neuhoff._ Ich habe die Ehre, von Graf Bühl gekannt zu sein.

_Crescence_ $(zu Altenwyl)$. Alle diese gescheiten Sachen müßten Sie
der Edine sagen -- bei der geht der Kultus für die bedeutenden Menschen
und die gedruckten Bücher ins Uferlose. Mir ist schon das Wort odios:
bedeutende Menschen -- es liegt so eine Präpotenz darin!

_Altenwyl._ Die Edine ist eine sehr gescheite Frau, aber sie will immer
zwei Fliegen auf einen Schlag erwischen: ihre Bildung vermehren und
etwas für ihre Wohltätigkeitsgeschichten herausschlagen.

_Helene._ Pardon, Papa, sie ist keine gescheite Frau, sie ist eine dumme
Frau, die sich fürs Leben gern mit gescheiten Leuten umgeben möchte,
aber dabei immer die falschen erwischt.

_Crescence._ Ich wundere mich, daß sie bei ihrer rasenden Zerstreutheit
nicht mehr Konfusionen anstellt.

_Altenwyl._ Solche Wesen haben einen Schutzengel.

_Edine_ $(tritt dazu durch die Mitteltür)$. Ich seh', ihr sprechts von
mir, sprechts nur weiter, genierts euch nicht.

_Crescence._ Na, Edine, hast du den berühmten Mann schon kennen gelernt?

_Edine._ Ich bin wütend, Graf Altenwyl, daß Sie ihn ihr als Partner
gegeben haben und nicht mir. $(Setzt sich zu Crescence.)$ Ihr habts
keine Idee, wie ich mich für ihn interessier'. Ich les' doch die Bücher
von die Leut'. Von diesem Brückner hab' ich erst vor ein paar Wochen ein
dickes Buch gelesen.

_Neuhoff._ Er heißt Brücke. Er ist der zweite Präsident der Akademie der
Wissenschaften.

_Edine._ In Paris?

_Neuhoff._ Nein, hier in Wien.

_Edine._ Auf dem Buch ist gestanden: Brückner.

_Crescence._ Vielleicht war das ein Druckfehler.

_Edine._ Es hat geheißen: Über den Ursprung aller Religionen. Da ist
eine Bildung drin, und eine Tiefe! Und so ein schöner Stil!

_Helene._ Ich werd' ihn dir bringen, Tant' Edine.

_Neuhoff._ Wenn Sie erlauben, werde ich ihn suchen und ihn herbringen,
sobald er pausiert.

_Edine._ Ja, tun Sie das, Baron Neuhoff. Sagen Sie ihm, daß ich seit
Jahren nach ihm fahnde.

_Neuhoff_ $(geht links ab)$.

_Crescence._ Er wird sich nichts Besseres verlangen, mir scheint, er ist
ein ziemlicher --

_Edine._ Sagts nicht immer gleich »snob«, der Goethe ist auch vor jeder
Fürstin und Gräfin -- ich hätt' bald was g'sagt.

_Crescence._ Jetzt ist sie schon wieder beim Goethe, die Edine! $(Sieht
sich nach Hans Karl um, der mit Helene nach rechts getreten ist.)$

_Helene_ $(zu Hans Karl)$. Sie haben ihn so gern, den Furlani?

_Hans Karl._ Für mich ist ein solcher Mensch eine wahre Rekreation.

_Helene._ Macht er so geschickte Tricks? $(Sie setzt sich rechts, Hans
Karl neben ihr.)$

_Crescence_ $(geht durch die Mitte weg, Altenwyl und Edine haben sich
links gesetzt.)$

_Hans Karl._ Er macht gar keine Tricks. Er ist doch der dumme August!

_Helene._ Also ein Wurstel?

_Hans Karl._ Nein, das wäre ja outriert! Er outriert nie, er karikiert
auch nie. Er spielt seine Rolle: er ist der, der alle begreifen, der
allen helfen möchte und dabei alles in die größte Konfusion bringt. Er
macht die dümmsten »lazzi«, die Galerie kugelt sich vor Lachen, und
dabei behält er eine Elegance, eine Diskretion, man merkt, daß er sich
selbst und alles, was auf der Welt ist, respektiert, er bringt alles
durcheinander, wie Kraut und Rüben; wo er hingeht, geht alles drunter
und drüber, und dabei möchte man rufen: »Er hat ja recht!«

_Edine_ $(zu Altenwyl)$. Das Geistige gibt uns Frauen doch viel mehr
Halt! Das geht der Antoinette zum Beispiel ganz ab. Ich sag' ihr immer:
sie soll ihren Geist kultivieren, das bringt einen auf andere Gedanken.

_Altenwyl._ Zu meiner Zeit hat man einen ganz andern Maßstab an die
Konversation angelegt. Man hat doch etwas auf eine schöne Replik
gegeben; man hat sich ins Zeug gelegt, um brillant zu sein.

_Edine._ Ich sag': wenn ich Konversation mach', will ich doch woanders
hingeführt werden. Ich will doch heraus aus der Banalität. Ich will doch
wohintransportiert werden!

_Hans Karl_ $(zu Helene, in seiner Konversation fortfahrend)$. Sehen
Sie, Helen, alle diese Sachen sind ja schwer: die Tricks von den
Equilibristen und Jongleurs und alles -- zu allem gehört ja ein
fabelhaft angespannter Wille und direkt Geist. Ich glaub' mehr Geist,
als zu den meisten Konversationen. --

_Helene._ Ah, das schon sicher.

_Hans Karl._ Absolut. Aber das, was der Furlani macht, ist noch um eine
ganze Stufe höher, als was alle andern tun. Alle andern lassen sich von
einer Absicht leiten und schauen nicht rechts und nicht links, ja, sie
atmen kaum, bis sie ihre Absicht erreicht haben: darin besteht eben ihr
Trick. Er aber tut scheinbar nichts mit Absicht -- er geht immer nur auf
die Absicht der andern ein. Er möchte alles mittun, was die andern tun,
soviel guten Willen hat er, so fasziniert ist er von jedem einzelnen
Stückl, was irgendeiner vormacht: wenn einer einen Blumentopf auf der
Nase balanciert, so balanciert er ihn auch, sozusagen aus Höflichkeit.

_Helene._ Aber er wirft ihn hinunter?

_Hans Karl._ Aber wie er ihn hinunterwirft, darin liegt's! Er wirft ihn
hinunter aus purer Begeisterung und Seligkeit darüber, daß er ihn so
schön balancieren kann! Er glaubt, wenn man's ganz schön machen tät,
müßt's von selber gehen.

_Helene_ $(vor sich)$. Und das hält der Blumentopf gewöhnlich nicht aus
und fällt hinunter.

_Altenwyl_ $(zu Edine)$. Dieser Geschäftston heutzutage! Und ich bitte,
auch zwischen Männern und Frauen: dieses gewisse Zielbewußte in der
Unterhaltung!

_Edine._ Ja, das ist mir auch eine horreur! Man will doch ein bißl eine
schöne Art, ein Versteckenspielen --

_Altenwyl._ Die jungen Leut' wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce
mehr wert ist als der Braten -- da herrscht ja eine Direktheit!

_Edine._ Weil die Leut' zu wenig gelesen haben! Weil sie ihren Geist zu
wenig kultivieren! $(Sie sind im Reden aufgestanden und entfernen sich
nach links.)$

_Hans Karl_ $(zu Helene)$. Wenn man dem Furlani zuschaut, kommen einem
die geschicktesten Clowns vulgär vor. Er ist förmlich schön vor lauter
Nonchalance -- aber natürlich gehört zu dieser Nonchalance genau das
Doppelte wie zu den andern ihrer Anspannung.

_Helene._ Ich begreif', daß Ihnen der Mensch sympathisch ist. Ich find'
auch alles, wo man eine Absicht merkt, die dahintersteckt, ein bißl
vulgär.

_Hans Karl._ Oho, heute bin ich selber mit Absichten geladen, und diese
Absichten beziehen sich auf Sie, Gräfin Helene.

_Helene_ $(mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen)$. Oh, Gräfin
Helene! Sie sagen »Gräfin Helene« zu mir?

_Huberta_ $(erscheint in der Mitteltür und streift Hans Karl und Helene
mit einem kurzen, aber indiskreten Blick)$.

_Hans Karl_ $(ohne Huberta zu bemerken)$. Nein, im Ernst, ich muß Sie
um fünf Minuten Konversation bitten -- dann später, irgendwann -- wir
spielen ja beide nicht.

_Helene_ $(etwas unruhig, aber sehr beherrscht)$. Sie machen mir Angst.
Was können Sie mit mir zu reden haben? Das kann nichts Gutes sein.

_Hans Karl._ Wenn Sie's präokkupiert, dann um Gottes willen nicht!

_Huberta_ $(ist verschwunden)$.

_Helene_ $(nach einer kleinen Pause)$. Wann Sie wollen, aber später.
Ich seh' die Huberta, die sich langweilt. Ich muß zu ihr gehen. $(Steht
auf.)$

_Hans Karl._ Sie sind so delizios artig. $(Ist auch aufgestanden.)$

_Helene._ Sie müssen jetzt der Antoinette und den paar andern Frauen
guten Abend sagen. $(Sie geht von ihm fort, bleibt in der Mitteltür noch
stehen.)$ Ich bin nicht artig: ich spür' nur, was in den Leuten vorgeht,
und das belästigt mich -- und da reagier' ich dagegen mit égards, die
ich für die Leut' hab'. Meine Manieren sind nur eine Art von Nervosität,
mir die Leut' vom Hals zu halten. $(Sie geht.)$

_Hans Karl_ $(geht langsam ihr nach)$.


Zweite Szene

_Neuhoff_ $(und der berühmte Mann sind gleichzeitig in der Tür links
erschienen)$.

_Der berühmte Mann_ $(in der Mitte des Zimmers angelangt, durch die Tür
rechts blickend)$. Dort in der Gruppe am Kamin befindet sich jetzt die
Dame, um deren Namen ich Sie fragen wollte.

_Neuhoff._ Dort in Grau? Das ist die Fürstin Pergen.

_Der berühmte Mann._ Nein, die kenne ich seit langem. Die Dame in
Schwarz.

_Neuhoff._ Die spanische Botschafterin. Sind Sie ihr vorgestellt? Oder
darf ich --

_Der berühmte Mann._ Ich wünsche sehr, ihr vorgestellt zu werden. Aber
wir wollen es vielleicht in folgender Weise einrichten --

_Neuhoff_ $(mit kaum merklicher Ironie)$. Ganz wie Sie befehlen.

_Der berühmte Mann._ Wenn Sie vielleicht die Güte haben, der Dame zuerst
von mir zu sprechen, ihr, da sie eine Fremde ist, meine Bedeutung,
meinen Rang in der wissenschaftlichen Welt und in der Gesellschaft
klarzulegen -- so würde ich mich dann sofort nachher durch den Grafen
Altenwyl ihr vorstellen lassen.

_Neuhoff._ Aber mit dem größten Vergnügen.

_Der berühmte Mann._ Es handelt sich für einen Gelehrten meines Ranges
nicht darum, seine Bekanntschaften zu vermehren, sondern in der
richtigen Weise gekannt und aufgenommen zu werden.

_Neuhoff._ Ohne jeden Zweifel. Hier kommt die Gräfin Merenberg, die
sich besonders darauf gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Darf ich --

_Edine_ $(kommt)$. Ich freue mich enorm. Einen Mann dieses Ranges
bitte ich nicht mir vorzustellen, Baron Neuhoff, sondern mich ihm zu
präsentieren.

_Der berühmte Mann_ $(verneigt sich)$. Ich bin sehr glücklich, Frau
Gräfin.

_Edine._ Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen sagen wollte,
daß ich zu den eifrigsten Leserinnen Ihrer berühmten Werke gehöre.
Ich bin jedesmal hingerissen von dieser philosophischen Tiefe, dieser
immensen Bildung und diesem schönen Prosastil.

_Der berühmte Mann._ Ich staune, Frau Gräfin. Meine Arbeiten sind keine
leichte Lektüre. Sie wenden sich wohl nicht ausschließlich an ein
Publikum von Fachgelehrten, aber sie setzen Leser von nicht gewöhnlicher
Verinnerlichung voraus.

_Edine._ Aber gar nicht! Jede Frau sollte so schöne tiefsinnige Bücher
lesen, damit sie sich selbst in eine höhere Sphäre bringt: das sag' ich
früh und spät der Toinette Hechingen.

_Der berühmte Mann._ Dürfte ich fragen, welche meiner Arbeiten den
Vorzug gehabt hat, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken?

_Edine._ Aber natürlich das wunderbare Werk »Über den Ursprung aller
Religionen«. Das hat ja eine Tiefe, und eine erhebende Belehrung schöpft
man da heraus --

_Der berühmte Mann_ $(eisig)$. Hm. Das ist allerdings ein Werk, von dem
viel geredet wird.

_Edine._ Aber noch lange nicht genug. Ich sag' gerade zur Toinette, das
müßte jede von uns auf ihrem Nachtkastl liegen haben.

_Der berühmte Mann._ Besonders die Presse hat ja für dieses Opus eine
zügellose Reklame zu inszenieren gewußt.

_Edine._ Wie können Sie das sagen! Ein solches Werk ist ja doch das
Grandioseste --

_Der berühmte Mann._ Es hat mich sehr interessiert, Frau Gräfin, Sie
gleichfalls unter den Lobrednern dieses Produktes zu sehen. Mir selbst
ist das Buch allerdings unbekannt, und ich dürfte mich auch schwerlich
entschließen, den Leserkreis dieses Elaborates zu vermehren.

_Edine._ Wie? Sie sind nicht der Verfasser?

_Der berühmte Mann._ Der Verfasser dieser journalistischen Kompilation
ist mein Fakultätsgenosse Brückner. Es besteht allerdings eine fatale
Namensähnlichkeit, aber diese ist auch die einzige.

_Edine._ Das sollte auch nicht sein, daß zwei berühmte Philosophen so
ähnliche Namen haben.

_Der berühmte Mann._ Das ist allerdings bedauerlich, besonders für
mich. Herr Brückner ist übrigens nichts weniger als Philosoph. Er
ist Philologe, ich würde sagen, Salonphilologe, oder noch besser:
philologischer Feuilletonist.

_Edine._ Es tut mir enorm leid, daß ich da eine Konfusion gemacht habe.
Aber ich hab' sicher auch von Ihren berühmten Werken was zu Haus, Herr
Professor. Ich les' ja alles, was einen ein bißl vorwärtsbringt. Jetzt
hab' ich gerad' ein sehr interessantes Buch über den »Semipelagianismus«
und eins über die »Seele des Radiums« zu Hause liegen. Wenn Sie mich
einmal in der Heugasse besuchen --

_Der berühmte Mann_ $(kühl)$. Es wird mir eine Ehre sein, Frau Gräfin.
Allerdings bin ich sehr in Anspruch genommen.

_Edine_ $(wollte gehen, bleibt nochmals stehen)$. Aber das tut mir ewig
leid, daß Sie nicht der Verfasser sind! Jetzt kann ich Ihnen auch meine
Frage nicht vorlegen! Und ich wäre jede Wette eingegangen, daß Sie der
Einzige sind, der sie so beantworten könnte, daß ich meine Beruhigung
fände.

_Neuhoff._ Wollen Sie dem Herrn Professor nicht doch Ihre Frage vorlegen?

_Edine._ Sie sind ja gewiß ein Mann von noch profunderer Bildung als der
andere Herr. $(Zu Neuhoff.)$ Soll ich wirklich? Es liegt mir ungeheuer
viel an der Auskunft. Ich würde fürs Leben gern eine Beruhigung finden.

_Der berühmte Mann._ Wollen sich Frau Gräfin nicht setzen?

_Edine_ $(sich ängstlich umsehend, ob niemand hereintritt, dann
schnell)$. Wie stellen Sie sich das Nirwana vor?

_Der berühmte Mann._ Hm. Diese Frage aus dem Stegreif zu beantworten,
dürfte allerdings Herr Brückner der richtige Mann sein. $(Eine kleine
Pause.)$

_Edine._ Und jetzt muß ich auch zu meinem Bridge zurück. Auf
Wiedersehen, Herr Professor. $(Ab.)$

_Der berühmte Mann_ $(sichtlich verstimmt)$. Hm. --

_Neuhoff._ Die arme gute Gräfin Edine! Sie dürfen ihr nichts übel nehmen.

_Der berühmte Mann_ $(kalt)$. Es ist nicht das erstemal, daß ich im
Laienpublikum ähnlichen Verwechslungen begegne. Ich bin nicht weit
davon, zu glauben, daß dieser Scharlatan Brückner mit Absicht auf
dergleichen hinarbeitet. Sie können kaum ermessen, welche peinliche
Erinnerung eine groteske und schiefe Situation, wie die, in der wir uns
soeben befunden haben, in meinem Innern hinterläßt. Das erbärmliche
Scheinwissen, von den Trompetenstößen einer bübischen Presse begleitet,
auf den breiten Wellen der Popularität hinsegeln zu sehen -- sich mit
dem konfundiert zu sehen, wogegen man sich mit dem eisigen Schweigen der
Nichtachtung unverbrüchlich gewappnet glaubte --

_Neuhoff._ Aber wem sagen Sie das alles, mein verehrter Professor! Bis
in die kleine Nuance fühle ich Ihnen nach. Sich verkannt zu sehen in
seinem Besten, früh und spät -- das ist das Schicksal --

_Der berühmte Mann._ In seinem Besten.

_Neuhoff._ Genau die Nuance verkannt zu sehen, auf die alles ankommt --

_Der berühmte Mann._ Sein Lebenswerk mit einem journalistischen --

_Neuhoff._ Das ist das Schicksal --

_Der berühmte Mann._ Die in einer bübischen Presse --

_Neuhoff._ -- des ungewöhnlichen Menschen, sobald er sich der banalen
Menschheit ausliefert, den Frauen, die im Grunde zwischen einer leeren
Larve und einem Mann von Bedeutung nicht zu unterscheiden wissen!

_Der berühmte Mann._ Den verhaßten Spuren der Pöbelherrschaft bis in den
Salon zu begegnen --

_Neuhoff._ Erregen Sie sich nicht. Wie kann ein Mann Ihres Ranges --
Nichts, was eine Edine Merenberg und tutti quanti vorbringen, reicht nur
entfernt an Sie heran.

_Der berühmte Mann._ Das ist die Presse, dieser Hexenbrei aus allem und
allem! Aber hier hätte ich mich davor sicher gehalten. Ich sehe, ich
habe die Exklusivität dieser Kreise überschätzt, wenigstens was das
geistige Leben anlangt.

_Neuhoff._ Geist und diese Menschen! Das Leben -- und diese Menschen!
Alle diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in
Wirklichkeit gar nicht mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten.
Niemand, der sich in diesen Salons bewegt, gehört zu der wirklichen
Welt, in der die geistigen Krisen des Jahrhunderts sich entscheiden.
Sehen Sie doch um sich: eine Erscheinung wie die Figur dort im
nächsten Zimmer, vom Scheitel bis zur Sohle sich balancierend in der
Selbstsicherheit der unbegrenzten Trivialität -- von Frauen und Mädchen
umlagert -- Kari Bühl.

_Der berühmte Mann._ Ist das Graf Bühl?

_Neuhoff._ Er selbst, der berühmte Kari.

_Der berühmte Mann._ Ich habe bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, ihn
kennen zu lernen. Sind Sie befreundet mit ihm?

_Neuhoff._ Nicht allzusehr, aber hinlänglich, um ihn Ihnen in zwei
Worten erschöpfend zu charakterisieren: absolutes, anmaßendes Nichts.

_Der berühmte Mann._ Er hat einen außerordentlichen Rang innerhalb der
ersten Gesellschaft. Er gilt für eine Persönlichkeit.

_Neuhoff._ Es ist nichts an ihm, das der Prüfung standhielte. Rein
gesellschaftlich goutiere ich ihn halb aus Gewohnheit; aber Sie haben
weniger als nichts verloren, wenn Sie ihn nicht kennen lernen.

_Der berühmte Mann_ $(sieht unverwandt hin)$. Ich würde mich sehr
interessieren, seine Bekanntschaft zu machen. Glauben Sie, daß ich mir
etwas vergebe, wenn ich mich ihm nähere?

_Neuhoff._ Sie werden Ihre Zeit mit ihm verlieren, wie mit allen diesen
Menschen hier.

_Der berühmte Mann._ Ich würde großes Gewicht darauf legen, mit Graf
Bühl in einer wirkungsvollen Weise bekannt gemacht zu werden, etwa durch
einen seiner vertrauten Freunde.

_Neuhoff._ Zu diesen wünsche ich nicht gezählt zu werden, aber ich werde
Ihnen das besorgen.

_Der berühmte Mann._ Sie sind sehr liebenswürdig. Oder meinen Sie, daß
ich mir nichts vergeben würde, wenn ich mich ihm spontan nähern würde?

_Neuhoff._ Sie erweisen dem guten Kari in jedem Fall zuviel Ehre, wenn
Sie ihn so ernst nehmen.

_Der berühmte Mann._ Ich verhehle nicht, daß ich großes Gewicht darauf
lege, das feine und unbestechliche Votum der großen Welt den Huldigungen
beizufügen, die meinem Wissen im breiten internationalen Laienpublikum
zuteil geworden sind, und in denen ich die Abendröte einer nicht
alltäglichen Gelehrtenlaufbahn erblicken darf. $(Sie gehen ab.)$


Dritte Szene

_Antoinette_ $(mit Edine, Nanni und Huberta sind indessen in der
Mitteltür erschienen und kommen nach vorne.)$

_Antoinette._ So sagt's mir doch was, so gebt's mir doch einen Rat, wenn
ihr seht's, daß ich so aufgeregt bin. Da mach' ich doch die irreparablen
Dummheiten, wenn man mir nicht beisteht.

_Edine._ Ich bin dafür, daß wir sie lassen. Sie muß wie zufällig ihm
begegnen. Wenn wir sie alle konvoiieren, so verscheuchen wir ihn ja
geradezu.

_Huberta._ Er geniert sich nicht. Wenn er mit ihr allein reden wollt',
da wären wir Luft für ihn.

_Antoinette._ So setzen wir uns daher. Bleibt's alle bei mir, aber nicht
auffällig. $(Sie haben sich gesetzt.)$

_Nanni._ Wir plauschen hier ganz unbefangen: vor allem darf's nicht
ausschauen, als ob du ihm nachlaufen tätest.

_Antoinette._ Wenn man nur das Raffinement von der Helen hätt', die
lauft ihm nach auf Schritt und Tritt, und dabei schaut's aus, als ob sie
ihm aus dem Weg ging.

_Edine._ Ich wär' dafür, daß wir sie lassen, und daß sie ganz, wie wenn
nichts wär', auf ihn zuging.

_Huberta._ In dem Zustand, wie sie ist, kann sie doch nicht auf ihn
zugehen, wie wenn nichts wär'.

_Antoinette_ $(dem Weinen nah)$. Sagt's mir doch nicht, daß ich in einem
Zustand bin! Lenkt's mich doch ab von mir! Sonst verlier ich ja meine
ganze Contenance. Wenn ich nur wen zum Flirten da hätt'!

_Nanni_ $(will aufstehen)$. Ich hol' ihr den Stani her.

_Antoinette._ Der Stani tät mir nicht so viel nützen. Sobald ich weiß,
daß der Kari wo in einer Wohnung ist, existieren die andern nicht mehr
für mich.

_Huberta._ Der Feri Uhlfeldt tät vielleicht doch noch existieren.

_Antoinette._ Wenn die Helen in meiner Situation wär', die wüßt' sich zu
helfen. Sie macht sich mit der größten Unverfrorenheit einen Paravant
aus dem Theophil, und dahinter operiert sie.

_Huberta._ Aber sie schaut ja den Theophil gar nicht an, sie is' ja die
ganze Zeit hinterm Kari her.

_Antoinette._ Sag' mir das noch, damit mir die Farb' ganz aus'm G'sicht
geht. $(Steht auf.)$ Red't er denn mit ihr?

_Huberta._ Natürlich red't er mit ihr.

_Antoinette._ Immerfort?

_Huberta._ Sooft ich hing'schaut hab'.

_Antoinette._ Oh mein Gott, wenn du mir lauter unangenehme Sachen sagst,
so werd' ich ja so häßlich werden! $(Sie setzt sich wieder.)$

_Nanni_ $(will aufstehen)$. Wenn dir deine drei Freundinnen zuviel sind,
so lass' uns fort, ich spiel' ja auch sehr gern.

_Antoinette._ So bleibt's doch hier, so gebt's mir doch einen Rat, so
sagt's mir doch, was ich tun soll.

_Huberta._ Wenn sie ihm vor einer Stunde die Jungfer ins Haus geschickt
hat, so kann sie jetzt nicht die Hochmütige spielen.

_Nanni._ Umgekehrt sag' ich. Sie muß tun, als ob er ihr egal wär'. Das
weiß ich vom Kartenspielen: wenn man die Karten leichtsinnig in die Hand
nimmt, dann kommt's Glück. Man muß sich immer die innere Überlegenheit
menagieren.

_Antoinette._ Mir is' grad zumut, wie wenn ich die Überlegene wär'!

_Huberta._ Du behandelst ihn aber ganz falsch, wenn du dich so aus der
Hand gibst.

_Edine._ Wenn sie sich nur eine Direktive geben ließ! Ich kenn' doch den
Männern ihren Charakter.

_Huberta._ Weißt, Edine, die Männer haben recht verschiedene Charaktere.

_Antoinette._ Das Gescheitste wär', ich fahr' nach Haus.

_Nanni._ Wer wird denn die Karten wegschmeißen, solang' er noch eine
Chance in der Hand hat.

_Edine._ Wenn sie sich nur ein vernünftiges Wort sagen ließe. Ich hab'
ja einen solchen Instinkt für solche psychologische Sachen. Es wär'
ja absolut zu machen, daß die Ehe annulliert wird, sie ist eben unter
einem moralischen Zwang gestanden die ganzen Jahre und dann, wenn sie
annulliert ist, so heirat' sie ja der Kari, wenn die Sache halbwegs
richtig eingefädelt wird.

_Huberta_ $(die nach rechts gesehen hat)$. Pst!

_Antoinette_ $(fährt auf)$. Kommt er? Mein Gott, wie mir die Knie
zittern.

_Huberta._ Die Crescence kommt. Nimm dich zusammen.

_Antoinette_ $(vor sich)$. Lieber Gott, ich kann sie nicht ausstehen,
sie mich auch nicht, aber ich will jede Bassesse machen, weil sie ja
seine Schwester is'.


Vierte Szene

_Crescence_ $(kommt von rechts)$. Grüß euch Gott, was macht's ihr denn?
Die Toinette schaut ja ganz zerbeutelt aus. Sprecht's ihr denn nicht?
So viele junge Frauen! Da hätt' der Stani halt nicht in den Klub gehen
dürfen, wie?

_Antoinette_ $(mühsam)$. Wir unterhalten uns vorläufig ohne Herren sehr
gut.

_Crescence_ $(ohne sich zu setzen)$. Was sagt's ihr, wie famos die Helen
heut ausschaut? Die wird doch als junge Frau eine Allure haben, daß
überhaupt niemand gegen sie aufkommt!

_Huberta._ Is' die Helen auf einmal so in der Gnad' bei dir?

_Crescence._ Ihr seid's auch sehr herzig. Die Antoinette soll sich ein
bißl schonen. Sie schaut ja aus, als ob sie drei Nächt' nicht g'schlafen
hätt'. $(Im Gehen.)$ Ich muß dem Poldo Altenwyl sagen, wie brillant ich
die Helen heut find'. $(Ab.)$


Fünfte Szene

_Antoinette._ Herr Gott, jetzt hab' ich's ja schriftlich, daß der Kari
die Helen heiraten will.

_Edine._ Wieso denn?

_Antoinette._ Spürt's ihr denn nicht, wie sie für die zukünftige
Schwägerin ins Zeug geht?

_Nanni._ Aber geh', bring' dich nicht um nichts und wieder nichts hinein
in die Verzweiflung. Er wird gleich bei der Tür hereinkommen.

_Antoinette._ Wenn er in so einem Moment hereinkommt, bin ich ja ganz --
$(bringt ihr kleines Tuch vor die Augen)$ -- verloren. --

_Huberta._ So gehen wir. Inzwischen beruhigt sie sich.

_Antoinette._ Nein, geht's ihr zwei und schaut's, ob er wieder mit der
Helen red't und stört's ihn dabei. Ihr habt's mich ja oft genug gestört,
wenn ich so gern mit ihm allein gewesen wär'. Und die Edine bleibt bei
mir. $(Alle sind aufgestanden, Huberta und Nanni gehen ab.)$


Sechste Szene

_Antoinette_ $(und Edine setzen sich links rückwärts)$.

_Edine._ Mein liebes Kind, du hast diese ganze Geschichte mit dem Kari
vom ersten Moment falsch angepackt.

_Antoinette._ Woher weißt denn du das?

_Edine._ Das weiß ich von der Mademoiselle Feydeau, die hat mir
haarklein alles erzählt, wie du die ganze Situation in der Grünleiten
schon verfahren hast.

_Antoinette._ Diese mißgünstige Tratschen, was weiß denn die!

_Edine._ Aber sie kann doch nichts dafür, wenn sie dich hat mit die
nackten Füß' über die Stiegen 'runterlaufen gehört, und gesehen mit
offene Haar im Mondschein mit ihm spazieren gehen. -- Du hast eben die
ganze G'schicht' von Anfang an viel zu terre à terre angepackt. Die
Männer sind ja natürlich sehr terre à terre, aber deswegen muß eben von
unserer Seiten etwas Höheres hineingebracht werden. Ein Mann wie der
Kari Bühl aber ist sein Leben lang keiner Person begegnet, die ein bißl
einen Idealismus in ihn hineingebracht hätte. Und darum ist er selbst
nicht imstand', in eine Liebschaft was Höheres hineinzubringen, und so
geht das vice versa. Wenn du mich in der ersten Zeit ein bißl um Rat
gefragt hättest, wenn du dir hättest ein paar Direktiven geben lassen,
ein paar Bücher empfehlen lassen -- so wärst du heut seine Frau!

_Antoinette._ Geh, ich bitt' dich, Edine, agacier' mich nicht.


Siebente Szene

_Huberta_ $(erscheint in der Tür)$. Also: der Kari kommt. Er sucht dich.

_Antoinette._ Jesus Maria! $(Sie sind alle aufgestanden.)$

_Nanni_ $(die rechts hinausgeschaut hat)$. Da kommt die Helen aus dem
andern Salon.

_Antoinette._ Mein Gott, gerade in dem Moment, auf den alles ankommt,
muß sie daher kommen und mir alles verderben. So tut's doch was dagegen.
So geht's ihr doch entgegen. So halt's sie doch weg, vom Zimmer da!

_Huberta._ Bewahr' doch ein bißl deine Contenance.

_Nanni._ Wir gehen einfach unauffällig dort hinüber.


Achte Szene

_Helene_ $(tritt ein von rechts)$. Ihr schaut's ja aus, als ob ihr
gerade von mir gesprochen hättet's. $(Stille.)$ Unterhalt's ihr euch?
Soll ich euch Herren hereinschicken?


_Antoinette_ $(auf sie zu, fast ohne Selbstkontrolle)$. Wir unterhalten
uns famos, und du bist ein Engel, mein Schatz, daß du dich um uns
umschaust. Ich hab' dir noch gar nicht guten Abend gesagt. Du schaust
schöner aus als je. $(Küßt sie.)$ Aber lass' uns nur und geh wieder.

_Helene._ Stör' ich euch? So geh' ich halt wieder. $(Geht.)$


Neunte Szene

_Antoinette_ $(streicht sich über die Wange, als wollte sie den Kuß
abstreifen.)$ Was mach' ich denn? Was lass' ich mich denn von ihr
küssen? Von dieser Viper, dieser falschen!

_Huberta._ So nimm dich ein bißl zusammen.


Zehnte Szene

_Hans Karl_ $(ist von rechts eingetreten)$.

_Antoinette_ $(nach einem kurzen Stummsein, Sichducken, rasch auf ihn
zu, ganz dicht an ihn)$. Ich hab' die Briefe genommen und verbrannt. Ich
bin keine sentimentale Gans, als die mich meine Agathe hinstellt, daß
ich mich über alte Briefe totweinen könnt'. Ich hab' einmal nur das, was
ich im Moment hab', und was ich nicht hab', will ich vergessen. Ich leb'
nicht in der Vergangenheit, dazu bin ich nicht alt genug.

_Hans Karl._ Wollen wir uns nicht setzen? $(Führt sie zu den Fauteuils.)$

_Antoinette._ Ich bin halt nicht schlau. Wenn man nicht raffiniert ist,
dann hat man nicht die Kraft, einen Menschen zu halten, wie Sie einer
sind. Denn Sie sind ein Genre mit Ihrem Vetter Stani. Das möchte ich
Ihnen sagen, damit Sie es wissen. Ich kenn' euch. Monströs selbstsüchtig
und grenzenlos unzart. $(Nach einer kleinen Pause.)$ So sagen Sie doch
was!

_Hans Karl._ Wenn Sie erlauben würden, so möchte ich versuchen, Sie an
damals zu erinnern --

_Antoinette._ Ah, ich lass' mich nicht malträtieren. -- Auch nicht von
jemandem, der mir früher einmal nicht gleichgültig war.

_Hans Karl._ Sie waren damals, ich meine vor zwei Jahren, Ihrem Mann
momentan entfremdet. Sie waren in der großen Gefahr, in die Hände von
einem Unwürdigen zu fallen. Da ist jemand gekommen -- der war --
zufällig ich. Ich wollte Sie -- beruhigen -- das war mein einziger
Gedanke -- Sie der Gefahr entziehen -- von der ich Sie bedroht gewußt
-- oder gespürt hab'. Das war eine Verkettung von Zufällen -- eine
Ungeschicklichkeit -- ich weiß nicht, wie ich es nennen soll --

_Antoinette._ Diese paar Tage damals in der Grünleiten sind das einzige
wirklich Schöne in meinem ganzen Leben. Die lass' ich nicht -- die
Erinnerung, daran lass' ich mir nicht heruntersetzen. $(Steht auf.)$

_Hans Karl_ $(leise)$. Aber ich hab' ja alles so lieb. Es war ja so
schön.

_Antoinette_ $(setzt sich mit einem ängstlichen Blick auf ihn.)$

_Hans Karl._ Es war ja so schön!

_Antoinette._ »Das war zufällig ich.« Damit wollen Sie mich insultieren.
Sie sind draußen zynisch geworden. Ein zynischer Mensch, das ist das
richtige Wort. Sie haben die Nuance verloren für das Mögliche und das
Unmögliche. Wie haben Sie gesagt? Es war eine »Ungeschicklichkeit« von
Ihnen? Sie insultieren mich ja in einem fort.

_Hans Karl._ Es ist draußen viel für mich anders geworden. Aber zynisch
bin ich nicht geworden. Das Gegenteil, Antoinette. Wenn ich an unsern
Anfang denke, so ist mir das etwas so Zartes, so Mysteriöses, ich
getraue mich kaum, es vor mir selbst zu denken. Ich möchte mich fragen:
Wie komm' ich denn dazu? Hab' ich denn dürfen? Aber $(sehr leise)$ ich
bereu' nichts.

_Antoinette_ $(senkt die Augen)$. Aller Anfang ist schön.

_Hans Karl._ In jedem Anfang liegt die Ewigkeit.

_Antoinette_ $(ohne ihn anzusehen)$. Sie halten au fond alles für
möglich und alles für erlaubt. Sie wollen nicht sehen, wie hilflos ein
Wesen ist, über das Sie hinweggehen -- wie preisgegeben, denn das würde
vielleicht Ihr Gewissen aufwecken.

_Hans Karl._ Ich habe keins.

_Antoinette_ $(sieht ihn an)$.

_Hans Karl._ Nicht in bezug auf uns.

_Antoinette._ Jetzt war ich das und das von Ihnen -- und weiß in diesem
Augenblick so wenig, woran ich mit Ihnen bin, als wenn nie was zwischen
uns gewesen wär'. Sie sind ja fürchterlich.

_Hans Karl._ Nichts ist bös. Der Augenblick ist nicht bös, nur das
Festhalten-wollen ist unerlaubt. Nur das Sich-festkrampeln an das, was
sich nicht halten laßt --

_Antoinette._ Ja, wir leben halt nicht nur wie die gewissen Fliegen vom
Morgen bis zur Nacht. Wir sind halt am nächsten Tag auch noch da. Das
paßt euch halt schlecht, solchen wie du einer bist.

_Hans Karl._ Alles was geschieht, das macht der Zufall. Es ist nicht zum
Ausdenken, wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinander
jagt und auseinander jagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn
der Zufall es wollte.

_Antoinette._ Ich will nicht --

_Hans Karl_ $(spricht weiter, ohne ihren Widerstand zu respektieren)$.
Darin ist aber so ein Grausen, daß der Mensch etwas hat finden müssen,
um sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, bei seinem eigenen Schopf. Und
so hat er das Institut gefunden, das aus dem Zufälligen und Unreinen,
das Notwendige, das Bleibende und das Gültige macht: die Ehe.

_Antoinette._ Ich spür', du willst mich verkuppeln mit meinem Mann. Es
war nicht ein Augenblick, seitdem du hiersitz'st, wo ich mich hätte
foppen lassen und es nicht gespürt hätte. Du nimmst dir wirklich alles
heraus, du meinst schon, daß du alles darfst, zuerst verführen, dann
noch beleidigen.

_Hans Karl._ Ich bin kein Verführer, Toinette, ich bin kein Frauenjäger.

_Antoinette._ Ja, das ist dein Kunststückl, damit hast du mich
herumgekriegt, daß du kein Verführer bist, kein Mann für Frauen, daß
du nur ein Freund bist, aber ein wirklicher Freund. Damit kokettierst
du, sowie du mit allem kokettierst, was du hast, und mit allem, was dir
fehlt. Man müßte, wenn's nach dir ging', nicht nur verliebt in dich
sein, sondern dich noch liebhaben über die Vernunft hinaus, und um
deiner selbst willen, und nicht einmal nur als Mann -- sondern -- ich
weiß ja gar nicht, wie ich sagen soll, oh mein Gott, warum muß ein und
derselbe Mensch so scharmant sein und zugleich so monströs eitel und
selbstsüchtig und herzlos!

_Hans Karl._ Weiß sie, Toinette, was Herz ist, weiß sie das? Daß
ein Mann Herz für eine Frau hat, das kann er nur durch Eins zeigen,
nur durch ein Einziges auf der Welt: durch die Dauer, durch die
Beständigkeit. Nur dadurch: das ist die Probe, die einzige.

_Antoinette._ Lass' mich mit dem Ado -- ich kann mit dem Ado nicht leben
--

_Hans Karl._ Der hat dich lieb. Einmal und für alle Male. Der hat dich
gewählt unter allen Frauen auf der Welt, und er hat dich liebbehalten
und wird dich liebhaben für immer, weißt du, was das heißt? Für immer,
gescheh' dir, was da will. Einen Freund haben, der dein ganzes Wesen
lieb hat, für den du immer ganz schön bist, nicht nur heut und morgen,
auch später, viel später, für den seine Augen der Schleier, den die
Jahre oder was kommen kann, über dein Gesicht werfen -- für seine Augen
ist das nicht da, du bist immer, die du bist, die Schönste, die Liebste,
die Eine, die Einzige.

_Antoinette._ So hat er mich nicht gewählt. Geheiratet hat er mich halt.
Von dem andern weiß ich nichts.

_Hans Karl._ Aber er weiß davon.

_Antoinette._ Das, was Sie da reden, das gibt's alles nicht. Das redet
er sich ein -- das redet er Ihnen ein -- Ihr seid's einer wie der
andere, Ihr Männer, Sie und der Ado und der Stani, ihr seid's alle aus
einem Holz geschnitzt und darum versteht's ihr euch so gut und könnt's
euch so gut in die Hände spielen.

_Hans Karl._ Das red't er mir nicht ein, das weiß ich, Toinette. Das ist
eine heilige Wahrheit, die weiß ich -- ich muß sie immer schon gewußt
haben, aber draußen ist sie erst ganz deutlich für mich geworden: es
gibt einen Zufall, der macht scheinbar alles mit uns, wie er will --
aber mitten in dem Hierhin- und Dorthingeworfenwerden und der Stumpfheit
und Todesangst, da spüren wir und wissen es auch, es gibt halt auch eine
Notwendigkeit, die wählt uns von Augenblick zu Augenblick, die geht
ganz leise, ganz dicht am Herzen vorbei und doch so schneidend scharf
wie ein Schwert. Ohne die wäre da draußen kein Leben mehr gewesen,
sondern nur ein tierisches Dahintaumeln. Und die gleiche Notwendigkeit
gibt's halt auch zwischen Männern und Frauen -- wo die ist, da ist ein
Zueinandermüssen und Verzeihung und Versöhnung und Beieinanderbleiben.
Und da dürfen Kinder sein, und da ist eine Ehe und ein Heiligtum, trotz
allem und allem --

_Antoinette_ $(steht auf)$. Alles, was du red'st, das heißt ja gar
nichts anderes, als daß du heiraten willst, daß du demnächst die Helen
heiraten wirst.

_Hans Karl_ $(bleibt sitzen, hält sie)$. Aber ich denk' doch nicht an
die Helen! Ich red' doch von dir. Ich schwör' dir, daß ich von dir red'.

_Antoinette._ Aber dein ganzes Denken dreht sich um die Helen.

_Hans Karl._ Ich schwöre dir: ich hab' einen Auftrag an die Helen. Ganz
einen andern, als du dir denkst. Ich sag' ihr noch heute --

_Antoinette._ Was sagst du ihr noch heute -- ein Geheimnis?

_Hans Karl._ Keines, das mich betrifft.

_Antoinette._ Aber etwas, das dich mit ihr verbindet?

_Hans Karl._ Aber das Gegenteil!

_Antoinette._ Das Gegenteil? Ein Adieu -- du sagst ihr, was ein Adieu
ist zwischen dir und ihr?

_Hans Karl._ Zu einem Adieu ist kein Anlaß, denn es war ja nie etwas
zwischen mir und ihr. Aber wenn's ihr Freud' macht, Toinette, so kommt's
beinah' auf ein Adieu hinaus.

_Antoinette._ Ein Adieu fürs Leben?

_Hans Karl._ Ja, fürs Leben, Toinette.

_Antoinette_ $(sieht ihn ganz an)$. Fürs Leben? $(Nachdenklich.)$ Ja,
sie ist so eine Heimliche und tut nichts zweimal und red't nichts
zweimal. Sie nimmt nichts zurück -- sie hat sich in der Hand: ein Wort
muß für sie entscheidend sein. Wenn du ihr sagst: adieu -- dann wird's
für sie sein adieu und auf immer. Für sie wohl. $(Nach einer kleinen
Pause.)$ Ich lass' mir von dir den Ado nicht einreden. Ich mag seine
Händ' nicht. Sein Gesicht nicht. Seine Ohren nicht. $(Sehr leise.)$
Deine Hände hab' ich lieb. -- Was bist denn du? Ja, wer bist denn
du? Du bist ein Zyniker, ein Egoist, ein Teufel bist du! Mich sitzen
lassen ist dir zu gewöhnlich. Mich behalten, dazu bist du zu herzlos.
Mich hergeben, dazu bist du zu raffiniert. So willst du mich zugleich
loswerden und doch in deiner Macht haben, und dazu ist dir der Ado der
Richtige. -- Geh hin und heirat' die Helen. Heirat', wenn du willst! Ich
hab' mit deiner Verliebtheit vielleicht was anzufangen, mit deinen guten
Ratschlägen aber gar nix. $(Will gehen.)$

_Hans Karl_ $(tut einen Schritt auf sie zu)$.

_Antoinette._ Lass' er mich gehen. $(Sie geht ein paar Schritte, dann
halb zu ihm gewendet)$. Was soll denn jetzt aus mir werden? Red' er mir
nur den Feri Uhlfeldt aus, der hat so viel Kraft, wenn er was will. Ich
hab' gesagt, ich mag ihn nicht, er hat gesagt, ich kann nicht wissen,
wie er als Freund ist, weil ich ihn noch nicht als Freund gehabt hab'.
Solche Reden verwirren einen so. $(Halb unter Tränen, zart.)$ Jetzt wird
er an allem schuld sein, was mir passiert.

_Hans Karl._ Sie braucht eins in der Welt: einen Freund. Einen guten
Freund. $(Er küßt ihr die Hände.)$ Sei sie gut mit dem Ado.

_Antoinette._ Mit dem kann ich nicht gut sein.

_Hans Karl._ Sie kann mit jedem.

_Antoinette_ $(sanft)$. Kari, insultier' er mich doch nicht.

_Hans Karl._ Versteh' sie doch, wie ich meine.

_Antoinette._ Ich versteh' ihn ja sonst immer so gut.

_Hans Karl._ Könnt' sie's nicht versuchen?

_Antoinette._ Ihm zulieb' könnt' ich's versuchen. Aber er müßt' dabei
sein und mir helfen.

_Hans Karl._ Jetzt hat sie mir ein halbes Versprechen gegeben.


Elfte Szene

_Der berühmte Mann_ $(ist von rechts eingetreten, sucht sich Hans Karl
zu nähern, die beiden bemerken ihn nicht.)$

_Antoinette._ Er hat mir was versprochen.

_Hans Karl._ Für die erste Zeit.

_Antoinette_ $(dicht bei ihm)$. Mich liebhaben!

_Der berühmte Mann._ Pardon, ich störe wohl. $(Schnell ab.)$

_Hans Karl_ $(dicht bei ihr)$. Das tu' ich ja.

_Antoinette._ Sag er mir sehr was Liebes: nur für den Moment. Der Moment
ist ja alles. Ich kann nur im Moment leben. Ich hab' so ein schlechtes
Gedächtnis.

_Hans Karl._ Ich bin nicht verliebt in sie, aber ich hab' sie lieb.

_Antoinette._ Und das, was er der Helen sagen wird, ist ein Adieu?

_Hans Karl._ Ein Adieu.

_Antoinette._ So verhandelt er mich, so verkauft er mich!

_Hans Karl._ Aber sie war mir doch noch nie so nahe.

_Antoinette._ Er wird oft zu mir kommen, mir zureden? Er kann mir ja
alles einreden.

_Hans Karl_ $(küßt sie auf die Stirn, fast ohne es zu wissen)$.

_Antoinette._ Dank schön. $(Läuft weg durch die Mitte.)$

_Hans Karl_ $(steht verwirrt, sammelt sich)$. Arme, kleine Antoinette.


Zwölfte Szene

_Crescence_ $(kommt durch die Mitte, sehr rasch)$. Also brillant hast du
das gemacht. Das ist ja erste Klasse, wie du so was deichselst.

_Hans Karl._ Wie? Aber du weißt doch gar nicht.

_Crescence._ Was brauch' ich noch zu wissen. Ich weiß alles. Die
Antoinette hat die Augen voller Tränen, sie stürzt an mir vorbei,
so wie sie merkt, daß ich's bin, fallt sie mir um den Hals und ist
wieder dahin wie der Wind, das sagt mir doch alles. Du hast ihr ins
Gewissen geredet, du hast ihr besseres Selbst aufgeweckt, du hast ihr
klargemacht, daß sie sich auf den Stani keine Hoffnungen mehr machen
darf, und du hast ihr den einzigen Ausweg aus der verfahrenen Situation
gezeigt, daß sie zu ihrem Mann zurück soll und trachten soll, ein
anständiges, ruhiges Leben zu führen.

_Hans Karl._ Ja, so ungefähr. Aber es hat sich im Detail nicht so
abgespielt. Ich hab' nicht deine zielbewußte Art. Ich komm' leicht von
meiner Linie ab, das muß ich schon gestehen.

_Crescence._ Aber das ist doch ganz egal. Wenn du in so einem Tempo ein
so brillantes Resultat erzielst, jetzt, wo du in dem Tempo drin bist,
kann ich gar nicht erwarten, daß du die zwei Konversationen mit der
Helen und mit dem Poldo Altenwyl absolvierst. Ich bitt' dich, geh sie
nur an, ich halt dir die Daumen, denk' doch nur, daß dem Stani sein
Lebensglück von deiner Suada abhängt.

_Hans Karl._ Sei außer Sorg', Crescence, ich hab' jetzt grad' während
dem Reden mit der Antoinette Hechingen so die Hauptlinien gesehen für
meine Konversation mit der Helen. Ich bin ganz in der Stimmung. Weißt
du, das ist ja meine Schwäche, daß ich so selten das Definitive vor mir
sehe: aber diesmal seh' ich's.

_Crescence._ Siehst du, das ist das Gute, wenn man ein Programm hat.
Da kommt ein Zusammenhang in die ganze Geschichte. Also komm nur: wir
suchen zusammen die Helen, sie muß ja in einem von den Salons sein und
so, wie wir sie finden, lass' ich dich allein mit ihr. Und sobald wir
ein Resultat haben, stürz' ich ans Telephon und depeschier' den Stani
hierher.


Dreizehnte Szene

_Crescence_ $(und Hans Karl gehen links hinaus)$.

_Helene_ $(mit Neuhoff treten von rechts herein. Man hört eine gedämpfte
Musik aus einem entfernten Salon.)$

_Neuhoff_ $(hinter ihr)$. Bleiben Sie stehen. Diese nichtsnutzige,
leere, süße Musik und dieses Halbdunkel modellieren Sie wunderbar.

_Helene_ $(ist stehengeblieben, geht aber jetzt weiter auf die Fauteuils
links zu)$. Ich stehe nicht gern Modell, Baron Neuhoff.

_Neuhoff._ Auch nicht, wenn ich die Augen schließe?

_Helene_ $(sagt nichts, sie steht links)$.

_Neuhoff._ Ihr Wesen, Helene! Wie niemand je war, sind Sie. Ihre
Einfachheit ist das Resultat einer ungeheuren Anspannung. Regungslos wie
eine Statue vibrieren Sie in sich, niemand ahnt es, der es aber ahnt,
der vibriert mit Ihnen.

_Helene_ $(sieht ihn an, setzt sich)$.

_Neuhoff_ $(nicht ganz nahe)$. Wundervoll ist alles an Ihnen. Und dabei,
wie alles Hohe, fast erschreckend selbstverständlich.

_Helene._ Ist Ihnen das Hohe selbstverständlich? Das war ein nobler
Gedanke.

_Neuhoff._ Vielleicht könnte man seine Frau werden -- das war es, was
Ihre Lippen sagen wollten, Helene!

_Helene._ Lesen Sie von den Lippen wie die Taubstummen?

_Neuhoff_ $(einen Schritt näher)$. Sie %werden mich heiraten%, weil
Sie meinen Willen spüren in einer willenlosen Welt.

_Helene_ $(vor sich)$. Muß man? Ist es ein Gebot, dem eine Frau sich
fügen muß: wenn sie gewählt und gewollt wird?

_Neuhoff._ Es gibt Wünsche, die nicht weit her sind. Die darf man
unter seine schönen rassigen Füße treten. Der meine ist weit her. Er
ist gewandert um die halbe Welt. Hier fand er sein Ziel. Sie wurden
gefunden, Helene Altenwyl, vom stärksten Willen, auf dem weitesten
Umweg, in der kraftlosesten aller Welten.

_Helene._ Ich bin aus ihr und bin nicht kraftlos.

_Neuhoff._ Ihr habt dem schönen Schein alles geopfert, auch die
Kraft. Wir, dort in unserm nordischen Winkel, wo uns die Jahrhunderte
vergessen, wir haben die Kraft behalten. So stehen wir gleich zu gleich
und doch ungleich zu ungleich, und aus dieser Ungleichheit ist mir mein
Recht über Sie erwachsen.

_Helene._ Ihr Recht?

_Neuhoff._ Das Recht des geistig Stärksten über die Frau, die er zu
vergeistigen vermag.

_Helene._ Ich mag nicht diese mystischen Redensarten.

_Neuhoff._ Es waltet etwas Mystik zwischen zwei Menschen, die sich auf
den ersten Blick erkannt haben. Ihr Stolz soll es nicht verneinen.

_Helene_ $(sie ist aufgestanden)$. Er verneint es immer wieder.

_Neuhoff._ Helene, bei Ihnen wäre meine Rettung -- meine
Zusammenfassung, meine Ermöglichung!

_Helene._ Ich will von niemand wissen, der sein Leben unter solche
Bedingungen stellt! $(Sie tut ein paar Schritte an ihm vorbei; ihr Blick
haftet an der offenen Tür rechts, wo sie eingetreten ist.)$

_Neuhoff._ Wie Ihr Gesicht sich verändert! Was ist das, Helene?

_Helene_ $(schweigt, sieht nach rechts)$.

_Neuhoff_ $(ist hinter sie getreten, folgt ihrem Blick)$. Oh! Graf
Bühl erscheint auf der Bildfläche! $(Er tritt zurück von der Tür.)$
Sie fühlen magnetisch seine Nähe -- ja spüren Sie denn nicht,
unbegreifliches Geschöpf, daß Sie für ihn nicht da sind?

_Helene._ Ich bin schon da für ihn, irgendwie bin ich schon da!

_Neuhoff._ Verschwenderin! Sie leihen ihm alles, auch noch die Kraft,
mit der er Sie hält.

_Helene._ Die Kraft, mit der ein Mensch einen hält -- die hat ihm wohl
Gott gegeben.

_Neuhoff._ Ich staune. Womit übt ein Kari Bühl diese Faszination über
Sie? Ohne Verdienst, sogar ohne Bemühung, ohne Willen, ohne Würde --

_Helene._ Ohne Würde!

_Neuhoff._ Der schlaffe zweideutige Mensch hat keine Würde.

_Helene._ Was für Worte gebrauchen Sie da?

_Neuhoff._ Mein nördlicher Jargon klingt etwas scharf in ihre
schöngeformten Ohren. Aber ich vertrete seine Schärfe. Zweideutig nenne
ich den Mann, der sich halb verschenkt und sich halb zurückbehält -- der
Reserven in allem und jedem hält -- in allem und jedem Berechnungen --

_Helene._ Berechnung und Kari Bühl! Ja, sehen Sie ihn denn wirklich
so wenig! Freilich ist es unmöglich, sein letztes Wort zu finden, das
bei andern so leicht zu finden ist. Die Ungeschicklichkeit, die ihn so
liebenswürdig macht, der timide Hochmut, seine Herablassung, freilich
ist alles ein Versteckenspiel, freilich läßt es sich mit plumpen Händen
nicht fassen. -- Die Eitelkeit erstarrt ihn ja nicht, durch die alle
andern steif und hölzern werden -- die Vernunft erniedrigt ihn ja nicht,
die aus den meisten so etwas Gewöhnliches macht -- er gehört nur sich
selber -- niemand kennt ihn, da ist es kein Wunder, daß Sie ihn nicht
kennen!

_Neuhoff._ So habe ich Sie nie zuvor gesehen, Helene. Ich genieße
diesen unvergleichlichen Augenblick! Einmal sehe ich Sie, wie Gott Sie
geschaffen hat, Leib und Seele. Ein Schauspiel für Götter. Pfui über die
Weichheit bei Männern wie bei Frauen! Aber Strenge, die weich wird, ist
herrlich über alles!

_Helene_ $(schweigt)$.

_Neuhoff._ Gestehen Sie mir zu, es zeigt von etwas Superiorität, wenn
ein Mann es an einer Frau genießen kann, wie sie einen andern bewundert.
Aber ich vermag es: denn ich bagatellisiere Ihre Bewunderung für Kari
Bühl.

_Helene._ Sie verwechseln die Nuancen. Sie sind aigriert, wo es nicht am
Platz ist.

_Neuhoff._ Über was ich hinweggehe, das aigriert mich nicht.

_Helene._ Sie kennen ihn nicht! Sie haben ihn kaum gesprochen.

_Neuhoff._ Ich habe ihn besucht --

_Helene_ $(sieht ihn an)$.

_Neuhoff._ -- Es ist nicht zu sagen, wie dieser Mensch Sie preisgibt --
Sie bedeuten ihm nichts. Sie sind es, über die er hinweggeht.

_Helene_ $(ruhig)$. Nein.

_Neuhoff._ Es war ein Zweikampf zwischen mir und ihm, ein Zweikampf um
Sie! -- und ich bin nicht unterlegen.

_Helene._ Nein, es war kein Zweikampf. Es verdient keinen so heroischen
Namen. Sie sind hingegangen, um dasselbe zu tun, was ich in diesem
Augenblick tu'! $(Lacht.)$ Ich gebe mir alle Mühe, den Grafen Bühl zu
sehen, ohne daß er mich sieht. Aber ich tue es ohne Hintergedanken.

_Neuhoff._ Helene!

_Helene._ Ich denke nicht, dabei etwas wegzutragen, das mir nützen
könnte!

_Neuhoff._ Sie treten mich ja in den Staub, Helene -- und ich lasse mich
treten!

_Helene_ $(schweigt)$.

_Neuhoff._ Und nichts bringt mich näher?

_Helene._ Nichts. $(Sie geht einen Schritt auf die Tür rechts zu.)$

_Neuhoff._ Alles an Ihnen ist schön, Helene. Wenn Sie sich niedersetzen,
ist es, als ob Sie ausruhen müßten von einem großen Schmerz -- und
wenn Sie quer durchs Zimmer gehen, ist es, als ob Sie einer ewigen
Entscheidung entgegengingen.

_Hans Karl_ $(ist in der Tür rechts erschienen)$.

_Helene_ $(gibt Neuhoff keine Antwort. Sie geht lautlos langsam auf die
Tür rechts zu)$.

_Neuhoff_ $(geht schnell links hinaus)$.


Vierzehnte Szene

_Hans Karl._ Ja, ich habe mit Ihnen zu reden.

_Helene._ Is' es etwas sehr Ernstes?

_Hans Karl._ Es kommt vor, daß es einem zugemutet wird. Durchs Reden
kommt ja alles auf der Welt zustande. Allerdings, es ist ein bißl
lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß
Gott wie große Wirkung auszuüben, in einem Leben, wo doch schließlich
alles auf die letzte unaussprechliche Nuance ankommt. Das Reden basiert
auf einer indezenten Selbstüberschätzung.

_Helene._ Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde
keiner den Mund aufmachen.

_Hans Karl._ Sie haben einen so klaren Verstand, Helene. Sie wissen
immer in jedem Moment so sehr, worauf es ankommt.

_Helene._ Weiß ich das?

_Hans Karl._ Man versteht sich mit Ihnen ausgezeichnet. Da muß man sehr
achtgeben.

_Helene_ $(sieht ihn an)$. Da muß man achtgeben?

_Hans Karl._ Freilich. Sympathie ist ganz gut, aber auf ihr
herumzureiten, wäre doch namenlos indiskret. Darum muß man doch gerade
auf der Hut sein, wenn man das Gefühl hat, sich sehr gut zu verstehen.

_Helene._ Das müssen Sie tun, natürlich. So ist Ihre Natur. Wer sich
einfallen ließe, Sie fixieren zu wollen, wäre schon verloren. Aber wer
glaubt, daß Sie ihm für immer Adieu gesagt haben, dem könnte passieren,
daß Sie ihm wieder guten Tag sagen. -- Heut' hat die Antoinette wieder
Charme für Sie gehabt.

_Hans Karl._ Sie bemerken alles!

_Helene._ Sie verbrauchen auf Ihre Art die armen Frauen, aber Sie haben
sie gar nicht sehr lieb. Es gehört viel Contenance dazu oder ein bißl
Gewöhnlichkeit, um Ihre Freundin zu bleiben.

_Hans Karl._ Wenn Sie mich so sehen, dann bin ich Ihnen ja direkt
unsympathisch!

_Helene._ Gar nicht. Sie sind scharmant. Sie sind bei all dem wie ein
Kind.

_Hans Karl._ Wie ein Kind? Und dabei bin ich nahezu ein alter Mensch.
Das ist doch ein Horreur. Mit neununddreißig Jahren nicht wissen, woran
man mit sich selber ist, das ist doch eine Schand'.

_Helene._ Ich brauchte nie nachzudenken, woran ich mit mir selber
bin. Bei mir ist wirklich gar nichts los, es ist nichts da, als ein
anständiges, ruhiges Benehmen.

_Hans Karl._ Sie haben so eine reizende Art!

_Helene._ Ich möchte nicht sentimental sein, das langweilt mich. Ich
möchte lieber terre à terre sein, wie Gott weiß wer, als sentimental.
Ich möchte auch nicht spleenig sein, und ich möchte nicht kokett sein.
So bleibt mir nichts übrig, als möglichst artig zu sein.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Helene._ Au fond können wir Frauen tun was wir wollen, meinetwegen
Solfèges singen oder politisieren, wir meinen immer noch was andres
damit. -- Solfèges singen ist indiskreter, Artigsein ist diskreter, es
drückt die bestimmte Absicht aus, keine Indiskretionen zu begehen. Weder
gegen sich, noch gegen einen andern.

_Hans Karl._ Alles an Ihnen ist besonders und schön. Ihnen kann ja gar
nichts geschehen. Heiraten Sie wen immer, heiraten Sie den Neuhoff, nein
den Neuhoff, wenn sich's vermeiden laßt, lieber nicht, aber den ersten
besten frischen Menschen, einen Menschen wie meinen Neffen Stani, ja,
wirklich Helene, heiraten Sie den Stani, er möchte so gern, und Ihnen
kann ja gar nichts passieren. Sie sind ja unzerstörbar, das steht ja
deutlich in Ihrem Gesicht geschrieben. Ich bin immer fasziniert von
einem wirklich schönen Gesicht -- aber das Ihre --

_Helene._ Ich möchte nicht, daß Sie so mit mir reden, Graf Bühl.

_Hans Karl._ Aber nein, an ihnen ist ja nicht die Schönheit das
Entscheidende, sondern ganz etwas anderes: in Ihnen liegt das
Notwendige. Sie können mich natürlich nicht verstehen, ich versteh' mich
selbst viel schlechter, wenn ich red', als wenn ich still bin. Ich kann
gar nicht versuchen, Ihnen das zu explizieren, es ist halt etwas, was
ich draußen begreifen gelernt habe: daß in den Gesichtern der Menschen
etwas geschrieben steht. Sehen Sie, auch in einem Gesicht, wie dem von
der Antoinette kann ich lesen --

_Helene_ $(mit einem flüchtigen Lächeln)$. Aber davon bin ich überzeugt.

_Hans Karl_ $(ernst)$. Ja, es ist ein scharmantes, liebes Gesicht, aber
es steht immer ein und derselbe stumme Vorwurf in ihm eingegraben: Warum
habt's ihr mich alle dem fürchterlichen Zufall überlassen? Und das gibt
ihrer kleinen Maske etwas so Hilfloses, Verzweifeltes, daß man Angst um
sie haben könnte.

_Helene._ Aber die Antoinette ist doch da. Sie existiert doch so ganz
für den Moment. So müssen doch Frauen sein, der Moment ist ja alles.
Was soll denn die Welt mit einer Person anfangen, wie ich bin? Für mich
ist ja der Moment gar nicht da, ich stehe da und sehe die Lampen dort
brennen, und in mir sehe ich sie schon ausgelöscht. Und ich spreche mit
Ihnen, wir sind ganz allein in einem Zimmer, aber in mir ist das jetzt
schon vorbei: wie wenn irgendein gleichgültiger Mensch hereingekommen
wäre und uns gestört hätte, die Huberta oder der Theophil Neuhoff
oder wer immer, und das schon vorüber wäre, daß ich mit Ihnen allein
dagesessen bin, bei dieser Musik, die zu allem auf der Welt besser paßt,
als zu uns beiden -- und Sie schon wieder irgendwo dort zwischen den
Leuten. Und ich auch irgendwo zwischen den Leuten.

_Hans Karl_ $(leise)$. Jeder muß glücklich sein, der mit Ihnen leben
darf, und muß Gott danken bis an sein Lebensende, Helen, bis an sein
Lebensende, sei's, wer's sei. Nehmen Sie nicht den Neuhoff, Helen, --
eher einen Menschen wie den Stani, oder auch nicht den Stani, einen
ganz andern, der ein braver, nobler Mensch ist -- und ein Mann: das ist
alles, was ich nicht bin. $(Er steht auf.)$

_Helene_ $(steht auch auf, sie spürt, daß er gehen will)$. Sie sagen mir
ja Adieu!

_Hans Karl_ $(gibt keine Antwort)$.

_Helene._ Auch das hab' ich voraus gewußt. Daß einmal ein Moment kommen
wird, wo Sie mir so plötzlich Adieu sagen werden und ein Ende machen --
wo gar nichts war. Aber denen, wo wirklich was war, denen können Sie nie
Adieu sagen.

_Hans Karl._ Helen, es sind gewisse Gründe.

_Helene._ Ich glaube, ich habe alles in der Welt, was sich auf uns zwei
bezieht, schon einmal gedacht. So sind wir schon einmal gestanden, so
hat eine fade Musik gespielt, und so haben Sie mir Adieu gesagt, einmal
für allemal.

_Hans Karl._ Es ist nicht nur so aus diesem Augenblick heraus, Helen,
daß ich Ihnen Adieu sage. Oh nein, das dürfen Sie nicht glauben. Denn
daß man jemandem Adieu sagen muß, dahinter versteckt sich ja was.

_Helene._ Was denn?

_Hans Karl._ Da muß man ja sehr zu jemandem gehören und doch nicht ganz
zu ihm gehören dürfen.

_Helene_ $(zuckt)$. Was wollen Sie damit sagen?

_Hans Karl._ Da draußen, da war manchmal was -- mein Gott, ja, wer
könnte denn das erzählen!

_Helene._ Ja, mir. Jetzt.

_Hans Karl._ Da waren solche Stunden, gegen Abend oder in der Nacht, der
frühe Morgen mit dem Morgenstern -- Helen, Sie waren da sehr nahe von
mir. Dann war dieses Verschüttetwerden, Sie haben davon gehört --

_Helene._ Ja, ich hab' davon gehört --

_Hans Karl._ Das war nur ein Moment, dreißig Sekunden sollen es gewesen
sein, aber nach innen hat das ein anderes Maß. Für mich war's eine ganze
Lebenszeit, die ich gelebt hab', und in diesem Stück Leben, da waren Sie
meine Frau. Ist das nicht spaßig?

_Helene._ Da war ich Ihre Frau?

_Hans Karl._ Nicht meine zukünftige Frau. Das ist das Sonderbare. Meine
Frau ganz einfach. Als ein fait accompli. Das Ganze hat eher etwas
Vergangenes gehabt als etwas Zukünftiges.

_Helene_ $(schweigt)$.

_Hans Karl._ Mein Gott, ich bin eben nicht möglich, das sag' ich ja der
Crescence! Jetzt sitz' ich da neben Ihnen in einer Soiree und verlier'
mich in Geschichten, wie der alte Millesimo, Gott hab' ihn selig, den
schließlich die Leut' allein sitzen lassen haben, mit seinen Anekdoten
ohne Pointe, und der das gar nicht bemerkt hat und mutterseelenallein
weiter erzählt hat.

_Helene._ Aber ich lass' Sie gar nicht sitzen, ich hör' zu, Graf Kari.
Sie haben mir etwas sagen wollen, war es das?

_Hans Karl._ Nämlich: das war eine sehr subtile Lektion, die mir da eine
höhere Macht erteilt hat. Ich werd' Ihnen sagen, Helen, was die Lektion
bedeutet hat.

_Helene_ $(hat sich gesetzt, er setzt sich auch, die Musik hat
aufgehört)$.

_Hans Karl._ Es hat mir in einem ausgewählten Augenblick ganz eingeprägt
werden sollen, wie das Glück ausschaut, das ich mir verscherzt habe.
Wodurch ich mir's verscherzt habe, das wissen Sie ja so gut wie ich.

_Helene._ Das weiß ich so gut wie Sie?

_Hans Karl._ Indem ich halt, solange noch Zeit war, nicht erkannt habe,
worin das Einzige liegen könnte, worauf es ankäm'. Und daß ich das
nicht erkannt habe, das war eben die Schwäche meiner Natur. Und so habe
ich diese Prüfung nicht bestanden. Später im Feldspital, in den vielen
ruhigen Tagen und Nächten hab' ich das alles mit einer unbeschreiblichen
Klarheit und Reinheit erkennen können.

_Helene._ War es das, was Sie mir haben sagen wollen, genau das?

_Hans Karl._ Die Genesung ist so ein merkwürdiger Zustand. Darin ist
mir die ganze Welt wiedergekommen, wie etwas Reines, Neues und dabei
so Selbstverständliches. Ich hab' da auf einmal ausdenken können, was
das ist: ein Mensch. Und wie das sein muß: zwei Menschen, die ihr Leben
aufeinander legen und werden wie ein Mensch. Ich habe -- in der Ahnung
wenigstens -- mir vorstellen können -- was da dazu gehört, wie heilig
das ist und wie wunderbar. Und sonderbarerweise, es war nicht meine
Ehe, die ganz ungerufen die Mitte von diesem Denken war -- obwohl es ja
leicht möglich ist, daß ich noch einmal heirat' -- sondern es war Ihre
Ehe.

_Helene._ Meine Ehe! Meine Ehe -- mit wem denn?

_Hans Karl._ Das weiß ich nicht. Aber ich hab' mir das in einer ganz
genauen Weise vorstellen können, wie das alles sein wird, und wie
es sich abspielen wird, mit ganz wenigen Leuten und ganz heilig und
feierlich, und wie alles so sein wird, wie sich's gehört zu Ihren
Augen und zu Ihrer Stirn und zu Ihren Lippen, die nichts Überflüssiges
reden können, und zu Ihren Händen, die nichts Unwürdiges besiegeln
können -- und sogar das Ja-Wort hab' ich gehört, ganz klar und rein,
von Ihrer klaren, reinen Stimme -- ganz von weitem, denn ich war doch
natürlich nicht dabei, ich war doch nicht dabei! -- Wie käm' ich als
ein Außenstehender zu der Zeremonie -- Aber es hat mich gefreut, Ihnen
einmal zu sagen, wie ich's Ihnen mein. -- Und das kann man natürlich
nur in einem besonderen Moment; wie der jetzige, sozusagen in einem
definitiven Moment --

_Helene_ $(ist dem Umsinken nah, beherrscht sich aber)$.

_Hans Karl_ $(Tränen in den Augen)$. Mein Gott, jetzt hab' ich Sie ganz
bouleversiert, das liegt an meiner unmöglichen Art, ich attendrier mich
sofort, wenn ich von was sprech' oder hör', was nicht aufs Allerbanalste
hinausgeht -- es sind die Nerven seit der Geschichte, aber das steckt
sensible Menschen wie Sie natürlich an -- ich gehör' eben nicht unter
Menschen -- das sag' ich ja der Crescence -- ich bitt' Sie tausendmal
um Verzeihung, vergessen Sie alles, was ich da Konfuses zusammengeredt
hab' -- es kommen ja in so einem Abschiedsmoment tausend Erinnerungen
durcheinander -- $(hastig, weil er fühlt, daß sie nicht mehr allein
sind)$ -- aber wer sich beisammen hat, der vermeidet natürlich, sie
auszukramen -- Adieu, Helen, Adieu.

_Der berühmte Mann_ $(ist von rechts eingetreten)$.

_Helene_ $(kaum ihrer selbst mächtig)$. Adieu! $(Sie wollen sich die
Hände geben, keine Hand findet die andere.)$

_Hans Karl_ $(will fort nach rechts)$.

_Der berühmte Mann_ $(tritt auf ihn zu)$.

_Hans Karl_ $(sieht sich nach links um)$.

_Crescence_ $(tritt von links ein)$.

_Der berühmte Mann._ Es war seit langem mein lebhafter Wunsch, Euer
Erlaucht --

_Hans Karl_ $(eilt fort nach rechts)$. Pardon, mein Herr! $(An ihm
vorbei.)$

_Crescence_ $(tritt zu Helene, die totenblaß dasteht)$. --

_Der berühmte Mann_ $(ist verlegen abgegangen)$.

_Hans Karl_ $(erscheint nochmals in der Tür rechts, sieht herein, wie
unschlüssig und verschwindet gleich wieder, wie er Crescence bei Helene
sieht)$.

_Helene_ $(zu Crescence, fast ohne Besinnung)$. Du bist's, Crescence?
Er ist ja noch einmal hereingekommen. Hat er noch etwas gesagt? $(Sie
taumelt, Crescence hält sie)$.

_Crescence._ Aber ich bin ja so glücklich. Deine Ergriffenheit macht
mich ja so glücklich!

_Helene._ Pardon, Crescence, sei mir nicht bös! $(Macht sich los und
läuft weg nach links.)$

_Crescence._ Ihr habt's euch eben beide viel lieber, als ihr wißt's, der
Stani und du! $(Sie wischt sich die Augen.)$

     $Der Vorhang fällt.$



_DRITTER AKT_


     $Vorsaal im Altenwylschen Haus. Rechts der Ausgang in die
     Einfahrt. Treppe in der Mitte. Hinaufführend zu einer Galerie, von
     der links und rechts je eine Flügeltür in die eigentlichen Gemächer
     führt. Unten neben der Treppe niedrige Diwans oder Bänke.$


Erste Szene

_Kammerdiener_ $(steht beim Ausgang rechts. Andere Diener stehen
außerhalb, sind durch die Glasscheiben des Windfangs sichtbar.
Kammerdiener ruft den andern Dienern zu)$. Herr Hofrat Professor Brücke!

_Der berühmte Mann_ $(kommt die Treppe herunter)$.

_Diener_ $(kommt von rechts mit dem Pelz, in dem innen zwei Cache-nez
hängen, mit Überschuhen.)$

_Kammerdiener_ $(während dem berühmten Mann in die Überkleider geholfen
wird.)$ Befehlen Herr Hofrat ein Auto?

_Der berühmte Mann._ Ich danke. Ist seine Erlaucht, der Graf Bühl nicht
soeben vor mir gewesen?

_Kammerdiener._ Soeben im Augenblick.

_Der berühmte Mann._ Ist er fortgefahren?

_Kammerdiener._ Nein, Erlaucht hat sein Auto weggeschickt, er hat zwei
Herren vorfahren sehen und ist hinter die Portiersloge getreten und hat
sie vorbeigelassen. Jetzt muß er gerade aus dem Haus sein.

_Der berühmte Mann_ $(beeilt sich)$. Ich werde ihn einholen. $(Er geht,
man sieht zugleich draußen Stani und Hechingen eintreten.)$


Zweite Szene

     $Stani und Hechingen treten herein, hinter jedem ein Diener,
     der ihm Überrock und Hut abnimmt.$

_Stani_ $(grüßt im Vorbeigehen den berühmten Mann)$. Guten Abend Wenzel,
meine Mutter ist da?

_Kammerdiener._ Sehr wohl, Frau Gräfin sind beim Spiel. $(Tritt ab,
ebenso die andern Diener.)$

_Stani_ $(will hinaufgehen)$.

_Hechingen_ $(steht seitlich an einem Spiegel, sichtlich nervös)$.

$(Ein anderer Altenwylscher Diener kommt die Treppe herab.)$

_Stani_ $(hält den Diener auf)$. Sie kennen mich?

_Diener._ Sehr wohl, Herr Graf.

_Stani._ Gehen Sie durch die Salons und suchen Sie den Grafen Bühl, bis
Sie ihn finden. Dann nähern Sie sich ihm unauffällig und melden ihm, ich
lasse ihn bitten auf ein Wort, entweder im Eckzimmer der Bildergalerie
oder im chinesischen Rauchzimmer. Verstanden? Also was werden Sie sagen?

_Diener._ Ich werde melden, Herr Graf Freudenberg wünschen mit seiner
Erlaucht privat ein Wort zu sprechen, entweder im Eckzimmer --

_Stani._ Gut.

_Diener_ $(geht)$.

_Hechingen._ Pst, Diener!

_Diener_ $(hört ihn nicht, geht oben hinein)$.

_Stani_ $(hat sich gesetzt)$.

_Hechingen_ $(sieht ihn an)$.

_Stani._ Wenn du vielleicht ohne mich eintreten würdest? Ich habe eine
Post hinaufgeschickt, ich warte hier einen Moment, bis er mir die
Antwort bringt.

_Hechingen._ Ich leiste dir Gesellschaft.

_Stani._ Nein, ich bitte sehr, daß du dich durch mich nicht aufhalten
laßt. Du warst ja sehr pressiert herzukommen --

_Hechingen._ Mein lieber Stani, du siehst mich in einer ganz besonderen
Situation vor dir. Wenn ich jetzt die Schwelle dieses Salons
überschreite, so entscheidet sich mein Schicksal.

_Stani_ $(enerviert über Hechingens nervöses Auf-und-ab-Gehen)$.
Möchtest du nicht vielleicht Platz nehmen? Ich wart' nur auf den Diener,
wie gesagt.

_Hechingen._ Ich kann mich nicht setzen, ich bin zu agitiert.

_Stani._ Du hast vielleicht ein bissel schnell den Schampus
hinuntergetrunken.

_Hechingen._ Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, mein lieber Stani,
muß ich dir gestehen, daß für mich in dieser Stunde außerordentlich
Großes auf dem Spiel steht.

_Stani_ $(während Hechingen sich wieder nervös zerstreut von ihm
entfernt)$. Aber es steht ja öfter irgend etwas Seriöses auf dem Spiel.
Es kommt nur darauf an, sich nichts merken zu lassen.

_Hechingen_ $(wieder näher)$. Dein Onkel Kari hat es in seiner
freundschaftlichen Güte auf sich genommen, mit der Antoinette, mit
meiner Frau, ein Gespräch zu führen, dessen Ausgang wie gesagt --

_Stani._ Der Onkel Kari?

_Hechingen._ Ich mußte mir sagen, daß ich mein Schicksal in die Hand
keines nobleren, keines selbstloseren Freundes --

_Stani._ Aber natürlich -- Wenn er nur die Zeit gefunden hat?

_Hechingen._ Wie?

_Stani._ Er übernimmt manchmal ein bissel viel, der Onkel Kari. Wenn
irgend jemand etwas von ihm will -- er kann nicht nein sagen.

_Hechingen._ Es war abgemacht, daß ich im Klub ein telephonisches Signal
erwarte, ob ich hier herkommen soll, oder ob mein Erscheinen noch nicht
opportun ist.

_Stani._ Ah. Da hätte ich aber an deiner Stelle auch wirklich gewartet.

_Hechingen._ Ich war nicht mehr imstande, länger zu warten. Bedenke, was
für mich auf dem Spiel steht!

_Stani._ Über solche Entscheidungen muß man halt ein bissel erhaben
sein. Aha! $(Sieht den Diener, der oben heraustritt.)$

_Diener_ $(kommt die Treppe herunter)$.

_Stani_ $(ihm entgegen, läßt Hechingen stehen)$.

_Diener._ Nein, ich glaube, seine Erlaucht müssen fort sein.

_Stani._ Sie glauben? Ich habe Ihnen gesagt, sie sollen herumgehen, bis
Sie ihn finden.

_Diener._ Verschiedene Herrschaften haben auch schon gefragt, seine
Erlaucht müssen rein unauffällig verschwunden sein.

_Stani._ Sapristi! Dann gehen Sie zu meiner Mutter und melden Sie ihr,
ich lasse vielmals bitten, sie möchte auf einen Moment zu mir in den
vordersten Salon herauskommen. Ich muß meinen Onkel oder sie sprechen,
bevor ich eintrete.

_Diener._ Sehr wohl. $(Geht wieder hinauf.)$

_Hechingen._ Mein Instinkt sagt mir, daß der Kari in der Minute
heraustreten wird, um mir das Resultat zu verkündigen, und daß es ein
glückliches sein wird.

_Stani._ So einen sicheren Instinkt hast du? Ich gratuliere.

_Hechingen._ Etwas hat ihn abgehalten zu telephonieren, aber er hat mich
herbeigewünscht. Ich fühle mich ununterbrochen im Kontakt mit ihm.

_Stani._ Fabelhaft!

_Hechingen._ Das ist bei uns gegenseitig. Sehr oft spricht er etwas aus,
was ich im gleichen Augenblick mir gedacht habe.

_Stani._ Du bist offenbar ein großartiges Medium.

_Hechingen._ Mein lieber Freund, wie ich ein junger Hund war wie du,
hätte ich auch viel nicht für möglich gehalten, aber wenn man seine
fünfunddreißig auf dem Buckel hat, da gehen einem die Augen für so
manches auf. Es ist ja, wie wenn man früher taub und blind gewesen wäre.

_Stani._ Was du nicht sagst!

_Hechingen._ Ich verdank' ja dem Kari geradezu meine zweite Erziehung.
Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß ich ohne ihn einfach aus
meiner verworrenen Lebenssituation nicht herausgefunden hätte.

_Stani._ Das ist enorm.

_Hechingen._ Ein Wesen wie die Antoinette, mag man auch ihr Mann gewesen
sein, das sagt noch gar nichts, man hat eben keine Ahnung von dieser
inneren Feinheit. Ich bitte nicht zu übersehen, daß ein solches Wesen
ein Schmetterling ist, dessen Blütenstaub man schonen muß. Wenn du sie
kennen würdest, ich meine näher kennen --

_Stani_ $(verbindliche Gebärde)$.

_Hechingen._ Ich fass' mein Verhältnis zu ihr jetzt so auf, daß es
einfach meine Schuldigkeit ist, ihr die Freiheit zu gewähren, deren ihre
bizarre, phantasievolle Natur bedarf. Sie hat die Natur der grande dame
des XVIII. Jahrhunderts. Nur dadurch, daß man ihr die volle Freiheit
gewährt, kann man sie an sich fesseln.

_Stani._ Ah.

_Hechingen._ Man muß large sein, das ist es, was ich dem Kari verdanke.
Ich würde keineswegs etwas Irreparables darin erblicken, einen Menschen,
der sie verehrt, in larger Weise heranzuziehen.

_Stani._ Ich begreife.

_Hechingen._ Ich würde mich bemühen, meinen Freund aus ihm zu machen,
nicht aus Politik, sondern ganz unbefangen. Ich würde ihm herzlich
entgegenkommen: das ist die Art, wie der Kari mir gezeigt hat, daß man
die Menschen nehmen muß: mit einem leichten Handgelenk.

_Stani._ Aber es ist nicht alles au pied de la lettre zu nehmen, was der
Onkel Kari sagt.

_Hechingen._ Au pied de la lettre natürlich nicht. Ich würde dich
bitten, nicht zu übersehen, daß ich genau fühle, worauf es ankommt. Es
kommt alles auf ein gewisses Etwas an, auf eine Grazie -- ich möchte
sagen, es muß alles ein beständiges Impromptu sein. $(Er geht nervös auf
und ab.)$

_Stani._ Man muß vor allem seine tenue zu wahren wissen. Beispielsweise,
wenn der Onkel Kari eine Entscheidung über was immer zu erwarten hätte,
so würde kein Mensch ihm etwas anmerken.

_Hechingen._ Aber natürlich. Dort hinter dieser Statue oder hinter der
großen Azalee würde er, mit der größten Nonchalance stehen und plauschen
-- ich mal mir das aus! Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, ich
schwör' dir, daß ich jede kleine Nuance, die in ihm vorgehen würde,
nachempfinden kann.

_Stani._ Da wir uns aber nicht beide hinter die Azalee stellen können
und dieser Idiot von Diener absolut nicht wiederkommt, so werden wir
vielleicht hinaufgehen.

_Hechingen._ Ja, gehen wir beide. Es tut mir wohl, diesen Augenblick
nicht allein zu verbringen. Mein lieber Stani, ich hab' eine so
aufrichtige Sympathie für dich! $(Hängt sich in ihn ein.)$

_Stani_ $(indem er seinen Arm von dem Hechingens entfernt)$. Aber
vielleicht nicht bras dessus -- bras dessous wie die Komtessen, wenn sie
das erste Jahr ausgehen, sondern jeder extra.

_Hechingen._ Bitte, bitte, wie dir's genehm ist. --

_Stani._ Ich würde dir vorschlagen, als erster zu starten. Ich komm'
dann sofort nach.

_Hechingen_ $(geht voraus, verschwindet oben)$.

_Stani_ $(geht ihm nach)$.


Dritte Szene

_Helene_ $(tritt aus einer kleinen versteckten Tür in der linken
Seitenwand. Sie wartet, bis Stani oben unsichtbar geworden ist. Dann
ruft sie den Kammerdiener leise an)$. Wenzel, Wenzel, ich will Sie etwas
fragen.

_Kammerdiener_ $(geht schnell zu ihr hinüber)$. Befehlen Komtesse?

_Helene_ $(mit sehr leichtem Ton)$. Haben Sie gesehen, ob der Graf Bühl
fortgegangen ist?

_Kammerdiener._ Jawohl, sind fortgegangen, vor fünf Minuten.

_Helene._ Er hat nichts hinterlassen?

_Kammerdiener._ Wie meinen die Komtesse?

_Helene._ Einen Brief oder eine mündliche Post.

_Kammerdiener._ Mir nicht, ich werde gleich die andern Diener fragen.
$(Geht hinüber.)$

_Helene_ $(steht und wartet)$.

_Stani_ $(wird oben sichtbar. Er sucht zu sehen, mit wem Helene spricht
und verschwindet dann wieder)$.

_Kammerdiener_ $(kommt zurück zu Helene)$. Nein, gar nicht. Er hat sein
Auto weggeschickt, sich Zigarre angezündet und ist gegangen.

_Helene_ $(sagt nichts)$.

_Kammerdiener_ $(nach einer kleinen Pause)$. Befehlen Komtesse noch
etwas?

_Helene._ Ja, Wenzel, ich werd' in ein paar Minuten wiederkommen, und
dann werd' ich aus dem Hause gehen.

_Kammerdiener._ Wegfahren, noch jetzt am Abend?

_Helene._ Nein, gehen, zu Fuß.

_Kammerdiener._ Ist jemand krank worden?

_Helene._ Nein, es ist niemand krank, ich muß mit jemandem sprechen.

_Kammerdiener._ Befehlen Komtesse, daß wer begleitet außer der Miß?

_Helene._ Nein, ich werde ganz allein gehen, auch die Miß Jekyll wird
mich nicht begleiten. Ich werde hier herausgehen in einem Augenblick,
wenn niemand von den Gästen hier fort geht. Und ich werde Ihnen einen
Brief für den Papa geben.

_Kammerdiener._ Befehlen, daß ich den dann gleich hineintrage?

_Helene._ Nein, geben Sie ihn dem Papa, wenn er die letzten Gäste
begleitet hat.

_Kammerdiener._ Wenn sich alle Herrschaften verabschiedet haben?

_Helene._ Ja, im Moment, wo er befiehlt, das Licht auszulöschen. Aber
dann bleiben Sie bei ihm. Ich möchte, daß Sie -- $(sie stockt)$.

_Kammerdiener._ Befehlen?

_Helene._ Wie alt war ich, Wenzel, wie Sie hier ins Haus gekommen sind?

_Kammerdiener._ Fünf Jahre altes Mäderl waren Komtesse.

_Helene._ Es ist gut, Wenzel, ich danke Ihnen. Ich werde hier
herauskommen, und Sie werden mir ein Zeichen geben, ob der Weg frei ist.
$(Reicht ihm ihre Hand zum Küssen)$.

_Kammerdiener._ Befehlen. $(Küßt die Hand.)$

_Helene_ $(geht wieder ab durch die kleine Tür)$.


Vierte Szene

     $Antoinette und Neuhoff kommen rechts seitwärts der Treppe aus
     dem Wintergarten.$

_Antoinette._ Das war die Helen. War sie allein? Hat sie mich gesehen?

_Neuhoff._ Ich glaube nicht. Aber was liegt daran? Jedenfalls haben Sie
diesen Blick nicht zu fürchten.

_Antoinette._ Ich fürcht' mich vor ihr. So oft ich an sie denk', glaub'
ich, daß mich wer angelogen hat. Gehen wir woanders hin, wir können
nicht hier im Vestibül sitzen.

_Neuhoff._ Beruhigen Sie sich. Kari Bühl ist fort. Ich habe soeben
gesehen, wie er fortgegangen ist.

_Antoinette._ Gerade jetzt im Augenblick?

_Neuhoff_ $(versteht, woran sie denkt)$. Er ist unbemerkt und
unbegleitet fortgegangen.

_Antoinette._ Wie?

_Neuhoff._ Eine gewisse Person hat ihn nicht bis hierher begleitet und
hat überhaupt in der letzten halben Stunde seines Hierseins nicht mit
ihm gesprochen. Ich habe es festgestellt. Seien Sie ruhig.

_Antoinette._ Er hat mir geschworen, er wird ihr Adieu sagen für immer.
Ich möcht ihr Gesicht sehen, dann wüßt' ich --

_Neuhoff._ Dieses Gesicht ist hart wie Stein. Bleiben Sie bei mir hier.

_Antoinette._ Ich --

_Neuhoff._ Ihr Gesicht ist entzückend. Andere Gesichter verstecken
alles. Das Ihrige ist ein unaufhörliches Geständnis. Man könnte diesem
Gesicht alles entreißen, was je in Ihnen vorgegangen ist.

_Antoinette._ Man könnte? Vielleicht -- wenn man einen Schatten von
Recht dazu hätte.

_Neuhoff._ Man nimmt das Recht dazu aus dem Moment. Sie sind eine Frau,
eine wirkliche, entzückende Frau. Sie gehören keinem und jedem! Nein:
Sie haben noch keinem gehört, Sie warten noch immer.

_Antoinette_ $(mit einem kleinen nervösen Lachen)$. Nicht auf Sie!

_Neuhoff._ Ja, genau auf mich, das heißt auf den Mann, den Sie noch
nicht kennen, auf den wirklichen Mann, auf Ritterlichkeit, auf Güte, die
in der Kraft wurzelt. Denn die Karis haben Sie nur malträtiert, betrogen
vom ersten bis zum letzten Augenblick, diese Sorte von Menschen ohne
Güte, ohne Kern, ohne Nerv, ohne Loyalität! Diese Schmarotzer, denen ein
Wesen wie Sie immer wieder und wieder in die Schlinge fällt, ungelohnt,
unbedankt, unbeglückt, erniedrigt in ihrer zartesten Weiblichkeit!
$(Will ihre Hand ergreifen.)$

_Antoinette._ Wie Sie sich echauffieren! Aber vor Ihnen bin ich sicher,
Ihr kalter, wollender Verstand hebt ja den Kopf aus jedem Wort, das Sie
reden. Ich hab' nicht einmal Angst vor Ihnen. Ich will Sie nicht!

_Neuhoff._ Mein Verstand, ich hass' ihn ja! Ich will ja erlöst sein von
ihm, mich verlangt ja nichts anderes, als ihn bei Ihnen zu verlieren,
süße kleine Antoinette! $(Er will ihre Hand nehmen.)$

_Hechingen_ $(wird oben sichtbar, tritt aber gleich wieder zurück)$.

_Neuhoff_ $(hat ihn gesehen, nimmt ihre Hand nicht, ändert die Stellung
und den Gesichtsausdruck)$.

_Antoinette._ Ah, jetzt hab' ich Sie durch und durch gesehen, wie sich
das jäh verändern kann in Ihrem Gesicht! Ich will Ihnen sagen, was
jetzt passiert ist: jetzt ist oben die Helen vorbeigegangen, und in
diesem Augenblick hab' ich in Ihnen lesen können wie in einem offenen
Buch. Dépit und Ohnmacht, Zorn, Scham und die Lust, mich zu kriegen --
faute de mieux -- das alles war zugleich darin. Die Edine schimpft mit
mir, daß ich komplizierte Bücher nicht lesen kann. Aber das war recht
kompliziert, und ich hab's doch lesen können in einem Nu. Geben Sie sich
keine Müh' mit mir. Ich mag nicht!

_Neuhoff_ $(beugt sich zu ihr)$. Du sollst wollen!

_Antoinette_ $(steht auf)$. Oho! Ich mag nicht! Ich mag nicht! Denn
das, was da aus Ihren Augen hervorwill und mich in seine Gewalt kriegen
will, aber nur will! -- kann sein, daß das sehr männlich ist -- aber
ich mag's nicht. Und wenn das Euer Bestes ist, so hat jede einzelne von
uns, und wäre sie die Gewöhnlichste, etwas in sich, das besser ist als
Euer Bestes, und das gefeit ist gegen Euer Bestes durch ein bisserl eine
Angst. Aber keine solche Angst, die einen schwindlig macht, sondern eine
ganz nüchterne, ganz prosaische. $(Sie geht gegen die Treppe, bleibt
noch einmal stehen.)$ Verstehen Sie mich? Bin ich ganz deutlich? Ich
fürcht' mich vor Ihnen, aber nicht genug, das ist Ihr Pech. Adieu, Baron
Neuhoff. $(Neuhoff ist schnell nach dem Wintergarten abgegangen.)$


Fünfte Szene

_Hechingen_ $(tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe
herunter)$.

_Antoinette_ $(ist betroffen und tritt zurück)$.

_Hechingen._ Toinette!

_Antoinette_ $(unwillkürlich)$. Auch das noch!

_Hechingen._ Wie sagst du?

_Antoinette._ Ich bin überrascht -- das mußt du doch begreifen.

_Hechingen._ Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke
meiner Chance, ich danke diesem Augenblick!

_Antoinette._ Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist
anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?

_Hechingen._ Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange
nicht angeschaut haben?

_Antoinette._ Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.

_Hechingen._ Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette. $(Er ist ihr
näher gekommen.)$

_Antoinette_ $(tritt zurück)$.

_Hechingen._ Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert
hat, wenn ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.

_Antoinette._ Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für
wen?

_Hechingen._ Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze
Frau, die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!

_Antoinette._ Ah, von mir ist die Rede!

_Hechingen._ Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen
wie du bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine
Gedanken, wie ich da oben gestanden bin! Diese Frau begehrt von allen
und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist
unser beider Schicksal. Setz dich zu mir! $(Er hat sich gesetzt, streckt
die Hand nach ihr aus.)$

_Antoinette._ Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so
alte Bekannte ist.

_Hechingen_ $(ist wieder aufgestanden)$. Ich hab' dich nicht gekannt.
Ich hab' erst andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein
andrer, ein Verwandelter.

_Antoinette._ Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir
das angewöhnt?

_Hechingen._ Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst,
Toinette, so wie er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes
wünscht, nichts anderes träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu
kennen.

_Antoinette._ Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn
ich eine Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.

_Hechingen._ Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt!
$(Will ihre Hand küssen, sie entzieht sie ihm.)$

_Antoinette._ Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein
altes Ehepaar hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch
nicht, das ist ja zum Schwindligwerden.

_Hechingen._ Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts
von unserer Situation.

_Antoinette._ Aber das ist doch eine gegebene Situation.

_Hechingen._ Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und
ich, und alles fängt wieder vom Frischen an.

_Antoinette._ Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.

_Hechingen._ Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.

_Antoinette._ Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem
alten Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich
hab' ein bissel Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahren
wollen, bevor ich gewußt hab', daß ich dich -- ich hab' doch nicht
wissen können!

_Hechingen._ Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor
dich hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer
enflammierter Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das
verwirrt dich, das macht dich taumeln. $(Will ihre Hand nehmen.)$

_Antoinette._ Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz
nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor
und ich mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu
mir einen einzigen Gefallen, laß' mich nach Haus fahren.

_Hechingen._ Oh, Antoinette!

_Antoinette._ Das heißt wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen,
so sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins!
Sag's ganz in deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.

_Hechingen_ $(betrübt und ernüchtert, schweigt)$.

_Antoinette._ So sag doch, was du mir hast sagen wollen.

_Hechingen._ Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich
einerseits zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte
mich der Hoffnung hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen
haben würde, dir von mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich
zu sprechen. Ich habe mir zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine
improvisierte Aussprache zwischen uns möglicherweise eine veränderte
Situation schon vorfindet oder wenigstens schaffen würde können. -- Ich
würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß du mir die Gelegenheit, dir
von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht gewährt hast -- ich
fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette -- langweil' ich dich
sehr?

_Antoinette._ Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch
was sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.

_Hechingen._ Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur
mich, nur mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit
auferlegt, deren Dauer du zu bestimmen hast.

_Antoinette._ Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?

_Hechingen._ Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette
--

_Antoinette._ Bitte, was ist, wenn du dich da wendest? $(Sie greift sich
an die Schläfe.)$

_Hechingen._ -- so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer
und immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen
Standpunkt zu stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines
Scharmes und deiner Freiheit sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen
entgegenwirft, so werde ich triumphierend auf das vor wenigen Minuten
hier Erlebte verweisen, auf den sprechenden Beweis, wie sehr es dir
gegeben ist, die Männer, die dich begehren und bedrängen, in ihren
Schranken zu halten.

_Antoinette_ $(nervös)$. Was denn?

_Hechingen._ Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des
XVIII. Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes
daran zu erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern
die Nuance. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du
handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.

_Antoinette_ $(dem Weinen nah)$. Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut,
aber meine Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.

_Hechingen._ Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese
Augenblicke für mich unendlich kostbar sind.

_Antoinette._ Bitte, hab' die Güte -- $(sie taumelt)$.

_Hechingen._ Ich versteh'. Ein Auto?

_Antoinette._ Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.

_Hechingen._ Sofort. $(Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem
Mantel. Indem er ihr hilft.)$ Ist das alles, was ich für dich tun kann?

_Antoinette._ Ja, alles.

_Kammerdiener_ $(an der Glastür, meldet)$. Das Auto für die Frau Gräfin.

_Antoinette_ $(geht sehr schnell ab)$.

_Hechingen_ $(will ihr nach, hält sich)$.


Sechste Szene

_Stani_ $(von rückwärts aus dem Wintergarten. Er scheint jemand zu
suchen)$. Ah, du bist's, hast du meine Mutter nicht gesehen?

_Hechingen._ Nein, ich war nicht in den Salons. Ich hab' soeben meine
Frau an ihr Auto begleitet. Es war eine Situation ohne Beispiel.

_Stani_ $(mit seiner eigenen Sache beschäftigt)$. Ich begreif' nicht.
Die Mamu bestellt mich zuerst in den Wintergarten, dann läßt sie mir
sagen, hier an der Stiege auf sie zu warten --

_Hechingen._ Ich muß mich jetzt unbedingt mit dem Kari aussprechen.

_Stani._ Da mußt du halt fortgehen und ihn suchen.

_Hechingen._ Mein Instinkt sagt mir, er ist nur fortgegangen, um mich im
Klub aufzusuchen und wird wiederkommen. $(Geht nach oben.)$

_Stani._ Ja, wenn man so einen Instinkt hat, der einem alles sagt! Ah,
da ist ja die Mamu!


Siebente Szene

_Crescence_ $(kommt unten von links seitwärts der Treppe heraus)$.
Ich komm' über die Dienerstiegen, diese Diener machen nichts als
Mißverständnisse. Zuerst sagt er mir, du bittest mich, in den
Wintergarten zu kommen, dann sagt er in der Galerie --

_Stani._ Mamu, das ist ein Abend, wo man aus den Konfusionen überhaupt
nicht herauskommt. Ich bin wirklich auf dem Punkt gestanden, wenn es
nicht wegen ihr gewesen wäre, stante pede nach Haus zu fahren, eine
Dusche zu nehmen und mich ins Bett zu legen. Ich vertrag' viel, aber
eine schiefe Situation, das ist mir etwas so Odioses, das zerrt direkt
an meinen Nerven. Ich muß vielmals bitten, mich doch jetzt au courant zu
setzen.

_Crescence._ Ja, ich begreif' doch gar nicht, daß der Onkel Kari hat
weggehen können, ohne mir auch nur einen Wink zu geben. Das ist eine
von seinen Zerstreutheiten, ich bin ja desperat, mein guter Bub'.

_Stani._ Bitte mir doch die Situation etwas zu erklären. Bitte mir nur
in großen Linien zu sagen, was vorgefallen ist.

_Crescence._ Aber alles ist ja genau nach dem Programm gegangen. Zuerst
hat der Onkel Kari mit der Antoinette ein sehr agitiertes Gespräch
geführt --

_Stani._ Das war schon der erste Fehler. Das hab' ich ja gewußt, das war
eben zu kompliziert. Ich bitte mir also weiter zu sagen!

_Crescence._ Was soll ich ihm denn weiter sagen? Die Antoinette stürzt
an mir vorbei, ganz bouleversiert, unmittelbar darauf setzt sich der
Onkel Kari mit der Helen --

_Stani._ Es ist eben zu kompliziert, zwei solche Konversationen an einem
Abend durchzuführen. Und der Onkel Kari --

_Crescence._ Das Gespräch mit der Helen geht ins Endlose, ich komm' an
die Tür -- die Helen fällt mir in die Arme, ich bin selig, sie lauft
weg, ganz verschämt, wie sich's gehört, ich stürz' ans Telephon und
zitier' dich her!

_Stani._ Ja, ich bitte, das weiß ich ja, aber ich bitte, mir
aufzuklären, was denn hier vorgegangen ist!

_Crescence._ Ich stürz' im Flug durch die Zimmer, such' den Kari, find'
ihn nicht. Ich muß zurück zu der Partie, du kannst dir denken, wie ich
gespielt hab'. Die Mariette Stradonitz invitiert auf Herz, ich spiel'
Karo, dazwischen bet' ich die ganze Zeit zu die vierzehn Nothelfer.
Gleich darauf mach' ich Renonce in Pik. Endlich kann ich aufstehen, ich
such' den Kari wieder, ich find' ihn nicht! Ich geh' durch die finstern
Zimmer bis an der Helen ihre Tür, ich hör' sie drin weinen. Ich klopf'
an, sag' meinen Namen, sie gibt mir keine Antwort. Ich schleich' mich
wieder zurück zur Partie, die Mariette fragt mich dreimal, ob mir
schlecht ist, der Louis Castaldo schaut mich an, als ob ich ein Gespenst
wär. --

_Stani._ Ich versteh' alles.

_Crescence._ Ja, was, ich versteh' ja gar nichts.

_Stani._ Alles, alles. Die ganze Sache ist mir klar.

_Crescence._ Ja, wie sieht er denn das?

_Stani._ Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung
hat einen Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel
Kari entnommen, daß ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in
Verzweiflung ist, verliert ja total ihre Tenue; sie hat sich dann an
die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen Mordstratsch gemacht,
daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen Empfindlichkeit
beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz brechen
sollte.

_Crescence._ Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!

_Stani._ Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat,
hat sich sofort aus dem Staub gemacht.

_Crescence._ Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter
Bub', was sagst du denn da?

_Stani._ Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige,
was ein Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat:
man bleibt, was man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance
nichts ändern.

_Crescence._ Er ist ein lieber Bub', und ich adorier ihn für seine
Haltung, aber deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!

_Stani._ Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.

_Crescence._ Für einen Menschen mit seiner Tenue gibt's keine schiefe
Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen
jetzt und dreiviertel zehn passiert ist.

_Stani._ Ich bitt' inständig --

_Crescence._ Aber mein Bub', er ist mir tausendmal zu gut, als daß
ich ihn wollt einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von
China wär'. Aber anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als
daß ich ihr Glück einem Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die
Antoinette ist, aufopfern wollte. Also tu' er mir den Gefallen und
bleib' er da und begleit er mich dann nach Haus, er sieht doch, wie ich
agitiert bin. $(Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.)$


Achte Szene

_Helene_ $(ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel
wie zum Fortgehen. Sie wartet, bis Crescence und Stani sie nicht mehr
sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar
geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat
Karl gesehen, bevor er sie erblickt hat. Ihr Gesicht verändert sich
in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den
Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt
sie Karl entgegen.)$

_Hans Karl_ $(betroffen)$. Helen, Sie sind noch hier?

_Helene_ $(hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung
und in einem leichten, fast überlegenen Ton)$. Ich bin hier zu Haus.

_Hans Karl._ Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!

_Helene._ Ja, es ist etwas geschehen.

_Hans Karl._ Wann, so plötzlich?

_Helene._ Vor einer Stunde, glaub' ich.

_Hans Karl_ $(unsicher)$. Etwas Unangenehmes?

_Helene._ Wie?

_Hans Karl._ Etwas Aufregendes?

_Helene._ Ah ja, das schon.

_Hans Karl._ Etwas Irreparables?

_Helene._ Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.

_Hans Karl._ Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.

_Helene._ Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.

_Hans Karl._ Ausgehen?

_Helene._ Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber
zuerst werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist
keine ganz gewöhnliche Manier.

_Hans Karl_ $(zögernd)$. Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn
man mich so direkt was fragt.

_Helene._ Ja, ich frag' Sie direkt.

_Hans Karl._ Ich kann's gar nicht leicht explizieren.

_Helene._ Wir können uns setzen. $(Sie setzen sich.)$

_Hans Karl._ Ich hab' früher in unserer Konversation -- da oben, in dem
kleinen Salon --

_Helene._ Ah, da oben in dem kleinen Salon.

_Hans Karl_ $(unsicher durch ihren Ton)$. Ja, freilich, in dem kleinen
Salon. Ich hab' da einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.

_Helene._ Ah?

_Hans Karl._ Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.

_Helene._ Etwas Vergangenes?

_Hans Karl._ Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir
vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital.
Rein persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge,
die absolut nicht dazu gehört haben.

_Helene._ Ja, ich versteh' Sie. Und?

_Hans Karl._ Da hab' ich Unrecht getan.

_Helene._ Inwiefern?

_Hans Karl._ Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei
einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen.
Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die
Gegenwart bezieht, einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine
Gedanken darüber sind mir ganz klar.

_Helene._ Das hoff' ich.

_Hans Karl._ Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung,
sobald ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so
wenig in der Hand hab' -- und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre
volle Freiheit, pardon, das Wort ist mir ganz ungeschickt über die
Lippen gekommen -- um Ihnen Ihre volle Unbefangenheit zurückzugeben.

_Helene._ Meine Unbefangenheit -- mir wiedergeben?

_Hans Karl_ $(unsicher, will aufstehen)$.

_Helene_ $(bleibt sitzen)$. Also das haben Sie mir sagen wollen -- über
Ihr Fortgehen früher?

_Hans Karl._ Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein
Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.

_Helene._ Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen,
warum Sie wiedergekommen sind.

_Hans Karl._ Sie mir?

_Helene_ $(mit einem vollen Blick auf ihn)$. Sie sind wiedergekommen,
weil ... ja! es gibt das! gelobt sei Gott im Himmel! $(Sie lacht.)$ Aber
es ist vielleicht schade, daß Sie wiedergekommen sind. Denn hier ist
vielleicht nicht der rechte Ort, das zu sagen, was gesagt werden muß --
vielleicht hätte das -- aber jetzt muß es halt hier gesagt werden.

_Hans Karl._ Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es
heraus!

_Helene._ Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie
fortgetrieben hat, und was Sie wieder zurückgebracht hat.

_Hans Karl._ Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.

_Helene._ Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie
hier hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem
eigenen Selbst -- sind Sie bös?

_Hans Karl._ Vor meinem Selbst?

_Helene._ Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem,
der führt einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher
zurückgeführt.

_Hans Karl._ Ich versteh' Sie nicht, Helen!

_Helene_ $(ohne ihn anzusehen)$. Hart sind nicht solche Abschiede für
Sie, aber hart ist manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit
sich allein sind.

_Hans Karl._ Sie wissen das alles?

_Helene._ Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt
und hätte für Sie das Unmögliche getan.

_Hans Karl._ Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?

_Helene._ Ich wär' Ihnen nachgegangen.

_Hans Karl._ Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?

_Helene._ Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch
meinen Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.

_Hans Karl._ Sie wären mir -- ? Ja, wohin?

_Helene._ Ins Kasino oder anderswo -- was weiß ich, bis ich Sie halt
gefunden hätte.

_Hans Karl._ Sie wären mir, Helen -- ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu
denken, ob -- ?

_Helene._ Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach --
Ich will, daß du mich --

_Hans Karl_ $(mit unsicherer Stimme)$. Sie, du, du willst? $(Für sich.)$
Da sind wieder diese unmöglichen Tränen! $(Zu ihr.)$ Ich hör' Sie
schlecht. Sie sprechen so leise.

_Helene._ Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen -- aber die
helfen mir sogar eher, um das zu sagen --

_Hans Karl._ Du -- Sie haben etwas gesagt?

_Helene._ Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht,
wie du allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt --

_Hans Karl._ Jetzt?

_Helene._ Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben
kannst -- aber ich bin in dich verliebt, und ich will -- aber das ist
doch eine Enormität, daß Sie mich das sagen lassen!

_Hans Karl_ $(zitternd)$. Sie wollen von mir --

_Helene_ $(mit keinem festeren Ton als er)$. Von deinem Leben, von
deiner Seele, von allem -- meinen Teil! $(Eine kleine Pause.)$

_Hans Karl._ Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der
maßlosesten Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie
irren sich in bezug auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.

_Helene._ Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.

_Hans Karl._ Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.

_Helene_ $(schüttelt den Kopf)$.

_Hans Karl._ Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem
Gewissen hat.

_Helene_ $(lächelnd)$. Ja, das scheint.

_Hans Karl._ Ich hab' so vielen Frauen weh getan.

_Helene._ Die Liebe ist nicht süßlich.

_Hans Karl._ Ich bin ein maßloser Egoist.

_Helene._ Ja? Ich glaub nicht.

_Hans Karl._ Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.

_Helene._ Ja, Sie können -- wie sagt man das? -- verführt werden und
verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich
lassen. Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch
beide.

_Hans Karl._ Wie?

_Helene._ Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das -- oder das --
sondern von einem Wesen: alles -- für immer! Es hätte eine die Kraft
haben müssen, Sie zu zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr
begehrt hätten. Bei der wären Sie dann geblieben.

_Hans Karl._ Wie du mich kennst!

_Helene._ Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig,
und du hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft
für keine: das war mein Trost.

_Hans Karl._ Wie du alles weißt!

_Helene._ Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.

_Hans Karl._ Da muß ich mich ja vor dir schämen.

_Helene._ Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins
lebendige Fleisch.

_Hans Karl._ Alles hast du gewußt und ertragen --

_Helene._ Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche
Frau von dir wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.

_Hans Karl._ Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie
die andern Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.

_Helene._ Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für
dich hab'. Dazu wird eine lange Zeit nötig sein -- wenn du mir die geben
kannst.

_Hans Karl._ Wie du das sagst!

_Helene._ Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder.
Komm morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der
Papa soll's schnell wissen. -- Der Papa soll's wissen -- der schon! Oder
nicht, wie?

_Hans Karl_ $(verlegen)$. Es ist das -- mein guter Freund Poldo
Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch -- den er mir
oktroyieren will: er wünscht, daß ich, sehr überflüssigerweise, im
Herrenhaus das Wort ergreife --

_Helene._ Aha --

_Hans Karl._ Und da geh' ich ihm seit Wochen mit der größten Vorsicht
aus dem Weg -- vermeide mit ihm allein zu sein -- im Kasino, auf der
Gasse, wo immer --

_Helene._ Sei ruhig -- es wird nur von der Hauptsache die Rede sein --
dafür garantier' ich. -- Es kommt schon jemand: ich muß fort.

_Hans Karl._ Helen!

_Helene_ $(schon im Gehen, bleibt nochmals stehen)$. Du! Leb wohl!
$(Nimmt den Mantel auf und verschwindet durch die kleine Tür links.)$


Neunte Szene

_Crescence_ $(oben auf der Treppe)$. Kari! $(Kommt schnell die Stiege
herunter.)$

_Hans Karl_ $(steht mit dem Rücken gegen die Stiege)$.

_Crescence._ Kari! Find' ich ihn endlich! Das ist ja eine Konfusion ohne
Ende! $(Sie sieht sein Gesicht.)$ Kari! es ist was passiert! Sag mir,
was?

_Hans Karl._ Es ist mir was passiert, aber wir wollen es gar nicht
zergliedern.

_Crescence._ Bitte! aber du wirst mir doch erklären --


Zehnte Szene

_Hechingen_ $(kommt von oben, bleibt stehen, ruft Hans Karl halblaut
zu)$. Kari, wenn ich dich auf eine Sekunde bitten dürfte!

_Hans Karl._ Ich steh' zur Verfügung. $(Zu Crescence.)$ Entschuldig' sie
mich wirklich.

_Stani_ $(kommt gleichfalls von oben)$.

_Crescence_ $(zu Hans Karl)$. Aber der Bub'! Was soll ich denn dem Buben
sagen? Der Bub' ist doch in einer schiefen Situation!

_Stani_ $(kommt herunter, zu Hechingen)$. Pardon, jetzt einen Moment muß
unbedingt ich den Onkel Kari sprechen! $(Grüßt Hans Karl.)$

_Hans Karl._ Verzeih' mir einen Moment, lieber Ado! $(Läßt Hechingen
stehen, tritt zu Crescence.)$ Komm sie daher, aber allein: ich will ihr
was sagen. Aber wir wollen es in keiner Weise bereden.

_Crescence._ Aber ich bin doch keine indiskrete Person!

_Hans Karl._ Du bist eine engelsgute Frau. Also hör' zu! Die Helen hat
sich verlobt.

_Crescence._ Sie hat sich verlobt mit'm Stani? Sie will ihn?

_Hans Karl._ Wart noch! So hab' doch nicht gleich die Tränen in den
Augen, du weißt ja noch nicht.

_Crescence._ Es ist er, Kari, über den ich so gerührt bin. Der Bub'
verdankt ihm ja alles!

_Hans Karl._ Wart' sie, Crescence! -- Nicht mit dem Stani!

_Crescence._ Nicht mit dem Stani? Ja, mit wem denn?

_Hans Karl_ $(mit großer Gêne)$. Gratulier' sie mir!

_Crescence._ Dir?

_Hans Karl._ Aber tret' sie dann gleich weg und misch sie's nicht in die
Konversation. Sie hat sich -- ich hab' mich -- wir haben uns miteinander
verlobt.

_Crescence._ Du hast dich! Ja, da bin ich ja selig!

_Hans Karl._ Ich bitte sie, jetzt vor allem zu bedenken, daß sie mir
versprochen hat, mir diese odiosen Konfusionen zu ersparen, denen sich
ein Mensch aussetzt, der sich unter die Leut' mischt.

_Crescence._ Ich werd' gewiß nichts tun -- $(Blick nach Stani.)$

_Hans Karl._ Ich hab' ihr gesagt, daß ich nichts erklären werd',
niemandem, und daß ich bitten muß, mir die gewissen Mißverständnisse zu
ersparen!

_Crescence._ Werd' er mir nur nicht stutzig! Das Gesicht hat er als
kleiner Bub' gehabt, wenn man ihn konterkariert hat. Das hab' ich schon
damals nicht sehen können! Ich will ja alles tun, wie er will.

_Hans Karl._ Sie ist die beste Frau von der Welt, und jetzt entschuldig'
sie mich, der Ado hat das Bedürfnis, mit mir eine Konversation zu haben
-- die muß also jetzt in Gottes Namen absolviert werden. $(Küßt ihr die
Hand.)$

_Crescence._ Ich wart' noch auf ihn!

     $Crescence, mit Stani, treten zur Seite, entfernt, aber dann
     und wann sichtbar.$


Elfte Szene

_Hechingen._ Du siehst mich so streng an! Es ist ein Vorwurf in deinem
Blick!

_Hans Karl._ Aber gar nicht: ich bitt' um alles, wenigstens heute meine
Blicke nicht auf die Goldwage zu legen.

_Hechingen._ Es ist etwas vorgefallen, was deine Meinung von mir
geändert hat? oder deine Meinung von meiner Situation?

_Hans Karl_ $(in Gedanken verloren)$. Von deiner Situation?

_Hechingen._ Von meiner Situation gegenüber Antoinette natürlich! Darf
ich dich fragen, wie du über meine Frau denkst?

_Hans Karl_ $(nervös)$. Ich bitt' um Vergebung, aber ich möchte heute
nichts über Frauen sprechen. Man kann nicht analysieren, ohne in die
odiosesten Mißverständnisse zu verfallen. Also ich bitt' mir's zu
erlassen!

_Hechingen._ Ich verstehe. Ich begreife vollkommen. Aus allem, was du
da sagst oder vielmehr in der zartesten Weise andeutest, bleibt für
mich doch nur der einzige Schluß zu ziehen: daß du meine Situation für
aussichtslos ansiehst.


Zwölfte Szene

_Hans Karl_ $(sagt nichts, sieht verstört nach rechts)$.

_Vinzenz_ $(ist von rechts eingetreten, im gleichen Anzug wie im ersten
Akt, einen kleinen runden Hut in der Hand)$.

_Crescence_ $(ist auf Vinzenz zugetreten)$.

_Hechingen_ $(sehr betroffen durch Hans Karls Schweigen)$. Das ist der
kritische Moment meines Lebens, den ich habe kommen sehen. Jetzt brauche
ich deinen Beistand, mein guter Kari, wenn mir nicht die ganze Welt ins
Wanken kommen soll.

_Hans Karl._ Aber mein guter Ado -- $(für sich, auf Vinzenz
hinübersehend)$. Was ist denn das?

_Hechingen._ Ich will, wenn du es erlaubst, die Voraussetzungen
rekapitulieren, die mich haben hoffen lassen --

_Hans Karl._ Entschuldige mich für eine Sekunde, ich sehe, da ist
irgendwelche Konfusion passiert. $(Er geht hinüber zu Crescence und
Vinzenz.)$

_Hechingen_ $(bleibt allein stehen)$.

_Stani_ $(ist seitwärts zurückgetreten, mit einigen Zeichen von
Ungeduld)$.

_Crescence_ $(zu Hans Karl)$. Jetzt sagt er mir: du reist ab, morgen in
aller Früh -- ja was bedeutet denn das?

_Hans Karl._ Was sagt er? Ich habe nicht befohlen --

_Crescence._ Kari, mit dir kommt man nicht heraus aus dem Wiegel-Wagel.
Jetzt hab' ich mich doch in diese Verlobungsstimmung hineingedacht!

_Hans Karl._ Darf ich bitten --

_Crescence._ Mein Gott, es ist mir ja nur so herausgerutscht!

_Hans Karl_ $(zu Vinzenz)$. Wer hat Sie hergeschickt? Was soll es?

_Vinzenz._ Euer Erlaucht haben doch selbst Befehl gegeben, vor einer
halben Stunde im Telephon.

_Hans Karl._ Ihnen? Ihnen hab' ich gar nichts befohlen.

_Vinzenz._ Der Portierin haben Erlaucht befohlen, wegen Abreise morgen
früh sieben Uhr aufs Jagdhaus nach Gebhardtskirchen -- oder richtig
gesagt, heut früh, denn jetzt haben wir viertel eins.

_Crescence._ Aber Kari, was heißt denn das alles?

_Hans Karl._ Wenn man mir erlassen möchte, über jeden Atemzug, den ich
tu, Auskunft zu geben.

_Vinzenz_ $(zu Crescence)$. Das ist doch sehr einfach zu verstehen.
Die Portierin ist nach oben gelaufen mit der Meldung, der Lukas war im
Moment nicht auffindbar, also hab' ich die Sache in die Hand genommen.
Chauffeur habe ich avisiert, Koffer hab' ich vom Boden holen lassen,
Sekretär Neugebauer hab' ich auf alle Fälle aufwecken lassen, falls er
gebraucht wird -- was braucht er zu schlafen, wenn das ganze Haus auf
ist? -- und jetzt bin ich hier erschienen und stelle mich zur Verfügung,
weitere Befehle entgegenzunehmen.

_Hans Karl._ Gehen Sie sofort nach Haus, bestellen Sie das Auto ab,
lassen Sie die Koffer wieder auspacken, bitten Sie den Herrn Neugebauer,
sich wieder schlafen zu legen und machen Sie, daß ich Ihr Gesicht nicht
wieder sehe! Sie sind nicht in meinen Diensten, der Lukas ist vom
übrigen unterrichtet. Treten Sie ab!

_Vinzenz._ Das ist mir eine sehr große Überraschung. $(Geht ab.)$


Dreizehnte Szene

_Crescence._ Aber so sag mir doch nur ein Wort! So erklär' mir nur --

_Hans Karl._ Da ist nichts zu erklären. Wie ich aus dem Kasino gegangen
bin, war ich aus bestimmten Gründen vollkommen entschlossen, morgen früh
abzureisen. Das war an der Ecke von der Freyung und der Herrengasse.
Dort ist ein Café, in das bin ich hineingegangen und hab' von dort aus
nach Haus telephoniert; dann wie ich aus dem Kaffeehaus herausgetreten
bin, da bin ich, anstatt wie meine Absicht war, über die Freyung
abzubiegen -- bin ich die Herrengasse heruntergegangen und wieder hier
hereingetreten -- und da hat sich die Helen -- $(er streicht sich über
die Stirn.)$

_Crescence._ Aber ich lass' ihn ja schon. $(Sie geht zu Stani hinüber,
der sich etwas im Hintergrund gesetzt hat.)$

_Hans Karl_ $(gibt sich einen Ruck und geht auf Hechingen zu, sehr
herzlich)$. Ich bitt' mir alles Vergangene zu verzeihen, ich hab'
in allem und jedem unrecht und irrig gehandelt und bitt', mir meine
Irrtümer alle zu verzeihen. Über den heutigen Abend kann ich im Detail
keine Auskunft geben. Ich bitt', mir trotzdem ein gutes Andenken zu
bewahren. $(Reicht ihm die Hand.)$

_Hechingen_ $(bestürzt)$. Du sagst mir ja Adieu, mein Guter! Du hast
Tränen in den Augen. Aber ich versteh' dich ja, Kari. Du bist der wahre,
gute Freund, unsereins ist halt nicht imstand', sich herauszuwursteln
aus dem Schicksal, das die Gunst oder Nichtgunst der Frauen uns
bereitet, du aber hast dich über diese ganze Atmosphäre ein für allemal
hinausgeschoben --

_Hans Karl_ $(winkt ihn ab)$.

_Hechingen._ Das kannst du nicht negieren, das ist dieses gewisse Etwas
von Superiorität, das dich umgibt, und wie im Leben schließlich alles
nur Vor- oder Rückschritte macht, nichts stehen bleibt, so ist halt um
dich von Tag zu Tag immer mehr die Einsamkeit des superioren Menschen.

_Hans Karl._ Das ist ja schon wieder ein kolossales Mißverständnis! $(Er
sieht ängstlich nach rechts, wo in der Tür zum Wintergarten Altenwyl mit
einem seiner Gäste sichtbar geworden ist.)$

_Hechingen._ Wie denn? Wie soll ich mir diese Worte erklären?

_Hans Karl._ Mein guter Ado, bitt' mir im Moment diese Erklärung und
jede Erklärung zu erlassen. Ich bitt' dich, gehen wir da hinüber, es
kommt da etwas auf mich zu, dem ich mich heute nicht mehr gewachsen
fühle.

_Hechingen._ Was denn, was denn?

_Hans Karl._ Dort in der Tür, dort hinter mir!

_Hechingen_ $(sieht hin)$. Es ist doch nur unser Hausherr, der Poldo
Altenwyl --

_Hans Karl._ -- der diesen letzten Moment seiner Soiree für den
gegebenen Augenblick hält, um sich an mich in einer gräßlichen Absicht
heranzupirschen; denn für was geht man denn auf eine Soiree, als daß
einen jeder Mensch mit dem, was ihm gerade wichtig erscheint, in der
erbarmungslosesten Weise über den Hals kommt!

_Hechingen._ Ich begreif' nicht --

_Hans Karl._ Daß ich in der übermorgigen Herrenhaussitzung mein Debüt
als Redner feiern soll. Diese scharmante Mission hat er von unserm Klub
übernommen, und weil ich ihnen im Kasino und überall aus dem Weg geh',
so lauert er hier in seinem Haus auf die Sekunde, wo ich unbeschützt
dasteh'! Ich bitt' dich, sprich recht lebhaft mit mir, so ein bissel
agitiert, wie wenn wir etwas Wichtiges zu erledigen hätten.

_Hechingen._ Und du willst wieder refüsieren?

_Hans Karl._ Ich soll aufstehen und eine Rede halten, über
Völkerversöhnung und über das Zusammenleben der Nationen -- ich, ein
Mensch, der durchdrungen ist von einer Sache auf der Welt: daß es
unmöglich ist, den Mund aufzumachen, ohne die heillosesten Konfusionen
anzurichten! Aber lieber leg' ich doch die erbliche Mitgliedschaft
nieder und verkriech' mich zeitlebens in eine Uhuhütten. Ich sollte
einen Schwall von Worten in den Mund nehmen, von denen mir jedes
einzelne geradezu indezent erscheint!

_Hechingen._ Das ist ein bisserl ein starker Ausdruck.

_Hans Karl_ $(sehr heftig, ohne sehr laut zu sein)$. Aber alles,
was man ausspricht, ist indezent. Das simple Faktum, daß man etwas
ausspricht, ist indezent. Und wenn man es genau nimmt, mein guter Ado,
aber die Menschen nehmen eben nichts auf der Welt genau, liegt doch
geradezu etwas Unverschämtes darin, daß man sich heranwagt, gewisse
Dinge überhaupt zu erleben! Um gewisse Dinge zu erleben und sich dabei
nicht indezent zu finden, dazu gehört ja eine so rasende Verliebtheit
in sich selbst und ein Grad von Verblendung, den man vielleicht als
erwachsener Mensch im innersten Winkel in sich tragen, aber niemals sich
eingestehen kann! $(Sieht nach rechts.)$ Er ist weg. $(Will fort.)$

_Altenwyl_ $(ist nicht mehr sichtbar)$.

_Crescence_ $(tritt auf Kari zu.)$ So echappier er doch nicht! Jetzt muß
er sich doch mit dem Stani über das Ganze aussprechen.

_Hans Karl_ $(sieht sie an)$.

_Crescence._ Aber er wird doch den Buben nicht so stehen lassen!
Der Bub' beweist ja in der ganzen Sache eine Abnegation, eine
Selbstüberwindung, über die ich geradezu starr bin. Er wird ihm doch ein
Wort sagen. $(Sie winkt Stani, näherzutreten.)$

_Stani_ $(tritt einen Schritt näher)$.

_Hans Karl._ Gut, auch das noch. Aber es ist die letzte Soiree, auf
der sie mich erscheinen sieht. $(Zu Stani, indem er auf ihn zutritt)$.
Es war verfehlt, mein lieber Stani, meiner Suada etwas anzuvertrauen
$(reicht ihm die Hand)$.

_Crescence._ So umarm' er doch den Buben! Der Bub' hat ja doch in dieser
Geschichte eine Tenue bewiesen, die ohnegleichen ist.

_Hans Karl_ $(sieht vor sich hin, etwas abwesend)$.

_Crescence._ Ja, wenn er ihn nicht umarmt, so muß doch ich den Buben
umarmen für seine Tenue.

_Hans Karl._ Bitte das vielleicht zu tun, wenn ich fort bin. $(Gewinnt
schnell die Ausgangstür und ist verschwunden.)$


Vierzehnte Szene

_Crescence._ Also, das ist mir ganz egal, ich muß jemanden umarmen! Es
ist doch heute zuviel vorgegangen, als daß eine Person mit Herz wie ich
so mir nix dir nix nach Haus fahren und ins Bett gehen könnt'!

_Stani_ $(tritt einen Schritt zurück)$. Bitte, Mamu! nach meiner Idee
gibt es zwei Kategorien von Demonstrationen. Die eine gehört ins
strikteste Privatleben: dazu rechne ich alle Akte von Zärtlichkeit
zwischen Blutsverwandten. Die andere hat sozusagen eine praktische
und soziale Bedeutung: sie ist der pantomimische Ausdruck für eine
außergewöhnliche, gewissermaßen familiengeschichtliche Situation.

_Crescence._ Ja, in der sind wir doch!

_Altenwyl_ $(mit einigen Gästen ist oben herausgetreten und ist im
Begriffe, die Stiege herunterzukommen)$.

_Stani._ Und für diese gibt es seit tausend Jahren gewisse richtige und
akzeptierte Formen. Was wir heute hier erlebt haben, war tant bien que
mal, wenn man's Kind beim Namen nennt, eine Verlobung. Eine Verlobung
kulminiert in der Umarmung des verlobten Paares. -- In unserm Fall ist
das verlobte Paar zu bizarr, um sich an diese Formen zu halten. Mamu,
sie ist die nächste Verwandte vom Onkel Kari, dort steht der Poldo
Altenwyl, der Vater der Braut. Geh sie sans mot dire auf ihn zu und
umarm' sie ihn, und das Ganze wird sein richtiges, offizielles Gesicht
bekommen.

     $Altenwyl ist mit einigen Gästen die Stiege heruntergekommen.$

_Crescence_ $(eilt auf Altenwyl zu und umarmt ihn. Die Gäste stehen
überrascht)$.

     $Vorhang.$

Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Schwierige - Lustspiel in drei Akten" ***

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