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Title: Unter den Wilden - Entdeckungen und Abenteuer
Author: Heilborn, Adolf
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Unter den Wilden - Entdeckungen und Abenteuer" ***

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  | Eine Liste der Korrekturen befindet sich am Ende des Texts.      |
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                           Unter den Wilden:

                       Entdeckungen und Abenteuer


                                  Von

                          Dr. Adolf Heilborn


                       Mit 5 bunten Beilagen und
                 36 Textbildern von _Erich Sturtevant_


                                 BONGS
                             JUGENDBÜCHEREI


                     VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN


                 Alle Rechte, auch das der Übersetzung
                    in andere Sprachen, vorbehalten.

           Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.

                 Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.



Inhalt


                                                                  Seite

  Vorwort                                                             5

  Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti. Von Kapitän
  _Samuel Wallis_                                                     9

  Ein Südsee-Idyll. Von Kapitän _James Cook_                         57

  Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln. Von Kapitän
  _James King_                                                      133

  Eine Unglücksreise nach der Nordwestküste Amerikas. Von Kapitän
  _John Meares_                                                     205

  Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg. Von
  Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_                              245

  Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der
  Entdecker                                                         287



Vorwort


In jedem gesunden Kinde steckt ein gut Stück Robinsonsehnsucht. Sie
ist der letzte, kulturgezähmte Rest uralter Wanderlust, uralten
Abenteuerdranges der Menschheit. Wie wir uns immer wieder in Pfeil
und Bogen uralte Waffen verfertigen, im Spiele Hütten bauen oder
Höhlen als Schlupfwinkel wählen, wie es uns immer wieder zum Tiere
zieht, es zu liebkosen und uns gefügig zu machen, so überfällt uns
eines Tages quälende Robinsonsehnsucht, und mit blanken Augen und
roten Wangen verschlingen wir dann alles, was sie zu stillen uns
verheißt. Unsterblicher Robinson, unsterblicher Lederstrumpf, roter
Freibeuter, Peter Simpel und wie ihr euch sonst noch nennt, die ihr
alle etwas von einem Don Quichotte habt und Väter einer so langen
und manchmal auch recht langweiligen Reihe von Nachtretern geworden
seid ... wie jedes echte Kind hab ich euch immer von neuem gelesen,
bis ich euch fast auswendig konnte, und bis ich eines Tages in meines
lieben Vaters Bücherschrank auf andre Helden und andre Abenteuer
traf, Helden von Fleisch und Blut, wirkliche Menschen, nicht nur
am Schreibtisch erdachte Gestalten, und Abenteuer, die wirklich
erlebt, in Not und Tod, nicht nur zur Spannung naiver Leser ersonnen.
Da standen in großmächtigen, altertümlichen Lederbänden mit roten
und schwarzen Schildern auf dem goldgepreßten, dicken Rücken die
Entdeckungsreisen des Kapitän Cook, sechs stattliche Bände, daneben
die Reisen von Wallis, von Byron, von Carteret, von Meares, Portlock
... Reisen und Abenteuer in der Südsee, an den unwirtlichen Küsten
Nordamerikas, unter braunen, nackten Wilden und Indianern. Ein Buch
immer spannender als das andere, immer schöner, immer seltsamer. Was
waren das für unvergeßliche Stunden des Lesens und Träumens. Das
blaue Südmeer lag vor meinen Blicken, von weißer Brandung umgischt
tauchten Koralleninseln daraus empor, mit rauschenden Palmenhainen voll
seltsam bunter Vögel. Von Eiland zu Eiland zogen in flinken Kanus mit
Mattensegeln die braunen Kanaken und kämpften in Panzern und Helmen
mit Haifischzahnspeeren und sangen melodisch und sprangen zur Trommel
...

Sie sind Zauberer, diese großen Entdecker, voran, allen weit
voran James Cook, der einem ganzen Zeitalter den Stempel seines
Naturempfindens aufprägte. Eine Weltanschauung ward aus diesen
Entdeckungsfahrten geboren, eine Naturphilosophie, die in Seumes Worten
»Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen« gipfelte, die in Rousseaus
Werken ihr »Zurück zur Natur« predigte. Auch unsre Zeit, durch soviel
Blut und Grauen gegangen, hat diese Sehnsucht wieder, hat nach all
der Übersättigung mit raffinierter Kultur diesen gesunden Hunger nach
natürlicheren Verhältnissen. Darum gerade wird ihr die Kost, die hier
geboten, besonders munden, werden diese uns überlieferten Erzählungen
der Entdecker wie ein erfrischender Trunk nach ermüdender Wanderung
wirken. Zumal die Jugend wird sie, des bin ich gewiß, mit Jubel
begrüßen: ist doch der Robinson und all das andre in ihnen gleichsam
beschlossen. Aus diesen Reisen und Abenteuern sind jene ersonnenen
Geschichten ja erst geboren.

Aber nicht nur dem angenehmen Zeitvertreib müßiger Stunden vermögen sie
zu dienen: es läßt sich aus ihnen auch unendlich viel lernen -- nicht
nur Erd- und Völkerkunde, auch Kulturgeschichte. Kein Geringerer als
Schiller schrieb unter ihrem Eindruck die weithin weisenden Worte: »Die
Entdeckungen, welche unsere europäischen Seefahrer in fernen Meeren und
auf entlegenen Küsten gemacht haben, geben uns ein ebenso lehrreiches
als unterhaltendes Schauspiel. Sie zeigen uns Völkerschaften, die auf
den mannigfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind,
wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herumstehen und
durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals
gewesen, und wovon er ausgegangen ist. Eine weise Hand scheint uns
diese rohen Völkerstämme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben,
wo wir in unserer eigenen Kultur weit genug würden fortgeschritten
sein, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst
zu machen und den verlorenen Anfang unseres Geschlechts aus diesem
Spiegel wiederherzustellen.« Ich möchte mir wohl wünschen, daß meine
jungen Leser bei wiederholter Lektüre auch auf solche Dinge ein wenig
achtgäben.

In noch frischem Erinnern aus doch schon so fernen Jugendtagen
habe ich gemeint, den Erzählungen jenen eigenen Reiz, jenen
Schmetterlingsflügelstaub belassen zu sollen, der in der bisweilen
etwas altmodischen Sprache der zeitgenössischen Übersetzer liegt --
u. a. eines Georg Forster, dessen »Ansichten vom Niederrhein« mit Recht
ja noch heute als klassische Prosa gelten -- und nur nach heutigem
Sprachgebrauch völlig Veraltetes geändert. Und freilich das köstlich
barocke Deutsch Groebens, dessen »Guineische Reisebeschreibung« vor
rund 20 Jahren wieder entdeckt zu haben ich mich rühmen darf, habe
ich wohl oder übel in die Sprache unsrer Tage übertragen müssen; aber
auch so dürfte dieses in seiner humorvollen Eigenart einzig dastehende
Reisewerk der Wirkung gewiß sein. Gestrichen habe ich nur weniges, das,
was mir für den erwünschten Leserkreis zu langweilig oder sonstwie
ungeeignet erschien: astronomische, nautische Berechnungen und dgl.

Ich will mir schließlich noch wünschen, daß meine jungen Leser an dem
von Sturtevants Künstlerhand dem Buche beigegebenen Bilderschmuck
so viel Freude haben, wie ich sie empfinde. Der Künstler hat
mit bewunderungswürdigem Geschick hier malerische Wirkung mit
wissenschaftlicher Genauigkeit zu paaren verstanden. Alle Völkertypen,
alle Gerätschaften sind nach Originalaufnahmen und Gegenständen des
Berliner Völkerkundemuseums und meiner eigenen Sammlungen gezeichnet,
und so dürfte dieser Bilderschmuck in seiner Art etwas Besonderes
darstellen.

                                                Dr. _Adolf Heilborn_.

[Illustration]

[Illustration]



Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti

Von Kapitän _Samuel Wallis_


Am 18. Juni 1767, etwa 2 Uhr nachmittags, -- wir waren kaum eine
halbe Stunde lang unter Segel -- entdeckten wir ein sehr hohes Land
im Westsüdwesten. Da das Wetter trübe war und wir zugleich heftige
Windstöße auszustehen hatten, ließ ich den »Delphin« beilegen und
gedachte, die Nacht über, oder wenigstens bis der Nebel sich zerteilen
würde, zu treiben. Um 2 Uhr des Morgens wurde es ganz klar, und wir
gingen daher wieder unter Segel. Bei Tagesanbruch sahen wir das Land in
einer Entfernung von ungefähr fünf Seemeilen weit vor uns und steuerten
gerade darauf hin; als wir uns um 8 Uhr ihm näherten, mußten wir des
einsetzenden Nebels wegen wieder beilegen. Endlich zerteilte er sich
wieder, und wir wunderten uns nicht wenig, als wir uns von einigen
hundert Kanus umringt sahen, die sich uns unbemerkt genähert hatten.
Sie waren von verschiedener Größe und faßten bald mehr, bald weniger
Leute, eines bis zu zehn Mann. Auf allen mochten meiner Schätzung nach
nicht weniger als 800 Mann beisammen sein.

Nachdem sie sich dem Schiffe bis auf einen Pistolenschuß genähert
hatten, hielten sie stille, betrachteten und bestaunten uns und
besprachen sich untereinander. Mittlerweile zeigten wir ihnen allerlei
Spielsachen und luden sie ein, an Bord zu kommen. Es währte nicht
lange, so vereinigten sie sich und hielten eine Art Versammlung, um
unter sich eins zu werden, was zu tun sei; endlich ruderten sie um
unser Schiff herum und machten uns Freundschaftskundgebungen. Einer
von ihnen hielt den Zweig einer Banane empor und beehrte uns mit einer
Anrede, die ungefähr eine viertel Stunde dauerte, und bei deren Schluß
er den Zweig ins Meer warf. Wir fuhren noch immer fort, sie einzuladen,
zu uns an Bord zu kommen.

Endlich ließ sich ein ansehnlicher, starker, munterer junger Mann dazu
bewegen. Er kam an der Besanleiter am Hinterdeck herauf und sprang von
der hohen Bordwand auf das über dem Verdeck ausgespannte Segeltuch
herab. Wir winkten ihm, daß er auf das Verdeck herabkommen möchte,
und reichten ihm einige Kleinigkeiten hinauf. Er sah vergnügt aus,
wollte aber nichts annehmen, bis einige von seinen Landsleuten, die
sich ganz nahe an das Schiff gewagt hatten, nach dem Herleiern vieler
Worte etliche Bananenzweige uns an Bord zuwarfen. Als er dies sah, nahm
er unsere Geschenke an, und gleich nachher kamen einige andere dieser
Eingeborenen, der eine von hier, der andere von dort her ins Schiff;
denn keiner von ihnen wußte den rechten Zugang.

Einer von den Insulanern, die eben an Bord gekommen waren, stand auf
der linken Seite des Verdecks nahe am Gange, als es einer von unsern
Ziegen plötzlich einfiel, ihn von hinten mit ihren Hörnern gegen die
Hüften zu stoßen. Er erschrak über diesen Stoß, wandte sich eilfertig
um und sah die Ziege auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und in
Bereitschaft stehen, ihm noch eins zu versetzen. Der Anblick dieses
Tieres, das von allen, die er je gesehen, ganz verschieden sein
mochte, jagte ihm einen solchen Schreck ein, daß er augenblicklich über
Bord sprang, und alle seine Landsleute, die diesen Vorgang mitangesehen
hatten, folgten ihm mit größter Eile nach. Doch währte es nicht lange,
so erholten sie sich wieder von ihrer Bestürzung und kehrten an Bord
zurück.

[Illustration: Einer der Eingeborenen hielt den Zweig einer Banane
empor.]

Nachdem ich sie ein wenig an den Anblick unsrer Ziegen und Schafe
gewöhnt hatte, zeigte ich ihnen unsre Schweine und unser Federvieh.
Sie deuteten mir durch Zeichen an, daß sie solche Tiere wie diese
selbst hätten. Ich teilte hierauf Nägel und Kleinigkeiten unter sie
aus und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, sie möchten gehen und
uns einige von ihren Schweinen samt etwas Federvieh und Früchten an
Bord bringen; es schien aber, als ob sie meine Aufforderung nicht
verstehen könnten. Sie lauerten dagegen fleißig auf jede Gelegenheit,
irgend etwas zu stehlen, was ihnen eben in die Hand kam. Wir
ertappten sie aber gewöhnlich über der Tat. Endlich kam einer von den
Schiffsunteroffizieren, der von ungefähr einen neubetreßten Hut auf
dem Kopfe hatte, an die Stelle, wo sie standen, und fing an, sich mit
einem von ihnen durch Zeichen zu verständigen. Während er sich also
unterhielt, kam ein Eingeborener, riß ihm von hinten her plötzlich den
Hut vom Kopfe, sprang damit über das Heckbord in die See und schwamm
davon.

Weil wir nun an der Stelle, wo wir eben lagen, keinen rechten
Ankergrund hatten, steuerten wir längs der Küste hin und schickten zu
gleicher Zeit die Boote aus, näher an die Küste heranzufühlen. Die
Insulaner versuchten es, in ihren Kanus dem Schiffe zu folgen; da sie
aber keine Segel aufzuspannen hatten, blieben sie weit zurück und
ruderten daher bald wieder nach der Küste zu.

Das Land bietet den anmutigsten und romantischsten Anblick, der sich
erdenken läßt. Gegen die See hin ist es flach und mit Fruchtbäumen von
allerlei Arten, insbesondere mit Kokospalmen bewachsen; dazwischen
liegen die Häuser der Eingeborenen, die bloß aus einem Dache auf
Pfählen bestehen und von weitem einer langen Scheune nicht unähnlich
sind. Innerhalb des Eilandes und ungefähr drei Kilometer weit von der
See hört das flache Land auf und grenzt an hohe Berge, die mit Gehölz
bewachsen sind, und von deren obersten, sehr steilen Gipfeln große
Wasserfälle sich mit lautem Getöse ins Meer herabstürzen. Hier sahen
wir keine Sandbänke, dagegen war die Insel mit einer Reihe von Felsen
umgeben, zwischen denen jedoch oft die Einfahrt möglich ist.

[Illustration: Der Anblick dieses Tieres jagte ihnen Schrecken ein.]

Um 3 Uhr befanden wir uns einem großen Meerbusen gegenüber, und da
wir deshalb Ankergrund vermuteten, legten wir bei. Die Boote wurden
auch gleich zur Prüfung abgeschickt. Während ihrer Beschäftigung sah
ich, wie eine große Anzahl von Kanus sich um sie her versammelte.
Ich befürchtete, daß die Insulaner willens sein möchten, unsere Leute
anzugreifen. Da ich nun gern allem Unheil vorbeugen wollte, so gab
ich den Booten ein Zeichen, an Bord zurückzukommen, und feuerte, um
den Eingeborenen ein wenig Ehrfurcht einzuflößen, zu gleicher Zeit
eine neunpfündige Kugel über ihre Köpfe hinweg. Das Boot ruderte nun
dem Schiffe zu. Der Donner des Neunpfünders hatte zwar die Insulaner
erschreckt, doch ließen sie sich dadurch nicht abhalten, unseren
Booten nachzurudern, und als sie diese nach dem Schiff zurückkehren
sahen, suchten sie, einem von ihnen den Weg abzuschneiden. Da aber
dieses Boot schneller segeln konnte, als die Kanus ruderten, ließ es
die es umschwärmenden Eingeborenen bald hinter sich zurück. Inzwischen
lauerten ihm verschiedene andere, die mit Insulanern gefüllt waren,
unterwegs auf und warfen mit Steinen nach der Mannschaft, wodurch auch
wirklich einige Bootsleute verwundet wurden. Der Offizier im Boot
feuerte hierauf eine mit Schrot geladene Flinte auf den Mann, der
den ersten Stein geworfen hatte, und verwundete ihn an der Schulter.
Sobald die übrigen Kanuinsassen die Verwundung ihres Kameraden sahen,
sprangen sie ins Meer, und die anderen Eingeborenen ruderten äußerst
bestürzt und erschrocken hinweg. Nachdem unsere Boote wieder am Schiffe
beigelegt hatten, ließ ich sie an Bord nehmen, und gerade wollten wir
wieder weitersegeln, als wir ein großes Kanu uns nachsetzen sahen.

Da ich vermutete, daß sich in ihm vielleicht irgendeiner von den
Anführern dieser Leute oder sonst jemand befinden könnte, der
abgeschickt wäre, um mir eine Botschaft vom Oberhaupte zu bringen,
hielt ich für gut, es zu erwarten. Es segelte sehr schnell und war
bald an dem Schiffe, wir konnten aber unter allen Insassen keinen
unterscheiden, der etwas mehr als der andere vorgestellt hätte. Jedoch
stand endlich einer von ihnen auf, hielt eine Anrede, die ungefähr
5 Minuten dauerte, und warf alsdann einen Bananenzweig an Bord.
Dies hielten wir für ein Friedenszeichen und erwiderten es, indem
wir einen von den Zweigen, die von den vorigen Insulanern im Schiff
zurückgelassen waren, dem Redner über Bord reichten. Mit diesem und
einigen Kleinigkeiten, die wir ihm nachher schenkten, schien er sehr
vergnügt zu sein und ruderte bald darauf mit seinem Kanu wieder weg.

Die Offiziere, die mit den Booten ausgeschickt worden waren,
berichteten mir, daß sie hart an der Klippenreihe gelotet und hier
ebenso tiefes Wasser wie an den andern Inseln gefunden hätten. Da ich
aber auf der Seite der Insel war, die gegen den Wind hin lag, so konnte
ich mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, daß ich Ankergrund finden
würde, wenn ich _unter_ dem Winde hinsegelte. Ich steuerte also in
dieser Richtung, fand aber, daß am südlichen Ende eine Menge Klippen
sehr weit in See hinausliefen; ich faßte also den Wind näher und fuhr
die ganze Nacht über fort, gegen den Wind zu steuern, um auf solche
Weise längs der Ostseite der Insel hinlaufen zu können.

Um 5 Uhr morgens gingen wir wieder unter Segel. Eine merkwürdige
Spitze, die einem Zuckerhute ähnlich sah, lag in Nordnordosten.
Wir waren in dieser Lage ungefähr zwei Seemeilen weit vom Lande;
dieses hatte hier ein sehr anmutiges Äußere und war mit Häusern der
Eingeborenen weithin besät. Nahe an der Küste sahen wir verschiedene
große Kanus unter Segel, sie steuerten aber nicht auf uns zu. Um Mittag
waren wir zwei bis drei Kilometer von der Insel entfernt. Wir setzten
unsern Lauf immer längs der Küste fort, bald kamen wir ihr auf eine
halbe Seemeile nahe, bald hielten wir uns vier bis fünf Meilen von
ihr entfernt, nirgends aber hatten wir bisher Ankergrund gefunden. Um
6 Uhr abends befanden wir uns einem schönen Flusse gegenüber, und da
die Küste hier ein besseres Aussehen hatte, als an irgendeiner andern
Stelle, beschloß ich, die ganze Nacht hindurch auf und ab zu steuern
und am Morgen zu versuchen, Grund zu finden. Sobald es finster war,
sahen wir sehr viele Lichter längs der ganzen Küste.

Bei Tagesanbruch schickten wir die Boote zur Prüfung aus, und bald
nachher gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie einen
35 Meter tiefen Ankergrund gefunden hätten. Dies verursachte eine
allgemeine und unbeschreiblich große Freude; wir liefen augenblicklich
gegen den Strand hin und kamen in 30 Meter auf einem reinen Sandgrunde
vor Anker. Wir lagen ungefähr eine Seemeile weit von der Küste und
einem schönen Flusse gegenüber.

Sobald wir das Schiff gesichert hatten, schickte ich die Boote aus,
um längs der Küste hin zu fahren und zugleich die Stelle, an der wir
die Flußmündung sahen, in Augenschein zu nehmen. Um diese Zeit kam
eine beträchtliche Anzahl von Kanus vom Lande her ans Schiff; sie
brachten Schweine, Federvieh und Früchte in großer Menge mit sich und
überließen uns alles gegen kleine Spielsachen und Nägel. Wir bemerkten,
daß, sobald unsre Boote gegen die Küste hinruderten, die Kanus, von
denen die meisten doppelt und sehr groß waren, ihnen nachsegelten.
Solange sie noch in der Nähe unsres Schiffes waren, blieben die Kanus
in achtungsvoller Entfernung; sobald aber die Boote von uns weg gegen
die Küste liefen, wurden die Wilden kühner, und endlich rannten gar
drei von ihren größten Kanus gegen eins von unsern Booten, stießen
dessen Verdeck ein und rissen seine Ausleger hinweg. Die Insulaner
machten sogar Miene, mit Keulen und Rudern unser Boot zu entern. Da
meine Leute derart sehr ins Gedränge kamen, sahen sie sich genötigt,
Feuer zu geben. Einer von den Angreifern wurde durch die Salve getötet,
ein anderer schwer verwundet. Beide fielen gleich, wie sie getroffen
waren, über Bord; augenblicklich sprangen ihnen alle ihre Landsleute,
die in demselben Kanu gesessen waren, in die See nach, die andern
beiden Kanus aber zogen sich zurück, so daß unsere Boote von nun an
ungehindert weitersegelten. Sobald die in See gesprungenen Eingeborenen
sahen, daß unsere Boote sich entfernten, ohne ihnen weiter Schaden zu
tun, schwammen sie ihrem Kanu nach, schwangen sich hinein und hoben
ihre verwundeten Landsleute an Bord. Sie stellten sie aufrecht in das
Kanu, um zu sehen, ob sie stehen könnten; da aber die armen Verwundeten
sich nicht aufrecht halten konnten, versuchten sie zu sitzen. Einer
von ihnen war stark genug dazu und wurde in dieser Lage unterstützt;
als sie jedoch hernach den andern völlig tot fanden, legten sie seinen
Leichnam der Länge nach ausgestreckt in das Boot. Hierauf ruderten
einige Kanus ans Land, kehrten aber wieder an das Schiff zurück, um
mit uns zu handeln. Man sah also wohl, daß sie aus unserm Betragen
unsre Friedfertigkeit erkannt hatten, und daß sie nichts zu befürchten
hätten, solange sie uns ehrlich nahten, und sie mußten sich auch wohl
bewußt sein, daß sie alle Schuld an dem Vorgefallenen einzig sich
allein beizumessen hatten.

[Illustration: Nahe an der Küste sahen wir verschiedene große Kanus
unter Segel.]

Die Boote beschäftigten sich indessen bis Mittag vor der Küste und
kamen alsdann mit dem Berichte zurück, daß der Grund sehr rein sei, daß
die Küste ungefähr eine viertel Meile von der See weit etwa 9 Meter
tief sei, daß aber an dem Orte, wo wir den Fluß gesehen hatten, sehr
hohe Brandung an den Strand schlage. Die Offiziere sagten mir, daß es
an der Küste von Eingeborenen wimmle, und daß viele von ihnen an das
Boot geschwommen wären und ihnen einige Früchte und auch etwas frisches
Wasser gebracht hätten; dieses Wasser hatten sie in Bambusgefäßen
aufbewahrt. Unsere Leute berichteten auch, die Insulaner hätten sie
recht bestürmt, mit ihnen an Land zu gehen.

Des Nachmittags schickte ich die Boote wiederum an Land. Ich gab ihnen
etliche kleine Fäßchen mit, die oben gefüllt werden und einen Handgriff
haben, an dem man sie trägt. Ich befahl ihnen, sie sollten sich Mühe
geben, ein wenig frisches Wasser zu bekommen, weil wir bereits damals
anfingen, Wassermangel zu leiden. Unterdessen blieben noch immer viele
Kanus um unser Schiff herum, weiter ließ ich sie jedoch nicht kommen;
denn die Insulaner hatten mich schon so oft und so vielfältig betrogen
und bestohlen, daß ich mir vornahm, zunächst keinen mehr an Bord zu
lassen.

Um 5 Uhr nachmittags kehrten die Boote zurück, sie brachten aber nicht
mehr als zwei Fäßchen Wassers mit. Diese beiden Fässer hatten die
Eingeborenen für sie gefüllt, für ihre Mühe aber hatten sie sich ohne
weiteres mit den übrigen Gefäßen bezahlt gemacht. Unsere Leute wollten
sich nicht an Land wagen, damit das Boot nicht unbesetzt bliebe; sie
ließen indes vom Boote aus kein Mittel unversucht, um die Insulaner zu
bewegen, die Wassergefäße wieder zurückzugeben. Doch da war alle Mühe
umsonst. Die Eingeborenen legten ihrerseits unseren Leuten dringend
ans Herz, zu landen; diese folgten jedoch dem Gebote der Klugheit und
lehnten ab. Als unsere Boote wegruderten, befanden sich ihrer Aussage
nach viele Tausende von Eingeborenen beiderlei Geschlechts und eine
große Anzahl Kinder am Strande.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote von neuem an Land, Wasser zu
holen. Ich ließ sie Nägel, Beile und mehr dergleichen Dinge mitnehmen,
durch die sie meiner Ansicht nach die Freundschaft der Eingeborenen
am leichtesten erlangen könnten. Mittlerweile kam vom Lande her
eine große Anzahl von Kanus an das Schiff; die Leute brachten uns
Brotfrucht, Bananen, eine Frucht, die einem Apfel ähnlich sah, aber
ungleich wohlschmeckender war als dieser, auch Federvieh und Schweine.
Alle diese Eßwaren überließen sie uns gegen einige Glasperlen, für
Nägel, Messer und dergleichen mehr, und wir bekamen gleich dieses Mal
Schweinefleisch genug, daß unsere ganze Schiffsmannschaft zwei Tage
lang damit gespeist werden konnte und jeder Mann ein Pfund davon bekam.

Als die Boote zurückkamen, brachten sie uns nur einige wenige
Kalebassen Wassers mit; mehr hatten sie nicht bekommen können, weil
die Anzahl der Leute auf dem Strande so groß war, daß sie es nicht
wagen wollten, an Land zu gehen. Die Eingeborenen suchten alles
hervor, um unsere Leute zum Landen zu reizen: sie brachten Früchte
und Lebensmittel allerlei Art, legten diese am Strande nieder und
luden unsere Leute durch Zeichen ein, ihnen diese Vorräte verzehren zu
helfen. Nichtsdestoweniger blieben diese fest; sie zeigten von ihrem
Boote aus den Insulanern die Wasserfäßchen und forderten sie auf, die
gestern verlorengegangenen wieder zurückzubringen. Dagegen blieben die
Eingeborenen ebenfalls taub; unsere Leute lichteten also ihre Anker,
sondierten in der ganzen Gegend herum, um zu sehen, ob das Schiff nicht
näher gegen die Küste landen könnte, daß es die Wasserholer hätte
beschützen können, und hätten sich in diesem Falle nicht gescheut,
der ganzen Insel zum Trotz an Land zu gehen. Als sie mit dieser
Untersuchung fertig waren und sich alsdann vom Ufer entfernten, warfen
die Weiber mit Äpfeln und Bananen hinter ihnen drein, lachten sie
tüchtig aus und ließen alle ersinnlichen Merkmale von Verachtung und
Hohn gegen sie blicken. Meine Leute meldeten mir, daß 400 Meter weit
von der Küste der Grund sandig und das Wasser 7 Meter tief sei, daß es
noch einige Kabeltaulängen weiter vom Strande 9 Meter Tiefe gäbe, und
daß also das Schiff an einer dieser beiden Stellen gut vor Anker liegen
könnte. Der Wind blies hier gerade längs der Küste und verursachte eine
hohe Brandung sowohl gegen das Schiff als gegen den Strand hin.

Den folgenden Morgen lichteten wir also bei Tagesanbruch wiederum
die Anker, in der Absicht, den »Delphin« nahe an der Wasserstelle
festzulegen. Als wir aber zu diesem Zweck weiter gegen den Wind
hinsegelten, entdeckten wir vom Mastkorbe aus über das Land hinweg
einen Meerbusen, der ungefähr 6-8 Kilometer weit unter dem Winde von
uns liegen mochte. Wir steuerten sogleich darauf zu und schickten die
Boote mit dem Senkblei voran. Um 9 Uhr gaben die Boote das Zeichen, daß
sie in einer Tiefe von 21 Meter Grund gefunden hätten; diese Gegend war
von einer Reihe von Klippen umgeben, um die wir herumlaufen mußten,
ehe wir an den Ort hinsteuern konnten, wo die Boote lagen. Als wir
nicht mehr weit von ihnen und gleichsam mitten zwischen beiden waren,
stieß das Schiff auf Grund. Das Vorderteil saß unbeweglich fest, das
Hinterteil hingegen war frei; wir warfen augenblicklich das Senkblei
aus und fanden, daß die Tiefe des Wassers auf den Klippen oder auf der
Untiefe von 31 auf 6 Meter abnahm. Wir beschlugen also in größter
Eile alle Segel und warfen alles alte Geräte, das damals an Bord war,
in die See. Zu gleicher Zeit setzten wir das lange Boot auf Wasser,
legten den Strom- und den kleinen Anker mit allem dazugehörigen Tauwerk
hinein und ließen das Boot über die Untiefe hinauslaufen. Hier sollte
die Mannschaft die Anker fallen lassen, und wenn diese nur Grund gefaßt
hätten, hoffte ich, der »Delphin« würde mit Hilfe der Schiffswinde von
den Klippen abgebracht werden können. Allein zum Unglück fand sich
über die Untiefe hinaus kein Grund. Unser Zustand war in dieser Lage
ziemlich gefährlich zu nennen. Das Schiff schlug noch immer sehr heftig
gegen die Felsen, und wir waren von vielen hundert Kanus umringt, die
alle vollbesetzt waren. Ihrer Menge ungeachtet versuchten sie indessen
doch nicht, sich an Bord zu wagen, sondern es schien, als wollten
sie ruhig unser Scheitern erwarten. Eine ganze Stunde lang brachten
wir in dieser Gefahr voller Schreck und Angst zu, ohne daß wir zur
Befreiung des Schiffs viel unternehmen konnten. Endlich erhob sich zum
Glück ein günstiger Wind vom Lande her, und durch dessen Beihilfe kam
das Vorderteil des Schiffes wieder los. Nun ließen wir sogleich alle
Segel fallen, und es währte auch nicht lange, so geriet das Schiff in
Bewegung, und in kurzer Zeit befanden wir uns wieder in tieferem Wasser.

Darauf entfernten wir uns schleunigst von dieser gefährlichen Stelle
und schickten die Boote unter dem Winde hin, um die Untiefe gehörig
untersuchen zu lassen. Sie fanden, daß der Klippenzug sich ungefähr
anderthalb Kilometer weit gen Westen in die See erstreckte, und daß
zwischen Land und Klippenzug ein sehr guter Hafen lag. Der Bootsmann
ließ also eines unsrer Boote am Ende der Klippen stillegen und
einen Anker nebst kleinen Kabeltauen und eine tüchtige Wache an Bord
des langen Bootes bringen, um es gegen alle Angriffe der Insulaner
verteidigen zu können. Nachdem er damit fertig war, kam er selbst an
Bord zurück und führte das Schiff um die Reihe von Klippen herum in den
Hafen, wo wir um 12 Uhr in 30 Meter Tiefe auf einem guten Grunde von
schwarzem Sand endlich vor Anker kamen.

Bei genauer Untersuchung fand sich, daß an der Stelle, wo das Schiff
auf die Klippen geraten war, sich eine Reihe schroffer Korallenfelsen
erhob, und daß das Wasser innerhalb dieser Riffe sehr ungleich von 10
zu 3½ Meter tief war. Zu unserm Unglück lag diese Stelle gerade
zwischen den beiden Booten, die wir vorausgeschickt hatten, um uns die
Hafeneinfahrt zu weisen. Die Leute in den Booten vermuteten indessen
nicht, daß zwischen ihren Standplätzen eine solche Gefahr drohen könne;
denn das eine Boot gegen den Wind hin befand sich in einer Tiefe von
21 und das andere unter dem Wind in einer Tiefe von 16 Meter Wasser.
Kaum waren wir von diesen Felsenklippen losgekommen, als der Wind
stärker zu wehen anfing, und obgleich er sich bald wieder legte, ging
doch die Brandung so hoch und brach sich so ungestüm am Felsen, daß,
wenn das Schiff eine halbe Stunde länger darauf festsitzen geblieben
wäre, es unvermeidlich hätte zerschellen müssen. Wir untersuchten nun
den Kiel, konnten aber keinen andern Schaden daran entdecken, als daß
ein kleines Stück am Vorderteil des Steuerruders fehlte und vermutlich
abgebrochen sein mußte. Es schien nicht, als ob wir ein Leck bekommen
hätten. Unsere Boote büßten auf der Klippenreihe ihre kleinen Anker
ein; da wir indessen hoffen durften, daß das Schiff selbst keinen
Schaden gelitten hätte, ließen wir uns diesen Verlust nicht sehr zu
Herzen gehen. Sobald der »Delphin« gehörig gesichert war, ließ ich alle
unsere Boote bewaffnen und bemannen und schickte sie mit dem Bootsmann
aus, um den oberen Teil des Meerbusens zu untersuchen, damit wir, wenn
wir dort einen guten Ankerplatz fänden, das Schiff vermittels seiner
Anker- und Kabeltaue innerhalb des Klippenzuges weiter hinaufziehen und
alsdann sicher vor Anker legen könnten. Auf dem Klippenzuge lag eine
große Anzahl von Kanus, und die Küste wimmelte von Leuten. Das Wetter
war endlich wieder sehr angenehm geworden.

Um 4 Uhr nachmittags kam der Bootsmann mit dem Berichte zurück, daß
es in dieser Gegend überall guten Ankergrund gäbe. Ich entschloß mich
daher, am folgenden Morgen den »Delphin« die Bucht hinaufziehen zu
lassen, und teilte unterdessen die Mannschaft in vier Wachen, wovon
allezeit eine unter Gewehr bleiben mußte. Die Kanonen ließ ich alle
laden und Pulver auf die Zündlöcher streuen; in die Boote ließ ich
Musketen bringen und befestigen und befahl dem Rest der Mannschaft, der
nicht auf Wache war, daß sich ein jeder auf dem angewiesenen Platze
einfinden sollte, sobald es befohlen würde. Längs der Küste schwärmte
eine große Anzahl von Kanus umher; einige von ihnen waren sehr groß und
stark bemannt, andere, die viel kleiner waren, kamen mit Schweinen,
Federvieh und Früchten beladen zu uns ans Schiff. Wir handelten ihnen
diese Lebensmittel immer dergestalt ab, daß wir und sie mit dem Handel
zufrieden sein konnten. Bei Sonnenuntergang ruderten alle Kanus an Land
zurück.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr fingen wir an, das Schiff in den Hafen
hinaufzuziehen, und bald darauf stellte sich eine große Menge von Kanus
am Heck des »Delphins« ein. Da ich sah, daß sie Schweine, Federvieh
und Früchte an Bord hatten, befahl ich den Offizieren, diese Vorräte
gegen Messer, Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten einzutauschen,
und ordnete zu gleicher Zeit an, daß außer den hierzu ernannten
Personen niemand im ganzen Schiff sich auf den Handel einlassen dürfe.
Um 8 Uhr hatte sich die Anzahl der Kanus sehr vermehrt, und die zuletzt
herangekommenen waren große Kanus mit 12-15 Mann Besatzung. Ich sah
zu meinem größten Mißvergnügen, daß sie eher zum Krieg als zum Handel
ausgerüstet waren, indem sie fast nichts als runde Kieselsteine an
Bord hatten. Da mein erster Leutnant noch immer sehr krank war, so
ließ ich Leutnant Fourneaux holen und trug ihm auf, die zur vierten
Wache beorderten Matrosen beständig unter Gewehr zu halten, indessen
ich durch den Rest der Mannschaft das Schiff in den Hafen weiter
hinaufziehen lassen würde. Mittlerweile kamen von der Küste her
unaufhörlich neue Kanus heran, die eine ganz andere Art von Ladung an
Bord hatten, nämlich eine Anzahl von Frauen. Unterdessen zogen sich
die mit Kieselsteinen bewaffneten Kanus immer näher um unser Schiff
zusammen; einige der Insassen sangen mit rauher Stimme, andere bliesen
auf großen Muscheln, andere auf Flöten. Es währte nicht lange, so gab
ein auf einer Art von Traghimmel auf einem der größten Doppelkanus
sitzender Mann ein Zeichen, daß er neben unserm Schiff anlegen wolle.
Ich ließ meine Einwilligung erkennen, und als er hierauf dicht an das
Schiff kam, reichte er einem von unsern Matrosen ein Bündel von roten
und gelben Federn und verlangte durch Zeichen, ich solle das Geschenk
annehmen. Ich nahm es auch unter vielen Freundschaftsbezeigungen zu
mir und hieß sogleich einige Kleinigkeiten herbeibringen, um ihm
diese anzubieten. Allein zu meiner großen Verwunderung hatte er sich
während dieser Zeit schon wieder vom Schiffe entfernt und warf den
Zweig eines Kokosbaumes in die Luft. Dies war, wie ich sogleich erfuhr,
das Zeichen zum Angriff; denn auf allen Kanus erhob sich plötzlich ein
allgemeines Jauchzen. Sie ruderten schnell gegen das Schiff an und
ließen von allen Seiten her einen Hagel von Steinen hineinprasseln. Da
sie uns auf solche Weise förmlich angegriffen hatten und nichts als
unsere Waffen uns gegen eine solche Menge schützen konnte, befahl ich
der Wache zu feuern. Zwei von den auf Verdeck befindlichen Kanonen, die
ich mit Kugeln hatte laden lassen, wurden ebenfalls fast zu gleicher
Zeit abgefeuert, und die Eingeborenen gerieten dadurch in nicht geringe
Bestürzung. Doch in einigen Minuten hatten sie sich wieder erholt und
griffen uns zum zweiten Male an. Mittlerweile hatte sich ein jeder
von uns auf seinem angewiesenen Platze eingefunden; ich befahl zudem,
daß die großen Kanonen abgefeuert und einige davon stets auf einen
gewissen Punkt an der Küste gerichtet werden sollten, wo eine große
Menge von Kanus noch immer frische Mannschaft einnahm und in der
größten Geschwindigkeit gegen das Schiff heransegelte. Als das schwere
Geschütz anfing zu spielen, waren gewiß nicht weniger als 300 Kanus,
die zusammen wohl an 2000 Mann an Bord haben mochten, um den »Delphin«.
Viele Tausende waren noch an der Küste, und eine Menge anderer Kanus
kam außerdem von allen Seiten auf uns los.

Das Feuer trieb endlich die Kanus, die nahe dem Schiff hielten, hinweg
und schreckte auch die andern ab, näher zu kommen. Sobald ich sah, daß
sie sich zurückzogen und die andern sich ruhig verhielten, ließ ich
augenblicklich das Feuern einstellen in der Hoffnung, daß sie jetzt
hinlänglich überzeugt wären, wie sehr wir ihnen überlegen, und daß
sie daher das Gefecht nicht weiter fortsetzen würden. Hierin irrte
ich mich aber zum Unglück; eine große Anzahl von Kanus, die zerstreut
worden waren, stießen wieder zusammen, lagen eine kleine Zeit über
stille und beobachteten das Schiff in einer Entfernung von ungefähr
einer viertel Meile, steckten alsdann weiße Wimpel auf, ruderten
gegen das Hinterteil des Schiffes zu und fingen wie zuvor an, aus
beträchtlicher Entfernung mit großer Stärke und Geschicklichkeit Steine
hineinzuschleudern. Jeder von diesen Steinen wog ungefähr zwei Pfund,
und viele von unseren Leuten an Bord wurden durch sie verwundet; ohne
Zweifel hätten wir noch mehr Schaden gelitten, wenn nicht ein Segeltuch
zum Schutz gegen die Sonne über das ganze Verdeck aufgespannt und die
Hängematten mitten im Schiff in Netzen wären aufgehängt gewesen. Zu
gleicher Zeit näherten sich verschiedene, stark bemannte Kanus dem
Bug des Schiffes, vermutlich weil sie bemerkt hatten, daß von diesem
Teile noch kein Schuß war abgefeuert worden. Ich ließ daher einige
Kanonen nach vorn bringen, genau richten und auf diese Kanus feuern.
Zu gleicher Zeit ließ ich zwei Kanonen am Hinterteil herausführen und
diese hauptsächlich auf die Angreifenden richten.

Unter den Kanus, die gegen den Bug angriffen, befand sich eines, das
irgendeinen von ihren Anführern an Bord haben mußte, weil von diesem
Kanu aus das Zeichen gegeben worden war, auf das sich die andern
zurückgezogen hatten. Es traf sich, daß ein von den andern Kanonen
abgefeuerter Schuß eben dieses Kanu so genau traf, daß er es mitten
durchriß. Sobald die übrigen dies sahen, hielten sie nicht länger
stand, sondern zerstreuten sich so geschwind, daß binnen einer halben
Stunde kein einziges Kanu mehr zu sehen war. Das Volk, das sich vorher
an den Strand begeben hatte, floh ebenfalls in größter Eile über das
Gebirge.

Da wir nun keine begründete Besorgnis mehr zu haben brauchten, von
neuem gehindert zu werden, zogen wir das Schiff vollends in den
Hafen hinein, und um Mittag befanden wir uns kaum mehr eine halbe
Seemeile weit von dem oberen Teile des Meerbusens, nicht ganz zwei
Kabeltaulängen von einem schönen Flusse und ungefähr 90 Meter weit von
der verborgenen Klippenreihe. Wir hatten auf diesem Fleck 16 Meter
Wassertiefe, hart an der Küste waren es 9 Meter, so daß wir hier Anker
werfen konnten. Wir brachten auch die 8 Kanonen, die ich vordem in
den Schiffsraum hatte hinabschaffen lassen, wieder hinauf und an ihre
Plätze. Sobald das geschehen war, schickte ich die Boote aus, daß sie
ringsherum sondieren sollten, befahl ihnen auch, daß, wenn sich jemand
von den Eingeborenen an der Küste sollte blicken lassen, sie so gut wie
möglich die Gegend daselbst untersuchen möchten, um festzustellen, ob
wir etwa einen neuen Angriff von den Eingeborenen zu befürchten hätten.

Der ganze Nachmittag und ein Teil des folgenden Morgens wurden mit
diesen Arbeiten zugebracht. Um Mittag kam der Bootsmann mit einer
ungefähren Karte des Meerbusens zurück. Er meldete mir, daß sich
kein Kanu habe blicken lassen und daß die Landung überall bequem zu
bewerkstelligen sei. Kurz nachdem mir der Bootsmann diesen Bericht
abgestattet hatte, ließ ich alle unsere Boote bemannen und bewaffnen
und schickte damit Herrn Fourneaux nebst einer Abteilung Seesoldaten
mit dem Auftrag ab, dem Ankerplatz des Schiffes gegenüber zu landen und
unter der Bedeckung der Boote und des »Delphins« an einem vorteilhaften
Punkt Stellung zu beziehen.

[Illustration: Als er ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen
heran.]

Um 2 Uhr landeten die Boote ohne den geringsten Widerstand. Herr
Fourneaux richtete alsbald einen Mast auf, ließ den Wimpel flattern,
ein Stück Rasen umgraben und nahm damit von der Insel im Namen Seiner
Majestät Besitz, zu deren Ehren er sie »König Georgs des Dritten Insel«
nannte. Hierauf ging er an den Fluß und kostete das Wasser, das er
von vortrefflichem Geschmack fand; er ließ also etwas davon schöpfen,
goß ein wenig Rum dazu, und seine Leute tranken eine Runde auf die
Gesundheit Seiner Majestät.

An dem Flusse, der 12 Meter breit und so seicht war, daß man
hindurchwaten konnte, erblickte er jenseits zwei alte Männer, die,
sobald sie sich entdeckt sahen, eine flehende Stellung annahmen und
dabei sehr bestürzt und erschrocken zu sein schienen. Herr Fourneaux
winkte ihnen, daß sie über den Fluß kommen sollten, was auch der eine
tat. Als er diesseits ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen zu
Herrn Fourneaux heran. Dieser hob ihn aber sogleich auf und zeigte ihm,
als er zitternd dastand, einige der ins Schiff geworfenen Steine, wobei
er ihm zu verstehen gab, daß wir unsrerseits den Eingeborenen keinen
Schaden tun würden, wenn sie nicht selbst versuchten, uns anzugreifen.
Er ließ zwei von den Wasserfässern füllen, um zu zeigen, daß wir Wasser
verlangten, und wies ihm einige Beile und andere Dinge, zum Zeichen,
daß wir Lebensmittel dagegen eintauschen wollten. Während dieser
pantomimischen Unterredung faßte der alte Mann wieder einigen Mut, und
Herr Fourneaux schenkte ihm zur Bestätigung seiner Freundschaft ein
Beil, etliche Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Hierauf stieg
er mit seinen Leuten wieder in die Boote und ließ den Wimpel wehend am
Strande zurück.

Sobald die Boote vom Lande abgestoßen waren, ging der Greis zu
dem Wimpel hin und tanzte eine geraume Zeit lang um ihn herum;
dann entfernte er sich, kam aber bald nachher mit einigen grünen
Zweigen zurück, die er hinwarf, um sich alsbald zum zweiten Male
hinwegzubegeben. Doch währte es nicht lange, so kam er in Begleitung
von zwölf andern wieder zum Vorschein; alle nahmen eine demütige
Haltung ein und näherten sich langsam und ehrfurchtsvoll dem Wimpel.
Weil er aber zufällig im Winde stark flatterte, als sie ihm nahe
kamen, flohen sie in größter Bestürzung. Nachdem sie eine kleine
Zeitlang von ferne gestanden, gingen sie plötzlich davon und brachten
dann zwei lebendige Schweine zurück, die sie am Fuße des Wimpelmastes
niederlegten. Endlich faßten sie Mut und fingen an zu tanzen. Als diese
Zeremonie beendet war, brachten sie die Schweine an den Strand hinab,
stießen ein Kanu ins Wasser und legten die Schweine hinein. Der Greis,
der einen langen weißen Bart hatte, setzte sich sodann ganz allein zu
diesen Tieren und brachte sie ans Schiff. Als er neben dem »Delphin«
anlegte, reichte er uns einige grüne Bananenblätter nacheinander
herein und sprach bei jedem in einem feierlichen, langsamen Tone ein
paar Worte. Nachdem er endlich damit fertig war und auch die Schweine
hereingereicht hatte, drehte er sich um und wies auf das Land. Ich
befahl, ihm einige Geschenke zu geben, die er aber nicht annahm. Kurz
darauf stieß er sein Kanu vom Schiffe ab und fuhr ans Land zurück.

Bald nachdem es finster geworden war, hörten wir das Lärmen vieler
Trommeln, großer Muscheltrompeten und anderer Blasinstrumente. Wir
sahen auch eine Menge Lichter längs der ganzen Küste sich bewegen.

Um 6 Uhr des Morgens, als wir keinen von den Eingeborenen an der Küste
erblickten, dagegen aber den Wimpel entfernt sahen -- den die Insulaner
vermutlich, wie in der Fabel die Frösche ihren königlichen Klotz,
hatten verachten lernen --, befahl ich dem Leutnant, eine Wache mit
an Land zu nehmen und, wenn alles ruhig wäre, es uns zu melden, damit
wir mit der Füllung unserer Wasserfässer beginnen könnten. Bald darauf
ließ er mir zu meiner Freude melden, daß er bereits eine Anzahl von
Wasserfässern habe an Land bringen lassen; um 3 Uhr hatten wir schon
4 Tonnen voll an Bord. Während unsere Leute mit dem Füllen beschäftigt
waren, erschienen einige von den Eingeborenen am jenseitigen Ufer unter
Anführung des Greises, den der Offizier am Tage vorher gesehen hatte.
Bald kam der alte Mann herüber und brachte einige Früchte und etwas
Federvieh mit, das uns dann an Bord geschickt wurde.

Ich war um diese Zeit schon seit ungefähr 14 Tagen sehr krank und
befand mich eben damals so schwach, daß ich kaum herumkriechen
konnte. Da ich nun nicht selbst an Land gehen konnte, gebrauchte ich
mein Fernglas, um vom Schiffe aus zu sehen, was an Land vorging. Um
9 Uhr kam eine Menge von Eingeborenen über den Berg marschiert, der
ungefähr eine Meile weit von dem Strome ab liegen mochte. Zu gleicher
Zeit entdeckte ich eine große Anzahl von Kanus, die um die westliche
Landspitze herumliefen und längs der Küste sich näherten. Ich blickte
hierauf nach der Wasserstelle und bemerkte dahinter, wo die Aussicht
freilag, eine zahlreiche Schar von Eingeborenen, die unter den
Gebüschen hinschlichen. Zugleich entdeckte ich eine unzählbare Menge
Wilder, die in den Wäldern gegen die Wasserstelle anrückten, und noch
mehrere Kanus, die sehr schnell um die andere Landspitze der Bucht
gegen Osten herkamen.

Ich erschrak über diese Anstalten und fertigte sogleich ein Boot ab, um
dem Offizier am Lande hinterbringen zu lassen, was ich gesehen hatte,
und ihm zu befehlen, augenblicklich mit seiner Mannschaft wieder an
Bord zurückzukommen, ja, im Notfall die Fässer zurückzulassen. Jedoch
er hatte bereits die ihm drohende Gefahr selbst entdeckt und war
ungeheißen an Bord seines Bootes gegangen, noch ehe meine Botschaft ihn
erreichte. Sobald er inne ward, daß die Eingeborenen sich den Schatten
des Waldes zunutze machten, um heimlich gegen ihn heranzuschleichen,
schickte er sogleich den Greis an sie ab und gab ihnen durch Zeichen zu
verstehen, daß sie in einer gewissen Entfernung bleiben sollten, und
daß er nichts als Wasser verlange. Als sie merkten, daß sie entdeckt
waren, fingen sie an, zu rufen, und rückten noch geschwinder gegen
ihn an. Der Offizier zog sich augenblicklich mit seiner Mannschaft
in die Boote zurück. Während seines Rückzuges waren die Eingeborenen
über den Fluß gegangen und hatten unter lautem Freudengeschrei Besitz
von den Wasserfässern genommen. Ihre Kanus fuhren nun aufs schnellste
längs der Küste zum Wasserplatze, und alles Volk lief ebendahin. Eine
Menge von Frauen und Kindern aber rannte auf einen Berg, von wo aus
sie den Meerbusen und den Strand übersehen konnten, und ließ sich hier
nieder. Sobald die Kanus von beiden Landspitzen der Bucht her in die
Gegend kamen, wo unser Schiff vor Anker lag, stießen sie an Land und
nahmen noch immer mehr Leute auf, die große Säcke trugen. Diese waren,
wie sich später herausstellte, mit Steinen gefüllt. Nunmehr näherten
sich alle Kanus unserem Schiffe. Ich durfte also wohl nicht mehr
länger daran zweifeln, daß die Eingeborenen ihr Kriegsglück in einem
neuen Angriff zu versuchen trachteten. Da nun meiner Meinung nach das
sicherste Mittel zur Verminderung des Unheils war, den Kampf möglichst
kurz zu gestalten, beschloß ich, ein für alle Male den Feindseligkeiten
ein entschiedenes Ende zu machen.

Ich befahl daher meinen Leuten, die alle die ihnen angewiesenen
Plätze eingenommen hatten, zunächst auf die Kanus zu feuern, welche
schon in hellen Haufen auf dem Plan erschienen. Dies geschah auch
augenblicklich mit solchem Nachdruck, daß alle Kanus im Westen der
Bucht in voller Hast an den Strand eilten, während die im Osten
alsbald um die Klippenreihe herumruderten, um sich der Wirkung unserer
Kanonen zu entziehen. Darauf richtete ich das Feuer nach verschiedenen
Gegenden des Waldes, so daß die Eingeborenen bald daraus vertrieben
wurden und den Berg hinaufrannten, wo die Frauen und Kinder sich
niedergesetzt hatten, um der Schlacht zuzusehen. Auf diesem Berge
befanden sich nunmehr viele Tausende, die sich hier für vollkommen
sicher hielten. Um sie aber vom Gegenteil zu überzeugen, befahl ich,
vier Schüsse gegen sie abzufeuern. Ich dachte, wenn die Eingeborenen
unsere Kugeln ungleich weiter fliegen sähen, als sie erwarteten, würden
sie befürchten, wir könnten so weit schießen, wie wir überhaupt nur
wollten. Zwei von den Kugeln fielen hart an einem Baume nieder, unter
dem eine große Menge versammelt saß, und jagten dieser einen solchen
Schrecken ein, daß nach 2 Minuten keine Seele mehr zu sehen war.

Als ich nun die Küste völlig gesäubert hatte, bemannte und bewaffnete
ich die Boote, schickte unter großer Bedeckung meine Zimmerleute
mit ihren Äxten ab und befahl ihnen, alle zurückgelassenen Kanus zu
zerstören. Noch vor Mittag war diese Arbeit vollendet, und mehr als
50 Kanus, von denen viele wohl gegen 20 Meter lang, 1 Meter breit und
zu je zweien durch Balken miteinander verbunden waren, lagen zerstückt
am Strande. Man fand in ihnen nichts als Steine und Schleudern, nur an
Bord zweier viel kleinerer Kanus waren einige wenige Früchte, etwas
Federvieh und einige Schweine.

Um 2 Uhr nachmittags kamen gegen zehn Eingeborene aus dem Walde
hervor mit grünen Zweigen in den Händen, die sie am Strande in die
Erde steckten; alsdann gingen sie wieder fort. Bald nachher brachten
sie Schweine, denen sie die Füße festgebunden hatten. Hierauf holten
sie aus dem Walde etliche Bündel von dem Zeuge, dessen sie sich zur
Kleidung bedienen, und das dem chinesischen Papier einigermaßen ähnlich
sieht, legten diese gleichfalls am Strande nieder und riefen uns zu,
daß wir alle Sachen abholen möchten. Da wir ungefähr 3 Kabeltaulängen
von der Küste entfernt lagen, konnten wir nicht genau erkennen, woraus
dieses Sühneopfer im einzelnen bestand. Daß es Schweine und auch
ein ganzer Ballen von ihrem heimischen Zeuge sein mochte, errieten
wir. Als wir aber auch andere Tiere, mit ihren Vorderfüßen über dem
Nacken gebunden, verschiedene Male aufstehen und eine kleine Strecke
auf den Hinterfüßen fortlaufen sahen, hielten wir sie für seltsame,
uns unbekannte Wesen und waren daher sehr neugierig, sie näher zu
betrachten. Ein Boot wurde also schnell an Land geschickt, wo natürlich
die Verwunderung sich bald löste: es waren nämlich Hunde. Unsere Leute
fanden außer den Hunden und dem Zeuge neun tüchtige Schweine. Diese
wurden an Bord gebracht, die Hunde dagegen ließ man los, auch das Zeug
blieb am Lande liegen. Für die Schweine legten unsere Leute einige
Beile, Nägel und andere Dinge auf dieselbe Stelle hin und winkten
einigen von den Eingeborenen, die sich sehen ließen, daß sie unsre
Gegengaben nebst ihrem Zeuge abholen und behalten sollten. Bald nachdem
das Boot am Schiff wieder angelegt hatte, brachten die Insulaner noch
zwei Schweine und machten uns Zeichen, diese zu holen. Das Boot kehrte
demnach an Land zurück und brachte die beiden Schweine mit, ließ das
Zeug jedoch wieder unbeachtet liegen, obwohl uns die Eingeborenen zur
Mitnahme aufforderten. Unsere Leute berichteten mir, daß die Wilden
von all den Sachen, die ich für sie auf den Strand hatte hinlegen
lassen, nichts angerührt hätten; einer von uns war der Meinung, daß sie
die Geschenke deswegen nicht nehmen mochten, weil wir auch das Zeug
abgewiesen hätten, weshalb ich befahl, nunmehr auch dieses zu holen.
Der Ausgang bewies die Richtigkeit dieser Meinung. Denn sobald das Boot
das Zeug eingeladen hatte, kamen die Insulaner herab und trugen alles,
was ich ihnen geschickt hatte, unter den größten Freudekundgebungen mit
sich in den Wald fort. Unsere Leute liefen hierauf an der Küste bis zu
dem Ort hin, wo es frisches Wasser gab. Hier füllten sie alle unsere
Wasserfässer, die fast 6 Tonnen hielten, und brachten diese zum Schiff.
Wir fanden, daß die Fässer, während sie im Besitz der Eingeborenen
gewesen waren, keinen Schaden erlitten hatten, büßten aber einige
lederne Eimer und Schläuche ein, die mit den Fässern zugleich in ihre
Gewalt geraten und nicht wieder zurückgegeben worden waren.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote mit einer Wache an Land,
um noch mehr Fässer mit Wasser füllen zu lassen; bald nachdem die
Mannschaft gelandet war, erschien ebenderselbe Greis, der am ersten
Tage über den Fluß zu ihnen gekommen war, wiederum am jenseitigen
Ufer und hielt von da aus eine lange Rede an unsere Leute, nach deren
Beendigung er endlich zu uns herüberkam.

Als er nahe genug war, zeigte ihm der Offizier die Steine, die wie
Kanonenkugeln am Strande aufgehäuft und seit unsrer ersten Landung
dahin gebracht worden waren; er wies ihm auch einige Säcke voller
Steine, die man in den auf meinen Befehl zerstörten Kanus gefunden
hatte. Er gab sich Mühe, dem alten Manne begreiflich zu machen, daß
seine Landsleute der angreifende Teil gewesen wären, und daß wir nur
aus Notwehr ihnen hätten schaden müssen. Der Greis schien zu begreifen,
was der Offizier sagen wollte, über die Frage des Angriffs aber nicht
gleicher Meinung mit ihm zu sein. Er hielt indessen sogleich eine Rede
an das Volk, wies mit großer Rührung auf die Steine, Schleudern und
Säcke, und bisweilen waren seine Blicke, Stimme und Gebärden drohend
und aufs höchste erregt. Doch nach und nach legte sich der Sturm seiner
Leidenschaften wieder, und der Offizier, der es herzlich bedauerte, daß
er von der ganzen Rede nicht ein Wort hatte verstehen können, bestrebte
sich, ihn durch Beihilfe aller nur möglichen Zeichen zu bereden,
daß wir in Freundschaft mit ihnen zu leben und von Herzen gern alle
Beweise unserer guten Gesinnung zu geben wünschten. Zur Bestätigung
dessen reichte er ihm die Hand, umarmte ihn und schenkte ihm einige
Kleinigkeiten, die er sich selbst aussuchen durfte. Der Offizier
konnte außerdem dem Greise verständlich machen, daß wir Lebensmittel
einzuhandeln wünschten, daß die Eingeborenen aber nicht in zu großer
Zahl kommen und auf der einen Seite des Flusses, wie wir auf der andern
bleiben sollten. Hierauf ging der Greis sichtlich befriedigt hinweg,
und noch vor Mittag kam ein ordentlicher Handel zustande, vermittels
dessen wir Schweine, Federvieh und Früchte genug bekamen, daß das
gesamte Schiffsvolk, ob krank oder gesund, reichlich und so viel von
diesen Lebensmitteln erhielt, als es nur verzehren konnte.

Als die Angelegenheit nun glücklicherweise so gut beigelegt war,
schickte ich den Schiffsarzt mit dem zweiten Leutnant ab, das Land in
Augenschein zu nehmen, um irgendwo einen bequemen Platz auszusuchen,
wo ich für die Kranken Landwohnungen aufschlagen könnte. Als sie
zurückkamen, meldeten sie, daß die ganze Insel, soweit sie sie gesehen
und untersucht hätten, hierzu überall gleich bequem und gesund sei.
Wenn es aber zudem auf Sicherheit ankäme, so könnten sie nur die
Wasserstelle empfehlen, weil allda die Kranken sowohl vom Schiffe als
von der Wache her geschützt wären. Man würde sie zugleich an diesem
Orte leicht beaufsichtigen können, daß sich keiner von ihnen allzu
tief ins Land hineinwagte; man würde sie endlich von dort auch leicht
zu den Mahlzeiten rufen können. Ich schickte daher die Kranken nebst
den Leuten, die Wasser holen sollten, zur Wasserstelle und übertrug
dem Waffenoffizier das Kommando über die Bedeckungsmannschaften.
Um die Kranken gegen Sonne und Regen zu schützen, wurde ein Zelt
aufgeschlagen, und ich ließ den Schiffsarzt mit an Land gehen, damit er
über ihr Wohlbefinden wachen und die nötigen Maßnahmen treffen könnte.

Als das Zelt aufgeschlagen war und er die Kranken ziemlich versorgt
hatte, nahm der Arzt eine Flinte unter den Arm und ging ein wenig
spazieren. Unterwegs traf es sich, daß eine wilde Ente über seinem
Kopfe dahinflog, er schoß also nach ihr und traf sie so gut, daß sie
mitten unter eine Gruppe der Eingeborenen jenseits des Flusses tot
niederfiel. Das jagte den Wilden einen solchen Schrecken ein, daß sie
im ersten Augenblick alle davonliefen. Erst nach einer ganzen Strecke
blieben sie wieder stehen. Er winkte ihnen nunmehr zu, sie sollten
ihm die Ente herüberbringen. Einer von ihnen traute sich vor, kam
über den Fluß und legte blaß und zitternd das Tier zu seinen Füßen
nieder. In ebendiesem Augenblick flogen noch verschiedene andere
Enten von ungefähr an dem Schützen vorbei. Er schoß also wieder und
traf glücklicherweise noch drei davon. Dieser Vorfall flößte den
Eingeborenen eine solche Furcht vor der Feuerwaffe ein, daß sie, wenn
man ihnen eine Flinte wies, sofort wie eine Herde Schafe davonliefen.

Da ich mir im voraus vorstellen konnte, daß zwischen denjenigen
von unseren Leuten, die am Lande waren, und den Eingeborenen ein
Schleichhandel nicht ausbleiben würde, und daß, wenn man sie in dieser
Sache nach ihrem Gutdünken ungestört handeln ließe, nichts als Unheil
und Zwistigkeiten daraus entstehen würden, befahl ich, daß aller Handel
zwischen beiden Parteien durch die Hände des Waffenoffiziers gehen und
von ihm ganz allein betrieben werden solle. Ich trug ihm auf, ernstlich
darauf zu achten, daß unsere Leute den Insulanern kein Unrecht täten,
weder durch Gewalt noch durch Betrug; er solle sich ferner auf alle
Weise bestreben, den alten Mann, der sich uns hilfreich erwiesen, zum
Freunde zu behalten. Der Offizier entledigte sich dieses Auftrags mit
großer Gewissenhaftigkeit. Wir hatten dem erwähnten Greise vieles zu
verdanken. Durch seine Vorsicht brachte er unsere Leute dahin, daß sie
gegen die Insulaner beständig auf ihrer Hut waren, und wenn er sah, daß
der eine oder der andere vom Zeltort sich entfernte, geleitete er ihn
jedesmal wieder dahin zurück. Die Eingeborenen stahlen zwar bisweilen
etwas, doch durch die bloße Furcht vor einer Flinte, die in Wahrheit
nie ernstlich gebraucht wurde, konnte der Waffenoffizier die Rückgabe
der entwendeten Gegenstände erzwingen.

Eines Tages schlich sich ein Kerl unbemerkt über den Fluß und stahl
ein Beil. Sobald der Waffenoffizier den Verlust bemerkte, gab er dem
Greise zu verstehen, was vorgefallen war, und tat, als ob er sich mit
allen seinen Leuten fertigmachen wolle, um in den Wald zu marschieren
und dem Diebe nachzusetzen. Allein, der Greis gab ihm durch Zeichen zu
verstehen, daß er sich diese Mühe sparen könne. Er ging sofort allein
in den Wald und brachte auch bald darauf das Beil wieder. Alsdann drang
der Waffenoffizier darauf, auch den Dieb in seine Hände zu bekommen;
zwar ließ sich der alte Mann offenbar nur schwer dazu bewegen, tat es
aber endlich doch. Als der Kerl herbeigebracht wurde, erkannte ihn der
Offizier sofort als einen von denen wieder, die uns schon mehrmals
bestohlen hatten, und schickte ihn daher gefangen an Bord. Ich war
nicht gesonnen, das Verbrechen anders als durch die bloße Furcht
vor Bestrafung zu ahnden, setzte den Dieb daher nach vielen Bitten
und Fürbitten wiederum in Freiheit und schickte ihn an Land. Ob die
Eingeborenen über seine glückliche Rückkehr mehr erstaunt oder erfreut
waren, ist schwer zu entscheiden. Soviel aber ist gewiß, sie empfingen
ihn mit Frohlocken und führten ihn in die Wälder mit sich fort. Den
folgenden Tag kam unser wieder in Freiheit gesetzter Gefangener
freiwillig zurück und brachte dem Waffenoffizier einen beträchtlichen
Vorrat an Brotfrucht und ein gebratenes Schwein, vermutlich um den
Offizier wieder mit sich auszusöhnen.

Um diese Zeit beschäftigten sich meine Leute an Bord, das Oberdeck des
Schiffes zu kalfatern und neu zu streichen, wickelten das Takelwerk
auseinander und brachten es in Ordnung, räumten auch das Magazin auf.
Kurz, ein jeder tat in seiner Art, was notwendig war. Unterdessen
hatte meine Krankheit, die eine Art Gallenkolik war, sich so sehr
verschlimmert, daß ich an diesem Tage bettlägerig wurde. Das ganze
Kommando fiel also an den ersten Offizier. Diesem gab ich seine
Verhaltungsmaßregeln und ermahnte ihn, auf die Landmannschaft ganz
besonders achtzugeben. Ich ordnete auch an, daß man dem Schiffsvolk
Früchte und frische Lebensmittel reichen sollte, solange dergleichen
nur zu bekommen wäre, und daß nach Sonnenuntergang die Boote niemals
vom Schiffe abwesend sein dürften.

Eines Nachmittags kam der Waffenoffizier mit einer Frau an Bord; sie
war von großer Statur, mochte ungefähr 45 Jahre alt sein und hatte
außer einer angenehmen Gesichtsbildung einen wirklich majestätischen
Anstand. Er sagte mir, sie sei erst kürzlich in diese Gegend des Landes
gekommen, und da er beobachtet hätte, daß die andern Eingeborenen viel
Ehrfurcht vor ihr bezeigten, habe er ihr einige Geschenke gemacht.
Um diese zu erwidern, habe sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, die
ungefähr zwei Kilometer talaufwärts liege, und dort habe sie ihm einige
recht große Schweine geschenkt. Nachher sei sie mit ihm nach der
Wasserstelle zurückgegangen und habe Verlangen bezeigt, mit an Bord des
Schiffes zu gehen. Er habe es für ratsam gehalten, ihr Verlangen zu
erfüllen, und habe sie begleitet. Sie schien gleich beim Betreten des
Schiffes ganz ohne Mißtrauen und Furcht, überhaupt ganz ungezwungen zu
sein, und die ganze Zeit über, die sie an Bord bei uns war, betrug sie
sich mit einer ungekünstelten Freimütigkeit, die man bei allen Personen
zu bemerken pflegt, die sich ihrer Vorzüge bewußt und zu herrschen
gewohnt sind. Ich gab ihr einen großen blauen Mantel, der ihr von
den Schultern bis auf die Füße hinabreichte, hing ihr diesen um und
band ihn mit Bändern fest. Auch gab ich ihr einen Spiegel, Glasperlen
und viele andre Sachen mehr. Alles nahm sie auf die würdigste Art an
und bezeigte ihr Wohlgefallen darüber. Sie bemerkte, daß ich krank
gewesen war, und wies aufs Land. Ich deutete mir das so aus, als ob sie
meinte, ich solle dahin gehen, um meine Gesundheit wieder vollkommen
herzustellen, und gab ihr also durch Zeichen zu verstehen, daß ich
den anderen Morgen ihren Rat befolgen wolle. Als sie sich endlich
anschickte, wieder zurückzukehren, befahl ich dem Waffenoffizier, sie
zu geleiten. Nachdem er sie an Land gebracht hatte, begleitete er
sie ganz nach ihrer Wohnung und beschrieb mir diese nachher als sehr
groß und wohlgebaut. Er sagte, sie habe viele Leibwachen und Bediente
in diesem Hause, und in einiger Entfernung noch ein anderes Gebäude,
welches von einer Art Gitterwerk umgeben sei.

Den folgenden Morgen ging ich also zum ersten Male an Land, und meine
Fürstin oder vielmehr Königin -- denn ihrem Ansehen nach schien sie
einen solchen Rang zu haben -- kam bald nachher mit einer zahlreichen
Begleitung zu mir. Da sie bemerkte, daß ich von meiner Krankheit noch
sehr schwächlich war, befahl sie ihren Leuten, mich auf ihre Arme zu
nehmen und nicht nur über den Fluß, sondern auch den ganzen Weg bis an
ihr Haus zu tragen. Weil sie beobachtete, daß einige meiner Begleiter,
insbesondere der erste Leutnant und der Schiffszahlmeister, ebenfalls
krank gewesen waren, ließ sie auch diese auf die gleiche Art tragen.
Ich hatte, als ich an Land ging, eine Leibwache mitgenommen, und diese
folgte uns bei diesem Aufzuge nach. Unterwegs drängte sich eine sehr
große Volksmenge um uns herum, sobald aber die Herrscherin mit ihrer
Hand einen Wink gab, wichen die Eingeborenen zurück und machten vor uns
Platz, ohne daß sie auch nur ein Wort gesprochen hätte.

[Illustration: Der Schiffsarzt nahm die Perücke vom Kopfe.]

Als wir uns ihrem Hause näherten, kam uns eine große Zahl Leute
beiderlei Geschlechts entgegen. Sie stellte mir alle Leute vor und gab
mir zu verstehen, daß dies alles Anverwandte von ihr wären. Hierauf
faßte sie meine Hand und reichte sie der ganzen Verwandtschaft zum
Küssen dar. Endlich betraten wir das Haus, das etwa 100 Meter lang
und 12 Meter breit war. Es bestand aus einem mit Palmzweigen bedeckten
Dache und ruhte auf Pfosten, deren sich auf jeder Seite 39 und in
der Mitte 14 befanden. Bis an die oberste Dachspitze gerechnet, war
das Gebäude innen etwa 10 Meter hoch, die Pfosten aber, auf denen
das Dach am Rande ruhte, waren nur etwa 4 Meter hoch. Unterhalb des
Daches waren die Seiten alle frei und offen. Sobald wir das Innere
des Hauses betreten hatten, nötigte die Königin uns zum Niedersitzen
und rief sogleich vier junge Mädchen. Als diese herbeikamen, ließ sie
sich von ihnen helfen, mir Schuhe, Strümpfe und den Rock auszuziehen,
sodann befahl sie ihnen, mir die Haut mit ihren Händen ganz leicht zu
massieren. Das gleiche ließ sie mit dem kranken Schiffszahlmeister und
dem ersten Offizier vornehmen. Während diese Kur an uns vorgenommen
wurde, suchte sich der Schiffsarzt, der sich auf dem Gange hierher
sehr erhitzt hatte, ein wenig abzukühlen, und nahm in dieser Absicht
seine Perücke vom Kopfe. Einer von den Eingeborenen bemerkte das und
gab seinem Staunen durch einen lauten Schrei Ausdruck. Das lenkte die
Aufmerksamkeit aller übrigen so sehr auf den guten Chirurgus, daß in
einem Augenblick aller Augen auf das Wunderding geheftet und mit einem
Male alle Verrichtungen unterbrochen waren. Die ganze Versammlung
stand einige Zeit über in sprachlosem Erstaunen ganz unbeweglich
da. Sie hätten sich wahrhaftig nicht erstaunter anstellen können,
wenn sie gesehen hätten, daß unser Landsmann sich alle Glieder vom
Leibe geschraubt hätte. Endlich gingen die jungen Mädchen, die uns
massierten, wiederum an ihre Arbeit, und als sie diese ungefähr eine
halbe Stunde lang fortgesetzt hatten, kleideten sie uns wieder an.
Man kann sich indessen leicht vorstellen, wie ungeschickt sie sich
dabei benahmen. Indessen bekam sowohl mir als dem Leutnant und dem
Schiffszahlmeister die Massage sehr wohl.

Bald darauf ließ unsere gütige Wohltäterin einige Ballen von
landesüblichem Rindenzeug herbeibringen und kleidete mich nebst meiner
ganzen Gesellschaft mit diesem Zeuge nach der Mode ihres Landes.
Anfangs verbat ich mir diese Gunstbezeigung. Weil ich indessen nicht
gerne den Eindruck erwecken wollte, als ob mir das nicht gefiele, was
in bester Absicht mit mir geschah, ließ ich mich endlich nach ihrem
Willen kleiden.

Als wir weggingen, befahl sie, daß ein sehr großes und tüchtiges
Mutterschwein zum Boot hinabgebracht werden sollte, und sie selbst
begleitete uns in Person dahin. Sie hatte ihren Landsleuten geheißen,
mich wie auf dem Herwege auf den Armen zu tragen. Da ich aber jetzt
lieber gehen wollte, so bot sie mir den Arm, und sooft wir an eine
Wasserpfütze oder eine morastige Stelle kamen, hob sie selbst mich
hinüber und das offenbar mit ebenso geringer Mühe, als es in gesunden
Tagen mich würde gekostet haben, ein Kind hinüberzuheben.

Am folgenden Morgen schickte ich ihr durch den Waffenoffizier sechs
Beile, sechs Sicheln und noch verschiedene andere Dinge. Bei seiner
Zurückkunft meldete mir der Offizier, daß er sie bei der Mahlzeit
angetroffen, und daß sie in ihrem großen Hause eine erstaunliche Anzahl
von Leuten, die seiner Schätzung nach sich auf mindestens 1000 Personen
belaufen mußte, mit einem Gastmahl bewirtet habe. Die Speisen wurden
bei dieser Gelegenheit alle von den Bedienten, die sie zubereitet
hatten, aufgetragen. Das Fleisch war in Kokosnußschalen gefüllt.
Diese waren in hölzerne Tröge gesetzt, die unseren Fleischermulden
einigermaßen ähnlich sahen, und die Regentin teilte diese Speisen
eigenhändig an die Gäste aus, die im Hause rundherum in Reihen saßen.
Als sie mit der Austeilung der Gerichte fertig war, setzte sie sich
selbst auf einem etwas erhöhten Sitze nieder; zwei Mädchen stellten
sich alsdann zu ihren beiden Seiten auf und reichten ihr die Speisen
so zu, daß sie nur den Mund aufzumachen brauchte, um sie zu genießen.
Sobald sie des Waffenoffiziers ansichtig wurde, ließ sie ihm auch
gleich eine Mahlzeit auftragen. Er konnte nicht eigentlich sagen, was
es war, das er aß; er hielt es für kleingehacktes Hühnerfleisch mit
daruntergeschnittenen Äpfeln, in Salzwasser zurechtgemacht. Es war
alles sehr schmackhaft zubereitet. Die Königin nahm die Geschenke, die
ich ihr schickte, mit großem Vergnügen an. Als wir auf solche Art mit
ihr in ein gutes Einvernehmen gekommen waren, fanden wir, daß weit mehr
Lebensmittel aller Art als zuvor auf den Markt gebracht wurden. Allein,
obgleich alle Tage Federvieh und Schweine genug ankamen, mußten wir
diese Dinge doch teurer bezahlen als im Anfang.

Eines Tages erblickte der Waffenoffizier, der noch immer des Handels
wegen am Lande blieb, eine alte Frau jenseits des Flusses, die
bitterlich weinte. Sobald sie merkte, daß sie seine Aufmerksamkeit
erregt hätte, schickte sie einen Jüngling, der mit ihr gekommen war,
mit einem Bananenzweige in der Hand über den Fluß zu ihm hinüber. Als
der junge Mensch vor ihm stand, hielt er eine lange Rede und legte
alsdann seinen Zweig zu des Waffenoffiziers Füßen nieder. Darauf ging
er zurück, die alte Frau selbst zu holen, während ein anderer Mann zwei
große gemästete Schweine herbeibrachte. Die Frau sah unsere Leute einen
nach dem andern an und brach abermals in Tränen aus. Als der Jüngling,
der sie über den Fluß gebracht hatte, das Mitleid und Erstaunen des
Offiziers sah, hielt er eine zweite große Rede, die länger als die
vorhergehende war, nach deren Ende man aber die Ursache, warum die
Frau so jämmerlich weinte, ebensowenig wußte als vorher. Endlich gab
sie zu verstehen, daß ihr Mann und drei von ihren Söhnen beim Angriff
auf das Schiff umgekommen wären. Während dieser Erklärung wurde sie
von ihrem Kummer so ergriffen, daß sie zuletzt nicht mehr reden konnte
und ohnmächtig niedersank; die zwei Jünglinge, die sie in ihren Armen
hielten, schienen ähnlich bewegt zu sein. Vermutlich waren es zwei
andere ihrer Söhne oder doch nahe Blutsverwandte. Der Waffenoffizier
tat alles, was nur möglich war, um ihre Betrübnis zu lindern. Sobald
sie nur einigermaßen wieder getröstet war, befahl sie, daß man ihm die
beiden Schweine bringen solle, und reichte ihm die Hand zum Zeichen
ihrer Freundschaft, sie wollte aber nichts dagegen annehmen, obwohl er
ihr den zehnfachen Marktpreis dafür geboten hatte.

Am folgenden Morgen schickte ich den zweiten Leutnant mit allen Booten
und 60 Mann nach Westen, um das Land in Augenschein zu nehmen und
festzustellen, was man von dorther etwa bekommen könne. Um Mittag kam
er zurück, er war diese Zeit über ungefähr 6 Kilometer weit längs der
Küste hinmarschiert. Er fand das Land sehr anmutig und bevölkert und
auch mit Federvieh, Schweinen, Früchten und Pflanzen reich gesegnet.
Die Einwohner taten ihm nichts zuleide, schienen aber auch nicht
geneigt zu sein, ihm irgend etwas von ihren Waren zu verkaufen, nicht
einmal Früchte, die unsere Leute am liebsten eingehandelt hätten. Doch
überließen sie ihm zuletzt einige Kokosnüsse und Bananen und verkauften
ihm schließlich auch einiges Federvieh und 9 Schweine. Der Leutnant
war der Meinung, man könne die Eingeborenen dort mit der Zeit schon
dahin bringen, daß sie aus freien Stücken mit uns Handel trieben.
Allein, diese Gegend lag zu weit vom Schiffe entfernt, so daß man
jedesmal eine größere Bedeckungsmannschaft hätte mitgeben müssen. Er
sah eine große Anzahl geräumiger Kanus, die die Einwohner auf den
Strand gezogen hatten, und andere, an denen noch gebaut wurde. Er fand,
daß alle ihre Werkzeuge aus Steinen, aus Muschelschalen und Knochen
verfertigt waren, und schloß daraus, daß sie ganz und gar kein Metall
besäßen. Auch fand er keine anderen vierfüßigen Tiere als Schweine und
Hunde, desgleichen keine irdenen Gefäße. Alle ihre Speisen mußten daher
gebacken oder gebraten werden. Weil sie also keinerlei Kochgeschirr
hatten, konnten sie auch Wasser nicht sieden machen. Als die Königin
eines Morgens mit uns an Bord des Schiffes frühstückte, sah einer von
ihren Begleitern, der ein angesehener Mann war und einer von denen,
die wir für Priester hielten, daß der Schiffsarzt den Hahn an einer
Teemaschine umdrehte und auf diese Weise eine Teekanne, die auf der
Tafel stand, mit Wasser füllte. Nachdem er das mit großer Neugierde
und Aufmerksamkeit mitangesehen hatte, ging er, um die Sache selbst
zu untersuchen, näher hin, drehte den Hahn um und fing das Wasser mit
der Hand auf. Man kann sich vorstellen, wie sehr er sich verbrannte!
Kaum war das geschehen, so fing er voller Schrecken ganz rasend an zu
schreien und sprang vor Schmerz mit den lächerlichsten Gebärden in der
Kajüte umher. Die anderen Eingeborenen konnten gar nicht begreifen, was
ihm fehle. Sie staunten ihn daher mit Verwunderung an und ließen das
äußerste Entsetzen blicken. Indessen legte ihm der Schiffsarzt, der
unschuldigerweise die Ursache dieses ganzen Unfalls gewesen war, ein
kühlendes Mittel auf; es währte aber doch eine ganze Zeit, bis der arme
Schelm Linderung bekam.

Die Königin war jetzt verschiedene Tage über abwesend gewesen. Die
Eingeborenen gaben uns indessen durch Zeichen zu verstehen, daß wir
demnächst einen Besuch von ihr zu erwarten hätten. Am folgenden Morgen
kam sie auch wirklich an den Strand hinab, und bald darauf brachte
eine große Menge von Leuten, die wir bisher noch nie gesehen hatten,
Lebensmittel aller Art zu Markte, so daß der Marktoffizier uns diesen
Tag 14 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord schaffen
konnte.

Am Nachmittag des folgenden Tages kam die Königin selbst an Bord
und brachte uns zwei große Schweine zum Geschenk mit. Sie ließ sich
niemals zu einem Tauschhandel mit uns herab. Als sie am Abend an Land
zurückkehrte, gab ich ihr den Bootsmann zur Begleitung und händigte
ihm Geschenke für sie ein, die er ihr überreichen sollte. Sobald sie
gelandet waren, nahm sie ihn bei der Hand, hielt eine lange Rede an das
Volk, das sich rings um sie her versammelte, und führte ihn hierauf
nach ihrem Hause. Dort kleidete sie ihn so, wie sie ehemals auch mit
mir getan hatte, nach dortiger Landesart in Rindenzeug.

Des Tages darauf schickte sie uns einen weit beträchtlicheren Vorrat
von Lebensmitteln, als wir je zuvor an einem Tage an Bord bekommen
hatten, nämlich 48 große und kleine Schweine, 4 Dutzend Stück Federvieh
und eine fast unzählige Menge von Brotfrüchten, Bananen, Äpfeln und
Kokosnüssen.

Ein paar Tage später kam die Königin abermals an Bord und brachte
verschiedene große Schweine zum Geschenke mit, für die sie wie
gewöhnlich kein Entgelt annehmen wollte. Als sie im Begriff war, das
Schiff zu verlassen, bezeigte sie ein lebhaftes Verlangen, ich möchte
mit ihr an Land gehen. Ich willigte ein und nahm verschiedene von
meinen Offizieren mit mir. Als wir in ihrem Hause ankamen, ließ sie
uns insgesamt niedersitzen, nahm meinen Hut ab und steckte einen Busch
von bunten Federn daran, wie ihn in diesem Lande meines Wissens niemand
trug als sie selbst. Sie band auch um meinen und meiner Begleiter
Hüte eine Schnur von geflochtenem Haar und gab uns zu verstehen, daß
sowohl das Haar als die Arbeit daran von ihr selbst sei. Sie beschenkte
uns ferner mit einigen sehr künstlich geflochtenen Matten. Am Abend
begleitete sie uns bis an den Strand zurück, und als wir in unser Boot
einstiegen, ließ sie ein großes, schönes Schwein nebst einer großen
Menge von Früchten an Bord bringen.

Als wir hierauf Abschied von ihr nahmen, deutete ich ihr durch Zeichen
an, daß ich die Insel binnen 7 Tagen verlassen wolle. Sie verstand mich
sogleich und antwortete mir, es sei ihr Wunsch, ich solle wenigstens
noch 3 Wochen lang bleiben; ich könnte ja indessen eine kleine Reise
ins Innere machen, mich einige Tage dort aufhalten und von dort aus
eine Menge von Schweinen und Federvieh an den Strand herabschaffen
lassen und hernach wegsegeln. Ich gab ihr dagegen wiederum zu
verstehen, daß ich unwiderruflich in 7 Tagen abreisen müsse. Hierauf
weinte sie so herzbewegend, daß es uns Mühe und Klugheit kostete, sie
wieder zu beruhigen.

Am folgenden Morgen schickte der Marktoffizier nicht weniger als
20 Schweine und einen großen Vorrat von Früchten an Bord. Unser
Verdeck war nunmehr ganz mit Schweinen und Federvieh angefüllt. Wir
schlachteten nur die kleinsten davon, um die andern als Vorrat für die
weitere Reise aufzubewahren. Wir fanden aber bald zu unserem großen
Verdrusse, daß sowohl das Federvieh als auch die Schweine nicht leicht
etwas anderes als die hiesigen Landesfrüchte fressen wollten; das
nötigte uns, sie geschwinder nacheinander abzuschlachten, als wir sonst
zu tun willens waren. Indessen glückte es uns doch, einen Eber und ein
Mutterschwein lebendig nach England zu bringen.

Zwei Tage danach schickte ich dem alten Manne, der unserm
Waffenoffizier beim Handel so große Dienste geleistet hatte, noch
einen eisernen Topf, etliche Beile, Sicheln und ein Stück Tuch. Der
Königin übersandte ich zwei Truthähne, drei chinesische Fasanen, zwei
Gänse, eine trächtige Katze, etwas Porzellan, einige Spiegel, gläserne
Flaschen, Hemden, Nadeln, Zwirn, Tuch, Bänder, Erbsen, kleine weiße
Bohnen und ungefähr 16 verschiedene Arten von Gartenpflanzensamen,
nebst einer Schaufel und einer großen Menge kurzer Eisenwaren, wie
Messer, Scheren, Sicheln und dergleichen. Wir selbst hatten bereits
während unserer Anwesenheit allerhand Arten von Gartensamen und auch
etliche Erbsen an verschiedenen Orten ausgesät, und zu unserm größten
Vergnügen war alles sehr schön und hoffnungsvoll aufgekeimt. Ich
schickte der Königin zuletzt noch ein paar eiserne Töpfe und einige
Löffel. Als Gegengabe brachte mir der Marktoffizier 18 Schweine und
einige Früchte.

Am Morgen des 25. Juli ging ich unter kleiner Bedeckung an Land und
ließ auf einer gewissen Landspitze ein Zelt aufschlagen, um dort eine
Sonnenfinsternis zu beobachten, was ich bei der Klarheit der Luft
mit großer Genauigkeit tun konnte. Als ich mit meiner Beobachtung
fertig war, ging ich nach dem Hause der Königin und wies ihr das
Fernrohr vor, dessen ich mich soeben bedient hatte. Nachdem ich ihr
zuerst den Bau gezeigt hatte, suchte ich ihr den Gebrauch deutlich
zu erklären. Ich richtete es also auf verschiedene in weiter Ferne
befindliche Gegenstände, die ihr wohl bekannt waren, die man aber von
ihrem Hause aus mit bloßem Auge nicht erkennen konnte, und ließ sie
alsdann durchsehen. Sobald sie die Dinge so nah und deutlich erblickte,
sprang sie erstaunt zurück, wandte alsdann ihre Augen dahin, wohin das
Fernrohr gerichtet war, stand eine Zeitlang unbeweglich stille, sah zum
zweiten Male hindurch und bemühte sich von neuem, wiewohl vergebens,
die eben geschauten Gegenstände mit bloßem Auge zu erkennen. Sowie
sie dieselben wechselweise sah, wenn sie durch das Rohr blickte, sie
bald wieder aus dem Gesichte verlor, wenn sie mit bloßen Augen hinsah,
drückten ihre Mienen und Gebärden jedesmal eine Mischung von Erstaunen
und Entzücken aus, die keine Sprache beschreiben kann. Endlich
ließ ich das Fernrohr wegschaffen und lud sie nebst verschiedenen
Standespersonen, die bei ihr waren, ein, mit mir an Bord zu gehen. Als
wir mit unsern Gästen an Bord gekommen waren, befahl ich, daß eine gute
Mahlzeit zu ihrer Bewirtung zubereitet werden solle. Allein die Königin
wollte weder essen noch trinken. Ihre Begleiter hingegen ließen sich
alles, was ihnen zum Essen vorgesetzt wurde, herzlich gut schmecken.
Doch außer reinem Wasser wollten sie nichts trinken.

Als die Königin wieder von Bord ging, fragte sie mich durch Zeichen,
ob ich noch immer auf meinem Entschlusse beharre und die Insel zu der
angesagten Zeit verlassen wolle. Als ich ihr hierauf zu verstehen gab,
daß ich mich unmöglich länger aufhalten könne, zeigte sie mir durch
eine Flut von Tränen, die sie eine Zeitlang ihrer Sprache beraubten,
wie schmerzlich sie dieses ankäme. Sobald sich die Heftigkeit ihrer
Betrübnis gelegt hatte, winkte sie mir, sie wolle morgen wieder an Bord
zu mir kommen; so schieden wir voneinander.

[Illustration: Ihre Mienen und Gebärden drückten Erstaunen und
Entzücken aus.]

Am folgenden Morgen um 10 Uhr kam die Königin ihrem Versprechen
gemäß mit einem Geschenke von Schweinen und Federvieh an Bord. Wir
ergänzten auch unsere Holz- und Wasservorräte und machten uns fertig,
in See zu gehen. Am nächsten Tage kam eine größere Anzahl der hiesigen
Eingeborenen, als wir sonst je gesehen hatten, an den Strand herab.
Sie schienen aus dem inneren Teil des Landes herzustammen, auch
waren viele darunter, die den ihnen erwiesenen Ehrenbezeigungen nach
Standespersonen sein mußten. Um 3 Uhr des Nachmittags kam die Königin
in größtem Staat und in Begleitung eines sehr zahlreichen Gefolges
wiederum an den Strand herab. Sie ging mit allen ihren Leuten und
dem alten Manne über den Fluß und besuchte uns noch einmal an Bord.
Sie brachte auch einige sehr schöne Früchte mit sich, erneuerte mit
vielem Eifer ihr Anliegen, daß ich noch 10 Tage länger hier bleiben
sollte, und gab mir zu verstehen, daß sie ins Innere des Landes
reisen und mir eine Menge von Schweinen, Federvieh und Früchten von
dorther mitbringen wolle. Ich suchte ihr für diese Freundschaft und
Güte meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, versicherte ihr aber, daß
ich unabänderlich den folgenden Morgen absegeln müsse. Sie brach
hierüber wie gewöhnlich in Tränen aus, und als sie sich gefaßt hatte,
erkundigte sie sich durch Zeichen, wann ich wieder zurückkäme. Ich gab
mir Mühe, ihr die Zahl von 50 Tagen anzuzeigen, sie bat darauf durch
Gegenzeichen, daß ich nicht länger als 30 Tage wegbleiben solle. Da ich
aber gegen alle ihre Einwendungen fest immer wieder 50 andeutete, gab
sie sich endlich zufrieden. Sie blieb bei uns, bis es Nacht wurde, und
es kostete viele Mühe und Künste, sie endlich zur Rückkehr an Land zu
bewegen. Als man ihr sagte, daß das Boot auf sie warte, warf sie sich
über die Gewehrkiste hin und weinte eine Zeitlang so heftig, daß sie
gar nicht wieder zu sich zu bringen war. Endlich bequemte sie sich doch
und stieg, wiewohl sehr ungern, in das Boot, wohin alle ihre Begleiter
und auch der alte Mann ihr nachfolgten.

Mit Anbruch des 27. Juli lichteten wir die Anker, und zu gleicher
Zeit schickte ich die Barke und ein anderes Boot ab, um die wenigen
Wasserfässer zu füllen, die wieder leer geworden waren. Als unsre
Leute sich der Küste näherten, sahen sie zu ihrem größten Erstaunen
den ganzen Strand weithin mit Eingeborenen überfüllt. Weil sie es nun
bei diesem Anblick nicht für ratsam fanden, sich unter eine solche
Menge hineinzuwagen, so wollten sie wieder unverrichteterdinge nach
dem Schiffe zurückkehren. Sobald aber die Eingeborenen am Strande dies
beobachteten, kam die Königin hervor, winkte ihnen und schien die
Ursache ihrer Besorgnis zu erraten; denn die Insulaner mußten sich auf
ihren Befehl jenseits des Flusses begeben. Die Boote ruderten hierauf
nach der Wasserstelle und füllten die Fässer. Unterdessen ließ die
Königin einige Schweine und Früchte an Bord des Bootes bringen, und
als unsre Leute vom Strand abstoßen wollten, wäre sie gern mit ihnen
gefahren. Der Offizier wollte es ihr aber nicht gestatten, weil er
Befehl bekommen hatte, keinen Eingeborenen mehr mit sich zu nehmen.
Sie ließ auf diese Weigerung gleich eines ihrer doppelten Kanus in
See stechen, und ihre eigenen Leute mußten sie zu uns führen. Sie kam
gleich an Bord, konnte aber vor Wehmut nicht sprechen, sondern setzte
sich nieder und brach in Tränen aus. Als sie ungefähr eine Stunde bei
uns gewesen war, erhob sich ein günstiger Wind, wir lichteten die
Anker und gingen unter Segel. Da sie nunmehr sah, daß sie in ihr Kanu
zurückkehren müsse, umarmte sie uns alle auf das zärtlichste und mit
vielen Tränen; ebenso ließ auch ihr ganzes Gefolge große Betrübnis über
unsre Abreise wahrnehmen. Wir hatten indes kaum die Segel aufgespannt,
so flaute der Wind wieder ab und die See lag still. Ich schickte also
die Boote voraus, um das Schiff zu bugsieren. Sobald die Kanus, die
uns eben verlassen hatten, dies sahen, kehrten sie alle zusammen zum
Schiff zurück. Dasjenige, das die Königin an Bord führte, ruderte an
die Waffenkammer hin. Die Leute im Raum befestigten es an der Luke,
und nach Verlauf von wenigen Minuten kam die Königin an Bord, setzte
sich nieder und weinte ganz untröstlich. Ich gab ihr allerhand Sachen,
die ihr meines Erachtens nützlich sein konnten, und Putzwerk. Sie nahm
alles stillschweigend und teilnahmslos an.

Um 10 Uhr waren wir durch Unterstützung unserer Boote über die
Klippenreihe hinausgekommen, und da sich nunmehr ein frischer,
günstiger Wind erhob, nahmen unsere Südseefreunde und besonders die
Königin noch einmal mit zärtlicher Freundschaft und so rührender
Betrübnis Abschied von uns, daß ich selbst ganz bewegt wurde und mich
der Tränen nicht erwehren konnte.

[Illustration]

[Illustration]



Ein Südsee-Idyll

Von Kapitän _James Cook_


Es war Montag, den 10. April 1769, als einige von unseren Leuten, die
nach der Insel Tahiti, unserem Reiseziel, ausspähten, des Nachmittags
um 1 Uhr meldeten, sie sähen in demjenigen Teil des Horizontes, wo
die Insel der Lage nach zum Vorschein kommen mußte, Land. Es schien
sehr hoch und gebirgig zu sein, und wir erkannten es allen Anzeichen
nach als ebendasselbe, das Kapitän Wallis »König Georgs des Dritten
Insel« genannt hatte, und das nunmehr Tahiti heißt. Eine plötzlich
einsetzende Windstille hielt uns aber zurück, so daß wir am Morgen des
folgenden Tages der Insel noch nicht näher waren als die Nacht zuvor.
Um 7 Uhr erhob sich endlich ein frischer Wind, und um 11 Uhr waren
wir Tahiti bereits so nahe gekommen, daß verschiedene Kanus gegen das
Schiff liefen. Doch wollten nur wenige sich an uns heranwagen, und
selbst diese wenigen wollten sich nicht bereden lassen, an Bord unserer
»Endeavour« zu kommen. In jedem Kanu hatten sie junge Bananen und
Zweige von einem andern Baume, den die Insulaner »E' Midho« nennen;
diese waren, wie wir nachmals erfuhren, ein Sinnbild des Friedens und
wurden uns als Freundschaftszeichen überbracht. Aus einem von den
Kanus reichten sie uns die Insulaner an der Schiffsseite herauf und
machten uns zu gleicher Zeit mit großem Eifer einige Zeichen, die
uns unverständlich waren. Endlich aber errieten wir ihr Verlangen;
sie wünschten nämlich, daß diese Friedenszeichen an irgendeinem Orte
im Schiffe aufgesteckt werden möchten, wo man sie frei und deutlich
sehen könne. Wir steckten sie daher sofort zwischen die Bordwände,
worüber die Insulaner lebhaftes Vergnügen zeigten. Hierauf kauften wir
ihnen ihre Waren ab, die in Kokosnüssen und allerlei andern Früchten
bestanden, wie sie uns allen nach einer so langen Reise sehr willkommen
waren.

Wir steuerten die ganze Nacht hindurch vorsichtig näher gegen die
Küste, die Meerestiefe nahm gegen die Insel hin von 30 bis zu
21 Meter ab, und um 7 Uhr morgens kamen wir mit 23 Meter Tiefe in
der Matavaibucht vor Anker. Die Eingeborenen umringten sogleich
unser Schiff mit ihren Kanus, brachten uns Kokosnüsse, apfelähnliche
Früchte, Brotfrucht und einige kleine Fische. Sie überließen uns das
alles gegen Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Sie hatten auch ein
kleines Schwein bei sich, wollten es aber gegen nichts Geringeres
als ein Beil eintauschen. Wir weigerten uns daher, diesen Handel
einzugehen; denn hätten wir ihnen gleich zu Anfang ein Beil für ein
junges Schwein gegeben, so hätten sie uns wohl voraussichtlich nachher
nie eines wohlfeiler verkaufen wollen, und das wäre uns doch auf die
Dauer allzu teuer zu stehen gekommen. Die Brotfrucht wächst auf einem
Baum, der ungefähr so groß ist wie eine mittelhohe Eiche. Die Blätter
sind oft anderthalb Meter lang, von länglicher Gestalt, mit tiefen
Krümmungen wie die Feigenblätter versehen, denen sie an Wesen und
Farbe ähnlich sind; beim Auseinanderbrechen sondern sie gleich einen
milchartigen Saft ab. Die Frucht hat die Größe eines Kindskopfes und
beinahe dieselbe Form. Ihre Außenseite ist meistens wie bei der
Trüffel netzförmig, die Haut ist nur dünn, und die Frucht hat einen
Kern, der ungefähr so dick ist wie ein Messerstiel. Das Fleisch oder
der eßbare Teil liegt zwischen Haut und Kern, ist schneeweiß und locker
wie frischgebackenes Brot. Ehe man sie ißt, muß man sie rösten und
zu diesem Zweck in drei oder vier Teile zerschneiden. Sie hat keinen
ausgesprochenen Geschmack, höchstens, daß sie etwas süßlich schmeckt.

[Illustration: Wir gingen in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land.]

Unter den Eingeborenen, die zu uns an Bord kamen, befand sich auch ein
ältlicher Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Auhaa hieß, und Leutnant
Gore, der mit dem Kapitän Wallis hier gewesen war, erkannte ihn
augenblicklich wieder. Da ich nun wußte, daß er Wallis sehr nützlich
gewesen war, nahm ich ihn nebst einigen anderen an Bord des Schiffes
und war besonders bemüht, ihm soviel Freundlichkeiten als möglich zu
erweisen, weil ich hoffte, er würde auch uns gute Dienste leisten. Da
allem Anschein nach zu vermuten stand, daß wir uns ziemlich lange hier
aufhalten würden, mußten wir notwendigerweise darauf bedacht sein,
daß der Wert der Waren, die wir zum Tauschhandel mitgebracht hatten,
während der Zeit unseres Hierseins nicht sank. Das wäre aber zweifellos
geschehen, wenn man jedermann Freiheit gelassen hätte, die eingekauften
Dinge nach persönlichem Gutdünken zu bezahlen. Weil daraus unfehlbar
Verwirrungen und Streitigkeiten hätten entstehen müssen, stellte ich
bestimmte Regeln für den Handel auf und befahl ihre strengste Beachtung.

Sobald das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Botanikern
Banks und Solander, einer Abteilung Bewaffneter und in Begleitung
unseres Freundes Auhaa an Land. Beim Aussteigen aus den Booten wurden
wir von einigen hundert Eingeborenen empfangen, die uns aber nur mit
ihren Augen bewillkommten, weil sie es auf andere Art zu tun nicht
wagten; denn sie bezeigten eine so tiefe Ehrfurcht vor uns, daß der
erste, der sich näherte, beinahe auf Händen und Füßen herankroch. Es
ist merkwürdig, daß das Friedenszeichen, das uns sowohl dieser Mann
als auch jener im Kanu überreichte, ein grüner Zweig war, dessen
sich bekanntlich schon die alten und mächtigen Völker der nördlichen
Halbkugel zu ebendiesem Zwecke bedient hatten. Wir nahmen das Zeichen
freudig und vergnügt an, und weil wir sahen, daß jeder von ihnen
solchen Zweig in der Hand hielt, pflückte auch jeder von uns sogleich
einen und trugen ihn auf dieselbe Art.

Die Eingeborenen begleiteten uns unter Anführung Auhaas nach dem
Platze, wo der »Delphin« zwei Jahre vorher sein Wasser eingenommen
hatte. Als sie aber auf dem Wege dahin ungefähr eine halbe Meile
zurückgelegt hatten, machten sie halt und reinigten den Boden von allem
darauf befindlichen Rasen. Die Vornehmsten unter ihnen warfen jetzt
ihre grünen Zweige auf das nackte Erdreich und winkten uns, daß wir es
mit den unserigen ebenso machen sollten. Wir bezeigten sogleich unser
Einverständnis und unsre Bereitwilligkeit hierzu, und um die Zeremonie
noch feierlicher zu gestalten, mußten die Seesoldaten in Reih und Glied
antreten und ihre Zweige niederlegen. Wir machten es hernach ebenso.

Darauf marschierten wir weiter und gelangten zur alten Wasserstelle.
Die guten Leutchen gaben uns zu verstehen, wir sollten diesen Platz
wieder beziehen. Wir fanden aber, daß der Ort für unsre Absichten nicht
besonders geeignet sei. Unterdessen hatte sich die erste Vorstellung
von unsrer Überlegenheit und die daraus folgende Schüchternheit bei
ihnen allmählich verloren, und sie waren inzwischen ganz vertraulich
geworden. Sie gingen von der Wasserstelle weiter mit uns weg und
führten uns auf einem Umweg in den Wald. Während des Marsches teilten
wir Glasperlen und andere kleine Geschenke unter ihnen aus und
bemerkten mit Vergnügen, daß sie sehr viel Wohlgefallen daran fanden.
Der Umweg, den wir nahmen, betrug nicht weniger als 4-5 Kilometer,
und diese ganze Zeit über wandelten wir in Hainen von Bäumen, die
mit Kokosnüssen und Brotfrucht überladen waren und den anmutigsten
Schatten gaben. Unter diesen Bäumen lagen die Wohnungen des Volkes;
sie bestanden meistenteils aus einem bloßen Dache auf Pfosten ohne
Seitenwände; der ganze Anblick bestätigte die phantastischen Berichte
der alten Dichter von dem Fabellande Arkadien. Was wir indessen gleich
anfangs zu unserm Leidwesen feststellten, war der große Mangel an
Schweinen; denn auf unserem ganzen Wege sahen wir deren nur zwei, und
zudem nicht ein einziges Stück Federvieh. Diejenigen Leute, die mit
dem »Delphin« hier gewesen waren und die Verhältnisse kannten, sagten
uns, daß sie bisher noch keine Standesperson unter den Eingeborenen
bemerkt hätten. Sie vermuteten, daß die Häuptlinge des Volkes irgendwo
anders sich niedergelassen hätten. Und als wir an den Platz gelangten,
wo ihren Aussagen nach ehemals der Palast der Königin gestanden hatte,
fanden wir auf dem Fleck überhaupt keine Spuren mehr davon. Wir
entschlossen uns daher, am folgenden Morgen wieder an Land zu gehen,
um zu sehen, ob wir nicht die Vornehmen in ihren neuen Wohngebieten
aufsuchen könnten.

Ehe wir aber am folgenden Morgen noch aus dem Schiffe kamen, waren
schon verschiedene Kanus größtenteils von Westen her zu uns gekommen.
Zwei waren voller Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Betragen nach
Standespersonen sein mußten. Von diesen kamen zwei an Bord, und jeder
wählte sich einen Freund. Der eine, der, wie wir erfuhren, Mataha hieß,
wählte Banks, der andere mich. Dieser feierliche Vorgang bestand darin,
daß sie einen großen Teil ihrer Kleider auszogen und uns anlegten,
wogegen wir jedem von ihnen ein Geschenk mit einem Beile und einigen
Glasperlen machten. Bald nachher winkten sie uns, wir sollten mit ihnen
in ihre Wohnungen kommen, und wiesen dabei nach Südwesten. Da ich nun
einen bequemeren Hafen zu finden und die Gesinnungen der Eingeborenen
zu erforschen wünschte, willigte ich ein.

Ich ließ also zwei Boote ausheben und ging mit Banks, Dr. Solander,
den Offizieren und unseren zwei Freunden an Bord der Boote, um unter
Anführung der Insulaner unsere kleine Reise anzutreten. Als wir
ungefähr eine Seemeile weit gerudert waren, winkten sie uns, daß wir
an Land gehen sollten, und gaben uns zu verstehen, daß dieses der Ort
ihres Aufenthaltes sei. Wir stiegen also an Land, und der Zulauf des
Volkes war so groß, daß wir uns bald von etlichen hundert Eingeborenen
umringt sahen. Man führte uns sogleich in ein Haus, das viel länger
war, als wir dergleichen bisher gesehen hatten.

Bei unserm Eintritt bemerkten wir einen Mann, der, wie wir nachher
erfuhren, Tutaha hieß. Man breitete uns sogleich eine Matte aus und
ersuchte uns, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Bald nachdem wir uns
gesetzt hatten, wurden ein Hahn und eine Henne herbeigebracht, die
Tutaha Herrn Banks und mir überreichte. Wir nahmen das Geschenk an,
und bald darauf erfolgte noch ein anderes: ein jeder von uns bekam
nämlich ein Stück Rindenzeug, das nach ihrer Gewohnheit mit etwas
Wohlriechendem zubereitet war und ganz angenehm duftete. Sie selbst
legten großen Wert auf diesen Umstand und gaben sich viel Mühe, uns
diesen Vorzug bemerkbar zu machen. Das Stück, das Banks überreicht
wurde, war fast 10 Meter lang und fast 2 Meter breit. Er erwiderte
dieses Geschenk mit einem seidenen spitzenbedeckten Halstuche, das er
eben damals trug, und mit einem leinenen Schnupftuch. Tutaha legte
diesen Schmuck sogleich mit vergnügter und selbstgefälliger Miene an.

Bald nachdem wir und Tutaha einander unsere Geschenke überreicht
hatten, führten uns die Damen zu verschiedenen großen Häusern, in denen
wir sehr ungeniert umherspazierten. Die Häuser waren, wie ich bereits
gesagt habe, außer dem Dache allenthalben ganz offen.

Wir beurlaubten uns endlich von unserm guten Freunde und nahmen unseren
Weg längs der Küste hin. Als wir ungefähr ein Kilometer weit marschiert
waren, begegnete uns an der Spitze einer großen Menschenmenge ein
anderer Häuptling, namens Tuburai Tamaide, dem wir gleichfalls einen
Friedensvertrag zu bestätigen hatten. Die Zeremonien einer solchen
Bestätigung waren uns jetzt aber schon besser bekannt. Als wir demnach
den Zweig, den er uns überreichte, angenommen und ihm einen anderen
dagegen gegeben hatten, legten wir die Hand auf die linke Brust und
sprachen das Wort »Taio« aus, das unserer Meinung nach »Freund«
bedeutete. Der Anführer gab uns hierauf zu verstehen, daß, wenn uns
etwas zu essen beliebe, alles dazu in Bereitschaft sei. Wir nahmen sein
Anerbieten an und ließen uns eine nach tahitischer Art zubereitete
Mahlzeit von Fischen, Brotfrucht, Kokosnüssen und Bananen gut
schmecken. Die Tahitier essen einige von ihren Fischen roh und boten
uns daher solche ebenfalls an, damit dem Gastmahle gar nichts fehle.
Allein für dieses Gericht bedankten wir uns denn doch.

Während dieses Besuches bezeigte eine von den Gemahlinnen unsres edlen
Wirtes, die Tomio hieß, Banks die Ehre, sich dicht neben ihn auf
dieselbe Matte zu setzen. Tomio war nicht mehr in der ersten Blüte
ihrer Jugend; sie schien auch niemals vorzügliche Reize besessen zu
haben. Vermutlich aus dieser Ursache erwies auch Banks ihr keine
besondere Aufmerksamkeit, und zu noch größerer Kränkung der guten Dame
ereignete es sich, daß ihm gerade ein sehr reizendes Mädchen in die
Augen fiel, das unter der Menge des Volkes um die Tafel herumstand.
Ohne sich also um den Rang seiner Nachbarin zu kümmern, winkte er dem
hübschen Mädchen, daß sie zu ihm kommen möchte. Nachdem sie sich ein
wenig dazu hatte bitten lassen, kam sie näher und setzte sich zu seiner
andern Seite nieder. Nun überhäufte er sie mit Glasperlen und einigen
andern Spielsachen, die ihr seiner Meinung nach gefallen mochten. Es
kränkte die Prinzessin zwar einigermaßen, daß er ihrer Nebenbuhlerin
den Vorzug gab; doch begegnete sie ihm deswegen nicht minder höflich
als zuvor und versah ihn immer noch emsig mit Milch von Kokosnüssen und
mit allen andern Leckerbissen, die sie von der Tafel herbeiholte. Diese
Szene hätte voraussichtlich noch merkwürdiger und rührender werden
können, wenn sie nicht plötzlich durch ein ernsthaftes Zwischenspiel
wäre unterbrochen worden.

Um ebendiese Zeit beschwerten sich nämlich Dr. Solander und Leutnant
Monkhouse, daß ihnen ihre Taschen ausgeleert worden seien. Dr.
Solander hatte ein kleines Taschenfernrohr in einem Chagrinfutterale,
der Schiffsarzt Monkhouse seine Schnupftabaksdose dabei eingebüßt.
Dieser Vorfall verdarb natürlich die gute Laune der Gesellschaft. Man
beschwerte sich wegen des erlittenen Diebstahls bei dem Häuptlinge.
Und um der Klage größeren Nachdruck zu geben, sprang Banks hurtig
auf und stieß schnell den Kolben seiner Flinte auf den Boden. Diese
drohende Anstalt und das Getöse, das die Büchse machte, jagte der
ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken ein, daß alles in der
äußersten Bestürzung zum Hause hinausrannte, ausgenommen der Häuptling,
drei Frauen und noch zwei oder drei andere, die ihrer Kleidung nach
Standespersonen zu sein schienen.

Der Häuptling nahm mit aller Äußerung von Betrübnis und Bestürzung
Banks bei der Hand und führte ihn zu einem großen Vorrat von Rindenzeug
hin, der am anderen Ende des Hauses aufgestapelt war. Er bot ihm ein
Stück nach dem anderen an und gab ihm zu verstehen, daß, wenn diese
den vorgefallenen Schaden ersetzen und das Unrecht wieder gutmachen
könnten, er soviel er davon beliebe oder, falls er wolle, alles
mitnehmen solle. Banks legte die Stücke aber alle auf die Seite und
gab ihm zu verstehen, daß er nichts verlange, als was seinen Gefährten
unehrlicherweise entwendet worden sei. Hierauf ging Tuburai Tamaide
in aller Eile fort, ließ seine Gemahlin Tomio, die während des ganzen
Auftritts erschreckt und verwirrt an Banks' Seite geblieben war, bei
ihm und gab ihm zu verstehen, er möchte noch solange warten, bis er
selbst wieder zurückkäme. Banks setzte sich also nieder und unterhielt
sich durch Zeichen, so gut er eben konnte, ungefähr eine halbe Stunde
lang mit der Gemahlin seines Wirts. Alsdann kam dieser mit der
Schnupftabaksdose und dem Futterale des Fernrohrs in der Hand zurück.
Aus seinen Augen blitzte die Freude mit einer Stärke des Ausdrucks, die
dieses Volk vor allen anderen auszeichnet, und vergnügt überreichte
er dann die Sachen ihren Eigentümern. Als aber das Futteral geöffnet
wurde, fand man es leer.

Kaum ward Tuburai Tamaide dessen gewahr, so veränderte sich seine Miene
augenblicklich. Er nahm Banks abermals bei der Hand, rannte, ohne ein
Wort zu sagen, wiederum zum Hause hinaus und führte ihn mit schnellen
Schritten längs der Küste hin. Als sie ungefähr ein Kilometer weit
gegangen waren, begegnete ihnen eine Frau und gab Banks ein Stück Zeug.
Er nahm es ihr in aller Eile ab und setzte damit seinen Lauf hurtig
fort. Dr. Solander und Monkhouse waren den beiden gefolgt, und sie
kamen nunmehr bei einem Hause an, in dem sie von einer Frauensperson
empfangen wurden. Dieser gab Tuburai das Zeug und winkte den Herren,
daß sie ihr einige Glasperlen geben sollten. Sobald das Zeug und die
Perlen auf den Flur gelegt waren, ging die Frau fort und kehrte nach
Verlauf einer halben Stunde mit dem kleinen Fernrohr zurück und und
drückte ihre Freude darüber mit eben der Stärke von Empfindung aus,
wie es Tuburai unlängst getan hatte. Hierauf gab sie den Herren die
Glasperlen zurück und beteuerte dabei, daß sie diese nicht annehmen
könne. Mit ebensoviel Eifer wurde auch Dr. Solander das Stück Zeug als
Genugtuung für das ihm zugefügte Unrecht aufgedrängt, und er mußte es
schlechterdings annehmen. Dagegen bestand er nun seinerseits darauf,
daß die Frau ein Geschenk von Glasperlen von ihm entgegennähme.

Am folgenden Morgen kamen verschiedene von den Häuptlingen, die wir den
Tag vorher besucht hatten, an Bord und brachten Schweine, Brotfrüchte
und andere Erfrischungen mit, für die wir ihnen Beile, Leinwand und
andere Dinge gaben, je nachdem ihnen dergleichen erwünscht schien.

Da ich auf meinem gestrigen Spazierwege nach Westen keinen bequemeren
Hafen gefunden hatte, als derjenige war, worin wir schon geankert
hatten, nahm ich mir vor, an Land zu gehen und hier einen Platz
aufzusuchen, den die Schiffskanonen bestreichen könnten. Dort wollte
ich dann ein kleines Fort zu unserer Sicherheit aufwerfen und die
nötigen Anstalten zu unsern astronomischen Beobachtungen treffen
lassen. Ich nahm also eine Abteilung meiner Leute mit und ging in
Begleitung der Herren Banks, Doktor Solander und des Astronomen
Green an Land. Bald waren wir uns über die Wahl des Platzes, wo die
Sternwarte aufgebaut werden sollte, einig und bestimmten einen Teil
des sandigen Strandes auf der nordöstlichen Spitze der Bucht hierzu,
weil diese Stelle für alle unsere Zwecke recht geeignet und von allen
Wohnungen der Eingeborenen entfernt lag. Als wir den Grund, den
wir besetzen wollten, abgesteckt hatten, wurde ein kleines, Banks
gehöriges Zelt aufgeschlagen, das zu diesem Zwecke mit an Land genommen
worden war. Währenddessen hatte sich eine große Menschenmenge um uns
versammelt, vermutlich jedoch nur, um der Arbeit zuzusehen; denn keiner
von ihnen allen hatte irgendeine Schußwaffe bei sich. Zur Vorsicht
gab ich ihnen aber dennoch zu verstehen, daß keiner innerhalb der
Linie, die ich gezogen hatte, kommen dürfe, ausgenommen zwei, davon
einer ein vornehmer Mann zu sein schien, und der andere Auhaa war.
An diese beiden wandte ich mich nun und bemühte mich, ihnen durch
Zeichen zu verstehen zu geben, daß wir den Fleck, den wir abgesteckt
hatten, nur für eine gewisse Anzahl von Nächten beanspruchen und dann
wieder abreisen würden. Ich kann nicht bestimmt behaupten, ob sie mich
verstanden. Das Volk führte sich aber so ehrerbietig und gefällig auf,
daß wir uns darüber freuten und verwunderten. Sie setzten sich ganz
friedfertig außerhalb des Kreises nieder und sahen uns zu, ohne uns im
geringsten zu stören, obgleich es länger als zwei Stunden dauerte, bis
wir fertig waren.

[Illustration: Die meisten fielen zu Boden, als wären sie selbst vom
Schusse getroffen worden.]

Da wir bei dem ersten Spaziergang nach unserer Landung gar kein
Federvieh und nicht mehr als zwei Schweine gesehen hatten, so
vermuteten wir, daß man die Tiere bei unserer Ankunft weiter
landeinwärts getrieben haben möchte. Dieser Verdacht wurde dadurch
noch bestätigt, daß uns Auhaa angelegentlichst bat, nicht in den Wald
zu gehen. Aber gerade deswegen wollten wir es tun. Wir ließen also
13 Soldaten und einen Unteroffizier zur Bewachung des Zeltes zurück
und traten in Begleitung einer großen Menge Eingeborener unsern Weg
an. Als wir auf dem Marsche einen kleinen Fluß überschritten, ließen
sich einige Enten sehen, und sobald Banks hinübergekommen war, schoß er
auf sie und traf drei Stück. Das jagte den Eingeborenen einen solchen
Schrecken ein, daß die meisten unter ihnen plötzlich zu Boden fielen,
als wären sie selbst von dem Schuß getroffen worden. Doch erholten sie
sich bald wieder von ihrer Bestürzung, und wir konnten unseren Marsch
fortsetzen. Wir waren indessen noch nicht weit gekommen, als wir über
den Knall zweier Musketen erschraken, die von niemand anders als von
der Zeltwache abgefeuert sein konnten. Wir gingen gerade ziemlich
zerstreut und vereinzelt, Auhaa rief uns aber augenblicklich zusammen
und winkte den nachfolgenden Insulanern mit der Hand, sie sollten sich
hinwegbegeben bis auf drei. Von diesen brach jeder vom nächsten Baume
einen Zweig ab und überreichte ihn uns zum Zeichen des Friedens, den
ihre Partei einhalten wollte, und vermutlich auch um uns zu bitten, daß
wir ebenfalls Frieden halten möchten.

Wir hatten leider nur zu viel Ursache, zu vermuten, daß sich etwas
zugetragen hatte, und eilten deshalb so schnell als möglich zu dem
Zelte zurück, von dem wir nicht mehr als ein halbes Kilometer entfernt
sein konnten. Als wir bei dem Zelte ankamen, sahen wir von der ganzen
Menge Insulaner, die dagewesen war, nicht einen einzigen mehr, unsre
eigenen Leute aber waren vor dem Zelte versammelt. Wir erfuhren nun,
daß einer der Eingeborenen einen günstigen Augenblick abgepaßt, die
Schildwache unversehens überfallen und ihr die Muskete aus der Hand
gerissen habe. Hierauf hatte der Führer der Wache, ein Unteroffizier,
zu feuern befohlen, vielleicht weil er in der ersten Bestürzung
fürchtete, daß es zu größeren Gewalttätigkeiten kommen würde,
vielleicht aber auch bloß aus mutwilligem Mißbrauche seiner erst vor
kurzem erlangten Kommandogewalt, vielleicht endlich aus angeborener
Grausamkeit. Die Mannschaft war ebenso unbedacht oder ebenso
unmenschlich als ihr Befehlshaber und feuerte augenblicklich in den
dicksten Haufen der fliehenden Menge, die aus mehr als hundert Menschen
bestand. Sie begnügte sich auch nicht damit, jene verjagt zu haben,
sondern als sie sah, daß der Dieb nicht getroffen war, verfolgten
die Soldaten ihn besonders und erschossen ihn. Wir erfuhren nachher,
daß zum Glück von den andern Eingeborenen kein einziger getötet oder
verwundet worden war.

Als Auhaa, der uns die ganze Zeit über zur Seite geblieben war,
sah, daß wir nun gänzlich verlassen waren, brachte er einige wenige
der Flüchtlinge, freilich nicht ohne Mühe, wieder zusammen und
stellte sie um uns her. Wir suchten unsere Leute so gut als möglich
zu rechtfertigen, und bemühten uns, den Eingeborenen durch Zeichen
klarzumachen, daß wir ihnen, wenn sie uns kein Unrecht täten, auch
unsrerseits kein Leid zufügen würden. Nachdem wir uns derart, so gut
es eben möglich war, gerechtfertigt hatten, verließen sie uns ohne das
geringste Zeichen von Mißtrauen oder Rachgier. Wir brachen hierauf
unsre Zelte ab und kehrten ziemlich mißvergnügt über den unglücklichen
Vorfall an Bord zurück.

Dort verhörten wir unsere Leute umständlicher, und sie merkten wohl,
daß wir ihr Betragen keineswegs billigten. Sie wandten indessen ein,
daß die Schildwache, der das Gewehr entrissen worden sei, gewalttätig
angefallen und zu Boden geworfen worden sei, und daß der Mann, der die
Flinte genommen hatte, nachher noch einen Stoß nach der Wache geführt
habe, worauf erst der Unteroffizier Befehl zum Feuern erteilt habe.

Am folgenden Morgen sah man nur wenige Eingeborene am Strande, und
kein einziger kam zu uns an Bord. Das war mir Beweis genug dafür,
daß unser Bestreben, die Insulaner zu beruhigen, vergeblich gewesen,
und es ging uns wirklich nahe, daß selbst Auhaa, der uns bisher
stets unveränderliche Ergebenheit bewiesen und sich so sehr um die
Wiederherstellung des Friedens bemüht hatte, seit dem Vorfall auch
nicht mehr zu uns kam. Da die Dinge nun ziemlich übel lagen, ließ ich
die »Endeavour« näher an die Küste ziehen und legte sie so vor Anker,
daß sie mit den Geschützen den ganzen nordöstlichen Teil der Insel und
besonders den Platz bestreichen konnte, den ich zur Erbauung des Forts
abgesteckt hatte. Am Abend ging ich indessen dennoch an Land, nahm
jedoch außer einigen Herren unsrer Gesellschaft niemand als die zur
Bemannung des Boots gehörigen Leute mit. Die Eingeborenen versammelten
sich wie früher wieder um uns her, doch erschienen sie nur in geringer
Zahl. Sie verhandelten uns Kokosnüsse und andere Früchte und gaben sich
dabei allem Anschein nach ebenso freundlich wie zuvor.

Am nächsten Vormittage statteten uns die beiden freundschaftlich
gesinnten Häuptlinge, die wir im westlichen Gebiet der Insel besucht
hatten, Tuburai Tamaide und Tutaha, an Bord einen Gegenbesuch ab. Sie
brachten uns als Friedenszeichen nicht Zweige, sondern zwei ganze, aber
junge Bananenpflanzen mit, und weil sie vermutlich über den Vorfall
am Zelte Besorgnis hegten, wollten sie sich nicht eher an Bord wagen,
als bis wir das Friedenssymbol angenommen hatten. Jeder von ihnen
brachte noch außerdem, um sich bei uns wieder in Gunst zu setzen,
Geschenke mit, die in einem Vorrat von Brotfrucht und in einem fertig
zubereiteten Schwein bestanden. Letzteres war uns um so angenehmer,
weil Schweine nicht immer zu haben waren. Wir gaben also jedem unserer
vornehmen Freunde ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend
gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin der Astronom
und ich die Nacht zubrachten, um eine Verfinsterung des ersten
Jupitertrabanten zu beobachten; weil aber das Wetter trübe war, wurde
nichts aus der Beobachtung.

Am 18. April ging ich bei Tagesanbruch mit so vielen Leuten, als wir im
Schiffe nur entbehren konnten, an Land und fing an, das Fort erbauen
zu lassen. Die einen warfen Verschanzungen auf, die anderen fällten
Pfosten und Faschinen, und die Eingeborenen, die sich bald wie früher
um uns her versammelt hatten, waren soweit davon entfernt, uns in
unserer Arbeit zu stören, daß im Gegenteil viele von ihnen freiwilligen
Beistand leisteten und die Pfosten und Faschinen aus dem Walde, wo sie
gehauen worden waren, sehr dienstfertig herbeitrugen. Indessen hatten
wir auch die Vorsicht walten lassen, ohne ihre Einwilligung nichts von
ihrem Eigentum anzutasten, und hatten ihnen jeden Stamm, soviel wir
deren zu unserm Vorhaben brauchten, ordentlich abgekauft, auch keinen
Stamm gefällt, ohne daß sie uns Erlaubnis dazu gegeben hatten. Der
Boden, auf dem wir unser Fort errichteten, war sandig. Wir waren also
genötigt, die Schanzen durch Holz zu verstärken. Drei Seiten sollten
auf diese Art befestigt werden, die vierte stieß an einen Fluß, an
dessen Ufer ich die Befestigung durch Aufstellung einer gehörigen
Anzahl von Wasserfässern sichern wollte. An diesem Tage ließen wir dem
Schiffsvolk zum ersten Male Schweinefleisch reichen, und die Insulaner
brachten uns so viele Brotfrucht und Kokosnüsse, daß wir einen Teil
davon zurücksenden und durch Zeichen andeuten mußten, wir würden auf
die zwei folgenden Tage keine mehr brauchen. An diesem Tage wurde
alles gegen Glasperlen eingehandelt. Für eine einzige erbsengroße Perle
gaben sie uns fünf bis sechs Kokosnüsse und ebenso viele Brotfrüchte.
Banks' Zelt wurde noch vor der Nacht innerhalb der Festungswerke
aufgeschlagen, und er schlief zum ersten Male am Lande. Ringsherum
wurden Schildwachen ausgestellt, jedoch die ganze Nacht über versuchte
es keiner der Insulaner, sich zu nähern.

Am folgenden Morgen stattete unser Freund Tuburai Tamaide Herrn Banks
im Zelt einen Besuch ab und brachte nicht nur seine Gemahlin und
Familie, sondern auch das Dach eines Hauses, allerhand Bau-, Hausgeräte
und Werkzeug mit. Soweit wir ihn verstehen konnten, war er willens,
seine Residenz in unserer Nähe aufzuschlagen. Dieser Beweis seiner
Zuneigung und Gewogenheit machte uns große Freude, und wir nahmen uns
vor, seine Freundschaft möglichst zu befestigen. Bald nach seiner
Ankunft nahm er Banks bei der Hand, führte ihn aus der Verschanzung
hinaus und gab ihm zu verstehen, daß er mit ihm in den Wald gehen
möchte. Als sie ungefähr ein Kilometer miteinander gegangen waren,
langten sie bei einer Art von Wetterdach an, das der Häuptling bereits
hatte erbauen lassen und zu seiner einstweiligen Wohnung bestimmt zu
haben schien. Hier wickelte er ein Bündel Rindenstoff auseinander, nahm
zwei Kleider, das eine aus rotem Zeuge, das andere aus sehr hübschen
Matten, kleidete Banks darein und führte ihn alsdann ohne weitere
Zeremonie zum Zelt zurück.

Bald nachher brachten ihm seine Bedienten etwas Schweinefleisch und
Brotfrucht; er machte sich über diese Gerichte her und tauchte dabei
das Fleisch in Seewasser, das ihm statt der Brühe diente. Nach der
Mahlzeit legte er sich auf Banks' Bett und schlief ungefähr eine
Stunde lang. Des Nachmittags brachte seine Gemahlin Tomio einen schön
gebildeten Jüngling von ungefähr 22 Jahren zum Zelte, beide schienen
ihn als ihren Sohn zu betrachten, wir erfuhren aber nachmals, daß
er es nicht war. Am Abend kehrte dieser Jüngling und eine andere
Standesperson, die uns ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte,
nach Westen hin zurück. Tuburai Tamaide und seine Gemahlin hingegen
verfügten sich nach ihrem im Walde gelegenen Wetterdache.

Der Schiffsarzt hatte an diesem Abend einen Spaziergang gemacht und
erzählte uns bei seiner Rückkehr, daß er den Leichnam des am Zelte
erschossenen Mannes gefunden habe, den man -- wie er berichtete --
in Rindenzeug gewickelt und auf eine Art von Bahre gelegt hatte, die
auf Pfosten ruhte und oben ein Dach trug. Bei dem Körper lagen einige
Waffen und andere Dinge, die er gern genauer untersucht hätte, wenn der
Leichnam nicht bereits einen so unerträglichen Geruch verbreitet hätte.
Er sagte, er habe auch zwei andre »Särge« derselben Art gesehen, in
deren einem die Gebeine eines menschlichen Körpers gewesen wären und
sehr lange dagelegen haben mußten, weil sie ganz ausgetrocknet waren.
Wir erfuhren später, daß dies auf Tahiti die gewöhnliche Art ist, die
Toten zu bestatten.

Man fing nunmehr an, eine Art von Markt zu halten. Der Platz war
hart am Fort gelegen, und wir wurden mit allem reichlich versehen,
ausgenommen Schweinefleisch, das sehr selten blieb. Tuburai Tamaide war
unser beständiger Gast und ahmte unsere Gewohnheiten so eifrig nach,
daß er sich sogar eines Messers und einer Gabel bediente, die er bald
mit ziemlicher Geschicklichkeit handhabte.

Inzwischen hatte Monkhouse durch seine Beschreibung von dem Orte, wo
der erschossene Mann beigesetzt war, meine Neugier rege gemacht; ich
suchte also Gelegenheit, mit einigen anderen hinzugehen und selbst den
Begräbnisplatz zu besichtigen. Wir gelangten endlich an unser Ziel. Der
Schuppen, unter dem der Leichnam lag, war dicht neben dem Hause, worin
der Mann bei Lebzeiten gewohnt hatte, aufgebaut. Noch andere ähnliche
Begräbnisstätten lagen nur 3 Meter davon ab. Der Schuppen selbst war
ungefähr 4½ Meter lang, etwa 3 Meter breit und von verhältnismäßiger
Höhe. Das eine Ende war ganz offen, das andere sowie die beiden Seiten
waren zum Teil mit einer Art von geflochtenem Zaun umgeben. Die Bahre,
auf der der Leichnam lag, war eine Art von hölzernem Kasten. Der Boden
dieses Behältnisses war mit Matten belegt und ruhte auf vier Pfosten
ungefähr anderthalb Meter über der Erde. Der Leichnam selbst war mit
einer Matte und über dieser mit einem weißen Tuch bedeckt. Neben dem
Körper lag eine hölzerne Keule, eines von ihren Kriegswerkzeugen, und
zu Häupten des Toten standen 2 Kokosnußschalen, wie sie auf diesen
Inseln bisweilen als Trinkgeschirre dienen. Am anderen Ende war ein
Bündel grüner Blätter an einige dürre Zweige gebunden und in die Erde
gesteckt. Daneben lag ein Stein, der ungefähr die Größe einer Kokosnuß
haben mochte, und etwas weiter weg hatten sie eine junge Banane, deren
man sich, wie geschildert, als Friedenssymbol bedient, eingesetzt;
daneben lag eine steinerne Axt. Am offenen Ende des Schuppens hing
eine große Menge aufgereihter Palmnüsse. Außerhalb war der Stamm einer
ungefähr anderthalb Meter hohen Bananenpflanze aufrecht in den Boden
gesteckt und auf dem oberen Ende eine Kokosnußschale voll frischen
Wassers befestigt. An dem einen von vier Pfosten hing ein kleiner
Sack, in dem wir einige Stücke gerösteter Brotfrucht fanden, die nach
und nach hineingelegt sein mochten; denn einige davon waren noch
frisch, andere schon älter. Ich bemerkte, daß verschiedene von den
Eingeborenen uns mit einer Miene beobachteten, die zugleich Besorgnis
und Feindseligkeit verriet. Als wir uns dem Leichnam näherten, sah man
es ihnen an, daß sie darüber in Verlegenheit waren; auch blieben sie
die ganze Zeit über, in der wir unsere Beobachtungen anstellten, in
geringer Entfernung von uns stehen und schienen recht froh zu sein, als
wir endlich wieder weggingen.

Unser Aufenthalt am Lande wäre gar nicht unangenehm gewesen, wenn
wir nur nicht unaufhörlich von den Fliegen wären gequält worden.
Unter anderem hinderten sie den Maler Parkinson fast gänzlich an
seiner Arbeit. Denn sie bedeckten nicht nur den Gegenstand, den er
abmalen wollte, so sehr, daß man ihn nicht mehr erkennen konnte,
sondern sie fraßen sogar die Farbe vom Papier ebenso geschwind weg,
als er sie auftragen konnte. Wir nahmen deshalb unsere Zuflucht zu
den Moskitonetzen und Fliegenbeizen; diese machten zwar der größten
Beschwerlichkeit ein Ende, halfen ihr aber doch bei weitem nicht ab.

Am 22. gab Tutaha uns eine Probe von der Musik dieses Landes. Vier
Personen spielten auf Flöten, die nur zwei Tonlöcher hatten, und
folglich mit halben Tönen nur vier Noten angeben konnten. Sie wurden
wie unsere Querflöten geblasen, nur daß der Tonkünstler, anstatt sie
an den Mund zu halten, mit dem einen Nasenloche hineinblies, während
er das andere mit dem Daumen zuhielt. Zu diesem Instrument sangen
vier andere Personen und beobachteten den Takt sehr genau; während
des ganzen Konzertes wurde jedoch immer nur ein und dieselbe Melodie
gespielt.

Verschiedene Eingeborene brachten uns Äxte, die sie von der Mannschaft
des »Delphins« bekommen hatten, und ersuchten uns, sie zu schleifen
und auszubessern. Unter diesen Äxten befand sich auch eine, die uns
viel Kopfzerbrechen machte, weil sie französische Arbeit zu sein
schien. Nach langem Nachforschen erfuhren wir, daß nach der Abreise
des »Delphin« und vor unserer Ankunft ein Schiff hier gewesen wäre.
Damals vermuteten wir, daß es Spanier gewesen sein mochten; jetzt aber
wissen wir, daß es die »Boudeuse« unter dem Befehl des französischen
Entdeckers Bougainville gewesen war.

Am 24. nahmen Banks und Dr. Solander das Land verschiedene Kilometer
weit längs der Küste gegen Osten hin in Augenschein. Ungefähr
2 Kilometer weit war es flach und fruchtbar. Von da an erstreckten
sich die Gebirge bis hart an die Küste. Ein wenig weiterhin liefen sie
sogar ganz in die See hinaus, so daß man, um weiter fortzukommen, sie
übersteigen mußte. Diese unfruchtbaren Berge reichten noch ungefähr
3 Kilometer weiter und fielen dann zu einer großen Ebene ab, übersäet
mit Hütten, deren Bewohner in großem Überfluß zu leben schienen. Als
unsere Spaziergänger eben den Rückweg antreten wollten, nahte sich
einer von den Eingeborenen und bot ihnen Erfrischungen dar, die sie
sich auch gefallen ließen. Sie fanden, daß dieser Mann zu einer Art von
Menschen gehörte, die von verschiedenen Schriftstellern beschrieben
worden sind und nach deren Zeugnis unter vielen Völkern zerstreut
angetroffen werden. Seine Haut war blaßweiß, ganz ohne Fleischfarbe
und gewissermaßen leichenfarbig. Das Haar, die Augenbrauen und der
Bart waren ebenfalls weiß. Die Augen schienen mit Blut unterlaufen, er
selbst schien kurzsichtig zu sein. Solche Leute nennt man Albinos.

Bei ihrer Rückkehr begegnete ihnen Tuburai Tamaide mit seinen Frauen,
und diese empfanden bei dem Anblick unsrer Herren solche Freude,
daß sie diese in Ermangelung eines andern Ausdrucks durch Tränen zu
erkennen gaben und eine Zeitlang weinten, ehe sie ihre Leidenschaft
mäßigen konnten.

Am Abend lieh Dr. Solander einer dieser Frauen sein Taschenmesser,
bekam es aber nicht wieder, und den folgenden Morgen vermißte auch
Banks das seine. Bei dieser Gelegenheit muß ich allen Ständen und
beiden Geschlechtern dieses Volkes das Zeugnis ausstellen, daß sie
die größten Diebe auf Erden sind. Gleich am ersten Tage, als wir hier
angekommen waren, und sie also zum ersten Male an Bord kamen, waren die
Vornehmsten unter ihnen schon geschäftig, alles, was sie nur bekommen
konnten, aus der Kajüte zu stehlen, und ihre Untergebenen waren an
anderen Stellen des Schiffs nicht weniger emsig. Sie nahmen alles,
was sie einigermaßen verbergen konnten, bis sie an Land kamen, und
sogar die Glasscheiben der Fenster waren nicht sicher vor ihnen; denn
sie nahmen gleich das erstemal zwei davon mit sich. Außer Tutaha war
Tuburai Tamaide der einzige, der dieses Lasters nicht schuldig befunden
wurde. Jetzt nun, als Banks' Messer abhanden gekommen war, erschien
auch Tuburais Ehrlichkeit fragwürdig, und Banks beschuldigte ihn daher,
so leid es ihm auch tat, ihm das Messer entwendet zu haben. Tuburai
leugnete es feierlich und blieb dabei, daß er nicht das geringste davon
wisse. Banks dagegen erklärte, daß er das Messer wieder haben wolle,
möchte nun er oder ein anderer es genommen haben. Das war ziemlich
deutlich gesprochen und hatte die gewünschte Wirkung. Einer von den
Anwesenden nämlich zog auf ein Wort des Häuptlings einen Lumpen hervor,
in dem drei Messer sehr sorgfältig eingewickelt waren. Eines davon war
jenes, das Dr. Solander der Frau geliehen hatte, das zweite war eines
von meinen Tischmessern; wem das dritte gehören mochte, wußten wir
nicht. Mit diesen Messern eilte Tuburai augenblicklich nach dem Zelte,
um sie ihren Eigentümern zurückzuerstatten. Banks blieb unterdessen
bei den Frauen, die sehr besorgt zu sein schienen, daß ihrem Herrn
und Gebieter ein Leids geschehen möchte. Als er an unser Zelt kam,
gab er das eine Messer Dr. Solander, das andere mir zurück. Zu dem
dritten wollte sich der Eigentümer nicht finden lassen. Darauf fing er
an, Banks' Messer in allen Ecken und in allen Winkeln zu suchen, wo
er es nur jemals hatte liegen sehen. Nach einiger Zeit merkte einer
von Banks' Bedienten, wonach der Insulaner suchte, und holte sogleich
das Messer seines Herrn herbei, das er den Tag zuvor weggelegt hatte,
und von dem er bis zum Augenblick nicht gewußt hatte, daß es vermißt
werde. Als der gute Tuburai Tamaide gerechtfertigt und in seiner
Unschuld erkannt war, geriet er in die äußerste Erregung, die er in
Blicken und Gebärden zum Ausdruck bringen mußte: die Tränen schossen
ihm in die Augen, und er machte Zeichen mit dem Messer, daß, wenn er
jemals einer solchen Tat, wie man sie ihm eben habe aufbürden wollen,
schuldig erfunden würde, er sich die Kehle wolle abschneiden lassen.
Hierauf rannte er aus dem Fort und hin zu Banks mit einer Miene, die
diesem seinen Argwohn streng verwies. Banks erfuhr bald, daß sein
Bedienter das Messer an sich genommen hatte, und nun kränkte es ihn
ebensosehr, dem guten Tuburai Unrecht getan zu haben, als jenem der
unverdiente Vorwurf nahegegangen war. Er fühlte sich schuldig und
wünschte sehr, seine Übereilung wieder gutzumachen. Doch so heftig auch
die Leidenschaft des verdächtigten Häuptlings war, neigte er doch nicht
zu heimlichem Grolle, und als Banks wieder ein wenig vertraulich gegen
ihn getan und ihm einige Geschenke gemacht hatte, war die Beleidigung
vergessen und Tuburai wieder vollkommen ausgesöhnt.

Am nächsten Tage pflanzte ich sechs Drehkanonen auf das Fort und sah
mit Bedauern, daß die Eingeborenen darüber in Besorgnis gerieten.
Einige Fischerleute, die auf der Landspitze des Hafens wohnten, zogen
weiter weg, und Auhaa gab uns durch Zeichen zu verstehen, wir würden in
Zeit von vier Tagen große Kanonen abfeuern.

Am 27. April speiste Tuburai mit einem seiner Freunde und mit den drei
Frauen, die ihn zu begleiten pflegten, zu Mittag bei uns im Fort. Wie
ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, hießen die drei Frauen Terapo,
Teirao und Omeia. Der gute Freund aber, den er mitbrachte, bewies sich
bei der Mahlzeit so gefräßig, wie ich dergleichen noch nie gesehen
hatte. Am Abend nahmen sie Abschied und gingen nach dem Hause, das
Tuburai am äußersten Teile des Waldes hatte aufrichten lassen. Nach
kaum einer Viertelstunde kam der Häuptling sehr entrüstet zurück,
ergriff Banks hastig am Arme und gab ihm durch Zeichen zu verstehen,
daß er ihm folgen solle. Banks tat es sogleich, und sie gelangten bald
an einen Ort, wo sie den Schiffsfleischer mit einer Sichel in der Hand
stehen sahen. Hier hielt Tuburai an und meldete ihm mit so unmäßiger
Wut, daß man seine Zeichen kaum verstehen konnte, der Fleischer habe
gedroht oder gar versucht, seiner Gattin mit der Sichel die Kehle
abzuschneiden. Banks bedeutete ihm hierauf, daß, wenn er die Wahrheit
seiner Anklage erweisen könnte, der Mann dafür gestraft werden solle.
Das besänftigte ihn, und er gab Banks zu verstehen, wie sich die
Sache zugetragen hatte. Der Verbrecher habe nämlich Lust nach einem
steinernen Beile bekommen, das im Hause gelegen hätte. Dieses Beil habe
er seiner Gattin für einen Nagel abkaufen wollen; da sie aber geäußert
hätte, daß es ihr um keinen Preis feil sei, so habe er es weggenommen,
ihr den Nagel hingeworfen und gedroht, daß er ihr die Kehle
abschneiden würde, wenn sie sich etwa widersetzte. Zum Beweise dafür
wurden Beil und Nagel vorgezeigt, und der Fleischer konnte dagegen so
wenig zu seiner Verteidigung vorbringen, daß man keine Ursache hatte,
an der Wahrheit der Beschuldigung zu zweifeln.

Banks berichtete mir diesen Vorfall. Als Tuburai kurz danach mit
seinen Frauen und anderen Insulanern an Bord des Schiffes war, ließ
ich den Fleischer auf Verdeck rufen, die Anklage und der Beweis
wurden dem Verbrecher vorgehalten, und um anderen ähnlichen Vergehen
vorzubeugen, wie auch Banks' Versprechen zu erfüllen, befahl ich, daß
der Kerl abgestraft werden sollte. Die Eingeborenen sahen mit ernster
Aufmerksamkeit zu, wie er entkleidet und an die Wand gebunden wurde,
und erwarteten stillschweigend den Ausgang. Sobald man ihm aber den
ersten Streich gegeben hatte, legten sie sich ins Mittel und baten aufs
angelegentlichste, daß ihm der Rest der Strafe erlassen werden möchte.
Hierein konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht willigen. Und
als sie endlich sahen, daß sie mit ihren Fürbitten nichts erreichten,
bezeugten sie ihr Mitleid durch Tränen.

[Illustration: Der Bootsmann erkannte die Königin sogleich wieder.]

Sie waren in der Tat so wie Kinder gleich zu Tränen geneigt, wenn
eine oder die andere Leidenschaft heftig in ihnen aufstieg; und ihre
Tränen schienen auch wie der Kinder Tränen ebenso leicht vergossen als
vergessen zu sein. Hiervon mag folgender Vorfall Zeugnis geben: Am 28.
des Morgens sehr frühe, noch vor Anbruch des Tages, kam eine große
Anzahl Eingeborener zum Fort, und da man unter anderen Frauen auch die
Terapo außerhalb des Tores stehen sah, ging Banks hinaus und führte
sie herein. Er bemerkte, daß ihr Tränen in den Augen standen, und
sobald sie hereinkam, brach sie in lautes Weinen aus. Er erkundigte
sich eifrig nach der Ursache ihrer Betrübnis. Allein, statt ihm zu
antworten, zog sie unter ihrem Kleide einen Seehundszahn hervor und
stieß sich diesen sechs- oder siebenmal so heftig in den Kopf, daß
das Blut mit Gewalt herabströmte. Sie redete dabei sehr laut in einem
höchst traurigen Tone einige Minuten lang fort, ohne im geringsten auf
seine Fragen zu achten, die er noch dringender als zuvor wiederholte,
wobei er ihr sein Mitleid immer mehr bezeugte. Die andern Insulaner
hingegen plauderten und lachten die ganze Zeit über, ohne sich im
geringsten an ihren Jammer zu kehren. Das kam Banks sehr seltsam vor;
ihr eigenes Betragen war jedoch noch sonderbarer. Sobald das Blut zu
fließen begann, sah sie mit lächelnder Miene auf und begann, einige
kleine Streifen Zeug aufzulesen, die sie vorher hingeworfen hatte, um
das Blut aufzufangen. Sobald sie alle aufgehoben hatte, ging sie aus
dem Zelte weg und warf die Fetzen mit vieler Sorgfalt in die See, als
ob sie gleichsam verhindern wollte, daß ihr Anblick die Erinnerung an
den Anlaß ihrer Traurigkeit erneuern sollte. Hierauf sprang sie in den
Fluß, wusch sich und kehrte dann so aufgeräumt und munter nach dem
Zelte zurück, als ob ihr nicht das geringste widerfahren sei.

Den ganzen Vormittag über langten beständig Kanus an, und die Zelte im
Fort wimmelten von Leuten beiderlei Geschlechts, die aus verschiedenen
Gegenden der Insel hergekommen waren. Da ich selbst an Bord des
Schiffes zu tun hatte, ging mein Bootsmann, der die letzte Reise an
Bord des »Delphin« mitgemacht hatte, an Land. Sobald er in Banks' Zelt
trat, fiel ihm eine Frau auf, die sehr gelassen unter den anderen
dasaß. Er hatte sie kaum recht angeblickt, so erkannte er sie wieder
und behauptete, daß es dieselbe Dame sei, die man damals für die
Königin der Insel gehalten habe. Sie bestätigte ihrerseits gleichfalls,
daß er einer von den Fremden sei, die sie früher schon gesehen habe.
Nunmehr sah alles auf diese Dame, die nach dem Zeugnis der Entdecker
dieser Insel eine so große Rolle gespielt hatte. Wir erfuhren bald, daß
sie Oberea hieß; sie schien ungefähr 40 Jahre alt zu sein und war von
großer Statur. Ihre Haut war sehr hell, und in ihrem Blick lag etwas
ungemein Geistreiches und Empfindsames. Sie schien in ihrer Jugend
schön gewesen zu sein. Jetzt aber waren nur noch einige Reste dieser
ehemaligen Schönheit zu sehen.

Sobald man ihren Rang wußte, erbot man sich, sie an Bord des Schiffes
zu bringen. Sie nahm dieses Anerbieten mit Vergnügen an und kam mit
zwei Männern und verschiedenen Frauen, die insgesamt zu ihrer Familie
zu gehören schienen, an Bord. Ich empfing sie mit allen den Ehren, die
ihr meinem Erachten nach schmeicheln konnten, und überhäufte sie mit
Geschenken, von denen dieser durchlauchtigsten Dame eine Kinderpuppe am
besten zu gefallen schien. Als sie eine kleine Weile an Bord zugebracht
hatte, begleitete ich sie an Land zurück. Sobald wir dort ankamen,
machte sie mir ein Geschenk von einem Schweine und verschiedenen
Bündeln Bananen, die sie von ihren Kanus zu unserm Boote vor uns her
in einer Art von Prozession tragen ließ. Auf unserem Wege zum Fort
begegneten wir dem Tutaha, der zwar nicht König war, aber damals doch
mit der höchsten Gewalt bekleidet sein mußte. Es schien ihm gar nicht
zu gefallen, daß wir der Oberea so viele Ehren erwiesen; und als sie
vollends ihre Puppe hervorzog, wurde er so eifersüchtig, daß ich, um
ihn zu versöhnen, es für ratsam hielt, auch ihm eine zu schenken.

Die Männer, die uns von Zeit zu Zeit besuchten, pflegten ohne das
geringste Bedenken von unseren Speisen zu essen. Die Frauen hingegen
hatte man noch niemals bewegen können, einen Bissen zu kosten. Auch
an diesem Tage drangen wir in sie, daß sie mit uns speisen möchten;
sie lehnten es zwar wie gewöhnlich ab, verfügten sich aber nachher in
das Zimmer der Bedienten und ließen sich hier die Bananen sehr wohl
schmecken. Diese Seltsamkeit im Betragen des schönen Geschlechts war
uns ein unauflösliches Rätsel.

Am nächsten Abend stattete Banks dem Tuburai Tamaide, wie er bereits
oft getan hatte, bei Licht einen Besuch ab, fand aber zu seinem
Bedauern und zu seiner Befremdung, daß der Häuptling und seine ganze
Familie sehr betrübt und die meisten weinend dasaßen. Banks bemühte
sich vergebens, die Ursache ihrer Traurigkeit zu entdecken, und hielt
sich deshalb nicht lange bei ihnen auf, sondern kehrte zum Fort zurück.
Als er den Offizieren erzählte, was er gesehen habe, erinnerten sich
diese, daß Auhaa ihnen vorausgesagt hatte, wir würden innerhalb von
vier Tagen unser großes Geschütz abfeuern, und da von diesem Termin
eben der dritte Tag zu Ende ging, erschraken sie über diesen Umstand
und gerieten auf den Verdacht, daß uns von seiten der Eingeborenen
vielleicht irgendein Unheil bevorstehe. Die Schildwachen im Fort wurden
daher verdoppelt, und die Offiziere selber schliefen unter Waffen. Um
2 Uhr des Morgens stand Banks auf und wollte in eigener Person die
Gegend untersuchen. Er ging um die Landspitze herum, fand aber alles so
ruhig, daß er jeden Verdacht eines Überfalles als unbegründet fahren
ließ. Doch wir hatten nunmehr noch einen andern Grund, uns sicher zu
fühlen; denn unser Festungsbau war beendet. Die nördliche und südliche
Seite bestanden aus einem Erdwall, der innen fast 2 Meter hoch und
mit einem 3 Meter breiten und 2 Meter tiefen Graben umgeben war. Die
westliche Seite, die der Bucht gegenüber lag, hatte ich mit einem
Erdwall versehen lassen, der etwa 1½ Meter hoch und mit Palisaden
gesichert, aber durch keinen Graben verstärkt war, weil zur Flutzeit
die See bis an das Fort selbst heranspülte. An die östliche Seite, die
ans Flußufer stieß, waren zwei Reihen gefüllter Wasserfässer gestellt.
Und weil diese die schwächste Seite war, ließ ich zwei 4-pfündige
Kanonen und 6 Drehbassen dahinbringen und diese so aufpflanzen, daß sie
die zwei einzigen Zugänge aus den Wäldern her bestreichen konnten. Die
Offiziere und die am Lande wohnenden Herren mit eingerechnet, bestand
unsere Besatzung aus 45 Mann, die sämtlich mit Schußwaffen wohlversehen
waren, und unsere Schildwachen wurden ebenso regelmäßig abgelöst, als
in der wachsamsten Grenzfestung von Europa möglich gewesen wäre.

Obgleich unser Verdacht sich gelegt hatte, setzten wir unsere
Wachsamkeit doch den ganzen folgenden Tag über fort. Um 10 Uhr des
Morgens kam Tomio mit furchtsamer und trauriger Miene zum Zelt
gelaufen, nahm Banks, an den sie sich in jeder Verlegenheit und Not
zu wenden pflegte, am Arm und gab ihm zu verstehen, daß Tuburai an
etwas, das unsere Leute ihm gegeben hätten, sterben wolle; er möchte
also unverzüglich mit ihr kommen. Banks ging mit ihr und fand seinen
braunen Freund äußerst schwach und niedergeschlagen, den Kopf hatte
er an einen Pfosten gelehnt. Die Leute, die um ihn herum standen,
berichteten, daß er sich erbrochen habe, und brachten ein sehr
sorgfältig eingewickeltes Blatt herbei, das ihrer Aussage nach etwas
von dem Gift enthielte, an dessen zerstörenden Wirkungen er nun sterben
müsse. Banks öffnete eiligst das Blatt und fand darin etwas Kautabak,
den Tuburai sich von einigen unserer Leute ausgebeten, und den ihm
diese auch unbesonnenerweise gegeben hatten. Er mußte beobachtet haben,
daß sie den Tabak lange im Munde zu behalten pflegten, und da er es
ihnen vermutlich gleichtun wollte, so hatte er ihn lieber ganz klein
gekaut und mit dem Speichel hinuntergeschluckt. Während Banks das
Blatt betrachtete und den Inhalt untersuchte, sah ihn jeder mit der
erbärmlichsten Miene an, als wollte er sagen: es ist vorbei. Sobald
indessen Banks die Ursache und den Zustand der Krankheit erkannt hatte,
verordnete er dem Häuptling reichlich Kokosmilch, und dieses Getränk
machte denn auch der Krankheit und Todesahnung bald ein Ende.

Da Kapitän Wallis eines von den Beilen nach England gebracht hatte,
die diese Südsee-Insulaner in Ermangelung jeglichen Metalls aus Stein
verfertigen, hatte der Sekretär der Admiralität nach diesem Muster
eines aus Eisen anfertigen lassen und mir auf die Reise mitgegeben, um
den Eingeborenen zu zeigen, wie sehr wir sie in der Verfertigung von
Werkzeugen auch nach ihrer eigenen Landesart überträfen. Dieses Beil
hatte ich noch niemals vorgezeigt, weil es mir seit meinem Hiersein
noch gar nicht eingefallen war. Als nun Tutaha eines Morgens an Bord
kam, äußerte er große Begierde, zu sehen, was in jeder Kiste und
jeder Schublade meiner Kajüte wäre. Da ich ihm nun allezeit soviel
als möglich gefällig zu sein versuchte, schloß ich ihm einen Behälter
nach dem anderen auf. Er bekam Lust zu vielen Dingen, die er sah, und
las sie zusammen. Als er aber zuletzt die Augen auf dieses Beil warf,
ergriff er es mit der größten Begierde, legte alles, was er vorher
zusammengelesen hatte, weg und fragte mich, ob ich ihm dieses geben
wolle. Ich willigte gern ein, und als hätte er besorgt, es möchte mich
vielleicht gereuen, machte er sich vor Freude im Augenblick damit fort,
ohne sich noch mehr auszubitten, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn
man ihn gleich noch so freigebig beschenkt hatte.

Am Mittag des 1. Mai kam ein anderer von den Anführern, der wenige Tage
vorher in Gesellschaft einiger seiner Frauen mit mir gespeist hatte,
allein an Bord. Ich hatte beobachtet, daß er sich bei der Mahlzeit
von seinen Frauen regelrecht füttern ließ, doch hoffte ich, daß er
sich diesmal wohl dazu bequemen würde, selbst zuzulangen. Darin aber
hatte ich mich geirrt. Als die Mahlzeit aufgetragen war und mein
vornehmer Gast Platz genommen hatte, legte ich ihm einige Speisen
vor; er aber saß unbeweglich und wollte nicht essen. Ich nötigte
ihn also, zuzulangen, er blieb aber immer noch unbeweglich wie eine
Bildsäule, ohne auch nur Miene zu machen, einen Bissen zu kosten. Ich
glaube wahrhaftig, er wäre ohne zu essen weggegangen, wenn ich nicht
die Ursache seines Betragens erraten und einen von meinen Bedienten
beauftragt hätte, ihm die Bissen in den Mund zu stecken.

[Illustration: Der Bediente mußte dem Häuptling die Bissen in den Mund
stecken.]

Am Nachmittag legten wir die Sternwarte an und nahmen den Quadranten
nebst einigen anderen astronomischen Instrumenten zum ersten Male mit
an Land.

Den nächsten Morgen um 3 Uhr ging ich mit unserm Astronomen Green
hin, den Quadranten zum Gebrauch aufzustellen. Allein zu unserer
unbeschreiblichen Bestürzung war das Instrument nirgends mehr zu
finden. Es war von uns in dem für mich bestimmten Zelte aufbewahrt
worden, und da ich diese Nacht noch an Bord geblieben war, hatte
niemand im Zelte geschlafen. Es war niemals aus dem Futteral, das
fast ein halbes Meter im Quadrat hatte und mit dem Inhalt ziemlich
schwer war, herausgenommen worden. Die ganze Nacht hindurch hatte eine
Schildwache kaum 4 Meter weit von der Türe des Zeltes gestanden, und
von den anderen Instrumenten wurde keines vermißt. Anfangs argwohnten
wir, daß es vielleicht von einem oder dem anderen unserer eigenen Leute
möchte gestohlen worden sein, der beim Anblick des hölzernen Kastens,
ohne zu wissen, was darin sei, vielleicht gedacht haben mochte, er
enthalte Nägel oder sonst etwas, das zum Handel mit den Eingeborenen
tauglich sei. Es wurde also sofort dem Finder des Quadranten eine große
Belohnung angeboten, weil wir ohne dies Instrument die vornehmste
Aufgabe unserer Reise gar nicht durchführen konnten. Wir begnügten
uns nicht damit, im Fort und in dessen Nachbarschaft nachzusuchen,
sondern, da der Kasten im Falle, daß er von einem unserer eigenen
Leute gestohlen worden war, nach dem Schiff zurückgebracht worden sein
konnte, wurde auch an Bord eifrigst nach ihm geforscht. Allein, alle
hierzu ausgeschickten Abteilungen kamen unverrichteterdinge zurück.
Banks, der bei solchen Zufällen weder Mühe noch Gefahren scheute
und bei den Eingeborenen mehr als irgendeiner von uns vermochte,
entschloß sich daher, den Quadranten in den Wäldern zu suchen. War das
Instrument von den Eingeborenen gestohlen worden, hoffte er, es an dem
Orte, wo sie den Kasten geöffnet hatten, wiederzufinden, weil sie
sogleich gesehen haben müßten, daß er für sie von gar keinem Nutzen
sein könne. Wenn aber diese Erwartung täuschen sollte, schmeichelte
er sich, das Instrument durch das Ansehen, das er bei den Häuptlingen
genoß, wiedererlangen zu können. Er ging daher in Begleitung eines
Schiffsunteroffiziers und Greens fort und begegnete, als er eben über
den Fluß setzte, Tuburai Tamaide, der sogleich mit drei Strohhalmen
auf seiner Hand die Figur eines Dreiecks darstellte. Danach war es
gewiß, daß die Eingeborenen die Diebe waren, und Banks schloß aus
diesem Umstande, daß sie zwar den Kasten geöffnet hatten, jedoch nicht
geneigt waren, das Instrument auszuliefern. Nun war keine Zeit mehr
zu verlieren. Banks gab also Tuburai Tamaide zu verstehen, daß er
augenblicklich mit ihm nach dem Orte gehen müsse, wohin der Quadrant
gebracht worden wäre. Der Häuptling war sogleich dazu bereit, und sie
eilten miteinander in östlicher Richtung fort. Tuburai erkundigte sich
in jedem Hause, an dem sie vorüberkamen, nach dem Diebe, den er genau
kennen mußte, weil er ihn mit Namen nannte; die Leute sagten ihm auch
überall, welchen Weg er genommen habe, und wann er vorübergekommen sei.
Man hatte also von einem Orte zum andern Hoffnung, ihn einzuholen,
und das machte unsern Leuten Mut, der unerträglichen Sonnenhitze zu
widerstehen und weiterzudringen. Nachdem sie so, bald gehend, bald
laufend, einen vom Fort etwa 4 Kilometer entfernten Berg erreicht
hatten und diesen hinaufgestiegen waren, zeigte ihnen ihr Führer eine
Landspitze, die noch gut 3 Kilometer entfernt lag, und gab ihnen
dabei zu verstehen, daß sie das Instrument nicht eher wiederbekommen
konnten, als bis sie dorthin gelangt wären. Sie hielten also eine kurze
Beratung. Sie hatten keine andere Waffe als ein paar Pistolen, die
Banks allezeit bei sich zu tragen pflegte. Sie waren im Begriff, einen
Ort aufzusuchen, der gut 7 Kilometer vom Fort entfernt lag, und wo die
Eingeborenen vielleicht nicht so gutwillig sein mochten wie in der
Nähe unseres Schiffs. Sie wollten den Wilden überdies etwas abnehmen,
das diese mit Lebensgefahr erbeutet hatten, und das sie allem Vermuten
nach behalten wollten. Das waren Umstände, die man wohl bedenken mußte,
und es war vorauszusehen, daß sie immer mehr Gefahr liefen, je tiefer
sie sich auf ihrer Suche ins Land hineinwagten. Es wurde deshalb
beschlossen, daß Banks und Green mit dem Häuptling weitergehen sollten.
Der Unteroffizier aber sollte zu mir zurückkehren und verlangen, daß
eine Abteilung Soldaten nachgeschickt werde, und mir zugleich melden,
daß sie unmöglich vor Nacht wieder zurück sein könnten. Auf diese
Botschaft hin machte ich mich selbst auf den Weg und nahm so viel von
meinen Leuten mit, als ich nötig zu haben glaubte. Im Schiffe aber
und im Fort ließ ich Befehl zurück, daß man kein Kanu aus der Bucht
wegrudern lassen, jedoch auch keinen Eingeborenen gefangenhalten sollte.

Mittlerweile setzten Banks und Green mit Tuburai Tamaide ihren Weg
fort, und an dem Platze, den der Häuptling ihnen vom Berge aus gezeigt
hatte, trafen sie einen von seinen eigenen Leuten, der ein Stück
vom Quadranten in der Hand hielt. Bei diesem höchst erfreulichen
Anblick machten sie halt, und im Augenblick waren sie auch schon von
einer großen Menge Eingeborener umringt. Da aber einige der Wilden
sich ziemlich nahe an sie herandrängten, hielt Banks es für nötig,
ihnen eine von seinen Pistolen zu zeigen. Diese Warnung hatte die
beabsichtigte Wirkung. Indessen wuchs die Menschenmenge mit jedem
Augenblick mehr an. Banks, der sie sich nicht allzu nahe kommen
lassen wollte, bezeichnete ihnen einen Kreis im Grase, den sie nicht
überschreiten sollten, und sie stellten sich denn auch sehr ruhig und
manierlich außerhalb der Grenze um ihn her. In der Mitte des Kreises
ließ man den nunmehr herbeigeschafften Kasten nebst verschiedenen
Linsen und anderen Teilen des Instruments aufstellen. Der Dieb hatte
alle diese Dinge in der Eile in ein Pistolenfutteral gesteckt, das
Banks als sein Eigentum erkannte, und das er bereits seit einiger
Zeit samt einer Reiterpistole, die darin gewesen war, in seinem Zelte
vermißt hatte. Banks forderte jetzt auch diese Waffe zurück, und sie
ward ihm sofort gegeben.

Der Astronom war gespannt, zu sehen, ob auch alles Zubehör vollständig
zurückgegeben worden sei. Bei genauerer Untersuchung des Kastens fand
er, daß das Gestell und einige andere Kleinigkeiten noch fehlten. Nach
diesen wurden verschiedene Personen ausgeschickt, und die meisten
der vermißten Stücke wurden zurückgebracht. Man gab ihm zugleich zu
verstehen, daß der Dieb das Gestell nicht bis in diese Gegend mit sich
geschleppt habe, und daß es ihm auf dem Rückwege ausgehändigt werden
solle.

Da nun auch Tuburai Tamaide diese Versicherung durch sein Wort
bestätigte, so machten sich unsre Herren auf den Rückweg, weil das
wenige, das ihnen auch jetzt noch an dem Instrumente fehlte, leicht
wieder neu angefertigt werden konnte. Nachdem sie auf ihrem Rückwege
ungefähr zwei Kilometer weit gekommen waren, traf ich sie, und wir
freuten uns über die Wiedererlangung des Quadranten, was man bei der
Wichtigkeit des Instrumentes leicht verstehen wird.

Um 8 Uhr kam Banks mit Tuburai Tamaide zum Fort zurück, fand aber
zu seinem großen Bedauern den Tutaha hier in Haft und sah, daß
viele Eingeborene in äußerster Angst und Bestürzung sich um das Tor
drängten. Er ging also eiligst hinein und erlaubte auch einigen der
Eingeborenen, ihm zu folgen. Als sie hineinkamen, ereignete sich ein
rührender Auftritt. Tuburai Tamaide stürzte herein und warf sich
Tutaha in die Arme. In dieser zärtlichen Stellung brachen sie beide
in Tränen aus und weinten um einander, ohne ein Wort sagen zu können.
Die anderen Eingeborenen weinten nicht minder um ihr Oberhaupt Tutaha,
weil sie gleich ihm wähnten, er solle hingerichtet werden. In dieser
traurigen Verfassung blieben sie bis zu meiner Ankunft, die ungefähr
eine Viertelstunde nachher erfolgte. Der Anblick befremdete und
rührte mich ungemein. Tutaha war ohne meinen Befehl gefangengenommen
worden; ich setzte ihn daher sogleich in Freiheit. Als ich die Sache
genauer untersuchte, wurde mir berichtet, daß die Eingeborenen, als
sie mich mit bewaffneter Mannschaft in den Wald hätten marschieren
sehen, gefürchtet haben mußten, es geschähe in der Absicht, den soeben
vorgefallenen Diebstahl, den auch sie gleich erfahren hatten, so zu
ahnden, wie es die Wichtigkeit des Verlustes und die Strenge unserer
Vorkehrungen besorgen ließ. Dieser Gedanke habe sie derart erschreckt,
daß sie sofort angefangen hätten, die Gegend des Forts mit allen ihren
Habseligkeiten zu verlassen. Leutnant Gore, dem ich während meiner
Abwesenheit das Kommando an Bord der »Endeavour« übergeben und befohlen
hatte, kein Kanu wegrudern zu lassen, habe ein Doppelkanu vom Lande
abstoßen sehen und hierauf den Bootsmann mit einem Boote abgeschickt,
um es zurückzubringen. Sobald das Boot jedoch an das Kanu herangekommen
sei, wären die Insassen vor Schrecken ins Meer gesprungen, und da
zum Unglück Tutaha sich unter ihnen befand, habe der Oberbootsmann
diesen gefangengenommen, während er die anderen an Land schwimmen ließ.
Der Wahn, daß wir ihn hinrichten würden, hatte sich Tutahas so sehr
bemächtigt, daß er es sich nicht eher wollte ausreden lassen, als bis
man ihn auf meinen Befehl zum Fort hinausließ. Das Volk empfing ihn,
wie Kinder einen Vater unter diesen Umständen empfangen hätten; jeder
drängte sich heran, ihn zu umarmen. Plötzliche Freude ist gewöhnlich
freigebig, ohne daß sie sich ängstlich um das Verdienst kümmert.
Bei seiner unerwarteten Rettung aus der Gefangenschaft und vor dem
erwarteten Tode drang Tutaha in der ersten Freudenaufwallung darauf,
daß wir ein Geschenk von zwei Schweinen annehmen sollten. Da wir uns
aber bewußt waren, daß wir in dieser Sache nichts weniger als Geschenke
und Gunstbezeigungen verdient hatten, so verweigerten wir wiederholt
die Annahme des Geschenks.

Am folgenden Morgen versahen Banks und Dr. Solander ihr gewöhnliches
Amt als Marktbeauftragte. Es kamen aber fast keine Eingeborenen, und
die wenigen, die sich einstellten, brachten keine Lebensmittel mit.
Tutaha schickte einige von seinen Leuten, um das ihm abgenommene Kanu
abzuholen, das ihm auch sofort ausgeliefert wurde. Unter andern war
gestern ein der Oberea gehöriges Kanu ebenfalls angehalten worden; sie
schickte also Tupia, der schon zu Zeiten der Ankunft des »Delphin« ihre
Angelegenheiten zu besorgen hatte, zu uns, um festzustellen, ob irgend
etwas an Bord weggenommen worden sei. Er kam zu uns ins Fort, blieb
hier den ganzen Tag und schlief die folgende Nacht an Bord des Kanus.

Gegen Mittag kamen einige Fischerboote den Zelten gegenüber an den
Strand, wollten aber sehr wenig von ihren Erträgnissen verhandeln. An
Kokosnüssen und Brotfrucht litten wir bereits empfindlichen Mangel.
Banks begab sich deshalb in die Wälder und suchte durch seinen Umgang
mit dem Volke uns dessen Gunst und Vertrauen wieder zu erwerben. Sie
waren sehr höflich gegen ihn, beklagten sich aber über die Mißhandlung
ihres Anführers, der ihrer Aussage nach geschlagen und an den Haaren
gezogen worden war. Banks gab sich Mühe, sie zu überzeugen, daß man gar
nicht Hand an ihn gelegt habe, was sich auch unserem besten Wissen nach
so verhielt. Doch war es freilich nicht unmöglich, daß der Bootsmann
eine Grausamkeit begangen hatte, die er zu bekennen sich fürchtete und
schämte.

Tutaha war es inzwischen, als er sich die Sache noch einmal überlegt
haben mochte, selbst eingefallen, daß wir die Schweine, die er uns
endlich doch aufgedrungen hatte, eigentlich schlecht um ihn verdient
hätten, und er schickte deshalb einen Boten, der eine Axt und ein
Hemd dafür fordern sollte. Da mir der Bote dabei aber noch sagte, daß
der Häuptling nicht gesonnen sei, in den nächsten zehn Tagen sich im
Fort sehen zu lassen, entschuldigte ich mich und ließ ihm melden, daß
ich die Geschenke ihm nicht eher geben könne, als bis ich ihn selbst
sähe. Ich dachte mir, er würde aus Ungeduld dann wohl selbst sich
herbequemen, um sie abzuholen, und die erste Unterredung zwischen uns
würde der Gespanntheit der gegenseitigen Beziehungen gleich ein Ende
machen.

Des folgenden Tages fühlten wir die unangenehme Lage, in die wir
durch die Beleidigung des Volks in der Person seines Oberhauptes
geraten waren, noch stärker; denn die Eingeborenen brachten so wenig
zu Markt, daß es uns an den nötigen Lebensmitteln mangelte. Banks
ging daher sofort in den Wald zu Tuburai Tamaide, er solle uns aus
der Verlegenheit helfen; dieser ließ sich auch nach einigem Sträuben
bewegen, uns fünf Körbe voll Brotfrucht zu überlassen. Ein solcher
Vorrat kam uns sehr gelegen; denn es waren mehr als 120 Stück von
dieser Frucht. Des Nachmittags schickte Tutaha abermals einen Boten
und ließ sich Axt und Hemd ausbitten. Da wir jetzt zur Genüge erfahren
hatten, daß es schlechterdings notwendig wäre, uns die Freundschaft
des Oberhauptes wieder von neuem zu erwerben, weil es uns gegen seinen
Willen beinahe unmöglich war, Lebensmittel zu erhalten, ließ ich ihm
melden, daß Banks und ich ihm am nächsten Tag einen Besuch abstatten
würden, wobei er dann das Verlangte erhalten solle.

[Illustration]

Am folgenden Morgen früh schickte er wieder, um mich an mein
Versprechen erinnern zu lassen, und seine Leute schienen mit großer
Ungeduld darauf zu warten, daß wir uns auf den Weg machen sollten. Ich
ließ daher die Pinasse ausheben und ging um 10 Uhr mit Banks und Dr.
Solander an Bord. Wir nahmen einen von Tutahas Leuten zu uns ins Boot,
und nach etwa einer Stunde langten wir bei seiner Residenz an, die den
Namen Eparre führte und ungefähr 4 Kilometer weit westwärts von den
Zelten lag.

Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strande, daß wir uns
unmöglich hätten hindurchdrängen können, wenn nicht ein großer,
stattlicher Mann, der etwas gleich einem Turban auf dem Kopfe hatte
und einen langen weißen Stab in der Hand trug, mit welchem er ganz
unbarmherzig um sich schlug, rasch Platz für uns gemacht hätte.
Dieser Mann führte uns feierlich zu dem Häuptling, während das Volk
ringsherum uns zujauchzte: »Taio Tutaha, Tutaha ist euer Freund!« Wir
fanden ihn wie einen der alten Erzväter unter einem Baume sitzend,
indes um ihn her eine Anzahl ehrwürdiger Greise stand. Er winkte uns
niederzusitzen und forderte sogleich seine Axt. Ich überreichte sie
ihm zugleich mit dem Hemde und fügte dem Geschenk noch ein Oberkleid
von englischem Tuche bei, das nach der Mode seines Landes geschnitten
und mit Zwirnband besetzt war. Er empfing es mit offensichtlicher
Freude und legte das Oberkleid sogleich an, das Hemd aber überreichte
er dem Manne, der bei unserer Landung uns Platz geschafft hatte.
Dieser saß jetzt neben uns, und Tutaha bezeigte ihm hohe Achtung,
wahrscheinlich um ihn unserer Aufmerksamkeit besonders zu empfehlen.
Bald darauf kam Oberea mit andern uns bekannten Frauen hinzu und setzte
sich unter uns nieder. Tutaha verließ uns verschiedene Male, kam aber
jedesmal nach kurzer Abwesenheit zurück. Wir glaubten, es geschähe,
um sich in seinem neuen Staate dem Volke zu zeigen; damit taten wir
ihm aber unrecht, denn es geschah nur, um zu unserer Bewirtung und zur
Anordnung des ganzen Festes, das er unsertwegen anstellen wollte, die
nötigen Befehle zu geben. Als er das letztemal von uns wegging, hatte
das Gedränge um uns dermaßen zugenommen, daß wir beinahe Gefahr liefen,
erstickt zu werden; wir warteten daher sehnlichst, daß er zurückkommen
und uns entlassen möchte. An seiner Statt kam ein Bote und meldete uns,
daß Tutaha uns anderswo erwarte. Wir fanden ihn unter dem Wetterdach
unseres eigenen Bootes sitzend, und er winkte uns, zu ihm zu kommen.
Es gingen daher unser so viele, als das Boot fassen konnte, an Bord,
währenddessen er Kokosnüsse und Brotfrucht herbeibringen ließ, die wir
jedoch mehr ihm zu Gefallen kosteten, als daß wir gerade Lust gehabt
hätten, zu essen. Bald nachher kam ein Bote, der ihm etwas meldete. Er
verließ nach Empfang der Nachricht sogleich das Boot und ließ uns kurz
darauf ersuchen, ihm zu folgen. Wir wurden nun zu einem großen Platze
oder Hofe geführt, der mit einem ungefähr 1 Meter hohen Bambusgitter
umgeben war und an die eine Seite seines Hauses stieß.

Hier erwartete uns ein ganz neuartiges Fest, nämlich ein Wettringen.
Am oberen Ende des Platzes saß Tutaha selbst, und verschiedene seiner
vornehmsten Hofleute waren neben ihm auf beiden Seiten im Halbkreise
verteilt. Das waren die Richter, deren Beifall den Sieger krönen
sollte. Auch für uns waren an jenem Ende der Reihe Sitze übriggelassen
worden; allein, wir wollten nicht an einen festen Platz gebunden sein
und mischten uns daher lieber unter die Zuschauer.

Als alles bereit war, traten 10-12 Ringer auf den Kampfplatz. Sie waren
am ganzen Körper nackt, nur um den Unterleib trugen sie ein Stück
Rindenzeug gewickelt. Die einleitenden Zeremonien des Kampfes bestanden
darin, daß die Ringer gebückt und langsam rundherum gingen und dabei
die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, mit der flachen rechten
Hand aber sich mehrfach klatschend auf den linken Oberarm schlugen.
Das galt als allgemeine Herausforderung an die Kämpfer, mit denen
sie sich messen wollten, oder an irgendeine Person, die sonst Lust
haben mochte, einen Gang mit ihnen zu wagen. Es währte nicht lange,
so folgten den ersten noch andere auf die nämliche Art in die Arena.
Und alsdann forderte jeder von ihnen seinen Gegner dadurch besonders
heraus, daß er die Spitzen der Finger beider geschlossenen Hände auf
die Brust hielt und zu gleicher Zeit die Ellbogen schnell auf- und
abwärts bewegte. Wenn der, an den diese Herausforderung gerichtet
war, sie annahm, wiederholte er die Geste, machte sich alsbald zum
Kampf bereit, und schon im nächsten Augenblick gerieten die Kämpfer
aneinander. Allein, abgesehen von dem ersten Griffe, durch den einer
den andern zu fassen suchte, kam es bei dem ganzen Kampfe bloß auf die
Stärke an; denn jeder bestrebte sich, seinen Gegner zuerst am Schenkel,
wenn ihm das mißlang, an der Hand, dann an den Haaren, am Hüfttuche
oder, wo er ihm sonst beikommen konnte, zu packen. War dies geglückt,
so rangen sie ohne die geringste Kunst oder Geschicklichkeit so lange
miteinander, bis der eine von ihnen entweder, weil er den anderen auf
eine vorteilhaftere Art gepackt hatte, oder weil er größere Stärke
besaß, seinen Gegner auf den Rücken niederwarf. War der Kampf beendet,
so teilten die Richter dem Sieger ihren Beifall in kurzen Worten
mit, die sie nach einer Melodie hersangen und im Chor etliche Male
wiederholten, worauf auch das Volk dem Überwinder durch ein dreimaliges
Freudengeschrei Beifall rief. Hierauf wurde eine kleine Pause gemacht,
und dann trat ein anderes Ringerpaar in die Arena und rang auf dieselbe
Art miteinander. Wurde keiner von beiden niedergeworfen, so ließen
sie einander los, nachdem der Kampf etwa eine Minute lang gedauert
hatte, oder wurden durch Vermittlung ihrer Freunde getrennt, und in
diesem Fall klatschte jeder von ihnen auf seinen Arm, um den Gegner
oder irgendeinen anderen zu neuem Kampfe herauszufordern. Während die
Kämpfer rangen, tanzte eine andere Gruppe von Männern einen Tanz,
der auch etwa eine Minute dauerte. Aber keine von den beiden Gruppen
achtete auf die andere, sondern jede richtete ihre ganze Aufmerksamkeit
auf die eigene Beschäftigung. Wir stellten fest, daß der Sieger den
Besiegten nie verhöhnte, und daß der Überwundene sich niemals über das
Glück des Überwinders beklagte. Der Kampf geschah auf beiden Seiten mit
vollkommen freundschaftlichem und offenem Gebaren, trotz der Gegenwart
von wenigstens 500 Zuschauern, unter denen sich einige Frauen befanden,
deren Anzahl jedoch im Vergleich zu der Zahl der Männer gering war. Es
waren aber auch nur Frauen von Rang, und allem Anschein nach wohnten
sie dem Kampfe nur zu unseren Ehren bei.

Diese Spiele dauerten ungefähr zwei Stunden, und der Mann, der uns
bei unserer Landung Platz geschaffen hatte, hielt auch bei dieser
Gelegenheit die ganze Zeit über das Volk in der gehörigen Entfernung
und schlug mit seinem Stocke unbarmherzig auf diejenigen los, die
sich herandrängen wollten. Auf unsere Nachforschung erfuhren wir,
daß er einer von den Beamten Tutahas war und hier den Dienst eines
Zeremonienmeisters versah. Wem die Kampfspiele des früheren Altertums
einigermaßen bekannt sind, der wird ohne Zweifel zwischen dem
Wettringen der Südsee-Insulaner und den Kampfspielen der Griechen und
Römer eine gewisse Ähnlichkeit bemerken.

Als das Wettringen vorüber war, gab man uns zu verstehen, daß
2 Schweine und eine große Menge Brotfrucht für unsere Mittagsmahlzeit
zubereitet würden, und da wir unterdessen ziemlich hungrig geworden
waren, nahmen wir diese Nachricht nicht gerade mißmutig auf. Doch
mußte unserem Wirt seine Freigebigkeit wieder leid geworden sein; denn
anstatt uns beide Schweine auftischen zu lassen, befahl er, daß uns
nur eines aufgetragen werden und in unserem Boote verspeist werden
sollte. Anfangs waren wir mit dieser Anordnung durchaus zufrieden, weil
wir im Boote bequemer zu speisen und dem Gedränge des Volkes nicht so
sehr wie hier ausgesetzt zu sein hofften. Als wir aber an Bord kamen,
sagte Tutaha, er wolle uns lieber zum Fort begleiten, und wir sollten
das Schwein dorthin mitnehmen. Das war ärgerlich; denn nun mußten wir
4 Kilometer weit rudern und unterdessen unsere Mahlzeit kalt werden
lassen. Wir hielten es aber doch für das ratsamste, ihm den Willen
zu tun, und genossen endlich das Mahl, das er uns bereitet hatte,
gemeinschaftlich mit ihm und Tuburai Tamaide, die beide reichlichen
Anteil daran nahmen. Unsere Aussöhnung mit dem Häuptlinge wirkte wie
ein Zaubermittel auf das Volk; denn sobald sie erfuhren, daß er bei uns
an Bord sei, wurden augenblicklich Brotfrucht, Kokosnüsse und andere
Lebensmittel in großen Mengen zum Fort gebracht.

Die Dinge gingen nun wieder ihren gewohnten Gang; doch hielt es
nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu bekommen. Wir wollten daher
versuchen, ob Schweine etwa in einer anderen Gegend der Insel zu
erhalten wären, und in dieser Absicht fuhr unser Bootsmann in
Begleitung Greens am 8. Mai des Morgens früh in der Pinasse etwa
20 Kilometer um die Insel nach Osten. Sie fanden zwar wirklich viele
Schweine und eine Schildkröte, man wollte ihnen aber weder diese noch
jene, auch nicht zu hohem Preis überlassen. Das Volk sagte überall, daß
hier herum alles dem Tutaha gehöre, und daß sie ohne seine Erlaubnis
nichts verkaufen dürften. Nunmehr fingen wir an, diesen Mann in der
Tat für einen mächtigen Fürsten zu halten; denn sonst würde er wohl
kaum eine so ausgedehnte und unumschränkte Gewalt besessen haben. Wir
erfuhren nachher, daß er die Regierung über diesen Landstrich für einen
minderjährigen Fürsten führte, den wir jedoch nie zu Gesicht bekamen.
Als Green von der Reise zurückkam, erzählte er uns, er habe einen Baum
gesehen, der so dick gewesen sei, daß er sich's kaum zu sagen getraue.
Er habe nämlich nicht weniger als 53 Meter Umfang gehabt. Banks und
Dr. Solander erklärten uns aber bald, wie das zugehe, und sagten, es
sei eine Art von Feigenbaum, dessen Äste sich zum Boden hinabneigten,
darin aufs neue Wurzel faßten und solchergestalt eine ganze Anzahl von
Stämmen bildeten, die man, weil alle dicht nebeneinander stünden und
sich im Aufwachsen gleichsam miteinander verbänden, leicht für einen
einzigen Stamm ansehen könne.

Obwohl nun die Eingeborenen unseren Markt einigermaßen wieder mit
Lebensmitteln versorgten, kamen sie nicht mehr wie früher gleich bei
Tagesanbruch, so daß wir schon bis um 8 Uhr genügenden Tagesvorrat
eingekauft hatten, sondern zu den verschiedensten Zeiten des Tages.
Banks ließ daher der Bequemlichkeit halber sein kleines Boot vor
dem Tore des Forts aufstellen und bediente sich seiner hinfort als
Laden. Bis dahin hatten wir Kokosnüsse und Brotfrucht immer noch
gegen Glasperlen eingehandelt. Jetzt aber fing der Wert dieser Münze
zu fallen an. Wir mußten daher zum ersten Male unsere Nägel zu Markt
bringen. Die kleinsten unserer Nägel waren etwa 10 Zentimeter lang.
Für einen dieser Nägel kauften wir 20 Kokosnüsse und ebensoviel
Brotfrüchte. Die neue Münze brachte es auch zuwege, daß wir in kurzer
Zeit wiederum ebenso reichlich wie zuerst mit Lebensmitteln versehen
wurden.

Am 9. Mai, bald nach dem Frühstück, kam Oberea zu uns auf Besuch. Es
war das erstemal seit dem Verlust des Quadranten und der unglücklichen
Verhaftung Tutahas, daß sie uns diese Ehre erwies. Sie wurde von
ihrem Freunde Obadi und von Tupia begleitet, die uns ein Schwein und
etwas Brotfrucht brachten, wogegen wir ihnen ein Beil überreichten.
Wir hatten übrigens für die Neugier unserer braunen Freunde nunmehr
eine neue und wichtige Anziehungskraft. Unsere Schmiede war nämlich
seit einiger Zeit instand gesetzt worden, und man arbeitete fast
beständig darin. Sobald die Eingeborenen sahen, was darin vorgenommen
wurde, brachten sie allerhand Stücke alten Eisens herbei, die sie nach
unserer Vermutung vom »Delphin« bekommen haben mußten, und wollten
sich daraus gern neue Werkzeuge verfertigen lassen. Da ich nun stets
bemüht war, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wo es nur immer anging,
wurde ihr Verlangen erfüllt, es sei denn, daß es dem Schmiede an Zeit
mangelte. Als Oberea ihr Beil empfangen hatte, zeigte sie uns so viel
altes Eisen, als ihrer Meinung nach zur Verfertigung eines neuen
Beiles notwendig war, und bat uns, ein neues anfertigen zu lassen. Ich
konnte ihr diesen Wunsch leider nicht erfüllen. Sie zog darauf eine
zerbrochene Axt hervor und verlangte nun, wir sollten sie ausbessern
lassen. Ich war froh, daß sie mir hierdurch Gelegenheit gab, meine
Ablehnung wiedergutzumachen. Am Abend verließ uns der Besuch und nahm
das Kanu, das solange an der Landspitze gelegen hatte, mit sich.

[Illustration: Uatta drehte sich bedächtig dreimal herum.]

Der 12. Mai, ein Freitag, ist uns durch einen Besuch merkwürdig
geworden, den einige Frauen, die wir zuvor noch nie gesehen hatten,
bei uns abstatteten, und den sie mit seltsamen Zeremonien begannen.
Banks war am Tore des Forts in seinem Boote, um wie gewöhnlich Handel
zu treiben, und hatte Tutaha, der eben diesen Morgen ihn besuchen kam,
und einige andere Eingeborene bei sich. Zwischen 9 und 10 Uhr traf ein
Doppelkanu am Ufer der Bucht ein, unter dessen Wetterdach ein Mann und
zwei Frauen saßen. Die Eingeborenen, die bei Banks waren, winkten ihm,
er solle sein Boot verlassen und den Fremden entgegengehen. Er tat es;
allein, bis er das Fort verlassen hatte, waren jene schon ziemlich nahe
gekommen und kaum noch 9 Meter von ihm entfernt. In diesem Augenblick
hielten sie stille und winkten, daß er es ebenso machen solle. Er blieb
also gleichfalls stehen. Hierauf legten sie ungefähr ein halbes Dutzend
junger Bananenpflanzen und ein paar andere kleine Gewächse auf die Erde
nieder. Das Volk stellte sich zwischen Banks und den Fremden auf beiden
Seiten in zwei Reihen auf und bildete so eine Gasse. Nunmehr trug der
Mann, der ein Bedienter zu sein schien, sechs der Bananenpflanzen eine
nach der anderen zu Banks hin und sagte bei der Überreichung jedesmal
ein paar Worte her. Tupia, der bei Banks stand, versah das Amt eines
Zeremonienmeisters, nahm die Zweige jedesmal in Empfang und legte sie
auf den Boden nieder. Als das vorüber war, brachte ein anderer Mann
einen großen Ballen Rindenzeug, öffnete ihn und breitete ihn stückweise
zwischen Banks und den Fremden auf dem Boden aus. Es waren 9 Stück,
von denen er jedesmal 3 Stück aufeinanderlegte. Sobald er damit fertig
war, trat die vorderste Frau, die die vornehmste zu sein schien und
Uatta hieß, auf dieses Zeug, hob ihre Kleider an und drehte sich
ganz bedächtig und gemächlich dreimal um sich selbst herum; alsdann
trat sie wieder von dem Zeuge herunter. Man legte darauf 3 andere
Stücke auf die ersten 3, sie wiederholte dieselbe Zeremonie und trat
hierauf wieder ab. Endlich wurden die 3 letzten Stücke niedergelegt,
und sie machte es zum dritten Male wie zuvor. Hierauf wurde das Zeug
wieder zusammengerollt und Banks als ein Geschenk von seiten der Dame
überreicht, die sodann in Begleitung ihrer Freundin näher kam und ihn
küßte. Er machte ihnen beiden entsprechende Geschenke, und nachdem sie
sich ungefähr eine Stunde lang aufgehalten hatten, gingen sie wieder
fort.

Am 13. Mai, als der Markt um 10 Uhr beendet war, ging Banks mit
seiner Flinte wie gewöhnlich in die Wälder, um während der Tageshitze
die Annehmlichkeit des kühlen Schattens zu genießen. Als er auf dem
Rückwege war, traf er Tuburai Tamaide vor seiner damaligen Wohnung
an, und als er mit ihm ein wenig plauderte, nahm ihm der Häuptling
plötzlich die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn, legte an und
drückte ab. Zum Glück versagte der Schuß, und Banks nahm ihm die Büchse
augenblicklich weg, indem er sich nicht wenig wunderte, woher Tuburai
mit einem Schießgewehr so sicher umzugehen gelernt habe. Er verwies dem
Häuptling den Streich mit harten Worten und drohte ihm, da es für uns
von größter Wichtigkeit war, die Eingeborenen in der Behandlung der
Feuerwaffen gänzlich unwissend zu erhalten. Der Häuptling hörte Verweis
und Drohung ruhig an; allein, kaum hatte Banks den Fluß überschritten,
so zog er mit seiner ganzen Familie und allem Hausgerät von dannen nach
seiner Residenz Eparre. Wir erfuhren das von einigen Eingeborenen, die
eben am Fort waren.

Da wir nun von dem Unwillen dieses Häuptlings, der uns bei allen
Schwierigkeiten sehr nützlich gewesen war, große Unannehmlichkeiten
besorgen mußten, beschloß Banks, ihm unverzüglich zu folgen und ihn
zu ersuchen, wieder zu uns zurückzukehren. Er reiste daher noch am
selben Abend mit einem der Offiziere ab und fand Tuburai mitten unter
einer Menge Volks sitzen, das sich um ihn her versammelt hatte, und
dem er vermutlich erzählte, was sich zugetragen habe, und was für
Folgen daraus entstehen könnten. Er selbst war ein leibhaftiges Bild
des Kummers und der Niedergeschlagenheit, und die gleiche Trauer war
auch auf den Gesichtern aller Umstehenden deutlich zu lesen. Als Banks
und Leutnant Molineaux unter die Menge traten, äußerte eine der Frauen
ihren Kummer auf die gleiche Art, wie Terapo einmal getan hatte;
sie stieß sich nämlich einen Seehundszahn in den Kopf, bis dieser
ganz mit Blut bedeckt war. Banks wollte keine Zeit verlieren, dieser
allgemeinen Angst ein Ende zu machen. Er versicherte dem Häuptling,
daß alles Vorgefallene vergessen sein sollte, daß auf seiner Seite
nicht die geringste Erbitterung mehr bestünde, und daß also auch er
nicht mehr das geringste zu befürchten hätte. Das flößte Tuburai bald
wieder Zutrauen ein: er befahl also, ein doppeltes Kanu in Bereitschaft
zu setzen, und alle kehrten noch vor dem Abendessen zum Fort zurück.
Tuburai besiegelte die Aussöhnung damit, daß er und seine Gemahlin
in Banks' Zelt Nachtquartier nahmen. Ihre Gegenwart war jedoch kein
allvermögender Schutz; denn zwischen 11 und 12 Uhr versuchte einer der
Eingeborenen, über den Wall in das Fort hineinzuklettern, ohne Zweifel
in der Absicht, zu stehlen, was ihm nur in die Finger käme. Er wurde
von der Schildwache entdeckt, die jedoch zum Glücke nicht feuerte, und
der Dieb lief viel zu geschwind fort, als daß ihm einer unserer Leute
hätte nachsetzen können. Das Eisen und die eisernen Werkzeuge, die in
der Schmiede beständig verarbeitet und gebraucht wurden, waren solche
Versuchung zu Diebstählen, daß keiner von den Tahitiern ihr widerstehen
konnte.

Am 14. und 15. bekamen wir eine neue Bestätigung dessen, was wir schon
mehrere Male bemerkt hatten, nämlich, daß die Bewohner dieser Insel
durchgängig von jedem unter ihren Landsleuten gegen uns ersonnenen
Anschlage sogleich genaue Kenntnis bekamen. In der Nacht zwischen
dem 13. und 14. wurde an der äußeren Seite des Forts eines der dort
stehenden Wasserfässer gestohlen. Bereits am Morgen aber wußte jeder
Eingeborene um den Diebstahl. Und dennoch schien es, als ob der Dieb
die Sache niemand anvertraut habe; denn unserm Eindruck nach waren
sie alle bereit, uns Nachricht zu geben, wo das Faß aufzufinden wäre,
wenn sie es nur gewußt hätten. Indessen spürte doch Banks dem Fasse
nach, freilich ohne es auffinden zu können. Als er zurückkam, sagte ihm
Tuburai Tamaide, daß vor morgen noch ein anderes Faß würde gestohlen
werden. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie der Häuptling dieses
Vorhaben erfahren haben mochte. Daß er selber keinen Anteil daran
hatte, ist deswegen gewiß, weil er mit seiner Frau und Familie an dem
Orte, wo die Wasserfässer standen, sein Bett aufschlug und sagte,
er wolle selbst dem Diebe zum Trotze für die Sicherheit der Fässer
haften. Wir wollten das aber nicht zugeben und teilten ihm mit, daß
wir zur Sicherheit eine Schildwache dort aufstellen würden, die bis
zum Morgengrauen wachen solle. Er schaffte hierauf sein Bett wieder
in Banks' Zelt und blieb da die Nacht über mit seiner Familie; beim
Weggehen von der gefährdeten Stelle hatte er die Schildwache ermahnt,
ja die Augen offen zu halten.

In der Nacht kam es denn auch, wie er vorausgesagt hatte. Um 12 Uhr
stellte sich der Dieb richtig ein; da er aber bemerkte, daß eine
Schildwache dastand, zog er diesmal ohne Beute wieder ab.

Banks' Vertrauen in Tuburai Tamaide war seit dem Vorfall mit dem Messer
weit größer geworden, als es vorher je gewesen war. Man entfernte daher
die verlockenden Gegenstände vor dem Häuptlinge nicht mehr. So geriet
er eines Tages in eine Versuchung, der weder seine Ehre, noch seine
Ehrlichkeit widerstehen konnte. Die bezaubernden Reize eines Korbes mit
Nägeln taten es ihm an. Diese Nägel waren weit größer als diejenigen,
die man bisher zu Markte gebracht hatte, und der Korb war vielleicht
aus strafbarer Nachlässigkeit in einen Zeltwinkel hingestellt worden.
Tuburai hatte jederzeit freien Zutritt. Banks' Bedienter sah zufällig
einen von diesen Nägeln bei Tuburai, als der Häuptling unbedachterweise
den Teil seines Kleides, worunter er ihn versteckt hatte, zurückschlug.
Er meldete es seinem Herrn. Banks wußte, daß weder er, noch sonst
jemand Tuburai einen solchen Nagel geschenkt hatte, sah also gleich
im Korbe nach und fand, daß von sieben nur noch zwei übrig waren.
Hierauf sagte er, wenn auch ungern, dem Häuptling auf den Kopf zu,
daß er die Nägel genommen haben müsse, und Tuburai gestand es auch
sofort ein. Die Sache mußte ihn freilich sehr kränken, doch war sie
auch Banks nicht weniger leid. Man verlangte nun, daß Tuburai die
Nägel zurückgäbe; er redete sich aber damit aus, daß er vorgab, die
Nägel seien zu Eparre. Allein, als er sah, daß es Banks ernst darum
war, hielt er es für ratsam, einen unter seinem Kleide hervorzuziehen.
Hierauf wurde er nach dem Fort gebracht, wo man durch Abstimmung das
Urteil über ihn sprechen lassen wollte. Nach einer kurzen Beratung
fanden wir es jedoch zweckmäßig, ihn mit der Strafe zu verschonen;
damit es aber nicht scheinen möchte, als ob wir sein Vergehen für
unbedeutend ansähen, wurde ihm verkündet, daß wir die Angelegenheit nur
dann auf sich beruhen lassen wollten, wenn er die anderen vier Nägel
zum Fort zurückbrächte. Er willigte in diese Bedingung, ich muß aber,
so leid es mir tut, gestehen, daß er sein Wort nicht hielt. Anstatt die
Nägel zurückzubringen, zog er lieber noch desselben Abends mit seiner
Familie aus der Gegend weg und nahm seinen ganzen Besitz mit sich.

Da mir Tutaha zu wiederholten Malen hatte melden lassen, daß er geneigt
sei, wenn wir ihm einen Besuch abstatten wollten, diese Gunstbezeigung
mit einem Geschenk von vier Schweinen zu erwidern, so schickte ich
meinen ersten Leutnant zu ihm, um zu versuchen, ob wir die Schweine
nicht wohlfeiler bekommen könnten, und ich befahl ihm, dem Häuptling
alle nur erdenklichen Höflichkeiten zu erweisen. Der Offizier erfuhr,
daß er von Eparre nach einem 5 Kilometer weiter westwärts gelegenen
Orte Tehatta gezogen sei. Er verfügte sich also dahin und wurde sehr
gut aufgenommen. Man brachte ihm sogleich ein Schwein herbei und sagte
ihm, daß die anderen, die im Augenblick nicht bei der Hand wären, den
folgenden Morgen geliefert werden sollten. Mein Abgesandter ließ es
sich gern gefallen, die Nacht über dortzubleiben. Der Morgen kam, die
Schweine aber blieben aus. Da es nun nicht ratsam war, daß der Offizier
sich noch länger hier aufgehalten hätte, kehrte er mit dem einen, das
er bekommen hatte, gegen Abend zu uns zurück.

Am 25. ließen sich Tuburai Tamaide und seine Frau Tomio zum ersten
Male wieder in unserem Zelte sehen. Er schien etwas mißvergnügt
und furchtsam zu sein, hielt es aber doch nicht für nötig, unsere
Freundschaft und Gunst durch Wiedererstattung der vier Nägel zu
erkaufen. Banks und die anderen Herren behandelten ihn deshalb sehr
kalt. So hielt er sich nicht lange bei uns auf und ging bald wieder
weg. Der Schiffsarzt machte ihm am nächsten Morgen einen Besuch, in der
Hoffnung, ihn zur Wiedererstattung der Nägel zu bewegen und so mit uns
aussöhnen zu können, allein vergebens.

Am 27. beschlossen wir, Tutaha unseren Besuch abzustatten, obgleich
wir uns nicht sicher darauf verlassen durften, zur Vergeltung unserer
Höflichkeit die versprochenen Schweine zu bekommen. Ich ruderte also
des Morgens früh mit Banks, Dr. Solander und noch drei anderen in
der Pinasse fort. Tutaha war inzwischen nach einem Ort gezogen, der
ziemlich fern lag und Atahuru hieß, und da wir kaum die Hälfte des
Weges dahin im Boote zurücklegen konnten, wurde es fast Abend, ehe
wir ankamen. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staate unter einem
großen Baum sitzend und von einer großen Menschenmenge umgeben, wo wir
ihm alsbald die Geschenke, diesmal einen Frauenunterrock von gelbem,
wollenem Zeuge und andere Kleinigkeiten überreichten. Er befahl,
sogleich ein Schwein zu schlachten und für unsere Abendmahlzeit
zuzubereiten, und versprach, daß wir am folgenden Morgen noch mehrere
bekommen sollten. Weil es uns aber nicht so sehr darum zu tun war,
eine reiche Mahlzeit zu halten, als vielmehr Lebensmittel, die uns im
Fort fehlten, heimzubringen, bewogen wir ihn, dem Schweine heute noch
das Leben zu schenken, und wir nahmen bei der Abendmahlzeit mit den
Früchten des Landes vorlieb.

Es wimmelte da von Leuten, unter die sich viele Reisende, die hier
nicht zu Hause waren, gemischt hatten. So war zum Beispiel Oberea mit
ihrem Gefolge und noch anderen unserer Bekannten hierhergekommen, und
die Menge der Anwesenden war so groß, daß die Häuser und Kanus sie
nicht aufnehmen konnten. Da die Nacht jetzt hereinbrach, sahen wir
uns eiligst nach Nachtquartieren um, damit es uns nicht zuguterletzt
daran fehlen möchte; denn unsere Abteilung bestand aus sechs Personen.
Oberea bot Banks sehr höflich einen Platz in ihrem Kanu an. Er pries
sich glücklich, so gut versorgt zu sein, wünschte seinen Freunden
eiligst gute Nacht und ging fort. Dem Landesbrauche gemäß legte er
sich frühzeitig schlafen, und weil die Nacht sehr heiß war, zog er
wie gewöhnlich seine Kleider aus. Oberea bestand darauf, diese in
Verwahrung zu nehmen; denn sonst, sagte sie, würden sie ihm sicher
gestohlen werden. Unter so gutem Schutze schlief Banks ohne alle Sorge
ein. Als er aber um 11 Uhr erwachte und aufstehen wollte, suchte
er seine Kleider vergeblich an dem Orte, wo er sie Oberea vor dem
Schlafengehen hatte hinlegen sehen; sie waren verschwunden. Er weckte
also seine Beschützerin. Diese stand augenblicklich auf und ließ,
sobald er ihr seine Not geklagt hatte, Licht anzünden, traf auch in
aller Eile die nötigen Vorkehrungen, um ihm wieder zu seinem Eigentum
zu verhelfen. Tutaha selbst schlief dicht neben ihm in einem anderen
Kanu. Der Lärm weckte ihn bald; er kam hervor und machte sich mit
Oberea daran, den Dieb zu suchen. Banks selbst aber konnte nicht mit
auf die Suche gehen; denn von seinem ganzen Anzug hatte man ihm fast
nichts als die Beinkleider gelassen. Sein Rock, seine Pistolen, seine
Weste, sein Pulverhorn und viele andere Kleinigkeiten hatte man ihm
gestohlen; alles, was in den Taschen gewesen, war fort. Nach einer
halben Stunde kamen seine beiden vornehmen Freunde zurück, hatten
aber weder über den Verbleib seiner Kleider, noch über den Dieb das
geringste erfahren können. Anfangs war ihm daher nicht wohl zumute.
Seine Büchse war zwar glücklicherweise nicht gestohlen worden, aber er
hatte vergessen, sie zu laden. Er wußte nicht, wo ich und Dr. Solander
uns einquartiert hatten, und konnte also nötigenfalls sich nicht einmal
zu uns flüchten. Er hielt es deshalb für das beste, die Leute, die um
ihn herum waren, gar nicht seine Besorgnis und seinen Verdacht merken
zu lassen. Vielmehr übergab er seine Flinte dem Tupia, der gleich
andern von dem Lärm erwacht war und neben ihm stand, und trug ihm
ernstlich auf, sich diese nicht auch noch stehlen zu lassen. Hierauf
legte er sich wieder zur Ruhe nieder und bezeugte dadurch, daß er mit
der Mühe, die Tutaha und Oberea angewandt hatten, um seine Sachen
wiederzuerlangen, vollkommen zufrieden wäre, obgleich die Bemühungen
fruchtlos geblieben waren. Man kann sich indessen ohne weiteres
vorstellen, daß er unter diesen Umständen nicht gerade gut geschlafen
habe.

Bald nachher hörte er Musik und sah nicht weit vom Boote Lichter auf
dem Lande. Es war ein Konzert, das in Tahiti wie jede öffentliche
Lustbarkeit »Heiwa« heißt. Er überlegte sich, daß bei einer solchen
Aufführung viele Leute zusammenkämen und es nicht unwahrscheinlich
wäre, daß wir anderen uns auch dazu einstellten. Also stand er auf
und eilte hin. Die Lichter und die Musik führten ihn bald zu der
Hütte, worin ich mit drei anderen unserer Abteilung lag. Als er uns
sein klägliches Abenteuer erzählt hatte, trösteten wir ihn, wie sich
Unglückliche gewöhnlich zu trösten pflegen, indem wir ihm im geheimen
anvertrauten, daß es uns nicht viel besser ergangen sei. Ich zeigte
ihm, daß ich selber keine Strümpfe hatte, weil sie mir unter dem
Kopfe weggestohlen worden, obwohl ich überhaupt nicht geschlafen
hatte, und jeder der anderen bewies ihm durch den Augenschein, daß
er seinen Rock eingebüßt hatte. So unvollständig unsere Kleidung
auch war, wollten wir doch das Konzert nicht versäumen. Es wurde von
3 Trommlern, 4 Flötenbläsern und verschiedenen Sängern veranstaltet.
Als es nach ungefähr einstündiger Dauer vorüber war, begaben wir uns
zu unseren Ruheplätzen zurück, da sich vor Tagesanbruch kaum etwas
hätte unternehmen lassen, um unsere Sachen wiederzuerlangen. Nach
Landesbrauch standen wir mit Tagesanbruch auf. Der erste Mensch, den
Banks erblickte, war Tupia, der mit der Flinte getreulich auf ihn
wartete, und kurz darauf brachte ihm Oberea einige Rindenzeugkleider,
um dem nötigsten Bedürfnis etwas abzuhelfen. In diesem seltsamen, halb
englischen, halb wilden Aufzuge kam Banks zu uns.

Unsere Gesellschaft war bald beieinander bis auf Dr. Solander, dessen
Nachtlager uns unbekannt war, und der sich auch bei dem nächtlichen
Konzerte nicht hatte sehen lassen. Bald darauf kam Tutaha zum
Vorschein. Wir drangen ernstlich in ihn, daß er uns wieder zu unseren
Kleidern verhelfen solle. Doch weder er, noch Oberea ließen sich zu den
geringsten Maßnahmen bewegen. Wir gerieten daher auf den Argwohn, daß
sie an dem Diebstahle teilhaben mochten. Um 8 Uhr kam Dr. Solander zu
uns. In einem ungefähr ein Kilometer weiter entfernt gelegenen Hause
hatte ihn sein Glück zu ehrlicheren Leuten geführt, bei denen er nichts
eingebüßt hatte.

Als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten, unsere Kleider
wiederzuerlangen -- und wir haben sie tatsächlich nicht mehr
wiedergesehen --, brachten wir den ganzen Morgen damit zu, uns um die
versprochenen Schweine zu bemühen. Es ging uns damit aber nicht besser
als mit unserem Eigentum: wir bekamen nichts. Um 12 Uhr traten wir
endlich, nicht gerade in der besten Laune, mit dem einzigen Schweine,
das wir am vorhergehenden Abend vor dem Fleischer und Koch hatten
retten können, unsern Rückweg zu dem Boote an.

Auf unserem Wege dahin bot sich uns ein Anblick, der uns für die
Beschwerlichkeiten und Verdrießlichkeiten dieser Reise einigermaßen
schadlos hielt. Wir gerieten unterwegs an eine der wenigen Stellen
der Insel, wo der Zugang zur Küste nicht wie anderwärts durch eine
Reihe von Felsklippen versperrt war, und wo infolgedessen eine hohe
Brandung an den Strand schlug. Sie war hier so heftig, wie ich sie
fürchterlicher nie gesehen hatte. Kein europäisches Boot hätte darin
aushalten können, und ich bin überzeugt, daß der beste europäische
Schwimmer, wenn er durch einen oder den andern Zufall ihr ausgesetzt
gewesen wäre, sich vor dem Ertrinken nicht hätte retten können, zumal
der Strand mit Kieseln und großen Steinen bedeckt war. Dessenungeachtet
schwammen mitten zwischen diesen Klippen 10 oder 12 Eingeborene zum
Zeitvertreibe herum. Sooft eine Brandungswelle sich in ihrer Nähe
brach, tauchten sie unter und kamen mit wunderbarer Leichtigkeit
wieder jenseits der Woge empor. Das Hinterteil eines alten Kanus, das
sie auf dem Strande fanden, gab ihnen Gelegenheit, diese Lustbarkeit
noch weiter zu treiben und ihre Geschicklichkeit noch besser sehen zu
lassen. Sie stießen es nämlich vor sich her und schwammen damit bis zur
äußeren Klippenreihe hinaus. Hier sprangen zwei oder drei in das Wrack
hinein, drehten das viereckige Ende der sich brechenden Woge entgegen
und ließen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen die Küste und
zuweilen oft bis an den Strand treiben; gewöhnlich aber brach sich die
Woge über ihnen, noch ehe sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten.
In solchem Falle tauchten sie unter und kamen auf der anderen Seite mit
dem Kanu in den Händen wieder zum Vorschein. Dies bewundernswürdige
Schauspiel betrachteten wir über eine halbe Stunde lang. Die Schwimmer
schienen so vertieft in ihr Spiel zu sein und so viel Vergnügen daran
zu finden, daß die ganze Zeit unseres Verweilens über keiner von ihnen
Lust bekam, an Land zu gehen. Hierauf setzten wir unsere Reise fort und
langten erst spät abends im Fort wieder an.

Eines Tages beschwerten sich einige Eingeborene, daß zwei von
unseren Matrosen ihnen einige Pfeile und Bogen, sowie einige Schnüre
geflochtenen Haares fortgenommen hätten. Ich untersuchte die Sache, und
da ich die Anklage begründet fand, ließ ich jeden der Verbrecher mit
24 Stockstreichen bestrafen.

Von den Pfeilen und Bogen der Tahitier ist bisher noch nicht die
Rede gewesen. Sie brachten diese Waffen auch nur selten ins Fort
mit. Heute aber stellte sich Tuburai Tamaide mit den Seinigen ein,
weil ihn Leutnant Gore zu einem Wettschießen aufgefordert hatte. Der
Häuptling vermutete, es käme darauf an, den Pfeil am weitesten zu
schießen. Gore jedoch wettete eigentlich um den besten Treffer. Da
nun Gore ebensowenig einen Ruhm darin suchte, weit zu schießen, als
sich Tuburai aus der Kunst machte, ein Ziel zu treffen, kam es nicht
zur Probe ihrer gegenseitigen Geschicklichkeit. Um uns jedoch seine
Fähigkeit zu zeigen, schoß er einen unbefiederten Pfeil -- denn nur
solche kennt man hier -- etwa 250 Meter weit. Die Art zu schießen ist
auf Tahiti befremdend: der Schütze kniet nämlich nieder und läßt in dem
Augenblick, da er den Pfeil abgeschossen hat, den Bogen fallen.

[Illustration: Sooft eine Welle sich in ihrer Nähe brach, tauchten sie
unter.]

Banks begegnete einmal auf seinem Morgenspaziergang einer Gruppe von
Eingeborenen, die auf sein Befragen zur Antwort gaben, sie seien
herumziehende Musikanten, die zur Nacht da und da einkehrten. Wir
begaben uns also zu dem bezeichneten Nachtquartier. Die Bande bestand
aus 2 Flötenspielern und 3 Trommelschlägern, die von einer Menge Volks
umgeben waren. Die Trommelschläger begleiteten die Musik auch mit ihren
Stimmen, und zu unserm größten Erstaunen bemerkten wir, daß _wir_ den
Stoff für ihre Lieder abgaben. Wir hatten nicht vermutet, daß wir
unter den wilden Bewohnern dieser entlegenen Südsee-Insel einen Stand
antreffen würden, der in jenen Ländern, wo Kunst und Wissenschaft am
schönsten geblüht haben, ehemals so berühmt und geehrt war -- nämlich
Barden oder Minnesänger. Diese Musikanten waren tahitische Barden. Ihr
Lied war unstudiert und wurde aus dem Stegreif mit Musik begleitet. Sie
wanderten beständig von einem Ort zum andern, und die Hausherren und
andere Zuhörer beschenkten sie für ihren Vortrag mit allerhand Dingen,
deren sie bedurften.

Es fehlte nicht viel, so hätte uns in den nächsten Tagen ein besonderer
Vorfall trotz unsrer größten Vorsicht in einen neuen Streit mit den
Insulanern verwickelt. Ich hatte das Boot mit einem Offizier an Land
geschickt, um von dort Ballast für das Schiff zu holen. Weil nun der
Offizier nicht sogleich Steine fand, die dazu taugten, fing er an
eine Mauer niederzureißen, die um einen Beerdigungsplatz gezogen war.
Die Eingeborenen widersetzten sich jedoch mit Gewalt, und ein Bote
kam zu den Zelten, mir dies zu melden. Banks eilte augenblicklich zum
Tatort und legte die Streitigkeit gütlich bei, indem er das Bootsvolk
zum Flusse schickte wo es Steine genug gab, die man auflesen konnte,
ohne die Eingeborenen im geringsten zu beleidigen. Es ist sehr
merkwürdig, daß die Südsee-Insulaner viel empfindlicher waren für eine
Beleidigung der Toten, als wenn man ihnen selbst, den Lebenden, ein
Unrecht tat. Das war die einzige Veranlassung, die sie ihre Furcht
vor uns überwinden und zu den Waffen greifen ließ; und das einzige
Mal, da sie sich wirklich unterstanden, Hand an einen unserer Leute
anzulegen, hatte eine ähnliche Ursache. Monkhouse, der Schiffsarzt,
pflückte nämlich eines Tages eine Blüte von einem Baume, der in einem
ihrer Friedhöfe stand. Ein Eingeborener, der ihn vermutlich mit
Unwillen und sehr genau beobachtet hatte, lief plötzlich von hinten
auf ihn zu und schlug ihn. Monkhouse erwischte den Täter; weil diesem
aber augenblicklich zwei andere Eingeborene zu Hilfe eilten und den
Schiffsarzt bei den Haaren packten, war er genötigt, seinen Mann fahren
zu lassen. Sobald die anderen diesen wieder in Freiheit sahen, liefen
auch sie davon, ohne weitere Gewalttätigkeiten zu verüben.

Am Abend des 19. bekam ich Besuch von Oberea. Es befremdete uns aber
nicht wenig, daß sie uns die gestohlenen Sachen nicht mitbrachte,
obgleich sie doch wohl wußte, daß wir sie für die Hehlerin hielten. Als
sie nun für sich und ihre Begleiter um ein Nachtlager in Banks' Zelt
bat, wurde ihr das abgeschlagen. Da auch sonst niemand von uns Miene
machte, sie zu beherbergen, ging sie mit offensichtlichem Verdrusse weg
und übernachtete in ihrem Kanu.

In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie mit ihrem Kanu und
allem, was darinnen war, zum Fort zurück und gab sich so mit einer
gewissen zuversichtlichen Größe des Geistes, die unsere Bewunderung
und Erstaunen erregte, völlig in unsere Gewalt. Um uns noch geneigter
zur Aussöhnung zu machen, schenkte sie uns ein Schwein und mancherlei
andere Sachen, worunter auch ein Hund war. Wir hatten kurz vorher
erfahren, daß die Insulaner Hundefleisch für einen großen Leckerbissen
hielten und dem Schweinefleisch vorzogen. Es kam uns daher die Lust
an, dieses Fleisch zu kosten, und das Geschenk Obereas verschaffte
uns gute Gelegenheit dazu. Wir übergaben also den Hund, der sehr fett
war, Tupia, und er übernahm das doppelte Amt eines Fleischers und
Kochs. Um das Tier zu töten, hielt er ihm mit beiden Händen Maul und
Nase fest zu; es dauerte aber über eine Viertelstunde, ehe der Hund
tot war. Währenddessen war ein Loch in die Erde gegraben worden, das
ungefähr einen Fuß tief sein mochte; man zündete ein Feuer darin an
und legte einige kleine Steine schichtweise zwischen das Holz, um sie
recht durchzuheizen. Hierauf wurde der Hund über das Feuer gehalten und
so das Haar abgesengt. Jetzt schabte ihn einer der Wilden mit einer
Muschel so rein ab, daß man hätte glauben können, er sei in heißem
Wasser gebrüht worden. Man zerschnitt ihn dann mit derselben Muschel,
nahm die Eingeweide heraus, spülte sie in der See und tat sie nachher
nebst dem aufgefangenen Blut des Tieres in Kokosnußschalen. Sobald
das Erdloch heiß genug war, wurden die Feuerbrände daraus entfernt,
und man machte von den durchwärmten Steinen, die jedoch nicht so heiß
waren, daß sie etwas versengten, eine Unterlage und bestreute diese mit
frischem Laube. Alsdann legte man den Hund und die Eingeweide auf die
Blätter, bedeckte ihn mit anderem Laube und dem Rest der heißen Steine
und schüttete endlich das Loch mit Erde zu. In weniger als vier Stunden
wurde die Grube wieder geöffnet und der Hund herausgenommen. Er war auf
diese Art vortrefflich gebraten und nach unserem einstimmigen Urteil
ein sehr leckeres Gericht. Die Hunde, die man hier zum Schlachten
aufzieht, bekommen kein Fleisch, sondern nur Brotfrucht, Kokosnüsse,
Yamswurzeln und ähnliche Pflanzennahrung zu fressen. Alles Fleisch und
alle Fische, die die Eingeborenen essen, werden auf die beschriebene
Art gebacken.

Am 26. Juni reiste ich in Begleitung Banks in der Pinasse ab, um die
Insel zu umschiffen, und wir kamen am nächsten Tage zu der schmalen
Landenge, die beide Teile der Insel miteinander verbindet. Auf Anraten
unseres tahitischen Führers, der uns sagte, daß hier das Land gut und
fruchtbar sei, landeten wir. Der Häuptling des Gebietes, Matiabo, kam
bald an den Strand zu uns herab, schien aber nicht das geringste von
uns, noch vom Handel zu wissen, den wir trieben. Seine Untertanen
hingegen brachten uns einen reichlichen Vorrat an Kokosnüssen und
ungefähr 20 Brotfrüchte. Die Brotfrucht mußten wir teuer bezahlen; ein
junges Schwein aber, das uns der Häuptling selbst verkaufte, bekamen
wir um so billiger, nämlich für eine Glasflasche, die dem gnädigen
Herrn besser gefiel als alle anderen Angebote. Er hatte übrigens eine
Gans und einen Truthahn im Besitz, die vom »Delphin« auf der Insel
zurückgelassen worden waren. Die Insulaner hatten ihre besondere Freude
an diesen Tieren; beide waren erstaunlich feist und so zahm geworden,
daß sie den Eingeborenen allenthalben nachliefen.

In einem langen Hause hier sahen wir etwas uns ganz Neues. Fünfzehn
menschliche Unterkiefer waren nämlich an einem Ende des Gebäudes auf
einem halbrunden Brett befestigt und schienen ganz frisch zu sein. Was
das erstaunlichste war: es fehlte kein einziger Zahn. Ein so seltsamer
Anblick machte uns sehr neugierig; wir erkundigten uns also da und
dort nach der Bedeutung dieser Kiefer, konnten aber keine Erklärung
erhalten, weil das Volk uns nicht verstehen konnte oder verstehen
wollte.

Als wir von hier aus weiterfahren wollten, bat Matiabo um Erlaubnis,
uns begleiten zu dürfen. Wir waren sehr erfreut darüber; denn der
Häuptling konnte uns sehr nützlich sein, indem er uns über verschiedene
Untiefen hinwegleitete. Wir ruderten längs der Küste hin. Als wir
aber ungefähr zwei Drittel der für diesen Tag vorbestimmten Strecke
zurückgelegt hatten, entschlossen wir uns, die Nacht am Lande
zuzubringen. Nicht weit vom Strande sahen wir ein großes Haus, und
Matiabo sagte uns, es gehöre einem seiner Freunde. Der Wirt empfing
uns sehr freundschaftlich und befahl seinen Leuten, uns unsere
Lebensmittel, mit denen wir gerade sehr gut versorgt waren, zubereiten
zu helfen. Als man damit fertig war, speisten wir sehr gesellig und
vertraut miteinander. Nach dem Essen erkundigten wir uns nach unserem
Nachtlager; es ward uns dazu ein besonderer Teil des Hauses angewiesen.
Wir ließen also unsere Überröcke holen, und Banks fing an, sich seiner
Gewohnheit nach auszukleiden. Da ihn aber der kürzliche Verlust seiner
Kleider vorsichtig gemacht hatte, so behielt er diese jetzt nicht mehr
bei sich, sondern schickte sie an Bord des Bootes und gedachte, sich
auf seinem Lager mit einheimischem Rindenzeug zu begnügen. Als Matiabo
sah, daß wir uns unsere Überröcke bringen ließen, gab er vor, daß
auch er einen nötig habe. Weil er sich nun sehr ordentlich aufgeführt
und uns wirklich gute Dienste geleistet hatte, ließ man auch für ihn
einen holen. Wir legten uns dann nieder, vermißten aber bald unsern
Gesellschafter Matiabo; doch argwöhnten wir noch nichts Übles, sondern
glaubten, er sei vielleicht zum Baden gegangen, wie es ja die Tahitier
vor dem Schlafengehen stets tun. Es währte indessen nicht lange,
so verriet uns ein anderer Eingeborener, Matiabo habe sich mit dem
Überrock davongemacht. Der Häuptling aber hatte unser Vertrauen schon
so sehr gewonnen, daß wir der Nachricht von seiner Flucht anfänglich
keinen Glauben beimaßen. Da uns sein Entweichen bald darauf aber auch
von unserem Führer Tuahan bestätigt wurde, sahen wir, daß wir betrogen
waren und keine Zeit zu verlieren hatten, wenn wir das Kleidungsstück
wiederbekommen wollten. Weil wir nun keine Aussicht hatten, den Dieb
ohne Beihilfe der Leute, die um uns waren, zu erreichen, sprang
Banks auf, erzählte den Vorfall und verlangte, daß sie uns den Rock
wiederbringen sollten. Er zeigte ihnen zur Bekräftigung seines
Verlangens eine seiner Pistolen, die er immer bei sich zu tragen
pflegte, worauf die ganze Gesellschaft erschrocken auseinanderstob und,
anstatt uns den Dieb suchen zu helfen, zum Haus hinausfloh. Wir konnten
aber noch einen der Leute erhaschen und nahmen ihm das Versprechen
ab, uns bei der Verfolgung zu unterstützen. Ich eilte daher mit Banks
fort. Obgleich wir beständig liefen, war der Schrecken doch noch mit
schnelleren Schritten uns vorausgeeilt; denn nach Verlauf von ungefähr
10 Minuten begegnete uns ein Mann, der den Überrock zurückbrachte und
dabei sagte, der Dieb habe ihn bestürzt von sich geworfen. Da wir die
Sache selbst wieder hatten, hielten wir es nicht der Mühe für wert, dem
Täter nachzusetzen, und so entkam er.

Bei unserer Rückkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich
vorher wohl 200-300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald
man indessen erfuhr, daß wir niemandem als nur Matiabo zürnten, kam
unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurück, um den
Rest der Nacht bei uns zu bleiben.

Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden
sein: um 5 Uhr weckte uns nämlich die Schildwache mit der Meldung, das
Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefähr eine
halbe Stunde vorher vor Anker nicht über 50 Meter weit vom Strande
gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschläge gehört hatte, sah
sie wieder nach und entdeckte, daß es weg war. Auf diesen Bericht hin
standen wir in höchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der
Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber
keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr mißlich um uns, und
wir hatten Ursache genug zur äußersten Bestürzung und den schlimmsten
Ahnungen. Da es völlig windstill war, konnten wir nicht annehmen,
die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, mußten vielmehr
mit Recht vermuten, daß die Wilden das Boot überfallen, das Bootsvolk
getötet und die Beute weggeführt hätten. Der Unsern waren nicht mehr
als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen,
zudem außer der Ladung keine Vorräte an Pulver und Blei. In dieser
Angst und Not mußten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke
erwarten, daß die Insulaner sich ihren Vorteil über uns zunutze
machen würden. Endlich sahen wir zu unserer großen Freude das Boot
zurückkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben
worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung gar
nicht gedacht hatten.

Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frühstückten wir und eilten,
diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es möchte uns hier noch Übleres
begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares:
die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unförmig geflochten,
sonst aber nicht übel geformt, über 7 Meter hoch, aber etwas zu dick
geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen,
die äußere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie
Haut darstellen sollten, weiß, an den Teilen aber, die die Eingeborenen
zu bemalen oder zu färben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo
die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte
die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten;
wir würden diese nicht treffender als mit Hörnern bezeichnet haben,
die Tahitier aber nannten sie »Tate Ete«, d. h. kleine Männchen. Das
Standbild selbst hießen sie »Manioe« und sagten, es sei das einzige
in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mühe, uns
zu erklären, welche Bedeutung und welchen Zweck es hätte. Wir hatten
aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre
Auslegung völlig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, daß es eine
Darstellung des Manioe, eines ihrer Götter zweiten Ranges, sein solle.

Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das
unseren Freunden Oamo und Oberea gehörte, und wo wir unser Nachtlager
aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor
Sonnenuntergang an Land, fanden aber, daß sie beide ihre Wohnungen
verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen
Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht,
sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein
war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu
dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns
etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht
noch zu einem Spaziergang ausnützen. Wir schlugen den Weg zu einer
Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bäumchen gesehen
hatten, die hier »Etoa« genannt und gewöhnlich nur an solchen Orten
gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen
Begräbnisplätze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird,
heißen bei ihnen Marai.

Als wir dort ankamen, staunten wir über ein ungeheures Gebäude, das,
wie man uns sagte, das »Marai« (Mausoleum) des Oamo und der Oberea
und zugleich das größte Meisterstück tahitischer Baukunst sei. Es war
aus Stein in pyramidenförmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer
länglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Länge und 25 Meter
Breite. Die Bauart glich einigermaßen den kleinen pyramidenförmigen
Anhöhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler für Sonnenuhren
aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen
versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebäuden waren jedoch die
Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so daß das Gebäude nach
oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjüngte. Wir zählten elf solcher
Stufen, und jede war über einen Meter hoch, so daß also die Höhe
des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe
weißer Korallensteine, die recht regelmäßig und viereckig behauen
und geglättet waren. Das Fundament war aus Felsenstücken gesetzt,
die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich
waren; denn eines davon war nicht weniger als über ein Meter lang
und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebäude von einem Volke
ausgeführt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen
Mörtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes
Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, mußten
die Quadern aus großer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles
mit der unsäglichsten Mühe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von
einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhände. Auch konnten
sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt
haben, wo man sie in beträchtlicher Tiefe häufig finden kann. Sowohl
die Felsblöcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen
Werkzeugen behauen, und das mußte eine unglaublich schwierige Arbeit
gewesen sein. Das Glätten hingegen konnten sie vermittels des scharfen
Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt
haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter
Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber
zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines
geräumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe
gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer
umgeben und überall mit breiten, flachen Steinen gepflastert; trotz der
Pflasterung wuchsen jedoch verschiedene Etoa-Bäume und Bananen darin.

Wonach man in Tahiti am emsigsten trachtet, ist der Besitz eines
schönen »Marai«, und dieses hier war so ein sehr deutlicher Beweis von
der Macht der Oberea. Es ist bereits erwähnt worden, daß sie zur Zeit
unserer Anwesenheit nicht mehr so viel Ansehen und Gewalt zu haben
schien, wie damals, als der »Delphin« hier lag. Wir erfuhren jetzt auch
die Ursache davon. Als wir nämlich längs des Seestrandes zu ihrem Marai
gingen, sahen wir den ganzen Weg mit Menschengebeinen, besonders Rippen
und Wirbeln, bedeckt. Auf unsre Frage, welche Bewandtnis es mit dieser
Menge unbestatteter Totengebeine habe, sagte man uns, daß im Dezember
1768 der Stamm der südöstlichen Halbinsel, die wir kurz zuvor besucht
hatten, einen Einfall in diese Gegend gewagt und eine Menge Menschen
getötet habe, deren Gebeine das eben wären. Nach diesem unglücklichen
Vorfall sei Oberea und Oamo, der damals die Regierung für seinen Sohn
verwaltete, ins Gebirge geflohen. Die Sieger hätten darauf die hier
gelegenen Häuser, die sehr groß gewesen, verbrannt und die Schweine und
andere Tiere, die sie gefunden, mit sich fortgenommen; unter anderen
wären auch die Gans und der Truthahn, die wir unlängst bei Matiabo, dem
Diebe unseres Überrockes, gesehen hatten, mitfortgeschleppt worden.
Das erklärte uns denn auch, daß wir die Tiere bei Leuten angetroffen
hatten, die nicht mit dem »Delphin« in Handelsbeziehungen gestanden
hatten, und als wir der Kieferknochen erwähnten, die wir auf einem
langen Brette befestigt in einem Hause dort gesehen hatten, berichtete
man uns, daß die Feinde solche als Siegeszeichen aufstellten.

Als wir unsere Wißbegierde so befriedigt hatten, kehrten wir zu unserer
Herberge zurück und übernachteten dort in vollkommener Sicherheit und
Ruhe.

Bei unserer Rückkehr nach dem Fort, zwei Tage darauf, drängten sich
unsere braunen Freunde um uns, und keiner von ihnen allen kam mit
leeren Händen. Ich hatte mir zwar schon längst vorgenommen, alle bisher
zurückgehaltenen Kanus ihren Eigentümern wieder zurückzugeben; allein,
es war bisher noch immer nicht geschehen. Jetzt aber gab ich eines nach
dem andern frei, sobald sich die Eigentümer meldeten.

Allmählich fingen wir an, uns zur Abreise zu rüsten; der Wasserbedarf
war bereits in das Schiff aufgenommen, und unsere Lebensmittelvorräte
waren untersucht worden. Während dieser Zeit bekamen wir Besuch
von Oamo und Oberea nebst ihren beiden Kindern, dem Sohne und der
Tochter. Die Eingeborenen bezeigten diesen Personen ihre Ehrfurcht
durch Entblößen des Oberleibes. Die Tochter namens Toimata war sehr
neugierig, das Fort von innen zu sehen. Ihr Vater wollte es jedoch
nicht zugeben. Teari, der Sohn des Beherrschers der südöstlichen
Halbinsel, befand sich zu dieser Zeit ebenfalls bei uns, und wir
bekamen Nachricht daß auch noch ein anderer Gast angekommen sei, dessen
Besuch wir weder vermuteten, noch wünschten. Es war kein anderer als
der verschlagene Bursche, der damals Mittel gefunden hatte, uns den
Quadranten zu stehlen. Man berichtete uns, er sei willens, in der Nacht
sein Glück noch einmal zu versuchen. Alle anwesenden Eingeborenen
erboten sich, uns gegen ihn beizustehen, und baten, wir möchten ihnen
aus diesem Grunde erlauben, im Fort zu übernachten. Das ward ihnen
gern bewilligt und tat eine so gute Wirkung, daß der Dieb von seinem
Versuche ohne weiteres Abstand nahm.

Am 7. Juli fingen die Zimmerleute an, das Tor und die Palisaden
einzureißen, weil wir diese als Brennholz an Bord des Schiffes
verwenden wollten. Einer von den Eingeborenen bewies bei dieser
Gelegenheit wieder seine Geschicklichkeit: er stahl nämlich die
Türangel mit dem dazugehörigen Haken. Man setzte ihm augenblicklich
nach. Als die zur Verfolgung nachgeschickte Patrouille etwa 6 Kilometer
weit gelaufen war, bemerkte sie, daß der Dieb seitwärts entschlüpft
sein und sich in einem Schilfdickicht versteckt haben mußte, so daß sie
nichtsahnend an ihm vorbeigelaufen war. Sie fing also an, das Schilf
abzusuchen; der Dieb aber war bereits entkommen. Doch fand man hier ein
Kratz- und Scharreisen, das einige Zeit vorher im Schiffe gestohlen
worden war. Bald darauf brachte auch unser alter Freund Tuburai Tamaide
die Türangel wieder zurück.

Am 8. und 9. fuhren wir fort, die Festung zu schleifen. Unsere
braunen Freunde versammelten sich noch immer bei uns. Einige taten es
vielleicht aus wirklicher Betrübnis über unsre nahe Abreise; andere
vielleicht in der Absicht, die Gelegenheit nicht zu versäumen, noch
etwas von unsren Sachen zu erhaschen.

Unter den Eingeborenen, die fast beständig um uns waren, befand sich
auch Tupia, von dem hier schon mehrmals die Rede gewesen ist. Er war,
wie ich bereits angedeutet habe, der vornehmste Minister Obereas
gewesen, zur Zeit, da ihre Gewalt am größten war. Er war zugleich
der oberste »Tahaua« oder Priester der Insel und kannte demnach die
Religion des Landes, ihre Grundsätze und Zeremonien am besten. Auch
besaß er große Erfahrung und Verständnis für die Schiffahrtskunde und
eine genaue Kenntnis der Lage und Anzahl der benachbarten Inseln.
Dieser Mann hatte oft das Verlangen geäußert, uns auf der Reise zu
begleiten. In dieser Absicht kam er am 12. morgens mit einem ungefähr
dreizehnjährigen Knaben, der sein Bedienter war, an Bord und bat uns
inständig, ihn auf unsrer Fahrt mitzunehmen. Einen solchen Mann bei
uns an Bord zu haben, war aus vielen Gründen wünschenswert. Wenn wir
seine Sprache lernten und ihn die unsrige lehrten, konnten wir uns
schmeicheln, eine ungleich bessere Kenntnis von den Gebräuchen, der
Staatsverfassung und Religion dieses Volkes zu erlangen, als wir
während unseres kurzen Aufenthalts erworben hatten. Ich willigte daher
mit Freuden ein. Tupia machte sich einen kurzen Aufschub zunutze, um
noch einmal an Land zu gehen, und sagte, er wolle uns am Abend ein
Zeichen geben, ihn abzuholen. Er verließ uns also und nahm ein kleines
Bild von Banks, um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene
Kleinigkeiten mit, die er ihnen beim Abschied schenken wollte.

Nach dem Mittagessen wünschte Banks noch eine Zeichnung von dem Marai
zu bekommen, das dem Tutaha gehörte und zu Eparre lag. Ich begleitete
ihn nebst Dr. Solander in der Pinasse dahin. Sobald wir landeten, kamen
uns viele unsrer Freunde entgegen. Wir gingen sogleich zu Tutahas
Behausung, wo Oberea und verschiedene andere sich bei uns einfanden.
Sie versprachen, am folgenden Morgen früh noch einmal ans Schiff
zu kommen und zum letzten Male Abschied zu nehmen, weil wir ihnen
mitgeteilt hatten, daß wir am Nachmittag bestimmt absegeln würden.
Bei Tutaha trafen wir unter anderen auch den Tupia, der mit uns
zurückkehrte und diese Nacht zum ersten Male an Bord schlief.

[Illustration: Sie winkten den Kanus zu, solange man sie sehen konnte.]

Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli, füllte sich die
»Endeavour« schon früh mit unseren Freunden. Eine Menge von Kanus, die
von Eingeborenen niederen Standes wimmelten, umringten das Schiff.
Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker, und sobald die
»Endeavour« unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Insulaner
von uns Abschied und weinten in bescheidener und wohlanständiger
Betrübnis, die etwas ungemein Zärtliches und Rührendes an sich hatte.
Das Volk in den Kanus hingegen klagte laut ob unseres Scheidens, und
jeder schien seine Stimme um die Wette mit den andern zu erheben:
eben darum kam uns diese Betrübnis mehr gemacht als natürlich vor.
Tupia bewies bei diesem Auftritt eine wahrhaft bewunderungswürdige
Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Er weinte zwar auch; allein
sowohl seine Tränen, als auch die Gewalt, die er sich antat, um sie
zurückzuhalten, machten ihm gleich viel Ehre. Er stieg schließlich mit
Banks auf den Mastkorb, wo sie beide den Kanus zuwinkten, solange man
sie sehen konnte.

[Illustration]

[Illustration]



Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln

Von Kapitän _James King_


An der Westküste der Insel Hawaii, im Bezirk Akona, liegt eine Bucht,
die bei den Einwohnern Karakakua (Kealakeakua) heißt. Sie geht ungefähr
ein Kilometer landeinwärts, und ihre Grenzpunkte sind zwei flache, ein
halbes Kilometer weit in der Richtung von Südsüdost und Nordnordwest
voneinander gelegene Landspitzen. Auf der nördlichen, die niedrig und
unfruchtbar ist, liegt ein Dorf, das die Eingeborenen Kauraua nennen.
Ein zweites, größeres, namens Kakua, liegt in der Vertiefung der Bucht,
an einem Hain von hohen Kokospalmen; zwischen beiden ragt ein steiles,
schroffes Felsenufer hervor, das von der Seeseite unzugänglich ist.
Südwärts hat das Land, etwa ein Kilometer einwärts, ein rauhes Ansehen.
Allein, jenseits dieser Strecke hebt es sich mit einer sanften Lehne
und zeigt überall umzäunte Pflanzungen mit Kokoswäldchen, zwischen
denen alles mit Wohnungen gleichsam besät ist. Das Seeufer rund um
die Bucht ist gänzlich mit schwarzem Korallenfelsen bedeckt; bei
stürmischem Wetter ist daher das Landen sehr gefährlich. Doch befindet
sich neben dem Dorfe Kakua ein schöner mit Sand bedeckter Strand,
an dessen einem Ende man einen Begräbnisort oder ein »Marai« und am
entgegengesetzten einen Bach mit Süßwasser antrifft. Kapitän Cook fand
diese Bucht für seinen Plan, die Schiffe auszubessern und zugleich
Wasser und Lebensmittel einzunehmen, sehr geeignet und ließ deshalb die
»Resolution« und »Discovery« hier vor Anker gehen.

Die Eingeborenen hatten kaum bemerkt, daß wir willens wären, in
der Bucht zu ankern, als sie schon in hellen Haufen zum Strande
herbeieilten und ihre Freude durch Singen, Jubelgeschrei und allerlei
wilde, überschwengliche Gebärden zu erkennen gaben. In kurzer Zeit
stiegen sie scharenweise an Bord, bald darauf saßen sie auch schon
überall an den Seiten und im Takelwerk der beiden Schiffe in unzähliger
Menge. Eine große Anzahl Frauen und kleiner Jungen, die keine Kanus
hatten bekommen können, schwammen um uns herum und blieben auch, da
sie an Bord keinen Platz mehr fanden, den ganzen Tag über im Wasser.
Unter anderen Vornehmen, die sich an Bord der »Resolution« begaben,
zeichnete sich bald ein junger Mann namens Paria durch sein würdevolles
Benehmen aus. Er stellte sich selbst dem Kapitän Cook vor und eröffnete
ihm, er sei ein Vertrauter des Königs. Letzterer war gegenwärtig auf
einer kriegerischen Unternehmung gegen die Insel Mauwi begriffen, von
wo man ihn in 3 bis 4 Tagen zurück erwartete. Kapitän Cook machte dem
Paria einige Geschenke und gewann ihn dadurch ganz und gar für uns.
Dies war kein geringer Vorteil; denn ohne ihn wären wir schwerlich
mit seinen Landsleuten fertig geworden. Schon sehr bald ereignete
sich ein Vorfall, bei dem wir seiner Hilfe bedurften. Wir hatten
noch nicht lange vor Anker gelegen, als wir bemerkten, daß sich die
»Discovery« stark auf eine Seite neigte, weil sich auf ebenderselben
eine ungeheure Menge Menschen angeklammert hatte. Zugleich wurden wir
auch gewahr, daß die Mannschaft die großen Scharen, die sich noch
immer in das Schiff drängten, nicht mehr zurückhalten konnte. Aus
Besorgnis zeigte Kapitän Cook unserm Paria diese Gefahr, und dieser
eilte augenblicklich der »Discovery« zu Hilfe, trieb die Leute hinaus
und nötigte sogar die Kanus, die sich in unzähliger Menge darumpostiert
hatten, sich zu entfernen.

Dieser Vorfall schien zu beweisen, daß die Gewalt der Vornehmen über
die niederen Volksmassen in höchstem Grade despotisch sein müsse. Noch
an ebendem Tage bestätigte uns das ein Vorfall auf der »Resolution«.
Der Schwarm der Eingeborenen hatte sich an Bord so vermehrt, daß wir
unsere Geschäfte nicht mehr verrichten konnten. Kapitän Cook wandte
sich daher an Kanina, einen Vornehmen, der ihm ebenfalls zugetan
war. Dieser befahl sogleich allen seinen Landsleuten, das Schiff zu
verlassen. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen sprangen sie, ohne
sich einen Augenblick zu bedenken, alle über Bord. Ein einziger blieb
etwas zurück und hatte, wie es schien, keine rechte Lust, dem Befehl zu
gehorchen: sogleich hob ihn Kanina mit beiden Armen auf und schleuderte
ihn ins Meer.

Die beiden hier genannten Befehlshaber waren starke, schön gewachsene
Männer von ganz besonders angenehmer Gesichtsbildung. Kanina war einer
der schönsten Männer, die ich je gesehen habe: er hatte regelmäßige,
ausdrucksvolle Züge und funkelnde, dunkelfarbige Augen. Sein Gang war
ungezwungen, fest und voll Anstand.

Während des langen Zeitraums, den wir mit Kreuzen um die Insel
zugebracht hatten, war das Betragen der Eingeborenen, die von Zeit
zu Zeit in See zu uns kamen, untadelhaft, ehrlich und aufrichtig
gewesen und hatte nie eine Spur von diebischen Gelüsten verraten.
Wir waren darüber sehr erstaunt, zumal da wir es nur mit Personen
vom niedrigsten Stande, entweder Leibeigenen oder Fischern, zu tun
gehabt hatten. Nunmehr aber wandte sich das Blatt, und die unzähligen
Scharen, die in jedem Winkel des Schiffes ihr Wesen trieben, benutzten
fleißig jede Gelegenheit, unbemerkt stehlen und vielleicht sogar
entkommen zu können; denn unser waren wir nur wenige. Zum Teil glaubten
wir, diese Veränderung in ihrem Betragen der anfeuernden Gegenwart
ihrer Befehlshaber zuschreiben zu müssen: wenn wir nämlich einer
verschwundenen Sache nachspürten, fanden wir sie zuletzt gewöhnlich im
Besitze irgendeines Mannes von Ansehen, auf dessen Veranlassung der
Diebstahl also augenscheinlich begangen worden war.

Bald nachdem unser Schiff verankert war, führten unsere beiden Freunde
Paria und Kanina einen dritten Befehlshaber namens Koah an Bord. Man
gab uns zu verstehen, er sei ein Priester und habe sich in seiner
Jugend als Krieger ausgezeichnet. Er war ein hagerer, schwacher, alter
Mann von unansehnlicher Gestalt, mit triefenden, roten Augen, am ganzen
Leib mit einem weißen Aussatz oder Schorf bedeckt, was eine Folge des
unmäßigen Kawa-Trinkens war. Man führte ihn in die Kajüte, wo er sich
dem Kapitän Cook in großer Ehrfurcht nahte und ihm ein Stück roten
Zeugs, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, über die Schulter
warf. Dann trat er einige Schritte zurück, bot ein kleines Ferkel dar
und hielt es so lange, bis er eine ziemlich lange Rede beendet hatte.
Diese Feierlichkeit, die wir während unseres Aufenthalts in Hawaii noch
zu mehreren Malen sahen, sollte, soviel wir aus allerlei Nebenumständen
schließen konnten, eine Art von gottesdienstlicher Anbetung vorstellen;
denn die Götzenbilder der Einwohner waren sämtlich mit rotem Zeug
bekleidet, und ihren »Eatuas« (Göttern) brachten sie gewöhnlich kleine
Ferkel zum Opfer dar. Nach der Zeremonie aß Koah mit dem Kapitän Cook
und genoß reichlich von allem, was ihm vorgesetzt wurde, nur daß
er, wie überhaupt alle Bewohner dieser Inselgruppe, Wein und andere
geistige Getränke ungern zum zweiten Male kosten wollte.

Abends begleiteten Kapitän Cook und ich ihn an Land. Wir stiegen auf
dem sandigen Strande aus, wo uns vier Männer mit Stäben empfingen,
an deren Ende ein Büschel Hundshaare hing. Sie gingen vor uns her
und riefen dabei mit lauter Stimme eine kurze Formel aus, wovon wir
indes nur das Wort »Orono« (Gott) unterscheiden konnten. Die am Ufer
versammelte Menge entfernte sich bei unserem Herannahen, und es ließ
sich niemand sehen, einige wenige ausgenommen, die sich unweit der
Hütten des benachbarten Dorfes zur Erde niedergeworfen hatten.

Ehe ich die Anbetung, die dem Kapitän Cook hier bezeigt wurde, und
die übrigen Feierlichkeiten bei seinem Empfang auf dieser Insel
schildere, muß ich noch etwas von dem Marai sagen, das an der Südseite
des Strandes von Kakua lag. Dieses dem Gottesdienste geweihte
Gebäude bestand aus einem viereckigen dichten Steinhaufen, der etwa
40 Schritt lang, 20 breit und 14 Schritt hoch sein mochte. Oben war
es platt und eben, gut gepflastert und mit einem hölzernen Zaune
umgeben, auf dem die Schädel der beim Tode ihrer Vornehmen geopferten
Gefangenen steckten. Mitten in dem so eingeschlossenen Platze stand
ein verfallenes, altes, hölzernes Gebäude, das mit dem Zaun zu beiden
Seiten durch eine steinerne Mauer zusammenhing, so daß der ganze
Raum in zwei Teile geschieden war. Auf der landeinwärts gelegenen
Seite standen fünf, etwa 6 Meter lange Pfähle, die einem etwas
unregelmäßigen Gerüste zur Stütze dienten. Gegenüber, nach dem Meere
hin, waren zwei kleine Häuser erbaut, die durch einen bedeckten Gang
miteinander zusammenhingen.

Koah führte uns auf einem bequemen Steige, der von dem Strande nach
der nordwestlichen Ecke des gepflasterten Hofes hinaufging, auf die
Zinne dieses Gebäudes. Am Eingang in den Hof erblickten wir zwei
hölzerne Standbilder mit verzerrten Zügen, von denen jedes ein langes,
geschnitztes Stück Holz in Form eines umgekehrten Kegels auf dem Kopfe
hatte. Der übrige Körper war nicht ausgearbeitet, sondern in rotes
Zeug gehüllt. Hier trat uns ein junger Mann von hohem Wuchs mit einem
langen Barte entgegen und stellte Kapitän Cook den Bildsäulen vor. Dann
sang er eine Art von Hymnus, in den Koah miteinstimmte, und führte uns
nachher an das jenseitige Ende des Marai, wo die 5 Pfähle standen. An
dieser Stelle bildeten 12 Standbilder einen Kreis, und gerade vor der
mittelsten Figur stand ein hoher Tisch oder ein Gestell, das genau dem
»Uatta« oder Altar in Tahiti ähnlich war. Auf ihm lag ein bereits in
Fäulnis übergegangenes Schwein und unter ihm eine Menge Zuckerrohr,
Kokosnüsse, Brotfrucht, Bananen und süße Bataten. Koah stellte den
Kapitän unter diesen Altar, nahm das Schwein herunter und hielt es ihm
vor, wobei er zum zweitenmal mit vieler Heftigkeit und geläufiger Zunge
eine lange Rede hielt. Hierauf ließ er das Schwein zur Erde fallen und,
führte unsern Kapitän an das Gerüst. Beide kletterten unter Gefahr das
beschwerliche Stück hinan. Nunmehr sahen wir oben auf dem Marai eine
feierliche Prozession herankommen. Sie bestand aus 10 Männern, die
ein großes lebendiges Schwein und ein großes Stück rotes Zeug trugen.
Nachdem sie noch ein paar Schritte vorwärts getan hatten, hielten sie
still und warfen sich zur Erde nieder. Kärikia, der vorhin erwähnte
junge Mann, ging zu ihnen, nahm ihnen das Zeug ab und brachte es dem
Koah, der den Kapitän damit bekleidete. Hierauf brachte er ihm das
Schwein dar, das Kärikia währenddessen auf ebendie Art wie das Zeug
geholt hatte.

Als nun Kapitän Cook, so in rotes Zeug gewickelt, in einer etwas
unbequemen Stellung in der Höhe stand und sich nur mit Mühe an den
Stücken des morschen Gerüstes festhalten konnte, fingen Kärikia und
Koah ihren Gottesdienst an und sangen zuweilen gemeinsam, zuweilen
abwechselnd. Das dauerte eine geraume Zeit. Endlich ließ Koah das
Schwein fallen und stieg mit Kapitän Cook herunter. Nunmehr führte er
ihn an den zuletzt erwähnten Bildsäulen vorbei, sagte im Vorübergehen
jedem Bilde etwas in einem höhnenden Tonfall und schnippte mit den
Fingern gegen sie. Endlich brachte er ihn vor das mittelste Bild, das,
da es mit rotem Zeug bekleidet war, in höherem Ansehen stehen mochte.
Daher fiel er auch davor nieder, küßte es und verlangte ein gleiches
von Kapitän Cook, der sich bei dieser ganzen Feierlichkeit durchaus
nach Koahs Vorschrift verhielt.

Hierauf führte man uns zurück in die andere Abteilung des Marai, wo
sich eine Vertiefung im Pflaster befand, die 3-4 Meter im Quadrat und
1 Meter Tiefe haben mochte. Wir stiegen hinab, und Kapitän Cook mußte
sich zwischen zwei hölzerne Bildsäulen setzen, indes Koah den einen Arm
des Kapitäns unterstützte und mich den andern stützen hieß. Hierauf kam
eine zweite Prozession von Eingeborenen, die ein gebratenes Schwein,
einen Pudding nebst Kokosnüssen, Brotfrucht und anderen Pflanzenspeisen
trugen. Als sie sich näherten, trat Kärikia an ihre Spitze und hielt
das Schwein wie gewöhnlich dem Kapitän vor. Zugleich fing er wie
vorher einen Gesang an, auf den seine Gehilfen bei passenden Stellen
antworteten. Nach jeder Gegenstrophe schienen die Absätze kürzer zu
werden, bis zuletzt Kärikia nur zwei oder drei Worte sang, worauf
denn die übrigen zum Beschluß das Wort »Orono« ausriefen. Diese
Opferzeremonie dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Als sie vorbei war,
setzte sich das Volk uns gegenüber nieder und fing an, das gebratene
Schwein zu zerlegen, die Pflanzenspeisen zu schälen und die Kokosnüsse
aufzubrechen. Andere waren mit Zubereitung des Kawatranks beschäftigt,
wozu, wie auf den Freundschaftsinseln, die Wurzel des Pfefferstrauchs
gekaut wird. Kärikia nahm ein Stück vom Kern einer Kokosnuß, kaute es,
wickelte es in ein Stück Zeug und rieb damit dem Kapitän Gesicht, Kopf,
Hände, Arme und Schultern ein. Hierauf ging der Kawatrank herum, und
nachdem wir davon gekostet hatten, machten sich Paria und Koah daran,
das Fleisch des Schweines in kleinere Stücke zu zerreißen und uns in
den Mund zu stopfen. Ich konnte es leicht ertragen, daß mich Paria
fütterte, da er sich in allen Stücken sehr reinlich hielt; allein,
Kapitän Cook, der von Koah bedient wurde, erinnerte sich an das erste,
halbverweste Schwein und konnte keinen Bissen hinunterschlucken. Dazu
kam noch, daß der Alte, um ihm eine besondere Ehre anzutun, den Bissen
erst selbst durchkäute, wodurch natürlicherweise des Kapitäns Ekel
nicht gerade vermindert wurde.

Als diese letzte Zeremonie, die Kapitän Cook, so gut er konnte,
beschleunigte, vorbei war, verteilten wir einige Stückchen Eisen nebst
anderen Kleinigkeiten unter das Volk, das damit äußerst zufrieden
schien, und verließen dann das Marai. Die Männer mit den Stäben
begleiteten uns wieder an unsere Boote und wiederholten dabei dieselben
Worte, die sie schon vorher, als wir das Land betraten, gesagt hatten.
Die Eingeborenen zogen sich zurück, und die wenigen, die in der Nähe
blieben, fielen, während wir längs dem Ufer vorübergingen, zur Erde
nieder. Wir eilten sogleich an Bord, hatten den Kopf voll von alldem,
was wir gesehen, und waren höchst vergnügt, daß unsere neuen Freunde
es so überaus gut mit uns zu meinen schienen. Schwerlich läßt sich die
Bedeutung der verschiedenen Feierlichkeiten, womit man uns empfangen
hatte, bestimmt angeben; selbst die Mutmaßungen darüber können nur
unsicher und einseitig sein: indes verdienten sie, wegen ihrer Neuheit
und Sonderbarkeit, ausführlich beschrieben zu werden. Ohne allen
Zweifel lag darin der Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht, die sogar, was
Kapitän Cook persönlich betrifft, nahe an wirkliche Anbetung zu grenzen
schien.

Am folgenden Morgen ging ich mit einer Wache von 8 Seesoldaten,
Leutnant und Korporal mitinbegriffen, an Land, um die Sternwarte in
einer solchen Lage errichten zu lassen, daß ich zugleich auf die
mit Wasserfüllen und andern Arbeiten beschäftigten Leute achthaben
und sie erforderlichenfalls beschützen könnte. Indem wir in dieser
Absicht einen Platz mitten im Dorfe besichtigten, der uns sehr bequem
dünkte, erbot sich Paria mit immer gleicher Bereitwilligkeit, sowohl
um sein Ansehen geltend zu machen, als auch um uns eine Gefälligkeit
zu erweisen, er wolle einige Hütten niederreißen lassen, die uns am
Beobachten hinderlich sein könnten. Allein, wir hielten es für das
beste, dieses Anerbieten abzulehnen, und wählten ein Batatenfeld
dicht am Marai, das man uns auch ohne Widerrede einräumte. Um aller
Zudringlichkeit von seiten der Einwohner zuvorzukommen, heiligten die
Priester sogleich diesen Bezirk, und zwar dadurch, daß sie ihre Stäbe
rund umher an der Mauer, die ihn einschloß, befestigten.

Diese Art von religiösem Verbot heißt bei ihnen »Tabu«, ein Wort,
das wir während unseres Aufenthaltes bei den hiesigen Insulanern oft
aussprechen hörten, und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckte. Nie
wagte es ein Kanu, in unserer Nähe anzulanden. Die Eingeborenen setzten
sich wohl auf die Mauer; allein, in den verbotenen oder tabuierten
Bezirk hineinzutreten, wagte keiner, bevor wir ihm nicht die Erlaubnis
dazu gaben. Auch waren es nur Männer, die auf unser Verlangen mit
Lebensmitteln über das Feld kamen; die Frauen hingegen hielten sich
fern.

Wir hatten noch nicht lange unsere Sternwarte eingerichtet, als
wir in unserer Nachbarschaft die Wohnungen einer Gesellschaft von
Priestern entdeckten, die unsere Aufmerksamkeit dadurch auf sich
zogen, daß sie sich zu bestimmten Zeiten am Marai einfanden, um ihre
Amtsgeschäfte zu verrichten. Ihre Hütten standen rings um einen Teich
mit Wasser in einem Haine von Kokospalmen, der sie von dem Strande
und von dem übrigen Dorfe abschloß und völlig ein klostermäßiges,
ja, einsiedlerisches Aussehen hatte. Ich gab Kapitän Cook von dieser
Entdeckung Nachricht, und er nahm sich deshalb einen Besuch dortselbst
vor.

Gleich nach seiner Ankunft am Strande führte man ihn zu einem
geheiligten Gebäude, das hier »Harre-no-Orono«, das »Haus des Orono«,
genannt wurde. Vor dem Eingange hieß man ihn, am Fuß eines hölzernen
Götzenbildes niedersitzen, das von ebender Art wie jene auf dem Marai
zu sein schien. Hier mußte ich wieder einen seiner Arme unterstützen,
indes Kärikia ihn mit rotem Zeuge bekleidete und in Begleitung von
zwölf Priestern ihm mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten ein Ferkel zum
Opfer brachte. Man schnürte hierauf dem Tiere den Hals zu und warf es
in ein dazu bereitetes Holzfeuer. Sobald die Haare abgesengt waren,
brachte man es wieder dar und wiederholte dabei den oben beschriebenen
Gesang. Dann hielt man das tote Ferkel dem Kapitän eine Zeitlang unter
die Nase und legte es hernach nebst einer Kokosnuß zu seinen Füßen.
Hierauf setzten sich die Priester, bereiteten Kawa und ließen die damit
gefüllte Kokosnußschale herumgeben. Zuletzt ward ein fettes, ganz
zubereitetes Schwein aufgetragen, womit man uns wie das vorige Mal
fütterte.

Sooft Kapitän Cook während unseres Aufenthaltes in der Bucht an Land
kam, ging einer von den Priestern vor ihm her, rief aus, daß der
»Orono« gelandet sei, und befahl dem Volke, sich niederzuwerfen.
Ebenderselbe Priester war auch sein immerwährender Begleiter,
sooft er sich ins Boot begab. Hier stand er mit einem Stabe in der
Hand gewöhnlich im Vorderteil und verkündigte den Eingeborenen in
ihren Kähnen Cooks Annäherung, worauf sie unverzüglich mit Rudern
innehielten, sich auf das Gesicht niederwarfen und so lange in dieser
Stellung blieben, bis er vorüber war. Sooft er sich bei der Sternwarte
aufhielt, kam Kärikia sogleich mit seinen Amtsbrüdern herbeigeeilt und
überreichte mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten Schweine, Kokosnüsse
und Brotfrucht. Bei dieser Gelegenheit baten oftmals geringere
Befehlshaber um Erlaubnis, dem »Orono« ein Geschenk bringen zu dürfen,
und wenn ihnen diese Bitte gewährt wurde, boten sie in eigener Person,
gewöhnlich mit deutlichem Ausdruck von Furcht in ihren Zügen, das
Schwein dar, indes Kärikia und die Priester den gewöhnlichen Hymnus
sangen.

Soweit war das meiste nur Höflichkeitsbezeigung, nur äußere Feier und
Parade. Dabei ließ es jedoch die Priestergesellschaft nicht bewenden.
Unsere am Lande sich aufhaltende Abteilung erhielt täglich einen
Vorrat von Schweinen und Pflanzenspeisen, der mehr als ausreichend
für unseren Unterhalt war. Und mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit
schickten sie täglich mehrere Kähne mit Lebensmitteln an Bord, ohne
je das geringste dafür zu verlangen, ohne auch nur einen entfernten
Wink deswegen zu geben. Ihre Geschenke schienen, da sie mit solcher
Regelmäßigkeit wiederholt wurden, in der Tat viel mehr Ausübungen
einer Religionspflicht, als bloße Wirkungen der Freigebigkeit zu sein.
Wir erkundigten uns zuweilen, auf wessen Kosten man uns so herrlich
bewirtete, und erhielten zur Antwort, es geschehe auf Kosten eines
vornehmen Mannes namens Ka-u, des Oberpriesters. Dieser Mann, von dem
man uns zugleich sagte, daß er Kärikias Großvater wäre, begleitete den
König und war daher abwesend.

Alles, was den Charakter und das Betragen dieses Volkes betrifft,
muß dem Leser wegen des nachher erfolgten traurigen Auftrittes
doppelt wichtig sein. Es gehört also auch die Bemerkung hierher, daß
wir nicht immer ebensoviel Ursache hatten, mit der Aufführung der
kriegerischen Befehlshaber oder »Erihs« so zufrieden zu sein wie mit
der der Priester. Im ganzen Verkehr mit jenen fanden wir sie sehr auf
ihren eigenen Vorteil bedacht. Und wollte man auch ihre Diebereien
entschuldigen, weil dieser Hang unter den Insulanern der Südsee
allgemein ist, so ließen sie sich doch noch außerdem allerlei Anschläge
zuschulden kommen, die nicht eben rühmlich waren. Hiervon nur ein
Beispiel, worin, zu meinem Leidwesen, hauptsächlich unser Freund Koah
mitverflochten war. Wenn uns irgendein Mann von Ansehen Schweine zum
Geschenke brachte, pflegten wir jederzeit beträchtliche Gegengeschenke
zu machen. Die Folge war unausbleiblich: es fehlte uns nicht nur
nie an Proviant, sondern wir hatten gewöhnlich weit mehr, als wir
brauchen konnten. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Koah, der unser
unermüdlicher Begleiter war, sich die Schweine auszubitten, die uns zur
Last waren, und er konnte allemal gewiß sein, sie sicher zu erhalten.
Einst brachte ein Befehlshaber, den Koah selbst uns vorgestellt hatte,
ein Schwein zum Geschenk, das wir als eines derer erkannten, die noch
eben zuvor an Koah verabfolgt worden waren. Wir hegten gleich den
Verdacht, daß man uns zu hintergehen suchte, und entdeckten auf weitere
Nachfrage bald, daß der angebliche Befehlshaber nur ein gewöhnlicher
Mann war. Jetzt erinnerten wir uns auch mancher anderer Einzelheiten,
die uns zu der Vermutung veranlaßten, daß man uns schon mehrmals auf
ähnliche Weise ausgebeutet hatte.

[Illustration]

Alles nahm seinen gewohnten Gang bis zum 24. Januar, da zu unserer
großen Verwunderung kein einziges Kanu vom Lande abstieß und keiner
von den Eingeborenen aus seinem Hause hervorkam. Nach Verlauf einiger
Stunden erfuhren wir endlich, daß die Bai tabuiert und der Verkehr mit
uns aufgehoben wäre, weil Terriobu nunmehr ankommen würde. Wir hatten
auf einen solchen Vorfall nicht gerechnet und für den heutigen Tag
noch kein Gemüse eingetauscht, mußten also diesmal darauf verzichten.
Unsere Leute waren indessen zu sehr an diese Erfrischungen gewöhnt, um
sie so plötzlich entbehren zu können; daher suchten sie am folgenden
Morgen die Einwohner durch Drohungen und Versprechungen herbeizulocken.
Schon war es ihnen so weit gelungen, daß einige sich fertigmachten,
mit ihren Kanus vom Lande abzustoßen, als ein Befehlshaber hinzukam
und die Eingeborenen auseinanderzujagen versuchte. Man schoß ihm
eine Flintenkugel über den Kopf hinweg, und dies hatte sogleich den
gewünschten Erfolg, daß er sein Vorhaben aufgab, und die Zufuhr von
nun an wieder offen blieb. Nachmittags kam Terriobu, doch gleichsam
nur inkognito, um seinen Besuch an Bord der Schiffe abzustatten. Ihn
begleitete nur ein Kanu, in dem seine Gemahlin und seine Kinder saßen.
Er blieb bis gegen 10 Uhr abends an Bord und kehrte dann nach dem Dorfe
Kauraua zurück.

Am folgenden Tage, gegen Mittag, fuhr der König in einem großen Kanu,
von zwei andern begleitet, von dem Dorfe ab und ließ sich langsam
und mit großer Pracht nach den Schiffen hinrudern. In dem ersten
Kanu saß er selbst nebst seinen Vornehmen, in kostbare, mit Federn
besetzte Mäntel und Helme gekleidet und mit langen Spießen und Dolchen
bewaffnet. Im zweiten kam der ehrwürdige Ka-u, der Oberpriester, und
seine Amtsbrüder, die ihre Götzenbilder auf rotem Zeug zur Schau gelegt
hatten. Diese Bilder waren riesenmäßige Büsten von Korbmacherarbeit,
die mit kleinen Federn von allerlei Schattierungen, ähnlich wie die
Mäntel der Vornehmen, überzogen waren. Die Augen bestanden aus großen
Perlmutterschalen, in deren Mittelpunkt eine schwarze Nuß befestigt
war. Im Rachen führten sie eine große Reihe von doppelten Hundszähnen,
und der Mund wie die übrigen Gesichtszüge waren sehr verzerrt. Indem
der Zug feierlich näher kam, sangen die Priester ihre Hymnen; nachdem
sie jedoch rund um die Schiffe gerudert waren, gingen sie nicht an
Bord, sondern begaben sich nach dem Strande, wo wir unsere Posten
hatten.

Sobald ich sie herankommen sah, ließ ich unsere kleine Wache aufziehen,
um den König zu empfangen. Kapitän Cook, der vom Schiffe aus ebenfalls
bemerkt hatte, wohin der Zug seinen Weg nahm, folgte ihm und kam fast
gleichzeitig mit ihm im Zelt an. Die Eingeborenen hatten sich hier kaum
niedergelassen, als der König sich schon wieder erhob und mit sehr
vielem Anstande den Mantel, den er selbst getragen, über des Kapitäns
Schultern warf, ihm einen kostbaren befiederten Helm aufsetzte und
einen zierlich gearbeiteten Fächer in die Hand gab. Hierauf breitete
er noch fünf oder sechs andere Mäntel von ausnehmender Schönheit und
hohem Werte vor des Kapitäns Füßen aus. Dann brachten seine Leute
vier große Schweine nebst Zuckerrohr, Kokosnüssen und Brotfrucht, und
die Zeremonie schloß damit, daß Kapitän Cook und der König ihre Namen
wechselten, was auf allen Südsee-Inseln Brauch ist und als stärkstes
Freundschaftsband betrachtet wird.

[Illustration: Der König warf Kapitän Cook einen Federmantel, den er
selbst getragen, über die Schultern.]

Nunmehr kam eine Prozession von Priestern zum Vorschein, die einen
ehrwürdigen alten Mann an ihrer Spitze hatte. Ihnen folgte eine lange
Reihe von Männern, die teils große Schweine herbeiführten, teils
Bataten, Bananen und dergleichen trugen. Ich merkte es unserm Freunde
Kärikia an den Augen an, daß dieser Alte der Oberpriester wäre, von
dessen Freigebigkeit wir schon so lange gelebt hatten. Er hielt ein
Stück roten Zeugs in Händen, wickelte es um Kapitän Cooks Schultern und
brachte ihm dann mit den gewöhnlichen Zeremonien ein kleines Ferkel
dar. Man bereitete ihm alsbald einen Sitz dicht neben dem Könige.
Hierauf fing Kärikia mit seinen Begleitern die Feierlichkeiten an und
Ka-u nebst den Befehlshabern stimmten bei den Antworten oder Chören
selber mit ein.

Mit Verwunderung erkannte ich in der Person des Königs denselben
schwachen, ausgemergelten alten Mann, der uns an Bord der »Resolution«
besucht hatte, als wir uns noch am Nordostende der Insel Mauwi
befanden. Es währte auch nicht lange, so hatten wir unter seinem
Gefolge zum großen Teil alle diejenigen Personen wiedererkannt, die
damals die Nacht an Bord zubrachten. Unter dieser Zahl befanden sich
des Königs beide jüngere Söhne, von denen der älteste ungefähr
sechzehn Jahre alt sein mochte. Außerdem sein Enkel Maiha-Maiha, den
wir aber kaum wiedererkennen konnten, weil er sein Haar mit einem
schmutzigbraunen Teig und Puder eingeschmiert und dadurch das wildeste
Gesicht, das ich jemals gesehen, noch scheußlicher gemacht hatte.

Nach den ersten Empfangszeremonien führte Kapitän Cook den König und so
viele Vornehme, als sein Boot tragen konnte, an Bord der »Resolution«,
wo man sie mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen aufzunehmen suchte.
Kapitän Cook zog dem Könige ein Hemd an und umgürtete ihn mit seinem
eigenen Hirschfänger. Der uralte Ka-u war mit etwa sechs anderen
Befehlshabern am Lande geblieben und hatte seinen Aufenthalt in den
Priesterwohnungen genommen. Die ganze Zeit über ließ sich kein einziges
Kanu in der Bucht blicken, und die Eingeborenen blieben entweder in
ihren Hütten oder lagen niedergekauert auf der Erde. Ehe der König das
Schiff verließ, erhielt Kapitän Cook noch die Erlaubnis, den Handel
mit den Eingeborenen wieder im gewöhnlichen Umfange aufzunehmen.
Dessenungeachtet jedoch blieb das Verbot für die Frauen in voller Kraft
bestehen, aus Ursachen, die wir nicht ergründen konnten, und keine
durfte aus ihrer Hütte hervorkommen.

Durch die stille, harmlose Aufführung der Eingeborenen war jetzt jede
Besorgnis der Gefahr bei uns gänzlich geschwunden, so daß wir nicht
einen Augenblick zögerten, uns ihnen ganz anzuvertrauen und mitten
unter sie zu gehen. Täglich spazierten Offiziere von beiden Schiffen
teils in kleinen Gesellschaften, teils auch ganz allein auf der Insel
umher und blieben oft über Nacht aus. Ich würde kein Ende finden,
wenn ich jeden Zug von Höflichkeit und Güte aufzeichnen wollte, womit
sie bei solchen Gelegenheiten aufgenommen wurden. Auf den Wegen
versammelten sich überall die Eingeborenen um sie her, bemühten
sich eifrig, ihnen auf allerlei Art gefällig zu sein, und waren nie
zufriedener, als wenn man ihre Hilfe in Anspruch nahm. Sie ersannen
sogar allerlei Kunstgriffe, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen
oder uns länger in ihrer Gesellschaft zurückzuhalten. Die Jungen und
Mädchen liefen, wenn wir durch ihre Dörfer gingen, vor uns her und
hielten uns auf jedem freien Platze zurück, wo Raum zum Tanzen war. Oft
luden sie uns ein, unter dem Schatten ihrer Hütten Erfrischungen zu
genießen; oft saßen wir mitten in einem Kreise von Frauen und Mädchen,
die ihre ganze Kunst und Geschicklichkeit aufboten, uns mit Liedern und
Tänzen zu unterhalten.

Der Genuß, den uns ihr sanftes Betragen und ihre Gastfreiheit
verschafften, ward gleichwohl durch ihren Hang zum Stehlen oft getrübt.
Es schmerzte uns, daß wir manchmal in die Verlegenheit kamen, ernstlich
strafen zu müssen, während wir doch gern alle Härte vermieden hätten,
wenn uns nicht die Not dazu gezwungen haben würde. Einst entdeckte
man einige der geschicktesten Schwimmer und Taucher, die sich unter
den Schiffen damit beschäftigten, die Nägel auszuziehen, mit denen
der Boden beschlagen war. Sie wußten dies vermittels eines kurzen
Stöckchens, an dessen einem Ende ein Kieselstein befestigt war, sehr
geschickt zu bewerkstelligen. Durch diesen Zeitvertreib kamen die
Schiffe zu sehr in Gefahr, als daß wir geduldig hätten zusehen können.
Man mußte endlich mit Schrot auf die Nageldiebe schießen. Allein, dies
genügte noch nicht, sie zu vertreiben. Sie tauchten unter und waren
dann vom Schiff selbst gedeckt. Also blieb kein anderes Mittel übrig,
als einen von ihnen an Bord der »Discovery« durchpeitschen zu lassen
und damit ein warnendes Beispiel zu geben.

Das Steuerruder der »Resolution« bedurfte einer vollständigen Reparatur
und ward deshalb an Land gebracht. Zu gleicher Zeit mußten die
Zimmerleute in Begleitung einiger Insulaner, die Ka-u mitschickte, sich
im Lande nach Planken umsehen, um einige andere notwendige und vor
Alter morsch gewordene Stücke zu ersetzen.

Am 28. Januar besuchte Kapitän Clerke, der bisher wegen seiner
Unpäßlichkeit fast beständig an Bord geblieben war, zum ersten Male
den König Terriobu in dessen Hütte. Man empfing ihn mit ebenden
Formalitäten wie den Kapitän Cook. Beim Weggehen erhielt er sogar,
obwohl sein Besuch ganz unerwartet gekommen war, ein Geschenk von
30 großen Schweinen und für einige Wochen ausreichende Vorräte an
Früchten und Wurzeln für seine ganze Mannschaft.

Noch hatten wir von ihren Lustbarkeiten und athletischen Übungen nichts
gesehen. Diesen Abend aber wurden wir auf Verlangen einiger unserer
Offiziere mit einem Boxkampf unterhalten. Zwar vermißten wir sowohl das
Feierliche und Prächtige, was diese Spiele auf den Freundschaftsinseln
so sehenswürdig macht, als auch die Geschicklichkeit und Kraft der
Kämpfer; indes war doch manches dabei bemerkenswert.

Wir fanden auf einem ebenen Platze unweit unserer Zelte eine ungeheure
Menge Menschen versammelt. In der Mitte zwischen diesen blieb für
die Kämpfer ein langer Raum frei, an dessen Ende die Richter unter
drei Standarten saßen, die oben mit einigen buntfarbenen Zeugfetzen
nebst den Häuten von ein paar wilden Gänsen und anderen Vögeln, sowie
Büscheln und Federn behangen waren. Sobald alles in Bereitschaft war,
gaben die Richter das Zeichen zum Angriff, und sogleich erschienen
die beiden Kämpfer. Sie kamen langsam hervor, hoben die Füße hinten
stark in die Höhe und strichen dabei die Fußsohlen mit der Hand. Indem
sie sich einander näherten, warf jeder einen verächtlichen Blick auf
seinen Gegner, maß ihn mit seinen Augen gleichsam von Kopf bis zu Fuß,
blickte dann bedeutungsvoll auf die Zuschauer, strengte die Muskeln an
und machte -- mit einem Wort -- allerlei affektierte Grimassen. Sowie
sie einander erreichen konnten, streckten sie beide Arme gerade vor
ihr Gesicht hin, auf das alle Schläge gerichtet waren. Diese teilten
sie nach unserer Meinung auf eine sehr ungeschickte Art aus: denn sie
schleuderten den ganzen Arm dabei. Sie versuchten nie, den Streich
des Gegners abzuwehren, sondern entgingen ihm durch eine Beugung des
Körpers oder dadurch, daß sie zurücktraten. Der Kampf ward übrigens
sehr schnell entschieden: denn sobald einer zu Boden geschlagen wurde
oder auch nur unversehens fiel, ward er für besiegt angesehen, und der
Überwinder triumphierte dann in allerlei verzerrten Gebärden, die ihrer
Absicht gemäß unter den Zuschauern gewöhnlich ein großes Gelächter
hervorriefen. Der Sieger wartete nunmehr auf einen zweiten Gegner und,
falls er diesen auch überwand, auf einen dritten, bis eben die Reihe an
ihn kam, einem stärkeren unterliegen zu müssen. Bei diesem Kämpfen wird
eine sonderbare Regel beobachtet: wenn nämlich ihrer zwei zum Angriff
in Bereitschaft stehen, kann ein dritter zwischen ihnen auftreten und
sich, wen er will, zum Gegner wählen, und dann muß sich der andere
zurückziehen. Manchmal folgten einander drei oder vier auf diese Art,
ehe es zum Angriff kam. Wenn der Kampf ungewöhnlich lange dauerte
oder gar zu ungleich schien, kam ein Befehlshaber und endigte ihn
dadurch, daß er einen Stock zwischen die beiden hielt. Die gutmütige
Art, womit alles vor sich ging, erfreute uns hier in gleicher Weise
wie auf den Freundschaftsinseln. Da wir aber diese Spiele veranlaßt
hatten, erwarteten die Zuschauer durchgehends, daß wir auch selbst
daran teilnehmen würden, und forderten unsere Leute beständig dazu
auf. Diese aber erinnerten sich weislich der Stöße, die sie dabei
auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, und blieben gegen alle
Herausforderungen taub.

Ein Hauptbedürfnis unserer Schiffe war das Brennholz, woran es uns
jetzt sehr gebrach. Kapitän Cook trug mir deshalb auf, mit den
Priestern in Verhandlung zu treten und ihnen den Zaun oder die
Einfassung oben auf dem Marai abzukaufen. Ich gestehe, anfänglich
zweifelte ich sehr, ob dieser Antrag schicklich wäre; denn es stand
zu befürchten, daß man die bloße Erwähnung für Gottlosigkeit halten
möchte. Ich hatte mich jedoch sehr geirrt. Mein Ansuchen verursachte
nicht die allergeringste Verwunderung, vielmehr erhielt ich das
verlangte Holz ohne allen Anstand, und man forderte nicht die geringste
Bezahlung von uns. Als die Matrosen es wegtrugen, sah ich, daß einer
auch eines von den geschnitzten Standbildern aufgeladen hatte, und bei
näherem Zusehen fand ich schon die ganze Zahl der am Marai in einem
Kreise aufgestellten Bildsäulen in unserem Boote. Die Matrosen hatten
sie im Beisein der Eingeborenen dorthin geschafft, und diese hatten
sich darüber nicht im mindesten entrüstet, sondern vielmehr hilfreiche
Hand dabei geleistet. Ich hielt es indes doch für ratsam, mit Ka-u
deshalb zu sprechen. Er hörte sich alles sehr gleichgültig an und bat
sich nur das mittelste Bildwerk wieder aus, auf das man, wie ich oben
schon bemerkte, etwas mehr zu halten schien. Dies trug er dann in eine
von den Priesterwohnungen.

Schon seit einigen Tagen hatte sich Terriobu mit seinen
Unterbefehlshabern sehr fleißig nach der Zeit unserer Abreise
erkundigt. Ich ward durch diese wiederholte Nachfrage sehr neugierig,
von ihnen zu erfahren, was die hiesigen Eingeborenen eigentlich von uns
dächten, und was für Vorstellungen sie sich von dem Beweggrunde und den
Absichten unserer Reise machten. Um über diesen Punkt einiges zu hören,
sparte ich keine Mühe, konnte aber weiter auch nichts herausbringen,
als daß sie sich einbildeten, wir kämen von einem Lande her, wo
Mißwachs geherrscht habe, und bei unserem Besuch bei ihnen hätten wir
weiter keine Absicht, als uns recht satt zu essen. Freilich konnte
sie die hagere Gestalt einiger von unseren Leuten, der gute Appetit,
womit wir alle von ihren frischen Lebensmitteln aßen, und unsere
große Begierde, so viel Mundvorrat, als wir nur immer habhaft werden
konnten, einzutauschen und mitzunehmen, zu einer solchen Vermutung
bringen. Dazu kam noch der für ihre Begriffe unnatürliche Umstand, daß
wir keine Frauen mitgebracht hatten, ferner unser friedliches Betragen
und unser unwehrhaftes Aussehen. Man mußte lachen, wenn man sah, wie
sie unsere Matrosen mit der Hand auf den Bauch klopften, an den Seiten
hinunterfuhren und ihnen teils durch Zeichen, teils mit Worten zu
verstehen gaben, es sei jetzt Zeit, daß sie sich wieder auf den Weg
machten; wenn sie aber in der nächsten Brotfruchtzeit wiederkommen
wollten, würde man besser imstande sein, ihren Bedürfnissen abzuhelfen.
Wir konnten nicht umhin, ihnen vollständig recht zu geben. Denn einmal
hatte sich das Aussehen unserer Leute selbst während dieses kurzen
Aufenthaltes sehr merklich gebessert, so daß ihre wohlgestopften Wänste
den Landesprodukten alle Ehre machten. Andrerseits hatten wir in der
Zeit von nunmehr sechzehn Tagen eine so unerhörte Menge von Schweinen
und Früchten verzehrt, daß die Hawaiier wohl wünschen konnten, uns
wieder abfahren zu sehen. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, daß
Terriobu bei seiner Nachfrage weiter keine Absicht hatte, als sich
auf den Abschied gehörig vorzubereiten, um uns mit Geschenken zu
entlassen, die seiner gewohnten Ehrerbietung und Freigebigkeit gegen
uns angemessen wären. Sobald wir ihm daher Nachricht gaben, wir würden
nach zwei Nächten abreisen, bemerkten wir, daß unverzüglich eine Art
von Botschaft durch die Dörfer erging, vermittels deren man das Volk
aufforderte, dem König Schweine und Früchte zu liefern, damit er sie
dem »Orono« bei seiner Abreise darbringen könnte.

[Illustration: Er zeigte beim Tanze die seltsamsten Verrenkungen.]

An diesem Tage gab uns einer der Eingeborenen ganz für sich am
Strande ein unterhaltendes Schauspiel. Er hatte eine Rassel in der
Hand und um den Hals eine Schnur, woran einige Büschel Seegras
hingen; um die Beine trug er ein etwa handbreites, gut geflochtenes,
manschettenartiges Netzwerk, an das reihenweise eine große Menge von
Hundszähnen befestigt war. Nunmehr ließ er sich im Tanze sehen und
zeigte uns dabei die seltsamsten Verrenkungen. Diese Pantomime hatte
zuweilen etwas unwiderstehlich Lächerliches, im großen und ganzen
konnte ich aber ihren Sinn nicht recht verstehen. Gegen Abend ging das
Schauspiel der Faustkämpfe von neuem an, und am Schlusse brannten wir
den unbedeutenden Rest unseres Vorrates von Feuerwerk ab; nichts in der
Welt schien mehr die Bewunderung der Hawaiier zu erregen, nichts schien
ihnen einen deutlicheren Begriff von unserer Überlegenheit zu geben als
ebendiese Kleinigkeit.

Die Schiffszimmerleute waren nun schon 3 Tage abwesend und hatten
nichts von sich hören lassen. Wir fingen daher an, um ihren Verbleib
besorgt zu sein. Der alte Ka-u, dem wir unser Bedenken äußerten, ward
darüber nicht weniger unruhig. Und schon trafen wir gemeinsam mit ihm
Maßnahmen, sie aufzusuchen, als sie alle wohlbehalten zurückkamen. Sie
hatten nämlich weiter, als wir anfänglich geglaubt, landeinwärts gehen
müssen, um die zu ihrem Vorhaben tauglichen Bäume zu finden. Teils
dieser Umstand, teils die schlimmen Wege und die Beschwerlichkeiten des
Transports hatten sie so lange aufgehalten. Ihre Führer konnten sie
nicht genug rühmen: diese guten Leute hatten immer für Lebensmittel
gesorgt und zugleich sorgfältig ihre Gerätschaften bewacht.

Der folgende Tag war endlich zu unserer Abreise bestimmt. Terriobu
ließ nunmehr Kapitän Cook und mich in die Gegend von Ka-us Hütte
zu sich laden. Bei unserer Ankunft fanden wir den Boden ringsherum
mit Zeugbündeln bedeckt; ferner lag eine erstaunliche Menge roter
und gelber Federn da, die an Kokosfasern gebunden waren, und eine
beträchtliche Anzahl Beile und anderes Eisengerät, das die Eingeborenen
durch den Tauschhandel mit uns an sich gebracht hatten. Nicht weit
davon bemerkten wir einen ungeheuren Haufen Früchte, Wurzeln und
Pflanzen aller Art nebst einer beträchtlichen Herde Schweine. Wir
wußten anfänglich nicht, ob wir dies alles als Geschenk annehmen
sollten, bis uns Kärikia belehrte, daß es eine Gabe, ein Tribut der
Eingeborenen an den König sei. Sobald wir uns niedergelassen hatten,
kamen auch die Hawaiier und legten ein Bündel nach dem andern dem
König zu Füßen, breiteten die Zeuglappen vor ihm aus und legten Federn
und Eisengerät zur Schau. Der König schien an diesem Beweise ihrer
Ergebenheit Wohlgefallen zu haben, suchte ungefähr ein Drittel von dem
Eisengeräte, ebensoviel von den Federn und einige wenige Stücke Zeug
aus, ließ sie beiseite legen und schenkte dann Kapitän Cook und mir
alles übrige Zeug nebst allen Früchten und Schweinen. Wir erstaunten
über Wert und Größe des Geschenks, das alles, was wir je auf den
Freundschaftsinseln bekommen hatten, bei weitem übertraf. Unsere
Boote mußten es sogleich an Bord führen, wo die größten Schweine zum
Einsalzen ausgesucht, die Früchte hingegen nebst etwa 30 kleineren
Schweinen unter die Mannschaft verteilt wurde.

An demselben Tage verließen wir das Marai und brachten unsere Zelte
nebst der Sternwarte an Bord. Der Talisman, der in dem Worte »Tabu«
steckte, war kaum hinweggenommen, so stürzten die Eingeborenen in den
freigegebenen Bezirk und suchten emsig umher in der Hoffnung, irgend
etwas Wertvolles zu finden, das wir etwa zurückgelassen haben könnten.
Ich war als letzter am Lande geblieben und wartete auf die Rückkehr
des Bootes, das mich abholen sollte. Bald versammelte sich eine Menge
Leute um mich her, und ich mußte mich niedersetzen. Sie stimmten dann
über unsere Trennung eine Wehklage an, und mir selbst ging es nahe,
mich von ihnen loszureißen. Bei dieser Gelegenheit wird man es mir
nicht verdenken, wenn ich einen geringfügigen Umstand erzähle, der
hauptsächlich mich selbst betrifft. Während unseres ganzen Aufenthaltes
in der Bucht hatte ich über unsere Leute das Kommando gehabt und
war ebendadurch genauer mit den Eingeborenen bekannt geworden als
manche andere, die ihrer Berufsgeschäfte wegen hatten an Bord bleiben
müssen. Die Eingeborenen ihrerseits kannten auch mich besser und
gaben mir durch ihr Betragen ihre Zuneigung zu erkennen. Vor allem
aber zeichneten sich ihre Priester aus, deren grenzenlose Güte und
unerschütterliche Freundschaft ich nicht genugsam anerkennen und nicht
zu oft rühmen kann. Da ich keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, mir ihre
Liebe zu sichern, war ich auch so glücklich gewesen, mir diese in dem
Maße zu erwerben, daß sie mir die allerschmeichelhaftesten Anerbieten
machten: ich solle doch ihren dringenden Bitten Gehör geben und bei
ihnen bleiben. Ich entschuldigte mich damit, daß Kapitän Cook seine
Einwilligung nicht geben würde. Allein, dieser Einwendung suchten
sie durch den Vorschlag zu begegnen, ich solle mich in das Gebirge
flüchten, wo sie mich bis nach Abreise unserer Schiffe verbergen
könnten. Hiergegen versicherte ich, daß der Kapitän auf keinen Fall die
Bucht ohne mich verlassen würde. Demzufolge begaben sich Terriobu und
Ka-u zu Kapitän Cook, für dessen Sohn sie mich hielten, und brachten
ihr Gesuch, daß ich bei ihnen zurückbleiben sollte, förmlich bei ihm
an. Um ein Anerbieten, das so viel teilnehmendes Gefühl verriet, nicht
geradezu von sich zu weisen, erwiderte er, daß er mich zwar diesmal
nicht entbehren könne, allein nächstes Jahr, wenn er die Insel
nochmals zu besuchen gedächte, würde er sich bemühen, alles nach ihrem
Wunsche einzurichten.

Frühmorgens am 4. Februar lichteten wir Anker und segelten in
Begleitung der »Discovery« und im Gefolge einer großen Anzahl von Kanus
aus der Bucht. Kapitän Cook hatte sich vorgenommen, die noch unbekannte
Küste von Hawaii völlig zu untersuchen, wobei er noch einige Hoffnung
hatte, irgendwo eine etwas mehr geschützte Reede als die, wo wir bisher
gelegen, anzutreffen. Schlug diese Erwartung fehl, so wollte er die
Südostseite von Mauwi in Augenschein nehmen, wo laut den Nachrichten
einiger Insulaner ein vortrefflicher Hafen vorhanden sein sollte.

Das Wetter war sowohl an diesem als am folgenden Tage sehr still,
und wir machten nur sehr langsame Fortschritte nordwärts. Noch immer
begleitete uns eine Menge von Kanus, und Terriobu gab dem Kapitän
dadurch einen neuen Beweis seiner Freundschaft, daß er ihm ein
ansehnliches Geschenk von Schweinen und Früchten nachschickte.

In der folgenden Nacht suchten wir mit Hilfe einer leichten Brise,
die vom Lande her wehte, nordwärts weiterzukommen und befanden uns am
6. Februar früh, nachdem wir die westliche Spitze der Insel umschifft
hatten, einer tiefen Bucht gegenüber, die die Eingeborenen Tu-ja-ja
nennen. Es schien so, als ob wir hier einen sicheren und bequemen
Hafen antreffen würden, da im ganzen die Lage gut gedeckt war und sich
nordostwärts einige schöne Wasserbäche zeigten. Hiermit stimmte auch
Koahs Aussage völlig überein, der bis jetzt den Kapitän Cook noch
immer begleitete und uns zu Ehren den Namen »Britanni« angenommen
hatte. Wir setzten daher ein Boot aus und schickten den Lotsen mit
unserem Britanni als Geleitsmann ab, um die Bucht zu untersuchen,
während sich die Schiffe durch Lavieren ebenfalls langsam in die
Bucht hineinarbeiteten. Nachmittags überzog sich der Himmel, und die
Windstöße vom Lande her wurden so heftig, daß wir alle Segel einziehen
und unter dem einzigen Kreuzstagsegel beilegen mußten. Zu Anfang des
Sturms verließen uns alle Kanus. Auch rettete der Lotse bei seiner
Rückkehr eine alte Frau und zwei Männer, deren Kanu der Wind umgeworfen
hatte. Außer diesen Verunglückten befanden sich eine große Anzahl
Frauen an Bord, die die Männer in ihrer Hast, sich selber zu retten,
zurückgelassen hatten.

Gegen Abend ließ der Sturm etwas nach und gestattete uns, unsere Segel
fallen zu lassen. Gegen Mitternacht jedoch setzte er mit solchem
Ungestüm wieder ein, daß wir unsere beiden Marssegel dabei einbüßten.
Gegen Morgen am 7. Februar heiterte sich der Himmel auf. Wir banden
frische Segel an die Stengen und schifften mit gelindem Winde weiter.
Indes hatte sich gegen Mittag das Wetter immer noch nicht entschieden,
und da wir bis auf 5 Seemeilen von der Küste abgekommen waren, getraute
sich keiner von den Eingeborenen, in seinem Kanu zu uns zu kommen.
Unsere weiblichen Gäste mußten also, größtenteils wider ihren Willen,
noch länger bei uns vorliebnehmen, obgleich sie alle von der Seereise
krank waren und viele von ihnen ihre Säuglinge am Ufer zurückgelassen
hatten.

Nachmittags näherten wir uns dem Lande, wennschon der Wind noch immer
in heftigen Stößen kam. Ungefähr in einer Entfernung von 3 Seemeilen
erblickten wir ein Kanu mit 2 Männern, die vermutlich im letzten Sturm
verschlagen worden waren. Sie ruderten auf uns zu, und wir legten bei,
um sie an Bord zu nehmen. Allein, die Unglücklichen waren von ihrer
Anstrengung so erschöpft, daß sie, wofern nicht einer unserer Hawaiier
ihnen zu Hilfe in ihr Kanu gesprungen wäre, dieses allein schwerlich
an dem Strick, den wir ihnen zuwarfen, hätten befestigen können. Wir
hatten Mühe, ihnen an den Seiten des Schiffs hinaufzuhelfen und sie an
Bord zu bringen. Auch fanden wir jetzt in demselben Kanu ein Kind von
etwa 4 Jahren, das sie unter einem Quersitz festgebunden hatten, wo es
nur mit dem Kopf über das Wasser hervorragte. Nunmehr erfuhren wir, daß
sie bereits am vorletzten Morgen das Ufer verlassen und seit der Zeit
weder Speise noch Trank zu sich genommen hatten. Wir reichten ihnen
beides mit der gewohnten Vorsicht und übergaben das Kind der Pflege
eines Weibes. Am folgenden Morgen hatten sie sich sämtlich erholt.

Um Mitternacht hatte es indessen einen neuen Sturm gesetzt, in dem
unser Fockmast so stark beschädigt worden war, daß wir ihn gründlich
ausbessern und zu dem Zwecke nochmals an Land gehen mußten. Jetzt war
nur noch die Frage, ob wir nach der Karakakuabucht zurückkehren oder
es darauf ankommen lassen sollten, auf einer der benachbarten Inseln
einen andern guten Hafen anzutreffen. Jene Bucht war freilich nicht
allzu bequem. Zudem hatten wir die dortige Gegend an Lebensmitteln
schon ziemlich erschöpft. Andrerseits war es aber nicht rätlich, einer
ungewissen Hoffnung zu vertrauen, die fehlschlagen konnte.

Wir näherten uns inzwischen wieder dem Lande, um den Eingeborenen
Gelegenheit zu geben, ihre Landsleute von unseren Schiffen abzuholen.
Obgleich wir um Mittag nur noch eine Meile vom Ufer entfernt waren,
kamen jedoch nur wenige Kanus zu uns, die noch dazu vollgepfropft mit
Leuten waren. Es blieb also kein anderer Rat, als ein Boot auszusetzen
und unsere Gäste darin an Land zu schicken. Der Lotse begleitete sie
und bediente sich dieser Gelegenheit, um die Südseite der Bucht zu
untersuchen; er fand aber daselbst gar kein frisches Wasser.

Bei veränderlichem Winde und einer stark nach Norden flutenden Strömung
kamen wir nur langsam vorwärts. Am 9. Februar abends um 8 Uhr überfiel
uns abermals ein heftiger Sturm aus Südost, und um 2 Uhr des Morgens
entdeckten wir mitten in einem der ungestümsten Windstöße Brandungen
dicht bei uns, und zwar diejenigen, die wir bereits ehemals etwas
nordwärts an der Westspitze der Insel Hawaii wahrgenommen hatten. Es
blieb uns gerade noch Raum genug übrig, um sie vermeiden zu können,
und hierauf lösten wir einige Kanonen, um der »Discovery« die Gefahr
anzuzeigen.

Vormittags ward es ruhig, und wir erhielten Besuch von verschiedenen
Eingeborenen. Sie erzählten uns, daß die Stürme großen Schaden
angerichtet hätten, und daß mehrere große Kanus zugrunde gegangen
wären. Den ganzen Tag hindurch lavierten wir gegen den Wind und waren
gegen Abend eine englische Meile von der Karakakuabucht entfernt. Weil
es indessen nicht ratsam war, im Dunkeln weiterzufahren, kreuzten wir
die Nacht hindurch auf und ab und ließen endlich am folgenden Morgen
bei Tagesanbruch die Anker an unserem vorigen Hafenplatze fallen.

Der 11. und 12. Februar gingen damit hin, den Fockmast auszuheben und
ans Land zu schaffen. Es stellte sich jetzt heraus, daß der Mastbaum
schon ziemlich angefault war und in der Mitte ein so großes Loch
hatte, daß vier bis fünf kleine Kohlköpfe darin Platz gehabt hätten.
Zum Glück hatten wir noch große Blöcke von rotem Toa- oder Keulenholze
an Bord, die wir anfänglich zu Ankerstöcken bestimmt hatten. Diese
konnten so bequem zur Ausbesserung des Mastes gebraucht werden, daß
wir ihn nicht zu verkürzen brauchten. Um die Zeit nicht ungenützt
verstreichen zu lassen, brachten wir die astronomischen Instrumente
wieder an Land und errichteten unsre Zelte auf dem Marai. Unsre Wache
bestand aus 1 Korporal und 6 Seesoldaten. Die Priester, mit denen wir
wieder im besten Einvernehmen lebten, schützten die Stelle, wo wir
den Mast hingelegt hatten, alsbald durch das Tabu und pflanzten rund
um den Ort ihre Stäbe auf, wodurch sie den Eingeborenen den Zutritt
untersagten. Die Zimmerleute und anderen Arbeiter konnten also ihre
Geschäfte ungestört und in völliger Sicherheit betreiben. Unter diese
Arbeiter gehörten auch die Segelmacher, die den Schaden, den der Sturm
an unseren Segeln verursacht hatte, in einem Hause neben dem Marai, das
uns zu diesem Zwecke von den Priestern zur Verfügung gestellt wurde,
ausbessern mußten.

Ich komme nunmehr auf die Begebenheiten mit den Eingeborenen zu
sprechen, durch die das traurige Schicksal des 14. Februar langsam
vorbereitet wurde. Wir erstaunten schon, da wir geankert hatten,
nicht wenig über den großen Unterschied zwischen unserer jetzigen und
der ehemaligen Aufnahme. Dieses Mal vernahmen wir kein fröhliches
Geschrei, kein Gewirr und Getümmel unter den Insulanern. Die ganze
Bucht war leer und einsam; kaum schlichen sich hier und dort einzelne
Kanus am Ufer entlang. Die Neugier, die einen so großen Anteil an der
ehemaligen Bewegung unter den Eingeborenen gehabt hatte, konnte jetzt
allerdings befriedigt sein. Allein, von den Leuten, die uns bisher
mit soviel Gastfreundschaft bewirtet hatten, erwarteten wir doch, daß
sie uns, wenngleich nicht aus Neugier, so aus freudiger Teilnahme an
unserem Wohlbefinden, mit Frohlocken über unsere Wiederkehr hätten
entgegeneilen sollen.

Wir überließen uns allerlei Mutmaßungen über diese sonderbare Stille,
bis unser Boot, das auf Kundschaft an Land gegangen war, wieder
zurückkehrte. Der größte Teil unserer Besorgnis verschwand, als wir
erfuhren, daß Terriobu abwesend sei und die Bucht unter dem Tabu
oder Bann zurückgelassen habe. Die meisten von uns beruhigten sich
bei dieser Nachricht; andere waren indes der Meinung -- oder waren
es vielleicht die nachfolgenden Ereignisse, die ihnen erst hinterher
die Vermutung einflößten? --, in dem Betragen der Eingeborenen sei
etwas Verdächtiges. Der abgeschnittene Verkehr mit uns in Abwesenheit
des Königs sei nur eine Täuschung, damit der König sich desto besser
mit seinen Vornehmen in der Zwischenzeit beraten könne. Es werde
wahrscheinlich die Frage entschieden, wie man sich gegen uns zu
benehmen habe. Ob dieser Verdacht begründet war, oder ob jene Aussage
der Eingeborenen der Wahrheit näher kam, konnten wir nie mit Sicherheit
entscheiden. Es war freilich möglich, daß unsere schleunige Wiederkehr
ohne sichtbare Ursache den Eingeborenen auffallen und sie beunruhigen
konnte. Es gelang uns auch nur schwer, ihnen die Notwendigkeit, die uns
zurückgetrieben hatte, begreiflich zu machen. Allein, Terriobu erschien
am folgenden Morgen und besuchte Kapitän Cook. In seinem Betragen war
nichts Zweideutiges, und mit ihm kehrte auch die Menge der Eingeborenen
zurück. Sie setzten ihren friedlichen Verkehr mit uns wie bisher fort.
Dies sind immerhin starke Beweise dafür, daß sie ebensowenig ein
verändertes Betragen beabsichtigten, wie sie dergleichen von unserer
Seite erwarten mochten.

Zur Bestätigung der letzten Meinung dient ein Umstand, der sich schon
bei unserer ersten Landung ereignet hatte, und zwar einen Tag, bevor
uns der König seinen Besuch machte. Ein Insulaner hatte an Bord der
»Resolution« ein Schwein verkauft und den Kaufpreis bereits empfangen,
als Paria hinzukam und ihm riet, das Schwein nicht so wohlfeil zu
lassen. Diese Unart ward Paria sehr scharf verwiesen, und man stieß
ihn hinweg. Bald darauf ward das Tabu über die Bucht ausgesprochen,
und schon glaubte jedermann, den Eingeborenen sei der Verkehr mit uns
aus keinem andern Grunde verboten worden als wegen der einem ihrer
Befehlshaber angetanen Schmach. Man sieht, wie mißlich es ist, aus den
Handlungen eines Volkes, dessen Sprache und Sitten man nicht kennt,
Folgerungen zu ziehen; und nicht weniger, wie große Schwierigkeiten es
hat, bei so vieler Ungewißheit, wo der kleinste Irrtum die übelsten
Folgen haben kann, im Verkehr mit diesen Leuten jeden Verstoß zu
vermeiden.

Bis nachmittags am 13. Februar ging alles ruhig seinen Gang. Gegen
Abend gab mir ein Offizier von der »Discovery«, der die Aufsicht
über das Wasserfüllen am Lande hatte, Nachricht, daß sich einige
Befehlshaber am Bach unweit des Strandes eingefunden und die Insulaner,
die zum Fortrollen der Tonnen als Gehilfen unsrer Matrosen gedungen
waren, fortgejagt hätten. Ihr ganzes Betragen schiene dabei so
verdächtig, als ob sie es bei diesem Unfug nicht bewenden lassen
wollten. Auf sein Verlangen gab ich ihm einen Seesoldaten bei, der
aber nur das Seitengewehr mitnehmen durfte. Nicht lange nachher kam
der Offizier zum zweiten Male und brachte die Nachricht, daß sich die
Eingeborenen mit Steinen bewaffnet hätten und sich sehr ungebärdig
zeigten. Ich ging also selbst hin und ließ mich von einem Seesoldaten
mit seinem Gewehr begleiten. Als wir uns näherten, ließen die Insulaner
ihre Steine fallen. Ich sprach hierauf mit einigen der Vornehmen, die
nunmehr das zusammengelaufene Volk auseinandertrieben und denen,
die sich willig finden ließen, ferner erlaubten, unsern Leuten beim
Wasserfüllen behilflich zu sein. Nachdem ich hier alles beruhigt
hatte, ging ich Kapitän Cook entgegen, den ich eben in seinem Boot
an Land kommen sah, und erstattete ihm Bericht von diesem Vorfalle.
Er gab mir Befehl, für den Fall, daß man uns mit Steinen würfe oder
sonst angriffe, sofort mit scharfgeladenem Gewehr auf die Feinde Feuer
zu geben. Demzufolge beorderte ich den Korporal, die Flinten der
Schildwachen statt mit Schrot mit Kugeln laden zu lassen.

Als wir eben zusammen nach den Zelten zurückkehrten, zog ein
fortdauerndes Musketenfeuer von der »Discovery« unsere Aufmerksamkeit
auf sich. Die Schüsse waren gegen ein Kanu gerichtet, das nach dem
Lande zueilte und von einem unserer kleinen Boote verfolgt wurde. Wir
vermuteten sogleich, daß ein Diebstahl vorgefallen wäre. Der Kapitän
befahl mir und einem Seesoldaten, ihm zu folgen und die Leute, die aus
dem Kanu aussteigen würden, gefangenzunehmen. Wir liefen nach dem Ort
hin, wo das Kanu landen mußte: aber als wir anlangten, hatten es die
Insassen schon verlassen und waren entkommen.

Wir glaubten, die gestohlenen Sachen müßten von Wichtigkeit sein, weil
man auf der »Discovery« so ernste Maßregeln getroffen hatte. Auch
wußten wir damals noch nicht, daß sie bereits wieder zurückgegeben
worden waren. Daher wollten wir die Hoffnung, sie wiederzubekommen,
nicht fahren lassen und entschlossen uns, den Flüchtlingen
nachzusetzen. Wir erkundigten uns nach dem Wege, den die Entwichenen
genommen hatten, und folgten ihnen bis zur Dämmerung 3 Kilometer weit
von unsern Zelten. Hier kam es uns so vor, als wenn die Eingeborenen
uns mit erdichteten Nachrichten nur immer weiter zu locken suchten;
wir machten daher dem Nachsuchen ein Ende und kehrten an den Strand
zurück.

[Illustration: Augenblicklich stürzten die Eingeborenen über das Boot
her und plünderten es.]

Während unserer Abwesenheit hatte sich ein Auftritt von der
ernsthaftesten und unangenehmsten Art zugetragen. Der Offizier, den man
in dem kleinen Boot abgeschickt hatte, kehrte schon mit den gestohlenen
und wiedererhaltenen Sachen an Bord des Schiffes zurück, als er gewahr
wurde, daß Kapitän Cook mit mir den Dieben nachsetzte. So bildete er
sich ein, er müsse das an den Strand gezogene Kanu beschlagnahmen.
Unglücklicherweise gehörte es dem Paria, der in demselben Augenblick
von der »Discovery« her kam und es mit vielen Beteuerungen seiner
Unschuld wieder zurückverlangte. Der Offizier weigerte sich, es
herauszugeben. Die Mannschaft des andern Bootes, das auf den Kapitän
wartete, gesellte sich zu ihm, und jetzt entstand eine Schlägerei,
bei der Paria mit einem Ruder einen so heftigen Schlag auf den Kopf
erhielt, daß er zu Boden stürzte. Nunmehr fielen die Insulaner, die
in ihrer Nähe zusammengelaufen und bisher ruhige Zuschauer geblieben
waren, unsere Leute mit einem solchen Steinregen an, daß diese in der
größten Unordnung die Flucht ergriffen und nach einer vom Ufer etwas
entlegenen Klippe schwammen. Augenblicklich stürzten die Eingeborenen
über das Boot her, plünderten es und würden es völlig in Stücke
geschlagen haben, wenn nicht Paria selbst, der sich von dem Schlage
erholt und ihn schon wieder vergessen zu haben schien, sein Ansehen
gebraucht hätte. Er trieb den ergrimmten Haufen fort, winkte unseren
Leuten, sie sollten wiederkommen und ihr Boot in Besitz nehmen, und gab
zu verstehen, er wolle sich Mühe geben, die davongeschleppten Sachen
wiederherbeizuschaffen. In der Tat folgte er ihnen auch, nachdem sie
vom Lande abgefahren waren, in seinem Kanu mit eines Seekadetten Mütze
und einigen andern erbeuteten Kleinigkeiten nach. Er schien äußerst
betroffen und fragte, ob ihn der »Orono« nun töten, oder ob er ihm
erlauben würde, wieder an Bord zu kommen. Als man ihm versicherte, er
würde freundschaftlich aufgenommen werden, grüßte er den Offizier nach
Landesbrauch durch gegenseitige Berührung der Nasen und ruderte dann
nach dem Dorfe Kauraua hinüber.

Kapitän Cook war über die Nachricht von diesem Vorfall sehr beunruhigt
und sagte, indem wir uns zurück an Bord begaben: »Ich fürchte, diese
Leute werden mich zu gewaltsamen Maßnahmen zwingen; denn wir können
es nicht zugeben, daß sie sich einbilden, sie hätten einen Vorteil
über uns errungen.« Da es indessen Abend geworden war, konnte weiter
nichts geschehen, und Kapitän Cook begnügte sich damit, die Insulaner,
die sich an Bord seines Schiffes befanden, Männer und Frauen ohne
Unterschied, fortjagen zu lassen. Sobald dies geschehen war, kehrte ich
an Land zurück.

Weil sich unser altes Zutrauen zu den Eingeborenen durch ihr heutiges
Betragen sehr vermindert hatte, verdoppelte ich die Wachen auf dem
Marai und befahl, man solle mich rufen, sobald man jemand am Strande
lauern sähe. Um 11 Uhr bemerkte man 5 Insulaner, die am Fuße des Marai
umherkrochen und sich äußerst vorsichtig uns zu nähern schienen,
sich aber, sobald sie sahen, daß sie bemerkt worden waren, aus dem
Staube machten. Um Mitternacht wagte sich wieder einer dicht an die
Sternwarte. Als die Schildwache jedoch eine Kugel über seinen Kopf
hinwegschoß, ergriff er samt den übrigen die Flucht, und wir hatten nun
die Nacht über Ruhe. Am folgenden Tage begab ich mich bei Tagesanbruch
an Bord der »Resolution«, um die astronomische Uhr zu holen. Schon
unterwegs riefen mich einige Leute von der »Discovery« an, daß ihr Boot
in der Nacht von der Ankerboje, woran es festgelegen, losgemacht und
gestohlen worden sei.

Als ich an Bord kam, fand ich die Seesoldaten sämtlich unter Waffen,
und Kapitän Cook war im Begriffe, seine eigene Doppelflinte zu laden.
Ich begann, ihm zu erzählen, was in der Nacht vorgefallen war, er
unterbrach mich aber sogleich, das Boot der »Discovery« sei verloren,
er mache Anstalt, es wiederzubekommen. Zu diesem Zwecke werde er
sich eines Mittels bedienen, das in Fällen, wo etwas von Wichtigkeit
entwendet worden, noch niemals fehlgeschlagen sei. Er würde nämlich
den König oder einige der Vornehmsten an Bord zu bekommen suchen
und sie daselbst so lange als Geiseln gefangenhalten, bis er das
Boot zurückerlangt hätte. Auch habe er Befehl erteilt, alle Kanus
anzuhalten, die sich unterstehen sollten, die Bucht zu verlassen. Denn
er sei willens, sich ihrer zu bemächtigen und sie in Stücke schlagen
zu lassen, wofern er nicht im guten seinen Zweck erreichen könnte.
Demzufolge wurden die Boote beider Schiffe mit Bewaffneten rings in der
Bucht umher postiert. Und noch ehe ich das Schiff verließ, hatte man
auf einige Kanus, die zu entkommen suchten, Kanonenschüsse abgefeuert.

Zwischen 7 und 8 Uhr verließen Kapitän Cook und ich gleichzeitig das
Schiff. Er nahm in seinem Boote den Leutnant Philipps und 9 Seesoldaten
mit, ich aber fuhr in einem kleinen Boote zu unseren Arbeitern am
Strande zurück. Kapitän Cook gab mir, ehe wir uns trennten, noch den
letzten Auftrag, ich solle die Eingeborenen auf unserer Seite der Bucht
besänftigen und ihnen versichern, es würde ihnen kein Leids geschehen;
ferner sollte ich meine Leute zusammenhalten und auf der Hut sein.
Hierauf fuhr er nach Kauraua, dem Aufenthalt des Königs, ich aber an
den Strand. Den Seesoldaten erteilte ich sogleich die gemessensten
Befehle, das Zelt nicht zu verlassen, die Gewehre scharf zu laden und
immer bei sich zu tragen. Dann ging ich in die Hütten des alten Ka-u
und der Priester und erklärte ihnen, so gut ich mich verständlich
machen konnte, was jene feindlichen Anstalten, worüber sie schon in
große Bestürzung geraten waren, zu bedeuten hätten. Daß uns ein Boot
gestohlen worden sei, wußten sie bereits. Ich versicherte ihnen, daß
für sie und die Bewohner des diesseitigen Dorfes nicht die mindeste
Gefahr bestände, obgleich der Kapitän entschlossen sei, sich das Boot
wiederzuverschaffen und die Urheber des Diebstahls zu bestrafen. Diese
Erklärung mußten die Priester auf mein Verlangen dem Volke mitteilen
und es zugleich ermahnen, sich ohne Furcht, aber ruhig und friedlich zu
verhalten. Ka-u fragte mich sehr dringend, ob Terriobu in Gefahr sei.
Ich beteuerte ihm das Gegenteil und beruhigte dadurch sowohl ihn selbst
als seine Amtsbrüder.

Während der Zeit hatte Kapitän Cook noch unterwegs das große Boot,
das an der Nordspitze der Bucht lag, von diesem Posten abberufen und
mit sich nach Kauraua genommen. Er stieg mit dem Leutnant und den
9 Soldaten an Land und marschierte dann ins Dorf. Hier ward er mit den
gewöhnlichen Ehrenbezeigungen empfangen; das Volk warf sich zur Erde
nieder, und man brachte ihm wie gewöhnlich Opfer von kleinen Ferkeln
dar. Da noch keiner der Insulaner von seinem Vorhaben das geringste
wußte, erkundigte er sich nach Terriobu und seinen beiden Söhnen,
ein paar Knaben, die an Bord des Schiffes seine beständigen Gäste
gewesen waren. Die Knaben kamen mit den Eingeborenen, die man nach
ihnen ausgeschickt hatte, bald zum Kapitän und führten ihn zugleich
in die Hütte, in der Terriobu die Nacht zugebracht hatte und soeben
erwacht war. Kapitän Cook lenkte das Gespräch auf das gestohlene Boot
und merkte bald, daß der König nichts von dem Anschlage gewußt hatte.
Die Einladung des Kapitäns, sich mit ihm einzuschiffen und den Tag an
Bord des Schiffes zuzubringen, nahm Terriobu an und erhob sich, ihn zu
begleiten.

Alles ging nach Wunsch, die beiden Knaben saßen schon im Boote, und
die anderen näherten sich dem Ufer, als die bejahrte Mutter der beiden
Knaben und eine von des Königs Lieblingsfrauen ihm nachfolgte und ihn
mit vielen Tränen bat, er möchte sich doch ja nicht an Bord begeben.
Zugleich traten zwei Häuptlinge, die mit ihr gekommen waren, hinzu,
hielten den König zurück, bestanden darauf, daß er nicht weiterginge,
und zwangen ihn, sich niederzusetzen. Von allen Seiten näherten sich
die Eingeborenen, denen das Kanonenfeuer und die Anstalten in der Bucht
vermutlich schon große Unruhe verursacht hatten, und drängten sich
an Kapitän Cook und ihren König heran. Als der Leutnant seine Leute
mitten im Gedränge sah, wo sie, wenn es schlimm kam, ihre Gewehre nicht
hätten gebrauchen können, machte er dem Kapitän den Vorschlag, sie auf
den Klippen längs dem Ufer in einer Linie zu stellen. Der Haufe machte
ihnen sogleich Platz, und sie postierten sich ungefähr 30 Schritt
von dem Orte, wo der König sich niedergelassen hatte und noch voll
Schrecken und Bestürzung saß.

Kapitän Cook, der sein Vorhaben nicht aufgeben wollte, drang nach
wie vor mit allem Nachdruck in ihn, er möchte sich entschließen,
weiterzugehen. Sooft aber sich der König geneigt zeigte, dem Kapitän zu
folgen, traten die Häuptlinge hervor und hielten ihn zuerst mit Bitten
und Vorstellungen, hernach mit offener Gewalt zurück. Alle waren in
der größten Unruhe, und es blieb keine Hoffnung, ohne Blutvergießen
den König zu entführen. Als Kapitän Cook dies bemerkte, ließ er sein
Vorhaben endlich fahren und sagte zu Herrn Philipps: »Man kann ihn
nicht mit Gewalt an Bord bringen, ohne das Leben vieler Eingeborener
aufs Spiel zu setzen.«

Der Anschlag, den Kapitän Cook am Lande ausführen wollte, war also
mißlungen. Doch war für seine eigene Person kein Schatten von Gefahr
vorhanden, bis ein Nebenumstand der ganzen Sache einen anderen
Verlauf gab. Einige Kanus hatten sich vom Lande zu entfernen gesucht,
die in der Bucht postierten Schiffe hatten Feuer auf sie gegeben,
und unglücklicherweise war durch den Schuß ein Häuptling von hohem
Range gefallen. Kapitän Cook ging, als er vom Könige zurückkam, ganz
gemächlich dem Strande zu, als die Nachricht von diesem Todesfall sich
eben im Dorfe verbreitete. Alles geriet sofort in augenscheinliche
Erregung. Die Männer schickten ihre Frauen und Kinder fort, legten ihre
Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit Spießen und Steinen. Einer
trat zum Hohn mit einem Stein und einem langen eisernen Dolch an den
Kapitän heran, schwenkte seine Waffen und drohte ihm mit dem Steine.
Umsonst rief ihm Kapitän Cook zu, er solle sich ruhig verhalten.
Endlich ward er durch den Übermut des Menschen so gereizt, daß er eine
Ladung Schrot auf ihn abschoß. Das Schrot prallte ab, und der Schuß tat
keine Wirkung. Im Gegenteil, die Eingeborenen wurden verwegener und
begannen, die Soldaten mit Steinen zu bewerfen. Ein Häuptling wollte
Leutnant Philipps mit dem Dolch erstechen, verfehlte ihn aber und bekam
dafür einen Schlag mit dem Flintenkolben. Jetzt tat Kapitän Cook den
zweiten Schuß mit einer Kugel und streckte dadurch den vordersten der
Insulaner nieder. Dies war gleichsam das Signal zu einem allgemeinen
Steinregen, der mit Musketenfeuer von den Soldaten und aus den Booten
erwidert ward. Wider alle Erwartung hielten die Insulaner das Feuer
mit unerschrockenem Mute aus, und ehe man von neuem laden konnte,
fielen sie mit schrecklichem Geheul über unsere Mannschaft her. Und nun
erfolgte ein gräßlicher Auftritt voll der äußersten Verwirrung.

Vier Seesoldaten wurden beim Rückzug von den Klippen abgeschnitten und
der Wut der Feinde geopfert, drei andere gefährlich verwundet. Der
Leutnant bekam einen Dolchstoß zwischen die Schultern, doch hatte er
zum Glück seinen Schuß noch aufgehoben und erschoß den Angreifer, als
der eben zum zweiten Stoß ausholte. Unser unglücklicher Befehlshaber
stand, als man ihn zum letzten Male deutlich sah, am Rand des Wassers
und rief den Bootsleuten zu, sie sollten mit Feuern einhalten und ans
Land rudern. Einige von unseren Leuten, die dabei waren, behaupteten,
man habe, ohne seinen Befehl abzuwarten, angefangen zu feuern, und er
sei aufs äußerste bemüht gewesen, allem weiteren Blutvergießen Einhalt
zu tun. War dies der Fall, so läßt sich mit vieler Wahrscheinlichkeit
behaupten, daß seine Menschlichkeit ihm das Leben gekostet hat. Denn
solange er den Insulanern die Spitze bot, wagte es keiner, Hand an
ihn zu legen. Als er sich aber umwandte, um den Booten seine Befehle
zu erteilen, stieß man ihm den Dolch in den Rücken, und er stürzte
vornüber ins Wasser. Da ihn die Insulaner fallen sahen, erhoben sie
ein großes Jubelgeschrei, schleppten den Leichnam an Land und rissen
einander den Dolch aus den Händen, um den Toten in wilder Wut zu
zerfleischen.

[Illustration: Als er sich umwandte, stieß man ihm den Dolch in den
Rücken.]

So fiel unser großer, vortrefflicher Befehlshaber. Nicht zu frühzeitig
für ihn selbst, für ihn, dessen Leben eine Reihe großer, glänzender
und glücklicher Unternehmungen war, und der die Vollendung der großen
Aufgabe, zu der ihm die Vorsehung das Leben gab, noch erlebte. Nur
den Genuß des Ruhms, den er bereits errungen hatte, entriß ihm der
Tod. Diejenigen aber, die sich auf seine weise Führung voll Zuversicht
verließen, denen seine teilnehmende Sorge ihre Beschwerden erleichterte
und Trost in Mühseligkeiten gab, fühlten seinen Verlust tief und
bejammerten ihn unaussprechlich. Wer könnte auch unseren Schrecken und
die allgemeine Bestürzung ausmalen, die auf diesen so furchtbaren und
unerwarteten Schlag folgte?

Wie schon erzählt worden ist, wurden vier von den Seesoldaten, die
Kapitän Cook begleitet hatten, durch die Eingeborenen auf dem Platze
getötet; die übrigen nebst ihrem Leutnant Philipps warfen sich ins
Wasser und retteten sich schwimmend unter dem Schutze des unablässigen
Feuerns ihres Bootes. Bei dieser Gelegenheit gab Leutnant Philipps
einen auffallenden Beweis von Tapferkeit und Liebe zu seinen Leuten.
Er hatte kaum das Boot erreicht, als er einen von den Seesoldaten,
der nicht sonderlich schwimmen konnte, mit den Wellen kämpfen und so
in großer Gefahr sah, von den Feinden ergriffen zu werden. Sogleich
sprang er, obwohl er selbst stark verwundet war, zu seinem Beistand
ins Wasser, und wennschon er dabei einen so heftigen Steinwurf an den
Kopf bekam, daß er selbst beinahe untergesunken wäre, ergriff er den
Soldaten und brachte ihn in Sicherheit.

Unsere Leute in den Booten, die während des ganzen Vorganges nur etwa
20 Schritt vom Land gestanden hatten, unterhielten noch einige Zeit
lang ein heftiges Feuer, um ihren unglücklichen Kameraden, im Fall
noch der eine oder andere von ihnen lebte, Gelegenheit zur Flucht zu
geben, und in derselben Absicht wurden auf der »Resolution« einige
Kanonenschüsse abgefeuert. Als die Eingeborenen dadurch endlich zum
Weichen gebracht wurden, eilten fünf von unseren jungen Kadetten in
Booten zum Ufer, wo sie die Körper ihrer Landsleute leblos auf der Erde
liegen sahen. Da sie ihre Munition meistens schon verbraucht hatten
und ihrer eine so geringe Zahl war, hielten sie das Fortschaffen der
Leichen für zu gefährlich, ließen sie daher nebst 10 Gewehren im Besitz
der Eingeborenen und kehrten zu den Schiffen zurück.

Sobald man sich von der allgemeinen Bestürzung, die dieser unglückliche
Vorfall an Bord beider Schiffe verbreitete, etwas erholt hatte,
erinnerte man sich unserer Leute auf dem Marai, wo der Mast und die
Segel unter einer Bedeckung von nur 6 Mann am Lande lagen. Unmöglich
kann ich meine Unruhe während der ganzen Dauer dieses Vorfalles
schildern. Da wir uns kaum ein Kilometer weit vom Dorfe Kauraua
befanden, konnten wir deutlich sehen, daß sich ein ungeheurer Haufe auf
dem Platze versammelte, wo kurz vorher Kapitän Cook gelandet war. Auch
hörten wir das Musketenfeuer und bemerkten außerordentliche Verwirrung
unter dem Haufen. Nachher sahen wir die Eingeborenen fliehen, die Boote
aber vom Lande abstoßen und in aller Stille zwischen den Schiffen hin
und her fahren. Mein Herz ahnte nichts Gutes; auch war es, da es auf
ein so teures, wertvolles Leben ankam, unmöglich, bei so befremdlichen
Zeichen seine Ruhe zu bewahren. Ich wußte außerdem, daß der Kapitän
durch einen langen, ununterbrochen glücklichen Fortgang seiner
Unternehmungen und der Verhandlungen mit den Eingeborenen so viel
Zutrauen zu ihnen gefaßt hatte, daß ich immer fürchtete, er möchte
einmal in einem unglücklichen Augenblick zu unachtsam sein; und gerade
jetzt dachte ich an die Gefahr, der er sich durch dieses Zutrauen
aussetzte, ohne eben vielen Trost aus der Erfahrung schöpfen zu können,
durch die es bedingt wurde.

Das Volk, das in großer Menge um die Mauern unseres tabuierten Feldes
versammelt war, schien ebenso ratlos als wir selbst, wie alles, was man
sah und hörte, zu erklären sei. Ich versicherte ihnen also, sobald ich
das erste Musketenfeuer hörte, sie brauchten nicht unruhig zu werden;
ich wünschte auf alle Fälle, Frieden zu halten. In dieser Lage blieben
wir, bis die Boote an Bord zurückgekehrt waren. Als aber Kapitän Clerke
durch sein Fernrohr bemerkte, daß wir von den Eingeborenen umringt
waren, befürchtete er, sie möchten uns angreifen, und ließ mit zwei
vierpfündigen Kanonen auf sie feuern. Glücklicherweise taten die
Kugeln, so gut sie auch gezielt waren, keinen Schaden. Indes gaben
sie den Eingeborenen einen augenscheinlichen Beweis von ihrer großen
Wirkungskraft: denn eine derselben brach einen Kokosnußbaum, unter
dem eine Anzahl von ihnen saß, in der Mitte durch, und die andere
zersplitterte einen Felsen, der in einer geraden Linie mit ihnen stand.
Da ich ihnen eben auf das eifrigste beteuert hatte, daß sie sich in
völliger Sicherheit befänden, war ich über diese feindliche Maßnahme
äußerst betreten und schickte, damit sie nicht wiederholt würde,
sogleich ein Boot an Kapitän Clerke und ließ ihm sagen, ich stünde bis
jetzt noch mit den Eingeborenen in friedlichem Verkehr; wenn mich aber
in der Folge die Umstände nötigen sollten, mein Betragen gegen sie
zu ändern, so würde ich eine Fahne aufziehen, um ihm anzuzeigen, daß
er uns Beistand leisten möchte. Wir erwarteten nunmehr die Rückkehr
des Bootes mit größter Ungeduld. Nach einer Viertelstunde, die wir
unter der quälendsten Angst und Ungewißheit zubrachten, kam einer der
Offiziere und bestätigte uns leider die Berechtigung unsrer Unruhe.
Zugleich brachte er uns Befehl, die Zelte so schnell als möglich
abzubrechen und die Segel, die zum Ausbessern an Land waren, an Bord zu
schicken. Während der langen Zeit hatte auch unser Freund Kärikia von
einem Eingeborenen, der von der anderen Seite der Bucht gekommen war,
Kapitän Cooks Tod erfahren und kam bekümmert und niedergeschlagen zu
mir, um zu fragen, ob das wahr sei.

Unsere Lage war jetzt sehr kritisch und gefährlich. Unser Leben stand
auf dem Spiel, und überdies handelte es sich auch um den Ausgang der
ganzen Unternehmung und um die Rückkehr unserer Schiffe. Der Mast der
»Resolution« und unsere meisten Segel, deren Verlust unersetzlich
gewesen wäre, lagen unter der geringen Bedeckung von 6 Seeleuten am
Ufer. Und obschon die Eingeborenen bis jetzt noch nicht die geringste
Neigung geäußert hatten, uns anzugreifen, so war es doch sehr
ungewiß, welchen Einfluß die Nachricht von dem Vorgang in Kauraua
auf sie haben würde. Damit nicht etwa die Furcht vor unserer Rache
oder das unglückliche Beispiel, das die Eingeborenen vor sich sahen,
sie antreiben möchte, die gegenwärtige vorteilhafte Gelegenheit zu
benützen und uns einen zweiten Streich zu versetzen, gab ich vor, ich
glaube die Nachricht von Kapitän Cooks Tode nicht, und bat zugleich
den Kärikia, er möchte ihr auch seinerseits widersprechen. Zugleich
forderte ich ihn auf, den alten Ka-u und die übrigen Priester in ein
großes Haus nahe dem Marai zu bringen, teils um sie für den äußersten
Fall zu sichern, teils um sie in der Nähe zu haben und mich womöglich
ihres Ansehens bei dem Volke zur Erhaltung des Friedens bedienen
zu können. Nunmehr postierte ich die Seesoldaten auf die Höhe des
Marai, eine starke, vorteilhafte Stellung, befahl dem Offizier auf das
strengste, nur in Selbstschutz zu handeln, und ging dann an Bord der
»Resolution«, um Kapitän Clerke unsere gefährliche Lage zu schildern.
Sobald ich das Ufer verließ, griffen die Eingeborenen unsere Leute
mit Steinen an, und kaum hatte ich das Schiff erreicht, als ich die
Seesoldaten schon feuern hörte. Ich kehrte daher unverzüglich an das
Ufer zurück und fand, daß die Lage mit jedem Augenblick bedrohlicher
wurde. Die Eingeborenen bewaffneten sich, legten ihre Mattenpanzer an
und verstärkten sich zusehends. Ich bemerkte auch verschiedene große
Haufen, die längs der Klippen auf uns zukamen. Anfangs warfen sie
hinter der Mauer hervor, womit ihre Pflanzung umgeben war, Steine nach
uns. Da sie aber keinen Widerstand fanden, wurden sie bald kühner,
und einige entschlossene Kerle, die unter den Felsen längs dem Ufer
fortgekrochen waren, zeigten sich plötzlich am Fuß des Marai, um
ihn, wie es schien, von der Seeseite als dem einzigen zugänglichen
Orte zu erstürmen. Sie ließen sich auch nicht eher vertreiben, als
bis wir mehrmals gefeuert und einen getötet hatten. Einer von diesen
Kriegern gab ein besonders lobenswertes Beispiel von Tapferkeit. Als
er ungeachtet des Feuers unserer Gewehre zurückkehrte, um den Leichnam
eines Gefallenen fortzutragen, wurde er verwundet und mußte sich nach
Preisgabe des Leichnams zurückziehen. Nach einigen Minuten kam er
wieder, wurde aber durch einen abermaligen Treffer an seinem Vorhaben
gehindert. In diesem Augenblick kam ich bei dem Marai an und sah ihn
zum dritten Male blutend und entkräftet zurückkehren. Als ich erfuhr,
was sich zugetragen hatte, verbot ich den Soldaten, zu feuern, so
daß jener ruhig seinen Freund forttragen konnte. Kaum war ihm dies
gelungen, als er selbst niederstürzte und starb.

Da nunmehr eine ansehnliche Verstärkung von beiden Schiffen gelandet
war, zogen sich die Eingeborenen hinter ihre Mauer zurück. Hierdurch
erhielt ich Zugang zu den uns freundschaftlich gesinnten Priestern und
schickte sogleich einen von ihnen an das Volk ab, um zu versuchen, ob
sie zum Frieden zu bewegen wären, und um ihnen vorzuschlagen, daß meine
Leute das Feuer einstellten, wenn sie ihrerseits nicht mehr mit Steinen
würfen. Dieser Waffenstillstand ward angenommen, und man ließ uns
ungestört den Mast in See stoßen und die Segel nebst den astronomischen
Instrumenten fortschaffen. Sobald wir das Marai verlassen hatten,
nahmen sie es in Besitz und schleuderten einige Steine nach uns hin,
die uns aber keinen Schaden taten.

Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der »Discovery« anlangte, wo
man über unsere künftigen Maßnahmen noch keinen Rat gehalten hatte.
Wir beschlossen, auf alle Fälle darauf zu bestehen, daß unser Boot
zurückgegeben und der Leichnam Kapitän Cooks ausgeliefert werden solle,
und ich selbst stimmte noch dafür, daß im Notfall einige entschlossene
Schritte unternommen werden müßten. Obgleich man sich vorstellen kann,
daß mein Schmerz über den Tod des geliebten, geehrten Freundes großen
Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere
wichtige Gründe dafür vorhanden. Der Übermut, den der Fall unsers
Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil,
den sie am Tage vorher über uns erhalten hatten, mußte sie ermuntern,
noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen
Vorfälle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten
einflößen können, und da deren Wirkung überdies, ganz gegen unsre
Erwartung, nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte.
Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefährlich, die Schiffe in
so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so übel
beschaffen, daß wir unmöglich für die Folgen hätten einstehen können,
wenn man uns in der Nacht angegriffen hätte. In dieser Besorgnis waren
die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte
nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre
anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer
Furcht oder Schwäche hätten erklären können.

Zur Empfehlung friedlicher Maßregeln ward hingegen mit Recht angeführt,
das Unglück sei nun einmal unwiderruflich geschehen, und die vorige
Freundschaft und Güte der Eingeborenen gäbe ihnen ein Anrecht auf
unsere Achtung, besonders da der letzte traurige Vorfall kein
vorbedachtes Unternehmen schiene, und da Terriobus Bereitwilligkeit,
Kapitän Cook an Bord zu folgen, als seine Knaben sich wirklich schon
im Boot befanden, ihn ganz von dem Verdachte befreien müsse, selbst
um den Diebstahl gewußt zu haben. Das Betragen seiner Frau und der
Häuptlinge lasse sich leicht der Furcht zuschreiben, die der Anblick
der bewaffneten Soldaten des Kapitäns und der kriegerischen Zurüstungen
in der Bucht bei ihnen verursacht haben müsse. Diese letzteren wären
dem freundschaftlichen, vertraulichen Umgange, der bisher zwischen
beiden Teilen stattgehabt hätte, so wenig angemessen gewesen, daß die
Eingeborenen dem Anscheine nach begründetes Recht haben konnten, sich
der Entführung ihres Königs zu widersetzen -- wie man von einem Volke,
das seinen Herrschern so tief ergeben sei, leicht habe erwarten dürfen.
Außer diesen menschlichen Gründen führte man noch andre an, die die
Klugheit an die Hand gab. Wir litten Mangel an Wasser und anderen
Erfrischungen, und an dem Vordermast müsse man noch eine ganze Woche
arbeiten, ehe er aufgerichtet werden könne. Der Frühling nähere sich
nun allmählich, und wir dürften die Fortsetzung unserer Unternehmungen
am Nordpol nicht aus den Augen verlieren. Ein rachsüchtiger Streit
könne uns nicht allein den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, sondern
auch eine unvermeidliche Verzögerung in der Ausrüstung der Schiffe
veranlassen.

Kapitän Clerke vertrat diese letzte Ansicht, und obgleich ich überzeugt
war, daß unserm Empfinden durch einen unmittelbaren, nachdrücklichen
Beweis unsers Unwillens besser Genüge geschehen wäre, war ich doch
nicht unzufrieden, daß mein Rat verworfen wurde.

Indes wir unsern Plan besprachen, blieb eine außerordentliche Menge
Eingeborener am Strande versammelt, und einige von ihnen waren so kühn,
sich den Schiffen bis auf Pistolenschußweite zu nähern und uns durch
verschiedene verächtliche und herausfordernde Gebärden zu beschimpfen.
Die Matrosen konnten nur mit großer Mühe abgehalten werden, ihre
Waffen zu gebrauchen. Da wir uns aber einmal zu friedlichen Maßregeln
entschlossen hatten, ließen wir die Kanus unangefochten zurückkehren.

Unserm Entschluß gemäß erhielt ich vor versammelter Mannschaft und in
bestimmtesten Ausdrücken den Befehl, mit allen Booten beider Schiffe,
die gut bewaffnet und bemannt sein sollten, an Land zu rudern, um
die Eingeborenen zu einer Unterredung zu bewegen und womöglich eine
Zusammenkunft mit den Häuptlingen durchzusetzen. Gelänge dies, so
sollte ich sie auffordern, die Leichname unserer Landsleute, vor allem
aber den unseres Kapitäns, uns auszuliefern. Im Fall ihrer Weigerung
sollte ich ihnen mit unserer Rache drohen, aber nicht eher feuern, als
bis wir angegriffen würden, und unter keinen Umständen landen.

Ich verließ die Schiffe um 4 Uhr nachmittags. Indem wir uns dem
Strande näherten, bemerkte ich schon aus allen Anzeichen, daß wir
feindlich empfangen werden würden. Alle Eingeborenen waren in Bewegung,
die Frauen und Kinder zogen sich zurück, die Männer legten ihre
Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit langen Speeren und Dolchen.
Wir wurden auch gewahr, daß sie seit diesem Morgen an dem Platze,
wo Kapitän Cook gelandet war, Brustwehren von Steinen aufgeworfen
hatten, vermutlich weil sie fürchteten, wir möchten sie von dieser
Seite angreifen. Sobald sie uns erreichen konnten, fingen sie an,
Steine auf uns zu werfen, die uns indes keinen Schaden taten. Da ich
nunmehr einsah, daß alle Versuche, sie zu einer Unterredung zu bringen,
fruchtlos seien, wenn ich ihnen nicht zuerst eine Veranlassung zu
gegenseitigem Vertrauen gäbe, so ließ ich die bewaffneten Boote halten
und näherte mich allein mit einer weißen Fahne in der Hand. Diese
ward, wie mir zu meiner großen Zufriedenheit das Freudengeheul der
Eingeborenen anzeigte, als Friedenszeichen erkannt. Die Frauen kehrten
sogleich von der Berglehne zurück, wohin sie sich geflüchtet hatten.
Die Männer warfen ihre Panzer ab, und alle setzten sich am Wasser
nieder und luden mich mit ausgebreiteten Armen ein, ans Ufer zu kommen.

[Illustration: Kapitän King näherte sich mit einer weißen Fahne in der
Hand.]

Obschon dieses Betragen sehr freundschaftliche Gesinnungen auszudrücken
schien, hegte ich dennoch einigen Verdacht. Als ich indes sah, daß
Koah unbegreiflich kühn und zuversichtlich mit einer weißen Fahne in
der Hand mir entgegenschwamm, hielt ich es für nötig, dieses Zeichen
des Zutrauens zu erwidern, und nahm ihn in mein Boot auf. Zwar war er
bewaffnet, was mein Mißtrauen nicht gerade verringern konnte. Schon
lange hatte ich nicht die vorteilhafteste Meinung von ihm gehabt.
Die Priester sagten uns immer, er sei boshaft und uns nicht gewogen.
Wiederholte Entdeckungen seiner hinterlistigen und betrügerischen
Anschläge hatten ihre Aussage bestätigt. Das alles nebst dem empörenden
Auftritt an diesem Morgen, bei dem er eine große Rolle gespielt hatte,
erregten in mir, als ich ihm so nahe saß, den größten Abscheu gegen
ihn. Und als er mit erheuchelten Tränen zu mir kam, um mich zu umarmen,
hatte ich einen so starken Verdacht gegen seine Absicht, daß ich mich
nicht abhalten ließ, die Spitze seines »Pahua« oder Dolches, den er in
der Hand hielt, zu ergreifen und von mir abzuwenden. Ich sagte ihm,
ich sei gekommen, des Kapitäns Cook Leichnam zu fordern und Krieg zu
erklären, wenn er nicht sogleich ausgeliefert würde. Er versicherte
mir, es werde sobald als möglich geschehen, und er selbst wolle sich
darum bemühen. Hierauf bat er mich so zuversichtlich, als ob nichts
vorgefallen sei, um ein Stückchen Eisen, sprang in die See und rief,
indem er ans Ufer schwamm, seinen Landsleuten zu, wir wären wieder gute
Freunde.

Wir erwarteten beinahe eine Stunde lang mit der größten Unruhe Koahs
Rückkehr. Während dieser Zeit waren die übrigen Boote dem Ufer so
nahe gekommen, daß sie sich in einiger Entfernung von uns mit einem
Teil der Eingeborenen in ein Gespräch hatten einlassen können, wobei
wir erfuhren, der Leichnam sei in Stücke geschnitten und landeinwärts
geschleppt worden.

Als ich nunmehr anfing, meine Ungeduld über Koahs Verzögerung
durchblicken zu lassen, drangen die Häuptlinge in mich, ich möchte
ans Ufer kommen, und versicherten mir zugleich, der Körper solle uns
unverzüglich ausgeliefert werden, wenn ich selbst zu Terriobu gehen
wollte. Als sie sahen, daß ich mich durchaus nicht bereden ließ,
an Land zu kommen, suchten sie unter dem Vorwande, wir würden uns
so bequemer unterhalten können, das Boot zwischen einige Felsen zu
ziehen, wo sie es von den übrigen hätten abschneiden können. Diese
List ließ sich leicht durchschauen, und ich war schon im Begriff, die
Verhandlungen für immer abzubrechen, als ein Vornehmer zu uns kam,
der ein besonderer Freund des Kapitäns Clerke und der Offiziere des
»Discovery« war und auf diesem Schiffe, als wir das letztemal die Bucht
verlassen hatten, nach Mauwi hatte gehen wollen. Dieser sagte mir,
Terriobu habe ihn geschickt, um uns zu benachrichtigen, man habe den
Leichnam weiter ins Land geschafft, werde ihn uns aber am folgenden
Morgen zuschicken. Sein Betragen schien aufrichtig zu sein, und als
wir ihn befragten, ob er die Wahrheit rede, verschränkte er die beiden
Zeigefinger ineinander, was bei den Bewohnern dieser Insel ein Zeichen
von Wahrhaftigkeit ist, in dessen Verwendung sie sehr gewissenhaft sind.

Da ich nun nicht wußte, was hier weiter zu tun wäre, schickte
ich einen Leutnant zu Kapitän Clerke, um ihm Nachricht von allen
Vorfällen zu geben und ihm sagen zu lassen, daß ich sehr zweifelte,
ob die Eingeborenen ihr Wort halten würden, da sie, anstatt über das
Vergangene betrübt zu sein, vielmehr voll Mut und Zuversicht wegen
ihres letzten Vorteils wären und augenscheinlich nur Zeit zu gewinnen
suchten, uns durch List in ihre Netze zu ziehen. Der Leutnant brachte
uns den Befehl, an Bord zurückzukehren und vorher den Einwohnern
bekanntzugeben, daß der Ort zerstört werden würde, wofern der Leichnam
am nächsten Morgen nicht ausgeliefert würde.

Als sie merkten, daß wir umkehren wollten, suchten sie uns durch die
beschimpfendsten und verächtlichsten Gebärden zu reizen. Einige von
unseren Leuten sagten auch, sie könnten verschiedene Eingeborene in den
Kleidern unserer unglücklichen Gefährten umhergehen sehen. Unter anderm
bemerkte man auch, daß einer von ihren Häuptlingen den Hirschfänger
unseres ermordeten Kapitäns schwenkte, und daß eine Frau die Scheide
der Waffe hoch hielt. Allerdings mußte ihnen unser Betragen eine
schlechte Vorstellung von unserer Macht und Tapferkeit geben; denn sie
konnten wohl nur wenig Sinn für die Beweggründe der Menschlichkeit
haben, die unser Betragen bestimmten.

Zufolge des Berichts, den ich Kapitän Clerke von den gegenwärtigen
Gesinnungen der Eingeborenen abstattete, wurden die wirksamsten
Maßregeln getroffen, das Schiff vor einem nächtlichen Überfall zu
schützen. Die Boote wurden an Ketten festgemacht, die Schiffswachen
verdoppelt und Wachtboote ausgesetzt, die rundumher rudern und
die Eingeborenen abhalten sollten, wenn sie etwa die Ankertaue zu
zerschneiden versuchten. In der Nacht sahen wir eine Menge Lichter
auf den Bergen und wurden dadurch zu der Annahme veranlaßt, daß die
Eingeborenen aus Furcht vor unseren Drohungen ihre Güter weiter ins
Land schickten. Ich bin aber geneigt zu glauben, daß sie wegen des
ihrer Vermutung nach bevorstehenden Krieges Opfer gebracht haben.
Und noch wahrscheinlicher ist es, daß man damals die Leichname
unserer Landsleute verbrannt hat. Als wir später an der Insel Molokai
vorbeisegelten, sahen wir ebensolche Feuer, und einige von den
Eingeborenen sagten uns, man habe sie wegen des Krieges angezündet,
der einer benachbarten Insel erklärt worden sei. Das stimmt auch
mit unseren Erfahrungen auf den Freundschaftsinseln überein, wo die
Häuptlinge bei einem bevorstehenden Angriff des Feindes den Mut des
Volkes immer durch nächtliche Feste anzufeuern und zu beleben suchten.

Wir blieben die ganze Nacht ungestört und hörten nur Geheul und Klagen
vom Ufer her schallen. Früh am Morgen kam Koah und bat um Erlaubnis,
mir etwas von dem Zeug und ein kleines Ferkel zum Geschenk anbieten
zu dürfen. Daß er gerade nach mir fragte, läßt sich leicht erklären.
Wie ich schon gesagt habe, hielten mich die Eingeborenen für Kapitän
Cooks Sohn. Und da Cook sie bei seinen Lebzeiten immer in diesem
Irrtum beharren ließ, dachten sie wahrscheinlich, nun, da er tot sei,
hätte ich den Befehl übernommen. Sobald ich auf das Verdeck trat,
fragte ich Koah nach dem Leichnam unseres Kapitäns. Da er mir nur mit
Ausflüchten Rede stand, wies ich seine Geschenke zurück und würde
ihn mit deutlichen Äußerungen von Zorn und Unmut fortgeschickt haben,
wenn nicht Kapitän Clerke es für alle Fälle besser befunden hätte, die
anscheinende Freundschaft zu erhalten und ihm mit der gewöhnlichen
Achtung zu begegnen.

Der verräterische Koah kam im Laufe des Vormittags noch oft mit seinen
nichtssagenden Geschenken zurück. Da er jederzeit alle Teile des
Schiffes mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, machte ich ihn darauf
aufmerksam, daß wir zur Verteidigung bereit seien. Er war äußerst
zudringlich in seiner Bitte, daß Kapitän Clerke und ich ans Ufer kommen
sollten, und schob die Verzögerung der Auslieferung der Leichname
ganz auf die anderen Häuptlinge. Doch versicherte er uns, alles würde
nach unseren Wünschen geschehen, wenn wir uns zu einer mündlichen
Unterredung mit Terriobu bewegen ließen. Allein, seine Aufführung war
zu verdächtig, als daß wir bei ruhiger Überlegung in seine Bitte hätten
willigen können. Auch erfuhren wir nachher wirklich einen Umstand, aus
dem wir seine Lügenhaftigkeit erkannten. Man sagte uns nämlich, der
alte König habe sich unmittelbar nach dem Handgemenge, in dem Kapitän
Cook sein Leben verlor, nach den steilen Gebirgen hinter der Bucht zu
einer Höhle begeben, in die man nur durch Seile hinabkönne. Hier ist
er, nach der Aussage der Eingeborenen, verschiedene Tage geblieben,
während welcher man ihm seine Nahrung an Stricken hinuntergelassen habe.

Als Koah vom Schiffe zurückkehrte, drängten sich seine Leute, die sich
vor Tagesanbruch in großen Haufen am Ufer versammelt hatten, lebhaft
um ihn her, als ob sie aus seinen Nachrichten vernehmen wollten, was
weiter zu tun sei. Wahrscheinlich erwarteten sie die Erfüllung unserer
Drohung und schienen dabei völlig entschlossen, uns die Spitze zu
bieten. Den ganzen Morgen über hörten wir in verschiedenen Gegenden
der Küste in die Trompetenschnecke blasen und sahen große Haufen
von Eingeborenen über die Hügel kommen. Kurz, aller Anschein war so
beunruhigend, daß wir einen Stromanker auswarfen, um im Falle eines
Angriffs die Breitseite des Schiffs gegen das Dorf richten zu können.
Auch stellten wir der Nordspitze der Bucht gegenüber Boote aus, um
einen Überfall von dieser Seite zu verhüten.

Da die Eingeborenen ihr Versprechen, die Leichname der Erschlagenen
auszuliefern, nicht gehalten hatten und lauter kriegerische Anstalten
machten, hielten wir neue Beratungen ab, was für Maßregeln wir nunmehr
ergreifen sollten. Endlich ward beschlossen, die Ausbesserung des
Mastes nebst den übrigen Anstalten zu unserer Abreise durch nichts
stören zu lassen, dessenungeachtet aber die Verhandlungen wegen
Rückgabe der Leichname fortzusetzen.

Den größten Teil des Tages brachten wir damit zu, den Vordermast auf
dem Verdeck in eine solche Lage zu bringen, daß die Zimmerleute daran
arbeiten konnten. Außerdem mußten die nötigen Veränderungen in den
Offiziersstellen vorgenommen werden. Das Oberkommando der Unternehmung
fiel nunmehr Kapitän Clerke zu, der sich an Bord der »Resolution« begab
und den rangältesten Leutnant zum Kapitän der »Discovery« ernannte.

Die Eingeborenen ließen uns ungestört. Als die Nacht anbrach, wurde
die Barkasse wieder angekettet und, wie in der Nacht vorher, sandten
wir Wachtboote aus. Gegen 8 Uhr, als es schon sehr dunkel war, hörten
wir ein Kanu an das Schiff heranrudern. Sobald die Wachen es erkennen
konnten, feuerten sie darauf. Es waren zwei Männer darin, die sogleich
»Tinni« riefen; denn so sprach man hierzulande meinen Namen King aus.
Sie wären Freunde, sagten sie, und brächten mir etwas, das dem Kapitän
Cook gehöre. Als sie an Bord kamen, warfen sie sich uns zu Füßen und
schienen äußerst erschrocken. Glücklicherweise war keiner verwundet;
die beiden Kugeln waren nur durch das Kanu hindurchgegangen. Der
eine von ihnen war ebenderselbe, den ich zuvor unter dem Namen des
Tabumannes erwähnt habe, und der Kapitän Cook bei den geschilderten
Feierlichkeiten beständig begleitet hatte und sich, obgleich er auf
seiner Insel ein Mann von Stande war, dennoch kaum hatte abhalten
lassen, ihm die niedrigsten Handreichungen eines ganz gewöhnlichen
Bedienten zu leisten. Er beklagte erst mit vielen Tränen den Verlust
des »Orono« und sagte dann, er bringe einen Teil seines Körpers.
Zugleich reichte er uns ein kleines, in Zeug gewickeltes Bündel
dar, das er unter seinem Arm hielt. Unmöglich kann ich das Grausen
ausdrücken, das uns ergriff, als wir darin ein Stück Menschenfleisch
von 9-10 Pfund Gewicht erblickten. Dieses sagte er, sei alles, was von
dem Körper noch übrig sei. Das übrige habe man in Stücke zerschnitten
und verbrannt. Terriobu und die anderen Häuptlinge besäßen aber den
Kopf und alle Knochen, ausgenommen die Rumpfknochen. Was wir jetzt
sähen, sei dem Oberpriester Ka-u zugeteilt worden, um sich dessen bei
gewissen Religionsfeierlichkeiten zu bedienen. Allein, er schicke es
uns als ein Zeichen seiner Unschuld und Treue.

[Illustration: Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, als wir ein
Stück Menschenfleisch erblickten.]

Dieser Vorfall gab uns Gelegenheit, nachzuforschen, ob die Hawaiier
Menschenfleisch verzehrten. Zuerst versuchten wir durch verschiedene
unbestimmte Fragen, die einem jeden von ihnen besonders vorgelegt
wurden, zu erfahren, was man mit den übrigen Leichen gemacht habe.
Sie blieben aber immer bei derselben Aussage: man habe das Fleisch
von den Knochen gelöst und es verbrannt. Als wir endlich offenheraus
fragten, ob sie nichts davon gegessen hätten, bezeigten sie sogleich
bei dem bloßen Gedanken ebensolchen Abscheu, wie ihn nur irgendein
Europäer hätte fühlen können, und erkundigten sich sehr traurig, ob
das unter uns Sitte sei. Nachher verlangten sie mit vielem Ernst und
anscheinender Furcht zu wissen, wann der »Orono« wiederkommen, und wie
er sie bei seiner Rückkehr behandeln werde. Auch andere taten später
oftmals diese Frage, und der Glaube, daß Kapitän Cook wiederkommen
werde, stimmt vollkommen mit ihrem Betragen gegen ihn überein, das
immer bewies, daß sie ihn für ein höheres Wesen hielten.

Wir drangen umsonst in unsere freundschaftlichen Gäste, bis am Morgen
an Bord zu bleiben. Sie sagten, wenn dieser Besuch dem König oder den
Häuptlingen zu Ohren käme, könnte er die traurigsten Folgen für die
ganze Priesterschaft haben. Um dieses zu verhindern, wären sie genötigt
gewesen, in der Finsternis zu uns zu kommen, und müßten aus demselben
Grunde auch bei Nacht noch ans Ufer zurückkehren. Sie entdeckten uns
auch, daß die Häuptlinge damit umgingen, den Tod ihrer Landsleute zu
rächen, und warnten uns besonders vor Koah, der unser unversöhnlichster
Feind sei und nebst den übrigen eifrig eine Gelegenheit wünsche, gegen
uns zu fechten, wozu das Blasen der Schneckentrompeten, das wir diesen
Morgen vernommen, das Volk aufgefordert habe. Ferner erfuhren wir von
ihnen, daß bei dem ersten Gefecht in Kauraua 17 von ihren Landsleuten,
darunter 5 Befehlshaber, gefallen wären. Zu unserm großen Leidwesen
waren dabei auch Kanina und sein Bruder, unsere ganz besonderen
Freunde, ums Leben gekommen. Acht hatten wir bei der Sternwarte
getötet, darunter drei Männer ebenfalls von hohem Rang.

Gegen 11 Uhr verließen uns unsere beiden Freunde und waren so
vorsichtig, daß sie baten, unser Wachtboot möchte sie bis jenseits
der »Discovery« begleiten, damit man nicht wieder auf sie feuere
und ihre Landsleute am Ufer aufschrecke, weil sie dadurch in Gefahr
geraten könnten, entdeckt zu werden. Wir gewährten ihnen ihre Bitte
und erfuhren zu unserer Freude, daß sie sicher und unentdeckt ans
Land gekommen wären. Den Rest dieser Nacht hörten wir so wie in der
vorigen lautes Klagegeheul am Lande, und früh am Morgen besuchte uns
Koah abermals. Da die unwidersprechlichsten Beweise und die Äußerungen
unserer Freunde, der Priester, seine Treulosigkeit bezeugten, ärgerte
es mich, daß es ihm erlaubt sein solle, dieses Possenspiel noch weiter
fortzuführen, weil er zuletzt glauben konnte, wir ließen uns wirklich
von seinen Scheinheiligkeiten betrügen.

Unsere Lage war sehr ungünstig und unbequem geworden. Von den
Absichten, um derentwillen wir bis jetzt ein so friedliches Betragen
fortgesetzt hatten, war nicht eine einzige erreicht worden, und auf
unsre Forderungen hatte man uns in keiner Weise befriedigende Antwort
gegeben. Zu einem Vergleich mit den Eingeborenen war noch gar kein
Anschein vorhanden; denn sie hielten sich immer in so großer Menge am
Strande auf, als wollten sie jeden Landungsversuch zurückschlagen. Und
dennoch war diese Landung unausbleiblich notwendig geworden, da wir es
nicht länger verschieben durften, unsern Wasservorrat zu ergänzen.

Gleichwohl muß ich zu Kapitän Clerkes Rechtfertigung bemerken, daß ein
Angriff für uns nicht ohne Gefahr gewesen wäre. Dies ließ die große
Zahl der Eingeborenen und die Entschlossenheit vermuten, womit sie uns
erwarteten. Andrerseits würde es uns mit Hinsicht auf die Fortsetzung
unsrer Reise äußerst empfindlich gewesen sein, wenn wir auch nur einige
Leute verloren hätten. Wenn wir hingegen unsre Drohungen erst später
erfüllten, hatten wir, abgesehen von der Geringschätzung des Mutes,
die ein solches Zögern den Insulanern einflößen mußte, den Vorteil,
daß sie sich zerstreuten. Schon heute gingen, als sie uns in unserer
Untätigkeit verharren sahen, große Haufen von ihnen über die Berge
zurück, nachdem sie vorher auf ihren Schnecken geblasen und uns auf
alle Art herausgefordert hatten. Diejenigen, die zurückblieben, waren
aber deswegen nicht weniger verwegen und unverschämt. Einer von ihnen
hatte sogar die Frechheit, sich dem Schiffe bis auf einen Büchsenschuß
zu nähern, einige Steine nach uns zu schleudern und Kapitän Cooks
Hut über seinem Kopf zu schwenken, indes seine Landsleute am Ufer
über seine Kühnheit jauchzten und ihn aufmunterten. Unser Schiffsvolk
raste bei dieser Beschimpfung vor Wut. Und die ganze Mannschaft kam
auf das Achterdeck, um zu bitten, daß man sie nicht länger zwingen
möchte, diese wiederholten Beleidigungen zu dulden. Sie wandten sich
insbesondere an mich, damit ich ihnen von Kapitän Clerke die Erlaubnis
auswirken möchte, bei der ersten vorteilhaften Gelegenheit den Tod
Cooks rächen zu können. Als ich dem Kapitän dieses meldete, befahl
er mir, einige Kanonenschüsse auf die Eingeborenen am Ufer feuern zu
lassen, und versprach der Mannschaft, wenn sie am folgenden Morgen in
ihrer Beschäftigung am Wasserplatze gestört würde, solle sie völlige
Freiheit haben, die Feinde zu züchtigen.

Es ist sonderbar, daß die Eingeborenen, noch ehe wir unsere Kanonen
richten konnten, vermutlich aus der Geschäftigkeit, die sie auf dem
Schiffe wahrnahmen, unsere Absicht erraten und sich hinter ihre Häuser
und Mauern zurückgezogen hatten. Wir mußten also einigermaßen aufs
blinde Ungefähr schießen. Indes tat das Feuer dennoch alle davon
erhoffte Wirkung. Denn kurz nachher ruderte Koah sehr eilig zu uns
und sagte, daß einige Personen, darunter Maiha-Maiha, ein vornehmer
Häuptling und Blutsfreund des Königs, getötet worden wären.

Bald nach Koahs Ankunft schwammen zwei Knaben mit langen Spießen in
der Hand von dem Marai her an unser Schiff. Als sie ziemlich nahe
waren, fingen sie einen feierlichen Gesang an, dessen Inhalt sich
auf die letzte traurige Begebenheit zu beziehen schien, wie wir aus
dem oft wiederholten Worte »Orono« und ihrem Hindeuten auf den Platz,
wo Kapitän Cook erschlagen worden war, schließen mußten. Sie setzten
ihren klagenden Gesang 12 oder 15 Minuten lang fort und blieben während
der Zeit immer im Wasser. Nachher gingen sie an Bord der »Discovery«,
gaben ihre Speere ab und schwammen dann nach kurzem Aufenthalt ans Ufer
zurück. Wer sie geschickt hatte, und was der Sinn dieser Feierlichkeit
war, konnten wir nie erfahren.

In der Nacht wurden die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln zur Sicherung
der Schiffe getroffen. Als es finster ward, kamen unsere beiden
Freunde der vorigen Nacht wieder. Sie versicherten uns, die Häuptlinge
hätten ihre feindliche Absicht keinesfalls aufgegeben, obgleich sie
diesen Nachmittag durch die Wirkung unseres Geschützes außerordentlich
erschreckt worden wären, und gaben uns den Rat, auf unsrer Hut zu sein.

Am folgenden Tag gingen die Boote beider Schiffe an Land, um Wasser zu
füllen. Die »Discovery« legte sich nahe an den Strand, um sie bei der
Arbeit zu decken. Wir bemerkten bald, daß die Nachricht, die uns die
Priester gegeben hatten, nicht unbegründet sei. Denn die Eingeborenen
schienen entschlossen, uns auf alle Weise zu schädigen, ohne sich
selbst in große Gefahr zu begeben.

Auf dieser ganzen Inselgruppe liegen die Dörfer meistens nahe der See,
und der umliegende Boden ist von 3 Fuß hohen Mauern eingeschlossen. Wir
glaubten anfangs, diese sonderten nur die verschiedenen Besitzungen ab.
Nunmehr entdeckten wir aber, daß sie ihnen als Verteidigungswerke gegen
feindliche Einfälle dienen und wahrscheinlich gar keine andere Aufgabe
haben. Sie bestehen aus lockeren Steinen, und die Eingeborenen sind
sehr gewandt, diese aufs schnellste aus einer Lage in die andere zu
bringen, um die Brustwehr so zu verändern, wie es die Angriffsrichtung
erfordert. Am Abhang des Berges, der über die Bucht hervorragt, gibt
es kleine Höhlen von ansehnlicher Tiefe, deren Eingang ähnlich durch
eine solche Mauer geschützt war. Hinter diesen Brustwehren hielten sich
die Eingeborenen beständig versteckt und beunruhigten unsere Leute am
Wasserplatze mit Steinwürfen, und die wenigen Soldaten, die wir am
Lande hatten, waren nicht imstande, sie durch ihr Musketenfeuer zu
vertreiben. Unter diesen Umständen hatten unsere Leute genug zu tun,
um für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, so daß sie während des ganzen
Vormittags nur eine Tonne Wasser füllen konnten. Man sah nun ein, es
sei unmöglich, diese Arbeit zu verrichten, ehe nicht die Eingeborenen
weiter zurückgetrieben wären, und es ward den Kanonen der »Discovery«
Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Dies ward auch mit wenigen Schüssen
erreicht, und unsere Leute landeten nun ungehindert. Dessenungeachtet
kamen die Eingeborenen bald wieder zum Vorschein und fingen ihre
gewöhnlichen Angriffe an, so daß man es für notwendig hielt, einige
zerstreute Häuser unweit der Mauer, wo sich die Eingeborenen verborgen
hielten, in Brand zu stecken. Es tut mir weh, gestehen zu müssen,
daß sich unsere Leute dabei zu unnötiger Grausamkeit und Verwüstung
hinreißen ließen.

Man hatte, wie gesagt, befohlen, nur einige zerstreute Hütten zu
verbrennen; wir erstaunten also sehr, als wir das ganze Dorf in Feuer
aufgehen sahen. Ehe noch ein Boot das Ufer erreichen konnte, um der
Verheerung Einhalt zu tun, standen auch die Wohnungen unserer Freunde,
der Priester, in Flammen. Zu meinem großen Verdruß hielt mich diesen
Tag eine Unpäßlichkeit an Bord zurück. Die Priester hatten immer
unter meinem besonderen Schutze gestanden. Unglücklicherweise aber
hatten die heute diensttuenden Offiziere wenig Gelegenheit gehabt, das
Marai zu besuchen, und kannten die Lage des Ortes zu wenig. Wäre ich
zugegen gewesen, so hätte ich vielleicht Mittel gefunden, die kleine
Priesterschaft vor dem Verderben zu bewahren.

Als sich die Eingeborenen aus dem Brande retten wollten, wurden einige
von ihnen erschossen, und zweien von ihnen schnitten unsere Leute die
Köpfe ab und brachten sie mit sich an Bord. Einen von den Gefallenen
beklagten wir sehr. Er war an den Bach gekommen, um Wasser zu schöpfen.
Einer von den Seesoldaten schoß auf ihn, traf aber nur seinen
Flaschenkürbis. Diesen warf der Insulaner sogleich von sich und suchte
zu entfliehen. Man verfolgte ihn bis in eine der oben beschriebenen
Höhlen, deren Bestimmung wir eben durch diesen Vorfall kennenlernten.
Keine Löwin hätte ihre Jungen mutiger verteidigen können als er sein
Leben. Zuletzt fiel er aber, nachdem er zweien unsrer Leute lange
widerstanden hatte, über und über mit Wunden bedeckt.

Um diese Zeit ward ein älterer Mann gefangengenommen und gebunden
in ebendemselben Boot, in dem die Köpfe seiner beiden Landsleute
lagen, an Bord geschickt. Nie habe ich einen so heftigen Ausdruck des
grauenvollsten Schreckens gesehen, als in dem Gesichte dieses Mannes,
aber auch nie einen so plötzlichen Übergang zur grenzenlosesten Freude,
als man ihn losband und sagte, er könne unbehindert gehen. Sein
nachheriges Betragen bewies uns seine Dankbarkeit; denn er brachte
uns mehrmals Geschenke an Lebensmitteln und leistete uns verschiedene
andere Dienste.

Bald nachdem das Dorf niedergebrannt war, sahen wir einen Mann über den
Berg kommen, den fünfzehn bis zwanzig Knaben mit weißen Tüchern und
grünen Zweigen in der Hand begleiteten. Ich weiß nicht, wie es zuging,
daß diese friedliche Gesandtschaft von einer unserer Abteilungen mit
Flintenschüssen empfangen wurde. Dies hielt sie indessen nicht auf,
vielmehr setzte sie ihren Weg fort, und der diensthabende Offizier
eilte zeitig genug herbei, um eine zweite Salve zu verhüten. Als sie
näher kamen, sahen wir, daß es unser trefflicher Freund Kärikia war,
der bei dem Brande die Flucht ergriffen hatte, jetzt aber zurückkehrte
und an Bord der »Resolution« geführt werden wollte.

Als er ankam, war er sehr ernst und gedankenvoll. Wir versuchten, ihm
begreiflich zu machen, daß wir notwendig das Dorf hätten in Brand
stecken müssen, wobei denn seine und seiner Brüder Wohnungen ohne
unsere Absicht mit verzehrt worden wären. Er verwies uns unsern Mangel
an Freundschaft und Dankbarkeit. Wir erfuhren erst jetzt, welch einen
großen Verlust die Priester durch uns erlitten hätten. Er sagte uns,
im vollen Vertrauen auf mein Versprechen und auf die Versicherungen
der Männer, die uns die Überreste des Kapitäns abgeliefert, hätten die
Priester ihr Vermögen nicht wie die übrigen Einwohner tiefer ins Land
geschafft, sondern ihre wertvollsten Güter nebst allem, was sie von uns
gesammelt gehabt, in ein Haus nahe dem Marai zusammengetragen, wo es zu
ihrem großen Jammer vor ihren Augen ein Raub der Flammen habe werden
müssen.

Als er an Bord gekommen war, hatte er die Köpfe seiner Landsleute auf
dem Verdeck liegen sehen. Dieser Anblick war für ihn so empörend, daß
er ernstlich bat, man möchte sie über Bord werfen, was auch auf Kapitän
Clerkes Befehl augenblicklich geschah.

Des Abends kehrte die Abteilung, die Wasser schöpfte, zurück, ohne
weiter beunruhigt worden zu sein. Die folgende Nacht war äußerst
traurig; denn am Lande ertönten das Geschrei und die Klagen lauter als
jemals. Unser einziger Trost dabei war die Hoffnung, daß wir künftig
nie wieder Gelegenheit zu solcher Strenge haben würden.

Den nächsten Morgen kam Koah wie gewöhnlich an die Schiffe. Da wir aber
nicht mehr nötig hatten, uns Zurückhaltung aufzuerlegen, hatte ich
völlige Freiheit, ihm gebührend zu begegnen. Als er sich daher während
seines üblichen Gesanges dem Schiffe näherte und mir ein Schwein und
einige Bananen anbot, befahl ich ihm, nicht näher zu kommen, und drohte
ihm, wenn er sich je wieder sehen ließe, ohne die Gebeine Kapitän Cooks
mitzubringen, solle er sein nie gehaltenes Versprechen mit dem Tode
büßen.

Er schien von diesem Empfange nicht gedemütigt zu sein, sondern kehrte
ans Ufer zurück, wo er sich zu einem Haufen seiner Landsleute gesellte,
die unsere Arbeiter beim Wasserschöpfen mit Steinen warfen. Diesen
Morgen fand man auch den Leichnam des jungen Menschen, der sich gestern
so tapfer verteidigt hatte, am Eingang der Höhle. Ein paar von unseren
Leuten deckten eine Matte über ihn und bemerkten kurz nachher, daß
ihn einige Männer auf den Schultern forttrugen und auf dem Wege einen
Trauergesang anstimmten.

Als die Eingeborenen sahen, daß wir ihre Beleidigungen nicht aus Mangel
an Mitteln, uns zu rächen, so lange geduldet hatten, hörten sie endlich
auf, uns länger zu beunruhigen, und am Abend kam ein Häuptling namens
Eappo, ein Mann von höchstem Ansehen, der uns bisher nur selten besucht
hatte. Er brachte uns Geschenke von Terriobu und bat uns in dessen
Namen um Frieden. Wir nahmen die Geschenke an und schickten ihn mit
der alten Antwort zurück, daß die Insulaner auf keinen Frieden hoffen
könnten, bis wir die Gebeine unseres toten Kapitäns zurückerhalten
hätten. Wir erfuhren von diesem Manne, daß das Fleisch von allen
Leichnamen unsrer Leute nebst den Rumpfknochen verbrannt worden sei.
Die Gliedmaßenknochen der Seeleute wären unter die geringeren Klassen
der Vornehmen verteilt worden, die des Kapitäns hingegen den ersten
Häuptlingen zugefallen, so daß ein großer »Erih« den Kopf, ein andrer
das Haar, Terriobu aber die Lenden, die Hüften und die Arme erhalten
hätte. Als es dunkel ward, näherten sich verschiedene Eingeborene
mit Wurzeln und Früchten, und Kärikia schickte uns zwei ansehnliche
Geschenke an Lebensmitteln.

Der 19. Februar verging größtenteils mit Botschaften zwischen Kapitän
Clerke und Terriobu. Eappo gab sich viele Mühe, es dahin zu bringen,
daß einer von unsern Offizieren an Land gehen möchte, und erbot sich,
unterdessen als Geisel zu bleiben. Man hielt es aber nicht für ratsam,
auf diesen Vorschlag einzugehen. Hierauf verließ er uns mit dem
Versprechen, er wolle am folgenden Tage die Gebeine bringen. Übrigens
erfuhren die Leute, die am Wasserplatz beschäftigt waren, nicht mehr
den geringsten Widerstand von den Eingeborenen, die ungeachtet unsres
vorsichtigen Betragens sich wieder ohne das geringste Mißtrauen unter
uns mischten. Am 20. hatten wir die Freude, bei guter Witterung den
Vordermast wieder aufrichten zu können. Dies Geschäft war indessen sehr
beschwerlich und mit Gefahr verknüpft, da unsere Stricke so verfault
waren, daß sie mehr als einmal dabei rissen.

Zwischen 10 und 12 Uhr sahen wir eine Menge Volks in einer Art von
feierlicher Ordnung den Berg herunterkommen, der sich hinter der Bucht
erhebt. Ein jeder von ihnen trug ein oder zwei Stück Zuckerrohr auf
der Schulter und Brotfrucht, Yamswurzeln und Bananen in der Hand. Zwei
Trommelschläger, die vor ihnen hergingen, steckten bei ihrer Ankunft am
Strande eine weiße Fahne auf und rührten darauf ihre Trommeln, während
die übrigen einer nach dem andern herantraten und ihre Geschenke
niederlegten und dann in derselben Ordnung wieder zurückgingen. Bald
nachher zeigte sich Eappo in seinem langen befiederten Mantel und trug
mit großer Feierlichkeit etwas auf seinen Händen herbei. Er setzte sich
auf einen Felsen und machte ein Zeichen, daß man ihm ein Boot zusenden
möchte. Da Kapitän Clerke vermutete, daß Eappo die Überreste Kapitän
Cooks brächte, fuhr er selbst zu ihm hin, um sie in seiner Schaluppe in
Empfang zu nehmen. Mir wurde befohlen, in einem andern Boote zu folgen.
Als wir am Ufer anlegten, kam Eappo in die Schaluppe und überreichte
dem Kapitän die Gebeine, die in eine Menge schönes neues Zeug gewickelt
und mit einem bunten Gewande aus schwarzen und weißen Federn bedeckt
waren. Nachher begleitete er uns zur »Resolution«, ließ sich aber nicht
bewegen, an Bord zu kommen, wahrscheinlich weil er aus einem Gefühl von
Schicklichkeit nicht bei der Öffnung des Bündels zugegen sein wollte.
Wir fanden darin den größten Teil der Gebeine unseres unglücklichen
Kommandanten. Den folgenden Morgen kam Eappo mit des Königs Sohn und
brachte die übrigen Gebeine Kapitän Cooks, außerdem die Läufe seiner
Flinte, seine Schuhe und einige Kleinigkeiten. Eappo bemühte sich,
uns zu überzeugen, daß Terriobu und er selbst den Frieden wünschten,
und daß sie uns den besten Beweis, der in ihrer Macht stünde, hiermit
gegeben hätten. Er setzte hinzu, sie würden sich gewiß weit früher
zu diesem Schritte bereit gefunden haben, wenn nicht die anderen
Häuptlinge, die noch unsere Feinde wären, sie daran gehindert hätten.
Er beklagte mit einiger Wehmut den Tod der sechs Vornehmen, die wir
erschossen hatten, und von denen einige unsere besten Freunde gewesen.
Das Boot hätten uns Parias Leute entwendet. Vermutlich hatte er sich
durch den Raub für den Schlag rächen wollen, den er von unsern Leuten
empfangen hatte. Tags darauf habe er es in Stücke hauen lassen. Die
Gewehre der Seesoldaten, die wir auch zurückgefordert hatten, wären
unwiederbringlich verloren, weil das gemeine Volk sich ihrer bemächtigt
hätte. Bloß die Knochen des Befehlshabers wären als Eigentum des Königs
und der Erihs aufbewahrt worden.

Wir konnten nun nichts weiter tun, als unserm großen, unglücklichen
Befehlshaber den letzten Dienst erweisen, und schickten deshalb Eappo
mit dem Auftrag ab, er solle Sorge tragen, daß die ganze Bucht mit dem
Tabu belegt würde. Nachmittags versenkten wir die Gebeine, nachdem
wir sie in einen Sarg gelegt und das Begräbnisgebet verlesen hatten,
unter kriegerischen Ehrenbezeigungen ins Meer. Die Welt mag beurteilen,
welche Gefühle wir in diesem Augenblicke hatten. Diejenigen, die dabei
zugegen gewesen sind, können mir das Zeugnis geben, daß ich außerstande
bin, sie zu schildern.

Am 22. Februar sah man den ganzen Vormittag kein Kanu in der Bucht,
da das Tabu, womit Eappo sie tags zuvor auf unser Verlangen hatte
belegen lassen, noch nicht aufgehoben war. Endlich kam Eappo zu uns.
Wir versicherten ihm, daß wir nun vollständig befriedigt seien, und
daß die Erinnerung an alles Vergangene mit dem »Orono« begraben sei.
Nachher baten wir ihn, er möchte das Tabu aufheben und den Eingeborenen
bekanntmachen, sie sollten uns wie gewöhnlich Lebensmittel bringen.
Die Schiffe waren denn auch bald von Kanus umringt; viele Vornehme
kamen an Bord und bezeigten uns ihre Trauer über das Vorgefallene
und ihre Freude über die Wiederherstellung des Friedens. Mehrere von
unseren Freunden, die uns nicht besuchten, schickten uns Schweine und
andere Lebensmittel zum Geschenk.

Da nun alle Anstalten, in See zu stechen, getroffen waren, erteilte
Kapitän Clerke den Befehl, die Anker zu lichten, weil er besorgte, es
möchte einen schlechten Eindruck machen, wenn das Gerücht von diesen
Vorfällen früher zu den benachbarten Inseln käme als wir selbst. Gegen
8 Uhr abends schickten wir die Eingeborenen alle an Land zurück, und
Eappo nebst dem freundschaftlichen Kärikia nahmen gerührt Abschied von
uns. Wir lichteten darauf die Anker und steuerten aus der Bucht, und
als wir längs der Küste hinfuhren, erwiderten die Eingeborenen, die
sich dort in großen Haufen versammelt hatten, unser letztes Lebewohl
mit allen Äußerungen ihrer Zuneigung und Freundschaft.

[Illustration]

[Illustration]



Eine Unglücksreise nach der Nordwestküste Amerikas

Von Kapitän _John Meares_


Mir war der Auftrag geworden, Seeotterfelle von den Indianern an der
Nordwestküste Amerikas einzuhandeln und nach Kalkutta zu schaffen.
Am 20. Januar 1786 kaufte ich deshalb zu dieser Expedition zwei
Fahrzeuge. Das eine erhielt den Namen »Nutka« und faßte 200 Tonnen
Last. Das zweite, von 100 Tonnen, ward die »Seeotter« genannt. Das
Kommando über die »Nutka« übernahm ich selber, das über das andere
Schiff Herr William Tipping, Leutnant in der königlichen Flotte. Den
20. Februar, da beide völlig segelfertig waren, ward dem Ausschuß,
der im Namen sämtlicher Eigentümer die Ausrüstung besorgte, ein
doppeltes Anerbieten gemacht. Das eine bestand darin, daß man die
»Seeotter« mit einer Ladung von Opium nach Malakka schicken wollte,
wobei ungefähr dreitausend Rupien zu gewinnen waren. Der Ausschuß der
Eigentümer zögerte keinen Augenblick, diesen Vorschlag anzunehmen, und
die »Seeotter« ging unverzüglich nach Malakka ab, von wo aus Kapitän
Tipping seinen Lauf nach der Nordwestküste von Amerika fortsetzen
und die nötigen Vorkehrungen treffen sollte, um sich dort mit mir
zu vereinigen. Das zweite Anerbieten bestand darin, daß wir den
Oberkriegszahlmeister der königlichen Truppen in Indien nebst seinem
Gefolge nach Madras bringen sollten, wofür er ebenfalls dreitausend
Rupien versprach. Diesen Vorteil konnte man auch nicht ausschlagen, und
so richtete die »Nutka« ihren Kurs zunächst nach Madras.

Den 12. März verloren wir das Land aus dem Gesicht und setzten unsere
Fahrt ununterbrochen bis zum 27. fort, da wir auf der Reede von
Madras vor Anker gingen. Man hielt unsere Fahrt in dieser Jahreszeit
für außerordentlich schnell. Nachdem wir unsere Passagiere gelandet
und noch allerlei Vorräte von Lebensmitteln an Bord genommen hatten,
machten wir uns segelfertig und stachen am 7. April in See. Man
hatte es während unseres Aufenthaltes an nichts mangeln lassen, was
zu unserer Aufmunterung und Unterstützung dienen, und was von Güte
und Aufmerksamkeit gegen uns zeugen konnte. Man muß sich dabei vor
Augen halten, daß zur Zeit unserer Abreise von Bengalen alle Arten
von Schiffsvorräten dort so schwer zu erhalten waren, daß unser
Schiff nur karge Provisionen auf ein Jahr mitbekommen hatte. Unsere
Lebensmittel reichten nicht einmal für diesen Zeitraum aus, und man
sah es für unmöglich an, unter solchen Umständen eine Reise von dieser
Art zu vollbringen. Auf Madras hatten wir uns daher gewissermaßen
verlassen, und mit der Hilfe, die uns dort zuteil ward, hofften
wir nunmehr 18 Monate auszukommen. Unser Schiff hatte eine starke
Bemannung. Allein, sie war so beschaffen, daß nur die Not unsere Wahl
rechtfertigen konnte. Den Zahlmeister, den Wundarzt, fünf Offiziere und
den Bootsmann miteinbegriffen, waren wir unser vierzig Europäer, zu
denen wir in Madras noch zehn Laskaren annahmen. Aber alle Bemühungen,
einen Schiffszimmermann zu bekommen, schlugen fehl, und diesen Mangel
fühlten wir während der ganzen Reise auf das empfindlichste.

Am 23. Mai erreichten wir Malakka nach einer ungewöhnlich langen
Fahrt, die dem Skorbut Zeit ließ, sich unter uns zu zeigen. Schon in
dieser frühen Periode unserer Reise verloren wir unseren Bootsmann,
einen der vortrefflichsten Männer an Bord, dessen Verlust unersetzlich
blieb. In Malakka erfuhren wir, daß Kapitän Tipping schon abgesegelt
war, nachdem er sein Geschäft hier beendet hatte. Wir versorgten uns
mit Holz, Wasser und Erfrischungen, von welch letzteren wir so viel
an Bord nahmen, daß wir nicht nur die schon verbrauchten Lebensmittel
ersetzten, sondern uns auch im Stande sahen, Kapitän Tipping auf
alle Art behilflich zu sein, wenn wir ihn an der Küste von Amerika
anträfen. Am 29. Mai gingen wir in See, nachdem wir das holländische
Fort mit neun Kanonenschüssen begrüßt und einen Gegengruß von gleicher
Anzahl zurückerhalten hatten. In sehr wenigen Tagen kamen wir in das
Chinesische Meer und setzten dann mit Hilfe eines starken südwestlichen
Monsuns unsern Lauf bis zum 22. Juni fort. An diesem Tage kamen die
Baschi-Inseln in Sicht. Es währte indes bis zum 26., ehe wir bei der
Grafton-Insel in einer kleinen anmutigen Bucht Anker werfen konnten.
Rund um diese Bucht ist das Land hoch und bis an die Gipfel der
Berge angebaut. Die Pflanzungen, die überall mit sehr netten Zäunen
umschlossen sind, gewähren einen freundlichen Anblick. Auf einer
sanften Anhöhe unweit der See lag ein Dorf; Gruppen oder Haine von
schönen Bäumen schmückten romantisch den Abhang der Berge, von denen
ein munterer Bach hinunter ins Tal rauschte. Die ganze Gegend prangte
wirklich in außerordentlicher Schönheit. Die Spanier hatten etwa vier
Jahre vorher diese Inseln in Besitz genommen, weil sie hofften,
daß sie in dem Innern der Gebirge edles Metall finden würden. Der
Gouverneur und seine Besatzung begegneten uns mit vieler Höflichkeit
und versuchten es auf keinerlei Weise, unsern kleinen Tauschhandel
mit den Eingeborenen, allem Anschein nach ganz harmlosen Menschen, zu
stören. Wir hielten uns hier vier Tage lang auf und bekamen während
dieser Zeit gegen rohes Eisen eine Menge Schweine, Ziegen, Enten,
Hühner, Yams und süße Bataten.

Am 1. Juli verließen wir die Baschi-Inseln und richteten unseren Lauf
nordostwärts längs der japanischen Inselgruppe, die wir indes nicht zu
Gesicht bekamen. In den Karten findet man verschiedene Inseln, über die
wir hätten hingesegelt sein müssen, wenn sie richtig angegeben gewesen
wären. Sobald wir über den 25. Grad nördlicher Breite hinausgekommen
waren, hatten wir einen undurchdringlichen Nebel, der oft so dicht war,
daß wir keine Schiffslänge weit voraussehen konnten. Am 1. August,
nachdem wir die vorige Nacht beigelegt hatten, vermuteten wir in der
Nähe Land, und bei Tagesanbruch erblickten wir es auch wirklich durch
die Nebelbänke hindurch. Es waren die Inseln Amluk und Atscha. Wir
näherten uns der ersten und lagen daselbst zwei Tage lang vor Anker,
wobei uns sowohl die Russen als die Eingeborenen besuchten. Auf unserer
Fahrt von hier nach Unalaschka trieben wir zwischen fünf Inseln
hindurch und sahen uns so auf allen Seiten von Gefahr umringt; denn wir
waren außerstande, unseren Weg zu erkunden. Dennoch kamen wir glücklich
und unbeschädigt heraus. Seitdem wir über den 35. Grad nördlicher
Breite gekommen waren, hatten wir des ununterbrochenen Nebels wegen
nur zweimal Gelegenheit gehabt, die Sonnenhöhe zu beobachten. Desto
glücklicher konnten wir uns schätzen, eine astronomische Uhr an Bord zu
haben, die uns die größten Dienste leistete.

Die fünf Inseln, zwischen denen wir in so große Verlegenheit gerieten,
beschreibt Coxe in seinen russischen Entdeckungen unter dem Namen
Pjät Sopka (das heißt die fünf Vulkankegel), und er nennt auch
viele zwischen diesen Inseln und Kamtschatka verunglückte russische
Seefahrer. Sie sind unbewohnt und scheinen weiter nichts als ungeheuere
Felsenmassen zu sein. Zwei davon sehen einander sehr ähnlich und haben
ziemlich genau die Form eines Zuckerhutes.

Am 5. August sahen wir um uns her eine Menge Kanus, die, nach Kleidung
und Sitte der darin befindlichen Leute zu urteilen, von einer oder der
anderen dieser Inseln gekommen sein mußten, obgleich wir eigentlich
nach unserer Rechnung viel zu weit gegen Süden sein mußten, als daß sie
sich hätten herauswagen dürfen. Diese kleine Flottille beschäftigte
sich mit dem Walfang. Nachdem die Leute eine kleine Weile innegehalten
hatten, um unser Schiff anzugaffen, wobei sie die äußerste Verwunderung
zu erkennen gaben, verließen sie uns und ruderten nordwärts. Wir
jedoch steuerten noch etwas südlicher, weil wir sowieso gegen unsere
Berechnung, wahrscheinlich durch die Strömung, etwas zu weit nördlich
geraten waren. Der Nebel blieb immer noch so dicht, daß man unmöglich
20 Schritt weit vom Schiff irgend etwas erkennen konnte. Die Menge
der Kanus, bei denen wir vorübergeschifft waren, schien indes aller
Wahrscheinlichkeit nach anzudeuten, daß Land, vermutlich kein anderes
als die Insel Amuchta, in der Nähe wäre. In der folgenden Nacht
erschreckte uns plötzlich das Geräusch von Wogen, die sich an der
Küste brachen. Wir legten das Schiff augenblicklich um; aber als wir
etwa zwei Stunden lang in der neuen Richtung gelaufen waren, hatten
wir von einem ähnlichen Geräusch einen neuen Schrecken. Nun legten
wir nochmals um, und bei Tagesanbruch erblickten wir in der Höhe des
Mastkorbes das Land auf einen Augenblick. Es schien mit Schnee bedeckt
zu sein. Bald verdichtete sich aber der Nebel wieder vor unseren
Augen und machte die ängstliche Ungewißheit unserer Lage nur noch
schrecklicher. Vier Tage lang suchten wir, aus der Finsternis der Luft
und ebenso unserer Gemüter einen Ausweg zu finden, überall schienen
wir eingesperrt zu sein. Das Rauschen des Wassers an dem Felsenstrande
vertrieb uns von der einen Seite, damit wir bald wieder derselben
furchtbaren Warnung auf der andern Seite gehorchten. Wir hatten alle
Ursache, zu vermuten, daß wir durch irgendeinen engen Eingang in einen
von gefahrvollen Ufern umringten Meerbusen geraten wären, aus dem nur
der einzige Kanal, durch den wir hineingekommen waren, uns zurückführen
könnte.

Am 9. August endlich hob sich des Morgens der Nebel, und wir hatten
den grausenvollen feierlichen Anblick der glücklich vermiedenen
Gefahren. Aber diese Wirklichkeit selbst schien kaum hinreichend,
uns die Möglichkeit begreiflich zu machen. Von allen Seiten umgab
uns fürchterliches, hohes Land, dessen Hänge bis auf zwei Drittel
ihrer Höhe hinunter mit Schnee bedeckt waren. Die Küste, die das
Seeufer bildete, bestand aus einer unzugänglichen, hohen, senkrechten
Felsenmauer, die keine andre Unterbrechung hatte als die Höhlungen,
an denen das Steigen und Fallen der gewaltigen Wogen jenes warnende
Geräusch, das uns rettete, verursachte. Jetzt entdeckten wir zwei
offene Kanäle oder Durchfahrten: den einen südwärts, durch den wir
hereingetrieben waren, den anderen gegen Nordosten. Hätten wir in
dieser Richtung gesteuert, so wären wir gleich aus der schrecklichen
Lage befreit gewesen. Allein, wir besorgten, immer nordwärts von den
Inseln zu kommen, und dann hätte es, da im Sommer die Strömungsrichtung
immer nördlich ist, schwergehalten, wieder zurückzufahren, um so mehr,
weil hierzu ein starker Nordwind erforderlich gewesen wäre und in
dieser Jahreszeit hier Südwestwinde zu herrschen pflegen. Die Strömung
war jetzt wirklich so stark, daß wir nicht wieder durch den südlichen
Kanal auslaufen konnten; wir schifften daher nordwärts und dann östlich
bis Unalaschka, wo wir mit Hilfe eines starken Nordwindes, der zu
unserem Glück einsetzte, durch die Enge zwischen Unimak und Unalaschka
hindurchsegelten. Die Strömung lief hier so schnell, daß sie mindestens
sieben Seemeilen in der Stunde betrug und auf diese Weise eine
fürchterliche, stürmische See erregte. Nachdem wir die Südseite der
Insel erreicht hatten, kam ein Russe als Lotse zu uns und führte uns
in einen Hafen neben demjenigen, in dem einst Kapitän Cook sein Schiff
ausgebessert hatte.

[Illustration: Wir hatten den grausenvollen Anblick glücklich
vermiedener Gefahren.]

Die hier befindlichen Russen waren von Ochotsk und Kamtschatka in
Galeoten hierhergekommen. Diese Fahrzeuge halten etwa fünfzig Tonnen
und können jedes sechzig bis achtzig Mann führen. Man legt sie für den
Zeitraum von acht Jahren, den die Russen hier zubringen, in bequemen
Plätzen an Land; nach Verlauf dieser Zeit kommt eine andere Anzahl
Russen und löst die ersteren ab, um Seeottern und andere Pelztiere
zu jagen. Die Eingeborenen verschiedener Bezirke müssen ebendiesem
Geschäfte nachgehen und die Früchte ihrer Arbeit als einen Tribut an
die Kaiserin von Rußland erlegen, der dieser Handel ausschließlich
gehört. Sie erhalten dagegen einen geringen Vorrat von Schnupftabak,
den sie unmäßig lieben, und sind, wenn sie nur dieser Lieblingsware
habhaft werden, zufrieden mit ihrer elenden Lage, aus der sie sich
auch, wenigstens sofern man es auf ihre eigene Anstrengung ankommen
läßt, nie herausarbeiten werden. Eisen und andere europäische
Handelsartikel sieht man bei ihnen so selten wie bei ihren Nachbarn auf
dem Festlande.

[Illustration: Beide Teile gerieten in Schrecken.]

Die Wohnungen der Russen sind nach dem Modell derer gebaut, die sie
im Lande üblich fanden. Nur ist der Maßstab ungleich größer. Es sind
Gruben, die man in die Erde gräbt, und die äußerlich so wenig das
Ansehen einer Wohnung haben, daß ein Fremder hineinfallen kann, ehe
er sich's träumen läßt, daß er sich an einem von Menschen bewohnten
Orte befindet. Der einzige Zugang zu diesen unterirdischen Behausungen
ist ein oben offen gelassenes, rundes Loch, durch das man auf einem
eingekerbten Pfosten hinuntersteigt. Ich sage nicht zuviel, wenn ich
von der Gefahr hineinzufallen spreche. Denn sowohl unserem ersten
Offizier, als dem Wundarzte widerfuhr schon am ersten Abend nach
unserer Landung dieses Unglück. Auf ihrem Rückwege von dem russischen
Dorf verschwanden sie plötzlich durch eines dieser Löcher und
erschienen der unten wohnenden Familie von Eingeborenen. Beide Teile
gerieten in Schrecken. Die Eingeborenen eilten so schnell, als ihre
Furcht es zuließ, zum Hause hinaus und ließen unsere Herren in der
bangen Erwartung, daß sie nun die Nachbarschaft wecken und ihre Freunde
herbeirufen würden, um diesen unschuldigen Überfall mit Mord und
Blutvergießen zu rächen. Als sie endlich wieder heraufgestiegen waren,
fanden sie, daß die Eingeborenen, deren sanftes und liebenswürdiges
Wesen sie damals noch nicht kannten, in ihrer Angst und Verwirrung
sich nach dem Dorfe geflüchtet hatten. Am folgenden Morgen erklärte
man diesen guten Leuten den Zufall und vergalt ihnen den Schrecken vom
vorigen Abend durch ein kleines Geschenk von Tabak.

An den Seiten sind diese Wohnungen durch Verschläge in Schlafstellen
abgeteilt, auf denen Tierfelle als Betten liegen. In der Mitte ist der
Feuerherd, an dem die Einwohner ihre Speisen bereiten und verzehren.
Bei sehr kaltem Wetter brauchen sie Lampen statt des Brennholzes, das
überhaupt auf diesen ganz von Bäumen entblößten Inseln äußerst selten
ist und nur zufällig vom festen Lande her angeschwemmt wird. Fische
mit einer Brühe von Fischöl sind ihre einzige Nahrung. Und selbst die
Russen nähren sich auf ebendie Art, nur mit dem Unterschiede, daß sie
ihre Speisen kochen, während die Eingeborenen sie roh verzehren. Wir
sahen sie oft den Kopf eines Stockfisches oder eines Heilbutts, den
sie soeben gefangen hatten, mit allen Zeichen gierigen Wohlbehagens
verschlingen. Wilde Sellerie ist das einzige Küchenkraut, das auf
diesen Inseln wächst, und die Eingeborenen essen es roh, wie es aus der
Erde gerissen wird.

Zwar wohnen seit geraumer Zeit Russen auf diesen Inseln. Allein, sie
haben hier noch keinerlei Art von Anbau versucht, und sie besitzen
weder zahmes Federvieh, noch irgendein Haustier, Hunde ausgenommen.
Ob aber dieser Mangel an Bequemlichkeiten des Lebens, die sich doch
sonst so leicht erlangen lassen, ihrer Trägheit und Gleichgültigkeit
oder der Unfruchtbarkeit des Landes zuzuschreiben ist, haben wir nicht
untersuchen können. Bezüglich ihrer Nahrung verlassen sie sich ganz auf
den Ertrag des Meeres und der Flüsse. Wirklich liefern diese auch die
vortrefflichsten Fische im Überfluß; und wenn wir nach dem starken,
gesunden Aussehen sowohl der Eingeborenen, als auch der neuen Ansiedler
urteilen dürfen, gibt ihnen diese Speise Kräfte und Gesundheit in
reichlichem Maße.

Die Eingeborenen der Inselreihe, die man unter der gemeinschaftlichen
Benennung der Fuchsinseln kennt, sind eine starke, untersetzte Rasse
mit rotwangigen runden Gesichtern, auf denen man keine Spur von
Wildheit sieht. Sie zerkratzen und entstellen ihr Gesicht nicht so wie
die Bewohner des festen Landes und sind allem Anschein nach von einer
harmlosen Gemütsart, die niemandem übelwill.

Die einzigen vierfüßigen Tiere dieser Insel sind Füchse, unter denen
es einige mit schwarzem Pelze gibt, der sehr hoch im Preise steht. Wir
bemühten uns während unseres hiesigen Aufenthaltes, die Russen zum
Handel mit uns zu bewegen. Allein, sie schätzen ihre Pelzwaren viel zu
hoch ein, um sie uns, wenigstens gegen das, was wir ihnen zum Tausch
boten, zu überlassen, und waren um soviel weniger dazu geneigt, da sie
im folgenden Jahre abgelöst zu werden hofften.

Am 20. August verließen wir Unalaschka, um längs dem festen Lande
jenseits der Schumagins-Inseln hinzuschiffen. Die Wahrheit zu
gestehen, wünschten wir uns von den russischen Inseln zu entfernen,
wo wir nichts zu hoffen hatten. Den 27. August erblickten wir die
Schumagins-Inseln, und vier Seemeilen weit von der Küste kam eine
Menge Kanus uns entgegen. Diese waren ganz von derselben Bauart wie
die auf den Fuchsinseln. Auch glichen die darin sitzenden Leute
den Eingeborenen jener Inseln in Kleidung und Sprache völlig. Die
Russen verbieten es, wie es scheint, an solchen Orten, wo sie sich
niederlassen, den Eingeborenen aus irgendeiner politischen Vorsicht,
größere Kanus zu führen als solche, die nur einen Mann fassen. Diese
Kanus sind insgesamt etwa dreieinhalb Meter lang, ein halbes Meter
breit und an beiden Enden scharf zugespitzt. In der Mitte, wo der
Ruderer sitzt, sind sie etwa ein halbes Meter tief. So gestaltete
Kanus findet man auf der ganzen Strecke von der Meerenge an, die die
beiden festen Länder trennt, bis an das Kap Edgecumbe. Einige können
drei Personen fassen, die meisten aber nur eine oder zwei. Ihr Gerippe
besteht aus sehr dünnen Latten oder Brettchen von Tannenholz, die
durch Walfischsehnen miteinander verbunden und mit einer Robben- oder
Walfischhaut, der zuvor das Haar abgeschabt wird, überzogen sind.
Der untere Rand des Rockes oder Hemdes von Leder -- der gewöhnlichen
Kleidung der hiesigen Insulaner -- verhindert, sobald er über das Loch
im Kanu des betreffenden Insassen gebunden wird, jegliches Eindringen
von Wasser. Diese Kanus werden durch Rudern äußerst schnell bewegt, und
die Eingeborenen wagen, damit bei jeder Witterung in See zu gehen.

Wir schrieben schon den 28. August, ohne von unserer Reise auch nur den
allermindesten Vorteil erzielt zu haben. Da wir indes glaubten, daß wir
alle russischen Handelsstationen jetzt hinter uns hätten, so hofften
wir, noch vor Eintritt des Winters, der schon mit starken Schritten
herannahte, Gelegenheit zu einem vorteilhaften Tausche zu bekommen.
In dieser Absicht beschlossen wir, westwärts vom Cookfluß einen Hafen
zu besuchen. Indem wir nun längs der Küste hinfuhren, sahen wir eine
weite Öffnung, die von einer Insel gebildet schien. Wir steuerten
also darauf zu. Als wir uns ihr genähert hatten, schien die Einfahrt
sich weit aufwärts in nordöstlicher Richtung zu erstrecken. Jetzt
erwarteten wir jeden Augenblick, daß die Eingeborenen zu uns kommen
würden. Wir waren zwanzig Seemeilen in der Meerenge vorwärts gekommen,
als sich das erste Kanu von der Landseite aus näherte. Es führte drei
Mann, von denen einer, ein russischer Matrose, zu uns an Bord kam.
Er war ein sehr verständiger Mensch und belehrte uns, daß dies die
Insel Kadjak sei, auf welcher die Mannschaften dreier Galeoten ihren
Posten hätten, und daß sich noch eine Insel gleichen Namens längs der
Küste befände. Diese Nachricht war nicht eben erfreulich; denn sie
vernichtete alle unsere Hoffnungen, diesseits des Cookflusses etwas
einhandeln zu können. Wir setzten also unsere Fahrt durch die Meerenge
fort, die wir, zu Ehren des Herrn William Petrie, »Petries Meerenge«
nannten, und kamen endlich bei der Landspitze, die auf Cooks Karte Kap
Douglas heißt, in den Cookfluß. Die Meerenge ist über 40 Kilometer
lang und etwa 10 Kilometer breit. Sie schneidet ein großes Stück vom
festen Lande ab, das die früheren Karten noch als zusammenhängend damit
darstellten.

Wir ankerten bei Kap Douglas, und bald darauf kamen Indianer des
Cookflusses in ein paar Kanus zu uns. Sie verkauften uns zwei oder
drei Seeotterfelle und erhielten für jedes etwa ein Pfund rohes Eisen.
Über unsere Ankunft bezeigten sie große Freude, so daß sie uns alles,
was sie in ihren Kähnen hatten, zum Geschenk anboten. Tabak wollten
sie nicht nehmen, woraus wir denn deutlich sahen, daß sie mit den
Russen noch nicht in Verbindung standen. Bei ihren wiederholten Rufen
»Englisch, Englisch« konnten wir auch nicht mehr glauben, daß wir
die ersten Engländer wären, die sie sahen. Und später zeigte sich
wirklich, daß die Schiffe »König Georg« und »Königin Charlotte« vor uns
da gewesen waren. Bald verließen uns diese Indianer mit den Kanus, um
flußaufwärts mehrere Felle zu holen.

Bereits am nächsten Tage sahen wir zwei andere große Boote mit ungefähr
18 Mann in jedem den Fluß hinunterschiffen. Es waren aber Russen, die
von einer kaufmännischen Reise in den Fluß zurückkamen. Jedes Boot
führte eine kleine Feldkanone mit sich, und jeder Mann war mit einem
kurzen Gewehr bewaffnet. Diese Russen hatten ihren Sommeraufenthalt,
nämlich die unterwärts gelegenen Inseln im Cookflusse, jetzt verlassen
und standen im Begriff, die Winterquartiere auf Kadjak zu beziehen.
Während der Zeit kam der 20. September heran und mit ihm sehr
stürmisches Wetter. Wir beschlossen daher, den Cookfluß, wo uns einige
sehr heftige Stürme so lange aufgehalten hatten, zu verlassen und uns
nach Prince-Williams-Sund zu begeben, um dort womöglich zu überwintern.
Als wir dort in der von Cook so benannten »Snug-Corner-Cove« oder
der »Bucht des sicheren Winkels« ankamen, stürmte es gewaltig. In
drei ganzen Tagen ließ sich keiner von den Eingeborenen sehen, und
wir glaubten daher schon, daß sie diese Küste verlassen und sich
südwärts begeben hätten, um den Winter bequemer hinzubringen. Auf einer
unserer Streifereien am Lande sahen wir jedoch etwas frisch mit einem
Schneidewerkzeuge abgehauenes Holz. Wir fanden auch ein Stück Bambus,
das uns überzeugte, daß ein Schiff kürzlich vor uns hier gewesen sein
mußte; und da dies der bestimmte Ort war, wo wir unsere Gefährten mit
der »Seeotter« wiederfinden sollten, so vermuteten wir, daß sie schon
wieder nach China abgesegelt wären.

Unsere jetzige Lage ließ uns also nichts als Ungemach erwarten. An
der Küste schienen gar keine Eingeborenen zu sein, die uns während
eines Winteraufenthaltes Waren zum Tausch oder Lebensmittel bringen
konnten. Andrerseits war die Witterung furchtbar geworden; es stürmte
unaufhörlich unter Schneegestöber und Schloßen. Verließen wir unsere
sichere Stätte, so war es sehr ungewiß, ob wir irgendwo einen
anderen Zufluchtsort finden und nicht genötigt sein würden, nach den
Sandwichinseln zu gehen. Dieser Schritt aber hätte wahrscheinlich der
ganzen Reise ein Ende gemacht, da unsere Leute schon anfingen, große
Unzufriedenheit an den Tag zu legen.

Wir beschlossen deshalb, den unwirtlichen Winter in
Prince-Williams-Sund allen Erquickungen der Sandwichinseln vorzuziehen,
da es uns schwerlich gelungen wäre, die Matrosen zur Rückkehr von
jenem angenehmen Aufenthalt an die amerikanischen Küsten zu bewegen.
Der Zweck der Reise und das Interesse der Eigentümer erforderten
dieses Opfer, dem wir uns auch so wie jedem anderen Ungemach willig
unterzogen. Bei einigem Nachdenken über die beschränkte Macht, die
der Befehlshaber eines Kauffahrteischiffes hat, und über den daraus
folgenden Mangel an Subordination wird man leicht begreifen können, daß
unser Entschluß, trotz aller Schwierigkeiten hierzubleiben, ein Beweis
von unserm Eifer für unsre Auftraggeber war.

Am vierten Tag besuchten uns einige Kanus, und die Eingeborenen
betrugen sich umgänglich und friedfertig gegen uns. Sie nannten uns
verschiedene englische Namen, die wir für die Namen der Leute an Bord
der »Seeotter« erkannten. Auch gaben sie uns zu verstehen, daß ein
Fahrzeug mit zwei Masten erst vor wenigen Tagen mit vielen Fellen
beladen von hier abgegangen sei; um die Menge der Felle anzudeuten,
zeigten sie uns die Haare auf ihrem Kopfe. Endlich versprachen sie
uns nach ihrer Art: wenn wir bleiben wollten, würden sie den Winter
hindurch eine Menge Seeottern für uns töten. Wir wußten nun, daß der
Sund bewohnt sei, und es fehlte uns nur noch an einem geeigneten
bequemen Winterhafen. Unsere Boote fanden einen solchen ungefähr
15 Kilometer ostnordostwärts von dem bisherigen Orte.

Dahin brachten wir am 7. Oktober unser Schiff, takelten es ab und
fingen an, uns am Lande mit der Errichtung eines Holzhauses zu
beschäftigen, das den Schmieden zur Werkstätte dienen und zugleich,
solange unser Schiff in dem jetzigen Zustand wäre, allerlei altes
Holzgerät aufnehmen sollte. Die Eingeborenen beehrten uns täglich
mit ihren Besuchen und übten sich dabei unausgesetzt in ihrem ganz
vorzüglichen Talent zum -- Stehlen. Man hatte Mühe, die Kunstgriffe zu
begreifen, mit denen sie sich eiserner Gerätschaften zu bemächtigen
suchten. Oft sah man sie den Kopf eines Nagels im Schiffe oder in den
Booten, wenn er nur ein wenig aus dem Holz herausragte, mit den Zähnen
herausziehen. Und wenn wir die verschiedenen Diebereien und die Art,
wie sie ausgeführt wurden, erzählten, so könnte mancher leicht auf den
Gedanken kommen, daß wir die diebische Geschicklichkeit dieses Volkes
auf Kosten der Wahrheit herausstreichen wollten.

Bis Mitte Oktober hatten wir noch immer erst eine geringe Anzahl von
Fellen erhandelt. Die Eingeborenen stellten sich aber in größerer
Anzahl ein und wurden so überlästig, daß wir in Verlegenheit gerieten,
wie wir uns gegen sie zu benehmen hätten. Klugheit sowohl als
Menschlichkeit geboten uns, womöglich alle gewalttätigen Züchtigungen
zu vermeiden. Indes kam es doch des öfteren vor, daß unsere Leute, die
am Lande Holz fällten oder mit dem Bau des Hauses beschäftigt waren,
sich genötigt sahen, an Bord zurückzukehren, weil die Eingeborenen aus
dem Walde hinter ihnen hervorkamen und ihnen ihr Gerät wegzunehmen
versuchten. Das Schiff lag dem Arbeitsplatz so nahe, daß wir mit unsern
Leuten am Lande sprechen konnten. Daher erhielten diese, außer wenn
ein bedachtsamer Offizier bei ihnen war, nie Erlaubnis, Schießgewehre
mitzunehmen, weil wir befürchteten, daß sie einen falschen Gebrauch
davon machen würden. Bisher hatten wir es auch überflüssig gefunden,
sie zu bewaffnen, da es uns noch jedesmal gelungen war, durch einen
einzigen Flintenschuß vom Schiffe aus die Eingeborenen zu verscheuchen.

Den 25. Oktober bemerkten wir, daß eine große Menge Indianer in die
Bucht kamen. Da wir ihrer so viele noch nicht beieinander gesehen
hatten, so riefen wir unseren Leuten zu, sie möchten sich an Bord
begeben. Als dies nicht augenblicklich geschah, gewannen die Indianer
Zeit, dem Schiffe gegenüber anzulegen und an dem Arbeitsplatze zu
landen. Zugleich stieß ein anderer Haufen aus dem Walde zu ihnen.
Vergebens wollten wir durch allerlei Zeichen den Indianern, die in
ihren Kanus gekommen waren, das Anlanden untersagen. Sie taten es zum
Trotze dennoch. Hierauf richteten wir zwei von unseren Kanonen auf
sie und erreichten dadurch unseren Zweck noch zu rechter Zeit, da sie
schon im Begriffe standen, unsern Leuten die Äxte aus der Hand zu
reißen. Sobald sie unsere Anstalten gewahr wurden, riefen sie auf ihre
gewöhnliche Art »Lali-lali«, das heißt »Freund, Freund« und breiteten
ihre Arme zum Zeichen der Freundschaft weit voneinander. Nachdem unsre
Leute sämtlich an Bord gekommen waren, glaubten wir, die Gelegenheit
benützen zu müssen, die Eingeborenen durch einen Beweis von der Wirkung
unsrer Kanonen zu erschrecken. Ein Zwölfpfünder ward mit Kartätschen
geladen und abgeschossen. Die Wirkung der Kugeln im Wasser setzte
sie in Erstaunen und in solchen Schrecken, daß die Hälfte ihre Kanus
umkippte. Hierauf lösten wir am Ufer eine dreipfündige Feldkanone,
deren Kugel auf eine ziemliche Strecke die Oberfläche des Wassers
streifte und ihnen keinen Zweifel übrigließ, daß wir unsere Kugeln
in jeder beliebigen Richtung so weit schießen könnten, wie wir Lust
hätten. Jetzt standen sie da und beratschlagten sich, wie es schien,
in nicht geringer Verlegenheit. Nun gaben wir ihnen zu verstehen,
wir hätten keineswegs die Absicht, ihnen Leids zu tun, solange sie es
friedlich und ehrlich mit uns meinten; wir wünschten weiter nichts,
als mit ihnen handeln und gegen unsere Waren Felle eintauschen zu
können. Diese Waren hielten wir ihnen vor; und nun zogen sich nach
einem wiederholten Freudengeschrei diejenigen unter ihnen, die in Felle
gekleidet waren, augenblicklich aus und verkauften uns gegen eine
mäßige Zahl großer eiserner Nägel sechzig schöne Seeotterfelle. Um uns
ihre Freundschaft zu erwerben, beschenkten wir die vornehmsten Männer
unter ihnen mit Glasperlen verschiedener Farbe. Dagegen versprachen
sie, daß sie uns Felle bringen würden, so geschwind sie dergleichen nur
herbeischaffen könnten.

[Illustration: »Lali-lali« riefen sie, das heißt »Freund, Freund«.]

Ihr Versuch, uns zu überfallen, war wohl ohne Zweifel vorher überlegt;
denn sie pflegen einander sonst nie in den erwähnten Booten zu
bekriegen und bedienen sich ihrer gewöhnlich nur, um die Greise, die
Frauen und Kinder bei Annäherung eines Feindes wegzuführen, weswegen
sie auch diese Fahrzeuge »Weiberboote« nennen. Jetzt aber hatten sie
sie dennoch gebraucht, um eine beträchtliche Menge Leute auf einmal
an Land setzen zu können, weil sie dadurch ihr Vorhaben, unsere Leute
abzuschneiden, desto sicherer bewerkstelligen konnten. Dieser Plan war
ihnen nun freilich mißlungen. Aber nichts leistete uns Bürgschaft,
daß sie in Zukunft der Gelegenheit widerstehen würden oder auch nur
widerstehen könnten, uns alles zu stehlen, was ihnen unter die Hände
käme, zumal wenn es Eisen enthielt, durch das sie immer in die äußerste
Versuchung gerieten.

In unseren jetzigen Umständen hielten wir es für ratsam, unsere
ferneren Arbeiten am Land einzustellen. Wir fingen daher an, das Schiff
mit Sparren zu bedecken und von allen Seiten einzufassen, wie wir es
schon zur Hälfte getan hatten. Unglücklicherweise fiel jetzt der Schnee
in solchen Mengen und lag auf dem Lande so tief, daß wir zu unserem
größten Mißvergnügen diese Arbeit nicht vollenden konnten. Soweit die
Bedeckung fertig war, diente sie uns, eine Stelle zum Auf- und Abgehen
trocken zu halten, und schützte das Verdeck gegen Kälte. Sie gab zu
gleicher Zeit für den Notfall eine hinlängliche Befestigung ab gegen
jeden Angriff, den etwa die Eingeborenen wagen konnten, da von einer
anderen Seite das Eis, das sich überall um uns her zu bilden anfing,
ihnen einen sehr beträchtlichen Vorteil gab. Allein, die Neigung
unserer wilden Nachbarn mochte noch so feindselig sein: der Schrecken
über die Wirkung unsrer Kanonen hatte sie zu größter Freundlichkeit und
Friedfertigkeit gebracht.

[Illustration]

Am 31. Oktober fiel das Thermometer bis zum Gefrierpunkt, und die
Morgen und Abende waren schon empfindlich kalt. Bisher hatten wir
Lachse in Menge gefangen. Nunmehr aber fingen die Fische an, sich
aus den kleinen Flüssen fortzuziehen. Wir taten jetzt mit dem großen
Netze zwei Züge in einem Teiche zwischen den benachbarten Bergen und
fingen so viele Fische, als wir auf den Winter einsalzen konnten. Um
etwas für den täglichen Bedarf zu erhalten, schickten wir jeden Morgen
zwei Mann aus, die nach zwei Stunden mit so vielen Fischen, als sie
tragen konnten, wiederkamen. Die Art, wie wir hier die Fische fingen,
hatte etwas Lächerliches. Man stellte sich an den Abfluß des vorhin
erwähnten Teiches, wo er sich in das Meer ergießt und kaum über einen
Meter tief ist. Sowie nun die Fische hindurchschwammen, schlug man sie
mit einer Keule auf den Kopf. Man kann sich leicht denken, daß sich
unsere Matrosen den Zeitvertreib gefallen ließen, der unserem Tisch so
üppige Mahlzeiten brachte. Doch die Tage des Überflusses waren bald zu
Ende. Die Gänse und Enten, mit denen wir uns ohne Unterlaß versehen
hatten, sammelten sich jetzt in großen Zügen und flogen südwärts. Die
Eingeborenen hatten uns zuweilen wilde Ziegen gebracht, die einzigen
Landtiere, die wir bei ihnen wahrnahmen. Wir verließen uns auch darauf,
daß sie uns den Winter hindurch wenigstens mit einigen Arten von
Lebensmitteln aushelfen würden. Allein, statt dessen war am 5. November
kein Vogel mehr zu sehen, und in den Wäldern, wo der trockene Schnee
jetzt mindestens anderthalb Meter hoch lag, konnte man unmöglich noch
fortkommen. Die Fische hatten alle Buchten und kleinen Häfen verlassen,
und das Eis sperrte uns auf allen Seiten ein. Die fürchterlichen
Gebirge, die wir überall sahen, waren jetzt bis an den Rand des Wassers
mit Schnee ganz weiß bekleidet, und den Eingeborenen blieben nun keine
anderen Nahrungsmittel übrig als Walfleisch und -speck, den sie für
den Winter bereitet hatten. Vom 2. November an hielt das Eis um das
Schiff schon recht gut. Unsere Leute liefen daher zum Zeitvertreibe
Schlittschuh und ergötzten sich auch sonst auf dem Eise, so daß
Munterkeit und Bewegung nicht wenig zu ihrer Gesundheit beitrugen, bis
endlich der Schnee auf dem Eise ebenso hoch lag als auf dem Lande.

Den November und Dezember hindurch erfreuten wir uns einer
vortrefflichen Gesundheit. Die Eingeborenen setzten ihr
freundschaftliches Betragen gegen uns fort, bis auf das Stehlen,
wovon sie sich durch nichts entwöhnen ließen, und dem sie bei jeder
Gelegenheit und trotz äußerster Wachsamkeit frönten.

Das Thermometer stand im November zwischen 3-4° Kälte, aber im Dezember
fiel es auf 12° unter Null und blieb da fast den ganzen Monat stehen.
Wir hatten zu gleicher Zeit nur einen schwachen Schimmer von Licht;
denn die Mittagssonne stand nur sehr wenig über dem Horizont, und die
hohen, südlich gelegenen Gebirge raubten uns ihren Anblick. Hier, wo
wir gleichsam eingekerkert und von dem erheiternden Lichte, von der
belebenden Wärme der Sonnenstrahlen abgeschieden waren, hatten wir
überdies auch keine andere Art von Genuß, die der Einöde um uns her zum
Ersatz hätte dienen können. Die furchtbar hohen Gebirge raubten uns
beinahe den Anblick des Himmels und warfen ihre nächtlichen Schatten
mitten am Tage über uns her. Aber auch das Land war wegen des tiefen
Schnees unzugänglich; wir hatten also keine Hoffnung, solange der
Winter währte, außerhalb des Schiffes und unserer eigenen Gesellschaft
Erholung, Hilfe oder Erleichterung zu finden. Dies war indes nur der
Anfang unserer Mühseligkeiten.

Das neue Jahr setzte mit einem verstärkten Grade von Kälte ein, und
darauf folgten sehr schwere Schneefälle, die bis zur Mitte des Januars
anhielten. Unser Verdeck konnte jetzt dem harten Frost der Nächte
nicht länger widerstehen, und seine untere Decke war zolldick mit
einem schneeähnlichen Reif besetzt, ungeachtet täglich zwanzig Stunden
lang drei Feuer brannten, die, wenn sie angezündet wurden, durch
das Auftauen eine kleine Überschwemmung verursachten. Eine Zeitlang
unterhielten wir das Feuer Tag und Nacht. Der Ofen jedoch, den wir uns
aus der Schmiedeesse verfertigt hatten, rauchte so unleidlich, daß die
Matrosen, von denen jetzt einige kränkelten, fest überzeugt waren, ihr
Übelbefinden sei ihm allein zuzuschreiben. Nach dem großen Schneefall
legten sich zwölf Mann, die an Skorbut litten. Gegen das Ende des
Monats starben vier von ihnen, und die Zahl der bettlägerigen Kranken,
unter denen auch der Wundarzt sehr gefährlich daniederlag, stieg auf
23. Unser erster Offizier empfand einen leichten Schmerz auf der
Brust, ein Symptom, das gewöhnlich einen schlimmen Ausgang in wenigen
Tagen andeutete. Er vertrieb ihn indes dadurch, daß er unaufhörlich
junge Tannenzweige kaute und den Saft hinunterschluckte. Der widrige
Geschmack dieser Arznei jedoch war schuld, daß sich die wenigsten
Kranken bereden ließen, mit dem Gebrauche fortzufahren.

Gegen Ende Februar hatte die Krankheit so weit um sich gegriffen,
daß nicht weniger als dreißig von unseren Leuten gänzlich entkräftet
waren und sich nicht mehr aus ihren Hängematten erheben konnten.
Vier von ihnen starben während dieses Monats. Unsere Vorräte waren
jetzt schon so erschöpft, daß wir, wenn auch die heftigsten Anzeichen
allmählich nachließen, doch keine geeigneten Speisen hatten, mit denen
der Krankheit beizukommen war. Zu dieser traurigen Lage kam noch die
Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit unserer Leute, die schon das
geringste Zeichen der Krankheit für einen Vorboten des Todes hielten.
Während der Monate Januar und Februar blieb das Thermometer öfters auf
10° unter dem Gefrierpunkt. Dieser großen Kälte ungeachtet besuchten
uns die Eingeborenen wie gewöhnlich und stets nur in ihren Jacken aus
Robben- oder Seeotterfellen, und zwar meistens aus letzteren, wobei
sie den Pelz auswärtsgekehrt trugen. Dieser Anzug schützte nur den
Körper und ließ die Füße bloß; aber sie schienen deshalb kein Ungemach
zu spüren. An Mundvorrat mochte es ihnen ebensosehr wie uns fehlen.
Wir hatten einige Tonnen Tran stehen, den wir als Öl gebrauchten. Auf
diese Leckerei pflegten sie sich, sooft sie an Bord kamen, unter dem
Vorwande, daß sie wegen des stürmischen Wetters nicht auf die Waljagd
gehen könnten, bei uns zu Gaste zu bitten. Zu ihrer größten Freude und
Zufriedenheit schlugen wir ihnen diesen Leckerbissen nie ab. Ihrer
Meinung nach wütete die schreckliche Krankheit nur deshalb unter uns,
weil wir uns nicht von dieser leckern und gesunden Speise nähren
wollten.

Es nahm uns wunder, daß sie nicht nur um den Tod unsrer Leute wußten,
sondern auch die Stellen kannten, wo sie begraben lagen. Sie zeigten
besonders an den Rand des Ufers zwischen die Spalten des Eises hin,
wo wir mit großer Mühe ein nicht gar tiefes Grab für unsern Bootsmann
zustande gebracht hatten, der, als er noch lebte, anfangs ihre
Aufmerksamkeit erregte und hernach ihre Achtung erlangte, weil er mit
seiner Pfeife die Mannschaft zusammenrief. Schon besorgten wir, daß
sie diese traurigen Feierlichkeiten nur darum belauscht haben möchten,
damit sie die Leichname wieder ausgraben und ein Kannibalenfest damit
abhalten könnten; denn wir zweifelten gar nicht, daß wir es mit
Menschenfressern zu tun hätten. Indessen entdeckten wir bald, daß sie
zwar beständig lauerten, aber nur in der Absicht, andere Haufen von
Eingeborenen abzuhalten, daß sie nicht mit uns handeln sollten, ohne
ihnen etwas von dem Gewinne abzugeben. Nach ihren täglichen Besuchen zu
urteilen, hätte man glauben sollen, ihre Wohnungen, obgleich wir noch
nie eine entdeckt hatten, müßten in der Nähe sein. Jetzt aber erfuhren
wir, daß sie ein streifendes Volk ohne feste Wohnplätze wären und da
schliefen, wo sie könnten oder Lust hätten. Ja, daß sie sogar zwischen
Tag und Nacht keinen Unterschied machten, sondern bald zu dieser, bald
zu jener Zeit umherwanderten. Des Nachts zündeten sie nie ein Feuer
an, aus Furcht, von anderen Stämmen, mit denen sie in unaufhörlicher
Feindschaft zu leben schienen, überfallen zu werden. Diese Feinde
hätten aber über das Eis zu ihnen kommen müssen; denn von Schneeschuhen
wußten sie nichts, und ohne diese konnte man unmöglich durch die Wälder
dringen.

Der Monat März erleichterte unsere Leiden nicht; er war ebenso kalt
wie die beiden vorhergehenden. Im Anfang fiel noch eine Menge Schnee,
wobei die Anzahl unsrer Kranken sich wieder vergrößerte und der Skorbut
an denen, die ihn schon hatten, noch heftiger wütete. Während dieses
Monats hatten wir die traurige Pflicht, den Leichen unseres Wundarztes
und Lotsen die letzte Ehre zu erweisen. Diese Unfälle trafen uns sehr
schwer; und der Verlust des Wundarztes zu einem Zeitpunkt, da ärztliche
Hilfe uns so notwendig war, wird erkennen lassen, daß unser Elend den
höchsten Grad erreicht hatte.

Unser erster Offizier fühlte wieder eine Anwandlung seiner
Unpäßlichkeit und nahm seine Zuflucht abermals zu dem Mittel, das
ihm bereits so heilsame Dienste geleistet hatte. Er machte sich
Bewegung und nahm den Saft des Tannenbaums ein. Eine Abkochung von
Tannensprossen, die er sich hergestellt hatte, schmeckte sehr ekelhaft
und blieb, auch sehr verdünnt, nicht leicht im Magen. Sie wirkte
vielmehr zu wiederholten Malen als ein Brechmittel, ehe man davon
Fortschritte in der Kur bemerkte. Aber vielleicht kam gerade das
Erbrechen, indem dadurch die ersten Wege gereinigt wurden, den ferneren
heilsamen Wirkungen dieses antiskorbutischen Mittels zustatten. Der
zweite Offizier und einer oder ein paar von den Matrosen beharrten
bei ebender Methode, hatten denselben guten Erfolg und erholten sich
aus einem sehr entkräfteten Zustande. Unglücklicherweise ist eines
der schlimmsten Symptome dieser traurigen Krankheit eine gänzliche
Abneigung gegen alle Bewegung und ein Schmerz, der an die heftigsten
Qualen grenzt, sooft man es nur versucht, sich Bewegung zu machen, die
doch das wesentlichste Heilmittel zu sein scheint.

Nachdem wir unsern Wundarzt verloren hatten, fehlte es uns nun gänzlich
an allem ärztlichen Beistande. Soweit die zärtlichste und wachsamste
Sorge den Kranken Erleichterung schaffen konnte, erhielten sie diese
von mir, von dem ersten Offizier und einem Matrosen, den einzigen
Personen, die noch imstande waren, ihnen diesen Dienst zu leisten.
Wir mußten aber noch mit Jammer sehen, daß die schreckliche Krankheit
allmählich einen nach dem andern von unserer Mannschaft hinwegriß. Nur
zu oft ward ich zu der schauerlichen Arbeit gerufen, die Leichname über
das Eis zu schleppen und sie in ein nicht tiefes Grab zu legen, das
wir mit unseren eigenen Händen ausgehauen hatten. Der Schlitten, auf
dem wir unser Holz holten, war ihre Bahre, die Spalten im Eis wurden
ihre Gruft. Doch diese unvollkommene Totenfeier ward von einer so
wahren und aufrichtigen Betrübnis begleitet, wie sie nicht einmal den
Stolzen bei ihren prunkenden Leichenbegängnissen in die Totengewölbe
folgt. Fürwahr, das einzige Glück, die einzige Erleichterung in unserem
Elend bestand darin, daß wir uns zuweilen von dem Schiffe entfernten,
um in der Einsamkeit das Geächze der Leidenden nicht zu hören und
unsere rettungslose Lage zu vergessen. Alle herzstärkenden Mittel
waren längst aufgebraucht, und es blieb uns zur Speise für die Kranken
nichts anderes als Zwieback, Reis und ein geringer Vorrat an Mehl.
Wir hatten weder Wein noch Zucker mehr für sie. An gesalzenem Rind-
und Schweinefleisch fehlte es uns zwar nicht; allein, wäre das jetzt
auch eine geeignete Kost für uns gewesen, so hätte doch der Abscheu,
den unsere Leute vor ihrem bloßen Anblicke zeigten, alle heilsamen
Wirkungen vereitelt. Fische und Geflügel konnten wir jetzt im Winter
nicht mehr bekommen. Zu den seltensten Leckerbissen gehörte zuweilen
eine Krähe oder eine Seemöwe, und ein wahrer Schmaus waren die Adler,
von denen wir einige erlegten, da sie um uns herschwebten, als ob sie
vielmehr uns zum Raube ausersehen hätten, anstatt uns zur Speise dienen
zu sollen. Endlich mußten wir uns wider Willen entschließen, unsere
Ziege und den Ziegenbock, die auf der ganzen Reise unsere Gefährten
gewesen waren, abzuschlachten, um die Kranken vierzehn Tage lang mit
der Brühe und anderen Zubereitungen von ihrem Fleische zu erquicken.

Ende März kam heran, ohne daß die Witterung sich änderte. Die Kälte
dauerte mit unerbittlicher Strenge fort. Doch flößte uns der Anblick
der Sonne, wenn sie am Mittag nur eben über die Gipfel der Gebirge
hervorkam, einige Hoffnung ein. Das Thermometer hatte diese Zeit über
meistenteils auf 10° unter Null gestanden.

In den ersten Tagen des Aprils hatten wir harten Frost und heftige
Stürme, und auch noch gegen die Mitte des Monats stürmte es einige
Male fürchterlich von Süden her. Diese Winde jedoch bringen hier den
Sommer mit, so wie die Nordwinde gewöhnlich im Sommer herrschen.
Der veränderte Wind verursachte, wie man sich vorstellen kann, eine
merkliche Änderung in der Lufttemperatur. Allein, er brachte daneben
Schnee in großer Menge, und da er nicht anhielt, sondern bald wieder
der Nordwind an seine Stelle trat, so ward die Kälte wieder so streng
wie zuvor. Gegen Ende des Aprils kämpften diese entgegengesetzten
Winde unaufhörlich gegeneinander; und dies war um so lästiger, als
es trübes Nebelwetter verursachte. Während des Südwindes wurden die
Kranken elender. Wir hatten in diesem Monat vier Europäer und drei
Laskaren zu begraben. Der zweite Offizier und der Matrose, die sich
zum Gebrauche des Tannensaftes entschlossen hatten, fühlten sich jetzt
soweit wiederhergestellt, daß sie auf das Verdeck kamen und den kurzen,
aber willkommenen Sonnenschein genossen. Dieser Umstand bewog manchen
von unseren Kranken, sich an den Tannensprossensaft zu halten, und
einige ließen sich auch bereden, damit fortzufahren. Die meisten aber
bekümmerten sich nicht darum und blieben fest entschlossen, nach ihrem
derben Ausdruck, lieber allmählich zu verrecken, als die Qual eines so
ekelhaften und peinlichen Heilmittels zu erdulden.

Gegen Ende des Monats stieg das Thermometer in der Mittagssonne bis
zum Gefrierpunkt. Aber in der Nacht fiel es wieder ziemlich tief.
Während der letzten drei Tage im April brachten uns die Eingeborenen
einige Seevögel und Heringe. Die Fische verteilte ich selbst unter
die Kranken; und keine Worte können die Freude schildern, die beim
Anblick dieser wohltätigen und erquickenden Speise aus ihren hageren
Gesichtern hervorleuchtete. Ich versäumte es nicht, die Eingeborenen
auf alle Art und Weise aufzumuntern, daß sie fortfahren möchten, uns
mit diesem stärkenden Nahrungsmittel ununterbrochen zu versorgen.

Jetzt fingen sie auch an, uns mit der Versicherung zu trösten, daß
die Kälte bald ein Ende haben würde. Sie hatten uns durch Herrechnen
der Monde jederzeit zu verstehen gegeben, daß der Sommer Mitte Mai
anfinge. Jetzt beschrieb die Sonne schon einen großen Kreis über die
Berge, und in der Mitte des Tages war sie uns sehr erquickend. Wir
erhielten auch öfters Fische und wagten es wieder, uns mit der Hoffnung
zu schmeicheln, daß wir Übriggebliebenen noch diesem öden, unwirtlichen
Lande entrinnen und wieder in unser Vaterland zurückkehren könnten.
Diese Gedanken belebten unsere Kranken so sehr, daß sie sich auf das
Verdeck bringen ließen, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Viele von
ihnen wurden indes ohnmächtig, sobald sie an die frische Luft kamen.
Seltsam war es auch, daß viele dem Anschein nach noch eine erstaunliche
Lebhaftigkeit des Geistes behalten hatten und, solange sie im Bette
lagen, wie gesunde Leute von allem sprechen und alles vernehmen
konnten, hingegen bei der geringsten Bewegung, ja, wenn man nur die
Seiten der Hängematten berührte, die heftigsten Schmerzen bekamen und
von einer Ohnmacht in die andere fielen, so daß man jeden Augenblick
ihr Ende erwarten mußte. In diesem Zustande blieben sie dann länger als
eine halbe Stunde, ehe sie sich wieder erholten.

Bis zum 6. Mai veränderte sich alles um uns her auf eine erstaunliche
Art. Diejenigen Matrosen, die nicht gar zu sehr entkräftet waren,
erholten sich nach Gebrauch des Saftes mit einer ans Wunderbare
grenzenden Geschwindigkeit. Wir hatten Fische, soviel wir nur
verlangten, und wurden von den Eingeborenen mit vielen Seevögeln
versorgt. Auch hatten wir schon manchen Zug wilder Enten und Gänse über
unsere Köpfe wegfliegen sehen, leider aber war uns noch keiner der
Vögel nahe genug vor die Flinte gekommen.

Am 17. Mai kam eine Gesellschaft von Indianern, die den Häuptling
dieses Sundes namens Schenowäh an ihrer Spitze hatte, mit großer
Feierlichkeit an Bord, um uns wegen der Rückkehr des Sommers zu
beglückwünschen. Sie berichteten uns zugleich, daß sie zwei Schiffe
in See erblickt hätten. Diese Nachricht ward uns verschiedentlich von
andern Wilden bestätigt. Wir wagten es aber kaum, sie zu glauben, bis
am 19. die Ankunft zweier Kanus, die ein europäisches Boot geleiteten,
sie bewahrheitete. In diesem Boote besuchte uns Kapitän Dixon,
Kommandant der »Königin Charlotte«, die zugleich mit dem »König Georg«
unter Kapitän Portlock von London auf der Montague-Insel angelangt
war, wo Dixon auf die ihm von den Indianern übermittelte Nachricht die
Schiffe verlassen hatte, um uns zu besuchen.

Wenn man alle Umstände berücksichtigt, wird man nicht umhin können,
diese Zusammenkunft für etwas Außerordentliches zu halten. Und erwägt
man die schauderhafte Lage unserer Mannschaft, ihre Krankheit, ihre
Betrübnis, ihre lange Abgeschiedenheit und die tötende Furcht, daß
selbst, wenn nun die günstigere Jahreszeit einsetzte, ihre Entkräftung
und der Zustand des Schiffes ihnen dennoch die Abreise unmöglich machen
würden, so wird man sich nicht wundern, daß Kapitän Dixon von uns wie
ein Rettungsengel mit Freudentränen bewillkommnet ward.

Gegen den 12. Mai wirkte die Mittagssonne bereits sehr kräftig, und der
anhaltende Südwind machte die Luft mild und angenehm. Das Thermometer
stand den Tag über im Schatten auf 5° Wärme. Aber in der Nacht fiel
es wieder zum Gefrierpunkt, und alsdann überzog sich das, was bei
Tage aufgetaut war, mit einer dünnen Eiskruste. Die große Eismasse,
die uns umgab, fing nun an, sich vom Ufer zu trennen. Die Flut, die
hier 18 Meter steigt und fällt, zerbröckelte sie unaufhaltsam, und
zugleich führte das vom Auftauen im Lande abfließende Wasser ganze
Stücke Eis mit sich in See. Bald nachher taute alles um das Schiff her
auf, und wir sahen mit Vergnügen, daß es sich wieder um seinen Anker
bewegte. Unsere Kranken näherten sich zusehends ihrer Genesung, wiewohl
ihrer zwei, ungeachtet der rückkehrenden Sonne und unserer äußersten
Sorgfalt, die Zahl der Opfer vermehrten, denen das Schicksal ihren
letzten Schlaf an diesen grauenvollen Ufern bestimmt hatte. Das Land
blieb noch immer mit Schnee bedeckt, und außer Tannensprossen zeigte
sich uns keine erreichbare Spur von Pflanzenwachstum. Wir mußten uns
übrigens glücklich preisen, daß der strenge Winter uns noch diese
gelassen hatte, und daß sie jedem, der anhaltenden Gebrauch davon
machte, ein wirksames Heilmittel wurden.

Am 17. Mai löste sich in der ganzen Bucht alles Eis, und da wir
uns wieder in offenem Wasser befanden, so erquickte die Hoffnung,
jetzt bald diese Szenen des Grauens und Leidens zu verlassen, unsere
erschöpften Gemüter mit unaussprechlichem Troste.

Die Zahl der von uns hier festgestellten Indianer betrug nicht über
fünf- bis sechshundert. Sie sind eine starke, grobknochige Rasse und
wohl etwas größer als der Durchschnittseuropäer. Sie haben weder
Städte noch Dörfer oder sonst einen beständigen Wohnort, sondern
wandern unaufhörlich im Sunde auf- und abwärts, wie Laune und Not
sie dazu treiben. Diesen ganzen Bezirk halten sie für ihr Eigentum
und dulden darin keinen anderen Stamm, den sie mit ihrer Übermacht
abhalten können, außer wenn er ihnen einen Tribut dafür entrichtet.
Dringt aber, wie es zuweilen geschieht, ein stärkerer Stamm in das
Gebiet, so ziehen sie sich auf gewisse Felsengipfel zurück, die nur
vermittels einer Leiter, die man nach sich hinaufnimmt, zugänglich
sind. Dahin schleppen sie sogar ihre leichtgebauten Kanus. Sie haben
einen Häuptling. Schenowäh, der jetzige, war ein ganz alter Mann
und fast gänzlich wieder zum Kinde geworden. Als er im verflossenen
Herbste den ersten Besuch bei uns machte, brachte er drei Frauen mit,
die er uns als seine Gattinnen bezeichnete. Wir erwiesen ihnen daher
gebührende Aufmerksamkeit und beschenkten sie mit allerlei Sachen, von
denen wir vermuten konnten, daß sie ihnen Freude machen würden. Außer
diesen haben wir nur noch drei oder vier andere von den Frauen der
Eingeborenen gesehen. Wir hätten sehr gewünscht, einen von ihren Knaben
bei uns zu behalten, um von ihren Sitten und ihrer Sprache einiges zu
erlernen. Allein, sie weigerten sich beständig, unser Verlangen zu
erfüllen, wenn nicht auch wir einen von unseren Leuten bei ihnen lassen
wollten. Der Häuptling selbst traute sich nicht, an Bord zu kommen,
wenn nicht während des Besuchs einer von unseren Matrosen in seinem
Kanu blieb.

Im Oktober 1786 brachte uns der Häuptling eine junge Frauensperson und
bot sie uns zum Kaufe an. Wir erhandelten sie für eine kleine Axt und
eine geringe Menge Glasperlen. Anfänglich glaubten wir, sie sei eine
von seinen eigenen Frauen; allein, sie gab uns bald zu verstehen, daß
sie eine Kriegsgefangene und nebst einer Anzahl von Landsleuten ihren
Feinden in die Hände gefallen sei. Die anderen wären alle getötet und
verzehrt worden, was das allgemeine Los der Kriegsgefangenen sei. Sie
allein hätte man leben lassen, damit sie den Frauen des Häuptlings
aufwarten solle, die jetzt vermutlich ihrer Dienste überdrüssig oder
vielleicht gar eifersüchtig auf sie geworden waren. Sie blieb beinahe
vier Monate lang bei uns und schien sehr zufrieden mit ihrer Lage. Wir
erfuhren von ihr, daß sie zu einem weiter südwärts wohnenden Stamme
gehöre. Wir hatten uns vorgenommen, im folgenden Sommer längs der Küste
hinzufahren, Pelzwerk einzuhandeln und sie ihren Verwandten wieder
zurückzugeben, wenn nicht die Unglücksfälle, die uns hier trafen, diese
Absicht gänzlich vereitelt hätten. Die Einwohner des Sundes schilderte
sie uns jederzeit, wir wissen freilich nicht mit welchem Rechte, als
die wildesten Leute an der ganzen Küste, wobei sie immer wiederholte,
daß nichts als die Furcht vor unseren Kanonen sie abhielte, uns
totzuschlagen und zu verspeisen.

Während des harten Frostes im Januar und Februar besuchten uns einige
fremde, weiter südwärts wohnende Stämme aus der Nachbarschaft ihres
Volkes. Durch diese Stämme schickte unser Mädchen eine Einladung
an ihre Verwandten, uns zu besuchen. Wir fügten ein Geschenk von
Glasperlen hinzu, um jene zu diesem Besuch aufzumuntern. Das Mädchen
bestimmte uns die Zeit, da wir ihre Ankunft erwarten könnten, und
wirklich erschienen sie ziemlich genau zu dem angegebenen Termin in
drei einzelnen Kanus und brachten einen geringen Vorrat an Pelzwerk
mit. Das Mädchen bat uns dringend um die Erlaubnis, mit ihnen zu
reisen. Da wir uns aber von den Nachrichten, die sie uns geben konnte,
einigen Vorteil für den Sommer versprachen, so erhielt sie eine
abschlägige Antwort. Während indes einmal unsere Leute zum Frühstück
gegangen waren, benutzte sie die Zeit, um in die Kanus zu entkommen,
und wir haben sie nie wiedergesehen. Damals, als das Mädchen uns
verließ, hatte der Skorbut noch nicht mit der Bösartigkeit wie später
um sich gegriffen. Doch gab sie uns zu erkennen, daß auch ihr Volk
an dieser Krankheit litte, daß man aber, sobald sich die Anzeichen
bemerkbar machten, südwärts in ein besseres Klima zöge, wo Fische in
Menge zu haben wären, die die Heilung stets bewirkten.

Die Einwohner des Sundes halten ihr Haar ziemlich kurz und hinten und
vorn in gleicher Länge. Daher hängt es ihnen gewöhnlich so ins Gesicht,
daß sie, Männer wie Frauen, es unaufhörlich wegstreichen müssen, um
nur vor sich hinsehen zu können. Die Männer haben durchgehends einen
Schnitt in der Unterlippe, zwischen dem vorstehenden Teil der Lippe
und dem Kinn, und zwar in gleicher Richtung mit dem Munde, so daß
der Einschnitt einem zweiten Munde ähnlich sieht. Die Knaben haben
an derselben Stelle zwei, drei oder vier Löcher. Vielleicht ist also
dieser Einschnitt ein Zeichen der Mannbarkeit. Die Frauen haben
ebensolche Öffnungen wie die Knaben und stecken kleine Stückchen von
Muscheln hinein, die wie Zähne aussehen. Männer und Frauen durchbohren
den Nasenknorpel und tragen gewöhnlich einen großen Federkiel oder
ein Stück Baumrinde darin. Bärte, die man freilich gewöhnlich nur
an bejahrten Personen sieht, haben sie auf der Oberlippe und am
Kinn; im Winter hängen oft Eiszapfen daran. Die Jüngeren reißen
sich scheinbar die Haare aus, sobald sie zum Vorschein kommen. Ihre
Backenknochen sind hoch hervorstehend, ihre Gesichter rund und
platt, die Augen schwarz und klein, das Haar pechschwarz. Ihr ganzer
Anblick ist wild und gräßlich. Die Ohren werden mit vielen Löchern
durchbohrt, in denen Gehänge von Knochen oder Muschelwerk befestigt
werden. Sie bedienen sich einer Art von roter Farbe, um sich Hals
und Gesicht zu beschmieren. Wenn ihnen aber ein Verwandter stirbt,
so brauchen sie dafür schwarze Farbe. Ihr Haar ist beinahe ganz mit
Vogeldaunen bedeckt. Ihre Kleidung besteht in einem einfachen Rock
von Seeotterfell, der bis auf die Knie herunterhängt und ihre Füße
unverhüllt läßt. In ihren Kanus bedienen sie sich einer anderen
Kleidung, die sie aus den Därmen des Wals verfertigen. Sie bedecken den
Kopf damit und binden die herabhängenden Schöße um das Loch fest, in
dem sie sitzen. Auf diese Weise kann kein Wasser in das Boot dringen,
und sie sitzen trocken und warm. Eigentlich ist dieses ihr Hauptanzug,
da sie bei weitem den größten Teil ihres Lebens in ihren Kanus
zubringen. Man findet in den hiesigen Waldungen alle die verschiedenen
Arten des Tannengeschlechts, die an der jenseitigen Küste von Amerika
gedeihen. Ferner Schlangenwurz und Ginseng, wovon die Eingeborenen
immer etwas als Arznei bei sich führen, obwohl wir es nie in Mengen
auffinden konnten.

Die Wälder sind sehr dicht und erstrecken sich über zwei Drittel der
ganzen Höhe der Gebirge, die oben in ungeheuren, nackten Felsenmassen
endigen. Die schwarze Kiefer, die hier in großer Menge wächst, liefert
sehr gute Segelstangen. Auch bemerkten wir bei unserer Ankunft im Sunde
im September einige schwarze Johannisbeersträucher, aber sonst keine
andere Art von Früchten oder Gemüsekräutern. Damals waren die Höhen
auch schon mit Schnee bedeckt und die niedrigen Gründe durch die Ströme
geschmolzenen Schnees von oben her gänzlich überschwemmt.

Die einzigen Tiere, die wir hier sahen, waren Bären, Füchse, Marder,
wilde oder Bergziegen und Hermeline. Von den letzteren töteten wir nur
zwei Paar, die von verschiedenen Gattungen waren.

Zur Zugzeit sahen wir Gänse in großer Menge nebst mancherlei anderen
Wasservögeln. Aber außer Krähen und Adlern kamen uns keine in den
hiesigen Wäldern einheimische Vögel zu Gesicht. Das Eisen hatte von
all unseren Waren den höchsten Wert für die Indianer, und sie wählten
vorzüglich solche Stücke, die an Gestalt der Spitze einer Lanze ähnlich
sahen. Grüne Glasperlen waren ebenfalls sehr begehrt, zu anderen Zeiten
aber wieder blaue und rote. Die Indianer bezeigten auch viel Vergnügen
an unseren wollenen Jacken und an allen alten Kleidungsstücken der
Matrosen.

Ihre Nahrung besteht gänzlich in Fischen; vorzugsweise aber essen sie
den Wal. Weil Öl und Tran ihnen als größte Leckerbissen gelten, sind
ihnen natürlicherweise die öligen Fische am liebsten. Sie pflegen
sie sehr selten zuzubereiten. Wenn es aber geschieht, so zünden sie
ein Feuer an, indem sie einige trockene Stücke Tannenholz aneinander
reiben. Sie verfertigen sich wasserdichte Körbe und legen heiße Steine
hinein, um das Wasser und die Fische zu kochen. Allein, selten geben
sie sich die ihres Erachtens entbehrliche Mühe, ihre Speisen auf
diese Art zu bereiten. In den kältesten Wintertagen sahen wir sie nie
von ihren Küchen Gebrauch machen; doch konnte das vielleicht auch
von Nebenumständen abhängen, die ihnen gerade damals die Kocherei
erschwerten.

Unstreitig sind diese Menschen eine sehr rohe, wilde Rasse und besitzen
einen ungewöhnlichen Grad von Unempfindlichkeit gegen körperlichen
Schmerz. Hiervon sahen wir ein auffallendes Beispiel bei folgender
Veranlassung: während des Winters hatte man unter allerlei anderem
Kehricht auch einige zerbrochene Flaschen aus dem Schiffe geworfen.
Einer von den Indianern, der den Haufen nach tauglichen Gegenständen
untersuchte, schnitt sich mit einer Glasscherbe sehr tief in den Fuß.
Sobald wir ihn bluten sahen, zeigten wir ihm, was ihn verwundet hatte,
verbanden ihn und gaben ihm zu verstehen, dies sei die Heilmethode,
deren wir uns in ähnlichen Fällen bedienten. Allein, jetzt machte er
mit seinen Gefährten unser ganzes Verfahren lächerlich. Sie ergriffen
auf der Stelle die Glasscherben und zerfetzten sich damit Arme und
Beine auf eine fürchterliche Art, wobei sie uns belehrten, daß ihnen
nichts Derartiges schaden könne.

Mit unbegrenzter Freude verließen wir am 21. Juni die Bucht, die Heimat
eines Volkes von solchem Charakter und von solchen Sitten, in der wir
den strengsten Winter überdauert hatten. Am folgenden Abend waren wir
in offener See. Unsere ganze Mannschaft bestand aus 24 Mann, mich, die
Offiziere und die beiden Matrosen mitgerechnet, die von dem Schiffe
»König Georg« zu uns gekommen waren. Dreiundzwanzig Menschen hatten wir
leider in dem unwirtlichen Sunde begraben. Die Übriggebliebenen waren
indes guten Mutes, wennschon es einigen noch an Kräften fehlte, selbst
an Bord zu gehen.

Kaum hatten wir uns vom Lande entfernt, so blieb der Wind südlich
und hüllte uns in einen dichten Nebel. Diese Witterung, die uns in
unserm erschöpften Zustande kaum erträglich war, brachte uns zu dem
Entschlusse, in der Nähe der Küste zu segeln.

Zehn Tage lang hatten wir die See gehalten, ohne weiter südwärts als
zum 57. Grad zu kommen. Unsere Leute, die auf dem Verdeck durchnäßt
wurden, klagten über Schmerzen in den Beinen. Und diese schwollen ihnen
dermaßen, daß einige das Bett hüten mußten. Hierauf beschlossen wir,
landwärts zu steuern, da die Küste nur 40 Seemeilen entfernt war. Wir
erblickten bald einen hohen Pik von sonderbarer Gestalt; und nicht
weniger sonderbar waren sowohl dem äußeren Ansehen nach wie in ihren
Sitten auch die Einwohner in dessen Nachbarschaft.

Sobald wir uns dem Lande genähert hatten, kamen uns eine große Menge
Kanus entgegen, die sich von denen im Prince-Williams-Sunde an Gestalt
sehr unterschieden. Sie bestanden aus einem einzigen Baumstamme, und
viele waren zwischen fünfzig und siebzig Fuß lang, aber sehr schmal,
nämlich nicht breiter als der Baum. Die Frauen waren die seltsamsten
und greulichsten Menschengestalten, die wir jemals gesehen hatten. Wie
die Männer im Prince-Williams-Sund hatten sie alle einen Einschnitt in
der Unterlippe. Doch mit dem Unterschied, daß er hier viel breiter war
und auf jeder Seite um einen guten Zoll mehr in die Wange hineinging.
In dieser Öffnung tragen sie ein eirundes Stück Holz, wenigstens von
sieben Zoll Umfang und einem halben Zoll Dicke, das rings um den Rand
eine Hohlkehle hat, damit es in der Lippenspalte festgehalten werden
kann. Vermittels dieser scheußlichen Erfindung ziehen sie die Lippe
von den Zähnen abwärts und entstellen so ihr Gesicht auf die denkbar
häßlichste Art. Dieses Volk schien die Einwohner des Sundes, die wir
ihnen als Doppelmäuler beschrieben, zu kennen. Auch schienen sie
jenen in der Sprache verwandt. Doch war der hiesige Stamm bei weitem
zahlreicher. Vor uns hatte noch kein anderer Seefahrer diese Leute
besucht. Hätte sich nicht in der Nacht ein günstiger Wind erhoben, so
wären wir einige Tage bei ihnen geblieben.

Jetzt hatten wir bei heiterem Wetter nördlichen Wind, der
ununterbrochen andauerte, bis wir die Insel Hawaii erblickten.
Glücklicherweise war unsere Überfahrt vom festen Lande hierher von
kurzer Dauer. Hätten wir nicht die Vorteile einer günstigen und schönen
Witterung genossen, so läßt es sich, nach dem Zustande unseres Schiffes
zu urteilen, sehr bezweifeln, ob wir je die Sandwichinseln erreicht
haben würden. Die schauderhafte Krankheit, an der unsere Mannschaft
so lange gelitten hatte, begleitete uns wirklich noch auf diesem Weg,
und wir büßten noch einen Mann daran ein, ehe wir das wohltätige Klima
erreichten, von dessen Zephiren man sagen kann, daß sie Gesundheit auf
ihren Fittichen tragen. Zehn Tage nach unserer Ankunft in Hawaii war
jede Spur von Krankheit unter uns geschwunden.

Wir verweilten hier einen Monat, und während dieser Zeit schienen
die Insulaner kein anderes Vergnügen zu kennen, als uns Wohltaten
zu erzeigen und ihre Gastfreundschaft an uns zu üben. Mit Freuden
empfingen sie uns, und mit Tränen sahen sie uns wieder abfahren.

Nach einer sehr glücklichen Fahrt, auf der wir immer Passatwinde
hatten, kamen wir am 20. Oktober 1787 in Typa, dem Hafen von Makao,
an. Doch kaum hatten wir hier Anker geworfen, als sich schon die
Vorboten eines Sturmes zeigten, mit dem es unser halbwrackes Schiff
keineswegs aufnehmen konnte. Zwei französische Fregatten, die ungefähr
ein Kilometer von uns vor Anker lagen, vermehrten unsere Besorgnisse.
Menschen, die wie wir so lange von Unglück und Widerwärtigkeiten aller
Art gemartert wurden, und die so lange keine politische Nachricht
erhalten hatten, sind eben dazu geneigt, bei einer so ungewöhnlichen
Erscheinung, wie es französische Kriegsschiffe in jenen Meeren sind,
auf die ungünstigste Vermutung zu verfallen. Als wir verschiedene Boote
mit Soldaten von diesen Schiffen abstoßen sahen, erwarteten wir das
Schlimmste. Und da uns hier der neutrale Hafen schwerlich geschützt
hätte, so fingen wir schon an, einer Gefangenschaft als der Schlußszene
unseres Unglücks entgegenzusehen. Die Boote fuhren indes an uns vorbei
und, wie wir später erfuhren, nach einem spanischen Kauffahrteischiff,
um daselbst einige entlaufene Matrosen aufzusuchen. Die französischen
Schiffe waren die Fregatte »Kalypso« von sechsunddreißig Kanonen
und ein Proviantschiff. Wir waren gleichsam dazu bestimmt, bis auf
den letzten Augenblick von Unfällen verfolgt zu werden. Die Elemente
verschworen sich gegen uns, sobald unsere Furcht vor dem Feinde in
menschlicher Gestalt verschwunden war. Es erhob sich nämlich jetzt ein
so fürchterlicher Sturm, daß die »Kalypso« sich nur mit Mühe und Not
auf ihrer Stelle hielt, indem sie fünf Anker auswarf. Man urteile nun,
in welcher Lage wir uns an Bord der »Nutka« befanden, da wir jetzt
nur einen Anker übrig hatten. Nach einigen glücklich überstandenen
gefährlichen Augenblicken sahen wir uns zuletzt genötigt, das Schiff
auf den Strand zu jagen, um das einzige Rettungsmittel, das uns noch
übrigblieb, nicht zu verscherzen. Das war das Ende unserer Reise.

[Illustration]

[Illustration]



Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg

Von Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_


In neun Tagen sind wir vom Kap Verde bis zum Königreich Sierra Leone
gesegelt, das seinen Namen nach dem Flusse hat, in den wir eingelaufen.
Wir fanden daselbst ein dänisches Schiff vor Anker liegen, dem wir
drei Tage zuvor begegnet, als es dem Stranden nahe war, was uns damals
auch leicht hätte geschehen können, da uns der Wind so nahe an die
Küste getrieben hatte, daß wir bisweilen nur fünf Faden Wasser loteten.
Als wir Anker geworfen, haben wir in aller Eile den »Kurprinz« und
den »Morian« mit Holz und Wasser versehen; darauf bin ich mit einigen
jungen Edelleuten in das nah gelegene Negerdorf gegangen, wo wir den
Häuptling Jan Thomas ungefähr mit 40 Männern und 30 Frauen antrafen,
die wir mit Branntwein bewirteten. Dieser Häuptling sprach ein wenig
Deutsch, das hauptsächlich in folgenden Redensarten bestand: »Donner
Sakrament, für mich Kapitän Jan Thomassen, muß Holz und Wasser
bezahlen.« Die Frauen und Männer setzten sich um uns, hernach tanzten
sie mit ihrem Häuptling zum Klang unsrer Schalmeien.

Über ihr Leben, Handel und Wandel will ich folgendes bemerken: Von Kap
Verde bis nach Sierra Leone leben die Mohren unter der Herrschaft
ihrer Könige, die sie je nach dem Verbrechen hart oder gelinde strafen.
Wenn einer mißhandelt wurde und Gericht gehalten wird, sitzt der König
öffentlich. Um ihn stehen die Richter. Dann tritt der Kläger hervor,
fällt auf die Knie, stützt das Haupt mit den Ellbogen und spricht zum
König: »Donda«, worauf die Richter antworten: »Mo«. Darauf wird in
des Königs Gegenwart die Klage einem der Räte vorgetragen, der sie
öffentlich den andern Richtern erzählt. So geht's der Reihe nach herum
bis zum letzten Rat, der die Klage nebst dem Urteil, das die andern
gesprochen, dem König vorträgt. Dieser bestätigt das Urteil oder ändert
es nach seinem Gutdünken. Hat der Verklagte den Tod erwirkt, so werden
seine Güter bis auf Kindeskinder eingezogen, und er selbst wird in
den Krieg geschickt, um an der Spitze gegen den Feind wie ein Sklave
bis auf den Tod zu fechten. Die Hütten dieser Neger sind ganz klein,
oben und unten mit Palmzweigen bedeckt, in einer runden oder langen
Form, etwa 3½-4 m hoch und etwa 2½ m weit; ihre Türen sind nur
etwas über 1 m hoch, so daß man, ohne einen Bückling zu machen, nicht
hineingehen kann. Ihre Schlafstelle ist an einer Seite der Hütte aus
Lehm gemacht, ganz niedrig und nur etwa meterbreit, eine Matte aus
Rohr- oder Binsengeflecht liegt darauf. Der Herd besteht aus zwei
Feldsteinen, die mitten in diesem »Palaste« liegen, und worauf sie
Hirse, Fische oder Fleisch kochen. Roter Lehm oder der natürliche
Grund bilden den Estrich. Jedes Dorf hat einen besonderen Platz,
für Zusammenkünfte bestimmt, der etwas höher als die andern Hütten
liegt und einen etwa halbmeterhohen Lehm- oder Tonestrich zeigt. Hier
versammeln sie sich mit ihren Führern, rauchen Tabak, Männer, Frauen
und Kinder durcheinander, indem sie das Rauchen so lieben, daß sie
nicht allein stets bei Tage rauchen, sondern auch des Nachts den
Tabak als teures Kleinod in kleinen Säckchen am Halse hängen haben.
Ihren Leib, das Gesicht und die Hände pflegen sie mit mannigfachen
Figuren, die sie in die Haut schneiden, zu schmücken, und in die
Schnittwunden reiben sie Pulver oder Pflanzenasche ein, damit die
Figuren nie verschwinden. Je schwärzer sie sind, um so schöner dünken
sie sich: ja, sie halten so viel auf ihre schwarze Farbe, daß sie sich
alle Morgen von Haupt bis Fuß mit Fett oder Öl einschmieren. Wenn nun
die Sonne brennt, schmilzt das Fett, das sie in die Haut eingerieben,
und sie glänzen den ganzen Tag darnach wie ein Spiegel. Das tun sie
aus zwei Gründen. Einmal, weil sie schwarz davon werden. Sodann aber
verhindert das Fett, daß von der großen Hitze die Haut aufspringt, weil
sie nackend gehen. Solche unerträgliche Pein nimmt die Fettigkeit ganz
hinweg und macht ihnen die Haut geschmeidig, wie ich selbst gesehen.
Diese Gewohnheit ist allen Schwarzen gemein.

[Illustration: Wir bewirteten die Neger mit Branntwein.]

Was ihren Gottesdienst anlangt, so beten sie den Teufel an, dem sie
jährlich einen Teil ihrer Güter, alle fünf oder sieben Jahre aber einen
Menschen opfern, auch wohl zwei oder mehr, je nachdem sie vom Teufel
Schaden erlitten oder große Sünden begangen haben. Ihre Kirche ist ein
Zaun von Staketenpfählen, ohne Dach. Ehe sie hineintreten, legen sie
alles ab bis aufs Messer, alsdann gehen sie in den Betraum, fallen auf
die Knie, strecken die Hände von sich und schlagen sie über dem Haupt
zusammen, neigen das Antlitz zur Erde und bitten vom Teufel, was sie
nötig haben. Sobald solch Gebet drei- oder viermal verrichtet, gehen
sie wieder davon. Indem sie nun ihre fette Stirn auf die Erde stoßen
und der Staub und Unflat ihnen an der Stirn kleben bleibt, dürfen sie
ihn nicht abstreichen, sondern müssen ihn so lange daran lassen, bis
er von selber abfällt. Von ihrer Kleidung ist wenig zu sagen, da sie
ganz nackt gehen und nur ein schmales Lendentuch tragen. Die aber am
Meeresstrande wohnen und etwas Vornehmes sein wollen, tragen auf dem
Haupte einen alten Hut oder eine bunte Leinenmütze und ein Hemd von
gestreifter Leinwand mit großen Ärmeln.

Ebenso gehen die Weiber ganz barfuß. Hinter sich haben sie die Kinder
in einem Hüfttuche. Ihr Oberkörper ist ganz bunt mit Narben geschmückt,
die sie mit der Spitze eines Messers in die Haut schneiden und dann
mit Pulver blau färben, vor andern damit zu prunken. Sonst prunken sie
auch viel mit dem Haar, das seiner Art nach ganz kurz und schwarz wie
Lämmerwolle wächst. Dieses Haar, so kurz es auch ist, wissen sie sehr
niedlich zu Mustern zu flechten, etliche wie eine Krone, andre wie eine
Haube, etliche wieder auf noch andre Art. Hinterher beschmieren sie es
mit einem weißen Fett oder Palmöl und gehen darauf in die Sonne, die
das Fett über den ganzen Leib fließen macht. Das reiben sie dann stark
in die Haut ein, so daß sie wie Ziegenböcke »duften« und wie Spiegel
glänzen.

Ihre Tücher weben sie meist selbst auf einem Gestell, das in die Erde
geschlagen ist. Ebenso machen sie künstliche Matten und Säckchen aus
Binsen oder Baumbast und färben sie mit Blättern oder rotem Holz
unterschiedlich. Tabak rauchen sie so stark, daß sie die Pfeife nie
aus dem Munde lassen. Die Frauen bereiten die Speisen zu, nämlich
Rindfleisch, Hirse, eine Art von Korn, die man erst kocht, dann
trocknet und in hölzernen Mörsern so fein wie Sand zerstampft. Dann
wird die Hirse in einem Topf dick wie gequollener Reis gekocht, in eine
hölzerne Schüssel getan und mit den Händen zu Kügelchen geknetet und
gebacken. Dieses Gericht ist mir immer so vorgekommen, als wenn man bei
uns Kapaunen mit Teig mästet.

Wenn von andern Dörfern die Freunde einander besuchen, so umarmen sie
sich und umfaßt einer des andern mittelsten Finger, den sie geschickt
so stark auseinander ziehen, daß es laut knackt.

Die Toten werden in der Erde begraben. Dann kommen die nächsten Freunde
zum Grab, setzen darauf Früchte, Palmwein, eine Schüssel voll Hirse,
Tabak nebst einer Pfeife, und was sie sonst noch erdenken können. War
der Verstorbene ein Handwerksmann, so legen sie alles Werkzeug, was er
bei seinen Lebzeiten gebraucht hat, auf das Grab, bei einem Schmiede
z. B. die Zangen, Blasebälge, Ambos, Kohlen und Eisen, bei einem
Fischer Netz, Angel, Fische, Reusen, und was zum Fischen nötig ist.
Zudem schnitzen sie aus Holz eine kleine menschliche Figur, etwa ein
halb Meter hoch. Die setzen sie auf das Grab, und kein Schwarzer darf
sich unterstehen, etwas vom Grabe zu entfernen. Die Frauen, die keine
hölzernen Figuren machen können, nehmen einen Wisch Stroh, binden oben
anstatt des Kopfes einen Knopf und setzen das, dem Verstorbenen die
letzte Ehre zu erweisen, auf das Grab.

Bei einem Begräbnisse kommen alle des Verstorbenen Freunde zusammen,
300-400 Menschen oft, und bleiben bis zum dritten Tage gewöhnlich
beisammen und machen ein wunderliches Gerase: der eine springt, der
andre weint, der dritte lacht, der vierte spielt, und schreien alle
durcheinander. Dann stecken sie dem Toten alle seine goldnen Ringe auf
die Finger und begraben ihn mit all seinem Gold, Elfenbein, Töpfen,
ja, all seinem Gerät, damit er auch im Jenseits reich sei und bei dem
Himmelsherrscher in Ansehen stehe. Den Leichnam geleiten sie sämtlich
zu Grabe, indem sie glauben, der Verstorbene werde angesichts des
großen Gefolges sofort beim Himmelsfürsten eine Audienz erlangen und
ein vornehmer Mann werden.

Den dritten Tag nach unserer Ankunft kam der schon erwähnte
»Wasser-Kapitän« Jan Thomas an Bord, sein Wasser und Holz bezahlt zu
haben, wofür wir ein halb Viertel Branntwein und ein paar Flaschen Wein
gaben. Zu beweisen, was er für ein ehrlicher Mann sei, zeigte er uns
einige Empfehlungsschreiben von verschiedenen Schiffen, von denen ich
das »empfehlendste« hier mitteilen will: »Der Wind weht aus Osten und
Westen. Hütet euch vor den schwarzen Hunden; denn ihnen ist nicht zu
trauen, weil sie falsche Schelme sind. Zur Nachricht: habe gegeben für
Wasser und Brennholz eine Flinte, drei Pfund Pulver, drei Flaschen
Branntwein. Sierra Leone. Das Schiff N. N.«

Später bin ich etlichemal noch an Land gegangen. Wohin ich aber auch
kam, sind die Eingeborenen vor uns in den Busch geflohen, so daß ich
nichts als hie und da einen Krüppel, der nicht mitlaufen konnte,
daneben etwa noch eine Katze oder einen Hund angetroffen habe. Auch
in den Hütten fand ich nichts als z. B. ein Messer, einen hölzernen
Mörser, einen Topf und eine Matte.

Weil der englische Gouverneur, den wir bei unserer Ankunft bewirtet,
uns gebeten hatte, ihn auf seiner Insel zu besuchen, setzte ich
mich eines Tages mit dem Kapitän und den beiden Ingenieuren in eine
Schaluppe und fuhr nach der Insel Bens, die drei Meilen stromaufwärts
liegt. Unterwegs kamen wir an verschiedenen Negerdörfern vorbei, sahen
auch viel Fischreusen, in denen sich die herrlichsten Fische fangen.
Zahlreiche Inseln im Flusse sind sehr fruchtbar an Palmen, Limonen,
Zitronen, Bananen, Ananas, Bataten und andern mir noch unbekannten
Früchten mehr. Der Gouverneur kam uns entgegen und bewillkommnete
uns mit sieben Kanonenschüssen, tat uns alle erdenkliche Ehre an und
bewirtete uns mit köstlichen, kürzlich aus England gekommenen Weinen,
auch mit Hühnern, Schafen und einem Wildschwein, das ein Neger diesen
Abend zu unserm Glück geschossen hatte. Dieses Wildbrets gibt es viel
auf den Inseln.

Die englische Faktorei liegt auf einer Anhöhe und ist mit einer
zweiundeinhalb Meter hohen Mauer befestigt, auf der acht größere und
kleinere Kanonen stehen. Hinter der Mauer steht ein kleines, aus
Feldsteinen aufgeführtes Haus, darin der Gouverneur wohnt. Weiterhin
liegt ein Steinhaus, in das nachts die Sklaven eingesperrt werden, die
Tag und Nacht paarweise an den Füßen angekettet sind. Unterhalb des
Berges liegt ein Negerdorf, wo die Schar der Sklaven und Sklavinnen
wohnt, die auf der Insel allerlei Dienste verrichten müssen. Unten im
Tal ist ein Brunnen tief in den Felsen gehauen, der ein herrliches,
süßes Wasser gibt. Hier steht auch eine lange Hütte für die Matrosen
und sonstigen Europäer.

Als wir fast drei Tage lang uns von dem Engländer hatten bewirten
lassen und unser Geblüt mit frischen Speisen erfrischt hatten, versah
der Gouverneur auch unsere Schaluppe noch mit Limonen, wurde von uns zu
einem Gegenbesuch eingeladen und kam gleich mit uns mit, da er andern
Tags ein Schiff abfertigen mußte, das die andern Faktoreien anlaufen
sollte. Wie wir nun längs des »Kurprinzen« beilegten, bewillkommneten
wir den Gouverneur unsrerseits mit sieben Schüssen und ließen es uns
angelegen sein, alle uns erzeigte Höflichkeit zu erwidern. Den andern
Tag fuhren wir zu einer Landzunge, um hier Austern zu suchen. Des
Engländers Schwarze hieben so große von den Felsen, daß wir sie in vier
Teile schneiden mußten, ehe wir sie essen konnten. Die Neger zeigten
uns auch eine Austerschale, die noch fest an einem Felsen hing, und
worin ein Stöckchen steckte. Das, sagten sie, machten die Affen (deren
es hier viele Tausende gibt), wenn das Wasser mit der Ebbe abläuft,
damit die Austern ihnen die Pfoten nicht einklemmen. Hinterher langen
sie die Austern ganz appetitlich aus der Schale.

Soviel ich von dem englischen Gouverneur erfahren konnte und auch
selbst sah, sind die Eingeborenen von Sierra Leone falsche, diebische
Leute, die nicht nur heimlich, sondern auch öffentlich stehlen und
mit ihrem Raub buscheinwärts laufen und dazu die Weißen auslachen.
Zudem sind sie sehr faul und wollen nicht arbeiten. Sie ziehen weder
Kühe noch Pferde, sondern behelfen sich mit Elefantenfleisch, Ziegen,
Antilopen, Hühnern wie auch mit den Landesfrüchten, die sie in solchem
Übermaße haben, daß sie im November und Dezember ganze Schiffe umsonst
damit beladen können.

Das Land ist auch sehr reich an Geflügel, Meerkatzen und Papageien.
Besonders berichtete mir der Engländer von einer Art von Affen, die
Menschenverstand in ihrem Tun und Lassen hätten, nur daß ihnen die
Sprache fehle, weil sie nichts als »ho« sprechen. Sie rauchten Tabak,
fädelten eine Nadel ein, zapften Bier und täten alles, was man ihnen
befehle. Der König von Sierra Leone fängt viele Elefanten, die er mit
seinem Volk umbringt. Man treibt die Tiere mit großem Geschrei in einen
Sumpf, tötet sie mit Pfeilen und verteilt dann das Fleisch unter die
Jäger. Bei des Königs Residenz steht ein Baum von 30 Meter Umfang, in
dem viele Namen eingeschnitten zu lesen sind.

Den andern Tag kam das erwähnte englische Schiff an, und der Gouverneur
verfügte sich darauf. Wir lichteten währenddessen die Anker und liefen
in See nach Kap Monte zu, das wir am achten Tage erreichten. Unsere
Kranken, deren wir schon an die zwölf hatten, wurden von den frischen
Früchten alle gesund.

Etliche Meilen hinter Kap Monte fängt die Grein-Küste an. Dieser
»Grein«, den man auch »Malgette« nennt, ist eine Art von Pfeffer,
jedoch etwas schärfer. An dieser Küste wird nicht nur Pfeffer, sondern
auch gutes Elfenbein und Gold gehandelt, das die Schwarzen in den
Flüssen finden. Die Eingeborenen sind hier große Fischer, fahren mit
ihren kleinen Kanus 3-4 Meilen in die offene See hinaus den ankommenden
Schiffen entgegen. Sind sie bei diesen angelangt, so schöpfen sie mit
der rechten Hand Wasser, gießen es ins Auge und schreien »Guipo!« Auch
der Kapitän des Schiffs muß so tun. Das ist der Freundschaftsschwur.
Haben ihn beide Teile geleistet, so kommen die Schwarzen ins Schiff,
zu handeln. Sie sind im übrigen sehr böse, diebische und verräterische
Kerle, weshalb es keinem Europäer zu raten ist, aus ihren Kalebassen
Wasser zu trinken oder aus ihren Pfeifen Tabak zu rauchen. Denn sie
können so geschickt mit Gift umgehen, daß sie zwar als erste trinken
oder rauchen, dann aber das unter den Nägeln verborgene Gift unvermerkt
in die Kürbisschale oder die Tonpfeife fallen lassen, um ihrem Gegner
so den Garaus zu machen.

An vielen Orten ist das Land noch wüst, da die Eingeborenen so wild
sind, daß sie Menschen fressen, weswegen niemand der Schiffsmannschaft
sich ans Land zu gehen traut, um die köstlichen Früchte wie Bananen,
Ananas, Limonen, Pomeranzen und anderes schmackhafte Obst zu holen, das
hier im Überflusse wächst.

Sie beten den Teufel an und holen sich von ihm Orakel und Rat.
Desgleichen verehren sie die Toten. Alle Neumond feiern sie mit Singen
und Springen ein Fest. Dabei spielen sie auf einer etwa meterhohen
Trommel, die aus einem Palmbaum gehauen und ausgehöhlt und mit einer
Haut überspannt ist. Darauf schlagen sie mit einem Knüppel, in der
andern Hand halten sie eine Art von Kuhglocke, und auf den Armen haben
sie eiserne Ringe zum Rasseln, was ihnen zusammen die lieblichste
Harmonie dünkt. Die andern tanzen und jauchzen danach so lange, bis sie
vor Müdigkeit umfallen. Man kann diese »liebliche« Musik bei stillem
Wetter weithin auf See hören.

Als wir des Abends vor Kap Monte Anker geworfen, starb unser
Kajütenwächter an der Landseuche (Malaria). Er war ein starker,
gesunder Jüngling, in vier Tagen frisch, gesund, tot und begraben.

[Illustration: Die Mohren kamen mit einem Kanu an unser Boot gefahren.]

Am andern Tag kam ein Negerboot an unser Schiff mit drei Schwarzen,
die sich Wasser in die Augen gossen und von uns den Treueid forderten,
den wir auch in der gleichen Weise leisteten. Dennoch wollten sie uns
nicht trauen, sondern fuhren um unsern »Kurprinz« herum wie die Mäuse
um den Speck. Endlich kamen sie doch an Bord und versprachen, den
nächsten Tag mit Elfenbein wiederzukommen. Ihre Furcht rührt daher,
daß oft französische Schiffe kommen und unter dem Vorwande, handeln
zu wollen, die ins Schiff gelockten Neger gefangennehmen und nach
Westindien als Sklaven verkaufen. Erst am dritten Tage kam das Kanu
wieder mit ungefähr 1000 Pfund Zähnen. Die andern aber blieben aus.
Für das Elfenbein handelten sie Kupferkessel, Kleider und eine Flinte
ein. Nachmittags fuhr ich mit dem Kapitän an Land, um zu sehen, ob
sie so viel Elfenbein hätten, wie sie vorgaben. Da wir noch einen
Pistolenschuß vom Lande waren, kamen an die fünfzig Schwarzen ans Ufer
und schrien, wir sollten ans Land kommen. Doch trauten wir ihnen nicht;
denn sie sind so böse, daß sie Europäer oft lange gefangenhalten,
bis diese sich mit ein paar tausend Reichstalern an Waren ausgelöst
haben. Zudem konnten wir nicht landen, da die Brandung dermaßen hoch
ging, daß die Strandwellen unser Fahrzeug, wenn sie es gepackt, in
tausend Stücke zerschlagen hätten. Die Mohren versuchten immer wieder,
uns ans Land zu locken, kamen mit einem Kanu an unser Boot gefahren,
zeigten uns wohl an 1000 Pfund Zähne, die sie, wie sie riefen, gern an
unser Boot brächten, wenn es die Brandung erlaubte. Am vierten Tage
nahm der Kapitän de Voß einige Waren und fuhr wieder zur Küste. Die
Neger brachten einen Schwarzen in sein Boot und begehrten dafür einen
Matrosen als Geisel. Als das geschehen, begannen sie den Handel, hatten
aber doch den Schelm im Nacken, insofern sie dem Schwarzen befohlen
hatten, aus unserm Boot zu springen und ans Land zu schwimmen, worauf
wir dann unsern Matrosen teuer hätten auslösen müssen. Wir merkten aber
den Possen, zogen deshalb unserm Mohren einen Rock an und knöpften
diesen ihm von oben bis unten zu, daß wir ihn daran festhalten konnten.
Als er den Rock aufzuknöpfen und sich zur Flucht bereitzumachen begann,
nahmen wir, als wir es merkten, einen Strick und banden ihn so lange
fest, bis sie unsern Matrosen wieder ins Boot brachten. Das geschah
ihrerseits mit großem Bedenken und Unterhandeln, indem sie ihn schon
zu bereden angefangen hatten, er möchte bei ihnen bleiben. Zuletzt
brachten sie uns unsern Mann und nahmen den ihrigen wieder mit.

Wir lichteten die Anker und gingen südwärts nach Kap Miserada, wo
wir unsre Fregatte »Morian« wieder trafen, die uns drei Tage vorher
verlassen hatte. Auf unser Flaggensignal kam der Kapitän Blonck
alsbald an Bord des »Kurprinzen« und teilte mir mit, daß mein Fähnrich
v. Selbing in den letzten Zügen liege. Ich traf ihn am nächsten Morgen
besinnungslos an, er starb zwei Stunden später an der Landseuche, und
da ich nicht wagen konnte, ihn am Lande zu begraben, ließ ich ihn in
die See versenken.

Nachmittags fuhr ich mit beiden Kapitänen an Land, mit keinem Gewehr
versehen, weil mir Kapitän Blonck versichert hatte, die Neger wären
ruhige Leute, die man leicht durch die Schußwaffen erschrecken und vom
Handeltreiben fernhalten könnte. Wie wir nun an Land kamen, fanden wir
dort gegen fünfzig baumstarke Schwarze mit wenig Frauen und zweien
ihrer Häuptlinge. Anfänglich handelten sie ehrlich, zuletzt aber
begannen sie, miteinander heimlich zu reden und meines Erachtens
sich zu beraten, wie sie uns alle möchten gefangennehmen. Und es wäre
sicher zu Mißhelligkeiten gekommen, wenn sich nicht ein alter Häuptling
dazwischengelegt und die andern hart mit Worten gestraft hätte. Als
wir solches merkten, zogen wir uns in unser Boot zurück, nachdem
wir versprochen, am nächsten Tage mit vielen Waren wiederzukommen.
Inzwischen dankten wir Gott, daß wir mit heiler Haut unser Schiff
erreichten. Seitdem habe ich es mir zur steten Warnung dienen lassen,
nie unbewaffnet mehr an Land zu gehen. Denn die Neger hätten uns
nur alle gefangenzunehmen brauchen und hernach so viel Lösegeld zu
begehren, wie sie wollten, hätten uns auch wohl allen können die Köpfe
abschlagen (nach erhaltenem Lösegeld), und es hätte kein Hahn darnach
gekräht. Dabei wären wir nicht die ersten gewesen, denen es so ergangen.

Des andern Tags besetzte Kapitän de Voß die Schaluppe mit einigen
Bootsleuten und fuhr mit einem der Ingenieure an Land. Es wäre ihm aber
beinahe übel bekommen; denn der Schwarzen waren an die zweihundert,
unsere Leute aber an Zahl nur acht und nur mit Degen und Pistolen
bewaffnet, mit denen sie nicht viel ausrichten konnten. Sie mußten
deshalb ihre Waren weggeben, wie die Neger es wünschten. Nach Verkauf
aller Güter versprach der Kapitän, andere aus dem Schiffe zu holen,
stieg mit allen seinen Leuten in die Schaluppe und fuhr davon.

Den dritten Tag nahm ich 30 bewaffnete Soldaten und 15 Matrosen,
mit denen fuhr ich samt dem Kapitän und den beiden Ingenieuren an
Land, unser morsches Boot zu dichten. Wenn uns die Neger angreifen
würden, gedachte ich, mit ihnen den Tanz zu wagen, und hätte mich wohl
unterstanden, mit meinen 50 Mann gegen 500 zu fechten. Kaum waren
wir gelandet, so ließ ich meine Pfeifer blasen, indes die andern die
Fahrzeuge auf den Strand zogen, sie zu verpichen. Wie wir nun bei der
Arbeit waren, kamen vier Mohren zu uns als Spione, zu sehen, ob wir
bewaffnet wären. Als sie solches erkundet, blieben sie ohne Scheu
bei uns, riefen auch die andern herbei, bis ungefähr 35 Neger zu
uns kamen mit der Bitte, den Handel zu eröffnen. Da sie abschlägige
Antwort erhielten, verkauften sie uns nur Hühner, Reis und andere
Erfrischungsmittel. Einige von unseren Leuten wuschen Leinenzeug; denen
ward von den Mohren ein buntes Schnupftuch entwendet. Da ich etliche
Schwarze etwas ernsthaft darum befragte, fingen sie alle miteinander
an so schnell buschein zu laufen, daß man sie kaum mit einem Pferde
hätte einholen können. Zwei Häuptlinge aber blieben stehen, riefen
die andern zurück, und einer nach dem andern mußte in den Fluß gehen,
die Augen öffnen und Wasser dareingießen. Auf die ich einen Argwohn
hatte, die mußten ihr Hemd ausziehen. Das tat ich, nicht wegen des
gestohlenen Tuchs, sondern aus Begierde, zu wissen, was sie an ihrem
Halse hängen hätten, weil ich einige Schnüre daran gewahr geworden. Da
sah ich auf dem nackten Körper allerlei Fellstücke, in das sie Zähne,
Klauen, Schlangenköpfe und Ähnliches mehr als Amulett vernäht hatten.
Auf meinen Wunsch begannen sie, zu Ehren des Donnergottes, gegen den
diese Amulette schützen sollten, zu tanzen. Einige nahmen ihre Speere,
andre ihre Messer, ein Teil brummte durch die Nase. Darauf liefen sie
wie verzückt mit seltsamen Gebärden im Sande herum, schrien, verletzten
sich mit ihren Speeren und Messern, verdrehten die Augen, knirschten
mit den Zähnen, bis zuletzt einer ganz unsinnig aus eifriger Andacht
wurde. Da liefen die andern herzu, nahmen ihm mit Gewalt den Spieß aus
der Hand und klopften ihm so lange auf den Kopf, bis ihm der Eifer
verging und er sich besänftigen ließ. Später zeigten sie mir, wie
sie wider ihre Feinde fechten. Sie liefen schnell von mir fort und
wandten sich im Augenblick gegen mich, als wenn sie mich durchstoßen
wollten, sprangen dabei zugleich in die Höhe, als wollten sie über mich
hinwegspringen. Darauf gingen wir wieder an Bord.

Den vierten Tag lichteten wir die Anker und segelten südwärts zum Rio
Sester. Als wir angesichts der Küste lavierten, kamen zwei kleine Kanus
zu uns, und die Neger berichteten, der König von Sanguin ließe uns
bitten, in seinem Gebiet zu ankern; sie führten uns auch zur Reede.
Ich wunderte mich, daß die Schwarzen sich so weit in die See hinaus
auf ihren Kanus wagen, die nichts andres sind als ein ausgehöhlter
Baumstamm, ungefähr zweieinhalb Meter lang und etwas über einen halben
Meter breit, darin sie auf den Füßen hocken und mit kleinen Rudern
fahren. Wenn die See zu hoch geht und das Kanu umwirft, wissen sie das
Wasser behende auszuschütten und sich wieder hineinzuschwingen. Unser
Bootsmann wollte auch probieren, damit zu fahren; er war aber kaum auf
einer Seite hineingestiegen, so lag er schon auf der andern im Wasser.

Sobald wir Anker geworfen, fuhr ich mit dem Kapitän an Land. Hier
warteten viele Schwarze auf uns, die uns berichteten, daß morgen der
König, der 3 Meilen flußaufwärts im Lande wohnt, an den Strand kommen
werde. Statt seiner besuchte uns der königliche Prinz, der mich in dem
nahe am Strande gelegenen Dorfe herumführte und mir auf seine Art große
Höflichkeit erwies.

Des andern Tags kam der Prinz ins Schiff, uns die Ankunft des Königs zu
melden. Weil es Mittag war, nötigte ich ihn zur Tafel und ließ während
des Essens Pfeifer und Geiger spielen. Diese ihm fremde Musik schien
ihn sehr zu ergötzen. Er war ein wohlgestalteter junger Mann von etwa
25 Jahren und konnte sich in unser Essen und Trinken wohl schicken. Er
rührte keine Speise an, bevor er gesehen, wie ich es machte. Das merkte
ich und nahm darauf mit zwei Fingern etwas Butter aus der Schüssel.
Der gute Prinz fuhr alsbald mit der ganzen Hand in die Butterschüssel
und hinterdrein damit so appetitlich zum Munde, daß uns allen die Lust
weiterzuessen verging.

Folgenden Tags gingen wir mit der Schaluppe an Land und trafen den
König, der sich Peter nannte, am Flusse in einer Negerhütte sitzen. Er
empfing uns mit seinen zwei Brüdern und dem ganzen Rat sehr höflich,
nötigte uns, bei sich zu sitzen, und bewirtete uns mit Palmwein.
Gemäß ihrer Gewohnheit, alsbald nach dem Namen der Fremden zu fragen,
begehrte auch König Peter zu wissen, wie ich heiße. Ich gab ihm zur
Antwort »Peter« (denn ich wollte nicht weniger bedeuten als der König),
worüber er sich sehr freute und sprach: »Ich Peter, du Peter, sei mein
Freund.« Er war ein ehrbarer, alter Mann, aus dessen Augen man etwas
Großes lesen konnte. Sonst war er von den andern Schwarzen an nichts
zu unterscheiden als an dem Respekt, den ihm die Umsitzenden und die
Untertanen zollten. Seine Autorität war so groß, daß, als uns von den
Negern eine Flasche Branntwein aus dem Boot gestohlen worden war und
wir unter den Hunderten den Dieb nicht herausfinden konnten, ein Wort
von ihm genügte, sie uns wieder zuzustellen.

Als wir etwa eine Stunde bei dem Könige gesessen hatten, beschenkte
er uns mit einem Korbe voll Reis und einem Ziegenbock, ließ uns aber
eine halbe Stunde später durch den Dolmetscher um ein Gegengeschenk
ersuchen. Dieser brachte seine zierliche Rede folgendermaßen vor:
»König Piter mi segge, ick juw segge, König Piter segge mi, segge
König Piter, Dassie hebbe, mi segge, kike Dassie.« Soll heißen: König
Peter hat mir gesagt, ich soll euch sagen, er wolle gern auch sein
Geschenk sehen. Wir schickten ihm darauf eine Stange Eisen, einen
Kupferkessel und ein Kleid. Unterdessen kauften wir für unseren
Bedarf für wenige weiße Perlen zwei Fässer Reis und an die 30 Hühner.
Damit schieden wir von dannen. Die Neger hier an der Küste sprechen
etwas Englisch, Holländisch und Portugiesisch durcheinander, so daß
man zu tun hat, wenn man sie verstehen will, und sich meist wie bei
Taubstummen der Fingersprache bedienen muß, wenn man etwas von ihnen
kaufen will.

Nach neuntägiger Reise gelangten wir zum Kap Palmas und zur Zahn- oder
Quaquaküste. Sie führt diesen letzteren Namen von der Sprache der
Eingeborenen, darin alles auf »qua-qua« endet, und als ich sie reden
hörte, mußte ich an einen Haufen Enten denken, die in einem Pfuhl
schnattern. Zahnküste wird sie des Handels wegen genannt, weil es hier
zahlreiche Elefantenzähne gibt, die die Neger in ihren Kanus an Bord
bringen und gegen Eisen, Kessel oder Armringe eintauschen. Wir haben
uns nicht getraut, an Land zu gehen, weil die Küste sehr ungesund ist
und an vielen Orten noch wilde Schwarze wohnen, die Menschen fressen.

Wir fuhren weiter die Küste entlang, warfen hier und da Anker und
warteten, daß die Neger in ihren Kanus zu uns kommen sollten. Es kamen
aber keine. Einmal sahen wir sie Feuer anzünden, wodurch sie einander
die Anwesenheit fremder Schiffe signalisieren. Weil wir gerne wissen
wollten, warum die Schwarzen nicht zu uns an Bord kämen, wie sie doch
sonst zu tun pflegen, schickten wir die Schaluppe mit fünf Mann an
Land, mit dem Auftrag, keinesfalls das Boot zu verlassen, auch die
Neger nicht in das Boot kommen zu lassen. Als nun die Schaluppe einen
Pistolenschuß weit vom Ufer haltmachte, kamen die Neger in See. Ein
Kanu legte neben der Schaluppe bei, und sogleich sprangen drei Schwarze
in unser Boot, in der offenbaren Absicht, sich seiner zu bemächtigen.
Aber unsere Leute waren auf ihrer Hut, zumal sie bemerkt hatten, daß
etliche hundert Schwarze, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, am Ufer
standen. Folgenden Tags fuhren beide Kapitäne mit den Ingenieuren an
Land, die Ursache solchen Mißtrauens genauer zu erkunden. Die Schwarzen
wollten aber nicht recht mit der Sprache heraus, sondern gaben nur kurz
Bericht, daß vor einiger Zeit zwei Schiffe mit weißen Flaggen die Küste
passiert und alle Schwarzen, die an Bord gekommen, mit sich fortgeführt
hätten. Wir sahen nun wohl, daß hier nichts zu machen wäre, und
segelten deshalb weiter. Als wir einmal an Land gingen, Holz zu fällen
und Wasser einzunehmen, fanden wir viele Stücke eines zerschlagenen
Bootes und im Gestrüpp einen Totenschädel. Mein Bootsmann berichtete,
daß hier vor sechs Jahren die Neger 13 Mann, die in ihrem Boote Wasser
geholt, überfallen und erschlagen hätten. Wir sahen nur in der Ferne
Scharen von 30-40 Eingeborenen, die sich aber nicht getrauten, näher zu
kommen. Als wir hernach bei Kap Lahoe vor Anker gingen, kamen die Neger
haufenweise mit Zähnen an Bord; unsere beiden Schiffe konnten gegen
4000 Pfund für 30 Fässer mit Armringen einhandeln.

Sooft die Schwarzen an Bord kamen, schrien sie »Quaquaqua«, was so
viel als »Freunde« bedeuten sollte. Sie sind alle baumstarke Leute und
tragen an ihrem Körper keinen Faden von Wolle oder Leinwand, sondern
Lendenschurze aus Baumbast. Ihr Haar flechten sie auf verschiedene
Manier: die einen zu Strähnen so dick wie Bindfaden, und damit es
länger sei, knüpfen sie schwarzen Bast von Bäumen darein; die andern
drehen es zu Hörnern zusammen, binden auch kleine Ziegenhörner
daran, wieder andere flechten es zu Knöpfen. Ihren Körper färben sie
scharlachrot. Dabei kauen sie stets Kolanüsse nebst einer Wurzel, daß
der Mund rot wie Zinnober aussieht. Bisweilen halten sie die zerkaute
Nuß stundenlang zwischen den Lippen und wälzen sie dann mit der Zunge
so appetitlich im Munde herum, daß einem Hungrigen auf drei Tage die
Lust zu essen schwindet. Ihre Zähne feilen sie so scharf wie Nadeln,
daß sie wie Hundszähne voneinander stehen.

Weil wir unsere Armringe nicht so bald loswerden konnten, bekam der
»Morian« den Auftrag, hier noch liegenzubleiben. Am Rio Sueyro de Costa
brachten die Neger uns zum ersten Male Gold an Bord. Auch boten sie
uns zwei kleine, etwa fünfjährige Mädchen an, die die grausamen Eltern
für drei Musketen verkaufen wollten. Auch für das Gold verlangten sie
Musketen. Nach geschehenem Kauf begehrte ihr Häuptling ein Geschenk zum
Andenken daran, daß er auf unserm Schiffe gewesen sei. Ich antwortete
ihm, er solle mir auch ein Andenken geben, daß ich Afrika besucht.
Da sagte er: »Ich schwöre bei meinem Fetisch, komm ans Land, so will
ich dir nicht allein Palmwein, Hühner und Ochsen geben, sondern auch
meine Frau.« Gedachter schwarzer Herzensfreund kam dann allein zu
mir und dem Kapitän in die Kajüte, ließ die Tür schließen, um uns im
Vertrauen etwas Vorteilhaftes für unsern Handel zu offenbaren, falls
ihm der Kapitän dafür eine Flinte und ein Tuch verehren wollte. Als
ihm solches versprochen worden war, sagte er: »Lichte deine Anker und
fahre weiter nach Isseni; dort wirst du für deine Gewehre noch einmal
soviel Gold erhalten als hier, weil sie dort Krieg führen.« Der
Kapitän antwortete: »Ich glaube dir nicht, du willst mich betrügen.«
Darauf forderte er zum Zeugnis, daß er wahr gesprochen, man solle
ihm den Fetisch, den er anbete, zu essen geben. Wir mischten etwas
schwarzes Zahnpulver mit einem Löffel Wein, und das schlang er unter
entsprechenden Grimassen herunter. Das ist der größte Schwur, den sie
tun können; ja, sie glauben fest, daß, wenn sie im Namen ihres Fetischs
auch das ärgste Gift nähmen, es ihnen, sofern sie die Wahrheit gesagt,
doch keinen Schaden bringen könnte.

An der Goldküste haben vornehmlich die Holländer ihre Faktoreien. Stets
liegen hier ihre Kauffahrteischiffe, die Waren hin und Gold zurück
nach Holland führen. Vordem waren die Portugiesen Herren der ganzen
Goldküste. Die Europäer haben es ihrem Handelsneid selber zu danken,
wenn die Mohren nun so klug sind, daß sie manchen Kaufmann im Handel
beschämen. Sie sind so verschlagen, daß sie wohl 4-5 Stunden um einen
Reichstaler Wert handeln, diese und jene Ware zu schauen begehren, und
wenn sie ganz zu unterst im Schiffe verstaut wäre. Wenn an einem Platze
zwei oder drei Schiffe liegen, so rudern sie, um einen bessern Preis zu
erzielen, von einem zum andern, ehe sie den Kauf abschließen. Das Gold
haben sie vorher aufs allergenaueste abgewogen und in kleine leinene
Lappen getan, 2-6 Quentchen (= ein viertel Lot; 1,667 Gramm) in jeden.
Diese Bündelchen stecken sie in einen hölzernen Schrein und mit dem
zusammen in einen schmalen Sack von Bast, den sie an sechs bis sieben
Stellen verknüpfen und sich dann um den Hals oder Leib festbinden. Wenn
sie nun in das Schiff zu handeln kommen, dauert es wohl drei Stunden,
ehe man über den Preis eins wird, und dann disputieren sie noch über
das Gewicht. Ist der Kauf abgeschlossen, so zeigt sich, daß das Gold
mit Kupfer oder Staub vermengt ist. Der kluge Kaufmann schüttet deshalb
das Ganze in eine Schale und trennt durch Blasen das Gold vom Kupfer
und Sande. Ich habe oft dabei gesessen, wenn unser Kaufmann so über die
Hälfte Kupfer und Sand vom Golde trennte. Zuletzt, nach geschehenem
Handel, fordern sie ein Geschenk (»Dassie« genannt), das man ihnen
geben muß, sofern sie wieder an Bord kommen sollen. Alle, die mit Gold
zu den Schiffen fahren, sind gewöhnlich Makler, die von den im Lande
Wohnenden das Gold erhalten und, weil sie der portugiesischen Sprache
ein wenig kundig sind, an die Europäer zum Vorteil ihres Landsmannes
verkaufen sollen. Es sind meist üble und verschlagene Gesellen.
Mein Bootsmann erzählte mir davon ein charakteristisches Beispiel.
Als er zwei Jahre vorher an der Goldküste war, kam ein Makler nebst
seinem Auftraggeber an Bord. Als der Makler nun das Gold verkauft
hatte, sprach er zum Bootsmanne: »Jetzt habe ich Euch dieses Mannes
Gold verkauft; was wollt Ihr mir nun für den Kerl selbst geben? Für
15 Stangen Eisen kriegt Ihr ihn.« Der Bootsmann, den des einfältigen
Bauern jammerte, schickte aber den Schelm von Makler mit einem Verweise
von Bord.

Die Eingeborenen der Goldküste sind meist starke, hochgewachsene Leute,
die sehr kriegslustig sind und mit Schießgewehr sehr gut umgehen
können, wie ich selbst gesehen habe. Sie sind sehr böse und verkaufen
nicht allein die im Kriege erbeuteten Gefangenen, sondern auch Weiber,
Kinder und die nächsten Freunde. Ihre Frauen behandeln sie wie Hunde
und heiraten so viele, als sie bezahlen können. Weil nun der Preis
gering ist, nimmt ein Schwarzer viel Frauen; denn er kann von ihren
Eltern eine um einen Ochsen oder ein paar Ziegenböcke kaufen. Selbiger
Ochs wird öffentlich gebraten. Dazu lädt man die Freunde von beiden
Seiten ein, die sich hier und da ein Stück von dem halbrohen Braten
abschneiden und es mit den Zähnen zerreißen, daß das Blut nur so
herabrinnt. Dabei jauchzen, schreien und tanzen sie durcheinander wie
nicht gescheit.

Wenn ein Neger stirbt, der einigen Reichtum hinterläßt, so hat sein
nächster Freund das meiste Anrecht auf das Erbe. Wenn dieser nun
das Erbe antreten will, muß er sein Leben der ältesten Frau des
Verstorbenen anvertrauen, ihr ein großes Messer in die Hand geben, vor
ihr niederknien und den bloßen Hals darbieten. Begehrt das Weib, selbst
die Güter zu erben, so hat sie die Macht, dem Freunde den Kopf mit
drei Streichen abzuschlagen, aber sie wird vom Dorfe darauf mit aller
Verachtung gestraft. Zieht sie jedoch die Ehre vor, so schlägt sie den
Freund mit der flachen Seite des Messers auf den Nacken und läßt ihn
leben. Alsdann gibt ihr der Freund von dem Nachlasse einen kleinen
Teil, und das Weib bleibt ehrlich. Wenn der Mann gestorben und mit
großem Geschrei bestattet ist, beweinen ihn die Frauen fünf bis sechs
Tage lang. Während dieser Trauerzeit werden sie von den Verwandten
besucht; oft kommen an die hundert Frauen zusammen und vollführen ein
seltsames Klagegeheul. Nach den Trauertagen kommen die Freunde und
beschenken die Leidtragenden mit goldenen Ringen und bunten Tüchern.
Der Freund, dem, wie geschildert, das Leben geschenkt wurde, besucht
gleichfalls seine Wohltäterin, verehrt ihr einige Ringe, Kleider und
wohl gar einen Elefantenschwanz. Dieser Schwanz ist oben mit rotem oder
gelbem Zeug benäht, im übrigen Teil mit Öl bestrichen und so schwarz
poliert, daß er wie ein Spiegel glänzt. Solchen Schwanz hängt man sich
zum Schmuck an den Hals und wehrt damit die Fliegen ab. Diese Schwänze
kommen von der Zahnküste, und es gilt hier einer an die zehn Dukaten.
Manche tragen sie auch an ihrem Gewehr; denn sie sind sehr selten an
der Goldküste.

Während wir vor Abeni drei Tage vor Anker lagen, kamen täglich einige
Schwarze mit Gold an Bord. Den ersten Tag hatten wir ein grausames
Gewitter mit Blitz, Donner und Regen, dem keines in Europa zu
vergleichen war. Denn einmal regnete es so stark, als ob man mit Eimern
Wasser gösse. Zudem schlug der Blitz so erschrecklich an die 18 Schläge
rund um unsern »Kurprinzen«, daß uns allen die Haare zu Berge standen,
und jeder Schlag das Schiff zu zerschmettern drohte. Das Wetterleuchten
war so hell, daß man die Bäume am Lande auf eine halbe Meile weit vom
Schiffe aus sehen konnte.

Folgenden Tages liefen die Schwarzen am Strande in hellen Haufen umher
und schossen unaufhörlich mit ihren Musketen. Darauf kamen drei Kanus
mit Jauchzen und Schreien an Bord. Sie hatten ihren Häuptling bei sich,
der sein Heer zusammengezogen hatte, um wider die Bewohner von Isseni
in den Krieg zu ziehen. Er kaufte von uns einige Fäßchen Branntwein und
an 800 Pfund Pulver, hielt sich aber nicht lange auf, sondern sprach:
»Wenn ich glücklich aus der Schlacht komme, will ich morgen wieder bei
euch sein.« Darauf verfügte er sich wieder zu seinem Heer, das ihn mit
vielen Musketenschüssen bewillkommnete. Die Neger ziehen mit großen
Streitkräften in den Krieg. Einige gebrauchen Musketen, andere Speere
und große Schlachtmesser; sie fechten so rachgierig, daß sie in offener
Schlacht niemals Pardon geben, sondern wie blind ins Getümmel sich
stürzen und, wenn sie keine Rache üben können, sich selbst mit eigenen
Händen ums Leben bringen.

Am Tage darauf langten wir am Kap St Apollonia an. Wieder kamen die
Schwarzen mit vielem Gold an Bord. Wohl zwanzig Neger blieben über
Nacht bei uns im Schiff und brachten diese mit solchem Gerase zu, daß
es unmöglich war, ein Auge zu schließen. Des Morgens kauften sie an
500 Musketen und 400 Pfund Pulver, ihren Krieg fortzusetzen. Abends
stieß unsre Fregatte »Morian« wieder zu uns.

Unsre weitere Fahrt brachte uns, vorüber an einigen holländischen Forts
und Faktoreien, nach Commende, wo wir wieder Anker warfen. Als wir
hier einen Tag lagen, auch bereits eine ziemliche Menge Gold empfangen
hatten, schickte der holländische Generaldirektor der Guineischen
Küste seinen Oberkaufmann mit zwei Assistenten an unser Schiff, um zu
protestieren: wir täten ihrem Handel großen Abbruch und hätten doch
gar kein Recht, hier Handel zu treiben. Sie ersuchten uns deshalb,
uns mit unsern Schiffen zu packen; andernfalls würden sie sich der
natürlichen Rechte bedienen und uns mit Gewalt von dannen treiben. Wir
hielten hierauf Kriegsrat und gaben den Deputierten zur Antwort, daß
wir verpflichtet seien, dem Befehl Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht von
Brandenburg nachzukommen, und weil sie sich Herren der ganzen Goldküste
nannten, wären wir damit einverstanden, daß sie ihren Untertanen den
Handel mit unsern Schiffen verböten. Weil sie dies aber nicht tun
könnten, wäre es klar, daß es sich um ein freies Gebiet hier handle, in
dem jeder seinen Geschäften nachginge, den die Eingeborenen zuließen.
Würde im übrigen der Generaldirektor sich seiner Machtmittel bedienen,
so müßten wir den Ausgang eben abwarten und würden uns unsre Freiheit
mit den Mitteln, die wir selbst besäßen, zu bewahren suchen. Wir
behandelten die Deputierten sehr höflich und ließen bei ihrer Abfahrt
unser ganzes Geschütz scharf Feuer geben, um ihnen zu zeigen, daß wir
stündlich bereit wären, denjenigen, der uns hier vertreiben wollte,
gebührend zu empfangen. Am anderen Tag sandten wir beschleunigten
Befehl an den »Morian«, sich augenblicklich zu uns zu verfügen.
Zugleich mit ihm kam ein Lordenträger (Kaperschiff) aus Seeland,
»Grau-Gat« genannt, und legte sich nicht fern von uns. Wir nahmen uns
vor, hier 6 Tage zu bleiben und zu warten, was die Holländer tun oder
lassen würden, und machten uns zum Kampf bereit.

Während wir dergestalt den Feind erwarteten, kamen am nächsten Tage
die erwähnten drei Deputierten wieder und ersuchten uns namens ihres
Generaldirektors und der ganzen Guineischen Kompagnie, ihnen behilflich
zu sein, den seeländischen Lordenträger, der ungefähr auf Schußweite
von uns vor Anker lag, zu nehmen und an das Fort zu bringen. Dagegen
erboten sie sich, uns allen etwa daraus entstehenden Schaden zu
ersetzen und die Beute zur Hälfte mit uns zu teilen. Wir hielten
abermals Kriegsrat und beschlossen aus vielen Gründen, dem Ansuchen der
Holländer zu willfahren, lehnten jedoch jeden Anteil an der Beute für
uns ab. Damit machten wir uns zur Verfolgung des Kapers fertig. Der
aber hatte unser Vorhaben bereits bemerkt und floh. Wir setzten ihm
mit beiden Fregatten nach, hatten aber das Unglück, daß uns die große
Marssegelrahe brach, was uns zwei Stunden in unsrer Fahrt aufhielt,
so daß der Kaper entkam. Wir kehrten also um und ließen durch die
Deputierten dem Generaldirektor melden, daß es nicht an unserm guten
Willen gelegen hätte, sondern daß der Kaper uns im Segeln überlegen
gewesen wäre. Am nächsten Tag sandte uns der Holländer durch einen
Schwarzen ein Schreiben, darin er sich für unsere Mühe und Hilfe
bedankte, zugleich uns aber auch Vollmacht erteilte, alle holländischen
Kaper, wo wir sie antreffen würden, nach Belieben zu nehmen.

Weil uns nun gewisse Geschäfte nach dem Kap Tres Puntas riefen, wandten
wir unseren Kurs wieder zurück. Vor Bautry trafen wir ein Schiff der
holländischen Handelskompagnie, das »Wappen von Sizilien«, an mit einer
Admiralsflagge, weil es den neuen Generaldirektor hierhin überführt
hatte. Sein Kommandant war der Kapitän de Voß, der Vater unsres
Kapitäns. Ich setzte mich mit dem Bootsmann in die Schaluppe und fuhr
an das Schiff, den Kapitän zu sprechen, traf ihn aber nicht an, da er
im Fort bei dem Faktoreileiter zu Gast war. So ließ ich mich denn dahin
rudern. Der Kaufmann und der Kapitän entsetzten sich sehr, daß wir
Brandenburger uns trauten, an ihr Fort zu kommen. Als wir ihnen aber
das Schreiben des Generaldirektors zeigten, das uns ermächtigte, an
alle holländischen Schiffe zu fahren und ihre Bestallungen zu lesen, ob
es nicht etwa Kaperschiffe wären, erstaunten sie noch mehr.

Des Morgens früh gingen wir unter Segel und erreichten nach zwei
Tagen das Dorf Attaba. Von hier aus zogen wir unser Schiff an einem
Wurfanker an die zwei Meilen stromauf und kamen an ein kleines, im
Bau befindliches Dorf, dessen Bewohner durch Krieg vertrieben worden
waren. Die Neger brachten uns viele Ananasse und Palmwein zum Kauf. Wir
bewirteten sie alle mit Branntwein und machten Männer wie Frauen damit
trunken. Um sich dafür dankbar zu erweisen, ließ der Häuptling ein Huhn
mit Malgette (Pfeffer) zurichten und lud uns zu Gaste. Wir wurden in
ein kleines Lehmhäuschen geführt und setzten uns dort zu Tische. Ein
jeder hatte ein paar schwarze Dianen zur Seite. Rundherum war die ganze
Hütte von Mohren erfüllt, die übel »dufteten«. Der Häuptling steckte
alle Finger in die Schüssel und kostete so die Suppe, zum Zeichen, daß
wir keine Vergiftung zu befürchten hätten. Ich war zweifelhaft, ob ich
meine Augen an den »anmutigen« Frauengestalten oder den Magen an dem
»appetitlichen« Huhn sättigen sollte. Ich hätte fast vergessen, das
Merkwürdigste bei diesem Gastmahle zu melden: der ganze Tischapparat
nämlich bestand lediglich aus dem -- Erdboden. Nach der Mahlzeit ging
es wieder an die frische Luft. Zufällig flog ein Raubvogel über uns
hinweg. Ich ergriff meine Flinte und schoß ihn im Fluge. Da begannen
die Schwarzen, zu schreien und mir Glück zu wünschen, und es hätte nur
wenig bedurft, mich für einen Zauberer auszugeben. Mir lag aber an den
Glückwünschen herzlich wenig, da sie mir im Hinzudringen beinahe die
Kleider vom Leibe rissen.

Wir gingen wieder an Bord und richteten unsern Kurs auf die erste
Spitze des Kap Tres Puntas (Dreispitzenkap). Da liegt ein großes,
langgestrecktes Dorf Accada, das wir noch am selben Abend besahen.
Die Gegend und die ganze Lage gefiel uns so wohl, daß ich bei den
Häuptlingen anfragen ließ, ob sie damit einverstanden wären, daß wir
hier ein brandenburgisches Fort erbauten. Sie gaben freudig ihre
Einwilligung. Ich ersuchte sie deshalb alle, am nächsten Tag auf den
»Kurprinzen« zu kommen, und versprach, sie in unsern Booten abholen
zu lassen. Am Nachmittage kamen auch acht Häuptlinge zu uns an Bord,
mit denen ich zunächst mündlich einen Vertrag abschloß, den ich am
nächsten Tag aufsetzen und von ihnen unterzeichnen lassen wollte.
Wir bewirteten sie hernach auf Deck unter dem Sonnenzelt, und sie
mußten schließlich wegen ihrer Trunkenheit an Seilen in die Fahrzeuge
hinabgelassen werden. Sie wollten aber nicht eher vom Schiff, als bis
ich sie sämtlich beschenkt hatte.

[Illustration]

Obschon wir sehr daran zweifelten, daß an der ganzen Küste von Guinea
ein günstigerer Ort zur Erbauung eines Forts zu finden wäre, wollte ich
dennoch nichts Schriftliches mit den Eingeborenen von Accada abmachen,
bevor ich nicht die Häuptlinge von Tres Puntas, an die ich abgeschickt
und mit denen ein Jahr vorher schon Kapitän Blonck einen Vertrag
geschlossen hatte, gesprochen und ihr Gebiet gesehen hätte.

Ich fuhr deshalb mit den beiden Kapitänen und Ingenieuren an Land,
die Nacht dort zu verbringen und bei Tagesanbruch nach Tres Puntas
zu fahren. Die Eingeborenen waren sehr höflich und brachten uns nach
Möglichkeit unter. Als wir des Morgens uns erhoben hatten, versprachen
sie uns, beim Bau des Forts jede Hilfe zu leisten, worauf wir ihnen
einen silbernen Degen zum Pfande ließen, daß wir wiederkommen würden.

Noch in der Ausfahrt trafen wir den Faktoreileiter von Bautry mit einem
Boot und vielen kleinen Kanus. Als wir ihn nach dem »Wohin« fragten,
gab er zur Antwort: »Ich bin vom Generaldirektor nach Accada gesandt,
hier so lange zu wohnen, bis die Faktorei fertiggestellt ist. Der
Häuptling von Accada hat mich dazu abgeholt.« Damit fuhr er an Land
und ließ auf einem der Häuser die holländische Flagge hissen. Als wir
uns so betrogen sahen, fuhren wir ihm nach und verwiesen den Schwarzen
ihre Untreue, die uns herzlich gern behalten hätten und uns die
Halbinsel zum Bau schenken wollten, wofern wir begehrten, uns neben
den Holländern bei ihnen niederzulassen. Weil wir auf dieses Anerbieten
nicht eingehen konnten, fuhren wir an unser Schiff. Bei Anbruch der
Dunkelheit aber brachen wir wieder nach Tres Puntas auf.

Uns war zwar die Gegend bekannt, in der jene drei Häuptlinge hausten,
mit denen Kapitän Blonck seinen Vertrag geschlossen hatte, nicht
aber ihre Dorfschaften. So ruderten wir denn beim Morgengrauen an
Land, stiegen über hohe Berge, arbeiteten uns durch dichtes Buschwerk
hindurch und gelangten endlich in eine weite Ebene, wo wir viele
fruchtbare Bäume, jedoch nur eingefallene und verlassene Negerhütten
fanden. Wir glaubten, unsere Schaluppe würde uns längs der Küste
folgen, sie war aber am Landungsplatz liegengeblieben, weswegen wir vor
Durst fast verschmachteten. Die Sonne brannte so heiß, daß wir es nicht
eine Stunde mehr hätten aushalten können, wenn nicht Kapitän Blonck von
ungefähr eine Quelle in den Felsen entdeckt hätte. Daran erlabten wir
uns; trotz aller Bemühungen fanden wir im übrigen jedoch nichts als
Verwüstungen. Endlich wurden wir eines hohen Berges gewahr, der eine
halbe Meile von uns entfernt lag. Weil die andern uns vor Erschöpfung
nicht folgen konnten, machte ich mich mit dem Kapitän allein weiter auf
den Weg, in der Hoffnung, Schwarze anzutreffen, die uns Nachricht von
den Häuptlingen geben könnten. Diese Hoffnung trog aber; wir fanden
nichts als ein großes, zerstörtes Negerdorf, das uns wunderliche
Gedanken machte. Während wir nun den Berg einer genauen Musterung
unterzogen -- er schien uns zur Erbauung eines Forts sehr günstig --,
kamen gegen zwanzig mit Musketen bewaffnete Neger den Berg hinauf, die
uns berichteten, daß alle Bewohner dieser Gegend durch die Neger von
Adom vertrieben und erschlagen worden wären, welches Schicksal gewiß
auch unsere drei Häuptlinge betroffen hätte. Damit gingen sie ihren und
wir unsern Weg.

Als wir wieder zu den Unsrigen gelangt waren, berichteten wir ihnen
von unsern Erkundungen und sandten einen Neger zu unsrer Schaluppe,
mit dem Entschluß, kommenden Tages die Lage des Berges und die ganze
Situation noch genauer zu erforschen. Unterdessen stiegen wir alle,
um einigermaßen Kühlung zu haben und uns vor der Grausamkeit der
unerträglichen Hitze zu bergen, bis an den Hals ins Wasser und fingen
mit bloßen Händen viele Fische, die uns, kaum daß wir sie ans Land
trugen, von den Raubvögeln gleichsam unter den Händen weggenommen
wurden. Deswegen mußte einer nach dem andern bei den Fischen mit bloßem
Degen Schildwache halten. Endlich kam unser Fahrzeug, konnte aber wegen
der großen Sturzseen nicht landen, sondern wir mußten ihm bis an die
Klippen entgegengehen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit meinen beiden Ingenieuren und Kapitän de
Voß an Land, die Situation des Berges genau zu erkunden und ihn zu
vermessen. Als das geschehen, sahen wir 1000 Schritt vom Berge einen
kleinen Fluß, zu dem wir gingen und in dem wir beim Loten herrliche
Austern in großer Menge fanden. Unterdessen sahen wir neun bewaffnete
Neger auf uns zukommen, die uns ausführlich berichteten, wie die drei
Häuptlinge ums Leben gekommen und die Einwohner vertrieben worden waren.

Weil wir nun den Berg zur Erbauung einer Festung für sehr günstig
gelegen erkannt hatten, beriet ich mich mit den beiden Kapitänen und
Ingenieuren darüber, und wir beschlossen, ohne fernere Weitläufigkeiten
hier Fuß zu fassen. Ich ließ daher die Soldaten zusammentreten, stellte
ihnen vor, daß wir willens wären, hier ein Fort zu errichten, und
fragte sie, wer von ihnen Lust hätte, hier eine Zeitlang in Garnison zu
bleiben. Darauf meldeten sich unter gewissen Bedingungen sämtliche.

Also zogen wir nach einem Salut von fünf Schüssen unter Trommeln und
Pfeifen an Land und erfuhren hier, daß zwei Häuptlinge uns auf dem
Berge erwarteten. Mit fliegender Fahne marschierten wir bergan, die
Häuptlinge kamen uns entgegen, nötigten uns in eine Hütte, hier gab ich
ihnen mein Vornehmen kund, und nach wenigen Worten erklärten sie ihr
Einverständnis. Noch am selben Tage ließ ich sechs Feldkanonen auf die
Spitze des Berges schleppen, was ohne Hilfe der Eingeborenen unmöglich
gewesen wäre; denn der Berg war hoch und der Weg schwierig. Ich ließ
mir selber ein Zelt aufschlagen und blieb über Nacht am Lande.

Am folgenden Tage, dem 1. Januar 1683, brachte Kapitän de Voß die
große Kurfürstlich Brandenburgische Flagge vom Schiff, die ich
alsbald unter Trommeln und Pfeifen aufholen, mit allen unter Gewehr
stehenden Soldaten begrüßen und an einem hohen Flaggenstock aufziehen
ließ, während ich zugleich mit fünf scharf geladenen Feldstücken das
Neue Jahr salutierte; jedes der Schiffe antwortete ebenso, und ich
dankte wiederum mit drei Schüssen. Und weil Seiner Kurfürstlichen
Durchlaucht Name in aller Welt groß ist, nannte ich den Berg den
»Großen Friedrichs-Berg«. Diesen Tag bauten sich unsere Soldaten ihre
Baracken, und ich ließ durch die Neger für mich und meine Offiziere
auch eine lange Baracke errichten. Inzwischen berief ich die beiden
Häuptlinge zu mir ins Zelt, gab ihnen mein Vorhaben nochmals zu
verstehen und begehrte, mich ihrer Treue durch einen Eid zu versichern.
Sie antworteten, ich brauchte daran nicht zu zweifeln, sofern ich mit
ihnen »Fetisch« trinken würde, daß auch wir es treu mit ihnen meinten,
sie nie verlassen und sie gegen ihre Feinde verteidigen wollten. Als
ich einwilligte, wurde eine Schale Branntwein gebracht und Schießpulver
hineingerührt. Daraus mußte ich die »angenehme« Gesundheit zu trinken
anfangen, die beiden Häuptlinge folgten und beschmierten mit dem Reste
den umstehenden Schwarzen die Zunge, damit auch sie treu bleiben
möchten. Nach Verrichtung dieser herrlichen Zeremonie beschenkte ich
die Häuptlinge und ihre Untergebenen reichlich, in der Meinung, ich
würde nicht mehr nötig haben, noch weitere Präsente auszuteilen.
Allein, die Zeit hat mich nachmals eines andern belehrt. Am selben Tage
brachten wir noch zwei Sechspfünder auf den Berg.

Den nächsten Tag ward von den Ingenieuren das Fort abgesteckt. Die
Neger schafften Palisaden heran, und meine Soldaten stellten sie auf.
Während wir noch an unsrer Arbeit waren, meldete sich bei uns ein
Häuptling aus Axim, der eine holländische Flagge bei sich hatte, mit
dem Auftrage von dem dortigen Faktoreileiter, diese Flagge auf dem
Berge wehen zu lassen, wofern wir noch nicht dort Fuß gefaßt. Er mußte
aber, wie er gekommen, wieder abziehen.

Täglich passierten viele Häuptlinge mit ihren Leuten den Berg, weil
eine Straße über ihn führte; sie machten fast alle bei uns ihren Besuch
und beschenkten uns mit einer Schüssel Reis oder ein paar Hühnern,
wofür ich meinerseits Gegengeschenke und vor allem ihnen Branntwein
zu trinken geben mußte. Einige zogen weiter, andere blieben bei uns
und bauten sich Hütten am Berge zwischen unseren. Zum Kommandanten des
Forts ernannte ich Kapitän Blonck, der darauf den »Morian« unter das
Kommando von Kapitän de Voß stellte und auf dem Berge bei uns Quartier
bezog. Kurz darauf kam ein englisches Schiff; es war das erste, das
unsere Flagge mit Kanonenschüssen begrüßte und bei uns ankerte. Kapitän
de Voß ging dann mit dem »Morian« nach Kap St. Apollonia, um dort
Handel zu treiben.

Ich kann nicht unterlassen, hier der Freigebigkeit der Schwarzen zu
gedenken, wenn ich sie beschenkt oder ihnen etwas versprochen hatte.
Sie fuhren alsdann behend zur Erde, ergriffen ein Stückchen Holz, oder
was sie sonst erwischen konnten, und steckten es mir zum Zeichen der
Dankbarkeit in die Hand. Wenn sie mir nun ein Huhn oder eine Schüssel
Reis brachten, wollte ich mich auch ihrer Mode bedienen. Aber das
wollten sie nicht gelten lassen: sie waren vielmehr der Ansicht,
solcher Brauch sei nur bei den Schwarzen, nicht aber auch bei den
Weißen Mode!

Des andern Tages warf ein dänisches Kaperschiff bei unserer Festung
Anker und begrüßte sie mit fünf Schüssen. Ich fuhr zu ihm, erquickte
meinen Geist mit gutem Zerbster Bier und übernachtete hernach im
»Kurprinzen«. Als ich im besten Schlafe lag, berichteten mir meine
Leute die Ankunft einer heimlichen Gesandtschaft, die mich sprechen
wollte. Weil aber den Schwarzen nicht allzeit zu trauen ist, zumal des
Nachts nicht, ich auch den Grund dieses nächtlichen Besuches nicht
erraten konnte, gab ich ihnen zunächst keine Audienz. Als sie mir
aber keine Ruhe ließen, nahm ich ein paar Pistolen unter den Rock und
ließ sie vor. Ich erkannte in ihnen Eingeborene aus Accada, die mich
überreden wollten, unsern Berg zu verlassen und bei ihnen ein Fort zu
erbauen. Als ich sie wegen ihrer Untreue tadelte, sprach der Gesandte:
»Herr, sieh, hier bin ich ein Häuptling, dieser ist mein Bruder, da
ist seine Frau und sein Kind; die lasse ich dir als Geiseln. Begehen
wir eine Untreue an dir, so tue ihnen, was dir gefällt.« Ich beschied
sie auf den andern Tag wieder, da ich erst über ihr Angebot Rat halten
mußte. Wir teilten ihnen dann mit, sie müßten sich gedulden, bis wir
übers Jahr mit unseren Schiffen wiederkämen; dann ließe sich darüber
reden, was in dieser Sache zu tun wäre.

Folgenden Tags brachte ich den Vertrag zu Papier, den ich mit den
Häuptlingen geschlossen; es wohnten nunmehr deren vierzehn auf dem
Berge, und sie hatten mehrmals darauf gedrungen. Als ich ihnen von
der Gesandtschaft aus Accada Mitteilung machte, waren sie noch
mißtrauischer und hatten Furcht, wir könnten sie im Stich lassen.
Deshalb berief ich sie in mein Zelt, begab mich mit dem Kommandanten
Blonck und ihnen zu Tisch, setzte ihnen noch einmal die einzelnen
Punkte des Vertrags auf portugiesisch auseinander und verlangte, sie
sollten diese Punkte beschwören. Sie forderten zunächst bestimmte
Waren, wofür sie uns den Berg und die Umgegend zu Eigentum verkaufen
wollten. Dann ließ ich eine Schale mit Branntwein, Wermutextrakt und
Violensaft zubereiten, nahm einen Löffel zur Hand und fragte den
Ältesten, ob er gewillt sei, Fetisch zu trinken. »Ja, ich trinke,«
sagte er, »die Punkte, die man mir vorgelesen hat, zu halten, unter
dieser über uns wehenden Flagge zu leben und zu sterben. Breche ich
meinen Eid, so lasse mich der große König im Himmel augenblicklich
sterben.« Einige der Häuptlinge wollten zwar Fetisch trinken, könnten
aber, sagten sie, mit den Ihrigen nicht vor Verlauf von 3, 4-6 Monaten
den Berg beziehen, was die andern nicht zugeben wollten. Nachdem sie
nun alle den Eid geleistet, nahm der älteste Häuptling die Schale in
die Hand und begehrte: Ich sollte nebst dem Kommandanten ihnen allen
schwören, sie wider ihre Feinde zu beschirmen und in keiner Not zu
verlassen, ihnen Weib und Kind nicht fortzunehmen oder zu verkaufen
und sie namentlich gegen die Holländische Kompagnie zu verteidigen.
Wir versprachen ihnen, das alles zu halten, ausgenommen, wenn sie
den Holländern Anlaß zu einem Eingriff gäben oder etwas entwendeten.
Damit steckte mir der Häuptling einen Löffel voll des Tranks in den
Hals, daß ich sechs Wochen davon genug hatte. Dann kam der Kommandant
an die Reihe, der scherzweise äußerte, wenn er nicht die Frauen und
Kinder nehmen solle, so müßten sie ihm ein Weib geben. Sogleich fiel
ihm einer der Häuptlinge in die Rede: Wenn wir nach Landesbrauch uns
verheiraten wollten, so würden sie uns ihre Töchter geben. Wir nahmen
das Anerbieten im Scherz an, beschenkten die Häuptlinge und ließen sie
ziehen.

Andern Tags ließ sich der Faktoreileiter von Axim bei mir melden, er
habe einen Auftrag auszurichten. Als ich ihn zu mir entbieten ließ, kam
er feierlichst mit zwei Fähnlein angezogen. Ich sandte ihm einen der
Ingenieure entgegen mit der Bitte, er möchte doch seine Begleitung und
die Fahnen unten am Berge lassen; denn der Berg vertrüge nicht mehr
als eine Fahne. Er gab dem Ansuchen auch statt. Als meine Soldaten
in Reih' und Glied standen und die Trommeln und Pfeifen ertönten,
stieg der Herr Gesandte den Berg herauf. Er trug einen scharlachenen
Rock mit durchbrochenen, silbernen Knöpfen; auf der Schulter, am Hut
und Degen hatte er einen großen Busch von Bändern, wie ihn die alten
Klopffechter zu tragen pflegten. Unter dem Rocke zeigte sich ein
leberbraunes Kamisol, blautaftene Hosen und an einem fleischfarbenen
Gürtel ein langes, grünes Degengehenk. Die Schuhe waren gestickt und
die Strümpfe von weißer Seide. Wären noch mehr Farben bei den Pariser
Krämern zu finden gewesen -- ich wette, er hätte sie sich auch auf
den Leib gehängt. Hinter ihm schritten seine zwei Assistenten fast in
gleicher Livree. Darauf folgten acht Schwarze, die auf ausgehöhlten
kleinen Elefantenzähnen eine seltsame Musik vollführten, zu der ein
Kerl auf einer kleinen Trommel mit einem krummen Haken den Takt schlug.

[Illustration: Der Herr Gesandte stieg den Berg hinauf.]

Das klang so, als wenn bei uns auf den Dörfern die Hirten zur
Christmesse blasen. Nachdem ich den vornehmen Herrn ins Fort genötigt
hatte, ließ er sich durch einen Schwarzen entkleiden, damit wir auch
die goldenen Knöpfe, die er an Hemd und Hosen trug, zu sehen bekämen.
Er erlabte sich dann an einem Trunk Weins und brachte schließlich
einen Protest zum Vorschein. Ich fertigte ihn aber kurz ab, indem ich
erklärte: »Wir haben dieses Gebiet von den Schwarzen gekauft«; wollten
sie dagegen protestieren, so möchten sie das in Berlin tun. Würde er
aber mit seiner Kompagnie unser Freund bleiben, so wollten wir ihm
von unserer Seite alle Gegenfreundschaft erzeigen. Andernfalls stände
ihnen frei, zu tun, was sie nicht lassen könnten. Hierauf ward noch
etlichemal getrunken, und dann verabschiedete er sich.

Allmählich begannen meine Leute, einer nach dem andern, krank zu
werden. Ich arbeitete so lange mit den Schwarzen, bis auch mich die
schwere Landseuche (Malaria) durch ein grausames Fieber niederwarf. Als
das Fieber auf einen Tag etwas nachgelassen, kamen unsere Häuptlinge
mit ihren Frauen und brachten mir und dem Kommandanten unsere Bräute.
Es waren Kinder von 9 Jahren, und sie waren mit allerlei Farben bemalt.
Ich mußte mich in meinem Schlafpelze mit dem Kommandanten zu Tische
setzen, und unsere Zukünftigen nahmen neben uns Platz. Ein rechtes
Hochzeitsmahl wurde zugerichtet, und daß der Wein nicht fehlen durfte,
kann man sich wohl denken. Die Männer saßen dabei nach Landesbrauch
abseits und tranken treulich auf den Branntwein los. Hernach wurden
uns unsere Bräute von den Eltern übergeben und empfohlen. Unterdessen
begannen die Frauen mit solchem Geschrei zu tanzen, daß ich gezwungen
ward, die angenehme Gesellschaft zu verabschieden und mich wieder zu
Bett zu begeben. Weil unsere Bräute kein Portugiesisch verstanden,
ließen wir ihnen durch meinen Jungen sagen, sie sollten jetzt nur
wieder nach Hause gehen; wenn wir sie nötig hätten, würden wir sie
schon holen lassen. Meine Krankheit machte mir viel zu schaffen; mein
schwarzer Engel besuchte mich täglich, was freilich meistenteils
deswegen geschah, den hungrigen Magen zu füllen und etwas geschenkt zu
bekommen.

Diese grimmige Landseuche nahm so überhand, daß von 40 Mann nicht
mehr als ihrer 5 Wacht tun konnten. Wir andern lagen alle zu Bette.
Ich war oft besinnungslos und raste, der Kommandant, die Ingenieure,
der Feldscher und alle Soldaten konnten sich nicht rühren. Täglich
starb einer und so schleunig, daß man tagsüber nichts zu tun hatte
als Gräber zu machen. Mich selbst hatte man schon zweimal für tot
gehalten. Ich war in so elendem Zustande, daß die Häuptlinge alle ihre
Mittel versuchten, mir zu helfen. Als ich einmal in tiefer Ohnmacht
lag, kam einer mit einem Haufen Riemen, an denen eiserne Nägel hingen;
die zählte er über meinem Kopfe hin und her und sprach dazu bestimmte
Worte, die meine Leute nicht verstehen konnten. Ein anderer segnete
mich mit einem Ei. Ein dritter brachte einen jungen Hund, in den er all
meine Krankheit bannte; hinterher ertränkte er das Tier. Unterdessen
fraß der Tod die beiden Ingenieure, den Sekretär, einen Sergeanten,
zwei Matrosen und vier Soldaten.

Die angefangene Arbeit blieb liegen, weil auch unsere zwei Zimmerleute
krank waren. Endlich kam der »Morian« zurück. Von dem nahmen wir
15 Matrosen an Land, die nebst einigen noch gesunden Soldaten das
Wohnhaus und die Baracken fertigstellten und die Palisadenumzäunung mit
Erde ausfüllten.

Kaum war unser Werk getan, da schickte der Häuptling von Axim seinen
Sohn und ließ uns warnen, wir möchten gute Wache halten. Denn die Neger
von Adom wollten uns binnen zwei Tagen mit drei- bis viertausend Mann
überfallen. Mir war bei der Sache nicht wohl zumute. Waren wir doch nur
ungefähr fünfzig Mann, die vom Schiffe mitgerechnet, und zweihundert
wohlbewaffnete Schwarze.

Am nächsten Tage kamen in aller Frühe unsere Häuptlinge mit der Bitte,
wir möchten doch ihr Weib und Kind, Hab und Gut ins Fort nehmen; denn
der Feind wäre schon da. Zugleich hörten wir auch etliche tausend Mann
unweit im Gebüsch mit ihren Musketen knallen. Wir hatten uns auch
fertiggemacht und unsere Kanonen mit Kartätschen geladen. Da nun der
Feind, der vielleicht meinte, wir sollten vor Schreck davonlaufen,
unter stetem Schießen näher rückte, befahl ich, mit einem Sechspfünder
unter sie zu schießen. Die Kugel schlug recht in den größten Haufen
ein. Damit hatte der Krieg ein Ende; denn die Mohren können nichts
weniger als das grobe Geschütz vertragen. Sie hörten auf zu schießen
und flohen in aller Eile. Unsere Schwarzen setzten ihnen noch ein gut
Stück Weges nach.

[Illustration: Die Kugel schlug recht in den größten Haufen ein.]

Als nun der »Krieg« beendet und unsre Festung in Verteidigungszustand
versetzt war, stellte ich den Kommandanten als solchen den Soldaten
vor, nahm Abschied von meiner Truppe und den Häuptlingen und begab
mich, noch schwer krank, auf den »Morian«. Alle Leute zweifelten an
meinem Wiederaufkommen, da ich einem Toten ähnlicher sah als einem
Lebendigen. Und was das ärgste war: ich kam in ein Schiff, das nichts
anderes hatte als verschimmelte Zwiebäcke, dreißig Pfund verdorbenen
Stockfischs, verdorbenes Fleisch und faule Erbsen. Davon konnte ein
Kranker nicht genesen. Dieser Proviant benahm mir selbst und allen
meinen kranken Leuten die Hoffnung. Aber Gott verläßt die Seinen
nicht. Nachdem wir voneinander Abschied genommen, beabsichtigten wir,
über den Äquator zu schiffen. Zu der Kranken Glück trieb aber ein
ungünstiger Wind uns längs der Küste nach der Insel St. Thomas, wo
wir uns mit Schweinen, Hühnern, Zuckerrohr, Kokosnüssen und andern
Erfrischungen reichlich versehen konnten, die uns auch unsre Gesundheit
wiederherstellten.

[Illustration]



Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der Entdecker


Bald nach Antritt seiner Regierung faßte Georg III. von England den
Entschluß, Schiffe auf Entdeckung unbekannter Länder auszusenden, um
dadurch die Ausbreitung des englischen Handels zu befördern. Wir, die
wir im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität leben, können uns
kaum vorstellen, welche Schwierigkeiten sich der Ausführung solches
Planes damals entgegenstellten. Ein Segelschiff ist einzig und
allein auf den Wind als die Quelle eigener Fortbewegung angewiesen.
Widrige Winde werfen es aus seinem Kurs, halten es im Hafen fest
oder fern von ihm, lassen es zum Spielball gefährlicher Strömungen
und der Brandung werden. Monate-, ja, jahrelang war der Seefahrer
oft von aller Kultur wie abgeschnitten: die unsichern politischen
Verhältnisse und Völkerrechtsanschauungen mußten ihn so in jedem
Schiff anderer Nationen einen zu fürchtenden Feind sehen lassen;
Kaperschiffen aller seefahrenden Völker waren die Meere erwünschte
Jagdgebiete. Zur Unkenntnis der Erdkunde, die sie ja durch ihre Fahrten
erst erhellen sollten, gesellten sich für die kühnen Seefahrer die
Schwierigkeiten der Verpflegung: der Skorbut, jene bei ausschließlichem
Genuß von gepökeltem Fleisch und Konserven und dem Mangel frischer
Pflanzennahrung auftretende Blutkrankheit, raffte sie zu Hunderten
dahin. Auf Cooks (spr. kuhks) zweiter Reise um die Welt (1772), auf
der die beiden berühmten deutschen Naturforscher und Philosophen
Johann Reinhold und Georg Forster (Vater und Sohn) seine Begleiter
waren, nahm man deshalb -- das mag hier der Kuriosität halber erwähnt
sein -- sechzig große Faß Sauerkraut und die kurz vorher in England
erfundenen, aus frischem Rindfleisch, Knochen und Abfall verfertigten
»Bouillonkuchen«, wir würden heut sagen: Bouillonwürfel, mit gutem
Erfolge mit.

Der erste der Entdecker, deren Berichte hier nach dem Werke von John
Hawkesworth (spr. hohksuöß) mitgeteilt sind, Kapitän Samuel Wallis
(spr. uohls), trat seine Weltumseglung am 22. Juli 1766 von Plymouth
(spr. plimmes) aus auf dem »Dolphin« (d. h. »Delphin«) an, einem
»Kriegsschiff sechsten Ranges«, das 24 Kanonen führte, und dessen
Bemannung aus 3 Offizieren, 37 Unteroffizieren und 150 Mann bestand.
Ihn begleitete anfänglich Kapitän Philipp Carteret (spr. kahtert) auf
der Schaluppe »Swallow« (spr. suollo, d. h. »Schwalbe«), der aber
von der Magalhaensstraße (spr. machaljahngs) an ein besonderes Ziel
verfolgte. Nachdem Wallis zunächst Patagonien einen Besuch abgestattet
hatte, wandte er sich mit nordwestlichem Kurs der Südsee zu und
entdeckte neben einigen kleineren Inseln der Paumótugruppe am 18. Juni
1767 Tahiti oder Otaheite, das er »Königs Georg III.-Insel« nannte. Die
Entdeckung schildert unser Bericht, dem wir nur noch hinzufügen wollen,
daß die Insel bereits im Jahre 1605 von dem spanischen Seefahrer Pedro
Fernandez de Quiros gesehen worden war. Auf seiner weiteren Fahrt fand
Wallis noch einige kleine Inseln südlich der Samóa- und in der Gilbert-
und Marshall-(spr. mahschell-)Gruppe auf. Seine Reise endete auf den
Marianeninseln, von wo aus er über Batavia und das Kap der Guten
Hoffnung am 13. August 1768 England wieder wohlbehalten erreichte.

Unser zweiter Bericht erzählt von einem Besuche des Kapitäns Cook
auf Tahiti. Der Anstoß zu dieser Reise ging von der »Königlichen
Gesellschaft der Wissenschaften« zu London aus, die im Februar 1768
dem Könige den Wunsch aussprechen ließ, zur Beobachtung des für das
Jahr 1769 zu erwartenden »Venusdurchgangs«, d. h. des Vorüberziehens
des kleinen Planeten Venus vor der Sonnenscheibe, eine Expedition
in die Südsee zu entsenden, um auf einer günstig gelegenen Insel
dort das wichtige astronomische Ereignis beobachten zu können. Der
König willfahrte dem Wunsche der gelehrten Gesellschaft, und die
Admiralität stellte die Bark »Endeavour« (spr. endiwe, d. h. »Streben«)
zur Verfügung, ein Schiff von dreihundertundsiebzig Tonnen, das
ursprünglich für den Kohlenhandel bestimmt und ein ausgezeichneter
Segler war. Das Kommando darüber wurde dem damaligen Leutnant in der
Königlichen Marine James (spr. djehms) Cook übertragen. Dieser nachmals
berühmteste aller englischen Entdecker war damals schon vierzig Jahre
alt.

Als Sohn eines Landarbeiters am 27. Oktober 1728 in dem Dörfchen Marton
(Grafschaft York, Nordengland) geboren, hatte Cook nur den einfachsten
Schulunterricht genossen und war dann mit 13 Jahren zu einem Hutmacher
und Krämer in die Lehre gekommen. Dieser selbstgewählte Beruf gefiel
ihm aber nicht: schon nach einem Jahre entlief er seinem Lehrherrn
und wurde Schiffsjunge auf einem Kohlenschiffe. Als solcher machte er
Reisen nach Petersburg und Norwegen mit und wußte sich dabei das Geld
für den Unterricht in der höheren Nautik (Schiffahrtskunde) zu ersparen
und zum Untersteuermann aufzurücken. Den im Jahre 1755 zwischen England
und Frankreich ausbrechenden Krieg um die nordamerikanischen Kolonien
machte er als Vollmatrose auf einem Kriegsschiffe mit und kehrte erst
1759 wieder nach England zurück. Durch Fürsprache seines bisherigen
Kapitäns erhielt er nunmehr die Stellung eines »Master« (spr. mahste,
d. h. Lotsen) auf der »Mercury« (spr. mökjuri, d. h. »Quecksilber«).
Jetzt hatte er, zitiere ich Hennigs Darstellung, Gelegenheit, seine
glänzenden Fähigkeiten, seine große Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit
in der Aufnahme von Seekarten zu beweisen, die seine späteren
Entdeckungen zugleich zu einem wertvollen Erwerb der geographischen
Wissenschaften machen sollten. Die Zuverlässigkeit seiner Aufnahmen im
St. Lawrence- (spr. lorenz-) Strom und -Golf, die den Flottenangriff
auf die Stadt Quebec (spr. kwibek) vorbereiten halfen, ist um so
bemerkenswerter, als die Arbeit angesichts des Feindes, teilweise
bei Nacht, ausgeführt werden mußte, und rechtfertigte das Vertrauen,
das sich in seiner Versetzung an Bord des Admiralschiffes aussprach.
Hier trieb er -- im strengen Winter der nordamerikanischen Küste --
die für seinen Beruf so notwendigen mathematischen und astronomischen
Studien. Nach der Eroberung von Neufundland (1762) kehrte er für ein
paar Monate in die Heimat zurück und vermählte sich hier mit Elisabeth
Battes, einer Kaufmannstochter. Er wurde bald wieder nach Neufundland
zurückberufen, und im vierjährigen Vermessungsdienste hier erweiterte
und festigte er seine nautischen und astronomischen Kenntnisse. Seine
Arbeiten trugen ihm die Beförderung zum Leutnant und die Berufung
zur Führung der wissenschaftlichen Expedition zur Beobachtung des
Venusdurchganges ein.

Auf der mit 10 Kanonen und 12 Drehbassen für die Fahrt ausgerüsteten
»Endeavour« befanden sich außer der 84 Mann starken Besatzung der
Astronom Green (spr. grihn), der gemeinsam mit Cook die Beobachtung
machen sollte, der junge Gelehrte Josef Banks, ein wohlhabender
Mann, der aus Liebe zu den Naturwissenschaften die gefahrvolle Reise
mitmachte und als seinen Assistenten den schwedischen Botaniker Dr.
Solander, einen Schüler Linnés, bei sich hatte. Diesen beiden Forschern
verdankt, nebenbei bemerkt, die Naturwissenschaft die Kenntnis einer
großen Anzahl von Pflanzen und Tieren, die auf den von Cook entdeckten
Inseln gefunden wurden. Dem hier mitgeteilten Hawkesworthschen Berichte
liegen so neben Cooks eigenen Aufzeichnungen auch die Tagebücher von
Banks zugrunde.

Am 26. August 1768 lichtete die »Endeavour« in Plymouth die Anker und
steuerte über Madera und Rio de Janeiro (spr. riu de janehru) zunächst
nach Feuerland, wo interessante Beobachtungen an den Eingeborenen, der
Tier- und Pflanzenwelt gemacht wurden. Über Kap Horn ging es dann nach
dem im Jahr zuvor entdeckten Tahiti, um hier den Venusdurchgang zu
beobachten. Das Leben auf Tahiti schildert nach dem Bericht von Cook
und Banks unser »Südsee-Idyll«; Cook hatte Befehl, nach Erledigung des
astronomischen Auftrags weitere Entdeckungen in der Südsee anzustellen.
So wandte er sich denn nach genauer Vermessung und Umschiffung Tahitis
und Auffindung der übrigen Gesellschaftsinseln südwestlich, um das
Südmeer nach dem schon im Altertum vermuteten großen »Südkontinent«
abzusuchen. Am 13. August 1769 entdeckte er eine der Inseln der
Tubuai-Gruppe und richtete seinen Kurs dann auf Neuseeland. Durch
Umsegeln, wobei er im Januar 1770 die nach ihm benannte Cookstraße
entdeckte, stellte er fest, daß Neuseeland aus zwei Inseln besteht. Er
richtete hierauf seinen Kurs westlich nach der Ostküste Australiens
und landete am 28. April in der von ihm nach den zahlreichen hier
gefundenen Gewächsen benannten »Botany-Bai« (spr. bŏteni, d. h.
Botanik). Der Küste entlang nach Norden ziehend, am großen Barrierriff
beinahe scheiternd, fand er am 21. August die Torresstraße wieder auf,
jene Durchfahrt zwischen Australien und Neuguinea, die von dem kühnen
Steuermann des schon erwähnten Spaniers de Quiros, Luis Vaez de Torres,
im Jahre 1605 den Namen empfangen hatte, der wissenschaftlichen Welt
und den Seefahrern des 18. Jahrhunderts aber nicht mehr bekannt war.
Von Neuguinea aus segelte die »Endeavour« nach Batavia und über das Kap
der Guten Hoffnung nach England zurück, wo er am 12. Juli 1771 vor
Dover Anker warf. »Unser Tauwerk und die Segel«, schrieb Cook schon
Mitte Juni in sein Tagebuch, »waren jetzt so schlecht, daß täglich das
eine oder das andere in Stücke ging.«

Die außerordentlichen Erfolge Kapitän Cooks brachten es mit sich,
daß er bald von neuem mit einer Weltumseglung beauftragt wurde.
Die Aufgabe, die man ihm nunmehr stellte, galt der Erforschung
des sagenhaften, sich angeblich bis zum 30. Grad südlicher Breite
erstreckenden »Südkontinents«. Trotzdem Cook auf der ersten Reise,
bis zum 40. Grad südlicher Breite vorstoßend, nirgends ein Festland
gefunden hatte, glaubte man in den Kreisen der Geographen doch nach
wie vor (s. a. u.), es müsse wie im Norden der Erdhalbkugel auch in
ihrem Süden ein großes Festland vorhanden sein -- »zur Erhaltung des
notwendigen Gleichgewichts,« wie Georg Forster in seiner Würdigung
der Verdienste Cooks launig spottet, »um, ich weiß nicht welch
ein Überschlagen unsres Planeten zu verhüten«. Cooks Instruktion
lautet demnach, die Sommermonate der südlichen Halbkugel (d. h. also
unsre Wintermonate) zu Entdeckungen in der Richtung auf den Südpol
anzuwenden, die stürmischen, trüben Wintermonate aber zu genauerer
Erforschung der kürzlich entdeckten Südseegebiete zu benutzen. Fände er
keinen Südkontinent, so sollte er, so nahe dem Südpol als nur möglich,
ostwärts fahren, bis er die Erdkugel umsegelt hätte.

Wieder wählte Cook wie bei seiner ersten Reise aus Gründen der
Zweckmäßigkeit gut segelnde und geringen Tiefgang habende, dabei
verhältnismäßig sehr geräumige Kohlenschiffe für die Fahrt. Das
größere, 462 Tonnen haltende und mit 16 Kanonen bestückte Schiff,
die »Resolution« (spr. resolljŭhschn, d. h. »Entschluß«) führte er
selber. Er hatte 112 Mann Besatzung, und an Bord befanden sich die
schon erwähnten beiden deutschen Naturforscher Reinhold und Georg
Forster, der Astronom Wales (spr. uéhls) und der Landschaftsmaler
Hodges (spr. hŏdjs). Am Kap der Guten Hoffnung kam noch der schwedische
Naturforscher Andreas Sparrmann dazu. Das kleinere Begleitschiff, die
»Adventure« (spr. edwĕntsche, d. h. »Abenteuer«), stand unter dem
Befehl des Kapitäns Fourneaux (spr. furnoh).

Am 13. Juli 1772 verließen die beiden Schiffe Plymouth und segelten
über das Kap der Guten Hoffnung hinaus in die südlichen Polargegenden.
Hier trennte ein Sturm die Schiffe, die sich der Verabredung gemäß
erst in Neuseeland wieder vereinigten. Die folgenden Südsommer immer
wieder mit neuen Vorstößen ins Südliche Eismeer zubringend, entdeckte
Cook nach der Rückkehr in die Südsee am 23. September 1773 die Cook-
oder Hervey-Inseln (spr. hérweh); am 1. Oktober fand er die von dem
Holländer Abel Tasman 1643 entdeckten Tonga-Inseln, am 11. März 1774
die Osterinsel und am 8. April die Marquesasgruppe (spr. markēsas)
wieder auf. Im Juli und August des Jahres stieß er auf die von de
Quiros und kurz vorher von dem Franzosen Bougainville (spr. bŭgängwil)
schon gesehenen Neuen Hebriden, und am 4. September entdeckte er
Neukaledonien. Die Rückkehr führte über Feuerland und das Kap der Guten
Hoffnung, und am 30. Juli 1775 ließ die »Resolution« auf der Reede von
Spithead (spr. spítthed) die Anker fallen. Die »Adventure«, die die
Verbindung mit dem Hauptschiff bei der zweiten Ankunft auf Neuseeland
endgültig verloren hatte, war schon ein Jahr früher heimgekehrt.

Das Ergebnis dieser zweiten Reise, die zugleich die erste Weltumseglung
von Westen nach Osten darstellt, hat Cook beim Verlassen des
Polargebiets in seinem Tagebuch folgendermaßen zusammengefaßt:
»Ich habe jetzt die Umseglung des Südlichen Meeres in hoher Breite
ausgeführt (er war bis über den 70. Breitengrad hinausgedrungen) und
es _so_ durchquert, daß keinerlei Raum mehr für das Vorhandensein
eines Festlands bleibt -- abgesehen von der Nähe des Pols außerhalb
des Schiffahrtsbereiches. Indem ich das Tropenmeer (Südsee) zweimal
besuchte, habe ich nicht nur die Lage einiger früherer Entdeckungen
festgelegt, sondern auch manche neue gemacht und, wie ich glaube, in
diesem Gebiet wenig mehr zu tun übriggelassen. So schmeichle ich mir
denn, daß der Zweck der Reise in jeder Hinsicht vollständig erfüllt,
die Südhalbkugel genügend erforscht und der Suche nach einem südlichen
Kontinent, der so lange die Aufmerksamkeit der Seemächte auf sich
gezogen und eine Lieblingstheorie der Geographen aller Zeiten gebildet
hat, endgültig ein Ziel gesetzt ist«[1].

Diese zweite Entdeckungsfahrt gab Cooks Namen europäische Berühmtheit.
Der König ernannte ihn zum Postkapitän und verlieh ihm dazu eine mit
einem Ehrensolde verbundene Stelle. Die Königliche Gesellschaft der
Wissenschaften wählte ihn zu ihrem Mitgliede und schmückte ihn mit der
goldenen Medaille. Aber mehr als alles andere zeigen uns den Weltruhm
Cooks zwei Schriftstücke, die freilich erst nach seinem unerwarteten
und damals auch in Europa noch unbekannten Tode veröffentlicht wurden.
Zwischen England, Amerika und Frankreich war 1775 der Krieg um die
Unabhängigkeit der ehemals englischen Kolonien Nordamerikas entbrannt:
am 4. Juli 1776 hatten die dreizehn vereinigten Staaten unter Leitung
Washingtons (spr. uŏschingtn) und Franklins (spr. fränklin) ihre
Unabhängigkeit erklärt. Cook, der, wie wir gleich erfahren werden, 1776
seine dritte Entdeckungsreise angetreten hatte, war dem Kriegsbrauche
nach also als Feind Frankreichs und Amerikas zu betrachten. Deshalb
erließ der französische Marineminister, als Cooks Rückkehr nach
Europa zu erwarten stand, auf Anregung des großen Staatsmannes Turgot
(spr. türgo) im März 1779 folgenden Befehl an alle französischen
Schiffskommandanten: »Da Kapitän Cook, der an Bord der >Resolution< im
Juli 1776 Plymouth verließ, um an den Küsten, auf den Inseln und in den
Meeren von Japan und Kalifornien Entdeckungen zu machen, im Begriff
ist, nach Europa zurückzukehren und solche Entdeckungen von allgemeinem
Nutzen für alle Nationen sind, so ist es des Königs Wille, daß Kapitän
Cook wie der Befehlshaber einer neutralen und verbündeten Macht
behandelt werden soll, und daß alle Kapitäne, die diesem berühmten
Seefahrer begegnen, ihm die diesbezüglichen Befehle des Königs
vorzeigen.« Gleichzeitig sandte Benjamin Franklin, damals Gesandter der
Vereinigten Staaten zu Paris, ein ähnlich lautendes Schreiben an alle
Schiffskommandanten der amerikanischen Flotte, mit der Aufforderung,
»den so berühmten Seefahrer und Entdecker mit aller möglichen
Höflichkeit und Güte zu behandeln und ihm als gemeinsamem Freunde der
Menschheit allen Beistand zu leisten, dessen er etwa benötige«.

Das Ziel der dritten Entdeckungsreise Cooks war die Auffindung
eines für den Handel so wichtigen kürzeren Weges nach Japan, China
und Indien: die Aufsuchung einer nördlichen Durchfahrt aus dem
Atlantischen in den Stillen Ozean. Man wußte es Cook nahezulegen, sich
mit diesem Plane, auf dessen Ausführung eine Prämie von 20000 Pfund
Sterling gesetzt war, eingehend zu befassen, und er war nicht der
Mann danach, vor den großen, unleugbaren Gefahren dieses Planes
-- er sollte sich auch dem Nordpol soweit als möglich nähern --
zurückzuschrecken[2]. So ging er denn noch vor Ablauf eines Jahres,
nämlich am 12. Juli 1776, von neuem mit der »Resolution«, die für die
neue Bestimmung besonders sorgfältig ausgerüstet war, unter Segel.
Als Begleitschiff wurde ihm diesmal die »Discovery« (spr. diskăweri,
d. h. »Entdeckung«) unter dem Befehl des Kapitäns Clerke (spr. klák)
mitgegeben, die nach ähnlichen Prinzipien gebaut und ausgerüstet war.

An Bord hatte die »Resolution« einen interessanten Gast. Kapitän
Fourneaux hatte nämlich bei seiner Heimfahrt einen jungen Eingeborenen
von Uliĕtēa (Gesellschaftsinseln) namens Omai an Bord genommen und
nach England gebracht. Der junge, liebenswürdige Südsee-Insulaner
hatte in der Londoner Gesellschaft begeisterte Aufnahme gefunden,
war überreich mit allen erdenklichen Dingen beschenkt worden und
sollte nun zu seinen braunen Landsleuten zurückkehren, um ihnen »die
erhabensten Begriffe von der Macht und Großmut der britischen Nation
beizubringen«. Omai vergoß zwar bittere Tränen beim Abschied von seinen
englischen Freunden, verriet aber doch ebenso unzweifelhaft seine
helle Freude, wieder nach Ulietea zurückkehren zu dürfen. Man hatte
den Schiffen ferner als nützliches Geschenk für die Südsee-Insulaner
verschiedene Haustiere wie Kühe, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten,
Getreide- und Gartenpflanzensamen mitgegeben, wie denn Cook schon auf
seiner vorherigen Reise mehrfach die Eingeborenen durch solche Gaben
zur Viehzucht und zum Getreidebau (allerdings mit geringem Glück) zu
veranlassen versucht hatte. Hohe Menschlichkeit und tiefes Verständnis
für die Eigenarten fremder Völker ist ja überhaupt einer der schönsten
Züge im Charakterbilde dieses bedeutendsten aller englischen
Entdecker, ein Charakterzug, der hell aufleuchtet auch aus der hier
mitgeteilten Schilderung des Kapitäns James King von der Ermordung
Cooks.

Über das Kap der Guten Hoffnung und die kurz zuvor von dem
französischen Seefahrer Kerguelen (spr. kĕrgeläng) entdeckten
gleichnamigen Inseln ging die Reise nach Tasmanien und Neuseeland; ein
paar Inseln im Cook-Archipēl (griech. = Inselmeer) und am 24. Dezember
1777 die nördlich des Äquators gelegenen Weihnachtsinseln wurden bei
weiteren Fahrten aufgefunden. Dazu kam als wichtigste Entdeckung am
18. Januar 1778 die der Sandwich (spr. ßänduitsch) oder Hawáii-Inseln.
Cook wählte diese Gruppe als Stützpunkt für die nunmehr beginnende
Suche nach der nördlichen Durchfahrt. Etwa unter dem 45. Breitengrad
traf er zuerst auf die nordwestamerikanische Küste und gelangte dann
unter heftigen Stürmen und mancherlei Gefahren nach Alaska und zu
den Alëūten. Durch das Beringmeer nordwärts vorstoßend und schon am
Eingang der Beringstraße zwang ihn eine unüberwindliche, nach dem
Süden treibende Eismauer zur Umkehr. Um die erzwungene Muße nicht
ungenutzt zu lassen, kehrte er nach Hawaii zurück, und hier fand er am
14. Februar 1779 den gewaltsamen Tod, wie unser Bericht schildert.

Die Eingeborenen hatten in Cook anfänglich eine Gottheit, den
wiederkehrenden Geist eines verstorbenen großen Häuptlings, gesehen,
wofür ja auch seine weiße »Leichen«farbe[3] zu sprechen schien.
Mancherlei Vorfälle trugen dazu bei, diesen göttlichen Nimbus zu
zerstören: die Häuptlinge, die ihren Einfluß sinken fühlten, schürten
eine Gegenbewegung. Mißverständnisse, aus der Unkenntnis der Sitten
und der religiösen Anschauungen der Eingeborenen beruhend, ließen
die Flamme der Empörung immer heller auflodern, und so kam es zu dem
beklagenswerten Ende des großen Entdeckers. Ein Obelisk bezeichnet
heute die Stelle, wo er den Tod fand.

Nach seinem Tode versuchte Kapitän Clerke, der das Kommando auf der
»Resolution« übernommen hatte, noch einmal einen Vorstoß zur Entdeckung
der nördlichen Durchfahrt. Er war vom Glück wenig begünstigt und starb
auf der Rückfahrt nach Kamtschatka. Kapitän King, der ursprünglich
als Navigationsoffizier und ausgezeichneter Astronom an Bord der
»Resolution« gewesen war, und Kapitän Gore führten dann die Schiffe
über China und das Kap der Guten Hoffnung in die Heimat zurück, wo
sie erst am 22. August 1780, nach einer Abwesenheit von mehr als vier
Jahren also, eintrafen.

Mußte nun auch damit der Versuch der Auffindung eines neuen
Handelsweges nach Ostasien und Indien als gescheitert betrachtet
werden, so hatte die letzte Entdeckungsreise Cooks doch andrerseits die
Aufmerksamkeit der englischen Kaufleute auf die nordwestamerikanische
Küste als auf ein besonders aussichtsreiches Pelzhandelsgebiet
hingelenkt. Von den Versuchen, sich diesen bedeutenden, freilich, wie
sich herausstellte, von den Russen schon vorher besetzten Markt zu
erschließen, erzählt der hier mitgeteilte Bericht des Kapitäns Meares
(spr. mihrs) von seiner Unglücksfahrt dorthin.

In eine andre Zeit und ein andres Erdgebiet versetzt uns die
Schilderung, die der famose kurbrandenburgische Major _Otto Friedrich
v. d. Groeben_ von seiner Reise nach der Küste Westafrikas im Jahre
1682 hinterlassen hat. Im Auftrage Friedrich Wilhelms des Großen
Kurfürsten sollte er dort eine Kolonie gründen, d. h. eine Festung
erbauen, und wie er diesen Auftrag ausführte, was er an den Küsten
Guineas erlebte, das hat er in seiner »Guineischen Reisebeschreibung«
mit köstlichem Humor und guter Beobachtungsgabe aufgezeichnet.

Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte seine Jugendjahre fern von der
Heimat, am Hofe Friedrich Heinrichs von Oranien, seines Verwandten,
des großen Kriegsmannes und Statthalters der Niederlande, verlebt.
Die Eindrücke, die er hier in Holland von dem Reichtum und der Macht
empfing, den Seehandel und der Besitz blühender Kolonien einem Volke
zu verleihen vermögen, sind auf ihn sein ganzes Leben hindurch wirksam
geblieben. »Seefahrt und Handlung sind die vornehmsten Säulen eines
Staats«, wurde schon früh sein volkswirtschaftlicher Leitsatz. Als
Friedrich Wilhelm 1640 zur Regierung kam, fegte über Deutschland
noch der Dreißigjährige Krieg dahin. Kämpfe gegen die Polen, mit den
Schweden und Franzosen ließen den Kurfürsten erst rund 40 Jahre später
zur Ausführung seiner Kolonialpläne kommen. Der holländische Reeder
Benjamin Raule war es, der, in brandenburgische Dienste getreten,
Friedrich Wilhelm vorschlug, Handelsfahrten nach Afrika zu unternehmen.
Im Herbst 1680 stachen das »Wappen von Brandenburg«, eine Fregatte
von 22 Kanonen, und der »Morian«, eine solche von 18 Kanonen, in See
nach Westafrika. Die größere Fregatte wurde trotz des Friedens von den
Holländern an der Guineaküste genommen, dem »Morian« aber gelang es
unter Führung des Kapitäns Philipp Pietersen Blonck an der Goldküste,
in der Nähe des Dreispitzenkaps, mit drei unabhängigen Negerhäuptlingen
am 16. Mai 1681 einen vorläufigen Handelsvertrag abzuschließen und
einen zur Anlage einer Festung geeigneten Ort zu erwerben. Die
Negerhäuptlinge erhielten, nebenbei bemerkt, dafür: »2 Stück indischen
Stoffs, 1 Rapier, 1 Hut, 2 zinnerne Schüsseln, 2 Faden (= 4 m)
türkischen Stoff, 1 Kleidchen« und endlich die brandenburgische Flagge,
»womit sie erweisen könnten, daß sie S. Kurfürstliche Durchlaucht für
ihren Herrn angenommen haben«. Um diesen Vertrag nutzbar zu machen,
wurde auf Raules Betreiben im März 1682 die »Afrikanische Kompagnie«
begründet, gewissermaßen eine »Gesellschaft mit beschränkter Haftung«,
deren Grundkapital ganze 50 000 Taler betrug, und im Juli eine
militärische Expedition unter Führung des Majors v. d. Groeben nach
Westafrika entsandt.

Der Kurfürst hätte keine glücklichere Wahl treffen können: Groeben
war ein an Kriegserfahrungen reicher, für seine Zeit hochgebildeter
Offizier, dazu ein weitgereister Mann, der sich schon manchen Wind um
die Nase hatte wehen lassen. Noch nicht 17 Jahre alt, unternahm er in
Gemeinschaft mit einem polnischen Obersten eine achtjährige Reise, die
durch Italien zunächst nach Malta führte. Von hier aus ließ er sich
als Freiwilliger auf einem gegen die Türken kreuzenden Kaperschiff
anwerben. Aus dem Beuteerlös -- er war übrigens gleich im ersten
Treffen verwundet worden -- bestritt er die Kosten einer Reise durch
Palästina. Auf der Rückkehr nach Deutschland ward sein Schiff von den
Türken genommen; er entkam mit knapper Not, gelangte nach Tripolis
und schloß sich einer Karawane nach Ägypten an. Auch die Rückreise
von Ägypten aus war reich an Gefahren und Kriegsabenteuern: wiederum
wurde Groeben bei einem Kampfe mit Seeräubern verwundet. Wir finden ihn
hernach für kurze Zeit in spanischen Diensten, und mit den Spaniern
durchzog er ganz Italien. Auf Anweisung seiner Eltern besuchte er dann
zu weiterer Ausbildung Frankreich, England und Holland. Den endlich in
die Heimat Zurückgekehrten zog der Große Kurfürst an seinen Hof, und
dem erst Fünfundzwanzigjährigen vertraute er die Leitung der Expedition
nach Guinea an.

Schildern wir noch in Kürze schließlich den Fortgang der
brandenburgischen Kolonisation. Zum Fort »Groß-Friedrichsburg«
gesellten sich 1684 das benachbarte Fort »Dorothea« und etwas später
die Forts »Taccarary« und »Sophie Luise«, alle in derselben Gegend
gelegen. Die fortgesetzten Feindseligkeiten der Holländer taten dem
brandenburgischen Unternehmen aber bald viel Abbruch. Sie kaperten
die Schiffe und überfielen, allerdings erfolglos, 1687 die Forts.
Die »Afrikanische Handelskompanie« hielt sich noch ohne rechte
Lebenskraft bis zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I., der das
ganze Unternehmen für 6000 Dukaten an die Holländer verkaufte. --
Als im Jahre 1884 die deutsche Korvette »Sophie« in der Gegend des
einstigen Forts »Groß-Friedrichsburg« landete, zeigten die Eingeborenen
den Offizieren die Trümmerstätte. Aus dem Schutte grub man die alten
Brandenburgischen Geschützrohre hervor. Sie werden heute in der
Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses aufbewahrt, die letzte Erinnerung
an die erste deutsche Kolonie in Afrika.

                                                  Dr. _Adolf Heilborn_.


Fußnoten

[1] Es darf hier nicht verschwiegen werden, daß die geographische
Forschung späterer Tage das Problem des Südkontinents doch in anderm
Sinne als Cook zu lösen und auf der Kugelkappe um den Südpol ein
Festland größer als Europa festzustellen vermochte.

[2] Es sei hier gleich erwähnt, daß Cook 1778 vom Beringmeer aus nur
bis an das Nordkap von Asien gelangte. Die »nordöstliche Durchfahrt« um
Asien herum ist später dem berühmten schwedischen Polarforscher Adolf
Nordenskjöld (spr. nurdenschöld) auf der »Vega« (1879) gelungen. Die
»nordwestliche Durchfahrt« um Amerika herum glückte erst 1906/07 dem
kühnen Norweger Roald Amundsen auf der »Gjöa«.

[3] Auch die farbigen Rassen erbleichen nach dem Tode.



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  | Der Schmutztitel wurde entfernt, das Inhaltsverzeichnis an den   |
  | Anfang des Buchs verschoben. Folgende Inkonsistenzen wurden      |
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  | anderen -- andern                                                |
  | anderer -- andrer                                                |
  | argwohnten -- argwöhnten                                         |
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  | danach -- darnach                                                |
  | Felsenklippen -- Felsklippen                                     |
  | heut -- heute                                                    |
  | Instruments -- Instrumentes                                      |
  | portugiesisch -- Portugiesisch                                   |
  | Schiffs -- Schiffes                                              |
  | ungeheure -- ungeheuere                                          |
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  | unseren -- unsern                                                |
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