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Title: Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre - aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich - Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften
Author: Roscher, Wilhelm
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre - aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich - Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften" ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
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  | Kursiver Text ist als _kursiv_ markiert, gesperrter Text als     |
  | %gesperrt%.                                                      |
  | Nähere Angaben zu Änderungen befinden sich am Ende des Textes.   |
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                            ZUR GESCHICHTE
                                  DER
                   ENGLISCHEN VOLKSWIRTHSCHAFTSLEHRE

                                  VON

                           WILHELM ROSCHER.

     Aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich Sächsischen
                   Gesellschaft der Wissenschaften.


                                LEIPZIG
                      WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.
                                 1851.



                            ZUR GESCHICHTE
                                  DER
                   ENGLISCHEN VOLKSWIRTHSCHAFTSLEHRE
                                  IM
               SECHZEHNTEN UND SIEBZEHNTEN JAHRHUNDERT.

                                  VON

                              W. ROSCHER.



Ihr eigentlich %goldenes Zeitalter% scheint die volkswirthschaftliche
Literatur der Engländer zwischen 1742 und 1823 gehabt zu haben, d. h.
von dem ersten Erscheinen der Hume'schen _Essays_ an bis auf den Tod von
David Ricardo. Hume, Adam Smith, Malthus und Ricardo sind die Chorführer
dieser Periode, die Häupter der englischen Schule der Nationalökonomie.
Und ich wüsste unter den Neueren kein Volk, keine Zeit, die in irgend
einer Kunst oder Wissenschaft eine relativ vollkommenere Schule besessen
hätten. -- Jene vier grossen Engländer stehen im innigsten geistigen
Zusammenhange unter einander; jeder von ihnen hat den Faden der
Untersuchung fast genau da aufgenommen, wo ihn die Vorgänger hatten
liegen lassen. Zugleich aber hat jeder auch durch neue, umfassende, ganz
eigenthümliche Urbarungen das Feld der Wissenschaft erweitert; und nicht
bloss dem Umfange nach, sondern ebenso sehr durch Vertiefung und
Verschärfung der Methode selber. -- Diese Schule ist im höchsten Grade
universal: noch heute gilt insbesondere Adam Smith bei der Mehrzahl für
den Gründer der wissenschaftlichen Nationalökonomie überhaupt, englische
Schule und Theorie überhaupt für gleichbedeutend; wie sie denn
allerdings gerade in den allgemeinsten, abstractesten Lehren ihre
vornehmliche Stärke hat. Zugleich aber ist sie im höchsten Grade
national: jene Männer sind durch und durch Engländer, mit Leib und
Seele; ihre Grundsätze, ihre Beispiele wurzeln gänzlich in der Politik
und Geschichte ihres Volkes, sind insgemein auf dessen Gesichtskreis
beschränkt. Diesen Gesichtskreis übrigens haben sie mit
bewunderungswürdigem Erfolge zu umfassen und zu beherrschen gesucht: sie
haben die englische Philologie und Geschichtsschreibung, die englische
Geographie und Naturforschung vortrefflich für ihre Zwecke ausgebeutet.
Von allem dem, was die Engländer neuerdings auf dem Gebiete des
abstractern, systematischern Denkens geleistet haben, ist ihre
Nationalökonomie ziemlich anerkannter Massen das Vollkommenste. Daher
die grosse Popularität dieser Wissenschaft in England, für die sich
Alles, vom Premierminister an bis zum Fabrikarbeiter herab, auf das
Lebhafteste interessiert. Ueberhaupt kann man sagen, dass die
klassischen Volkswirthschaftslehrer von England sehr gut jene gerade
Mittelstrasse eingehalten haben zwischen Speculation und Erfahrung,
Theorie und Praxis, Allgemeinem und Besonderem, Originalität und
Studium, welche von jeher die besten Schulen in ihrer besten Zeit zu
charakterisieren pflegt.

Heutzutage sind die Verhältnisse in vieler Hinsicht anders geworden.
Nicht, als ob es in England gegenwärtig fehlte an tüchtigen
Nationalökonomen. Die Namen Senior, MacCulloch, Torrens, Tooke, Loyd,
Porter u. A. wird kein Sachkundiger anders, als mit Hochachtung
aussprechen. Ebenso wenig aber können sie den früheren grossen Meistern
zur Seite gestellt werden. Sie haben die vorhandenen Methoden vielfach
genauer, detaillierter angewandt, aber nicht eigentlich verbessert,
oder neue hinzu erfunden; sie haben das Material der Wissenschaft
vielfach bereichert, jedoch immer nur auf den schon bekannten Gebieten,
also ohne wahrhaft universaler zu werden; sie haben die Widersprüche
der früheren Systeme vielfach ausgeglichen, ohne jedoch diese
Ausgleichung selbst wieder zum Systeme zu erheben. Es ist der
Unterschied blosser wackerer Gelehrten, deren Resultate man immer
dankbar annimmt, und grosser schöpferischer Genien, die selbst in ihren
Irrthümern unendlich viel Belehrendes haben. Wie wenige, für die
Wissenschaft bedeutende Probleme sind in England seit dem Schweigen von
Ricardo und Malthus zur Sprache gebracht, die nicht schon von den
älteren, klassischen Meistern behandelt wären! Allerdings hat die
Popularität der volkswirthschaftlichen Untersuchungen dort immer
zugenommen; ja, sie ist noch jetzt in fortwährendem Steigen begriffen.
Nationalökonomische Irrthümer, wie sie Pitt geläufig waren, könnten
einen heutigen englischen Minister um seinen Ruf bringen. Wer aber die
Geschichte anderer Schulen in irgend einem Fache studiert hat, dem wird
es nicht entgangen sein, dass fast überall die grösste Extensität einer
Kunst oder Wissenschaft ihre grösste Ausbreitung und Beliebtheit beim
Publicum nach der Periode ihrer grössten Intensität, also nach der
Schöpfung ihrer klassischen Meisterwerke einzutreten pflegt[1]. -- Zwar
hat neuerdings John Stuart Mill einen Versuch gemacht, den
abgeschlossenen Kreis der englischen Nationalökonomie bedeutend zu
erweitern, indem er nicht bloss eine Menge praktischer Fragen
hereinzog, welche die abstracte Theorie bisher verschmähet hatte,
sondern auch durch das Studium continentaler Verhältnisse eine Menge
von britischen Nationalvorurtheilen beseitigte. Er selbst
charakterisiert sein System dadurch, dass es die Volkswirthschaftslehre
auf die sociale Philosophie anwende. Eine solche Socialphilosophie, die
im Sinne der aristotelischen Politik und mit den Hülfsmitteln unserer
Gegenwart die wirthschaftlichen Verhältnisse der ganzen Menschheit zu
verarbeiten suchte, würde ohne Zweifel eins der grössten
wissenschaftlichen Bedürfnisse befriedigen. In dieser Ausdehnung ist
aber die Aufgabe von Mill gar nicht gefasst worden; es wären auch weder
seine geschichtlichen Vorstudien, noch sein ethischer Gesichtskreis für
einen solchen Zweck umfassend genug. So dass auch durch Mill die
gegenwärtige britische Nationalökonomie den Charakter eines %silbernen
Zeitalters% nicht verloren hat.

Die nachfolgenden Untersuchungen haben den Zweck, über die wenig
bekannte Periode der englischen Volkswirthschaftslehre, welche dem
goldenen Zeitalter vorangeht, Licht zu verbreiten. Ich werde in dieser
Abhandlung nur bis zum Anfange des 18. Jahrhunderts kommen; eine spätere
soll dann, so Gott will, die weiteren Fortschritte bis auf Hume und Adam
Smith erörtern. Den anspruchslosen Titel »Zur Geschichte« habe ich
desshalb vorgezogen, weil es zu sehr an Vorarbeiten fehlt[2], und auch
die Quellenschriften auf unseren deutschen Bibliotheken viel zu selten
gefunden werden, als dass ich eine erschöpfende Vollständigkeit
garantieren könnte. Etwas Bedeutendes wird mir aber doch schwerlich
entgangen sein.



I.

_Der Socialismus im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts._


Im eigentlichen %Mittelalter% haben es die Engländer ebenso wenig, wie
irgend ein anderes neueres Volk, zu einem Systeme der Staatswissenschaft
bringen können. Offenbar aus demselben Grunde, wesshalb auch die
Griechen erst seit Perikles dazu gekommen sind. Grosse Thaten zu
verrichten, schöne Kunstwerke zu erschaffen, vermag schon die Jugend; um
aber systematisch darüber zu reflectieren, wird eine Reife des Geistes
erfordert, welche sich bei Völkern, wie bei Individuen, erst im spätern
Leben ausbildet. Und zwar sind regelmässig die Systeme der
Volkswirthschaft noch jünger, als die der s. g. höhern Politik; gerade
so, wie die Naturforschung weit früher die Bewegung der Himmelskörper,
als die einfachen Vorgänge des Kochens, Düngens u. s. w. ergründet hat.

An die Spitze der englischen Volkswirthschaftslehre stellen wir die
Utopia des THOMAS MORUS[3]. Wer das spätere Leben des Verfassers kennt,
seine grausamen Ketzerverfolgungen, seinen Märtyrertod für die
katholische Kirche (1534), der wird erstaunt sein, in dieser frühern
Schrift einen Gedankenkreis zu finden, welcher einerseits an die
gelehrten Indifferentisten und Skeptiker gränzt, wie Erasmus,
andererseits an die Bauernkriege und Wiedertäufer jener Periode. Morus
selber drückt sich über das Verhältniss seiner Person zum Inhalte seiner
Schrift mit Vorsicht aus. Der grösste Theil derselben ist einem,
angeblich aus Utopia zurückgekehrten Reisenden, Raphael Hythlodeus in
den Mund gelegt. Selbst dieser versichert mitunter, dass er die
Einrichtungen der Utopier nicht sowohl vertheidigen, als beschreiben
wolle (p. 141). Und Morus behält sich ausdrücklich vor, dass er
keineswegs mit Allem einverstanden sei (p. 202 und öfter). Gleichwohl
ist nicht zu bezweifeln, dass sein Ideal in der Utopia wirklich
vorliegt. Wie derselbe Mann durch oberflächliche Betrachtung
menschlichen Elends zum Socialisten werden, hernach aber durch lebendige
Erfahrung der hiermit verbundenen Thorheiten, Frevel und
Unmöglichkeiten[4] zu leidenschaftlicher Anhänglichkeit an das
Bestehende zurückkehren kann, das wird gerade unsere Zeit wohl
nachzuempfinden wissen.

Wie die Geschichte lehrt, so haben %socialistische% oder %communistische
Theorien% einen breitern und tiefern Anklang nur da gefunden, wo
folgende zwei Bedingungen zusammentrafen: erstens ein schroffer
Unterschied von Reich und Arm, wodurch einerseits Hochmuth und
Menschenverachtung, andererseits Hoffnungslosigkeit und Neid auf einen
ungewöhnlichen Grad gesteigert wurden, zumal wenn gleichzeitig eine hoch
entwickelte Arbeitstheilung den Zusammenhang zwischen Verdienst und Lohn
für Laien verdunkelt hatte: sodann eine Verwirrung und Abstumpfung des
öffentlichen Rechtsgefühls in Folge bedeutender, wohl gar
entgegengesetzter Revolutionen. So ist es heutzutage; so war es im
Zeitalter des sinkenden Griechenthums; in den letzten anderthalb
Jahrhunderten vor Christus; so auch im Anfange der neuern Zeit bis zur
Mitte des 17. Jahrhunderts. -- Diess ist die Zeit, wo die grosse
Minenproduction von Amerika nebst anderen verwandten Vorgängen ihren
Einfluss auf die europäischen Preisverhältnisse ausübte. Jedes Sinken
aber der Circulationsmittel, so nützlich es den Gewerbsunternehmern ist,
pflegt die niederen Klassen hart zu drücken, weil diese den Preis ihrer
Arbeit nur sehr allmählig, und zwar nur durch vermindertes Angebot,
d. h. Auswanderung oder Aussterben, entsprechend zu erhöhen vermögen.
Nach Kornpreisen berechnet, stand der englische Tagelohn um 1495 zwei-
bis dreimal so hoch, als hundert Jahre später. Diess ist ferner die
Zeit, wo in so vielen Ländern das alte patriarchalische System des
Ackerbaues mit dem neuen speculativen vertauscht wurde: ein Uebergang,
der sich namentlich in England durch Einführung der Feldgraswirthschaft
statt des Dreifeldersystems, durch Legung zahlloser Bauerhöfe und
Bildung grosser Zeitpachten vollzogen hat. Hier wäre nun offenbar das
Natürlichste gewesen, die auf solche Art überflüssig gewordenen
Feldarbeiter im Gewerbfleisse unterzubringen. Allein die
Finanzwirthschaft des 16. Jahrhunderts, welche grösstentheils auf
Staatsmonopolien beruhete, und damit natürlich die Gewerbe furchtbar
drückte, machte diess unmöglich. Dazu kam die Aufhebung der Klöster,
wodurch gleichfalls die unmittelbare Armennoth sehr gesteigert werden
musste. Am deutlichsten spricht sich diese ganze Lage der Dinge in den
zahlreichen Gesetzen aus, die seit dem 27. Regierungsjahre
Heinrichs VIII. zur Unterstützung der Armen, Errichtung von
Arbeitshäusern u. s. w. gegeben wurden, und die in den letzten Jahren
der Elisabeth endlich zu der berühmten Armenacte führten. Es sollen in
der spätern Zeit der Elisabeth wohl 3-400 kräftige Vagabunden in jeder
Grafschaft existiert haben, die von Raub und Diebstahl lebten, in
Banden, bis 60 Mann stark, auftraten, und selbst der Obrigkeit zu
imponieren wussten[5]. -- Was nun andererseits die Stimmung des Volkes
inmitten dieser Drangsale betrifft, so gedenke man des Bauernkrieges,
der Wiedertäufer, des niederländischen Aufstandes, der Reformation und
Gegenreformation, zumal in England, der Thronstreitigkeiten unter
Elisabeth, der Verfassungskämpfe unter den ersten Stuarts, endlich der
Revolution und Republik. Es war unter Cromwell eine sehr weit
verbreitete Ansicht, dass Niemand seinem Grundherrn ferner Pacht
schuldig sei. So wenig standen die politischen und kirchlichen Ansichten
der Levellers vereinzelt da.

Die ersten Anfänge dieser Bewegung, welche fast anderthalb Jahrhunderte
lang Westeuropa durchzitterte, bilden die Grundlage zum Verständnisse
des Morus'schen Werkes. Wie in allen socialistischen Systemen, so ist
auch hier der %kritische Theil% verhältnissmässig am wahrsten. -- Vor
Allem klagt Morus über die gewaltige Zahl der Faullenzer im Staate,
wogegen die Fleissigen, obschon sie jene doch ernähren müssen, fast
verschwänden. Er rechnet dazu die Geistlichen, Edelleute, ganz
besonders auch die Gefolge der letzteren, die Mehrzahl der Weiber, die
Bettler u. s. w. Und selbst die Arbeiter werden grösstentheils mit ganz
unnützen Dingen beschäftigt, bloss um für Geld die Eitelkeit der
Reichen zu befriedigen (p. 39 ff. 99). Den kostspieligen Soldheeren
will More nicht einmal militärischen Nutzen zugestehen (p. 40). Wollten
Alle fleissig sein, und nur wahrhaft nützliche Geschäfte treiben, so
brauchte sich Niemand sehr anzustrengen; während jetzt die wenigen
wahren Arbeiter schlimmer als das Vieh genährt und überhetzt werden,
zumal wenn man ihre Aussichtslosigkeit für Alter, Krankheitsfälle
u. s. w. mitbedenkt (p. 96. 197). Ebenso unzufrieden ist Morus mit der
gegenwärtigen Art der Consumtion; er eifert gegen die Wein-, Bier- und
Hurenhäuser, gegen Würfel, Karten und andere Hazardspiele (p. 46. 95).
Jedes Streben, äusserlich vor Anderen hervorzuragen, ist ihm eine
strafbare Thorheit; wesshalb er z. B. das nützliche Eisen höher achtet,
als das seltene Gold (p. 117), und den Vorzug der feinen Wollzeuge vor
den groben damit lächerlich macht, dass ja auch die besseren vorher nur
von Schafen getragen worden (p. 131 fg.). Besonders eifert er gegen die
fiscalischen Plusmachereien, die seiner Zeit üblich waren: so z. B.
Münzveränderungen, Steuerforderungen wegen bloss scheinbarer
Kriegsgefahr, Geldstrafen wegen Uebertretung längst verschollener
Gesetze u. s. w. (p. 65); oder gar die extreme Regaltheorie des 16.
Jahrhunderts, wonach alles Gut des Volkes dem Fürsten gehören sollte
(p. 68). Die oben erwähnten agronomischen Veränderungen[6] betrachtet
er in einem so ungünstigen Lichte, dass er die Schafe reissende Bestien
nennt, welche Menschen fressen, und Land wie Stadt verwüsten
(p. 42)[7]. Mit vorzüglicher Energie werden am Schlusse des ganzen
Werkes alle angeblichen Gräuel unserer Civilisation nochmals
zusammengestellt (p. 197 ff.). Da heisst es geradezu, alle heutigen
Staaten seien eigentlich nur Verschwörungen der Reichen, um unter der
Maske des Gemeinwohls ihren Privatnutzen zu fördern. Der Arbeiter werde
von der _respublica_ während seiner kräftigen Jahre ausgebeutet;
hernach aber, wenn er durch Alter und Krankheit gebeugt, völlig
hülfsbedürftig geworden, mit dem schnödesten Undanke belohnt. All diess
Elend jedoch, Diebstahl, Betrug und Raub, Streit, Mord und Aufruhr,
Kummer, Sorgen, die Armuth sogar würden mit Abschaffung des Geldes von
selbst wegfallen; sowie man ja schon gegenwärtig nach jeder Missernte
sehen könne, dass die Hungersnoth lediglich eine Folge der, durch das
Geld bewirkten, üblen Vertheilung des Kornvorrathes sei.

Die positiven Behauptungen und Heilvorschläge des Morus sind denen der
neuesten Socialisten so ungemein ähnlich, dass sich schon hierin die
leicht erschöpfte Unfruchtbarkeit des ganzen s. g. Socialismus erkennen
lässt. Ich will nur das Wichtigste anführen. -- Die utopische
Lebensphilosophie ist ein vollständiger Eudämonismus. Alle Tugend
besteht darin, der Natur gemäss zu leben; die Natur selbst aber gebietet
uns, das Vergnügen (_voluptatem, vitam iucundam_) als den Zweck aller
unserer Handlungen zu betrachten (p. 129). Dass dieses Vergnügen auf
keine allzu rohe Art gefasst wird, versteht sich bei Thomas Morus von
selbst. Hierzu kommt ein anderer Grundsatz: Niemand kann etwas gewinnen,
was nicht ein Anderer verloren hat (p. 79). Wer diese beiden Principien
zugiebt, wird nicht umhin können, das Privateigenthum zu verwerfen
(p. 76). In Utopien herrscht daher %Gütergemeinschaft% und
%Arbeitsorganisation%, so dass insbesondere die Behörden fast
ausschliesslich damit beschäftigt sind, jeden Müssiggang zu verhüten
(p. 96). Freilich ist jeder Stadt ein gewisser Landbezirk eigenthümlich
zugewiesen (p. 86); und auch die einzelnen Familien bilden in mancher
Hinsicht abgeschlossene Kreise. Indessen wird die Gleichmässigkeit der
Bevölkerung durch Uebersiedelung aus einer Stadt und Familie, die zu
voll geworden[8], in andere, zu leere fortwährend erhalten (p. 104).
Ackerbau treiben Alle, indem sie periodisch mit einander abwechseln
(p. 86); ausserdem beschäftigt sich Jeder noch mit einem Handwerke
(p. 95). Man speist an gemeinschaftlichen Tafeln (p. 108 ff.); die
Kleidung Aller ist auf das Genaueste uniform (p. 102). Nur mit
obrigkeitlicher Genehmigung darf sich Jemand den Studien ausschliesslich
widmen (p. 100); auch nur mit einem Passe auf Reisen gehen, wobei
übrigens kein Gepäck mitgenommen wird, da Jedermann überall zu Hause ist
(p. 113). Aller wechselseitige Mangel und Ueberfluss wird unter Leitung
des Staates durch Geschenke ausgeglichen (p. 114). Das edle Metall,
welches auf dem Wege des auswärtigen Handels in grosser Menge nach
Utopien strömt, wird lediglich zu dem Zwecke aufbewahrt, um auswärtige
Kriege damit zu führen; im Lande selbst behandelt man es mit der
grössten Verachtung, so dass z. B. die Verbrecher goldene Ketten tragen,
die kleinen Kinder mit Perlen und Edelsteinen spielen, die
Nachtgeschirre von Gold und Silber gemacht werden (p. 115 ff.).

Es ist ebenso bekannt, wie erklärbar, dass die Theoretiker der
Gütergemeinschaft in der Regel auch für Weibergemeinschaft und
%Emancipation der Frauen% geschwärmt haben. Denn Tisch und Bett, Haus
und Ehe sind ja nur verschiedene Seiten eines und desselben
Verhältnisses, des Familienlebens; daher die consequenten Gegner des
Sondereigenthums kaum unterlassen können, auch die Sonderehe zu
bekämpfen. Und was die Frauenemancipation betrifft, so wird der extreme
Gleichheitssinn, welcher zur Gütergemeinschaft führt, auch die sociale
Ungleichheit der beiden Geschlechter nicht anerkennen wollen. Mit den
Wiedertäufern ist nun Morus auf diesem Gebiete nicht zusammenzustellen;
jedoch fehlt es bei ihm durchaus nicht an allen Analogien. So lässt er
die utopischen Frauen nicht bloss an dem wissenschaftlichen Unterrichte
(p. 97), sondern auch an den militärischen Uebungen der Männer
theilnehmen (p. 164); selbst das Priesteramt können alte und ehelose
Frauen bekleiden (p. 187). Hinsichtlich der Ehe ist seine vornehmste
Reform darauf gerichtet, dass Braut und Bräutigam, vor Knüpfung des
unauflöslichen Bandes, im Beisein passender Zeugen einander nackend
sehen (p. 150); ausserdem sollen auch Ehescheidungen auf eine,
wenigstens für Katholiken bedenkliche, Art erleichtert werden (p. 152).

Charakteristisch sind endlich noch folgende Punkte: 1) Die grosse
religiöse %Toleranz% des Morus, die zwar in damaliger Zeit bei klassisch
gebildeten Männern nichts Seltenes war, alsbald aber so gründlich
beseitigt wurde, dass z. B. 1613 in England Personen als Verleumder mit
lebenslänglicher Kerkerstrafe belegt worden sind, weil sie behauptet,
einzelne Geheimerathsmitglieder hätten ein Toleranzgesetz empfohlen. In
Utopien dagegen herrscht die völligste Glaubensfreiheit, nicht allein
des Friedens willen, sondern auch weil man sie eben der Religion und
Wahrheit selber am zuträglichsten findet (p. 180). In den Tempeln wird
eine kluge Neutralität beobachtet, namentlich Alles vermieden, was
irgend einer Secte irgendwie anstössig sein könnte (p. 190). Ueberhaupt
ist es hier Grundsatz, ja nicht leichtfertig über irgend eine Religion
zu urtheilen (p. 185). Freilich schmeckt diess Alles etwas nach
Indifferentismus, zumal wenn man bedenkt, wie gut der Idealstaat des
Morus auch ohne Christenthum hat fertig werden können. Die Einführung
des Christenthums scheint ihm ungefähr auf derselben Stufe zu stehen,
wie die Einführung der griechischen Literatur[9], obschon er dem
erstern seine Hinneigung zur Gütergemeinschaft nachrühmt (p. 177).
Uebrigens bleibt die utopische Toleranz doch immer noch sehr hinter der
heutigen zurück; denn Ansichten, welche die Unsterblichkeit der Seele,
die Vergeltung nach dem Tode, die göttliche Vorsehung leugnen, gelten
dort für unmenschlich, und machen unfähig zum Bürgerrechte (p. 180). --
2) Seine %Milde gegen Verbrecher%. Morus gehört zu den erklärtesten
Gegnern der Todesstrafe, die er fast in allen Fällen durch
Freiheitsstrafen, gezwungene Arbeit u. dergl. ersetzen will (p. 153).
Namentlich scheint es ihm rechts- und bibelwidrig zu sein, wenn Diebe
getödtet werden[10] (p. 49). Ja, es kommen Anklänge an die neuerdings
beliebte Meinung vor, als wenn zur Verhütung von Verbrechen nicht sowohl
die Verbrecher selbst, sondern vielmehr die bürgerliche Gesellschaft
sich ändern müsste (p. 38 ff. 52). -- 3) Im Allgemeinen sind die Utopier
zwar äusserst friedfertig; sie verachten insbesondere den herkömmlichen
Begriff soldatischer Ehre bis zu dem Grade, dass sie vorzugsweise durch
Prämien auf die Ermordung oder Auslieferung der feindlichen Fürsten und
Offiziere zu wirken suchen (p. 164 fg.). Dagegen schreiten sie,
abgesehen von der Vertheidigung, in zwei Fällen ganz unbedenklich zum
%Kriege%: erstens, um fremde Nationen von Tyrannenherrschaft zu befreien
(_quod humanitatis gratia faciunt_: p. 161); sodann auch, um ihrer
überschüssigen Population in minder bevölkerten Ländern, die gleichwohl
ein friedliches Eingehen auf die utopische Verfassung verschmähen, ein
Unterkommen zu verschaffen (p. 105).

Wer mit der neuern socialistischen Literatur irgend vertraut ist, wird
die Bedeutung dieser Ansichten würdigen können.



II.

_Die Preiserniedrigung der edlen Metalle[11]._


Die %Preiserniedrigung aller Circulationsmittel%, welche in den
meisten europäischen Ländern während des 16. Jahrhunderts vor sich
gegangen ist, wird in der Regel als eine Folge der grossen
amerikanischen Minenproduction betrachtet. Und die wichtigste Ursache
ist diess allerdings; aber schwerlich die einzige. Das Sinken der
Metallpreise nämlich war schon in einer Zeit bedeutend, als die
amerikanischen Zuflüsse nachweislich noch lange nicht die Ausdehnung
erreicht hatten, um eine solche Wirkung erklären zu können. Während
insbesondere vor der Entdeckung Potosis (1545) fast gar kein
amerikanisches Silber nach Europa strömte, war doch in Frankreich
schon zwischen 1500 und 1530 der Preis des Silbers um etwa 50 Procent
gesunken[12]; und die, bis 1522 geradezu ausschliessliche, Goldzufuhr
aus Amerika hat gleichwohl den Preis des Goldes dem Silber gegenüber
nicht bemerkbar verringert. Ein Hauptgrund des ganzen Vorganges wird
vielmehr in den gleichzeitigen inneren Veränderungen der europäischen
Volkswirthschaft liegen. Diese erwachte damals in den meisten Ländern
aus dem Schlafe des Mittelalters. Das starre Volkskapital wurde
gleichsam flüssig. Mit der wachsenden Rechtssicherheit wurde auch die
Speculation rühriger, und beides zusammen trieb die Einzelnen wie die
Staaten an, das mittelalterliche Schatzwesen aufzugeben. Während das
Geld früher hauptsächlich als Werthdepositum gedient hatte, trat nun
seine Umlaufsfähigkeit in den Vordergrund. Die zunehmende
Arbeitstheilung machte den Umlauf immer schneller. Zugleich entfaltete
der Credit sowohl seine productionsfördernde, wie seine geldersparende
Kraft immer grossartiger. Auch die eigentlichen Geldsurrogate, wie
z. B. Wechsel, wurden bedeutender[13]. So erklärt es sich denn,
wesshalb in Italien, dem zuerst gereiften Lande der neuern Zeit, auch
die Wohlfeilheit der edlen Metalle schon vor der Entdeckung Amerikas
völlig entwickelt war. Hier sind die Waarenpreise zu Anfang des 16.
Jahrhunderts fast gar nicht gestiegen; ja, man behauptet sogar, dass
der Preis des Geldes um 1750 auf den italienischen Märkten wenig
niedriger gewesen, als um 1450[14].

Hiermit hängt es nun auch zusammen, dass die grosse Preisrevolution
verschiedene Länder zu sehr verschiedener Zeit ergriffen hat. In
Frankreich z. B. und in Ober-Deutschland fing die Erschütterung bereits
in den ersten Decennien des 16. Jahrhunderts an, war aber in den
achtziger Jahren wieder zur Ruhe gelangt. In %England% dagegen, wo sie
erst im dritten Decennium des 17. Jahrhunderts zur Ruhe kam, ist auch
ihr Anfang ein ungleich späterer gewesen.

Zu den frühesten und zugleich bekanntesten Klagen über diesen Vorgang
sind einige Aeusserungen in den Predigten des berühmten HUGH LATIMER zu
rechnen. Dieser ebenso fromme und gelehrte, wie populäre Bischof, dessen
evangelische Opposition von Heinrich VIII. mit Absetzung und Gefängniss,
von der katholischen Maria (1555) mit dem Scheiterhaufen gestraft wurde,
hielt in der Zwischenzeit am Hoflager des minderjährigen Königs,
Eduards VI., Predigten in der Paulskirche. In einer derselben (19.
Januar 1548) zählt er die traurigen Folgen auf, womit die grosse, immer
noch wachsende allgemeine Waarentheuerung das englische Volk bedrohe. An
seiner eigenen Familie habe er Gelegenheit gehabt, diess zu beobachten.
»Mein Vater war Pächter, ohne eigenen Grundbesitz; er hatte ein kleines
Gut zu 3 bis 4 Pfund St. gepachtet, und bauete darauf so viel Getreide,
um ein halbes Dutzend Menschen zu ernähren. Er hatte Weide für 100
Schafe, und meine Mutter melkte 30 Kühe. Er konnte ein Pferd halten, und
dem Könige als gepanzerter Reitersmann dienen; ich selbst erinnere mich
noch, ihm den Harnisch angeschnallt zu haben, als er zum Treffen von
Blackheath (1497) gieng. Er verheirathete meine Schwestern, jede mit
einer Aussteuer von 5 Pfund St. oder 20 Nobles, und erzog sie in
Frömmigkeit und Gottesfurcht. Gegen arme Nachbaren übte er
Gastfreundschaft, und gab stets Almosen. Alles diess leistete er bei
seinem niedrigen Pachtschillinge. Jetzt aber zahlt er jährlich 16 Pfund
St. Pacht, und ist ausser Stande, weder für seinen König, noch für sich,
noch für seine Kinder etwas zu thun, noch den Armen einen Trunk zu
geben.« An einer andern Stelle wird das Steigen der Grundrenten doch
etwas niedriger gesetzt: »was für 20 oder 40 Pfund St. verpachtet wurde,
kostet jetzt 50 oder 100 Pfund St. und mehr. Daher entsteht denn
Hungersnoth für die Armen inmitten eines Ueberflusses von Früchten; alle
Nahrungsmittel sind unnatürlich theuer, und wir werden bald für ein
Schwein 1 Pfund St. zahlen müssen. Die ärztliche Behandlung des
Landvolkes, die juristische Anwaltschaft für die Armen, die Waaren der
Kaufleute, Alles ist zu theuer, wenn die Einnahmen der Grundbesitzer zu
hoch sind.«[15] Als letzte Ursache des Uebels wird hier offenbar die
Steigerung der Pachtschillinge angesehen, wobei der ehrwürdige Verfasser
auf das Lebhafteste gegen die _Inclosures_, die Vermehrung der
Schafweiden, den Getreidewucher u. dgl. m. eifert.

Man hat diese Stelle in der Regel zum Beweise gebraucht, dass bereits
vor der Mitte des 16. Jahrhunderts ein bedeutendes Sinken der
Geldpreise in England bemerklich geworden sei. Indessen bietet sie
gerade in dieser Hinsicht grosse, zum Theil noch unbeachtete,
Schwierigkeiten dar, welche durch die blosse Erwägung der veränderten
Münzfüsse keineswegs gehoben werden. Es waren nämlich in heutiger
Währung 4 Pfund St. um 1497 = 5 Pfund 6 S. 8 D., und 16 Pfund St. um
1548 = 14 Pfund 2 S.: so dass die Pachtsteigerung des alten Latimer
nicht 300, sondern nur etwas über 164 Procent betrug. -- Dass nun eine
Preiserniedrigung der Circulationsmittel gerade den Pächterstand schwer
bedrücken sollte, ist kaum zu glauben. In der Regel wird sie diesem
grossen Vortheil bringen, weil seine Pachtcontracte, so lange sie eben
laufen, noch den alten Werth des Geldes zur Unterlage haben, seine
Producte aber schon zu den neuen Preisen abgesetzt werden. Selbst wenn
der Vater Latimer's ein jährlich kündbarer Pächter gewesen wäre, so
hätte die Steigerung seines Pachtzinses, durch ein Sinken der
Geldpreise bewirkt, der Steigerung der Kornpreise schwerlich
voraufgehen können. Die Kornpreise aber sind in der vorliegenden
Periode keineswegs bedeutend höher geworden. Nach den Untersuchungen
Arthur Youngs[16] galt der Quarter Weizen, nach heutigem Gelde
berechnet, im Durchschnitt der Jahre

  1500 - 1519             6 S. 7     D.
  1532 - 1562             8 S. 3-1/2 D.
  1573 - 1575    1 Pfund 15 S. 8     D.
  1586 - 1599    2 Pfund  2 S. 4     D.

Ich habe ferner aus den, von Eden mitgetheilten, Weizenpreisen[17] den
Durchschnitt gezogen, und auf heutiges Geld reduciert; hiernach kämen
alsdann auf die Jahre

  1495 - 1504      10 S.
  1505 - 1514      13 S. 4 D.
  1515 - 1526[18]   18 S. 1 D.
  1527 - 1542      20 S. 4 D.
  1543 - 1552      17 S. 9 D.
  1553 - 1560      14 S. 7 D.
  1561 - 1569      17 S.
  1572 - 1585      22 S. 4 D.
  1586 - 1599      34 S. 4 D.

Diese beiden, an sich ziemlich unsicheren, Angaben werden für unsern
Zweck hinreichend corrigiert durch die Bestimmungen der englischen
Korngesetze. Es ward nämlich die Ausfuhr des Getreides nur dann erlaubt,
wenn die Kornpreise auf einen, nach der Ansicht des Gesetzgebers recht
niedrigen, Stand gesunken wären. Und zwar wurde dieser Normalpreis
festgesetzt für den Quarter Weizen

  1554 auf  6 S. 8 D.
  1559      6 S. 8 D.
  1563     10 S.
  1593     20 S.
  1604     26 S. 8 D.[19]

Aus allen diesen Angaben erhellt wenigstens so viel, dass eine
bedeutende Steigerung der Kornpreise erst unter Elisabeth
eingetreten[20]. -- Den scheinbaren Widerspruch zwischen solchen
Thatsachen und den Aeusserungen des Bischofs Latimer glaube ich auf
folgende Art lösen zu können. Die Theuerung der Kaufmannswaaren, der
feineren Arbeitslöhne u. s. w. wird von der allgemeinen, schon damals
begonnenen Preiserniedrigung der Circulationsmittel herrühren. Dass
die Kornpreise hiervon nicht mit gesteigert wurden, schreibe ich den
grossen Verbesserungen des englischen Ackerbaues zu, welche die erste
Hälfte des 16. Jahrhunderts charakterisieren, insbesondere auch seit
der Secularisation der Klostergüter. Mit der hierin liegenden
Verminderung der Productionskosten vermochte das Zunehmen der
Bevölkerung nicht gleichen Schritt zu halten. Eine Steigerung der
Grundrente, im streng Ricardo'schen Sinne des Worts, kann freilich die
unmittelbare Folge hiervon nicht sein; gar wohl aber eine Steigerung
der Pachtschillinge, in denen ja der Kapitalzins meistens eine so
bedeutende Quote bildet. Die jener Zeit übliche Zusammenlegung vieler
kleiner Farms in grosse, die Einführung der Koppelwirthschaft
u. s. w.: alles diess musste in unzähligen Fällen eine für die kleinen
Pächter sehr ungünstige Concurrenz veranlassen; um so mehr, als die
weltlichen Besitzer der früheren Klosterländereien ihre Untergebenen
überhaupt viel rücksichtsloser behandelten, als diese unterm
Krummstabe gewohnt waren. Man denke nur an die furchtbaren
Bauernkriege des Jahres 1549, welche hauptsächlich Wiederherstellung
der Klöster und Beseitigung der _Inclosures_ bezweckten. Noch 1597
kommt in Oxfordshire ein kleiner Aufruhr vor, um die Zäune
einzureissen und den Kornbau wiederherzustellen; 1607 ein sehr
bedeutender in den mittelländischen Grafschaften zu demselben Zwecke.
Ein so steinalter Mann, wie des Bischofs Vater, konnte sich natürlich
in die ganz veränderte Landwirthschaft der neuen Generation wenig
finden, und musste dadurch verarmen. Diess lag um so näher, als seine
Farm besonders auf Viehhaltung eingerichtet war, und die neuen
Verbesserungen des Betriebes sich ganz vorzugsweise auf diesen Zweig
geworfen hatten. Endlich muss man auch die Stimmung des Bischofs
selbst berücksichtigen, der gleichfalls ein alter Mann, dazu
Geistlicher war, und den Uebergang der Landwirthschaft aus dem alten
_feudal system_ in das neue _commercial system_ mit ähnlichem
Missbehagen ansehen mochte, wie mancher heutige Greis die Ausdehnung
der Eisenbahnen. Alle Geistlichen waren damals in ihrem Einkommen
geschmälert, und empfanden, wie jeder wirthschaftlich sinkende Stand,
die vielen Münzverringerungen auf das Bitterste. -- Sogar die speciell
erwähnte Theuerung des Schweinefleisches lässt sich aus inneren
Veränderungen der Waare selbst erklären. Das Schwein pflegt im
Mittelalter jedes Volkes das gemeinste und wohlfeilste Hausthier zu
sein, und dann auf den höheren Kulturstufen, wenn namentlich die
Waldfläche sich verkleinert, in besonders hohem Grade theuerer zu
werden. Hierzu kam nun im damaligen England noch die starke
Verminderung der kleinen Pächter und ländlichen _Cottagers_, d. h.
also derjenigen Klasse, welche zu jeder Zeit die Mehrzahl der Schweine
zu halten und von den Abfällen ihrer kleinen Wirthschaft zu ernähren
pflegt.

Als nun später die grosse Preisrevolution im vollen, unzweifelhaften
Gange war, erschien eine geistvolle, welterfahrene Schrift, um die
öffentliche Meinung darüber in Worte zu fassen und zu kritisieren: _A
compendious or briefe examination of certayne ordinary complaints of
divers of our countrymen in these our days; which, although they are in
some part unjust and frivolous, yet they are all by way of dialogues
thoroughly debated and discussed. By W. S., gentleman. 4. London 1581._
Als Verfasser wird insgemein WILLIAM STAFFORD genannt[21]. Das Werk ist
in Form eines Gesprächs zwischen einem Landedelmanne, einem Doctor der
Theologie, einem Pächter, einem Krämer und einem Mützenmacher
geschrieben, um auf solche Art die wichtigsten Volksklassen zu
repräsentieren[22]. Charakteristisch genug, dass die Klasse der
vorzugsweise s. g. Arbeiter fehlt! -- Ueber den Grad der beklagten
Preisveränderung wird u. A. Folgendes bemerkt. Es koste jetzt, also
1581, 200 Pfund St., um ein ebenso gutes Haus zu halten, wie 16 Jahre
früher für 200 Mark, d.i. 133 Pfund 6 S. 8 D. (_fol._ 5). Eine Mütze
habe damals 13 D. gekostet, jetzt 2 S. 6 D.; ein Paar Schuhe damals
6 D., jetzt wenigstens 12 D.; ein Pferd zu beschlagen damals 6 D., jetzt
10 bis 12 D. (_fol._ 11). Vor 30 Jahren sei die beste Gans oder ein
Spanferkel um 4 D. zu haben gewesen, jetzt nur um 12 D. Ein guter Kapaun
habe damals 3 bis 4 D., ein Küchlein 1 D., eine Henne 2 D. gekostet;
jetzt gelten sie das Doppelte oder Dreifache. Aehnliches Steigen der
Hammel- und Ochsenpreise (_fol._ 14).

Die Klagen des Landedelmannes beziehen sich darauf, dass er nicht so im
Stande sei, wie die meisten anderen Klassen, den Preis seiner Ländereien
in gleichem Verhältniss zu dem Steigen der Waarenpreise höher zu
treiben. Seine Renten seien zwar etwas bedeutender, als die seiner
Vorfahren; die Kosten seines Haushaltes aber in viel höherem Grade. Als
Ursache hiervon bezeichnet er mit Recht die in England herrschende
Gewohnheit, die Pachtcontracte auf lange Zeiten, insbesondere auf
mehrere Lebensläufe, abzuschliessen. Viele seiner Standesgenossen waren
desshalb genöthigt, ihre Landsitze zu verlassen, und sich zu London, in
der Nähe des Hofes ganz bescheiden einzumiethen: Männer, die ehedem
gewohnt waren, bis 10 Gentlemen in ihrem Hause zu unterhalten, und
ausserdem noch 20 bis 24 Personen täglich als Gäste zu bewirthen. Wer
von ihnen das Landleben fortsetzen wollte, der musste die, durch Ablauf
der Pacht heimgefallenen, Grundstücke selbst verwalten; auch wohl fremde
Besitzungen noch dazu pachten, um sie mit Schafen oder sonstigem Vieh zu
bewirthschaften. Alle übrigen Nahrungszweige seien dem Edelmanne ja so
gut wie verboten. -- Gegen diese Mitbetheiligung der Gutsherren an der
Landwirthschaft hat nun der Pächter viel einzuwenden. Die Grundrenten
seien hierdurch enorm gestiegen. Ganz besonders aber klagt er die vielen
Einhegungen an[23]. Dadurch werden die Pflüge zu Gunsten des Weidelandes
lahm gelegt. So sind in meiner Gegend, 6 Meilen in die Runde, während
der letzten Jahre mehr als ein Dutzend Pflüge ausser Beschäftigung
gekommen; und wo ehemals 30 und mehr Personen ihren Unterhalt fanden, da
sitzt nun Einer mit seinem Vieh, und hat Alles. Diess ist eine
Hauptursache der jüngsten Unruhen gewesen; denn die Vielen, welche durch
die Einzäunungen ihr Brot verloren haben und müssig gehen, wünschen eine
Umwälzung, wobei es ihnen nicht übeler gehen kann, als jetzt. Die
vornehmste Ursache aller unserer Noth sind die Schäfereien. Sie
verdrängen die Pachtungen, durch welche vormals die Lebensmittel jeder
Art zu niedrigem Preise erlangt wurden. Nun hört man nichts mehr, als
Schafe, Schafe! während es doch besser wäre, nicht allein Schafe zu
halten, sondern auch hinlänglich viele Ochsen, Kühe, Schweine und
anderes Hausvieh, um genug Butter, Käse, Malz und Korn zu
producieren[24]. -- Freilich meint nun der Kaufmann, dass er niemals
einen grössern Ueberfluss an Getreide und Vieh gesehen habe, als gerade
jetzt, und im Ganzen während der letzten zwanzig Jahre überhaupt. Woraus
dann von dem Gutsherrn der richtige Schluss gezogen wird, die
Einzäunungen könnten schwerlich die Ursache der Theuerung sein; am
allerwenigsten der Viehtheuerung, weil Nichts in der Welt die Viehzucht
so sehr befördert, wie eben das Einzäunen. -- Der Mützenfabrikant
beschwert sich über die Steigerung des Arbeitslohnes. Er müsse seinen
Arbeitern 2 Pence mehr für den Tag zahlen, als ehedem; und doch könnten
diese nur kümmerlich davon bestehen. Auch die Handwerker haben einen
schweren Stand, seitdem sich die Edelleute in Viehpächter verwandelt
haben. Alle Gewerbetreibenden sind daher gezwungen, die Zahl ihrer
Lehrlinge und Gehülfen auf das Aeusserste einzuschränken: was die bisher
so reichen und starkbevölkerten Städte verarmen und entvölkern muss. Die
Unruhen der letzten Zeit hängen auch hiermit zusammen. -- Dieser Verfall
der Städte, jedoch mit Ausnahme Londons, wird von dem Kaufmanne
bestätigt. Er fügt noch hinzu, dass sich die allgemeine Theuerung auch
auf die ausländischen Waaren erstreckte: Seide, Wein, Oel, Specereien
kosteten jetzt über ein Drittel mehr, als noch vor wenig Jahren. -- Der
theologische Doctor endlich vervollständigt diesen Katalog der
Zeitkrankheiten mit der grossen religiösen Spaltung des Landes, welche
die Menschen unter einander verfeinde. Es fragt sich, meint er sodann,
ob der Theuerung nicht könnte abgeholfen werden, wenn der Landmann
genöthigt würde, den Preis seiner Producte herabzusetzen; der Gutsherr,
seine Ländereien nach dem alten Fusse zu verpachten, und so ein Jeder
auf seinem Gebiete. Auch die Fremdwaaren fielen dann vermuthlich im
Preise. Wenn jetzt die Ausländer z. B. ein Stück Sammet für 20 oder 22
Schilling verkaufen, und dieses Geld hernach für einen Stein Wolle
hingeben: so würden sie wahrscheinlich wohl bereit sein, uns den Sammet
für eine Mark zu überlassen, falls sie auch den Stein Wolle für eine
Mark haben könnten. Zum Schluss erklärt der Doctor die allgemeine
Waarentheuerung bei ebenso allgemeinem Waarenüberflusse aus der
vergrösserten Geldmenge, welche der Handel ins Land gezogen[25].
Gelegentlich wird noch der Rath ertheilt, die Wolle ebenso wohlfeil zu
machen, wie das Korn; indem man, nach Art der Kornausfuhrverbote, auch
die Ausfuhr der rohen Wolle entweder ganz untersagte, oder doch mit
höheren Zöllen beschwerte[26].



III.

_Die Gründung des englischen Kolonialreiches._


Es ist gewiss übertrieben, wenn Adam Smith[27] die _auri sacra fames_
für den einzigen Beweggrund erklärt, welcher die Ojeda, Balboa, Cortes
u. s. w. zur Eroberung des spanischen Amerikas geführt habe. Denn fast
alle grossen Ideen jener Zeit haben bei dieser Unternehmung
zusammengewirkt: ausser dem Golddurste des erwachenden Mercantilsystems
ganz besonders noch der ritterlich-fromme Bekehrungseifer des damaligen
spanischen Katholicismus[28]. Noch bei Weitem schwerer jedoch ist es zu
verantworten, dass Smith an derselben Stelle behauptet: «die ersten
Abenteuerer aller anderen europäischen Nationen, welche Niederlassungen
in Amerika versuchten, wurden von gleichen chimärischen Aussichten
beseelt.» Diese Behauptung nämlich beweist eine vollständige Unkenntniss
der Quellen, welche von den Gönnern und Führern der %ersten englischen
Kolonisationsversuche% selbst geschrieben sind. Sie wird nur dadurch
erklärbar, dass sich in den frühesten Acten der englischen
Kolonialgesetzgebung allerdings manche Anklänge an die spanische
Auffassungsweise finden. So z. B. pflegte in den Privilegien, welche
den s. g. Eigenthümerkolonien als Grundgesetz verliehen wurden, die
Abgabe eines Fünftheils vom Ertrage der Gold- und Silberminen an den
König vorbehalten zu sein[29]. Auch ist Sir Walter Raleigh in der
berühmten Schrift _The discoverie of the large, rich and beautifull
empire of Guiana (%Hackluyt% III, p. 627 ff.)_ ganz vorzugsweise
bemühet, den Goldreichthum des gepriesenen Landes ins Licht zu stellen.
Er meint (p. 660), «wo Goldvorrath ist, da wird es unnöthig sein,
anderer, für den Handel geeigneter Waaren zu gedenken;» obschon er
selbst unmittelbar darauf Brasilholz, andere Färbestoffe, Baumwolle,
Seide, Gummi, Pfeffer u. s. w. als Producte Guianas namhaft macht.
Indess sind dergleichen Ansichten bei den englischen Koloniegründern
nicht Regel, sondern Ausnahme.

Ich verweise zunächst auf den würdigen Halbbruder Raleighs, SIR HUMPHREY
GILBERT, der in seiner Schrift: _A discourse written to prove a passage
by the Northwest to Cathaia and the East-Indies, Chap. 10_ die Vortheile
schildert, welche aus einer Entdeckung dieser Durchfahrt hervorgehen
würden[30]. Oben an steht hier die Möglichkeit, mittelst Abkürzung der
Reise, die Waaren Indiens und anderer, civilisierter wie
uncivilisierter, Länder wohlfeiler zu kaufen, als die Spanier und
Portugiesen: also namentlich Gold, Silber, Juwelen, Seide, Gewürze und
ähnliche Kostbarkeiten. (Nr. 1-3. 5.) Sodann aber wird die Aussicht
gezeigt, in den neuentdeckten Ländern die arme Bevölkerung von England
anzusiedeln, welche daheim die öffentliche Ruhe stört, aus Noth
Verbrechen begeht, und oft den Galgen verwirkt. (Nr. 4.)[31] Es wird
ferner ein stark vermehrter Absatz der englischen Tuchindustrie nach
diesen Ländern gehofft, der überdem von jeder europäischen Macht
unabhängig sein würde. (Nr. 6.) So könnte auch die Anfertigung von
allerlei Spielwaaren u. s. w., welche die Indier schätzen, zur
Beschäftigung armer Kinder benutzt werden, was abermals die Zahl der
Vagabunden und Müssiggänger vermindern würde. (Nr. 8.) Dazu endlich noch
eine Vermehrung der Seemacht, ohne irgend welche Belästigung des
Staates. (Nr. 7.) Und Alles auf einem Wege, der keinem einzigen
christlichen Staate zu gerechter Beschwerde Anlass geben kann!

Derselbe Gilbert richtet in seiner vortrefflichen Beschreibung von
Neufundland[32] vorzugsweise auf solche Punkte sein Augenmerk, welche
dem blossen Goldsucher am fernsten zu liegen pflegen. Er beginnt also
mit den guten Häfen der Insel. Weiterhin sucht er die Wirthbarkeit des
dortigen Klimas zu prüfen, sowie die etwanige Gefahr, welche den
Ansiedelern von Seiten der Ureinwohner drohe. Unter den Producten,
theils zur Nahrung der Menschen, theils zum Betriebe des Handels, hebt
er besonders den Fischreichthum hervor; ferner Holzwaaren, als Pech,
Theer, Potasche, Masten, Dielen; endlich Häute, Pelzwerk, Hanf, Flachs,
Metalle. Der Boden sei zur Viehzucht vortrefflich geeignet.
«Ueberhaupt,» ruft er unwillig aus, «ist die Erde überreich mit
Geschöpfen zum Nutzen der Menschheit versehen, aber der Mensch hat nicht
den fünften Theil derselben benutzt! Um so schlimmer der Fehler und die
thörichte Faulheit so vieler unserer Landsleute, welche lieber von
unerlaubten Dingen leben, und sehr erbärmlich leben und sterben in
diesem von Menschen vollgepfropften Reiche, als dass sie, wie es Männern
geziemt, etwas wagten, um in jenen fernen Landen eine Wohnung zu
erlangen, wo die Natur den Bemühungen der Menschen verschwenderisch
entgegenkommt.» Indem er schliesslich von den Verarbeitungsstoffen
redet, welche der Industrie in Neufundland dargeboten werden, gedenkt er
hauptsächlich des Vorkommens von Eisen, Blei und Kupfer; ganz zuletzt
auch einiger Silberspuren, die aber freilich nicht weiter hatten
verfolgt werden können[33].

Als Martin Frobisher zur Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt seine
Reisen unternahm (1576-78), gab RICHARD HACKLUYT einigen Gentlemen
seiner Begleitung eine kurze Instruction darüber mit, auf welche Punkte
man bei Gründung einer Kolonie vorzüglich zu achten habe[34]. Von dieser
gilt nun ganz dasselbe, wie von der letzterwähnten Beschreibung. Wer
zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der wird finden, dass ihr eine
sehr viel umfassendere und klarere Ansicht von Nationalreichthum zu
Grunde liegt, als die Midasähnliche der Gold- und Silberanbeter. -- Auch
hier wird vor allen Dingen eingeschärft, eine gute Seelage zu wählen:
also einen bequemen, vertheidigungsfähigen Hafen, am liebsten auf einer
Insel in der Mündung eines schiffbaren Stromes, oder wenigstens auf
einer Landspitze neben einer solchen Mündung. Man ist so der Aus- und
Einfuhr, nach wie von allen Seiten, immer am sichersten. Wenn selbst die
nächsten Umwohner des Hafens übel gesinnt blieben, und die Kolonisten
von der Landseite her eingeschlossen hielten: so würde er doch für die
fernere Umgegend ein Stapelplatz werden, und mit der Zeit ein
bedeutendes Gebiet beherrschen können. Schifffahrt ist hier immer die
Hauptsache, und zwar eine solche, die auch im Kriege sich vertheidigen
kann. -- Die Niederlassung muss ferner in einem gemässigten Klima
geschehen, und an einer Stelle, wo süsses Wasser, Brennmaterial und
Lebensmittel in ausreichender Menge zu haben. Nur wenn Gold-, Silber-,
Kupfer- oder Quecksilberminen vorhanden sind, kann der Mangel jener
unentbehrlichen Dinge mittelst der Schifffahrt wohl ersetzt werden. (Die
einzige Beziehung, in welcher Hackluyt hier der edlen Metalle gedenkt!)
Als ganz unerlässliche Bedingung einer Kolonie _in civil sort_ werden
gehörige Baumaterialien bezeichnet. Demnächst soll gegen die
Eingeborenen die grösste Humanität und Höflichkeit beobachtet werden,
insbesondere ohne alle Rachsucht; auf diese Art kann man die
Landesproducte nicht bloss kennen lernen, sondern auch den auswärtigen
Vertrieb derselben für sich gewinnen. Die eigene Production der
Kolonisten muss sich ganz nach dem Klima und Boden richten. Hackluyt
erinnert vorzugsweise an Seesalz, Wein und Rosinen, Oliven, Cochenille
(beides zum Nutzen der englischen Tuchindustrie), Südfrüchte,
Zuckerrohr, Häute, Holzwaaren u. s. w. «Wir brauchen alsdann nicht mehr
von Spanien, Frankreich und den Ostseeküsten abzuhängen; brauchen nicht
mehr, so wie jetzt, unser Vermögen zu erschöpfen, und zweifelhafte
Freunde unmässig zu bereichern: sondern werden unsern Bedarf zur Hälfte
des jetzigen Preises einkaufen, durch unsere eigene Industrie und die
Güte des dortigen Bodens.» Sollte sich übrigens die Niederlassung auf
eine einzige Stadt beschränken müssen, so könnte doch immerhin der
Handel, die Seefahrt und der Reichthum Englands dadurch zunehmen, auch
ein Sicherheitsplatz gewonnen werden, der für den Fall religiöser
Unruhen oder bürgerlicher Kriege im Mutterlande von grossem Nutzen sein
würde.

       *       *       *       *       *

Sehr ähnliche Ansichten hat SIR GEORGE PECKHAM entwickelt in seiner
Schrift: _A true report of the late discoveries and possession taken in
the right of the crowne of England of the newfound lands by that valiant
and worthy gentleman, Sir Humphrey Gilbert_[35]. Hier werden im 4.
Kapitel die Vortheile geschildert, welche England von solchen
Kolonisationsreisen ziehen müsste. Obenan steht darunter, wie
gewöhnlich, «das grösste Kleinod des Reiches und seine Hauptstärke in
Angriff und Vertheidigung,» nämlich die Menge der Schiffe und
Schiffsmannschaften, welche «der höchst stattlichen und königlichen
Marine Ihrer Majestät» zur Hülfe bereit sind. Es wird dabei vornehmlich
auf die nordamerikanische Fischerei hingewiesen, welche sich bisher, aus
Mangel einer festen Station der Engländer an Ort und Stelle, nicht
gehörig habe entwickeln können. Sodann wird der Absatz gepriesen,
welchen die englischen Gewerbetreibenden mit Putzwaaren,
Kleidungsstücken u. s. w. bei den Indianern finden würden. Diess könne
allen denjenigen englischen Städten und Dörfern, welche aus
Arbeitsmangel (wegen der so stark vermehrten Ausfuhr von roher Wolle)
heruntergekommen sind, neuen Aufschwung verschaffen. Eine Menge von
Müssiggängern wird schon dadurch beschäftigt, eine Menge halberwachsener
Kinder vor dem Müssiggange bewahrt werden. Viele Weiber können sich
überdiess mit Verarbeitung der Federn, des Hanfs, der Baumwolle und
Färbestoffe beschäftigen, welche Amerika in solcher Fülle produciert;
ihren Männern wird die Aussicht gestellt, in der Perlenfischerei, der
Minenarbeit und Landwirthschaft, dem Wall- und Heringsfange, der
Verfertigung grober Holzwaaren u. s. w. ein Unterkommen finden. Zum
Schlusse macht der Verfasser noch auf die Möglichkeit der
Nordwestpassage aufmerksam, und den hierdurch abgekürzten, wohlfeiler
und sicherer gewordenen Verkehr mit Hinterasien. Dabei ist es höchlich
charakteristisch, dass er auch für Spanien und Portugal den Hauptnutzen
ihrer Entdeckungen und Eroberungen in der vermehrten Seemacht zu
erblicken scheint. -- Im 5. Kapitel setzt Peckham voraus, dass sich zwei
verschiedene Kolonisationsgesellschaften bilden würden, eine von
Noblemen und Gentlemen, eine von Kaufleuten; und er sucht beiden
desshalb zu beweisen, wie sehr auch ihr Privatnutzen dadurch gefördert
werden müsste. Selbst den Eingeborenen würde die Ansiedelung zum grossen
Segen gereichen: hauptsächlich durch ihre Bekehrung zum Christenthume,
dann aber auch durch wirthschaftliche und sociale Civilisation und
Beschützung vor kannibalischen Nachbaren. (_Chap. 6._)

       *       *       *       *       *

Hieran schliesst sich zunächst die interessante Parallele, welche
Captain CHRISTOPHER CARLEILL (April 1583) zwischen den zu hoffenden
Vortheilen des amerikanischen Handels und anderen, schon bestehenden
Handelszweigen gezogen hat: _A briefe and summary discourse upon the
intended voyage to the hithermost parts of America_[36]. Der Zweck
dieser kleinen Schrift ist dahin gerichtet, die Kaufleute, zumal der
russischen Gesellschaft, welche zu dem Carleill'schen Unternehmen Geld
vorgeschossen, über das nicht sofortige Eingehen ihres Gewinns zu
beruhigen. Die nächsten Vorzüge, welche dem amerikanischen Handel vor
dem russischen, türkischen u. s. w. nachgerühmt werden, sind
seemännischer Art: dass die Reise in kürzerer Zeit und mit Begünstigung
eines einzigen Windes, auch zu jeder Jahreszeit möglich ist; dass man
sie ganz auf hoher See zurücklegt, und weder von anderen Staaten (wie
z. B. Dänemark im Sunde, den Barbaresken im Mittelmeer), noch von
unsicheren Küsten dabei Gefahr läuft; dass die für diesen Verkehr
bestgelegenen Theile von England und Ireland reich an guten Häfen sind;
endlich noch, dass die Ansiedeler ihren Glauben in keiner Weise zu
verläugnen brauchen. In Amerika hat man nicht nöthig, einen grossen
Theil des Geschäftsfonds, wie in Russland, zu Geschenken an Kaiser,
Grosse oder Beamte zu verwenden; man bedarf keiner kostspieligen
Gesandtschaften; man braucht keine Rivalität der Holländer zu fürchten.
Dazu kommt nun, dass der amerikanische Handel mit der Zeit einer viel
grösseren Ausdehnung fähig ist, als selbst der russische. Nordamerikas
Producte können die russischen, Südamerikas die spanischen und
italienischen mehr als ersetzen. Dieser Umstand wird besonders dadurch
bedeutend, dass England mit seinen europäischen Nachbaren am ersten
fürchten muss in Rivalität und Feindschaft zu gerathen, mit fern
gelegenen Ländern schon weniger, mit einer Ansiedelung seiner eigenen
Landeskinder gar nicht. Auch Carleill erwähnt als weitere Vortheile die
Aussicht auf einen grossen Absatz englischer Fabrikate und auf die
Entdeckung eines bequemern Weges nach Ostindien. Er malt dabei mit
lebhaften Farben den traurigen Zustand von Uebervölkerung aus, in
welchen England durch «langen Frieden, glückliche Gesundheit und
gesegnete Fülle» gerathen sei, und der auch sittlich die schlimmsten
Folgen nach sich ziehen müsse. Um diesem abzuhelfen, sei die Beförderung
der Kolonisation eine Christenpflicht. Von Mineralschätzen dagegen
schweigt der Verfasser absichtlich; etwas Sicheres wisse man einstweilen
nicht darüber, und es sei mit der Aufregung derartiger Hoffnungen so
viel Missbrauch getrieben, dass Manche ein unbedingtes Misstrauen
dawider hätten. Die später so beliebte Theorie von günstiger oder
ungünstiger Handelsbilanz findet weder in dieser Schrift, noch in den
früher angezogenen eine Stelle.

       *       *       *       *       *

Doch das merkwürdigste unter allen, hierher gehörigen, Büchern ist von
einem Ungenannten zur Zeit Jacobs I. geschrieben: VIRGINIAS VERGER, _or
a discourse shewing the benefits which may grow to this kingdom from
American-English plantations, and specially those of Virginia and Summer
Islands_[37]. Hat man sich hier durch die wunderliche, fast
unerträgliche Anhäufung von Bibelstellen hindurchgearbeitet, womit das
Recht der Engländer auf die Kolonisierung Virginiens soll bewiesen
werden: so stösst man, zwar immer noch im Tone einer geschmacklosen
Puritanerpredigt, auf die schönsten Ansichten vom Wesen des
Nationalreichthums. Der Verfasser tadelt alle Diejenigen, welche eine
Kolonie ohne Gold- und Silbergruben verachten, nicht bloss vom
sittlichen Standpunkte aus; nicht bloss darum, weil das spanische Eisen
den Indianern und das englische Eisen den Spaniern ihr Gold und Silber
zu rauben vermocht: sondern namentlich auch in wirthschaftlicher
Beziehung. «Wer hat dem Golde und Silber ein Monopol des Reichthums
gegeben? Fragen wir nur den weisesten Rathgeber! Kanaan, Abrahams
Verheissung, Israels Erbschaft, Abbild des Himmels und Freude der Erde:
welches waren seine Reichthümer? Waren es nicht die Trauben von Eschkol,
der Balsam von Gilead, der nahe Cedernwald des Libanon, das weidenreiche
Thal von Jericho, der Thau des Himmels, die Fruchtbarkeit des Bodens,
die Milde des Klimas, das Fliessen (nicht von Goldsand, aber) von Milch
und Honig (Bedürfnisse und Vergnügungen des Lebens, nicht bodenlose
Strudel der Begierde), die bequeme Lage an zwei Meeren, und ähnliche
Dinge, wie sie Virginien, nur in vielen Stücken überlegen, besitzt?
Welches Goldland hat je auf einer so kleinen Fläche mit seinen
natürlichen Vorräthen den hundertsten Theil der Menschen ernährt, welche
David dort musterte?..... Das ist das reichste Land, welches die meisten
Menschen ernähren kann, da der Mensch ein sterblicher Gott, der beste
Theil des besten Landes, das sichtbare Ziel der sichtbaren Welt ist.
Welche bemerkenswerthe Gold- und Silberminen hat Frankreich, Belgien,
die Lombardei, oder andere der reichsten Theile von Europa? Fragt unsere
letzten Reisenden, welche so viel von Spanien sahen, dem minenreichsten
Theile Europas im Alterthume und bereichert durch die Minen der neuen
Welt, ob ein Engländer einen Spanier zu beneiden braucht, oder
spanisches Leben und Glück seinem eigenen vorzuziehen. Ihre alten Minen
machten sie zu Knechten Roms und Karthagos, und was ihre Minen und Sinne
jetzt thun, überlasse ich Anderen.» Der Verfasser macht darauf
aufmerksam, dass Spanien, trotz seiner Gold- und Silberzuflüsse, weniger
edles Metall besitzt, als andere europäische Länder; dass seine
Circulation grösstentheils mit Kupfer betrieben wird; er behauptet, in
England werde mehr spanischer Wein und spanisches Oel verbraucht, als in
Spanien selbst. «Die Gold- und Silberquellen der Indianer fliessen nicht
für sie selber, sondern in die spanische Cisterne; diese Cisterne aber
gleicht der im Londoner Wasserhause, deren Abzugsröhren am Boden immer
offen sind, so dass tausend andere Cisternen mehr Wasser enthalten, als
sie. Ferner, sind nicht die Minenarbeiter die unglücklichsten Sklaven,
ewig angestrengt und den mannichfaltigsten Todesarten ausgesetzt für
Andere, indem sie die Schätze der Finsterniss an das Licht bringen und
leben (wenn das leben heisst) in den Vorhöfen der Hölle, um Andere vom
Himmel träumen zu lassen? Das Paradies enthielt keine Mineralien, und
weder Adam, noch Noah, beides Herren der Erde, waren mit Bergwerksarbeit
beschäftigt, sondern mit denselben glücklichen Arbeiten, wozu Virginien
England einladet, mit Wein-, Garten- und Ackerbau.» Insbesondere wird
noch daran erinnert, dass die Seiden-, Baumwoll- und Specereiwaaren des
Ostens allen Minenertrag des Westens verschlingen; und dass die
furchtbare Entvölkerung Amerikas gerade seinen Metallreichthümern
zugeschrieben werden muss. «Schon die Namen, so fährt er fort, _colony_
und _plantation_ enthalten den Begriff einer vernünftigen Kultur, einer
Anpflanzung, bevor die Ernte kann erwartet werden. Auch Spanien hat sich
in Amerika vorzugsweise durch die Waaren dieses Landes, welche in seine
Magazine strömten, bereichert. Was für Minen werden in Brasilien gebaut,
oder auf all den Inseln, wo doch so viele reiche Portugiesen und Spanier
wohnen? Ihr Ingwer, Zucker, Tabak, ihre Häute und sonstigen Waaren,
gewähren, wie ich dreist zu behaupten wage, der Gesammtheit der
spanischen Unterthanen durch die weite Welt einen viel grössern Nutzen,
als ihre Minen jetzt oder in der vergangenen Zeit gewährt haben.» -- Die
Besorgniss vor einer Entvölkerung durch Kolonien widerlegt der Verfasser
mit dem Beispiele von Spanien; viel eher seien Massregeln nothwendig, um
einer Uebervölkerung vorzubeugen. In der vortrefflichen Schilderung
Virginiens und der sich für England daran knüpfenden Aussichten
unterscheidet sich unsere Schrift von den früheren nur durch grössere
Vollständigkeit, auch durch Reichthum an geschichtlichen und klassischen
Reminiscenzen.

Das vorliegende Kapitel würde übrigens unvollständig sein, wenn wir
nicht, mindestens mit einigen Worten, des genialen Mittelpunktes aller
damaligen britischen Kolonisation, des geistigen Ahnherrn der
Vereinigten Staaten, SIR WALTER RALEIGHS (1552 bis 1618), gedächten[38].
Ein Universalgenie ersten Ranges, wie sie die grössere Arbeitstheilung
der neueren Jahrhunderte nicht mehr gestattet; dabei von einer
Productivität, Frische und Elasticität des Geistes, wie sie überhaupt
wenige ihres Gleichen hat: so ist Raleigh, je nachdem die Umstände
wechselten, als Admiral, Parliamentsglied und Gelehrter, als Höfling,
Ansiedeler und Poet bedeutend geworden. Man könnte Vieles von demjenigen
auf ihn übertragen, was Cornelius Nepos in seiner bekannten
Charakteristik von Alkibiades sagt. Eine irgend vollständige Schilderung
dieses reichen geistigen Lebens würde uns zu weit führen. Ich will
desshalb nur etliche Züge mittheilen, wodurch sich das individuelle Bild
Raleighs als Nationalökonomen von dem der früher genannten Kolonisatoren
unterscheidet.

Da tritt uns denn zunächst die merkwürdige Schrift entgegen:
_Observations touching trade and commerce with the Hollander and other
nations_[39]. Der Zweck dieser Schrift von nur 23 Octavseiten ist ein
ganz praktischer: es sollen die Ursachen der %holländischen
Handelsgrösse% aufgedeckt, und den Engländern gezeigt werden, dass sie
dieselben ohne grosse Schwierigkeit nachahmen könnten. Wenn der König
die hier empfohlenen Massregeln nur zusammenhängend und zweckmässig
ausführen wollte, so würde er in kurzer Frist ein für alle Nachbaren
erwünschter Freund oder gefürchteter Feind sein; der englische Handel
würde um 3 Millionen Pfund St. jährlich vermehrt werden u. s. w. Was der
Verfasser hauptsächlich an den Holländern bewundert, ist die geschickte
Art, wie sie auf die Erzeugnisse fremder Länder ihren eigenen
Gewerbfleiss und Handel zu begründen verstehen. So wenig Korn sie selbst
producieren, so ist ihre Hauptstadt doch das grosse Vorrathshaus, von
woher England, Frankreich, Spanien u. s. w. in Theuerungen versorgt
werden. Die Holländer selbst haben jederzeit Ueberfluss an Korn, und
bereichern sich durch jede fremde Missernte. So besitzt Holland die
grösste Fischerei und den bedeutendsten Handel mit Fischen, obwohl diese
Fische in den englischen Meeren gefangen werden müssen. Frankreich
erzeugt den meisten Wein, Spanien das meiste Salz, die Ostseereiche das
meiste Holz; die grössten Vorräthe jedoch und den stärksten Gewinn haben
von allen diesen Waaren die Holländer. Die Ursachen dieser grossen und
immer noch wachsenden Ueberlegenheit, welche den Welthandel zu
monopolisieren drohet, sind ohne Ausnahme in der Thätigkeit der Menschen
und Geschicklichkeit der Gesetze begründet. Hierher gehört z. B. die
Liberalität, womit sie Fremde in ihr Land und Bürgerrecht aufnehmen; die
Handelsfreiheit und Niedrigkeit der Zölle, deren sie geniessen, und
wodurch selbst ihr Fiscus keinen Schaden leidet, weil die gewaltige
Menge der verzollten Waaren den Gesammtertrag über doppelt so gross
macht, als in England; der völlige Steuernachlass und sonstige Vorschub,
den sie allen neuen Handelszweigen bewilligen, um dieselben rasch zur
Blüthe zu treiben; die eigenthümliche Wohlfeilheit der holländischen
Rhederei. Raleigh meint nun, dass England vermittelst einer Nachahmung
dieser Massregeln die Holländer bald überflügeln müsse; denn von der
Natur sei es ungleich günstiger bedacht. England erzeugt die meisten
Waaren selbst, die Holland erst von Anderen kaufen muss. Aber nicht
genug, dass die Holländer Englands Fische fangen, so besorgen sie auch
den grössten Theil der englischen Ausfuhr nach Russland auf ihren
Schiffen; ja, sie färben und appretiren das englische Tuch, das mit
wenig Ausnahmen halb roh exportirt wird, anstatt zu Hause vollendet zu
werden. Auf alle diese Art entziehen sie den Engländern eine Masse Geld
und eine Masse nützlicher Beschäftigung für die niederen Stände. So
macht es der Verfasser den englischen Kaufleuten auch zum ernsten
Vorwurfe, dass sie im Auslande entweder langen Credit nehmen, oder doch,
um nur sofort bezahlt zu werden, sich allerhand Nachtheile gefallen
lassen. -- Man sieht, es sind lauter Symptome einer noch nicht völlig
reifen Kultur, welche hier den Engländern vorgerückt werden. So
unbegründet der Tadel als solcher ist, so gerne verzeiht man ihn dem
praktisch eifrigen Manne, welchen es wurmt, sein Vaterland hinter
anderen Ländern zurück zu sehen. Als Mittel nun, welche der Staat in
dieser Hinsicht ergreifen sollte, werden besonders folgende angegeben:
officielle Leitung des Handels durch eine Commission unter einem
_State-Merchant_; Verbot der Ausfuhr unfertiger Gewerbsproducte;
Gestattung der Kohlenausfuhr, aber nur auf englischen Fahrzeugen; Hebung
der Fischerei; endlich Erhöhung des Geldwerthes, wodurch andere Länder
drei grosse Vortheile erreicht haben, ihr eigenes Geld zu behalten,
fremdes Geld herbeizulocken, und den Preis der ausgeführten Waaren auf
Kosten des Auslandes zu steigern[40].

In Bezug auf die %Grundlagen der Volkswirthschaft% unterscheidet Raleigh
drei Klassen. Zuerst Diejenigen, «welche von ihrer Arbeit leben;
gleichsam die Fruchtbäume des Landes, welche Gott bereits im V Buche
Mosis zu schonen geboten hat. Sie tragen Honig zusammen, und geniessen
kaum das Wachs; sie brechen den Boden um mit grosser Arbeit, und geben
den besten Theil ihres Korns den Ruhigen und Müssiggängern.» Sodann die
Kaufleute, welche vermittelst der See England bereichern, wie jene
erste Klasse es ernährt. Endlich die Gentry, «welche weder so tief
steht, um von jedem Thiere gebissen, noch so hoch, um von jedem Sturme
ergriffen zu werden, und welche die Garnison der guten Ordnung im Reiche
bildet»[41]. Man wird in dieser Eintheilung den rohen Keim der spätern
Lehre von den drei Productionsfactoren nicht verkennen mögen. -- Dass
Raleigh die %edlen Metalle% doch höher zu würdigen scheint, als seine
Gefährten in der Kolonisation, ist oben bereits erwähnt. So meint er
auch, die weltbedrohende Macht Philipps II werde nicht etwa durch den
spanischen Wein- oder Orangenhandel, noch durch irgend eine andere
Production des Mutterlandes genährt, sondern durch die Minen Amerikas:
«es ist das indische Gold, welches alle Völker Europas gefährdet und
beunruhigt; diess kauft die Einsicht, kriecht in die Rathsversammlung,
und fesselt die Gesetzlichkeit und Freiheit in den grössten Monarchien
Europas»[42]! Indessen ist schwer zu sagen, wieviel in solchen
Aussprüchen wirkliche Ueberzeugung des Raleigh gewesen, wieviel blosses
Rednermittel, um den Zweck der Expedition nach Guyana zu fördern; zumal
strenge Wahrheitsliebe nicht gerade zu den Tugenden unsers
Schriftstellers gehört. -- Vor %Uebervölkerung% scheint Raleigh
besondere Furcht zu hegen. Seine Ausdrücke erinnern hier geradezu an
Malthus; wenn er z. B. sagt: «die Menge der Menschen ist so gross, dass,
wenn sie nicht durch Krieg oder Pestilenz mitunter zu Tausenden
weggerafft würden, die Erde mit aller menschlichen Industrie keinen
Unterhalt für sie bieten könnte»[43]. So meint er auch, dass Spanien
durch seine vielen Kolonien nichts weniger als entvölkert werde, sondern
nach wie vor so viele Menschen enthalte, wie darin ernährt werden
können. Falls Eduard III sein Ziel erreicht hätte, Frankreich zu
erobern, so würde dieses Land jetzt voll Engländer sein, England selbst
aber desshalb nicht leerer von Menschen. Die überschüssige Bevölkerung
wird in gewöhnlichen Zeiten durch folgende Abzüge vermindert: Hunger und
Seuchen, Schwert und Strick; Viele enthalten sich der Ehe aus Mangel an
Mitteln, ihre Kinder zu ernähren; Andere werfen ihren Leib an reiche,
alte Frauen weg, oder freuen sich aus Armuth über die Unfruchtbarkeit
ihrer Weiber. Ganz besonders aber enthält die Vermehrung unsere
Geschlechtes einen starken Antrieb zu den täglichen Kriegen, welche die
Erde verwüsten; so dass mancher Fürst, der sich wegen Herausziehung des
Schwertes mit angeblicher Nothwendigkeit entschuldigt, mehr die Wahrheit
spricht, als er selber wohl glaubt. Die grosse Menge von jüngeren Söhnen
und Brüdern, von unbeschäftigten Kaufleuten u. s. w. kann einen sonst
gesunden Staat wirklich krank machen. Selbst wenn mehr Unterhaltsmittel
vorhanden sind, als eigentlich gebraucht werden, so fehlt es doch an
Wegen, um eine passende Vertheilung des Gesammtvorrathes unter die Menge
der Würdigen herbeizuführen. In solchen Fällen kann ein Land der
Ausleerung durch den Krieg bedürfen; der Krieg wirkt hier, wie ein
Rhabarbertrank, welcher die Galle aus dem Körper abführt[44]. -- Dass
Raleigh dem Institute der %Leibeigenschaft% nicht unbedingt entgegen
war, kann Niemand befremden, welcher den Geist jenes Zeitalters kennt.
Er hält dafür, dass es eine Menge von Menschen giebt, deren Unfähigkeit,
sich selbst zu regieren, sie von Natur Sklaven sein lässt. Darum
schreibt er auch der Emancipation der unfreien Landbewohner die übelsten
socialen Folgen zu. «Seit unsere Sklaven, die von grossem Nutzen und
Dienst waren, frei gemacht sind, ist eine Unzahl von Schurken,
Beutelschneidern und ähnlichen Gesellen aufgekommen, Sklaven von Natur,
aber nicht dem Gesetze nach»[45]. Wir gedenken hierbei des Umstandes,
dass Raleigh zeitlebens eine auffallend geringe Sympathie für die
niederen Stände gezeigt, und bei diesen wieder gefunden hat[46]. --
Einen desto schönern Eindruck macht es, wenn man den warmen Lobredner
der %Handelsfreiheit% in ihm wahrnimmt. Als im Parliamente die
zwangsweise Einführung der Hanfkultur besprochen wurde, da äusserte
Raleigh: «Ich liebe es nicht, wenn Menschen gezwungen werden, ihre
Grundstücke nach unserm Willen zu benutzen, sondern wünsche vielmehr,
dass Jedem freigelassen wird, seinen Grund und Boden zu dem zu
gebrauchen, wozu er am besten passt, und hierin seiner eigenen
Discretion zu folgen.» Bei einer andern Gelegenheit, wo es sich um die
Zurücknahme des berühmten _Statute of tillage_ handelte, erklärte
Raleigh, «dass die Niederländer, welche nie Korn säen, durch ihre
Industrie solche Fülle von Getreide besitzen, um selbst anderen Völkern
damit zu dienen; und dass es die beste Politik ist, den Ackerbau in
Freiheit zu setzen, und Jedermann darin freie Hand zu lassen, wie es der
Wunsch eines wahren Engländers ist»[47]. Als eine passende Folie zu
diesen grossartigen Aussprüchen führe ich die französischen Gesetze von
1577 und 1585 an, worin aller Handel und Gewerbfleiss für _droit
domanial_ erklärt worden waren[48].



IV.

_Bacon von Verulam._


Von ganz besonderem Interesse muss es für unsern Zweck sein, die
nationalökonomischen Ansichten des FRANCIS BACON VON VERULAM kennen zu
lernen. Bei der ebenso vorurtheilsfreien, wie grossartigen
Vielseitigkeit dieses Mannes, welcher ernstlich bemühet war, das ganze
Gebiet menschlichen Wissens klar zu beherrschen und durch sichere
Beobachtungen zu erweitern, lässt sich schon erwarten, dass nichts von
Demjenigen, was die Zeitgenossen als Wissenschaft auffassten, seinem
Gesichtskreise völlig fremd geblieben. Hier war denn freilich der
Nationalökonomie nur ein sehr bescheidenes Plätzchen eingeräumt.

In der berühmten encyklopädischen Uebersicht aller Wissenschaften,
welche die Schrift _De dignitate et augmentis scientiarum_[49] enthält,
wird die %Oekonomie eine Unterabtheilung der Politik% genannt, ähnlich
wie die Familie ein Theil des Staates sei (VIII, 3.). Jedoch wird leider
von dieser ganzen Lehre nur ein einziger Abschnitt ausführlicher
behandelt: die Frage nämlich, wie der Staat erweitert werden könne. Aber
schon hier zeigt sich aufs Deutlichste, wie wenig Bacon zu den
gewöhnlich s. g. Mercantilisten gehört. Er polemisiert u. A. mit
grossem Eifer gegen den oft gepredigten Satz, als wenn das Geld der
Nerve des Kriegs wäre. Mit Recht habe Solon dem reichthumsstolzen Krösos
geweissagt, wenn Jemand komme, der ihm überlegen sei an Führung des
Eisens, so werde dem auch alsbald sein Gold gehören. Und anderswo
(VIII, 2) stimmt er dem Machiavelli bei, welcher die Nerven tapferer
Männer für die wahren Kriegsnerven erklärt hatte. Das Erste für Bacon
ist die _emendatio animi_; dann kommen die _opes et pecunia_; endlich
die _fama_. Desshalb bezeichnet er als wirthschaftliche Bedingungen
eines mächtigen Reiches besonders folgende drei: eine mässige und willig
ertragene Steuerlast; einen tüchtigen Bauernstand nebst einem wenig
zahlreichen Adel; endlich dass sich das Volk nicht allzu sehr mit
sitzenden Gewerben beschäftige, die mehr der Finger, als des Armes
bedürfen (VIII, 3.)[50].

Diese Ansichten finden ihre Ergänzung in derselben Schrift III, 5.
Bekanntlich hat Bacon eine Menge Vorschläge gemacht, um Lücken im
bisherigen Systeme der Wissenschaft durch neue Disciplinen auszufüllen,
wovon Literaturgeschichte und vergleichende Anatomie die gelungensten
Beispiele bilden. Da empfiehlt er nun u. A. ein _inventarium opum
humanarum_, worin alle Güter des menschlichen Geschlechts, die Natur-,
wie die Kunstproducte, verzeichnet würden; auch die früher bekannten,
jetzt aber verloren gegangenen: vornehmlich in der Absicht, um
erfinderische Köpfe zu leiten, und ein fruchtloses Abmühen derselben an
schon gelösten Problemen zu verhüten. Hier müssten auch die erwünschten,
aber noch für unmöglich gehaltenen Dinge zur Schärfung der
Aufmerksamkeit erwähnt werden. Sodann ferner einen _catalogus
experimentorum maxime polychrestorum_ zu demselben Zwecke. Dieser zweite
Vorschlag ist von Bacon selbst in seiner _Sylva sylvarum s. historia
naturalis_ einigermassen verwirklicht, wo namentlich die fünfte und
sechste Centurie viele schöne agronomische Versuche enthalten. Hierher
gehört auch die Forderung einer Geschichte aller Zweige der
Landwirthschaft, des Gewerbfleisses u.s.w.[51], welche die _Parasceue ad
historiam naturalem et experimentalem_ aufstellt; überall aus dem
Gesichtspunkte, «dass es ihm nicht sowohl auf die mechanischen Künste
selbst, sondern nur darauf ankomme, was sie zur Förderung der
Wissenschaft beitrügen.» -- Alles dergleichen musste Bacon um so mehr
interessieren, als er bekanntlich der Vater des Experimentierens ist,
welches jene Gewerbe, selbst ohne wissenschaftlichen Zweck, beständig
ausüben. Auch pflegt er die menschliche Kunst der Natur nicht
entgegenzusetzen, sondern nennt sie nur ein _additamentum naturae_. Ich
gedenke des berühmten Ausspruches, der so manche unfruchtbare
Streitigkeit der Nationalökonomen hätte abschneiden sollen, «dass die
menschliche Arbeit nichts weiter kann, als die Naturkörper zu oder von
einander bewegen, alles Uebrige hernach die Natur im Innern selbst
vollzieht»[52]. In diesem Sinne meint er anderswo, _Plinius historiam
naturalem pro dignitate complexus est, sed complexam indignissime
tractavit_[53].

Die Aufsätze _De divitiis_ und _De sumtibus_[54] sind, wie die meisten
Schriften Bacons, reich an s. g. %Gemeinplätzen%, denen man es aber
deutlich genug ansieht, dass sie von ihm selbst und aus einer Menge
eigener Erfahrungen abgezogen worden. Sie tragen desshalb, statt der
gewöhnlichen Leerheit solcher Sätze, den Charakter grosser Fülle an
sich: es sind Worte, um mit Pindar zu reden, welche die Zunge mit der
Musen Gunst aus den Tiefen der Seele geschöpft hat. Bacon ist ebenso
frei von eiteler Ueberschätzung des Reichthums, wie von mönchischer,
meist verdächtiger Geringschätzung desselben. Der Reichthum verhalte
sich zur Tugend, wie das Gepäck zu einem Heere. Als Mittel des
Reichwerdens bezeichnet Bacon folgende zehn: Sparsamkeit, Ackerbau,
Gewerbfleiss, Handel, Gesellschaften, Zinswucher, neue Erfindungen,
Monopolien, Dienst des Königs oder der Grossen, Erbschleicherei.
Freilich eine sehr unlogische Zusammenstellung, und ohne alle Rücksicht
auf das Ganze der Volkswirthschaft, aber mit viel guten Bemerkungen
durchflochten aus dem Gesichtspunkte der individuellen Klugheits- und
Sittenlehre. So wird die Langsamkeit des Ackerbaugewinns hervorgehoben;
die vielen sittlichen Gefahren des Handels; dass Grösse und Sicherheit
des Gewinns schwer zu vereinigende Begriffe sind; dass die ersten
Schritte der Bereicherung sehr viel langsamer gehen, als die folgenden
u. s. w. Diese einzelnen ethisch-psychologischen Bemerkungen verhalten
sich zu den Werken von Ad. Smith und Ricardo ganz ähnlich, wie die
bekannten Aussprüche der sieben Weisen zu den politischen Systemen eines
Platon und Aristoteles. Man darf nicht vergessen, dass sich die
Nationalökonomie fast allenthalben aus einer bloss cameralistischen
Betrachtung der Haus- und Regierungswirthschaft mühselig genug hat
entwickeln müssen.

Indessen fehlt es dem Bacon doch keineswegs an allen
%volkswirthschaftlichen Ideen%. So findet sich schon bei ihm die im 17.
Jahrhundert gewöhnliche Ansicht, als wenn Vermehrung des Volksvermögens
nur durch Gewinn im auswärtigen Handel erfolgen könnte. Hierbei
unterscheidet er nun zwar genau den Rohstoff, die Verarbeitung und den
Transport der Waaren; ist aber von klarer Einsicht in das Wesen der
Güterproduction noch so weit entfernt, dass er schlechthin meint:
_quicquid alicubi adiicitur, alibi detrahitur_[55]. -- Was die
Vertheilung der Güter betrifft, so ist es ein Lieblingsgegenstand des
Bacon, wider die allzustarke Anhäufung in derselben Hand zu eifern.
Kolossale Erbschaften, meint er, sind in der Regel dem Erben selbst
nachtheilig. (_Sermones Cap. 34._) Wo alles Vermögen wenigen
Ueberreichen gehört, da kann der Staat mitten unter Schätzen Hungers
sterben. Das Geld muss, wie der Dünger, über das Land zerstreuet werden,
um es zu befruchten. Desswegen verlangt Bacon, dass Zinswucher,
Monopolien, Umwandelung grosser Güter in Weideland mindestens beschränkt
werden. (_Sermones Cap. 15. 39._) So war z. B. 4 u. 5 _Henry VII_ ein
Gesetz gegeben, welches die ungeschmälerte Erhaltung aller Bauerhöfe von
20 Acres und darüber anbefahl. Unser Bacon ist entzückt von diesem
Gesetze[56]. -- Hinsichtlich der Consumtion billigt er, wie die meisten
Zeitgenossen, Luxusverbote[57]; jedoch ohne sich detaillierter darüber
auszulassen. (_Sermones Cap. 15._) Ganz besonders aber verwirft er jede
grosse Zahl von Adeligen, Geistlichen, Literaten u. s. w., deren
vorzugsweise ausgebildete Consumtion den Staat zu verarmen drohe[58].

Von einzelnen Punkten muss ich besonders die Lehre vom %Zinswucher%
(_Sermones Cap. 39_) erwähnen. Hier ist Bacon dem Salmasius, welcher
gewöhnlich für den ersten wissenschaftlichen Vertheidiger des
Kapitalzinses gilt, um mehr als ein Menschenalter[59] zuvorgekommen.
Zwar hatte schon Heinrich VIII im Jahre 1546 das frühere Gesetz, welches
allen Unterthanen (mit Ausnahme der Fremden) das Zinsnehmen unbedingt
verbot, aufgehoben, und nur ein Maximum von 10 Procent statt dessen
eingeführt. Unter dem Reformationskönige Eduard VI war das Zinsenverbot,
dem Buchstaben des alten Testamentes gemäss, wiederhergestellt (_5 et 6
Edward VI, Cap. 20_); indessen nur bis 1571, wo es für immer erlosch.
Selbst die Sprache des Volks hatte diess anerkannt, indem seit[60] 1571
das Wort _usury_, welches vordem jedwedes Zinsnehmen bedeutete, in der
Regel nur von zu hohem Zinse gebraucht wird. Wie wenig gründlich
indessen die Vorurtheile gegen das Zinsrecht beseitigt waren, zeigt aufs
Deutlichste der grosse Zeitgenosse Bacons, William Shakespeare, im
Kaufmann von Venedig. Bacon selber ist nicht ganz davon frei. Unter den
Vorwürfen, die jener Zeit gegen das Zinsnehmen geschleudert wurden,
scheinen folgende zwei nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben zu sein:
dass der Zinsgläubiger selbst am Sabbath arbeiten lasse, und dass er das
früheste Gebot verletze, im Schweisse des eigenen Angesichtes sein Brot
zu essen[61]. Trotzdem erklärt er den Zins für erlaubt, um der
menschlichen Herzenshärtigkeit willen; weil Darlehen schlechterdings
nothwendig sind, ohne Zins aber schwerlich erfolgen würden. Hierauf
stellt er die Vortheile und Nachtheile des Zinsgeschäftes einander
gegenüber: unter diesen z. B., dass viele Menschen durch den Reiz eines
müssigen Rentenierlebens vom eigenen Handelsbetriebe abgehalten, die
Güterpreise durch den Zins erniedrigt, alle Reichthümer in weniger
Händen concentriert würden; doch wird alles Dergleichen durch die
handgreifliche Nothwendigkeit der Darlehen überwogen. Ein wirkliches
Verbot der Zinsen wäre desshalb ungereimt, «nach Utopien gehörig.» Im
höchsten Grade fruchtbar ist die weitere Entwickelung, in welcher Bacon
einen zwiefachen gesetzlichen Zinsfuss begehrt. Einen niedrigern, von
etwa 5 Procent, für Jedermann: wobei sich die Grundbesitzer, die
gegenwärtig in ihrer Rente 6 Procent des Kaufschillings beziehen, sehr
gut stehen, die müssigen Renteniere zur Thätigkeit angespornt sein
würden u. s. w. Sodann einen höhern, von etwa 8 Procent, welcher
ausnahmsweise, unter Aufsicht des Staates und nur in Handelsstädten, für
Darlehen an Kaufleute gestattet werden mag. Bacon bemerkt sehr richtig,
dass der Handel nicht bloss für jenen niedrigen Zinsfuss allzu wenig
Vertrauen geniesse; sondern es könnten auch die Kaufleute wegen ihres
eigenen höhern Gewinnes einen höhern Zins ertragen. Also eine Ahnung
wenigstens von der wirklichen Productivität des Kapitals, wie sie
Galiani mehr als vier Menschenalter nachher kaum viel klarer hatte[62]!

Wie beim Zinsfusse, so scheint dem Bacon auch in anderen Fällen eine
obrigkeitliche Preisbestimmung nöthig zu sein. (_Sermones Cap. 15._) Er
schätzt überall die gesetzgeberische Thätigkeit Heinrichs VII sehr hoch
(_Historia Henrici VII, p. 1037_); und so lobt er namentlich auch das
Gesetz über die Tuchpreise: 4 u. 5 _Henry VII_. Diess glich in gewisser
Hinsicht dem Vorschlage Bacons wegen des gesetzlichen Zinsfusses;
insbesondere waren darin für die groben und feinen Tuchsorten
verschiedene Preise festgestellt. (_L. c. p. 1040._)

In demselben Jahre hatte Heinrich VII ein Gesetz veranlasst, worin die
%Einfuhr% von Waid und Wein aus dem südlichen Frankreich auf anderen als
englischen Schiffen %untersagt% wurde. Diess ist zwar nicht, wie Bacon
zu glauben scheint, das erste Glied jener Kette, welche schliesslich zur
Navigations-Acte hinführen sollte; denn schon 5 _Richard II Cap. 3_
hatte Aehnliches verordnet. Wohl aber hat Niemand den Zweck solcher
Massregeln, politischen Vortheil durch wirthschaftliche Opfer zu
erkaufen, besser charakterisiert, als Bacon (_L. c. p. 1039_):
_Inflectens paulatim politiam regni Angliae ab intuitu ubertatis et
utilitatis rerum venalium ad intuitum potentiae militaris. Antiqua enim
statuta fere omnia mercatores exteros invitant, ut merces omnigenas in
regnum Angliae importent; pro fine habentia vilitatem et copiam earundem
mercium, neutiquam respicientia ad rationes politicas, circa regni
potentiam navalem._ -- Ebenso wenig abgeneigt war Bacon einer
verständigen Erziehung des Gewerbfleisses durch Staatsgesetze; obwohl
sich die Scheingründe, welche der s. g. Mercantilismus dafür benutzt,
nirgends bei ihm nachweisen lassen. Er lobt ein Gesetz (19 _Henry VII_),
worin die Einfuhr aller derjenigen Seidenwaaren verboten wurde, deren
Verfertigung man damals schon in England verstand. Diess Gesetz habe
sich auf die wahre Regel gestützt, dass man die Einfuhr überflüssiger
Fremdwaaren verhindern müsse; hierdurch werde entweder die einheimische
Industrie gefördert, oder aber der Verbrauch von Ueberflüssigkeiten
gehemmt. (_L. c. p. 1115._) -- Ein Vergötterer des Gewerbfleisses ist
Bacon übrigens nicht. In jugendlichen Staaten, sagt er, blühen die
Waffen, in gereiften die Literatur, im sinkenden Alter die Gewerbe und
der Handel[63].

Als die Krone aller volkswirthschaftlichen Ansichten Bacons müssen seine
Betrachtungen _De plantationibus populorum_ gelten. (_Sermones
Cap. 33._) Er traf hier mit einem grossen praktischen Interesse
zusammen, dem einzigen jener Zeit, welches von der Regierung Jacobs I
nicht bekämpft wurde. Damals war plötzlich an die Stelle romantischer
Kriegsthätigkeit eine tiefe, träge Friedensruhe getreten, wodurch eine
Menge abenteuerlicher Kräfte sich fast gezwungen sahen, wenigstens in
den friedlicheren Abenteuern der Kolonialgründung Ersatz zu suchen. Wie
die gescheiterten praktischen Versuche eines Raleigh, Carleill u. s. w.
seit 1606 zuerst in Virginien glücklichere Nachfolger fanden, so kann
Bacon als der Vollender Desjenigen betrachtet werden, was die früher
erwähnten Kolonialtheoretiker des 16. Jahrhunderts begonnen hatten. Dass
auch er noch grosse Besorgnisse vor Uebervölkerung hatte, bezeugt die
Schrift _Cogitata de coloniis in Hiberniam deducendis_, sowie _Sermones
fideles Cap. 15_. -- Die ganze %Kolonialtheorie% des Bacon steht im
schärfsten Gegensatze zu dem Verfahren der Spanier. Nur auf reinem Boden
will er Kolonien gegründet wissen, nicht auf solchem, der erst durch
Vertilgung der früheren Bewohner leer geworden ist. Er warnt davor, dass
man doch ja nicht zu früh eigentliche Früchte der Kolonie erwarten
solle; kurzsichtige Habgier sei das Verderben selbst hoffnungsvoller
Kolonien; wie bei neugepflanzten Forsten, dürfe man auch hier vor dem
zwanzigsten Jahre keine Nutzung begehren. Aus diesem Grunde hält es
Bacon für besser, wenn Edelleute, als wenn Kaufleute des Mutterlandes an
der Spitze der ganzen Unternehmung stehen. Er widerräth die Ansiedelung
von Verbrechern, welche den Keim der Kolonie vergiften. Dagegen
empfiehlt er vor Allem solche Auswanderer, welche den gröbsten und
nothwendigsten Arbeiten gewachsen sind, wie Pflüger, Gärtner, Schmiede,
Zimmerleute u. s. w. Ueberhaupt soll Alles von unten her gründlich
aufgebaut werden. So ist z. B. die erste Frage, welche Nahrungsmittel in
der Kolonie von selbst wachsen; sodann, welche in Jahresfrist künstlich
produciert werden können; bis dahin muss für Zwieback, Mehl u. s. w. vom
Mutterlande aus gesorgt werden. Hinsichtlich der Viehgattungen kommt es
zunächst auf solche an, die am freiesten von Krankheiten und am
fruchtbarsten sind. Am meisten jedoch ist auf Fischfang zu rechnen,
sowohl der Nahrung, wie der Ausfuhr halber. Was überhaupt die Ausfuhr
betrifft, so warnt Bacon zwar vor jedem unmässigen Speculationsbaue;
dagegen empfiehlt er einen mässigen Anbau von Tabak, Baumwolle u. s. w.,
mehr noch, wegen des Ueberflusses an Urwäldern, die Ausfuhr von Bauholz,
Pech u. s. w. Sehr charakteristisch ist seine Abneigung wider den
Bergbau, dessen gefährliches, lotterieartiges Wesen die Kolonisten
unwirthschaftlich mache. Diess sticht um so schärfer von der spanischen
Weise ab, als Bacon die Gewinnung und Verarbeitung des Eisens
ausdrücklich empfiehlt. Die Verwaltung der Kolonie will er Einer Person,
und zwar mit einer Art kriegsrechtlicher Auctorität, übertragen wissen;
im Mutterlande soll die Aufsichtsbehörde nicht allzu zahlreich sein.
Ausser Steuerfreiheiten, so lange die Kolonie noch unreif ist, muss auch
vollständige Handelsfreiheit Regel bleiben. Gegen die Ureinwohner ist
strenge Gerechtigkeit die beste Politik; ausserdem soll man Einzelne von
ihnen ins Mutterland schicken, und dort zu Kulturaposteln für ihre
Volksgenossen auszubilden suchen. -- Man erkennt hierin deutlich, wie in
einem Spiegel, die wichtigsten Eigenthümlichkeiten, wodurch sich die
praktischen Kolonisationsversuche der Engländer seit 1606 auszeichneten.
Aber freilich, auch die Fehlgriffe derselben sind zum Theil in Bacons
Theorie übergegangen. So z. B. die halbe Gütergemeinschaft, welche in
Virginien, wie in Neuengland den ersten Aufschwung so sehr hemmte[64].
Bacon räth, den grössten Theil des Acker- und Gartenlandes öffentlichen
Speichern anzuweisen, deren Inhalt sodann planmässig, wie in einer
belagerten Stadt, vertheilt werden müsse. Ein merkwürdiges Corollar zum
Vorstehenden bildet der Plan einer Kolonisation von Ireland, welchen
Bacon im Jahre 1606 König Jacob I überreichte[65]. Hier sind besonders
folgende Nova enthalten: es wird davor gewarnt, die Ansiedelung durch
Arme zu bewerkstelligen; es wird die Beihülfe des Parliamentes zum Bau
der Kirchen, Strassen, Stadtmauern und anderen öffentlichen Gebäude
verlangt, und endlich dringend gerathen, die allzu grosse Zerstreuung
der Ansiedeler zu vermeiden.



V.

_Die Anfänge des englischen Welthandels._


Vom Leben des THOMAS MUN ist nur so viel gewiss, dass er ein
ausgezeichneter Kaufmann war[66], der schon 1623 im Rufe grosser
Erfahrung stand[67], 1628 eine Bittschrift der ostindischen Compagnie
ans Parliament ausarbeitete[68], 1630 vom Grossherzoge von Toscana
Darlehen zu Handelszwecken erhielt[69], 1664 aber, als sein Hauptwerk
von seinem Sohne herausgegeben wurde, bereits nicht mehr lebte.

Seine früheste Schrift: _A discourse of trade from England unto the
East-Indies, answering to diverse objections, which are usually made
against the same. By T. M._ soll schon 1609 erschienen sein; dass sie
1621 in London wieder gedruckt wurde, ist unzweifelhaft. Sie hat die
Tendenz, den englisch-ostindischen Handel als vortheilhaft
nachzuweisen, obgleich er von England aus vornehmlich durch edle
Metallsendungen betrieben werden musste[70]. -- Bei Weitem vollständiger
und systematischer sind Muns Ansichten in dem posthumen Werke
vorgetragen: _Englands treasure by forraign trade, or the balance of our
forraign trade is the rule of our treasure. Written by %Thomas Mun% of
London, merchant, and now published for the common good by his son,
%John Mun% of Bearsted. (London 1664. 8.)_ Das Buch, welches der
Herausgeber für den edelsten Theil seiner Erbschaft erklärt, ist dem
ehrwürdigen Grafen von Southampton, damaligen ersten Lord des Schatzes,
gewidmet.

Die Einleitung (_Ch. 1._) giebt eine beinah enthusiastische Beschreibung
der Eigenschaften, welche zum guten Kaufmanne gehören. Ein solcher sei
in Wahrheit der _steward of the kingdoms store_. Der weitere Inhalt des
Buches lässt sich mit wenig Ausnahmen in zwei Rubriken scheiden: nämlich
theoretische Betrachtungen über das Wesen der %Handelsbilanz%[71], und
praktische Vorschläge, dieselbe für England günstiger zu gestalten. --
Baares Geld und Vermögen (_treasure_) gelten dem Mun durchaus für
gleichbedeutend (_Ch. 2._). Eben desshalb sollte Luxus nur mit
einheimischen Waaren getrieben werden; da gewinnt der Arme, was der
Reiche verliert. Dem Auslande ist möglichst viel abzuverdienen, während
man selber ihm möglichst wenig zu verdienen giebt. Daher wird der active
Betrieb des Seehandels, der Zwischenhandel, der directe Handel mit
fernen Ländern auf das Wärmste empfohlen; ebenso Fabriken u. s. w., weil
Tuch und Eisenwaaren soviel mehr werth sind, als Wolle und Erz.
(_Ch. 3._) Gleichwohl bezweifelt der Verfasser nicht, dass unter
Umständen die Waareneinfuhr und Geldausfuhr sehr nützlich sein können.
So habe z. B. der Grossherzog von Toscana ihm selbst und anderen
Kaufleuten Geld geliehen, obschon er recht wohl gewusst, dass sie diess
benutzen würden, um dafür Waaren aus der Levante u. s. w. kommen zu
lassen. Es bringt aber dergleichen, zweckmässig geleitet, _a duck in his
mouth_ zurück, wie das Sprüchwort sagt; und Livorno u. A. ist dadurch
aus einem elenden Oertchen eine grosse Handelsstadt geworden. Man darf
den Geldexporteur, welcher reexportable Waaren dafür zurückbringt, mit
dem Säemanne vergleichen. Denjenigen, die Waaren besitzen, kann es nicht
an Gelde fehlen. Es ist gar nicht einmal wünschenswerth, sehr viel Geld
im Lande zu haben; das vertheuert nur die Waaren, und erschwert folglich
deren Ausfuhr. Die Italiener pflegen das baare Geld durch Wechsel,
Banken u. s. w. zu ersetzen, und nutzen es selbst alsdann im Auslande.
(_Ch. 4._) Aus diesem Grunde tadelt Mun die alten englischen Gesetze,
wonach, wer Korn, Fische u. s. w. ausführte, Geld wieder heimbringen,
und wer fremde Waaren einführte, mit englischen Waaren bezahlen
sollte[72]. Nur der wirkliche Ueberschuss der Ausfuhr über die
Selbstconsumtion kann das Volk bereichern. (_Ch. 15._) Im Allgemeinen
ist Mun gegen alle Zwangsgesetze, welche den Handel leiten sollen. (_Ch.
10 ff._) -- Je wichtiger ihm die Handelsbilanz erscheint, desto
sorgfältiger natürlich verfährt er bei der Berechnung derselben. Daher
z. B. auch solche Posten, wie Schiffbrüche, Jesuitensteuern u. s. w.
nicht übersehen werden dürfen; daher zum Werthe der Exporten, wenn die
Ausfuhr auf englischen Schiffen erfolgt, 25 Procent als Frachtverdienst
zugerechnet, vom Werthe der Importen, unter gleicher Voraussetzung, 25
Procent abgerechnet werden müssen. (_Ch. 20._) Uebrigens sind bei jeder
Handelsbilanz drei betheiligte Personen zu unterscheiden: der Kaufmann
kann verlieren, wenn das Volk im Ganzen gewinnt, und umgekehrt; der
König mit seinen Zöllen gewinnt dabei immer (_Ch. 7._) -- Die Vorbilder,
welche Mun seinen Landsleuten zur Nacheiferung anempfiehlt, sind immer
Holland, Venedig, Genua, Toscana: freilich die nationalökonomisch höchst
entwickelten Länder seiner Zeit. Ganz vortrefflich stellt er die
Gegensätze des natürlichen und künstlichen Reichthums auf, wo denn z. B.
England und die Türkei zur ersten, Holland und Italien zur zweiten
Kategorie gehören. (_Ch. 19._) So hoch er übrigens die Holländer achtet,
so wenig ist er ihnen Freund. (_Ch. 3._) Hollands Grösse beruhet
wesentlich auf seiner Fischerei in den englischen Meeren, und schadet
den Engländern gar sehr viel mehr, als die Nebenbuhlerschaft Frankreichs
oder Spaniens. (_Ch. 19._) Wie es komme, dass Spanien den amerikanischen
Gold- und Silberregen so wenig nutzbar festhalten kann, wird aus seiner
Productenarmuth und seinen zahlreichen Kriegen erklärt. (_Ch. 6._) Jede
Verschlechterung oder nominelle Erhöhung der Münzen, mag sie nun zur
Füllung der Staatskasse erfolgt sein, oder um das Geld mehr im Lande zu
halten, wird von Mun gemissbilligt[73]. (_Ch. 8._) Das Nehmen hoher
Zinsen (_usury_) hält er dem Handel nicht für nachtheilig. (_Ch. 15._)
Hohe Steuern dagegen werden nur wegen Kriegsgefahr gebilligt; der
Aemterverkauf als Finanzmassregel unbedingt getadelt. (_Ch. 16._) Für
Staatsschätze ist Mun sehr (_Ch. 17_); doch soll in keinem Jahre mehr
aufgehäuft werden, als das Volk durch seine Handelsbilanz gewonnen hat.
(_Ch. 18._)



VI.

_Die englische Revolution._


Von den Schriftstellern des grossen Revolutionskampfes wollen wir, mit
Beiseitelassung alles rein Politischen, nur zwei näher hervorheben:
THOMAS HOBBES und JAMES HARRINGTON.

Bei aller äusserlichen Achtung, welche %Hobbes% (1588-1679) der heiligen
Schrift bezeigt, ist sein philosophisches System doch wesentlich
%Materialismus%. Seine Erkenntnisstheorie stimmt der Hauptsache nach mit
der Lehre des alten Epikur zusammen. Indessen war Hobbes jedenfalls ein
Mann von Geist und rücksichtsloser Consequenz des Denkens. Man wird
diess u. A. in der durchgeführten Parallele zwischen Staat und
Individuum, welche der Leviathan enthält, nicht verkennen. Der Staat
selber ist gleichsam ein künstlicher Mensch, in welchem das
Staatsoberhaupt die Seele bildet. Die Beamten entsprechen den Gliedern,
die Räthe insbesondere dem Gedächtnisse, die Gesandten den Augen, die
Polizeibeamten den Händen. Die Belohnungen und Strafen werden mit den
Nerven verglichen, die Reichthümer des Volkes mit der körperlichen
Stärke, das Volkswohl mit dem Berufe, die Kolonisation mit der
Kinderzeugung. So ist Gesetz und Recht die Vernunft des Staates, die
Eintracht der Bürger seine Gesundheit, der Aufruhr die Krankheit, der
Bürgerkrieg der Tod des Staates[74]. -- Durch Bacon in seiner
Jugendbildung influiert, mit Galilei und Gassendi befreundet, ein
tüchtiger Mathematiker und Physiker selbst, war Hobbes durch das Studium
dieser Wissenschaften an exacte Beobachtung gewöhnt; so wie er denn
gegen die systematischen Philosophen seiner Zeit gar häufig eine
lebhafte Geringschätzung äussert. -- Nun ist freilich eine tiefere
Einsicht in die menschliche und historische Gesammtheit der
Volkswirthschaft mit dem Materialismus unvereinbar. Allein in denjenigen
Theilen der Nationalökonomie, welche der Mathematik zunächst liegen,
welche sich zum Ganzen etwa so verhalten, wie die Anatomie zur
Anthropologie, oder die trigonometrische Aufnahme eines Landes zur
Erdkunde: hier wird der geistvolle, scharf beobachtende Materialist
immerhin tüchtige Vorarbeiten machen können. Und solche Vorarbeiten auf
den abstracteren Gebieten unserer Wissenschaft sind dem Hobbes
allerdings nachzurühmen.

Man vergleiche nur das 24 Kapitel des Leviathan und das 13 Kapitel der
Schrift _De cive_[75]. Das Erste, was uns hier entgegentritt, ist eine
schöne %Eintheilung des volkswirthschaftlichen Lehrstoffes%; wie denn
überhaupt elegante Eintheilungen zu den grössten Vorzügen des Hobbes
gehören. «Die Ernährung des Staates hängt von der Menge der zum Leben
nothwendigen Sachen ab, von ihrer Vertheilung und von ihrer Vorbereitung
und Anwendung zum öffentlichen Gebrauch.»(_L. 24._) Offenbar ganz
ähnlich, als wenn wir seit J. B. Say die politische Oekonomie in die
Lehre von der Production, Vertheilung und Consumtion der Güter
eintheilen. -- «Die Menge jener Sachen, also der Stoff der Ernährung,
ist von der Natur selbst begränzt; und besteht aus den Früchten,
ausgehend von den Brüsten unserer gemeinsamen Mutter, Land und Meer,
welche Gott dem menschlichen Geschlechte entweder frei schenkt, oder nur
für %Arbeit% verkauft. Es hängt die Menge der nothwendigen Dinge, nächst
der göttlichen Güte, allein von dem Fleisse und der Arbeit der Menschen
ab.»(_L. 24._) Anderswo heisst es: «zur Bereicherung der Bürger sind
zwei Dinge nothwendig, Arbeit und Sparsamkeit; nützlich ein drittes,
nämlich der natürliche Ertrag des Landes und Wassers. Ein viertes, der
Krieg, vermehrt zuweilen das Vermögen der Bürger, öfter jedoch
vermindert er dasselbe. Die beiden ersten Dinge allein sind nothwendig.
Denn es kann ein Staat, welcher auf einer Insel liegt, nicht grösser,
als der Wohnungsplatz erfordert, ohne Saat, ohne Fischfang, bloss durch
Handel und Gewerbe reich werden.» Bald nachher wird ausdrücklich
wiederholt, der Krieg sei in wirthschaftlicher Beziehung eine Art
Würfelspiel, wodurch die Meisten arm, sehr Wenige reich werden. Es drehe
sich desshalb die ganze wirthschaftliche Gesetzgebung um die drei
Punkte: _proventus terrae et aquae, labor et parsimonia_. (_C. XIII,
14._) Also wesentlich die Ricardo'sche Ansicht im Keime! _Parsimonia_
ist, was wir Kapital nennen, das aufgesparte Resultat früherer Arbeiten;
die Arbeit steht im Vordergrunde, der Boden tritt für den Theoretiker
sehr zurück. -- Weiterhin werden die Naturproducte in _nativa_ und
_externa_ getheilt. Da nun übrigens wohl kein Staatsgebiet alles
Nothwendige und nichts Ueberflüssiges hervorbringt, so entsteht der
Tausch, welcher die überflüssigen _nativa_ nicht länger überflüssig sein
lässt, sondern mit ihnen, durch Einfuhr von _externis_, den Mangel der
_nativa_ deckt. Hobbes bemerkt hier sehr richtig, dass auch menschliche
Arbeiten, nicht weniger als andere Sachen, gegen Güter aller Art
vertauscht werden können. (_L. 24._) Ausser dem Tausche, namentlich der
Aus- und Einfuhr, wird auch das Eigenthumsrecht von Hobbes unter der
Rubrik «Vertheilung der Güter» abgehandelt. -- Sehr interessant ist
seine Ansicht von der _concoctio bonorum_. Er versteht darunter die
Reduction der aufzubewahrenden Güter auf einen gleichen Werth, der aber
leichter transportiert werden kann, und somit, ohne bedeutende
Schwierigkeit, den Bürger in Stand setzt, an jedwedem Orte von seinem
Gelde zu leben. Diesen Dienst, meint Hobbes, kann nur das %Gold-% und
%Silbergeld% verrichten. «Fast über den ganzen Erdkreis werden Gold und
Silber nicht nur wegen ihres Stoffes am höchsten geschätzt, sondern
sind auch das bequemste Mass der übrigen Güter. Innerhalb eines einzigen
Staates würde freilich jeder Stoff, wenn die Obrigkeit ihn gestempelt
hat, als Münze zur Messung der Tauschgüter geeignet sein; Gold- und
Silbermünzen aber gelten überall. Sie können auch, da sie wegen ihres
Stoffes selbst geschätzt sind, nicht durch einen oder wenige Staaten
einer Steigerung oder Minderung ihres Preises unterworfen werden.
Dagegen lässt sich der Preis eines von schlechterem Stoffe gemachten
Geldes leicht erhöhen oder erniedrigen; doch kann dasselbe nicht
bewirken, dass die Kräfte des Staates nöthigenfalls über fremde Staaten
ausgedehnt werden, draussen Heere bewaffnen und erhalten, wie das Gold-
und Silbergeld zu thun vermag. Sondern es muss immer daheim bleiben,
bald mit höherer, bald mit niedrigerer Würdigung, mitunter zum Schaden
Derer, welche es besitzen.» Das Geld überhaupt nennt Hobbes das Blut des
Staates: es durchläuft denselben, und ernährt dabei die einzelnen
Bürger, deren Hände es passiert; gerade so, wie das Blut im Körper aus
den Nahrungsmitteln entsteht, und die einzelnen Glieder vermittelst
seiner Circulation ernährt. Insbesondere entspricht der Staatsschatz dem
Herzen, die Einnahme den Venen, die Ausgabe den Arterien. (_L. 24._)

Die praktische Richtung des Hobbes ist bekanntlich der allerstrengste
%Absolutismus%. Nicht in dem Sinne, wie man gewöhnlich meint. Denn
Hobbes ist zwar lebenslänglich ein eifriger Anhänger der stuartischen
Royalistenpartei gewesen; er giebt auch entschieden von den drei grossen
Staatsformen der Monarchie den Vorzug (_C. 10. L. 19_): wissenschaftlich
jedoch ist diess für ihn nur von secundärer Wichtigkeit. Ihm ist die
Hauptsache, dass die jeweilige Staatsgewalt, mag sie nun monarchisch,
aristokratisch oder demokratisch sein, untheilbar und unbeschränkt sein
müsse. Denn der natürliche Krieg Aller gegen Alle kann nur dadurch im
Staate versöhnt werden, dass jeder Einzelne seine ganze Macht auf
dasselbe Individuum oder dieselbe Versammlung überträgt[76].

Die praktische Nationalökonomie des Hobbes entspricht dieser Grundlage.
«Alles %Eigenthum% rührt von der Staatsgewalt her. Denn im Naturstande
gehört Alles Allen, es herrscht ewiger Krieg, und jedes Gut ist Dessen,
der es geraubt und mit den Waffen behauptet hat. Hier findet also weder
Eigenthum, noch Gemeinschaft, sondern Kampf statt. Weil nun die Gründung
des Eigenthums ein Werk des Staates ist, so ist sie ein Werk Dessen,
welcher im Staate die höchste Gewalt besitzt.» (_L. 24._) Daher kann
Niemand in der Weise Eigenthum haben, dass das höhere Recht des
Staatsoberhauptes dadurch ausgeschlossen würde. Immerhin mag zuweilen
gegen das letztere processiert werden; es handelt sich dann aber nie
darum, was das Staatsoberhaupt mit Recht könne, sondern nur, was es
wolle; und ihm selber steht die richterliche Entscheidung zu. (_C. VI,
15._) _Nam qui dominum habent, dominium non habent. Civitas autem civium
omnium domina est. Dominium ergo et proprietas tua tanta est et tamdiu
durat, quanta et quamdiu ipsa vult._ (_C. XII, 7._) Insbesondere hängt
die Vertheilung des Grundes und Bodens in neubebauten oder eroberten
Ländern ganz vom Staatsoberhaupte ab. «Diess kann Vieles thun gegen
seinen Vortheil, selbst gegen sein eigenes Gewissen, gegen sein
gegebenes Wort und gegen die Naturgesetze; dass aber die Bürger desshalb
die Waffen ergreifen, ihr Oberhaupt verklagen, oder nur irgend übel von
ihm reden dürfen, ist zu leugnen.» (_L. 24._) -- Wenn sich das
Staatsoberhaupt bei der Landvertheilung gewisse Grundstücke selbst
vorbehält (Domänen!), so darf es doch niemals in der Befriedigung der
öffentlichen Bedürfnisse auf diese eingeschränkt werden. Sonst könnte ja
eine verschwenderische Regierung den ganzen Staat zu Grunde richten.
(_L. 24._) Das unbeschränkte Recht des Herrschers, %Steuern% aufzulegen,
versteht sich hiermit von selbst. Wie könnte er sonst auch sein
unbeschränktes Recht, Soldaten zu halten, geltend machen? (_C. VI, 15.
L. 18._) Die Abgaben sind im Grunde weiter Nichts, als die Bezahlung
Derer, welche bewaffnet darüber wachen, dass der Fleiss der Bürger nicht
durch feindlichen Angriff gehindert werde. Dessenungeachtet warnt
Hobbes ernstlich, die Last der Steuern nicht zu drückend zu machen,
weil die Mehrzahl der Menschen in ihrer Thorheit dadurch zum Aufruhr
geneigt werde. (_C. XII, 9._) Denn ihre Armuth schreiben sie alsdann,
statt ihrer eigenen Trägheit und Verschwendung, dem Steuerdrucke zu.
(_C. XIII, 10._) Auch hebt er mit Vergnügen hervor, wie in der Monarchie
die Abgaben leichter zu sein pflegten, als in der Demokratie. (_C. X,
6._) Vor Allem kommt es darauf an, die Steuern gleichmässig aufzulegen,
weil ungleiche Steuern meist für drückender gelten, als hohe. (_C. XIII,
10._) Diese Gleichmässigkeit besteht aber in einem gleichen Verhältnisse
zwischen Last und Vortheil. Für den persönlichen Schutz, welchen der
Staat gewährt, müssen Arme und Reiche gleich viel bezahlen; die Reichen
aber assecurieren ausser ihrer Person mehr. Nur fragt es sich, ob man
die Steuern nach Massgabe des Erwerbes und Besitzes, oder des
Verbrauches auflegen solle. Hobbes entscheidet sich durchaus für das
letztere. «Denn es sei nicht billig, Denjenigen, der mit Fleiss und
Sparsamkeit seinen Unterhalt erworben hat, schwerer zu belasten, als
einen Andern, welcher durch Faulheit und Verschwendung das Seinige
durchgebracht, da sie doch beide vom Staate gleichen Schutz genossen
haben.» Es sollen also die Steuern nicht auf die Personen gelegt werden,
sondern auf die Consumtionsgegenstände. (_L. 30. C. XIII, 11._)[77]

Weiterhin spricht Hobbes allerdings von Gesetzen, welche den Verkehr der
Unterthanen mit einander leiten; in den Gewerben die Unthätigkeit
verbieten, den Fleiss befördern, jeden unmässigen Aufwand verhindern
sollen (_C. XIII, 14. L. 24_): doch warnt er dringend, in solcher
Bevormundung zu weit zu gehen. Es soll nicht mehr durch die Gesetze
befohlen werden, als der wahre Nutzen des Staates und seiner Bürger
fordert. (_C. XIII, 15._) Am meisten bedarf die Aus- und Einfuhr einer
solchen Staatsleitung, sowohl was die Gegenstände, als was den Ort des
Handels betrifft. «Wenn nämlich ein Jeder in diesem Punkte seinem
eigenen Willen folgen dürfte, so würde es nicht an Solchen fehlen,
welche aus Eigennutz dem Feinde verkauften, was dem Staate schaden
könnte, und einführten, was den Bürgern vielleicht angenehm, aber
schädlich oder wenigstens unnütz wäre.» (_L. 24._) -- Die Pflicht des
Staates, schuldlos Verarmte mit dem nöthigsten Lebensbedarfe zu
versehen, leitet Hobbes daraus ab, weil dieselben sonst _iure naturae_
berechtigt sein würden, in äusserster Noth zu stehlen und zu rauben.
Arbeitsfähige Armen sollen übrigens zur Arbeit gezwungen werden. Ganz
besonders denkt er hier an Auswanderung und Kolonisation; doch mögen die
Urbewohner des zu kolonisierenden Landes nicht ausgerottet, sondern nur
zu einer Beschränkung ihres Gebietes und zum Ackerbau gezwungen werden.
(_L. 30._)

Unter den Gegnern des Hobbes ragt insbesondere %James Harrington%
(1611-1677) hervor, der nicht bloss in seiner berühmten Idealrepublik
Oceana, sondern auch in seinen übrigen Schriften auf das Lebhafteste
gegen den Verfasser des Leviathan polemisiert[78]. Freilich steht er
diesem an Geist und systematischer Consequenz, wie an Schärfe der Form
gewaltig nach; er ist ihm aber an geschichtlicher Belesenheit unstreitig
überlegen. Seine wissenschaftliche Methode beruhet auf Beobachtungen und
Vergleichungen; Raisonnements, die aus den Tiefen der Philosophie
geschöpft wären, liebt er nicht. Sein praktisches Ziel ist bekanntlich,
im schroffsten Gegensatze zu Hobbes Absolutismus, eine anständige,
gemässigte Demokratie. Er war durch Cromwells Dictatur nicht mehr
befriedigt, als Milton.

Als Mittelpunkt seiner ganzen Theorie kann der Satz gelten, dass die
Natur jeder Staatsverfassung von der Vertheilungsweise des Grundbesitzes
abhängt. (_%Balance of property.%_) Wo ein Einziger entweder alles Land,
oder doch einen überwiegenden Theil desselben inne hat, etwa drei
Viertheile, da finden wir absolute Monarchie, wie z. B. in der Türkei,
oder zu Josephs Zeit in Aegypten. Wo der Adel allein, oder Adel und
Geistlichkeit zusammen die überwiegenden Grundeigenthümer sind, da
besteht eine gemischte Monarchie, wie z. B. in Spanien, bisher auch in
England (Oceana). Streng genommen, würde man hier allerdings von
Aristokratie reden müssen; die Erfahrung lehrt aber, dass Aristokratien
ohne ein monarchisches Haupt in ewigem Kriegszustande leben, weil
Jedermann von den Grossen nach der Herrschaft über die Anderen trachtet.
Wo endlich das ganze Volk, ohne Uebergewicht Einzelner, den Landbesitz
unter sich vertheilt hat, da finden wir Demokratie. Auf denselben
Grundgedanken werden auch die Ausartungen der drei Staatsformen
zurückgeführt. Tyrannei z. B. ist da, wo ein Einzelner, der keinen
überwiegenden Landbesitz hat, gleichwohl die unbeschränkte Herrschaft
behauptet. Ist der Landbesitz des Tyrannen, der Oligarchen oder
Anarchisten nicht gross genug für eine wahre Herrschaft, aber doch
hinreichend, um eine Armee zu erhalten: so tritt der Zustand des
Bürgerkrieges ein. Von jenen drei Ausartungen beruhet jede auf einem
Widerspruche zwischen Gebäude und Grundlage; doch kann der Widerspruch
nie lange dauern, weil sich bald entweder das Gebäude die Grundlage
assimiliert, oder aber die Grundlage das Gebäude. Am längsten währt der
Conflict, wenn der Grundbesitz unter die verschiedenen Elemente des
Staates gleich vertheilt ist: wenn z. B. der Adel ebenso viel Land hat,
wie das Volk. Da muss denn ein Gegner den andern aufzehren, wie es in
Athen von Seiten des Volkes dem Adel geschah, in Rom von Seiten des
Adels dem Volke. -- Was solchergestalt von der «Balance des
Grundeigenthums» gilt, das lässt sich auf das Geldeigenthum nur
ausnahmsweise übertragen: etwa in Handelsstaaten, wie Holland und Genua,
die wenig oder gar kein Land besitzen. Denn übrigens mag der Besitz
grosser Geldmassen in der Hand eines Mälius oder Manlius wohl
augenblickliche Gefahren hervorrufen; auf die Dauer jedoch hat er zu
wenig eigentliche Wurzeln[79]. So konnten weder Indiens Schätze die
spanische Macht- und Vermögensbalanz umändern, noch der grosse Schatz,
den Heinrich VII. sammelte, die englische; während in dem kleinen
Handelsstaate Florenz der Geldreichthum des mediceischen Hauses
allerdings einen politischen Umschwung herbeiführte[80].

Das ganze, eben erörterte, Naturgesetz führt Harrington sehr einfach auf
die Thatsache zurück, dass alle Macht auf der Fähigkeit beruhet, sich
Diener, insbesondere Soldaten zu halten, und dass eine dauernde
Fähigkeit dieser Art durch Grundeinkommen bedingt ist[81]. Indem er
sich wider Gegner vertheidigt, welche das Wahre in seiner Ansicht für
altbekannt erklärt hatten, vergleicht er seine Entdeckung mit der
Harvey'schen des Blutumlaufes[82]. Und es lässt sich in der That nicht
leugnen, bei aller Einseitigkeit und Grobheit der Harrington'schen
Theorie, enthält sie doch einen bedeutenden Versuch, die
Volkswirthschaft mit der Politik in wissenschaftlichen Zusammenhang zu
bringen. Jede Nationalökonomie hat zwei Hauptseiten, die harmonisch
entwickelt werden müssen: eine ethisch-politische und eine
materiell-ökonomische. Ebenso sehr nun, wie Hobbes um die letztere, hat
sich Harrington um die erstere verdient gemacht.

Seiner Grundansicht gemäss, theilt er alle Revolutionen in zwei Klassen
ein: natürliche oder innere, und gewaltsame, von Aussen her erfolgende;
je nachdem der Vermögensschwerpunkt durch friedlichen Verkehr, oder
durch Eroberung und Confiscation verrückt worden ist. Der letztere
Vorgang wieder kann auf monarchische, aristokratische oder
demokratische Weise erfolgen, wovon u. A. Mahomet, die Völkerwanderung
und die Israeliten in Kanaan charakteristische Beispiele darbieten. Zur
ersten Klasse der Revolutionen gehört vor Allen die englische
Staatsveränderung, deren tiefsten Grund der Verfasser in den
gesetzgeberischen Massnahmen Heinrichs VII. erkennt, die Zerstückelung
und Veräusserung der grossen Lehen zu erleichtern, wozu dann später die
Secularisationen Heinrichs VIII. kamen. Hierdurch sei die
Vermögensbalanz aus einer aristokratischen eine demokratische geworden.
Das Hauptmittel gegen solche Revolutionen sind immer %Agrargesetze%,
welche die bestehende Balanz auf eine unveränderliche Weise fixieren.
Hernach erst mag die Ausführung des Staatsgebäudes in einem, der
Grundlage entsprechenden, Stile erfolgen[83]. Jenes Erste kann auf
verschiedenen Wegen geschehen: die Israeliten und Lakedämonier
versuchten es durch gänzliche Unveräusserlichkeit der Grundstücke,
welche einer Familie verliehen waren; hierdurch werden aber die
Besitzenden allzu sicher, die Nichtbesitzenden allzu hoffnungslos, so
dass man auf solche Art dem Fleisse des Volkes schadet[84]. Es genügt
für eine Demokratie, wenn nur die zu grosse Anhäufung von Ländereien in
derselben Hand verhütet wird; für eine gemischte Monarchie muss man die
zu grosse Zersplitterung untersagen. So würde z. B. in einem Staate von
der Grösse Englands die Vertheilung der Balanz unter mehr, als
Dreihundert, den Verfall der Monarchie bedeuten; die Vertheilung unter
weniger, als Fünftausend, den Verfall der Republik[85]. Unter den
gegenwärtigen Umständen empfiehlt der Verfasser für seine Oceana
folgendes Ackergesetz. Wer ein Grundeinkommen von mehr als 2000 Pfund
St. jährlich besitzt, und mehrere Söhne, der soll es bei seinem Tode so
unter diese vertheilen, dass entweder Alle gleich bekommen, oder auch
der Aelteste, Bevorzugteste nicht über 2000 Pfund. Auch soll Niemand,
ausser durch Erbschaft, ein Grundeinkommen von mehr als 2000 Pfund
jährlich zusammenhäufen; und die Mitgiften der Weiber, allein die
Erbtöchter ausgenommen, sollen die Höhe von 1500 Pfund nicht
übersteigen. Mit einem Worte, es ist der Zweck des Gesetzes, keinem
lebenden Besitzer und auch keiner besitzenden Familie irgend wehe zu
thun; innerhalb dieser Gränzen aber die Entstehung grosser Vermögen,
von mehr als 2000 Pfund Grundeinkommen, so viel wie möglich zu
verhindern[86]. -- Das mosaische Zinsenverbot und das lykurgische
Verbot des edlen Metallgeldes erklärt Harrington aus einer ähnlichen
Absicht, die nur in noch grösserer Strenge durchgeführt worden. Sparta
nämlich und Palästina seien so klein gewesen, dass ein stark
entwickeltes Geldvermögen das Landvermögen leicht hätte überwiegen, und
somit die sicherste Balanz des letztern eludieren können. Dieser Gefahr
wollten jene Verbote vorbeugen[87].

Ich gedenke schliesslich der schönen Auseinandersetzung, welche
Harrington dem Vorwurfe entgegenstellt, als würde sein Ackergesetz ein
riesenmässiges Anschwellen der Hauptstadt und eine bettelhafte
Uebervölkerung des platten Landes herbeiführen[88]. Die
%Volksvermehrung% sei etwas schlechthin Wohlthätiges. Sie könne ihren
Anfang sowohl in der Stadt, wie auf dem Lande nehmen; eine volkreiche
Stadt werde auch ein volkreiches Land nach sich ziehen, und umgekehrt:
nur geschehe diess im erstem Falle gleichsam durch Säugen, im letztern
durch Entwöhnen. Denn die Blüthe der Stadt vermehrt den Absatz der
naheliegenden Dörfer, gestattet ihnen, mehr Vieh zu halten, besser zu
düngen u. s. w., selbst durch Austrocknungen und Aehnliches den Umfang
des urbaren Ackers zu vergrössern. Ein dicht bevölkertes Land hingegen
zwingt seine Bewohner, ausser dem Ackerbau noch andere Auskunftsmittel
zu Hülfe zu nehmen: so z. B. kriegerische Wanderungen, wie in der
gothisch-vandalischen Zeit, oder neuerdings am liebsten Gewerbfleiss und
Städteleben.



VII.

_Die Nachahmung der niederländischen Handelsblüthe._


Von SIR THOMAS CULPEPER[89] sind zwei Werkchen bekannt: zuerst eine
Denkschrift, welche unter dem Titel _A tract against the high rate of
usury_ 1623 dem Parliamente überreicht wurde, um die Herabsetzung des
legalen Zinsfusses von 10 auf 6 Procent zu empfehlen; sodann eine
Fortsetzung derselben vom Jahre 1640, worin die guten Folgen der
wirklich erreichten Zinserniedrigung auf 8 Procent (_21 James I, C. 17_)
dazu benutzt werden, eine neue und abermals neue Herabsetzung, bis
endlich zum Niveau des holländischen Zinsfusses, vorzuschlagen.

Höchst merkwürdige Schriften beide! Eine tiefe Einsicht in den
Zusammenhang der meisten Symptome höherer Kultur lässt sich dem
Verfasser gewiss nicht absprechen. Der lebhafte, vielseitige und durch
starke Concurrenz angespornte Handel; der eigene active Betrieb der
Schifffahrt; die Wohlfeilheit in der Bedienung auswärtiger Kunden; die
Fähigkeit, Steuern, Almosen u. s. w. ohne grosse Beschwerde zu einem
hohen Ertrage zu steigern; die wirthschaftliche Möglichkeit der
Hochwaldkultur; der hohe Preis der Grundstücke: alles Diess wird nach
Culpeper von der %Niedrigkeit des Zinsfusses% bedingt. Namentlich hebt
er hervor, dass es bei einem niedrigen Zinsfusse gewinnbringender ist,
den alten Boden zu meliorieren, als neuen Boden zu kaufen; ja, dass
Entwässerungen, Eindeichungen, irgend kostspielige Düngungen,
Spatenkultur u. s. w., ebenso wie Kolonien und gewerbliche Erfindungen,
nur unter dieser Voraussetzung möglich sind. Lauter richtige Thatsachen;
Schade nur, dass die Wechselseitigkeit der Beziehungen so gut wie völlig
übersehen ist. Der niedrige Zinsfuss ist ebenso wohl eine Folge, wie
eine Ursache der angeführten Zustände: es sind eben alles verschiedene
Seiten desselben grossen Organismus, welcher hochkultivierte
Volkswirthschaft heisst. Dagegen meint Culpeper, als wenn der Staat
durch künstliche Herabdrückung des Zinsfusses alles Uebrige erzwingen
könnte. Eine solche Einseitigkeit ist gerade bei praktischen
Volkswirthen nicht unerhört. Wie oft sind nicht Schutzzölle, bis auf
unsern List herunter, als eine Art von Zaubermittel empfohlen worden, um
Kultur und Reichthum zu schaffen! Und selbst die Theoretiker werden in
der Kindheit ihrer Wissenschaft gar häufig von einzelnen bedeutenden
Wahrheiten so eingenommen, dass sie alles Andere gleichsam nur durch
diese hindurch sehen können. Ich gedenke der frühesten Philosophen und
Naturforscher bei den Griechen. -- Hinsichtlich der Handelsbilanz
theilte Culpeper die gewöhnlichen Ansichten des s. g. Mercantilsystems.
(Also bereits 4 Jahre nach Colberts Geburt!) Er hegt eine grosse
Abneigung wider Kapitalanlehen aus der Fremde, die meistens nicht in
edlen Metallen, sondern in überflüssigen Fremdwaaren eingingen, und an
Zinsen u. s. w. mehr aus dem Lande zögen, als an Stamm hereinbrächten.
Als Ausnahme, wo selbst eine ungünstige Handelsbilanz nicht erschöpfe,
werden schwachbevölkerte Länder genannt, deren Bewohner ihre
Naturproducte nicht aufzehren könnten.

Ein naher Geistesverwandter des Vorigen ist SIR JOSIAH CHILD, Baronet.
Seine Stellung als Mitdirector der ostindischen Compagnie mag ebenso
wohl zur Trübung, wie zur Aufklärung seiner nationalökonomischen
Ansichten beigetragen haben[90]. Jedenfalls war er mit dem Handel aus
eigener vieljähriger Erfahrung vertraut, und hat die Resultate derselben
in zwei Schriften niedergelegt: _Brief observations concerning trade and
the interest of money. By J. C. 4. London 1668._ (Verfasst
grösstentheils schon 1665, wo Child während der Pest auf dem Lande
lebte.) _A new discourse of trade. 1690. (5 ed. Glasgow 1751.)_ Ich habe
leider nur das letzte Buch, und zwar in einer französischen Uebersetzung
von 1754, benutzen können. Ausserdem soll noch von Child sein: _A
treatise, wherein it is demonstrated, that the East-India trade is the
most national of all foreign trades. By Φιλοπἁτρις.
London 1681. 4. Confutation of a treatise, intituled: A iustification
of the directors of the Netherlands East-India-Company. 1688._

Als Mittelpunkt auch des Child'schen Systemes muss der Satz betrachtet
werden, dass ein %niedriger Zinsfuss% die _causa causans_ alles
Reichthums sei (p. 68); für den Handel, sogar für den Ackerbau, was die
Seele für den Körper (p. 363). Diess könne man schon in England sehen,
wo die gesetzlichen Erniedrigungen des Zinsfusses eine völlig
entsprechende Reichthumsvermehrung nach sich gezogen hätten. Seit dem
Jahre 1651, d. h. also der Zinsreduction auf 6 Procent, habe sich die
Zahl der Kutschen auf das Hundertfache vermehrt; die Kammerfrauen trügen
jetzt bessere Kleider, als damals die Ladies; auf der Börse gäbe es
jetzt mehr Personen mit 10000 Pfund St. Vermögen, als damals mit 1000.
Geht man gar zurück bis zur ersten Zinsreduction von 1545, so hat sich
der Reichthum von England seitdem versechsfacht (p. 69 ff.). Etwas
Aehnliches ergiebt sich aus einer Vergleichung z. B. von Holland oder
Italien mit Ireland, trotz seiner Fruchtbarkeit, Spanien, trotz seiner
Edelminen, der Türkei u. s. w. Mit einem Worte, über den Grad des
Reichthums, der Handelsklugheit u. s. w., welchen ein bestimmtes Land
erreicht hat, lässt sich ganz einfach aus der Höhe seines Zinsfusses
urtheilen (p. 74). -- Nun hatte aber schon damals ein scharfblickender
Anonymus in der Schrift: _Interest of money mistaken_ (1668) die Sache
umgedreht, und, im Gegensatze zu der ersten Schrift von Child, den
niedrigen Zinsfuss eine Folge, nicht eine Ursache des Nationalreichthums
genannt. Unser Child ist daher bemühet, das Gegentheil nachzuweisen
(p. 77-98). Jedoch bestehen seine einzigen wirklich relevanten Gründe
darin, dass ein niedriger Zinsfuss die Geschäftsmänner hindert, ein
müssiges Rentenierleben zu führen, oder ihre Kinder dafür zu erziehen;
ebenso auch, dass die Sparsamkeit des Volkes dadurch gefördert wird
(p. 89 fg. 120). Er giebt desshalb auch an einer andern Stelle zu, dass
es sich mit diesen Dingen ähnlich verhalten möge, wie mit den Eiern,
welche sowohl die Ursache, wie die Wirkung der Hühner sind (p. 121.
156). -- Den Einfluss einzelner gesetzgeberischer Acte überschätzt der
Verfasser ebenso sehr, wie Culpeper (p. 3); ja, er meint geradezu, alle
Menschen seien von Natur gleich, und bloss durch die Verschiedenheit
ihrer Gesetze verschieden geworden (p. 146. 294). Hinsichtlich des
Zinsfusses ist sein Ideal das mosaische Recht, welches den Juden unter
einander das Zinsnehmen gänzlich verbot, von Fremden aber ausdrücklich
gestattete. Hierdurch allein schon mussten die Juden reich werden
(p. 95 fg.). Denn eine Zinserhöhung von 2 Procent ist viel
nachtheiliger, als eine Zollerhöhung von 4 Procent; die letztere drückt
nur auf ein Geschäft, nämlich Aus- und Einfuhr, und nur einmal jährlich;
die erstere auf alle Geschäfte und unablässig (p. 38).

Uebrigens ist der letzte Grund alles Zinses, die Productivität des
Kapitals selber, dem Child noch völlig dunkel. Schon der so häufig bei
ihm vorkommende Ausdruck, _price of money_ für Zins, weiset darauf hin.
Der Gläubiger mästet sich immer auf Kosten des Schuldners (p. 79); und
wenn man namentlich die wunderbaren Erfolge des Zinseszinses bedenkt, so
muss es, nach Child, einleuchten, wesshalb Kapitalanleihen so schädlich
sind (p. 91). Damals war erst vor Kurzem der jetzt in England so hoch
entwickelte Brauch aufgekommen, dass Jedermann seine irgend
überflüssigen Baarvorräthe einem Bankier übergab. Offenbar muss diess
zur Wohlfeilheit des Geldes und Niedrigkeit des Zinsfusses beitragen;
Child jedoch hat die entgegengesetzte Meinung (p. 46). -- Von seinen
theoretischen Ansichten sind ausserdem noch folgende wichtig. Er bemerkt
sehr wohl den nothwendigen Zusammenhang zwischen Handelsblüthe und hohem
%Preise der Grundstücke%[91] (p. 22); auch das ist begründet, dass ein
nachhaltig hoher Preis der Lebensmittel nur bei reichen Nationen
vorkommt, und umgekehrt. Dagegen ist es eine offenbare Uebertreibung,
wenn selbst eine vorübergehende Jahrestheuerung den Armen vortheilhafter
sein soll, als besonders reichliche Jahre (p. 81 fg.) -- Vorzüglich gut
entwickelt sind Childs Ansichten von der %Volksvermehrung%. Zwar theilt
er den Irrthum, welcher im 17. und 18. Jahrhundert so weit verbreitet
war, als wenn die Zunahme der Population immer ein Reichthums- und
Kulturfortschritt sein müsste (p. 298). Indessen wird die, auch hier zu
Grunde liegende, bedingte Wahrheit (p. 368 ff.) ungleich besser
formuliert. Was aber die Voraussetzungen der Populationszunahme
betrifft, so bestreitet Child sehr lebhaft die Behauptung, dass Englands
Volksmenge durch die amerikanischen Ansiedelungen geschwächt worden
(p. 371 ff.)[92] «Unsere Bevölkerung wird immer mit der Beschäftigung,
die wir ihr geben können, im Verhältnisse stehen. Wenn England nur 100
Menschen zu beschäftigen vermöchte, während 150 aufgezogen wären: so
würden 50 auswandern oder umkommen müssen, ohne Rücksicht darauf, ob wir
Kolonien hätten, oder nicht hätten.» Und andererseits, wäre ja die
Auswanderung zu stark gewesen, etwa durch die Leichtigkeit des
Koloniallebens verlockt, so würde sich die Lücke im Mutterlande sehr
bald und von selbst wieder füllen. Der Mangel an Menschen würde eine
grosse Steigerung des Arbeitslohnes verursachen, und diese wiederum zu
einer vermehrten Zahl von Trauungen und Einwanderungen führen
(p. 379 fg. 149). Also ganz die Keime des Malthusischen Gesetzes! -- Wie
bei den meisten Nationalökonomen jener Zeit, so spielt auch bei Child
die s. g. %Handelsbilanz% eine grosse Rolle. Er verehrt den Erfinder
dieses grossen Problems (p. 314), dessen Lösung um so wichtiger ist, je
verderblicher für ein Land der Verbrauch fremder Manufacturwaaren (p. 8.
358). Dem niedrigen Zinsfusse wird ganz besonders nachgerühmt, dass er
das Hauptmittel sei, die Bilanz günstig zu gestalten (p. 101). Eben
desswegen aber hat Child gegen die gewöhnliche Art, die Bilanz zu
ermitteln, eine Menge wichtiger Einwände (p. 312-363). So erwähnt er
z. B. die Trüglichkeit der Zollregister durch Schmuggelei und
fehlerhafte Abschätzungen. Vom Werthe der eingeführten Waaren müsste die
selbstverdiente Fracht abgerechnet werden. Nicht selten erleidet die
Ausfuhr solche Abgänge, oder ist die Einfuhr so vortheilhaft gekauft,
dass eine scheinbar günstige Bilanz ärmer macht, eine scheinbar
ungünstige bereichert. Länder, wie Ireland, viele Kolonien u. s. w.,
haben um desswillen ein Uebergewicht der Ausfuhr, weil sie vermittelst
derselben abwesenden Kapitalisten oder Eigenthümern eine Rente zahlen,
d. h. also verarmen. Alles diess beschränkt die herkömmliche
Voraussetzung, als wenn der allgemeine Ueberschuss der Ausfuhr über die
Einfuhr immer durch baares Geld ausgeglichen würde. Ausserdem kann im
Einzelnen z. B. England aus Norwegen oder Ostindien sehr viel mehr
Waaren einführen, als dahin absetzen; aber die eingeführten Waaren sind
von solcher Wichtigkeit, etwa für die Seemacht, oder für den weitern
Vertrieb an dritte Nationen, dass der ganze Verkehr doch sehr
vortheilhaft genannt werden muss. So ist namentlich Ostindien die
vornehmste und sicherste Salpeterquelle, und vermehrt die englische
Marine ganz vorzugsweise mit kriegsfähigen Schiffen. Auch bringt die
Wiederausfuhr ostindischer Waaren leicht 6mal so viel Geld nach England
zurück, wie die Einfuhr gekostet hat. Selbst der Wechselcurs will Child
für die Ermittelung der Handelsbilanz nicht immer genügen. Lieber
empfiehlt er, aus der nachhaltigen Zu- oder Abnahme der Schifffahrt auf
das Wachsen oder Schwinden des Handelsreichthums vermittelst der Bilanz
zu schliessen. Uebrigens sieht er vollkommen ein, dass ein Volk, um an
fremde Nationen zu verkaufen, auch von ihnen kaufen müsse (p. 358).

Als praktische Grundlage des ganzen Child'schen Systemes muss das
Streben gelten, England auf dieselbe Kulturstufe zu erheben, worauf
Holland sich damals befand; oder richtiger gesagt, %England vom
wirthschaftlichen Uebergewichte der Holländer zu emancipieren%. Child
ist der grösste Bewunderer alles Holländischen; aber freilich nicht in
der quietistisch resignierten Weise, in welcher so viele Deutsche z. B.
England bewundern[93]; und eben desshalb für unser Volk und Zeitalter
vorzüglich belehrend. Ist doch ein Haupttheil seines Buches während des
holländisch-englischen Krieges von 1664 bis 67 geschrieben (p. 69). Als
die vornehmsten Ursachen der holländischen Handelsblüthe werden ausser
der Niedrigkeit des Zinsfusses folgende aufgeführt: die Theilnahme
praktischer Kaufleute an den höchsten Staatsgeschäften[94]; die
Aufhebung des Erstgeburtsrechtes bei Erbtheilungen[95]; die rechtliche
Solidität der Gewerbetreibenden; die grossen Aufmunterungen, welche
Erfindern u. s. w. von Staatswegen gewährt werden; die Geschicklichkeit
und Wohlfeilheit der Rhederei, welche bei der mindesten Gefahr durch
Staatsconvois geschützt wird; die eigenthümlich nationale Sparsamkeit;
die allgemeine Verbreitung mathematischer Kenntnisse; die Niedrigkeit
der Aus- und Einfuhrzölle, wogegen die Staatsbedürfnisse durch hohe
Accisen, diese gleichmässigste, unmerklichste und unschädlichste
Abgabenart, bestritten werden; die gute Armenversorgung; die Banken; die
leichte Aufnahme Fremder; die schnelle und wohlfeile Entscheidung von
Handelsprocessen; die ausgebildete Circulation der Handelspapiere;
endlich das musterhafte Hypothekenwesen (p. 57 ff.). -- Man darf nicht
vergessen, dass Child gerade im Augenblicke des höchsten holländischen
Glanzes schrieb: zur Zeit, wo Colbert, in einer Depesche an den
französischen Gesandten daselbst vom 21. März 1669[96], den
Gesammtbetrag aller Handelsflotten auf 20000 Seeschiffe angab, davon
15-16000 auf Holland, 5-600 auf Frankreich kämen. Wenig Jahre später
konnte der scharfblickende Temple schon die Ansicht äussern, dass der
holländische Handel seinen Zenith passiert habe[97].

In einer Reihe von besonderen Kapiteln werden nun die wichtigsten Punkte
des Obigen den Engländern noch näher gelegt. Der Vorschlag einer
grössern Centralisation der Armenpflege[98], wenigstens für London und
dessen Umgegend (p. 187-217), ist aus der holländischen Ansicht
hervorgegangen, dass jeder lebhafte Handel einen freien Ab- und Zufluss
der Bevölkerung fordert; eine stark localisierte Armenpflege steht aber
nothwendig mit streng festgehaltenem Heimathsrechte in Verbindung. --
%Privilegierte Handelsgesellschaften% billigt Child in solchen Ländern,
«wo der König keine Verbindungen hat und haben kann, sei es nun wegen
ihrer Entfernung, oder wegen ihrer Barbarei und Unchristlichkeit;
ebenso, wo Festungen und Truppen für den Handel gehalten werden
müssen.» Uebrigens sollten auch hier alle Landsleute gegen eine mässige
Abgabe am Handel der Compagnie Theil nehmen dürfen. Die hiergegen
vorgebrachten Gründe widerlegt unser Verfasser mit Erfolg. Auch verwirft
er Compagnievorrechte in allen den Fällen, wo die obigen Bedingungen
nicht vorhanden sind: den Verfall z. B. des englischen Ostseehandels,
Grönlandverkehrs u. s. w. schreibt er den hierfür privilegierten
Gesellschaften zu, während sich der freie Handel mit der Levante, mit
Spanien u. s. w. vortrefflich gegen die Holländer behauptet habe (p. 24.
218 ff.). Namentlich soll das Hinkümmern des französischen Westindiens
vom Compagniemonopole herrühren (p. 403). Man sieht, diess sind ganz
ähnliche Grundsätze, wie Adam Smith sie hatte: nur dass Child die
Ausnahme von der Regel sehr viel breiter fasst. -- Auch die Smith'sche
Ansicht von der %Navigationsacte% ist bei Child vorbereitet
(p. 238 ff.). Er nennt diess Gesetz die _Magna Charta maritima_ (p. 36),
obwohl er keineswegs übersieht, dass dadurch zu Gunsten einer kleinen
Zahl von Rhedern u. s. w. der grossen Mehrzahl des englischen Volkes die
Schifffahrtsdienste vertheuert worden. Indessen sei der militärische
Nutzen für den ganzen Staat doch entschieden überwiegend. Aus diesem
Grunde will er besonders diejenigen Handelszweige begünstigt wissen, die
verhältnissmässig am meisten Schifffahrt erfordern; hier ist nicht bloss
der Frachtgewinn, also ein reines Plus, sondern zugleich der
militärische Nebennutzen am bedeutendsten (p. 29).[99] -- Wie Child
überall in echt holländischer Weise zur bereitwilligen Naturalisierung
der Fremden, zur Toleranz gegen Nonconformisten u. s. w. räth, so
empfiehlt er namentlich auch, nach gehöriger Abwägung der Gegengründe,
die Aufnahme der Juden (p. 290 ff.). -- Ganz vortrefflich ist seine
Ansicht von %Gewerbereglements% (p. 305 ff.). Er glaubt im Allgemeinen,
dass solche Staatsmassregeln, um die technische Güte der
Gewerbserzeugnisse zu verbürgen, schwer durchzusetzen sind; und werden
sie gleichwohl durchgesetzt, so legen sie dem Producenten, gegenüber den
Schwankungen der Mode u. s. w., die nachtheiligsten Fesseln an. Ein
Volk, welches den Welthandel beherrschen will, muss Waaren von jeder
Qualität verfertigen, um eben jedem Bedürfnisse und Geschmacke
entsprechen zu können. Wo ausnahmsweise ein obrigkeitlicher Stempel für
gewisse Qualitäten besteht, da muss allerdings gewissenhaft mit ihm
verfahren werden; allein die nicht vorschriftsmässigen Waaren sollte man
nur durch Verweigerung des Stempels bestrafen. Daneben empfiehlt er
sehr, dass jeder Fabrikant sein Privatzeichen habe, und Länge, Breite
u. s. w. der Waare äusserlich angebe; wo denn Betrug in einer dieser
Beziehungen aufs Härteste geahndet werden müsste. -- Ueberhaupt ist
Child in der Regel ein warmer Freund der %Gewerbe-% und
%Handelsfreiheit%. Er ist gegen die städtischen Zunftprivilegien; gegen
die Vorschrift von _5 Elizab._, dass Niemand ein Gewerbe treiben darf,
in welchem er keine Lehrzeit bestanden (p. 290); gegen die Gesetze,
welche die Zahl der Gewerbetreibenden, der Lehrlinge u. s. w. fixieren,
die Verbindung nahe verwandter Gewerbe in Einer Person verbieten (p. 29.
306). Wie er gegen obrigkeitliche Taxen eifert, so ist er ein
Vertheidiger der freien Ausfuhr nicht allein des rohen, sondern auch des
gemünzten Goldes und Silbers[100]. Von dem Verbote der rohen Wollausfuhr
(seit 1647) sagt er: «Diejenigen, welche den besten Preis für eine Waare
zahlen können, werden sie immer auf die eine oder andere Weise zu
beziehen wissen, trotz aller Gesetze, trotz aller Dazwischenkunft irgend
einer See- oder Landmacht: solche Stärke, Feinheit und Gewalt hat der
allgemeine Lauf des Handels.»[101] Das Aufspeichern des Kornes erklärt
er für einen der nützlichsten Dienste, welche dem Handel geleistet
werden können (p. 172 ff.). Dasselbe holländische Beispiel hatte ihn
auch von der Nützlichkeit der Gemeinheitstheilungen, Kanalisierungen
u. s. w. überzeugt (p. 170). So unbegründet ist die Ansicht, welche den
Child mit dem banalen Vorwurfe des Mercantilismus glaubte abfertigen zu
können! -- Was endlich die %Kolonien% betrifft, so theilt der Verfasser
die Ansicht, welche bis vor Kurzem die Praxis, und bis auf J. Tucker
herab die Theorie fast ausschliesslich beherrschte. Jede Kolonisation
schadet dem Mutterlande, wenn dasselbe nicht durch gute und streng
durchgeführte Gesetze den Handel der Kolonie allein bekommt. Ohne solche
Gesetze würde aller Kolonialhandel den Holländern zufallen. Der
Menschenverlust aber, der zunächst in jeder Kolonisation liegt, kann nur
dadurch wieder gut gemacht, ja zum Gewinne verkehrt werden, dass die
Ausgewanderten indirect in der zurückgelassenen Heimath eine stärkere
Production zu Wege bringen (p. 394 ff.). Uebrigens enthält der Abschnitt
von den Kolonien eine Menge der treffendsten, oft geradezu prophetischen
Urtheile. So wird z. B. das verschiedene Kolonisationstalent der
Spanier, Holländer und Franzosen ungemein gut charakterisiert, und den
Engländern der Trost ertheilt, dass sie auf dem Felde der eigentlichen
Ansiedelung von deren Rivalität nicht viel zu fürchten haben
(p. 397 ff.). Einen für die Zukunft höchst gefährlichen Nebenbuhler
sieht Child dagegen in Neuengland erstehen, zumal was die Seemacht
betrifft (p. 428. 433). Er hat die spätere Grösse der Vereinigten
Staaten merkwürdig vorausgeahnt.

Bei einem so reichen und bedeutenden Inhalte des Child'schen Werkes
können die Mängel seiner Form, die zahlreichen Wiederholungen, selbst
Widersprüche im Einzelnen (vgl. z. B. p. 24 und 224), wohl ein milderes
Urtheil fordern. Es sind eben Fehler, wie sie bei Praktikern, die
pamphletmässig arbeiten, gewöhnlich vorkommen[102].



VIII.

_Der politische Arithmetiker Petty._


SIR WILLIAM PETTY (1623-1687) hat sich im Leben dermassen umgetrieben,
dass die ihm angeborene Vielseitigkeit und praktische Gewandtheit,
vielleicht auf Kosten seines sittlichen Charakters, im höchsten Grade
entwickelt werden mussten. Sohn eines Tuchmachers, erwarb er sich schon
im Knabenalter, neben klassischen und mathematischen Studien, die
praktische Kenntniss einer Menge von Handwerken. Als Jüngling trieb er
Handelsgeschäfte, warf sich aber alsbald, namentlich in Paris und
Holland, auf das Studium der Anatomie und Arzeneiwissenschaft, wobei ihm
u. A. die Freundschaft des Hobbes förderlich war. In den letztgenannten
Fächern, sowie in der Chemie, lehrte und prakticierte er seit 1648 zu
Oxford. Seine Verbindung mit Ireland, die später auch wissenschaftlich
so bedeutende Fruchte bringen sollte, begann mit einer Anstellung als
Ober-Militärarzt, worin er sich ausser seinem Gehalte ein Honorar von
jährlich 4000 Pfund St. zu verdienen wusste. Hier fand er Gelegenheit,
die schlechte Vermessung und Vertheilung der ungeheueren Landstriche
wahrzunehmen, die in Ireland confisciert worden waren. Er machte die
Regierung aufmerksam darauf, und erhielt nun selber die Leitung des
ganzen Verfahrens. Die Karten, welche zu diesem Zwecke ausgearbeitet
wurden, galten damals für die genauesten, deren sich irgend ein Land
rühmen konnte[103]; und sie haben in Ireland bis auf den heutigen Tag
gerichtliche Beweiskraft[104]. Die Summen, welche Petty mit dieser
Arbeit verdiente, wurden von ihm zu Güterkäufen und Creditspeculationen
mit dem glücklichsten Erfolge angewendet. Auch darin war er ebenso
rücksichtslos, wie geschickt, dass er während der Revolution als
Anhänger des Parliamentes auftrat, während der Restauration aber von
Karl II. mit Gunstbezeugungen nicht vergessen wurde. Eine, dem König
dedicierte, Abhandlung überschreibt er sehr offenherzig mit dem Motto:
_Qui sciret regibus uti, fastidiret olus!_ Bei seinem Tode hinterliess
er ein Jahreseinkommen von 15000 Pfund St. Sein Sohn wurde nachmals zum
Baron Shelburne ernannt, und ist der Stammvater der heutigen Marquis von
Lansdowne[105].

Pettys reiche und glänzende Bildung ist von seinen Zeitgenossen vielfach
bewundert worden. So erklärt ihn Evelyn (a. a. O.) für einen der besten
lateinischen Dichter unter den Lebenden. _He is so exceeding nice in
sifting and examining all possible contingencies, that he adventures at
nothing which is not demonstration. There were not in the whole world
his equal for a superintendent of manufacture and improvement of trade,
or to govern a plantation.... There is nothing difficult to him._ Auch
seiner grossen Geschicklichkeit wird erwähnt, andere Menschen
nachzuahmen: so z. B. die verschiedensten Prediger, Quäker, Mönche,
Presbyterianer u. s. w. in derselben Stunde zu copieren. Was Pepys[106]
namentlich an ihm hervorhebt, ist die Schärfe seines Verstandes und die
Klarheit seiner Auseinandersetzungen. Zu seinen unzweideutigsten
Verdiensten gehört die Theilnahme an der Gründung und Leitung der _Royal
Society_; sowie er auch in technischer Beziehung als Erfinder geglänzt
hat.

Unter den Schriften Pettys sind die wichtigsten folgende. _A treatise of
taxes and contributions, shewing the nature and measures of crown-lands,
assessments, customs, poll-money, lotteries, benevolences etc. (4.
London 1679.) Quantulumcunque, or a tract concerning money, addressed to
the Marquis of Halifax. (4. London 1682.) Several essays in political
arithmetick_; zuerst 1682 erschienen, dann mit der schönen posthumen
Abhandlung _Political arithmetick concerning the value of lands etc._
vermehrt 1691. (_4. edition London 1755. 8._) _Political survey or
anatomy of Ireland, with the establishment of that kingdom, when the
Duke of Ormond was Lordlieutenant etc. (8. London 1791.)_ -- Eine
würdige Gesammtausgabe seiner Werke fehlt noch immer, was um so mehr zu
beklagen ist, als sich ungedruckte Aufsätze über irische Statistik und
Aehnliches im Besitze der Lansdowne'schen Familie befinden sollen.

Pettys %statistische% Arbeiten zeugen ebenso sehr von der genialen
Umsicht und Klarheit seines persönlichen Blickes, wie von der grossen
Unvollkommenheit aller damaligen Hülfsmittel. -- Was in unserer
heutigen Statistik ziemlich das Sicherste, verhältnissmässig auch
Leichteste ist, die Bevölkerungszahl im Allgemeinen, das musste Petty
auf den unsichersten und mühsamsten Umwegen zu errathen suchen[107]. Er
schliesst zuvörderst aus der Menge der Häuser, die in London sind;
weiterhin meint er, wenn in Paris jedes Haus 3 oder 4 Familien zählt, so
werde in London wohl ein Zehntel der Häuser je 2 Familien enthalten, die
übrigen nur eine; endlich die Personenzahl einer Familie hatte schon
Graunt bei Kaufleuten auf 8 im Durchschnitte angegeben, Petty schlägt
sie in den vornehmeren Familien auf über 10, in den ärmeren auf 5, den
Gesammtdurchschnitt auf 6 an. Die auf solche Art gewonnene Menschenzahl
Londons wird nun von Petty auf zweierlei Weise controliert: einmal,
indem er die Mittelzahl der jährlichen Todesfälle mit 30 multipliciert;
sodann, indem er die Zahl der an der Pest des Jahres 1665 Gestorbenen,
die ein Fünftel der damaligen Bevölkerung gewesen sein sollte, zu Grunde
legt, und den natürlichen Zuwachs bis auf seine Zeit hinzurechnet. Alle
drei Methoden stimmen soweit überein, dass die erste eine Zahl von
695076, die zweite 696360, die dritte 653000 giebt. So stützt sich
Pettys Berechnung des ireländischen Viehstandes auf die Grösse der
Wiesen- und Weideflächen (_supposing to be competently well stock'd_);
er räth sodann (_I guess_), dass ein Drittel der kleinen Familien je ein
Pferd halte, und vermuthet (_suppose_) bei den 16000 grösseren Familien
zusammen 40000 Pferde u. s. w.[108] Bei dieser Ungewissheit vieler
seiner Grundlagen darf man sich nicht verwundern, wenn z. B. die
_Observations upon the Dublin bills of mortality_ (1681) mit dem
Ergebnisse schliessen, dass Dublin eher 58000, als 32000 Einwohner
zähle[109]. Ja, es kommen sogar recht auffallende Sprünge in seinen
Calculen vor: wie z. B., wo er die irische Butter- und Viehausfuhr des
Jahres 1664 um ein Drittel grösser findet, als 1641, und nun daraus
folgert, es sei in dem letztern Jahre die Bevölkerung ein Drittel
grösser gewesen[110].

Doch genug von diesen Mängeln, wo die Vorzüge ein so entschiedenes
Uebergewicht haben! Man darf in der That nur die besten der s. g.
_Respublicae Elzevirianae_, oder Comings Arbeiten mit Petty
zusammenstellen, um den epochemachenden Fortschritt zu erkennen, welchen
der Letztere begründet hat. Die Beobachtung ist das eine Auge der
Statistik, die Vergleichung das andere; und in beiderlei Rücksicht ist
Petty bewunderungswerth. So will es ihm z. B. wenig genügen, wenn man
die Luft von Ireland für mild und gemässigt, für feucht erklärt u. s. w.
Vielmehr bedürfe es hierzu langer, mühsamer und wiederholter
Beobachtungen, einfacher und comparativer, in verschiedenen Theilen der
Insel und verschiedenen Jahreszeiten angestellt, und verglichen mit
ähnlichen Beobachtungen aus anderen Erdtheilen. Er fordert namentlich
Instrumente, um die Bewegung und Stärke des Windes zu messen, sowie
Beobachtungen, wie viele Stunden täglich im ganzen Jahre der Wind aus
einer bestimmten Himmelsgegend weht; ferner Messungen des jährlichen
Regenfalles, des höchsten und niedrigsten Grades der Luftfeuchtigkeit;
thermometrische und barometrische Beobachtungen von Stunde zu Stunde
u. dgl. m.[111] Um die Gesundheit des Klimas zu beurtheilen, soll nicht
bloss ermittelt werden, wie viele Geburten und Todesfälle jährlich auf
eine gegebene Anzahl von Lebenden kommen, sondern auch die mittlere
Lebensdauer[112]. Gerade die letzterwähnten Verhältnisse scheinen ihm
wichtig genug, um sie das _Abc_ der _publick economy_ zu nennen[113]. --
Uebrigens soll der schildernde Theil der Statistik durchaus nicht, wie
bei so vielen Neueren, hinter dem tabellarischen Theile zurücktreten. So
z. B. ist die Beschreibung der Parteien in Ireland, ihrer tieferen
Ansichten und letzten Beweggründe, zumal des Verhältnisses zwischen den
katholischen Priestern und Gemeinden, durchaus musterhaft[114]. Ebenso
werden die Nahrung, Kleidung, Sitten, Bildung u. s. w. der verschiedenen
Volksklassen mit der schönsten Anschaulichkeit, obwohl zugleich mit der
prägnantesten Kürze geschildert (p. 91 ff.). Jede gute Statistik, um mit
Schlözer zu reden, ist der Querdurchschnitt eines geschichtlichen
Stromes. Nun hat sich unser Petty zwar mit gelehrten historischen
Studien schwerlich viel abgegeben; ein gesunder historischer Blick aber
ist ihm gewiss nicht abzusprechen. So schliesst er, lediglich gestützt
auf die Natur der Gegend, dass die ältesten Bewohner Irelands von
Schottland ausgegangen, und in der Nähe von Carrickfergus übergesiedelt
sind. Denn die Schifffahrt sei damals viel zu roh gewesen, um eine
Uebersiedelung anderswoher, als von Grossbritannien, vermuthen zu
lassen. Von den wallisischen Vorgebirgen aus könne Ireland oft gar nicht
und niemals klar gesehen werden, dagegen Carrickfergus von Schottland
aus sehr wohl und immer. Ein kleines Boot rudert hier in 3 bis 4 Stunden
über; die irische Küste ist hier viel besser, als die gegenüber liegende
schottische; auch die Sprachen beider Länder hier am ähnlichsten. Es
kommt noch hinzu, dass die vornehmsten und wahrscheinlich ältesten
Bischofssitze hier in der Nähe liegen[115]. -- Man sieht, die Methode
ist ganz die unserer besten neueren Forschungen, wie sie freilich auch
der alte Thukydides bereits geübt hat![116] -- Ebenso praktisch und
historisch zugleich ist die Erklärung, wesshalb Ireland, wie alle dünn
bevölkerten Gegenden, an Eigenthumsunsicherheit leidet; und dass es
unpassend ist, solche Länder mit den Gesetzen dicht bevölkerter Staaten
ohne Weiteres curieren zu wollen (p. 98).

Wie die politische Anatomie von Ireland[117] für die damalige Zeit das
Muster einer Einzelstatistik darbietet, so die posthume Schrift
_%Political arithmetick%_ das Muster einer Comparativstatistik. Der
reiche Inhalt dieses Werkchens, das doch nur 90 Octavseiten zählt, wird
durch den langen Titel bezeichnet: _A discourse concerning the extent
and value of lands, people, buildings; husbandry, manufactures,
commerce, fishery, artizans, seamen, soldiers; publick revenues,
interest, taxes, superlucration, registries, banks; valuation of men,
increasing of seamen, of militias, harbours, situation, shipping, power
at sea etc. As the same relates to every country in general, but more
particularly to the territories of his Majesty of Great-Britain, and his
neighbour of Holland, Zealand and France._ Zu tadeln ist auch hier
wieder das kecke Gruppieren von Ziffern, deren Unsicherheit der
Verfasser am besten wissen konnte: so z. B. wenn er alle Waaren, die aus
irgend einem Theile der mercantilen Welt ausgeführt werden, auf jährlich
45 Millionen Pfund St. schätzt, und nun daraus folgert, dass England
Kapital genug besitze, um den Welthandel an sich zu reissen
(p. 180 ff.). Desto rühmlicher ist sein Streben, das statistische
Material in allen wichtigeren Staaten jener Zeit gleichmässig zu
beherrschen; die geistvolle Hervorhebung nur des wirklich Relevanten und
Interessanten; sowie der echt staatsmännische Tact, mit welchem
gleichsam die Muskeln und Nerven der Staatsmacht herausgefühlt werden,
während die Mehrzahl der Statistiker nicht einmal durch die äusseren
Gewänder hindurchdringen kann. -- Die grossen Vorzüge der Holländer
weiss Petty nach Verdienst zu würdigen; seine Darstellung derselben
stimmt in vielen Punkten mit der von Child überein; aber seine Erklärung
ist besser. Es zeigt sich bei ihm das _Nil admirari_ des wahren Kenners,
der grossentheils nachzuweisen vermag, wie die bewunderten Dinge nicht
sowohl genial erfunden, sondern fast mit Nothwendigkeit aus den
Umständen hervorgegangen sind (p. 115). -- Auch seine kleineren _Essays
on political arithmetick_, die meistens für die königliche Gesellschaft
der Wissenschaften geschrieben wurden, gehören zum grossen Theile der
vergleichenden Statistik an: so z. B. die schönen Untersuchungen über
London und Paris, London und Rom, Dublin und mehrere andere Grossstädte.
Die oben erwähnte Hauptarbeit schliesst mit den Worten, man werde aus
dem Gesagten ersehen können, was der Verfasser unter politischer
Arithmetik verstehe. Es ist das im Wesentlichen eben, was wir eine
vergleichende und in Ziffern möglichst exacte Statistik nennen
würden[118]. Wie neu diese Wissenschaft damals war, zeigt sich noch am
Ende des 17. Jahrhunderts in dem begeisterten Lobe, welches ihr von
Davenant[119] gespendet wird. Unser Petty kann desshalb zu den
vornehmsten Begründern derselben gezählt werden; obschon die Behauptung
seines Sohnes, er sei notorisch der Erfinder dieser Methode[120], eine
Uebertreibung enthält. Ihm ist nämlich in vielen Punkten der Weg gebahnt
worden durch die treffliche Schrift seines Collegen in der königlichen
Gesellschaft, Capitän %John Graunt% _Natural and political observations
upon the bills of mortality, chiefly with reference to the government,
religion, trade, growth, air, diseases etc. of the city of London. (4.
London 1662.)_ Petty selbst beruft sich oftmals auf diesen Vorgänger,
nach dessen Tode er 1676 die 5. Ausgabe des gedachten Werkes
besorgte[121]. Was übrigens die von Graunt und Petty gefundenen
Sterbegesetze anbetrifft, welche auf den Registern der Städte London und
Dublin beruhen, so hat bereits Halley[122] dawider geltend gemacht, dass
der starke Ab- und Zufluss, den diese Städte durch Aus- und Einwanderung
erleiden, das Resultat der Rechnung sehr stören müsse. Er selber zog
desshalb vor, die Stadt Breslau bei seinen Untersuchungen zu Grunde zu
legen. -- Jene Vergleichstatistik von England, Frankreich und Holland
ist aber noch aus einem andern Grunde wichtig. Sie ist nämlich direct in
der Absicht geschrieben, um der weitverbreiteten Klage, als wenn der
englische Staat in raschem Verfall begriffen wäre, entgegen zu treten.
Man glaubte damals, «die Grundrente sei allgemein gesunken; das ganze
Reich werde von Tag zu Tage ärmer; es herrsche Mangel an edlen Metallen;
das Land sei untervölkert, und habe gleichwohl keine hinreichende
Beschäftigung für seine Bewohner; die Steuern seien zu hoch; Ireland und
Amerika nur eine Last für England, Schottland wenigstens kein Vortheil;
der Handel im kläglichsten Sinken begriffen; die Holländer seien mit
ihrer Seemacht den Engländern fast gleich, und die Franzosen überholten
beide an Reichthum und Macht so sehr, dass nur ihre Gnade sie von dem
Verschlingen ihrer Nachbaren abhalte; mit einem Worte, Kirche und Staat
von England schwebten in derselben Gefahr, wie der englische
Handel.»[123] Dagegen zeigt nun Petty, dass kleine Länder und Völker
durch Lage, Handel und Politik viel grösseren an Reichthum und Macht
gleichkommen können; dass Frankreich insbesondere an Seemacht den
Engländern und Holländern immer nachstehen müsse; dass Land und Volk des
englischen Königs von Natur fast ebenso bedeutend seien, wie Frankreich;
dass Englands Macht und Reichthum seit 40 Jahren zugenommen haben, und
alle Hindernisse, welche dem fernem Wachsthume entgegenstehen, beseitigt
werden können; endlich dass es an Geld nicht fehle, um den englischen
Handel, ja den Handel der ganzen Welt zu treiben. -- Mit diesen
Erörterungen wird eine Controverse vorläufig geschlossen, welche zwanzig
Jahre lang die englischen Nationalökonomen in zwei Heerlager gespalten
hatte, und deren praktische Bedeutung, namentlich für die
Handelspolitik, ausserordentlich gewesen war[124]. Es ist übrigens
charakteristisch für die damalige Abhängigkeit der stuartischen
Regierung von Frankreich, und der englischen Presse wieder von der
Regierung, dass diese vortreffliche, echt patriotische und loyale
Schrift erst 1694 gedruckt werden durfte, weil sie _offended France_!

Wir gehen nunmehr zu den %nationalökonomischen% Ansichten über, welche
Pettys Arbeiten zu Grunde liegen.

Der im Keime schon von Hobbes aufgestellte Satz, dass der %Preis% jedes
Gutes von der, zu seiner Hervorbringung erforderlichen, Arbeit abhängt,
ist durch Petty bedeutend weiter entwickelt. «Wenn Jemand eine Unze
Silber aus der Erde Perus nach London bringen kann, in derselben Zeit,
welche er nöthig hat, um einen Büschel Getreide zu erzeugen, so ist das
Eine der natürliche Preis des Andern. Und ferner, wenn vermittelst
neuer, leichterer Minen ein Mann ebenso leicht zwei Unzen Silbers
gewinnen kann, wie früher eine Unze, dann wird Getreide zu 10 Schilling
der Büschel ebenso wohlfeil sein, wie früher zu 5 Schilling,
vorausgesetzt, dass die übrigen Umstände gleich sind.»[125] «Natürliche
Theuerung und Wohlfeilheit hängen von der grössern oder geringern Zahl
der Hände ab, welche für die nothwendigsten Dinge erfordert werden. So
ist das Korn wohlfeiler, wo ein Mann den Kornbedarf für 10 hervorbringen
kann, als wo er diess nur für 6 zu thun vermag; wobei noch
berücksichtigt werden muss, wie das Klima die Menschen zwingt, mehr oder
weniger zu verbrauchen. Getreide wird doppelt so theuer sein, wo 200
Bauern dieselbe Arbeit verrichten müssen, welche 100 thun könnten.»[126]
Unter diese Regel fallen auch solche Arbeiten, welche sich durch
Künstlichkeit oder Gefährlichkeit auszeichnen. «Wenn die Production des
Silbers mehr Kunst erfordert, oder mehr Gefahr mit sich bringt, als die
des Kornes, so lasse man 100 Menschen 10 Jahre lang auf Korn arbeiten,
und ebenso viele ebenso lange auf Silber: dann behaupte ich, dass der
Reinertrag des Silbers der Preis sein wird für den ganzen Reinertrag des
Kornes, und gleiche Quoten des einen der Preis für gleiche Quoten des
andern. Obschon nicht so viele Silberarbeiter die Kunst des Raffinierens
und Münzens gelernt, oder die Gefahren und Krankheiten der Grubenarbeit
überlebt haben werden.»[127] -- Petty erklärt es für «die wichtigste
Betrachtung der politischen Oekonomie,» ein %Preismass% zu finden,
welches namentlich auf Grundstücke und Arbeit gleichmässig angewandt
werden könnte. Als ein solches Preismass empfiehlt er nun den
durchschnittlichen Nahrungsbedarf eines Mannes für einen Tag; und zwar,
weil die verschiedenen Nahrungsmittel verschiedene Arbeitsmengen zu
ihrer Production erheischen, den Nahrungsbedarf auf die wohlfeilsten
Lebensmittel zurückgeführt. An diesen Massstab gehalten, ist z. B. das
Silber in Russland viermal so theuer, als in Peru: wegen der
Frachtkosten und Gefahren, womit ein Transport desselben aus Peru nach
Russland verbunden zu sein pflegt[128].

Nicht weniger anziehend sind die Bemerkungen Pettys über die drei
grossen Einkommenszweige. Das natürliche Sinken des %Zinsfusses% erklärt
er für eine Folge der Geldvermehrung. Staatsgesetze könnten in dieser
Rücksicht direct wenig thun[129]. Wenn er desshalb für Ireland eine
Erniedrigung des Zinsfusses, etwa von 10 auf 5-6 Procent, wünschenswerth
findet, so empfiehlt er zur Erreichung dieses Zweckes, ausser einer
Landbank, doch nur solche Massregeln, welche die Handelsthätigkeit und
Creditsicherheit vergrössern[130]. Gegen die üblichen Vorschriften
eines Zinsmaximums eifert er schon desshalb, weil verschiedene
Darlehensgeschäfte eine so sehr verschiedene Gefahr mit sich
bringen[131]. -- Hinsichtlich der %Grundrente% unterscheidet Petty die
_natural and genuine rent of lands_, d. h. den Ertrag in Bodenproducten,
von dem Geldertrage[132]. Um nun die Grundrente im engern Sinne des
Wortes zu ermitteln, soll man den durchschnittlichen Rohertrag der
Ländereien, etwa eines Kirchspiels, und die Ausgaben der umwohnenden
Arbeiterbevölkerung (_within a market-days journey_) erforschen; der
letztere Punkt wird alsdann einen Schluss auf die Kosten erlauben,
mittelst welcher der obige Rohertrag gewonnen worden ist. Eleganter noch
ist folgendes Verfahren. Wenn ein Kalb auf freier Weide innerhalb einer
gewissen Zeit um so viel Fleisch zunimmt, wie 50 tägliche Mannsnahrungen
(_days-food_) kosten, und ein Arbeiter auf demselben Lande und binnen
derselben Zeit = 60 tägliche Mannsnahrungen produciert: so muss die
Grundrente = 50, der Arbeitslohn = 10 betragen[133]. Von der Erfahrung
übrigens, dass die Gaben der Natur bei steigender Bevölkerung mit
relativ immer grösseren Kosten errungen werden müssen, dieser Grundlage
des Ricardo'schen Gesetzes, hat Petty keine Ahnung. Er findet, dass
Englands Grundrente verhältnissmässig 4 bis 5 mal so hoch ist, wie die
irische, aber nur 1/4 bis 1/3 so hoch, wie die holländische; und bringt
diess alsdann ganz einfach mit der Bevölkerung in Zusammenhang, welche
in Holland 4 mal dichter sei, als in England, und in England 4 bis 5 mal
dichter, als in Ireland. Ob diess Verhältniss eine Gränze habe, kümmert
ihn so wenig, dass er, in seinem Eifer für Dichtigkeit der Bevölkerung,
es für einen Vortheil halten würde, ganz Ireland und Hochschottland
aufzugeben, die Bewohner aber nach England herüberzusiedeln![134] Desto
schöner ist die Beobachtung, dass mit der Zunahme des Handels und
Gewerbfleisses eine Abnahme der landwirthschaftlichen Arbeiterpopulation
verbunden zu sein pflegt: wie z. B. die Holländer ihr Getreide und
Jungvieh aus Polen und Dänemark beziehen, ihr eigenes Land aber zu
Gartenbau, Milchwirthschaft u. s. w. verwenden. Ein solcher Fortschritt,
meint der Verfasser, müsse die Grundrente erniedrigen[135]. -- Die
Verschiedenheiten des %Arbeitslohnes% erklärt Petty auf folgende Weise.
Gesetzt, ein Maler habe seine Porträts bisher zu 5 Pfund St. das Stück
geliefert, erhalte aber zu diesem Preise einen grössern Zuspruch von
Kunden, als er befriedigen kann: so wird er seinen Preis auf 6 Pfund St.
erhöhen, sobald er glaubt, dass eine hinreichende Zahl von Kunden, um
seine ganze Arbeitszeit auszufüllen, zu diesem Preise bereit ist. Etwas
Aehnliches ergiebt sich, wenn bisher z. B. 1000 gemeine Arbeitstage 100
Aecker Landes zu bestellen pflegten, jetzt aber ein denkender Kopf in
100tägiger Geistesarbeit eine solche Verbesserung der Landwirthschaft
aussinnt, dass in den übrigen 900 Tagen, statt 100, 200 Aecker damit
bestellt werden können. Hier ist die 100tägige Geistesarbeit offenbar so
viel werth, wie die gemeine Handarbeit eines ganzen Menschenlebens[136].
Vermittelst einer Kapitalisierung des Arbeitslohnes hat Petty zu
wiederholten Malen den «Werth des Volkes» zu schätzen gesucht. Er
bedient sich hierbei, ohne Rücksicht auf die Vergänglichkeit der
individuellen Arbeitskraft, desselben Multiplicators, wie bei der
Kapitalisierung von Grundrenten: weil die menschliche Gattung ebenso
unvergänglich ist, wie die Grundstücke[137].

Sehr ausgebildet ist die Lehre Pettys vom Unterschiede der %productiven%
und %unproductiven Arbeit%. In seiner politischen Arithmetik stellt er
zwei Klassen von Menschen einander gegenüber: «solche, die materielle
Dinge producieren, oder Dinge von wirklichem Nutzen für das Gemeinwohl,
die insbesondere durch Handel oder Waffen den Gold-, Silber- und
Juwelenreichthum des Landes vergrössern; und solche, die weiter Nichts
thun, als Essen, Trinken, Singen, Spielen und Tanzen,» wohin der
Verfasser auch das Studium der Metaphysik und andere «unnütze
Speculationen» rechnet. Die letztere Klasse vermindert den
Volksreichthum; ausser insofern, als solche Uebungen zur Erholung und
Erfrischung des Geistes dienen, und bei massigem Gebrauche die Menschen
für andere, an sich wichtigere Geschäfte besser disponieren können. Als
eine dritte Klasse werden noch diejenigen Geschäfte angeführt, welche
unbedingt schädlich sind: als Betteln, Betrügen, Stehlen, Hazardspielen
u. s. w.[138] -- Der Handel, meint Petty, kann sowohl productiv sein,
als unproductiv. Die meisten Betreiber fassen ihn freilich unproductiv,
indem sie viel mehr bemühet sind, ihre Quote auf Kosten des Ganzen, als
das Ganze auf Kosten ihrer Quote zu vergrössern. Petty gedenkt hier
namentlich der zahllosen Processe und Chicanen, welche in Ireland durch
die grosse Rechtsunsicherheit sowohl des Grundbesitzes, wie der Steuern,
Criminalgesetze u. s. w. veranlasst werden. In all diesen Fällen werde
das Volksvermögen ebenso wenig vergrössert, wie bei Spielern,
gutentheils sogar falschen Spielern. Es beschäftigen sich aber zwei
Drittel der irischen höheren Stände mit solcher unproductiven Arbeit,
gerade wie Heuschrecken oder Raupen![139] Hierher gehört auch der
Umstand, dass etwa ein Drittel aller städtischen Häuser in Ireland
Bierhäuser sind[140].

Ueber die Bewegung der %Population% sind Pettys Beobachtungen äusserst
unzureichend, so mannichfaltig die Gesichtspunkte waren, die er dabei
aufzustellen dachte[141]. Er ist aber nicht einmal dahin gekommen, die
Nothwendigkeit verschiedener Mortalitäts-, Nativitäts- u. s. w.
Verhältnisse auf verschiedenen Kulturstufen zu erkennen. So giebt er als
Regel an, dass sich 300000 Menschen im Laufe von 500 Jahren auf 1200000
vermehrten[142]. Anderswo berechnet er, dass 1842 die Bevölkerung von
London = 10718889, die des ganzen übrigen Englands = 10917389 betragen
werde[143]. -- Von der Nützlichkeit dichter Bevölkerung ist er fast
leidenschaftlich eingenommen; so dass er 1000 Acres, welche 1000
Menschen ernähren können, geradezu für besser erklärt, als 10000 Acres
mit demselben Effecte. Er beruft sich darauf, dass im erstern Falle jede
Vereinigung zu gemeinsamen Zwecken, jede Seelsorge, Rechtspflege,
militärische Vertheidigung, jede Arbeitstheilung und Versorgung mit
Vorräthen ungleich bequemer ist[144]. Den Nutzen der Arbeitstheilung,
namentlich um die Producte wohlfeiler zu machen, hat er sehr gut
erkannt[145]. Während die früheren Könige mehr als einmal versucht
hatten, dem riesenhaften Anschwellen der Hauptstadt Gränzen zu
setzen[146], findet Petty dasselbe nur erfreulich. Er meint, dass durch
eine Vergrösserung Londons auf mehr als 4-1/2 Millionen Einwohner der
Staat nach Aussen leichter zu vertheidigen, nach Innen leichter zu
regieren sein würde; die Arbeitstheilung würde in den Gewerben
vollkommener, die Concurrenz grösser, die Transport- und Reisekosten
aller Art geringer, die Steuern einträglicher werden[147].

Ausgezeichnet stark ist Petty in der Lehre vom %Gelde%. Dass der
Reichthum eines Volkes nicht vorzugsweise, oder gar ausschliesslich in
edlen Metallen bestehen könne, davon hatten ihn seine statistischen
Untersuchungen auf das Lebhafteste überzeugt. In den meisten Ländern,
namentlich in Ireland, selbst in England, beträgt der gesammte
Münzvorrath nur etwa 10 Procent der jährlichen Volksausgaben und kaum
ein Procent des Nationalvermögens[148]. Jedes Land hat auch für seinen
Verkehr nur eine gewisse Menge von Geld nöthig; es wäre eine schlechte
Wirthschaft, den Baarvorrath zu vergrössern, wo der Reichthum sich nicht
vergrössert hat. Denn es kann ebenso wohl zu viel, wie zu wenig Geld
vorhanden sein; nur dass im erstern Falle die Abhülfe leichter ist, etwa
durch Anfertigung von Gold- und Silbergeräthschaften[149]. «Das Geld ist
gleichsam das Fett des Staatskörpers, wovon das Zuviel ebenso oft die
Beweglichkeit des letztern hindert, wie das Zuwenig krank macht. Wie das
Fett die Bewegung der Muskeln schmeidigt, in Ermangelung von
Lebensmitteln ernährt, unebene Höhlungen ausfüllt, und den Körper
verschönert: so beschleunigt im Staate das Geld dessen Bewegungen; es
ernährt aus der Fremde in Zeiten der Theuerung; es gleicht Rechnungen
aus vermöge seiner Theilbarkeit, und verschönert das Ganze, vor Allem
die Personen, welche es in Menge besitzen.»[150] England bedarf in
seinen Verhältnissen soviel Geld, wie die Hälfte aller Grundrenten, ein
Viertel aller Hausmiethen und 1/52 aller Arbeiterausgaben im Jahre
beträgt: weil die Grundrenten halbjährlich, die Hausmiethen
vierteljährlich, die Arbeitslöhne wöchentlich gezahlt zu werden
pflegen[151]. Aus diesem Grunde verwirft Petty alle Verbote der
Geldausfuhr; er hält dieselbe auch in dem Falle für nützlich, wenn
Waaren dafür zurückgebracht werden, die auch nur im Inlande mehr Werth
haben, als das ausgeführte Geldquantum[152]. Rücksichtlich der
Handelsbilanz sieht er richtig ein, dass die Schwankungen des
Wechselcurses im natürlichen Zustande nie mehr betragen können, als die
Kosten und Gefahren des Geldtransportes[153]. -- Er schreibt übrigens
den edlen Metallen, sowie auch den Edelsteinen einen höhern Grad von
Reichthumsqualität zu, als anderen Waaren. Jene sind minder vergänglich,
und haben zu allen Zeiten und an allen Orten Werth, wogegen z. B. Wein-,
Korn-, Fleischvorräthe nur hier und dort als Reichthum gelten können.
Daher sieht Petty allerdings solche Handelsgeschäfte, welche edles
Metall einführen, als besonders vortheilhaft an, und will sie bei der
Besteuerung vorzüglich geschont wissen. Aus demselben Grunde achtet er
den auswärtigen Handel mehr, als den inländischen[154]. -- Gegen die
verderbliche Finanzmassregel nomineller Gelderhöhungen hat er mehrfach
und lebhaft geeifert; ihre Folgen rücksichtlich aller Waarenpreise und
Creditverhältnisse waren ihm dermassen klar, dass er meint, ein offen
erklärter Staatsbankerott sei immer noch ein geringeres Uebel[155].
Uebrigens erkennt schon Petty, dass man als wirkliches Geld nur das
eine der beiden Edelmetalle zu Grunde legen kann, das andere daneben
als Waare umlaufen muss[156]. -- Das Bankwesen ist ihm vorzüglich aus
holländischen Erfahrungen bekannt. Er schreibt ihm die Wirkung zu,
eine kleinere Geldsumme im Verkehr einer grössern äquivalent zu
machen. Doch spielt dieser Gegenstand keine grosse Rolle in seinem
Gedankenkreise[157].

Hinsichtlich der %Consumtion% spricht unser Verfasser eine ebenso
bedeutende, als wahre Meinung aus, deren lange vernachlässigter Kern
erst in Malthus Schriften zur vollen Entfaltung gekommen ist: ich meine
den Satz, dass jede Productionsvermehrung durch eine entsprechende
Consumtionsvermehrung bedingt werde[158]. Petty unterscheidet nämlich
zwei Volksklassen in Ireland: 184000 Familien, die nur in Hütten ohne
Kamin oder höchstens mit einem Kamine wohnen, und 16000 vornehmere, die
Häuser mit mehreren Kaminen besitzen. Die erste Klasse giebt dem Handel
fast gar Nichts zu verdienen, da sie, mit alleiniger Ausnahme des
Tabaks, alle ihre Bedürfnisse durch unmittelbare Hausarbeit befriedigt,
und fast alle ihre Erzeugnisse selbst verbraucht. Nun fragt der
Verfasser, ob es für das Gemeinwohl besser sein würde, die Ausgabe der
Optimaten zu verringern, oder aber die Plebejer zum Luxus zu erziehen.
Er entscheidet sich durchaus für das letztere: die Plebejer würden
alsdann noch einmal so viel ausgeben, wie jetzt, aber auch noch einmal
so viel verdienen, und das Ganze dadurch reicher werden; im erstern
Falle würde nur, mit geringem Vortheile des Staates, die ohnehin weit
verbreitete Schmutzigkeit des Lebens sich noch weiter ausbreiten. An
einer andern Stelle verwirft er die Meinung, als wenn die Trägheit der
Ireländer auf einer schlimmen Naturanlage beruhete. «Was brauchen Die zu
arbeiten, welche sich mit Kartoffeln begnügen, worin die Arbeit eines
Mannes 40 Menschen ernähren kann;..... und die ein Haus in drei Tagen
erbauen können? Und warum sollten sie ein besseres, obschon
arbeitsvolleres Leben wünschen, wenn man sie lehrt, dass diese Lebensart
mehr den alten Patriarchen und neuen Heiligen ähnlich ist, durch deren
Gebet und Verdienst sie erlöst werden sollen, und deren Beispiel sie
daher nachahmen müssen? Warum sollten sie mehr Vieh züchten, da dessen
Ausfuhr nach England verboten ist? Warum mehr Waaren hervorbringen, da
keine Kaufleute da sind mit hinreichendem Kapital, sie ihnen abzukaufen,
oder mit anderen, sie mehr ansprechenden Fremdwaaren, die man ihnen zum
Tausch bieten könnte? Und wie sollten die Kaufleute Kapital haben, da
der Handel durch Englands Gesetze verboten und gefesselt ist?»[159] --
Dagegen bestreitet Petty die sehr gewöhnliche Ansicht, dass der
%Absenteeismus% Irelands Armuth verschulde. Wenn ein Engländer in
Ireland Güter kauft, und deren Rente in England verzehrt, so wird das
irische Volksvermögen dadurch nicht mehr geschmälert, als das englische
durch die Uebersendung des Kaufschillings. Wäre es möglich, die
gekauften Grundstücke selbst nach England zu versetzen, so würden die
übrigen, in Ireland gebliebenen, Ländereien dadurch nicht beeinträchtigt
werden; wesshalb denn durch die blosse Zahlung der Renten ins Ausland?
Ein Verbot des Absenteeismus, in allen Consequenzen ausgebildet, würde
dahin führen, dass Jedermann auf der von ihm bebauten Scholle sitzen
müsste; das wäre denn freilich eine allgemeine Gleichheit, aber nur die
Gleichheit der Armuth, Verwirrung und Anarchie[160].

In der praktischen Nationalökonomie Pettys nimmt den Mittelpunkt ein
seine lebhafte Vertheidigung der %Union% zwischen Ireland und England.
Ausser einer verhältnissmässigen Vertretung beider Länder in demselben
Parliamente, verlangt er noch eine, durch wechselseitig starke
Immigrationen bewirkte, Verschmelzung der beiden Völker. Der bisherigen
Trennung wird eine Menge absurder Folgen nachgewiesen, theils
politischer und juristischer, theils wirthschaftlicher Art. So z. B.
dass die Unterthanen desselben Herrschers gleich Ausländern gegen
einander Zölle bezahlen müssen; dass die Iren, wenn sie nach Amerika
schiffen wollen, erst mit grossen Kosten und Gefahren auf der englischen
Küste umzuladen gezwungen sind, und überhaupt in vieler Hinsicht mit dem
Auslande näher verkehren, als mit England. Wäre es nicht ebenso klug,
zwischen England und Wales, zwischen Süd- und Nordengland u. s. w.
ähnliche Schlagbäume aufzurichten?[161] -- Aus demselben Gesichtspunkte
verwirft Petty das Stapelrecht gegenüber seinen %Kolonien%, welches sich
England vermittelst und seit der berühmten Schifffahrtsacte angemasst
hatte[162]. Freilich wäre hiermit die ganze Grundlage damaliger
Kolonialpolitik weggefallen!

Ich gedenke schliesslich noch der Petty'schen %Steuertheorie%. Was diese
besonders anziehend macht, ist sein Bestreben, systematisch auf die
Steuerquellen zurückzugehen[163]. Da er den Ertrag aller Kapitalien und
Ländereien von England auf 3/8, den Arbeitslohn auf 5/8 des jährlichen
Volkseinkommens anschlägt, so verlangt er, dass auch die Steuern zu 5/8
dem _people_, zu 3/8 dem _land and stock_ aufgebürdet werden; das
letztere wiederum soll man quotenweise auf die Häuser, Viehheerden,
Mobilien u. s. w. vertheilen. -- Eine zweckmässig angelegte Steuer kann
dem Volksvermögen selbst unmittelbar nützen: wenn sie z. B. das Geld aus
schlecht wirthschaftenden Händen wegnimmt, und in gut wirthschaftende
überträgt; wenn sie Müssiggänger zur Arbeit nöthigt u. s. w.[164] Aus
diesem Grunde ist Petty sehr für indirecte Steuern, wie sie in Holland
vorherrschen. Die Menschen sollen nach ihren Ausgaben besteuert werden,
nicht nach ihren Einnahmen; und zwar ist vorzugsweise die Consumtion
rasch vergänglicher Waaren, als z. B. das Essen und Trinken, zu
belasten[165]. Also dieselbe Ansicht, wie bei Hobbes: eine Ansicht, die
überhaupt seit anderthalb Jahrhunderten als die in England
volksthümliche gelten kann. -- Die Verpachtung der Steuern wird
gemissbilligt, «weil das Volk dabei doppelt so viel zahlen müsse, als
der König empfängt.»[166] Aecht historisch und praktisch endlich ist der
Vorschlag, in Ireland statt der Geldsteuern lieber Naturalabgaben (in
Flachs) und Frohnarbeiten zu fordern[167]: weil das Land in seinem
jetzigen, niedrig kultivierten Zustande Arbeit im grössten Ueberflusse,
aber Mangel an Geld habe.



IX.

_Der Freihändler North._


Zu den merkwürdigsten Schriften der vorsmithischen Zeit gehören ohne
Zweifel des SIR DUDLEY NORTH _Discourses upon trade (London 1691. 4.)_:
ein ebenso tief begründetes, wie consequent ausgeführtes System der
Freihandels-Politik, und zwar in einem Zeitalter, wie man gewöhnlich
annimmt, des finstersten Mercantilismus.

Sir Dudley war ein Bruder des Grafen von Guildford, der als
Lord-Grosssiegelbewahrer unter Karl II. und Jacob II. durch seine
gutmüthige Schwäche und Grundsatzlosigkeit eine so trübselige Rolle
spielte[168]. Er selbst hatte den Kaufmannsstand erwählt, und eine Reihe
von Jahren als Handlungsfactor zu Constantinopel und Smyrna zugebracht.
Mit einem beträchtlichen Vermögen kehrte er heim, um seinen
Levantehandel von London aus fortzusetzen. «Seine tiefe Kenntniss,» wie
Macaulay sagt, «der Handelstheorie wie der Handelspraxis, und die
Klarheit und Lebendigkeit, womit er seine Ansichten aussprach, liess ihn
bald auch den Staatsmännern bemerklich werden. Die Regierung fand in ihm
zugleich einen erleuchteten Rathgeber und einen gewissenlosen Sklaven.
Denn mit seinen seltenen Geistesgaben waren laxe Grundsätze und ein
fühlloses Herz verbunden. Er hatte sich zur Zeit der torystischen
Reaction unter Karl II. zum Sheriff machen lassen, mit der
ausdrücklichen Absicht, die Rache des Hofes zu unterstützen. Seine
Juries hatten immer auf Schuldig erkannt. Zur Belohnung dafür war er
Ritter, Alderman und _Commissioner of the Customs_ geworden.» In das
Parliament Jacobs II. gewählt, wusste er sich binnen wunderbar kurzer
Zeit als Führer des Unterhauses in Finanzsachen geltend zu machen, und
zwar völlig im Sinne der Regierung. -- Dass ein solcher Mann durch den
Umsturz des stuartischen Thrones in peinliche Angst gerathen konnte,
begreift sich von selbst. Sein Buch scheint in der Hoffnung geschrieben
zu sein, durch unzweifelhafte Verdienste seine compromittierte Stellung
zu verbessern. Das Auffallende seiner Lehre von der Handelsfreiheit war
ihm klar; er nennt sie «Paradoxen, nicht weniger fremd den meisten
Menschen, als wahr in sich selbst.» (_Preface._) Desshalb fingiert er
auch aus Vorsicht, als wenn sein Buch von einem Freunde verfasst, und
von ihm nur herausgegeben worden. Indessen mag er geglaubt haben, dass
eine Revolution, deren Schiboleth «Freiheit und Eigenthum» lautete, die
Lehre des Freihandels sehr günstig aufnehmen würde[169]. Darin irrte er
sich aber sehr. In England hat gerade die Revolution zur höchsten
Ausbildung des Schutz- und Prohibitivsystems beigetragen, sowohl dem
Auslande, wie den eigenen Kolonien gegenüber. Welch ein Schrecken für
unsern North! Ein Mensch von seinem Charakter hat es da gewiss bitter
bereuet, unliebsame Wahrheiten in vortrefflicher Form publiciert zu
haben. Das räthselhafte Verschwinden seines Werkes, über hundert Jahre
lang, wird sich auf diese Art recht einfach erklären lassen[170].

Die ganze Schrift zerfällt in drei Abschnitte: Vorrede, Abhandlung über
die Erniedrigung des Zinsfusses, Abhandlung über das gemünzte Geld;
worauf dann noch in einem Postscript allerlei Anmerkungen nachgetragen
werden. Wir stellen die Gedanken in einer mehr systematischen Ordnung
zusammen.

%Reichthum% ist gleichbedeutend mit Freiheit von Mangel und Genuss
vieler Annehmlichkeiten. Man könnte reich sein, und auf dem Wege des
Handels über den Ueberfluss Anderer verfügen, auch wenn es gar kein Gold
und Silber gäbe. Als Quelle des Reichthums wird der Fleiss genannt
(_commerce and trade first springs from the labour of man: p. 12_),
welcher Bodenfrüchte oder Gewerbserzeugnisse hervorbringt. Unter diesen
Gütern werden die Metalle, unter den Metallen wiederum Gold und Silber
vorzüglich hoch geschätzt, weil sie von Natur sehr schön und seltener
sind, als die übrigen. Dass sie als allgemeines Verkehrsmass gebraucht
werden, rührt nicht etwa von Gesetzen her, sondern von ihrem hohen
Werthe bei geringer Quantität, von ihrer Unzerstörbarkeit und
Bequemlichkeit für Aufbewahrung und Transport (p. 2 fg.). Sehr treffend
werden dem edlen Metalle selbst, sowie den, bequemlichkeitshalber daraus
geprägten, Münzen zwei verschiedene Nützlichkeiten zugeschrieben: zuerst
die, als eine Art von Mass und Gewicht den Handel zu erleichtern; sodann
auch die, Kapitalersparnisse dauernd niederzulegen (_a proper fund for a
surplusage of stock to be deposited in: p. 16_). Das %Geld% ist eine
Waare, an der sowohl Ueberfluss, wie Mangel sein kann. (_Pref._) Der
Handel eines Volkes bedarf jederzeit nur einer gewissen Geldmenge, die
aber, je nach den Umständen, bald grösser, bald kleiner werden muss. Im
Kriege z. B. wird das Geldbedürfniss grösser, weil Jedermann für
Nothfälle wünscht Vorrath zu haben; ganz anders im Frieden, wo die
Zahlungen sicherer sind. Und zwar reguliert sich das Ebben und Fluthen
des Geldes schon von selbst, auch ohne Zuthun der Staatsmänner. Wenn das
Geld selten und aufgehäuft wird, so arbeitet die Münze, bis sich die
Lücke wieder gefüllt hat; und andererseits, wenn der Friede jene
Geldvorräthe herauslockt, und das Geld im Ueberflusse circuliert, so
hört nicht allein das Münzen auf, sondern es wird auch der Ueberschuss
des Geldes sofort eingeschmolzen, bald zum einheimischen Gebrauche, bald
zur Ausfuhr. (_Postscr._) Desshalb kann ein Volk weder zu viel, noch zu
wenig Geld für seinen gewöhnlichen Verkehr haben. (_Pref._) Gleichwohl
pflegen die Menschen, wenn sie von einer %Handelsstockung% heimgesucht
werden[171], über den Geldmangel, als deren Ursache, zu schreien. Wie
thöricht ist das! Verlangt doch Niemand das Geld um seiner selbst
willen; sondern z. B. der Bettler, um Brot dafür zu kaufen, der Pächter,
um sein Korn, Vieh u. s. w. abzusetzen. Wo dieser Absatz unmöglich ist,
da liegt immer eine der folgenden drei Ursachen zu Grunde: entweder
Ueberfüllung des einheimischen Marktes; oder Störung des auswärtigen
Verkehrs, etwa durch Krieg; oder endlich Abnahme des Verbrauchs durch
Armuth. Es kann also die Stockung nicht durch Vermehrung der Geldmenge,
sondern nur durch Beseitigung dieser Ursachen gehoben werden
(p. 11 fg.).

Die herrschenden Ansichten über %Handelsbilanz% konnte North
begreiflicher Weise nicht theilen. Ihm scheinen die vielen
Declamationen gegen den französischen, den ostindischen und den
Metallbarrenhandel gleich unbegründet. (_Pref._) Niemand ist um
desswillen reicher, weil er sein Vermögen in Form von Geld,
Silbergeschirr u. dgl. m. besitzt; ja er würde sogar ärmer werden durch
das unmittelbare Liegenlassen solcher Güter. Derjenige ist am reichsten,
dessen Vermögen im Wachsen begriffen (p. 11). Aehnlich bei ganzen
Völkern. Das Geld, welches für Kriegszwecke ausgeführt wird, ist eine
Verminderung, dagegen das im Handel ausgeführte Geld eine Vermehrung des
Nationalvermögens. (_Pref._) Denn der Handel ist weiter Nichts, als ein
gegenseitiger Austausch des Ueberflüssigen (p. 2). Wie thöricht es ist,
die Ausfuhr der edlen Metalle zu verbieten, zeigt sich am deutlichsten,
wenn man denselben Grundsatz auf die Verhältnisse eines einzelnen
Kaufmanns oder einer einzelnen Stadt überträgt. Eine Stadt, welche nur
Waaren, nicht aber Geld ausführen dürfte, würde sehr bald von allem
Verkehre abgeschnitten sein, und dadurch ins Elend gerathen. In
Handelssachen aber verhalten sich die einzelnen Nationen zur Welt ganz
ebenso, wie die einzelnen Städte zum Reiche, die einzelnen Familien zur
Stadt (p. 13 fg.). Im Handel bildet die ganze Welt nur Ein Volk, und die
einzelnen Nationen sind die Individuen dieses Volkes. Der Verlust eines
Handels mit einer Nation muss demnach als eine entsprechende Einbusse
vom Handel der ganzen Welt betrachtet werden. (_Pref._) Daher ist denn
auch die Einfuhr von Geld an sich nicht vortheilhafter, als z. B. die
Einfuhr von Holzklötzen; höchstens wäre der Unterschied von Bedeutung,
dass man das Geld, wenn man zu viel davon haben sollte, leichter
transportieren kann. Kein Staat braucht desshalb für seinen Geldvorrath
ängstlich besorgt zu sein. Ein reiches Volk wird nie daran Mangel leiden
(p. 17). -- Hiermit hängt es zusammen, dass North auch dem
%Binnenhandel% die gebührende Ehre zollt. Der gewöhnlich s. g. Reichthum
(_plenty, bravery, gallantry_) kann zwar nicht ohne auswärtigen Handel
aufrecht erhalten werden; ebenso wenig aber der auswärtige ohne
Binnenhandel. Beide stehen im Zusammenhange (p. 15 fg.)

Zwischen Grundrente und %Kapitalzins% glaubt der Verfasser einen genauen
Parallelismus wahrzunehmen. Das s. g. _Interest_ ist weiter Nichts, als
_Rent for stock_; der _Stock-lord_ entspricht dem _Land-lord_. Das
Einkommen beider weiss North nur dadurch zu erklären, dass sie von ihrem
überflüssigen Boden und Kapitale an Solche vermiethen, welche dessen
bedürftig sind. Hierbei hat jedoch der Grundbesitzer einen Vorzug vor
dem Kapitalisten: dass nämlich sein Miether nicht im Stande ist, das
Grundstück zu stehlen. Dieser grössern Sicherheit wegen muss die
Grundrente niedriger stehen, als der Kapitalzins. Die Höhe des letztern,
wie der Preis einer jeden Waare, hängt von der verhältnissmässigen Zahl
der Borger und Darleiher ab. Man kann daher nicht sagen, dass ein
niedriger Zinsfuss den Handel vergrössert; sondern ein Handel, welcher
das Kapital des Volkes vergrössert, macht den Zinsfuss niedrig
(p. 4 fg.). Alle Zwangsgesetze zur Herabdrückung des Zinsfusses werden
von North gemissbilligt. Gerade ein hoher Zinsfuss bringt alles
vorhandene Geld, das sonst vielleicht im Kasten versteckt, oder zu
Schmuck u. s. w. verwandt worden wäre, in den Handel. Auch kann bei
Darlehen von sehr verschiedener Sicherheit unmöglich derselbe Zinsfuss
angemessen sein. Ein Zwang in dieser Hinsicht würde mehr dem Luxus zu
Gute kommen, als dem Handel, weil die grosse Mehrzahl der Darlehen
verschwenderischen Gutsherren zur Beförderung ihrer Consumtion gemacht
werden. Man sollte daher den vielgepriesenen Holländern namentlich darin
folgen, dass man die Bestimmung der Zinshöhe ganz dem freien Verkehre
zwischen Gläubiger und Schuldner überliesse. In einem armen Lande muss
der Zinsfuss hoch sein; Gesetze, um diess zu hindern, würden unfehlbar
umgangen werden; denn z. B. durch Waarenkäufe auf Zeit ein Anlehen zu
ganz beliebigem Preise zu machen, kann die Gesetzgebung nimmermehr
verhindern (p. 6 ff.). Wäre kein Umgehen des Verbotes möglich, so würde
der Handel selbst verringert werden: denn wo kein gehöriger Zinsfuss, da
hört das Borgen und Leihen auf (p. 8).

Auch in anderen Stücken ist North für %Handelsfreiheit%. Die meisten
Irrthümer in Handelssachen rühren daher, dass die Einzelnen ihr
unmittelbares Privatinteresse für den allgemeinen Massstab des Guten und
Bösen halten. Und da giebt es Viele, welche, um in ihrem eigenen Handel
etwas zu gewinnen, gar nicht bedenken, wie viel Andere dabei leiden.
Jedermann, der etwas zu verkaufen hat, möchte die Uebrigen gesetzlich
angehalten sehen, ihm hohe Preise zu bezahlen; während er selber
durchaus nicht gemeint ist, von den Vortheilen des freien Marktes irgend
etwas einzubüssen. Nun ist aber jede Gunst, welche dem einen
Handelszweige oder Interesse gegenüber dem andern zu Theil wird, ein
Missbrauch, und schmälert in entsprechender Weise den Nutzen des
Publicums. Wenn man die Menschen zwingt, nach Vorschrift zu verkehren,
so mag diess für Diejenigen, welche sie bedienen, vortheilhaft sein;
aber der Staat gewinnt dadurch Nichts, weil dem einen Unterthanen so
viel genommen, wie dem andern gegeben wird. Kein Handel kann für das
Publicum unvortheilhaft sein; denn wenn er es sein sollte, so würden die
Menschen ihn aufgeben. Wo immer die Kaufleute gedeihen, da gedeihet auch
das Publicum, von welchem sie einen Theil bilden. Kein Gesetz kann dem
Handel seine Preise vorschreiben; diese müssen und werden sich selbst
bestimmen; oder wenn das Gesetz ja Wirkung thut, so ist es ein
Hinderniss für den Handel, und somit schädlich. (_Pref._) Aus allen
diesen Gründen ist noch kein Volk durch Staatsmassregeln reich geworden;
sondern Friede, Fleiss und Freiheit sind es, die Handel und Reichthum
verschaffen: Nichts Anderes. (_Postscr._) Wenn der Friede gewahrt, gute
Justiz aufrecht erhalten, die Schifffahrt nicht gefesselt, die
Gewerbetreibenden ermuthigt werden, indem man sie, je nach ihrem
Vermögen und Charakter, an den Ehren und Anstellungen der Regierung
Theil nehmen lässt: so wird das Kapital des Volkes wachsen, und folglich
Gold und Silber im Ueberflusse vorhanden, der Zinsfuss niedrig sein, und
das Geld nicht fehlen können (p. 22 fg.). -- Ganz besonders eifert North
gegen %Luxusgesetze%, die insgemein bloss in armen Ländern gefunden
werden, und als Mitursache dieser Armuth zu betrachten sind. Die
unbeschränkten Gelüste der Menschen sind der vornehmste Sporn zur
Thätigkeit (_industry and ingenuity_); wollten sich die Menschen an dem
unbedingt Nothwendigen genügen lassen, so würden wir eine arme Welt
haben. Ein Gesetz welches die Menschen zwingt, ihre Ausgaben enger zu
beschränken, als sie von selbst gethan hätten, muss sie zugleich von
derjenigen Thätigkeit abschrecken, welche sie sonst zur vollen
Befriedigung ihrer Wünsche entwickelt haben würden (p. 14 fg.
_Postscr._).

Die Rathschläge, welche North in den, damals so dringenden[172], Fragen
der %Münzpolitik% ertheilt, stimmen mit seiner Theorie der
Verkehrsfreiheit vollständig zusammen. So nennt er jede
Münzverschlechterung, mag sie im Schrote oder im Korne geschehen, einen
Betrug, welcher den Gläubigern zu Gunsten ihrer Schuldner Nachtheil
bringt, aber dem Volksvermögen nicht den mindesten Vortheil. Denn bloss
Namen werden hier geändert; das Einzige aber, worauf es bei Münzen
ankommt, ist ihr innerer Werth. (_Pref. Postscr._) Dessgleichen erklärt
er sich mit starken Worten gegen das englische Herkommen, die Münzen
ohne Schlagschatz zu prägen: diess sei eine stete Bewegung, um
unaufhörlich einzuschmelzen und zu münzen, und so die Goldschmiede und
Münzer auf Kosten des Publicums zu füttern. (_Pref. p. 11. 18._)

Diess der Hauptinhalt des merkwürdigen Buches, zu dessen Charakteristik
und Lobe ich nichts Besseres zu sagen weiss, als dass es, mit äusserst
wenigen und geringfügigen Aenderungen, ohne im Mindesten aufzufallen,
ein Kapitel des Adam Smith'schen _Wealth of Nations_ bilden könnte, mit
ähnlichen Vorzügen, ähnlichen Fehlern. Auch die Form ist in ihrer Weise
ansprechend: schmucklos und ungezwungen, aber von derber Männlichkeit
und geistreicher Kürze. Der Verfasser hätte fürwahr nicht nöthig gehabt,
sich in der Vorrede weitläufig darüber zu entschuldigen, dass er in so
einfacher Sprache und ohne viel logisches Gerüst geschrieben. Wenn er
sich übrigens rühmt, seinen Gegenstand «philosophisch» erfasst zu haben,
so denkt er bei diesem Ausdrucke an die _philosophia nova_, welche im
17. Jahrhundert eine so glänzende Rolle gespielt, und zumal die
Naturwissenschaften so mächtig reformiert hat. «Die alte Philosophie
hatte mehr mit Abstractionen verkehrt, als mit Wahrheiten, und war damit
beschäftigt gewesen, Hypothesen zu bilden, um einen Ueberfluss von
zweifelhaften und ungreifbaren Principien zu schaffen: wie z. B. der
gerade oder oblique Lauf der Atome _in vacuo_, Materie und Form,
Privation, feste Sphären, _fuga vacui_ und manche von ähnlicher Art,
wodurch man über Nichts Gewissheit bekam. Aber nach dem Erscheinen von
Descartes vortrefflicher Schrift _De methodo_, die in unseren Tagen so
viel Billigung und Anklang findet, lösten sich alle diese Chimären bald
auf und verschwanden. Und seitdem ist unsere Kenntniss grossentheils
eine mechanische geworden: ein Wort, das ich nicht weiter zu erklären
brauche, als dass es hier bedeutet, auf klare und einleuchtende
Wahrheiten gebaut.» (_Pref._)[173] Es ist also die bekannte
wissenschaftliche Richtung gemeint, welche durch Bacon eröffnet, durch
Cartesius besonders mathematische Arbeiten fortgesetzt, in den
_philosophical Transactions_ der Londoner königlichen Gesellschaft
ausgebreitet worden ist, um in Newtons _Principia philosophiae naturalis
mathematica_ (1687) ihren Gipfel zu erreichen. Eine Richtung, zu deren
würdigen Vertretern, und zwar auf dem für uns nächstliegenden Gebiete,
Sir William Petty und Sir Dudley North gehören.



X.

_Der Philosoph Locke._


Wie gross die Fortschritte sind, welche die englische
Volkswirthschaftslehre während des 17. Jahrhunderts gemacht hatte,
lässt sich am deutlichsten erkennen aus einer Vergleichung des JOHN
LOCKE (1632 bis 1704) mit dem Francis Bacon. Jener ist an
nationalökonomischer Specialität dem letztern wohl ebenso sehr
überlegen, wie er an philosophischer Universalität ihm nachsteht.
Uebrigens können dieselben Eigenthümlichkeiten, welche Lockes
Wirksamkeit und Ruf in der Geschichte der Philosophie begründet haben,
auch in seinen nationalökonomischen Schriften leicht nachgewiesen
werden: nämlich einerseits ein strenger Empirismus, eine nüchterne
Beobachtung und Analyse der Thatsachen im Einzelnen, allem Idealismus
und Rationalismus entgegengesetzt; und dann doch zugleich ein lebhaftes
Trachten nach dem letzten Grunde aller Erkenntniss, das sich bei der
zufälligen Vielheit der s. g. angeborenen Wahrheiten nicht beruhigen
mochte, und ihn zum Vorläufer unsers Kant erhebt. So hat er denn auch
auf dem volkswirthschaftlichen Gebiete eine Menge halbwahrer
Behauptungen und Voraussetzungen, die ein Schriftsteller dem andern
nachbetete, ihrer halbverständlichen Phraseologie entkleidet, und auf
scharf beobachtete, streng analysierte Thatsachen zurückgeführt. Er ist
der Gegner alles volkswirthschaftlichen Aberglaubens! Während aber die
meisten früheren Nationalökonomen nur ganz einzelne, praktische Fragen
erörterten, wirft sich Locke mit besonderem Interesse auf die
allgemeinsten theoretischen Grundlagen der Wissenschaft, auf diejenigen
Theile der Nationalökonomie, welche zunächst an das Gebiet der
Psychologie angränzen; und er behandelt sie mit überraschender
Vollständigkeit. Locke ist der früheste grosse Systematiker der
Volkswirthschaft, und insofern ein würdiger Vorläufer von Adam Smith!
-- Dass sich endlich auch in seinen nationalökonomischen Werken der
Geist der englischen Revolution nicht verleugnet, bedarf bei dem
berühmten Opfer der Tyrannei Jacobs II., dem vielgelobten und
vielgetadelten Prediger der Toleranz, dem Vater des englischen Deismus
kaum der Erwähnung.

Bei aller Vorliebe des Verfassers für die Theorie, sind doch die
umfangsreichsten nationalökonomischen Arbeiten Lockes durch eine
praktische Frage veranlasst worden. _Some considerations of the
consequences of the lowering of interest and raising the value of money.
In a letter sent to a member of parliament. 1691. Further considerations
concerning raising the value of money. 1698._ Derjenige Theil der ersten
Abhandlung, welcher die Folgen einer gesetzlichen Zinserniedrigung
bespricht, ist nach den Aeusserungen der Vorrede ungefähr zwanzig Jahre
vor der Publication geschrieben: d. h. wahrscheinlich unter dem
Eindrucke, welchen der Streit zwischen Sir Josiah Child und seinen
Gegnern hervorbrachte[174]. Die s. g. Erhöhung des Geldwerthes aber war
in den ersten 7 Regierungsjahren Wilhelms III. ein sehr gewöhnlicher
Gegenstand öffentlicher Debatten. Das englische Münzwesen befand sich in
einer so traurigen Lage, dass Ludwig XIV. von ihr den Untergang der
damaligen Regierung hoffte. Im Vergleich mit dem Silber war das Gold von
Staatswegen viel zu hoch taxiert, und eben desshalb die vollwichtigen
Sibermünzen grösstentheils ausgeführt worden. Im Lande selber cursierten
nur beschnittene Silbermünzen, neben welchen die neu ausgegebenen guten
sofort verschwanden. Alle Waarenpreise hatten sich hiernach gesteigert,
und der inländische Credit war ebenso sehr verwirrt, wie der Verkehr mit
dem Auslande. Unter den mannichfachen Rathschlägen damaliger Zeit, wie
dem Uebel abzuhelfen, zeichnete sich die Schrift eines Schatzbeamten,
%William Lowndes%, aus: _An essay for the amendment of the silver coins_
(1695), worin eine Erleichterung des Münzfusses um etwa 24 Procent
empfohlen wurde. Dem widersetzte sich nun Locke auf das Entschiedenste:
es sei weiter nichts erforderlich, als ein Gesetz, dass alles
beschnittene Geld nur nach dem Gewichte gegeben und genommen würde.
Hierdurch müsste das fernere Kippen sofort aufhören, das vollwichtige
Geld wieder zum Vorscheine kommen, und der Verkehr würde keinen
Augenblick an Geldmangel leiden. Am Schlusse fasst er den praktischen
Inhalt der Abhandlung mit folgenden Worten zusammen. «Ich sehe nicht den
mindesten Grund, warum unser jetziges vollwichtiges Geld im Korne,
Schrote oder Werthe irgend verändert werden sollte. Ich halte es für das
beste und vor Nachmachen, Fälschen oder Kippen sicherste, das je geprägt
worden. Es ist unseren gesetzlichen Zahlungen, Rechnungen u. s. w.
angepasst. Eine Erhöhung seines Nennwerthes würde weder seinem Gehalte
etwas zusetzen, noch unsern Geldvorrath unseren Umständen angemessener
machen, noch einen Gran Silbers mehr nach England bringen, noch dem
Publicum für einen Heller nützen; sie würde nur dazu dienen, den König
und eine grosse Menge seiner Unterthanen zu betrügen, alle zu verwirren,
und dem Staate die ganz unnöthigen Kosten einer allgemeinen Umprägung,
sowohl des vollwichtigen, wie des beschnittenen Geldes, aufbürden.»
Lockes Rath war insofern erfolgreich, als bei der grossen Neumünzung von
1696 bis 1698 der bisherige Münzfuss beibehalten wurde. -- Ausser diesen
beiden Abhandlungen sind noch für unsern Zweck wichtig: das Kapitel _Of
property_ in den _Treatises of government_ (_II, 5_); der _Report of the
board of trade to the Lords Justices, respecting the relief and
employment of the poor_[175]; endlich die Einleitung zu dem, 1704
erschienen, Werke: %Churchills% _Collection of voyages_, welches eine
kurze Geschichte der Schifffahrt enthält. Locke preist hierin vorzüglich
den Nutzen der Entdeckungsreisen.

Von der grössten, wirklich fundamentalen Bedeutung für die
Volkswirthschaftslehre sind vor Allem die Ansichten Lockes über den
%Ursprung des Privateigenthums%[176]. Die Erde, meint er, ist dem
menschlichen Geschlechte, nach Vernunft und Bibel, als Gemeingut
verliehen. (25.) Da indessen Jedermann der ausschliessliche Eigenthümer
seiner Person und Arbeit ist, so kann er Dasjenige, was er durch seine
Arbeit von der Erde gleichsam losmacht, also mit seiner Arbeit
verschmilzt, für sich erwerben; mindestens so lange, als für die anderen
Theilnehmer der Gemeinschaft noch genug übrig bleibt. (27.) Es ist ja
auch ohne eine solche Appropriation gar keine Benutzung des Gemeingutes
denkbar. (26. 28.) Das Wasser im Quell mag Allen gehören; sowie es im
Kruge ist, gehört es Dem, welcher es geschöpft hat. (29.) Mehr freilich,
als er gebrauchen kann, darf sich Niemand aneignen; denn zum Aufnehmen
und Verderbenlassen hat Keiner ein Recht. (31.) Dasselbe gilt vom Grunde
und Boden: was Jeder bebauete, das konnte er sich auch aneignen.
(32 fg.) Und es blieb im Anfange, ja selbst heutzutage, für die Uebrigen
noch reichlich genug. (38. 45.) «Gott selber, indem er gebot, die Erde
zu unterwerfen, erlaubte, sie in soweit zum Eigenthume zu machen; und
die Bedingung des menschlichen Lebens, welches Arbeit und
Arbeitsmaterialien erfordert, musste nothwendig zum Privatbesitz
führen.» (35.) «Auch ist es nicht so auffallend, wie es beim ersten
Blicke scheinen kann, dass das Eigenthum der Arbeit im Stande sein
sollte, die Gemeinschaft des Bodens zu überwiegen. %Denn es ist die
Arbeit in der That, welche jeder Sache ihren verschiedenen Werth giebt.%
Man bedenke nur, was der Unterschied ist zwischen einem Acker Landes,
welcher mit Tabak oder Zucker bepflanzt, mit Weizen oder Gerste besäet
ist, und einem Acker desselben Landes, aber ungeurbart; und man wird
finden, dass die Verbesserung durch Arbeit den bei Weitem grössern Theil
des Werthes bildet. Ich denke, es wird eine sehr mässige Schätzung sein,
dass von den, für das menschliche Leben nützlichen, Bodenproducten 9/10
Arbeitsresultate sind; ja, wollen wir die Dinge richtig würdigen, sowie
sie in unsern Gebrauch kommen, und berechnen die verschiedenen Ausgaben,
was rein der Natur, und was der Arbeit verdankt wird: so werden wir
finden, dass in den meisten 99 Procent völlig auf Conto der Arbeit
kommen.» (40. 43.) Zum Beweise erinnert Locke an die amerikanischen
Häuptlinge, welche ein grosses, fruchtbares Land besitzen, wie Könige,
aber schlechter essen, wohnen und sich kleiden, als ein englischer
Tagelöhner. (41.) «Was Brot mehr werth ist, als Eicheln, Wein mehr als
Wasser, Tuch oder Seidenzeug mehr als Blätter, Häute oder Moos, das ist
völlig der Arbeit und Industrie zuzuschreiben.» (42.) -- Weiterhin
bildet die Erfindung des Geldes eine Epoche in der Geschichte des
Eigenthumsrechtes. Die meisten Güter, nach welchen die Menschen
ursprünglich trachteten, waren schnell vergänglich, wie z. B.
Lebensmittel. Von diesen Vorräthe zu sammeln, die hernach verdarben, war
Keiner berechtigt; wohl aber durfte man vergängliche Waaren an Andere
geben, und die dafür eingetauschten, dauerhafteren Güter (etwa Nüsse
statt Pflaumen) zu langwährendem Gebrauche aufbewahren. Diess hängt ganz
mit dem Grundsatze zusammen, dass man besitzen darf, was man erarbeitet
hat und gebrauchen kann. Zu jenen dauerhaften Gütern ist nun vorzüglich
das edle Metall zu rechnen. (46 fg.) Die Erfindung des Geldes aber gab
den Menschen, deren verschiedene Arbeitsfähigkeit auch eine verschiedene
Erwerbsfähigkeit begründete, Gelegenheit, ihren Erwerb zu bewahren und
zu erweitern. Wo kein Geld existiert, wo es also keine Sache giebt,
welche dauerhaft und selten, und werthvoll genug ist, um aufgehäuft zu
werden, da sind die Menschen gewiss nicht geneigt, ihren Landbesitz über
dasjenige hinaus zu erweitern, was zum Verbrauche ihrer Familie benutzt
werden kann. Was würden 10000, ja 100000 Aecker des besten Landes,
angebaut und mit Vieh versehen, in der Mitte Amerikas werth sein, wo der
Eigenthümer nicht hoffen dürfte, durch Verkauf seiner Producte von
Anderen Geld zu erhalten? (48.)

Während Locke also, nächst Hobbes und Petty, zu den frühesten Vertretern
jener national-englischen Ansicht von Werth und Reichthum gehört, welche
ihren Gipfel in Ricardo und dessen Schule erreicht hat, finden sich bei
ihm doch immer noch Anklänge an die Meinung, als wenn nur eine s. g.
günstige %Handelsbilanz% wahrhaft bereichern könnte. _Spending less,
than our own commodities will pay for, is the sure and only way for the
nation to grow rich[177]. Riches are got ... by consuming less of
foreign commodities, than what by commodities or labour is paid for.
(II, 12.) In a country, not furnished with mines, there are but two ways
of growing rich, either conquest, or commerce._ (p. 8.) Hiermit hängt
denn auch die gründliche Untersuchung zusammen, welche p. 10 ff. über
die Handelsbilanz geführt wird.

Sehr ausgebildet ist die Locke'sche %Preistheorie%. «Alle Dinge, welche
gekauft oder verkauft werden, haben einen höhern oder niedrigern Preis,
im Verhältnisse, als mehr Käufer oder Verkäufer da sind. Viele Käufer
und wenige Verkäufer machen theuer; viele Verkäufer und wenige Käufer
machen wohlfeil. Der Werth einer Sache, mit sich selbst oder mit einem
festen Masse verglichen, ist um so grösser, je geringer ihre Quantität
ist im Verhältnisse zum Absatze (_vent_); wenn man sie aber mit einer
andern Sache vergleicht oder vertauscht, so muss auch deren Menge und
Absatz bei der Berechnung ihres beiderseitigen Werthes berücksichtigt
werden. Das Vorhandensein, die Vermehrung oder Verminderung einer guten
Eigenschaft in einer Waare kann den Preis derselben nur insofern erhöhen
oder erniedrigen, als dadurch Quantität oder Absatz, im Verhältnisse zu
einander, grösser oder kleiner werden.« (p. 20 fg.) Was wir heutzutage
Gebrauchswerth nennen, heisst bei Locke «natürlicher, innerer Werth,»
und er definiert diesen als die Fähigkeit einer Sache, der Nothdurft
oder Annehmlichkeit des menschlichen Lebens zu dienen. Er leugnet aber
entschieden, dass irgend eine Sache einen solchen Gebrauchswerth habe,
um eine bestimmte Menge derselben unwandelbar einer bestimmten Menge von
einer andern Sache gleichwerth zu machen (p. 22). Wohl giebt er dagegen
zu, dass der Absatz jeder Waare von ihrer Nothwendigkeit oder
Nützlichkeit nach der, oft freilich sehr launenhaften, Meinung der
Menschen abhängt (p. 16). Als Beispiel zu diesen Regeln führt schon
Locke das Wasser an, das unentbehrlich ist, aber doch nur da einen Preis
erlangt, wo seine Menge der Consumtion gegenüber sehr gering geworden.
Falls man im Weizen die neue Eigenschaft entdeckte, die Steinkrankheit
zu heilen, so würde er dadurch allerdings nützlicher, aber gewiss nicht
theuerer werden, da sich das Verhältniss von Absatz und Menge wohl
schwerlich dadurch veränderte. So ist der Hopfen regelmässig in den
Jahren am theuersten, wo er am schlechtesten ist (p. 21 fg.) -- Das
Bedürfniss eines unveränderlichen Preismasses hat Locke in weit höherm
Grade befriedigt, als Petty. Das vornehmste Brotkorn, sagt er, in
England also der Weizen, ist das geeignetste Preismass für lange
Zeiträume, insbesondere um ewige Renten danach zu bestimmen. Von Jahr zu
Jahr freilich, wegen der Verschiedenheit der Ernten, schwankt es stark
im Preise. Fasst man aber 7 oder 20 Jahre zusammen, so leuchtet ein,
dass der Weizen keiner Mode unterworfen ist, nicht durch Zufall wächst,
vielmehr seine Production so genau, wie irgend möglich, auf die
Consumtion berechnet wird. Mit dem Gelde ist es umgekehrt. Weil sein
Absatz immer derselbe ist, und seine Menge sich nur langsam ändert, so
kann es für wenige Jahre den veränderten Werth anderer Waaren am besten
messen. Dagegen hat es jetzt z. B. nur ein Zehntel des Werthes, wie vor
200 Jahren (p. 24).

Hinsichtlich des %Geldes% hat Locke viel Schönes und viele Irrthümer
durch einander vorgetragen. Er äussert geradezu, dass es eine Waare ist,
wie andere Waaren (p. 19). Der wichtigen Frage vom Geldumlaufe widmet er
in gewissen Beziehungen allerdings die nöthige Aufmerksamkeit. In jedem
Lande, meint er, ist soviel Geld erforderlich, um den Credit der
Grundbesitzer, der Arbeiter und Kaufleute aufrecht zu halten. Wie viel
aber dazu gehört, ist schwer zu bestimmen; weil es nicht bloss von der
Menge des Geldes, sondern auch von der Schnelligkeit seines Umlaufes
abhängt. Derselbe Schilling kann zu einer Zeit in zwanzig Tagen zwanzig
Menschen bezahlen, während er zu einer andern Zeit hundert Tage lang in
einer Hand bleibt. Wenn z. B. die Arbeiter allwöchentlich abgelohnt
werden, so ist für diesen Zweig des Verkehrs offenbar weniger Geld
nöthig, als wenn die Ablöhnung in längeren Zwischenräumen erfolgte. In
England schätzt Locke hiernach den Geldbedarf ungefähr auf 1/50 der
jährlichen Arbeitslöhne, 1/4 aller Grundbesitzereinkünfte und 1/20
dessen, was die Kaufleute jährlich in baarem Gelde einnehmen.[178]
Allerwenigstens muss die Hälfte dieser Beträge immer baar vorhanden
sein, wenn der Verkehr nicht stocken soll (p. 13 ff.). Eine
Beschleunigung des Umlaufes, indem z. B. die Pachtschillinge in kürzeren
Terminen bezahlt werden, ist insoferne sehr wünschenswerth, als dadurch
eine grosse Geldersparniss möglich wird (p. 14). Aus diesem Grunde
missbilligt es Locke sehr, wenn die Zahl der kaufmännischen Vermittler
das wahre Bedürfniss übersteigt; wenn Spieler u. s. w. dem eigentlichen
Verkehre Geld entziehen; vor Allem aber räth er, die Manufacturen zu
begünstigen, zumal solche, bei denen es hauptsächlich auf Arbeit
ankommt, weil diese ihren Umsatz verhältnissmässig mit der wenigsten
Baarschaft besorgen können (p. 15). -- Mit diesen Ansichten steht es
denn freilich in starkem Widerspruche, wenn fortwährend behauptet wird,
der Preis des Geldes hänge bloss von seiner Häufigkeit oder Seltenheit
ab, verglichen mit der Häufigkeit oder Seltenheit der anderen Güter
(p. 16). Denn, weil das Verlangen nach Geld fast immer und überall
dasselbe ist, so variiert sein Absatz äusserst wenig. Seine grössere
Seltenheit erhöhet seinen Preis, und vermehrt das Gedränge danach, weil
es nichts Anderes giebt, was leicht den Mangel des Geldes ersetzen
könnte[179]; daher muss die Verminderung seiner Menge immer bewirken,
dass ein gleiches Quantum Geld ein grösseres Quantum anderer Sachen
eintauscht (p. 21). Da Jedermann bereit ist, in unbegränzter Weise Geld
anzunehmen und zu behalten (_because it answers all things_), so ist der
Absatz des Geldes immer hinreichend, und mehr, als genug. Desshalb
reicht seine Menge allein schon hin, seinen Werth zu bestimmen, ohne,
wie bei anderen Waaren, irgend ein Verhältniss zwischen Menge und Absatz
zu berücksichtigen (p. 23). Wenn sich der englische Geldvorrath um die
Hälfte verringerte, so würde entweder die Hälfte der Renten nicht
bezahlt, die Hälfte der Waaren nicht verkauft, die Hälfte der Arbeiter
nicht beschäftigt werden: oder ein Jeder müsste sich mit der Hälfte des
früher gewohnten Geldes begnügen (p. 25). Ja, Locke lässt sich sogar zu
der crass unrichtigen historischen Behauptung hinreissen, weil es jetzt
10mal so viel Silber in der Welt gebe, als vor der Entdeckung Amerikas,
so gelte jedes einzelne Silberquantum, unverändert gebliebenen Waaren
gegenüber, nur 1/10 so viel, wie damals (p. 24). Eine wahre Bereicherung
sieht er in dieser Geldvermehrung nicht; denn nicht der absolute Besitz
vielen Goldes und Silbers macht reich, sondern nur das relative
Vielhaben, im Vergleich mit anderen Völkern (p. 8. 74). Am besten wird
Lockes Ansicht durch das Bild bezeichnet, dass Geld in der einen, die
mit Gelde zu kaufenden Waaren in der andern Schale einer grossen Wage
liegen, und beide Schalen stets im Gleichgewichte sein müssen. Vermehrt
sich also die Geldmenge, so entspricht jedes einzelne Stück einer
geringern Menge von anderen Waaren, und umgekehrt (p. 16). Ein
isoliertes Land würde desshalb seinen Verkehr mit jeder Geldmenge
ziemlich gleich gut betreiben können (p. 25).

Den innern Werth der %Münzen% weiss Locke übrigens von ihrer äussern
Stempelung vollkommen zu unterscheiden, und ereifert sich in beiden
Abhandlungen mit ebenso viel sittlicher, wie wissenschaftlicher Energie
wider die Massregeln des _raising the value of money_, welche damals so
viel empfohlen wurden[180]. «Der Preis der Dinge wird immer nach der
Menge Silbers geschätzt werden, die im Tausche dafür gegeben wird; und
wenn man das Gewicht der Münzen vermindert, so muss man ihre Zahl
vermehren. Das ist das ganze grosse Geheimniss des _raising money_!»
(p. 56.) «Das Ausprägen von geringeren Münzen unter gleichem Namen, wie
früher, ist weiter Nichts, als ein Kippen von Staatswegen. Der
Unterschied liegt nur darin, dass beim Kippen Niemand zu einem Verluste
gezwungen wird (es braucht ja Niemand beschnittenes Geld anzunehmen!),
während diess bei der obrigkeitlichen Münzänderung allerdings
geschieht.» (p. 73.) Locke macht darauf aufmerksam, dass jede solche
Operation auch das Vermögensverhältniss zwischen Gläubigern und
Schuldnern verändert, wovon der Staat doch gar keinen Vortheil zieht
(p. 68). Und wer einen wirklichen Mangel an Tauschwerkzeugen durch
Geldverschlechterung heilen wollte, der würde ebenso thöricht handeln,
als wenn er einem Tuchmangel, etwa bei der Armee, durch Verkleinerung
der Ellen begegnete (p. 88). -- Den Nutzen der Prägung findet Locke sehr
richtig in der Schwierigkeit des jedesmaligen Abwägens und Probierens
bei Zahlungen begründet (p. 44). Mit der Einsicht, dass zwei
verschiedene Metalle nicht zugleich gesetzliche Zahlungsmittel sein
können, geht er den Praktikern seiner Zeit beträchtlich voraus; denn die
englische Gesetzgebung ist bekanntlich erst 1816 dahin gekommen. Das zu
niedrig geschätzte Metall wird entweder müssig im Kasten verschlossen,
oder von Fremden ausgeführt; oder endlich das ganze Gesetz lässt sich
nicht geltend machen. Es ist ebenso unmöglich, zwei Dinge unwandelbar in
demselben Preisverhältnisse zu einander zu erhalten, wie zwei Dinge im
Gleichgewichte zu behaupten, deren wechselnde Schwere von verschiedenen
Ursachen abhängt. Wenn ein Schwamm und ein Stück Silber heute gleichviel
wiegen, so wird doch mit jedem veränderten Grade der Luftfeuchtigkeit
das Silber bald steigen, bald fallen (p. 49 ff.). Uebrigens erklärt sich
Locke für das Silber, als das geeignetste Metall der Landesmünze
(p. 50. 76). Er ist, wie North, ein Gegner der seit 1666 in England
herrschenden Praxis, alle Prägungskosten auf den Staat zu nehmen: das
einzige Mittel, die unproductive Einschmelzung der Münzen durch
Goldschmiede u. s. w. wirklich zu hindern, sei ein mässiger Schlagschatz
(p. 99). An leichtsinnigen Aenderungen des Münzwesens hat Locke
namentlich auch die Folge auszusetzen, dass sie den gemeinen Mann,
welcher nicht zu rechnen versteht, in seiner ökonomischen Begriffswelt
irre machen (p. 95).[181]

Wie man heutzutage von den drei grossen %Factoren der Gütererzeugung%
und von den auf sie begründeten drei %Hauptzweigen des Volkseinkommens%
redet: so theilt schon Locke das Volk in wirthschaftlicher Hinsicht in
vier Hauptklassen ein: die Grundbesitzer, deren Land die Materialien
liefert; die Arbeiter, welche sie verarbeiten; die Vermittler
(_brokers_), d. h. Gross- und Kleinhändler, welche sie unter die
Consumenten vertheilen; endlich noch diejenigen, welche überall nicht
zum Handel beitragen, als Studierende, Frauen, Spieler, Herrendiener
u. s. w. (p. 12. 15).

Die Begriffe %Geld und Kapital% weiss er noch gar nicht recht von
einander zu scheiden. Namentlich fliessen ihm Preis des Geldes und Zins
des Kapitals gar häufig zusammen (p. 5 fg.). Statt _capital_ sagt er
immer _money_. So schreibt er p. 17 dem Gelde einen doppelten Werth zu:
einmal auf dem Wege des Tausches Bedürfnisse zu befriedigen; sodann
durch seinen Zins ein jährliches Einkommen zu gewähren. Die
Zinsfähigkeit ist eine durch Vertrag oder Gesetz dem Gelde zugelegte
Eigenschaft, welche es ursprünglich nicht hatte. Indess kann die
Verminderung dieser Eigenschaft, die Erniedrigung also des Zinsfusses,
den Preis des Geldes, anderen Waaren gegenüber, nicht drücken, weil die
Menge des Geldes nicht davon afficiert wird, und sein Preis nur von
dieser Menge abhängt (p. 21 fg.). Von einer förmlichen Productivität
verliehener Gelder ist p. 19 die Rede: wo behauptet wird, dass ein
Geldschuldner mit dem geliehenen Gelde mehr über seinen Zins verdienen
könne, als ein Landpächter mit seinem Grundstücke über den
Pachtschilling. Und doch heisst es kurz vorher, das Geld sei
unfruchtbar; es könne, im Gegensatze des fruchtbaren Bodens, Nichts
producieren, sondern übertrage nur durch Verabredung den Erfolg der
Arbeit des Einen in die Tasche des Andern. -- Wie Locke überall ein
Feind polizeilicher Preisbestimmungen ist[182], so verwirft er
insbesondere die gesetzliche Erniedrigung des Zinsfusses (p. 4 ff.). Im
scharfen Gegensatze zu Culpeper und Child bestreitet er selbst die
Möglichkeit, ein solches Gesetz auszuführen: gerade so, wie es schwer
sei, für Luxuswaaren, und ganz unthunlich, für nothwendige Artikel einen
Zwangspreis festzuhalten. Gesetzt aber, der Zinsfuss könnte wirklich auf
solche Art erniedrigt werden, so wäre diess eine, für das Ganze
nutzlose, Beraubung der einen Klasse, um der andern ein unverdientes
Geschenk zu machen; es würde der Handel dadurch erschwert, und die
öffentliche Moralität sehr gefährdet werden. Das einzig wirksame und
heilsame Mittel zur Erniedrigung des Zinsfusses besteht darin, die
Geldmenge zu vermehren, oder die Sicherheit der Darlehen zu verbessern
(p. 38). Gegen alle Zinsgesetze ist Locke übrigens nicht. Es muss einen
gesetzlichen Zinsfuss sowohl für Rechtsstreitigkeiten geben, wo die
Parteien keinen Zinsfuss verabredet haben; als auch, um junge,
unerfahrene Schuldner gegen allzu grelle wucherische Ausbeutung zu
schützen (p. 32). -- Auch darin weicht die Locke'sche Ansicht von der
früher vorherrschenden ab, dass er einen hohen Zinsfuss nicht unbedingt
für ein Hinderniss des Handels will gelten lassen.[183] An und für sich
ist der niedrige Zinsfuss natürlich dem Handel günstig (p. 35).
Gleichwohl habe der blühendste Verkehr und die grösste Bereicherung
Englands unter Elisabeth, Jacob I. und Karl I. stattgefunden, als der
Zinsfuss 8 und 10 Procent betrug; es sei der hohe Zinsfuss eben die
Folge des lebhaften Verkehrs gewesen (p. 33). Der niedrige Zinsfuss der
Holländer ist nicht einem Gesetze oder einer klugen Handelspolitik
zuzuschreiben, sondern ursprünglich durch einen grossen Ueberfluss an
baarem Gelde bewirkt (p. 34). So bezweifelt Locke auch nicht, dass unter
Umständen das Geldborgen vom Auslande her vortheilhaft sein könne: wenn
der borgende Inländer nämlich mehr damit verdient, als seine Zinsen
betragen. Ein Land freilich, das zur blossen Consumtion im Auslande
borgt, wird doppelt ärmer: einmal wegen der verzehrten Waaren, sodann
wegen des dafür noch bezahlten Zinses (p. 9).

Das Sinken der %Grundrente% betrachtet Locke als ein untrügliches
Zeichen verfallenden Nationalreichthumes. Dasselbe kann aber aus
folgenden Ursachen herrühren: 1) aus einer verminderten Fruchtbarkeit
und Production des Bodens; 2) aus einer verminderten _rent of that
land_[184], wenn irgendwelche Umstände den Verbrauch seiner Producte
schmälern, oder fremde Plätze den Markt wohlfeiler versehen, oder
endlich eine Abgabe die Bedürfnisse des Landmanns theuerer, seine
Erzeugnisse wohlfeiler macht; 3) aus einer verminderten Geldmenge, etwa
in Folge ungünstiger Handelsbilanz (p. 35). Umgekehrt ist eine
Steigerung der %Bodenpreise% nur dadurch möglich, dass entweder der
Ackerbau verbessert, oder die Geldmenge und der Reichthum des Landes
vermehrt werden (p. 63). Wie wenig Locke übrigens von unserer
ausgebildeten Theorie der Grundrente auch nur eine Ahnung hat, zeigt
sich aufs Deutlichste in seiner genau durchgeführten Parallele zwischen
Grundrente und Zins (p. 19), welche nach ihm ganz von denselben Ursachen
bestimmt werden; ausgenommen, dass die Grundstücke eine verschiedene
Fruchtbarkeit haben, das Geld dagegen gleichartig ist (p. 17).[185]
Trotzdem erklärt er sehr hübsch, wesshalb in verschiedenen Gegenden der
Bodenpreis ein so verschiedenes Verhältniss zur Höhe des Zinsfusses
darbietet. Er meint nämlich, dass in gewerbfleissigen Districten der
grössere Wohlstand und die eifrigere Sparsamkeit eine lebhaftere
Nachfrage nach Land und ein geringeres Angebot desselben hervorrufen
(p. 20). Schlechte Wirthschaft und starke Verschuldung der Landbesitzer
werden den Preis der Grundstücke erniedrigen, der Zinsfuss mag so tief
stehen, wie er will; und umgekehrt (p. 27 fg.). Im Durchschnitt übrigens
müssen Grundstücke etwas theuerer sein, als Geld von gleichem jährlichen
Ertrage, weil sie mindere Gefahr laufen, zumal auch minder leicht in
ihrer Productivität unterbrochen werden (p. 33).

Der %Arbeitslohn% fällt nach Locke regelmässig zusammen mit den
unentbehrlichen Bedürfnissen des Arbeiters. Wenn der Preis dieser
Bedürfnisse steigt, so muss der Arbeitslohn entweder direct in gleichem
Verhältnisse steigen, oder aber die arbeitende Bevölkerung fällt der
Armenkasse zur Last (p. 29). Verringert sich andererseits die Geldmenge
des Landes, so fühlt der Grundbesitzer den hieraus entstehenden Druck
auf die Preise zuerst; in zweiter Instanz fühlt ihn aber auch der
Arbeiter. Denn der Grundbesitzer, dessen Rente gefallen ist, muss
entweder seine Arbeiter entlassen, oder ihnen schuldig bleiben, oder den
Lohn erniedrigen (p. 35). Ein eigentlicher Kampf übrigens, welche Klasse
bei solchen Veränderungen den Schaden tragen soll, findet insgemein
bloss zwischen Grundbesitzern und Kaufleuten statt. «Denn weil des
Arbeiters Antheil selten mehr ist, als ein nackter Lebensunterhalt, so
gewährt er dieser Menschenklasse niemals Zeit oder Gelegenheit, ihre
Gedanken darüber hinaus zu erheben, oder mit den Reicheren für ihr
Collectivinteresse zu streiten; ausser wenn ein allgemeines und grosses
Unglück, welches sie in einer allgemeinen Gährung vereinigt, sie den
Respect vergessen lässt, und sie ermuthigt, mit gewaffneter Hand ihrem
Mangel abzuhelfen; und dann brechen sie zuweilen herein auf die Reichen,
und fegen Alles weg, gleich einer Ueberschwemmung. Aber diess ereignet
sich selten, ausser in der schlechten Administration einer
vernachlässigten oder übelgeführten Regierung.» (p. 36.)

Im %Steuerwesen% hat Locke den wichtigen Satz aufgestellt, dass «alle
Abgaben, wie immer ausgedacht und von wem immer unmittelbar gezahlt, in
einem Lande, dessen Hauptvermögen in Grundstücken besteht,
grösstentheils endlich auf die Grundstücke fallen.» Die Grundbesitzer
sind oft bemühet, statt einer Grundsteuer, die sie fürchten, eine Steuer
auf Waaren durchzusetzen; die kostet ihnen aber in Wahrheit regelmässig
noch mehr. Steuern, die auf den Boden gelegt sind, lassen die Rente
desselben völlig unberührt. Waarensteuern dagegen drücken die Rente um
ihren vollen Betrag, wozu noch die Erhebungskosten gerechnet werden
müssen, die viel höher sind, als bei Grundsteuern.[186] Denn der
Kaufmann, der nun theuerer gekauft hat, wird auch theuerer verkaufen
wollen; der Arbeiter, dessen nothwendige Lebensmittel vertheuert sind,
wird entweder einen höheren Lohn erreichen, oder dem Kirchspiele zur
Last fallen. Nur dem Grundbesitzer ist eine solche Abwälzung unmöglich;
auf ihm also bleibt die Steuer liegen. (p. 29 fg.) Späterhin giebt Locke
zu, dass eine Steuer, wenn sie den Grundbesitz bis zur Erschöpfung
ausgepresst hat, alsdann auch den Handel drückt; aber der erste Druck
erfolgt immer auf jenen, man lege die Steuer an, wie man wolle. (p. 31.)
So wird auch jede Verminderung des Geldvorrathes zuerst von den
Grundbesitzern, zuletzt von den Kaufleuten gefühlt. (p. 35.) Die
Kaufleute verkaufen dann wohlfeiler, aber sie kaufen auch zu geringerem
Preise; die Grundbesitzer aber müssen sich gefallen lassen, was der
Käufer ihnen bietet. (p. 37.) -- Man erkennt gar leicht die
Ungründlichkeit dieser Argumentation; indessen mag bei einer so
schwierigen Lehre, wie die Theorie der Steuerabwälzung, der frühe
Bearbeiter wohl Nachsicht fordern! Interessant ist es übrigens, wie
Locke bei seiner Grundsteuer die etwanige Verschuldung des Grundstückes
völlig unbeachtet lassen will. Doch mehr aus sittlichen, als
nationalökonomischen Gründen: es sei diess eine ganz angemessene
Bestrafung schlechter Wirthschaft; auch habe Keiner nöthig, den Titel
eines grössern Eigenthums zu führen, als er in Wahrheit besitze.
Nebenher empfiehlt Locke Hypothekenbücher, durch deren Hülfe man die
Gläubiger zu einem verhältnissmässigen Steuerbeitrage heranziehen könne.
(p. 38.)

Der herrschenden Ansicht gemäss, erklärt auch er im Allgemeinen, dass
eine %Volksvermehrung% sowohl eine Vermehrung der Macht, wie des
Reichthumes sei. (p. 32.) Aeusserst lehrreich sind Lockes Ansichten
über %Armenpflege%.[187] Die steigende Armennoth unter der jetzigen,
wie unter den beiden vorigen Regierungen schreibt er hauptsächlich der
_relaxation of discipline and corruption of manners_ zu. Wenigstens
die Hälfte der unterstützten Armen sei im Stande, ihr Brot ganz zu
verdienen, und eine Menge der übrigen doch theilweise. Als Heilmittel
empfiehlt er nun zunächst eine strenge, rücksichtslose Durchführung
der bestehenden Vagabundengesetze. Da jedoch die meisten Armen nicht
ganz unwillig zur Arbeit sind, wohl aber halb unfähig durch
Ungeschicklichkeit, so ist das zweite Heilmittel Errichtung von
Arbeitsschulen in jedem Kirchspiele. Die Aufseher dieser Schulen
sollen ausser ihrem festen Gehalte noch mit einer Tantième von 10
Procent für alles Dasjenige belohnt werden, was durch ihre Wirksamkeit
an der Armensteuer gespart werden kann. Auch soll aus den
Stoffvorräthen der Schulen solchen Armen, die zu Hause arbeiten
wollen, mitgetheilt werden. Alle Armenkinder zwischen 3 und 14 Jahren
müssen die Arbeitsschule besuchen; wogegen Locke ernstlich davor
warnt, den Vätern zur Unterhaltung dieser Kinder Geldalmosen zu
verwilligen. Arbeitsunfähige Arme sollen, der Sparsamkeit wegen, in
grösseren Armenhäusern beisammen wohnen. -- Die Bill, welche in _3 et
4 Anne_ die Locke'schen Grundsätze praktisch machen wollte, hat
übrigens keine Gesetzeskraft erhalten.[188]



XI.

_Der weitere Aufschwung des englischen Welthandels._


Von den äusseren Lebensumständen des CHARLES DAVENANT (Doctors der
Rechte) bemerke ich nur so viel, dass er 1656 geboren war, und 1714
starb; dass er einer ritterlichen Familie angehörte, zu wiederholten
Malen ins Unterhaus gewählt, eine Zeitlang Accise-Commissär und zuletzt
General-Inspector der Aus- und Einfuhr wurde. Abgesehen von den
dramatischen Arbeiten seiner Jugend, fällt seine schriftstellerische
Thätigkeit in die Jahre 1695 bis 1712; und zwar hat er folgende Werke
verfasst: _An essay on ways and means of supplying the war_ (1695), _An
essay on the East-India-trade_ (1697), _Discourses on the public
revenues and of the trade of England_ (1698), _An essay on the probable
methods of making the people gainers in the balance of trade_ (1699),
_Essays on the balance of power, the right of making war, peace and
alliances; universal monarchy_ (1701), _A picture of a modern whig_
(1701), _Essays on peace at home and war abroad_ (1704), _Reflections on
the constitution and management of the trade to Africa_ (1709), _Reports
to the commissioners for putting in execution the act, entitled, an act
for the taking, examining and stating the public accounts of the
kingdom_. (1712.)[189]

In all diesen Schriften, welche nach der eigenen Aussage des
Verfassers hauptsächlich für _country-gentlemen_ bestimmt sind (II,
78), zeigt sich Davenant als einen ebenso vielseitig gebildeten, wie
geistreichen Mann. Dass er gründliche classische Studien gemacht,
beweisen die vielen und wohlgewählten Parallelen, die er aus Livius,
Tacitus u. A. herbeizieht; so ist auch seiner Abhandlung über die
Staatseinkünfte und den Handel von England das xenophontische Buch
περὶ πὁρων in vollständiger Uebersetzung und Erklärung
angehängt. Man darf nicht vergessen, dass in England damals überhaupt
die classischen Studien nach langem Darniederliegen wieder aufzublühen
anfingen.[190] -- Von neueren Staatslehrern benutzt er am liebsten
Machiavelli und das politische Testament des Richelieu. In der
englischen Rechtsgeschichte ist er musterhaft bewandert; und welchen
Werth er auf staatsrechtliche Erörterungen legt, das zeigt sich in
sonderbarer Schärfe II, 240 ff., wo er die Befugniss Englands
deduciert, in Ireland jede Wollfabrication zu verbieten. Ueberhaupt
finden wir bei Davenant, wie bei den meisten älteren Schriftstellern,
dass die einzelnen Zweige der Staatswissenschaft viel weniger getrennt
sind, als heutzutage. Die grosse Arbeitstheilung auf diesem Gebiete,
welche seit A. Smith üblich ist, und in Ricardos Schule ihren Gipfel
erreicht hat, existierte damals nicht. Wenn diess in gewisser Hinsicht
als eine Unvollkommenheit gelten muss, -- erst wenn er grösser wird,
spaltet sich der Baum in Aeste, die Aeste wieder in Zweige u. s. w. --
so war es doch zugleich ein wichtiges Schutzmittel gegen Einseitigkeit
und Materialismus. Wie schön ist nicht, bei Gelegenheit der
nordamerikanischen Kolonien, die Ausführung des Satzes: die Wohlfahrt
aller Länder in der Welt hängt von der Sittlichkeit ihres Volkes ab!
(II, 41 ff.) Selbst das reichste Volk muss verarmen, wenn es sittlich
verfällt. Insbesondere kann die Volkswirthschaft nur da gedeihen, wo
politische Freiheit blühet (II, 336 ff. 380 fg.); ganz davon
abgesehen, dass der Reichthum ohne Freiheit keinen Werth hätte. (II,
285.) Ein Hauptmerkmal des Freiheitsbegriffes ist auch bei Davenant
immer die Sicherheit des Eigenthumes. Als praktischer Staatsmann lebt
er gänzlich in den Ideen, welche Jacob II. gestürzt und Wilhelm III.
auf den Thron geführt hatten. Die Grundbedingung alles Glückes,
namentlich auch alles Reichthumes in England ist die Constitution (II,
301 fg. 309.), und diese Constitution wird in echt englischer Weise
als eine siebenhundertjährige betrachtet. (II, 302.) Den beiden
grossen Parteien, deren Vereinigung die Revolution bewirkt hatte,
weiss er gleichmässig gerecht zu werden: die Whigs hätten das Uebel am
frühesten bemerkt, und nach ihren Grundsätzen wäre auch die Abhülfe
erfolgt; zu dieser letztern aber hätten die Tories factisch das Meiste
beigetragen. (II, 329 fg.) Je treuer Davenant übrigens den Grundsätzen
der alten Whigpartei ergeben war, desto schmerzlicher musste es ihn
berühren, wenn viele seiner Genossen, sowie sie aus den
Oppositionsbänken ans Ruder gelangt, von denselben abfielen. Er eifert
dagegen auf das Lebhafteste, besonders in dem satirischen Gespräche:
_Picture of a modern Whig_;[191] und ist insoferne gar kein
Parteimann. «Eine Tyrannei, welche durch das Schwert herrscht, hat
wenig andere Freunde, als die Männer des Schwertes; aber eine
gesetzliche Tyrannei, wo das Volk nur berufen wird, um Unbilligkeit
durch seine eigene Stimme zu bekräftigen, hat auf ihrer Seite die
Reichen, die Furchtsamen, die Trägen, Diejenigen, welche das Gesetz
kennen und davon leben, ehrgeizige Kirchenmänner, und alle Solche,
deren Existenz von einer ruhigen Weltlage abhängt; und die hier
genannten Personen bilden den einflussreichern Theil der meisten
Nationen, so dass eine derartige Tyrannei kaum abzuschütteln ist.»
(II, 301.) Selbst die freudig anerkannte Trefflichkeit des damaligen
Königs hält Davenant nicht ab, die Garantien der englischen Verfassung
gegen etwanige schlechte Nachfolger, also namentlich das
parliamentarische Geld- und Heerbewilligungsrecht, auf das
Sorgfältigste zu behüten. Hinsichtlich der auswärtigen Politik ist er
ein warmer Vertheidiger des europäischen Gleichgewichtes gegen jede,
zumal französische, Universalmonarchie.

In dem volkswirthschaftlichen Systeme Davenants, soferne hier nämlich
bei der pamphletischen Art seiner meisten Schriften von einem Systeme
geredet werden kann, bildet die %Handelsbilanz% den Mittelpunkt. Dass
Vermehrung des Nationalreichthumes und günstige Bilanz wesentlich
dasselbe bedeuten, wird an vielen Stellen versichert. (II, 172. 195.
199.) Eben desshalb können auch die jüngsten, unleugbaren Fortschritte
der englischen Volkswirthschaft nur vom Aufblühen des auswärtigen
Handels herrühren (I, 359), und in jedem Lande muss der Ueberschuss der
Bilanz die Gränze bestimmen, über welche hinaus die Staatsausgaben nicht
ohne Zerrüttung des Nationalvermögens wachsen können. (I, 13.) Aus
demselben Grunde hält Davenant Offensivkriege für schädlicher, als
Defensivkriege, bei welchen kein Geld ausser Landes geschickt zu werden
braucht; gerade so, wie einzelne Wunden minder gefährlich sind, als
Auszehrung. (I, 403 ff.) Auch Seekriege sind unbedenklicher, als
Landkriege, weil alles Material der ersteren daheim verfertigt, aller
Sold daheim verausgabt wird (V, 451), wogegen die Landheere fremde
Länder bereichern. (!) Gleichwohl ist die öffentliche Meinung voll von
Irrthümern in dieser Hinsicht. So widerlegt z. B. der _Report for
stating the public accounts_ (V, 362 ff.) die populäre Ansicht, als wenn
die Bilanz des englisch-französischen Handels für England sehr ungünstig
sei, obschon dem Verfasser die politisch-patriotischen Erklärungsgründe
dieses Irrthums sehr wohl einleuchten. Jedenfalls aber wäre hier zu
bedenken, was England, wenn nicht von Frankreich, dann von anderen
Ländern würde kaufen müssen, und zwar vielleicht zu einem ungleich
höhern Preise. Umgekehrt beruhet die scheinbar günstige Bilanz gegen
Holland grossentheils darauf, dass Holland, und zwar zum Schaden
Englands, so viele englische Waaren an dritte Nationen vermittelt.
(V, 434.) Was ferner den ostindischen Handel betrifft, der also
vergängliche Luxusartikel mit edlen Metallen bezahlt, so würde es
freilich gut sein, wenn ganz Europa ihm entsagen wollte. England und
Holland speciell aber gewinnen durch ihren indischen Zwischenhandel viel
mehr, als sie durch ihren eigenen Consum indischer Waaren verlieren.
Davenant ist daher entschieden gegen ein Verbot dieses letztern, wovon
damals so häufig die Rede war. (I, 90 ff.) Im Gegentheil, es wäre aus
Gründen der Sparsamkeit zu wünschen, dass England, statt eigener
Wollzeuge, indische Calicos verbrauchte, und jene ausführte. Sonst
würden die Calicos dem auswärtigen Absatze der englischen Wollzeuge
schaden.[192] So haben es die Holländer gemacht, die z. B. ihre gute
Butter auswärts verkaufen, und sich statt dessen an wohlfeilerer
englischer Butter genügen lassen. «In der Wollindustrie gewinnt England
nicht durch Dasjenige, was daheim vom Volke selbst, sondern was von
fremden Ländern gekauft wird.» (I, 102.) -- Davenants Methode, die
Handelsbilanz zu berechnen, stimmt mit der von Child und Mun
verbesserten wesentlich überein. (II, 12 ff. 234. V, 366.) Hiernach
schätzt er den jährlichen Gewinn Englands auf 2 Millionen Pfund St.,
wovon 900000 auf den Kolonialhandel kommen, 600000 auf den ostindischen
und 500000 auf die eigenen englischen Ausfuhren. -- Ganz consequent ist
Davenant übrigens nicht. So heisst es z. B. I, 102, dass beim innern
Absatze der Eine nur soviel gewinnen kann, wie der Andere verliert, und
das Volk im Allgemeinen sich also nicht bereichert. Dagegen wird II, 19
neben dem auswärtigen Handel auch der innere als Reichthumsquelle
anerkannt. So warnt er dringend, ja keinen Zweig des Handels wegen
seiner vermeintlich ungünstigen Bilanz abzuschneiden, weil andere,
entschieden vortheilhafte Zweige dadurch bedingt sein können. (I, 387
ff.) «Im Allgemeinen kann versichert werden, dass jedweder Handelszweig
dem Lande nützlich ist.» (I, 99.) Und doch soll das warm empfohlene
_Council of trade_ ganz vorzüglich auf die Bilanz achten, und wo diese
einem bestimmten Lande gegenüber nachtheilig wird, wenigstens durch
Aufwandsgesetze dawider einschreiten. (I, 425.)

Ungleich vielseitiger und gründlicher, als man hiernach erwarten sollte,
ist Davenants Ansicht von %Geld% und %Reichthum%. Auf das Lebhafteste
polemisiert er gegen Pollexfen[193] und den Verfasser der _Britannia
languens_: von welchen der Erstere Gold und Silber für den einzig wahren
Reichthum erklärt, der Letztere die Fabricationsregister der Münze als
das Hauptkriterium der Handelsbilanz gebraucht hatte. Dagegen sagt
Davenant: Reichthum ist ursprünglich Alles, was Land und Arbeit
hervorgebracht haben. So kann ein Volk reich werden ohne Geld, und sich
dann beliebig Geld verschaffen. Wenn die Holländer zwei Drittel ihres
Geldvorrathes ausliehen, so würden sie darum nicht ärmer sein. Auch kann
das Aufblühen eines Volkes an ganz anderen Symptomen, als der vermehrten
Baarschaft, erkannt werden. Er gedenkt z. B. der vermehrten Schiffe,
Häuser, Waarenvorräthe u. s. w., welche nicht bloss vermehrten Reichthum
beweisen, sondern vermehrter Reichthum sind, ja vielleicht dessen
nützlichste Bestandtheile. (I, 354 ff.) Auf der andern Seite müssen
hoher Zinsfuss, niedriger Bodenpreis und Arbeitslohn, verminderte
Bevölkerung, Zunahme des unbebauten Landes u. s. w. als Zeichen der
nationalen Verarmung betrachtet werden: mögen immerhin Einzelne im Volk
ihren Privatreichthum während dessen vergrössern. (I, 358. II, 283.) In
der ausführlichen Definition des Reichthumes (I, 381 fg.) wird geradezu
Alles erwähnt, «was Fürst und Volk in Ueberfluss, Ruhe und Sicherheit
versetzt:» also nicht bloss materielle Güter, selbst vergänglicher Art,
sondern auch geistige Kräfte, Verhältnisse, wie z. B. Allianzen, u. dgl.
m. Eben desshalb scheint es Davenant auch nothwendig, in die Schrift:
_On the probable methods of making a people gainers in the balance of
trade_, eine vollständige Statistik von England, wie man sie damals
haben konnte, aufzunehmen. Jedes Volk, behauptet er, muss im Handel so
viel gewinnen, wie seine Einfuhr mehr werth ist, als die Ausfuhr, mag
jene nun in dauerhaften, oder schnell vergänglichen Waaren bestehen.
(II, 11.) Man sieht aus Allem, dass sich Davenant von den Irrthümern der
_Britannia languens_ u. s. w. zwar noch nicht gänzlich frei gemacht hat,
dass sie ihm jedoch nur noch, wie eine halbgesprengte Kette,
nachschleifen. -- Seine Geldtheorie können wir daraus beurtheilen, dass
_servant of trade, measure of trade_, seine Lieblingsbezeichnungen für
den Dienst des Geldes sind. Ja, dasselbe wird einmal sogar mit
Zahlpfennigen zur Erleichterung des Rechnens verglichen. (I, 355.) Bei
Gelegenheit des Papiercredites wird die Möglichkeit zugegeben, dass die
Menschen jeden andern Gegenstand zum Handelsmasse erheben, und dieser,
wo er eben als solches anerkannt ist, ganz dieselben Dienste leisten
könne, wie Gold und Silber. (I, 444.) Sehr fein ist die Beobachtung, wie
gerade ein sehr reiches Volk relativ weniger Baarschaft nöthig hat, als
ein eben erst aufblühendes; daher von einem gewissen Punkte an die
fortdauernde Einfuhr edler Metalle gar nicht besonders wünschenswerth
ist. (IV, 106 ff.)[194]

Hinsichtlich der %Bevölkerung% sind die Hauptgrundsätze Davenants
folgende. Die Menschen vermehren sich überall, wo sie behaglich leben
können. (II, 233.) Insbesondere muss unter einer freien Staatsverfassung
die Population fast unfehlbar dicht werden. (II, 185.) Aber auch
umgekehrt ist die Volksvermehrung eins der wirksamsten Mittel zur
Volksbereicherung (II, 3. I, 73 ff.); wesshalb u. A. Aufnahme
politischer Flüchtlinge (II, 6), Belohnungen für zahlreiche Familien
u. s. w. empfohlen werden. (II, 191.) Doch erkennt Davenant, nach dem
Vorgange des Statistikers King, einen Unterschied an zwischen solchen
Menschenklassen, welche den Volksreichthum vermehren, und solchen,
welche ihn vermindern. In die erste Kategorie stellt er Diejenigen,
welche von Grundstücken, Kunst oder Industrie nicht nur sich selbst
erhalten, sondern auch zur Vermehrung des Nationalkapitals (_nations
general stock_) und zur Erhaltung Anderer beitragen; in die zweite,
offenbar nach Petty, ausser den Bettlern und Vagabunden, den Kranken und
Schwächlichen, auch die Gesammtmasse der _Cottagers_-Familien. (II,
202.) -- Interessant ist noch der Irrthum, welchen er von King
adoptiert, als wenn sich England erst nach 600 Jahren zu einer Volkszahl
von 11 Millionen erheben würde. (II, 176.)[195]

Den strengen %Prohibitivsystemen% seiner Zeit gegenüber, könnte man
Davenant fast einen Anhänger der %Handelsfreiheit% nennen. Zwar ist er
ein warmer Lobredner der Navigationsacte (I, 397); er warnt in seinen
frühesten Werken auch wohl im Allgemeinen vor dem blossen Gehenlassen,
weil Alles schlecht gehen müsse, wo die Menschen bloss ihr
Privatinteresse und ihre Sondergewinnsucht zu fragen brauchen. (1, 422.)
Doch meint er in seiner letzten Schrift, man solle den Handel nur seinen
eigenen Lauf nehmen lassen; dann werde er seine Kanäle schon selber
finden. Wenn die Kaufleute nur ermuthigt, ihre Interessen im Auslande
energisch vertreten werden; wenn die Zölle nicht allzu hoch sind: so
wird ein Volk mit guten Häfen, mit See- und Handelsgeist, mit einem
productenreichen Lande und solchen Kolonien, wie die amerikanischen, gar
nicht umhin können, durch den Handel reich zu werden. (V, 453.) Wo nicht
politische Gründe eine Ausnahme gebieten, da muss jede Handelsnation,
zum Vortheile des Einzelnen, wie der Gesammtheit, darauf achten, woher
die ausländischen Waaren am wohlfeilsten bezogen werden können.
(V, 378.) Diejenigen, welche den Absatz ihrer eigenen Landesproducte
durch eine allgemeine Entmuthigung fremder Waaren zu befördern denken,
werden mit der Zeit finden, dass sie wenig oder gar keinen Handel
besitzen, und dass ihre eigenen Waaren als Ladenhüter ihnen zur Last
fallen. Die Völker, welche unsere Producte empfangen, werden immer
erwarten, dass wir eine verhältnissmässige Quote der ihrigen nehmen, was
durch ausschweifende Zölle unmöglich wird. Wollen wir grossen Verkehr in
der Welt haben, so dürfen wir Andere nicht schlechter behandeln, als sie
uns; wir müssen sowohl kaufen, wie verkaufen, und uns nicht mit der
Hoffnung schmeicheln, bloss durch die Ausfuhr unserer eigenen Boden- und
Gewerbserzeugnisse zu existieren.[196] (V, 387 fg.) -- Es ist nicht ohne
Bedeutung, dass diese liberaleren Ansichten bei Davenant erst dann
völlig durchdrangen, nachdem er selbst in einer hohen praktischen
Stellung sich bei der Handelspolitik von England betheiligt hatte.
Indessen war er bereits 1697 ein Gegner des alten englischen Gesetzes,
wonach die Leichen, zur Hebung der Wollindustrie, in Wolltüchern
begraben werden sollten; diess, meint er, sei eine Consumtion von
Manufacten, welche dem Lande gar keinen Vortheil bringt. Ueberhaupt
seien recht wenig Handelsgesetze ein Zeichen, dass die Nation durch
Handel blühet. (I, 99.) So ist er auch Zeitlebens ein Gegner der
unglücklichen Sucht gewesen, dass jedes Volk Alles selbst producieren
wollte. England z. B. soll keine Seiden- oder Leinenindustrie
erkünsteln, sondern lieber seine Wollproduction, seine Heringsfischerei
u. s. w., wozu es natürliche Anlagen besitzt, vergrössern. (I, 104 ff.)
Die Vorsehung hat desswegen die Natur der verschiedenen Länder so
verschieden eingerichtet, damit sie sich gegenseitig aushelfen möchten.
(II, 235.) -- Am schönsten zeigt sich die Vorurtheilsfreiheit unsers
Davenant beim Kornhandel, über welchen bekanntlich die gehässigsten
Vorurtheile am breitesten und tiefsten zu wurzeln pflegen. Nicht genug,
dass er die Assecuranz des Volkes gegen Hungersnoth am besten durch
Privatpersonen besorgt findet, so gönnt er diesen auch «in Gottes
Namen» ihren Gewinn, und fürchtet hier noch weniger Missbrauch, als in
anderen öffentlichen Geschäften. (II, 226 fg.)[197]

Eine wichtige Stelle in Davenants geistigem Leben nimmt seine
Vertheidigung der %privilegierten Handelsgesellschaften% für den Verkehr
mit Afrika und Ostindien ein. Den Gegnern derselben ruft er zu, dass
sich die Mängel bestehender Einrichtungen sehr leicht erkennen lassen,
während keine menschliche Weisheit im Stande ist, die Fehler
neuzuschaffender Institute klar vorauszusehen. (II, 135.) Seine Gründe
für die vorhandene ostindische Compagnie im Gegensatze einer _regulated
company_, d. h. des Freihandels unter Beobachtung gewisser Vorschriften,
Besoldung gewisser Anstalten, u. s. w. sind ziemlich dieselben, welche
nachher bei jeder Verlängerung der Compagnieprivilegien geltend gemacht
wurden. Der Wetteifer der Privatkaufleute müsse in Ostindien den Preis
der Waaren steigern, in England dagegen herabdrücken. Die hierdurch
entstandenen Verluste würden gar bald eine Menge von Speculanten wieder
verscheuchen, so dass, zum grössten Schaden des Handels selbst, die
äusserste Ueberfüllung und Entleerung der Concurrenz mit einander
wechselten. Nun aber ist kein Handelszweig in der Welt einer gewissen
Stetigkeit so sehr bedürftig, wie der ostindische; schon weil die
unendliche Entfernung, der Charakter aller dortigen Regierungen, die
Eifersucht der Holländer kriegerische Anstalten fortwährend nothwendig
machen. Der Einzelne ist dort schwach, d. h. rechtlos; die Forts aber,
die Factoreien u. s. w. können unmöglich durch Steuern der
Privatkaufleute erhalten werden, schon wegen der Unmöglichkeit einer
gehörigen Repartition. (II, 126 ff.) Davenant erklärt sich desshalb für
eine lange und gesicherte Dauer der Compagnieprivilegien, was er II, 153
mit schönen Gemeinplätzen über das Princip der Stetigkeit
einleitet.[198] -- Für den afrikanischen Handel hatte Davenant früher
eine s. g. _regulated company_ gewünscht, vornehmlich wegen der
Geringfügigkeit des hier beschäftigten Kapitals und wegen des Mangels
bedeutender Nebenbuhler. (II, 39.) Späterhin jedoch ist die
umfangsreiche und auf gründliche Geschichtsstudien basierte Schrift:
_Reflections on the African trade_ vornehmlich in der Absicht
geschrieben, die Wichtigkeit dieses Handels und die Nothwendigkeit einer
privilegierten Gesellschaft dafür zu beweisen. Unter seinen Gründen
nehmen sich zwei allerdings sehr wunderlich aus: dass es beim freien
Privathandel weit schwerer falle, den wahren Gewinn und Verlust der
Nation zu berechnen; und dass eine Gesellschaft überhaupt klüger sei,
also auch ihr eigenes Interesse richtiger wahrnehme, als die Einzelnen.
(V, 139 ff.)

In dem Kapitel vom Nutzen des %Kolonialhandels% (II, 1-76) wird doch
fast lediglich darauf verwiesen, dass die Kolonien England in Stand
setzen, mittelst ihrer Producte eine grössere Fremdwaareneinfuhr, die
ohnehin stattfindet, zu decken. Daher z. B. Neuengland keinen andern
Nutzen hat, als durch sein Korn, Vieh, Holz u. s. w. den tropischen
Anbau Westindiens möglich zu machen. Freilich könnte Westindien auch vom
Mutterlande mit solchen Bedürfnissen versorgt werden. Da jedoch an
Rohstoffen viel weniger zu verdienen ist, als an Manufacten, so kann es
dem Mutterlande nur Vortheil bringen, wenn die Zufuhr nach den
tropischen Kolonien umschweifig erfolgt, indem englische Gewerbsproducte
zum Eintausche nordamerikanischer Lebensmittel u. s. w. verwandt werden.
(II, 21.) Jede Unabhängigkeit der Kolonien, jeder eigene Gewerbfleiss
derselben ist Davenant ein Gräuel. Westindien steht ihm so sehr im
Vordergrunde, dass er Sklaven für das erste und nothwendigste Material
einer Ansiedelung erklärt. (II, 38.) Hinsichtlich der Gefahren, welche
die neuenglischen Kolonien später einmal dem Mutterlande bringen können,
theilt er die Ansicht von Child. (II, 9.) Um so merkwürdiger sein
Vorschlag, ihnen ein gemeinschaftliches Parliament in Neuyork zu geben
(II, 40 fg.), dem freilich im Mutterlande ein permanentes Conseil nach
Art des spanischen Rathes von Indien gegenüber stehen soll.[199] (II,
29 ff.) Die Idee der Strafkolonien, welche schon Cromwell und Jacob II.
gegen politische Feinde geltend gemacht, wird von Davenant besonders
auch wegen der zu grossen Härte vieler englischen Criminalgesetze
empfohlen. (II, 4.) Ueber Ireland, das wesentlich als Kolonie betrachtet
wird, äussert er sich im Allgemeinen viel milder, als seine Zeitgenossen
(II, 236 ff.); doch ist er z. B. über den Gedanken, die Ireländer
könnten ihre Wolle anderswohin, als nach England, ausführen, so
entsetzt, dass er davon «mit einem Schlage den Untergang der ganzen
englischen Wollindustrie» erwartet! (II, 249.)

Hinsichtlich der %Steuern% finden sich hübsche Anfänge der Einsicht,
dass der unmittelbar Zahlende nicht immer der eigentliche Träger der
Last: II, 201; obschon die an Locke erinnernde Aeusserung (I,77): _All
taxes whatsoever are in their last resort a charge upon land_, bei
Davenant keine weitere Entwickelung erhalten hat.[200] Als die beste
Abgabenart empfiehlt er, trotz Locke, die Accisen, deren Nachtheile für
den Handel durch eine daran zu knüpfende bessere Ordnung der Markt- und
Messpolizei u. s. w. aufgewogen werden können. (I, 62 ff. II, 201.)
Recht gründlich hat er auch die Frage behandelt, ob die Steuern
zweckmässig zu verpachten sind. (I, 207 ff.) In England war das
Pachtsystem bei dem Postgelde, der Heerdsteuer, den Zöllen und Accisen
versucht worden; und Davenant empfiehlt es für neue, wenig bekannte
Einkünfte, sowie für solche, die durch Untüchtigkeit der Beamten
unergiebig geworden sind: doch immer nur für kurze Zeit und mit einem
streng festgehaltenen Maximum des Pächtergewinnes. Wirklich musterhaft
sind die Erörterungen über den politischen Charakter des Steuerwesens:
dass sich das Volk z. B. die illegale Forterhebung alter Steuern viel
eher gefallen lässt, als die Auflage neuer (II, 285 ff.); sowie
überhaupt die Gefahren, welche von jedem grossen Steuersysteme her der
öffentlichen Freiheit drohen. -- Aus diesem letzten Grunde erklärt sich
Davenants lebhafter Widerwille gegen %Staatsschulden%, deren riesenhafte
Entwickelung in England bekanntlich erst seit jener Zeit beginnt. Sie
erhöhen den Zinsfuss, und schaden somit dem Handel (I, 18 ff.); sie
verlocken Viele zu einem müssigen Rentenierleben, was der Industrie
Nachtheil bringt. (II, 294.) Daher England, wie er meint, selbst
wirthschaftlich nicht eher aufblühen könne, ehe nicht der grösste Theil
der Staatsschuld getilgt worden. (II, 283.)[201] Indessen die Hauptsache
bleibt doch immer die grosse Gefahr der freien Steuerbewilligung und
öffentlichen Freiheit im Allgemeinen, welche in jeder bedeutenden
Staatsschuld liegt. Auf das Entschiedenste predigt desshalb unser
Verfasser Sparsamkeit, sowohl des ganzen Volkes nach holländischer
Weise, wie der Regierung insbesondere. (I, 390. IV, 434.)

Ich muss schliesslich noch des wichtigen Platzes gedenken, welchen
Davenant in der Geschichte der %Statistik% einnimmt. Er ist in dieser
Hinsicht der Nachfolger Pettys, obschon er durchaus nicht ganz auf
eigenen Füssen steht, sondern oft nur die Manuscripte von Gregory King
benutzt. (II, 165 ff.)[202] Die Theorie der Wissenschaft ist in der
interessanten Abhandlung: _Of the use of political arithmetic_ (I,
127 ff.) erläutert, welche die Schrift über die Staatseinkünfte und den
Handel von England einleitet. Nichts würde inzwischen ungerechter sein,
als wenn man ihn des Materialismus, wohl gar Mammonsdienstes
beschuldigen wollte, zu welchem die blossen Zahlstatistiker so leicht
hinneigen. Unser Schriftsteller giebt wiederholentlich zu, dass die
Ausbildung des Handels ein Fortschritt von sehr zweideutigem Werthe ist.
Der Handel führt Reichthum herbei, aber auch Luxus, Betrug und Habsucht;
er zerstört die Tugend und Sitteneinfalt, und die solchergestalt
bewirkte Verderbniss der Nation endet unfehlbar zuletzt mit innerer oder
auswärtiger Sklaverei. (II, 275.) Aber freilich, die Einfachheit
patriarchalischer Zustände, ohne Handel nach Aussen, wo alle Renten
u. s. w. in Natura gezahlt werden, alle Gutsherren auf dem Lande wohnen,
kann nicht ewig dauern, schon wegen des Wetteifers mit anderen Völkern
nicht. Darum haben kleine Nationen, von grossen Nachbaren umringt, sich
zuerst auf den Handel gelegt, um so ihre Kleinheit gleichsam künstlich
zu vergrössern. (I, 348 ff.) Auch England bedarf eines bedeutenden
Handels um der Flotte willen, und der Flotte wieder um der politischen
Sicherheit willen. (II, 275.)[203]

       *       *       *       *       *

Ehe wir schliessen, blicken wir noch einmal auf die zwei Jahrhunderte im
Ganzen zurück, durch die wir die Entwickelung der englischen
Volkswirthschaftslehre begleitet haben.

Sie entstand also in der äusserlich stillen, innerlich aber tief
bewegten Periode, wo das Mittelalter von England wich, und die neuere
Zeit unter Krämpfen und Wehen hereinbrach. Diesem Zustande trat sie
zunächst als socialistische Kritik gegenüber; sie vertiefte sich mit
Leidenschaft in seine schlimmen Seiten, und hielt ihm strafend ein
Ideal entgegen, welches die Grundlagen der rohesten Urzeit mit den
Entwickelungen der feinsten Kultur vereinigen sollte: freilich ein
utopisches Ideal! Wie die Alchymie der Chemie, die Astrologie der
Astronomie, so ist der Socialismus der eigentlichen Nationalökonomie
vorangegangen. -- In den zwei folgenden Menschenaltern war der Streit
um kirchliche Reform oder Reaction viel zu überwiegend, als dass sich
die Volkswirthschaft daneben sehr hätte ausbilden können. Nur einige
praktische Fragen von der breitesten Bedeutung und stärksten
Aufdringlichkeit wurden mit einem gewissen Erfolge weitergeführt: der
Uebergang aus der feudalen in die ökonomische Landwirthschaft, und die
Preiserniedrigung der edlen Metalle. -- Gegen Ende des 16. und Anfang
des 17. Jahrhunderts gab die Vorbereitung des englischen
Kolonialreiches einen grossartigen Anstoss, über den Ursprung des
Reichthumes in neukultivierten Ländern, über die Anfänge der
Bevölkerung und ähnliche Fundamentalfragen nachzudenken. Ein günstiges
Geschick, welches die englische Kolonisation auf das atlantische
Nordamerika beschränkte, hielt diese Forschungen von zahlreichen
Irrwegen zurück, wohin die meisten Continentalvölker durch die gold-
und silberreiche, aber hafenarme und zum europäischen Ackerbau wenig
geeignete Natur der spanischen Eroberungskolonien verlockt wurden. So
gewann die englische Nationalökonomie eine wissenschaftlich und
volksthümlich sichere Grundlage; obschon Bacons Werke den Beweis geben,
wie wenig einstweilen noch auf dieser Grundlage war fortgebaut worden.
-- Die grossen politischen Kämpfe, welche die erste Hälfte des 17.
Jahrhunderts erfüllen, mussten das Volksinteresse an der
Nationalökonomie zunächst wieder mindern. Die Theorie derselben wurde
nur von einzelnen systematischen Köpfen weiter gefördert, und zwar
besonders auf solchen Gebieten, welche zugleich allgemeiner Art und an
das staatsrechtlich-politische Gebiet angränzend waren. -- Uebrigens
macht sich schon während der Pausen des Revolutionskampfes, und mehr
noch seit Wiederherstellung des Stuart'schen Thrones, eine ganz
bestimmte Tendenz bemerklich, den Holländern das Geheimniss ihrer
wirthschaftlichen Grösse abzulernen. Diese Tendenz begleitet Schritt
für Schritt das Emporblühen des englischen Welthandels, der sich bald
genug, wie es bei entwickelungsfähigen Nationen zu gehen pflegt, aus
dem Piratenthume der Elisabeth'schen Zeit herausbildete. Unter den
mannichfachsten Gestalten tritt sie auf: als Pflege der Seefischerei,
als Rechtfertigung des ostindischen Handels, als Sehnsucht nach einem
erniedrigten Zinsfusse, als Vertheidigung der Navigationsacte, als
Streben nach Toleranz, als Empfehlung der indirecten Abgaben statt der
directen, als Lobrede auf die Handelsfreiheit im Innern. Aber der
Grundgedanke bleibt immer derselbe: man liebt die Religion und Politik
der Holländer, man bewundert ihre Klugheit und Macht, und will ihnen
desshalb nacheifern; selbst wenn ihre Freundschaft dadurch verscherzt
würde. Uebrigens wurde sie nicht einmal verscherzt, wenigstens nicht
auf die Dauer; denn die nämliche Richtung hat in ihrem weitern Verlaufe
zur Tripelallianz und zur Thronbesteigung Wilhelms III. geführt.
Hiermit verbindet sich noch eine lebhafte Opposition gegen Frankreich,
die nicht allein das politische und religiöse Verhalten des englischen
Volkes, sondern auch seine wirthschaftlichen Ansichten und Wünsche
bestimmte. -- Ihren höchsten Gipfel erreichte die vorhume'sche
Nationalökonomie der Engländer in dem grossen Triumvirate: Petty, North
und Locke. Hier finden wir die Lehren von Werth und Preis, von Geld
und Münze, von Zinsfuss und Arbeitslohn, von Handelsbilanz und
Handelsfreiheit, also lauter Punkte von der äussersten Wichtigkeit,
dergestalt entwickelt, dass selbst A. Smith gar wenig daran zu
berichtigen hätte. Wie die Nationalökonomie überhaupt eine gewisse
Mittelstellung einnimmt zwischen der exacten Naturwissenschaft und der
praktischen Politik: so ist dieser grossartige Aufschwung derselben
einerseits durch die gleichzeitige hohe Blüthe der englischen
«Naturphilosophie,» andererseits durch den Umstand zu erklären, dass
gerade die Parteikämpfe unter Karl II. und Jacob II. die politische
Hochschule des englischen Volkes gewesen sind. -- Die vier
nächstfolgenden Jahrzehnte haben weder Staatsmänner, noch
Staatsinteressen gehabt, welche mit denen im letzten Viertel des 17.
Jahrhunderts zu vergleichen wären. Es mag hiermit zusammenhängen, wenn
sich auch in der nationalökonomischen Literatur dieser Zeit eine
gewisse Abnahme der geistigen Kraft bemerken lässt. Schon der
Eklektiker Davenant ist ein Beweis dafür. Den neuen Aufschwung, welcher
das Leben des englischen Volkes auf seine höchste Höhe führen sollte,
beginnen alsdann David Hume, der Theoretiker, und Lord Chatham, der
praktische Staatsmann.

Sind die vorstehenden Untersuchungen ihrem Hauptinhalte nach begründet,
so wird sich die herkömmliche Ansicht der Nationalökonomen über die
Geschichte ihrer Wissenschaft in drei, nicht unwichtigen, Punkten ändern
müssen.

1) Unsere weitverbreitete Gewohnheit, die ganze Entwickelungsperiode
der Volkswirthschaftslehre, welche den Physiokraten vorausgeht, mit dem
Namen des %Mercantilsystemes% zu bezeichnen, ist allerwenigstens eine
sehr ungenügende. Das bekannte Bild, welches die Lehrbüchertradition
von einem Mercantilisten zu entwerfen pflegt, passt immerhin auf manche
unbedeutendere Schriftsteller des 17. und 18. Jahrhunderts; aber die
bedeutendsten werden keinesweges dadurch getroffen. In einigen Punkten
stimmen sie wohl damit überein; in anderen, ebenso wichtigen, sind sie
völlig davon abweichend. So verschiedenartige Männer, wie Mun, Child,
Davenant, mit dem einen Worte «Mercantilist» zu charakterisieren,
geht ebenso wenig an, als wenn ein katholischer Kirchenhistoriker
alle protestantischen Theologen, von Hengstenberg bis auf Strauss,
mit dem einen Worte «Akatholiken» oder «Häretiker» hinlänglich
meinte bezeichnet zu haben. Kurz, die gewöhnliche Eintheilung der
nationalökonomischen Literatur in Mercantilismus, Physiokratie und
Industriesystem ist zwar bequem genug, in der Wirklichkeit aber ohne
hinreichenden Grund. Allermindestens werden sich unsere Lehrbücher
dazu bequemen müssen, die Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts in
zwei verschiedenen Abschnitten zu behandeln. Der eine, den Continent
betreffende, mag dann immer noch den Titel «Mercantilsystem» führen;
der andere muss überschrieben werden: «ältere englische Schule.»

2) %Adam Smith% ist keinesweges in dem Grade, wie man gewöhnlich
annimmt, Erfinder der von ihm ausgesprochenen Wahrheiten. So wenig wir
gemeint sind, eine absichtliche Verkleinerung seiner Vorgänger bei ihm
vorauszusetzen:[204] so gewiss hat sein wundervolles Talent für System
und Form unabsichtlich dazu beigetragen, diese letzteren mehr, als sie
es verdienen, in Schatten zu stellen. Fast alle Hauptzüge seines
Systemes sind in dem Sinne national, dass sich die Keime derselben bei
der Mehrzahl seiner bedeutenderen Vorgänger nachweisen lassen. Und
selbst im Einzelnen haben gar viele wichtige Resultate des goldenen
Zeitalters ein halbes Jahrhundert oder länger noch vorher ihren
unmittelbaren Vorläufer gehabt.[205] Dem Ruhme Smiths thut diese
Einsicht gewiss keinen Abbruch; ebenso wenig, als wenn die vollkommenere
Entwickelung seiner Lehre durch seine Nachfolger gezeigt wird. Vielmehr
ist es das höchste Lob, welches einem grossen Manne gezollt werden kann,
ihn gleichsam in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, so dass
alles Frühere als Vorbereitung auf ihn, alles Spätere als Entwickelung
von ihm erscheint.

3) Endlich ist auch der Eindruck ein irreführender, welchen so viele
Geschichten der Nationalökonomie zurücklassen, als wenn bis nach der
Mitte des 18. Jahrhunderts die Franzosen und Italiener eine Art von
Alleinbesitz oder doch Vorausbesitz der nationalökonomischen
Wissenschaft gehabt hätten. Seit Cromwells Zeiten, ja schon unter
Elisabeth kann %England% in ähnlicher Weise als das klassische Land der
Volkswirthschaftslehre betrachtet werden, wie es heute dafür gilt. So
sind die Engländer schon damals in manchen Stücken bedeutend weiter
gewesen, als die so sehr viel spätere Physiokratie. Insbesondere hat sie
schon damals ihre nationale Eigenthümlichkeit, die Theorie nur dann zu
erweitern, wenn eine wichtige praktische Frage dazu Anlass gab, zwar von
manchen Fortschritten abgehalten, aber auch vor unzähligen Irrthümern
bewahrt.[206]



Fußnoten

[1] Wie z. B. unsere deutschen Liederkränze, Singakademien, Musikfeste
erst nach dem Tode unserer Mozart und Beethoven ihre volle Ausbildung
erlangt haben.

[2] Das bekannte Werk von _%MacCulloch% The literature of political
economy_ (1845) ist am Ende weiter Nichts, als ein für England
ziemlich reichhaltiger, aber ziemlich übel nach Fächern geordneter
Bücherkatalog, welchen der Herausgeber mit mehr oder weniger
treffenden Randbemerkungen versehen hat. Diejenigen Schriftsteller,
welche mehrere Werke geschrieben haben, sind durch das ganze Buch
zerstückelt: Josiah Tucker z. B. muss aus 11 verschiedenen Orten
zusammengelesen werden. Wie ist da eine historische Charakteristik,
auch nur des Einzelnen, geschweige denn ganzer Perioden und Richtungen
möglich? Vgl. meine Recension in den Göttinger Gelehrten Anzeigen
1846, Stück 163 fg.

[3] _Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus de optimo
reipublicae statu deque nova insula Utopia. (Lovan. 1516. 4.)_ Ich
citiere nach der Cölner Ausgabe in 12. von 1555.

[4] Ob nicht schon der Aufruhr der Londoner Handwerker von 1517, den
Morus selbst, als gewesener Unter-Sheriff, in nächster Nähe beobachten
konnte, zu dieser Sinnesänderung beigetragen hat?

[5] _%Sir F. M. Eden% State of the poor_ I, 112.

[6] Mit welchen die gleichzeitigen Schriften des berühmten
%Fitzherbert%, Richters der _Common pleas_ unter Heinrich VIII.,
zusammenhängen: _Book of husbandry_, und _Book of surveying_.

[7] In der That wurde 1533 ein Gesetz gegeben (_25 Henry VIII.
cap. 13_), dass keine Schafheerde über 2000 Stück halten sollte. Der
Eingang dieses Gesetzes versichert, dass einzelne Eigenthümer bis
24000 Stück besässen.

[8] Die Hauptschwierigkeit aller socialistischen Weltverbesserer!

[9] Die Empfehlung des Selbstmordes für unheilbar Kranke (p. 148)
erinnert gleichfalls an heidnische Ideen.

[10] Es klingt in der That grässlich, wenn _%Harrison% Description of
Britain p. 186_ behauptet, dass Heinrich VIII. insgesammt 72000 grosse
und kleine Diebe mit dem Tode bestraft habe. Unter Elisabeth seien
doch alljährlich 3-400 »vom Galgen gefressen worden.«

[11] Das vorliegende Kapitel kann leider nicht viel mehr sein, als ein
Lückenbüsser, weil die wichtigsten Quellen weder in Leipzig und
Dresden, noch in Berlin und Göttingen aufzutreiben waren. Ich habe
mich desshalb mit den Auszügen, welche neuere englische Schriftsteller
mittheilen, begnügen müssen.

[12] _%J. Law% Money and trade considered, p. 129._ (Glasgow 1750.)

[13] Vgl. _%Sir J. Steuart% Principles of political economy. B. II,
Ch. 3._ Ganz vornehmlich aber %J. Helferich% Von den periodischen
Schwankungen im Werth der edlen Metalle, S. 65-76: eine höchst
schätzbare Arbeit.

[14] _%G. R. Carli% Della moneta: Scrittori classici econom. XIII,
p. 327 ff._

[15] _Sermons (edit. 1575), p. 31 ff._ Vgl. _%Sir F. M. Eden% State of
the poor I, 93. %W. Jacob% An historical inquiry into the production
and consumtion of precious metals: II, Ch. 19._

[16] _%A. Young% Political arithmetic: B. I, Ch. 8._

[17] S. die _Table of prices_ im dritten Bande von _%Sir F. M. Eden%
State of the poor_. Da Eden keine Bürgschaft leistet, dass die von ihm
erwähnten Preise Durchschnittspreise gewesen, so ist diese Quelle mit
Vorsicht zu gebrauchen, und die Abweichung von A. Young darf Niemand
befremden.

[18] Wo ich aber die grosse Hungersnoth von 1523 weggelassen habe.

[19] Vgl. _1 et 2 Phil. et Mary, c. 5. 1 Elizab., c. 11. 5 Eliz. 35
Eliz., c. 7. 1 James I, c. 25._

[20] Wie denn auch _%A. Smith% (Wealth of nations, B. I, Ch. 11)_ die
sinkende Bewegung der Geldpreise von 1570 bis 1640 datirt. Er stützt
sich dabei vorzüglich auf die von Fleetwood berechneten
Durchschnittspreise des Quarters Weizen, die zwischen 1499 und 1560 =
10 S. 5/12 D., zwischen 1561 und 1601 dagegen 2 Pfd. 7 S. 5-1/3 D.
betragen.

[21] Ein Buchhändler, welcher die Schrift 1751 neu auflegte, ergänzte
die Buchstaben _W. S._, ohne weitere Auctorität, vielleicht nur, um
den Absatz zu verbessern, mit dem grossen Namen William Shakespeares.
Der Dichter wäre indess zur Zeit des ersten Erscheinens 17 Jahre alt
gewesen, und ein so reifes, beobachtungsreiches Werk schreibt wohl
Niemand in solchem Alter. Vgl. _%Farmer% On the learning of
Shakespeare_. -- Ausführliche Excerpte des Stafford'schen Buches
findet man bei _%J. Smith% Memoirs of wool, or Chronicon
rusticum-commerciale (London 1747). %A. Young% Political arithmetic B.
I, Ch. 8. %Sir F. M. Eden% State of the poor I, p. 89. 109. 119. %W.
Jacob% l. l. II, Ch. 20._ Wie wenig das Original selbst in England
verbreitet ist, beweiset der Umstand, dass A. Young seine
Mittheilungen aus J. Smith ausschreibt.

[22] Die Form des Gespräches war in jener dramatischen Zeit sehr
beliebt; ich erinnere an die berühmte Schmähschrift gegen Leicester:
_A dialogue between a scholar, gentleman and lawyer. 1584._

[23] Nach Humes treffender Bemerkung hängt diese Zunahme der
_Inclosures_ ganz wesentlich mit der Abnahme der alten Lehnsheere
zusammen.

[24] Uebrigens ist es bekannt genug, dass die englischen
Mittelklassen, sowohl die landbauende, als die gewerbetreibende,
während der grossen Preisrevolution und mit Hülfe derselben erst
rechte Wurzel gefasst haben: auf Kosten einerseits der Handarbeiter,
andererseits der Grundeigenthümer und Gläubiger. Vgl. _%Harrison%
Description of Britain, passim. %Sir F. M. Eden% State of the poor I,
119 ff. %W. Jacob% l. c. II, Ch. 20._ Die Klagen des Mittelstandes
müssen daher grossentheils auf die Unart der meisten Menschen
zurückgeführt werden, mit welcher sie jeden Gewinn, als sich von
selbst verstehend, hinnehmen, jeden Verlust aber laut bejammern.

[25] Nach der ausdrücklichen Versicherung von J. Smith.

[26] Das Verdienst jener Erklärung, die uns so nahe zu liegen scheint,
lässt sich am besten abmessen nach dem Grade ihrer Neuheit und
Seltenheit in damaliger Zeit. Wie die gebildeteren Klassen Englands
über die Ursache der Preisrevolution urtheilten, haben wir eben
gesehen. Das gemeine Volk, das sicher am härtesten litt, schrieb die
Theuerung nicht selten der Aufhebung der Klöster zu. Vgl. _%Percy%
Reliques of ancient poetry (4 edit.)_ II, 296. In Spanien stimmten
Regierung und Cortes dahin überein, dass die Habsucht der
Gewerbetreibenden alle Schuld trage. Aus diesem Grunde verbot man
(zwischen 1550 und 1560) die Ausfuhr des Korns, Viehes, Leders, der
Seide und anderer Waaren. Man suchte ferner den Kleinhandel in seiner
vermittelnden Stellung zwischen Grosshändler und Consument zu
vernichten, um dadurch die Preise wohlfeiler zu machen (%Leop. Ranke%
Fürsten und Völker I, 400 ff.). In Deutschland glaubte man, wie das
Sinken der Geldpreise begann, das factische Monopol der grossen, oft
sogar verbundenen Handlungshäuser sei die Ursache. Die zahlten z. B.
dem portugiesischen Könige mehr für seine Gewürze u. s. w., als er
ihnen abforderte; nur müsste er dagegen versprechen, andere Deutsche
noch mehr zu übertheuern! Um desshalb die Concurrenz der kleinen
Kaufleute zu verstärken, verbot der Reichstag 1522 jede Compagnie, die
über 50000 Gulden Kapital besässe (%Leop. Ranke% Geschichte
Deutschlands im Zeitalter der Reformation II, 42 ff. 134 ff.). Dagegen
hat der französische Theoretiker, %Jean Bodin%, den wahren Grund der
grossen Preiserschütterung richtig erkannt. Dieser schrieb nämlich
[und zwar jedenfalls vor 1584; denn in diesem Jahre erschien das
berühmte Buch _De republica_, in welchem Bodinus der uns hier
interessierenden Schrift bereits Erwähnung thut: _Lib. VI, p. 1028
(ed. 7)_. Der _Discours sur les causes de l'extrème cherté, qui est
aujourdhuy en France_, welcher 1574 erschien, und neuerdings in
_%Cimber% et %Danjou% Archives curieuses de l'histoire de France
(Serie I, Tom. VI.)_ wieder abgedruckt ist, kann als eine erste,
obschon in mancher Hinsicht unvollkommene Ausgabe der _Responsio ad
paradoxa_ betrachtet werden] eine _Responsio ad paradoxa Malestretti
de caritate rerum eiusque remediis_, worin er zuvörderst die
Behauptung Malestroits widerlegt, als wenn die Waaren gegen frühere
Jahrhunderte nicht theuerer geworden wären. Als Gründe der Theuerung
giebt er fünf an: die vielen Monopolien der Kaufleute und
Gewerbetreibenden; die starke Ausfuhr nach Spanien und Italien; die
Laune der Fürsten, welche den Gegenständen ihres Gefallens auch in der
Volksmeinung einen höhern Werth verschafft; den hochgestiegenen Luxus;
ganz besonders aber die so stark vermehrte Quantität des Goldes und
Silbers. Er sucht diesen letzten Grund aus der Entdeckung des Seeweges
nach Ostindien, der Eroberung Amerikas durch die Spanier, dem
Aufblühen des französischen Handels, den vielen Auswanderungen
französischer Arbeiter, die alsdann mit Geld wieder heimkehren, der
Gründung der Lyoneser Bank u. dgl. m. zu erklären: versichert indessen
ausdrücklich, dass er der Erste sei, welcher die vermehrte Gold- und
Silbermenge als eine Ursache der allgemeinen Waarentheuerung
aufstelle. S. p. 33.

[27] _Wealth of nations: Book IV, Chap. 7, Part 1._

[28] S. %meine% Untersuchungen über das Kolonialwesen, erste
Abhandlung, S. 30. (Im Archiv der politischen Oekonomie, Neue Folge,
Bd. VI.)

[29] Wie sehr übrigens die englische Kolonialpolitik schon im ersten
Keime von der spanischen verschieden war, erhellt aus dem Charter,
womit Heinrich VII., einer der klügsten, zugleich nüchternsten
Herrscher seiner Zeit, 1502 eine Gesellschaft von Bristoler Kaufleuten
und portugiesischen Seefahrern zur Vornahme von Entdeckungsreisen
privilegierte. Da heisst es Art. 2 ausdrücklich, dass sich in den neu
entdeckten Ländern Männer und Weiber aus England frei sollen ansiedeln
können; weiterhin aber, dass der Verkehr mit den Kolonien auf
englische Unterthanen beschränkt bleiben müsse. (_%Rymer% Foedera
XIII, 37._) Vgl. %meine% Untersuchungen u. s. w., dritte Abhandlung,
S. 266. (Archiv, N. F., Bd. VII.)

[30] _%R. Hackluyt% Voyages, navigations, traffiques and discoveries
of the English nation (1600), Vol. III, p. 22 ff._

[31] Auch in den höheren Ständen wurde die Uebervölkerung sehr lebhaft
gefühlt. Man schreibt die vielen Unruhen seit 1571 namentlich mit der
grossen Menge von aussichtslosen jüngeren Söhnen vornehmer Familien
zu: vgl. _%Hume% Chap. 40_

[32] %Hackluyt% III, 152 ff. Die Redaction ist von einem Gefährten
Gilberts verfasst.

[33] Zu diesen gediegenen Ansichten steht der leidenschaftliche Eifer,
womit Gilbert im Parliamente von 1571 das Kron-Monopolienrecht
vertheidigte, freilich in einem sonderbaren Contraste.

[34] _%Hackluyt% III, p. 45 ff._

[35] _%Hackluyt% III, p. 165 ff._

[36] _%Hackluyt% III, p. 182 ff._

[37] Abgedruckt in dem grossen Werke von _%Sam. Purchas% Pilgrims
(1625), Vol. IV, p. 1809 ff._ Hiermit sollte die, im Jahre 1587
verfasste, Schrift von THOMAS HARIOT verglichen werden: _A briefe and
true report of the new found land of Virginia, of the commodities
there found and to be raised, as well merchantable as others.
(%Hackluyt% III, p. 266 ff.)_ Dieser Hariot, einer der ersten
Mathematiker seiner Zeit, war von Raleigh der Expedition beigegeben,
welche 1585 unter Leitung von Ralph Lane die Kolonisierung Virginiens
ernstlich versuchte. Seine Aufgabe bestand darin, das Land
wissenschaftlich zu untersuchen; und er hat die Ergebnisse einjähriger
Forschung an Ort und Stelle in der angeführten Schrift, gewiss einer
der frühesten statistischen Uebersichten, musterhaft veröffentlicht.
Die Gesichtspunkte sind wesentlich dieselben, wie bei Peckham,
Carleill, Hackluyt u. A. Es werden die Producte Virginiens mit grosser
Vollständigkeit aufgeführt: zuerst die für den Handel geeigneten;
sodann diejenigen, welche zur Nahrung der Kolonisten brauchbar sind;
zuletzt die Baumaterialien u. s. w. Eine vortreffliche Schilderung der
Eingebornen, sowie des Klimas u. s. w. in gesundheitlicher Beziehung,
macht den Schluss. Das Scheitern der Unternehmung, deren einziger
praktischer Erfolg in der Einführung der Tabakspflanze nach Europa
bestand, wird von Hariot der Unwissenheit und Bequemlichkeit, sowie
zum Theil auch dem blinden Golddurste der Kolonisten zugeschrieben.
Nach alle Diesem bildet sein Bericht im Inhalte keinen Gegensatz zu
dem _Virginias Verger_, desto mehr im Tone, welcher dort im höchsten
Grade nüchtern und streng wissenschaftlich, hier aber phantastisch und
puritanisch-religiös ist. Man kann den Unterschied der
Elisabeth-Shakespeare'schen Zeit und der einbrechenden
puritanisch-revolutionären Periode nicht deutlicher markieren.

[38] Ich benutze die Oxforder Ausgabe der _Works_ in acht Bänden:
1829. Vgl. die gediegene kritische Abhandlung über Raleighs Leben im
_Edinburgh Review, Vol. LXXI_.

[39] _Works VIII, 351 ff._ Diese Schrift ist zuerst im Jahre 1603, und
dann wieder kurz vor Raleighs Hinrichtung Jacob I. vorgelegt worden
(_Preface_), und die gewöhnliche Ansicht schreibt sie Raleigh selber
zu: so z. B. _%Anderson% a. 1603_. Auf der andern Seite behauptet _%J.
Smith%, Memoirs of wool I, p. 144_, sie rühre von einem Londoner
Alderman, Namens Cockaigne, her. Raleigh selber scheint die letztere
Ansicht zu begünstigen; denn in einer unzweifelhaft ächten Schrift: _A
discourse of the invention of ships etc. (Works VIII, p. 333)_ nennt
er den Verfasser _a gentleman to me unknown; but so far as I can judge
he has many things very considerable in that short treatise of his,
yea both considerable and praiseworthy_. Und in dem Widmungschreiben,
womit er die zweite Ueberreichung an Jacob I. begleitet, um die,
vermuthlich vergessene, Schrift in neue dringende Erinnerung zu
bringen, nennt er sie _a book of extraordinary importance for the
honour and profit of your majesty and posterity_. Ob nun die
Anonymität eine blosse Maske gewesen ist, wage ich nicht zu behaupten;
jedenfalls aber können wir nach den obigen Aeusserungen den
Hauptinhalt dieser Schrift als von Raleigh gebilligt ansehen.

[40] Vgl. unten S. 47.

[41] _On the seat of government: Works VIII, p. 539._

[42] _The discovery of Guiana, Pref. to the reader._

[43] _History of the world, B. I, Ch. 8. §. 4._

[44] _A discours of war in general: Works VIII, p. 257 ff._

[45] _History of the world, B. V, Ch. 2, §. 4._ Ohne Zweifel ein
Anklang aus Aristoteles Politik!

[46] _Edinburgh Review, l. l., p. 72._

[47] _Edinburgh Review p. 40._ Vgl. jedoch unten S. 41, Anm. 1.

[48] Eine so massenhafte, fast schulmässige Verbreitung der richtigen
Ansicht vom Wesen des Reichthums, wie sie im vorstehenden Kapitel
geschildert ist, suchen wir bei den meisten anderen Völkern jener Zeit
vergebens. Sporadisch jedoch lässt sie sich allerdings auch ausserhalb
Englands nachweisen. Ich erinnere an %Sully%. Aber selbst in Spanien
urtheilte um 1640 _%Diego Saavedra Faxardo% Idea principis christiani,
centum symbolis expressa (Amstelod. 1665), p. 590: Potissimae divitiae
ac opes terrae fructus sunt: nec ditiores in regnis fodinae, quam
agricultura. Plus emolumenti acclivia montis Vesuvii latera afferunt,
quam Potosus mons cum intimis suis visceribus, licet argentiferis._


[49] Zuerst in englischer Sprache 1605 erschienen.

[50] Vgl. _Sermones fideles, Cap. 29_.

[51] Einen höchst merkwürdigen Beitrag hierzu hat Bacon selbst
geliefert: _De sapientia veterum, Cap. 19_; wo er die Dädalossage mit
dem glücklichsten Scharfsinne als eine Allegorie der regelmässigen
Entwickelung von Kunst und Gewerbfleiss behandelt. Diess Buch ist 1610
erschienen.

[52] _Novum Organon I, 4. (1620.)_

[53] _Descriptio globi intellectualis, Cap. 2._

[54] _Sermones fideles, Cap._ 34 und 28. Der erste Theil dieses Buches
ist bekanntlich schon 1597 erschienen.

[55] _Sermones fideles, Cap. 15 (De seditionibus et turbis.)_ Freilich
ist der vulgäre Irrthum, als könne jedes Land im Handel nur soviel
gewinnen, wie irgend ein anderes verloren habe, soviel ich weiss, erst
durch _%J. Tucker% Tracts on political and commercial subjects (1776),
p. 42 ff._ recht beseitigt worden.

[56] _Historia regni Henrici VII, p. 1038. (Edit. Lips. 1694.)_ Zum
Theil mit denselben Worten: _De dign. et augm. scientiarum VIII, 3_
und _Sermones Cap. 29_ gepriesen. Die _Historia_ ist 1622 erschienen.

[57] Die z. B. in Frankreich erst unter Ludwig XV thatsächlich ausser
Uebung kamen.

[58] _Sermones Cap. 15. 29._ _Sorti reipublicae nihil addunt_, heisst
es in der erstern Stelle: also ein Vorläufer der spätern
physiokratischen Ansicht von den unfruchtbaren Klassen.

[59] _%Salmasius% De usuris_ ist 1638 erschienen, _De modo usurarum_
1639, _De mutuo_ 1640.

[60] _%D. Hume% History of England, Ch. 44, App. 3._

[61] _Sermones fideles Cap. 34._ Den letztern Grund führt schon
%Dante% an, wesshalb die Zinsgläubiger in der Hölle schmachten:
_Divina Commedia, Inferno XI, 106 ff._

[62] Auch %Hugo Grotius% (_De iure belli et pacis II, 12, 20 sq._)
billigt im Grunde das Zinsnehmen; die biblischen Verbote, die er von
den Gegenbeweisen allein anerkennt, will er nur für einen solchen
Zinsfuss gegeben wissen, welcher das Risico des Darleihers, das eigene
Gewinnentbehren desselben, seine Mühe u. s. w. übersteigt. Dagegen
meinte %Sir Walter Raleigh% (_The cabinet-council: Works VIII,
p. 49._), es sei gerade damals eine Beschränkung des Wuchers um so
nothwendiger, weil aus Indien so viel Geld einströme; Menschen, die
viel Geld in ihrer Hand haben, werden Wuchergeschäfte, dafern sie
gesetzlich erlaubt sind, immer sicherer und einträglicher finden, als
andere Handelszweige.

[63] _De vicissitudine rerum: Sermones fideles Cap. 56._

[64] _%Purchas% Pilgrims IV, p. 1766. %Bancroft% History of the U.
States I, 161. 340._

[65] Ueber die fruchtlosen Versuche, unter Leitung des Grafen von
Essex 1573 in Ireland englische Kolonien zu gründen, und zwar auf
confiscierten Ländereien, vgl. %Lingard% VIII, 150 fg. Ueber den
Erfolg der von Bacon angeregten Pläne Jacobs I: Idem IX, 200 ff.

[66] _Famous among merchants_, wie sein Sohn in der Vorrede des
posthumen Werkes sich ausdrückt.

[67] _%Misselden% Circle of commerce, (1623) p. 36._

[68] _%MacCulloch% Literature of political economy, p. 38._

[69] Nach eigenen Aeusserungen des Verfassers in dem posthumen Werke.

[70] Eine ähnliche, obwohl schwächere Vertheidigung des ostindischen
Handels (von _%Sir Dudley Digges%_) erschien zu London 1615: _The
defence of trade, in a letter to Sir Thomas Smith, governor of the E.
J. Companie etc. From one of that societie._

[71] Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine weitergehende Bemerkung
nicht unterdrücken. Es ist nämlich die Gunst oder Ungunst der Bilanz
von jeder volkswirthschaftlichen Theorie nach demjenigen Momente
beurtheilt worden, welches ihr als das für den Volksreichthum
wichtigste galt. Also von den Mercantilisten nach der Geldmenge; von
Männern, wie Sonnenfels, Forbonnais, Necker, nach der Zahl der
beschäftigten und ernährten Menschen; von den heutigen Engländern nach
der Productivität der nationalen Arbeit. Während bei diesen letzten
die günstige Bilanz nur secundäre Ursache, fast bloss Symptom des
grössern Volksreichthums ist, war sie bei den ersten ausschliesslich
Ursache desselben.

[72] In demselben Menschenalter hatte auch _%Lewis Roberts%_,
Verfasser einer damals sehr berühmten Handelsencyklopädie (_The
merchants mappe of commerce. 1638._), sich für die freie Ausfuhr der
edlen Metalle ausgesprochen; in der Schrift: _The treasure of
trafficke, or a discourse of forraigne trade. 4. London 1641._

[73] Er hat in dieser Hinsicht einen vortrefflichen Kampfgenossen in
%Sir Robert Cotton%, dessen ausgezeichnete Rede wider die
beabsichtigte Verschlechterung der Münzen, am 2. September 1626 vor
den Lords des Geheimen Rathes gehalten, und mehrmals herausgegeben
ist: so 1641, 1651 und 1679: vgl. _%MacCulloch% Literature, p. 155_.
Es ist ein Ruhm für England, diese hochwichtige Frage theoretisch so
früh gelöst zu haben, während z. B. in Italien noch _%Galiani% (Della
moneta III, 3)_ eine sophistische Apologie der Münzverschlechterungen
wagen konnte.

[74] _Leviathan Cap. I_ und _passim_.

[75] Die letztere Schrift 1642, die erstere 1651 erschienen.

[76] _Ego huic homini (vel huic coetui) auctoritatem et ius meum
regendi meipsum concedo, ea conditione, ut tu quoque tuam auctoritatem
et ius tuum tui regendi in eundem transferas._ (_L. 17_; vgl. _C. 5_.)
Die erstaunliche Consequenz, mit welcher Hobbes diesen Grundgedanken
ausführt, zeigt sich am klarsten im Inhaltsverzeichnisse von _C. 12_:
_Iudicationem boni et mali ad singulos pertinere, seditiosa opinio.
Peccare subditos (posse) obediendo principibus suis, seditiosa opinio.
Tyrannicidium esse licitum, seditiosa opinio. Subiectos esse legibus
civibus etiam eos, qui habent summum imperium, seditiosa opinio.
Imperium summum posse dividi, seditiosa opinio. Fidem et sanctitatem
non studio et ratione acquiri, sed semper supernaturaliter infundi et
inspirari, seditiosa opinio. Civibus singulis esse rerum suarum
proprietatem sive dominium absolutum, seditiosa opinio, cett._ (Vgl.
_Leviath. 29_.)

[77] Diese Idee ist bekanntlich unter dem langen Parliamente, durch
Gründung des englischen Accisesystems, recht praktisch geworden,
während es vorher bloss directe Steuern und Zölle gegeben hatte. Da
die Accisen nur insofern bedeutenden Ertrag gewähren, als sie von den
Consumtionsgegenständen der Mittelklasse erhoben werden, so findet man
bei den meisten Völkern, dass sie erst auf einer Kulturstufe
entstehen, wo schon ein ansehnlicher Mittelstand gebildet ist.

[78] _The Oceana of %James Harrington% and his other works. The whole
collected, methodiz'd and review'd etc. by %John Toland%. (London
1700.)_

[79] _Oceana, p. 39 ff. System of politics, p. 497 ff. (Ch. 2. 3.)_

[80] _The prerogative of popular government, p. 246 ff. (B. I, Ch.
3.)_

[81] _The prerogative etc., p. 243. 249. (B. I, Ch. 3.)_

[82] a. a. O. p. 249. Auch %Toland% (_Life of J. Harrington,
p. XVIII_) stellt die Entdeckung seines Helden mit derjenigen des
Schiesspulvers, der Buchdruckerei, der optischen Gläser u. s. w.
zusammen.

[83] _The art of lawgiving, p. 388 ff. (B. I, Ch. 2.)_

[84] _The prerogative of popular government, p. 291. (B. I, Ch. 11.)_

[85] _The art of lawgiving, p. 392. (B. I, Ch. 3)_

[86] _Oceana, p. 102 ff._

[87] _The prerogative of a popular government, p. 245. (B. I, Ch. 3.)_

[88] u. a. O. p. 300 fg. (_B. I, Ch. 11._)

[89] Sein Leben ist so wenig bekannt, dass selbst sein grosser
Verehrer, Sir J. Child, nur sagt, er scheine ein Landedelmann gewesen
zu sein.

[90] Vgl. den Vorwurf von _%J. Mill% History of British India I, 95_:
dass er den Nutzen des ostindischen Handels absichtlich übertrieben
habe.

[91] _Land and trade are twins: it cannot be ill with trade, but land
will fall, nor ill with land, but trade will feel it._ (_Pref._)

[92] Von Roger Coke, welcher diess behauptet hatte, s. unten Kapitel
VIII.

[93] Es ist darum sehr auffallend, dass ein so kluger Mann, wie
%Anderson% (_Historical etc. deduction of commerce II, a. 1670_), ihm
diese Vorliebe für Holland mehrfach übelnimmt. Auch ist Child
entschieden der Hoffnung, dass England seinem Vorbilde recht bald
nachkommen werde (p. 43 ff.).

[94] Derselbe Punkt ist nachher besonders von %Davenant% sehr
energisch hervorgehoben: _Works I, 448 ff._

[95] Uebrigens hat es damals an intelligenten Vertheidigern des
englischen Erstgeburtsrechtes nicht gefehlt. Der berühmte Jurist, %Sir
Matthew Hale%, ist der Ansicht, dass die gleichen Erbtheilungen eine
Herabdrückung der ländlichen Familien unter das Mass wahrer
Steuerfähigkeit herbeiführen; dass hingegen das Vorrecht des
Erstgeborenen im Grundbesitze die jüngeren Geschwister zu Handel und
Gewerbfleiss antreibt u. s. w. (_History of the common law of England,
Ch. 11._)

[96] Bei _%Forbonnais% Recherches et considérations sur les finances
de la France I, 418 ff._

[97] _%Sir W. Temple% Observations on the Netherlands. (1675.)_

[98] Unterstützt nachmals von _%Davenant% Works II, 207_.

[99] Es war damals in England sehr controvers, ob die Navigationsacte
mehr genützt, oder geschadet habe. So versichert z. B. %Roger Coke%
(s. unten Kapitel VIII), es sei der Schiffbau in England um 1653 wohl
etliche dreissig Procent theuerer gewesen, als vor der Navigationsacte
1651; auch die Matrosenlöhne seien dermassen gestiegen, dass England
seinen russischen und grönländischen Handel völlig an die Holländer
verloren habe. Doch spricht um dieselbe Zeit der berühmte Holländer
_%Jean de Wit% Mémoires_ _p. 220 ff._ die Befürchtung aus, das Gesetz
werde einen grossen Theil der holländischen Rhederei nach England
hinüberziehen.

[100] In der Praxis hatten die Engländer schon seit 1663 das alte
Verbot, Geld auszuführen, auf die in England selbst geprägten Münzen
beschränkt.

[101] Von einer andern Seite her wird diese Ansicht in folgender,
höchst merkwürdigen Broschüre unterstützt: _Reasons for a limited
exportation of wool. London 1677._ (_24 p._ in 4.) Ihr zufolge soll
die Prohibition mit einem billigen Ausfuhrzolle vertauscht werden. Und
zwar wird als Hauptgrund dafür angegeben, dass die Landbesitzer des
Königreiches ein wichtigeres Interesse verträten, als die Paar
Wollarbeiter und Kaufleute, welche Manufacturwaaren ausführen. 1) Weil
jene die Herren und Eigenthümer vom Grunde alles Nationalreichthums in
England sind, indem aller Profit aus dem, ihnen gehörenden, Boden
entspringt. 2) Weil sie alle Steuern und öffentlichen Lasten tragen;
indem diese allein auf diejenigen drücken, welche kaufen, ohne zu
verkaufen. Die Verkäufer nämlich pflegen, der Steuer entsprechend,
ihre Waarenpreise zu erhöhen, oder die Güte ihrer Waaren zu
verschlechtern (p. 5).

[102] Wie bedeutend Child noch lange nach seinem Tode geschätzt wurde,
erhellt z. B. aus _%J. Gee% The trade and navigation of Great-Britain
considered_ (1730) recht deutlich. Im Jahre 1797 nennt ihn _%Sir F. M.
Eden% (State of the poor I, 187)_, also ein Mann, welcher dem Adam
Smith'schen Standpunkte angehört, _this acknowledged oracle of trade_.

[103] Vgl. _%Evelyn% Memoirs I, 474 fg. (4. ed.)_

[104] Die Originale sind zum Theil verbrannt; dagegen finden sich
Copien im Besitze der Pariser Bibliothek, welche Petty für sich hatte
anfertigen lassen, die aber auf der Ueberfahrt nach England von einem
französischen Kaper genommen waren. (_%MacCulloch% Literature of
political economy, p. 211._)

[105] Vgl. das Leben Pettys in der Londoner Ausgabe seiner _Essays_
von 1755.

[106] _%Pepys% Diary II, 145._ (_ed._ in 8.)

[107] _Five Essays in political arithmetick (1687), No. 3. (Several
Essays p. 78 ff.)_

[108] _Political anatomy of Ireland, p. 54 ff._

[109] _Several essays, p. 54._

[110] _Political anatomy, p. 18._

[111] _Political anatomy, p. 48 ff._

[112] _Ibidem, p. 50._

[113] _Several essays, p. 35._

[114] _Political anatomy, p. 42 fg. 91 ff._

[115] _Political anatomy, p. 101 fg._

[116] Vgl. %mein% Leben, Werk und Zeitalter des Thukydides (1842), S.
133 ff.

[117] Dieser Titel verdankt wohl der Freundschaft und
Geistesverwandtschaft mit Hobbes seinen Ursprung.

[118] _Several essays, p. 98: to express myself in terms of number,
weight or measure, to use only arguments of sense, and to consider
only such causes, as have visible foundations in nature;....
observations, which if they are not already true, certain and evident,
yet may be made so by the sovereign power._

[119] _%Davenant% Commercial and political works II, 169 fg._

[120] _Several essays, p. 93._

[121] Hierher mag es rühren, dass _%Halley%_ in seiner Schrift _An
estimate of the degrees of the mortality of mankind_ und _%Evelyn%
Memoirs I, 475_ die eigentliche Urheberschaft des Graunt'schen Werkes
unserm Petty zuschreiben: eine Ansicht, welche _%M'Culloch%
Literature, p. 271_ sehr richtig damit widerlegt, dass es gar nicht in
Pettys Charakter liege, die Ehre einer so trefflichen und anerkannten
Leistung fälschlicher Weise auf Andere zu übertragen.

[122] In der angeführten Abhandlung: _Philosophical transactions,
London 1693_.

[123] _Several essays, p. 96._

[124] Frankreich war damals nicht allein politisch und literarisch das
erste Land der Welt, sondern es schien auch, unter Colberts Leitung,
begründete Aussicht auf eine volkswirthschaftliche Suprematie zu
haben. Die Unterthanen Karls II. glaubten desshalb ihren Handel und
Gewerbfleiss von Frankreich her ebenso bedrohet, wie es ihre
parliamentarische Freiheit, ihre protestantische Confession und ihre
nationale Sitte in der That waren. Hieraus erklärt sich der grosse
Anklang, welchen die Behauptung von Englands nationalökonomischem
Sinken fand. Bei der Unvollkommenheit aller damaligen Statistik war
sie schwer zu bekämpfen. _%Samuel Fortrey% Englands interest and
improvement, consisting in the increase of the store and trade of this
kingdom_, (1663) eröffnet die Controverse. Ausser einigen Bemerkungen
zu Gunsten der _Enclosures_ und der Ansiedelung Fremder in England,
wird hier auf Grund einer angeblichen Untersuchung Ludwigs XIV. die
Ansicht durchgeführt, dass Frankreich eine Ausfuhr nach England =
2600000 Pfund St. jährlich habe, während die Engländer nur für etwa
1000000 Pfund St. nach Frankreich exportierten. Also eine für England
ungünstige Bilanz (_clear loss_) von 1600000 Pfund St. jährlich
(p. 22 ff.). Der grosse Schrecken, der durch solche angebliche
Thatsachen hervorgerufen wurde, hat dann ungemein dazu beigetragen,
das englische Volk für Beschränkungen und Verbote des französischen
Handels günstig zu stimmen. -- _%Roger Coke% A treatise, wherein is
demonstrated, that the church and state of England are in equal danger
with the trade of it. 1671. Reasons of the increase of the Dutch
trade, wherein is demonstrated, from what causes the Dutch govern and
manage trade better than the English. 1671. Englands improvement, in
two parts (the first part relates to the strength and wealth, and the
latter to the navigation of the kingdom). 1675._ Alle drei Schriften
in 4. und zu London erschienen. Hier wird die Voraussetzung, als wenn
England im Sinken begriffen wäre, ausser der ungünstigen Bilanz noch
durch die grosse Entvölkerung erklärt, welche die Pest und die vielen
Auswanderungen nach Amerika, Ireland u. s. w. bewirkt hätten. Auch die
Folgen der Schifffahrtsacte und der Elisabeth'schen Armengesetzgebung
werden als nachtheilig geschildert. Dagegen empfiehlt Coke u. A. die
Naturalisierung fremder Protestanten, die Wiederherstellung der freien
Vieheinfuhr aus Ireland, die Oeffnung der geschlossenen Corporationen
u. s. w. -- Eine höchst merkwürdige Gegenschrift ist _Englands great
happiness, or a dialogue between Content and Complaint, wherein it is
demonstrated, that a great part of our complaints is causeless. By a
real and hearty lover of his king and country. 4. London 1677._ Hier
finden wir u. A. folgende Ueberschriften über den Kapiteln: _To export
money our great advantage. The French trade a profitable trade.
Variety of wares for all markets a great advantage. High living a
great improvement to arts. Invitation of foreign arts a great
advantage. Multitudes of traders a great advantage. The word
impossible a great discourager of arts._ Der Verfasser ist überall ein
warmer Vertheidiger der Handelsfreiheit, während seine Gegner eben
Diejenigen sind, auf welche das übliche Bild des Mercantilsystems
verhältnissmässig am besten passt. Der zufriedene Unterredner unseres
Buches giebt dem _Complaint_ die Richtigkeit der Fortrey'schen Bilanz
immerhin zu; gleichwohl erklärt er den französischen Handel für
nützlich, weil er nützliche oder doch angenehme Waaren einführt. Es
würde nur ein noch höherer Grad von Nützlichkeit sein, wenn die
Franzosen, statt englischen Geldes, englische Waaren zurücknähmen.
Schon hier findet man die, neuerdings so üblich gewordene,
Argumentation, dass ja Privatleute nicht immer bloss von solchen
kaufen, an die sie unmittelbar wieder verkaufen können; warum sollte
es denn im internationalen Verkehre so völlig anders sein? --
_Britannia languens, or a discourse of trade: shewing the grounds and
reasons of the increase and decay of land-rents, national wealth and
strength. 8. London 1680._ Hier werden als Ursachen des
wirthschaftlichen Verfalles von England (_consumptive condition_)
besonders folgende angegeben: die Ausfuhr von Geld, die Einfuhr von
Luxuswaaren, zumal aus Frankreich, die Schifffahrtsgesetze, die
Privilegien der ostindischen Compagnie und anderer
Handelsgesellschaften, die Corporationsvorrechte u. dgl. m. Vgl.
_%MacCulloch% Literature, p. 39 ff._

[125] _A treatise of taxes and contributions, p. 31._

[126] _Ibidem, p. 67._

[127] _Ibidem, p. 24._

[128] _Political anatomy of Ireland, p. 62 ff._

[129] _Several essays, p. 171._

[130] _Political anatomy of Ireland, p. 125._

[131] _Quantulumcunque concerning money._

[132] _Political anatomy of Ireland, p. 54._

[133] _Ibidem, p. 62 fg._

[134] _Several essays, p. 147 ff._

[135] _Several essays, p. 123 ff._

[136] _Political anatomy of Ireland, p. 65._

[137] _Verbum sapienti, p. 10. Several essays, p. 123._

[138] _Several essays, p. 127 fg._

[139] _Political anatomy of Ireland, p. 85 ff._

[140] _Ibid. p. 115._

[141] _Several essays, p. 4 ff._

[142] _Political anatomy of Ireland, p. 25._

[143] _Several essays, p. 17._

[144] _Ibid. p. 107 fg. 147._

[145] _Ibid. p. 113._

[146] Vgl. _%Anderson% a. 1580. 1593. 1630._ Man denke namentlich an
die Geldstrafen, welche Karl I. 1634 von den neuerbauten Londoner
Häusern forderte.

[147] _Several essays, p. 23 ff._ In derselben Zeit ist das Anwachsen
der grossen Städte noch durch eine andere, anonyme Schrift ebenso
eifrig, wie geschickt vertheidigt worden: _An apology for the builder;
or a discourse showing the cause and effects of the increase of
building. 4. London 1685._ Denn noch das Parliament von 1685 hatte auf
Andringen der Landgentlemen beschlossen, die neuerbauten Häuser
Londons schwer zu besteuern, ja für die Zukunft den weitern Häuserbau
im Londoner Stadtbezirke ganz zu verbieten.

[148] _Political anatomy of Ireland, p. 82. Verbum sapienti, p. 17._

[149] _Quantulumcunque concerning money. Political anatomy, p. 82.
67._

[150] _Verbum sapienti, p. 16 fg._

[151] _Several essays, p. 179. Political anatomy, p. 116._

[152] _Quantulumcunque concerning money._ Gewiss ein bedeutender
Fortschritt gegen Mun oder Child!

[153] _Political anatomy, p. 74._

[154] _Several essays, p. 113. 126. 159._ Mancher Neuere, der auf
solche «mercantilische Irrthümer» vornehm hinunterblickt, sollte nicht
vergessen, dass sich der auswärtige Handel regelmässig viel eher
entwickelt, als der inländische. Die älteren Mercantilisten haben
desshalb mit ihrer Höherschätzung des auswärtigen Handels eine für
ihre Zeit völlig begründete Thatsache ausgesprochen, nur freilich mit
ungenügender Erklärung.

[155] _Quantulumcunque concerning money. Political anatomy, p. 72._

[156] _Political anatomy, p. 67._

[157] _Several essays, p. 120 fg._ Bei dieser Gelegenheit scheint es
angemessen, beiläufig der wichtigsten Schriften zu gedenken, welche in
England die Entstehung der grossen %Bank% theils vorbereitet, theils
begleitet haben: vgl. _%MacCulloch% Literature, p. 158 ff._ Eines an
Cromwell gerichteten Pamphlets in Folio von dem Kaufmanne %Samuel
Lamb% (1657) gedenkt _%Anderson% II, a. 1651_. _%W. Potter% The
tradesman's jewel; or a safe, easie, speedy and effectual means for
the incredible advancement of trade and multiplication of riches etc.,
by making bills become current instead of money. 4. London 1659. %Fr.
Cradocke% An expedient for taking away all impositions and for raising
a revenue without taxes, by creating banks for the encouragement of
trade. 4. London 1660. %Matth. Lewis% Proposals to the king and
parliament; or a large model of a bank, showing how the fund of a bank
may be made without much charge or any hazard, that may give out bills
of credit to a vast extent. 4. London 1678._ -- Mit der wirklich zu
Stande gekommenen Bank von England hängen zusammen: _A short account
of the intended bank of England. 4. London 1694._ (Von Michael
Godfrey, erstem _Deputy-Governor_ der Bank, und einem der thätigsten
Gehülfen Patersons.) _%Will. Paterson% Conferences on the public debts
by the Wednesday-Club in Friday-Street. 4. London 1695._ Viele Gegner
der Bank meinten damals, ein solches Institut könne bloss in einem
Freistaate bestehen, und werde England in einen solchen verwandeln.
Andere wieder fürchteten, der König werde dadurch unbeschränkt werden.
Auch in Bezug auf die mercantilen Folgen der Anstalt waren die
Erwartungen einander entgegengesetzt. Einige besorgten, die Bank würde
allen Handel erdrücken; Andere wieder, sie würde alles Geld in den
Handel ziehen, und auf solche Art die Bodenpreise erniedrigen. Gegen
allerlei religiöse Bedenken mussten sich die Freunde der Bank auf
Evang. Luc. XIX, 23 berufen. -- Ein theoretisch lehrreicher Seitenweg
wurde empfohlen durch _%R. Murray% A proposal for a national bank,
consisting of land, or any other valuable securities or depositums. 4.
London 1695. %H. Chamberlen% The constitution of the office of land
credit declared in a deed. Enrolled in chancery a. 1696. 12. London
1698._ Diese Männer verfolgten den Plan, ihre Bank und das von
derselben auszugebende Umlaufsmittel auf den Werth von Grundstücken zu
basieren: ein Gedanke, welcher bekanntlich den Schriften und
praktischen Schwindeleien von J. Law zu Grunde liegt. Ich werde
desshalb in der zweiten Abhandlung, welche das 18. Jahrhundert bis
David Hume und Adam Smith enthält, hierauf zurückkommen müssen.
_%Asgill% Several assertions proved in order to create another species
of money than gold (London 1696)_ unterstützte das Chamberlen'sche
Project mit Gründen, welche ganz an die spätere Physiokratie erinnern.
«Was wir Waaren nennen, ist weiter Nichts, als vom Boden losgetrenntes
Land. _Man deals in nothing, but earth!_ Die Kaufleute sind die
Factoren der Welt, um einen Theil der Erde gegen den andern zu
vertauschen.»

[158] _%Malthus% Principles of political economy, p. 345-522._

[159] _Political anatomy, p. 81. 96 fg._ Die Fruchtbarkeit jener
Eintheilung in zwei Volksklassen ist auch neuerdings wieder von einem
ausgezeichneten Nationalökonomen bethätigt worden: %F. B. W. Hermann%
Staatswirthschaftl. Untersuchungen, S. 354 ff.

[160] _Ibid. p. 82 ff._

[161] _Political anatomy, p. 30. 32 ff. 99. 122 fg._ Die Einfuhr des
lebendigen Viehes war schon 1663, die des gesalzenen Fleisches von
Ireland 1666 verboten.

[162] _Several essays, p. 164 fg._

[163] In der Schrift _Verbum sapienti_, welche während des
holländischen Krieges von 1665 bis 67 geschrieben ist, um eine bessere
Vertheilung des unerträglich gewordenen Steuerdruckes anzurathen.

[164] _Several essays, p. 125 ff._

[165] _Ibidem, p. 129._

[166] _Ibidem, p. 166._

[167] _Ibidem, p. 130 ff. Political anatomy, p. 78._ Vgl. %meine%
Ideen zur Politik und Statistik der Ackerbausysteme, dritte
Abhandlung, S. 11 ff. (Im Archiv der politischen Oekonomie, Neue
Folge, Band IV.)

[168] Vgl. die Lebensbeschreibungen des Lord Guildford und des Sir
Dudley North von dem Bruder der Beiden, _%Roger North%_; ferner
_%Macaulay% History of England, Ch. 4_. Lord Guildford gehörte zu den
hervorragenden Mitgliedern der s. g. Trimmerpartei, obschon es ihm an
der Charakterstärke, welche allein ein würdiges Juste-Milieu möglich
macht, am allermeisten fehlte.

[169] Wenn eine grosse politische Umwälzung das Volksleben erschüttert
und losgefesselt hat, so ist es nicht ungewöhnlich, dass auch auf
anderen Gebieten, welche den brennendsten Fragen des Augenblicks
ferner liegen, heterodoxe Ansichten geäussert, und mit rücksichtsloser
Consequenz vertheidigt werden. Man denke nur an die merkwürdigen
Parliamentsverhandlungen vom 2. Februar 1689, welche der Abfassung der
_Declaration of Rights_ vorausgingen.

[170] Schon _%Roger North%_ konnte in den Lebensbeschreibungen seiner
Brüder, indem er die geistvollen Ansichten des Sir Dudley über
nationalökonomische Gegenstände erwähnt, die Bemerkung hinzufügen,
dass kein Exemplar seiner Schrift für Geld mehr zu haben sei. (_Life
of Lord Guildford, p. 168. Life of Sir Dudley North, p. 180 fg._:
beide in der 4. Ausgabe.) Die in jenen Biographien mitgetheilten
Auszüge haben alsdann mehr als Einen Sachkundigen zu einer sorgsamen
Nachforschung nach dem Originale gereizt. Doch umsonst. Wie ein
verloren gegangener alter Klassiker, musste das Buch wiedergefunden
werden; und zwar geschah diess auf der Bücherauction des bekannten
Numismatikers Ruding, worauf dann zu Edinburgh 1822 ein neuer Abdruck
veranstaltet wurde. Das mir vorliegende Exemplar ist 1846 bei Adam und
Charles Black in Edinburgh erschienen, 42 Seiten in 4.

[171] Es fand gerade damals eine grosse Productionskrisis in England
statt, von der auch Locke handelt: eine sehr begreifliche Folge der
innern Revolution und des gleichzeitigen äussern Krieges.

[172] Vgl. das folgende Kapitel.

[173] Sonst hat mein College und Freund, G. Hartenstein, gewiss Recht,
wenn er aus der obigen Stelle, die allerdings viel Heterogenes
zusammenwirft, den Schluss zieht, dass North in der eigentlichen
Philosophie nicht eben zu Hause gewesen. Seine im Orient und in
Handelsgeschäften hingebrachte Jugend wird ihn an dergleichen Studien
verhindert haben; und es ist nicht schön, dass er durch anscheinende
Belesenheit diess verdecken wollte.

[174] Vgl. oben S. 59.

[175] Locke war einer der ersten _Commissioners_ dieser Behörde: vgl.
_%Sir F. M. Eden% The state of the poor I_, _p. 244 ff._

[176] _Of civil government_, §. 25-51. Wer die grosse Rolle kennt,
welche der Begriff _Property_ in den Actenstücken, Parliamentsreden
u. s. w. der englischen Revolution spielt, dem wird die zeitgemässe
Wichtigkeit dieser Locke'schen Untersuchung nicht entgehen. Und zwar
ist diese Stellung des Eigenthumsbegriffes eine dauernd nationale
geblieben. Der liberale Fox hat in einer seiner wichtigsten Reden
(über die _East-India-Bill_ am 1. December 1783) eine klassische
Definition von Freiheit aufgestellt, welche mit den Worten beginnt:
_it consists in the safe and sacred possession of a mans property
etc._ Man vgl. übrigens oben S. 51. Hobbes und Locke vertreten auf
eine höchst charakteristische Art die Controverse, welche seit J. J.
Rousseau eine so gesteigerte Bedeutung erlangt hat: ob das Eigenthum
auf der Anerkennung des Staates, oder auf der Arbeit des Einzelnen
beruhet. Möchte Niemand übersehen, dass der tyrannische Hobbes für die
erste, der freiheitsliebende Locke für die zweite Alternative ist!

[177] _Considerations etc. (Works II, 36.)_

[178] Vgl. oben S. 81.

[179] Und doch wurde 1694 die Bank von England errichtet! So wenig ist
%Locke% ein in praktischen Dingen erfinderischer Kopf.

[180] In Frankreich unter Ludwig XIV. noch eine sehr beliebte
Finanzmassregel.

[181] Vgl. oben S. 47. 50. 81. 91.

[182] _Things must be left to find their own price: p. 18._

[183] Vgl. oben S. 76. 90.

[184] Man sieht hier, wie flüchtig Locke zuweilen schreibt: offenbar
ist im ersten Falle der Rohertrag, im zweiten der Reinertrag gemeint.

[185] Vgl. oben S. 89.

[186] Diese Reaction gegen die, seit Hobbes entstandene, Vorliebe der
Theoretiker für indirecte Steuern ist auch in der damaligen Praxis
wahrzunehmen. Ich erinnere an die neue Grundsteuer vom Jahre 1692,
deren Kataster bis auf den heutigen Tag fortdauert.

[187] Bei _%Sir F. M. Eden% State of the poor I, p. 244 ff._

[188] Von Schriften, welche in ähnlicher Weise, durch Beschäftigung
und Unterricht der Armen, dem Pauperismus zu steuern suchen, lässt
sich eine ganze Literatur zusammen stellen. Dahin gehört namentlich
das Pamphlet des berühmten Juristen %Sir Matthew Hale% _A discourse
touching provision for the poor_ (erschienen 1683, geschrieben jedoch
1659 nach _%Eden% State of the poor I, 215_.) Hier wird eine strengere
Beaufsichtigung der Kirchspiele durch den Friedensrichter, eine
Vereinigung der bisherigen Armensprengel in Gruppen und eine
mehrjährige Anticipation der Armensteuer empfohlen, um solchergestalt
ein Netz von Arbeitshäusern über das ganze Reich zu gründen. Der Verf.
hegt von der Ausführung dieses Planes wahrhaft sanguinische
Hoffnungen: nicht bloss einer Beseitigung fast aller Armennoth,
sondern zugleich einer bedeutenden Hebung des Gewerbfleisses; obschon
er, merkwürdig genug, die wichtigsten Bedenken, welche sich gegen die
Ausführbarkeit erheben lassen, alle selbst aufgezählt hat. -- Ein
ähnliches Ziel, nur mit geringeren geistigen Hülfsmilteln, verfolgte
%Richard Haines% _Proposals for building in every county a working
alms-house or hospital, as the best expedient to perfect the trade and
manufactory of linnen cloth. (1677.)_ Vgl. _%Eden% I, 197 ff._ -- Am
nächsten erinnert an Locke der Plan des %Thomas Firmin% _Proposals for
the employing of the poor (1678)_, in Form eines Briefes an den
Erzbischof Tillotson erschienen. Dieser Schriftsteller verwirft die
öffentlichen Arbeitshäuser, ausgenommen für Vagabunden u. s. w.; die
besseren Armen sollen nur Gelegenheit erhalten, in ihrer Wohnung zu
arbeiten, und zwar hauptsächlich mit Flachs und Hanf, weil hier die
Arbeit das Kapital mehr überwiegt, als in den meisten anderen
Gewerben. Das Wichtigste bleibt jedoch immer, die armen Kinder zur
Arbeit anzulernen. Daher meint Firmin, wenn er 100 Pfund St. für
Armenzwecke bekäme, so würde er 20 Pfund zur Besoldung einer Frau
verwenden, die im Lesen und Spinnen unterrichtete; 5 Pfund zur
Miethung eines Schullocales, 25 Pfund zur Anschaffung von Hanf und
Flachs, 25 Pfund zur Ablöhnung der damit beschäftigten Kinder, 15
Pfund zum Verweben und Bleichen des Garnes, 8 Pfund zur Anschaffung
der nöthigen Werkzeuge, endlich 2 Pfund zu einem Gastmahle für die
Aufseher. Das auf solche Art erzeugte Fabricat müsste dann theils an
die Kinder selbst, theils an kranke oder hülflose Arme verschenkt
werden.

[189] Die Gesammtausgabe seiner Werke, nach welcher ich im Folgenden
citiere, ist von Sir Charles Whitworth unter dem Titel _The political
and commercial works of that celebrated writer, Charles D'Avenant,
London 1771_, in 5 Octavbänden veranstaltet worden.

[190] Ich erinnere nur daran, dass Prideaux Hauptwerk im Jahre 1676
erschien, die Reise von Spon und Wheeler 1679; dass Bentley 1662,
Potter 1674, Markland 1693 geboren wurden; dass Arbuthnot um 1704 in
die _Royal Society_ eintrat, Dodwell seit 1692, Davies besonders seit
1703, Ruddiman seit 1725 schriftstellerisch wirkten, und Chishull
seine Reise in den Jahren 1715 ff. machte.

[191] Vgl. namentlich IV, 177.

[192] Offenbar nur unter der Voraussetzung richtig, dass die englische
Woll- und die ostindische Baumwollproduction festgegebene, nicht
vermehrbare Grössen seien.

[193] _%J. Pollexfen% England and East-India inconsistent in their
manufactures. 1697. 12^o._

[194] Vgl. dagegen II, 238.

[195] Vgl. oben S. 79.

[196] Vgl. die ausführlichen Gründe gegen Einfuhrverbote und allzu
hohe Zölle: V, 379 ff.

[197] Vgl. oben S. 65. -- Bei dieser Gelegenheit wird auch (II, 224)
die von King ersonnene Scala mitgetheilt, in welcher Progression das
Deficit der Ernte den Kornpreis erhöhe. Ich habe die Unmöglichkeit,
eine solche Scala gemeingültig zu machen, in %meiner% Schrift «Ueber
Korntheuerungen» (1847) S. 7 nachgewiesen.

[198] Vgl. oben S. 63 fg.

[199] Einigermassen ist die letztere Idee nicht lange nachher durch
die Errichtung der _Lords of Trade and Plantations_ verwirklicht
worden.

[200] Diess ist nachmals durch _%Vanderlint% Money answers all things_
(1734) geschehen, der insoferne den Uebergang zu den Physiokraten
bildet.

[201] Und doch hatte der Staat beim Abschlusse des Ryswiker Friedens
(1697) nur 21515742 Pfund St. Schulden: _%Hamilton% An inquiry
concerning the rise and progress etc. of the national debt, p. 65_.

[202] _%G. King% Natural and political observations and conclusions
upon the state and condition of England in 1696._ Gedruckt erst 1801
durch den bekannten _%Chalmers%_ als Anhang zu dessen _Estimate of the
comparative strength of Great-Britain_.

[203] Ich habe früher des Eifers gedacht, mit welchem sich Davenant
gegen jedes Verbot des ostindischen Handels erklärte. In dieser
Hinsicht schliesst sich ein anonymes, aber höchst merkwürdiges Buch an
ihn an: _Considerations upon the East-India trade. London 1701._ Mit
einem neuen Titel, jedoch ohne sonstige Veränderung: _The advantages
of the East-India trade to England considered, wherein all the
objections to that trade are fully answered. 1720. (%MacCulloch%
Literature, p. 99 ff.)_ Weil die Gegner Ostindiens von der Einfuhr
dortiger Fabricate den Untergang des englischen Gewerbfleisses und die
Entleerung Englands von edlen Metallen befürchteten, so mussten die
Freunde des indischen Handels möglichst erschöpfend den Ungrund dieser
Besorgniss zeigen. Unser Verfasser thut das auf eine Weise, die
MacCulloch mit A. Smith vergleicht. Abgesehen von ihrer
Weitschweifigkeit und Tautologie, kann sie wirklich an alle Vorzüge
und Einseitigkeiten der Smith'schen Schule erinnern. «Der ostindische
Handel zerstört kein vortheilhaftes englisches Gewerbe; er beraubt das
Volk keiner Beschäftigung, deren Erhaltung wir wünschen müssten. Die
Begründung dieser Klage besteht darin, dass Manufacten aus Indien
durch die Arbeit von weniger Menschen verschafft werden, als nöthig
wären, um dieselben in England zu machen; und diess kann man zugeben.
Hieraus folgt, dass ein Verbot der indischen Manufacten, um ähnliche
Waaren durch die Arbeit von mehr Händen in England verfertigen zu
lassen, so viel ist, als Viele zu einer Arbeit zu verwenden, die
ebenso gut von Wenigen gethan werden kann.» Mit denselben Gründen
würde man auch jede wirksame Maschine, jede verbesserte
Arbeitsmethode, jeden schiffbaren Strom verwerfen müssen, weil durch
alle solche Dinge an Arbeit gespart wird; man würde es ablehnen
müssen, wenn die Danziger uns ihr Korn schenken wollten, oder wenn die
Vorsehung von Neuem Manna regnen liesse. Jedes Verbot in dieser
Hinsicht ist ein Zwang, viele Menschenkräfte unnütz zu beschäftigen,
die Bedürfnisse des Lebens auf die möglich theuerste Art zu
befriedigen. «Wenn ich diess betrachte, so möchte ich mir immer sagen,
dass Gott seine Segnungen an Menschen gewendet hat, die weder Herz
noch Geschick besitzen, sie zu brauchen. Denn warum sind wir von der
See umgeben? Sicherlich, damit unser Mangel zu Hause durch unsere
Schifffahrt in andere Länder, die geringste und leichteste Arbeit,
ergänzt werden möchte. Hierdurch kosten wir die Gewürze Arabiens, und
fühlen doch niemals die brennende Sonne, welche sie hervorbringt; wir
prangen in Seide, welche unsere Hände nie verarbeitet haben; wir
trinken von Weinbergen, die wir nie gepflanzt; die Schätze von Minen
sind unser, in welchen wir nie gegraben haben. Wir pflügen nur die
Tiefe, und heimsen die Ernte jedes Landes der Welt ein!» Da Maschinen
und Erfindungen dasselbe leisten, wie der indische Handel, nämlich das
gleiche Quantum Arbeit, ohne Verringerung des individuellen
Arbeitslohnes, wohlfeiler zu machen; und da ferner die Nothwendigkeit
und der Wetteifer ein Hauptsporn zu Fortschritten ist: so lässt sich
von der Freigebung des indischen Handels ein bedeutender Einfluss auf
die Erfindungen u. s. w. im englischen Gewerbfleisse erwarten. Wenn
mein Nachbar durch irgendwelche Kunstgriffe wohlfeiler produciert und
verkauft, als ich, so bin ich gezwungen, auch meine Productionsweise
zu verbessern und wohlfeiler zu machen. Aus diesem Grunde «wird der
ostindische Handel wahrscheinlich mehr Künstler, mehr Ordnung und
Regelmässigkeit in die englischen Manufacturen bringen; er wird
diejenigen schliessen, welche am wenigsten nützlich und einträglich
sind; die hier beschäftigten Leute werden sich alsdann auf andere
Gewerbszweige verlegen, entweder solche, die besonders einfach und
leicht sind, oder auf die einzelnen Theile anderer Gewerbe von der
grössten Mannichfaltigkeit; denn einfache und leichte Arbeit ist am
schnellsten gelernt, und die Menschen sind am vollkommensten und
gewandtesten darin. Und so kann der ostindische Handel die Ursache
werden, geeignete Theile sehr zusammengesetzter Arbeiten einzelnen und
geeigneten Künstlern zu übergeben, und nicht zu Vieles der
Geschicklichkeit einzelner Personen zu überlassen..... Je grösser die
Verschiedenheit der Künstler in jeder Manufactur ist, je weniger der
Geschicklichkeit der Einzelnen überlassen bleibt: desto grösser ist
die Ordnung und Regelmässigkeit in jedem Geschäfte; dasselbe muss in
weniger Zeit geschehen, die Arbeit muss geringer sein, und folglich
der Preis der Arbeit niedriger, obschon sich die Löhne nicht
verringern. So wird ein Stück Tuch von vielen Künstlern verfertigt:
der Eine kämmt und spinnt, ein Anderer macht den Webestuhl, ein
Anderer webt, ein Anderer färbt, ein Anderer appretiert das Zeug, und
so ist immer ein geeigneter Theil des Werkes geeigneten Künstlern
übertragen. Der Weber muss nothwendig geschickter und flinker im Weben
sein, wenn das seine ganze und beständige Arbeit ist, als wenn
derselbe Weber auch kämmen und spinnen, den Webestuhl machen, weben
und appretieren und färben müsste. So muss der Spinner, Walker,
Färber, Tuchmacher nothwendig geschickter und flinker in seinem
eigenthümlichen Geschäfte sein, das seine ganze und beständige Arbeit
ist, als irgend ein Mann in demselben Geschäfte sein kann, dessen
Geschicklichkeit durch eine Menge anderer Geschäfte verwirrt wird.»
Mit der nämlichen Weitläufigkeit werden hiernächst die Vorzüge der
Arbeitstheilung im Uhrmachergewerbe nachgewiesen.

[204] _%Daniel Wakefield% An essay upon political economy (1804)_
wirft ihm geradezu vor, den «grossen» Sir James Steuart auf das
Eifrigste benutzt, aber undankbar genug nie citiert zu haben.

[205] So die A. Smith'sche Lehre von der Arbeitstheilung in Mandeville
_Fable of the bees, or private vices public benefits (1714)_; Ricardos
Lehre von der Grundrente in Anderson _Inquiry into the nature of the
corn-laws (1777)_; Malthus Lehre von der Bevölkerung in Benj. Franklin
_Observations concerning the increase of mankind (1751)_. Auf dieselbe
Art hat Prices Theorie des Sinkingfund in Nathanael Gould _An essay on
the public debts of this kingdom (1726)_ und _A defence of an essay
etc. (1727)_ ihren Vorläufer; Ricardos Plan, die Staatsschuld auf das
Privatvermögen umzulegen, in Archibald Hutcheson _Treatises relating
to the national debt (1721)_; die neuere Praxis der Zinsreductionen in
John Barnard _Considerations on the proposal for reducing the interest
of the national debt. (1750)_ U. dgl. m.

[206] Wenn der Gegensatz von Sullysmus und Colbertismus, weiterhin von
Physiokratie und Mercantilsystem grossentheils auf dem tiefern
Gegensatze von Land und Stadt beruhet: so hat %J. Schön% (Neue
Untersuchung der Nationalökonomie, S. 14) gewiss nicht Unrecht, die
Freiheit schon der älteren Engländer von solchen Einseitigkeiten
dadurch zu erklären, dass ihre Verfassung jede schroffe Opposition
zwischen Land und Stadt verhinderte.


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  | Kapitalanlehen -- Kapitalanleihen                                |
  | Balanz -- Bilanz                                                 |
  | Davenant --  D'Avenant                                           |
  |                                                                  |
  | Satzzeichen wurden korrigiert, ohne hier im Einzelnen Erwähnung  |
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  | S. 14  "LATYMER" in "LATIMER" geändert.                          |
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  | S. 21  "Cimbre" in "Cimber" geändert (Fußnote).                  |
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  | S. 27  "CARLISLE" in "CARLEILL" geändert.                        |
  | S. 28 ff. "Carlisle" in "Carleill" geändert.                     |
  | S. 29  "Escheol" in "Eschkol" geändert.                          |
  | S. 34  "Das" in "Dass" geändert.                                 |
  | S. 36  "Faxardo" in "Fajardo" geändert (Fußnote).                |
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  | S. 112 "voraufgeht" in "vorausgeht" geändert.                    |
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