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Title: Aquis Submersus
Author: Storm, Theodor
Language: German
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Aquis submersus

Theodor Storm

Novelle (1876)


In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit
Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren
schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile
angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen
ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen,
so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie
gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns
nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu
treffen sein.  Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach
dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der
nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette
eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im
Wege steht.

Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten
Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu
ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel
schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo,
kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher
belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine
von den Stätten meiner Jugend.

Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am
Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am
Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu
unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren.  Es war damals auf
der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig,
wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach
der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte.  Hier summten
auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen
Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne
goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des
harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends
sonst zu finden waren.  Mein ungeduldig dem Elternhause
zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;
hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch
um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den
langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem
dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,
aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden
Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte.

Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten
wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der
Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung.  Nur
die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende
Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des
bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des
Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns
erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.

Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel",
zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte.  Hier wußten wir mit
dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der
Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche
abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden
die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer
tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht
umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir
"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere
auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus
Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen.  Im Spätsommer
geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen
Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem
des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn
wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren
Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine
freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil
wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,
in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur
den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis
auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung,
wenn jene Zeiten mir lebendig werden.

Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine
dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in
der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit
nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den
Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,
in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen
Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten
und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche.  Bis an das Schindeldach
des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut
und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend,
die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste
Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon
der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
stammen schien, erregte meine Phantasie.  Und in der Tat erschloß
er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten,
die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst
vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen
Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
aufblickte.  Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem
Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,
an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und
Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen.  Besondere Anziehung
aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,
auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi
dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas
oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um
des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im
Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das
holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte
leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des
Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.

Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing
im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,
eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen
besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen
bleichen Hand hielt.  Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem
Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des
Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor
diesem Bilde stand.

Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen
und Sammar.  Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen
Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in
der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.
Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein
phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben
des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;
selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des
Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks
gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.

--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien
dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.
Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines
Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau;
da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde
weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren
trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube
rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die
aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in
Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem
westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den
ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte!  Die lieben
Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte
tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart.  Nur eines
Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,
welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht
gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig
umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig
holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.

Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am
Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche
besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit
roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis
jetzt entgangen waren.

"Sie lauten C.  P.  A.  S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
"aber wir können sie nicht enträtseln."

"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und
nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten
Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder
wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem
vorangehenden C.  P.  wäre man dann noch immer in Verlegenheit!
Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert
ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen
Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer;
wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß
gefährlich."

Ich hatte begierig zugehört.  "Casu" sagte ich; "es könnte auch
wohl 'Culpa' heißen?"

"Culpa?" wiederholte der Pastor.  "Durch Schuld?--aber durch wessen
Schuld?"

Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,
und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"

Der gute Pastor war fast erschrocken.  "Ei, ei, mein junger Freund",
sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich.  "Durch Schuld
des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen
seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen.  Auch würde er
dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."

Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor
ein Geheimnis der Vergangenheit.

Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich
vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche
gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden;
daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler
altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich
jetzt erst durch den Vater meines Freundes.  Wie jedoch ein solcher
in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und
wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen.
Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein
Malerzeichen.

Die Jahre gingen hin.  Während wir die Universität besuchten, starb
der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später
ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;
ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,
als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,
daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei
guten Bürgersleuten zu besorgen hatte.  Der eigenen Jugendzeit
gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten
hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen
fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde:

Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
Also sind auch die Menschenkind.

Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;
denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit
mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte.
Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand
sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter.  Die Stube ihrer
alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche
Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit
Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen
Gast dafür gewünscht.

Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein
ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen
beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen
Marktplatz hinausgingen.  Früher, erzählte der Meister, seien zwei
uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,
da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne
Aussicht ganz verdeckt hätten.

Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während
wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des
Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines
Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze
Aufmerksamkeit hinwegnahm.  Es war noch wohlerhalten und stellte
einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie
diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche
sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem
Kriegshandwerke beschäftigten.

Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich
gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in
mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben
in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden
Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja
längst.  Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
zugedrückt hatte.

"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich
bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner
Auseinandersetzung innegehalten hatte.

Er sah mich verwundert an.  "Das alte Bild?  Das ist von unserer
Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat.  Es
sind noch andre Siebensachen von ihm da."

Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,
auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich
eingeschnitten waren.

Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel
der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.

"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich.

"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie
die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;
Wert steckt nicht darin."

Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich
mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl
setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,
doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine
Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.

Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.


So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke
hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich
fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der
See ins Land hinaufsteigt.  Vor mir her flogen ab und zu ein paar
Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den
tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über
Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den
Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte.

Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
seinen Widerhall in meinem Herzen.  Durch die Bestellungen, so mein
theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;
einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch
itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar
fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher
Degen fehlte nicht an meiner Hüfte.

Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn
Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der
Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit
seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"

Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige
Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war
auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen,
so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,
wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung
einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather
gewesen.  Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater
doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen
seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu
verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel
aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter
dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister
van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen.

Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf
seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu
danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,
war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß
die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum
Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja
selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht.
Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun
zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall;
manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem
Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung
niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem
Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen
trieb.

Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen
möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe;
dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom
Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte.  Wohl aber
tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker
Wulf.  Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein
edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber
angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben
Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er
mir die schönen Tage vergället und versalzen.  Ob er anitzt in
seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit
rechter Holstentreue nicht zu reimen ist.

Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe
nahe liegt.  Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft
des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen
Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen
eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den
zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.

Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn
alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
Lerchensingen.  Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann
seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und
flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.

"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es
sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende
Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit.
Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen
einzig Geschwister.

Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum
ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein
neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ;
ich zählte um ein paar Jahre weiter.  So trat ich eines Morgens
aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein
Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen
zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen,
und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem
Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.

"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort
in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du
ja nicht schießen!"

Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem
Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille
stehn.  "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie
entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft.

Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen
Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein
erhaschen möge.  "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder.
"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub
gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung.  Da spannte
ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf
dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd
Vöglein in die Luft.

Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit
einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich.
Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt
von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen
Hofe saß.  In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr
Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und
Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune
Herrentöchterlein ihm zu gefallen.  Doch war das schier umsonst;
sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast
allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei
merklich runden Augen saß.  Ja, wenn sie seiner nur von fern
gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief.  "Johannes,
der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen
oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich
in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern
des Gartens hinanzieht.

Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals
zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn
stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb.

Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner
Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier
verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes
Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn
sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier
beklommen machte.  Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur
Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ
das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen
Tricotage neben ihr.

Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken
mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,
mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,
den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein
alter Widersacher.  Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei
seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten
Fräulein solches zu gefallen schien.  Das war ein "Herr Baron" auf
alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer
widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich
aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"
oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden
Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab,
obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte.

Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,
sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und
Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein
spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich,
Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'
Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir
gehen.  Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor
noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie
ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig
Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder
zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und
flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was?  Der Buhz sieht einem
jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie
wieder, eh ich mich's versah.  Mir aber war auf einmal all Trotz
und Zorn wie weggeblasen.  Was kümmerte mich itzund der Herr Baron!
Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei
den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen.
Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.

Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er
zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise
nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde
dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen
Vaters Freund.  Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu
gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg
nehmen wollte.

Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied.  Unten im Zimmer saß
Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena
gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön
erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre
Arbeit neigte.  Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas'
Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche.  Da
ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu.  "Nun, Johannes",
sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen?  So kann Er auch dem
Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina
von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,
traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und
sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.


Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
Eichbäumen auf die Waldstraße zu.  Aber mir war dabei, als könne
ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und
stand oft still und schaute hinter mich.  Ich war auch nicht den
Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert.  Aber schon kam
vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn
mich die Nacht nicht überfallen sollte.  "Ade, Katharina, ade!"
sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang.

Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in
stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem
Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie
hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth
des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing
ich sie in meinen Armen auf.  Mit glänzenden Augen, noch mit dem
Odem ringend, schaute sie mich an.  "Ich--ich bin ihnen
fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in
meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes!  Und
du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr
Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was
reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und
wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los.  Ich
sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der
Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.
Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören.  Als ich
das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner
Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,
das las ich nun beim Schein des Abendrothes.  "Damit du nicht in
Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine
Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal
rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender
Nacht erreichte ich die Stadt.

--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute
alles wiederfinden?

Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten
Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des
Herrenhauses itzt verborgen lagen.  Als ich aber durch den Thorweg
gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit
Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein
erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz.  Solch einen
Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen.  Da, zu meinem
Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar
traute Stimme.  "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen
von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür,
so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.

Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde
gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine
sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich
hin.  "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine
beiden Hände.

"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich.  "Aber seit wann haltet
Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
Wölfen?"

"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker
hergebracht."

"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.

"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg
her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben."

"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
er mich nicht zum Hof hinauf lassen.  "Ihr seid in schlimmer Zeit
gekommen!"

Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher
Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der
gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen."

Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in
den Weg.  "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret
mich an!  Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post
von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden
können."

"Dieterich!" schrie ich.  "Dieterich!"

"--Ja, ja, Herr Johannes!  Hier ist die gute Zeit vorbei; denn
unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,
und die Gueridons brennen an seinem Sarge.  Es wird nun anders
werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet
Schweigen."

Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!"
Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.

Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine
kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt
war.  Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.

Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er
es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über
den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam
oben aus den Lindenwipfeln.

Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
trat ich ein.  Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der
Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten
Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er
itzt eines andern Lands Genosse sei.  Indem ich aber neben dem
Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des
Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.

Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen
herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf.  "O
Johannes, seid Ihr's denn?  Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und
über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es
war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht
des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr.  Zwar, das
spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe;
aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein,
und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz.

Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam
ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst
zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und
lehrreich Wort zu hören.  Laßt mich denn nun die bald vergehenden
Züge festzuhalten suchen."

Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu
mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf
einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz
nachzubilden.  Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine
vor der Majestät des Todes.

Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich
für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie
nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und
einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt
deuchte.

Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten
Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte
gingen vorüber.  Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,
wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund.  Nicht lange,
so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben
Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
fühlte, wie ihr junger Körper bebte.

Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte
den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth
und aufgedunsen schien.

"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester.
"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!"

Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
kleinen Augen an.  "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu
ihm trat; "es ist Johannes, Wulf"

Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er
musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da
einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren
müssen!"

"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof
hinaustreten.  "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'
vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn
hat großes Recht an mir."

Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so
magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und
soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein."

Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst
vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,
wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für
Arbeit er mir aufzutragen hätte.

"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus
verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben."

Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite
ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich
entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr
denn, Junker Wulf?"

"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!"

Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über
den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem
Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.

Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick
mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir
vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines
Meisters Lehre keine Schande anzuthun.  Räumet mir nur wieder mein
Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll
geschehen, was Ihr wünschet."

Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie
möge einen Imbiß für mich richten lassen.

Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber
ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war
plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete,
sie könne mit jedem Wort hervorbrechen.  So war ich auch der zwo
grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den
heißen Steinen sonnten.  Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf
und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen
Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie
heulend ihm zu Füßen krochen.  "Beim Höllenelemente", rief er
lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder
Flandrisch Tuch!"

"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,
"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget
Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"

Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar
Mal in seinen Zwickelbart.  "Das ist nur so ihr Willkommensgruß,
Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die
Bestien zu streicheln.  "Damit jedweder wisse, daß ein ander
Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den
hetz ich in des Teufels Rachen!"

Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich
hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den
Hof dem Thore zu.

Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,
die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die
Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen
wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir
in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,
wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die
Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen,
über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren
Ruisdael--und dann davor der leere Sessel.  Meine Blicke blieben
daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des
Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,
obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,
doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet.

Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen.  Da
ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,
und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt
hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging.  "Nicht wahr", sagte
sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und
seine grimmen Hunde?"

"Katharina!" rief ich; "was ist Euch?  Was ist das hier in Eueres
Vaters Haus?"

"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden
Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz.
"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!
Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang
hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,
hilf mir!"

Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel
ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle
meine Kräfte zu.  Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren
Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des
Entschlafenen Gedächtniß.

Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch
dem alten Fräulein nach.

"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel!  Wollt Ihr sie begrüßen?  Ja,
die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich."

Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf
den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der
Erde brachen.  Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und
Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem
hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie
nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben
war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung
mitgebracht.

"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie
behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er
wieder da, Johannes?  Nein, es geht nicht aus!  O, c'est un jeu
très-compliqué!"

Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an.
"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn
nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?"

"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor
trat, wußte ich es nicht."

"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret
Er ja auch nicht zur Dienerschaft."

Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich
jeder Antwort wohl enthoben halten mochte.  Vielmehr rühmte ich der
alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von
dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach
dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den
Scheiben.

Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären,
die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne
ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu
abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im
Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der
Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.

--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,
es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.

Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem
alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir
auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,
von ihm erzählen.  Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche
Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und
holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die
fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen
Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können,
brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an.

"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß
Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!"

Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr
Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich
bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."

Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,
fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann
geworden.

Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse.  "Wollet
Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann.  "Er gehöret zu denen
muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die
Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat
treffliche Pistolen!  Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu
spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin
den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht
mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich
Wams und Hosen anzuthun.  Statt der Sonnen stand aber der Mond am
Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat
also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im
blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr
mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die
Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und
dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,
Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."

Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon
mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner
Rede Schluß gemacht.

--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt
gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich
anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging.  Die
Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen.  Nämlich,
es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach
ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von
lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem
Kamin ein Platz zu zweien offen stund.  Es waren das die Voreltern
des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und
Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene
Mutter machten dann den Schluß.  Die, beiden letzten Bilder waren
gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,
in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem
Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in
verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es
später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier
in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters
ist.  Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.

Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
schönen Bildern.  Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden
Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;
wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker
Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!
Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über
hundert Jahre weit hinab.  Und siehe, da hing im schwarzen, von den
Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon
als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war.  Es stellete
eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen
sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte
zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar
wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon
heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese
ist's!  Wie räthselhafte Wege gehet die Natur!  Ein saeculum und
drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich
wieder auf, den Lebenden zum Unheil.  Nicht vor dem Sohn des edlen
Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling
soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die
beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.

So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.

Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und
den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren
hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl,
so daß mir oft der Bissen im Munde quoll.  Nicht die Trauer um den
Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und
Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.
Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte
sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker
aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke
festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus
wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu
wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.

Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche
des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine
bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen
dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren!

Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute
aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen
aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker
Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl
nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in
der Kürze alle wieder abgezogen sind.

Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk
begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu
belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte.  Zwar kam
Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,
und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran
geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,
solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden
ihr nicht nützen.  Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,
die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu
stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten
Tagen angefertigt.


Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,
öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina
trat herein.  Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich
empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen;
aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das
junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf.

"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;
duldet Ihr's auch gern?"

Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte
leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"

Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz.  "Nein, nein,
Katharina!  Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet
Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht!
Oder vielmehr, ich weiß es schon.  Ihr braucht mir's nicht zu
sagen!"

Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran.  "Denket Ihr
noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen
niederschosset?  Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob
dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm
zerreißen läßt.  Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf
mir wider den!"

"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"

--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich
zum Weibe geben!  Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich
den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg
hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag;
aber ich weiß, auch das wird er nicht halten."

Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'
einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und
Zuflucht anzugehen sei.

Katharina nickte.  "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--
Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort,
und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth
meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte,
wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der
gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
Erdenschlummer zugedecket."

Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet,
und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen.  So kamen
wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter
vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen
Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den
Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete.
Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern.

Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen.  Der
Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;
gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder
glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was
ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie
an den andern Tagen von ihm ungestöret.  Einmal zwar trat er ein
und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein
Reiterstücklein pfeifen.  Ein ander Mal noch hatte er den von der
Risch an seiner Seite.  Da Katharina eine heftige Bewegung machte,
bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.
Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm
getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;
nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne
Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr
vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf
den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so
trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend."
Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'
Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater
war!"

Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur
gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand
malete.  Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und
jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so
nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
wünschend.

Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen
Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken.

--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der
Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor.  Schon stand auf den
Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im
Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut
wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille
stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem
Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren.  Was wir gesprochen, wüßte
ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr
erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner
Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem
Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann
gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus
mir zurückgewonnen hatte.  Dann lächelte sie glücklich; und dabei
blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde
Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--
Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch
wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch
floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir
selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor
und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und
endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen
sollte ich meine Reise antreten.

Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch
einmal mir gegenüber.  Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;
wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich
noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die
schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in
Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.

Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte
Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen
Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.
Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket.

Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja
fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?"

Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild.  "Kennet Ihr die,
Katharina?  Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."

"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und
gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen.  Es ist die
Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat
sie hier gehauset."

"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies
Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."

Katharina sah gar ernst zu mir herüber.  "So heißt's auch", sagte
sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der
nachmals zugedämmet ist.  Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es
gewesen sein."

"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen
aus dem Boden."

"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich
noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht?  Man sieht
sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem
Gartensumpf verschwinden."

Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen
des Bildes.  "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"

"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast
verwirret an mit allem ihrem Liebreiz.  "Ich glaub, sie wollte den
Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."

--"War es denn ein gar so übler Mann?"

Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes
Rosenroth bedeckte ihr Antlitz.  "Ich weiß nicht", sagte sie
beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie
hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht
ihres Standes."

Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit
gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem
Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild
gewesen.

So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht
malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?"

Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da
war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem
Herzen.  "Katharina!" Ich war aufgesprungen.  "Hätte jene Frau auch
dich verflucht?"

Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an
meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der
Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.

Aber Katharina zog mich leise fort.  "Laß uns nicht trotzen, mein
Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich
mühselig die Stiegen heraufarbeitete.  Als Katharina und ich uns
deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette
zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die
wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet.
"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu
besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"

Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen
die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft
Bedrang und Trübsal bringen.  Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,
das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,
zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug
mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie
sie da im Bilde sitzet?"

Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht
bloß die Abschrift des Gesichts zu geben.  Aber schon mußte an
unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn
ihre Blicke gingen spähend hin und wider.  "Die Arbeit ist wohl
bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme.  "Deine
Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir
nicht wohl gedienet."

Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
noch hie und da zu schaffen.

"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!--
Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"

Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig
Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;
kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden
konnten.

Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.
Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der
Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer
von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den
Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der
oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig.  Kamen
gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten
abends bei guter Zeit in Hamburg an.

Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur
zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun
brauchte.  Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir
das alles wohl verpacket nachzusenden.

Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar
vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers
Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der
Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem
Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen;
sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und
Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg
wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter
Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war
doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu
sehr beschweret.  Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch
meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit
getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir.

Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im
Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.
Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die
Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich
an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des
Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders.  Ich hatte,
selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und
hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und
setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein
ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete.

Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch
rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns
bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich
anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen
mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm
Wamse auf der Brust.  So ritt ich fürbaß in die aufsteigende
Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.

Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das
Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine
Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule
an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des
Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.

Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,
resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,
welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist.
Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen
Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt
schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber
wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu
bestellen.

Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern
mich hier umflogen.  Und schon ragete groß und finster die Kirche
vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;
ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von
der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter.  'Aber
sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten
in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf
dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die
dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter.  Als
ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug
gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
entgegen.

Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu
und brachte meinen Gaul im Stalle unter.  Als ich danach auf die
Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern,
und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch
beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket.  Der Schein der
Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz
schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,
dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur
Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den
Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund
der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm,
an dem andern hing ihm eine derbe Dirne.  Aber das Stücklein
schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen
aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und
verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen
sollten.  Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie
toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und
schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor
dem Geier.

Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem
Wirth zu reden.  Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte
den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in
Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und
schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich
um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ
er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget;
ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde
der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn
mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen.

Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von
der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen
kühlen Trunk zu schaffen.  Der Junker Wulf aber, dem bereits die
Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den
leeren Stuhl hernieder.

"Nun, Kurt!" rief er.  "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!
Was soll die Katharina dazu sagen?  Komm, machen wir alamode ein
ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm
Wams hervorgezogen.  "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"

Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;
nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.--
Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem
von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.

"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd
die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:

"Glück in der Lieb
Und Glück im Spiel,
Bedenk, für einen
Ist's zu viel!

"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen!  Der weiß
sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."

Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel
von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch
und sah gar grimmig auf mich her.

"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich,
als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber
getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."

Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
Spürhund bei der Witterung.  "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti
Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu
Mittag noch in Preetz!  Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch
gewesen."

Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein
mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers
Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit
mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen.  Es währete auch nicht
lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch.  "Oho!"
schrie er.  "Im Stift, bei meiner Base!  Du treibst wohl gar
doppelt Handwerk, Bursch!  Wer hat dich auf den Botengang
geschickt?"

"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug
sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;
fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da
ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.

Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß
ihm das Wams auf, Kurt!  Es gilt den blanken Haufen hier; du
findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet
sehen!"

Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der
Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann.
Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht
mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich
ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir
stund.  Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;
als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl,
daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe.

Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von
seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen;
mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf
seinen Platz zurück.  Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es
noch vermochte: "He, Tartar!  Türk!  Wo steckt ihr!  Tartar, Türk!"
Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der
Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle
springen sollten.  Schon hörete ich sie durch das Getümmel der
Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings
meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem
Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das
Freie.

Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
Sternenschimmer.  In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst
zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das
Feld dem Walde zu.  Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die
Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die
Holzung bis hart zur Gartenmauer.  Zwar war die Helle der
Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber
meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das
Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig
vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in
meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu
berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß
meines Bleibens hier nicht fürder sei.

Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem
Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten
Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut
vernehmbar.  Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom
Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die
Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin
richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten
hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;
erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe
nicht gar weit mehr hatte.

Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir
aus dem Dunkel drang.  Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr,
das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte.  Nicht
zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie
hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter
mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des
Waldbodens.  Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem
Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines
Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber.  Da sangen hier im
Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe
Schatten.  In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt
in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt.  "Sieh dir's noch
einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt
geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor
geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier
vergäßest."

Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen;
denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich
die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer
rennen.  Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht
überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und
rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und
drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn.  Da, als
eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der
Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,
der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann
die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,
war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht
mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter
geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen.

Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben
schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte
suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte;
aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich
her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen,
und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören,
wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!--
"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen,
und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß
die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
Geheul heraufstießen.--"Katharina!  Bist du es wirklich, Katharina?"

Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich
gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll
Entsetzen in die Tiefe starrten.

"Komm!" sagte sie.  "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich
mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das
Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster
stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen.  Die dicken Flechten
ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß
hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte,
schien voll herein und zeigete mir alles.  Ich stund wie fest
gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen
schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der
Schönheit.  Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu
ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?"

Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl
fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!"

Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,
fuhr sie erschreckt empor.  "Die Hunde, Johannes!" rief sie.  "Was
ist das mit den Hunden?"

"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,
es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal
durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den
Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie
ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.

Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir
uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina
sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen
Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.

"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer
Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit
ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?"

Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor.  "Was sprichst du,
Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß
geruhet, griffen nach den meinen.  "Nein, nicht fort, nicht fort!
Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"

Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und
wir umfingen uns in großer Herzensnoth.  "Ach, Käthe", sprach ich,
"was vermag die arme Liebe denn!  Wenn auch dein Bruder Wulf nicht
wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."

Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte,
du seiest auch das!  Aber--ach nein!  Dein Vater war nur der Freund
des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"

"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich
und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in
Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen
Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam
ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten.  Man hat mich
drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre!  Wenn
ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen
dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten
Junker!"

Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete
mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so
werd ich doch dein Weib auch werden müssen."

--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine
Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von
dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein
verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes
Schoß.

Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings
stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und
wild davon rennen.

Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der
Athem stille stund.  Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-,
dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben.  "Das ist Wulf",
sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall
gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs
gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern
Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.
Dann wurde alles still.

Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern
war es mit einem Male schier zu Ende.  Katharina hatte den Kopf
zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll
ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.

Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich
ging nicht.

Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten
um die Hecken fließt.--


Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die
schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.
Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von
Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete
die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?

--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne
krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen
hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten
der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf.  Dann
aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst
geschreckt, mich fort.

Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das
Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald
uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen--
stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.

Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel
aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum
Abschied winken.  Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen
bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren
Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter
einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach
mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern
gleich der Hand des Todes.  Doch war's nur wie im Husch, daß
solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins
von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien
nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir
vorgegaukelt hätten.

So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob
ihn was hinunterziehen wollte.  'Ei', dachte ich, 'faßt das
Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über
die Mauer in den Wald hinab.

Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;
hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine
Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom
Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach.
Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über
mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche.  Da schüttelte ich
all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,
Johannes?  Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß
dein Leben nichts gilt als nur das ihre!'

Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann
zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte
und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen.  Vielleicht, daß sie
gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es
mußte auch gehen ohne das!

Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des
grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom
Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem
Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem
Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim
geleiten.  Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger
und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück
erreichen.

--Es ist doch anders kommen.

In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und
trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings
hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf
der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren
gestrengen Junkern?  Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber
da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und
auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß
geworfen hattet."

Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht
wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von
der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal
gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."

"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut
auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit
solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."

Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot
und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen
Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.

Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten.  Also bat ich Hans
Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen
lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus
zum Wald.  Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von
wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken
ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu
Katharinens Bildniß ausgewählet hatte.  Nun gedachte ich, daß, wann
in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das
Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht
ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu
zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht
gehaftet haben.  Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam
gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie
dort in unsre Kammer führen würde.

Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig.  Ich ließ noch wie
zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich
die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich
nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß
die Zeit vergehe.

Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte
von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten
von dem Hofe sei.  Die Sonne glühte schon heiß hernieder und
verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt
war.  Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei
unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann
ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den
Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich
anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst
gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon
leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde.

Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken.  Wo blieb sie denn?
Es war schon lang, daß es geläutet hatte.  Ich war aufgesprungen,
ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung
durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam
nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den
Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.

Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach
dem Hofe zu.  Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,
begegnete mir Dieterich.  "Herr Johannes", sagte er und trat hastig
auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;
sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit
unsern Junkern vorgehabt?"

"Warum fragst du, Dieterich?"

--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten
möcht."

"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war
beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.

"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der
Alte.  "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor
einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der
im Garten an den Hecken putzte.  Da ich an den Thurm kam, wo droben
unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel
mit unserem Junker dicht beisammen stehen.  Er hatte die Arme
unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete
einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer
feinen Stimme.  Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald
hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr
Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket
wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit
drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's
ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."

"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.

"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker
wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
wäret.  Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf
gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können."

Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"

--"Im Haus?  Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"

"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe."

Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen.  "Gehet
nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten,
was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath
gewußt!"

"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich.  Und also mit diesen
Worten riß ich meine Hände aus den seinen.

Der Alte schüttelte den Kopf.  "Hernach, Johannes", sagte er, "das
weiß nur unser Herrgott!"

Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu.  Der Junker sei
eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum
befragte.

Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
betreten.  Statt wie bei seinem Vater sel.  Bücher und Karten, war
hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart
Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und
zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen
ganzen Sinnen hier verweile.

Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des
Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu
mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren
Radschloß er hantirete.  Er schauete mich an, als ob ich von den
Tollen käme.  "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,
wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"

"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm
trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in
Euere Kammer fahren!"

--"So dachte ich, Sieur Johannes!  Wie Ihr gut rathen könnt!  Doch
immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"

In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort,
Herr Junker!"

Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich
erstlich auszuhören!  Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst
langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein
paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei
und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden
Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir
den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--
beim Höllenelement!  mich reut's nur noch, daß mir die Bestien
solch Stück Arbeit nachgelassen!"

Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker
schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde.  "Junker Wulf",
sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin
kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch
einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,
gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"

Da stockte mir das Wort im Munde.  Aus seinem bleichen Antlitz
starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen
schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und
hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast
gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.

Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren
Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,
mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen
jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war.  Meine thörichten
Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon
herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich
keine Kunde.

Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem
Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen
Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine
Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe
niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn
Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir
zu Sinnen kommen.  Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch
glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete.

Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als
Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in
Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein
Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde.  Zu einem traulichen
Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir
nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,
daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von
niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte
ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen
möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen,
aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen
auszurichten er mir dann gelobete.

Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich,
gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die
letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;
langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der
holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar
liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort
zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren
Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet
waren.  Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher
wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich
gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein
sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn
dafür versprochen.  Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,
daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um
auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen
einzufahren.

Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes
war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner
Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was
vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.

Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--
Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen
willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort.  Ich hatte
in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte
Wunde warf mich wiederum danieder.  Eben wurden zum Weihnachtsfeste
auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann
mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt.
Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine
Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.

Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine
grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber
statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an
Bord.  Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.

Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor
nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald,
an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten.  Zwar probten schon
die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie
mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;
sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und
schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu.  Da stund ich bald in
Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber.

Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
munter.  "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr
nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein
Malerpinsel."

Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,
hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach
dem alten Dieterich.

Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee,
wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn
auch gelinden Todes verfahren sei.  "Der freuet sich", sagte Hans
Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für
ihn auch besser so."

"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"

Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft
von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,
und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von
der Risch?"

"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die
ihn schon zu Richte setzen wird."

Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,
daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den
Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der
Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn
Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker
mit einander hauseten.

Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu.  "Ihr meinet
wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern
könnten!"

"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer
aufs Herz.

"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am
besten wissen!  Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten
hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen;
denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen
Spiel gemachet haben."

Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig
worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke.  "Unglücksmann!"
schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina
sei mein Eheweib geworden?"

"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich
schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an!  Es geht
die Rede so!  Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im
Schloß nicht mehr gesehen worden."

Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich
wisse nichts von alledem.

Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund,
es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in
großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas'
Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der
Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über
den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie
deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit
jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß
gewesen.

--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll
nicht hier verzeichnet werden.  Im Dorf war nur das thörichte
Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum
machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester;
aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen
mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr
gesehen worden.  Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich
also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein
Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat.  Der sagte höhnisch,
es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem
nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen
von Herrn Gerhardus' Hofe.

Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach
Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu
dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.--
Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am
Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden;
wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein
Degen in die Büsche flog.  Aber er sahe mich nur mit seinen bösen
Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem
Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.

Es ist alles doch umsonst gewesen.


Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen.  Denn vor mir
liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein,
meiner Schwester sel.  Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf
meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof
belegen ist.  Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.

Hier schließt das erste Heft der Handschrift.  Hoffen wir, daß der
Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.

Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte
nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus.  Wer
aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft
in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und
zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer
erschienen.  Es lautete wie folgt:

Geliek as Rook un Stoof verswindt,
Also sind ock de Minschenkind.

Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem
Thürsims eines alten Hauses.  Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich
allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen
Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter
blieben.  Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute
gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er
nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des
Irdischen erinnern möge.  Mir aber soll er eine Mahnung sein,
ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren.  Denn du, meiner lieben
Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit
meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so
ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet,
dir nicht habe anvertrauen mögen.

Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der
Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der
Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie
zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der
hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es
denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu
schauen ist.  Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus
Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war,
sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit
allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem
einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat
der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte,
war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo
Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem
es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt
als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.

Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe
eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und
bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte.
Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn
allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir
hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer
Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum;
gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus
untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der
auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen,
obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von
meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die
Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe
Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben
mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
müssen.  Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft
nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und
sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem
Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da
ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet,
und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.--
Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an;
als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich
zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn
Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte.  Aus seinem
Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen
mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit
entgegentreten!

Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich
auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster
setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt
hinabsah.  Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die
Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und
Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast
mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper
müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand
keine Brüchen zu erhaschen gab.  Die Ostenfelder Weiber mit ihren
rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und
feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen
und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte
wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie
ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die
Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe.  Doch war
es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend
Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit
wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an.
Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen
Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein
paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus
Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen.  O du mein Gott
und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in
dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?--


Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme
meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen
großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon
sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und
dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann
angestanden wäre.  Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen
Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer
Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von
dannen schritt.

Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich
hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle,
darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.

Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und
erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des
Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle.  Ich forschete ein
wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte,
daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters
halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber
meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes
einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er
eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen
allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er
sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu
machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte
Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben
viel darum.

Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten
auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen
aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen
konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen.

Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar
gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen
Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten
für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich
plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen
Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist.  Sagete also zu, nur
mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich
ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht
befindlich sei.

Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor
schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei
erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden,
so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne.  Die Kinder,
die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus
geschicket.

Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße
des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth,
deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr
hinausbefördert werden.

Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn
ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer
Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen
wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er
nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit
Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der
Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land
gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben
haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn,
der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete
mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend
adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben
aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der
Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen.  War jedoch
Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.


So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über
die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits
ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese
Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von
grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze
Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen
mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor
mir in den dunkelblauen Octoberhimmel.  Zwischen den schwarzen
Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch-
und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See
heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben.

Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei
gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich
willkommen.  "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!"
sagte er.  "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen
sehen."

In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte.  Aber auf
seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet;
das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich
führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast
winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.

Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so
gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist,
daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach
Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen
kann.  Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet,
und das Meer stund wie ein lichtes Silber.  Da ich anmerkete, wie
oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern
Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der
Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt.  "Dort", sagte er,
"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der
großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern;
auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen,
auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus."

Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch
ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.'

Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt
dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die
zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde
er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort
vor unseren Augen ausgebreitet lag.

Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich
mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl
eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben
Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier
in gar sondere Gesellschaft kommen.

Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der
Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber
ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister,
machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit."

Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl
für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget,
fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem
Bruder mir war gerühmet worden.

Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht.  "Da
kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus
der Kirche schaffen ließ."

Ich sah ihn fast erschrocken an.  "Und wolltet Ihr des Heilands
Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?"

"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht
überliefert worden."

--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu
suchen?"

Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu
den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines
halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König
die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen;
nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht
zu trotzen?  Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben
in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen
lassen?  Betet und wachet!  Denn auch hier geht Satan noch von Haus
zu Haus!  Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der
Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt
gebuhlt!"

Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag
liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
schmiegte.

Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber
danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine
edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.


Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide
nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend
antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto
rascheren Fortgang.  Gemeiniglich saß der Küster neben uns und
schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz,
dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch
habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm
erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser
Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese
letzten darin sollen beschlossen sein.--

In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er
stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der
Ecke des Zimmers.  Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße,
antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße
ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.

Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar
überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den
Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ.  Es war etwas in dieses
Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;
aber es war kein froher Zug.  So, dachte ich, sieht ein Kind, das
unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen.  Ich hätte oft die
Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten
Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien.  Wohl
dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter
sein?'--

Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt
man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier
und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.
Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von
Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die
Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den
Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche
Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen,
in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden
und die der Wind von ihren Schläfen wehte.  Das Bild ihres
finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
passe dieses Paar nicht wohl zusammen.

--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die
Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger
Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.

So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem
Bruder unten in unserem Wohngemache.  Auf dem Tisch am Ofen war die
Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte
schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der
Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir
mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres
einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten
Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter
einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die
Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,
so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das
Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.

Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem
dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit
Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren
Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen
blassen Knaben, es waren ja ihre Augen!  Wo hatte ich meine Sinne
denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon
gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein!

Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,
mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen
aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte.  "Sieh nur!"
sagte er.  "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide
ausgestopfet haben!  Die kommen von des Glockengießers Hochzeit;
aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und
wider stolpern."

Mein Bruder hatte recht.  Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich
von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,
daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als
eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben
wie in Feuer glühten.  Als aber dann die Gesellschaft an unserem
Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen
unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!
Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
der Flammen singen zu hören!"

Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die
Stadt lag wieder still und dunkel.

"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet."

Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt
ein grausam Spectacul vor sich habe.  Zwar war die junge Person, so
wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte
verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker
aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein
peinlich Recht geschehen.

Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.
Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem
Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da
ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,
daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und
drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.
Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser
Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch
so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte.

Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von
der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den
todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der
Justification selber zu assistiren.  "Es schneidet mir schon itzund
in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem
Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben
und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",
fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf
hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
malen!"

Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage
erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,
wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es,
daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen
Blättern niederschreiben werde.

Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von
meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt,
allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon
geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der
Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer
bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe
aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem
Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.

Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben
bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen
mächtigen Holzstoß aufgeschichtet.  Ein paar Leute hantirten noch
daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die
leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her
aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen.
Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und
da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das
Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide
emporstieg.  Da mußte ich meine Hände falten:

O Herr, mein Gott und Christ,
Sei gnädig mit uns allen,
Die wir in Sünd gefallen,
Der du die Liebe bist!--

Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide
führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre
kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.

"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;
"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."

Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das
junge Satansmensch, verbrennen sehen.

--"Aber die Hexe ist ja todt!"

"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer
Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da
können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon
fürlieb nehmen."--

--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch
schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit
Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide,
obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth
verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den
Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.
Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt,
überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder
etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen
Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der
Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und
es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander.
'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein
Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die
Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der
Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich
seinem Dorfe zu.

Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des
Küsterhauses.  Sie war verschlossen.  Eine Weile stund ich
unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an.  Drinnen
blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters
alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.

"Wo ist der Küster?" fragte ich.

--"Der Küster?  Mit dem Priester in die Stadt gefahren."

Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich
dahin geschlagen.

"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.

Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine
Schule, Trienke?"

--"Bewahre!  Die Hexe wird ja verbrannt!"

Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein
Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters
Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem
leeren Schulzimmer.  Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum
Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.

Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete
über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber
drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,
ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein
ich brachte das Wort nicht über meine Zungen.  Dagegen begann die
Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im
Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet
sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten
Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach
habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,
und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei
aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche
Kreatur.

Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem
Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte
gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine
Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden
Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie
überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich
ging dennoch weiter.  Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der
Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich
aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das
Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein
tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand
viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte.  Was krümmete denn
ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege
führen!

Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen
haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da
die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der
Küsterei an.  Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine
Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause
hinaus.--


Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses
von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe
dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube
dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer
wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.

Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu
zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten
hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von
gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.

Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst
der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach
sich gezogen haben.  Schon war ich am jenseitigen Rande des
Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft,
da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie
es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die
Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen
angeleget haben.  Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun
heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen!  Ja, ja; ich such
derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!"

Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja
längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,
schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten
durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde
wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von
dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute
war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen.

So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann
kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen
hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt
auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor
dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.

Da rief ich leise: "Katharina!"

Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich
einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche.  Doch als
ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig
vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer
fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes!  Ich
wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß
du heute kommen würdest."

Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du
des Predigers Eheweib?"

Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an.  "Er hat
das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen
Namen."

--"Mein Kind, Katharina?"

"Und fühltest du das nicht?  Er hat ja doch auf deinem Schoß
gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet."

--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,
du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"

Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich
todtenbleich.

"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde
Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.

Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf
meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen
Antlitz sahen mich flehend an.  "Du, Johannes", sagte sie, "du
wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."

--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"

"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was
ist denn mehr noch zu verlangen?"

--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?"

"Nein, nein!" rief sie heftig.  "Er nahm die Sünderin zum Weibe:
mehr nicht.  O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
angehört!"

In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.--
"Das Kind", sagte sie.  "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein
Leids geschehen!"

Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten.
"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem
Moose."

Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus.
Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter
Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die
Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:

Zwei Englein, die mich decken,
Zwei Englein, die mich strecken,
Und zweie, so mich weisen
In das himmlische Paradeisen.

Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und
geisterhaft mich an.  "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie
leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"

Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen
Mannes Weib; vergiß das nicht."

Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen.
"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe
bevor du sein geworden?"

Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor
ihr Angesicht und rief.  "Weh mir!  O wehe, mein entweihter armer
Leib!"

Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,
ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
wieder!  Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen
Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich
hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben
können.  Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz
weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist
ein langes, banges Leben!  O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"

--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,
aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte.  Der
Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und
härter rief es: "Katharina!"

Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.

--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da.
Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich
einzureden.  "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst
wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar
die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."

Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei
durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.

"Was war das, Küster?" rief ich.

Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
nichts weiter.  "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so
geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's."

Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen.  "Nun, Herr?"
rief sie mir zu.  "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
gefallen!"

--"Was soll das heißen, Trienke?"

"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus
dem Wasser ziehen."

Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle
Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich
bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das
weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging.  Da ich eben ins Haus
wollte, trat er selber mir entgegen.

Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren
geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht.  "Was
wollt Ihr?" sagte er.

Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort.  Ja, was wollte ich
denn eigentlich?

"Ich kenne Euch!" fuhr er fort.  "Das Weib hat endlich alles
ausgeredet."

Das machte mir die Zunge frei.  "Wo ist mein Kind!" rief ich.

Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."

--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!"

Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er
mich zurück.  "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und
schreit zu Gott aus ihren Sünden.  Ihr sollt nicht hin, um ihrer
armen Seelen Seligkeit!"

Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber
des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß.  "Höret mich!"
sprach er.  "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott
in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch
mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet
eine Tafel oder Leinewand!  Mit solcher kommet morgen in der Frühe
wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz.  Nicht mir oder
meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben
ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften.  Mög es dort die
Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub
ist!"

Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so
geschehen möge.

--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens
Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so
daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.

Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war,
hatte sein Bette aufgesucht.  Da ich zu ihm eintrat, richtete er
sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein
Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!
Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen,
maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß
gar jämmerlichen Todes verfahren ist."

Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber
es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre.  Mir war's bei dieser
Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf;
aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte
stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war
dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können;
nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.

Ich saß oben auf meiner Kammer.  Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht;
ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich
mein Lager.  Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu
Theil.  In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als
sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte
die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich
zählete sie alle die ganze Nacht entlang.  Doch endlich dämmerte
der Morgen.  Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über
mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den
Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken.

Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf
der Schwelle seines Hauses stehen.  Er geleitete mich auf den Flur
und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine
Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause
herübergeschaffet sei.  Dann legte er seine Hand auf die Klinke
einer Stubenthür.

Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer
ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu
sein!"

"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand
zurück.  "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr
drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der
anderen Seite des Flures; dann verließ er mich.

Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke.  Es
war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor
ich öffnete.


Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den
Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden;
die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus.
Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret.  Auf
dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.

Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich
Gebet.  Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war;
und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht
zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen.  Mitunter wurd ich wie von
der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne
hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen.
Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich
trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen
Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen.

Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu
einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war!
Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine
eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.

So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam
und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie
sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk
doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem
Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend
damit eingeschlafen.  Solcher Art Blumen gab es selten in der
Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein.

Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter
Leib verlangte Stärkung.  Legete sonach den Pinsel und die Palette
fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir
angewiesen hatte.  Indem ich aber eintrat, wäre ich vor
Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir
gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem
Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken
mögen.

Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr
Bildniß, das ich selber einst gemalet.  Auch für dieses war also
nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie
selber denn?  Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch
hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte
Zeit stieg auf und quälete mein Herz.  Endlich, da ich mußte, brach
ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann
ging ich zurück zu unserem todten Kinde.

Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
weniges sich gehoben hatten.  Da bückete ich mich hinab, im Wahne,
ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die
kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war,
als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie
noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat
doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle
Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen
blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter
bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind.  "Nein, nein,
mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe
zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,
ist alleine noch der Tod.  Nicht aus der Tiefe schreckbarer
Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als
deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
hinabgerissen."

Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte
ihm sanft die beiden Augen zu.  Dann tauchete ich meinen Pinsel in
ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
Buchstaben: C.  P.  A.  S.  Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis
Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit
dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend
Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.

Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause
fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die
Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein
leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen
bei meinem schweren Werk mir nah zu sein?  Ich konnte es nicht
enträthseln.

Es war schon spät.  Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum
Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied
nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne.

So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden
Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da
öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir
herein.

Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen
und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des
kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.
Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes
fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe,
wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.

Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut:
"Leb wohl, mein Kind!  O mein Johannes, lebe wohl!"

Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich
hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten
Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre
nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.

"Katharina!" rief ich.  Und schon war ich hinzugesprungen und
rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die
Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte
er.  "Gehet itzo!  Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen
gnädig sein!"

--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.

Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück,
das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte.  Dort lag mein
todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir
in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich
wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung
tösen hörete.  Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm
ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir
immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus
aquis submersus!


Hier endete die Handschrift.

Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft
vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren
gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
gesprochen.

Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er
in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner
engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens.  Des
großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt
Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts
nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden.
Aquis submersus


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Aquis Submersus" ***

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