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Title: Friedrich v. Bodelschwingh - Ein Lebensbild
Author: Bodelschwingh, Gustav von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Friedrich v. Bodelschwingh - Ein Lebensbild" ***

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                             Friedrich
                         v. Bodelschwingh

                         _Ein Lebensbild_
                               von
                       G. v. Bodelschwingh.


                      Durchgesehene Auflage.

                  Nicht im Buchhandel zu haben.
        Zu beziehen nur vom Pfennigverein der Anstalt Bethel
                      Bethel bei Bielefeld.


                  Alle Rechte, insbesondere das
                  Übersetzungsrecht, vorbehalten.

                 *       *       *       *       *

                  Für die Vereinigten Staaten
                  von Nordamerika: Copyright
                  1922 by Verlag des Pfennigvereins
                  der Anstalt Bethel
                        bei Bielefeld.



Inhalts-Verzeichnis.


  =I.=

  1831-1872.

                                                             Seite

  =I.= Voreltern und Eltern                                      5

  =II.= Die Jugendzeit
    =a)= Coblenz                                                12
    =b)= Berlin                                                 17
    =c)= In der westfälischen Heimat                            29

  =III.= Die Ausbildung
    =a)= Als Eleve im Oderbruch                                 33
    =b)= Als Soldat in Berlin                                   39
    =c)= Als Landwirt in Pommern                                44
    =d)= Als Student
      1. in Basel                                               67
      2. in Erlangen                                            83
      3. in Berlin                                              89
    =e)= Als Kandidat                                           91

  =IV.= Im Amt
    =a)= Paris                                                 100
    =b)= Dellwig                                               124


  =II.=

  1872-1910

  Bethel.

  =I.= Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklung
    =a)= Die neue Heimat                                       157
    =b)= Das Mutterhaus                                        162
    =c)= Die Epileptischen                                     172
    =d)= Die Brüder                                            184
    =e)= Die übrigen Mitarbeiter
      1. Unsere Mutter                                         189
      2. Mutter Emilie und Schwester Lottchen                  194
      3. Wilhelm Heermann                                      202
      4. Pastor Stürmer                                        205
      5. Otto Mellin                                           210
      6. Die Ärzte                                             213
    =f)= Der Anstaltsvorstand                                  217
    =g)= Wachstum nach außen                                   222

  =II.= Neue Aufgaben
    =a)= Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf                      226
    =b)= Der Bau der Zionskirche                               238
    =c)= Arbeiterheim                                          244
    =d)= Das Kandidatenkonvikt                                 255
    =e)= Afrika                                                261
    =f)= Lutindi                                               276

  =III.= Die Ausgestaltung
    =a)= Als Pastor der Gemeinde                               282
    =b)= Frühlingszeit                                         292
    =c)= Gebet, so wird euch gegeben                           311
    =d)= Ruhezeiten                                            325
    =e)= Kaiser Friedrich                                      335
    =f)= Amrum                                                 338
    =g)= Metz, Hunsrück und Ems                                349
    =h)= Tante Frieda                                          351

  =IV.= Herbstfrüchte
    =a)= Die theologische Woche                                356
    =b)= Freistatt                                             362
    =c)= Die Theologische Schule                               369
    =d)= Gastein                                               381
    =e)= Als Abgeordneter in Berlin                            383
    =f)= Das Wanderarbeitsstättengesetz                        392
    =g)= Hoffnungstal                                          396

  =V.= Das letzte Lebensjahr                                   409



Vorbemerkung.


Während der sommerlichen Ferienzeiten, die wir Geschwister vom Jahre
1883 ab mit unseren Eltern an irgend einem stillen Erholungsort
zubrachten, pflegte uns unser Vater Erinnerungen aus seinem Leben zu
diktieren. Sie umfassen die ersten vierzig Jahre seines Lebens und
reichen bis zu seinem Eintritt in die Arbeit in Bethel. Für die
Darstellung der Zeit von 1831-1872 boten mir diese Erinnerungen, die
der Raumersparnis wegen nicht ganz gebracht werden konnten,
wesentlichen Anhalt. Sie erschienen vollständig in der Monatsschrift
„Beth-El”, Jahrgang 1909, 1912-14 und 1918/19. (Verlag des
Pfennigvereins der Anstalt Bethel bei Bielefeld.) Da, wo diese
Erinnerungen im Text wörtlich angeführt sind, sind sie durch
Anführungsstriche gekennzeichnet.



=I.=

1831-1872.

Voreltern und Eltern.


Die Heimat der Familie v. Bodelschwingh liegt zwischen Ruhr und
Lippe im Herzen des westfälischen Industriebezirks, wo heute die
rauchenden Schornsteine den Tag dunkel machen und die grellen
Feuergarben der Hochöfen die Nacht erhellen. Wer jetzt mit dem
eilenden Zuge jenes Gebiet durchreist, der ahnt kaum, daß mitten in
dieser lärmenden, flammenden Welt noch manche stille Zeugen der
alten Zeit stehen. Zu diesen Zeugen gehört auch die ehrwürdige
Wasserburg, die zwei Stunden westlich von Dortmund am Ausgange einer
kurzen, engen Waldschlucht sich aus breitem Wassergraben erhebt. Das
ist Haus Bodelschwingh, dessen Name um die Wende des 12. und 13.
Jahrhunderts zum erstenmal in alten Urkunden auftaucht.

Eine märkische Familie Speeke, die hier wohnte, nimmt um diese Zeit
nach ihrem Wohnsitz den Namen Bolschwich, später Bolschwingh und
Bodelschwingh an. Unter der alten Fehmlinde zu Dortmund, die erst
vor wenigen Jahren dem Bau des neuen Bahnhofes weichen mußte, sollen
Herren aus dem Hause Bodelschwingh forterbend das Gericht der
heiligen Fehme geübt haben. Aber gewiß ist das nicht. Die spärlichen
Urkunden melden nur, daß ein Sohn des Hauses Bodelschwingh im Dienst
des deutschen Ordens ostwärts zog, um sich und seinen Nachkommen im
Baltenlande eine neue Heimat zu gewinnen. Ein anderer fiel im Kampf
gegen die Türken und liegt in Ungarn begraben. Im Dom zu Mainz
findet sich das Grabmal eines Wennemar v. Bodelschwingh mit der
Jahreszahl 1543, der nach den alten Berichten des Domkapitels seinem
fürstlichen Bischof ein treuer Ratgeber gewesen sein muß, und um
die gleiche Zeit meldet das Kirchenbuch der Stadt Elberfeld, daß
Friederike v. Bodelschwingh um ihres evangelischen Bekenntnisses
willen mancherlei Ungemach zu leiden hatte.

Ein Sohn aus dem Hause Bodelschwingh heiratete im Jahre 1633
Felicitas v. Oeynhausen, die wegen ihrer Herzensgüte bei arm und
reich hochgeschätzte Erbin des zwischen Dortmund und Hamm gelegenen
Gutes Velmede. Aus diesem Hause Bodelschwingh-Velmede stammt Ernst
v. Bodelschwingh, der Vater des späteren Pastor Friedrich
v. Bodelschwingh.

Ernst v. Bodelschwingh, geb. 1795, hatte nach seiner Schulzeit die
nassauische Forstakademie in Dillenburg besucht und war dann im
Herbst 1812 zum Studium der Rechtswissenschaften nach Berlin
gegangen. Hier traf ihn im Frühjahr 1813 der Aufruf des Königs
Friedrich Wilhelm =III=. „An mein Volk”. Wenn er sich zu den
preußischen Fahnen meldete, so war damit der elterliche Besitz in
dem damals unter französischer Herrschaft stehenden Westfalen
bedroht, und ein Freund warnte ihn, daß er sich nicht leichtsinnig
um sein Erbe bringe. „Aber”, rief Bodelschwingh aus, „was ist eine
Handvoll Erde gegen mein Vaterland!” und eilte, kaum siebzehn Jahre
alt, nach Breslau. Um aber Eltern und Besitz möglichst zu schützen,
ließ er sich unter falschem Namen in die Liste der freiwilligen
Jäger eintragen.

Er kämpfte in den Schlachten von Groß-Görschen, Bautzen und an der
Katzbach und war bei Leipzig in dem besonders blutigen Ringen des
Yorckschen Korps um das Dorf Möckern. Bei der Verfolgung der
zurückflutenden französischen Armee kam es hinter Freiburg auf den
Höhen über dem Unstruttale zum Gefecht, und hier erhielt der junge
Jägerleutnant, hart über dem Herzen, einen Schuß durch die Lunge. Er
hatte am Tage dem bedrängten Stadtschreiber des Städtchens
Lauchstädt beim Ausschreiben der Quartierzettel geholfen, und dieser
kleine Dienst rettete ihm das Leben. Denn als der Transport der
Verwundeten Lauchstädt passierte, holten der Stadtschreiber und
seine Frau den todesmatten jungen Leutnant, der den Transport bis
Halle an der Saale nicht überstanden haben würde, in ihr Haus. Das
Bett war zu kurz für den fast sechs Fuß langen Kranken. So bekam er
sein Strohlager an der Erde, und sein treuer Bursche Schneeberg --
wie oft hat das später der Sohn des Verwundeten den Pflegern und
Pflegerinnen seiner Kranken erzählt! -- bettete sich zu den Füßen
seines Herrn und sagte: „Herr Leutnant, wenn Sie etwas wünschen,
dann treten Sie nur.” Denn zum Sprechen war der Kranke zunächst zu
schwach.

Die Wunde des jungen Leutnants schloß sich nur langsam, und die alte
Frische wollte nicht wiederkehren. Die Eltern, die nach langem,
bangem Warten endlich die Nachricht des Stadtschreibers erhielten,
machten sich auf den Weg, um ihren Sohn zu holen. Im Angesichte der
Stadt eilte die Mutter dem Wagen voraus und trat unverhofft in die
Stube, wo ihr blasser Sohn in die Kissen gelehnt auf dem Stuhle saß.
Die übergroße Freude ließ das Blut des Kranken aufwallen, sodaß sich
die Wunde aufs neue öffnete. Aber gerade das war der Anfang der
Genesung. Denn aus einem verborgenen Eiterherd kamen Reste der
Uniform zum Vorschein, die bisher die Heilung gehindert hatten.

Freilich blieben die Kräfte noch lange geschwächt. Als 1815 der
Krieg mit Napoleon abermals ausbrach, verweigerten darum die Eltern
ihrem Sohn, sich bei der Truppe zu stellen. Da machte er sich zu Fuß
von Göttingen, wo er studierte, querfeldein auf den Weg nach
Velmede, seiner Heimat. „Mutter, ich kann wieder marschieren,” so
trat er ins Zimmer und erkämpfte sich die Erlaubnis der Eltern.

An dem Tage, wo er von Unna aus zur Armee aufbrach, erlitt dicht vor
Unna das Gefährt zweier junger Mädchen, der beiden Schwestern von
Diest, die denselben Weg zum Rhein reisen wollten, einen Unfall. Die
Pferde hatten gescheut, der Kutscher war schwer verwundet, und so
blieb den beiden nichts anderes übrig, als zur Weiterreise den
Postwagen zu nehmen. Das war derselbe Weg und derselbe Wagen, den
auch der junge Leutnant v. Bodelschwingh benutzen mußte, um die
Truppe zu erreichen. So lernte Ernst v. Bodelschwingh in einer der
beiden Schwestern seine spätere Lebensgefährtin, Charlotte v. Diest,
kennen, und durch diesen Unglücksfall wurde der Grund gelegt zu
einer Ehe, durch die ein Strom von Glück über ungezählte
Unglückliche kommen sollte.

So spärlich die Nachrichten über die Bodelschwinghs fließen, so reich
sind sie andrerseits über die Familie v. Diest. Über Ort und Gau der im
Jahre 838 zum ersten Male erwähnten deutsch-niederländischen Stadt Diest
erwarb Otto v. Diest im Jahre 1090 das Herrschaftsrecht und wurde zum
Stammvater eines Hauses, dem die Herzöge von Brabant und Flandern und
manche andere alte und berühmte niederländische Geschlechter ihre
Töchter zu Frauen und ihre höchsten Ämter zur Verwaltung gaben. In
Münster, Lübeck, Utrecht und Straßburg finden wir Bischöfe v. Diest; und
Arnicus v. Diest, der in seiner Einsiedelei als „ein Freund Gottes”,
aber auch als Freund der Tiere, Kinder und Kranken lebte, wurde um das
Jahr 1200 heilig gesprochen.

Früh bekannte sich die Familie zum evangelischen Glauben. Johann
v. Diest, Prediger zu Antwerpen, wurde 1571 von seinem Krankenbett zum
Scheiterhaufen geführt, und sein Sohn wurde auf dem Heimwege von der
Synode in Dordrecht 1583 aufgegriffen und in einem Sacke ertränkt.
Schließlich konnten sich die Evangelischen der belgischen Niederlande
nur noch durch die Flucht ihren Verfolgern entziehen; und so finden wir
von jetzt ab die Familie v. Diest im kurbrandenburgischen Staatsdienst
oder, wie einst auf den Bischofsstühlen, so jetzt auf evangelischen
Kanzeln und Lehrstühlen der rheinischen Städte. Samuel v. Diest,
Professor der Theologie und Philosophie an der Universität Duisburg,
trat als ein entschlossener Kämpfer für den Frieden der in bitterem
Streit liegenden Lutheraner und Reformierten hervor, „um gegenseitige
Duldung und brüderliche Gesinnung herbeizuführen, welche vor allem auch
bis zur Gemeinschaft des Wortes und Sakramentes gehen müßte”. Und doch
blieb solche edle Weitherzigkeit bei den Diests frei von feigem
Nachgeben. Denn als der preußische Resident v. Diest in Cöln im Jahre
1714 von den dortigen Studenten durch Gewalt an der Abhaltung
evangelischer Versammlungen in seinem Hause verhindert werden sollte,
wandte er sich an König Friedrich Wilhelm =I.=, der mit zähem Nachdruck
sich hinter seinen Residenten stellte und Kur-Cöln zum Nachgeben zwang.

Eins der wenigen übriggebliebenen Glieder dieses alten Geschlechts
war der Tribunals-Präsident Heinrich v. Diest, der erst in Cleve,
dann in Burgsteinfurt gelebt hatte. Er und seine Frau aber waren vor
und während der Freiheitskriege gestorben und hatten ihre Kinder in
bescheidenen Verhältnissen zurückgelassen. Zu diesen Kindern
gehörten auch jene beiden jungen Mädchen, Charlotte und Angelie
v. Diest, mit denen Ernst v. Bodelschwingh in Unna zusammentraf und
von denen die ältere später seine Frau wurde.

Nach seiner Rückkehr aus dem Feldzuge vollendete Ernst
v. Bodelschwingh sein Studium und arbeitete als Referendar in
Arnsberg, Berlin und Münster. Die Ferienzeiten aber führten ihn
immer wieder zurück ins Elternhaus nach Velmede.

Nur anderthalb Stunden von dem väterlichen Gute entfernt lag
Kappenberg, der Wohnsitz des vielleicht besten deutschen Mannes des
ganzen Jahrhunderts, des Reichsfreiherrn vom Stein. Sein Auge fiel
auf den jungen Referendarius, und Stein zog ihn in seine Nähe. So
kam eine Freundschaft zustande, die bis zum Tode des Reichsfreiherrn
anhielt und die für Leben und Amt Ernsts v. Bodelschwingh die größte
Bedeutung gewann.

1822 wurde er zum Landrat des Kreises Tecklenburg ernannt. Das
Landratsamt in dem Städtchen hatte keine geeignete Wohnung. Aber
die Witwe des früheren Landrats, Frau v. Diepenbrock-Grueter, die
dicht unterhalb der Stadt Tecklenburg in Haus Mark wohnte, bot
einen Teil des Hauses zur Wohnung an. So konnte denn der Landrat
sein „Lottchen”, wie er zeitlebens seine Frau nannte, heimführen.
Die junge Landrätin war freilich ihrer Schwiegermutter keine
willkommene Tochter. Die alte Frau v. Bodelschwingh stammte aus
dem Hause Plettenberg, das einst dem deutschen Ritterorden in Hans
v. Plettenberg einen seiner größten Ordensmeister gestellt hatte.
Sie war bei kleinem, zartem Körper eine stolze und sehr
willenskräftige Natur. Im Stillen hatte sie sich eine der Töchter
des Freiherrn vom Stein an die Seite ihres ältesten Sohnes
gewünscht. Darum blieb sie lange Zeit ihrem Sohne gram, obwohl er,
wie sie selbst sagte, ihr niemals Kummer gemacht hatte. Namentlich
aber mußte ihre Schwiegertochter viele Jahre hindurch unter
schwerer Zurücksetzung leiden. Doch die junge Landrätin trug es
still und gewann dadurch das Herz ihrer Schwiegermutter in einer
Weise, daß die alternde Frau schließlich niemand lieber um sich
hatte als ihr „Lottchen”. „Kinder, vergeßt es nie, was ihr für
eine Mutter habt!” rief sie einmal ihren Enkeln zu. Und als es zum
Sterben mit ihr ging, war es wiederum ihre Schwiegertochter, der
sie ihr ganzes Herz ausschüttete, wie ein Beichtkind dem
Beichtvater, und von der sie sich Trost und Stärkung holte für den
letzten Gang.

Ihr Mann, der „Franzherr”, wie ihn seine Leute nannten, war ihr im
Tode längst vorangegangen. Er war ein Mann von gewissenhafter Treue
und größter Herzensgüte. Das Gut war zum Teil verpachtet, und der
Pachtzins mußte jährlich in bar bezahlt werden. Ein Pächter, der in
jenen schweren Zeiten die Summe nicht rechtzeitig hatte aufbringen
können, kommt zum Gutsherrn, um ihn um Stundung zu bitten. Der weist
ihn an seinen Rentmeister, dem die Einkassierung des Pachtgeldes
oblag. Dieser aber bleibt hart. So kehrt der bedrängte Pächter zum
Gutsherrn zurück und bittet ihn, ihm das Geld vorzustrecken, damit
er es dem gestrengen Rentmeister zahlen könne. Der Franzherr gibt
ihm das Geld, und der Pächter trägt es zum Rentmeister hinüber. Aber
der findet unter der Summe ungängige Münzen und lehnt sie ab. Und
noch einmal kommt der Pächter zu seinem Herrn, um sich die
gewünschten Münzen einzutauschen und so mit dem Gelde seines eigenen
Pachtherrn die Pacht zu bezahlen.

Die Landrätin in Tecklenburg, seine Schwiegertochter, hatte nach
einer beängstigenden Nacht eines Morgens zu ihrem Mann gesagt: „Ich
weiß nicht, warum ich so unruhig bin, ich glaube, unserm Vater geht
es nicht gut.” Noch denselben Morgen kam ein reitender Bote mit der
Nachricht, daß der Vater krank sei. Sofort warf sich der Landrat
aufs Pferd. Aber als er Velmede erreichte und die Magd, die ihm
begegnete, fragte: „Wie geht es dem Vater?” sagte sie nur: „Der ist
eingegangen zu seines Herrn Freude.” Der Sohn dieses Vaters aber,
der Landrat von Tecklenburg, stand mit gleicher Treue und mit großer
Umsicht in seinem Amt. Noch nach Jahrzehnten haben die Augen der
Tecklenburger geleuchtet, wenn der Name ihres ehemaligen Landrats
genannt wurde.

Der Osten Deutschlands hatte in den Jahren 1813-15 den großen
Frühling vaterländischen Erwachens erlebt. Jetzt erlebte der Westen
ein neues Erwachen des alten Glaubens der Väter. Statt des
Rationalismus, der keinen Menschen mehr befriedigte, wurde der
Geschmack an dem Evangelium lebendig. Auf vielen Kanzeln erstanden
Männer, die den sehnenden Herzen und Gewissen den Sünderheiland
predigten.

Die Kirche in dem Städtchen Tecklenburg blieb freilich von diesem
neuen Frühlingshauch unberührt; aber im benachbarten Lengerich
spürte man ihn und drüben in dem kleinen Walddorf Ledde, nur eine
kurze Stunde von Haus Mark entfernt. So sehen wir auch die
Tecklenburger Landrätin mit ihrem Mann in Ledde unter der Kanzel des
feurigen jungen Predigers Walter wie auch in Lengerich, wo Pastor
Smend stiller, aber auch tiefer von dem neuen Leben erfaßt war.

Fünf Kinder hatte sie ihrem Mann geboren, und jetzt, wo sie ihr
sechstes Kind erwartete, war es für sie eine Zeit, wo ihr Herz unter
dem Wehen des Geistesfrühlings mehr als je in Sprüngen ging und ihre
Liebe zu dem, der sie zuerst geliebt hatte, besonders hell brannte.
Nie vorher hatte sie einem ihrer Kinder mit solcher Freudigkeit und
Sammlung des Herzens entgegengesehen. So kam der 6. März 1831 heran.
Es war ein Sonntag. Die Hausgenossen waren zur Kirche gegangen. Die
Landrätin hatte still für sich eine Predigt des Württembergers
Hofacker gelesen. Nun weihte sie das Kind, das sie erwartete, noch
einmal, wie sie es früher schon getan, ihrem Herrn zum Eigentum und
Dienst. Am Abend desselben Tages hielt sie ihren kleinen Friedrich
in den Armen.



Die Jugendzeit.

Koblenz. 1832-1842.


Zwei Monate später mußte die Familie v. Bodelschwingh ihr
liebgewonnenes Tecklenburger Land verlassen. Es ging dem Rheine zu
nach Cöln, wohin der Landrat als Oberpräsidialrat versetzt worden
war. Noch in demselben Jahre wurde er Regierungspräsident von Trier.
Von hier schrieb später seine Frau an ihre Schwester: „Von Fritz
läßt sich nur sagen, daß er ein recht aufgeweckter Junge ist und das
Soldatenspiel so fleißig übt, als wenn es ihm damit schon ein großer
Ernst wäre.” Und der kleine Fritz selbst erinnerte sich aus dieser
Zeit an die großen Taubenschwärme, die um die Porta Nigra, das
uralte Römertor, flogen, und -- an den Sarg, in welchem sein kleiner
Bruder Ernst lag. „Die Kränze,” so erzählte er, „hüllten den Sarg
ein, die Lichter brannten, und als der Sarg aufgehoben wurde, da war
es mir, als würde er gradeswegs in den Himmel getragen.” So nah und
dicht ragte dem Kinde unter der Unterweisung der treuen Mutter die
unsichtbare Welt schon damals in die sichtbare hinein.

Dann, 1834, kam die Ernennung des Vaters zum Oberpräsidenten der
Rheinprovinz, und der kleine Fritz weiß noch, wie eines Tages die ganze
Familie auf der „Eiljacht” moselabwärts von Trier nach Koblenz fährt.
„Koblenz”, so erzählt er später, „wie freundlich blickst du aus
Kindheitstagen mich an! Wie haben die schönen Fluten der Mosel und des
herrlichen Rheinstroms, in denen ich schwimmen lernte, wie haben die
schönen Berge, in die so mancher fröhliche Weg uns hineinführte, mich
erfreut und erquickt! Aber ganz besonders traut bleibst du mir, alte
Wohnung in der Oberpräsidium-Straße! Welch ein Kinderparadies warst du
für uns! Welche Schätze mancherlei Art, gruselige und heitere, botest du
uns dar: einen großen Flur, wo wir nach Herzenslust unsere Kreisel
treiben konnten, eine unbeschreiblich gemütliche Wohnstube, wo die
Mutter in allen Anliegen aufgesucht werden durfte; ein Hinterhaus nach
dem Garten zu, wo unser Hauslehrer wohnte und wir zu arbeiten hatten,
dazwischen ein langer, langer Gang mit einer Glastür, durch die es auf
die Rumpelkammer des Hauses mit ihren altertümlichen Truhen ging und von
da auf einen langen Boden, wo wir unsere Mäusefallen aufstellten. Vom
Ende dieses Bodens aber, das war unser Geheimnis, gelangten wir durch
ein losgelöstes Brett mittels eines kühnen Sprunges auf den Heuboden des
Kutschers Franz. Kein schöneres Spiel, als hier von oben nach unten
Kobolz zu schießen oder, was noch viel schöner war, oben in der
verborgensten Ecke des Heubodens sich ein Häuschen zu bauen. Da wurden
die schönsten Geschichten erzählt. Und, o Wonne, wenn es nun gar am
Schloß rappelte und Kutscher Franz den Heuboden betrat! Da hielten wir
alle den Atem an, bis er mit seiner Tracht Heu wieder verschwunden war.

Aber einmal, als wir Kinder an der Glastür vorbeikamen, klopfte es
von innen, und oben durch die Scheiben guckte ein Kerl. Eigentlich
war es gar kein Kerl, sondern ein alter Hut, der oben auf der
Rumpelkammer gelegen hatte und der nun auf einem mit einem weißen
Tuche behangenen Stocke in die Höhe gehalten wurde. Natürlich ein
furchtbarer Schreck der kleinen Gesellschaft und Fersengeld, was nur
die Füße laufen wollten. Was half es, daß der Bruder Ludwig die Tür
aufmachte und lachend den alten Hut auf dem Stocke zeigte. Der
Schreck blieb nun einmal. Und so oft der Spaß wiederholt wurde in
wechselnden Gestalten, die durch das Fenster guckten, -- bald war es
eine große ausgestopfte Puppe, bald ein ausgehöhlter Kürbiskopf --
die Furcht vor der Glastür verlor sich nicht.

Ganz besonders schön war unser Garten, der in zwei Terrassen zur
alten, dicken Stadtmauer hinunterführte. In dieser Mauer legten wir
unsere Räuberhöhlen an und bargen unsere selbstgeschnitzten Waffen
darin: Säbel, Pistolen, Streitäxte, Bogen und Pfeile. In der Mitte
des Gartens lief eine Allee von Linden, in deren prachtvoll
verschlungenen Kronen wir Kinder manche Stunde zubrachten. Von allen
Obstbäumen bleibt der große Birnbaum oben rechts in der Ecke des
Gartens besonders unvergeßlich. Er trug so treu jedes Jahr mehrere
Waschkörbe voll Birnen, daß der Tag, an dem wir ihn abernteten,
jedesmal ein Familienfest war. Hinter dem Birnbaum war ein
Himbeerbeet, das beliebteste Versteck, wenn wir Anschlag spielten.
Unten im Garten aber hing an vier Balken eine lange Schaukel, auf
der wir Kinder alle zugleich Platz hatten. Oben links in der Ecke
stand eine Geißblattlaube, wo so manches Mal unser Vesperbrot
verzehrt wurde, und an der Mauer waren die prachtvollsten weißen und
blauen Weintrauben. Das alles genossen wir nicht allein, sondern mit
treuen Spielgefährten zusammen, die sich täglich bei uns
einstellten.

Besonders reich wurde unser Leben, als der Vater noch einen Garten
am Rhein hinzukaufte, dem Dörfchen Pfaffendorf gegenüber. Diesen
Garten, der unser eigentlicher Gemüse- und Obstgarten war, halfen
wir Kinder bepflanzen und bestellen. Wir konnten alle klettern wie
die Katzen. Darum war es uns auch ein Kleines, über den hohen
Gartenzaun zu kommen. Als das aber der Vater erfuhr, verbot er es
uns, damit wir es andern Kindern nicht vormachten. Wir sollten
fortan immer den Schlüssel mitnehmen und nur durch die ordentliche
Tür aus- und eingehen.

Nun hatten mich einmal die Geschwister, als sie kurz vor Mittag nach
Hause gingen, aus Versehen in dem Garten eingeschlossen in der
Meinung, ich sei schon voraus, während ich ganz vertieft hoch in den
Zweigen eines Kirschbaums saß. Plötzlich merkte ich, daß alles still
um mich her war. Ich stieg vom Kirschbaum und stand alsbald vor der
verschlossenen Tür. Es wäre mir ja ein kleines gewesen, über den
Gartenzaun hinüberzuklettern, wie ich dies schon oft getan hatte.
„Aber der Vater hat es ja verboten”, so hieß es in meinem Herzen. Da
mein Rufen nichts half, legte ich mich schluchzend auf die Bank in
der Gartenlaube, die ganz von Gebüschen eingeschlossen war. Eine
Nachtigall, die dort in dem Busch ihr Quartier hatte, kam ganz
zutraulich auf den Tisch geflogen, der vor der Bank stand, auf der
ich endlich über meinen Tränen einschlief.

Inzwischen war zu Hause große Unruhe gewesen. Die Geschwister hatten
gesagt, ich müsse gewiß schon vor ihnen aus dem Garten gegangen
sein. Und wenn sie mich doch vielleicht eingeschlossen hätten, so
wüßte ich ja, daß ich zu Mittag zu Hause sein müßte, und wäre gewiß
über den Zaun gesprungen. So hatte man mich denn überall gesucht,
nur da nicht, wo ich zu finden war. Da, mit einemmal, hörte ich mich
beim Namen rufen. Der Vater stand vor mir und sagte: „Mein Sohn, wie
konntest du uns das antun?” Ich antwortete, aufs neue in Tränen
ausbrechend: „Vater, du hast es uns doch verboten, über die Mauer
zu klettern.”

Sehr lebhaft stehen mir noch die schweren Erkrankungen meines Vaters
in Erinnerung. Zweimal lag er in Koblenz an seiner durchschossenen
Lunge todkrank, beide Male an Lungenentzündung. Das eine Mal kam es
so weit, daß die Ärzte ihn aufgegeben hatten. Es war spät am Abend,
da holte uns die Mutter alle herein in das vermeintliche
Sterbezimmer. Wir Kleinen nahmen mit heißen Tränen vom lieben Vater
Abschied, der noch in der Nacht das heilige Abendmahl empfing.
Nachdem die Mutter uns zu Bett gebracht hatte, suchte sie, wie sie
mir später erzählte, eine verborgene Stelle auf, legte sich dort auf
ihr Angesicht und bat Gott um ein ganz gehorsames Herz, mit dem sie
sagen könne: „Herr, dein Wille geschehe!” So hielt sie lange an mit
Beten und Rufen, bis es endlich ganz still in ihr wurde und sie ihr
Jawort geben konnte zu dem Opfer, das sie bringen sollte. Kaum aber
hatte sie in ihrem Herzen das Opfer vollbracht, da war es ihr, als
bekäme sie einen freundlichen Zuspruch: „Nun sollst du ihn noch
einmal behalten.” Und siehe da, wie sie von leiser Hoffnung getragen
in das Krankenzimmer zurückkehrt, da merkt sie, daß der
eigentümliche Schweiß eingetreten ist, der eine Wendung zur Genesung
ankündigt. Noch ganz deutlich habe ich das glückliche Angesicht der
Mutter vor Augen, wie sie sich morgens über unser Bett neigte und
uns Kleinen mit der Freudenbotschaft begrüßte: „Liebe Kinder, der
Vater wird wieder besser.”

War es bei dieser Krankheit oder bei der vorhergehenden, das weiß
ich nicht mehr gewiß, aber das weiß ich, daß ich oftmals auf dem
Bette des Vaters saß, als er in der Genesung begriffen war, und daß
er ein kleines Buch in der Hand hatte, aus dem er mir den ersten
Leseunterricht gab. Auch meine älteren Geschwister hatten alle aus
demselben kleinen Buch lesen gelernt. Es enthielt zugleich den
ersten Religionsunterricht in kurzen Sätzen mit lauter einsilbigen
Wörtern und fing an: ‚Mein Kind, Gott ist sehr gut, er hat dich sehr
lieb.’”

Treue Hauslehrer -- einer von ihnen kam, von Zeller empfohlen, aus
der Anstalt Beuggen am Rhein -- setzten den Unterricht bei dem
kleinen Friedrich und seinen Geschwistern fort. Sie waren auch die
Begleiter der heranwachsenden Kinder bei den schönen Wanderungen den
Rhein aufwärts bis ins Nahetal oder den Rhein abwärts in die
westfälische Heimat zu der zwar gefürchteten, aber doch zugleich
innig geliebten Großmutter. Vorübergehend wurde auch die
Bürgerschule von Koblenz besucht und auf dem Heimweg zwischen der in
ein katholisches und ein evangelisches Lager geteilten Schuljugend
manch heißer Strauß ausgefochten.

Vornehme Gäste kamen ins Oberpräsidium, auch der preußische
Kronprinz und die Kaiserin von Rußland. Aber die Mutter blieb
dieselbe schlichte Frau und wurde es noch immer mehr. Einmal, als
die Köchin erkrankt war und die zum Diner geladenen Gäste nicht mehr
abbestellt werden konnten, auch keine andere Hilfe sich zeigte,
blieb sie in der Küche und besorgte das ganze Essen, ohne sich ihren
Gästen zu zeigen.

Unvergeßlich blieb auch ihren Kindern, was sie von ihrer Reise nach
Berlin erzählte, wo ihr Mann, der zur Huldigungsfeier des Königs
Friedrich Wilhelm =IV.= an den Hof gerufen worden war, abermals an
Lungenentzündung krank lag. Als sie mit der Post bis Cassel gelangt
war, hieß es: „Zwölf Stunden Aufenthalt.” Das war keine Kleinigkeit
für die um ihren todkranken Mann geängstete Frau. Da ihr ein Paar
Schuhe fehlten, machte sie sich auf den Weg in die Stadt. Die
prunkenden Läden liebte sie nicht, und so suchte sie eine Nebengasse
auf, in der sie das Schaufenster eines Schusters fand, mit einem
einzigen Paar kleiner Schuhe besetzt. Sie trat ein und fand darin
das vergrämte Gesicht einer Frau. Sie merkte gleich, daß sie die
Schuhe kaufen mußte, ob sie ihr paßten oder nicht, und fragte
teilnehmend, warum denn nur ein Paar Schuhe übriggeblieben seien. Da
kam es heraus, daß der Mann an der Schwindsucht darniederliege und
nicht mehr arbeiten könne. Bald saß die Oberpräsidentin am Bette des
Kranken. Nachdem sie unten im Laden die Frau erfreut hatte durch den
höchsten Preis, den sie irgend für die Schuhe anbringen konnte,
erquickte sie nun vollends den Mann aus dem reichen Schatz ihres
Herzens und stärkte ihn für seinen Weg aus der Zeit in die Ewigkeit.
Darüber wurde ihr eigenes sorgenvolles Herz, das durch den langen
Aufenthalt in doppelte Unruhe gebracht war, still. Und als sie nach
zwei Tagen in Berlin ankam, fand sie ihren Mann schon auf dem Wege
zur Genesung. Gerade in der Stunde, wo sie am Bette des armen
kranken Schusters in Cassel gesessen hatte, war die Krisis
eingetreten.

Solche Erfahrungen machten es immer mehr zu ihrem inneren Besitz und
Grundsatz, durch keine Verlegenheit verlegen zu werden und durch
keine Verdrießlichkeit verdrossen. „Es ist alles gut, was wir nicht
selbst verschuldet haben”, pflegte sie oft zu sagen; und wo etwas
besonders Schweres kam, sagte sie: „Gott hat gewiß etwas besonders
Gutes damit im Sinn.” Darin war sie vollkommen eins mit ihrem Mann,
der von Natur noch glücklicher veranlagt war als sie und an dem
alle, die mit ihm in Berührung kamen, mit einer unbegrenzten Liebe
emporsahen.

Schon ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt schrieb Professor
Clemens Perthes in Bonn: „Ich fand in Koblenz viel verändert; statt
des alten guten, aber schwachen P. einen jungen überaus kräftigen
Mann als Oberpräsidenten, der mit eigener Hand überall eingriff und
schon ein gutes Maß Schmutz aus dem alten Schlendrian aufgewühlt
hat. Bodelschwingh ist aus Vinckes Schule, ebenso kräftig und
sorgsam, aber gewiß viel besonnener als dieser, dabei von einem
schönen, männlichen Äußeren, Meister in allen körperlichen Übungen,
Ritter des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Durch sein einfaches
Auftreten paßt er ganz vorzüglich für die Rheinlande, denen wohl
nicht leicht ein größerer Verlust zugefügt werden könnte, als wenn
der Oberpräsident wirklich, wie es heißt, Finanzminister werden
sollte. Es muß eine Lust sein, unter Bodelschwingh zu arbeiten.” In
der Tat gelang es der hingebenden Treue und Umsicht Bodelschwinghs
im Bunde mit seinen von ihm hingerissenen Mitarbeitern, die
rheinische Provinz, um die Frankreich mit so heißen Bemühungen
geworben hatte, wieder fest mit dem Mutterlande zu verknüpfen.

Auch die Verhaftung des Cölner Erzbischofs von Droste-Vischering,
die er infolge des Mischehen-Streites auf Befehl der Krone
persönlich zu vollziehen hatte, konnte dem evangelischen Mann das
Vertrauen der meist katholischen Rheinländer nicht entziehen. So
tief waren alle trotz unvermeidlicher sachlicher Differenzen von der
Rechtlichkeit seiner Person überzeugt.


Berlin. 1842-1848.

Nach achtjähriger Tätigkeit in Koblenz wurde Ernst v. Bodelschwingh
1842 zur Leitung des Finanzministeriums nach Berlin berufen. Er
hatte eigentlich schon damals das Ministerium des Innern übernehmen
sollen, den wichtigsten Posten im preußischen Staate, doch hatte er
es beim König durchgesetzt, ihm das Finanzministerium zu geben, dem
zu jener Zeit noch außer den eigentlichen Finanzfragen ein großer
Teil der Aufgaben unterstellt war, die später von dem Ministerium
des Handels und der öffentlichen Arbeiten erledigt wurden. Die
Erfahrungen als Landrat und in den verschiedenen Ämtern der
Rheinprovinz hatten ihm gerade diese praktischen Gebiete besonders
vertraut gemacht. Aber das Losreißen in Koblenz war sauer. Und nicht
nur dem Oberpräsidenten wurde der Abschied von seiner ihm so ans
Herz gewachsenen Provinz schwer, sondern auch seiner ganzen Familie.
Der Rhein hatte es ihnen allen angetan. Und als der damals
elfjährige Friedrich längst zum Mann und Greis geworden war, hörte
man ihn noch manchmal vor sich hinsummen:

    An den Rhein, an den Rhein,
    Zieh' nicht an den Rhein,
    Mein Sohn, ich rate dir gut.
    Da geht dir das Leben so lieblich ein,
    Da blüht dir so freudig der Mut.

    Siehst die Mädchen so frank
    Und die Männer so frei,
    Als wär's ein adlig Geschlecht.
    Gleich bist du mit glühender Seele dabei,
    So dünkt es dich billig und recht.

Während der Vater mit den älteren Kindern schon nach Berlin vorausgeeilt
war, reiste die Mutter mit den jüngeren Geschwistern hinterher. Schon
seit Jahren war Karl, der um zwei Jahre ältere Bruder Friedrichs,
leidend, und der kleine Friedrich hatte während der Reise nicht nur den
Kanarienvogel, der in seinem Käfig an der Decke des Wagens hing, und die
Meerschweinchen, die in einer Kiste mitgeführt wurden, zu versorgen,
sondern auch als Krankenpfleger dem leidenden Bruder Handreichungen zu
tun. Nach zehntägiger Fahrt in der Postkutsche wurde die neue Heimat
erreicht und das Finanzministerium, das bis heute, wenn auch in
veränderter Form, auf demselben Platze am Kastanienwäldchen steht,
bezogen.

Von da war es ein kurzer Weg zum Joachimstalschen Gymnasium in der
Burgstraße jenseits des Lustgartens. Die Aufnahme ging glatt
vonstatten. Aber als es vom Lateinischen zum Griechischen vorwärts gehen
sollte und das Gymnasium mit den außerordentlichen Ansprüchen an höchste
Leistungen auf dem Gebiete der klassischen Sprachen auch an den kleinen
Quartaner und Tertianer herantrat, da bedurfte es der größten Anspannung
der Willenskraft, um das geforderte Ziel notdürftig zu erreichen. Erst
nach zwei Jahren gab es ein Aufatmen. Statt des Finanzministeriums
übernahm der Vater das Kabinettsministerium und im Jahre darauf außerdem
auch noch das Ministerium des Innern. Damit war ein Wohnungswechsel
verbunden, erst in die Wilhelmstraße, dann in die Straße Unter den
Linden. Jetzt war der Weg zum Joachimstalschen Gymnasium zu weit
geworden, und Friedrich bezog mit seinen Brüdern das damals in der
Kochstraße gelegene Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Mit wachsender Lust,
unter verständnisvollen Lehrern, ging es an die Arbeit, und lange,
nachdem er die Schule verlassen hatte, verfolgte ihn das Heimweh nach
den Bänken seines lieben Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.

In der Freizeit wurde, wie einst in Koblenz, geturnt, geschwommen,
gerudert und Schlittschuh gelaufen. Jetzt kam auch das Reiten hinzu.
Einmal freilich setzte Cora, das Reitpferd seines Vaters, den jungen
Friedrich im Tiergarten ab und trabte ohne ihn durch das
Brandenburger Tor nach Hause. Von den älteren Brüdern lernte er das
Fechten, das er so lieb gewann, daß er bis zum Jahre 1854 sich nicht
von seinem doppelten Fechtzeug mit Rapier, Schutzhaube und Bandagen
trennen konnte. Und zeit seines Lebens führte er über seinem rechten
Auge einen Denkzettel mit sich in Gestalt einer Narbe, die ihm sein
kleiner Bruder Ernst geschlagen hatte. Seiner Überlegenheit sicher,
hatte der ältere Bruder, ohne sich durch Bandagen zu schützen, dem
jüngeren das scharfe Rapier in die Hand gedrückt, und dieser, nicht
faul, hatte ihm im kühnen Dreinschlagen den Hieb gerade über dem
Auge beigebracht.

Bald kam auch das edle Weidwerk hinzu. Der König hatte seinem
Minister für die Stunden der Erholung vor den Toren Berlins ein
Jagdgebiet zur Verfügung gestellt. So liefen denn die Söhne hinter
dem Vater her, erst um das geschossene Wild zu tragen, dann um auch
selbst die Flinte in die Hand zu nehmen. Auf Hasen und Hühner wagte
Friedrich den Schuß, aber auf den Rehbock nur ein einziges Mal. Die
Augen des verendenden Tieres hatten es ihm angetan. Seitdem konnte
er nicht wieder darauf anlegen.

Noch größer waren die Freuden der gemeinsamen Wanderungen mit dem
geliebten Vater oder auch allein mit den Brüdern und Freunden. Dem Vater
waren von Jugend auf weite Märsche Lust und Erholung gewesen. Noch vor
den Freiheitskriegen war er einmal von Berlin nach Westfalen zu Fuß
gegangen. Zugleich mit der Post hatte er Berlin verlassen, und eher als
die Post hatte er die Heimat erreicht. Später, als Student in Göttingen,
war er in einem Tage auf den Brocken gegangen, hatte dort am andern
Morgen den Sonnenaufgang erlebt und war noch am selben Abend wieder in
Göttingen gewesen. Zehn Meilen hin, zehn Meilen zurück, d. h. etwa
150 Kilometer in zwei Tagen. Als Referendar war er sogar einmal in elf
Wochen von Westfalen durch Süddeutschland und die Schweiz an die
oberitalienischen Seen bis Mailand gewandert und wieder zurück, ohne
irgend ein Gefährt unter den Füßen zu haben als nur auf den
schweizerischen und italienischen Seen das Deck der Schiffe, die ihn von
einem Ufer zum andern trugen. So gab es auch jetzt mit den
heranwachsenden Söhnen unter frohen Liedern eine Reise über Rheinsberg
und Hohen-Zieritz mit den Erinnerungen an Friedrich den Großen und die
Königin Luise nach der Insel Rügen. Eine Fußreise nach Süddeutschland
machten die Brüder zusammen mit einigen Freunden ohne den Vater. 87
deutsche Burgen wurden begrüßt oder bestiegen, und in sieben deutschen
Strömen bis hinunter zum Neckar wurde gebadet.

Unter solchen Freuden glitten die schalen Vergnügungen der
Hauptstadt fast unbeachtet an Friedrich vorüber, zumal schon damals
weitere und engere Freundschaftsbande ihn ganz in Anspruch nahmen.
Schon als Quartaner auf dem Joachimstalschen Gymnasium war er für
einen fälschlich angeklagten Klassengenossen, Gustav Bossart,
eingetreten. Ritterlich war er zum Direktor vorgedrungen und hatte
sich, wenn auch unter lautem Schluchzen, für die Redlichkeit des
Beschuldigten verbürgt. Das hatte ihm zugleich das Herz des
Direktors und seines Kameraden gewonnen.

Bald darauf erschütterten tiefe Zweifel an der Güte Gottes das Herz
des jungen Bossart. Während sie unter dem Sternenhimmel miteinander
dahingingen, gestand er sie seinem Freunde Friedrich. Es handelte
sich um das alte Problem des ewigen Gerichtes und der ewigen Gnade.
Was konnte Friedrich sagen? Das Firmament strahlte zu ihnen
herunter, und während er sein Auge aufhob, kam es über ihn wie eine
Erleuchtung: Ist nicht beides gleich unfaßlich, die Endlichkeit und
die Unendlichkeit des Himmelsraumes? Wenn es mir wirklich gelänge,
bis an sein Ende zu kommen, was würde ich dann jenseits seines Endes
erblicken? „So”, sagte er seinem Freunde Bossart, „ist es auch mit
den Fragen, die dich bewegen. Sie lassen sich beide nicht zu Ende
denken. Es gibt im Reich der Gnade und im Reiche der Natur eine
Grenze, die dem menschlichen Geist gesteckt ist, bei der das Denken
aufhört und der Glaube anfängt, der, ohne die letzten Dinge
ergründen zu können, Gott traut.” -- Mit unermüdlicher Treue hat der
Knabe, der Jüngling und der heranreifende Mann an dieser
Freundschaft festgehalten; und wir werden ihr später noch einmal
begegnen.

Unter den Häusern, die denen Bodelschwinghs besonders verbunden
waren, stand obenan das Haus des damaligen Generals v. Diest. Der
General war der einzige noch überlebende Bruder der Ministerin. Nach
der Schlacht bei Auerstedt, an der er als junger Offizier teilnahm,
hatte er sich überzeugt, daß nur von Osten her die Befreiung
Preußens kommen konnte. So war er über Holland nach Rußland gegangen
und in russische Dienste getreten. Als Vermessungsoffizier hatte er
der russischen Armee ausgezeichnete Dienste getan, hatte die
Feldzüge 1812 und 13 auf russischer Seite mitgemacht und war
schließlich so sehr in das Vertrauen des russischen Kaisers
hineingewachsen, daß dieser alle Mittel aufwendete, um ihn in seiner
Armee zu behalten. Aber er konnte außerhalb der Luft seines
befreiten Vaterlandes nicht leben. In preußische Dienste
zurückgekehrt, war er schließlich Generalinspekteur der Artillerie
geworden und lebte jetzt als „der schöne Diest”, wie die Berliner
Jungen ihn nannten, in Berlin. Er war in der Tat eine hervorragend
schöne Erscheinung, aber in dem stattlichen Manne lebte ein kindlich
frommer, demütiger Sinn, der ganz mit dem Geist seiner Geschwister
Bodelschwingh übereinstimmte. Seine drei Kinder standen in gleichem
Alter mit den älteren Kindern des Hauses Bodelschwingh, und so oft
die beiden Geschwisterkreise sich zusammenfanden, was jede Woche
mehrmals geschah, gab es das fröhlichste Leben. „Denn die Diests
konnten lachen aus dem Effeff.”

Zu dem innersten Freundeskreis gehörte in den ersten Berliner Jahren
besonders auch der westfälische Ober-Präsident von Vincke, dessen
erste Frau eine Kusine des Ministers von Bodelschwingh gewesen war.
Klein und unscheinbar von Person, war dieser Mann vor und nach den
Freiheitskriegen einer der größten Wohltäter seiner engeren und
weiteren Heimat geworden. Er hatte einen klaren Blick für das
Kleinste und für das Größte und entwickelte bei äußerster
persönlicher Anspruchslosigkeit für die wichtigsten wie für die
unscheinbarsten Dinge den gleichen Eifer. An den Akten pflegte er in
echt preußischer Sparsamkeit jeden freien Streifen Papier
abzuschneiden, um ihn zu seinen schriftlichen Notizen zu benutzen.
Im blauen Kittel, um seinen darunter befindlichen guten Anzug zu
schonen, visitierte er in Westfalen die Landräte und Amtleute,
reiste auch in demselben blauen Kittel von Westfalen nach Berlin.
Immer führte er eines oder mehrere dieser Kleidungsstücke bei sich,
um sie seinen Freunden und Bekannten zu empfehlen oder zu schenken
und ihnen bei der ersten Anprobe behilflich zu sein, die bisweilen
nicht ohne Schwierigkeit vor sich zu gehen pflegte, da der Kittel
ohne Knöpfe war und über den Kopf fix und fertig auf den Körper
gezogen werden mußte. Er konnte keine Reise von Westfalen nach
Berlin unternehmen, ohne sich mit allerlei Paketen zu beladen für
die in Berlin studierenden Söhne seiner westfälischen Freunde und
Bekannten.

Eine Reise, auf der Friedrich mit seinem Vater den alten aus
Westfalen gekommenen Oberpräsidenten nach Eberswalde begleitete,
blieb ihm unvergeßlich. Nachdem die Dienstgeschäfte erledigt waren,
durcheilte der kleine über siebzigjährige Mann die Stadt, um die
westfälischen Schüler der dortigen Forstakademie aufzusuchen und
sich von ihnen Grüße und Aufträge für ihre Verwandten nach Münster
zu holen. Als er 1844 starb und auf seinem Gute „Haus Busch” im
westfälischen Lennetal begraben wurde, setzte man ihm auf seinen
Grabstein nur die Worte: =Vixit propter alios= -- er lebte für
andere.

In demselben Sinne hatten auch Bodelschwinghs ihr Leben
eingerichtet. Darum ging es im Hause einfach und sparsam zu. Wenn es
freilich galt, bei festlichen Gelegenheiten den Staat zu vertreten,
wurde nicht gespart. Der junge Friedrich hatte den Kandidaten, der
seinen jüngeren Bruder unterrichtete, bisweilen auf seinen Gängen zu
armen Leuten begleitet. Bei der Rückkehr nach Hause fiel ihm der
Abstand zwischen den behaglichen und stattlichen Räumen seines
Elternhauses und den Stuben der armen Leute schwer aufs Herz. Und
einmal, als die Tafel für Gäste des Finanzministeriums festlich
gedeckt und mit allerlei Prunkgeschirr und köstlichen Speisen
besetzt war, fing der Knabe bitterlich an zu weinen im Gedanken
daran, wie reichlich es hier zuging und wieviel statt dessen die
armen Leute entbehren mußten. In beiden Fällen kostete es die Mutter
Mühe, ihn über diesen Unterschied, unter dem er litt, zu beruhigen.

Bedeutsam für Friedrich v. Bodelschwingh und seine spätere Arbeit wurde
es auch, als 1845 an einige Gymnasien und an die Kadettenanstalten die
Aufforderung kam, zu Gespielen des Prinzen Friedrich Wilhelm, des Sohnes
des Prinzen von Preußen, geeignete Altersgenossen vorzuschlagen. Unter
den Vorgeschlagenen war auch der junge Bodelschwingh. Mit sieben oder
acht Kameraden fand er sich von nun an wöchentlich einmal, namentlich
Sonntags, bei dem jungen Prinzen ein, im Winter in Berlin, im Sommer in
Babelsberg bei Potsdam.

Er erzählt darüber: „Wir waren zumeist zwischen 14 und 15 Jahren
alt. Jedesmal, wenn ein neuer Gespiele hinzukam, begrüßte ihn der
Prinz auf das zutraulichste und bot ihm gleich das Du an. Im Winter
tummelten wir uns in dem geräumigen Turnsaal. Im Sommer, in
Babelsberg, war unser Treiben meist noch viel freier und fröhlicher,
weil wir nicht so unter den Augen des Generals von Unruh, des
Gouverneurs des Prinzen, waren. Hier wurden nicht nur die
gewöhnlichen Laufspiele gespielt, sondern wir durften uns wohl auch
die Pferde aus dem Stall holen, große und kleine, und so, beritten,
allerlei Spiele spielen, die sonst Knaben zu Fuß zu treiben pflegen.
Am meisten Freude machte uns die kleine Flotte auf dem See, mit der
wir unsere Seeschlachten lieferten. Ich erinnere mich noch, wie wir
eines Tages den Prinzen Friedrich Karl angriffen, der eine kleine
Fregatte kommandierte. Aber bei dem Versuch, mit meinem Freunde
Zastrow zusammen die Fregatte zu entern, wurden wir von dem Prinzen
durch verschiedene Eimer Wasser in die Flucht geschlagen.

Unser Prinz Friedrich Wilhelm war wohl der gesittetste unter uns
Knaben, der in keiner Weise uns seine hohe Geburt fühlen ließ,
sondern ganz wie mit seinesgleichen seine Spiele mit uns trieb und
sich von uns Kleinen etwas gefallen ließ, da wir zumeist gelenkiger
und hurtiger waren als er. Öfter kam auch Emanuel Geibel, um mit uns
kleine Aufführungen einzuüben.”

Aber die tiefsten Erinnerungen und Einflüsse blieben doch auch in
dieser Berliner Zeit dem Elternhause vorbehalten. Die Ministerin sah
es bei dem mühevollen und unruhigen Leben ihres Mannes als ihre
Hauptaufgabe an, Frau und Mutter des Hauses zu sein. Darum hatte sie
sich schon bald nach ihrer Ankunft in Berlin, unter Hinweis auf
ihren kränker werdenden Sohn Karl, beim König und der Königin die
Erlaubnis ausgebeten, den Hoffestlichkeiten fern bleiben zu dürfen.
Ihr Mann konnte sich diesen natürlich nicht entziehen. Aber ehe er
ins Schloß fuhr, pflegte er vorher mit den Seinen die Abendandacht
zu halten. Dann meldete er sich beim König und der Königin, ging
nacheinander, bald den einen, bald den andern anredend, durch die
Reihe der Festsäle, und manchmal, noch ehe die Kinder eingeschlafen
waren, hörten sie den Wagen ihres Vaters wieder zurückkommen. Dann
fand ihn der Rest des Abends wieder an seinem Schreibtisch; und früh
um fünf Uhr war er aufs neue bei der Arbeit.

Nachmittags aber, nach dem einfach und eilig eingenommenen
Mittagbrot und der kurzen daran sich anschließenden Ruhepause,
fand sich die ganze Familie zum Kaffee zusammen, im Sommer im
Garten, im Winter im geräumigen Saale. Dann gehörte der Vater ganz
seinen Kindern, scherzte und tollte mit ihnen in größter
Heiterkeit, als wenn niemals die ungeheure Last seines Amtes auf
ihm gelegen hätte. Und wenn gelegentlich einmal sein Bruder Karl
dazu kam, der ihm später im Finanzministerium folgte, dann mischte
auch dieser sich in das fröhliche Spiel, und die Kinder sahen zu,
wie die beiden schon ergrauten Brüder sich mit Kissen warfen. In
der Erinnerung an solche Stunden sagte später der Sohn: „Ich
glaube nicht, daß es einen so edlen, glücklich veranlagten Mann
wie unseren Vater noch einmal gab.” Die Brüder unterhielten sich
einmal über ihn. Der eine: „Solchen Menschen wie Vater gibt es nur
einmal in Preußen!” Der zweite: „In Preußen? In Deutschland!” Der
dritte: „In Deutschland? Nein, in Europa!” „Und”, fügte die
Tochter hinzu, „dabei war er ein strenger Vater.”

Auch die Dienstboten nahmen an diesem Glück des Hauses teil. Durch
den treuen Pastor Smend von Lengerich, der durch seine Briefe der
seelsorgerliche Freund des Hauses geblieben war, wurde die
Verbindung mit dem Tecklenburger Land wach erhalten, und mehr wie
ein Tecklenburger Kind trat in Berlin in die Dienste des früheren
Landrates und seiner Frau und wurde, auch wenn es sich verheiratet
hatte, nicht vergessen, sondern als bleibendes Glied des Hauses
angesehen.

Aber ohne seine Bürde war das Glück des Hauses nicht. Das ernste
Leiden des dritten Sohnes Karl führte zu dauerndem Siechtum. Nie
dachte die Mutter, obwohl sie selbst die Kaiserswerther Schwestern
in die Charité eingeführt hatte, daran, sich eine Diakonisse zu
Hilfe zu nehmen. „Die Schwestern gehören den Armen”, pflegte sie zu
sagen. Die Kranken im eigenen Hause pflegte sie selbst. So hatte sie
einen schwindsüchtigen Studenten aufgenommen und bis zum Tode
gepflegt und blieb nun auch die Pflegerin ihres Sohnes, der in
kindlichem Glauben sein Ende erwartete, bis seine Mutter ihm die
Augen zudrücken konnte.

Auch ihr Bruder, der General von Diest, siechte dahin, und auch bei
ihm, der seit langem Witwer war, hielt sie in treuster Pflege bis
zuletzt aus. An dem Tage, an dem er starb, schrieb sie in ihr
Tagebuch: „Todestag? -- Gott sei Dank, daß ich mit Gewißheit sagen
darf, nicht Todestag, sondern seliger Heimgang meines treuen, noch
einzigen Bruders Heinrich. Sein großes schweres Leiden machte ihn
keinen Augenblick zweifelnd an der Liebe seines Gottes. Des Herrn
Kraft ist in dem Schwachen mächtig, und wie er ihn bekannt hat vor
den Menschen als seinen Helfer, Erlöser und Seligmacher, so wird der
Herr auch ihn jetzt bekennen vor seinem himmlischen Vater und sagen:
‚Gehe ein zu deines Herrn Freude!’ Seine Lagerstatt war mir ein
stilles Heiligtum, und sein letzter Atemzug war für ihn der Anbruch
eines Tages, wo er zum Anschauen dessen gelangt, was er hier
geglaubt. Ich mußte ihn mit den Worten begleiten: ‚Der Erlöste des
Herrn ist nach Zion kommen mit Jauchzen, seine Zunge wird voll
Rühmens und sein Mund voll Lachens sein!’”

Ernster noch, aber doch von ähnlicher heiliger Freude begleitet, war
der Weg zum Grabe ihres ältesten Sohnes. Er war einst als kleines
Kind in Tecklenburg schwer krank gewesen. Da hatte ihn die Mutter in
leidenschaftlichem Gebet Gott abgetrotzt: Er sollte ihr das Kind am
Leben erhalten. Das Kind genas wirklich. Es war ein geweckter, für
alle Eindrücke sehr empfänglicher Knabe geworden. Nun in Berlin
schlug die Verführung der großen Stadt ihre Krallen in den
hochbegabten, von Kraft und Schönheit strotzenden Studenten der
Rechtswissenschaft. „Mit seinem Glauben verlor er die Kraft zu Kampf
und Sieg,” schrieb später sein Bruder Friedrich. Die Mutter sah ihn
bergab gleiten. Aber er ließ sich nicht halten. Bittere
Selbstanklagen stiegen in ihr auf in Erinnerung an jene Krankheit
und jenes Gebet in Haus Mark. Dazu kam die Sorge um ihren
heißgeliebten Mann, an dessen Herzen der Kummer nagte. Jede Nacht
blieb sie auf und wartete, bis ihr Sohn zurück war. Wenn sie endlich
seinen Schritt hörte, kam kein Wort des Scheltens über ihre Lippen,
nicht einmal einen Gedanken des Vorwurfs duldete sie in ihrem
Herzen. Sie litt still um ihn und für ihn und klagte sich selbst an.

Eines Nachmittags trat er ganz ruhig ins Zimmer. Seine Hand war
verbunden. In einem studentischen Lokal war er mit einem politischen
Gegner seines Vaters aneinander geraten. Es war zu einer Forderung
und zum Duell gekommen. Er wußte, daß sein Gegner, der ein sehr
guter Schütze war, ihn töten wollte. Er selbst hatte in die Luft
geschossen und hatte dann seine Hand mit der abgeschossenen Pistole
vor die Brust gelegt. So war ihm die Kugel des Gegners, der auf die
Brust gezielt hatte, in das Handgelenk gefahren.

Die Wunde schien ungefährlich. Aber als Friedrich, der in der
dritten Nacht bei seinem Bruder gewacht hatte, um die Wunde, wie es
damals Sitte war, mit Eis zu kühlen, dem Kranken mit anbrechendem
Morgen ins Gesicht sah, erschreckten ihn dessen veränderte Züge.
Eine Blutvergiftung hatte sich angebahnt, die schnell zum Tode
führte. „Doch konnte er noch”, so schreibt Friedrich, „der Mutter
sein ganzes Herz in allen Stücken aufschließen und dem Vater auch.”
Am Morgen vor seinem Tode feierten Vater und Mutter und die beiden
ältesten Geschwister, Frieda und Franz, mit dem Sterbenden zusammen
das heilige Abendmahl. „Der liebe Pastor Snethlage” (Hofprediger
des Königs) -- schreibt Friedrich -- „konnte in solchen Stunden mit
seinem heiligen, stillen Ernst und seiner großen Einfachheit so nahe
ans Herz dringen. Ich erinnere mich, daß es mir vorkam, als wäre der
Himmel ganz nahe auf der Erde, wie ich es vorher nie gespürt. Am
Nachmittag ging ich wieder in die Schule, da wir das Ende nicht für
so nah hielten. Aber kurz vor vier Uhr, ehe die Schule schloß, hatte
ich einen ganz besonderen Eindruck, den ich nicht beschreiben
konnte. Es war mir so, als wenn die Stunde des lieben Bruders nun
doch schon geschlagen hätte. Ich eilte nach Hause und in das
Sterbezimmer hinein. Da saß die Mutter dicht an dem Bett, dem Bruder
gegenüber. Sie hatte ihm eben die Augen zugedrückt, nachdem sie ihm
in seinem letzten Augenblick zugerufen hatte: „Fürchte dich nicht,
ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du
bist mein!”

In dem Briefe, den Ludwig am Morgen des Duells an seinen Vater
geschrieben hatte, hieß es: „In wenigen Stunden werde ich nun doch
meinem Dir bekannten Gegner mit der tödlichen Waffe in der Hand
gegenüberstehen, und nach dem, was vorausgegangen ist, ist nicht
daran zu denken, daß die Sache ohne Unglück ablaufen könne. Ich
erkenne es daher als meine heilige Pflicht, mich darauf
vorzubereiten, daß ich vielleicht heute noch vor meinem Richter
erscheinen und von meinem Leben Rechenschaft geben muß. Aber ich
fühle auch, wie wenig ich darauf vorbereitet bin. Die Schuld meines
ganzen Lebens lastet schwer auf mir, und ich kann mich nur zweifelnd
und mit Zittern fragen, ob ich Gnade und Vergebung hoffen darf. Ich
habe mich streng geprüft, welche Gefühle ich meinem Gegner gegenüber
hege, und kann aufrichtig versichern, daß ich keinen Groll gegen ihn
empfinde. Das Duell wird daher in keiner Weise ein Akt der Rache für
mich sein. Ich schlage mich, weil ich mich nicht stark genug fühle,
den herrschenden Standesansichten entgegenzutreten, weil ich
einsehe, daß ich sonst eine ehrenhafte Stellung in der Welt nicht
behaupten kann.

Es kann und muß mich sehr beruhigen, daß ich an dem Duell ganz
schuldlos bin. Mein Gegner zwingt mich dazu, und es ist von meiner
Seite durch meinen Sekundanten alles geschehen, was eine friedliche
Beilegung herbeiführen könnte.

Ich komme nun zu der schwersten Pflicht des Abschiedes von Dir,
treuer, bester Vater, von meiner lieben, guten Mutter und meinen
Geschwistern. So sage ich Euch denn, teuerste Eltern, in dieser
ernsten Stunde den wärmsten und aufrichtigsten Dank für die große
Liebe, die Ihr mir mein ganzes Leben durch bewiesen habt, und bitte
Euch, daß Ihr mir verzeihen wollt, wenn ich sie so schlecht
vergelte. Ach, ich fühle es jetzt nur zu bitter, was ich an Euch
verschuldet, und alle Sorge, aller Schmerz, den ich Euch bereitet,
lastet schwer auf mir. Aus tiefstem Herzen und mit aufrichtigster
Reue flehe ich daher für alle meine Verirrungen um Eure Verzeihung
und versichere Euch vor Gott, daß in diesem Augenblick wenigstens
die wärmste Liebe und Dankbarkeit gegen Euch mein Herz erfüllt und
daß es mir unendlich schwer fällt, nur diesen schriftlichen Abschied
von Euch nehmen zu können. Ach, ich bin Eurer Verzeihung ja gewiß;
möchte ich ebenso gewiß der göttlichen Verzeihung sein können! Fleht
für Euren armen sündigen Sohn, daß ihm Gnade werde!

Meine Geschwister beschwöre ich, daß ihnen mein Tod eine ernste
Warnung fürs ganze Leben sein möge, die Sünde zu fliehen und einen
ernsten, Gott wohlgefälligen Wandel zu führen. Ja, werdet Ihr alle
der Trost meiner armen Eltern, liebt und verehrt sie und bedenkt,
daß Ihr das nie wieder gutmachen könnt, was Ihr an ihnen
verschuldet! Vergeßt nie die letzte Bitte Eures Bruders, der Euch
beschwört, daß Ihr Euer ganzes Leben hindurch unsern teuern Eltern
Freude bereiten möget und dadurch einen Teil der großen Schuld
abtragt, die auf mir in dieser meiner letzten Stunde so schwer
lastet.

So lebt denn zum letzten Male wohl, mein lieber guter Vater, meine
innig geliebte Mutter, und Ihr alle, meine teuren Geschwister, und
betet für Euren unglücklichen Sohn und Bruder Ludwig.” Diesen
letzten Teil des Briefes schrieb sich jedes der Geschwister ab und
führte ihn in seiner Bibel bei sich.

Zum siebenten Mal seit der Verwundung 1813 erkrankte der Vater an
der Lungenentzündung. Neun Tage und Nächte hindurch brachte die
Mutter an seinem Bett zu. Mehrere Male fanden die Kinder sie nebenan
auf den Knien liegend. Der König schickte seinen Leibarzt. Am
neunten Tag, als die Krisis eintrat, glaubte der Arzt, daß sich die
Krankheit zum Tode neige. Er trat in das Zimmer, wo die Kinder auf
die Nachricht des Arztes warteten. Der Arzt stand vorn, die Mutter
etwas hinter ihm. Während der Arzt den Kindern mitteilte, daß ihr
Vater nur noch kurze Zeit zu leben haben würde, schüttelte die
Mutter hinter ihm leise lächelnd mit dem Kopf. Das sah Franz, der
Älteste, und konnte sich eines zuversichtlichen Lächelns nicht
erwehren. Nicht wenig befremdet über den gefühllosen Sohn verließ
der Arzt das Haus. Aber die Mutter, die aus vielfacher Erfahrung
heraus auf dem Gesichte des Kranken die Wendung, nicht zum Tode,
sondern zur Genesung gesehen hatte, behielt recht.

Kaum hergestellt, hatte der Minister auf dem ersten vereinigten
Landtage der preußischen Provinzial-Abgeordneten die Krone zu
vertreten. Heinrich von Treitschke, der Geschichtsschreiber
Preußens, sagt darüber: „Eben von schwerster Krankheit genesen, fast
allein, selbst ein parlamentarischer Neuling, bot v. B. dieser
stürmischen Versammlung die Stirn. Es ergab sich, daß er allein
unter allen Ministern ein ungewöhnliches Rednertalent besaß. Höchst
unscheinbar gekleidet, fiel er sogleich auf durch seine hohe
kriegerische Gestalt und durch den treuherzigen Blick seiner offenen
großen Augen. Ursprüngliche Kraft, unschuldige Frische sprachen aus
seinem ganzen Wesen, und General von Gerlach, der einen „liberalen”
Minister durchaus nicht liebte, sagte wohl: „So ungefähr muß Adam
ausgesehen haben.” Der letzte hervorragende Vertreter des alten
absolutistischen Beamtentums, hielt er sich verpflichtet, die
Willensmeinung des Königs, sofern sie nur dem Rechte nicht offenbar
widersprach, mit der ganzen Selbstverleugnung des altgermanischen
Vasallen zu verteidigen. Er hatte bei der Beratung des Patents immer
wieder und wieder Bedenken hervorgehoben, die ihm sein schlichter
Geschäftsverstand aufdrängte, aber der Monarch hatte gesprochen, und
an seinem Willen ließe sich nichts mehr ändern.”


In der westfälischen Heimat. 1848-1849.

Dreiviertel Jahre später, 1848, brach die Revolution aus, und
Bodelschwingh erhielt seine Entlassung. In tiefstem Schmerz trat er
den Weg in die westfälische Heimat an. In Minden auf dem Bahnhof
wurde der verabschiedete Minister erkannt, und ein Mann spottete
hinter ihm her: „Oller Ex, oller Ex.” „Laßt ihn spotten,” sagte er
zu seinen Kindern, „es ist uns gut so.”

Der König erwog ernstlich, Bodelschwingh als leitenden Minister
zurückzurufen, und richtete eine Vorfrage an ihn, ob er bereit wäre
zu kommen. Bodelschwingh aber lehnte in einem ausführlichen
Schreiben ab. Diese Tatsache widerlegt stärker als alles andere den
später gegen Bodelschwingh erhobenen Vorwurf, als hätte er am
19. März die Zurückziehung der Truppen veranlaßt. Nie würde
Friedrich Wilhelm =IV.= einen Minister zurückgerufen haben, dem er
die tiefe Demütigung der königlichen Würde zur Last legen mußte, die
eine Folge der Zurückziehung der Truppen war.

Zeitweise beschäftigte den verabschiedeten Minister der Gedanke, mit
den Seinen nach Amerika auszuwandern. Aber dann entschloß er sich,
die heimatliche Scholle zu pflügen, und gerade jetzt nach den
schmerzlichen Erlebnissen brach die glücklichste Zeit für die
Familie an. Das alte Gutshaus in Velmede war schon vor den
Freiheitskriegen abgebrochen worden und hatte längst durch ein neues
ersetzt werden sollen. Da aber infolge des Krieges ein großer Teil
des Vermögens verloren gegangen war, so war der Neubau bis jetzt
unterblieben. Nur die alte, strohgedeckte Wagenremise stand noch,
die sich einst die Eltern des Ministers zum Wohnhaus eingerichtet
hatten und in der jetzt der Förster wohnte. Hier zog nun die Familie
ein.

Bald ging es an den Bau eines einfachen einstöckigen Landhauses, an
das Zuschütten des alten Hausgrabens und an die Einrichtung des
neuen Blumen- und Obstgartens. Überall legten der Vater und seine
Söhne selbst mit Hand an. Dazwischen aber tauchten all die alten
Freuden aus Koblenz und Berlin wieder auf. In der Seseke, dem
kleinen Fluß, der das Gutsland durchschnitt, wurde geschwommen,
gefischt und gerudert; auch die Jagdflinte wurde wieder über den
Rücken geworfen und mit dem geliebten Vater um die Wette das Land in
die Länge und Breite durchstreift.

Aber inzwischen mußten weitere Schritte ins Leben hinein getan werden.
Der Konfirmationsunterricht bei dem Hofprediger Snethlage in Berlin war
unterbrochen worden. So brachte der Vater den nun schon siebzehnjährigen
Friedrich nach Unna. Pastor von Velsen, als Mensch und als Christ eine
gleich anziehende Persönlichkeit, wollte den Primaner nicht mit den so
viel jüngeren Konfirmanden zusammen unterrichten und gab ihm auf seinem
Zimmer die Konfirmationsstunden. „Das waren selige Wege nach dem lieben
Unna hinaus,” schrieb er, „und tiefer als die Konfirmationsfeier selbst
blieben diese Stunden in der Seele haften.”

Dann kam die Aufnahme in das Gymnasium zu Dortmund. Aber heimisch
wurde er hier nicht. Dazu war die Heimat zu nah. Einige Male machte
er am Sonntag zu Fuß den weiten Weg von Dortmund nach Unna, um den
Konfirmator wiederzusehen, dessen Predigten ihm mehr zu Herzen
gingen, als es sonst ein menschliches Wort bis dahin getan hatte.
Aber für gewöhnlich ging es mit den Brüdern Franz und Ernst jeden
Sonnabend Nachmittag auf Fußwegen quer durch die Felder die drei
Stunden weit zu Eltern und Geschwistern nach Velmede. „Dabei
begegnete es mir einmal,” erzählt er, „als das Elternhaus aus der
Ferne winkte, daß ich mich wiederholt umblickte, weil es mir vorkam,
als ob ein Reiter auf dem schmalen Fußpfade hinter mir her
galoppierte, bis ich erkannte, daß es mein eigenes Herz war, welches
so laut vor Freude und Wonne klopfte beim Anblick des geliebten
Vaterhauses.” Und am letzten Busch kamen Vater und Mutter und die
beiden Schwestern Frieda und Sophie den Brüdern entgegen. Dann ging
es gemeinsam ins Elternhaus, das vorher nie so genossen worden war
als jetzt, wo die Söhne nicht jeden Tag darin zubringen konnten.

Am Sonntagmorgen stand der Vater, der in gesunden Tagen nie den
Gottesdienst versäumte, für den Weg in die Kirche nach Methler
bereit, und die Kinder folgten ihm, während die Mutter sich alle
vierzehn Tage mit den Mägden abwechselte. Am Nachmittag ging es dann
unter die Eichen des Mühlenbruchs, wo die Söhne einen lauschigen,
stillen Sitzplatz für die Eltern und Schwestern errichtet hatten und
wo nun an dem flackernden Feuer die Kartoffeln geröstet wurden. „Wie
konnte der Vater jubeln durch den Mühlenbruch wie ein Kind!”
schreibt der Sohn. Und in einem Brief der Tochter Sophie heißt es:
„An jeder Blume, jedem Blatt und Strauch hatte er seine kindliche
Freude. Es ist ja auch ein wahrhaft erfrischender Anblick, den Mann
zu sehen, der durch alle Unnatur der Welt, alle Schlechtigkeit und
Niedrigkeit der Menschen, alle die ertötendsten Geschäfte des
täglichen Lebens und durch viel bittere Enttäuschungen sich
hindurchgerettet und sich den reinen, heiteren, ungetrübten Sinn
eines Kindes zu erhalten gewußt hat. So heiter, frisch und kräftig
habe ich ihn eigentlich noch nie gekannt.”

Ostern 1849 entließ das Gymnasium in Dortmund den jungen Friedrich
von Bodelschwingh mit dem Zeugnis der Reife. Da er nur ein halbes
Jahr in Berlin und nur ein Jahr in Dortmund die Prima besucht hatte,
so würde er am liebsten noch ein halbes Jahr auf das geliebte
Friedrich-Wilhelms-Gymnasium nach Berlin zurückgekehrt sein, um
trotz des guten Dortmunder Zeugnisses die klassischen Studien zu
vertiefen. Aber der Vater riet ab.



Die Ausbildung.


Als Eleve im Oderbruch. 1849-1851.

     „Meine landwirtschaftliche Lehrzeit ist unzweifelhaft die reichste
     meines Lebens gewesen und wird mir auch wahrscheinlich immer die
     angenehmste Erinnerung bleiben, sodaß ich sie um keinen Preis
     missen möchte, sollte ich auch jede beliebige andere Karriere
     ergreifen. Wenn Zeit und Mittel es gestatten, so will ich einem
     jeden unbedingt raten, dem Juristen sowohl wie dem Forstmann und
     Bergmann, vor allem aber dem zukünftigen Soldaten, daß er sich
     durch ein landwirtschaftliches Lehrjahr für seinen späteren Beruf
     vorbereitet.” F. v. B. an seinen Vater 1853.

Was nun werden? Schon während der Zeit in Dortmund hatte
Bodelschwingh gelegentlich ein Bergwerk befahren und als Hauer
mitgearbeitet. Eigentlich gefesselt hatte ihn diese Arbeit nicht.
Sollte er Jura studieren? Aber die unsicheren politischen
Verhältnisse schreckten ihn ab. Dagegen brachte ihn die vielfache
Beschäftigung mit seinem Vater in Garten, Feld und Wald zu dem
Gedanken, zunächst einmal die Landwirtschaft zu ergreifen. Um sich
für die praktische Tätigkeit als Landwirt vorzubereiten, ging er zum
Studium der Botanik und der Physik für den Sommer 1849 nach Berlin,
wo er außer den beiden genannten Fächern Philosophie und Geschichte
hörte. Im Herbst 1849 brachte ihn dann sein Vater auf seine neue
Arbeitsstelle.

„Ich besinne mich noch darauf,” schreibt er, „daß es gerade die
Nacht vom 14. auf den 15. September war, wo wir in Begleitung meines
neuen Lehrherrn, des alten Koppe, zu Wagen von Berlin nach Kienitz
im Oderbruch fuhren. Die Nacht war für mich sehr lehrreich, weil der
alte Herr meinem Vater, den er schon als früheren Finanzminister
kannte und liebte, viel aus seinem Leben erzählte. Der alte Koppe
war in der Tat eine ausgezeichnete und in vieler Beziehung für
meinen neuen Beruf vorbildliche Persönlichkeit. Er war auf einem
Gute in der märkischen Lausitz Hütejunge gewesen. Sein Gutsherr
hatte ihn als einen munteren, geweckten Knaben, der in allen Stücken
besonders treu war, kennen gelernt und liebgewonnen. Er hatte ihm
dann zu seiner weiteren Ausbildung verholfen, sodaß er später zum
Gutsverwalter aufrückte.

Wir fuhren in jener Nacht durch die Güter eines der reichsten Herren
dort in der Mark. Diese Güter hatte der alte Koppe lange Zeit
verwaltet und hatte seinem Herrn in seinen Vermögensverhältnissen
durch große Umsicht und Treue sehr fortgeholfen. Als dann die beiden
wertvollen königlichen Domänen Kienitz und Wollup bei Küstrin
pachtfrei wurden, reichte ihm sein Herr gegen die Teilung des
Reingewinnes die Mittel dar, die Pachtung anzutreten. Mit großen
Opfern kaufte sich Koppe später von dieser Verpflichtung, den
Reingewinn zu teilen, frei. Trotzdem brachte er es so weit, daß er
seiner Frau das Gut, auf dem er als Hütejunge gedient hatte, zum
Geburtstagsgeschenk machen konnte und daß er seine sämtlichen Söhne
und Schwiegersöhne ebenfalls entweder mit einem großen Gut oder mit
großartigen Pachtungen auszustatten in die Lage kam.

Dies alles verdankte er nächst dem Segen Gottes seiner großen Treue
im Kleinen und seiner pünktlichen Sorgfalt. Er wurde der Begründer
des landwirtschaftlichen Rechenwesens in seiner jetzigen
Genauigkeit, wodurch man in die Lage gesetzt ist, von jedem Zweige
der Landwirtschaft am Schluß des Jahres genau zu wissen, was er an
Gewinn oder Verlust gebracht hat. Während, wie Koppe in jener Nacht
erzählte, sein Vorgänger z. B. keine Ahnung gehabt hatte, ob er bei
seiner Pferdezucht gewinne oder zusetze, -- das zweite war
tatsächlich der Fall -- gab sich Koppe über jeden einzelnen Betrieb
seiner Wirtschaft genau Rechenschaft. Bis in sein hohes Alter
behielt er die gleiche Pünktlichkeit bei: Punkt fünf Uhr stand er
fertig angezogen an seinem Schreibtisch und erwartete, daß auch auf
denselben Glockenschlag die Inspektoren und Eleven hereintraten, um
die Arbeitseinteilung zu besprechen. Dabei sorgte er treulich für
seine Arbeiter und ging ihnen auch in seinem kirchlichen Leben mit
gutem Beispiel voran.

Ich wurde zunächst seinem zweiten Sohn, dem er die Bearbeitung der
Domäne Kienitz übertragen hatte, als Eleve anvertraut. Die Domäne
Kienitz war damals zwar nicht eins der größten, aber doch eins der
bestbewirtschafteten Güter des Oderbruchs. Auch war sie das einzige
Gut des Oderbruchs, das eine Zuckerfabrik besaß. Von den 2200 Morgen
wurden jedes Jahr 700 mit Zuckerrüben bestellt. Der Viehbestand
setzte sich zusammen aus 40 Ackerpferden, 24 Kühen, 100 Ochsen und
mehreren 1000 Schafen. Das Gut lag nur eine halbe Stunde von der
Oder entfernt. Die breiten mit Weiden bestandenen Wassergräben, die
das Gut durchzogen, und ein einziger Sandhügel von 2 bis 3 Morgen,
der mit Birken und Tannen bepflanzt war, bildeten die geringe
Abwechslung in dieser einförmigen, aber überaus fruchtbaren Ebene.

Mein Prinzipal war in einiger Verlegenheit, was er mit dem etwas
ungewöhnlichen Lehrjungen anfangen solle, der als Studiosus von der
Universität kam und von dem er zu denken schien, er würde besondere
Ansprüche machen. Auf dem ersten Spaziergang mit ihm ins Feld hinaus
kamen wir zu den Ochsenpflügern, die den Acker für die Rüben, die im
nächsten Frühjahr gelegt werden sollten, aufbrachen. Es war eine
lange außerordentlich dürre Zeit gewesen und darum der Acker so hart
wie eine Dreschtenne. Die sogenannten Rigolpflüge waren jeder mit
fünf starken Ochsen bespannt, zwei hinten und drei vorn, und der von
ihnen umgebrochene Acker war anzusehen wie ein Feld voller
aufgebrochener Steinblöcke. Die einzelnen Erdschollen waren zum Teil
zentnerschwer. Ein Mann mußte den Pflug führen, während ein anderer
die Ochsen langsam antrieb, die unter beständigem Keuchen und
Stöhnen einen Erdblock nach dem andern herausholten.

Ich fragte meinen Prinzipal, ob ich das Pflügen wohl lernen dürfe.
Diese Frage schien ihm eine große Erleichterung zu gewähren. Denn
ihm war nun aus der Verlegenheit geholfen, und ich war an der
Arbeit. Etwa vier Wochen lang habe ich dann einen solchen Rigolpflug
geführt. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Die Ochsen wurden
zweimal am Tage umgespannt, aber der Pflüger mußte von morgens fünf
bis abends acht Uhr aushalten, und es war damals in den
Septembertagen noch eine recht heiße Sonnenglut. Die Knöchel
schwollen mir vor Anstrengung dick an, und ich war bald von der
Sonne braun gebrannt trotz einer großen grünen Mütze, die ich auf
dem Kopfe trug. Hierauf lernte ich auch mit den Pferden pflügen,
deren immer sechs vor einen Pflug gespannt waren, drei in einer
Reihe, wobei ich gleichzeitig den Pflug führen und die Pferde
regieren mußte.

Nun ging auch die Herbstbestellung an, und ich lernte mit vier
Pferden die Eggen im Kreise herumschleudern, um die steinharte
Erdkruste zu zerkleinern. Inzwischen hatte auch die Rübenernte
begonnen, die bis tief in den November hinein dauerte. Alle Arbeit,
die vorkam, machte ich mit. Am sauersten wurde mir das Säelaken, in
das ein halber Scheffel Roggen eingebunden war und mit dem ich den
tiefen Acker durchschreiten mußte. Hierbei wurde ich völlig lahm.
Als das Frostwetter eintrat, bekam ich meine Arbeit auf dem großen
Pachthof, wo nun tüchtig gedroschen wurde. Drei Drescher waren
jedesmal zusammen auf dem Scheunenflur. Drei Tage wurde gedroschen
und den vierten aufgemessen. Das Aufmessen hatte ich besonders zu
beaufsichtigen. Die Drescher bekamen von Roggen und Weizen jedesmal
den 15. Scheffel, von Hafer und Gerste jedesmal den 16. zum
Eigentum. Das war ihr Lohn. Geld bekamen sie nicht. Daneben hatte
ich die Futterausgabe und die Aufsicht über die Ställe. Hier bei den
Ochsen, Schafen und Kühen war es im Winter gar heimlich und
angenehm.

Mitunter galt es tagelang auf dem Kornboden stehen und das Getreide
einmessen, das auf die Oder-Kähne verladen wurde, um nach Stettin
und anderen Hafenstationen ausgeführt zu werden. Eine andere
Winterarbeit war das Köpfen der Weiden. Abgesehen von den
Gartenbäumen ist fast der einzige Baum des Oderbruchs die Weide, die
die zahllosen Gräben der Niederungen begrenzt. Jedes Jahr wurde eine
bestimmte Abteilung dieser Weiden abgeholzt, d. h. nur die drei- bis
vierjährigen, und zwar über dem Kopf des Stammes. Diese Arbeit wurde
mit einem kleinen scharfen Beil verrichtet und kostete mich erst
einige Übung, denn die einzelnen Äste durften nicht splittern.

Sobald der Frühling ins Land kam, ging es an die Vorbereitung der
wichtigsten Arbeit des ganzen Jahres, an die Rübenbestellung.
Hierbei lernte ich eine heilsame Kunst, nämlich die, treu auf dem
bestimmten Posten auszuharren. So verlangte es der alte Herr Koppe
von allen seinen jungen Leuten. Nachdem der Acker zubereitet war,
wurde zunächst der Same mit Hilfe einer sogenannten Hopser-Schnur
gelegt. Die Schnur hatte hundert Knoten in gleich weitem Abstande.
Je zwei Knoten, die mit bestimmten Bändern bezeichnet waren,
gehörten immer einer Samenlegerin. Diese hatte da, wo ihre beiden
Knoten waren, zwei Löcher zu graben, den Samen hineinzulegen, wieder
zuzuscharren und mit dem Fuß daraufzutreten. An den beiden Enden der
langen Schnur aber standen zwei Leute mit dem Hopser. Diese riefen
jedesmal, wenn die Schnur weiterrückte, „Hopp”. Auf solche Weise
mußten 700 Morgen mit Samen belegt werden -- eine Arbeit, die die
größte Sorgfalt erforderte. Es galt aufzupassen, daß keine der
Samenlegerinnen zurückblieb und keine unordentliche Arbeit machte.
Die größte Freude machte es mir, in den langen, langen Streifen die
kleinen Rüben regelmäßig aufgehen zu sehen, und der Kummer war groß,
wenn irgendwo schlecht gearbeitet worden war. Hatte man sich die
Reihenfolge der einzelnen Legerinnen aufgeschrieben, so konnte man
noch nach Wochen wissen, an wem die Schuld lag. Dann kam das
Verhacken und Verziehen und abermalige Verhacken der Rüben. Vierzehn
Wochen habe ich so ununterbrochen aushalten müssen, ohne mittags
nach Hause zu kommen. Mein Mittagessen bekam ich in einem kleinen
Korb an irgend einen Grabenrand hinausgeschickt.

So eintönig diese Arbeit scheint, so machte sie mir doch große
Freude. Ihre Eintönigkeit erleichterte ich mir dadurch, daß ich in
der Frühstücks- und Mittagspause meinen armen Rübenhackerinnen
schöne Geschichten vorlas. Auch führte ich in meiner Tasche entweder
Matthias Claudius oder eine andere Sammlung bei mir und lernte,
hinter meinen Arbeiterinnen auf- und abgehend, unbemerkt manches
schöne Gedicht auswendig. Hiernach kamen die Klee- und die Heuernte
und dann die Getreideernte mit ihrer heißen Arbeit und ihrer Freude
des Einfahrens, woran alle vierzig Pferde beteiligt waren.

Als wir eben die Rübenernte begonnen hatten, gab es für mich ein
wichtiges Ereignis. Der Krieg gegen Österreich drohte auszubrechen.
Meine sämtlichen älteren landwirtschaftlichen Mitarbeiter, auch der
erste Inspektor, ja selbst der ältere Bruder meines Prinzipals, der
Administrator von Wollup, wurden zu den Fahnen einberufen. So blieb
meinem Prinzipal nichts anderes übrig, als mich zum ersten Inspektor
avancieren zu lassen. Die Not ist ja der beste Lehrmeister. Ich
bekam jetzt ein Reitpferd und hatte mich vom Morgen bis zum Abend
tüchtig zu tummeln. Am Abend hatte ich die Löhne auszuzahlen, und
oft saß ich bis tief in die Nacht, um mit meiner Rechnung in Ordnung
zu kommen. Denn es war eine Haupttugend des alten Koppe, daß er eine
so sorgfältige Rechnungslegung verlangte und von jedem Arbeiter,
jedem Ochsen, jedem Pferd jeden Abend genau aufgeschrieben haben
mußte, was und worauf sie gearbeitet hatten.

Mitten in diese tapfere Arbeit, die mir viel Freude machte, kam die
Nachricht, daß mein Vater, als die Kriegswolken sich dichter
zusammenzogen, sich zum Eintritt in die Armee gemeldet und sich sein
früheres Regiment als Oberst ausgebeten hatte. In einem seiner
Briefe kam es mir so vor, als ob er dächte, mir wäre die Not des
Vaterlandes gleichgültig. Ich trat mit diesem Briefe zu meinem
Prinzipal und sagte: „Es hilft mir nichts, ich muß mich heute noch
in Berlin als Soldat melden.” Als ich in Berlin bei meinem Vater
eintrat, sagte er: „Dein Bruder Franz hat sich bereits bei den
Garde-Jägern gemeldet; ich wünsche, daß auch du dort eintrittst.”
Ich fuhr sofort nach Potsdam, meldete mich beim Kommandeur des
Jägerbataillons und wurde als Freiwilliger angenommen. Um dies
meinem Vater mitzuteilen, kehrte ich noch einmal nach Berlin zurück.
Als ich bei ihm eintrat, war er sehr traurig. Denn soeben war die
Nachricht gekommen, daß sich Preußen in Olmütz vor Österreich
gedemütigt hatte und das Schwert wieder in die Scheide gesteckt
wurde.

Nun sorgte mein Vater dafür, daß meine Meldung für ungültig erklärt
wurde und ich wieder auf mein Arbeitsfeld zurückkehren konnte. Noch
an demselben Tage langte ich um Mitternacht auf meinem todmüden
Pferde in Kienitz an zur großen Freude meines Prinzipals, um am
andern Morgen wieder meinen Dienst zu übernehmen. Als nach einiger
Zeit auch meine Kollegen zurückkehrten, wollte mein Prinzipal mich
nicht wieder Lehrling werden lassen, sondern schickte mich für den
Rest meiner Lehrzeit nach Wollup zu seinem Bruder, einem äußerst
liebenswürdigen Manne, dem ich das Hauptbuch abschließen half und
bei dem ich auch die in Kienitz nicht vorkommenden Zweige der
Landwirtschaft kennen lernte, namentlich die dort blühende
Branntweinbrennerei.

An herzlicher Freundlichkeit in beiden Familien Koppe hat es mir
nicht gefehlt. Im übrigen aber war das Leben für mich mit viel
Kampf und Not verbunden. Das Dasein der jungen Landwirte ist meist
sehr traurig, weil sie vielfach für höhere Genüsse keinen Sinn
haben. In die Kirche ging niemand. Das war insofern freilich kaum
recht zu ändern, weil es mit dem Geistlichen in Kienitz überaus
dürftig aussah. Ich ging aber aus Trotz, um nicht als Feigling
dazustehen, und gerade weil ich darüber ausgelacht wurde, mitunter
in die Kirche. Morgens beim Frühstück las ich meinen Tacitus,
römische Geschichte. Im Hause war eine Schwester des Professors
Steinmeyer, ein vortreffliches Mädchen, die „Fränzchen” genannt
wurde. Mit ihr spielte ich, während die andern Karten spielten,
manche Partie Schach. Denn für das Kartenspiel hatte ich mich nicht
erwärmen können; ich hatte es wohl einige Male versucht, wurde aber,
weil ich keinen Ernst bei der Sache zeigte, abgesetzt. Am liebsten
ging ich Sonntags still durch die Felder, die ich hatte bestellen
helfen, oder auch wohl an das Ufer der Oder, wo ich vom Deich eine
liebliche Aussicht über die weiten fruchtbaren Fluren genoß. Der
Abschied von diesem arbeitsreichen Ackerfeld wurde mir immerhin
nicht ganz leicht, als es im Frühjahr 1851 galt, des Königs Rock
anzuziehen, um mein freiwilliges Soldatenjahr abzudienen.”


Als Soldat in Berlin. 1851.

Am 1. April 1851 trat ich beim Kaiser-Franz-Grenadier-Regiment ein
und ließ mich gleichzeitig in der Universität als Student
einschreiben, diesmal als Jurist, während ich vor zwei Jahren
Philosoph gewesen war. Auf eine gemütliche Wohnung kam es mir ganz
besonders an, weil ich wußte, wie wichtig das für einen Studenten
ist, damit ihm sein Zimmer angenehmer bleibt als die Kneipe. Auch
liebte ich damals sehr die Romantik, sodaß es mir wichtig war, in
dem alten Berlin eine romantische Wohnung zu bekommen. Ich fand eine
solche in der Klosterstraße, gerade gegenüber der alten
Klosterkirche.

Am Anfang waren meine Eltern noch in Berlin, da mein Vater Mitglied
des Landtages war. Aber bald kehrten sie nach Westfalen zurück. Ich
hatte sie zum Abschied auf den Bahnhof geleitet, von dem sie den
Nachtzug benutzten, und ich erinnere mich noch deutlich, daß es mir
eigentümlich bange zu Mute war, als ich beim Schein der Laternen
durchs Brandenburger Tor zurückwanderte in die große, böse,
versuchungsvolle Stadt, in der ich einen wirklich treuen Freund
nicht besaß.

Mein früherer Freund, Gustav Bossart, war zwar auch Student in
Berlin. Aber unsere Wege waren weit auseinander gegangen, und für
meine Seele hatte ich an ihm keinen Halt mehr. Ja, ich mied ihn
sogar. Meine Kameraden aber unter den Freiwilligen waren
meistenteils recht lose Gesellen, die nichts als Narrenteidinge im
Kopfe hatten. Nur einer war darunter, der Sohn eines armen Schäfers
aus Pommern, der sich mit eisernem Fleiß durchgearbeitet hatte, um
Theologie zu studieren. Er stand leider bei einer andern Kompagnie.
Aber ich sah ihn doch mitunter, und er erzählte mir einmal mit
großer Freude, daß ihn sein Hauptmann habe zu sich kommen lassen,
weil er sein blasses und müdes Gesicht bemerkt hatte, -- er mußte
sich damals aufs äußerste durchhungern -- und wie er ihn aus eigenen
Mitteln aufs freundlichste versorgt und ihm einen Mittagstisch
verschafft habe. Auch fand ich einen unter unsern Unteroffizieren,
der sich vor der gewöhnlichen Sorte auszeichnete und für seine Leute
vortrefflich sorgte.

Mein Kompagnieführer war mein Vetter, August von Witzleben, ein
strammer Soldat, der es mit der Ordnung sehr genau nahm, aber von
dem Einen, was not ist für seine Soldaten, nichts wußte. Interessant
war mir jedesmal der Wachdienst, und ich freute mich immer, wenn ich
an die Reihe kam. Am interessantesten war meine letzte Wache, die
mir mein Vetter offenbar aus besonderer Freundlichkeit ausgesucht
hatte, nämlich vor dem Palais des alten Kaisers, des damaligen
Prinzen Wilhelm. Es war die zweite Nacht vor der Enthüllung des
Denkmals Friedrichs des Großen. Ich hatte den Vorzug, in der frühen
Morgendämmerung, ehe noch jemand auf der Straße sich blicken ließ,
die Probe der Enthüllung vornehmen zu sehen und früher als andere
das Bild des alten Fritz zu schauen.

An demselben Tage, vor meiner Ablösung, war ein gewaltiges Gedränge vor
dem prinzlichen Palais. Viele fremde Offiziere fuhren in ihren Wagen
vor, und ich mußte beständig auf meiner Hut sein. Unter andern kam auch
mein alter Freund, Prinz Friedrich Wilhelm, und ich hatte die Freude,
auch vor ihm mein Gewehr zu präsentieren. Er sah mich einen Augenblick
scharf an, erkannte mich aber offenbar nicht in meinem Soldatenrock. Als
er fort war, kam mit einem Male mitten aus dem Getümmel des
zusammengedrängten Volkes mutterseelenallein ein kleines Stümpchen von
höchstens zwei Jahren die Rampe heraufgestiegen, gerade auf mich los. Da
es in Gefahr war, von den Wagen überfahren zu werden, nahm ich es bei
der Hand und führte es herunter, zum großen Jubel des zuschauenden
Publikums.

Am folgenden Tage stand das ganze Gardekorps teils auf dem
Schloßplatz, teils auf dem Opernplatz in Parade, und ich erinnere
mich noch deutlich, wie ich des Königs Stimme selbst vernahm, als
er laut rief: „Achtung!”, ihm nach dann die Generale: „Achtung!”
und so herunter bis zu unserm Regimentskommandeur immer eine
Stimme nach der andern: „Achtung!” und dann: „Präsentiert das
Gewehr!” In demselben Augenblick fiel der Vorhang vom Denkmal des
alten Fritz, und 101 Kanonenschüsse donnerten zum Zeichen, daß des
großen Königs Andenken erneuert worden war, und in begeisterter
Stimmung marschierten wir im Paradeschritt vor des Königs und
sämtlicher Prinzen und Prinzessinnen Augen an dem Denkmal vorüber
und die Linden hinunter.

Kurze Zeit danach hatten wir am Kreuzberg unser großes Feldmanöver
zu Ehren des russischen Feldmarschalls Paskewitsch. Dieses Manöver
war nach Gottes Führen und Regieren für meinen ganzen Lebensweg von
Entscheidung. Es war ein heißer Tag. Nach längeren, scharfen
Bewegungen, zum Teil im Laufschritt, hieß es plötzlich auf dem
weiten zugigen Felde: „Halt! Gewehr ab!” Da standen wir. Von der
Stunde ab fühlte ich mich nicht wohl, ohne daß jedoch sofort eine
Krankheit ausgebrochen wäre. In meinem jugendlichen Trotz wollte ich
nicht nachgeben und machte an den folgenden Tagen noch die
Felddienstübungen mit. Aber es wurde mir immer saurer, und ich litt
an Atemnot. Die Atemnot glaubte ich am besten durch kräftige
Anstrengungen der Lunge überwinden zu können. Es war gerade damals
ein köstliches Wellenbad in Moabit eingerichtet, wo ich gern mit
meinen Kameraden badete. Ich gewann noch eine Wette beim Schwimmen,
aber damit war auch meine Kraft zu Ende. Ich mußte mich revierkrank
melden, da ich keine Kraft mehr zum Marschieren hatte und mein Atem
immer kürzer wurde.

Zwei Tage lag ich recht elend auf meiner einsamen Stube in der
Klosterstraße, von meinen guten jüdischen Wirtsleuten gepflegt. Da
besuchte mich mein Freund, Gustav Bossart, den ich sehr
vernachlässigt hatte, und bewies sich nun recht als Helfer in der
Not. Er brachte die Nacht an meinem Bette zu und schaffte mich dann,
da er sah, wie ernst die Sache wurde, in das Militärlazarett in der
Grünen Straße, wo ich mit zwei andern Freiwilligen, zu denen zu
meiner großen Freude mein lieber Schäferssohn gehörte, ein Zimmer
teilte. Der Bataillonsarzt erkannte die Krankheit nicht sogleich;
als aber der Regimentsarzt kam, sagte er sofort: „Hier will ich Blut
sehen”, d. h. ich sollte zur Ader gelassen werden. Der junge
Militärarzt hatte noch wenig Übung in der Kunst des Aderlassens;
darum floß wohl dreimal so viel Blut, als der Arzt bestimmt hatte.
Es mochte aber so Gottes Wille sein zur Rettung meines Lebens. Denn
es zeigte das Blut einen hohen Grad von Lungenentzündung, sodaß ich
am nächsten Tage trotz des starken Blutverlustes noch einmal zur
Ader gelassen wurde.

Die Lungenentzündung war mit einer Entzündung des Rippenfells verbunden,
und es folgten nun dunkle Fieberstunden, die mich fast drei Tage lang
ohne Besinnung ließen. Doch waren die Fieberphantasien meist
freundlicher Art. Es ist mir darin etwas von dem klar geworden, was
Paulus erfahren hat: „Außer dem Leibe wandeln”. 2. Kor. 12, 2. Es war
mir nämlich so, als ob ich selbst die Schmerzen gar nicht mehr erlitte,
die mein armer Leib zu tragen hatte. Ich sah in der Nacht, als meine
Krankheit auf dem Höhepunkt war, einen Menschen, in welchem ich mich
selbst erkannte, auf einem hohen Berggrat liegen. Die eine Hälfte des
Menschen war ganz ein Eisklumpen, die andere stand in rotglühender
Hitze. Zunächst nämlich war nur die eine Hälfte meiner Lunge entzündet.
Dies war die Seite, die ich in der Gluthitze schaute. Ich konnte den
Menschen in seiner Qual bedauern, während ich mich selbst ganz wohl
fühlte.

Übrigens war meine Pflege jämmerlich. Der gute flachsköpfige Soldat,
der bei mir Nachtwache halten sollte, schlief die ganze Nacht durch,
und meine Bitte um einen Schluck frischen Wassers zur Linderung der
Gluthitze blieb vergeblich. Nur mein Freund Bossart saß tagsüber
öfter an meinem Bett. Eines Morgens aber, als ich eben aus einem
kurzen Fieberschlummer aufwachte, saß statt seiner mein guter Vater
da. Gerade in den ersten Tagen meiner Krankheit war des Vaters
Bruder Karl, mein späterer Schwiegervater, als Minister nach Berlin
versetzt worden. Er hatte mich zum Mittagessen eingeladen, und als
statt meiner die Nachricht kam, daß ich krank im Lazarett läge,
hatte er meinen Vater benachrichtigt. Der Vater blieb drei bis vier
Tage bei mir, bis ihn die liebe Mutter ablöste, die freilich die
Pflege besser verstand als die Lazarettgehilfen, zumal sie ja den
Vater so oft in der Lungenentzündung gepflegt hatte.

Die Krankheit ging aber nicht so schnell vorüber. Durch den
übermäßigen Blutverlust bei den beiden Aderlässen war eine Art
Wassersucht eingetreten, zu der dann noch ein typhöser Zustand
hinzukam. Doch erinnere ich mich noch mit Freuden daran, wie mich
einmal ein starker Grenadier auf die Arme nahm und die drei Treppen
hinunter in den Garten trug, wie er mich in einen Lehnstuhl, der
zwischen blühenden Blumen auf dem Rasenplatz stand, legte und wie
mich dann ein Gefühl des Dankes und der Freude über meine Genesung
ergriff. Einige Wochen später wurde ich zu meinem Onkel ins
Finanzministerium transportiert. Hier bekam ich mein Quartier in dem
schönen Gartensaal, wo wir als Kinder so glücklich gewesen waren.
Nach fünf Wochen hatte sich die Kraft so weit eingestellt, daß ich
die Reise in die Heimat antreten konnte.

Diese ernste Krankheit blieb mir ein Zeichen der Erbarmung und
Freundlichkeit meines Gottes. Ich hatte ihn öfter gebeten, wenn er
sähe, daß die große Stadt mit ihren Versuchungen mir gefährlich
werden würde, dann möge er mich selbst hinausführen an seiner Hand.
Ich konnte seine Gnadenführung deutlich erkennen. Namentlich die
ersten beiden Tage im Lazarett, ehe ich die Besinnung verlor, hatten
einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich lag ja mit den
beiden Freiwilligen auf dem Krankenzimmer und zwar zwischen beiden.
Der eine, der Schäferssohn aus Pommern, auch an der Brust leidend
wie ich, wenn auch nicht gerade an Lungenentzündung, war freundlich,
dankbar, still, ergeben, voll Lied und Lobgesang im Herzen. Der
andere, ein junger Kaufmannssohn aus Elberfeld, infolge seines
leichtsinnigen Lebens erkrankt, war beständig am Schimpfen und
Fluchen, worüber er von meinem Nachbarn zur Linken mit großer
Offenheit gestraft wurde. Als meine Krankheit zu schwer wurde, bekam
ich ein Zimmer allein. Von meinen beiden Leidensgefährten habe ich
nie wieder etwas gehört, aber der Eindruck blieb mir, was es doch
für ein Unterschied sei zwischen einem gottlosen Menschen und einem
Kinde Gottes.

Weil meine Krankheit einen chronischen Charakter annahm, so hatte
ich, als ich in die Heimat reiste, einen langen Urlaub bekommen.
Aber auch jetzt wollten sich die alten Kräfte nicht so schnell
wieder einstellen. Als ich mich darum nach abgelaufenem Urlaub bei
dem alten Regimentsarzt stellte, erklärte mich dieser für dauernd
dienstuntauglich. Doch bekam ich meine definitive Entlassung erst
neun Monate nach meinem Diensteintritt und zwar, wie es in meinen
Militärpapieren hieß, „als ein mit der Muskete ausgebildeter
Halbinvalide”.


Als Landwirt in Pommern. 1852-1854.

„Nun war guter Rat teuer. Was sollte weiter aus mir werden? Als ich von
dem alten Doktor wieder auf die Straße kam und der Droschkenkutscher
mich fragte, wohin er fahren solle, sagte ich zu ihm, das wisse ich
selbst nicht. Er möge fahren, wohin er Lust hätte. So fuhr er mich auf
die nahegelegene Post, und ich entschloß mich flink, da die Postpferde
gerade angespannt wurden, um nach Luckau zu fahren, einen kleinen
Abstecher zu meinem Freunde Ernst von Senfft zu machen, der damals auf
dem Hauptgute des alten Herrn Koppe in die Lehre getreten war.

Ernst von Senfft war in der Berliner Zeit, wo wir zusammen das
Friedrich-Wilhelms-Gymnasium besuchten, mein nächster Freund geworden
und seitdem auch geblieben. Die Freundschaft zu ihm war mit ein Grund
gewesen, weshalb ich den landwirtschaftlichen Beruf ergriffen hatte, in
der Hoffnung, mit ihm gemeinsam landwirtschaftliche Studien treiben zu
können. Während der Schülerzeit hatte ich von Berlin aus meinen Freund
einige Male auf das Gut seines Vaters, Gramenz in Hinterpommern,
begleitet, und es bestand ursprünglich die Absicht, daß wir dort
gemeinsam unsere erste landwirtschaftliche Lehrzeit zubringen sollten.
Aber gerade als wir diesen Plan in die Wirklichkeit umsetzen wollten,
wurde mein Freund berufen, den Prinzen Friedrich Wilhelm (unseren
späteren Kronprinzen und Kaiser) nach Bonn auf die Universität zu
begleiten. Auf diese Weise waren wir auseinander gekommen und freuten
uns nun um so mehr des Wiedersehens.

Ich brachte einige schöne, stille Wochen mit meinem Freund zusammen zu
und lernte zugleich bei dem originellen alten Koppe manches, was ich im
Oderbruch nicht hatte lernen können. Die Abende aber las ich mit Ernst
Senfft, nach unserer gemeinsamen alten Jugendlust, Homers Ilias und
dergl. mehr. Während unseres dortigen Zusammenseins traf eine Einladung
des Vaters meines Freundes ein. Dessen Berufung als Oberpräsident von
Pommern stand bevor. So konnte er sich wenig um seinen Besitz kümmern
und forderte uns auf, daß wir im kommenden Frühling gemeinsam unsere
bisher in der Landwirtschaft erworbenen Kenntnisse auf den Gütern in
Hinterpommern verwerten sollten. Da die Ärzte vor der Hand bei dem
Zustand meiner Lunge ein wissenschaftliches Studium nicht für geraten
hielten, so willigte mein Vater ein.

Um mich auf meine Tätigkeit noch weiter vorzubereiten, folgte ich
der Anregung eines andern Freundes, den ich in Kienitz kennen
gelernt hatte, und ging zu dessen Bruder Franz Bieler nach Machern
bei Friedeberg, einem trefflichen Landwirt, in dessen Hause ich
viele Freundlichkeit und Förderung genoß.

In den ersten Tagen des April 1852 langte ich zugleich mit meinem
Freunde Ernst in Gramenz an. Wir bezogen miteinander das Vorwerk
Raffenberg, eine halbe Stunde von dem Hauptgute Gramenz entfernt.
Raffenberg sollte von meinem Freunde Ernst bewirtschaftet werden,
während mir zunächst die beiden andern Güter, Schoffhütten und
Zechendorf, zugeteilt wurden, die ich von Raffenberg aus inspizieren
sollte.

Der alte Herr von Senfft hatte Gramenz in den dreißiger Jahren für
60000 Taler erworben. Er hätte bei diesem günstigen Ankauf ein
sorgenfreies Leben führen können, denn das Hauptgut, das für sich
allein 500 Morgen groß war, besaß sehr alte fruchtbare Ländereien
und war darum recht wertvoll. Allein der rastlose Geist des alten
Herrn war darauf gerichtet, alles unbebaute Land urbar zu machen. Um
das dafür nötige Vieh halten zu können, legte er großartige
Rieselwiesen an, zu deren Bewässerung das Wasser in drei großen
Bassins durch aufgeführte Dämme gesammelt wurde. Allein diese
Anlage, die Hunderttausende verschlang, brachte den gewünschten und
erhofften Ertrag nicht, zumal gleichzeitig über 100 verschiedene
Häuser gebaut wurden, sowohl für die wirtschaftlichen Zweige als für
die Tagelöhner. Die Wasser des pommerschen Landrückens waren zu arm
und darum der Ertrag der Wiesen zu gering. Infolgedessen befand sich
der alte Herr beständig in den drückendsten Sorgen. Da sollten wir
jungen Leute nun raten und helfen, und die Hoffnung, die er auf uns
setzte, ging dahin, daß binnen kurzem alle Sorgen von ihm genommen
sein würden.

Immerhin war, äußerlich angesehen, Gramenz ein prachtvoller Besitz,
zwei Meilen (15 Kilometer) lang, eine halbe Meile (3 bis
4 Kilometer) breit, von rieselnden Bächen und anmutigen Tälern
durchzogen und an seinem Rande von lieblichen Seen umgeben, die mit
Buchenwald eingefaßt waren. Was aber die Hauptsache war, um den
Aufenthalt für mich segensreicher zu machen als meine drei letzten
landwirtschaftlichen Orte Kienitz, Wollup und Machern: es bestand
von alter Zeit her ein kirchlicher Sinn in der Gemeinde, und der
Pfarrer Diekmann meinte es sehr treu. In der aufs freundlichste
ausgestatteten Dorfkirche wurden erquickende Gottesdienste gehalten,
zu denen wir uns regelmäßig Sonntags einfanden.

Wir beiden jungen Leute führten auf unserem Vorwerk ein eigenartiges
Junggesellenleben. Die Schäfersfrau besorgte uns unsere Küche. Wir
hatten jeder unser Reitpferd. Das meines Freundes hieß Soliman,
meins Dido. Ich hatte es bald so gewöhnt, daß es, wenn es auf der
Weide ging, auf einen Pfiff herankam und ich ihm bloß die Gerte, die
ich in der Hand hatte, ins Maul zu legen brauchte. Dann ließ es sich
ungesattelt in allen Gangarten reiten, indem ich es mit der Gerte,
deren beide Enden ich gefaßt hatte, lenkte.

Wir beiden Freunde sahen uns gewöhnlich nur morgens und abends,
gönnten uns aber doch bisweilen in einer trauten Einsamkeit an
irgend einem Bachufer ein Ruhestündchen, um unsere klassischen
Studien fortzusetzen. Unsere Freundschaft war sehr innig, auch in
bezug auf die äußeren Dinge. Wir waren beide genau gleich groß,
sodaß uns unser Zeug gegenseitig paßte. So hielten wir denn auf
völlige Gütergemeinschaft, und jeder schaffte nach seinen Mitteln
etwas in den gemeinsamen Kleiderschrank an, wobei man mit Vorliebe
das anzog, was der andere angeschafft hatte.

So scharf und heiß unsere Arbeit meist den Tag über war, so fehlte
es doch auch nicht an Erquickungen. Abends ritten wir oft auf unsern
schnellen englischen Vollblutpferden nach dem nur eine Meile
entfernten Buchwald hinüber, wo die älteste Schwester meines
Freundes an einen Herrn von Glasenap verheiratet war und wo damals
ein liebliches Familienleben aufblühte. Glasenaps hatten sich am
Ufer eines Sees ein gar freundliches Landhaus gebaut. In den schönen
Sommernächten fuhren wir oft noch spät unter fröhlichen Liedern auf
dem See, nachdem wir vorher ein erfrischendes Bad genommen hatten.
Auch in Gramenz selbst, ehe der alte Herr nach Stettin übersiedelte,
gab es in dem lieben Familienkreise manche freundliche Stunde.

Übrigens merkten wir beide, Ernst und ich, bald, daß die Sachen
nicht standen, wie sie stehen sollten. Waren in den früheren Jahren
große Fehler begangen, indem man zu große Flächen Wald urbar machte
und stattliche Gehöfte auf ihnen aufrichtete, ohne die nötigen
Mittel zu haben, um das urbar gemachte Land auch ertragfähig zu
machen, so war es neuerdings ein besonders schwerer Mißgriff
gewesen, daß man sich auf englische Pferdezucht und gar auf
Trainierung kostbarer Rennpferde eingelassen hatte. Vor allem aber
hatte der liebe alte Landesökonomierat Koppe, der sonst der
kundigste Ratgeber war, den man hätte finden können, seinem Freunde
Senfft geraten, eine große Zuckerfabrik zu bauen. Doch für den
Zuckerrübenbau waren viele Flächen noch zu jung und zu arm.

Noch schlimmer war es, daß der alte Herr von Senfft nicht nachließ,
seinen Pächtern immer neue Flächen zu entziehen in der Meinung, dadurch,
daß er das Pachtland in eigene Bewirtschaftung übernahm, besser
abzuschneiden. Der Sohn war hierin mit seinem Vater gar nicht
einverstanden. In seiner romantischen Art konnte er wohl, wenn wir
abends über einen der kleinen mit Eichen umstandenen Pachthöfe ritten,
unter einer der alten Eichen still halten und sich dann in die Seele
solch eines alten vertriebenen Erbpächters hineinzudenken, wie er seine
mit ihm ausgetriebenen und zu Tagelöhnern hinuntergesunkenen und
hinuntergestoßenen Leidensgefährten versammelte, um ihnen eine Rede zu
halten, in der er sie zum Aufruhr gegen ihren Bedränger aufforderte, der
sie von ihrem väterlichen Herd verstoßen und sie, voll unersättlicher
Gier nach erweiterten Grenzen, aus dem Schatten ihrer alten Eichen
verdrängt habe.

Der alte Senfft war in der Tat einer der wunderbarsten Menschen, die
ich je kennen gelernt habe. Schärfere Widersprüche können kaum in
ein und demselben Herzen angetroffen werden. Voll inniger,
ungeheuchelter Frömmigkeit, sich seines Heilands niemals schämend,
auch am Hofe des Königs nicht, für seine eigene Person mit dem
Geringsten zufrieden, ja, ängstlich sparsam, ohne jeden Adelsstolz,
hatte er doch auf der andern Seite Eigenschaften, die einem geraden
Charakter, wie z. B. meinem Vater, unbeschreiblich schwer waren. Er
liebte heimliche Wege, um zu seinen Zielen zu gelangen, und ließ
sich niemals hinter seine Geheimnisse schauen. Das schwerste aber
war uns Jungen seine Landgier. Diese besondere Gier verschloß ihm
die Augen gegen manche furchtbare Härte, ohne die die bisherigen
Pächter sich nicht aus ihren alten Wohnstätten vertreiben ließen.

Dazu kam, daß er in der Bewirtschaftung seiner Güter vielfach
Unmögliches forderte und darum von seinen Beamten, von deren
Vortrefflichkeit er oft geradezu kindliche Ansichten hatte, vielfach
hintergangen wurde. Unter solchen schwierigen Umständen, in die sein
Sohn und ich ahnungslos hineinversetzt waren, konnte es wohl
vorkommen, daß wir zueinander sagten: „Wir müssen beten, sonst sind
wir verloren.” So schwer legte sich mitten unter allerlei
Knabenscherzen die große Sorge auf unser Herz.”

Einige Wochen nach seiner Ankunft in Gramenz schrieb der junge
Inspektor Bodelschwingh seinem Vater:

          Raffenberg bei Gramenz, Himmelfahrtstag 1852.

            Lieber Vater!

Sei nicht böse, daß ich Dich so lange auf einen vernünftigen Brief
habe warten lassen. Die unerwartete Bedeutsamkeit und Ausgedehntheit
meiner hiesigen Stellung hat mich bis jetzt bei einer steten
aufgeregten Tätigkeit kaum zur Besinnung kommen lassen. Die
Feiertage selbst waren bis jetzt teils durch notgedrungenes langes
Schlafen, regelmäßigen Kirchenbesuch und gezwungenen Gramenzer
Familienaufenthalt, teils mit weitläufigem Rechnungswesen und
reformatorischen Beratungen so ausgefüllt, daß ich bis jetzt
vergeblich nach einer ruhigen Stunde gespäht habe, die mir nun
endlich ein feierlich schöner Himmelfahrtsabend freundlich gewährt.

Zuerst will ich nur gleich vorausschicken, daß unter allen
Wohltaten, für die ich dem lieben Gott Dank schuldig bin, kaum eine
mir größer erscheint, als daß er mich hierher geführt hat. Ich muß
wirklich meine hiesige Stellung nach allen Richtungen hin, sowohl
was ihren Wert für meinen Lebenslauf direkt, als für meine ganze
geistige Ausbildung im allgemeinen anlangt, eine ausgesucht
glückliche nennen. Hier hast Du zuerst eine flüchtige Beschreibung
meines landwirtschaftlichen Wirkungskreises.

Schoffhütten, das größere der beiden mir unterstellten Vorwerke,
Raffenberg, meinem Wohnort, am nächsten gelegen (3,8 Meilen
Entfernung), hat bei einer Viehhaltung von ca. 10 Pferden,
12 Ochsen, 20 Kühen und 700 Schafen ein Areal von etwa 800 Morgen
Acker mit 100 Morgen natürlichen Wiesen, außerdem eine unberechnete
Fläche teils verpachteten, teils noch nicht urbaren Landes, im
ganzen 2400 Morgen. Der bis jetzt unter den Pflug genommene Teil des
Schoffhütter Ackers ist seiner Bodenmischung nach unbezweifelt der
beste unter allen Gramenzer Ländereien, aber teils von den früheren
Pächtern ausgesogen, teils überhaupt noch ohne Kultur. Das Terrain
ist dabei im höchsten Grade unübersichtlich, unzählige Gräben und
steile Abhänge; die ganze Beackerungsweise ist mir vollständig neu.
Dabei sind größere Entwässerungsarbeiten eines in diesem Jahre neu
hinzugenommenen Schlages, Roden, Planieren usw. im Gange.

Das zweite mir unterstellte Vorwerk Zechendorf (der Wirtschaftshof
liegt über eine halbe Meile von dem Schoffhütter entfernt, sonst
sind beide Feldmarken nur durch einen kleinen Gramenzer Pächter
voneinander getrennt) hat 700 Morgen Acker, Wiese und Bruch,
6 Pferde, 12 Ochsen, die nötigen Kühe und 3 bis 400 Schafe. Es ist
erst seit vorigem Jahre teils aus der Verpachtung genommen, teils
neu zugekauft und befindet sich noch auf allen Punkten im Zustande
gänzlicher Verkommenheit und Verarmung. Hier sind noch bedeutende
Meliorationsarbeiten in Angriff genommen.

Überall handelt es sich um eine erste mühsame Bestellung, überall ist
Mangel an allem, darum aber herrscht auch über jedes mühsam
neugeschaffene Stück Land desto größere Freude. Die Handarbeitskräfte
auf beiden Vorwerken sind mehr als zureichend, da außer 20 eigenen
Tagelöhnerfamilien gegen 40 Pächter täglich einen Dienstmann stellen
müssen, sodaß ich täglich gegen 80 Leute zu beschäftigen habe. Auf jedem
Vorwerk ist ein Hofmeister, beides recht gescheite, eifrige, tüchtige
Männer, die bis dahin direkt unter den angrenzenden Inspektoren von
Raffenberg und Ernsthöhe gestanden hatten, außerdem aber und seit der
bedeutenden Erweiterung der Betriebe in diesem Frühjahr ganz
vorzugsweise unter dem Oberinspektor selbst. Der hat mich aber seit dem
großartigen Gramenzer Fabriktrubel völlig im Stich gelassen (es handelte
sich um eine Meinungsverschiedenheit über Anlage und Betrieb der
Zuckerfabrik). Über eine Meile von Gramenz entfernt bin ich
selbständiger, als mir lieb ist. Herr von Senfft kümmert sich eigentlich
gar nicht um die spezielle Bewirtschaftung; nach meinen entfernten
Vorwerken kommt er höchstens fünf- bis sechsmal im ganzen Jahr; mich hat
er erst einmal flüchtig besucht.

Außer diesen beiden Vorwerken, von denen mir in ihren jetzigen
Verhältnissen jedes einzelne eine reichliche und angenehme
Beschäftigung gewähren würde, habe ich nun unser hiesiges
Raffenberg, ein Gut von 2200 Morgen schweren Weizenbodens mit
700 Morgen Wiesen, täglich selbst tätig mitwirkend, unter Augen, da
Ernst Senfft allein von der Arbeit erdrückt werden würde. Namentlich
des hiesigen Rübenbaus, über 200 Morgen (ich selbst habe auf meinen
Vorwerken aus Mangel an aller Kultur erst dreißig Morgen bauen
können), habe ich mich speziell angenommen.

Außer Raffenberg passiere ich nun auf meinem täglichen Ritt noch
Ernsthöhe, 1500 Morgen leichteren Bodens, auch erst seit wenigen
Jahren aus der Wildnis emporgearbeitet, und auch hier bleibe ich mit
dem ganzen Wirtschaftsbetriebe bei dem ewigen Ineinandergreifen der
Vorwerke mit Leuten und Gespannen immer im Zusammenhange. Außerdem
muß ich mindestens ein- bis zweimal wöchentlich, außer Sonntag, nach
Gramenz, wo mir 450 Morgen Zuckerrüben unterstellt sind, dazu die
dortige Rieselwirtschaft und die Wäsche und Schur von 5000 Schafen,
wovon die beiden letztgenannten Sachen mir noch ganz fremd sind. So
ist das Feld für meine landwirtschaftliche Tätigkeit so unendlich
groß, daß ich gar nicht im Stande bin, es auch nur einigermaßen
auszunutzen und meine Pflicht, wie ich möchte, zu erfüllen.

Gleichwohl hat diese ersten Wochen über die eigentliche
Landwirtschaft nur den geringeren Teil meiner Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen. Was mich viel lebhafter und inniger beschäftigt
hat, war das Schicksal der Tagelöhner, besonders auf meinen
entfernten Vorwerken, aber auch in Gramenz. Bei diesen Leuten, die
unter rohen Inspektorhänden auf etwas brutale Weise verkümmert und
verkommen waren, war es meine erste Sorge, wenigstens dem gröbsten
Elend abzuhelfen, wobei mir übrigens Herr von Senfft auf die
entschiedenste und freundlichste Weise zu Hilfe kam, da er
eigentlich von der Größe des Elends gar keinen Begriff hatte.

Schoffhütten und Zechendorf sind nämlich nicht, wie Raffenberg und
Ernsthöhe, neue Vorwerke, sondern beides alte Dörfer, mit
ehrwürdigen Bäumen aller Art schön ausgestattet, die die alten
Pächterwohnungen nach westfälischem Stil umgeben. Die Pächter sind
nun zum großen Teile aus ihren Wohnsitzen verdrängt, und statt
ihrer, soweit sie nicht selbst in Tagelöhner umgewandelt und als
Tagelöhner wohnen geblieben sind, ist allerlei Gesindel eingezogen,
das man aus Gramenz weggebracht hatte. Diese Leute, überschuldet wie
sie waren und daher nicht imstande, von ihrem Verdienst zu leben,
waren seit mehreren Monaten ohne Kartoffeln, ohne Getreide. Sie
trieben sich teils bettelnd umher, teils lagen sie faul zu Hause,
mißmutig, etwas zu tun, weil ihnen doch all ihr Verdienst auf ihre
gemachten Schulden abgerechnet wurde. Da war es nun meine erste
Sorge, gewaltsam und eigenmächtig einzugreifen. Da dies aber nicht
geschehen konnte, ohne daß ich mich auf das genaueste um die
Familienverhältnisse der Leute kümmerte, so bin ich fast täglich in
allen Stätten des großen Elends herumgekrochen und habe in vielen
Familien förmlich die Haushaltung geführt.

_Pfingsten._ Am Himmelfahrtstage zu früh unterbrochen und aufs neue
in den Strudel hineingetrieben, bin ich heute vom Gramenzer
Mittagstische direkt wieder nach Raffenberg umgekehrt, um endlich
den angefangenen Brief zu Ende zu bringen. Du kannst Dir denken, daß
nach der Behandlung, die die Tagelöhner bis dahin genossen, ich in
diesem Punkte eine unglaublich leichte und dankbare Stellung habe.
Obgleich ich mir eine Strenge und Härte anzwinge, die ich mir bis
dahin nie zugetraut habe, sind mir alle meine Leute in so kurzer
Zeit so ganz zugetan und anhänglich geworden, daß ich mich fast
täglich der Ausbrüche ihrer Dankbarkeit gewaltsam erwehren muß.

Ich denke übrigens, indem ich die Leute aus dem Elend gerissen, auch
Herrn von Senfft bedeutend genutzt zu haben. Indem ich die Kräfte
der eigenen Leute aufs äußerste durch Akkordarbeiten ausnutzte, das
Gramenzer Betteln durch Hilfe an Ort und Stelle zu Ende brachte,
Frauen und Kinder beim Rübenbau beschäftigte, ist es mir mit der
Zeit möglich geworden, gegen 40 fremde Arbeiter und Pächterknechte
teils zu entlassen, teils nach Gramenz zu schicken und hier wieder
die Annahme von noch teureren fremden Leuten zu vermeiden. In
ähnlicher Weise habe ich eine Menge kleiner Einrichtungen gemacht,
die ich erst in Zechendorf, dann in Schoffhütten ausprobte und von
da hierher nach Raffenberg verpflanzte. Ich habe den Leuten statt
des bloßen teuren Roggens, von dem sie ausschließlich lebten,
Kartoffeln und Gerste angeschafft, womit sie ein Drittel billiger
auskommen. Ich zahle ihnen ihren Tagelohn statt vierteljährlich
wöchentlich aus, wodurch sie zu doppeltem Fleiß angefeuert werden.
Für die ganz verkommenen Familien lasse ich Suppe kochen, die sie
für ein billiges erhalten, damit auch die Frau ohne häusliche Sorgen
täglich mitarbeiten kann. Manchen messe ich ihr Mehl für ihre Suppe
zu und bestimme danach, wie lange sie mit ihrem Scheffel auskommen
müssen, weil ich erfahren hatte, daß sie in der Not, aber wohl auch
zum Branntweinsaufen, das empfangene Korn teilweise wieder
verkauften.

Ich halte mich notgedrungen beständig in Zusammenhang mit den
Speisekammern fast sämtlicher Leute. Die Vorräte an Mehl,
Kartoffeln, Salz und Milch muß ich stets im Gedächtnis haben. Das
Ganze ist im eigentlichen Sinne des Worts meine eigene Haushaltung.
Denn indem ich das Schicksal sämtlicher Leute von der Gramenzer
Inspektoren-Kamarilla losband, habe ich auch ihre ganzen Schulden,
gegen 300 Taler, persönlich auf mich genommen, zwar nicht mit der
Verpflichtung, sie der Gramenzer Gutskasse wieder zu bezahlen, aber
doch mit dem Versprechen, darin mein Bestes zu tun. Ich erhalte nun
wöchentlich aus der Gutskasse meinen vollen Tagelohn für alle Leute,
mit dem ich nach besten Kräften für die Leute wirtschafte. So habe
ich also außer meiner ausgedehnten landwirtschaftlichen Tätigkeit
auch eine große Familienhaushaltung, die neben manchem andern
Lehrreichen auch für mich das Gute hat, daß ich im steten
Zusammenhange mit so großer Armut und so großen Entbehrungen mit
meinem eigenen Lose recht von Herzen zufrieden sein kann und mir
auch für die Zukunft jede Entbehrung leicht werden wird.

Übrigens ist meine jetzige Lebensweise auch keineswegs üppig zu
nennen. Am frühen Morgen Raffenberg mit einer Tasse Milch und einem
Stück Brot im Magen verlassend, kehre ich der Regel nach erst abends
gegen zehn dahin zurück, zu müde, mehr wie einen Teller saure Milch
zu vertilgen. Den Tag über auf meinen Vorwerken wird nach Umständen
gelebt, mitunter ein Butterbrot, mitunter ein paar Kartoffeln oder
Eier, mitunter gar nichts. Dabei befinde ich mich aber so gründlich
wohl und kräftig, daß ich es nicht beschreiben kann.

Mein täglicher Ritt beträgt in gradester Richtung mindestens zwei
gute Meilen, wozu dann häufig noch die dritte und vierte kommt. Der
Weg ist indessen entweder so hart oder bei nassem Wetter so
schlüpfrig, das Terrain so hügelig, so viel Moraste, Gräben und
mühsame Pfade, daß von scharfem Reiten selten die Rede ist und daß
die Zeit zu Pferd mir immer eher eine angenehme Erholungszeit für
Geist und Körper als eine Anstrengung ist. Die Szenerie ist zum
großen Teile wirklich so lieblich und wird für mein Auge mit jedem
Tage so viel lieblicher, daß ich Euch auf Eurer Reise im Thüringer
Walde gar nicht zu beneiden brauche.

Jeden frühen Morgen führt mich mein Weg durch den im frischen üppigen
Grün prangenden Buchenwald, meist auf selbstgesuchten näheren Pfaden, wo
ich oft Zweig für Zweig zurückbiegen oder gebückt durch Laubengänge
kriechen muß. Und des Abends, so wie gestern zum Beispiel, kehre ich im
Mondschein wieder zurück, am liebsten an den Bachufern entlang, wo die
Nachtigallen seit drei Wochen schon fleißig am Singen sind. Meine
Feldmarken selbst aber sind wie aus der schönsten westfälischen
Landschaft herausgeschnitten, mit Eichengruppen, kleinen Wiesen, Hecken
und zerstreuten Pächterwohnungen mannigfach verziert; dazu dann eine
weite herrliche Aussicht über das ganze Gramenzer Gelände (denn
Schoffhütten und Zechendorf liegen wohl mehrere hundert Fuß über den
Gramenzer Wiesen). Da geht mir nicht selten das Herz so auf, daß ich
laut aufjauchzen möchte vor Fröhlichkeit.

Zu andern Zeiten kann ich dann freilich auch eine gewisse Wehmut
nicht zurückweisen, wenn ich die schönen alten Pächtereien, auf
denen oft ein und dieselbe Familie hundert Jahre gewohnt hatte, nun
verwaist und verlassen stehen sehe, und nicht selten trifft man auf
Leute, denen in Erinnerung an ihre alten Wohnstätten, die sie als
ihr Eigentum anzusehen sich gewöhnt hatten, die Tränen in die Augen
treten. Wie weit da nun Recht oder Unrecht waltet, kann ich nicht
beurteilen, geht mich auch gar nichts an. So viel weiß ich aber, daß
so viele Leute ihres heimatlichen Landes beraubt sind, ohne daß bis
jetzt Herrn von Senfft der geringste Nutzen daraus erwachsen ist.
Denn das den Pächtern genommene Land ist teilweise in Hände geraten,
die es noch mehr mißhandelt haben wie jene.

Der jetzige Oberinspektor aber, dahinter sind wir bald genug
gekommen, ist in der Tat ein höchst untüchtiger Mann, der seiner
Stellung nicht im geringsten gewachsen ist. Er hat in sehr wilder
und leichtsinniger Weise darauf losgewirtschaftet, Land und Leute
verdorben und Herrn von Senfft großen Schaden gemacht. Es ist daher
auch bald ein drückendes Verhältnis zwischen Ernst und mir auf der
einen Seite und ihm auf der andern Seite eingetreten. Wir kamen
zuerst mit unsern Verbesserungsvorschlägen zu ihm. Aber da wir von
ihm zurückgewiesen wurden, hielten wir uns bald für verpflichtet,
sie durch Herrn von Senfft selbst durchzusetzen, der uns in allen
Stücken ein fast zu großes Vertrauen schenkt. Dadurch ist nun der
Mann moralisch sehr heruntergedrückt, während unser Wirkungskreis
sich sehr erweitert hat. Einmal mißtrauisch geworden, haben wir uns
bald verpflichtet gefunden, überall mit zuzusehen, haben in der
Fruchtfolge geändert, im ganzen Leutewesen reformiert, ohne des
Oberinspektors Einwilligung das Rechnungswesen umgestaltet usw.
Dadurch sind wir allmählich sehr mächtig geworden und sind fast
wider unsern Willen in eine Stellung hineingeraten, der wir gar
nicht recht gewachsen sind.

Zum Schluß will ich nur noch sagen, daß unser Familienleben, nämlich
Ernst Senffts und meins, einzig ist und daß die Freude, mit dem
unvergleichlichen Jungen zusammen leben zu können, alle andern Freuden,
die mir hier Natur und Beruf reichlich gewähren, weit übersteigt. In
einem kleinen Zimmer, mit allem möglichen Studentenflitter ausgestattet,
hausen wir auf das lustigste, präsidieren bei Tafel über zwei
Wirtschaftslehrlinge und einen Schulmeister, denen gegenüber wir die
Würde zweier Wirtschaftsprinzipale einzunehmen wissen. Daß bei unserer
jetzigen Tätigkeit nicht viel von theoretisch-wissenschaftlichen Studien
die Rede sein kann, magst du leicht denken. Gleichwohl passiert es uns
gar häufig, daß wir uns des Abends unwillkürlich aus übergroßer
Müdigkeit aufrütteln und uns über irgend einem unserer guten alten
Klassiker bis tief in die Nacht hinein ergötzen oder uns an
beiderseitigen reichen Erinnerungen aus den letzten Jahren, die wir noch
lange nicht alle ausgetauscht haben, beglücken.

In der leisen Hoffnung, wenn nicht Dich selbst, so doch eins der
Schwesterchen mit Herrn von Senfft von Berlin ankommen zu sehen, bin
ich freilich diesmal getäuscht worden, hoffe aber doch noch einmal,
Dir und ihnen unsere Herrlichkeit hier zeigen zu können.

Verzeih mein wildes, unruhiges, unordentliches Geschwätz noch
einmal, indem ich hoffe, bald vollständigere Nachricht geben zu
können, und grüße die Mutter und die Schwestern

                              von Deinem gehorsamen Sohn

                                                      Friedrich.

„Da der alte Herr”, so heißt es in den Erinnerungen weiter, „die
gewöhnlichen Tänzereien bei den Erntefesten nicht litt, so erlaubte
er meinem Freunde und mir, unsere Erfindungskraft anzustrengen, auf
welche Weise dennoch fröhliche Volksfeste gefeiert werden könnten,
um den Tagelöhnern und ihren Kindern nach der heißen Sommerarbeit
einen Festtag zu gewähren. An irgend einem hochgelegenen Waldrande
unter Eichen und Buchen wurden eine ganze Reihe von Feldküchen
eingerichtet und ganze Körbe voll Kuchen und Obst hinausgeschafft.
Mit Lied und Lobgesang im Kirchen- und Volkston wurde begonnen. Dann
folgte eine Ansprache an die Versammlung, die auf die reiche Güte
Gottes hinwies. Jetzt ging's an die fröhliche Mahlzeit, die von den
Gesängen der Kinder unterbrochen wurde. Dann wurde zu den
mannigfaltigsten Spielen eingeladen, die für die Größeren und die
Kleineren, für die Burschen und für die Mädchen besonders
eingerichtet waren. Am Abend wurde mit Gesang und Gebet geschlossen.

Eins dieser Feste, das wir an einem besonders herrlichen Platz
meines hochgelegenen romantischen Schoffhütten feierten, nahm
freilich ein trauriges Ende. Denn der Pommer liebt leider den
Schnaps über alle Maßen. Lieschen Senfft, die Schwester meines
Freundes, hatte den Honoratioren der Gesellschaft eine Überraschung
bereitet. In einer besonders dichten Waldecke hatte sie einen
kleinen Platz aushauen lassen, zu welchem ein ganz verborgener Pfad
führte. Hier war künstlich eine schöne Laube zurechtgeflochten, mit
Blumen geschmückt und mit Rasenbänken versehen, zwischen denen die
schönsten Kaffeetische mit allerlei Zubehör aufgeschlagen waren.
Während nun unsere Dorfbewohner fröhlich schmausten und Kaffee
tranken, hatten wir uns hierher zurückgezogen. Da kam plötzlich die
Nachricht: „Man prügelt sich.” Irgend ein Nichtsnutz hatte in ein
anderes Waldgestrüpp ein Schnapsfaß eingeschmuggelt. Dem hatten eine
Anzahl junger Burschen so fleißig zugesprochen, daß alsbald nach
pommerscher Weise auch das Prügeln begann. Denn Schnaps und blutige
Prügeleien waren hier alte Volkssitte. Die Männer liefen mit langen
Knütteln bewaffnet herzu, um Frieden zu stiften. Da galt es denn für
meinen Freund und mich, mitten zwischen die Knüppel zu springen, und
nur mühselig gelang es uns, den Blutströmen zu wehren. Der traurige
Abschluß unseres Festes war der Anlaß, daß hinfort keins dieser
fröhlichen Volksfeste mehr gefeiert wurde.

Übrigens diente während der Erntezeit dieses ersten Sommers ein
merkwürdiges Ereignis dazu, mir die Augen über die ganzen
Verhältnisse noch mehr zu öffnen. Mein Freund und ich waren spät
abends noch zu einem Moorbrand gerufen worden, dessen Löschen uns
bis tief in die Nacht hinein beschäftigt hatte. So hatte ich nur
wenig Schlaf gefunden, als ich am andern Morgen um fünf Uhr schon
wieder mein Pferd bestieg, um meinen gewohnten Weg nach meinem
Vorwerk einzuschlagen. Dort bin ich aber von niemand bemerkt worden.
Dagegen kam ich nach etwa sieben Stunden auf dem Pferde sitzend
wieder in Raffenberg an. Meine Dido hatte ihre beiden Knie und ich
meinen Kopf etwas wund. Ich stieg noch selbst vom Pferde und wollte,
wie ich es gern, wenn ich nach Haus kam, zu tun pflegte, das kleine
Töchterchen unserer Wirtin auf den Arm nehmen. Diese bemerkte aber
etwas Besonderes an mir, gab mir das Kind nicht, sondern geleitete
mich auf mein Zimmer, brachte mich zu Bett und sorgte für kalte
Umschläge auf meinen Kopf. Erst mit hereinbrechender Nacht wachte
ich auf und sah den lieben alten Herrn von Senfft an meinem Bette
sitzen.

Offenbar bestand die Lösung des Rätsels darin, daß ich infolge
meiner geringen Nachtruhe auf dem Pferde eingeschlafen war und daß
meine Dido, durch keinen Zügel gehalten, gestürzt war. Da ich das
gelehrige Tier daran gewöhnt hatte, sowohl frei hinter mir
herzugehen, indem ich ihm den Zügel über den Hals legte, als auch
still zu grasen, wenn ich mich irgendwo ein wenig ausruhen wollte,
so hatte mich Dido auch nach unserm beiderseitigen Sturz nicht
verlassen, bis ich nach etwa fünf- bis sechsstündigem Liegen auf der
Erde wieder so weit zur Besinnung kam, daß ich in den Sattel kommen
konnte. So hatte denn das Pferd von selbst seinen Weg nach Hause
eingeschlagen. Merkwürdig war nur, daß von dem Vorgefallenen nichts
in meiner Erinnerung geblieben war.

Der Arzt stellte eine Gehirnerschütterung fest, und ich hatte etwa
vierzehn Tage völlige Ruhe nötig. Erst allmählich lernte ich wieder
gehen und lesen, da mir beides anfangs schwer gefallen war. Für
diese Ruhezeit nahm mich der alte Herr von Senfft mit nach Gramenz
und ließ mich auf das treuste pflegen. Zugleich fand ich hier
Gelegenheit, tiefere Blicke in die auf mannigfache Weise zerrütteten
Verhältnisse zu tun und auch die Persönlichkeiten zu durchschauen,
die dem Bestehen des Ganzen gefährlich waren. Zu meinem Freunde
zurückgekehrt, teilte ich ihm alles mit, was ich wahrgenommen, und
nicht ohne heiße Kämpfe wurden nun einige Persönlichkeiten aus dem
Sattel gehoben, die bis dahin in der höchsten Gunst des alten Herrn
gestanden hatten, aber sonst als Tyrannen gefürchtet waren.

Damit brach nun allerdings für mich eine sehr ernste Zeit an. Der
alte Herr forderte mich auf, und die Umstände ließen es auch nicht
wohl anders zu, die Leitung des ganzen Gutes zu übernehmen. Da ich
von Kienitz her mit dem Zuckerrübenbau sehr genau vertraut war, so
glaubte er wohl, ein besonderes Recht dazu zu haben, mir die neue
Aufgabe zuzumuten. Denn an den Zuckerrüben schien in der Tat die
Rettung der ganzen Lage zu hängen. Da er selbst, wie schon bemerkt,
nach Stettin übergesiedelt war und sich nur noch gelegentlich in
Gramenz aufhielt, so mußte ich meinen Wohnsitz von Raffenberg nach
Gramenz verlegen.

Im Herbst 1853 verließ mich mein Freund Ernst, um in Berlin sein
Einjährigenjahr abzudienen. Aber Gott schenkte mir ein paar tüchtige
neue Gehilfen. Der eine war der Bruder meines früheren Lehrmeisters
in Mechern, Bieler, der schon in Kienitz mit mir zusammen gearbeitet
hatte, und der andere der Sohn meines früheren Religionslehrers, des
Dompredigers Snethlage, Moritz, der anstelle von Ernst Senfft die
Bewirtschaftung von Raffenberg übernahm.

Es war kein Geringes, was auf meine Schulter gefallen war. Im
Äußeren schenkte Gott gerade für dieses Jahr viel Segen und Hilfe,
sodaß die materiellen Nöte zu schwinden schienen. Aber um so größer
waren die Nöte und Gefahren, die auf meiner Seele lagen, und oft
stieg ich an der Stelle, wo ich, wie ich vermutete, an jenem Morgen
bewußtlos gelegen hatte, vom Pferde -- die Stelle lag an einem
schattigen Bachufer mitten im Walde verborgen --, um Gott um Hilfe
anzuschreien. Es waren im ganzen zwölf Inspektoren, ältere und
jüngere, die alle der Leitung und Aufsicht bedurften. Dazu fühlte
ich aber keineswegs die Kraft in mir. Sonntagmorgens ging man wohl
nach alter Ordnung in die Kirche, aber den ganzen Sonntagnachmittag
pflegten wir auf der Kegelbahn zuzubringen, und an viel Leichtsinn
und Verirrungen mancherlei Art fehlte es unter uns nicht.

Doch wir jungen Leute fanden in unsern geistlichen Nöten einen
besonders treuen Freund. Das war der Posthalter von Gramenz, ein
früherer Wirtschaftsinspektor, der aber, weil er leidend war, diesen
leichteren Posten übernommen hatte. Er hieß Otto Mellin. Oft wenn
jemand einen Brief holte oder brachte, hörte er gleichzeitig dessen
verborgenste Klagen mit an und teilte Freud und Leid mit jedermann.
In besonderen Fällen aber, und wenn Zeit und Stunde es erlaubten,
nahm er den Betreffenden mit in sein kleines freundliches Stübchen,
das hinter dem Postbüro lag. Dort schlug er in der Bibel die Stelle
auf, die ihm für die besondere Not die rechte Arznei zu liefern
schien.

Unverhofft merkten wir, der eine wie der andere unter uns jungen
Leuten -- denn laut wurden diese Sachen nicht verhandelt --, daß man
in Otto Mellin einen Freund gefunden und an derselben Quelle Hilfe
und Trost geschöpft hatte. Unser lieber Pastor Diekmann, der kräftig
und treu sein Amt verwaltete, war persönlich zu heftig, sodaß man
sich nicht zu ihm traute. So bot der liebe Mellin, der in unsern
schalkhaften Freundeskreisen immer „Seine Majestät die Post” hieß,
einen Ersatz für das, was wir bei unserm Pastor an Seelsorge nicht
fanden.

Durch Freund Mellin machte ich in einer Hütte, die zu Gramenz
gehörte, die Bekanntschaft eines armen Kranken, die für mich von
besonderem Wert wurde. Der Besuch in dieser Hütte war um so
bedeutsamer für mich, als er in großem Gegensatz stand zu einer
früheren Erfahrung. Der alte Herr von Senfft hatte mir einmal im
ersten Jahre eine Rolle mit 100 Talern geschenkt mit dem Auftrag,
sie zum Besten der Armen zu verwenden, und zwar in den beiden
Vorwerken, die mir zuerst anvertraut waren. Besonders in einem
dieser Vorwerke herrschte noch in ungezügelter Grausamkeit der
Branntwein. Von dieser Macht des Branntweins hatte ich gleich in
einer der ersten Katen, in die mich meine Armenbesuche führten,
einen besonders erschreckenden Eindruck. Bei den alten pommerschen
Katen waren die vier Pfosten der Hütte ohne jede Schwelle einfach
auf vier Steine gesetzt. Je mehr nun diese Pfosten an ihrem unteren
Ende faulten, desto tiefer sank die Hütte zur Erde herunter. Solange
der Branntwein in solch schornsteinlosen Hütten nicht das Regiment
führte, ließ sich ganz glücklich darin leben. Ja, es hatte früher
einen langjährigen Krieg der Bewohner dieser alten Hütten gegen die
modernen Schornsteinhäuser gegeben.

Aber in der obenerwähnten Hütte, in die ich nur mit gebücktem Kopf
hatte eintreten können, herrschte der Branntwein. Der Mann soff,
solange er etwas hatte, die Frau auch, und selbst ihren Kindern
gaben sie zur Betäubung des Hungers von dem unseligen Naß. Als ich
nun durch die niedrige Tür in den einzigen Raum, den der Katen
enthielt, hineingekrochen war, sah ich auf dem Strohlager an der
Erde eine Leiche liegen. Es war die Leiche der Mutter des Hauses.
Während ich noch, entsetzt von dem Anblick der Not und des Grauens,
dastand, bewegte sich die Decke, und ein schmutziger Kinderkopf und
bald noch einer guckten unter der Decke hervor, verkrochen sich aber
bald wieder, denn es war bitter kalt. Draußen lag Schnee und drinnen
brannte kein Feuer.

Bei dieser armen Familie versuchte ich zuerst mein Heil mit meinen
100 Talern, wurde aber gründlich zuschanden. Denn der Roggen, den
ich ihnen schenkte, und die Kleider, die ich für die armen
zerlumpten Kinder kaufte, wurden, soweit es möglich war, wieder in
Branntwein verwandelt. Ähnlich ging es mir bei andern Familien.
Meine 100 Taler waren im Umsehen ausgegeben; aber ausgerichtet hatte
ich _nichts_. Und diese Lehre war mir nicht zum Schaden, denn ich
lernte, daß mit bloß menschlichen Künsten der Gutmütigkeit gegen
menschliches Elend und gegen Sünde, von der das Elend stammt, nichts
auszurichten ist.

Wie ganz anders sah es aber in der Hütte aus, in die mich mein
Freund Mellin führte! Auch in ihr wohnte große Armut und Krankheit
und Elend dazu. Aber statt des Branntweins hatte hier der Friede
Gottes das Regiment! Seit 28 Jahren, fast von seiner Jugend an, lag
hier auf verhältnismäßig sauberem Lager ein Lazarus: „der kranke
Fritz”, so hieß er im Dorf. Aber er besaß, was mehr war als die
Schätze Ägyptens: er wußte, was er an Jesus Christus hatte, nämlich
die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Und das
machte ihn reich und glücklich. Der Vergleich mit den armen
Branntweinsäufern, die mit keinem Mittel menschlicher Weisheit aus
ihrem Elend gerissen werden konnten, zugleich mit der Erinnerung an
meine vergeblich ausgegebenen 100 Taler -- und dem gegenüber der
kranke Fritz mit seinem reichen Besitz der unvergänglichen
köstlichen Perle machten einen tiefen Eindruck auf mich. Der kranke
Fritz wurde von da ab im Verborgenen mein Freund. Gott allein weiß
es, und die Ewigkeit wird es klarmachen, was ich ihm verdanke!

Mitten in diese für mich so bewegte Arbeits- und Kampfeszeit fiel
ein Ereignis besonderer Art. Ich war eines Abends im Monat Mai 1854
nach Buchwald hinübergeritten, wo mir ja immer der Eintritt in das
liebe Glasenapsche Familienleben offen stand. Da wurde ein Brief
durch einen besonderen Boten von Gramenz hinter mir her geschickt.
Er war von der Hand meiner lieben Mutter und begann: „Ehe Du diesen
Brief liest, mein lieber Sohn, bitte Gott, daß es Dir zum Segen
werde, was ich Dir mitteilen muß.” Und nun kam die Nachricht von dem
seligen Heimgang meines Vaters.

Der Vater hatte sich schon mehrere Jahre zuvor wieder eine Arbeit
vom König ausgebeten. Und zwar hatte er gewünscht, daß ihm wieder
ein Landratsamt zugewiesen werden möchte. Er trachtete nicht nach
hohen Dingen, und solch ein geringer Posten wäre ihm in der Tat das
liebste gewesen. Statt dessen hatte ihn der König im Jahre 1852 zum
Regierungspräsidenten in Arnsberg ernannt anstelle des jüngeren
Bruders meines Vaters, der das Finanzministerium in Berlin übernahm.
Auch dieser Posten war ihm recht, und er hat ihn mit größter
Freudigkeit und Treue die zwei letzten Jahre seines Lebens
verwaltet.

Etwa ein Jahr vor der mir ganz überraschend gekommenen
Todesnachricht hatte mich schon einmal ein Brief der Mutter
plötzlich den weiten Weg von Gramenz nach Westfalen machen lassen.
Die Mutter schrieb, daß der Vater tödlich erkrankt sei und die Ärzte
wenig Aussicht für sein Leben ließen. Als ich nach Berlin zu meinen
Verwandten kam, war die dort eingetroffene Nachricht noch
hoffnungsloser, sodaß ich nichts anderes mehr erwarten konnte, als
des Vaters Antlitz hienieden nicht mehr zu sehen.

Ich kam von Soest mit der Post abends zehn Uhr in Arnsberg an, wo
das elterliche Haus dicht bei der katholischen Kirche an einem
freien Abhang gelegen war. Der Mond stand hell am Himmel. Ich traute
mich zunächst nicht in das Haus hinein, sondern ging von allen
Seiten herum, um an den etwa vorhandenen Lichtern zu erkennen, was
ich darin wohl vorfinden würde. Noch stand ich einen Augenblick an
das Geländer des Abhangs gelehnt, als plötzlich die Haustür aufging
und ein Mann heraustrat. Es war der Doktor. Ich lief ihm nach und
faßte ihn beim Arm. „Gehen Sie nur getrost hinein,” sagte er, „seit
heute mittag ist die Krisis zum Leben eingetreten.”

Drinnen fand ich außer der Mutter und den beiden Schwestern auch
meine beiden Brüder, die bereits vor mir eingetroffen waren, Franz
von seiner Oberförsterei, Ernst, der den Soldatenstand erwählt
hatte, von seiner Garnison in Frankfurt a. M. Ich war der weiteste
und letzte. Am Morgen nach meiner Ankunft hörte ich, an der Tür
stehend, den Vater zur Mutter sagen: „Frau, was machst du für ein
Gesicht! Ich glaube, der Friedrich ist auch da.” So mußte ich denn
hinein. Dann haben wir miteinander, wie schon so oft, die selige
Zeit der Wiedergenesung des Vaters mit innigster Dankbarkeit und
Freude gefeiert. Denn sobald die Krisis eingetreten war, ging es bei
der kräftigen Natur des Vaters meist schnell wieder mit ihm
aufwärts. Es war dies das letzte Zusammensein, das ich auf Erden mit
dem teuren Vater hatte. Noch einmal kosteten wir alle mit vollen
Zügen das friedsame Glück unseres Familienlebens.

Bei Gelegenheit dieser seiner Erkrankung hatte Vater vor der Feier
des heiligen Abendmahls einmal gesagt: „Herr, wenn du siehst, daß es
mir und den Meinen heilsam ist, daß ich noch bleibe, so will ich
wohl bleiben; wenn du aber siehst, daß ich von dir abkommen sollte,
so nimm mich nur gleich dahin!” Dem Pastor Bertelsmann aber sagte er
damals: „Ein armer bußfertiger Sünder stirbt allezeit in Frieden.”
Von dieser Zeit ab äußerte er öfter das Verlangen, daß ihm Gott
doch ein langes untätiges Alter ersparen möchte und, wenn er nicht
mehr arbeiten könne, mit ihm eilen möchte aus der Zeit in die
Ewigkeit.

Besonders schwer lag meinem Vater meine Zukunft auf der Seele. Weil
er arm war und mir kein eigenes Gut kaufen konnte, mich auch die
Bewirtschaftung unseres kleinen Familienbesitzes Velmede nicht hätte
befriedigen können, so hatte ich meinem Vater öfter erklärt, daß ich
gern mein Leben lang als Verwalter fremder Güter arbeiten wolle. In
der Tat erscheint mir das noch jetzt viel leichter, als selbst
Besitzer zu sein, wenigstens unter den Verhältnissen, in denen sich
die meisten Besitzer der östlichen Provinzen befinden. (1884
geschrieben.) Einmal ist es die Last der Sorge, die einen großen
Teil von ihnen drückt, da sie mit Schulden beladen sind. Aber noch
mehr sind die Umstände qualvoll, daß sie sich immer in den Gewinn
der Ernte gewissermaßen mit den Tagelöhnern zu teilen haben und
dabei der beständige Kampf nicht aufhört, wieviel sie diesen geben,
wieviel sie selbst behalten sollen. Für einen Verwalter fremden
Gutes, der keinen eigenen Gewinn für sich daraus zu ziehen hat, ist
dagegen die Lage unvergleichlich leichter, und die Sorgen sind so
viel geringer.

Gleichwohl war dieser Gedanke meinem Vater schwer; und er hatte den
Wunsch, da meine Gesundheit sich inzwischen wieder vollkommen
gekräftigt hatte, daß ich noch einmal eine Universität beziehen
möchte. Was ich aber nach seiner Meinung studieren solle, sagte er
nicht. Bloß wenn vom juristischen Studium die Rede war, sagte er:
„Junge, das ist für dich zu trocken, das hältst du nicht aus.” -- So
blieb diese Frage offen. Ich reiste von Arnsberg nach Pommern
zurück, um zunächst meine dortige Arbeit fortzusetzen, in der ich
dann, ein Jahr später, durch die Nachricht von dem Tode meines
Vaters überrascht wurde.

Durch eine Hungersnot, die infolge einer Mißernte im südlichen Teil
des Regierungsbezirks Arnsberg herrschte, hatte Vater im Frühling
1854 eine ihn besonders bedrückende Last auf sich liegen. Er liebte
es nicht, solche Nöte vom grünen Tisch aus zu bekämpfen, sondern
hatte sich persönlich nach dem armen Wittgensteiner Land aufgemacht.
Er hatte zu Fuß die armen Ortschaften durchwandert und war selbst in
die Hütten eingetreten, an deren Tür der Hunger klopfte, um nach
eigenem Augenschein desto leichter und gründlicher Abhilfe schaffen
zu können.

Eines Nachmittags wurde er von einem Regenschauer überrascht, sodaß
er durchnäßt in dem kleinen Städtchen Medebach anlangte. Dort war
es, wo ihm Gott seine Sterbestunde bescherte. So wie er es sich
gewünscht hatte, wurde er mitten aus seiner frischen, fröhlichen
Arbeit herausgerufen. Die Mutter konnte auf die Nachricht von seiner
Erkrankung noch zu ihm eilen und einige Tage das ihr allezeit
köstliche Glück genießen, ihn selbst pflegen zu dürfen und mit ihm
stille, selige Stunden zu feiern. Sie war diesmal voller Hoffnung,
daß es wieder zum Leben gehen würde. Dann aber war plötzlich
Lungenschlag eingetreten, der beiden nur eben so viel Zeit ließ,
voneinander Abschied zu nehmen, ohne daß zu einem langen
schmerzlichen Scheiden Zeit geblieben wäre.

Als beide Schwestern, Frieda und Sophie, die zuerst die
Trauernachricht erreichte, in das Zimmer traten, wo die Mutter neben
der Leiche des Vaters saß, da sahen sie zu ihrem Erstaunen nicht ein
von Schmerz zerrissenes, sondern von Dank verklärtes Antlitz, ebenso
voll Frieden als das verblichene Antlitz des Vaters selbst. „Aber du
weinst ja nicht?” fragt eine der Schwestern. „Wie sollte ich
weinen,” war ihre Antwort, „da Gott ihn mir 28 Jahre lang gelassen
hat und wir so unbeschreiblich glücklich zusammen gewesen sind!” Es
war freilich noch etwas Größeres, das ihre Tränen stillte und ihre
Traurigkeit in Freude verwandelte: Sie wußte, daß sie nicht in
Ewigkeit geschieden waren, sondern vielmehr im Vaterhause ewig
verbunden sein sollten.

Ich mußte manches entbehren von dem Segen, der meinen Geschwistern
in diesen Tagen geschenkt wurde. Der Brief meiner Mutter nach
Gramenz hatte nahezu drei Tage gebraucht, und wiewohl ich mich auf
der Stelle aufmachte und Tag und Nacht reiste, so fand ich doch nur
das bereits mit Erde zugedeckte Grab meines Vaters. Und doch waren
es Tage unerwartet reichen Segens und Friedens, die uns um das Grab
versammelten Geschwistern zuteil wurden, als wir noch einige Tage
bei der Mutter blieben. Bei unserer lieben Mutter war es immer so,
daß gerade während der Zeit des ersten und tiefsten Schmerzes der
Glaube in ihr sich am sieghaftesten bewies und die Freude über die
Tröstungen Gottes viel größer war als der Schmerz. Besonders groß
aber war ihre Freude, als sie während unseres Beisammenseins merkte,
daß wir fünf Geschwister alle uns mit ihr auf demselben Wege
befanden und ihren Glauben und ihre Hoffnung teilen konnten.

Jedes von uns Geschwistern hatte in jener Zeit in großer Versuchung
und Gefahr gestanden oder doch in ernster und schwerer Entscheidung
seines Lebens. Noch vor dem Tode des Vaters hatte sich meine
Schwester Sophie mit dem Landrat Julius von Oven, mein Bruder Franz
mit Clara von Hymmen verlobt. Mein jüngster Bruder Ernst stand bei
den Jägern in Frankfurt a. M. Wir Geschwister waren nie gewohnt
gewesen, uns über alles auszusprechen, was den tiefsten Herzensgrund
bewegte. Aber diesmal öffnete uns die ernste große Stunde den Mund.
Mehr wie jemals sonst konnten wir einander ins Herz sehen lassen. Es
war uns allen zu Mute, als wenn der Vater, den doch keiner von uns
vor seinem Sterben gesehen hatte, noch vorher jedem seine Hände aufs
Haupt gelegt und jedem einen ganz besonderen Segen mitgegeben hätte,
und wir konnten uns vorstellen, daß er das, was er leiblicherweise
zu tun nicht mehr vermocht hatte, doch im Geiste getan hatte und daß
er jetzt im ewigen Vaterhause unser aller segnend und liebend
gedenke.

Acht Tage dauerte dies unser köstliches Beisammensein. Dann mußte
ich in meine große schwere Arbeit zurück. Während der Reise war es
nicht eigentlich meine Sorge, wie ich die noch übrigen fünf Monate
bis zur Rückkehr meines Freundes Ernst die Verwaltung des großen
Gutes leiten sollte, sondern ein anderes bedrückte mich. Mehr wie je
vorher hatte ich ein Verlangen nach einer stillen Stunde der
Einkehr, zu der während der Arbeitslast der Woche keine Zeit war. Am
Sonntag hätte es ja sein können. Aber es war ja unsere Gewohnheit,
daß wir jungen Leute den ganzen Sonntagnachmittag auf der schönen
Kegelbahn zubrachten, die auf der Insel im Garten recht traulich
angelegt war. Und wer wollte uns jungen Leuten diesen Zeitvertreib
verargen? Trotzdem hätte ich mich gar zu gern hiervon freigemacht,
um den Sonntagnachmittag still für mich allein zu haben. So bat ich
Gott, er möge mir einen Weg zeigen, wie ich davon loskäme, ohne eine
Unwahrheit zu sagen und ohne mehr von mir zu verlangen, als ich
damals öffentlich zu bekennen die Kraft hatte.

Da sah ich es denn als eine Erhörung meines Gebetes an, was mir
gleich bei meiner Ankunft in Gramenz widerfuhr. Mein Pferd, der
Soliman, ein ausgezeichnetes, ausdauerndes Roß, war während der
langen Ruhezeit übermütig geworden. In dem Augenblick, wo ich mich
zum erstenmal wieder in seinen Sattel schwang, stieg das Tier steil
in die Höhe und überschlug sich rückwärts, sodaß ich unter das Pferd
auf das Steinpflaster des Hofes zu liegen kam. Ich hatte weiter
keinen Schaden genommen, als daß mein rechter Ellbogen kräftig
blutete und der Knochen etwas verletzt war. Aber ich mußte doch
meinen Arm mehrere Wochen lang in der Binde tragen; und während der
Gramenzer Zeit erstarkte er überhaupt nicht wieder so weit, daß ich
eine Kegelkugel damit hätte schieben können. So hatte ich den mir
erbetenen stillen Sonntagnachmittag.

Gott schenkt uns mitunter Zeiten in unserer Pilgerschaft, wo wir
nicht im dunklen Glauben, sondern im seligen Schauen seiner
Gnadenwege einhergehen können und wo jeder Tag uns ein neuer Beweis
seiner Barmherzigkeit und Treue ist. Solch eine Zeit brach jetzt für
mich an. Ich benutzte sogleich meinen ersten Sonntag, um mich,
während die andern Kegel schoben, still in Gottes Wort zu vertiefen,
das mir seit meiner frühsten Kindheit ja genug gepredigt worden, mir
aber nicht wieder recht persönlich nahegetreten war. Ich stand auch
wochentags eine Viertelstunde früher als sonst auf, um unter den
alten Linden im Garten auf- und abzuwandeln und dort ungestört meine
Morgenandacht zu halten. Jedes Wort der Schrift -- ich pflegte
jedesmal ein Kapitel aus dem Neuen Testament zu lesen -- sah ich nun
mit ganz andern Augen an als je zuvor.

Dazu kam noch ein Erlebnis eigener Art. Ich hatte seit einiger Zeit
die Gewohnheit, den Kindern, die mir beim Reinigen der großen
Zuckerrübenfelder halfen, außer ihrem Lohn einen der kleinen
Traktate zu geben, die entweder aus Stuttgart oder Straßburg oder
auch aus Basel stammten und die ich von dem Kolporteur bezog, den
der alte Herr von Senfft angestellt hatte. Viele Tausende dieser
Traktate hatte ich schon verteilt, doch selbst gelesen hatte ich
noch keinen.

Eines Sonntagnachmittags aber, als die andern wieder am
Kegelschieben waren, fiel mein Blick auf einen dieser kleinen
Kindertraktate. Er hieß: „Tschin, der arme Chinesenknabe”, und kam
aus Basel. Er erzählte von einem armen Chinesenkinde, das englische
Soldaten während des bekannten Opiumkrieges der Engländer gegen
China in Schutz genommen hatten, nachdem des Kindes Vater, weil er
den Engländern Dienste geleistet hatte, von den Chinesen ergriffen
und hingerichtet worden war. Um das arme Waisenkind zu retten,
brachten es die Soldaten mit nach England. Hier nahmen sich
christliche Freunde des armen Knaben an, er wurde treulich
unterrichtet, kam zum kindlichen Glauben und wurde getauft. Dann
aber erkrankte er, wie so viele Kinder des Südens, die in unser
kaltes Land kommen, an der Lunge und siechte langsam dahin. Er hatte
aber beständig nur ein Verlangen, nämlich daß er seinen Landsleuten
auch von dem Heiland sagen könnte, den er selbst gefunden hatte, und
er sprach es einmal mit großem, heiligem Ernst aus: „Was soll ich
einmal am Tage des Gerichts sagen, wenn meine Brüder mich fragen
würden, warum ich, obwohl ich den Weg des Heils gewußt, ihnen
solches nicht mitgeteilt hätte?”

In dem Augenblick, wo ich diese einfachen Worte las, war es
plötzlich, als ob mir in bezug auf meinen Lebensberuf die Schuppen
von den Augen fielen. Ich hatte bis dahin niemals auch nur einen
leisen Gedanken in meinem Herzen gehabt, noch hatten es weder Vater
noch Mutter noch irgend ein anderer Mensch mir je von fern
nahegelegt, daß ich Pastor werden möchte. In diesem Augenblick aber
wurde es mir so vollständig gewiß, daß mir Gott diesen Beruf
geschenkt habe, daß auch kein leiser Zweifel von der Stunde an über
mich kam, und ich konnte Gott mit Freudentränen dafür danken.

Doch teilte ich zunächst keinem Menschen etwas von meiner Freude
mit, auch nicht meiner Mutter, auch nicht meinem Freunde Mellin,
sondern nahm mir vor, mir von Gott selbst weitere Fingerzeige geben
zu lassen. Daran fehlte es dann auch nicht. Im Anschluß an jenes
Büchlein hatten sich meine Gedanken zunächst auf die Arbeit unter
den Heiden gerichtet. Dahin ging meine Sehnsucht.

Inzwischen war die Erntezeit hereingebrochen. Es war eine gewaltige
Ernte, die in den fünf großen Gütern einzubringen war. Es trat
anhaltende Hitze ein. Das Korn reifte schnell und gleichzeitig,
sodaß es auch möglichst schnell hintereinander geerntet werden
mußte. Es wurde mir sehr bange, wo ich die Arbeiter für die Ernte
herbekommen sollte, damit sie nicht verdürbe.

Eines Tages hatte ich mich schon mit Tagesanbruch auf mein Pferd
gesetzt, um in einem Nachbardorf Arbeiter für meine Ernte zu werben.
Als ich damit fertig war, ritt ich hinüber nach dem kleinen
Städtchen Bublitz, wo, wie ich wußte, eben ein Missionsfest gefeiert
wurde. Die Feier neigte sich schon ihrem Ende zu. Ich band mein
Pferd draußen an und trat, um doch noch einiges zu hören, in die
Kirche ein. Ich merkte gleich, daß der Pastor den Text hatte: „Die
Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige; bittet den Herrn der
Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende!” Herzandringend
schilderte er die Not hinsiechender, sterbender, verderbender
Menschenseelen und des Herrn Jammer über sie, und zuletzt fragte er
mit großem Ernst, ob denn unter der ganzen Gemeinde, unter allen,
die im Gehorsam gegen den Befehl Christi um Arbeiter in seine Ernte
bäten, nicht auch ein solcher wäre, der sich selbst für diesen
Dienst stellen wollte. Da hieß es laut in mir: „Ja, ja, ich will
gern kommen.” Fröhlich, ja, frohlockend jagte ich heimwärts, um
zunächst die irdische Erntearbeit in Gang zu bringen.

In fliegender Eile gingen nun die letzten Monate meiner Gramenzer Zeit
zu Ende. Mein Freund Ernst Senfft kam, um mich abzulösen. Die äußeren
Verhältnisse hatten sich auch weiterhin entschieden gebessert. So konnte
ich, da auch einige tüchtige Wirtschaftsinspektoren gefunden waren,
meinem Freunde die Aufgabe getrost in die Hand legen. Am 11. Oktober
nachts schnürte ich mein Bündel. Das Andachtsbuch meiner Eltern, der
liebe Bogatzky, war inzwischen auch mein Freund geworden, und es war mir
eine nicht geringe Stärkung meines Glaubens, was mir Bogatzky an diesem
Abend mit auf den Weg gab, Apostelgeschichte 26, 17: „Ich will dich
erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt
sende.”


Als Student.

1. In Basel. 1854-56.

Die kleine Schrift, die die große Entscheidung für Bodelschwingh
gebracht hatte, war aus Basel gekommen. Als es sich nun für den
Beginn seiner theologischen Studien um die Wahl einer Universität
handelte, fühlte er sein ganzes Herz nach Basel gerichtet. Da er
aber nicht lediglich einem Gefühl folgen wollte, so fragte er in
Berlin seinen alten Seelsorger Snethlage um Rat. „Gehen Sie nach
Basel!” sagte dieser, schickte ihn aber zu seinem Kollegen, dem
Domprediger Hoffmann, der bis vor kurzem Missionsinspektor in Basel
gewesen war, um auch dessen Meinung einzuholen. Auch Hoffmann sagte:
„Gehen Sie nach Basel!” Und so sah er seinen Weg entschieden.

Er eilte zur Mutter. Sie stimmte der Wendung, die sein Lebensweg
genommen hatte, aus tiefstem Herzen zu und sah darin die Erfüllung
ihres verborgenen Herzenswunsches. Zugleich entdeckte sie ihrem
Sohn, daß auch sein Vater, ohne es je seinem Kinde auszusprechen,
die Hoffnung gehegt habe, daß einer seiner Söhne einmal das Studium
der Theologie ergreifen möchte. Nur Ernst von Senfft war aufs
tiefste erschüttert. Er hatte die geniale Begabung seines Freundes
für das Praktische zur Genüge erkannt, und nun beschwor er ihn, bei
dem alten Berufe zu bleiben. Er war überzeugt, daß der Entschluß
seines Freundes nichts als das Aufwallen einer religiösen Stimmung
sei, die ihn nur auf Abwege bringen könne.

Aber die Stimme des Freundes konnte nichts mehr ausrichten.
Wichtiger als seine eigene Entscheidung war ihm die Gewißheit, daß
Gott über ihn entschieden hatte. Und wenn es auch Jahre dauerte, so
erlebte er es doch schließlich bei seinem Freunde Senfft, daß, wenn
jemandes Wege Gott gefallen, er nicht nur seine Feinde, sondern erst
recht seine Freunde mit ihm zufrieden macht.

So machte sich der im 24. Jahre stehende Student über
Frankfurt a. M., wo sein Bruder Ernst stand, nach Basel auf.

„Der Aufenthalt bei meinem Bruder Ernst”, so heißt es in den
Erinnerungen weiter, „brachte mir eine besondere Erquickung. Ich war
ja so ganz mit ihm aufgewachsen, so viele Jahre lang hatten wir ein
Wohn- und Schlafzimmer geteilt, so viele Wege hatten wir miteinander
zur Schule gemacht. Aber nun erst konnten wir unsere Herzen ganz
gegeneinander aufschließen. Ernst war von einem unbeschreiblich
kindlichen Zutrauen zu mir. Wir gingen in der Nacht am Ufer des
Mains auf und ab, und er erzählte mir von den schweren Kämpfen, die
er habe, um seinem Versprechen nicht untreu zu werden, das er
zusammen mit seinem Freunde von Oidtmann Gott gegeben hatte, daß sie
in ihrem Soldatenleben nichts tun wollten, was ihr Gewissen
befleckte. Er bat mich brüderlich und herzlich, ihn in diesem
schweren Glaubenskampf zu unterstützen und gemeinsame Sache mit ihm
zu machen. Er sagte mir auch, daß es ihm von ganz besonderem Segen
sei, den lieben Vater, der an ihm, seinem Benjamin, wie er ihn zu
nennen pflegte, mehr noch als an seinen andern Kindern gehangen
hatte, im Himmel zu wissen; denn er könne sich vorstellen, daß der
Vater erfahre, wie er, sein Sohn, auf Erden wandele. Und dies sei
ihm eine Stärkung im guten Kampf. Auch bat er mich, ihm von Basel
gute Schriften zu schicken, um mit ihnen den ihm unterstellten
Soldaten zu dienen.

Am andern Tage -- es war am 6. November 1854 -- langte ich abends
spät in Basel an, das mir nun für anderthalb Jahre eine ganz
besonders reiche Segensstätte werden sollte. Ich stieg in einem
kleinen Gasthof ab, der dicht am Rhein lag. Hier wurde ich gleich
freudig überrascht, als ich auf meinem Nachttisch eine Bibel liegen
fand, die sich als Eigentum des Wirtshauses herausstellte, und als
ich von der alten Magd, die das Zimmer bediente, erfuhr, daß der
Wirt in jedes Zimmer eine Bibel lege. Das war mir bis dahin auf
meiner Pilgerreise noch nicht vorgekommen.

Ich fand auf dem Petersplatz bei ein paar alten Fräulein ein gar
freundliches Zimmer, das ich auch die anderthalb Jahre nicht wieder
verlassen habe. Die beiden alten Damen hatten eine württembergische
Magd, die auch schon bei Jahren war. Sie hieß Rösli Schwarz. Es war
für mich, der ich nach ernster Sammlung und stillem Studium
verlangte, eine große Wohltat, durch diese Magd alle Mahlzeiten im
Hause bekommen zu können, auch mein Mittagbrot. Ich hatte aber auch
außerdem manchen Segen durch diese treue Person. Sie hatte eine
Schwester, die an einen Missionar in Afrika verheiratet war, und sie
trug die Heidenmission, die ja auch mir so sehr anlag, unablässig
auf betendem Herzen. Sie war eine von den Verborgenen und Stillen im
Lande, durch die Gott gewiß nicht die kleinsten Taten tut.

So oft eine frohe Nachricht aus den Heidenländern kam, konnte ich es
ihr gleich anmerken; denn dann glänzte ihr Angesicht vor Freude. So
oft aber auf dem Missionsfelde etwas Schmerzliches vorgefallen war,
ging sie gebeugt einher als eine, die selbst an solcher Niederlage
mit schuld war, weil sie, wie sie sich selbst anklagte, im Wachen
und Beten nachgelassen habe. Es ist selbstverständlich, daß ich bei
solchem Herzenszustande an ihr eine mütterliche Pflegerin hatte, und
bis auf diese Stunde (1887), wo sie als eine bald 80 jährige
Pfründnerin zu Fellbach bei Stuttgart lebt, bekomme ich von ihr
alljährlich die rührendsten Gaben und Liebeszeichen. Durch sie wurde
ich auch mit manchen Württemberger Zuständen näher bekannt,
namentlich mit dem lieben Korntal, wo sie längere Zeit ihres Lebens
gewohnt hatte.

Ebenso angenehm wie mein kleines Zimmer und meine häusliche
Verpflegung war auch die Umgebung meiner Wohnung. Dicht vor meinem
Fenster ragten die schönen hohen Ulmen und Linden des großen
Petersplatzes empor. An der linken Seite, von der die Treppe nach
der Unterstadt hinabführte, lag die Peterskirche, an der der würdige
Pfarrer La Roche stand. Schaute ich rechts zu meinem Fenster hinaus,
so begrenzte hier der alte Wall meine Aussicht. Ich brauchte aber
nur den Kamm des Walles zu übersteigen, so sah ich auf der andern
Seite des Wallgrabens den großen Friedhof der Stadt liegen und
darüber hinweg die Vogesen. Wenn ich quer über den Petersplatz ging,
so hatte ich von der andern Seite des Platzes aus nur noch ein
kurzes Gäßchen zu durchschreiten, dann stand ich an dem schönsten
Tor der Stadt, dem alten Spalentor, vor dem jetzt das neue
Missionshaus liegt. Damals war jenseits des Tores noch freies Feld.
So suchte ich mir dort in der Frühlings- und Herbstzeit jeden Morgen
zwischen den grünen Matten die schönsten Wege auf, um in der Stille
ein Kapitel in meinem griechischen Neuen Testament zu lesen. Da habe
ich unbeschreiblich köstliche Feierstunden zugebracht.

Die alte Universität von Basel lag dicht über dem Rhein, oberhalb
der Rheinbrücke. Die Hörsäle blickten fast sämtlich vom steilen
Abhang herunter in den lieben Rheinstrom hinein, der in einem
prachtvollen Bogen die Stadt durchströmt. Ein wenig oberhalb der
Universität liegt das herrliche Münster von Basel, aus rotem
Sandstein gebaut, in das ich oft und gern eintrat und in dem ich
manche wertvolle Predigt gehört habe.

Es war damals gute Zeit in Basel, so gut, wie sie vorher und nachher
Studenten vielleicht kaum erlebt haben. Ein kleiner Kreis frommer
Männer hatte seit längerer Zeit aus freiwilligen Mitteln dafür
gesorgt, daß immer ein entschieden biblischer Theologe an der
Universität angestellt war. Als Nachfolger des trefflichen Beck, der
nach Tübingen gegangen war, stand damals Professor Auberlen in
seiner vollen Liebesglut. Er war einer von denen, die, wie
Woltersdorf und Hofacker, ihre Kraft im Dienste ihres Herrn
verzehrten. Denn nur bis in den Anfang seiner dreißiger Jahre hat er
seine Pilgerschaft geführt, und man merkte es ihm an, daß er seinen
Lehrerberuf nahe vor den Toren Jerusalems trieb. Unangetastet von
allen kritischen Grübeleien, ließ er die ganze Schrift von Anfang
bis zu Ende in herzlichster Freude stehen, wie sie stand. Er hatte
eine ungemein einfältige biblische Belesenheit, und seine frischen,
warmen Vorträge fanden lebendigen Widerhall in den Herzen seiner
Zuhörer.

Aber als entschlossener Freund biblischer einfältiger Theologie stand er
nicht einsam da. Da war unser lieber Professor Joh. Riggenbach, der
vorher während seines neunjährigen Pfarramtes sich auf dem Boden der
Praxis aus den Irrgängen des Rationalismus zum fröhlichen Glauben
durchgerungen hatte, eine rechte Johannesnatur, nicht streitbar, aber
reich an Liebe und Demut. Da war der alte Preiswerk, unser Hebräer, den
wir Levi nannten. (Da ich auf dem Gymnasium kein Hebräisch getrieben
hatte, so wurde ich ihm zu besonderem Dank verpflichtet, weil er mich
fast allein in die hebräische Grammatik einführte.) Er war neben seiner
Professur Prediger an St. Leonhard und predigte damals stets über das
Alte Testament, kurz und kernig und immer so, daß er zum Schluß mit
wenigen Worten von der Weissagung auf die Erfüllung hinwies und aus dem
Schatten des Alten Bundes in das Licht und die Helligkeit des Neuen
Testamentes eintrat. Da war Hagenbach, der ausgezeichnete
Kirchenhistoriker, und schließlich der Lizentiat Stockmeyer, später
Antistes der Baseler Kirche, dessen scharfsinniger und gewissenhafter
Auslegung paulinischer Briefe ich manches verdanke.

Außerdem war gerade damals ein junger Philosoph Steffensen aus Kiel
nach Basel gekommen, fast noch ein Jüngling mit wallendem Haar und
ausdrucksvollem, schönem Gesicht. Er war von seinem Beruf durch und
durch ergriffen und trug die Geschichte der Philosophie mit einer
Glut der Begeisterung vor, daß man aus den verschiedenen Fakultäten
in sein Kolleg lief. Dabei hatte er eine prachtvolle Diktion, sprach
völlig frei und oft mit solcher Anstrengung, daß er am Schluß ganz
erschöpft war. Doch hatte ihn keineswegs seine Philosophie so
berückt, daß er sich nicht hätte gefangen geben können unter den
Gehorsam des Glaubens. Mit einigen von uns ging er gelegentlich
spazieren, wobei wir über dies und jenes Problem disputierten.

Aber wieviel gesunde Speise damals auch die Universität bot, noch
lieber war mir das Missionshaus. Auf die Fürsprache von Hoffmann in
Berlin, dem früheren Missionsinspektor, war es mir gestattet worden,
an dem Unterricht der Missionszöglinge teilzunehmen. Da ging es dann
freilich weniger gelehrt, aber doch noch inniger und zutraulicher zu
als auf der Universität. Es war besonders der Pfarrer Geß, später
Generalsuperintendent in Posen, der uns mit seiner Tiefe und
Einfachheit in die Heilige Schrift einführte. Wir lasen das Alte und
Neue Testament im Urtext, und zwar so, daß wir nicht nur selbst
übersetzten, sondern auch selbst auszulegen versuchten, Geß uns aber
verbesserte.

Später nahm ich an den Predigtübungen teil, die Inspektor Josenhans
leitete. Aber auch zu allen andern Gelegenheiten stand mir das
Missionshaus offen. Besonders lieb waren mir immer die Abschiedsfeiern
der ausziehenden Missionare. Ich lernte hier mit steigender Freude die
Seligkeit eines Dienstes in der Nachfolge Christi kennen, in der man um
seinetwillen Vater und Mutter, Vaterland und Freundschaft verlassen kann
und dabei in der Gewißheit eines beständigen Beisammenseins vor seinem
Angesicht kurze irdische Scheidestunden nicht zu achten braucht. Wenn
ich an solche Feiern und überhaupt namentlich an meine Sonntage im
lieben Basel denke, so fällt mir ein, daß ich oft am Abend so voll
Freude über alles Erlebte war, daß ich mit Jauchzen und Springen in
meine Wohnung eilte und über dem, was Gott schon auf Erden schenkt,
manchmal in der Nacht vor Freude nicht schlafen konnte.

Unter denen, die zu dieser meiner Freude beitrugen, steht mir
besonders das Angesicht des lieben alten Missionars Graf Zaremba vor
Augen. Wir pflegten wohl zu sagen, daß, wenn man ihn ansehe, man
unmittelbar in den Himmel hineinsehe. Sodann war es =Dr.= Ostertag,
der Bibelmann, der, schon an seinen Augen erblindend, sich doch noch
am Unterricht der Missionszöglinge beteiligte und mit seinen
köstlichen Predigten viel dazu beitrug, daß uns die Augen
aufgeschlossen wurden für die Herrlichkeiten des Reiches Gottes.
Unter den Lehrern am Missionshaus war auch noch ein junger Kandidat
Haug, bei dem ich zwar keinen Unterricht hatte, der mich aber oft
aufsuchte und mit mir spazieren ging. Einmal an einem Pfingstmorgen
sagte er mir: „Heute vor vier Jahren habe ich mein Augenlicht
wiederbekommen, und zwar auf das Gebet des lieben Pfarrers
Blumhardt.” Durch Haug wurde ich auf solche Weise zuerst auf
Blumhardt aufmerksam.”

Neben den Vorlesungen auf der Universität und im Missionshaus
benutzte Bodelschwingh jede Gelegenheit, um mit seinen Lehrern in
persönliche Berührung zu kommen. Namentlich auf ihren Spaziergängen
begleitete er sie und besprach sich mit ihnen. Auf peinlich
nachgeschriebene Kollegienhefte legte er keinen Wert. Dagegen faßte
er zu Hause den Ertrag des Hörsaals und der Besprechungen, die er
mit seinen Lehrern gehabt hatte, in eigener Bearbeitung zusammen. So
begann er schon in Basel die selbständige Ausarbeitung einer
Glaubenslehre.

Dazu kam nun ein reiches Freundschaftsleben. „Mit der jüngeren
Generation”, schreibt er, „hatte ich damals schon bemoostes Haupt
nicht sehr viel Umgang, weil ich niemals den Tabaksdunst der Pfeife
vertragen konnte und darum die studentischen Versammlungen gern
mied. Doch gab es in der Studentenverbindung „Schwyzer Hüsli” eine
Anzahl lieber frischer junger Leute. Sie nahmen mich, wie es in der
Studentensprache hieß, als Konkneipant bei sich auf, und mit einigen
von ihnen knüpfte ich ein enges Freundschaftsband.

Ganz besonders aber zog mich ein Student an, der nicht diesem Kreise
angehörte. Er stand, wie ich, im ersten Semester und hieß Jakob
Riggenbach. Er gehörte einer alten Baseler Kaufmannsfamilie an, hatte
sich zunächst dem Kaufmannsstande gewidmet und war erst später, ebenso
wie ich, zur Theologie übergegangen. Er war eine hohe, Achtung
gebietende Gestalt, noch fünf Jahre älter als ich. Heiße Kämpfe des
Leibes und der Seele standen in seinem Angesicht geschrieben. Da er in
der reformierten Kirche die persönliche Seelsorge vermißte und
namentlich den Gebrauch der Löseschlüssel in der Privatbeichte, so hatte
er sich eine Zeitlang zur irvingianischen Gemeinde geflüchtet; doch
hatte er auch dort nicht gefunden, was er suchte, und sich mit großem
Mut wieder von ihr getrennt. Schließlich hatte der Friede Gottes aber
die Oberhand bei ihm gewonnen, und sein freundliches, mildes Auge hatte
etwas besonders Anziehendes für mich. Er konnte es nicht viel und lange
in den Kollegien aushalten, und mir ging es ebenso. Deswegen streiften
wir miteinander oft in den nahen Bergen umher, manchmal mehrere Tage
ausbleibend, wobei wir auch befreundete Pfarrhäuser in der Landschaft
besuchten. Immer führten wir die Schrift mit uns und besprachen sie
gegenseitig.

Bei einer solchen Wanderung kehrten wir auch einmal bei einem
Pfarrer ein, in dessen Gemeinde viel geistiges Leben war. Der
Pfarrer selbst aber hatte einen großen Schmerz, der damals schon
anfing, sein Vaterherz zu zerreißen. Er hatte einen 15 jährigen
Sohn, der sich auf das entschiedenste gegen den Geist des
Elternhauses auflehnte. Da der Sohn die höhere Schule in Basel
besuchte, so bat mich sein Vater, ihm doch nachzugehen. Ich wußte,
daß der Sohn Wege ging, die ihm sein Vater verboten hatte. Aber ich
war auch nicht einverstanden mit dem Vater, daß er dem Sohn mehr
verbot, als er halten konnte.

Der Junge hatte einen glühenden Zug zum Theater und verwandte darauf
jeden Groschen, den er erübrigen konnte. Sein Vater aber hatte ihm
den Theaterbesuch verboten. Nun stellte ich mich eines Abends in der
Nähe des Theaters auf, wo der Junge durchkommen mußte. Und richtig,
es dauerte nicht lange, da kam er mit scheuen, hastigen Schritten
dahergestürzt. Er erschrak, als ich ihn beim Arm faßte. Flehentlich
bat er, ich möchte ihn doch nicht zurückhalten; er müsse ins
Theater. Ich sagte ihm dagegen, daß er nichts gegen das klare Verbot
des Vaters tun dürfe, versprach ihm aber, mich bei seinem Vater zu
verwenden, damit er die Erlaubnis bekäme, mitunter einmal mit gutem
Gewissen ins Theater zu gehen. Der Junge heulte laut, gab aber
endlich doch nach.

Leider erreichte ich beim Vater nichts. Die Schule in Basel schickte
schließlich den Jungen fort; und nun ging es immer mehr mit ihm
bergab. Ich hörte lange nichts von ihm, bis er mir eines Tages aus
einem jener schrecklichen Lazarette schrieb, in denen die Soldaten
der afrikanischen Fremdenlegion untergebracht sind. Als ich den
Brief an seinen Vater weitergab, antwortete er mir mit einem
durchdringenden Schmerzensschrei. Aus Haß gegen das Christentum ging
der unglückliche Mensch schließlich so weit, daß er Mohammedaner
wurde. Er ist dann gestorben und verschollen -- ich weiß nicht, wo.
Dies Erlebnis aber war mir ein schmerzliches Warnungszeichen dafür,
daß christliches Leben niemals gewaltsam aufgepreßt werden darf, wie
es bei diesem unglücklichen Sohn seitens des Vaters geschehen war.

Unter den jüngeren Freunden, mit denen ich in Basel zusammen
studierte, war auch Theodor Zahn, der, während Riggenbach mir um
fünf Jahre voraus war, mir um sieben Jahre nachstand, denn er war
damals erst 17 Jahre alt. Er wohnte ganz in meiner Nähe, und wir
arbeiteten öfters zusammen. Doch war er mir an Tüchtigkeit weit
überlegen, und ich konnte ihm in der Schnelligkeit seiner Auffassung
auf wissenschaftlichem Gebiete nicht folgen. Auch gingen unsere
Anschauungen, nicht sowohl über das Eine, was not ist, -- denn er
war ein lieber, entschieden gläubiger Jüngling -- wohl aber über die
Art der Vorbereitung auf das Predigtamt weit auseinander. Ihm war es
in Basel nicht wissenschaftlich genug. Wir sind später zusammen nach
Erlangen gezogen, haben dort in einem Hause gewohnt und an einem
Tisch gegessen. Aber auch hier war mir sein wissenschaftlicher Flug
zu hoch. Er ist denn auch in der Tat nach den ihm von Gott
verliehenen Gaben einen andern Weg gegangen als ich. Er ist jetzt
Professor in Erlangen und steht als ein treuer biblischer Theologe
in rechtem Ansehen.

Auch mein Freund Gustav Bossart, der zuletzt an meinem Krankenbett in
Berlin gesessen hatte, stellte sich in den ersten Baseler Sommerferien
zu einer Fußwanderung ein. Er hatte sein Assessor-Examen gemacht und von
seinem Vater das Geld zu einer Reise in die Schweiz und nach Italien
bekommen. Unsere Wege waren inzwischen weit auseinander gegangen; nicht
nur äußerlich, sondern auch innerlich. Als wir das Aare-Tal
hinaufwanderten, fragte ich ihn, ob er mir erlaube, jeden Morgen und
Abend ein Kapitel aus dem Neuen Testament mit ihm zu lesen. Er bat aber,
daß ich ihm diese Qual nicht antun möge; er habe mit allem, was die
Schrift enthielte, völlig gebrochen. Dagegen gelobe er, daß er
seinerseits während unserer Wanderschaft sein Kneipenleben aufgeben
wollte.

Auf dem Wege nach dem Rhonegletscher hinauf hatten wir unter emsigem
Gespräch nicht genau auf den Weg geachtet und uns verirrt. Umkehren
wollten wir nicht, weil wir weiter oberhalb einen Richtweg zu
erreichen hofften. Aufwärtssteigend und an den Büschen uns
festhaltend, schien uns der Weg nicht zu gefahrvoll. Aber bald kamen
wir an eine Stelle, an der ein weiteres Vorwärtsdringen ganz
unmöglich war. Als wir rückwärts blickten, fing uns an zu
schwindeln. Denn unter uns gähnte der Abgrund, den wir beim
Hinaufklimmen übersehen hatten. Da klebten wir nun an der Felswand
und wußten weder vorwärts noch rückwärts zu kommen. In diesem
Augenblick fing mein Freund an zu fluchen. Ich gewann den Mut, ihn
ernstlich zu strafen. Es sei kein Augenblick zum Fluchen, sondern es
gälte, zu Gott zu rufen. Mein Freund ließ sich meine Strafe
gefallen, und Gott ließ es uns gelingen, ohne daß unser Fuß glitt,
die sichere Straße wieder zu gewinnen.

Wir kamen auf diese Weise bis Mailand und Genua, wo wir von einem
kleinen Boot aus, das wir uns gemietet hatten, im Mittelländischen
Meer badeten. Der Rückweg führte uns ins Engadiner Land, wo mein
Freund Riggenbach in Vertretung eines Pfarrers einer kleinen
einsamen Gebirgsgemeinde in einem stillen Dörfchen zu dienen hatte.
Mit großer Herzlichkeit wurden wir aufgenommen, und mit großer
Unbefangenheit hielt Riggenbach seine einfachen köstlichen
Andachten, bei denen er auf den Knien zu beten gewohnt war. Ich
merkte, daß mein Freund sich hiervon nicht abgestoßen fühlte; denn
es kam kein Wort des Widerspruchs über seine Lippen. Nachts
schliefen wir zusammen in einem Bett, denn Riggenbach hatte nur
eins.

Riggenbach begleitete uns bis ins Rheintal und erzählte unterwegs
ergreifend von einem Sterbenden, der noch etwas Schweres auf dem
Gewissen hatte und zum Frieden kam, als er es glücklich über seine
Lippen gebracht hatte.

Als Bossart und ich in Zürich am schönen Seeufer entlang
schlenderten, traf mein Freund einen alten Bekannten aus Berlin, der
mit dem Züricher Leben und Treiben genau vertraut war. Dieser bat
ihn, ihn doch den Abend zu besuchen. Ich ahnte nichts Gutes. Und wie
ich es gefürchtet, so kam es. Mein Freund hatte versprochen, bald
wiederzukommen. Aber er blieb aus. Da ich mancherlei zu lesen und zu
schreiben hatte, legte ich mich nicht schlafen, sondern blieb auf.
Endlich um drei Uhr morgens polterte es die Treppe herauf. Ein
Mensch in jämmerlicher Verfassung kam herein, dem ich sogleich zu
Bett helfen mußte, ohne daß ich ihm natürlich ein Wort des Vorwurfs
sagte. Den andern Tag lag tiefe Scham auf seinem Angesicht; ja, mehr
als das.

Als wir abends in Basel ankamen, hörten wir, daß die Cholera, die
schon bei unserer Abreise geherrscht hatte, noch immer neue Opfer
fordere. Trotzdem wollte mein Freund nicht gleich weiterreisen,
sondern noch einige Tage bei mir bleiben. So überließ ich ihm mein
Bett und machte das meine auf meinem Sofa. Als ich mich niederlegen
wollte, sagte er: „Friedrich, gib mir eine Bibel!” Und er las lange
darin, während ich mich schon zum Schlafen anschickte. Der andere
Tag war ein Sonntag. „Ich gehe mit dir in die Kirche,” sagte er
gleich. Auch bat er mich, jetzt abends und morgens die Schrift mit
ihm zu lesen, ging auch einige Male mit mir ins Kolleg zu Professor
Auberlen.

Bei seinem Abschied geleitete ich ihn eine halbe Tagereise weit in den
Schwarzwald hinein. Dann trennten wir uns. Es war ein stiller,
hoffnungsreicher Abschied, nicht mit viel Worten, aber voll inniger,
dankbarer Freude, daß wir uns endlich wiedergefunden hatten. Er besuchte
noch einmal meine liebe Mutter in Velmede und brachte einige stille Tage
bei ihr zu. Bald danach starb er an einer kurzen Krankheit, und ich habe
auf Erden sein Angesicht nicht wiedergesehen.

Auf der Reise, die mich mit meinem Freunde Bossart durch die Schweiz
nach Italien führte, waren wir eines Tages infolge eines schweren
Gewitters ganz durchnäßt worden, sodaß wir uns, in unser Quartier
gelangt, gleich zu Bett legen mußten, um unsere Kleider am Herde
trocknen zu lassen. Da hatte denn die Magd in meiner Tasche mein
kleines Neues Testament entdeckt, und ich hatte es ihr auf ihre
Bitte geschenkt. Wir waren mittlerweile bis zur Isola Bella im Lago
Maggiore gelangt. Während sich mein Freund mit andern Reisenden,
deren Bekanntschaft er gemacht hatte, unterhielt, ruhte ich im
Schatten der Lorbeeren aus. Da ich nun mein Neues Testament nicht
mehr bei mir hatte, so zog ich ein anderes Buch heraus, das ich noch
in meiner Wandertasche bei mir führte. Es war ein kleines Buch von
Dichtungen eigenen Fabrikats, die ich jetzt auf der Wanderschaft
hatte vermehren wollen. Aber als ich eine Weile hineingesehen hatte,
kamen mir im Vergleich zu dem, was Gott an köstlichen geistlichen
Liedern geschenkt, meine Lieder elend vor. Auch erschien mir die
Gefahr, mich in solchen eigenen Erzeugnissen zu sonnen, so groß,
daß ich einen Stein suchte, einen Bindfaden darum band und das
Machwerk in die Tiefe des Sees schleuderte. Ich war froh, wieder ein
Stück des alten Adams abgetan zu haben und leichter weiterpilgern zu
können.

Mehr als einmal bin ich mit meinen Baseler Freunden den Weg zum
lieben Vater Zeller nach Beuggen am Rhein gepilgert. In den
Franzosenkriegen vor hundert Jahren war das Schloß von Beuggen
Kriegslazarett gewesen, und der Lazarett-Typhus hatte in furchtbarer
Weise darin gehaust. Zuletzt hatte man keine Wärter mehr bekommen
können, die sich in das entsetzliche Todeshaus hineinwagen wollten.
So hatte man schließlich den Sterbenden nur noch das Essen in die
Tür hineingeschoben und sie sich selbst überlassen. Noch lange Zeit
hatten in einzelnen Teilen des Hauses Knochengerippe umhergelegen.
So war das Schloß eine Stätte des Grauens, in die sich niemand
hineintraute, bis Zeller, getrieben von der Liebe Christi, es wagte,
sich vom Großherzog von Baden das Schloß auszubitten, um hier mit
verwahrlosten Kindern seinen Einzug zu halten. Da ist denn an der
Stätte des Todes ein fröhliches, frisches Leben aufgesproßt, das bis
auf diesen Tag nicht versiegt ist.

Auf seinem Arbeitspult hatte Zeller ein großes Corpus juris stehen,
daneben Goethes Faust und die Bibel. „Ich habe”, sagte er mir,
„diese Bücher neben einander stehen lassen, um beständig zum Dank
gegen Gott ermuntert zu werden, daß ich von dem toten Buchstaben des
irdischen Gesetzes zum ewig lebendigen Gesetzbuch des Wortes Gottes
geführt wurde und von den verführerischen Gärten des menschlichen
Geistes in ihrer höchsten Blüte, wie wir sie in Goethes Faust
finden, zu dem einfältigen Evangelium von Christo.”

Besonders erinnerlich ist mir ein Sommerabend, an dem ich mit meinem
mir vertrautesten Freunde aus dem Missionshaus, Hendrichs, von
Beuggen nach Basel heimkehrte. Wir saßen, unter dem Schatten eines
Baumes ausruhend, am Ufer des Rheines, und mein Freund sprach von
dem unbeschreiblichen Glück und der Sicherheit, die er genieße, seit
er an den Heiland glaube. Es könne ihm nun gar nichts widerfahren,
als was ihm nötig und selig sei. Denn auch jeder Widersacher, der
ihm etwas anhaben wolle, helfe ihm nur dazu, sich selbst zu
verleugnen und sich zum Heiland zu flüchten, und jeder Stoß, den
sein alter Adam bekomme, sei ihm lieb, weil dadurch der neue Adam
desto mehr Luft bekomme. Es war mir dieses Gespräch von besonderem
Segen und ist mir unvergeßlich geblieben in Erinnerung an meinen
treuen Freund, der nun schon lange Jahre in Indien an der Küste von
Malabar schläft, wo er seinen Lauf mit Freuden vollendet hat.

Neben Hendrichs stand mir ein anderer angehender Missionar sehr nahe:
Gottfried Hauser. Daß ich mit ihm verbunden wurde, hatte seine besondere
Veranlassung. Es bestand nämlich im Missionshause zu Basel die
Einrichtung, daß die Missionare in dem letzten Jahre vor der Ausreise
auf das Missionsfeld zu zwei und zwei auszogen, um in den Dörfern des
Baseler und badischen Landes Bibelstunden zu halten oder auch die Kinder
zu sammeln in der Weise der heutigen Sonntagsschulen, die man damals
aber noch nicht kannte. So war mir mit Gottfried Hauser zusammen das
Dorf Birsfelden, südlich von Basel, zugeteilt worden. Eine Witwe, eine
fromme alte Bauersfrau, hatte hier ihr Haus für die Versammlung
geöffnet. Es waren vor allem Kinder, die hier zusammenkamen und die von
Hauser und mir in der Weise von Frage und Antwort unterwiesen wurden,
während einige ältere Personen zuhörten. Mit welchem Zittern und Zagen
habe ich mich auf diese Stunden vorbereitet, zumal dabei auch öffentlich
gebetet zu werden pflegte! Aber wie manchen Segen habe ich auch aus
diesen Stunden mitgebracht für meine eigene Seele!

Von einem höchst merkwürdigen Mann muß ich noch einiges sagen, der
mir in besonderer Weise nahetrat: das war der Vater Spittler. Von
Beruf Buchhändler war Spittler zu Anfang des Jahrhunderts aus dem
Württemberger Land nach Basel gekommen. Er wohnte im sogenannten
„Fälkli”, einem alten Gebäude, das früher zum Augustinerkloster
gehört hatte und einen Falken im Wappen führte. Das Fälkli war die
Heimat der von Spittler gegründeten Buch- und Traktatgesellschaft.
In innigster Dankbarkeit gegen jenes kleine Büchlein über Tschin,
den Chinesenknaben, das von hier aus mir nach Gramenz geschickt
geworden war, konnte ich es nicht lassen, mir im „Fälkli” immer neue
Traktate zu kaufen und nach allen Richtungen zu verteilen,
namentlich unter den Kindern. Auch versorgte ich von hier aus,
unserer letzten Verabredung entsprechend, meinen Bruder Ernst in
Frankfurt mit den Schriften, die er sich für seine Soldaten von mir
erbeten hatte.

Das Zimmer des alten Spittler steht mir noch lebendig vor Augen. Es
erschien mir sehr ehrwürdig, wie das eines alten Einsiedlers, in
alter deutscher Weise ausmöbliert. Die Wände waren mit allerlei
Missionskarten behangen. Eine dieser Karten stellte die christlichen
Länder dar. Auf ihr waren überall durch Lichter und kleine Fackeln
die Gegenden bezeichnet, in denen der eingeschlafene Glauben wieder
im Erwachen war oder wo für die Ausbreitung des Reiches Gottes sonst
irgend etwas geschah. Zwischen diesen Lichtern und Fackeln aber lag
der größte Teil der Christenheit im Halbdunkel oder im schwarzen
Schatten.

Der alte Spittler erklärte mir die Karte selbst. Während das Baseler
Missionshaus unter den Heiden leuchtete, sah er es als seine
Hauptaufgabe an, in der abgefallenen Christenheit das Wort Gottes
wieder auf den Leuchter zu stellen. Durch ihn waren fast alle
Anstalten der christlichen Barmherzigkeit, die in und um Basel
blühten, ins Leben gerufen worden. Sobald er auf einem Punkt fertig
war, ging er wieder einen Schritt weiter. Augenblicklich galten
seine Liebe und seine Kraft ganz besonders der Pilgermission.
Jenseits des Rheins, auf dem letzten Vorsprung des Schwarzwaldes,
hatte er eine kleine alte Kirche gekauft mit einigen Äckern umher.
Die Kirche samt ihrem Turm hatte er so ausgebaut, daß darin seine
Zöglinge samt ihren Lehrern Unterkunft fanden. St. Chrischona hieß
das Kirchlein. Und ich bin manchmal auf die herrliche Höhe
hinaufgestiegen, von der man bei klarem Wetter über den Jura weg die
Alpenkette überschauen kann.

Nun waren damals die Gedanken des alten Spittler besonders auf die
alte christliche Kirche in Abessinien gerichtet. Dahin hatte er
bereits seine Pilger geschickt, um diese alte eingeschlafene Kirche
wieder wachzurufen. Von Abessinien aus aber sollte es weitergehen zu
dem südlicher wohnenden wilden afrikanischen Stamm der Gallas. Bald
merkte ich, daß Vater Spittler sein Auge auf mich warf, ob ich wohl
bereit sei, nach Abessinien zu ziehen.

Durch meine Verbindung mit dem Baseler Missionshaus, das Inspektor
Josenhans leitete, standen aber meine Gedanken damals nicht nach
Abessinien, sondern nach Indien. Und wenn ich auch beschlossen
hatte, zunächst mein theologisches Examen in Preußen zu machen, so
wollte ich doch so bald wie möglich nach Basel zurückkehren, um
meinen Freunden Hauser, Hendrichs und dem dritten aus unserm engeren
Freundeskreis, namens Strobel, nach Indien zu folgen.

Jetzt aber wurde ich in meinem Vorhaben erschüttert. Denn eines
Tages erschien in Begleitung meiner Dienstmagd, der Rösli Schwarz,
eine schwarze Mädchengestalt auf meinem Zimmer. Es war Pauline
Fatmele, die Tochter eines Gallafürsten aus dem Süden Abessiniens.
Sie war, nachdem ihr Vater neben ihr erschlagen worden war, von
einem Sklavenhändler zum andern schließlich an den Hof des
Vizekönigs von Ägypten verkauft worden. Dort war sie einem deutschen
Reisenden geschenkt worden, und dieser hatte sie nach Stuttgart
gebracht. Von da war sie nach Korntal in eine christliche Familie
gekommen. Hier war in wunderbarer Weise ein fröhliches christliches
Glaubensleben in ihr erwacht. Der alte Spittler war ihr Taufpate
geworden und hatte sie nun nach Basel kommen lassen. Da meine Magd
ja auch aus Korntal war, so hatte Fatmele sie besucht, und auf diese
Weise kam es, daß sie mit meiner Magd zusammen mein Zimmer betrat.

Das reine, kindliche, mächtige Glaubensleben der schwarzen
Fürstentochter machte, obwohl sie nur eine Viertelstunde bei mir
blieb, einen großen Eindruck auf mich. „Wenn ich jetzt Flügel
hätte,” sagte sie mir, „dann möchte ich gern in meine Heimat
fliegen, um zu erzählen, wie lieb Gott Europa hat.” Ihr Wunsch wurde
ihr nicht erfüllt. Wenige Tage darauf bekam sie Bluthusten, aus dem
sich die galoppierende Schwindsucht entwickelte, und im
Diakonissenhause zu Riehen, wohin sie der alte Spittler brachte,
starb sie nach wenigen Wochen seligen Leidenskampfes, vielen zur
Stärkung des Glaubens. Chrischonabrüder bliesen an ihrem Grab die
Posaunen. Auf ihrem Sterbebett aber hatte sie den Vater Spittler
gebeten, ihr Volk nicht zu vergessen, wenn sie selbst auch nicht
hinziehen könne.

So kam es, daß der alte Spittler einen Beschluß des Komitees
herbeiführte, durch den ich armer, junger Student berufen wurde, als
Bote der Pilgermission an den Hof des Königs Theodorus nach
Abessinien zu gehen. Ich sollte zunächst bei Bischof Gobat in
Jerusalem das Abessinische lernen und mich von da mit einigen
Pilgermissionaren nach Abessinien und dann weiter südwärts zu den
Gallas aufmachen. Solche Aussicht zog mein Gemüt lebhaft an, und ich
stand im Geiste schon auf dem Ölberg, um von da aus mit dem Kämmerer
aus dem Mohrenlande meinen Weg anzutreten.

Jetzt aber erfuhr der Inspektor des Missionshauses, Pfarrer
Josenhans, von dem Plan des alten Spittler. Er ließ mich auf sein
Zimmer kommen und ergoß sich in einem Strom von Zorn über meinen
lieben alten Freund und sein unüberlegtes Handeln, mich mit solchen
Plänen zu umstricken. Jetzt kamen auch mir ernste Bedenken gegen den
Plan des alten Spittler. Aber als ich zu ihm ging, um ihm diese
Bedenken vorzutragen, da gab es nun auf Spittlers Seite eine solche
Schilderung der Verkehrtheit des Missionshauses, daß ich gar nicht
wußte, wie ich daran war.

Spittler vertrat ungefähr den Standpunkt des alten Vater Goßner, der von
dem vielen Studieren und der Gelehrsamkeit seiner Missionare gar nichts
hielt, sondern sie einfach hinaussandte und sie draußen sich selbst
ihren Unterhalt verdienen ließ. Deswegen bildete er seine
Pilgermissionare auch besonders in allen Handwerken und in der
Landwirtschaft aus, um ihnen so die Möglichkeit zu gewähren, sich ihren
Unterhalt in den Heidenländern selbst zu erwerben. Josenhans dagegen
vertrat die Notwendigkeit einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung,
auch in den alten Sprachen, und glaubte, seinen Missionaren durchaus ein
auskömmliches Gehalt geben zu müssen, damit sie ihre ganze Kraft dem
Dienste des Wortes widmen könnten.

Beide Anschauungen haben ihr Berechtigtes, und es wäre auch wohl
möglich, auf demselben Missionsgebiet, je nach den verschiedenen
Gaben, beide zu vereinigen. Es wäre darum auch nicht nötig gewesen,
daß die beiden vortrefflichen Männer sich um dieser verschiedenen
Anschauungen willen so ereiferten. Aber das Entscheidende für mich
war, daß ich merkte, daß es bei beiden auf meine Person abgesehen
war und daß hierdurch ihr Eifer ein falscher Eifer war. Es war
gerade Fastnachtszeit. Alles lief auf den Straßen von Basel in
Fastnachtskappen umher, und ich weiß noch, wie ich zu einem meiner
Freunde sagte, es wäre mir lieber, daß der alte Spittler und
Josenhans sich Schellenkappen aufgesetzt hätten und auf der Gasse
von Basel miteinander herumgesprungen wären, als daß sie sich in
solcher Weise um meine arme Person zankten.

An sich war mir die Sache gut. Denn ich hatte mich in der Tat zu
sehr an Menschen gehängt und zu hoch an Menschen hinaufgeblickt. Ich
wies die Versuchung von mir, mit halber theologischer Bildung ohne
weiteres in die Heidenwelt hinauszugehen, wie es der alte Spittler
wünschte; und die Dankbarkeit gegen das Baseler Missionshaus ließ
den überwiegenden Wunsch in meinem Herzen bestehen, dereinst in die
Arbeit auf dem Baseler Missionsgebiet einzutreten.

Am 21. März, kurz vor meiner Abreise aus Basel, am Abend des
Karfreitags, hielt ich meine erste öffentliche Predigt in der
kleinen Elisabethkirche über Jes. 53, 11 und 12; es war mir eine gar
herzbewegliche Stunde. Am 22. März nahm ich Abschied von meinen
Lehrern und Freunden und von der lieben Stadt, die mir eine zweite
Heimat auf Erden geworden war, um über Frankfurt a. M., wo damals
meine Mutter wohnte, nach Erlangen zu gehen.”


2. In Erlangen. 1856.

Erlangen stand in bezug auf die theologische Fakultät damals in sehr
hoher Blüte. Hofmann, Thomasius, Delitzsch, Harnack zogen namentlich
aus Norddeutschland große Scharen junger Theologen an, und es
herrschte ein reges wissenschaftliches Streben voller Ernst,
Frohsinn und Tüchtigkeit. Bei Hofmann war es mir schwer, daß ihn
viele Studenten und namentlich die, die ihn am wenigsten verstanden,
zu sehr vergötterten und daß seine Ausdrucksweise durchaus eine
andere sein mußte als die anderer Theologen. Ich habe mich am
meisten an seiner Auslegung der Psalmen erquickt, obwohl man ihm
gerade hier am wenigsten Tüchtigkeit zuschrieb. Auch freute es mich,
daß der hochgelehrte Mann für Studenten ein Missionskränzchen hielt,
in das ich mich auch aufnehmen ließ und in dem ich vor einer
größeren Studentenschaft einen Vortrag hielt.

Es war eine ganze Reihe meiner Baseler Freunde mit mir nach Erlangen
übergesiedelt, und es war merkwürdig, daß wir Baseler uns ganz
besonders zu den Philadelphen hingezogen fühlten, die aus der
Leipziger Schule stammten und streng konfessionell-lutherisch
gerichtet waren. Die Baseler waren das Gegenteil. Trotzdem fanden
wir uns in der Woche mit den Philadelphen in einem theologischen
Kränzchen zusammen, wo einer von uns eine von ihm durchgearbeitete
theologische Frage vorzutragen hatte, über die dann disputiert
wurde. Oft ging es hierbei sehr scharf her, sodaß es nötig wurde,
für den andern Tag einen Versöhnungsspaziergang anzuordnen.

Viel Freude machten uns unsere gemeinsamen Wege nach dem schönen
Nürnberg. Am liebsten zogen wir Sonntags ganz früh aus und kamen mit
dem Läuten der Glocken in der Stadt an, um hier in einer der
prachtvollen Kirchen dem Gottesdienst beizuwohnen. Nachmittags
wurden dann die Herrlichkeiten der alten Reichsstadt gründlich
durchmustert, die alte Hohenzollernburg nicht ausgenommen, und
abends kehrten wir zu Fuß zurück. Zu Himmelfahrt sind wir auch mit
den Philadelphen nach Neuendettelsau zu Löhe gepilgert, um ihn
predigen und nachmittags auf seiner Filiale katechisieren zu hören.

Meine Gefährten kehrten am Tage nach Himmelfahrt wieder nach
Erlangen zurück, ich aber zog noch an demselben Abend auf das liebe
Schwabenland los, wo ich mir mit meinem Baseler Freunde, Gottfried
Hauser, ein Stelldichein gegeben hatte, ehe er nach Indien aufbrach.
Ich hatte mir zu dieser Reise einen Kittel von grauer Leinwand
machen lassen und mich zum Schutz gegen den Regen mit einem Stück
Wachstuch versehen, das ich mir um die Schultern legen konnte.

Auf dem Wege durch die fränkische Schweiz wurde ich von einem reisenden
Handwerksburschen eingeholt, der sich mir als Buchbinder zu erkennen
gab. Durch ihn erfuhr ich zum erstenmal die verschiedenen Regeln, welche
Handwerksburschen auf ihrer Pilgerfahrt und in ihrem Nachtquartier
befolgen. Auch kamen wir in Religionsgespräche hinein, und ich mußte
staunen, bis zu welchem Grade schon damals grundstürzende Gedanken über
Gottes Wort unter den Handwerksburschen verbreitet waren. Wir blieben
gemeinsam in einer kleinen Dorfschenke auf einer Kammer über Nacht und
zogen auch des andern Tages noch einige Stunden miteinander weiter unter
manchen fröhlichen und ernsten Gesprächen. An einem Scheidewege trennten
wir uns, der Buchbinder seinen Weg nach Frankfurt, ich den meinen nach
Stuttgart einschlagend. Zum Abschied schenkte ich ihm mein Neues
Testament, schrieb ihm auch von Stuttgart aus noch einen längeren Brief,
um ihm eine Anleitung zum Lesen des Neuen Testamentes zu geben.

Als ich 32 Jahre später im Vereinshaus in Leipzig einkehrte, wo ich,
wie vorher in den Blättern angezeigt worden war, einen Vortrag
halten sollte, wurde mir mitgeteilt, es sei etwas für mich abgegeben
worden. Es war das Neue Testament, das ich meinem Reisegefährten
geschenkt hatte, und mein Brief aus Stuttgart. Nach dem Vortrag
stellte sich dann richtig ein ehrwürdiger Buchbindermeister mit
langem, grauem Bart ein. Es war mein damaliger Reisegefährte, der
mir sagen wollte, daß jene kurze Pilgerfahrt samt meinem Briefe und
dem Büchlein ihre Früchte für ihn und sein Haus getragen hatten.

Mein Weg ging über Kirchheim unter Teck nach Welzheim. Dort traf ich
mit meinem Freunde Hauser zusammen, und hier wurde er bei
Gelegenheit eines Missionsfestes von Inspektor Josenhans ordiniert.
Von da ging es weiter nach Fellbach, dem Heimatsort meines Freundes.
Fellbach war damals einer der Orte im Württemberger Lande, an
welchem das christliche Gemeinschaftsleben grünte und blühte. Die
Fellbacher hatten ein eigenes Vereinshaus gebaut, wo sie unter sich
ihre Andachtsstunden hielten, doch so, daß sie auch gern ihren
trefflichen Pfarrer zu sich einluden.

Ehe wir in diesem Vereinshaus den Abschied meines Freundes feierten,
machten wir noch eine gemeinsame Fußwanderung durch die Dörfer in
einem größeren Umkreise von Stuttgart, die der Mission besonders
zugetan waren. Überall wurden wir von den lieben Bauersleuten
beherbergt und mit großer Liebe aufgenommen und verabschiedet.
Überall steckten die Leute auch dem abziehenden Freunde Geld für
seine Reise nach Indien in die Hand, und ich konnte es nicht immer
abwehren, daß sie auch mir eine Gabe aufpreßten. „Sie werden es
schon brauchen,” sagten sie; denn ich hatte immer noch meinen grauen
Reisekittel an. Auf diesem Wege kam ich auch nach Calw, wo ich den
merkwürdigen alten =Dr.= Barth, den Leiter des Calwer Verlages,
kennen lernte.

Die Reise nach Calw, auf der Inspektor Josenhans uns begleitete, ist
mir in besonders lebendiger Erinnerung geblieben. Denn Josenhans
erzählte unterwegs von dem wunderbaren Gesicht, das er einmal in
Basel gehabt habe. Er sei etwas leidend gewesen, in fieberhaftem
Zustande, aber völlig wach. Plötzlich fangen vor seinen Augen die
Herrlichkeiten der Stadt, namentlich die Kaufläden von Basel, an zu
tanzen und stürzen nacheinander in den Abgrund. Dann sieht er, wie
die Türme der Stadt zu wanken anfangen und zusammenbrechen. Jetzt
sinken auch die Berge des Schwarzwaldes, des Jura und der Alpen in
sich zusammen. Vor sich sieht er nichts als eine unabsehbare Ebene.
Er macht sich auf und läuft über die Ebene weg auf Stuttgart zu. Da
begegnet ihm sein Sohn, ein zwölfjähriger Knabe, (er saß bei uns im
Wagen, während sein Vater dies erzählte) und sagt: „Vater, komm! Sie
warten schon alle.” Und wie er aufblickt, sieht er eine unermeßliche
Schar, die niemand zählen kann, auf einem weiten, weiten Felde
stehen. Aber sie sind nicht alle gleichartig: die Freude auf den
Gesichtern der einen ist durcheinandergemischt mit dem Schrecken auf
den Gesichtern der andern. Da tritt einer auf -- Josenhans erkennt
in ihm den Kirchenvater Augustinus -- und ruft mit gewaltiger
Stimme: „Kommt! Laßt uns dem Herrn entgegengehen!” Und eine
ungezählte Schar macht sich strahlenden Antlitzes auf und folgt ihm.
Es sind die Gläubigen aus der katholischen Kirche. Aber eine ebenso
große Schar wird blaß und grau, schrumpft zusammen und verkriecht
sich in die Löcher der Erde. Jetzt tritt ein zweiter auf: es ist
=Dr.= Martin Luther. Und Luther ruft wieder überlaut: „Kommt! Laßt
uns dem Herrn entgegengehen!” Und wieder folgt ihm eine Schar, die
niemand zählen kann, mit erhobenen Häuptern. Aber wieder schrumpft
eine andere ebenso große Schar zusammen und verkriecht sich in die
„Mauselöcher”. Dann tritt Calvin auf und erhebt seine Stimme; und
noch einmal wiederholt sich dasselbe wie bei Augustin und Luther.
Jetzt aber stehen sie alle still und blicken unverwandt gen Osten.
Da mit einemmal wird es hell wie ein Blitz vom Aufgang bis zum
Niedergang -- --. In diesem Augenblick fiel der Sohn des Inspektors,
der der Erzählung atemlos zugehört hatte, seinem Vater laut
schluchzend in die Arme, sodaß dieser große Mühe hatte, ihn wieder
zu beruhigen, und seine Erzählung nicht zu Ende brachte; aber wir
wußten ja, wem die ungezählten Scharen entgegengegangen waren.

Nach Fellbach zurückgekehrt, rüsteten wir uns auf den Abschied
meines Freundes. Am letzten Abend versammelten sich noch einmal alle
gläubigen Christen Fellbachs in dem Versammlungshause. Verschiedene
der alten Väter traten auf und gaben dem scheidenden jungen
Missionar einen Gruß aus dem Worte Gottes mit auf den Weg. Andere
beteten aus tiefbewegtem Herzen. Er selbst mußte ihnen ebenfalls ein
Abschiedswort sagen, und ich auch. Dann legten sie noch mehrere
hundert Gulden Reisegeld zusammen, und beim Hinausgehen aus dem Saal
war viel Schluchzens.

Am andern Morgen wanderten wir zu Fuß nach Stuttgart. Bis zur Anhöhe
über dem Dorf gaben uns noch viele das Geleit. Dann wanderten mein
Freund und sein Vater, sein Schwager und ich allein weiter. Die
Mutter war schon längst gestorben. Auf dem Bahnhofe in Stuttgart
stand der Zug zur Abfahrt nach Basel bereit. Der alte Vater hielt
sich tapfer bis zur letzten Umarmung und dem letzten Kuß, den er
seinem Gottfried gab. Aber in dem Augenblick, als das Antlitz des
Sohnes, der am Wagenfenster stand, entschwand, wandte sich der alte
Mann zu mir, fiel mir um den Hals und schluchzte: „Gottfried, mein
Sohn, mein Sohn, warum hast du mich verlassen?”

Von Stuttgart aus wanderte ich zunächst dem Hohenstaufen zu. Von da
hätte ich es nicht weit bis zu dem damals schon so berühmten Boll
mit seinem Pfarrer Blumhardt gehabt. Aber ich hatte eine Abneigung,
solche Orte zu besuchen, die gewissermaßen als Wallfahrtsorte galten
und zu denen die Menschen vielfach mehr aus Neugierde als eines
inneren Bedürfnisses wegen gehen. Doch während ich die einsame,
kahle Berghöhe des Hohenstaufen hinaufkletterte, zog ein schweres
Gewitter herauf. Ich sah von oben schnell nach allen Seiten in das
schöne Schwabenland hinein und eilte dann bergab in der Hoffnung,
das Städtchen Göppingen noch vor Ausbruch des Gewitters zu
erreichen. Aber das Unwetter ereilte mich unterwegs in seiner vollen
Wut. Ich wurde durch und durch naß und hielt es nun für besser,
geradezu vorwärts zu marschieren, bis ich vor der Tür von Bad Boll
stand. Der liebe Vater Blumhardt nahm sich dann auch des wider
Willen zu ihm getriebenen Studenten aufs väterlichste an, und ich
gewann solches Zutrauen zu ihm, daß ich ihm mein ganzes Herz
ausschütten konnte. Ich blieb einige Tage bei ihm, die mir von
großem, bleibendem Segen geworden sind und unser Gemeinschaftsband
knüpften bis an das Ende der Tage.

Dann ging es über Ulm und Augsburg, wo die prachtvollen Dome und
Kirchen besucht wurden, wieder zurück in die freundliche Musenstadt
an der Regnitz, wo freilich aus dem Studieren nicht mehr viel wurde,
da ich in diesem sehr heißen Sommer viel an Kopfweh, Nasenbluten und
Schlaflosigkeit litt und schließlich so von Kräften kam, daß ich für
drei Wochen das Studentenkrankenzimmer in der Universitätsklinik
aufsuchen mußte.

Nach Schluß des Semesters gab ich mir mit meinem lieben Freunde
Riggenbach in Würzburg ein Stelldichein. Er hatte sich entschlossen,
als Pastor zu den Deutschen nach Nordamerika zu gehen, und wir beide
wollten die letzten Tage vor seinem Abschied noch miteinander
verleben. Wir suchten zunächst den Pastor Fabri auf, den späteren
Inspektor des Barmer Missionshauses, der mich schon in Erlangen
besucht hatte. Wir blieben einige Tage in dem kleinen lieben
Pfarrdörfchen, und Fabri gewann unser Herz durch seine äußerst
anregenden Gespräche über die tiefsten Fragen des Reiches Gottes. An
Leib und Seele erfrischt, zogen wir dann weiter dem Norden zu. Wir
wanderten viel zu Fuß, wie einst in den schönen Schweizer Bergen,
und es war mir von großem Segen, zu erleben, mit welcher Einfalt und
Treue mein Freund abends und morgens eine Stelle aus der Heiligen
Schrift vornahm, sie mit wenigen Worten auslegte und dann
niederkniete zum Gebet. Wie war man für den ganzen Tag dann gestärkt
und erquickt, und wie schön schlief's sich abends ein! Es gehört
gewiß mit zum Köstlichsten, was man auf Erden haben kann, mit einem
solchen Freunde durchs deutsche Vaterland zu wandern.

Unsere Pilgerschaft ging das Lahntal hinauf zu meiner Schwester
Sophie, die in Berleburg an den Landrat von Oven verheiratet war,
dann zu meiner lieben Mutter nach Velmede und von da nach Bremen, wo
wir bei dem Besitzer des Auswandererschiffes, das mein Freund
benutzen wollte, die herzlichste Aufnahme fanden. Der liebe Pastor
Mallet stand noch in ungebrochener Kraft, und die Kanzel, auf der
später Schwalb, mein Studiengenosse von Basel her, den Unglauben
verkündete, hatte damals noch der treffliche Treviranus inne. Bei
Mallet gingen wir noch einmal gemeinsam zum heiligen Abendmahl.
Andern Tages geleitete ich meinen Freund nach Bremerhaven und von da
noch ein Stück auf dem Auswandererschiff in die See hinaus, von wo
ich über und über seekrank auf dem Lotsenboote wieder in den Hafen
gelangte. Dann ging es zur lieben Mutter nach Velmede.”


3. In Berlin. 1856-57.

„Nur zu schnell waren die köstlichen Ruhetage im lieben Velmede zu
Ende gegangen. Die Ferienzeit war vorüber, und da man nach den
damaligen Bestimmungen mindestens ein Jahr auf einer preußischen
Universität studieren mußte, so richtete ich meinen Pilgerweg nach
Berlin. An der Ecke der Artilleriestraße, hart an der Spree, mit der
Aussicht auf den Monbijou-Garten, eroberte ich mir glücklich ein
stilles Stübchen, wo ich mein letztes Studienjahr zuzubringen
dachte.

Es war damals auch in Berlin schöne Zeit. Neander, den ich in meinem
ersten Semester neben meinen physikalischen und botanischen Studien
gehört hatte, war schon heimgegangen; aber Strauß, Hengstenberg und
Nitzsch standen noch in frischester Kraft. Bei Nitzsch besuchte ich
das praktische Seminar, wo wir Predigtübungen zu halten hatten; und
ich besinne mich noch gut, wie er solche Studenten, die mit
oberflächlichen Redensarten und schönen Worten ihre Predigt füllten,
als eitle Gecken abzutun wußte und ihnen den Hoffartsteufel
austrieb.

Ich blieb übrigens bei meiner Predigt, die ich vor ihm zu halten hatte,
stecken und mußte demütig mein Konzept herauslangen. Umgekehrt ging es
mir bei meiner Katechese in der Propstei-Schule an der Nikolaikirche so
gut, daß mein lieber Nitzsch mich besonders in sein Herz schloß und mich
auch zu seinem regelmäßigen Studenten-Familienabend einlud.

Indessen wurde in diesem ersten Wintersemester aus meinem Studieren
nicht sehr viel. Denn für meinen Dienst unter den Heiden mußte ich
versuchen, mir einige Kenntnisse in der Krankenpflege und in der
Arzneilehre zu erwerben. Pastor Müllensiefen, den ich noch aus der
Zeit her kannte, wo er meine Vettern Diest als Hauslehrer
unterrichtet hatte, und der jetzt Pastor an der Marienkirche war,
machte mich mit seinem Freunde, dem Regimentsarzt =Dr.= Lauer, dem
späteren Leibarzt des alten Kaisers Wilhelm, bekannt. Dieser nahm
mich als Lazarettgehilfen in das Lazarett des Kaiser-Franz-Regiments
auf. Jeden Morgen besuchte ich zunächst mit dem Assistenzarzt die
einzelnen Kranken und ließ mir von ihm zeigen, wie Verbände angelegt
und die chirurgischen Dienstleistungen verrichtet werden. Hernach
nahm ich an der Visite des Regimentsarztes selbst teil und lernte
dann die angeordneten Arzneien in der Apotheke bereiten.

Auf dem Wege zum Lazarett begegnete mir eines Tages ein früherer
Schulkamerad vom Joachimstalschen Gymnasium, namens Blankenburg. Ich
sah ihm gleich an, daß Schmalhans bei ihm Küchenmeister war. Er war
teils wegen seiner schlechten Ernährung, aber auch wegen seiner
schlechten Wohnung an seinen Nerven krank geworden. Ich wußte ihm
nicht besser zu helfen, als daß ich ihn einlud, ob er bei mir wohnen
wollte. Das wurde mit Freuden angenommen. Aber die Aufgabe war nicht
klein; denn die Nerven meines Freundes wurden mir förmlich zu
Haustyrannen, nach denen ich mich in allen Stücken richten mußte.

Trotzdem wurde ich meinem Stubengenossen bald zu großem Dank
verpflichtet. Er machte mich nämlich auf eine große Lücke in meiner
Ausbildung aufmerksam. Was ich an Bibelsprüchen und Kirchenliedern
auf der Schule und im Konfirmandenunterricht gelernt hatte, war über
alle Maßen wenig gewesen. Blankenburg zwang mich nun, sowohl
Kirchenlieder als auch ganze Stücke der Heiligen Schrift wörtlich
auswendig zu lernen. Ich war inzwischen mit dem Lazarettkursus
fertig geworden, und so wurde neben den übrigen Studien diese Arbeit
in der Tat mit allem Fleiß betrieben. Jeden Morgen ging ich in den
einsamen Monbijou-Garten, und dort, auf dem schönen Wege, der an der
Spree entlang führt, prägte ich mir Kirchenlieder und ganze Kapitel
aus der Bibel ein, und wenn ich nach Hause kam, überhörte mich mein
lieber Blankenburg.

Inzwischen war mein letztes Semester -- Sommer 1857 -- herangekommen.
Der jüngere Bruder meines Vaters, mein Onkel Karl, legte mir nahe, für
den Rest meiner Studienzeit zu ihm überzusiedeln. Ich war in der Tat in
meinen Ernährungsverhältnissen etwas zurückgekommen, da ich mit meinem
Freunde Blankenburg zusammen etwas zu sparsam hatte leben müssen, um uns
beide durchzuschlagen. Zudem wünschten meine Verwandten um ihrer beiden
jüngsten Söhne willen, die noch auf dem Gymnasium waren, meine
Gegenwart, da sie selbst den größten Teil des Sommers abwesend sein
mußten. So zog ich denn gleich nach Ostern in meine alte Heimat, in das
Finanzministerium, hinüber.

Von meinen Baseler und Erlanger Freunden hatte mich nur noch einer
nach Berlin begleitet. Es war ein Pfarrerssohn aus der Schweiz, mit
Namen Endres. Er hieß gewöhnlich nur „der kleine Schwyzer” und kam
meist am Nachmittag zu einer Tasse Kaffee und einer Partie Schach
ins Finanzministerium herüber. Auch beteiligte er sich wohl an den
kleinen Fußtouren, die ich mit meinen beiden jungen Vettern in die
Umgegend von Berlin unternahm. Sonst war bei der strammen Arbeit,
die das letzte Semester mit sich brachte, kaum irgend ein anderer
Verkehr möglich. Nur einige Male ging ich in das theologische
Studentenkränzchen, das ähnlich wie in Erlangen auch hier seine
Zusammenkünfte hatte. Hier feierten mein Freund Endres und ich auch
den Abschiedsabend unserer Universitätszeit. Reiche, köstliche drei
Jahre lagen hinter mir, als ich Anfang August 1857 von meiner
letzten Musenstadt Abschied nahm und mit dem Nachtzuge nach Hamburg
hinüberfuhr!”


Als Kandidat. 1857-1858.

„Mein Angesicht stand zunächst nach dem dicht bei Hamburg gelegenen
Wandsbeck, der Heimat des alten Matthias Claudius, der mir mit seinen
Schriften der treuste Freund meiner Jugend gewesen war und mir über so
viel öde Zeit, namentlich während meiner landwirtschaftlichen Laufbahn,
hinweggeholfen hatte und den ich fast auswendig konnte. Nach einer
köstlichen stillen Morgenstunde in dem Wandsbecker Waldtal wanderte ich,
der Stimme eines Glöckchens folgend, in einer halben Stunde hinüber zum
Rauhen Hause. Ich blieb den ganzen Tag unter der fröhlichen Kinderschar
und ihren ebenso fröhlichen Pflegern und lernte an der Hand meines
freundlichen Führers, des Hausvaters Pastor Riehm, die ganze Entstehung
und das Wachstum der Anstalt, Station auf Station, kennen. Am Abend aber
saß ich schon wieder im Postwagen und fuhr die Nacht durch hinüber nach
Bremen und von da zu Schiff die Weser hinunter nach Geestemünde.

Denn zwei Stunden von Geestemünde war einer meiner Baseler
Studienfreunde Pastor geworden. Er war in Basel mein englischer
Lehrer gewesen. Jeden Nachmittag war er für eine Stunde zu mir
gekommen, um mit mir englisch zu treiben. Er war dazumal schon
28 Jahre alt, und sein Lebensgang war sehr gewaltsam gewesen. Eines
Tages, kurz vor unserm ersten Baseler Weihnachtsfest, sagte er mir
einmal: „Heute vor vier Jahren brachte ich die Nacht auf einer
Fleischerbank in Neu-Orleans zu. Diese Bank war damals für längere
Zeit mein Nachtquartier, denn eine Wohnung besaß ich nicht. Ich
lebte von Spottgedichten, die ich für die Zeitungen lieferte.
Zigarren und Branntwein waren meine Hauptnahrung.”

Er war in der Schweiz als Hirtenbube in großer Armut aufgewachsen.
Freunde, die seine Talente bemerkten, hatten ihn unterstützt und bis
zur Universität gefördert. Mit eiserner Energie hatte er sich durch
Stundengeben auf der Universität unterhalten, zu gleicher Zeit aber
in seinem Trotz und seiner Wildheit solche Streiche gemacht, daß er
sich unmittelbar aus dem Karzer in ein Schiff flüchtete, das ihn
nach Amerika brachte. In jener tiefsten Zeit seines Lebens, als eine
Bank auf dem Fleischmarkt sein Nachtquartier war, ergriff ihn Gottes
Hand. Er erkrankte am gelben Fieber und stand nahe vor der Todestür.
Da nahm sich ein unbekannter Fremdling, der aber ein entschiedener
Jünger des Heilandes war, des gänzlich Verlassenen an. In seinem
unbekannten Wohltäter trat ihm das Erbarmen mit solcher Macht vor
die Seele, daß er, als er von seinem Krankenlager aufstand,
entschlossen war, ein anderes Leben zu beginnen.

Da er Jurisprudenz studiert hatte, so übersetzte er nun in kurzer
Zeit das Gesetzbuch des Staates Indiana ins Deutsche und erhielt
dafür eine sehr bedeutende Geldsumme. Diese wollte er benutzen, um
Theologie zu studieren. Allein in seinem doch noch ungebrochenen
Sinn verstand er nicht, mit dem Gelde umzugehen, und als er auf
deutschem Ufer landete, war fast alles Geld schon wieder seinen
Händen entschwunden. So war er genötigt, in Basel in einem
Studentenheim Quartier zu nehmen, wo man für ein geringes Entgelt
Wohnung und Nahrung erhielt. Abgemagert, in dürftigster Kleidung,
und, um durch die Kälte das Einschlafen zu verhindern, ohne
wärmenden Ofen saß er oft bis drei Uhr nachts auf und arbeitete mit
einem wahrhaft staunenswerten Eifer, während er bei Tage
Unterrichtsstunden gab, durch die er sich das nötige Kostgeld
verdiente.

Er trieb vor allem das Studium der alttestamentlichen Propheten,
und ihre Donner gegen die Israeliten waren ihm ein besonderer
Ohrenschmaus. Das unverständlichste Wort in der Schrift war ihm
das Wort „Gnade”. „Mit diesen beiden Fäusten muß es verdient
sein,” rief er einmal aus, indem er seine hageren Arme
ausstreckte, die frostig aus dem dünnen Jäckchen hervorguckten.

Ein anderes Mal tat er bei der Lektüre des Wandsbecker Boten, den
ich unter seiner Anleitung ins Englische übersetzte, eine Äußerung,
die so wild und roh war, daß ich ihm erklärte, ich wollte nun keine
Stunden mehr bei ihm haben und er solle mir nicht mehr auf mein
Zimmer kommen. In wildem Zorn hatte er mich verlassen. Da, gegen
Mitternacht, hörte ich, wie kleine Steinchen gegen mein Fenster
geworfen wurden. Mein Freund stand unten und forderte mich auf,
herunterzukommen; er habe mir etwas zu sagen. Ich tat es, und wir
gingen fast bis zum Anbruch des Morgens auf dem Petersplatz auf und
ab. Er bekannte, daß er bei seinem Vorsatz, mit eigener Kraft und
mit eigener Vernunft Gottes Wort zu treiben und Gottes Reich zu
bauen, aus der Friedelosigkeit nicht herauskomme, und versprach, es
sollte anders mit ihm werden.

Vor seinem Abschied aus Basel versammelte er seine Kollegen aus dem
Studentenheim und forderte sie aufs ernstlichste auf, nicht so zu
studieren, wie er es gemacht habe; dabei würden sie alle verloren
gehen. Er pries ihnen als das einzige Mittel der Seligkeit die freie
Gnade Gottes an. Als ich ihn spät abends an seinen Postwagen
brachte, sagte er zu mir: „Du siehst mich nicht wieder, oder ich bin
ein anderer Mensch geworden.”

Nun nach drei Jahren sollte ich ihn wirklich wiedersehen. Er hatte
in seiner ersten Stelle in der Schweiz gegen die Sünden der
Regierung, namentlich ihre Sonntagsentheiligung, so geeifert, daß er
infolgedessen seines Amtes entsetzt worden war. Aber Bremer
Kaufleute, die ihn hatten predigen hören, hatten seine Berufung in
jenes dem Staate Bremen gehörige Dorf durchgesetzt. Ich war
neugierig, wie ich meinen Freund, den ich als einen blutarmen Bruder
Studio verlassen hatte, nun als Pastor wiederfinden würde. Man hatte
mich in Bremen schon darauf aufmerksam gemacht, daß er seine
Schwester bei sich habe, ein armes Schweizer Landmädchen, das ihm
den Haushalt führe, und daß er mit ihr etwas tyrannisch verfahre aus
Angst, sie könne vornehm und hoffärtig werden.

Ich traf meinen Freund, wie er mit strahlender Freude eben seine
Hühner fütterte. Während er mich durch seinen großen Obstgarten
führte, kletterte er plötzlich auf einen Apfelbaum, der voll Früchte
hing, und mit gespreizten Beinen oben im Baum stehend, rief er:
„Alle diese Äpfel sind mein.” Dann sprang er in ein Kartoffelfeld
und rief wieder: „Alle diese Kartoffeln sind mein.” Den blutarmen
Schweizerknaben, der sein ganzes Leben mit Hunger und Not gekämpft
hatte, nun im Besitz eines so prächtigen Pfarrhofes zu sehen und all
seine Freude zu teilen, war wirklich schön. Seine Schwester hatte
uns mit aller Sorgfalt ein Mittagbrot bereitet, und ich hatte es
durchgesetzt, daß sie, die sonst nur als Magd aufgewartet hatte, mit
uns zu Tische saß. Am Nachmittag sollte auf dem Filialdorf eine
Kindtaufe sein. Als ich nun bei Tisch die Schwester fragte, ob sie
uns nicht dahin begleiten wolle, war mein Freund mit seiner Geduld
am Ende. Er sprang wütend vom Tisch auf und schrie mich an: „Ich
wollte, daß du zu Hause geblieben wärest. Meine Schwester soll nicht
mit auf Kindtaufen gehen; dann will sie auch feine Kleider haben,
und das geht nicht.” Ich war auch nicht faul und sagte: „Ich kann
den Weg zu deiner Tür wohl finden. Geht deine Schwester nicht mit,
dann nehme ich Abschied.” Da lenkte er ein.

Ehe wir uns zur Kindtaufe aufmachten, kamen noch Leute, die nach
Amerika auswandern wollten. Für diese Auswanderer herrschte die
schöne Sitte, daß sie vor ihrem Abschied noch einmal im Pfarrhause
das Abendmahl feierten. Vom Nebenzimmer aus hörte ich die Beichtrede
meines Freundes über die Worte: „Die Wasserwogen im Meer sind groß
und brausen greulich. Der Herr aber ist noch größer in der Höhe.” Da
zeigte sich die ganze gewaltige Größe des Mannes. Mit erschütterndem
Ernste konnte er Buße predigen und in die tiefsten Abgründe des
menschlichen Herzens hinabsteigen, aber ebenso gewaltig dann auch
von der Gnade Zeugnis ablegen, die viel größer ist als unsere Sünde.

Wir hatten dann einen schönen Weg durch Feld und Wald zur Kindtaufe
und einige friedsame Abend- und Morgenstunden, in denen mein Freund
ganz besonders köstlich und kräftig den Reichtum der Gnade Gottes
zum Gegenstande seiner Andachten und Gespräche machte. Dann ließ er
mich in Frieden pilgern. Gott hat an diesem merkwürdigen Mann noch
viel und ernst zu arbeiten gehabt, bis wirklich die Gnade das
stolze Herz zerbrochen und die Schlacken im Schmelztiegel
ausgeschmolzen hatte.

Als ich von da zu meiner lieben alten Mutter nach Velmede
zurückgekehrt war, fand ich einen Brief eines andern Baseler
Freundes vor, der mir mitteilte, daß er eben in Straßburg sein
Examen bestanden habe und bereit sei, meiner Einladung zu folgen und
mich in Westfalen aufzusuchen. Es war mein Freund Jules Steeg, mit
dem ich in Basel auf eine merkwürdige Weise zusammengeführt worden
war. Für jenen unglücklichen Pfarrersohn, der später in der
Fremdenlegion so schmerzlich endete, hatte ich in demselben Hause,
wo ich in Basel wohnte, ein Zimmer gemietet. Ich hoffte, ihn so
etwas mehr unter Augen zu haben und ihm in seiner Not gründlicher
beistehen zu können. Aber die Sache hatte sich zerschlagen. Da
jedoch das Stübchen einmal gemietet war, so war ich in das nahe
Studentenheim gegangen und hatte gebeten, den ersten Studenten, der
eine Wohnung suche und sie im Studentenheim nicht mehr bekommen
könne, zu mir zu schicken.

Wenige Stunden darauf trat ein zartes Männchen bei mir ein,
bräunlich wie David, mit schwarzen Haaren, aber herzinnig
freundlichen Antlitzes, das nicht nur große Intelligenz, sondern
auch Feuer der göttlichen Liebe verriet, das aus seinen Augen
strahlte. Er fragte in seinem gebrochenen Deutsch nach dem leeren
Zimmer, und wir waren schnell eins, daß er bei mir einziehen solle.
Sein Vater war im Nassauischen Schuhmacher gewesen und von dort nach
Paris gewandert. Dort war er hängen geblieben und hatte eine
französische Katholikin geheiratet. Das einzige Kind aus dieser Ehe
war dieser Jules. Er wäre vermutlich, wie die meisten Kinder aus
gemischten Ehen, in der katholischen Kirche erzogen worden, wenn
nicht der rastlose Eifer des Pariser Pfarrers Meyer die Familie
entdeckt und die mittellosen Eltern bewogen hätte, den munteren
Knaben in dem von Pastor Meyer geleiteten Pensionate der Kirche
Billettes aufziehen zu lassen. Er wurde von Pfarrer Meyer
konfirmiert, machte mit Hilfe einiger wohltätiger Freunde die höhere
Schule in Paris durch und langte nun auf seinem ersten Wege aus
seiner Heimatstadt voll glühenden Durstes, das Wort Gottes gründlich
erforschen zu können, in Basel an.

Es dauerte nicht lange, da waren wir beide innige Freunde. Während
er mir half, mein Französisch wieder aufzufrischen, wurde ich
hauptsächlich sein deutscher Lehrer, und zwar besonders an der Hand
der deutschen Lutherbibel, die wir bei unserer täglichen
Bibellektion mit dem hebräischen und griechischen Text verglichen.
Die Herrlichkeit der Schrift nahm damals das ganze Herz meines
Freundes ein, und ich sehe ihn noch, wie er des Morgens einmal in
meine Stube gehüpft kam, seine Bibel vor Freude und Lust fest an
seine Brust drückend, sodaß ich in ihm recht das Vorbild hatte von
dem, was Luther von sich sagt, daß er ein Doktor gewesen sei, hurtig
und lustig zur Heiligen Schrift.

Zugleich war er ganz erfüllt von der Schönheit des geistigen
Weinberges, den Gott in Paris, seiner Vaterstadt, mitten in die
Wüste hineingepflanzt hatte. Er wurde nicht müde, mir von seinem
Pfarrer Meyer zu rühmen und von den durch ihn erweckten Seelen, die
in den elenden Gassenkehrer- und Lumpensammlerquartieren von Paris
Brunnen gegraben hatten, von deren sprudelndem Wasser es grünte und
blühte. Sein großes Verlangen war, dort einmal arbeiten zu dürfen.
Er hatte auch seinem Pastor Meyer von unserer Freundschaft
geschrieben, und dieser hatte mir schon nach Basel durch ihn sagen
lassen, ob ich nicht, statt zu den Heiden in Indien oder Afrika zu
gehen, meinen Landsleuten, die im Pariser Heidentum zu versinken
drohten, helfen wolle.

Steegs Freund war der bereits oben erwähnte Schwalb (später Pastor
in Bremen). Dieser stammte aus einer armen jüdischen Familie, war,
wie Steeg, durch Pastor Meyer in das Pariser Pensionat aufgenommen
und von wohltätigen Gliedern der Gemeinde bis zum Studium der
Theologie gefördert worden. Er hatte ein Jahr vor uns in Basel
studiert und war von da nach Straßburg übergesiedelt, kam aber
einige Male zum Besuch seines Freundes Steeg herüber. So lernte ich
ihn kennen, und wir machten einmal einen gemeinsamen Weg zu Vater
Zeller nach Beuggen.

Bei unserm Gespräch merkte ich wohl, daß der fröhliche Glaube, den
Schwalb aus Paris mitgebracht hatte und der in Basel tiefer
gegründet worden war, ins Wanken gekommen war. Er konnte seine
Vernunft schlecht gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens,
und ich sah öfter einen finsteren und fast verzehrenden Zug auf
seinem Angesicht, der seine inneren Seelenkämpfe anzeigte, während
unser gemeinsamer Freund Steeg ihn vielleicht schärfer, als es sich
ziemte, angriff, wenn er bei Schwalb eine Abweichung von dem
einfachen Kinderglauben bemerkte. Dies war überhaupt ein Fehler, den
ich an Steeg rügen mußte, daß er öfter zu scharf war im Richten
gegen solche, die in irgend einer Weise von den Bekenntnissen der
Kirche abwichen.

Während ich dann nach Erlangen gegangen war, hatte Steeg seine
Schritte ebenfalls nach Straßburg gelenkt und dort mit seinem
Freunde Schwalb zusammen sein Studium fortgesetzt. Die Briefe meines
Freundes zeigten bald, daß er mehr und mehr von dem Schwalbschen
Geiste angehaucht worden war, und das hatte meine Seele tief
beunruhigt. Denn auch mich hatte mein Berliner Studium nicht aus
einer mehr und mehr zunehmenden Unklarheit herausgebracht, und es
war mir sehr schwer geworden, in diesem Zustande meinen alten heißen
Wunsch, zu den Heiden hinauszugehen, festzuhalten. Denn ich war
meiner Sache nicht gewiß, was ich den Heiden als geglaubte,
anerkannte und erfahrene Wahrheit verkündigen sollte.

Ich hatte meinem Freunde Steeg vorgeschlagen, daß wir uns in Barmen
treffen wollten, wohin auch Pastor Meyer aus Paris kommen wollte, um
dort an der Festwoche teilzunehmen, die die verschiedenen
christlichen Vereine des Rheinlandes jährlich veranstalteten.
Immerhin war im Blick auf meinen eigenen Herzenszustand und den
meines Freundes mein Herz banger Sorge voll, als ich ihm nach Barmen
entgegenreiste.

In Barmen angekommen, erfuhr ich, daß mein Freund bereits im
Missionshause eingetroffen sei. Aber ich fand ihn nicht gleich.
Dagegen traf ich einen lieben alten Freund wieder, den Hausvater
Busch, den ich von Basel aus kennen gelernt hatte, als er noch im
nahen Wiesental Lehrer war. Jetzt stand er in Barmen dem Hause für
Missionskinder vor. Er führte mich zu seiner Kinderschar, und
während ich ihn so herzlich mit den Kindern reden hörte, stieg
plötzlich in mir die Sehnsucht auf, ob ich nicht zunächst einmal
Lehrer armer Kinder werden könnte, um daran zu merken, wie viel und
wie wenig ich ihnen vom Glauben sagen konnte, ohne gegen mich selbst
unwahr zu sein.

Gleich darauf fand ich nicht nur meinen Freund Steeg, sondern auch
den lieben Pfarrer Meyer, und wir konnten ihm nun gemeinsam als
unserm geistlichen Vater unser Herz ausschütten und alle unsere Not
offenbaren. Dabei sprach ich ihm den Wunsch aus, der eben im Anblick
der Missionskinder in meinem Herzen aufgekommen war. Da schlug er
mit ganz entschiedener Freude ein. Er schilderte mir die Not der
armen kleinen Kinder in Paris und die tiefe Verborgenheit vor aller
Welt Augen, in der ich dort arbeiten könnte. So ging ich auf seinen
Vorschlag ein, ihm zunächst einmal nach meinem Examen für ein halbes
Jahr zu dienen.

Um gleich alles ins klare zu bringen, begleitete der treue alte
Meyer mich zugleich mit Steeg zu meiner Mutter nach Velmede, wo wir
gemeinsam einige reiche, stille Tage zubrachten. Selbstverständlich
war es der Mutter für ihr mütterliches Herz ein Lichtstrahl, daß
mein Weg zunächst statt nach Indien oder Afrika nur nach Paris gehen
sollte, und so hatte ich leicht ihr Jawort zu diesem Plane.

Nachdem Pfarrer Meyer uns verlassen hatte, entschlossen Steeg und
ich uns zu einer kleinen Fußreise, die zu gleicher Zeit als erste
Kollektenreise für die deutsche Mission in Paris dienen sollte.
Unser Weg ging zunächst in die Heimat meiner Kindheit, die ich
wenige Monate alt verlassen und in diesen 27  Jahren niemals
wiedergesehen hatte, ins Tecklenburger Land. In der Kirche in Ledde,
wo meine Mutter so oft gesessen hatte, wurde ich von dem alten
Küster an der Ähnlichkeit mit meiner Mutter erkannt, der ich in der
Tat von allen meinen Geschwistern am meisten ähnlich sah. Von dieser
Stunde an glich unsere Wanderschaft durchs Tecklenburger Land fast
dem Triumphzuge eines Königs, der in sein Reich wiederkehrt. Die
große Liebe, die sich meine Eltern im Lande erworben hatten, wurde
nun auf mich übertragen, und ich konnte es erfahren, wie das
Gedächtnis des Gerechten im Segen bleibt und daß seine Werke zwar
nicht ihm vorauslaufen, als ob sie ihm den Himmel verdienen könnten,
aber daß sie doch als Zeugen seines Pilgerlebens hinter ihm
hergehen.

Von da durchwanderten wir das Ravensberger Land und klopften an
manchem Pfarrhaus an. Überall wurden wir mit großer Herzlichkeit
aufgenommen und knüpften die ersten Beziehungen für das Werk in
Paris an. Steeg begleitete mich noch bis Velmede zurück und zog dann
wieder in seine französische Heimat. Es war das letzte Zusammensein
mit meinem Freunde. Wir hatten uns der Hauptsache nach noch einmal
zusammenfinden können. Aber dann kam doch die Stunde, wo er sich
überhob über solche, die sich kindlich und einfach an Gottes Wort
halten, und sich mit Schwalb zusammen als vollberechtigter Richter
über die Heilige Schrift einsetzte. Mehrere Jahre ist er noch Pastor
in Frankreich gewesen und dann in die Leitung des französischen
Schulwesens eingetreten.

Ich verlebte nun eine unbeschreiblich köstliche Zeit bei meiner
lieben Mutter, während welcher allerlei landwirtschaftliche Arbeit
auf dem väterlichen Gute sich mit fleißigem Studium zur Vorbereitung
auf mein Examen ablöste. Als meine Mutter nach Erfurt zu meinem
ältesten Bruder zog, der dort als Forstmann stand, folgte ich ihr,
um in Erfurt den vorgeschriebenen Seminarkursus durchzumachen.

Mehr noch als durch die Arbeit auf dem Seminar wurde mir Erfurt auf
eine andere Weise zu einer Vorschule für meine spätere Arbeit. Es
wurde nämlich an der Tür meines Bruders stark gebettelt, und ich
entschloß mich, die Bettler in ihrer Wohnung aufzusuchen. Da fand
ich denn unter anderem eine Bettlerniederlassung sondergleichen. In
einem entlegenen Hof der alten Stadt hatten sich die armen Leute aus
allerlei alten Wagen, wie sie von fahrenden Leuten benutzt und
später als unbrauchbar verkauft worden waren, und aus Resten
abgerissener Häuser usw. eine wahre Bettlerburg zurechtgebaut. Ich
erfuhr, daß gerade dieser Winkel wegen seines furchtbaren Schmutzes
und wegen der Verkommenheit seiner Bewohner, unter denen sich leider
auch eine große Schar von Kindern befand, weder von dem Geistlichen,
in dessen Sprengel die Bettlerburg lag, noch von den Armenvorstehern
aufgesucht wurde. Die Ärmsten waren von jedermann aufgegeben, und
ich war froh, wenigstens etwas für sie ausrichten zu können, indem
ich einigen unter ihnen dauernde Arbeit verschaffte.

Von Erfurt aus ging es dann im April nach Münster ins Examen. Mit
der =licentia concionandi= in der Tasche galt es am 21. April,
Abschied zu nehmen von der teuren Mutter und der lieben Heimat. Am
24. April 1858 abends langte ich in Paris an und fand zunächst im
Hause meines lieben väterlichen Freundes, Pastor Meyer, gastliche
Aufnahme.”



Im Amt.


Paris. 1858-1864.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also um die Zeit, als
Bodelschwingh nach Paris kam, hatte Paris unter seinen Einwohnern
etwa 80-100000 Deutsche. Scherzweise wurde Paris die dritte
deutsche Großstadt genannt, denn nächst Berlin und Hamburg waren in
keinem Ort der Welt so viele Deutsche versammelt. Künstler,
Studierende, Handwerker, Kellner und Dienstmädchen bildeten den
einen Teil dieser Einwanderer. Der andere, größere Teil aber bestand
aus ganz armen Leuten. Ihre Mittel hatten nicht gereicht, um nach
Amerika auszuwandern. So waren sie nach Paris gegangen, um dort
Arbeit und Verdienst zu finden. Jeder deutsche Stamm war unter ihnen
vertreten. Vor allem waren es Bayern, Elsässer und Hessen.

Sie lebten durch ganz Paris zerstreut. Zu 10, 20 und 30 Familien
hausten sie in einer Gasse beisammen. In den Steinbrüchen, auf den
Holzplätzen und in den Fabriken in und um Paris fanden sie ihre
Arbeit. Wer keine Arbeit hatte, mischte sich unter die französischen
Lumpensammler, die mit der Kiepe auf dem Rücken, die Laterne in der
linken und den Haken in der rechten Hand, nachts die Müll- und
Kehrichthaufen durchsuchten, die damals die Pariser Haushaltungen,
sobald es dunkel wurde, einfach auf die Straße zu schütten pflegten.
Von den erwachsenen Einwanderern lernten die wenigsten französisch.
Nur die notwendigsten Worte, soweit sie zur Arbeit und zum Einkauf
des täglichen Unterhalts nötig waren, eignete man sich an. Aber auch
dann blieb die Aussprache deutsch: Boulevard hieß Bullerwagen,
Champs Élysées Schandliese, rue de Sèvres rote Seif' u. s. f. Mit
den Kindern aber war es umgekehrt. Beim Spiel und in der Schule
lernten sie schnell das Französische und vergaßen die deutsche
Muttersprache. So kam es, daß viele Eltern sich nur noch notdürftig
mit ihren Kindern verständigen konnten. Darunter litt die Erziehung
natürlich aufs schwerste; und die heranwachsenden Kinder versanken
oft erschreckend schnell in dem Sumpf der Großstadt.

Das Rückgrat unter den Deutschen in Paris bildeten die Einwanderer
aus Hessen-Darmstadt. Früher waren die Hessen vielfach in den Osten
gewandert, um in den polnischen Seen den Blutegelfang zu betreiben,
wie Glaubrecht es so anschaulich in seiner Volkserzählung „Anna, die
Blutegelhändlerin” beschreibt. Dann hatte sich der Strom nach Paris
gewandt. Hier waren sie Gassenkehrer geworden. Die Straßenreinigung
von Paris war allmählich fast ganz in ihre Hand übergegangen. Um
vier Uhr morgens begann die Arbeit, ohne Unterschied von Sommer oder
Winter, Sonntag oder Werktag; Männer, Frauen und Kinder arbeiteten
zusammen unter der Aufsicht von französischen Unternehmern. Um neun
Uhr hörten die Kinder auf, um zwölf Uhr die Frauen und am Nachmittag
die Männer.

Der Verdienst war gering, aber regelmäßig. War die Familie sparsam,
so konnte nach fünf, acht oder zehn Jahren so viel zurückgelegt
sein, daß nicht nur die in Deutschland zurückgelassenen Schulden
bezahlt, sondern auch die Grundlagen zu einem Neuanfang in der
Heimat gewonnen waren. Denn der Sinn dieser Gassenkehrer war darauf
gerichtet, in die Heimat zurückzukehren. Ihr Beruf schloß sie von
dem Verkehr mit den Franzosen ab und verband sie untereinander. So
blieb das Heimatgefühl bei ihnen wacher als bei den übrigen
deutschen Landsleuten. Darum lag ihnen auch daran, für ihre Kinder
deutschen Unterricht zu bekommen, damit sie bei der Rückkehr in die
Heimat die deutsche Schule und den kirchlichen Unterricht mit Erfolg
besuchen könnten.

Die geistliche Versorgung dieser deutschen Einwanderer, soweit sie
evangelisch waren, lag in der Hand der kleinen Kirche Augsburgischer
Konfession. Ihre Anfänge führten in die Zeit des Dreißigjährigen
Krieges zurück, wo zahlreiche Deutsche und auch manche Schweden in
Paris Zuflucht gesucht hatten. Auch während der schlimmsten
Verfolgungen hatte diese kleine Gemeinde ausländischer Lutheraner
ihre Gottesdienste halten können. So kam es, daß sich ihr auch
Franzosen anschlossen und daß in der Zusammensetzung der Gemeinde
allmählich die französischen und elsässischen Elemente überwogen.

Napoleon hatte die Gemeinde anerkannt und ihr eine katholische
Kirche für ihre Gottesdienste überwiesen, der später durch die
französische Regierung eine zweite hinzugefügt wurde. Um die Zeit,
als Bodelschwingh nach Paris kam, stand Pfarrer Louis Meyer an der
Spitze dieser kleinen Kirchengemeinschaft, die zusammen mit den
übrigen lutherischen Gemeinden in Frankreich und dem Elsaß sich „die
Kirche Augsburgischer Konfession” nannte.

Louis Meyer stammte aus Mömpelgard, einer alten württembergischen
Kolonie in der Nähe von Belfort. Durch den großen Pariser Prediger
Adolf Monod, in dessen Hause er eine Zeitlang lebte, war er der
theologischen Freigeisterei entrissen worden. Mit Klarheit und Tiefe
hatte er das Evangelium ergriffen, und mit deutscher Gründlichkeit
und französischer Glut diente er seiner Gemeinde und seiner Kirche
auf und unter der Kanzel. Die große Verwahrlosung der deutschen
Einwanderer war ihm auf das Gewissen gefallen. So war ein besonderer
kleiner Missionsverein entstanden, der in engem Anschluß an die
Kirche Augsburgischer Konfession den Deutschen in Paris dienen
sollte. Einen jungen deutschen Kandidaten, namens Beyer, der sich
nur besuchsweise in Paris aufgehalten hatte, holte Meyer aus dem
Zuge, den er schon zur Heimreise nach Deutschland bestiegen hatte,
wieder heraus und gewann ihn zum ersten deutschen Missionar an
seinen Landsleuten. Ihm folgten andere deutsche Kandidaten und
Hilfsprediger, die meist von Meyer persönlich gewonnen wurden. Zu
ihnen gehörte nun auch der Kandidat von Bodelschwingh.

Napoleon hatte damals durch ganz Paris breite Straßenzüge, die
sogenannten Boulevards, brechen lassen. Dadurch hatten viele
Deutsche ihre Wohnungen im Süden der Stadt verloren und waren in den
Norden gezogen. Diese Leute, die auf ein Revier von drei Stunden
Länge und einer halben Stunde Breite zerstreut wohnten, sollte
Bodelschwingh sammeln. Einige Wochen blieb er in der gastlichen
Familie Pfarrer Meyers, um sich nach allen Seiten in Paris
umzusehen, dann nahm er das ihm zugewiesene Arbeitsfeld in Angriff.
Auf dem Montmartre mietete er sich in einem großen kasernenartigen
Gebäude, dem Château des Brouillards („Nebelschloß”), zwei Zimmer,
schaffte das geringe Mobiliar, das einem seiner Vorgänger gedient
hatte, hinein und begann von dort seine Streifzüge, um seine Herde
zu sammeln.

In einem Bericht an die Freunde der Arbeit in Paris aus dem Jahre
1865 schreibt er: „Es war an einem schönen Frühlingsmorgen des
Jahres 1858, wo zwei kleine Mädchen in hessischer Tracht im Alter
von etwa sieben und zehn Jahren den steilen Abhang des Montmartre
hinaufstiegen und in das Château des Brouillards eintraten. Sie
kamen aus einer der Sackgassen, die sich an der Mauer des großen
Kirchhofes von Montmartre befanden. Dort hatte ich sie tags zuvor
bei meiner ersten Entdeckungsreise auf der Straße an ihrer deutschen
Tracht erkannt. Da Vater und Mutter, zu denen sie mich führten,
bitterlich klagten, daß ihre Kinder ohne Unterricht aufwüchsen --
denn zur nächsten deutschen Missionsschule war es quer durch die
Stadt fast anderthalb Stunden Weges --, so hatte ich sie zu mir
eingeladen und ihnen für das erste Mal den Weg zu meinem Nebelschloß
gezeigt.

Inzwischen hatte ich das größere meiner beiden Zimmer zum
Schulzimmer und zugleich zur Hauskapelle eingerichtet. In einer
Nische der Wand hatte ich ein kleines Harmonium aufgestellt und
darüber den bekannten schönen Holzschnitt von Gaber, Christus am
Kreuz, gehängt. So ausgerüstet erwartete ich meine ersten geladenen
Gäste. Und richtig, zur bezeichneten Stunde klopfte es an die Tür,
und die beiden kleinen Hessinnen traten herein.

Es wird mir für mein ganzes Leben ein unvergeßlicher Augenblick
sein, als ich nun zum erstenmal die zwei kleinen Mädchen die Hände
falten ließ und Gott um seinen Segen bat. Es war mir vollauf so
feierlich zumute, als sollte ich in einer großen Pfarrkirche vor
Tausenden von Zuhörern meine Antrittspredigt halten, da ich nun
anhob, den beiden Kindern, unter Hinweisung auf das Bild, von dem
Mann mit der Dornenkrone zu erzählen, der um unserer Sünde willen an
das Kreuz erhöht ward. Der Eindruck meiner höchst ungeschickten
kurzen Erzählung -- denn ich hatte gar keine Übung, mit Kindern von
den Geheimnissen des Kreuzes zu reden -- war namentlich bei dem
kleineren der beiden Mädchen so mächtig, daß ich selbst dadurch
innerlich ganz ergriffen wurde. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck
innigsten Mitleides schaute die Kleine aus ihren dunklen Augen bald
auf das Bild, bald auf mich, und hin und wieder lief eine große
Träne über ihre braunen Wangen.

Es kann lächerlich oder anmaßend vorkommen, daß ich den Leser mit
dieser unbedeutenden Geschichte hinhalte. Aber mir war wirklich
nicht lächerlich zumute. Es ist ja doch etwas überaus Ernstes und
Großes um die Predigt vom Kreuz des Herrn. Und es ist doppelt und
dreifach groß und ernst für einen jungen Menschen, der zum
erstenmal, und das in Paris, mit dieser Predigt auftreten soll. Wie
war mir doch so bange zumute gewesen, als einige Wochen vorher der
Zug spät abends auf dem Nordbahnhofe hielt und der Schaffner sein
für den neuen Ankömmling wirklich unheimliches „Paris” in den Wagen
hineinrief! Während der Fiaker mit mir die lange Reise quer durch
die Stadt bis zum Hause meines väterlichen Freundes, Pfarrer Meyer,
machte, mußte ich schließlich die Augen fest zudrücken, so sehr
ängsteten mich die breiten Lichtstreifen der verschiedenen
Boulevards mit ihrer bunten, wogenden, in die tiefe Nacht
hineintaumelnden Volksmenge. „Hier sollst du armen Menschen von dem
Kreuze Christi predigen!” so dachte ich; „wie wird's dir gehen?”

Die Universitätszeit und die Examina sind an und für sich selten
dazu angetan, einem jungen Menschen zum fröhlichen Auftun des Mundes
zu verhelfen. Wie ich schon erzählte, war mir die Freudigkeit zur
Predigt von Christo in dieser Zeit je länger je mehr geschwunden.
Ja, ich war schließlich über allem Studieren so konfus im Kopf und
so unklar über die Grundwahrheiten des Christentums geworden, daß
ich nicht wußte, was ich mit gutem Gewissen den Leuten predigen
könnte.

Lediglich die Bemerkung in dem an mich ergangenen Rufe, daß ich in
Paris besonders ganz armen Kindern zu dienen habe, hatte mir
Freudigkeit gegeben, diesem Rufe zu folgen. Denn ich dachte bei mir
selbst: „Du willst einmal sehen, was du, ohne daß sonst ein Mensch
es hört und weiß, solch einem armen Kinde von dem Evangelium sagen
kannst. Was du dem sagen kannst und was es begreift und faßt, das
wirst du dann ja auch getrost weitersagen können.”

Es ist ja ohne allen Zweifel die allergrößte Not, in die ein
Menschenkind auf Erden geraten kann, wenn es in seinem Glauben
wankend wird, und ganz bejammernswert ist in diesem Fall ein armer
Prediger, wenn er noch halbwegs ehrlich ist. Die Hoffnung, aus
solcher Not herauszukommen, hatte mich, wie gesagt, nach Paris
getrieben.

Man begreift nun, daß mir jene erste Stunde mit den beiden
Gassenkehrerkindern eine wichtige Stunde war und daß mir, als die
beiden Kleinen wieder ihres Weges gezogen waren, das Herz in
Sprüngen ging. Ich wußte nun wieder, was ich vom Kreuze Christi zu
halten hatte, ich konnte mit Freudigkeit davon predigen; und von
dieser Stunde an ist mir auch nie wieder ein Zweifel gekommen.

Aber ich sollte durch Gottes Barmherzigkeit von meinen kleinen
Lehrmeistern noch mehr lernen. Ich hatte ihnen beim Abschied die
Weisung gegeben, sie sollten nicht allein wiederkommen, sondern auch
andere ihrer Gespielen von der Gasse mitbringen. Und richtig, sie
hielten Wort. Keuchend und schwitzend, aber mit triumphierenden
Gesichtern standen am andern Morgen meine beiden wackeren Erstlinge
wieder vor meiner Tür und hielten in ihrer Mitte mit ihren derben
Fäusten einen kleinen Burschen von etwa sechs Jahren. Er hatte ihnen
Last genug gemacht, bis sie ihn oben hatten. Mehrmals war ihm die
Sache leid geworden. Er war ihnen davongelaufen, und sie hatten ihn
wieder einfangen müssen. So war bei ihm fürs erste bitter wenig
Interesse für das Kreuz Christi zu spüren, die Gassen von Paris
zogen ihn weit stärker an.

Auch bei einer Anzahl der sich nun einfindenden andern Kinder,
Knaben wie Mädchen, behielt die Liebhaberei für das Herumtreiben auf
der Straße die Oberhand. Keineswegs bei allen kam ich mit der
Kreuzespredigt aus, sondern mußte zu andern Mitteln greifen, um
ihren alten Adam in den gehörigen Schranken zu halten. Aber bei
alledem ging es doch weit über all mein Bitten und Verstehn. Ohne
daß ich mich weiter ans Suchen gab, mehrten sich von Tag zu Tag
meine kleinen Gäste. Eins brachte das andere mit. Immer neue Kinder
klopften an meine Tür. Ich behielt dabei meine erste Lehrmethode
bei. Erst wurde ein kleines Lied gesungen und dann das Bild des
Gekreuzigten erklärt; seine Nägelmale, seine Dornenkrone, seine
Todesschmerzen gaben täglich für einzelne der Neuangekommenen
Ursache zu der innigsten Teilnahme und Herzensbewegung ab, und
diejenigen, die die Geschichte bereits gehört, hörten sie zum Teil
mit steigendem Interesse immer aufs neue.

Nicht allein aus dem nahen Batignolles und vom Montmartre selbst,
auch von Courcelles, aus dem Faubourg Saint-Honoré, aus den
Ortschaften draußen vor den Befestigungswerken, ja ganz besonders
von der fernen Villette und selbst aus Pré-Saint-Gervais, von wo die
Kleinen fast zwei Stunden zu marschieren hatten, stellten sich meine
Schüler ein, ungezwungen, eins von dem andern geladen. Es vergingen
wenige Wochen, da war mein Wohnzimmer und auch mein Schlafzimmer zu
eng, die immer neu Ankommenden aufzunehmen, und ich erschrak fast,
wenn es immer aufs neue klopfte, da ich die kleinen Gäste nicht mehr
zu beherbergen wußte.

Dieses unerwartete Sichsammeln der sehr zerstreuten Schar war mir
ein Wunder vor meinen Augen. Es wurde mir zur lebendigen Auslegung
und zur sichtbaren Erfüllung der Verheißung des Herrn: „Wenn ich
erhöht sein werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen.”
Die wunderbare Anziehungskraft des Kreuzes Christi wurde mir
offenbar, und ich sah in dieser schönen Frühlingszeit meines
evangelischen Predigtamtes nach jener ersten seligen Erfahrung noch
manches liebe Kinderauge glänzen oder feucht werden bei den
allereinfachsten Erzählungen von der Liebe Christi, der uns geliebt
hat bis zum Tode am Kreuz.

Freilich weiß ich seitdem besser, als ich es damals wußte, wie wenig
in den meisten Fällen auf eine Träne zu geben ist; und ich weiß
leider auch, daß viele jener Kinder, die mir so sehr zur Stärkung
meines Glaubens dienten, die Welt längst wieder liebgewonnen und die
Kreuzesfahne Jesu verlassen haben. Aber dennoch ist eine Träne,
eines armen Kindes Träne, über das bittere Leiden Christi geweint,
etwas sehr Großes und Herrliches inmitten jener Taumelwelt, und sie
wiegt gewiß schwerer, als man denken mag, in der Wagschale unseres
Gottes.

Darum hat mich auch meine erste fröhliche Hoffnung beim Anblicke
dieser ersten Tränen nicht enttäuscht. Denn aus den zwei armen
Kindern, die sich zuerst bei mir einfanden, sind durch Gottes
Wunderwege in den sechs Jahren, die zwischen jener ersten und der
Stunde liegen, wo ich dies schreibe, zwei Gemeinden geworden: die
Gemeinden zu La Villette und Batignolles.”

Wer nun den Weg verfolgt, auf dem es zur Aufrichtung dieser beiden
blühenden deutschen Gemeinden kam, der beobachtet, daß der junge
Missionsprediger Bodelschwingh keinen weitangelegten Plan in sich
trug, sondern daß er lediglich die nächstliegenden Aufgaben in
einfältigem Glauben und mit tatkräftiger Liebe in Angriff nahm und
sich Schritt für Schritt vorwärts drängen ließ.

Die beiden Zimmer auf dem Montmartre boten schon nach kurzer Zeit
nicht mehr genügend Raum. Und das Ungeziefer, das die Kinder
zurückließen, machte den Aufenthalt darin qualvoll. Nun hatten die
Besuche, die Bodelschwingh bei den Eltern seiner Schulkinder machte,
ihn immer wieder in die weiter östlich gelegenen Gegenden von Paris
geführt, die damals zum Teil noch jenseits der engeren Stadtgrenze
lagen. Denn von dort her hatte sich der größte Teil der Kinder im
Nebelschlosse eingestellt.

Am Abend eines heißen Tages, den er wieder einmal auf der Suche nach
seinen verstreuten Landsleuten in jener Gegend zugebracht hatte,
entdeckte er in der Vorstadt La Villette einen kleinen grünen Hügel,
etwa sechzig Schritt lang und vierzig Schritt breit, völlig
unbebaut, nur mit einigen schattigen Bäumen bestanden. Müde wie er
war, und in dem Verlangen, ein wenig auszuruhen, ehe er den weiten
Heimweg bis zum Montmartre anträte, stieg er die wenigen Meter
hinauf.

„Es wehte da oben”, so heißt es in seinem Bericht aus dem Jahre
1861, „eine kühle, gesunde Luft, die mich erquickte. Einige arme
Kinder spielten friedlich miteinander. Es wurde mir ganz besonders
wohl und heimatlich zumute auf der stillen Anhöhe. Und indem ich an
den Rand des Hügels trat und dicht zu meinen Füßen die armen Hütten
von La Villette erblickte, in denen mir bereits so viel leibliches
Elend und sittliches Verderben zu Augen gekommen war, ohne daß ich
bisher eine Abhilfe aus solcher Not gefunden hätte, war es mir
plötzlich, als hörte ich eine Stimme, die sagte: ‚Dieser Hügel
gehört dem Herrn!’”

Diese Stimme ließ ihn nicht wieder los. Er forschte nach dem
Besitzer des Hügels und trat mit ihm in Verhandlung. Verkaufen
wollte er den Hügel nicht, wohl aber bei halbjähriger Kündigung
gegen einen geringen Preis vermieten. Auf einem gemieteten
Grundstück war natürlich an einen festen Bau nicht zu denken. So gab
Bodelschwingh einem Zimmermeister ein einfaches Blockhaus in
Auftrag, das noch heute steht. Ehe er aber seine Arbeit vom
Montmartre dauernd auf den Hügel verlegte, galt es für ihn, den für
den Fortgang seiner Arbeit und namentlich für den Unterricht der
Kinder so nötigen Mitarbeiter zu finden.

Nachdem er am 29. August, vier Monate nach seinem ersten Examen,
durch Pastor Meyer ordiniert worden war -- der preußische
Oberkirchenrat hatte ihm mit Rücksicht auf die dringenden Aufgaben
in Paris das zweite Examen erlassen --, brach er nach Deutschland
auf. Auf dem Kirchentage in Hamburg berichtete er in der
Michaeliskirche von seiner Arbeit in Paris.

„Am Schluß meines Berichtes”, so erzählt er, „bat ich nicht ohne
Zagen um einen Lehrer für meine Pariser Gassenkinder, dem ich zwar
bitter wenig Geld geben könne und dem es allein genug sein müsse,
Kinderaugen glänzen zu sehen, wenn ihnen von der Liebe Jesu ans Herz
geredet würde.”

Nach der Versammlung erschien ein junger Lehrer auf meiner Stube und
sagte: „Selber kann ich nicht kommen, aber eine Gabe sollen sie doch
haben.” Damit zog er einen Taler aus der Tasche. Ich sagte: „Wo der
Taler herkommt, kommt vielleicht auch der Geber her.” Er erklärte
mir aber, er könne seine Arbeit in Glückstadt nicht verlassen. Doch
der Blick, mit dem er mich dabei ansah, nahm mir nicht jede
Hoffnung. Ich fragte ihn über einige Umstände seines Lebens und
erfuhr, daß er bei dem bekannten Archidiakonus Versmann in Itzehoe
konfirmiert worden sei. Am andern Morgen fuhr ich nach Itzehoe und
fragte Pastor Versmann nach dem Geber der drei Mark. „Den nehmen Sie
mit,” war seine Antwort, „dann haben Sie das Rechte getroffen.” Kurz
darauf stand ich in Glückstadt in der Schule des jungen Lehrers und
hörte seiner biblischen Geschichtsstunde zu. Darauf war ich fertig,
und ich ließ ihn nicht los, bis ich sein Jawort hatte.

Wenige Wochen später trat _Heinrich Witt_[1] -- denn so hieß der
junge Lehrer -- in Paris in mein Stübchen. Damit war mir eine
schwere Last vom Herzen gefallen. Inzwischen war unsere Schule nebst
unserer Wohnung bereits in Angriff genommen worden. Sie kostete
alles in allem fix und fertig aufgerichtet 800 Taler und war etwa
15 Meter lang und 6  Meter breit. Der erste Teil war die
Pfarrerwohnung, in der Mitte lag die Lehrerwohnung, und das längste
Stück bildete die Schule, die durch Zurückziehen der hölzernen
Scheidewände, durch die Lehrer- und Pfarrerwohnung von ihr getrennt
waren, am Sonntag auf das Doppelte vergrößert und in einen
Predigtraum verwandelt werden konnte.

  [1] Siehe „Lebensbild des Lehrers Heinrich Witt” von Lehrer Witt,
      G. Ihloff, Neumünster i. H., 127 Seiten.

Am 11. Dezember 1858 zogen wir in unsere bescheidene Hütte ein und
begannen unser fröhliches gemeinsames Leben. Mein lieber Witt machte
jeden Morgen Feuer, worauf er sich vortrefflich verstand, während
ich den Morgenkaffee und das zweite Frühstück herrichtete, das wir
nach Pariser Sitte um 12 Uhr einnahmen. Das Abendbrot, das nach
unserer damaligen Gewöhnung unsere Hauptmahlzeit bildete, bereitete
uns eine in der Nähe wohnende Witwe, Mutter Schnepp.

Von nun an hatte ich es unbeschreiblich gut. Ein ganz neues Leben
begann für mich, nicht nur durch die Gemeinschaft, die uns beide bei
unseren täglichen Andachten und Mahlzeiten erquickte, sondern
besonders dadurch, daß meine armen verwilderten Kinder nun einen
überaus sorgsamen Unterricht, namentlich auch einen gründlichen
Religionsunterricht empfingen, sodaß mir die Konfirmandenstunden
dadurch überaus erleichtert wurden. Aber nicht nur in der Schule,
sondern auch in der Gemeinde war mir mein Freund Witt ein sehr
treuer Gehilfe, teils durch die Bibelstunden, die er hielt, -- ich
hatte außer in der Villette noch an drei andern Orten Gottesdienste
und Bibelstunden zu halten -- teils dadurch, daß er mit größter
Hirtentreue den armen verirrten Kindern nachging, deren es nur zu
viele gab.

Es ist mir namentlich unvergeßlich geblieben, wie er den Michel
Jakob gewann, einen auf den Gassen von Paris ohne jeden Unterricht
aufgewachsenen Knaben, der schon das zwölfte Jahr überschritten
hatte. Er trieb sich nachts gewöhnlich vor den Theatern umher, um
sich dort durch Öffnen und Schließen der Kutschwagen Geld zu
verdienen. Das brachte er dann auf unnütze Weise durch, sodaß er
schon oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht hatte. Im Sommer
durchstreifte er die großen Stachel-, Johannis- und Himbeerbeete,
die in unserer Vorstadt damals noch reichlich standen und in denen
er schwer zu finden war. Sein armer Vater hatte es an Schlägen nicht
fehlen lassen, blaue Flecke gab es an seinem Leibe übergenug, und
mit dem Stock sollte er nun auch in unsere Schule gezwungen werden.
Da kam er dann wohl einen Tag, aber den andern war er wieder
verschwunden; denn Schulzwang gab es damals in keiner Pariser
Schule.

Was tat nun mein Freund Witt? Abends spät, wenn er hoffen konnte,
daß Jakob von seinen Streifzügen heimgekehrt sei, erschien er in der
Wohnung der Eltern. Ohne ein Wort des Tadels setzte er sich neben
den armen Jungen: „Jakob, du hast heute nicht in die Schule kommen
wollen, so muß ich zu dir kommen”, nahm die Fibel vor und fing mit
aller Geduld und Sanftmut an, das ABC mit ihm zu treiben. Das tat er
nicht einmal, das tat er wieder und wieder. Diese Liebe hielt Jakob
nicht aus; sie war ihm doch zu stark. Nun kam er willig und
regelmäßig zur Schule.

Einmal an einem Karfreitagmorgen sah ich ihn, wie er vor Witts
Fenster einen langen Zweig einer wilden Rose anstarrte. (Wir hatten
uns in den Festungsanlagen wilde Rosen gesucht und vor unser Fenster
gepflanzt, um sie später zu veredeln.) Als er mich erblickte, war er
einen Augenblick verlegen. Dann fragte er: „Waren das solche Dornen,
Herr Pfarrer, die der Heiland am Karfreitag um sein Haupt hatte?”
Ich sagte: „Ja, Jakob, die Dornen an seinem Haupte waren noch
länger; und sie sind an seinem Kopf hängen geblieben, als er das
verlorene Schaf suchte.” Da blickte Jakob mich mit großen Augen an
und sagte: „Ich war auch verloren.” Dies war ein Beispiel von vielen
verlorenen Kindern unter der versinkenden Jugend der Weltstadt, an
denen mein Freund Witt mit unvergleichlicher Treue arbeitete und die
er, wie ich hoffe, am großen Tage wiederfinden wird.”

So fing denn der kleine Hügel von La Villette an, eine Oase in der
Wüste zu werden. Wer heute den Hügel besucht und die geordneten
Straßenzüge sieht, die ihn rings einschließen, wer namentlich den
Park durchwandert, der wenige Schritt vom Hügel entfernt seinen
Anfang nimmt und der in seiner märchenhaften Schönheit heute eine
der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bildet, der kann sich kaum
noch eine Vorstellung davon machen, in welcher Wildnis damals die
beiden jungen Männer sich niedergelassen hatten.

An der Stelle des heutigen Parkes befanden sich große
Kalksteinbrüche mit tiefen Gruben und Höhlen. Das Gesindel und die
Verbrecher von Paris hatten dort ihre Schlupfwinkel. Und rings um
die Steinbrüche und den Hügel her standen armselige Buden und
Hütten, teils aus Brettern, teils aus gepreßtem Kalksteinstaub
hergestellt. Hier wohnten mitten unter der armseligen französischen
Bevölkerung die deutschen Einwanderer. Und in diese Wildnis hinein,
durch die noch keine geordneten Straßenzüge führten, drangen jetzt
Morgen für Morgen vom Hügel herunter die Lieder der Kinder, und am
Sonntagnachmittag, wenn die Gassenkehrer von ihrer Arbeit
heimkehrten -- denn einen Ruhetag gab es ja für sie nicht --, lud
die kleine Glocke die Bewohner der grauen, elenden Hütten zu Gottes
Wort in das kleine Blockhaus.

Durch die Teilung der Arbeit, die mit dem Eintreten Witts geschaffen
wurde, konnte sich Bodelschwingh nun auch in erhöhtem Maße den
Kranken widmen, sowohl denen, die in ihren elenden Wohnungen lagen,
als auch denen, die in den großen Pariser Spitälern Aufnahme
gefunden hatten. Über diese Arbeit in den Spitälern schreibt er
1860:

„Unter den unzähligen Stätten der Erde, an denen Deutschland seine
wanderlustigen und die Fremde liebenden Söhne und Töchter zu suchen
und wohin namentlich die rettende Liebe ihre oft mutwillig aus
Heimat und Vaterhaus gegangenen Kinder zu begleiten hat, um sie
nicht ohne eine Freundesstimme zu lassen, -- unter diesen Stätten
verdienen die Hospitäler der französischen Hauptstadt eine besondere
Teilnahme.

Wie Paris reich ist an öffentlichen Anstalten für weltliche Lust und
Freude, so ist es auch reich an öffentlichen Häusern des Elends und
der Schmerzen. Man zählt heute -- 1860 -- im ganzen 28 öffentliche
Hospitäler und Siechenhäuser, die reichlich 17000 Kranke, Sieche
und Greise beherbergen. Es ist ganz gewiß die unverhältnismäßig
große Zahl der öffentlich gepflegten Kranken ein trauriger Beweis
von den gelockerten Familienbanden der französischen Hauptstadt.

Ein Kranker paßt nicht wohl in das Pariser Familienleben hinein. Wie
man in Paris die Freude und den Segen einer deutschen Kinderstube
nicht kennt, sondern mit der größten Leichtigkeit die kleinen Kinder
von der Mutterbrust weg zur Amme aufs Land und von da nach kurzem
Aufenthalt im Elternhause in die Pensionen schickt, so kennt man
auch nicht die Heiligkeit und den Segen der Krankenstube. Man will
sich ja nicht gern zum Ernste mahnen lassen, und darum schafft man
den Kranken lieber von sich hinaus. Auf der andern Seite hat die
Leichtigkeit, mit der jeder Kranke ohne weiteres in ein Hospital
aufgenommen wird, und die Freigebigkeit, mit der er ganz umsonst
gepflegt wird, etwas Erfreuliches und Erquickendes.

Echt samaritermäßig wird an den Pforten der Pariser Hospitäler
niemand gefragt: „Wo kommst du her? Welches Glaubens bist du? Kannst
du bezahlen?” usw. Jeder wirklich kranke Mensch, der sich morgens
zwischen acht und neun Uhr an der Tür eines Hospitals einfindet,
wird aufgenommen. Findet er in dem betreffenden Hospital keinen
Platz, so wird er nach dem Zentralbüro der Hospitäler gesandt und
bekommt dann sicher sein Bett angewiesen, einerlei ob er Franzose
oder Engländer, Deutscher oder Italiener, ob er schwarz oder weiß,
katholisch, evangelisch oder mohammedanisch ist.

In allen Spitälern ist die Pflege der Kranken den Händen der
katholischen barmherzigen Schwestern anvertraut, und im ganzen muß
ich sagen, daß die meisten Schwestern ihren Namen „barmherzige
Schwestern” mit Ehren tragen und mit wirklich mütterlichem Herzen
für ihre Kranken sorgen, und zwar mit gleicher Treue für die
Fremdlinge und für die Kinder der eigenen Kirche.

Im schmerzlichen Gegensatz dazu ist zu sagen, welche
Gleichgültigkeit, welche Frivolität oftmals an diesen Stätten des
Schmerzes und des Todes anzutreffen ist, und zwar fast noch mehr bei
den Frauen als bei den Männern. Unmittelbar neben dem Bett eines
Sterbenden, der eben seinen letzten Kampf auskämpft, wird laut
gelacht, gespottet und leichtfertig geschwatzt.

Was nun die evangelischen Deutschen betrifft in den beiden
Hospitälern La Riboisière und St. Louis, die mir zugewiesen sind, so
habe ich darin im vergangenen Jahre 270 Protestanten gefunden,
darunter etwa 80 Deutsche. Diese deutschen Kranken sind zum größten
Teil einzelstehende junge Leute, vor allem Handwerker oder
Dienstmädchen. Dieses Häuflein der Protestanten befindet sich in
diesen Spitälern in einer ganz eigentümlichen Lage. Es wird, wie wir
hörten, bei der Aufnahme der Kranken ebensowenig Rücksicht genommen
auf die Sprache wie auf das Bekenntnis, sondern allein auf die Art
der Krankheit. Wo eben ein Bett frei ist, da bekommt der Kranke sein
Zimmer angewiesen.

So geschieht es denn, daß unsere deutschen Glaubensgenossen
zerstreut zwischen der fünfzigmal größeren Zahl französischer
Katholiken liegen. Und da viele von ihnen des Französischen nicht
mächtig sind, so befinden sie sich in einer Art Einzelhaft, in einer
völligen Abgeschlossenheit und Verlassenheit, bei der sie sich nur
durch Zeichen mit ihren Pflegerinnen und dem Arzt verständlich
machen können. Und solche Einzelhaft wirkt um so stärker, als diese
Kranken in der schmerzlichsten Weise von ihren eigenen Angehörigen
im Stich gelassen werden. So hatte eine hier verheiratete
Württembergerin ihre Schwester, die sie selbst nach Paris gelockt
hatte, sieben Monate unbesucht im Spital liegen lassen. Mehrmals
habe ich sie persönlich auf das dringendste ermahnt, sich nicht so
schwer zu versündigen. Namentlich in den letzten Tagen vor dem Tode
ihrer Schwester habe ich ihr wiederholt teils geschrieben, teils
gesagt, es sei der letzte Wunsch der Sterbenden, sie noch einmal zu
sehen und sich mit ihr zu versöhnen. Sie kam dennoch nicht; sie habe
ihrer Schwester vergeben, aber ihr Geschäft erlaube einen Besuch
nicht.

So kommt der Seelsorger in diesen Spitälern oftmals in die Lage, an
den Kranken Vater-, Mutter-, Geschwister- und Freundesstelle zu
vertreten. Dadurch wird ihm natürlich der Zutritt zu den Herzen sehr
erleichtert. Auch der Klang der Muttersprache kommt uns bei diesen
Kranken kräftig zu Hilfe. Es ist nicht zu sagen, mit welcher
Freudenstimme diese Verlassenen oftmals den ersten deutschen Gruß
erwidern, mit dem man an ihr Bett tritt. Da ist vielfach das Herz
vom ersten Augenblick an aufgetan, und die Worte der Ermahnung und
des Trostes können jetzt tiefer dringen und werden nicht
zurückgestoßen, weil sie sozusagen in lieber Begleitung kommen.

Namentlich sind es die Klänge der Kindheit, die in der Jugend
gelernten biblischen Sprüche und Liederverse, die hier wieder einmal
zu ihrem Rechte kommen. Es ist mir begegnet, daß eine Todkranke, die
ich zum erstenmal sah und von der auf die verschiedensten Fragen
kein Zeichen des Verständnisses herauszulocken war, sodaß ich nicht
einmal wissen konnte, welche Sprache sie eigentlich rede, plötzlich
lebendig wurde, als ich das bekannte deutsche Sterbegebetlein
„Christi Blut und Gerechtigkeit” anstimmte. Ihr Auge wurde hell;
über dem Versuch zu sprechen zitterten ihre Lippen einen Augenblick,
dann brach die Stimme durch, und die Kranke sprach laut und freudig
die Worte zu Ende.

Einem jungen Mann aus Nürnberg gingen sofort die Augen über, als ich
ihn deutsch anredete. Heimweh erfüllte seine Seele, und besonders
ward das Verlangen mächtig, seine verwitwete Mutter noch einmal zu
sehen, zu der er eine herzliche kindliche Liebe an den Tag legte und
an deren Trauer er mit Tränen dachte. Es war aber deutlich, und der
Kranke selbst spürte es auch, daß sein Wunsch auf Erden schwerlich
könne erfüllt werden. Darum wies ich ihn hin auf die bessere und
gewissere Hoffnung des Wiedersehens in der oberen Heimat. Die
Sprüche, die ich ihm vorsagte, waren ihm bekannt und ergriffen ihn
sichtlich. Namentlich war es der 23. Psalm, der ihm tief zu Herzen
ging, weil seine Mutter gerade diesen Psalm ihm in der Kindheit oft
vorgesagt hatte. Er gestand, es habe ihm daheim an christlicher
Unterweisung nicht gefehlt, aber er habe leider seit Jahren nicht
danach gelebt. Jetzt brachen die lange verschlossenen Quellen wieder
auf und überströmten sein Herz noch zur rechten Zeit mit der rechten
göttlichen Traurigkeit und mit dem rechten Troste. Als ich ihn
fragte, ob er von Herzen wünschte, noch einmal kindlich wie einst
glauben zu können, da antwortete er mir mit einem Ausdruck, den ich
nie vergessen werde, er wünschte, ich möchte mit ihm beten, und der
Druck seiner Hand sagte mir, wie sein ganzes Herz dabei gewesen.

Da es nicht möglich ist, daß ein Kranker öfter als im Durchschnitt
einmal wöchentlich von uns besucht wird, so kann man denken, daß
besonders die, die noch gar kein Französisch verstehen, auch mit
rechter Freude zu den Büchern greifen, die wir ihnen mitbringen. Ich
weiß, daß gar manche schmachtende Seele in ihren einsamen Stunden
bald einen heilsamen Schrecken, bald Stärkung im Glauben, bald
kräftigen Trost in der Anfechtung aus diesen Schriften geschöpft
hat.

Hätten wir Zeit, die einzelnen Lebenswege niederzuschreiben, die in
den Pariser Spitälern entweder eine Haltestelle oder für diese Erde
ihr Ende finden, so würde manches an den Tag kommen, das vielen zur
Lehre, zur Warnung und zur Ermunterung dienen könnte. Wie manches
mit den goldensten Hoffnungen, mit den hochfliegendsten Plänen
hinausgezogene junge deutsche Blut liegt hier an Leib und Seele
verderbt, befleckt, bleich und kümmerlich auf seinem Siechbette und
merkt nun erst, wie grausam es von der Welt und dem eigenen Herzen
betrogen worden ist. Wie manche tränenreiche Bekenntnisse kann man
hier vernehmen: „Ich bin meinen Eltern nicht gefolgt, ich habe den
Glauben meiner Kindheit vergessen, ich habe den schmalen Weg
verlassen, habe meine Zeit in der Fremde durchgebracht mit Prassen!”
Wie manchen Vorsatz des verlorenen Sohnes kann man aussprechen
hören: „Wenn ich noch einmal aufkomme, will ich umkehren ins
Vaterland und Vaterhaus und da sprechen: Vater, ich habe gesündigt
im Himmel und vor dir.”

Aber freilich geht es auch hier, wie es mit den meisten durch die
Not der Krankheit abgetrotzten Gelübden geht: sie werden nicht
gehalten. Weitaus der größte Teil, besonders der jungen Leute, die
wir im Spital kennen lernen, verschwindet trotz ihrer freiwilligen,
oft sehr aufrichtigen Versprechungen wieder völlig aus unserm Auge,
und wir müssen hier meist nur auf Hoffnung den Samen ausstreuen,
ohne mit unsern Augen eine Saat hervorsprießen zu sehen. Aber es
gibt auch köstliche Ausnahmen. Der auf dem Krankenbett gefaßte
Vorsatz zur Rückkehr ins irdische Vaterhaus wird doch von etlichen
ausgeführt, indem sie sich unmittelbar aus dem Spital auf den Weg in
die Heimat machen. Andere Angesichter bekommen wir in der Kirche
oder am Tisch des Herrn wieder zu sehen. Und, was besser ist als
dies beides, unter denen, die die Spitäler nicht wieder verlassen,
sondern dort ihre irdische Laufbahn beschließen, können wir denn
doch an viele mit ganz fröhlicher Zuversicht denken.

Ich entsinne mich nur eines einzigen Falles, daß mich ein
Sterbender, der wirklich selbst klar sein Ende kommen sah, bestimmt
abgewiesen hat und nichts von der Gnade Gottes in Christo wissen
wollte. Ein andermal fertigte mich ein armer, in unsäglichen
Schmerzen liegender Mensch ganz in der Weise Hiobs sehr bitter ab:
Er habe solches Elend nicht verdient; Gott suche ihn ungerecht heim;
ich solle ihn zufrieden lassen mit meinem Trost von der Gnade
Gottes, der nur aus Liebe züchtige. Ich ging traurig weg; doch als
ich noch einmal auf dem Rückwege durch den Saal an seinem Bett
vorüberging, reckte er mühsam seine abgezehrte Hand unter der Decke
hervor und reichte sie mir mit einem Blick entgegen, der wohl
deutlich sagen wollte: „Vergeben Sie mir!”

Dieser Arbeit in dem Hospital hätte sich Bodelschwingh nicht so
hingeben können, wenn ihm nicht auf dem Hügel und in der Gemeinde
neue Hilfskräfte zugewachsen wären. Zwei arme Witwen, Frau Rech und
Frau Götz, übernahmen den Diakonissendienst. Sie versorgten die
Kranken und trugen, was sie von der Sonntagspredigt behalten hatten,
zu denen, die nicht zur Kirche kommen konnten.

Ein eingewanderter Schweizer, Abraham Blanck, seines Handwerks ein
Schmied, tat von seiner elenden Hütte aus, an die er durch die
Wassersucht gefesselt war, Evangelistendienste. Bei dem ersten
Weihnachtsfest, das auf dem Hügel gefeiert wurde, hatte
Bodelschwingh mit den Schulkindern dem alten einsamen Blanck ein in
einen Topf gepflanztes Weihnachtsbäumchen gebracht und ihm
Weihnachtslieder gesungen. Das war für den Alten der Anfang zu einem
neuen Leben geworden. Der kindliche Glaube und das kindliche Gebet
wachten in ihm wieder auf. Und wenn er auch während der letzten drei
Jahre seines Lebens seine Hütte nicht mehr verlassen und niemals den
Hügel betreten konnte, so ging doch von dem Lager des alten treuen
Mannes eine Macht in die ganze Gemeinde aus.

Lehrer Witt verheiratete sich. Seine kluge, hingebende Frau übernahm den
Unterricht der Mädchen und machte bald auch der Junggesellenwirtschaft
ein Ende. Das junge Paar hatte zunächst die beiden Stübchen, die bisher
Pastor und Lehrer innegehabt hatten, bezogen, und Bodelschwingh hatte
sich wieder eine Mietswohnung in der Stadt gesucht. Aber auf die Dauer
ließ sich die Errichtung einer besonderen Wohnung für Pastor und Lehrer
doch nicht hinausschieben. Da der Hügel nach wie vor nur gemietet war
und darum auch jetzt noch an die Errichtung eines festen Hauses nicht
gedacht werden konnte, so kaufte Bodelschwingh ein Holzhaus, das bereits
in London auf einer Ausstellung gewesen war und nun binnen weniger
Wochen fix und fertig auf dem Hügel stand. So war für Pastor und
Lehrerfamilie eine neue behagliche Unterkunft geschaffen.

Aber die Erweiterung der Arbeit forderte auch größere Mittel. Sie
mußten, da es sich um Versorgung von Deutschen handelte, der
Hauptsache nach aus der deutschen Heimat kommen. Unermüdlich rührte
darum Bodelschwingh die Feder. Seine Mutter, seine Geschwister, die
Verwandten und Freunde waren die ersten, an die er sich wandte. Für
die Kirchenblätter in Hamburg, im Wuppertal, in Minden-Ravensberg
schrieb er an der Hand von Tatsachen hochanschauliche, zu Herzen
gehende Aufsätze. Seine alten Gastfreunde Volkening in Jöllenbeck,
Klein-Schlatter in Barmen, Sengelmann in Hamburg eröffneten
Sammelstellen; auch Louis Harms in Hermannsburg. Die 800 Taler, die
die erste Blockhütte gekostet hatte, schickte Volkening als Gabe des
Minden-Ravensberger Landes in einer Summe.

Den Dank für solche Mithilfe stattete Bodelschwingh nicht immer nur
schriftlich ab. Er kam selbst. Jährlich mindestens einmal reiste er
nach Deutschland. Bald hier, bald da sehen wir ihn auftauchen, im
Elsaß, in der Rheinprovinz, in Brandenburg, Berlin, Potsdam und
besonders im Ravensberger Lande. Wohin der junge hagere Edelmann,
dem die Mühsal des Pariser Lebens im Gesicht geschrieben stand, mit
seinen Predigten, Ansprachen und seinen kurzen Besuchen kam, gewann
er im Fluge die Herzen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”,
war der tiefe Eindruck, den man von ihm hatte. Aber mit den Herzen
flogen ihm auch die Gaben zu. Es konnte vorkommen, daß am Schluß
einer Versammlung sich Broschen, Ringe und andere Schmucksachen auf
dem Teller fanden, weil die Leute die Empfindung hatten, daß der
Inhalt ihrer Börse einfach nicht ausreichte.

Bei der Werbereise, die er im Herbst 1860 unternahm, reifte plötzlich in
ihm der Entschluß, sich zu verheiraten. So gut er es auch bei seinen
Freunden, den Witts, hatte, er fühlte sich doch oft abgehetzt und
übermüdet. Dazu quälte ihn, wie er später öfter erzählte, der Gedanke an
so manche junge deutsche Lehrerin und Erzieherin, die sich in den
Gottesdiensten auf dem Hügel einstellten mit leisen Hoffnungen im
Herzen. So mußte auch bei der entscheidendsten Wahl seines Lebens die
Barmherzigkeit mit andern ihn zur Tat treiben; und im Sturm, sich
selbst, seinen Verwandten und vor allem seiner Braut zur Überraschung,
eroberte er sich das Herz seiner Lebensgefährtin.

Sie war die zweite Tochter seines Oheims, des damaligen
Finanzministers Karl v. Bodelschwingh. Wohl hatte er sie schon
mehrere Jahre im Herzen getragen. Aber solange es noch seine Absicht
war, nach Afrika oder Indien zu gehen, hatte der Gedanke an ihre
zarte Gesundheit keine ernsthaften Pläne aufkommen lassen.
Inzwischen aber hatte ihn die Pariser Arbeit mehr und mehr
gefesselt. Er sah keine Möglichkeit, sich ihr so schnell wieder zu
entziehen, fühlte vielmehr die Verpflichtung, sich ihr mehr wie je
und in vollster Ausrüstung zu widmen. Darum zögerte er nicht lange.
Unter heißen Tränen gab ihm seine Braut das Ja. Nur zwei Tage blieb
er in Haus Heide, dem Gute der Schwiegereltern, dann machte er sich
wieder an die Werbearbeit für seine Pariser Gassenkehrer. Aber als
er in den Wagen stieg und die Braut noch immer kämpfte zwischen
Trauer und Freude, rief er: „Mein Herze geht in Sprüngen und kann
nicht traurig sein, ist voller Freud' und Singen, sieht lauter
Sonnenschein.”

So schnell sich der junge Bräutigam auch entschlossen hatte, so
sorgsam hatte er doch gewählt. Ida von Bodelschwingh war von klein
auf ein zurückhaltendes Kind gewesen. In dem großen Kreise von zehn
Geschwistern war sie vielleicht die Stillste. Früh war sie von dem
Strom ernsten religiösen Lebens erfaßt worden, der in der Zeit
Friedrich Wilhelms =IV=. auch die vornehmsten Kreise ergriff. Aber
die Auswüchse einer gekünstelten, wortreichen Frömmigkeit waren ihr
fern geblieben. Sie hörte die treusten, entschiedensten Prediger,
aber geschwärmt hat sie nie für einen von ihnen, sondern führte
einen selbständigen Christenstand. Es war ihr schwer, die Bälle und
Hoffeste mitzumachen, die sich nach der Stellung ihres Vaters als
Finanzminister nach der Meinung der Eltern nicht umgehen ließen, und
sie bat wohl mit Tränen, sie davon zu befreien, fügte sich aber ohne
Auflehnung, als der Vater fest blieb.

Sie hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen. Curtius und
Wiese, die auch ihres späteren Verlobten Lehrer aus dem
Joachimstalschen Gymnasium gewesen waren, hatten ihr zusammen mit
ihrer älteren Schwester Luise und einem kleinen Kreise von
Freundinnen Unterricht gegeben. Für die Ausbildung in der Musik
stellte der Vater ungewöhnliche Anforderungen. Schon früh um sechs
begann für sie das Üben auf dem Klavier, damit die drei bis vier
täglichen Übungsstunden durchgehalten werden konnten. Die Mutter,
sparsam und einfach, wie die damalige Zeit es war, hielt im Hause
auf große Pünktlichkeit und Ordnung und legte gerade so die sichere
Grundlage für die Heiterkeit und Sorglosigkeit des Hauses.

„Wer als Gast ins Finanzministerium kam,” so erzählt ihre nächste
Freundin, Frau von Zacha geb. von Löwenfeld, „fühlte sich von großer
Behaglichkeit und Fröhlichkeit umweht. Und im Grunde war Ida von
allen ihren Geschwistern die Heiterste. Gerade weil sie von Jugend
auf je und dann im Kampf mit der Schwermut lag, hatte sie, sobald
der Angriff wieder überwunden war, etwas Befreites und Befreiendes.
Da sie selbst viel gelitten hatte, sah sie schnell, wenn andere
litten, und auch die Schwächen anderer entgingen ihr nicht. Aber je
schärfer sie sah, je tiefer fühlte sie mit Gesunden und Kranken, und
das hingebende, selbstverständliche Mitleid, das sich nicht in
Zärtlichkeit, sondern in Fürsorge äußerte, machte sie schon damals
zur Wohltäterin für jeden, mit dem sie zusammentraf.

Dabei machte sie niemals irgend einen Unterschied des Standes. Sie
war gegen jeden gleichmäßig gütig. Hoheit blendete sie nicht, und
Niedrigkeit schreckte sie nicht. Auch verleitete sie ihr scharfes
Auge nie dazu, andern weh zu tun. So hat sie mir während unserer
fünfzigjährigen Freundschaft immer die Wahrheit ins Gesicht gesagt,
oft mit verblüffender Schärfe, aber ohne mich jemals zu verletzen.
Das ging auch Fernerstehenden so. Die Ehrlichkeit ihrer Liebe, auch
wenn sie scharf war, tat nicht weh, sondern überaus wohl.

Und ehrlich wie im Wesen war sie auch im Wort. Sie beschönigte
nichts; sie stellte die Dinge dar, wie sie waren. Nie hörte man von
ihr irgend eine Unwahrheit. Darum war auch ihr Urteil klar und
schnell gefaßt. Wenn andere sich zergrübelten, sagte sie: „Was quält
ihr euch? Die Sache liegt doch so einfach.” So sah sie auch ihren
eigenen Weg klar vor sich. Sie zersplitterte und zerstreute sich
nicht, sie ließ sich nicht verwirren von dem, was andere taten und
trieben, und wenn es ihre Nächsten und Liebsten waren. Sie war nicht
für das Weite und Große veranlagt; darum trachtete sie auch nicht
danach. Aber in ihrem Kreise war sie von unvergleichlicher Treue und
Hingabe.”

Im April 1861 wurde die Hochzeit in Haus Heide gefeiert. Die
Hochzeitsreise führte besonders zu den Freunden ins Minden-Ravensberger
Land. Volkening in Jöllenbeck segnete sie zu ihrer gemeinsamen Arbeit
in Paris. „Sie gehen unter die Löwen und Bären”, sagte er der jungen
Frau.

In Paris wartete das Londoner Holzhaus auf sie. Achtmal acht Meter
hatte es im Geviert. Unten wohnten Lehrer Witt mit Frau und Kindern
und Witwe Schnepp mit ihrem Sohn, die beiden Familien als Magd
diente. Darüber war die Pfarrwohnung. In den engen kleinen Stübchen
hatten natürlich nur die kleinsten Möbel Platz. Und es war gut, daß
die damalige Möbelmode von Paris Gelegenheit gab, solche kleinste
Möbel zu erwerben. Das Klavier konnte nur durch das Fenster
hinaufgeschafft werden.

Die ungewohnten und unbehaglichen äußeren Verhältnisse, zu denen
namentlich auch das harte Regiment von Frau Schnepp gehörte, wurden
tapfer ertragen. Pastor und Pastorin, die ja ihrer äußeren Herkunft nach
die Vornehmsten innerhalb der Gemeinde und des Mitarbeiterkreises waren,
sahen darin desto mehr Verpflichtung, sich selbst und ihr Haus allen zu
Dienst zu stellen. So wurde der kleine stille Hügel mit seiner
Pfarrwohnung in den Sommermonaten für die Familien der Mitarbeiter in
der Stadt und den Vorstädten zu einem Ausflugsort, wo man gern für
einige Stunden aufatmete. Im Winter freilich, solange die Eisenbahn noch
nicht bis La Villette durchgeführt war, waren die Wege fast
unergründlich, und für die Verwandten, die aus Deutschland zu Besuch
kamen, blieb als einziger Spazierweg nur der kleine Pfad übrig, der
rings um den Hügel durch die Gebüsche geschlagen worden war.

Noch im Laufe des Jahres 1861 konnte der Hügel endgültig käuflich
erworben werden. Nun war es auch möglich, Kirche und Schule aus
festem Material zu bauen. Beide wurden unter einem Dach errichtet,
und auch den französischen Gemeinden, die sich allmählich unter der
Arbeit französischer Pastoren in den jungen Stadtteilen gebildet
hatten, wurde Gastrecht in der von deutschen Mitteln erstehenden
Kirche gewährt. Unten waren die Schulräume, sowohl für die Kinder
deutscher wie französischer Zunge, oben die Kirche. Für den
französisch sprechenden Teil wurde ein besonderer Pastor angestellt,
der am Vormittag den Gottesdienst hielt, während der Nachmittag nach
wie vor den Deutschen vorbehalten blieb.

Aus dem verkauften Schmuck der Pastorin und andern Gaben erhielt die
Kirche eine Orgel, auf der die Pastorin statt des bisherigen
eintönigen Gesanges die rhythmischen Lieder mit der Gemeinde
einübte. Ein neues Gesangbuch und eine neue Gottesdienstordnung
wurden eingeführt, und die Haupt- und Nebengottesdienste wurden
liturgisch ausgestaltet. Da die Massenbegräbnisse auf den Pariser
Friedhöfen, wo Sarg auf Sarg in unaufhörlicher Reihenfolge versenkt
wurde, keine Stille aufkommen ließen, so wurde jeder Sarg der
Hügelgemeinde zunächst vom Trauerhause in die Kirche getragen und
hier in aller Sammlung die Trauerfeier gehalten, ehe der gemeinsame
Weg zum Friedhof angetreten wurde. Nicht nur den Erwachsenen,
sondern auch den Kindern der Gemeinde wurde diese letzte Ehre
erwiesen.

Das alte kleine Blockhaus wurde Kleinkinderschule, und zwei
Nonnenweierer Schwestern übernahmen die Arbeit darin. Zur festeren
Verbindung der Gemeindeglieder untereinander, namentlich auch derer,
die Sonntags nicht kommen konnten, schrieb Bodelschwingh „Das
Schifflein Christi”, ein kleines Monatsblatt, das zugleich die
Freunde in Frankreich und in der deutschen Heimat wach und warm
erhielt für die Aufgaben an den Deutschen in Paris.

Die Feder seiner Frau kam Bodelschwingh bei allen seinen
schriftlichen Arbeiten sehr zu Hilfe. Wenn es auch innerhalb des
Kollegiums der deutschen und französischen Pastoren Augsburgischer
Konfession Brauch war, alles Schreibwesen möglichst zu unterlassen
und statt dessen in den vierwöchentlichen Zusammenkünften die
schwebenden Fragen mündlich zu erledigen, so blieb doch für den
Schreibtisch immer noch eine Fülle von Arbeit übrig. Namentlich
besorgte Eltern und Verwandte, die ihre Angehörigen in Paris hatten
oder nach Paris reisen lassen mußten, baten um Rat, Auskunft und
Hilfe.

Aber viel mehr Zeit und Kraft nahmen die Besucher selbst in
Anspruch. Das Gastzimmer oben im Giebel wurde zu einer Herberge zur
Heimat, in der es von seltsamsten Gästen aus- und einging. Schon vor
seiner Verheiratung hatte Bodelschwingh einmal eine ganze Karawane
von 23 Missionsfrauen und -kindern, die aus Indien kamen und in die
Schweiz weiterreisten, in geborgten Betten quartiert. Jetzt wurden
er und seine Frau vollends zu Herbergsleuten für allerlei Volk.
Mehrmals waren es Angehörige vornehmer deutscher Familien, die sich
nach Paris geflüchtet hatten, um dort sich selbst und ihre
Vergangenheit zu vergessen, die aber doch schließlich durch die Not
gezwungen wurden, nachdem sie alle andere Hilfe durchprobiert
hatten, an die kleine Tür des Hügelpastors zu klopfen.

Mancher von ihnen hat ihn belogen, betrogen oder auch bestohlen, und
oft war es für die Pastorin nicht leicht, wenn ihr Mann bis spät in
die Nacht hinein auf den Außenstationen der Gemeinde war, mit irgend
einem ungewissen Herbergsgast allein gelassen zu sein. Aber daß
beide sich belügen, betrügen und bestehlen ließen, ohne verbittert
zu werden; daß sie wohl vorsichtiger wurden, aber doch ihre Herberge
nicht schlossen, sondern fortfuhren, den Verlorenen und Versinkenden
zu dienen, segnete Gott. Bisweilen gelang es, verlorene Söhne, die
aus der Heimat nach Paris geflüchtet waren, zu bewegen, sich den
deutschen Gerichten zu stellen, die erwirkte Strafe willig zu
ertragen und so den ersten Schritt zu einem neuen Anfang in der
Heimat zu machen. Und einige Male kamen aus deutschen Gefängnissen
rührende Beweise des Vertrauens und des Dankes von solchen, die
nicht umsonst in dem Hügelpfarrhaus eingekehrt waren. Aber es waren
nicht nur solche gefährdete Existenzen, die die Herberge benutzten.
Angehende Mitarbeiter in dem deutschen Missionswerk in Paris, alte
und neue Freunde, Bekannte und Verwandte stellten sich ein, und
manche dauernde Freundschaft wurde geschlossen, die zugleich
unmittelbar dem weiteren Ausbau der Hügelgemeinde diente.

Aber der helle Sonnenschein, der über dem Hügel lag, wurde von
ernsten Schatten abgelöst. Acht Tage nach der Geburt des ersten
Söhnchens erkrankte Ida von Bodelschwingh. Die Freude nach der
überstandenen Angst war zu groß für ihr zartes Gemüt und schlug bald
in desto schwereren Gemütsdruck um. Der treue Arzt, der Bruder Adolf
Monods, riet zur Reise in die Heimat. Der Pariser Rothschild stellte
seinen Salonwagen zur Verfügung. Für drei Monate wurde die kleine
Familie auseinandergerissen. Das Kind kam zur alten Großmutter, die
Mutter in die Pflege eines treuen befreundeten Arztes, und
Bodelschwingh kehrte allein in sein verödetes Heim zurück.

Aber die Arbeit litt unter seinem Schmerz nicht, und seine eigene
Seele versenkte er desto tiefer in die kräftigen Tröstungen Gottes.
Wenn er abends von seinen fernen Außenstationen nach dem Hügel
zurückkehrte, oft so spät, daß er keinen Omnibus mehr benutzen
konnte, dann lernte er, von Laternenpfahl zu Laternenpfahl wandernd
und im Schein des Laternenlichtes sich den Inhalt des Verses
einprägend, ein Kirchenlied nach dem andern auswendig. Seine
Predigten, die er für gewöhnlich frei gehalten hatte, schrieb er
eine Zeitlang wieder auf, um sie seiner Frau zu schicken, sobald es
ihr Zustand erlaubte.

Aber ehe er im Mai Frau und Kind wieder zurückholen konnte, traf ihn
und die ganze Familie ein neuer schwerer Schlag. Sein jüngster
Bruder Ernst, der Liebling der ganzen Familie, der jetzt als
Jägeroffizier in Cleve stand, wurde durch einen Hitzschlag seiner
Frau und seinen zwei kleinen Söhnchen entrissen. Bei großer
soldatischer Tüchtigkeit hatte er sein bewußtes Christenleben
durchgeführt, aber ohne irgendwie sich aufzudrängen, und sein
Freund, der spätere General von Oidtmann, rühmte es ihm nach, daß
Ernst von Bodelschwingh wohl regelmäßig mit ihm die Bibel läse, aber
ohne je auch nur den leisesten Versuch zu machen, ihn aus der
katholischen Kirche herauszuziehen. Gerade das bewog dann Oidtmann
zum Übertritt. So dunkel das Sterben dieses Bruders war, es kam kein
Ton der Klage in der Familie auf, und Bodelschwingh, der seinen
Bruder in Velmede beerdigte, schrieb an seine Frau:

            Meine teure Ida!

     Unser lieber Bruder ist genesen, genesen für die Ewigkeit. Träumend
     hat ihn der Herr durch des Todes Türen geführt, ohne ihn seine
     Bitterkeit kosten zu lassen. Die arme Elise ist ganz wunderbar
     gestärkt, so auch unser Mutterchen. Sie hat noch am Abend vor
     seinem Tode sagen können: „Halleluja! Willst du ihn erlösen, so
     will ich dir danken.” -- Sie ist nicht hier, aber wir drei
     Geschwister sind beisammen, Franz, Friedchen und ich. Morgen,
     nachdem ich auf der Geschwister Bitte dem geliebten Bruder einige
     Worte des ewigen Lebens habe nachrufen dürfen, eile ich mit den
     Geschwistern zur lieben Mutter. Die Leiche nehmen wir mit, sie nach
     dem Wunsche des Seligen an des Vaters Seite zu bestatten.

     Sei ganz getrost um mich, mein liebes Weib. Solch einen Bruder darf
     man ja getrosten Mutes in die Ewigkeit ziehen sehen. War doch
     seines Jesu Kreuz seit langem sein einziger Ruhm.

     Der Friede des Herrn sei mit dir!

                                                  Dein Friedrich.

Ende Mai zog dann die kleine Familie wieder auf dem Hügel ein. Die
Krankheitszeit über war aus der Gemeinde heraus, namentlich auch von
den Kindern gebetet worden, daß Mutter und Kind dem Hügelpastor
erhalten bleiben möchten. Darum war der Tag der Rückkehr für die
ganze Gemeinde ein großer Freuden- und Danktag. Auf ihn folgte noch
fast ein Jahr neuer gemeinsamer Arbeit an den Aufgaben im
unruhvollen Paris. Nur der Sonnabend bildete einen Ruhepunkt. Wenn
irgend möglich, zogen dann die Eltern Bodelschwingh mit ihrem
kleinen Ernst zur stillen Vorbereitung auf den Sonntag hinaus in den
Bois de Boulogne mit seinen einsamen Inseln und schattigen Plätzen,
wo die Nachtigallen sangen und die stillen Schwäne dahinzogen.

Aber die Krankheit seiner Frau hatte Bodelschwingh doch die Frage
aufs Gewissen gelegt, ob er ihr auf die Dauer das unruhige Leben in
Paris zumuten dürfte. Als sich ihm in dem jungen Württemberger Vikar
C. Berg (dem späteren württembergischen Prälaten) ein Nachfolger
zeigte, dem er mit größtem Vertrauen das begonnene Werk übergeben
konnte, und als sich ihm in der Heimat ein Arbeitsfeld bot, das ihm
Raum genug ließ, in Deutschland für das Missionswerk in Paris weiter
zu werben, war sein Entschluß gefaßt.


Dellwig. 1864-1872.

Wer das Tal der Ruhr hinaufwandert, läßt bei Schwerte die dunklen
Schornsteine und rauchgeschwärzten Häuser des westfälischen
Industriegebietes hinter sich und sieht, wenn er zwei Stunden durch
die lieblichen Weiden mit ihren schwarzbunten Herden flußaufwärts
gelangt ist, zu seiner Linken einen spitzen, hohen Kirchturm ragen:
das ist Dellwig, eines der ältesten Kirchdörfer der Grafschaft Mark.

Sein Turm hat schon seit 900 Jahren die Ruhr hinauf- und
hinuntergesehen, und all' die Geschlechter dieser 900 Jahre liegen
zu seinen Füßen begraben, sodaß der Kirchhof allmählich immer höher
wurde und man jetzt auf mehreren Stufen in die Kirche hinabsteigt.
Die Familie Neuschmidt aber, die am Rande des Kirchplatzes im
Schulhause wohnte, hat der Gemeinde vier Jahrhunderte hindurch die
Lehrer gestellt, indem immer der Sohn auf den Vater folgte. Es muß
ein zähes Geschlecht sein, das von einer solchen Lehrerfamilie
400 Jahre hintereinander unterrichtet und erzogen wurde; und es ist
es auch.

Wer aber den tief ausgewaschenen Talweg hinaufsteigt, bis er die
Wasserscheide des Haarstrangs erreicht, hat oben von der
Wilhelmshöhe einen weiten Rundblick. Jenseits der Ruhr nach Süden zu
liegen die stillen Wälder des Sauerlandes, altes kurkölnisches
Gebiet. Nach Norden geht der Blick in die Gegend der Lippe und bis
in die fruchtbare Soester Börde hinein. Der Westen ist verschleiert
durch den Dunst der Hochöfen von Dortmund. Hart am Fuße des Berges
aber, nach Nordosten zu, liegt das alte Städtchen Unna, wo Philipp
Nicolai zur Zeit der Pest seinen „Freudenspiegel des ewigen Lebens”
schrieb und der Christenheit den König und die Königin ihrer Choräle
schenkte: „Wachet auf! ruft uns die Stimme” und „Wie schön leuchtet
der Morgenstern”.

Dellwig hatte bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zwei Pfarrer
gehabt. Nachdem aber in der napoleonischen Zeit die Seelenzahl auf
1300 heruntergegangen war, beschloß man, die zweite Pfarrstelle
eingehen zu lassen. Der übriggebliebene Pfarrer war ein gemütvoller
Mann, der in jenen wirtschaftlich vielfach so schweren Jahren seinen
Gemeindegliedern recht und schlecht zur Seite stand. Aber, wie die
meisten der damaligen Amtsträger dem Vernunftglauben verfallen, kam
er über eine äußere Erledigung seiner Amtsgeschäfte kaum hinaus und
predigte meist vor leeren Bänken.

Einmal im Jahre hatte er sämtliche Gemeindeglieder der sechs nach
Dellwig eingepfarrten Ortschaften zu besuchen. Das tat er treulich
zu Anfang jeden Jahres. Er sammelte bei dieser Gelegenheit die
Abgaben ein, aus denen ein großer Teil des Pfarreinkommens bestand,
und erhandelte die Kühe, die den Sommer über auf den Pfarrwiesen
jenseits der Ruhr fettgeweidet wurden. Der Lehrer und Küster
Neuschmidt begleitete ihn, und ein Knecht mit einem Wagen und den
nötigen Säcken folgte.

In diese gemütlichen, aber für das innerste Leben der Gemeinde doch
recht dürren Zeiten kam erst ein Umschwung, als im Herbst 1854
Pastor Philipps in das niedrige alte Pfarrhaus in Dellwig einzog. Er
war ein Mann, der in der unsichtbaren Welt zu Hause war und tiefe
Einblicke getan hatte in die Geheimnisse der Menschenseele. Mit
Entschlossenheit verkündete er den Glauben an den Heiland der
Sünder. So fing seit Herbst 1854 ein neuer Luftstrom an, durch die
Gemeinde zu wehen.

Zehn Jahre hatte Philipps die Arbeit in Dellwig allein getan. Da
begannen seine Kräfte nachzulassen. Denn die Wege nach Billmerich
hinauf und nach der andern Seite bis Strickherdecke hinunter waren
weit, und Sonntags, wenn, wie es Sitte war, nicht in der Kirche,
sondern in den einzelnen Häusern der Gemeinde die Kinder getauft
wurden, ging die Arbeit oft über sein Vermögen, und ein ernstes
Halsleiden zeigte seine ersten Spuren. So entschloß man sich, die
eingegangene zweite Pfarrstelle wieder aufleben zu lassen. Der
erste, der für die neu zu besetzende Stelle eine Gastpredigt hielt,
war der bisherige Gassenkehrer-Pastor aus Paris. Als er auf die
Kanzel kam und, wie das seine Art war, seine klaren, dunklen Augen
durch die ganze Kirche wandern ließ, stieß einer von denen, die oben
auf der Männer-Prieche saßen, seinen Nachbar an und sagte leise:
„Wenn wir den doch zum Pastor bekämen! Den Mann hat man ja lieb,
noch ehe er ein Wort gesprochen hat.”

Und so kam es. Im Frühjahr 1864 nahmen Bodelschwinghs, nicht ohne
heiße Tränen der ganzen Gemeinde, von ihrem kleinen Hügel in Paris
Abschied und zogen mit ihrem Erstgeborenen in das Pfarrwitwenhaus
von Dellwig ein. Mit dem Aufhören der zweiten Pfarrstelle war auch
eines der beiden Pfarrhäuser, das oben neben der Kirche gelegen
hatte, verkauft worden. Das Pfarrwitwenhaus aber, worauf seit langem
keine Witwe Anspruch erhoben hatte, war für die Zwischenzeit einem
Schweinehändler überlassen gewesen. Seine Fachwerkwände waren zum
Teil schon sehr windschief, und der Lehm war an manchen Stellen
herausgefallen. Aber zum Einzug des neuen Pfarrers wurde das Haus,
so gut es nur irgend ging, hergerichtet. Immerhin mochte es damals
wohl das bescheidenste Pfarrhaus sein, das in der ganzen Grafschaft
Mark zu finden war. Aber gegenüber den engen Stübchen des Pariser
Holzhauses bedeutete es doch eine Verbesserung. Nach vorn, wo die
Brücke über den Dorfbach auf die Straße und zum Haus von Pastor
Philipps führte, lag ein kleines Blumengärtchen, hinter dem Haus
aber und zur Seite erstreckte sich ein schöner Obstbaumhof. Dort lag
auch die Scheune, wo die Pfarrkuh ihren Platz hatte.

Es war eine köstliche Zeit der Stille, die Bodelschwingh und seine
Frau nach der heißen Pariser Arbeitszeit in den ersten Jahren in
Dellwig verlebten. Man spürt es den Briefen der Pastorin, die aus
der damaligen Zeit erhalten sind, ab, wie sie in dieser ländlichen
Zurückgezogenheit aufatmete und wie auch ihr Mann, auf dem die Not
der Weltstadt und der tägliche Anlauf bisweilen schwerer gelastet
hatten, als er selbst es zugeben wollte, heiterer und mitteilsamer
wurde. Er konnte wieder ein wenig studieren, er konnte auch bei
seinem lebendigen Teilnehmen an allen Geschehnissen wieder die
Kreuzzeitung lesen, und oft saß seine Frau bei ihm auf seinem
Zimmer, während ihr Mann ihr vorlas. Sonnabends aber brauchte er
nicht, um sich auf den Sonntag vorbereiten zu können, auf die
unruhigen Straßen von Paris zu flüchten, wo er doch immer noch
ungestörter gewesen war als auf seinem überlaufenen Stübchen im
Hügelhaus, sondern er konnte in die „Hulmke” gehen, einen schönen
stillen Eichenwald, der sich damals noch an der Ruhr entlangzog, und
seiner Gewohnheit nach, ohne Feder und Tinte zu Hilfe zu nehmen,
seine Predigt meditieren.

Lieblich blühte das Familienleben auf. Zu dem kleinen Ernst gesellte
sich noch eine Elisabeth, ein Friedrich und ein Karl. Von Velmede
her kam zu Wagen die alte Mutter mit ihrer Tochter, der Tante
Frieda, gefahren, und von dem noch näheren Heide stellten sich die
Eltern und Geschwister der Pastorin ein, um sich an dem reichen
Glück mitzufreuen, das sich in dem Witwenhaus von Dellwig
entfaltete. Und als zum ersten Dellwiger Geburtstag der Pastorin als
Geschenk ihres Vaters gar ein Paar Ponys vor der steinernen Treppe
standen, die ins Haus hineinführte, gab es manche erquickliche Fahrt
zu lieben Verwandten und Nachbarn in der Nähe und Ferne. Auch die
alten Pariser Freunde und Mitarbeiter stellten sich ein, bald
einzeln, bald zu zweien und dreien. Sie freuten sich, in dem
stillen Pfarrhause für eine Weile dem Getriebe der Weltstadt
entrückt zu sein, und zogen auch wohl mit hinaus in eines der
Eichengehölze des Ruhrtales, um an den Rasenabhängen zu lagern,
während die Kinder die Abhänge hinunterkullerten und Blumen,
Erdbeeren und Brombeeren für Eltern und Gäste sammelten.

Wer aber heute durch die Gemeinde Dellwig wandert und nach den
früheren Pastorsleuten fragt, den umfängt nicht nur wie aus weiter
Ferne ein Sonnenstrahl jenes glücklichen Familienlebens im kleinen
Pfarrhaus, sondern überall umtönen ihn die Erinnerungen an die
stille, ernste Arbeit, die alsbald von dem Pastor und der Pastorin
in Angriff genommen wurde. Die Verkündigung des Evangeliums war
schon in Paris der Mittelpunkt der Arbeit gewesen. So wurde nun auch
in Dellwig in Früh- und Hauptgottesdienst, in Christenlehre und
wöchentlichen Bibelstunden der Same reichlich ausgestreut.

Noch heute erzählt man sich in Dellwig von den Predigten, die durch
Gleichnisse und Erzählungen für das Verständnis so sorgsam
zugerichtet waren und durch heiligen Ernst und lockende Liebe tief
in Herz und Gewissen griffen. „Ich weiß, wie euch zu Mute ist, ihr
lieben Dellwiger, ich habe ja selbst das Säelaken auf dem Rücken
gehabt”, sagte der Pastor wohl gelegentlich. Und wie es den
Bergleuten, die von Billmerich herunterstiegen, zu Mute war, wußte
er auch. Hatte er doch einst wie sie im Schoß der Erde vor Ort
gelegen. Die Konfirmanden und Katechumenen aber hatten den ersten
Platz in der Kirche; und noch findet sich in Dellwig manch sorgsam
geschriebenes Heft, worin die Konfirmanden am Sonntag nachmittag die
am Morgen gehörte Predigt eintrugen.

Treu teilten sich die beiden Kollegen in die Arbeit. Aber die
Krankheit von Pastor Philipps wuchs, und nach zwei Jahren konnte er
eines Sonntags nicht mehr. Sein Hals versagte den Dienst. Er merkte,
daß es zum Sterben ging. Unvorbereitet mußte Bodelschwingh statt
seiner auf die Kanzel. Er nahm den Text von den Vögeln und Lilien,
die nicht sorgen; und manches Auge in der Kirche wurde feucht, als
er so kindlich und zuversichtlich von der sieghaften Freudigkeit
sprach, mit der der sterbende Pastor dem Tode entgegengehen dürfe,
und als er der Gemeinde schon jetzt die Frau und die Kinder ihres
Abschied nehmenden Hirten so eindrücklich ans Herz legte.

Fortan bis kurz vor dem Tode des langsam hinsterbenden Kollegen
findet sich in den Kirchenbüchern keine Aufzeichnung mehr von
Bodelschwinghs Hand. Alle schriftlichen Arbeiten überließ er Pastor
Philipps. Er sollte die Freude der Arbeit bis zuletzt genießen. Und
wie froh war Bodelschwingh, nun die Feder ruhen lassen zu dürfen!
Sie war ja nie seine Freundin gewesen, und manchen herben Tadel des
Superintendenten mußte er einstecken für Berichte, die dem Schema
der Kirchenordnung nicht entsprachen oder zu spät abgeliefert waren.
Freilich mahnte ihn Pastor Philipps wohl in heiterem Ernst, er
möchte doch wenigstens für seine Predigt sich an Tinte und Feder
gewöhnen, damit er Zeit und Maß besser innehalte. „Du hast recht,
lieber Philipps,” war dann wohl die Antwort, „du hast recht. Ich
will mir auch Mühe geben. Aber es wird mir so sauer.” Doch schon bei
nächster Gelegenheit stand er wieder in der Tür und bat: „Ach,
Philipps, laß mich für meine Predigt ein bißchen in deinen Kuhkamp
laufen! Ich kann von meiner Pariser Art noch nicht lassen.”

Kaum einen weiteren Weg aber machte er in die Gemeinde, ohne vorher
bei seinem kranken Kollegen einzukehren und mit ihm zu überlegen.
Auf dem Rückweg sprach er wieder vor, um ihm von seinen Wegen durch
die Gemeinde zu berichten. Die Kinder des Philippsschen Hauses aber
wissen sich noch zu erinnern, wie sein Rock einmal, als er in ihr
Haus kam, ganz mit Holzfasern bestreut war. Während sie ihn
abbürsteten, ließen sie ihm keine Ruhe, bis er gestand, woher die
Fasern kamen.

Er hatte eine alte Frau getroffen, die sich mühsam mit ihrem
Holzbündel schleppte. Da hatte er nicht nachgelassen, bis sie ihm
ihr Bündel abgab und er es ihr nach Haus trug. Aber es war ihm
schrecklich, wenn aus dergleichen etwas gemacht wurde. Das verstand
sich ja für ihn von selbst; und noch heute erzählen die Leute von
Dellwig, daß er überall, wo er jemand unter einem Sack oder irgend
einer andern Last mühsam dahingehen sah, mit zufaßte und nicht eher
nachgab, bis der andere sich helfen ließ.

Aber es gab schwerere Lasten zu tragen als Holzbündel und Mehlsäcke.
Der Märker ist aus hartem Holz gemacht. Einer, der ihn kennt, sagt
von ihm: „Er schreibt seinen Haß oben in sein Hypothekenbuch, und
dieser Haß muß von Kind auf Kindeskind fortgeerbt werden.”
Unermüdlich war darum Bodelschwingh bemüht, solchen Haß, wie er ihn
in Dellwig reichlich vorfand, im Keime zu ersticken. War der Termin
für die streitenden Parteien vor dem Gericht zu Unna schon
angesetzt, so kam es öfter vor, daß Bodelschwingh durch einen Brief
oder einen persönlichen Weg zum Gericht einen Aufschub erwirkte.
Dann benutzte er die Zwischenzeit, um Frieden zu stiften.

Einmal sah man ihn vom Mittag bis zum Abend an der Arbeit, um mit
langen Bohnenstangen, an denen weithin sichtbare Papierstreifen
flatterten, eine strittige Grenze festzustellen. Aber als der Abend
kam, war man sich noch nicht einig, und Bodelschwingh sagte: „Leute,
wenn wir uns aufs Recht steifen, kommen wir nicht zum Ziel; wir
müssen den gütlichen Weg nehmen.” Und wirklich, die Leute gaben nach
und vertrugen sich.

Zwei andere Nachbarn stritten um eine Eiche, die auf der Grenze
stand und 30 Taler Wert hatte. Ehe entschieden war, wem der Baum
gehöre, ließ der eine, der ein besseres Anrecht zu haben glaubte,
die Eiche schlagen. Natürlich war dadurch der Kampf aufs äußerste
verschärft. Was tun? Bodelschwingh schickte seinen Wagen und ließ
die Eiche auf den Pfarrhof bringen, wo gerade das neue Pfarrhaus im
Bau begriffen war. Dann ging er zu den Streitenden und bat sie,
jeder von ihnen möchte ihm sein Anrecht an die Eiche zu Gunsten des
Pfarrhausbaues abtreten. Die beiden erklärten sich mit dieser
höheren Gerechtigkeit einverstanden. Obgleich keiner auch nur einen
Pfennig Geld bekam, war doch im Grunde die Eiche noch gut bezahlt,
da jeder von beiden nun die weiteren Prozeßkosten gespart hatte.

Auch von der Kanzel griff er in die jeweiligen Zwistigkeiten der
Gemeinde ein. Zwei Höfe in Altendorf, die nach Dellwig eingepfarrt
waren, lagen in Streit. Die eine Partei des Dorfes stand für diesen
Hof, die andere für den andern. Eide über Eide wurden geschworen. Da
rief er von der Kanzel herunter, daß es den Leuten noch nach
Jahrzehnten in den Ohren klang: „Schämt ihr euch nicht, ihr
Altendorfer?” Und auch hier gelang es ihm über Jahr und Tag, dem Haß
der streitenden Parteien wenigstens die schärfsten Spitzen
abzubrechen. Denn seine Liebe hatte schon damals eine Geduld und
eine Glut, denen nur ein ganz verhärteter Sinn auf die Dauer
widerstehen konnte.

Diese Glut konnte gelegentlich auch in hellem, heiligem Zorn
auflodern. Es war eine sogenannte Gebehochzeit in der Gemeinde
gewesen, bei der es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ganz
besonders ausgelassen und wüst zugegangen war, weil Eß- und
Trinkvorräte als Gaben der einzelnen Festteilnehmer herbeigeschleppt
wurden. Bodelschwingh und seine Frau hatten getan, was sie konnten,
um das Brautpaar zu bewegen, eine stille Hochzeit zu feiern.
Umsonst. Das Fest ging in der gewohnten üppigen Weise vor sich. Auch
der Sohn einer Witwe nahm daran teil. Als er am Morgen in
jämmerlichem Zustande nach Hause kam, gab es einen heftigen
Zusammenstoß zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn verließ das Haus und
kam nicht wieder. Als er am Abend noch nicht zurück war, machte sich
seine Mutter auf, um ihn zu suchen, und fand ihn erhängt im Holze.
Die Nachricht eilte durchs Dorf. Bodelschwingh war aufs tiefste
erschüttert. Er litt mit der unglücklichen Mutter, als wenn er das
Schreckliche an seinem eigenen Kinde erlebt hätte.

Noch stand die Leiche über der Erde, als in der Nähe des
Trauerhauses ein Richtfest mit dem üblichen Lärm und Branntweingenuß
gefeiert wurde. Bodelschwingh hörte den Lärm, nahm seinen Stock,
stürzte, aufs tiefste verwundet, zu der lärmenden Schar und rief:
„Während die Witwe über den Tod ihres Sohnes verzweifelt, seid ihr
hier am Tollen? Ich schlage jeden nieder, der nicht sofort nach
Hause geht.” Die Kinder, die ihren Pastor nie so gesehen hatten,
kletterten, so schnell sie konnten, über die Hecke und suchten das
Weite. Die jungen Burschen drückten sich still davon, nur einer
sagte im Davonschleichen: „Herr Pastor, man lebt doch nur einmal.”
Daran knüpfte Bodelschwingh am nächsten Sonntag an: „Man lebt nur
einmal, aber -- man stirbt auch nur einmal.” Und dann gab es eine
Predigt, die bei vielen den Grund der Seele traf und noch durch
Jahre nachklang.

Im Anschluß an dieses Ereignis führte Bodelschwingh einen Beschluß
des Presbyteriums herbei, wonach jedem Brautpaar die Trauung versagt
wurde, das sich nicht vorher verpflichtete, auf eine Gebehochzeit
zu verzichten. Auch sonst hielt er das Presbyterium an, von seinen
Pflichten und Rechten in bezug auf die Zucht der Gemeinde
nachdrücklich Gebrauch zu machen. Einen notorischen Trinker schloß
das Presbyterium vom Abendmahl aus, und über zwei streitende
Nachbarn, die sich nicht vertragen wollten, wurde derselbe Beschluß
verhängt. Aber nur im äußersten Notfall schritt Bodelschwingh zu
solchen Maßregeln. Er erwartete überhaupt nicht viel von ihnen, wenn
nicht gleichzeitig treue Liebe den also Gemaßregelten zu Hilfe kam.

Da die Beichte am Sonnabendnachmittag stattfand, das Abendmahl aber
erst am folgenden Sonntag, so benutzte Bodelschwingh die
Zwischenzeit, um den einzelnen Abendmahlsgästen nachzugehen. Er sah
sich dann gern nach besonderer Gelegenheit um, damit er die
Betreffenden, auf die er es abgesehen hatte, wie zufällig auf dem
Felde oder bei der Arbeit träfe, um sie nicht vor ihren Hausgenossen
und Nachbarn zu beschämen. So ging er auch einer Frau nach, die in
der Beichte gewesen war und von der er wußte, daß sie in
unversöhntem Streit mit ihrer Nachbarin lebte. Er traf sie draußen
bei der Arbeit. Sie wies ihn schroff ab; sie habe jetzt keine Zeit.
Dann wolle er warten, bis sie Zeit hätte; ob er sich so lange auf
die Bank vor das Haus setzen dürfe. Das konnte sie ihm nicht
abschlagen. Er hielt aus, bis sie ihn anhörte und bis er auch zu der
Feindin gegangen war und die Versöhnung zustande gebracht hatte.

Einmal freilich wurde er bei einem solchen Friedenswege von einem
Trinker zur Tür hinausgewiesen. Er gab, um den Mann nicht zu reizen,
für den Augenblick nach, ging aber nach einer Weile zur Niedertür,
wie man in Dellwig den zweiten Eingang ins Haus nennt, wieder
hinein, um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Er bekämpfte das Böse am liebsten dadurch, daß er so wenig wie
möglich davon sprach und statt dessen das Gute an seine Stelle
setzte. Dabei half ihm seine Frau treulich. Sie begleitete ihn am
Sonntagnachmittag auf die Kindtauffeste, auf denen bis dahin noch so
manche Unsitte herrschte. Oft ging die Pastorin auch allein in die
Häuser, und ihr schlichtes, heiteres und doch so entschlossenes Wort
fand manche gute Stätte. In der Woche aber versammelte sie die
Frauen und Töchter der Gemeinde um einige große Kannen Kaffee und
einige Teller mit Zwiebäcken und nähte mit ihnen zusammen für die
Armen und die Kinder ihrer früheren Pariser Gemeinde.

Als Pastorin der Gemeinde bewährte sie sich besonders während der
Kriegszeiten 1866 und 1870, wo ihr Mann als Feldprediger bei der
Truppe war. In den einsamen und bangen Monaten waren ihr die
regelmäßigen Briefe ihres Mannes, durch die er sie in der Form eines
Tagebuches an allen kleinen und großen Erlebnissen eingehend
teilnehmen ließ, ein tröstlicher Ersatz.[1]

  [1] Siehe die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feldzuge 1870 von
      F. v. B., 1896, Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

In beiden Feldzügen war er den westfälischen Infanterie-Regimentern
Nummer 15 und 55 zugeteilt, zu denen im Jahre 1870 noch das
8. westfälische Husarenregiment hinzukam. Den Wagen, der zu seinem
Dienstaufwand gehörte, benutzte er nie, sondern stellte ihn stets
den Verwundeten, Kranken und Schwachen zur Verfügung. Er selbst war
immer zu Pferde. Es gibt noch eine Zeichnung von der halbgeübten
Hand eines Fünfzehners, die den Feldprediger darstellt, wie er unter
den einschlagenden Granaten den Schützengraben entlang reitet, um
den Kämpfenden Zuspruch zu bringen.

Für Freund und Feind sorgte er während der Feldzüge ohne jeden
Unterschied, wo er nur konnte. Wie mancher einsamen Franzosenfrau,
an deren Nahrungsmitteln sich die hungernden Soldaten schadlos
halten mußten, hat er aufs sorgsamste den Requisitionsschein
ausgestellt! Für das schöne Kloster Peltre, das im Belagerungskampf
vor Metz dem Feinde immer wieder Rückhalt bot und darum in Flammen
aufgehen mußte, sammelte er in seiner Gemeinde Dellwig eine
Kollekte, die dem Wiederaufbau des Klosters zugute kam.

Im Rückblick auf seine Kriegserlebnisse vor Metz schrieb er in sein
Tagebuch aus dem Jahre 1870: „Es ist ein zweifaches Bild, das sich
meinen Augen darstellt. Das erste ist ein schmerzliches. Reichlich
zwei Meilen weit im Umkreise von Metz ist ein Gottesgarten in eine
Wüste verwandelt. Alle Äcker liegen unbestellt, und wo sie nicht
gänzlich zertreten sind, sind sie hoch mit Unkraut bewachsen. Ein
ganzer Gürtel von Dörfern und Schlössern, der zwischen den
kämpfenden Armeen liegt, ist niedergebrannt, alles Vieh ist
geschlachtet oder weggetrieben, alles Futter und Korn ist aufgezehrt
oder in den Lagerstätten verdorben. Die Bäume, auch die schönsten
Obstbäume, namentlich in der Nähe von Metz, sind abgehauen und
verbrannt oder von den verhungernden französischen Pferden ringsum
abgenagt, und statt der fehlenden Weizensaat ist eine andere Saat --
eine große Gräbersaat -- überreich ausgestreut. Und nun erst die
Lazarette mit all ihren Schmerzensbewohnern. Metz selbst ist ein
einziges großes Lazarett und rings ein großer Gürtel von mehr als
dreißig deutschen Lazaretten in den Ortschaften umher.

Dies ist die eine Seite des Bildes. Aber nun die andere Seite! Da
erscheint mir mitten in den verwüsteten Leichenfeldern ein
Gottesgarten, viel schöner als der, den die Kunst der Gärtner und
die Üppigkeit des Bodens und die Wärme der Frühlingssonne
heranreifen läßt. Über all dem Greuel der Verwüstung wölbte sich
Gottes Himmel, und dieser Himmel war uns in jenen Tagen so viel
näher als in Friedenszeiten. Überall auf den Höhen der Berge und in
den Tälern, in Feldern und Wäldern, in Wiesen und Gärten war
allezeit unser Gotteshaus fertig. Dazu hatten wir sozusagen _alle_
Tage Sonntag. Und, was das Schönste war, es gab alle Tage Menschen,
die gern und willig ihre Augen aufhoben zu den Bergen, von denen uns
Hilfe kommt. Es gab, was so viel köstlicher ist als alle Blüten der
Gärten, hie und da aufrichtig bußfertige Herzen, bußfertige Männer
und Jünglinge, die da gelobten, fortan zu suchen, was droben ist,
und nicht, was auf Erden ist.

Ich habe in jenen heißen Augusttagen auf den steinharten
ausgetrockneten Boden nicht nur Blutstropfen, sondern auch Tränen
fallen sehen, die köstlicher und fruchtbarer sind, als aller Tau des
Himmels. Ich weiß, daß mehr wie ein verlorener Sohn gesprochen hat:
„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.” Da ist kaum ein
Plätzchen in jenem breiten Umkreis, wo unsere Truppen gekämpft und
geharrt haben, das nicht von Gebeten und Seufzern und Lobgesängen zu
sagen weiß, die zu Gott emporgesandt worden sind.”

Als der Friede geschlossen war, wurde auf dem Kirchplatz von Dellwig
die Friedenseiche gepflanzt, und die Festversammlung sang nach der
Weise „Erhebt euch von der Erde”:

    Ich höre Glockenklänge,
    Ich sehe Fahnen wehn
    Und mitten im Gedränge
    Den schönen Eichbaum stehn.
    Was hat das zu bedeuten?
    Es ist mir wie ein Traum --
    Das ist ja Friedensläuten!
    Das ist der Friedensbaum!
    Hier stehet die Gemeine,
    Die Eiche pflanzt sie ein,
    Die soll für Groß' und Kleine
    Ein edles Denkmal sein.

Dann zog alles auf die Wilhelmshöhe hinauf. Da gab es Kaffee und
Kuchen und auch manches gute Lied und manches gute Wort. Noch lange
Zeit hindurch hat sich von Mund zu Mund das eine oder andere Lied in
der Gemeinde erhalten, das der Pastor zu solchen frohen, harmlosen
Festfeiern dichtete. Er ritt mit den Kindern Steckenpferd und jagte
mit den jungen Burschen hinter dem Fußball her. Von Anfang aber bis
zum Ende wurde Gott die Ehre gegeben, und alt und jung zog dankbar
nach Haus.

„Überwinde das Böse mit Gutem!” Das war die Regel, durch die
Bodelschwingh auch des Treibens in der Neujahrsnacht Herr wurde. Die
halbwüchsige Jugend des Dorfes sah es als ihr Vorrecht an, in dieser
Nacht vom Kirchturm herunter zu lärmen und bis zum Morgengrauen mit
der Glocke zu kläppen. Mit einer Schar von Jünglingen, die der
Pastor zu einem kleinen Verein gesammelt hatte, stieg er kurz vor
Mitternacht in den Turm hinauf und sang, als die Mitternachtsglocke
schlug, vom Turm herunter: „Wachet auf! ruft uns die Stimme”.
Diesmal schien alles ruhig zu verlaufen. Aber die Störenfriede waren
unbemerkt durch die offen gebliebene Turmtür nachgeschlichen und
hatten sich in der Kirche versteckt, um, sobald die Sänger den Turm
verlassen hatten, zu den Glocken hinaufzusteigen und den gewohnten
Lärm aufs neue zu beginnen. Bodelschwingh aber drang mit einigen
handfesten Burschen abermals in den Turm und nahm die Lärmmacher so
ernst ins Gebet, daß von da ab jede Neujahrsnacht statt unter dem
üblichen Skandal mit den schönen Liedern begonnen werden konnte, die
vom Turm herunter in die stille Gemeinde schallten.

So nahm er überall mit großem Ernst den Kampf gegen das Böse auf.
Ohne Niederlage ging es dabei freilich nicht ab.

Einhundert und einen Soldaten mußte Dellwig 1870 ins Feld ziehen lassen.
Vor dem Auszuge rief Bodelschwingh noch einmal die ganze Gemeinde zur
entschlossenen Umkehr zu Gott und gelobte dann in der gemeinsamen
Abendmahlsfeier mit allen 101 Ausziehenden, nach Sieg und Frieden und
glücklicher Heimkehr Gott die Treue zu halten. Nun war der Krieg
beendet. Der Kriegerverein hatte die Vereine der Nachbargemeinden zu
einem Fest auf die Wilhelmshöhe geladen. Der Pastor sollte die Festrede
halten. Er erinnerte in der Vormittagspredigt an das Gelübde, das man
damals getan hätte, und bat, diesmal von dem sonst üblichen wilden und
ausgelassenen Feste abzustehen, damit nicht von den Dellwigern gelte,
was 5. Mose 32, 5. 6 geschrieben steht: „Diese verkehrte und böse Art
fällt von ihm ab. Sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder. Dankest
du also dem Herrn, deinem Gott, du toll und töricht Volk?”

Bodelschwingh erklärte sich bereit, die Festrede zu halten, wenn er
nicht nur den Anfang, sondern auch den Schluß machen dürfe. Mit
Freuden willigte man ein und versprach, die Feier um zehn Uhr enden
zu lassen. Das Fest begann so schön, wie man es sich nur wünschen
konnte. Aber als der Abend hereinbrach und die älteren Festgäste
anfingen, sich zurückzuziehen, nahm das junge Volk die Zügel in die
Hand. Der wilde ausgelassene Tanz begann. Überall erhitzte Worte und
erhitzte Gesichter. Die für den Schluß verabredete Stunde kam, aber
der Vorstand mühte sich vergeblich, sein Wort einzulösen. So nahm
das Gelage seinen wüsten Fortgang. Beschämt kam bald der eine oder
der andere an Bodelschwingh heran und bat, er möchte jetzt gehen; es
wäre ja doch nichts mehr zu machen. Aber er blieb. Er sah, wie sich
von zwölf Uhr an das Zelt wieder zu füllen begann. Denn nachdem die
Eltern zur Ruhe gegangen waren, stiegen Kinder und Dienstboten
heimlich aus und eilten aufs neue zum Festplatz. Erst als der Morgen
herankam, begann sich die Menge zu zerstreuen, und hinter dem
letzten Mann her verließ auch er das Zelt.

Er hat es nie bereut, ausgehalten zu haben. Denn er hatte bei dieser
Gelegenheit in manche Schäden des Gemeinde- und Familienlebens
tiefer hineingesehen als je vorher. Auch hielt er an der Hoffnung
fest, doch schließlich noch über die verderblichen Ausartungen
derartiger Volksfeste Herr zu werden. Seine Abberufung nach Bethel
hinderte ihn an der Weiterarbeit. Doch blieb es bis zuletzt seine
Überzeugung, daß Landrat, Amtmann und Pastor nur dann an solchen
ländlichen Festen teilnehmen sollten, wenn sie entschlossen seien,
das Fest bis zu Ende mitzumachen. Sonst würde ihr Erscheinen nur gar
zu leicht zu einem Deckmantel für nächtliche Ausschreitungen
schlimmer und schlimmster Art.

Desto fröhlicher wurde auf derselben Wilhelmshöhe das Missionsfest
gefeiert, das Bodelschwingh schon im ersten Jahre, nachdem er nach
Dellwig gekommen war, eingerichtet hatte. Von einem Jahr zum andern
stellten sich immer größere Scharen zu Fuß und zu Wagen von nah und
fern dazu ein, und während bis dahin die Synode Unna nur ein
einziges Missionsfest feierte, hatte bald jede Gemeinde ihr
besonderes Fest. Die gastlichen Dellwiger nahmen schon am Vormittag
die Festbesucher in ihren Häusern auf, um dann den Nachmittag über
oben auf der Wilhelmshöhe sich mit ihnen zu erquicken. Bis in sein
hohes Alter hinein hat Bodelschwingh, so oft er nur konnte, dieses
Missionsfest besucht und manch frohes Wiedersehen mit seinen alten
Gemeindegliedern gefeiert.

Alle freie Zeit aber, die ihm die Gemeindearbeit ließ, widmete er
neben dem „Schifflein Christi”, das über die Pariser Arbeit
berichtete, dem „Westfälischen Hausfreund”, den er ein Jahr nach
seinem Antritt in Dellwig begründete, um jede Woche einmal gesunde
Kost in die Häuser zu tragen als Gegengift gegen die verderblichen
Einflüsse einer gottfremden Presse. An Feinden fehlte es freilich
nicht.

    „Unser Hausfreund Bodelschwingh,
    Der liebe Bruder Kieserling,
    Velsen I und Velsen II,
    Selbst die Philipper sind dabei.

           *       *       *       *       *

    Zur Nieden und Herr Pötter,
    Nehmt alle zwölf ihr: Götter!”

So spottete man wohl auf die zwölf Mitarbeiter des Blattes.

Aber je mehr man spottete, desto mehr kam der Hausfreund unter die
Leute und desto trefflichere Mitarbeiter kamen zu jenen zwölf hinzu,
um Beiträge für das Blatt zu liefern. Der geistreiche Pastor Niemann
in Hamm, hernach Konsistorialrat in Münster, und nach ihm Pastor
Pötter, der spätere Generalsuperintendent von Pommern, lieferten in
ihrer urwüchsigen Weise den politischen Teil; Pastor Philipps hatte
das große weite Reich der Natur und Geschichte zu bearbeiten.
Bodelschwingh selbst schrieb über das Reich der Gnade und die Arbeit
dieses Reiches auf der ganzen Erde, während der ehrwürdige Pastor
von Velsen in Unna, Bodelschwinghs Konfirmator, der der Druckerei am
nächsten wohnte, die Drucklegung besorgte.

Immer gute Speise bot das Blatt, aber nicht immer dieselbe Speise.
Bald begann es mit einem politischen Artikel, bald mit der
Besprechung eines Bibelabschnittes, bald mit einem patriotischen
Lied, bald mit irgend einem andern Stoff. So wurde es auch für
solche schmackhaft gehalten, die für die innerste Richtung des
Hausfreundes noch kein Verständnis hatten. Und mancher wurde auf
solche Weise, kaum daß er es selbst merkte, dem verderblichen
Einfluß der seichten Tagespresse entzogen.

Neben der regelmäßigen Redaktionsarbeit blieb auch andere Arbeit in
der Gemeinde nicht aus. Der Bahnbau Schwerte-Arnsberg machte es
nötig, daß das Pfarrwitwenhaus mit seinen Grundstücken an die
Bahnverwaltung abgetreten wurde, und so entstand aus dem Erlös, den
die Bahnverwaltung zahlte, auf der Höhe über dem Dorf das neue
Pfarrhaus. Bodelschwingh ließ es nicht zu, daß auch nur ein einziger
Backstein dazu gekauft wurde. Vielmehr wurde der für die Kellerräume
ausgeschachtete Lehm unter seiner Anleitung an Ort und Stelle zu
Backsteinen geformt und gebrannt.

Dann kam auch die Kirche an die Reihe. Ihr Inneres sah mit den
aufeinander getürmten Emporen und den engen, halb zerfallenen Bänken
einem Speicherraum ähnlicher als einem Heiligtum. Dazu war auch der
Platz zu klein geworden. Darum ging Bodelschwingh, als der Friede
geschlossen war, von Haus zu Haus, um die Gemeindeglieder zu einem
fröhlichen Dankopfer für den Kirchenbau zu ermuntern. Er trug ein
Buch bei sich, worin er die Namen der 400 selbständigen
Gemeindeglieder verzeichnet hatte. Jeder Name hatte seine eigene
Seite. Darauf trug er die Summe ein, für die der einzelne sich auf
drei Jahre hinaus verpflichtete. Aber keinem sagte er, wieviel der
andere geben wollte. Es war alles auf Freiwilligkeit gestellt.

Es galt, neben dem Chorraum nach rechts und links zwei Flügel
anzubauen. Dazu mußten erst die alten Grabstätten entfernt werden.
Alle Beteiligten gaben ihre Einwilligung dazu. Nur die Familie von
G., die ebenfalls an der Kirchenmauer eine Grabstätte und ein altes
Grabdenkmal hatte, mußte kirchenordnungsgemäß noch befragt werden.
Da kein Mitglied der Familie mehr in der Gemeinde lebte, so erbat
Bodelschwingh durch eine öffentliche Anzeige in der Zeitung die
Erlaubnis zur Verlegung der Grabstätte. Aber statt der Erlaubnis
lief ein flammender Protest eines der Familienmitglieder ein, die
Grabstätte dürfe unter keinen Umständen beseitigt werden. Dennoch
stand am andern Morgen das Denkmal außerhalb des Platzes, der für
den Neubau geräumt werden mußte. Dort steht es noch heute, hart
neben dem äußersten Eckpfeiler des neugebauten Seitenschiffes. Trotz
des Protestes hatte Bodelschwingh es stillschweigend bei Nacht
wegrücken lassen.

Nun konnte es also an die Ausschachtung gehen. Viele alte Gebeine
kamen zum Vorschein. Der Pastor stieg selbst hinunter und fing an,
die Knochen in einen Korb zu lesen. Dann griffen auch die
Konfirmanden mit zu, und ein Korb voll gesammelter Knochen nach dem
andern wurde unter stillem Gebet drüben auf dem neuen Kirchhof, zu
dem der schöne Rundbogen über den Talweg hinüberführte, noch einmal
bestattet.

Ein Steinbruchbesitzer gab seinen Steinbruch frei, alle für den Bau
nötigen Steine daraus zu holen. Die Bergarbeiter aus Billmerich und
andere Hilfskräfte brachen in ihrer freien Zeit und ohne
Entschädigung die Steine. Die Bauern aber schafften mit ihren
Gespannen die Steine herbei. Es war nicht immer leicht, sie zu den
freiwilligen Fuhren zu bewegen, und mancher verschwor sich: „Wenn
heute der Pastor kommt, schlage ich es ihm ab.” Aber wenn er kam und
bat, konnte ihm doch keiner widerstehen.

Noch lange nachher erzählte einer: „Man stand sich immer gut, wenn
man tat, worum Bodelschwingh bat. Nach langer Regenzeit wollte ich
am nächsten Tage, weil sich das Wetter endlich gebessert hatte,
Weizen einfahren, der aber noch recht feucht war. Da kam der Pastor
und bat um meine Pferde. Ich konnte ihm die Bitte nicht abschlagen
und fuhr, weil die Mauerleute an der Kirche sonst keine Arbeit
hatten, zwei Tage Ziegelsteine. Während dieser zwei Tage klärte sich
das Wetter auf, sodaß ich den Weizen schöner einbekam als alle
andern.”

Von zwei verfeindeten Nachbarn hatte der eine einen schönen Haufen
Steine auf seinem Hofplatz liegen. Er schenkte sie dem Pastor zum
Kirchbau. Aber fahren konnte und wollte er sie nicht. Auch litt er
nicht, daß sein Feind, der Nachbar, auf seinen Hofplatz kam, um sie
mit seinem Gespann abzuholen. So spannte Bodelschwingh seine beiden
Ponys an und fuhr die Steine von dem hochgelegenen Hofplatz
herunter. Unten aber standen die Pferde des Gegners und schafften
die Fuhre weiter. Da mußte auch der Feind, der von seinem Hause her
zusah, lachen, und sein Lachen war der Anfang zum Frieden mit seinem
Nachbar. Waren aber die Steine auf dem Kirchplatz, so sprang der
Pastor auf den Wagen und reckte sie selbst auf das Baugerüst empor;
dann griffen wie von selbst auch die andern zu. Auch die Kinder
kamen aus der Schule gelaufen, um mitzuhelfen. So stieg der Kirchbau
in die Höhe. Und wenn Bodelschwingh auch seine Vollendung nicht mehr
an Ort und Stelle erlebte, so findet sich doch im Protokollbuch der
Gemeinde im Jahre 1875 die Notiz: „Die durch den Erweiterungsbau der
Kirche entstandenen Kosten sind nunmehr durch freiwillige Gaben der
Gemeinde gedeckt. Gott sei Dank!”

Zwischen solchen irdischen Aufgaben ging der Strom der stillen
Gemeindearbeit ungehindert weiter. Am stärksten floß er wohl im
Konfirmandenunterricht. Es wurde nicht viel aufgegeben, und der Kopf
wurde nicht überbürdet, desto tiefer aber wurde das Herz angefaßt.
„Das 53. Kapitel im Jesaias erschütterte und erhob das Herz”, schreibt
eine Konfirmandin, „und die Auslegung von Phil. 2, 5-11: ‚Ein
jeglicher sei gesinnet wie Jesus Christus auch war!’ ist mir nie aus
dem Gedächtnis gekommen. Luthers kleiner Katechismus wurde ganz auf
die Schrift zurückgeführt, wie wir denn überhaupt mit der Bibel
vertraut wurden und sie handhaben lernten. Es war ein lebendiger
Austausch zwischen Pastor und Schüler, oft so in die Tiefe führend,
daß Zeit und Stunde darüber vergessen wurden und wir statt zwei
bisweilen fast drei Stunden zu den Füßen unseres geliebten Lehrers
saßen. Zwischenein aber erzählte er unermüdlich von Paris und seinen
Gassenkehrern dort, sodaß uns das Herz brannte, auch einmal an andern
Mitmenschen zu arbeiten.” -- Die Denksprüche der Konfirmanden suchte
der Pastor mit besonderem Eingehen auf das einzelne Kind aus, sodaß er
noch nach Jahren daran anknüpfen konnte, und mit eigener Hand schrieb
er den Spruch auf den Konfirmationsschein.

Den Alten, Kranken und Einsamen der Gemeinde aber galt sein liebster
Weg, und manch friedvolles Sterbebett erquickte ihn neben mancher
Enttäuschung. „Leben, Frieden und heilige Freude” -- so heißt es in
einem Brief -- „erblühte überall, wo unser Pastor eingriff; an den
offenen Gräbern besonders empfand man, als ob ein Strom des Lebens
von ihm ausging.”

Auf den Wegen durch die Gemeinde gab er jedem, der darnach begehrte,
Rat nicht nur in Herzensangelegenheiten, sondern auch in irdischen
Dingen. Er selbst aber ging auch in allen äußern Stücken mit gutem
Beispiel voran, und der heutige Pfarrwald mit seinem kräftigen
Bestande ist ein Zeuge davon, wie trefflich der Pastor das irdische
Gut seiner Gemeinde verwaltete. „Er wußte alles, und er kannte
alles,” sagt man noch heute in Dellwig, „und man tat gut, seinem Rat
auch in irdischen Angelegenheiten zu folgen.”

Über Dellwig lag ein Wiesental, das von einem Bach durchschnitten
wurde. Hier hätte Bodelschwingh gar zu gern eine kleine Talsperre
errichtet, um die darunter gelegenen Wiesen regelmäßig zu berieseln.
Aber diesmal gelang es ihm nicht, die Anlieger, denen die Talsperre
zugute gekommen wäre, unter einen Hut zu bringen. Doch schafften
auch solche rein äußerlichen Bemühungen seiner innersten Arbeit in
der Gemeinde besonderen Nachdruck. Daß er auch im Irdischen alles so
gründlich erfaßte, gab seiner Predigt und Seelsorge doppelte Kraft
und immer tieferes Vertrauen.

Zwischen den Pastoren und Lehrern der Gemeinden, die Dellwig
benachbart waren, schuf Bodelschwingh eine Zusammenkunft, und auf
der Synode war er immer bemüht, den Wagen des kirchlichen Lebens in
eine etwas schnellere Gangart zu bringen und neue Anregung zu geben.
So drückte er bei einer Synodalversammlung seinem Freunde, Pastor
Buschmann, das märkische Gesangbuch in die Hände, das so viele
verunstaltete und verwässerte Lieder enthielt. Buschmann mußte ein
verfälschtes Lied nach dem andern vorlesen, während Bodelschwingh
gegen jeden Vers des bisherigen Liedes den ursprünglichen Vers
setzte und so einen kräftigen Anstoß gab zur Einführung des neuen
Gesangbuches, wie es jetzt die Gemeinden von Rheinland und Westfalen
besitzen.

Aber so reich an Arbeit das Leben in Dellwig auch war, noch reicher
an Leid wurde es. Während Bodelschwingh im Sommer 1866 als
Feldprediger bei der Main-Armee stand, erhielt seine Frau die
Nachricht, daß von ihren vier Brüdern, die bei Königgrätz
mitgefochten hatten, einer gefallen, ein zweiter verwundet war. Und
als auch von diesem zweiten nach vierzehn Tagen die Todesnachricht
kam, da war es doppelter Balsam, als unvermutet der Schritt ihres
Mannes vor der Tür hallte, der, um seine Frau zu trösten, für einen
kurzen Urlaub herübergeeilt war.

1867 starb Pastor Philipps. Immer reicher und lieblicher hatte sich
von Jahr zu Jahr der Verkehr zwischen den beiden Pfarrhäusern
gestaltet. Es gab keine Freude, die nicht miteinander geteilt wurde,
und die Philipps- und Bodelschwinghs-Kinder hatten in beiden Häusern
und den zugehörigen Gärten ihr gemeinsames Kinderparadies. Auch
mancher gemeinsame Spaziergang wurde unternommen, wobei
Bodelschwingh mit einer Schäferschüppe den Kindern Blumen ausgrub,
damit sie sie in ihre kleinen Gärten pflanzten. Noch manchmal saßen
die beiden Freunde nebeneinander und erquickten sich gegenseitig im
Vorblick auf das unvergängliche Reich, bis der Tod kam und die
Kinder der beiden Pfarrhäuser in kindlicher Harmlosigkeit um die
blumengeschmückte Leiche des Pastors Philipps spielten.

Auf dies friedvolle Sterben aber folgte der erbitterte Wahlkampf um
den Nachfolger. Seit alter Zeit bestanden zwei Parteien in der
Gemeinde, und jedesmal bei einer Pfarrwahl entbrannte der
Parteikampf von neuem. Dieses Mal steigerte er sich zu ungeahnter
Heftigkeit. Jede Partei stellte einen trefflichen Mann auf, sodaß es
eigentlich ein leichtes hätte sein müssen, sich auf einen der beiden
zu einigen. Aber das duldete die Parteiehre nicht. Man ging so weit,
daß ein Jude gedungen und mit Geldmitteln versehen wurde, der in der
Stille unter den Mitgliedern der Kirchenvertretung für den einen und
gegen den andern Kandidaten arbeiten mußte.

Als der Wahltag kam, war die Erregung der Gemeinde schon bis aufs
höchste gestiegen. Nicht nur die kirchlichen Vertreter, sondern auch
ein großer Teil der Gemeindeglieder versammelten sich in der Kirche,
wo der Superintendent die Wahl leitete. Unter lautloser Spannung
wurden die Wahlzettel gezählt. Es ergab sich Stimmengleichheit: 15
gegen 15. So mußte gelost werden, und das Töchterchen von Pastor
Philipps griff in den Hut und zog den Namen „Lange”. Da ging ein
Tumult in der Kirche los. Anhänger beider Parteien stürzten auf den
Turm. Die Unterlegenen schlugen die Feuerglocke, die andern die
Totenglocke. Etliche drehten ihre Jacken um und zogen durchs Dorf
und bis ans äußerste Ende der Gemeinde zum Ärger für die, die
gleichsam ihre Jacken gewendet hatten, indem sie bei der Wahl
umgefallen waren und einem andern ihre Stimme gaben, als sie
ursprünglich zugesagt hatten.

Bodelschwingh aber, der sich der Stimme enthielt, hatte gerade so
die Niederlage der einen Partei bewirkt. Darum wandte sich die Wut
der Unterlegenen auch gegen ihn. Am Abend des Wahltages flogen ihm
durchs Fenster Steine ins Haus, sodaß der Topf auf dem Herde
zersprang und die Suppe in das Feuer floß. Denjenigen aber, von
denen man mit Bestimmtheit annahm, daß sie sich durch Geld hätten
bestechen lassen, wurden noch denselben Abend als Anspielung auf die
dreißig Silberlinge des Judas dreißig Scherben vor das Fenster
gezählt. Einer, dem man die Hauptschuld gab, wurde sogar von einem
gedungenen Bösewicht durch Monate und Jahre verfolgt und verleumdet,
sodaß man die Schuld an seinem Tode dem inneren Gram zuschrieb, der
ihn frühzeitig ins Grab geführt hatte.

Dann wurde Protest gegen die Wahl eingelegt, sodaß die Entscheidung
ein ganzes Jahr hingehalten wurde und Bodelschwingh die Last der
Gemeindearbeit weiter allein tragen mußte. Ein halbes Jahr lang half
ihm der Hilfsprediger Stürmer, von dem später noch die Rede sein
wird, gegen ein Entgelt von fünfzig Talern, bis endlich Pastor Lange
bestätigt wurde. Langes milde, treue Art ließ ihm bald alle Herzen
zufallen, zumal ja überhaupt nicht eigentlich um seine Person,
sondern nur um die Parteiehre gekämpft worden war.

Kaum aber hatten sich die wildesten Wogen des Wahlkampfes gelegt, so
brach die dunkelste Zeit über das Pfarrhaus in Dellwig herein. Im
Frühjahr 1868 war die heißgeliebte jüngste Schwester Bodelschwinghs,
Frau von Oven, ihren fünf kleinen Söhnen entrissen worden. Aber
dieser Schmerz war nur das Vorspiel zu noch größerem Leid. Darüber
heißt es in dem von Bodelschwingh niedergeschriebenen Bericht „Von
dem Leben und Sterben vier seliger Kinder”:[1]

  [1] Der ungekürzte Bericht ist unter obigem Titel erschienen in der
      Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

„Das Weihnachtsfest nahte heran. Fröhlicher, erwartungsvoller als je
bisher hatten sich unsere Kleinen auf das frohe Kinderfest bereitet.
Wie freudig erklangen seit Wochen von ihren Lippen die Lobgesänge
dem Christuskinde entgegen! Selbst unser kleinster Sohn, der gerade
in dem lieblichen Alter stand, wo er seine ersten Lauf- und
Sprechversuche machte, konnte schon, wenn auch ohne Worte, in den
kindlichen Jubel einstimmen.

Welche Freudenstunde, die uns noch einmal mit diesen lieben Kindern
hienieden geschenkt wurde! Nur unser sonst so besonders fröhliches
Ernstchen war am Weihnachtsfest schon viel stiller als die andern
Kinder. Er hatte seit einiger Zeit einen bösen Husten, der ihn an
das Haus fesselte. Sein letzter Ausgang war ein Liebesgang gewesen.
Die Mutter hatte ihm und Elisabethchen die Geschichte von den beiden
Kindern, die den Himmel suchen, vorgelesen, sie hatten mit
leuchtenden Augen zugehört und sich darauf beide -- es waren etwa
zwei Tage vor Weihnachten -- allein aufgemacht, um einem schwer
kranken lieben Kinde in der Nachbarschaft, das sich auf den Heimgang
zum Himmel rüstete, dies Büchlein als Weihnachtsgeschenk zu bringen.
Überglücklich kehrten sie von diesem ihrem letzten Wege heim.
Ernstchens Husten stellte sich bald als Stickhusten heraus, und zwar
von sehr bösartiger Natur. Er fühlte sich binnen weniger Tage so
schwach, daß er ganz das Bett hüten mußte. Er zeigte auch von
vornherein einen wehmütigen Ernst. Von Spielsachen wollte er nichts
mehr wissen, dagegen verlangte er immer wieder, daß man ihm vorlesen
möchte, wobei ihm die ernstesten Geschichten die liebsten waren.
Ebenso bat er sich immer aufs neue aus, daß die Morgenandacht an
seinem Bett gehalten werden sollte, und es war wehmütig anzuhören,
wie das Vaterunser, das von den drei ältesten Kindern gemeinsam
gebetet wurde, von ihm und gar bald auch von den andern beiden nur
noch mühsam mit zitternder Stimme gesprochen werden konnte, ja, wie
ein Stimmchen nach dem andern in der wachsenden Atemnot verstummte.

Der Arzt stellte fest, daß bei Ernst eine Lungenentzündung hinzugetreten
und sein Zustand recht bedenklich sei. Die drei jüngeren Kinder waren
inzwischen ebenfalls erkrankt, auch ihr fröhlicher Jubel verstummte
schnell, und es zeigte sich, daß bei ihnen der Stickhusten denselben
bösartigen Charakter annehme, indem heftige Fieber hinzutraten und die
Lungen angegriffen wurden. Während aber unser armer Ernst sehr große und
lang anhaltende Schmerzen vor den Hustenanfällen zu leiden hatte, unter
denen er allmählich zu einem rechten Leidensbilde zusammenschwand, so
war es den andern drei Kindern, wenigstens Elisabeth und Friedrich,
geschenkt, ohne besondere Schmerzen ihrer Todesstunde entgegenzugehen.

Unser lieber kleiner Friedrich, der mit seinem treuherzigen Wesen
und mit seinen tiefdunklen, fast schwermütigen Augen sich aller
Herzen stahl und der mit der ihm eigenen großen Entschiedenheit sich
längst entschlossen hatte, er wolle Pastor werden, um Papa zu
helfen, machte den Vorgang unter der heimziehenden Schar. Ich werde
es nie vergessen, mit welch treuen Augen er in seinen gesunden Tagen
an des Vaters Lippen hing, um als der erste bei der Morgenandacht
mit kräftiger Stimme sein „Vater unser” anzustimmen. Als seine
Mutter im Spätherbste leidend war und eine Zeitlang nicht zur
Morgenandacht kommen konnte, da bat er sich immer ein Lied aus: „Für
die liebe Mama!” oder, was ihm auch besonders am Herzen lag: „Ein
Lied für die armen Heidenkinderchen.” Sein Lieblingsvers in seiner
letzten Zeit, den er öfter laut für sich hersagte, war der letzte
Vers aus: Wachet auf, ruft uns die Stimme: „Gloria sei dir gesungen
-- Mit Menschen- und mit Engelszungen, -- Mit Harfen und mit Zimbeln
schön! -- Von zwölf Perlen sind die Tore -- An deiner Stadt, wir
steh'n im Chore -- Der Engel hoch um deinen Thron. -- Kein Aug' hat
je gespürt, -- Kein Ohr hat je gehört -- Solche Freude. -- Drum
jauchzen wir -- Und singen dir -- Das Halleluja für und für.” Nun
durfte er als der erste sein himmlisches Gloria anstimmen und in die
Perlentore einziehen.

Gar bescheiden und still ging das liebe Kind in seinen Tod. „Ein
Schlückchen Wasser,” das war fast seine einzige Bitte, die er in den
letzten drei Tagen vorbrachte; freilich zuletzt fast jede Minute,
denn sein Durst war sehr groß. Er behielt seine Besinnung bis ans
Ende. Wie versuchte die Mutter, ihm noch die erkalteten Händchen und
Füßchen zu erwärmen, in der Hoffnung, es sei nur ein Krampf -- eine
Krisis. Wir beide waren allein an seinem Bettchen. Plötzlich hebt er
seine Augen auf gen Himmel, sie werden leuchtend, wirklich himmlisch
schön. „Was siehst du, Friedemännchen?” fragt die Mutter. Keine
Antwort. Da brechen die Augen, und wir nehmen schon Abschied. Doch
nein, noch einmal schlägt er sie freundlich hell auf und bittet:
„Mama, Schoß!” Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, und die Tränen
fließen ihr über die Wangen. Das sieht doch der Kleine noch, hebt
sein Händchen auf, wie er so oft getan, die Tränen abzuwischen. Es
ist sein letzter Liebesdienst. Das kleine Haupt fällt vornüber, und
noch keine Viertelminute ist vergangen, da sind die letzten schweren
Atemzüge getan. Es war um elf Uhr nachts am 12. Januar.

Die Heimat, in die der kleine Pilgrim gezogen, war mit ihrem Frieden
auch uns nicht fern. Ich faltete ihm die lieben kleinen Hände, und
die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihm die letzten Liebesdienste
zu erweisen und ihm selbst das Sterbehemdchen anzuziehen. Dann
versammelten wir neben der lieben Leiche unser Haus, und Psalm 126:
„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” machte die
mitternächtliche Tränenstunde zu einer Gnadenstunde, in der wir
schon etwas von der Freudenernte vorausnehmen durften.

Auch der erste Gang zum Grabe mit dem ersten geliebten Kinde wurde uns
Eltern über Bitten und Verstehen erleichtert, nachdem uns Bruder Stürmer
an dem offenen Sarge, worin die überaus liebliche Hülle, ganz wie ein
schlafendes Kind, in grünen Kränzen ruhte, das Wort Offenbarung
Joh. 7, 15-17 zum Pilgerstab gereicht hatte: „Darum sind sie vor dem
Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf
dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern
oder dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend
eine Hitze. Denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und sie leiten
zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von
ihren Augen.” So wurde es uns geschenkt, auch in Hiobs Worte
einzustimmen, die uns Pastor Philipps aus Opherdecke am Grabe auslegte:
„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei
gelobt.”

Ebenso lieblich war Elisabethchens Heimgang. Diese liebe einzige
fünfjährige Tochter, ein Bild strahlender Freude und Gesundheit,
hatte ein gar zärtliches, sorgsames, williges Gemüt. Der Mutter an
den Augen hängend, suchte sie ihr bereits mit tausend kleinen
Liebesdiensten an die Hand zu gehen in unermüdlicher Geschäftigkeit.
Rührend, ja erbaulich war die Freundlichkeit und Herzensstille des
lieben Kindes bis zu ihrer Todesstunde. Kein Klageton kam über ihre
Lippen. Wenn es ihr in ihrer Atemnot schwer wurde, so redete sie
sich selbst zu: „So, so, nun ist's gut.” Als in den letzten Tagen
ihr Stimmchen zu einem kaum hörbaren Lispeln zusammengebrochen war,
lag sie dennoch mit demselben freundlichen Gesichte da und
versicherte, so oft man sie fragte, wie es ihr gehe: „Gut!” Ja, als
sie nicht mehr sprechen konnte, nickte sie dem Fragenden diese
Antwort noch zu.

Es war in der Nacht vom 19. zum 20., daß ich, an Ernstchens Bette
wachend, meine Frau rufen ließ, weil ich glaubte, sein Todeskampf
sei angebrochen, wie es der Arzt bei jedem schweren Hustenanfall
erwartete. Statt seiner fährt plötzlich Elisabethchen aus einem
leichten Schlummer, dem ersten seit drei Tagen, auf, versucht zu
husten, es gelingt nicht mehr, und augenblicklich bricht sie
zusammen, die Augen richten sich hellleuchtend himmelwärts, und der
Todeskampf ist da. In diesem Zustand, mitunter leise schlummernd,
aber mit glänzendem Angesicht, die Augen voll Klarheit der
zukünftigen Welt unverwandt gen Himmel gerichtet, aber für diese
Welt ganz abgestorben, blieb sie bis fünf Uhr morgens, wo sie auf
des Vaters Schoß die letzten bangen Atemzüge aushauchte. Wir taten
ihr, wie bei unserm lieben Friedrich, die letzten Liebesdienste und
erquickten uns in der Morgenandacht an ihrem Bettchen mit dem
Evangelium von Jubilate, Joh. 16, 16: „Über ein kleines.” Schöner,
als sie je im Leben gewesen, und wie plötzlich gereift zu einer
Jungfrau, als eine rechte Braut Christi, lag die liebe Tochter in
ihrem Todesschrein --, und der zweite Weg zum Friedhofe wurde uns in
gleicher Weise durch das verborgene Manna, das im göttlichen Worte
liegt, auf unbegreifliche Weise versüßt: Ps. 23; Jes. 40, 11; Joh.
10 am Sarge und 1. Kor. 10, 13 am offenen Grabe. -- O ja, ein treuer
Gott, dessen Verheißungen nicht Ja und Nein, sondern lauter Ja in
ihm und lauter Amen sind.

Eines besonderen Zwischenfalls muß ich hier Erwähnung tun. Wir
hatten einen sehr treuen und gewissenhaften Arzt, =Dr.= K., der auch
darin seine Gewissenhaftigkeit zeigte, daß er uns die Todesgefahr
der Kinder nicht verheimlichte. Er hatte unser Ernstchen besonders
in sein Herz geschlossen und hörte gerne seinen kindlichen Reden zu.
Nun kam er einmal, da er allein an Ernstchens Bette gesessen, zu uns
in die andere Krankenstube und teilte uns mit sichtlicher Bewegung
mit, Ernst habe ihm erklärt: „Du kannst mir mit deiner Medizin doch
nicht helfen, der liebe Gott muß mir helfen.” Nicht über Ernstchens
freimütiges Wort wunderte ich mich, sondern über das Bekenntnis des
Arztes und noch mehr darüber, daß er in den folgenden Tagen das Wort
des Kleinen, wie ich nachher erfuhr, an einer ganzen Anzahl von
Krankenbetten wiederholt hatte, um das Vertrauen der Kranken von
sich auf den lebendigen Gott abzuleiten. Bei der großen
Verschlossenheit, die sonst =Dr.= K. im Gespräch über göttliche
Dinge zeigte, und bei der Neigung zum Selbstvertrauen, das wegen
seiner großen Tüchtigkeit und Tatkraft bei ihm verzeihlich war,
mußte uns dies Benehmen sehr auffallen. Er hatte, als ich ihn vor
Elisabethchens Leiche führte, Tränen im Auge und ließ sich mit
sichtlicher Rührung Ernstchens mannigfache liebliche Äußerungen über
den Tod und die selige Ewigkeit mitteilen. Es war sein letzter
Besuch. Als er sich am andern Morgen von seiner Wohnung wieder auf
den Weg zu seinen Kranken machte, vernimmt plötzlich sein Kutscher
das Klirren des Wagenfensters. =Dr.= K.'s Haupt hängt aus der
Fensteröffnung heraus. Er ist eine Leiche. Der Schlag hat ihn
gerührt, vermutlich, während er das Fenster zu öffnen versuchte.
Hatten vielleicht unseres heimziehenden Kindlein nach Gottes Rat
dazu dienen dürfen, daß dem im Irdischen so treuen Mann noch ein
Morgenglanz der Ewigkeit seine letzten Lebenstage erleuchtete?

An der Morgenröte, die er von seinem Bette aus sehen konnte, hatte
unser Ernstchen immer eine besondere Freude gehabt und gar oft sich
aufgerichtet, um ihren schönen Glanz zu bewundern, hatte auch über
ihr Wesen und ihre Natur viele Fragen getan. Auch auf seinem
Sterbebette kam ein Freudenstrahl über ihn, wenn die Morgenröte nach
einer bangen Schmerzensnacht auf sein bleiches Angesicht fiel. Und
wie anders verstanden wir jetzt unser Morgenlied, das wir auf seine
Bitte einige Male an seinem Bette anstimmten: „Morgenglanz der
Ewigkeit, -- Licht vom unerschöpften Lichte, -- Schick' uns diese
Morgenzeit -- Deine Strahlen zu Gesichte -- Und vertreib' durch
deine Macht -- Unsre Nacht! -- -- Leucht' uns selbst in jene Welt,
-- Du verklärte Gnadensonne, -- Führ' uns durch das Tränenfeld -- In
das Land der süßen Wonne, -- Da die Luft, die uns erhöht, -- Nie
vergeht!”

Unterschiedlich waren bei gleicher innerer Herzensstellung und
gleichem Frieden doch die Äußerungen der Kinder über ihre Trennung
von uns und über ihren Heimgang. Der kleine Friedrich, der Mutter
besonderes Trostkind aus der für sie so schweren einsamen Zeit des
Kriegsjahres 1866, in dessen Anfang er geboren war, hatte sich denn
auch besonders fest an die Mutter geklammert, und sein einziger
Wunsch blieb: „Bei Mama bleiben.” Elisabeth hatte durchaus nichts
gegen das Sterben, das ihr ja ein gewisser Eingang zum Himmel war.
Aber Mama und Papa, die Geschwister und noch viele andere Lieben
sollten auch gleich mit. Ernst machte diese Bedingung nicht. Es war
merkwürdig, daß dies lebensfrische Kind, das mit so natürlichem,
lebendigem Interesse auch an den Dingen dieser Welt und mit so
überaus inniger Liebe an Vater und Mutter hing, sich von vornherein
bei der ihm vorgelegten Frage, ob er lieber bleiben oder in den
Himmel gehen wollte, für den zweiten Weg entschied, und man konnte
gewiß sein, daß er wußte, was er sagte. Freilich, als ich ihm die
Geschichte von Gethsemane und des Heilandes dreifaches Gebet: „Nicht
wie ich will, sondern wie du willst” vorgelegt hatte, antwortete er
in der Folge bei ähnlichen Fragen mit Magdalenchen Luther: „Wie der
liebe Gott will.” Indessen behauptete doch der paulinische Wunsch:
„Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir
auch viel besser wäre” das Übergewicht in seinem Herzen. Am Abend
vor des kleinen Friedrichs Tode erklärte er unaufgefordert aufs
bestimmteste: „Wenn Friedemännchen diese Nacht stirbt, werde ich
doch nicht traurig sein, er hat es ja dann viel besser.”

Ganz in diesem Geiste und mit der Wiederholung dieser Erklärung
nahm er dann auch die Todesnachricht hin. Und als ich in der
Todesnacht unserer lieben Elisabeth mich einmal mit der sterbenden
Tochter auf dem Schoß neben ihn gesetzt hatte, sodaß er selbst in
das verklärte schöne Antlitz seines Schwesterchens sehen konnte, da
erweckte in ihm ihr Scheiden keine Traurigkeit. Nur als er Tränen in
den Augen seiner Mutter sah, da füllten sich seine Augen auch mit
Tränen, denn er konnte die Mutter nie gut weinen sehen. Aber mit
einer Art von heiligem Unwillen strafte er sie: „Was weinst du denn,
Mama? Du weißt es ja doch, daß es Lisabethchen viel besser bekommt.”

Er und Elisabeth hatten sich ausgebeten, ihres kleinen Bruders
Friedrich Leiche noch einmal zu sehen. Als der offene Sarg
hereingebracht wurde, richteten sie sich mühsam in ihren Bettchen
auf, sahen still in das freundliche bleiche Antlitz und sagten dann
nur: „Adieu, Friedemännchen;” aber Traurigkeit bemerkte man nicht.

Als aber nun auch Elisabeth abgerufen war und ihre Leiche vor dem
Wege zum Grabe aufs Ernsts Verlangen noch an sein Bettchen getragen
wurde und er ihr, selbst zum Tode matt, das letzte Lebewohl gesagt
hatte, da wurde sein Heimweh immer größer. Zwar willigte er wohl
noch ein, daß er bleiben wollte, wenn die Mutter ihm vorstellte, daß
der Vater doch an ihm einen Gehilfen haben müßte, wenn er alt würde,
und daß der kleine Karl ja doch sonst ganz allein spielen müßte. Als
aber nun vollends am nächsten Sonntagabend auch unser kleiner Karl,
der mit rührender Stille seit vierzehn Tagen gekämpft hatte, ohne
einen Klageton von sich zu geben, sein freundliches kleines Haupt in
den Tod neigte und ich mir von Ernstchen, der mich in den letzten
Tagen nur ungern von seinem Bette ließ, Urlaub ausbat, bis Karlchen
im Himmel sei, da rief er mit lauter Stimme und mit dem Ausdruck
tiefer Sehnsucht: „Ich will auch mit, Papa!” „Wohin denn?” „Zu
Friedemännchen und Elisabeth,” lautete die Antwort. Von da ab klang
in mir aus der Seele des heimziehenden Sohnes das Wort Eliesers
durch und behielt die Oberhand über alles natürliche Wünschen:
„Haltet mich nicht auf, der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben,”
und sein „viel besser” daheim sein bei dem Herrn, das er wiederholt
mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wurde auch im eigenen
Herzen der überwiegende Wunsch für den geliebten Sohn.

Es ist ja freilich in gewissem Sinne richtig, was ein treuer Freund
uns kürzlich aus Paris schrieb, daß der Herr die Kindlein krönt, ehe
sie gestritten, insofern als der Kampf des Fleisches und des Geistes
noch nicht zum rechten klaren Bewußtsein gekommen ist. Aber ohne
Kampf geht es auch bei den Kleinen vor dem Sieg nicht ab.

Bei Friedrich und Elisabeth war der Streit zwischen Fleisch und
Geist in ihren gesunden Tagen doch schon sehr deutlich erkennbar,
und es hat ihnen manchen harten Strauß gekostet, Eigensinn und
Selbstsucht niederzukämpfen. Es war uns aber eine Freude zu
bemerken, daß gerade in den letzten Monaten solcher Kampf auch ohne
Strafe meist schnell und siegreich ausgekämpft wurde, wozu doch der
Geist der Gnade nötig ist.

Ernst aber vornehmlich hatte sein eigenes böses Herz recht viel zu
schaffen gemacht, und es war bei ihm auch bereits zum Bewußtsein
gekommen, was Sünde und was Gnade sei. Er kannte seine natürliche
Selbstsucht wohl, und es war rührend zu sehen, wie er auf seinem
Sterbebette in den letzten Tagen nichts wollte für sich aufgehoben
haben, sondern auch die schönsten Sachen immer gleich zum
Verschenken bestimmte und selbst sich eine besondere Freude daraus
machte, das aufgehobene Zuckerwerk, Bücher, Bilder und andere
Spielsachen auszuteilen. Es war uns aber doch auch dies tröstlich,
daß der kleine Streiter seinen Weg zum Vaterhause nicht auf seine
Gerechtigkeit hin wagen wollte. Als jemand äußerte, Friedrich sei
immer so lieb gewesen und darum in den Himmel gekommen, da brachte
dies Wort einen Mißton in ihm hervor, und er erinnerte daran, der
kleine Bruder sei doch auch sehr eigensinnig gewesen. Von ganzem
Herzen stimmte er ein, und ich sah, wie es ihn beruhigte, als ich zu
ihm sagte: „Du weißt ja wohl, warum wir in den Himmel kommen,
nämlich, weil der Heiland für uns gestorben ist und uns unsere
Sünden vergeben hat.” Da nickte er mit tiefem Einverständnis. Jeden
Sonntag lernte er bei seiner Mutter aus seiner Bibel einen
Wochenspruch. Als -- vor Weihnachten -- Psalm 103, 1-3 an der Reihe
war und die Mutter ihn fragte: „Was hat der Herr denn dir Gutes
getan?”, da antwortete er ohne Besinnen: „Daß er für mich gestorben
ist.” „Und was weiter, mein Sohn?” „Daß er mir alle meine Sünden
vergeben hat.” So hatte er sich denn nach eigener Wahl unter seinen
vielen Gebeten, die er auswendig konnte, für die letzte Zeit ganz
feststehend das Gebetlein ausgewählt: „Christi Blut und
Gerechtigkeit, -- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, -- Damit will
ich vor Gott besteh'n, -- Wenn ich zum Himmel werd' eingeh'n.” Nur
ein einziges Mal, etwa acht Tage vor seinem Tode, hat er noch
versucht, sein Lieblingsgebet, den 23. Psalm, zu beten, und hat es
unter großer Anstrengung zu Ende gebracht. Von da ab blieb er aber
bei dem erwähnten Sterbeseufzer, den er auch noch am letzten Abend
vor seinem Todestage gebetet hat.

Eine eigentümliche sinnige Bitte hatte er noch kurz vor seinem
Sterben. Da unser Pfarrhaus durch den Bahnbau neu aufgebaut werden
mußte, so war bereits auf dem Hügel hinter der Kirche ein neuer
Brunnen gegraben worden, aus dem bis dahin noch nie ein Mensch
getrunken hatte. Mehrmals war Ernst selbst hinaufgewandert und hatte
dem Brunnengraben zugesehen. Jetzt kam ihm plötzlich der sehnliche
Wunsch, er möchte einen Trunk „frischen Wassers aus dem neuen
Brunnen” haben. Und siehe, es war wirklich gar köstliches gutes
Wasser, und es blieb „das frische Wasser aus dem neuen Brunnen”
seine beste irdische Erquickung bis in den Tod. Anknüpfend an den
guten irdischen Lebensquell konnte ich ihm von dem lauteren Strom
des lebendigen Wassers erzählen, der klar wie Kristall im neuen
Jerusalem unter Gottes Thron hervorquillt. Wie leuchteten da noch
einmal seine schon matten Augen, und wie freute er sich auf die
Stunde, da er auf den grünen Auen an den Ufern dieses kristallenen
Stromes unter den Augen des guten Hirten mit seinen geliebten
Geschwistern würde spielen dürfen!

Und die ersehnte Stunde kam ja auch endlich für ihn, den allein
übriggebliebenen kleinen Leidträger. Die großen Schmerzen hatten ihn
in den letzten drei Tagen verlassen, und er konnte mitunter
stundenlang stille schlummern. Nur einigemal noch faltete er am
letzten Tage stille seine Hände, doch so, daß es seine Eltern nicht
sahen, und betete: „Ach, lieber Gott, hilf mir doch!” Gegen vier Uhr
am Montagnachmittag hatte ich ihn auf seine Bitte in ein ganz neues
Bettchen gelegt, das die Großmutter ihm zu Weihnachten geschenkt
hatte, das aber jetzt eben erst eingetroffen war. Das neue Bettchen
war, wie das Wasser aus dem neuen Brunnen, ihm ein besonderer
Gegenstand der Sehnsucht gewesen. Allein auch das neue Bett konnte
ihm die Ruhe nicht geben, nach der er sich sehnte.

Die glückliche Stunde war da, wo er in seines Hirten Arm und Schoß
gebettet werden sollte. Vater und Mutter waren noch einmal neben ihm
niedergekniet und hatten das Schmerzenskind und sich dazu in die
guten Hände gelegt, in denen man allein ewig wohl gebettet ist. Als
er mich darauf in der Atemnot etwas bange ansah, sprach ich zu ihm:
„Fürchte dich nicht, mein Sohn, der Herr hat dich erlöst, er hat
dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein.” Darauf schlummerte er
ganz leise und ruhig ein, und während ich hinunterging, ihm aus dem
Teich frische Eisstückchen zu holen, um sein Trinkwasser damit zu
kühlen, und die Mutter allein bei ihm war, fuhr er plötzlich mit dem
gleichen Husten, der Elisabethchens Todesstunde ankündigte, aus dem
Schlafe auf, -- er konnte nicht mehr aushusten, und seine Sinne
waren sofort hinweggerückt. Er erkannte mich nicht mehr, seine
großen, hellen Augen schauten leuchtend, so schien es uns, in eine
andere Welt hinein, und sein in langen Leiden abgemagertes Antlitz
wurde wiederholt während dieses letzten Kampfes ebenso schön und
glänzend, wie das der andern sterbenden Kinder. Ich hatte die
Hoffnung, daß er nun bereits nichts mehr vom Todeskelch zu schmecken
hatte und daß die Stunde schon da war, von der Paul Gerhardt in
seinem schönen Liede über seinen heimgegangenen Sohn singt: „Ach,
sollt' ich doch von ferne stehn -- Und nur ein wenig hören, -- Wenn
deine Sinne sich erhöhn -- Und Gottes Namen ehren, -- Der heilig,
heilig, heilig ist, -- Durch den du auch geheiligt bist, -- Ich
weiß, ich würde müssen -- Vor Freuden Tränen gießen.”

Es war uns so, als ob seine Sinne schon erhöht seien, als ob seine
Augen herrlichere Dinge sähen, seine Ohren lieblichere Klänge
vernähmen, als diese Welt sie bieten kann.

Wir legten abwechselnd das Haupt auf das Kissen des sterbenden Kindes,
während ein lieber Hausgenosse uns mit kurzen Unterbrechungen die
schönsten Lieder aus dem Gesangbuch und die köstlichsten Trostworte aus
der Heiligen Schrift vorlas, z. B.: Röm. 5-8; Joh. 17; 2. Kor. 4, 17 bis
6, 10. Ich kann es nicht aussprechen, wie sehr uns die letzten bangen
Stunden durch die wunderbare Kraft des Wortes Gottes abgekürzt und
erleichtert wurden. Er hatte gerade Offenb. Joh. 7 zu Ende gelesen: „Sie
wird nicht mehr hungern noch dürsten” und wollte eben Offenb. Joh. 21,
vom himmlischen Jerusalem, beginnen -- da war's vollbracht, und wir
durften dem letzten geliebten Kinde die brechenden Augen zudrücken. Es
war elf Uhr nachts am 25. Januar.

Drei Tage darnach standen zwei Särge nebeneinander an der Stelle, wo
die beiden ersten gestanden hatten, mitten im Winter über und über
mit grünen Kränzen behangen, aus der Ferne und Nähe von liebenden
Händen gespendet. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, -- Wollt' Gott,
ich wär' in dir! -- Mein sehnend Herz so groß' Verlangen hat -- Und
ist nicht mehr bei mir!” -- wurde angestimmt und klang uns tiefer
aus dem Herzen als wohl je bisher. Und: „Selig sind, die nicht sehen
und doch glauben,” dies von Pastor von Velsen mit wärmster Liebe uns
ins Herz geworfene Wort mußte fester als je von uns ergriffen und zu
dem letzten Wege zum Friedhofe mit den beiden letzten Kindern
festgehalten werden.

Der kleine Karl, an dem Ernstchen mit besonders zärtlicher Liebe
gehangen, durfte nun noch im Grabe neben ihm ruhen, sein kleiner
Sarg wurde dicht an den Ernstchens gerückt. Da liegt nun die liebe
Schar auf dem schönen Friedhof zu Dellwig, dicht neben dem Grabe
meines treuen Kollegen, den wir hier auch zwischen drei seiner
Kleinen gebettet, und wartet der fröhlichen Stunde der Auferstehung,
Ernst und Elisabeth in der Mitte, Friedrich an Elisabeths, Karl an
Ernstchens Seite.

„Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn
hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und der
Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding, daß
ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen
Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte. Denn der Herr
verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich
wieder nach seiner großen Güte.” Klagel. Jer. 3. Mit diesem
köstlichen Wort half uns der liebe Pastor Philipps von den teuren
Gräbern in unser nun vereinsamtes Haus zurückkehren.”

Damit schließt der Bericht des Vaters. Der Mutter fingen seit der
Zeit die Haare an auszufallen, und noch nach einem Jahre zitterte
ihre Hand beim Schreiben. Oft stand sie schluchzend an den Gräbern,
und ihren Mann sah man eines Tages mit einem Brett und vier Pfählen
zum Kirchhof gehen, um an der stillen Stelle, wo die vier Gräber
lagen, eine kleine Bank zu machen, damit er dort mit der Mutter
zugleich nachdenken könne, was Gott ihnen durch solches Leid sagen
wollte. Die geheimnisvolle Tiefe ihres Schmerzes ließ sie neue,
ungeahnte Blicke tun in die Geheimnisse Gottes. „Damals,” so sagte
Bodelschwingh später einem trauernden Vater, „als unsere vier Kinder
gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein
kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.”

Nicht nur als eine Heimsuchung, sondern als ein Gericht empfanden
beide Eltern den Schlag, der auf sie gefallen war. Und weil sie sich
so tief demütigen konnten, konnte Gott sie auch erhöhen. Darum
wurden die letzten Jahre in Dellwig die schönsten. Und als die
tiefste Erfahrung, nicht nur aus den schmerzlichen Niederlagen, die
ihnen das harte Märker Herz bereitete, sondern vor allem aus diesem
Sterben ihrer heißgeliebten Kinder nahmen beide die Gewißheit in ihr
ferneres Leben hinein: „Wenn du mich demütigst, machst du mich
groß.”

Vier Monate später mußte Bodelschwingh auch seiner geliebten
76 jährigen Mutter den Todesschweiß von der Stirn wischen. In
zunehmender körperlicher Schwäche, aber auch in zunehmender
Heiterkeit des Glaubens war sie durch die letzten Jahre ihres Lebens
gegangen. Jedem, der in ihre Nähe kam, welcher Richtung er auch
angehörte, pflegte sie mit größtem selbstverständlichem Vertrauen zu
begegnen, ohne ihn irgend welchen Unterschied merken zu lassen. Das
war der Weg, auf dem sie aller Zuneigung gewann und auf dem sich
manches Herz ihr erschloß, dem sie dann aus der Welt des Unglaubens
in die Welt des Glaubens helfen konnte.

In Dillenburg, wo sie bei den verwaisten Kindern ihrer Tochter
Sophie und ihrem einsamen Schwiegersohn weilte, schlug ihre letzte
Stunde, auf die sie sich mit großer Sorgfalt und Demut vorbereitet
hatte. „Dennoch bleibe ich stets an dir. Ob mir gleich Leib und
Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens
Trost und mein Teil” waren die letzten Worte, die der Sohn von den
sterbenden Lippen seiner Mutter hörte und mit denen er in seine
beiden letzten Arbeitsjahre in Dellwig zurückkehrte. Dann kam der
Ruf nach Bielefeld.



=II.=

1872-1910.

Bethel.

Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklung.


Die neue Heimat.

Wie zwei gewaltige ins Meer hinausgebaute Dämme schieben sich das
Wiehengebirge und der Teutoburger Wald in das niederdeutsche Land
hinein. Still legt sich die weite, unermeßliche Ebene gleich dem
Meer, das sich nach dem Sturme zur Ruhe begeben hat, an den Fuß der
beiden Gebirgszüge. Das Land aber dazwischen sieht anders aus. Es
ist, wie wenn das Meer plötzlich mitten in seiner Bewegung zum
Stillstand gekommen wäre. Wellenberge und Wellentäler folgen
aufeinander. Durch tiefe Wiesengründe rieseln die Bäche, fruchtbare
Äcker wechseln ab mit waldigen Hügeln, und oben auf den Höhen recken
die Windmühlen ihre langen Arme aus. Das ist das alte Sachsenland,
die Heimat Hermanns, des Cheruskers, und Wittekinds, des
Sachsenherzogs.

Als Tacitus vor 2000 Jahren seine Germania schrieb, sagte er von dem
Bewohner des Landes: „Wo irgend ein Hain, eine Quelle, eine Wiese
ihm wohlgefällt, da schlägt er seine Hütte auf.” Vielleicht nirgends
sonst im Vaterlande findet sich ein Landstrich, für den bis heute
die Beschreibung des römischen Geschichtsschreibers in solchem Maße
paßt wie für das Land zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge.
Manches Gehöft des Landes freilich ist im Laufe der Jahrhunderte zum
Dorf geworden, manches Dorf zur Stadt. Aber die meisten Häuser
liegen noch heute vereinzelt, hin und her durchs Land gestreut, im
Kranze ihrer Obstbäume und im Schatten der alten Eichen. Wer des
Nachts von den Höhen ins Land hinunterblickt, sieht weit und breit
die einzelnen kleinen Lichter der einsamen Häuser und Gehöfte
aufglänzen, als wenn sich die Sterne des Himmels auf der Erde
spiegelten.

Dieses Sachsenland zwischen dem Teutoburger Wald und dem
Wesergebirge, das sich heute zusammensetzt aus dem ehemaligen
Fürstentum Minden, der alten Grafschaft Ravensberg, dem früheren
Fürstentum Lippe-Detmold und Teilen des hannoverschen Landes, ist
von alter Zeit her die Heimat der Spinner und Weber gewesen. Vor
50 Jahren noch pflegte das Kind des Ravensberger Landes seinen Weg
zur Schule nicht eher anzutreten, als bis es in früher Morgenstunde
das vorgeschriebene Teil Garn gesponnen hatte, und bis spät in die
Nacht summten die Spinnräder und klapperten die Webstühle. Der
Mittelpunkt der Leinenindustrie aber war die alte Stadt Bielefeld.
Auf der Sparenburg, die mit ihren vier vorgeschobenen Bastionen wie
eine schützende Löwin über Bielefeld Wache hält, haben die Grafen
und Kurfürsten von Hohenzollern je und dann residiert, und sein
„Spinn- und Webeländchen” war ein besonderes Lieblingskind des
Großen Kurfürsten und seiner Gemahlin Luise Henriette gewesen.

In der Gegend von Bielefeld spaltet sich der Teutoburger Wald in
vier parallel laufende Höhenrücken, die durch drei freundliche
Waldtäler voneinander getrennt werden. In dem ersten dieser Täler,
hart vor den Toren der Stadt, stand im Jahre 1867 ein Bauernhof zum
Verkauf. Ein kleines Komitee, dem die Not der Epileptischen im
Vaterlande auf die Seele gefallen war, erwarb den Hof. Am 14. und
15. Oktober 1867 zogen hier die ersten fünf epileptischen Kranken
ein. Zwei Jahre später entstand durch die Arbeit eines zweiten
Komitees in Bielefeld selbst ein kleines Diakonissenhaus. Für diese
beiden Anstalten wurde Vater zum Leiter berufen.

Am 23. Januar 1872 kamen die Eltern von Dellwig nach Bielefeld. An der
Detmolder Straße war für sie eine Wohnung gemietet worden, und in dem
Garten, der das Haus umgab, pflanzte Vater die Obstbäume, die er aus dem
Pfarrgarten von Dellwig mitgenommen hatte. An der andern Seite der
Straße lag das Grundstück, auf dem das neue Diakonissenhaus gebaut
werden sollte, das seit seiner Gründung im Jahre 1869 eine vorläufige
Unterkunft in dem alten Marienstift, dicht an der Neustädter Kirche,
gefunden hatte.

Die Pocken, die mit dem Krieg 1870/71 auch in Bielefeld ausgebrochen
waren, waren noch nicht erloschen, und auf dem Grundstück, welches
für den Neubau des Diakonissenhauses bestimmt war, standen die
hölzernen Baracken, in welchen von einer Schwester des jungen
Diakonissenhauses die Pockenkranken gepflegt wurden. Eine der
Schwestern, die damals dort arbeitete, hat noch in ihrem hohen Alter
erzählt, welch tiefen Eindruck auf sie und alle Insassen des Hauses
die Unbekümmertheit und Seelenheiterkeit gemacht habe, mit der der
neue Diakonissenpastor sich unter den Pockenkranken bewegte und
ihnen Zuspruch brachte.

Das für das neue Diakonissenhaus bestimmte Grundstück hatte eine
auserlesene Lage. Es zog sich an dem Hang des Höhenrückens hinauf,
auf dessen Vorsprung die alte Sparenburg lag. Je höher man stieg, je
freier dehnte sich unter dem Auge des Beschauers Stadt und Land.

Dennoch sollte der Bau des Diakonissenhauses an dieser Stelle nicht
zur Ausführung kommen. Mit dem ersten Blick übersah der neue
Vorsteher, daß sich mit dem Festhalten an diesem Grundstück eine
falsche Entwicklung anbahnen würde, und griff sofort entschieden
ein. So schön auch die Lage des Platzes war, er neigte sich gegen
Norden und hätte Kranken und Gesunden für immer zu wenig Sonne
gebracht. Dazu kam ein anderes. An der andern Seite des
Sparenbergrückens, tief unten im Tal des Kantensieks, war, wie oben
gesagt, zwei Jahre früher als das Diakonissenhaus jener alte
Bauernhof Eben-Ezer gekauft worden, der für Deutschland die erste
selbständige Heimat der Epileptischen geworden war. Wohl hatte jede
Anstalt ihren Vorstand für sich, aber die Mitglieder des einen
Vorstandes waren vielfach auch die Mitglieder des andern. Darum
drang Vater darauf, auch die Anstalten selbst räumlich so nah als
möglich miteinander zu vereinigen. Das alte Eben-Ezer unten im Tal
hatte längst nicht mehr der wachsenden Zahl der Kranken genügt.
Dreihundert Meter oberhalb, am Rande des Buchenwaldes, mit dem Blick
nach Südwesten, war ein großer Neubau für die Epileptischen
entstanden, der den Namen Bethel führen sollte. Zwischen Bethel und
Eben-Ezer aber lag ein unbebautes Gelände, das nun auf Vaters Rat
zum Neubau des Diakonissenhauses und des Pfarrhauses bestimmt wurde.
So wurden die Anstalt für Epileptische und das junge Diakonissenhaus
aufs engste miteinander verbunden. Im Herbst 1873 mußten die
Dellwiger Obstbäume noch einmal ihre Heimat wechseln, und mit dem
vierjährigen Wilhelm und dem einjährigen Gustav, der von der treuen
Magd Friederike im Kinderwagen gefahren wurde, zogen die Eltern über
den Sparenberg hinüber in das neue Pfarrhaus am Jägerbrink, in
welchem Anfang 1874 auch die kleine Frieda ihren Einzug hielt und
drei Jahre später der jüngste des Geschwisterkreises, Friedrich.

Einzelne Bilder tauchen aus dieser ersten Kinderzeit noch ganz
deutlich vor der Erinnerung auf. In der Schlafstube, die wir Kinder
bis zu unserm sechsten oder siebenten Jahr mit den Eltern teilten,
stand mein Bett unter der alten runden Wanduhr, die Vater
eigenhändig alle drei Wochen aufzuziehen pflegte. Die Wände meiner
kleinen Bettstelle bestanden aus einem Holzgitter, sodaß ich
zwischen den Stäben durch beobachten konnte, was in der Stube
vorging. Meist schliefen wir Kleinen ruhig weiter, während die
Eltern sich erhoben. Aber wenn ich einmal zeitiger als sonst
erwachte, war es ein unermeßliches Vergnügen, den Vater zu
beobachten. Er war bis auf Rock und Weste bereits angekleidet, aber
er hatte den Hemdkragen zurückgeschlagen und rieb sich mit dem
angefeuchteten Ende eines rauhen Handtuches den Hinterkopf und
Nacken. Dabei ging er an der Längsseite des Schlafzimmers zwischen
seinem Waschtisch und der Stubentür auf und ab, ab und auf. Von Zeit
zu Zeit blieb er vor seinem Waschtisch stehen, tauchte das Handtuch
aufs neue ein und nahm dann seinen Weg wiederum auf, immer den
Nacken reibend. Auf dem Rückweg von der Tür zum Waschtisch konnte
ich Vaters kräftigen Nacken beobachten, der unter dem Reiben
natürlich immer roter und roter wurde; aber noch viel mehr
interessierte mich sein Gesicht, in das ich unmittelbar hineinsah,
wenn er vom Waschtisch zur Tür ging. Er sah mich nicht, obwohl ich
mit weitgeöffneten Augen gerade durch das Gitter hindurchguckte.
Vielmehr war sein Auge in die Ferne gerichtet auf Menschen und
Dinge, mit denen seine Gedanken beschäftigt waren. Dabei pflegte er,
ihm selbst unbewußt, seinen Gedanken in kurzen, abgebrochenen
Selbstgesprächen Luft zu machen. Alle Töne, von den kräftigsten bis
zu den zartesten, kamen dabei zum Ausdruck. Bisweilen kam es
freilich auch vor, daß sein Auge aus der Ferne zurückkehrte in die
Nähe und meinem geöffneten Auge begegnete. Dann trat er wohl an mein
Bett, strich mit seiner großen, weichen Hand über meine Stirn und
sagte: „Mein herzgeliebtes Kind,” -- mehr nicht, aber es war genug,
um mich bis ins Innerste zu beglücken.

Waren wir Kinder fertig angezogen, so pflegte die Mutter durch ein
kleines Sprachrohr, welches von der Schlafstube nach oben in Vaters
Arbeitszimmer führte, den Vater zur Andacht zu rufen. Dann kam
regelmäßig das Kleinste von uns, soweit es sich schon an der Andacht
beteiligen konnte, auf Vaters Schoß; die Mutter saß am Harmonium,
und Vater sagte in ganz kurzen Sätzen das Lied vor, sodaß auch die
Kleinsten sich schon an dem Gesang beteiligen konnten und wir so
unbemerkt allmählich einen großen Teil des Gesangbuches auswendig
lernten.

Zwischen dem Singen trank Vater immer wieder einen kleinen Schluck
aus dem Glas ganz frisch gepumpten Wassers, das vor ihm stand, --
eine Gewohnheit, die er bis an sein Lebensende beibehielt und der er
wahrscheinlich seinen gesunden Magen verdankte, der ihm nie den
Dienst versagte. Nach dem Gesang kam der Bogatzky, ein Andachtsbuch,
das schon in den Elternhäusern von Vater und Mutter viel gebraucht
worden war. Uns Kindern blieb es, bis wir erwachsen waren, fast
unverständlich, und doch bot es auch uns Erbauung genug, weil wir
merkten, mit welch tiefer Andacht Vater und Mutter aus dem Wort
dieses gründlichen Schrift- und Seelenkenners ihre Stärkung für die
Arbeit des Tages nahmen.

Von den Gebeten, mit denen Vater die Andacht schloß, ist mir eins in
besonderer Erinnerung geblieben. Der kleine Kanarienvogel, der uns
aus dem Hause an der Detmolder Straße in die neue Heimat begleitet
hatte, lag am Morgen tot in seinem Bauer. Er war verdurstet. Unser
ältester Bruder, dem die Pflege des kleinen Tieres anvertraut war,
hatte ihn vergessen. Nichts von Schelten oder Strafen. Aber in dem
Gebet, das sich an den Bogatzky anschloß, brachte Vater die Sache
vor Gott. Es ging durch Mark und Bein, wie er um Vergebung bat und
um Treue. Und wer unsern nun auch schon dem Vater in die Ewigkeit
nachgefolgten Bruder Wilhelm gekannt hat, weiß, in welchem Maß
dieses Gebet erhört worden ist. Er wurde die wandelnde Treue selber.
Nie vergaß er etwas, weder Dinge noch Menschen. Was ihm anvertraut
war, für das stand er ein; und wenn es auch bisweilen schien, als
hätte er etwas vergessen oder versäumt, er holte es nachher mit
doppelter Treue nach.

Ein andermal kam es freilich doch zu einer Strafe. Diesmal war ich
der Attentäter. Worum es sich handelte, besinne ich mich nicht mehr
gewiß, doch muß es ein gröblicher, bewußter Ungehorsam gegen ein
ausdrückliches Gebot der Mutter gewesen sein. Denn das weiß ich
noch, daß die Angelegenheit, die eigentlich lediglich die Mutter und
mich anging, von der Mutter dem Vater übergeben wurde. Auch weiß ich
noch heute genau die Stelle in der Schlafstube, in der sich das
Strafgericht vollzog. Unsagbare Gefühle der Scham und Reue
beschlichen mich, als mein heißgeliebter Vater, der so viel
Wichtigeres zu tun hatte, meinen Kopf zwischen seine Knie nahm und
mit einer Glut und Milde zugleich schlug, daß Leib und Seele
einheitlich erschüttert wurden. Es war das erste und das letzte Mal,
daß ich meinen Vater in dieser Weise bemüht habe.

Vor dem Einschlafen pflegte Vater regelmäßig laut mit der Mutter zu
beten. Das erlebten wir Kinder natürlich nur selten, da wir meist
schon längst in festem Schlummer lagen. Aber einige Male habe ich es
doch erlebt. Das war dann jedesmal das Größte und Tiefste, das ich
mir denken konnte. Noch mehr als in der gemeinsamen Andacht mit
allen Hausgenossen quoll jetzt das Herz des Vaters über in Dank und
Fürbitte. Mit Namen wurde jedes einzelne Kind genannt und der
Bewahrung und dem Segen des Heilandes empfohlen. Er hatte wenig Zeit
für uns übrig, unser geliebter Vater, er strafte nur im äußersten
Notfall, er schalt, soweit ich mich besinnen kann, nie; aber er
betete für uns.


Das Mutterhaus.

Unser Haus lag im Schatten des Mutterhauses. Denn so wurde das
Diakonissenhaus Sarepta stets von Vater genannt. Er hatte den Bau
vom ersten Augenblick an überwacht. Um Kosten zu sparen, hatte er
aus dem nahen Lipper Land einen bewährten Ziegler kommen lassen, der
mit einigen Gehilfen den Ton, der für die Fundamente ausgehoben
wurde, an Ort und Stelle zu Ziegeln verarbeitete und die Ziegel
gleich unterhalb der Baustelle in einem Feldziegelofen brannte.
Auch der Plan des Hauses stammte in seinen Grundgedanken, soweit ich
mich besinne, von Vater. „Es ist kein Winkel im Haus,” sagte er
gelegentlich, „den ich nicht selbst nachgemessen habe.”

Wenn es möglich ist, das wahrhaft Mütterliche durch Steine und Holz
in einem Bau darzustellen, so war es bei dem Bau des Mutterhauses
gelungen. Schon die beiden Flügel des Hauses, die nach dem Walde zu
lagen, waren wie die weit ausgebreiteten Arme einer Mutter, und wenn
wir Kinder über die frei vorspringende Treppe ins Innere traten, so
umwehte uns ein unbeschreiblich wohltätiges Gefühl mütterlicher
Behaglichkeit. Die Gänge, die nach der schattigen Waldseite zu
lagen, waren in ein trauliches Dämmerlicht gehüllt. Um die Kranken-
und Schwesternzimmer aber lief den ganzen Tag vom Morgen bis zum
Abend die Sonne. Und im Winter sorgten schlichte gelbe Kachelöfen,
die nur des Morgens angeheizt zu werden brauchten und den ganzen Tag
durchhielten, für die behaglichste Wärme.

Für alles war in diesem mütterlichen Bau Raum, für die kleinen
Säuglingskinder, die die Gemeindeschwestern von den verschiedenen
Stationen mitbrachten, für die größeren Kinder, kranke oder gesunde, für
erwachsene Kranke, mit welcher Krankheit sie auch behaftet waren, für
die jungen Schwestern, die lernten, für die erholungsbedürftigen
Schwestern, die eine Zeitlang ausruhten, für die Apotheke, die Küche,
die Waschküche und die Bäckerei, und für wer weiß was sonst noch.

Das Herz des Baues aber war die kleine Kapelle, die den Mittelpunkt
des Hauses bildete. Hierhin nahmen die Gänge, die Treppen, die Säle
ihre Richtung, und zwei Brücken, die vom Walde aus über den tiefen
Talweg in den ersten Stock des Hauses führten, sorgten dafür, daß
auch von auswärts jedermann zu Fuß oder im Rollstuhl mit
Leichtigkeit die Kapelle erreichen konnte. Sie lief durch zwei
Stockwerke, und ihre Fenster, unten und oben, gingen nicht nur nach
draußen, sondern auch in die anliegenden Krankensäle, sodaß die
Kranken von ihren Betten aus dem Gottesdienst beiwohnen und durch
die geöffneten Fenster die Predigt hören konnten.

Die wachsende Zahl der Schwestern, der Kranken und übrigen
Anstaltsbewohner brachte es mit sich, daß allmählich eine Station
nach der andern aus dem Mutterhause verlegt wurde, bis schließlich
auch die alte, liebe Kapelle einem Neubau Platz machen mußte. Aber
für die ersten Anfänge einer Diakonissenarbeit wird der alte Bau von
Sarepta immer vorbildlich sein.

Der Entschluß des Vaters, das Diakonissenhaus so eng wie möglich mit
der jungen Anstalt für Epileptische zu verbinden, zeigte sich von
großer Bedeutung für die Ausbildung der Schwestern. Denn nun ergab
es sich von selbst, daß auch die jungen Schwestern schon bald in die
Pflege der Epileptischen eintraten, ja, daß manche von ihnen von
vornherein ihren Beruf in einem der Häuser für Epileptische
begannen.

Unter allen Kranken sind aber Epileptische am schwersten zu pflegen.
Die Plötzlichkeit der Anfälle und die unberechenbaren Stimmungen der
Epileptischen auf der einen Seite und dazu die Geistesgegenwart und
körperliche Gewandtheit, die gerade während des Ausbruches des
Anfalles von seiten des Pflegers nötig sind, erfordern die größte
Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte. Auch die Nacht
bringt keine Ruhe. Denn in jener ersten, man möchte sagen, herben
Zeit war es Sitte, daß die Pflegekräfte, die den ganzen Tag über den
Dienst an den Kranken getan hatten, auch des Nachts auf den
Krankensälen schliefen und sich oft mehrere Male durch die Anfälle
der Kranken aus dem Schlaf reißen lassen mußten.

So wurden gerade durch den Dienst an den Epileptischen die Kräfte
der Aufopferung auf die höchste Probe gestellt, und die Lauterkeit
der Gesinnung fand hier ihre tiefste Bewährung. Unter den
Diakonissen habe ich immer gern das Gesicht einer Schwester gesucht,
der von einer Kranken das Ohrläppchen abgebissen war, und die Stille
und Gelassenheit, die über diesem Gesicht lag, tat in der Seele
wohl.

Eine Schwester, die sich im Dienste an den Epileptischen bewährt
hatte, konnte der Regel nach auf jedem andern Arbeitsplatz gebraucht
werden, sei es in einer Kleinkinderschule, einer Gemeindepflege oder
einem der vielen Krankenhäuser, die in rasch wachsendem Maße die
Hilfe des jungen Mutterhauses begehrten. Es war damals, nach dem
Kriege 1870/71, die Zeit, in welcher die rheinisch-westfälische
Kohlen- und Eisenindustrie sich immer gewaltiger ausdehnte. Kleine
Siedlungen wurden zu Dörfern, Dörfer zu Städten, Städte zu
Großstädten; und das Mutterhaus Kaiserswerth, das bis dahin dort
allein die Arbeit getrieben hatte, rief immer lauter die junge
Tochteranstalt Sarepta zu Hilfe.

Hilferufe aber waren allezeit des Vaters Lust. Je größer das
Gedränge der Hilfesuchenden wuchs, je höher stieg sein Glaube, je
glühender wurde seine Liebe, je munterer eilte sein Schritt, je
dringender wurde sein Wort. Hatte er des Morgens in der kleinen
Sareptakapelle gepredigt, so ging es oft des Nachmittags hinaus, zu
Fuß, zu Wagen oder auch mit der Eisenbahn, um in Stadt und Land für
den Dienst an den Kranken, Kindern und Notleidenden zu werben.

Oft haben wir Kinder mit der Mutter zugleich ihn auf seinen Wegen
begleitet. Dann saß er mit fest zugekniffenen Augen neben dem
Kutscher auf dem Bock, in seinen Text vertieft. Ging es bergauf, so
sprang er ab und eilte dem Wagen voraus, wir Kinder hinter ihm her.
Nur die Mutter behielt das Recht, im Wagen zu bleiben. Wenn dann
Vater bei der Feier das Wort ergriff, konnte man herzandringender
niemand sprechen hören. Handgreiflich malte er den Heiland vor
Augen, wie er in den armen blöden Kindern, den elenden epileptischen
Knaben, den verstümmelten Bergmännern des Industriegebietes oder in
einsame Bettler verkleidet den Dienst seiner Christenheit begehrte.
So stellte sich eine Kraft nach der andern ein, die vornehme
Bauerntochter und das geringe Mädchen aus dem Heuerlingshause, und
auch solche, die höhere Schulen besucht hatten, mischten sich
darunter. Oft kamen unmittelbar im Anschluß an eine Predigt des
Vaters die Meldungen zum Dienst. Einmal waren es sieben junge
Mädchen zu gleicher Zeit, die alle kamen und alle blieben.

Das Kind sieht nicht die Schatten. Sie haben gewiß auch dem jungen
Mutterhause Sarepta damals nicht gefehlt. Ich aber sah nur einen
Strom hilfsbereiter, sterbenswilliger mütterlicher Liebe sich aus
dem Mutterhause in das Land ergießen.

Wie schnell aber kamen manche der Schwestern, die gesund aus dem
Mutterhause ausgezogen waren, todkrank zurück! Namentlich solche,
die sich bei einer Privatpflege am Typhus angesteckt hatten. Ohne
daß wir Kinder es uns untereinander gestanden, schnitten uns die
vielen und tödlichen Erkrankungen der Schwestern immer wieder ins
Herz, und wir konnten es nicht verstehen, daß Vater die Schwestern
nicht ernstlicher schonte. Aber er hatte längst aufgehört, den Wert
des Menschenlebens nach der Zahl der Jahre zu berechnen. Ihm waren
die kranken Tage einer Schwester noch wichtiger als die gesunden,
und zu den sterbenden Schwestern ging er am liebsten mit einem
Blumenstrauße in der Hand wie ein Gratulant; denn „das liebe letzte
Stündlein war gekommen”.

Aber den Sieg des Sterbenden über den Tod konnte er nur darum
feiern, weil er mit unermüdlicher Treue den Sieg des Lebenden über
sein eigenes Leben lebte und lehrte. Regelmäßig zweimal die Woche
gab er den Schwestern Stunde. Nur im äußersten Notfalle ließ er
solch eine Stunde ausfallen, und ich sehe immer noch, wie er, wenn
wir am Kaffeetisch oder beim Abendbrot saßen, von Zeit zu Zeit
seinen Kopf zur Uhr wandte, um genau auf die Minute zur
Schwesternstunde aufzubrechen. Eine eigentliche Unterrichtsstunde
war es nicht. „Ich bin kein Lehrmeister”, sagte er öfter in
richtiger Erkenntnis der ihm gesetzten Schranken. Darum überließ er
allen übrigen Unterricht der Schwestern desto umfassender andern
geschulten Kräften. Sein eigener Unterricht war im Grunde eine durch
kurze Fragen und Antworten unterbrochene Erbauungsstunde, in der er
in die Schrift und in das kirchliche Leben einführte und von da aus
die Linien zog für die Aufgaben des Christen und die besondere
Aufgabe des Schwesternberufes. Der Grundton der Stunde blieb immer
das eine Thema: Seel' und Leben, Leib und Glieder, -- Alles gibst du
für mich hin; -- Sollt' ich dir nicht geben wieder -- Alles, was ich
hab' und bin? Ich bin deine ganz alleine, -- Dir verschreib' ich
Herz und Sinn.

Den jüngeren Schwestern gab er regelmäßig von einer Stunde zur
andern einige Verse eines Kirchenliedes oder auch Bibelsprüche auf.
Er hörte das Gelernte ab, doch ängstete er nie, wenn es nicht
gekonnt wurde, sondern ermunterte immer wieder. „Zwang”, sagte er
einmal, „ohne innere Nötigung richtet Zorn an; aber Ermunterung
macht fröhliche Leute.”

Etwas anders hielt er es bei den Kinderschwestern. Diesen, die in
den Kleinkinderschulen rings um Bielefeld arbeiteten, gab er
Freitagnachmittags eine besondere Stunde. Nach einem bestimmten
Lehrplan wurde in den Kinderschulen die Woche über eine Geschichte
des Alten oder Neuen Testamentes behandelt, und diese Geschichte
wurde in der Freitagsstunde von Vater mit seinen Schwestern
durchgenommen. Hier hielt er darauf, daß die Schwestern die
Geschichte auswendig wußten. So wie sie da stand, in ihrer
ursprünglichen Kraft und Frische, sollte sie zunächst auch den
Kindern erzählt werden, und erst dann erlaubte er, die einzelnen
Teile der Geschichte auszumalen und Zug um Zug dem kindlichen Gemüt
und Verständnis nahezubringen.

Alle vier Wochen hielt er am Sonntagnachmittag den Schwestern einen
besonderen Schwesterntag, zu dem außer unserer Mutter niemand
zugelassen wurde. Und den Schwestern auf den auswärtigen Stationen
schrieb er zu diesem Tage einen Brief. Auf diesen Brief, der
vervielfältigt und jeder einzelnen Schwester zugeschickt wurde,
bereitete er sich immer mit besonderer Sorgfalt vor. Durch drei oder
vier Fragen wurde jeder Brief eingeleitet. Die Antwort auf diese
Fragen sollte jede Schwester selbständig aus der Schrift, dem
Gesangbuch und der eigenen Erfahrung suchen. Dabei wünschte Vater,
daß jede Schwester diese Fragen in einem vertraulichen Brief
beantwortete.

Seelsorgerliche Briefe an einzelne Schwestern schrieb er selten oder
nie. Aber er besuchte die Schwestern, sooft er nur konnte. Dabei
galt der Besuch nicht nur den Schwestern, sondern immer zugleich
auch den Kranken, an denen die Schwestern arbeiteten.

Die Stationen des Mutterhauses waren allmählich in die Weite
gewachsen. In der großen Krankenanstalt von Bremen, in der
Universitätsklinik und in der Charité von Berlin, in dem deutschen
Hospital von London, in Paris und Metz, in Frankfurt, in Nizza, in
Davos standen die Schwestern in der Arbeit, dazu vor allem an vielen
kleinen und großen Arbeitsplätzen der westfälischen Heimat. Kam er
auf eine Station, so galt sein erster Weg immer den Elendesten und
Sterbenden. Sie zu erquicken und aufzurichten, war ja zugleich die
wesentlichste Hilfe, die er den Schwestern in ihrem oft mühsamen
Dienst bringen konnte.

In der Charité von Berlin hatten die Schwestern die Station der
Kranken, die das Straßen- und Nachtleben an Leib und Seele verdorben
hatte. Unvergleichlich, unvergeßlich waren der Ernst, die Milde und
die suchende Liebe, womit er zu diesen Kranken sprach, teils zu den
einzelnen, teils auch zu dem ganzen Saale. Daraus gewannen dann
zugleich auch die Schwestern neue Kraft und Freudigkeit für ihren
sauren Dienst.

Waren die Kranken besucht, so versammelte er den Schwesternkreis.
„Habt ihr Frieden untereinander?” lautete immer wieder seine Frage,
auf die er keine Antwort erwartete, die er aber desto ernster auf
die Gewissen legte. Dann sprach er die einzelnen.

Ganz einsam stehende Schwestern, die nur unter großem Aufwand von
Zeit zu erreichen waren, bestellte er mit einer Postkarte auf irgend
eine Station der Bahnstrecke, nahm sie ein Stück Weges im Zuge mit
und ließ sie dann auf ihren Posten zurückkehren. Unserer Mutter
schrieb er von solchen Reisen immer kurze Grüße, ließ sie auch nie
vergeblich warten. Konnte er es nicht anders einrichten, als nachts
nach Hause zu kommen, dann telegraphierte er: „Schlüssel heraus”. So
wußte die Mutter: „Er kommt”, und legte den Hausschlüssel an eine
verabredete Stelle vor dem Fenster. Am Morgen aber durften wir
Kinder seine kleine schwarze lederne Reisetasche auspacken, in der
regelmäßig für jedes von uns ein kleines Mitbringsel steckte, das
selten mehr als einen Groschen kostete, aber darum doch jedesmal die
größte Freude erweckte.

Für alle Häuser, in denen Schwestern arbeiteten, erwartete er von
den Vorständen zweierlei: einmal, daß von den Kranken nicht Karten
gespielt wurde, und dann, daß die Schwestern die Freiheit hatten, in
den Sälen der Kranken und auch an den einzelnen Krankenbetten eine
kurze Andacht zu halten. Den Schwestern im Londoner Hospital, in
welchem Protestanten, Katholiken und Juden durcheinander lagen,
stellte er ein besonderes Andachtsbuch zusammen, für alle drei
Glaubensrichtungen passend.

Freie Ansprachen der Schwestern und freie Gebete erwartete er nicht.
Er widersprach und widerriet dem im einzelnen Falle nicht, aber die
keusche Zurückhaltung der Frau auf diesem Gebiet war ihm lieb.

    Wenig Wort' und viele Kraft
    Und ein stilles, sanftes Wesen,
    Mehr im Wandel als im Wort,
    Sei zu ihrem Schmuck erlesen.

Selten kam es vor, daß er Schwestern des Mutterhauses ihren
Vorständen gegenüber in Schutz nehmen mußte. War es dennoch nötig,
dann tat er es mit der ganzen Ritterlichkeit seines Wesens. Mit
einer hochgestellten Dame, die ein kleines Pflegehaus unterhielt,
es aber an der körperlichen Versorgung der Kranken und der
Schwestern mangeln ließ, brach er nach einigen vergeblichen
Verhandlungen vollständig und ließ ihre Briefe unbeantwortet. Die
Schwestern, die unter Professor von Bergmann in der Berliner
Universitätsklinik arbeiteten, zog er zurück, weil ihm die
natürlichen Empfindungen der Schwestern während mancher der
öffentlichen Operationen in Gegenwart der Studenten nicht genügend
geschützt schienen. Die Trennung von dem von ihm hochverehrten
Professor von Bergmann war ihm tief schmerzlich, aber er blieb fest.
Die Vorwürfe, die von dem leitenden Arzt einer großen Krankenanstalt
öffentlich gegen die Schwestern erhoben worden waren, entkräftete er
bis zu ihrem letzten Austrag, der in die Entlassung des Arztes
auslief.

Im allgemeinen aber erwartete er von den Schwestern, daß sie sich
auch in schwierige und schwierigste Verhältnisse geduldig schickten;
wie er denn auch umgekehrt erwartete, daß man mit den Schwachheiten,
Schranken und Fehlern der Schwestern Geduld habe. Dabei blieb es
nicht aus, daß er das gleiche Maß von Geduld, das er selbst an
einzelne Schwestern gewandt hatte, auch von andern erwartete. Aber
was er tragen konnte, konnten doch keineswegs immer auch andere
tragen. Hier hat er bisweilen dem Kreise der Schwestern, die eine
ungeeignete Mitarbeiterin in ihrer Mitte hatten, fast zu schwere
Lasten aufgelegt dadurch, daß er immer wieder die Ablösung eines
solchen störenden Elementes hinausschob. Wurde er aber belehrt und
überzeugt, dann griff er streng durch. Das tat er namentlich auch in
den Fällen, wo er das innerste Leben einer Schwester an dem Platz,
wo sie stand, gefährdet glaubte. Dann mochte der betreffende
Vorstand, der unter Umständen mit der Schwester, um die es sich
handelte, in höchstem Maße zufrieden war, alle Mittel anwenden, die
Schwester zu halten, -- Vater blieb unerbittlich. Er löste sie ab.

Der Mittwoch wurde schon frühzeitig für uns Kinder ein besonderer
Festtag. Denn da war am Nachmittag eine sogenannte „Lehrprobe”, die
bald in dieser, bald in jener Kleinkinderschule in und um Bielefeld
von Vater gehalten wurde und zu der er uns bisweilen mitnahm. Dann
waren alle Kleinkinderschul-Schwestern und ihre Gehilfinnen
versammelt. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren saßen auf
ihren Bänkchen, die kleinsten vornan, und nun pflegte Vater eins
der Kleinen an die Hand zu nehmen, damit es sich unter der Schar der
Kinderschwestern eine aussuchte, die die biblische Geschichte
erzählen sollte. Alles Sträuben half dann nichts; die von dem Kinde
Gewählte mußte heran und die Geschichte, die am Freitag vorher in
der Vorbereitungsstunde durchgesprochen war, behandeln. So gelang
es, daß alle Teilnehmerinnen gleichmäßig für die Lehrprobe
vorbereitet waren und alle an dem Verlauf das gleiche Interesse
hatten.

Hernach kam dann die Besprechung eines Bildes an die Reihe, das
ebenfalls vorher allen Teilnehmerinnen bekannt gegeben worden war
und das alle studiert hatten. Wieder war es ein Kind, das an der
Hand des Vaters die Auswahl unter den Schwestern traf. Zuletzt kam
das gemeinsame Spiel. Vater, der schon vorher beim Erzählen immer
durch ganz kindliche Fragen und Antworten bald den Kindern, bald der
erzählenden Schwester weitergeholfen hatte, war jetzt beim Spiel
vollends ein Kind unter den Kindern. Wenn die Riesenschlange gemacht
wurde, dann ging er mit in der Reihe, das Kind, das vor ihm
marschierte, an seinem Schürzchen haltend, während das Kind hinter
ihm ihn an seinem Rockschoß gefaßt hatte. Und es war gar nichts
Gemachtes dabei, sondern es war, als wenn es sich ganz von selbst so
verstünde.

Das Wertvollste dieser Lehrproben bestand, wenn die Kinder nach
Hause geeilt waren, in der Kritik, die in großer Gemütlichkeit beim
festlich gedeckten Kaffeetisch abgehalten wurde. Diese Kritik
spielte sich in der Weise ab, daß Vater alle Teilnehmerinnen nach
ihrem Urteil fragte, erst die jüngeren, dann die älteren. So wurde
jede verantwortlich gemacht für die andern. Erst am Schluß faßte er
das Ganze zusammen. Die, die es am schlechtesten gemacht hatten und
am meisten Ermutigung bedurften, kamen oft am besten weg, und
andere, die in Gefahr standen, sich etwas auf ihre Leistung zugute
zu tun, senkten die Köpfe.

Noch lieber als die Mittwochnachmittage waren uns die
Mittwochabende. Da war Familienabend. Was irgend von Schwestern
abkommen konnte, versammelte sich am gemütlich gedeckten und
geschmückten Abendbrottisch im Schwesternspeisesaal des
Mutterhauses. Im Unterschied von der sonst klösterlich einfachen
Kost gab es an diesem Abend nicht nur Graubrot und Schwarzbrot,
sondern auch Weißbrot mit Butter und Schinken, Käse und Wurst. Und
wir Kinder genossen diesen festlichen Tisch in vollen Zügen. Denn zu
Hause ging es bei dem äußerst geringen Gehalt des Vaters sehr
sparsam zu.

Vater erzählte an diesem Abend aus Vergangenheit und Gegenwart, aus
eigenen und fremden Erlebnissen, oder er las auch vor; in jener
Anfangszeit am liebsten aus Christophorus von Rocholl, aus Matthias
Claudius oder aus der Liedersammlung von Wackernagel. Sobald wir
Kinder einigermaßen die Kunst des Lesens erfaßt hatten, mußten wir
dem Vater beim Vorlesen helfen. Allmählich wurde es Brauch, daß
alles, was an Gästen in den Anstalten verkehrte, zu diesem
Familienabend eingeladen wurde, und wer irgend etwas zu erzählen und
zu berichten hatte, durfte sein Pfund nicht im Schweißtuch behalten.
So weitete sich der Gesichtskreis des Mutterhauses, und der Strom
des Weltgeschehens, der sonst so leicht an Anstaltshäusern
vorbeirauscht, bespülte seine Ufer.

Einen Höhepunkt erreichte das Leben des Mutterhauses immer in den
vierzehn Tagen, die der Einsegnung der Schwestern vorangingen. Es
waren regelmäßig die Tage zwischen Palmsonntag und Quasimodogeniti,
die Zeit, wo ringsum in den Buchenwäldern die Leberblümchen und
Anemonen den Frühling anmeldeten. Dann sah man jeden Nachmittag die
Schar der Schwestern, welche drei oder vier Jahre lang ihren
Entschluß geprüft hatten und nun bewährt und bereit waren, den
Dienst einer Diakonisse als Lebensberuf zu erwählen, mit dem Vater
durch das Frühlingsland wandern. Auf diesen Wanderungen nahm er dann
Gelegenheit, jede Schwester an der Hand ihrer Familienverhältnisse
und ihres Lebensganges kennen zu lernen und zu beraten. Mancher
Schwester sind diese stillen Wege wichtiger und wertvoller geblieben
als die feierliche Einsegnung selbst vor der sich drängenden
Gemeinde.

Und diese Einsegnung zum Dienst blieb keine einmalige, sondern
wiederholte sich jedesmal, wenn eine Schwester das Mutterhaus
verließ, um auswärts eine Arbeit zu übernehmen oder um auf den alten
Arbeitsplatz zurückzukehren. Dann kam sie regelmäßig zum
Abschiednehmen bei Vater vor. Neben seinem Arbeitszimmer hatte Vater
ein Dachkämmerchen, in welchem die Mutter ihre Vorräte aufbewahrte,
dessen eine Wand aber freigelassen und mit einem großen, aus Holz
geschnitzten Kruzifix geschmückt war. Darunter stand ein kleiner
Tisch. Es waren immer nur ganz wenige Minuten, die Vater dort den
einzelnen Schwestern widmete. Was er sagte und fragte, ist
naturgemäß in den meisten Fällen Geheimnis geblieben. Aber höchst
schlicht und natürlich ging es allemal zu. Vielfach sagte er auch
gar nichts, sondern warf sich vor dem kleinen Tisch unter dem
Kruzifix auf die Knie, und während die Schwester an der andern Seite
kniete, befahl er sie und sich selbst der vergebenden und gebenden
Gnade dessen, in dessen Dienst sie beide standen. Und in seiner
harmlosen Art vergaß er oft, die Doppeltür, die in das Kämmerchen
führte, zu schließen, sodaß, wer von uns nebenan zu tun hatte, es
nicht immer wehren konnte, daß die Worte des Gebetes auch zu ihm
drangen. Tränen in den Augen und doch strahlenden Antlitzes haben
wir manche Schwester aus dem Zimmer kommen und ihren Weg in die
entsagungsvolle Arbeit antreten sehen.

Nicht immer hatte Vater in dem großen Gedränge seiner Arbeit für die
einzelne Schwester viel Zeit; und manche hat, bewußt oder unbewußt,
darunter gelitten. Aber wie er es bei seinen Kindern hielt, so hielt
er es auch bei den Schwestern: er betete. Wo ihm selbst die Zeit und
Kraft für die einzelnen fehlte, da befahl er sie betend desto
inniger und zuversichtlicher dem segnenden Herrn. Und diese Gebete
sind erhört worden. Als er eine Diakonisse begraben hatte, die
einzige Tochter eines großen Bauernhofes, sagte ihre Mutter, während
sie am Grabe stand: „Herr Pastor, und wenn ich sieben Töchter hätte,
ich gäbe sie Ihnen alle; denn mein Kind ist zu glücklich gewesen.”
Von wie vielen Diakonissen konnte dasselbe gesagt werden! Sie waren
in der Tat unter dem Segen ihres Herrn zu glückseligen Menschen
geworden.


Die Epileptischen.

Unter allen Kranken leidet der Epileptische am schwersten. Sobald
die plötzlich auftretenden Anfälle zunehmen oder bekannt werden,
wird er gemieden. Das epileptische Kind muß die Schule verlassen,
der epileptische Erwachsene verliert seine Arbeit und seinen Beruf.
Aus Furcht, aufzufallen oder zu stören, meidet er ganz von selbst
alle öffentlichen Versammlungen, auch die Gottesdienste, oft sogar
den eigenen Familienkreis. Kann der Arzt nicht helfen, so treibt ihn
die Qual seiner Lage von einem Ratgeber zum anderen, von der ersten
vergeblichen Kur zur zweiten, dritten, vierten.

Nur scheinbar ist der Zustand eines Blödsinnigen trauriger als der
des Epileptischen. Der Blödsinnige empfindet seine Lage kaum; seine
Stimmung ist gleichmäßig, oft sogar heiter. Die Leiden des
Geisteskranken dagegen sind wohl in manchen Fällen gesteigerter als
die des Epileptischen, aber sie sind vorübergehend: entweder tritt
verhältnismäßig bald Besserung und Heilung ein, oder aber es löst
der Tod auf der einen, der sich anbahnende Blödsinn auf der anderen
Seite das Leiden ab.

Der Epileptische dagegen sieht, wenn eine Kur nach der anderen
fehlgeschlagen ist, mit wachen Sinnen und mit tätigen körperlichen
und seelischen Kräften ein Leben der Hoffnungslosigkeit, der
Verlassenheit, des Ausgestoßenseins vor sich. In vielen Fällen
brechen die Anfälle nur langsam, oft erst nach Jahren, ja,
Jahrzehnten den körperlichen und seelischen Widerstand des
Organismus. Und solange dieser Widerstand dauert, so lange dauert
auch das Leiden, sodaß der Tod oder die Verblödung, je früher sie
eintreten, die großen Befreier von einem Leben der Qual sind.

Bis in die 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts lag in Deutschland von
kleinen Anfängen abgesehen (1773 wurde ein erstes Asyl in Würzburg
eröffnet), die Fürsorge für die Epileptischen noch fast ganz im
argen. Soweit sich ihr Elend nicht in der eigenen Familie verbarg,
waren sie zumeist in den Anstalten für Blödsinnige oder
Geisteskranke untergebracht. Aber nur im fortgeschrittenen Stadium
der Krankheit empfindet ein Epileptischer, der unter Blöden oder
Geisteskranken lebt, seine Lage nicht mehr. In den frischeren Fällen
zeigt ihm der Zustand der Blödsinnigen, unter denen er lebt, den
Abgrund, dem auch sein Dasein entgegenrollt. Andrerseits läßt der
Zustand des Geisteskranken, sobald er den Wendepunkt überschritten
und den Weg zur Genesung gefunden hat, den Epileptischen die Höhe
sehen, die für ihn unerreichbar ist: der Geisteskranke kehrt in
seine früheren Verhältnisse zurück; der Epileptische bleibt Jahr um
Jahr an die Anstalt gebannt.

In Süddeutschland wurde die erste besondere Anstalt für die
unglücklichen Kranken 1862 in Pfingstweide (Württemberg) gegründet.
In Norddeutschland hatten sich die Augen der Freunde der
Epileptischen auf eine kleine Anstalt gerichtet, die durch den
evangelischen Pastor John Bost in der Nähe der kleinen französischen
Stadt La Force entstanden war und ausschließlich den Epileptischen
diente. Die von dort kommenden Anregungen brachten den Verein für
Innere Mission in Rheinland und Westfalen zu dem Entschlusse,
getrennt von den Anstalten für Geisteskranke und Blödsinnige eine
lediglich für Epileptische bestimmte Anstalt ins Leben zu rufen. Der
junge Reisesekretär des Vereins für Innere Mission, Hesekiel, der
später als Generalsuperintendent der große Wohltäter der Provinz
Posen wurde, war unermüdlich tätig, diesem Gedanken Freunde zu
gewinnen. Da neben den Anstalten in Kaiserswerth das Rheinland noch
eine weitere Anzahl von Stätten christlicher Barmherzigkeit besaß,
so wünschte man, daß die neue Anstalt womöglich in Westfalen ihre
Heimat fände.

Nun war der Rheydter Pastor Balke, ein Ravensberger von Geburt,
durch seine Arbeit als Seelsorger an der Blödenanstalt Hephata in
München-Gladbach in besonderer Weise mit dem Lose der epileptischen
Kranken vertraut geworden. Denn wie in anderen Anstalten waren auch
unter die Blödsinnigen der Anstalt Hephata epileptische Kranke
gemischt. Für diese Epileptischen erhob nun Balke seine Stimme.

Land und Stadt in Minden-Ravensberg waren auf seinen Ruf nicht
unvorbereitet. Überall, bald in kleineren, bald in größeren Herden,
brannte das Feuer einer zur Tat bereiten Liebe. In Bielefeld waren
es vor allem einige Frauen aus den ersten alten Patrizierfamilien
der Stadt, die mit wachem Gewissen und geöffnetem Herzen sich in den
Dienst Gottes gestellt hatten. Durch sie waren auch ihre Männer und
Verwandten gewonnen worden. Die Funken eines Vortrages, den Pastor
Balke aus Rheydt im Jahre 1865 hielt, sprangen nach Bielefeld über.
Das kurze Kriegsgewitter von 1866 dämmte wohl das Feuer eine Weile
ein, brachte es aber nicht zum Erlöschen. Vielmehr zogen wirklich im
Jahre 1867 die ersten sieben epileptischen Kranken in dem kleinen
Bauernhofe ein, der am Fuße der Sparenburg erworben war. Der
westfälische Generalsuperintendent D. Wißmann hielt die
Einweihungsrede der jungen Anstalt an der Hand des Wortes: „Aus dem
Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtig
Volk. Ich, der Herr, will solches zu seiner Zeit eilend ausrichten.”
Jes. 60, 22. Mit den sieben Erstlingen beugte er seine Knie vor
Gott, um den Segen für die junge Pflanzstätte zu erflehen.

Zwei Jahre später kam, wie bereits erwähnt, die Schwesteranstalt
Sarepta hinzu. Beide standen unter demselben Präses, dem Kaufmann
Bansi in Bielefeld, und unter dem gleichen Vorsteher, dem Pastor
Simon. Als nach den ersten vier Jahren allmählich wachsender
Aufgaben Pastor Simon sich vor die Wahl gestellt sah, sich entweder
auf seine ausgedehnte Bielefelder Tätigkeit zu beschränken und dann
auf die Leitung der Anstalt zu verzichten oder umgekehrt, entschied
er sich dahin, dem Vorstand die Wahl eines neuen Vorstehers zu
empfehlen.

Nun war Vater ja längst in Bielefeld kein Unbekannter mehr.
Namentlich von Paris war er wiederholt in Bielefeld eingekehrt und
hatte in dem Bansischen Hause Aufnahme gefunden. So war es Gottfried
Bansi, der den Blick des Vorstandes auf den Dellwiger Pastor
richtete. Mit Pastor Simon zugleich machte er sich persönlich nach
Dellwig auf, um die Berufung des Vorstandes zu überbringen. Vater
reiste nach Bielefeld, um alles an Ort und Stelle zu besprechen.
Nach Dellwig zurückgekehrt, setzte er selbst die Richtlinien auf,
unter welchen er bereit war, die Arbeit zu übernehmen, und als diese
vom Vorstand bewilligt waren, sagte er zu. Damit war er der
Vorsteher der Diakonissen und Epileptischen geworden.

Und nun sehe ich Vater in der Erinnerung unter seinen Epileptischen
stehen. Als ein Hoffender stand er unter ihnen, den Hoffnungslosen.
Durch seine persönlichen Erfahrungen war er ja dazu vorbereitet.

Über dem Bett der Eltern hingen die Bilder unserer vier verstorbenen
Geschwister. Sie umrahmten eine kleine Heliogravüre von Mintrop.
Diese stellte eine Frauengestalt dar, die von den himmlischen
Heerscharen der Himmelstür entgegengeleitet wird. An der geöffneten
Tür kommen mit Palmen in den Händen vier Kindergestalten der Mutter
entgegen, um sie vor den Thron Gottes zu führen. Das waren unsere
vier Geschwister, die erst die Mutter, dann den Vater abholten.

Über dem großen Schmerz, der die Herzen unserer Eltern getroffen
hatte, als ihnen alle vier Kinder genommen wurden, waren sie stille
geworden durch den Glauben an den auferstandenen Herrn, der auch für
sie die Stätte bereitet hatte, da man zusammenkommen soll. Hinfort
lebten sie vor den Toren der hochgebauten Stadt. „Ganz dicht vor
den Toren Jerusalems”, wie oft haben wir Vater das sagen hören! Die
Hoffnung für diese Zeit hatte den Eltern durch das Sterben aller
ihrer Kinder genommen werden müssen, damit sie den Anker ihrer
Hoffnung fest hineinsenkten in die ewige Welt Gottes. So waren sie
vorbereitet für die Arbeit unter den Hoffnungslosen.

Man mag den Nachlaß des Vaters in seinen Briefen und Ansprachen oder
das Buch der Erinnerung an ihn aufschlagen, wo man will, überall
findet man seine Seele gestimmt auf den gleichen Ton der Hoffnung:
„Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns
soll geoffenbart werden.” Darum jammerte ihn wohl das Los der
Epileptischen, aber er bejammerte sie nicht. Körperliche Krankheit
und körperliche Gesundheit hatten für ihn die große Entfernung
voneinander und die große Bedeutung verloren, die ihnen sonst so
gern beigelegt wird. Vielmehr galt ihm der körperlich Gesunde für
krank, wenn sein Blick haften geblieben war an den armen
vergänglichen Dingen dieser Erde; der körperlich Kranke galt ihm für
gesund, sobald er durch den Glauben den Zugang gefunden zu der
ewigen Hoffnung. Darum konnte er mit glühendster Überzeugung einen
armen verblödeten Epileptischen, der mit seliger Hoffnung dem
Abschied aus der Welt entgegeneilte, glücklich preisen gegenüber dem
andern, der mit gesunder Körperkraft ohne Ziel und Zweck ins Leben
hinausstürmte.

An der Ecke von Sarepta und beim Eingang in das Haus der
Epileptischen, Bethel, befand sich in jener Anfangszeit je eine
schlichte Gaslaterne. Unter der zweiten dieser beiden Laternen sehe
ich immer noch einen epileptischen Kranken stehen, namens Heinrich
Hudel, der unter der Laterne seinen Standplatz hatte. Er sagte
nichts, aber auf seiner Mundharmonika spielte er immer das eine
Lied, das ihm zum Lieblingslied geworden war: Weil ich Jesu
Schäflein bin, -- Freu' ich mich nur immerhin -- Über meinen guten
Hirten, -- Der mich wohl weiß zu bewirten, -- Der mich liebet, der
mich kennt -- Und bei meinem Namen nennt. -- -- Unter seinem sanften
Stab -- Geh' ich aus und ein und hab' -- Unaussprechlich süße Weide,
-- Daß ich keinen Mangel leide. -- Und so oft ich durstig bin, --
Führt er mich zum Brunnquell hin. -- -- Sollt' ich nun nicht
fröhlich sein, -- Ich beglücktes Schäfelein? -- Denn nach diesen
schönen Tagen -- Werd' ich endlich heimgetragen -- In des Hirten Arm
und Schoß. -- Amen! Ja, mein Glück ist groß!

Das war, in die kindlichste Form gebracht, die Summe der Theologie,
in der Vater lebte und die er darum auch seinen Kranken brachte.
Jedes Jahr einmal kam Heinrich Hudels Mutter aus den Nassauischen
Bergen. Er war ihr einziger Sohn und sie selbst eine Witwe. Aber das
Glück, das in dem Herzen ihres kranken Heinrich lebte, strahlte von
dem Angesicht der Mutter wider. Als endlich der letzte Kampf
gekämpft war und Vater Heinrich Hudels Mutter an der Leiche ihres
Sohnes traf, da „wußte ich nicht,” -- so hat er uns oft erzählt --
„was glücklicher aussah, das Angesicht des Heinrich oder das
Angesicht der Mutter.”

Die Grabhügel und schlichten Kreuze der Epileptischen aus den ersten
Jahren, die sich oben auf dem stillen Waldfriedhof Reihe an Reihe
legten, sind mit den Jahren verschwunden und haben dem grünen Rasen
und dem Schatten der Lebensbäume Platz gemacht. Aber der Hügel und
das Kreuz Heinrich Hudels sind noch heute zu finden mit dem Vers
darauf, den er nicht müde wurde zu spielen. Er ist, man möchte
sagen, der Vorsänger und Kapellmeister der Epileptischen von Bethel
geworden, und das Kreuz auf seinem Grabe mit der Inschrift darauf
wurde zur Losung und zum Feldgeschrei aller seiner Leidensgenossen.

Im Gegensatz zu Heinrich Hudel taucht eine andere Gestalt aus jenen
Tagen auf. Es war ein Landwirtssohn, der erst im beginnenden
Mannesalter epileptisch geworden war. Er war ein Hüne von Gestalt,
und seine Anfälle waren so heftig, daß er mit Riemen an Händen und
Füßen gefesselt werden mußte, weil die Pfleger sonst nicht
verhindern konnten, daß der in wilden Zuckungen sich windende Körper
sich selbst und andern Schaden tat. Aber wie es bei solchen frischen
Fällen bisweilen vorkommt: die Krankheit tobte sich aus, der Kranke
genas und konnte entlassen werden. Am Körper war er gesund geworden;
aber seiner Seele hatte die furchtbare Krankheitszeit des Körpers
nicht zur Gesundheit geholfen.

Solch einen Gesundgewordenen sah Vater nur mit Schmerzen den Weg ins
Leben zurücknehmen. Sein Weg glich dem Wege, an welchem auf allen
Seiten der Tod lauert, während umgekehrt die Leichenfeier eines
Epileptischen, der im Glauben vollendet hatte, zur Lebensfeier, der
Leichenzug zu einem Triumphzug wurde. Am liebsten ließ Vater bei
solcher Gelegenheit ein Loblied singen, und Lob und Dank war der
Inhalt seiner Leichenrede. Dem Leichenzug voran aber zog der
Posaunenchor. In leuchtendem Weiß strahlte der blumengeschmückte
Sarg, den die Mitkranken trugen. Wir Kinder standen mit um das
geöffnete Grab her, und für Kranke und Gesunde wurde der Schauer des
Todes überflutet von dem seligen Rauschen der Ewigkeit.

Aber diese hohe Hoffnung des Glaubens wurzelte in der Tiefe. Nicht nur
als ein Hoffender unter Hoffnungslosen stand Vater unter den
Epileptischen, sondern als Schuldiger unter Schuldigen. Wir haben ihn
oft sagen hören: „Ich täte meinen Kranken das größte Unrecht, wenn
ich ihnen die Verantwortung nähme und alles bei ihnen entschuldigen
wollte.” Alle die Stimmungen, Launen und Leidenschaften, denen ein
Epileptischer mehr als andere Kranke ausgesetzt ist, erklärte und
entschuldigte Vater nicht aus ihrer Krankheit heraus. Vielmehr war die
Krankheit mit ihren Erschütterungen für ihn nur wie das Erdbeben, das
das im Innern des Vulkans schlummernde Feuer weckt und zum Ausbruch
bringt. Jedes Menschenherz, einerlei ob im kranken oder gesunden Leib
wohnend, glich ihm dem Vulkan; und erst die Krankheit mit ihren
erdbebenartigen Erschütterungen öffnete, was sonst im Innern verborgen
geblieben wäre. Nicht für das Erdbeben, aber für dies Innere machte
Vater den Kranken verantwortlich. Und eben darum wurde er zum Wohltäter
für die Kranken. Denn gerade so gab er ihnen die volle Menschenwürde.
„Nichts ist feiger als die Entschuldigung, nichts größer als das
Zugeben der Schuld.”

Aus falscher Barmherzigkeit hatten Eltern, Verwandte, Pfleger und
die Kranken selbst alle Eigentümlichkeiten der Epileptischen aus
ihrer Krankheit heraus erklärt und entschuldigt, ohne zu bedenken,
daß sie dadurch nur desto haltloser ihren Stimmungen, Launen und
Leidenschaften ausgeliefert wurden. Vater aber erhob die Kranken zum
vollen Adel des Menschentums dadurch, daß er ihnen half, sich für
ihre Gedanken, Stimmungen und Taten vor Gott und Menschen
verantwortlich zu wissen. Und ihre Krankheit zeigte er ihnen nicht
als ihren Feind, sondern als ihren Wohltäter, weil sie gerade durch
ihre Krankheit das eigentliche Wesen ihres Herzens erkannt hatten,
das ihnen ohne die Krankheit verborgen geblieben sein würde.

So wurde gegenüber dem früheren dumpfen Zustand der weichlichen
Entschuldigung das Verantwortungsgefühl zum erfrischenden
Morgenwind, das Schuldbewußtsein zur Kraft, die Reue zur Freude und
die Krankheit zum Gehilfen der Wahrheit. Noch heute kann man kaum
etwas Ergreifenderes hören als das lautgesprochene Sündenbekenntnis
der Epileptischen, das sich seit jenen Anfangstagen bis heute in
jedem Gottesdienst wiederholt. Während draußen in der Welt die
Starken und Gesunden immer schwächer und morscher werden, weil sie
die Verantwortung über sich selbst weggeworfen und die Zügel ihres
Geschickes aus der Hand verloren haben, steht hier eine Schar von
Ausgestoßenen und Kranken, unter denen sich immer wieder solche
finden, die die Höhe des sittlichen Urteils über sich selbst
erklommen und damit die Kraft gewonnen haben, gegen den Strom zu
schwimmen.

Darum spielten auch meine Geschwister und ich mit den epileptischen
Altersgenossen lieber als mit unsern gleichaltrigen gesunden
Spielkameraden. Denn unwillkürlich fühlten wir, daß viele unter
diesen epileptischen Kindern auf einer größeren sittlichen Höhe
standen als gesunde Kinder im gleichen Alter. Es befand sich unter
ihnen ja immer eine große Anzahl von solchen, bei denen die
körperlichen und geistigen Kräfte noch nicht wesentlich gemindert
waren, und wir teilten ihre Spiele und ihre Arbeit in großer
Unbefangenheit. Manche von ihnen waren uns beim Spiel und bei der
körperlichen Arbeit durchaus ebenbürtige Gefährten. Und während der
Verkehr mit den gesunden Kameraden der städtischen Schulen dunkle
Schatten über unsere Kinderzeit zu werfen drohte, so waren wir im
Kreise unserer epileptischen Altersgenossen davor bewahrt und zogen
uns zeitweise ganz in diesen Kreis zurück.

Diese Höhe des sittlichen Standes aber und die Kraft des sittlichen
Urteils wurde bei den Epileptischen nicht erreicht durch irgend
welche Moralpredigt. Es war vielmehr das allgemein menschliche
Mittel: Jesus Christus, der mit seinem Leben, Leiden und Sterben und
seiner Auferstehungskraft vor die Augen gemalt und in die Herzen
hineingepflanzt wurde. Und das geschah von einem, der lebte, was er
glaubte. Die tiefe, wahre Demut, in der Vater vor Gott stand, und
das offene Bekenntnis seiner Sünderschaft vor Kranken und Gesunden
ist mir als Kind oft nicht nur unverständlich, sondern geradezu
ärgerlich gewesen. Sahen wir Kinder doch an unserm Vater nichts als
Hingabe, Liebe, Aufopferung und eine unermüdliche Geduld. Die
epileptischen Kranken aber, die vielfach gerade durch ihre Krankheit
eine leichtere Erkenntnis ihres eigenen Herzens hatten, fühlten sich
durch die Ehrlichkeit und Überzeugung, mit der sich Vater unter die
Schuld stellte, vor das Angesicht der Wahrheit geführt und dadurch
bewogen, nun auch ihrerseits mit der Wahrheit, die ihnen aus ihrer
Krankheit heraus und aus dem Bilde Jesu Christi aufgegangen war,
Ernst zu machen.

Aber mit derselben Energie, mit der Vater vor den Augen und den
Gewissen seiner Kranken jedes Vertrauen auf sein eigenes Herz
fortwarf, ergriff er nun auch unablässig die Gnade Gottes in dem
vollkommenen Werke und der vollkommenen Person Jesu Christi. Er
lebte in dem Lieblingslied seiner Mutter: Einmal ist die Schuld
entrichtet, -- Und das gilt auf immerhin. -- Mosis Opfer stehn
vernichtet, -- Weil ich nun vollendet bin. -- Denn mit einer
Opfergabe -- Hat das Lamm so viel getan, -- Daß das Volk von seiner
Habe -- Sich vollendet nennen kann.

So wurde er zum Führer eines Volkes, das für Fernstehende lediglich
ein Volk von Elenden, Bemitleidenswerten, Hoffnungslosen und
Sterbenden war, das aber in Wahrheit eine vollendete Schar war, die
durch die Verurteilung ihrer selbst auf der einen Seite, durch den
Glauben an den Christus der Welt auf der andern Seite die
eigentliche Höhe und Vollkommenheit des Menschentums erklommen
hatte. „Hier sitzen”, sagte Vater einmal von den Epileptischen, „die
Professoren auf ihren Lehrstühlen und bringen uns deutlich bei, was
Evangelium und was Gotteskraft zur Seligkeit ist.”

Natürlich gab es innerhalb dieser Schar die größten Unterschiede und
die verschiedensten Grade. Aber beides, Sünderschaft und
Gotteskraft, blieb durch alle Unterschiede und Grade das Gemeinsame.
Und je gründlicher einer auf diesem Boden unter sich wurzelte und
über sich Frucht trug, je mehr kam es dem Ganzen zugute. Grundsatz
aber blieb es, daß nicht durch Zwang oder Gewalt, nicht durch
Moralpredigten und Kopfwaschen für dieses Heer der Sünder und
Begnadeten geworben wurde, sondern durch den freien Geist der Liebe
und des Glaubens.

Es war unter den Kranken jener ersten Zeit ein reicher Bauernsohn,
der durch seine Aufgeblasenheit und Hoffart sich selbst, seinen
Mitkranken und seinen Pflegern zur Plage war. Einer seiner Pfleger
hatte sich allmählich erlaubt, hart gegen hart zu setzen. Das endete
damit, daß er eines guten Tages von jenem Kranken verprügelt wurde.
Entrüstet eilte er zum Vater. Der sagte nur: „Brüderchen, die Prügel
hast du schon lange verdient.” Wie aber behandelte Vater seinerseits
diesen in der Tat höchst schwierigen Kranken? Er hatte bei ihm eine
Freude an Blumen entdeckt und ermunterte ihn, die schönsten Sträuße
für seine Mitkranken zu suchen. Für jeden Sonntagmorgen aber erbat
sich Vater von ihm einen Strauß für unsere Mutter. Ich sehe den
Kranken noch immer glückstrahlend jeden Sonntagmorgen vor unserm
Fenster erscheinen und unserer Mutter den neuen Strauß reichen. So
gewannen Vater und Mutter sein Herz. Von beiden ließ er sich alles
sagen und sich Schritt für Schritt auf den Weg leiten, der auch für
ihn die Befreiung bedeutete.

So wurde die Gemeinde der Epileptischen zu einer Gemeinde der
Hoffenden, der Büßenden, der Glaubenden, der Liebenden und -- das
muß zuletzt noch gesagt werden -- der Arbeitenden. Arbeitslosigkeit
gehört ja zu den besonderen Leiden der Epileptischen. Ausgestoßen
aus Beruf und Werkstatt müssen ihre seelischen und körperlichen
Kräfte allmählich abstumpfen und absterben. Die Rückkehr zur Arbeit
aber bedeutet für sie neue Lebensfreude und Lebensfrische. Darum
wurde die Anstalt für Epileptische von vornherein auf dem Grundsatz
der Arbeit aufgebaut. Haus, Garten, Feld und Wald boten vom ersten
Entstehen an den Kranken mannigfache Gelegenheit zur Beschäftigung.
Als Vater die Leitung übernahm, waren auch schon die ersten
Handwerksstätten im Entstehen begriffen.

Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedanken, ob nicht aus den
frischesten Epileptischen die Meister für einige kleine
Handwerksstätten genommen werden und die Kranken je nach ihrer
Leistung auch bezahlt werden könnten. Aber dieser Gedanke trat bald
wieder zurück. Seine Durchführung hätte die schwächeren Kranken,
die kein leitendes Amt und kein Entgelt bekommen hätten, ihre
Krankheit allzu empfindlich fühlen lassen. Hinfort herrschte in
diesem Stück Einheitlichkeit: ein Avancement im eigentlichen Sinne
und eine Bezahlung gab es nicht. Die Arbeit selbst wurde zur Ehre
und zum Lohn. Jener Epileptische, der zunächst zum Meister
ausersehen war, hat hernach, nachdem er hatte zurücktreten müssen,
unter seinem gesunden Meister und Hausvater noch nahezu dreißig
Jahre lang in der Tischlerwerkstätte gearbeitet, immer mit
gleichmäßiger Treue und Heiterkeit, ohne je einen Pfennig Lohn sein
eigen zu nennen. Er bekam, was er an Nahrung, Kleidung und allem
übrigen nötig hatte, aber das Geld spielte für ihn keine Rolle mehr.
Daß es in Bethel so viele glückliche Menschen gab und gibt, hat mit
darin seinen Grund, daß der auri sacra fames, d. h. dem höllischen
Hunger nach Geld, und zugleich dem „lockenden Silberton des
reizvollen Ruhmes” so viel wie möglich der Boden entzogen wurde.

Natürlich gelang es nicht immer sofort, jeden zur Arbeit willig und
fröhlich zu machen. Die erste kleine Ackerbaustation „Hebron” war
entstanden, aber der Weg, der von Hebron eine Viertelstunde weit zum
Mittelpunkt der Anstalt führte, war zunächst unausgebaut und im
Winter nahezu grundlos. Eines Tages verweigerten deshalb die beiden
epileptischen Kranken, die aus der Bäckerei von Sarepta das Brot zu
holen hatten, den Dienst. Davon hatte Vater gehört. Er verschaffte
sich eine Kiepe, ließ sich die Zahl Brote, die für Hebron bestimmt
waren, hineintun, nahm sie auf den Rücken, trug sie durch Dreck und
Unwetter nach Hebron hinüber und lud mit großer Heiterkeit sein Brot
an Ort und Stelle ab. Damit war ein für allemal das Widerstreben
gebrochen, und der Posten, das Brot zu holen, war zu einem
besonderen Ehrenposten geworden.

Bei der Verteilung der Arbeit galt der alte preußische Grundsatz:
=suum cuique=. Keine Einseitigkeit, sondern jeden möglichst nach
seinen Kräften, Gaben und Neigungen einspannen! Nur so konnte ein
freudiger Geist gepflegt und erhalten werden. So entstand dann
Schritt um Schritt eine Arbeitsstätte nach der andern. Die Kranken
selbst mit ihrer Arbeitslust und ihrem Arbeitshunger trieben die
Entwicklung vorwärts.

Auch solche Kranke, die von Haus aus körperliche Arbeit nicht
gewohnt waren, griffen fröhlich zu Hobel, Axt und Spaten; andere
wiederum fanden in den Schreibstuben und bei mancherlei Botengängen
ihre Beschäftigung. Mein Bruder Wilhelm und ich bekamen unsern
ersten Unterricht bei einem epileptischen Lehrer.

Vaters erster Schreibgehilfe war ein epileptischer
Eisenbahnsekretär. Er war verlobt und wurde während seines Dienstes
auf dem Bahnhof in Gütersloh durch ein Telegramm, das ihm den
unerwarteten Tod seiner Braut meldete, so erschreckt, daß er auf der
Stelle im ersten epileptischen Anfall zusammenbrach. Seine geistige
Fähigkeit hatte schon gelitten, als er in Bethel Aufnahme fand.
Desto mehr war Herr Kneipp, so hieß er, gehoben und beglückt, als
ihn Vater in seinen persönlichen Dienst zog. Unermeßlich muß die
Geduld gewesen sein, die Vater mit ihm hatte. Manchmal waren beide
Eltern im Arbeitszimmer des Vaters um ihn bemüht, wenn ihm plötzlich
die Feder aus der Hand gefallen und er bewußtlos zu Boden gesunken
war.

Die Erinnerung an diese Zeit, auch als sie schließlich um seiner
zunehmenden Schwäche willen ein Ende fand, begleitete den Kranken
durch den Rest seiner Tage, sodaß ich sein von Glück strahlendes
Gesicht und seinen im Hochgefühl der Freude sich wiegenden Schritt
immer noch deutlich vor Augen habe. Man fand ihn eines Morgens tot
im Bett. Unbemerkt hatte er sich im Anfall herumgeworfen und war in
seinem Kopfkissen erstickt.

Aber was wurde aus denen, deren Arbeitskraft versagte? Wer nicht
mehr die Hände rühren konnte, konnte sie doch noch falten und so das
Herz der Menschen und Gottes bewegen. Und das konnte auch der
Schwächste und Elendeste noch. „Ihr könnt noch die Hände falten” --
wie oft hat das Vater gerade den ganz Schwachen zugerufen und sie
damit in die vordersten Reihen der Mitarbeiter gestellt!

So wuchs eine Gemeinde heran, die unter Gottes gewaltige Hand
gebeugt, beides war, still und tätig, demütig und hochgemut, elend
und doch gesund, „als die Sterbenden, und siehe, wir leben”.

Und wer will es dieser Gemeinde verdenken, daß, wo sich Vater
zeigte, die Herzen rauschten, nicht aus Menschenvergötterung, aber
aus Dank gegen Gott? Und Vater ließ es sich gefallen. Von Natur war
ihm jede Berührung mit Kranken, sonderlich unsauberen, peinlich;
nicht einmal ein Butterbrot, das von einer andern als von unserer
Mutter Hand geschnitten und gestrichen war, aß er ohne Widerstreben.
Aber kaum einer hat ihm das angemerkt. All den stürmischen
Begrüßungen der Kranken gab er nicht nur nach, sondern gab sich
ihnen hin. Wie oft hat ein Kranker, der seinen Dank nicht in Worte
fassen konnte, seinen Kopf tief in seine Seite hineingebohrt oder
ihm unversehens einen Kuß aufgebrannt! Er hat dem nicht gewehrt,
sondern zum Dank mit seiner linden Hand die Wange und die Stirn
gestreichelt.


Die Brüder.

Der Dienst an den Epileptischen konnte natürlich nicht getan werden
ohne einen Kreis gleichgesinnter Pfleger und Pflegerinnen. Neben die
Diakonissen traten die Diakonen, neben die Schwestern die Brüder.

Die ersten Brüder kamen aus der Diakonenanstalt Neinstedt am Harz.
Sie bildeten den Grundstock einer kleinen Bruderschaft, die sich im
Jahre 1877 zu einer besonderen Diakonenanstalt zusammenschloß.
Zwischen dem Diakonissenhause Sarepta und dem Hause der
Epileptischen Bethel war noch ein Platz frei. Hier entstand die
Heimat der Brüder, das Haus Nazareth.

Woher sie kamen? Ein Schustergeselle stellte sich aus dem
Hannöverschen ein, dem sein Freund aus einer Predigt erzählt hatte,
die Vater in dem kleinen hannöverschen Bad Essen gehalten und in der
er für den Dienst an den Kranken geworben hatte. Ein Landwirt
meldete sich, der im August 1870 als Paderborner Husar vor Metz
inmitten seines Regimentes im feindlichen Kugelregen gehalten und in
dieser Gefahr das Gelöbnis getan hatte, er wollte Gott sein Leben
weihen, wenn er ihn gesund wieder ins Vaterland brächte. Der Sohn
eines der reichsten und größten Höfe aus dem Herzen des Ravensberger
Landes kam. Auch ein Kaufmann, der seinem Kompagnon seinen Anteil an
dem reichen Ertrage des Geschäftes allein überließ. Und so einer
nach dem andern. Mehr noch als bei den Schwestern waren es meist
Angehörige der körperlich arbeitenden Stände, selten, zu selten
jemand, der ähnlich den Gliedern des alten Johanniter- und
Templerordens eine umfassende Bildung besaß.

Aber die Herzensbildung war ja gerade im Dienst an den Epileptischen
das Entscheidende, der innere Friede, die Gelassenheit des Gemüts.
Als eine Säule im Sturm stand Bruder Nispel als Hausvater unten in
Eben-Ezer unter den aufgeregten Kranken. Wie natürlich und gemütlich
ging es zu! Da kommt ein Kranker die schmale Treppe heraufgestürmt.
Irgend etwas muß zwischen ihm und einem Mitkranken vorgefallen sein,
das sein Gemüt so in Wallung bringt. Zitternd vor Erregung steht er
vor dem Hausvater und kann kaum mit der Sprache heraus. Da langt
Hausvater Nispel zur Kiste mit Zigarren, die oben auf dem Schrank
steht. „So, Wilhelm, nun wollen wir uns erst mal eine anstecken.”
Und Wilhelm nimmt mit bebender Hand das köstliche Kraut, der
Hausvater hilft beim Anzünden, und während die ersten hastigen Züge
des Kranken die Rauchwolken herausstoßen, hat auch der Hausvater in
aller Muße seine Zigarre in Brand gesetzt. Nun qualmen die beiden
miteinander. Viel Worte sind nicht mehr nötig. Die kleine
Freundlichkeit und die große Ruhe haben die Hauptsache getan, und
still und zufrieden geht Wilhelm wieder an seine Arbeit zurück.
Vater selbst rauchte nicht. „Aber”, so konnte er oft sagen, „ich
danke Gott für das gute Kraut.” So wenig er für seine Person den
Tabak schätzte, so war er ihm doch oft in der Pflege der aufgeregten
Kranken ein lieber Bundesgenosse, den er gegen Fanatiker in Schutz
nahm.

Als im Jahre 1872 das große Haus „Bethel” fertiggestellt war, in
welchem 200 epileptische Kranke jeden Alters und Geschlechts
untergebracht waren, wurde das ganze Haus zunächst einem Inspektor
unterstellt, dem nun ihrerseits wieder die Brüder und Schwestern
untergeordnet waren. Aber als der erste Inspektor, namens Unsöld,
nach jahrelanger treuer Arbeit in seine schwäbische Heimat
zurückkehrte, wurde seine Stelle nicht neu besetzt. Von jetzt an
stellte Vater die Kranken weiblichen Geschlechts ausschließlich in
die Obhut der Schwestern und die männlichen Geschlechts in die Obhut
der Brüder. Station um Station wurden die männlichen Kranken aus dem
Hause hinaus verlegt, bis das ganze Haus nur den weiblichen Kranken
gehörte. Unter der geräuschlosen Leitung von Schwester Luise hat so
das alte liebe Haus Bethel allen andern Häusern vorangearbeitet in
Stille, Sparsamkeit und Fleiß.

Als weitere Häuser für weibliche Kranke nötig wurden, wurden
dieselben Wege innegehalten. Sie alle standen ausschließlich unter
der Leitung von Hausmüttern, die dem Diakonissenhause angehörten.
„Hausmütter”, das war das entscheidende Wort. Überall sollte der
mütterliche Sinn der Frau, so viel wie nur irgend möglich, das Haus
durchdringen.

Aus demselben Grunde aber mußten die Brüder heiraten. Neben den
Hausvater, der der einzelnen Station epileptischer Kranker vorstand
und sie mit einigen ledigen Brüdern verwaltete, mußte die Hausmutter
treten, die mit mütterlichem Geiste das Haus erfüllte. Beide
Hauseltern aber konnten, wenn ihnen Kinder geschenkt wurden, an
ihren eigenen Kindern die rechte väterliche und mütterliche Art
lernen, mit der sie ihre Kranken versorgten und ihnen das ferne
Elternhaus und die verlorene Heimat ersetzten.

Aus den Diakonissen durften die Brüder die Lebensgefährtin nicht
wählen. Diese Ordnung wurde vom ersten Augenblick an durch Vater
aufgerichtet und durchgehalten. Nicht aus einer Möncherei heraus.
Aber bei den Schwestern wurde der Entschluß vorausgesetzt, ihr
Leben, ohne durch die Ehe gebunden zu sein, ungehindert dem Dienst
des Nächsten zu widmen, es sei denn, daß Gott durch die Verhältnisse
ganz klar andere Wege zeigte. In diesem Entschluß sollten sie durch
ihre nächsten Mitarbeiter, die Brüder, nicht wankend gemacht werden.
Es ist, soviel ich weiß, auch niemals geschehen.

Nicht in der Pflege der Epileptischen, wohl aber auf den übrigen
Krankenstationen arbeiteten Schwestern und Brüder in jener ersten
Zeit zusammen, sowohl im Diakonissenhause Sarepta als auch in andern
Krankenhäusern hin und her im Lande. Die Leitung des Hauses, auch
die der einzelnen Stationen für männliche Kranke, lag in der Hand
der Schwester. Unter ihr, in möglichst großer Selbständigkeit, aber
doch ebenso unter ihr wie die jungen Schwestern, arbeiteten die
Brüder.

Denn auf dem Gebiete der Krankenpflege reichte Vater als etwas
Selbstverständliches der Frau die Palme. Er hatte während seiner
Krankheit als junger Rekrut in Berlin und hernach während der
Feldzüge 1866 und 1870 aus eigener Erfahrung erprobt, daß die
Begabung des Mannes in diesem Stück hinter der der Frau
zurücksteht. Der Mann sieht auf das Ganze, die Frau auf das
Einzelne. Die Arbeit in der Pflege des Kranken aber besteht in
erster Linie aus vielen Kleinigkeiten. Doch über diese Dinge wurde
von Vater keine Theorie aufgestellt. Er handelte aus unmittelbarem
Empfinden heraus, wenn er dem mütterlichen Blick und Herzen der Frau
die erste und letzte Sorge für die Kranken, auch für die männlichen
Kranken anvertraute, und wenn er von den Diakonen die Anerkennung
einer auf diesem Gebiete den Mann überragenden Würde der Frau als
ganz selbstverständlich erwartete.

Aber auf seiten der Schwester gehörte dazu, daß sie solche Würde sich
nicht zum Stolz und zur Herrschsucht gereichen ließ; auf seiten des
Bruders, daß die Einsicht in die Schranken ihm nicht zur Last wurde und
zur Fessel, sondern zum Antriebe, unter ehrlicher Anerkennung des
Tatbestandes doch zugleich sein Bestes daranzusetzen. Wo das geschah --
und es kam auf einzelnen Krankenstationen in dem Zusammenarbeiten
zwischen Schwestern und Brüdern vor --, da erreichte die Pflege der
Kranken eine Höhe und die Atmosphäre, die das Haus durchwehte, eine
Reinheit und Kraft, die für Vater zu den schönsten Erfahrungen seines
ganzen Lebens gehörte.

Doch es konnte nicht ausbleiben, daß er auf diesem Gebiete
Schwestern sowohl wie Brüdern eine Höhe und innere Reife und eine
Zartheit des Taktes zumutete, hinter der bald der eine, bald der
andere Teil, bald beide zurückblieben. Kam doch bei Vater noch seine
ritterliche Art hinzu, die es ihm fast von Natur leicht und zur Lust
machte, sich der Frau auf diesem bestimmten Gebiete unterzuordnen.
Da hat er manchen Sohn und manche Tochter des Volkes zu sehr mit
seinem eigenen Maß gemessen, statt an jeden den Maßstab anzulegen,
der der eigenen Entwicklung des betreffenden Bruders, der
betreffenden Schwester entsprach. So ist denn auch diese Art der
Zusammenarbeit immer mehr zurückgegangen und schließlich ganz
aufgehoben worden. Da, wo bisher Diakonen und Diakonissen zusammen
gearbeitet hatten, traten bezahlte Pfleger an die Stelle der
freiwilligen und, ebenso wie die Schwestern, nur gegen Taschengeld
arbeitenden Diakonen. Das ist Vater immer schmerzlich geblieben. Und
das hohe Ideal, dem in jener ersten Anfangszeit mit der Tat
zugestrebt wurde, sollte nie von der Christenheit aus dem Auge
gelassen werden.

Doch lag die Sache nicht so, daß Vater, weil ihm diese Schranke in der
Begabung des Mannes klar war, nun die Brüder etwa lieber so bald wie
möglich in einem geistlichen Beruf gesehen hätte, statt in der
schlichten Pflege der Kranken. Womit hätte er dann das immer stärker
heranstürmende Heer der Notleidenden versorgen sollen? Nur durch die
Pflege des körperlichen Menschen kam er ja an den verborgenen inwendigen
Menschen heran. Darum waren ihm im Grunde diese Unterschiede zwischen
Mann und Weib gering gegenüber der unermeßlichen an Schwestern und
Brüder herandrängenden Not. Was lag schließlich daran, wenn der einzelne
von der Frau ein wenig besser, vom Mann ein wenig geringer versorgt
wurde, wenn er nur überhaupt versorgt wurde! Hier war wirklich keine
Zeit für Schreibtischtheorien über die Grenzen der Frau und die Grenzen
des Mannes. Sie würden sich von selbst herausstellen, wenn nur jeder an
seinem Teil Hand anlegte an die unendliche Aufgabe, die sich auftat.

Nur wer Lust hatte und willig war, einerlei ob Weib oder Mann, sein
ganzes Leben im allergeringsten, verachtetsten, verborgensten Dienst
an der leiblichen Not des Nächsten zuzubringen, war in Vaters Augen
überhaupt für irgend welche sogenannte geistliche Arbeit zu
gebrauchen. Wer aber aus solch geringem Dienst emporschielte nach
höheren geistlichen Aufgaben und den Dienst in der blauen Schürze,
wie Vater den Dienst des Diakonen so gern nannte, nur als
Sprungbrett ansah für eine vermeintlich gehobene Laufbahn, den sah
er schon als innerlich ungeeignet an für den Gesamtbereich der
christlichen Bruderhilfe.

Wenn der Mangel an geeigneten männlichen Pflegekräften besonders
hart drückte, kam es vor, daß Vater wieder und wieder an die
Anstalten der äußeren Mission schrieb mit der Bitte, man möchte doch
diejenigen männlichen Kräfte, die sich in diesen Anstalten meldeten,
aber aus Mangel an Platz abgewiesen werden müßten, auf den Dienst in
der blauen Schürze aufmerksam machen. Aber selten geschah es, daß
jemand solchem Ruf folgte. Darin erblickte Vater ein ernstes
warnendes Zeichen für den Tiefstand der Christenheit, deren erweckte
Glieder wohl den hohen Dienst des Wortes unter den Heiden begehrten,
doch den geringen Dienst unter den Kranken und Schwachen der Heimat
ablehnten.

Keineswegs aber war es so, daß Vater dem Diakonen den Weg von der
blauen Schürze zum Gemeindehelfer, Jugendleiter, Stadtmissionar oder
Seemannspfleger verwehren wollte. In all diese Berufe sind später
Mitglieder des Hauses Nazareth eingetreten und haben sich darin
bewährt. Und standen sie auf einsamem Posten, so wußten sie, wie
schnell und gern ihr Leiter, Pastor Kuhlo, zur Stelle war, um mit
seinem kindlichen Glauben das Herz zu erquicken und mit den
seelenvollen Klängen seines nie rastenden Hornes Berge von Sorgen
hinwegzublasen und Täler voll Kleinmut mit Dank und Lob zu füllen.
Daheim in Nazareth aber führte währenddem Pastor Göbel, der aus der
Brüdergemeinde gekommen war, in stiller Weisheit und Treue das
Steuer der Brüderschaft.


Die übrigen Mitarbeiter.

1. _Unsere Mutter._

Ich höre noch aus den frühesten Kindertagen ihre schnelle Feder über
das Papier eilen, wenn sie in unserer Wohnstube an ihrem kleinen
Schreibtisch saß und Vater, an unsern lieben gelben Kachelofen
gelehnt, mit fest zugedrückten Augen ihr diktierte. Er hatte eine
schwere Hand, die, wenn er beim Schreiben angestrengt nachdachte, so
undeutlich wurde, daß die wenigsten sie lesen konnten. Hier hat
Mutter ihm geholfen, von der Pariser Zeit an bis lange in die ersten
Jahre von Bethel hinein. Denn Freund Kneipp, von dem oben die Rede
war, war doch nur zu gewissen Zeiten des Tages zur Verfügung. Und
wie mancher Tag fiel seiner Krankheit wegen ganz aus!

Aber auch abgesehen von dieser großen, oft sehr anstrengenden, bis
in die Nacht gehenden Schreibarbeit ergänzte sie mit ihrer Feder den
Vater. Vielfach war sie früher als das übrige Haus auf, um in aller
Morgenstille den Briefverkehr mit den Verwandten und Freunden des
Hauses und später auch mit den Kindern zu pflegen.

Während der Beruf des Vaters ihn naturgemäß aus dem Hause führte,
war Mutter immer daheim. Sie war in jedem Augenblick für uns Kinder
da. Mit völliger Sorglosigkeit überließ darum Vater uns Kinder der
Mutter. Auf allen ihren Wegen durchs Haus trabten wir hinter ihr
her, und überall leitete sie uns an, ihr zur Hand zu gehen und
keinerlei Arbeit zu scheuen. Wenn sie nachmittags still auf dem
niedrigen Sessel saß, auf dem sie alle ihre Kinder gewartet und
genährt hatte, das kleine Arbeitstischchen vor sich, dann hockten
wir Kinder um sie her, und sie lehrte uns stricken und sticken, auch
uns Jungen, und erzählte dabei am liebsten aus ihrer und des Vaters
Lebensgeschichte.

Wie eng und klein gegen ihre früheren Lebensverhältnisse war das
Haus geworden, wie bescheiden auch der Lebenszuschnitt! Aber es kam
ihr zustatten, daß sie in einer Zeit groß geworden war, in welcher
auch in den hochgestellten Kreisen die Lebenshaltung eine sehr
einfache und sparsame blieb. So wurde es ihr nicht schwer, mit dem
geringen Gehalt, das der Vater bekam, -- es war in den ersten
20 Jahren seiner Tätigkeit nicht mehr als 2400 Mark jährlich, zu
denen noch ein verhältnismäßig kleiner Zuschuß aus ihrem väterlichen
Erbteil hinzukam, -- durchzukommen und noch immer übrig zu haben für
andere.

Sie selbst war ein Vorbild von Einfachheit. Die Mode machte sie
nicht mit. Nur einmal während der 22 Jahre ihres Lebens in Bethel
leistete sie sich einen neuen Hut und einmal einen neuen Mantel. Das
war ein Fest für uns alle. Seit mit dem Tode ihrer vier ersten
Kinder ihr Kopfhaar sehr spärlich geworden war, trug sie eine höchst
kleidsame weiße Rüschenmütze. Draußen hatte sie darüber nur selten
einen Hut, sondern statt dessen ein dreieckiges schwarzes Tüchlein,
und statt des Mantels war ihr ebenfalls ein langes schwarzes
wollenes Tuch das liebste. So ging sie uns Kindern und der ganzen
Gemeinde in edler Einfachheit voran.

Als wir größer geworden und dem Schlafzimmer der Eltern entflohen
waren, versäumte sie doch ohne besondere Not keinen Abend, mit uns
zu beten. Das alte, unendlich einfache und zugleich so tiefe
Zinzendorfsche Gebet bildete immer die Einleitung: „Christi Blut und
Gerechtigkeit, -- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, -- Damit will
ich vor Gott bestehn, -- Wenn ich zum Himmel werd' eingehn.” Dann
kamen die einzelnen Anliegen. Wie hat sie uns gewöhnt, im Gebet
insonderheit der einzelnen Verwandten und ihrer Kinder zu gedenken!

So lag unsere Erziehung im wesentlichen in ihrer Hand. Nur sehr
selten kam es vor, daß Vater sich in die Erziehung mischte. Während
die Mutter mit ihren wachen Augen und ihrem schnellen Empfinden
rasch eingriff, hatte Vater eine unermeßliche Geduld mit uns. Nicht
selten entgleiste unsere geschwisterliche Liebe in Gegenwart der
Eltern. Aber Vater tat meist wie Saul, als hörte und sähe er es
nicht. Bat ihn aber, wenn es gar zu arg wurde, die Mutter um sein
Einschreiten, dann wirkte es um so tiefer.

So wird es mir unvergeßlich bleiben, wie wir drei Brüder eines
Sonntagmorgens in der kleinen Dachkammer, die wir miteinander
bewohnten und die gerade über dem Wohnzimmer der Eltern lag, in
erbitterten Streit geraten waren und einen Heidenlärm machten.
Während wochentags die Schule uns keine Zeit ließ, gab uns gerade
der Sonntagmorgen erwünschte Muße, uns einmal gründlich
gegeneinander Luft zu machen. Da, während einer kurzen Atempause
unseres Streites, hören wir Tritte die Treppe heraufkommen. Werden
sie in Vaters Studierzimmer verhallen? Nein, sie kommen den Gang
entlang, der auf unser kleines Arbeitszimmer führte, hinter welchem
die Kammer lag. Jetzt kommen auch schon die Tritte durch das
Arbeitszimmer; jetzt öffnet sich die Tür, nicht weit, sondern nur so
viel, daß gerade Vaters vorgebeugter Kopf hineinsehen kann.
„Kinder,” sagt Vater, „am Sonntagmorgen?” Mehr sagt er nicht,
sondern schließt die Tür wieder und geht davon. Unsere Seele
zitterte, nicht weil wir ein Dreinschlagen des Vaters gefürchtet
hätten, sondern weil uns der Frieden, die Stille, die große Güte,
die sich mit dem väterlichen Ernst verband, bis in die Seele
getroffen hatte. Unser Streit war wie in einem tiefen Abgrund
versunken und vergessen. Gericht und Gnade Gottes, wie sie in eins
tätig sind, sind mir an diesem Erlebnis immer verständlich
geblieben.

Noch freiere Hand als bei uns Kindern ließ Vater naturgemäß der
Mutter in der Erziehung der Hausmädchen. Weil sie nicht weichlich
war gegen sich selbst, so war sie auch nicht weichlich gegen ihre
Angestellten. Wer ihre Schule bestand, hatte etwas Tüchtiges
gewonnen. Einige bewährte Hausfrauen und mehrere Diakonissen, die
von unserm Hause aus den Weg in das Mutterhaus fanden, haben ihr
über das Grab hinaus gedankt.

Durch die schweren Führungen ihres Lebens war sie von Menschen
gelöst worden und ganz auf Gott gestellt. Jedes Gepränge nach außen
hin, aber auch jedes fromme Getue war ihr fremd. Sie kannte aus
eigenster Erfahrung die Tiefe des Leides und hatte darum ein
unmittelbares überaus wohltuendes Mitempfinden mit jedem Leidenden.
Aber sie war ganz und gar nicht wehleidig. Sie beklagte niemanden.
Es lag über ihrem Mitleiden der köstliche Humor, der im Schmerz die
Quelle der edelsten Freude ahnt und auf dem Grunde des bitteren
Kelches die glänzende Perle erblickt. Wie manchen, der müde an Leib
und Seele ins Haus kam, um sich bei Vater Rat und Hilfe zu holen,
hat sie erst durch eine kleine leibliche Erquickung erfrischt und
dann, ohne daß sie in Versuchung kam, Herzensgeheimnisse zu
erforschen, durch ein klares, offenes, gütiges Wort die Seele
zurechtgerückt, sodaß Vater nur noch halbe Arbeit hatte.

Es gab Zeiten, wo Vater und Mutter regelmäßig um zwei Uhr
nachmittags einen gemeinsamen Spaziergang durch die Anstalt und die
Anstaltshäuser machten, um überall an der Not teilzunehmen und nach
dem Rechten zu sehen. Auf solchen Wegen hat dann Mutter, ganz
unbewußt und ungewollt, Vaters Augen und Urteil ergänzt. Bei der
großen Beweglichkeit und Glut, die Vaters Herz erfüllte, und bei der
großen Tragkraft, die er besaß, kam es oft vor, daß Dinge und
Menschen ihm in einem Lichte erschienen, das doch der Wirklichkeit
nicht ganz entsprach. Nie hat dann Mutter mit ihrem ergänzenden
Urteil zurückgehalten. Unerbittlich, wie andern Menschen gegenüber,
blieb sie auch gegenüber ihrem Mann in der Wahrheit, und für die
rechte Beurteilung von Menschen und Dingen, namentlich auch bei der
Wahl der Mitarbeiter, blieb ihr klares Auge und unbestechliches
Empfinden von höchstem Wert für ihren Mann. „Sie hat mir nie
geschmeichelt,” hat er an ihrem Grabe gerühmt.

Siebzehn Jahre nach ihrem Tode kam ich einmal auf Reisen in eine
rheinische Stadt, gerade rechtzeitig zum Beginn des Gottesdienstes.
Es predigte ein Pastor, der früher eine Zeitlang in Bethel
gearbeitet hatte und mir befreundet war. Es war eine dreigeteilte,
tief zu Herzen gehende Predigt. Nachher ging ich in die Sakristei,
um meinen Freund zu begrüßen. Da sagte er: „Die Predigt habe ich
schon einmal in Bethel gehalten -- aber nur in zwei Teilen. Damals
hat mir deine Mutter gesagt: ‚Sie haben den dritten Teil vergessen.’
Den habe ich jetzt nachgeholt.” So wirkte ihr offenes und klares
Wort über Jahre hinaus.

Aber sie trug den reichen Schatz ihrer Seele in einem Gefäß, dessen
Wandungen sehr zart geblieben waren. Ihr an und für sich so heiteres
Gemüt konnte hie und da von ganz kleinen Dingen überrannt und in
eine Stimmung gebracht werden, die sich auf ihre ganze Seele und
damit auch auf unser Haus wie ein Nebel legte. Dann half kein
Zureden; der Zustand mußte einfach seine Zeit haben. Darunter haben
wir Kinder manchmal gelitten, und die Mutter selbst am meisten. War
der Zustand der Verstimmung überwunden, dann strahlte die Sonne des
Glückes wieder desto heiterer über unserm Haus. Vater selbst ertrug
sie in solchen Stunden mit unermüdlicher Geduld. Wir haben nie ein
einziges hartes Wort gegen die Mutter von seinen Lippen gehört.

Zu diesen vorübereilenden Schatten kamen längere Ruhe- und
Krankheitszeiten der Mutter, namentlich in den letzten Jahren ihres
Lebens, als unter der großen Last, die auf ihr lag, die
Widerstandskraft der Nerven schwächer und schwächer wurde. Aber das
waren eigentlich besondere Feierzeiten für unser ganzes Haus. Denn
der Strom der Fremden, die aus- und eingingen, stand dann still.
Vater hielt sich so viel wie möglich zu Haus. Und die einsamen Wege
durch Wald und Feld, die Mutter dann mit dem Vater, oft aber auch
bald mit dem einen, bald mit dem andern von uns Kindern machte,
waren wichtige Sammelstunden für uns in dem sonst oft so unruhigen
und zerstreuenden Anstaltsleben.

In solchen Zeiten erquickte dann Mutter sich und uns durch ihr
Klavierspiel. Sie besaß eine Weichheit und Kraft des Spiels, wie ich
es mit Bewußtsein nie wieder gehört habe. In den letzten Jahren
ihres Lebens war es nur noch Bach, den sie spielte, und der tiefste
deutsche Musikmeister war ihr durch die Tiefe des Leidens in
besonderer Weise verständlich und tröstlich geworden.

Vor dem Eintritt in ihre letzte Krankheitszeit wurden ihr noch
einige Monate völliger geistiger und körperlicher Frische beschert.
Das war für sie wie für uns alle eine ganz unbeschreibliche Wohltat.
Alle Hemmungen waren verschwunden. Das Leuchtende, Sprudelnde,
Humorvolle und dabei so zärtlich Fürsorgende ihres innersten Wesens
brach hervor, wie wir es in solchem Maße eigentlich nur in der
frühesten Kindheit gekannt hatten. Ein achttägiges Zusammensein im
schönen Beatenberg im Berner Oberland, das uns vier Kinder um die
Eltern vereinigte, war der Höhepunkt dieser Zeit.

Als wir im Spätherbst auf verschiedenen Wegen wieder in Bethel uns
zusammenfanden, hatte sich schon die letzte Krankheit der Mutter
angebahnt. Es zeigte sich, daß in dem letzten hellen Feuer, das uns
so tief beglückt hatte, zugleich ihre Kraft ausgebrannt war. An ihr
Ende dachte freilich keiner von uns.

Um sie einmal ganz in die Stille zu führen, brachte Vater sie in die
Anstalt eines ihm nahestehenden Arztes. Dort verschlimmerte sich der
Zustand schnell und steigerte sich zur Verwirrung der Gedanken. Ein
Brief, der Vater herbeirufen sollte, fand durch ein Versehen nicht
rechtzeitig den Weg zur Post. Er wurde überholt durch ein Telegramm
vom 4. Dezember 1894, das unsere Schwester öffnete. Es enthielt die
erschütternde Mitteilung vom Tode der Mutter.

Nur bei der Nachricht von dem Tode Kaiser Friedrichs hatten wir
Vater weinen sehen; jetzt, als wir beiden älteren Söhne aus Berlin
heimeilten, hörten wir ihn bitterlich schluchzen. Dann aber konnte
er in großer innerer Stille vor der versammelten Gemeinde Gott und
Menschen danken für dies nun abgeschlossene gesegnete Leben.

Unsere kleine Dachkammer oben, wo wir Brüder unser Quartier behalten
hatten, hat damals manche stille Träne gesehen. Der tiefe Schmerz
schloß die Herzen fester denn je zusammen und überwand die zarte
Scheu, die sonst gerade uns Westfalen eigen ist, sodaß unser
ältester Bruder des Abends aus dem Herzen heraus mit uns und für uns
betete. Einige Male wachte ich mitten in der Nacht an meinem eigenen
Wehklagen auf. Fortan bildeten wir Kinder enger denn je einen Kreis
um den geliebten Vater. Aber ersetzt werden konnte der Verlust nie
wieder.


2. _Mutter Emilie und Schwester Lottchen._

Sie sind in meiner Erinnerung beide unzertrennlich voneinander. Mutter
Emilie war Oberin des Diakonissenhauses. Sie wurde aber nie so genannt,
sondern hieß einfach „Mutter”. Schwester Lottchen war die
Probemeisterin, d. h. die Leiterin derjenigen jungen Schwestern, die zur
Probe aufgenommen wurden. Mutter Emilie war Schwester des
Kaiserswerther Diakonissenhauses, Schwester Lottchen hatte dort ihre
Ausbildung erhalten. Darum behielten sie auch bis an ihr Ende ihre alte
Kaiserswerther Haube. Auch die Sarepta-Schwestern hatten ursprünglich
dieselbe Tracht. Da aber die Kaiserswerther Haube mit ihrer feinen das
Gesicht einrahmenden Rüsche, die bei jeder Wäsche losgetrennt und wieder
zusammengereiht werden mußte, sehr viel Arbeit kostete, so führte Vater
nach dem Vorbilde des Diakonissenhauses in Neuendettelsau eine andere
Haube ein, die weniger Arbeit brachte und die bis heute beibehalten
wurde, obgleich auch sie Vater nie völlig praktisch genug erschien.

Mutter Emilie stammte aus einer schlesischen Pastorenfamilie. Sie
hatte schon eine reiche Berufsarbeit hinter sich. Für uns Kinder war
es von ganz besonderem Interesse, daß sie in Jerusalem und Bethlehem
gewesen war. Denn sie hatte jahrelang auf den Orientstationen des
Kaiserswerther Hauses gearbeitet, hatte auch die Maronitenverfolgung
miterlebt und in der Gegend des alten Tyrus und Sidon die
maronitischen Witwen und Waisen gepflegt, deren Väter von Drusen
erschlagen worden waren.

Besonders in Jerusalem hatte sie vielen mit ihren medizinischen
Kenntnissen geholfen und wurde von den Eingeborenen wie ein Arzt
geehrt. Als sich während eines Aufstandes in Jerusalem das Gerücht
verbreitet hatte, sie sei fortgeschleppt oder getötet, da drangen
die Araber des Nachts in das Haus und ließen keine Ruhe, bis
Schwester Emilie aufstand und sich ihnen zeigte, damit sie sich
überzeugten, daß sie unversehrt und zu Hause geblieben sei.

Sie war eine ungemein tätige Natur von größter Schlichtheit des
Wesens und auch der äußeren Erscheinung. An die geringste äußere
Arbeit wandte sie die gleiche Sorgsamkeit wie an jede andere
Aufgabe; und den Aschenhaufen im Hofe des Diakonissenhauses sah man
sie eines Tages durchsuchen, um die noch brennbaren Kohlenschlacken
herauszuholen.

Sie sprach nicht viel. Aber man fühlte, was sie dachte. Man konnte
es auf ihrem Gesichte lesen.

Jung eintretende Schwestern nahm sie am liebsten mit in den Garten
hinaus zum Bohnen- und Erbsen- oder Strauchobst-Pflücken. Dabei
lernte sie sie kennen. -- Es hatte sich ein Mädchen, das im Hause
von Pastor Stürmer den Haushalt gelernt hatte, zur Diakonissin
gemeldet. Mutter Emilie ging zur Pastorin Stürmer, und als sie deren
Urteil gehört hatte, bat sie: „Nun zeigen Sie mir doch noch das
Zimmer!” Sie fand das Zimmer in musterhafter Ordnung und sagte nur:
„Gut, die kann kommen.”

In jeder Arbeit ging sie den Schwestern voran bei Tag und bei Nacht.
Nichts entging ihrem sorgsamen Auge. In dem bitter kalten Winter des
Jahres 1878 ging sie nachts von Bett zu Bett, um sich zu überzeugen,
ob Kranke und Gesunde auch genügend zugedeckt seien. Den
Schwerkranken und Sterbenden opferte sie immer wieder ihren Schlaf.
Es gab keine Stunde der Nacht, in der nicht Mutter Emilie den
Nachtwacheschwestern zu Hilfe eilte, um den Kranken und Sterbenden
die letzte Liebe erweisen zu helfen.

Den genesenden Schwestern galt ihre besondere Fürsorge; und es war
für sie eine lang ersehnte Wohltat, als es gelang, in einem
einsamen, eine halbe Stunde entfernten Waldtal ein Ruhe- und
Erholungsheim zu schaffen. Manchmal war sie schon um vier Uhr
morgens dorthin unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Und um
sechs Uhr, wenn die Schwestern zum ersten Frühstück kamen, war sie
im Mutterhaus wieder in ihrer Mitte. „Ja, das war eine Mutter”,
sagte noch kürzlich aus tiefstem Herzen heraus eine der alten
Schwestern. Und wir, die wir wußten, was diese kleine, zarte Gestalt
an innerer und äußerer Arbeit bei Tag und Nacht leistete, wunderten
uns nicht, wenn ihr je und dann im Gottesdienst der Sareptakapelle
vor Übermüdung die Augen zufielen. Aber das dauerte nur wenige
Augenblicke. Dann feierte sie desto inniger und aufmerksamer den
Gottesdienst mit.

Ich habe überhaupt aus jener Anfangszeit den Eindruck, daß man in
Bethel die Hauptnahrung für die Arbeit der Woche aus dem
Sonntagsgottesdienst holte und sich nicht auf das Lesen von
Sonntagsblättern und andern Schriften verließ. Diese wurden nicht
verachtet, waren aber doch in erster Linie für die bestimmt, die den
Sonntagsgottesdienst nicht besuchen konnten. Auch wir Kinder nahmen
ganz regelmäßig an diesen Gottesdiensten teil. Das gehörte einfach
zur Sitte des Hauses.

Schwester Lottchen, die Probemeisterin, stammte aus Bielefeld und
war in Kaiserswerth vor allem in der Kleinkinderarbeit ausgebildet
worden. Aber ihrer Natur entsprach diese Arbeit eigentlich nicht.
Wir Kinder haben uns immer ein klein wenig vor ihr gefürchtet. Nicht
deswegen, weil sie uns einmal beim Naschen von Johannisbeeren im
Diakonissengarten ertappte. Da nahmen wir Reißaus vor ihr und
rechneten es ihr zeitlebens hoch an, daß sie über die Angelegenheit
als über etwas Nebensächliches stillschweigend hinweggegangen war
und es nicht zur Anzeige gebracht hatte. Aber sie war uns zu straff
und zu kurz angebunden. Wenn sie Mittwochs beim Familienabend an der
Tür stand und die Schwestern empfing, um ihnen die Plätze
anzuweisen, dann taten uns jedesmal die jungen Schwestern ein klein
wenig leid. Wir hätten ihnen nach des Tages Last und Hitze zu diesem
höchsten Freudenabend, den wir Kinder in der Woche kannten, einen
etwas herzlicheren Empfang gewünscht als den kurzen Händedruck und
fast strengen Wink, mit dem Schwester Lottchen jeder einzelnen
Schwester ihren Platz anwies.

Aber wer Schwester Lottchen hiernach eingeschätzt hätte, würde ihr
unrecht getan haben. In Wirklichkeit trug sie die einzelnen
Schwestern nicht minder stark auf dem Herzen wie Mutter Emilie. Ihr
Gedächtnis war von einer geradezu staunenerregenden Treue und
Genauigkeit. Sie reiste nie, kannte darum die einzelnen Stationen,
auf denen die Schwestern arbeiteten, nicht aus persönlichem
Augenschein. Aber sie holte sich bei jeder Schwester so eingehenden
Bescheid über die Umstände, unter denen sie arbeitete, daß sie über
jeden einzelnen Fall deutlich im Bilde war. Sie wußte genau über die
Krankenhäuser, Pflegehäuser, Kleinkinderschulen Bescheid, in denen
die Schwestern arbeiteten: ob sie praktisch eingerichtet waren oder
nicht und darum der Schwester die Arbeit erleichterten oder
erschwerten. Sie wußte, ob die Zimmer der Schwestern nach Süden oder
nach Norden lagen, ob sich die Küche im Keller oder zu ebener Erde
befand. Sie kannte jeden Zug, mit dem die Schwestern ankamen oder
abreisten, wußte die Fahrpreise auswendig bis zu jeder einzelnen
Station und legte das Fahrgeld in Papier eingewickelt vor jeder
Abreise der einzelnen Schwester zurecht. Sie sorgte für die Kleidung
und das Taschengeld der Schwestern, führte für jede einzelne
Schwester ein besonderes Kontobuch und hatte auch ihre Urlaubszeiten
im Kopf.

Selbst nahm sie nie Urlaub. Statt dessen verließ sie jeden
Donnerstagnachmittag pünktlich zur festgesetzten Stunde das Haus und
ging in die Stadt zu ihrer Schwester, die dort eine eigene kleine
Wohnung besaß. Da ruhte sie inmitten ihrer Verwandten aus und
erfrischte sich im Kreise des heranwachsenden Geschlechts der
Familie. Abends war sie dann wieder im Mutterhause. So ging es fast
vier Jahrzehnte durch bis zu ihrem Ende.

Diese beiden immerhin ungewöhnlichen Frauen fand Vater vor, als er
seine Arbeit im Diakonissenhaus antrat. Sie haben gemeinsam dem
Diakonissenhause das Gepräge gegeben. Sie waren der Feuerherd, um
den sich die Familie der Schwestern sammelte. Die Glut dieses Herdes
bestand nicht aus einer selbstbeschaulichen, sich selbst pflegenden,
mit sich selbst beschäftigten Frömmigkeit. An diesen drei
Persönlichkeiten konnte man vielmehr in Wahrheit sehen, daß das Ziel
des Christen im Dienst des andern besteht, nicht in der frommen
Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit. So konnte es nicht anders
sein, als daß die stille reine Glut, die von diesem Herde
ausstrahlte, immer größere Scharen in ihren Bereich zog.

Vor dem Auge der Erinnerung steigt eine schier unabsehbare Reihe von
Frauengestalten in der weißen Mütze auf, die, fast alle aus kleinen und
kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, nun in den verschiedensten
Stellungen, sei es auf einsamstem schwierigem Posten, sei es als
Leiterinnen großer städtischer Krankenanstalten, auf dem schlichten Wege
selbstverleugnender Hilfsbereitschaft und in mütterlicher Umsicht und
Weitherzigkeit bei hoch und niedrig, jung und alt Zeugnis ablegten von
dem Herrn, in dessen Dienst sie standen.

Es war ein Wachsen und Sichausbreiten, wie es in verhältnismäßig so
kurzer Frist kein Diakonissenhaus erlebt hat. An dem geräuschlosen
Glühen Mutter Emiliens und Schwester Lottchens und an Vaters
loderndem Brennen entzündeten sich immer neue Flammen. Wer konnte
und wollte solches Wachstum hemmen? Aber damit entstand auch die
Sorge, ob mit dem Wachstum nach außen das Wachstum nach innen
Schritt halten würde.

Es war schon in jenen Anfangszeiten so, daß, wer in Vaters Nähe kam,
unwillkürlich in eine andere Höhenlage gehoben wurde. Durch den
Geist des Vertrauens, der Liebe, des kindlichen Glaubens, der von
Vater ausströmte, wurde jeder über sich selbst hinaus versetzt. Der
Betreffende hörte auf, er selbst zu sein. Er wurde für den
Augenblick schon jetzt das, was er später einmal werden konnte und
werden sollte. Darüber konnten Selbsttäuschungen nicht ausbleiben.
Man kam in Gefahr, sich für etwas zu halten, was man noch nicht war.
Darum blieb bei mancher Schwester, die in Vaters Nähe kam, trotz
stärkster innerer Erlebnisse die entscheidende innere Wendung oder
das echte innere Wachstum aus. Die außergewöhnlichen Wirkungen, die
Vater ganz ohne Absicht ausübte, lockten bei allen, mit denen er
zusammenkam, alle Sonnenseiten des menschlichen Wesens heraus,
ließen alle Schattenseiten zurücktreten. Aber gerade so kam es, daß
er in der Beurteilung von Schwestern sowohl wie in der Beurteilung
seiner übrigen Mitarbeiter wieder und wieder vor tiefe und schwere
Enttäuschungen gestellt wurde.

Und gerade auf diesem Gebiete, auf welchem Vaters Schranke lag, sah
er sich weder von Mutter Emilie noch von Schwester Lottchen in
ausreichender Weise ergänzt. Auch ihnen fehlte die Gabe der stillen
Seelenführung, wie sie eine Mutter in der Verborgenheit ihren
Kindern angedeihen läßt, indem sie sich dabei der Eigenart jedes
einzelnen Kindes anpaßt. Das Wort Gottes und die Arbeit waren die
Erzieher der Schwestern; aber das Zwischenglied, die stille
persönliche Pflege, die sich in die Besonderheit der einzelnen
Schwester hineinversenkt, trat zu sehr zurück.

Mit dem Wachstum des Mutterhauses wuchs darum, wie bei Mutter Emilie
und Schwester Lottchen, so erst recht bei Vater das Verlangen nach
einer zunehmenden Zahl innerlich führender Persönlichkeiten. Aber
das große Gedränge der Not, das um Hilfe flehte, hemmte immer wieder
die ausreichende Erfüllung dieses Wunsches und ließ ihn über andern
Aufgaben stärker zurücktreten, als es gut war. Manche Persönlichkeit
von innerlich reicher Begabung, aber geringer äußerer Kraft schied
wieder aus, weil sie den großen Anforderungen, die an die
körperlichen Leistungen gestellt wurden, nicht gewachsen war; und
der Korpsgeist, der die Stärke, aber auch die Schranke einer
Schwesternschaft ist, wurde nicht immer der Eigenart der einzelnen
Mitarbeiterinnen gerecht und ließ manche Schwester wieder in ihr
Elternhaus zurückkehren, die ein wertvolles Glied des Kreises hätte
werden können.

Um diesem Mangel stärker abzuhelfen, kam es vor, daß Vater hier und
da, nicht gegen die Ordnung, aber doch über die Ordnung des
Diakonissenhauses hinweg, ältere Persönlichkeiten, die nicht von der
Pike auf im Mutterhause gedient und nicht die sonst übliche Zahl der
Jahre bis zur Einsegnung abgedient hatten, in leitende Stellungen
einsetzte und ihnen die geistliche Pflege und Führung jüngerer
Schwestern anvertraute.

Auch dadurch wurden die empfundenen Lücken bis zu einem gewissen
Grade ausgefüllt, daß sich allmählich ein Kreis sogenannter freier
Hilfsschwestern um das Mutterhaus her bildete. Sie gehörten nicht
als eigentliche Diakonissen dem Mutterhause an, hatten aber in ihm
ihre Ausbildung gefunden und stellten sich, je nachdem ihre
Familienverhältnisse und ihre ganzen Umstände es erlaubten, bald für
längere, bald für kürzere Fristen dem Mutterhause zur Verfügung. Aus
ihnen traten dann immer wieder einige ganz in die Schwesternschaft
über.

Wenn ich mich recht besinne, geschah es auf diesem Wege, daß in
Vater der Gedanke erwachte, dem Johanniterorden zu empfehlen, sich
für seine Aufgaben in Krieg und Frieden aus den Kreisen der
gebildeten Mädchen mit einem Stab von Pflegekräften zu versehen, die
in den einzelnen Mutterhäusern geschult werden sollten, aber dann
nicht zunächst diesen, sondern in erster Linie dem Johanniterorden
sich zur Verfügung hielten. So wurde der alte Gedanke des
Ritterordenswesens, daß die führenden Kreise des Volkes sich
unmittelbar mit ihrer ganzen Person dem Dienste des Nächsten in
Pflege und Hilfsdienst widmen sollten, zu neuem Leben erweckt.

In bezug auf die Frage der gelegentlichen Verheiratung der
Schwestern hat es von Fall zu Fall zwischen Vater und den beiden
leitenden Schwestern wohl Verschiedenheit der Meinungen gegeben, --
wobei die beiden Schwestern das strengere, Vater das weitherzigere
Element vertraten --, aber grundsätzlich stimmten alle drei darin
überein, daß eine Diakonisse ihren Beruf als Lebensberuf ansah und
nicht mehr mit der Verheiratung rechnete. In diesem Entschluß sah
Vater nicht eine Knechtschaft, sondern eine große Freiheit und
Sicherheit angesichts der mancherlei schwierigen Lagen, in die eine
Diakonisse bei Ausübung ihres Berufes kommt. Höher aber als der
Entschluß der Schwester stand ihm die göttliche Führung. Diese genau
zu erkennen, darauf kam es ihm an in jedem einzelnen Fall, in
welchem eine Schwester vor die Frage der Verheiratung gestellt
wurde.

Der Regel nach riet er aufs ernstlichste ab. Er hatte zu oft
erfahren, daß es doch bloß Menschenwege waren, die man für göttliche
ansah, hatte auch zu oft festgestellt, daß Diakonissen, die schon
länger in einer selbständigen Stellung sich befunden hatten, sich
selten ganz in die Beschränktheit des Lebens an der Seite des Mannes
fanden. Er konnte auch dem um eine Diakonisse anhaltenden Mann es
ernst ins Gewissen schieben, ob es wirklich recht sei, bei der
großen Fülle lediger Mädchen den Blick auf eine Kraft zu lenken, die
im Dienst der Kranken und Elenden bereits erfahren sei und deren
Lücke nicht so leicht wieder ausgefüllt werden könnte.

Aber starr war er nicht. Überzeugte er sich, daß es nicht
Menschenwerk war, dann hat er mehr als einer Diakonisse seinen Segen
auf ihren Weg gegeben, ist auch in ständiger Verbindung mit ihr
geblieben und suchte sie, wenn er irgend konnte, in ihrer Familie
auf.

So eng Vater auch mit seinen beiden Mitarbeiterinnen verbunden war,
und so wenig er an Einrichtungen rüttelte, die er übernommen hatte
und die durch die Verhältnisse geboten waren, so sah er doch das
Ideal der Leitung eines Mutterhauses in Sarepta nicht verwirklicht.
Vielmehr schwebte ihm dafür die ursprüngliche Verfassung des
Kaiserswerther Diakonissenhauses vor, wo Vater und Mutter Fliedner
nicht nur Vater und Mutter für ihre leiblichen Kinder, sondern auch
für die Diakonissen gewesen waren. Wiederholt sagte er, das schönste
wäre, wenn seine Frau, unsere Mutter, ihn auf allen seinen Reisen zu
Diakonissen begleiten könnte, um überall mit ihm zugleich nach dem
Rechten zu sehen. Darum blieb der Besuch des Ehepaares Dändlicker,
das gemeinsam als Vater und Mutter ihrem Diakonissenhause in Bern
vorstand, eine ganz besondere Herzenserfrischung für unsere Eltern
und ebenso der Gegenbesuch, den sie nach Jahr und Tag in Bern
machten.

Eine erste Bedingung zur Aufrichtung eines solchen Ideals war
freilich, daß die Diakonissenhäuser nicht zu groß wurden. Darum hat
Vater, wo er nur konnte, zur Entstehung selbständiger kleiner
Diakonissenhäuser mitgeholfen und überall für die Anfangszeit die
tüchtigsten Schwestern zur Verfügung gestellt, so in Amsterdam,
Oldenburg, Kreuznach, Detmold, Arolsen und Miechowitz, wie denn
auch die Entstehung des zweiten westfälischen Mutterhauses in Witten
und der rheinischen Anstalt Tannenhof bei Lüttringhausen ihm eine
ganz besondere Freude und Entlastung war.

Grundlegende Änderungen hat er bei keinem dieser neu entstehenden
Diakonissenhäuser, die um seine Unterstützung baten, anbahnen
helfen. Es blieb bei gelegentlichen mündlichen kritischen Äußerungen
über die Mängel des jetzigen Diakonissenwesens, sowohl was die
Durchbildung der einzelnen Schwester als die Zusammensetzung der
Schwesternschaft betraf. Ihn schmerzte es unablässig, zu sehen, wie
hohe und höchste katholische Familien immer wieder mindestens eine
ihrer Töchter in den Dienst der Kirche stellten, während die
evangelischen Diakonissenhäuser eine Rekrutierung aus allen
Schichten der christlichen Gemeinde doch zu schmerzlich entbehren
mußten.

Hätte Vater, als er die Arbeit in Bielefeld übernahm, nicht schon
die festgelegte Grundlage des Diakonissenwesens vorgefunden, so
könnte man sich denken, daß er für die Heranbildung einer
evangelischen Truppe von Pflegern und Pflegerinnen des Volkes in
allen seinen körperlichen und geistigen Nöten, ich möchte nicht
sagen freiere, wohl aber höhere Wege gesucht hätte, auf denen in
ganz anderer Weise, als es jetzt der Fall ist, die Gesamtheit der
ihrem Herrn in Wahrheit ergebenen Christenheit sich vor den Wagen
des Elends gespannt hätte. Aber zum Reformator von Instituten, die
bei allen Schranken, welche ihnen anhaften, doch schon einen Stempel
reichen göttlichen Segens an sich trugen, hat sich Vater nie berufen
gefühlt.


3. _Wilhelm Heermann._

Oft hat Vater den Gedanken abwehren müssen, daß er der Begründer der
Anstalt gewesen sei. Er war ja tatsächlich erst eingetreten, als der
erste Anfang bereits fünf Jahre zurücklag. Wenn er aber gefragt
wurde, wer denn eigentlich der Begründer gewesen sei, wen sollte er
da nennen? Er hätte manche Namen aus Rheinland und Westfalen
anführen müssen, die in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts bei den ersten Fundamenten zusammengewirkt hatten und
für die Pastor Balke aus Rheydt der öffentliche Sprecher geworden
war. Balkes Bild behielt darum in Vaters Zimmer seinen Platz.

Aber wenn Vater die Besucher durch die Anstalt führte, brachte er
sie gern auf den Friedhof und zeigte ihnen dort in der äußersten
Ecke ein Grab, auf welchem geschrieben steht: „Hier ruht ein treuer
Freund des Ravensbergischen Volkes, Friedrich Wilhelm Heermann, geb.
31. März 1800, gest. 26. Jan. 1882 in Sarepta. Der Herr wird dein
ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende
haben. Jes. 60, 20.”

Diesen Heermann bezeichnete er am liebsten als den eigentlichen
Gründer der Anstalt. Ich habe den achtzigjährigen Mann noch deutlich
in Erinnerung, wenn er an unserm Mittagstisch saß oder wenn er sich
an meiner Hand von unserm Haus in sein Zimmer auf der Männerstation
von Sarepta zurückführen ließ. Dort stand auch seine kleine
Stubenorgel, zu der ich ihm einige Male den Wind gemacht habe. Es
war mir sehr feierlich in Gegenwart dieses Mannes zu Mut, aber nicht
eigentlich furchtsam; und das ist mir noch heute ein Zeichen, daß in
dem Mann eine tiefe, lautere Frömmigkeit gewohnt haben muß und er
nicht zu den Überfrommen gehörte, vor denen Kinder so leicht eine
Scheu empfinden.

Er stammte aus der Gemeinde Werther, zwei Stunden nordwestlich von
Bielefeld. Dort hatte sein Vater eine kleine Stätte besessen, d. h.
ein eigenes Haus mit einigen Morgen Acker, die er mit den Kühen
bewirtschafte. Als etwa zwanzigjähriger Jüngling war Heermann von
dem Boden auf die Diele gestürzt, und als Folge dieses Sturzes hatte
sich eine Störung seiner Sehkraft und schließlich vollständige
Erblindung herausgestellt. Aber die Nacht, die sich über sein
äußeres Leben legte, wurde ihm zur Nacht von Bethlehem, von der es
heißt: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen -- Des großen Gottes
Freundlichkeit. -- Das Kind, dem alle Engel dienen, -- Bringt Licht
in meine Dunkelheit. -- Und dieses Welt- und Himmelslicht -- Weicht
hunderttausend Sonnen nicht.”

Die Zeit der vollständigen Erblindung Heermanns fiel zusammen mit
der Zeit der Erweckung des geistlichen Lebens, die nach der Öde und
Dürre des Vernunftglaubens wie ein erfrischender Lufthauch durch das
Land ging. Auch in Minden-Ravensberg waren in Stadt und Land die
Gewissen erwacht. In kleinen und größeren Kreisen sammelte man sich,
um gemeinsam nach Gottes Wahrheit und Willen zu forschen und sich im
Glauben an den Versöhner zu stärken.

Heermann wurde einer der Pfleger dieser Kreise. Es kam ihm
zustatten, daß er noch in den Tagen des gesunden Augenlichtes
gelernt hatte, im Sattel zu sitzen. Jetzt sah man den blinden Mann
mit einem Geleitsmann zusammen durch das Land reiten, um bald hier,
bald dort die Versammlungen der Glaubenden zu stärken. Bald wußte er
so genau auf den Straßen des Landes Bescheid, daß er, wenn er nicht
ritt, zu Fuß ganz allein die weitesten Strecken zurücklegte, um
nicht nur die Versammlungen aufzusuchen, sondern auch die einzelnen
Familien, die den neuen Weg des Glaubensgehorsams beschritten
hatten, zu stärken und zu fördern. Auch in mehr als einem adligen
Hof des Landes war er ein gern gesehener Gast.

Er blieb nicht bei der Gewinnung einzelner Seelen und einzelner
kleiner Kreise stehen. Sein inneres Auge war auf die Erfassung der
Volksseele, auf die Gewinnung der Gemeinden gerichtet. Darum lag ihm
daran, daß die Kanzeln des Landes wieder mit Männern besetzt wurden,
die durch ihre Predigt das tiefste Bedürfnis stillen und zu dem
Heiland der Welt führen könnten. Nach dieser Richtung hin leitete er
darum vor allem das Gebet derer, die mit ihm eines Sinnes waren.
Zugleich unternahm er alles, was zur Gewinnung tüchtiger Pastoren
führen konnte. Mehrmals reiste er deswegen nach Berlin, und man gab
ihm Gelegenheit, sich vor dem König Friedrich Wilhelm =IV.= über
seine Gedanken und Wünsche auszusprechen.

Das war in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Same,
der immer reichlicher ausgestreut wurde, ging auf. Ein Frühling
neuen Lebens füllte die Hügel und Täler des Ravensberger Landes, und
in das stille Rauschen der Bäche, die die verborgenen Wiesentäler
des Landes durcheilten, mischte sich das Rauschen des neuen Geistes,
der die Herzen erfüllte. Aus solchen Herzen aber erwuchs die
Willigkeit, dem Rufe Gottes zu folgen, um den Elenden nicht nur die
Häuser zu bauen, sondern sie auch in diesen Häusern zu pflegen,
nicht um Geldes willen, sondern frei und umsonst aus Dank gegen
Gottes große Heilandstat in Jesus Christus.

Später folgte dann Heermann dem Rufe des Grafen Arnim-Muskau, um
dort längere Jahre hindurch in ähnlicher Weise tätig zu sein wie im
Ravensberger Lande. Als die Kraft nachließ, lud ihn Vater ein, für
den Rest seines Lebens zu uns zu kommen. Er wurde dann in Sarepta
zum Seelsorger der Kranken, die aus Stadt und Land Aufnahme fanden.

Bei den Andachten, die er regelmäßig in den Krankensälen hielt, ging
ihm sein Freund und Gesinnungsverwandter, der alte Schmied
Pöppelmeier, zur Hand, der die Lieder vorsagte und die Texte verlas,
die dann von Heermann ausgelegt wurden.

Im Sterben ließ sich Heermann noch einmal das 53. Kapitel des Buches
Jesaia von Vater vorlesen. Als der Vers kam: „Die Strafe liegt auf
ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir
geheilet”, rief er: „Halleluja, Halleluja!” Es ging uns schon als
Kindern stets durch und durch, wenn Vater, wie er es immer wieder
tat, in seinen Predigten von diesem Halleluja des sterbenden Mannes
erzählte. Wir konnten das tiefe Geheimnis, weshalb gerade über
diesen Versen ein Sterbender jubeln konnte, noch nicht mit dem
Verstande fassen, aber unsere Seele ahnte etwas von diesem
beseligenden Glauben.

Bedeutsam aber bleibt, daß Vater diesem schlichten Mann des Volkes
vor andern grundlegenden Einfluß zuschrieb für die Bereitung des
Bodens, auf dem die Anstalt erwuchs.


4. _Pastor Stürmer._

Die Arbeit wuchs von Jahr zu Jahr, und Vater hatte Hilfe nötig. Zu
suchen brauchte er eigentlich nicht mehr. Bei Gelegenheit eines
Missionsfestes, zu dem er von Dellwig aus gereist war, hatte er in
Bruchhausen an der Weser den damaligen Hilfsprediger Hermann Stürmer
kennen gelernt. Fast auf der Stelle hatte er Herzensfreundschaft mit
ihm geschlossen und ihn nach Dellwig eingeladen. Er bedurfte dort
der Entlastung, weil mit dem Tode seines Kollegen Philipps außer
allen andern Pflichten, die er übernommen hatte, die ganze
Gemeindearbeit sich auf ihn gelegt hatte. Stürmer kam und erlebte
jene erschütternden dreizehn Tage, in welchen den Eltern alle ihre
vier Kinder genommen wurden. Er ist ihnen damals ein großer Trost
gewesen, und das gemeinsam erlebte tiefe Leid verband alle drei zu
unlöslicher Freundschaft.

Die Anstalten in Ducherow in Pommern waren zu jener Zeit durch
manche Schwierigkeit gegangen. Vater hatte von Dellwig aus bei der
Ordnung der Verhältnisse an Ort und Stelle mitgeholfen, hatte sich
aber nicht entschließen können, selbst nach Ducherow überzusiedeln.
Statt seiner empfahl er seinen Freund Stürmer. Nach siebenjähriger
Tätigkeit in Ducherow kam dann Stürmer, der sich inzwischen
verheiratet hatte, nach Bethel. Es war natürlich ein großes Ereignis
für uns Kinder, als unsere beiden Anstaltsschimmel Max und Hektor
den neuen Pastor mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern
im Kutschwagen den Berg herauf vor unser Haus zogen.

Wir Kinder haben vom ersten Augenblick dem Pastor und der Pastorin
Stürmer den größten Respekt entgegengebracht. In Stürmers äußerer
Erscheinung lag nichts Imponierendes, aber Ruhe, Klarheit und eine
unerschütterliche Treue standen ihm auf dem Angesicht geschrieben.
Die Pastorin aber war in ihrem ganzen Wesen von einer Schlichtheit,
Milde und Herzensgüte, daß man sie nur zu sehen brauchte, um ihr
Verehrung entgegenzutragen. Daß auch mit den Kindern dieser Eltern
uns bald eine herzliche Kameradschaft verband, versteht sich von
selbst.

Vor allem entlastete Pastor Stürmer unsern Vater in der Arbeit an
den Epileptischen. Was Vater bei seinem zunehmenden Pflichtenkreis
nicht mehr so, wie er es wünschte, gekonnt hatte, tat jetzt Stürmer:
er nahm sich der einzelnen Stationen und der einzelnen Epileptischen
an. Wenn Vater sich oft nur so viel Zeit genommen hatte, das Feuer
der Erregung, das bei Epileptischen so leicht auflodert, durch ein
kurzes gütiges oder, was auch nicht ausblieb, strenges Wort rasch zu
dämpfen, so nahm Pastor Stürmer sich die Muße, dem Herde des Feuers
nachzugehen und ihn in seiner Tiefe aufzudecken. So machte es einst
einen großen Eindruck auf mich, als ich ihn einmal in seinem
Arbeitszimmer mit einem epileptischen Kranken zusammen fand. Er
hatte die Bibel auf seinen Knien und suchte darin, bis er den Spruch
fand, den er dem Kranken als Arznei mitgab. Das war überhaupt seine
Regel: wenn irgend die Fassung des Kranken noch ausreichte, führte
er ihn in die Schrift und stellte damit die unruhvolle Seele des
Epileptischen auf den festen, unerschütterlichen Grund der ewigen
Wahrheit und des ewigen Friedens.

Wie bei den einzelnen hielt er es auch auf den Stationen. Nicht um
sich sammelte er die Kranken, nicht an seine Person fesselte er sie,
sondern immer war es die Person des Heilandes und die Majestät
Gottes, die er an der Hand irgend eines Schriftwortes vor die
Kranken hinstellte und damit die tiefsten Wirkungen erzielte.

Daneben war es die Musik, die er unter den Epileptischen pflegte.
Auch hierin ergänzte er Vater, der es auf dem musikalischen Gebiet
nicht weiter gebracht hatte, als daß er mit einem Finger eine
Melodie tippen konnte. Die kleine Orgel, die einst in der
Hügelkirche in Paris gestanden hatte, war bei dem Erweiterungsbau
überflüssig geworden und stand nun im Speisesaal von Groß-Bethel. Um
diese Orgel sammelte Stürmer den Chor der Epileptischen. Der
126. Psalm -- „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” --,
mit dem bis heute dieser Chor viele Herzen ergreift, ist von Pastor
Stürmer zuerst eingeübt worden.

Auch die Aufnahme der Epileptischen übernahm Pastor Stürmer,
insbesondere die Festsetzung der Pflegegelder. Es war vom ersten
Augenblick an Vaters Grundsatz gewesen, keinen Epileptischen um des
Geldes willen abzuweisen. Aber seine Güte war doch nicht selten
mißbraucht worden, namentlich auch von Gemeindeverwaltungen, die
sich den Pflichten gegen ihre Gemeindekinder zu entziehen suchten
und den Wohltätigkeitssinn der Freunde der Epileptischen ausnutzten.
Jetzt sind die Leistungen der Gemeinden, soweit diese zur
Unterbringung ihrer epileptischen und geisteskranken Eingesessenen
verpflichtet sind, fest durch das Gesetz geregelt. Damals war es
nicht so. Und Pastor Stürmer ging mit zäher Treue allen Quellen
nach, die zum Unterhalt der Epileptischen beitragen konnten.

Während die Schwestern in Vater ihren Leiter behielten, wurde Pastor
Stürmer der Leiter der Brüder. Doch blieb das feste Band dadurch
erhalten, daß Vater bei den Brüdern eine oder zwei Unterrichtsstunden
gab, Stürmer umgekehrt bei den Schwestern. Rascher als Vater drängte
Stürmer zur Klärung und Entscheidung. Vaters unermüdliche Geduld konnte
nicht anders, als immer und immer wieder zu warten, ehe er eine
Schwester oder einen Bruder, die ungeeignet schienen, veranlaßte
zurückzutreten. Er hat damit, wie schon gesagt, den Diakonissen und
Diakonen, die Tag für Tag mit solchen ungeeigneten Kräften zu tun
hatten, oft Außerordentliches zugemutet, hat freilich so auch ihre
Schultern im Tragen und Ertragen gestählt und manche derartige Kraft mit
seiner unermüdlichen Geduld innerlich überwunden und dadurch der Arbeit
erhalten, die sonst verbittert ihres Weges gegangen wäre.

Stürmer hatte diese Art nicht. Unlautere Elemente wurden unter den
Brüdern schneller ausgeschieden als unter den Schwestern; und das
war auch gut, da die Geduld des Mannes von Natur kürzer ist als die
der Frau und die Brüderschaft zu stark in ihrer Arbeitsfreudigkeit
gehemmt worden wäre, wenn Pastor Stürmer nicht immer wieder schnell
die lauen Elemente abgewehrt hätte.

Seine Entschiedenheit trug er natürlich auch in die
Schwesternstunden hinüber und ergänzte so Vater in der Erziehung der
Schwestern, wie umgekehrt Vater manche Herbigkeit glätten konnte,
die Stürmers Arbeit an den Brüdern mit sich brachte.

Stürmers Predigten, die er abwechselnd mit Vater hielt, machten auf
Kranke und Gesunde tiefen Eindruck durch die Kraft und Innerlichkeit
der Überzeugung, die von ihnen ausging, auch wenn sie nicht immer
von allen verstanden wurden. Namentlich waren es Stürmers
Unterrichtsstunden, vor allem auch der Konfirmandenunterricht der
epileptischen und gesunden Kinder, wodurch er der ganzen Gemeinde
zum großen Segen wurde. Pastor Wilm, jetzt am Diakonissenhause in
Witten, dem Stürmer als väterlicher Freund nahe stand, hat mit dem
Titel „Unter dem Rauschen des Gottesbrünnleins” (erschienen in der
Buchhandlung der Anstalt Bethel) Auszüge aus den Predigten und
Stunden Stürmers herausgegeben. Wer Stürmer ganz verstehen und einen
Eindruck empfangen will von der tiefen Kraft, die von diesem stillen
Mann in die Gemeinde ausging und bis heute fruchtbar geblieben ist,
der muß zu diesem Büchlein greifen.

Die Texte, über die die Predigten und Ansprachen gehalten wurden,
verabredeten die beiden miteinander, und Pastor Stürmer hielt sich
unerschütterlich daran. So waren einmal für die Abendgottesdienste
der Passionswoche die sieben Worte Jesu am Kreuz festgelegt worden,
und auf den Abend des Palmsonntags, als des ersten Tages der
Passionswoche, fiel das erste Wort: „Vater, vergib ihnen.”

Nun traf es sich, daß an diesem selben Tage unsere Eltern ihre silberne
Hochzeit feierten. Vater hatte am Morgen den Gemeindegottesdienst
gehalten; am Abend sollte die Feier sein, in welcher Pastor Stürmer die
Freude und die Wünsche der Gemeinde zum Ausdruck bringen sollte. Man
erwartete einen besonderen Freudentext. Aber nein, Stürmer blieb bei
dem, was einmal festgelegt war: „Vater, vergib ihnen.” Und es ergab
sich, daß der geistvolle Mann in zartester Weise in die Behandlung des
Textes die tiefsten Erfahrungen und die ganze Lebensgeschichte der
Eltern einflocht, die im Grunde aus der Vergebung der Sünden heraus ja
in nichts hinauslief als in Leben und Seligkeit. „Denn wo Vergebung der
Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.” Auf diese beglückendste
Wahrheit stellte Stürmer an diesem Abend das Leben der Eltern und mit
ihnen der ganzen Gemeinde und traf so in der Tat den festlichsten Ton.

Die unerschütterliche Freundestreue und tiefe Verehrung, die Stürmer
gegen Vater erfüllte, brachte es mit sich, daß er bei Tag und Nacht
bereit war, Vater zu entlasten und zu ergänzen. Es gab keine Reise,
keine Predigt, keine Stunde, die Vater nicht in jedem Augenblick,
wenn ihm Hindernisse dazwischen kamen, auf ihn übertragen konnte.
Wie oft sind wir Kinder hinübergesprungen durch den Garten des
Diakonissenhauses ins zweite Pfarrhaus, um solch ein Anliegen zu
überbringen, und immer wurde es mit derselben Willigkeit
aufgenommen, trotzdem der treue Mann vielfach unter schwersten
Kopfschmerzen litt, die ihm die Arbeit zur Qual machten. Aber klagen
hat man ihn nie hören.

Die epileptischen Kranken hatten nach wie vor auch bei Vater zu
jeder Zeit und Stunde freien Zutritt. Aber immer wieder konnte er
sie dann Pastor Stürmer zur gründlicheren Behandlung aller ihrer
Klagen zuweisen. Oft war das Sprechzimmer Stürmers mit Epileptischen
gefüllt, die rings um ihn her saßen. Er pflegte dann wohl in großer
Gemütsruhe von der eingegangenen Post einen Brief nach dem andern
mit dem Bleistift aufzurollen, -- denn um den Umschlag wieder
verwenden zu können, zerschnitt er ihn niemals -- und während dessen
hörte er einen Wunsch nach dem andern an. Aber auch für die gesunden
Anstaltsglieder blieb das Stürmersche Haus ein stets weitgeöffneter
Ruheport und für die Gäste, die kamen, eine nie sich schließende
Herberge zur Heimat. Das war namentlich in den Zeiten, wo der
leidende Zustand unserer Mutter unser Haus in die Stille versetzte,
eine große Wohltat für unsere Eltern.

In der selbstlosen Hingabe an sein Amt und in der wahrhaft
großartigen Freundestreue gegen unsern Vater verzehrte sich Stürmers
Kraft. Während eines Familienabends bei den epileptischen Damen in
Bethanien erlitt er 1895 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht
wieder erholte. „Es ist schwer, nichts zu sein”, seufzte der tätige
Mann wohl gelegentlich. Als er im Herbst 1899 erlöst war, rief Vater
an seinem Grabe: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich
habe große Freude und Wonne an dir gehabt.” Das ging uns durch Mark
und Bein. Seine Witwe erkrankte an der Gicht, die schließlich zur
völligen Lähmung führte, aber bis zu ihrem Tode mit einer Stille und
Geduld getragen wurde, die in der Gemeinde fortwirken.


5. _Otto Mellin._

Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen
sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Stürmer, war
ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in
Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin
verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und
bezog die beiden warmen Südzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses.
Erst als er längst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder
erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen
Versuchungen „Onkel Mellin”, wie wir ihn nannten, gegangen war,
längst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn
Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf
seinem Angesicht und in seinem Wesen.

Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten
wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstücken seines
Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er
sich auch gar nicht mit uns beschäftigte, so war es uns schon eine
Wohltat, in der Nähe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu
können. Als es sich zeigte, daß die Kassenstube im unteren Teil der
Stürmerschen Wohnung günstiger lag als bei uns, siedelte Mellin
dahin über, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen
und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund
geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstübchen in
Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.

Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten,
innerlichsten Persönlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen,
zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie längst vorher in seinen
Lebensweg gestellt waren. Und daß ihm gerade für das scheinbar so
äußerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persönlichkeit
Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von
unauslöschlicher Bedeutung für den Fortgang der Arbeit.

Wer die heutige Entwicklung der Anstalten überschaut, der fragt
sich, woher die Mittel kamen und wie es möglich war, daß so große
Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der
persönlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenüber. Er
hatte für seine Person kein Geld nötig. Er hatte nie Geld bei sich.
Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie
zurecht. Aber auch so kam es vor, daß er es liegen ließ. Dann borgte
er sich unterwegs das Nötige; und die Leute gaben es ihm. Als er
einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim
späteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mußte und
auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lösen wollte,
entdeckte er, daß seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er
die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter
ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr
und Fahrkarte einstecken.

Es war für uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was
wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken
sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er ließ sich
wirklich an Nahrung und Kleidung genügen und hatte darüber hinaus
keine Wünsche und keine Bedürfnisse. Doch diese Freiheit den
irdischen Dingen gegenüber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er
rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste
Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch für uns
Kinder verstand es sich von selbst, daß wir über das kleine
Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch führten. Beides, die
sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenüber und die große
Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren ließ, hatte bei Vater
in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen
um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam; denn
ihm gehört beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch für den
kleinsten Pfennig verantwortlich.

So spürte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter
Hand. Ihm können wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unnützen
Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier
wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch
zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein
Diener des Erbarmens.

Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der
Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen
Unabhängigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rücksicht auf das Geld
etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die
Liebe sollte regieren, nicht das Geld. „Nie”, sagte Vater einmal,
„soll das Geld Königin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei
werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen.” Darum
wurde auch für die einzelnen Haushaltungen kein bindender
Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu' und Glauben, wie beim
Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war
die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur
keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel
ergreifen und die Liebe darüber sterben ließ. Dem andern
Hauselternpaar wollte es trotz aller Mühsal nicht gelingen, mit dem
Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von
ängstlicher Sorge fassen ließ und darüber für sich und die Kranken
den Frieden einbüßte.

So konnte es vorkommen, daß Vater für den geschickten Hauswirt am
meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rücksicht übte.
Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die
Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er
unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben
Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft
hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten
Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen,
sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet
sein läßt.

In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenüber dem
irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin
völlig eins zu sein, das bedeutete für Vater und die ganze Arbeit
eine unermeßliche Wohltat. Und dieser Sinn der unbedingten Freiheit
und ebenso unbedingten Treue gegenüber dem ungerechten Mammon wurde
nun von Mellin durch seinen täglichen Dienst den einzelnen
vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer
Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu
einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer
Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte
und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der
Sparsamkeit hüllt, nicht aufkommen ließ.

Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine
und große Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen
waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch
den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende
Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk
emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nächsten Tage besuchte
er auswärts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurück. Am
andern Morgen blieb seine Tür verschlossen. Als man sie öffnete,
fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der
kleine Bogatzky, der auch für ihn, gerade so wie für unsere Eltern,
der Freudenmeister der täglichen Buße und des täglichen Glaubens
geworden war. Ich blätterte darin herum und fand, wie er jeden Tag,
an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders
bezeichnet hatte: „Heute zum Tisch des Herrn.” Ein treuer Knecht
seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. „Ei, du frommer und
getreuer Knecht -- gehe ein zu deines Herrn Freude!” Zwischen den
Gräbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.


6. _Die Ärzte._

Bis zum Jahre 1887 waren es Bielefelder Ärzte, die nebenamtlich die
Kranken der Anstalt besuchten, erst =Dr.= Tiemann, dann, als seine
Nachfolger, die Doktoren Bertelsmann und Müller-Warneck, beide alten
Bielefelder Familien entstammend. Sie kamen immer erst in der
Mittagsstunde, nachdem sie ihre Kranken in der Stadt besucht hatten.
Jeder hatte eine Abteilung im Diakonissenhause und einige
Abteilungen der Epileptischen. Die Epileptischen-Abteilungen wurden
nicht täglich, sondern, abgesehen von besonderen Fällen, nur zwei-
oder dreimal die Woche besucht. So waren die Besuche der Ärzte in
den Anstaltshäusern verhältnismäßig schnell erledigt. „Unsere lieben
Ärzte haben nicht viel zu tun,” hörte man Vater in jener Anfangszeit
öfter sagen, „die Brüder und Schwestern machen die Hauptsache.”

Es ist später wohl der Vorwurf erhoben worden, es wäre in jener
ersten Zeit auf ärztlichem Gebiet zu wenig geschehen. Aber damals
waren die eintretenden Kranken meist solche, an denen alle ärztliche
Kunst sich bereits umsonst abgemüht hatte. Allmählich änderte sich
das, und namentlich das Gesetz über die Fürsorge für Epileptische
und Geisteskranke vom Jahre 1891 brachte es mit sich, daß mehr und
mehr auch die frischeren Fälle der Epilepsie zur Behandlung kamen.
Die Erweiterung der Anstalt durch die Errichtung sogenannter
geschlossener Häuser für Epileptische und Gemütskranke gab vollends
dem Krankenbestand gegenüber den ersten Anfängen ein ganz
verändertes Gesicht. Damit war die feste Anstellung vermehrter
ärztlicher Kräfte, die im Hauptamte standen, gegeben. Ihnen folgte
Schritt auf Schritt ein umfassender wissenschaftlicher Apparat, der
es ermöglichte, auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung zu
bleiben und ihre Ergebnisse zur engeren und weiteren Anwendung zu
bringen.

Doch liegt auch für das Urteil des Arztes die Bedeutung des
Anstaltsaufenthaltes bei den Epileptischen nicht in erster Linie in
der medizinischen Behandlung, sondern vielmehr in der neuen
Atmosphäre, die sie umgibt. Das Leben der Zurückgezogenheit, der
Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, der Aussichtslosigkeit hat für die
Epileptischen mit ihrem Eintritt in die Anstalt ein Ende; eine
feste, ärztlich geregelte Tagesordnung mit dem gleichmäßigen Wechsel
von Arbeit und Ruhe nimmt sie auf; wachsame Augen der Pfleger und
Pflegerinnen sind für den Augenblick des Anfalls zur Stelle, und das
Zusammenleben mit Leidensgenossen wirkt keineswegs, wie vielfach
angenommen wird, niederdrückend, sondern beruhigend und ablenkend.
Die Kranken werden gelehrt, den Pflegern und Pflegerinnen zur Hand
zu gehen, bei den Schwindeln und Anfällen ihrer Mitkranken selbst
mit zuzugreifen und schwerer Leidende in besondere Obhut zu nehmen,
sodaß sich ihnen immer wieder die Wahrheit bewährt: „Drückt dich
eine Last, nimm eine fremde hinzu! An beiden wirst du leichter
tragen, als an deiner allein.” Aber natürlich gehört dazu, daß die
Diakonen und die Diakonissen, die einer solchen Krankenstation
vorstehen, sich nicht selbst vom Krankenelend überwinden lassen,
sondern mit fröhlichem Herzen dem festgeordneten Tageslauf Geist und
Leben einhauchen. Und insofern behielt Vater bis heute recht, wenn
er sagte: „Die Schwestern und Brüder tun die Hauptsache.”

Sie sind ja auch die einzigen, die dem Arzt aus ihren Beobachtungen
heraus genauen Bericht über Stimmung und Zustand des einzelnen
Kranken geben können. Sie haben die für die ärztliche Behandlung
notwendige Liste über die Schwindel und Anfälle zu führen, die bei
jedem einzelnen Kranken im Laufe des Tages und der Nacht vorgefallen
sind. Darum ist gerade bei den Epileptischen ein zuverlässiges
Pflegepersonal die Grundbedingung einer gedeihlichen ärztlichen
Behandlung.

Schon wenige Jahre nach seinem Eintritt in Bethel schrieb Vater für
die Diakonen und Diakonissen eine Berufsordnung, welcher er ältere
Arbeiten ähnlicher Art zugrunde legte, die er durch eigene Gedanken
ergänzte. Diese Berufsordnung wurde jedem einzelnen Diakonen und
jeder Diakonisse in die Hand gegeben und diente zugleich als
Hilfsbuch bei den wöchentlichen Berufsordnungsstunden. Vater hat
darin immer wieder Pflegern und Pflegerinnen die sorgsame
Unterordnung unter den Arzt zur freudigen Pflicht gemacht und sowohl
Brüdern wie Schwestern die Neigung genommen, selbst den Arzt spielen
zu wollen.

Auch er seinerseits hat sich an die in der Berufsordnung
aufgestellten Regeln gebunden. Nie hat er in die Befugnisse des
Arztes eingegriffen. Für seine Person war er am liebsten sein
eigener Arzt. Seine gründliche Morgenwäsche und sein Trunk frischen
Wassers vor dem Morgenfrühstück und dem Nachmittagskaffee waren
seine vorbeugenden Medikamente, die sich in hohem Maße bei ihm
bewährten. Aber nicht einmal auf diesem einfachsten hygienischen
Gebiet hat er je einem Kranken Ratschläge gegeben. Alle diese Dinge
überließ er ganz dem Arzt. Für ihn war die Krankheit selbst im
Grunde das große Heilmittel, das Gott zur innersten Genesung
verordnet hatte. Diesem Heilmittel lehrte er trauen und stillhalten
und schließlich dafür danken.

So waren die Gebiete des Seelsorgers und die des Arztes völlig
getrennt. Eines lag neben dem andern. Auf dem einen Gebiete, dem
des Arztes, war die Krankheit der Feind, der bekämpft werden mußte.
Auf dem andern Gebiet, dem des Seelsorgers, war sie der Freund, für
den man dankte. Aber gerade so wurde Vater der wirksamste
Bundesgenosse des Arztes, indem er die Krankheit innerlich
überwinden half und damit die tiefsten Kräfte des Kranken weckte, so
daß er den Anordnungen des Arztes sich nicht mit ängstlicher Sorge
oder stumpfer Gleichgültigkeit fügte, sondern mit der Gelassenheit
des Geistes, die die beste Hilfe ist zur Genesung. Bei dieser
innerlichen Trennung der Gebiete waren Zusammenstöße nicht denkbar,
und die sachliche Scheidung ermöglichte die freundschaftlichen
Beziehungen auf persönlichem Gebiet, wie sie seit jenen ersten Tagen
zwischen Vater und den Ärzten bestanden.

Rückblickend darf hier wohl gesagt werden, daß die große Pietät und
die tiefe Achtung fremden Arbeitsbereichen gegenüber für Vater ein
Hindernis bedeuteten, auf dem Boden der Gesundheitspflege neue Wege
einzuschlagen. Ein Reformator war er eben auch auf diesem Boden
nicht und wollte er auch nicht sein. Das hätte zu Kämpfen führen
können, die möglicherweise den Frieden innerhalb der Anstaltsleitung
gefährdet hätten. Aber Kämpfen auf Gebieten, die ihm nebensächlich
erschienen, ging Vater aus dem Wege, um so Wichtigeres zu erreichen:
die innere Harmonie der gesamten Arbeit.

Als vollends auch das Diakonissenhaus zu erheblichen Erweiterungen
seiner Krankenanstalt gezwungen wurde, um für die wachsende Zahl
seiner heute 1600 Diakonissen umfassenden Schwesternschaft die
Möglichkeit zu gründlicher und allseitiger Ausbildung zu gewinnen,
erweiterte sich der Kreis der im Hauptamt stehenden Ärzte noch um
weitere Mitglieder, so daß ihre Zahl heute auf zehn gestiegen ist,
ohne die Assistenten und auch ohne Spezialisten, die in Bielefeld
ihren Sitz haben und von dort aus ihre täglichen Sprechstunden in
Bethel abhalten.

Den Vorsitz im Ärzte-Kollegium führt seit nun 35 Jahren der
ehrwürdige Geheimrat Huchzermeier. Sein Name braucht nur genannt zu
werden, um eine Fülle der trautesten Bilder auftauchen zu lassen. Er
war für Vater in Krankheitszeiten nicht nur der Arzt, sondern
zugleich der fürsorgendste Freund, und so ist er es für viele Kranke
gewesen und geblieben. Seinen Spuren sind dann auch seine Kollegen
gefolgt.

Es ist für die Ärzte der Anstalt nicht immer leicht gewesen, sich in
die Tatsache zu finden, daß die Oberleitung nicht in ärztlichen
Händen lag; aber der Verzicht, den sie übten, ist ihnen entgolten
worden nicht nur dadurch, daß sie von den oft so zerreibenden
Verwaltungsgeschäften befreit blieben und sie ungehindert sich ihrem
eigentlichen Beruf widmen konnten, sondern noch viel mehr dadurch,
daß ihnen für ihre hingebende Arbeit ein volles Maß von Liebe und
Dankbarkeit von Kranken und Gesunden entgegenströmte. So wurden sie
vielfach in höherem Maße als die mit Nebenarbeiten überlasteten
Anstaltspastoren die hochgeschätzten Berater und Freunde der
Kranken.


Der Anstaltsvorstand.

Vater wurde einmal gefragt: „Wem gehören die Anstalten eigentlich?”
Er antwortete: „Der ganzen Christenheit.” Aber die Christenheit
brauchte Beauftragte, die in ihrem Namen und für sie den Besitz
verwalteten. Das waren die Vorstände der einzelnen Anstalten. Jede
Anstalt, wie bereits berichtet, hatte ihren Vorstand für sich,
Bethel, Sarepta, Nazareth, und jeder einzelne Vorstand besaß und
vertrat die Rechte einer juristischen Person. Er konnte Beamte
berufen, Käufe und Verkäufe schließen, Anträge auf Bewilligung von
Bauten und Kollekten stellen usw.

Warum -- so wurde des weiteren oft gefragt -- sind denn drei
Vorstände nötig, wenn doch die Anstalten ganz dicht neben einander
liegen und alle drei im Grunde den gleichen Zweck verfolgen? Und
warum vollends drei Vorstände beibehalten, wenn doch, wie es in der
Tat der Fall war, die Mitglieder des einen Vorstandes meist zugleich
die Mitglieder des andern waren?

Auf solche Fragen legte Vater die Vorteile auseinander, die in der
Beibehaltung der Dreiteilung lagen: Wohl waren die Vorstandsmitglieder
der einzelnen Anstalten der Regel nach dieselben, aber der auswärtige
Freundeskreis der drei Anstalten war nicht immer der gleiche. Es gab
Kreise, die von Anfang an für die Epileptischen mitgearbeitet hatten,
aber der Diakonissenarbeit fernstanden, und umgekehrt. Es gab auch
solche, denen die Diakonissenarbeit vor andern am Herzen lag, die aber
von der Diakonenarbeit kaum etwas wußten. Diesen Kreisen jedesmal das
gleiche Interesse an allen drei Arbeitsgebieten zuzumuten, wäre zu viel
verlangt gewesen. Die Schultern wären überlastet worden, und das
Interesse wäre erlahmt. Hier galt wirklich das Wort: Ein Teil ist mehr
als das Ganze.

Dazu kam das unmittelbar wirtschaftliche Interesse. Jede juristische
Person konnte für ihr Gebiet besondere Bitten aussprechen, besondere
Anträge auf Gewährung von Beihilfen aus öffentlichen und aus
privaten Mitteln stellen. Wäre es, statt drei, nur eine juristische
Person gewesen, so hätte die Einbuße an Beihilfen aus öffentlichen
und privaten Mitteln eine beträchtliche sein müssen. Darum blieb die
Dreiteilung erhalten und hat sich bis heute bewährt.

Nun ist es von hoher Bedeutung gewesen, daß die Vorstände dieser
drei juristischen Körperschaften sich aus Persönlichkeiten
zusammensetzten, die mit größter Treue und Hingabe das Werk von
Anfang an auf Herz und Gewissen trugen.

Von diesen Vorstandsmitgliedern wurden der Kommerzienrat Gottfried
Bansi und Pastor Simon bereits erwähnt. Bansis Großvater stammte aus
dem Engadin in der Schweiz, von wo er, wie so viele Engadiner, als
Bäcker ins Ausland gegangen war. Seine Wanderschaft hatte ihn nach
Bielefeld geführt, und hier war er haften geblieben. Er hatte aus
seiner Schweizer Heimat die Kenntnis der würzigen Kräuter
mitgebracht und daraus ein Magenmittel bereitet, das noch heute gern
gebraucht wird und dessen Vertrieb zur Entwicklung eines angesehenen
Geschäftes führte. Unvergeßlich wird Bansis kleine, fast schüchterne
Erscheinung allen bleiben, die noch in jene Anfangszeiten
zurückschauen können. Er war wie einer, der sich nie ganz zu Hause
fühlte, weder in seinem Geschäft noch in Bielefeld, sondern sich
immer heimlich zurücksehnte in die schlichteren Verhältnisse der
Heimat seiner Väter, und der den verborgenen Schmerz zu übertäuben
suchte durch rastlose Hingabe an andre. Für wie viele ist er im
Verborgenen ein Wohltäter gewesen, und mit welch unermüdlicher Treue
hat er durch Jahre hindurch den Vorsitz in den Sitzungen des
Vorstandes geführt!

Neben Bansi taucht die hohe Gestalt des Pastors Simon auf, der
später Jahrzehnte hindurch Superintendent der Synode Bielefeld war.
Auch er war kein Westfale, sondern ein Hesse von Geburt. Ein Germane
von Kopf bis zu Fuß, wie ein Recke, mit einer Löwenstimme und dann
wieder zart und sanft wie ein Kind. Er besaß ein großes Geschick in
geschäftlichen Angelegenheiten und hatte in den fünf ersten Jahren
von 1867 bis 1872, während welcher er die Anstalt leitete, eine
gesunde Grundlage gelegt, auf der er bis zu seinem Tode 1912
weiterbauen half.

Dann kam wieder ein Kaufmann, der Kommerzienrat Hermann Delius, eine
patriarchalische Gestalt, der seinen Bart wie der alte Kaiser
Wilhelm =I.= trug, und an dem wir Kinder mit ehrfürchtiger Scheu
emporsahen. Er war in ruhiger, sachlicher Vornehmheit der Vertreter
des alten Leinenhandels Bielefelds. Seine Mutter gehörte zu jenen
Frauen Bielefelds, in denen sich das neuerwachte Glaubensleben in
besonderer Kraft entfaltet hatte. Der Segen der Mutter hatte sich
auf den Sohn fortgeerbt und kam nun durch diesen den Arbeiten des
Vorstandes zugute.

Pastor Jordan, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, war Vaters
Kriegskamerad aus den Feldzügen 1866 und 1870. Er stand an der
Neustädter Kirche, in unmittelbarer Nachbarschaft der Anstalt. Unter
der Kanzel noch wirksamer als auf der Kanzel, war er in seiner
Gemeinde der väterliche Freund und Berater von hoch und niedrig und
behielt daneben immer noch Zeit übrig, der jungen Anstalt in
unermüdlicher Hilfsbereitschaft als treuer Nachbar zur Seite zu
stehen. Als Herausgeber des Sonntagsblattes hat er ihr jahrelang
auch mit der Feder wertvolle Hilfe gebracht.

Der geschäftliche Kleinbetrieb der Vorstandsangelegenheiten, soweit
er Ankauf und Verkauf betraf, lag seit den ersten Anfängen in den
Händen des Kaufmanns Heinrich Bökenkamp. Er vereinigte in seiner
Person die Klugheit des Landmannes mit der Gewandtheit des Kaufmanns
und hat ganz in der Stille, je mehr sich die Aufgaben und der Besitz
der Anstalt ausdehnten, ganz unschätzbare Dienste geleistet.

Es wären noch weitere Namen zu nennen, so der ehrwürdige Kaufmann
Coesfeld, der erste Anstaltsarzt =Dr.= Tiemann, dessen Namen Vater
immer mit besonderer Dankbarkeit nannte, u. a. Aber ihre Gestalten
sind schon fast in der Erinnerung verblaßt oder gar verschwunden.
Der einzige noch Lebende von den Vorstandsmitgliedern jener ersten
Zeit ist Direktor Mohr, ein Württemberger von Geburt, der aus
kleinen Anfängen zum Leiter eines der angesehensten Betriebe der
Bielefelder Leinen- und Baumwollindustrie emporstieg und so durch
seinen gesegneten Lebensgang die Entwicklung der Anstalt aus dem
unscheinbaren Reise zum ausgedehnten Baum darstellt.

Vater hatte nach den Statuten bei den Beratungen der Vorstände nicht
mehr Stimme als jedes andere Vorstandsmitglied auch. Und Präses des
Vorstandes war nicht er, sondern Kommerzienrat Bansi, welcher, wie
erwähnt, auch die Sitzungen leitete. Vater aber war derjenige, der
die Beratungen der Vorstände vorbereitete und für die Ausführung
ihrer Beschlüsse zu sorgen hatte. So ergab es sich, daß er bald,
nicht der Form, wohl aber der Sache nach der eigentliche Leiter des
Gesamtwerkes wurde.

Wenn aber hier und da das Verhältnis zwischen dem Vorstande und ihm so
dargestellt worden ist, als wenn er mehr und mehr in uneingeschränkter
Machtvollkommenheit unter Übergehung des Vorstandes die Leitung in seine
alleinige Hand genommen hätte, so wird dadurch das Bild getrübt. Es wird
mir vielmehr immer eindrücklich bleiben, mit welchem Ernst Vater jeder
einzelnen Vorstandssitzung entgegensah, sowohl den Sitzungen des engeren
Vorstandes, die in kurzen Zwischenräumen stattfanden, als der
Versammlung der vereinigten weiteren Vorstände, des „Verwaltungsrats”,
die jährlich einmal abgehalten wurde. Immer hat es ihm daran gelegen,
eine völlige innere Einigkeit zwischen allen verantwortlichen Männern zu
erzielen und festzuhalten. Und das ist ihm auch gelungen.

Wohl ist es gelegentlich vorgekommen, daß seine ganze
Überredungskunst dazu gehörte, um bei neuen Schritten einen
einheitlichen Beschluß zu erzielen. Aber solche Kraft der Überredung
ruhte doch auf der tiefen Zuversicht in die Richtigkeit und
Notwendigkeit der Sache. Und immer ist es so gewesen, daß aus den
Überredeten schließlich Überzeugte wurden.

Auch das andere ist vorgekommen, daß Schritte getan, z. B. Bauten in
Angriff genommen wurden, noch ehe der Vorstand seine Einwilligung
dazu gegeben hatte. Aber eine absichtliche Zurücksetzung des
Vorstandes hat bei solchen Schritten nie zugrunde gelegen. Und wenn
der Vorstand nachträglich seine Genehmigung erteilte, so geschah es
nicht etwa, weil er wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel
machte und, vor eine vollendete Tatsache gestellt, zwecklose
Versuche aufgab, sie wieder rückgängig zu machen, sondern weil er
später, soweit es sich nicht um Nebendinge, sondern um Fragen von
grundsätzlicher Bedeutung handelte, die Notwendigkeit und die
Richtigkeit der Sache einsah.

So oft es Vater zum Bewußtsein kam, daß er seinem Vorstande
gegenüber in der äußeren Form die Bahn der buchstäblichen
Korrektheit nicht innegehalten hatte, hat er sich auch nicht
gescheut, deswegen um Entschuldigung zu bitten. Das hat er erst
recht getan, wenn ihn jeweilen seine Leidenschaft fortgerissen und
er ungewollt jemand gekränkt hatte. Und weil ihm das von Herzen kam,
so konnte ihm nie jemand etwas nachtragen. Denn man fühlte, daß hier
eine Hingabe war, eine Glut, eine Liebe, der gegenüber Verstimmung,
Übelnehmen, kleinliche Verärgerung ausgeschlossen waren.

Und doch läßt sich nicht leugnen, daß gegen Vaters Willen durch
seine überragende Erfahrung und Einsicht, durch seine alle mit sich
fortreißende Tatkraft und durch das große Vertrauen, das er genoß,
die Bedeutung des Vorstandes heruntergedrückt wurde. Nicht daß man
keinen Widerspruch gegen ihn gewagt hätte. Es mag wenige Menschen
gegeben haben, die Widerstände so vollständig unpersönlich, so rein
sachlich, so ohne jede Empfindlichkeit aufnahmen wie Vater. Darum
hat man auch aus den Kreisen des Vorstandes heraus nie mit dem
Widerstand zurückgehalten, so oft er notwendig schien. Und ich wüßte
von keiner Angelegenheit, die Vater gegen die klare Überzeugung des
Vorstandes durchgedrückt oder aufrechterhalten hätte. Bei
Meinungsverschiedenheiten grub er tiefer oder nahm den Flug höher
und suchte so in größeren Tiefen oder höheren Höhen neue Wege der
Einigung. Fand er sie nicht, so wartete er lieber lange. Und gerade
diese innerste zarte Rücksichtnahme ließ die Achtung und das
Vertrauen nur desto höher steigen.

So aber mußte es kommen, daß manche Vorstandsmitglieder sich
überflüssig fühlten. Sie wußten die Sache in den besten Händen;
warum noch weiter sich um jede Einzelheit kümmern? Warum nach neuen,
jungen Kräften suchen und um sie werben, wenn man sie im Blick auf
die überragende Persönlichkeit des Anstaltsleiters doch nicht locken
konnte mit dem Ausblick auf eine starke Verantwortung? So geschah
es, daß namentlich aus den Kreisen Bielefelds, dessen beste Männer
und Frauen das Werk ursprünglich getragen hatten, nicht mehr der
Nachwuchs für den Vorstand hervorging, der jetzt schmerzlich
entbehrt wird und den, wie wir hoffen, die steigende Not neu
schenken wird.


Wachstum nach außen.

Im Laufe der Jahre richteten sich immer mehr Augen und Hoffnungen
nach Bethel, und Familien sowohl wie Gemeinden baten in immer
wachsendem Maße um Aufnahme ihrer Kranken. Aus allen Teilen
Deutschlands kamen die Bitten, bald auch aus andern Ländern. Immer
enger und enger wurden die Betten zusammengeschoben. Das Mutterhaus
Sarepta stellte an Raum zur Verfügung, was es nur irgend entbehren
konnte. Aber schließlich mußte doch an Erweiterung gedacht werden.
Sie vollzog sich in den bescheidensten Formen.

Zunächst wurde für die epileptischen Handwerker, die im Keller des
Hauptgebäudes ihre Handwerksstuben hatten, ein Schuppen errichtet
mit zwei Räumen, einem für die Anstreicher, einem für die Tischler.
Dann kamen die Schuster an die Reihe, die Schmiede, die Buchbinder,
die Klempner. Sie alle behielten ihr Quartier im Hauptgebäude. Nur
ihre Werkstätten wurden in unmittelbarer Nähe in einem kleinen Bau
aus Tannenfachwerk untergebracht. Die Bäcker waren die ersten, für
die eine eigene Heimat geschaffen wurde. Unter ihrem Bäckermeister
Meise zogen sie in Bethlehem, dem „Brothaus”, ein, das zugleich
einer Reihe von epileptischen Kranken gebildeter Stände Unterkunft
bot.

Erst für das Diakonissenhaus, dann für die Epileptischen entstanden
kleine Ökonomien und damit notwendige und hochwillkommene
Arbeitsgelegenheiten für die Epileptischen in Stall, Feld und
Garten. Zu den Gärten, die rings um die Häuser her lagen und von
weiblichen und männlichen Kranken bestellt wurden, kam eine
besondere Gärtnerei hinzu, in der Samen und junge Pflänzlinge und
die Blumen für die Blumenbeete von den Epileptischen gezogen werden
konnten.

So reihte sich in allmählicher Entwicklung eins ans andere. Kein
vorgefaßter Plan lag dieser Entwicklung zugrunde, kein weitausschauendes
Programm. Keiner zog, keiner drängte vorwärts. Lediglich die Kranken
selber, die um Aufnahme baten, waren es, welche drängten und schoben. Es
hätte schmerzliche Stauungen und Störungen gegeben, wenn man solchem
Schieben und Drängen nicht nachgegeben hätte. Um so freudiger und
zuversichtlicher konnte darum auch Vater seine Stimme erheben und durch
das ganze Vaterland um Hilfe bitten für die Not, die aus dem ganzen
Vaterlande heraus sich vor die Tür von Bethel legte. Und die Hilfe blieb
nicht aus. In dem Maße, als die Erweiterungen notwendig wurden,
erweiterte sich auch der Kreis mithelfender Freunde.

Der Besitz an Grund und Boden war ursprünglich nur klein gewesen.
Und der größte Teil davon bestand in steilen Berghängen, die mit
Buchen bestanden waren und zur Anlage von Neubauten sich schwer
eigneten. Aber Schritt um Schritt, mit der wachsenden Notwendigkeit
der Ausdehnung, boten die anliegenden und umliegenden Besitzer ihr
Eigentum an Wohnstätten und Ländereien zum Verkauf an.

In Wirklichkeit war es vielfach ihr Eigentum nicht mehr. Sie waren
durch Überschuldung zum Verkauf genötigt. „Wir wohnen”, sagte Vater
einmal, „zum großen Teil auf Land, das uns der Schnaps angeschwemmt
hat.” In der Tat herrschte damals im Hinterland der Anstalt die
Alkoholnot in erschreckendem Maße. Der Wohlstand ging zurück, die
Verschuldung führte zur Überschuldung und zum Zwangsverkauf.
Teilweise waren es grauenhafte Umstände, unter denen die früheren
Besitzer dem Alkohol erlagen. Einen fand man erschossen in seinem
Garten; ein anderer hatte sein Jagdgewehr in seinem Wald an einen
Baum gebunden und mit Hilfe einer Schnur den Hahn gegen sich selbst
abgefeuert. Einem dritten hatte seine Frau in der Not das Geld
versteckt, um ihn am Fortsaufen zu hindern. Die Frau lag krank zu
Bett. Der Mann drohte mit Gewalt. Aber die Frau blieb fest. Da
schleppte der unglückliche Säufer eins seiner eigenen Kinder an das
Bett der Mutter und drückte dem Kind so lange den Hals zu, bis es
blau wurde und die gequälte Mutter aus Angst um ihr Kind nachgab und
das Geld herausrückte. So waren es Stätten des Fluches, die rings um
die Anstaltshäuser her lagen und die sich nun in Segen verwandeln
sollten.

Trotz der großen Nähe der in stetiger Entwicklung begriffenen Stadt
Bielefeld blieben die Preise für die zum Ankauf angebotenen
Besitzungen in erträglichen Grenzen. Eine starke Konkurrenz fiel
darum fort, weil man die Epileptischen fürchtete und sich nicht in
ihrer Nähe ansiedeln wollte. Dennoch blieb es lange Zeit für die
Bürger Bielefelds ein von ihrem Standpunkt aus berechtigter Schmerz,
daß ihnen so Schritt um Schritt das langgestreckte nach Süden
gerichtete Tal als Stadtgelände entzogen wurde.

Schon gleich nach der Entstehung der Anstalt für die Epileptischen
war unter Führung eines angesehenen Großgrundbesitzers eine von
vielen einzelnen Namen unterschriebene Erklärung erschienen, die
gegen die Ansiedlung fallsüchtiger Kranker in der Nähe der Stadt
Einspruch erhob. Ihr Anblick müsse die Spaziergänger erschrecken,
und die Häuser, gerade am Eingang in das Tal des Kantensieks und
Sandhagens gelegen, würden die Entwicklung der Stadt hemmen. Um
nicht durch seinen Widerstand die Stimmung noch mehr zu reizen,
erklärte der Vorstand der jungen Anstalt sich mit einer Verlegung
einverstanden unter der Bedingung, daß ein ähnlich günstiges
Grundstück in größerer Entfernung von der Stadt angeboten und die
Mittel dargereicht würden zur Errichtung von Bauten, die dem
bisherigen Krankenbestand entsprächen. Das Anerbieten wurde nicht
angenommen, und der Widerstand erlosch im Laufe der Jahre.

Jetzt sieht man Sonntag für Sonntag die Wege der Anstalt von
zahllosen Spaziergängern der Stadt Bielefeld benutzt, die nichts von
Scheu vor den Kranken wissen. Gerade die Nähe der Stadt mußte mit
dazu beitragen, den Kranken den Aufenthalt in der Anstalt lieb zu
machen. Fernab in großer Einsamkeit, ohne etwas zu merken von dem
Pulsschlag der Zeit, hätten doch manche das Gefühl haben können,
dauernd aus der menschlichen Gesellschaft verbannt zu sein.

Die Zeichnungen für die kleinen Werkstätten, für die Umbauten der
neuerworbenen Besitzungen und auch für die Neubauten machte Vater
der Regel nach selbst. Vielfach benutzte er die Abende dazu. Vor dem
Zubettgehen saß dann wohl noch eins von uns Kindern auf seinem
Schoß, wir andern standen herum, und er zeigte uns auf einem
abgerissenen Stück Papier, wie sich das alte Haus umbauen ließe oder
wie das neue am praktischsten angelegt würde. Der erste Entwurf
wurde dann immer wieder neu durchdacht und mit dem jetzt noch
lebenden, nun hochbetagten Maurermeister Karmeier besprochen, bis
der Bauplan schließlich von letzterem in genaue Zeichnung gesetzt
und ausgeführt wurde. Die damalige Baupolizei kannte noch nicht die
scharfen Vorschriften von heute, und so konnten oft mit sehr
geringen Mitteln aus den alten Häusern, die von den bisherigen
Besitzern geräumt waren, höchst bescheidene, aber doch oft auch
höchst gemütliche Heimstätten für die Kranken errichtet werden.

Sehr bescheiden blieben auch die Neubauten jener Anfangszeit.
Vater stand immer unter dem Eindruck großer kommender Ereignisse.
„Kinder,” sagte er öfter, „was werdet ihr noch erleben!” Er
rechnete nicht mit einem Weltbestehen von unbegrenzter Zeit. „Es
wird nicht mehr so lange dauern, dann kommt der Herr wieder.”
Aber der Ankauf einer kleinen Ziegelei, die am Rande des
Anstaltsgebietes lag, brachte es dann doch mit sich, daß der
Bau von massiven Häusern sich wohlfeiler stellte als die
Fachwerkbauten, die schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit große
Ausbesserungen nötig machten.

Waren die Häuser glücklich gerichtet oder vollends zum Einzug
hergestellt, so gab es jedesmal ein kleines Fest. Das Richtfest der
Bäckerei ist das erste, das ich mitfeierte. Es ist mir in
unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Das Richtelied, von Vater
verfaßt und in Reime gebracht, bestand in einem Zwiegespräch
zwischen Bauherrn und Zimmergesell. Vater als Bauherr stand unten,
der Zimmergesell oben auf dem frischgelegten Gebälk des Baues. Und
zwischen beiden flogen Frage und Antwort hinauf und herunter. Daran
schloß sich dann in der Backstube, die unten in dem bereits fertig
gemauerten Keller lag, das Richtessen. Die epileptischen
Bäckergehilfen mit ihrem Meister Meise und seiner Familie, die
Maurer und Zimmerleute und die geladenen Gäste saßen im engen Raum
fröhlich beisammen. Lieder und Ansprachen wechselten miteinander. Es
war über alle Maßen gemütlich. Aber was für mich die Hauptsache war,
es gab belegte Butterbrote und Semmeln, so viel jeder nur wollte,
und -- das war die Krone -- für jeden ein Fläschchen Bier, auch für
die Epileptischen. So harmlos ging es damals noch zu.



Neue Aufgaben.


Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf.

Der siegreiche Feldzug von 1870/71 hatte einen übergroßen Tatendrang
auf wirtschaftlichem Gebiet im Gefolge. Die französischen
Goldmilliarden, die in das Land geströmt waren, hatten viele Augen
geblendet. Es waren Gründungen aus der Erde gestampft worden, die
sich nicht halten konnten. Auf den Aufschwung folgte ein großer
Rückschlag. Viele Arbeitskräfte, die in die neu entstandenen
Fabriken geströmt waren, wurden brotlos. Sie in die Verhältnisse,
aus denen sie gekommen waren, zurückzuverpflanzen, gelang nur
schwer. Eine große Zahl von ihnen bevölkerte die Landstraßen. Es
waren meist die körperlich und moralisch Schwächsten, die am ersten
entlassen wurden. Nun zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt,
suchten nach Arbeit, aber fanden sie nur gar zu selten. Denn überall
stockte Handel und Wandel.

Man nannte dies fahrende Volk „reisende Handwerksburschen”. Aber
das, was der ursprüngliche Name damit meinte, waren sie nicht. Der
alte Handwerksgeselle, der seine lange Lehrzeit hinter sich hatte,
wanderte nach Handwerkerbrauch. Er mußte, wollte er sich in seiner
Heimat als selbständiger Meister niederlassen, nicht nur die Welt
gesehen, sondern vor allem neue Erfahrungen für sein Handwerk
gesammelt haben. Er schnallte also sein Felleisen um und reiste
statt mit der viel zu teuren Post, die seine kleinen Ersparnisse
schnell verschlungen haben würde, an seinem Wanderstab durchs Land,
von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Wo er in seinem Handwerk einen
leeren Arbeitsplatz fand und einen Meister, der ihm gefiel, da blieb
er, oft kurz, oft lang, bis er weiterzog und schließlich, als
Handwerker und als Mensch in seinen Erfahrungen bereichert, die
Schritte heimwärts lenkte.

Dabei war es Sitte, daß der Handwerksbursche überall „das Handwerk
grüßte”, d. h. bei den Meistern, die mit ihm eines Handwerks waren,
um Zehrgeld vorsprach, damit er in der Gesellenherberge nicht seine
kleine Barschaft zu verzehren brauchte, sondern von seinem
Gesellenverdienst für den ersten Anfang als Meister einen kleinen
Sparpfennig von der Wanderschaft mit heimbringen konnte. Wie der
Student auf den Universitäten, so hatten auch diese wandernden
Handwerksstudenten ihre besonderen Ausdrücke, deren Sinn nicht jeder
verstand, die aber unter den Handwerksburschen selbst gang und gäbe
waren. Wie beim Studenten, so hieß auch bei ihnen das Geld Moos, das
Ausweispapier, das ihr Handwerk, ihre Heimat usw. bescheinigte, hieß
Flebbe, usw.

Aber je mehr das Handwerk zurückging und die Industrie aufkam, je
mehr verschwand auch der eigentliche Handwerksbursche von den
deutschen Wanderstraßen. Aus dem kleinen Rinnsal der wandernden
Handwerksgesellen wurde ein immer höher anschwellender Strom von
Arbeitslosen jeglichen Gewerbes, die Arbeit suchend Land und Stadt
überzogen. Fanden sie keine Arbeit, so waren die kleinen
Ersparnisse, die sie mit auf die Wanderschaft genommen hatten, bald
verbraucht. Wovon sollten sie leben? Sie klopften an die Türen und
baten um milde Gaben. Der eine gab Essen, der andere ein Butterbrot,
der dritte einige Pfennige, der vierte auch wohl, wenn die Kleidung
zerschlissen war, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe oder ein Hemd,
eine Jacke oder eine Hose. War es Sommertag, so schlief man bei
„Mutter Grün”, war es aber kalte Jahreszeit, so mußten den Tag über
so viele Pfennige zusammengesucht werden, daß es zum Schlafgeld in
der Herberge reichte.

Auch an die Tür des Pfarrhauses von Bethel flutete dieser Strom. Oft
schöpfte unsere Mutter das letzte aus der Mittagsschüssel heraus,
und wir trugen es zu dem Wandersmann, der sich draußen gemütlich auf
der Stufe des kleinen Windfangs niederließ und sein Mittagbrot
verzehrte. Oft brachte auch Vater selbst den Teller hinaus, um den
Mann kennen zu lernen und sich nach seinen Verhältnissen zu
erkundigen, und Mutters mitleidiges Herz holte manches alte
Kleidungsstück hervor, um dem abgerissenen Mann zu helfen.

Nun geschah folgendes: Eines Tages kam Vater ins Diakonissenhaus
hinüber und fand da wieder einen solchen „armen Reisenden”, wie sie
sich selbst zu nennen pflegten, dem gerade eine der Schwestern ein
Hemd gab, das er flehentlich erbeten hatte. Das Gesicht des Mannes
kam Vater bekannt vor, und es stellte sich heraus, daß derselbe Mann
wenige Tage vorher auch bei uns gewesen war und ebenfalls ein Hemd
bekommen hatte. Wo war das erste Hemd geblieben? Und wo hatte sich
der Mann während der Zwischenzeit aufgehalten? Das gab Vater Anlaß,
der ganzen Frage der „armen Reisenden” näher nachzuforschen.

Es ergab sich ihm nun, daß viele von ihnen das Reisen längst
aufgegeben und statt dessen in Bielefeld ihr Standquartier
aufgerichtet hatten. Sie waren des Wanderns müde geworden, weil an
andern Orten ja ebenso wenig Arbeit zu finden war wie in Bielefeld
auch. So waren sie geblieben und nahmen nun bald diesen, bald jenen
Stadtteil, bald auch einen der äußeren Bezirke für ihre Streifzüge
vor, um sich für den Tag das nötige Essen und für die Nacht das
nötige Schlafgeld zu verschaffen.

Je tiefer Vater in die Sache eindrang, desto düsterer wurde das Bild,
das sich ihm entrollte. Ein ganzes Heer von Gewohnheitsbettlern tauchte
vor seinen Augen auf, die mit größter Schlauheit die Mildtätigkeit und
Gutmütigkeit der Bewohner ausnutzten und wahre Schätze von Lebensmitteln
und Kleidungsstücken durch die beweglichsten Reden erpreßten. Oft
konnten sie nur das wenigste davon für sich selbst verwenden. Alles
übrige wurde an Kollegen, die im Betteln weniger geschickt waren, für
ein Spottgeld verkauft oder aber in der Herberge gegen Schnaps
umgesetzt. Vater stellte in der Nähe von Bielefeld solch eine berühmte
Schnapsherberge fest, in der der Wirt mehrere Schweine mästete allein
mit den Butterbroten, die seine Gäste bei den gutmütigen Landbewohnern
zusammenkollektiert hatten und die sie nun, außerstande, sie zu
verzehren, bei ihm gegen den Branntwein eintauschten.

Es zeigte sich ferner, daß die Zahl der Reisenden, die an unsere Tür
klopften, verhältnismäßig gering war. Unser Haus lag abseits der
großen Heerstraße. Wer aber an den Hauptverkehrswegen wohnte, der
stand unter dem Eindruck einer wirklichen Landplage. So war es nicht
nur in Bielefeld, so war es mehr oder weniger überall. Die Kinder
einer Witwe in Gütersloh hatten ein kleines Papphäuschen geschenkt
bekommen, das in Form der Pfefferkuchenhäuschen statt mit Kuchen und
Süßigkeiten ganz mit Ein- und Zweipfennigstücken beklebt war. Es
waren im ganzen 52 Geldstücke. Nun schlug die Mutter den Kindern
vor, sie sollten, statt das Geld für sich zu verwenden, jedem armen
Reisenden, der an ihre Tür klopfte, jedesmal eins der Stücke von dem
Häuschen loslösen. Die Kinder stimmten freudig zu. Und siehe da, an
einem einzigen Tage waren sämtliche 52 Stücke fortgegeben.
52 Bettler an einem Tage!

Nun waren aber keineswegs alle diese heimat-, obdach- und
arbeitslosen Leute bereits gewohnheitsmäßige Bettler. Unter die,
denen das müßige Bettler- und Kneipenleben zum zweiten Dasein
geworden war, mischten sich solche, die nach wie vor verzweifelt
nach Arbeit suchten aber keine fanden. Überall, wo sie anfragten,
stießen sie auf Kopfschütteln. Wenn sie aber um eine Geldgabe baten,
trafen sie immer wieder auf mitleidige Herzen. So gewann mancher
Schritt um Schritt das Betteln lieb, während er sich in gleichem
Maße der Arbeit entwöhnte. Die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen
erzog ihn zum Betteln!

Was aber war seitens der Behörden zur Eindämmung dieser Not
geschehen? Sie hatten den Bettel unter Strafe gestellt! Wer
bettelte, kam in Polizeigewahrsam; wer wiederholt beim Betteln
gefaßt wurde, wurde mit Gefängnis bestraft. Je öfter sich der Fall
wiederholte, je höher stieg die Strafe. Da nun aber viele der
Arbeitslosen, die ohne ihre Schuld arbeitslos geworden waren,
schlechterdings ohne zu betteln ihr Leben nicht fristen konnten, so
entspann sich zwischen ihnen und den Beamten der Polizei ein
regelrechter Kleinkrieg, nicht ein Krieg der Gewalt, sondern der
List. Vielfach gingen zwei Arbeitslose zusammen. Der eine „stand
Schmiere”, d. h. er beobachtete von einem sicheren Standort aus, ob
die Luft rein und kein Polizist in der Nähe sei, während der andere
an die Türen der einzelnen Häuser klopfte und um eine milde Gabe
bat. So wurden ganze Kapitalien zusammengetragen und gemeinsam
durchgebracht.

Natürlich kam es immer wieder vor, daß die Polizei doch den einen
oder andern beim Betteln ertappte und abführte. Je nachdem wurde er
dann zu Haft, Gefängnis oder Korrektionsanstalt (Arbeitshaus)
verurteilt. Vielen der alten Bettler machte das nichts mehr aus. Ja,
im Winter war es ihnen sogar erwünscht, verhaftet zu werden. Die
Klügsten unter ihnen suchten die Städte auf, weil sie wußten, daß es
dort im Gefängnis den behaglichsten Winteraufenthalt und das beste
Essen gab. Dort setzten sie so lange ihren Bettel fort, bis sie
gefaßt und zu Gefängnis verurteilt wurden. In den Gefängnissen und
Korrektionshäusern selbst aber saßen gewohnheitsmäßige Vagabunden
zusammen mit jungen Burschen, die zum erstenmal verurteilt waren und
nun von den alten Kunden in all die Geheimnisse und all den Schmutz
des eigentlichen Vagabundenlebens eingeweiht wurden. „Die wenigsten
Menschen”, schrieb Vater, „wissen, was das heißt, zum erstenmal in
ein Korrektionshaus gesperrt zu werden. Ich halte die Todesstrafe
für eine leichtere Strafe als die erste Verurteilung zum
Arbeitshaus.”

So wurden diese Häuser, die das Landstreicherwesen eindämmen
sollten, geradezu zu Hochschulen des Vagabundentums, aus denen sich
eine wahre Flut von unsauberen Elementen schlimmster Art über das
Land ergoß, körperlichen und seelischen Ansteckungsstoff überall
hintragend.

Aber längst ehe sich für Vater diese Einzelheiten ergaben, war er
zur Tat geschritten. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht
essen,” das klang ihm im Ohr und im Gewissen. Und er selbst fügte
hinzu: „Wenn wir barmherziger werden wollen, dann müssen wir härter
werden.” Nun war unser Haus nur durch einen schmalen Bergweg, den
Jägerbrink, von dem steil abfallenden Buchenwalde getrennt. Es war
Vater schon längst ein Anliegen gewesen, den steilen, wilden Abhang
gleichmäßig nach dem Jägerbrink abzuschrägen und durch eine kleine
Mauer gegen den Bergweg abzugrenzen. Hacke und Spaten wurden
angeschafft, und als die nächsten Arbeitslosen an unsere Tür
klopften, sagte Vater, daß sie gern Essen bekommen könnten, daß es
aber keines Menschen würdig sei, bloß zu essen, ohne zu arbeiten,
wenigstens solange die Möglichkeit bestände, sich sein Essen durch
Arbeit zu verdienen. Ob sie bereit seien, vorher eine Stunde drüben
am Abhang zu arbeiten. Sofort schieden sich die Geister. Die einen
lehnten entrüstet das Ansinnen ab und gingen schimpfend davon; die
andern griffen zu Spaten und Hacke und ließen sich nach getaner
Arbeit ihr Essen doppelt gut schmecken. Ihnen war das ehrlich
erarbeitete Brot lieber als das schimpfliche Bettelbrot! Es dauerte
nicht lange, da war die Arbeit vollendet und die Mauer aus den im
Abhang selbst gewonnenen Steinen aufgeführt. Sie steht noch heute,
und über ihr erhebt sich jetzt ein kleiner Tannenbusch.

Aber es war doch nur eine halbe Hilfe. Wohl hatten sich die Leute
ihr bißchen Mittagbrot durch ihre Arbeit erwerben können, dann aber
mußten sie ihren Weg auf den Straßen und an den Zäunen fortsetzen.
Einer von ihnen, dieses armseligen Lebens überdrüssig, bat Vater, ob
er ihn nicht dauernd behalten und beschäftigen könnte. „Ja,” sagte
Vater, „wenn Sie fallsüchtig wären, dann könnte ich Sie behalten.”
Da stieß der Mann heraus: „Ich bin aber auch fallsüchtig.”

Dies Wort traf Vaters Herz. Wie ein Blitz beleuchtete es die Lage.
In diesem einen Mann stand das ganze Heer dieser ausgestoßenen
Menschen vor ihm, arbeitslos, heimatlos, hoffnungslos wie die
Epileptischen auch. Langsam und desto schauerlicher versinkend im
Morast des Nichtstuns, des Bettels, des Ungeziefers und des Saufens.
Die Barmherzigkeit der Menschen half ihnen nicht auf, sondern als
eine in Wahrheit grausame Barmherzigkeit ließ sie diese
Unglücklichen durch Almosen, die nur noch den Schein der
Barmherzigkeit an sich trugen, immer tiefer sinken. Und die
Gerechtigkeit des Staates half ebenfalls nicht, sondern stieß, eine
in Wahrheit ungerechte Gerechtigkeit, diese Verlorenen nur immer
weiter aus der menschlichen Gesellschaft aus. Denn wer gab solch
einem armen Menschen noch Arbeit, der in seinen Papieren fünf, zehn,
zwanzig und noch mehr Polizeistrafen verzeichnet hatte? Niemand.
Überall wurde er abgewiesen. Wohl drückte man ihm ein paar Pfennige
in die Hand. Aber diese Pfennige wurden ihm nur zum Anlaß neuen
Falles, tieferen Versinkens in dem Sumpf der Vagabundenkneipen. Das
waren in der Tat Fallsüchtige, deren Los noch schwerer war als das
Los der fallsüchtigen Epileptischen!

Was tun? Zunächst durfte der eine nicht wieder hinausgestoßen
werden. Er blieb. Aber nun galt es, auch den andern, die wie dieser
Erstling sich nach einer rettenden Hand ausstreckten, gründlich zu
helfen.

Gleich jenseits des Teutoburger Waldes, nur eine halbe Stunde von
den Tälern entfernt, in denen die Epileptischen ihre Heimat gefunden
hatten, dehnt sich die weite Ebene der Senne, alter Meeresboden, in
dessen Sandbänken sich noch heute Muschellager und hin und her
zerstreut auch mal ein Stück Bernstein finden. In der Richtung der
alten Landstraße, die Bielefeld mit Paderborn verbindet, drang Vater
mit seinem getreuen Berater Bökenkamp in dieses einsame Land vor.
Nur hier und da ein ärmlicher Hof. Sonst weithin rote Heide,
stehende Wasserlachen, kümmerliche Kiefern, ein weites ödes Land.
Überall lagerte in der Tiefe von ein bis drei Fuß der Ort, eine
dunkle Eisensteinschicht, die ein Auf- und Absteigen des Wassers
hinderte und weder für Baum noch Halm ein Gedeihen aufkommen ließ.
Wurde der Ort aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der
Sonne, und aus dem Feind des Landes wurde ein Freund, der mit dem
armen Sand vermischt den Boden besserte. Hier war also Arbeit die
Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle
Aufgaben für die Hoffnungslosen. Bald hatten auch die beiden
Suchenden am Ufer des Dalbke-Baches, zwei Stunden von Bielefeld
entfernt, einen zum Verkauf stehenden zerfallenden kleinen Hof
entdeckt, der den obdachlosen und heimatlosen „Brüdern von der
Landstraße”, wie Vater fortan am liebsten diese seine jüngsten
Schützlinge nannte, Obdach und Heimat bieten sollte.

Es dauerte nicht lange, da konnten die ersten, die in Bethel
vorübergehend Aufnahme gefunden hatten, nach der kleinen Kolonie in
der Senne übersiedeln. Und nun ging durch ganz Bielefeld die Parole:
„Kein Arbeitsloser braucht mehr mit Pfennigen abgespeist zu werden.
Es ist Arbeit für ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne!” Das
brachte die Scheidung. Die abgefeimten Bettler drückten sich davon.
Sie konnten und wollten nicht mehr los vom Bettel und Schnaps. Sie
verzogen sich in die weitere Umgegend, in die die verwünschte Parole
noch nicht gedrungen war. Aber die andern kamen, zerlumpt, verlaust,
versoffen, Männer aus allen Gauen, allen Ständen und jeglichen
Alters; Jünglinge und Greise, Arbeiter und Barone, Studierte und
solche, die kaum die Schule besucht hatten.

Würde solch eine bunt gemischte Gesellschaft sich ineinander
schicken? Wir hatten in Bielefeld einen Gendarm, zu dem ich als Kind
immer voll Stolz und heimlichem Neid emporschaute, wenn er in
langem, wallendem Bart dahergeritten kam. Der meldete sich eines
Tages bei Vater. Ich sehe ihn noch, gestiefelt und gespornt, die
Treppe heraufkommen. Er wollte seine Dienste anbieten für den Fall,
daß eine feste Hand, die kein Fackeln kannte, unter der
zusammengewürfelten Schar nötig werden sollte. Aber sie wurde nicht
nötig. Hier waren ja lauter Leute, die freiwillig gekommen waren,
durch nichts anderes gedrängt als die selbst empfundene, selbst
erfahrene Not. Niemand hielt sie als ihr eigener Entschluß und die
Luft der Barmherzigkeit, Ordnung und Sauberkeit, die sie umgab, und
die so lange entbehrte Wohltat der Arbeit und des selbstverdienten
Brotes.

Gerade für diese ausgemergelten, kraftlosen Menschen war die Arbeit
im weichen Sand wie geschaffen. Denn je nach der Tiefe, in der sich
der Ortstein befand, wurde der Sand ausgehoben, bis der Ort
erreicht, zerschlagen und nach oben geworfen war. Die Schicht des
zweiten Grabens füllte den ersten, die des dritten den zweiten und
so fort. So wuchs durch die Arbeit des Rigolens neues Land für Wiese
und Acker aus dem armen Heideboden empor und weckte zugleich neue
Hoffnung für eine neue Zukunft in dem Herzen des Kolonisten.

Kein Treiber hetzte sie, sondern jener Husar, der sich am 14. August
1870 Gott gelobt hatte und nun als Bruder eingetreten war, stand
selbst mit im Graben, den Spaten führend, ein Bruder unter Brüdern,
ein Arbeiter unter Arbeitern, ein Werdender unter Werdenden! Auch
der Schwächste konnte diese Arbeit tun und neue Kraft für Leib und
Seele aus ihr schöpfen. Hier gab es wirklich noch einmal ein
Aufstehen für Fallsüchtige. Hier rief die Glocke nicht zum elenden
Fusel und erbettelten Brot, sondern zur selbst erworbenen Mahlzeit
und läutete den Feierabend ein zum Lobpreis Gottes, der fahrenden
Leuten diese Stätte bereitet hatte, zur stillen Sammlung unter seine
Stimme. Dann wurde draußen auf der Bank noch ein Abendpfeifchen
geraucht und dem Abendlied der Amsel gelauscht: „Längst vergess´ne
alte Lieder wurden wach in ihrer Seele.”

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Ruf der jungen Kolonie sich
schnell ausbreitete. Von allen Seiten strömte es herbei. Ein
Aufhalten gab es nicht mehr. Es mußte gebaut werden. Die schwächeren
Kräfte blieben beim Rigolen, die stärkeren legten Hand an bei der
Aufrichtung der notwendigsten Räume für Menschen und Vieh. Aber noch
ehe sie fertig waren, wurde es ganz deutlich, daß mit dieser einen
Zufluchtsstätte dem überall wogenden Elend nicht gedient war. Es
mußte umfassender Rat geschafft werden. Wo war die helfende Hand,
die durch das ganze Vaterland hin sich den Versinkenden
entgegenstreckte?

Vater wandte sich an den, der ihm einst in der Berliner
Gymnasiastenzeit ein Spielkamerad gewesen war und der sich seitdem
wie ein Freund zu ihm gestellt hatte: den Kronprinzen Friedrich
Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich. Immer haben die Hohenzollern
Herz und Verständnis für den Geringen und Geringsten im Volke
gehabt. Das zeigte sich auch jetzt. Auf stillen Wegen im
Schloßgarten von Potsdam wurde zwischen beiden Männern der Bund
geschlossen zum Wohl der „Brüder von der Landstraße”.

Das Kronprinzenpaar hatte kurz vorher seine Silberhochzeit begangen.
Zu dieser Feier war ihm eine in ganz Deutschland veranstaltete freie
Sammlung in Höhe von einer halben Million Mark überreicht worden.
Die Kronprinzessin bestimmte die auf sie entfallende Hälfte zur
Gründung des Hauses der Viktoria-Schwestern in Berlin, und der
Kronprinz bot Vater die andere Hälfte an, um damit den „Brüdern von
der Landstraße” gründlich Hilfe zu schaffen. Vater schlug dem
Kronprinzen vor, jeder preußischen Provinz und jedem deutschen
Bundesstaat aus dem Dotationsfonds eine Prämie zur Verfügung zu
stellen zur Aufrichtung einer Kolonie für Arbeitslose. Gleichzeitig
bat er den Kronprinzen, selbst die junge Kolonie in der Senne
einzuweihen und ihr Protektor zu werden. Beide Wünsche erfüllte der
Kronprinz. Damit war mit einem Schlage der jungen Sache die Bahn
durch ganz Deutschland gebrochen.

In der Morgenfrühe des 16. Juli 1883 kam der Kronprinz. Ich sehe
noch die wehenden Fahnen Bielefelds, die jubelnde Menschenmenge, die
Blumensträuße, die in den Wagen geworfen wurden, und neben dem
Kronprinzen Vaters Gestalt, der von dem allen kaum etwas zu sehen
und zu hören schien, sondern tief in das Gespräch mit dem hohen Gast
und den ihn begleitenden Herren versunken war. Die Fahrt ging durch
den Teutoburger Paß unmittelbar hinaus nach Wilhelmsdorf. In dem
alten, inzwischen zum Speisesaal ausgebauten Kuhstall des
Bauernhauses versammelten sich die Mitglieder der preußischen
Regierung, der Provinzial-Verwaltung, die Vertreter der
evangelischen und katholischen Kirche um den Erben des
Hohenzollernthrones zum Dienst der Verachteten und Ausgestoßenen des
Volkes. Zur Erinnerung an Kaiser Wilhelm =I.= bekam die Kolonie den
Namen Wilhelmsdorf.

Bald kamen von überall her Abgesandte, um die Kolonie an Ort und
Stelle kennen zu lernen und mit Hilfe der kronprinzlichen Prämie in
ihrer Heimat ähnliche Zufluchtsstätten ins Leben zu rufen. Natürlich
konnte die Prämie, die in jedem einzelnen Fall nur 5-10000 Mark
betrug, nur für die ersten Fundamente ausreichen. Aber weitere
Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln strömten der
Mutterkolonie Wilhelmsdorf und den entstehenden Tochteranstalten zu.

„Einen Menschen langsam zu Grunde zu richten, ist unendlich viel
kostspieliger, als einem Menschen rechtzeitig zu helfen”, war der
Grundsatz, den Vater immer wieder hinausrief und der überall
Verständnis und Echo fand. Was kostete in der Tat ein einziger
Bettler der Bevölkerung für Unsummen! Jahraus, jahrein schatzte er
das Land ab, versoff sein Geld, ließ sich im Winter im Gefängnis
oder in der Korrektionsanstalt durchfüttern und zog, und das war das
teuerste, durch sein Wort und Beispiel einen nach dem andern hinter
sich her in den Sumpf, die dann wieder an ihrem Teil den Bewohnern
von Stadt und Land zur Last fielen. Da bedeutete es in der Tat eine
große Ersparnis, den entstehenden Kolonien eine Unterstützung zuteil
werden zu lassen, sie dagegen dem zu versagen, der nur betteln, aber
nicht arbeiten wollte.

Überall waren es freie kirchliche Vereine, die die Träger des Gedankens
waren, evangelische und katholische. Es war für Vater eine ganz
besondere Freude, daß hier in dem tiefen Tal der Wanderarmen-Not sich
die Wege beider Konfessionen trafen, beide von den trennenden Höhen
herabstiegen, um gemeinsam zu raten und zu taten. Und das ist all die
Jahre hindurch bis heute geblieben. Daß dabei Hemmungen und Widerstände
zu überwinden waren, versteht sich von selbst.

Als Vater nach Münster kam, um mit dem Bischof die Anlage einer
katholischen Kolonie zu beraten, meldete ihm der Kastellan, daß der
Bischof mit dem Domkapitular zu tun habe und nicht zu sprechen sei.
Nun war gerade der Domkapitular, wie Vater wußte, ein Gegner der
Sache und machte dahin seinen Einfluß beim Bischof geltend. Vater
hatte Stock und Hut bereits abgelegt, nahm sie nun aber von neuem
zur Hand; denn es lag ihm nicht daran, mit dem Domkapitular
zusammenzutreffen. Unterwegs fiel ihm auf, wie viele Leute ihn
verwundert ansahen, als wüßten sie nicht recht, ob sie einen
Bekannten oder Unbekannten vor sich hätten. Und als nun einer vor
ihm den Hut zog und er den Gruß erwiderte, merkte er, daß er im
bischöflischen Palais statt seines eigenen den breitkrempigen
bequasteten Hut des Domkapitulars gegriffen hatte. Lachend kam er
zurück, und lachend empfing ihn der Kastellan: „Der Herr Bischof
warten bereits.” Solche kleinen Ereignisse und Verlegenheiten, die
Vater in der Zerstreutheit öfter passierten, mußten mithelfen,
größere Verlegenheiten zu beseitigen und die Herzen auf den heiteren
Ton zu stimmen, in dem alle Dinge am besten gedeihen. Die
katholische Kolonie kam denn auch wirklich zustande.

Die Asyle für die Wanderarmen waren errichtet. Sie standen jedermann
offen. Niemand abzuweisen, der freiwillig kam, freiwillig auf jeden
Schnapsgenuß verzichtete und freiwillig sich der Hausordnung unterwarf,
das war von vornherein die Losung dieser Arbeiterkolonien. So war es
also nicht mehr nötig, Bettelpfennige zu reichen und dadurch Bettler und
Vagabunden großzuziehen. Jeder Arbeitslose konnte in die Kolonie
gewiesen werden. Wie aber sollte die Kolonie erreicht werden, wenn sie
ein, zwei, drei Tagereisen entfernt war? War das möglich, ohne auf dem
Wege dorthin doch wieder zu betteln? War es nicht halbe Arbeit, Kolonien
zu schaffen ohne die Zwischenstationen, die zu ihnen hinführten?

In der Tat: sollte dem Betteln gründlich gewehrt und dem Arbeitslosen
ganze Hilfe zuteil werden, so mußten die Zwischenglieder geschaffen
werden, die alle auf die Zentralstation, die Kolonie, zuliefen. Aber
hier war es nicht nötig, neue Wege zu gehen. Es galt nur den Ausbau der
alten durch Professor Perthes in Bonn bereits gebrochenen Bahn. Er hatte
in Bonn im Jahre 1854 die erste christliche Herberge errichtet, die im
Gegensatz gegen die wüsten Branntweinkneipen den Wanderarmen einen
wirklichen Dienst erwies, ihnen gegen billiges Entgelt Quartier und
Nahrung bot und den gänzlich Mittellosen Brot gegen eine Arbeitsleistung
verabfolgte. Solche Herbergen waren inzwischen hin und her entstanden.
Aber noch waren sie viel zu gering an Zahl und lagen zu weit
auseinander. Darum kam es darauf an, diese Herbergen zu vermehren und
durch kleine Zwischenstationen miteinander zu verbinden.

So entstanden zugleich mit der wachsenden Zahl der Herbergen zur
Heimat die sogenannten Verpflegungsstationen. In kleineren und
größeren Abständen, zwei, drei, vier Stunden voneinander entfernt,
bildeten sie die einzelnen Etappen, die von Herberge zu Herberge und
schließlich bis zur Kolonie führten. Gegen kurze Arbeit, die meist
in Holzhacken bestand, wurde dem Wanderer die nötige Nahrung
gereicht, sodaß er, mit dem Ausweis der Verpflegungsstation
versehen, die nächste Etappe aufsuchen konnte.

Von dem Wohlwollen und dem sittlichen Ernst der einzelnen Gemeinden
getragen, schossen diese Verpflegungsstationen vielfach wie Pilze
aus der Erde. Und in demselben Maße, wie der Ausbau dieses
Zwischennetzes fortschritt, hörte das Betteln auf. Wo es vorher
gewimmelt hatte von fremden Leuten, war es jetzt still geworden. Die
Polizei, die vorher mit Recht so manchmal ein Auge zugedrückt hatte,
konnte jetzt scharf über die Ordnung wachen. Jeder ehrliche
Arbeitslose setzte mit Ernst alle Kräfte daran, Arbeit zu finden.
Fand er sie dennoch nicht, so machte er sich auf den Weg in die
Kolonie; und nur das licht- und arbeitsscheue Gesindel drückte sich
seitab in die Gegenden, wo es bisher weder Kolonien noch Herbergen
noch Arbeitsstätten gab, bis auch dort das Überhandnehmen des
Bettelns den Weg der barmherzigen Zucht lehrte.

Diese gesamten Aufgaben der deutschen Arbeiterkolonien, Herbergen
zur Heimat und Verpflegungsstationen fanden ihr Organ in einer
Monatsschrift, die unter dem Titel „Die Arbeiter-Kolonie”, später
„Der Wanderer”, durch Jahrzehnte von Bethel aus durch Pastor Mörchen
mit eindringender Umsicht herausgegeben wurde und jetzt von Pastor
Lemmermann in Hildesheim geleitet wird.

Charakterisiert aber wurde Vaters Tätigkeit an den „Brüdern von der
Landstraße” durch ein Lied, das kurz nach seinem Tode in der
Münchener „Jugend” erschien:

    Ein Kunde war ich, duff und fein,
    Stets ohne Moos und Fleppe.
    Ich kehrt' in jedem Wirtshaus ein
    Und stieg jedwede Treppe.
    Als mir die Straßen, die ich ging,
    Zum Hals herausgehangen,
    Bin ich zum Vater Bodelschwingh
    Nach Wilhelmsdorf gegangen.
    Das war ein Kerl! Wie väterlich
    Sprach er mir ins Gewissen,
    Und „Bruder, Bruder” nannt' er mich;
    Das hat mich fortgerissen:
    Zum Spaten griff die träge Hand,
    Die sonst nur Klinken drückte,
    Und grub und grub im Ackerland,
    Und die Bekehrung glückte.
    Nun ist der Patriarch zur Ruh'.
    Wie einst mit allem Volke
    Spricht er mit Petrus jetzt per „Du”
    Auf einer Himmelswolke.
    Der revidiert den Ankömmling
    Gestreng und sagt die Worte:
    „Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh,
    Herein zur Herbergspforte!”

    Johannes Trojan.

(Die weitere Entwicklung dieser Arbeit siehe in den Kapiteln
„Freistatt”, „Das Wanderarbeitsstättengesetz” und
„Hoffnungstal”.)


Der Bau der Zionskirche.

Inzwischen hatte die Entwicklung in Bethel nicht stillstehen können.
Die Provinzen Westfalen, Rheinland, Hannover, Schleswig-Holstein und
Hessen-Nassau hatten zunächst von der Errichtung eigener Anstalten
für Epileptische abgesehen und baten in steigendem Maße für ihre
Kranken um Aufnahme. Da, wo in den übrigen Teilen Deutschlands
Anstalten für Epileptische im Entstehen waren, mußte ihnen zu
richtiger Entfaltung Zeit gelassen werden, sodaß, auch abgesehen von
den genannten Provinzen, noch immer die Bitten um Aufnahme in Bethel
drängten. Dazu kamen nach wie vor die Aufnahmegesuche aus dem
Ausland.

Sollte Vater, so wie er es in der Arbeitslosen-Sache getan hatte,
darauf hinarbeiten, daß jede Provinz, jeder größere Bundesstaat nach
der Art von Wilhelmsdorf nicht nur eine eigene Arbeiterkolonie
bekam, sondern auch eine eigene Anstalt für Epileptische? Er hat es
nicht getan!

Die Arbeiterkolonien waren einfache Gebilde, in denen fast
ausschließlich Landwirtschaft getrieben wurde. Eine Anstalt für
Epileptische aber muß ein vielgliedriger Körper sein, wenn sie
ihren Bewohnern gründlich dienen will. Die Arbeiterkolonien waren
nur Hafenplätze, in denen wrack gewordene Schiffe sich herstellen
und wieder ausstatten lassen konnten zur neuen Fahrt ins Leben, zur
Rückkehr in den alten Beruf. Eine Anstalt für Epileptische aber
sollte so viel wie irgend möglich dauernd jeden einzelnen Kranken an
den Platz stellen, der seinen Kräften, Gaben und Neigungen
entsprach. Das ist aber nur in einer Anstalt möglich, die ihrer
Ausdehnung keine zu engen Grenzen setzt, sondern die verschiedensten
Handwerke und Betriebe sich entfalten läßt und auf diese Weise die
Kranken nicht auf einen zu engen Kreis der Beschäftigung beschränkt.

Wie sehr darum auch Vater auf der einen Seite, wo und wie er nur
konnte, bei der Errichtung neuer Anstalten für Epileptische mithalf,
sobald er sah, daß ein wirkliches Bedürfnis vorlag und ursprüngliche
Liebe und urwüchsige Kraft zum Wohl der Epileptischen sich regten,
wie z. B. bei den jungen Anstalten von Rastenburg in Ostpreußen,
Rotenburg in Hannover, Hochweitzschen in Sachsen, so warnte er doch
auf der andern Seite ernstlich, wo es sich um Gründungen handelte,
die von vornherein nur für einen kleinen Kreis von Epileptischen in
Betracht kamen. Denn nur zu leicht sahen sich diese kleinen
Anstalten gezwungen, sich mit einem eng umschriebenen Kreis von
Arbeitsgelegenheiten begnügen zu müssen. Dadurch aber war von
vornherein der Geist der freudigen vielgestaltigen Arbeit beengt,
ohne den das Leben des Epileptischen so gelangweilt und drückend
ist.

So kam es denn, daß Bethel um der Barmherzigkeit willen die Pflöcke
seiner Zelte weiter und weiter stecken mußte. Ein Handwerkshaus, ein
Ackerhof kam zum andern. Für die epileptischen Frauen und Mädchen
mußte mehr Raum gemacht und auch die Kinder mußten gesondert werden.
Im Buchenwald, hoch wie der Berg Hermon alle andern Häuser
überragend, entstand ein Haus für die epileptischen Pensionäre, wo
Russen, Dänen, Finnen, Amerikaner und britische Untertanen friedlich
mit den Deutschen zusammen wohnten. Und ähnlich war es unten im Tal,
wo an der sonnigsten Stelle des Kantensieks für die epileptischen
Pensionärinnen im Hause Bethanien eine freundliche Heimat geschaffen
wurde.

Aber auch die Gründung von Wilhelmsdorf brachte für Bethel neue
Pflichten. Der Regel nach sollte jeder nur ein Vierteljahr lang in
Wilhelmsdorf bleiben, um dann andern Platz zu machen. Aber wohin,
wenn diese Zeit abgelaufen war und sich kein sicherer Arbeitsplatz
zeigte? Und selbst wenn er sich zeigte, so entstand doch die Frage,
ob die Widerstandskraft schon genug gestählt sei, um allen
Versuchungen im Strom der Welt standzuhalten. Bei denjenigen, die
aus dem Arbeiter- oder Handwerkerstande kamen, gelang es immer noch
am leichtesten, ihnen zur Rückkehr in den früheren Beruf zu
verhelfen. Aber für die Kaufleute und Akademiker war die
Schwierigkeit oft unübersteiglich. Darum mußte sich ihnen Bethel in
seinen Arbeitsstätten, Schreibstuben und Schulen und mit all seinen
übrigen Möglichkeiten als Übergangsstätte öffnen und Raum für sie
machen.

So stieg und stieg die Zahl derer, die Sonntags in der Kapelle von
Sarepta sich zusammendrängten, um dort die ewige Wahrheit als Arznei
zu empfangen. Schließlich genügten die Räume schlechterdings nicht
mehr. Für die Sommermonate hatte Vater oben im Buchenwalde Bänke
aufschlagen lassen, die ganz nach Bedarf vermehrt werden konnten.
Und die Gottesdienste hier oben in der Waldkirche unter Begleitung
der Posaunen sind seitdem die besondere Freude der ganzen Gemeinde
geblieben. Aber für die kalte Zeit und die Regentage mußte ein
Ausweg gesucht werden.

Auf dem schmalen Bergrücken unterhalb der Waldkirche, der sich steil
zum Kantensiek hinuntersenkt, wählte Vater den Platz für die neue
Kirche. Hier lag sie ganz still und doch leicht erreichbar für alle
Häuser, die zu Füßen des Berges in den beiden Tälern sich
hinaufzogen oder in den Rand des Buchenwaldes gebettet waren. Am
16. Juli 1883, an demselben Tage, wo Wilhelmsdorf eingeweiht wurde,
fand die Grundsteinlegung statt, zu der von Wilhelmsdorf her der
Kronprinz kam. Es war mitten im strömenden Regen einer der größten
Festtage, den die Gemeinde erlebte. Still hielt der Kronprinz
während der Ansprache unseres Vaters im Unwetter aus. Unsern
jüngsten noch nicht sechsjährigen Bruder geleitete er fürsorglich
aus dem Regen unter einen schützenden Schirm. Selbst wehrte er ab,
als man ihm einen Schirm überhalten wollte, und ließ sich, wie Vater
später immer wieder den Kranken erzählte, für uns naßregnen. Kräftig
klang seine damals noch gesunde Stimme zu jedem seiner drei
Hammerschläge; „Christus der Grundstein -- Christen die Ecksteine
-- Gott segne den Bau!” Und welche tief-menschliche Güte ging den
ganzen Tag über von seinem Wesen aus! Es waren Stunden, die die
Gemeinde unlöslich mit dem Hohenzollernhause verbanden, dem besten
Königsgeschlecht, das die Weltgeschichte kennt.

Wenn übrigens immer wieder die Meinung auftaucht, als wäre zwischen
Vater und dem Kronprinzen jede Grenze weggewischt gewesen, so ist das
irrig. Wohl hatte Vater gewünscht, daß es bei der Mittagsmahlzeit, die
der Kronprinz nach der Feier im Walde in unserm Hause einnahm, ganz
familienmäßig zugehen und darum auch wir Kinder mit dem hohen Gast und
den andern wenigen Geladenen an einem Tisch essen möchten. Aber die
Einwände der Mutter hatten aus Gründen des Platzmangels gesiegt, und die
Eltern hatten sich dahin geeinigt, daß wir Kinder im Nebenzimmer unsern
besonderen Tisch haben sollten, aber bei geöffneter Tür. Von da aus
haben wir es dann mit erlebt, in welch überaus herzlicher Weise unser
hoher Gast den Eltern zugetan war, sie neckte und Vater „Friedrich” und
„Du” nannte. Aber Vater blieb, wie in seinen Briefen, so auch jetzt im
mündlichen Verkehr, bei dem respektvollen „Kaiserliche Hoheit”.

Im Herbst wurden dann die Fundamente der Kirche gelegt, und im
frühesten Frühjahr -- wenn ich mich recht besinne, war es der erste
Februar -- begann die Maurerarbeit. Es war nach des Kronprinzen
Wunsch wirklich ein gottgesegneter Bau! Die Zeichnungen hatte Vater
auch diesmal wieder selbst gemacht. Schon einen Sommer vorher hatte
er manche Stunde seiner Ferienzeit dafür gewidmet. Nur die Stärke
der Kreuzbalken, die den Dachreiter tragen sollten, ließ er der
Sicherheit wegen von einem befreundeten Baumeister in Hannover
berechnen. Hohe künstlerische Ziele steckte er sich bei dem Bau
nicht. Es war ein sehr schlichter Raum. Aber von jedem Platze aus
konnte man die Kanzel sehen, und die fünf kleinen Ruhekammern an den
Enden und Ecken der Kirche, in die die Kranken während des Anfalls
gebracht wurden, gaben ihm das besondere Gepräge eines Gotteshauses
für Fallsüchtige.

Die tägliche Beaufsichtigung des Baues übergab er einem jungen
Maurer, der, in Hamburg arbeitslos geworden, von Wilhelmsdorf gehört
hatte und in achttägiger Wanderung, des Nachts immer in den
Heuhaufen schlafend, geradeswegs nach Wilhelmsdorf gekommen war.
Dort hatte er sich durchaus bewährt. Es steckte ein gewisser Stolz
in ihm, und er behauptete, da er eine Zeitlang eine Baugewerkschule
besucht hatte, sich Architekt nennen zu dürfen. Die andern aber
nannten ihn statt dessen immer nur „Arg-im-Dreck”. Das nahm er aber
nicht übel, sondern zeigte sich wirklich bei unermüdlichem Fleiß und
gutem Humor als ein überlegener Geist, dem trotz seiner Jugend sich
alles fügte, sodaß der Bau in großem Frieden und noch größerer
Freude vorwärtsschritt.

Steine und Sand wurden zur Schonung der Pferde unten am Berge
abgeladen. Quer den Wald hinauf bildeten die epileptischen Mädchen
lange Ketten, in denen die Steine, von Hand zu Hand wandernd, auf
den Bauplatz befördert wurden. Andere trugen in ihren Schürzen den
Sand hinauf. Und nachmittags kamen die Jungen von Nazareth und die
erwachsenen Kranken der Landstationen mit ihren Schiebkarren. Wer
aber sonst hinaufstieg, um den Bau zu sehen, der nahm, Vaters
Beispiel folgend, allemal in jeder Hand einen Backstein mit.
Rotkehlchen und Rotschwänzchen nisteten in größter Zutraulichkeit in
den Mauerlöchern, aus denen eben erst die Gerüststangen ein
Stockwerk höher verlegt waren, und wurden auf das sorgsamste von den
Maurern gehütet.

Ungezählte Gaben der Liebe wurden in den Bau hineingebaut, die Vater
durch ein besonderes Kollektenblatt erbeten hatte. Wir Brüder
schliefen damals nur mit den Schulbüchern unter dem Kopfkissen, um
beim ersten Morgenerwachen die Schularbeiten zu erledigen. Denn
nachmittags und abends ließ der Kirchbau beim besten Willen keine
Zeit dazu.

Auf einen Glockenturm hatte Vater verzichtet. Nur oben in dem
Dachreiter sollte ein bescheidenes Glöckchen hängen. Davon hatte der
alte Missionar Lückhoff in Südafrika gehört und in seiner schwarzen
Gemeinde für einen richtigen Glockenturm 2000 Mark gesammelt. Das
war Vater eine ganz besondere Freude, und er prüfte sofort, ob sich
der Plan ausführen ließe. Es zeigte sich, daß ein solcher größerer
Turm viel zu teuer geworden wäre und die ganze Anlage der Kirche
gestört haben würde. Aber in den Ecken neben dem Altarraum waren
zwei Sakristeien vorgesehen, deren Mauern leicht in die Höhe gezogen
werden und sich zu zwei kleinen Türmen zu beiden Seiten des Chors
auswachsen konnten.

Ich sehe noch Vater, wie er auf dem freien Mauerwerk in zehn Meter
Höhe ohne Schwindelscheu vor uns Kindern herlief, um die Mauern zu
prüfen, ob sie wirklich die Glockentürme tragen konnten. Es zeigte
sich, daß sie stark genug waren, und so stehen heute die beiden
kleinen Türme da zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Europa und
Afrika.

Die Einrichtung der Kirche wurde zum größten Teil in den Werkstätten
der Epileptischen hergestellt. Am 26. November war der Bau zur
Einweihung vollendet. Nach dem 126. Psalm „Wenn der Herr die
Gefangenen Zions erlösen wird”, der längst zum Lieblingspsalm der
Kranken geworden war, und entsprechend der hohen Lage des alten
Zionsberges bekam die Kirche den Namen Zionskirche. Prinz Albrecht
von Preußen, der spätere Prinzregent von Braunschweig, damals als
Großmeister des Johanniter-Ordens mit Vater in mannigfacher
Beziehung, schloß die Tür auf mit den Worten: „Ich öffne die Tür mit
dem Wunsche, daß alle, die in dieses Haus eingehen, Frieden suchen
und alle, die ausgehen, Frieden gefunden haben.” Den Mittelpunkt der
Feier bildete naturgemäß Vaters Ansprache, und man kann sich denken,
wie gerade bei dieser Gelegenheit sein Herz überfloß von Dankbarkeit
gegen Gott und Menschen.

Bei der Nachfeier im Diakonissenhaussaal überbrachte der
Generalsuperintendent Nebe im Auftrage der Theologischen Fakultät
Halle Vaters Ernennung zum Doktor der Theologie. Wir Kinder waren
sehr stolz; Vater aber hat nie von dem Titel Gebrauch gemacht,
ebensowenig wie von seinen Orden. Nicht aus Geringschätzung. Er
konnte sich gelegentlich redlich für andere bemühen, wenn er wußte,
daß jemand mit solch einer Auszeichnung eine Freude und Ermunterung
zuteil wurde. Aber für ihn selbst war dies Gebiet menschlicher
Anerkennungen überwunden. Er bedurfte ihrer nicht, weder für seine
Person noch für seine Arbeit. Nur das Eiserne Kreuz, das ja nicht
eigentlich in die Reihe der Orden gehört, legte er bei besonderen
Vaterlandsfesten und bei Besuchen im königlichen Hause an.

Der junge Bauführer der Kirche aber verdiente sich bei dem Bau seine
Sporen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück, und nach Jahr und Tag
fanden wir seinen Namen an der Spitze eines gemeinnützigen
Bauunternehmens.


Arbeiterheim.

                  „Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen
                  Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde
                  steht und stehen muß, nur immer auf das Jenseits
                  vertröstet.”

                                                            F. v. B.

Bielefeld war rasch gewachsen. Neben die alte Leinenindustrie waren
andere Industrien getreten, die bald die Vorherrschaft übernahmen.
Mit dem schnellen Wachstum, das nach außen alle Lebensverhältnisse
ergriffen hatte, hatte das Wachstum der inneren Kräfte nicht Schritt
gehalten, weder bei Arbeitgebern noch bei Arbeitnehmern. Die Stände
rückten immer weiter auseinander. Die Arbeitgeber behaupteten ihre
alte uneingeschränkte Stellung, und ihnen gegenüber drängten die
Vortruppen der Revolution heran. Es kam zu immer erregteren
sozialdemokratischen Versammlungen. Einige Male nahm Vater daran
teil. Er glaubte zum Frieden oder wenigstens zur Verständigung
helfen zu können, stieß aber auf kühle Ablehnung, zum Teil auf
bitteren Hohn. Nach dem zweiten oder dritten Versuch verzichtete er
endgültig auf diesen Weg. Er hat seitdem nie wieder irgend eine
parteipolitische Versammlung besucht, zu welcher Richtung sie sich
auch bekannte.

In der Arbeiterschaft aber hatte sich zunächst der Verdacht
festgesetzt, daß Vater zu den Reaktionären gehöre, die auch die
berechtigten Ansprüche der Arbeiter hintertrieben. Die Diakonissen
von Sarepta, die in jahrelanger treuer Arbeit an Kindern, Kranken
und Armen der Stadt, namentlich aus den Kreisen der arbeitenden
Bevölkerung, gedient hatten, wurden jetzt auf den Straßen als
geheime Agentinnen Bodelschwinghs öffentlich beschimpft.

Im Winter 1886 brach in Bielefeld der erste größere Streik aus. Die
Erbitterung wuchs in solchem Maße, daß es zu Gewalttätigkeiten kam
und der Belagerungszustand erklärt werden mußte. Mitten in die
Erregung der Gemüter wurde die Nachricht geworfen, Vater hätte der
Fabrik, in der der Streik entstanden war, durch Kolonisten von
Wilhelmsdorf heimlich Hilfe geschickt. Die Sache war völlig aus der
Luft gegriffen, wurde aber geglaubt, und eine Flutwelle von Zorn und
lange verhaltenem Grimm warf sich auf Bethel. Nun mußte auch das
friedliche Anstaltsgebiet in den Belagerungszustand einbezogen
werden. Militär-Patrouillen umkreisten bei Tag und Nacht die
Anstaltshäuser. In unsern Garten wurde ein Schilderhaus mit
ständigem Wachtposten und geladenem Gewehr gesetzt. Die Chorfenster
der Zionskirche, die vom alten Kaiser Wilhelm, dem Kronprinzen und
dem Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser, geschenkt waren, wurden
durch Drahtnetze gegen Steinwürfe geschützt.

Da erscholl eines Nachts Feuerlärm: „Eben-Ezer brennt!” Es war das
alte Bauernhaus unten im Tal, die Wiege der Anstalt für
Epileptische. Nicht das Haupthaus brannte, sondern ein angebauter
Schlafsaal, von blöden epileptischen Männern bewohnt, dessen Dach
sich tief an den Berghang lehnte und durch böswillige Hand mühelos
von ebener Erde aus angesteckt werden konnte. Die Feuerwehr war
schnell zur Stelle, aber ebenso schnell sammelte sich rings um die
Brandstelle her eine Schar wilder Gestalten, meist junger Burschen,
die dem Schauspiel zusahen. In das Schreien der Kranken, die zum
Teil nur mit Gewalt aus dem brennenden Hause getragen werden
konnten, mischte sich das Johlen jener Zuschauer, in denen die rohe
Leidenschaft entfesselt war. In plattdeutscher Sprache hörte man den
Ruf: „So ist's recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus
unsern Häusern vertrieben!”

Drei Tage daraus brannte es zum zweiten Male, diesmal in dem
Ackerhofe für Epileptische, Hebron. Auch diesmal blieben alle
Nachforschungen nach der Ursache des Brandes unaufgeklärt; nur daß
alles darauf hindeutete, daß in beiden Fällen ein heimlicher
Racheakt vorlag.

Aber Vater blieb jedes Gefühl der Bitterkeit fern. In seinen Ohren
tönte jener nächtliche Ruf fort: „So ist's recht, daß Bodelschwingh
brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!” Wie ein
Feuerbrand war dieses Wort in seine Seele gefallen und hatte
gleichzeitig wie ein Blitz ein dunkles Gebiet erhellt, das nun als
ein neues weites Arbeitsfeld vor seinem Auge lag: das Feld der
Wohnungsfrage.

Worin lag das Berechtigte in jenem nächtlichen Anklageruf? In der
Tat war im Hinterlande der Anstalt eine Besitzung nach der andern im
Laufe der Jahre aufgekauft worden. Nicht nur die Eigentümer dieser
Besitzungen waren fortgezogen, sondern mit ihnen auch die Mieter,
die teils mit den Besitzern im selben Hause, teils in den kleinen
Kotten der aufgekauften Bauernhöfe gewohnt hatten. Niemand, auch
Vater nicht, hatte sich darum gekümmert, wo sie geblieben waren. Das
fiel ihm jetzt wie eine schwere Anklage auf die Seele. Denn immer,
wenn er auf Bitterkeit und Feindschaft stieß, fragte er zunächst
nicht nach des andern Schuld, sondern nach seiner eigenen.

Er überdachte, wie alle diese kleinen Besitzer und Mieter sich
früher einer Wohnung abseits der großen Stadt hatten erfreuen können
und dazu eines Stückes Garten- und Feldlandes, wo Mann, Frau und
Kinder miteinander die Früchte für sich und ihr Kleinvieh ziehen und
den Feierabend und Sonntag in Gottes freier Schöpfung zubringen
konnten. Jetzt waren sie durch den Verkauf in die Stadt gedrängt,
ohne Licht und Luft für Weib und Kind und ohne das liebgewordene
Stück Land, aber mit wachsender Verbitterung im Herzen gegen die
„Frommen”, die für die Kranken sorgten, aber die Gesunden darüber
verkümmern ließen. Was Wunder, wenn sich diese Verbitterung Luft
machte!

Aber das war doch nur ein kleines Stück des weiten Gebietes, das
durch jenes Wort in helles, lebendigstes Licht gerückt worden war.
Das ganze Wohnungselend der Großstädte tauchte vor ihm auf. Wie viel
edles deutsches Familienleben war hier in staubige Straßen, in hohe,
unruhige Mietskasernen zusammengepfercht! Ohne Sonne, ohne
Vogelsang, fern von Wald und Feld mußten hier die Eltern ihre Kinder
aufwachsen sehen, während dicht vor den Toren der Städte sich das
weite Land dehnte, wo ungezählte Familien ihr eigenes Heim hätten
finden können. „Man hat gänzlich vergessen,” schrieb Vater, „daß,
seitdem wir Pulver und gezogene Geschütze haben, die Zeiten längst
vorüber sind, in denen man die Menschen, um ihnen Schutz zu
gewähren, in feste Städte zusammenpressen mußte.”

Aber was hatte überhaupt den deutschen Arbeiter in die Stadt
gedrängt? Die Erinnerung an seine Zeit als landwirtschaftlicher
Eleve und Inspektor in Hinterpommern tauchte vor Vaters Augen auf.
Schon damals waren es vielfach gerade die Gutsarbeiter gewesen, die,
sobald sie sich genügend erübrigt hatten, die Abhängigkeit von der
Gutsherrschaft aufgaben und, von der Sehnsucht nach Selbständigkeit
getrieben, entweder nach Amerika gingen oder in die Großstädte
zogen. Seitdem hatte dieser Zug vom Lande in die Stadt immer mehr
zugenommen. Statt daß Bismarcks Wort aus einer seiner ersten Reden:
„Die großen Städte müssen zerstört werden” -- im rechten Sinne
verstanden -- in die Wirklichkeit umgesetzt worden wäre, hatte man
die Städte immer mehr zu schrecklichen Wasserköpfen anwachsen
lassen, die den ganzen Volkskörper verunstalteten, dessen Glieder
gleichzeitig durch die beständige Abwanderung vom Lande in die Stadt
immer mehr verkrüppelten.

Dazu kam die zunehmende kirchliche Verwahrlosung in den großen
Städten. Vater ließ sich nie erbittern, aber hier haben wir ihn doch
manchmal mit tiefen Gefühlen des Schmerzes kämpfen sehen im Gedanken
an die schmerzlichen Versäumnisse der Kirche. Statt mit dem Wachsen
der Großstädte Schritt zu halten, überall schnell und im voraus für
geeignete Plätze für Kirchen oder noch lieber einfache Bethäuser zu
sorgen, statt kleine Gemeinden einzurichten, in denen noch ein
persönliches Verhältnis zwischen Pastor und Gemeindegliedern möglich
gewesen wäre, hatte man diese Riesengebilde entstehen lassen,
Gemeinden von oft vielen Zehntausenden von Seelen, die keine
Gemeinden mehr waren, sondern nur noch Pflegestätten für einzelne.

Aber nie hielt sich Vater lange bei solchen Anklagen auf. Immer
wandte er sich schnell zu dem, was er selbst versäumt habe, was er
selbst wieder gut machen könne. Und hier mußte er, der sich so
manchmal über die Kurzsichtigkeit entsetzt hatte, mit der man früher
in Hinterpommern die Bauernhöfe aufgekauft hatte und die
Gutsarbeiter ihrer Wege hatte ziehen lassen, ohne zu fragen, wohin
-- jetzt mußte er sich ehrlicherweise gestehen, daß er selbst das
gleiche hatte geschehen lassen; denn was hatte er für die Leute
getan, die ihre Besitzung und Wohnung seinen Kranken eingeräumt
hatten? Nichts. Aber was konnte er jetzt tun?

Vaters Studierstubenfenster lag nach dem Garten und den Bergen
hinaus. Von seiner Arbeit fiel sein Blick auf diese Berge und in
unsern Garten. Welche Freude hatte er immer an seinen Obstbäumen,
die er aus Dellwig mitgebracht hatte! Schon im frühesten Frühjahr
suchte er nach den treibenden Blütenkolben. Im Garten, vor seinen
Augen, hatte er uns ein Turnreck aufrichten lassen und uns die
ersten Übungen daran selbst vorgemacht; dicht unter seinem Fenster
hatten wir unsern Kaninchenstall und unsere Räuberhöhle angelegt;
und im Giebel an der andern Seite girrten die Tauben, die des
Morgens, wenn wir in der kleinen Veranda frühstückten, uns auf
Schultern und Armen saßen und uns die Bissen aus dem Munde holten.
Das alles hatte er und hatten wir. Aber der Arbeiter wohnte in der
engen Stadt! Wie oft hat er sich und uns diesen Gegensatz vor Augen
gemalt!

Über den Garten hinweg aber ging der Blick auf die Höhen des
Teutoburger Waldes, an deren Abhang die Ackerbürger von Bielefeld
und seiner Vorstadt Gadderbaum ihre Gärten und Felder hatten. Dort
oben war auch der schöne neue städtische Friedhof entstanden, und
links davon, vom Friedhof auf der einen Seite, von Buchen- und
Tannenwald auf zwei andern Seiten eingeschlossen, aber mit freier,
weiter Aussicht nach Osten hin, lag ein Grundstück von etwa sechs
Morgen Größe. Darauf blieb Vaters Blick hängen. Diesmal konnte er
nicht warten, bis von irgendwoher ein Angebot kam; denn jetzt galt
es, verloren gegangenes Gebiet zurückzuerobern. Freund Bökenkamp,
der stille, vorsichtige, zuverlässige Mann, tat die entscheidenden
Schritte, und bald war das Grundstück oben am Berge gekauft. Damit
war neuer Heimatboden gewonnen für Heimatlose, Vertriebene,
Verbitterte.

Das Grundstück wurde in acht gleich große Bauplätze eingeteilt, und
für jeden Platz entwarf Vater je ein Haus, für jedesmal eine Familie
bestimmt, jedoch groß genug, daß oben in den Dachzimmern noch die
erwachsenen Kinder oder, wenn eins der Kinder sich verheiratete und
die Besitzung übernahm, die alternden Eltern Wohnung finden konnten.
Dann wurde der Platz öffentlich ausgeschrieben. Jeder Arbeiter
konnte sich bewerben. Nach seiner Partei oder politischen und
kirchlichen Stellung wurde nicht gefragt. Bedingung war nur, daß er
eine selbstersparte Summe von 500 Mark anzahlen konnte. Darin sollte
die Bürgschaft liegen, daß man es mit einem nüchternen, fleißigen
Mann zu tun habe, der auch in Zukunft regelmäßige Abzahlungen
leisten würde.

Hatte man schon von unserm Hause aus den Eindruck, wie schön es dort
oben sein müsse, so zeigte sich, wenn man oben stand, die Lage der
Grundstücke vollends als unvergleichlich. Es meldeten sich alsbald
mehr Bewerber, als berücksichtigt werden konnten. Das Los mußte
entscheiden. Unter die acht, zu deren Gunsten die Entscheidung
fiel, wurden abermals durch das Los die einzelnen Plätze verteilt.
Doch war keiner gezwungen, den für jedes einzelne Grundstück
vorhandenen Bauplan anzunehmen. Er konnte daran je nach Wunsch und
Bedürfnis ändern. Man wollte helfen und raten, aber keine Gewalt
antun. Sobald ein Drittel des Gesamtwertes abgezahlt war, ging das
kleine Besitztum an seinen neuen Eigentümer über.

Was aber wurde aus den übrigen Bewerbern, die nicht hatten
berücksichtigt werden können? Sie waren jetzt diejenigen, die vorwärts
drängten. Ein Aufhalten, ein Stillstehen wäre Unbarmherzigkeit gewesen.
So kam es zum Ankauf des zweiten Grundstückes, des dritten u. s. f., und
in allmählichem Fortschreiten legte sich ein großer Kranz von
Arbeiterheimstätten in näherer oder weiterer Entfernung rings um
Bielefeld.

Aber die örtliche Not, die hier gestillt wurde, war doch nur ein
winziger Bruchteil der ungeheuren Wohnungsnot des Vaterlandes. Und
die Aufgabe, die man hier auf kleinem Raum löste, mußte überall in
Angriff genommen werden. Es galt, einen eigenen Mittelpunkt zu
schaffen, von dem aus diese Not an alle herangetragen und diese
Aufgabe allen zur Pflicht und Freude gemacht wurde. So entstand im
April 1885 der „Deutsche Verein Arbeiterheim”. In besonderen
Anschreiben setzte Vater den Zweck des Vereins auseinander, und bald
meldeten sich aus allen Teilen des Vaterlandes die Mitglieder, teils
einzelne Privatleute, teils Korporationen und Gemeinden. Die
Kaiserin und später die Kronprinzessin Cecilie übernahmen das
Protektorat zum Zeugnis, daß es sich hier um die wichtigste
Grundlage alles Staats- und Volkslebens, die Erhaltung der Familie,
handle.

„Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den
Arbeiterstand!” war nun der Ruf, den Vater durch Wort und Schrift
hinausgehen ließ in Stadt und Land. In schlichtesten, tief
ergreifenden Worten brachte er alle Saiten des Herzens zum
Schwingen. Herz, Gemüt, Verstand, Gewissen faßte er in gleicher
Weise an. Die städtischen und ländlichen Behörden so gut wie die
einzelnen Besitzer wies er auf diese entscheidende Aufgabe hin. Wir
haben sein Herz beben gehört, zittern gefühlt über der Frage: Wird
es noch gelingen, hier das deutsche Gewissen wachzurufen?

Und immer gingen Wort und Tat Hand in Hand. Die grundlegende Frage
war: Wie kann dem Arbeiter das Geld zur Aufrichtung einer Heimstätte
beschafft werden? Denn selten oder nie hatte er dazu ausreichendes
eigenes Kapital in der Hand. Wohl hatte der Verein „Arbeiterheim” an
seinem Teil den einzelnen Erwerbern als Rückhalt gedient und ihnen
das nötige Kapital flüssig gemacht. Aber seine Schultern wären zur
Durchführung im großen zu schwach gewesen. Es mußte stärkerer und
weiterer Rückhalt geschaffen werden. Wo war er zu finden?

Die staatlichen Rentenbanken halfen größeren und mittleren Besitzern
mit Darlehen, die in jahrzehntelanger Tilgungsfrist unter geringer
Verzinsung zurückgezahlt wurden. Hier setzte Vater ein. Was dem
größeren und mittleren Besitzer zugebilligt wurde, warum sollte es
dem kleinen nicht auch gewährt werden?

„Es gibt kein Kapital, das sicherer angelegt wäre, als beim kleinen
Mann, kein Kapital auch, das höhere Zinsen brächte.” In allen
Tonarten, mit allen Beweismitteln hat Vater diesen Satz vertreten.
Er kannte die nie zu erstickende Liebe des deutschen Familienvaters
zur eigenen Scholle. Er vertraute mit größter Zuversicht, daß der
deutsche Arbeiter überall, wo man ihm die Hand dazu böte, alles
daran setzen würde, ein eigenes Heim nicht nur zu erwerben, sondern
auch zu behalten und die, die ihm dazu verhalfen, nicht im Stich zu
lassen. Er wußte auch, daß es unter allen irdischen Mitteln kein
sichereres Gegengift gibt gegen Trunksucht, Unzucht und Prunksucht
als das eigene Dach und den eigenen Herd.

Darum gelang es ihm auch in unablässigem Bemühen um die Herzen der
verantwortlichen Männer und Behörden in Provinz und Staat, in
Schreibstuben und auf den Ministerstühlen, daß schließlich die
Beleihungsgrenze bis zu den kleinsten Besitzungen ausgedehnt wurde.
Im Jahre 1907 erfolgte der Ministerialerlaß über Zwergrentengüter,
wonach auch die sogenannten Zwergsiedlungen von nicht mehr als einem
halben Morgen Größe von den Rentenbanken bis zu drei Vierteln des
Gesamtwertes beliehen wurden.

Damit war der Weg gebahnt zu umfassenden Siedlungen in städtischen und
ländlichen Bezirken. Wenn nur weitherzige Baupolizeivorschriften,
weitblickende Gemeindepolitik und weitgreifende Anleitung der
Verwaltungsbehörden alle tätigen, sich selbst helfenden Kräfte des
deutschen Vaterlandes künftig nicht eindämmten, sondern weckten und
förderten, so zeigte sich jetzt die ungehinderte Aussicht auf eine
Gesundung des gesamten Volkskörpers. Der Arbeiter war nicht mehr
ausschließlich angewiesen auf die Barmherzigkeit von Privaten oder
gemeinnützigen Vereinen, sondern es war ihm zu einem Recht verholfen an
die materiellen Hilfsquellen des Staates.

Schwere Hemmungen blieben ja bestehen. Immer war es so, daß, wo
irgend eine Arbeitersiedlung einsetzte, die Bodenpreise in der
Umgebung der Siedlung in die Höhe schnellten und den nachfolgenden
Siedlern die Erwerbung eines Eigentums erschwerten. Um hier
grundlegende Wandlungen zu schaffen, hatten die Bodenreformer unter
Damaschke eine unermüdliche Arbeit angegriffen. Aber dieses ganze
große Gebiet ließ Vater unberührt. Ich fragte ihn einmal, wie er
über die Frage der Bodenreform im Sinne Damaschkes dächte. Er
antwortete: „Davon verstehe ich zu wenig.” Es lag nicht in seiner
Natur, sich mit Fragen zu beschäftigen, deren Lösung erst in weiter
Zukunft lag. Er fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht zum
Reformer oder Reformator berufen. Die praktischen Aufgaben, die sich
ihm mit zwingender Gewalt aufdrängten, griff er an und suchte er
dadurch zu lösen, daß er die vorhandenen Hilfsmittel verwandte und
diese Hilfsmittel so viel wie irgend möglich ausgestaltete.

Alles, was zunächst nur Theorie blieb, lag außerhalb seines
Interesses. Die ganze immer mehr anwachsende Literatur über die
sozialen Probleme blieb ihm fremd. Er las nichts davon. Nur das, was
seine unmittelbar jetzt lösbare Aufgabe betraf und ihn darin
förderte, bildete eine Ausnahme. Das griff er mit hellem Blick
heraus und machte er sich zu eigen.

Als ihn zu einer Zeit, wo alle Welt mit der „sozialen Frage” als
solcher beschäftigt war, der ihm befreundete Professor Riggenbach in
Basel bat: „Sagen Sie mir einmal Ihre Gedanken über die soziale
Frage!” antwortete er: „Ich spreche nicht gern über Dinge, von denen
ich nichts verstehe.” Aber dann ließ er den Fragesteller in
anschaulichster Weise hineinsehen in die Gebiete des sozialen
Lebens, auf denen er nicht theoretisch, sondern praktisch gearbeitet
hatte.

Vaters historischer Sinn, die Dankbarkeit für das, was geworden war,
die Achtung vor einer jahrhundertealten treuen Arbeit des Staates
ließen ihn nie in den Verhältnissen die Hauptschwierigkeiten
erblicken. Deshalb griff er, wie verwickelt oder rückständig diese
Verhältnisse oft auch sein mochten, immer mit großer Zuversicht
hinein, indem er allem, was gesund in ihnen war, zur Fortentwicklung
half, um dadurch ganz von selbst das Verkehrte absterben zu lassen.
Nicht unter den Hemmungen, die von den Dingen ausgingen, litt er,
wohl aber unter denen, die von den Menschen herrührten. Und gerade
auf dem Gebiet der Arbeiterwohnungsfrage erlebte er es mit
wachsendem Schmerz, wieviel hier durch Kurzsichtigkeit,
Engherzigkeit, Hartherzigkeit und mangelnde Nächstenliebe
unterlassen und versäumt wurde.

Am meisten schmerzte ihn die Stellung der landwirtschaftlichen
Kreise; denn bei ihnen lag die eigentliche Entscheidung. Je mehr die
Städte sich dem Gedanken öffneten, in ihrem Umkreise für die
Ansiedlung des Arbeiters zu sorgen, desto mehr Arbeiter wurden doch
wieder aus dem Lande in den Bannkreis der Stadt gelockt. Darum mußte
das Land seine bisherige Stellungnahme aufgeben. Wohl gab es auch
hier eine langsam zunehmende Einsicht. Aber sie war doch nicht
allseitig genug. „Wir werden uns keine Laus in den Pelz setzen
dadurch, daß wir unsere Arbeiter selbständig machen”, mußte er immer
wieder hören. In einer der besten Gemeinden des Ravensberger Landes
sagte er in einer Predigt, daß die Besitzer alle im Grunde nicht
Besitzer, sondern nur Verwalter ihres Gutes seien und daß sie, um
als Verwalter bestehen zu können, wenn Gott einmal Rechenschaft von
ihnen forderte, die Pflicht hätten, dem kleinen Mann zu einem Haus
und Stück Land zu verhelfen, das dieser dann wieder als
selbständiger Verwalter innehaben könne. Der Bauer müsse sich
endlich von dem Gedanken freimachen, als sei es unrecht, wenn er von
dem von den Vätern ererbten Besitz etwas abgebe für den kleinen
Mann. Aber Vater stieß auf kühle Ablehnung und wurde auf lange Zeit
hinaus nicht wieder in diese Gemeinde eingeladen.

Ähnlich ging es ihm weiten Kreisen der Großgrundbesitzer gegenüber.
Er hat es nie verkannt, wieviel von manchen unter ihnen für den
Landarbeiter geschah, wie die Wohnungen in wachsendem Maße
verbessert wurden und der Landarbeiter sich, wenn er seine
Einkünfte berechnete, vielfach weit besser stand als der freie
Industriearbeiter der Großstadt. Aber eng und starr hielten vielfach
auch die besten Besitzer an dem Grundsatz fest: „Alles für den
Arbeiter, nichts durch ihn”, d. h. sie waren bereit, für den
Arbeiter und die Verbesserung seiner Lage in jeder Hinsicht nach dem
Maße ihrer Kräfte zu sorgen, aber nur, solange er als Mietsmann in
abhängiger Stellung dem Gute gegenüber blieb. Sobald es sich aber
darum handelte, den Arbeiter auf eigene Füße zu stellen, sodaß er
auf eigener Scholle durch eigene Arbeitskraft sich sein Heim schuf
und dann durch freien Entschluß in ein neues Dienstverhältnis zum
Gute trat, hielten die Besitzer mit ihrer helfenden Hand zurück. Man
wollte ihn in der Hand behalten, und gerade so verlor man ihn.

Durch die immer mehr gesteigerte Tätigkeit der Volksschule wurde der
Gesichtskreis auch des Landarbeiters erweitert, sein Selbstbewußtsein
gehoben, all seine Kräfte geweckt. Aber man gab diesen Kräften kein
Feld eigener Betätigung, eigener Entfaltung. Das mußte schließlich zu
einer Katastrophe führen. „Zwanzig Jahre habt ihr noch Zeit,” hörte
ich Vater zu einem Großgrundbesitzer sagen; „wenn ihr dann nicht Ernst
gemacht habt, habt ihr die Revolution.” Und ein anderes Mal: „Vor den
Russen und Franzosen ist mir gar nicht bange. Aber bange ist mir vor
der Unzufriedenheit und Gottentfremdung im eigenen Volk. Wenn ihr
helfen wollt, dann helft, dem Deutschen die eigene Scholle
wiederzugeben.” Dabei ging für ihn die Lösung der sozialen und der
religiösen Frage immer Hand in Hand. So sagte er auf dem Kongreß für
Innere Mission in Kassel im Jahre 1888: „Um reif zu werden für die
himmlische Heimat und Heimweh nach dem Vaterhause droben zu haben, ist
es nötig, daß man zuerst einmal ein irdisches Vaterhaus liebgewonnen
hat. Diejenigen, die nichts mehr von einem Verlangen nach einem
irdischen Vaterhause wissen, sind meist auch für das Verlangen nach
einem ewigen Vaterhause abgestorben.”

Es muß ehrlicherweise zugegeben werden, daß Vater manchen
Großgrundbesitzer befremdete, weil er bei der Glut, mit der er
seinen Gedanken vertrat, bei manchem den Eindruck erwecken konnte,
als wollte er alles Bestehende auf den Kopf stellen. Aber im Grunde
hatte er nie daran gedacht, daß die vorhandenen Mietsverhältnisse
sämtlich aufgelöst werden sollten, damit jeder Arbeiter sein
eigener Herr würde auf eigener Scholle. Er wollte nur, daß dem
Arbeiter die Möglichkeit dazu verschafft und daß seiner drängenden
Kraft Ventile geöffnet würden. Es war ja klar, daß viele das
sorgenfreie Leben im Mietshause der Verantwortung für ein eigenes
Besitztum vorziehen würden. Aber denen, die nach dieser
Verantwortung sich sehnten, sollte der Weg dazu offen stehen.

Mit der freien Bahn, die dem Landarbeiter geöffnet werden sollte,
ging freilich Hand in Hand, daß auch der Industrie Möglichkeit
gewährt wurde, sich auf dem Lande niederzulassen. Nur so würde das
Wachstum der Großstädte unterbunden werden. Namentlich die Kanäle
sollten nach Vaters Gedanken dazu dienen, die Industrie auf das Land
zu ziehen. Unermüdlich war er auch für diesen Gedanken eingetreten.

Mit der Industrialisierung des Landes würde ja auch mehr und mehr
dem Mißverhältnis gesteuert werden, daß die Bodenpreise in der Nähe
der Städte übertrieben hoch, auf dem Lande unverhältnismäßig gering
waren. Und denjenigen Landwirten, denen die ganze Frage nicht so
sehr eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit, sondern des
Geldbeutels war, zeigte Vater, wie auch sie bei ganz nüchterner
Berechnung sich sagen mußten, daß das Festhalten des Arbeiters auf
dem Lande, auch rein vom rechnerischen Standpunkte angesehen, ihr
eigenster Vorteil sei. Durch die Rente, die der Landarbeiter für den
erworbenen Grund und Boden zahlte, konnte der Großgrundbesitz einen
Teil seiner Schulden abstoßen. Durch die Zunahme der Landbevölkerung
war das Absatzgebiet für die Landwirtschaft bereichert und die
Möglichkeit zur Erlangung geeigneter Arbeitskräfte nicht gemindert,
sondern vermehrt.

Hat Vater vergeblich gearbeitet? Als die Revolution ausbrach und
Bielefeld im Norden Deutschlands eine der wenigen großen Städte war, in
denen sich der Umschwung der Dinge verhältnismäßig ruhig vollzog, wurde
als letzte Ursache dieser erfreulichen Erscheinung zweierlei genannt:
die verständige Hand eines maßvollen sozialdemokratischen Führers und
die soziale Arbeit Vater Bodelschwinghs. Das will freilich, auf das
Ganze des Vaterlandes gesehen, nicht viel sagen. Aber wenn der
praktische Ertrag auch verhältnismäßig gering war, -- denn was bedeutete
die Ansiedlung von einigen tausend Arbeitern auf eigenem Grund und Boden
im Einfamilienhaus gegenüber der großen Masse, die in die Städte
gepfercht blieben und auf dem Lande keine Entwicklungsmöglichkeit vor
sich hatten! -- Vater ist durch alle Hindernisse und alle schmerzhaften
Enttäuschungen nicht abgeschreckt worden, den Gedanken selbst immer
wieder hinauszurufen: „Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große
Scholle für den Arbeiterstand!”

Als darum während des Krieges der Gedanke entstand, jedem deutschen
Kämpfer seinen freien Anteil am deutschen Lande zu sichern, da fand
er überall lautes Echo. Großgrundbesitzer des Ostens stellten damals
weite Gebiete ihres Besitztums zur Verfügung, damit der Gedanke in
die Tat umgesetzt würde. Hätten sie es zwanzig Jahre früher getan,
wie viel wäre verhütet worden!

Zu spät ist es auch jetzt noch nicht. Die Gedanken des Vereins
„Arbeiterheim” haben sich inzwischen überall durchgesetzt. Das ganze
Vaterland ist zu einem Verein Arbeiterheim geworden. So könnte sich
der Verein in die Stille zurückziehen. Doch besteht er noch fort,
damit er überall, wo es gilt, den Gedanken in die Tat umzusetzen,
mit seinen Erfahrungen helfen kann.


Das Kandidaten-Konvikt.

Der Überschuß an Kandidaten der Theologie war in den achtziger
Jahren groß. Manche von ihnen mußten jahrelang auf feste Anstellung
warten und fragten in Bethel um Arbeit an. Vater ergriff diese
Gelegenheit, um dafür zu sorgen, daß die brach liegenden Kräfte
während der Wartezeit nicht müßig blieben, sondern eine gründliche
Schulung erhielten. Er bat den damaligen Kultusminister Goßler, ihm
zur Ausbildung einer kleineren Anzahl zukünftiger Pastoren für den
Dienst der inneren und äußeren Mission die erforderlichen Geldmittel
darzureichen. So entstand 1888 das Kandidaten-Konvikt. Zunächst für
vier, später für acht Kandidaten wurden seitens des Ministers die
Mittel gewährt. Ein Nebengebäude des Hauses Hermon, Klein-Hermon,
wurde ihre Heimat und ist es bis heute geblieben.

Die Arbeit der Kandidaten wurde so geteilt, daß sie des Vormittags
auf den verschiedenen Stationen der Anstalt tätig waren, während der
Nachmittag der besonderen Ausbildung auf den zukünftigen Beruf
vorbehalten blieb. Einer arbeitete auf der Männerstation des
Diakonissenhauses, wo er unter der Anleitung der Kandidaten-Mutter,
Schwester Riekchen, das Reinmachen der Krankenstuben, das
Bettenmachen und dann die eigentliche Krankenpflege lernte und auch
an den Operationen teilnahm; ein anderer hatte seinen Posten in Zoar
bei den geistesschwachen epileptischen Knaben, der dritte in Hebron,
der Landstation der epileptischen Männer, der vierte auf dem
Arbeitszimmer des Vaters. Alle acht bis zwölf Wochen wurde
gewechselt, sodaß jeder die verschiedenen Arbeitsgebiete
kennenlernte. Mit der Zunahme der Kandidaten nahmen auch die
Tätigkeitsfelder zu: Arbeiterkolonie, Herberge zur Heimat,
Trinkerheilstätte, Pflege der Geisteskranken, Unterricht der Brüder
und der epileptischen Kinder usf.

Es verstand sich für Vater von selbst, daß ein zukünftiger Diener
des Wortes Jesu Christi, des Freundes und Helfers der Armen, Kranken
und Schwachen, zum geringsten Dienst an den Elenden willig sei.
Darum stellte er sofort mit einer Selbstverständlichkeit, gegen die
es gar kein Widerstreben gab, die ersten Kandidaten, die sich
meldeten, in die Arbeit an den Kranken. Ganz von selbst banden sie
sich gleich den Schwestern und Brüdern, die ihnen vorarbeiteten, die
blaue Schürze um. Sie wurde ihnen schnell zum Ehrenkleid, das sie
nach einem Jahr nur mit Wehmut ablegten. Und mancher von ihnen hat
die blaue Schürze unendlich leichter und lieber getragen als den
Talar.

Es ging allerdings nicht jedem so. Einige kamen, die schon nach
kurzer Zeit wieder verschwanden, weil ihnen der Anblick der Kranken
zu schwer, der Dienst zu niedrig und entsagungsvoll war. Aber die
allermeisten blieben. Ihnen wurde es zur großen Wohltat, daß sie
einmal die Gedankenarbeit mit der gründlichen Praxis vertauschen
konnten. Das alte Wort =„Praxis epibasis theorias”= (der Weg der
Gewißheit führt durch die Tat) wurde hier immer wieder zur Wahrheit.
Über der tätigen Hilfe, die er leisten konnte, vergaß mehr als ein
Kandidat die Gedankengrübelei. Im Zusammenleben mit manchen Brüdern
und Schwestern des Diakonen- und Diakonissenhauses merkte er, daß
Jesus Christus die eigentliche Großmacht in der Welt sei, von der
noch heute Wandlungen und Wirkungen ausgehen, die sonst in keines
Menschen Macht stehen, und der kindliche Glaube eines am Geiste
schwachen Knaben von Zoar oder eines epileptischen Ackerbauers von
Hebron wurde ihm zu einem Erlebnis, das alles übertraf, was die
Universitätszeit geboten hatte.

Dazu kam dann der persönliche Dienst als Gehilfe unseres Vaters. Die
Post kam schon früh, und Vater ließ jede Sendung durch seine Hand
gleiten, um an der Handschrift zu prüfen, ob die Rücksicht auf den
Briefschreiber es erfordere, daß er allein den Brief öffnete. Alle
übrigen Briefschaften übergab er dem Kandidaten. Natürlich kam es
vor, daß auch unter dessen Augen Geheimnisse kamen, die den
Briefschreiber und Vater allein angingen. Aber nie ist solches
Geheimnis ausgeplaudert worden. Das große Vertrauen, das Vater vom
ersten Augenblick an in seine Mitarbeiter setzte und das die
zartesten und tiefsten Kräfte im Herzen zur Mitarbeit wachrief,
wurde heilig gehalten.

War die Post durchgesehen, so berichtete der Kandidat über die
einzelnen Schriftstücke, und Vater gab Anleitung zur Erledigung. Je
klarer und kürzer der Bericht ausfiel, je größer war für Vater bei
seiner gedrängten Zeit natürlich die Wohltat. So berichtete einer,
der es besonders knapp machen wollte: „Junger Mann, Offizier
gewesen, Schulden gemacht, Abschied, sucht Stellung.” Da sagte Vater
nur, aus tiefster Seele heraus: „Arme Mutter.” Der Kandidat hat
nachher erzählt, von welch unauslöschlichem Eindruck diese zwei
Worte auf ihn gewesen seien.

Die einen Briefe bekam der Kandidat zur Erledigung, mit andern ging
er in die einzelnen Häuser, um sie dort zu besprechen oder auf den
Schreibstuben abzugeben. Was übrig blieb, beantwortete Vater selbst,
und zwar am liebsten immer sofort, indem er seinem Sekretär, der
stets die Vormittagsstunden ebenfalls auf dem Arbeitszimmer war,
diktierte. „Nur nichts aufschieben” war seine Losung. „Aufschieben
macht Qual.” Dann hörte der Kandidat zu, welche Antworten gegeben
wurden, und die tiefe Liebe, die bei aller Kürze aus jedem Briefe
sprach, den Vater diktierte, konnte nicht ohne stärksten Einfluß
bleiben und wurde zu einer Saat, die in der Erinnerung haften blieb
und bei manchem Kandidaten, der inzwischen längst zu Amt und Würden
gekommen war, Jahr um Jahr neue Früchte trug.

Am Nachmittag wurde unter der Leitung des Seniors der Kandidaten und
später eines Inspektors die Auslegung des Alten und Neuen
Testamentes nach dem Grundtext getrieben, an der Hand von Vorträgen
und Ausarbeitungen der Mitglieder wurden theologische Fragen
besprochen und außerdem die Geschichte der Inneren und Äußeren
Mission behandelt.

Die Übungen in der Katechese und in der Predigt leitete Vater
selbst. Aber eigentlich konnte man die kurzen Stunden, die jeden
Mittwochnachmittag um halb drei Uhr im Krankensaal des Kinderheims
gehalten wurden, nicht katechetische Übungen nennen. Wie schon
einmal erwähnt, war Vater in der Tat kein Schulmeister, darum
erwartete er auch von den Kandidaten keine katechetische
Kunstleistung. Was Vater verstand, war etwas anderes: er konnte
erzählen. In der Weise, wie er die biblischen Geschichten in
höchster Anschaulichkeit darstellte, hat manche seiner Schwestern es
zu einer Kunst des Erzählens gebracht, die Kinder und Kranke aufs
tiefste fesselte und die bis in den Grund nicht nur des Gemütes,
sondern auch des Gewissens ging. Dieses Erzählen, nur durch
gelegentliche Fragen unterbrochen, hat er auch mit den Kandidaten
geübt und ihnen selbst vorgemacht.

So besinne ich mich, wie er einmal vor den Kindern, die zum Teil in
ihren Betten lagen, zum Teil auf kleinen Stühlen vor und zwischen
den Kandidaten saßen, die Geschichte von der königlichen Hochzeit
erzählte. Als er an die Stelle kam, wie der König hineinging, die
Gäste zu besehen, und Vater nun seine Augen von einem zum andern
wandern ließ, da ging ein Beben durch uns hindurch, und als er
vollends darstellte, wie der König den einen Gast traf, der kein
hochzeitliches Kleid anhatte, da schlug jeder unwillkürlich die
Augen nieder in der Sorge, er selbst könne vielleicht der eine sein.
Es war gar keine Mache dabei, nichts Theatralisches, nichts
Eingeübtes; es war ein wirkliches Ergriffensein von der Schönheit,
Größe und Gewalt des Wortes Jesu.

Auch die alttestamentlichen Geschichten wurden so behandelt. Alle
nicht in Hast, aber in möglichster Kürze. Länger als höchstens eine
Viertelstunde hatte meistens der einzelne Kandidat nicht. Dann kam
noch ein zweiter an die Reihe, um irgend eine andere Geschichte aus
dem Leben daheim oder in der Heidenwelt zu erzählen.

Am Freitag um fünf Uhr war die Predigt der Kandidaten in der kleinen
Kapelle von Sarepta. Sie war den Kandidaten so leicht und zugleich
so schwer gemacht wie nur möglich. So leicht, weil das Publikum, vor
dem sie zu sprechen hatten, nicht zum Fürchten war. Die Fenster, die
nach rechts und links in die Krankensäle führten, waren geöffnet,
und von ihren Betten lauschten die Kranken nicht auf hohe Töne der
Weisheit, sondern auf ein einfaches Wort der Erquickung; und auf den
Bänken in der Kapelle selbst saß für gewöhnlich nur eine einzige
Station von epileptischen Mädchen unter der mütterlichen Führung der
alten Schwester Christiane. Auch sie stellten keine hohen Ansprüche,
sondern waren um so dankbarer, je einfacher das Wort war, das zu
ihnen gesprochen wurde.

Aber gerade hierin lag nun auch die große Schwierigkeit der Aufgabe.
Über die höchsten Dinge ganz kindlich zu sprechen, sodaß Leidende,
Sterbende und am Geiste Schwache sich daran aufrichten können, das
war die Kunst, die hier gelernt werden konnte, nicht an hohen
menschlichen Vorbildern, sondern an dem Vorbilde dessen, der die
tiefsten Geheimnisse des Reiches Gottes in so schlichte Bilder und
Gleichnisse fassen konnte, daß sie allen Völkern der Welt in ihren
einfältigsten und ihren weisesten Gliedern zugleich faßlich und
unergründlich sind.

In der kleinen Brüderstube der Männerstation von Sarepta, in der der
alte Heermann gewohnt hatte und gestorben war, fand dann im
unmittelbaren Anschluß an die Predigt die Kritik statt. Erst kam die
Nachmittagsstunde bei den Kindern des Kinderheims zur Besprechung,
dann die Predigt. „Wer sagt ihm etwas?” fragte dann Vater die
versammelten Kandidaten. „Bitte, sagt ihm etwas!” Zum Schluß kam
dann Vater selbst. Er ließ sich das Konzept nicht vorher geben, aber
er hörte sehr genau der Predigt zu.

Auch das Äußere ließ er sich nicht entgehen. Es war damals die Zeit
der langen Schnurrbärte. „Sieh mal,” sagte er zum Träger eines
derartigen Schmuckes, „die Kranken fürchten sich, wenn du mit solch
einem langen Schnurrbart daherkommst, als wärest du ein
Unteroffizier.” So traf er, ohne zu verletzen, die verborgene
Eitelkeit.

An der Einteilung der Predigt rüttelte er, wenn es nötig war, mit
kräftigen Stößen. Aber ihren Inhalt behandelte er immer mit der
größten Zartheit. Denn hier handelte es sich ja jedesmal um das
Opfer des Heiligsten, was ein Mensch besitzt, das um so größerer
Schonung bedurfte, je zarter die Pflanze noch war, die die Früchte
ihres Glaubens und ihrer Erfahrung der kleinen Zuhörerschaft
dargeboten hatte. Den glimmenden Docht nicht auszulöschen, sondern
durch freundliche Ermunterung zu entfachen, und das zerstoßene Rohr
nicht zu zerbrechen, sondern zu stärken, das übte Vater in diesen
kurzen Feierstunden. Und wenn er weder Lob noch Tadel sparte, so war
es so, daß das Lob ermunterte, aber zugleich demütigte, und der
Tadel befreite und darum zugleich getrost machte. Einem Kandidaten,
dessen Predigten er schon wiederholt zugehört hatte, sagte er: „Wenn
du predigst, dann wird mir immer so bange. Du zeigst immer wieder so
scharf das sündige Herz. Ich mache das anders. Ich meine, man muß
erst in der Gnade stehen und dann von der Gnade aus sich mit den
Händen und Armen hinunterneigen und sie heraufheben.”

Sooft wie möglich ließ er sich von den Kandidaten auf die Feste im
Ravensberger Lande begleiten. Bei der Rückkehr von solch einem Feste
stellte es sich heraus, daß die Kandidaten, die in einem zweiten
Wagen saßen, an zwei Frauen, die zu Fuß gingen, vorübergefahren
waren, ohne sie zum Mitfahren einzuladen. Er ließ sie alle
aussteigen und den Wagen zurückfahren, um die Frauen aufzunehmen.

Sieben Jahre hat Vater in dieser Weise die Konviktsarbeit geleitet.
Zwei Gehilfen, Wilm und Hild, die aus den Kandidaten selbst
hervorgegangen waren, haben ihn dabei wie Söhne unterstützt.
Schließlich zeigte sich die Berufung einer besonderen Kraft zur
Leitung dieser wichtigen Arbeit als das Gewiesene.

Pastor Rahn war in der Zeit, wo er in Amsterdam in größtem Segen an
der deutschen lutherischen Gemeinde stand und das dortige
Diakonissenhaus ins Leben rief, zu Vater in nächste Beziehung
getreten. Er übernahm im Jahre 1895 die Führung der Kandidaten,
denen er, bis seine Kräfte zusammenbrachen, ein väterlicher Freund
und wissenschaftlicher Berater von nie versagender Gründlichkeit,
Treue und Hingabe geworden ist.


Afrika.

            „Zu den Regeln des Reiches Gottes schickt es sich, daß wir
            da mit besonderer Kraft des Evangeliums einsetzen, wo die
            Not am größten ist.”

                                                            F. v. B.

Obwohl sein Weg ihn nicht persönlich in die Heidenwelt hinausgeführt
hatte, war Vater der Missionsaufgabe treu geblieben. In Paris war
er, wie berichtet, für die kommenden und gehenden Baseler Missionare
und ihre Familien Berater und Gastgeber gewesen; in Dellwig hatte er
durch den „Westfälischen Hausfreund” den Blick auch zu den Heiden
hinausgelenkt. In Bethel konnte es darum nicht anders sein. In der
Anfangszeit waren es namentlich die kleinen Schriften der Baseler
Mission, die ihm ständig zum Verteilen zur Hand waren. Und bald
kamen zu den alten Beziehungen neue hinzu. Der junge Bäckergeselle
der kleinen Bäckerei von Sarepta, Dietrich Baumhöfner, war als Kind
durch eine Kinderschulschwester innerlich angefaßt worden und der
göttlichen Stimme treu geblieben. Vater bahnte ihm den Weg in das
Berliner Missionshaus, das ihn nach Südafrika aussandte.

Seine Briefe, die er von der Reise und aus den ersten Anfängen in
Transvaal schickte, schrieben wir Kinder ab, weil Vater die Originale an
andere Missionsfreunde weitersandte. Im Wochengottesdienst las er sie
der Gemeinde mit einer so tiefen Anteilnahme vor, daß wir die Reise und
die Arbeit Baumhöfners persönlich miterlebten. Im Anschluß an solch eine
Stunde eilte ich nach Hause, um meine ganze kleine Barschaft der
Missionsbüchse anzuvertrauen, die in Gestalt eines knienden Negers in
unserm Zimmer stand. Schon nach wenigen Monaten, als wir eben auf die
Bitte Baumhöfners die ersten Posaunen für seine kleine Gemeinde
hinausgeschickt hatten, kam die Nachricht, daß er in Georgenholz dem
Fieber erlegen war. Wir alle, Kranke und Gesunde, empfanden seinen Tod
als einen großen persönlichen Verlust. Die Liebe zur Berliner Mission
blieb aber und wurde namentlich durch die südafrikanischen Reisen des
Inspektors Wangemann, die Vater eingehend verfolgte, wachgehalten.

Mit der Barmer Mission ergaben sich bald noch engere Anknüpfungen,
nicht nur durch die persönlichen Beziehungen zu deren Inspektor
Fabri, die seit seiner und Vaters gemeinsamer Studienzeit in
Erlangen nicht erloschen waren, sondern besonders auch dadurch, daß
die Barmer Mission in allen Gemeinden des Ravensberger Landes
treuste Freunde hatte und Vater öfter zu den Missionsfesten
eingeladen wurde, auf denen die Barmer Missionare aus ihrer Arbeit
berichteten. Missionar Hanstein, aus Hessen gebürtig, hatte sich in
Sumatra der Aussätzigen angenommen. Er war auf Schwefelquellen
gestoßen, die sich zur Linderung des Aussatzes als besonders wirksam
erwiesen, und bat nun um Hilfe, um an den wohltätigen Quellen den
Aussätzigen eine Heimat zu errichten. Das war natürlich eine Sache
nach Vaters Herzen, der nie gut ins Allgemeine hinaus helfen konnte,
sondern immer am liebsten an einer bestimmten Stelle einsetzte und
dafür die Herzen erwärmte. Hansteins Briefe verlas Vater in den
Familienabenden und wöchentlichen Missionsstunden und entfachte
damit unter Kranken und Gesunden die Liebe und Fürsorge für die
Aussätzigen, sodaß die Heimat der Aussätzigen auf Sumatra der feste
Stützpunkt wurde, um den sich unsere Anteilnahme an den übrigen
Aufgaben der Barmer Mission lagerte.

Besonders lebhaft wurden diese Beziehungen, seit der Nestor der
Barmer Mission in Südafrika, Missionar Lückhoff, der jene 2000 Mark
für die Glockentürme der Zionskirche aus seiner schwarzen Gemeinde
gesammelt hatte, nun nicht müde wurde, eine Sendung nach der andern
abgehen zu lassen mit südafrikanischen Fellen, Früchten,
Straußeneiern und Federn, die den Grundstock bildeten zu einem
kleinen Missionsmuseum, das nicht wenig dazu beitrug, unsern Blick
in die Völkerwelt hinauszulenken.

So war der Boden längst vorbereitet, als ungewollt und unvermutet
sich neue größere Aufgaben auf dem Gebiete der Heidenwelt
einstellten.

1884 waren die ersten deutschen Stützpunkte in Ostafrika auf der
Insel Zanzibar sowie im Küstengebiet geschaffen worden. Der Kaiser
wies sofort darauf hin, daß eine politische Besitzergreifung des
Landes nicht genüge, sondern eine Arbeit der Christianisierung ihr
auf dem Fuße folgen müsse. Nun hatte Pastor Diestelkamp von der
Nazareth-Gemeinde in Berlin von vornherein den regsten Anteil an der
Entwicklung der Dinge in Ostafrika genommen und ein kleines Komitee
für die Missionsarbeit in der jungen Kolonie zustande gebracht. Der
alte, in langjähriger Arbeit in Abessinien erprobte Missionar
Greiner und ein junger von der Berliner Mission übernommener
Missionar Krämer hatten die Arbeit drüben begonnen.

Aber woher weitere Kräfte nehmen? Sowohl für den Pflegedienst an den
Deutschen, die in jener Anfangszeit angesichts des ungesunden Klimas
in ganz besonderem Maße solcher Hilfe bedurften, als auch für einen
kräftigen Vorstoß in die Welt der Eingeborenen fehlte der Nachschub.
Alle Versuche Diestelkamps, bei den bestehenden Gesellschaften und
Vereinen der Äußeren und Inneren Mission die nötigen Kräfte zur
gründlichen Fortsetzung der Arbeit in Ostafrika zu finden, waren
mißlungen. So machte er sich zu Vater auf den Weg. Beide kannten
sich von der gemeinsamen Arbeit an den Berliner Arbeitslosen her,
für die Diestelkamp die Berliner Arbeiterkolonie in der
Reinickendorfer Straße geschaffen hatte. „Es gibt keine Pfütze in
Berlin, in die er nicht springt,” sagte Vater einmal, um damit die
große Hilfsbereitschaft Diestelkamps und seinen unerschrockenen
Unternehmungsgeist auch angesichts schwieriger Aufgaben zu
kennzeichnen.

Diestelkamp saß in dem kleinen Sofa unseres Wohnzimmers und Vater
ihm gegenüber. Wer wollte es Vater verdenken, daß er angesichts der
Aufgaben, die bereits auf seinen und seiner Gemeinde Schultern
lagen, zögerte und alle Bedenken darlegte. Aber Diestelkamp blieb
fest. Die Absage, die er von allen Seiten bekommen hatte, machte
seine Bitte nur um so dringender. Schließlich erklärte er: „Ich
stehe nicht eher aus dieser Ecke auf, als bis du mir hilfst.”
Anhaltende Bitten aus glühendem Herzen machten auf Vater stets
tiefen Eindruck. So auch hier. Er gab nach und sagte Hilfe zu.

Damit war es, als wenn ein Deich überstiegen und der Zionsgemeinde
nicht nur der Blick, sondern auch der Weg in unendliche Fernen
geöffnet wäre. Bis dahin hatten wir nur von jenseits des Deiches das
Rauschen der Völkerwelt gehört; jetzt sollten wir selbst mitten in
ihre Wogen hineintauchen. Und es war kein Widerstreben da. Im
Schwestern- sowohl wie im Brüderhaus regten und zeigten sich überall
die Kräfte, die lieber heute als morgen bereit waren, sich nach
Afrika auf den Weg zu machen.

Der Bund, den Vater und Diestelkamp zum Besten Afrikas geschlossen
hatten, blieb freilich nicht unwidersprochen. Manche der alten
Missionsgesellschaften erschraken. Führer der deutschen Mission
erhoben laut Einspruch; das junge Unternehmen bedeute eine
Zersplitterung der deutschen Missionswelt und der deutschen
Missionskräfte. Vater blieb dem gegenüber nicht taub. Er suchte sich
durch eingehende Nachforschungen zu überzeugen, ob nicht doch irgend
eine andere deutsche Missionsgesellschaft bereit und in der Lage war
zu helfen. Aber ein klarer Ausweg zeigte sich ihm nicht. So ging er
seinen Weg fort und trat in den Vorstand der jungen Gesellschaft
ein, die von da ab neben der alten Berliner und der Goßnerschen
Mission als dritte Berliner Missionsgesellschaft ihren bescheidenen
Platz an der Sonne beanspruchte.

Es war damals ein hochbegabter baltischer Pastor nach Bethel
gekommen, der nach dem Tode seiner Lebensgefährtin und seines
einzigen Kindes einen Zufluchtsort suchte, wo in der Stille sein
wundes Herz ausheilen konnte. Er hatte mit einer ungewöhnlichen
Hingabe auf verschiedenen Krankenstationen gearbeitet; und als er
nach einiger Zeit sich entschloß, sein Schweigen zu brechen, zeigte
es sich, daß er zugleich eine hohe Gabe hatte, mit dem Wort an die
Herzen heranzukommen. Vater fragte ihn, ob er bereit wäre, der
Führer der ersten kleinen afrikanischen Vortruppe zu sein. Dieser
hochgemute, edle Mann schien ihm gerade gut genug für die Arbeit
unter den Negern. „Denn”, so sagte er gerade im Blick auf Afrika,
„die Untersten und Elendesten müssen die besten Pfleger haben.” Und
Worms sagte zu. Erst auf der Insel Zanzibar, dann in Dar-es-Salam,
wo Missionar Greiner inzwischen die erste Pionierarbeit getan hatte,
griff Worms den Pflegedienst an den kranken Deutschen und zugleich
die Arbeit an den Eingeborenen an, von zwei Schwestern Sareptas und
einem Bruder aus Nazareth unterstützt, alle wiederum von Missionar
Greiner beraten, dem seiner Eigenart und Neigung nach die gesamte
Arbeit des äußeren Ausbaues der Station vorbehalten blieb.

Inzwischen hatte auch Missionar Krämer in der nördlichen Hafenstadt
der Kolonie, Tanga, Fuß gefaßt, und nun entstand die Frage, in
welcher Weise sich in Zukunft die Arbeit gestalten sollte. Vater
hatte alsbald mit den deutschen Kolonial-Pionieren Wissmann,
Baumann, Meyer teils persönlich Fühlung genommen, teils ihre
Reisewerke eingehend studiert.

Er hatte daraus die Überzeugung gewonnen, daß die Küstenbevölkerung
durch das Arabertum, den Sklavenhandel und den Mohammedanismus schon
zu sehr durchseucht sei, um einen fruchtbaren Ackerboden für junge
heidenchristliche Gemeinden abgeben zu können. Lediglich die Pflege
der Kranken komme hier in Betracht, eine eigentliche Missionsarbeit
nicht.

Ebenso lagen für ihn die Dinge im Hinterland der großen Hafenplätze.
Auch hier sah er das Volkstum schon zu stark durch die fremden Einflüsse
angekränkelt, als daß ein gesundes Aufblühen heidenchristlicher
Gemeinden noch zu erhoffen gewesen wäre. Nur unter Widerstreben willigte
er darum in die Pläne des Missionsvorstandes, daß im Hinterlande von
Dar-es-Salam auf den Höhen von Usaramo ein Versuch gemacht würde, und
lenkte für seine Person gleichzeitig den Blick auf das Bergland von
Usambara, auf das ihn die Reisenden Baumann und Meyer hingewiesen
hatten.

Hier fand er beides: einen gesunden, durch den Mohammedanismus noch
nicht berührten Bauernstamm von 80000 Menschen und ein gesundes
Klima, das den Missionaren und ihren Familien eine dauernde,
gleichmäßige Arbeit unter dem Volke sicherte.

Gleichzeitig boten sich ihm auch die nötigen Kräfte: zwei Theologen,
Johanssen und Wohlrab, mit umfassender wissenschaftlicher Schulung,
im Glauben gegründet, in der Liebe glühend und von zäher Gesundheit.
Im Frühjahr 1891 wurden sie in Berlin und in Bethel abgeordnet.

Von Vater geleitet, sind wir dann im Geist mit ihnen über das Meer
gefahren, erst in Zanzibar, dann in Tanga gelandet, haben den ersten
Erkundungszug mit ihnen in das Bergland gemacht, sind wieder
zurückgereist durch die Steppe sechs, acht Tage lang an den
Indischen Ozean, um es dann mit zu erleben, wie der älteste Sohn des
Groß-Häuptlings selbst mit seinen Leuten kam, um unsere ersten Boten
wie im Triumphzug hinaufzugeleiten auf die Höhen von Mlalo, die
Vater schon lange im voraus als den Ort der ersten Niederlassung
ausersehen hatte. Jeden einzelnen kleinen Fortschritt hat dann ganz
Bethel geteilt, die erste Hütte, die ersten Sprachstudien, die
ersten Schüler, die ersten Taufbewerber, den ersten erlegten
Panther, den ersten Einzug der deutschen Frau, das erste Tauffest,
das erste weiße Kindchen unter den Schwarzen, die ersten Briefe der
schwarzen Christen usf.

Vaters Herz ging in Sprüngen. Das Volk, das Land, die unermeßliche
Steppe in der Tiefe, der Spiegel des Indischen Ozeans am Horizont,
die blauen Berge von Pare, die herüberwinkten, und das schneeige
Haupt des Kilimandscharo, der alles überragte, standen ihm so
lebendig vor Augen, wußte er so glühend, so nah, so gegenwärtig zu
schildern, daß Besucher, die in den Familienabend von Sarepta oder
in die Donnerstagstunde in der Zionskirche kamen, fragten, wann er
denn eigentlich in Afrika gewesen wäre. So konnte es nicht anders
sein, als daß die Glut auf uns alle übersprang, auf Kranke und
Gesunde; und wenn Vater gefragt hätte, wer von uns hinüberziehen
wolle, dann hätte keiner zurückbleiben mögen, weil wir alle längst
drüben zu Hause waren und es bei jedem von uns im Gedanken an Afrika
nach der alten Weise klang:

    Auch mir stehst du geschrieben
    Ins Herz gleich einer Braut;
    Es klingt wie junges Lieben
    Dein Name mir so traut.

Als darum die Zeltpflöcke auf den Bergen von Usambara weiter
gesteckt werden konnten und die ersten beiden Boten um Nachschub
baten zur Besetzung weiterer Posten, ging Vater ins Konvikt der
Kandidaten: „Wer ist bereit zu ziehen?” Sie waren alle bereit.
„Keiner ist brauchbar für den Dienst in der Heimat, der nicht von
ganzem Herzen willig und bereit ist, zu den Heiden zu ziehen”, das
war der Sinn, den er unter den Kandidaten gepflegt hatte und der nun
zur Tat wurde. Darum ging es jetzt nach dem Liede Krummachers:
„Zeig's an, wen du erkoren, -- Greif' in die Schar hinein! -- Dir
sind wir zugeschworen, -- Dein sind wir, Amen! Dein!”

Natürlich waren bei manchen die häuslichen oder die gesundheitlichen
Hindernisse so groß, daß sie, oft mit schwerstem Herzen,
zurückstehen mußten. Aber so viele Kräfte von drüben verlangt
wurden, so viele waren jedesmal auch im Konvikt und im Brüderhause
zur Stelle. Becker und Döring, Holst und Göttmann, Gleiß und
Lang-Heinrich waren die ersten Paare, die nach Usambara gingen.
Ihnen folgte im Laufe der Jahre eine große Schar von Mitarbeitern
und Mitarbeiterinnen. Als fast den letzten in dieser Reihe fiel
dann auch meiner Frau und mir und unsern vier Kindern, einem
Herzensanliegen unseres sterbenden Vaters entsprechend, die größte
aller Freuden zu, in den Dienst der Heidenwelt zu treten. Zu denen,
die durch Gesundheitsrücksichten in der Heimat festgehalten wurden,
gehörte der Lizentiat Trittelvitz, dem freilich später noch ein
Aufenthalt auf dem afrikanischen Missionsfelde zuteil wurde, der
aber doch die längste Zeit seines Afrika-Dienstes in der
entsagungsvollen Stellung eines Heimatinspektors zubrachte, in der
er mit nie ermüdender Beweglichkeit und heiterer Zähigkeit bis heute
das Schiff unserer Missionsarbeit steuert.

Und zu den Menschen kamen die Gaben. Wer wollte der Liebe Einhalt
tun? Die Schwestern trugen die Nachrichten weiter auf ihre
Stationen, die Brüder ebenso. Im Kinderheim hielten die kranken
Ärmchen den Besuchern ihre kleinen Sammelbüchsen hin. Die Kranken
schrieben es nach Hause. Und Vater selbst war immer wieder wie der
Hirte, der das Schaf gefunden hat, wie die Frau, die ihren Freunden
und Nachbarn ruft: Freuet euch mit mir! Die kleinen Blätter, die
sonst nur die Nachrichten von den Epileptischen oder von den Brüdern
von der Landstraße gebracht hatten, füllten sich nun mit den ersten
Siegesbotschaften aus dem fernen Afrika. Und wie sich in Bethel
selbst der Horizont geweitet hatte, so weitete sich nun auch der
Gesichtskreis der Bethelfreunde im Lande. Auch ihnen trat die hohe
leidende Schönheit Afrikas vor Augen. „Schwarz bist du, doch bist du
lieblich, holdes, stilles Afrika.”

Als nun vollends an den stillen Abhängen von Mtai die ersten beiden
Aussätzigen entdeckt wurden, als Becker und Döring wieder und wieder
zu ihnen herniederstiegen in ihre Bergkluft, um ihnen die große neue
Botschaft zu bringen, und als der eine von ihnen, Kiase, seinen
Landsleuten, die von fern standen, um nach ihm zu sehen, die
Botschaft von dem Leben nach dem Tode zurief: „Hört es, Leute, kein
Leiden mehr, keine Schmerzen mehr, kein Aussatz mehr; Leute, Leute,
hört es!” -- da hallte die Stimme der Aussätzigen bis zu uns herüber
und stärkte die Leidenden, Ausgestoßenen und Sterbenden von Bethel
aufs neue in derselben Zuversicht, die die beiden Aussätzigen drüben
so froh machte, und ein Dankbarer, der nicht gekannt sein wollte,
warf nächtlicherweile eine getragene Hose über den Zaun unseres
Gartens mit einem Zettel daran: „Für den aussätzigen Kiase.”[1]

  [1] Vergl. die kleine in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel
      erschienene Schrift von Missionsdiakon W. Hosbach: „Abraham Kilua,
      der schwarze Vikar von Neu-Bethel”.

Aber solch hellem Sonnenschein fehlte auch der Schatten nicht. Nicht
alle konnten sich mit uns und mit den Bergen Afrikas freuen. Die,
die es nicht miterlebt hatten, daß Vater sich auch diesmal nicht in
ein neues Arbeitsfeld hineingedrängt hatte, sondern sich vielmehr
vorwärtsgeschoben und über alle Hindernisse und Schwierigkeiten von
hoher Hand hinweggehoben sah, sie standen zum Teil kopfschüttelnd am
Wege, tadelten, hemmten und schütteten das Wasser der Kritik in
unsern Freudenwein.

Um Klarheit zu schaffen, schrieb Vater in Erinnerung an den Bau der
Mauer zu Jerusalem unter Nehemia (Neh. 4, 10-12): „Schwert und Kelle
in Sachen der ostafrikanischen Mission”, eine kleine Schrift, die
aus manchem Feind einen Freund der Sache machte. Überhaupt blieb der
Kampf, in welchem Vater zeitweilig alle Führer der deutschen
Missionswelt gegen sich hatte, auf das sachliche Gebiet beschränkt
und half mit dazu, daß die Aufgaben in den neuen Kolonien immer
gründlicher und rascher von der deutschen Christenheit verstanden
und in Angriff genommen wurden, sodaß eine Missionsgesellschaft nach
der andern ihr Zögern aufgab, mit in die zentralafrikanische Arbeit
eintrat und, um rascher vorwärts zu kommen, in stärkerem Maße als
bisher ausgebildete Theologen heranzog und sie unter ihre
seminaristisch geschulten Missionare mischte.

So wurde es deutlich, daß die Befürchtung, die neue kleine
ostafrikanische Mission entzöge den bestehenden Missionsgebieten und
Missionsanstalten geistige und materielle Kräfte, nicht richtig war.
Vielmehr wurden umgekehrt durch Vaters entschlossenes Vorgehen, der
sich nicht beirren ließ, neue Ziele gesteckt, neue Kräfte geweckt
und neue Hilfsquellen erschlossen. Auch auf diesem Gebiete zeigte es
sich, daß ein Wettbewerb, der nicht aus irgend welcher künstlichen
Mache entstanden ist, sondern aus dem zwingenden Drängen der
Verhältnisse, niemals die natürliche Entwicklung der Dinge hemmt,
sondern fördert, während umgekehrt jeder Versuch, einen ehrlichen
Wettkampf aufzuhalten oder zu vernichten, die eigenen Lebenskräfte
unterbindet.

Als der Gedanke auftauchte, die Missionsarbeit in den Kolonien der
organisierten Kirche unter Leitung des Oberkirchenrates zu
überlassen, riet Vater auf das entschiedenste ab. Es lag darin keine
Geringschätzung der organisierten Kirche -- die Treue gegen alles
geschichtlich Gewordene war ein hervorstechender Zug in Vaters Art
und Arbeit, wie er ja auch die durch die Kirche herangebildeten
Theologen in die erste Linie der afrikanischen Vorkämpfer stellte
--, aber der Apparat der Kirchenverwaltung erschien ihm zu
langgestreckt und schwerfällig für ein Unternehmen, das zu seiner
gedeihlichen Entwicklung die innigste und schnellste Zusammenarbeit
aller beteiligten Kräfte erforderte. Sind es doch auch in der Tat in
der Geschichte der Christenheit fast immer die freien Kräfte
gewesen, die die erste Bresche gelegt haben in unbezwungene Mauern.

Viel schwerer als unter dem Widerstande, der nach außen hin zu
überwinden war, litt Vater unter dem Gegensatz, in welchem er sich
zu dem Vorstand der jungen Missionsgesellschaft in Berlin befand,
obwohl auch dieser Gegensatz ganz auf das sachliche Gebiet
beschränkt blieb. Keiner von den Vorstandsmitgliedern war jemals in
Afrika gewesen. Jeder mußte sich sein Urteil aus den Erfahrungen und
Anschauungen anderer holen. Aber selbst als der leitende Inspektor
eine Reise in das junge Gebiet machte, konnte sich Vater den
Eindrücken, die er mitbrachte, nicht fügen. Sie waren ihm zu jung,
zu voreingenommen durch alte Tradition, zu wenig in persönlichem
Leiden und persönlicher Arbeit an Ort und Stelle erprobt.

Tief setzte sich seitdem bei Vater die Überzeugung fest, der er
immer wieder Ausdruck gab, die Missionsgesellschaften sollten alles
daransetzen, nur solche Männer in die verantwortlichen Stellen in
der Heimat zu rufen, die auf dem Missionsfelde selbst jahrelang in
Reih' und Glied gearbeitet und dort ihre Erfahrungen gesammelt
hätten.

Der Gegensatz drehte sich immer wieder um die Hauptfrage: Arbeit an der
Küste oder Arbeit im Innern. An der Küste saß der Mohammedanismus, im
Innern das Heidentum. Es war damals die Zeit, wo die Mohammedanermission
anfing, sich ihren Platz neben der Heidenmission zu erringen. Darum
„Mohammedanermission und Heidenmission”, „Arbeit an der Küste und im
Innern”, war die Linie, auf der sich die meisten Missionsvorstände
bewegten. Vater konnte diese Bewegung nicht mitmachen. Er war freilich
weit davon entfernt, die Mohammedaner preiszugeben. Noch kurz vor seinem
Sterben hat er mit tiefster Anteilnahme das Buch des Missionars,
jetzigen Superintendenten, Simon über den Islam studiert. Aber für die
Küstenplätze Ostafrikas blieb er fest: Hier ist die Arbeit an den
Mohammedanern zwecklos. Aufgeben wollte er die Küste nicht. Aber hier
sollten nur kleine Stützpunkte bleiben, auf denen einmal den Kranken
gedient und zugleich den christlichen Eingeborenen, die durch Erwerb und
Handel aus dem Innern an die Küste gezogen waren, ein Halt gewährt
wurde.

Der Hauptstoß aber sollte mit ungebrochener Kraft in das Heidentum
selbst geführt werden. Je schneller und kräftiger dieser Stoß
erfolge, desto besser. Nur so könne dem Vordringen des Islam Einhalt
geboten werden. Jede Zersplitterung zwischen Küste und Innerem sei
weggeworfene Kraft; und die Gewinnung der vom Islam unberührten
Volksstämme des Innern sei die wirksamste Missionsarbeit gegenüber
dem Islam selbst.

Nun hatte Vater aber seinerzeit Diestelkamp versprochen, die
notwendigen Kräfte für die Aufgaben der jungen Gesellschaft zu
stellen. Forderte darum der Vorstand für die Arbeit an der Küste
oder an dem schon halb vom Mohammedanismus durchseuchten Stamm der
Wasaramo im Hinterlande von Dar-es-Salam die Einlösung dieses
Wortes, dann gab es für Vater jedesmal einen Kampf, unter dem wir
oft sein ganzes Herz haben erbeben sehen. „Wieder soll ich jemand
nutzlos hinschlachten,” rief er dann wohl aus, wenn die Tagesordnung
der Vorstandssitzung, die aus Berlin eintraf, Kräfte für die
umstrittenen Gebiete begehrte.

Im Konvikt selbst, in der Brüderschaft und Schwesternschaft konnte
man nicht anders als sich neutral verhalten. Man ging ja nicht
hinaus, um sein Leben zu schonen, sondern es zu opfern, auch wenn
der Kampf ganz hoffnungslos schien. „Wehe euch,” konnte dann Vater
wohl sagen, „wenn ihr nicht bereit wäret, jeden Augenblick im
Fieberland zu sterben, -- aber wehe auch mir, wenn ich nicht alles
daran setzte, daß euer Leben nicht vergeblich hingeopfert wird!”

Mit unermüdlicher Treue reiste Vater, oft die Nächte zu Hilfe
nehmend, nach Berlin, um im Vorstande der Mission seine Überzeugung
zu vertreten. Mit fast leidenschaftlicher Glut malte er die Fäulnis
des Mohammedanismus an der Küste, für die jedes Salz weggeworfen
wäre, und dagegen den sehnsuchtsvollen Ruf der noch unberührten
Völkerschaften: Kommt herüber und helft uns!

Seitdem ist die Arbeit an der Küste 25 Jahre lang mit zäher Energie
fortgesetzt worden, oft so, daß man gerade die tüchtigsten Kräfte an
sie wandte, nicht nur seitens der kleinen Mission Berlin III,
sondern auch der großen Berliner Mission, die später die Arbeit in
Dar-es-Salam übernahm. Aber weder in Tanga noch in Dar-es-Salam hat
die Mission unter der eigentlichen Küstenbevölkerung Fuß fassen
können. In Tanga waren es, wie Vater richtig vorausgesehen hatte,
fast ausschließlich eingeborene Christen aus dem Innern, die sich
vor den Toren der Stadt als ein kleines, beständig vom Islam
gefährdetes Häuflein behaupteten.

Als ich im Jahre 1916 die kleine Christengemeinde von Dar-es-Salam
besuchte, die sich jenseits des Hafens, fern von dem Getriebe der
Stadt, unter ihrem treuen Lehrer und Ältesten Martin ihre kleine
Niederlassung geschaffen hatte, und ich einen nach dem andern nach
Heimat und Herkunft fragte, da stellte es sich heraus, daß auch
nicht ein einziger darunter war, der in Dar-es-Salam geboren war;
sie stammten alle aus dem Innern, aus Volksstämmen, die von
Mohammedanern noch nicht berührt waren.

Was es aber umgekehrt heißt: sich nicht zersplittern, sondern mit
aller Kraft in das gesunde Heidentum vorstoßen, zeigen die guten
Erfahrungen von Uganda. Rechtzeitig und mit einer schnell wachsenden
Truppe von männlichen und mindestens ebenso zahlreichen weiblichen
Kräften hat hier die englische Mission eingesetzt und ist so
tatsächlich dem verheerenden Anmarsch des Islam zuvorgekommen. In
den Bergländern, die im Gebiet des Indischen Ozeans liegen, ist es
nicht mehr gelungen, das Eindringen des Islams zu verhindern, weder
in Usambara noch in seinen Nachbargebieten. Vielmehr mußte das
kümmerliche Dasein, das die evangelische Mission in den Hochburgen
des Islams an der Küste führte, dem Mohammedanismus den Mut stärken
für die mohammedanische Propaganda im Hinterlande. Um den Sieg
zwischen Christentum und Islam wird dort noch heute gerungen.

Aber unter all den Schmerzen, die er im Widerstreit der
Überzeugungen litt, hat Vater sich nicht ermatten lassen. Wie oft
haben seine Freunde in Bethel, wie oft auch seine eigenen Kinder ihn
gebeten, die Arbeit an der Mission aufzugeben und das Aufgehen der
kleinen Gesellschaft in eine größere in die Wege zu leiten oder aber
sie ganz nach Bethel zu übernehmen! Er sah für beides die Wege nicht
gewiesen. „Berlin hat unsere Arbeit nötig,” konnte er wohl sagen.

Darum bemühte er sich, da die Missionsleitung jahrelang nur zur
Miete wohnte, ihr eine eigene Heimat in Berlin zu verschaffen. Er
dachte vor allem an die Johannisgemeinde in Alt-Moabit, wo eine
kleine Truppe von Sarepta-Schwestern eine Gemeindepflege-Station
bediente. An einem Winterabend habe ich ihn einmal dorthin
begleitet. Er überzeugte sich, daß der Platz neben der Kirche noch
Raum genug bieten würde für ein bescheidenes Missionshaus. Hier
sollte nach seiner Hoffnung ein kleines neues Zentrum entstehen zur
Pflege des geistlichen Lebens in Berlin. Indem die Schwestern mit
ihrem stillen Dienst in den Häusern die Arbeit in der Gemeinde
taten, sollten sie zugleich mithelfen, die Blicke der Gemeinde über
die eigenen Nöte hinweg zu den großen Aufgaben an der Heidenwelt zu
richten. Der Plan zerschlug sich an dieser Stelle, kam aber später
in Groß-Lichterfelde zur Ausführung, wo wirklich ein Missionshaus
gebaut wurde. Doch gelang es auch von hier aus nicht, dauernd Fuß in
Berlin zu fassen, sodaß schließlich aus dem Vorstand selbst heraus
der Wunsch entsprang, das Zentrum der Arbeit einheitlich nach Bethel
zu verlegen. Nur mit schwerem Herzen hat Vater sich dem gefügt. Er
empfand diesen schließlichen Ausgang als einen innersten Verlust für
die Berliner Gemeinden, deren wagemutigen Gliedern der erste Anfang
der ostafrikanischen Missionsarbeit zu verdanken war.

Aber schließlich lag in dieser Entwicklung doch eine innere
Notwendigkeit. Schon mit dem Augenblick, wo damals Pastor
Diestelkamp in Bethel erschien, war der eigentliche Schwerpunkt der
Arbeit von Berlin nach Bethel verlegt worden. Denn hier lagen die
Ausbildungsstätten der Arbeiter und Arbeiterinnen für das
Missionsfeld. Hier sahen sie, wenn sie ausgezogen waren, ihre
geistige Heimat. Von hier führte Vater, namentlich solange die
Arbeit noch klein blieb, mit jedem einzelnen einen eingehenden
Briefwechsel, der eine Fülle von väterlichen, seelsorgerlichen
Ratschlägen und praktischen Winken enthielt und das gesamte Gebiet
der Arbeit umfaßte. Es wurde keine Station draußen angelegt ohne
Vaters eingehende Vorstudien, namentlich auch in bezug auf die so
wichtige Frage nach gesundem Wasser, und mehrfach war er es, der auf
Grund solcher Studien den Stationsplatz bestimmte.

Die Posttage für Afrika, die alle vierzehn Tage wiederkehrten, hielt
er pünktlich inne, und oft waren nicht nur Vaters treuer Sekretär,
sondern auch wir Kinder auf das angestrengteste beschäftigt, um die
Übertragung der zahlreichen Stenogramme rechtzeitig fertigzustellen.

Doch war es nicht so, daß mit der Übersiedlung nach Bethel im Jahre
1906 alsbald eine neue Blütezeit angebrochen wäre, die an die erste
Zeit der jungen afrikanischen Liebe erinnert hätte. Während für
Vater alle Arbeitsgebiete der Erde in eins zusammenflossen und die
Grenzen zwischen der Heimat und der Heidenwelt ineinander
überglitten, lenkte Pastor Rahn, seit er der Leiter des Konvikts
geworden war, die Blicke der Kandidaten bewußt auf das Feld der
heimischen Arbeit zurück in der Überzeugung, daß für den Dienst
unter den Heiden ein besonderer, nur ausnahmsweise erfolgender Ruf
gehöre.

So kam es, daß das Konvikt nicht mehr wie früher das starke
Quellgebiet bildete, das ganz der Arbeit in Afrika zur Verfügung
stand. Darum kam zeitweilig der Gedanke auf, man müsse auf die
Hoffnung verzichten, Kräfte mit voller theologischer Ausbildung
immer in genügender Zahl zur Hand zu haben, und die Frage entstand,
ob nicht nach dem Vorbilde anderer Missionsgesellschaften an die
Heranbildung seminaristisch geschulter Kräfte gedacht werden müßte.

Es war nicht Vaters Art, namentlich wenn es sich um seine nächsten
Freunde und Mitarbeiter handelte, sich sofort solchen Gedanken zu
widersetzen. Er ließ sie ausreifen und wartete. Für seine Person
blieb er bei der Zuversicht: „Wir haben Theologen genug, wir müssen
sie nur rufen.” Als einmal der Leiter einer alten deutschen
Missionsgesellschaft ihn besuchte und ihm seine Not klagte, die ihm
die beständigen pekuniären Schwierigkeiten bereiteten, sagte Vater:
„Ich habe nach immer die Erfahrung gemacht, daß Gott uns nicht mehr
Geld gibt, als er uns Geist gibt.” Er lebte auch im Blick auf die
wichtigsten Missionsgaben, d. h. die lebendigen sich für die Arbeit
unter den Heiden darbietenden Menschen, auch soweit die Theologen in
Betracht kamen, der Überzeugung, daß gerade so viele sich einstellen
würden, als Geist Gottes in der Missionsgemeinde lebendig ist.

Das zeigte sich in der Tat, als wieder einmal, von Vater unvermutet und
ungewollt, im Jahre 1907 ein großes afrikanisches Arbeitsfeld sich
öffnete. Unvermutet und ungewollt. Denn inzwischen war das südliche
Missionsgebiet Usaramo an die große Berliner Missionsgesellschaft
abgegeben worden, deren im Innern gelegene Arbeitsfelder in Dar-es-Salam
ihren Hafenort hatten. Es schien, als wenn wir in Bethel auf die
sorgsame Bearbeitung des Usambara-Gebietes beschränkt bleiben sollten.
Nun aber war der Usambara-Missionar Röhl auf einer Instruktionsreise
durch Südafrika mit einem Goldsucher bekannt geworden, der ganz
unbekannte zentralafrikanische Gebiete bereist hatte und Röhl auf die
starken Völkerschaften hinwies, die, vom Mohammedanismus noch unberührt,
jene Gebiete bewohnten.

Jahr und Tag hatten diese Worte in Röhls Seele geschlummert, bis ihm
das Buch des Forschers Kandt in die Hände fiel, in dem dieser unter
dem Titel „Caput Nili” seine Forschungsreisen zur Entdeckung der
Nilquellen beschrieben hatte. Dieses Buch und jene Worte des
südafrikanischen Goldsuchers bestimmten die Konferenz der
Usambara-Missionare, den heimischen Vorstand zu bitten, einen
Vorstoß in jene unbekannten Gebiete unternehmen zu dürfen.

Mit größtem Interesse las Vater das geistvolle Buch Kandts. Hier
taten sich in der Tat neue große Ausblicke für die evangelische
Missionsarbeit auf. Und alsbald ging die freudige Zustimmung nach
Usambara hinüber: Vorwärts nach Ruanda!

Vater hat dann noch die hoffnungsvollen Anfänge in diesem
wunderbaren Land der zentralafrikanischen Riesen und Zwerge erlebt.
Bis über die Quellgebirge des Nil hinaus konnte die Arbeit
ausgedehnt werden.

Auf der Insel Ijwi im Kiwusee, in dem sich die Berge des Kongo und
des Nil spiegeln, wurde das Kreuz errichtet zum Zeichen, daß diese
Insel, auf die Vater mit besonderem Nachdruck hinwies, mit ihrer
starken, eigenartigen Bevölkerung die lebendige Brücke bilden sollte
zwischen den Völkern des Nil und des Kongo. Neue Arbeitskräfte
stellten sich ein. Theologen, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und
vor allem die, die überall mit mütterlichem Sinn im Kindheitszustand
des einzelnen Menschen wie der Völker die tiefsten Wirkungen
ausüben: Frauen, verheiratete und unverheiratete.

Die Erfahrungen, die in Usambara gesammelt waren, konnten jetzt auf
dem neuen Gebiet ausgenutzt werden und fanden in der Person
Johanssens, der vor dem Aufbruch nach Ruanda die Leitung der
Usambara-Mission in die treu bewährten Hände seines Freundes und
Schwagers Wohlrab legen konnte, ihren Brenn- und Mittelpunkt. Die
schwarzen Gemeinden in Usambara sandten ihre besten Glieder zur
Mitarbeit, das Mutterhaus Sarepta, in Verbindung mit der
Frauenschule in Freienwalde, half die freiwilligen Frauenkräfte
ausbilden, das Brüderhaus Nazareth die Handwerker und Landwirte.
Durch die Verbindung mit dem Baseler Missionshaus und seinen
kaufmännischen Unternehmungen traten auch Kaufleute in die Arbeit
ein, um dem indischen und mohammedanischen Handel mit seinen
verderblichen Wirkungen zuvorzukommen, und das erste Krankenhaus,
von einem ausgebildeten Arzt geleitet, war in Vorbereitung.

So schickten sich alle Kräfte der Zionsgemeinde an, in vereinigtem
Zusammenwirken untereinander und mit den Christengemeinden in
Usambara im Herzen Afrikas das große Millionenvolk Ruandas zu
erfassen. Gerade der Weg, den Vater von Anfang an eingeschlagen
hatte, Kräfte auszusenden, die in ihrem Fach so gründlich wie nur
möglich ausgebildet waren, verbürgte eine den Frieden der
Mitarbeiter sichernde Arbeitsteilung und damit den tiefgegründetsten
Erfolg: Theologen mit vollem wissenschaftlichem Rüstzeug für die
allseitige Erforschung und Durchdringung des Volkslebens,
Handwerker, die ihre ganze Kraft ihrem Berufe widmen wollten, ebenso
Landwirte, Kaufleute und Ärzte, jeder mit freiem Raum zur Entfaltung
seiner Gaben und Kräfte auf seinem besonderen Gebiet, und dazwischen
eingestreut in Haushalt, Schule und unter den Kranken die durch
stillen Dienst herrschende Frau. Dieser Weg wurde immer fester
ausgebaut, immer fröhlicher beschritten, immer dankbarer
zurückgelegt. Er wird auch, sobald uns Gott eine Rückkehr schenkt,
aufs neue klar ins Auge zu fassen sein.

Übrigens war es nicht so, daß Vater durch die besonderen Aufgaben,
die Afrika stellte, den Blick der Zionsgemeinde und ihrer
Mitarbeiter auf dies eine Missionsfeld beschränkte. Im Jahre 1905
lernte er im Berliner St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße den
Kandidaten Wilhelm Gundert kennen, einen Menschen von ungewöhnlicher
innerer Glut und Hingabe, der sich entschlossen hatte, auf eigene
Faust als Missionar nach Japan zu gehen. Vater riet ihm dringend,
nicht ohne festen Rückhalt, wenn nicht an einer Gesellschaft, so
doch an einer Gemeinde, den Schritt in die Heidenwelt zu tun.
Gundert folgte Vaters Einladung nach Bethel, arbeitete dort eine
Zeitlang mit und wurde von Vater in der Zionskirche für den Dienst
in Japan abgeordnet und von der Zionsgemeinde für die ersten Anfänge
in Japan auch mit Geldmitteln ausgestattet. Zu einer engeren
Verbindung kam es nicht. Doch blieb die einsame Gestalt Gunderts auf
fernem Vorposten im Osten für Vater und die ganze Gemeinde wie der
ausgestreckte Arm eines Wegweisers zu neuen Aufgaben und Zielen, die
der deutschen Christenheit gesteckt sind.


Lutindi.

(Der Afrika-Verein.)

Als die Greuel des Sklavenhandels bekannt wurden, der ganz Afrika
mit endgültiger Vernichtung bedrohte, war es der Kardinal Lavigerie
gewesen, der im Jahre 1889 die Augen der römisch-katholischen Welt
auf dieses dunkle Gebiet gelenkt und zur Abhilfe gerufen hatte. Er
hatte eine Afrika-Liga ins Leben gerufen, die, mit dem Sitz in
Algier, die römisch-katholische Christenheit aller europäischen
Völker zum Dienste Afrikas vereinigen sollte, in der richtigen
Erkenntnis, daß es nicht genüge, wenn die europäischen Weltmächte
den Sklavenhandel auf dem Wege der Gewalt unterdrückten, sondern daß
es vor allem darauf ankäme, die blutende Wunde Afrikas zu heilen.
Aus dieser Liga ging der Orden der weißen Väter hervor, dessen Boten
und Botinnen ganz Zentralafrika vom Indischen bis zum Atlantischen
Ozean mit Stätten der Barmherzigkeit durchdringen sollten.

Und die evangelische Christenheit? Sie war, was ihre Arbeit in
Afrika betraf, in viele einzelne kleine Missionsgesellschaften
zersplittert. Würden sie in diesen Fragen Stoßkraft genug besitzen,
in schneller und wirksamer Weise die Wunden zu verbinden, die der
Sklavenhandel geschlagen hatte, und in die Gegenden, wo nur noch
Völkertrümmer saßen, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu tragen?

Nun erschien bei Vater eines Tages, es war im Januar 1892,
unvermutet ein Fräulein Sutter. Sie war die Tochter eines deutschen
von Basel nach Indien entsandten Missionars. Dort war sie geboren.
Ihr Lebensweg führte sie nach Deutschland und später nach England.
Ein treues deutsches Herz war bei ihr vereinigt mit einem starken
Verständnis für die Schwäche nicht nur, sondern auch für die Stärke
Englands. Sie hatte die Schriften des bekannten Naturforschers
Drummond ins Deutsche übersetzt, darunter die geistvolle
Beschreibung seiner Forschungstätigkeit in Inner-Afrika, der er auf
Fräulein Sutters Wunsch für die deutschen Leser noch ein besonderes
Kapitel über die afrikanischen Sklavengreuel beifügte. Sie war eine
glühende Verehrerin Gordons, des Helden von Chartum, dessen
Lebensbild sie in fesselnder Darstellung gezeichnet hatte. Das zog
Vater an, denn auch er hatte die Tätigkeit Gordons im Sudan mit
tiefster Anteilnahme begleitet und an der Hand einer Spezialkarte,
die er sich eigens zu dem Zweck verschaffte, den Marsch der
Entsatztruppen auf Chartum mit hoher Spannung verfolgt und fast wie
um einen Freund geklagt, als der Entsatz drei Tage zu spät kam und
der edle Mann sein Leben lassen mußte.

Nun stellte es sich heraus, daß Fräulein Sutter die katholische
Afrika-Liga genau studiert hatte und dafür brannte, daß die
evangelische Christenheit doch nicht zurückstehen, sondern in
ähnlich großzügiger Weise auch an ihrem Teile bei der Rettung der
Negerstämme mithelfen möchte. Sie hatte eine ergreifende Flugschrift
über den Sklavenhandel verfaßt, die in Hunderttausenden von
Exemplaren durch Deutschland ging. In Berlin hatte sie die führenden
Kreise aufgesucht und überall Verständnis für ihre Absicht gefunden,
aber niemand, der die Bereitwilligkeit der Gedanken und Gefühle zu
einer gemeinsamen Tat sammelte. So war sie nach Bethel gekommen. Die
außergewöhnliche Glut, die in ihr für alles Vergessene, Verachtete,
Verstoßene lebte, tat Vater ungemein wohl. In dieser kinderlosen,
einsam ihres Weges ziehenden Frauengestalt spürte er den Pulsschlag
eines im höchsten Sinne mütterlichen Herzens, das für Millionen von
armen versinkenden schwarzen Menschenkindern Raum hatte.

Nie hatte Vater den Eindruck, daß er selbst genug getan hätte, daß
in Bethel genug geschähe, daß man überhaupt jemals genug tun könnte.
Ja, alles, was die Christenheit tat, erschien ihm nur wie ein
einziger kleiner kühlender Tropfen auf die weite fieberheiße
Leidensstirn der Menschheit. So nahm er die Spuren auf, die Fräulein
Sutter in Berlin hinterlassen hatte, und es entstand, mit dem Sitz
in Berlin und unter einem dortigen Präsidium, der evangelische
Afrika-Verein.

Kulturelle, soziale, humanitäre Pflege der Eingeborenen in allen
deutschen afrikanischen Kolonien war das Ziel des Vereins. Alle
evangelischen Kräfte, die an der Entwicklung Afrikas interessiert
waren, auch die, die der eigentlichen Evangelisations- und
Missionsaufgabe fernstanden, sollte er in sich vereinigen.
Kulturstationen sollten in Afrika gegründet, in der Heimat geeignete
Kräfte für die Hebung und Förderung der Eingeborenen herangebildet,
zunächst aber in erster Linie für die befreiten und zu befreienden
Sklaven gesorgt werden.

Das Blatt „Afrika” sollte alle diese Aufgaben vor der Öffentlichkeit
vertreten. Pastor Müller, Grottendorf, später Superintendent in
Schleusingen, der schon als Kandidat in Bethel seine große Hingabe
bewährt hatte, übernahm mit höchstem Fleiß die Herausgabe des
Blattes. Namentlich mit der Bekämpfung der Schnapseinfuhr in die
Kolonien setzte das Blatt sofort mit größter Energie ein.

Es kam auch, wenn ich mich recht besinne, schon bald zu einer
selbständigen kleinen Expedition nach der Insel Ukerewe im
Viktoria-Nyanza zwecks Gründung einer dortigen Kulturstation, auf
der die Eingeborenen zur Anlegung eigener Baumwollkulturen
herangebildet werden sollten; und in der Heimat wurde die Anregung
gegeben, die zur Aufrichtung der Kolonialschule in Witzenhausen
führte.

Das kräftigste Reis aber ging aus der Arbeit des Vereins an den
befreiten Sklaven hervor. Die arabischen Sklavenhändler pflegten
ihre Menschenware in kleinen offenen Segelbooten von den
ostafrikanischen Küstenplätzen aus zu verschiffen. Auf diese Boote
wurde seitens der deutschen Küstenfahrzeuge Jagd gemacht, ihre
Inhaber wurden kurzerhand gehängt und die Sklaven in Freiheit
gesetzt. Aber nur ein Teil von ihnen konnte bei den vielfach
ungeheuren Entfernungen an eine Rückkehr in die Heimat denken, und
die evangelischen und katholischen Missionsstationen wurden gebeten,
sie in Pflege zu nehmen. So kam eine große Schar befreiter Sklaven
auf unsere Station in Tanga und in die Obhut einer Diakonisse und
eines Diakonen. Der Aufenthalt in dem verführungsreichen, ungesunden
Küstenplatz erwies sich aber je länger je mehr als durchaus
ungeeignet. So empfahl Vater dem inzwischen ins Leben getretenen
Afrika-Verein die Gründung einer besonderen Freistätte für befreite
Sklaven auf den gesunden Höhen von Usambara. In unvergleichlich
schöner Lage am Rande des Urwaldes, von starken Gebirgsbächen
umrauscht, mit freiem Blick in das grüne Tal des Pangani und in die
weite Tiefebene wurde die Station Lutindi gegründet.

Erwies es sich auch, daß das Gelände für eine Ausdehnung der Station
zu abschüssig war und daß die Nähe des Urwaldes zu gewissen
Jahreszeiten immer wieder die kalten Morgennebel festhielt, so
zeigte es sich doch, daß auch in einem geringen Gefäß edler Wein
geborgen werden kann. Jahrelang haben hier die befreiten Sklaven,
namentlich die Kinder, ihre Heimat gefunden, bis dem Sklavenhandel
endgültig das Handwerk gelegt war, die Kinder selbst herangewachsen,
in ihre Heimat zurückgekehrt oder in der umwohnenden Bevölkerung
aufgegangen waren. Einige waren Christen geworden und hatten sich zu
den Füßen des Lutindi-Hügels angesiedelt. Und gerade für diese hatte
sich, noch ehe die Arbeit an den Sklavenkindern zu Ende ging, eine
Aufgabe von eigenartiger Schönheit und Bedeutung gefunden:

Im Urwald von Lutindi hauste ein schwarzer Geisteskranker ganz für
sich allein. Er nährte sich von den Früchten und Wurzeln des Waldes,
schlief in irgend einer zerfallenden Hütte und war nur noch mit
Fetzen bekleidet. Von Zeit zu Zeit wagte er sich hervor, kehrte für
einige Augenblicke in Lutindi ein, aß sich satt, ließ sich ein Stück
Stoff zur Kleidung schenken und war dann wieder verschwunden. Als er
wieder einmal erschien, war gerade die Mittagsmahlzeit gerichtet.
Auch für Bruder Bokermann, den Leiter der Station, stand das Essen
bereit, und es gab sich, daß er aus seiner eigenen Schüssel dem
verstörten Menschen seine Mahlzeit aufschüttete. Das wandelte dem
armen Kranken das Herz um. Wider Erwarten verschwand er diesmal
nicht, sondern blieb. Bokermann berichtete darüber an Vater und
schilderte zugleich das Elend vieler anderer armer Geisteskranker,
die teils das Opfer furchtbarer, qualvoller Geisterbeschwörungen
wurden, teils auch gefesselt an den Felsenhang jenseits des
Lutindi-Urwaldes geschleppt und dort in die Tiefe gestürzt wurden.
„Darf ich diese Geisteskranken sammeln und aufnehmen?” fragte
Bokermann. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie die Antwort
lautete.

So wurde aus der Heimstätte für befreite Sklaven eine Heimstätte für
diese Gebundenen des Geistes und ist es bis heute geblieben. In
immer steigendem Maße hat sie sich das Vertrauen aller umliegenden
Stämme erworben. Oft Tagereisen weit werden die Kranken gebracht,
manchmal noch mit Fesseln aus Lianen gebunden, aber doch nicht mehr,
um sie dem Tode auszuliefern, sondern in der Hoffnung, sie einmal
genesen wiederzubekommen. Aus den befreiten Sklaven und ihren Frauen
sind einige der bewährtesten und treuesten Pfleger und Pflegerinnen
geworden, die furchtlos sich in die kleinen Zellen der armen
Tobenden hineinwagen und sie mit der Ruhe und Gelassenheit
versorgen, in der sie vielfach uns unruhige Europäer übertreffen.

Gleichzeitig hat sich rings um die Station her in kleineren und
größeren Niederlassungen eine Christengemeinde aus den Waschambalas
gesammelt, die wie eine warme, schützende Mauer die Pflegestätte der
Geisteskranken umgibt.

Diese Heimat der Geisteskranken ist begreiflicherweise ein besonders
geliebtes Pflegekind der Gemeinde der Kranken von Bethel und ihrer
Pfleger und Pflegerinnen geworden. Als der Oberpfleger Lutindis aber
steht in unserer Mitte der, dem Vater diese Arbeit besonders ans
Herz gelegt hat, unser lieber Bruder zur Heiden. Schon als Hausvater
des Hauses Zoar, wo er manchen Kandidaten in den Dienst an den
blöden Knaben einführte, hatte er die Fürsorge für Lutindi als
Nebenaufgabe übernommen. Und als „Fürst von Zoar”, wie er nach der
alttestamentlichen Geschichte von seinen Kandidaten genannt wurde,
waltet er noch immer seines Pflegeamtes an Lutindi; der einzige der
deutschen Fürsten, wie er selbst feststellte, an den kein Umsturz
sich bis jetzt heranwagte.

Wenn auch die hohen Hoffnungen des Afrika-Vereins mit seinen ganz
Zentral-Afrika umspannenden Kulturplänen zunächst unerfüllt blieben:
in Lutindi ist Saat für die Zukunft ausgestreut. Denn hier ist ein
Vorbild geschaffen, wie unter Führung eines Unstudierten, der aber
Herz und Kopf auf dem rechten Fleck hat, und seiner gleichgesinnten
tapferen Frau ein Brennpunkt entstehen kann, der das Licht und die
Kraft barmherziger Liebe bis in weite Fernen trägt. Wenn es der
Bethel-Gemeinde vergönnt war, bald da, bald dort ein Licht im
dunkeln Afrika anzuzünden, so habe ich während der unvergeßlichen
Zeit afrikanischer Arbeit keinen Ort gefunden, der so sehr an die
Muttergemeinde in Bethel erinnerte, als -- wie Vater sie so gern
nannte -- „die herrliche Höhe Lutindi”.



Die Ausgestaltung.


Als Pastor der Gemeinde.

Die Aufgaben, die sich auf Vaters Schultern legten, sah er nie an
als bloß ihm persönlich, sondern als der ganzen Gemeinde gegeben. Er
konnte und wollte seine Arbeit nicht tun ohne ihre innere Zustimmung
und Mithilfe. Darum blieb die Gemeinde immer der Kern seiner
Tätigkeit, und die Verkündigung und Pflege der göttlichen Wahrheit
in der Gesamtheit und an den einzelnen hat er für sich und seine
Mitarbeiter immer als den eigentlichen Mittelpunkt angesehen.

In Paris schrieb er seine Predigten noch auf. Aber oft konnte er
kaum entziffern, was er selbst geschrieben hatte. So machte er sich,
wie wir sahen, schon in Dellwig frei von seinem Konzept. Und
vollends in Bethel ließ ihn das Gedränge seiner Arbeit selten vor
dem Sonnabendnachmittag an seine Predigt kommen. Von Anfang an hatte
er nicht gut am Studiertisch nachdenken können. In Dellwig war er am
liebsten in den Wald und die einsamen Weiden längs des Ruhrtals
gegangen; in Bethel wurde der Friedhof oben im Walde sein stiller
Zufluchtsort, wohin er sich mit seinem Text zurückzog. Dort zwischen
den Gräbern standen die Entschlafenen im Geiste um ihn und wurden
ihm zu Auslegern und Zeugen für das, was er der Gemeinde bringen
wollte. So trug ihm die Gemeinde der Vollendeten das zu, was er der
Gemeinde der Streitenden zu sagen hatte. Nur selten nahm er andere
Ausleger oder Predigten zur Hand; wenn es doch vorkam, am liebsten
Bengel, Rieger und Löhe.

Je näher die Stunde der Predigt kam, je ernster wurde er, je
gebeugter wurde seine Gestalt. Die Last der Verantwortung legte sich
auf ihn. „Gib mir ein Tröpflein für meine arme Gemeinde!” hörte man
ihn wohl seufzen. So war es nichts Erdachtes, was er brachte,
sondern Erlebtes, Erkämpftes, Erbetenes, oft aus tiefster Armut
heraus Erbetteltes. Aber wenn er dann auf der Kanzel stand, dann
merkte man nichts mehr von den Kämpfen, die hinter ihm lagen. Dann
war es wie frischester, perlender Tau, der aus den ewigen Höhen
kommt. Ein Kandidat der Theologie, voll Zweifel und Zerrissenheit im
Herzen, saß zum ersten Male in der Zionskirche, als Vater auf die
Kanzel trat und den Gruß in die Gemeinde hinunterrief: „Gnade sei
mit euch und Friede!” Es sei ihm, erzählte er später, durch Mark und
Bein gegangen, hätte ihn um und um geworfen und von Stund an seinem
Leben die klare entscheidende Richtung gegeben. Denn mit zwingender
Gewalt habe er hier gespürt, das sei erfahrene Gnade, erlebter
Friede, die auch für ihn erfahrbar und erlebbar seien.

Die Predigt, die auf solchen Gruß folgte, konnte darum auch nur auf
Tatsachen sich gründen. Nicht wie ein Luftgebilde trat sie vor die
Gemeinde, sondern sie ruhte von Anfang bis zu Ende auf Geschehenem.
Wenn ich nicht irre, ist es Professor Kähler gewesen, der einmal
sagte: „Die beste Art der Evangeliumsverkündigung ist nach
Gesichtspunkten geordnete Erzählung.” So war es bei Vaters Predigt.
Schon das Thema wurde am liebsten in Form einer Geschichte geboten
und die Teile mit Geschichten gefüllt; vor allem mit Geschichten der
Bibel und eigenen Erlebnissen. Vor unsern Augen wiederholten sich
diese Geschichten. Aber Abraham, Joseph, Moses, David waren keine
Menschen der Vergangenheit, sondern Menschen von heute. Die
Jahrtausende, die uns von ihnen trennten, schrumpften zusammen;
Vergangenheit und Gegenwart flossen ineinander. Vor allem bei den
Geschichten des Herrn. Wir zogen mit den Weisen; wir knieten an der
Krippe; wir saßen mit im Boot auf dem stürmenden See; wir lagerten
im Grase mit den Tausenden, und die Jünger teilten Brot und Fische
unter uns aus; wir sahen Jairi Töchterlein vor uns die Augen
aufschlagen; wir standen mit verhaltenem Atem unter dem Kreuz und
von Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen vor dem leeren Grabe.

So wurden angesichts der Großtaten Gottes die eigenen Sorgen,
Wünsche, Erlebnisse und Zweifel klein. „Was ich besitze, seh' ich
wie im Weiten, und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.” Die
Person des Heilandes, alle Welten, alle Zeiten überragend, stand
unmittelbar vor uns, den Ernst und die Güte Gottes auf der Stirn,
Segen und Frieden in seiner Hand und auf seinen Lippen. So kam der
Glaube zustande, nicht durch Überredung, sondern durch den Anblick
der Wirklichkeit. Und in diesem Menschen, der auf der Kanzel stand,
trat er selbst, der Herr, vor uns hin, weckte das Vertrauen, das
sich ihm ganz hingab, und den Gehorsam, der zur entschlossenen
Nachfolge willig wurde, und die Buße, die mit Petrus sprach: „Herr,
gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!”

Zu dem Herrn aber, der zum Vertrauen, Gehorsam und zur Buße lockte
und reizte, trat dann die Wolke von Zeugen, die uns ermunterte,
solchem Locken und Reizen nicht zu widerstehen, sondern dem Fürsten
des Lebens uns aus ganzer Macht zu überlassen. Dann sandten die
Gräber, zwischen denen Vater am Abend vorher gestanden hatte, ihre
Boten in unsere Mitte: Heinrich Hudel kam und der alte Heermann,
Pastor Stürmer und der treue Mellin, und die Brüder und Schwestern,
die den Weg des Glaubens gegangen waren durchs Leben und durch den
Tod. Und die Apostel und Märtyrer mischten sich hinein und die
Erstlinge von den Bergen Usambaras, und Kiase, der Aussätzige, rief:
„Hört es, Leute, Leute! Kein Leid mehr, keine Schmerzen mehr, kein
Sterben mehr; hört es, Leute, Leute!”

So war es der Glaube, der uns gepredigt wurde, aber gepredigt von
einer Liebe, die sich auch zu dem Schwächsten herunterließ und sich
auch dem müdesten Kopf verständlich machte. Denn diese aus der
Schrift und dem Leben geschöpften Geschichten konnte jeder
verstehen; hiervon konnte jedermann etwas mitnehmen nach Hause. Und
wenn die Geschichten selbst dem wirren, kranken Gehirn vielleicht
auch schnell wieder entschwunden waren, der Glanz der großen,
herrlichen Wirklichkeit, der über ihnen lag, ging mit in die Woche
hinein.

Aber weil es Geschichte war, erhabenste Geschichte, weltbewegende
Ereignisse, Erlebnisse, die über alles andere Erleben hinausgingen,
darum brauchte auch der Gesundeste, Klügste, Nachdenksamste unter
uns nicht leer auszugehen, sondern sah sich zu eigenem Nachdenken
geweckt, zur eigenen Ausgestaltung dessen, was er gehört hatte,
angeregt. Alle aber waren vereinigt in dem einen Lebensstrom, worin,
wie Luther sagt, der Elefant schwimmt und das Lamm plätschert. Nicht
hier und da ein einzelner war es, zu dem er sprach, sondern die
ganze Zuhörerschaft. So wurden wir zur Gemeinde zusammengefaßt.

Und eben ein Sprechen war es, keine Rede. Wäre es eine Rede
gewesen, so wären uns die 40, ja 50 Minuten, die Vater auf der
Kanzel stand, zu lang geworden. Aber weil es ein Gespräch war, wo
Frage und Antwort wechselten, darum ließen wir ihm gern lange Zeit.
Er sprach mit allen, mit denen, die körperlich vor ihm saßen, und
mit den andern, die im Geiste versammelt waren. „Paulus, Paulus,”
konnte er wohl fragen, „was sagst du? Ich sterbe täglich? Ich
verstehe dich nicht, wie meinst du das?” Und dann fragte er wieder
in die Gemeinde hinein: „Kann es von euch mir wohl einer sagen, wie
Paulus das eigentlich meint?” Und wenn die Antwort noch auf sich
warten ließ, dann ging er zu Luther hinüber und fragte den, bis es
eins von den Epileptischen aus dem Munde Luthers mit deutlicher
Stimme durch die ganze Kirche hin sagte: „Es bedeutet, daß der alte
Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und
sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich
herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit
und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.”

So ging Frage und Antwort hin und her, so waren wir alle beteiligt,
alle zur Mitarbeit am Text berufen, alle zu Auslegern geworden,
einer dem andern zum Wegweiser gesetzt auf dem Wege zum Leben. Darum
drang unser Glaube, unser Gehorsam, unsere Buße über den Kreis des
eigenen kleinen Ich hinaus; einer trat für den andern ein, einer
empfing für den andern die Gabe des Lebens; gemeinsam wurde unsere
Last, gemeinsam unsere Freude. Unser Blick, unsere Liebe, unsere
Hilfe wuchsen schließlich nicht nur über die Grenzen des eigenen
Lebens, sondern auch der eigenen Gemeinde hinüber; wir lernten
teilnehmen an den Aufgaben draußen, für die Vater der Kanal war, der
sie uns zuleitete, lernten uns freuen mit den Fröhlichen und weinen
mit den Weinenden.

Es war ein wunderbares Ineinander von Ernst und Heiterkeit, das über
diesen Stunden lag. Es konnte vorkommen, daß die ganze Kirche hell
und aus vollem Herzen lachte, und im nächsten Augenblick, wenn der
Schrei eines Epileptischen, der im Anfall zusammengebrochen war,
durch die Kirche drang, lag wieder der feierliche Ernst über der
Versammlung. „Hört ihr den Todesschrei?” rief Vater dann wohl. „Wir
können es nicht wissen, wie bald der letzte Schrei auch für uns
kommt! Dicht, dicht stehen wir vor den Toren der Ewigkeit.”

Und es war nicht die Predigt allein, die uns den Sonntagmorgen so
lieb machte. Die Liturgie kam hinzu. Schon in den ersten Jahren
hatte Vater die Liturgie mit Rücksicht auf die Kranken in besonderer
Weise lebendig gemacht. Auch hier war die ganze Gemeinde beteiligt
in Buße, Anbetung und Dank. Alle dankten, beteten, lobten laut, bald
im Chor sprechend, bald in wechselndem, bald in gemeinsamem Gesang.
Vater las die Liturgie nicht, sondern, obwohl er sich streng an die
für die ganze Kirche vorgeschriebenen Worte und Gebete hielt,
erlebte er sie, während er sie las. Und so durchlebten wir sie mit.
Er war wirklich unser Anführer in Beugung, Bitte und Lobpreis
Gottes, sodaß trotz der regelmäßigen Wiederkehr die Liturgie uns
keine leere Form wurde, sondern sich mit ewigem Gehalt füllte.

Große Sorgsamkeit hatte Vater auf die Ausgestaltung des Gesangbuches
gelegt. Dem Minden-Ravensberger Gesangbuch hatte er einen eigenen
Anhang beigefügt, der außer einer großen Zahl wertvoller Lieder die
ganze Liturgie enthielt, sodaß jeder Kranke und Gesunde, der neu in
die Gemeinde trat, von vornherein am Gottesdienst handelnd
teilnehmen konnte. Dazu kamen die alten kirchlichen Responsorien und
die Psalmen, die teils in den Hauptgottesdiensten, teils in den
Abend- und Wochenfeiern zwischen Männern und Frauen abwechselnd
gesungen wurden. Die Lieder ließ Vater am liebsten ganz durchsingen
und zwar so, daß ein vierstimmiger Chor mithalf. Dann sang der Chor
die erste Strophe, die Gemeinde die zweite, der Chor die dritte
u. s. f. Oft griffen auch die Posaunen mit ein, namentlich wenn es
galt, einer neuen noch unbekannten Melodie Eingang zu verschaffen.
„Denn auf dem ehernen Geleise der Posaunen ziehen die neuen Melodien
am sichersten in die Ohren und in die Gemeinde ein.” Und wer wird je
den Silberton des einen Hornes vergessen, das bis heute von den
Lippen und aus dem Herzen unseres Posaunengenerals Kuhlo sich in die
Stimmen der Menschen, der Orgel und der Posaunen mischt, jubelnd bis
zu den höchsten Tönen sich schwingend und dann wieder, wenn alle
andern Stimmen verstummt sind, in heiliger Tiefe die verborgensten
Saiten des Herzens rührend und so die ganze Gemeinde auf den Flügeln
des Liedes vor Gottes Thron tragend!

Unvergeßlich werden uns auch andere Gestalten bleiben, die bei
diesen Gottesdiensten mitwirkten.

Vater Scheele hatte den Küsterdienst. Ein wildes Leben lag hinter ihm.
Erst im Alter war er zur Besinnung und gründlichen Umkehr gekommen. Nun
stand er Sonntag für Sonntag, sein Samtkäppchen auf dem Kopf, am
Haupteingang, um die Kirchgänger zu empfangen, den Glanz Gottes auf
seinem Angesicht. Ein stiller Mann, ohne viel Worte, aber für meine
Erinnerung von unbeschreiblicher Freundlichkeit gegen jedermann. Wir
haben ihm sehr nachgetrauert. Am Eingang in den Friedhof, gleich zur
rechten Hand, ist sein Grab zu finden mit dem Spruch darauf: „Ich will
lieber der Tür hüten in meines Gottes Hause denn wohnen in der Gottlosen
Hütten.”

Der Glockenläuter Waltemath! Er zog die Glocke während des
Vaterunsers am Schluß des Gottesdienstes und zog sie die Woche über
dreimal täglich als Betglocke. Er war Hausknecht nebenan in Hermon.
Bei einem Brande hatte er einen Kranken, der in der Verwirrung nicht
wußte, wohin fliehen, gefaßt und den fast zwei Zentner schweren
ungelenken Mann die 40  Treppenstufen hinunter und ins Freie
getragen. Seitdem hatte er einen Herzfehler, der ihn unzählige
Stunden Schlaf kostete, ihn oft mühsam um Atem kämpfen ließ, aber
den Frieden Gottes ihm nicht nehmen konnte. Wie Simeon hat er in
diesem Frieden seinen Kampf vollendet.

Der Organist Eppelsheim! Bis zur Prima hatte er es in seiner
pfälzischen Heimat gebracht. Dann hatte die Epilepsie seinen
irdischen Hoffnungen ein Ziel gesetzt, aber nur um sein Leben in
unvergängliche Harmonien zu tauchen. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er
uns davon auf der Orgel Zeugnis abgelegt. Es störte uns nie, wenn
manchmal die Töne durch einen Anfall Eppelsheims jäh abgerissen
wurden. Und auch auf ihn paßten die Verse, die „Martin”, der
bekannte Domprediger Lange in Halberstadt, in seinem schönen Liede
auf den „Mönch und seine Freundin” sang:

    Liederleben, Geisterleben
    Bebte hin durch seine Adern,
    Feuer strahlten seine Augen,
    Tiefe, heil'ge Herzensglut.

    Jesuslieder waren's alle,
    Siegsgewaltig, liebesfeurig,
    Brautgesänge, Hochzeitsweisen,
    Gottesstreiter Schlachtgesang.

    Ei, wie brausten die Register,
    Jauchzten hell die scharfen Zimbeln,
    Donnerten die tiefen Bässe:
    Ein' feste Burg ist unser Gott!

Der Kassierer Lahusen! Während Vater Scheele am Hauptausgang die
Kollektenbüchse aufhielt -- es wurde bei jedem Gottesdienst eine
Sammlung gehalten --, stand er bescheiden Sonntag für Sonntag mit
seiner Büchse an einer Seitentür, um dann am Schluß die gesamte
Kollekte zu zählen. In Südamerika, wo seine alte bremische Familie
Besitzungen hatte, war ihm ein Blatt in die Hände gefallen, das über
Bethel berichtete und um helfende Menschen bat. Eines Tages stand er
in Vaters Stube und fragte: „Können Sie mich brauchen?” So trat er
erst als Gehilfe des Kassierers Mellin, dann als sein Nachfolger in
die Arbeit ein. Ein Jüngling im Silberhaar. Immer im Trab -- wohl an
die siebzig Mal stürzte er während der Jahre seines Aufenthaltes im
Laufe und renkte sich dabei jedesmal seinen Arm aus. Immer
hilfsbereit, die langen Rocktaschen voll Johannisbrot für die Kinder
am Wege, ein verborgener Freund geängsteter Seelen, voll Lebenskraft
und Lebenslust bis zum achtzigsten Jahr. Nun ruht auch er in
derselben Reihe mit Vater Scheele und dem alten Mellin.

Und schließlich Schwester Lydia! Sie war wie eine Priesterin des
Alten Testaments, die aber durchgedrungen ist in das Allerheiligste
des neuen Bundes. Sie holte die Liedernummern und schrieb das
Abkündigungsbuch. Sie hatte die Tücher auf den Altar zu legen und
ihn zu schmücken. Sie besorgte das Taufwasser, führte Täufling und
Paten an den Taufstein und leitete die Abendmahlsgäste mit stillem
Wink an ihre Plätze. Und das alles tat sie mit einer Würde, Demut
und Anmut, daß ihr Anblick tiefste Erbauung war. In ihrer Seele war
eine glühende Treue gegen das irdische Vaterland und sein Königshaus
vereint mit anbetender Hingabe an das Königreich Gottes. Mit engem
Gewissen und weitem Herzen, in der Tiefe der Sünderschaft wurzelnd
und in die Höhe der Gnade mit Gedanken, Empfindung und Willen
emporsteigend, so ist sie der ganzen Gemeinde eine Purpurkrämerin
Lydia gewesen (Apostelgesch. 16, 13-15), die unter uns mit den
besten Stoffen handelte, die die Welt kennt.

Nach dem Gottesdienst ging Vater zu den Kranken. Hatte er nicht zu
predigen, so brachte er am liebsten den ganzen Sonntagvormittag in
den Krankensälen und bei den Kranken zu. Nur in besonderen Fällen
hielt er sich lange am einzelnen Krankenbett auf. Meist machte er es
ganz kurz. Seine Seelsorge bestand nicht im Eindringen in die Gänge
und Irrgänge der einzelnen Seele. Dazu hätte es der Gabe der
Menschenkenntnis bedurft, und die besaß er im eigentlichen Sinne
nicht. Es kam die Natur des Westfalen hinzu, die zurückhaltend, fast
schüchtern ist dem andern gegenüber, voll angeborener Achtung vor
der Eigenart des Mitmenschen und darum voll Verständnis, wenn auch
der andere Zurückhaltung übt.

Seelengeheimnisse sind ihm darum selten offenbart worden. Nicht weil
man ihm in tiefster Not nicht vertraut hätte. Aber die Last wurde
klein, sobald er ins Zimmer kam. Man schämte sich in seiner Nähe der
kleinlichen Sorgen. Das kurze Wort, das er sagte, hob empor in eine
Welt, in der Schwachheit und Verdruß liegen unter unserm Fuß. Man
war wie mit einem Ruck über die Wolken gehoben in den Sonnenschein
des Glaubens hinein, der Gott alles anheimstellt. In diesem Licht
konnte man nicht klagen. Aber dieses Licht fiel nun zugleich in die
tiefen Täler der Seele. „Und hinter uns, im wesenlosen Scheine lag,
was uns alle bändigt, das Gemeine.” Wesenlos wurde es im Lichte der
Liebe. Aber es lag doch zugleich da, tief unten in den Tälern der
Seele, das Gemüt immer wieder zum Bösen weckend, immer uns anklebend
und träge machend. Aber Vater brauchte nicht darauf zu stoßen, der
einzelne sah es selbst.

So führte diese Art des Vaters, ohne daß er sich dessen bewußt war,
zu beidem: zur sorglosen Kindschaft in die Höhe und zur klar
erkannten Sünderschaft in die Tiefe. Und in dieser Doppelheit lag
die große Wohltat seiner Seelsorge. Man sah die Schuld in der Tiefe,
beugte sich unter sie und gab das Widerstreben auf gegen Gottes
Hand, die sich im Leiden aufgelegt hatte, und war doch nicht an die
Schuld gefesselt, sondern in das Licht der befreienden, vergebenden
Gottesnähe gerückt. Das war aber nur darum möglich, weil Vater
selbst immer in dieser Doppelheit lebte, in der Sünderschaft, sobald
er auf sich sah, in der Kindschaft, sobald er nach oben sah.

Das strahlte von ihm aus, wo er ging und stand. Und darum war er
Seelsorger, wo man ihm begegnete. Oft in noch viel höherem Maße in
seinen ganz gelegentlichen Bemerkungen, als wenn er zu besonderem
Zuspruch an ein Krankenbett trat. Im Saal des Mutterhauses stand ein
großer Globus, der zu Unterrichtszwecken geschenkt worden war. Vater
studierte ihn gern. Aber einmal faßte er ein Kind, das gerade neben
ihm stand, setzte es auf den Globus und rief: „Solch ein einziges
Kind ist mehr wert als die ganzen Weltteile.”

An seinem Geburtstag pflegten wir Kinder morgens auf ihn zu warten,
wenn er aus seinem Schlafzimmer kam. Einmal war unsere Schwester die
erste, die ihm um den Hals fiel, um ihm zu gratulieren. „Meine
geliebte Tochter,” sagte er, „vergib mir alles, was ich an dir
versäumt habe!” Solch ein Wort erquickte unbeschreiblich. So wurde
er ganz klein und ganz groß zugleich und lebte uns vor, daß nur, wer
sich selbst erniedrigt, erhöht werden kann.

Aber diese ganze Zartheit und Innerlichkeit machte ihn nicht
weichlich; namentlich nicht mit körperlichen Zuständen. Ich kam
einmal als Primaner abgespannt und mutlos von Gütersloh nach Hause.
Der Körper wollte dem Geist nur noch mühsam gehorchen. „Junge,”
sagte er nur zum Abschied, „nun kümmere dich nicht zu viel um deinen
armen Kadaver” -- fertig. So warf er mich mit einem Ruck aus der
Welt der Sorge hinaus. Man sah sich in der tiefsten Tiefe
verstanden, aber nicht darin festgehalten, sondern rasch
emporgehoben.

Verstimmungen überwand er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er
uns Arbeit gab. Vergeblich hatte ich einmal gegen mich selbst
gekämpft, war der Mutter und den Geschwistern stundenlang mit
elendem Nörgeln zur Plage geworden; schließlich hatte Mutter es
Vater geklagt. Vater rief mich auf sein Zimmer. Was wird es geben?
Kein Wort des Tadels, sondern statt dessen eine Bitte, ihm zu
helfen: „Mein lieber Junge, ich habe hier einen Brief, den muß ich
einmal ganz sorgsam abgeschrieben haben.” Nichts weiter. Als die
Arbeit fertig war, war auch der Sieg errungen! Wie hat er auf solche
und ähnliche Weise wieder und immer wieder Kranken und Gesunden,
namentlich den Epileptischen in ihren schweren Verstimmungsstunden
die Arbeit zur stets wirksamen Arznei gemacht.

Und dann ermunterte er uns durch Lob. Auch über die schwächste
Leistung konnte er sich aus tiefster Seele freuen und schüttete
seine Freude und seine Anerkennung wie einen erquickenden Strom über
uns aus. „Schelten”, sagte er, „richtet Zorn an, aber Ermunterung
macht fröhliche Leute.” Und weil dies Lob aus einem Herzen kam, das
nicht ehrsüchtig war, sondern demütig blieb, darum machte es nicht
hochmütig, aber mutig, nicht aufgeblasen, aber tatenfroh, nicht
leichtsinnig, aber sorgenfrei. Und gerade im Lichte solch befreiten
Geistes sahen wir wieder desto klarer hinunter in die Schatten des
eigenen Herzens, sodaß Mut und Demut immer wieder vereinigt wurden.

Er hat nicht auf unseren Seelen gekniet, hat nichts in uns
hineingepreßt, sondern hat uns mit befreiender Liebe in das
Verständnis und in die Gemeinschaft seines Herrn geführt, den
einzelnen und immer wieder die ganze Gemeinde. Das kam am
ergreifendsten zum Ausdruck bei den gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Es
war die einzige Gelegenheit, wo er vorher -- von besonderen Fällen
abgesehen -- uns alle, Mutter und Geschwister, auf seinem Zimmer
vereinigte und kniend mit uns betete. Nach dem Gebet gab er jedem
von uns einen Kuß. Bei der Feier selbst waren dann wieder alle
vereinigt, Kranke und Gesunde. Als der Allerschwächste, Kleinste,
Ärmste, Sündigste stand er, wenn er die Beichtrede hielt, mit uns
vor seinem Herrn. Und eben darum zugleich als der, der es erfährt:
„Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark; wenn ich unterliege, so
hilfst du mir.” Gerade deshalb bedeuteten diese Stunden gemeinsamer
Beugung auch Stunden gemeinsamer Erhebung voll Leben und Seligkeit,
von denen eine Macht ausging in die Gemeinde.

Wir haben ihn sehr geliebt. Das konnte ja nicht anders sein. Die
Feder des Sohnes ist nicht imstande, die unbeschreibliche Art seines
Wesens wiederzugeben. Nichts Frömmelndes, nichts Weichliches lag in
seiner Erscheinung, sondern urwüchsige männliche Kraft, mit
harmloser Kindlichkeit vereinigt. Sein dunkles Auge, weich wie Samt,
mit unbeschreiblicher Tiefe, ganz in der Gegenwart lebend und dann
wieder über alle Welt hinausblickend.

Aber so sehr wir ihn liebten, es wurde keine Menschenvergötterung
daraus. Wo er spürte, daß jemand für ihn schwärmte, da zog er sich
zurück. Es kam ja allmählich ganz von selbst so, daß er als Vater
der Gemeinde alle „Du” nannte. Aber da, wo er merkte, daß jemand
sich an ihn hängte, sagte er aus unmittelbarem Gefühl heraus „Sie”
und nicht „Du”. „Hängt euch an keinen Menschen!” Wie laut, wie
dringend hat er uns das oft zugerufen! So löste er die Gemeinde von
seiner Person, um sie an den zu binden, von dem er gern singen ließ:
Liebe, die mich hat gebunden -- An ihr Joch mit Leib und Sinn, --
Liebe, die mich überwunden -- Und mein Herz hat ganz dahin: --
Liebe, dir ergeb' ich mich, -- Dein zu bleiben ewiglich.


Frühlingszeit.

Der der Sonne zugeneigte Berghang, an dem sich der größte Teil der
Häuser von Bethel hinzieht, macht den Frühling immer besonders
schön. Schon Ende Februar kommen überall im Buchenwald die blauen
Leberblümchen hervor, und hinter ihnen her dringen im März zwischen
dem Efeu die Anemonen durch. Bald aber leuchtet das warme Tal unten
von goldenen Wiesenblumen. Buchfink und Amsel stimmen ihre Kehlen
wieder, Rotkehlchen und Rotschwänzchen kommen hinterher und all die
andern Sänger, bis unten am Teich von Mamre die Nachtigall den
schönsten Akkord in das Konzert mischt.

Einem solchen Frühlingstag kann man die Zeit vergleichen, die unter
der Verkündigung des Evangeliums in der Beweisung des Geistes der
Wahrheit und der Kraft der Liebe in der Zionsgemeinde anbrach.
Überall blühte und grünte es, und von überall her stellten sich, wie
die Sänger in Wald und Feld, Kräfte ein, um die Mauern Zions zu
bauen.

Aus Dellwig kam der Sohn des treuen Freundes Philipps, und aus den
schon von Paris her nahe verbundenen Pfarrhäusern in Schildesche und
Gohfeld kamen der leitende Arzt Huchzermeier, die Mitarbeiter am
Diakonen- und Diakonissenhaus Kuhlo und Siebold und des
Letztgenannten Bruder als Leiter des Bauwesens -- keine Fremden
also, sondern längst Bekannte und Vertraute, jeder mit seiner
besonderen Art und mit seiner besonderen Liebe, jeder an seinem Teil
in westfälischer Art und Zähigkeit alle Kraft zum Bau der Gemeinde
einsetzend. Und hinter ihnen her strömten dem Diakonen- und
Diakonissenhause immer neue Scharen freiwilliger Mitarbeiter zu.
Nie würde Vater so treue, bewährte Kräfte für die wachsenden
Aufgaben bekommen und behalten haben, wenn er sie ängstlich bis ins
einzelne angeleitet und beaufsichtigt hätte. Er kommandierte nicht,
sondern vertraute ihnen. Er lähmte nicht durch enge Regeln, wohl
aber wies er, ohne es zu wollen, bei jedem Zusammentreffen mit zwei,
drei Worten die innere Richtung. Einer seiner jüngeren Mitarbeiter
schrieb nach Vaters Tode: „Wodurch hat er uns von Grund aus gewonnen
und zur Buße geführt? Eigentlich nur dadurch, daß er uns Liebe
erwies auch dann, wenn wir gar nicht darauf rechneten. Ich habe so
manches Mal gewünscht, er möchte mir doch einmal gründlich die
Wahrheit sagen. Aber er hat es nie getan etwa in dem Sinne, daß er
mir gesagt hätte: ‚Du bist doch eigentlich recht hoffärtig.’ Nein,
er war stets unbeschreiblich freundlich gegen uns. Dann schämte man
sich und fing an, innerlich zu weinen.”

Zu denen, die dauernd in die Arbeit eintraten, kamen andere, die wie
vorüberziehende Sänger waren, deren Lied aber unvergessen bleibt. So
immer wieder die Kandidaten des Konviktes. So auch manche hochgemute
Frauengestalt, Töchter vornehmer Familien, die für längere oder
kürzere Zeit die Gehilfinnen der Diakonissen wurden. So auch die
Gäste des von Fräulein Heidsiecks fürsorgender Hand geleiteten
Anstalts-Hospizes, die Anregung suchten und Anregung brachten und
über die zunächst drängenden Aufgaben hinweg immer wieder den Blick
in die Weite lenkten.

Die einzelnen Hausgemeinschaften und Arbeitsgruppen schlossen sich
immer fester in sich zusammen, jede gleichsam einen besonderen
Sängerchor bildend, der für sich übte, aber nur um desto besser in
dem einen großen Konzert mitzuwirken. Was für einen Frühlingschor
besonderer Art bildete z. B. das Kinderheim! Wie vielen Töchtern des
Landes, die von nah und fern kamen, um für eine Zeitlang zu helfen,
wurde unter dem Jubel der Kinder, auch unter ihrem stillen Leiden
und Sterben, das Herz weit, froh und dankbar! Wie hoch gingen
namentlich die Wogen damals, als Missionar Greiner die kleine
schwarze Elisabeth brachte, die er auf dem Schiff dem ägyptischen
Soldaten abgenommen hatte, damit sie nicht als Sklavin verkauft
würde. Und als nun ein Jahr später gar noch das zweite kleine
schwarze Mädchen, Marie Madjesebuni, hinzukam, brach eine
Frühlingszeit über dem Kinderheim an, wie es sie schöner wohl nie
erlebt hat. Europa und Afrika mischten ihre Stimmen in eins,
Deutschland und Mohrenland hoben miteinander ihre Hände auf zu Gott!

Ganz verborgene Chöre gab es auch, wie die Stimmen der Sänger im
Walde, denen niemand zuhört und die doch das Singen nicht lassen
können. Das waren die eigenen kleinen Kreise der Kranken, oft nur
aus zwei oder drei, fünf oder sechs bestehend, die am Feierabend
zusammenkamen, um sich untereinander durch Lied und Betrachtung zum
Lobe Gottes zu ermuntern. Wieviel Kräfte der innersten Harmonie
gingen von diesen ungehörten und ungekannten Sängern aus!

Unter solchem Frühlingswehen konnte es nicht anders sein, als daß
die Gemeinde wie der Baum zur Maienzeit neue Zweige trieb. Im Lande
draußen, innerhalb und außerhalb der westfälischen Grenzen, wurde
durch die Schwestern und Brüder eine Station nach der andern
übernommen. Alle diese Außenstationen waren zugleich wie kleine
Sammelbecken, die mit dem Übermaß ihres Elends auf Bethel angewiesen
waren. Wohin mit den Verkrüppelten, Blinden, den Geistesschwachen
und Geisteskranken, den Halbwaisen und Ganzwaisen, den Nervenkranken
und Nervenschwachen, wenn jede andere Zuflucht sich verschloß? Immer
freilich gab Vater den ausziehenden Schwestern und Brüdern die Regel
mit auf den Weg: „Ihr dürft niemals denken, als hätten wir die
Barmherzigkeit für uns gepachtet”; d. h. sie sollten alles tun, um
in solchen Fällen der Not die näheren und entfernteren Angehörigen
der Kranken nach Möglichkeit heranzuziehen. Oder wenn das nicht
ging, sollten sie für anderweitige Familienpflege sorgen, sollten
schließlich alle zunächst in Frage kommenden Pflegehäuser und
sonstigen kirchlichen und staatlichen Anstalten in Betracht ziehen.
Aber wenn alles versagte: „Dann dürft ihr bei uns anklopfen.”

Wie oft kam es vor, daß eben wirklich alles andere versagte! So nahm
das Anklopfen kein Ende, und darum gab es immer wieder in den
einzelnen Häusern ein Zusammendrängen und Zusammenschieben, bis es
schließlich nicht anders ging und wieder gebaut werden mußte.

Und nicht nur für die Kranken mußte gesorgt werden, auch für ihre
Pfleger. Oft erzählte Vater die Geschichte von der Kuh des alten
Flattich, die eines Morgens tot im Stalle lag. Klagend und jammernd
kommt Frau Flattich zu ihrem Mann. Der aber sagt: „Es wundert mich
gar nicht, daß die Kuh gestorben ist. Ich habe schon seit einiger
Zeit gemerkt, daß du unsere Magd nicht recht gepflegt hast; darum
hat die auch die Kuh nicht recht gepflegt, und so ist sie
gestorben.” Sollten also die Pfleglinge recht gepflegt werden,
innerhalb und außerhalb der Gemeinde, dann mußte auch für die
Pfleger und Pflegerinnen gesorgt werden. So entstand für die
Schwestern das stille Salem in der tiefen Bergeinsamkeit des
Teutoburger Waldes und für die Brüder das auf der frischen Höhe
liegende Pella -- beides Zufluchtsorte für Zeiten der Erholung und
inneren Sammlung. „Ihr dürft die friedsame Ruhe nicht verlieren,”
hat Vater uns oft zugerufen.

Inzwischen waren draußen in der Senne durch die Kolonisten von
Wilhelmsdorf die ersten Kulturen entstanden. Es zeigte sich, was für
eine wertvolle Ergänzung man an der Senne hatte. Der Boden in Bethel
ist schwer und für die schwächeren unter den Epileptischen nur bei
gutem Wetter zu bearbeiten. Das ist bei dem leichten Sandboden der
Senne anders. Hier gibt es bei jeder Witterung, namentlich auch im
Winter, abwechselungsreiche Arbeit, die auch den Schwachen und
Schwächsten immer wieder die Befriedigung einer nützlichen Tätigkeit
gewährt. So siedelte allmählich eine Ackerbaustation nach der andern
aus Bethel nach der Senne über. Die Krüppel folgten, dann auch die
Lungenkranken, die in der milden Kiefern- und Tannenluft schneller
genasen als unter den kräftigen, aber rauhen Winden des Teutoburger
Waldes, und schließlich kamen auch noch mehrere Stationen der
Gemütskranken dazu.

Auch Wilhelmsdorf selbst mußte sich dehnen, denn es zeigte sich
immer mehr, wie viele arme Opfer des Alkohols unter denen waren, die
sich arbeitslos und heimatlos, von aller menschlichen Hilfe
verlassen, in der Kolonie einstellten. Es war nicht möglich, sie
nach drei Monaten wieder zu entlassen. Das hätte nur geheißen, sie
aufs neue dem alten Elende auszuliefern. So entstand eine besondere
Trinkerheilstätte. Auch den Schiffbrüchigen gebildeter Stände, für
die ihre Familien einen sicheren Hafen suchten, konnte man sich
nicht entziehen, sodaß auch für sie eine Heimat geschaffen werden
mußte.

Eine Witwe Eckardt, nach der die ganze Kolonie, die heute etwa 1200
Insassen zählt, den Namen Eckardtsheim erhielt, schenkte in
Erinnerung an ihren verstorbenen Mann den Grundstock zu einem
Gotteshause, der Eckardtskirche, die zum Mittelpunkt aller
Anstaltshäuser in der Senne wurde.

Aber die Entlastung, die auf solche Weise die Tochterkolonie in der
Senne der Mutterkolonie drüben im Teutoburger Walde bot,
verpflichtete nun auch wieder die Mutter zu einer Gegenliebe gegen
die Tochter. Viele von denen, die sich in Wilhelmsdorf und in den
von Wilhelmsdorf abgezweigten Häusern bewährt hatten, baten: Stoßt
mich nicht wieder hinaus in die versuchungsvolle Welt, gebt mir in
Bethel eine meinem früheren Beruf entsprechende Arbeit, laßt dort
meine Kräfte allmählich weiter erstarken, bis ich den Mut gewinne zu
neuer Fahrt in die stürmische Welt! War es möglich, solche Bitte
abzuweisen?

Sollte sie aber gewährt werden, so mußte nun auch Bethel sich wieder
dehnen. Es mußte seine Werkstätten, seine kleinen Betriebe
erweitern, um Arbeit zu schaffen für die, die nur unter zweckvoller
Arbeit an Geist und Leib genesen und neue Kräfte gewinnen konnten.
So wurde aus der kleinen Schriftenniederlage die Buchhandlung, an
die Buchbinderei schloß sich ein kleiner Laden an mit Heften,
Bildern, Büchern; ähnlich ging es bei der Tischlerei, der Gärtnerei
und den andern Handwerken. Auch für die Vorräte an Lebensmitteln,
die bis dahin aus der Stadt bezogen worden waren, wurde eine eigene
kleine Einkaufsstelle geschaffen. Ich sehe noch den Nico-Nix, einen
holländischen Kaufmann, der irgendwie zu uns verschlagen worden war,
mit strahlendem Angesicht in dem kleinen Verkaufsraum hinter dem
Ladentisch stehen und seine Gäste bedienen.

Es konnte nicht ausbleiben, daß über solchem Wachsen Teile der
Bielefelder Geschäftswelt in Unruhe gerieten. Ihnen war das schöne
Tal für die Ausdehnung der Stadt genommen. Nun sollten sie auch
nicht einmal an dem geschäftlichen Gewinn, den die Siedlung ihnen
hätte bieten können, teilhaben? Aber Vater konnte wieder und wieder
in überzeugender Weise dartun, daß die Entstehung und Entwicklung
der kleinen Betriebe nicht aus dem Gedanken entsprungen wäre, einen
Verdienst, der bisher andern zuteil geworden, für sich zu behalten,
sondern daß es sich vielmehr für die Anstalt darum handele, ihren
Kranken und Pflegebefohlenen durch eine ihren Neigungen
entsprechende Beschäftigung recht zu dienen, und daß für solches
Dienen die Ausdehnung der kleinen Anstaltsgeschäfte ganz
unentbehrlich sei. Nicht „womit kann ich verdienen?” sondern „womit
kann ich dienen?” sollte der Grundsatz dieser kleinen sich
entwickelnden Betriebe sein. Und wenn über dem rechten Dienen auch
eine kleine Ersparnis, ein kleiner Verdienst für die Anstalt abfiel,
so durfte ihr das gegönnt werden.

So wurde immer wieder Raum geschaffen und Arbeit, um solchen, die
sonst rettungslos versunken wären, zu helfen. Hierfür nur einige
Beispiele. Für gewöhnlich wurde an der Regel festgehalten, daß nur,
wer sich draußen in der geringen Arbeit der Senne mit Spaten und
Karre bewährt hatte und für den sich andernorts kein sicherer
Zufluchtsort zeigte, in einem der Arbeitsplätze in Bethel Aufnahme
fand. Aber zum unabänderlichen Gesetz wurde das nicht. So wandte
sich an Vater ein Kaufmann, der so, wie die Dinge lagen, rettungslos
dem Gefängnis verfallen war. Er hatte eine tadellose Vergangenheit
hinter sich. Um so schrecklicher war das Los, das, freilich durch
eigene Schuld, vor ihm lag. Vater legte die Sache dem Kronprinzen
vor; und durch dessen Fürsprache wurde die Strafe niedergeschlagen.
Der Betreffende kam dann nach Bethel, und Vater nahm ihn, als die
Kräfte seines bisherigen epileptischen Gehilfen Kneipp versagten, an
dessen Platz. Mit unbeschreiblicher Gewissenhaftigkeit hat er Jahre
hindurch vom Morgen bis zum Abend an dem Schreibpult in Vaters
Arbeitszimmer gestanden, nie ermüdend, in tiefster Verschwiegenheit,
die Liebe, die Vater ihm erwies, mit einem Leben voll Pflichttreue
und Hingabe lohnend. Als die Kassenverwaltung einer in jeder Weise
bewährten Kraft bedurfte, wurde er von Vater, der immer auf das
Liebste, was er hatte, wenn es not tat, verzichtete, dorthin
abgegeben, und bis an sein Ende ist er hier ein Vorbild der stillen
Treue gewesen.

Hier in der Kassenverwaltung fand auch ein anderer für den Rest
seines Lebens Arbeit, der aus der Senne herüberkam, wo er zunächst
ein Jahr lang in Reih' und Glied rigolt, gerodet und die Karre
geschoben hatte. Er hatte mit dem Kaiser zusammen auf einer
Schulbank gesessen, war Offizier geworden, hatte dann aber infolge
des Trunkes seinen Dienst verloren. Seine Familie übte die
Barmherzigkeit an ihm, daß sie ihm alle Mittel entzog, durch die er
seinem unglücklichen Hang weiter hätte frönen können, sodaß er sich
bemühen mußte, in der Senne wenigstens sein Leben zu fristen. Nicht
widerstrebend, sondern freiwillig fügte er sich diesem Zwang und
wurde schließlich einer der glücklichsten Menschen, die in unserer
Mitte gelebt haben. Seine Todeskrankheit, die mit seinem früheren
Leben im Zusammenhang stand, war freilich lang und schwer; aber
gemurrt hat er nicht, sondern wie sein Leben, so ist auch sein
Sterben ein Segen für viele geworden.

So könnte noch mancher genannt werden, der nach einem Leben voll
Unruhe und Niederlagen schließlich zum Frieden und zum Sieg gelangte
und nun unter den Siegern steht, die die ewige Krone erlangt haben.
Unter ihnen sei nur noch unser lieber Lehrer H. erwähnt. Von einem
nächtlichen Gelage heimkehrend, war er unterwegs im Frost liegen
geblieben. Als man ihn fand, waren seine beiden Arme so vollständig
erfroren, daß sie abgenommen werden mußten. Darüber kam er zur
inneren Einkehr und Umkehr. Er trat in den Unterricht an den
epileptischen Schulknaben ein, und der Friede und die innere Kraft,
die von ihm ausgingen, waren so stark, daß die unruhigen Knaben
keinem Lehrer lieber gehorchten als diesem Mann, der ohne Arme vor
ihnen stand.

Nicht immer war es leicht, die richtige Beschäftigung zu finden.
Aber auch hier machte Vaters Liebe immer wieder erfinderisch oder
ließ sich von den Hilfesuchenden selbst auf neue Bahnen weisen. So
kam ein früherer Kavallerieoffizier, dessen Kraft zu irgend welcher
körperlichen Arbeit einfach nicht mehr ausreichte. Es stellte sich
aber heraus, daß er eine große Kenntnis ausländischer Briefmarken
hatte. Darum bat Vater in einem der Anschreiben, die an die Freunde
im Lande und auch im Auslande gingen, um ausländische Briefmarken.
Die Bitte war nicht vergeblich, die Marken strömten herbei, und Herr
v. N. hatte eine Arbeit, die seine Kraft ausfüllte und die sich
schließlich so ausdehnte, daß eine ganze Zahl schwacher Pfleglinge
eine Tätigkeit fand, die gar nicht anstrengte und die doch zur
Sorgsamkeit und Gewissenhaftigkeit erzog.

Immer dringendere Bitten um Aufnahme von Gemüts- und Nervenkranken
führten dazu, daß auch für diese Leidenden sich ein Zufluchtsort
nach dem anderen in Bethel auftat. Es fehlte in den staatlichen
Anstalten vielfach an den geeigneten Pflegekräften, oft auch an
ausreichender seelsorgerlicher Beratung. Dazu kam, daß die
Überfüllung der westfälischen Provinzialanstalten die Verwaltung der
Provinz zu der Bitte veranlaßte, Bethel möchte ihr die unheilbaren
Kranken abnehmen.

„Unheilbar”, gerade solch ein Wort lockte Vater. „Das Wort
unheilbar”, sagte er oft, „steht im Wörterbuch eines Christen nicht.
Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein
ganzes Leben in der Zelle zubringen muß.”

Immer wieder trieb es ihn zu den Umnachteten des Geistes in den
verschiedenen Häusern. In Magdala, dem Hause der gemütskranken
Frauen, hielt er jahrelang die wöchentliche Bibelstunde. Im Anschluß
daran ging er regelmäßig zu denen, deren Zustand die Teilnahme an
der Stunde nicht erlaubte. Namentlich suchte er die einzelnen Zellen
der Tobsüchtigen auf, ganz allein, nur mit seinem kleinen
Blumenstrauß in der Hand. Er ist, soviel wir wissen, niemals
angegriffen worden.

Aber die Flut grauenhafter Lästerreden, die er dann und wann bei
solchen Gelegenheiten anhören und über sich ergehen lassen mußte,
befestigte ihn in der alten biblischen Überzeugung, daß bei diesem
Leiden nicht immer nur körperliche Anlässe zu Grunde lägen, sondern
auch die Mächte einer satanischen Welt ihr Wesen trieben. „Die
Barmherzigkeit”, sagte er, „fordert es, an dieser Überzeugung
festzuhalten. Ich kann nicht glauben, daß solch eine Flut von
Schmutz aus dem Herzen eines reinen Mädchens emporsteigt. Das stammt
aus einer anderen Welt.”

Mit dem Leiter einer großen städtischen Heil- und Pflegeanstalt, in der
unsere Diakonen und Diakonissen arbeiteten, hatte er eine tiefgreifende
Auseinandersetzung über die Aufgaben des Anstaltsseelsorgers. Sie führte
dazu, daß er die Seelsorger sämtlicher deutscher Heil- und
Pflegeanstalten zu einer besonderen Besprechung nach Bethel einlud, die,
zumal manche von ihnen auf vereinsamtem Posten standen, mit größter
Freude der Einladung Folge leisteten und sich von da an zu einer
regelmäßigen Konferenz der deutschen Anstaltsseelsorger für Gemüts- und
Geisteskranke zusammenschlossen, die bis heute besteht.

Schwerer noch als die Last, die sich durch die Aufnahme der
Gemütskranken auf die Schultern von Bethel legte, war vielfach die
Pflege derer, die nicht gemütskrank, aber auch nicht eigentlich
gesund waren, sondern mit ihren erregten Nerven schwer an sich
selbst trugen und anderen zu tragen gaben. Aber auch diese Last
lehrte Vater uns mit Heiterkeit anfassen. Schmunzelnd pflegte er
immer wieder zu sagen:

    „Halbe Narren sind wir alle,
    Ganze Narren sperrt man ein,
    Aber die Dreiviertelnarren
    Machen uns die größte Pein.”

Einer der ersten Gemütskranken, die in Bethel Zuflucht fanden, war
ein Pastor Krekeler aus alter Ravensberger Familie. Er hielt sich
für unwürdig, Nahrung zu sich zu nehmen. Mittags saß er an unserm
Tisch, die Augen niedergeschlagen, in tiefe Schwermut versunken. Nur
unter Vaters Zureden griff er zum Löffel, legte ihn dann aber hin,
ohne seinen Teller leerzuessen. Da hörte auch Vater auf zu essen.
„Lieber Bruder,” sagte er, „ich habe nun den ganzen Morgen schwer
gearbeitet. Aber ich esse nicht, wenn du nicht auch ißt.” Das half,
und der Teller wurde leergegessen. So ging es Schritt für Schritt
vorwärts. Schon bald konnte Vater ihn bitten, ihm Sonntags eine
Predigt abzunehmen. Das war Krekelers größte Freude. Aber sie wurde
ihm nur dann gewährt, wenn er in der Woche vorher ein Pfund
zugenommen hatte. Wiederholt hatte Krekeler die Bedingung erfüllt.
Da, eines Sonntagmorgens, als er wieder predigen wollte, kam die
Nachricht, daß er das Morgenfrühstück verweigert hätte. Vater eilte
zu ihm und erklärte: „Du predigst nicht, wenn du nicht ißt, und hast
die Verantwortung zu tragen, wenn ich jetzt unvorbereitet statt
deiner auf die Kanzel muß.” Damit war der letzte Widerstand
gebrochen. Schon bald konnte er seine Familie zu sich nach Bethel
holen, und er und seine Frau übernahmen das Haus der epileptischen
Pensionäre, in welchem er genesen war.

Gleichzeitig wurde er der Vater der Waisenkinder, die rings aus dem
Lande sich einstellten und unter Schwester Pauline in einem
besonderen Waisenhause gesammelt wurden. Er sorgte für ihre
Unterbringung in den Familien des Landes und blieb auch weiterhin
ihr väterlicher Freund, der sie regelmäßig besuchte und ihren
Entwicklungsgang verfolgte und regelte. So erstarkten seine Kräfte
mehr und mehr, bis er in Volmerdingsen am Hang der Weserberge wieder
eine kleine Gemeinde übernehmen konnte. Hier legte er den Grund für
eine Heimat der Geistesschwachen, die bis dahin in der Provinz
Westfalen einer eigentlichen Zufluchtsstätte entbehrten und darum
zunächst immer wieder unter die schwachen epileptischen Kranken von
Bethel hatten gemischt werden müssen. Der kleine Zweig, der dort am
Fuße des alten Wittekindsberges eingesenkt wurde, blühte unter
seiner originellen Leitung schnell auf und ist jetzt ein Baum
geworden, unter dessen Schatten viele arme umnachtete Menschenkinder
ein glückliches Dasein führen. Lange Jahre hat Krekeler als der
Glücklichste unter ihnen gelebt, bis plötzlich die alte Krankheit
wieder durchbrach. Er flüchtete nach Bethel, und unter Vaters
Zuspruch endete sein gesegnetes Leben.

Nicht eigentlich gemütskrank, aber schwer nervenleidend war ein Herr
Schnitger, dem das Diakonissenhaus Sarepta eine Bleibestätte bot. Er
war hochgebildet, hatte auf verschiedenen Gebieten gearbeitet und
war auch im Kassenwesen erfahren. So übernahm er einen Teil der
Kassenverwaltung von Sarepta. Sein Krankenzimmer war zugleich sein
Arbeitszimmer, wo der Geldschrank stand und wo er die Kassenbücher
unter musterhafter Sorgsamkeit führte und mit einer Handschrift, die
zu den schönsten und charaktervollsten gehörte, die man sich denken
kann.

Nun geschah etwas Merkwürdiges. Unten im Diakonissenhause, links
neben dem Eingang, lag die Apotheke, in der von einer Schwester die
ganzen Arzneien für die Anstaltshäuser bereitet wurden. Als sie
eines Morgens in die Apotheke trat, fand sie den Giftschrank
erbrochen und alle Gifte verschwunden. Der entwendete Giftbestand
hätte völlig genügt, um viele hundert Menschen zu vergiften. Die
Aufregung war groß. Den ganzen Tag über wurden die umfassendsten
Untersuchungen vorgenommen. Aber alles blieb vergeblich. Am andern
Morgen kam Herr Schnitger zu meiner Mutter, die für Kranke seiner
Art immer ein besonderes Verständnis hatte, sodaß Schnitger schon
vorher immer wieder sich gern ihr mitgeteilt hatte. Er sagte ihr,
daß er am Abend vor dem Einbruch in der Apotheke gewesen sei, um
sich etwas zu holen. Dabei habe er auch den Schrank mit der
Aufschrift „Venena” (Gifte) gesehen und gedacht: „Die Gifte müssen
aus der Welt verschwinden.” Denn er habe gespürt, daß das Morphium,
das er von Zeit zu Zeit gegen seine große Schlaflosigkeit erhalten
hatte, eine Gefahr für ihn werden könne, die er abschneiden müsse.
Nun könne er sich freilich durchaus nicht besinnen, daß er das Gift
weggenommen habe, für unmöglich aber halte er es nicht, da er eben
an jenem Abend die Apotheke mit dem Gedanken verlassen habe: „Das
Gift muß aus der Welt verschwinden.”

Es stellte sich heraus, daß die Nachtwachschwester in jener Nacht
eine Gestalt beobachtet hatte, die aus der Richtung der Apotheke die
Treppe heraufkam. Die Schwester war der Gestalt nachgeeilt und hatte
gesehen, wie sie in dem Zimmer von Herrn Schnitger verschwunden war.
Das konnte natürlich die Vermutung Schnitgers nur aufs äußerste
bestärken. Wiederum aber waren und blieben alle Nachforschungen
vergebens. Die Gifte sind bis heute nicht gefunden worden. Herr
Schnitger aber erklärte: „Ein Mensch, der in Verdacht steht, Gift zu
stehlen, kann unmöglich der Verwalter von Geld sein.” So stellte er
seinen Dienst ein, suchte aber nach neuer Beschäftigung.

Eines Tages kam er zu Vater mit der Bitte, er möchte wohl
Brockensammler werden. Es sei ihm durch den Sinn gegangen, wieviel
Werte doch in all den kleinen Gegenständen steckten, die die
Menschen so leichthin wegwürfen. Die beiden überlegten miteinander,
und es wurde verabredet, daß Schnitger eine Liste aufstellte von
solchen Gegenständen, die er wohl sammeln möchte. Es war ein langes
Verzeichnis, das er Vater einreichte: alte Korke, Stahlfedern,
Knöpfe, Brillen, Uhren, Handschuhe, Regenschirme usw. Ahnungslos,
was folgen würde, ließ Vater die Liste vervielfältigen und legte sie
einem der vierteljährlichen Boten von Bethel bei, die an die Freunde
draußen im Lande verschickt werden. Kaum aber war die Liste in die
Hände ihrer Empfänger gelangt, so begann es von allen Seiten Brocken
zu regnen.

Nur für den allerersten Anfang genügten Schnitgers eigene Kräfte zum
Auspacken. Bald mußte er sich Hilfskräfte suchen. Die Wagen der
Anstaltsökonomie räumten ihren Schuppen, damit die eingehenden
Sendungen wenigstens vor dem Regen geschützt würden. Nach kurzer
Zeit war an Auspacken überhaupt nicht mehr zu denken, weil es an
genügendem Raum zum Sortieren der Sachen fehlte. Es mußte wieder
gebaut werden, es half wirklich nichts. Und Herr Schnitger siedelte
als Brockenvater aus Sarepta in das Brockenhaus über. Für wie viele
ist er dort ein väterlicher Freund und Arbeitgeber geworden, und wie
viele im ganzen Vaterlande -- in Hütten, Häusern und Schlössern --
hat er zur Achtsamkeit auf das Geringe und zur Treue im Kleinen
erzogen!

In der Brockensammlung reihte sich bald ein Arbeitstisch, ein
Arbeitsraum neben den andern. Lauter kleine Reparaturwerkstätten
entstanden. Regenschirme wurden geflickt, Spielzeug heilgemacht, aus
verschiedenen Uhrteilen entstanden wieder gangbare Uhren, aus den
Einzelgängern der Handschuhe neue Paare, Bilder wurden gerahmt,
Bücher ausgebessert, aus den Haufen der verschiedensten Knöpfe hier
ein halbes, dort ein ganzes Dutzend gleichartiger zusammengesucht,
beschädigte Korke zurechtgeschnitten usw. usw.

Was für eine Fülle von Arbeitsgelegenheit ergab sich allein aus den
eingehenden Büchern! Wie mancher wissenschaftlich geschulte Kopf hat
da befreiende Tätigkeit gefunden! So bekamen die Klügsten und die
Beschränktesten unter Schnitgers Anleitung willkommenste
Beschäftigung. Und der Laden, wo die neu hergestellten Sachen
verkauft wurden, wurde oft vom Morgen bis zum Abend nicht leer.
Nicht nur die armen Familien der Umgegend, sondern auch mancher
Kunst- und Altertumsfreund kam hier auf seine Rechnung.

Unter denen, an die Schnitger besondere Aufmerksamkeit und
fürsorgende Liebe wandte, war ein Österreicher mit dunklen,
glühenden Augen und unruhigem Wesen. Es stellte sich später heraus,
daß er Marineoffizier gewesen war und ein österreichisches
Torpedoboot im Adriatischen Meer geführt hatte. Er hatte die
Schiffskasse bestohlen und war, als es entdeckt wurde, unter
falschem Namen nach Deutschland geflüchtet. In seiner Abwesenheit
wurde ihm in Wien der Prozeß gemacht, der ihn zu mehreren Jahren
schweren Kerkers, wie der österreichische Gerichtsausdruck lautet,
verurteilte.

Davon ahnte damals niemand in Bethel etwas, und Schnitger gewann den
Eindruck, daß der Mann, wie auch immer seine Vergangenheit sein
mochte, über die er natürlich ein Dunkel breitete, jetzt ein nach
Licht und Wahrheit strebender Mensch sei.

Er entdeckte bei ihm eine gewisse Begabung zum Zeichnen und
Kolorieren und bat Vater, ihm auf diesem Gebiet weiterzuhelfen.
Vater ging darauf ein und gab ihm allerlei kleine Aufträge, bei
denen er seine Gaben zur Geltung bringen konnte. Lange Jahre
hindurch hing in Vaters Arbeitszimmer ein Bild, das die ersten
afrikanischen Missionare und Missionsfamilien in Usambara darstellte
und das jener Unbekannte nach einer Photographie nicht ohne
deutliches Geschick hergestellt hatte.

Vater hatte, um ihm Mut zu machen, wie das ja seine Art war, mit
seiner Anerkennung nicht zurückgehalten. Das aber war ihm, dem noch
immer seine alte Herrlichkeit als Torpedobootsführer vorschwebte, in
die Krone gestiegen. Er fing an, sich für ein verkanntes Genie zu
halten, das niedergehalten, ausgenützt und mit dem bescheidenen
Taschengeld, das er außer freier Station erhielt, nicht genügend
bezahlt würde. Einige unzufriedene Elemente sammelten sich um ihn;
andere wußte er geschickt aufzusuchen und auszuforschen, und eines
Tages erschien in der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt ein
giftgeschwollener Artikel über die Zustände in der Anstalt. Nicht
nur der alte Schnitger war in der häßlichsten Weise angegriffen,
sondern die gesamte Anstaltsleitung und viele einzelne Personen als
eine Genossenschaft von Ausbeutern hingestellt, die nur für ihre
eigene Tasche arbeiteten, die Kranken und Pfleglinge aber ausnutzen
wollten und offenbare Mißhandlungen ruhig geschehen ließen.

Es war sofort deutlich, daß der Ankläger nur jene geheimnisvolle
Persönlichkeit sein konnte. Die Anschuldigungen waren so schwer und die
ganze Öffentlichkeit in einer Weise aufgeregt, daß für Vater gar nichts
anderes übrig blieb, als die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu
übergeben, damit die erhobenen Anschuldigungen vor aller Welt geprüft
werden könnten. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen, die
schließlich, abgesehen von einigen wenigen Verfehlungen untergeordneter
Kräfte, die der Leitung entgangen waren, die völlige Haltlosigkeit der
Beschuldigungen dartaten. Der arme Mensch wurde zu zwei Jahren Gefängnis
verurteilt.

Bald nachdem er seine Haft angetreten hatte, wurde seine
Vergangenheit bekannt, und das österreichische Gericht forderte ihn
zur Abbüßung seiner Kerkerstrafe ein, sobald er die deutsche Strafe
abgebüßt hätte. Es kam aber nicht mehr zu seiner Auslieferung. Er
erkrankte im Gefängnis in Münster an der Auszehrung und starb unter
der Pflege der Kaiserswerther Diakonissen, nachdem er vorher um
Verzeihung gebeten hatte.

Für den alten Schnitger aber bedeutete diese schmerzliche Erfahrung
einen schweren Stoß. Er zog sich mehr und mehr aus der Arbeit
zurück und siedelte schließlich in einen Vorort von Berlin über,
damit, wie er sagte, in der Einsamkeit der großen Stadt seine
Nerven, die allmählich zu fein und zart geworden waren, noch einmal
wieder wachsen könnten. Immer wieder hat ihn Vater in seiner
Junggesellenwirtschaft aufgesucht oder sich sonst mit ihm in Berlin
getroffen, bis er sich endlich überreden ließ, in das Siechenhaus
von Lichterfelde zu ziehen, wo er unter der treuen Fürsorge unserer
Schwestern die Augen schloß.

Mit seinem tiefen Blick in die Zusammenhänge der Dinge, mit seiner
lauteren Frömmigkeit und seinem Erbarmen nicht nur verachteten,
verlassenen Brocken gegenüber, sondern noch mehr gegen Menschen,
deren Leben trümmer- und brockenhaft geworden war, hat er Vaters
Herzen ganz besonders nahegestanden.

Die Brockensammlung wurde auch insofern eine Wohltäterin für die
ganze Gemeinde, als sie für all die kleinen Feste, Vorstellungen und
Aufführungen eine unerschöpfliche Fundgrube wurde, aus der sich
alles zu Tage fördern ließ, was irgend an Verkleidungen und
dergleichen gebraucht wurde. An den vaterländischen Gedenktagen,
namentlich an Kaisers Geburtstag, rückte sie jedesmal die alten
Uniformen heraus, die sich eingefunden hatten. Man kann sich die
Freude der Epileptischen denken, die niemals im bunten Rock gesteckt
hatten, wenn sie bei dieser Gelegenheit endlich einmal im schönsten
Soldatenkleide prangen konnten. Alle Waffengattungen waren
vertreten, von der schmucken Kavallerieuniform bis zum einfachen
Rock des Infanteristen, und in buntem Zuge ging es durch die
Anstalt.

Vater mußte dann jedesmal vor unserm Hause oder abends in der
Festversammlung die Ansprache halten. Er hatte ja die Feldzüge 1866 und
1870 als Feldprediger mitgemacht. Seine beiden Eltern hatten die Zeit
der Erniedrigung und Erhebung miterlebt; sein Vater war Freiheitskämpfer
gewesen, hatte später dem Königshause nahegestanden, und auch Vaters
eigener Weg hatte ihn in enge Verbindung mit dem Königshause gebracht.
Darum brauchte er bei solcher Gelegenheit nur in die Fülle
hineinzugreifen, um alle Herzen zu entflammen und für Vaterland und
König auflodern zu lassen. In solcher Stunde spürten wir, daß die Welt,
die weite große Völkerwelt, nur der lieben kann, der seinem eigenen
Volk und Land bis in den Tod in treuster Liebe ergeben ist, und daß
Krieg und Kampf dem großen Ratschluß Gottes, den er zum Heil der Völker
gefaßt hat, nicht widersprechen, sondern als unentbehrliche Glieder sich
hineinfügen.

Wie oft hat Vater uns bei solcher Gelegenheit zugerufen: „Nie haben
Frankreich und Deutschland sich in den letzten siebzig Jahren so viel
Gutes getan wie im Kriege von 1870 und 71.” Wenn er das aus tiefster
Überzeugung heraus sagte, dann stand ihm dabei all das Elend vor Augen,
das durch französische Mode, französische Literatur, französische
Leichtfertigkeit in den Jahren des Friedens über Deutschland gekommen
war. Und immer wieder erinnerte er daran, wieviel edles deutsches Blut
langsam dadurch zugrunde gegangen sei, erst an der Seele, dann auch am
Leibe; nicht schnell durch ehrliche gegnerische Kugel oder kühnen
Schwerthieb getötet, sondern allmählich vergiftet, unter den Tränen der
Eltern, unter eigenem, unsagbarem Herzeleid in das Grab gesunken. Ihm
galt ein braver Soldatentod doch ganz etwas anderes vor Menschen und
auch vor Gott. Und eine lange träge Friedenszeit hielt er für weit
verderbenbringender als einen blutigen Krieg.

Immer wieder erinnerte auch Vater daran, wieviel Wohltaten, wieviel
Freundlichkeit sich Freund und Feind am Abend nach den Schlachten
und in den Lazaretten erwiesen hatten, und mahnte, über den
Scheußlichkeiten und Schrecknissen des Krieges diese Wohltaten nicht
zu vergessen.

Wenn er dieses Thema anschlug, dann erzählte er wieder und wieder
die Geschichte des Franzosen, der am 18. August 1870 mit
zerschossenem Oberschenkel auf dem Schlachtfelde von Gravelotte
lag. Die Nacht war schon hereingebrochen. Die Lagerfeuer der
Brigade Goltz, die die Höhen über Jussy besetzt hatte, brannten.
Der Franzose lag, ohne einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm
gesagt: „Fällst du in die Hände der Deutschen, dann machen sie
dich tot.” Aber schließlich brachte ihn die schmerzende Wunde doch
zum Stöhnen. Einige 55 er gingen dem Stöhnen nach und fanden
schließlich den armen, vor Todesfurcht am ganzen Körper zitternden
Menschen im Gebüsch. „Ich habe auf keine Preußen geschossen,” rief
er, „ich habe auf keine Preußen geschossen!” Schnell war der
Notverband angelegt, im Gebüsch wurden ein paar Stangen zur
Tragbahre geschlagen, und dann ging es behutsam in der Dunkelheit
den Berg hinunter. Der arme Mensch wußte nicht, wie ihm geschah.
Immer wieder rief er: „Ich habe auf keine Preußen geschossen.” --
„Gewiß”, sagte Vater, der neben der Bahre herging, „hast du auf
die Preußen geschossen; ich habe ja dein Gewehr gesehen, das ganz
schwarz von Pulverdampf war; und du hast ja auch nur deine Pflicht
getan.” Das konnte er nun nicht leugnen und rief: „Ich werde aber
ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen; ich werde ganz
gewiß nie wieder auf die Preußen schießen.” -- So kam man unten in
Ars an der Mosel an, und erst jetzt, als der junge Franzose im
Lazarett sorgsam gebettet war, hörte er auf zu zittern und fing
an, an die Barmherzigkeit seiner Feinde zu glauben.

Wenn Vater solch eine Geschichte erzählte, dann löste sich vor
unsern Augen der Schleier, der über dem dunklen Geheimnis des
Krieges liegt. Jeder Franzosenhaß war aus dem Herzen getilgt; die
helle vaterländische Begeisterung, die uns in Not und Tod auf
blutigem Schlachtfelde dem Vaterlande ergeben macht, war vereint mit
einer Hingabe an die ganze Menschheit, die auch den Feind ehrt und
liebt.

Es kam einmal zu Vater ein dänischer Schriftsteller, der den
Gedanken des ewigen Völkerfriedens vertrat. Er hoffte, bei Vater
einen Bundesgenossen zu finden und von ihm eine Bereicherung seiner
Gedanken zu erfahren. Vater sprach ihm seine Überzeugung aus, daß in
einer sündigen Welt der Krieg eine nicht zu entbehrende Zuchtrute in
der Hand Gottes sei und daß der sogenannte ewige Friede zu einem
fauligen Morast werden würde, worin die ganze Völkerwelt untergehen
müsse.

Er erzählte ihm dann die Geschichte seines Vaters, wie der 1813 die
Kugel durch die Brust bekam und im Laufe seines Lebens immer wieder
infolge dieser Verwundung schwer erkrankt sei. Aber diese
Krankheitszeiten seien die größten Segenszeiten für die ganze
Familie gewesen. In ihnen habe die Mutter beten gelernt und die
ganze Familie mit ihr. Diese Kugel habe sie alle zu Gott geführt.
Und nie, nie möchte er diese Kugel entbehren. So sei es auch im
Leben der Völker. Die tödlichen Wunden, die sie sich untereinander
schlügen, mußten ihnen doch schließlich zum Segen und zum Gewinn
gereichen, wenn sie sich unter Gottes Hand beugen lernten.

Der Däne war aufs bitterste enttäuscht. Er hatte etwas anderes bei
Vater vermutet. Seine Einwendungen wurden immer erregter und
kräftiger, und auch Vater hatte mit Ingrimm zu kämpfen. Was dem
Dänen selbst als das Hochziel der Barmherzigkeit, Milde und
Friedfertigkeit erschien, empfand Vater als Weichlichkeit,
Verzerrung und Verirrung.

Schließlich sprang der Däne auf, stellte sich vor Vater hin und rief
erregt: „Herr Pastor, jetzt denken Sie sich einmal, wir hätten im
Kriege 1864 gegeneinander gefochten, Sie auf preußischer, ich auf
dänischer Seite, und ich hätte Ihnen die Kugel durchs Herz gejagt
und jetzt begegneten wir einander am jüngsten Tage vor Gottes
Angesicht! Was würden Sie mir dann sagen?” Da streckte Vater dem
Dänen die Hand hin und sagte: „Hab' Dank, lieber Bruder, für die
gute Kugel.” Dem Dänen stürzten die Tränen in die Augen, er schlug
in die Hand ein, nahm seinen Hut und ging, ohne ein Wort zu sagen,
davon. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Höhepunkte des Gemeindelebens wurden immer wieder die Jahresfeste der
drei Schwesteranstalten. Im Frühling das Fest des Diakonissenhauses, im
Herbst das Fest der Brüderanstalt und dazwischen im Sommer das schönste
von allen, das Bethelfest. Bei den Brüder- und Schwesternfesten erschien
mir immer wieder nicht die Einsegnung als das Schönste des Tages,
sondern das mittägliche Liebesmahl. Da war es Sitte, daß die Eltern,
deren Sohn oder Tochter eingesegnet wurden, ihr Kind am Tisch zwischen
sich hatten zum Zeichen, daß sie selbst mit eigenem Willen und mit
ganzer Freude ihr Kind Gott und seiner Gemeinde zum Opfer brachten,
nicht um es fortan zu entbehren, sondern um nur desto fester im Dienst
des gemeinsamen Herrn mit ihm verbunden zu sein. Das brachte dann Vater
immer in Worten zum Ausdruck, die die tiefsten Saiten des Elternherzens
zum Klingen brachten und Eltern und Kind in dem Augenblick, wo dieses
aus dem Elternhause heraus und in den Dienst der Kirche trat, nicht
trennten, sondern aufs engste aneinanderknüpften.

Freilich auch die nachfolgende Einsegnungsfeier entbehrte ihrer
unvergeßlichen Eindrücke nicht, namentlich wenn Vater die Jünglinge
und Jungfrauen des Landes, die bei solcher Gelegenheit von nah und
fern sich einzustellen pflegten, mit herzandringendem Ernst in den
Dienst an den Elenden einlud.

Der Hauptfreudentag jedoch war das Betheljahresfest, das in erster
Linie der Anstalt für Epileptische galt, aber mehr und mehr zu einem
Dank- und Jubelfest der ganzen Gemeinde wurde. Der Kreis der Bänke
draußen in der Waldkirche mußte immer größer gezogen werden, um die
Schar der Feiernden zu fassen. Bisweilen erweiterte sich das Fest
auch zu einer Feier der Jünglings- und Jungfrauenvereine des ganzen
Landes. Zu Fuß, zu Wagen und mit Extrazügen der Eisenbahn kamen sie
unter Lieder- und Posaunenklängen gezogen.

Dann war es wunderschön zu sehen, wie die Epileptischen in der Mitte
des Platzes saßen, und rings umher, wie ein starker Wall und die
Mauer einer Festung, hatten die Chöre der Sänger, Sängerinnen und
Bläser ihren Platz, bis zu zweitausend an der Zahl, und hinter ihnen
die andern Festfeiernden. Und noch schöner war es zu hören, wie die
Lieder und Chöre der Gesunden und Kranken miteinander wechselten.
Tiefer aber als alles, was die Gäste zu bringen hatten, ging uns
jedesmal der Psalm der Epileptischen zu Herzen: „Wenn der Herr die
Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die
Träumenden.” Und wieder und wieder blieben die Blicke der Gäste
haften an den schwermütigen Gestalten, von deren Lippen aus tiefster
Seele die Schwermutsklänge kamen: „Herr, wende unser Gefängnis, wie
du die Wasser gegen Mittag trocknest!” Stets war ein auswärtiger
Freund der Gemeinde geladen, um die Hauptpredigt zu halten. Den
Schluß machte dann Vater. Zwei Klänge waren es, die er bei dieser
Gelegenheit immer wiederholte. Der eine hieß: Unsere Rechnung ist
schlecht, aber recht. Schlecht, wenn wir auf uns selbst sehen, auf
unsere Versäumnisse und unser Versehen. Aber recht, wenn wir auf den
Herrn sehen und seine wunderbare Durchhilfe. „Habt ihr je Mangel
gehabt?” fragte er dann in die epileptischen Kinder hinein. „Habt
ihr je Mangel gehabt dies Jahr über?” „Herr, nie keinen!” Und dann
gab es immer wieder ein Fragen in die Gemeinde hinein nach all den
Wohltaten, die das Jahr gebracht hatte, und die Antworten, die aus
den Bänken der Epileptischen kamen, wollten kein Ende nehmen über
dem, was jeder immer noch mehr zu nennen und zu danken hatte. Und
darum war immer der zweite Klang: „Jedes Jahr ein Klagelied weniger
und ein Loblied mehr.”

Einer der eigenartigsten Freudentage, die die Gemeinde erlebt hat,
war der Besuch des Kaisers und der Kaiserin am 18. Juni 1897. Die
Kaiserin kam vom Bahnhof aus unmittelbar nach Bethel, ging dort in
ihrer wahrhaft mütterlichen Art von Haus zu Haus, von Bett zu Bett,
und wir werden es nie vergessen, wie ihr im Anblick der Elenden die
Augen übergingen. Währenddessen fuhr der Kaiser in seinem schönen
Vierergespann mit Vater nach Wilhelmsdorf hinaus. Seiner Eigenart
entsprechend vertiefte er sich sofort mit höchstem Interesse in die
Entwicklung und den Stand der Kolonie und in das ganze Problem der
„Brüder von der Landstraße”, gleichzeitig in hohem Maße angezogen
und angeregt von Vaters sprudelnder Frische. „Hätten wir doch”, so
rief er, Vater auf die Schulter klopfend, seiner Umgebung zu, „in
jeder Provinz einen solchen Mann, es stände anders im Vaterlande!”
Von Wilhelmsdorf kam dann der Kaiser noch zu kurzem Besuch nach
Bethel, wo er sich mit der Kaiserin auf dem Festplatz im Buchenwalde
zusammenfand. Zweitausend Bläser, zehntausend Sänger und Sängerinnen
der christlichen Jünglings- und Jungfrauenvereine des Landes
bildeten den Festchor, der vom Posaunen- und Sangmeister Kuhlo hoch
vom Stamm einer Buche aus mit blitzendem Messingstabe geleitet
wurde. Tief ergreifend war es, mitzuerleben, wie die Wellen der
Vaterlandsbegeisterung verschlungen wurden von der Hochflut der Töne
zur Ehre Gottes und seines unvergänglichen Reiches.

Weihnachten aber ging natürlich über alles. Da war am heiligen Abend
in der Zionskirche die ganze Gemeinde zur Christfeier versammelt.
Wie wußte Vater dann unsere Herzen zur Dankbarkeit zu stimmen gegen
Gott, der uns seinen Sohn zum Heiland gab, und gegen die Menschen,
die gerade zu Weihnachten in immer wachsendem Maße der Gemeinde der
Epileptischen ihre Liebe erwiesen! Das ganze Herz voll innerem Jubel
gingen wir heimwärts, um dann in den einzelnen Häusern noch
besonders zu feiern.

Auf manchen Stationen der Kranken hatte schon an den vorhergehenden
Tagen die Feier stattgefunden, damit ein Haus mit dem andern sich
freuen konnte an dem Strom der Liebe, der zu Weihnachten von draußen
her in die Gemeinde hineinflutete, und um die kleinen mit so viel
Mühe und Freude einstudierten Darstellungen und Deklamationen der
Kranken miteinander zu erleben und die Güte Gottes zu preisen. Wir
werden es nie vergessen, mit welcher Kindlichkeit, Inbrunst und
Anbetung dann Vater mit den Kindern des Kinderheims, mit den
Elendesten und Ärmsten von Patmos, mit den ganz Schwachen von
Eben-Ezer, mit den Gemütskranken von Morija vor der Krippe kniete,
um ihnen alle einzelnen Figuren zu erklären, und wie er uns alle,
Kranke und Gesunde, hineinzog in das selige Geheimnis: „Gott ist
geoffenbaret im Fleisch.”


Gebet, so wird euch gegeben!

Vaters bereits erwähntes Wort „Die Anstalt gehört der ganzen
Christenheit!” war aus seiner innersten Überzeugung heraus
gesprochen. So sah er die Aufgabe der Anstalten und darum auch seine
eigene Aufgabe an. Er für seine Person gehörte wirklich der ganzen
Christenheit, ja der ganzen Welt stand er als Schuldner gegenüber.
Seine Liebe kannte keine Grenzen, darum war auch sein Arbeitsfeld
unbegrenzt. „Laßt es euch gern sauer werden!” konnte er uns
gelegentlich zurufen. Es war in der Tat ein saures Leben, so von
aller Welt vom Morgen bis zum Abend um Hilfe angegangen zu werden
und niemals ein Ende zu sehen. Aber geklagt hat er nie darüber. Er
ließ es sich wirklich gern sauer werden. Es war ihm immer eine
Freude, wenn er um etwas gebeten wurde. Er machte es jedem leicht,
ihm mit einem Anliegen zu kommen, welcher Art es auch war.

Wie konnte er uns unsere Wünsche, unsere kleinen und großen Nöte
entlocken! Für sorgenvolle, traurige Angesichter, die in sein Haus
kamen oder ihm unterwegs begegneten, hatte er immer das Auge der
zartesten Liebe. Dann konnte seine Stimme den Klang annehmen, mit
dem die Mutter ihrem verzagten Kinde seine Last, sein Geheimnis
entlockt. „Hast du einen Kummer? Darfst ihn mir wohl sagen; --
vielleicht nur ein Kümmerchen? ein ganz kleines Kümmerchen? Ich sage
es auch niemand.” Manchmal wurde schon allein über solchem Klang der
Kummer zum Kümmerchen, das Kümmerchen zum kleinen Kümmerchen und
verschwand wie der Nebel im Schein dieser sonnenhaften Liebe.

Aber wer dann doch mit einem Schmerz, einem Anliegen, einem Wunsch
herauskam -- ungetröstet ging keiner von ihm. Er gab immer etwas. Er
konnte natürlich nicht alle Bitten erfüllen, die an ihn herankamen.
Aber ganz leer ging man niemals davon, es mochte nun ein Briefchen
sein, das er einem aufgeregten Kranken an seinen Hausvater mitgab,
oder ein Ratschlag oder ein kurzer väterlicher Zuspruch -- etwas
bekam jeder mit.

Und niemals war er in Hast. Auch wenn im letzten Augenblick der
Abreise jemand kam, niemals gab es ein rasches Abweisen. „Liebes
Herz, komm ein andermal wieder! Du siehst, ich habe jetzt knappe
Zeit.” Aber eben wiederkommen, man durfte immer wiederkommen! Kam
jemand mit äußeren Anliegen, so blieb es sein Grundsatz, nicht zu
leihen, sondern entweder zu schenken oder Arbeit zu geben. Er hatte
es seit Paris zu oft erfahren, daß man ihn immer wieder angeborgt,
ihm aber fast nie zurückgegeben hatte. Natürlich machte er auch
Ausnahmen von diesem Grundsatz, aber nur in sehr seltenen Fällen.
Kam ein Schneider, der um Hilfe bat, so verfiel Vater immer wieder
auf den Ausweg, sich eine Weste machen zu lassen. Einen ganzen Anzug
konnte er nicht anwenden, aber eine Weste, eine Weste! „Lieber
Freund, können Sie mir wohl eine Weste machen?” Als er seine Augen
geschlossen hatte, war die unterste Lade seiner Kommode ganz voll
von Westen!

Bei solcher Hilfsbereitschaft konnte es natürlich nicht anders sein,
als daß sein Schreibtisch sich immer aufs neue füllte mit
Bittbriefen der verschiedensten Art und sein Zimmer mit Bittstellern
von nah und fern. Für die Beantwortung der brieflichen Bitten um Rat
und Hilfe erstand ihm in Missionar Layer die stille, nie ermüdende
Hilfe. Bei denen, die selbst kamen, sah er es schnell den Gesichtern
ab, ob er ihr Anliegen in Gegenwart seines Sekretärs und des
Kandidaten erledigen konnte oder ob es unter vier Augen geschehen
müsse. „Geh ins Stübchen!” hieß es dann. „Ich komme.”

Begreiflicherweise konnte es auch geschehen, daß er nicht kam,
sondern im Gedränge der Arbeit den Wartenden vergaß. Sechs Stunden
lang hat einmal ein armer sorgenvoller Schuster im Stübchen unter
dem großen aus Holz geschnitzten Kruzifix gesessen, ohne sich ans
Licht zu wagen, offenbar in dem Gefühl, daß das geduldige Warten zum
ersten Teil der Hilfe gehöre. Aber als er dann endlich entdeckt
wurde, ist er doppelt getrost seine Straße gezogen.

Natürlich waren es nicht immer nur Personen, sondern auch allgemeine
Anliegen, die an Vater herantraten. Eine Gemeinde möchte eine
Eisenbahn-Haltestelle haben und bedarf der Fürsprache beim
Ministerium. Ein Kirchbau ist ins Stocken geraten. Über ein
Diakonissenhaus sind schwere Irrungen gekommen. Eine Anstalt ist
zerfallen mit ihrem Vorsteher. Die Außenbezirke von Bielefeld haben
Rat und Tat nötig zur Errichtung selbständiger Kirchengemeinden. In
Ems sind die Kurgäste ohne geistliche Versorgung und bedürfen einer
Kirche. Die Waisen und Witwen der südafrikanischen Buren leiden
Mangel usw. Es ist unmöglich, die großen und kleinen Nöte
aufzuzählen, die von nah und fern an ihn herandrangen. Aber wo er
sich einer Sache annahm, da setzte er seine ganze Person ein, unter
Umständen auch seine ganze Leidenschaft. Denn jede Lieblosigkeit,
namentlich wenn sie im äußeren Gewande der Frömmigkeit kam, konnte
sein Innerstes aufs tiefste erregen und sein Angesicht glühend,
bisweilen sogar weiß machen vor Zorn.

Oft dauerte es Jahre, ja Jahrzehnte, bis im einzelnen Fall das Ziel
erreicht, der Friede hergestellt, die Gemeinde aufgerichtet, die
Kirche gebaut war -- aber was einmal angefangen wurde, das wurde
auch durchgeführt mit großer Zähigkeit und in dem ritterlichen Sinn,
der sich gerade der Schwachen am liebsten annimmt und den Kampf
nicht scheut.

Vaters unermüdliche Liebe -- das konnte natürlich nicht ausbleiben
-- weckte Gegenliebe. Weil er selbst half, wo er nur konnte, darum
wurde ihm auch geholfen. Weil er selbst sich so gern bitten ließ,
darum gönnte er die Freude, gebeten zu werden, auch andern.

Schon in den ersten Jahren der Arbeit in Bethel kam einmal Georg
Müller, der Vater der Waisen von Bristol, zu uns. Er sprach einen
Abend in der Kapelle von Sarepta. Vater fühlte sich diesem Mann des
Glaubens innerlich verwandt. Doch Müllers Meinung, daß man nur Gott,
aber nicht Menschen bitten dürfte, billigte er nicht. Überhaupt
hatte er die Überzeugung, daß Müller sich täusche, wenn er meinte,
er bäte Gott, aber nicht Menschen. Müllers ausführliche Berichte
über den Fortgang seiner Arbeit, vor allem aber seine immer erneuten
Nachrichten über die wunderbare Erhörung seiner Gebete waren in
Vaters Augen ganz deutliche Bitten, die an Menschen gerichtet
wurden, wenn auch in verhüllter Form.

Aber gerade diese verhüllte Form liebte Vater nicht. Er mußte an
seiner Freude zu helfen alle teilnehmen lassen, und das konnte er
nur, wenn er mit einer klaren, deutlichen Bitte an die Türen und an
die Herzen klopfte. Darum trat er auch stets für die Notwendigkeit
und das Recht der Hauskollekten ein und wurde nicht müde, die
Berufskollektanten, die tagaus, tagein in Hitze und Frost und Regen
ihre Sammelwege gingen, für ihren mühseligen, entsagungsvollen
Dienst zu ermuntern. Daß er nur im Aufblick zu Gott bei den Menschen
anklopfen konnte, verstand sich für ihn von selbst.

Wie oft trat er mitten aus der Arbeit ganz unvermerkt an sein
Fenster! Wir wußten, was da vor sich ging. Aber es blieb sein und
auch unser Geheimnis. Von seinem persönlichen Gebetsleben hat er nie
gesprochen. Er hat die großen Verheißungen, die dem Gebet geschenkt
sind, immer wieder vor der Gemeinde und im Familienkreise gepriesen,
aber nie zum Gebet gedrängt. Er wußte, daß dies Größte, Heiligste,
Gewaltigste, durch das Erde und Himmel bewegt werden, ohne alles
Zutun eines Menschen entsteht. Darum waren ihm auch die öffentlich
abgekündeten Gebetsversammlungen wesensfremd. Für ihn war das Gebet
das große Vorrecht der Gemeinde, des Familienvaters, jedes einzelnen
Christen und der kleinen verborgenen Häuflein, aber eine öffentliche
Abkündigung des Gebetes liebte er nicht und nahm darum auch nicht an
diesen Veranstaltungen teil.

Die große Zuversicht aber, mit der er in der Verborgenheit oder mit
der ganzen Gemeinde Gott um seine Hilfe bat, machte ihn nun auch
zuversichtlicher, die Menschen zu bitten. Was er Gott gesagt hatte,
warum sollte er das nicht Menschen sagen? Da kannte er keine Grenzen
und kein Geheimnis. Die Hilfe, die er suchte, war nicht Geld,
sondern Menschen. „Ein Tröpflein Liebe”, sagte er oft, „ist mehr
wert als ein ganzer Sack voll Gold.” Um Liebe warb er. Hatte er sie
gewonnen, so waren natürlich Geld und Gut und jede Art irdischer
Hilfe auch gewonnen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”, das
drang durch alle seine Bitten hindurch. Und wie taten sie
unbeschreiblich wohl! Hier wurde das Herz in seiner Tiefe bewegt.
Hier wurde der Mensch nicht immer wieder erinnert an sein armes,
totes Geld, sondern befreit von seinem Geld, emporgehoben über sein
Geld und zu lebendiger Mitarbeit berufen mit allem, was er war und
hatte.

Dieser persönliche Klang zog sich durch alle seine Berichte. Man
fühlte ihnen ab: sie sind nicht mit der Absicht geschrieben, Geld
herauszuschlagen. Sie gingen tiefer als ins Portemonnaie, sie
drangen ins Gemüt, ins Gewissen, in die Welt der Gedanken und des
Willens, in das Innerste der Person. Und immer waren sie so
geschrieben, daß auch der Geringste sie verstehen konnte.

Schon in Basel hatte er die Batzen-Kollekte kennen gelernt. So
führte er kurz nach seinem Eintritt in Bethel die Pfennig-Kollekte
ein. Jedesmal zehn Freunde der Arbeit erklärten sich bereit,
wöchentlich fünf Pfennig für die Pflege der Epileptischen
beizusteuern. Einer von den zehn übernahm das Einsammeln und die
Verbindung mit Bethel. Oft war es eine Witwe oder ein Krüppelkind,
die den Mittelpunkt eines solchen kleinen Kreises bildeten,
wöchentlich von Haus zu Haus zogen, um die Gaben in Empfang zu
nehmen, und alle Vierteljahr das Blatt mitbrachten, das aus der
Arbeit in Bethel berichtete.

Nie ging Vater auf mächtige, wohlhabende, angesehene
Persönlichkeiten in erster Linie aus, sondern immer vor allem auf
die Kleinen, Schwachen, Geringen. Es besuchte ihn einmal ein Pastor,
der für ein großes Hilfswerk eine Stadt nach der andern bereiste,
aber nur zu den Reichen ging, nur große Gaben wünschte und auch
bekam. Aber es waren nur einmalige Gaben. Nach kurzer Zeit brach das
Werk zusammen. Es war nicht in der Tiefe gegründet gewesen. Vater
konnte umgekehrt eher erschrecken, wenn er eine ganz große Gabe
bekam. Wie, wenn das bekannt würde?! Dann würden seine kleinen
Gehilfen und Mitarbeiter hin und her im Lande denken können, ihr
Dienst sei jetzt unnötig, während doch gerade aus den kleinsten und
verborgensten Quellen und Rinnsalen der Strom entstand, der die
immer wachsende Last des Elends, die sich in Bethel sammelte, auf
starkem Rücken trug.

Diese Überzeugung, daß die kleinsten Mithelfer die sichersten seien,
gab dann auch wieder und wieder die glückliche Form für seine
Bitten. Als es sich um den Bau einer Wasserleitung handelte,
berechnete er genau die Wassermenge und die Kosten der Leitung. Es
stellte sich heraus, daß die neue Anlage täglich 50000 Liter
liefern würde und daß zu ihrer Fertigstellung rund 50000 Mark nötig
seien, also für jeden Liter eine Mark. Damit war die Bitte gegeben:

                      „Ein Liter kalten Wassers!

Vor zehn Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns
schon einmal ein köstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt
eines frischen Wassertrunkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen
und in unsere Anstalten leiten halfen. O wie dankbar waren wir, als
zu Weihnachten das frische Wasser in unsern Häusern plätscherte! In
den zehn Jahren ist aber die Zahl unserer Anstaltsglieder von 1000
auf 3000 Seelen gewachsen, und was damals reichte, reicht heute
längst nicht mehr. Aus vielen Häusern dringt mir jetzt, sooft ich
mich sehen lasse, der Ruf entgegen: „Wasser! Wasser!” Wer jemals
diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den
heißen Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergißt ihn
nie! Aber auch in Friedenstagen tut ein solcher Ruf weh. Frisches
Wasser ist namentlich für Kranke eine sehr große Wohltat.

Brunnen graben hilft bei uns nichts, sie versiegen im Sommer. Wir
haben, um uns zu helfen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge
zu legen beschlossen. Dazu aber mußten wir in den sauren Apfel
beißen und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das
Wasser hatte und der auf keine andere Weise das Wasser abgeben
wollte. Das wird ja nun freilich teures Wasser! Mit den Kosten der
Leitung müssen wir mindestens 50000 Mark dafür ausgeben, bekommen
dann aber auch täglich 50000 Liter köstliches Gebirgswasser, also
für je eine Mark Anlagekapital täglich für alle Zeit einen Liter
Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Häuser hinein und
außerdem den kleinen Bauernhof mit drei Häusern im Gebirge, die
wieder einem kleinen Teil der immer noch so großen Zahl wartender
Kranker eine so erwünschte Heimat gewähren können.

Immerhin wird es uns sehr schwer, neue 50000 Mark Schulden auf uns
zu laden. Damals haben uns etwa 12000 Geber je 50 Pfennig geschenkt
und uns so die große Weihnachtsfreude bereitet. Wie wäre es, wenn
jetzt jeder Leser sammelte, um für alle Zukunft täglich unsern armen
Kranken einen Liter frischen Wassers zu reichen! Wäre das nicht ein
liebliches Weihnachtsgeschenk? Ich halte es nicht für unmöglich, daß
Gott uns wiederum diese Freude bereitet, und ich wage zu bitten:
Frisch ans Werk!

Den Dank überlassen wir dem, der gesagt hat: Wer dieser Geringsten
einen mit einem Becher kalten Wassers tränket, wahrlich, ich sage
euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.”

Einen Liter, das konnte jeder; diese Freude konnte sich auch der
Geringste bereiten. Aber gerade weil die Bitte sich so zu dem
Geringsten hinunterbeugte, war auch der Wohlhabende gefaßt. Konnte
der Kleine einen Liter geben, dann konnte der Vermögende zehn,
zwanzig, fünfzig, hundert Liter schicken. So floß bald die
Wasserleitung über. Und viele neue Freunde, die bis dahin den
Aufgaben von Bethel fernstanden, waren hinzugewonnen.

Als die erste Nachricht über die große ostafrikanische Hungersnot
nach Berlin kam, ließ sich Vater von Missionar Döring die soeben
eingegangenen Berichte auf dem Bahnhof in Berlin an den Zug bringen,
um sie auf der Heimreise zu studieren. Ich mußte ihm einen Bericht
nach dem andern vorlesen. Dann saß er lange mit geschlossenen Augen
in der Ecke. Schließlich sagte er: „Schreib mal!” In kurzen
ergreifenden Zügen schilderte er die Hungersnot und ihre Folgen. Was
sollte geschehen? Sofort sollten die Missionare an der Küste
Nahrungsmittel und Kleidung aufkaufen und überall den Eingeborenen
gegen Arbeit abgeben. Steine sollten aus den Wegen geschafft, aus
den Feldern geräumt und auf Haufen getragen werden, damit Häuser und
Schulen und Kirchen daraus gebaut werden konnten. Also „Brot für
Steine”. Als er fertig war, sagte er: „So, nun habe ich
100000 Mark.” Er kannte die Herzen der Kleinen, der Armen, der
Schwachen, die selbst etwas von Not und Druck wußten. Den Lohn für
einen Stein, der draußen in Afrika einem hungernden Kinde ausgezahlt
wurde, konnte auch das ärmste Kind sich von seiner Mutter ausbitten.
Wer aber mehr geben wollte, dem waren ja keine Schranken gesetzt. In
der Tat kam gerade die deutsche Kinderwelt durch diese Bitte in
Bewegung. Jeder wollte helfen, damit für Steine Brot gekauft und der
Hunger gestillt werden könnte. Und als schließlich die Hungersnot zu
Ende ging, blieb noch so viel übrig, daß auch die sterbenden
Familien der Buren in Südafrika mit versorgt werden konnten.

Wenn solche Bitten in die Welt hinausgingen, gab es Anstalten, deren
Leitungen erschraken: „Gräbt Bodelschwingh uns nicht das Wasser ab?”
Nicht immer blieb es nur bei solchen Schrecken und Befürchtungen
stehen; es kam auch zu Verwahrungen, zu Protesten. Vater hatte dafür
keine Empfindung. Er sah in solchen Befürchtungen einen verkehrten
Sorgengeist, eine geheime Fesselung durch den Mammon. Ihm lag ja gar
nicht am Gelde, ihm lag immer an der Liebe. Und die Liebe zu
entfachen, war nicht nur erlaubt, das war Pflicht, das kam ja aller
Welt zugut, nicht nur ihm und seiner besonderen Aufgabe. Er war
überzeugt, daß diejenigen Missionsgesellschaften, die sich in ihrem
Gebiet abschlossen und andere ausschlossen, gegen ihr innerstes Wohl
handelten. Nur ja der Liebe keine Schranken setzen!

Und wenn man jetzt zurückschaut, so wird es in der Tat in den
letzten hundert Jahren wenige Menschen gegeben haben, vielleicht
keinen, die so wie Vater Liebe zu wecken wußten, Liebe, die nicht
nur irgend einem kleinen Sonderbereich zugute kam, sondern die
überall, wo in der Heimat oder in der Heidenwelt eine Not sich
zeigte, zur Hilfe willig war. Darum wollte er nichts davon wissen,
daß wohltätige Unternehmungen oder Missionsgesellschaften bestimmt
umgrenzte Interessengebiete für sich allein in Anspruch nahmen und
jedem andern den Zugang wehrten.

Das hat sich auch in der engeren Heimat Bethels, im Ravensberger
Lande, gezeigt. Als die Anstalt gegründet wurde, stand mancher der
führenden Männer des Landes mit Sorge beiseite. Würden die Werke der
inneren und äußeren Mission, die im Lande angefangen waren, nicht
durch das neue Unternehmen zu leiden haben? Das Gegenteil ist
Wirklichkeit geworden. Zu den bestehenden Anstalten im Lande sind
nicht nur die von Bethel hinzugekommen, sondern noch eine nicht
geringe Anzahl neuer Pflegestätten, wie die schon erwähnte Anstalt
Pastor Krekelers im Wittekindshof und die unter Pastor Siebold zu
einem selbständigen Zweige gewordene Waisen- und Fürsorgeanstalt
Eickhof in Schweicheln und viele kleine Pflegehäuser in einzelnen
Gemeinden. Sie leben alle und werden leben, solange und in dem Maße,
als Glaube und Liebe da sind.

Für die Freudigkeit und Willigkeit der Freunde im Lande war es
natürlich von großer Bedeutung, daß sie wissen konnten: Man geht mit
der Hilfe, die wir bringen, in Bethel sorgsam um. Vater selbst hätte
nicht mit solch freudigem Gewissen immer wieder bitten können, wenn
er nicht innerhalb der Anstalt unablässig zu größter Treue gegenüber
dem anvertrauten Gut angehalten hätte.

Und die Kräfte der Freunde konnten nur wachgerufen und wachgehalten
werden, wenn auch in Bethel selbst immer wieder alle Kräfte willig
und munter blieben. Als die Wasserleitung gebaut wurde, sah man
Vater, seinen ältesten Enkel an der Hand, beide mit dem Spaten auf
dem Rücken, an die Arbeit ziehen, um den Graben für die
Wasserleitung ausgraben zu helfen. Natürlich wollte jetzt keiner
zurückstehen. Es war ein Helfen und Wetteifern von Kranken und
Gesunden, bis die ganze 2500 Meter lange Leitung aus dem Berge
herangeführt und der Graben wieder zugeworfen war. Aber wenn dann
Vater abends die Leitung entlang ging und fand noch Arbeitsgeschirr,
das nicht weggenommen war, wie konnte er dann noch denselben Abend
an den Hausvater, der mit seinen Leuten an der betreffenden Strecke
gearbeitet hatte, ein Briefchen schicken, das durch Mark und Bein
ging!

Und doch war diese Sorgsamkeit im Kleinen nicht kleinlich. Ein enges
Gewissen und ein weites Herz blieben miteinander geeint. Er blieb
der Vater. Es war nichts vom Aufseher, vom Aufpasser in ihm. Er
erzwang nicht mit Gewalt eine Treue im Kleinen, wo er sah, daß sie
Zeit haben müsse zu wachsen. Und nie sollte die Sparsamkeit die
Freude und die Schönheit und den Frieden beschränken. Hätte er immer
Zeit gehabt, sich jedes einzelnen Baues anzunehmen, so wäre mancher
einfacher ausgefallen. Aber er ließ auch dem Baumeister Freiheit und
beschränkte seine Freudigkeit nicht.

Für das Vertrauen der einzelnen Mitarbeiter am Elend aber war es
schließlich von großem Wert, zu wissen, daß ihre Schultern nicht mit
Aufgaben belastet wurden, die eigentlich von andern hätten geleistet
werden müssen. Darum zog Vater von Anfang an und wo er nur konnte,
die staatlichen Organe zu Mitarbeitern heran. Aber auch seine
Eingaben an die Behörden trugen immer den persönlichen Ton, der an
die Herzen drang.

Und immer unterstützte er die schriftlichen Bitten dadurch, daß er
selbst kam. So suchte er einige Herren des Provinzial-Landtages in
Münster morgens früh in ihrem Hotel auf, noch ehe sie aufgestanden
waren, brachte ihnen ihre Stiefel ans Bett und gewann sie dann für
seine Anliegen. „Sie sind ein gefährlicher Mensch”, sagte ihm einmal
der Finanzminister Miquel, der pflichtgemäß immer die Sache vor die
Person stellte, aber sich doch der persönlichen Glut nicht entziehen
konnte, mit der Vater seine Angelegenheit vertrat.

Wie bei den Freunden im Lande, so war es auch, wenn er in die
Regierungsgebäude, die Konsistorien und Ministerien kam, immer seine
Art, von unten anzufangen. Die Pförtner, die Kanzlisten waren seine
besonderen Freunde. Sie kannten ihn alle, sie taten ihm alles zu
Gefallen. Sie wiesen ihm die Wege zu den Räten und Geheimräten, an die
er sich im einzelnen Falle zu wenden hatte, und von diesen stieg er dann
auf zum Präsidenten und Minister. Dieser Einfalt der Liebe, mit der
Klugheit der Schlange gepaart, konnte auf die Dauer niemand widerstehen.
Sie machte sich alle untertan, sodaß der Regierungspräsident von Minden
im Blick auf sich und seine Beamten einmal scherzend sagte: „Wir haben
die Ehre gehabt, unter Herrn von Bodelschwingh zu dienen.”

Einmal kam von Oberschlesien her ein epileptischer Knabe, Ferdinand
Hintze, ganz allein angereist, nur mit einem Schild auf der Brust,
auf dem die Bahnbeamten gebeten wurden, dem Jungen auf der Reise
behilflich zu sein. Der kleine Ferdinand war denn auch von allen
Zugführern und Schaffnern so freundlich behandelt und sicher
geleitet worden, daß er bis an sein Lebensende nichts anderes werden
wollte als Zugführer. Dieses Pappschild schickte Vater dem
Eisenbahnminister ein, erzählte ihm, wie es dem Jungen ergangen sei
und wie dankbar dieser wäre für alle ihm widerfahrene Hilfe, und
schloß daran die Bitte, daß der Minister in den Fußtapfen seiner
liebenswerten Beamten nun allen Epileptischen die große Liebe
erweisen möchte, ihnen eine Fahrpreisermäßigung zu gewähren. Die
Bitte schlug durch, sodaß seitdem alle Fallsüchtigen und andere
mittellose Kranke mit ihren Begleitern zu halbem Preise reisen
können, eine Wohltat, die Vater schon einige Jahre vorher allen
deutschen Krankenpflegern und -pflegerinnen beider Konfessionen
erkämpft hatte.

So wurde er der Bettelmann, von dem die Kinder deklamierten:
„Edelmann, Bedelmann, Doktor, Pastor, Kutscher und Bauer und
Lumpenmajor.” Und wenn er ein Bettelmann war, der immer wieder
kommen durfte, so lag das an seiner tiefen Dankbarkeit. Er durfte
bitten, weil er danken konnte. Und auch beim Danken dankte er immer
für die Liebe, nie bloß für das Geld. Den Geber meinte er, nicht nur
seine Gabe. Ganz unabsehbar ist die Fülle der Briefe, die er bittend
und dankend schrieb und die doch immer wieder einen neuen Klang
hatten, weil ihm Bitten und Danken nie zum Geschäft wurde, sondern
zur täglich neuen Freude, die Gott ihm schenkte. So finden sich in
dem Heft der Stenogramme aus Dezember und Januar 1891/92 u. a.
folgende Diktate:

An Herrn Clemens Fischer, Bremen.                     16. 12. 91.

        Hochverehrter Herr!

Glauben Sie ja nicht, daß ich mich durch Ihre und Ihrer Mithelfer
Gabe enttäuscht fühle. Wenn die Wohlhabenden und Reichen dieser Welt
überall so willig wären, Becher kalten Wassers einzuschenken, wie
Sie es gehofft haben, so würde das nicht gut für uns sein. Wir
würden aufhören, arme Leute zu sein. Das Armsein ist uns recht
nötig.

Ich habe neulich einmal an 57 Millionäre geschrieben und einen
Beitrag erbeten für ein Krankenhaus in Ostafrika, wo drückende Not
herrscht und das wir auch mit unsern Brüdern und Schwestern
bedienen, die ihr Leben daran wagen. Aber von allen 57 habe ich
keinen Pfennig für diesen Zweck empfangen. Da muß ich Ihre Ernte
doch noch als eine verhältnismäßig reichliche ansehen und danke
Ihnen doppelt für Ihre Liebe. Gott schenke Ihnen ein fröhliches,
seliges Weihnachtsfest und eine Liebe, die nicht müde wird, auch wo
man Enttäuschung erfährt.

Ihr Ihnen und allen Helfern Ihrer und unserer Freude
                              innig dankbarer   B.

Zusatz zur Weihnachtsbitte für das Bielefelder Sonntagsblatt. 1891.

Übrigens möchten wir nicht allein für uns hier bitten, sondern
ebenso für alle andern Anstalten der Innern Mission, die einem jeden
der lieben Leser die nächsten sind. Außerdem möchte ich auch
wiederum gern unsere Westfalen an einen fernen Westfalen erinnern,
den Hausvater Meyer in Osterode in Ostpreußen mit seinen
ostpreußischen Waisenkindern. Er hat seit vielen Jahren sich
Weihnachten freuen dürfen, daß Westfalen ihn nicht vergessen hat.
Und der gleichen Liebe und alten Treue empfehle ich auch das
Waisenhaus Ducherow in Pommern.

An acht Geschwister in Berlin.                        16. 12. 91.

      Meine geliebten Kinder!

Wie freue ich mich, daß Ihr auch in diesem Jahre wieder treu gewesen
seid. O ja, Treue ist eine ganz besonders köstliche Sache vor Gott.
Er wolle Euch alle acht treu machen in allen Stücken, in der Liebe
zu Gott und zu Euren lieben Eltern, aber auch in der Liebe zum
Nächsten. Er wolle Euch treu machen im Gehorsam, treu in der Arbeit,
treu im Glauben bis ans Ende. Wie freue ich mich auch, daß ich am
Weihnachtsabend unsern lieben Kranken sagen kann, daß Ihr wiederum
um ihretwillen ein Jahr willig den süßen Zucker entbehrt habt, um
ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest bereiten zu helfen. Ich schicke
Euch hiermit einige Büchelchen und Bildchen von unserer Anstalt.
Grüßt mir auch Euren lieben Vater und Eure liebe Mutter und dankt
ihnen auch herzlich, daß sie zu Eurer Gabe das gleiche zugelegt
haben.

          Es gedenkt Euer in dankbarer Liebe    Euer     B.

    An Fabrikarbeiter in Iserlohn.                    18. 12. 91.

Unter den mancherlei schmerzlichen Erfahrungen von Gleichgültigkeit
gegen die Not der Brüder ist es mir eine ganz besondere Ermunterung
und Stärkung in unserer Arbeit gewesen, daß in Iserlohn unter denen,
die selbst nicht reich an Gütern dieser Welt sind, ein solches
Liebesfeuer erwacht ist, an unsere armen Kranken zu denken. Wer
selbst arm ist, weiß auch am besten, wie es andern Armen zu Mute
ist. Ich will unter dem Weihnachtsbaum unsern Kranken erzählen, was
Iserlohner Fabrikarbeiter für sie tun. Das wird unsere Kranken
erfreuen und beschämen und dazu dienen, daß sie desto stiller und
geduldiger ihr schweres Leiden tragen.

Es grüßt Sie alle in dankbarer Liebe und wünscht Ihnen ein reich
gesegnetes, friedevolles Weihnachtsfest

                                                        Ihr  B.

        Liebe Dorothea, liebe Gertrud!                24. 12. 91.

Ich habe Euer kleines Paket bekommen und danke Euch herzlich für die
10 Mark, die Ihr für 10 Liter Wasser Euch gespart habt. Und ganz
besonders danke ich Gertrud für das Hemdchen, das sie in der Schule
genäht hat. Ich will es heute gleich nach dem Kinderheim tragen. Da
will ich es einem kleinen schwarzen Heidenkind schenken, das vier
Jahre alt ist und dem es gerade paßt. Es ist schade, daß Ihr heute
nicht einmal eine Stunde in Bethel sein könnt. Da würdet Ihr etwas
sehen, was Ihr noch nie gesehen habt. Da werden viele, viele hundert
Kinder und Kranke an dem schönen Kripplein um den Weihnachtsbaum
versammelt sein und viele schöne Lieder singen, und am Schluß wird
die kleine Heidin, der ich das Hemdchen schenken will und die jetzt
Fatuma heißt, getauft werden. Ein schwarzer Soldat hatte sie in
Afrika gestohlen und wollte sie wie den kleinen Joseph nach
Ägyptenland verkaufen. Das hat der Schiffskapitän gemerkt und sie
dem Soldaten abgenommen und uns mitgebracht. Und die kleine Fatuma
hat sehr schnell den Heiland liebgewonnen und ist sehr fleißig und
treu im Kinderheim, die andern kranken Kinderchen zu pflegen. Nun
soll sie heute abend den Namen Elisabeth bekommen.

    Es grüßt Euch und Eure lieben Eltern
                                Euer dankbarer

                                                      4. 1. 92.
  Mein teurer und geliebter Bruder und väterlicher Freund!

Ihre Simeonsgabe habe ich richtig erhalten, und unsere Kranken
danken auch für diese Liebe auf das herzlichste. Der barmherzige
Gott wolle den Spätabend Ihres Lebens, wo die irdische Sonne nicht
mehr leuchten will, mit dem Morgenrot seines ewigen Lichtes hell
machen, bis der Tag anbricht, dem kein Tag gleicht und wo alles, was
hier noch dunkel ist, sich in volles Licht verwandelt.

    In alter dankbarer, treuer Liebe            Ihr       B.

An den wenigen Feierabenden, die ihm blieben, ließ er sich von uns
vorlesen und unterschrieb währenddessen die Dankkarten. Es war oft
nur ein einziger Satz, aber es lag ein Ton darin, der bis in den
Grund der Seele wohltat.

Wer aber einmal in den Kreis der Freunde und Mitarbeiter eingetreten
war, und wenn es auch nur mit der kleinsten Gabe gewesen wäre,
dessen Liebe wurde festgehalten und gepflegt. „Lassen Sie mich Ihre
Hand recht fest fassen”, so bat Vater immer wieder. Aber er konnte
das nur, weil ihm viele treue Hände zur Seite standen. Wie die
Baseler Mission ihm für die geschäftliche Leitung der Anstalt immer
wieder Mitarbeiter gab, deren Treue und Tüchtigkeit auf dem
indischen und afrikanischen Missionsfelde erprobt war -- welche
Fülle unermüdlichster Arbeit schließen auf diesem Gebiet die Namen
Ostermeyer und Kehrer in sich! -- so war es die Barmer Mission,
durch die Missionar Heienbrok nach Bethel kam. Als Leiter des
„Dankortes” blieb Heienbrok, unterstützt von einem Stabe treuer
Mithelfer, immer erfinderisch, den Kreis der Freunde im Lande zu
pflegen und sie durch die Schriften, die vom Dankort ausgingen,
immer fester und enger an die gemeinsame große Aufgabe zu fesseln.

Die letzte Bitte, die Vater durch den Dankort aussandte, hieß:

                              Weihnachten!

Ein von 37 Jahre langem Bitten fast müder Mann, der dicht vor seinem
80. Lebensjahr steht, stellt sich notgedrungen noch einmal an die
Spitze seiner großen Schar von Fallsüchtigen, Geisteskranken,
Obdachlosen und verlassenen Kindlein und bittet in ihrem Namen:
Vergeßt unser auch zu Weihnachten nicht!

Unter unsern nahezu 4000 Pflegebefohlenen haben viele niemand mehr,
der zu Weihnachten an sie denkt. Darum darf ich ganz besonders für
sie meine Hände ausstrecken nach den alten treuen Mithelfern unserer
Weihnachtsfreude!

Ich freue mich, daß ich noch einmal diese vielleicht letzte Bitte
für meine lieben Pflegebefohlenen wagen darf, und bin dankbar auch
für die kleinste Gabe. Auch Spielsachen, Wäsche, Kleider, überhaupt
Gaben jeglicher Art sind, je früher desto lieber, mit Freuden
willkommen.

Es grüßt alle treuen Freunde in allen Landen, die im Namen des
großen Freudenmeisters Herzen und Hände regen für unseres kranken,
aber doch fröhlichen Weihnachtsgäste, und wartet auf die Stunde, wo
die ewige große Weihnachtsfreude anbricht,

                                F. v. Bodelschwingh, =P. em.=
    Bethel, Weihnachten 1909.


Ruhezeiten.

Die große Arbeitslast hätte Vater nicht bewältigen können, wenn ihm
nicht seine Eltern eine ungemein sonnige Naturanlage mitgegeben
hätten. Namentlich sein Vater konnte auch in den schwersten Lagen
frohgemut sein wie ein Kind. Seine Mutter neigte dazu, die Dinge
schwer zu nehmen. Aber wie erzählt, war sie in der Zeit, in der sie
ihren kleinen Friedrich erwartete, von ganz besonderem Gleichmut und
innerem Frieden gewesen, sodaß Friedrich von Jugend auf unter seinen
Geschwistern der zufriedenste und glücklichste war.

Wie haben denn auch wir Kinder diese Freude und dies Glück genossen!
Wenn Vater abends von seinen Krankenbesuchen nach Hause kam, dann
packte er wohl den Kleinsten von uns, warf ihn in hohem Schwung über
seine Schulter, setzte ihn rittlings auf seinen Kopf, sprang und
sang in der Stube herum, bis er den kleinen Reiter mit hohem
Kopsdebolder wieder auf die Erde beförderte. Oder er ließ uns
Größere der Reihe nach antreten, stellte sich mit ausgebreiteten
Händen hinter uns und ließ uns dann in seine Arme fallen. Dabei kam
es darauf an, daß man es wagte, sich ganz tief, ohne mit den Füßen
rückwärts zu treten, fallen zu lassen, den sicheren Händen des
Vaters vertrauend. Wer sich am tiefsten fallen ließ, ohne zu zucken,
der hatte gewonnen.

Zuweilen des Sonntags baute er auch mit uns und unserm geliebten
alten Baukasten einen hohen Turm bis unter die Decke. Abends kam
dann die Hauptfreude: das Sisemännchen. Er hatte aus der Zeit, wo er
in Pommern hier und da einmal einen Hasen geschossen hatte, noch
eine Schachtel mit Pulver übrigbehalten. Daraus nahm er eine kleine
Menge, rührte sie mit Wasser an und formte sie zu einer Pyramide,
die er dann hinter dem Kachelofen langsam trocknen ließ. Abends,
wenn es dunkel geworden war, wurde ein Stückchen Feuerschwamm an
einen Stock befestigt, das Sisemännchen oben auf den Turm gesetzt
und mit etwas frischem Pulver bestreut. Jetzt kam der feierliche
Augenblick, wo Vater den Feuerschwamm anzündete, den Stock mit dem
brennenden Schwamm dem Kleinsten in die Hand drückte und ihn in die
Höhe hob. Mit verhaltenem Atem standen wir andern um den Turm her,
langsam näherte sich das glühende Stückchen Schwamm der kleinen
Pyramide. Jetzt -- si ... i. i. i. i zischte das Pulver auf, und,
nach allen Seiten hin spuckend, sprühend und dampfend, verzehrte
sich das kleine Sisemännchen in seiner eigenen Glut.

Zu Ostern gab es natürlich ein Osterfeuer mit den in der heißen
Asche gerösteten Kartoffeln, die die Eltern besonders liebten. Die
Krönung des Festes aber war allemal der Böllerschuß aus der kleinen
Kanone. Sie war aus Messing und nicht länger als ein Finger. Aber
das ganze Jahr über freuten wir uns auf den Augenblick, wo sie am
Abend des Ostertages von Vater in Tätigkeit gesetzt wurde. Wieder
mußte der Kasten mit Pulver herhalten, aus dem sie geladen und dann
mit Papier zugepfropft wurde. Dann kam wiederum ein kleines
Stückchen Feuerschwamm auf einen Stock, über das Mundloch wurde ein
bißchen Pulver geschüttet -- und nun -- bumm -- knallte der Schuß,
daß es durch Mark und Bein ging. Aber ehe wir es uns versahen, war
Vater auch schon wieder verschwunden und sann über seiner Predigt
für den zweiten Ostertag. Uns aber blieb in Erinnerung an solche
kurzen Augenblicke ein unbeschreibliches Gefühl des Glückes und der
Dankbarkeit.

Denn wenn er sich uns gab, dann gab er sich ganz, dann waren alle
Lasten abgeschüttelt, dann war er ein Kind unter uns Kindern, ein
Junge unter uns Jungen. Das machte ihm überhaupt sein Leben leicht,
daß er bei allem ganz war. Wenn ein armer Kranker in die Stube kam,
dann konnte er sich von allem, was ihn beschäftigte, losreißen,
sodaß der Kranke spürte: Hier ist nun wirklich einer, der sich
meiner Sache ungeteilt annimmt, hier ist mein nächster Freund, mein
hingebendster Berater, dem mein Anliegen gerade so wie mir selbst
die eine große Hauptsache ist, um die sich alles dreht.

Aber auch bei den kleinen und kleinsten Dingen ging es Vater so,
nicht aus einer Überlegung, sondern aus dieser glücklichen
Naturveranlagung heraus, sich einem einzigen Gegenstand ganz
hinzugeben. Wenn im Vorfrühling die Stare kamen und auf dem
Rasenplatz vor unserm Fenster auf- und abstolzierten, dann war er
ganz versunken in sie, schwatzte mit ihnen, pfiff ihnen was vor und
jauchzte über die Pracht ihres Gewandes, das in der Frühlingssonne
in allen Farben glänzte. Oder wenn die Grasmücke draußen vor dem
niedrigen Treppenfenster ihre Jungen ausgebrütet hatte, dann lag er
auf seinen Knien in dem geöffneten Fenster, bog den Ast mit dem
Nest behutsam zu sich herüber und unterhielt sich in den süßesten
Tönen mit den Kleinen im Nest, als wenn er ihr Vater wäre und nichts
anderes zu tun hätte, als für die Kleinen zu sorgen.

Aber im nächsten Augenblick war er schon wieder ganz in andere
Gedanken versunken. Und wie tief konnte er versunken sein in die
Sache, die ihn beschäftigte. Dann hörte und sah er nichts um sich
her. Dann vergaß er Essen und Trinken. Dann suchte er seine Brille
und hatte sie auf der Nase, dann eilte er mit fremdem Hut und
fremdem Mantel davon, ohne es zu merken, wie ein glückliches
zerstreutes Kind, das ganz von einem einzigen Gegenstand gefesselt
ist und die Welt um sich her vergißt.

Seine beste Ruhezeit blieb natürlich die Nacht, nicht nur die
Stunden des Schlafes, sondern auch die des Wachens. Und die
schlaflosen Stunden nahmen mit den Jahren immer mehr zu. Aber auch
sie genoß er dankbar und nutzte sie aus. „Wenn man”, schrieb einer
seiner Kandidaten, „des Morgens zu ihm in sein Arbeitszimmer trat,
machte er immer einen so frisch gewaschenen Eindruck, als wenn er
sich auch von innen gewaschen hätte, nicht nur von außen.” Die
wichtigsten Briefe, die er am andern Tage zu schreiben hatte,
durchdachte er des Nachts, sodaß es oft wie ein Strom floß, wenn er
morgens um sieben in sein Arbeitszimmer kam, wo sein treuer Sekretär
mit nie versagender Pünktlichkeit schon auf ihn wartete, um die
Stenogramme aufzunehmen. Aber war er des Nachts mit den Aufgaben des
kommenden Tages fertig, dann plagte er sich damit auch nicht über
das Ziel hinaus, sondern suchte den Schlaf, indem er im Gedächtnis
ein Kapitel aus der Bibel wiederholte oder sich ein Kirchenlied
vornahm. Es lag ihm immer daran, das Kirchenlied ganz zu
beherrschen, ohne eine Strophe auszulassen, und er ließ sich keine
Ruhe, bis alle Strophen beieinander waren. Wollte die eine oder
andere gar nicht auftauchen, so nahm er schließlich sein Gesangbuch
zu Hilfe, das immer neben der Bibel vor seinem Bette lag. Einmal war
das Gesangbuch verlegt. Da zog er sich an, und unsere Schwester, die
von dem Geräusch geweckt worden war, entdeckte ihn wie einen
Nachtwandler, als er unten im Eßzimmer sich das Gesangbuch holte,
weil er ohne die vergessene Strophe keinen Schlaf finden konnte.

Stellte sich der Schlaf auch dann noch nicht ein, so vertiefte er
sich gern in irgend ein Buch, am liebsten Treitschke oder
naturwissenschaftliche Aufsätze. Überhaupt blieb das Weltall gerade
in diesen schlaflosen Stunden immer wieder der Gegenstand seiner
Betrachtungen und Berechnungen. Dabei nahm er einen Kubikzentimeter
Sand zu 100000 Körnern an und rechnete nun aus, wieviel Sandkörner
die Erde, die Sonne und andere Himmelskörper hätten. Beim
Morgenfrühstück unterhielt er uns dann mit dem Ergebnis seiner
nächtlichen Berechnung und den vielstelligen Zahlen, die er für die
Riesenhimmelskörper gefunden hatte, und beides war der Gegenstand
seiner Bewunderung: einmal wie unendlich groß die Welt sei und wie
klein doch auch wieder, weil sich ihr Maß in einer einzigen Reihe
von Nullen mit nur einer Eins davor ausdrücken lasse.

Auch im Gedränge des Tages war sein Schlafzimmer oft sein
Zufluchtsort, wohin er sich zurückzog. Einmal erklärte er, er hätte
nun keine Zeit mehr, sich zu rasieren, und ließ sich ein paar Tage
lang die Stoppeln stehen. Aber schließlich gab er unsern vereinten
Bitten nach, und die stillen zehn Minuten, die ihn oben im
Schlafzimmer das Rasieren kostete, bildeten ihm allmählich eine
immer liebere Unterbrechung im Getümmel des Vormittags. Fröhlich
gingen während des Rasierens die Gedanken mit ihm durch, sodaß er,
wenn er wieder im Arbeitszimmer erschien, häufig aus vielen Wunden
blutete, die er mit kleinen Läppchen Papier zuzukleben pflegte.

Zur Mittagsruhe nach Tisch, während der er mit großer Aufmerksamkeit
die Zeitung las, und ebenso zu den Vorbereitungen auf die
Unterrichtsstunden suchte er gleichfalls am liebsten seine
Schlafstube auf, und dann immer wieder zur stillen priesterlichen
Arbeit für die eigene Seele und für die ganze Gemeinde. Einmal
wartete jemand auf ihn, und ich suchte ihn oben. Ganz leise öffnete
ich die Tür, um ihn nicht zu stören für den Fall, daß er ruhte. Da
lag er auf seinen Knien vor seinem Bett. Ich schloß die Tür wieder,
ohne daß er es merkte. Seitdem wußte ich mehr denn je, woher er die
Ruhe hatte in aller Unruhe und zugleich die unermüdliche Tätigkeit,
die alle mit sich fortriß.

In die Nächte hinein arbeitete Vater nur sehr selten. Die Abende waren
ja freilich meist auch noch nach dem Abendbrot besetzt. Aber wenn es
irgend ging, wurde doch noch eine halbe Stunde herausgeschlagen. Dann
lasen wir vor, und Vater unterschrieb die den Tag über diktierten Briefe
und Dankkarten. Dabei war es erstaunlich, mit welchem tiefsten Interesse
er dem Vorlesen folgte, bis die Abendandacht den Schluß machte. Die
Sonntagabende aber waren die glücklichsten. Dann hockte unser jüngster
Bruder auf dem Sofa zwischen Vater und Vaters Schwester, der geliebten
Tante Frieda, die einige Jahre nach der Mutter Tode zu uns gezogen war.
Wir andern drei Geschwister saßen um den kleinen Tisch, und dann wurden
Vater und Tante Frieda geneckt! Alte und neue Erlebnisse wurden
hervorgekramt, an denen das entsagungsvolle Leben unserer geliebten
Tante und die sich drängenden Ereignisse in Vaters Leben so reich waren.
Alle wurden in das Licht des Humors, oft auch in das Salz der Kritik
getaucht. Dann schmunzelte die alte Tante vor innerstem Behagen, und
Vater prustete nach seiner Art in herzlichstem Lachen -- bis er
schließlich, wenn die Uhr zehn schlug, aufsprang: „Gute Nacht, gute
Nacht, Kinderchen, ihr seid böse Buben!”

Dieses Familienglück erhöhte sich vollends, seit aus der
Ravensberger Familie von Ledebur-Crollage eine Tochter nach der
andern in unsere Familie eintrat. Die ritterliche Art, mit welcher
Vater seinen Schwiegertöchtern begegnete, verwandelte sich mehr und
mehr in überströmende zarteste Liebe als Dank für alles, wodurch die
Lebensgefährtinnen seiner Söhne den Abend seines Lebens erhellten.
Er erlebte es noch, wie die Schar der Enkelkinder anfing, ihn zu
umspielen, und wurde nicht satt, sich an jedem einzelnen zu
erquicken. „Solch einem geliebten kleinen Kindchen zu begegnen,”
sagte er einmal, als ihm eins der Enkelkinder mit ausgebreiteten
Ärmchen entgegenlief, „das ist mir geradesoviel wert, als wenn ich
auf einen hohen, freien Berg stiege.”

Ruhepausen im täglichen Getriebe der Arbeit waren auch immer wieder
die Tage und Stunden, wo aus der Ferne Gäste bei uns einkehrten,
durch die neue Anregungen kamen oder alte Zeiten wieder lebendig
wurden.

Schwester Eva von Tiele-Winckler! Es war jedesmal für Vater ein
Trunk frischen Wassers, sooft sie kam. Immer stärker wurde die
Hoffnung, sie ganz für die Arbeit in Bethel zu gewinnen. Und
schließlich, als die Kräfte der alten Mutter Emilie in Sarepta eine
Ergänzung verlangten, und nach deren Tode gab es wirklich mehrere
Jahre gemeinsamer Arbeit. Nie seit dem Verlust unserer Mutter hat
Vater glücklichere Jahre verlebt als die der gemeinsamen Arbeit und
des Verstehens mit dieser hochgemuten Frau. Aber schließlich siegte
bei ihr die Pflicht gegen die schlesische Heimat und die dort von
ihr begonnene immer mehr wachsende Arbeit.

    „Land meiner Heimat
    In Nebel und Rauch,
    Dir bleib' ich treu
    Bis zum letzten Hauch.”

Wie um ein fernes Kind hat Vater um sie gesorgt, für sie gebetet und
sich an der Liebe erquickt, die sie wie eine Tochter ihm bis zuletzt
erwies.

Tante Caroline von Zacha! Die Jugendfreundin der Mutter, mit ihrem
jugendlichen Herzen, ihrem tiefen Verständnis und ihrem klugen Rat,
der immer den Kern der Sache traf!

Hermann Wilm, der erste Senior des Konvikts, der, sooft er kam, mit
seinem herzerfrischenden Humor alle die lieben Erinnerungen wachrief
an die Frühlingstage der ersten Arbeit für Afrika und der doch nicht
ruhte in der Erinnerung, sondern wie ein Sohn die gegenwärtige
Freude und Last mit dem Vater teilte und zugleich mit ihm den Blick
vorwärts richtete auf neues Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes.

Tage voll erfrischender Ablenkung brachte auch der Besuch des
„Wassersuchers” von Bülow. Die Wasserleitung hatte schließlich doch
nicht mehr für den immer stärker werdenden Wasserbedarf ausgereicht.
So war an einer günstig erscheinenden Stelle ein Bohrloch geschlagen
worden. Viel Zeit und Geld hatte man schon verbraucht, ohne daß die
Bohrungen zum Ziel führten. Endlich bat Vater Herrn von Bülow, ihm
die Liebe zu erweisen, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er kam
wirklich, ließ seine Rute auf dem Felde arbeiten, wo bis dahin
vergeblich gesucht worden war, und fand nach kurzer Zeit eine starke
Quelle. Er stellte auch sofort die annähernde Tiefe fest, in der
dann wirklich das reichlich sprudelnde Wasser gefunden wurde.

Zwei ständige Freunde von seltener Treue hatte unser Haus. Das war
einmal unser Freund Nedden. Nedden stammte aus angesehener Familie,
hatte mit Pastor Stürmer zusammen die Sexta des Gymnasiums besucht,
war dann aber in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung
stehen geblieben. Er arbeitete den Tag über unten in der Ökonomie,
hauptsächlich mit dem Waschen der Rüben für die Kühe beschäftigt,
und nur morgens und abends kam er zu kurzer Hilfeleistung in unser
Haus. Alle Glieder schienen ihm verkehrt angewachsen zu sein, mühsam
trug er den kleinen schweren Körper auf den schleppenden Füßen, und
aus dem übergroßen Kopf schielten ein paar glanzlose Augen hervor.

Aber welches Feuer lebte in dieser unscheinbaren Gestalt, immer bewegt
in Gedanken um die höchsten Dinge! Den Feierabend und Sonntag brachte er
über seinen geschichtlichen Büchern zu, die er sich von uns holte. Die
Erträge seiner Forschungen, in denen richtige und verkehrte
Beobachtungen in der komischsten Weise durcheinandergemischt waren,
teilte er dann in vertraulichem Gespräch teils unserm Vater, teils den
andern Hausgenossen mit. Die Worte seiner Weisheit waren all die Jahre,
die er bei uns aus- und einging, eine nicht endende Quelle der
Erheiterung. Auch als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten, blieb
er der Hausfreund, der allemal an seinem Geburtstag im Rollstuhl an
unserm Kaffeetisch erschien und mit größtem Behagen sich die kleinen
Zeichen unserer Freundschaft und Dankbarkeit gefallen ließ.

Und dann Schwester Klara! Sie wohnte in dem kleinen Pförtnerhause
der Anstalt, das hart an der Straße am Eingang in unsern Garten lag.
Sie war der Cerberus, den jeder Besucher zu passieren hatte. Es war
ein beständiger friedlicher Krieg zwischen ihr und Vater. Vater
hatte ihren Dienst so gedacht, daß sie allen fremden Besuchern der
Anstalt den ersten Weg zeigen, aber niemand abweisen sollte, der zu
ihm selber wollte. Sie aber sah ihren Hauptdienst darin, Vater vor
allem Anlauf zu schützen und jeden nicht wirklich notwendigen Besuch
von ihm fernzuhalten. Dabei war sie grundsätzlich eher zu scharf als
zu milde. Durch kein Bitten, durch kein Schelten, auch durch keinen
Zorn des Vaters, der gelegentlich aufflammte, ließ sie sich von
ihrem einmal eingeschlagenen Wege abbringen. Nur sie selbst weiß,
wieviel sie in unsagbar stiller Treue und mit ihrem von Jahr zu Jahr
kränker werdenden Herzen von Vater abgehalten hat.

Sie pflegte zwischendurch unsern kleinen Blumengarten und war vor
allem ganz in der Verborgenheit die mütterliche Freundin mancher
Epileptischen, die ihr Anliegen bei ihr ausschütteten. Nach Vaters
Tode siedelte sie ins Feierabendhaus über, wo sie drei Jahre später
unter schwerstem Leiden wie eine Heldin ein Leben der Treue
beschloß.

Jedes Jahr einmal kam für Vater die eigentliche Ferienzeit. Das war
die glücklichste Zeit für die ganze Familie, namentlich solange die
Mutter noch lebte. Meist ging es an die Nordsee, nach Norderney,
Wangeroog, Langeoog und schließlich immer wieder zum schönen Amrum.
Dazwischen gab es Ferienzeiten im Gebirge: im Harz, im Sauerlande,
auf dem Hunsrück, im Thüringer Wald. Einige Male auch wurden wir von
Freunden in noch weitere Fernen gelockt: nach Holland, an die
Ostsee, nach Schottland und in die Schweiz.

Es waren keine Zeiten der Zerstreuung, sondern der Sammlung und der
stillen Arbeit. Hatten wir an irgend einem Ort erst einmal festen
Fuß gefaßt, so wurde der Regel nach den ganzen Vormittag über
gearbeitet. Denn Vater sagte immer wieder: „Nicht im Nichtstun
besteht der Vorzug der Ferienzeit, sondern darin, daß man einmal
arbeiten kann, ohne beständig unterbrochen zu werden.” Und für uns
Kinder war es die höchste Freude, während der Ferienwochen ganz ohne
Konkurrenz die Gehilfen des Vaters zu sein.

Sobald unsere kindliche Handschrift auch nur den bescheidensten
Ansprüchen genügte, diktierte er uns seine Briefe und Aufsätze.
Zuweilen wurde, ehe wir stenographieren konnten, das Verfahren
dadurch beschleunigt, daß jedesmal zwei von uns ein Diktat
aufnahmen, und zwar in der Weise, daß der eine die erste Hälfte des
Satzes schrieb, der andere die zweite, und so fort. In Bethel
besorgte dann Freund Kneipp, Vaters epileptischer Sekretär, das
Zusammenstellen. Auf solche Weise wurden auch die Erinnerungen zu
Papier gebracht, die Vater, sooft die Vormittagsarbeit eine Lücke
darbot, aus seinem Leben diktierte. Es waren jedesmal nur kurze
Abschnitte dieser Erinnerungen, die wir aus den einzelnen
Ferienzeiten mitbrachten. Aber sie bereicherten unser ganzes Leben
für die Zeit, die zwischen der vergangenen und folgenden Ferienzeit
lag. Nach zwölf Jahren waren die ersten vierzig Jahre bis zur
Übersiedelung nach Bethel beschrieben. Zu einer Fortsetzung über
die Zeit seit der Übersiedelung von Dellwig nach Bethel konnte er
sich nicht entschließen.

Nur ein kurzes Bad in der See oder im Bach pflegte die
Vormittagsstunden zu unterbrechen. Die stärksten Wellen waren Vater
immer die liebsten. Manchmal schwammen wir in Wangeroog auf die
Sandbank hinüber, um dort uns den kräftigen Wellenschlag zu erobern.
Und in der Asbach auf dem Hunsrück halfen wir ihm, als Ersatz für
die entbehrten Meereswellen mit Hilfe eines Schüttes ein kleines
Wellenbad zu bauen.

Nach getaner Vormittagsarbeit wurden am Nachmittag Insel und Land
durchstreift, bald in kleinen Ausflügen mit der Mutter zusammen,
bald in kräftigen Wanderungen durch Wald und Dünen, am liebsten ohne
Weg und Steg geradeaus auf ein Ziel zu, oft bis in die tiefe
Dämmerung hinein. Jede Kirche am Wege, jede Fabrik wurde besehen,
jeder Bewohner des Landes, der ein Stück mit uns wanderte, gründlich
nach Land und Leuten ausgefragt. Dazu erzählte Vater uns Sagen und
Geschichten, ein Lied nach dem andern wurde angestimmt, auch die
fröhlichen Studentenlieder. Am liebsten hatten wir es, wenn Vater
deklamierte. Das half über jede Müdigkeit hinweg. Wohl blieb der
Gedanke an Goethe ihm im Blick auf Goethes italienische Zeit immer
schmerzlich; aber seine schönsten Gedichte waren Vater stets
gegenwärtig. Und daneben vor allen Strachwitz und Uhland. In unserm
Quartier hatte inzwischen die Mutter das Abendbrot bereitet. Was für
ein fröhliches Nachhausekommen gab es jedesmal und welch gemütlichen
Feierabend! Dann hatte jeder seine Handarbeit, und Vater las vor,
bis die Abendandacht den schönen Tag beschloß.

1881 hatte uns eine Ferienreise in den Harz und nach Gittelde-Grund
gebracht. Und als im September in Harzburg alles leer und wohlfeiler
geworden war, siedelten wir noch für ein paar Tage dorthin über, um
Goslar und den Brocken zu erreichen, von denen wir in Grund zu weit
getrennt gewesen waren.

In Goslar wurde Vater ganz von der Wunderuhr gefesselt. Wir erlebten
gerade die Mittagsstunde, wo das Uhrwerk seine volle Kunst
entfaltet. Aus einer kleinen Tür treten die zwölf Apostel hervor und
wandern am Herrn vorüber, einer nach dem andern ehrerbietig sich
vor ihm verneigend; nur der letzte, Judas, bleibt ungebeugten
Hauptes. Dann wurde die Kreuzigung dargestellt. Ein Kriegsknecht,
auf der Leiter stehend, schlägt die Nägel durch die ausgebreiteten
Hände, und ein anderer stößt mit der Lanze in die Seite.

Der Meister hatte uns selbst alles erklärt, und Vater faßte solches
Vertrauen zu seiner Tüchtigkeit, daß er ihn bat, sich doch einmal an
den Bau eines Flugzeuges zu machen. Er hatte als Junge sich
gelegentlich aus einem Stück Blech eine Flügelschraube geschnitten,
die mit Hilfe eines leeren Garnwickels und eines Bindfadens in
schnelle kreisende Bewegung gebracht wurde und so nicht
unbeträchtliche Höhen erreichte, bis sie schließlich ermattet wieder
zur Erde fiel.

Es war damals noch nicht die Zeit, daß ein Ersatz des Luftballons
durch ein anderes Luftfahrzeug erörtert wurde. Aber Vater baute auf
dieses sein Kinderspielzeug seinen Plan auf. An der Hand von
Zeichnungen setzte er dem Goslarer Meister auseinander, daß es
darauf ankommen würde, eine wagerecht und eine senkrecht kreisende
Schraube zwischen Tragflächen aus dünnem Stoff anzubringen, um so
eine Aufwärts- und eine Vorwärtsbewegung zu ermöglichen. Die
Schrauben selbst aber sollten durch starke Stahlfedern in Betrieb
gesetzt werden, die dann während der Fahrt durch den Luftschiffer
nachgespannt werden müßten.

Mehrere Stunden lang vertieften sich die beiden Männer in das
Problem, sodaß wir viel zu spät von Goslar fortkamen, uns im Walde
verirrten, bis wir schließlich durch ein Licht, das auf dem
Harzburgberge brannte, auf den rechten Weg gelockt wurden und
glücklich unser Quartier erreichten. Der Goslarer Meister hat nie
wieder etwas von sich hören lassen, aber den Gedanken des
Luftfahrzeuges ließ Vater seitdem nicht mehr los. Es gehörte zu
seinen Erholungsstunden, sich damit zu beschäftigen und eine
Zeichnung nach der andern zu entwerfen. Wenn wir an die See kamen,
fesselte es ihn immer, die Möwen zu beobachten, wie sie, ohne die
Flügel zu regen, im starken Wind in der Luft standen. „Seht einmal,
Kinder,” sagte er immer wieder, „wie still steht sie da, wie wenig
Kraft hat sie nötig! Und der Mensch sollte nicht fliegen können?
Ganz gewiß, es geht, es geht!”

Wo er mit Ingenieuren und Offizieren zusammentraf, setzte er ihnen
seine Tragflächen mit den eingesetzten Schrauben auseinander und
ließ sich durch kein Kopfschütteln irremachen. Später fügte er einen
Fallschirm hinzu, den er zu einem unbedingt nötigen Bestandteil
seines Flugzeuges machte. Als die Zeppeline aufkamen, konnte er sich
nicht viel von ihnen versprechen; sie würden im Winde nicht lenkbar
genug sein und bald wieder abkommen. Er hielt an den kleinen
Luftfahrzeugen fest. Bis zu seinem Tode war er Bezieher der
Luftschiffszeitung und berechnete voll Sehnsucht, wie lange es
dauern würde, bis das erste Flugzeug das Mittelländische Meer
überqueren und so den Weg nach dem geliebten Afrika abkürzen würde.


Kaiser Friedrich.

Wie schon früher gesagt, blieb in der äußeren Form die Entfernung
gewahrt, die den Pastor einer Gemeinde der Elenden von dem Erben des
Kaiserthrones trennte. Aber wenn Wahrheit und Treue das Wesen der
Freundschaft bilden, so wurde durch sie das in der Jugend geknüpfte
Freundschaftsband bis zuletzt festgehalten.

Im Sommer 1885 wandte Vater sich Stöckers wegen in einem
ausführlichen Briefe an den Kronprinzen. Es war in der Zeit, wo
Stöcker die Niederlegung des Amtes als Hofprediger nahegelegt worden
war. Der Brief ließ es dahingestellt, ob es für Stöckers Kampfnatur
überhaupt richtig gewesen wäre, das Hofpredigeramt anzunehmen,
widerriet aber aufs ernstlichste, ihn jetzt, nachdem er das Amt
übernommen, fallen zu lassen. Ohne ihn von Fehlern freizusprechen
und ohne sich mit seiner Arbeitsweise in allem einverstanden zu
erklären, trat der Brief zugleich aufs wärmste für die persönliche
Lauterkeit und Selbstlosigkeit Stöckers ein. Nur der vielleicht zu
heißen Liebe und Hingabe Stöckers an Volk, Vaterland und Kaiserhaus
seien seine Fehler zuzuschreiben; und es sei erstaunlich, daß einem
Manne, der mehr als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen im
öffentlichen Leben gestanden und gekämpft habe, nicht mehr angehängt
werden könne als die kleinen und kleinlichen Vorwürfe, mit denen seine
Gegner versuchten, ihn mundtot zu machen. Mit großer Entschlossenheit
tritt der Brief schließlich auf den christlich-sozialen Boden, der
jedoch nicht als eine Sache der Partei, sondern der Gesinnung aufgefaßt
wird. Mit dem Sieg der Gegner der von Stöcker vertretenen
christlich-sozialen Parole seien die Tage des deutschen Kaiserreiches
und des Hohenzollernhauses gezählt. Darum dürfte Stöcker jetzt nicht
gehen.

Eine Antwort auf den Brief erfolgte nicht, wurde auch nicht
erwartet. Aber Stöcker blieb damals im Amte.

In den Ferien waren die Blumen immer Vaters besondere Freude. Er
pflegte mit der Mutter und uns die zartesten Blumen zu ganz kleinen
Sträußen zu binden, die dann den Briefen an Kranke und Freunde
beigelegt wurden. Solch einen kleinen Strauß schickte er mit einem
begleitenden Briefe im Sommer 1887, als wir auf der Insel Wangeroog
waren, dem Kronprinzen, dessen Todeskrankheit sich damals schon
angebahnt hatte. Der Kronprinz antwortete:

                          Bareno, Lago Maggiore, 9. 10. 87.

              Lieber Freund!

Ich danke Deinen Kindern vielmals für das Dünensträußchen, welches
aus Wangeroog wohlbehalten nach den Tiroler Alpen gelangte, aber
nicht minder Dir und Deiner Frau für die Gesinnungen, mit welchen
die Blumen gebunden, nebst den guten Wünschen, von denen sie
begleitet wurden.

Es tut so wohl, aus der Heimat Grüße der Teilnahme zu erhalten,
namentlich, wenn der Körper es nötig macht, lange fern zu bleiben!
Doch kann ich mitteilen, daß die Ärzte das Übel als bezwungen
ansehen, zumal seit Juli keine Nachwucherungen erfolgten. Dafür muß
ich aber mit vieler Geduld eine langsame Genesung in einem andern
Klima als dem heimatlichen mir gefallen lassen, weswegen ich den
Mund halten und mich möglichst vor Erkältungen bewahren soll.
Geschieht dies, und sollte es Gott fügen, so dürfte ich im Frühjahr
als Genesener heimkehren.

Mich freut's, daß Du Dir endlich einmal Ruhe und Luft gestattest,
denn angesichts Deiner unermüdlichen Tätigkeit und Hingebung für
Dein Liebeswerk könntest Du es ja fast gar nicht aushalten und bist
es der Sache und Deinen Freunden schuldig, auch an Dich zu denken.
Denn wir bedürfen Deiner auf mannigfachem Gebiet!

Gott segne und erhalte Dich, die Deinen und Deine Schöpfungen.
Hoffentlich auf Wiedersehen im Frühjahr!

                    Dein alter Freund
                                      Friedrich Wilhelm.

Als im Februar 1888 die Besorgnis um das Leben des Kronprinzen immer
höher stieg, wurde Vater von seinem Schwager, dem Oberhofprediger
Kögel, gebeten, nach San Remo zu reisen. Kögel selbst glaubte, den
alten Kaiser Wilhelm nicht verlassen zu sollen, dessen Tage ja
ebenfalls gezählt waren. Prinz und Prinzessin Wilhelm begrüßten den
Gedanken mit größter Freude und verabschiedeten Vater für seine
Reise in großer Bewegung und Herzlichkeit.

Vater erzählte später, wie schwer ihm beim Aufbruch ums Herz gewesen
sei und wie wohl ihm auf dem Wege nach Italien die Lieder der
Epileptischen in der Anstalt bei Zürich getan hätten und das kurze
Zusammensein mit dem alten Samuel Zeller in Männedorf am Züricher
See. Mitte Februar war er in San Remo. Professor von Bergmann
vermittelte die Audienz bei der Kronprinzessin. Freundlich, aber
bestimmt lehnte sie es ab, Vater zum Kronprinzen zu bringen. „Er
sollte nichts vom Sterben wissen”, war Vaters Eindruck. Für zwei
Tage ging er nach Nizza, um dort die Diakonissenstation zu besuchen,
in der zwei Bielefelder Schwestern arbeiteten. Als er zurückkam,
erhielt er dieselbe Ablehnung. Traurig reiste er zurück.

Heimgekehrt, bat Vater die ihm befreundete Fürstin-Witwe Elisabeth
von Lippe-Detmold, in Kunstschrift drei schlichte Strophen zu malen,
die dem Herzen eines schwer Leidenden entquollen waren (Ernst
v. Willich). Er schickte sie nach Charlottenburg mit der Bitte, sie
im Krankenzimmer des sterbenden Kaisers aufzuhängen. Soviel wir
wissen, wurde wenigstens diese Bitte erfüllt. Die Strophen hießen:

    Wenn der Herr ein Kreuze schickt,
    Laßt es uns geduldig tragen;
    Betend zu ihm aufgeblickt,
    Wird den Trost er nicht versagen.
    Denn es komme, wie es will:
    In dem Herren bin ich still.

    Ist auch oftmals unser Herz
    Schwach und will wohl gar verzagen,
    Wenn es in dem stärksten Schmerz
    Keinen Tag der Freud' sieht tagen,
    Sagt ihm, komm' es, wie es will:
    In dem Herren bin ich still.

    Darum bitt' ich, Herr, mein Gott:
    Laß mich immer glaubend hoffen,
    Denn dann kenn' ich keine Not,
    Gottes Gnadenhand ist offen.
    Drum, es komme, wie es will:
    In dem Herren bin ich still.

Bei der Todesnachricht schluchzte Vater auf. Man fand ihn nachher im
Selbstgespräch unter dem Bilde des Kaisers Friedrich, das in unserm
Wohnzimmer hing: „Mein Friedrich, bist du wirklich tot?”


Amrum.

Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwäche des Halses und der Brust,
die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses
Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, daß er
mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar
auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten
Gäste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders
glückliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzählten.

Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine
Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dünen die Leiche
eines jungen Mannes mit zertrümmertem Schädel gefunden und nicht
weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat
ausgeführt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom
Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn
noch am Abend vorher bis spät in die Nacht hinein mit einem andern
Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum
anders sein, als daß dieser andere der Mörder war. Sofort wurden
alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen
könnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen
bei der Suche nach dem Täter. Bald war denn auch der mutmaßliche
Mörder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner
Wohnung die Geldbörse des Ermordeten fand und bis die am Strand und
in den Dünen gefundenen Fußspuren zeigten, daß sie genau mit dem Maß
seiner Stiefel übereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Während
des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzählt, daß er der
Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trüge und daß er auch
jetzt seine ganze Barschaft in der Höhe von 80 Mark in der Tasche
habe. Das hatte den Mörder gereizt. Er lockte sein Opfer an den
Meeresstrand, ergriff dort einen großen Holzhammer, der den
Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflöcke zur Herstellung eines
Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer
her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der
Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht
zum Strand herüberleuchtete. Der Mörder aber war ihm mit langen
Sätzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der
kürzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den
tödlichen Streich versetzt.

Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese
Geschichte erzählte er immer wieder. Ihm spiegelte sich darin wie in
einem Brennpunkte das ganze Elend, das vielfach durch das moderne
Badeleben die stillen Inseln des Vaterlandes überflutet. Und die
Todesangst des Erschlagenen und der Todesschrecken der friedlichen
Bewohner von Borkum standen ihm immer aufs neue vor Augen, wenn er
an so viele deutsche Badeorte dachte, die durch den Zustrom der
Fremden in ihrem innersten Leben eine tödliche Wunde empfangen
hatten.

Vater ging nie wieder nach Borkum, sondern statt dessen einige Male
nach Norderney. Aber nachdem er zweimal in Norderney gewesen war,
erklärte er: Ich gehe auch dahin nie wieder! Er sah, wie die
eingeborene Bevölkerung durch die Badegäste ihres Sonntags beraubt
wurde. Es war ihm fast unerträglich, in der Kirche zu sitzen und die
von den Ortseingesessenen verlassenen Bänke zu sehen. Am meisten
litt er unter dem Strom des Luxus und der Sünde, der durch die
Fremden auf die Insel kam und viele Insulaner dahin brachte, ihr
hartes, arbeitsames Leben aufzugeben und Sitte und Glauben der Väter
zu verleugnen. Statt nach Norderney gingen die Eltern fortan
mehrere Male mit uns Kindern auf die stilleren Inseln Langeoog und
Wangeroog. In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie
nur konnten, um Badegästen und Eingesessenen mit gutem Beispiel
voranzugehen. Sie standen Sonntags früher auf als alltags und
machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit
wir das gleiche täten und so das Frühstück nicht so lang in den
Sonntag hineingezogen würde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag,
um dem Badewärter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang
er darauf, daß Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern
gegessen wurde, damit den Mädchen die Arbeit des Spülens erleichtert
würde.

So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum
herübertönte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nämlich
von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach
Amrum zu kommen und zu helfen, daß die Insel gegen die drohende
Welle des modernen Badelebens geschützt würde.

Vater hatte noch niemals den Namen Amrum gehört und wußte nicht, wo
es lag. Wir mußten ihm den Atlas herbeibringen und suchen helfen. Da
lag denn die geheimnisvolle Insel wie ein einsamer Vorposten im
Schleswiger Meer. Mit ihren Schwestern, den Inseln Sylt und Föhr,
und den nach dem Festlande zu gelegenen Halligen bildet sie den
letzten Überrest des einst so blühenden Landes, das vor fast
dreihundert Jahren durch einen furchtbaren Sturm ins Meer gerissen
worden war. 37 Kirchen waren damals mit ihren Ortschaften und einem
großen Teil ihrer Bewohner im Meer verschwunden, um nie wieder
emporzutauchen. Nur die Grundmauern einer einzigen von jenen
37 Kirchen blieben erhalten. Und bei klarem Himmel und stillem
Wasser bringt der Schiffer von Amrum seine Gäste bis an die Stelle,
wo zwischen Amrum und Sylt die Mauern der Kirche auf dem Grunde des
Meeres zu sehen sind. Wenn aber lange Zeit hintereinander Ostwind
weht und dadurch die tiefsten Ebben eintreten, dann steigen die
Mauern der versunkenen Kirche sogar aus dem Wasser empor, ein
ergreifendes Denkmal vergangener Herrlichkeit.

Aber ein wertvolleres Denkmal der alten Herrlichkeit ist Amrum
selbst, nicht nur durch seine hohen, stolzen Dünen und die dahinter
gelagerten fruchtbaren Felder und Wiesen, sondern vor allem durch
das alte Friesengeschlecht, das auf Amrum zu Hause ist. Seefahrer
und Ackerbauer sind die Amrumer von alten Zeiten her gewesen, und
die Inschrift, die wir drüben auf einem der Friedhöfe der Insel Föhr
entdeckten, paßt auch für manchen, der an der Kirchmauer von Amrum
schläft:

    „Mit gleichmäßiger Hand im wechselnden Laufe der Jahre
    Führte das schwankende Schiff einst er durchs wogende Meer,
    Dann durch den Acker, den stillen, die sicher gehende Pflugschar,
    Und im Rate des Volks fehlte dem Lande er nie,
    Bis zu dem Greise, dem müden, der Tod als Freund ist gekommen,
    Führt, wie zum Hafen das Schiff, still ihn zum ewigen Licht.”

Bis dahin hatte nur hie und da ein einsamer Badegast Amrum betreten.
Jetzt aber drohte die Spekulation sich der Insel zu bemächtigen. So
sah sich Pastor Tamsen nach einer Hilfe um, die die Insel vor der
Spekulation schützte, sie aber zugleich auf den Weg eines gesunden
sozialen Fortschrittes stellte. Pastor Ninck in Hamburg riet ihm,
sich an Vater zu wenden. Vater fing alsbald Feuer. Einige Briefe
gingen hin und her, bis er eines Mittags sagte: „Kinder,
telegraphiert nach Amrum: Wir kommen.”

Mit dem ersten Ferientage des Jahres 1888 waren wir unterwegs nach
Hamburg. Am andern Morgen aber ging die Fahrt mit der „Freia” die
Elbe hinunter nach Helgoland und der Insel Föhr, und zwei Tage
später landeten wir auf Amrum. Am Hafen stand ein Pastor, der als
Festprediger für das Missionsfest gekommen war, der aber infolge
einer Todesnachricht die Rückreise antreten mußte, ohne seine
Predigt halten zu können. So ging Vater alsbald statt seiner auf die
Kanzel und freute sich, auf diese Weise gleich von vornherein in
kräftige Verbindung mit der ganzen Inselbevölkerung zu kommen. Wie
jauchzte sein Herz dieser Gemeinde entgegen, die mitten in der
Erntezeit und an einem Alltage im festlichen Schmuck der
Friesenkleider ihr Missionsfest feierte! Aus der Kirche aber ging es
ins Pfarrhaus. Da waren die Tische mit Kaffee und Kuchen gedeckt,
wie es sich am Missionsfest gehört; drei liebliche Kinder waren da
und eine stille Pfarrfrau. Das Beste aber waren die glänzenden
schwarzen Augen des Pastors, die aus dem hageren Antlitz, das schon
die Vorboten eines frühen Todes zeigte, desto durchdringender
leuchteten. Ich sehe noch, wie Vater den Arm von Pastor Tamsen faßte
und die beiden Arm in Arm auf der weiten Wiese vor dem Pfarrhause in
ernsten Gesprächen auf- und abgingen. Sie galten der Zukunft von
Amrum.

Wir fanden ein leerstehendes Haus, dessen Besitzer auf dem Meer
umgekommen war und dessen Witwe kinderlos bei ihren alten Eltern
wohnte. Es lag an der Grenze des Kirchdorfes mit freiem Blick auf
das Wattenmeer und die Insel Föhr, deren drei hohe Kirchen wie aus
dem Wasser herauszuragen schienen.

Gleich am ersten Morgen bauten wir mit Vater zusammen am Rande der
Wiese, die an den Garten unseres Hauses grenzte, aus einem großen
alten Segel ein geräumiges Zelt. Dort brachten wir arbeitend unsere
Vormittage zu. Die Nachmittage aber dienten der gründlichen
Durchforschung der Insel. Wir hatten bei unsern Streifzügen unser
Badezeug bei uns, um aus eigenster Erfahrung erproben zu können, an
welchen Stellen sich am günstigsten baden ließe und welcher Teil der
Insel überhaupt zur Errichtung eines Seebades in Betracht käme. Wir
badeten zunächst im Wattenmeer, um den Untergrund zu erforschen.
Aber der Sumpf, in dem wir alsbald bis über die Knöchel versanken,
zeigte sofort, daß es ganz ausgeschlossen sei, an der dem Strand
entgegengesetzten Seite der Insel eine Badegelegenheit zu schaffen.
Dann ging es über Süddorf und den hochragenden Leuchtturm, den
stolzesten der ganzen deutschen Küste, an das Südende der Insel. Auf
diesen Teil, so hieß es, hätten vor allem auswärtige Unternehmer ihr
Auge gerichtet. Aber trotz des wehenden Windes waren die Wellen und
der Wellenschlag so unbedeutend, daß es Vater sofort klar war, daß
kein Badegast, der kräftigeren Wellenschlag begehrte, sich auf
diesem Teil der Insel befriedigt sehen könnte und daß alle
Unternehmungen, die sich hier festsetzen würden, von vornherein mit
dem Bankerott würden kämpfen müssen.

Dann kam der mittlere Teil der Insel an die Reihe. Von Nebel aus
ging es durch die hohen Dünen geradeswegs auf den Strand zu. Aber
während früher die Wellen bis unmittelbar an den Dünenrand gespült
hatten, hatte sich im Laufe der Jahre eine große Sandbank
vorgelagert, die nur bei ganz hoher Flut überspült wurde. Diese
Sandbank galt es in einer Breite von etwa einer halben Stunde zu
durchqueren. Und wenn wir draußen auch einen vortrefflichen
Wellenschlag fanden, so zeigte es sich doch, daß wegen der großen
Entfernung an dieser Stelle eine Badeanlage wenig Aussicht auf
Erfolg hatte. So blieb nur noch die Nordspitze der Insel übrig.

Eine Stunde von Nebel entfernt stießen wir auf den Flecken Norddorf.
Es war, als wenn seine schilfgedeckten Häuser sich noch tiefer als
die andern Häuser der Insel in den Sand hineinduckten und sich fast
ängstlich an den Abhang anschmiegten, der sich im Rücken des Dorfes
hinzog. Wohl blühten auch hier in den kleinen Gärten schüchterne
Blumen. Aber sie wagten sich nicht so kühn hervor wie im
geschützteren Nebel und im milderen Süddorf. Und die Stille und der
Ernst, die ja überhaupt bei den Leuten der Meeresküste zu finden
sind, schienen bei den Bewohnern von Norddorf in besonderem Maße
Hausrecht zu besitzen. Mancher Sohn von Norddorf hatte sich jenseits
des Ozeans eine neue Heimat suchen müssen, weil die alte Heimat
nicht genug an Unterhalt und Arbeit bot. Und manchen Vater und
Bruder hatte das Meer verschlungen. Es mochte am Nordseestrand wenig
Dörfer geben, wo dem Verhältnis nach so viele Witwen und Waisen zu
finden waren wie in Norddorf. Aber desto heimatlicher wurde unserm
Vater dort alsbald zu Mute. Denn da, wo er auf Menschen stieß, die
in Kampf und Entbehren und verborgenem Leid saßen, war ihm immer am
wohlsten.

Von dem stillen Dorf aus wanderte unser Blick noch weiter nordwärts.
Da lag vor uns das Marschland von Riesum, im Winter so oft von den
Sturmfluten überschwemmt, aber jetzt mit seinen weidenden Schafen,
Kühen und Pferden und seinem saftigen Grün ein überaus lieblicher
Anblick. Über Riesum hinweg aber flogen die Augen zur nördlichen
Spitze von Amrum, dem letzten einsamen Außenfort der Insel. Dahin
ging nun die Wanderung.

Als wir an den Strand kamen, brauste ein Regenschauer hernieder, der
uns zwang, in einem von den Strandarbeitern errichteten niedrigen
Zelt Unterschlupf zu suchen. Das gleiche hatte vor uns schon ein
altes ehrwürdiges Ehepaar getan. Es war der Kirchenrat Lotze, Löhes
einstiger Gehilfe, der Nachschreiber und Herausgeber von Löhes
Predigten, der sich mit seiner Frau in die weltverlassene Stille
von Amrum geflüchtet hatte. Und während wir in dem engen Zelte
hockten, erfüllte der alte Lotze Vaters Herz vollends mit
Begeisterung für dieses schöne und ernste Stückchen Erde. „Hier hört
man ordentlich die Stille”, sagte er, als er aus dem Zelte kroch und
tief aufatmend seine Augen über den Strand und das einsam brausende
Meer schweifen ließ.

Dann ging es weiter, der Nordspitze zu. Kein Haus, kein Mensch, kein
Schiff; nur die Kaninchen huschten daher, und die Möwen schrien in
der Luft, und ein paar Schäfchen weideten einsam am Fuße der
Sandberge. Lange standen wir auf den hohen Dünen, die hier steiler
als an irgend einem Punkte der Insel ins Meer abfallen, weil
nirgends so wie hier das Meer bis an ihren Fuß spült und ihre
Fundamente benagt. Dann ging es hinunter in die Wellen. Sie waren
freilich nicht so hoch und mächtig, wie man sie in Norderney findet
oder gar in Sylt, aber es waren doch kräftige Wasserstürze, die
einem den Rücken rot peitschen konnten und das Blut frischer durch
die Adern jagten. Das war ein Bad so ganz nach unseres Vaters Sinn.
Zu stark konnte er es nicht mehr vertragen; aber zu schwach liebte
er es auch nicht. Er stampfte ordentlich vor Freude in den festen
Sand des Strandes, als wir klappernd vor Kälte und Anstrengung
wieder in unsern Kleidern waren.

Schließlich wurde noch das ganze Eiland der Nordspitze gründlich
durchforscht. Mit langen Schritten, jeder Schritt zu einem Meter
berechnet, maß Vater die ebenen Streifen Landes ab, die sich im
Schutz der Dünen für menschliche Niederlassungen eigneten.

An den folgenden Tagen überlegte Vater eingehend mit Pastor Tamsen.
Dann wurden die Amrumer zu einer Abendversammlung in die Kirche
eingeladen. Hier stellte Vater der ganzen Gemeinde in seiner Herz
und Gewissen packenden Weise die Gefahr vor, die der Insel drohe von
einer Spekulation, die nur ihren eignen Gewinn suche und keine
Rücksicht auf die Bedürfnisse der Insulaner kenne. Er bot seine
Hilfe an, rechtzeitig der Spekulation zuvorzukommen und dort oben im
Norden der Insel ein Hospiz für stille Badegäste zu errichten, die
leibliche und geistige Erholung suchten und gleichzeitig Sicherheit
böten für die Erhaltung der Vätersitte und des Väterglaubens auf
Amrum.

Vaters Worte schlugen ein. In der Sitzung der Gemeindevertreter, an
der Vater und Pastor Tamsen teilnahmen und in der Vater seinen in
der Kirche entwickelten Plan noch im einzelnen darlegte, wurde
einmütig beschlossen, das ganze Vorkaufsrecht für alle bebaubaren
Flächen im nördlichen Teil der Insel an Vater abzutreten. Damit war
der entscheidende Schritt getan; und die Eltern kehrten mit uns in
die Heimat zurück.

Nun galt es, Freunde für das junge Unternehmen zu gewinnen und das
unentbehrliche Kapital flüssig zu machen. Aus schleswig-holsteinischen
und Hamburger Kreisen bildete sich ein Verein, der im Bunde mit dem
Diakonissenhaus Bethlehem in Hamburg und dem Bielefelder Diakonissenhaus
die Aufrichtung des Amrumer Hospizes in die Hand nahm und, zumeist unter
persönlichen großen Opfern, das nötige Kapital vorstreckte. Freilich
ging über den Verhandlungen mit der Regierung, die die getroffenen
Abmachungen zu genehmigen hatte, zunächst noch ein ganzes Jahr hin. Aber
als das Frühjahr 1890 herankam, lag ein schwedisches Schiff im Hafen von
Amrum. Vater hatte durch schwedische Gäste, die Bethel besuchten, von
der Bauart der schwedischen Holzhäuser gehört. Das hatte ihm
eingeleuchtet. Es schien ihm ohnehin geraten, auf der von den
Sturmfluten so oft und schwer bedrohten Nordspitze statt schwerer
Backsteinbauten möglichst leicht bewegliche Häuser zu errichten, die im
Notfalle wieder abgebrochen und an einer andern Stelle aufgeschlagen
werden konnten. So barg das schwedische Schiff in seinen Wänden drei fix
und fertig zugeschnittene Holzhäuser, ein großes und zwei kleine, die in
wenigen Wochen aufgeschlagen, mit schneeweißer Dachpappe gedeckt und mit
den notwendigsten Möbeln eingerichtet waren.

Anfang August 1890 brachen die Eltern zum zweiten Male mit uns nach
Amrum auf. Da lagen sie wirklich vor unsern erstaunten Augen, die
drei schlichten, anmutigen Häuser, von denen das kleinste für uns
bestimmt war.

Es begann ein ungemein glückliches Leben. Wir waren mit den
Insulanern und Hospizgästen wie eine große Familie, die
zusammengehörte und Freud und Leid miteinander teilte. Wohl trieb
der scharfe Wind hier und da einmal den Regen durch die noch nicht
ganz fest gefugten Bretter; wohl waren die Badehütten am Strand nur
auf das notdürftigste eingerichtet; wohl hatte Schwester Pauline,
die Hausmutter, manchmal Not, das Fleisch nach dem langen Transport
von Hamburg her frisch zu erhalten, -- aber Vaters Heiterkeit ließ
keine Sorgen und Klagen aufkommen.

Der römische Dichter Horaz sagt einmal: „Es kommt darauf an, was zum
ersten Male in ein neues Gefäß gegossen wird, denn dessen Geruch
behält es für immer.” So ging es auch in Amrum. Von Vaters Art und
Wesen strömte ein Wohlgeruch aus, der zugleich nach Erde und Himmel
schmeckte. Natur und Gnade waren bei ihm wie zwei Rosen an demselben
Stiel, und ihr Duft erquickte jeden, der mit Vater in Berührung kam,
bis ins Herz. Diesen Wohlgeruch goß er damals in die neuen Häuser
auf Amrum, und sie konnten ihn nicht wieder verlieren.

Schon im nächsten Jahre zeigte es sich, daß das erste Hospiz mit
seinen drei Häusern nicht ausreichte, um das Werk, das einmal
begonnen war, durchzuführen. Inzwischen waren nämlich auf der
Südspitze der Insel mächtige Hotels entstanden. Eine umfassende
Reklame hatte durch ganz Deutschland eingesetzt. Der Name Amrum war
in aller Mund. Aber viele, die auf solche Reklame hin auf der
Südspitze landeten, sahen sich enttäuscht, und Vaters Voraussage
trat ein: ein Bankerott jener Hotelunternehmungen folgte auf den
andern. Desto stärker aber wurde nun das Gedränge nach dem soviel
günstigeren nördlichen Teil der Insel. Norddorf wurde von Gästen
gestürmt. Und um den Gästen zu dem Quartier, das ihnen Norddorf gab,
auch Speise und Trank darreichen zu können, blieb nichts anderes
übrig, als an dem Dünenrande zwischen Norddorf und dem Meere ein
zweites Hospiz zu bauen und bald ein drittes, bis im Jahre 1905 gar
das vierte und im Jahre 1911 das fünfte hinzukam.

An Sorgen hat es freilich auf Amrum nicht gefehlt. Es kamen Zeiten,
wo gute Freunde rieten, die Arbeit aufzugeben. Aber Vater blieb
unerschrocken. Ja, er wurde zornig, wenn der Gedanke auftauchte, die
Hospize zu verkaufen. Wie er nicht um Geldes willen die Sache
angefangen hatte, so wollte er sie jetzt nicht um Geldes willen
preisgeben. Er wußte, daß dann die ganze bisherige Arbeit verloren
und das schöne Nordland mit seinen treuen Bewohnern der Macht der
Spekulation rettungslos ausgeliefert sei. Jetzt konnten die Töchter
Amrums in der Stille der Hospizarbeit zu tüchtigen Hausfrauen
herangebildet werden. Was aber würde sonst aus ihnen werden?

Schon allein dieser eine Gedanke genügte für Vater, um die Treue,
die er Amrum einmal versprochen hatte, nur desto fester zu halten.
Und schließlich erlebte er es denn auch, daß alle Bedenklichkeiten
überwunden und auch die Schulden- und Sorgenlasten leichter wurden.
Hingebende Mitarbeiter fanden sich, die in leitender und dienender
Stellung die Arbeit in Amrum trieben. Fast aus allen Ständen und
Berufsarten stellten sie sich im Laufe der Jahre ein. Und daß es
meist sogenannte Laien waren, die hier unter den Augen des
unermüdlichen Herrn Kehrer nicht nur die äußere, sondern auch die
innere und innerste Arbeit taten, war für Vater immer aufs neue eine
besondere Freude. Der geistliche Vater der Hospize aber wurde mehr
und mehr der alte Pastor von Wilucki. „Väterchen Wilucki!” wie oft
hat das Vater gerufen, wenn er dem ehrwürdigen Manne um den Hals
fiel, um ihm für seine unermüdliche Liebe zu danken, mit der er elf
Jahre hintereinander seine emeritierten Kräfte vor den Hospizwagen
spannte.

Nach unserer Mutter Tode hat Vater wieder und wieder sein liebes
Amrum aufgesucht. Weil sein Herz jung blieb bis zuletzt, darum
konnte er bis in sein hohes Alter hinein neue Freundschaften
schließen. Und daß ihm Gott gerade auf Amrum so manches neue
Freundesherz schenkte, gehörte zu seinen besonderen Erquickungen.
Von denen, die inzwischen abgerufen sind, waren es vor allem der
Herausgeber des „Baseler Volksboten”, Theodor Sarasin, und seine
noch lebende hochgesinnte Frau, die beide mit ihrem Himmel und Erde
umspannenden Interesse Vaters Herzen ganz besonders nahestanden.
Hier fand Vater zwei ihm in ungewöhnlichem Maße gleichgeartete
Naturen, in deren Gegenwart er sich besonders wohl fühlte.

Aus der Menge der Freunde und Gäste riß sich Vater dann immer wieder
los, um in der Einsamkeit nachzudenken. Gern stieg er auch in das
Boot, um bis vor die Brandung der vordersten Sandbänke zu segeln,
die weit draußen im Meere ihren schützenden Gürtel um Amrum legen.
Dann las er den Gästen, die mitfuhren, vor, oder er saß still für
sich allein unter dem Vordersegel und summte ein Lied vor sich hin.
Einmal, als eine Mißstimmung unter den Hausmädchen des Hospizes
ausgebrochen war, machte er ganz allein mit ihnen eine Segelfahrt
hinaus ins Meer, und als sie abends heimkehrten, waren Friede und
Eintracht wieder hergestellt.

Am liebsten hatte Vater die Halligen. Unvergeßlich ist die erste
Fahrt, die wir dahin machten. Vater war zum Missionsfest nach der
Hallig Hooge eingeladen. Da kein Dampfer dort anlegte, mieteten wir
den „Hotspur”, einen starken Segelkutter des früheren australischen
Goldsuchers und jetzigen Austernfischers Peters. Schon am Tage
vorher mußten wir aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu
sein. Erst dicht vor Mitternacht wateten wir von unserm Boote aus,
Schuhe und Strümpfe in den Händen, an das einsame Eiland und suchten
uns durch die Dunkelheit an den grasenden Kühen und Schafen vorbei
den Weg zum Pfarrhaus. Es war dasselbe Haus, auf dessen Dach sich
der Vorgänger des jetzigen Pastors mit Frau und Kind vor der
Sturmflut geflüchtet hatte. Nur ihr kleinstes Kind hatten sie mit
hinauf retten können, die andern Kinder trugen die Wellen davon in
den Tod hinein. Die Kanzel aber, auf der Vater andern Tages seine
Predigt hielt, stammte aus einer jener 37 untergegangenen Kirchen.
Sie war nach jener Schreckenszeit an das Ufer von Hooge gespült
worden.

Je öfter Vater nach Amrum kam, desto wohler fühlte er sich in der
stillen Inselwelt, desto familienmäßiger schlossen sich die Bande
zwischen Insulanern und Hospizgästen. Mancher schöne Familienabend
wurde gefeiert. Dann kamen die stillen Männer der Insel und in ihrer
eigenartigen Tracht die Frauen und Mädchen; und der Pastor und
Doktor kamen; und hoch auf seinem Rappen kam der originelle alte
Kantor Bandix Bonken, der drüben von der kleinen Hallig Gröde
stammte und in dessen Geburtsjahr sich die Eintragung im Kirchenbuch
der Hallig findet:

    Geboren eins.
    Gestorben keins.
    Kopulieret ein Paar,
    Welches des Küsters Töchterlein war.

Der „Geboren eins” aber war der spätere Kantor von Amrum.

Die Hospizgäste waren wie Kinder im Hause, die Sonntags dem Vater
zuliebe und dem Dienstpersonal zur Freude ihre Betten machten und
mittags auf leisen Sohlen durch das Haus schlichen. Unter allen
schönen Stunden aber, die wir auf Amrum verlebten, waren jedesmal die
schönsten, wenn Vater die Morgenandacht hielt oder wenn er, sei es in
der Strandhalle, sei es an einer geschützten Stelle in den Dünen, die
Bewohner der Hospize zu einer freiwilligen Bibelbesprechstunde
vereinigte. Der letzten Stunde, die ich mit erlebte, lag der Text aus
dem 2. Korintherbrief zu Grunde: „Wir haben allenthalben Trübsal, aber
wir verzagen nicht.” In der anschließenden Besprechung kam die Rede
aufs Sterben, und Vater sagte: „Das letzte Sterben ist das schwerste
nicht, aber den alten Adam täglich in den Tod geben, -- nichts ist
schwerer, aber auch nichts ist feiner.” „Auf das letzte Stündelein
aber wollen wir uns bereit machen; desto leichter wird es sein, wenn
es einmal da ist.” „Es ist mir wohl manchmal ein bißchen bange, wenn
ich an die letzte Fahrt denke, aber” -- mit dem Finger in die Höhe
zeigend -- „mein Heiland ist am Steuerruder. Und ist die letzte Fahrt
überstanden, dann sind wir am lieben jüngsten Tage alle zusammen vor
Gottes Thron und haben alle Vergebung der Sünden. Dann wollen wir
danken und loben ohne Aufhören. Denn Dank und Lobgesang ist unser
Ziel, wie wir überhaupt geschaffen sind zum gemeinsamen Lobe Gottes.”


Metz, Hunsrück und Ems.

Statt nach Amrum hatten wir im Sommer 1888 eigentlich auf den
Hunsrück reisen wollen. Dort, in einem Seitental der Nahe zu Füßen
der alten Wildenburg, hatte die Familie von Stumm-Halbach ein
Besitztum, die Asbacher Hütte. Hier hatte die Wiege der großen
Stummschen Industrien des Saargebiets gestanden. Die Hütte selbst
war längst außer Betrieb gesetzt, aber das alte Wohnhaus stand noch.
Die Familie von Stumm bot es Vater an, um es nach seinem Belieben zu
wohltätigen Zwecken zu verwenden. Um an Ort und Stelle zu prüfen, in
welcher Weise das Anwesen am besten nutzbar gemacht werden könne,
war beschlossen worden, dort oben die Ferien zu verleben und
zugleich einen Abstecher nach Metz zu machen, wo unsere Schwestern
arbeiteten und wohin Vater durch so manche Erinnerungen aus der
Kriegszeit gelockt wurde. Durch den Ruf, der aus Amrum kam, hatte
die Reise verschoben werden müssen; aber im nächsten Sommer, 1889,
wurde sie nachgeholt. Zunächst ging die Reise nach Metz.

Unvergeßlich waren die Tage, die wir dort erlebten. Der Kaiser nahm
große Parade ab, und die jugendliche Kaiserin kam zur Einweihung des
Mathildenstifts, wo unsere Schwestern die Arbeit übernahmen. Wir
haben da die edle, gütige Frau zum erstenmal gesehen. Am Schluß der
Feier rief uns Vater der Reihe nach zu ihr heran, und nach der
Mutter küßten wir Geschwister der Kaiserin die Hand.

Als das Kaiserpaar Metz verlassen hatte, führte Vater die
Diakonissen und uns auf die Schlachtfelder hinaus. Wir suchten die
Stelle, wo er am 14. August die ersten Toten aus der Schlacht von
Colombey in einem gemeinsamen Grabe bestattet hatte, fanden auch
wirklich den Grabhügel und richteten das zusammengesunkene Holzkreuz
wieder auf. Auch nach den Schlachtorten des 18. August, Gravelotte
und St. Privat, brachte er uns. Er durchlebte alles noch einmal und
wir in tiefer Bewegung mit ihm. Wir hörten die Granaten sausen, die
Kommandos tönen, die Verwundeten jammern, die Sterbenden röcheln und
sahen die Stille der Nacht sich über das blutige Schlachtfeld
senken. Es war keine Verherrlichung des Krieges, kein Rühmen des
eigenen Volkes, nichts von Feindeshaß, aber wir ahnten eine höhere
Hand, aus der Friede und Krieg kommt zum Heil der Völker.

Dann folgten die Wochen auf dem Hunsrück in der Asbacher Hütte. Sie
erwies sich in der Tat als ein wertvolles Geschenk, das zunächst von
unserm Diakonissenhause Sarepta übernommen wurde und dann in den
Besitz des jungen Diakonissenhauses in Kreuznach überging. Der
Aufenthalt selbst aber brachte den Eltern wenig Erfrischung. Die
Fülle unerledigter Arbeit, die Vater in die Ferien begleitet hatte,
war diesmal besonders groß. Die Feder von uns Kindern reichte nicht
aus. Auch die Mutter mußte wie in alter Zeit wieder mithelfen. So
kamen beide Eltern müde in den Winter hinein und wurden von der
Grippe, die damals zum ersten Male umging, ergriffen.

Seitdem litt Vater an einer Hinfälligkeit der Stimme, die ihn
schließlich im Sommer 1893 zu einer Kur in Ems zwang. Mit sehr
abgespannten Kräften langte er in Ems an; und nur langsam kehrten
diese wieder. Eine besondere Anstrengung war ihm der Weg zur Kirche,
die fast eine halbe Stunde entfernt lag. Aber die tiefen,
geistvollen Predigten des Ortspastors Vömel, eines Schülers Becks,
zogen ihn immer wieder an. Es war ihm schwer, daß so viele
Badegäste, denen der Weg durch das heiße Flußtal zu weit war, diese
Erquickung entbehren mußten. Auf der andern Seite aber empfand er es
auch hier wieder als ein Unrecht, daß die Badegäste, die den
Gottesdienst in der Ortskirche aufsuchten, den Ortseingesessenen die
besten Plätze wegnahmen.

So entstand bei ihm und Pastor Vömel der Entschluß, am Badeort
selbst in unmittelbarer Nähe der Quelle und der Wohnungen der
Badegäste eine Kirche zu errichten. In schönster Lage wurde ein
Bauplatz gefunden und erworben. Aber die Aufbringung der Kosten
verursachte unendliche Mühe. Diesmal konnten nicht unbemittelte
Kreise herangezogen werden, die schneller, williger und
verhältnismäßig auch reichlicher zu geben pflegen als die
bemittelten, sondern es galt, vor allem die wohlhabenden Kurgäste zu
gewinnen, die in Ems Erholung und Genesung gefunden hatten. Aus den
alten Kurlisten ließ Vater die Adressen der ehemaligen Badegäste
herausziehen, und jeder einzelne wurde von ihm durch ein besonderes
Anschreiben wieder und wieder zur Dankbarkeit für die heilkräftigen
Emser Quellen ermuntert.

Auch an die Pläne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt.
Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus
besuchte, hatten ihn in hohem Maße angezogen. Er zeichnete ihre
Motive ab, die dann von Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt
wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre
später die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zähester Arbeit
hatten damit ihren Abschluß gefunden.


Tante Frieda.

Am 4. Dezember 1894 war unsere Mutter heimgegangen. In tiefer
Verborgenheit trug Vater den Verlust seiner treuesten Mitarbeiterin.
Nur unser jüngster Bruder, der von da an die Schlafkammer mit dem
Vater teilte, hörte bisweilen nachts das stille Seufzen des
Vereinsamten. Ohne Verabredung schlossen wir Geschwister den Ring
der Liebe um unsern Vater noch fester. Wir sind ihm manchmal mit
unserer Fürsorge lästig gefallen, haben manchmal des Guten zuviel
getan. Aber er tat auch da, als merkte er es nicht. Weder mit der
Gegnerschaft noch mit der Fürsorge, die seine Person erfuhr, hielt
er sich lange auf, sondern ging zwischen beiden hindurch seinen
eigenen Weg.

Der Diamant in dem Ring der Liebe, der sich um Vater legte, wurde
vom Jahre 1898 ab unsere Tante Frieda. Hart wie ein Diamant war sie
und zugleich leuchtend wie dieser von zartester Liebe. Tante Frieda
war Vaters einzige noch überlebende Schwester. Sie hatte ihre Mutter
bis zu deren Tode gepflegt und dann auch ihre einzige sehr geliebte
jüngere Schwester, die Landrätin von Oven in Dillenburg, die ihr
sterbend ihre fünf unmündigen Söhne hinterließ. Diesen fünf Kindern,
denen sie nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen
mußte, hatte sie sich ganz gewidmet.

Sie war ein Muster der Treue und Einfachheit und von tiefem Verständnis
für die Kindesseele. Wie eine Mutter haben die fünf Neffen sie geliebt,
und sie hat es mit demütigem Stolz erlebt, wie alle -- nur einer starb
früh -- in den Spuren ihrer stillen Treue und Schlichtheit zu Männern
ungewöhnlicher Hingabe und Tüchtigkeit wurden. Als ein Neffe nach dem
andern ihrer unmittelbaren Obhut entfloh, unterhielt sie in Dillenburg
eine kleine Gymnasiastenpension, die ihr den Lebensunterhalt bot.

Durch einen Sturz, den sie bei Glatteis auf den Hinterkopf tat,
hatte sie sich ein schweres Kopfleiden zugezogen. Einen um den
andern Tag setzten für einige Stunden rasende Schmerzen ein. Dann
konnte sie nur in gekrümmter Haltung ihre häusliche Arbeit
verrichten, zwischen den zusammengepreßten Lippen von Zeit zu Zeit
einen schweren, langgezogenen Seufzer herauspressend. Verschiedene
Kuren gaben nur vorübergehende Erleichterung. Zehn Jahre lang
dauerte das Leiden in fast ungeminderter Stärke. Dann ließ es
langsam nach und verlor sich erst in den Jahren vor ihrem Tode ganz.
So hatte sie, wie unsere Mutter, durch eigenes tiefstes Leid
gelernt, andere Leidende zu verstehen, und ihre zähe, starke Natur
war im Kampf mit dem Leiden nur noch zäher und stärker geworden,
aber zugleich wunderbar zart und mitfühlend.

Ihrem Bruder gegenüber ließ sie diese Zartheit freilich kaum merken.
Da war sie die um vier Jahre ältere Schwester. Sie war 71, als sie
zu uns kam, und Vater 67. Er blieb für sie der jüngere Bruder, an
dem sie bis zuletzt mit großartiger schwesterlicher Treue und
Offenherzigkeit ihr Recht als ältere Schwester geltend machte. Sie
hatte dasselbe offene Auge und denselben Wahrheitsmut wie unsere
Mutter. Nur fehlten ihr deren köstliche Unmittelbarkeit und
blitzender Humor. Sie trug an Dingen und Menschen schwer, grub auch
wohl ihre Gedanken und Bedenken in sich hinein, ehe sie sie
vulkanartig äußerte. Und während Mutter meist den Kern der Sache sah
und mitten ins Schwarze traf, blieb ihr Gemüt eher an Nebendingen
haften, an denen sie sich stieß und um deren Abstellung sie sich
vergeblich bemühte.

So ärgerte sie an ihrem Bruder die Art, mit der er Dinge und
Menschen immer von der besten Seite ansah. Statt ihm in dem, worin
er recht hatte, zuzustimmen und ihn dadurch willig zu machen, auch
die Kehrseite nicht aus dem Auge zu lassen, schlug sie ihrerseits zu
stark nach der Gegenseite um und gab dem in der drastischsten Weise
Ausdruck. Wenn Vater von einem Gaste, der bei uns einkehrte, sagte:
„Was für ein lieber Mensch”, -- dann sagte sie: „Ein gräßlicher
Peter.” Und wenn Vater eine Erinnerung aus der Kindheit in den
goldensten Farben malte, dann konnte sie es nicht lassen, die
tiefsten Schatten in das Bild hineinzusetzen.

Vor dieser Art seiner Schwester hatte Vater eine gewisse Scheu,
sodaß er zunächst nicht wagte, sie ganz in sein Haus zu bitten,
sondern ihr nahelegte, die Fürsorge für die alternden Schwestern im
benachbarten Feierabendhaus zu übernehmen und von da aus nur die
Hauptmahlzeiten mit uns zu teilen. So wurde sie jahrelang die
mütterliche Freundin der in heißer Arbeit müde und alt gewordenen
Diakonissen. Ihnen gegenüber trat die Herbigkeit, die sie ihrem
Bruder zeigte, zurück. Da kamen vielmehr ihr zartes, liebevolles
Verständnis und ihre große Verschwiegenheit in den Vordergrund. Vor
den Ohren der alten Schwestern konnte sie sogar hier und da mit
schwesterlichem Stolz in Bewunderung ihres Bruders umschlagen, um
dann, wenn sie mittags oder abends an unserm Tisch saß, nur wieder
desto kritischer gegen ihn zu sein. Vater ließ solche Kritik ruhig
über sich ergehen. Höchstens daß er hier und da einmal das
Tischgespräch etwas schneller abbrach als sonst und im Davongehen
nur sagte: „Du machst es heute einmal wieder stark, meine alte,
liebe Schwester.”

Das wurde aber von Jahr zu Jahr gelinder, sodaß Vater die Furcht vor
seiner Schwester vergaß und sie sich einigten, daß sie ganz zu uns
zog. Ihre Kräfte hatten nachgelassen, während die Aufgaben im
Feierabendhaus zugenommen hatten. „Ich baue dir bei uns ein
Sterbestübchen”, sagte Vater. Hinter einem kleinen Vorkämmerchen
wurde ein ganz stilles Zimmer geschaffen. Dahin siedelte dann Tante
Frieda über mit den wenigen schönen, alten Möbeln, die sie noch für
sich zurückbehalten hatte. Alles andere hatte sie an ihre
Pflegekinder weggegeben. In ihrer Kommode lag ihr Sterbehemd, und
über ihrem Bett hingen die Bilder ihrer nächsten und liebsten
Verwandten, alle auf dem Totenbett.

Sie hatte für ihre Person ganz mit dem Leben abgeschlossen und konnte
darum ganz für die Lebenden da sein. In ihrem „Sterbestübchen” war
die Luft der Ewigkeit in wunderbarer Weise geeint mit einer völligen
Offenheit für alle natürlichen Dinge der Zeit und für Menschen aller
Richtungen und Verhältnisse. Die Frömmsten und die Gottlosesten fühlten
sich wohl bei ihr. Ohne zu suchen, hatte sie für jeden das rechte Wort.
Bei niemand machte sie Bekehrungsversuche. Aber jeder fühlte: So wie
die solltest und könntest du eigentlich auch sein. Kam hier und da
einmal eine kleine Schroffheit bei ihr zu Tage, so nahm ihr das niemand
übel, weil jeder spürte: Das kommt aus liebevollstem Herzen. Sie selbst
fühlte sich geradezu wohl, wenn man eher etwas zu schroff gegen sie war
als zu zart. Übelnehmen kannte sie nicht. Niemals hat sie jemand etwas
nachgetragen.

Für Kinder behielt sie bis in ihr höchstes Alter eine ganz
unwiderstehliche Anziehungskraft, obgleich sie diese, arm wie sie
war, durch keinerlei äußerliche Mittel an sich kettete. Jauchzend
umsprangen sie die Kinder des Kinderheims: „Tante Frieda, zeig' uns
mal deine Zähne!” Dann überwand sie sich, holte schmunzelnd ihr
künstliches Zahngehege heraus und hielt es der staunenden Menge hin.
Ihre kleinen Ersparnisse verwandte sie für die Reisen zu ihren
Neffen oder umgekehrt für die Besuche, die ihre Neffen bei uns
machten. Zum Abschied steckte sie ihnen dann jedesmal das Reisegeld
bei einschließlich des Trinkgeldes, das sie im Hause und dem
Gepäckträger zu geben hatten. Blieb außerdem noch etwas übrig, dann
gab es für Großneffen und Großnichten von Zeit zu Zeit einen Weg in
die Stadt, wo sie mit ihnen bei Schokolade und Kuchen feierte.

Vater hatte bestimmt damit gerechnet, daß er seine alte Schwester
überleben würde; und manchmal kamen Zeiten so großer Schwäche, daß
wir ihr Abscheiden in nächster Nähe glaubten. Sie wollte aber allein
sterben und niemand dabei Mühe machen. Einige Male kam es vor, daß
Vater sie abends zum Sterben einsegnete. Dann fand man ihn am andern
Morgen an der Tür ihres Zimmers lauschend, ob er ihre Atemzüge hörte
oder ob wirklich alles still geworden wäre. Sie lebte aber immer
wieder auf und überdauerte ihren Bruder noch um drei Jahre.

Ihre letzte Reise machte sie nach Hannover, wo einer ihrer Neffen
als General stand. Als der sie in Uniform mit seinem Burschen auf
dem Bahnhofe abholte, wollte sie sich seine Begleitung nicht
gefallen lassen: „Ihr müßt euch ja schämen, mit mir alten, häßlichen
Person über die Straße zu gehen.” Dann willigte sie aber doch ein.
Auf dem Heimwege besuchte sie in Bückeburg die Witwe und die Kinder
ihres ältesten Bruders. Dort starb sie, nachdem sie mit unserm
jüngsten Bruder noch das Abendmahl gefeiert hatte. Ihr Sterbehemd
hatte sie bei sich in ihrem Koffer. Auf dem Friedhof in Bethel zu
Häupten ihres Bruders ist ihr Grab zu finden.



Herbstfrüchte.


Die theologische Woche.

          „Es kann uns niemand eine größere Wohltat erweisen als die,
          daß er uns die Heilige Schrift lieb und verständlich macht.”

                                                            F. v. B.

Im Sommer 1897 verbrachten wir unsere Ferien in Braunlage im Harz.
Eines Sonntags, während wir in der Kirche saßen, erschienen in der
Bank neben uns zu unserer großen Überraschung fünf bekannte
Professoren der Theologie, Nathusius aus Greifswald, Schaeder aus
Königsberg, Feine aus Wien, Lütgert aus Halle und zu unserer großen
Freude auch Schlatter aus Berlin. Sie hatten mit andern Kollegen,
unter ihnen auch Cremer aus Greifswald, eine Zusammenkunft in
Wernigerode gehabt, und jene fünf hatten sich am Schluß ihrer
Konferenz noch zu einer kleinen Harzwanderung zusammengetan. Sie
beschlossen, den Nachmittag mit uns zuzubringen. Am andern Morgen
nahmen sie Abschied, bis auf Professor Schlatter, der bei uns blieb.
Müde von der Arbeit und dem Staub Berlins hatte er ohnehin die Reise
zu der Konferenz in Wernigerode mit einer kleinen Ausspannung
verbinden wollen. So bezog er für acht Tage unmittelbar neben
unserer Waldwohnung ein Zimmer.

Im Winter 1893 hatten Vater und Schlatter sich zum erstenmal
gesehen. Unser ältester Bruder Wilhelm und ich studierten damals in
Greifswald, und Vater kam auf unsere Einladung, um bei einem
akademischen Missionsfest zu sprechen. Die Predigt in der
Jakobikirche, in der die akademischen Gottesdienste abgehalten
wurden und in der nun ein großer Teil der akademischen Welt
versammelt war, wurde Vater ganz besonders sauer. Fast verlegen wie
ein Kind war er, als er anfing zu sprechen, bis er allmählich sich
selbst wiederfand und dann mit großer Zuversicht von den Aufgaben an
der Völkerwelt diesseits und jenseits des Todes sprach. „Ich hoffe,”
sagte er, „auch noch in der jenseitigen Welt fröhliche Arbeit zu
finden an denen, die noch nichts vom Evangelium gehört haben.”

Am andern Tage saß er mit uns im Kolleg, erst bei Cremer, dann bei
Schlatter. Wir hatten uns mit ihm auf die letzte Bank zurückgezogen,
wie Studenten es zu tun pflegen, die ein Kolleg „schinden” und nicht
wagen, einen günstigen Platz zu beanspruchen. Es war seit seiner
Studentenzeit das erste Mal, daß Vater wieder unmittelbar mit dem
wissenschaftlichen Leben und der wissenschaftlichen Arbeit in
Berührung kam. So fleißig er bis zu seinem theologischen Examen
wissenschaftlich gearbeitet hatte, so hatte später die Fülle anderer
Aufgaben, die auf seine Schultern gefallen war, ihn kaum mehr zum
eigentlichen wissenschaftlichen Studium kommen lassen. Jetzt zogen
ihn der Ernst und die Gründlichkeit, die er den beiden Männern
abspürte, ungemein an, sowohl Cremers herbe Ergriffenheit als ganz
besonders Schlatters sprudelnde Frische. Aber zu einer näheren
Berührung kam es damals nicht.

Das wurde nun durch Schlatters Kommen nach Braunlage anders. Wir
machten gemeinsam eine Fahrt nach Ilsenburg zur Fürstin Clementine
Reuß. Auf dem Rückwege im Wagen erzählte Vater von unserm früheren
Besuch in Goslar, wo wir im Museum die alten Strafwerkzeuge gefunden
hatten, darunter auch den Doppelkasten, die sogenannte „Beißkatze”,
worin Marktweiber, die sich gezankt hatten, auf öffentlichem Markte
eingesperrt wurden, die Gesichter gegeneinander gekehrt. Schlatter
warf ganz ahnungslos dazwischen: „Ja, die alte Justiz war doch recht
grausam.”

Das fuhr wie ein Blitz in Vaters Seele: „Nein, unsere heutige Justiz
ist noch viel grausamer!” Und nun entlud er sein Herz über die
Rechtspflege, die an den arbeitslosen Wanderern geübt wurde. Statt
ihnen Arbeit zu geben, würden sie arbeits- und mittellos zum Betteln
gezwungen; als Bettler würden sie verhaftet, vor Gericht gestellt
und mit Haft und im Wiederholungsfalle mit Gefängnis bestraft; von
der ersten Gefängnisstrafe ginge es zur zweiten und so weiter; immer
tiefer, immer tiefer ins Elend hinunter, ein langsamer, qualvoller
seelischer Tod. Das sei viel grausamer als die alte Justiz der
Beißkatze. Dann entfaltete er seine Gedanken, wie durch eine
vernünftige, barmherzige Justiz diese grausame Justiz, die die
mittelalterliche an Härte und Erbarmungslosigkeit weit übersteige,
abgestellt werden könne.

Schlatter, immer ruhig, kritisch, wissenschaftlich auch bei dieser
für Vater brennendsten praktischen Frage, warf seine Einwände
dazwischen, die zur weiteren Klärung beitragen, aber keineswegs
mangelndes Interesse an dem Schicksal des Bruders von der Landstraße
bedeuten sollten. Vater aber witterte hinter den kühlen, sorgsam
abgewogenen Erwägungen Schlatters den Anwalt der herzlosen Justiz
von heute. Sobald er aber irgendwo auf Herzlosigkeit gegen den
Bruder von der Landstraße stieß, kannte er keine Rücksicht mehr.
„Sie verstehen das nicht, mein lieber Professor”, sagte er ein wenig
bitter. Und einmal hätte nicht viel gefehlt, daß er seinen Gegner
bei den Schultern gepackt hätte, um zu versuchen, ihn durch einen
körperlichen Ruck in das gewünschte Geleise zu bringen.

Ohne daß eine Verständigung gefunden worden wäre, stiegen wir in
dunkler Nacht aus dem Wagen. Auch beim Mittagbrot am andern Tage war
die Stimmung noch gedrückt. Es gärte und arbeitete unablässig in
Vater. Endlich am Nachmittag hatte er verstanden, worauf es
Schlatter eigentlich angekommen war, daß er ihn nicht hindern,
sondern ihm zur weiteren Klarheit hatte helfen wollen. Er diktierte
einem von uns Schlatters Gedanken, wie sie ihm inzwischen klar
geworden waren, und um die Kaffeezeit ging er zu ihm hinüber. „Hier,
Professor, meinst du es so?” -- „Ja,” antwortete Schlatter, „so
meine ich es; so wird es gehen.” So wurde Friede geschlossen und
damit der Grund gelegt zu einer Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft,
die für Vater und für viele eine reiche Quelle der tiefsten Freuden
wurde.

Für die noch übrigbleibenden Tage unserer Ferienzeit waren die beiden
fast unzertrennlich, und auch die in Wernigerode besprochenen Gedanken
wurden zwischen ihnen weitergesponnen. Dort hatten die Professoren unter
anderem erwogen, wie die Kluft, die die Männer der Praxis und die Männer
der Wissenschaft trennte, überbrückt werden könne. Sie empfanden es
schmerzlich, daß zwischen den Studenten, sobald sie die Universität
verlassen hatten, und ihren ehemaligen Lehrern der Regel nach jede
persönliche Beziehung aufhöre, und beklagten den Verlust, der dadurch
sowohl für das kirchliche Leben als für die wissenschaftliche Arbeit
entstünde. Beide Teile mußten durch die mangelnde Verbindung für ihre
Arbeit Einbuße erleiden. Denn die wenigen Universitätsjahre zu den Füßen
der Professoren sollten doch eigentlich nur die Einleitung in dauernde
wissenschaftliche Arbeit bedeuten. Umgekehrt sollten die Männer der
praktischen kirchlichen Arbeit unablässig das Leben der Universitäten
befruchten, damit es nicht in leere Luftgebilde sich verflüchtige, die
ohne Verständnis und ohne Bedeutung bleiben mußten für das wogende Leben
des Volkes und der Christenheit.

So wurde zwischen Vater und Schlatter bei einer Regenwanderung nach
Andreasberg, die sie unter einem gemeinsamen Regenschirm vereinigte,
für das nächste Jahr ein theologischer Kursus in Aussicht genommen.
Schlatter wünschte, daß er nicht in einer Universitätsstadt sein
sollte, sondern in einer Gemeinde. Denn dadurch sei von vornherein
klar zum Ausdruck gebracht, daß die Besprechungen zwischen den
Männern der Wissenschaft und denen der Praxis nicht den Köpfen
gelten sollten, sondern den Personen, nicht dem wissenschaftlichen
Betriebe, sondern im tiefsten Sinne dem wissenschaftlichen Leben.
Darum ergab sich von selbst Bethel als Versammlungsort.

So kam im August 1898 die erste theologische Woche zustande. Die
große Zahl der Besucher zeigte von vornherein, welch tiefem
Bedürfnis der Gedanke entsprang. Cremer und Schlatter hatten die
Hauptvorträge übernommen. Zugleich mit andern Teilnehmern strömten
namentlich die alten Schüler der beiden Professoren herbei, um
einmal wieder mit den geliebten Lehrern zusammenzusein und ganz
anders, als sie es als unerfahrene Studenten gekonnt hatten, unter
ihrer Leitung den tiefsten Fragen nachzugehen.

Die Vorträge selbst waren öffentlich. Es sollte jedermann sich
überzeugen können, daß die theologische Arbeit keine Geheimniskrämerei
sei, sondern für jeden Nachdenksamen ihren hohen Wert habe. So nahmen
viele Nicht-Theologen beiderlei Geschlechts an den Vorträgen teil, aus
der Anstalt sowohl wie aus Bielefeld und der Umgegend. Die
Besprechungen aber, die den Vorträgen folgten, wurden im geschlossenen
Kreise der Theologen gehalten, und dieses Ineinander von
Öffentlichkeit und Vertraulichkeit bewährte sich auch bei allen
späteren Kursen, die vom Jahre 1898 ab bis heute fast ohne
Unterbrechung alle zwei Jahre stattfanden.

Andere Theologen wurden hinzugezogen. So der blinde, immer wieder
mit besonderer Bewegung begrüßte Professor Riggenbach von Basel,
Professor Kähler aus Halle, Professor Schaeder, später in Kiel und
Breslau, Professor Lütgert aus Halle, Professor Bornhäuser aus
Marburg. Die Führung behielten Cremer und Schlatter, die beiden, das
darf wohl gesagt werden, neben Kähler in Halle damals bedeutendsten
Vertreter der deutschen Theologie, die in tiefster Gemeinschaft der
Überzeugungen einander ergänzten.

Wie einer der Durstigsten saß Vater zu den Füßen dieser
„Wasserschöpfer”, wie er die Professoren am liebsten nannte, ohne es
zu merken, daß er seinerseits durch seine meist ganz kurzen
Bemerkungen, die er in die Besprechungen hineinwarf, die Seele des
Ganzen blieb. Er war wie der Meister, der die wogenden Töne immer
auf die letzten Grundakkorde einigt und zugleich die verborgensten
Saiten des Herzens zum Schwingen bringt, auch die, in denen der
Zweifel schläft und das Bangen vor dem Unergründlichen.

Er selbst hatte am Ausgang seiner Studentenzeit die beängstigende
Unsicherheit kennengelernt, in die die Kritik hineinführt. Darum
blieb er barmherzig mit denen, die in ähnlichen Kämpfen standen. Das
kam immer wieder während dieser theologischen Wochen zum Ausdruck.
Aber zugleich wies er in den Besprechungen, die sich an die Vorträge
der Professoren anschlossen, die Wege, die zur Gewißheit des
Glaubens führen: die Demut der Buße und die selbstverleugnende
Liebe. Geistliche Hoffart, das sprach er immer wieder aus, war für
ihn das Haupthindernis des Glaubens. „Das menschliche Herz ist so
hoffärtig,” sagte er auf einer dieser theologischen Wochen, „daß es
nicht einmal die Liebe eines kleinen Kindes vertragen kann, sondern
sich darauf etwas zugute tut. Und wie ist es mir gegangen, als ich
gestern hier predigen mußte? Da sagte mir mein Herz: So, nun mußt du
vor den großen, berühmten Professoren predigen; wie fängst du es nur
an, daß du ihnen gefällst? So hoffärtig ist das Herz. Den
Hoffärtigen aber kann sich Gott nicht offenbaren.” Naturgemäß riefen
die Besuche, die die Teilnehmer der theologischen Woche in den
Häusern des Elends von Bethel machten, viele Fragen wach, die dann
in den gemeinsamen Besprechungen vorgebracht wurden. Vater konnte
sich demütig immer wieder in das schicken, was ihm an den Wegen
Gottes unbegreiflich erschien, und die Buße, die sich unter Gottes
Gericht beugt, löste ihm unbegreiflich scheinende Rätsel. „Ich leide
auch zuweilen”, sagte er einem Teilnehmer als Antwort auf dessen
bange Frage, „unter all dem Elend der Erde und kann es nicht
verstehen. Aber dann denke ich immer wieder: Wie würde es sein, wenn
das Elend nicht da wäre? Es würde noch viel schrecklicher auf der
Erde aussehen, weil dann die Hoffart ohne alle Hindernisse wachsen
würde. Das Menschenherz ist viel zu hoffärtig, als daß es das Leiden
entbehren könnte.”

Neben der Buße aber war ihm die Liebe der andere Pol, um den die
Erkenntnis Gottes schwingt. „Wie kann nur”, fragte ihn einer, „all
dieses Elend, das sich in den Anstalten zusammenfindet, von Gott
zugelassen werden?” Da sagte Vater nur: „Man muß etwas zum Lieben
haben.” Und als ein zur theologischen Woche gekommener
Gefängnispastor während der Besprechung darüber klagte, wieviele
Gottesleugner er unter seinen Gefangenen fände, sagte Vater: „Ich
habe noch nie einen Gottesleugner getroffen.” „Bebel!” rief eine
Stimme in den Saal hinein. Vater aber sagte aus tiefster Überzeugung
heraus: „Und wenn Bebel hier wäre, er würde es nicht wagen, Gott zu
leugnen.” Da sahen wir in seine tiefsten Erfahrungen und
Überzeugungen hinein. Er hatte in der Tat keinen Gottesleugner
gefunden. In Debatten über das Dasein Gottes hat er sich nie
eingelassen, aber unter der Glut seiner Liebe wurde auch in
gottentfremdeten Gemütern die geheimnisvolle Gottesstimme wach. Sie
spürten den Hauch aus einer andern Welt, und trotz aller
Verstandeszweifel vermochten sie in seiner Gegenwart nicht, diese
andere Welt zu leugnen. So wurde Vater uns zur Auslegung des alten
Wortes: „Deus tantum cognoscitur, quantum diligitur”. Gott wird nur
in dem Maße erkannt, als er geliebt wird. Und auch unser Nächster
wird in dem Maße der Erkenntnis Gottes näher geführt, als er durch
uns unter den Strahl der Liebe Gottes kommt.

Diese Liebe aber schöpfte Vater aus der in der Schrift geoffenbarten
Liebe Gottes in Jesus Christus. Darum war ihm die theologische Woche
und die Freundschaft mit den „Wasserschöpfern” solch eine besondere
Erquickung. Ein Professor der sogenannten freien Theologie führte
seine Studenten durch Bethel. Am Schluß machte er Vater einen
Besuch. „Herr Pastor,” sagte er, „wieviel Gutes tun Sie den
Kranken, und wie gütig haben Sie uns aufgenommen! Warum sind Sie
zugleich so ablehnend gegen meine theologische Arbeit?” „Lieber
Professor,” sagte er, „ohne den alten Glauben könnte ich keinen
einzigen epileptischen Kranken pflegen -- und du auch nicht.”


Freistatt.

Fünfzehn Jahre lang hatte Wilhelmsdorf seine Arbeit getan. Immer
mehr waren Epileptische und Geisteskranke, die nach und nach von
Bethel nach Eckardtsheim übergesiedelt waren, in fröhlichen
Wettbewerb mit den Kolonisten getreten. Aus der Einöde war ein
Garten Gottes geworden. Überall saftige Wiesen, prangende Gärten,
wogende Felder und Schonungen von Tannen und Kiefern, die auf dem
durchrigolten Boden kräftig gediehen. Aber so erfreulich diese
Entwicklung auf der einen Seite war, so sah Vater ihr doch auch
nicht ohne Bedenken zu. Die Masse des unkultivierten Landes nahm
zusehends ab. Neuerwerbungen waren nicht möglich. Denn überall um
Eckardtsheim her, teilweise mit Hilfe der Kolonisten, hatten die
Bauern das Vorbild der Kolonien nachgeahmt. Durch planmäßiges
Rigolen und künstliche Düngung war der Wert der ganzen Umgegend um
ein Vielfaches gestiegen. Niemand dachte mehr an Verkaufen. Hätte
Bethel doch kaufen wollen, so wäre eine Rentabilität unmöglich
gewesen.

Auf das Heideland war also nicht mehr zu rechnen. So wandte Vater
seine Augen den Mooren zu. Er bereiste die nördlichen Kreise
Westfalens, Lübbecke und Minden, aber alles Suchen war vergebens.
Nirgends fand er ein Gebiet, das einer Zweigkolonie von Wilhelmsdorf
eine neue Heimat geboten hätte. Und doch wurde solch eine Kolonie
mehr und mehr zur Notwendigkeit. Denn während die Arbeitsmöglichkeit
in Wilhelmsdorf immer beschränkter wurde, nahm andererseits die Zahl
der Arbeitslosen immer mehr zu. Die westfälische Industrie hatte in
den letzten zehn Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Aber
sie war den Gesetzen der Ebbe und Flut unterworfen. Jede Steigerung
des Arbeitsmarktes lockte immer neue Arbeitermassen in die
westfälischen Grenzen. Jedes Nachlassen aber warf jedesmal die
schwächsten und unzuverlässigsten Elemente auf die Landstraße. Dann
wurden die Herbergen, die Verpflegungsstationen, die Kolonien
überflutet, ohne dem Strom gerecht werden zu können.

Verschiedentlich war Wilhelmsdorf bis zum letzten Winkel
vollgestopft gewesen. Hier mußte also gesorgt werden. Es war auch
diesmal wieder kein Gründungsfieber, wie Fernstehende meinten,
sondern die zwingende Gewalt der Verhältnisse, die vorwärts trieb,
und das Erbarmen mit den Brüdern von der Landstraße, die ohne
solches Erbarmen in Kälte und Schnaps verdarben.

Nun hatte Vater einen treuen Freund, Forstrat Deckert in Hannover,
der sich nach seinem Abschied mit all seinen Kräften und Erfahrungen
zur Verfügung gestellt hatte und als Nachfolger des Kommerzienrats
Bansi Präses des Anstaltsvorstandes geworden war. Als der Neuerwerb
von Ödland innerhalb der westfälischen Grenzen keine Aussicht bot,
lenkte er im Frühjahr 1898 Vaters Augen auf das große hannoversche
Wietingsmoor, wo er jahrelang eine umfassende und sehr erfolgreiche
Tätigkeit ausgeübt hatte. Von der kleinen Kreisstadt Sulingen aus
drangen die beiden Freunde in das Moorgebiet vor. Der alte Moorvogt
Rolfs, der unter Deckert gearbeitet hatte, begleitete sie.

Es war, als wenn Vater eine neue Welt aufginge. Nicht um
Niederungsmoor, wie im westfälischen Gebiet, sondern um Hochmoor
handelte es sich hier. In abflußlosen, unermeßlich weiten Sandkesseln
hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine Pflanzenschicht über die
andere getürmt. Die modernde Schicht des Herbstes und Winters war in
jedem neuen Frühjahr zur Geburtsstätte der neuen Schicht geworden.
Während die alten Lagerungen in der Tiefe verschwanden und unter dem
Druck der oberen Schichten erst zu braunem, dann zu schwarzem Torf
wurden, hob sich die Fläche selbst mehr und mehr, bis sie als ein
riesiger lebendiger Schwamm über den Rand des Sandbeckens hinauswuchs
und so als Hochmoor höher ragte als das umgebende Tiefland.

Je weiter die beiden Freunde in das Moor hineinschritten, desto
heller und leuchtender tauchte eine neue Zukunft vor Vaters Augen
auf. Er stieß seinen Stock in die Tiefe, der, ohne auf ein Hindernis
zu stoßen, bis an die Krücke hinunterglitt. „Ha,” sagte er, „hier
habe ich Arbeit.” Nach Westen und Osten und namentlich nach Süden
zu in der Richtung auf die in der Ferne schimmernden Weserberge
dehnte sich die Einöde aus. Im Schmucke des roten Heidekrautes und
des schneeigen Wollgrases lag sie da wie ein schlafendes Riesenkind
aus dem Märchenreiche, mit dessen Haaren der vom fernen Meer
herüberströmende erfrischende Wind spielte und das auf seinen
Befreier wartete.

Die Anlieger des Moors, die auf dem Gebiet der alten Langobarden
sitzen, -- man findet noch heute in den Hünengräbern der Gegend
Urnen und Geräte, die sich mit den Funden der oberitalienischen
Ebene decken -- hatten bis dahin das Moor als ihren Feind angesehen.
Wohl hatten sie ihm ihren Brennbedarf entnommen, und das Heidekraut
hatte ihre Heidschnuckenherden genährt, aber auf der andern Seite
waren die an das Moor stoßenden Äcker immer wieder durch den
wehenden Torfstaub bedeckt worden. Sobald der Frühjahrswind die
Oberfläche des Moores trocknete, fing das Moor, ähnlich den Dünen
des Meeresstrandes, an zu wandern und überschüttete die Grenzgebiete
mit dem feinen Torfmull, der sich da und dort zu kleinen Hügeln
auftürmte und alles Leben unter sich begrub.

Durch die Regierung waren umfassende Pläne ausgearbeitet worden, die
den Schutz des Landes vor dem Moor bezweckten. Sie würden aber
Millionen verschlungen haben. Da schlug Forstrat Deckert vor,
ähnlich wie im Küstengebiet durch das Dünengras, so im Moorgebiet
durch schmale Kulissenwälder die Gewalt des Windes zu brechen und
durch Ansamung eines geeigneten Grases die wandernden Moorwellen
aufzuhalten. Der Plan wurde angenommen, und in dem Maße, als die
schmalen schützenden Birkenstreifen emporwuchsen, die sich wie
Vorpostenketten in das Moor hinausschoben, kam der zerstörende
Vormarsch des Moorstaubes zum Stehen.

Daß aber aus dem bisherigen nur mühsam abgeschlagenen Gegner ein
starker Freund werden könnte, daran hatte freilich niemand gedacht.
Als darum der alte Moorvogt einen Besitzer nach dem andern anging,
ob er Anteile seines Moorbesitzes verkaufen wollte, fand er überall
weitestes Entgegenkommen. Man einigte sich auf 40 Mark für den
Morgen. So wurden zunächst in dem tiefsten und aussichtsreichsten
Moorbecken, in welchem der Torf bis zu einer Stärke von sechs bis
sieben Meter stand, 4000 Morgen erworben und später aus dem
angrenzenden staatlichen Gebiet noch weitere 1500 Morgen
hinzugefügt.

Für Vater aber handelte es sich zunächst darum, die Mittel für den
Neuerwerb aufzubringen. Unter der Überschrift „Wer schenkt uns einen
Morgen Hochmoor?” ließ er ein kleines Blatt drucken, worin er die
vorhin geschilderte Lage kurz darstellte. Die Reise zur
Grundsteinlegung der Kirche von Ems führte ihn für drei Ruhetage auf
das Schlößchen der befreundeten Familie von Preuschen in Liebeneck.
Und diese drei Tage verwandte er dazu, der kleinen Druckschrift
eigenhändige Briefe an die Industriellen und Großindustriellen
Westfalens hinzuzufügen. Jeder Brief klang aus in die Bitte: „Helfen
Sie uns durch einen kräftigen Ruck in den Sattel!” Die Bitte war
nicht umsonst. Die Notwendigkeit der Sache leuchtete durchschlagend
ein. Nach kurzer Zeit waren die Mittel zur Stelle.

In der Richtung von Osten nach Westen wird das Wietingsmoor von
einem Sandrücken durchschnitten, auf dem die aus der napoleonischen
Zeit stammende Heerstraße läuft. Hart neben dieser Straße, einem
freundlichen Kiefernwäldchen gegenüber, wurde im folgenden Frühjahr
die erste Holzbaracke errichtet, und das erste Hauselternpaar und
die ersten Kolonisten zogen in „Freistatt” ein.

Freistatt! Der Name erinnert an die besonderen Freistätten in
Israel, vier diesseits, zwei jenseits des Jordans, wohin die von
Bluträchern Verfolgten fliehen durften. Wer sie erreicht hatte, war
gerettet. So sollten auch in das einsame Moor alle von fremder oder
eigener Schuld Gehetzten sich retten dürfen und eine Freistatt
finden, in der der Friede herrschte und die Geborgenheit. Und
niemand sollte zurückgestoßen werden. „Daß ihr mir nur keinen
abweist!” schrieb Vater einmal in der Zeit der größten Überflutung,
und wir wußten, daß der ganze Zorn seiner Liebe hinter solch einem
Wort stand, das keine Übertretung duldete!

Bei der Gründung der Arbeiterkolonien war zunächst der Grundsatz
durchgeführt worden, daß jeder für längere Zeit Arbeitslose
die Kolonie seiner Heimat aufsuchte. Aber das war nur so
lange durchführbar, als ein festes Netz von Herbergen und
Verpflegungsstationen die einzelnen Teile Deutschlands verband. Seit
dieses Netz zerrissen und solange es nicht neu hergestellt war
(vergl. den Abschnitt „Wanderarbeitsstättengesetz”), hatte dieser
Grundsatz nicht mehr befolgt werden können. Und so wurde gerade
Freistatt die Zufluchtsstätte von Arbeitslosen aus allen Teilen des
Vaterlandes.

Wer Menschenschicksale studieren wollte, der mußte nach Freistatt
kommen! Leute aller Berufe, jedes Alters, jeder Begabung, Menschen, die
noch nie vor Gericht gestanden hatten, und solche, die ein halbes Leben
im Zuchthaus und Gefängnis zugebracht hatten, suchten hier Sicherheit
und Bergung. Auch manche Söhne gebildeter Stände, die draußen im Leben
versucht hatten, als Herren zu leben, ohne die Herrschaft über sich
selbst üben zu können, und nun in der Einsamkeit sich wiederfinden
sollten. Dazu kamen die schulentlassenen jungen Burschen, teils
Fürsorgezöglinge, die von den Provinzen überwiesen wurden, teils solche,
die von ihren Eltern gebracht wurden, um im Moor den Leib und Seele
verderbenden Lüsten und Lastern des modernen Kulturlebens entrissen zu
werden.

Wo die Schar derer, die nach Freistatt flüchteten und geflüchtet
wurden, in sich so vielgestaltig war, ergab es sich von selbst, daß
man sie in verschiedene Häuser und verschiedene Arbeitsplätze
gruppieren mußte. Alle Gruppen aber blieben untereinander verbunden
durch die gemeinsame große, lockende Aufgabe, das bis dahin
unbezwungene Moor sich und der Menschheit dienstbar zu machen. Es
war ähnlich wie in der Senne von Wilhelmsdorf; wieder wurden
ausgestoßenes Land und ausgestoßene Menschen miteinander verbunden
und eins durch das andere belebt, entwickelt und geheilt.

Zunächst legte man von den festen Sandinseln aus einen Damm quer
durch das Moor und versah ihn mit Schienengeleisen. So war der
sichere Stützpunkt geschaffen, von dem aus die einzelnen Gruppen der
Kolonie den Angriff auf das Moor eröffnen konnten. Zweiggräben
wurden gezogen, die Heide geschlagen, die Fläche geebnet. Mit
Pferden, denen zum Schutz gegen das Versinken breite Holzschuhe
unter die Hufe gekeilt waren, und mit besonders gebauten Eggen und
Pflügen wurde der Moorboden bearbeitet. Durch Kalk wurde ihm die
Säure entzogen, durch Kunstdünger neue Nährkraft zugeführt -- und
dann wurde zum erstenmal diesem verachteten Lande die Frucht der
Erde anvertraut.

Man ahnt etwas von dem Staunen der umliegenden Bevölkerung, von der
Freude und dem Stolz der verachteten Kolonisten, als nun dies
schwarze, modrige Land im nächsten Frühjahr anfing zu sprießen, zu
grünen und Frucht zu bringen. Immer weiter dehnten sich von Jahr zu
Jahr Kartoffel-, Hafer- und Roggenfelder aus und zwischen ihnen die
Weiden, von deren kräftiger Grasnarbe das Vieh getragen wurde ohne
Gefahr, im Moor zu versinken.

Zugleich wurde das Moor gezwungen, die Wohltaten, die es schon
bisher dem Lande erwiesen hatte, in immer wachsendem Maße zu
erhöhen. Während der eine Teil des Moores zunächst für die Kulturen
aufgehoben blieb, wurden durch den andern parallel laufende
Torfstiche gelegt. Hier fanden namentlich die jüngeren Kolonisten
Sommer und Winter über abwechslungsreiche Arbeit. Mit haarscharfen
Messern zerschnitten sie die lederweiche Moostorfschicht in einzelne
Stücke und breiteten sie zum Trocknen auf der Fläche aus. Der
darunter zu Tage tretende schwarze Torf wurde mit Baggermaschinen,
die auf Schienen längs des Grabens liefen, aus der Tiefe geholt, zu
langen Stangen gepreßt, zerteilt und auf Brettern in der Sonne
getrocknet.

Zu haushohen Mieten türmten sich die Torfhaufen auf. Sie wurden
entweder in der Torffabrik, die auf der Sandinsel an der alten mit
Birken und Eichen bestandenen Napoleonstraße errichtet worden war,
zu Torfstreu verarbeitet oder den einzelnen Haushaltungen und
Niederlassungen innerhalb und außerhalb der Kolonie als
Brennmaterial zugeführt.

Um aber die weiten Heideflächen des Moores, die zunächst noch brach
liegen bleiben mußten, kräftiger ausnutzen zu können, wurde den
Heidschnucken mitten im Moor eine Heimat bereitet. Auf breiter
Holzunterlage, die in Metertiefe im Moor versenkt und durch die
Moorsäure vor dem Verfaulen geschützt war, entstand ein großer Stall
und daneben auf einem künstlich aufgeworfenen Sandhügel, der
allmählich durch den eigenen Druck bis auf die Oberfläche des Moors
hinuntersank, ein geräumiges Wohnhaus. Hier in der wildesten
Einsamkeit lebte es sich eigentlich am schönsten. Hier über dem ganz
freien Horizont ging den Bewohnern die Sonne am frühesten auf und am
spätesten unter. Von hier aus konnte man am ungestörtesten das
Moorhuhn, den Kuckuck und die Wildenten beobachten und die Brust
füllen mit der reinsten, kräftigsten Luft, die der Moorwind
herübertrug.

Der Mittelpunkt aber der ganzen Kolonie, die sich allmählich über
eine Strecke von sechs Kilometern ausdehnte, wurde, wie in Bethel
und Eckardtsheim, die Kirche. Aus Brettern und dazwischengefülltem
Torf wurde sie inmitten eines kleinen Kiefernhaines aufgerichtet.
Manchmal hat Vater hier gepredigt und die aus den nahen und fernen
Häusern herbeiströmende Gemeinde von Freistatt zu dem hingeführt, in
welchem allen Gebundenen die Freiheit bereitet ist.

Natürlich konnte diese große neue Aufgabe nur unternommen werden mit
Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Mühe, Last und
Enttäuschung scheuten. Auf einer Versammlung des Vereins
Arbeiterheim hatte Vater einen jungen akademisch gebildeten Landwirt
von Lepel kennen gelernt, der nun mit großer Willenskraft und
Hingabe sich an die Spitze der kleinen Truppe von Hausvätern,
Hausmüttern, Brüdern und Vorarbeitern stellte, die mit ihm
wetteiferten in der Befreiung des Moors und der Befreiung der
Menschen, welche sich in Freistatt zusammenfanden.

So sehr Vater als alten Landwirt die Erschließung des Moors zu
Kulturzwecken beschäftigte, so behielt er doch fest im Auge, daß
nicht die Befreiung des Moors das erste Ziel sei, sondern die
Befreiung der Menschen. Und immer wieder hat er die Blicke der
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dieses eine Ziel gerichtet.
Denn ungleich ernster und schwieriger als die eigenartige Arbeit im
Moor blieb die Arbeit an denen, die das Moor herbeilockte.

Das galt vor allem von den jungen Burschen. Sie kamen fast
ausschließlich aus den Großstädten und dem Industriegebiet. Viele
von ihnen hatten schon vor den Schranken des Richters gestanden, und
manche waren nur deshalb vor dem Gefängnis bewahrt worden, weil man
nicht wußte, wo die Grenze lag zwischen bewußter Bosheit und
ererbtem krankhaftem Hang. Sie stellten die höchsten Anforderungen
an die Hauseltern und Brüder. Hier galt es nicht nur, mit fester
Hand Erzieher zu sein, sondern zugleich geduldiger Pfleger und
mitleidender Freund.

Namentlich in jener Anfangszeit hat manches Leben der Brüder in
Gefahr geschwebt, weil die jungen Burschen wie wilde, ungezügelte
Pferde waren, bei deren Bändigung erst das rechte Ineinander
gefunden werden mußte von unbeugsamer Festigkeit und mütterlicher
Zartheit. Denn:

    „Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich:
    So fest wie Eisen, wie Wachs so weich.
    Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs,
    So zwingst du schließlich den frechsten Dachs.”

Manchmal hat Vater gebangt, ob es gelingen würde.

Einmal erschien ein kräftiger Angriff in der sozialdemokratischen
Zeitung Bielefelds gegen die Kolonie, besonders gegen ihre Arbeit an
den Zöglingen. Es sollten schwere Übergriffe der Pfleger vorgekommen
sein. Sofort schrieb Vater an den Redakteur der Zeitung und bat ihn,
am andern Morgen um sechs Uhr sich mit ihm auf dem Bahnhof in
Bielefeld zusammenzufinden, damit sie gemeinsam an Ort und Stelle
die Sache untersuchten und die Angriffe auf ihre Haltbarkeit
prüften. Wirklich stellte sich der Redakteur ein. In vierstündiger
Fahrt erreichten sie das Moor, untersuchten miteinander den
Sachverhalt, fuhren zusammen zurück, und am andern Tage gab der
Redakteur in seiner Zeitung eine Berichtigung, die neben kleinen
Einwendungen auf eine allseitige Anerkennung der Arbeit von
Freistatt hinauslief.

Die tiefe Achtung aber, die Vater den Verachteten unter den Menschen
und auch dem verachteten Moor erwies, hat sich reichlich gelohnt.
Heute kann Freistatt alle Öfen der Muttergemeinde in Bethel, soweit
es sich nicht um die Zentralheizungen der großen Krankenhäuser
handelt, durch den schwarzen Pechtorf mit Brennmaterial versorgen.
Und was noch wertvoller ist, die Muttergemeinde Bethel und ihre
Zweigkolonien, die heute an Kranken und Gesunden etwa 8000 Seelen
umfassen, erhalten einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse aus den
Weiden, Feldern und Ställen von Freistatt.


Die theologische Schule.

Im Sommer 1895 hatte Professor Harnack im Kreise seiner Studenten
über das Apostolikum gesprochen. Die Äußerungen waren wider den
Willen Harnacks in die Öffentlichkeit gedrungen, und darüber war ein
heftiger sogenannter Apostolikum-Streit entstanden. Streitschriften
hin und her waren gewechselt worden.

Einige von diesen Schriften hatte Vater gelesen. Aber Wortkämpfe
über Dinge des Glaubens hatte er immer gemieden. Ihn trieb es auch
jetzt wieder zum Handeln. An eine reformatorische Kirchentat dachte
er nicht. Immer erneut hatten wir es ihn sagen hören, daß nach
seiner Überzeugung die Verkündigung des Evangeliums selten so
ungehindert im Vaterlande habe geschehen können als jetzt. Er war im
Jahre 1892 während eines Ferienaufenthaltes in Oberhof in sehr
herzliche Beziehungen zu Geheimrat Althoff aus dem Kultusministerium
getreten, dem damaligen nahezu allmächtigen Diktator bei allen
Fragen, die die Besetzung der Lehrstühle aller Fakultäten betrafen.
Vater hatte in Althoff einen Mann kennen gelernt, der ohne
Voreingenommenheit bereit war, jeden wissenschaftlich wirklich
bewährten positiven Gelehrten der theologischen Arbeit der
Universitäten zuzuführen.

Aber die ausschließliche Beschränkung auf die staatlichen
Bildungsanstalten sah Vater nicht als ein Glück der Kirche an. „Die
evangelische Kirche”, sagte er, „hat sich viel zu lange gewöhnt, sich
auf den staatlichen Arm zu verlassen, und darüber ist sie
eingeschlafen.” Er für seine Person hatte die tiefsten
wissenschaftlichen und persönlichen Anregungen von Männern empfangen,
die, wie seine Lehrer in Basel, nicht aus staatlichen Fakultäten
hervorgegangen waren, sondern aus den Kreisen freier Körperschaften. So
sah er in dem Dienst dieser freien Körperschaften, wie sie sich in der
Arbeit der Inneren und Äußeren Mission durch ein Jahrhundert bewährt
hatten, eine wesentliche Ergänzung der kirchlich organisierten Arbeit
und der theologischen Fakultäten. Warum sollte die Christenheit, wenn
sie freie Anstalten der Inneren und Äußeren Mission schuf, nicht auch
berechtigt und in der Lage sein, eine freie theologische Fakultät zu
schaffen, und zwar nicht in einer der verführungsreichen Großstädte,
sondern am besten in einer lebendigen Christengemeinde inmitten gesunden
christlichen Volkslebens? Darum schlug er als Heimat einer solchen
kleinen Fakultät die Stadt Herford im Ravensberger Lande vor. Diese
Gedanken legte er unter dem Titel „Eine freie theologische Fakultät”
in einem Aufsatz dar, der zunächst in der kleinen konservativen Zeitung
Bielefelds erschien und dann in vielen Sonderdrucken verbreitet wurde.

Neben einzelnen Zustimmungen war ein Sturm von Einwendungen die
Antwort. Aus allen kirchlichen und theologischen Lagern kamen die
Gegenstimmen.

Es war das einzige Mal, daß Vater, statt zu handeln, zunächst nur
einen Gedanken, einen Plan zur Diskussion gestellt hatte. Überall
stieß er auf Bedenklichkeit und Ängstlichkeit. Namentlich hatten
sich an dem Wort „Fakultät” viele seiner akademischen Freunde
gestoßen. Er mußte den Gedanken zurückstellen. Immerhin war sein Ruf
nicht umsonst gewesen. Es trat ein Kreis von Freunden des
kirchlichen Bekenntnisses in Rheinland und Westfalen zusammen, der
die Gründung eines Studienhauses an der Universität Bonn in die Hand
nahm und auch rasch zur Durchführung brachte. Schon im Sommer 1896
stand das Haus zum Einzug fertig, und unser jüngster Bruder war
unter den ersten Studenten, die darin für ihre Studien willkommene
Heimat und Anleitung fanden.

Aber das, was Vater gewollt hatte, war damit doch nicht erreicht.
Nun traf er im Jahre 1903 während einer Erholungszeit in Amrum mit
dem alten Pastor Speckmann zusammen, dem Vater des bekannten
Schriftstellers. Speckmann war unter Louis Harms Lehrer am
Missionshause in Hermannsburg gewesen und stand jetzt in einer
hannoverschen Gemeinde. Die tiefen, klaren Beiträge, die er zu den
gelegentlichen kleinen Bibelbesprechstunden der Badegäste lieferte,
taten Vater besonders wohl und zogen sein ganzes Herz zu dem
bescheidenen, stillen Mann hin.

Einmal traf er ihn am Strande tief in Gedanken versunken.
„Brüderchen, was hast du?” fragte er ihn. Und nun entlockte er
Speckmann die Sorge um seinen jüngsten Sohn. Er hatte ihm nichts als
Freude gemacht, stand jetzt vor dem Abiturientenexamen und wollte
Theologie studieren. Aber Speckmann wußte nicht, zu welcher
Universität er ihm raten sollte. Zugleich mit dem mangelnden
Vertrauen zu einer großen Zahl der deutschen theologischen Lehrer an
den verschiedenen Universitäten drückte ihn der Gedanke an die
Unruhe und Verführung so vieler Universitätsstädte und die Sorge,
seinen Sohn in den Strudel einer streitenden Wissenschaft und einer
von Gott abgelenkten Stadtwelt hineintauchen zu lassen.

Diese Sorge ging Vater durchs Herz. Einem Vater, einem Sohn galt es
zu helfen. Aber wie? Da tauchte mit elementarer Gewalt der alte
Gedanke einer freien theologischen Schule aufs neue auf. Diesmal
vermied Vater die Öffentlichkeit und sammelte in der Stille einen
ganz kleinen Kreis von Freunden, die die Sache mit ihrem Herzen und
mit ihren Mitteln zu tragen bereit waren. Wenn ich mich recht
besinne, waren es Schwester Eva von Tiele-Winckler, Pastor
Leydhecker von Frankfurt a. M. und Kommerzienrat Bansi in Bielefeld.
Ebenso sah er sich auch in aller Stille nach den geeigneten
Lehrkräften der Schule um, besuchte persönlich Pastor Jäger in
Eisleben, um ihn an seinem Arbeitsplatz kennenzulernen, und ließ
sich von diesem und von dem Sohn des Professors Kähler in Halle das
Jawort geben, als Dozenten an der theologischen Schule einzutreten.

Bei Gelegenheit der theologischen Woche in Bethel im Herbst 1904
trat er dann aufs neue mit dem Gedanken hervor. „Ich frage euch
nicht mehr,” sagte er, „ob das Kind leben soll; es lebt schon, und
ihr sollt es bloß aus der Taufe heben.”

Gleichzeitig warf er in einer ausführlichen Schrift den Gedanken neu in
die Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der die Abschaffung des
Jesuitengesetzes wieder einmal von der Zentrumspartei vor das
Abgeordnetenhaus gebracht war. Man hatte von Vater, der damals Mitglied
des Abgeordnetenhauses war, erwartet, daß er im Landtag gegen die
Jesuiten und gegen die Abschaffung des Gesetzes, das die Jesuiten
ausschloß, Stellung nähme. Er hatte es nicht getan. In einer Schrift
„Wie kämpfen wir siegreich gegen die Jesuitengefahr?”[1] rechtfertigte
er eingehend seine Stellung. Tiefer vielleicht als bei irgend einer
andern seiner Schriften ist hier Vaters Feder in Glut getaucht. „Wir
haben die Gegner nicht gerufen,” schrieb er darin, „aber indem sie
heranrücken, wollen wir nicht protestieren und jammern, sondern uns
ernstlich und mutig mit Waffen der Gerechtigkeit zum Kampfe rüsten. Hier
gilt es nicht Übermut, sondern Demut, nicht Selbsterhebung, sondern
Buße, nicht Verzagtheit, sondern Glaube. Damit, daß wir unsere Gegner
schlecht machen, ist uns nicht geholfen; wir müssen selbst besser
werden.”

  [1] Das Heft (39 S.) ist in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel
      erschienen.

Wie er dieses Besserwerden verstand, legte er im zweiten Teil der
Schrift eingehend auseinander, wo er die Gründe für die Aufrichtung
der theologischen Schule erörtert und folgendes sagt:

„Gefährlicher, grundstürzender, bis in das tiefste Mark hinein
vergiftender als die weiter geöffnete Tür für die Väter der
Gesellschaft Jesu, das sage ich frei heraus, ist eine andere Not,
die unseres Kirche an ihrem eigenen Busen großzieht. Unaufhaltsam
ergießt sich eine Flut glaubensloser und oft pietätloser Kritik von
den theologischen Lehrstühlen unserer deutschen Hochschulen über
unsere arme theologische Jugend und rüttelt an der Grundlage unseres
Glaubens, nämlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen
ziehen fröhlich im Glauben auf die Universität und kommen mit
zerbrochenem Glauben zurück. Es schreien viele Vater- und
Muttertränen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen
Lehrstühlen. Ich würde doch viel lieber Steine klopfen als solche
Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um
Glauben kämpfende, um Gewißheit ringende, wissenschaftlich fleißige
und gründliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit
eindringende Männer der Schule kann ich gut leiden; aber nicht
solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffärtigen Fündlein als
sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schülern darbieten. Diese
Männer stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7, 17.

Selbstverständlich wird mit der Heiligen Schrift auch alles
unsicher, was den Trost eines armen Sünders im Leben und Sterben
ausmacht, was ihm Kraft zum Sieg über die Sünde und Fortschritt in
der Lebenserneuerung darbietet. Christi Person und Werk wird nicht
nur in immer nebelhaftere Umrisse gehüllt, sondern verschwindet
endlich ganz. Man bedarf sein nicht mehr. Ein für uns gestorbener,
für uns auferstandener, für uns zur Rechten des Vaters thronender
König und Hoherpriester ist er nicht mehr. Daher gibt es auch für
die Menschheit keine Auferstehung, kein ewiges Leben mehr, sondern
ein wesenloses Fortleben der Seele, wie es alle Heiden haben.

Der selige Martin Boos, Goßners Freund, der bekanntlich bis in
seinen Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb,
schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: „Es ärgert mich
vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie dem
Evangelium so feindlich ist.” So möchte ich vielmehr von der
evangelischen Kirche sagen: „Es ärgert mich vieles an meiner
Mutter, am allermeisten aber, daß sie solche Feinde des Evangeliums
auf den theologischen Hochschulen sitzen hat.”

Aber noch weniger als ich den Staat zum Verteidiger der Kirche gegen
die Jesuiten in die Waffen rufen möchte, möchte ich ihn gegen diese
Irrlehrer mobil machen und sie mit Polizeigewalt von ihren Stühlen
stoßen. So hat es der Heiland auch nicht gemacht, als er klagte:
„Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer”, sondern
er hat sich von ihnen ins Gesicht schlagen und speien lassen und hat
sie überwunden, indem er für sie blutete, betete und starb.
Schlechte Theologen werden ebenso wenig wie falsche Jesuiten durch
polizeiliche Maßregeln überwunden. Ich weiß es wohl, daß es kein
normaler Zustand ist, wenn der Staat solche Männer auf die
theologischen Lehrstühle setzt und sie unsern jungen Theologen zu
ihren ordentlichen Lehrern bestellt und jene hernach durch eine
staatliche Prüfungskommission prüfen und durchfallen läßt (ich habe
dies bei einem meiner liebsten Konfirmanden erfahren), wenn sie nun
von dem Geiste und dem Unglauben ihrer Lehrer durchtränkt sind und
sich ehrlich zu diesem Unglauben bekennen. Aber was kann der Staat
da machen? Was können wir von ihm verlangen?

Wenn schon die staatliche theologische Prüfungskommission von ihren
Kandidaten nicht wohl mehr verlangen kann als den Beweis ihres
treuen Fleißes und ihrer wissenschaftlichen Tüchtigkeit, so kann der
Staat bei den theologischen Lehrern noch viel weniger ein examen
rigorosum (hartes Examen) auf ihre Rechtgläubigkeit anstellen. Dann
würde man in beiden Fällen nur Heuchler schaffen. Auch auf dem
Gebiete der Wissenschaft geht es ohne heiße Kämpfe nicht zum Sieg.

Gleichzeitig mit dem Kampf um die Jesuiten und dem ungleich
wichtigeren um die theologischen Lehrer an den Universitäten
durchzieht die evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine andere
Bewegung, die ihr auch in die Flanken schlägt und sie aus dem
Schlafe aufrüttelt. Es ist die Gemeinschaftsbewegung.

Diese Bewegung ist ohne Zweifel in ihrem innersten Kern gut und heilsam,
ähnlich derjenigen, die im 18. Jahrhundert durch Spener, Francke,
Zinzendorf dem Vernunftglauben und der toten Rechtgläubigkeit
gegenübertrat. Ihre Führer und Glieder sind wenigstens der überwiegenden
Mehrheit nach das Salz unserer Gemeinden. Sie begnügen sich nicht
damit, äußerlich ihre kirchlichen Pflichten zu erfüllen und einen
ehrbaren Wandel zu führen, sie machen ganzen Ernst mit den Forderungen
der Heiligen Schrift, dringen auf gründliche Umkehr, wollen schriftgemäß
nicht nur einen Jesus für uns, sondern auch einen Jesus in uns haben,
wissen, daß ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird, sind auch keine
Kopfhänger, sondern fröhliche Leute, die mit Lied und Lobgesang Hand in
Hand in geschwisterlicher Liebe ihre Straße ziehen in den Fußtapfen des
Anfängers und Vollenders unseres Glaubens und keine größere Freude
kennen, als auch andere Seelen zu dem Freund zu locken, der ihres
Herzens Freude ist. „Heilig, selig ist die Freundschaft und
Gemeinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben”, -- so singen sie
auf ihrem Wege nach Jerusalem. Wie sollte man sich über eine solche
Bewegung nicht freuen, die unter Leitung besonnener Männer in gesunden
Bahnen einhergeht!

Aber freilich läßt sich nicht leugnen, daß diese Bewegung in ihren
Ausläufern bereits bedenkliche Krankheitsspuren zeigt. Sie ist es ja
nun ganz besonders, -- das muß man ihr zu ihrem Ruhm nachsagen --
die gegen die Angriffe der Männer der Wissenschaft für unsere liebe
Bibel eifert. Sie ist besonders die Kirche der Laienprediger, unter
denen zweifellos treffliche, geisterfüllte Männer sich befinden,
denen an volkstümlicher Beredsamkeit und Liebesglut viele ordinierte
Pastoren nicht das Wasser reichen können. Solche Laienpredigt nach
dem Vorbild der beiden „Tischdiener” Stephanus und Philippus ist
sicher köstlich, wenn sie in der Demut bleibt. Allein sie schlägt
vielfach über die Stränge; sie fängt an, gegen jede Wissenschaft zu
eifern, sieht bereits in jedem Theologen, jedem Geistlichen, der von
der Hochschule kommt und die vom Staat geforderte theologische
Vorbildung empfangen hat, einen unbekehrten Mann, einen Bibelfeind.
Es gibt unter diesen Laienpredigern eine Anzahl minderwertiger
Agitatoren, die, ohne selbst jemals die Heilige Schrift durchforscht
zu haben, mit auswendig gelernten Schlagworten um sich werfen, die
edelsten Führer dieser Bewegung nachäffen und, ohne sich jemals
selbst bekehrt zu haben, als höchstens zu ihrem eigenen Ich, auf
Bekehrung dringen. Sie machen aus der Heiligen Schrift, dieser
wunderbarsten und köstlichsten aller Gottesgaben, die je durch
menschliche Werkzeuge zustande gekommen ist und die zu freier
Gotteskindschaft führen soll, ein hartes, totes Gesetzbuch, das zur
Menschenknechtschaft führt, und werfen einfältigen Leuten Lasten auf
den Hals, die sie selber nicht tragen mögen. Wenn sie, mit vollem
Recht, wegen ihrer Hoffart gestraft werden, sehen sie sich als
Märtyrer an, finden in jedem Geistlichen der Landeskirche einen
Baalspfaffen, lehren ihre Zuhörer auch jeden Christen, der sich
nicht zu ihrer Gemeinschaft hält und in ihre Schlagworte nicht
einstimmt, für einen unbekehrten, unwiedergeborenen Menschen halten
und von oben auf ihn herabsehen. So ziehen sie leider manche der
edelsten Christen von Christo hinweg in die geistliche Hoffart und
die Nachfolge des Verklägers der Brüder. Das ist eine schmerzliche
Tatsache.

So leidet unsere liebe Bibel von beiden Seiten Not, durch die
pietätlosen Kritiker auf den Hochschulen und durch ihre
unverständigen Verteidiger in unsern Gemeinschaften.

Wie kann hier geholfen werden? Wahrlich nicht durch ein
Lanzenstechen im Abgeordnetenhaus und Angriffe gegen den
Kultusminister, wie mir dies zugemutet worden ist. Ich kann den
letzten sechs Kultusministern das Zeugnis nicht versagen, daß sie
sich redlich bemüht haben, nicht nur gründlich gelehrte, sondern
auch herzensfromme Lehrer unserer theologischen Jugend zu
verschaffen. Und es wäre Sünde gegen Gott, wenn wir nicht von Herzen
dankbar sein sollten für das, was seine Güte in den letzten fünfzig
Jahren auch durch die Handreichung des Staates an geisterfüllten
Lehrern unserer theologischen Jugend gespendet hat. Ich nenne nur
Männer wie Beck, Auberlen, Neander, Hengstenberg, Nitzsch, Tholuck,
Müller, Hofmann, Delitzsch, Luthard, Kähler, Cremer, Schlatter, zu
deren Füßen ich mit meinen drei Söhnen, teils als Student, teils als
Pastor habe sitzen und von deren Lippen ich klares Lebenswasser für
meine Seele habe trinken dürfen. Eine solche Blütezeit hat die
evangelische Theologie seit der Reformationszeit nicht wieder
gehabt. Wenn nicht alle deutschen, so hat doch jede preußische
Hochschule auch jetzt noch Männer, die unsere Jugend nicht nur zum
freien Jungbrunnen der demütigen theologischen Wissenschaft, sondern
auch zu dem freien offenen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit
führen, der auf Golgatha quillt. Und wenn ich auf die fast
zweihundert Kandidaten der Theologie blicke, die in den letzten
achtzehn Jahren hier in unserer großen Kolonie von Elenden aller
Art als Glieder des theologischen Konvikts die Schürze der dienenden
Liebe sich umgebunden haben und von denen über zwanzig zu den
schwarzen Brüdern Afrikas hinausgezogen sind, um ihnen die Kunde vom
gekreuzigten Gottessohn zu bringen, so kann ich mich nicht genug
freuen, wie viele von ihnen nicht bloß ein gründliches Wissen,
sondern auch einen lebendigen Glauben, der in der Liebe tätig war,
von den deutschen Hochschulen mitgebracht haben.

Dennoch kann ein schmerzlicher Mangel an lebendigen gelehrten Zeugen
des Evangeliums an unsern Hochschulen nicht geleugnet werden, an
Männern, die voll Geist, Glut und Kraft (namentlich in bezug auf das
Alte Testament) den Umstürzlern die Spitze bieten und ihnen
gründlich heimleuchten können. Aber solche Zeugen kann weder ein
Minister schaffen noch ein Oberkirchenrat, weder eine Generalsynode
noch ein Generalsynodalrat, wiewohl ich den drei letztgenannten
gerne einen größeren Einfluß, wenigstens ein volles Vorschlagsrecht
und ein volles Veto bei der Besetzung der theologischen Lehrstühle
erkämpfen möchte.

„Fromme Lehrer der Kirche”, so pflegte mein seliger Freund =D.=
Kögel zu sagen, „sind ein Gnadengeschenk Gottes, sie können nicht
von Menschen gefordert, sondern müssen von oben erbeten werden.” Und
dies wäre vor allem eine köstliche Arbeit unserer gläubigen
Gemeinschaftskreise. Wenn sie erst einmal Lehrer auf den
theologischen Lehrstühlen sitzen haben, von denen sie in Wahrheit
sagen können: „Sie sind vom Herrn erbeten”, dann werden sie auch vor
falschem Richtgeist und vor aller verzagten und selbstsüchtigen
Kirchenflucht bewahrt werden und ein gutes Salz unserer Volkskirche
bleiben und immer mehr werden.

Auf unserem schönen Friedhof in Bethel ruht Wilhelm Heermann, „der
Freund des Ravensberger Volkes”, den wir gern und mit Recht den
Begründer unserer Anstalten nennen. (Siehe Seite 202 ff.). Er schalt
nicht auf Pastoren, auf Kirche und Kirchenregiment, meinte auch
nicht bei seiner seltenen Zeugengabe, er könne die Sache nun besser
machen als alle Geistlichen; sondern er sammelte kleine
Gemeinschaften betender Christen, und hier betete man um treue
Lehrer des Evangeliums. Dies Gebet wurde erhört.

Auch unsere arme Gemeinde fallsüchtiger Kranker auf dem Zionsberge
zu Bethel möchte gern an ihrem bescheidenen Teil etwas Steine und
Kalk zurichten, damit Zion gebaut werde. Und wie das?

Zunächst in der Weise ihres lieben Begründers auf dem Friedhof zu
Bethel, daß sie den Herrn der Kirche um treue Diener des Evangeliums
für Kirche, Schule und Haus bittet, gestützt auf das Wort: „Das
Verlangen der Elenden hörest du, Herr; ihr Herz ist gewiß, daß dein
Ohr darauf merket.” Psalm 10, 17. Vielleicht kann sie aber dem Gebet
auch eine Tat hinzufügen. Sie möchte es sehr gern.

Man sollte neben den staatlichen theologischen Fakultäten zunächst
eine (gibt Gott sein Ja und Amen zu diesem Erstling, später mehrere)
freie theologische Vorschule aufrichten, die nicht etwa gegen die
Landeskirche und gegen die bestehenden Universitäten, sondern
lediglich für beide arbeitet und ihnen in einer stillen Rüstkammer
gute Werkzeuge schmiedet und sie im Feuer des göttlichen Wortes so
stählt, daß sie, innerlich erstarkt, getrost die staatlichen
Universitäten beziehen und daß, will's Gott, aus ihnen tüchtige
Lehrer und Seelsorger für die Landeskirche erwachsen möchten. Es
würde dadurch auch dem in letzter Zeit schmerzlich zunehmenden
Theologenmangel abgeholfen werden. Sehr viele Eltern, die sich jetzt
mit Recht scheuen, ihre Söhne sofort den großen Universitäten
anzuvertrauen, würden sie gern hierher senden.

Diese Pflanzschule sollte also nichts weniger sein als eine steife
Tretmühle zum Auswendiglernen orthodoxer Formeln, sondern ein freier
geistlicher Tummelplatz lernbegieriger und heilsbegieriger junger
Seelen zu gegenseitiger Befestigung in der freimachenden Wahrheit zu
den Füßen erfahrener Lehrer, die nicht auf hohen Stühlen sitzen,
sondern mit denen sie täglich freien, zutraulichen Umgang pflegen
und denen sie alle ihre Not klagen können. Dieser Pflanzschule müßte
man eine auch äußerlich liebliche und geistlich gesunde Stätte
bereiten, in der die köstliche Saat mit Freuden und in der Hoffnung
ausgestreut werden kann, daß sie nicht sofort wieder von wilden
Säuen zerwühlt wird.

Es ist ja leider so, daß fast alle Universitätsstädte Deutschlands
keine Orte sind, an denen in den Gemeinden christliches Leben grünt
und blüht, sondern fast überall ist das Gegenteil der Fall, viel
wüstes, gottloses, fleischliches Treiben. So erwachsen nach dieser
Richtung hin unsern jungen Anfängern auf der theologischen Laufbahn
keine Förderungen, sondern vielfach sehr schwere Hindernisse.

Ohne uns vorzudrängen, möchte ich heute wohl glauben, daß diese
Pflanzschule in der Nähe unserer hiesigen Anstalten, nicht weit vom
Grabe unseres lieben blinden Heermann, eine noch günstigere Stätte
finden könnte als in der Stadt Herford. Die landschaftliche Schönheit
ist hier viel größer. Die jungen Studenten würden nicht nur in kleinen
Konvikten, sondern auch in vielen Privathäusern in den Familien unserer
Pastoren und Beamten der Anstalten herzliche Aufnahme finden. Es grünt
und blüht hier auch bereits unser Kandidatenseminar in seiner
eigentümlichen Gestalt. Sie sehen hier tüchtige junge Theologen mit
glänzend bestandenem Examen, die sich mit Freuden die Schürze der
dienenden Liebe umbinden. Sie sehen, was das Evangelium von dem Manne,
der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, für sichtbare Früchte trägt.
Akademisch gebildete Heidenmissionare, in dieser Schule ausgerüstet,
ziehen von hier hinaus und kommen wieder, um zu berichten, was der Herr
unter den Heiden durch das Evangelium ausrichtet.

Eine Anzahl ausgedienter Pastoren unseres Landes lassen sich gern in
unserer Kolonie nieder und sind gewiß bereit, ihre Erfahrungen und
ihre Kräfte in den Dienst der jungen Studenten zu stellen. Die
nötigen Mittel zum Bau für die bescheidenen Hörsäle und Wohnungen
der theologischen Lehrer sind auch schon gesichert. Kurz und gut, es
kommt mir so vor, als ob in dieser Stunde der Not dieses
Samenkörnlein an dieser Stätte wohl getrosten Glaubens ausgestreut
werden könnte und daß der Herr der Kirche ihm den Frühregen und
Spätregen nicht versagen und vor allem die rechten Männer schenken
werde.

Große Dinge, die der Welt in die Augen fallen, haben wir nicht im
Sinn, sondern kleine und namentlich einen ganz kleinen Anfang.

An eine sofortige offizielle Anerkennung oder gar Unterstützung des
Staates denke ich auch nicht. Bewähren wir uns, wird man uns auch
nicht versagen, was man den katholischen Seminaren gewährt (nämlich
die Anrechnung der auf solcher Schule zugebrachten Studienzeit).

Ich will diesen Gedanken also noch einmal in Gottes Namen
hinausgehen lassen und gebe es dem Herrn der Kirche anheim, ob er
ihm willige Herzen zuwenden und auch die Herzen der Leiter und
Regierer unserer Kirche für uns gewinnen möchte.

Vor acht Jahren hat derselbe Gedanke die kleine Frucht getragen:
unser Studentenkonvikt zu Bonn, dem ich auch ferner fröhliches
Gedeihen wünsche, das aber für die Größe und Wichtigkeit der Sache
nicht allein ausreicht. Ich möchte, daß sich gerade um die
theologische freie Pflanzschule auch die jetzt noch weit auseinander
gehenden Wünsche und Seufzer aller altgläubigen Richtungen unserer
Kirche, namentlich auch der Gemeinschaftsleute, in einheitlichem,
fröhlichem Wirken zusammenschließen, um in der Hauptsache einig die
Mauern Jerusalems zu bauen und ihre Risse zu heilen.

Dem großen Haupt seiner Kirche auf Erden und im Himmel, unserm Herrn und
Heiland, sei vor allen Dingen diese Sache an sein hohepriesterliches
Herz gelegt. Gibt er sein Ja und Amen dazu, dann ist das Gelingen
sicher.”

Im Herbst 1905 zogen die ersten Studenten in die junge theologische
Schule ein. „Zwölf Jünger hatte der Herr; mehr als zwölf möchte ich
nicht gern haben”, sagte Vater. Aber vier Wochen vor der Eröffnung
hatte sich nur ein einziger gemeldet. „Ich fange auch mit dem einen
an”, sagte Jäger. Da fiel ihm Vater um den Hals und sagte: „Dafür
kriegst du einen Kuß.” Aber zum Eröffnungstage waren elf junge
Studenten zur Stelle.

Vater selbst trat mit in den Unterricht ein. Während Pastor Jäger
die systematischen Fächer nahm (Glaubenslehre, Sittenlehre usw.),
Kähler das Neue Testament und der bald hinzutretende Pastor
Oestreicher das Alte Testament, gab Vater jede Woche eine
Abendstunde praktischen Inhalts, besonders über Innere und Äußere
Mission.

Viele hundert Studenten sind seitdem durch die theologische Schule
gegangen. Neue Dozenten sind hinzugekommen, bezw. nach längerer oder
kürzerer Arbeit an der theologischen Schule in andere Arbeitsgebiete
eingetreten: =D.= Warneck, =P.= Johanssen, Superintendent Simon,
=D.= Schrenk, =D.= Michaelis, =P.= Schlatter. Die bayrische Kirche
war die erste, die von Fall zu Fall Semestern, die auf der
theologischen Schule verbracht waren, Gültigkeit gab. Die badische
Kirche rechnet sie grundsätzlich an.


Gastein.

Im Frühjahr 1899 fühlte Vater das Herannahen eines ernsten Leidens.
Die sonstige Frische ließ nach, und ein unerklärlicher Durst, der
mit einer Erkrankung der Nieren zusammenhing, fing an, ihn zu
quälen. Von den für alte Leute so wohltätigen Bädern des Wildbades
Gastein hoffte er Stärkung. So nahm er für den letzten Kurmonat die
Stelle eines Gasteiner Badepredigers an.

Von fürsorgenden Freunden war uns in der „Helenenburg” das Quartier
bereitet worden. Sie lag an der einsamen Straße, die hoch über dem
Orte am Abhang des Graukogls entlang führt. Früher hatte sie der
Kaiserin von Oesterreich als Zufluchtsstätte gedient. Von einer Burg
war freilich nichts an ihr zu entdecken. Sie war vielmehr ein
einsames Landhaus, vielleicht das stillste Haus, das Gasteiner
Badegästen seine Tür öffnete. Wie denn ja die unglückliche Kaiserin
die einsamsten Häuser für ihren Aufenthalt am liebsten hatte. Das
Getöse der Ache, die sich in gewaltigen Wassersprüngen in die Tiefe
stürzt, drang aus der Ferne herüber. Aus dem weiten, lieblichen Tal
unten stiegen die Erinnerungen herauf an die alten Zeiten, wo das
Evangelium auch in diese Einsamkeit gedrungen war, bis die
Gegenreformation kam und mit den Salzburgern auch die evangelischen
Bewohner des Gasteiner Tales aus ihrem herrlichen Heimatwinkel
vertrieb.

Unsere Mittag- und Abendmahlzeiten nahmen wir in der sogenannten
„Schwarzen Liesl”. Das war ein kleines Gasthaus nordwärts von der
Helenenburg, wohl hundert Meter über den stolzen Hotels gelegen, die
sich unten im Tal aneinander reihen. Wie ein schüchternes
Rehkitzchen duckt es sich an den waldreichen Abhang des Graukogls,
um mit staunenden Augen in die Herrlichkeit hinunter und hinauf zu
sehen, die Gott über diesen besonders schönen Fleck seiner Erde
ausgegossen hat. Des Sonntagnachmittags kam je und dann der
katholische Pfarrer von Gastein mit seinen Gemeindegliedern zur
„Schwarzen Liesl” heraufgewandert, um auf der kleinen Kegelbahn, die
an der Berglehne entlanglief, eine Partie Kegel zu schieben, bis die
Betglocke aus dem Tale herauftönte und die ganze fröhliche
Gesellschaft mitten im Spiel innehielt, ihr Gebet zu verrichten und
sich an den Heimweg erinnern zu lassen.

Sie sah sehr bescheiden aus, diese kleine Kegelbahn, obwohl sie alle
Ursache gehabt hätte, hoffärtig zu sein. Denn vornehmerer Gäste
konnte sich so leicht keine Kegelbahn auf der weiten Erde rühmen.
Wenn der alte Kaiser Wilhelm in Gastein weilte, hatten ihn bisweilen
seine großen Paladine dort besucht, um selbst einige Tage lang die
Stille der Gebirgswelt und die Nähe ihres königlichen Herrn zu
genießen. Am Nachmittag aber waren sie zum Kegelspiel hinaufgegangen
zur „Schwarzen Liesl”. Dann hatte die schwarze Liesl -- so hieß die
Frau des Wirts -- aufgetischt, was Küche und Keller bot. Wenn aber
der Kaiser selber kam und gar, wie es auch einmal geschah, die
Kaiserin mitbrachte, hatte sie die schönsten Tassen und Gläser, die
ihr Spind barg, hervorgeholt, um ihren hohen Gästen den
erfrischenden Trunk zu reichen.

Aber das alles lag nun weit zurück. Nur eine Magd, die unter der
schwarzen Liesl gedient hatte, lebte noch in einem stillen Häuschen
des Tals. Sie wußte unserm Vater noch von der alten Herrlichkeit zu
erzählen, auch davon, wie der Kaiser selbst sie besucht und auf der
Bank in ihrem Garten gesessen hatte und wie die Schwarze
Liesl-Wirtin einmal sogar auf die Einladung des Kaisers für zwölf
Tage in ihrer Salzburger Tracht nach Berlin gefahren und vom Kaiser
und Bismarck und den andern Gliedern des hohen Kegelklubs aufs beste
aufgenommen worden sei.

Der nunmehrige Liesl-Wirt war seines ursprünglichen Zeichens ein
Zitherspieler, der bis dahin in Stadt und Land als Musiker sich sein
Brot verdient und auch jetzt seine Zither noch nicht an den Nagel
gehängt hatte. Während seine Frau uns nach Kräften mit ihrer
Kochkunst versorgte, saß ihr Mann mittags und namentlich abends
unter seinen Gästen und schlug die Saiten. Wer seinen Weisen
lauschte, dem entging nicht der wehmütige Ton, der durch alle Lieder
hindurchklang. Und wer ihm vollends in die Augen sah, der merkte
bald, daß eine verborgene Last ihn drückte. Aber er kam nicht mit
der Sprache heraus, und so reiste Vater ab, ohne daß sich der arme
Mann ihm entdeckt hatte. Kaum aber waren wir fort, so kam ein Brief
nach dem andern, in denen der Wirt bat, ihm aus seiner Not zu
helfen, da er von seinen Gläubigern gedrängt würde. Vater war
inzwischen auf den Tod krank geworden. Eine Vergiftung des Blutes
hatte sich eingestellt, die erst in Wildungen und dann in Bethel
sein Leben monatelang dicht am Rande des Grabes hielt. Mitten in der
Krankheit aber stand immer wieder die Gestalt des armen Michael an
seinem Lager, und die wehmütigen, sehnsuchtsvollen Klänge der Zither
tönten an sein Herz. Was sollte Vater tun, um zu helfen? Er
entschloß sich, seinen getreuen Sekretär Behrendt nach Gastein zu
schicken, um gründliche Klarheit zu schaffen. Es schien wirklich
eine Weile, als ob der Mann noch gerettet werden könnte. Aber
schließlich zeigte es sich doch, daß alles umsonst war.

Es würde zu weit führen, die folgenden fünf Jahre mühsamer
Verhandlungen näher zu beschreiben. Das Ende des schmerzlichen
Handels war, daß Vater gezwungen wurde, die „Schwarze Liesl” ganz zu
übernehmen. Der Kreis der Freunde, die damals unserm Vater zur
Rettung des Liesl-Wirtes die ersten Mittel dargereicht hatten,
schloß sich zu einem festen Verein zusammen, der unter dem Namen
„Kaiser-Wilhelm-Stiftung” den Veteranen der Kriege 1864, 66, 70 in
der „Schwarzen Liesl” eine stille Erholungszeit verschaffen sollte.

Im Jahre 1904 zogen die ersten Veteranen ein. Mit Begeisterung war
der Plan aufgenommen worden. Einer der ersten Ärzte des Bades
erklärte sich bereit, die alten Krieger umsonst zu behandeln. Ein
vornehmer Gasthof stellte, ebenfalls umsonst, seine Badezellen zur
Verfügung; Freibetten wurden gestiftet, und die Mittel wurden so
reichlich dargeboten, daß man den alten Helden freie Reise und
freies Quartier gewähren konnte.

Dreimal hat Vater Gastein noch aufgesucht und einige Tage oder
Wochen in der „Schwarzen Liesl” unter seinen Kriegskameraden
zugebracht. „Ein ganzes Jahr lang”, sagte einer der Veteranen beim
Abschiednehmen, „habe ich zu erzählen, so schön war es hier. Und das
dumme ist bloß, daß es mir niemand glauben wird, auch nicht, wie man
uns hier aufgenommen hat.”

Während der Jahre des großen Krieges mußte die „Schwarze Liesl” ihre
Türen schließen. Seit 1921 aber hat sie sie wieder geöffnet und,
soweit die Mittel der Stiftung es irgend gestatteten, Teilnehmern
des letzten Krieges gedient.


Als Abgeordneter.

Als Stöcker sich im Jahre 1896 von der konservativen Partei trennte,
blieb ihm das Siegerland treu, das Minden-Ravensberger Land zog
sich von ihm zurück. Es hatte etwas Erschütterndes, zu sehen, wie
Stöcker, der bis dahin unter gewaltigem Zulauf auf den großen Dielen
des Landes und in den weiten Sälen der Städte gesprochen hatte,
jetzt in ganz kleinen Kreisen die wenigen ihm noch verbliebenen
Anhänger sammelte.

Einer der bedeutendsten Führer der Freunde Stöckers im Ravensberger
Lande war seit langem Lehrer Budde in Laar bei Herford gewesen. Er
war der Sohn eines Arztes in Spenge, hatte die Erweckungsbewegung
unter Louis Harms und Volkening in der Tiefe mit erlebt und gepflegt
und hatte als treuer Diener der Kirche, aber zugleich als
entschlossener Gegner aller Pastorenherrschaft seiner kleinen
Gemeinde Laar durch den Bau eines Kirchensaales zu einer gewissen
kirchlichen Selbständigkeit gegenüber der eigenen Pfarrgemeinde
verholfen.

Als Pastor Krekeler die Gemeindearbeit in Volmerdingsen übernahm,
trat Budde als sein Nachfolger in Bethel ein. Hier wurde er ein
geistlicher Vater und Berater nicht nur der Station seiner
epileptischen Kranken von Bersaba, der er im Bunde mit seiner
stillen, selbstlosen Frau in musterhafter Treue und größter
seelsorgerlicher Begabung vorstand, sondern zugleich auch der
Dienstmädchen der Gemeinde, der Waisenkinder im Lande, der
Kandidaten des Konvikts und vieler einzelner Anstaltsbewohner.

Es war Vaters Ideal, daß Pastoren und Lehrer nicht im Verhältnis von
Vorgesetzten und Untergebenen einander gegenüberstehen, sondern als
die nächsten Mitarbeiter an der Gemeinde sich untereinander ergänzen
sollten. In dem Dienst, den Budde in seiner Gemeinde Laar und dann
in der Zionsgemeinde tat, fand dieses Ideal seine Erfüllung. An den
Brüderstunden, die Vater anfangs Sonntagnachmittags, später
Freitagabends hielt, war Budde der regelmäßige Teilnehmer. Er konnte
es nie verstehen, wenn Brüder ohne zwingenden Grund die Stunden
versäumten. „Und wenn sie auf den Knien hinrutschen müßten,” konnte
er wohl sagen, „dann sollten sie es tun; denn so etwas bekommen sie
nie wieder zu hören.” Vater leitete die Besprechung in diesen
Stunden, Budde hatte regelmäßig das Gebet. Dieses Gebet war die
Erquickung, auf die sich Vater die ganze Woche über freute. Zu der
äußeren Form, in der Budde es vorbrachte, lächelte Vater oft, sodaß
er während des Gebetes immer den Kopf tief in seine Hände barg und
auf das Pult legte, um niemand zu stören, wenn ihn über
eigenartigen Ausdrücken Buddes das Lachen überkommen wollte. Aber
der Ernst und die tiefe Inbrunst, von denen das Gebet getragen
waren, erquickten ihn.

Durch die Besuche bei den Waisenkindern hin und her im Lande hatte
Budde beständig die lebhafteste Fühlung mit allen Schichten der
Bevölkerung, sodaß es ihm und seinen Gesinnungsgenossen allmählich
gelang, die durch den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei
zersprengten Anhänger zu organisieren und um ein kleines
Wochenblatt, den „Ravensberger”, zu sammeln. Vater selbst hielt sich
auch jetzt, seinen Grundsätzen treu, von aller einseitigen
Parteinahme, sei es für die Konservativen, sei es für die
Christlich-Sozialen, fern. Ihm war Stöcker -- das sprach Vater immer
wieder aus -- zu schade für einen Parteiführer. Er war überzeugt,
daß er dem Ganzen des Volkes noch weit wirksamer hätte dienen
können, wenn er sich von dem politischen Parteiwesen ferngehalten
hätte. Er hatte auch Stöcker die Themata genannt, um die sich nach
Vaters Überzeugung Stöckers öffentliche Tätigkeit drehen sollte.
(Der Brief ist leider nicht vorhanden.) Ihm blieb es schwer, daß
Stöcker nicht darauf einging. „Er hat doch etwas vom Volkstribunen
an sich,” sagte Vater gelegentlich und meinte damit, daß Stöcker
sich doch nicht unabhängig genug hielt gegenüber dem Einfluß der
Masse.

Um so weniger konnte jetzt Vater, so sehr er sich in den Hauptsachen mit
Stöcker eins wußte, irgend welche einseitige Stellung einnehmen in dem
Kampf, der sich zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen im
Ravensberger Lande entfaltete. Er stand zwischen beiden Gegnern in
ganzer Unabhängigkeit mit Waffen der Gerechtigkeit und Wahrheit zur
Rechten und zur Linken. Einen konservativen Führer des Landes, dessen
Schrift über die Christlich-Sozialen er ungerecht und scharf fand,
schonte er in einer persönlichen Besprechung nicht. Und als auf der
andern Seite sein Freund Budde eine für den Druck bestimmte Darstellung
des Kampfes gegeben hatte, die nach Vaters Überzeugung den tatsächlichen
Gang der Dinge zu einseitig wiedergab und darum neues Öl ins Feuer
gegossen haben würde, scheute er auch den Kampf mit diesem seinem treuen
Freunde nicht. Als Budde nicht nachgab, kam es für kurze Zeit zu einer
gewissen Entfremdung zwischen beiden, bis Vater eines Nachts im Bett an
Budde einen Brief schrieb, der Budde zum Nachgeben veranlaßte, sodaß der
betreffende Abschnitt der Druckschrift überklebt und in späteren
Auflagen ganz weggelassen wurde.

Allmählich hatte sich die kleine christlich-soziale Partei in
Minden-Ravensberg so gefestigt, daß sie in den Wahlkämpfen eine
wachsende Bedeutung gewann. Sie war aus dem Winkel, in den sich
Stöcker anfangs zurückgedrängt sah, wieder eine Macht geworden, mit
der die Gegner von rechts und links zu rechnen hatten. Das hatte
mehr und mehr zu einer gewissen Zusammenarbeit zwischen
Christlich-Sozialen und Konservativen geführt. Im Jahre 1903 sahen
sich die Christlich-Sozialen so weit erstarkt, daß sie von den
Konservativen eine Kandidatur Stöckers für das Abgeordnetenhaus
verlangten. Aber Stöcker blieb das rote Tuch für die Konservativen.
Sie lehnten Stöcker ab. Der alte Zwist, der in den vergangenen
Jahren bereits die zerstörendste Wirkung auf das Land ausgeübt und
im Grunde nur das Anwachsen der Sozialdemokratie gefördert hatte,
drohte aufs neue auszubrechen, es sei denn, daß für die Kandidatur
eine Persönlichkeit gefunden würde, die beiden Richtungen genehm
war. So wurde Vater vorgeschlagen.

Ihn lockte die Arbeit im Abgeordnetenhause nicht. Aber er sah den
Ernst der Lage. Er glaubte den Minden-Ravensbergern diesen
Freundesdienst schuldig zu sein. So nahm er die Kandidatur an unter
der Bedingung, daß er niemals gezwungen würde, irgend eine
Parteiversammlung zu besuchen oder eine Parteirede zu halten. Das
wurde ihm zugesichert. Wenige Tage darauf war die Wahl, und die
Verständigung zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen brachte
ihnen den gemeinsamen Sieg.

Lediglich um seiner engeren Heimat einen Friedensdienst zu tun,
hatte Vater angenommen. Dadurch war von vornherein die Linie
gegeben, auf der er sich während der fünf Jahre als Abgeordneter
bewegte. Er verzichtete von Anfang an darauf, sich in die Fülle der
Aufgaben hineinzuarbeiten, die sonst für einen Abgeordneten
selbstverständliche Pflicht sind. Jedermann hat ihm diese Freiheit
zugestanden.

Weil er nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienst des
Friedens gewählt war, so konnte er sich auch im Abgeordnetenhause
nicht irgend einer Parteigruppe verschreiben. Um Anschluß zu
bekommen, wurde er Gast der konservativen Gruppe, der er ja auch
seinem ganzen Entwicklungsgang und seiner Überzeugung nach am
nächsten stand. Aber irgend welche Fesseln wurden ihm dadurch nicht
aufgelegt und ließ er sich nicht auflegen.

Das zeigte sich gleich bei der ersten Rede, die er bei Gelegenheit der
Kanalvorlage -- es handelte sich um den Bau des Rhein-Weser-Kanals --
am 5. Mai 1904 im Abgeordnetenhause hielt. Die Bedeutung der Rede lag
darin, daß er in Form und Inhalt sich selbst treu blieb. Er nannte die
Abgeordneten, geradeso wie seine kranken und gesunden Gemeindeglieder
in Bethel, „ihr” und den Minister „du”. Die Versammlung selbst aber
hob er über alle Parteigrenzen hinaus, behandelte sie als ein Ganzes,
als eine große Körperschaft, deren Verantwortung und Tätigkeit sich um
das Wohl des ganzen Volkskörpers immer wieder sammeln und einigen
müßte. Jetzt beim Kanalbau sollten sich, so wünschte er, die Fürsorge
für den Arbeiter, der Kampf gegen den Schnaps und eine gesunde
Ansiedlungspolitik betätigen und sollten schmerzliche Versäumnisse
nachgeholt werden.

Die Rede fiel wie ein erfrischender Tau auf das ganze Haus. Man
hatte dergleichen noch nicht gehört. Und die Zeitungen aller
Parteirichtungen empfanden sie wie eine befreiende Tat. Der „Ulk”,
das Witzblatt des Berliner Tageblattes, der früher Vater in der
Frage der Irrenseelsorge aufs heftigste angegriffen hatte, brachte
folgendes Gedicht:

    An Seine Ehrwürden, den Herrn Pastor.

    Mein lieber Pastor Bodelschwingh,
    Das nenn' ich brav gesprochen!
    Wo sonst so seicht das Reden ging,
    Ward frisch der Bann gebrochen.
    Ich greife -- ja, verehrter Mann,
    Zuvörderst muß ich fragen:
    Red' ich mit trautem Du Sie an?
    Soll Sie zu dir ich sagen?

    Erlösend klang im Sitzungssaal
    Aus dem Debattendusel
    Die Forderung: „_Für_ den Kanal!
    Doch _gegen_ jeden Fusel!”
    Die Volksvertreter hörten zu --
    Dir, oder sag' ich Ihnen?
    Und jedes Wort bestärktest du
    Mit Ihren treuen Mienen!

    „Man solle den Kanal nur bau'n,
    Doch bauen ohne Schnäpse,
    So hilft man noch in deutschen Gau'n
    Dem allerärmsten Plebse.”
    Ehrwürden gaben Kluges kund,
    Du standst am rechten Orte,
    Und alles hing an Ihrem Mund
    Und lauschte deinem Worte!

    „Den Schnaps fort -- ein für allemal!”
    Ein Spirituosenhasser
    Ist zweifellos für den Kanal
    Wie überhaupt für Wasser.
    Schnaps drückt uns alle unters Vieh:
    Herr Pfarr', mit dem Bekenntnis
    Da findest du, da finden Sie
    Gleich unser Einverständnis.

    Doch kam ein Hieb noch hinterdrein,
    Der bleibe nicht verborgen:
    „Die Landwirtschaft soll nicht so schrei'n
    Und mehr fürs Landvolk sorgen!”
    So riefen Sie ihr ins Gesicht, --
    Dir bangt vor keiner Fehde.
    So mahnte niemand noch zur Pflicht
    Wie du mit Ihrer Rede.

    Bei diesem Wink verstummten sie,
    Die hochfeudalen Schreier,
    Bei diesem Mahnwort brummten sie:
    „Hol' dich -- hol' Sie der Geier!”
    Ehrwürden, das ist der Humor
    Im ganzen Redestreite:
    Du nahmst die eig'nen Freunde vor,
    Die Herrn auf Ihrer Seite!

    Seltsam klang Ihre Liturgie,
    Du brauchst dich nicht zu schämen!
    Man mußte lachen über Sie
    Und muß doch ernst dich nehmen.
    Ehrwürden sind ein Kauz, und doch:
    Man huldigt dir, dem Alten,
    Der so mit vierundsiebzig noch
    Kann Jungfernreden halten!

    (Sigmar Mehring.)

Aber diese erste Rede Vaters im Abgeordnetenhause war eigentlich
auch seine letzte. Sie bedeutete Sieg und Niederlage in eins. Er war
durch sie zugleich der Freund und der Feind der ganzen Abgeordneten
geworden. Die Höhe, auf der er sich bewegte, übersprang alle
Parteigrenzen. Das hatte alle hingerissen und für den Augenblick
alle um Vater geeint. Aber indem er sich nicht scheute, um der Sache
willen allen Gegnern, auch wenn sich unter ihnen seine nahen Freunde
befanden, die Wahrheit zu sagen, untergrub die Rede zugleich auch
die Autorität der Partei. So liebte man ihn und mied ihn zugleich.
Denn man war sich nicht sicher, ob er nicht bei nächster Gelegenheit
seine politischen Freunde noch kräftiger angreifen würde.

Nur einige wenige Male, in nebensächlichen Fragen, nahm er noch das
Wort, und gern wurde es ihm nicht gegeben. Als er sich wieder einmal
auf die Rednerliste hatte setzen lassen, deren Namen an einer Tafel
angeschrieben waren, stand ich mit ihm am Eingang des Sitzungssaales
gerade der Tafel gegenüber. Sein Name war zunächst an dritter oder
vierter Stelle gebracht, aber wir beobachteten, wie von Zeit zu Zeit
vor seinen Namen ein anderer Name eingefügt wurde, sodaß er immer an
letzter Stelle blieb. Es war deutlich, daß die Sitzungszeit längst
verstrichen sein würde, ehe er an die Reihe käme Schließlich sagte er
traurig, aber ohne Bitterkeit: „Junge, laß uns gehen! Sie wollen mich
nicht.” Aber die Niederlage wurde doch weit überwogen durch den Sieg.
Er war durch seine Rede mit einem Schlage zur populärsten
Persönlichkeit nicht nur des Abgeordnetenhauses, sondern von ganz
Berlin, ja, es muß wahrheitsgemäß wohl gesagt werden, des Vaterlandes
geworden. Mußten sich die Parteien ihm auch verschließen, sodaß das
Rednerpult des Abgeordnetenhauses nicht sein Platz war, so erschlossen
sich ihm desto mehr die einzelnen Abgeordneten ohne Unterschied der
Parteien, soweit ihnen die Sache, und nicht bloß das Parteiinteresse
und die eigene Person, am Herzen lag. Das galt nicht nur von den
Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, sondern auch des Reichstags. Mit
den Hochkonservativen so gut wie mit Bebel konnte man ihn in den
Wandelgängen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages in tiefsten
Gesprächen finden. An alle konnte er jetzt die Dinge, die ihn
bewegten, persönlich herantragen und sie ihnen persönlich ins Gewissen
schieben, namentlich die Arbeiterwohnungsfrage und die Fürsorge für
die Wanderarmen.

Gerade je weniger er sich in seiner Kindlichkeit und unbewußten
Demut seines Einflusses auf die Gemüter bewußt war, desto stärker
wirkte er. Er konnte eigentlich jedem alles sagen, und niemand nahm
ihm etwas übel. Im Zimmer des Direktors des Abgeordnetenhauses
konnte er seine Besprechungen abhalten, und als einmal alle Stühle
besetzt waren und der Direktor selbst hereintrat, rückte er in die
Sofaecke und sagte: „Mein lieber Direktor, hier ist für dich auch
noch ein Plätzchen.”

Ebenso ging es ihm in den Ministerien. Wenn er sich telephonisch
angemeldet hatte, standen oft schon die Portiers draußen vor der Tür
und sahen die Straße entlang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen und
ihm die Wege zu weisen. Dabei kam es ihm natürlich zustatten, daß er
sich von seiner Jugendzeit her, wo seine Eltern in drei
verschiedenen Ministerien gewohnt hatten, dort wie zu Hause fühlte.
Als wir einmal bei einem Geheimrat im Kultusministerium zu einer
Besprechung zusammensaßen und es draußen klopfte, rief nicht der
Geheimrat, sondern Vater: „Herein!”, ohne daß der Geheimrat das als
einen Eingriff in seine Rechte empfand. Man beugte sich eben
unwillkürlich unter die bezaubernde Gewalt dieser harmlosen
kindlichen Überlegenheit.

Um die Zeit auszunutzen, diktierte er uns oder auch seinem Sekretär
in den Vorzimmern der Minister seine Briefe, bestellte dorthin auch
die, die er an seinem Teile zu sprechen wünschte.

Mehr als fünfzigmal während der fünfjährigen Legislaturperiode
reiste Vater zwischen Bielefeld und Berlin hin und her. Im
St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße hatte er sein ständiges
Quartier, wo ihm und seinen treuen Pflegern und Sekretären, erst
Meier und dann Balduf, sooft sie kamen, die beiden Zimmer
eingeräumt wurden, die unmittelbar über dem Quartier des
Forstmeisters von Rothkirch lagen. Die Fürsorge des alten Fräulein
Kreysern und Rothkirchs übersprudelnde Herzlichkeit durchwehten das
ganze Haus, und Vater fühlte sich hier inmitten der aus- und
einziehenden Gäste und ständigen Bewohner überaus wohl. Mit vielen,
die kamen, verband ihn alte Freundschaft, mit andern wurden neue
enge Beziehungen geknüpft. Genannt seien Graf Zedlitz, der frühere
Kultusminister und damalige Oberpräsident von Schlesien, General von
Viebahn, der Freund und Seelsorger der Soldaten und Offiziere, Graf
E. von Pückler, der Gründer der St. Michaels-Vereinigungen,
Amtsgerichtsrat Kölle, der aufrechte Vertreter und Anwalt aller
Unterdrückten, der namentlich in der Wanderarmensache Vater
eingehend beriet und unterstützte, und schließlich die eigenartigste
und bedeutsamste Erscheinung unter den Gästen des Hospizes, Baurat
Schmidt, der bekannte „Heißdampf-Schmidt”, mit dem Vater später noch
im Stöckerschen Hospiz bei Partenkirchen zusammentraf und eng
verbunden wurde, der Mann, wie er sagte, „der modernen Lokomotiven,
der vor allem für geistliche Lokomotiven Herz und Verstand hat”.

Köstlich war und blieb die Unbefangenheit, mit der sich Vater unter
den vielen fremden und oft vornehmen Gästen bewegte. So stellte sich
ihm ein alter Herr v. N. vor. „Herr v. N.?” sagte Vater. „In Paris
suchte mich mal ein Herr v. N. auf, der taugte freilich nicht viel.
Sind Sie das vielleicht?” Den Zylinder seines Freundes Rothkirch
borgte er sich zu einem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Heinrich,
dem Sohn des Prinzen Albrecht, dessen Palais nur hundert Schritt
weiter aufwärts in der Wilhelmstraße lag. Da der Zylinder zu klein
war, trug ich ihn Vater nach über die Straße hinüber, und erst im
Augenblick, wo er das Palais betrat, zwängte er ihn sich auf. Der
Besuch führte zu einem herzlichen Verstehen zwischen beiden, das
auch anhielt, nachdem der Prinz längst in große Einsamkeit und
Stille untergetaucht war, und das sich durch immer erneute
Liebeszeichen und Zuwendungen kundtat, mit denen der Prinz sein
Interesse an Vaters Aufgaben bezeugte. In dem wunderschönen Garten
des prinzlichen Palais konnte Vater einige Male nach Tagen ernster
Krankheit die erste Erholungszeit erleben.

Als die Legislaturperiode abgelaufen war, stand Vater im 78. Jahr.
Der Zweck, zu dem er vor fünf Jahren die Kandidatur angenommen
hatte, war erreicht, indem die Beziehungen zwischen Konservativen
und Christlich-Sozialen in der Tat sich nach und nach weiter
gefestigt hatten. So lehnte er im Blick auf sein hohes Alter eine
neue Kandidatur ab.

Der wichtigste Ertrag seiner Zeit als Abgeordneter aber lag einmal
auf dem Gebiet der arbeitslosen versinkenden Massen Berlins und dann
in der gesetzlichen Regelung der Wanderarmenfürsorge des ganzen
Vaterlandes.


Das Wanderarbeitsstättengesetz.

Nach Eröffnung von Wilhelmsdorf waren namentlich in Westfalen die
Verpflegungsstationen in Verbindung mit den Herbergen zur Heimat
rasch emporgeblüht, sodaß das Betteln nahezu erstorben war, da alle
mittellosen Wanderer von der Bevölkerung den Verpflegungsstationen
und Herbergen zugewiesen wurden.

Aber die Begeisterung, unter der die ersten Verpflegungsstationen
entstanden waren, wurde allmählich gedämpft. Es sprach sich bald
unter den Wanderern herum, wo die beste und wo die geringere
Verpflegung geleistet wurde. Dadurch wurden manche Stationen
überlastet. Wer sollte die Kosten decken? Die einzelne Gemeinde, in
der die Verpflegungsstation lag, konnte es nicht. So trat der Kreis
ein. Aber auch hier stellte es sich nun wieder heraus, daß die
Kreise, die am besten sorgten, auch wieder am stärksten belastet
waren. Auch zwischen den katholischen und evangelischen Gegenden
zeigten sich Unterschiede. Im ganzen wurde in den evangelischen
Gegenden kräftiger gegen den Bettel vorgeschritten als in den
katholischen, wo das Almosengeben als solches in Gefahr stand, als
gutes Werk angesehen zu werden, ohne Rücksicht darauf, ob der
Almosenempfänger selbst wirklich unterstützt oder nicht vielmehr
durch das Almosen entehrt und auf dem erniedrigenden Wege des
Betteln bestärkt würde.

Es ergab sich also von einem Jahre zum andern in zunehmendem Maße
eine ungleiche Verteilung der Lasten, die im Interesse der
Wanderarmen von Gemeinde, Kreis und Bewohnern des Landes zu tragen
waren. Wohl bestand ein Paragraph, der grundsätzlich die Verteilung
der Lasten regelte. Es war der Paragraph 28 des Reichsgesetzes über
den Unterstützungswohnsitz, dahin lautend, daß jeder Mittellose, an
welchem Ort er auch mittellos würde, von der Gemeinde, in der die
Hilfsbedürftigkeit eintrat, vorläufig unterstützt werden müsse. Der
Paragraph 28 aber war in einer Zeit (1870) entstanden, wo es zu den
Ausnahmen gehörte, daß ein Mensch außerhalb seiner Gemeinde
unterstützungsbedürftig wurde.

Inzwischen hatten sich alle Verhältnisse geändert. Viele hatten ihr
kleines Dorf verlassen, um in den Städten und Industriegegenden
Arbeit zu suchen. Ebbte der Arbeitsmarkt ab, so wurden aber gerade
die zuletzt Zugewanderten auch zuerst wieder aus der Arbeit
entlassen. Nach kurzer Zeit waren die Ersparnisse verzehrt.
Mittellos standen sie da. Der Paragraph berechtigte sie, sich als
unterstützungsbedürftig zu melden. Aber keiner Polizeibehörde fiel
es ein, den Paragraphen anzuwenden. Es war ja auch ein Ding der
Unmöglichkeit für sie, die Unterstützungsbedürftigen so lange zu
verpflegen, bis die Heimatbehörde die Unterstützung bewilligt haben
würde. Wieviel Schreiberei, wieviel Zeit wäre dazu nötig gewesen!

Aber auch die Heimatbehörde lehnte die Anwendung des Paragraphen 28,
wenn irgend möglich, ab. Was hätte auch aus irgend einer kleinen
Gemeinde auf dem Westerwald werden sollen, wenn sie jedes ihrer
Gemeindeglieder, das in der Ferne und im Dienst einer fremden
Industrie unterstützungsbedürftig geworden war, hätte versorgen
sollen? Sie hätte sich einfach daran arm gegeben.

An diesem Paragraphen 28 setzte nun Vaters Arbeit nachdrücklich ein.
Ihn galt es sinngemäß zu ergänzen und die Last, die er der einzelnen
Gemeinde zuschob, auf die breiteren Schultern des Reichs oder der
einzelnen Landes- und Provinzialregierungen abzuwälzen. Es durfte
nicht dem guten Willen der einzelnen Gemeinde und ihrer
verantwortlichen Organe, auch nicht den einzelnen Kreisen überlassen
bleiben, ob und wie sie für die einzelnen Wanderarmen sorgen
wollten, sondern es mußte ein festes Verpflegungsstationsnetz
geschaffen werden und zwar durch gesetzliche Regelungen, die ganze
Gebiete umfaßten.

Auserlesene Kräfte aus allen Ständen und Teilen des Vaterlandes
stellten sich Vater zur Lösung dieser schwierigen Aufgabe zur
Verfügung. Keiner von ihnen, auch Vater nicht, ahnte, was es kosten
würde, im Dienste der untersten Klasse, im Interesse des fünften
Standes, der aus seinen Reihen keine Wortführer stellte, sondern
stumm und vielfach stumpf seine Straße zog, die gesetzgebenden
Körper zu einer barmherzigen Tat zusammenzuschließen.

Vor allem war es der Graf Botho zu Eulenburg, der frühere preußische
Minister des Innern, der seine ganzen Kenntnisse und Erfahrungen in
den Dienst der Sache stellte und einen Gesetzentwurf ausarbeitete,
der zum Ziele zu führen schien. Vater hingegen übernahm es, die
einzelnen maßgebenden Persönlichkeiten für den Entwurf zu gewinnen.
Aber die Sache fand noch keine Mehrheit, und der Entwurf wurde vom
Abgeordnetenhause abgelehnt. Das war schon im Jahre 1895.

Eine Zeitlang wandte sich Vater dem Reichstage zu, dann, als es gelungen
war, in Westfalen eine vorbildliche Wanderarbeitsstättenordnung
durchzuführen, aufs neue dem preußischen Abgeordnetenhause.

Es ist unmöglich, die Last von Enttäuschungen, Demütigungen,
Mühsalen, schlaflosen Nächten, immer erneuten schriftlichen und
mündlichen Bitten auszudenken, die Vater im Dienste seiner Brüder
von der Landstraße auf sich nahm. Unaufhörlich standen ihm diese
armen Menschen vor der Seele, die mittellos auf die Landstraße
geworfen, zum Betteln gezwungen, von der Polizei wegen Bettelns
aufgegriffen, in elendem Polizeigewahrsam untergebracht, von den
Richtern verurteilt und nun im Gefängnis in den Sumpf der
gewohnheitsmäßigen Bummler und Verbrecher hinuntergestoßen wurden.

    „Ihr führt ins Leben uns hinein,
    Ihr laßt den Armen schuldig werden,
    Dann überlaßt ihr ihn der Pein;
    Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.”

Oft hatte Vater im Gedanken an die Gleichgültigkeit und
Herzlosigkeit der gesetzgebenden Körper mit tiefster Erbitterung zu
kämpfen. Als wir eines Abends in jener Zeit, wo er selbst noch nicht
Abgeordneter war, am Abgeordnetenhaus vorbeikamen, sagte er mit
unterdrückter Stimme: „Ich möchte mir am liebsten jetzt einen Stein
suchen und den Herren im Abgeordnetenhause die Fenster einschmeißen.
Dann hätten sie doch die Genugtuung, einmal einen Schuldigen ins
Gefängnis zu stecken, statt daß sie jetzt immer wieder arme
schuldlose Leute abführen lassen.”

Nach einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit Miquel, der als
Finanzminister natürlich ein entscheidendes Wort zu sprechen hatte,
bekam er unterwegs in der Droschke vor innerer Erregung eine
Blutung, die ihn dem Tode nahe brachte.

Doch keine Niederlage, keine Abweisung, keine Gleichgültigkeit
stumpfte ihn ab. Solange er für das Ganze keine Regelung erreichen
konnte, setzte er doch, wo er nur konnte, die Lösung der Frage im
einzelnen durch. Zunächst wurde, wie gesagt, in Westfalen ein
großmaschiges Netz, das den dringendsten Bedürfnissen genügte,
geschaffen. Für diejenigen Wanderarmen, die sich ohne geordnete
Papiere obdachlos meldeten, wurden besondere Steinklopfbuden
errichtet, in denen sie die Steine für die Chausseebauten zurüsteten
und sich so Kost, Schlafgeld und Wanderschein erwarben. Mit dem
kurzen Stahlhammer in den Händen, stand Vater unter den
Steinklopfenden, um selbst auszuprobieren, ob auch eine ungeübte
Hand die Arbeit leisten könne.

Den Schein über die geleistete Arbeit ließ er in seiner eigenen
Schreibstube ausstellen, um so jede Gelegenheit zu benutzen, mit den
Brüdern von der Landstraße in persönliche Berührung zu kommen und
ihre Verhältnisse genau kennen zu lernen.

Seine Wahl in den Landtag im Jahre 1903 bedeutete dann einen
wesentlichen Fortschritt in der Sache. Jetzt hatte er regelmäßig
Gelegenheit, die Angelegenheit zu betreiben und sie nach allen Seiten
hin sicher zu fundamentieren. Kurz vor seinem Tode war der Sieg
erfochten. Sein Freund Pappenheim, der Führer der Konservativen,
telegraphierte: „Gesetzentwurf angenommen.” Damit war das
Wanderarbeitsstättengesetz für Preußen geschaffen, das jeder Provinz,
die von sich aus die Regelung der Wanderarmen in die Hand nahm, eine
Unterstützung aus dem preußischen Dotationsfonds zusicherte und so jeder
Provinzialregierung, die guten Willens war, die Möglichkeit gab, nach
dem Vorbilde von Westfalen und Württemberg eine feste Wanderordnung zu
schaffen und dem willkürlichen Bettel das Handwerk zu legen. Zwischen
den kürzeren Strecken wurden die alten Wanderstraßen festgehalten. Bei
größeren Entfernungen aber sollten die Arbeitslosen durch die Bahn von
einer Wanderarbeitsstätte und dem damit verbundenen Arbeitsnachweis zur
andern befördert werden. Sie konnten sich dann an jedem neuen
Arbeitsplatze nach Arbeit umsehen oder von einer Wanderarbeitsstätte zur
andern sei es die Hauptzentren der Arbeitsgelegenheit, sei es die in
Betracht kommende Arbeiterkolonie zu erreichen suchen.

Man sagt von den Westfalen, daß sie die dicksten Schädel der Welt
hätten und unter allen deutschen Stämmen die Trotzigsten wären. Ein
zäher Trotz hatte dazu gehört, um durch Jahrzehnte hindurch in
diesem Kampf nicht zu ermüden. Aber Trotz allein hätte es nicht
ausgerichtet. Es kam das zerbrochene Herz dazu, das sich jede
Demütigung gefallen ließ und das mit magnetischer Gewalt die
göttlichen Kräfte der Liebe an sich zog. Ein harter Schädel und ein
zerbrochenes Herz und selbstlose Liebe, die drei im Bunde tun noch
heute Wunder.


Hoffnungstal.

Es war an einem Winterabend im Jahre 1905. Vater hatte für diesen
Abend mit dem Berliner Stadtrat Münsterberg, der ihm seit vielen
Jahren durch gemeinsame Arbeit nahe stand, einen Besuch in dem
städtischen Asyl für Obdachlose verabredet. Da er leidend war, war
ich ihm nachgereist, um ein wenig für ihn zu sorgen. So kam es, daß
ich das Nachfolgende miterlebte.

Es war eine lange Fahrt aus dem Südwesten der Stadt durch das
Zentrum hindurch in den fernen Norden. Je weiter wir kamen, desto
spärlicher fiel das Licht der Laternen auf die Schilder der Straßen,
durch die wir fuhren. Endlich tauchte das Schild auf, das den Namen
„Fröbelstraße” trug. Damit waren wir dicht vor dem Ende unserer
Fahrt angelangt. Die Gestalten, die wir überholten, hatten alle das
gleiche Ziel wie wir. Mit unsicheren Schritten, wie sie der Alkohol
seinen Opfern gibt, schlichen die meisten von ihnen durch den
Winternebel die düstere Straße entlang. Jetzt hielt unser Wagen vor
dem stattlichen Gebäude, durch dessen Tür vor uns und hinter uns die
Gestalten des Elends schwankten. Als wir in den Aufnahmeraum traten,
stand gerade ein Haufen von siebzig bis achtzig jungen und alten
Männern bereit, um in einen der großen Schlafsäle, deren das Asyl
etwa vierzig bis fünfzig enthält, geführt zu werden. Es waren noch
manche frische Gesichter darunter, doch die meisten zeigten die
Spuren der äußeren Not und des inneren Elends. Der ganze Raum war
erfüllt von dem Dunst des Alkohols, der den Tag über in Pfennigen
und Groschen an den Türen der Berliner Bürger zusammengebettelt war.

Wie ein Krieger, der in eine Schar von Feinden eine Bresche schlagen
will, so sprang Vater zwischen den Haufen und rief: „Wer von euch
will Arbeit haben? Ich habe Arbeit: Hand in die Höhe!” -- Alle
blieben stumm, und keine Hand rührte sich. Es war, als wenn alle von
dem ungewohnten Ruf überrascht wären und sich erst eine Weile
sammeln müßten. Jetzt rief Vater zum zweitenmal: „Hand in die Höhe!
Wer von euch will Arbeit haben?” Da reckte sich schüchtern die erste
Hand empor, dann die zweite, die dritte, bis fünf oder sechs Hände
in der Luft schwankten. „Sehen Sie, Herr Stadtrat, sehen Sie diese
Hände! Es heißt immer, im Asyl für Obdachlose will keiner mehr
Arbeit haben. Hier sind aber noch Leute, die arbeiten wollen, und
wir müssen ihnen Arbeit geben.”

Dann ließ sich Vater mit den einzelnen ins Gespräch ein, fragte nach
Heimat, Stand und Alter und setzte der ganzen Schar, die anfing,
immer aufmerksamer zuzuhören, auseinander, daß er daran gehen wolle,
für alle, die wirklich noch einmal in die Arbeit und damit in ein
neues Leben zurück wollten, draußen vor den Toren der Stadt
Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Dann sagte er, zu der ganzen Schar
gewandt: „Ich brauche aber dazu auch Geld! Wer von euch kann mir
Geld borgen?” Wiederum blieb alles stumm. „Wer von euch kann mir
Geld borgen?” Aber keine Hand ging in die Höhe. Nun fragte Vater den
Nächststehenden: „Können Sie mir kein Geld borgen?” Der Mann
schüttelte mit dem Kopfe. „Wie alt sind Sie?” -- „Achtzehn Jahre.”
Da schlug ihm Vater mit seinen flachen Händen auf die beiden
Schultern, daß es durch den ganzen Mann schütterte: „Dann könntest
du mir 500 Mark borgen! Wo hast du sie gelassen?” -- Keine Antwort,
aber auch kein Widersetzen. Der junge Mensch spürte nicht nur die
Glut des Zorns, sondern auch die Glut des Erbarmens, die hinter
dieser Frage und hinter diesen Schlägen loderte.

Immer aufmerksamer und immer nüchterner hörte die ganze Schar zu,
während Vater die Reihen entlang fragte. Jetzt kam er an einen
alten Mann mit triefenden Augen und zerrissenen Kleidern. Es
stellte sich heraus, daß er früher Kutscher beim alten Kaiser
Wilhelm gewesen war. Vater fragte ihn: „Nun sagen Sie mal, wie ist
es denn so weit mit Ihnen gekommen?” Da stieß der Alte bitter
zwischen den Zähnen hervor: „Ich hab's gewollt.” Vater faßte ihn
mit seiner zarten Hand, drehte ihn der ganzen Gesellschaft zu und
sagte: „Guckt ihn euch einmal an, unseren armen alten Freund!
Wollt ihr auch einmal so aussehen?” Schon fingen die Wärter an,
den Haufen leise vorwärts zu drängen, da der Aufnahmeraum neuen
Scharen Platz machen mußte. Aus der hintersten Reihe aber kam eine
zitternde Hand, die sich über die Köpfe hinweg auf den Vater
zustreckte. Vater sah sie und griff nach ihr. „Was wollten Sie
denn, mein alter lieber Bruder?” „Ach,” sagte der Mann, „ich
wollte Ihnen bloß mal die Hand geben und Ihnen danken für die
guten Worte.” -- Nun schoben die Wärter immer dringender, aber nur
langsam und zögernd bewegte sich der Haufe vorwärts. Alle hatten
den Blick rückwärts auf Vater geheftet, als wollten sie ihm, wenn
auch stumm, noch einmal danken für die guten Worte.

Dann ging Vater durch die einzelnen eng gefüllten Säle. Der
energische, freundliche Direktor des Asyls begleitete uns. Hie und
da hatten sich schon die Obdachlosen auf ihre Pritsche ausgestreckt,
von denen eine eng neben die andere gerückt war. Aber jetzt
rappelten sich die meisten wieder in die Höhe und standen jeder
stramm vor seiner Lagerstatt. Wenn Vater oben in einer Reihe anfing,
jedem die Hand zu geben und einige Fragen an ihn zu richten, sah die
ganze lange Linie ihm entgegen. Unwillkürlich lenkte er aller Augen
zu sich hin. Und wenn er weitergegangen war, sahen ihm dieselben
Augen nach, bis er verschwand. Es war wie eine Heerschau, die ein
General über seine Armee abhielt -- eine Armee von Bettlern.

Draußen auf dem Flur kosteten wir die Mehlsuppe, die aus großen
Gefäßen in das blecherne Geschirr geschöpft wurde, das jeder in
seiner Hand hielt. Auch in die Badestube mit ihren sauberen
Duschapparaten gingen wir und auch in die Kammer, wo die mit
Ungeziefer behafteten Kleider gereinigt wurden. Schließlich kamen
wir in einen der Säle, die für die obdachlosen Frauen und Mädchen
bestimmt waren. Aber während Vater in den Sälen der Männer lange
verweilt hatte -- in diesem Frauensaale sagte er nichts. Stumm ging
er an einem Ende hinein und am andern wieder hinaus. Das Bild war
für ihn zu schrecklich. Denn fast alle Insassen dieses Saales waren
betrunken. So abschreckend der Anblick betrunkener Männer ist -- der
Anblick dieser durch Trunkenheit und alle Art von Lastern
entstellten Frauenangesichte hatte etwas Bestialisches, ja
Diabolisches an sich. Darum konnte und mochte Vater nichts sagen.

Dieser Abend im Asyl für Obdachlose aber war der Gründungstag von
Hoffnungstal. Von jetzt ab ließ es Vater keine Ruhe mehr. Er
bereiste in kurzer Zeit mit unermüdlichem Eifer die ganze Gegend um
Berlin. Überall forschte er nach geeignetem Gelände, um für die
Obdachlosen Berlins eine Zufluchtsstätte zu schaffen, wo sie nicht
nur Obdach und Brot, sondern vor allem Arbeit fänden. Schließlich
bot sich ihm im Norden der Stadt an den Grenzen der Berliner
Rieselfelder ein geeigneter Platz. Dort besaß die Berliner
Stadtverwaltung ein kleines Gut mit angrenzenden weiten
Kiefernwaldungen, die sich auch durch die schwachen Kräfte der
Berliner Obdachlosen mit Hilfe des leicht zu beschaffenden Düngers
der Berliner Pferde- und Kuhställe in Obstanlagen verwandeln ließen.

Während nun Vater den Berliner Magistrat auf der einen Seite sehr
scharf angriff, daß er in seinem Asyl Müßiggänger, ja schließlich
Verbrecher schlimmster Art großziehe, indem den Obdachlosen wohl
Almosen in Gestalt von Quartier und Mahlzeiten, aber keine Arbeit
angeboten würde, hatte er gleichzeitig den Mut, denselben Magistrat
zu bitten, ihm bei der Anlage der neuen Kolonie behilflich zu sein
und ihm das Gut auf achtzehn Jahre zu verpachten. Wirklich ging der
Magistrat auf Vaters Wünsche ein. Und bald erklang Vaters fröhliche
Bitte: „Wer hilft uns mit zum Bau von Hoffnungstal?” Während er aber
diese Bitte hinaussandte und seine Kollektanten in ganz Berlin
treppauf, treppab zogen, kehrte Vater zu immer erneuten nächtlichen
Besuchen in das städtische Asyl zurück, um mit dem Direktor und den
Beamten des Asyls seine Pläne bis ins einzelne zu überlegen. Bei
einem solchen Besuche war es, daß einer der ältesten und
erfahrensten Aufseher zu ihm sagte: „Herr Pastor, Ihre Arbeit ist
vergeblich. Wenn die jungen unverdorbenen Leute, die in unser Asyl
kommen, nur ein paar Tage neben den ausgelernten Taugenichtsen
liegen, so ist fast kein Unterschied mehr zwischen den beiden. Sie
müssen sie trennen, damit die Ansteckung nicht so leicht möglich
ist.”

Das Wort schlug tief bei Vater ein. Es war ja immer seine Art
gewesen, auf guten Ratschlag anderer zu horchen, wie er sich
überhaupt nie etwas auf eigene Gedanken zugute tat, sondern bis an
sein Ende an der Überzeugung festhielt, daß er nie, so viel die
Leute ihn auch rühmten, eigene neue Wege eingeschlagen hätte,
sondern immer nur in die Fußtapfen anderer getreten sei, die ihm mit
Rat und Tat vorangingen. So griff er denn auch den Rat des alten
treuen Aufsehers im Asyl für Obdachlose auf. Hinfort war es sein
Feldgeschrei, das er immer aufs neue laut erhob: „Kein
Massenquartier mehr, sondern Einzelquartier!” „Keine Anhäufung dicht
gelagerter Menschen, sondern Einzelstübchen!” Und bald war die erste
„Heimstätte” in Hoffnungstal fertig. Sie barg keine übereinander
gebauten Betten, wie in den Herbergen, in den Arbeiterkolonien und
vielfach auch in den Kasernen, sondern für jeden müden heimatlosen
Gast der Straße einen stillen kleinen Raum, von drei Wänden
umschlossen, mit einem Bett und einem verschließbaren Schrankstuhl
möbliert, nach oben in den freien Luftraum geöffnet und nach der
vorderen Seite zu durch einen dichten Vorhang verschlossen.

Kaum aber war die erste Heimstätte fertig, so eilte Vater zu seinen
Freunden in das Asyl. „Wer will nun kommen? Die Arbeit wartet auf euch
und euer Stübchen auch.” Da reckten sich wieder die Hände empor; nicht
schüchtern mehr, wie an jenem ersten Abend, sondern nun mit heißem
Verlangen: „Herr Prediger! Ick, ick! nehmen Se mir mit, nehmen Se mir
ooch mit!” Es waren die Stimmen und Hände Versinkender, die im Begriff
waren, in dem Sumpf des großen Berliner Morastes unterzugehen, und die
sich nun dem Retter entgegenstreckten.

Darum konnte Vater sich auch an der einen Heimstatt nicht genügen
lassen, sondern bald kam die zweite und dritte hinzu, und die
vierte, fünfte und sechste folgte, alle mit fünfzig bis achtzig
Einzelstübchen eingerichtet.

Zur Einweihung der jungen Kolonie aber kam die Kaiserin mit ihrem
zweiten Sohne, dem Prinzen Eitel Friedrich, der das Protektorat
übernommen hatte. Tief bezeichnend für den Sinn, mit dem die sonst
so schlichte kaiserliche Frau und ihr Sohn die Geringsten des
Volkes ehrten, war die kaiserliche Pracht, die sie bei dieser
Gelegenheit entfalteten. Sie kamen im Viererzuge mit Spitzenreitern
-- Reiter und Kutscher im friderizianischen Kostüm mit Dreimastern
und langen weißen Zöpfen. Ihren Platz hatte sie sich inmitten der
Kolonisten erbeten. Die saßen denn auch während der Feier in dichtem
Kranz um sie her und dahinter erst der große Kreis der Festgäste.

Am Abend vorher hatte Vater die Probe abgenommen über das Lied, das
die Kolonisten während der Feier singen sollten. Er taktierte selbst
mit seinem Krückstock, und nie habe ich ein Konzert gehört, das mir
mehr zu Herzen gegangen wäre als der Gesang dieser von Schnaps und
Elend abgenutzten Kehlen: „Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will
ihn loben bis in Tod.” Die Einweihungsrede hatte Vater vorher
aufgeschrieben, auswendig gelernt und sie seiner Schwiegertochter
aufgesagt. Aber als er dann vor der Versammlung stand, konnte er
doch nicht anders sprechen, als es ihm im Augenblick ums Herz war.

Wie viele fröhliche Gesichter hat Vater fortan in Hoffnungstal
gesehen! Wer ihn einmal ein paar Stunden durch seine geliebten
Einzelstübchen mit ihren Bewohnern begleiten konnte, der erlebte
einen Anblick, wie er durch keine Pracht und keine Schaustellung der
großen Weltstadt, deren Dunst im Süden von Hoffnungstal über dem
Horizont lagerte, ersetzt werden konnte. Wie mancher von diesen
gehetzten Leuten hatte hier zum erstenmal in seinem Leben eine
Stätte des Friedens gefunden, wo Leib und Seele ausruhen konnten, um
sich zu stärken für einen neuen und sieghaften Kampf. Mancher von
ihnen hatte nie eine Wand über seinem Haupt gehabt, an der er das
Bild seiner Mutter oder seiner Kinder aufhängen konnte. Jetzt
endlich hatte er seine bescheidenen, wenn auch nicht vier, so doch
drei Wände um sich und konnte sie sich mit den Erinnerungen an seine
Lieben schmücken. Und wie ruhte es sich des Abends in dieser
Einsamkeit! Da konnten sich unbemerkt und unverspottet die Hände
einmal wieder falten wie einst in der Kinderzeit. Und manch einer
konnte hier seine Mannesehre und seinen Mannesmut wiederfinden,
indem er sich in der Stille seines Kämmerchens beugte vor dem
lebendigen Gott und dem Heiland der Sünder. Aus solcher Stille aber
ging es doppelt fröhlich hinaus an die gesunde Arbeit im wilden
Wald oder bei den fröhlich heranwachsenden Obstbäumchen. Darum
konnte es nicht anders sein, als daß Vaters Gestalt, wo sie sich
auch nur blicken ließ, verfolgt wurde mit vielen dankbaren Blicken
und manchem dankbaren Wort.

Bald stellten sich auch die Besucher ein, geringe und vornehme, von
nah und fern. Sie wollten die Stübchen sehen, die sie für
Hoffnungstal und Lobetal, Gnadental und Neu-Gnadental gestiftet oder
auf manchem mühsamen Wege zusammenkollektiert hatten. Sie freuten
sich der dankbaren Pietät, mit der jedes Stübchen und jedes Bäumchen
den Namen seines Gebers oder seines Sammlers trug, und freuten sich
vor allem seiner glücklichen Bewohner. Unter den zahlreichen
Besuchern der Kolonie, die immer wieder aus Berlin kamen, war auch
eine jüdische Frau gewesen. Vater begleitete sie durch die ganze
Kolonie. Als sie alles gesehen hatte, blieb sie stehen und sagte:
„Herr Pastor, warum tun Sie das nur für die Männer von Berlin? Haben
es die Frauen und Mädchen nicht noch viel nötiger?”

Wie das Wort des alten Aufsehers im Asyl, so schlug auch dies Wort
der menschenfreundlichen Jüdin bei Vater ein. Es war ihm, als wenn
er an eine große, lang vergessene Schuld erinnert würde. Der Saal
mit den betrunkenen Frauen und Mädchen, den er bei seinem ersten
Besuch im Asyl für Obdachlose gesehen hatte, trat vor seine Seele,
und es beunruhigte ihn tief, daß er über der Not der Männer seine
Augen für die Not der Frauen verschlossen hatte. Nun hieß es: „Wir
brauchen auch Heimstätten und Einzelstübchen für die sinkende
Frauenwelt der großen Stadt.” Und so erhob Vater noch einmal, kurz
ehe ihn das erste Mal der Schlaganfall traf, seine Stimme zur
Aufrichtung eines weiblichen Hoffnungstals. Bald hatte er auch
diesmal wieder den geeigneten Platz gefunden, und wenn seine Kraft
auch nicht mehr ausreichte, persönlich die Stelle zu besuchen, so
freute er sich um so mehr an den Nachrichten über das fröhliche
Aufblühen des neuen Zufluchtsorts, der unter einem von Liz. Bohn
geleiteten Komitee im Osten Berlins bei Erkner auf ähnlichem Gelände
wie Hoffnungstal den abgehetzten und abgehärmten Frauen und Mädchen
seine Einzelstübchen anbot.

Dann aber setzte der Schlaganfall Vaters Arbeit ein Ende. Er war
mehrere Wochen nahezu stumm. Es schien, als sollte es still dem Ende
zugehen. Statt dessen aber ließ Gottes Freundlichkeit das glühende
Herz noch einmal wieder aufflammen, um fast für ein ganzes Jahr die
Herrschaft über den zerbrochenen Leib wiederzugewinnen. Sein ganzes
Arbeitsfeld konnte er noch einmal überblicken, um, wo es not tat,
für die alten Geleise neue Ziele zu weisen. So trat ihm auch für
seine geliebten Einzelstübchen noch ein großes neues Ziel vor die
Seele. Es war ihm nicht genug, darauf zu dringen, daß alle deutschen
Herbergen und Arbeiterkolonien mit dem System der Massenquartiere
brechen müßten, auch nicht nur für alle Diakonissen- und
Diakonenhäuser wünschte er die gleiche Wohltat, vielmehr trat es ihm
mehr und mehr wie eine große gemeinsame Pflicht des Vaterlandes vor
die Seele, daß jedem deutschen Manne, der im Dienste des Vaterlandes
für zwei Jahre auf seine Freiheit und Heimat verzichtete, als Ersatz
dafür in seiner Kaserne solch eine heimatliche Stätte hergerichtet
würde, deren unermeßlichen Wert Vater auf so mannigfache Weise
erfahren hatte.

Mit Offizieren und Soldaten saß er manchen Nachmittag zusammen und
überlegte hin und her, bis es ihm schließlich völlig gewiß wurde:
„Es geht, es geht.” Er lud den Kronprinzen ein, einmal Hoffnungstal
zu besuchen, und schrieb an den Kriegsminister folgenden Brief:

                „Euer Exzellenz

wollen einem ehemaligen Kaiser-Franzer und späteren Feldprediger von
1866 und 1870 erlauben, sein Herz auszuschütten. Er bittet desto
kühnlicher darum, als er vielleicht bald zur oberen Armee
weiterziehen muß und es ihm keine Ruhe mehr läßt, vorher noch das
Folgende vorgetragen zu haben.

Es ist jetzt dreißig Jahre her, daß ich zum erstenmal einem
deutschen Ingenieur den Plan eines lenkbaren Flugschiffes
auseinandersetzte, ohne daß ich damit durchdrang. Seitdem habe ich
denselben Plan alle die vielen Jahre hindurch vielen Ingenieuren und
Offizieren dargelegt, habe mir viel Kopfschütteln als über einen
unausführbaren Plan gefallen lassen müssen, habe aber, wenn auch
durch wichtigere Aufgaben an praktischer Mitarbeit gehindert, doch
schließlich die Eroberung der Lüfte erlebt.

In folgendem handelt es sich aber um ein ungleich wichtigeres,
höheres Ziel als bloß um die Eroberung der Luft. Darum wird es erst
recht das Kopfschütteln vieler hervorrufen, ist eben darum aber auch
des Schweißes der Edelsten wert. Worum es sich handelt, ist die
Rückeroberung der Armee aus der ansteckenden Luft der Kasernenstuben
und die Schaffung einer gesunden Atmosphäre für jeden deutschen
Soldaten in einem Einzelquartier.

Ich weiß es aus meiner eigenen Militärzeit und habe es seitdem in
einem fast achtzigjährigen Leben ungezählte Male bezeugt gefunden,
welche Gefahren das Zusammenleben in den gemeinsamen Quartieren für
die Soldaten mit sich bringt. Ein einziger unsauberer Bursche
verdirbt oft eine ganze Stube. Und je größer die Stuben sind, desto
größer die Gefahr. Es ist nicht in jeder Garnison und in jeder
Kaserne gleich. Es gibt auch Stuben, aus denen keine Klagen kommen.
Aber im allgemeinen sind die Verhältnisse so, daß nicht dringend
genug auf eine Abhilfe gesonnen werden kann. Die Abhilfe aber würde
eben darin bestehen, daß jedem Soldaten statt des gemeinsamen
Quartiers ein Einzelquartier geboten wird. So nötig die gemeinsame
Erziehung der Soldaten ist, so nötig ist als Ergänzung dazu ein
bestimmtes Maß von Einsamkeit für jeden einzelnen Mann, wo er sich
auf sich selbst besinnen kann. Es ist mir unzweifelhaft gewiß, daß
die innere Beschaffenheit unserer Armee um viele Prozente in die
Höhe schnellen würde, wenn es gelingt, den einzelnen Mann zu einem
höheren Maß von Selbstachtung zu erziehen, indem man ihm ein
Einzelquartier gewährt. Die mit solchen Einzelquartieren in der
Praxis bereits erzielten Erfolge sind so außerordentlich, daß ich
Ew. Exzellenz nicht dringend genug bitten kann, diesem Gegenstand
eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.

Ich weise dabei auf die unter dem Protektorat Seiner Königlichen Hoheit
des Prinzen Eitel Friedrich stehende, von Ihrer Majestät der Kaiserin
eingeweihte Kolonie Hoffnungstal bei Bernau in der Mark hin. Während
alle übrigen deutschen Arbeiterkolonien das Massenquartier eingerichtet
haben, ist die Kolonie Hoffnungstal die erste Kolonie, in der das
Einzelquartier zur strengen Durchführung gekommen ist. Der Unterschied
zwischen den Kolonien mit Massenquartieren und dieser Kolonie mit
Einzelquartieren ist überraschend groß. Während in den übrigen Kolonien
trotz eines gleichwertigen Aufsichtspersonals und trotz einer gleich
guten Verpflegung die Haltung und der Ton unter den Kolonisten immer
noch zu wünschen übrigläßt, ist beides in der Kolonie Hoffnungstal
geradezu mustergiltig zu nennen. Obgleich die Bewohner von Hoffnungstal
zum größten Teil aus den Berliner Asylen für Obdachlose stammen, die mit
ihren Massenquartieren geradezu als Hochschulen des Schmutzes und der
Zote angesehen werden müssen, ist in Hoffnungstal jede Zote
verschwunden. Kolonisten, die nach Hoffnungstal kommen, haben immer
wieder ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, wie es nur möglich sei,
unter einer so großen Zahl aus aller Welt zusammengeströmter Menschen
eine solche Atmosphäre des Anstandes und der Zucht zu erhalten. Das
Geheimnis sind unsere Einzelquartiere. Das Einzelquartier macht es,
besser als Worte es können, jedem einzelnen Mann klar, daß er nicht nur
als Herdenmensch in Betracht kommt, sondern daß er als Einzelperson vor
Gott und vor Menschen seinen besonderen Wert hat. So weckt das
Einzelquartier, das jeder Bewohner sich nach seinem eigenen Geschmack
ausschmücken kann, den Trieb zur Selbständigkeit, zur Selbstachtung und
Selbsterziehung.

Meine Bitte geht nun dahin, daß Ew. Exzellenz einige der
entschlossensten, um die Schlagfertigkeit unserer Armee wahrhaft
interessierten Offiziere nach Hoffnungstal entsenden möchten und
womöglich selbst einmal Hoffnungstal mit seinen 450 Einzelquartieren
besuchten, wie es auch der jetzige Herr Kultusminister und sein
Amtsvorgänger und auch der Minister der öffentlichen Arbeiten getan
haben. Dann würden sich Ew. Exzellenz davon überzeugen, daß der
Einwurf, das System sei viel zu teuer, nicht aufrecht gehalten
werden kann und daß auch der andere Gegengrund, das System des
Einzelquartieres gefährde die Übersichtlichkeit und die rasche
Orientierung des Wachthabenden, hinfällig wird. Von Offizieren
sowohl wie von Mannschaften ist mir gegenüber das Einzelquartier als
durchaus durchführbar und erstrebenswert gebilligt worden.

Schließlich möchte ich noch meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß
durch die Einrichtung des Einzelquartiers mancher Dienstpflichtige,
der sich jetzt aus Scheu vor dem Leben in der Kaserne mühsam zum
Einjährigen durchquält, zu dem Entschluß kommen würde, auf die
Einjährigen-Dienstzeit zu verzichten und zwei Jahre zu dienen. Das
käme der Zusammensetzung der ganzen Truppe sehr wesentlich zugute.

Es würde sich zunächst darum handeln, in einigen Armeekorps,
vielleicht nur jedesmal mit einer Kompagnie, Versuche anzustellen.
Ich zweifle nicht daran, daß diese eine Kompagnie sich bald in so
hohem Maße vor den übrigen ihres Regiments an innerer Qualifikation
des einzelnen Mannes auszeichnen würde, daß damit der Siegeszug des
Systems der Einzelquartiere gesichert wäre.

Ew. Exzellenz würden einen hellen Lichtstrahl auf das letzte Stück
meines Pilgerlebens werfen, wenn Sie dieser meiner Bitte ein gnädiges
Ohr schenken und vielleicht schon bald einen Besuch in Hoffnungstal zur
Ausführung bringen könnten. Ob ich noch selbst in der Lage sein werde,
Ew. Exzellenz persönlich durch Hoffnungstal zu führen, steht dahin, da
mein Körper seit einem im Frühjahr erlittenen Schlaganfall unter immer
erneuten Erschütterungen zu leiden hat. Ich würde aber dann meinen Sohn,
der genau mit allen einschlägigen Fragen vertraut ist, an meiner Statt
entsenden. Noch bemerke ich, daß ich den gleichen Gedanken auch dem
Oberhofmarschall Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen unterbreitet
habe, damit auch die Aufmerksamkeit des Thronfolgers auf diesen
Gegenstand gelenkt wird und er womöglich ebenfalls zu einem Besuch in
Hoffnungstal Anlaß nimmt. Ich habe dabei Graf Bismarck-Bohlen darauf
aufmerksam gemacht, daß in der in unmittelbarster Verbindung mit der
hiesigen Anstalt geleiteten Kolonie Freistatt, Kr. Sulingen in Hannover,
neuerdings das System der Einzelquartiere nach den neuesten Modellen zur
Ausführung kommt und daß es nach Fertigstellung der Bauten in diesem
Frühjahr für Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen, der Protektor
unserer hiesigen Arbeiter-Kolonien ist, vielleicht noch wertvoller sein
würde, diese neuesten Einrichtungen zu besichtigen.

Gott aber schenke Ew. Exzellenz ein tapferes Herz und einige
entschlossene Mitarbeiter, damit diese große Sache zu einem
fröhlichen Sieg kommt. Das wäre allerdings ein Sieg, der, mitten im
Frieden erfochten, vor Gott höher gilt und für unser ganzes
Vaterland bedeutsamer ist als irgend ein Sieg, der in einem
irdischen Krieg erfochten werden kann.

                    Euer Exzellenz gehorsamster

                                F. v. Bodelschwingh, =p. em.=”

Am 6. März, gerade an Vaters Geburtstag, kam die ersehnte Antwort:

                                        „Berlin, den 1. März 1910.

                          Euer Hochehrwürden

beehre ich mich für die Anregung im Schreiben vom 8. Februar 1910
auf Schaffung von Einzelstübchen für Soldaten meinen verbindlichsten
Dank auszusprechen. Obwohl ich nicht verhehlen kann, daß die
Durchführung der Anregung sowohl finanziellen wie militärischen
Bedenken begegnet, bin ich doch gern bereit, in eine nähere Prüfung
der angeregten Frage einzutreten und zu diesem Zwecke zunächst
Vertreter der interessierten Abteilungen des Kriegsministeriums zu
einer Besichtigung der Kolonie Hoffnungstal zu entsenden.

Euer Hochehrwürden würde ich für eine kurze -- am besten an das
Armee-Verwaltungs-Departement zu richtende -- Mitteilung, welcher
Zeitpunkt für die Besichtigung am geeignetsten wäre, verbunden sein.

                              Der Kriegsminister: von Heeringen.”

Am andern Tage antwortete Vater:

                    „Euer Exzellenz

darf ich die Mitteilung machen, daß nächst dem huldvollen Telegramm
der Majestäten zu meinem gestrigen Eintritt in das 80. Dienstjahr
mir nichts solche große Freude gebracht hat als Ew. Exzellenz
Schreiben vom 1. März, das ebenfalls gestern zu meinem Geburtstage
in meine Hand kam.

Ich bin mir wohl bewußt, daß der Verbesserung der
Wohnungsverhältnisse unserer Armee sehr große Hindernisse
entgegenstehen und daß vielleicht eine Reihe von Jahren hingehen
werden, ehe mein Vorschlag zur Ausführung gelangen kann. Aber was
Ew. Exzellenz bereits an Hoffnung für die große Sache mir bieten,
übersteigt schon weit meine Erwartungen, sodaß ich nur mit
Freudentränen Ihr gütiges Schreiben lesen konnte. Ich werde nun
sofort den von Ew. Exzellenz angezeigten Weg einschlagen und mich,
sobald ich mich mit der Verwaltung von Hoffnungstal verständigt
habe, an das Armeeverwaltungsdepartement wenden und Mitteilung über
den geeigneten Zeitpunkt machen. Ich halte es nicht für
ausgeschlossen, daß mir der barmherzige Gott noch die Freude
schenkt, persönlich nach Hoffnungstal zu kommen und für diesen
Dienst, den ich für den Rest meines Lebens als den wichtigsten
ansehe, noch meinen bescheidenen Rat und meine Kraft darbieten zu
können.

      Ehrerbietigst Ew. Exzellenz dankerfüllter treu ergebener

                                F. v. Bodelschwingh, =p. em.=”

Zugleich mit der Hoffnung, dem armen unglücklichen Kongo mit den
Sendboten von Bethel aus noch dienen zu können, kam es bei dem
Gedanken an die Neugestaltung der Kasernen wie ein letztes frohes
Abendleuchten über den geliebten Vater. „Sechs Jahre”, sagte er,
„möchte ich noch leben, dann habe ich die Sache durch.” -- Doch
wenige Tage darauf trugen wir ihn zu seiner letzten irdischen Ruhe.

Ein Offizier aber, mit dem Vater über die Frage der Einzelquartiere
in den Kasernen Briefe gewechselt hatte, schrieb: „Es kennzeichnet
das Wesen des unvergleichlichen Mannes, daß seine letzte Sorge den
Soldaten galt. Die Frage der Einzelquartiere für die Soldaten, so
hoffe ich, geht nicht verloren. Wer das Wesen der militärischen
Ausbildung in der Charakterbildung des Mannes sieht, muß Feuer und
Flamme dafür sein.”



Das letzte Lebensjahr.


Es war einsamer und einsamer um Vater geworden, Stöcker, Siebold,
Kuhlo, Schmalenbach, die ihm durch Freundschaft und Verwandtschaft
des Geistes besonders nahe gestanden hatten, waren vor ihm
abgerufen. Nur der alte Generalsuperintendent Braun blieb als der
letzte übrig. Schwer leidend, mit zerriebenen Nerven, hatte er sich
schließlich, Vaters unaufhörlichem Locken folgend, von Berlin nach
Bethel zurückgezogen, wo ihm Vater am Waldrande ein Häuschen bauen
ließ, so wie vorher schon Siebold, Kuhlo und die Familie
Schmalenbach ein solches Häuschen bezogen hatten.

1907 war Stöcker noch einmal zu uns gekommen, und die beiden
Kämpfer, die mit zunehmendem Alter einander immer näher gerückt
waren, hatten sich für die letzte noch vor ihnen liegende
Lebensarbeit miteinander im Glauben gestärkt -- „Stöcker,” wie
einer, der beiden nahe stand, schrieb, „der Mann Gottes, der mehr
gearbeitet hat als sie alle und über solcher Arbeit fast müde
geworden ist, Vater, das Kind Gottes, dem Barmherzigkeit widerfahren
ist (2. Kor. 4, 1) und das darum nicht müde werden kann.” Vergeblich
hatte sich Stöcker von Vater bitten lassen, er möchte doch seinem
treuesten Freunde aus der Berliner Zeit, Pastor Kuhlo vom
Elisabethkrankenhaus, folgen und den Rest seiner Fahrt in Bethel
endigen; er konnte sich nicht entschließen, Berlin zu verlassen.

Der alte Pastor Siebold hatte schon im Jahre 1894 Schildesche mit Bethel
vertauscht und war, achtzig Jahre alt, noch Vaters Hilfsprediger
geworden, indem er ihm in unablässiger Bereitwilligkeit Stunden und
Krankenbesuche abnahm. Als es dann zum Sterben ging, hatten die beiden
in fast kindlicher Heiterkeit sich der Ewigkeit gefreut. Vater konnte
sich kaum trennen von dem Bett des Sterbenden. „Bruder,” sagte er,
„was stirbst du fein!”

Schmalenbach hatte bis zur letzten Faser seiner Kraft in seinem
geliebten Mennighüffen ausgehalten. Er war nach Volkenings Tode die
überragende Gestalt des Ravensberger Landes geworden und hatte mit Wort
und Feder am tiefsten auf die Gemüter gewirkt. Fast ängstlich hatte er
manchmal nach dem „Berge Zion”, wie er der auf dem Berge gelegenen
Zionskirche wegen die Bethelgemeinde nannte, hinübergeblickt,
ob nicht durch die dort sich dehnende Arbeit die Schultern des
Minden-Ravensberger Volkes überlastet würden. Besonders seit dem Beginn
unserer ostafrikanischen Arbeit war er, der das Ravensberger Land in
wachsendem Maße dem Dienst der Barmer Mission zugeführt hatte, noch
zurückhaltender geworden als vorher. Aber namentlich Budde hatte immer
wieder dafür gesorgt, daß die Fäden hinüber und herüber nicht zerrissen.
Als dann die Kräfte Schmalenbachs zusammenbrachen, holte unser ältester
Bruder ihn nach Bethel herüber. Seine Familie folgte ihm, und Vater
konnte noch an dem Lager des Sterbenden knien, der ihm wie ein ernster,
stiller älterer Bruder gewesen war.

Die Übersiedelung des alten Pastors Kuhlo von seinem langjährigen
Berliner Arbeitsfelde nach Bethel warf noch einen besonderen
Sonnenstrahl auf Vaters Lebensweg. Zu ihm hatte er sich, sooft er in
die Unruhe Berlins untertauchen mußte, mehr als zu irgend sonst
jemand hingezogen gefühlt, und der tiefe Gottesfriede, der von der
geheiligten Natürlichkeit Kuhlos ausging, war namentlich in den
Zeiten, wo Vater als Abgeordneter je und je in seinem Stübchen im
Berliner Hospiz krank gelegen hatte, seine große Erquickung gewesen.
Ganz in der Stille hatte sich Vater dort auch einmal vom alten Kuhlo
das heilige Abendmahl reichen lassen. Ein Jahr noch genoß Kuhlo mit
seinen beiden Töchtern sein kleines mit ganz besonderer Liebe
gebautes Waldhaus. Dann mußte Vater auch ihm das letzte irdische
Geleite geben.

Aber es lag nichts Wehleidiges in der Trauer, mit der er seinen
voraneilenden Freunden und Mitarbeitern nachsah. Die Einsamkeit, in
der ihn seine Freunde zurückließen, sah er immer wieder voll
Dankbarkeit sich füllen mit neu nachdrängenden Gestalten, die bereit
waren, in die Lücken zu treten. Sein kindlicher Glaube hatte ihn
jung erhalten, sodaß er sich auch unter den jüngeren Kräften und
Mitarbeitern wohl fühlte, ja wie der jüngste, heiterste und
arbeitseifrigste unter ihnen war.

Aber das auch für ihn näher rückende Ende hatte er dabei nicht aus
dem Auge verloren, zumal sein Blasenleiden, das ihn seit dem Jahre
1899 nicht verlassen und ihm keine einzige ungestörte Nachtruhe mehr
erlaubt hatte, ein unablässiger Mahner geworden war. Wem sollte er
die Arbeit übergeben?

Seine drei Söhne hatten alle den Wunsch gehabt, außerhalb der
Anstalt, sei es im Dienst der heimatlichen Kirche, sei es im Dienst
der Mission, ihre Arbeit zu tun, und alle hatten auch zeitweilig
einen solchen Dienst versehen. Aber schließlich hatte der Gehorsam
gegen die Bitten des Vaters und das Verlangen, seine Kraft zu
stützen und zu erhalten, sie einen nach dem andern in die Arbeit von
Bethel zurückgeführt. Schon im Jahre 1896 war unser ältester Bruder
in die Arbeit des Diakonissenhauses eingetreten und hatte
schließlich dessen Leitung übernommen. 1904 war unser jüngster
Bruder gefolgt, war auf allen Gebieten der vielgestaltigen Arbeit
Vaters Gehilfe und von der Zeit ab, wo Vater in das Abgeordnetenhaus
eintrat, sein verantwortlicher Vertreter geworden. Schließlich als
Vater den Abschluß seiner Laufbahn herannahen fühlte, hatte er den
Vorstand gebeten: „Gebt einem alten sterbenden Mann seinen Jungen
wieder!” So war auch ich schnell, meine Gemeindearbeit in andere
Hände legend, mit Frau und Kindern solcher Bitte gefolgt, um mit
unserer Schwester zugleich den Vater während seines letzten
Lebensjahres zu umgeben.

Immer wieder hatten wir Kinder Vater gebeten, sich nach einem Mann
umzusehen, dem er noch bei seinen Lebzeiten die Leitung der
Gesamtarbeit übergeben könnte. Und er hatte auch unablässig seinen
Blick durch das gesamte Vaterland schweifen lassen, ob sich ihm
solch eine Persönlichkeit zeigte oder zur Verfügung stellte.

Wieder und wieder hatte sich sein Auge auf den Superintendenten
Holzhausen in Freiburg an der Unstrut gelenkt, den er im Jahre 1903
kennen gelernt hatte, als ihn eine Feier zum Gedächtnis der bei
Freiburg im Oktober 1813 gefallenen und verwundeten Yorckschen
Jäger, unter denen sich auch sein Vater befunden hatte, ins
Unstruttal führte. Die urwüchsige Herzlichkeit, der kindliche tiefe
Glaube, die große Arbeitsfreudigkeit und der väterliche und
kameradschaftliche Sinn, die in Holzhausen vereinigt waren, hatten
Vater ungemein angezogen. In ihm glaubte er wirklich einen Vater
seiner Gemeinde gefunden zu haben. Mehrmals reiste er zu ihm und
legte ihm in vertraulichstem Gespräch die ganze Aufgabe ans Herz.
Aber Holzhausen konnte sich nicht entschließen. Eine andere
Persönlichkeit zeigte sich nicht.

So gab Vater allmählich den Gedanken auf, von auswärts eine neue
Kraft zu berufen. Mehr und mehr glaubte er in den Persönlichkeiten,
wie sie allmählich in die Arbeit hineingewachsen waren, diejenigen
sehen zu sollen, die zur Fortführung des Werkes berufen waren. So
stärkte er unserm Bruder Friedrich den Mut, die Verantwortung für
die Gesamtleitung, die er bis dahin schon als Vertreter des Vaters
getragen hatte, auch nach seinem Abscheiden auf sich zu nehmen,
während alle andern als seine Mitarbeiter auf ihrem Posten bleiben
sollten.

Waren diese Gedanken auch noch nicht öffentlich ausgesprochen und im
einzelnen festgelegt, so waren sie doch mehr und mehr das
selbstverständliche Eigentum der ganzen Gemeinde geworden, sodaß
sowohl Vater wie die Gemeinde ohne quälende Unruhe in die Zukunft
blickten. Mit zitterndem Herzen freilich beobachteten wir, wie in
den ersten Monaten des Jahres 1909 sich die frischen Farben auf dem
Angesicht des geliebten Vaters verloren und sein sonst so munterer
Schritt mühsam und schleppend wurde. Aber als dann am 19. April die
Nachricht die Anstalt durcheilte, daß Vater, der am Tage vorher noch
mit letzter Kraft 47 Schwestern eingesegnet hatte, von einem
Schlaganfall getroffen sei, da gab es wohl überall eine schmerzliche
Bewegung, doch kein ungläubiges Erschrecken. Die Gemeinde war
bereit, das Opfer zu bringen, wenn es gefordert wurde, und war ohne
Erschrecken, weil sie wußte, daß Vater bei Zeiten das Haus seiner
ganzen Anstaltsfamilie bestellt hatte.

Doch noch ging es nicht zum Sterben. Vielmehr gab es noch ein ganzes
Jahr stillen Abendfriedens, dessen Glanz vielen zur tiefsten
Erquickung wurde. Die Zunge war durch den Schlaganfall gelähmt. Aber
sofort setzte Vater seine ganze Energie daran, über die Sprache
wieder Herr zu werden. Er übte so lange, bis ein Laut nach dem
andern wieder deutlich wurde, sodaß seine Stimme allmählich die
volle Verständlichkeit wiedergewann.

Ende Mai konnten wir ihn noch einmal nach Wildungen bringen, wo er
sich unter der mütterlichen Pflege der Witwe =Dr.= Thilenius und
seines ärztlichen Freundes Geheimrat Marc in den letzten Jahren
immer wieder so wohl gefühlt hatte. Die kleinen Wege zum Brunnen
konnte er zu Fuß machen, und im Rollstuhl fuhren wir ihn weit hinaus
in die stillen Wald- und Wiesentäler.

Dazu wurden bald wieder die gewohnten Arbeitsstunden aufgenommen.
Sie galten namentlich den Brüdern von der Landstraße, deren Sache in
einem ausführlichen Aufsatz, der zugleich den Stoff zu einem
Volksfamilienabend bieten sollte, noch einmal verfochten wurde. In
jene Tage fiel auch der Besuch der englischen Kirchenmänner in
Bethel, die Vater in einem längeren Schreiben begrüßte. Ende Juni
siedelten wir dann nach Eckardtsheim über, wo die Hauseltern
Biermann im stillen Eichhof das Quartier bereitet hatten. Sinnend
saß Vater am Fenster, als wir von Paderborn her in die Senne
hineinfuhren. „Was ist aus der Wüste geworden!” sagte er still vor
sich hin im Gedanken an die ersten Anfänge in der wilden Heide von
Wilhelmsdorf. Bald der eine, bald der andere kam von Bethel
heraufgewandert, um hier in der wohltuenden Einsamkeit mit Vater
zusammen zu sein. Und nachmittags wurden im Rollstuhl die Fahrten in
die Niederlassungen von Eckardtsheim unternommen. Die einzelnen
Häuser der Epileptischen, der Trinker, der Kolonisten, der
Lungenkranken, der Geisteskranken, auch der Familien der Pfleger und
Handwerker wurden nacheinander aufgesucht, vor allem und immer
wieder der nahegelegene Fichtenhof mit seinen Fürsorgezöglingen, an
deren frischem Gesang sich Vater nicht satt hören konnte.

Einmal stand er unter den jungen Burschen, fragte sie der Reihe nach
nach Namen und Heimat und legte dabei einem, wie es gelegentlich seine
Art war, wie zum Segen die Hand auf den Kopf. Es war einer der wildesten
Jungen. Nach einigen Tagen war er verschwunden. Alles Nachforschen war
vergeblich, bis nach längerer Zeit aus Böhmen ein Brief kam: „Sucht
nicht mehr nach mir, ich komme nicht wieder. Aber seid ohne Sorge um
mich, der alte Bodelschwingh hat mich gesegnet.” Wieder und wieder kamen
Lebenszeichen von dem jungen Burschen, aus denen hervorging, daß er sich
in der Tat in der Fremde aufrechthielt. Schließlich meldete er, daß er
in das österreichische Heer eingetreten sei. Noch bis zum Jahre 1916
drang hier und da von dem östlichen Kriegsschauplatz ein kurzes Wort
durch, bis auch über diesen Lebenslauf sich die Stille deckte, durch
die der Krieg so manches junge Leben geendet hat.

Der Führer des Rollstuhls bei diesen Fahrten in die Sennehäuser war
der treue Bruder Liebusch. Er hatte ursprünglich Theologie studiert,
aber wegen nervöser Schwäche das Studium aufgeben müssen und war
schließlich in die Krankenpflege von Bethel eingetreten, in der sich
seine Kräfte allmählich hoben, sodaß er einige Jahre in der
afrikanischen Heilstätte für Geisteskranke in Lutindi mithelfen
konnte. Doch hatten die Kräfte dort aufs neue versagt, sodaß er
Afrika verlassen mußte und jahraus, jahrein in hingebendster Weise
bald da, bald dort in Bethel Aushilfsdienste tat. Aber seine Seele
hing an der afrikanischen Arbeit. Sooft Vater während der
Rollstuhlfahrten dieses Thema anschnitt, quoll das ganze Herz des
treuen Liebusch über. Er vergaß darüber Weg und Steg, und einige
Male war es drauf und dran, daß er Vater in den Graben gefahren
hätte. Aber gerade das machte Vater Freude, weil es ihm das
sicherste Zeichen der inneren Glut des Mannes war.

Schon lange hatte er sich nach einer neuen Hilfe für den einsamen
Bokermann und seine schwarzen Geisteskranken umgesehen. Jetzt reifte
in ihm der Entschluß, Liebusch noch einmal hinauszusenden. Fortan
ging Liebusch in Sprüngen. Seine tiefste Herzenssehnsucht, die er
bis dahin nicht auszusprechen gewagt hatte, sollte sich noch einmal
erfüllen.

Segnend legte ihm Vater zum Abschied vor versammelter Gemeinde die
Hände auf: „Zieh in Frieden deine Pfade!” Nie ist irgend einer von
uns Missionsarbeitern in Afrika mit solchem Jubel empfangen worden
wie Bruder Liebusch. Freilich nur für ein kurzes Arbeitsjahr. Dann
überfiel ihn ein heftiges Fieber. Bewußtlos trugen ihn seine treuen
Schwarzen an die Bahn hinunter; während der Fahrt nach Tanga starb
er. Unter den rauschenden Palmen haben wir an seinem Grabe
gestanden. Ist er zu früh, ist er umsonst gestorben? Vater rechnete
nicht so.

Ende August waren wir aus Eckardtsheim nach Bethel zurückgekehrt.
Der letzte Herbst und Winter brach an. Eine wunderbare Stille lag
über diesen letzten Monaten. Aber es war keine Stille, die nur Ruhe
bedeutet hätte, kein bloßes Warten auf die letzte Stunde. Wie in
gesunden Tagen blieb der Tag eingeteilt. Nur daß der Morgen eine
Stunde später begonnen und der Abend eine Stunde früher beschlossen
wurde. „Ich darf dem alten Kerl nichts durchgehen lassen,” sagte
Vater zu sich selbst. Und pünktlich um acht Uhr morgens saß er an
seinem Schreibtisch. Oft freilich übermannte ihn die Müdigkeit über
dem Diktieren und Unterschreiben. „Es will nicht mehr,” sagte er
dann und ließ der Müdigkeit freien Lauf. Aber nach kurzem Schlummer
raffte er sich wieder auf, nahm von dem Schrank die beiden
afrikanischen Stöcke und wanderte diktierend oder überlegend im
Zimmer auf und ab.

Nachmittags wurden dann zu Fuß oder im Rollstuhl, einerlei, ob es
stürmte, regnete oder schneite, die einzelnen Häuser besucht. Die
Geisteskranken hatten Vater von Jahr zu Jahr immer mehr am Herzen
gelegen. Ihnen galten auch jetzt vor allem seine Wege. Aber
gleichzeitig kam ein Haus nach dem andern an die Reihe. Wo er
Schwerleidende wußte, Verstimmte, Verbitterte, Vereinsamte, da nahm
er sich besondere Zeit und Stille.

Im Spätherbst kam ein holländischer Bildhauer, Müller-Kühlenthal,
mit der Bitte, Vater zu modellieren. Wir neckten zunächst unsere
alte Tante Frieda damit, sie möchte doch dem Bildhauer sitzen. Aber
in ihrer spröden Art lehnte sie mit wachsender Energie ab. „Ich will
nicht mal einen Kranz auf mein Grab haben.” „Schwesterchen,” sagte
Vater, „die Blümchen hat Gott auch gemacht, und die Gärtner wollen
auch leben. Und wenn du dem Bildhauer eine Liebe erweisen kannst,
warum solltest du es nicht tun?” Damit hatte er sich selbst
gefangen. Als Tante Frieda, wie zu erwarten war, bei der Ablehnung
blieb, willigte er statt ihrer ein, und am andern Morgen konnte der
Bildhauer seine Arbeit beginnen.

Aber noch ehe sie vollendet war, überfiel Vater eine
Lungenentzündung, die ihn für Wochen ans Zimmer fesselte. Der Arzt
wünschte nicht, daß er zu Bett bliebe; und mit größter Energie nahm
Vater den Kampf mit der Krankheit auf. An seinen geliebten Stöcken
wanderte er, um den Atem kämpfend, im Zimmer auf und ab, lehnte sich
zwischendurch eine Weile in seinen Sessel, schlief einen Augenblick
und nahm dann aufs neue seine Wanderung auf.

Es war die Zeit, in der die Greuel am afrikanischen Kongo bekannt
geworden waren. Über den furchtbaren Leiden der Kongoneger wurde
Vater die eigene Krankheit gering. Abschnitt für Abschnitt mußte ich
ihm aus den Broschüren vorlesen. „Junge,” sagte er immer wieder,
„halt ein! Ich kann es nicht anhören; es ist nicht wahr, es kann
nicht sein.” Aber dann wieder: „Lies weiter! Wir müssen die Sache zu
Ende hören.” Darüber erwachte noch einmal seine ganze Glut für das
arme Afrika. Der Gedanke wurde ihm schwer, daß Bethel so wenig
weibliche Kräfte hinübergesandt hatte zur notwendigen Ergänzung der
männlichen Arbeit in dem unermeßlichen Meer des afrikanischen
Elends. „Nur nicht zu langsam!” rief er dem Missionsinspektor
Trittelvitz zu. „Nur nicht zu langsam; sie sterben drüber.” Und
wieder und wieder beschäftigte ihn der Gedanke, daß nach seinem
Abscheiden ich mit den Meinen mich bald aufmachen möchte in das
geliebte notleidende Afrika.

Die Lungenentzündung, als sie schließlich überwunden war, hatte ein
gewisses Aufleben der Kräfte im Gefolge, sodaß Vater in der Zeit
nach Weihnachten mit größerer Frische als vorher seine Besuche in
den Häusern wieder aufnehmen und auch im Arbeitszimmer sich noch
einigen Aufgaben widmen konnte, die ihm neben den täglichen kurzen
Dankschreiben an die Geber und Freunde besonders am Herzen lagen.
Durch den Amerikaner Buchmann, der einige Tage in Bethel zugebracht
hatte, hatte der bekannte Multimillionär Carnegie Verbindungen mit
Vater angeknüpft in der Hoffnung, durch ihn mit dem Kaiser bekannt
zu werden.

Mit großem Interesse verfolgte Vater den Entwicklungsgang des aus
kleinsten Verhältnissen emporgestiegenen, höchst energischen Mannes
und ließ sich seine Aufsätze vorlesen. Aber den Gedanken des ewigen
Völkerfriedens, der Carnegie besonders am Herzen lag, lehnte er als
eine Utopie ab. In einem ausführlichen Briefe setzte er ihm
auseinander, daß die Kriege um der Bosheit der Menschheit willen
ganz unvermeidlich seien und daß er für seine Person erfahren habe,
wie auch diese furchtbaren Gottesgerichte für Völker und einzelne
einen Segen in sich schließen. Carnegie aber wurde durch diesen
Brief bitter enttäuscht und sprach das seinem Freunde Buchmann, der
inzwischen nach Amerika zurückgekehrt war, aus. Klagend wandte sich
Buchmann an Vater: „Wenn dieser Brief doch nie geschrieben wäre!
Jetzt sind Sie um die Million Dollar gekommen, die Carnegie drauf
und dran war Ihnen zu schenken.” Das kümmerte Vater nicht. Die
großen Gaben waren ihm ja immer ein Schrecken gewesen, weil sie,
wenn die Kunde davon in die Öffentlichkeit drang, gar zu leicht die
kleinen Bäche der Liebe verstopften. Aber im Traum verfolgte ihn der
Gedanke, Carnegie hätte doch eine große Gabe geschickt, sodaß er im
Schlafe rief: „Nimm mir die Millionen wieder ab! Nimm mir die
Millionen wieder ab!”

Aber die Verbindung mit Carnegie sah er damit nicht als abgebrochen
an. Für sich und seine Arbeit hoffte er nichts von ihm. Aber es lag
ihm daran, Carnegie womöglich für eine tiefere Auffassung der
sozialen Aufgaben Nordamerikas zu gewinnen. Mit Bestürzung hatte er
in einem Aufsatze Carnegies die Meinung vertreten gefunden, daß man
nur die Aufwärtsstrebenden unterstützen, die Versinkenden aber so
schnell wie möglich untergehen lassen sollte. Die versinkende Masse
Nordamerikas zu retten, darin sah Carnegie lediglich eine
Verschwendung der nationalen Kraft. Vater umgekehrt erblickte die
Echtheit wahrer Humanität, deren Carnegie sich rühmte, darin, daß
sie sich gerade der Versinkenden annahm und an ihnen ihre Wahrheit
und Tiefe bewährte.

Auf schriftlichem Wege Carnegie zu überzeugen, hoffte er nicht mehr.
Darum knüpfte er mit dem Großkaufmann J. K. Vietor in Bremen an, der
Amerika kannte. Vietor kam mit seinem Bruder, dem Pastor, zu einem
ersten Besuch nach Bethel, und die herzhafte Energie der beiden
Brüder tat Vater ungemein wohl. Namentlich die Lage der
amerikanischen Brüder von der Landstraße, die nicht als Wanderer,
sondern als blinde Passagiere auf, unter und hinter den
Eisenbahnwagen in beständiger Lebensgefahr das Land durchquerten,
hatte Vater aufs tiefste bewegt, und hier sollte Vietor in seinen
Verhandlungen mit Carnegie einsetzen. Aber noch ehe Vater durch
Buchmann eine Besprechung zwischen Carnegie und Vietor herstellen
konnte, setzte Vaters Tod diesem Plan ein Ziel.

Wieder und wieder galten Vaters Besuche seinem alten Freunde, dem
Generalsuperintendenten Braun, in seinem kleinen Hause am Waldrande.
Vater hatte sich nie dareinfinden können, daß Braun seine Arbeit am
evangelischen Gymnasium in Gütersloh aufgegeben hatte und
Generalsuperintendent in Berlin geworden war. Er blieb der
Überzeugung, daß Braun damit seine eigentliche Lebensaufgabe
verlassen habe. „Wir haben keinen wichtigeren Posten in der ganzen
evangelischen Kirche als den am Gymnasium zu Gütersloh,” sagte Vater
gelegentlich. Nach dem Ausscheiden Pastor Möllers, der als Brauns
Nachfolger zum Segen für viele bis zum siebzigsten Lebensjahr dem
Gymnasium gedient hatte, wurde ein neuer Geistlicher für das
Gymnasium gesucht, und Braun bat Vater, unsern Bruder Friedrich
dafür freizugeben. Die Sache bewegte Vater aufs tiefste. Er blieb
bis zuletzt seinem Grundsatz treu, wenn es nötig und möglich sei,
das Liebste sich vom Herzen zu reißen und an die bedrohtesten Posten
zu werfen. An einem Februarnachmittag fuhr er nach Gütersloh, um mit
dem Fabrikanten Wolf, der seit Jahren sein verständnisvoller
Mitarbeiter geworden war und als Nachfolger des Forstrats Deckert
den Vorsitz des Anstaltsvorstandes führte, zu überlegen. Vater sah
das Gymnasium in Gütersloh, das in seiner Unabhängigkeit einzig in
seiner Art dastand, als das eigentliche geistliche Zentrum der
heranwachsenden deutschen Jugend an und war bereit, dafür jedes
Opfer zu bringen.

Aber er konnte die Freudigkeit des Präses seines Vorstandes nicht
gewinnen und mußte sich davon überzeugen, daß der gesamte Vorstand
die Ansicht des Präses teilte. So legte er den Gütersloher Plan mit
kurzer Entschlossenheit beiseite, um nun desto mehr unsern Bruder in
der Freudigkeit für seine Aufgabe in Bethel zu stärken. Aber nicht
in irgend einem Menschen sah er den eigentlichen Mittelpunkt der
vielverzweigten Anstalt. „Das Wort Gottes muß euch zusammenhalten,”
sagte er, „und das eigentliche Herzblatt unserer ganzen Arbeit ist
die Heidenmission.”

Aber zugleich blieb ihm die Mission an der Seele des eigenen Volkes
tiefstes Anliegen. Seit einigen Jahren hatten im Anschluß an die
theologische Schule regelmäßig Bibelkurse für evangelische
Arbeitersekretäre stattgefunden. Anfang März 1910 waren wieder die
Sekretäre zu einem solchen Kursus versammelt. Mit tiefstem Interesse
nahm Vater an den Besprechungen teil und trat im Einzelgespräch den
Sekretären näher, namentlich ihrem weitblickenden Führer Behrens.
Die durch diese Sekretäre vertretene, von Liz. Mumm und Liz. Weber
mit zäher Umsicht geleitete evangelische Arbeiterbewegung hatte seit
Jahren ihr Organ in einer von Stöcker begründeten, unter dem Titel
„Das Volk” erscheinenden Tageszeitung, aus der sich die Zeitung „Das
Reich” entwickelte. Daß die letztgenannte alsbald in eine bedrängte
Lage geriet, bewegte Vater sehr. Er sah den Untergang des Blattes
kommen, wenn es in Berlin bliebe, und bat den Redakteur,
=Dr.= Oestreicher, Mitte März, zu einer Besprechung nach Bielefeld
zu kommen. In herzandringender Weise legte er ihm dar, daß der
Herausgeber eines Blattes, das die innerste Pflege der Seele des
Volkes zur Aufgabe habe, in der schwülen Großstadtluft Berlins nicht
frei und tief genug atmen könne und eine gesundere Atmosphäre
aufsuchen müsse. Oestreicher möge so schnell wie möglich eine
Übersiedelung des Blattes aus Berlin nach Bielefeld in die Wege
leiten, um dort im Anschluß an das kleine von Budde begründete
christlich-soziale Organ, den „Ravensberger”, seine Arbeit
fortzusetzen. Die Bitte war vergebens. Nach einem halben Jahre
stellte „Das Reich” sein Erscheinen ein, und die hingebende Kraft
Oestreichers war für die Sache verloren. Der Gedanke selbst aber
lebte fort und fand, wenn auch erst neun Jahre später, dadurch seine
Erfüllung, daß aus dem „Ravensberger” die noch heute in Bethel
erscheinende Tageszeitung „Aufwärts” hervorging.

Für die Anstaltsgemeinde im besonderen beschäftigte ihn unablässig
der Gedanke an die richtige Versorgung der im Dienst ergrauten
Schwestern, der alsbald durch die Errichtung eines schönen, großen
Feierabendhauses in die Tat umgesetzt wurde. Daneben lag ihm wieder
und wieder die rechte Pflege der heranwachsenden Kinder der
Anstaltshauseltern und Anstaltsbeamten am Herzen.

Einer der letzten ausführlichen Briefe Vaters galt, wie im vorigen
Abschnitt gezeigt, der deutschen Armee, und die verständnisvolle
Antwort des Kriegsministers war eine der letzten großen Freuden, die
Vater erlebte.

Am 6. März feierten wir mit der ganzen Gemeinde im schönen großen
Assapheumssaal seinen Eintritt ins achtzigste Lebensjahr. Gelassen
wie ein Kind ging er seinen Weg vorwärts, zuweilen mit einer
Verlängerung seiner Arbeitsfrist auf Erden rechnend, aber daneben
immer wieder an sein baldiges Ende denkend. Unbeschreiblich
gemütlich blieben unsere Abendstunden, in denen wir ein schönes Buch
nach dem andern lasen, zuletzt, als der zehnjährige Sohn unseres
afrikanischen Freundes Johanssen seine Abende bei uns zubrachte, das
Leben Hagenbecks. Nicht nur den Jungen, dem zuliebe Vater das Buch
lesen ließ, interessierte es aufs lebhafteste, sondern auch Vater
selbst, der immer wieder staunte über die große Liebe und Energie,
mit der Hagenbeck über die wilden Tiere Herr wurde.

Wurde Vater müde, so rief er: „Vorwärts, alter Kerl!”, richtete sich
in seinem Sessel auf und ging an seinen beiden Stöcken auf und ab.
Wenn die Uhr neun schlug, las unsere Schwester aus Wursters Buch die
Andacht, und Vater hielt das Schlußgebet. Tagsüber freute er sich
immer wieder an dem kommenden Frühling und seinen Blumen. Am
Todestage Cäsars, dem 15. März, blieb er vor den sprossenden Primeln
im Garten stehen. „Armer Cäsar,” sagte er, „hast an deinen Iden
gewiß keine so schönen Blümchen gehabt.” Und dann im Gedanken an den
schmerzlichen Untergang des großen Mannes: „Wo mag er jetzt sein?
Wenn Gott dem nicht gnädig ist, wem ist er dann gnädig?”

Mit den Frühlingsblumen in der Hand ist er dann noch von einem
Krankenbett zum andern gewandert. Zuletzt zu den gemütsleidenden
Frauen nach Magdala und zu seiner an schwerer Lungenentzündung
darniederliegenden Schwiegertochter.

Am zweiten Ostertage zogen wir noch einmal mit ihm durch das ganze
liebe Anstaltstal bis zum benachbarten Hof des Kolons Wüllner, der
später die Heimat der Volkshochschule werden sollte.

Am Mittwoch darauf war der letzte Abend, den wir ihn unter uns
hatten. Noch einmal las die Schwester die Andacht, und Vater betete
und schloß mit den Worten: „Sorget nichts, Kinder! Alle eure Sorge
werfet auf ihn!”

Im Schlafzimmer oben traf ihn dann ein neuer Schlaganfall. Das
Bewußtsein war gleich verschwunden. Ohne zu leiden, lag er noch drei
Tage. Wie mit verhaltenem Atem ging die ganze Gemeinde dahin. Wir
wußten alle, daß nun der Abschied gekommen sei. Einer nach dem
andern trat still an das Sterbelager, um noch einmal in das
schlummernde Angesicht zu sehen. Die Klänge aus Pastor Kuhlos
Flügelhorn stärkten uns wieder und wieder.

In der Mittagsstunde des 2. April, während ich am Krankenlager
meiner Frau war, wurde ich gerufen. Die Stunde des Abscheidens stand
vor der Tür. Ich eilte von meiner Wohnung durch den Buchenwald
hinunter. Am Wege, den Spaten in der Hand, stand ein russischer
Baron von Obolianinoff, der seit vielen Jahren als epileptischer
Kranker in Bethel war und Vater sehr nahe stand. Ich sagte ihm,
wohin mein Weg ginge. Da floh der Glanz von seinen dunklen Augen,
und ich sah wie in einen dunklen Abgrund des Schmerzes hinein. Sagen
konnte er nichts. Aber sein erloschenes Auge sprach laut von dem,
was diese Stunde nicht nur für diesen einen einsamen Kranken,
sondern für ungezählte bedeutete.

Die Geschwister fand ich schon versammelt. Wir knieten um das Bett
und hielten abwechselnd die erkaltenden Hände. Als der letzte
Atemzug getan war, betete unser Bruder Wilhelm aus tiefstem Herzen
und brachte Gott den Dank dar über diesem für die Erdenarbeit
abgeschlossenen Leben.

Als ich am späten Nachmittag wieder durch den Buchenwald zurückging,
wehte von der Zionskirche die Fahne. Im hellen Schein der Abendsonne
leuchteten darauf die Worte: „Lobe, Zion, deinen Gott!” Jene in
Schmerz getauchten Augen des Kranken und diese hell leuchtende Fahne
gehörten zusammen. Darum waren auch die nun folgenden Tage, in denen
der Zug der Kranken und ihrer Freunde noch einmal still in das
friedliche Antlitz sah, bis wir mit vielen aus der Nähe und Ferne
Herbeigeeilten um den geschlossenen Sarg in der Zionskirche
versammelt waren, Tage, in denen das Klagen und Weinen überdeckt und
übertönt wurde durch das Lob, das die Gemeinde der Elenden Gott
darbrachte. Und als am 6. April die nicht enden wollenden Scharen
sich langsam vom Grabe verloren, sang durch den scharfen Abendwind
die Amsel ihr Frühlingslied.


                            Buchdruckerei
                          der Anstalt Bethel
                            bei Bielefeld.



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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Inkonsistenzen wurden nicht geändert, wenn beide Schreibweisen   |
  | gebräuchlich waren, wie:                                         |
  |                                                                  |
  | hannoversche - hannöversche                                      |
  | friedevolles - friedvolles                                       |
  | Pfarrersohn - Pfarrerssohn                                       |
  | Verstehn - Verstehen                                             |
  |                                                                  |
  | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:                  |
  |                                                                  |
  | S. 15  "Langenentzündung" in "Lungenentzündung" geändert.        |
  | S. 15  "Lieben" in "Liebe" geändert.                             |
  | S. 27  "meinen" in "meinem" geändert.                            |
  | S. 27  "voraufgegangen" in "vorausgegangen" geändert.            |
  | S. 35  "eizelnen" in "einzelnen" geändert.                       |
  | S. 42  "meine" in "meiner" geändert.                             |
  | S. 42  "seider" in "seiner" geändert.                            |
  | S. 72  "Anstregung" in "Anstrengung" geändert.                   |
  | S. 73  "Kämpfe Leibes" in "Kämpfe des Leibes" geändert.          |
  | S. 73  "Schießlich" in "Schließlich" geändert.                   |
  | S. 91  "Kaffe" in "Kaffee" geändert.                             |
  | S. 100 "Champs Elysées" in "Champs Élysées" geändert.            |
  | S. 127 "seinen" in "seinem" geändert.                            |
  | S. 135 "Kirchtum" in "Kirchturm" geändert.                       |
  | S. 173 "gleißmäßig" in "gleichmäßig" geändert.                   |
  | S. 174 "französchen" in "französischen" geändert.                |
  | S. 177 "wieder" in "wider" geändert.                             |
  | S. 201 "überkommen" in "übernommen" geändert.                    |
  | S. 250 "sichreres" in "sichereres" geändert.                     |
  | S. 281 "dunkeln" in "dunklen" geändert.                          |
  | S. 297 "war" in "was" geändert.                                  |
  | S. 366 "Kulturslebens" in "Kulturlebens" geändert.               |
  | S. 390 "Gespächen" in "Gesprächen" geändert.                     |
  | S. 411 "Yorkschen" in "Yorckschen" geändert.                     |
  | Inhalt Seitenzahl "411" in "409" geändert.                       |
  | Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.           |
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*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Friedrich v. Bodelschwingh - Ein Lebensbild" ***

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