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Title: Albina das Blumenmädchen
Author: Reinhold, Constanze
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Albina das Blumenmädchen" ***

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project.)



                     Anmerkungen zur Transkription
                     #############################

Der vorliegende Text wurde anhand der 1826 erschienenen Ausgabe
möglichst originalgetreu wiedergegeben. Einzelne Begriffe mit
offenbar vertauschten (z.B. n/u) oder überflüssigen Zeichen wurden
stillschweigend korrigiert. Altertümliche und regionale Ausdrücke
wurden beibehalten, ebenso Inkonsistenzen und Wortvarianten sowie eine
inkonsequente Groß- und Kleinschreibung.

Im Originaltext wurden die Anführungszeichen "umgekehrt" gesetzt, d.h.
öffnend: Anführungszeichen oben; schließend: Anführungszeichen unten.
Entsprechend werden in diesem Text «romanische Guillemets» verwendet;
alle Anführungszeichen der wörtlichen Rede wurden sinngemäß ergänzt.
Die übrige Zeichensetzung wurde nur in den Fällen abgeändert, in denen
sonst der Sinn des Textes verfälscht würde.

Die folgenden Passagen wurden korrigiert:

    # S. 10: "Dorothe" --> "Dorothea"
    # S. 23: "Langengenheim" --> "Langenheim"
    # S. 43: "bemüthe" --> "bemühte"
    # S. 104: "ein (welcher" --> "ein, welcher"
    # S. 130: "Z. b." --> "Z. B."
    # S. 207: "vorgetragen" --> "vortragen"
    # S. 242: "daß ich ich": doppeltes Wort entfernt

Die Originalvorlage wurde in Frakturschrift gesetzt. Gesperrte Passagen
werden in diesem Text von Tilden umgeben (~gesperrt~), Antiquaschrift
wird durch Unterstriche hervorgehoben (_Antiqua_).



                                Albina

                                  das

                             Blumenmädchen

                                  von

                          Constanze Reinhold.

                      Neue, wohlfeilere Ausgabe.

                            Nürnberg, 1826.

                     bei Heinrich Haubenstricker.



                                Albina

                           das Blumenmädchen

                                  von

                          Constanze Reinhold.


«Lieber Herr! wollen Sie nicht Blumen kaufen?» rief eine süße
Kinderstimme dem Secretair Langenheim nach, welcher mit einem Bund
Acten unter dem Arm schnellen Schritts über den Markt eilte, um auf
das Rathhaus zu gehen. Unwillig über den Aufenthalt, da ihn schon zu
Hause der Schlag der Stunde, die ihn zur Session rief, überrascht
hatte, blickte er um, und gewahrte ein liebliches Mädchen von ungefähr
9 Jahren mit einem Körbchen zierlich geordneter Blumen, welche sie ihm
wiederholt mit so anmuthiger Freundlichkeit anbot, daß auch Langenheim
sie freundlich anhören mußte. Er suchte Nelken, Granaten und jelänger
jelieber zu einem sinnigen Strauß für sein junges Weibchen zusammen;
indem schlug die Uhr wieder. Er wirft hastig dem Mädchen die Blumen
wieder in den Korb, und bestellt sie nach dem Mittagessen in seine
Wohnung, die er ihr genau bezeichnet. Halb ausser Athem kommt er
in's Session-Zimmer und der Direktor läßt ihn über sein längeres
Aussenbleiben so heftig an, daß er -- aus Aerger, bleich bis in die
Lippen -- nicht im Stand ist, seinen Verdruß zu unterdrücken.

Der Direktor des Stadtgerichts zu E* war Langenheims erklärter Feind,
die Secretairstelle hatte dieser seinem Kammerdiener Haßlieb gewünscht
und zugesagt; aber Langenheim erhielt sie durch Stimmenmehrheit,
welche ein würdiges Mitglied des Raths, der den jungen Mann schätzte
und begünstigte, für ihn geworben hatte. Dies trug ihm Hainau (so
hieß der Direktor) immer nach und er und sein ränkevoller Diener
warteten sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, Langenheim ihre ganze Rache
ungestraft fühlen zu lassen; jedoch seine Gewissenhaftigkeit und
Pflichttreue, sein unbescholtenes Betragen, vereitelten alle deshalb
geschmiedeten Plane. Welche bösartige Freude empfand daher Hainau,
als er dem Secretair, wegen seines Verspätens recht empfindlich seine
Uebermacht fühlen lassen konnte. Er überschritt dabei so sehr alle
Gränzen und wurde so beleidigend, daß Langenheim gereitzt, auch etwas
heftig sich zu verantworten suchte. Dies war ein großes Vergehen in den
Augen des stolzen Direktors; welcher verlangte, daß der Untergeordnete
sich, wenn man wolle, mishandeln müsse lassen, ohne zu wiedersprechen.
Der Vorgang erregte endlich Spaltungen unter den Gliedern des Raths.
Der eine Theil war auf des Direktors Seite, der andere und größere
aber, auf der des Assessor Freibergs, welcher Langenheims Gönner
war und sich auch diesmal seiner lebhaft annahm. Es entsteht eine
allgemeine Bewegung und die Sitzung wird aufgehoben.

                   *       *       *       *       *

Voll trüber Ahnungen kam der Secretair nach Haus und theilte seiner
Gattin den Vorgang mit. Therese, welcher das Glück zufällige
Reichthümer versagt hatte, besaß dagegen einen weit größern Schatz
in Geist und Herzen, und eine unendliche Fülle der Liebe für ihren
Albert. Auch jetzt verstand sie es, den Betrübten aufzurichten und
das, in ihrem Herzen herrschende Vertrauen auf die Vorsehung, recht
lebendig in dem Seinigen zu erwecken; und das einfache Mittagsmahl
wurde darauf mit so viel Ruhe und Zufriedenheit verzehrt, als wäre
nichts unangenehmes vorgefallen. Nach Tisch kam das holde Kind mit
den Blumen. Ihr bescheidener Anstand, ihr kindliches zutrauliches
Wesen, so wie die regelmäßigen Züge ihres freundlichen Gesichtchen
bezauberten die Gattin. Albina (so hieß das Mädchen) wurde von ihnen
mit Liebkosungen überhäuft und für den gewählten Strauß reichlich
beschenkt. Sie sollte erzählen: allein sie wußte nichts zu sagen:
als daß sie ein Findling und das Pflegkind braver aber unbemittelter
Leute sey, welche, aus Frankreich emigrirt, den Garten einer vornehmen,
jedoch sehr kargen Herrschaft besorgten. «Noch sechs eigene Kinder und
ich machen dem guten Vater Paul viel zu schaffen, und es ist recht
traurig, daß ich ihm auch zur Last fallen muß» setzte das Mädchen am
Schluße hinzu und dabei füllten sich ihre sanften blauen Augen mit
Thränen und der niedliche Mund verzog sich zum schmerzlichen Weinen
-- Therese fühlte sich bei dieser Erzählung tief bewegt: denn sie
wußte aus Erfahrung was es hieße: arm zu seyn. Mit ihrer Händearbeit
hatte sie sich als elternlose Waise mehrere Jahre auch sehr kümmerlich
ernährt, bis ihr günstiges Geschick sie in den Dienst einer trefflichen
Dame brachte, welche sich auf eines ihrer Güter zurückgezogen hatte, um
daselbst den frühen Tod eines heißgeliebten Gattens zu betrauern und
hier in ländlicher Stille sorgte sie für die Ausbildung der natürlich
guten Anlagen Theresens (welche sie wie eine Tochter liebgewann
und mütterliche Zärtlichkeit ihr schenkte) mit der größten Treue.
Langenheim, der mit Theresen verwandt, in Familien-Angelegenheiten sie
zu sprechen genöthiget war, suchte sein Bäschen auf; er fand in ihr ein
so vorzügliches Wesen, daß er sich mit dem festen Entschluß von ihr
trennte: ein Amt zu suchen, das ein Paar Menschen, welche ihr Glück
nicht in zeitlichen Ueberfluß setzen, ernähren würde und dann Theresen
als Weib heim zu holen. Dies geschah als er die Secretairstelle
erhielt; denn auch bei ihr hatte der gebildete innige Mann einen
bleibenden Eindruck gemacht und sie folgte ihm gerne. Ihre gütige
Gebietherin stattete sie reichlich aus und durch weise Sparsamkeit und
Fleiß war es ihnen bei der ziemlich unbedeutenden Einnahme des Mannes
doch möglich: recht ordentlich auszukommen, ja noch Etwas übrig zu
behalten.

                   *       *       *       *       *

Der Nachmittag jenes verhängnisvollen Morgen war einladend schön,
Therese bemerkte wieder einige leichte Wolken auf ihres Gatten Stirne;
freundlich trat sie daher zu ihm an den Schreibtisch und sagte: «wie
wäre es mein Albert, wenn wir ein Bischen ins Freie giengen? In Gottes
herrlicher Natur vergißt man leichter die für uns schmerzlichen
Folgen der Verirrungen seiner Menschen, als in den engen Mauern!»
Langenheim zog die treu besorgte Gattin an sein Herz und dankte ihr
mit einem innigen Kuße; packte dann seine Schreibereien zusammen und
wandelte mit ihr zur Stadt hinaus. Unterwegs kam das Gespräch wieder
auf Albinen und es wurde beschloßen, den Garten aufzusuchen, wo sie
sich aufhielt, um auch ihre Pflegeltern kennen zu lernen. Albinens
Freude war unbeschreiblich als sie hinkamen und geschäftigt reinigte
sie mit ihrer Schürze den besten Stuhl im kleinen Stübchen, um ihn
Theresen zum Sitz anzubiethen. Doch sie und ihr Gatte zogen vor, in dem
schön angelegten großen Garten zu gehen. Hier erfuhren sie nun in der
Unterhaltung mit den wackern Gärtnersleuten: daß Albina als ein Kind
in Windeln vor die Gartenthür in einen Korb gesetzt worden sey. «Als
meine Dorothea, erzählte der Mann, sie am Morgen entdeckte, machte sie
den Besitzern des Gartens die Anzeige davon: allein diese schickten sie
höchst aufgebracht mit dem Kinde wieder fort. Mir war es unmöglich, das
arme Würmchen weinen zu hören und mich seiner nicht anzunehmen; ich
ließ ihr die h. Taufweihe und den Namen Albina geben und zählte sie in
Gottesnamen zu meinen Kindern, mit denen ich trotz meines ärmlichen
Einkommens noch nicht erhungert bin.» «Gott segnet jede gute That
braver Mann!» sagte Langenheim gerührt, «aber, ist denn Albina des
christlichen Werks, das an ihr geübt wurde werth?» setzte er fragend
hinzu (diese war mit seiner Gattin und mit Dorothea in eine Seitenallee
gegangen, um Theresen einen herrlichen Nelkenflor zu zeigen) da
glänzten des Mannes Augen vor Freude und er rief aus: «Lieber Herr!
mein Lebtage hab ich kein Kind gesehen, das ihr gleichkommt! so
fleißig, so einsichtsvoll, so engelgut! -- weil sie sieht, wie wir
uns absorgen, getraut sie sich kaum satt zu essen, immer müssen wir
ihr zureden. Dabei strengt sie unermüdet ihr bischen Kraft vom frühen
Morgen bis an den Abend an, um uns in allem beizustehen, uns alles
zu erleichtern. Sehen Sie, vorhin kam sie beinahe athemlos gelaufen
und mit einem Gesicht, das die Freude glühroth gefärbt hatte, zählte
sie der Mutter und mir das Geld vor, womit sie von Ihnen beschenkt
wurde; dann gieng sie in ein Winkelchen der Stube, faltete die Hände
und betete stille. Gewiß hat sie für Sie gebetet. Ja, ja, sie ist ein
liebes Kind! Gott sey mit ihr!» so endigte Paul und große Thränen
träufelten ihm über die braune Wange. Als Langenheim auf dem Rückweg
der Gattin das Gespräch mit dem Gärtner mittheilte, sagte diese: «ach,
was könnte aus diesem Mädchen bei einer sorgfältigen Erziehung werden!
wie glücklich würde ich mich dünken, wenn ich Mutterstelle bei ihr
vertreten könnte! doch will ich wenigstens thun was ich vermag mit
deiner Beistimmung lieber Albert, Albinen zuweilen zu mir kommen lassen
und sie in weiblichen Arbeiten unterrichten.» Langenheim willigte
gerne ein und Albina konnte immer die bestimmten Tage kaum erwarten,
an welchen sie einige Stunden Theresens gründlichen und liebevollen
Unterricht genießen durfte.

                   *       *       *       *       *

Der Direktor Hainau welcher bei der Regierung viel Gewicht hatte,
bewirkte durch eine schwarze, durchaus unwahr entworfene Darstellung,
in welcher Langenheim als träg, unbrauchbar und anmaßend geschildert
wurde, wirklich dessen Amtsentsetzung. Sie kam nach 14 Tagen und
beugte jenen tief. Therese mußte ihre ganze Seelenstärke aufbieten,
um theils sich selbst zu trösten, theils ihren Gatten vor gänzlicher
Muthlosigkeit zu sichern. Nächte vergiengen schlaflos, langsam und
düster schlichen die Tage vorüber und Langenheim konnte zu keinem
Entschluß kommen. Endlich gab er Theresens Bitten nach, besiegte die
ihm eigene Aengstlichkeit und gieng zu seinem Gönner, dem Assessor
Freiberg. Mit herzlicher Theilnahme versicherte ihn dieser, daß,
sobald er von seinem traurigen Schicksal gehört habe, er sogleich
einem bedeutenden Freund an dem Sch*schen Hof geschrieben, denselben
Langenheim geschildert und ihn gebetten habe, bei der ersten
Dienststelle die sich eröffnen und die er für jenen passend finden
würde, sich seiner zu erinnern. -- Die Fürsorge dieses würdigen Mannes,
hatte den günstigsten Erfolg.

Die schleunige Rückantwort des Finanzrath Volkmar's (dies war
Freibergs Freund) enthielt den Ruf an Langenheim zur eben
vacanten Secretairs-Stelle in jenem Fache, und die Aufforderung
sich unverzüglich an den Ort seiner Bestimmung zu begeben. Der
Assessor eilte mit dieser frohen Botschaft ungesäumt zu seinem
Günstling und fand sich für seine schöne That reich belohnt in dem
wiederhergestellten Glück der gerührten Gatten, welche keine Worte
finden konnten, ihre Gefühle auszudrücken.

Albina war gerade zugegen, als Freiberg den Brief vorlas; ihr entfiel
das Strickzeug als sie von Langenheims baldiger Abreise hörte; endlich
entfernte sie sich. Als nun der gütige Freund weggegangen und die
ersten Ergießungen der Herzen zwischen den Ehegatten vorüber waren,
vermißte man Albina. Therese fand sie im kleinen Hofraum, den sie
händeringend durchschritt und dabei laut weinte. «Was hast du denn
Kind?» frug jene. «Ach ich kann es nicht ertragen, wenn ich Sie nicht
mehr sehen soll; antwortete schluchzend das Mädchen, gewiß ich bin
recht, recht unglücklich!» «Sey ruhig Kleine, es wird sich geben!»
sagte Therese beschwichtigend und führte sie ins Zimmer zurück, nahm
ihren Gatten beiseite und das Resultat ihres kurzen Gesprächs war --
Albinen mitzunehmen. Bei der größern Einnahme, zu welcher sie die
Aussicht hatten, schien es ihnen ausführbar sich um Albinen auf diese
Weise verdient machen zu können. Des Mädchens Entzücken, als ihr dies
kund gethan wurde, überstieg alle Beschreibung; sie jubelte laut, fiel
einmal Theresen, dann wieder ihren Gatten um den Hals und gelobte eine
recht gute Tochter zu werden.

Rührend war Langenheims Abschied von seinem für ihn so treubesorgten
Freund; noch rührender Albinens Trennung von Vater Paul und Mutter
Dorothea. So sehr beide mit freudiger Theilnahme einsahen, daß jener
ein weit glücklicheres Loos zu Theil werden würde, als sie je bei
ihnen hoffen konnte, so sehr sie mit Dank erkennen mußten, eine
Kostgängerin weniger zu haben: so war ihnen doch das liebe Pflegkind
so theuer, daß der Abschied sie recht tief betrübte. Auch Albina
war sehr bewegt und konnte nicht aufhören den guten Eltern für alle
Wohlthaten zu danken. «Ihr habt mir das Leben gerettet» sagte sie, «ihr
habt mich christlich erzogen, und was ich bin, ist Euer Werk!» so war
es auch. Die Leute waren von keiner gemeinen Herkunft und so genoßen
ihre Kinder, mit ihnen auch Albina, eine bessere Erziehung, als bei
andern ihres Gleichen gewöhnlich der Fall ist. Letzteres hatte mit den
größern Geschwistern vom Vater Paul in den langen Winterabenden und an
Sonntägen fertig lesen, schreiben auch rechnen gelernt und war durch
Lehre und Beispiel der wackern Pflegeltern in allem Guten bestärkt
worden, wozu sie die natürliche Anlage schon hatte.

                   *       *       *       *       *

Langenheims Aufenthalt in der Residenzstadt D* war äußerst angenehm und
vortheilhaft. Die gewissenhafte Pflichttreue, der redliche Charakter
und das untadelhafte Betragen des Mannes, so wie die bescheidene
Sitte, das ungeheuchelte Wohlwollen und die äußere Anmuth Theresens
wurde anerkannt und sie deswegen geschätzt und vorgezogen. Nicht lange,
so erhielt Langenheim einen höhern Posten und noch waren nicht ganz
4 Jahre verfloßen, als er mit einer ansehnlichen Besoldung in die
Stelle eines abgehenden Finanzraths einrückte. Wohl macht man zuweilen
die Erfahrung, daß verbesserte Glücks-Umstände, vermehrter Reichthum
und erhöhter Rang einen nachtheiligen Einfluß auf den menschlichen
Charakter äussern: doch ist dieß nur ~da~ der Fall, wo man die
~Urquelle~ alles Guten auf der Welt leichtsinnig vergeßen kann und
wo ein falscher Wahn herrscht, der jenen vergänglichen Dingen einen
Werth beilegt, welchen sie durchaus nicht haben und den sie erst durch
die Anwendung erhalten. Bei Langenheims war es anders: sie blieben
nicht nur die guten unverdorbenen Menschen, die sie waren, sondern
sie strebten vielmehr unabläßig nach einer immer höheren Stufe der
Verfeinerung und Vervollkommnung. Ohne sich zuzudrängen nahmen sie
die Aeußerungen wahrer Achtung dankbar und aufrichtig erwiedernd an,
waren gleich weit von lächerlichem Hochmuth und niedriger Kriecherei
entfernt und benahmen sich so wohl gegen Vornehmere würdevoll, als
gegen Geringere freundlich. In ihrem Hause fand jeder, der für das
Schöne und Anständige Sinn hatte, vollkommne Befriedigung, jeder
Besuchende herzliche Aufnahme, jeder Unglückliche Theilnahme und Trost
und -- was die Hauptsache war -- ein ~frommer~ Sinn heiligte dies
alles, theilte sich allem mit, was mit Langenheims in Berührung kam und
zeigte sich auch in der, ohne ängstliche Scheu pünctlichen Ausübung
äusserlicher gottesdienstlicher Handlungen. In solchen Umgebungen und
unter einer solchen Leitung wurde Albinens Geist und Herz auf die
vorzüglichste Weise ausgebildet. Langenheim ließ sie von den besten
Lehrern in allen Wissenschaften und Künsten unterrichten, welche einem
Mädchen nothwendig sind, die späterhin einen Gatten beglücken, in
weiche Kinderherzen den Saamen alles Schönen und Guten streuen, und
auch selbst in freundschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen
eine erfreuliche und vortheilhafte Rolle spielen will. Therese ließ
sie an allen häuslichen Beschäftigungen Antheil nehmen, und konnte ihr
bald einen großen Theil der Führung ihres Hauswesens überlassen. Das
Beispiel der anspruchslosen und doch so verdienstreichen Pflegemutter
leuchtete ihr auf ihrem heitern Jugendweg voran und so wurde sie, ohne
daß sie es wußte, eines der vorzüglichsten weiblichen Geschöpfe und
glaubte: sie könnte nun gar nicht anders denken, handeln und seyn. Ihre
Vorzüge und ihre dankbare innige Liebe zu ihren Wohlthätern ließ diese
leichter das Glück verschmerzen, das ihnen die Vorsicht versagte,
eigene Kinder zu besitzen.

Langenheim folgte in D* -- wo eigentlich der Sammlungsort der schönen
Künste und Wissenschaften so wie ihrer Priester und Jünger ist --
selbst einer frühern Neigung und erhöhte durch häufigen Umgang mit
Künstlern und Kunstfreunden sein natürliches Gefühl dafür, schärfte
sein Urtheil, verfeinerte seinen Sinn, vermehrte seine Kenntniße
und überließ sich oft solcher reiner Genüsse. Sein Haus, das jedem
Gebildeten offen stand, bekam den Ruf, daß Virtuosen und Künstler
vorzüglich darinnen willkommen wären, und so wurde es von Einheimischen
und Fremden fleißig besucht. Nur 2 der holden 9 Schwestern: Melpomene
und Thalia konnten sich keiner freundlichen Duldung bei Langenheims
erfreuen. Alles, was auf das Theater Bezug hatte, war ihm zuwider und
in dem sonst heitern und offenen Wesen des Mannes gieng eine sichtbare
Veränderung vor, wenn irgend ein Gespräch oder ein anderer Zufall seine
Blicke auf jene Art der öffentlichen Unterhaltung hinlenkte. Therese
gewohnt immer den Wunsch ihres Alberts gemäß zu handeln, äusserte nie
einen Wunsch nach dem Genuß jenes Vergnügens und so blieb das dortige
berühmte Theater von Allen unbesucht.

                   *       *       *       *       *

An einem Abend hielt ein Reisewagen vor Langenheims Wohnung, Baron
Volkmar, der Freund des Assessor Freibergs stieg mit seiner Tochter
Eugenia aus und kündigten sich als Gäste bei ihnen an. Er war ehedem
bei Hof angestellt, und war derjenige welcher auf des Assessors
Fürsprache, Langenheim eine Anstellung in D* verschafft hatte, aber
noch ehe dieser an seinen neuen Aufenthalts-Ort kam, erhielt jener den
Ruf als Präsident in eine entfernte Kreisstadt. Welche Verpflichtung
fühlten die Gatten, dem achtungswürdigen Manne ihre innige Dankbarkeit
durch das rücksichtsvollste und aufmerksamste Benehmen zu beweisen!
-- Am andern Tag kam beim Mittagsessen die Unterhaltung auf das
Theater und es sprach sich bei dem Präsidenten und seiner Tochter
eine leidenschaftliche Vorliebe für dasselbe aus. Ersterer beklagte
sehr, diesen Abend durch eine andere Einladung abgehalten zu seyn ins
Schauspiel zu gehen und Langenheim mußte den Pflichten eines gefälligen
Wirthes seine Abneigung zum Opfer bringen und Eugenien durch seine
Gattin und Albinen ins Theater begleiten lassen. Es wurde Müllners
Schuld gegeben. Eine fremde Schauspielerin trat in der Rolle der Elwire
auf und rieß durch die Kunst ihres Spiels das Publikum zur Bewunderung
hin. Die Leiden eines wunden Gewissens stellte sie mit so furchtbarer
Natürlichkeit dar, daß jedes Gemüth und vorzüglich Albinens im
Innersten ergriffen wurde. Sie verbarg sich einigemal an Theresens
Busen und flüsterte in heftiger Bewegung: «Ach Mutter! Mutter! ich
möchte vergehen!» Der Anblick der Schauspielerin erregte ein Gefühl
in ihr, für das sie keine Worte hatte. Verließ jene die Bühne so war
Albina zerstreut und wünschte sie wieder, ja immer zu sehen; trat sie
auf, so war dem Mädchen so wohl, so weh, daß sie mit sich zu kämpfen
hatte, um nicht die Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu ziehen.

Therese schrieb ihr Benehmen der Neuheit des Gegenstands zu und
ermahnte im Nachhausgehen Albina leise: dem Vater nichts von dem
Eindruck zu sagen, welchen der erste Genuß des Schauspiels auf sie
gemacht hatte, es möchte ihm Verstimmung, und ihr seinen Tadel zuziehen.

Bei dem 2ten Debüt der Schauspielerin ward Langenheim von Volkmar
aufgefordert, mit ihm das Theater zu besuchen. Er konnte nicht
ausweichen ohne unartig zu seyn. Das Schauspielhaus war gedrückt voll;
selbst in der Loge, wo sie sich befanden waren mehr Personen als
eigentlich seyn sollte. Auf diese Weise blieb Langenheim ganz hinten
an der Thüre stehen: jedoch als die Schauspielerin auftritt und einige
Worte spricht, drängt er sich vor, wirft einen Blick auf die Bühne,
ergreift die Hand des neben ihn stehenden Barons, die er krampfhaft
drückt, sagt ihm ins Ohr: «mir wird schlimm!» und stürzt zur Loge
hinaus.

Er traf zu Hause Niemanden. Die Frauenzimmer waren in einer Theevisite.
Langenheim schließt sich in sein Zimmer ein und kämpft mit seinem
aufgeregten Innern.

«Die Schauspielerin -- ja sie war es -- ich täusche mich nicht -- sie
ist Cornelia Bergen» -- ruft er aus und schreitet heftig im Zimmer auf
und ab.

Ein Diener, der seinen Herrn sprechen wollte, fand das Gemach
verschloßen und säumte nicht, es sogleich Theresen bei ihrer
Zurückkunft zu melden. Als sie ihre sanfte Stimme vor der Zimmerthüre
ihres Gatten hören ließ, öffnete er dieselbe, aber ach! was erwartete
sie hier. Bei dem trüben Schimmer einer lang hinunter gebrannten Kerze,
schien sein blasses Antlitz eher einem Todten als einem Lebendigen
anzugehören, seine Arme hingen schlaff herunter und sein scheuer Blick
vermied den ihrigen. «Gott! was fehlt dir mein Albert?» rief die
Erschrockene. Statt der Antwort stürzte er zu ihren Füßen und Therese
fühlte den brennenden Fieberhauch seines Mundes auf ihrer Hand. «So
sprich doch um Gotteswillen!» fuhr Therese fort und zitterte am ganzen
Körper. «Ach! mein Weib wird mich hassen, sie wird mich verlassen --
ich werde grenzenlos elend seyn!» jammerte Langenheim; sprang auf, rang
die Hände, warf sich auf das Sopha und verhüllte sein Gesicht in die
Kissen. Die bestürzte Gattin hielt ihn fest umschlungen und beschwor
ihn mit den zärtlichsten Ausdrücken, sie von dem peinlichen Zustand
der Ungewißheit zu befreien und seinen Kummer ihr zu entdecken. «Ich
will dir ihn ja gerne tragen helfen, wäre es noch so schwer» setzte
sie tief bewegt hinzu. Lange bat sie vergebens. Endlich richtete er
sich langsam auf, fuhr mit der Hand über die heiße Stirn und sagte,
indem er den Blick finster auf die Erde heftete: «Ich will -- ich muß
dir alles sagen Therese! sollte es mich auch deine Liebe kosten. --
Es wird zwar vorüber gehen, was heute mein Gemüth erschütterte -- es
ist auch möglich, daß es dir verborgen bliebe und -- die sogenannte
feine Welt würde das Ganze vielleicht für unbedeutend halten! --
aber ich, nein ich kann es nicht! in das treue Aug meines geliebten
Weibes könnte ich nimmer mit Ruhe blicken, an diesem stillen frommen
Herzen würde das Meinige nimmer seinen Frieden finden, wenn ich dir
verheelte, was mir heute begegnet ist.» Dabei sank er mit dem Kopf auf
Theresens Schulter und preßte ihre Hand an sein laut pochendes Herz.
«Du warst im Theater?» frug die Gattin ahnungsvoll um ihm bei seiner
Mittheilung entgegen zu kommen. «Ja,» flüsterte Langenheim, «und --
die fremde Schauspielerin.» -- Therese zitterte. -- «Zittre nicht so
theures Weib!» fuhr jener fort; «schwach war dein Albert, er ist
es noch, aber niedrig konnte er nie handeln; höre, und dann richte
mich. Cornelia Bergen war wohl einst der Gegenstand meiner heftigsten
Liebe. Sie war von ausgezeichneter Schönheit und Liebenswürdigkeit,
besaß einen gebildeten Geist, so wie Sinn und Liebe für die Kunst
und Wissenschaften. Der Eindruck, den dies Alles auf mich machte,
verstärkte sich durch den Vorzug, welchen sie mir vor allen ihren
Verehrern gab und bald waren wir einig unter uns. Meinem Vater, der
schon viele Jahre kränklich war, wurde mein Verhältniß zu Cornelien
von einer geschäftigen alten Base hinterbracht und er zürnte so
heftig darüber, daß ich viele trübe Stunden hatte: Denn ich liebte
ihn herzlich, lag aber zu fest in Corneliens süßen Ketten, als daß
es mir möglich gewesen wäre, mich hier loszureissen. Ein jäher Tod
entriß mir den Vater in dieser Katastrophe und oft schlich sich der
reuige Sohn zu seinem Grabe und weinte hier seinen Schmerz darüber
aus, daß unversöhnt mit ihm das väterliche Herz gebrochen ist. Meine
dadurch oft getrübte Stimmung mißfiel Cornelien, welche immer heiter
und fröhlich war und bald bemerkte ich eine Veränderung in ihrem
Betragen. Ich forschte nach und erfuhr, daß ein fremder Officier mich
bei ihr verdrängt habe, mit diesem verschwand sie auf einmal. Ach
Therese! was ich hier litte war unbeschreiblich! Jahre lang kämpfte
ich mit meiner Liebe, mit meiner Reue, die mitleidige Zeit zog nach
und nach einen Vorhang über die Ereigniße der Vergangenheit und mir
wurde das Glück dich mein gutes Weib kennen zu lernen, durch die
Verbindung mit dir wurde jede Forderung meines Herzens befriedigt
und der Schatten meines Vaters versöhnt: denn oft entwarf er mir das
Bild eines Mädchens, wie er es für mich gewünscht, und diesem warst
du nicht nur ähnlich, du übertrafst dasselbe. Daß ich nun ganz in der
glücklichen Gegenwart lebte, dieß Therese wird dir meine unverstellte,
immer gleiche Zufriedenheit und Ruhe gezeigt haben; aber ich wollte
nicht frevelnd durch unangenehme Erinnerungen an die Vergangenheit
selbst meinen Frieden stören: daher vermied ich das Theater, und alles
was darauf Bezug hatte. Heute nun trat ich mit bangem Vorgefühl in die
Loge. Nicht lange, so hörte ich die bekannte Stimme, ein Blick und
ich erkannte Cornelien -- Alles was ich Trübes und Angenehmes in dem
einstigen Verhältniß mit ihr erfahren hatte, stürmte in dem Moment auf
mich ein und ich eilte fort, um in meinem häuslichen Asyl mich wieder
zu finden. Hier entstand aber erst recht eigentlich der Aufruhr in
meinem Innern. Die Schuld, an dir du Treue, durch Verheimlichung meiner
frühern Verhältniße begangen, stand riesenhaft vor mir, mich folterte
die Angst, wenn und wie du es erfahren würdest -- ich verwünschte
meine Schwäche, die mich verhinderte, jenes überraschende Ereigniß
männlich zu behandeln und durch welche ich ihm eine Wichtigkeit gab,
die es wohl nicht mehr hat -- tausenderlei Plane durchkreutzten mein
Gehirn, und ich konnte keinen festhalten. Nun erschienst du Engel! die
ruhige Klarheit deines ganzen Wesens vergegenwärtigte mir dein Anblick.
Auf einmal war auch ich mit mir im Reinen. Ich fühlte und dachte nichts
mehr als die Ueberzeugung, daß ich dir Nichts verschweigen dürfte und
nun -- ist es hier leichter,» sagte er, indem er auf die Brust deutete.

Therese hatte während der Erzählung mühsam nach Fassung gerungen, denn
der süße Wahn: daß sie ~alleine~ Alberts Herz beseßen habe, war
zerstört, ihr felsenfestes Vertrauen auf seine Treue die sie nach der
ihrigen maß, war erschüttert und die Aussicht in ihre häusliche Zukunft
schien ihr in diesem Augenblick getrübt. Jedoch, wer vermag den Grad
der Stärke der Liebe eines edlen Weibes zu bestimmen! -- Schwer ist der
Streit eines Helden mit äußern Feinden, ungleich schwerer der, jener
weiblichen Heldinen, mit den innern Gegnern! aber -- ihr Panier ist
die Liebe! mit diesem kämpfen und siegen -- sie dulden, sie tragen,
sie verläugnen sich selbst und ermüden nicht bei den fortwährenden
Forderungen ~der~ Pflichten, welche sie aus Liebe übernommen
haben. Auch Therese duldete keine andere Empfindung in ihrem Herzen.
Sie war bald wieder mit sich ganz einig und strebte nur noch die letzte
Regung einer vorübergehenden Wehmuth in sich nieder zu kämpfen, als
Langenheim endigte.

Nach einer kurzen Pause sagte sie sanft: «ich will kein Gedächtniß für
die Vergangenheit haben, für die Gegenwart will ich mir Kraft von Gott
erbitten und die Zukunft wird mich wieder mit deiner Liebe belohnen.»
«Herrliches trefliches Weib» rief Langenheim, warf sich vor ihr auf die
Kniee und bedeckte ihre Hand mit Küssen.

Therese bat ihn, ruhig zu werden und mit ihr gemeinschaftlich den
Plan zu einer übereinstimmenden Handlungsweise für die nächsten Tage
und Stunden zu überlegen, um in keiner Hinsicht den äussern Anstand
zu verletzen, da seine schnelle Entfernung aus dem Theater, leicht
Aufsehen erregt haben könnte.

«Ich werde alles thun, was du willst,» sagte Jener, «handle du für
mich, ich kann es nicht. Das Ganze hat ohnehin nicht nur mein Gemüth,
sondern auch meinen Körper so sehr angegriffen, daß ich mich recht
unwohl fühle.» Besorgt bat ihn Therese, sich niederzulegen und bestand
darauf, nach einem Arzt zu schicken. Indem sie über den Vorplatz
eilte, um einem Dienstmädchen hiezu den Befehl zu ertheilen, hörte
sie die Treppe herauf gehen. Sie blieb stehen und -- siehe da, der
Präsident stieg mit einem Frauenzimmer dieselbe herauf, in welcher
er Theresen die gefeierte Schauspielerin und dieser, die Dame von
Haus: Frau Finanzrath Langenheim vorstellte. Höchst schmerzlich
überrascht, war Therese mit sich selbst zu viel beschäftigt, um die
Bestürtzung Corneliens bei Erwähnung dieses Namens wahrzunehmen und
Volkmar scherzte darüber, da er sie für Schüchternheit auslegte und
sie versicherte: Einer Priesterin Thaliens müßte dies Gefühl ganz
fremd seyn, zumal in einem Hause, worin der Kunst so sehr gehuldigt
würde. Therese fand während dieser Rede Zeit, sich zu sammeln und
nachdem sie, den Gatten mit Unpäßlichkeit entschuldigend, die Gäste ins
Speisezimmer geführt hatte, entfernte sie sich auf kurze Zeit, schrieb
mit Bleifeder auf ein Stückchen Papier: «Ich sende Dir Albina zur
Pflege, da unsere Gäste, worunter auch Cornelia ist, mich in Anspruch
nehmen; beunruhige Dich nicht! ich werde mich zu beherrschen wissen und
hoffe, auch Du wirst Niemanden dein Inneres verrathen. Am wenigsten
Albinen.» Mit diesem Zettelchen schickte Therese Albina gleich von der
Küche, in welcher sie beschäftigt war, zum Vater, mit der Weisung, ihn
nicht zu verlassen, bis sie von ihr abgelößt werden würde. Dann kehrte
sie mit dem festen Entschluß: ihr aufgeregtes Inneres zu bemeistern,
zu ihren Gästen zurück. «Ganz stille, armes Herz!» sagte sie leise
und drückte fest die Hand darauf, «du darfst heute dein Recht nicht
geltend machen.» Der gefällig arrangirte runde Tisch lud freundlich
zur Abendmahlzeit ein. Volkmar ein feiner Weltmann führte das Wort,
Eugenia kramte dazwischen hie und da ein gelehrtes Wissen aus; Therese
lächelte, erzählte, hörte aufmerksam zu: doch Alles mit der höchsten
Anstrengung und -- Cornelia, ganz gegen die Weise der Schauspieler
war ernst, bescheiden und sprach nur, wenn sie aufgefordert wurde,
dann aber mit einer Tiefe des Gefühls, mit einer Wärme, und mit
einem Reichthum von Kenntnißen, daß Therese sie bewundern mußte.
Corneliens ganzes Wesen erregte ihre Theilnahme und ihre angebohrene
unaussprechliche Milde löste bald den Zwang, den sie Anfangs ihrem
Benehmen anlegen mußte in natürliche Werthschätzung und Freundlichkeit
auf. Ihre Geistes-Stärke ging so weit, daß sie, nachdem die Gäste
sich entfernt hatten, ihres Gatten heftige Aeußerung über Corneliens
Besuch mit vieler Mühe beschwichtigen und ihm von der gehaltreichen
Unterhaltung während des Abendeßen manches mittheilen konnte. «Edles,
edles Weib! wie hoch stehst du über mir!» rief Langenheim und preßte
ihre Hand an seine Lippen. «Ich thue nichts» erwiederte Therese, «als
was mich die Liebe zu dir, und die Gerechtigkeit gegen Andere lehrt;
ja der Wohlstand erfordert, daß ich morgen Cornelien einen Gegenbesuch
mache,» fuhr sie fort; «mein Albert hat doch nichts dagegen?» «Wie
könnte ich!» antwortete er, «ich unterwerfe mich ja allen deinen
Anordnungen!»

                   *       *       *       *       *

Am folgenden Tag, als sich Therese wirklich anschickte um zu Cornelien
zu gehen, sagte Albina, indem sie der Mutter den Mantel umgab und die
Schleifen der Haube ein wenig ordnete: «ach, wenn ich dich zu der
intereßanten Frau begleiten dürfte, liebe Mutter! welche Freude wäre
mir dies! Gewiß, als ich gestern Abend, dem Vater zur Unterhaltung
eine Lectüre zur Hand nahm, laß ich wirklich gar nicht hübsch. Ich war
so zerstreut, daß er es einigemal bemerkte und unwillig wurde, aber
ich konnte mir nicht helfen, ich war immer im Geist im Speisezimmer
und nur dein Gebot hielt mich ab bei Euch ein Bischen zuzusprechen,
denn unvergeßlich ist mir der Eindruck welchen die Künstlerin auf mich
gemacht hat.» «Nun, wer weiß,» erwiederte Therese, «sie verlängert
vielleicht ihren Aufenthalt, dann könnte es sich wohl fügen, daß du
mich einmal zu ihr begleiten würdest.»

Therese wurde bei Cornelien angemeldet, vermißte aber bei dem Empfang
ganz die gewandte Schauspielerin; sichtbar befangen wurde sie begrüßt.
Jedoch nach einigen gewöhnlichen Erörterungen des Theaters und
Corneliens Kunst, worinn so viel Steifes und Gezwungenes lag, daß es
Theresen drückend wurde, begann diese mit wahrer Engelsfreundlichkeit,
indem sie Cornelien näher rückte und ihre Hand ergriff: «mein ganzes
Gefühl sträubt sich gegen die Art und Weise unsers gegenseitigen
Benehmens, ich bin es mir klar bewußt: ~so~ kann und darf es nicht
bleiben; von einem wichtigen Ereigniß Ihres Lebens unterrichtet, habe
ich ein Recht zu wünschen, daß zwei Herzen, die sich in ~einem~
Gegenstand begegneten, sich nicht fremd bleiben möchten, lassen Sie
uns diesen ungestörten Augenblick benützen, sie gegeneinander zu
eröffnen, lassen Sie uns von der gewöhnlichen Weise unsers Geschlechts
abweichen, wo Eifersucht und Haß vielleicht jetzt trennend zwischen
uns tretten würde. O ich kann Sie nicht hassen,» rief sie lebhaft,
«ich ~muß~ Sie lieben, mein Albert hat Sie geliebt und -- ich
täusche mich nicht -- Sie verdienten diese Liebe!» Cornelia war tief
erschüttert und brach in Thränen aus. «Himmlische Güte!» stammelte sie
«-- nein -- nein Sie irren! ich war die Liebe eines so vorzüglichen
Mannes nicht werth. In dem Feuer des Unglücks geläutert, darf ich mich
wohl ~jetzt~, mit einigem Selbstgefühl der Annäherung eines so
edlen Wesens freuen -- aber die Vergangenheit reicht mir stets nur des
Vorwurfs Wermuthsbecher. Doch dieser Augenblick giebt meinem verweißten
Herzen, was es Jahrelang vergebens suchte: Mitgefühl, Theilnahme,
Freundschaft! o ich bin unaussprechlich glücklich!» setzte sie im
höchsten Affect hinzu und warf sich in Theresens Arme.

Sie glaubte: dieser ihre innige Dankbarkeit durch ein unbedingtes
Vertrauen am sprechendsten zu beweisen und in der Ueberzeugung theilte
sie der edlen Freundin ihre ganze Lebensgeschichte mit:

Von Schauspielern gebohren, war sie schon als kleines Kind auf der
Bühne einheimisch geworden. Ihr Vater gehörte zu den Gebildetern
seines Standes und wandte auf die Erziehung seiner einzigen Tochter
viel Fleis und Mühe. Ein geschickter ältlicher Schauspieler, der ihr
sehr gewogen war, trug auch das Seinige dazu bei und so wurde in ihr
nicht nur der Sinn für die Wissenschaft geweckt, sondern auch genährt
und vortheilhaft würkte dies auf ihr ganzes Betragen. Ihr Aeusseres
zog ihr überall einen Schwarm von Verehrern zu, deren Absichten aber
größtentheils unlauter waren, jedoch so leichtsinnig Cornelia schien,
so streng tugendhaft war sie wirklich. Ihre Eitelkeit gefiel sich in
den Bewerbungen der Männer, allein ihre Würde wußte dieselben in den
Schranken der Sittlichkeit zu erhalten. Langenheim näherte sich ihr
auf eine Art, welche seinen reinen Sinn und seine Liebe für Kunst und
Wissenschaft aussprach, dies machte ihr ihn sehr theuer. Die Stunden,
die sie zusammen verlebten, verstrichen nicht blos unter Kosen und
Tändeln: sie lasen miteinander die besten englischen, italienischen und
französischen Werke, er suchte mit ihr den Geist ihrer Rollen auf und
half sie ihr einstudiren, oder hörte ihrem Spiel auf dem Flügel und auf
der Guitarre zu. Diese reinen Genüsse wurden indessen bald durch die
Unzufriedenheit des Vaters Langenheims gestört. Albert kam nun oft in
trüber Stimmung zu Cornelien und als endlich vollends der Vater jäh und
unversöhnt mit dem Sohne starb, war dieser einige Zeit ganz tiefsinnig.
Ob sich wohl seine Liebe gegen Cornelien immer gleich blieb und ihr
Einfluß auf seine Stimmung, wenigstens in ihrer Gegenwart sichtbar
vortheilhaft war: so wurde es dieser doch in die Länge peinlich, immer
trösten, immer beruhigen zu müssen und zum Unglück lernte sie in der
Periode einen Officier kennen, der mit einem sehr vortheilhaften
Aeussern die Gabe der Verführungskunst im hohen Grad besaß. Er verstand
es, Langenheim zu verdrängen und in Cornelien eine glühende Liebe für
ihn zu erwecken. Die Revolution in Frankreich wüthete, die deutschen
Fürsten boten ihre Völker auf, auch Romberg (so hieß der Officier)
bekam Ordre zum Marsch. Er überredete Cornelien ihm ins Hauptquartier
zu folgen. Hier lebte von ihm ein Jugendfreund als Geistlicher. Dieser
mußte den ungestümmen Bitten desselben nachgeben und das Paar trauen.

«Kurz war der seeligste Traum meines Lebens!» sagte tiefseufzend
Cornelia, «und fürchterlich war sein Erwachen. Was Liebe erfinden kann
um zu beglücken, das war mein schöner Theil in den geschloßnen Ehebund
und in der noch ~nie~ genossenen, aber in ihrer Neuheit mir
unbeschreiblich süßen häußlichen Stille, entflohen mir die glücklichen
Flitterwochen. Allein bald entdeckte ich finstre Wolken auf der
Stirne meines Gatten. Er wich meinen ängstlichen Fragen aus und half
sich mit leeren Ausflüchten. Sein Trübsinn nahm jedoch immer mehr zu
und -- an einem Abend, wo er mit einer seltsamen Bewegung von mir
schied, da ihn Dienstgeschäfte riefen -- sah ich ihn zum letztenmal!
Vergeblich wartete ich zur gewöhnlichen Zeit auf seine Rückkehr. Die
Nacht erschien, sie verstrich, ohne Ruhe und Schlaf für mich und
-- Romberg kam nicht wieder.» Ein Strom von Thränen unterbrach hier
Cornelien, Therese umfaßte tiefgerührt die Trauernde und ihre innige
Theilnahme besänftigte den aufgeregten Sturm in dem Gemüth derselben.
Nach einer Pause fuhr sie fort: «Ich erfuhr nachher durch meine
Wirthsleute, welches gute Menschen und mir in Liebe und Mitleid sehr
zugethan schienen, daß Romberg meinetwegen ein Duell gehabt hätte und
da dies unglücklich ausgefallen sey, genöthigt worden wäre: mich und
den Dienst heimlich zu verlassen. Wer beschreibt meine hülflose Lage!
Ohne alles Vermögen, mit jener Gesellschaft, von der ich mich durch
Romberg verleitet, selbst getrennt hatte; aus aller Verbindung, hatte
ich Niemanden auf der weiten Welt, dem ich näher angehörte und war
also auch nicht im Stand irgend eine andere Lebensweise zu beginnen,
als mich eben wieder auf eine andere Bühne zu begeben. Mein Hauswirth
dem ich mich vertraute und der mich mit etwas Geld unterstützte, erbot
sich, mit dem Direktor der Truppe, welche in dem Ort spielt, wo ich
mich befand, meinetwegen zu sprechen: allein mir war es unmöglich
hier aufzutretten; ich verkaufte einen Ring, das Einige was ich noch
von Werth besaß und fuhr mit dem Postwagen nach C* wo ich bei dem
dortigen berühmten Theater gerne aufgenommen wurde. Vor Mangel war ich
nun wieder geschützt: aber in meinem Innern sah es furchtbar aus. Das
Leiden einer Betrogenen, immer noch heftigen Liebe, erkannte ich für
eine gerechte Strafe meiner an Langenheim verübten Untreue, der mir,
nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Liebe seines Vaters
geopfert hatte. Die Sorge um sein Schicksal, welches das Gefühl meines
eigenen Glückes verdrängt hatte, trat wieder hervor und verfolgte
mich immer, auch wollte mir das Schauspielerleben durchaus nicht mehr
zusagen. Ich hatte -- wie wohl nur in kurzen 4 Wochen -- mit meinem
Romberg gefühlt, was häusliches Glück ist und mit unaussprechlicher,
doch vergeblicher Sehnsucht hing ich den süßen Träumen nach, die mir
meine rege Phantasie davon entwarf. Die Zeit nahte heran, wo ich einem
armen vom grausamen Vater verlassenen Kinde das Leben geben sollte, ich
konnte nicht mehr auf der Bühne erscheinen und in die trübe Einsamkeit,
in welcher ich nun lebte, folgten mir die Gespenstergleichen Bilder
meines Unglücks.

Endlich vertrieben die Kriegsunruhen unsere Gesellschaft aus jener
Gegend. Auf der Reise wurde ich in einem kleinen Oertchen von einer
Tochter entbunden. Doch» -- hier schien Cornelia mit einer geheimen
Unruhe zu kämpfen -- «doch auch das Kind starb. Für so viele bittere
Erfahrungen suchte ich Trost in dem Gebieth der Wissenschaften und
durch immerwährendes Studium gelang es mir, mich mit bereichertem
Geist aber verarmten Herzen auf den Standpunct empor zu schwingen,
auf welchem ich nun stehe, wo ich gewöhnlich rauschenden Beifall
einerndte, doch sonst auch Nichts für meine bessere Sehnsucht gewinne.
Meine Absicht ist auch, mir nur eine gewisse Summe zu erwerben, dann
auf dem Lande mich anzukaufen und dort in der Stille mein vergriffenes
Leben zu vertrauern. -- Wohl» setzte sie noch hinzu, «habe ich jetzt
viel, sehr viel meinem Verhältniß als Schauspielerin zu danken! ich
lernte durch dasselbe ein Wesen kennen, das, wie ein tröstender
Engel aus bessern Welten, wieder Ruhe und Stille in das ungestümme
Meer meiner Empfindungen gebracht hat. Auch weiß ich, daß Langenheim
glücklich ist, ertrage also leichter in Zukunft mein eigenes Unglück.
Ach, wie konnte ich mir ~die~ seelige Folge denken, als ich mich
gestern entschloß, Ihrem Gast zu folgen, welcher mich nach geendigtem
Schauspiel aufsuchte und mir anbot mich in das Haus eines seiner
Freunde zu bringen, worinnen Künstler so sehr willkommen wären; ich
willigte ziemlich gleichgültig ein, denn erst, als ich vor Ihnen
stand, hörte ich den mir unvergeßlichen Namen. Geübt in der Kunst
mich, wenn es seyn muß, auf der Bühne anders zu geben als ich bin, war
mir doch dies in jenem Augenblick eben so unmöglich als auch vorhin
bei Ihrem Eintritt eine Verwirrung zu verbergen. Nur Ihre hinreißende
Herzlichkeit und Güte --» «Wie glücklich wäre ich,» fiel Therese hier
schnell ein, «wenn ich mir durch mein Benehmen eine Freundin gewonnen
hätte!» Cornelia hob das schöne dunkle Aug gen Himmel, faltete die
Hände und sprach in Begeisterung: «Gott! mache mich dieses großen
Glückes, der Freundschaft dieser Edlen würdig!» --

                   *       *       *       *       *

Mit kurzer Auswahl theilte Therese nach und nach ihrem Gatten aus
Corneliens Lebensgeschichte mit, was ihr, ihm zu sagen nothwendig
däuchte (auch Albinen erzählte sie manches davon, welches diese
mit großem Intereße aufnahm). Vorzüglich blieb sie bei dem, von der
Freundin geäusserten Wunsch: vom Theater wegzugehen und sich auf dem
Lande anzukaufen -- öfters stehen, und sprach denselben gleich einem
Eigenen aus. Zufällig wurde eben ein kleines Landhaus in der Nähe der
Stadt feilgeboten und Therese forderte von ihrem Gatten als einen
Beweis seiner Liebe für sie: ihr das dazu erforderliche Capital als
Vorschuß für Cornelien und seinen Beistand bei den Unterhandlungen des
Kaufs zu bewilligen. Langenheim betrachtete sie lange stillschweigend.
Er fürchtete durch irgend eine Aeußerung das zarte Gefühl ihres schönen
Herzens zu verletzen, das er fähig war in diesem Augenblick ganz zu
durchschauen, ganz zu verstehen. Endlich schloß er sie in seine Arme
und sagte: «bestimme über mein Vermögen, über meine Handlungsweise!
mein edles Weib wird nichts von mir fordern, das ich nicht leisten
könnte und leisten dürfte.» Mit inniger Rührung hörte und nahm Cornelia
Theresens großmüthiges Anerbiethen an, und es entzückte sie die
Aussicht künftig in der Nähe dieser theuern Freundin ein glückliches
und ruhiges Leben führen zu können. Sie verlangte und erhielt bald
darauf ihre Entlassung vom Theater und fühlte sich durch Theresens
achtungsvolle Freundschaft mehr geehrt, als durch alle, noch so
vortheilhafte mündliche und schriftliche Urtheile über ihre Kunst,
wovon die Zeitschriften erfüllt waren und die gesellschaftlichen Zirkel
wiederhallten. O den Besitz eines edlen Menschenherzens wiegt keine
Krone auf: sie sey von Gold oder von Lorbeeren!

Therese gieng nun wegen des Kaufs des Landguts öfters zu Cornelien,
denn Langenheim hatte jede ~mittelbare~ Hülfe versprochen, aber
kein Verlangen gezeigt, sich Cornelien persönlich zu nähern. Die Gattin
schien ihn hier ganz ruhig nach eigener Willkühr handeln zu lassen,
äusserte keine Besorgniß, daß sich die alten Freunde wieder sehen
würden, wollte es aber auch nicht absichtlich veranlassen, sondern
überließ Alles dem Gang der Zeit und des Schicksals, welchem auch
Cornelia nicht vorgreifen zu wollen schien und Langenheims Haus seit
dem ersten Besuch nicht betretten hatte. Therese hatte ihr von dem
Eindruck, den ihr Wiederfinden auf Langenheim machte, nichts gesagt,
aber sie aufrichtig seiner fortdauernden Freundschaft oft versichert
und auf diese Weise ein rein herzliches doch leidenschaftsloses Gefühl
in beider Gemüther erregt und unterhalten.

Bei einem jener Besuche, die Therese häufig bei Cornelien machte,
erzählte Erstere dieser von ihrer geliebten Pflegetochter Albina.
Sie war unerschöpflich in ihrem Lob und fand bei Cornelien eine
wunderseltsame Theilnahme. Bei der regelmäßigen Schönheit Albinens
erwähnte sie, als eines kleinen Verstoßes gegen dieselbe eines Mal's am
Halse, weswegen sie genöthigt sey, ihren blendend weisen Nacken, immer
in hohe Chemissetten zu verhüllen. «Wie ist dies Mal gestaltet?» frug
Cornelia schnell? «Ganz wie ein natürliches Erdbeerchen» antwortete
Therese. «Gott! mein Kind, mein Kind! meine wiedergefundene Tochter!»
rief ganz ausser sich Cornelia, stürzte vor Theresen nieder, hob die
Hände empor und flehte: «Engel! vollende dein himmlisches Werk! gieb
mir mein Kind wieder! Ich will Tag und Nacht sinnen, wie ich deine
Liebe dir vergelte! Ja fordre was du willst, ich will Alles thun,
nur sey barmherzig und gieb mir meine Tochter wieder!» Therese hob
sie tröstend auf und versicherte freudig: augenblicklich Albinen
davon zu benachrichtigen und ihr dieselbe zuzuführen. Sie eilte auch
sogleich nach Haus und als Albina ihr entgegen kam, umarmte sie
dieselbe gerührt und sagte: «Du ahnest wohl nicht gutes Kind! welch
ein wichtiger Augenblick dir naht, bereite dich auf eine große Freude
vor!» «o Mütterchen! sprich doch,» schmeichelte Albina! «ich bin voll
Begierde.» Sie waren jetzt ins Zimmer gekommen und hier entdeckte
ihr die bewegte Pflegemutter, daß Albina sich von ihr trennen müsse,
um an dem Herzen der eigenen Mutter zu ruhen. Welch eine Fluth süßer
Empfindungen goßen diese Worte in des Mädchens Seele. Wie fühlte sie
die Stärke der, in den Banden des Bluts begründeten Rechte der Natur!
Von welch ganz anderer Art war, was sie jetzt empfand im Vergleich mit
dem, was sie für ihre geliebten Pflegeltern fühlte! Mit der ihr eigenen
Offenheit warf sie sich Theresen in die Arme und sagte: «so lang meine
Lebenspulse schlagen und noch jenseits werde ich mit unaussprechlicher
Liebe und Dankbarkeit dich verehren: aber vergieb der Sehnsucht die
mich fest mit aller Gewalt zu meiner Mutter hinzieht. O Albina ist
nicht mehr heimathlos! Wie viel süßes liegt in diesem Gedanken! und ich
habe eine Mutter, die du werth hälst, die ich lieben und achten kann
und die auch mich, so, wie ich durch deine treue Fürsorge bin, nicht
von ihrem Herzen wegweisen wird. Komm, o komm, daß sie sich mit mir zu
dem Dank vereinigt, den ich so tief fühle, für den ich aber keine Worte
finden kann!» Therese streichelte die glühende Wange des entzückten
Mädchens und sagte: «nur so lange gedulde dich liebes Kind! bis ich den
guten Vater von allem unterrichtet habe, es wäre pflichtwidrig dies
anstehen zu lassen, ich will mich recht kurz fassen und bin gleich
wieder bei dir.» Erstaunt hörte Langenheim Theresens Erzählung und
freute sich mit ihr, vom Schicksal auserkohren worden zu seyn, das Kind
einer Freundin so zu erziehen, um es ihr nun vorwurfsfrei in die Arme
führen zu können.

Unterdessen fühlte Cornelia eine Ungedult, welche bei ihrem
leidenschaftlichen Charakter, schmerzlich wurde, sie verwirrte ihre
Ideen, daß sie nichts deutlich denken konnte als den Wunsch: wenn
sie doch kämen! hundertmal gieng sie ans Fenster und rannte dann,
wenn sie niemand erblicken konnte, laut weinend im Zimmer auf und ab.
Endlich öffnete sich die Thüre und -- Albina flog in ihre Arme. Für
solche heilige Momente besitzt die Feder keine Fähigkeit sie würdig
zu schildern und begnügt sich damit, erst wieder nach den ersten
Ergüssen heftig ergriffener Gemüther ihre Thätigkeit fortzusetzen;
unterdessen entwerfe sie mit einigen Zügen Albinens Bild: Sie stand vor
ihrer Mutter in der vollen Jugendblüthe eines 16 jährigen Mädchens,
ausgestattet mit jeder äusseren Schönheit und Anmuth. Das reiche blonde
Haar umschlang in zierlichen Flechten das schön geformte Haupt, einige
Locken umspielten die freie offene Stirn, die feine, fast unmerklich
gebogene Nase gab ihrem Gesicht ein regelmäßiges Profil. Die Wangen
schienen von sanfter Pfirsichblüthenfarbe nur angehaucht, des kleinen
Mundes Korrallen-Lippen verschloßen zwei blendend weiße Reihen Zähne
und das Kinn mit einem Grübchen versehen, vollendete die rein ovale
Form des Gesichts welches durch ein paar seelenvolle blaue Augen
Leben und Ausdruck erhielt. Ihr Wuchs war edel, ihr Gang leicht und
schwebend, ihre Sprache tönte melodisch und alle ihre Bewegungen,
alles was sie sagte und that trug das Gepräge von Anmuth, von richtiger
Bildung erworbener Fertigkeiten und -- von Seelenadel. Wahr und treu
im engsten Sinn des Wortes, war sie schon von Kindheit an gewesen und
der Reichthum von Liebe in dem Herzen ihrer treflichen Pflegmutter
waltend, theilte sich auch dem ihrigen mit und nahm ganz Besitz
davon. Es entzündete sich an ihrer Gluth das Feuer der Thätigkeit für
Andere. Ja, die Kraft, die schon in ihr lag, sich für die Menschen,
besonders für geliebte Wesen aufzuopfern, verstärkte sich durch das
edle Beispiel Theresens. Sehr geschickt in allen weiblichen Arbeiten,
nicht unbekannt mit den schönen Wissenschaften, verband sie mit all'
diesen herrlichen Eigenschaften eine liebenswürdige Bescheidenheit,
eine unverstellte fromme Demuth. Auch jetzt als Cornelia, lange in
ihren Anblick versunken, endlich in gerechte oder leidenschaftliche
Aeusserungen der Bewunderung ausbrach, suchte Albina, hoch erröthend
und beinah ängstlich sie dadurch davon abzubringen, daß sie ihren
Blick auf Therese als die Gründerin ihres Glücks lenkte. Cornelia
verstand sie und ließ nun ihr volles Herz gegen diese in Dank und Wonne
ausströmen. «Es ist einer der seeligsten Augenblicke meines Lebens»
sagte Therese, «und ich danke der Vorsicht gerührt für den hohen Lohn
einer Handlung, welche der Menschlichkeit angehörte; für den süßen
Erfolg meines Strebens, die natürlichen Eigenschaften unserer Albina
dazu auszubilden, daß sie jetzt die Freude und der Stolz einer würdigen
Mutter werden kann und wird.» «Aber Mütterchen, welcher feindseelige
Dämon stellte sich einst trennend zwischen dich und dein armes Kind?»
sagte Albina, indem sie sich mit thränenvollem Auge an Corneliens
Busen schmiegte: diese erwiederte: «ja, ich fühle es, ich bin dir die
Beantwortung dieser natürlichen Frage schuldig, so wie auch dir, meiner
schwesterlichen Freundin Therese -- setzt euch zu mir ihr Theuern!
ich will euch Aufschluß geben so gut ich kann, nur ist mir selbst
gar manches dunkel: In der Periode, in welcher ich meiner Entbindung
entgegen sah, war wie ich schon erzählte durch die Kriegs-Unruhen,
unsere Truppe und ich mit ihr genöthiget, einen andern Aufenthalts-Ort
zu suchen. Ich kam auf der Reise in einem kleinen Ort in die Wochen.
Eine dem Schein nach gutmüthige Person, die Frau des Leinenwebers,
bei dem ich mich eingemiethet hatte, zeigte so viel Antheil an mir
und meinem Kinde, daß ich nach 8 Tagen -- (längere Zeit wurde mir von
meinem Direktor nicht zur Erholung gegönnt, sondern ich wurde schleunig
einberufen) -- ihr den Vorschlag machte: meine Kleine nur so lang zu
behalten, bis unsere Gesellschaft wieder einen festen Haltungspunct
hätte; ich glaubte sie hier besser versorgt, als sie es bei mir, in
meiner unstäten Lebensweise gewesen seyn würde, versprach: sie so bald
als möglich holen zu lassen und sie dann reichlich zu belohnen. Auch
schon bei meiner Abreise beschenkte ich sie und riß mich mit tiefem
Schmerz von meinem geliebten Kinde los. Die damalige Zeit erschwerte
und verzögerte eine sichere Unterkunft für uns. Wir entfernten uns
immer mehr von jenem Dorf und ich konnte keine Nachricht geben noch
hören. Beinah war ein Jahr verfloßen, als es mir endlich gelang einen
Kanal auszumitteln, durch welchen ich etwas zu erfahren hofte, was
meine sehnsüchtige Sorge befriedigen könnte: allein, was ich erfuhr
war nur geeignet, mich ganz niederzubeugen. Jenes Dorf, hieß es, sey
ausgeplündert und die Einwohner vertrieben worden. Die Ungewißheit über
dein Schicksal meine Albina! die Vorwürfe die ich mir wegen meines
Verfahrens machte, war ein neuer Stachel, der sich tief in mein ohnehin
wundes Herz senkte und es immer von Neuem unheilbar verletzte. Der
Anblick jedes lieblichen Mädchens rief mir das Bild vor die Seele, das
sich meine Phantasie von dir ausgemalt hatte. Ueberall sah ich nur
dich, forschte genau bei jeder scheinbaren Spur von dir nach, hoffte da
und dort etwas von dir zu hören und hatte ich mich wieder getäuscht,
dann beweinte ich dich so lange als tod, bis mir wieder ein neuer
Hoffnungsschimmer glänzte. Noch ehegestern als ich mich der Stadt
näherte, sagte ich zu mir selbst: «sollten diese Mauern dein verlohrnes
Kleinod umschließen! und wirklich -- ich habe es darinnen gefunden! ich
besitze es und bin nun unbeschreiblich reich!» --

So lebhaft Corneliens Wunsch war, sich nicht mehr von Albinen zu
trennen: so billigte sie doch Theresens Ansichten, welche glaubte,
daß man, um großes Aufsehen zu verhüten, ein kleines Opfer nicht
scheuen sollte. Sie schlug vor: bis das nun gekaufte Landhaus ganz
in bewohnbarem Zustand sey, sollte Albina bei Langenheim bleiben,
mit Theresen aber die Mutter bei ihren neuen Einrichtungen treulich
unterstützen und erst dann ganz bei ihr wohnen. Auf diese Weise wäre
die neugierige Welt immer in einer Art Ungewißheit über die Sache, und
es bliebe ihr anheimgestellt, was, und wie sie davon denken mögte.

Therese war die beinah ängstliche Scheu vor der öffentlichen Meinung
von ihrer ehemaligen Wohlthäterin, der sie ihre ganze Bildung zu
verdanken hatte, so sehr eingeprägt worden, daß sie auch in der großen
Welt, worinnen sie jetzt lebte, in diesem Punct äusserst streng
dachte und besonnen handelte, um durch nichts einen übeln Schein
zu verlassen, oder den äussern Anstand zu verletzen. So offen sie
sich übrigens benahm, so verschwiegen und geheimnißvoll war sie bei
Ereignissen, welche zu falschen Urtheilen Gelegenheit geben konnten.
Cornelia ehrte ihre Grundsätze und erfüllte ihren Wunsch. Rasch gieng
es nun über die Herstellung und Einrichtung des neuen Wohnsitzes
Corneliens her. Ihr erworbenes Vermögen reichte zu, um die nöthigen
Meubeln, Garten- und Hausgeräthe, zwar einfach, aber geschmackvoll
anzuschaffen und bald schimmerte das Haus in frischem Anstrich von
weisgelber Farbe, mit grünen Fensterläden und neu gedeckter Bedachung
durch die dunkeln Kastanienbäume die es umgaben und zog Vorübergehende
zu näherer Beschauung an. Man gewahrte dann an der einen Nebenseite
des Hauses einen Blumen- und Gemüß-Garten, in dessen Mitte ein Delphin
seinen Wasserstrahl in ein kleines Bassin sprudelte; ringsherum waren
Akkazien-Hecken gepflanzt. An einem Ende des Gartens duftete eine
Laube von jelänger jelieber. Ihr gegenüber war ein kleines Treibhaus
angebracht. Die Wand des Gebäudes an welche der Garten sich anschloß,
war mit hohen, dichtbelaubten Weinreben bedeckt und an den Spalieren
prangten reifende Früchte, die andere Seite des Hauses stand frei; ein
Fußsteig schlängelte sich an ihr Berg an, durch ein kleines Gehölz zu
einem Hügel, der auch mit Wein bepflanzt, in guten Jahren eine ziemlich
reiche Erndte versprach. Noch gehörten Wiesen und Aecker zu diesem Gut,
welches Alles bei Corneliens Uebernahme vortheilhaft verpachtet wurde;
ausgenommen der Garten, den sich Albina zur Bestellung vorbehielt.
Hier trat die Kinderzeit mit süßer Magie ganz vor ihre Seele und
sie lebte mit ihren ersten Gespielen mit den Blumen wieder in alter
Vertraulichkeit, pflegte sie mit großer Sorgfalt und hatte bald in
ihrem Glashause Seltenheiten, welche ihr den Besuch vieler Fremden und
Einheimischen verschafften, wo sie durch manchen vortheilhaften Verkauf
Gewinn erhielt. Vorzügliche Pflege wiedmete sie der Laube, damit das
~Jelänger Jelieber~ in Ueppigkeit an ihr empor wuchs und auf ihren
~Nelkenflor~, der bald jeden andern übertraf, so wie auf einige
~Granatenbäume~, welche mit Blüthen, in die Farbe der Wahrheit
getaucht alljährlich in Fülle prangten. Auch in ihrem Zimmer durften
in der Blumenwase jene 3 Gattungen ihrer Pfleglinge nicht fehlen; denn
Albina ließ sich so gerne durch sie an den Augenblick erinnern, in dem
sie Langenheims kennen gelernt hatte und der so entscheidend für ihr
Leben war. Doch wir wollen nun auch in das Innere des Landhauses, wo
unsere Albina ferner leben soll tretten und es näher beschauen.

Es war eine liebliche, geräumige und bequeme Wohnung, wo überall
die höchste Reinlichkeit herrschte, wo die gefällig geformten und
sauber gehaltenen Meubeln, die fehlende Kostbarkeit ihres Werthes
vergessen machten, und wo man überall die Spuren der feinen Bildung
und nützlichen Thätigkeit der Bewohner wahrnahm. So war z. B. im
Erdgeschoß ein freundliches Zimmer, durch welches man in den Garten
gehen konnte. Hier hielten sich Mutter und Tochter größtentheils in
der bessern Jahreszeit auf. Es war einfach meublirt und Tisch und
Stühle hatten die Farbe der Bäume und Gesträuche, welche durch die
Fenster nickend, liebliche Kühle in dem Gemach schufen. Doch die sinnig
geordneten Töpfe mit aufgeblühten Blumen, die Albinens Sorgfalt der
brennenden Sonnenhitze entzog, verbreiteten in dem Zimmer herrliche
Wohlgerüche und gaben dem Ganzen das Ansehen eines Tempels der Göttin
Flora. Im obern Stockwerk war ausser den gewöhnlichen Gemächern ein
geräumiger Saal. Ein schöner Flügel, eine Guittarre, ein Bücherschrank,
hinter dessen Glasfenster man die Namen der besten Werke, alle in
ein gleiches Gewand von englischem Leder gehüllt, lesen konnte, und
ausgesuchte treffliche Kupferstiche unter Rahm und Glas waren darinnen
zu finden. Auch im Gastzimmer war für die Unterhaltung des gern
Beherbergten durch ein kleines Repositorium mit einigen interessanten
Büchern gesorgt; schwellende Kissen mit glänzendem Weis bezogen,
luden zur behaglichen Ruhe ein; ja auch hier, war Reinlichkeit und
Anstand zu finden, wie in jedem Theil des Hauses. Den Hofraum umgaben
Oeconomie-Gebäude, nemlich die Wohnung des Pächters, seine Stallungen,
Scheuren u. s. w. es fehlte nichts was zur Bequemlichkeit und zum
Vortheil der Besitzer gehörte.

Cornelia fühlte sich unbeschreiblich glücklich im Besitz dieses
Eigenthums und durch die, von ihrer ehemaligen nun so ganz
verschiedenen Lebensweise. Ordnung, Einfachheit und Ruhe, und dennoch
hohe Genüsse waren mit ihr verbunden; und an der Seite ihrer Albina
erhielt alles noch mehr Werth für sie.

Nur Theresen, der Schöpferin ihres Glücks, gestand sie zuweilen, wenn
sie feurig ihre Lage prieß: «daß noch ~ein~ Wunsch in ihrer Seele
lebe, nemlich der: von Rombergs Schicksal etwas zu erfahren;» und bei
solchen Aeußerungen fielen oft auf Theresens Hand, die sie an ihr
pochendes Herz drückte, große Thränen.

Albina war auch hier in ihrer neuen Sphäre wieder unermüdet thätig.
Sie wußte, daß die Mutter Langenheims Schuldnerin war und so gerne sie
sich den edlen Menschen verpflichtet fühlte: so glaubte sie doch höchst
undankbar zu handeln, wenn sie nicht das, was in ~ihrer~ Macht
stand anwenden wollte, um von der Güte der theuern Freunde nicht zu
lange Gebrauch zu machen, was in ihren Augen Misbrauch schien.

Die Mutter hatte ihr gleich Anfangs das Haus-Regiment übergeben, da
sie durch ihre ehemaligen Verhältniße verhindert sich wenig häusliche
Kenntniße erwerben konnte und dieselben sich erst nach und nach zu
eigen zu machen im Stillen sich vornahm. Albinens feines Gefühl wußte
es aber ~so~ zu wenden: als sey es für die Mutter eine Last, die
sie ihr freudig abnehmen wolle; sie unternahm nichts ohne Beistimmung
Corneliens, verstand es aber immer so vorzutragen, daß Jene gegen ihre
klugen Einrichtungen nichts einwenden konnte. Alle zielten dafür ab,
zu ersparen, zu gewinnen, ohne zu geitzen, oder es den Dienenden und
Hülfsbedürftigen zu entziehen.

Auch schämte sie sich nicht, ihre Fertigkeiten in weiblichen Arbeiten
jetzt für sie einträglich zu machen. Sie bemühte sich immer die
neuesten Mode-Arbeiten, von deren Erscheinen sie durch Theresen
sogleich in Kenntniß gesetzt wurde, schnell nachzufertigen und dies
trug ihr viel Geld ein. Cornelia, welche Verstand genug besaß, sich
überall bald zurecht zu finden, lernte Albinen ihre Vortheile ab und
beide beeiferten sich nun um die Wette, recht viel auf solche Weise zu
verdienen.

Therese freute sich, so oft sie ihre Freundinnen besuchte, mit Dank
gegen Gott ihres gelungenen schönen Werks und wurde jedesmal von
jenen mit der dankbarsten Verehrung und Liebe begrüßt. Durch ihr
offenes, kluges und liebevolles Betragen brachte sie es dahin, daß die
Scheidewand fiel, welche bisher noch immer trennend zwischen ihrem
Gatten und Cornelien stand. Sie näherten sich einander herzlich und
ruhig, das gegenseitige volle Vertrauen beugte jedem gefährlichen,
leidenschaftlichen Gefühl vor und jedes fand sich befriedigt im
ungestörten Besitz einer Neigung, welche Vorzüge und Pflicht
einflößten und erlaubten.

Der Ruf von dem freundlichen Landhaus und seinen achtungswerthen
Besitzerinnen verbreitete sich sehr bald und sie wurden fleißig
heimgesucht. Bald wünschte man Albinens Treibhaus zu sehen, bald ein
seltenes Gewächs zu kaufen, bald wurde eine künstliche Arbeit bestellt.
Wer nun kam, gieng immer äusserst befriedigt hinweg und erzählte hie
und da von der lieblichen Wohnung, von der gebildeten Mutter, von der
liebenswürdigen Albina. Auch die Aufmerksamkeit der vorüberfahrenden
Fremden (es führte die Poststrasse an dem Garten vorbei) zog das Ganze
oft auf sich.

An einem schönen Sommer-Abend saß Cornelia und Albina im
Garten-Zimmerchen an einer Stickrahm. Ein Ofenschirm war seiner
Vollendung nahe, auf welchem die Kunst einen Korb voll Blumen
hingezaubert hatte, von denen jede der Natur abgeborgt schien. «Glaubst
du nicht Mütterchen, daß hier noch eine Lücke ist, welche dort jene
Moosrose gut ausfüllen würde?» frug Albina, die Stickerei bald näher,
bald von der Ferne betrachtend, und das blonde Köpfchen dabei hin und
her wiegend. «Sie kann sich zwischen der Nachtviole und der kleinen
Rosette gut ausnehmen,» erwiederte Cornelia, «doch pflücke keine von
dem Blumentopf,» setzte sie hinzu, als Albina im Begriff war dies zu
thun; «im Garten, nahe an der Laube sah ich vorhin eine Blüthe, die
noch halb in der Knospe mir malerischer dünkt.» Albina eilte durch die
offene Thüre in den Garten und pflückte die Blume. Im Rückweg, als
sie an dem schwarzen Gatterthor vorbei gieng, durch welches man von
der Fuhrstraße herein kam, erblickte sie an demselben einen Fremden
mit zwei allerliebsten Mädchen von 6 und 8 Jahren, alle in Trauer
gekleidet, welche den Garten zu betrachten schienen. Albina öffnete
sogleich das Thor und erfreute Jene durch das mit ihrer liebenswürdigen
Freundlichkeit geäußerte Anerbieten: einzutretten, welches auch
sogleich dankbar benützt wurde. «O wie schön ist es hier!» riefen die
Kinder und klopften in die Hände. Sehr, sehr schön stimmte der Vater
bei, und ihm -- einem großen Botaniker fiel sogleich das Treibhaus in
die Augen. Albina führte sie hin und zeigte einige seltene Gewächse,
wobei sie sehr geläufig die Namen, so wie die Eigenschaft jeder
derselben zu nennen wußte.

Baron Kronthal (so hieß der Fremde) sah und erfuhr hier selbst Manches,
was ihm noch unbekannt war und schien so unendlich erfreut darüber, daß
Albina trotz seiner Lobsprüche, womit er sie überhäufte, diesmal doch
mehr ihrer Gutmüthigkeit, als ihrer Bescheidenheit Gehör gab und alle
ihre Schätze ihm vorstellte. Dann führte sie die Fremden zur Mutter
und nachdem man sie begrüßt hatte, zogen die Kinder, die schon ganz
vertraulich mit Albinen plauderten, dieselbe jubelnd zu einem zahmen
Canarienvögelchen, das bald in den nahstehenden offenen Käfig hinein
hüpfte, bald wieder heraus flatterte und sich auf den Blumenkronen
wiegte; sie waren unbeschreiblich glücklich als Albina etwas Futter
in ihr Händchen streute und der zahme Pipi dasselbe wegpickte. Der
Baron unterhielt sich unterdessen sehr befriedigend für ihn mit
Cornelien. Die kunstvolle Arbeit wurde auch nach Verdienst bewundert
und ein auf der Stickrahm aufgeschlagen liegendes Buch (es war: die
Bilder des Lebens von Ehrenberg) in welchem Albina Cornelien kurz
vorher vorgelesen hatte, bestärkte Kronthal in seiner, von Mutter und
Tochter gefaßten vortheilhaften Meinung, denn während Erstere Albinen
den Auftrag ertheilte, eine kleine Erfrischung zu holen, konnte er
den Reiz nicht widerstehen in das Buch hinein zu schauen und fand von
einer niedlichen Frauenhand niedergeschriebene geist- und gefühlvolle
Bemerkungen über mehrere intereßante Stellen in dem erwähnten Buch. Die
Mädchen baten schmeichelnd, daß sie Albinen begleiten dürften. In der
Zeit machte Kronthal Cornelien mit der Absicht seiner Reise bekannt:
Er hatte nemlich das Unglück vor einigen Wochen die Gattin, die treue
Mutter seiner Kinder durch den Tod zu verlieren und unfähig auf dem
einsam gelegenen Gut, das er bewohnte, letztern die gehörige Erziehung
geben zu können: wollte er sich in der Residenz nach einer Anstalt
erkundigen, welcher er seine Töchter anvertrauen könnte; allein setzte
er hinzu: «Was ich ~hier~ sah und hörte wird mein Urtheil, meine
Forderungen steigern. Warum; o warum machen Sie Ihr schönes Leben nicht
gemeinnütziger? warum sorgt Ihre liebenswürdige Tochter für leblose
Pfleglinge, indem Ihre Wohnung eine wohlthätige Pflanzschule für junge
Gemüther werden könnte, worin der Natur die hülfreiche Hand geboten
und köstliche Früchte gezogen werden würden.» -- Cornelia schien
nachdenkend. -- Der Baron fuhr fort. «Könnten Sie sich entschließen,
einen bekümmerten Vater die große Sorge für seine geliebten Kinder
abzunehmen -- ich würde mit Freuden jede Ihrer Forderungen befriedigen
und mein Dankgefühl würde unauslöschlich seyn.» Indem trat Albina mit
den Kleinen in das Zimmer. Sie hatten ihr Alles abgenommen, um nur von
ihrer Hand geführt zu werden und trugen -- die Eine ein zierliches
Körbchen mit Apricosen und Frühbirnen, die Andere einen Teller mit
mürbem Brod. «Aurelia! Sidi!» rief der Vater ihnen zu, «wie gefällts
euch hier?» «ach so wohl, so wohl» erwiederten beide, «daß wir immer
hier bleiben möchten!» -- «überall ist so freundlich, so lieb, ich
fühle mich ganz heimisch hier,» sagte Sidi. Aurelia die Aeltere klagte:
«So wirds nicht in der Anstalt seyn, wo Du uns hinbringen willst guter
Vater» -- sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und fuhr fort -- «dort
werde ich viel und lange weinen, wenn Du von uns weggehst, hier aber
glaube ich, könnt' es mit ein paar Thränchen vorübergehen; mir ist so
wohl, so wohl, als wenn noch die Mutter bei mir wäre» hier lief sie vom
Vater weg zu Albinen; barg ihr Gesichtchen an den Busen derselben, und
weinte sanft.

«Albina» -- sagte Cornelia -- «dieser Freund hier schenkte uns ein
Vertrauen, diese holden Kinder eine Liebe, welches beides unsere
dankbare Anerkennung fordert: ich denke aber, wir können jene uns
ehrenden und beglückenden Aeusserungen in die Zukunft dadurch
rechtfertigen, wenn wir mit gewissenhafter Treue die Erziehung und
Ausbildung dieser theuern Wesen übernehmen und besorgen.»

Entzückt küßte Kronthal Cornelien die Hand; die Kinder horchten hoch
auf und als ihnen Albina freundlich bestättigte, «ja wir bleiben
beisammen!» war ihre Freude ohne Grenzen.

                   *       *       *       *       *

Die Gegenwart der Kleinen änderte wenig in der Lebensweise Corneliens
und Albinens, denn der Vater hatte es nicht nur gebilligt sondern
ausdrücklich gewünscht: daß, in Rücksicht der physischen Bedürfnisse
und Ausbildung seiner Kinder die höchste Einfachheit beobachtet werden
möchte.

Es wurde also wie bisher mit der Sonne aufgestanden, ein Glas
frisches Quell-Wasser und etwas später Milch getrunken, dann
erhielten die Kinder abwechselnd von Mutter und Tochter Unterricht in
wissenschaftlichen Gegenständen, aber auch bei häuslichen Geschäften
durften sie, wo sie konnten kleine Dienste leisten. Nach Tisch wurde
wie auch Abends ein Stündchen der Blumenpflege gewiedmet, nachher
mußten die Mädchen eine weibliche Handarbeit vornehmen und der übrige
Theil des Abends gehörte ihren Erholungen, wobei Albina ihre Spiele
leitete und überhaupt immerwährend durch Beispiel und Unterhaltung,
ohne daß sie es oft selbst wußte, lehrreich für sie wurde, das
Mittagessen und die Abendsuppe blieben so einfach wie bisher und
bald nachdem die letzte eingenommen war, ruheten auf dem Lager von
Roßhaarküssen die durch beständige Thätigkeit ermüdeten Glieder der
holdseligen Mädchen sanft aus. Diese ganz einfache und doch herrlich
gedeihende Erziehung wirkte so vortheilhaft auf Aurelia und Sidonie,
daß nicht nur ihr Geist und ihr Herz eine treffliche Richtung und einen
Reichthum von Kenntnißen und zarten edlen Gefühlen erhielt, sondern,
daß auch ihr Aeußeres die Spuren der festesten Gesundheit und der
Reinheit ihrer Seele trug.

Jeder Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihnen und die Folge war: daß
mehrere Eltern ihre Lieblinge Albinen und ihrer Mutter zuführten
und sich auf diese Art ein Institut bildete, das, zwar nicht seiner
Ausdehnung nach (denn die Zahl der Zöglinge durfte nur bis auf
12 steigen) aber in Hinsicht seiner aufgestellten und befolgten
Grundsätze, zu den Vorzüglichsten gehörte. Die befriedigten Eltern
entwarfen selbst für Cornelien die vortheilhaftesten Bedingnisse,
unter welchen ihre Kinder angenommen werden sollten und so hatte sich
auf einmal der Lebensplan von Jener und von Albinen ohne ihren Willen
geändert. Sie suchten vorher beinah ängstlich durch den Erwerb ihrer
Handarbeit, ihre Verpflichtung gegen Langenheims zu erfüllen und ihre
Existenz zu erleichtern, sie wollten dabei nur ihr Gärtchen anbauen
und in der Stille leben, jedoch ganz anders gestaltete sich auf einmal
ihre Lage. Ein großer segensreicher Wirkungskreis war auf einmal vor
ihren Blicken geöffnet. Hier sollten sie pflanzen und pflegen, säen
und erndten. Die Sorge für das eigene Fortkommen wurde von der weit
edlern Sorge für die geistigen und physischen Bedürfnisse Anderer
verdrängt und mit dem Gewinn, den sie reichlich durch die Freigebigkeit
der Eltern und Verwandten in klingender Münze erhielten, verband sich
der noch weit höhere Lohn, der in dem Gelingen ihres gewissenhaften
Strebens: fromme, durch sich selbst glückliche Menschen zu erziehen,
bestand.

                   *       *       *       *       *

So lebhaft es nach und nach in dem freundlichen Landhaus wurde, so
stille war es um Theresen, seit sich Albina von ihr getrennt hatte; sie
fühlte sich verwaißt: denn die süße Gewohnheit, alle Arbeiten mit dem
Beistand des lieben Mädchens vorzunehmen, alle Vergnügungen mit ihr zu
genießen, sich an ihren Vorzügen im Stillen zu weiden, dies Alles --
hatte aufgehört. -- Daher kam es ihr sehr erwünscht, als Langenheim
mit einem Brief in der Hand in ihr Zimmer trat, und ihr eröffnete:
daß Präsident Volkmar, wegen Kränklichkeit um seine Dienstentlassung
nachgesucht habe, daß er künftig in der Residenz mit seiner Familie zu
leben gedenkt und den lebhaften Wunsch hege: in Langenheims Wohnung ein
Quartier zu beziehen. «Kann ich wohl anders liebes Weib! als ihm den
2ten Stock unsers Hauses zusagen? setzte Langenheim am Schluß hinzu,
ihm haben wir ja so viel zu danken! und es sind gute edle Menschen!»
Therese stimmte ihm bei und traf gleich an den folgenden Tagen alle
hiezu nöthigen Vorkehrungen im Haus. Nach Verfluß eines Monats erschien
nicht nur Volkmar, mit Gattin und Tochter, sondern auch Guido sein
Sohn und Theodor ein Freund desselben kamen mit ihnen nach D**. Die
beiden letztern waren eben von der hohen Schule zurückgekehrt und
sollten sich in der Residenz um eine Anstellung bewerben. Nun war auf
einmal wieder Leben in Langenheims Haus. Es wurden die öffentlichen
Vergnügungen mehr genoßen und viele Gesellschaften so wohl gegeben, als
auch besucht.

Volkmar wurde, als vertrauter Freund gleich während den ersten Tagen in
die Verhältniße Corneliens und Albinens eingeweiht, welche sich bald
nach seinem letzten kurzen Aufenthalt zu D** entwickelt hatten und er
und seine Familie zeigte eine große Sehnsucht bei Jenen eingeführt zu
werden.

An einem schönen Nachmittag überraschte die ganze Gesellschaft die
würdigen Vorsteherinnen des kleinen Instituts, als sie eben bei einer
Lesestunde in dem Saal unter ihren Zöglingen saßen und sich nebst
den andern mit Handarbeit beschäftigten, indeß Aurelia, welche die
Reihe traf mit Richtigkeit und Ausdruck in Lossius Gumal und Lina
vorlaß. Albina flog von ihrem Sitz auf, als sie Theresen erblickte
und wollte in ihre Arme eilen: jedoch sie trat wieder einige Schritte
hocherröthend zurück: denn eine schöne männliche Gestalt ging auf
sie zu und verbeugte sich mit edlem Anstand. Therese nannte Guido,
Volkmars Sohn. Unterdessen waren sie alle in den Saal getretten und
die Bewillkommnungsscene erregte sehr gemischte Empfindungen in den
Gemüthern der Anwesenden; besonders bei Cornelien. So bald sie konnte
flüsterte sie Theresen ins Ohr: «wer ist der junge Mann?» indem sie auf
Theodor zeigte. «Theodor Hainau,» antwortete Jene und sah erstaunt die
Freundin an, welche ihr wieder in einem leidenschaftlichen Zustand zu
seyn schien. Es war keine Zeit zu Erörterungen zu finden und nachdem
Garten und Haus mit Allem was dazu gehörte, eingesehen und eine kleine
Erfrischung gereicht und genossen war, endete sich der Antrittsbesuch.
Man schied zwar sehr befriedigt von Allem, was man gesehen und gehört
hatte, indessen freuten sich mehrere der Theilnehmer derselben im
Stillen, allein oder in geringerer Anzahl bei den interessanten
Freundinnen zuweilen zuzusprechen, wovon man sich einen größeren Genuß
versprach.

                   *       *       *       *       *

Langenheims waren mit ihren lieben Miethsbewohnern höchst zufrieden.
Der Baron war ein Mann von seltenen trefflichen Eigenschaften. In
seiner Gattin, welche das Bild einer unermüdet thätigen treuen
Hausmutter vorstellte, erhielt Therese eine liebende, ihrer Liebe
werthe Freundin. Aber in Eugenien fand sie Albinen -- nicht. Sie besaß
mehr einen männlichen als weiblichen Charakter, war mehr gelehrt, als
gebildet, anmaßend im höchsten Grad und stolz auf ihr Wissen. -- So
unzufrieden die Eltern mit ihrer Tochter waren, so sehr beglückte sie
der Besitz ihres Guido's. Mit einem Schatz gesammelter Kenntniße, mit
einem reinen, unverdorbenen Herzen, den Sitz eines unaussprechlich
tiefen Gefühls, mit einem festen Sinn und feinen Sitten -- so kehrte
er von der Universität in die Arme der Eltern, dabei war er schön wie
Apoll und kühnen Muthes wie Mars. Ihm flogen alle weiblichen Herzen
in der Residenz entgegen: doch das Seinige schlug seit dem ersten
Anblick nur für -- Albinen. Theodor Hainau wurde überall als Freund
Guido's und Verwandter des Hauses vorgestellt, stand aber neben
Ersterm im Schatten. Er hatte nichts ausgezeichnetes, als einen höchst
schwermüthigen Zug im Gesicht. Auch war er immer ernst und stille,
dabei aber nicht ohne Kenntniße und unbeschreiblich sanften weichen
Gemüthes. Seine größte Neigung war die Musik; er spielte den Flügel und
bließ die Flöte trefflich. Auch ihm schien Albina das vollkommenste
weibliche Wesen, das er je gesehen, und er konnte nichts denken als
sie. Sie war der Inhalt seiner klagenden Töne am Clavier, denen seine
Leidenschaft Worte gab, sie erschien ihm im Traume und oft gieng er vor
die Stadt, um nur von ferne die Wohnung zu sehen, wo sie liebend und
emsig waltete.

In dem Landhaus hatte jener Besuch auch verschiedenartige Folgen
zurückgelassen. Albinens ruhiger Gleichmuth war gestört. Sie mochte
es sich noch so sehr selbst abläugnen wollen, die beiden Jünglinge
beschäftigten ihre Phantasie mehr als alle männliche Erscheinungen,
welche ihr schon auf ihrem Lebensweg begegnet waren. Guido'n mußte sie
den Vorzug geben: jedoch wunderseltsam zog sie Theodor an; sie konnte
sich durchaus keine Rechenschaft von dem Gefühl geben, das er in ihr
erregt hatte. Niemand konnte indessen etwas davon ahnen, was in ihrem
Herzen vorgieng; nur in stiller Nacht, oder wenn sie alleine den Garten
durchwandelte, hing sie ähnlichen Betrachtungen nach, dann stand sie
freilich oft lange gedankenvoll vor ihren duftenden Pfleglingen, ohne
sich um sie zu bekümmern, bis ein leiser Lufthauch ihre Zweiglein und
Blüthenkronen gegen sie führte, gleich als wollten sie dieselbe an ihr
Daseyn erinnern. War Albina aber im Kreise der Kinder oder sonst bei
einem Geschäfte, so wieß sie strenge Alles in die Tiefe des Herzens
zurück, was sie stören konnte und gegen die Mutter -- ja die Mutter --
war nicht Therese! So sehr sie Jene ehrte und liebte, so schreckte sie
ihre Leidenschaftlichkeit zurück und sie fühlte es oft mit Schmerz,
daß sie sich ihr weniger zu vertrauen vermögte als Theresen. Auch
war Corneliens Betragen seit jenem Besuch so ungleich, daß Albina
Mühe hatte, seinen Einfluß auf die Kinder zu verhindern. Oft, ja
größtentheils war jene ernst, trübe, heftig. Zuweilen aber blitzte
ein Strahl, wie von einer schnell auflodernden freudigen Empfindung
des Herzens aus ihrem Auge und Albina sah sehnsüchtig einem Besuch
Theresens entgegen, deren Seelenfrieden, wie sie hoffte, auch in ihrer
beider Herzen ihn wieder herstellen würde. Nur wünschte sie, daß sie
alleine kommen möchte. Dieß geschah nicht; die Baronin begleitete sie
und jene wußte es zu veranstalten, daß Albina der letztern den Weinberg
zeigen und also sich lange mit ihr entfernt halten mußte. Diese Zeit
benützte Therese, um sich von Cornelien Aufschluß über ihre letzthin
an sie gerichtete Frage: «wer Theodor sey?» geben zu lassen. «O meine
Freundin!» rief diese, und warf sich weinend in Theresens Arme: «Alles
was ich mühsam in Schlummer gewiegt hatte, das hat Theodors Anblick
wieder mächtig erweckt. Ich fand eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht,
welche mir das Bild meines Gattens ganz vergegenwärtigte. Vorzüglich in
den letzten Tagen unserer Vereinigung, wo Schwermuth, die vorherrschend
in Theodors Zügen liegt, auch meines Rombergs Miene aussprach. Doch --
jener heißt Hainau?» «Ja,» erwiederte Therese, «so heißt er, und ist
ein Verwandter Volkmars, Theodors Vater war, seiner Aussage nach nicht
Officier sondern der Besitzer eines Guts und ist seiner Gattin, welche
nach der Geburt des Sohnes starb, bald nachgefolgt.

Volkmars nahmen sich seiner an, und in dieser Familie fühlte
sich Theodor so glücklich, daß er sich um seine übrigen
Familien-Verhältnisse nichts bekümmerte und ihm dieselben ganz
unbekannt blieben. Auch meinen Albert und mich interessirte sein Name
und meines Gatten erste Frage war: «ob er mit dem Direktor zu E*
welcher auch Hainau hieß, verwandt sey?» jedoch Theodor konnte uns
keine Aufklärung darüber geben. Gewiß hat die feurige Einbildungskraft
meiner Freundin sie irre geführt und bei öfterem Wiedersehen wenn
es ihr gelingen wird, der Phantasie die Zügel anzulegen, wird jene
Aehnlichkeit weniger auffallend erscheinen.» Cornelia versprach ihre
Unruhe zu beherrschen: allein so oft sie mit Theodor zusammen kam,
hatte es immer nachtheilige Folgen auf ihre Stimmung und Theodor
begleitete Theresen ~oft~ in das Landhaus; denn ihm war nur wohl
in Albinens Nähe: Ihr zu lieb studierte er emsig die Blumenpflege,
bereicherte ihren Garten, ihr Treibhaus mit neuen Schätzen, half ihr
dann bei allen ihren Beschäftigungen mit demselben und diese Stunden,
wo Albina in schwesterlicher Vertraulichkeit mit ihm lebte, waren für
ihn die seeligsten. Wenn er noch so tief im Herzen betrübt zu ihr kam,
so theilte sie ihm bald ihre sanfte Heiterkeit mit und sein Trübsinn
verwandelte sich in die munterste Laune. Albina bemerkte seinen Hang
zur Schwermuth und das innigste Mitleid erfüllte ihre schöne Seele.
Mit herzlicher Freude wurde sie ihres Einflußes auf seine Stimmung
gewahr und es schien ihr Pflicht, ihn immer zu seiner Aufheiterung zu
benützen.

Einst wurde Volkmars zu Ehren in der Stadt eine Gesellschaft gegeben,
auch Cornelia und Albina waren dazu gebeten. Allein da beide, der
Zöglinge wegen, nicht zugleich sich vom Haus entfernen konnten, so
schlug letztere die Einladung aus.

Theodors Blick suchte in den gesellschaftlichen Cirkeln immer zuerst
Albina. Heute fand er sie nicht, und erfuhr von Theresen die Ursache
ihres Nichterscheinens. Nun brannte unter ihm der Boden, nun war nur
sein Körper gegenwärtig, er selbst war in dem freundlichen Garten,
im Kreise der Kinder, an Albinens Seite. Ein Bedienter kam und rief
ihn ab. Welch ein glücklicher Zufall! Im Gasthof zur Rose war ein
Universitäts-Freund von ihm abgestiegen und verlangte ihn zu sprechen.
In dem Augenblick war Theodors Entschluß gefaßt. Er entschuldigte sich
bei der Hausfrau, suchte schnell den Bekannten auf und nach einer
kurzen Unterredung, eilte er von ihm weg, zur Stadt hinaus und dem
Landhaus zu. Albina trat eben aus der, im Erdgeschoß befindlichen
Küche, mit einem Teller Suppe auf den Vorplatz, wo ein armer Greis
saß, den die Kinder mitleidig umringten und sich von ihm sein Elend
vorerzählen ließen. Theodor blieb in der Entfernung stehen und weidete
sich an dem himmlischen Anblick; wie die Kinder, tröstenden Engeln
gleich, sich beeiferten, den Armen zu bedienen, jedes ihm eine kleine
Hülfe zu leisten sich bemühte, Albina selbst mit milder Theilnahme
seine Klagen willig anhörte und ihm Speise und Trank, Geld und
freundliche Worte spendete. Theodor blieb noch immer verborgen, um die
rührende Scene nicht störend zu unterbrechen. Erst als der Greiß mit
heißen Segenswünschen von seiner Wohlthäterin geschieden war, von den
Kindern unterstützt und in ihrem Geleite den Berg hinter dem Landhaus
mühsam hinauf stieg, trat er hervor und begrüßte Albinen, die, jenen
nachschauend unter der Thür stehen geblieben war. Sie schien betroffen
und auch ihm entsank beinahe der Muth bei ihrer ganz eigen betonten
Frage: «Theodor! was führt Sie ~alleine~ zu mir?» Er blickte ihr
bittend ins Auge und antwortete: «der Schmerz, sie bei Regierungsrath
W* nicht getroffen zu haben und die schon lang gehegte Sehnsucht: mein
von so manchem Kummer belastetes Herz gegen Sie durch vertrauliche
Mittheilung zu erleichtern. Darf ich bleiben, oder schicken Sie mich
trostlos fort?» Albina vermogte dies nicht; doch erwiederte sie
ernst: «Sie bleiben mein Freund! aber Sie erwarten meine Mutter, nur
~dadurch~ wird sich das Unschickliche, das in diesem Schritte lag,
vermindern.»

Die Kinder kamen zurück und tummelten sich im Garten. Albina und
Theodor nahmen Platz in der Laube und Erstere glaubte, jene von
ihrem Freund gewünschten Mittheilungen verhüten zu müssen, da es
ihr gefährlich dünkte, seine Vertraute zu werden; sie suchte mit
möglichster Unbefangenheit die Unterhaltung auf gewöhnliche Gegenstände
zu lenken. Allein Theodor ging wenig darauf ein, war einsilbig und
traurig. Endlich sagte er mit einem tiefgeholten Athem-Zug: «Die
wohlthätige gütige Albina, welche einem alten Bettler ein williges
Gehör für seine Klagen leiht, will durchaus ihrem armen Freund den
Trost versagen, den er in der Schilderung seiner betrübenden Schicksale
finden würde.» Albina ließ das Strickzeug in den Schoos sinken und
in ihrem feuchten Auge laß Theodor die Bewilligung seiner Bitte,
dankbar drückte er ihre Hand an seine Lippen und fuhr fort: «Erklären
Sie mir, theure Albina! den unwiderstehlichen Drang meines Herzens
Ihnen, und nur Ihnen allein Ereigniße anzuvertrauen, welche ausserdem
tief in meinem Innern begraben liegen. Auch der edlen Familie,
die sich des Verlaßnen annahm, sogar meinem Guido ist manches in
meiner Lebensgeschichte unbekannt geblieben. Ja über den wichtigsten
Gegenstand in derselben, der so schwer mir auf der Seele liegt, daß
ich ihn nicht mehr alleine zu tragen vermag, sind sie im Irrthum.
Sie glauben nemlich: mein Vater ist tod -- aber -- er ist nur tod
für mich! er lebt Albina! er lebt! doch Gott weiß es, wo jetzt sein
Aufenthalt ist!» Auf Albina machten diese Worte einen eigenen tiefen
Eindruck und in gespannter Erwartung bat sie nun Theodor selbst, seine
traurigen Erfahrungen ihr mitzutheilen. «Das Unglück hat mich von
Kind auf verfolgt,» begann er, «schon mein Eintritt in die Welt hatte
die schreckliche Folge, daß er meiner Mutter das Leben kostete; einer
Mutter, welche nach der Aussage Anderer, unbeschreiblich sanft und gut,
der rauhen Behandlung meines Vaters unterlag. Auch ich wurde von ihm
mißhandelt und lebte eine harte Jugend. Endlich erlauschte ich einen
günstigen Zeitpunct und entfloh. Die kleine Baarschaft, die ich bei
mir trug, war bald aufgezehrt; aber als Kind hatte ich auf unserm Gut,
das mitten im Wald lag, von den Knaben im Dorf kleine Hirtenflöten aus
Lindenholz zu machen gelernt; welche ich, so ziemlich geschickt zu
blasen verstand. Mit dieser Kunst, die Instrumente zu verfertigen und
durch meinen Vortrag zu empfehlen, erwarb ich mir Freunde und durch sie
Brod und Obdach. So kam ich in die Stadt, wo Volkmars lebten. Guido,
den ich auf der Strasse begegnete und welcher Gefallen an mir fand,
führte mich zu seinen Eltern, und diese rührte mein Unglück. Guido's
Bitten bestärkten sie in ihrem großmüthigen Entschluß, mich bei sich
zu behalten und ich genoß von diesem Augenblicken an bei ihnen die
Rechte eines eigenen Kindes. Mit dem Sohn theilte ich jeden Unterricht
und nach geendigten Schulstudien bezogen wir zusammen die Universität.
Eine unüberwindliche Scham hatte mich bisher abgehalten, die Wahrheit:
daß ich vor meines Vaters Mißhandlungen entflohen sey, zu bekennen;
ich hatte vorgegeben: er wäre gestorben, und ich, nach seinem Tod
ganz arm und verlassen, hätte mein Glück in der weiten Welt suchen
wollen. Oft aber bereute ich diese Unwahrheit: denn in meinem Herzen
lebte, trotz der Behandlung, die ich von meinem Vater erfahren hatte,
Liebe zu ihm und Sehnsucht etwas von ihm zu hören und doch verschloß
mir immer eine gewisse Schüchternheit den Mund, wenn ich meine erste
Aeußerung wiederrufen wollte. Als ich zu H* studirte und fähiger war,
einen festen Entschluß männlich auszuführen, schrieb ich an meinen
Vater alles, was mir ein reuiges kindliches Herz eingab, allein der
Brief kam unerbrochen in einem Couvert zurück, worin Jener mit kurzen
Worten erklärte: daß jede meiner Bemühungen ihn mit mir zu versöhnen
vergeblich seyn würde, indem er seinen Aufenthalt verändern und einen,
vor der Welt ganz verborgenen wählen würde. -- Dies ist es nun theure
Freundin, was unaussprechlich quälend jede Erdenfreude mir vergiftet,
was bisher als lastendes Geheimniß mein Leben trübte und mich zu
keiner Ruhe kommen läßt» -- bei diesen Worten löste sich Theodors
Schmerz in Thränen auf und Albina weinte mit ihm.

«Armer, armer Theodor!» sagte sie sanft, «wie bedauernswürdig sind Sie!
doch, wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie schon längst Ihren edlen
Pflegeltern sich anvertraut und ihre Vermittelung erbetten hätten?»
Theodor machte eine verneinende Bewegung. «Mein Vater ist unerbittlich»
versetzte er, «ich habe auf Alles verzichtet, nur nicht darauf, daß ich
in Ihrem edlen Herzen Albina eine Freistätte für meinen verborgenen
Kummer finden würde!»

Unfähig sich anders zu geben als sie war, und voll des innigsten
Mitgefühls, erwiederte sie mit einem herzlichen Druck der Hand:
«Könnte ich Ihnen doch mehr geben als Theilnahme! könnte ich helfen!»
Theodors lang unterdrückte Leidenschaft brach hier mit Heftigkeit aus.
Er stürzte zu Albinens Füßen und betheuerte ihr: «daß es nur in ihrer
Macht stehe, ihm sein Unglück ganz vergessen zu machen, und daß er sie
unendlich liebe!» Welche Seeligkeit gab Theodor Albinens Gegenliebe,
die der Glückliche unverkennbar in ihrem Auge laß, als er seinen Blick
zu ihr erhob! jedoch, indem er von ihren Lippen die theure Versicherung
wegküssen wollte, hörte Albina die Haus-Klingel schellen. «Laß uns der
Mutter entgegen gehen!» sagte sie, «ihr dürfen und wollen wir uns
nicht verbergen.»

Corneliens Scharfblick entgieng die Bewegung nicht, in welcher sie
die jungen Leute antraf und als sie beide schweigend und forschend
betrachtete, schlang Albina die Arme um ihren Nacken, Theodor ergrif
ihre Hand und ohne viele Worte war sie in ihr süßes Verständniß
eingeweiht. Allein die schöne Morgenröthe des Glücks an dem Himmel des
liebenden Paars verdunkelte bald die trübe Wolke auf der Stirne der
Mutter. Sie schien nach besonnener Gelassenheit zu ringen. Endlich zog
sie beide an ihr Herz und bat sie ernst und dringend: sich durch kein
übereiltes Versprechen unglücklich zu machen. «Ich will den Pfad Eurer
Liebe nicht mit Dornen bestreuen,» sagte sie, «aber ich kann meiner
Ueberzeugung nach, Eure Neigung für jetzt nicht begünstigen, o Ihr
müßt Euch noch näher kennen lernen, wenn Ihr sagen wollt: wir sind für
einander gebohren, und um jeder unangenehmen Folge der Oeffentlichkeit
Eures Verhältnißes vorzubeugen, verlange ich von Euch, daß Ihr dasselbe
vor den Augen der Welt verberget. Nach Jahresfrist könnt Ihr eher auf
meine Einwilligung hoffen.»

Die Liebenden gehorchten, begnügten sich mit den zwar spärlich
zugemeßenen aber dann desto kostbareren Augenblicken schuldloser Genüße
und Albina machte nur Mütterchen Therese zu ihrer Vertrauten.

                   *       *       *       *       *

Guido hatte seine glühende Liebe zu Albinen tief in seine Brust
verschloßen; sobald er gewahr wurde, daß Theodor in ihrem Besitz seine
höchste Glückseeligkeit setzte. Kein Blick, keine Miene verrieth den
Zustand seines Innern. Aber Albinens Zauber feßelte ihn dennoch an den
Ort, wo sich ihm öfters die Gelegenheit darbot, sie in ihrer ganzen
Liebenswürdigkeit zu beobachten. Er schlürfte mit Wohlbehagen das Gift,
welches sie ihm ohne Wissen und Willen in ihrer holden Freundlichkeit
darreichte und jede Stunde, die er mit ihr in den bunten Reihen der
Gesellschaft oder am traulichen Theetisch bei Langenheims, wie auch bei
seinen Eltern zusammen lebte, umfaßte eine Fülle der schmerzlichsten
und seeligsten Empfindungen für ihn.


An jenem Abend, als der glückliche Theodor wonnetrunken nach Haue kam
und die Freunde in ihr gemeinschaftliches Zimmer traten, legte jener in
das Heiligthum der Freundschaft, in Guido's Herz, das Geheimniß seines
stillen Glücks, seiner Liebe. Auch hier blieb jener edle Jüngling Herr
über seine Gefühle; aber am andern Morgen, trug er den Eltern, den (wie
er sagte) schon lang gehegten Wunsch vor: eine Reise ins Ausland machen
zu dürfen, um sich noch mehr Kenntniße und Erfahrungen zu sammeln. Er
erhielt ihre Einwilligung und in einem kurzen Abschied, rieß er sich
mit männlich verhaltenem aber unendlichem Schmerz von Albinen los.

                   *       *       *       *       *

Die eingeführte Gewohnheit, nach welcher jeder Künstler in Langenheims
Haus willkommen war, wurde immerwährend beobachtet und war schon oft
für sie die Quelle manches reinen hohen Genußes geworden. An einem
Abend führte sie einen geschickten Maler, Namens Hugo zur Theezeit in
den kleinen Kreis, welcher nebst den Hauswirthen und Volkmars auch
Cornelien gerade damals umfaßte. -- Hugo erzählte viel Interessantes
von seinen Reisen und zeigte manche trefflichen Producte seiner Kunst,
besonders in Landschafts-Gemälden.

Bald war es eine freundliche Ansicht, bald eine, die schauerliche Größe
der Natur beurkundente Gegend, bald ein stilles Dörfchen in üppiger
Flur an einem klaren See, bald eine einsame Kapelle unter alten Eichen
was Hugo im Flug aufgenommen und dann mit Muse meisterhaft ausgeführt
hatte.

«Diesem Blatt hier,» sagte der Maler, indem er auf ein noch
umgeschlagenes Gemälde in seiner Mappe hindeutete, «muß ich zuerst
die Erzählung eines Ereignißes voranschicken, welches eigentlich der
Darstellung noch mehr Werth giebt; ich kam vor einigen Wochen auf
meiner Fußwanderung durch das Gebirg, schon als die Sonne im Sinken
war, an das Ende eines schwarzen Tannen-Waldes. Die feurige Kugel
blitzte mit dunkelm Roth durch die Stämme der lichter stehenden Bäume
und auf einmal strahlte mir seitwärts ihr goldner Wiederschein aus
hochgewölbten Fenstern einer alten verfallenen Burg entgegen, die
jetzt erst sichtbar von einem hohen Felsen stolz hernieder schaute.
Dieser Felsen war auf der vordern Seite nackt und kahl, neben aber
schlängelte sich ein Fußsteig mit bequemen Stufen herunter bis zu
einer Quelle welche sanft murmelnd das Auge auf einem etwas freiern
Platz hinleitete, der mit grünen Moos bedeckt und mit einigen Birken
verschönert, gar freundlich gegen das düstre Dunkel der übrigen
Umgebung abstach. Auf einer, unter den Bäumen angebrachten Rasenbank
saß ein ältlicher magerer Mann mit finstern halb erloschnem Auge
und mit den Spuren ehemaliger Schönheit in dem bleichen Gesicht. Er
stützte sich auf einen Officiers-Degen und betrachtete aufmerksam eine
getrocknete Rose, die er in der einen Hand hielt. Ein tiegerartig
gefleckter Jagdhund lag zu seinen Füssen und schien seinen Herrn zu
beobachten. Es hatte für mich das Ganze so viel Anziehendes, daß ich
in einer kleinen Entfernung mich auf einen Baumsturz setzte und es mit
einigen Strichen skizirte. Eben hatte ich vollendet, als der Mann in
die Höhe fuhr, dann den Degen entblößte und eine Bewegung machte sich
damit zu töden. Der Hund sprang auf und bellte und ich rief mit lauter
Stimme: «Halt» Jener sah sich um und als er mich erblickte entfloh er
ins Gehölz; ich konnte nichts mehr von ihm gewahr werden und gieng
in das nicht ganz weit von dieser Stelle gelegene Dorf um hier ein
Nachtquartier zu nehmen. Bei meinem Wirth erkundigte ich mich nach den
nähern Umständen der beschriebenen seltsamen Erscheinung und erfuhr:
daß schon seit längerer Zeit das Felsenschloß von dem Unbekannten
bewohnt werde, welcher jede menschliche Begegnung vermeidend, sich nur
gespensterartig jeden Abend um eine gewisse Stunde in dem Hain sehen
ließe, wo ich ihn traf. Wöchentlich einmal käme ein stummer Knappe
in fast abentheuerlicher Kleidung in das Dorf, der durch Zeichen
die nothwendigsten Bedürfnisse für seinen Herrn und sich verlange;
jedoch alles redlich bezahle. Am andern Morgen erschien wirklich der
sonderbare Diener. Einen Hut mit Federn, den er tief ins Auge drückte,
einen kurzen Mantel, welchen er um sich herum schlug, und darinnen
sein Gesicht zu verbergen suchte, schwarze kurze Beinkleider, nach
alter Ritterart aufgeschlizt, Strümpfe von gleicher Farbe, nebst
hohen geschnürten Schuhen mit Franzen und Maschen geziert -- so trat
er in die Wirthsstube, zog sich aber sogleich zurück, als er mich,
einen Fremden erblickte; doch erfuhr ich nachher von der Wirthin,
daß sein Herr am Leben sey, was mir wirklich am Herzen lag und
weswegen ich entschloßen war, trotz meinem Wunsch, schnell weiter zu
reisen, demselben Abend mich wieder in den Wald zu begeben, um mich
zu überzeugen, ob jener Unglückliche, den Vorsatz, von dem ich ihn
abgehalten hatte, vielleicht doch ausgeführt habe, nun war es aber
nicht nöthig und ich verfolgte meinen weitern Reiseplan.»

Jetzt zeigte Hugo das Gemälde. Cornelia, welche der Erzählung sehr
aufmerksam zugehört hatte, warf einen Blick auf dasselbe und sank
ohnmächtig auf das Sopha zurück. Alles war in der größten Bestürzung.
Man brachte sie ins Nebenzimmer und durch Theresens Bemühungen kam sie
bald wieder ins Leben zurück.

Sie blickte scheu um sich und als sie die Freundin neben sich sitzen
sah, fuhr sie heftig empor, schlang beide Arme fest um sie und rief:
«Er ist es, mein Romberg ists! wo ist die Burg? wo find ich ihn?»
Therese bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um sie zu beruhigen. Das
wirksamste Mittel hiezu war der Entschluß Langenheims: nachdem Hugo
auf sein Verlangen die Lage des Felsenschloßes und den Weg dahin genau
bezeichnet hatte, selbst hinzureisen um für Cornelien und Albinen
etwas Entscheidendes zu bewirken: und wirklich trat er gleich am
folgenden Morgen seine Reise dahin an. Erst am 2ten Tag erreichte er
das Felsenschloß, wo ihm der Einlaß schlechterdings versagt wurde.
Er ritt nun in das Dorf und erwartete hier die Abendstunde in welcher
der Menschenfeind an der Quelle erschien; begab sich hier auf einen
Posten, wo ihn dieser nicht eher sehen konnte, bis er vor ihm stand.
Beide erkannten sich sogleich und Romberg drang mit gezogenem Degen
wüthend auf seinen ehemaligen Nebenbuhler ein. Der Ueberraschte hatte
jedoch so viel Fassung jenem die Waffe aus der Hand zu winden; aber
Romberg blind vor Zorn verwundete sich durch eine ungeschickte heftige
Bewegung selbst so tief damit, daß er zu Boden stürzte. Langenheim
eilte in das Schloß, trug mit Hülfe des stummen Knappens den, durch den
starken Blutverlust ohnmächtig Gewordnen in seine Wohnung und sprengte
nach dem Dorf, um den dortigen Chirurg zu holen. Mit brüderlicher
Sorgfalt pflegte Langenheim den Verwundeten, der während der ersten
Tage zu schwach für jeden Widerstand, oder auch für die Erwiederung
großmüthiger Gesinnung war. Als er wieder zur Besinnung kam,
beobachtete er ernst und schweigend Langenheims Handlungsweise und das
wohlthätige der herzlichen Bemühungen desselben. Um ihn, schien nach
und nach die Eisrinde, die sich um sein Herz gezogen hatte zu sprengen.
An einem Abend saß Jener an seinem Bette. Eine Lampe erhellte matt das
große düstre Zimmer. Nach einem kurzen Schlummer verlangte Romberg
Thee. Als Langenheim ihm denselben reichte, das Kissen zurecht machte
und theilnehmend nach seinem Befinden fragte, ergrif jener seine Hand,
drückte sie und sagte mit noch schwacher Stimme: «Sie sind ein edler
Mann! -- tief stehe ich unter Ihnen -- lassen Sie mir Zeit zur Erholung
-- und Sie sollen meine herzliche Reue sehen.» Langenheim, glücklich
den Sieg über ein hartes Menschenherz gewonnen zu haben, verwies ihn
zur Ruhe, um durch heftige Gemüthsbewegungen seine Genesung nicht zu
erschweren. Nach 8 Tagen erhielt Romberg von dem Wundarzt die Erlaubniß
zu einer Unterhaltung mit Langenheim, und mit herzlichem Vertrauen
wurde ein Freundschaftsbündniß geschloßen, das, durch die Einwirkung
ein und derselben Personen auf ihre beiderseitigen Schicksale desto
mehr Interesse und Festigkeit erhielt. Langenheim erfuhr zu seinem
Erstaunen, daß Hainau der wahre Name seines unglücklichen Freundes
und der Direktor zu E* sein Vater sey, daß der nemliche bösartige
Kammerdiener, welcher ihn ins Unglück zu stürzen suchte, auch den
Sohn durch Verläumdungen um die Liebe seines Vaters ja diesen so weit
gebracht habe, daß er ihn förmlich aus dem Haus und aus dem Herzen
verbannte. «Unter dem Namen Romberg» fuhr Hainau fort, «suchte ich
Militair-Dienste. Von Natur leidenschaftlich, ohne Grundsätze, ohne
Leitung lebte ich eigentlich zügellos. Ich hatte viele Abentheuer,
Streite, Liebesgeschichten u. s. w. und auf meine Monats-Gage warteten
schon immer die Schuldner, allein sie reichte nicht hin diese zu
bezahlen.»

«Als ich eben von einer Anzahl Gläubiger gequält wurde, erhielt ich
einen Brief von jenem Bösewicht, in welchem er mir den Tod meines
Vaters mit vielen heuchlerischen Klagen meldete und die Anweisung
auf ein dortiges Handelshaus beilegte, welches mir eine kleine Summe
auszahlen sollte, die er, nach seiner Versicherung meinem Vater für
mich abgebettelt hätte. Nur meine damals bedrängte Lage zwang mich dies
schimpfliche Erbgut anzunehmen, aber den Brief zerknitterte ich mit
Zähnknirschen in den Händen und warf ihn dann fluchend ins Feuer. Mit
dem Geld bezahlte ich meine Schulden und den kleinen Rest verjubelte
ich mit lachender Wuth in den ersten Tagen. Bald darauf wurde meine
Garnison in den Ort verlegt, wo Cornelia als Schauspielerin mit lautem
Beifall auftrat. Sie zu sehen, und die heftigste Leidenschaft für sie
zu fühlen, war das Werk eines Abends; ich suchte ihre Bekanntschaft und
es gelang mir bald, mich auf Ihre Kosten armer Freund! in ihre Gunst
zu setzen. Aber Cornelia verstand es, meinen flatterhaften Sinn ganz
zu fesseln. Durch sie wurde ich erst mit der Gestalt und dem Wesen
der wahren Liebe bekannt. Anfangs beschäfftigte ihre ausgezeichnete
Schönheit nur meine Sinnlichkeit, allein ihre Tugendliebe und ihr
innerer Werth erregten nach und nach meine achtungsvolle Bewunderung,
welche sich bald in die zärtlichste Liebe verwandelte. Ich hatte
nun keinen heissern Wunsch, als ihren Besitz und dieses Verlangen
wirkte sogar auf meine Lebensweise. Bekannt mit meiner und Corneliens
vermögungsloser Lage wurde ich auf einmal sparsam und haushälterisch
und entwarf mit ihr die zweckmäßigsten Plane zu unserm einstigen
Fortkommen. Cornelia wollte Unterricht in fremden Sprachen ertheilen,
ich im Zeichnen und Mathematik, worinn ich so ziemlich bewandert
war und den sonst so bedürfnißreichen Hainau schuf die Liebe zum
genügsamsten und doch glücklichsten Sterblichen um.

Der Feldzug gegen Frankreich begann; ich mußte marschieren und beschwor
bei unserer Trennung meine weinende Geliebte mir zu folgen, sobald ich
ihr ein Standquartier würde melden können. Sie versprach es und hielt
Wort. Ein dortiger Geistlicher, in welchem ich einen Jugendfreund fand,
gab meinen dringenden Bitten nach und traute mich mit meiner Cornelia.
Der Reichthum ihrer Vorzüge lieh unserm häuslichen, wenn gleich stillen
Leben so viel Reitz, daß durchaus keine Sehnsucht nach andern Freuden
in meiner Brust entstand und ich sann nur immer darauf, auch ihr durch
Erweisungen meiner Liebe dies Verhältniß so angenehm als möglich zu
machen. Aber ach! dies Glück war von kurzer Dauer! Meine Verheirathung
wurde bekannt, so wie der ehemalige Stand meiner Gattin und meine
Cameraden beeiferten sich, mir jenen Schritt als ein Vergehen gegen die
Ehre in immer wiederholten höhnischen Aeusserungen vorzuspiegeln.

Stolz war stets eine meiner heftigsten Leidenschaften; er erlitte
unendliche Beleidigungen und endlich gewann er die Herrschaft über die
Liebe. Ein unglückliches Duell ließ mich die schrecklichsten Folgen
befürchten, ich rieß mich mit blutendem Herzen von meinem Weibe los,
und ergrif die Flucht.»

Die Erinnerung an diese Epoche seines Lebens, erschütterte Hainau von
Neuem so sehr, daß Langenheim ihn bat, seine Erzählung ein andermal
fortzusetzen. Dagegen ließ er ihn mit möglichster Schonung von weitem
ahnen, daß er im Stande sey, ihm von Cornelien einige Nachrichten zu
geben. Ein Strahl von Freude glänzte in Hainau's Auge; und indem er
Jenen versicherte: er fühle sich stark genug alles zu hören; verlangte
er dringend weitere Aufschlüße. Der Freund mußte nachgeben und Hainau
erfuhr nun Corneliens Schicksale, Albinens Daseyn und die Gewißheit:
durch treue Gatten- und Kindesliebe noch glücklich zu werden. Dies
war zu viel für sein Herz, für seinen geschwächten Körper. Er war
unbeschreiblich angegriffen und mußte zu Bette gebracht werden. Als
er am andern Morgen, gestärkt durch einen sanften Schlummer erwachte,
beschwor er seinen Arzt, Langenheim und seinen treuen Joseph (der
nun beredt und unermüdet in seiner Pflicht sich zeigte) alles zu
seiner schleunigen Genesung beizutragen, um recht bald in die Arme
der Seinigen eilen zu können. Er selbst befolgte pünctlich alle
Vorschriften und die Wonne des Wiedersehens nahm im Vorgefühl so sehr
sein ganzes Wesen in Anspruch, daß Langenheim es nicht über sich
vermogte ihn an die Ergänzung seiner Lebensgeschichte zu erinnern, so
sehr ihn die Ungewißheit beunruhigte: ob darinnen vielleicht Theodor
Hainau, da er des Freundes Nahme führte, auch eine wichtige Rolle noch
spielen würde. In einer der gewöhnlichen Unterhaltungen zwischen ihm
und Hainau über die fernen Lieben, brach Letzterer in die Aeusserung
aus: «Eine Gattin, eine Tochter werde ich bald an mein Herz drücken,
wer aber, wer giebt mir meinen verlornen Sohn Theodor?» Langenheim,
dadurch aufmerksam gemacht, sprach nun den Wunsch: noch etwas von
Hainaus Geschichte zu hören gegen ihn aus und erhielt von diesem
folgende Fortsetzung der Erzählung:

Als er sich nemlich von Cornelien getrennt hatte, stürzte er sich
wieder in den Strudel der Zerstreuungen und da es ihm an Geld mangelte,
buhlte er um die Gunst der Göttin Fortuna im Spiel. Er war an jedem
grünen Tisch zu finden, wußte aber seinen Vortheil sehr gut zu
benützen, spielte vorsichtig und gewann manche hübsche Summe. Doch
die Leere in seinem Herzen konnte keine Lustbarkeit, keine gesellige
Freude, kein Sinnen-Genuß ausfüllen, er fühlte sich verlassen und
suchte ein Wesen, das ihm Cornelien ersetzen sollte. Auch war er
überzeugt, daß seine ausschweiffend durchlebte Jugend, ihm ein frühes
und kränkliches Alter herbeiführen würde und sehnte sich: mit dem im
Spiel erworbenen Gewinn, sich wieder ein stilles häusliches Glück zu
erkaufen.

Auf einem glänzenden Maskenball zog ein Frauenzimmer das als Catinka
(im Mädchen von Marienburg) erschien, seine ganze Aufmerksamkeit auf
sich. Es war dies die Rolle, in welcher er Cornelien das Erstemal
auf der Bühne sah. Jene Erscheinung brachte deshalb sein Inneres in
heftige Bewegung und in einer wehmüthigen Stimmung, welcher er nicht
Meister werden konnte, nahte er sich jener Maske, lernte in ihr ein
liebenswürdiges bescheidenes Mädchen kennen und verfolgte den günstigen
Eindruck, den auch er in seinem sanft melankolischen Benehmen auf sie
gemacht hatte, mit dem gewöhnlichen Ungestüm. Sie war die Nichte eines
Lehrers an dem Liceum der Stadt. Hainau suchte in Bekanntschaft mit ihm
zu tretten, und fand in ihm einen Mann, welcher sich mehr für seine
Griechen und Römer, als für seine nächsten Umgebungen interessierte.
Ohne viele Umstände gab er nach einigen Wochen seine Einwilligung zu
Hainaus Werbung um Herminien. Sie wurde seine Gattin und bezog mit
ihm ein Landgut, das er von seinem erspielten Vermögen gekauft hatte.
Allein bald zeigte sich der Misgriff der Ehegatten in ihrer Wahl. Sie
paßten durchaus nicht für einander. Herminie war bis zur Erniedrigung
demüthig und furchtsam, zitterte bei jeder Forderung Hainau's und
handelte dennoch in immerwährender ängstlicher Besorgniß vor seinem
Unwillen verkehrt. Dies machte sie Hainau wiederlich. Er verkannte
dadurch ihre übrigen guten Eigenschaften, misbrauchte ihre Sanftmuth
und der Schmerz über ein unfreundliches rauhes Betragen, verkürzte
Herminiens zartes Leben. Nachdem sie Hainau einen Sohn gebohren, starb
sie bald darauf an einer unheilbaren Schwäche. «Mein Theodor hatte
das sanfte, zur Schwermuth sich hinneigende Temperament der Mutter
geerbt,» fuhr Hainau seufzend fort «und ich mochte den weichen, so
ganz unmännlichen Knaben durchaus nicht leiden. Bis in sein 12tes Jahr
war er unter der Aufsicht mehrerer Hauslehrer; jedoch ich forderte von
diesen; sie sollten die Gemüthsart meines Sohnes umändern, und da sie
dies nicht vermogten, schickte ich sie nach kurzer Zeit unzufrieden
wieder fort. Theodor war der unglückliche Gegenstand meines Unwillens.
Er mußte meine trübe Stimmung, welche immer finsterer wurde, auf alle
Weise fühlen und nach einer besondern, heftigen Scene, wo ich den armen
Jungen sehr hart behandelte, floh er vor dem unnatürlichen Vater und
ließ mich in einem furchtbaren Zustand zurück. Die Erinnerung an alle
Leiden der eigenen unglücklichen Jugend, an die traurigen Erfahrungen
der spätern Zeit, alle Vergehungen, deren ich mich schuldig gemacht
hatte, vor allem aber Corneliens Bild und die unendliche Sehnsucht
nach ihr, machte mir mein Leben qualvoll; ich fieng an die Menschen zu
hassen und diese feindliche Gesinnung brachte mich endlich so weit,
daß ich mein Gut verkaufte, meine Dienerschaft entließ, bis auf den
einzigen Treuen, der mich nicht verlassen wollte und mir in diese
schauerliche abgelegene Burg folgte, wo ich meine Wohnung aufschlug.
Joseph mußte mir geloben mit Niemand ausser mir ein Wort zu sprechen
und mein Herz verhärtete sich nach und nach so sehr, daß ich fähig war,
einen Brief meines Sohnes unerbrochen zurück zu schicken.

Nur das Andenken an Cornelien war vermögend mich aus der gänzlichen
Erstarrung meiner Gefühle zu wecken. Laß dir die Stelle zeigen mein
Freund,» sagte Hainau, «wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der
dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien
gelebt habe.»

Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deßen tiefsten
Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte,
sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf
der Oberfläche desselben aus Vergißmeinnichtpflänzchen ein O gebildet.

«In diesem Tempel,» fuhr Hainau fort, «brachte ich täglich die Stunde
zu, worinnen ich mich in einem thörigt falschen Wahn von Cornelien
trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte
mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Kürzlich
hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewöhnlichen Zeit
hieher wankte; ich saß dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und
betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die dürre Blume. Auf
einmal schien es mir, als rief eine leise, süße Stimme meinen Namen --
Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und
mitleidig ruft sie mich! dieß waren meine Gedanken und mein Entschluß
sogleich gefaßt: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder
und nachher kehrte mein gewöhnliches Stumpfsein wieder zurück. Ach
ich war sehr sehr unglücklich! und das bittre Gefühl der Reue, wird
mich ~nie ganz~ glücklich werden lassen! denn: habe ich nicht als
Vater unverantwortlich gehandelt? -- auch der Augenblick, wo ich im
letzten Anfall wilden Menschenhaßes bald meinen Retter gemordet hätte,
auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht über mich halten.»
-- so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. «Laß die
Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurück» sagte
Langenheim «und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. Laß uns
aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern
Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu düster» setzte er hinzu und führte
Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht,
besonders auf einen Teich welcher Zufluß von jener Quelle erhielt, auf
seiner klaren Fläche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen
der Sonne versilberten die kleinen Wellen, über ihn hinweg sah man
durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das öfters
schon erwähnte freundliche Dörfchen.

«Vertraue mir!» sagte hier tröstend Langenheim zu Hainau, der noch
immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trübe neben ihm saß.
«Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner
Tannen hieher ans heitere Tageslicht führte, wo dem Blick, der dort nur
auf den nächsten Umgebungen beschränkt ruht sich heitere Gegenstände
zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater
deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu können. Es müßte
mich alles täuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft über deinen
Theodor ertheilen könnte.» Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim
beschrieb nun Theodors Aeußeres so lebhaft und treu, als kein Pinsel
es vermögte. «Ja er ist es» rief Hainau entzückt, sank auf seine Kniee
und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er stürmisch
Langenheim um den Hals und «du mein süßer Wohlthäter hienieden der
du mir alles zuführen willst was mir theuer ist sprich! wo lebt
mein Sohn?» «In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner
Vaterliebe werth,» erwiederte Langenheim; er mußte nun von Theodor
erzählen, was er wußte dann aber versicherte Hainau: «nun kann ich
nicht mehr länger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen
wir.» Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als
Vorläufer absenden zu können, ob er gleich schon mehrere abgeschickt
und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin
sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.

                   *       *       *       *       *

Unruhig über Corneliens ungewöhnlich langes Aussenbleiben, und mit
einem seltsam bangen Vorgefühl kämpfend, schaute Albina an jenem
Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war
sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen
fernen Fußtritt. Ihre Zöglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte
des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und
lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das für
sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit
gestört und die Abendsuppe wurde ungenoßen wieder weggetragen. Die
~nun~ 12 jährige Aurelia schlich zu Albinen, umfaßte sie innig
und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren
Thränen. «Gutes theures Kind!» sagte Albina gerührt und drückte sie an
die Brust. -- «Du verstehst meine Sorge und ich danke dir für deine
Theilnahme, sie ist wohlthuend für mein Herz. Doch beunruhige dich
nicht auch. Der große Geist, der diesen schön leuchtenden Weltkörper
schuf und in seiner Bahn erhält, sieht eben so mildsorgend auf das
funkelnde Johanniswürmchen dort unten im Grase, und der Menschen
Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich
sagte mir dies vorhin recht nachdrücklich vor und bin nun gefaßt,
das, was die nächsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges
mir bringen werden ruhig anzunehmen.» Bald darauf hörten sie in der
Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. «Das wird die Mutter
seyn!» sagte Aurelia fröhlich. «Ist sie es,» erwiederte Albina mit
pochendem Herzen leise, «so beauftrage ich dich als die Verständigste,
deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht
nachtheilig für sie wird, denn ich muß mit der Mutter alleine
sprechen.» -- Sie eilte hinunter -- und aus dem Wagen stieg -- Cornelia
und Therese -- Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der
Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befürchtete, sie zu begleiten und
die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich spähend blickte
Albina beide an. Die Mutter äusserte mit schlecht verheelter Unruhe,
sie möchte die Kinder so schnell als möglich zu Bett bringen und dann
im Gaststübchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam,
fand sie Cornelien, mit rückwärts gebogenem, ins Sacktuch verhüllten
Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die
neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschluß über alle
diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstärke der geliebten Tochter
kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese
Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte
sich mit Theresen für die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens
Gemüth empfänglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde
geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin
schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit für
die abermalige Beschäftigung einer treuen Freundschaft und Fürsorge,
welche in Theresens schöner Seele immerdar segnend für ihre Lieben
waltete.

                   *       *       *       *       *

Haben wir im Leben irgend eine wichtige Erfahrung gemacht, so ist es
höchst wohlthätig, in der Einsamkeit dieselbe noch einmal durchzugehen
um sie vollkommen zu würdigen, und unser Benehmen gehörig regeln zu
können, -- aber es entsteht dann auch sogleich der Wunsch dem mit
uns am nächsten verwandten Herzen, Kunde davon geben und uns seines
Mitgefühls freuen zu können. Albina, als sie sich auf ihrem Lager
allein mit ihren Empfindungen befand war jetzt erst vermögend, reiflich
über die Ereignisse des Abends und über das, was die Pflicht aufs Neue
von ihr fordern würde, nachzudenken. Als sie damit im Reinen war,
entstand die Frage: «Ob wohl Theodor von dem Vorfall wisse?» und das
sehnsüchtige Verlangen regte sich lebhaft, doch recht bald mit ihm
darüber sprechen zu können. Du mein Geliebter! wirst also einen Vater
durch deine Albina wieder erhalten! sprach sie leise und innig: doch in
diesem Augenblick verschmolzen die Bilder seines und ihres Vaters in
ihrer Phantasie so wunderbar in einander, daß sie unzufrieden mit ihren
verworrenen Ideen, sich bemühte, einzuschlummern um am Morgen sich
ihrer gewöhnlichen Geistesklarheit erfreuen zu können.

Sie war auch am folgenden Tag wieder vollkommen im Stande, alles,
was ihr schöner Beruf heischte, genau zu besorgen, und der noch
heftig angegriffenen Mutter kindlich beizustehen -- doch gewährte
es ihr hohen Trost, als Therese äusserte: noch einige Tage bei ihnen
zu bleiben, da ihres Gatten Reise und Abwesenheit ihr die längere
Entfernung vom Hause gestatte. Die erste günstige Minute wo Albina
allein die mütterliche Freundin sprechen konnte benützte sie um zu
erfahren, ob auch Theodor von den neuesten Begebenheiten unterrichtet
sey? «Er ist nicht hier,» erwiederte Jene; «Volkmar gab ihm einen
Auftrag, der ihn schnell abzureisen und 10-12 Tage wegzubleiben
nöthiget. Durch mich sendet er Albinen seine zärtlichsten Grüße.»

                   *       *       *       *       *

Nach einigen Tagen brachte Corneliens Dienstmädchen aus der Stadt
einen Brief an Theresen mit -- «von meinem Albert!» rief diese
und eilte damit in den Garten. Albine auf alles gefaßt, entschloß
sich ihr nachzugehen. Therese gieng aus der Laube mit dem Ausruf
entgegen: «Dein Vater ist gefunden -- doch vielleicht -- nur um
ihn wieder zu verliehren!» Sie theilte ihr nun den Brief mit, den
Jener an dem Krankenbette des noch in Gefahr schwebenden Verwundeten
geschrieben hatte. Albina war tief bewegt -- aber ganz mit Theresen
einverstanden: der Mutter diese Nachricht vorzuenthalten, vermogte sie
es, ihre Gefühle zu verbergen. Bald verwandelte ein zweites Schreiben
Langenheims diese peinliche Unruhe in glückliche Gewißheit und mit
möglichster Vorsicht machte Therese Cornelien mit dem Erfolg der Reise
ihres Gattens so wie nach und nach mit allen sie begleitenden Umständen
bekannt. In Freude und Schmerz gleich ausschweifend, war Cornelia kaum
fähig die Erste zu ertragen und sie scholt die Zeit, welche sie viel zu
langsam zum Ziel ihrer Wünsche, zum Wiedersehen ihres Rombergs führte.
(Langenheim hatte nemlich den wahren Namen seines Freundes und seine
Vermuthungen wegen Theodor weislich noch verschwiegen.)

                   *       *       *       *       *

Therese wurde durch häusliche Angelegenheiten genöthiget in die
Stadt zurückzukehren. Albina verdoppelte nun ihre Sorgfalt für die,
dem Geist und Körper nach leidende Mutter; ihre dadurch vermehrten
Geschäfte ließen ihr nicht Zeit, ihren eigenen Empfindungen Gehör
zu geben, welche sie oft mit einer süßen Unruhe erfüllten. An dem
Abend, an welchem Theodor, der von seiner Reise zurückgekehrt war,
auf den Flügeln der Liebe zu seiner Albina eilte und beide des lang
entbehrten Genußes eines traulichen Beisammenseyns in der Laube sich
erfreuten, kam Therese auch, doch etwas später in das Landhaus. Sie
brachte Cornelien den Brief, worinn ihr Gatte seine und Hainaus Ankunft
und zugleich letztere als Theodors Vater ankündigte. Nachdem sie die
heftig aufgeregte Freundin etwas beruhigt verlassen konnte, suchte sie
die Liebenden auf und als sie vorbereitend von Vater Hainau manches
erzählt hatte was beide aufmerksam und empfänglich für die Nachricht
machte, die sie ihnen bringen mußte, nannte sie die Namen: Bruder --
Schwester! -- Theodor fuhr erschrocken auf, Albina wurde blaß und
zitterte, endlich lößte ein wohlthätiger Thränenstrom, die Betäubung,
in welche sie diese Entdeckung versezt hatte, auf. Therese drückte
sie an ihr Herz und sagte: «Laß uns Gott danken, theures Kind! der zu
~rechter~ Zeit einen erleuchtenden Strahl in die drohende Nacht
deiner Zukunft sandte, welcher uns alles im wahren Licht erblicken läßt
und uns von dem Abgrund hinwegreißt an dem wir ohne Wissen standen.
Theodor!» fuhr sie fort, indem sie sich zu den noch immer in dumpfen
Sinnen finster brütenden Jüngling wandte: «Theodor! müssen Sie denn
die Geliebte ohne allen Ersatz hingeben? erhalten Sie nicht dafür
einen versöhnten Vater, eine treue Schwester?» «Ja, eine treue, treue
Schwester will ich dir seyn!» fiel Albina ein und umfaßte ihn liebend
tröstend, «wir haben uns ja nur verlohren, um uns in anderer Gestalt
wieder zu finden.» «Lasst mir Zeit, mich zu sammeln,» bat Theodor, und
wandte sich sanft aus Albinens Armen; «ich muß mit mir ~alleine~
seyn, und hoffe, wenn wie uns wieder sehen, Euch alle zufrieden zu
stellen.» Er drückte einen Kuß auf Albinens Stirn, reichte Theresen die
Hand und eilte fort. «Wir wollen nun Anstalten zum Empfang der theuern
Gäste treffen» sagte leztere zu Albinen, «dies wird eine wohlthätige
Zerstreuung für meine geliebte Tochter seyn.» Folgsam, aber schweigend
mit niedergesenktem Blick gieng sie an Theresens Seite in die Wohnung.

Cornelia schloß sie in ihre Arme und sagte: «Ist Dir der letzte Vorfall
nicht Bürge für die Untrüglichkeit meiner Ahnungen? -- Als der Sohn
meines Hainau, als dein Bruder, wird Theodor den nächsten Platz nach
dir in meinem Herzen einnehmen. Bis jezt konnte ich ihn aber nie ohne
geheimen Schauer betrachten. Ach Albina! welche beseeligende Aussicht
zeigt sich unserm Auge! öffne doch dein Herz auch meinen Empfindungen
geliebtes Kind! ich flehe zu dir, theile ~meine~ Freude!» «Theure
Mutter!» erwiederte Albina bewegt, «ist sie denn nicht auch ~meine~
Freude? Einen hohen Genuß, den der väterlichen Liebe, bringen mir die
nächsten Stunden und ich fühle gewiß seinen Werth. Aber sey nachsichtig
beste Mutter. Zu neu ist mir mein gegenwärtiges Verhältniß gegen
Theodor, das Herz muß sich erst daran gewöhnen lernen.»

                   *       *       *       *       *

Es kam der der große Augenblick des Wiedersehens und das freundliche
Landhaus umschloß eine unaussprechlich glückliche Familie! Nur das
gealterte kränkliche Ansehen Hainaus goß einen Tropfen Wermuth in
den Freudenbecher. Es giebt Scenen im menschlichen Leben, wo die
Gegenwart, selbst der vertrautesten Freunde, störend werden kann. Diese
richtige Ansicht hatten auch Langenheims und da der Tag der Ankunft
genau bestimmt war, begab sich Theodor -- welcher das zur Seelenruhe
erforderliche Gleichgewicht der Empfindungen sich wieder errungen
hatte, an demselben ~alleine~ zur geliebten Schwester und Mutter
und der glückliche Hainau fand alles vereint, wonach in den letzten
Tagen sein Herz die heisseste Sehnsucht empfunden hatte. Er gab sich
ganz den süßen Regungen der zärtlichsten Gatten und Vaterliebe hin
und fühlte sich oft, durch die Genüsse, die ihm wurden zu dem Glauben
geneigt: er sey schon der Erde entrückt.

Auch Cornelia war unendlich glücklich in der Erwiederung einer lange
hoffnungslos gehegten, doch treu bewahrten Liebe und bemühte sich,
ihren Gatten immerwährend davon zu überzeugen.

Der herangereifte Jüngling befriedigte nun ganz die Forderung des
Vaters und auf der lieblichen Tochter ruhte oft lange mit stillem
innigen Wohlgefallen sein Blick. Joseph der seltene treue Diener
gehörte auch mit in den häuslichen Verein und wurde durch die
allgemeine dankbare Anerkennung seiner Verdienste um seinen Herrn,
für dieselben belohnt. Seine abentheuerliche Ritter-Kleidung wurde
als eine Reliquie der vorigen Zeit aufbewahrt. Sie hatte sich seiner
Aussage nach in der alten Ritterburg vorgefunden und schien ihm damals
geeignet, das geheimnisvolle Benehmen, wozu ihn Hainau verpflichtet
hatte, noch mehr zu erhöhen. Der sonst stumme Diener war jezt sehr
redselig geworden. Er erzählte viel und gerne von der Vergangenheit.
Unter andern gab er gleich in den ersten Tagen, bei einer zufälligen
Gelegenheit, folgende wichtige Geschichte zum besten:

Er war Soldat, und immer menschlich gesinnt kam er als Feind in ein
Dorf. Hier sah er vom weiten eine Frau, im Begriff ein neugebohrnes
schreiendes Kind im vorbeiströmenden Fluß zu werfen. Joseph rief ihr
ein donnerndes: «Halt» zu. Sie blieb stehen und erwartete ihn. «Was
willst du thun Barbarin?» fuhr sie jener an. «Ey was,» erwiederte die
Frau, «das Kind ist nicht mein, eine Fremde hat es mir zurückgelassen
und in den harten Kriegszeiten habe ich genug zu thun für mich und
meinen Mann zu sorgen; das Kind ist mir eine Last.» Joseph stellte
ihr das Gräßliche ihres Vorsatzes so eindringend vor, daß sie in sich
gieng, die Augen mit der Schürze trocknete, das Kind küßte und sagte:
«Nun wohl, ich will die Kleine morgen in der Früh vor ein Gartenhaus
in der Gegend setzen: da wohnen reiche Leute die können sich ihrer
annehmen.» Joseph quartierte sich darauf absichtlich bei jenen Leuten
ein, aber statt sich von ihnen frei halten zu lassen, bezahlte er
alles, was sie ihm gaben, doppelt und die Kleine trug er selbst den
ganzen Abend über auf seinen Armen herum und liebkoßte sie. «Sie hat
es gewußt, daß ich ihr Lebensretter war,» sezte er treuherzig hinzu,
«denn wenn sie im vollen Schreien war, und ich nahm sie zu mir, so
war sie stille und blickte mich lieb und freundlich an. Es war ein
wunderschönes Kind. In der Nacht mußte ich weiter marschiren und ich
weiß nicht, was aus ihr geworden ist, hab aber oft an sie gedacht. --»
Theodor und Albina waren es, die er vorzüglich mit seinen Geschichten
und also auch mit dieser unterhielt. Als er geendigt hatte sagte
Leztere: «Treue Seele! die du gerettet hast vom Wassertod -- steht
vor dir -- ich bin es, und will dir mein Lebenlang dies zu vergelten
suchen.» Sie erzählte ihm ihre Jugend-Geschichte und Joseph war ausser
sich vor Freude daß er zum Werkzeug erkohren war einem so edlen Wesen
das Leben erhalten zu haben. Als den übrigen Gliedern der Familie diese
Begebenheit mitgeteilt wurde, beeiferte man sich um die Wette, dem
wackern Joseph die herzlichste Dankbarkeit für seine schöne Handlung,
welcher man das Daseyn der allgemein geliebten und verehrten Albina
zu verdanken hatte, zu beweisen. Vorzüglich hatte er sich dadurch
Cornelien unendlich verpflichtet. Sie betrachtete ihn als ihren
Wohlthäter und bot alles auf, ihm dies mit der That zu lohnen.

                   *       *       *       *       *

Albinens zarter liebender Sinn hatte einen Plan entworfen, nach
welchem, der letzten Ereigniße wegen, ein würdiges Familienfest
gefeiert werden sollte. Es war ihrer schönen Seele Bedürfniß, sich
öffentlich darüber aussprechen zu dürfen; und Theodor wurde von ihr zur
freundlichen Mitwirkung aufgefordert.

Mehrere Tage bemerkte Cornelia bei Albinen eine geheime Thätigkeit,
so wie auch bei den Zöglingen. Diese standen oft auf einem Fleckchen
beisammen, flüsterten und lachten versteckt. «Mütterchen, forsche nicht
nach!» schmeichelte Albina, als Jene sie darüber fragte: «nur heute
noch, und du wirst Aufschluß erhalten.» Am folgenden Abend erschienen,
von Albinen eingeladen und überraschend für die Eltern, als liebe
Gäste, Langenheims und Volkmar.

Im festlich mit Eichengewinden decorirten Saal war der Theetisch
bereitet. Eine der ältern Pflegetöchter, eine muntre hübsche Brünette
bediente die Anwesenden anmuthig und gewandt. Die andern Zöglinge
giengen ab und zu und Albina wußte es leicht zu veranstalten,
daß die Mutter die Freunde mit den Produkten des Fleißes und der
Geschicklichkeit der Kinder unterhalten mußte und also ihre und
Theodors Entfernung weniger bemerkt wurde. Endlich (es war schon
dunkel und an der reinen azurnen Himmelsdecke funkelten zahllose
Sterne) traten die 2 jüngsten Kinder der Anstalt, als Genien gekleidet
in das Zimmer. Das weise Gewand war mit Blumengewinden hinaufgeschürzt
und Blumenkränze zierten die blonden Köpfchen. Jede trug eine kleine
Fackel in der Hand und mit freimüthigem Anstand näherten sie sich der
Gesellschaft und sprachen abwechselnd:

    Möchte es Geliebte Euch gefallen
    Uns zu folgen in die heil'gen Hallen
    Wo die Kindesliebe Eurer harrt.

            *       *       *

    Möchte dort ihr Walten Euch erfreuen
    Wo sie treulich in dem Kreis der Treuen
    Jegliche Empfindung offenbart.

Freudig erstaunt folgten die Eingeladenen den lieblichen Führerinnen.
Im Gartenzimmer, das von einer Lampe matt erhellt und reich
ausgeschmückt mit duftenden Blumen in Töpfen und Vasen war, standen
vor der geöffneten Flügelthüre, welche in den Garten führte, die
berechneten Sitze für die Eintrettenden. Der mit vielen farbigen
Flämmchen erleuchtete Gang leitete die Blicke zu einem im Hintergrund
befindlichen Tempel, dessen Dach auf grün belaubten Säulen ruhte
und welcher die Strahlen, einer hinter ihm transparent angebrachten
Sonne wiedergab. Ein Altar stand in der Mitte derselben; an ihm ward
Albinens edle holde Gestalt im himmelblauen griechischen Gewand
sichtbar, welche die Flamme die auf dem Altar brannte, sorgfältig
unterhielt. Die Kinder alle wie die beyden Ersten gekleidet, umringten
in 2 Halb-Zirkeln den Tempel. In der entfernten Laube ertönte (auf das
gegebene Zeichen, daß die Gefeierten zugegen wären) eine vollstimmige
Musik. Sie begann mit einem feierlichen Choral, in welchen die feinen
Kinder-Stimmen einfielen und Albina in betender Stellung an dem Altar
niedersank.

Sie sangen:

    Dem großen Geist, der wunderbar und weise
    Der Sterblichen Geschick hienieden lenkt
    Sey Lob und Preiß für diese schöne Stunde
    Die uns hier himmlische Genüsse schenkt!
    Er leite ferner huldvoll unsre Wege
    Zu der Vollendung schönem Ziele hin:
    Und reich' uns stets im innigen Vereine
    Der Lieb und Freundschaft dauernden Gewinn!

      *       *       *       *       *

Theodor kam nun als Minnesänger hervor. Um den Hals an einem breiten
Band befestigt hieng die Guitarre. Die Kinder eilten ihm entgegen
und führten ihn, gleich wie im Triumpf der Versammlung zu. Vor der
Flügelthüre stehend begann er:

    Euch Ihr hochverehrten, heiß Geliebten
    Tönt des Minnesängers frohes Lied
    Dem auf seinen Wanderungen lieblich
    Hier der Freude schönste Blume blüht.

            *       *       *

    Was Irrthum einst trennte schaut er hier vereinigt
    Und in der Vergeßenheit ewiges Grab
    Sieht er die vergangenen Leiden sich senken
    Im Augenblick, welcher uns Wonne nur gab!

            *       *       *

      Hochbegeistert laßt mich aber preißen
    Dich o Freundschaft! mit dem edlen Sinn!
    Du bist von dem Glück das uns beseeligt
    Mächtige und holde Schöpferin
    Und die Grosmuth, die mit milden Händen
    Die Verlaßnen führte und sie reich
    Segnete, beglückte und erfreute
    Grüße ich verehrend hier in Euch!

            *       *       *

      Ihr habt schon den Lohn jener liebenden Thaten
    Im süßen Bewußtseyn; doch nehmt jezt den Kranz
    Mit freundlicher Güte aus kindlichen Händen,
    Den Unschuld Euch reichet im himmlischen Glanz!

      *       *       *       *       *

Mit einer Verbeugung trat Theodor zurück und 4 Mädchen reichten den
Langenheimischen und Volkmarischen Ehegatten Kränze aus Lorbeeren und
Vergißmeinnicht gewunden. Nachdem wurde man Theodor im Tempel gewahr,
wo er und Albina sich über der heiligen Flamme auf dem Altar die Hand
reichten und der Chor der Kinder sang mit Musik begleitet:

      Heil dem neu geschloßnen Bunde
    Reiner Bruder- treuer Schwesterliebe!
    Dauernd gründe diese Stunde
    Jene heil'gen Triebe.
    Ihre Herzen, die sich schnell gefunden
    Sind für eine Ewigkeit verbunden.

      *       *       *       *       *

Nach Endigung dieses Gesangs giengen die Geschwister Hand in Hand, von
den Genien begleitet, der Versammlung zu und Albina lies sich vor dem
Vater, Theodor vor der Mutter, auf ein Knie nieder; Aurelia trat hervor
und sang mit weicher Stimme:

      Segnet theure Eltern die Geliebten,
    Die für Euch in frommer Lieb' erglüh'n!
    Euer immer werth zu bleiben
    Ist ihr unermüdetes Bemühn
    Es soll Eure Tage schön verklären
    Und des trauten Kreißes Glück vermehren!

      *       *       *       *       *

Mit tiefer Rührung legten die Eltern die Hand auf die Häupter der
geliebten Kinder, zogen sie dann an ihre Brust und kein Auge blieb
trocken bei dieser herrlichen Scene welche besonders für Cornelien und
Hainau sehr angreifend zu werden schien: doch Moly die schon erwähnte
heitre Brünette unterbrach dieselbe, indem sie mit noch einem Kranz
am Arm, auf den in einer Ecke des Zimmers stehenden Joseph hineilte,
welcher beinah laut weinte, ihn mit freundlicher Gewalt in ihre Reihen
zog und zu singen begann:

      Nimm diesen Kranz aus meiner Hand
    Sieh'! er gebühret der Treue!
    Sey auch verschieden ihr äußeres Gewand,
    In welchem Sie uns erfreue.
    Du hast in der alten Rittertracht
    Auch teutschen Rittern dich gleich gemacht --
    Sey hoch geprießen aufs Neue! --

      *       *       *       *       *

Hiemit sezte ihm das fröhliche Mädchen den Kranz auf. Jung und Alt,
Groß und Klein drängte sich zu ihn und drückte des Wackern Hand. Hainau
fand keinen Anstand, den bewährten Diener an seine Brust zu nehmen, der
die Hand des gütigen Herrn mit Küssen bedeckte und lange vor strömenden
Thränen, nicht sprechen konnte. Endlich kam in den treuherzigsten
Ausdrücken ein gutgemeinter Wunsch hervor. -- Man gieng dann zur
näheren Beschauung, Gruppenweise in die erleuchteten Parthien des
Gartens und freute sich wiederholt Albinen und Theodors schöpferischer
Liebe.

Nach und nach schlichen sich die Aeltesten unter den lieblichen Genien,
dann Theodor und zulezt Albina und Joseph hinweg. Und nicht lange --
so wurden die Eltern und Freunde gebetten, in den Saal zurückzukehren,
wo hell erleuchtet ihnen die gedeckte Tafel einladend entgegen winkte.
Albinens Hausmütterliches Talent, die Gelehrigkeit und Emsigkeit
ihrer Schülerinnen, sprach sich in der Anordnung des, wenn auch nicht
kostbaren, doch wohlschmeckenden und geschmackvoll eingerichteten
Abendeßen aus. In das Nebenzimmer war eine Harmonie-Musik blasender
Instrumente gewiesen, deren sanfte Zauber die beseeligenden
Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden noch mehr erhöhte und --
erst beim ernsten Schlag der Mitternachts-Stunde trennten sich die
Stadtbewohner mit den Gefühlen aufrichtiger Achtung und Dankbarkeit
gegen Albinen und Theodor von dem Wohnsitz reiner Freude.

                   *       *       *       *       *

So sehr Hainau wünschte mit dem lang entbehrten Sohn häufiger beisammen
seyn zu können: hielt doch Letzteren seine Pflicht in der Stadt. Er
war als Actuar angestellt, hatte seine Wohnung im Langenheimischen
Haus und brachte nur die Sonntäge, an andern Tagen zuweilen ein paar
Abendstunden im Kreiß seiner Familie zu.

Wie schon erwähnt wurde -- war er ein leidenschaftlicher Freund der
Musik und besaß auch von und in derselben ausserordentliche Kenntniße
und Fertigkeit. Seine Neigung gieng so weit, daß er nicht nur jedem
Conzert; ~jedem~ musicalischen Privat-Verein beiwohnte, und auch
täglich, wenn die schöne militärische Musik des in D* garnisonirenden
Regiments bei seinem Büreau vorüberzog, um die Wache zur Ablößung zu
begleiten -- von seinem Sitz auf und ans Fenster sprang um sie zu
hören: sondern daß sogar ~jeder~ an den Messen herumziehende
Strassensänger seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Einst spielte wieder ein Knabe vor seiner Wohnung eine kleine Orgel
und lockte Theodor an das Fenster. Ein zartes Mädchen von 14-15 Jahren
sang mit einer umgemein lieblichen Stimme dazu. Diese war für ihr
Alter von einem bedeutenden Umfang, metallreich und hatte so viel
Weiches, daß Theodors Augen sich unwillkührlich mit Thränen füllten.
Er rief die Kinder in das Haus, erfuhr, daß sie unter Wegs zufällig
zusammengekommen wären und Antonie, so hieß das Mädchen, aus dem
westlichen Theil Italiens gebürtig, ohne Verwandte in der weiten Welt
durch ihre Stimme den ärmlichsten Unterhalt zu erwerben suchte. Ihr
bescheidenes Wesen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge und ihre hülflose
Lage, verbunden mit ihren musikalischen Talenten machte sie Theodor
ungemein interessant. Er beschenkte sie und ihren Begleiter reichlich
und ließ sich ihre Herberge sagen.

Den größten Theil der Nacht beschäftigte ihn der Gedanke: wie
unglücklich dies Mädchen sey, in welchen Gefahren sie schwebe und
ob es nicht möglich wäre, sie denselben zu entziehen. Er beschloß,
sie näher kennen zu lernen und -- wäre sie es würdig! sich ihrer
anzunehmen: Theils führte ihn das Gefühl der Schiklicheit, theils das
Vertrauen auf Theresens Einsicht und wohlwollende Gesinnung am andern
Tag zu derselben und er gieng mit ihr in dieser Angelegenheit zu
Rath. Sie zeigte sich bereitwillig seinen Wunsch zu erfüllen und ließ
Antonien zu sich rufen. Diese war der Französischen Sprache kundig,
welche auch Therese vollkommen verstand und so war es der Lezten
möglich nach einer langen Unterredung das Mädchen auf verschiedene
Weise als Menschenkennerin zu prüfen; doch ach, die freundliche
Behandlung Theresens, die schöne Wohnung die sichtbaren Spuren der
Wohlhabenheit ihrer Besitzer, dies alles erregte bei Antonien, welche
hier den Abstand zwischen ihrer ärmlichen Lage und der, der glücklichen
Stadtbewohner sehr schmerzlich fühlte, eine Sehnsucht und Wehmuth,
die sich bei ihrem Abschied von Theresen in hervorbrechenden Thränen
äusserte. Diese senkte einen Funken der Hoffnung in ihre betrübte Seele
und versprach ihr auch, sie während ihres Auffenthalts öfter zu sich
kommen zu lassen. Als sie Theodor das Resultat ihrer Beobachtungen
mitgetheilt hatte, kamen beide darinnen überein: Antonien in die
Anstalt seiner Mutter zu bringen zu suchen.

Er gieng noch an dem nemlichen Abend hinaus, gewann zuerst die
mitleidige Albina für seinen Wunsch und beide trugen ihn Cornelien vor.

«Bist du denn sicher mein Sohn,» sagte diese ernst, «daß der Schritt,
zu welchem du mich bestimmen willst keine nachtheiligen Folgen für
unser häusliches Glück haben wird?»

«Beste Mutter!» erwiederte dieser, «ist denn die mögliche Rettung
eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was
wäre aus Albinen, was aus mir geworden, hätten unsere Wohlthäter an
unserer Würdigkeit zweifelnd, ängstlichen Besorgnissen Gehör gegeben,
welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben würden, sich unsrer
anzunehmen! --» Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte,
ließ mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur
Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefühl
kehrte Theodor in die Stadt zurück, theilte Theresen den Erfolg seiner
Bemühung für Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu
einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wußte, daß er gewiß zu
Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzücken des Mädchens seyn,
wenn sie die frohe Kunde hören würde. «Antonie!» sprach sie Theodor
freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. «Antonie!
könntest du dich mir wohl vertrauen? ich möchte dein Glück gründen
und dich deiner unwürdigen Lebensweise entziehen!» -- Das Mädchen
schaute ihn mit großen Augen an: «Kannst du dich entschließen,» fuhr
Jener fort, «hier zu bleiben und die Bemühungen dich auszubilden mit
Gehorsam und Fleiß zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten
Mutter und Schwester führen, welche geneigt sind dich aufzunehmen. --»
Noch immer schien Antonie ihr Glück nicht begreiffen zu können. Nun
sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und -- ein
freudiges «Ach!» war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie
zitterte, daß sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mußte
und eine glühende Röthe wechselte mit Todtenblässe in ihrem Gesicht ab.
«Fasse dich doch mein Kind!» sagte Therese -- und -- «prüfe dich,» fiel
Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen,
zu zweifeln, «prüfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen
Vorschlag anzunehmen.»

«Ach Gott! ich bin zu glücklich! ich vermag es kaum zu fassen,» sagte
das Mädchen und schlug die schönen dunkeln Augen gen Himmel. «Die arme
verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine
Schwester, einen Bruder! -- o es ist zu viel es ist zu viel!» Sie
ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hände und preßte sie an ihr
Herz. Noch an demselben Abend führte sie Therese mit Theodor in ihre
neuen lieblichen Umgebungen.

Sie wurde von der Mutter gütig, von Albinen mit schwesterlicher
Freundlichkeit empfangen und Antonie fühlte sich über allen Ausdruck
glücklich.

Sie zeigte sich bald als eine höchst gelehrige, fleißige und gehorsame
Schülerin, wurde Albinens emsigste Gefährdin, treueste Freundin und
dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht
Ursache, ihren Entschluß zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause
allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte
ihr alles, was ihr nöthig war und wozu sie Lust hatte und streute in
das empfängliche weiche Mädchen-Herz den Saamen aller schönen Gefühle.

Theodor, entzückt, über sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal,
wo er nicht neue Vorzüge an Antonien entdeckte und Albinen innig für
ihre schwesterlichen Bemühungen um Jene dankte. In der Musik gab er
ihr Unterricht und seine Schülerin machte riesenmäsige Fortschritte
warum? -- die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthäter war
ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glühender Leidenschaft war
sie ihm ergeben, ohne daß sie es anfangs selbst wußte. Sehnsüchtig
sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor öfter auf dem Landhaus
erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden mußten zum Vorwand dienen,
denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, daß ihm das
Mädchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen
Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche
sich nun die Zeit, in welcher er gewöhnlich kam, immer am Fenster
etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie
zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln,
und dennoch begrüßte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und
pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten,
nie während der Unterrichtsstunde entfernen: «denn,» sagte sie zu
dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: «ich kann dir
nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich
mich so sehr auf jede Lehrstunde.» Albina lächelte, ihr war der Grund
jener süßen Unruhe wohl erklärbar. Die Mutter schien auch auf einige
Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.

                   *       *       *       *       *

Noch war kein Jahr nach der glücklichen Wiedervereinigung verfloßen:
als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste ärztliche Hülfe,
die ängstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht
bewirken. Die Natur unterlag den Folgen früherer harter Erfahrungen
und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben
in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrückte. Cornelie
blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in
so heftige Aeusserungen aus: daß man sie vom Krankenbett entfernen
mußte! auch Theodor war nicht vermögend den Vater sterben zu sehen.
Mit verhülltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie
kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete für des
Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! -- Albina küßte die
kalte väterliche Hand und trug nun treue Sorge für die Lebenden, da sie
in allen Fällen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mußte sie
auch Langenheim bei dem Geschäft der Beerdigung unterstützen. Antonien
übergab sie den trauernden Bruder und diese ließ ihr liebendes Herz
ganz gewähren, sie war unerschöpflich in den Bemühungen Theodor zu
trösten und aufzuheitern. -- Auch dem Todten weihte sie ihre fromme
kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die kühle Gruft gesenkt
wurde, verfertigte sie aus sinnig gewählten Blumen ein langes Gewinde,
womit sie inwendig den Sarg bekränzte, daß es schien als läge die
Leiche auf Blumen gebettet. So geschmückt, und einfach, aber würdig
bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt,
indeßen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben
versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz äusserten.
Auf einmal vermißte man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn
aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hülle des geliebten Vaters. Bei ihrem
Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief,
indem er beide Arme ausbreitete: «Treue Seele!» -- Sie sank an das
Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schloß
sich an des erblichenen Vaters Seite das Bündnis ihrer Herzen. Albina,
den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit
der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger
Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthätig an dem
treuen schwesterlichen Herzen den süßen Schmerz ausweinen zu dürfen.

Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise
nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und
Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrübte.
Sie liebte beide herzlich und sah keine Möglichkeit zur Erreichung
ihrer Wünsche. Theodors Amt war nicht einträglich und die Familie nicht
reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anständigen
Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mußte mit gänzlicher
Mißbilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb
nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft für Antonien,
gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich
verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thränen
mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und
es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen
Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit
den Bekümmerten. Sie suchte es aber vorzüglich Antonien, als der am
schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele
hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fühlte es schmerzlich,
wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte,
daß ~sie~ die Ursache der traurigen Veränderung sey und dies
war ihr unerträglich. Unter heissen Kämpfen reifte nach und nach in
ihrem Innern ein Entschluß, der ihr ganzes Glück zerstören, doch das,
ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen
Abendbesuche Theodors, führte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in
die Laube, zu einer ungestörten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie
sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, daß, Theodor
unwillkührlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer
Seite saß. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu
verarbeiten und sich mühsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie
mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: «mein Theodor! in dem mir ewig
theuern Augenblick, wo du mir das Glück verkündet, daß ich in deine
Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich:
ob ich dir vertrauen könne? -- Laß mich nun dieselbe Frage an dich
richten: würdest du, auch in zweifelhaften Fällen, immer mir vertrauen,
nie den Glauben an mich verlieren?» Theodor sah sie befremdend an.
«~Nie~!» erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte.
«Jedoch ich glaube, daß Antonie immer ~so~ handeln wird, daß ich
sie begreiffen kann.» «Das wirst du können,» versezte sie, «wenn du
stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermißest, welche nur dein
Glück zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem
Einverständnis unsrer Seelen!» fuhr sie fort, schlang ihren Arm um
Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, «Sollten uns auch die
Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) für dich
lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch
keinen Zweifel entweihten Angedenkens» --

«Wer will, wer kann uns trennen?» rief Theodor, sprang wild in die Höhe
und wollte -- Böses ahnend, fort stürmen. Antonie hielt ihn zurück
und betheuerte: all' das Gesagte hätte seinen Grund nicht in der
Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie.
Durch manche liebende Rede, besänftigte sie Theodors aufgeregtes Gemüth
und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: «um ein Zeichen
der Erinnerung an diese schöne Stunde» Sie zog bei diesen Worten ein
Scher'chen aus dem Arbeitskörbchen das neben ihr stand und schnitt
Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfältig in ein Papier, drückte
sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr
lächelnd zu. «Gieb mir auch von deinem glänzenden Rabenhaar» sprach er
und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete
sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte,
um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, daß
große Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das
Blut aus der Wunde. Antonie schien erschüttert; nach einer Pause sprach
sie bewegt: «o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und
warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke würde mich auch bei einer
tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben stärken; doch
behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer
lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, daß ich
Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glück opfern würde.» Ein langer Kuß
dankte Antonien für die Aeußerung der treusten zärtlichsten Liebe und
diese fühlte von Neuem das unaussprechliche Weh der nächsten Stunden.

Blaß erhob sie sich aus Theodors Armen, die Pulse schlugen fieberisch,
die Augen brannten und es überfiel sie ein so heftiges Zittern, daß
Theodor in der größten Herzensangst nach Hülfe eilen wollte. Antonie
verhinderte es «laß gut seyn!» sagte sie leise, «es wird bald wieder
vorübergehen.»

Albina kam, um den Liebenden so schonend als möglich die
Unzufriedenheit der Mutter über ihr langes Zusammenseyn mitzutheilen.
Theodor durch alles Vorhergehende gereizt, tobte fürchterlich, Antonie
weinte; endlich flehte sie: «um meinetwillen Theodor sey gelassen!
vergieb der Mutter und -- laß uns scheiden!» sezte sie mit besonderm
Nachdruck hinzu; «Scheiden!» rief Theodor und drückte sie stürmisch an
die Brust; «wer kann uns scheiden, wer? --» «für ~jezt~ meint Antonie,»
sagte Albina beschwichtigend, «lieber Bruder! -- erfülle Antoniens
Bitte, durch ihre Nichtgewährung bereitest du deiner Geliebten eine
neue Unannehmlichkeit; verlaß uns für heute, ein baldiges Wiedersehen
soll dich schadlos halten.»

«Ja, das Wiedersehen!» flüsterte Antonie; und nach einer Umarmung,
in welcher es schien, als vermögte sich keines von dem Andern
loszureissen, gehorchte endlich Theodor Albinens ängstlich wiederholter
Bitte und -- gieng.

Antonie lag ohnmächtig in Albinens Armen. Diese suchte im
Arbeitskörbchen der Lezten nach dem stärkenden Mittel welches jene
immer bei sich trug um sich vor ähnlichen Unfällen, denen sie öfters
ausgesezt war zu sichern und nach einigen Minuten gelang es ihr, sie
wieder ins Leben zu bringen. Antonie wankte, von Albinen unterstützt
sogleich in ihr Schlafzimmer, da sie der Ruhe höchst bedürftig war.
Finster hörte die Mutter die Nachricht von ihrem Uebelbefinden und
verwundete Albinens liebendes Herz durch manche harte Rede, welche die
leidende Freundin traf. Indeß ließ sich nicht das Geschäft der Pflege
Antoniens nehmen: allein Letztere schien immer zu schlummern.

Nur einmal preßte sie Albinens Hand an ihre Lippen und sagte innig:
«Dank, heissen Dank für Alles!» --

Sie schlief noch mit 4 Töchtern der Anstalt in einem Zimmer; unter
diesen war auch Aurelie. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers
erwachte Antonie; als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, daß die
Kinder während der Zeit ins Bett gegangen waren und schon schliefen.
«Was soll ich thun?» sprach sie nun halb laut für sich -- «ich fühle
mich zwar noch schwach, jedoch viel ist mit dem gestrigen Abend
überstanden, soll ich es noch einmal durchkämpfen? -- nein o nein!
fort, sogleich fort!» Sie sprang mit diesen Worten aus dem Bett,
kleidete sich an, warf sich auf ihre Knie und schien heiß zu beten.
Dann nahm sie aus ihrer Comode einige Wäsche, eine Chatoulle worin
ihr kleiner Reichthum war unter dem Arm, hüllte sich in Mantel und
Schleier und -- wollte zur Thüre hinaus. «Antonie was beginnst du!»
rief Aurelia mit dem Ausdruck des Entsetzens. Sie war noch wach, als
Erstere ihr Selbstgespräch hielt, hatte sie bisher beobachtet und
mußte nun ihrer Angst Worte geben. Gleich einer Bildsäule erstarrte
Antonie. Endlich trat sie an Aureliens Bette und sagte: «wenn dir
meine Seeligkeit lieb ist, so laß mich fort und schweige.» «Ach warum
willst du uns denn verlassen?» jammerte diese. «O meine Aurelia,»
erwiederte Antonie bewegt und umfaßte innig die Weinende, «du warst
mir unter deinen Schwestern immer die Theuerste, nimm als einen Beweis
davon das Vertrauen, mit dem ich mich dir in den lezten Augenblicken
unsers Beisammenseyns nähere. Ich ~muß~ euch verlassen; unser aller
Ruhe fordert diesen Schritt. Wohin ich gehe, weis ich selbst noch
nicht, also ist auch jede Nachforschung von eurer Seite vergeblich.
Dir geliebtes Mädchen übergebe ich die Sorge für meinen Theodor, für
meine Albina. Verdopple die Aeusserungen deiner Liebe gegen sie, das
wird sie über meinen Verlust trösten; sage ihnen, daß, wenn ich hier
geblieben wäre, ich endlich gewaltsamen Tod gewählt haben, nun aber
entfernt, vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden würde, sage
ihnen aber auch, daß meine treue Liebe zu ihnen nur mit meinem Leben
enden wird; und auch deiner du theures Kind werde ich immer gedenken.»
Aurelia verhüllte ins Küssen ihr Gesicht und schluchzte laut, indem sie
Antoniens Hand fest in der ihrigen hielt. «Laß mich, laß mich,» sagte
diese «und weine nicht so sehr! du machst mich weich und ich habe viel
Stärke nöthig! Beruhige dich, Gott wird stets mit dir, mit allen meinen
Geliebten seyn! auch mich wird er nicht verlassen, leb wohl, leb wohl!»
sie küßte sie noch einmal mit dem heftigsten Ausdruck der Liebe und des
Schmerzens und eilte fort.

Aurelia war betäubt; -- sie wußte nicht, was sie thun sollte. Als sie
noch mit sich selbst zu Rathe gieng, trat Albina leise in das Zimmer.
Der gestrige Abend in der Laube, Antoniens höchst gespanntes Wesen,
machte sie unruhig: schlaflos verstrich ihr die Nacht bis dahin und
nun schien es ihr als höre sie eine Bewegung im Hauß; endlich sogar an
der Thür. Ihr erster Gedanke war -- Antonie; und -- siehe da -- sie
fand sich in ihrer schrecklichen Vermuthung nicht getäuscht -- sie
war entflohen. Alles was Aurelia ihr, immer von Thränen unterbrochen
mittheilte, war nur vermögend ihren tiefen Schmerz zu vermehren; sie
sah daraus das Vergebliche jedes angestellten Versuchs, Antonien wieder
zu finden. Sie kannte die Festigkeit und Besonnenheit derselben und
vermuthete mit Recht, daß sie ihre Flucht sehr überlegt unternommen
haben würde. So war es. Albina machte zwar gleich Anstalten und sandte
die Pächtersleute nach Antonien aus, jedoch sie kamen am Morgen ohne
sie gefunden zu haben, zurück. Als Cornelia die Sache erfuhr, befand
sie sich in der Lage, in welche leidenschaftliche Gemüther gerathen,
die durch ihre Heftigkeit etwas herbeiführen, was dann ausser ihrer
Macht steht zu ändern, so lebhaft sie es auch wünschen. Sie peinigte
sich Tag und Nacht mit Vorwürfen, die gerecht waren, jedoch ihre
Stimmung immer mehr verdarben; sie wurde beinahe tiefsinnig und
Albina mit so manchem eignen stillen Kummer in der Brust, hatte
die schwere Aufgabe, den schlimmen Einfluß der lezten Ereignisse
auf ihre anvertrauen Zöglinge zu verhindern, die Mutter von dem
Erziehungsgeschäft ihr und Andern unbemerkbar ganz zu entfernen, ihre
kindlichen Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen und den trostlosen
Bruder vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren! -- Welche Seelengröße,
welche Selbstverläugnung war hiezu erforderlich! -- oft sank sie
auch weinend an Theresens Brust und sagte: o Mütterchen, bete zu
Gott für dein Kind um Stärke! Sie suchte dieselbe häufig selbst im
eigenen andächtigen Gebet und stand davon aufs Neue ermuthiget stets
auf. Therese war wie immer, auch in diesem traurigen Zeitpunct der
Trost ihrer Freunde und erleichterte Albinen manche schwere Last,
versüßte manchen trüben Tag; auch theilte sie sich mit dieser in die
Sorge um den schmerzlich leidenden Theodor. Der Unglückliche fiel
ganz in seine alte Schwermuth zurück, hielt sich entfernt von allen
gesellschaftlichen Freuden und fand die einzige Linderung seines
Kummers in dem Umgang mit Albinen und Theresen; ihre sanfte Theilnahme,
ihr inniges Mitgefühl löste seinen stummen düstern Gram in Klagen und
Thränen auf, welche das gepreßte Herz erleichterten. Cornelia vermied
er; ihr eigener Schmerz gestattete es ihm nicht, ihr Vorwürfe zu machen
und doch vermochte er es nicht, sich gegen die Urheberin seiner Leiden,
freundlich zu benehmen.

Langenheim hatte einen würdigen vielvermögenden Gönner, der einen
Gesandtschaftsposten am *** Hof bekleidete. Er erfuhr, daß deßen
Secretair von ihm verabschiedet worden sey und schlug Theodor zu dieser
Stelle vor. Zur gegenseitigen Zufriedenheit fiel der Erfolg dieser
Empfehlung aus und öftere Reisen, zerstreuendere Geschäfte wirkten
vortheilhaft auf Theodors Stimmung. Auch überhob ihn diese Anstellung
der unangenehmen Nothwendigkeit bei einem Ereignis gegenwärtig zu seyn,
das sich in Volkmars Familie zutrug und Veranlaßung zu Festen und
Gesellschaften gab, welche durchaus zu seiner Stimmung nicht paßten,
ihn auch öfters mit Cornelien zusammen geführt hätten.

Jene Begebenheit war die Vermählung Eugeniens mit einem berühmten
auswärtigen Gelehrten. Diesen lernte sie bei seinem Auffenthalt in
D* kennen. Uebereinstimmend in ihren Neigungen fanden sie Geschmack
an einander. Der sich rechtlich äussernde Charakter des Mannes, so
wie seine vortheilhafte finanzielle Lage bestimmten die Eltern zur
Einwilligung und Eugenie folgte ihm als Gattin auf eine entfernte hohe
Schule, wo er als Profeßor angestellt war. --

Nachdem die geräuschvollen Wochen vor und nach der Hochzeit vorüber
waren, trat desto größere Stille bei Volkmars ein. Sie waren nun ganz
Kinderlos und fühlten sich oft sehr einsam. Es gereichte ihnen daher
zu einer wahren Aufheiterung, wenn Albina, welche die Achtung und
Liebe des würdigen Paars in einem sehr hohen Grad besaß, sie besuchte.
Aurelia, die gewissenhaft Antoniens lezte Wünsche zu erfüllen und
dieselbe durch Thätigkeit und treue Anhänglichkeit Albinen zu ersetzen
strebte, hatte für ihr Alter ungemein viel Ernst und Verstand; ihr
konnte Albina ruhig mehrere Stunden die Führung des ganzen Hauswesens
überlassen und daher war es ihr auch möglich dem Verlangen Volkmars von
Zeit zu Zeit ein Genüge zu leisten. Sie erfüllte freudig diese süße
Pflicht: denn sie verehrte jene kindlich, auch lag noch eine geheime
Ursache zum Grund, weswegen sie gerne bei ihnen weilte.

Ach seit sie wußte, daß es die nah verwandschaftlichen Bande waren,
welche sie einst zu Theodor hingezogen hatten, besaß Guido die ganze
stille Liebe ihres Herzens und sie pflegte treu die Gefühle für ihn,
welche gleich anfangs seine Vorzüge in ihr erregt hatten und die nur
durch die Neigung zu Theodor verdrängt worden waren. Sie traten nun
wieder mit süßer Allgewalt hervor und beherrschten Albinens reine
Phantasie. Daher war ihr Alles, was näher oder entfernt auf ihn Bezug
hatte theuer und von unendlicher Wichtigkeit; daher vertraute sie
der verschwiegenen Nacht so manches leise «Ach»! so manche geheime
Thräne: denn Guido hatte seine Reise verlängert und endlich blieben die
Nachrichten von ihm aus welches die Seinigen in die tiefste Betrübnis
versetzte.

Bei einem wiederholten Besuch welchen Albina Volkmars machen wollte
traf sie die Eltern in großer Bewegung: der Vater schritt nachdenkend
mit, auf dem Rücken übereinander geschlagenen Händen im Zimmer auf und
ab. Die Mutter saß auf dem Sopha einen Brief von mehreren Bögen in der
einen, das Sacktuch in der andern Hand haltend, womit sie sich die
Augen trocknete. «Ach, unsre Albina!» rief sie, als diese ins Zimmer
trat. «Komm liebes Kind! theile unsern Schmerz und unsrer Freude! Guido
-- (Albina erschrack) unser geliebter lang entbehrter Guido wird in
den nächsten Wochen bey uns seyn; doch, lies diesen Brief,» fuhr sie
fort, «ach! wie unglücklich war der Arme und -- ist es noch!» Albina
nahm das Schreiben und trat damit an das Fenster, um zu verbergen, was
in ihrem Innern vorgieng. Aber sie zitterte, daß sie kaum die Blätter
zu halten vermogte, und mehr als einmal verdunkelten Thränen ihren
Blick, die sie unbemerkt zu trocknen sich bemühte.

Guido's Brief lautete also:

    Endlich haben sich die Umstände auf solche Weise gestaltet, daß
    ich nicht mehr ein finstres Schweigen gegen meine theuern Eltern
    zu beobachten gezwungen, sondern in die Nothwendigkeit versetzt
    bin, mich Ihnen mit einer kindlichen Bitte zu nähern, die Sie einem
    unglücklichen Sohn nicht verweigern werden. Ich höre im Geist
    den sanften Vorwurf: «warum theiltest du uns nicht früher deine
    Schicksale mit?» Ach ich kannte ja Ihre Liebe zu mir theure Eltern!
    und es war mir unmöglich Sie durch die Schilderung meiner Leiden
    so sehr zu betrüben. Ich war zu unglücklich! doch jezt ist es
    vorüber und ich vermag es sogar zuweilen wieder frohere Tage mir zu
    träumen. Ja in ihrer Nähe werde ich Ruhe und Frieden finden. Daher
    bitte ich, vergönnen Sie mir die Rückkehr ins Vater-Haus. Mich
    dünkt, ich sehe meinen geliebten Vater, meine zärtliche Mutter die
    Arme ausbreiten nach dem vielleicht Todtgeglaubten; ich vernehme
    den Gruß der Liebe und danke Gott für diese tröstende Aussicht in
    die Zukunft.

    Indeßen, da ich unter ganz veränderten Umständen bei ihnen
    eintreten werde und die mündliche Erzählung meiner Erfahrungen
    höchst angreiffend für Sie und mich seyn würde: so erlaube ich
    mir dieselbe in diesem Schreiben voraus zu schicken, und in der
    Ueberzeugung, daß es ihnen angenehm seyn wird, wenn ich damit die
    Fortsetzung meiner Reisebeschreibung liefere (da durch ein, in
    mein Schicksal genau verflochtenes Ereignis, dessen ich später
    erwähnen werde, ein Brief von mir nicht in ihre Hände kommen
    konnte, welchen ich in einer wichtigen Periode meiner Abwesenheit
    an sie schrieb): will ich den abgerissenen Faden derselben wieder
    anknüpfen.[*] Meinen lezten Brief erhielten Sie von Valenciennes,
    von wo ich über Lille nach Callais gieng, um mich hier nach England
    einzuschiffen. Wir hatten günstigen Wind und landeten, nach einer
    8 stündigen Fahrt glücklich in den Haven zu Dover an. Eine ganz
    eigene unangenehme Empfindung ergrif mich, als ich den Brittischen
    Boden betrat. Es war mir unmöglich über sie Herr zu werden und
    schon überlegte ich bei mir selbst: ob ich nicht lieber umkehren
    und durch Holland in mein Vaterland zurück reisen sollte. Jedoch
    der Wunsch, das berühmte London und die rege Betriebsamkeit der
    Engländer, so recht im Innern des Landes kennen zu lernen, trug
    leider den Sieg über jene richtig bange Ahnung davon, und ich sezte
    meine Reise weiter fort.

    Sobald ich das Land erreicht hatte, empfand ich das Wohlthätige der
    in England treflichen Einrichtungen und Anstalten für Reisende.
    Wege, Posten und Gasthäuser befriedigen jede, auch noch so strenge
    Forderung; und die milde Seeluft, die fruchtbaren frischen Triften,
    mit ihrem unbeschreiblichen schönen Grün, herrliche Getraidfelder,
    dies alles vermehrte die Annehmlichkeiten meiner Reise durch die
    Landschaft Kent welche ich zuerst passirte. Auch weiterhin fand ich
    das englische Klima mild und angenehm, die Gegenden gesegnet und
    fruchtbar; einige Wenige ausgenommen; nur in den Fabrickstädten so
    wie in London selbst, macht der Steinkohlen-Dampf der unendlich
    vielen Rauchstätten, die Luft schwer und trüb. Wir näherten uns der
    Themse. Ich nahm meinen Weg ganz an ihrem südlichen Ufer, besah
    die Stadt ~Wolwich~, wo man die, zur englischen Seemacht
    nothwendigen Schmieden, Magaziene und Fabricken findet und
    erreichte bald das berühmte und wohlthätige Institut für invalide
    Soldaten zu ~Greenwich~. Ich verweilte mit vielem Intresse
    darinnen: denn nirgends sah ich eine ähnliche zweckmäsige und für
    die Bedürfniße sowohl als für die Zufriedenheit der abgelebten
    Helden so gut berechnete Anstalt. Nicht unerkannt, nicht unbelohnt
    darf in England der Krieger zu Wasser und zu Land seine Kräfte und
    seine gesunden Glieder dem Vaterlande opfern; er weiß, daß am Ende
    seiner Laufbahn ihm Ruhe, Pflege, ja selbst noch Vergnügen winkt.
    In ~Greenwich~ für die Seeleute, so wie in ~Chelsea~
    (wohin mich später mein Weg führte) für die Landsoldaten, wird auf
    das treflichste für die ausgedienten Krieger gesorgt.

    In ~Greenwich~ bestieg ich ein Bot, fuhr auf dem mit
    Fahrzeugen aller Art bedeckten mächtigen Themse Strom ~London~
    zu und befand mich als ich das Bot verließ, in dem arbeitsamsten
    Theil der Stadt, in der ~City~. Von dem in derselben
    herrschenden Geräusch läßt sich keine Beschreibung liefern.
    Hier ist der Handwerker, und Händler in ununterbrochenem Fleiß
    beschäftigt, sein ärmliches Leben fortzufristen, indem Theurung
    aller Bedürfniße und große Abgaben seine Existenz erschweren.

    In den breitern Straßen der City trift man in einer Menge Läden,
    die, auf das vortheilhafteste ausgestellten Producte jenes Fleißes
    und hier ist so wohl der Anblick der vielen hundert Equipagen und
    Fiackers im Fahrweg, als auch das Wogen und Drängen der Fußgänger
    auf den, an den Häusern hinlaufenden Trotoirs höchst unterhaltend.
    Das Leztere würde noch ärger seyn und zu vielen Unannehmlichkeiten
    Veranlaßung geben, wäre nicht die Regel festgesetzt: zur rechten
    Hand den Entgegenkommenden auszuweichen. Den Damen läßt man die
    Seite nach den Häusern zu.

    Unbekannt mit dieser Gewohnheit, führte ein von mir begangener
    Fehler gegen dieselbe, ein Ereignis herbei, welches -- unbedeutend
    scheinend -- von äusserst wichtigen Folgen für mich war.

    Ich begegnete nemlich einem Frauenzimmer in Trauer gekleidet.
    Ich, dem Stromme zur rechten Hand folgend, sie, von ihrem Recht
    Gebrauch machen wollend, kamen wir einander so nahe, daß ich ein
    niedliches Arbeits-Körbchen welches sie nachläßig hielt ihr aus
    der Hand stieß. Ich erschrack; doch da wir uns gerade an einem
    reich geschmückten Galanterie-Laden befanden: so bot ich der Dame
    meinen Arm, führte sie hinein und suchte einen kostbaren Ersatz,
    ihres durch meine Schuld etwas beschädigten Eigenthums heraus. Ihr
    Benehmen bei dem ganzen Vorgang war äusserst anständig und der
    schwarze Anzug erhöhte ihre blendende Schönheit. Ein Bedienter kam
    und meldete ihr, daß am Ende der Strasse ihr Wagen hielt, aus
    dem sie, wie sie sagte gestiegen war, um verschiedene Läden näher
    betrachten zu können. Ich führte sie hin, erbat mir ihren Namen,
    ihren Auffenthalt, und die Erlaubnis, ihr aufwarten zu dürfen.

    So sehr ich mich schon von der Vortreflichkeit der englischen
    Gasthöfe überzeugt hatte, zog ich dennoch vor, in einem Privathaus
    zu logiren, welches mir durch meine guten Adreßen, die ich bei mir
    hatte, nicht schwer wurde. Ich war einem reichen Banquier empfohlen
    und hatte alle Ursache, mit meinem Loose zufrieden zu seyn. Die
    Gastfreundschaft ist in London, wo nur Wenige sich eines großen
    Raums in ihrer Wohnung zu erfreuen haben und wegen der eingeführten
    häuslichen Lebensweise, welche pedantisch beobachtet wird, nicht
    allgemein zu Hause. Ich aber erfuhr eine von den erfreuenden
    Ausnahmen dieser Bemerkung, wurde freundlich aufgenommen und man
    bestrebte sich, mir meinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu
    machen. Im Hause herrschte die größte Reinlichkeit und Ordnung. In
    meinem Zimmer waren die Wände mit Kupferstichen, die Fenster mit
    schönen Vorhängen geziert. Ein mit Marmor künstlich eingelegter
    Kamin befand sich darinnen, in dessen Vertiefung der stählerne
    Rost, die Zange und Schaufel hellpolirt entgegen blinkten und in
    einer ~großen~ Bettstelle, welche in England üblich sind,
    mit grün seidenen Gardinen umhängt, fand ich zu Nachts auf den
    schwellenden Matratzen, auf den blendend weis bezogenen Küssen
    sanfte Ruhe. Am Morgen (welcher in London erst um 9 Uhr die
    Schläfer weckt, da man dagegen die Nacht zum Tag macht und die
    meisten Vergnügungen bis zu seiner Annäherung dauern) versammelt
    man sich anständig gekleidet am Theetisch mit der Familie in dem
    zum Frühstück bestimmten Zimmer. Ein trefflich zubereiteter Thee,
    Brod, weis und wollig wie Pflaum, frische Butter, hartgekochte
    Eyer, Honig und noch mancherlei Delikatessen verschaffen hier einen
    angenehmen Sinnengenuß.

    Jedoch mir wurde dabei das höhere Vergnügen einer interessanten
    Unterhaltung mit dem jüngern Bruder meines Hauswirths zu Theil,
    welcher sich mit einer, sonst den Engländern nicht eigenen
    Gewohnheit, bald mit vieler Wärme an mich anschloß. Ich erhielt
    an ihm einen treuen Freund im wahren Sinn des Worts; auch trug er
    Sorge, mich mit allen Merkwürdigkeiten Londons bekannt zu machen.
    Mit ihm besuchte ich die großen und geringern Theaters, Conzerte,
    Gemählde-Ausstellungen, die Parks, das brittische Museum, den Tower
    u. s. w. welches Alles uns zu mündlichen Unterhaltungen Stoff geben
    wird.

    William zeichnete sich vor Vielen seiner Nation durch ~ächten~
    Kunstsinn und warmes tiefes Gefühl aus womit er Brittische
    Festigkeit und Besonnenheit verband. Mein Temperament schien dem
    Seinigen zu ähneln und mir seine Freundschaft, sein Vertrauen
    gewonnen zu haben. Wir waren unzertrennlich, und als ich den Wunsch
    äusserte: «Auch die prächtigen Landsitze der Reichen nach einander
    durchstreifen und in der Badezeit die vornehmsten Bäder besuchen zu
    können» war William sogleich bereit, mich zu begleiten; denn seine
    Anwesenheit im Haus des Bruders war nicht sehr nothwendig, und er
    lebte ohnehin mehr der Natur und Kunst, als dem Kaufmännischen
    Beruf. Schon nahte sich der Monath Julius; von welchem an kein
    vornehmer Londoner in der Stadt anzutreffen ist; Alles eilt aufs
    Land, wo man bis gegen Weihnachten verweilt, und dann geht es in
    die berühmten Bade-Orte, von denen man erst im Frühling wieder
    zurückkehrt. Auch wir hatten den Tag zu unsrer Abreise schon
    bestimmt, als mich eine bedeutende Unpäßlichkeit überfiel.


    In England zieht man in der Regel mehr die Apotheker als die
    eigentlichen Aerzte zu Rath. Jene sind ziemlich geschickt und
    diese sind all' zu kostbar. Jeder Besuch von ihnen wird mit einer
    Guinée bezahlt. Jedoch mein Hauswirth hätte es für schimpflich
    gehalten das Wohlfeilere vorzuziehen er ließ einen der berühmtesten
    Aerzte ruffen und dieser behandelte mich mit vieler Sorgfalt und
    Geschicklichkeit.

    William war mein treuer Pfleger und ich war fast nie allein,
    doch schrieb mir die Krankheit eine einförmigere Lebensweise vor
    und gab mir Zeit manchen durch Zerstreuung aller Art verdrängten
    Phantasieen wieder nachzuhängen. Ach wie oft verweilten da
    meine Gedanken und Wünsche in der Heimath! -- In einer stillen
    Abendstunde schwebte aber auf einmal auch das Bild jener Dame vor
    meiner Seele, welche mir in den ersten Stunden meines hiesigen
    Aufenthalts erschienen und deren Andenken in dem Strudel zahlloser
    neuer und merkwürdiger Erscheinungen untergegangen war. Ich nahm
    mir vor, gleich nach erfolgter Genesung sie aufzusuchen. Am andern
    Morgen erstaunte ich, als mein Arzt einer kranken Lady Sydney
    erwähnte; Ich horchte auf, sie war die Nemliche welche mir in der
    City begegnete. Der Tod ihres Vaters hatte sie, nach der Erzählung
    des Arztes so sehr betrübt, daß ihr Körper darunter litte! Doctor
    Richard wußte recht viel Vortheilhaftes von ihr zu rühmen so,
    daß ich in seinen Wunsch: «die trefliche Lady möge doch bald
    wieder gesund werden!» im Stillen einstimmte. Bei seinem nächsten
    Besuch strebte der Doctor absichtlich mit mir allein zu seyn, und
    eröffnete mir mit geheimnisvoller Miene, daß er Lady Sidney von
    mir erzählt, daß sie durch seine Schilderung den Fremden in mir
    erkannt habe, der vor kurzen in der City einen kleinen Fehler der
    Unachtsamkeit gegen sie so artig verbeßert hätte, daß sie vielen
    Antheil an meiner Krankheit nähme und herzlich meine Beßerung
    wünsche. Dieser Mittheilung folgte nun eine Auseinandersetzung
    des Reichthums der Lady, so wie ihrer andern Vorzüge. Ich war
    nicht recht einig mit mir, ob ich über Richards Aeußerungen mich
    freuen sollte oder nicht. Es stritt mit meinen Forderungen an das
    weibliche Zartgefühl, daß Lady Sidney eines Unbekannten, so lebhaft
    wie es schien, gegen einen Dritten erwähnte und doch war mir ihre
    Theilnahme nicht gleichgültig. Dies verbarg ich aber dem Doctor
    und nach einer flüchtigen, ja kalten Erwiederung leitete ich das
    Gespräch auf andere Gegenstände. Indeßen konnte ich dadurch nicht
    verhindern, daß Richard bei jeder Gelegenheit der Lady gedachte,
    und so erfuhr ich denn auch nach einigen Wochen, daß sie wieder
    hergestellt, auf ihr Landgut gezogen sey, welches in der reitzenden
    Gegend von Richmonds Park an der Themse liegt, und daß sie von da
    aus bald eine Badereise antretten würde.

    Auch ich befand mich wieder wohl und erinnerte meinen Freund an
    sein mir gegebenes Versprechen, das um so mehr Reitz für mich
    hatte, als William mir gleich anfangs zusagte: mich nicht nur mit
    den Landhäusern der Großen des Reichs sondern auch mit allen,
    denselben nahe gelegenen Fabricken und anderen bedeutenden Orten
    bekannt zu machen.

    Noch in der schönsten Jahreszeit traten wir unsere Reise an und
    mein Brief würde die Stärke eines Buchs erhalten, wollte ich
    alle Kunstschätze, alle Naturschönheiten, so wie die Industrie
    der Engländer, in den von mir bereisten Gegenden ausführlich
    schildern. Ich begnüge mich, das Merkwürdigste herauszuheben. Z. B.
    ~Oxford~ die bekannte Universität, wo so viele große Geister
    Englands gebildet wurden; ferner das Städtchen ~Woodstock~,
    berühmt durch seine Stahlfabricken, so wie durch seine Umgebungen:
    Nahe daran liegt das prächtige Schloß ~Blenheim~, womit
    Königin ~Anna~ dem Herzog Marlboraugh, dem sie sehr gewogen
    war, seine erkämpften Siege belohnte. Auf einer Wiese des dazu
    gehörigen Parks stand ein Landhaus, in welchem die Königin
    Elisabeth ihre Jugend in beinah gefänglicher Eingezogenheit
    verlebte, aber auch die Bildung erhielt, durch welche sie fähig
    wurde nachher zu regieren. Doch konnte sie leider! der Rückblick
    auf diese traurige Periode, in welcher auch ihr die Ansprüche auf
    den Thron streitig gemacht wurden, nicht milde und schonend gegen
    ihre unglückliche Schwester machen; daher richtet sie noch jezt die
    Nachwelt. Ihre Nation versagt ihr nicht die Bewunderung, welche
    sie als Regentin verdient, jedoch als Weib wird sie verabscheut,
    indeßen die unglückliche ~Maria Stuart~ noch immer ihre
    Vertheidiger hat, welche ihr Liebe und Mitleid weihen.

    In jenem erwähnten Landhaus lebte auch einst die schöne
    ~Rosamunda~, welche im Geheim mit ~Heinrich II~ getraut
    war. Hier schwanden ihr, innig von dem König geliebt in glücklicher
    Verborgenheit die Tage, bis sie von dessen rechtmäßiger Gemahlin
    ~Elinor~ entdeckt wurde, und durch Gift getödet, ihren vorher
    ermordeten drei unschuldigen Kindern folgen mußte.

    Wir reißten weiter nach ~Birmingham~, einer berühmten
    Fabrickstadt. Sie erhällt durch die jezt überall gebräuchlichen
    Dampf-Maschinen ebenfalls eine unendliche Erleichterung in ihren
    Werken. Man findet vorzüglich auch trefliche Stahlfabricken
    darinnen. In ~Burton~, einem freundlichen Städtchen, kostete
    ich das daselbst gebräute ~Ale~, wovon nach ganz Europa, ja
    selbst nach Amerika versendet wird. Die Seidenspinnereien und
    Porzelanfabricken zogen uns nach ~Derby~, einer ziemlich
    großen, doch nicht schönen Stadt. Siebzehn englische Meilen davon
    liegt der erste bedeutende Bade-Ort ~Matlock~ an der Dervent
    den wir erreichten, deren es aber in England viele giebt. Mehr die
    Schönheit der Lage des Orts, als die Heilkräfte der Quelle tragen
    wahrscheinlich hier zur Gesundheit des Körpers und zur Heiterkeit
    der Seele bei. Auch wir verweilten mit Vergnügen in diesem
    lieblichen Thal, durchstreiften seine nächsten Umgebungen, und
    besahen manche, nachgelegene schöne Landhäuser, so wie auch eine
    große Baumwollenfabrick. Unser Weg führte uns von hier aus zu einem
    von aussen prächtigen und durch sein Alter ehrwürdigen Gebäude: zu
    dem Schloße ~Chatsworth~.

    Die unglückliche ~Maria Stuart~ wurde von ihrer grausamen
    Feindin zuerst hieher in enge Gefangenschaft und dann nach
    sechzehn traurig verlebten Jahren nach ~Fotheringhay~ im
    ~Nordhumberland~ gebracht, wo sie hingerichtet wurde. In
    jenem Schloß findet man ein Zimmer noch ganz so eingerichtet und
    meublirt, wie Maria es bewohnte.

    Die nächste bedeutende Stadt, welche wir besahen, war
    ~Manchester~, welche jedoch von dem Kohlendampf ihrer vielen
    Fabricken eingeräuchert, ein finsteres Ansehen, und auch durch die
    Erwerbsgierde der Einwohner, so wie durch den Mangel an hübschen
    äussern Umgebungen, wenig Angenehmes hat. ~Leverpool~ die
    größte und bedeutenste Stadt in England nach London, war der
    Grenzpunct unsrer Reise. Handel und Betriebsamkeit, Reichthum und
    Luxus zeigt sich hier auf alle Weise. Ein schönes Theater, ein
    Conzertsaal, ein großer Gasthof und viele mildthätigen Anstalten
    entstanden durch das Zusammenwirken der reichen Bewohner, das
    prächtigste Werk aber sind ihre ~Docks~ oder künstliche mitten
    in der Stadt (ähnlich denen, welche bei London errichtet wurden.)
    wo für die Sicherheit und Herstellung der Schiffe und für die
    Bequemlichkeit der Ein- und Ausladung derselben aufs Zweckmäsigste
    gesorgt ist. Das in Leverpool befindliche ~Institut~ für
    ~Blinde~ erregte indeßen mehr als alles andere meine
    Theilnahme, da es ein Beweis höchster Menschenfreundlichkeit
    ist, die Blinden erhalten hier Unterricht in der Musik und in
    leichten passenden Arbeiten, als Spinnen, Korbflechten u. s. w.
    welche zum Vortheil der Anstalt in einem am Haus angebrachten
    Laden verkauft werden. Wie herzlich freute ich mich, als ich sahe,
    daß diesen Bedauernswürdigen, durch jene wohlthätige Einrichtung
    in gesellschaftlicher Unterhaltung, unter Arbeit und Musik ihr
    dunkles Leben heitrer und angenehmer verstreicht und sie nicht so
    schmerzlich, wie andere ihrer Unglücksgenoßen das Licht vermissen,
    das ihren Pfad erhellen sollte.

    Viele reitzende Gegenden, viele stattliche Schlößer und prächtige
    Landhäuser durchstreiften wir auf dem Rückweg nach Derby durch
    ~Warwick~, einem am Ufer der Avon freundlich gelegenen
    Städtchen, mit dem alten Schloß ~Warwickcastle~ und seinem
    herrlichen Park; von wo aus wir nach ~Stratford~ giengen.
    Dieser kleine, an sich arme Ort hat das große Intereße für die
    Verehrer Schackspeare's, daß es sein Geburts-Ort ist und daß
    dieser, auch am Ende seiner rühmlichen Laufbahn wieder dahin
    kehrte und sie daselbst beschloß.

    Ich betrat wirklich mit Ehrfurcht die Hütte, wo Schakespeares
    Vater, ein armer Wollkrämer einst wohnte und wo der große Mann, bis
    in sein 16tes Jahr lebte. In der Westmünster Abtey, wo die Könige
    begraben liegen, hat auch ihm die Nation welche mit Recht stolz auf
    ihn ist, ein Denkmal errichtet.

    Rasch gieng es nun auf ~Bristol~ und auf das nah gelegene
    bedeutende Bad zu; nur flüchtig passirten wir unterwegs einen
    kleinen freundlichen Bade-Ort ~Cheltenham~ und betrachteten
    auch ~Glocester~ nur als ein Nachtquatier. Von Glocester
    nach ~Bristol~ sind die Gegenden unbeschreiblich reizend und
    reicher an Erzeugnißen wärmerer Zonen; viele große Pflanzungen
    köstlicher Obstbäume findet man hier und der schöne Strom Avon
    belebt, mit seinen auf silberner Fläche hinschwebenden kleinen
    Schiffen die herrliche Landschaft. Die Nähe des Meers, der
    schiffbare Strom, der fruchtbare Boden; alles vereinigt sich hier,
    um Fleiß und Mühe in Fülle zu belohnen. Die Stadt ist groß, mit
    breiten Straßen, schönen Privat- und öffentlichen Gebäuden versehen
    und voll regen Lebens. Wie Rom ruht diese Stadt auf 7 Hügeln. Von
    einigen derselben genießt man eine köstliche Aussicht. Der Hafen
    ist prächtig, aber mir schauderte bei dem Gedanken: daß er der
    Ort war, von wo einst mit unmenschlicher Grausamkeit Schiffe
    zum Sclavenhandel ausgerüstet wurden, wodurch Bristols Einwohner
    sich bereicherten. Es war mir unmöglich hier lange zu verweilen.
    Wir stiegen den steilen Berg hinab nach ~Hotwels~, wo die
    Heilquelle fließt und viele schöne Wohnungen für Bade-Gäste erbaut
    sind. Jene Quelle wird besonders Kranken empfohlen, welche an der
    Schwindsucht leiden und da meinem Begleiter und mir dem Himmel sey
    Dank! dieses Uebel nicht drohte so verließen wir ~Hotwels~,
    nachdem wir daselbst von allen Seiten die reizenden Aussichten und
    jede Naturschönheit genoßen hatten und fuhren zu dem berühmtesten
    Badeort Englands nach ~Bath~. Der Weg dahin gleicht einem
    reitzenden Garten; doch bemerkten wir den Einfluß der winterlichen
    Jahrs-Zeit, welche sich näherte. Bis zu ihrem gänzlichen Eintritt,
    da mit ihr erst das eigentliche Leben in ~Bath~ beginnt,
    besuchten wir die bedeutendsten Landsitze in der Umgegend, und
    machten uns dann mit allen Merkwürdigkeiten des Orts selbst bekannt.

    Es liegt in einem schönen Thal, umgeben von beträchtlichen Anhöhen,
    welche dem Strom Avon nur den Durchzug zu vergönnen scheinen.
    Dieser erhöht die Reitze der Gegend und bewirkt eine vortheilhafte
    Verbindung der Stadt mit dem Seehafen ~Bristol~. ~Bath~
    gewährt einen ganz eigenen Anblick. Völlig vom Thal Besitz nehmend,
    erhebt es sich auf den nächsten Anhöhen. Die Häuser sind alle von
    Quadern erbaut, haben ein neues freundliches Ansehen und bilden
    geräumige Plätze und Straßen, in denen große Reinlichkeit herrscht,
    und die auch gut gepflastert, so wie bei Nacht wunderschön
    erleuchtet sind. Wegen der bergigen Bauart ist das Fahren darinnen
    unmöglich, doch die Wagen werden durch Portechaises ersezt. Die
    ganze Stadt ist zur Aufnahme der Fremden geeignet und in ein
    paar Stunden können sie bequem und angenehm eingerichtet wohnen.
    Das Wasser ist sehr heiß und erst nach 3 Stunden brauchbar. Die
    Entdeckung dieser Quelle verliert sich in das finstere Alterthum
    und es wurde uns davon manches Mährchenhaftes erzählt. In jedem
    Bade-Ort ist ein ~Ceremonien-Meister~, der über die Ordnung
    und Etiquette, welche auch hier herrschen sorgfältig wachen muß. In
    ~Bath~ findet man deren zwei und ihre Gesetze, welche in den
    Assembleesälen angeschlagen sind, werden strenge befolgt.

    Meines Freundes Wunsch zu erfüllen, da er sich zu meinem großen
    Leidwesen nicht wohl fühlte, beschloß ich, mich mit ihm in
    ~Bath~ auf einige Monate häuslich niederzulassen. Wir
    bezogen ein nettes Quartier, speißten im Gasthof, sandten unsere
    Visitenkarten zu den schon anwesenden Badegästen und abonirten uns
    in den Gesellschaftssälen, zu den Conzerten, Leihbibliotheken, u.
    s. w. um überall Eintritt zu haben.

    Der _Bals parés_, so wie der kleineren Bälle, giebt es
    vier in der Woche. Anfangs vermied ich sie gänzlich, da ich
    nicht den Tanz liebe, auch William durch vermehrte Kränklichkeit
    unfähig war, dieselben zu besuchen und ich ihn ungerne verließ.
    Allein einmal nöthigte mich mein Freund hinzugehen und der
    Ceremonienmeister gerieth auf den unglücklichen Einfall, mich
    für den Abend einer Dame als Tänzer zuzuführen, in welcher ich
    zu meinem Erstaunen ~Lady Sidney~ fand. Auch sie erkannte
    mich und es gelang ihr kaum ihre Freude über dies Zusammentreffen
    genugsam zu verbergen. Durch Mr. ~Edwin~ von meinen Pflichten
    unterrichtet, beobachtete ich sie auch treulich und sorgte für der
    mir anvertrauten Dame Bequemlichkeit und Unterhaltung. Das lezte
    wurde mir nicht schwer. Sie wich von der Sitte der Brittinnen ab,
    welche in der Regel sehr wenig sprechen und theilte mir von ihren
    Verhältnißen und gemachten Erfahrungen in ein paar Stunden so viel
    mit, daß ich meiner Meinung nach ganz bekannt mit ihrer Lage, ihr
    meine Theilnahme nicht versagen konnte. Sie war die Tochter eines
    sehr reichen Lords, wurde in einer Erziehungs-Anstalt gebildet
    (deren England viele hat, da es Sitte ist, die Kinder sogleich von
    der Kinderstube in die Fremde hinauszustoßen!) und verließ dieselbe
    in ihrem 15. Jahr, um zu Hause an dem Sarge der Mutter, den frühen
    Verlust derselben zu beweinen. Eine Haushälterin führte nun das
    Regiment und herrschte, aber auch grausam über Lady Anna: so, daß
    diese viel Unangenehmes zu erdulten hatte. Vom Vater wurde sie wohl
    sehr geliebt, doch da jene Person ihm brauchbar, ja unentbehrlich
    dünkte: so bewirkten alle Klagen Anna's nicht ihre Entfernung.
    Vor 6 Monaten, 5 Jahre nach der Mutter Hinsterben, entriß ein
    schneller Tod ihr auch den Vater. Ohne alle Verwandte stand sie nun
    ganz allein. Durch eine öffentliche Bekanntmachung, welche ihren
    Wunsch: einen Geschäftsführer zu erhalten, aussprach, veranlaßt,
    meldete sich ein junger Rechtsgelehrter, welcher eine Zeitlang
    seine übernommene Verbindlichkeiten genügend erfüllte. Allein bald
    suchte M. Wortley seine Rechte auszudehnen und quälte die Lady mit
    Heiraths-Anträgen. Da sie diese unerbittlich abwieß legte er seine
    Stelle trozig nieder und nun war sie so verlassen als vorher.

    Durch die im kurzen wechselnden heftigen Gemüthsbewegungen
    erkrankte Mylady. Ihr Arzt war bekanntlich der Meinige und
    sie nannte ihn ihren treuen Freund. Er mußte ihr mehr von
    mir mitgetheilt haben, als er der Wahrheit gemäß hätte thun
    sollen; denn Lady Anna dankte mir sehr verbindlich für einen
    freundschaftlichen Antheil an ihrem Schicksal, dessen sie D.
    Richard versichert und den ich durchaus nicht gegen ihn geäussert
    hatte. Durch seine Fürsorge erhielt sie mittlerweile wieder einen
    Geschäftsführer: allein da sie nach des Arztes Vorschrift bald
    nachher ins Bad reisen mußte, so war sie nicht im Stande jenen
    genug kennen zu lernen und sie zeigte eine ängstliche Besorgnis,
    wegen ihrer Entfernung vom Haus und sprach von einer baldigen
    Rückkehr. Ueberdies hatte sie auch nach des Vaters Tod die fatale
    Haushälterin sogleich abgedankt und das ganze Dienstpersonale
    neu angestellt. Daher war nach ihrem Dafürhalten, zu Hause ihre
    Anwesenheit unentbehrlich.

    In dem Allen was Lady Sidney mir erzählte, fand ich nichts
    Unglaubwürdiges und bedauerte sie aufrichtig, denn sie verstand es
    vollkommen durch die Art ihres Vortrags Theilnahme einzuflößen.
    Von jenem Abend an wiedmete ich ihr alle Zeit, welche nicht die
    Pflicht für meinen kranken Freund in Anspruch nahm. Dies schien
    sie sehr zu freuen und sie zeichnete mich mit einem sichtbaren
    Vertrauen vor allen Bade-Gästen aus. Es dauerte aber leider!
    nicht lange genug, um die Schlaue ganz kennen zu lernen: denn der
    Gesundheitszustand meines armen Williams verschlimmerte sich so
    sehr, daß ich genöthigt war, unverzüglich mit ihm die Rückreise
    nach London anzutretten. Lady Anna schien bestürzt, als ich sie
    davon benachrichtigte doch sprach sie unverholen von einem baldigen
    Wiedersehen. Wir nahmen den kürzesten Weg, hielten uns nirgends
    ohne Noth auf und ich kann daher von dieser Reise durchaus nichts
    Merkwürdiges mittheilen.


    Bald nach unserer Ankunft in London wurde mein geliebter Freund
    tödlich krank und D. Richard wurde wieder gerufen. Er suchte einen
    Augenblick zu erhaschen, in dem er mir seine Freude äussern konnte:
    daß ich die frühere Bekanntschaft mit Lady Sidney erneuert hätte.
    Sie erhielten wohl eine _Estafette_? fragte ich etwas bitter.
    Mit einiger Verlegenheit erwiederte er: «die Lady habe ihn von Bath
    aus, wegen ihres Gesundheitszustandes geschrieben und dabei meiner
    erwähnt;» gedachte aber nach diesem Gespräch der Lady mit keiner
    Silbe mehr. Mir war der tiefe Schmerz bestimmt: daß die treue Seele
    meines Williams in meinen Armen die irdische Hülle verließ. Kaum
    wird der eigene Bruder ~das~ gefühlt haben, was ich bei dem
    frühen Hinscheiden dieses edlen Mannes empfand. Das große London
    war mir zu enge, ich flüchtete mich hinaus und mehr ein Verlangen
    nach Zerstreuung, als sonst irgend ein sehnsüchtiger Wunsch trieb
    mich zu dem Landhaus der Lady Sidney.


    Da die Landsitze in England vieles miteinander gemein haben, und
    ich von allen denen, welche ich gesehen, noch keines schilderte:
    so will ich eine Beschreibung desjenigen liefern in dem ich 4
    leidensvolle Jahre verlebte. --

    Ein schöner Park umgiebt dasselbe mit bedeutenden in der
    üppigsten Vegetation prangenden Aeckern, und Wiesen. Hie und da
    stehen mahlerisch gruppirte ehrwürdige Eichen und Buchen; feste,
    reinliche Kieswege durchschlängeln den Park, in welchem zerstreut,
    freundliche Wirthschafts-Gebäude liegen. Ein beträchtlicher
    Bach, über welchen eine hübsche Brücke führt, bewäßert in
    mancherlei Krümmungen die Flur. Das Wohnhaus liegt auf einer
    Anhöhe. Die _Facade_ ist mit Säulen geziert, welche einen
    schattigen Ort bilden, von wo aus man so recht die Aussicht
    auf die herrlich grünen Wiesen und fruchtbaren Aecker genießen
    kann. Dieser Platz ist mit köstlichen Gesträuchen und Blumen in
    _Vasen_ geschmückt. (Ein Gegenstand, mit welchem in England
    ein ausserordentlicher Luxus getrieben wird.) Die Obst- und Gemüß-
    Gärten, die Treibhäuser und alle Oekonomie-Gebäude liegen auf einer
    andern Seite ganz nahe am Haus. Erstere sind eigentlich das, was
    die Engländer Gärten nennen. Auch der zu Fuß-Promenaden vorzüglich
    bestimmte Theil, ist nicht weit davon entfernt; er hat Aehnlichkeit
    mit den deutschen Parks. Hier giebt es Lauben, Bogengänge, Tempel,
    Säulen, Denkmähler, Ruheplätze u. s. w. hier grünen und blühen
    alle möglichen in- und ausländischen Gewächse, Blumen und Bäume.
    Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer und Thüren von schönem
    eisernen Gitterwerk. Das Wohnhaus hat hohe wohl erleuchtete
    _Sousterains_, in welchen die Küche, Speiß-Gewölbe und die
    Bedienten-Zimmer sind. Vom Garten aus tritt man in eine Halle, die
    mit schönen Statüen, Anticken u. s. w. ausgeschmückt ist, zu beiden
    Seiten liegen die Putz und Wohnzimmer, ein langer Saal mit einer
    ansehnlichen Bibliothek, deren Bücher, alle kostbar eingebunden
    in zierlichen Schränken aufgestellt sind. Die Gemälde-Sammlung
    ist in verschiedene Zimmer vertheilt und ich traf in diesen
    Landhäusern auf wahre Kunstschätze von den berühmtesten Meistern.
    Vorzüglich muß van Dyk in England ungemein fleißig gewesen seyn.
    Ueberall, auch in Sidney's Hause zieren die Produkte seiner Kunst
    die Gemächer. Im obern Stock des Hauses sind die Schlafzimmer.
    Fußböden, Treppen und Vorplätze sind mit schönen Teppichen belegt.
    Die Möbeln sind von Mahagoni oder künstlichem lackirten Holz und
    die Kamine größtentheils in Marmor geschmackvoll gearbeitet.


    Dies ist die Beschaffenheit des Landsitzes der Lady Sidney welchem
    mit einigen kleinen Abänderungen beinahe alle Landsitze der reichen
    und vornehmen Engländer gleichen, wo unbeschreiblicher Genuß zu
    finden wäre, wenn nicht die leidige Etikette, die unendlich vielen
    Vorurtheile, und die tyrannisirende Mode ihn verkümmerte.

    Doch ich kehre zu meinem verhängnißvollen Erscheinen in
    Sidney'shouse zurück.

    Mylady empfieng mich mit sichtbarer Freude und sowohl bestochen
    von ihrer verlaßnen Lage, als gedrungen von dem Verlangen nach
    nützlicher, zerstreuender Thätigkeit, welche meinen Schmerz um den
    verlohrnen Freund mildern sollte, gab ich ihr das Versprechen: ihre
    Angelegenheiten zu ordnen, denn ihren dermaligen Geschäftsführer
    mangelte es an Einsicht und an gutem Willen. Ihre Dankbarkeit
    bewieß sie mir auf eine Art, welche mich immer mehr anfeuerte ihr
    recht wichtige Dienste zu leisten. Sie bot alle Künste der feinsten
    Coquetterie auf, mich zu feßeln und es gelang ihr; in wenig Monaten
    war ich ihr Gatte.

    Meinem geraden Sinn war es unmöglich, eine so entsezliche
    Verstellung zu argwohnen, deren Lady Anna wirklich fähig
    war. Ach! ich glaubte in einem Herzen Liebe zu finden wo nur
    Selbstsucht herrschte und wurde fürchterlich getäuscht! -- Die
    häuslichen Tugenden, welche sie um mir zu gefallen geheuchelt
    und in schönen Redensarten damit geprahlt hatte, wurden in der
    Wirklichkeit vergeblich bei ihr gesucht! In der Anstalt worinn sie
    erzogen wurde, hatte sie Vielerlei doch alles nur Oberflächlich
    und durchaus Nichts für ihre künftige weibliche Bestimmung
    gelernt. Aus Stolz wollte sie, wie ich späterhin erfuhr von der
    Haushälterin ihres Vaters, welche sie fälschlich für so böse mir
    geschildert hatte, keinen Unterricht annehmen und so war sie
    höchstens nur im Stande, einen guten Thee zu bereiten und bei
    Tisch die von mir angegebenen und vom Koch verfertigten Speisen
    vorzulegen. Ihr Charakter enthüllte zu meinem größten Schmerz
    nach und nach immermehr seine wahre Gestalt. Eigennutz, Härte
    und drückender Stolz auf ihrem Reichthum, sprach sich in jedem
    Worte, in jeder Handlung aus. Die erste Leidenschaft war es,
    welche unsere nähere Bekanntschaft gründete. Ich hatte mich ihr
    bei unserm Zusammentreffen in der City von einer etwas glänzenden
    freigebigen Seite gezeigt; dies steigerte ihr Wohlgefallen an
    mir und durch die Schilderungen des Doctors, so wie durch unsere
    spätern Unterhaltungen glaubte sie an mir einen Mann kennen
    gelernt zu haben, welcher geeignet schien ihre Reichthümer auf
    eine vortheilhafte Weise verwalten zu können. Daher däuchte es ihr
    der Mühe werth, meiner gewiß zu werden und die Rollen sorgfältig
    einzustudiren, in welchen sie mir zu gefallen glaubte: doch als
    wir verbunden waren, legte sie den sehr lästigen Zwang nach und
    nach ab und ließ mich -- leider zu spät! -- das Unglück meiner
    Wahl tief empfinden. Ich wandte anfänglich alles an, nur Annen's
    Liebe zu gewinnen und zartere weibliche Grundsätze und Empfindungen
    ihr einzuflössen; allein weder meine Bemühungen, noch die Reitze
    der Natur in dem unaussprechlich schönen Richmonds Thal worinn
    unser Landsitz lag, noch ihr Verhältnis als Mutter, da sie zwei
    lieblichen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen das Daseyn
    gab, konnten irgend eine vortheilhafte Umänderung ihrer Ansichten
    und Gefühle bewirken. Sie blieb die herrische, anmaßende Gattin,
    welche meine Dienstleistungen als Schuldigkeit forderte und
    mit Undank belohnte, die gleichgültige sorglose Mutter, welche
    keinen Sinn für die Freuden und süßen Mühen derselben zeigte; die
    unwissende und daher desto ungerechtere und härtere Hausfrau. Ich
    verschleiere die traurigen, mir höchst wiederlichen Scenen, welche
    ein solches Betragen unter uns herbeiführen mußte und eile zu einer
    Begebenheit, welche entscheidend für mein Schicksal wurde.

    Geschäfte riefen mich einst nach der Stadt (so wird London
    vorzugsweise in ganz England genannt.) Ich mußte länger
    daselbst verweilen, als ich geglaubt hatte und während meines
    Aufenthaltes führte mich ein Zufall an einem Abend an der
    ~Westmünsterabtey~ vorüber. Nur einmal hatte ich sie mit
    meinem unvergeßlichen William und da nicht ganz genau besehen. In
    der schwermüthigen Stimmung in welcher ich mich immer, besonders
    aber damals befand, zog mich das alte gothische Gebäude mit seinen
    heiligen Denkmälern berühmter Entschlaffener unwiederstehlich an.
    Ich trat hinein und wandelte allein in diesen schauerlichen Hallen,
    wo die Geister der Vorwelt mich umschwebten und ich ihr Geflüster
    wahrzunehmen wähnte. Hie und da verweilte ich bei den, seltenen
    Sterblichen geweihten Monumenten und erblickte leider! an manchen
    unter ihnen den alles zerstörenden Zahn der Zeit. Jedoch mich
    ergriff der große Gedanke: «daß, was jene Männer wirkten, nicht
    der Gewalt irdischer Vergänglichkeit unterworfen ist; das Edle
    bleibt ewig Groß, das Schöne ewig Neu, und es giebt Handlungen,
    welche sich empor über die Erde erheben, dort von himmlischen
    Genien aufgenommen und eingetragen werden in das Buch des Lebens!»
    bewegt nahte ich mich dem sanften Dichter ~Goldsmith~, dem
    ernsten ~Milton~, Thomson u. s. w. und gedachte der herrlichen
    Werke jener unsterblichen Sänger, des Reichthums ihres Geistes
    und Herzens; ich vergegenwärtigte mir den segensreichen Einfluß
    ihrer Schriften auf die gleichzeitigen Weltbürger, so wie auf
    spätere Geschlechter; ich gewahrte im Geist die Erheiterungen,
    die Begeisterungen, die vielen ernsten, folgereichen Erweckungen
    zum Guten, welche wir Jenen zu verdanken haben und die als
    ausgestreuter Saame in kürzerer oder längerer Zeit immer neue
    Früchte bringen. O wie klein, wie unbedeutend erschien ich mir,
    vor den Nachgebilden jener Geistes-Helden! ich habe ja mit all'
    dem reichen guten Willen, den ich in mir trage, noch nichts
    gemeinnütziges gethan und das Wenige, was andere von mir empfiengen
    verschwindet wie ein leichter Schatten, vor den Strahlen der
    Wahrheit und der Verdienste würdigerer Menschen.

    Düster, mit verschlungenen Armen, wandelte ich dem Tempel
    entlang, zu den zwölf, sich an ihn schlißenden Kapellen, welche
    die irdischen Ueberreste der Könige und Königinnen von jeher in
    ihrem Schoos aufnahmen. Auch hier bewunderte ich manches Werk der
    Kunst und beobachtete ihre stufenweis' fortschreitende Ausbildung.
    Innig gerührt stand ich an dem Grabe der unglücklichen ~Marie
    Stuart~, welche nicht weit von ihrer ~Todfeindin~ und
    ~Mörderin~ hier schlummert. Noch mehr erschütterte mich das
    Grabmahl ~Eduard's~ I. und das seiner Gemahlin ~Eleonora~
    von ~Kastilien~. Von ihr erzählt die Sage ein rührendes
    Beispiel seltener, ehelicher Liebe und Treue. Ihr Gemahl zog als
    Kronprinz 1274 zum heiligen Krieg ins gelobte Land. Kein noch so
    furchtbar drohendes Ungemach konnte Eleonoren von dem Vorhaben,
    ihn zu begleiten zurückhalten. An ihrem weiblichen Heldensinn
    entzündete sich sein Muth und er richtete große Niederlagen
    unter den Türken an. Um sich deswegen zu rächen, sandten sie
    Meuchelmörder gegen ihn aus, und ihr vergifteter Pfeil traf Eduard
    im Arm. Die Aerzte gaben ihn verlohren, wenn nicht augenblicklich
    das Gift aus der Wunde gesogen würde. Keiner seiner Diener
    entschloß sich zu dieser That, aber Eleonora scheute nicht die
    Gefahr und weihte sich freudig dem Tod, um das Leben des geliebten
    Gemahls zu erkaufen und -- ihr gelang das schöne Werk! die Stärke
    treuer Liebe ehrend, soll indeßen der Todesengel sich schonend
    hinweggewendet und die Gatten noch eine Reihe glücklicher Jahre mit
    einander gelebt haben; auf ihrem Sarkophage liegen die Gestalten,
    der darunter Schlummernden und in Eleonorens Gesicht ist ihre Güte
    und Milde kunstvoll ausgedrückt.

    Eine unbeschreibliche Wehmuth bemächtigte sich meiner, bei diesen
    Denkmählern! «Glücklicher Eduard!» rief ich aus, dir wurde der Erde
    höchst Seeligkeit zu Theil! mir ist sie versagt, Vergeblich sehne
    ich mich nach Liebe, welche ich, wie du Eleonora (ja ich fühle es!)
    reich, reich mit jedem Opfer zu vergelten und zu erwiedern bereit
    wäre! --

    Mit diesen Klagen machte ich meinem gepreßten Herzen Luft und wurde
    so weich, daß ich weinen mußte.

    Endlich bemerkte ich, daß es über meine Betrachtungen ziemlich
    dunkel in dem hohen Gewölbe wurde und trennte mich von dem der
    Trauer geweihten Ort. Auf der Straße, wo es schon dämmerte, kam
    ich zu einem Grausen erregenden Auftritt. Ein Zusammenlauf vieler
    Menschen zog meine Aufmerksamkeit an sich. Das Blut starrte mir
    in den Adern, als ich in unserm vierspännigen Wagen meine Gattin
    ~ruhig~ sitzen und unter den wiehernden Schimmeln, deren
    Zügel einige Männer hielten, ein halbtodes Mädchen von 4 Jahren
    hervorziehen sah. Ich weis noch heute nicht, was Lady Anna bewog,
    mir nachzureisen; ich weis nicht, wohin sie nachher ihren Weg
    nahm: denn ihre laute unmenschliche Aeußerung: «Fort, fort! was
    kümmert mich der Lärm; --» machte meinen ganzen Zorn rege. Ich war
    ausser mir. Eine bejahrte Frau, die Pflegemutter jenes Mädchens,
    kam händeringend herbeigelaufen und ließ weinend und schreiend das
    ohnmächtige Kind, von dessen Kopf das Blut herunter trof, in ihr
    Haus tragen. Das tiefste Mitleid drängte mich ihr zu folgen, ich
    mußte aber leider Zeuge seyn, daß alle Rettungsversuche vergeblich
    waren und die arme kleine Molly unter den Händen des Chirurgs ihren
    Geist aufgab. Herzzerreissend waren die Klagen jener Frau; leider!
    war sie bei diesem Unglück nicht Vorwurfsfrei; auch sie hatte nach
    der in England häufigen Weise, die kleinsten Kinder ohne Aufsicht
    auf den Volkreichsten Wegen herumtrippeln zu lassen, (was mich oft
    in meinem Wagen ängstlich aufschreiend machte) unvorsichtig genug,
    Molly mit andern Kindern auf der Strasse spielen lassen, ohne sich
    um sie zu bekümmern, nun kam Lady Anna nach ihrer gewöhnlichen Art
    ungemein rasch gefahren und das Kind war verlohren. Ob nun gleich
    Jene einigermassen Schuld an dem traurigen Vorfalle war, konnte
    er doch ihr hartes Herz nicht zur Theilnahme bewegen und dies war
    es, was mich so sehr empörte. Es entstand ein Aufruhr in meinem
    Innern, der dem, durch Sturm bewegten Meere glich; und da ich zu
    keinem Geschäft tauglich war und das lezte Ereignis vorzüglich mein
    Gemüth beschäftigte: so gieng ich nach ein paar Stunden wieder
    in jenes Haus der Trauer; ich hatte schon vorher, sowohl durch
    die Aeußerungen meines aufrichtigen Mitleids, als auch durch ein
    reichliches Geschenk die betrübte Pflegemutter der Verunglückten
    von meinem Antheil überzeugt und sie mir so geneigt gemacht, daß
    ich ihr bei meinem zweiten Besuch sehr willkommen schien. Ich
    hörte nun, daß Molly eine Waise war und eine Verwandte von Frau
    Sara (so nannte sich jene Frau). Ihr Nahme machte mich aufmerksam;
    die Haushälterin des Lord Sidney's hieß auch Sara. Ohne mich zu
    erkennen zu geben, forschte ich weiter nach und meine Vermuthung
    bestättigte sich; sie war jene Person wirklich. Aber ach! welche
    Erzählungen folgten dieser Entdeckung! Sie schilderte die vielen
    tadelnswürdigen Eigenschaften meiner Gattin so richtig, daß ich sie
    in ihrem Betragen während der Zeit unserer Verbindung vollkommen
    wieder fand. Die Alte versicherte, daß sie nur aus Liebe zu dem
    verstorbenen würdigen Lord im Hause geblieben sey, denn Lady Anna
    mishandelte sie mit Stolz und Härte und verwarf jedes Anerbieten,
    ihr etwas zu lehren. Nach dem Tod des Lords, als sie den Dienst
    verlassen, aber noch mit dem Pächter zu Sidney's House im guten
    Vernehmen geblieben war, erfuhr sie durch diesen noch Manches von
    dem nachherigen Betragen der Lady, welches sie mir mit einer ihr
    eigenen Geschwäzigkeit mittheilte. Dadurch erhielt ich Aufklärung
    über D. Richards Stellung zu Anna, und über sein Benehmen. Er war
    nemlich ihr vertrauter Freund, ihr verschmizter Rathgeber und
    gab sich alle Mühe, ihr, weil sie es wünschte, einen für ihre
    habsichtigen Plane passenden Gemahl aufzufinden; suchte mich daher
    für sie einzunehmen und hatte ihr früherhin auch Wortley zugeführt.
    Statt daß dieser, wie sie sagte, sich um ihre Hand beworben stellte
    sie ihm Netze auf: jedoch sie muß damals noch nicht so geübt in
    der Verstellungskunst gewesen seyn, er bemerkte zu rechter Zeit
    manches Misfällige an ihr und zog sich zurück. Aus dem Mund jener
    Frau hörte ich nun meinen Namen nennen, hörte, wie man mich beklagt
    hatte, eine schlechte Wahl getroffen zu haben und daß man als gewiß
    vorausgesezt, ja hie und da bedeutende Wetten über die Behauptung
    angestellt habe: daß ich unmöglich lange mit Lady Anna würde leben
    können. Auch mir schien dies nach den heutigen Erfahrungen ganz
    klar, und doch war mein Entschluß noch nicht fest genug. Kaum
    wird dies, für alle die mich kennen glaublich seyn. Der feurige,
    freigesinnte, jeden ungerechten Druck verabscheuende Guido konnte
    so lange, konnte damals noch zögern, sich von einem Weibe zu
    trennen, die ihn unwürdig behandelte! Jedoch meine geliebten Eltern
    werden es begreifen, warum dies geschah; Sie welche das innige
    Gefühl verstehen, das in einem treuen Vaterherzen waltet!

    Die Besorgnis: daß Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten
    Kinder geltend machen und mir es vorenthalten könnte war es, was
    mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte
    nun auch wirklich wieder zu ihnen zurückkehren. Auf der Landstraße
    wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszüge
    mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem
    Irländer abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung
    einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedächtnis zurück.
    Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der
    Lady unter dem Vorwand: daß er ein ungeziemendes Betragen gegen sie
    hätte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rüstige
    junge Bursche dauerte mich, daß er das Bettlerhandwerk ergriffen
    hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so
    mächtig auf ihn, daß er mir zu Füssen fiel und unter Thränen
    versicherte: er verdiene diese Güte nicht, er habe sich auch gegen
    mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit
    dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang
    dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen
    zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein
    Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleißes
    für meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart
    meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem
    gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen
    hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufügen. Ich
    erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals
    Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei
    meiner Aeusserung: «daß ich jene Sachen auf meinen Streifereien
    durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe» den Mund
    zu einem spöttischen Lächeln verzog und sich schnell entfernte.
    Sehr gut weis ich auch, daß ich darauf in den Park eilte, um die
    unangenehmen Gefühle niederzukämpfen, welche dies Benehmen in mir
    erregt hatte. -- In meiner Abwesenheit ließ nun (so erzählte John)
    die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch über seinen
    Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guinée, wenn er meinen Auftrag
    nicht vollziehen, sondern ihr das Kästchen und den Brief übergeben
    aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte:
    «denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich laße von meinem Vermögen
    nichts übers Meer führen.» Den armen Burschen blendete das Gold;
    er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen,
    allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln
    als den bequemsten Erwerb.

    Diese Entdeckung machte mich rasend. Anna war also die Ursache so
    vieler trüben Stunden, in welchen ich mich über das Stillschweigen
    der Meinigen ängstigte! Anna unterschlug das von mir bestimmte
    Eigenthum derselben und verkümmerte mir die kleine Freude aus
    niedrigem Eigennutz, aus schändlichen Argwohn! Nun war es fest
    beschloßen mich von ihr zu trennen; und statt nach Sidney'shouse,
    sprengte ich nach London zurück, eilte zum Westminster Gebäude,
    woselbst viele Rechtshändel geschlichtet werden und brachte
    meine Ehescheidungsklage an. Nach diesem Schritt trieb mich die
    Vaterliebe wieder nach Hause: denn ich wußte, wie wenig Sorge die
    Mutter den Kindern wiedmete. Unterwegs überlegte ich, daß ich mit
    Ruhe am Ersten zu meinem Zweck gelangen und Lady bestimmen würde,
    mir meine zwei Kinder zu überlassen; und diese Hoffnung gab mir
    die Gewalt über die heftigen Ausbrüche meines gereizten Gemüths
    gegen die Urheberin seiner Leiden. Besonnen und kalt machte ich
    Anna mit meinem obigen unwiederruflichen Entschluß, und mit den
    Beweggründen zu demselben bekannt und fand zu meinem Erstaunen
    eben so viel Kälte und Bereitwilligkeit, sowohl für die Trennung,
    als für meinen Wunsch, die Kinder mir zu überlassen. Mir war es in
    diesem Augenblick, als fielen klirrend die Ketten zu meinen Füssen,
    welche mich so lange schmählich gefangen hielten. Ich eilte in das
    Zimmer meiner Kinder, preßte die Kleinen unter heißen Küssen an das
    klopfende Herz und konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um mit
    ihnen und ihrer Wärterin nach London zu fahren. Ganz ruhig war der
    Abschied der unnatürlichen Mutter von ihren Kindern und -- und als
    hätte ich sie aus dem Feuer gerettet eilte ich mit ihnen davon.

    Auf der Straße begegnete ich John wieder und nahm ihn in meine
    Dienste, wo er sich bisher ganz zu meiner Zufriedenheit beträgt. In
    der Stadt logierte ich mich in einen Gasthofe ein, um den Ausgang
    meines Prozeßes zu erwarten. Nur einmal mußte ich mit Lady Anna vor
    den Schranken erscheinen und da weder sie noch ich an eine andere
    Instanz zu appellieren gedachten sondern mit dem Ausspruch der
    Richter vollkommen zufrieden waren, so war er sehr bald geendigt.

    Meine beschwerliche und sorgenvolle Lage während meiner Rückreise,
    konnte nur die unendliche Vaterliebe zu meinem William, zu meiner
    Fany mir ertragen helfen. Fast in jedem bedeutenden Ort, wechselte
    ich, theils durch Umstände genöthiget, theils vielleicht auch aus
    übertriebener Besorgniß die Wärterin und es ist ein wahres Wunder,
    welches mich mit dem innigsten Dank gegen die Vorsicht erfüllt, daß
    die Kleinen diese gefahrvolle große Reise so glücklich überstanden
    haben. Einige kleine Unpäßlichkeiten abgerechnet, brachte ihnen das
    veränderte Klima und die verschiedene Lebensweise keinen Schaden.
    Auch gegenwärtig, wo ich dieses schreibe, sind sie vollkommen
    gesund.

    Aber Guido der Vater, theilt mit Guido dem Sohn, die
    unbeschreibliche Sehnsucht, bald mit seiner köstlichen Beute im
    sichern Haven, im Arm der Eltern von all den Stürmen, welche ihn im
    fernen Land Verderben drohend umbraußten, auszuruhen! --

    O, des seeligen Augenblicks! wo meine Kleinen ihre Aermchen um
    den Nacken der besten Großeltern schlingen und ich die theuern
    Vater- und Mutter-Hände auf mein wundes Herz drücken und damit
    die vielerlei schmerzlichen Gefühle, welche darinnen herrschen
    beschwichtigen werde!

    Ein neues Leben wird mir aufgehen! Meine gesammelten Erfahrungen
    sollen mich begleiten auf das Feld der Thätigkeit, das ich mir
    suchen werde. Ich will wirken und nützen, und wird gleich mein Bild
    einst nicht der Nachwelt aufbewahrt, wie das berühmter Britten
    in der Westmünster Abtey: so soll doch hie und da eine Stimme im
    Vaterland mir ein segnendes Lebewohl in die kühle Gruft nachrufen.

    Ich erwarte nun keine weitere Nachricht. Fest auf die Liebe theurer
    Eltern bauend, werde ich diesem Brief bald nachfolgen, um den
    Forderungen eines kindlichen Herzens und den väterlichen Wünschen
    und Sorgen für meine Kinder ein Genüge zu leisten.

    ~Ihr Guido.~

                   *       *       *       *       *

Die Baronin gieng einigemal, während Albina las zu dieser hin, umfaßte
sie und sah mit ihr in Guido's Brief hinein. Bei manchen bedeutenden
Stellen konnte sie die Ausbrüche ihrer mütterlichen Empfindungen
nicht zurück halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude
ausdrückten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und
sagte: «Mütterchen! laß doch unsere Albina ungestört fortlesen!» auf
diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurück; doch nicht lange, so
führte sie eine neue Aufwallung der Gefühle, abermals zu Albinen, zu
dem Brief. -- Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. --
Die Baronin sprang auf und schloß sie in die Arme. Durch ihre eigene
Bewegung war sie unfähig, Albinens Gemüths-Zustand zu beobachten und
die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln.
Sie mußte sich nun zwischen das würdige Elternpaar setzen und mit
redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei häusliche Plane
für die Zukunft mit, welche oft im nächsten Augenblick wieder durch
Neue verdrängt wurden. Volkmar hörte lächelnd zu und gab nur zuweilen
durch eine besonnene Rede dieser oder jener flüchtigen Idee Festigkeit.

Albina kehrte diesmal in einer höchst unruhigen Stimmung auf das
Landhaus zurück. -- Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz
erfüllte! Er unglücklich -- sie voll Mitgefühl -- beide frei -- war
es nicht natürlich, daß die Möglichkeit einer Annäherung sich ihr
unwillkührlich aufdrang? -- aber fest war ihr Entschluß, sich streng
im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den
Willen der Vorsehung auszurüsten.

Guido war durch sein Schreiben noch weit höher in ihrer Achtung
gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn für das Schöne und
Große, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe,
alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre
rege Phantasie mahlte sein Bild in männlicher Vollkommenheit;
aber der Zweifel flüsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht
~unheilbar~ verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung
ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mißtrauisch gemacht --
werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft,
deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz
verlöscht haben? --

Albina hatte viel mit diesen wechselnden Gefühlen zu kämpfen und immer
kehrten sie wieder. Beglommenen Herzens gieng sie nun jedesmal in die
Stadt, Guidos Wiedersehen bald fürchtend, bald hoffend. An einem Abend,
als sie wieder in Langenheims Haus trat, überfiel sie ein heftiges
Zittern denn ein Reise-Wagen im Hofraum ließ sie Guidos Ankunft
vermuthen. Sie war nicht vermögend gleich die Treppe hinaufzugehen
und mußte ihre ganze Seelenstärke aufbiethen, um Fassung zu erringen.
Endlich hielt sie sich für fähig Guido ruhig zu begrüßen. Die Thüre
öffnete sich und er -- etwas mager und bleich, demohngeachtet edel
und schön, saß mit dem Rücken nach der Thüre gekehrt, einem Spiegel
gegenüber, in welchem sie sein Gesicht und er ihr Eintretten sehen
konnte. Er sprang auf und eilte auf sie zu, die kleine Fany auf dem
Arm, führte er Albinens Hand an seine Lippen. Das Kind aber streckte
verlangend die Aermchen nach ihr aus; es schien ihre, alles bezaubernde
Anmuth selbst das kleine Mädchen-Herz mit magnetischer Kraft an sich
zu ziehen. Ein dunkles Roth überflog Guidos blasse Wangen; auch
Albina fühlte die ihrigen erglühen und war froh, sie an Fanys zartem
Gesichtchen verbergen zu können. William wurde auf des Großvaters
Knie geschauckelt, als Albina in das Zimmer trat, und die Baronin war
ausser demselben beschäftigt für den geliebten Sohn und die theuern
Enkel Bequemlichkeit und Erfrischung zu besorgen: denn noch war keine
Stunde verfloßen, daß Guido angekommen war. Albinens befangenem Zustand
kam die Gegenwart der Kleinen wohl zu statten. Von jeher der Kinderwelt
mit wahrer Liebe zugethan, waren ihr natürlich Guidos Sohn und Tochter
unbeschreiblich theuer; und so lange sie anwesend war, beschäftigte sie
sich unaufhörlich mit ihnen. Auf ihrem Schoos genoßen sie erquickenden
Thee und wohlschmeckenden Zwieback auf ihrem Arm, an ihrer Hand trug
und führte sie die Kleinen in den Gemächern des Hauses umher, wo irgend
ein Gegenstand war, der sie unterhalten konnte und endlich schlummerten
sie auf ihrem Schoos, von der Reise ermüdet ein, und wurden sanft von
ihr in die für sie bereiteten Bettchen getragen. Guidos Blick weilte
mit stillem Entzücken, so oft er es unbemerkt konnte, auf Albinens
zärtlicher Sorge für seine Lieblinge und auf deren zutraulicher
Annäherung an Jene. Schmeichelnd schmiegte der kleine William sein
Gesichtchen an das ihrige, fest schlang Fany die Aermchen um ihren
Nacken und schüttelte weinend das blonde Lockenköpfchen, wenn sie die
Grosmutter oder die Wärterin zu sich nehmen wollte.

Eine unerklärbare Bangigkeit hielt indeß Albina von Guido entfernt und
da auch dieser eine gewiße ehrerbietige Zurückhaltung beobachtete:
so herrschte zwischen Beiden eine drückende Spannung. Herzlich froh
war Albina als Langenheims von einem Besuch nach Haus kamen und die
Unterhaltung allgemeiner wurde. Jedoch das Uebermaß der Empfindungen
bewegte zu stürmisch das sonst so ruhige Herz. Sie konnte es nicht
länger unter ihren Freunden aushalten, sie mußte fort, um in der
Einsamkeit sich selbst wieder zu finden.

Schlaflos verstrich ihr die Nacht. Ach! Guido war ihr wieder so
interessant, so liebenswürdig und doch so kalt erschienen! und es
dünkte ihr sehr nothwendig sich einen festen Plan für ihr künftiges
Betragen zu entwerfen. Sie beschloß mit ruhiger Freundlichkeit ihm zu
begegnen aber Miene, Wort und Handlungen genau abzuwägen um ihm zu
keiner falschen Beurtheilung Veranlassung zu geben. Am andern Morgen
erhielt sie ein liebevolles Billet von der Baronin, in welchem sie
dieselbe dringend, und unter der Zusage ihrer wärmsten Dankbarkeit
bat, «sich ihrer Enkel an -- und sie zu sich zu nehmen, ihre physische
und moralische Bildung zu leiten und auf diese Weise die Ruhe der
Groseltern und des Vaters zu sichern; da sie durch zunehmendes Alter
und durch Aengstlichkeit unfähig zur Erfüllung jener Pflicht sey.»

Albinens Herz hatte sogleich entschieden; allein die Zustimmung der
Mutter war auch nothwendig und sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie
sich weigern könnte.

Als sie eben überlegte, wie sie, ohne ihr Inneres zu verrathen Jene, zu
einer Einwilligung bestimmen könnte: wurde sie zu Cornelien geruffen,
und fand -- Theresen, welche von Volkmars beauftragt, die obige Bitte
mündlich wiederholen sollte. Albina zeigte der Mutter, das, kurz
zuvor erhaltene Schreiben und diese fühlte sich verpflichtet durch
das Andenken an den segensreichen Einfluß von Theresens großmüthiger
Freundschaft auf ihr Schicksal der edlen Frau jenen Wunsch welchen sie
wie einen Eigenen vortrug zu erfüllen. Albina trat an ein Nebenfenster
und mit einem frommen Blick zum Himmel sandte sie ihre Freude, ihren
Dank zur Gottheit, verband aber auch damit ein heisses Flehen um Stärke
und Weisheit zu ihren neu übernommenen theuern Obliegenheiten.

In Begleitung der liebenden Grosmutter kamen die Kleinen bald
darauf in das Landhaus und der Auffenthalt daselbst, unter Albinens
allumfassender treuer Fürsorge war segensreich für ihr körperliches
und geistiges Gedeihen. Aber die mütterliche Erzieherin war auch so
gewissenhaft, daß sie nur durch die äusserste Nothwendigkeit gedrungen
ihre Pfleglinge verließ, daher auch selten, und nur mit ihnen in die
Stadt gieng.

Guido war ein eben so seltener Besuch auf dem Landhaus, und Albina
verwieß ihr Herz zur Ruhe, wenn es unzufrieden darüber klagen wollte.
Die kältere Vernunft gebot ihr sogar dies spärliche Zusammenkommen zu
wünschen: denn ach! in Guido's Nähe war ihr so weh, so beglommen! --
Eine düstere Schwermuth bemeisterte sich nach und nach ganz seiner
Seele und verlezte ihr Gefühl in dem Grad, als seine übrigen großen
Eigenschaften es oft beseeligten. Sie suchte den Grund in seinen
ehemaligen traurigen Erfahrungen, als unglücklicher Gatte, zweifelte
durchaus an ihrem Vermögen, ihn trösten und erheitern zu können und
hielt sich mit wunden Herzen so weit als möglich von ihm zurück.
Allein in Guido war die alte Leidenschaft für Albinen mit aller Stärke
wiedergekehrt; doch in ihrem schüchternen ja beinah ängstlichen
Betragen, wollte er eine neue schonende Abweisung finden. Ihre Liebe
zu seinen Kindern schrieb er auf Rechnung ihrer angebohrenen Milde,
so wie der, edlen weiblichen Wesen eigenen Hinneigung zu den kleinen
hülflosen Geschöpfen und so vergrößerten Beide die Scheidewand immer
mehr, die anfangs leicht zu übersteigen gewesen wäre. Die Eltern und
Langenheims theilten Albinens obige Vermuthung und boten vergeblich
alles auf, ihn zu zerstreuen. Aus gutmüthiger Gefälligkeit gieng er
auf jeden gesellschaftlichen Plan ein: jedoch er war in solchen Zirkeln
ein unnützes Glied. Wortarm, in sich versunken saß er oft in den bunten
Reihen und so sehr sein vortheilhaftes Aeußeres den Damen und Mädchen
wohlgefiel: so sehr schreckte sie sein Ernst, seine trübe Stimmung
ab. War er mit Albinen zusammen: so vermied sein Auge absichtlich den
ihrigen zu begegnen und geschah es dennoch, so lag so viel innerer Gram
in seinem Blick daß es tief, tief ihr Gemüth verwundete, und sie die
Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Langenheim gelang es am besten,
durch seine Unterhaltung Guido etwas zu zerstreuen; sein gebildeter
Geist, sein tiefes Gefühl, sprach diesen wohlthätig an, und in der
Mittheilung ihrer Erfahrungen, fanden sie gegenseitig viel Interesse.
Doch wurden von Guido nur Jene berührt, welche die Welt und die
Menschheit im ~Allgemeinen~ betrafen; indeß Langenheim von seinem
eigenen Schicksal ihm Mancherlei erzählte. In einem solchen Gespräch
erhielt Guido Aufschluß über Familien-Verhältniße, welche sich in
seiner Abwesenheit anders gestaltet hatten; und auch des todgeglaubten
Direcktor Hainau's wurde erwähnt; Langenheim schilderte seinen
Reichthum und beklagte, daß seine rechtmäßigen Anverwandten, Albina und
Theodor keinen Genuß davon erhalten konnten. Guido beschloß nach dieser
Unterhaltung an einen Bekannten zu E* zu schreiben und Erkundigungen
einzuziehen, ob zum Vortheil der ihm so theuren Geschwister gar nichts
mehr zu unternehmen wäre.

Aus der Antwort ergab es sich, daß der alte Hainau wirklich noch
am Leben, aber fest umstrickt sey von der ganzen Familie des
verabscheuungswürdigen ehemaligen Kammerdieners, welcher nun die
Secretairsstelle begleitete. Nun war Guidos Plan entworfen und sein
Entschluß gefaßt!

An einem Morgen beim Frühstück, als den Tag zuvor wieder zärtliche
Sehnsucht die Groseltern nach dem Landhaus hingeführt hatte und sie
höchst befriediget zurückgekommen waren, konnte die Baronin nicht
aufhören, das glückliche Geschick ihrer Enkel zu preißen welches ihnen
Albinen zur Pflegerin gegeben hatte; und ihr Gatte stimmte auf das
herzlichste in diese Versicherungen ein. Guido schwieg und sah finster
zur Erde. Die Mutter nahte sich ihm, mit bittender Miene, strich sanft
mit der Hand über seine faltige Stirne und sagte: «Wenn doch nur mein
Guido Herr über die traurigen Erinnerungen an die Vergangenheiten und
dadurch fähig werden könnte, das was die Gegenwart biethet, freier zu
beobachten!

Ach eine holde liebliche Erscheinung könnte ihm durchaus nicht
entgehen, welche das Ideal einer treflichen Tochter ist und das einer
eben so vorzüglichen Gattin und Mutter werden würde!» «Ich weis wen
Sie meinen liebe Mutter!» sagte Guido ernst; «aber nein -- es ist
nichts -- es kann nicht seyn,» sezte er tief seufzend hinzu; «und
wenn sie mich lieben, kein Wort mehr davon!» Er stand auf, rückte den
Sessel zurecht und entfernte sich. Nach einigen Tagen theilte er den
Eltern seinen Plan mit: ein thätiges Leben zu beginnen und sich um eine
Assessors Stelle zu melden, welche bei dem Stadtgericht zu E* erledigt
sey. «Und warum denn gerade nach E*?» fragte der Vater. «Ich habe einen
Freund dort,» erwiederte Guido, «welcher mir eine sehr vortheilhafte
Schilderung von jenem Posten und der ganzen Lebensweise in E*
mitgetheilt hat; hier lieber Vater! ist vor der Hand keine Aussicht
zu einer mir wünschenswerthen Anstellung und ich denke, Thätigkeit
ist das kräftigste Mittel gegen meine trübe Stimmung, die auch leider
ihnen geliebte Eltern! manche unangenehme Stunde macht. Verzeiht mir!
und laßt den finstern Sonderling ziehen: heiterer hoffe ich, wird er
Euch wiedersehen! --» Die Eltern konnten nichts dagegen einwenden, sein
Gesuch wurde begünstigt und er beschleunigte so sehr er konnte seine
Abreise.


Die Besorgnis, bei der abermaligen Trennung von Albinen sich vielleicht
nicht genug verbergen zu können, bestimmte ihn, einen Tag zum
Abschiedsbesuch auf dem Landhaus zu wählen wo er wußte, daß Albinen
ein unabänderliches Geschäfte ohne seine Kleinen in die Stadt rief.

Unter schmerzlichen Kämpfen hatte er in der Nacht zuvor ein Schreiben
an sie aufgesezt, das sein dankbares Gefühl als Vater innig ausdrücken
und doch von seiner unaussprechlichen Liebe zu ihr, nichts verrathen
sollte. Immer vernichtete er wieder, was er geschrieben hatte, denn es
däuchte ihn bald zu leidenschaftlich, bald zu kalt. Endlich schien er
es getroffen zu haben; aber erschöpft und mit verweinten Augen warf er
sich auf sein Bett, nicht um zu schlafen sondern in stolzen Entwürfen
für das Glück der geliebten Grausamen, Linderung seiner Schmerzen und
süße Zerstreuung zu finden. Mit klopfendem Herzen näherte er sich am
andern Tag dem Landhaus, denn es war doch möglich Albinen zu treffen.
Er hatte es gut berechnet, sie war nicht zu Hause. Gerührt drückte
er seine Kinder an sein Herz, gab Cornelien den Brief für Albinen
und eilte so schnell als möglich wieder fort. Albina war mit seinem
Entschluß, wegzugehen schon bekannt; doch sie hatte gehofft, noch
einmal ihn zu sehen, ein freundliches Wort von ihm zu hören und gelobte
sich selbst: von diesem, gleich einem ärmlichen Reisepfennig durchs
Leben, in den künftigen Tagen sparsam und zufrieden zu zehren. Allein
auch darauf sollte sie Verzicht leisten müssen! dies war hart! und sie
wurde bleich bis in die Lippen, als sie bei ihrer Zurückkunft aus
der Stadt hörte, Guido habe Abschied genommen und den Brief für sie
zurückgelassen. Sie nahm ihn und gieng damit in die Gartenlaube.

«Also wählte er absichtlich diese Zeit, um mich doch ja nicht zu
finden!» sagte sie schmerzlich zu sich selbst; und ein gerechter
Stolz empörte sich in ihr gegen diese Vernachläßigung. Sie hielt
lange den Brief unentsiegelt in ihrer Hand, starrte auf ihn hin und
war ungewiß, ob sie ihn öffnen sollte oder nicht. «Guido Guido!» rief
sie, «du mishandelst ein Herz, das ganz dein gehört hat und -- noch
immer dein ist,» sezte sie wehmüthig leise hinzu, und ein wohlthätiger
Thränenstrom erleichterte die beglommene Brust. Sie löste das Siegel,
las, las wieder und noch einmal und manche einzelne, herabfallende
bittere Thräne verlöschte hier und da ein Wort des Briefs, der nichts
wohlthuendes für ihre leidende Seele enthielt. Es herrschte darinnen
ein steifer kalter Ton; der in diesem Augenblick doppelt hart an
das liebende weiche Herz Albinens anschlug. «Also auch nicht einmal
Freundschaft, nein nur dankbare Höflichkeit giebt mir Guido für die
heisse Liebe, die ich für ihn fühle!» klagte Albina und legte die
glühende Stirne in die hohle Hand. «Aber weis er es denn, daß ich ihn
liebe? fuhr sie fort, o! hätte er ahnen können, was in mir vorgieng,
wenn ich seinen Kummer über die Vergangenheit, oder seine Freude über
seine Kinder sah! wäre er Zeuge von meinen jezigen Leiden -- dies große
Herz, das die ganze Menschheit umfäßt mit reicher Liebe, würde auch für
mich freundlich tröstenden Gefühlen Raum geben! Ach! er bleibt dennoch»
-- und dabei preßte sie fest beide Hände an das blutende Herz -- «er
bleibt dennoch Beherrscher dieses stillen Reiches in meiner Brust!
guter Gott!» seufzte sie und sank in betender Stellung an der Rasenbank
nieder, «guter Gott! laß einen deiner heiligen Boten, als Schutzengel
ihn begleiten auf allen seinen Wegen und mir gieb Stärke bei der
Erziehung seiner Kinder, sein Glück und das ihrige zu begründen!» --

Wieder ganz einig mit ihrem Herzen nahm sie noch einmal Guido's Brief
zur Hand. Ihrem nun klaren Auge wollte hie und da manche Stelle in
einer Spannung des Gemüths geschrieben dünken, ja sie fand Ausdrücke,
welche ihr jezt eine ganz andere Auslegung zu fordern schienen, als
vorhin. «Wie -- sagte sie, sollte er Gefühle mir verbergen wollen,
welche die höchste Seeligkeit meines Lebens hienieden ausmachen
würden und sollte dieses Streben jene Kälte erzeugt haben? nicht doch
Albina! täusche dich nicht wieder selbst! o der Zwiespalt im Innern
ist etwas fürchterliches! Gott bewahre dich dafür!» Sie versank in
tiefes Nachdenken; endlich -- wie daraus erwacht -- stand sie rasch
auf, hob Hand und Auge gen Himmel und sagte: «es sey, wie es wolle!
ich gehöre schon lange mir nicht mehr selbst an, ich bin sein und
will es bleiben, bis dies Herz nicht mehr schlägt!» mit diesen Worten
verließ sie die Laube und kehrte in das Haus zurück. William hüpfte
ihr entgegen und seine freundlichen Liebkosungen hießen vollends jeden
Nachklang schmerzlicher Gefühle schweigen. -- War sie vorher schon eine
treue mütterliche Pflegerin der Kleinen, so wurde sie es jezt mit einer
beispiellosen Aufopferung. Sie konnte sich in dieser Pflicht immer gar
nicht genügen und wer den Kleinen Beweise von Liebe und Wohlgefallen
gab, der erhöhte Albinens Glück, das in diesem wunderschönen Kinderpaar
aufblühte. Es waren aber auch holde liebliche Wesen, in deren großen
klaren Augen ein Himmel von Unschuld und Liebe lag, auf deren Wangen
die Rosen der Gesundheit glühten und in all deren Bewegungen Freude und
Leben war.


Man konnte nicht anders, als liebend sich ihnen nähern und dann
schmiegten sie sich mit unendlicher Freundlichkeit an die Menschen
an, welche sich oft um ihre Gunst stritten. Schon in dem zarten
Alter, worinnen sie noch waren, suchte Albina die schöne Grundlage
der weichen Herzen für den Saamen herrlicher Tugenden zu benützen,
und Wohlthätigkeit, Eintracht, Dankbarkeit, alle diese und ähnliche
Eigenschaften trieben frühzeitig süße Früchte. William trug, kam
während der Tischzeit ein Armer, vorsichtig seinen Teller Suppe hinaus
und brachte ihn denselben mit Engelsfreude. Fany schob freundlich das
vielgeliebte Spielzeug dem Bruder hin, wenn dieser darum bat und Hand
und Lippe boten sie freiwillig und ohne Erinnerung Jedem der ihnen mit
irgend Etwas einen Genuß verschaffte. Auch Cornelien wurden die Kleinen
lieb und theuer und verwandelten oft ihre ernste Stimmung in eine
heitere Laune. William nannte sie Grosmutter und Albina mußte sich,
den Mutter Namen von ihm geben lassen, so wollte es die Baronin. Der
kleine Mädchen Kreiß, der ebenfalls Albinens Leitung anvertraut war und
dem sie mit viel umfaßender Einsicht und Liebe, trotz ihrer Pflichten
gegen Guido's Kinder nichts entzog, was sie ihnen schuldig zu seyn
glaubte: theilte nach Kräften, mit Albinen die Sorge für die Kleinen
mit einer Anhänglichkeit an dieselben, welcher oft Albina Einhalt zu
thun genöthigt war; doch diente dies ganze Verhältnis zur gegenseitigen
Ausbildung mancher Tugenden und Fertigkeiten und die kluge liebevolle
Vorsteherin verstand es ~so~ zu leiten, daß jedem Familien-Glied
Vortheil daraus entstand. In heiligen Augenblicken, wo sich Albina mit
William und Fany allein befand, sprach sie in schöner Begeisterung zu
ihnen von dem Vater und in einer für sie faßlichen Weise legte sie
ein herrliches Bild von ihm in die zarten Kinder-Seelen, damit es
mit ihnen heranwachse und unvergänglich in ihnen wohne und herrsche!
-- Bei einem Besuch, den Albina mit den Kleinen in Volkmars Hause
machte, gewahrte William das Portrait des Vaters und mit kindischer
Heftigkeit verlangte er es mitzunehmen. Albina erröthete und suchte
ihn davon abzubringen; doch den Groseltern war es unmöglich einen
Wunsch ihres geliebten Enkels unerfüllt zu lassen, sie äusserten: daß
sie sich mit einem kleinern Gemälde begnügen wollten und sagten jenes
William zu. Dieser klopfte voll Freude in die Händchen und Albina
mußte das Portrait über sein Bettchen hängen; wo sie dann oft, den
Einfall des Knaben im Stillen segnend, mit thränenvollen Augen und mit
unendlicher Liebe darauf verweilte, wenn sie William schlafen legte,
oder wenn sonst sie ein Geschäft in dieses Zimmer allein führte.
Erwähnte Guido in seinen seltenen, beinah unbedeutenden Briefen doch
jedesmal seiner Lieblinge und ihrer treuen Erzieherin freundlich: dann
eilte sie besonders zu des Geliebten Bild und weihte ihm des Herzens
heissen Dank für das tröstende Angedenken. Die verstärkten körperlichen
Kräfte der Kleinen, ihre immermehr zunehmende Fertigkeit im Gehen,
machte, daß Albina nun öfters den Wunsch der Groseltern erfüllen
und mit ihren Enkeln zur Stadt kommen konnte. Sie unterließ dann
nicht, ihre theuern Pflegeltern auch jedesmal zu besuchen. An einem
schönen Herbst Nachmittag wurde wieder in die Stadt gewallfahrtet
und Aurelia begleitete Albinen. Dieses sanfte Geschöpf war aus der
Pflegetochter Albinens, ihre Freundin geworden. Frei von allem
jugendlichen Leichtsinn, hatte sie sich frühzeitig jeden Vorzug einer
treflich gebildeten Jungfrau erworben und hätte ihren Kenntnissen
und Fertigkeiten nach, schon länger die Schule, worinnen sie erzogen
wurde verlassen können; auch erschien einst ihr Vater (welcher schon
mehreremale seine Töchter besucht hatte und immer höchst befriedigt
hinweggereißt war) mit dem Wunsch, daß sie nun ihren bisherigen
Auffenthaltsort verlassen und zu ihm zurückkehren möchten. Sie mußten
sein Verlangen billig finden und hegten eine zu kindliche Liebe für den
Vater, eine zu hohe Meinung von dem ihm schuldigen Gehorsam, als daß
sie sich hätten wiederspenstig zeigen sollen; indeßen fühlten sie tief
das Schmerzliche der verlangten Trennung. Sidi sah, wie es besonders
der von ihr herzlich geliebten Schwester einen schweren Kampf kostete,
sich von Albinen loszureißen und beschloß, ins Mittel zu tretten,
indem sie den Vater bat: sie einstweilen mitzunehmen und Aurelien noch
eine Zeitlang zurückzulassen. Er willigte in den Vorschlag ein und
mit welcher Innigkeit dankte Aurelia der edelmüthigen Schwester! wie
fühlte sie sich so glücklich mit Albinen noch länger vereinigt leben zu
können!

Aurelia verband mit vieler Geistesbildung auch tiefes und richtiges
Gefühl, Albina fühlte sich sehr zu ihr hingezogen und führte sie
mit einem, jene hoch ehrenden, Vertrauen öfters in die Tiefe ihres
schönen Gemüthes ein. Doch über Guido's Bild war in Albinens Herzen
ein dichter Schleier gezogen, den nur sie zuweilen wegzuziehen wagte;
allein Aureliens spähendes Auge für alles was der Freundin wichtig
war erblickte durch den verhüllenden Flor dennoch die wohlbekannten
Züge. Auch hatte sie Jene einst bei einer der geheimen Ergießungen
ihrer Seele vor Guidos Bild ohne ihren Willen überrascht, sich aber
augenblicklich und stille zurückgezogen; und suchte nun bescheiden, auf
unmerkliche Weise alle diese Entdeckungen zu wohlthätigen Erheiterungen
der geliebten mütterlichen Freundin zu benützen. Das heißt: sie gab
öfters ganz unbefangen scheinend Albinen Gelegenheit, sich über den
Heißgeliebten aussprechen zu müssen, wobei diese immer so glücklich
schien. Aurelia wußte dann so geschickt durch Fragen Albinen immer
mehr in solche Unterhaltungen zu verwickeln, daß dieselbe oft am Ende
im Stillen staunend zu sich selbst sagen mußte «wie kam es, wie war
es dir möglich so viel von Guido zu sprechen?» -- Auch auf jenem Weg
nach der Stadt war unversehens der entfernte Freund ihr unsichtbarer
Begleiter geworden. Aurelia sprach von seinen Reisen und wünschte so
herzlich mehr davon zu hören, daß Albina nicht ausweichen konnte, sie
mußte ihr manches was ihr davon bekannt war, mittheilen. Das Feuer der
Liebe röthete dabei immer höher ihre Wangen, strahlte immer lebhafter
aus ihrem Auge und auf William und Fany übertrug sie in vielen heissen
Küßen die Aeußerung ihrer schuldlosen Leidenschaft. Aurelia gieng,
befriedigt durch die Erreichung ihrer reinen Absicht: Albinen wieder
einen Genuß bereitet zu haben, stille, neben ihr, wagte aber keinen
freien Aufblick, um ihre Freundin im Erguß ihrer Empfindungen nicht zu
stören. Indeßen dadurch aufgeregt und voll seeliger Erinnerung an Guido
kam diese zu Langenheims. Sie fand ausser Volkmars einen Fremden, deßen
Gesicht ihr bekannte Züge zu haben schien. Auch er betrachtete sie mit
einer Aufmerksamkeit, welche sie beinahe verlegen machte; doch bald
stellte Langenheim beide einander als alte Bekannte vor. Edmund, so
hieß der junge Mann war der Sohn des reichen Besitzers jenes Gartens,
in welchem Albina ihre Kinderjahre verlebt hatte.

Ach, sein Anblick und diese Erläuterung führte die Vergangenheit
ganz vor ihre dankbare Seele und mit einer herzlichen Lebhaftigkeit
fragte sie augenblicklich bei Edmund nach ihren ersten Wohlthätern so
nannte sie mit inniger Rührung die braven Gärtnersleute. In Edmunds
Auge glänzte bei dieser Unterhaltung eine Thräne; Er drückte Albinens
Hand und sagte. «Haben Sie Dank für diese Frage; edle Albina! sie
läßt mich in ein schönes Menschenherz blicken. --» Albina schlug
den Blick bescheiden zur Erde und Edmund fuhr fort, ihre Hand immer
nicht loslassend; «Gärtner Paul ist mit all' den Seinigen gesund und
heiter und sie würden sich unaussprechlich freuen, wenn sie Zeugen des
freundlichen Angedenkens ihrer Albina seyn könnten, die sie warlich
nicht vergeßen haben!» Freudig wollte Albina zu Edmund aufsehen,
doch sie begegnete abermals seinem Feuerblick und konnte ihn nicht
ertragen. Theresen entgieng nicht die Befangenheit ihres geliebten
Töchterchens, eben so wenig der Eindruck, welche der Anblick desselben
bei Edmund bewürkt hatte und sie suchte dem Gespräch eine muntere
Wendung und ein allgemeines Intresse zu geben. Albina erfuhr, daß
Edmunds Eltern nicht mehr am Leben seyen und jener sein großes Vermögen
-- ganz unähnlich den kargen Eltern -- zu schönen Zwecken verwende,
auch einen Theil desselben zu einer bedeutenden Reise bestimmt habe.
Es war sein Plan, auf derselben D* zu passiren, wo er Langenheim und
Albinen zu finden hoffte. Ersterer war ihm nur durch die beredten und
vortheilhaften Schilderungen des Gärtner Paul's bekannt; doch des
hübschen Gärtnermädchens -- wie er sich ausdrückte und dadurch eine
Rosengluth auf Albinens Wangen jagte -- hatte er sich noch sehr gut
erinnern können, allein immer so erwartet, wie er es gefunden habe.
Bei diesen Worten trat er ihr näher und küßte ehrerbietig die weiche
runde Hand. Albina hatte sich wieder ganz zurecht gefunden, und suchte
mit möglichster Unbefangenheit in den gewöhnlichen Unterhaltungston
einzustimmen und in demselben sich nach allen, ihr durch die
Vergangenheit lieben und wichtigen Personen, Gegenständen, Pläzchen
und Ergebnißen zu erkundigen. Edmund befriedigte sie ganz, jedoch es
überraschte ihn öfters dabei eine Art Leidenschaftlichkeit, welcher
dann Albina desto mehr Ruhe und Kälte, entgegenzusetzen strebte. Sie
konnte es nicht läugnen an Edmund viele große Charakterzüge bemerkt zu
haben: doch die Glorie welche in ihrem Herzen Guidos Bild umgab, fehlte
jeder andern Erscheinung und sie verlohr sich dann im Schatten.

Edmund war anfangs Willens nur ein paar Tage in D* zu verweilen:
allein schon war eine Woche vorüber und er fand noch immer so viel
Sehenswerthes, oder so viele Hinderniße diese und jene Merkwürdigkeit
zu beschauen: daß er seine Abreise von Tag zu Tag verzögerte. Er kam
sehr oft in Langenheims gastfreundliches Haus. Sein Blick suchte aber
bei jedem Eintritt immer zuerst Albinen, er versäumte auch nicht nach
ihr zu fragen; aber sein sehnsüchtiges Verlangen wurde nie befriedigt.
Albinen konnte ihrer unverstellten Anspruchslosigkeit ohngeachtet der
Eindruck nicht entgangen seyn, welchen sie auf Edmund gemacht hatte;
jedoch, wie hätte ein so edles Mädchen-Herz wie das ihrige gewißenlos
mit der Ruhe eines braven Mannes spielen können! Sollte sie seinen
Gefühlen noch mehr Leben und Bestimmtheit geben, da es nicht in ihrer
Macht stand dieselben zu erwiedern! dagegen empörte sich ihr reines
Gemüth. Sie beschloß also ihn zu vermeiden.


Aber an Aurelien bemerkte sie seit jenem Nachmittag eine sichtbare
Veränderung. Das sonst harmlose, Geschöpf schlich jezt traurig umher,
seufzte tief auf und war ungemein zerstreut.

Edmund hatte, ganz ohne es zu wollen und zu wissen von dem unbewachten
Herzen, dieses kindlichen Wesens Besitz genommen und Albina gieng
mit sich zu Rath, welche Maaßregeln sie wegen ihrer gelibten Aurelia
ergreiffen sollte. War sie ihrer Gefühle deutlich bewußt: so ließ
sich keine vorübergehende Neigung in diesem tiefen Gemüth vermuthen,
doch im Fall einer Unbekanntschaft mit ihren Empfindungen schien es
vortheilhafter, sie nicht bemerken zu wollen und nur ein öfteres
Wiedersehen zu verhüten; dann, hoffte Albina, würde Aurelia bald
ihre sonstige Stimmung erlangen. Sie war entschloßen die mütterliche
Freundin Therese zu ihrer Vertrauten zu machen und der klugen und
milden Leitung derselben das Schicksal Aureliens, Edmunds und auch
das ihrige zu empfehlen: jedoch in den ersten Tagen beobachtete
Edmund die gewöhnliche feine Sitte und stattete bei den Bekannten des
Langenheimischen Hauses Besuch ab. Daß der Gang zum Landhaus der
Wichtigste für ihn war, läßt sich denken.

Albina saß eben im Kreise ihrer Pflegetöchter und gab ihnen in
weiblichen Arbeiten Unterricht. Die Größern saßen an Stickrahmen, die
Kleinen nähten und strickten. Albina lehrte mit dem süßen Wohllaut
ihrer Stimme, sanft und liebevoll. Aurelia war ihre treue Gehülfin und
stand bald dieser, bald jener Schülerin bei. William und Fany saßen zu
den Füßen Albinens. Ersterer baute Häuserchen von Karten, Fany reichte
ihm dieselben zu und machte frohlockend Mütterchen aufmerksam, wenn es
dem Bruder gelang einige Stockwerke aufeinander zu thürmen.

Von diesem allen war Edmund unbemerkt Zeuge. Es wurde ihm von der
Magd, welche gerade unten beschäftigt war, bei der Frage nach Albinen
der Saal bezeichnet, wo er sie finden würde und er hielt sich vor der
Thüre, welche Glasfenster hatte unbeweglich und stille, um sich recht
lange an Albinens Anblick so wie an der ganzen anziehenden Gruppe zu
weiden.

Aurelia stand gerade bei Albinen, ihr die Arbeit von einer der
Schülerinen vorzeigend, als er die Thüre öffnete und eintrat. Sie
erschrack so sehr, daß sie das Strickzeug fallen ließ und sich
geschwind zu den Kindern hinunter bückte, um Edmund die glühende Röthe
ihres Gesichts zu verbergen. Besonnen und anmuthig strebte Albina
seine Anwesenheit so unschädlich als möglich zu machen; sie führte
ihn sogleich weg und zu Cornelien dann in Begleitung einiger Kinder
im Garten und Haus herum und zeigte ihm unbefangen und heiter alles,
was einiges Intereße für ihn haben konnte: doch konnte sie nicht
verhindern, daß Edmund überall die Spuren ~ihrer~ Einrichtung,
ihres Waltens gewahr wurde und daß er in der sich fröhlich und
unaufhörlich äussernden innigen Zärtlichkeit aller Zöglinge eine neue
Bestättigung ihres Werthes fand. Aurelia hatte Albinens geheimen Wunsch
erfüllt und war in dem Saal zurükgeblieben. Denn ihre Bewegung war zu
heftig als daß sie es hätte wagen können, Edmund sich zu nähern. Sie
wollte sich sammeln, um beim Abschied gefaßt zu erscheinen. Ach! sie
däuchte sich so unglücklich! die ersten Gefühle der Liebe erregte in
ihr ein Mann, welcher sie ganz zu übersehen schien und Albina, ihre
geliebte Albina mit glühender Leidenschaft verehrte! Sie konnte nicht
mit sich fertig werden, wohin sie ihren Blick wandte sah sie nur
Schreckbilder und der, Andern freundlich blühende Garten der Liebe, der
sich zum erstenmal ihr öffnete, bot ihr nur Dornen, welche ihren Fuß
bei ~jedem~ Schritt zu verletzen drohten. Im tiefen Nachsinnen
stand sie am Fenster und zerblätterte gedankenvoll eine blühende
Aster als Albina -- ~ohne~ Edmund eintrat. Ein neuer Schmerz! Er
zuckte so gewaltig durch ihr ganzes Wesen, daß sie, nicht mehr ihrer
mächtig an den Busen Albinens sank und laut weinte. Innig drückte sie
diese an ihre Brust, bedeutete ihr leise: daß sie nicht alleine wären
und versprach, gleich nach geendigter Unterrichtsstunde, deren vorige
Störung sie jetzt ersetzen müsse, ihr nach in den Garten zu kommen.

In der Unterredung mit ihr fand Albina, daß die Liebe schon tiefe
Wurzeln in Aureliens Herz gefaßt hatte, fand sie aber auch fest
entschloßen, schweigend zu dulden und Albinens Glück ihre Gefühle
zu opfern. Daß dies nicht der Fall seyn könnte, belehrte sie die
Versicherung der letztern: «daß sie durchaus keine Neigung für Edmund
fühle und seine fernern Bewerbungen um sie schonend abweisen müße» doch
in dem ersten Entschluß: «ihre Empfindung vor Jedermann und vorzüglich
vor ihm zu verbergen» bestärkte sie Albinens Beifall, welcher hohe
Begriffe von der weiblichen Würde hegte, und streng bei sich und ihren
Zöglingen jede Miene, jedes Wort, jede Bewegung bewachte. Sanfte
religiöse Tröstungen und die innigste Theilnahme verfehlten bei der
dafür empfänglichen Seele Aureliens, nicht ihre Wirkung und sie fügte
sich mit wehmüthiger Ergebung in Albinens Rath: durch den Einfluß
Theresens ein abermaliges Wiedersehen Edmunds für sie beide zu verhüten.

Vergeblich sahen sie einen Besuch dieser Freundin mehrere Tage
entgegen; und Albina hielten auch die bekannten Gründe von der Stadt
zurück. Endlich erhielt sie eine schriftliche Einladung von Jener, wo
von einem ungestörten alleinigen Zusammenseyn die Rede war und dem zu
Folge wagte Albina es zuzusagen.


Nicht unerwartet, aber dennoch ergreiffend waren ihr die Mittheilungen
der theuern Pflegemutter. Edmund hatte dieser seine Leidenschaft
für Albinen gestanden und um ihre Verwendung bei ihr gebetten. So
wohl sein innerer Werth, als auch seine begüterte Lage gaben seinem
ausgesprochenen Wunsch in Theresens Augen eine unaussprechlich
erfreuende Gestalt. Sie sah für ihre geliebte Albina nur Glück, reines
Glück darinnen und trug ihr also denselben auch mit so viel freudiger
Theilnahme vor, daß diese, innig gerührt in Thränen ausbrach. Sie
ergrif Theresens Hand drückte sie an ihr Herz und sagte: «theure
Mutter! wie traurig ist es mir, deine gütige Sorge für mich und die
reine Liebe eines edlen Mannes unerwiedert, unbelohnt lassen zu
müssen! Du kennst deine Albina! du wirst gewiß voraussehen: daß mich
~wichtige~ Gründe bestimmen müssen, die Wünsche so guter Menschen
nicht zu erfüllen. So ist es auch und ich halte es für unerläßliche
Pflicht, dir diese Gründe mitzutheilen; aber nur du geliebte Mutter,
sonst Niemand auf der Welt soll erfahren, was mich bestimmt, Edmunds
mich ehrenden Antrag auszuschlagen!

Die innige Vereinigung zweier Menschen durch den Ehebund ist für mich
ein so ehrwürdiger und heiliger Gegenstand, daß ich ihm öfters mein
stilles Nachdenken wiedmete; und das Resultat meiner Betrachtungen
war die Ueberzeugung: daß ein Mädchen mit ihrer Hand auch ein ganz
ungetheiltes Herz voll reiner Liebe dem Erwählten hingeben müße.
Das Gelübde am Altar ist ein Inhaltsschwerer Eid! die leiseste und
geheimste Verletzung derselben dünkt mir eine große Sünde! auch führt
der Ehestand zu viel Ernst, zu viel unvermeidliche Unannehmlichkeiten,
selbst in den glücklichsten Verhältnißen mit sich: als daß nicht die
höchste Liebe dazu erforderlich wäre, um alles so zu ertragen wie es
seyn soll; und kann ein glückliches Ehebündniß ohne eine der festesten
Grundsäulen, ohne alles Vertrauen statt finden? ist dies aber denkbar
wenn irgend ein Geheimnis vorwaltet? und liegt nicht das nachtheiligste
Geheimnis in einer, wenn auch unterdrückten ältern Neigung? Selten, ach
selten sind die Fälle, wo achtungsvolle Freundschaft an der Stelle der
Liebe genügend für das Glück beider Gatten seyn könnte und häufig geht
das gegenseitig reine und beglückende Verhältnis da verlohren, wo man
leichtsinnig über jene Puncte fühlt und denkt!» --

Albina hielt inne. «Mit wahrem Vergnügen höre ich meiner für Tugend
und Pflicht so beredten Albina zu,» sagte Therese, indem sie dieselbe
zärtlich umfaßte: «und preiße den Mann unendlich glücklich, welcher
die ganze Fülle der Liebe dieses reichen schönen Herzens besitzt!
daß es Edmund nicht ist, das begreiffe ich und nach allen deinen
Aeusserungen kann und darf ich kein Wort mehr für ihn sprechen. Meine
Sorge muß nun seyn, ihn mit seinem traurigen Schicksal so schonend als
möglich bekannt zu machen.» «Wie wirst du mich dadurch verpflichten
liebe Mutter!» erwiederte Albina, «denn gewiß, ich achte ihn sehr! aber
~lieben~? -- nein theure mütterliche Freundin! ~lieben~ kann
ich nur ~Einen~ und dies ist -- Guido!» Sie verbarg bei diesen
Worten ihr glühendes Gesicht an Theresens Busen. -- Erstaunt und
zögernd antwortete diese: «Guido -- Guido?» -- «Du hast wohl diesen
Namen nicht erwartet?» versezte Albina, indem sie sich empor richtete,
«Niemand -- hoffentlich auch er nicht, wird den Zustand meines Herzens
ahnen, nicht wahr?» Therese bejahte dies und sah schweigend und ernst
zur Erde nieder. «Du bist ungehalten Mütterchen,» klagte Albina, «du
nennst meine Liebe vielleicht ein Phantom, du willst, ich soll es dem
Glück Anderer opfern -- ists nicht so?» «Ich kann es nicht läugnen,»
versezte Therese, «es schmerzt mich, daß meine Albine ein Gebild
ihrer Phantasie der Wirklichkeit vorzieht. Guido scheint mir deine
Gefühle nicht zu theilen, Edmund verehrt dich bis zur Anbetung; diesem
schlägt deine Weigerung eine tiefe Herzenswunde, jener kennt dein
Opfer gar nicht; Edmund würde alles aufbiethen, um deine Lebenstage
zu verschönern, indeß du, in einer immer noch beschränkten Lage mit
dem Leiden einer hoffnungslosen Liebe kämpfest. Mädchen, Mädchen! was
hat deinen sonst so klaren Sinn geblendet?» «Die großen Eigenschaften
Guido's, antwortete Albina mit Begeisterung, die ich noch bei
keinem männlichen Wesen in der Vollkommenheit antraf; überhaupt die
magnetische Kraft in dem Menschen, welche sich nicht schildern, nicht
aussprechen läßt, die aber ohne es zu wollen, mit unwiderstehlicher
Gewalt die Herzen anzieht. O geliebte Mutter!» fuhr sie fort, faßte
Theresens beide Hände und sah ihr bittend ins Auge: «sey nicht
grausam! versage mir nicht deine Beistimmung zu meinem Vorsatz, nie
zu heirathen! Ich könnte Edmund nicht beglücken, wie er es verdient;
es wäre mir unmöglich, Guido's Bild aus meiner Seele zu bannen; ich
würde Vergleiche anstellen, ich würde mich elend und schuldig fühlen
-- ich kann nicht anders handeln! o laß mir mein geringeres Glück!
laß mir meinen Wirkungskreis! er ist dazu geeignet, mich wohlthätig
zu zerstreuen und meine Liebe zieht mich keinen Augenblick von meinen
Pflichten ab, im Gegentheil: das edle Bild das ich im Herzen trage,
verstärkt meinen Eifer, es ist mein Ideal, dem ich nachzuahmen suche.
Ja ich will meinen Entschluß selbst vor dem Allwissenden verantworten:
denn ich kann in meiner Lage auch viel Gutes thun, viel nützliches
wirken und finde meinen Lohn in Gottes Wohlgefallen und in meiner
innern kleinen Welt, wo Guido lebt, und herrscht, was ich aber Niemand
als dir theuere Mutter vertraue!» --

Therese umarmte Albina und sagte: «nach deiner schönen
Eigenthümlichkeit, wäre es höchst unrecht, dich zu einer andern Denk-
und Handlungsweise verleiten zu wollen. Folge deiner Ueberzeugung! Gott
segne dich!»

Durch diese Versicherung ganz beruhigt und glücklich entdeckte nun auch
Albina Theresen den Zustand von Aureliens Herzen und Jene versprach,
die Sache so zu leiten, daß kein Wiedersehen Edmunds mehr statt
finden sollte. Albina sezte sich mit Genehmigung Theresens an deren
Schreibtisch und suchte in folgendem Abschiedsworte für Edmund milden
Trost zu legen. Sie schrieb:

    Kann Sie aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft
    mit einem Mädchen aussöhnen, dem es sein Geschick versagt, die
    ehrende Liebe eines edlen Mannes mit gleichen innigen Gefühlen zu
    erwiedern: so wird dies unaussprechlich ein Herz beruhigen, das die
    wärmsten Wünsche für Ihr künftiges Glück hegt und sich stets mit
    dankbarer Theilnahme Ihrer erinnern wird.

    Albina.

Edmund nahm aus Theresens sanfter Hand den gebrochenen Stab seiner
schönsten Hoffnungen mit männlicher Kraft und reiste schnell ab. Von
ihm hatte Langenheim erfahren was Guido schon früher erkundet aber
verschwiegen hatte; daß nemlich der alte Hainau noch lebe, jedoch ganz
in der Gewalt jener bekannten nichtswürdigen Familie sey. Dieser Zusatz
bestimmte Langenheim, Cornelien und ihren Kindern jene ihm unnütz
scheinende Entdeckung nicht mitzutheilen.

                   *       *       *       *       *

Mit einem wohldurchdachten Plan war Guido in E* angekommen. Grade
Hainaus Wohnung gegenüber miethete er sich bei einem wackern Bürger ein
und trat seine Stelle an. Da er den Secretair Haßlieb, welcher so lange
ungestraft die gewissenlosesten Handlungen unter einer heuchlerischen
Larve verübt hatte, durch getreue Schilderungen genau kannte: so wurde
es ihm nicht schwer, jenen auch in amtlichen Verhältnißen bei manchen
heimlichen Vergehungen auf die Spur zu kommen, welche Erfahrungen er
sorgfältig sammelte und zu gelegener Zeit aufbewahrte. Dann ging seine
zweite Sorge dahin, sich dem alten Hainau bemerkbar zu machen. Durch
seinen Hauswirth erhielt er in gleichgültig scheinender Unterhaltung
manche Winke darüber, welche er weise benützte. So erfuhr er z. B.
daß Hainau ein leidenschaftlicher Jagd- und Hunde-Liebhaber war und
das leztere noch sey. Er besaß eine ganze Kuppel dieser Thiere, welche
oft einen gräulichen Lärm im Hause verursachten, aber von ihrem
Herrn häufig am Fenster geliebkoßt wurden, auch alle mit glänzenden
mössingen Halsbändern geziert waren welche mit den Anfangsbuchstaben
des Eigenthümers Namen prangten. Guido gab sich nun auch gleich
für einen Freund der Jagd aus, strebte einen ausgezeichnet schönen
Hühnerhund zu bekommen und wanderte in Begleitung desselben, mit Flinte
und Waidtasche alle Abende aus seiner Wohnung und zum Thor hinaus.
Hainau unfähig mehr zu irgend einem Geschäft, vertrieb sich die meisten
Stunden des Tags damit, daß er in einem Lehnstuhl am offenen Fenster
saß, alles beobachtete was sich auf der Straße und in der Nachbarschaft
zutrug und dicke Rauchwolken aus seiner türkischen Tobackspfeife, die
an einem ungeheuer langen Rohr befestigt war, in die Luft bließ: denn
seine zweite Leidenschaft war das Tobackrauchen, aus besonders seltenen
und kostbaren Pfeiffen.

Guido hatte bald seine Absicht erreicht. Der Jäger mit seinem schön
gefleckten Tyras zog Hainau's ganzes Interesse auf sich, zumal da das
würdevolle und anziehende Aeußere des wohlgebildeten jungen Mannes und
seine verbindliche Art zu grüßen ihm ausnehmend gefiel. Als er aber
nun gar nach einigen Tagen in der Hand seines jungen Nachbars einen
meerschaumenen Pfeiffenkopf von noch nie gesehener Größe und Schönheit
erblickte: da vergaß der erstaunte Greis den höflichen «guten Morgen»
von jenem zu erwiedern, ergrif die nahe bei ihm stehende Klingel und
schellte heftig.

Ein Diener kam. «Thomas lauf geschwind da hinüber zu dem Herrn -- hörst
du? da in dem Haus des Meister Gerards, verstehst du mich? und sage --
hm hm! -- was will ich sagen -- frage -- nein bitte den neuen Herrn
Rath, der da üben wohnt: er möchte als Nachbar seine Frühpfeife bei mir
rauchen und ein Frühstück mit mir einnehmen. Hörst du? lauf geschwind!»
Der Bediente folgte dem Befehl. Ein zweiter Klingelzug rief die Magd,
welche «schnell ein paar Tassen Chocolate zu bereiten» beauftragt
wurde. Daß Guido augenblicklich erschien läßt sich denken und Hainau
zürnte mit dem Thürmer, als die Glocke seinen angenehmen Besuch von ihm
weg zur Session rief: denn er hatte sich unbeschreiblich gut mit ihm
unterhalten, ihn auch für Morgen zum Mittag-Eßen gebetten, da heute,
einer nothwendigen Arbeit wegen, Guido sein Anerbiethen ausschlagen
mußte.

Der alte Mann konnte kaum die Stunde erwarten, in welcher sein neuer
Freund erscheinen würde, er gieng nicht vom Fenster hinweg und
als Guido aus seinem Haus trat, eilte er, so schnell, als es mit
seinen kranken Füßen gehen wollte, bis zur Treppe ihm entgegen;
nahm ihn am Arm und führte ihn triumphirend in das Zimmer. Auch die
zahlreiche Hunde-Gesellschaft rannte auf ihn zu und bewillkommte ihn
mit gewaltigen Geklöffe; einige sprangen an ihm in die Höhe, als
wollten sie recht ihre Freude bezeugen. «Ey, still doch!» rief der
Alte abwehrend. «Bst Pedrillo, ruhig Cinthio, Caro, Jason! was ist
das für ein Lärm; wollt ihr ordentlich seyn?» er drohte mit seinem
Krückenstock und sagte zu Guido: «Verzeihen sie das ungestümme Betragen
der unartigen Hunde! allein es ist als ob sie mein Vergnügen, Sie
theurer Freund, bei mir zu sehen mit mir theilten, auch haben die
lieben Thiere gar ein scharfes Erinerungsvermögen und wahre Dankbarkeit
-- wissen Sie wohl, Sie haben es gestern mit der Raçe da verdorben (im
guten Sinne nemlich) denn Sie haben ihnen geschmeichelt und sie mit
mürbem Brod gefüttert.» Dabei sah Hainau Guido recht wohlgefällig an
und klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Das Mahl würzte dem Greiß
Guidos Unterhaltung über seine Lieblingsgegenstände und es schien, als
wären sie für jenen unerschöpflich; immer wußte er eine neue Ansicht,
einen neuen Vortheil denselben abzugewinnen, und seine, in dieser
Hinsicht gemachten Erfahrungen trug er mit einer Darstellungsgabe vor,
welche Hainau entzückte und mit jugendlichem Feuer stimmte er in
Guidos Aeußerungen ein, oder erhob sie mit preißenden Worten. Er mußte
versprechen in jener Woche noch einmal zu kommen und hier machte ihm
der Alte den Vorschlag sich ganz bei ihm einzuquartiren. Dies schlug
Guido aus; denn er wollte langsam, aber desto sicherer bei der Sache
zu Werk gehen. Die Woche zweimal bei ihm zu eßen: dazu machte er sich
verbindlich; allein schon dies war dem mißtrauischen Secretair höchst
ärgerlich. Er wurde durch Guido überzeugt, daß, außer ihm, doch noch
jemand fähig wäre, Hainaus Zuneigung zu gewinnen und dies war ihm
unerträglich. Mit heuchlerischer Besorgniß warnte er seinen Gönner:
sich dem Fremden doch nicht zu sehr anzuvertrauen, denn er wollte
manches Nachtheiliges von ihm gehört haben. Der schwache Greis wurde
anfangs bedenklich, aber als Guido das nächstemal wiederkam, und mit
seiner gewöhnlichen Herzlichkeit des alten Mannes Neigungen huldigte,
auch ehrlich und freimüthig wie immer ihm ins Auge blickte: da schwand
aller Verdacht aus Hainaus Seele und er erklärte Haßlieb fest: Guido
könne nicht täuschen und ihm würde nichts vermögen seinen angenehmen
Umgang aufzugeben. Der Bösewicht sah daß von dieser Seite nichts zu
machen sey und versuchte nun von einer andern Guido zu schaden.

Ein Prozeß eines unredlichen Vormunds gegen eine betheiligte Mündel
war bei dem Stadtgericht anhängig. Guido hatte sich überzeugt, daß
das Recht auf Seiten der Leztern war und vertheidigte mit Feuer die
Forderungen der Unterdrückten. Dieß schien dem ränkevollen Haßlieb
die unvermeidliche Klippe an welcher Guidos Ruf und Glück scheitern
würde. Er machte mit dem Vormund gemeinschaftliche Sache, beide
erkauften falsche Zeugen und diese mußten in der Stadt vorzüglich bei
den Mitgliedern des Raths das Gerücht verbreiten: «Guido sey in einem
Einverständnis mit dem Mädchen: seine täglichen Jagdpromenaden dienten
ihm zu geheimen Zusammenkünften mit ihr und die kostbare Tobackspfeife
welche er besäße, wäre ein Geschenk der Liebe und der Dankbarkeit
für seine Verwendung.» Der vorher überall geachtete Guido wurde nun
wirklich hie und da mit zweifelhaften Augen betrachtet, und so viel
Freunde er in seinem Collegium hatte; kannten sie ihn doch zu kurze
Zeit, um nicht auch mißtrauisch zu werden. Guido bemerkte bald eine
Aenderung ihres Betragens gegen ihn und konnte es sich lange nicht
erklären.

Auch Hainau erfuhr die Geschichte und eines Mittags traf ihn Guido sehr
übler Laune. Als er sich theilnehmend nach der Ursache erkundigte,
sagte dieser: lieber Herr! wem wird es nicht weh thun, wenn er sich
getäuscht findet und zwar so bitter wie ich! Sie wollen wissen wie?
Gut, ja, es soll heraus was mich herzlich verdrießt, und somit erzählte
er Guido, was die Leute von ihm sagten. Nun fiel diesem die Binde
von den Augen. Er schüttelte Hainau die Hand, versicherte ihm seine
Unschuld und versprach ihm in den nächsten Tagen Aufklärung über Alles.
Am folgenden Tag hinderte ihn eine Unpäßlichkeit in die Session zu
gehen. Dieser Umstand wurde benüzt, ihm eine schriftliche Aufforderung
zuzuschicken (weil man eine gewiße Scheu fühlte, ihn mündlich zu
ersuchen) sein _Votum_ in der bewußten Sache abzugeben, da er
nicht ganz unpartheiisch zu seyn schiene. Mit einem Blick durchschaute
er das ganze Gewebe der Bosheit und sobald es seine Gesundheit
erlaubte, trat er als Kläger vor Gericht, und verlangte den Grund zu
obigem Benehmen gegen ihn. Man mußte sein Begehren erfüllen und dann
nannte er Haßlieb seinen Verläumder. Als Genugthuung forderte er die
Untersuchung aller der Belege schlechter Handlungen jenes Elenden,
welche er in seiner Gegenwart vorlegte. Haßlieb wurde überwiesen und
konnte der gerechten Strafe nicht entgehen, denn eine Entdeckung
führte immer wieder zu vielen Andern und die Zahl und Größe seiner
Vergehungen zogen ihm nicht nur Dienstentsezung, sondern auch schnelle
Landesverweisung zu.

Guido suchte in dieser Zeit eine Zusammenkunft Hainau's mit Haßlieb
dadurch zu vermeiden, daß er jenen auf schonende Weise so bald als
möglich alles mittheilte, was nothwendig war, ihn selbst bei dem
besorgten Greis zu rechtfertigen und den Bösewicht zu entlarven. Es
schien ihm um so nothwendiger, da sich unter jenen Acten auch eine
unbesonnene Hindeutung des Secretairs auf ein vorhandenes Testament
des alten Hainaus befand. Guido verlangte es zu sehen, und Haßlieb
war darinnen als Haupterbe des ganzen großen Vermögens eingesezt.
Des alten Mannes Erstaunen gieng in Wehmuth und lauten Jammer über,
als Guido auch Haßlieb's frühere Handlungsweise schilderte, welche
auf seine Verwandten Verderben bringend gewirkt hatte, als er die
dadurch entstandenen Folgen in den Schicksalen desselben auseinander
sezte und mit Begeisterung von Hainau's Enkeln sprach. Tiefgebeugt,
ja völlig zerknirscht stand der sonst stolze Mann vor Guido, wie vor
seinem Richter und fragte mit hohler Stimme: Wie kann, wie soll ich
mein großes Unrecht gut machen? dann hob er das zitternde Greisenhaupt
in die Höhe, der Reue Thränen flossen über die eingefallenen Wangen
und mit flehenden Worten beschwor er den Geist seines Sohnes: ihm zu
verzeihen.

Guido erschütterte der Zustand des armen Greises sehr; er sorgte
mit kindlichem Eifer, daß der traurige Vorgang keine nachtheiligen
Folgen für ihn haben sollte und gelobte ihm: alles für seine Ruhe zu
thun. Hainau forderte selbst fürs Erste sogleich sein Testament ihm
zu verschaffen, welches Guido auf der Stelle holte, und auf Hainaus
Geheiß zerriß. Dann bat ihn dieser, sich an sein Bett zu sezen und
ihn von seinen Verwandten zu erzählen. Die Liebe und Freundschaft
führte in Guidos Hand den Pinsel, auch Cornelien gedachte er ehrenvoll
und erregte dadurch bei dem Greis den lebhaften Wunsch: recht bald
die geliebten Enkel und ihre Mutter bei sich zu sehen. Er ließ sich
Schreibmaterialien bringen und schrieb mit ungewisser Hand selbst
einen kurzen Brief, in welchem er sie eilig zu sich berief, um die
lezten Tage seines irdischen Daseyns mit ihnen zu verleben. Er wollte
durchaus die Veranlassung zu diesem Schreiben der Wahrheit gemäß ihnen
mittheilen, allein Guido bat so ängstlich dringend, seiner nicht zu
erwähnen, daß ihm Hainau, um ihn zu beruhigen, sein Wort gab, ihn
nicht zu nennen, sondern im Allgemeinen eine sonderbare Verkettung der
Umstände als Grund anzugeben.

                   *       *       *       *       *

«Liebe theure Mutter!» rief Albina, indem sie in Theresens Zimmer flog
und ihr um den Hals fiel, «theile meine Freude! der Großvater lebt und
liebt uns; er will uns sehen, wir sollen zu ihm reisen, lies', lies'
diesen Brief!» mit diesen Worten zog sie obiges Schreiben aus dem
Arbeitsbeutel und reichte es Langenheim hin, dessen Anwesenheit sie
jezt erst gewahrte. Die Gatten durchlasen dasselbe miteinander und
äusserten den aufrichtigsten Antheil über dies frohe Ereignis. -- «Dies
hat Guido herbeigeführt» sagte Langenheim. «Ja, nun ist mir alles klar.»
-- Albina schmiegte sich an Theresens Busen, und flüsterte: «Mein Herz
hat mir dies auch schon gesagt, o! des edlen Mannes!» -- Nun aber
trug die Stillbeglückte ihre und der Mutter Bitte den treuen Freunden
vor: «daß, während ihrer Abwesenheit Therese ihre Stelle im Landhaus
vertretten möchte!» und sie wurde gewährt. Langenheim versprach,
Theodor zu beruffen und so wurde denn die ganze Angelegenheit bald
ins Reine gebracht. Der Tag der Abreise erschien und mit Rührung
und Freude fuhren alle der Bekanntschaft mit dem Familien Oberhaupt
entgegen. Der alte Hainau wünschte: Guido sollte bei dem Empfang
der Verwandten gegenwärtig seyn; jedoch dieser suchte es abzulehnen
und sah nur durch eine kleine Oefnung seiner Fenster-Gardine, als
der Reisewagen vor Hainaus Wohnung hielt. Aber das Herz pochte ihm
hörbar, als er seine heißgeliebte Albina erblickte. Er verfolgte sie
im Geist, wie sie des guten Großvaters Segen empfangen und der Blick
desselben mit sichtbaren Wohlgefallen auf der holden Gestalt ruhen
würde. So war es auch, der alte Hainau war tief bewegt und suchte jedem
der ihm vom Himmel Geschenkten seine innige Liebe zu beweisen: doch
Albina erhielt den sichtbaren Vorzug. Sie mußte immer um ihn seyn und
er nannte sie mit den süßesten Namen. Diese Begebenheit, und alle
vorhergehenden hatten seine morsche irdische Hütte hart erschüttert;
er fühlte sich so schwach und angegriffen, daß er das Bett nicht
verlassen konnte. Albina bewieß ihm die zärtlichste Sorgfalt; auch
Cornelia pflegte ihn mit kindlicher Liebe und Theodor erhielt von dem
Großvater den Auftrag: seine Papiere zu ordnen. Wenn in dieser Zeit
Albina beschäftigt war diesem eine Erfrischung zu bereiten und sie ihm
darreichte, oder sonst etwas zu seiner Bequemlichkeit und Zufriedenheit
vornahm und einrichtete: betrachtete sie der Greis oft lange mit
lächelndem, liebevollem Blick und es schien ihr: als bekämpfe er ein
aufwallendes Gefühl, als wünsche er ihr Etwas mitzutheilen. Doch wenn
sie mit ihrer melodischen Stimme fragte: «Großväterchen hast du ein
Anliegen?» so drückte er ihr die Hand und schüttelte schweigend den
Kopf. Nach einigen Tagen fühlte er sich wieder etwas gestärkter und
wollte nun aufs Neue testiren. Er verlangt nach dem Stadtgerichtsrath
Volkmar. Albinen durchzuckte bei dieser Aeusserung, bei diesem Namen
ein süßer Schauer und Guido wollte sein begonnenes schönes Werk nun
auch vollenden, überwand mit diesem Entschluß alle Bedenklichkeiten
und trat wie er glaubte, ganz gefaßt in das Krankenzimmer. Jedoch
als er Albinen daselbst in sorgsamer Beschäftigung um den theuern
Großvater fand und als diese bei seinem Anblick die innere Bewegung
nicht verbergen konnte: hielt er ihr schnelles Erbleichen für ein neues
Zeichen ihrer Abneigung und fühlte sich unfähig, dies zu ertragen. Er
sagte dem Kranken: daß er gekommen sey, ihn um die Erlaubnis zu bitten,
sein Geschäft einem andern Collegen übertragen zu dürfen; und ehe jener
Etwas darauf erwiedern konnte, empfahl er sich schnell, und gieng fort.
Albina aber eilte durch eine Seitenthüre auf den Vorplatz. Unerwartet
stand sie vor dem erschütterten Guido. «Edler Mann! sagte sie bewegt,
ergrif seine Hand und sah ihn mit einem seelenvollen Blick in die
dunkeln düstern Augen: vergönnen Sie doch diesem gepreßten Herzen, die
Wohlthat, sich mit der Versicherung gegen Sie erleichtern zu dürfen:
daß ich weiß, ~wer~ diese wichtigen Ereigniße hier bewürkte;
gestatten Sie mir den Trost, Ihnen danken zu dürfen!» die lezten Worte
erstickten hervorbrechende Thränen. Verwirrt stammelte Guido: «Sie
irren -- ich weis nicht, was Sie damit sagen wollen.» Indem rief die
Mutter ängstlich zur Thür heraus: ob der Asseßor nicht mehr einzuholen
sey, der Großvater wolle ihn durchaus sprechen.

Guido kehrte mit Albinen ins Zimmer zurück. Der Kranke richtete sich in
seinem Bette kräftig auf, streckte beide Hände den Kommenden entgegen
und sagte: «Hat mir doch Gott vor meinem Ende noch einen heissen Wunsch
erfüllt! So wie ich da mein Goldtöchterchen erblickte, dachte ich in
meinem Herzen: Wenn doch mein wackerer Asseßor Gefallen an ihr finden
könnte. Dem biedern Mann, dem ich es allein verdanke, daß ich ruhig
sterben kann, wünschte ich den Lohn dafür in einer guten tugendhaften
Gattin und meine Albina kann gewiß einen Mann beglücken; wie meinen Sie
liebe Tochter?» mit dieser Frage wandte er sich an Cornelien. «Guido
ist auch mir, wie uns allen so achtungswerth, daß ich mich seines
Glückes, in welcher Gestalt er auch erscheine, immer herzlich und
dankbar erfreuen werde» erwiederte diese. Albinen vergiengen beinahe
die Sinnen; sie zitterte und sank endlich still der Mutter weinend im
Arm. Guido stand mit gefaltenen Händen am Fuß des Krankenbettes und sah
finster zur Erde. Der Alte schüttelte wehmüthig den Kopf. «Habe ich
geirrt, fieng er an, so verzeiht mir! ich meinte es gut. Ihr schnelles
Entfernen Volkmar, Albinens Betroffenheit bei Ihrem Erscheinen fiel mir
auf, ich äusserte gegen die Mutter mein Befremden und erfuhr: daß ihr
euch nicht unbekannt seyd. Nun wollte ich Licht haben, fuhr er fort
und verlangte sehnlich Ihre Rückkehr mein Freund! Bei euerm Eintritt
war mir alten Mann als ~müßte~ ich ein vereintes Päärchen in euch
erblicken, allein ich sehe wohl, ich war zu voreilig. -- Noch einmal
verzeiht mir!» «Ach! wenn Sie sich nicht geirrt hätten!» rief Guido in
heftiger Bewegung; «aber es ist unmöglich,» fuhr er fort! bog sich zu
dem Kranken über das Bett hin und sagte im schmerzlichsten Ton halb
leise: «ich bin sehr, sehr unglücklich! Albina fühlt keine Liebe für
mich, ja ich fürchte, sie haßt mich.» «Großer Gott!» rief sie und fuhr
empor, «wer sagt dies! welch ein Argwohn!» und mit weicher Stimme,
mit unaussprechlicher Liebe im Blick sezte sie hinzu: «hatte Guido
denn durchaus keine Ahnung von den Gefühlen, die seit Jahren mit süßer
Gewalt mein Inneres beherrschen und welche ich nur mit der äussersten
Anstrengung verbergen konnte?» «Ist es möglich! fiel Guido ein, mir
wäre der Himmel auf Erden längst schon offen gestanden und unseelige
Zweifelsucht hätte mein Auge verschloßen! Albina, du liebst mich!» Er
breitete im höchsten Entzücken beide Arme aus und sie sank mit einem
innigem: «Ja» an seine Brust.

«O meine Albina! Mutter meiner Kinder!» sagte Guido mit unendlicher
Zärtlichkeit. «Dich, dich nur liebte ich seit dem ersten Augenblick in
dem ich dich erblickte. Jedes Gefühl für Andere deines Geschlechts
war Täuschung und Wahn. Du allein warst das Ideal meiner Wünsche und
mit furchtbarem Schmerz gab ich dich verlohren!» Nach einer heissen
Umarmung, in welcher beide die Wonne einer lang verborgenen reinen
Liebe fühlten, empfieng das überglückliche Paar knieend den Segen des
vergnügten Großvaters, der liebenden Mutter. Lächelnd bemerkte Hainau
dann: daß heute mit dem Herrn Rath kein wichtiges Geschäft abzumachen
seyn würde und verschob die Verfertigung des Testaments auf den andern
Tag. Sie mußten sich nun alle um sein Bett herumsetzen und ihm Viel
und Mancherlei aus ihrer Lebensgeschichte mittheilen. Cornelia fühlte,
daß ihre Erfahrungen nur schmerzlich das Herz des Greises berühren
würden und sprach am Wenigsten. Desto mehr mußte Albina erzählen, wozu
sie ein höchst angenehmes Talent besaß. Auch entzündete sich an der
heiligen Gluth inniger Dankbarkeit gegen Gott und gute Menschen, welche
eine der vielen treflichen Eigenschaften ihrer schönen Seele war, das
Feuer der Darstellung bei der Mittheilung der glücklichen Ereigniße
ihres Lebens. Oft unterbrach sie Guido mit den feurigsten Aeußerungen
seiner Verehrung, besonders als sie seiner Kinder und der Belohnung
erwähnte, welche sie in ihrem sichtlichen Gedeihen an Geist und Körper
und in ihrer innigen Anhänglichkeit an sie, für ihre süße Sorge
erhielt. Es war nun aber der Augenblick erschienen, wo auch der Vater
derselben durch die Ergüße der dankbarsten Zärtlichkeit sie von seiner
Anerkennung ihrer treuen mütterlichen Erziehung zu überzeugen strebte.
«Durch mein ganzes Leben will ich dir meine Albina! diese edelmüthige,
uneigennützige Liebe zu vergelten suchen,» rief er aus und drückte sie
innig an seine Brust.

«Warst du nicht auch großmüthig besorgt, mir die Zuneigung meines
theuern Großvaters zu bewirken, sagte Albina, zu einer Zeit, wo du
noch für eine Undankbare zu handeln glaubtest! du hast ~Alles~
abgetragen, was du mir auch vielleicht schuldig zu seyn glaubtest.»
-- Als Theodor, welcher abwesend war, zurückkehrte, sah und hörte was
unterdessen vorgefallen war: begrüßte er herzlich theilnehmend Guido
als seinen Bruder. Aber sein trauriges Geschick fiel ihm bei dem
Anblick des hohen Glücks der Liebenden mit neuer Schwere auf das Herz.
Sie vermieden auch mit zarter Schonung so viel als möglich in seiner
Gegenwart jede laute Aeusserung desselben.

O die reine Menschenliebe, wie unser großer Meister sie lehrt, spricht
sich nicht allein in inniger Theilnahme, in thätigem Beistand aus, sie
zeigt sich auch bei manchen Fällen in einem tiefen Schweigen, in einem
sorgfältigen Verbergen unserer Vorzüge, oder unserer Freuden, wenn es
die Ruhe Anderer erfordert. --

                   *       *       *       *       *

Guido konnte nun als anerkannter Enkel des Testirenden das amtliche
Geschäft dabei nicht mehr vollziehen. Es wurde am folgenden Tag einer
seiner Collegen berufen und mit diesem war Hainau mehrere Stunden
allein, um denselben seinen lezten Willen zu dicktiren. Als er nach
seinem Tod eröffnet wurde, ergab es sich daraus, daß die Enkel nach
Abzug der Legate, zu Haupterben seines großen Vermögens bestimmt
waren, daß die Mutter jährlich die Zinße eines bedeutenden Capitals,
und auch Langenheim ein beträchtliches Vermächtnis erhalten sollte. Des
Letzteren hatte sich Hainau öfters Reuevoll gegen Guido erinnert und
sich seines Glücks herzlich gefreut.

Bald darauf erlöschte sanft der Lebensfunke des Greises, dessen
letzten Tage alles früher begangene Unrecht austilgten und um seine
Leiche stand trauernd die Liebe und die Dankbarkeit und segneten sein
Andenken. Als er beerdigt war, trat Cornelia mit ihren Kindern die
Rückreise an. So schwer die Liebenden von einander schieden, brachten
sie doch willig der Pflicht und der Nothwendigkeit das Opfer und Albina
versprach ihrem Guido bald mit William und Fany wieder zu kommen, um
sich nicht mehr von ihm zu trennen.

                   *       *       *       *       *

Auf dem Weg zum Landhaus war es gerade nicht nothwendig D* zu paßiren,
man konnte die Stadt seitwärts liegen lassen. Jedoch Albina bat, den
kleinen Umweg nicht zu scheuen, indem sie das Verlangen äusserte:
Guido's würdigen Eltern sich als Tochter zu nähern, und Segen für sich
und den Geliebten zu erbitten. Cornelia fand diesen Wunsch gerecht
und bewilligte ihr ihn freudig. Glücklich erreichten sie D*, allein
als sie über den volkreichen Markt fuhren, nöthigte ein hochbepackter
Fuhrmanns Wagen den Kutscher auszuweichen. Er verfuhr dabei nicht
vorsichtig genug und unsere Reisenden wurden umgeworfen. Man hofte,
mit dem bloßen Schreck ohne Beschädigung davon gekommen zu seyn, und
Theodor wollte bei dem Wagen und Gepäck zurück bleiben, bis derselbe
wieder in der Höhe und alles in Ordnung seyn würde. Cornelia und Albina
eilten nun zu Fuß nach Volkmars Wohnung. Sie fanden die Thüre geöffnet
und schlichen durch den Hof in den Garten, der sich am Haus befand,
weil es sie bedünkte: als hörten sie von daher einige Kinderstimmen. So
war es; William und Fany tummelten sich mit mehreren kleinen Gespielen
im Gras herum. Aurelia saß dabei und strickte. Welch ein Jubel, als
sie Albinen erblickten! die Kinder flogen auf sie zu, umklammerten sie
fest und konnten nicht Worte genug finden, ihre Freude, sie wieder
zu haben, auszudrücken. Auch Aurelien beglückte das Wiedersehen der
geliebten Freundin unendlich. Albina, überwältigt von den Empfindungen
ihres liebenden Herzens, sank auf ihre Kniee, umfaßte die beiden
Kleinen und rief: «o meine Kinder! nun bin ich durch die Liebe eures
Vaters wirklich eure Mutter! -- doch kann ich euch mehr lieben als
bisher?» -- «gute Mutter! mich recht lieb haben und Fany auch, nimmer
fortgehen, wir wollen recht brav seyn!» so plauderte William und fiel
Albinen immer aufs Neue um den Hals; auch Fany küßte und streichelte
ihr unaufhörlich Hand und Wangen.

Die laute Freude war bis in die Gemächer des Hauses gedrungen, auch
dem Baron und seiner Gattin wurde sie bemerkbar und sie folgten ihren
Tönen. Ohne von Albinen gesehen zu werden, näherten sie sich schon ihr,
als sie jene bedeutungsvollen Worte sprach -- «meine Tochter!» rief
innig erfreut und gerührt die Baronin. Albina blickte auf und fiel
mit den Worten: «meine verehrte Mutter!» ihr in die Arme; dann nahm
sie der beiden Eltern Hand und sagte: «segnen, o segnen Sie den Bund
zweier Herzen, welche sich längst angehörten, die aber ein sonderbares
Geschick so lang von einander entfernt hielt; wir haben uns gefunden
und wollen nun vereint in der Erfüllung kindlicher Pflichten gegen die
geliebten Eltern wetteifern.» -- «Welch einen heissen Wunsch hat uns
dadurch die Vorsicht erfüllt!» erwiederte Volkmar. «Sey uns willkommen
und gesegnet als Tochter, du edles theures Mädchen!»

«Du weinst Großmütterchen!» sagte William und küßte schmeichelnd
die Hand der Baronin, welche Cornelien umarmend sich die Augen
trocknete. «O Kind! das sind süße Thränen!» erwiederte diese. «Ich
bin eine glückliche Mutter! denn indem sie sich zu Albinen wandte:
höre und freue dich mit mir; Eugenie hat mich während der Zeit deiner
Abwesenheit besucht und ich habe sie jetzt ganz deiner Freundschaft
würdig gefunden. Du würdest sie kaum mehr kennen. Ihr ganzes Wesen hat
eine Weichheit, eine Anmuth gewonnen, welche sie wirklich liebenswürdig
macht. Ihr Gatte, von dem sie mit inniger Liebe spricht und welcher
ohne Zweifel diese Veränderung bewirkte, rechtfertigt meine, gleich
anfangs von ihm gefaßte Meinung; er muß ein treflicher Mann seyn!»
«Ist sie denn schon wieder abgereißt?» fragte Albina. «Ja -- nein» --
antwortete die Baronin zögernd und blickte verlegen auf Aurelien. «Ich
denke, versezte diese, wir wollen unsern theuern Freundinnen nichts
vorenthalten. Sie sollen es ja doch erfahren und Theodor ist nicht
zugegen.» «Nun denn,» sagte die Baronin, «Eugenia ist nicht alleine
gekommen -- aber ihre Begleitung ist euch nicht fremd und verdient
den herzlichsten Empfang zum Ersaz vieler ausgestandener Leiden und
zum Lohn vieler Tugenden» -- «Antonie!» rief Albina. «Ja sie ist es!»
erwiederte Jene; und Mutter und Tochter geriethen in die freudigste
Bewegung. «Gott sey gelobt!» rief Erstere, nun kann ich manches
begangene Unrecht wieder gut machen! und ihren und Theodors Wünschen
steht nichts mehr im Weg, da er jetzt im Besitz eines bedeutenden
Vermögens ist. Eben trat dieser von Langenheim geführt ein; blaß im
Gesicht, den linken Arm in einer Binde. «Mein Gott was ist geschehen,
was fehlt dir?» riefen alle ängstlich. «Ich habe mich beim Aufheben
des Wagens so beschädigt, daß ich zu einem Chirurg gehen und mich
verbinden lassen mußte» antwortete Theodor. «Ja,» sagte Langenheim,
«es ist keine Kleinigkeit! er brachte den Arm in eine Klemme und es
hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihm der Knochen abgedrückt worden.
Ein fremder junger Mann hat ihn von diesem Unglück gerettet. Den
Wanderbündel auf dem Rücken gieng er vorbei und hörte Theodor dem
Kutscher zuruffen: «halt mein Arm» schnell warf er das Ränzchen ab,
stieß jenen, der sehr ungeschickt zu Werk gieng unwillig weg und
hob mit Gewandtheit und Stärke den Wagen vollends in die Höhe: denn
so viele Neugierige sich auch versammelt hatten, so leisteten doch
Wenige hülfreiche Hand; und ich war zu schwach dazu.» «Du bist sehr
angegriffen lieber Theodor! sagte die Baronin mütterlich sorgend, komm
doch gleich mit herauf und lege dich nieder; ich will Thee machen
lassen und dich treulich pflegen.» Sie giengen und als Albina äusserte:
«in diesem Zustand müsse man ihm die Nachricht von Antoniens Rückkehr
behutsam vortragen;» versprach Langenheim dieß zu übernehmen und
folgte jenem schnell nach. Die Andern aber fuhren bald darauf nach dem
Landhaus. Therese empfieng sie an der Thüre und wollte sie bestimmen
im Gartenzimmer abzutretten; jedoch Albina rief: «Mütterchen! ich weis
Alles, Antonia ist oben, laß mich, laß mich zu ihr!» Sie eilten nun
hinauf und Antoniens schwächlicher Gesundheitszustand unterlag der
Freude des Wiedersehens. Sie wurde ohnmächtig. Doch die Bemühungen der
Freundschaft brachten sie wieder zum Bewußtseyn ihres Glücks: denn
Albinens Entzücken und Corneliens mütterliche Liebkosungen verlöschten
auch die kleinste Spur trüber Erinnerungen in ihrer Seele. Sie gab
sich ganz den seeligsten Hoffnungen für die Zukunft hin. «Warum ist
aber Theodor nicht mit gekommen?» frug sie etwas befremdet. Albina
fiel schnell ein: «er blieb in der Stadt, und ihm ist das Glück, dich
wiederzusehen, noch unbekannt.» «Aber, wann wird er es erfahren und ich
ihn an dies liebende Herz drücken?» erwiederte Antonie mit sehnsüchtigem
Verlangen. «Bald, bald» antwortete Eugenia beschwichtigend, welche durch
Aurelien von Theodors Unfall unterrichtet, wieder neuen Nachtheil
für ihre Freundin befürchtete, wenn sie es unvorbereitet erführe.
Auch war es spät geworden und mit Eugenien einverstanden, erklärte
Therese für nothwendig: «daß die Reisenden wegen Ermüdung und Antonia
wegen den Einfluß der gehabten Gemüthsbewegung auf ihren Körper,
sich bald zu Bett begeben und die wechselseitigen Mittheilungen auf
den folgenden Tag verschieben sollten.» Man trennte sich also um die
Ruhe zu suchen. Doch Albinen verscheuchte den Schlaf die Begierde:
von Antonien mehr zu wissen und das Verlangen sich mit Theresen und
Eugenien recht auszusprechen: denn sie fand Leztere wirklich ungemein
zu ihrem Vortheil verändert und fühlte sich durch die neugeknüpften
schwesterlichen Bande liebend zu ihr hingezogen. Beide Freundinnen
waren bereit, Albinens Wunsch zu erfüllen und sie benützten noch einige
Stunden der stillen Nacht, zu einer traulichen Unterhaltung. Albina
folgte in derselben dem Drang ihres Herzens und schilderte sein reines
und inniges Glück den aufrichtig theilnehmenden Freundinnen; und dann
gewährte Eugenia ihre Bitte und erzählte ihr, wie sie mit Antonien
zusammen gekommen sey, auf folgende Weise:


Auf der Universität F* wo Eugeniens Gatte als Profeßor lebte war,
noch nicht lang von einem edlen unverheiratheten Einwohner der
Stadt ein Spital gestiftet worden, welcher ausser andern treflichen
Einrichtungen, auch den Vorzug hatte, daß einige Gemächer des Hauses
und ein Theil des großen Fonds ganz allein zur Verpflegung solcher
Kranken bestimmt war, welche fremd, ohne Verwandte, auch zuweilen ohne
Geld, sich in einer doppelt hülflosen Lage befanden.


Jeder große und kleine Gastwirth hatte die Weisung: dergleichen
Personen zu dem Vorsteher der Anstalt zu bringen, für welche dann nach
Beschaffenheit der Umstände unentgeltlich, oder gegen eine geringe
Vergütung auf das menschenfreundlichste und zweckmäsigste gesorgt
wurde.

Nach einem Conzert, welches in einem Gasthof der Stadt während
der winterlichen Jahrszeit wöchentlich statt fand, wurde von den
Theilhabern derselben ein _Soupée_ einmal veranstaltet und Eugenia
und ihr Gatte befanden sich auch dabei. Der besorgte Wirth saß mit an
der Tafel und bediente seine Gäste, wobei er die ihm nahe Sizenden
immer zu unterhalten bemüht war. Eugenia war auch nicht weit von ihm
entfernt und hörte: wie er eines kranken Mädchens erwähnte, welche am
Mittag bei der öffentlichen Tafel in das Zimmer gekommen war und durch
einen himmlischen Gesang die Anwesenden bezaubert habe: allein noch vor
dem Schluß desselben ohnmächtig niedergesunken sey. Er beschrieb ihr
Aeußeres und Eugenia wurde aufmerksam. Sie wünschte mehr von ihr zu
erfahren und setzte das Gespräch mit der Frage fort: «was mag wohl die
Ursache des schnellen Zufalls bei dem Mädchen gewesen seyn?» «Lieber
Gott» antwortete Herr Braun, so hieß der Wirth, «die bittre Noth! das
arme Kind war leicht bekleidet und zitterte vor Frost, als sie in das
Zimmer kam. Hier war ziemlich dafür gesorgt, daß der schon sehr strenge
Winter seine Gewalt nicht ausüben konnte und so mag der schnelle
Uebergang von Kälte zur Hitze nachtheilig auf sie gewirkt haben: denn
als sie auch wieder zu sich kam, befand sie sich so übel, daß ich sie
in unser wohlthätiges Krankenhaus bringen lassen mußte.» «Wissen sie
ihren Namen?» frug Eugenia. «Ja wohl, antwortete Herr Braun, ich mußte
ihn bei dem Spitalpfleger vorweisen. Die Arme hat mir ihn mit schwacher
zitternder Hand aufgeschrieben.» Er suchte in beiden Westen-Taschen
lange herum, endlich brachte er ein Zettelchen heraus und reichte es
Eugenien hin.

«_Antonie Viscolina!_ rief diese und schlug die Hände zusammen,
welche Entdeckung! fuhr sie gegen ihren Gatten, fort, der neben ihr
saß; diese Antonie ist Theodors Geliebte, Albinens Freundin! und so
unglüklich! ach Ferdinand! morgen mit dem Frühesten muß ich zu ihr, muß
sie trösten und ihr helfen, wenn es in meiner Macht steht!»

Albina reichte hier Eugenien gerührt die Hand und jene fuhr fort: «Am
folgenden Tag führte ich sogleich meinen Vorsatz aus und fand Antonien
in einem bewußtlosen gefährlichen Zustand. Eine heftige Nervenkrankheit
hatte sie ergriffen und in grausen Fieberphantasien beschäftigte sie
sich unaufhörlich mit Theodor und mit dir theure Albina. In dieser
Lage war nichts für sie zu thun, als fleißig Nachfrage zu halten:
wie es mit ihr stehe und ob sie gut verpflegt würde; von lezterm
konnte ich mich immer überzeugen, aber ihr Leben schwebte lange in
Gefahr. Endlich erschienen wieder heitere Augenblicke und in einem
solchen nahte ich mich ihr. Sie erkannte mich; jedoch bald trat
wieder Fieberhitze ein und nun mischte sich auch mein Bild in ihre
verwirrten Vorstellungen. Aber so oft sie zu sich kam, war ihre
erste Frage nach mir. Indeßen vergingen mehrere Tage, bis ich etwas
zusammenhängendes mit Antonien sprechen konnte. Doch als sie einmal
aus einem lang andauernden sanften Schlummer erwachte und ich gerade
an ihrem Bett saß: ergrif sie meine Hand, führte sie zu den Lippen und
sagte schwach und leise: «süße Erscheinung aus meiner glücklichsten
Lebensperiode, bist du ein Traum oder Wirklichkeit? --» Ich suchte sie
nun zu überzeugen, daß keine Täuschung ihrer Sinne vorwalte und daß ich
von Herzen bereitwillig wäre, ihr nach Kräften beizustehen, wenn sie
meine Hülfe nöthig hätte. «Ach ich bin sehr unglücklich!» sagte sie und
brach in heftiges Weinen aus; ich bat sie: ihre Genesung nicht durch
Gemüthserschütterungen zu hindern und versprach ihr, sobald es der Arzt
erlauben würde, sie in mein Haus zu nehmen. Diese Zusage schien sie
sehr zu trösten und sie fragte täglich den Arzt: ob der ersehnte Tag
noch nicht bald komme? In dieser Zeit versuchte sie einigemal mir von
ihrem Schicksal zu erzählen: allein sie gerieth immer dabei in eine,
ihrem schwachen Körper so nachtheilige Bewegung, daß ich es ihr bis zu
ihrer vollkommenen Herstellung nicht mehr gestattete, ihr aber dagegen
durch vorsichtige Mittheilung deßen, was ich von Eurem Befinden, und
Begebnißen wußte, manche innig frohe Stunde schuf; auch zeigte ich ihr
von ferne die Aussicht auf ein glückliches Wiedersehen, daß ich ihr
bereiten wollte. Als ich sie endlich mit Beistimmung des Arztes zu mir
nehmen durfte, als sie mein edler Gatte mit Güte und Wohlwollen aufnahm
und behandelte und ich ihr jede Stärkung Bequemlichkeit und Erheiterung
zu verschaffen suchte; da erhielt ihr Körper und Geist wieder so viel
Kraft, daß sie meinen Rath befolgen und ihre Lebensgeschichte seit der
Zeit ihrer Trennung von euch niederschreiben konnte; es schien mir
dies weniger angreifend für sie zu seyn, als eine mündliche Erzählung.
Eugenia stand auf nahm ein geschriebenes Heft aus einem Schrank und
sagte: «in diesen Papieren erhielt ich die Urkunde des Werths eines
Mädchen-Herzens, welches heldenmüthige Tugend zu ihrem Tempel erkohren
hatte und das der Sitz der edelsten Gefühle ist. Durch diese erlangte
Kenntniß von Antoniens Vorzügen, freute ich mich doppelt, daß es mir
vergönnt war, ihr auf dem Lebensweg tröstend zu begegnen und denselben
ebener für sie zu machen und ich und mein Gatte gelobten ihr treuen
Beistand für die Zukunft.»

«O Ihr guten edlen Menschen! unterbrach sie hier Albina, Gott muß euch
segnen für das, was Ihr an dem armen verlassenen Geschöpf gethan habt!»
--

Eine innige Umarmung beider Freundinnen gab der Vereinigung ihrer
Herzen, welche früherhin unmöglich war, nun aber natürlich erfolgen
mußte die erste heilige Weihe. Eugenia wurde dann von Albinen und
Theresen gebetten, Antoniens Lebensgeschichte vorzulesen, denn auch der
Leztern war noch manches darinnen unbekannt geblieben. Und sie begann
also:

«In jener verhängnisvollen Nacht, wo ich mich mit blutendem Herzen
von meinem Geliebten losrieß, eilte ich so schnell als es meine
Kräfte erlaubten den Berg hinan, welcher hinter dem Landhaus,
durch ein kleines Gehölz, zu dem Weinberg führte. Der Mond blickte
freundlich durch die dunklen Tannen und Fichten und beleuchten meinen
Thränenreichen Pfad, den ich jedoch mit aller Besonnenheit wandelte.
Wohl bedenkend, daß, sobald meine Flucht entdeckt seyn würde, man
Anstalten treffen könnte mich einzuholen, fand ich es für nöthig, mich
unter Wegs auf einige Stunden zu verbergen. In jenem Weinberg befand
sich ein Hüttchen und unter diesem war ein kleiner Keller gegraben.
Darinnen hielt ich mich bis zu dem andern Abend versteckt.

Zur Stillung meines Hungers hatte ich etwas Brod mitgenommen, aber
brennender Durst nöthigte mich, nun meinen Zufluchtsort zu verlassen.
Dunkelheit begünstigte meine Wanderung und ich erreichte bald das
nächste Dorf. Hier labte ich mich an einem Röhrbronnen und fühlte
nun aber auch das Bedürfniß des Schlafes im höchsten Grad. Die
Besorgniß, daß in diesem Ort leicht am vorigen Tag Nachforschungen
wegen mir gehalten worden seyn konnten, verhinderten mich hier um ein
Nachtquatier zu bitten; ich wankte weiter und weiter und kam endlich
an ein Gartenhäuschen, das zu der Besitzung eines reichen Edelmanns
gehörte, welcher aber das Gut nicht bewohnte. Ich versuchte die Thüre
zu öffnen, es gelang mir und in dem ganz leeren Zimmer lagerte ich
mich auf dem Erdboden, machte mein Wäschbündelgen zum Kopfkißen,
meinen Mantel zur Decke und genoß auf diese Weise einige Stunden,
einen durch die höchste Erschöpfung sogleich herbeigeführten sanften
Schlummer. Gestärkt erwachte ich, war froh, unentdeckt geblieben
zu seyn und pilgerte nun eben so getrost durch schöne Obst Alleen,
Gemüßfelder, üppige Wiesen und kühle Wälder, als durch sandige Einöden
und magere Steppen. Ich umgieng die Städte, paßirte aber noch manche
Dörfer und erhielt theils durch gutmüthige Einwohner, theils von
der freigebigen Mutter Natur, hin und wieder Nahrung und Obdach.
Meine kleine Baarschaft war aber dennoch aufgezehrt, noch ehe ich
die Hälfte meiner Reise zurückgelegt hatte. Ich wollte nemlich nach
Italien in mein Vaterland zurückkehren und befand mich jezt in der
Schweiz an der Grenze von Schwaben. Meine vorige Lebensart wieder zu
ergreifen, oder -- noch schrecklicher -- Almosen zu verlangen, beides
war mir unmöglich. Ich wollte nun von den Kenntnißen und Fertigkeiten
Gebrauch machen, in welchen mich meine geliebte unvergeßliche Albina
unterrichtet hatte, durch sie in einem soliden Haus Unterkunft suchen
und wagte mich deshalb in eine Stadt. Allein in derselben war, wie
es wohl seyn soll, eine wohl organisirte Polizey. Mein Aufenthalt in
einer kleinen Herberge wurde angezeigt, ich vorgefordert und als ich
keinen Paß, keinen Attest vorzeigen konnte, mir angedeutet: daß ich
nicht daselbst gedultet werden könnte: sondern mich ungesäumt aus der
Stadt begeben müsse. «Großer Gott! ich werde für eine Landstreicherin
gehalten und kann es Niemand verargen; wie unglücklich bin ich!»
So jammerte ich, als ich mich ausserhalb der Stadt befand. Ich saß
auf einer steinernen Ruhebank und weinte heftig. Eine mitleidige
Bauernfrau kehrte eben mit ihrem Korb ausgeleerter Milchkrüge auf
ihr Dorf zurück, erblickte mich und blieb mit theilnehmender Miene
bei mir stehen. «Ach gute Frau! sagte ich, Sie sieht in mir ein ganz
verlaßenes, heimathloses Mädchen! weis sie Niemand in ihrem Dorf,
der mich aufnehmen würde? ich wollte ja gern mein bischen Brod mit
jeder, auch noch so schweren Arbeit zu verdienen suchen.» «Hör sie
Jungfer sagte das Weib und betrachtete mich vom Kopf bis zum Fuß, zu
schweren Arbeiten ist sie nicht gemacht; vielleicht kann sie aber
mit der Näh- und Striknadel umgehen: ich habe viele Kinder, muß mein
Feld und mein Vieh besorgen, da reicht mir oft die Zeit nicht hin,
Kleider und Wäsche auszubeßern und zu verfertigen; geh' sie mit mir;
wir wollens ein paar Tag mit einander probiren. Aber da, ihr dünnes
Vorhängchen, das ihr Gesichtchen ganz verbirgt und ihren seidenen
Schlumber lege sie ab: denn meine Nachbarsleute würden große Augen
machen, wenn so eine vornehme Mamsel zu mir ins Haus käme. Die Lumpen
da, helfen ihr nicht für den Hunger, ich aber kann dafür helfen und
also muß sie meinen Willen thun.» «Herzlich gern gute Frau! sagte ich,
nahm geschwind Mantel und Schleier ab und wickelte beides in mein
Wäschbündelchen. «So, gefällt sie mir beßer» äusserte Jene billigend,
und nun wollen wir machen, daß wir nach Hause kommen!» «Gott vergelte
ihr den menschenfreundlichen Entschluß! erwiederte ich, es soll sie
nicht gereuen!» «gut, wir wollen sehen» antwortete die Bäuerin und eilig
schritten wir beide dem nah gelegenen Dorfe zu. Unterwegs ruhten oft
die Blicke der Frau auf mir, aber keine neugierige Frage kam über ihre
Lippen: denn sie war Eine von jenen seltenen unverdorbenen Seelen,
welche auch Andern Gutes zutrauen und edle Handlungen mit Hoffnung auf
Gottes Beistand ohne vieles Forschen und Klügeln ausüben. Ich aber
erzählte ihr unaufgefordert Mancherlei von meinem Vaterland von meinen
Eltern, wie ich diese frühzeitig verlohr und gezwungen war, meinen
Unterhalt durch Singen und Leiern zu verdienen; auch von der kürzern
Vergangenheit theilte ich ihr so viel mit, als mir nöthig schien,
um ihr Zutrauen zu erhöhen und zu befestigen. Natürlich verschwieg
ich dabei, was meine Freunde und meine innigen Verhältniße zu ihnen
betraf. «Armes Kind! Sie hat schon viel erfahren!» sagte beklagend
die Landfrau, und sezte hinzu; «verzag sie nur nicht, vor der Hand
bleibt sie bei mir, wo es ihr gewiß nicht schlimm gehen wird, und dann
wird ihr Gott schon weiter helfen!» Wir kamen endlich in Gerdrudens
ländliche Wohnung. Im reinlichen Stübchen wimmelte es von Kindern; das
Aelteste ein Mädchen von 12 Jahren trug ein Schwesterchen, das wenig
Wochen alt war auf ihren Armen und die andern sprangen der Mutter
entgegen. Voll kindischer Ungeduld nach dem Mitgebrachten aus der Stadt
bemerkten sie die Fremde nicht, die mitgekommen war, nur Marie die
älteste grüßte mich freundlich kopfnickend.

Die Frau packte Semmel und Birn aus und gab jedem davon. «Ich bin auch
recht unachtsam,» sagte sie zu mir, «daß ich ihr unter Wegs nichts
von diesen Sachen angeboten habe; sie wird hungrig seyn; nun da nehme
sie auch ihren Theil, oder ist ihr mein schwarzes kräftiges Brod und
ein Glas Buttermilch lieber?» -- Ich wählte das Lezte und genoß es
mit herzlichem Dank. «Nun Kinder gebt der Jungfer ein Patschhändchen»
sagte Gertrud, als diese, ihr Brod und Obst verzehrend sich um
mich versammelten, und mich anstaunten; «sie wird einige Zeit bei
uns bleiben,» fuhr die Mutter fort, «und eure Kleidungsstücke wieder
herstellen, welche ihr muthwillig zerrißen habt.» «das ist gut, sagte
Konrad der älteste bauspackigte Knabe, lief fort und brachte ein
Jäckchen das schadschaft war; ein Anderer brachte Strümpfe und die
jüngern Mädchen, wollten die Schürzen, welche sie um hatten, gleich
losmachen, weil auch hie und da kleine Ausbeßerungen daran nothwendig
waren. «Seyd doch gescheud, sagte Marie. Wie kann denn die Jungfer
alles zugleich machen, auch muß sie ja erst ausruhen, sie wird wohl
müde seyn. «Du hast recht Mädchen!» sagte die Mutter, «doch was wissen
die einfältigen Dinger, die Jungfer wird es ihnen zu gut halten.»
Nun kam auch der Mann vom Feld zurück. Er sah mich mit großen Augen
an, aber Gertrud nahm ihm beim Ermel und führte ihn hinaus. Als sie
wieder herein kamen sagte er freundlich zu mir: «Nun kann ich sie
erst ordentlicher Weise begrüßen liebe Jungfer, weil ich von meiner
Frau gehört habe -- na es ist gut, daß Gertrud sie mit sich genommen
hat, ich zähle sie zu meinen Kindern, betrachte sie mich als Vater!»
-- Ich drückte ihm herzlich die durch Arbeit schwülenvolle Hand und
gelobte im Stillen die Gutmüthigkeit der wackern Leute mit treuer
Ergebenheit zu vergelten. Mein geringer Vorrath von Wäsche und Kleidung
hatte durch die Fußreise, (ich war schon 3 Wochen unter Wegs) ziemlich
gelitten. Gertrud bemerkte es und einige Tage nachher brachte sie mit
etwas verlegener Freundlichkeit ein Päckchen und legte es vor mich
auf dem Tisch hin. «Das ist wohl auch etwas zum ausbeßern?» frug ich.
«Nein,» erwiederte die Frau «was darinnen ist gehört ihr. Ich möchte sie
eben gar zu gerne, Tochter und du nennen, und da meine ich, wenn sie
~meine~ Kleidung trüge, gieng es mir leichter vom Mund weg, doch
muß sie mir es nicht übel nehmen.» «Ach Gott!» sagte ich und ergrif
Gertrudens beide Hände, «wie gut ist sie, wie gut! gleich liebe Mutter
soll sie mich nach ihrem Wunsch umgekleidet sehen, und immer mit ihrer
dankbaren Tochter zufrieden seyn.» Ich gieng nun in mein Kämmerchen und
als ich das Geschenk genauer untersuchte, fand sich ein vollständiger
Anzug eines Land-Mädchens von Canton Appenzell welchem auch etwas
Wäsche beigelegt war. Mit herzlicher Bereitwilligkeit vertauschte ich
meine Kleidung mit dieser, flocht mein Haar in zwei Zöpfe: und trat
vor Gertrud mit der Frage hin: «gefall' ich ihr nun liebe Mutter?»
«Freilich, freilich» sagte diese mit großer Zufriedenheit, packte
mich an beiden Schuldern und drehte mich vor und rückwärts. «Ey
Töchterchen, wie hübsch läßt dir die Tracht!» fieng sie wieder an und
rief, «Marie, Konrad, Lise kommt, seht, nun ist Antonie eure Schwester
geworden.» Die Kinder sprangen mit Lachen und Jubel um mich herum und
freuten sich herzlich darüber. Bald fand ich mich in die ländlichen
Beschäftigungen und stand Mutter Gertrud redlich bei, wußte mich auch
in ihre und ihres Mannes Launen gut zu fügen und wurde dafür von Beiden
herzlich geliebt. Was mir die Zuneigung der Eltern in noch höherem
Grade gewann, war meine Sorge für die Kinder; ich pflegte und wartete
die Jüngern und lehrte die Aelteren. Sie hingen aber auch alle mit
sehr großer Liebe an mir und lernten mit so viel Freude und Eifer, daß
in kurzer Zeit Marie und Konrad fertig lesen, so ziemlich schreiben
und auch ein bischen rechnen konnten. Erstere unterrichtete ich noch
überdies im Nähen und Stricken, worinn sie bald bedeutende Fortschritte
machte. Ich war mit meinem Loos ganz zufrieden, ich konnte wirken und
nützen, befand mich im Kreiße gutmüthiger, redlicher Menschen und die
ländliche Abgeschiedenheit und Stille sagte meiner verschwiegenen
Trauer um verlohrenes Glück vollkommen zu: denn oft erschienen mir die
Bilder meiner entfernten Lieben und ich begrüßte sie mit schmerzlicher
Rührung. Wenn der Mond die volle Scheibe den Erdbewohnern zeigte,
suchte ich am Abend ein Stündchen zu einem einsamen Spaziergang zu
gewinnen und gedachte mit Thränen der Trennungs-Stunde, wo auch Lunens
freundlicher Schimmer mein Schlafgemach erhellte und mich auf meiner
Flucht begleitete.

So waren mehrere Monate ruhig dahin geschwunden. Der Frühling grüßte
die Erde wieder! da kam einst Vater Jakob von der Stadt nach Hause und
sagte, (indem er Hut und Stock den dienstfertigen Kleinen hinreichte
und den beßern Rock mit der Hausjacke vertauschte.) «Kinder! nun wirds
lebendig in unserm Dorfe werden. Das, schon so viele Jahre leerstehende
Schloß dort üben auf dem Berg hat eine adelige Herrschaft gekauft
und will Jahr aus Jahr ein hier haußen. -- Ich weis nicht, warum mir
dies nicht in den Sinn will! ich kenne die Menschen nicht, und es
ist mir doch ordentlich bange vor ihnen.» «Hast wieder Mucken im Kopf
Alter!» sagte Gertrud und klopfte ihm freundlich auf die Schulter.
«Sey nicht wunderlich Jakob, die Leute werden uns nichts in den Weg
legen, wir haben ja gar nichts mit ihnen zu schaffen.» und der Mann
setzte bedeutend hinzu: «Na wir wollen sehen» und gieng damit zur
Thüre hinaus. Ich saß am Fenster, nähete und theilte (mir selbst
unerklärlich) Jakobs bange Bersorgniße. Gertrud bemerkte daß ich tief
aufseufzte. «Auch du kraußt die Stirne» sagte sie schmälend. «Ihr seyd
nicht klug. Es ist ja nicht anders als würde künftig das Nest dort
von argen Burggeistern bewohnt.» «Werdet nicht böse Mutter!» erwiederte
ich; «mir war die ruhige Stille, in der wir bisher lebten, so lieb!
ich bin so zufrieden unter euch und sehnte mich nach keinem fremden
Menschen, daher denke ich mit Besorgnis an eine mögliche Aenderung der
Dinge» «Ey so erwartet es erst, was die Zeit bringen wird und quält
euch nicht im Voraus» erwiederte Gertrud. Bald darauf kam wirklich
ein vierspänniger Reisewagen, ihm folgten mehrere Küchen-Wägen, auch
einige Reuter. Diese, den bequemeren Fußpfad einlenkend, welcher an
Jakobs Hüttchen vorbei, sich nach und nach dem Berg hinauf schlängelte,
sprengten an den niedern Fenstern vorüber. Eben saß ich wieder an
meinem gewöhnlichen Platz bei dem geöffneten Fenster und nähete emsig;
aber schon waren die Reuter verschwunden, als ich den Hufschlag der
Pferde hörte und auf blickte. Allein im Nu wandte der Eine wieder um
und ritt langsam an das Fenster hin, bückte sich herab und frug: «ob
dies der rechte Weg zu jenem Schloß hinauf zu kommen sey?» da ich
nichts vermuthet hatte, erschrack ich so heftig, daß ich kaum ein
«Ja» hervorzubringen im Stande war und schnell entfernte ich mich vom
Fenster und aus dem Zimmer: denn der Reuter stieg ab und machte sich
etwas am Steigbügel zu schaffen. Eine unaussprechliche Bangigkeit
fühlte ich nach diesem Ereignis den ganzen Tag über; ja es traten
mir sogar Thränen in die Augen, als Jakob bei dem Abendeßen mit der
Hand die faltige Stirne rieb und seufzend sagte: «Nun sind sie da die
vornehmen Plagegeister!» «Wie kannst du sie so nennen, du weißt ja
nicht, wie sie seyn werden.»! entgegnete unzufrieden Gertrud, «O,
ich weis jezt genug, versezte der Mann; ich habe nachgeforscht und
erfahren, daß es recht hochmüthige, viel verlangende Menschen sind,
welche glauben, unser Einer wäre nur um ihrentwillen da.» Gertrud sah
ernst vor sich hin. Jakob fuhr fort: «die Familie besteht aus einem
alten Herrn, seiner Schwester, die sonst am Hof gelebt hat, aus zwei
eitlen Töchtern und drei jungen Barons die immer noch einige ihres
Gelichters bei sich haben, wo dann die liebe von Gott geschenkte Zeit,
mit Jagen, Fechten und Reiten verthan wird. O, das wird eine herrliche
Wirthschaft werden!» «das ist freilich nicht tröstend» sagte die Mutter,
«Tonchen Tonchen! da darfst du dich hübsch verborgen halten. --» Dies
war auch mein fester Entschluß; Ohngeachtet deßen entwarf mir meine
rege Phantasie ein so schreckliches Gemählde der Zukunft, daß ich die
ganze Nacht schlaflos zubrachte. Am Fenster ließ ich mich nun nicht
mehr sehen, denn Thomas der goldgelockte 4 jährige Knabe konnte nicht
aufhören, von den schönen Reutern auf den herrlichen Pferden mit den
prächtigen Reitzeuch zu erzählen, welche immer und immer an unserer
Wohnung vorbei einen. Mit einem fortdauernden ängstlichen Arbeiten
den gewöhnlichen heitern Muth und erschrack oft vor meinem Schatten,
indem ich im Geist einen der Schloßbewohner sah. Diese streiften viel
in der Gegend umher. Die Fräuleins wollten ihr Burgleben ganz nach
dem in Rittergeschichten geschilderten und oft gelesenen einrichten;
hatten sich altdeutsche Kleidung verfertigen lassen, hatten Rocken und
Spindeln angeschafft und wollten wenigstens bei den Dorfsbewohnern
und bei den seltenen Besuchen aus der Stadt Aufsehen dadurch erregen.
Dazu gehörte nun auch, daß sie also aufgepuzt häufig lustwandelten
und mit erkünstelter Leutseligkeit die Landleute und ihre Kinder
ansprachen. Sie kamen auch in Jakobs Hütte, wollten sich mit Gertrud
über ökonomische Gegenstände unterhalten und die Kenntniße der
Kinder prüfen: allein in jenem Gespräch mußten sie sich eilfertig
zurückziehen, da die gescheute Landfrau, die unwissenden Stadtfräuleins
mit ihren prahlerischen Schein-Wissen in die Enge trieb. Bei den
Kindern fanden sie auch mehr, als sie erwartet hatten und sie konnten
über deren Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen ihr Staunen nicht
verbergen, da in dem Ort keine Schule, sondern diese eine Stunde weit
entfernt war, wohin in der Regel die Eltern ziemlich saumseelig ihre
Kinder schickten.

Da nannte mich Konrad, wie mir nachher die Mutter erzählte, mit den
herzlichsten Ausdrücken, als ihre Lehrmeisterin. «Ey so zeigt sie uns
doch! wer ist sie denn?» fragten die Fräuleins; und so eben trat ich
in die Stube; wollte aber eilig durch eine andere Thüre wieder hinaus:
allein die Kinder riefen fröhlich: «da ist sie, da ist sie!» hiengen
sich an mich zogen mich mit den Worten zu den Damen «Komm nur komm nur,
wir haben eben von dir gesprochen.» Ich begrüßte jene, welche mich aber
kaum eines Danks würdigten, sondern heimlich mit einander flüsterten
und uns schnell verließen. Gertrud schüttelte den Kopf als sie weg
waren, und sagte: «das sind sonderbare Leute, bald möchte ich Jakob
Recht geben!--»

Ein paar Tage nachher kam Gertrud, die Hacke über der Schulter langsam
und nachdenkend vom Feld nach Haus gegangen. Jakob stand mit seiner
Pfeiffe unter der Thüre, und ich war im Vorplatz mit einer häuslichen
Arbeit beschäftigt. Die Kinder sprangen der Mutter entgegen, sie schien
sie aber gar nicht zu bemerken. «Gertrud! wie kommst du mir vor! rief
ihr der Mann entgegen. Du hast ja für nichts Augen und Ohren!» Sie war
nun ins Haus getretten, lehnte schweigend die Hacke in einen Winkel und
gieng auf die Stube zu. Jakob hielt sie auf. «Und nicht einmal einen
guten Abend biethest du uns!» sagte er. «Ey, was hast du denn?» «Ach!»
erwiederte Gertrud und trocknete sich mit der Schürze die Augen. «Ich
habe etwas Betrübendes erfahren und weiß nicht recht wie ich es dir
und Antonien erzählen soll, ohne daß ihr auch traurig werdet, doch
kommt herein.» Ich ließ alles stehn und liegen und eilte den Gatten
nach ins Stübcben. Hier begann nun Gertrud: «Ihr wißt, ich gieng in den
Kraut-Acker dort am Hügel, wo die Garten-Laube der gnädigen Herrschaft
anstößt, und hackte das Erdreich auf. Da hörte ich in meiner Nähe
sprechen, und konnte der Neugierde nicht widerstehen, sondern begab
mich hinter einen breitästigen Apfel-Baum, dessen dichtes Laub mich
verbarg und lauschte. Soll ich es Glück oder Unglück nennen, daß es
sich so fügte -- kurz ich hörte, wie die gnädigen Fräuleins mit gar
spöttischen und boshaften Worten und Gebehrden von uns und vorzüglich
von dir arme Antonie sprachen. Das Herz im Leibe that mir weh, denn
sie nahmen unsere unbescholtene kleine Hütte unbeschreiblich mit,
verschonten weder den Vater, noch mich, ja selbst die Kinder nicht und
am schlimmsten verfuhren sie mit Antonien. Es war der pure Neid der aus
ihnen sprach, das hab ich gleich neulich gemerkt, wie sie bei uns waren
und dich mein Goldkind erblickten. Nun aber hörte ich auch wie sich
die Herren Barons eifrig um dich annahmen und da war mir wahrhaftig
der vorige Tadel noch lieber, als das Lob von diesen, es klang mir
gar zu gefährlich. Sie rühmten dich gewaltig, nannten dich die Krone
des Dorfs, bedauerten, dich nur ein einzigesmal gesehen zu haben und
versicherten: es in Zukunft schon klüger anzufangen. Ihr Vater sagte
drohend: nehmt euch in acht ihr lockern Vögel, daß ihr nicht an der
Leimruthe hängen bleibt und das alte Fräulein verbat sich streng mit
kreischender Stimme alle Gemeinschaft mit der Bauern-Familie. Dann
verließen sie die Laube und ich hatte alle Arbeits-Lust verlohren;
mir fielen Eure bangen Ahnungen aufs Herz und ich dachte mir allerlei
Mittel und Wege, um die Unannehmlichkeiten, welche ich mir jezt auch
als möglich denke, zu verhüten.» «Nun, was hab ich denn gesagt,
erwiederte Jacob finster, da habt ihr die Bescherung. Wie kann ich
unsere arme Taube da, vor den Raubvögeln genug sichern und wenn ich als
ihr Beschützer fest auftretten will, werde ich nicht ihre Rache gegen
mich und meine Familie reitzen?» Ich gieng verzweifelnd im Zimmer auf
und ab und rang die Hände. «Guter Vater! sagte ich endlich, schickt
mich fort! nur auf diese Weise können wir alle dem drohenden Unheil
begegnen.» «Ach Gott! versezte Gertrud, wie ungerne würde ich dich
missen, giebt es denn kein anderes Rettungsmittel?--»

Indem wir so miteinander überlegten, traten die jungen Herrn vom Schloß
in die Stube. Ich sank zitternd auf einen kleinen Schemel. Gertrud
stellte sich gleich einem Schild vor mich hin und sprach mir leise
Trost ein, und der eine Sohn der Herrschaft fragte im barschen Ton
nach verkäuflichem Haber. Jacob wußte die Absicht ihres Erscheinens,
war gereizt und antwortete in eben so kurzen und rauhen Ausdrücken.
Ich rafte mich auf und wollte mit Gertrud aus dem Zimmer gehen, die
jungen Herren vertraten uns den Weg, Jacob aber packte zwei von ihnen
und führte sie ziemlich unsanft zur Thüre hinaus. Was weiter vorgieng,
weis ich nicht. Die Angst hatte mir das Bewußtseyn geraubt und als ich
wieder zu mir kam, stand Gertrud weinend an meinem Bett. «Ach du lieber
Himmel!» sagte sie; «ich dachte, du wärest gestorben und habe für
deine Seele herzlich gebetet. Nun Gottlob, daß du nur lebst!» -- «Wie
geht es denn?» frug ich ängstlich. «Der Vater hat eben zu rasch und
unbesonnen gehandelt,» antwortete sie, «es wird kein gutes Ende nehmen.
Er ist jezt auf dem Schloß und beschwert sich bei dem Alten.» Jacob kam
erzürnt zurück, warf sich in seinen Sorgenstuhl und sagte: «elende,
erbärmliche Menschen! Weil in ihnen kein ehrlicher Blutstropfen ist,
so trauen sie andern Leuten auch nur Schlechtes zu, und glauben das
Recht zu haben unser Einem immer nur als Mittel zu ihren gottlosen
Zwecken gebrauchen zu dürfen! -- und die hämischen Frauenbilder! --
habe ich denn nicht des Satans Freude aus ihren Augen lachen sehen, als
ich mich mit dem Vater herumzankte und er mir drohte: mein Vergehen,
an seinen hochgebohrnen und niedrigdenkenden Söhnen bitter zu rächen?
«Ey, meinetwegen!» fuhr er fort, sprang zornig auf und rannte wild im
Zimmer auf und ab; «meinetwegen! thut was ihr wollt! jagt mich von Haus
und Hof -- da drinnen, er schlug mit geballter Faust vor die Brust --
bleibts dennoch ruhiger, als in dem Sündenpfuhl eurer armen Seelen! --»
Jacobs Heftigkeit ließ Gertruden und mich alles befürchten und es
wollte uns durchaus nicht gelingen, ihn zu besänftigen. Endlich als er
mich so ganz trostlos weinen sah und klagen hörte: daß ich die Ursache
des Jammers wäre! faßte er etwas ruhiger meine Hand und sagte: «du hast
ja all' dies nicht herbeigeführt armes Kind! und bist unter uns am
übelsten daran; kannst auch nicht bei uns bleiben. Aber wohin? --» «Zu
meiner Schwester!» fiel Gertrud entschloßen ein. «Heute ists schon zu
spät, aber morgen Jacob, morgen mache dich mit Antonien auf den Weg
nach Waldsee. Du wirst gut aufgenommen werden, versicherte sie mir.
Es sind wackere Leute; auch sind sie vermögend. Mein Schwager ist ein
geschickter Schuhmacher und verdient sich des Jahrs über ein hübsches
Sümmchen.» «Gut, das ist ein gescheuter Einfall,» sagte der Mann und ich
dankte den beiden Gatten herzlich für ihre elterliche Sorgfalt.

Allein in derselben Nacht weckte mich Gertrud mit dem Verlangen:
daß ich Feuer machen und Thee bereiten sollte; der gestrige Verdruß
habe dem Vater eine Unpäßlichkeit zugezogen. Ich fand ihn wirklich
bedeutend krank. Der Knecht wurde in die Stadt nach dem Arzt geschickt
und mehrere Tage verstrichen unter bangen Besorgnißen. An meine
Abreise in Jacobs Begleitung war nun sobald nicht zu denken, denn er
war von der Krankheit sehr mitgenommen und ohne jene war diese nicht
zu wagen: also sah ich sie mit geheimer Angst im Herzen auf lange
verschoben. Gertrud vermehrte dieselbe, wenn sie öfters bei ihrer
Rückkehr von der Stadt erzählte, wie die jungen Herrens schon am
frühen Morgen herumschwärmten und einer von ihnen ganz besonders sie
im Aug zu haben schien; ja sie einmal immer von fern, bis in einige
Straßen der Stadt begleitet habe. Bald darauf kam sie mit der Nachricht
zurück: das vielleicht jezt der Himmel für mich gesorgt habe. Denn
in einem vornehmen Haus, wohin sie täglich Milch trug, sey unter den
Dienstboten die Rede von einer Kammerjungfer gewesen, welche die
Herrschaft suche. Die Köchin, die uns (wie ich mich wohl erinnerte)
an der Kirmes besucht, und mich damals gesehen hatte erinnerte sich
nun meiner. Gertrud versprach, mich davon zu benachrichtigen und am
folgenden Tag wurde sie von der gnädigen Frau selbst beauftragt, mich
zu ihr zu schicken. In meiner Lage mußte mir jeder Ort der Entfernung,
wenn sie nur halb zu genehmigen war, erwünscht seyn und ich machte
mich also sogleich auf den Weg nach der Stadt. Ich fand in der Frau
von Steinfels eine liebe freundliche Dame, und unsere Unterhandlungen
waren schnell und zu meiner Zufriedenheit beendigt. Mit herzlicher
Trauer nahm ich von meinen redlichen Landleuten und ihren guten
Kindern Abschied. Auch sie waren alle tief betrübt doch tröstete sie
der Gedanke, mich jezt in Sicherheit zu wissen. Meine Fertigkeiten in
häuslichen und weiblichen Arbeiten, welche ich ganz allein den theuern
Vorsteherinnen des Instituts zu N* verdanke, erwarben mir bald die
Gunst meiner neuen Herrschaft, und ich hatte nicht Ursache über Etwas
Klage zu führen: desto schmerzlicher war es mir, als ich nach ein paar
Monaten abermals eine Störung meines Glückes gewahr werden mußte. Eben
war ich im Begriff meine gnädige Frau ins Theater anzukleiden, als
sich die Thür öffnete und ein junger Mann mit den Worten: «guten Abend
liebe Mutter!» eintrat. «Ey guten Abend Richard! erwiederte diese, hast
du endlich auch wieder einmal an das nach Hause kommen gedacht! was
machen die neuen Bewohner der alten Ritterburg?» nun erst betrachtete
ich den Angekommenen und erkannte in ihm einen der Barons, welche
meinen friedlichen ländlichen Aufenthalt so grausam getrübt hatten.
Ich zitterte daß mir die Stecknadeln, mit denen ich den Anzug der Dame
vollenden wollte, eine nach der andern entfielen. «Wie ist sie denn
so ungeschickt?» schmälte diese und ich nahm mich zusammen, so gut ich
konnte.

Richard schien mich nicht zu bemerken und unterhielt sich ganz
unbefangen mit der Mutter. Es vergiengen mehrere Tage und ich empfand
nichts von seiner Anwesenheit im Haus, was meine Angst vermehrt hätte.
Sie minderte sich nach und nach durch die Hoffnung, daß Richard
wahrscheinlich nur die Vettern immer begleitet, doch ihre Plane und
Absichten nicht getheilt habe. Allein bald wurde ich leider vom
Gegentheil überzeugt. An einem Abend, wo ich alleine im Haus zu seyn
glaubte, da meine Herrschaft mit dem Sohn sich in einer Gesellschaft
befand, stand auf einmal Lezterer vor mir, klagte, daß er nicht wohl
sey und ersuchte mich, ihm Thee zu machen. Ich mußte sein Verlangen
erfüllen und als ich ihm denselben brachte, sagte er: «ob ich schon
wisse, das der wackere Jakob in einem kostspieligen Prozeß mit der
Schloßherrschaft über ein Stückchen Land, das an deren Besitzungen
angränzt, verwickelt worden wäre, der ihn leicht um sein Vermögen würde
bringen können?» Ich erschrack heftig, und Zorn und Verlegenheit,
verbreiteten eine heiße Gluth in meinem Gesicht. Richard ergriff
meine Hand und sagte theilnehmend: «Gewiß, ich kann das Verfahren
meiner Oheims und meiner Vettern durchaus nicht billigen; ich war
lange Zeuge davon und erfuhr jeden ihrer Plane; daher hielt ich es
auch für rathsam, Ihnen liebes Kind, in dem Hause meiner Mutter einen
sichern Zufluchtsort zu verschaffen. Mir haben Sie es zu verdanken,
wenn es Ihnen bei uns wohlgefällt.» Ich wußte nicht, sollte ich mich
über diese Mittheilungen freuen oder ängstigen. Daß Richard ohne alle
Neben-Absicht so gehandelt habe -- dieses Edelmuths schien er mir nicht
fähig. Ich suchte auszuweichen, erwiederte einige höfliche Worte und
schloß mich dann in mein Kämmerchen ein, wo ich Gott an flehte, mich
aus dem gefährlichen Standpunct, worauf ich mich meiner Meinung nach
befand, zu schützen.

Richard ließ wieder einige Wochen verstreichen, ohne einen Versuch zu
machen, sich mir zu nähern: allein diese von ihm ergriffene Maaßregel,
konnte dennoch meine Wachsamkeit nicht einschläfern und bald bemerkte
ich, wie nach und nach seine erkünstelte Kälte sich in zunehmende
Freundlichkeit verwandelte, hielt mich desto entfernter von ihm und
da ich ihm jede Möglichkeit mit mir alleine zu sprechen benahm: so
suchte er den schriftlichen Weg der Erklärung; jedoch seinen Brief,
den er mir in Gegenwart der Eltern, als ein Schreiben, das ich auf die
Post bestellen sollte zu geben wußte, legte ich in seiner Abwesenheit
uneröffnet auf sein Zimmer und ein Zettelchen dabei, worauf ich ihm
bedeutete: daß ich ein zweites Schreiben unverzüglich seinen würdigen
Eltern übergeben würde. Wirklich verdienten diesen Beinahmen der
Baron Steinfels und seine Gattin und es schmerzte mich tief, wenn
ich bemerkte, mit welcher innigen Zärtlichkeit sie den Sohn liebten,
behandelten, und für ihn Sorge trugen der durch seinen Leichtsinn
dieser Gesinnung sich unwerth machte. Ein gutes Herz blickte indeßen
aus allen seinen Handlungen hervor, auch scheute er sich, die Eltern
zu beleidigen und bemühte sich daher in ihren Augen viel solider zu
erscheinen, als er war. In dieser Bemerkung lag viel Beruhigendes für
mich und ich kannte keine größere Sorge, als mir die Gunst meiner
gütigen Herrschaft zu erhalten, durch welche mich die Baronin dann
immer gerne und viel um sich sah. Richard war nach jener Begebenheit
mit dem Brief sehr ungehalten auf mich: allein je weniger ich mich
um ihn bekümmerte, desto mehr schien eine unglückliche Leidenschaft
für mich ihn aufzuregen. Er bewieß mir, nachdem sich sein Zorn gelegt
hatte, wieder mit der zartesten Aufmerksamkeit allerlei Artigkeiten
und bei einer großen Gesellschaft, welche seine Eltern gaben, gieng
er zu mir an den Theetisch, wo ich beschäftigt war und sagte zu mir:
«Antonie; Jacob und seine Familie ist sehr unglücklich geworden, wollen
sie mehr von ihnen hören, so gestatten Sie mir eine kurze Unterredung.»
Ich war einen Augenblick unentschloßen. Dankbarkeit und Sorge um meine
Ehre stritten miteinander. Doch bald trug die Lezte den Sieg davon. Ich
erwiederte: «In Gegenwart eines Dritten, soll jene Unterredung nicht
statt finden, das begreife ich wohl und ohne Zeugen ziemt sie sich
zwischen uns nicht. Gott helfe den armen Leuten! ich -- ~kann~
es nicht! --» Ein kleines Packetchen glitt aus Richards Hand auf den
Theetisch und er entfernte sich schnell. Es war überschrieben: «der
edlen Antonie zu wohlthätigen Zwecken.» Wieder ein neuer Kampf! Mit
diesem Gold es waren 2 Ducaten -- konnte ich meiner Sehnsucht: mich
gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen, ein Genüge leisten
und doch schien es mir gefährlich, mich Richard zu verpflichten. Nach
reiflicher Ueberlegung entschied ich -- und er fand auch dies Geld am
Abend wieder auf seinem Schreibtisch. Nun aber, war er fürchterlich
gereizt und kaum fähig, sich in Gegenwart seiner Eltern, wo er mich
nur sahe zurückzuhalten. Aengstlich schlug mir das Herz wenn ich seine
wild rollenden Augen, seine finstere Stirne, seinen verbißenen Grimm
bemerkte. Aber konnte ich anders handeln? -- ich vertraute also fest
auf den Schutz Gottes und hatte auch den Muth stille zu stehen, als
er mir auf einem Gang vor die Stadt, wozu mich die Baronin in seiner
Gegenwart beauftragt hatte, nacheilte. «Antonie!» rief er stark und
heftig. Ich wandte mich um und sagte: «Herr Baron! es ist sehr unedel
ein Mädchen zu verfolgen, das keinen andern Reichthum hat, als seine
Ehre.» Er fieng nun an, mir Vorwürfe über mein Betragen zu machen,
seine leidenschaftlichen Empfindungen für mich zu schildern und mir
zu versichern: daß ich durch Wiederstand meine Lage verschlimmern
würde. Zugleich wollte er die Grenzen der Achtung und Bescheidenheit
übertretten und seiner Leidenschaft den Zügel lassen. Wir waren
indessen an einen Teich gekommen und entschloßen schwor ich bei allem
was heilig ist: augenblicklich meinem Leben ein Ende zu machen, wenn er
nicht wieder die gehörige Herrschaft über sich gewinnen und mich ruhig
anhören wolle. Bei dieser Versicherung trat ich an das äusserste Ende
des Ufers. Er zog mich ängstlich zurück und versprach mir schuldige
Mäßigung.

Ich bot nun meine ganze Beredsamkeit auf, ihm das Verwerfliche
seines Benehmens mit den grellsten Farben darzustellen; ich ließ die
verlezten Pflichten gegen Gott und die Tugend, gegen seine Eltern und
gegen ein armes verlaßenes Geschöpf in Begleitung aller Qualen der
zu späten Reue gegen ihn auftretten und entwarf ihm das Bild eines
Jünglings, der, Herr seiner selbst rein und schuldlos aus dem Kampf
mit Verführung und Leidenschaft herrlich wie der Phönix aus der Asche
hervorgeht. Ich gestehe es, ich war in Begeisterung, die sich zulezt
in unbeschreibliche Rührung auflößte. Richard gieng lange still, und
mit niedergeschlagenen Augen neben mir. Als ich aber immer lebhafter
sprach, blieb er einigemal stehen und blickte mich staunend an; und
als ich weich wurde und Thränen über meine Wangen träufelten: da nahm
er sein Taschentuch, trocknete sie sanft und dann auch sich damit die
feuchten Augen; umfaßte mich endlich und küßte mich ehrerbiethig auf
die Stirne. --

«Antonie!» sprach er feierlich, als ich geendigt hatte: «du hast mein
Herz zerrißen: denn ich liebe dich! warlich! ich muß dich lieben und
-- kann dich nicht besitzen, das sehe ich ein. Doch du hast mich
für die Tugend auf ewig gewonnen. Wehe den Verführern auf jener
Burg! deren Beispiel mich verleiten konnte, ein solches Wesen zu
ängstigen! Vergieb mir! und nimm den Lohn mit dir: in dem Bewußtseyn:
eine Seele gerettet zu haben! --» Er drückte meine Hand an sein
Herz, hob das Auge gen Himmel und ein paar große Thränen perlten ihm
über das Gesicht. Auch ich mußte weinen, doch durchdrang mich ein
unaussprechlich beseeligendes Gefühl. Gerührt dankte ich Richard für
seine tröstlichen Versicherungen und bat ihn nun, um nähere Nachrichten
von Jacobs Schicksal, das mich tief bekümmerte. Ich erfuhr, daß dieser
in jenem Prozeß, durch einen ränkevollen Advocaten, der sich von
der Gegenparthey bestechen ließ, den größten Theil seines Vermögens
verlohren hatte und genöthigt wurde sein Gütchen zu verpfänden, daß
dieß endlich ganz seinen Schuldnern anheim gefallen sey, er das Dorf
verlassen habe, wo er einst glücklich war und an einem andern Ort sich
mit seiner Familie durch Taglohn den ärmlichen Unterhalt verdiene.
Innig beklagte und beweinte ich das Schicksal dieser Redlichen. Richard
versprach mir, die Armen nach Kräften zu unterstützen, da er beschämt
sich gestehen mußte: daß auch er einen kleinen Antheil an dem Unglück
derselben habe.

Nach diesem Ereignis betrug sich Richard mit Resignation und Würde,
aber auch unverkennbar war die Anstrengung, mit welcher er seine
Neigung zu bekämpfen suchte. Dieß schmerzte mich und ich faßte den
Entschluß, durch meine freiwillige Entfernung es ihm zu erleichtern.
Doch wohin? das war die große Frage. Einen andern Dienst zu suchen,
dünkte mir eine unverdiente Kränkung für meine jezige Herrschaft zu
seyn, da sie mir durchaus keine Veranlassung zu einer Veränderung
meiner Lage gab, und ausserdem war ich ohne alle Freunde und Bekannte.
Zu einer Reise ins Vaterland aber, war meine Baarschaft, welche sich
wohl im Hause des Barons ziemlich vermehrt hatte, noch zu gering, denn
ich wußte aus Erfahrung, wie viel bei der sparsamsten Einrichtung
doch unterwegs aufgezehrt werden konnte. Mir fiel wohl die in Waldsee
verheirathete Schwester der wackern Gertrud bei, welche mich damals,
nach dem Plan der Leztern hatte aufnehmen sollen: allein wie konnte
ich mich den Verwandten der Familie nähern, welche durch mich
unglücklich geworden war! In der Zeit, als ich so mit mir zu Rathe
gieng, erschien auf einmal Gertrud und äusserte: daß sie und Jacob
nicht länger hätten den Wunsch unterdrücken können, wieder einmal
etwas näheres von mir zu hören und mir für die reichlichen Geschenke,
die sie zuweilen erhielten, zu danken. Erstaunt und gerührt erkannte
ich den edlen Geber und nannte ihn auch Gertruden; eröffnete ihr aber
zugleich mein Verlangen, irgend eine andere Unterkunft zu finden, da
mich gewiße Verhältnisse dazu nöthigten. Gertrud verwies mich abermals
an ihre Schwester und da ich ihr meine Bedenklichkeit entgegensezte,
versicherte sie mich herzlich: daß Niemand den geringsten Groll gegen
mich empfinde, daß sie bei ihrer Armuth zufrieden und also auch ihre
Verwandten darüber ganz ruhig seyen. Sie versprach mir, bei ihrer
Schwester Anfrage zu halten und mich von dem Erfolg zu benachrichtigen.
Statt der Antwort kündigte sich nach Verlauf von einigen Wochen ein
junger Mann, als den Sohn jener Leute bei mir an, mit der Zusage seiner
Eltern auf meine Bitte, und mit dem Vorschlag mich sogleich dahin zu
begleiten. Ich ersuchte ihn ein paar Tage im Gasthof zu verweilen,
schrieb einen Brief an Richard, worin ich ihm meinen Vorsaz, und die
Gründe, welche ihm das Entstehen gaben, mittheilte; und bat die Eltern
um meine Entlassung, mit dem Vorgeben: jene Leute wären nahe Verwandte
von mir und wünschten mich unverzüglich bei sich zu haben. Ungern wurde
mein Verlangen bewilligt; auch verweilte ich noch so lange im Haus, bis
sich eine Stellvertretterin fand, die ich einzuweisen mich verpflichtet
hielt. Dann schied ich mit Rührung von den Edlen, die mich so liebreich
so menschenfreundlich behandelt hatten. Richard sah ich nicht mehr; er
hatte sich auf einige Wochen vom Hause entfernt.

Mit Georg, so hieß jener junge Mann, trat ich nun meine Wanderschaft
nach Waldsee in Schwaben an und wurde von seinen Eltern so ziemlich
herzlich empfangen: doch gewahrte ich in den ersten Augenblicken
einen überaus großen Unterschied zwischen den beiden Schwestern und
fühlte mich in der neuen, ganz eigenen Sphäre in der ich mich befand,
lange, ja beinahe gar nicht, heimisch. Bei treuherzigen Landleuten,
bei der gebildeten Menschen-Classe und vor diesen allen, in dem Kreiß
liebender und geliebter Freunde, öffnete sich mein Herz und Sinn allen
den eigenthümlichen Vorzügen jener Umgebungen; sie zogen mich an; sie
harmonirten mit meinem ganzen Wesen; sie befriedigten mich. Nicht so
der wohlhabende bürgerliche Mittelstand, dessen tadelnswürdige Seite
in dem Haus zu finden war, in welches ich jezt als Genoßin trat. Ich
wurde wohl anfangs freundlich behandelt und ein, doch weit geringerer
Grad Gutmüthigkeit machte Frau Brigitta ihrer Schwester etwas ähnlich.
Uebrigens stieß ich immer auf Spuren von Beschränktheit des Geistes,
auf kleinliche Ansichten und Neigungen und überall war die Uebermacht
eingebildeter Vorzüge sichtbar. Unter solchen Verhältnißen war mir
meine Existenz drückend und ich sehnte mich von ganzer Seele hinweg:
jedoch, bis sich eine andere Gelegenheit darbot, beeiferte ich mich
doppelt durch alle möglichen Dienstleistungen, die Bereitwilligkeit,
mit welcher ich aufgenommen wurde, zu vergüten: denn ich begrief sehr
gut, daß ich hier bald lästig werden könnte.


Von den ebengenannten Fehlern schien indeßen Georg ganz frei zu
seyn. Er hatte für seinen Stand so viele richtige Bildung, so tiefes
Gefühl und überhaupt einen so rechtlichen Charackter: daß ich ihm
die verdiente Werthschätzung im Stillen nicht versagen konnte. Auch
er betrug sich achtungsvoll gegen mich und suchte mir durch allerlei
kleine Gefälligkeiten den Auffenthalt in seinem Hause recht angenehm zu
machen. Ich konnte es deutlich merken, daß er es schmerzlich fühlte,
wenn irgend eine unzarte Erwähnung meiner gemachten Erfahrungen
von Seite seiner Eltern mir wehe that und überhaupt rügte er, zwar
bescheiden, doch ernst, jedes Benehmen der Seinigen, das Eigensinn,
Hochmuth und Rohheit verrieth.

In eine peinliche Verlegenheit gerieth er an einem der ersten Sonntage,
den ich bei ihnen verlebte:

Brigitta erzählte bei Tisch, daß Georg versprochen sey; ich äusserte
meine Theilnahme, er aber wurde blutroth im Gesicht und machte Miene
sich zu entfernen. «Du bleibst!» sagte der Vater heftig. «Was soll das
heißen? schämst du dich deiner Braut?» «Das hat er nicht Ursache,» fiel
Brigitta ein. «Rosinchen ist ein braves, sparsames, fleißiges, Mädchen,
ist recht hübsch und hat überdies viel blanke Thaler.»

Georg rückte auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich den Schweis
vom Gesicht. «Du bist ein recht läppischer Junge!» sagte der Alte
zürnend, «meinte man denn nicht, es wäre ein Verbrechen, daß du dein
Liebes hast!» «Sie wird sie heute kennen lernen Jungfer, sagte die
Mutter zu mir und gewiß ~unsere~ Wahl billigen.» «Armer Schelm!
dachte ich im Stillen, Du hast also nicht gewählt; --»

Nachmittag wurde der Kaffeetisch zierlich gedeckt; die Kannen, die
Tassen von blauem Porzelan herbeigeholt; der bestellte, ungeheuer
große Kuchen kam vom Nachbar Beckermeister und wurde auf den Tisch
gestellt und die Anzahl der Stühle, welche man einstweilen herumsezte,
so wie die der Kaffeetassen, ließen auf eine starke Gesellschaft,
welche kommen würde schließen. Bald erschienen auch einige Vettern
und Baasen, nebst den Eltern Rosinchens und sie selbst. Georg hatte
vorher seine Mutter in die anstoßende Kammer geführt und ich hörte sie
stark sprechen. Als sie wieder hereintraten vernahm ich von Brigitten
noch die Worte: «Ich werde thun, was mir gut däucht;» wahrscheinlich
war von meiner Herkunft die Rede und unter welchem Namen ich bei der
Gesellschaft erscheinen sollte: denn da mich Brigitta derselben als
eine arme weitläuftige Verwandte vorstellte, welche bei ihnen Aufnahme
gesucht und gefunden habe -- drehte sich Georg unwillig auf dem Absatz
herum, biß sich in die Lippen und wurde feuerroth. Ich erbot mich:
den Kaffe zu kochen und Georg schlich mir in die Küche nach, ergrif
meine Hand und sagte leise mit niedergeschlagenen Augen: «Antonie,
wollten Sie nicht den schönen Herbsttag benützen und die Umgebungen
des Städtchens auf einem Spaziergang kennen lernen?» Ich verstund ihn,
doch sagte ich: «warum? Ihre Eltern könnten es nicht gerne sehen.»
«Ach!» sezte er ängstlich hinzu: «Unser Besuch und das, was er mit
sich bringt, paßt durchaus nicht für Sie.» «Guter Georg!» erwiederte
ich «seyn Sie unbesorgt; ich habe mich in manches finden gelernt.»
Wir hörten die Stubenthüre knarren und er entfernte sich schnell.
Wohl fühlte ich bald, daß er recht voraus gesagt hatte. Lächerliche
Höflichkeit, plumper Scherz stolze Anmaßung charackterisirte den
versammelten Zirkel und Rosinchen -- ach wie beklagte ich den
armen Georg! Rosinchen erschien mir als ein eitles, hochmüthiges,
herrschsüchtiges Mädchen, ohne allen innern Gehalt. Sie erwiederte
meine, ihr um Georgs willen bewiesene freundliche Annäherung, mit
verächtlicher, hämischer Zurücksetzung und der Bräutigam wurde von
der Verlobten und von den beiden Aelternpaar wahrhaft tyrannisirt.
Sobald ich konnte, flüchtete ich mich in mein Kämmerchen. Es war im
Erdgeschoß und sein Fenster gieng in den kleinen Hofraum des Hauses.
Auf einmal wurde leise daran gepocht. Ich blickte auf, Georg stand vor
mir und reichte mir mit nassen Blicken ein Glas Wein und ein Stück
Kuchen hinein. «Was soll das:» fragte ich. «Nehmen Sie doch!» bat er
«und ein freundliches Wort von Ihnen soll mich stärken, mein trauriges
Schicksal, das ich heute mehr als jemals fühle, gedultig zu ertragen.»
«Getrost Freund!» sagte ich ermuthigend zu ihm: «der Vater im Himmel
verläßt seine Kinder nicht und sie sind fromm und gut!» Er drückte mir
seufzend die Hand und gieng.

Die folgende Zeit war Georg unbeschreiblich traurig. Er sprach den
ganzen Tag bei seiner Arbeit kein Wort und trocknete sich oft im
Geheim die Augen. Die Eltern schmälten mit ihm und ich bemerkte, wie
ihre Freundlichkeit gegen mich zusehends abnahm. Der Mutter Blick
ruhte oft lange auf mir und dann auf ihrem Sohn finster und forschend.
Ich hütete mich wohl, eine Veranlaßung zu irgend einem Argwohn zu
geben, hielt mich beständig um Frau Brigitta herum und suchte ihr so
gefällig als möglich zu seyn. Demohngeachtet, als ich an einem Morgen
aus meinem Kämmerchen in die Stube gehen wollte, hörte ich einen
gewaltigen Lärm darin: der Vater polterte: die Mutter schrie, Georg
sprach heftig und laut. Ich hörte ihn sagen, als ich zitternd stehen
blieb: «Ich kann Rosinen nicht heirathen, und ihr könnt mich durchaus
nicht zwingen, eher gehe ich in die weite Welt.» Die Mutter kreischte.
«Seht den Trotzkopf! die fremde Jungfer hat dich berückt, darum ist
jezt das brave Rosinchen in deinen Augen nichts mehr, aber warte --
jene sollst du mir nicht kriegen oder ich lege mein Haupt nicht sanft;
ich enterbe dich, ganz enterb' ich dich und sie muß mir heute noch
aus dem Haus.» «Das ist das beste Mittel» fiel der Alte ein. Georg
erwiederte nun sanfter und bittend: «Laßt es doch dem armen Mädchen
nicht entgelten! sie ist ja ganz unschuldig und ich verlange sie auch
nicht; aber was kann sie und ich dafür, daß Rosina durch Vergleiche
mit ihr ganz verlohren hat, ich konnte sie gleich Anfangs nicht lieb
gewinnen und nun ist sie mir vollends zuwieder. Kurz ich heirathe
diese und jene nicht und damit hat es ein Ende.» Ich hörte ihn der
Thüre sich nähern und eilte in meine Kammer zurück. Bald darauf kam
die Mutter und kündigte mir mit trockenen Worten an: daß ich eine
andere Unterkunft suchen möchte, da sie mich nicht länger behalten
könnte. Damit gieng sie fort und schlug die Thüre hinter sich zu,
daß alles zitterte. «Großer Gott!» sagte ich zu mir selbst. Bin ich
denn nicht ein wahrer Unglücksvogel der wo er sich zeigt, das Glück
anderer stört! Indeßen so wenig ich wußte, wohin ich mich jezt wenden
und was aus mir werden sollte, war es mir dennoch unmöglich, einen
Augenblick länger als es seyn mußte, in diesem Haus zu verweilen.
Ich packte mein Wanderbündelchen, nahm kurz Abschied und gieng fort.
Georg war ausgegangen. Als ich um die Straßen-Ecke herumbog, kam
er mir entgegen. «Wie Antonie?» frug er erstaunt -- «was soll das
heißen?» -- «Der Mutter Wille ist es, erwiederte ich, daß ich Ihr Haus
verlaße.» Georg glühte vor Zorn und wollte mich durchaus bewegen,
wieder mit ihm zurückzugehen. Ich aber bat ihn, mich ruhig meinem
Schicksal zu überlassen und lieber darauf zu denken, das Seinige durch
ein kindliches Betragen gegen die Eltern zu verbeßern. «Antonie kann
nicht wollen, daß ein freier Mensch sich selbst zum Galeerensclaven
machen soll, versetzte er.» «Das nicht, antwortete ich, aber sanfter
Ernst richtet mehr aus, als heftige Wiederspenstigkeit und der Himmel
belohnt den ~guten~ Sohn.» Seine Augen füllten Thränen. Er sagte:
«wahrhaftig die Trennung von Ihnen wird mir sehr schwer. Erleichtern
sie mir dieselbe liebe Antonie und gewähren Sie mir in der Annahme
eines kleinen Angedenkens meine ~lezte~ Bitte.» Mit diesen Worten
zog er einen Beutel aus der Tasche, drückte mir denselben in die Hand
und eilte mit einem Lebewohl um die Ecke herum.

                   *       *       *       *       *

Der Winter nahte: doch durch jenes Geschenk und durch meine eigene
kleine Cassa hoffte ich in irgend einem Landstädtchen oder auf einem
Dorf mir die Erlaubniß, mich daselbst aufzuhalten erkaufen und mit
Handarbeit meinen Unterhalt die rauhe Jahrszeit hindurch sichern zu
können. Mich zog die Sehnsucht wieder rückwärts dem Lande zu, wo die
Geliebten meines Herzens weilen; allein mehrere Versuche jener Art
mislangen, unfreundlich wurde ich hie und da abgewiesen und meine
Hoffnung schwand nach und nach gänzlich.

Der rauhe Nordwind wehte die lezten welken Blätter von den Bäumen,
weiser Reif lag am Morgen auf den Fluren und befeuchtete meinen Fuß
oder strömender Regen durchnäßte mich schauernd; und immer hatte ich
noch keine bleibende Stätte. Lüstern blickte ich nach den rauchenden
Schlöten eines freundlich vor mir liegenden Dorfs oder wandelte durch
die Straßen einer Stadt, und sog die mannigfachen Gerüche bereiteter
Speißen begierig ein, wenn ich an Garküchen und Gasthöfen vorbei
schlich, ohne mich zu sättigen: denn ich wagte es nicht, meinen Hunger
und Durst ganz zu befriedigen, um mein kleines Vermögen nicht zu sehr
zu schmählern. Auch meine Kleidung war der Jahrszeit nicht angemessen:
denn mit jedem Tag wurde es kälter und meine Noth größer.

Höchst niedergeschlagen und mich durch so viel erlittenes Ungemach
recht unwohl fühlend, kam ich in diese Stadt. Der Jahrmarkt hatte
in der Herberge, welche ich aufsuchte, herumziehende Krämer,
Taschenspieler, Seiltänzer u. s. w. versammelt: schüchtern, bat ich
die Wirthin um ein einsames Winkelchen zum Schlafen, da die Nacht
hereinbrach. Sie schlug es mir ab und ich war genöthiget, meinen Platz
auf einer Ofenbank zu nehmen. Hier verzehrte ich, still weinend ein
Näpfchen schwarze Brod-Suppe und wollte mit aller Gewalt den Schlaf,
deßen Anwandlung ich fühlte, widerstehen. Es schien mir gerathener:
unter diesen Leuten zu wachen, als zu schlafen. Allein die Natur errang
die Oberherrschaft über die Klugheit, ich entschlief. Als ich wieder
erwachte -- Gott wer schildert meinen Schrecken! -- war das Zimmer leer
und mein ganzes Bündelchen mit Geld und Wäsche -- war weg.

«So ~muß~ ich denn den Bettelstab ergreifen!» rief ich laut
jammernd und lief händeringend umher. Die Wirthsleute -- harte
Menschen, wollten weder von einer polizeilichen Anzeige, noch weniger
von einer Vergütung etwas hören und verweigerten mir sogar ein kleines
Frühstück, da ich es nicht bezahlen konnte. Verzweiflungsvoll rannte
ich zum Haus hinaus und durch die Strassen der Stadt. Ich kam an einer
Kirche vorüber, welche offen stand. Mit aller Gewalt zog es mich
hinein. Ich sank weinend an dem Altar nieder und himmlischer Trost
träufelte in mein leidendes Herz. Eine fromme Beterin kniete neben
mir; als sie sich entfernt hatte, fand ich auf ihrem Platz ein feines
Bildchen, das wahrscheinlich ihrem Gebetbuch entfallen war. Es stellte
ein in Gefahr schwebendes Schiff auf brausenden Wellen vor. In der
Entfernung war die glänzende Halbkugel der Sonne, mit ihren Strahlen
dem Meer entsteigend, sichtbar. Unten las man die Worte: «nach der
langen stürmischen Nacht scheint wieder freundlich die Sonne;» und den
Biblischen Spruch: «des Herrn Hülfe ist nahe denen, die ihn fürchten.»
Psalm 84. v. 10.

Wie wichtig war mir in dem Augenblick dieser Fund! wie stärkte er mein
Vertrauen auf Gott! wie hob er meinen sinkenden Muth! ich verließ
voll Hoffnung die Kirche. -- Der Mittag nahte, der Hunger quälte mich
fürchterlich: da entschloß ich mich, wie wohl mit schweren Herzen
das Erwerbsmittel zu ergreiffen, wovon Theodor (Gott, mit welchen
schmerzlichen Empfindungen schrieb ich diesen Namen nieder!) mich einst
befreit hatte. Ich suchte einen der größten Gasthöfe auf, und nahte
mich schüchtern dem Speisesaale. Ich traf eine stark besezte Tafel
und begann einen Gesang; doch indem ich das niedergeschlagene Auge
einmal in die Höhe hob: erblickte ich unter den Gästen, ganz am End
des Tisches Richard von Steinfels. Hunger und Frost, Kummer und Sorge
hatten meinen Körper mehrere Wochen sehr mitgenommen: nun kam noch
diese Ueberraschung hinzu und warf mich ganz darnieder. -- Ich wurde in
die Krankenanstalt gebracht und was nun weiter mit mir vorgieng, welche
Hülfe und Rettung mir durch die Grosmuth Eugeniens wiederfuhr, ist
der edlen Seele bekannt und bleibt mit unauslöschlichen Zügen in mein
Inneres gegraben.

                   *       *       *       *       *

Eugenia hatte nicht ununterbrochen fortlesen können. Theils versagte
ihr zuweilen selbst die durch Rührung gehemmte Stimme den Dienst,
theils konnten Therese und Albina die Aeußerungen inniger Theilname
und schmerzlichen Mitgefühls nicht zurückhalten. Eugenia fügte noch
der schriftlichen Mittheilung die fehlende Ergänzung bei, in dem sie
erzählte: daß ihr Gatte die Bekanntschaft jenes Barons in den erwähnten
Gasthof gesucht und angeknüpft und in ihm einen achtungswürdigen jungen
Mann gefunden habe. Er verheelte aber in einer der vertraulichen
Unterhaltungen dem Professor nicht: daß er erst durch Antoniens
Beispiel rein moralich denken, fühlen und handeln gelernt habe. Er
gestand offenherzig ein paar Universitäts-Jahre durchaus verschleudert
und ohne irgend einen Nutzen für seine Geistes- und Herzens-Bildung
durchlebt zu haben, versicherte aber, fest entschloßen zu seyn:
das Versäumte einzuholen; deswegen sey er in diese Stadt gekommen
und wollte hier noch ein Jahr den Vorlesungen einiger berühmter
accademischer Lehrer beiwohnen. Antoniens Schicksal, das er durch den
Professor erfuhr, erschütterte ihn heftig und die früher bekämpfte
Neigung drohte wieder mit Gewalt hervor zu brechen. Eugenia hatte
ihren Gatten schon früher von Antoniens Verhältnis zu Theodor
erzählt und ihn auch späterhin ihren Plan mitgetheilt die Getrennten
wieder zu vereinigen. Dies benützte der kluge Mann bei dem Baron auf
zweckmäsige Weise und verhinderte dadurch eine abermalige, für ihn
gefährliche Annäherung an Antonien. Unendlich glücklich machte diese
der ihr eröffnete Entschluß Eugeniens: sie ihren lang und schmerzlich
entbehrten Freunden wieder zuzuführen. Zu verdoppeltem Dank fühlte
sie sich verpflichtet, als sie von Richards längerer Anwesenheit
auf der Universität hörte und sie trug mit der größten Sorge selbst
alles zu ihrer gänzlichen Wiederherstellung bei, um recht bald
abreisen zu können, «Ach! wie muß jezt dem armen, vom Schicksal so
verfolgtem Geschöpf zu Muthe seyn, da sie sich jezt in dem Haven
der Ruhe befindet!» rief Therese; «Wenn sie nur einer dauerhaften
Gesundheit genöße!» sezte Eugenia hinzu. «Von Natur fein und zart,
haben die vielen erduldeten Leiden ihren Körper furchtbar geschwächt.»
«Freundschaft und Liebe werden alles aufbiethen ihn zu stärken, ihr
Leben zu verlängern!» -- sagte Albina.

Es dämmerte schon der Morgen, als sich die Freundinnen auch noch ein
wenig zur Ruhe niederlegten.

Am folgenden Tag war Antoniens erste Frage: nach Theodor und man
erzählte ihr vorsichtig seinen gehabten Unfall. «O laßt mich, laßt
mich zur Stadt gehen, ich fühle mich gesund und kräftig, es ist mir
unmöglich ihn länger zu missen!» so bat Antonia und Albina, Eugenia und
Therese begleiteten sie dahin.

Theodor hatte sich nicht nur am Arm beschädigt, es hatte auch der Fuß
etwas gelitten und er konnte sich nicht gut von der Stelle bewegen.
Langenheim und Volkmars hatten es daher für beßer gehalten, ihn
Antoniens Anwesenheit zu verschweigen, um nicht seine Ungedult noch
heftiger und schmerzlicher zu machen. Wie war ihm, als sie nun in sein
Zimmer trat! -- Ein Schrei des Entzückens und -- sie lag an seinem
Herzen! Fest, fest umschlang er sie mit dem gesunden Arm und wollte
sie nicht loslassen: doch ihr bleichgewordenes Antlitz ließ die
Freundinnen eine zurückkehrende Schwäche befürchten, und die Bitten
derselben brachten Theodor zur Besinnung, welche ihm beinahe die
Freude geraubt hatte. Durch zweckmäßige Mittel fühlte sich Antonie
bald wieder ganz gestärkt und sie wich nun nicht mehr von Theodors
Seite. Auf das zärtlichste sorgte sie für ihn, suchte seine Schmerzen
und das Unangenehme seiner Lage ihm so viel als möglichen zu versüßen
und segnete oft laut den wackern Unbekannten, welcher nach Langenheims
Erzählung ein noch größeres Unglück verhütet hatte. Am Mittag trat
dieser mit einem jungen Mann in das Zimmer und sagte: «da hat mir ein
glücklicher Zufall deinen Retter in den Weg geführt, lieber Theodor!
Eben wollte er mit seinem Wanderbündel wieder zum Thor hinaus; ich
erkannte ihn und bat: er möchte mit mir kommen, du sehntest dich, ihn
kennen zu lernen und ihm zu danken. Es hat mir aber viel gekostet, bis
ich ihn dazu bewegen konnte.»

Antonie, welche Theodor liebkosend, an seinem Armseßel stand, hatte
sich bei ihrem Eintritt weg, und an ein Fenster begeben: denn sie
erkannte in dem jungen Reisenden, Georg Werner. Theodor nöthigte
ihn freundlich sich niederzusetzen und rief: «Antonie! willst du
wohl diesem lieben Freund hier Brod und Wein bringen!» Georg blickte
bei diesem Namen um sich, erkannte Antonien und stammelte verlegen
und ganz roth im Gesicht die wiederholte Versicherung: daß er sich
unmöglich lang aufhalten könnte. «Das soll auch nicht geschehen,»
versicherte Theodor, «sie wird gleich wieder da seyn.» Sie kam wirklich
und reichte ihm mit freundlicher Unbefangenheit ein Glas Wein und ein
Stück Kuchen, wandte sich dann gegen Theodor und sagte: «Wunderbar sind
die Wege des Schicksals! dieser junge Mann und ich sind alte Bekannte.
In seiner Eltern Haus wurde ich aufgenommen, als ich einst keinen
Zufluchtsort hatte. Georg verstand es, mir mit zarter Aufmerksamkeit
das Drückende meiner damaligen Lage weniger fühlbar zu machen und nun
muß er mir sogar mein Theuerstes auf der Welt, dich meinen Theodor, vor
einem großen Unglück schützen! Innigen Dank dafür lieber Freund! Ach,
noch ist mir der Augenblick gegenwärtig, wo Sie mir mit freundlicher
Sorge in mein einsames Kämmerchen ein Glas Wein und ein Stück Kuchen
brachten! Wäre es mir doch vergönnt, so, wie ich Ihnen hier eine
ähnliche Erfrischung reichen konnte, ihnen auch den lezten wichtigen
Dienst vergelten zu können!

Doch wie ist es Ihnen bisher gegangen? gewiß, ich nehme den
herzlichsten Antheil! und mein Theodor,» fuhr sie fort, indem sie
ihren Arm um ihn schlang, «wird aufrichtig mit ihnen fühlen, wenn ich
ihm später von Ihrem Schicksal erzählen werde.» Georg hatte sich
gesammelt. Er konnte dem offenen und herzlichen Benehmen Antoniens
unmöglich Verschloßenheit entgegen setzen und mußte sich, wenn auch mit
einiger Verlezung seines Gefühls, ihres Glücks und des Zufalls freuen,
welcher ihn in den Stand gesezt hatte, eine große Störung desselben
abzuwenden. Er wurde zutraulich und erzählte: daß er nach Antoniens
Entfernung noch viele harte Kämpfe mit seinen Eltern zu bestehen hatte;
jedoch Rosinchen führte endlich selbst die Trennung herbei, indem sie
sich mit einem Unterofficier, eines im Städtchen einquatierten Truppen
_Detachement_, in ein Liebesverständniß eingelassen hatte. Nun
mußten ihn seine Eltern selbst frei sprechen und um die Leiden der
Vergangenheit ein wenig zu vergeßen, auch um anderer Vortheile willen,
habe er sich vor wenig Wochen auf die Wanderschaft begeben, wo ihn sein
Weg zur glücklichen Stunde in diese Stadt geführt hatte. Von dem Dank
und den herzlichsten Wünschen der Liebenden begleitet, sezte er bald
darauf seine Reise weiter fort.

                   *       *       *       *       *

Eugenia hatte nun ihr schönes Werk vollendet und glaubte der
glücklichen Antonie entbehrlich zu seyn. Sie verbarg auch nicht, daß
sie sich herzlich nach ihrem Gatten sehne, in deßen zärtlichen Briefen
sie ihre Belohnung für die Opfer fand, welche sie, als liebende Gattin
der Freundschaft gebracht hatte. Albina riefen nothwendige Geschäfte
auf das Landhaus zurück und Eugenia entschloß sich, sie dahin zu
begleiten, um daselbst Abschied zu nehmen und ihre dort befindlichen
Effecten einzupacken.

Der Weg dahin wurde den Freundinnen durch trauliche Gespräche verkürzt.
In gebildeten und tieffühlenden Gemüthern giebt es der Berührungspuncte
so viele, welche dann ein weites Feld gegenseitiger Mittheilungen
eröffnen.

Auch Albina und Eugenia fanden in ihren Ansichten und Urtheilen über
die Erscheinungen im Leben, reichen Stof zu gehaltvoller Unterhaltung;
und so waren sie denn auch auf das interessante Thema: über den großen
Einfluß, welchen der Umgang mit geliebten Personen auf den Charakter
des Menschen behauptet, gekommen. Eugenia schien ergriffen und gieng
eine Zeitlang schweigend neben Albinen. Endlich sagte sie: «Zu der
Behauptung dieses Satzes, gebe ich selbst den unwiedersprechensten
Beleg. Ja theure schwesterliche Freundin! ich kann unmöglich dem Drang
widerstehen: dir einen Beweiß meines unbegränzten Vertrauens zu geben
und zugleich mir den Genuß einer Mittheilung zu verschaffen, den ich
mir noch bei keiner Seele gestattet habe. In deine verschwiegene Brust
weiß ich, darf ich Alles niederlegen, was ausserdem mit mir begraben
werden würde. Du, du bist das Wesen, dem sich alle Herzen öffnen,
das mit einer sanften Gewalt, alle an sich zieht und -- ohne es zu
wollen, sich dieselben zu eigen machen weiß. Ich würde unzufrieden
abreisen, hätte ich dich nicht ganz in das verborgene Gebieth meines
Innern blicken lassen: denn ich kenne nichts heiligeres und süßeres
in der Freundschaft, als die gegenseitige Enthüllung der Herzen. Nur
dann, wenn du alles von mir weißt, nur dann sind wir ganz vereinigt
und bleiben es in jeder Entfernung für dieseits und jenseits.» Albina
umarmte tief bewegt die begeisterte Freundin und versicherte innig: sie
würde ihr freudig dies volle Vertrauen erwiedern und ihr auch alles
mittheilen, was ihr vielleicht noch in ihrem Schicksal unbekannt wäre:
doch jezt möchte Eugenia ihre Begierde: etwas der Freundin Wichtiges zu
erfahren, befriedigen.


Eugenia begann mit niedergeschlagenen Augen das Bekenntniß: daß
sie in ihren Mädchen-Jahren, ja noch im Anfang ihrer Ehe so viele
irrige Meinungen und Ansichten, so viele tadelnswürdige Neigungen und
Eigenschaften beseßen habe, daß sie jezt mit tiefer Beschämung sich
derselben erinnere. «Und die gänzliche Umwandlung meiner selbst,»
sagte sie gerührt, «hat -- die Liebe bewirkt! eine reine Liebe, deren
Andenken eine stille Ruhe in meiner Seele verbreitet, mich zu jeder
Tugend anfeuert und mir den Standpunct, auf welchem ich unter den
Menschen stehe, erst recht theuer und wichtig macht.

Höre, wie es zugieng. Ein naher Verwandter meines Mannes, Ottmar von
Wildenfels, der als Major im heiligen Krieg seine Gesundheit und seinen
geraden Körperbau eingebüßt hatte, kam unerwartet zu uns und bat mit
sanfter Stimme um freundliche Aufnahme, da sein trauriges Schicksal
ihm unter fremden Menschen noch schwerer zu ertragen fiele. Mein guter
Mann gewährte ihm mit Freuden seine Bitte und er zog bei uns ein.
Sein Anblick hatte einen ganz eigenen Eindruck auf mich gemacht. So
viel männliche Liebenswürdigkeit und so viel Unglück hatte ich noch
nicht vereinigt gesehen. Er war innerlich verletzt und sein lahmer
rechter Arm verkümmerte ihn jede Erleichterung seines harten Geschicks.
Wissenschaftlich gebildet, edlen Sinnes, zart und tieffühlend, ein
geschickter Mahler und Dichter, hatte er manche Quelle des Trostes
in sich, doch von seinen vielen Fertigkeiten und Kenntnißen konnte
er, vermöge seiner Unbehülflichkeit keinen Gebrauch machen. «Dir
lieber Vetter,» sagte mein Gatte bei dem ersten Mittagessen, «muß
eine sanfte weibliche Hand zu Hülfe kommen, uns Männern fehlt hiezu
der richtige Tact und die geschickte Weise; auch kann ich meiner
übrigen Verhältniße und Geschäfte wegen meinen Wunsch, dir gefällig
zu werden, kein völliges Genüge leisten; Eugenia! dir übergebe ich
also unsern leidenden Freund! trage alles dazu bei, ihm bei uns
sein Unglück vergeßen zu machen.» Ich wagte nicht aufzublicken und
stammelte verlegen eine kurze Zusicherung meiner Bereitwilligkeit. Nun
mußte ich sogleich mein Amt übernehmen und alles dem armen Invaliden
vorschneiden und zureichen. Er ergrif mit der linken Hand die Meinige,
führte sie dankbar und ehrerbiethig zu den Lippen und eine Thräne
glänzte in seinem schönen dunklen Auge. Ich mußte mich entfernen,
so sonderbar war mir zu Muth. Gefühle, mir ehedem ganz unbekannt,
erwachten in meiner Brust mit aller Lebhaftigkeit und drohten, die
sonst darinn herrschende kalte Ruhe ganz daraus zu verdrängen. Doch
fand ich in der Einsamkeit wieder so viel Stärke, meine Bewegung
zu verbergen und gefaßter kehrte ich in das Zimmer zurück. Mit der
größten Sorge richtete ich darauf die für unsern Gast bestimmten
Gemächer zurecht! und es schien, als wäre ich in der kurzen Zeit unsers
Beisammenseyns, schon völlig in den Geist seines Wesens eingedrungen,
als wären mir alle seine Neigungen und Wünsche bekannt. Ich decorirte
die Wände seines Zimmers mit den vorzüglichsten Kupferstichen, die
ich mit Bewilligung meines Mannes aus allen Theilen unsers Hauses
zusammentrug; ich versah ein Bücherschränkchen mit den besten und
unterhaltensten Schriften die wir besaßen; ich schmückte die Fenster
mit Blumentöpfchen, die Tische mit Blumenvasen und Einfachheit suchte
ich mit der höchsten Reinlichkeit und Ordnung zu verbinden. Dabei war
meine Stimmung so ganz verschieden von der ehemaligen; ich gefiel
mir so wohl in den Hausmütterlichen Beschäftigungen, die mir sonst
eine Last waren, daß ich mir selbst räthselhaft erschien. Mein Gatte,
welcher in meinen Anordnungen nur die Gewährung seiner Wünsche fand,
dankte mir mit einer herzlichen Umarmung und führte, als ich alles
vollendet hatte, Ottmar in sein kleines Besitzthum. Als mich dieser
wieder sah, sagte er mit Innigkeit: «Wie kann ich der Schöpferin meines
höchst angenehmen Daseyns in diesem theuern gastfreundlichen Hause
genug danken! Ihr Gatte hat mich versichert: die liebliche Einrichtung
meines Zimmers wäre ganz ihr Werk. Kennt denn Eugenia so genau meine
Lieblings-Gegenstände, daß sie auch nichts vergaß, was mir Freude und
Genuß gewähren kann?» -- Ich erröthete und suchte nach Worten, welche
ihm meinen Antheil an seiner traurigen Lage, ruhig doch herzlich
versichern sollten. Er drückte mir die Hand und sagte: «ich bin nun
völlig mit meinem Schicksal ausgesöhnt und erwarte in diesen lieben
Umgebungen gefaßt den Freund, der mich aus der Erde Prüfungsschule in
das Land der Vollendung führen wird.» Ich blickte ihn ängstlich an. «Ja
meine Freundin!» fuhr er fort. «Ich habe dem Vaterland die Aussicht
auf ein langes Leben geopfert. Eine feindliche Kugel fuhr mir durch
die Rippen, auf der Seite wieder heraus und verlezte mir die innern
Theile so stark, daß ich täglich bedeutender die tödlichen Folgen
davon empfinde.» Ich fühlte Thränen über meine Wangen träufeln und die
Bewegung, in der ich mich befand, benahm mir das Vermögen auch nur
ein Wort hervorzubringen; aber er sah, was in mir vorgieng und sagte:
«Dank, tausend Dank für Ihr Mitleid, das aus Ihrem Auge spricht! aber
lassen Sie die Ueberzeugung: daß eine höhere Hand unser Geschick zu
unserm wahren Besten leitet, den Sieg über jede zu weiche Regung in
unserm Innern davon tragen. Auch ist es ja ein schöner Tod, der Tod
fürs Vaterland! Ich bin stolz darauf und darf es seyn, denn dieser
Arm hat, ehe er zerschmettert wurde, die Schmach der Unterdrückten
grimmig gerächt.» Er wurde bei dieser Aeußerung so heftig, daß mich
die Angst entsezlich ergriff: es möchte ihm Schaden bringen. Herzlich
froh war ich daher, als mein Gatte herein trat und Ottmar anbot: mit
ihm in eine Abendgesellschaft zu gehen. Ich war nun allein und forderte
mich selbst zu einer strengen Rechenschaft über den in so kurzer Zeit
gewaltig veränderten Zustand meines Innern auf. Sie gab mir Aufschluß
darüber, den ich nun auch dir theure Albina nicht vorenthalten will.
~Ich hatte nemlich noch nie geliebt!~ zur geistigen Eitelkeit
geneigt fand ich genug Befriedigung im eigenen Wissenschaftlichen
Forschen und in der Anerkennung meines Wissens von Andern. Diese
Neigung verdrängte jedes andere zartere und tiefere Gefühl und gab
meinem Geist eine ganz falsche Richtung. Ich hatte für nichts Sinn,
als für das, was Bezug auf die Vollendung meiner Verstandesbildung
hatte. Das Herz gieng völlig leer aus und wollte es hie und da unter
Menschen sein Recht geltend machen; so überstimmte es augenblicklich
der kalte hochmüthige Geist; der mich beherrschte. Mit dieser Gesinnung
lernte ich meinen Gatten kennen. Seine gründliche Gelehrsamkeit und
sein Gefallen an meinem Wissen, hieß mich seinen Wunsch nach meinem
Besitz Gehör geben, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtete ich auch
mein ehliches Verhältniß zu ihm. Ich sah in ihm den einsichtsvollen
Lehrer, welcher in meinen Augen nun doppelte Verpflichtung hatte, mich
bei meinem wissenschaftlichen Streben zu unterstützen; hingegen seine
übrigen treflichen Eigenschaften glitten an meinem verblendeten Blick
leicht und ohne Werth vorüber. Mein Hauswesen war und blieb klein,
die wenigen, doch mir immer lästigen Geschäfte, welche ich nicht den
Dienstboten übertragen konnte, waren schnell besorgt und ich hatte viel
Zeit für meine Lieblings-Beschäftigung. Ich wurde nun Schriftstellerin;
tummelte mich aber immer auf dem Felde, mystischer Gegenstände und
wollte unserm Geschlecht durchaus gelehrte Speise auftischen, indem
ich philosophische und wissenschaftliche Gegenstände in ein gefälliges
Gewand kleidete. Der Beifall meines Gatten und der Recensenten, den
sie meiner Schreibart schenkten, ließ mich den Tadel verschmerzen, den
ich oft über den Gehalt der Werke selbst erfahren mußte. Da uns die
Vorsicht die Eltern-Freuden versagte, so konnte mein Herz auch von der
Seite der mütterlichen Gefühle auf keinen Zeitpunct hoffen, wo deßen
tieferes Empfindungs-Vermögen sein Daseyn beurkunden würde: allein
dieser Zeitpunct erschien dennoch, wenn auch etwas später und unter
andern Umständen.

Die Liebe hatte sichs vorbehalten, ihre Allgewalt an mir zu beweisen.
In der Person des Majors drang sie mächtig in mein Herz; ich konnte es
mir nicht abläugnen und diese Entdeckung machte auf mein Pflichtgefühl
einen betrübenden Eindruck. Es entstand ein heftiger Zwiespalt in
meinem Innern; die Gattin und die Freundin eines Leidenden, standen
gegeneinander auf und jede forderte ihre Rechte. Ich gelobte mir
endlich: mit der größten Vorsicht meine übernommenen Verbindlichkeiten
bei unserm Gaste zu erfüllen, doch streng das eigene Herz zu hüten,
damit es nicht nachgiebig der erwachten Neigung zu viel Raum gestatte.

Die Abendstunden abgerechnet, wo sich Ferdinand Ottmarn wiedmen konnte,
war dieser den ganzen Tag allein auf ~meinen~ Umgang beschränkt
und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft
anknüpfen und schien nichts zu wünschen, als immer in meiner Nähe
seyn zu können. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich
allein befand: die gehörige Herrschaft über mich und meine Gefühle zu
behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major
Hülfe bedürfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn
er neben mir saß und von seinen frühern Erfahrungen offen und herzlich
zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener körperlicher Schmerz
ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid riß mich dann zu den
theilnehmensten Aeußerungen, zu der aufmerksamsten Sorge für ihn hin:
oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile
hörte, wenn er absichtslos scheinend, über meine sonstigen Ansichten
und Grundsätze, gleich als über die, einer dritten Person sprach und
durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend
zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnsüchtige Verlangen in
mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu können; oder wenn er
endlich gar mit dem ihm eigenthümlichen Feuer mir versicherte: was
ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewähre,
wenn er mir für jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem
Händedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann
begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fällen konnte ich
nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen;
ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und
kehrte gefaßter zu ihm zurück. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner
Vorsichts-Maßregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen
wurde, wo sich mir -- ach nur für einmal! ein großes edles
Menschen-Herz ganz enthüllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens
feierte.

An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem
Collegen abwesend seyn mußte: saß Ottmar auf unserm, nach Landessitte,
gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller
Blüthe prangende Orangen-Bäume zierten, an meiner Seite. Wir hatten
Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewöhnlichen Beistand
leistete. Er schien mir kränker und in einer besonders weichen
Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, daß ich mir immer Etwas
zu schaffen machte, um meine Rührung zu verbergen. Unter andern brach
ich von einem der Orangen-Bäume einen blühenden Zweig und legte ihn
vor Ottmar hin. «Ein frischer Schmuck für Ihre Vase lieber Freund!»
sagte ich, «doch entfernen Sie ja diese Blüthen bei Nacht aus Ihrem
Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er könnte Ihnen schaden.» Er sah mich
wehmüthig lächelnd an -- «Schaden?» -- wiederholte er; «bald kan
mir nichts Irdisches mehr schädlich seyn. Theure Eugenia! wie diese
Blüthen nur als Treibhaus Pflanze ~hier~ gedeihen können und
in ihrem eigentlichen Vaterland kräftig und in Fülle empor streben:
so wird meine Seele, deren Gefühle ~hier~ auf Erden nicht
alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald ~jenseits~
in ihrer Heimath entfalten. Dort,» er drückte mir heftig die Hand,
«ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier
ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! -- Ein
starker Bluthusten, der mich kurz vorhin überfiel, giebt mir diese
Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen!» fuhr er fort, als ich das
Tuch vor die weinenden Augen hielt. «Es ist gut daß ich sterbe -- o der
schrecklichen Möglichkeit: daß ich dein Leben vergiften könnte! und
das Meinige wäre mir künftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos
und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekämpft und
wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der
ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken
können. Nicht wahr?» -- Ich reichte ihm still weinend die Hand. «Mach
mich nicht zu weich liebe Eugenia!» fuhr er fort. «Ich habe dir noch
viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschließt und -- ich weis
es -- es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergönnt. Sie sind mir
deswegen um so feierlicher und ich will sie benützen, um einen ewigen
Bund von höchster Wichtigkeit zwischen uns zu schließen. Bist du es
zufrieden? und darf ich ohne Rückhalt mein Herz dir eröffnen? --»

«Ottmars reiner Sinn bürgt mir für Alles!» erwiederte ich tief
gerührt. «Dank für dies beseeligende Vertrauen!» sagte er und drückte
meine Hand an sein Herz. «Ich will es verdienen. Ich will dir alle
meine, in deiner Nähe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate
mittheilen. Sie gründen sich auf eine vieljährige Erfahrung und
Menschenkenntniß; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir
und auf den heißen Wunsch, dich, durch dich selbst recht glücklich zu
machen.» Auf seine Bitte rückte ich näher zu ihm, da ihm das laute
Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete _Gelée_
zur Erfrischung. Während einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete,
wo er mit zurückgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kißen ein wenig zu
schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaßen,
aber männlich schönen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklärung
und ließ ungehindert meinen Thränen freien Lauf. Endlich richtete er
sich mühsam wieder auf und sagte: «Ich fühle mich wieder etwas stärker
und nun laß mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit
nichts mehr verliehren.» Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft
von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser
werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden
aus meinem Gedächtniße hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie
dem möglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden
in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke
vergegenwärtige. Diese Worte bewähren dann jedesmal ihren segensreichen
Einfluß auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend,
zur treuen Erfüllung meiner Gelübde gewähren sie mir.» Eine steinerne
Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen
auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und
beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Säuseln in
den grünen Wipfel, däuchte ihnen wie Geisterwehen; in der ländlichen
Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich
ungestört mit überirdischen Gegenständen beschäftigten. Endlich zog
Eugenia aus einem Brieftäschchen ein Blatt Papier hervor und sagte:
«Hier ist das theure Vermächtnis meines vollendeten Freundes -- Ganz
ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es
mitzutheilen. Mir ist, als wäre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl
mir, wohl mir, daß ich mit einer himmlischen Ruhe mich darüber freuen
und seiner gedenken kann! hier» (sie deutete auf die Brust) «hier ist
es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina!
deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch eröffnen will, gewiß
nichts finden was sie verdammen müßte. Vernimm also die lezten Worte
meines Freundes: Er begann: «Meine Eugenia ist in einem ihr selbst
unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefühle, vereinigt mit
einer Stärke des Geistes, welche mich in dem Entschluß befestigt
~alles~, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich
beschäftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts
würde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewiß,
du vermagst allen meinen Aeußerungen die rechte Deutung und Anwendung
zu geben; so laß mir denn gestehen, daß ich meine Freundin, wie mich
selbst kenne, daß ich durch stille Beobachtung deines ehelichen
und häuslichen Verhältnißes und aus den Producten deines Geistes,
welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Kreiß, in dem
sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Außergewöhnlichen
durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: daß meine Eugenia den Weg
verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns
Männern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden
Loorbeer und auf diesem Pfad blühten ihr nicht die Blumen, welche durch
ihren Duft, den weiblichen Sinn für eigenthümliches Wirken, und für die
ihm verliehenen Genüsse und Freuden empfänglich machen.

Indeßen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwächen, den
dein Anblick bei mir bewürkte und den deine zarte Sorge für mich,
deine traulichen Mittheilungen, deine geäußerten Grundsäze und dein
würdevolles Betragen verstärkten. Die tiefste Achtung gesellte sich
zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste
Mitleid, als ich -- o laß mich, laß mich mein Glück aussprechen, als
ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann
meine Leidenschaft die höchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar würdigte
sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen
unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines
würdigen Gatten wollte ich nicht mißbrauchen, dir meine Eugenia den
sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren.
Ach, nur in ganz glücklichen Augenblicken, wo mich deine Nähe so
unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu
brechen. Gewiß! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkürzt, aber
dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen
Freude bemerkte ich, daß meine Eugenia durch den Schwesterlichen
Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schönen
Eigenthümlichkeit ihres Geschlechts näherte! Wie gerne sah ich,
während mancher, Rührung erregenden Unterhaltung, Thränen in diesem
Auge glänzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine
leicht zu mißbrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief:
so, nur so kann meine Freundin glücklich werden und glücklich machen.
Den zerstörenden Feind in meinem Körper fühlend, wollte ich noch die
wenigen Tage, den süßen Duft der mir heimlich blühenden Blume, eines
stillen verborgenen Glücks, ~alleine~ genießen und durch eine
voreilige Berührung den zarten Kelch mir nicht selbst verschließen;
faßte aber den Entschluß: bei der Annährung meines Todes jene Blume
auch für Andere, vorzüglich für deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.

Der Augenblick ist gekommen!» fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah
mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.

«Der Sterbende -- ich betrachte mich als einen solchen -- muß jede
Hülle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen!
daß ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden!
daß ich diese Liebe mit hinüber nehme in die beßre Welt und dort
sehnsüchtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und
die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde können. Gieb mir den
Trost mit in die bange Sterbestunde, daß auch du mich geliebt hast!» Er
hielt inne und Thränen füllten seine Augen.

Meiner nicht mehr mächtig, sank ich weinend ihm an das Herz. Er drückte
mich sanft an sich und sagte: «O der seeligen Minute! wie versüßt sie
mir den Tod! aber Eugenia, daß sie nie reuevoll uns erscheine, so sey
dies Bündnis unserer Seelen geheiliget durch fromme Vorsätze.

Ich habe deinem Gatten nichts geraubt: denn du hast ihn nicht geliebt!
Mir Glücklichem war dies Gefühl in deinem Herzen aufbewahrt. Aber
Ferdinand ist gut und edel, ist dein Gatte und verdient, daß du ihn
mit inniger, und zärtlicher Achtung zugethan bleibst -- auch deine
Zufriedenheit wird dabei gewinnen und ich werde mich dort freuen,
etwas dazu beigetragen zu haben. Ich scheide -- die Liebe zu mir
wird in deiner Brust einen heiligen Charakter annehmen. Liebe ist
kein Verbrechen, nur die Leidenschaft ist es und verklärte Geister
kennen keine Leidenschaft, und erwiedern sie auch nicht. Liebe ist der
Grundton im Universum. Liebe verbindet die Menschen mit Gott, die Engel
mit den Menschen, die Sterblichen untereinander. Dieses Band Eugenia,
das du ehedem zu verschmähen schienst sollst du ehren und dich damit
schmücken; es ist die schönste Zierde des Weibes. So liebend, darfst
du auch meiner gedenken, als deines treuesten Freundes, als deines
Schutzgeistes. O ich will -- ist es mir vergönnt, immer dich umschweben
und es wird meine Seeligkeit erhöhen, wenn meine Freundin auf den nun
betrettenen Pfad, immer weiter zur Vollendung schreitet; wenn sie die
Pflichten der Gattin in ihrem ganzen weiten Umfange erfüllt, wenn sie
für Anderer Wohl und Weh ein immer gleich offenes Herz darbietet,
und nicht mehr durch kalte Sophisterei die beßern Empfindungen
verdrängt, sondern was die Edlen ihres Geschlechts seyn sollen, als
sanft tröstender, mitfühlender, rettender Genius, unter den Menschen
wandelt.» «O Ottmar!» rief ich tief erschüttert aus, «ich will es!
nimm das feierliche Versprechen, daß ich stets dieser Stunde gedenken
werde. Ja, ich gestehe es dir -- die Liebe zu dir hat mich veredelt und
auch in Zukunft wird sie als stärkender Engel mich begleiten durchs
Leben.» «Heiliger Gott!» sagte er, mich an sich drückend, den schon
matten Blick, in welchem noch einmal Feuer zurückkehrte, gen Himmel
hebend -- «heiliger Gott! wie weise und gütig sind deine Wege! du hast
mich durch mein Leiden veranlaßt, Trost bei guten Menschen zu suchen;
ich habe noch mehr gefunden, Liebe, beglückende Liebe wurde mir zu
Theil! und vergönnt war es mir, einer theuern Seele Wohl und Heil zu
befördern und das der meinigen damit zu begründen. Nun sind wir Eins
hier und dort in der Liebe zu dir und deinen Geboten! und die lezte
Zeit meines Erdenaufenthalts hast du mir guter Gott da angewiesen, wo
sie mir so genußreich verstrich und wo ich schon den Vorschmack deiner
himmlischen Freuden empfand. Wie huldreich und gnädig ist Gott!» -- Mit
diesem frommen Gebet beschloß mein edler Freund seine schöne irdische
Laufbahn.» -- Eugenia faltete hier das Papier zusammen und feierte
stille und mit Thränen, das Andenken dieser schmerzlich süßen Stunde.
Auch Albina war höchst gerührt, wollte aber die Freundin durch keine
Aeußerung in ihren heiligen Empfindungen stören. Nach einer Weile fügte
Eugenia mit zurückgekehrter Fassung noch folgendes jener schriftlichen
Mittheilung bei. «Erschöpft sank Ottmar nach jener Ergießung seines
Herzens auf das Sopha-Kißen zurück, schloß die Augen und preßte
krampfhaft meine Hand. Meine Angst war auf das Höchste gestiegen; ich
suchte die Klingel zu erreichen und sandte die Magd schnell nach dem
Arzt. Er kam und zuckte die Achsel. «Lassen Sie ihren Gatten ruffen,»
sagte er; «unser Leidender wird bald vollendet haben.» Und so war es.
In meinem Arm hauchte er nach einigen starken Athemzügen die schöne
große Seele aus. Diese Hand trocknete ihn den Todesschweis von der
Stirne, diese Hand drückte ihn die Augen zu und ich legte sie auf das
edle Herz, das nun ausgeschlagen hatte und wiederholte im Stillen meine
heiligen Gelübde.

Ferdinand traf ihn nicht mehr bei Leben an und in aufrichtiger Trauer
um unsern Verlust, vereinigten sich an seinem Sarge inniger unsere
Herzen. Ottmars Beerdigung hatte ich angeordnet, da er mir deswegen
seine Wünsche schon mitgetheilt hatte. Würdevoll, aber einfach und
stille wurde sie vollzogen. Seine Uniform und alle theuer erworbenen
Ehrenzeichen schmückten ihn im Sarge; einen blühenden Orangenzweig
legte ich in seine kalte Hand und unter sanften Harmonieen blasender
Instrumente wurde er dem kühlen Schoos der Erde übergeben. An seine
Grabstätte pflanzte ich weise Rosen und oft weilte ich daselbst und
holte mir neue Kraft zur Ausführung frommer Entschlüße. Ferdinand
schien meinen Schmerz, um den mir von ihm selbst Anvertrauten sehr
natürlich zu finden, ohne mehr zu ahnen, vielmehr dankbar dieser
Erscheinung in unserm sonst ziemlich alttäglichen Leben, die Umänderung
meiner Denk- und Handlungsweise zuzuschreiben: da er einen sehr
ruhigen, durchaus nicht zur Eifersucht geneigten Charakter besitzt
und durch meine Umwandlung keinen Nachtheil, sondern für sich und das
Hauswesen die größten Vortheile gewahr wurde; ja immer herzlicher,
immer zufriedener wurde unser Verhältnis: denn ich bemühte mich durch
vermehrte Beweise meiner achtungsvollen Anhänglichkeit an Ferdinand,
die Grundpfeiler unsers ehelichen Glückes zu befestigen und betrachtete
von jezt an, meinen Standpunct als Gattin und Hausfrau als den Höchsten
und Wichtigsten; den Beschäftigungen am Schreibtisch wiedmete ich nur
meine Musestunden. Meine Feder bearbeitete nun ganz andere Gegenstände
als vormals und ich darf nach dem Ausspruch meines Gattens, mich
der süßen Hoffnung überlassen: durch meine kleinen Schriften jezt
mehr Segen und Genuß zu verschaffen und zu verbreiten als ehedem.»
Eugenia endigte hier mit der wiederholten Versicherung: daß ein reines
dankbares Andenken an Ottmar, den Schöpfer ihres wahren innern Glückes,
unvertilgbar in ihrem Herzen wohne, daß sie ihn nicht liebe, sondern
gleich einen Heiligen verehre und sein Bild und seine Wünsche ihr als
Maasstab durchs ganze Leben dienen würde.

«In dieser Gestalt ist die Liebe ein wahrer Schutzengel der
Sterblichen,» sagte Albina, «rein von allen irdischen Mängeln gehört
sie auf solche Weise, wie sie sich dir theure Eugenia genähert hat,
zu den himmlischen Genien, und ohne Vorwurf darfst du dich ihres
beseeligenden Einflußes auf dein Leben freuen, ja ihr noch jezt
huldigen. Wir gewinnen alle dabei! o Dank und Seegen dem Edlen! der
dich für ein segenreiches Wirken in der Welt und für unsere Herzen
gewonnen hat!» «ja Dank und Segen ihm!» versezte Eugenia, und blickte
mit leuchtenden Augen nach der Höhe. «Er hat sich unaussprechlich
verdient um mich gemacht und mit hoher Ruhe folgt ihm mein Geist in
jene Gefilde. -- Die Trennung von ihm war zwar schmerzlich, aber sein
Leben würde für ihn und mich qualvoll seyn, indeß sein sanfter Tod uns
beiden Frieden gab. Aus voller Ueberzeugung ruffe ich mit ihm aus: Wie
huldreich und gnädig ist Gott!» Unter diesen Gespräch hatten sie das
Landhaus erreicht, und Eugenia schickte sich zur Abreise an. Mit heißem
Dankgefühl für das was sie Antonien erzeigt hatte, trennten sich die
Freunde, so wie diese selbst von ihr und wann sich das liebende Paar
in seiner Wiedervereinigung höchst beglückt fühlte: so wurde Eugeniens
Name mit Dank und Rührung genannt.

Antonie kehrte nach Theodors Herstellung auf das Landhaus zurück und
half Albinen eifrig zu ihrer Ausfertigung. Guido's Sehnsucht sprach
sich in jedem seiner feurigen Briefe aus und gerne hätte er dieselbe
durch einen Besuch befriedigt: allein die Entfernung war zu bedeutend
und seine Berufspflichten, welche er mit Eifer und Treue erfüllte,
gestatteten keine lange Abwesenheit. Er hatte sich einen sehr großen
und segensreichen Wirkungskreis selbst gebildet, in welchem er
unermüdet, unendlich viel Gutes stiftete und manche große Tugend übte.
Endlich winkte ihm der Lohn für alle ausgestandenen Leiden sowohl, als
für alle edlen und gemeinnützigen Handlungen, welche seine Tage und
Stunden bezeichneten; und es ergieng der beglückende Ruf an ihn; daß
er kommen und die Heißgeliebte zu sich holen dürfe. Langenheim lud ihn
in einem freundschaftlichen Schreiben ein, mit dem Bedeuten: daß er
in seinem Haus und aus seiner Hand die theure Pflegetochter erhalten
würde. Er kam, und noch nie hat ein glücklicheres Paar seine Vermählung
gefeiert. Die heißeste Liebe, auf die tiefste Achtung gegründet,
von dem Segen der Eltern und dem innigen Antheil treuer Freunde
begleitet, schüttete das Füllhorn ihrer reinsten Freuden auf das Haupt
der Verlobten. William und Fany waren unendlich fröhlich über diese
Begebenheit und unzertrennlich von den Eltern. Die andern Zöglinge
Albinens aber und Aurelia trauerten herzlich über die Trennung von der
geliebten und liebevollen Erzieherin. Cornelia war tief erschüttert als
Albina mit dem überglücklichen Guido, mit den Kindern und Therese in
den Reise-Wagen stieg; und es verstrichen Wochen und Monate, bis sie
das Versprechen ganz erfüllen konnte, welches Albina den Abend vor der
Abreise im Ton der kindlichsten Ehrerbiethung ihr abgenommen hatte:
nemlich Aurelia für ihre Tochter anzusehen und mit dieser vereint das
Wohl der anvertrauten Pfleglinge zu besorgen: denn obgleich durch
Albinens Entfernung, Aureliens Auffenthalt bei Cornelien allen Reitz
verlohren hatte, so hielt es doch diese zartfühlende Seele für ein
großes Unrecht, die ohnehin jezt betrübte Mutter zu verlassen und hatte
Albinen zugesichert: jene noch eine Zeitlang zu unterstützen; denn auf
Antonien konnten sie nicht rechnen. Diese lebte ihrem zärtlichen Freund
und der Sorge für ihre Zukunft, in Verfertigung ihrer von Cornelien
großmüthig bestimten reichlichen Mitgabe von Kleidung und Wäsche.
Nach Jahresfrist wurde auch sie mit Theodor verbunden, bei welchem
fröhlichen Fest Albina mit ihrem Gatten innig theilnehmende Gäste
waren.

Doch ich kehre zu diesen und zu der Zeit zurück, wo sie sich in E*
häuslich niederließen. Albina und Therese begegneten sich in dem
Wunsch: daß diese, jene dahin begleiten möchte. An dem Ort, wo durch
die edelmüthige Freundin, Albinens Lebensglück gegründet wurde, in so
ganz veränderter Lage mit ihr einige Wochen wieder zusammen zu seyn,
mit ihr die Vergangenheit in der Erinnerung daselbst durchleben zu
können: welche erfreuende Aussicht! Auch Therese hofte viel Genuß in
der lezten Beziehung von der Reise nach E* und was sich beide von der
Erfüllung ihres Verlangens im Geist versprochen hatten, gieng alles
in Wirklichkeit über. Mit Hülfe Theresens war Albinens häusliche
Einrichtung bald geordnet und dann ersuchten beide Frauen Guido,
daß er sie in die ehemalige Wohnung Langenheims führen möchte. Nach
eingezogener Erkundigung erfuhr er zu Theresens großer Freude, daß
der gegenwärtige Besitzer der edelmüthige Asseßor Freiberg war, der
sich so verdient um Langenheims gemacht hatte. Durch einen frühern
Briefwechsel, wurde Langenheim benachrichtigt, daß sich der Rath nach
jenem unangenehmen Auftritt in der Session abgefordert hatte und daß er
Willens war, irgend wo Anders eine Anstellung zu suchen. Er versprach
Langenheim, ihn von seinem neuen Auffenthaltsort, wenn er bestimmt seyn
würde in Kenntniß zu sezen: allein es erschien kein Schreiben mehr und
dieser glaubte sich vergeßen. Als nun Therese und ihre Freunde Freiberg
besuchten, erfuhren sie, daß der Tod seiner Gattin ihn die Lust
benommen habe, den ersten Plan auszuführen. Er hatte vorgezogen, in dem
Ort zu bleiben, in deßen Nähe die Hülle seiner Lebensgefährtin ruhte
und hatte es auch Langenheim geschrieben. Da der Brief also verlohren
gegangen seyn mußte und er keine Antwort erhalten hatte, gestund er:
dem Argwohn Raum gegeben zu haben, daß die Glücklichen nicht mehr des
Freundes gedächten, der im Unglück ihnen so viel war. Höchst erfreut
über diesen angenehmen Irrthum, gab er Theresens dringenden Bitten
nach und entschloß sich, mit ihr zurück nach D* zu reisen um den Rest
seiner Tage in ihrer Nähe zu zuzubringen. Hier machten Guido's Eltern,
Langenheims und der Asseßor in der großen Welt eine kleine, innig
mit sich zufriedene Welt aus; und auch Cornelia gehörte in diesen
Cirkel. Freiberg seegnete oft seinen Entschluß: denn ihm waren jezt
theilnehmende Freunde so nothwendig, als Andere sonst seiner in dieser
Hinsicht bedurften. Er war im höchsten Grad trübsinnig geworden und
führte in M* ein einsames, freudenloses Leben. Wie süß war Theresens
edlen Herzen die Hoffnung: dem Redlichen seinen thätigen, segensreichen
Antheil, den er einst an ihrem Schicksal genommen hatte, vergelten zu
können. Ach, für den guten Menschen ist dies eine hohe, eine himmlische
Wonne! Auch Albina und Guido strebten nach diesem reinen Genuß.

Sie suchten nemlich die wackern Gärtnersleute auf, deren
menschenfreundliche Denkungsart Albinen nicht nur das Leben erhielt,
sondern auch demselben durch eine treue und fromme Erziehung die
Kinderjahre hindurch, Werth gab.

Ihre Freude war unaussprechlich, Albinen wieder zu sehen, und zwar
in einer so glücklichen Lage und mit so unverändert dankbaren und
liebevollen Gesinnungen gegen sie. Die Eltern weinten vor herzlicher
Rührung, als sich Albina wie ehedem traulich zu ihnen auf die
Bank sezte, nach allem fragte, sich alles erzählen ließ und die
Hauptabschnitte ihrer nachherigen Lebensgeschichte ihnen mittheilte.
Die Kinder, deren mehrere in Dienste gegangen und nur noch die drei
jüngsten derselben bei den Eltern sich aufhielten, schienen sie nicht
mehr zu erkennen; doch wurden sie bald recht herzlich und gesprächig:
denn Albina hatte sich einen großen Korb nachbringen lassen, welchen
sie geschäftig auspackte und dann jedes reichlich und passend
beschenkte. Auch Vater und Mutter giengen nicht leer aus; allerlei
Bedürfniße der Nahrung wurden befriedigt und die Familie konnte nicht
aufhören zu danken und sich zu freuen. «Ach Vater Paul!» sagte Guido
und umfaßte innig seine Gattin -- «was ist all das gegen dies Kleinod
welches ich euch zu verdanken habe! so lange ich lebe sollt ihr gewiß
an Nichts Mangel leiden und dennoch werde ich meinem Verlangen, euch zu
vergelten, immer nicht Genüge leisten können!» Er hielt Wort, besuchte
häufig mit seiner Albina den Ort ihrer Kindheit und erzeigte ihren
Pflegeltern viel Gutes.


Nach ein paar Jahren kam Edmund von seinen Reisen zurück, erfuhr durch
Paul die Verheirathung Albinens, und ihren Auffenthalt zu M* und fühlte
sich stark genug, mit ruhiger Herzlichkeit sie selbst seines Antheils
versichern zu können. In ihrem Haus und durch die Freundschaft des
edlen Guido wurde ihm manche genußreiche Stunde zu Theil und hier war
es auch, wo sein ehliches und häusliches Glück gegründet wurde. Ein
schneller Tod Corneliens zog nemlich die Auflösung des ohnehin klein
gewordenen Instituts nach sich und Aurelia wurde von ihrem Vater
abgeholt. Doch dieser sollte die geliebte Tochter nicht lange besitzen.
Er befriedigte ihr sehnsüchtiges Verlangen: ihre theure Albina wieder
zu sehen und wollte mit ihr über E* zurückreisen.


Guido und seine Gattin freuten sich innig der lieben Gäste und
wußten ihnen ihren Auffenthalt so angenehm zu machen, daß die dazu
bestimmten Tage zu Wochen wurden. In dieser Zeit lernte Edmund, nun
mit freiem Herzen, Aureliens Vorzüge kennen und eine zärtliche Achtung
und Liebe war die Folge davon. Ach Aurelia hatte auch ihn noch nicht
vergeßen! sie gestand es Albinen mit heißem Erröthen, und des Vaters
Gefallen an dem jungen Mann, erleichterte diesem die Bewerbung um die
liebenswürdige Tochter. Jener gab seine Einwilligung und Aureliens
reines Glück erhielt die Vollendung durch die reizende Aussicht in
Albinens Nähe leben zu können.


Corneliens Tod hatte Albinens kindliches Gemüth tiefbetrübt. Auch
Theodor betrauerte sie herzlich. Ihn hatte die Verstorbene zum Besitzer
des Landhauses ernannt. Bald darauf folgte der damalige Pächter seiner
Herrin in die Ewigkeit nach. Die Stelle mußte ersezt werden und Antonie
wurde dadurch in den Stand gesezt, sich gegen Jacob und seine Familie
dankbar zu beweisen. Mit gänzlicher Beistimmung ihres Gattens wurde er
berufen, das Gut zu pachten und erschien mit Freuden. Sie wurden unter
den für sie vortheilhaftesten Bedingungen angenommen, erfüllten treu
ihre Verpflichtungen und fühlten sich unbeschreiblich glücklich.


Nach zurückgelegten Wanderjahren besuchte Georg Werner seine Verwandte
und holte sich bald darauf sein Bäschen Maria zum Weibe. Sie erhielt
von Antonien eine reichliche Ausstattung. Dies war aber die lezte
Freude, welche sie hienieden genoß. Nach dem zweiten unglücklichen
Wochen-Bette, in welchen sie beidemale von einem todten Knaben
entbunden wurde, führte sie der Tod aus den Armen ihres trostlosen
Gattens, in das Land, wo keine Trennung ist.


Theodor flüchtete sich mit seinen wunden Herzen zu Albinen, gab seine
Stelle am Hof auf und wiedmete sich der Tonkunst. Bei dieser sanften
Muse fand er den kräftigsten Trost. Tragisch, dramatische Werke
verdanken ihm ihre musikalische Bearbeitung. Eugenia hörte von Theodors
traurigem Schicksale und von den Früchten, seiner im Dienst der Wehmuth
stehenden Phantasie. Sie schrieb an ihn theilnehmende Briefe. Wie
liebliche Töne aus der Jugendwelt klangen ihm ihre Versicherungen im
Herzen wieder, und er fand in dem fleißig unterhaltenen Briefwechsel
wahre Beruhigung.


Einem dieser Briefe war ein Schreiben Richards von Steinfels
beigeschloßen, welcher durch den Profeßor von Antoniens Vollendung in
Kenntniß gesezt worden war. Der Brief war folgenden Inhalts:

    Nun, da der Engel, welcher mich einst der Tugend zuführte, in seine
    Heimath zurückgeeilt ist, nun darf ich es wagen, mich dem würdigen
    Manne zu nähern, welchen der kurze Besitz jenes himmlischen Wesens
    beglückte und welcher durch dessen Verlust tief gebeugt wurde. Ich
    darf ihm sagen, daß ich unfähig war, nachdem ich Antoniens Werth
    kennen gelernt hatte, eine andere Verbindung zu knüpfen, daß ich
    ihr Andenken heilig in meinem Herzen bewahrte. Mit Ihnen nun aber
    auch treu den Schmerz um die Verlohrene theilend, kenne ich keinen
    innigern Wunsch für diese Welt: als daß Sie mich werth finden
    möchten, in brüderlicher, gemeinsamer Trauer mit mir Hand in Hand
    die kurze Bahn durchs Leben vollends zu wandeln. Ich stehe ganz
    allein. Meine Eltern weilen, wo Antonie ist. Das väterliche Haus
    habe ich weggegeben, da mir der Auffenthalt in der geräuschvollen
    Stadt nicht zusagte. In einem lieblichen Thal liegt das Gut, deßen
    Besitz ich mir erkauft habe. Hier lebe ich von den Früchten des
    Landes und suche meine Unterthanen zu beglücken.

                       *       *       *       *       *

    Kommen Sie zu mir Freund! bringen Sie Ihre Muse mit; sie liebt
    die ländliche Stille und was Tonkunst, Natur und Freundschaft dem
    Betrübten tröstliches zu biethen vermögen, das wird unser Antheil
    seyn.

    Richard.

Theodor konnte diesen freundschaftlichen Ruf nicht ausschlagen. Er
folgte ihm und fand nie Ursache, es zu bereuen.

Eugenia freute sich schwesterlich, als sie nach und nach aus Theodors
Briefen die Ueberzeugung schöpfte daß die Zeit und sein Verhältnis bei
und zu Richard seinen Schmerz ruhiger gemacht habe. Sie vereinigten
sich endlich zu einer gemeinschaftlichen Kunstthätigkeit. Eugenia
schrieb treffliche Werke für die Bühne, doch alle ernsten und
tragischen Inhalts; denn auch sie hatte durch ihr Geschick eine andere
Ansicht des Lebens erhalten und fühlte sich mehr zur stillen Schwermuth
als zum lauten Frohsinn geneigt, welcher Stimmung sie aber nie die
Herrschaft im Umgange mit ihrem Gatten und ihren Freunden einräumte:
sondern hier eine ruhige, alles beglückende Heiterkeit zeigte. Aber
jene Produckte ihrer Feder sprachen ihren wahren Charakter aus und
diese gehaltvollen Worte sezte Theodor dann in Musiek. So entstanden
mehrere große Opern, welche den Liebhabern des Theaters vielen Genuß
gewährten.


Albina, aber lieber in der wirklichen Welt lebend, wurde eine überaus
treue Mutter von vier eigenen wunderschönen und liebenswürdigen
Kindern; doch empfanden Guido's Sohn und Tochter keine Beeinträchtigung
der mütterlichen Liebe und Sorgfalt durch Jene. Sie schöpften mit
diesen aus der Fülle ihres milden und geistreichen Wesens. Guido fand
den Himmel auf Erden in dem Besitz seiner Albina und wer in ihrer Nähe
lebte, freute sich doppelt seines Daseyns in dem Wiederschein und den
Wirkungen ihrer Tugenden. Auch die alttäglichsten Geschäfte, auch die
gewöhnlichsten Neigungen hatten bei ihr Sinn und Bedeutung und dienten
ihr dazu, die Lebenstage Anderer zu verschönern und ihren eigenen
zarten und tiefen Gefühl, Genüge zu leisten.


So war sie auch ihr ganzes Leben hindurch eine Freundin der Blumen:
denn sie waren ja ihre ersten Gespielen und die Begründer ihres Glücks.
Doch vorzüglich liebte sie unter ihnen diejenigen, welche einst, in
jenem folgereichen Augenblick Langenheim zum Geschenk für seine Gattin
in ihrem Körbchen zusammengesucht hatte; und als sie -- eine würdige
Greisin -- ihr schönes Leben endigte: war, nach ihrem ausgesprochenen
Wunsch, ihr einziger Schmuck ein Strauß von ~Granaten~,
~Nelken~ und ~Jelängerjelieber~, welchen die ihrigen unter
heißen Thränen in ihre kalte Hand legten.



Fußnote:

[* Bei dieser Reisebeschreibung wurde von der Verfaßerin, das
schätzbare Werk, ~Erinnerungen~ von einer Reise in den Jahren
1803-1804-1805. von ~Johann Schoppenhauer~ hie und da benützt.]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Albina das Blumenmädchen" ***

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