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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20.
Author: Macaulay, Thomas Babington Macaulay, Baron
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20." ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                |
  |                                                              |
  | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert, Text in Antiqua |
  | als +Antiqua+.                                               |
  | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.   |
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                      Thomas Babington Macaulay's



                        Geschichte von England
                               seit der
                 Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.

                          Aus dem Englischen.

                     Vollständige und wohlfeilste
                         +Stereotyp-Ausgabe.+


                             Zehnter Band:
                     enthaltend Kapitel 19 und 20.

                            Leipzig, 1856.
                           G. H. Friedlein.



Neunzehntes Kapitel.

Wilhelm und Marie.



Inhalt.


                                                                   Seite
  Wilhelm's auswärtige Politik                                         5
  Die nordischen Mächte                                                6
  Der Papst                                                            6
  Benehmen der Verbündeten                                             7
  Der Kaiser                                                           8
  Spanien                                                              9
  Es gelingt Wilhelm, der Auflösung der Coalition vorzubeugen         10
  Neue Arrangements für die Verwaltung der spanischen Niederlande     11
  Ludwig rückt ins Feld                                               13
  Belagerung von Namur                                                14
  Ludwig kehrt nach Versailles zurück                                 17
  Luxemburg                                                           17
  Schlacht von Steenkerke                                             19
  Verschwörung Grandval's                                             23
  Wilhelm's Rückkehr nach England                                     26
  Schlechte Marine-Verwaltung                                         26
  Erdbeben in Port-Royal                                              29
  Noth in England                                                     29
  Zunahme der Verbrechen                                              30
  Zusammentritt des Parlaments                                        32
  Stand der Parteien                                                  33
  Die Thronrede                                                       33
  Privilegienfrage, von den Lords zur Sprache gebracht                33
  Debatten über die Lage der Nation                                   34
  Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen      39
  Der Prozeß Lord Mohun's                                             40
  Debatten über den indischen Handel                                  42
  Geldbewilligungen                                                   43
  Mittel und Wege; Grundsteuer                                        43
  Ursprung der Nationalschuld                                         46
  Parlamentsreform                                                    54
  Die Stellenbill                                                     58
  Die Dreijährigkeitsbill                                             62
  Die ersten Parlamentsdebatten über die Freiheit der Presse          65
  Zustand Irland's                                                    74
  Der König verweigert die Genehmigung der Dreijährigkeitsbill        78
  Ministerielle Arrangements                                          81
  Der König begiebt sich nach Holland                                 83
  Eine Parlamentssession in Schottland                                83


[_Wilhelm's auswärtige Politik._] Während England einestheils durch die
Besorgniß einer Invasion, andrentheils durch die Freude über seine durch
die Tapferkeit seiner Seeleute erwirkte Befreiung bewegt wurde, fanden
wichtige Ereignisse auf dem Continent statt. Am 6. März war der König im
Haag angekommen und hatte seine Anstalten für den bevorstehenden Feldzug
zu treffen begonnen.[1]

Die vor ihm liegende Aussicht war trübe. Die Coalition, deren Schöpfer
und Oberhaupt er war, schwebte seit einigen Monaten in steter Gefahr,
sich aufzulösen. Durch welche unermüdliche Anstrengungen, durch welche
sinnreiche Mittel und Wege, durch welche Schmeicheleien, durch welche
Lockungen es ihm gelang, seine Verbündeten abzuhalten, sich einer nach
dem andren Frankreich zu Füßen zu werfen, läßt sich nur unvollkommen
ermitteln. Die vollständigste und authentischeste Aufzählung der Mühen
und Opfer, durch welche er acht Jahre lang eine Schaar kleinmüthiger und
verrätherischer, das gemeinsame Interesse nichtachtender und auf
einander eifersüchtiger Potentaten zusammenhielt, findet sich in seiner
Correspondenz mit Heinsius. In dieser Correspondenz ist Wilhelm ganz er
selbst. Er hatte im Laufe seines ereignißvollen Lebens einige wichtige
Aufgaben zu lösen, für die er nicht besonders befähigt war, und diese
Aufgaben löste er unvollkommen. Als Souverain von England zeigte er
Talente und Tugenden, die ihm zu einer ehrenvollen Erwähnung in der
Geschichte berechtigen; allein er hatte auch große Mängel. Er war bis
zum letzten Augenblick ein Fremder unter uns, kalt, zurückhaltend,
niemals heiter, niemals sich wohl fühlend. Sein Königreich war ein
Verbannungsort, seine schönsten Paläste waren Gefängnisse. Er zählte
stets die Tage, welche noch vergehen sollten, ehe er sein Geburtsland,
die beschnittenen Bäume, die Flügel zahlloser Windmühlen, die
Storchsnester auf den hohen Giebeln und die langen Reihen bunter
Landhäuser, die sich in den ruhigen Kanälen spiegeln, wiedersehen
sollte. Er bemühte sich gar nicht, die Vorliebe zu verbergen, die er für
seinen heimathlichen Boden und für seine Jugendfreunde empfand, und
daher herrschte er nicht in unseren Herzen, obwohl er unsrem Vaterlande
große Dienste leistete. Auch als General im Felde bewies er einen
seltenen Muth und eine seltene Tüchtigkeit; aber als Taktiker stand er
manchen seiner Zeitgenossen nach, die ihm in allgemeiner geistiger
Befähigung weit nachstanden. Das Geschäft, für das er sich ganz
vorzüglich eignete, war die Diplomatie im höchsten Sinne des Worts. Es
darf bezweifelt werden, ob er in der Kunst große Unterhandlungen zu
leiten, von denen das Wohl der Völkerrepublik abhängt, je übertroffen
worden ist. Seine Geschicklichkeit in diesem Zweige der Politik wurde
niemals strenger erprobt und glänzender bewiesen als während des letzten
Theils des Jahres 1691 und des ersten Theils des Jahres 1692.


[_Die nordischen Mächte._] Eine seiner Hauptschwierigkeiten wurde durch
die finstre und drohende Haltung der nordischen Mächte hervorgerufen.
Dänemark und Schweden hatten einmal geneigt geschienen, sich der
Coalition anzuschließen, aber sie waren bald wieder kühl geworden und
nahmen rasch eine immer feindseligere Haltung an. Von Frankreich
glaubten sie wenig zu fürchten zu haben. Es war nicht sehr
wahrscheinlich, daß seine Armeen über die Elbe gehen oder daß seine
Flotten den Durchgang durch den Sund erzwingen würden. Aber die vereinte
Seemacht England's und Holland's konnte wohl in Stockholm und Kopenhagen
Besorgnisse erwecken. Bald entstanden unangenehme seerechtliche Fragen,
Fragen, wie sie fast in jedem ausgedehnten Kriege der Neuzeit zwischen
Kriegführenden und Neutralen aufgetaucht sind. Die skandinavischen
Fürsten beschwerten sich darüber, daß der berechtigte Handel zwischen
der Ostsee und Frankreich despotischerweise unterbrochen worden sei.
Obwohl sie im allgemeinen nicht auf einem sehr freundschaftlichen Fuße
miteinander gestanden, begannen sie doch jetzt sich eng an einander
anzuschließen, intriguirten an jedem kleinen deutschen Hofe und
versuchten das zu bilden was Wilhelm eine dritte Partei in Europa
nannte. Der König von Schweden, der als Herzog von Pommern verpflichtet
war, dreitausend Mann zur Vertheidigung des deutschen Reichs zu stellen,
sandte anstatt ihrer den Rath, die Alliirten möchten unter den besten
Bedingungen, die sie erlangen könnten, Frieden schließen.[2] Der König
von Dänemark nahm eine große Anzahl holländischer Kauffahrteischiffe weg
und zog in Holstein eine Armee zusammen, die seinen Nachbarn keine
geringe Besorgniß einflößte. »Ich fürchte,« schrieb Wilhelm in einem
Augenblicke tiefer Niedergeschlagenheit an Heinsius, »ich fürchte, daß
der Zweck dieser dritten Partei ein Friede ist, der die Knechtung
Europa's im Gefolge haben wird. Die Zeit wird kommen, wo Schweden und
seine Verbündeten zu spät erfahren werden, welchen großen Fehler sie
begangen haben. Sie stehen der Gefahr allerdings ferner als wir, und
deshalb sind sie so eifrig bestrebt, unsren und ihren eignen Untergang
herbeizuführen. Daß Frankreich jetzt auf billige Bedingungen eingehen
wird, ist nicht zu erwarten, und es wäre besser, mit dem Schwerte in der
Hand zu fallen, als sich Allem zu unterwerfen was es dictiren würde.«[3]


[_Der Papst._] Während der König so durch die Haltung der nordischen
Mächte beunruhigt wurde, begannen auf einer ganz andren Seite ominöse
Anzeichen sichtbar zu werden. Es war von vornherein kein leichtes Ding
gewesen, Souveraine, welche die protestantische Religion haßten und sie
in ihren eigenen Landen verfolgten, zur Unterstützung der Revolution zu
bewegen, welche diese Religion aus einer großen Gefahr errettet hatte.
Glücklicherweise aber hatten das Beispiel und die Autorität des Vatikans
ihre Bedenken gehoben. Innocenz XI. und Alexander VIII. hatten
Wilhelm mit schlecht verhehlter Parteilichkeit betrachtet. Er war zwar
nicht ihr Freund, aber er war ihres Feindes Feind, und Jakob war ihres
Feindes Vasall und mußte es im Fall seiner Restauration wieder werden.
Sie liehen daher dem ketzerischen Neffen ihren wirklichen Beistand, den
rechtgläubigen Oheim aber speisten sie mit Complimenten und
Segenswünschen ab. Doch Alexander VIII. hatte wenig über funfzehn Monate
auf dem päpstlichen Throne gesessen. Sein Nachfolger Antonio Pignatelli,
der den Namen Innocenz XII. annahm, verlangte ungeduldig danach sich mit
Ludwig zu versöhnen. Ludwig sah jetzt ein, daß er einen großen Fehler
begangen, indem er zu gleicher Zeit den Geist des Protestantismus und
den Geist des Papismus gegen sich aufgeregt hatte. Er erlaubte den
französischen Bischöfen, sich dem heiligen Stuhle zu unterwerfen. Der
Streit, der einmal den Anschein gehabt hatte, als werde er mit einem
großen gallikanischen Schisma enden, wurde beigelegt, und es war Grund
zu der Annahme vorhanden, daß der Einfluß des Oberhauptes der Kirche
dazu angewendet werden würde, die Bande zu lösen, welche so viele
katholische Fürsten an den Calvinisten knüpften, der den britischen
Thron usurpirt hatte.


[_Benehmen der Verbündeten._] Mittlerweile war die Coalition, welche die
dritte Partei auf der einen und der Papst auf der andren Seite
aufzulösen versuchten, in nicht geringer Gefahr, aus bloßer Fäulniß zu
zerfallen. Zwei von den verbündeten Mächten, und nur zwei waren der
gemeinsamen Sache herzlich zugethan: England, das die anderen britischen
Königreiche mit sich fortzog, und Holland, das die anderen batavischen
Republiken mit sich fortzog. England und Holland waren zwar durch innere
Parteispaltungen zerrissen und durch gegenseitige Eifersüchteleien und
Antipathieen von einander getrennt, aber beide waren fest entschlossen,
sich der französischen Oberherrschaft nicht zu unterwerfen, und beide
waren bereit, ihren Theil, ja noch mehr als ihren Theil von den Lasten
des Kampfes zu tragen. Die meisten Mitglieder des Bundes waren nicht
Nationen, sondern Personen: ein Kaiser, ein König, Kurfürsten und
Herzöge, und unter diesen gab es kaum Einen, der mit ganzer Seele bei
dem Kampfe gewesen wäre, kaum Einen, der sich nicht gesträubt, der nicht
eine Entschuldigung für die Nichterfüllung seiner Verpflichtungen
gefunden, der nicht gehofft hätte, zur Vertheidigung seiner eigenen
Rechte und Interessen gegen den gemeinsamen Feind gemiethet zu sein. Der
Krieg aber war der Krieg des englischen Volks und des holländischen
Volks. Wäre er dies nicht gewesen, so würde weder England noch Holland
die Lasten, die er nöthig machte, nur ein einziges Jahr getragen haben.
Als Wilhelm sagte, daß er lieber mit dem Schwerte in der Hand fallen als
sich vor Frankreich demüthigen wolle, sprach er nicht nur seine eigene,
sondern die Gesinnung zweier großer Staaten aus, deren erste
Magistratsperson er war. Leider sympathisirten mit diesen beiden Staaten
andere Staaten nur wenig. Sie wurden in der That von anderen Staaten so
angesehen, wie reiche, ehrlichhandelnde, freigebige Tropfe von
bedürftigen Gaunern angesehen werden. England und Holland waren reich
und sie waren thätig. Ihr Reichthum erweckte die Habgier der ganzen
Allianz und zu diesem Reichthum war ihre Thätigkeit der Schlüssel. Sie
wurden mit schmutziger Zudringlichkeit von allen ihren Bundesgenossen
verfolgt, vom Cäsar, der im stolzen Bewußtsein seiner einzigen Würde
König Wilhelm nicht mit dem Titel Majestät beehren wollte, bis herab zu
dem geringsten Markgrafen, der aus den zerbrochenen Fenstern des
ärmlichen und verfallenen alten Hauses, das er seinen Palast nannte,
sein ganzes Land übersehen konnte. Es war noch nicht genug, daß England
und Holland viel mehr als ihre Contingente zum Landkriege stellten und
die ganze Last des Seekriegs allein trugen. Sie waren auch noch von
einem Schwarme vornehmer Bettler belagert, einige roh, andere demüthig,
alle aber unermüdlich und unersättlich. Ein Fürst kam alljährlich mit
einer kläglichen Darstellung seiner Noth zu ihnen betteln. Ein andrer
trotzigerer Bettler drohte der dritten Partei beizutreten und einen
Separatfrieden mit Frankreich zu schließen, wenn seine Forderungen nicht
gewährt würden. Jeder Souverain hatte überdies seine Minister und
Günstlinge, und diese Minister und Günstlinge gaben beständig zu
verstehen, daß Frankreich bereit sei, sie zu bezahlen, wenn sie ihre
Gebieter bewegen könnten, von der Coalition zurückzutreten, und daß
England und Holland klug daran thun würden, Frankreich zu überbieten.

Die durch die Habgier der verbündeten Höfe verursachte Verlegenheit war
jedoch kaum größer als die durch ihren Stolz und ihren Ehrgeiz
herbeigeführte Verlegenheit. Der eine Fürst hatte sich auf eine
kindische Auszeichnung, auf einen Titel oder einen Orden capricirt und
wollte nicht eher etwas für die gemeinsame Sache thun als bis seine
Wünsche erfüllt waren. Ein andrer geruhte sich einzubilden, daß er
zurückgesetzt worden sei, und wollte sich nicht rühren, bis ihm
Genugthuung verschafft worden. Der Herzog von Braunschweig-Lüneburg
wollte kein Bataillon zur Vertheidigung Deutschland's stellen, wenn er
nicht zum Kurfürsten gemacht würde.[4] Der Kurfürst von Brandenburg
erklärte, er sei noch eben so feindselig gegen Frankreich gesinnt als
je; aber die spanische Regierung habe ihn übel behandelt und er werde
daher seine Soldaten nicht zur Vertheidigung der spanischen Niederlande
verwenden lassen. Er sei zwar bereit, am Kriege Theil zu nehmen, aber
nur in der ihm convenirenden Weise; er müsse das Commando einer
besonderen Armee haben und seine Stellung zwischen dem Rhein und der
Maas bekommen.[5] Der Kurfürst von Sachsen beschwerte sich, daß seinen
Truppen schlechte Winterquartiere angewiesen worden seien, und er rief
sie daher gerade in dem Augenblicke zurück, wo sie hätten Anstalt
treffen sollen, ins Feld zu rücken, erbot sich aber ganz kaltblütig sie
wieder zu schicken, wenn England und Holland ihm vierhunderttausend
Reichsthaler gäben.[6]


[_Der Kaiser._] Man hätte erwarten sollen, daß wenigstens die beiden
Häupter des Hauses Oesterreich in diesem Augenblicke ihre ganze Kraft
gegen das rivalisirende Haus Bourbon aufbieten würden. Leider waren sie
nicht zu bewegen, auch nur für ihre eigne Erhaltung energische
Anstrengungen zu machen. Sie hatten ein großes Interesse daran, die
Franzosen von Italien abzuhalten. Gleichwohl konnten sie nur mit Mühe
dazu vermocht werden, dem Herzoge von Savoyen den geringsten Beistand zu
leihen. Sie schienen zu glauben, daß es England's und Holland's Sache
sei, die Pässe der Alpen zu vertheidigen und die Armeen Ludwig's zu
verhindern, die Lombardei zu überschwemmen. In den Augen des Kaisers war
der Krieg gegen Frankreich in der That eine untergeordnete Aufgabe.
Seine Hauptaufgabe war der Krieg gegen die Türkei. Er war beschränkt und
bigott. Es beunruhigte ihn, daß der Krieg gegen Frankreich in gewissem
Sinne ein Krieg gegen die katholische Religion war, und der Krieg gegen
die Türkei war ein Kreuzzug. Sein neuerlicher Feldzug an der Donau war
glücklich gewesen. Er hätte leicht einen ehrenvollen Frieden mit der
Pforte schließen und seine Waffen gegen Westen richten können. Aber die
Hoffnung war in ihm erwacht, seine Erblande auf Kosten der Ungläubigen
vergrößern zu können. Visionen von einem triumphirenden Einzuge in
Konstantinopel und von einem Te Deum in der Sophia-Moschee waren in
seinem Kopfe aufgestiegen. Er beschäftigte nicht nur im Osten eine
Truppenmacht, die mehr als ausreichend gewesen sein würde, Piemont zu
vertheidigen und Lothringen wiederzuerobern, sondern er schien auch zu
glauben, daß England und Holland verpflichtet seien, ihn für die
Vernachlässigung ihrer Interessen und für die Wahrnehmung seiner eigenen
glänzend zu belohnen.[7]


[_Spanien._] Spanien war damals schon was es bis auf unsre Zeit
geblieben ist. Von dem Spanien, das über Land und Meer, über die alte
und neue Welt geherrscht, von dem Spanien, das in der kurzen Zeit von
zwölf Jahren einen Papst und einen König von Frankreich, einen Souverain
von Mexico und einen Souverain von Peru als Gefangene fortgeführt, von
dem Spanien, das eine Armee unter die Mauern von Paris gesandt und eine
gewaltige Flotte ausgerüstet hatte, um in England einzufallen, war
nichts mehr übrig als eine Anmaßung, die einst Schrecken und Haß erweckt
hatte, die aber jetzt nur noch ein geringschätzendes Lächeln hervorrufen
konnte. An Umfang übertrafen zwar die Gebiete des katholischen Königs
die Gebiete Rom's, als Rom auf dem Gipfel der Macht stand. Aber die
ungeheure Ländermasse lag erstarrt und hülflos da und konnte ungestraft
beleidigt und beraubt werden. Die ganze Verwaltung, des Heeres und der
Marine, der Finanzen und der Kolonien, war völlig desorganisirt. Karl
war ein entsprechender Repräsentant seines Reichs, körperlich, geistig
und moralisch impotent, in Unwissenheit, Sorglosigkeit und Aberglauben
versunken, doch aber vom Gefühl seiner Würde aufgebläht und sehr bereit,
sich Beleidigungen einzubilden und solche zu ahnden. Seine Erziehung war
so erbärmlich gewesen, daß, als man ihm den Fall von Mons, der
wichtigsten Festung seines großen Reichs mittheilte, er fragte, ob Mons
in England liege.[8] Unter den Ministern, welche durch seine krankhafte
Laune erhoben und gestürzt wurden, war keiner befähigt, ein Heilmittel
gegen die Gebrechen des Staats anzuwenden. Die Nerven dieses gelähmten
Körpers neu zu stählen, würde allerdings selbst für einen Ximenes eine
schwere Aufgabe gewesen sein. Kein Diener der spanischen Krone
bekleidete einen wichtigeren Posten und keiner war unfähiger zur
Bekleidung eines wichtigen Postens als der Marquis von Gastanaga. Er war
Gouverneur der Niederlande und es war wahrscheinlich, daß in den
Niederlanden das Schicksal der Christenheit entschieden werden würde. Er
hatte sein Amt verwaltet, wie damals jedes öffentliche Amt in jedem
Theile dieser großen Monarchie verwaltet wurde, von der man hochtrabend
sagte, daß die Sonne nie darin untergehe. So fruchtbar und reich das
Land war, das er verwaltete, wälzte er doch auf England und Holland die
ganze Last, es zu vertheidigen. Er erwartete daß Alles, Waffen,
Munition, Wagen und Lebensmittel, von den Ketzern geliefert würde. Es
war ihm nie eingefallen, daß es seine und nicht ihre Sache sei, Mons in
den Stand zu setzen, eine Belagerung aushalten zu können. Die
öffentliche Stimme beschuldigte ihn ganz laut, diese berühmte Festung an
Frankreich verkauft zu haben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß man ihm
nichts Schlimmeres zur Last legen konnte als die seiner Nation eigene
hochmüthige Apathie und Trägheit.


[_Es gelingt Wilhelm, der Auflösung der Coalition vorzubeugen._] In
diesem Zustande befand sich die Coalition, deren Oberhaupt Wilhelm war.
Es gab Momente, wo er sich überwältigt fühlte, wo ihm der Muth sank, wo
seine Geduld erschöpft war und seine angeborne Reizbarkeit sich Luft
machte. »Ich kann,« schrieb er, »keinen Vorschlag machen, ohne daß mir
eine Subsidienforderung entgegengehalten wird.«[9] »Ich habe rund
abgeschlagen,« schrieb er ein andermal, als er dringend um Geld
angegangen worden war, »denn es ist unmöglich, daß die Generalstaaten
und England die Lasten der Armee am Rhein, der Armee in Piemont und der
ganzen Vertheidigung von Flandern tragen können, der ungeheuren Kosten
des Seekriegs gar nicht zu gedenken. Wenn unsere Alliirten nichts für
sich thun können, dann ist es am besten, die Allianz löst sich je eher
je lieber auf.«[10] Aber nach jedem kurzen Anfall von Entmuthigung und
Verstimmung raffte er wieder die ganze Energie seines Geistes zusammen
und legte seinem Temperament einen starken Zügel an. So schwach,
engherzig, falsch und selbstsüchtig nur zu viele seiner Verbündeten auch
waren, nur unter ihrem Beistande konnte er durchführen, was er von
Jugend auf als seine Mission betrachtet hatte. Wenn sie ihn verließen,
so wurde Frankreich der unbestrittene Beherrscher Europa's. Wie sehr sie
auch bestraft zu werden verdienten, wollte er doch, um ihrer Bestrafung
willen, nicht in die Unterjochung der ganzen civilisirten Welt willigen.
Er nahm sich daher vor, einige Schwierigkeiten zu überwinden, und andere
zu umgehen. Die skandinavischen Mächte gewann er, indem er, allerdings
mit Widerstreben und nicht ohne schweren inneren Kampf, auf einige
seiner Seerechte verzichtete.[11] In Rom hielt sein Einfluß, obwohl nur
indirect ausgeübt, dem des Papstes selbst die Wage. Ludwig und Jakob
überzeugten sich, daß sie außer Innocenz keinen Freund im Vatikan
hatten, und Innocenz, der von sanftem und unschlüssigem Character war,
scheute sich, einen den Gesinnungen seiner ganzen Umgebung direct
zuwiderlaufenden Weg einzuschlagen. In Privatunterredungen mit
jakobitischen Agenten erklärte er sich dem Interesse des Hauses Stuart
zugethan; in seinen öffentlichen Handlungen aber beobachtete er eine
strenge Neutralität. Er schickte zwanzigtausend Kronen nach
Saint-Germains; aber er entschuldigte sich bei den Gegnern Frankreich's,
indem er versicherte, daß dies keine Subsidie zu irgend einem
politischen Zwecke, sondern lediglich ein unter arme britische
Katholiken zu vertheilendes Almosen sein solle. Er gestattete die
Verlesung von Gebeten für die gute Sache im englischen Collegium zu Rom;
aber er bestand darauf, daß diese Gebete in allgemeine Ausdrücke gefaßt
sein müßten und daß kein Name darin genannt werden dürfe. Umsonst
beschworen ihn die Gesandten der Häuser Stuart und Bourbon ein
entschiedeneres Verfahren zu beobachten. »Gott weiß,« rief er einmal
aus, »daß ich mit Freuden mein Blut für die Wiedereinsetzung des Königs
von England vergießen würde. Aber was kann ich thun? Wenn ich mich
rühre, sagt man mir, daß ich die Franzosen begünstige und ihnen zur
Aufrichtung einer Universalmonarchie behülflich sei. Ich bin nicht wie
die früheren Päpste. Die Könige wollen nicht auf mich hören, wie sie auf
meine Vorgänger hörten. Es giebt jetzt keine Religion, sondern nichts
als gottlose, weltliche Politik. Der Prinz von Oranien ist der Gebieter.
Er beherrscht uns Alle. Er hat eine solche Gewalt über den Kaiser und
den König von Spanien gewonnen, daß keiner von Beiden es wagt, sein
Mißfallen zu erregen. Gott helfe uns! Er allein kann uns helfen!« So
sprechend schlug der alte Mann in einer Regung ohnmächtigen Zornes und
Unwillens mit der Hand auf den Tisch.[12]

Die deutschen Fürsten standhaft zu erhalten, war keine leichte Aufgabe;
aber sie wurde durchgeführt. Es wurde Geld unter sie vertheilt, zwar
viel weniger als sie verlangt hatten, aber doch viel mehr als sie
anständigerweise beanspruchen konnten. Mit dem Kurfürsten von Sachsen
wurde ein Abkommen getroffen. Er hatte neben einem starken Gelüste nach
Subsidien großes Verlangen danach, Mitglied der auserlesensten und
höchsten Ritterorden zu werden. Wie es scheint, begnügte er sich anstatt
der verlangten vierhunderttausend Reichsthaler mit hunderttausend und
dem Hosenbandorden.[13] Sein Premierminister Schöning, der habgierigste
und treuloseste Mensch von der Welt, wurde durch eine Pension
gewonnen.[14] Dem Herzoge von Braunschweig-Lüneburg verschaffte Wilhelm
nicht ohne Mühe den lange ersehnten Titel eines Kurfürsten von Hannover.
Durch solche Mittel wurden die Risse, welche die Coalition zerklüftet
hatten, so geschickt ausgebessert, daß sie dem Feinde noch immer eine
feste Stirn bot.


[_Neue Arrangements für die Verwaltung der spanischen Niederlande._]
Wilhelm hatte sich bei der spanischen Regierung bitter über die
Unfähigkeit und Trägheit Gastanaga's beklagt, und die spanische
Regierung konnte, so hülflos und schläfrig sie auch war, nicht ganz
gleichgültig gegen die Gefahren sein, welche Flandern und Brabant
drohten. Gastanaga wurde abberufen und Wilhelm ersucht, die Verwaltung
der Niederlande mit Gewalten, welche denen eines Königs nicht
nachstanden, selbst zu übernehmen. Philipp II. würde so leicht nicht
geglaubt haben, daß innerhalb eines Jahrhunderts nach seinem Tode sein
Urenkel den Urenkel Wilhelm's des Schweigsamen bitten würde, in Brüssel
die Autorität eines Souverains auszuüben.[15]

Der Antrag war in einer Hinsicht lockend; Wilhelm aber war zu klug, um
ihn anzunehmen. Er wußte, daß die Bevölkerung der spanischen Niederlande
der römischen Kirche fest anhing. Jede Maßregel eines protestantischen
Regenten konnte sicher sein, von dem Klerus und der Bevölkerung dieses
Landes mit Mißtrauen betrachtet zu werden. Gastanaga hatte bereits im
Aerger über seine Entlassung den römischen Hof schriftlich
benachrichtigt, daß man Veränderungen im Sinne habe, welche Gent und
Antwerpen eben so ketzerisch machen würden wie Amsterdam und London.[16]
Ohne Zweifel hatte Wilhelm auch erwogen, daß, wenn es ihm auch durch
eine milde und gerechte Regierung und durch Bezeigung einer geziemenden
Achtung für die Gebräuche und Diener der katholischen Religion gelingen
sollte, sich das Vertrauen der Belgier zu erwerben, er unvermeidlich auf
unsrer Insel einen Sturm von Vorwürfen gegen sich heraufbeschwören
würde. Er wußte aus Erfahrung was es hieß, zwei Nationen zu regieren,
welche fest an zwei verschiedenen Kirchen hielten. Eine zahlreiche
Partei unter den Episkopalen England's konnte es ihm nicht vergeben, daß
er in die Einführung der presbyterianischen Kirchenverfassung in
Schottland gewilligt hatte. Eine zahlreiche Partei unter den
Presbyterianern Schottland's tadelte ihn, daß er die episkopale
Kirchenverfassung in England aufrecht erhielt. Wenn er jetzt Messen,
Processionen, geschnitzte Bilder, Mönchsklöster, Nonnenklöster und, was
das Schlimmste von Allem war, Jesuitenkanzeln, Jesuitenbeichtstühle und
Jesuitencollegien unter seinen Schutz nahm, was konnte er dann Andres
erwarten, als daß England und Schottland einen einstimmigen Tadelsschrei
erheben würden? Er weigerte sich daher, die Verwaltung der Niederlande
zu übernehmen und schlug vor, sie dem Kurfürsten von Baiern zu
übertragen. Der Kurfürst von Baiern war nach dem Kaiser der mächtigste
katholische Potentat Deutschland's. Er war jung, tapfer und lüstern nach
militärischer Auszeichnung. Der spanische Hof war geneigt, ihn zu
ernennen und er sehnte sich danach, ernannt zu werden; aber eine alberne
Schwierigkeit verursachte eine lange Verzögerung. Der Kurfürst hielt es
unter seiner Würde, das zu verlangen, was er so sehr wünschte, und die
Formalisten des Cabinets von Madrid hielten es unter der Würde des
katholischen Königs, etwas zu geben, um was nicht nachgesucht worden
war. Eine Vermittelung war nothwendig, und sie führte endlich zum Ziele.
Aber es war viel Zeit verloren worden, und das Frühjahr war schon weit
vorgerückt, als der neue Gouverneur der Niederlande seine Functionen
antrat.[17]


[_Ludwig rückt ins Feld._] Wilhelm hatte die Coalition vor der Gefahr
behütet, durch Uneinigkeit zu Grunde zu gehen. Aber durch keine
Vorstellungen, durch keine Bitten, durch keine Bestechungen konnte er
seine Verbündeten bewegen, bei Zeiten im Felde zu stehen. Sie hätten die
harte Lection, die ihnen im vorhergehenden Jahre gegeben worden war,
benutzen sollen. Doch abermals zauderte Jeder und wunderte sich warum
die Anderen zauderten, und abermals erwies sich der Mann, der allein die
ganze Macht Frankreich's in seiner Hand hatte, wie seine stolze Devise
sich dessen seit langer Zeit rühmte, einer Menge von Gegnern
gewachsen.[18] Während seine Feinde noch immer nicht schlagfertig waren,
erfuhren sie mit Schrecken, daß er persönlich an der Spitze seines Adels
ins Feld gerückt war. Noch bei keiner Gelegenheit war dieser tapfere
Adel mit größerem Glanze in seinem Gefolge erschienen. Ein einziger
Umstand mag genügen, um einen Begriff von der Pracht und dem Luxus
seines Lagers zu geben. Unter den Musketieren seiner Haustruppen ritt
zum ersten Male ein siebzehnjähriger Jüngling, der bald nachher den
Titel eines Herzogs von Saint-Simon erbte und dem wir die unschätzbaren
Memoiren verdanken, welche zur Unterhaltung und Belehrung vieler Länder
und vieler Geschlechter das lebensvolle Gemälde eines längst
entschwundenen Frankreich erhalten haben. Obgleich sich die Familie des
Knaben damals in arger Geldverlegenheit befand, reiste er doch mit
fünfunddreißig Pferden und Saumthieren. Die Prinzessinnen von Geblüt,
jede von einer Gruppe vornehmer und anmuthiger Damen umgeben,
begleiteten den König, und das Lächeln so vieler reizender Frauen
beseelte den Schwarm der eitlen und üppigen, aber hochsinnigen Cavaliere
mit einem mehr als gewöhnlichen Muthe. In der glänzenden Schaar, welche
den französischen Augustus umgab, sah man auch den französischen Virgil,
den eleganten, zarten, melodischen Racine. Er war, in Einklang mit der
herrschenden Mode, fromm geworden, hatte das Schriftstellern für die
Bühne aufgegeben, und da er sich entschlossen, den Pflichten, die ihm
als Historiographen Frankreich's oblagen, energisch nachzukommen, hatte
er sich persönlich eingefunden, um die großen Ereignisse mit anzusehen,
welche der Nachwelt zu erzählen sein Amt war.[19] In der Nähe von Mons
bereitete Ludwig den Damen das Schauspiel der prächtigsten Revue, die
man im modernen Europa je gesehen hatte. Hundertzwanzigtausend Mann der
schönsten Truppen der Welt waren in einer acht Meilen langen Linie
aufgestellt. Es steht zu bezweifeln, ob eine solche Armee jemals unter
den römischen Adlern vereinigt gewesen war. Das Schauspiel begann früh
am Morgen und war noch nicht vorüber, als der lange Sommertag sich zu
Ende neigte. Racine verließ den Platz erstaunt, betäubt, geblendet und
todtmüde. In einem vertrauten Briefe wagte er es, einen liebenswürdigen
Wunsch zu äußern, den er im Hofzirkel auszusprechen sich wahrscheinlich
gehütet haben würde: »Wollte Gott, daß alle diese braven Burschen
wieder in ihren Hütten, bei ihren Frauen und ihren Kleinen wären.«[20]


[_Belagerung von Namur._] Nach diesem prächtigen Schauspiele kündigte
Ludwig seine Absicht an, Namur anzugreifen. In fünf Tagen war er an der
Spitze von dreißigtausend Mann unter den Mauern dieser Stadt.
Zwanzigtausend Landleute, die man in den von den Franzosen besetzten
Theilen der Niederlande gepreßt hatte, mußten als Schanzgräber dienen.
Luxemburg hatte mit achtzigtausend Mann eine feste Stellung auf der
Straße zwischen Namur und Brüssel inne und war bereit, jeder
Truppenmacht, die es versuchen sollte, die Belagerung aufzuheben, eine
Schlacht zu liefern.[21] Diese Theilung der Aufgaben nahm Niemanden
Wunder. Es war längst bekannt, daß der große Monarch ein Freund von
Belagerungen, nicht aber von Schlachten war. Er sprach die Ansicht aus,
daß eine Belagerung der wahre Prüfstein militärischer Tüchtigkeit sei.
Der Ausgang eines Zusammenstoßes zwischen zwei Armeen im offenen Felde
wurde seiner Meinung nach oft durch einen Zufall entschieden; aber
Ravelins und Bastionen, welche die Wissenschaft erbaut, konnte nur die
Wissenschaft bewältigen. Seine Verleumder nannten es spöttelnd ein
Glück, daß der Zweig der Kriegskunst, den Se. Majestät für den edelsten
halte, ein solcher sei, der ihn selten nöthigte, ein seinem Volke
unschätzbares Leben ernster Gefahr auszusetzen.

Namur, am Zusammenflusse der Sambre und der Maas gelegen, war eine der
großen Festungen Europa's. Die Stadt lag in einer Ebene und besaß keine
andre Stärke als die durch die Kunst hervorgerufene. Aber Kunst und
Natur hatten sich vereinigt, um die berühmte Citadelle zu befestigen,
die vom Scheitel eines hohen Felsens auf eine von zwei schönen Flüssen
bewässerte unabsehbare Fläche von Kornfeldern, Waldungen und Wiesen
herniedersieht. Die Bevölkerung der Stadt und Umgegend war stolz auf ihr
uneinnehmbares Kastell. Sie bildete sich etwas darauf ein, daß in allen
Kriegen, welche die Niederlande verwüstet, Geschicklichkeit oder
Tapferkeit nie im Stande gewesen waren, durch diese Mauern zu dringen.
Die benachbarten Festungen, in der ganzen Welt wegen ihrer Stärke
berühmt, Antwerpen und Ostende, Ypern, Lille und Tournay, Mons und
Valenciennes, Cambray und Charleroi, Limburg und Luxemburg, hatten ihre
Thore den Siegern geöffnet, noch niemals aber war von den Zinnen Namur's
die Fahne herabgenommen worden. Damit nichts fehlte, um die Belagerung
interessant zu machen, standen die beiden Großmeister der
Befestigungskunst einander gegenüber. Vauban war viele Jahre hindurch
als der erste Ingenieur betrachtet worden; aber ein gefährlicher
Nebenbuhler war seit Kurzem aufgetaucht: Menno, Baron von Cohorn, der
geschickteste Offizier im Dienste der Generalstaaten. Die
Vertheidigungswerke von Namur waren unlängst unter Cohorn's Oberleitung
verstärkt und ausgebessert worden, und er befand sich jetzt innerhalb
der Mauern. Vauban war im Lager Ludwig's. Es ließ sich demnach erwarten,
daß Angriff wie Vertheidigung mit ausgezeichneter Geschicklichkeit
geleitet werden würden.

Die verbündeten Armeen hatten sich inzwischen versammelt, aber es war
zu spät.[22] Wilhelm eilte nach Namur. Er bedrohte die französischen
Werke zuerst von Westen, dann von Norden, dann von Osten. Aber zwischen
ihm und den Circumvallationslinien stand die Armee Luxemburg's, allen
seinen Bewegungen folgend und stets in so starker Position, daß es die
größte Unklugheit gewesen wäre, ihn anzugreifen. Mittlerweile machten
die Belagerer unter Vauban's geschickter Leitung und durch Ludwig's
Anwesenheit angefeuert rasche Fortschritte. Es waren allerdings viele
Schwierigkeiten zu überwinden und große Beschwerden zu ertragen. Das
Wetter war stürmisch, und am 8. Juni, dem Tage des heiligen Medardus,
der im französischen Kalender die nämliche unheildrohende Stelle
einnimmt, die in unsrem Kalender dem heiligen Swithin gebührt, regnete
es in Strömen. Die Sambre stieg und überschwemmte viele mit reifenden
Ernten bedeckte Quadratmeilen. Die Mehaigne führte ihre Brücken mit sich
fort in die Maas. Alle Straßen wurden in Moräste verwandelt. In den
Laufgräben standen Wasser und Schlamm so hoch, daß man drei Tage zu thun
hatte, um eine Kanone von einer Batterie zur andren zu schaffen. Die
sechstausend Wagen, welche die französische Armee begleitet hatten,
waren nutzlos. Schießpulver, Kanonenkugeln, Korn und Heu mußten auf dem
Rücken der Kriegsrosse von Ort zu Ort transportirt werden. Nur die
Autorität Ludwig's konnte unter solchen Umständen die Ordnung aufrecht
erhalten und Freudigkeit erwecken. Seine Soldaten bezeigten ihm in der
That eine größere Ehrerbietung als dem Heiligsten ihrer Religion. Sie
verwünschten den heiligen Medardus aus dem Grunde des Herzens und
zerschlugen oder verbrannten jedes Bild von ihm, dessen sie habhaft
werden konnten. Aber es gab nichts, was sie nicht bereitwillig für ihren
König gethan und ertragen haben würden. Trotz aller Hindernisse machten
sie unaufhaltsame Fortschritte. Cohorn wurde schwer verwundet, während
er mit verzweifelter Tapferkeit ein von ihm selbst erbautes Fort
vertheidigte, auf das er stolz war. Seine Stelle war nicht zu ersetzen.
Der Gouverneur war ein schwacher Mann, den Gastanaga ernannt und dessen
Versetzung Wilhelm kürzlich dem Kurfürsten von Baiern angerathen hatte.
Der Muth der Besatzung schwand, und die Stadt übergab sich am achten
Tage der Belagerung, die Citadelle etwa drei Wochen später.[23]

Die Geschichte des Falles von Namur im Jahre 1692 ist der Geschichte des
Falles von Mons im Jahre 1691 sehr ähnlich. Sowohl 1691 wie 1692 konnte
Ludwig, der einzige und unumschränkte Gebieter über die Hülfsquellen des
Landes, den Feldzug eröffnen, bevor Wilhelm, der Feldherr einer
Coalition, seine zerstreuten Streitkräfte zusammengebracht hatte. In
beiden Jahren entschied der Vortheil des ersten Zuges den Ausgang der
Partie. Bei Namur sowohl wie bei Mons leitete Ludwig unter Vauban's
Beistand die Belagerung; Luxemburg deckte sie, Wilhelm versuchte
vergebens sie aufzuheben und mußte zu seinem tiefen Schmerze dem Siege
seines Gegners als Zuschauer beiwohnen.

In einer Hinsicht war jedoch das Schicksal der beiden Festungen ein ganz
verschiedenes. Mons wurde von seinen eigenen Einwohnern übergeben. Namur
hätte vielleicht gerettet werden können, wenn die Besatzung eben so
begeistert und entschlossen gewesen wäre wie die Einwohnerschaft.
Merkwürdigerweise herrschte in dieser so lange einer fremden Herrschaft
unterworfenen Stadt ein Patriotismus ähnlich dem der kleinen
griechischen Republiken. Man hat keinen Grund zu glauben, daß die Bürger
sich um das Gleichgewicht der Macht kümmerten oder eine Vorliebe für
Jakob oder für Wilhelm, für den Allerchristlichsten König oder für den
Allerkatholischsten König hatten. Aber jeder Bürger glaubte seine eigene
Ehre mit der Ehre der jungfräulichen Festung verknüpft. Die Franzosen
mißbrauchten zwar ihren Sieg nicht. Es wurden keine Gewaltthätigkeiten
verübt, die Privilegien der Municipalität wurden geachtet, die Behörden
nicht gewechselt. Dennoch aber konnte das Volk einen Sieger nicht ohne
Thränen der Wuth und Scham in das bis dahin unbezwungene Schloß
einziehen sehen. Selbst die barfüßigen Carmeliter, die allen Genüssen,
allem Eigenthum, allem geselligen Umgang, allen häuslichen Zuneigungen
entsagt hatten, deren Tage lauter Fasttage waren, die einen Monat nach
dem andren verlebten, ohne ein Wort zu sprechen, waren heftig ergriffen.
Umsonst bemühte sich Ludwig, sie durch Beweise von Achtung und
fürstlicher Freigebigkeit zu beschwichtigen. So oft sie einer
französischen Uniform begegneten, wendeten sie sich mit einer Miene ab,
welche bewies, daß ein Leben des Gebets, der Enthaltsamkeit und des
Schweigens ein irdisches Gefühl in ihnen nicht zu ersticken vermocht
hatte.[24]

Dies war vielleicht der Augenblick, wo Ludwig's Arroganz den höchsten
Grad erreichte. Er hatte die letzte und glänzendste Kriegsthat seines
Lebens vollbracht. Seine verbündeten Feinde, Engländer und Deutsche,
hatten gegen ihren Willen seinen Triumph erhöht und waren Zeugen des
Ruhmes gewesen, der ihnen das Herz brach. Seine Freude war grenzenlos.
Die Umschriften auf den Denkmünzen, die er zur Verewigung seines Sieges
schlagen ließ, die Schreiben, durch welche er den Prälaten seines
Königreichs befahl, das Te Deum zu singen, waren prahlerisch und
sarkastisch. Sein Volk, ein Volk, zu dessen vielen edlen Eigenschaften
Mäßigung im Glück nicht gerechnet werden kann, schien eine Zeit lang
trunken von Stolz. Selbst Boileau, durch die herrschende Begeisterung
mit fortgerissen, vergaß die Gelassenheit und den guten Geschmack, denen
er seinen Ruf verdankte. Er bildete sich ein, ein lyrischer Dichter zu
sein und machte seinen Gefühlen in hundertsechzig Strophen geistlosen
Bombastes über Alcibiades, Mars, Bacchus und Ceres, die Leier des
Orpheus, die tracischen Eichen und die permessianischen Nymphen, Luft.
Er sagte, er möchte wohl wissen, ob Namur, wie Troja, von Apollo und
Neptun erbaut worden sei. Er fragte, welche Macht eine Stadt bezwingen
könne, welche stärker sei als die, vor der die Griechen zehn Jahre
lagen, und er gab sich selbst die Antwort darauf, daß ein solches Wunder
nur durch Jupiter oder durch Ludwig bewerkstelligt werden könne. Die
Feder am Hute Ludwig's war der Leitstern des Sieges. Vor Ludwig müsse
sich Alles beugen, Fürsten, Nationen, Winde und Wasser. Zum Schluß
wendete sich der Dichter an die verbündeten Feinde Frankreich's und
ersuchte sie höhnisch, die Nachricht mit nach Hause zu nehmen, daß
Namur vor ihren Augen gefallen sei. Doch es waren noch nicht viele
Monate verstrichen, als der prahlerische König und der prahlerische
Dichter belehrt wurden, daß es eben so klug als anständig ist, in der
Stunde des Sieges bescheiden zu sein.

Eine Kränkung hatte Ludwig selbst inmitten seines Glückes erfahren.
Während er vor Namur lag, hörte er Töne des Jubels im fernen Lager der
Alliirten. Ein dreifacher Donner aus hundertvierzig Geschützen wurde von
drei Salven aus sechzigtausend Flinten beantwortet. Man erfuhr bald, daß
diese Salven wegen der Schlacht von La Hogue abgefeuert wurden. Der
König von Frankreich bemühte sich heiter zu erscheinen. »Sie machen
einen entsetzlichen Lärm um das Verbrennen einiger Schiffe,« sagte er.
In der That aber war er sehr besorgt, dies um so mehr, als die Nachricht
nach den Niederlanden gelangt war, daß ein Seetreffen stattgefunden und
daß seine Flotte geschlagen worden sei. Seine gute Laune wurde jedoch
bald wieder hergestellt durch den glänzenden Erfolg der Operationen, die
unter seiner unmittelbaren Leitung vor sich gingen.


[_Ludwig kehrt nach Versailles zurück._] Als die Belagerung vorüber war,
übertrug er Luxemburg das Obercommando der Armee und kehrte nach
Versailles zurück. Bald fand sich der unglückliche Tourville daselbst
ein und wurde freundlich empfangen. Sobald er in dem Zirkel erschien,
begrüßte ihn der König mit lauter Stimme. »Ich bin vollkommen zufrieden
mit Ihnen und mit meinen Seeleuten. Wir sind zwar geschlagen worden,
aber Ihre Ehre und die der Nation sind unbefleckt.«[25]

Obgleich Ludwig die Niederlande verlassen hatte, waren doch die Blicke
von ganz Europa noch immer auf diese Gegend gerichtet. Die daselbst
stehenden Armeen waren durch von verschiedenen Seiten herangezogene
Verstärkungen vermehrt worden. Ueberall anderwärts waren die
militärischen Operationen des Jahres unbedeutend und ohne Interesse. Der
Großvezir und Ludwig von Baden thaten wenig mehr, als daß sie einander
an der Donau beobachteten. Der Marschall Noailles und der Herzog von
Medina Sidonia thaten wenig mehr, als daß sie einander in den Pyrenäen
beobachteten. Am Oberrhein und längs der Grenze, welche Frankreich von
Piemont scheidet, wurde ein unentschiedener Raubkrieg geführt, durch den
die Soldaten wenig, die Landleute aber sehr viel litten. Jedermann aber
blickte in gespannter Erwartung eines großen Ereignisses nach der Grenze
von Brabant, wo Wilhelm und Luxemburg einander gegenüberstanden.


[_Luxemburg._] Luxemburg, der jetzt in seinem sechsundsechzigsten Jahre
stand, war allmälig und durch den Tod mehrerer großer Männer zum ersten
Platze unter den Generälen seiner Zeit emporgestiegen. Er stammte aus
dem edlen Hause Montmorency, das viele mythische und viele historische
Ansprüche auf Ruhm in sich vereinigte, das sich rühmte, dem ersten
Franken, der im fünften Jahrhundert auf den Namen Christi getauft wurde,
entsprossen zu sein, und das seit dem 11. Jahrhunderte Frankreich eine
lange und glänzende Reihe von Connetables und Marschällen gegeben hatte.
In Bezug auf Tapferkeit und Talente stand Luxemburg keinem seines
erlauchten Geschlechts nach. Aber trotz vornehmer Herkunft und hoher
Begabung hatte er nur mit Mühe die Hindernisse bewältigt, die sich ihm
auf dem Ruhmeswege entgegenstellten. Wenn er der Freigebigkeit der Natur
und der Glücksgöttin viel verdankte, so hatte er doch noch weit mehr
unter ihrer Ungunst gelitten. Sein Gesicht war abschreckend häßlich,
seine Gestalt klein, und ein hoher, spitzer Höcker erhob sich auf seinem
Rücken. Seine Constitution war schwach und kränklich. Gegen seinen
sittlichen Wandel waren schwere Beschuldigungen erhoben worden. Er war
des Verkehrs mit Zauberern und Giftmischern beschuldigt worden, hatte
lange in einem Kerker geschmachtet und hatte endlich seine Freiheit
wiedererlangt, ohne seine Ehre völlig wiederzuerlangen.[26] Sowohl
Louvois als Ludwig hatten ihn nie leiden können. Doch der Krieg gegen
die europäische Coalition hatte noch nicht lange gedauert, als der
Minister und der König einsahen, daß der Staat den ihnen persönlich
verhaßten General nöthig brauchte. Condé und Turenne waren nicht mehr,
und Luxemburg war ohne Widerrede der ausgezeichnetste Soldat, den
Frankreich noch besaß. An Wachsamkeit, Fleiß und Beharrlichkeit fehlte
es ihm. Er schien seine großen Eigenschaften für große Ereignisse
aufzusparen. Auf dem offenen Schlachtfelde war er ganz er selbst. Er
besaß einen raschen und sicheren Blick. Sein Urtheil war dann am
klarsten und treffendsten, wenn die schwerste Verantwortlichkeit auf ihm
lastete und wenn die Schwierigkeiten sich massenhaft um ihn her
aufthürmten. Seiner Geschicklichkeit, Energie und Geistesgegenwart
verdankte sein Vaterland einige ruhmvolle Tage. Aber obwohl in
Schlachten außerordentlich glücklich, war er nicht besonders glücklich
in Feldzügen. Er erwarb sich auf Wilhelm's Unkosten einen glänzenden
Ruf, und doch gaben die beiden Feldherren in Sachen des Kriegs einander
wenig nach. Luxemburg war zu wiederholten Malen siegreich, aber er
verstand die Kunst nicht, einen Sieg zu benutzen. Wilhelm wurde zu
wiederholten Malen geschlagen; aber von allen Feldherren verstand er es
am besten, eine Niederlage wieder gut zu machen.

Im Monat Juli befand sich Wilhelm's Hauptquartier in Lambeque. Ungefähr
sechs Meilen davon, bei Steenkerke, lag Luxemburg mit dem Gros seiner
Armee, und noch etwa sechs Meilen weiter lag ein starkes Corps unter den
Befehlen des Marquis von Boufflers, eines der besten Offiziere in
Ludwig's Diensten.

Die Gegend zwischen Lambeque und Steenkerke war von unzähligen Hecken
und Gräben durchschnitten, und keine der beiden Armeen konnte sich der
andren nähern, ohne mehrere lange und schmale Defilés zu passiren.
Luxemburg hatte daher wenig Grund zu befürchten, daß er in seinen
Verschanzungen angegriffen werden würde, und er war überzeugt, daß er
in Zeiten erfahren würde, wenn ein Angriff im Werke war; denn es war ihm
gelungen, einen Abenteurer, Namens Millevoix zu bestechen, welcher
erster Musiker und Privatsekretär des Kurfürsten von Baiern war. Dieser
Mann sandte regelmäßig authentische Nachrichten über die Pläne der
Alliirten in das französische Hauptquartier.

Im festen Vertrauen auf die Stärke seiner Position und auf die
Genauigkeit seiner Nachrichten, lebte der Marschall in seinem Zelte, wie
er in seinem pariser Hotel zu leben gewohnt war. Er war zu gleicher Zeit
ein Schwächling und ein Wüstling und in beiden Eigenschaften liebte er
die Bequemlichkeit. Er bestieg fast nie sein Pferd. Leichte Conversation
und Kartenspiel füllten den größten Theil seiner Zeit aus. Seine Tafel
war luxuriös, und wenn er einmal bei Tische saß, war es gefährlich, ihn
zu stören. Einige Spötter sagten, daß er sich bei seinen militärischen
Dispositionen nicht ausschließlich durch militärische Gründe leiten
lasse, daß er sich gewöhnlich an einem Orte verschanze, wo das
Kalbfleisch und Geflügel besonders gut seien, und daß er stets darauf
Bedacht nehme, sich diejenige Communication mit dem Meere frei zu
halten, die ihm vom September bis zum April eine regelmäßige Zufuhr von
Sandwich-Austern sicherte. Wenn es in der Nähe seines Lagers hübsche
Frauen gab, so waren sie in der Regel bei seinen Gastmählern zu finden.
Man kann leicht denken, daß unter einem solchen Befehlshaber die jungen
Prinzen und Edelleute Frankreich's in Glanz und Galanterie mit einander
wetteiferten.[27]


[_Schlacht von Steenkerke._] Während er sich so auf seine gewohnte Art
amüsirte, kamen die verbündeten Fürsten dahinter, daß ihre Beschlüsse
verrathen wurden. Ein Landmann fand einen Brief, der verloren worden
war, und brachte ihn dem Kurfürsten von Baiern. Dieser Brief enthielt
klare Beweise von Millevoix' Schuld. Wilhelm hegte die Hoffnung, daß es
ihm gelingen werde, seine Feinde in der Schlinge zu fangen, die sie ihm
gelegt hatten. Der treulose Sekretär wurde vor den König citirt und
wegen seines Verbrechens zur Rede gesetzt. Man gab ihm eine Feder in die
Hand, hielt ihm ein Pistol auf die Brust und befahl ihm bei Strafe des
augenblicklichen Todes zu schreiben. Sein von Wilhelm dictirter Brief
wurde sodann ins französische Lager gesandt. Luxemburg wurde darin
benachrichtigt, daß die Alliirten am folgenden Tage ein starkes
Fouragirungscorps zu entsenden gedächten. Um dieses Detachement vor
Belästigung zu schützen, würden in der Nacht einige Bataillone
Infanterie, von Artillerie begleitet, ausrücken, um die zwischen den
beiden Armeen gelegenen Defilés zu besetzen. Der Marschall las, glaubte
und begab sich zur Ruhe, während Wilhelm eifrig seine Vorkehrungen zu
einem allgemeinen Angriff auf die französischen Linien betrieb.

Die ganze verbündete Armee stand unter Waffen, als es noch dunkel war.
Mit dem Grauen des Morgens wurde Luxemburg durch Kundschafter geweckt,
die ihm die Nachricht brachten, daß der Feind in bedeutender Stärke
anrücke. Er nahm die Mittheilung anfangs sehr leicht. Sein Correspondent
schien, wie gewöhnlich, umsichtig und exact gewesen zu sein. Der Prinz
von Oranien hatte ein Detachement zum Schutze seiner Fourageurs
entsendet, und der Schrecken hatte dieses Detachement zu einer
gewaltigen Armee vergrößert. Doch eine beunruhigende Nachricht folgte
der andren auf dem Fuße. Alle Pässe, hieß es, wimmelten von Massen von
Infanterie, Cavallerie und Artillerie unter den Bannern England's,
Spanien's, der Vereinigten Provinzen und des deutschen Reichs, und jede
Colonne bewege sich gegen Steenkerke. Jetzt stand der Marschall endlich
auf, stieg zu Pferde und ritt aus, um zu sehen was vorging.

Inzwischen war die Vorhut der Alliirten bis dicht an seine Vorposten
herangekommen. Etwa eine halbe Meile von seiner Armee lagerte eine
Brigade, welche den Namen der Provinz Bourbonnais führte. Diese Truppen
hatten den ersten Anprall auszuhalten. Erstaunt und von panischem
Schrecken ergriffen, wurden sie in einem Augenblicke geworfen und
suchten ihr Heil in der Flucht, ihre Zelte und sieben Kanonen dem
Feinde überlassend.

Soweit waren Wilhelm's Pläne mit vollständigem Erfolge gekrönt worden;
jetzt aber begann das Glück sich gegen ihn zu wenden. Er war über die
Beschaffenheit des zwischen der Stellung der Brigade Bourbonnais und dem
Hauptlager des Feindes liegenden Terrains falsch berichtet worden. Er
hatte erwartet, daß er im Stande sein würde, ohne allen Aufenthalt
vorwärts zu dringen, daß er die französische Armee in einem Zustande
wilder Verwirrung finden und daß sein Sieg leicht und vollständig sein
würde. Aber er wurde durch mehrere Hecken und Gräben in seinem Vorrücken
gehemmt, es entstand ein kurzer Aufenthalt, und dieser kurze Aufenthalt
reichte hin, sein Vorhaben zu vereiteln. Luxemburg war ganz der Mann für
einen solchen Fall. Er hatte große Fehler begangen, er hatte sorglose
Wacht gehalten, er hatte Nachrichten, die sich als falsch erwiesen,
blind geglaubt, er hatte Nachrichten, die sich als wahr erwiesen, nicht
beachtet, eine seiner Divisionen war in wilder Flucht begriffen, die
anderen Divisionen waren nicht kampfbereit. Eine solche Krisis würde die
Geisteskräfte eines gewöhnlichen Feldherrn gelähmt haben; die
Geisteskräfte Luxemburg's wurden dadurch nur gestählt und zu erhöhter
Thätigkeit angeregt. Sein Geist, ja auch sein kränklicher und
verwachsener Körper schienen aus Mißgeschick und Schrecken Gesundheit
und Kraft zu schöpfen. In kurzer Zeit hatte er Alles angeordnet. Die
französische Armee stand in Schlachtordnung. Unter dieser großen Armee
zeichneten sich besonders die Haustruppen Ludwig's, das berühmteste
Corps streitbarer Männer in Europa aus, und an ihrer Spitze erschien,
strahlend von eilig übergeworfenen Tressen und Stickereien, ein Schwarm
junger Prinzen und Cavaliere, die eben erst durch die Trompeten von
ihren Lagern oder ihren Banketten aufgeschreckt worden waren, und die
sich beeilt hatten, dem Tode mit der heiteren und festlichen
Unerschrockenheit ins Angesicht zu schauen, welche dem französischen
Gentleman eigen ist. Am höchsten im Range unter diesen vornehmen
Kriegern stand ein sechzehnjähriger Jüngling, Philipp, Herzog von
Chartres, Sohn des Herzogs von Orleans und Neffe des Königs von
Frankreich. Nur mit Mühe und durch dringendes Bitten hatte der tapfere
Knabe Luxemburg die Erlaubniß entrissen, sich dahin begeben zu dürfen,
wo das Feuer am heißesten war. Zwei andere Jünglinge von königlichem
Geblüt, Ludwig, Herzog von Bourbon, und Armand, Prinz von Condé,
bewiesen einen ihrer Ahnherren würdigen Muth. Neben ihnen kämpfte ein
Abkömmling der Bastarde Heinrich's IV., Ludwig, Herzog von Vendome, ein
in Trägheit und in die niedrigsten Laster versunkener Mensch, der aber
dennoch fähig war, bei einer großen Gelegenheit die Eigenschaften eines
großen Soldaten zu entfalten. Auch Berwick war darunter, der sich einen
ehrenvollen Namen in den Waffen zu erwerben begann, und an seiner Seite
ritt Sarsfield, der sich durch seinen Muth und sein Talent an diesem
Tage die Achtung der ganzen französischen Armee verdiente. Unterdessen
hatte Luxemburg einen Eilboten abgesandt, um Boufflers herbeizurufen.
Aber die Botschaft war überflüssig. Boufflers hatte das Feuer gehört,
und als ein tapferer und intelligenter Heerführer eilte er bereits dem
Punkte zu, von woher das Geräusch kam.

Obgleich die Angreifenden den ganzen Vortheil eines Ueberfalles verloren
hatten, rückten sie doch beherzt heran. Im Vordertreffen marschirten die
Briten unter den Befehlen des Grafen Solms. Mackay's Division sollte
vorangehen, und ihn sollte nach Wilhelm's Plan ein starkes Corps
Infanterie und Cavallerie unterstützen. Obwohl die meisten von Mackay's
Leuten noch nie im Feuer gestanden hatten, versprach ihr Benehmen doch
an Blenheim und Ramilies zu erinnern. Sie stießen zuerst auf die
Schweizer, welche in der französischen Armee eine ausgezeichnete Stelle
einnahmen. Der Kampf war so dicht Mann gegen Mann und so verzweifelt,
daß die Mündungen der Gewehre sich kreuzten. Die Schweizer wurden unter
einem furchtbaren Blutbade zurückgeworfen. Mehr als achtzehnhundert Mann
von ihnen wurden nach den französischen Listen getödtet oder verwundet.
Luxemburg äußerte nachher, daß er nie in seinem Leben einen so wüthenden
Kampf gesehen habe. Er holte eiligst die Ansichten der ihn umgebenden
Generäle ein. Alle waren der Meinung, die Lage der Dinge sei eine
solche, gegen die gewöhnliche Mittel nicht ausreichten. Die königlichen
Haustruppen mußten die Engländer angreifen. Der Marschall gab die
Parole, und die Haustruppen, geführt von den Prinzen von Geblüt, rückten
mit geschultertem Gewehr heran. »Das Schwert zur Hand!« erscholl es
durch alle Reihen dieser furchtbaren Brigade; »das Schwert zur Hand!
kein Feuern! Schlagt sie mit dem kalten Stahl zu Boden!« Nach langer und
verzweifelter Gegenwehr wurden die Engländer geworfen. Sie hörten nie
auf zu wiederholen, daß, wenn Solms seine Schuldigkeit gegen sie gethan
hätte, sie selbst die Haustruppen geschlagen haben würden. Aber Solms
gewährte ihnen keine wirksame Unterstützung. Er ließ einige Cavallerie
vorgehen, die aber in Folge der Bodenbeschaffenheit wenig oder nichts
thun konnte. Seine Infanterie ließ er nicht von der Stelle. Sie könne
nichts nützen, sagte er, und er habe nicht Lust, sie zur Schlachtbank zu
schicken. Ormond wäre sehr gern zur Unterstützung seiner Landsleute
herbeigeeilt, aber er durfte nicht. Mackay sandte einen Eilboten und
ließ sagen, daß er und seine Leute dem sicheren Untergange preisgegeben
seien; aber es war Alles vergebens. »Nun wohl, Gottes Wille geschehe,«
sagte der tapfere Veteran. Er starb wie er gelebt hatte: als ein guter
Christ und ein guter Soldat. Mit ihm fielen Douglas und Lanier, zwei
unter den Besiegern Irland's ausgezeichnete Generäle. Auch Mountjoy war
unter den Gefallenen. Nachdem er drei Jahre in der Bastille
geschmachtet, war er gegen Richard Hamilton ausgewechselt worden, und,
durch erfahrene Unbilden, die mächtiger waren als alle Argumente Locke's
und Sidney's, zum Whiggismus bekehrt, war er unverzüglich als
Freiwilliger in Wilhelm's Lager geeilt. Fünf schöne Regimenter wurden
völlig zusammengehauen. Es würde vielleicht kein Mann von dieser
opferfreudigen Schaar davongekommen sein ohne den Muth und das Benehmen
Auverquerque's, der im Augenblicke der höchsten Bedrängniß mit zwei
frischen Bataillonen zur Hülfe herbeieilte. Noch lange erinnerte man
sich an den britischen Wachfeuern mit dankbarer Bewunderung der
Tapferkeit, mit der er die Ueberreste von Mackay's Division befreite.
Der Boden, auf dem der Kampf gewüthet, war mit Haufen von Leichen
bedeckt, und Die, welche die Erschlagenen begruben, bemerkten, daß fast
alle Wunden vom Säbel oder Bajonnet herrührten.

Man erzählte sich, Wilhelm habe seine gewohnte stoische Ruhe soweit
vergessen, daß er eine heftige Aeußerung that über die Art und Weise der
Hinopferung der englischen Regimenter. Bald jedoch erlangte er seinen
Gleichmuth wieder und beschloß den Rückzug anzutreten. Es war hohe Zeit,
denn die französische Armee verstärkte sich mit jedem Augenblicke, da
die von Boufflers befehligten Regimenter in rascher Aufeinanderfolge
herbeikamen. Die alliirte Armee zog sich in guter Ordnung und ohne
verfolgt zu werden, auf Lambeque zurück.[28]

Die Franzosen gestanden ein, daß sie ungefähr siebentausend Todte und
Verwundete hatten. Der Verlust der Alliirten war nur sehr wenig größer,
wenn er überhaupt größer war. Die relative Stärke der beiden Armeen war
die nämliche wie am vergangenen Tage, und sie blieben in ihren
bisherigen Stellungen. Aber der moralische Eindruck der Schlacht war
groß. Der Stern von Wilhelm's Ruhm begann zu erbleichen. Selbst seine
Bewunderer mußten zugeben, daß er im Felde Luxemburg nicht gewachsen
sei. In Frankreich wurde die Nachricht mit maßlosem Jubel und Stolze
aufgenommen. Der Hof, die Hauptstadt, selbst das Landvolk der
entlegensten Provinzen freute sich über die ungestüme Tapferkeit, die so
viele Jünglinge, die Erben berühmter Namen, an den Tag gelegt hatten.
Man erzählte sich mit Freude und Rührung im ganzen Lande, daß der junge
Herzog von Chartres durch keine Vorstellungen sich von der Gefahr habe
zurückhalten lassen, daß eine Kugel seinen Mantel durchlöchert habe und
daß er an der Schulter verwundet worden sei. Das Volk versammelte sich
längs der Straßen, um die von Steenkerke zurückkehrenden Prinzen und
Cavaliere zu sehen. Die Juweliere verfertigten Schnallen à la
Steenkerke, die Parfümeriehändler verkauften Pulver à la Steenkerke.
Besonders aber wurde der Name des Schlachtfeldes einer neuen Art
Halsbinde gegeben. Die Modeherren trugen damals Spitzenhalstücher, die
sie mit großer Sorgfalt zu knüpfen pflegten. In dem schreckensvollen
Augenblicke aber als die Brigade Bourbonnais vor dem Angriffe der
Alliirten floh, war keine Zeit, sich zu putzen, und die elegantesten
Herren vom Hofe kamen mit ungeordneten Cravatten vor die Front der
Schlachtlinie gesprengt. Es wurde daher bei der Pariser schönen Welt
Mode, Tücher von den feinsten Spitzen in gesuchter Unordnung um den Hals
zu tragen, und diese Tücher hießen Steenkerkes.[29]

Im Lager der Alliirten herrschte allgemeine Uneinigkeit und
Unzufriedenheit. Nationale Eifersüchteleien und Animositäten wütheten
rückhaltlos und unverhohlen. Die Entrüstung der Engländer äußerte sich
laut. Solms war, obgleich Diejenigen, die ihn genau kannten, ihm einige
schätzenswerthe Eigenschaften nicht absprachen, nicht der Mann, Soldaten
für sich zu gewinnen, die gegen ihn als Ausländer eingenommen waren.
Sein Benehmen war anmaßend, sein Character unbiegsam. Schon vor der
unglücklichen Schlacht von Steenkerke verkehrten die englischen
Offiziere nicht gern mit ihm, und die gemeinen Soldaten murrten über
sein barsches Wesen. Nach der Schlacht aber wurde das Geschrei gegen ihn
wüthend. Er wurde, vielleicht mit Unrecht, beschuldigt, während des
verzweifelten Kampfes der englischen Regimenter gegen eine große
Uebermacht mit gefühlloser Leichtfertigkeit geäußert zu haben, daß er
neugierig sei, wie die Bulldoggen sich herausbeißen würden. Würde jetzt
noch, fragte man, Jemand behaupten, daß er seiner hervorragenden
Geschicklichkeit und Erfahrung wegen über so viele englische Offiziere
gestellt worden sei? Es sei gebräuchlich zu sagen, daß diese Offiziere
noch niemals Krieg in großem Maßstabe gesehen hätten. Aber sicherlich
sei auch der unerfahrenste Neuling befähigt das zu thun was Solms gethan
habe: Befehle falsch zu verstehen, Cavallerie zu Diensten zu verwenden,
die nur Infanterie verrichten könne, und aus sicherer Entfernung
zuzusehen, während tapfere Männer in Stücke gehauen würden. Es sei
zuviel, zu gleicher Zeit beschimpft und aufgeopfert, von den Ehren des
Kriegs ausgeschlossen und doch den ärgsten Gefahren desselben
entgegengeworfen, als ungeschickte Rekruten verhöhnt und dann ohne
Beistand dem Kampfe mit dem schönsten Corps Veteranen von der Welt
überlassen zu werden. So lauteten die Klagen der englischen Armee, und
sie fanden bei der englischen Nation Wiederhall.

Zum Glück wurde um diese Zeit eine Entdeckung gemacht, welche dem Lager
von Lambeque wie den Kaffeehäusern London's einen Unterhaltungsstoff
lieferte, der den Jakobiten viel weniger angenehm war als die Niederlage
von Steenkerke.


[_Verschwörung Grandval's._] Seit einigen Monaten war im französischen
Kriegsministerium ein Complot gegen das Leben Wilhelm's geschmiedet
worden. Wie es scheint, hatte Louvois ursprünglich den Plan entworfen
und ihn, in rohen Umrissen, seinem Sohne und Nachfolger Barbesieux
hinterlassen. Barbesieux brachte die Idee zur Reife. Die Ausführung
wurde einem Offizier, Namens Grandval, übertragen. Grandval war ohne
Widerrede tapfer und voll Begeisterung für sein Vaterland und seine
Religion. Er war zwar ein Fanatiker und nicht ganz bei Verstande, aber
deshalb nicht minder gefährlich. Ein fanatischer und halb verrückter
Mensch ist in der That gerade dasjenige Werkzeug, das schlaue Politiker
in der Regel vorziehen, wenn etwas besonders Gefährliches auszuführen
ist. Kein vorsichtig berechnender Kopf würde sich für noch so hohen Lohn
dem Schicksale eines Chatel, eines Ravaillac oder eines Gerarts
ausgesetzt haben.[30]

Grandval hatte sich, wie er wenigstens glaubte, den Beistand zweier
Abenteurer, Dumont's, eines Wallonen, und Leefdale's, eines Holländers,
gesichert. Im April, kurz nach Wilhelm's Ankunft in den Niederlanden,
erhielten die Mörder Befehl, sich auf ihren Posten zu begeben. Dumont
war damals in Westphalen, Grandval und Leefdale in Paris. Uden war als
der Ort bestimmt, wo die Drei zusammentreffen und von wo sie sich in das
Hauptquartier der Alliirten begeben sollten. Ehe Grandval Paris verließ,
stattete er noch einen Besuch in Saint-Germains ab und wurde Jakob und
Marien von Modena vorgestellt. »Ich bin von Ihrem Vorhaben
unterrichtet,« sagte Jakob. »Wenn Sie und Ihre Begleiter mir diesen
Dienst erzeigen, soll es Ihnen nie an etwas fehlen.«

Nach dieser Audienz trat Grandval seine Reise an. Er hatte nicht die
leiseste Ahnung davon, daß er sowohl von dem Complicen, der ihn
begleitete, als auch von dem Complicen, mit dem er noch zusammentreffen
sollte, verrathen war. Dumont und Leefdale waren keine Fanatiker; die
Restauration Jakob's, die Größe Ludwig's und das Uebergewicht der
römischen Kirche waren ihnen sehr gleichgültig. Jeder Verständige mußte
einsehen, daß, mochte der Plan gelingen oder nicht, der Lohn der Mörder
wahrscheinlich darin bestehen werde, daß sie von den Höfen von
Versailles und Saint-Germains mit erheucheltem Abscheu desavouirt, und
mit glühenden Zangen gezwickt, mit geschmolzenem Blei begossen und von
vier Pferden zerrissen wurden. Für gewöhnliche Menschen hatte die
Aussicht auf ein solches Märtyrerthum nichts Anziehendes. Jene beiden
Männer hatten daher fast zu gleicher Zeit, wenn auch wie es scheint ohne
vorgängige Verabredung, Wilhelm auf verschiedenen Wegen die Warnung
zukommen lassen, daß sein Leben in Gefahr sei. Dumont hatte Alles dem
Herzog von Celle, einem der verbündeten Fürsten, mitgetheilt, und
Leefdale hatte durch seine in Holland wohnenden Verwandten ausführliche
Nachrichten gegeben. Mittlerweile hatte Morel, ein schweizerischer
Protestant von großer Gelehrsamkeit, der sich damals in Frankreich
aufhielt, Burnet schriftlich mitgetheilt, daß man den schwachen und
überspannten Grandval prahlend von einem Ereignisse habe sprechen hören,
welches die Welt in Erstaunen setzen werde, und daß er mit großer
Zuversicht prophezeit habe, der Prinz von Oranien werde das Ende des
nächsten Monats nicht erleben.

Diese warnenden Winke wurden nicht unbeachtet gelassen. Von dem
Augenblicke an wo Grandval die Niederlande betrat, war er von
Fallstricken umgeben. Alle seine Bewegungen und Reden wurden beobachtet;
er wurde festgenommen, verhört, mit seinen Complicen confrontirt und in
das Lager der Alliirten geschickt. Ungefähr acht Tage nach der Schlacht
von Steenkerke wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt. Ginkell, der für
seine großen Dienste in Irland mit dem Titel eines Earl von Athlone
belohnt worden war, führte den Vorsitz, und Talmash befand sich unter
den Richtern. Mackay und Lanier waren ebenfalls zu Mitgliedern des
Tribunals ernannt worden; aber sie waren nicht mehr, und ihre Plätze
wurden daher durch jüngere Offiziere ausgefüllt.

Die Aufgabe des Kriegsgerichts war sehr einfach, denn der Gefangene
machte gar keinen Versuch sich zu vertheidigen. Sein Gewissen schien
plötzlich erwacht zu sein. Er gab mit Ausdrücken der Reue die Wahrheit
aller Beschuldigungen zu, legte ein ausführliches und anscheinend
aufrichtiges Geständniß ab und erkannte an, daß er den Tod verdient
habe. Er wurde verurtheilt, gehängt, geschleift und geviertheilt zu
werden, und erlitt seine Strafe mit großer Standhaftigkeit und einem
Anschein von Frömmigkeit. Er hinterließ einige Zeilen, in denen er
erklärte, daß er im Begriff stehe sein Leben zu verlieren, weil er den
Befehlen Barbesieux' zu gewissenhaft nachgekommen sei.

Sein Bekenntniß erschien alsbald gedruckt in mehreren Sprachen und wurde
mit sehr verschiedenen und sehr heftigen Empfindungen gelesen. Daß es
ächt war, konnte nicht bezweifelt werden, denn es war durch die
Unterschriften einiger der ausgezeichnetsten lebenden Militärs verbürgt.
Daß es von der Hoffnung auf Begnadigung eingegeben sein sollte, war kaum
anzunehmen, denn Wilhelm hatte dafür gesorgt, jede derartige Hoffnung
niederzuschlagen. Noch weniger konnte man annehmen, daß der Gefangene
Unwahrheiten ausgesagt habe, um der Tortur zu entgehen, denn obgleich es
in den Niederlanden allgemein gebräuchlich war, überführte Mörder auf
die Folter zu spannen, um ihnen die Namen ihrer Auftraggeber und
Mitschuldigen abzupressen, so hatte doch Wilhelm anbefohlen, bei dieser
Gelegenheit die Folter weder anzuwenden noch auch nur zu nennen. Es muß
hinzugesetzt werden, daß der Gerichtshof gar kein strenges Verhör mit
dem Gefangenen anstellte, sondern ihm seine Geschichte nach seiner Weise
erzählen ließ. Man darf daher wohl annehmen, daß seine Erzählung im
Wesentlichen wahr ist, und kein Theil derselben trägt unverkennbarer den
Stempel der Wahrheit als sein Bericht von der Audienz, mit der Jakob ihn
in Saint-Germains beehrt hatte.

Auf unsrer Insel machte die Nachricht großes Aufsehen. Die Whigs nannten
ganz offen Jakob sowohl als Ludwig Meuchelmörder. Wie, fragte man, sei
es, ohne dem gesunden Menschenverstande Hohn zu sprechen, möglich, den
Worten, welche Grandval aus dem Munde des verbannten Königs von England
gehört zu haben erklärte, einen unschuldigen Sinn beizulegen? Und
welcher Mensch, der den Hof von Versailles kenne, werde glauben, daß
Barbesieux, ein bloßer Anfänger in der Politik und mehr Sekretär als
Minister, gewagt haben würde, das was er gethan, ohne Bewilligung seines
Gebieters zu thun? Sehr menschenfreundliche und sehr unwissende Personen
könnten sich vielleicht der Hoffnung hingeben, daß Ludwig vor
vollendeter Thatsache noch nicht Theilnehmer gewesen sei. Daß er aber
nach vollendeter Thatsache Mitschuldiger gewesen sei, könne kein Mensch
bezweifeln. Er müsse nothwendig das Verfahren des Kriegsgerichts, das
Zeugenverhör und das Geständniß gesehen haben. Wenn er also wirklich den
Meuchelmord verabscheute, wie jeder Ehrenmann ihn verabscheute, würde
dann nicht Barbesieux mit Schimpf und Schande aus seiner Anwesenheit
verbannt und in die Bastille geworfen worden sein? Barbesieux sei jedoch
noch immer im Kriegsministerium, und Niemand behaupte, daß er nur mit
einem Worte oder mit einem ungehaltenen Blicke bestraft worden sei. Es
sei demnach klar, daß beide Könige an Grandval's Verbrechen Theil
hätten. Und wenn man frage, wie zwei Fürsten, die eine große
Religiosität zur Schau trügen, eine solche Schändlichkeit hätten begehen
können, so laute die Antwort darauf, daß sie ihre Religion von den
Jesuiten gelernt hätten. Die englischen Jakobiten erwiederten sehr wenig
auf diese Vorwürfe, und die französische Regierung erwiederte gar nichts
darauf.[31]


[_Wilhelm's Rückkehr nach England._] Der Feldzug in den Niederlanden
endete ohne ein weiteres Ereigniß, das erwähnt zu werden verdiente. Am
18. October traf Wilhelm wieder in England ein. Spät am Abend des 20.
erreichte er Kensington, nachdem er durch die Hauptstadt in ihrer ganzen
Länge gefahren war. Sein Empfang war herzlich, eine große Menschenmenge
hatte sich versammelt, die ihn mit lauten Zurufen begrüßte, und alle
Fenster auf seinem Wege, von Aldgate bis Piccadilly, waren
erleuchtet.[32]


[_Schlechte Marineverwaltung._] Trotz dieser günstigen Symptome aber war
die Nation verstimmt und unzufrieden. Zu Lande war der Krieg unglücklich
gewesen. Zur See war ein großer Vortheil errungen, aber nicht benutzt
worden. Man hatte allgemein erwartet, daß dem Siege vom Mai eine Landung
an der französischen Küste folgen, daß Saint-Malo bombardirt, daß die
letzten Ueberreste von Tourville's Geschwader vernichtet und daß die
Arsenale von Brest und Rochefort in Trümmer geschossen werden würden.
Diese Erwartung war allerdings unvernünftig. Daraus, daß Rooke und seine
Seeleute die in aller Eile von Bellefonds errichteten Batterien zum
Schweigen gebracht hatten, folgte noch nicht, daß es rathsam war,
Schiffe dem Feuer ordentlicher Festungen auszusetzen. Die Regierung war
jedoch nicht weniger sanguinisch als die Nation. Es wurden großartige
Anstalten getroffen. Nachdem die verbündete Flotte in Portsmouth eiligst
wieder in Stand gesetzt worden war, stach sie aufs neue in See. Rooke
wurde abgesandt, um die Wassertiefe und die Strömungen längs der Küste
der Bretagne zu untersuchen.[33] Bei Saint-Helens wurden
Transportschiffe versammelt. Vierzehntausend Mann Truppen lagen bei
Portsdown unter dem Commando Meinhart Schomberg's, der für die Dienste
seines Vaters und für seine eigenen mit dem höchsten irischen Peersrange
belohnt worden und jetzt Herzog von Leinster war. Unter ihm dienten
Ruvigny, der für seine trefflichen Dienste bei Aghrim zum Earl von
Galway creirt worden war, La Melloniere und Cambon mit ihren tapferen
Refugiés und Argyle mit dem Regimente, das seinen Namen führte und das,
wie man sich zu erzählen begann, im vergangenen Winter in einer noch von
keinem Engländer erforschten wilden Gebirgs- und Schneegegend etwas
Sonderbares und Entsetzliches gethan haben sollte.

Am 26. Juli waren sämmtliche Truppen an Bord. Die Transportschiffe
segelten ab und vereinigten sich nach wenigen Stunden in der Nähe von
Portland mit der Kriegsflotte. Am 28. wurde ein allgemeiner Kriegsrath
gehalten. Sämmtliche Schiffcommandeurs, mit Russell an der Spitze,
erklärten, daß es Wahnsinn sein würde, ihre Schiffe in den Bereich der
Kanonen von Saint-Malo zu bringen, und daß die Stadt erst zu Lande
bedrängt werden müsse, ehe die im Hafen liegenden Kriegsschiffe mit der
geringsten Aussicht auf Erfolg von der See her angegriffen werden
könnten. Die Militärs erklärten mit gleicher Einstimmigkeit, daß die
Landtruppen ohne gleichzeitige Mitwirkung der Flotte nichts gegen die
Stadt auszurichten vermöchten. Man überlegte nun, ob es rathsam sei,
einen Angriff auf Brest oder Rochefort zu unternehmen. Russell und die
übrigen Flaggenoffiziere, darunter Rooke, Shovel, Almonde und Evertsen,
erklärten, der Sommer sei für beide Unternehmungen zu weit
vorgerückt.[34] Wir müssen glauben, daß eine Ansicht, in der so viele
ausgezeichnete englische und holländische Admirale übereinstimmten, mag
sie uns auch noch so auffallend erscheinen, den damals feststehenden
Prinzipien der Seekriegskunst angemessen war. Warum aber alle diese
Fragen nicht acht Tage früher erschöpfend berathen, warum
vierzehntausend Mann Truppen eingeschifft und aufs Meer geschickt worden
waren, ehe man erwogen hatte, was sie thun sollten oder ob sie überhaupt
etwas würden thun können, darüber dürfen wir uns mit Recht wundern. Die
Flotte kehrte zum Erstaunen und Unwillen der ganzen Nation nach
Saint-Helens zurück.[35] Die Minister tadelten die Commandeurs, die
Commandeurs tadelten die Minister. Ganz besonders laut und heftig waren
die gegenseitigen Beschuldigungen zwischen Nottingham und Russell. Der
rechtschaffene und fleißige, in den Civilgeschäften wohlbewanderte und
in der parlamentarischen Debatte beredtsame Nottingham entbehrte der
Eigenschaften eines Kriegsministers und war sich seiner Mangelhaftigkeit
in dieser Beziehung keineswegs bewußt. Zwischen ihm und dem ganzen
Stande der Seeleute von Profession herrschte eine schon seit langer Zeit
währende Fehde. Er war einige Zeit vor der Revolution einer der Lords
der Admiralität gewesen und glaubte sich damals eine gründliche Kenntniß
der Marineangelegenheiten erworben zu haben. Diese Ansicht theilten
jedoch nur sehr Wenige. Männer, welche die Hälfte ihres Lebens auf dem
Wasser zugebracht und Schlachten, Stürme und Schiffbrüche gesehen
hatten, ärgerten sich über seine etwas pomphaften Sermone und Verweise
und erklärten ihn für einen bloßen Pedanten, der mit aller seiner
Büchergelehrsamkeit Dinge nicht verstehe, die jeder Kajütenjunge wisse.
Russell war stets eigensinnig, anmaßend und widerspenstig gewesen, und
jetzt entwickelten Glück und Ruhm seine Fehler zu voller Stärke. Der
Regierung gegenüber, die er gerettet hatte, nahm er sich alle Freiheiten
eines insolenten Dieners heraus, der sich für unentbehrlich hält,
behandelte die Befehle seiner Vorgesetzten mit geringschätzender
Leichtfertigkeit, nahm jeden auch noch so milden Tadel für eine
Beleidigung, lieferte keinen eigenen Plan und zeigte doch eine unmuthige
Entschlossenheit, keinen von irgend einem Andren vorgeschlagenen Plan
auszuführen. Gegen Nottingham empfand er eine starke und sehr natürliche
Antipathie. Sie waren in der That ein schlecht zusammenpassendes Paar.
Nottingham war ein Tory, Russell ein Whig. Nottingham war ein
spekulativer Seemann, der auf seine Theorien pochte, Russell ein
praktischer Seemann, der auf seine Thaten stolz war. Nottingham's Stärke
war die Rede, Russell's Stärke war das Handeln. Nottingham's Benehmen
war anständig bis zur Förmlichkeit; Russell war heftig und barsch.
Schließlich war Nottingham ein braver Mann, Russell ein Schurke. Sie
wurden jetzt Todfeinde. Der Admiral machte sich über die Unwissenheit
des Sekretärs in Marineangelegenheiten lustig; der Secretär beschuldigte
den Admiral, daß er die Interessen des Staats bloßen eigensinnigen
Launen aufopfere, und Beide hatten Recht.[36]

Während sie mit einander haderten, erhoben die Kaufleute aller
Hafenplätze des Königreichs ein lautes Geschrei über die
Marineverwaltung. Den Sieg, auf den die Nation so stolz war, erklärte
man in der City für ein positives Unglück. Während einiger Monate vor
der Schlacht war die ganze Seemacht des Feindes in zwei großen Massen
concentrirt gewesen, die eine im mittelländischen, die andre im
atlantischen Meere. In Folge dessen hatte es wenig Kaperei gegeben, und
die Reise nach Neuengland oder nach Jamaika war fast eben so gefahrlos
gewesen wie in Friedenszeiten. Seit der Schlacht aber waren die
Ueberreste der vor kurzem unter Tourville versammelt gewesenen Flotte
über den Ocean zerstreut. Selbst die Ueberfahrt von England nach Irland
war unsicher. Jede Woche wurde angekündigt, daß zwanzig, dreißig,
fünfzig Schiffe, welche London oder Bristol gehörten, von den Franzosen
weggenommen worden seien. Mehr als hundert Prisen waren diesen Herbst
allein nach Saint-Malo gebracht worden. Nach der Meinung der
Schiffseigner und der Assecuradeurs würde es weit besser gewesen sein,
wenn der Soleil Royal mit seinen tausend streitbaren Männern noch auf
hoher See geschwommen wäre, anstatt daß er wie ein Aschenhaufen am
Strande bei Cherbourg lag, während seine Mannschaft, auf zwanzig
Brigantinen vertheilt, in den Gewässern zwischen Cap Finisterre und Cap
Clear nach Beute umherkreuzte.[37]

Die Kaper von Dünkirchen waren schon seit langer Zeit berühmt, und unter
ihnen nahm Jean Bart, von niederer Herkunft und kaum im Stande seinen
Namen zu schreiben, aber ausgezeichnet tapfer und rührig, unbestritten
den ersten Rang ein. In dem Vaterlande Anson's und Hawke's, Howe's und
Rodney's, Duncan's, Saint-Vincent's und Nelson's würde der Name des
verwegensten und geschicktesten Corsaren wenig Aussicht gehabt haben, in
der Erinnerung fortzuleben. Frankreich aber, unter dessen vielen
unbestrittenen Ruhmestiteln nur sehr wenige dem Seekriege angehören,
zählt Jean Bart noch immer zu seinen großen Männern. Im Herbste des
Jahres 1692 war dieser unternehmende Freibeuter der Schrecken aller mit
der Ostsee Handel treibenden englischen und holländischen Kaufleute. Er
nahm und zerstörte Schiffe dicht an der Ostküste unsrer Insel. Ja, er
wagte es sogar in Northumberland zu landen, und verbrannte viele Häuser,
ehe die Milizen zusammengezogen werden konnten, um ihm auf den Leib zu
rücken. Der Werth der Prisen, die er in seinen heimathlichen Hafen
führte, wurde auf ungefähr hunderttausend Pfund Sterling geschätzt.[38]
Um die nämliche Zeit wurde einem jüngeren Abenteurer, der bestimmt war,
Bart zu erreichen oder noch zu übertreffen, Du Guay Trouin, das Commando
eines kleinen bewaffneten Fahrzeugs übertragen. Der unerschrockene Knabe
-- denn er war noch nicht zwanzig Jahr alt -- fuhr in die Mündung des
Shannon, plünderte ein Haus in der Grafschaft Clare und schiffte sich
nicht eher wieder ein, als bis ein Detachement der Garnison von Limerick
gegen ihn ausrückte.[39]


[_Erdbeben in Port Royal._] Während durch diese Seeräuber unser Handel
gestört und unsere Küsten bedroht wurden, vermehrten einige andere
Calamitäten, die keine menschliche Vorsicht hätte abwenden können, die
öffentliche Verstimmung. Ein Erdbeben von furchtbarer Heftigkeit
zerstörte binnen weniger als drei Minuten die blühende Colonie Jamaika.
Ganze Pflanzungen veränderten ihre Lage, ganze Dörfer wurden
verschlungen. Port Royal, die schönste und reichste Stadt, welche die
Engländer bis dahin in der neuen Welt erbaut hatten, berühmt wegen ihrer
Quais, ihrer Waarenmagazine und ihrer prächtigen Straßen, die mit
Cheapside gewetteifert haben sollen, wurde in einen Trümmerhaufen
verwandelt. Funfzehnhundert Einwohner wurden unter ihren eigenen Häusern
begraben. Die Folgen dieses Unglücks wurden von vielen großen
Handlungshäusern London's und Bristol's schwer empfunden.[40]


[_Noth in England._] Ein noch größeres Unglück war das Mißrathen der
Ernte. Der Sommer war im ganzen westlichen Europa naß gewesen. Die
starken Regengüsse, welche die Arbeiten der französischen Pioniere in
den Laufgräben von Namur erschwert hatten, waren auch den Feldfrüchten
verderblich gewesen. Alte Leute erinnerten sich seit 1648 keines solchen
Jahres. Keine Frucht wurde reif. Der Preis des Quarters Weizen
verdoppelte sich. Das Uebel wurde noch verschlimmert durch den Zustand
der Silbermünzen, die in einem solchen Umfange beschnitten worden
waren, daß die Worte Pfund und Schilling gar keine bestimmte Bedeutung
mehr hatten. Verglichen mit Frankreich konnte England sich indeß noch
glücklich schätzen. Hier waren die öffentlichen Lasten schwer, dort
waren sie erdrückend. Hier mußte der Arbeiter mit seinem groben
Gerstenbrot haushälterisch umgehen; dort geschah es nicht selten, daß
der unglückliche Landmann mit halbgekautem Grase im Munde todt gefunden
wurde. Unsere Vorfahren fanden einigen Trost in dem Gedanken, daß sie
nach und nach die Stärke ihres furchtbaren Feindes erschöpften und daß
seine Hülfsquellen wahrscheinlich eher versiegen würden als die ihrigen.
Doch die Leiden und die Unzufriedenheit waren immerhin groß. In einigen
Grafschaften griff der Pöbel die Getreidespeicher an. Die Nothwendigkeit
sich einzuschränken wurde von Familien jeden Standes erkannt. Ein
müßiger Schöngeist und Genußmensch, der schwerlich daran gedacht hat,
daß seine Scherze je citirt werden würden, um die Geschichte seiner Zeit
zu characterisiren, beklagt sich, daß in diesem Jahre der Wein von
vielen Tafeln, auf denen man ihn zu sehen gewohnt war, verschwunden
gewesen und durch Punsch ersetzt worden sei.[41]


[_Zunahme der Verbrechen._] Ein weit beunruhigenderes Symptom des
allgemeinen Nothstandes als die Substituirung des Clarets durch
Branntwein und Citronen war die Vermehrung der Verbrechen. Während des
Herbstes von 1692 und des darauffolgenden Winters wurde die Hauptstadt
durch Einbruchdiebstähle in beständiger Angst erhalten. Eine dreizehn
Mann starke Diebesbande drang in den Palast des Herzogs von Ormond in
Saint-James' Square und es wäre ihr fast gelungen sein prächtiges
Silbergeschirr und seine Juwelen zu entwenden. Eine andre Bande
versuchte einen Einbruch in Lambeth Palace.[42] Wenn herrschaftliche,
von zahlreichen Dienern bewachte Wohnungen in solcher Gefahr schwebten,
so wird man leicht glauben, daß keines Krämers Kasse und Waarenlager
sicher war. Von Bow bis Hydepark, von Thames Street bis Blomsbury war
kein Kirchspiel, in welchem nicht eine ruhige Wohnung durch nächtliche
Diebe geplündert worden wäre.[43] Zu gleicher Zeit waren die Heerstraßen
wegen der Freibeuter, die sich in stärkere Truppen formirten, als man
sie bis dahin gekannt hatte, kaum noch zu passiren. Es existirte ein
geschworner Bund von zwanzig Straßenräubern zu Fuß, die in einem
Alehause in Southwark ihre Zusammenkünfte hielten.[44] Die gefürchtetste
Räuberbande aber bestand aus zweiundzwanzig Berittenen.[45] Eine Reise
von fünfzig Meilen durch die reichsten und bevölkertsten Grafschaften
England's scheint damals eben so gefährlich gewesen zu sein, wie eine
Wanderung durch die Wüsten Arabien's. Die Diligence von Oxford wurde am
hellen Tage nach einem blutigen Kampfe ausgeplündert.[46] Ein mit
funfzehntausend Pfund Sterling Staatsgeldern befrachteter Wagen wurde
angehalten und ausgeraubt. Da diese Operation einige Zeit erforderte,
so wurden alle Reisenden, die während der Arbeit der Diebe zur Stelle
kamen, festgenommen und bewacht. Als die Beute in Sicherheit gebracht
war, durften die Gefangenen zu Fuß ihren Weg fortsetzen; aber ihre
Pferde, sechzehn bis achtzehn an der Zahl, wurden todtgeschossen oder
ihnen die Knieflechsen zerschnitten, um jede Verfolgung zu
verhindern.[47] Der Postwagen von Portsmouth wurde in einer Woche
zweimal durch wohlbewaffnete und berittene Männer beraubt.[48] Einige
joviale Squires aus Essex wurden auf einer Hasenjagd ihrerseits von neun
Jägern ganz andrer Art gehetzt und eingeholt und waren herzlich froh,
als sie, wenn auch mit leeren Taschen, wieder zu Hause anlangten.[49]

Die Freunde der Regierung behaupteten, die Räuber seien lauter
Jakobiten, und gewisse Anzeichen gaben dieser Behauptung in der That
einen Schein von Begründung. Es wurden zum Beispiel funfzehn Metzger,
welche an einem Markttage nach Thame gingen, um Vieh einzukaufen, von
einer starken Bande angehalten und zuerst gezwungen ihre Geldkatzen
herzugeben und dann Branntwein auf das Wohl König Jakob's zu
trinken.[50] Man muß jedoch den Räubern und Dieben die Gerechtigkeit
widerfahren lassen, daß sie bei Ausübung ihres Handwerks keine bestimmte
Vorliebe für irgend eine politische Partei zeigten. Einige von ihnen
begegneten in der Nähe von Saint-Albans Marlborough und zwangen ihn,
ungeachtet seiner bekannten Feindseligkeit gegen den Hof und seiner
kürzlichen Haft, fünfhundert Guineen herauszugeben, deren Verlust er
wahrscheinlich bis zum letzten Augenblicke seiner langen Laufbahn des
Glücks und Ruhms nicht aufhörte zu beklagen.[51]

Als Wilhelm bei seiner Zurückkunft vom Continent erfuhr, in welcher
Ausdehnung dieses Unwesen getrieben wurde, äußerte er eine tiefe
Entrüstung und kündigte seinen Entschluß an, die Uebelthäter mit
starker Hand zu unterdrücken. Ein alter ausgedienter Räuber wurde
bewogen, den Angeber zu machen und dem Könige eine lange Liste der
bedeutendsten Straßenräuber und einen vollständigen Nachweis über
ihre Gewohnheiten und ihre Lieblingsaufenthaltsorte vorzulegen. Diese
Liste soll nicht weniger als achtzig Namen enthalten haben.[52] Es
wurden starke Reitertrupps zum Schutze der Landstraßen ausgesandt,
und diese Maßregel, welche unter gewöhnlichen Verhältnissen lautes
Murren hervorgerufen haben würde, scheint allgemein gebilligt
worden zu sein. Ein schönes Regiment, gegenwärtig das zweite
Gardedragonerregiment genannt, das sich in Irland durch Thätigkeit und
Glück im unregelmäßigen Kriege gegen die Rapparees ausgezeichnet hatte,
wurde dazu auserwählt, mehrere von den großen Zugängen zur Hauptstadt
zu bewachen. Blackheath, Barnet, Hounslow wurden Waffenplätze.[53]
Nach wenigen Wochen waren die Straßen wieder so sicher wie sonst. Es
fanden zahlreiche Hinrichtungen statt, denn bis das Uebel vollständig
unterdrückt war, weigerte sich der König standhaft, irgend einem
Gnadengesuche Gehör zu geben.[54] Unter den Hingerichteten befand
sich auch Jakob Whitney, der berüchtigtste Räuberhauptmann im ganzen
Königreiche. Er war einige Monate lang der Schrecken aller von
London nordwärts oder westwärts Reisenden gewesen und wurde endlich
mit Mühe nach einem verzweifelten Kampfe, in welchem ein Soldat
getödtet und mehrere andere verwundet wurden, gefangen genommen.[55]
Die London Gazette zeigte die Gefangennehmung dieses berüchtigten
Straßenräubers an und forderte alle Diejenigen, welche von ihm beraubt
worden waren, auf, sich in Newgate einzufinden und zu sehen, ob sie
ihn wiedererkennten. Seine Identität festzustellen, konnte nicht
schwer sein, denn er hatte eine Wunde im Gesicht und einen Daumen
verloren.[56] Aber er verwendete in der Hoffnung, die Belastungszeugen
irre zu führen, hundert Pfund Sterling darauf, sich bis zum Tage der
Gerichtsverhandlungen einen kostbaren gestickten Anzug zu verschaffen.
Dieser sinnreiche Einfall wurde jedoch durch seine hartherzigen Hüter
vereitelt. Er kam in seinen gewöhnlichen Kleidern vor die Schranke
und wurde überführt und zum Tode verurtheilt.[57] Er hatte vorher
noch den Versuch gemacht, sich durch das Anerbieten loszukaufen, eine
aus lauter Straßenräubern bestehende Reitertruppe für den Dienst in
Flandern zu errichten; aber sein Anerbieten war abgelehnt worden.[58]
Jetzt blieb ihm noch ein möglicher Ausweg. Er erklärte, daß er um ein
hochverrätherisches Complot wisse. Einige jakobitische Lords hätten ihm
eine große Belohnung versprochen, wenn er an der Spitze seiner Bande
den König auf einer Hirschjagd im Walde von Windsor überfallen wolle.
Whitney's Geschichte hatte durchaus keine innere Unwahrscheinlichkeit.
Es wurde sogar ein ganz ähnlicher Plan, wie der, dessen er die
Mißvergnügten beschuldigte, nur drei Jahre später von einigen von
ihnen wirklich entworfen und beinahe zur Ausführung gebracht. Aber
es war viel besser, daß einige wenige schlechte Menschen unbestraft
blieben, als daß alle rechtschaffenen Leute in beständiger Angst
lebten, von zum Galgen verurtheilten Verbrechern fälschlich angeklagt
zu werden. Der Oberrichter Holt rieth dem Könige, der Gerechtigkeit
ihren Lauf zu lassen, und Wilhelm, der nie besonders geneigt war,
Verschwörungsgeschichten Glauben zu schenken, gab seine Zustimmung. Der
Kapitain, wie man ihn nannte, wurde in Smithfield gehängt und ging sehr
reumüthig aus der Welt.[59]


[_Zusammentritt des Parlaments._] Unterdessen hatte inmitten der
Mißstimmung, Noth und Unordnung eine ganz besonders ereignißvolle
Parlamentssession begonnen, eine Session, von der eine neue Aera in der
Geschichte der englischen Finanzen datirt, eine Session, in welcher
einige wichtige Verfassungsfragen, die noch heute nicht vollständig
erledigt sind, zum ersten Male berathen wurden.


[_Stand der Parteien._] Es ist sehr zu bedauern, daß jeder Bericht von
dieser Session, der sich aus den uns jetzt noch zu Gebote stehenden
spärlichen und zerstreuten Materialien zusammenstellen läßt, Vieles im
Dunklen lassen muß. Die gegenseitigen Beziehungen der parlamentarischen
Parteien waren dieses Jahr in einem äußerst verwickelten Zustande. Jedes
der beiden Häuser wurde durch mehrere Scheidelinien in Abtheilungen und
Unterabtheilungen zerfällt. Unwichtigerer Unterscheidungen nicht zu
gedenken, war zuerst die große Scheidelinie, welche die Whigpartei von
der Torypartei trennte; dann die große Scheidelinie, welche die
Staatsmänner mit ihren Freunden und ihren Anhängern, zuweilen die
Hofpartei genannt, von Denen trennte, denen man bald den Spottnamen der
Murrköpfe (+Grumbletonians+) gab, bald mit der Benennung der
Vaterlandspartei beehrte. Und diese beiden großen Linien durchschnitten
sich wieder. Denn von den Dienern der Krone und ihren Anhängern waren
ungefähr die Hälfte Whigs; die andere Hälfte Tories. Auch muß daran
erinnert werden, daß völlig getrennt von der Fehde zwischen Whigs und
Tories, völlig getrennt auch von der Fehde zwischen den Staatsdienern
und Nichtstaatsdienern, eine Fehde zwischen den Lords als Lords und den
Gemeinen als Gemeinen herrschte. Der Geist der erblichen Kammer und der
Wahlkammer war in der vorigen Session durch den Streit über den
Gerichtshof des Lord High Steward gründlich aufgestachelt worden und sie
kamen jetzt in kampflustiger Stimmung zusammen.


[_Die Thronrede._] Die Rede, welche der König bei Eröffnung der Session
hielt, war geschickt zu dem Zwecke abgefaßt, die Häuser zu versöhnen. Er
komme, sagte er zu ihnen, ihren Rath und Beistand zu erbitten. Er
gratulirte ihnen zu dem Siege von La Hogue. Er gestand mit großem
Bedauern, daß die Operationen der Verbündeten zu Lande weniger glücklich
gewesen waren als zur See, erklärte aber mit Feuer, daß die Tapferkeit
seiner englischen Unterthanen zu Lande wie zur See ganz vorzüglich
gewesen sei. Die Noth seines Volks, sagte er, sei auch die seinige, sein
Interesse sei von dem des Volks unzertrennlich; es sei ihm schmerzlich,
Opfer von ihm zu verlangen, aber Opfer, welche zum Heile der englischen
Nation und des protestantischen Glaubens nothwendig seien, werde kein
guter Engländer und kein guter Protestant scheuen.[60]


[_Privilegienfrage, von den Lords zur Sprache gebracht._] Die Gemeinen
dankten dem Könige in herzlichen Ausdrücken für seine huldvolle
Rede.[61] Die Lords aber waren in schlechter Stimmung. Zwei der Ihrigen,
Marlborough und Huntingdon, waren während der Ferien, als man stündlich
eine Invasion und einen Aufstand erwartete, in den Tower geschickt
worden und standen noch unter der schriftlichen Verpflichtung, sich auf
Verlangen vor Gericht zu stellen. Wäre ein Landgentleman oder ein
Kaufmann in einer so beunruhigenden Krisis selbst auf noch
geringfügigere Gründe hin zur Bürgschaftsstellung angehalten worden, so
würden die Lords sich gewiß nicht eingemischt haben. Aber durch Alles
was wie eine ihrem Stande angethane Schmach aussah, wurden sie leicht in
Zorn gebracht. Sie unterwarfen nicht nur den Prokurator des Schatzamts,
Aaron Smith, dem sein Character allerdings wenig Anspruch auf Nachsicht
gab, einem strengen Verhör, sondern faßten auch mit fünfunddreißig gegen
achtundzwanzig Stimmen einen Beschluß, der einen Tadel gegen die Richter
der Kings Bench aussprach, Männer, die an Rechtschaffenheit sicherlich
keinem Peer des Reichs nachstanden und an juristischen Kenntnissen jeden
derselben weit übertrafen. Der König hielt es für gerathen, den
verletzten Stolz des hohen Adels dadurch zu beschwichtigen, daß er die
Bürgschaftsleistungen zu cassiren befahl, und durch diese Concession war
das Haus zufriedengestellt, zum großen Aerger der Jakobiten, welche
gehofft hatten, daß der Streit bis zu einem unheilvollen Ausgange
getrieben werden würde, und die, als sie sich in dieser Erwartung
getäuscht sahen, ihrem Unmuthe durch Schmähungen gegen die
Unterwürfigkeit der entarteten Barone England's Luft machten.[62]


[_Debatten über die Lage der Nation._] Beide Häuser hielten lange und
ernste Berathungen über die Lage der Nation. Als der König sie um ihren
Rath ersuchte, hatte er wahrscheinlich nicht vorausgesehen, daß seine
Worte als eine Aufforderung gedeutet werden würden, jeden Theil der
Verwaltung zu untersuchen und über Angelegenheiten, welche die
Parlamente in der Regel gänzlich der Krone zu überlassen für zweckmäßig
hielten, Vorschläge zu machen. Einige der unzufriedenen Peers schlugen
vor, daß ein zum Theil von den Lords, zum Theil von den Gemeinen
gewählter Ausschuß ermächtigt werden sollte, die ganze Leitung der
öffentlichen Angelegenheiten zu untersuchen. Man fürchtete jedoch
allgemein, daß ein solcher Ausschuß ein zweiter und mächtigerer, von der
Krone unabhängiger und der Verfassung unbekannter Staatsrath werden
würde. Der Antrag wurde deshalb mit achtundvierzig gegen sechsunddreißig
Stimmen verworfen. Bei dieser Gelegenheit stimmten die Minister mit kaum
einer Ausnahme mit der Majorität. Achtzehn von der Minorität, unter
denen sich die heftigsten Whigs und die heftigsten Tories der ganzen
Pairie befanden, unterzeichneten einen Protest.[63]

Jedes der beiden Häuser untersuchte demnach für sich allein die Ursachen
der Calamitäten des Staats. Die Gemeinen constituirten sich zu einem
Großen Ausschusse, um den dem Könige zu ertheilenden Rath zu erwägen.
Aus den gedrängten Auszügen und Bruchstücken, die auf uns gekommen sind,
scheint hervorzugehen, daß in diesem Ausschusse, der viele Tage Sitzung
hielt, die Debatten sich auf einem weitumfassenden Gebiete bewegten. Ein
Mitglied sprach von dem Ueberhandnehmen des Straßenraubes, ein andres
beklagte das Zerwürfniß zwischen der Königin und der Prinzessin und
schlug vor, daß einige Gentlemen abgeordnet werden sollten, um bei Ihrer
Majestät die Schlichtung der Sache zu versuchen. Ein drittes schilderte
die Machinationen der Jakobiten im vergangenen Frühjahre. Es sei
notorisch, sagte er, daß Vorbereitungen zu einem Aufstande getroffen und
Waffen und Pferde angeschafft worden seien; aber nicht ein einziger
Hochverräther sei zur Untersuchung gezogen worden.[64]

Der Ausgang des Kriegs zu Lande und zur See lieferte Stoff zu
mehreren lebhaften Debatten. Viele Mitglieder beschwerten sich über
die Bevorzugung der Fremden vor den Engländern. Die ganze Schlacht
von Steenkerke wurde noch einmal durchgefochten und es fielen harte
Aeußerungen über Solms. »Englische Soldaten dürfen nur durch englische
Generäle commandirt werden,« war der fast einstimmige Ruf. Seymour,
der sich sonst durch seinen Haß gegen die Ausländer ausgezeichnet,
der aber, seitdem er sich im Schatzamte befand, seine Ansichten noch
einmal erwogen hatte, fragte, wo englische Generäle zu finden seien.
»Ich liebe die Ausländer als solche nicht; aber wir haben keine Wahl.
Der Mensch wird nicht als General geboren; ja, es kann Jemand ein sehr
schätzbarer Hauptmann oder Major und doch der Führung einer Armee
nicht gewachsen sein. Nur die Erfahrung bildet große Befehlshaber.
Von unseren Landsleuten besitzen sehr wenige diese Erfahrung, und
deshalb müssen wir für jetzt Ausländer verwenden.« Lowther sprach
hierauf in dem nämlichen Sinne. »Wir haben einen langen Frieden
gehabt und in Folge dessen besitzen wir keine genügende Anzahl von
Offizieren, die sich zu hohen Commandos eignen. Die Parks und das Lager
von Hounslow waren sehr armselige Kriegsschulen im Vergleich zu den
Schlachtfeldern und den Schanzwerken, auf denen die großen Commandeurs
der festländischen Nationen ihre Kunst erlernt haben.« In Erwiederung
auf diese Argumente war ein Redner für die entgegengesetzte Meinung
so albern zu erklären, daß er zehn Engländer nennen könne, die, wenn
sie in französischen Diensten ständen, zu Marschällen ernannt werden
würden. Vier oder fünf Obersten, welche bei Steenkerke gewesen waren,
betheiligten sich bei der Debatte. Man sagte von ihnen, daß sie eben
so viel Bescheidenheit in ihren Reden zeigten, als sie im Kampfe Muth
bewiesen hätten, und selbst nach dem sehr unvollständigen Bericht,
der auf uns gekommen ist, scheint dieses Compliment nicht unverdient
gewesen zu sein. Sie stimmten nicht in das allgemeine Geschrei gegen
die Holländer ein. Sie sprachen sich über die fremden Offiziere im
Allgemeinen lobend aus und ließen der Tapferkeit und Haltung, womit
Auverquerque die versprengten Ueberreste von Mackay's Division der
anscheinend unvermeidlichen Vernichtung entrissen hatte, volle
Gerechtigkeit widerfahren. Zur Vertheidigung Solms' aber wurde nicht
ein Wort gesagt. Seine Strenge, sein übermüthiges Benehmen und vor
Allem die Gleichgültigkeit, mit der er zugesehen hatte, wie die von
einer großen Uebermacht geworfenen Engländer Mann gegen Mann mit den
französischen Haustruppen kämpften, hatten ihn so verhaßt gemacht,
daß viele Mitglieder bereit waren für eine Adresse zu stimmen, welche
auf seine Entlassung und seine Ersetzung durch Talmash antrüge, der
seit Marlborough's Demission allgemein als der beste Offizier in der
Armee anerkannt wurde. Aber Talmash's Freunde traten sehr taktvoll
dazwischen. »Ich hege,« sagte einer von ihnen, »eine hohe Achtung
vor diesem Gentleman, und ich bitte Sie dringend, ihm nicht, mit der
Absicht ihm eine Aufmerksamkeit zu erzeigen, zu schaden. Bedenken Sie,
daß Sie Sich etwas anmaßen, was ganz speciell die Prärogative des
Königs ist. Sie wollen Offiziere entlassen und Offiziere anstellen.«
Die Debatte endete ohne ein Tadelsvotum gegen Solms. Doch es wurde in
nicht sehr parlamentarischer Sprache die Hoffnung ausgedrückt, daß die
im Comité gesprochenen Worte dem Könige mitgetheilt werden und daß
Se. Majestät den allgemeinen Wunsch der Vertreter seines Volks nicht
unberücksichtigt lassen würde.[65]

Die Gemeinen gingen nun zunächst zur Untersuchung der Marineverwaltung
über, und sie kamen sehr bald zu einem Streite mit den Lords über diesen
Gegenstand. Daß hier und da Verwaltungssünden vorgekommen waren, lag nur
zu klar am Tage. Es war kaum möglich, Russell und Nottingham
freizusprechen, und jedes der beiden Häuser nahm sich seines Mitgliedes
an. Die Gemeinen hatten bei Eröffnung der Session Russell für sein
Benehmen bei La Hogue einstimmig ein Dankvotum bewilligt. Jetzt zogen
sie im Großen Ausschusse die verkehrten Maßregeln, welche auf die
Schlacht gefolgt waren, in Erwägung. Es wurde ein in so unbestimmte
Ausdrücke gefaßter Antrag gestellt, daß man kaum sagen konnte, er
bedeute etwas. Er wurde jedoch so verstanden, als enthalte er einen
Tadel gegen Nottingham, und dessen Freunde widersetzten sich demselben
daher energisch. Bei der Abstimmung ergaben sich hundertfünfundsechzig
bejahende und hundertvierundsechzig verneinende Stimmen.[66]

Sogleich am folgenden Tage appellirte Nottingham an die Lords. Er
erzählte seine Geschichte mit der ganzen Geschicklichkeit eines geübten
Redners und mit der ganzen Autorität makelloser Rechtschaffenheit. Dann
legte er eine große Menge Papiere auf den Tisch des Hauses und ersuchte
das Haus, dieselben zu lesen und zu prüfen. Die Peers scheinen diese
Papiere auch genau und sorgfältig geprüft zu haben, und das Ergebniß der
Untersuchung war für Russell durchaus nicht günstig. Man hielt es indeß
für eine Ungerechtigkeit, ihn ungehört zu verurtheilen; nur war es
schwer, einen Weg ausfindig zu machen, auf dem Ihre Lordschaften ihn
anhören konnten. Endlich beschloß man, die Papiere dem Unterhause
zuzuschicken mit einer Botschaft des Inhalts, daß nach der Ansicht des
Oberhauses gegen den Admiral etwas vorliege, wegen dessen er zu einer
Erklärung aufgefordert werden müsse. Zugleich mit den Papieren wurde ein
Auszug ihres Inhalts übergeben.[67]

Die Botschaft wurde nicht sehr ehrerbietig aufgenommen. Russell besaß
zur Zeit eine Popularität, die er wenig verdiente, die uns aber nicht
Wunder nehmen kann, wenn wir erwägen, daß das Publikum seine
Verräthereien nicht kannte, wohl aber wußte, daß er der einzige lebende
Engländer war, der eine große Schlacht gewonnen hatte. Der Schriftführer
las den Auszug aus den Papieren vor. Dann sprach Russell unter großem
Beifall, und seine Freunde drangen auf sofortige Entscheidung. Sir
Christoph Musgrave bemerkte sehr richtig, daß es unmöglich sei, über
einen solchen Haufen von Depeschen ein Urtheil zu fällen ohne sie
durchgelesen zu haben; aber dieser Einwand wurde verworfen. Die Whigs
betrachteten das angeklagte Mitglied als einen der Ihrigen, viele von
den Tories waren vom Glanze seines kürzlichen Sieges geblendet, und
weder Whigs noch Tories waren geneigt, die geringste Ehrerbietung vor
der Autorität der Peers zu zeigen. Das Haus faßte, ohne die Papiere zu
lesen, einen einstimmigen Beschluß, der die entschiedene Billigung des
ganzen Benehmens Russell's ausdrückte. Die Stimmung der Versammlung war
von der Art, daß einige eifrige Whigs es jetzt wagen zu dürfen glaubten,
ein Tadelsvotum gegen Nottingham zu beantragen. Allein der Versuch
scheiterte. »Ich bin bereit,« sagte Lowther, und er sprach unzweifelhaft
die Gesinnung Vieler aus, -- »ich bin bereit jeden Antrag zu
unterstützen, der dem Admiral zur Ehre gereicht; aber ich kann mich
nicht bei einem Angriffe auf den Staatssekretär betheiligen. Denn meines
Wissens haben Ihre Majestäten keinen eifrigeren, fleißigeren und
treueren Diener als Mylord Nottingham.« Finch bot seine ganze blühende
Beredtsamkeit zur Vertheidigung seines Bruders auf und gab, ohne der
vorherrschenden Ansicht direct entgegenzutreten, zu verstehen, daß
Russell's Benehmen nicht fehlerfrei gewesen sei. Das Tadelsvotum gegen
Nottingham wurde nicht betrieben; das Votum, welches Russell's Verhalten
für durchaus lobenswerth erklärte, wurde den Lords mitgetheilt, und die
Papiere, welche sie den Gemeinen zugesandt hatten, wurden in sehr
unceremoniöser Weise zurückgegeben.[68] Die schwer gekränkten Lords
verlangten eine freie Conferenz. Sie wurde bewilligt, und die Wortführer
der beiden Häuser versammelten sich im gemalten Zimmer. Rochester sprach
im Namen seiner Collegen den Wunsch aus, die Gründe zu erfahren, auf
welche hin der Admiral für vorwurfsfrei erklärt worden sei. Auf diese
Aufforderung erwiederten die auf der andren Seite des Tisches stehenden
Gentlemen nur, daß sie nicht autorisirt worden seien, eine Erklärung zu
geben, daß sie aber Denen, die sie hergeschickt hätten, das Gesagte
mittheilen würden.[69]

Inzwischen waren die Gemeinen der Untersuchung über die Führung des
Kriegs herzlich müde geworden. Die Mitglieder hatten sich der
Verstimmung, die sie von ihren Landsitzen mitgebracht, zum großen Theile
einfach dadurch entledigt, daß sie ihrem Herzen Luft gemacht hatten.
Burnet giebt zu verstehen, daß die Kunstgriffe, in denen Caermarthen und
Trevor große Meister waren, dazu angewendet wurden, Beschlüssen
vorzubeugen, welche der Regierung ernste Verlegenheiten bereitet haben
würden. Aber obgleich es nicht unwahrscheinlich ist, daß einige lärmende
vermeintliche Patrioten durch Beutel voll Guineen zum Schweigen gebracht
wurden, so würde es doch ungereimt sein, wollte man annehmen, daß das
Haus im allgemeinen auf diese Art influirt worden sei. Wer solche
Versammlungen gesehen hat, weiß, daß der Eifer, mit dem sie an
langwierige Untersuchungen gehen, sehr bald erkaltet und daß ihr Unmuth,
wenn er nicht durch unvernünftige Opposition lebendig erhalten wird,
schnell verraucht. In kurzer Zeit war Jedermann des Großen Ausschusses
zur Rathertheilung müde. Die Debatten waren langweilig und weitschweifig
gewesen, und die gefaßten Beschlüsse waren größtentheils rein kindisch.
Es sollte dem Könige unterthänigst gerathen werden, geschickte und
rechtschaffene Männer anzustellen. Es sollte ihm unterthänigst gerathen
werden, Männer anzustellen, welche treu zu ihm gegen Jakob stehen
würden. Die Geduld des Hauses war erschöpft durch lange Discussionen,
welche auf die pomphafte Verkündigung derartiger Gemeinplätze
hinausliefen. Endlich erfolgte die Explosion. Einer der Mißvergnügten
lenkte die Aufmerksamkeit des Großen Ausschusses auf das beunruhigende
Factum, daß beim Feldzeugmeisteramte zwei Holländer angestellt seien,
und trug darauf an, dem Könige solle unterthänigst gerathen werden, sie
zu entlassen. Der Antrag wurde mit geringschätzendem Spotte aufgenommen.
Man bemerkte, daß gerade die Militärs ihre Verachtung am lautesten
äußerten. »Denken wir im Ernst daran, zum Könige zu gehen und ihm zu
sagen, daß, weil er geruht habe, in dieser hochwichtigen Krisis unsren
Rath zu verlangen, wir ihm unterthänigst riethen, einen holländischen
Magazinaufseher aus dem Tower zu entfernen? Wahrhaftig, wenn wir keinen
wichtigeren Vorschlag vor den Thron zu bringen haben, so können wir eben
so gut zu Tische gehen.« Die Mitglieder waren im Ganzen der nämlichen
Ansicht. Der Präsident wurde vom Stuhle wegvotirt und nicht
aufgefordert, um Erlaubniß zu bitten, denselben wieder einnehmen zu
dürfen. Der Große Ausschuß existirte nicht mehr. Die gefaßten Beschlüsse
wurden in aller Form dem Hause mitgetheilt. Einer derselben wurde
verworfen, die anderen wurden fallen gelassen, und nachdem die Gemeinen
mehrere Wochen lang erwogen hatten, welchen Rath sie dem Könige geben
sollten, gaben sie ihm schließlich gar keinen.[70]

Die Stimmung der Lords war eine ganz andre. Aus vielen Umständen geht
hervor, daß die Holländer damals nirgends so sehr gehaßt wurden wie im
Oberhause. Das Mißfallen, mit dem ein Engländer des Mittelstandes die
ausländischen Freunde des Königs betrachtete, war bloß national. Aber
die Abneigung, mit der ein englischer Edelmann sie betrachtete, war
persönlich. Sie standen zwischen ihm und der Majestät, sie entzogen ihm
die Strahlen der königlichen Gunst. Der ihnen gegebene Vorzug verletzte
ihn sowohl in seinen Interessen wie auch in seinem Stolze. Seine
Aussicht auf den Hosenbandorden war bedeutend geringer, seitdem sie
seine Concurrenten geworden waren. Er hätte Oberstallmeister sein
können, wenn Auverquerque nicht gewesen wäre, Oberkammerherr, wenn
Zulestein, Obergarderobier, wenn Bentinck nicht gewesen wäre.[71] Die
üble Laune des Adels wurde durch Marlborough genährt, der damals die
Rolle eines Patrioten spielte, welcher verfolgt wurde, weil er sich zur
Vertheidigung der Interessen seines Vaterlandes gegen die Holländer
erhoben, und der nicht voraussah, daß ein Tag kommen werde, wo er
angeklagt werden sollte, die Interessen seines Vaterlandes den
Holländern zu Gefallen aufzuopfern. Die Peers beschlossen, Wilhelm eine
Adresse zu überreichen, in der sie ihn ersuchten, seine englischen
Truppen nicht unter das Commando eines holländischen Generals zu
stellen. Sie nahmen die Frage, welche das Haus der Gemeinen zum Lachen
gereizt, ganz ernsthaft auf und riethen ihrem Souverain feierlich, keine
Ausländer in seinen Magazinen anzustellen. Auf Marlborough's Vorschlag
drangen sie in den König, darauf zu bestehen, daß der jüngste englische
General den Vorrang vor dem ältesten General im Dienste der
Generalstaaten haben solle. Es beeinträchtige, sagten sie, das Ansehen
der Krone, wenn ein Offizier, der sein Patent von Sr. Majestät habe, von
einem Offizier commandirt würde, der ein ähnliches Patent von einer
Republik habe. Auf diesem offenbar durch einen unedlen Groll gegen
Holland eingegebenen Rath gab Wilhelm, der sich wenig um Beschlüsse des
Oberhauses kümmerte, die nicht vom Unterhause unterstützt wurden, wie
sich erwarten ließ, eine sehr kurze und trockne Antwort.[72]


[_Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen._]
Während die Untersuchung über die Führung des Kriegs schwebte, nahmen
die Gemeinen die Berathung eines wichtigen Gegenstandes wieder auf, der
schon im vergangenen Jahre ihre Aufmerksamkeit sehr beschäftigt hatte.
Die Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen wurde aufs
Neue eingebracht, stieß aber auf nachdrückliche Opposition seitens der
Staatsbeamten, Whigs sowohl als Tories. Somers, der jetzt Generalfiskal
war, empfahl dringend Aufschub. Daß das Gesetz in seiner gegenwärtigen
Fassung gewichtige Einwürfe zulasse, wurde nicht in Abrede gestellt,
wohl aber behauptet, daß die vorgeschlagene Abänderung in diesem
Augenblicke mehr schaden als nützen werde. Niemand werde behaupten, daß
unter der bevorstehenden Regierung das Leben harmloser Unterthanen
irgendwie gefährdet sei. Niemand werde hingegen leugnen, daß die
Regierung selbst in großer Gefahr sei. Sei es weise gehandelt, die
Gefahr dessen, was bereits in ernster Gefahr schwebe, noch zu
vergrößern, um dem, was schon vollkommen sicher sei, noch größere
Sicherheit zu verleihen? Denen, welche so sprachen, warf man ihre
Inconsequenz vor und fragte sie, warum sie nicht den Muth gehabt hätten,
sich in der vorigen Session der Bill zu widersetzen. Sie antworteten
sehr plausibel, daß die während der Parlamentsferien stattgefundenen
Ereignisse Allen die noch etwas lernen wollten, eine wichtige Lehre
gegeben habe. Das Land sei gleichzeitig von einer Invasion und von einem
Aufstande bedroht gewesen. Kein Verständiger zweifle daran, daß viele
Verräther Vorkehrungen zum Anschluß an die Franzosen getroffen und zu
dem Ende Waffen, Munition und Pferde angesammelt hätten. Obgleich man
jedoch mehr als genügende moralische Beweise gegen diese Feinde ihres
Vaterlandes gehabt habe, sei es doch nicht möglich gewesen, gegen einen
Einzigen von ihnen juristische Beweise zu finden. Das Hochverrathsgesetz
möge in der Theorie hart sein und sei allerdings in früherer Zeit
gröblich gemißbraucht worden. Aber ein Staatsmann, der sich weniger um
die Theorie als um die Praxis und weniger um die Vergangenheit als um
die Gegenwart kümmerte, werde jenes Gesetz nicht für zu streng, sondern
für zu lax erklären und werde, so lange der Staat in der größten Gefahr
sei, jeder weiteren Milderung seine Zustimmung versagen. Doch trotz
aller Opposition wurde die Bill im Prinzip von hunderteinundsiebzig
gegen hundertzweiundfunfzig Stimmen gebilligt. Im Ausschusse aber wurde
beantragt und angenommen, daß die neuen Procedurvorschriften erst nach
Beendigung des Kriegs mit Frankreich in Kraft treten sollten. Als der
Bericht erstattet wurde, stimmte das Haus über dieses Amendement ab und
bestätigte es mit hundertfünfundvierzig gegen hundertfünfundzwanzig
Stimmen. In Folge dessen wurde die Bill fallen gelassen.[73] Wäre sie
vor die Peers gekommen, so würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach
verloren gewesen sein, nachdem sie einen neuen Streit zwischen den
beiden Häusern veranlaßt hätte. Denn die Peers hatten sich fest
vorgenommen, keine solche Bill durchgehen zu lassen, wenn sie nicht eine
Klausel enthielte, welche die Einrichtung des Gerichtshofes des Lord
High Steward änderte, und eine die Einrichtung des Gerichtshofes des
Lord High Steward ändernde Klausel würde weniger Aussicht gehabt haben
als je, von den Gemeinen günstig aufgenommen zu werden. Denn im Laufe
dieser Session trat ein Ereigniß ein, welches bewies, daß die Großen
durch das Gesetz in seiner gegenwärtig bestehenden Form nur zu wohl
geschützt waren, und das mit Recht verdient als ein schlagender Beleg
für den Zustand der Sitten und der Moralität der damaligen Zeit
berichtet zu werden.


[_Der Prozeß Lord Mohun's._] Von allen Schauspielern der damaligen
englischen Bühne war Wilhelm Mountford der liebenswürdigste. Er besaß
alle physischen Eigenschaften für seinen Beruf: eine edle Gestalt, ein
hübsches Gesicht und ein klangvolles Organ. Es war schwer zu sagen, ob
er besser in Heldenrollen oder in komischen Rollen reussirte. Er war
anerkanntermaßen der beste Alexander und der beste Sir Courtly Nice, der
je auf den Brettern gestanden. Die Königin Marie, deren Kenntnisse sehr
oberflächlich waren, die aber von Natur einen treffenden Blick für alles
Ausgezeichnete in der Kunst besaß, bewunderte ihn in hohem Grade. Er war
überdies nicht nur Schauspieler, sondern auch dramatischer Dichter und
hat uns ein Lustspiel hinterlassen, das nicht zu verachten ist.[74]

Die beliebteste Schauspielerin jener Zeit war Anna Bracegirdle. Es gab
wohl beim Theater manche Frau von tadelloserer Schönheit, aber keine,
deren Gesichtszüge und Haltung die Sinne und die Herzen der Männer so zu
bezaubern vermocht hätten. Der Anblick ihrer glänzend schwarzen Augen
und ihrer frischen bräunlichen Wangen reichte hin, auch das unruhigste
Publikum in heitere Laune zu versetzen. Man sagte von ihr, daß sie in
einem gefüllten Hause eben so viele Anbeter hatte als männliche
Zuschauer anwesend waren. Doch kein auch noch so reicher oder noch so
vornehmer Anbeter hatte sie dahin zu bringen vermocht, seine Geliebte zu
werden. Wer die Rollen, die sie zu spielen pflegte, und die Epiloge,
deren Vortrag ihr specielles Amt war, näher kennt, wird ihr so leicht
kein ungewöhnliches Maß von Tugend oder Zartgefühl zutrauen. Sie scheint
eine kalte, eitle und eigennützige Kokette gewesen zu sein, die sich
vollkommen bewußt war, wie sehr die Macht ihrer Reize durch den Ruf
einer ihr keine Ueberwindung kostenden Unerbittlichkeit erhöht wurde,
und die es wagen konnte, mit einer Reihenfolge von Anbetern zu spielen,
in der begründeten Ueberzeugung, daß keine Flamme, die sie in ihnen
entzündete, ihr eignes Eis aufthauen werde.[75] Zu Denen, die sie mit
wahnsinniger Begierde verfolgten, gehörte ein lasterhafter Hauptmann von
der Armee, Namens Hill. Mit Hill war ein junger Edelmann, Lord Karl
Mohun, dessen ganzes Leben nichts als eine lange Schwelgerei und
Rauferei war, in einem Bunde der Ausschweifung und Gewaltthätigkeit
verbrüdert. Als Hill sah, daß die schöne Brünette unbesiegbar war,
setzte er es sich in den Kopf, daß er um eines begünstigteren
Nebenbuhlers willen verschmäht werde und daß dieser Nebenbuhler der
glänzende Mountford sei. Der eifersüchtige Liebhaber gelobte in einem
Wirthshause bei der Flasche, daß er den Schurken erstechen werde. »Und
ich,« sagte Mohun, »werde meinem Freunde beistehen.« Aus dem Wirthshause
ging das Paar, begleitet von einigen Soldaten, deren Dienste Hill
erkauft hatte, nach Drury Lane, wo die Dame wohnte. Hier legten sie sich
eine Weile auf die Lauer. Sobald sie auf der Straße erschien, wurde sie
ergriffen und zu einem Wagen geschleppt. Sie rief um Hülfe, ihre Mutter
umklammerte sie, die ganze Nachbarschaft gerieth in Aufruhr, und sie
wurde befreit. Hill und Mohun gingen Rache gelobend fort. Noch zwei
Stunden bramarbasirten sie mit dem Degen in der Hand in den Straßen bei
Mountford's Wohnung umher. Die Wache forderte sie auf, ihre Waffen in
die Scheide zu stecken. Als aber der junge Lord sagte, daß er ein Peer
sei, und die Constabler herausforderte ihn anzurühren, wenn sie den Muth
dazu hätten, ließen sie ihn gehen. So stark war damals das Privilegium
und so schwach das Gesetz. Es wurden Boten an Mountford gesandt, um ihn
vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen; unglücklicherweise aber trafen
sie ihn nicht an. Er kam. Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel
zwischen ihm und Mohun, und während sie sich mit einander stritten,
rannte Hill dem unglücklichen Schauspieler den Degen durch den Leib und
entfloh.

Die große Jury von Middlesex, welche aus angesehenen Gentlemen bestand,
fand Grund zu einer Anklage auf Mord gegen Hill und Mohun. Hill entkam;
Mohun aber wurde ergriffen. Seine Mutter that einen Fußfall beim Könige;
aber vergebens. »Es war eine schändliche That,« sagte Wilhelm, »ich
werde sie dem Laufe des Gesetzes überlassen.« Der Prozeß kam vor den
Gerichtshof des Lord High Steward zur Verhandlung, und da das Parlament
gerade versammelt war, so hatte der Angeklagte den Vortheil, von der
gesammten Pairie gerichtet zu werden. Es befand sich damals kein Jurist
im Oberhause, und daher wurde es zum ersten Male seitdem Buckhurst das
Urtel über Essex und Southampton gesprochen, nothwendig, daß ein Peer,
der niemals die Rechtswissenschaft zu seinem speciellen Studium gemacht
hatte, in diesem hohen Tribunale den Vorsitz führte. Caermarthen, der
als Lord Präsident über dem ganzen Adel stand, wurde zum Lord High
Steward ernannt. Es ist ein vollständiger Bericht über die
Prozeßverhandlungen auf uns gekommen. Wer diesen aufmerksam liest und
das Gutachten prüft, welches die Richter in Beantwortung einer von
Nottingham aufgeworfenen Frage abgaben, und in welchem die durch den
Zeugenbeweis festgestellten Thatsachen mit vollkommener Unparteilichkeit
dargelegt sind, der kann nicht zweifeln, daß der Gefangene des
Verbrechens des Mordes vollständig überwiesen war. Dies war die Ansicht
des Königs, der den Verhandlungen beiwohnte, und dies war die fast
einstimmige Ansicht des Publikums. Wäre die Untersuchung durch Holt und
durch zwölf schlichte Männer vor der Old Bailey geführt worden, so kann
es keinem Zweifel unterliegen, daß das Verdict auf Schuldig gelautet
haben würde. Die Peers aber sprachen ihren angeklagten Standesgenossen
mit neunundsechzig gegen vierzehn Stimmen frei. Ein vornehmer Edelmann
war brutal und einfältig genug zu sagen: »Am Ende war der Mensch doch
weiter nichts als ein Schauspieler, und die Schauspieler sind Gesindel.«
Alle Zeitungen, alle Kaffeehausredner beklagten sich bitter, daß das
Blut des Armen ungestraft durch den Großen vergossen werden dürfe.
Witzlinge bemerkten, daß das einzige Schöne[76] an dem Prozesse die auf
den Gallerien versammelten Damen gewesen seien. Es existiren noch Briefe
und Tagebücher, in denen Männer jeder politischen Farbe, Whigs, Tories
und Eidverweigerer, die Parteilichkeit des Tribunals verdammen. So lange
die Erinnerung an diesen Scandal beim Volke noch frisch war, ließ sich
nicht erwarten, daß die Gemeinen bewogen werden könnten, angeklagten
Peers irgend einen neuen Vortheil einzuräumen.[77]


[_Debatten über den indischen Handel._] Inzwischen hatten die Gemeinen
die Erwägung noch eines andren hochwichtigen Gegenstandes, der Zustände
des Handels mit Indien, wieder aufgenommen. Sie hatten gegen den Schluß
der vorigen Session den König ersucht, die alte Compagnie aufzulösen und
eine neue Compagnie unter ihm zweckmäßig scheinenden Bedingungen zu
errichten, und er hatte versprochen, ihr Gesuch in ernste Erwägung zu
ziehen. Jetzt ließ er ihnen die Mittheilung zukommen, daß es nicht in
seiner Macht stehe, ihrem Verlangen zu entsprechen. Er habe den
Freibrief der alten Compagnie den Richtern vorgelegt und die Richter
hätten erklärt, die alte Compagnie könne nach den Bestimmungen dieses
Freibriefs nur nach vorhergegangener dreijähriger Kündigung aufgelöst
werden und müsse daher noch drei Jahre das ausschließliche Privilegium
zum Handel mit Ostindien behalten. Da es sein aufrichtiger Wunsch sei,
setzte er hinzu, den Gemeinen zu willfahren, er dies aber in der von
ihnen angegebenen Weise nicht könne, so habe er die alte Compagnie zu
einem Vergleiche zu bewegen versucht; die Gesellschaft habe aber
hartnäckig auf ihren äußersten Rechten bestanden und seine Versuche
seien daher gescheitert.[78]

Diese Botschaft rührte die ganze Frage wieder auf. Die beiden Parteien,
in die sich die City theilte, waren sofort in neuer Thätigkeit, es gab
lange und heiße Debatten im Unterhause. Petitionen gegen die alte
Compagnie wurden auf den Tisch gelegt, satyrische Flugblätter gegen die
neue wurden in der Vorhalle vertheilt. Nach langer Discussion wurde
endlich beschlossen, dem Könige eine Adresse zu überreichen, worin er
ersucht wurde, die von den Richtern für nothwendig erklärte Kündigung
erfolgen zu lassen. Er versprach, die Sache im Auge zu behalten und nach
besten Kräften das Wohl des Landes zu fördern. Mit dieser Antwort war
das Haus zufrieden und der Gegenstand wurde bis zur nächsten Session
nicht wieder erwähnt.[79]


[_Geldbewilligungen._] Die Debatten der Gemeinen über die Führung des
Kriegs, über das Hochverrathsgesetz und über den Handel mit Indien
kosteten viel Zeit und hatten kein erhebliches Resultat. Inzwischen aber
wurde im Ausschuß für Geldbewilligungen und im Ausschuß für die Mittel
und Wege Reelleres zu Stande gebracht. Im Ausschuß für Geldbewilligungen
wurden die veranschlagten Summen rasch angenommen. Einige wenige
Mitglieder erklärten sich dahin, daß England seine Truppen vom Continent
zurückziehen, den Krieg zur See mit Energie betreiben und nur eine
solche Armee unterhalten solle, welche hinreichte, um jeden
Eindringenden, der der Wachsamkeit der Flotte entgehen sollte,
abzuwehren. Dieser Doctrin, welche bald die Parole einer der großen
Parteien im Staate wurde und es lange blieb, huldigte jedoch zur Zeit
nur eine kleine Minorität, die auf eine Abstimmung nicht anzutragen
wagte.[80]


[_Mittel und Wege; Grundsteuer._] Im Ausschusse für die Mittel und Wege
wurde beschlossen, daß ein großer Theil der Bedürfnisse des Jahres durch
eine Steuer gedeckt werden solle, die zwar an sich schon alt, der Form
nach aber neu war. Von einer sehr frühen Periode an bis in die Mitte des
17. Jahrhunderts hatten unsere Parlamente die außerordentlichen
Bedürfnisse der Regierung hauptsächlich durch Bewilligung von Subsidien
bestritten. Eine Subsidie wurde aufgebracht, indem man die Bevölkerung
des Landes mit einer nach ihrem angenommenen Vermögen bemessenen Abgabe
belastete. Das Grundeigenthum war der Hauptgegenstand der Besteuerung
und wurde nominell mit vier Schilling vom Pfunde des Ertrags belegt.
Aber die Besteuerung erfolgte in der Weise, daß sie nicht nur im
Verhältniß zu dem Steigen des Bodenwerthes oder zu dem Sinken des
Werthes der edlen Metalle nicht stieg, sondern sogar fortwährend sank,
bis endlich die Abgabe thatsächlich weniger als anderthalb Pence vom
Pfunde betrug. Zu den Zeiten Karl's I. würde eine wirkliche Steuer von
vier Schilling auf das Pfund wahrscheinlich nahe an anderthalb Millionen
ergeben haben; aber eine Subsidie betrug wenig über funfzigtausend
Pfund.[81]

Die Finanzmänner des Langen Parlaments machten ein wirksameres System
der Güterbesteuerung ausfindig. Die zu erhebende Summe wurde
festgestellt. Dann wurde sie auf die Grafschaften nach Verhältniß ihres
angenommenen Wohlstandes vertheilt und in jeder Grafschaft nach einem
Tarife erhoben. Die durch diese Besteuerungen zur Zeit der Republik
erlangte Revenue variirte zwischen fünfunddreißigtausend und
hundertzwanzigtausend Pfund monatlich.

Nach der Restauration schien die Legislatur eine Zeit lang geneigt, im
Finanzwesen wie in anderen Dingen zu der alten Methode zurückzukehren.
Karl II. wurden ein- oder zweimal Subsidien bewilligt. Allein es
zeigte sich bald, daß das alte System bei weitem nicht so zweckmäßig war
als das neue. Die Cavaliere ließen sich herab, in der Besteuerungskunst
von den Rundköpfen eine Lehre anzunehmen, und in der Zeit zwischen der
Restauration und der Revolution wurden die außerordentlichen Bedürfnisse
gelegentlich durch Auflagen bestritten, ähnlich denen der Republik. Nach
der Restauration machte der Krieg mit Frankreich es nothwendig,
alljährlich zu dieser reichen Einnahmequelle zu greifen. In den Jahren
1689, 1690 und 1691 waren große Summen vom Grundbesitz erhoben worden.
Endlich im Jahre 1692 wurde beschlossen, das Grundeigenthum höher als je
zu besteuern. Die Gemeinen resolvirten, daß eine neue und genauere
Abschätzung der Güter im ganzen Reiche vorgenommen und daß von dem
dadurch ermittelten Rentenbetrage eine Pfundsteuer an die Regierung
entrichtet werden solle.

Dies war der Ursprung der bestehenden Grundsteuer. Die im Jahre 1692
vorgenommene Abschätzung ist bis auf unsre Zeit unverändert geblieben.
Nach dieser Schätzung ergab eine Besteuerung des Pfundes Rente mit einem
Schilling in runder Summe eine halbe Million. Hundertsechs Jahre lang
wurde alljährlich dem Parlamente eine Grundsteuerbill vorgelegt und
angenommen, wenn auch nicht immer ohne Murren seitens der Landgentlemen.
In Kriegszeiten betrug die Steuer vier Schilling vom Pfunde. In
Friedenszeiten, vor der Regierung Georg's III., wurden gewöhnlich nur
zwei oder drei Schilling bewilligt, und während eines kurzen Abschnitts
der umsichtigen und milden Verwaltung Walpole's verlangte die Regierung
nur einen Schilling. Nach dem unheilvollen Jahre aber, in welchem
England das Schwert gegen die amerikanischen Kolonien zog, betrug die
Steuer nie weniger als vier Schilling. Endlich im Jahre 1798 enthob sich
das Parlament der Mühe, jedes Frühjahr eine neue Acte zu erlassen. Die
Grundsteuer wurde mit vier Schilling vom Pfunde permanent gemacht und
wer derselben unterworfen war, konnte sie ablösen. Ein großer Theil ist
abgelöst worden, und gegenwärtig wird wenig mehr als ein Fünfzigstel von
dem in Friedenszeiten benöthigten ordentlichen Einkommen durch diese
Steuer aufgebracht, welche einst als die ergiebigste aller Hülfsquellen
des Staats betrachtet wurde.[82]

Die Grundsteuer wurde für das Jahr 1693 auf vier Schilling vom Pfunde
festgesetzt und brachte somit ungefähr zwei Millionen in den
Staatsschatz. So klein diese Summe einer Generation erscheinen muß, die
in zwölf Monaten hundertzwanzig Millionen gebraucht hat, so war eine
solche doch noch niemals im Jahre durch directe Besteuerung erhoben
worden. Sie kam Engländern wie Ausländern ungeheuer vor. Ludwig, der es
fast unmöglich fand, durch rücksichtslose Erpressungen dem verarmten
französischen Landvolke die Mittel zur Erhaltung der größten Armee und
des prächtigsten Hofes, welche seit dem Untergange des römischen Reichs
in Europa existirt hatten, auszupressen, soll in einen Ausruf zornigen
Erstaunens ausgebrochen sein, als er erfuhr, daß die Gemeinen England's
aus Furcht und Haß gegen seine Macht einstimmig beschlossen hatten, sich
in einem Jahre des Mangels und der Handelsstockung eine Abgabenlast
aufzubürden, wie sie weder sie noch ihre Vorfahren jemals getragen
hatten. »Mein kleiner Vetter von Oranien scheint fest im Sattel zu
sitzen,« sagte er. Nachher setzte er hinzu: »Thut nichts, das letzte
Goldstück wird gewinnen.« Dies war jedoch eine Betrachtung, aus der er
nicht viel Trost geschöpft haben würde, wenn er über die Hülfsquellen
England's gut unterrichtet gewesen wäre. Kensington war allerdings im
Vergleich zu seinem prächtigen Versailles eine bloße Hütte. Die ihn
täglich umgebende Pracht der Juwelen, Federn und Spitzen, Pferde und
vergoldeten Kutschen überstrahlte bei weitem den Glanz, den unsere
Fürsten selbst bei feierlichen Gelegenheiten zu entfalten pflegten. Aber
die Lage der Mehrheit des englischen Volks war ohne allen Zweifel so,
daß die Mehrheit des französischen Volks sie wohl beneidet haben würde.
In der That, was bei uns harter Nothstand genannt wurde, würde dort
beispiellose Blüthe genannt worden sein.

Die Grundsteuer wurde nicht ohne einen Streit zwischen den beiden
Häusern ausgeschrieben. Die Gemeinen ernannten Commissare zur
Feststellung der Steuerbeträge. Es waren die vornehmsten Gentlemen jeder
Grafschaft und sie waren in der Bill genannt. Die Lords hielten dieses
Arrangement für unverträglich mit der Würde der Pairie, und sie
schalteten daher eine Klausel ein, welche bestimmte, daß ihre Güter
durch zwanzig Mitglieder ihres eigenen Standes abgeschätzt werden
sollten. Das Unterhaus verwarf dieses Amendement mit Entrüstung und
verlangte eine augenblickliche Conferenz. Nach einigem Zögern, das die
Mißstimmung der Gemeinen vermehrte, fand die Conferenz statt. Die Bill
wurde den Peers mit dem sehr kurzen und trotzigen Bedeuten
zurückgegeben, daß sie sich nicht anmaßen sollten, Finanzgesetze
abzuändern. Eine starke Partei unter den Lords war obstinat. Mulgrave
sprach ein Langes und Breites über die Prätensionen der Plebejer. Er
sagte seinen Collegen, daß, wenn sie nachgäben, sie sich der Autorität
entäußern würden, welche die Barone England's stets seit Gründung der
Monarchie besessen hätten, und daß ihnen von ihrer alten Größe nichts
übrig bleiben würde als ihre Adelskronen und ihr Hermelin. Burnet sagt,
diese Rede sei die schönste gewesen, die er je im Parlamente gehört
habe, und Burnet war unzweifelhaft ein competenter Richter in Sachen der
Beredtsamkeit und weder für Mulgrave eingenommen, noch den Privilegien
der Aristokratie hold. Aber obwohl der Redner seine Zuhörer entzückte,
gelang es ihm doch nicht, sie zu überzeugen. Die meisten von ihnen
scheuten einen Kampf, in welchem die Gemeinen wie ein Mann und auch der
König ihnen gegenübergestanden haben würden, der nöthigenfalls gewiß
lieber funfzig Peers creirt als die Grundsteuerbill hätte fallen lassen.
Zwei nachdrückliche Proteste jedoch, der erste von siebenundzwanzig, der
andre von einundzwanzig Andersdenkenden unterzeichnet, bewiesen, wie
hartnäckig viele Edelleute bereit waren, bis aufs Aeußerste für das
Ansehen ihres Standes zu kämpfen. Es wurde eine zweite Conferenz
gehalten und Rochester kündigte an, daß die Lords im Interesse des
Gemeinwohls von dem, was sie gleichwohl als ihr klares Recht behaupten
müßten, absehen und nicht auf ihrem Amendement bestehen wollten.[83] Die
Bill wurde angenommen und ihr folgten andere Bills zur Auflegung von
Zusatzzöllen auf Einfuhrartikel und zur Besteuerung der Dividenden von
Actiengesellschaften.

Die veranschlagten Revenuen deckten indessen immer noch nicht die
veranschlagten Ausgaben. Das Jahr 1692 hatte dem Jahre 1693 ein starkes
Deficit hinterlassen und es war wahrscheinlich, daß die Anforderungen
des Jahres 1693 die des Jahres 1692 um etwa fünfhunderttausend Pfund
übersteigen würden. Ueber zwei Millionen waren für die Armee und das
Geschützwesen, nahe an zwei Millionen für die Flotte bewilligt
worden.[84] Noch vor acht Jahren hatten vierzehnhunderttausend Pfund zur
Bestreitung des gesammten jährlichen Regierungsaufwandes genügt. Jetzt
wurde mehr als das Vierfache dieser Summe erfordert. Die Steuern, die
directen sowohl wie die indirecten, waren auf eine noch nie dagewesene
Höhe gesteigert und doch blieb das Staatseinkommen um etwa eine Million
hinter den Ausgaben zurück. Man mußte auf eine neue Hülfsquelle sinnen.
Es wurde eine gefunden, eine Hülfsquelle, deren Folgen bis auf den
heutigen Tag in allen Theilen des Erdballs empfunden werden.

Das Auskunftsmittel, zu welchem die Regierung ihre Zuflucht nahm, hatte
eigentlich nichts Seltsames oder Mysteriöses. Es war ein Mittel, das die
Financiers des Continents seit zwei Jahrhunderten kannten und auf das
jeder englische Staatsmann fast nothwendig kommen mußte, wenn er die
Leere in der Schatzkammer mit dem Ueberflusse auf dem Geldmarkte
verglich.


[_Ursprung der Nationalschuld._] Während des Zeitraums zwischen
der Restauration und der Revolution hatte der Reichthum der Nation
rasch zugenommen. Tausende von geschäftsthätigen Leuten fanden jede
Weihnachten, daß, nachdem die Ausgaben des Jahreshaushalts von dem
Jahreseinkommen bestritten waren, ein Ueberschuß blieb, und wie
sie diesen Ueberschuß anlegen sollten, war eine ziemlich schwer zu
beantwortende Frage. In unsrer Zeit ist es die Sache einiger Minuten,
einen solchen Ueberschuß zu etwas mehr als drei Procent gegen die
beste Sicherheit, die die Welt je gekannt hat, unterzubringen. Im
17. Jahrhundert aber war ein Advokat, ein Arzt oder ein vom Geschäft
zurückgetretener Kaufmann, der sich einige Tausende erspart hatte und
sie sicher und nutzbar anlegen wollte, oft in großer Verlegenheit.
Drei Generationen früher kaufte Jemand, der sich im Geschäft Vermögen
erworben hatte, in der Regel Grundeigenthum oder lieh seine Ersparnisse
auf Hypothek aus. Aber die Anzahl der Acker Landes im Königreiche war
die nämliche geblieben und der Werth des Bodens war zwar beträchtlich
gestiegen, aber doch keineswegs in so rascher Progression als die
Masse des auf Verwendung harrenden Kapitals zugenommen hatte. Viele
wünschten auch ihr Geld so anzulegen, daß sie jeden Augenblick darüber
verfügen konnten, und sie sahen sich nach einer Gattung Eigenthum um,
das sich leichter cediren ließ als ein Haus oder ein Stück Feld. Ein
Kapitalist konnte zwar auf Bodmerei oder auf persönliche Sicherheit
ausleihen, aber wenn er dies that, lief er stets große Gefahr, Zinsen
und Kapital zu verlieren. Es gab ein paar Actiengesellschaften,
unter denen die Ostindische Compagnie die erste Stelle einnahm; aber
die Nachfrage nach den Papieren dieser Compagnie war bei weitem
größer als das Angebot. Das Verlangen nach einer neuen Ostindischen
Compagnie ging in der That hauptsächlich von Leuten aus, denen es
schwer geworden war, ihre Ersparnisse gegen gute Sicherheit zinsbar
anzulegen. Diese Schwierigkeit war so groß, daß die Gewohnheit, baares
Geld aufzusammeln, allgemein war. Es wird uns erzählt, daß der Vater
des Dichters Pope, der sich zur Zeit der Revolution von seinem Geschäft
in der City zurückzog, auf seinen Landsitz eine Geldkasse mitnahm,
welche nahe an zwanzigtausend Pfund enthielt, und daß er von Zeit zu
Zeit herausnahm, was er zur Bestreitung seiner häuslichen Bedürfnisse
brauchte, und es ist sehr wahrscheinlich, daß dies kein vereinzelter
Fall war. Gegenwärtig ist die Quantität des von Privatpersonen
aufgesammelten gemünzten Geldes so unbedeutend, daß es, wenn es in
den Verkehr käme, keine merkliche Vermehrung der Geldcirculation
hervorrufen würde. Zu Anfang der Regierung Wilhelm's III. aber waren
alle renommirten Schriftsteller über den Geldumlauf der Meinung, daß
eine sehr beträchtliche Masse Gold und Silber in geheimen Schubkästen
und hinter Wandgetäfel verborgen sei.

Die natürliche Folge dieses Standes der Dinge war, daß eine Menge
Projectenmacher, geistreiche und alberne, rechtschaffene und
betrügerische, sich damit beschäftigten, neue Pläne zur Anlegung des
überflüssigen Kapitals zu ersinnen. Es war im Jahre 1688, daß man das
Wort Stockjobber zum ersten Male in London hörte. In dem kurzen
Zeitraume von vier Jahren entstanden eine Masse Compagnien, deren jede
den Actienzeichnern zuversichtlich die Hoffnung auf enormen Gewinn
eröffnete: die Versicherungscompagnie, die Papiercompagnie,
die Darmsaitencompagnie, die Perlenfischereicompagnie, die
Glasflaschencompagnie, die Alauncompagnie, die Kohlenblendecompagnie,
die Degenklingencompagnie. Es gab eine Tapetencompagnie, welche bald
hübsche Wandbekleidungen für die Besuchszimmer der mittleren Stände und
für die Schlafzimmer der höheren liefern wollte. Es gab eine
Kupfercompagnie, welche die Minen England's auszubeuten gedachte und die
Hoffnung aussprach, daß sich dieselben nicht minder werthvoll erweisen
würden als die von Potosi. Es gab eine Tauchercompagnie, die sich
anheischig machte, werthvolle Gegenstände von untergegangenen Schiffen
zu Tage zu fördern, und welche verkündigte, daß sie einen Vorrath
wunderbarer Maschinen angeschafft habe, welche vollständigen Rüstungen
glichen. Vorn am Helme befand sich ein großes Glasauge, gleich dem eines
Cyclopen, und von der Helmspitze ging eine Röhre aus, durch welche die
Luft eingelassen wurde. Der ganze Prozeß wurde auf der Themse öffentlich
gezeigt. Elegante Herren und Damen wurden zu dem Schauspiele eingeladen,
gastlich bewirthet und durch den Anblick erfreut, wie die Taucher
in ihrer Rüstung in den Fluß hinabstiegen und mit altem
Eisen und Schiffsgeräth wieder heraufkamen. Es gab eine
Grönlandsfischereicompagnie, welche unfehlbar die holländischen
Wallfischjäger und Heringsbüsen aus den nordischen Meeren verdrängen
mußte. Es gab eine Gerbereicompagnie, welche Leder zu liefern versprach,
das vorzüglicher sein sollte als das beste türkische und russische. Es
gab eine Gesellschaft, die es auf sich nahm, jungen Gentlemen unter
billigen Bedingungen eine liberale Ausbildung angedeihen zu lassen und
die sich den hochtrabenden Namen +Royal Academies Company+ beilegte. In
einer pomphaften Ankündigung wurde bekannt gemacht, daß die Directoren
der »Königlichen Academiencompagnie« die besten Lehrer in jedem Zweige
des Wissens engagirt hätten und auf dem Punkte ständen zwanzigtausend
Loose zu zwanzig Schilling auszugeben. Es sollte eine Lotterie sein mit
zweitausend Gewinnen und die glücklichen Treffer der Gewinne sollten auf
Kosten der Gesellschaft Latein, Griechisch, Hebräisch, Französisch,
Spanisch, die Kegelschnittlehre, Trigonometrie, Heraldik, Lackirkunst,
Befestigungskunst, Buchhaltung und die Kunst, auf der Theorba zu
spielen, erlernen. Einige von diesen Gesellschaften mietheten große
Gebäude und druckten ihre Ankündigungen in goldenen Lettern. Andere
bescheidenere begnügten sich mit Tinte und versammelten sich in
Kaffeehäusern in der Nähe der Börse. Bei Jonathan und Garraway wimmelte
es beständig von Mäklern, Käufern und Verkäufern, von sich versammelnden
Directoren und Actionären. Bald kamen die Zeitkäufe in die Mode. Es
wurden ausgedehnte Combinationen aufgestellt und monströse Fabeln in
Umlauf gebracht, um den Preis der Actien hinaufzutreiben oder
herunterzudrücken. Unser Vaterland war zum ersten Male Zeuge der
Erscheinungen, mit denen eine lange Erfahrung uns vertraut gemacht hat.
Eine Manie, deren Symptome im Wesentlichen dieselben waren, wie die der
Manie von 1720, der Manie von 1825 und der Manie von 1845, ergriff das
Publikum. Eine Sucht, schnell reich zu werden, eine Geringschätzung des
kleinen aber sicheren Gewinns, welche der gebührende Lohn der
Betriebsamkeit, der Ausdauer und der Sparsamkeit sind, verbreiteten sich
durch die ganze Gesellschaft. Der Geist der betrügerischen Würfelspieler
von Whitefriars bemächtigte sich der ernsten Senatoren der City, der
Gildenvorsteher, der Deputies und Aldermen. Es war viel leichter und
viel einträglicher, einen lügenhaften Prospectus auszugeben, der ein
neues Actienunternehmen ankündigte, unwissende Leute zu überreden, daß
die Dividenden nicht unter zwanzig Procent betragen könnten und
fünftausend Pfund dieses imaginären Gewinns für zehntausend Stück solide
Guineen hinzugeben, als ein Schiff mit einer gutgewählten Ladung für
Virginien oder die Levante zu befrachten. Jeden Tag trat eine neue Blase
ans Licht, stieg lustig empor, schimmerte glänzend, zerplatzte und war
vergessen.[85]

Die neue Form, welche die Gewinnsucht angenommen hatte, lieferte den
humoristischen Dichtern und Satyrikern einen vortrefflichen Stoff, und
dieser Stoff war ihnen um so willkommener, weil einige der
gewissenlosesten und glücklichsten von dieser neuen Gattung von Spielern
Männer in schwarzen Röcken und mit schlichten Haaren waren, Männer,
welche die Spielkarten Bücher des Teufels nannten, Männer, die es für
eine Sünde und Schande hielten, einige Pence am Triktrakbret zu gewinnen
oder zu verlieren. In Shadwell's letztem Drama wurde die Heuchelei und
Schurkerei dieser Spekulanten zum ersten Male dem öffentlichen Spotte
preisgegeben. Er starb im November 1692 kurz vor der ersten Aufführung
seiner »Stockjobbers,« und der Epilog wurde von einem Schauspieler in
Trauerkleidern gesprochen. Die beste Scene ist die, in welcher vier oder
fünf starre Nonconformisten in vollständigem puritanischen Costüm,
nachdem sie die Prospecte der Mausefallencompagnie und der
Flohtödtungscompagnie discutirt haben, die Frage besprechen, ob die
Gottseligen gesetzmäßigerweise Actien einer Compagnie zur
Herbeischaffung chinesischer Seiltänzer haben dürften. »Angesehene Leute
haben Actien,« sagt ein ernster Mann mit kurzgeschorenen Haaren und mit
Bäffchen; »aber ich bin wahrhaftig in Zweifel, ob es erlaubt ist oder
nicht.« Diese Zweifel werden durch einen trotzigen alten
Rundkopfobersten gehoben, der bei Marston Moor gefochten hat und der
seinen schwächeren Bruder daran erinnert, daß die Heiligen für ihre
Person den Seiltanz nicht anzusehen brauchten und daß aller
Wahrscheinlichkeit nach überhaupt gar kein Seiltanz zu sehen sein werde.
»Die Sache scheint Anklang zu finden,« sagt er, »die Actien werden sich
gut verkaufen lassen, und dann kann es uns gleichgültig sein, ob die
Tänzer kommen oder nicht.« Es ist wichtig, zu bemerken, daß diese Scene
dargestellt und applaudirt wurde, bevor noch ein Farthing von der
Nationalschuld contrahirt war. So schlecht waren die zahlreichen
Schriftsteller unterrichtet, die zu einer späteren Zeit der
Nationalschuld das Entstehen des Börsenspiels und aller damit
verbundenen Unmoralitäten zuschrieben. Das Wahre ist, daß die
Gesellschaft in ihrem natürlichen Entwicklungsgange einen Punkt erreicht
hatte, auf welchem das Börsenspiel, mochte es eine Nationalschuld geben
oder nicht, eben so unvermeidlich war als das Vorhandensein einer
Nationalschuld, wenn ein langer und kostspieliger Krieg geführt wurde.

Wie wäre es in der That möglich gewesen, keine Schuld zu contrahiren,
wenn der eine Theil durch die stärksten Beweggründe zum Entlehnen, der
andre Theil durch eben so starke Beweggründe zum Darleihen angetrieben
wurde? Der Augenblick war gekommen, wo sich die Regierung in die
Unmöglichkeit versetzt sah, ohne die bedenklichste Unzufriedenheit zu
erregen, durch Besteuerung die zur Vertheidigung der Freiheit und
Unabhängigkeit der Nation erforderlichen Geldmittel zu beschaffen, und
gerade in diesem Augenblicke sahen sich zahlreiche Kapitalisten
vergebens nach einer guten Art und Weise der Anlegung ihrer Ersparnisse
um und behielten in Ermangelung einer solchen ihr Geld im Kasten oder
verschwendeten es an unsinnige Projecte. Reichthümer, welche hingereicht
haben würden, eine Flotte auszurüsten, die den deutschen und den
atlantischen Ocean von den französischen Kapern hätte säubern können,
Reichthümer, welche hingereicht haben würden, eine Armee zu unterhalten,
die Namur hätte wiedernehmen und die Niederlage von Steenkerke rächen
können, lagen müßig oder gingen aus den Händen ihrer Besitzer in die
Hände von Gaunern über. Ein Staatsmann konnte wohl auf den Gedanken
kommen, daß ein Theil des Geldes, das täglich vergraben oder vergeudet
wurde, mit Vortheil für den Eigenthümer, für den Steuerzahlenden und für
den Staat in den Schatz gezogen werden könne. Warum den
außerordentlichen Aufwand eines Kriegsjahres dadurch bestreiten, daß man
fleißigen Familien Stühle, Tische und Betten wegnahm, daß man den einen
Landgentleman nöthigte, seine Bäume zu schlagen, bevor sie für die Art
reif waren, einen andren die Landhäuser auf seinem Gute verfallen zu
lassen, einen dritten, seinen hoffnungsvollen Sohn von der Universität
zu nehmen, während es um die Börse herum von Leuten wimmelte, die nicht
wußten was sie mit ihrem Gelde anfangen sollten, und die in Jedermann
drangen, es ihnen abzuborgen?

Es wurde späterhin von Tories, welche unter allen Dingen die
Nationalschuld und unter allen Menschen Burnet am meisten haßten, oft
behauptet, Burnet sei Derjenige gewesen, der der Regierung zuerst
gerathen habe, eine Nationalschuld zu contrahiren. Allein diese
Behauptung wird durch keinen glaubwürdigen Beweis bestätigt und scheint
durch das Stillschweigen des Bischofs widerlegt zu werden. Er war unter
allen Menschen derjenige, von dem am wenigsten anzunehmen war, daß er
die Thatsache verschweigen würde, daß eine wichtige fiskalische
Revolution sein Werk gewesen. Auch war das damalige Schatzcollegium kein
solches, das die Rathschläge eines Geistlichen nöthig gebraucht, oder
von dem man hätte annehmen können, daß es dieselben sonderlich beachten
würde. In diesem Collegium saß Godolphin, der klügste und erfahrenste,
und Montague, der waghalsigste und erfinderischste aller Financiers. Es
konnte keinem dieser beiden ausgezeichneten Männer unbekannt sein, daß
es in den Nachbarstaaten schon längst Gebrauch war, die durch ein
Kriegsjahr nöthig gemachte übermäßige Besteuerung auf mehrere
Friedensjahre zu vertheilen. In Italien bestand dieser Gebrauch seit
mehreren Generationen. Frankreich hätte während des Kriegs, welcher 1672
begann und 1679 endigte, nicht weniger als dreißig Millionen nach unsrem
Gelde geborgt. Sir Wilhelm Temple hatte in seinem interessanten Werke
über die Batavische Föderation seinen Landsleuten erzählt, daß zu der
Zeit als er Gesandter im Haag war, die damals von dem sparsamen und
klugen De Witt verwaltete Provinz Holland allein ungefähr fünf Millionen
Pfund Sterling schuldete, für welche die Zinsen zu vier Procent stets
auf den Tag bereit waren, und daß, wenn ein Theil des Kapitals
zurückgezahlt wurde, der Staatsgläubiger sein Geld mit Thränen in
Empfang nahm, wohl wissend, daß er keine Anlage von gleicher Sicherheit
finden konnte. Das Wunder ist nicht, daß England endlich das Beispiel
seiner Feinde wie seiner Verbündeten nachahmte, sondern daß bereits das
vierte Jahr seines schweren und erschöpfenden Kampfes gegen Ludwig zu
Ende ging, ehe es zu einem so nahe liegenden Aushülfsmittel griff.

Am 15. December 1692 erklärte sich das Haus der Gemeinen zu einem
Ausschusse für Feststellung der Mittel und Wege. Somers nahm den
Präsidentenstuhl ein. Montague schlug vor, eine Million auf dem Wege der
Anleihe zu erheben; der Vorschlag fand Beifall und es wurde angeordnet,
daß eine Bill eingebracht werden solle. Die Details des Planes wurden
ausführlich besprochen und vielfach modificirt; das Prinzip aber scheint
allen Parteien gefallen zu haben. Die Geldmänner waren froh, daß sie
eine gute Gelegenheit hatten, ihre aufgehäuften Kapitalien zinsbar
anzulegen, und die durch die Steuerlast hart gedrückten Grundbesitzer
waren bereit, um momentaner Erleichterung willen Alles zu genehmigen.
Kein Mitglied wagte das Haus abstimmen zu lassen. Am 20. Januar wurde
die Bill zum dritten Male gelesen, durch Somers den Lords überreicht und
von ihnen ohne Amendement angenommen.[86]

Durch dieses denkwürdige Gesetz wurden neue Abgaben auf das Bier und
andere geistige Getränke gelegt. Diese Abgaben sollten im Schatze
von allen übrigen Einnahmen gesondert bleiben und einen Fond bilden,
auf dessen Garantie hin eine Million gegen Leibrenten aufgenommen
werden sollten. Nach dem Absterben der Renteninhaber sollten ihre
Annuitäten unter die Ueberlebenden vertheilt werden, bis die Zahl der
Ueberlebenden auf sieben zusammengeschmolzen war. Was nach dieser
Zeit zurückfiel, sollte dem Staate zu Gute kommen. Es war demnach
ausgemacht, daß das 18. Jahrhundert weit vorgerückt sein würde, ehe die
Schuld getilgt war. Der Zinsfuß sollte bis zum Jahre 1700 zehn Procent,
und nach diesem Jahre sieben Procent sein. Die dem Staatsgläubiger
durch diesen Plan gebotenen Vortheile mögen groß scheinen, waren aber
nur eben hinreichend, um ihn für sein Risico zu entschädigen. Es war
nicht unmöglich, daß eine Contrerevolution ausbrach, und wenn eine
solche stattfand, war es gewiß, daß Die, welche Wilhelm Geld geliehen
hatten, sowohl Zinsen als Kapital verloren.

Dies war der Ursprung der Schuld, die seitdem das größte Wunder
geworden ist, das jemals den Scharfsinn der Staatsmänner und
Philosophen in Verlegenheit gesetzt und ihren Stolz beschämt hat.
Bei jeder neuen Vermehrung dieser Schuld hat die Nation stets das
nämliche Geschrei der Angst und Verzweiflung erhoben. Bei jeder neuen
Vermehrung dieser Schuld haben einsichtsvolle Männer allen Ernstes
behauptet, daß Bankerott und Ruin bevorständen. Und doch wuchs die
Schuld fortwährend, und Bankerott und Ruin waren so fern als je. Als
der große Kampf mit Ludwig schließlich durch den Frieden von Utrecht
beendigt wurde, schuldete die Nation ungefähr funfzig Millionen, und
diese Schuld wurde, nicht bloß von dem ungebildeten großen Haufen,
nicht blos von fuchsjagenden Squires und Kaffeehausrednern, sondern
von scharfen und tiefen Denkern als eine Last betrachtet, welche
den Staatskörper fortwährend lähmen würde. Gleichwohl blühte der
Handel, der Wohlstand nahm zu, die Nation wurde reicher und reicher.
Dann kam der österreichische Erbfolgekrieg, und die Schuld stieg auf
achtzig Millionen. Tagesschriftsteller, Geschichtsschreiber und Redner
erklärten, daß jetzt unsre Lage jedenfalls eine verzweifelte sei.
Die Zeichen zunehmenden Wohlstandes, Zeichen, die weder gefälscht
noch verborgen werden konnten, mußten jedoch jeden aufmerksamen und
nachdenkenden Beobachter überzeugen, daß eine Schuld von achtzig
Millionen für das von Pelham regierte England weniger war, als eine
Schuld von funfzig Millionen für das von Oxford regierte England
gewesen war. Bald brach von neuem Krieg aus, und unter der energischen
und verschwenderischen Verwaltung des ersten Wilhelm Pitt schwoll
die Schuld rasch auf hundertvierzig Millionen an. Sobald der erste
Siegesrausch verflogen war, erklärten Männer der Theorie und Männer
der Praxis einstimmig, daß der verhängnißvolle Tag nun wirklich
gekommen sei. Der einzige unter allen praktischen und theoretischen
Staatsmännern, der die allgemeine Verblendung nicht theilte, war
Edmund Burke. David Hume, ohne Widerrede einer der gründlichsten
Staatsökonomen seiner Zeit, erklärte, unser Wahnsinn übertreffe noch
den Wahnsinn der Kreuzfahrer. Richard Löwenherz und Ludwig der Heilige
hätten nicht mathematischen Beweisen Hohn gesprochen. Es sei unmöglich,
mit Ziffern zu beweisen, daß der Weg zum Paradiese nicht durch das
gelobte Land gehe, aber es sei möglich mit Ziffern zu beweisen, daß
der Weg zum Nationalruin durch die Nationalschuld führe. Es sei jedoch
überflüssig noch von dem Wege zu sprechen, denn mit dem Wege hätten
wir es nicht mehr zu thun, wir seien bereits am Ziele angelangt und
Alles sei vorbei: alle Einkünfte der Insel nördlich vom Trent und
westlich vom Reading seien verpfändet. Es würde besser für uns gewesen
sein, wenn Preußen oder Oesterreich uns besiegt hätte, als daß wir
die Zinsenlast für hundertvierzig Millionen tragen müßten.[87] Dieser
große Gelehrte -- denn das war er -- hätte indessen nur die Augen zu
öffnen gebraucht, um überall um sich her Fortschritt und Verbesserung
zu erblicken: sich vergrößernde Städte, sich immer weiter ausbreitende
Bebauung des Bodens, Märkte, zu klein für die Masse der Käufer und
Verkäufer, Häfen, nicht mehr genügend zur Aufnahme der Schiffe,
künstliche Flüsse, welche die Hauptbinnensitze der Industrie mit den
wichtigsten Seehäfen verbanden, besser erleuchtete Straßen, besser
eingerichtete Häuser, kostbarere Waaren, in eleganteren Läden zum
Verkauf gestellt, leichtere Wagen, die auf ebeneren Wegen dahinrollten.
Er hätte in der That nur das Edinburg seiner Kindheit mit dem Edinburg
seines Mannesalters zu vergleichen gebraucht. Seine Prophezeiung bleibt
für die Nachwelt ein denkwürdiges Beispiel der Schwäche, von der auch
die stärksten Geister nicht frei sind. Adam Smith sah ein wenig, aber
auch nur ein wenig weiter. Er gab zu, daß die Nation die Schuldenlast
trotz ihrer ungeheuren Größe doch trage und unter ihr in einer Weise
gedeihe, die Niemand habe voraussehen können. Aber er warnte seine
Landsleute, ein so gewagtes Experiment zu wiederholen. Die Grenze sei
erreicht, selbst eine geringe Vermehrung könne verderblich werden.[88]
Nicht minder schwarz war das Licht, in welchem Georg Grenville, ein
ausgezeichnet fleißiger und praktischer Minister, unsre finanzielle
Lage erblickte. Er meinte die Nation müsse unter einer Schuldenlast von
hundertvierzig Millionen erliegen, wenn nicht ein Theil derselben von
den amerikanischen Colonien getragen würde. Der Versuch, einen Theil
der Last auf die amerikanischen Colonien zu übertragen, rief einen
neuen Krieg hervor. Nach diesem Kriege hatten wir hundert Millionen
Schulden mehr und die Colonien verloren, deren Beistand als unerläßlich
dargestellt worden war. Wieder wurde England aufgegeben, und wieder
beharrte der sonderbare Patient darin, trotz aller Diagnosen und
Prognosen der Staatsärzte immer kräftiger und blühender zu werden.
Wie es mit einer Schuld von hundertvierzig Millionen sichtlich besser
gediehen war als mit einer Schuld von funfzig Millionen, so gedieh es
wieder mit einer Schuld von zweihundertvierzig Millionen besser als mit
einer Schuld von einhundertvierzig Millionen. Bald jedoch stellten
die Kosten der aus der französischen Revolution hervorgehenden Kriege,
welche an Kostspieligkeit alle übertrafen, die die Welt je gesehen,
die Kräfte des öffentlichen Credits auf die äußerste Probe. Als die
Welt wieder ruhig geworden war, betrug die fundirte Schuld England's
achthundert Millionen. Wenn man dem aufgeklärtesten Manne im Jahre 1792
gesagt hätte, daß im Jahre 1815 die Zinsen von achthundert Millionen
auf den Tag von der Bank ausgezahlt werden würden, so würde er dies
eben so wenig geglaubt haben, als wenn man ihm gesagt hätte, die
Regierung werde im Besitz der Aladinslampe oder des Fortunatusbeutels
sein. Es war in der That eine riesige, eine fabelhafte Schuld, und wir
dürfen uns kaum darüber wundern, daß das Geschrei der Verzweiflung
lauter war als je. Doch abermals überzeugte man sich, daß das
Geschrei eben so grundlos gewesen war als je. Nach einigen Jahren der
Erschöpfung erholte sich England wieder. Dennoch beklagte es sich, wie
Addison's eingebildeter Kranker, der beständig wimmert, er müsse an der
Schwindsucht sterben, bis er so fett wird, daß er beschämt schweigen
muß, fortwährend, daß es in Armuth versunken sei, bis sein Reichthum
sich durch Zeichen verrieth, die seine Klagen lächerlich machten.
Die verarmte, die bankerotte Gesellschaft erwies sich nicht nur
fähig, alle ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen, sondern wurde sogar,
während sie ihre Verbindlichkeiten erfüllte, so schnell immer reicher
und reicher, daß die Zunahme ihres Reichthums fast mit den Augen zu
erkennen war. In jeder Grafschaft sahen wir seit kurzem Wüsteneien in
Gärten verwandelt; in jeder Stadt sahen wir neue Straßen und Squares
und Marktplätze, glänzendere Laternen, reichlichere Versorgung mit
Wasser; in den Vorstädten jedes großen Sitzes der Industrie sahen
wir die Villas, jede in ein reizendes kleines Paradies von Hollunder
und Rosen gebettet, sich rasch vermehren. Während seichte Politiker
beständig wiederholten, daß die Kräfte des Volks durch die Wucht der
öffentlichen Lasten erdrückt würden, fand die erste Dampfwagenfahrt auf
einer Eisenbahn statt. Bald war die Insel mit Schienenwegen überzogen.
Eine Summe, größer als der Betrag der ganzen Nationalschuld zu Ende des
amerikanischen Kriegs, wurde von diesem ruinirten Volke binnen wenigen
Jahren freiwillig auf den Bau von Viaducten, Tunneln, Dämmen, Brücken,
Bahnhöfen und Lokomotiven verwendet. Inzwischen wurde die Besteuerung
fast beständig leichter und leichter und doch war die Staatskasse
gefüllt. Man darf ohne Besorgniß vor Widerspruch behaupten, daß es uns
eben so leicht wird, die Zinsen von achthundert Millionen zu bezahlen,
als es vor hundert Jahren unseren Vorfahren wurde, die Zinsen von
achtzig Millionen zu bezahlen.

Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich in die Begriffe Derer,
welche die durch eine lange Reihe unbestreitbarer Thatsachen so
schlagend widerlegte lange Reihe zuversichtlicher Prophezeiungen
aussprachen und Derer, die sie glaubten, ein arger Trugschluß
eingeschlichen hatte. Diesen Trugschluß nachzuweisen, ist mehr Sache des
Nationalökonomen als des Geschichtsschreibers. Hier genüge es zu sagen,
daß die Unglückspropheten in einer zweifachen Täuschung befangen waren.
Sie glaubten irrthümlich, daß zwischen einem Individuum, das einem
andren Individuum schuldet, und einer Gesellschaft, die einem Theile
ihrer selbst schuldet, eine genaue Analogie stattfinde, und diese
Analogie führte sie zu endlosen Täuschungen über die Wirkung des
Fundirungssystem. In einem nicht minder großen Irrthum waren sie
bezüglich der Hülfsquellen des Landes. Sie berücksichtigten die
Wirkungen nicht, welche die unaufhörlichen Fortschritte jeder
Erfahrungswissenschaft und die unablässigen Bemühungen jedes Menschen,
im Leben vorwärts zu kommen, hervorbringen. Sie sahen daß die Schuld
zunahm, aber sie vergaßen daß alles Andere eben so wohl zunahm wie die
Schuld.

Eine lange Erfahrung berechtigt uns zu der Annahme, daß England
im 20. Jahrhundert besser im Stande sein wird eine Schuld von
sechzehnhundert Millionen zu tragen, als es zur gegenwärtigen Zeit
seine gegenwärtige Schuld tragen kann. Doch sei dem wie ihm wolle,
Diejenigen, welche so zuversichtlich voraussagten, daß es zuerst einer
Schuld von funfzig Millionen, dann einer Schuld von achtzig Millionen,
dann einer Schuld von hundertundvierzig Millionen, dann einer Schuld
von zweihundertvierzig Millionen und zuletzt einer Schuld von
achthundert Millionen erliegen müsse, waren ohne allen Zweifel in einem
doppelten Irrthum. Sie überschätzten bei weitem den Druck der Last und
unterschätzten bei weitem die Kraft, welche die Last zu tragen hatte.

Es muß wünschenswerth erscheinen, einige Worte darüber hinzuzufügen,
wie das Fundirungssystem die Interessen der großen Republik der
Nationen berührt hat. Wenn es wahr ist, daß Alles was der Intelligenz
über die rohe Gewalt, und der Redlichkeit über die Unredlichkeit einen
Vortheil giebt, die Tendenz hat, das Glück und die Tugendhaftigkeit
unsres Geschlechts zu fördern, so kann es schwerlich in Abrede gestellt
werden, daß die Folgen dieses Systems im weitesten Umfange heilsam
gewesen sind. Denn es liegt auf der Hand, daß aller Credit von zwei
Dingen abhängt: von der Fähigkeit eines Schuldners, seine Schulden zu
bezahlen, und von seinem Willen, sie zu bezahlen. Die Fähigkeit einer
Gesellschaft, ihre Schulden zu bezahlen, steht im Verhältniß zu den
Fortschritten, die sie in der Industrie, im Handel und in allen den
Künsten und Wissenschaften gemacht hat, welche unter dem wohlthätigen
Einflusse der Freiheit und der Gleichheit vor dem Gesetze blühen.
Der Wille einer Gesellschaft, ihre Schulden zu bezahlen, steht im
Verhältniß zu dem Grade, in welchem sie die Verpflichtungen eines
gegebenen Versprechens respectirt. Von der Kraft, welche in der Größe
des Gebiets und in der Zahl streitbarer Männer besteht, mag ein roher
Despot, der kein andres Gesetz kennt als seine persönlichen kindischen
Launen und trotzigen Leidenschaften, oder ein Convent von Socialisten,
der alles Eigenthum für Diebstahl erklärt, mehr besitzen, als die
beste und weiseste Regierung. Aber die Kraft, die aus dem Vertrauen
der Kapitalisten entspringt, kann ein solcher Despot oder ein solcher
Convent nie besitzen. Diese Kraft, -- und es ist eine Kraft, die den
Ausgang mehr als eines großen Kampfes entschieden hat -- flieht ihrer
Natur nach Rohheit und Betrug, Tyrannei und Anarchie, um sich der
Civilisation und Tugend, der Freiheit und Ordnung anzuschließen.


[_Parlamentsreform._] Während die Bill, welche zuerst die fundirte
Schuld England's ins Leben rief, unter allgemeinem Beifall die
regelmäßigen Stadien durchlief, discutirten die beiden Häuser zum ersten
Male die große Frage der Parlamentsreform.

Es muß bemerkt werden, daß das Ziel der Reformer jener Generation
lediglich darin bestand, den Repräsentativkörper zu einem treueren
Interpreten der Gesinnung des Wahlkörpers zu machen. Es scheint fast
keinem einzigen von ihnen eingefallen zu sein, daß der Wahlkörper ein
untreuer Interpret der Gesinnung der Nation sein könne. Allerdings
waren die Mißgriffe in der Zusammensetzung des Wahlkörpers, welche
endlich in unseren Tagen einen unwiderstehlichen Sturm des öffentlichen
Unwillens erregten, im 17. Jahrhundert bei weitem nicht so zahlreich
und so schädlich, als sie es im 19. geworden waren. Der größte Theil
der Burgflecken, denen im Jahre 1832 das Wahlrecht entzogen wurde,
waren, wenn auch nicht absolut, doch relativ, unter der Regierung
Wilhelm's III. viel wichtigere Plätze als unter der Regierung
Wilhelm's IV. Von den volkreichen und wohlhabenden Fabrikstädten,
Seehäfen und Badeorten, denen das Wahlrecht unter der Regierung
Wilhelm's IV. verliehen wurde, waren einige unter der Regierung
Wilhelm's III. kleine Dorfschaften, von ein paar Bauern oder Fischern
in Hütten mit Strohdächern bewohnt; andere waren Getreidefelder oder
den Birkhühnern preisgegebene Moorstrecken. Mit Ausnahme von Leeds
und Manchester gab es zur Zeit der Revolution nicht eine einzige
Stadt von fünftausend Einwohnern, die nicht zwei Vertreter ins Haus
der Gemeinen geschickt hätte. Doch auch damals fehlte es nicht an
auffallenden Anomalien. East- und West-Looe, das nicht die Hälfte
der Bevölkerung und nicht die Hälfte des Vermögens des kleinsten der
hundert Kirchspiele London's hatte, wählte eben so viele Mitglieder
als London.[89] Old Sarum, eine verödete Ruine, die der Reisende des
Nachts zu betreten sich scheute, aus Furcht, darin lauernden Räubern in
die Hände zu fallen, hatte eben so viel Gewicht in der gesetzgebenden
Versammlung wie Devonshire oder Yorkshire.[90] Einige ausgezeichnete
Männer beider Parteien, zum Beispiel Clarendon unter den Tories, und
Pollexfen unter den Whigs, verwarfen dieses System. Dennoch waren beide
Parteien, allerdings aus sehr verschiedenen Gründen, nicht geneigt, es
zu ändern. Es wurde durch die Vorurtheile der einen Partei und durch
die Interessen der andren beschützt. Nichts konnte dem Geiste des
Toryismus mehr zuwider sein als der Gedanke, Institutionen, welche seit
Jahrhunderten bestanden, mit einem Schlage zu vernichten, um auf den
Trümmern etwas Symmetrischeres aufzubauen. Den Whigs dagegen konnte es
nicht entgehen, daß sie durch eine Aenderung in diesem Theile unsrer
Verfassung viel wahrscheinlicher etwas verlieren als gewinnen würden.
Es wäre in der That ein großer Irrthum, wollte man glauben, daß ein
Gesetz, das die politische Macht von kleinen auf große Wahlkörper
übertrug, im Jahre 1692 dasselbe bewirkt haben würde, was es im Jahre
1832 bewirkte. Im Jahre 1832 bestand die Wirkung der Uebertragung in
einer Vergrößerung der Macht der städtischen Bevölkerung. Im Jahre 1692
würde sie die Macht der ländlichen Bevölkerung unwiderstehlich gemacht
haben. Von den hundertzweiundvierzig Mitgliedern, welche im Jahre 1832
kleinen Wahlflecken entzogen wurden, wurden über die Hälfte großen und
blühenden Städten zugetheilt. Im Jahre 1692 aber gab es kaum eine große
und blühende Stadt, die nicht schon so viele Vertreter gehabt hätte,
als sie mit einem Anschein von Billigkeit verlangen konnte. Es hätte
daher fast Alles was den kleinen Wahlflecken entzogen worden wäre,
den Grafschaften gegeben werden müssen, und es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß Alles was darauf abzielte, die Grafschaften zu heben
und die Städte zu unterdrücken, im Ganzen auf die Hebung der Tories
und auf die Unterdrückung der Whigs hinausgelaufen wäre. Vom Anbeginn
unserer bürgerlichen Wirren hatten die Städte auf Seiten der Freiheit
und des Fortschritts, die Landgentlemen und die Landgeistlichen auf
Seiten der Autorität und des Althergebrachten gestanden. Wenn daher
eine Reformbill, welche kleinen Wahlkörpern das Wahlrecht entzog
und großen Wahlkörpern mehr Abgeordnete bewilligte, bald nach der
Revolution zum Gesetz erhoben worden wäre, so unterliegt es kaum einem
Zweifel, daß die entschiedene Mehrheit des Hauses der Gemeinen aus
ländlichen Baronets und Squires, Hochkirchlichen, Hochtories und halben
Jakobiten bestanden haben würde. Bei einem solchen Hause der Gemeinen
ist es fast gewiß, daß eine Verfolgung der Dissenters stattgefunden
haben würde; es ist schwer einzusehen, wie eine Vereinigung
mit Schottland hätte zu Stande kommen sollen, und es ist nicht
unwahrscheinlich, daß eine Restauration der Stuarts erfolgt sein würde.
Daher wurden die Theile unsrer Verfassung, welche die Politiker der
liberalen Schule in neueren Zeiten allgemein als Mißstände betrachten,
fünf Generationen früher selbst von den Männern, die am eifrigsten für
bürgerliche und religiöse Freiheit waren, mit Wohlgefallen betrachtet.

Aber während Whigs und Tories in dem Wunsche, die bestehenden Wahlrechte
aufrecht zu erhalten, übereinstimmten, mußten sie gleichwohl zugeben,
daß das Verhältniß zwischen dem Wähler und dem Abgeordneten nicht so
war, wie es hätte sein sollen. Vor dem Bürgerkriege hatte das Haus der
Gemeinen das volle Vertrauen der Nation besessen. Ein von den Gemeinen
mit Mißtrauen, Verachtung und Haß betrachtetes Haus der Gemeinen war
etwas Unbekanntes. Die bloßen Worte schon würden dem Ohre eines Sir
Peter Wentworth oder Sir Eduard Coke wie einen Widerspruch enthaltend
geklungen haben. Nach und nach aber trat eine Veränderung ein. Das im
Jahre 1661 während des auf die Rückkehr der königlichen Familie
folgenden Anfalls von Freude und Zuneigung gewählte Parlament,
repräsentirte nicht die reiflich erwogene Ansicht, sondern nur die
momentane Laune der Nation. Viele von den Mitgliedern waren Männer,
welche einige Monate früher oder einige Monate später keine Aussicht
gehabt haben würden, Sitze zu erlangen, Männer von zerrüttetem Vermögen
und von ausschweifenden Sitten, deren einziger Anspruch auf das
öffentliche Vertrauen in dem wilden Hasse bestand, den sie gegen
Rebellen und Puritaner hegten. Sobald das Volk wieder nüchtern geworden
war, sah es mit Schrecken, was für einer Versammlung es in seinem
Freudenrausche die Sorge für sein Eigenthum, seine Freiheit und seine
Religion anvertraut hatte. Und die in einem Augenblicke wahnsinniger
Begeisterung getroffene Wahl konnte sich als eine Wahl auf Lebenszeit
herausstellen. Nach dem damals bestehenden Gesetz hing es ganz von dem
Willen des Königs ab, ob während seiner Regierung den Wählern
Gelegenheit geboten werden sollte, ihren Fehler wieder gut zu machen.
Achtzehn Jahre vergingen und eine neue Generation wuchs heran. Auf die
glühende Loyalität, mit welcher Karl in Dover bewillkommnet worden war,
folgten Unzufriedenheit und Abneigung. Das allgemeine Geschrei lautete,
daß das Königreich schlecht regiert, erniedrigt, unwürdigen Männern und
noch unwürdigeren Frauen als Beute preisgegeben würde, daß unsre Flotte
sich einem Kampfe mit Holland nicht gewachsen gezeigt habe, daß unsre
Unabhängigkeit für das Gold Frankreich's verkauft worden, daß unsere
Gewissen in Gefahr seien, aufs Neue dem Joche Rom's unterworfen zu
werden. Das Volk war Rundkopf geworden, aber die Versammlung, welche
allein ermächtigt war, im Namen des Volks zu sprechen, war noch eine
Versammlung von Cavalieren. Allerdings fand der König gelegentlich
selbst dieses Haus der Gemeinen unlenksam. Es hatte von vornherein nicht
wenige ächte Engländer enthalten, andere waren hineingekommen, wenn
durch den Tod Lücken entstanden, und selbst die Majorität konnte trotz
ihrer höfischen Gesinnung nicht umhin einige Sympathie für die Nation zu
fühlen. So bildete sich eine Vaterlandspartei, die zu achtunggebietender
Stärke anwuchs. Diese Partei aber sah ihre Anstrengungen stets durch
systematische Bestechungen vereitelt. Daß einige Mitglieder der
gesetzgebenden Versammlung directe Geschenke erhielten, wurde mit gutem
Grunde vermuthet, konnte aber nicht bewiesen werden. Daß das Patronat
der Krone in ausgedehntem Maße angewendet wurde, um auf die Abstimmungen
einzuwirken, war notorisch. Ein großer Theil Derer, welche das Geld der
Nation in Bewilligungen für die Regierung, weggaben, erhielten einen
Theil des Geldes in Form von Gehalten wieder, und so bildete sich eine
Söldnerschaar, auf die der Hof fast unter allen Umständen zuversichtlich
rechnen konnte.

Die Servilität dieses Parlaments hatte einen tiefen Eindruck im Volke
zurückgelassen. Man war allgemein der Ansicht, daß England gegen die
Gefahr gesichert werden müsse, jemals wieder eine Reihe von Jahren durch
Männer repräsentirt zu werden, die sein Vertrauen verloren hätten und
die dafür bezahlt würden, daß sie gegen seine Wünsche und Interessen
stimmten. Der Gegenstand kam in der Convention zur Sprache und einige
Mitglieder wünschten damit ins Reine zu kommen, so lange der Thron noch
unbesetzt war. Seitdem war das Verlangen nach einer Reform immer
dringender und dringender geworden. Das mit Steuern schwer belastete
Volk war natürlich geneigt, Diejenigen, welche von den Steuern lebten,
nicht mit sehr günstigem Auge zu betrachten. Daß der Krieg gerecht und
nothwendig war, erkannte Jedermann an, und Krieg konnte nicht ohne
großen Kostenaufwand geführt werden. Aber je größer die Summen waren,
die zur Vertheidigung der Nation erfordert wurden, um so wichtiger war
es, nichts zu verschwenden. Die enormen Einkünfte der Staatsbeamten
erregten Neid und Unwillen. Hier wurde ein Gentleman dafür bezahlt, daß
er nichts that. Dort wurden mehrere Gentlemen dafür bezahlt, daß sie
etwas thaten, was ein Einzelner besser gethan haben würde. Die Equipage,
die Dienerschaft, die Spitzencravatten und die Diamantschnallen des
Staatsdieners wurden natürlich von Denen, welche früh aufstanden und
sich spät niederlegten, um ihm die Mittel zu verschaffen, in Glanz und
Luxus zu leben, mit scheelen Augen angesehen. Solche Mißbräuche
abzustellen war das specielle Amt eines Hauses der Gemeinen. Was aber
hatte das bestehende Haus der Gemeinen in dieser Beziehung gethan?
Absolut nichts. Im Jahre 1690 waren bei Feststellung der Civilliste
allerdings einige scharfe Reden gehalten worden. Aber im Jahre 1691 war
bei Berathung der Mittel und Wege ein Beschluß durchgegangen, der so
albern abgefaßt war, daß er sich als eine vollständige Fehlgeburt
erwies. Der Mißbrauch bestand fort und mußte fortbestehen, so lange er
eine Quelle des Gewinns für Diejenigen war, die ihn hätten abstellen
sollen. Wer konnte eine treue und wachsame Aufsicht von Aufsehern
erwarten, die ein directes Interesse daran hatten, der Verschwendung
Vorschub zu leisten, welcher Einhalt zu thun ihr Amt war? Das Haus
wimmelte von Angestellten aller Art, Lords des Schatzes, Lords der
Admiralität, Zollcommissaren, Acciscommissaren, Prisencommissaren,
Cassirern, Controleurs, Einnehmern, Zahlmeistern, Münzbeamten,
Hofbeamten, Regimentsobersten, Schiffskapitains und Festungsgouverneurs.
Wir schicken, sagte man, einen unserer Nachbarn, einen unabhängigen
Gentleman, in dem vollen Vertrauen nach Westminster, daß seine
Gesinnungen und Interessen in vollkommenem Einklange mit den unsrigen
stehen. Wir erwarten von ihm, daß er uns von jeder Last befreien werde,
ausgenommen von den Lasten, ohne welche der Staatsdienst nicht bestehen
kann und die wir daher, so drückend sie für uns sein mögen, geduldig und
entschlossen tragen. Noch ehe er aber eine Session im Parlamente ist,
erfahren wir, daß er mit einem ansehnlichen Gehalte zum Sekretär des
Hofmarschallgerichts oder zum Aufseher der abgelegten Garderobe ernannt
wurde. Ja, wir erfahren zuweilen, daß er eine von den Stellen in der
Schatzkammer erhalten, deren Emolumente mit den Steuern, die wir
bezahlen, steigen und fallen. Es wäre wahrhaftig ein Wunder, wenn unsere
Interessen in der Hand eines Mannes, dessen Einnahme in Procenten von
unseren Verlusten besteht, gut aufgehoben wären. Das Uebel würde bei
weitem nicht so groß sein, wenn wir öfters Gelegenheit hätten zu
erwägen, ob die Vollmachten unsres Vertreters erneuert oder
zurückgezogen werden sollen. Nach dem gegenwärtig bestehenden Gesetz
aber ist es nicht unmöglich, daß er diese Vollmachten zwanzig bis
dreißig Jahre behält. So lange er lebt, und so lange der König oder die
Königin lebt, ist es nicht wahrscheinlich, daß wir unser Wahlrecht je
wieder ausüben werden, es müßte denn ein Streit zwischen dem Hofe und
dem Parlamente entstehen. Je verschwenderischer und willfähriger ein
Parlament ist, um so weniger ist anzunehmen, daß es sich mit dem Hofe
überwerfen wird. Je schlechter mithin unsere Vertreter sind, um so
länger werden wir voraussichtlich dazu verurtheilt sein, sie behalten zu
müssen.

Das Geschrei war laut. Man gab dem Parlamente gehässige Spottnamen. Bald
hieß es das Beamtenparlament, bald hieß es das stehende Parlament und
wurde für eine drückendere Last erklärt als selbst ein stehendes Heer.

Zwei Specifica gegen die Leiden des Staats wurden dringend empfohlen und
theilten sich in die öffentliche Gunst. Das eine war ein Gesetz, welches
die Staatsbeamten vom Hause der Gemeinen ausschloß. Das andre war ein
Gesetz, welches die Dauer der Parlamente auf drei Jahre beschränkte. Im
Allgemeinen zogen die toryistischen Reformers eine Stellenbill (+Place
Bill+), die whiggistischen Reformers eine Dreijährigkeitsbill
(+Triennial Bill+) vor; aber nicht wenige eifrige Mitglieder beider
Parteien waren dafür, beide Heilmittel zu versuchen.


[_Die Stellenbill._] Vor Weihnachten noch wurde eine Stellenbill auf den
Tisch der Gemeinen niedergelegt. Diese Bill ist von Schriftstellern, die
sie nie gesehen und ihren Inhalt nur muthmaßten, heftig gelobt worden.
Wer sich aber die Mühe nimmt, das Originalpergament, das vom Staube von
hundertsechzig Jahren gebräunt unter den Archiven des Hauses der Lords
ruht, zu studiren, wird nicht viel Lobenswerthes darin finden.

Ueber die Art und Weise, in der eine solche Bill hätte abgefaßt sein
sollen, wird zu unsrer Zeit unter aufgeklärten Engländern wenig
Meinungsverschiedenheit stattfinden. Sie werden in der Ansicht
übereinstimmen, daß es höchst verderblich sein würde, wollte man das
Haus der Gemeinen allen Staatsbeamten öffnen, aber auch nicht minder
verderblich, wollte man dieses Haus allen Staatsbeamten verschließen.
Eine genaue Grenzlinie zu ziehen zwischen Denen, welche zugelassen, und
Denen, welche ausgeschlossen werden müssen, würde eine viel Zeit,
Nachdenken und Detailkenntniß erfordernde Aufgabe sein. Die allgemeinen
Prinzipien aber, welche uns dabei leiten müssen, liegen auf der Hand.
Die Masse der untergeordneten Beamten muß ausgeschlossen sein; einige
wenige Beamte, welche an der Spitze oder nahe an der Spitze der
Hauptzweige der Verwaltung stehen, müssen zugelassen werden.

Die untergeordneten Beamten müssen ausgeschlossen bleiben, weil ihre
Zulassung den Character des Parlaments erniedrigen und zugleich die
Wirksamkeit jedes öffentlichen Amts vernichten würde. Sie sind jetzt
ausgeschlossen, und die Folge davon ist, daß wir ein werthvolles Corps
von Dienern besitzen, welche unverändert dieselben bleiben, während ein
Cabinet nach dem andren gebildet und aufgelöst wird, die jeden
eintretenden Minister in seinen Functionen unterrichten und denen es die
heiligste Ehrenpflicht ist, ihrem zeitweiligen Vorgesetzten wahre
Unterweisung, aufrichtigen Rath und kräftigen Beistand zu gewähren. Der
Erfahrung, Geschäftstüchtigkeit und Treue dieser Klasse von Männern muß
die Leichtigkeit und Gefahrlosigkeit zugeschrieben werden, womit die
Leitung der öffentlichen Angelegenheiten viele Male im Bereiche unsrer
Erinnerung von Tories auf Whigs und von Whigs auf Tories übergegangen
ist. Aber es würde keine solche Klasse gegeben haben, wenn Personen, die
von der Krone besoldet wurden, ohne Beschränkung im Hause der Gemeinen
hätten sitzen dürfen. Die Commissarstellen, Hülfssekretärstellen und
ersten Kanzlistenstellen, welche jetzt auf Lebenszeit von Personen
bekleidet werden, die dem Kampfe der Parteien fern stehen, würden
Parlamentsmitgliedern verliehen worden sein, die der Regierung als
gewandte Sprecher oder als zuverlässige Stimmgeber dienstbar waren. So
oft das Ministerium gewechselt hätte, würde dieser ganze Schwarm von
Anhängern fortgeschickt und durch einen andren Schwarm von
Parlamentsmitgliedern ersetzt worden sein, die wahrscheinlich
auch wieder fortgeschickt worden wären, noch ehe sie ihre
Geschäftsverrichtungen zur Hälfte gelernt hatten. Servilität und
Corruption in der Legislatur, Unwissenheit und Untüchtigkeit in allen
Zweigen der ausübenden Verwaltung würden die unvermeidlichen
Consequenzen eines solchen Systems gewesen sein.

Wo möglich noch nachtheiliger würden die Folgen eines Systems sein,
unter welchem alle Diener der Krone ohne Ausnahme vom Hause der Gemeinen
ausgeschlossen wären. Aristoteles hat uns in seiner Abhandlung über das
Staatswesen, welche vielleicht die scharfsinnigste und lehrreichste von
allen seinen Schriften ist, eine Warnung vor einer Klasse
arglistigerweise auf Täuschung der Menge berechneter, anscheinend
demokratischer, in Wahrheit aber oligarchischer Gesetze
hinterlassen.[91] Hätte er Gelegenheit gehabt, die Geschichte der
englischen Verfassung zu studiren, so würde er seine Aufzählung solcher
Gesetze leicht haben erweitern können. Daß Männer, die im Dienste und
Solde der Krone stehen, nicht in einer Versammlung sitzen sollten, deren
specielle Obliegenheit es ist, die Rechte und Interessen der
Gesellschaft gegen jeden Angriff von Seiten der Krone zu schützen, ist
ein plausibler und populärer Grundsatz. Es steht jedoch fest, daß, wenn
Diejenigen, welche vor fünf Generationen diesem Grundsatze huldigten, in
der Lage gewesen wären, die Verfassung ihren Wünschen gemäß zu
gestalten, dies die Unterdrückung desjenigen Zweiges der Legislatur, der
aus dem Volke entspringt und dem Volke verantwortlich ist, und das
Ueberwiegen der monarchischen und aristokratischen Elemente unsres
Staatswesens zur Folge gehabt haben würde. Die Regierung würde ganz und
gar in patrizischen Händen gewesen sein. Das fortwährend die ersten
Capacitäten des Landes an sich ziehende Haus der Lords würde der höchste
Senat geworden sein, während das Haus der Gemeinen fast zu einer
Kirchspielversammlung herabgesunken sein würde. Allerdings würden von
Zeit zu Zeit Männer von hervorragendem Genie und von Strebsamkeit unter
den Vertretern der Grafschaften und Burgflecken aufgetaucht sein. Aber
jeder solche Mann würde die Wahlkammer als eine bloße Vorhalle
betrachtet haben, die er passiren mußte, um in die erbliche Kammer zu
gelangen. Das höchste Ziel seines Strebens würde die Adelskrone gewesen
sein, ohne die er nicht zu Macht und Ansehen im Staate gelangen konnte.
Sobald er bewiesen hätte, daß er ein gefährlicher Feind und ein
werthvoller Freund der Regierung sein könne, würde er sich beeilt haben,
das Haus, welches dann in jeder Beziehung das Unterhaus gewesen wäre,
mit dem zu vertauschen, welches dann in jeder Beziehung das Oberhaus
gewesen wäre. Der Kampf zwischen Walpole und Pulteney, zwischen Pitt und
Fox würde von dem volksthümlichen Theile der Legislatur auf den
aristokratischen übertragen worden sein. Bei jeder die äußeren, inneren
oder Colonialangelegenheiten berührenden wichtigen Frage würden die
Debatten der Edlen ungeduldig erwartet und begierig verschlungen worden
sein. Der Bericht von den Maßnahmen einer Versammlung, welche Niemanden
enthalten hätte, der ermächtigt gewesen wäre, im Namen der Regierung zu
sprechen, Niemanden, der jemals ein hohes Staatsamt bekleidet, würden
verächtlich bei Seite geworfen worden sein. Selbst die Verwaltung der
Gelder der Nation hätte, wenn auch vielleicht nicht in der Form, so doch
dem Wesen nach auf die Körperschaft übergehen müssen, in der sich Jeder
befunden haben würde, der befähigt gewesen wäre, ein Budget aufzustellen
oder eine Schätzung zu motiviren. Das Land würde durch Peers regiert
worden sein und die Hauptbeschäftigung der Gemeinen würde darin
bestanden haben, sich über Bills zur Einzäunung von Sümpfen und zur
Beleuchtung von Städten zu streiten.

Diese Betrachtungen wurden im Jahre 1692 gänzlich übersehen. Niemand
dachte daran, eine Unterscheidungslinie zwischen den wenigen Beamten,
denen der Sitz im Hause der Gemeinen gestattet sein mußte, und der
großen Masse der Beamten zu ziehen, welche auszuschließen waren. Die
einzige Scheidelinie, welche die damaligen Gesetzgeber zu ziehen sich
die Mühe nahmen, war zwischen sich und ihren Nachfolgern. Ihr eignes
Interesse nahmen sie mit einer Sorgfalt wahr, bei der man sich wundern
muß, daß sie sich derselben nicht schämten. Jedem von ihnen war es
gestattet die Stellen zu behalten, die er bekommen hatte, und bis zur
nächsten Auflösung des Parlaments, einem Ereignisse, das vielleicht erst
nach vielen Jahren eintrat, noch möglichst viele Stellen dazu zu
erlangen. Einem nach dem 1. Februar 1693 gewählten Mitgliede aber
sollte es nicht gestattet sein, irgend ein Amt, welcher Art es sein
mochte, zu übernehmen.[92]

Im Hause der Gemeinen passirte die Bill rasch und ohne eine einzige
Abstimmung alle ihre Stadien. Bei den Lords aber war der Kampf heftig
und hartnäckig. Mehrere Amendements wurden im Ausschusse vorgeschlagen,
aber sie wurden alle verworfen. Der Antrag auf Annahme der Bill wurde
von Mulgrave in einer lebendigen und beißenden Rede unterstützt, die uns
erhalten worden ist und welche beweist, daß sein Ruf der Beredtsamkeit
kein unverdienter war. Die Lords, welche die entgegengesetzte Ansicht
vertheidigten, wagten, wie es scheint, nicht zu leugnen, daß ein Uebel
existire, welches ein Heilmittel erforderte; aber sie behaupteten, das
vorgeschlagene Heilmittel werde das Uebel nur verschlimmern. Die
patriotischen Vertreter des Volks hätten eine Reform ausgesonnen, die
vielleicht der nächsten Generation zu Gute kommen werde; aber sie hätten
sich wohlweislich das Privilegium vorbehalten, die gegenwärtige
Generation auszuplündern. Wenn diese Bill durchgehe, sei es klar, daß,
so lange das bestehende Parlament existire, die Zahl der Staatsbeamten
im Hause der Gemeinen nur unbedeutend, wenn überhaupt vermindert werden
würde, und wenn diese Bill durchgehe, sei es höchst wahrscheinlich, daß
das bestehende Parlament so lange existiren werde, bis König Wilhelm
sowohl als Königin Marie todt seien. Denn da nach dieser Bill Ihre
Majestäten auf das bestehende Parlament einen viel größeren Einfluß
auszuüben vermöchten als auf irgend ein zukünftiges Parlament, so würden
sie natürlich wünschen, eine Auflösung so weit als möglich
hinauszuschieben. Die Klage der englischen Wähler laute, daß sie jetzt,
im Jahre 1692, nicht unparteiisch vertreten seien. Es sei nicht Abhülfe,
sondern Hohn, wenn man ihnen sage, daß ihre Kinder im Jahre 1710 oder
1720 unparteiisch vertreten sein sollten. Die Abhülfe müsse sofort
geschehen, und der Weg, sofortige Abhülfe zu schaffen, bestehe darin,
daß man die Dauer der Parlamente beschränke und mit dem Parlamente den
Anfang mache, das nach der Ansicht des ganzen Landes nur zu lange schon
die Macht in Händen habe.

Die Kräfte hielten einander so genau die Wage, daß ein ganz
unbedeutender Umstand die Schale hätte niederdrücken können. Als die
Frage gestellt wurde, ob die Bill angenommen werden solle, waren
zweiundachtzig Peers anwesend. Von diesen stimmten zweiundvierzig für
die Bill und vierzig dagegen. Hierauf wurden die Stimmen der durch
Bevollmächtigte vertretenen abwesenden Mitglieder verlangt. Von diesen
waren nur zwei für die Bill, sieben gegen dieselbe; von den sieben aber
wurden drei bestritten und nur mit Mühe acceptirt. Das Endresultat war,
daß die Bill mit drei Stimmen scheiterte.

Die Majorität war aus gemäßigten Whigs und gemäßigten Tories
zusammengesetzt. Zwanzig von der Minorität protestirten, und unter ihnen
befanden sich die heftigsten und intolerantesten Mitglieder beider
Parteien, wie Warrington, der mit genauer Noth dem Blocke entgangen war,
weil er gegen Jakob conspirirt hatte, und Aylesbury, der später mit
genauer Noth dem Blocke entging, weil er gegen Wilhelm conspirirte.
Marlborough, der seit seiner Haft in der Opposition gegen die Regierung
am weitesten gegangen war, setzte nicht nur seinen eigenen Namen unter
den Protest, sondern bewog auch den Prinzen von Dänemark zur
Unterzeichnung des Dokuments, welches zu begreifen Seine Königliche
Hoheit durchaus unfähig war.[93]

Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß weder Caermarthen, an Macht
sowohl wie an Talenten der erste der toryistischen Minister, noch
Shrewsbury, der ausgezeichnetste von denjenigen Whigs, welche damals mit
dem Hofe auf schlechtem Fuße standen, bei dieser wichtigen Gelegenheit
anwesend waren. Ihre Abwesenheit war aller Wahrscheinlichkeit nach eine
absichtliche, denn beide befanden sich nicht lange vor und nicht lange
nach der Abstimmung im Hause.


[_Die Dreijährigkeitsbill._] Einige Tage darauf legte Shrewsbury eine
Bill zur Beschränkung der Dauer der Parlamente auf den Tisch der Lords.
Diese Bill bestimmte, daß das zur Zeit tagende Parlament am 1. Januar
1694 zu existiren aufhören und daß kein zukünftiges Parlament länger als
drei Jahre dauern solle.

Unter den Lords scheint fast vollkommene Einhelligkeit über diesen
Gegenstand geherrscht zu haben. Wilhelm bemühte sich vergebens,
diejenigen Peers, in die er das meiste Vertrauen setzte, zur
Unterstützung seiner Prärogative zu bewegen. Einige von ihnen hielten
die beantragte Aenderung für heilsam; Andere hofften, die Stimmung des
Volks durch eine liberale Concession zu beschwichtigen, und noch Andere
hatten bei Bekämpfung der Stellenbill eine solche Sprache geführt, daß
sie sich ohne grobe Inconsequenz der Dreijährigkeitsbill nicht
widersetzen konnten. Auch hegte das ganze Haus einen Groll gegen das
andre Haus und machte sich ein Vergnügen daraus, es in ein höchst
unangenehmes Dilemma zu versetzen. Burnet, Pembroke und selbst
Caermarthen, der sehr selten auf Seiten des Volks gegen den Thron stand,
unterstützten Shrewsbury. »Mylord,« sagte der König mit bitterem Unmuth
zu Caermarthen, »Sie werden es erleben, daß Sie den Antheil bereuen, den
Sie an dieser Angelegenheit gehabt haben.«[94] Die Warnung wurde nicht
beachtet, und nachdem die Bill leicht und rasch bei den Lords
durchgegangen war, wurde sie mit großer Feierlichkeit von zwei Richtern
den Gemeinen überreicht.

Ueber das was bei den Gemeinen vorging haben wir nur sehr dürftige
Berichte; aber aus diesen Berichten geht klar hervor, daß die Whigs als
Gesammtheit die Bill unterstützten und daß die Opposition hauptsächlich
von Tories ausging. Der alte Titus, der zu den Zeiten der Republik ein
Politiker gewesen, unterhielt das Haus mit einer Rede in dem Style,
welcher damals an der Tagesordnung war. Die Parlamente, sagte er,
glichen dem Manna, das Gott dem auserwählten Volke spende. Sie seien
vortrefflich, so lange sie frisch seien, aber wenn sie zu lange
aufbewahrt würden, verdürben sie und ekelhafte Würmer würden durch die
Verderbniß dessen erzeugt, was lieblicher denn Honig gewesen sei.
Littleton und andere Whighäupter sprachen in gleichem Sinne. Seymour,
Finch und Tredenham, alle Drei starre Tories, donnerten gegen die Bill,
und selbst Sir Johann Lowther war in diesem Punkte andrer Meinung als
sein Freund und Gönner Caermarthen. Mehrere toryistische Redner
appellirten an ein Gefühl, das im Hause stark vertreten war und das seit
der Revolution die Annahme vieler Gesetze verhindert hatte. Alles was
von den Peers ausgeht, sagten sie, muß mit Mißtrauen aufgenommen werden,
und die vorliegende Bill ist von der Art, daß, selbst wenn sie an sich
gut wäre, sie schon deshalb verworfen werden müßte, weil sie uns von
ihnen überreicht worden ist. Wenn Ihre Lordschaften uns die
vernünftigste aller Geldbills schickten, würden wir sie nicht zur Thür
hinauswerfen? Und doch würde die Zusendung einer Geldbill kaum eine
gröbere Beleidigung für uns sein als die Zusendung einer Bill wie diese.
Sie haben eine Initiative ergriffen, die nach allen Regeln
parlamentarischer Artigkeit uns hätte überlassen werden müssen. Sie
haben über uns zu Gericht gesessen, uns schuldig befunden, uns zur
Auflösung verurtheilt und den 1. Januar zur Vollstreckung des Urtheils
bestimmt. Sollen wir uns geduldig einem so erniedrigenden Urtheile
unterwerfen, einem Urtheile, das obendrein von Männern gefällt worden
ist, die sich nicht so benommen haben, daß sie irgend ein Recht erworben
haben könnten, Andere zu tadeln? Haben sie jemals ihr Interesse oder ihr
Ansehen dem Gemeinwohle zum Opfer gebracht? Sind nicht vortreffliche
Bills deshalb gescheitert, weil wir nicht die Aufnahme von Klauseln
zugeben wollten, die dem Adel neue Vorrechte verliehen? Und schlagen
Ihre Lordschaften jetzt, wo sie sich gern populär machen möchten, etwa
vor, diese Popularität durch Verzichten auf das kleinste ihrer
bedrückenden Privilegien zu erkaufen? Nein, sie bieten dem Lande etwas
was ihnen nichts kostet, was aber uns und der Krone theuer zu stehen
kommen wird. Unter solchen Umständen ist es unsre Pflicht, die uns
zugefügte Beleidigung zurückzuweisen und dadurch die rechtmäßige
Prärogative des Königs zu vertheidigen.

Derartige Themata waren allerdings ganz geeignet, die Leidenschaften des
Hauses der Gemeinen zu entflammen. Die Aussicht auf eine Auflösung
konnte einem Mitgliede, dessen Wahl voraussichtlich bestritten werden
würde, nicht angenehm sein. Er mußte alle Erbärmlichkeiten des
Stimmenwerbens durchmachen, mußte Schaaren von Freisassen und Wählern
die Hand schütteln, mußte sich nach ihren Frauen und Kindern erkundigen,
mußte Transportmittel für auswärtige Wähler miethen, mußte Bierhäuser
öffnen, mußte für Berge von Rindfleisch sorgen, mußte Ale in Strömen
fließen lassen, und sah vielleicht nach all' der Plackerei und all' dem
Geldaufwande, nachdem er in Spottschriften geschmäht, hin und her
gestoßen und mit allem Möglichen beworfen worden war, seinen Namen am
äußersten Ende der Stimmliste, seine Gegner gewählt und sich selbst,
halb zu Grunde gerichtet, in Dunkelheit zurückfallen. All' dieses
Ungemach über sich zu bringen, wurde er jetzt aufgefordert, und von
Männern aufgefordert, deren Sitze in der gesetzgebenden Versammlung
permanent waren, die weder Ansehen noch Ruhe, weder Macht noch Geld
opferten, sondern sich das Lob des Patriotismus dadurch erwarben, daß
sie ihn zwangen, eine hohe Stellung aufzugeben, sich einer erschöpfenden
Arbeit und Angst zu unterziehen, seine Kornfelder zu verpfänden und
seine Forsten niederzuschlagen. Es herrschte natürlich eine große
Gereiztheit, wahrscheinlich eine größere Gereiztheit als sie aus den
Abstimmungen zu Tage tritt. Denn die Wahlkörper freuten sich im
Allgemeinen über die Bill, und viele Mitglieder, denen sie mißfiel,
scheuten sich doch ihr zu opponiren. Das Haus gab dem Drängen der
öffentlichen Meinung nach, aber nicht ohne innere Pein und ohne
Seelenkampf. Die Discussionen im Ausschusse müssen sehr heftig gewesen
sein. Es fielen so scharfe Worte zwischen Seymour und einem
whiggistischen Mitgliede, daß es nöthig wurde, den Sprecher auf seinen
Stuhl zu rufen und das Scepter auf den Tisch zu legen, um die Ordnung
wiederherzustellen. Eine Abänderung wurde vorgenommen. Die Frist, welche
die Lords dem bestehenden Parlamente bewilligt hatten, wurde vom ersten
Januar bis zu Mariä Verkündigung verlängert, damit vollkommen Zeit genug
zur Veranstaltung einer neuen Session blieb. Die dritte Lesung wurde mit
zweihundert gegen hunderteinundsechzig Stimmen angenommen. Die Lords
genehmigten die Bill in ihrer veränderten Form und es fehlte nichts mehr
als die königliche Zustimmung. Ob diese Zustimmung erfolgen würde oder
nicht, war eine Frage, die bis zum letzten Tage der Session
unentschieden blieb.[95]

Eine auffallende Inconsequenz in dem Verfahren der Reformers dieser
Generation verdient erwähnt zu werden. Es kam keinem von Denen, welche
eifrig für die Dreijährigkeitsbill eingenommen waren, in den Sinn, daß
jedes Argument, das zu Gunsten dieser Bill angeführt werden konnte, ein
Argument gegen die Regeln war, die man in früheren Zeiten zu dem Zwecke
aufgestellt hatte, um die parlamentarischen Berathungen und Abstimmungen
streng geheim zu halten. Es ist ganz natürlich, daß eine Regierung,
welche der Gesellschaft politische Privilegien vorenthält, ihr auch die
Kenntniß der Politik vorenthält. Aber es kann nichts Unvernünftigeres
geben als Macht zu bewilligen und nicht auch das Verständniß derselben,
ohne welche die größte Gefahr vorhanden ist, daß diese Macht
gemißbraucht wird. Was konnte widersinniger sein als Wahlkörper häufig
zusammenzuberufen, damit sie entscheiden könnten, ob ihr Repräsentant
seine Pflicht gegen sie gethan, und ihnen doch streng zu verbieten, aus
glaubwürdiger Quelle zu erfahren, was er gesprochen und wie er gestimmt
hatte? Die Absurdität scheint indessen völlig unangefochten
durchgegangen zu sein. Es ist sehr wahrscheinlich, daß unter den
zweihundert Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche für die dritte
Lesung der Dreijährigkeitsbill stimmten, nicht Einer war, der sich einen
Augenblick besonnen haben würde, Jeden nach Newgate zu schicken, der es
gewagt hätte, einen Bericht von den Debatten über diese Bill oder eine
Liste der Jas und Neins zu veröffentlichen. Dies kam daher, weil die
Geheimhaltung der Parlamentsdebatten, eine Geheimhaltung, die jetzt als
ein unerträglicheres Uebel betrachtet werden würde als das Schiffsgeld
oder die Sternkammer, damals selbst in den rechtschaffensten und
intelligentesten Geistern mit dem Begriffe der constitutionellen
Freiheit unzertrennlich verbunden war. Einige noch lebende alte Leute
konnten sich der Zeit erinnern, wo ein Gentleman, von dem man in
Whitehall wußte, daß er ein scharfes Wort gegen einen Günstling des
Hofes hatte fallen lassen, vor den Geheimen Rath gefordert und in den
Tower geschickt worden wäre. Diese Zeiten waren für immer vorüber. Es
war nicht die mindeste Gefahr mehr, daß der König die Mitglieder der
Legislatur tyrannisiren werde; aber es war große Gefahr vorhanden, daß
die Legislatur das Volk tyrannisiren werde. Gleichwohl übten die Worte
Privilegium des Parlaments, diese Worte, welche die ernsten Senatoren
der vorhergehenden Generation gemurmelt hatten, als ein Tyrann ihre
Kammer mit seinen Garden füllte, diese Worte, welche hunderttausend
Londoner ihm in die Ohren brüllten, als er sich zum letzten Male in ihre
Stadt wagte, noch immer einen magischen Einfluß auf alle Freunde der
Freiheit aus. Es dauerte lange, ehe selbst die aufgeklärtesten Männer zu
der Einsicht kamen, daß die Vorsichtsmaßregeln, welche ursprünglich zu
dem Zwecke angewendet worden waren, die Patrioten gegen das Mißfallen
des Hofes zu schützen, gegenwärtig nur noch dazu dienten, Schmarotzer
gegen das Mißfallen der Nation zu schützen.


[_Die ersten Parlamentsdebatten über die Freiheit der Presse._] Es muß
ferner auch bemerkt werden, daß Einige von Denen, welche damals das
dringendste Verlangen zeigten, die politische Macht des Volks zu
vermehren, schon geneigt waren, die Presse von der Aufsicht der
Regierung zu befreien. Die Censuracte, welche im Jahre 1685 als etwas
Selbstverständliches angenommen worden war, erlosch 1693 und wurde
erneuert, jedoch nicht ohne eine Opposition, die im Verhältniß zur
Wichtigkeit des Gegenstandes zwar schwach war, aber doch bewies, daß das
Volk dunkel zu ahnen begann, wie innig die bürgerliche Freiheit und die
Gewissensfreiheit mit der Redefreiheit verwachsen sind.

Kein früherer Schriftsteller hat es der Mühe werth gehalten, auf die
Geschichte der Censuracte einige Mühe und Sorgfalt zu verwenden. Man
wird jedoch gewiß zugeben, daß die Ereignisse, welche die Einführung der
Preßfreiheit in England und in allen von dem englischen Volksstamme
bewohnten Ländern zur Folge gehabt haben, ebensoviel Interesse für die
jetzige Generation haben als irgend eine der Schlachten und
Belagerungen, deren Verlauf bis in die geringsten Details sorgfältig
aufgezeichnet worden ist.

Während der ersten drei Jahre von Wilhelm's Regierung scheint sich kaum
eine Stimme gegen die Beschränkungen erhoben zu haben, die das Gesetz
der Literatur auflegte. Diese Beschränkungen standen in vollkommenem
Einklange mit der Regierungstheorie, welcher die Tories huldigten,
und hatten in ihrer praktischen Ausübung für die Whigs nichts
Erbitterndes. Roger Lestrange, der unter den letzten beiden Königen
des Hauses Stuart Censor gewesen war und der in dieser Eigenschaft
ebensowenig Milde gegen die Exclusionisten und Presbyterianer
gezeigt hatte, wie in seiner andren Eigenschaft als Redacteur des
»Observator«, wurde zur Zeit der Revolution seines Amtes entsetzt und
erhielt einen schottischen Gentleman zum Nachfolger, der wegen seiner
Leidenschaft für seltene Bücher und seiner Gewohnheit, sich bei allen
Bücherversteigerungen einzufinden, in den Läden und Kaffeehäusern
in der Nähe der St. Paulskirche unter dem Namen Katalog-Fraser
bekannt war. Fraser war ein eifriger Whig, und die whiggistischen
Schriftsteller und Verleger priesen ihn als einen höchst unparteiischen
und humanen Mann. Aber das Verfahren, welches ihren Beifall hatte,
zog ihm das Mißfallen der Tories zu und gefiel auch seinem amtlichen
Vorgesetzten Nottingham nicht recht.[96] Es scheint jedoch bis zum
Jahre 1692 kein ernstes Zerwürfniß entstanden zu sein. In diesem Jahre
aber schrieb ein wackerer alter Geistlicher, Namens Walker, der zu
den Zeiten der Republik Gauden's Curat gewesen, ein Buch, das jeden
verständigen und leidenschaftslosen Leser überzeugte, daß Gauden und
nicht Karl I. der Verfasser des +Ikon Basilike+ war. Diesem Buche gab
Fraser die Druckerlaubniß. Hätte er die Veröffentlichung eines Werkes
autorisirt, in welchem das Evangelium St. Johannes oder der Brief an
die Römer als unecht dargestellt waren, so hätte die Entrüstung der
Hochkirchenpartei kaum größer sein können. Das war keine literarische,
sondern eine Religionsfrage. Hier war Zweifel Gottlosigkeit. Das
+Ikon+ war in der That für viele glühende Royalisten ein Supplement
zur Offenbarung. Einer von ihnen war sogar so weit gegangen, daß
er vorgeschlagen hatte, es möchten in den Kirchen Kapitel aus dem
unschätzbaren Büchlein vorgelesen werden.[97] Fraser hielt es für
nöthig, sein Amt niederzulegen, und Nottingham ernannte einen Gentleman
von guter Herkunft und geringem Vermögen, Namens Edmund Bohun. Dieser
Personenwechsel führte einen plötzlichen und vollständigen Wechsel
des Systems mit sich, denn Bohun war ein so eifriger Tory, als ein
gewissenhafter Mann, der die Eide geleistet hatte, es nur immer sein
konnte. Er hatte sich als Verfolger der Nonconformisten und als
Verfechter des passiven Gehorsams bemerkbar gemacht, hatte Filmer's
alberne Abhandlung über den Ursprung des Staatswesens herausgegeben
und hatte eine Antwort auf die Schrift veröffentlicht, die Algernon
Sidney auf Tower Hill den Sheriffs übergeben. Auch gab Bohun nicht
zu, daß er, indem er Wilhelm und Marien Treue geschworen, etwas mit
seinem bisherigen politischen Glauben Unverträgliches gethan habe;
denn es war ihm gelungen, sich zu überzeugen, daß sie kraft des
Eroberungsrechts regierten und daß es Pflicht eines Engländers sei,
ihnen eben so treu zu dienen, wie Daniel dem Darius oder Nehemia dem
Ataxerxes gedient hatte. Welche Beruhigung diese Doctrin auch seinem
eigenen Gewissen verschaffen mochte, sie fand vor den Augen aller
Parteien wenig Gnade. Die Whigs verabscheuten sie als servil, die
Jakobiten verabscheuten sie als revolutionär. Eine große Anzahl Tories
hatten sich allerdings deshalb Wilhelm unterworfen, weil er, gleichviel
ob mit Recht oder mit Unrecht, factisch regierender König war; aber
sehr wenige von ihnen waren geneigt zuzugeben, daß sein Besitz des
Thrones aus einer Eroberung entsprungen sei. Der Beweisgrund, der den
schwachen und beschränkten Verstand Bohun's befriedigt hatte, war in
der That eine bloße Fiction, und wäre er eine Wahrheit gewesen, so
würde er eine solche Wahrheit gewesen sein, die kein Engländer ohne
die tiefste Beschämung und Kränkung hätte aussprechen können.[98] Er
hielt jedoch an seiner Lieblingslaune mit einer Zähigkeit fest, welche
den allgemeinen Unwillen noch vermehrte. Seine ehemaligen Freunde,
die starren Anhänger des unveräußerlichen erblichen Rechts, wurden
kalt und zurückhaltend. Er bat Sancroft um seinen Segen und erhielt
nur ein scharfes Wort und einen finstren Blick. Er bat Ken um seinen
Segen, und Ken, der die Regeln der christlichen Liebe und Artigkeit
sonst nicht zu verletzen pflegte, murmelte etwas von einem kleinen
Scribenten. So von einer Partei verstoßen, wurde Bohun von keiner
andren aufgenommen. Er bildete gewissermaßen eine besondere Klasse,
denn er war zugleich ein eifriger Filmerit und ein eifriger Wilhelmit.
Er war der Meinung, daß die durch kein Gesetz und durch keinen Vertrag
beschränkte Monarchie die von Gott angeordnete Regierungsform sei.
Aber er betrachtete Wilhelm nicht als den absoluten Monarchen, der
die große Charte annulliren, die Geschwornengerichte abschaffen und
durch königliche Proklamationen Steuern auflegen könnte, ohne den
Anspruch auf unbedingten Gehorsam seitens der Christen zu verlieren. Im
Uebrigen war Bohun ein Mann von geringer wissenschaftlicher Bildung,
beschränktem Verstande und unangenehmen Manieren. Er hatte sein Amt
kaum angetreten, so gerieth ganz Paternoster Row und Little Britain in
Gährung. Die Whigs hatten unter Fraser's Amtsführung fast eben so viel
Freiheit genossen, als wenn es gar keine Censur gegeben hätte. Jetzt
aber wurden sie eben so streng behandelt wie zu der Zeit Lestrange's.
Es sollte eine Geschichte der Blutigen Assisen erscheinen, von der man
eben so großen Absatz erwartete als ihn Bunyan's Pilgerreise gefunden.
Aber der neue Censor verweigerte sein Imprimatur. Das Buch, sagte
er, stelle Rebellen und Schismatiker als Helden und Märtyrer dar und
er werde die Druckerlaubniß nicht geben, wenn man es ihm auch mit
Gold aufwöge. Eine von Lord Warrington der großen Jury von Cheshire
eingereichte Klageschrift durfte nicht erscheinen, weil Se. Lordschaft
geringschätzend vom göttlichen Recht und passiven Gehorsam gesprochen
hatte. Julian Johnson sah, daß wenn er seine Ansichten vom Staatswesen
veröffentlichen wollte, er wieder wie in den schlimmen Zeiten König
Jakob's zu einer geheimen Presse seine Zuflucht nehmen müsse.[99] Eine
solche Beschränkung nach mehreren Jahren unbegrenzter Freiheit erweckte
natürlich heftige Erbitterung. Einige Whigs begannen zu denken, daß die
Censur an sich ein Uebel sei; alle Whigs aber erklärten einstimmig den
neuen Censor für seinen Posten ungeeignet und waren bereit, sich zu
einem Versuche ihn los zu werden, zu verbinden.

Ueber die Vorgänge, welche mit Bohun's Entlassung endigten und welche
den ersten parlamentarischen Kampf für die Freiheit der Presse
hervorriefen haben wir Berichte von Bohun selbst und von Anderen; aber
man hat starken Grund zu glauben, daß sich in keinem dieser Berichte
die ganze Wahrheit ausgesprochen findet. Es dürfte nicht unmöglich
sein, selbst nach so langer Zeit zerstreute Fragmente von Zeugnissen so
zusammenzustellen, daß sie eine authentische Erzählung bilden, die den
unglücklichen Censor selbst in Erstaunen gesetzt haben würde.

Es gab damals in der Stadt einen Mann von guter Familie, einiger
Belesenheit und unbedeutendem literarischen Talent, Namens Karl
Blount.[100] In der Politik gehörte er zur äußersten Fraction der
Whigpartei. In den Tagen der Exclusionsbill war er einer von
Shaftesbury's heißblütigen Burschen gewesen und hatte unter dem Namen
Julius Brutus die Tugenden und Verdienste des Titus Oates gepriesen und
die Protestanten aufgefordert, für den Brand von London und für die
Ermordung Godfrey's blutige Rache an den Papisten zu nehmen.[101]
Bezüglich der theologischen Fragen, welche damals zwischen den
Protestanten und Papisten schwebten, war Blount vollkommen unparteiisch.
Er war ein Ungläubiger und das Oberhaupt einer kleinen Schule von
Ungläubigen, die von einer krankhaften Sucht gequält wurden, Convertiten
zu machen. Er übersetzte nach der lateinischen Uebersetzung einen Theil
der Biographie des Apollonius von Tyana, und fügte Anmerkungen hinzu,
deren leichtfertige Profanität den strengen Tadel eines Ungläubigen ganz
andrer Art, des berühmten Bayle, hervorrief.[102] Außerdem griff Blount
das Christenthum in mehreren Originalabhandlungen oder eigentlich in
mehreren sich für Originale ausgebenden Abhandlungen an, denn er war der
frechste aller literarischen Diebe und schrieb ohne Anführung der Quelle
ganze Seiten von Schriftstellern ab, die ihm vorausgegangen waren. Es
war ihm ein Hochgenuß, die Priester mit der Frage zu quälen, woher das
Licht gekommen sei, ehe die Sonne geschaffen war, wie das Paradies vom
Pison Gihon, Hidekel und Phrath begrenzt sein konnte, wie die Schlangen
sich bewegten, ehe sie dazu verurtheilt wurden, zu kriechen, und woher
Eva den Zwirn nahm, um ihre Feigenblätter zusammenzuheften. Seinen
Grübeleien über diese Dinge gab er den hochtrabenden Titel »Orakel der
Vernunft,« und seine Schüler betrachteten auch wirklich Alles was er
schrieb oder that als Orakel. Der bekannteste von diesen Schülern war
ein schlechter Schriftsteller, Namens Gildon, der noch die
nächstfolgende Generation mit erbärmlichen Versen und Verleumdungen
plagte und dessen Andenken nicht durch seine eigenen voluminösen Werke,
sondern durch einige Zeilen, in denen Pope seine Dummheit und Feilheit
mit Verachtung erwähnt, der Nachwelt aufbewahrt worden ist.[103]

So wenig der geistige, wie auch der sittliche Character Blount's Achtung
zu verdienen scheinen, so müssen wir doch ihm in bedeutendem Maße die
Emancipation der englischen Presse zuschreiben. Zwischen ihm und den
Censoren herrschte eine langdauernde Fehde. Vor der Revolution war eine
seiner heterodoxen Schriften von Lestrange abscheulich verstümmelt und
schließlich auf Befehl von Lestrange's Vorgesetzten, dem Bischof von
London, unterdrückt worden.[104] Bohun war ein kaum minder strenger
Kritiker als Lestrange, und Blount begann daher gegen die Censur und die
Censoren zu Felde zu ziehen. Die Feindseligkeiten wurden mit einer
Abhandlung eröffnet, welche ohne jede Censur erschien und den Titel
führt: +A Just Vindication of Learning and of the Liberty of the Press,
by Philopatris.[105]+ Wer diese Schrift liest, und nicht weiß, daß
Blount einer der gewissenlosesten Plagiatoren war, die es je gegeben
hat, wird sich wundern, neben den armseligen Gedanken und dürren Worten
eines Pamphletisten dritten Ranges Stellen von so erhabenem Gedankenflug
und Styl zu finden, daß sie dem größten Namen in der Literatur Ehre
machen würden. Dies kommt daher, weil die +Just Vindication+
hauptsächlich aus zusammengelesenen Extracten aus den +Areopagitica+
Milton's besteht. Diese herrliche Ansprache war von der Generation, an
die sie gerichtet war, nicht beachtet worden, der Vergessenheit anheim
gefallen und jedem literarischen Spitzbuben preisgegeben. Die
schriftstellerische Thätigkeit Blount's glich den architektonischen
Arbeiten der Barbaren, die das Coliseum und das Theater von Pompeji als
Steinbrüche benutzten, aus jonischen Friesen Hütten bauten und an Säulen
von Lazulith Kuhställe lehnten. Blount schloß, wie Milton, mit dem
Rathe, daß jedes Buch ohne Censur gedruckt und nur der Name des
Verfassers oder Verlegers registrirt werden sollte.[106] Die +Just
Vindication+ wurde gut aufgenommen und der Schlag bald wiederholt. Es
gab noch viele schöne Stellen in den +Areopagitica+, welche Blount in
seinem ersten Pamphlet nicht benutzt hatte. Aus diesen Stellen setzte er
ein zweites Pamphlet zusammen, betitelt: +Reasons for the Liberty of
Unlicensed Printing.+[107] Diesen »Gründen« hing er eine Nachschrift an,
betitelt: +A Just and True Character of Edmund Bohun.+ Diese
Characteristik war mit der äußersten Heftigkeit geschrieben. Es waren
darin Stellen aus den Schriften des Censors citirt, um zu beweisen, daß
er den Doctrinen des passiven Gehorsams und des Nichtwiderstandes
huldigte. Er wurde beschuldigt, seine Macht systematisch zu dem Zwecke
angewendet zu haben, die Feinde der Souveraine, deren Brod er aß, zu
begünstigen, und ihre Freunde zum Schweigen zu bringen, und es wurde
behauptet, er sei der Freund und Schüler seines Vorgängers Sir Roger.
Blount's »Characteristik Bohun's« durfte nicht öffentlich verkauft
werden, aber sie wurde weit verbreitet. Während sie von Hand zu Hand
ging und während die Whigs allenthalben über den neuen Censor als über
einen zweiten Lestrange Zeter schrieen, wurde er ersucht, das Erscheinen
eines anonymen Werkes, betitelt: +King William and Queen Mary
Conquerors+, zu autorisiren.[108] Er verstand sich gern und willig dazu,
denn es herrschte in der That zwischen den Doctrinen, denen er schon
längst huldigte, und den in dieser Abhandlung entwickelten Doctrinen
eine so genaue Uebereinstimmung, daß Viele den Verfasser in ihm
vermutheten, eine Vermuthung, die durch eine Stelle, in welcher seinen
politischen Schriften ein Compliment gemacht war, nicht geschwächt
wurde. Allein der wahre Autor war der nämliche Blount, welcher gerade
damals sich bemühte, das Publikum sowohl gegen die Censuracte als auch
gegen den Censor aufzubringen. Blount's Beweggründe sind leicht zu
errathen. Seine Ansichten waren denen, die er bei dieser Gelegenheit in
der beleidigendsten Weise aufstellte, direct entgegengesetzt. Man kann
daher unmöglich zweifeln, daß er die Absicht hatte, Bohun in eine
Schlinge zu locken und zu verderben. Es war ein gemeiner und
schändlicher Plan. Doch kann man nicht leugnen, daß die Schlinge sehr
geschickt gelegt und der Köder gut gewählt war. Es gelang dem
Republikaner einen Hochtory zu spielen. Es gelang dem Atheisten einen
Hochkirchlichen zu spielen. Das Pamphlet schloß mit einem inbrünstigen
Gebet: Der Gott des Lichts und der Liebe möge den Verstand der Engländer
erleuchten und ihren Willen lenken, auf daß sie erkennen möchten, was
ihrer Ruhe frommte. Der Censor war entzückt. Auf jeder Seite sah er
seine eigenen Gedanken klarer ausgedrückt, als er selbst sie je
ausgesprochen hatte. Seiner Meinung nach war der wahre Anspruch Ihrer
Majestäten auf Gehorsam noch nie so augenfällig dargelegt worden. Jeder
Jakobit, der diese wundervolle Abhandlung läse, müsse unfehlbar bekehrt
werden. Die Eidverweigerer würden schaarenweis die Eide leisten. Die so
lange gespaltene Nation würde endlich zur Einigkeit gelangen. Aus diesen
lieblichen Träumen wurde Bohun einige Stunden nach dem Erscheinen der
Schrift, die ihn entzückt, durch die Nachricht geweckt, daß der Titel
ganz London in Flammen gesetzt und daß die abscheulichen Worte »König
Wilhelm und Königin Marie Eroberer« die Entrüstung einer Masse von
Leuten erregt, die gar nicht weiter gelesen hätten. Schon vier Tage nach
dem Erscheinen hörte er, daß sich das Haus der Gemeinen der Sache
angenommen habe, daß das Buch von einigen Mitgliedern ein Schandbuch
genannt worden sei und daß der Stabträger, weil der Verfasser unbekannt
war, den Censor aufsuche.[109] Bohun war nie ein starker Geist gewesen;
die Wuth und Plötzlichkeit des Sturmes aber, der jetzt über ihn
hereinbrach, versetzte ihn in die größte Bestürzung und Verwirrung. Er
begab sich in die Kammer. Die meisten von den Mitgliedern, denen er in
den Gängen und Vorhallen begegnete, zeigten ihm ein finstres Gesicht.
Als er vor die Schranke gerufen wurde und nach drei tiefen Verbeugungen
das Haupt zu erheben und um sich zu blicken wagte, konnte er in den
zornigen und verächtlichen Blicken, die von allen Seiten nach ihm
geworfen wurden, seine Verurtheilung lesen. Er stockte, versprach und
widersprach sich, nannte den Sprecher Mylord und rief durch seine
verworrenen Reden einen Sturm rohen Gelächters hervor, der ihn immer
mehr verwirrte. Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde der
einstimmige Beschluß gefaßt, daß die ruchlose Schrift im Palasthofe vom
Henker verbrannt werden sollte. Außerdem wurde ohne Abstimmung
beschlossen, daß der König ersucht werden solle, Bohun des Censoramtes
zu entheben. Der arme Mann, vor Gram und Furcht einer Ohnmacht nahe,
wurde durch die Beamten des Hauses in ein Gefängniß abgeführt.[110]

Kaum aber war er in seinem Gefängniß angekommen, so verlangte ein
großer Theil der Mitglieder stürmisch nach einem angeseheneren Opfer.
Burnet hatte kurz nachdem er Bischof von Salisbury geworden war an
den Klerus seiner Diöcese einen Hirtenbrief erlassen, worin er ihn
zur Eidesleistung ermahnte. In einer Stelle dieses Briefes führte er
eine Sprache, die einige Aehnlichkeit mit der des Pamphlets hatte,
das so eben zu den Flammen verurtheilt worden war. Es kamen zwar
Abweichungen vor, die einem einsichtsvollen und unparteiischen Tribunal
nicht hätten entgehen können. Aber das Tribunal, vor welchem Burnet
stand, war weder ein einsichtsvolles, noch ein unparteiisches. Seine
Fehler hatten ihm viele Feinde gemacht und seine Tugenden noch mehr.
Die mißvergnügten Whigs klagten, daß er sich zum Hofe hinneige, die
Hochkirchlichen, daß er sich zu den Dissenters hinneige, und es läßt
sich auch nicht annehmen, daß ein Mann von solcher Kühnheit und so
wenig Takt, ein so unbesonnener, freimüthiger und so rastlos thätiger
Mann durchs Leben gegangen sein sollte, ohne die Pläne Einiger, deren
Ansichten mit den seinigen übereinstimmten, zu durchkreuzen und ihre
Gefühle zu verletzen. Mit ganz besonderem Uebelwollen wurde er von
Howe betrachtet. Howe war, selbst als er im Amte war, niemals gewohnt
gewesen, seine beißende und muthwillige Zunge zu zügeln, und er war
unlängst in einer Weise aus dem Amte vertrieben worden, die ihn über
die Maßen wild gemacht hatte. Die Geschichte seiner Entlassung ist
nicht genau bekannt, aber sie war gewiß von Umständen begleitet, die
ihn heftig gereizt hatten. Wenn man dem Gerücht glauben durfte, hatte
er sich eingebildet, daß Marie ihn liebe, und eine Gelegenheit, die
sich ihm darbot, als er ihr Vicekammerherr war, dazu benutzt, ihr
Anträge zu machen, die ihren gerechten Unwillen erregten. Bald nach
seiner Entlassung wurde er in Anklagestand versetzt, weil er in einem
Anfall von Jähzorn einen seiner Diener innerhalb des Palastdistrikts
barbarisch geschlagen hatte. Er war schuldig befunden, aber begnadigt
worden; allein von diesem Augenblicke an zeigte er bei jeder
Gelegenheit den wüthendsten persönlichen Haß gegen seine königliche
Gebieterin, gegen ihren Gemahl und gegen Alle, die bei Einem von
Beiden in Gunst standen. Es war bekannt, daß die Königin Burnet häufig
zu Rathe zog, und Howe glaubte, daß ihre Strenge Burnet's Einfluß
zuzuschreiben sei.[111] Jetzt war die Zeit gekommen, wo er sich rächen
konnte. In einer langen und vortrefflich ausgearbeiteten Rede stellte
der hämische Whig -- denn für einen solchen gab er sich noch aus --
Burnet als einen Tory von der schlimmsten Sorte dar. »Es sollte ein
Gesetz geben,« sagte er, »das den Geistlichen bei Strafe verböte, in
ihren Vorträgen von Politik zu sprechen. Früher versuchten sie uns
dadurch zu knechten, daß sie das göttliche und unveräußerliche Recht
des Fürsten predigten; jetzt wollen sie das nämliche Resultat dadurch
erreichen, daß sie uns sagen, wir seien ein erobertes Volk.« Es wurde
beantragt, den Bischof in Anklagestand zu versetzen. Gegen diesen
Antrag ließ sich ein unverwerflicher Einwand erheben, den der Sprecher
andeutete. Der Hirtenbrief war im Jahre 1689 geschrieben und stand
daher unter dem Schutze der im Jahre 1690 erlassenen Begnadigungsacte.
Dennoch scheute sich ein Mitglied nicht, zu sagen: »Gleichviel, man
klage ihn nur an und zwinge ihn, die Acte zu seinen Gunsten geltend
zu machen.« Indessen waren nur Wenige geneigt, ein eines Hauses der
Gemeinen so unwürdiges Verfahren einzuschlagen. Ein Spaßvogel rief
aus: »Man verbrenne ihn, man verbrenne ihn!«[112] und dieser schlechte
Witz lief durch alle Bänke und wurde mit schallendem Gelächter
aufgenommen. Es wurde beantragt, daß dieser Hirtenbrief vom Henker
verbrannt werden solle. Dieser Antrag rief eine lange und heftige
Debatte hervor, denn Burnet war ein Mann, der eben so warme Freunde
als bittere Feinde hatte. Die große Mehrheit der Whigs hielt fest zu
ihm und seine Gutherzigkeit und Hochsinnigkeit hatte ihm selbst unter
den Tories Freunde verschafft. Der Kampf währte zwei Tage. Montague
und Finch, Männer von weitauseinandergehenden Ansichten, figurirten
unter den Vertheidigern des Bischofs in erster Reihe. Ein Versuch,
sich des Gegenstandes durch Beantragung der vorläufigen Frage zu
entledigen, scheiterte. Endlich wurde die Hauptfrage gestellt und der
Hirtenbrief mit einer geringen Majorität in einem vollen Hause zu den
Flammen verurtheilt. Es hatten hundertzweiundsechzig Mitglieder mit Ja,
hundertfünfundfunfzig mit Nein gestimmt.[113] Die allgemeine Meinung,
wenigstens in der Hauptstadt, scheint die gewesen zu sein, daß Burnet
rücksichtslos behandelt worden sei.[114]

Er war von Natur kein Mann von feinem Gefühl, und das Leben, welches er
geführt, war nicht eben geeignet gewesen es zu verfeinern. Seit vielen
Jahren war er eine Zielscheibe für theologischen und politischen Haß.
Gelehrte Doktoren hatten Anathemas gegen ihn geschleudert; gemeine
Poeten hatten ihn in Spottliedern verhöhnt; Fürsten und Minister
hatten ihm nach dem Leben getrachtet; er war lange ein Umherirrender
und Verbannter gewesen, in beständiger Gefahr aufgegriffen, in die
spanischen Stiefeln gesteckt und gehängt und geviertheilt zu werden.
Doch nichts von dem Allen scheint ihn irre gemacht zu haben. Sein
Eigendünkel war gegen jeden Spott, sein unerschrockener Muth gegen
jede Gefahr gewappnet. Bei dieser Gelegenheit aber scheint seine
Standhaftigkeit ihn verlassen zu haben. Von dem volksthümlichen
Zweige der Legislatur als ein Lehrer von Doctrinen, so servil, daß
sie selbst Tories zuwider waren, gebrandmarkt zu werden, mit dem
Herausgeber von Filmer in ein Verdammungsurtheil eingeschlossen zu
sein, das war zu viel. Wie tief Burnet sich gekränkt fühlte, zeigte
sich viele Jahre später, als nach seinem Tode seine +History of his
Life and Times+ der Oeffentlichkeit übergeben wurde. In diesem Werke
ergeht er sich gewöhnlich mit geschwätziger Weitschweifigkeit über
Alles, was seine Person berührt, und erzählt zuweilen mit ergötzlicher
Offenheit seine eigenen Fehler und den Tadel, den diese Fehler ihm
zuzogen. Das vom Hause der Gemeinen über seinen Hirtenbrief verhängte
schimpfliche Urtheil übergeht er jedoch mit einem sehr bedeutsamen
Stillschweigen.[115]

Das Complot, welches Bohun ins Verderben stürzte, gereichte zwar Denen,
die es geschmiedet, nicht zur Ehre, hatte aber wichtige und heilsame
Folgen. Bevor das Verfahren des unglücklichen Censors der Beurtheilung
des Parlaments vorgelegt wurde, hatten die Gemeinen, ohne Abstimmung und
so weit es ersichtlich ist, ohne Discussion, beschlossen, daß die Acte,
welche die Literatur einer Censur unterwarf, in Kraft bleiben solle.
Jetzt indeß hatte die Frage eine neue Gestalt angenommen, und das
Fortbestehen der Acte wurde nicht mehr als etwas Selbstverständliches
betrachtet. Es begann sich eine der Freiheit der Presse günstige
Stimmung zu zeigen, eine Stimmung, die allerdings noch keine große
Ausdehnung und keine bedenkliche Intensität hatte. Das bestehende
System, sagte man, sei sowohl dem Handel als den Wissenschaften
nachtheilig. Könne man wohl erwarten, daß ein Kapitalist die zu einem
großen literarischen Unternehmen erforderlichen Gelder vorstrecken, oder
daß ein Gelehrter jahrelange Mühen und Forschungen auf ein solches
Unternehmen verwenden werde, so lange es möglich sei, daß im letzten
Augenblicke die Laune, die Bosheit oder die Dummheit eines Einzelnen den
ganzen Plan zerstören könne? Und sei es gewiß, daß das Gesetz, das die
Freiheit des Handels und des Gedankens so drückend beschränke, wirklich
die Sicherheit des Staates vermehrt habe? Hätten nicht ganz neue
Erfahrungen bewiesen, daß der Censor selbst ein Freund Ihrer Majestäten,
oder noch schlimmer, ein alberner und verkehrter Freund sein könne; daß
er ein Buch unterdrücken könne, von dem es in ihrem Interesse liege, daß
jedes Haus im ganzen Lande ein Exemplar besitze, und daß er bereitwillig
seine Sanction einem Libell geben könne, das die Tendenz habe, sie ihrem
Volke verhaßt zu machen, und das von der Hand Ketch's zerrissen und
verbrannt zu werden verdiene? Habe die Regierung durch Einführung einer
literarischen Polizei, welche die Engländer verhindere, die Geschichte
der blutigen Assisen zu besitzen, und ihnen dafür erlaube, Abhandlungen
zu lesen, welche den König Wilhelm und die Königin Marie als Eroberer
darstellten, etwa viel gewonnen?

Zur damaligen Zeit reichten Personen, die kein specielles Interesse an
einer allgemeinen Bill hatten, nur sehr selten Petitionen gegen oder für
dieselbe beim Parlamente ein. Die eingegangenen Petitionen, welche bei
dieser Gelegenheit den beiden Häusern gegen die Censur vorgelegt wurden,
gingen daher von Buchhändlern, Buchbindern und Buchdruckern aus.[116]
Aber die Ansicht, welche diese Klassen aussprachen, beschränkte sich
sicherlich nicht auf sie.

Das dem Erlöschen nahe Gesetz hatte acht Jahre bestanden. Es wurde nur
auf zwei Jahre erneuert. Aus einer leider lückenhaften Notiz in den
Protokollen der Gemeinen geht hervor, daß eine Abstimmung über ein
Amendement stattfand, über dessen Natur wir völlig im Dunkeln gelassen
sind. Die Stimmen waren neunundneunzig gegen achtzig. Bei den Lords
wurde nach dem Rathe, den fünfzig Jahre früher Milton gab, und den
Blount ihm gestohlen hatte, vorgeschlagen, jedes Buch, auf dessen Titel
der Name eines Verfassers oder Verlegers angegeben sei, von der
Autorität des Censors auszuschließen. Dieses Amendement wurde verworfen
und die Bill angenommen, jedoch nicht ohne einen von elf Peers
unterzeichneten Protest, in welchem sie erklärten, daß es ihrer Ansicht
nach nicht im Interesse des Staats liegen könne, alle Wissenschaft und
wahre Belehrung der Willkür und dem Belieben eines bezahlten und
vielleicht unwissenden Censors zu unterwerfen. Unter den Protestirenden
befanden sich Halifax, Shrewsbury und Mulgrave, drei Edelleute, welche
verschiedenen politischen Parteien angehörten, sich aber sämmtlich durch
wissenschaftliche Bildung auszeichneten. Es ist zu beklagen, daß die
Unterschriften Tillotson's und Burnet's fehlen, welche beide an diesem
Tage anwesend waren. Dorset war abwesend.[117]

Blount, durch dessen Bemühungen und Machinationen die Opposition gegen
die Censur hervorgerufen worden war, lebte nicht so lange um diese
Opposition mit Erfolg gekrönt zu sehen. Obgleich kein junger Mann mehr,
war er von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Schwester seiner
verstorbenen Frau erfüllt. Nachdem er sich lange vergebens bemüht hatte,
den Gegenstand seiner Liebe zu überzeugen, daß sie rechtmäßigerweise
seine Gattin werden könne, brachte er sich endlich, ob aus
Lebensüberdruß, oder in der Hoffnung, dadurch ihr Herz zu rühren, eine
Wunde bei, an der er nach langem Siechthum starb. Er ist oft ein
Gotteslästerer und Selbstmörder genannt worden, aber der wichtige
Dienst, den er seinem Vaterlande, allerdings durch höchst unmoralische
und entehrende Mittel leistete, ist fast unerwähnt geblieben.[118]


[_Zustand Irland's._] Spät in dieser geschäftsreichen und ereignißvollen
Session wurde die Aufmerksamkeit der Häuser auf den Zustand Irland's
gelenkt. Die Verwaltung dieses Reiches war während der sechs Monate,
welche auf die Uebergabe von Limerick folgten, in einem ungeregelten
Zustande gewesen. Erst als die irischen Truppen, welche zu Sarsfield
hielten, nach Frankreich abgesegelt waren, und als die, die sich für das
Zurückbleiben entschieden hatten, aufgelöst worden waren, erließ Wilhelm
endlich eine Proklamation, in der er die Beendigung des Bürgerkrieges
feierlich ankündigte. Von der Feindseligkeit der eingeborenen
Bevölkerung war bei ihrem jetzigen Mangel an Anführern, Waffen und
Organisation nichts weiter zu befürchten als gelegentliche Räubereien
und Morde. Aber der Kriegsruf der Irländer war kaum verstummt, als sich
auch schon das erste schwache Gemurmel der Engländer vernehmen ließ.
Coningsby stand seit einigen Monaten an der Spitze der Verwaltung. Er
machte sich der dominirenden Kaste bald im höchsten Grade verhaßt. Er
war ein characterloser Mensch, von einer unersättlichen Gier nach
Reichthümern beseelt und in einer Stellung, in der ein characterloser
Mann leicht zu Reichthümern gelangen konnte. Ungeheure Summen Geldes,
ungeheure Massen militärischer Vorräthe waren von England
herübergeschickt worden, großartige Confiscationen fanden in Irland
statt. Der habsüchtige Gouverneur hatte täglich Gelegenheit zu
unterschlagen und zu erpressen, und er benutzte diese Gelegenheiten ohne
Gewissensscrupel und ohne Scham. Dies war jedoch in den Augen der
Colonisten noch nicht sein größtes Verbrechen. Seine Habgier würden sie
ihm noch verziehen haben; aber die Milde, die er gegen ihre besiegten
und geknechteten Feinde übte, konnten sie ihm nicht verzeihen. Seine
Milde bestand allerdings nur darin, daß er das Geld mehr liebte als er
die Papisten haßte, und daß er nicht abgeneigt war, Dem und Jenem von
der unterdrückten Klasse ein wenig Gerechtigkeit für einen hohen Preis
zu verkaufen. Leider betrachtete die herrschende Minderheit, noch
blutend von den Wunden des letzten Kampfes und noch trunken von dem
errungenen Siege, die unterjochte Mehrheit als eine Heerde Vieh, oder
vielmehr als ein Rudel Wölfe. Der Mensch erkennt dem niedrigen Thiere
keine Rechte zu, die sich mit seiner Bequemlichkeit nicht vertragen, und
wie der Mensch die unter ihm stehenden Thiere behandelt, so glaubte der
Cromwellianer die römischen Katholiken behandeln zu dürfen. Coningsby
zog sich daher durch seine wenigen guten Thaten einen ärgeren Sturm von
Vorwürfen zu, als durch seine vielen schlechten Thaten. Das Geschrei
gegen ihn war so heftig, daß er abberufen werden mußte, und Sidney ging
mit der ganzen Macht und dem ganzen Ansehen eines Vicekönigs hinüber, um
in Dublin ein Parlament zu halten.[119]

Aber der sanfte Character und die gewinnenden Manieren Sidney's machten
keineswegs einen versöhnenden Eindruck. Er selbst scheint zwar nicht
nach unerlaubtem Gewinn gestrebt zu haben; aber er verstand es nicht,
mit hinreichend fester Hand den Schwarm der Subalternbeamten zu zügeln,
welche durch Coningsby's Beispiel und Protection ermuthigt worden waren,
das Volk auszuplündern und ihre Dienste Supplikanten zu verkaufen. Auch
war der neue Vicekönig nicht geneigt, die schwachen Ueberreste der
einheimischen Aristokratie hart zu behandeln. Daher wurde er denn sehr
bald für die angelsächsischen Colonisten ein Gegenstand des Mißtrauens
und des Widerwillens. Sein erster Act war, daß er eine allgemeine Wahl
ausschrieb. Die Katholiken waren von jeder Municipalcorporation
ausgeschlossen worden; aber kein Gesetz hatte ihnen noch das
Grafschaftswahlrecht entzogen. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß kein
einziger katholischer Freisasse sich den Wahlorten zu nähern wagte. Die
gewählten Mitglieder waren mit wenigen Ausnahmen Männer, die vom Geiste
von Enniskillen und Londonderry beseelt waren, einem in der Zeit der
Bedrängniß und Gefahr ungemein heldenmüthigen, in der Zeit des Glücks
und der Macht aber nur zu oft grausamen und herrschsüchtigen Geiste. Sie
verabscheuten den Civiltractat von Limerick und waren entrüstet, als sie
erfuhren, daß der Lordlieutenant mit Bestimmtheit die parlamentarische
Ratification dieses verhaßten Tractats von ihnen erwartete, eines
Tractats, der den Götzendienst der Messe sanctionirte und die guten
Protestanten verhinderte, ihre papistischen Nachbarn durch Anstellung
von Civilklagen wegen zur Zeit des Kriegs ihnen zugefügter Unbilden zu
Grunde zu richten.[120]

Am 5. October 1692 trat das Parlament zu Dublin in Chichester House
zusammen. Es war ganz anders zusammengesetzt als die Versammlung,
welche im Jahre 1689 denselben Namen getragen hatte. Kaum ein Peer, und
nicht ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, die in King's Inns gesessen,
war hier zu sehen. Auf den Schwarm der O und Mac, der Nachkommen der
ehemaligen Fürsten der Insel, waren Männer gefolgt, deren Namen einen
sächsischen Ursprung verriethen. Ein einziger O, ein von dem Glauben
seiner Väter Abgefallener, und drei Mac, offenbar Einwanderer aus
Schottland und wahrscheinlich Presbyterianer, hatten Sitze in der
Versammlung.

Das so zusammengesetzte Parlament besaß damals weniger Befugnisse als
die gesetzgebenden Versammlungen von Jamaika oder von Virginien. Die
in Dublin tagende Legislatur war nicht blos der absoluten Controle
der in Westminster tagenden Legislatur unterworfen, sondern ein im
15. Jahrhundert während der Verwaltung des Lordstellvertreters Poynings
erlassenes und nach ihm benanntes Gesetz hatte auch bestimmt, daß keine
vom englischen Geheimen Rathe nicht erwogene und genehmigte Bill in
einem der beiden irischen Häuser eingebracht und daß jede so berathene
und genehmigte Bill entweder ohne Amendement angenommen oder verworfen
werden müsse.[121]

Die Session begann mit der feierlichen Anerkennung der Oberherrlichkeit
des Mutterlandes. Die Gemeinen ließen sich von ihrem Schriftführer die
englische Acte vorlesen, welche von ihnen die Leistung des
Suprematseides und die Unterschreibung der Erklärung gegen die
Transsubstantiation verlangte. Nachdem sie die Verlesung der Acte
angehört, schritten sie sofort zur Befolgung derselben. Dann wurden
Adressen votirt, welche dem Könige die innigste Dankbarkeit und
Anhänglichkeit aussprachen. Zwei Mitglieder, welche zur Zeit der Unruhen
dem protestantischen und englischen Interesse untreu geworden waren,
wurden ausgestoßen. Geldsummen, welche im Vergleich zu den Hülfsquellen
eines durch jahrelangen Raubkrieg verwüsteten Landes bedeutend waren,
wurden gern bewilligt. Aber die Bill zur Bestätigung der Ansiedlungsacte
wurde als zu günstig für die eingeborne Gentry erachtet und, da sie
nicht amendirt werden durfte, ohne große Umstände verworfen. Ein
Ausschuß des ganzen Hauses resolvirte, daß die unverantwortliche
Nachsicht, mit der die Irländer seit der Schlacht am Boyne behandelt
worden, eine der Hauptursachen der Noth des Landes sei. Ein
Beschwerden-Ausschuß hielt täglich bis elf Uhr Abends Sitzung, und die
Proceduren dieser Untersuchungscommission beunruhigten das Schloß in
hohem Grade. Eine Menge Fälle von grober Feilheit und Schurkerei von
Seiten hoher Staatsbeamten wurden ans Licht gezogen, eben so auch viele
Beispiele von dem was man damals für eine strafbare Milde gegen die
unterjochte Nation hielt. Dieser Papist hatte in die Armee eintreten,
jener Papist ein Feuergewehr behalten dürfen; ein dritter hatte ein zu
gutes Pferd, ein vierter war gegen Protestanten in Schutz genommen
worden, die wegen Unbilden, welche sie in den Jahren der Verwirrung
erfahren hatten, Klage erheben wollten. Nachdem der Vicekönig ziemlich
so viel Geld bewilligt erhalten hatte als er erwarten durfte, beschloß
er diesen unangenehmen Untersuchungen ein Ziel zu setzen. Er wußte
jedoch, daß, wenn er sich mit dem Parlamente wegen strengen Verfahrens
gegen Peculatoren oder Papisten überwarf, er von England wenig Beistand
zu erwarten hatte. Er sah sich daher nach einem Vorwande um und war so
glücklich einen zu finden. Die Gemeinen hatten einen Beschluß gefaßt,
der mit einigem Anschein von Wahrheit als mit dem Poyningsgesetz
unverträglich dargestellt werden konnte. Alles, was wie eine Verletzung
dieses wichtigen Fundamentalgesetzes aussah, mußte aller
Wahrscheinlichkeit nach jenseit des St. Georgskanals entschiedene
Mißbilligung erregen. Der Vicekönig erkannte seinen Vortheil und
benutzte ihn. Er begab sich nach Chichester House in die Kammer der
Lords, ließ die Gemeinen kommen, gab ihnen einen nachdrücklichen
Verweis, beschuldigte sie des pflichtwidrigen und undankbaren
Eingreifens in die Rechte des Mutterlandes und machte der Session ein
Ende.[122]

Die Gemeinen entfernten sich höchlich aufgebracht über die Strafpredigt,
die er ihnen gehalten. Die Beschuldigung, die er gegen sie erhoben, sei
ungerecht, sagten sie; sie hegten große Zuneigung und Verehrung für das
Land, dem sie entsprossen seien, und erwarteten in vollem Vertrauen
Genugthuung von dem obersten Parlamente. Mehrere von ihnen reisten nach
London, um sich zu rechtfertigen und den Vicekönig anzuklagen. Sie
fanden langes und aufmerksames Gehör bei den Lords wie bei den Gemeinen
und wurden aufgefordert, den wesentlichen Inhalt des Gesagten
schriftlich aufzusetzen. Die demüthige Sprache der Petenten und ihre
Betheuerungen, daß sie nie die Absicht gehabt hätten, das Poyningsstatut
zu verletzen oder die Oberherrlichkeit England's zu bestreiten,
verwischten den Eindruck, den Sidney's Beschuldigung gemacht hatte.
Beide Häuser überreichten dem Könige Adressen über den Zustand Irland's.
Sie tadelten keinen Schuldigen mit Namen, sondern sprachen nur die
Ansicht aus, daß grobe Verwaltungssünden vorgekommen, daß das Publikum
ausgeplündert und daß die Katholiken mit unverantwortlicher Milde
behandelt worden seien. Wilhelm versprach ihnen in Antwort darauf, daß
etwaige Mißbräuche abgestellt werden sollten. Sein Freund Sidney wurde
bald zurückberufen und für den Verlust der viceköniglichen Würde durch
den einträglichen Posten des Feldzeugmeisters entschädigt. Die
Verwaltung Irland's wurde auf einige Zeit Lords Justices übertragen,
unter denen Sir Heinrich Capel, ein eifriger Whig, der sehr wenig
Neigung hatte, gegen die Papisten Nachsicht zu üben, die erste Stelle
einnahm.


[_Der König verweigert die Genehmigung der Dreijährigkeitsbill._] Die
Prorogation rückte heran und noch immer war das Schicksal der
Dreijährigkeitsbill zweifelhaft. Einige der geschicktesten Minister
hielten die Bill für eine gute, und selbst wenn sie sie für eine
schlechte gehalten hätten, würden sie wahrscheinlich versucht haben,
ihren Gebieter von der Verwerfung derselben abzubringen. Es war jedoch
nicht möglich, ihn von der Idee zurückzubringen, daß eine Concession in
diesem Punkte seine Autorität ernstlich beeinträchtigen würde. Da er
sich auf das Urtheil seiner gewöhnlichen Rathgeber nicht verlassen
wollte, schickte er Portland zu Sir Wilhelm Temple, um dessen Ansicht
einzuholen. Temple hatte sich auf einen Landsitz, Namens Moor Park, in
der Nähe von Farnham, zurückgezogen. Die Gegend um seine Wohnung war
fast eine Wildniß. Seit mehreren Jahren beschäftigte er sich damit, in
dieser Wüste einen Wohnsitz zu schaffen, den die holländischen
Bürgermeister, unter denen er einige der schönsten Jahre seines Lebens
zugebracht hatte, als ein Paradies betrachtet haben würden. Seine
Einsiedelei war hin und wieder mit einem Besuche des Königs beehrt
worden, der den Schöpfer der Tripleallianz von Jugend auf gekannt und
geachtet hatte und dem es wohl gefiel, inmitten des Haidekrauts und des
Ginsters der Wildnisse von Surrey einen Ort zu finden, der wie ein Stück
Holland aussah: einen graden Kanal, Terrassen, Reihen beschnittener
Bäume und rechteckige Blumen- und Gemüsebeete.

Nach diesem einsamen Wohnsitze begab sich Portland jetzt und fragte das
Orakel um Rath. Temple war entschieden der Meinung, daß die Bill
genehmigt werden müsse. Er fürchtete, daß die Gründe, die ihn zu dieser
Ansicht bestimmten, von Portland, der zwar ein so tapferer Soldat und
ein so zuverlässiger Freund war wie es je einen gegeben hat, dessen
natürliche Fähigkeiten nicht unbedeutend waren und der in einigen
Geschäftsbranchen viel Erfahrung besaß, der aber die Geschichte und die
Verfassung England's nur sehr unvollkommen kannte, dem Könige
nicht vollständig und genau berichtet werden möchten. Da der
Gesundheitszustand Sir William's ihm durchaus nicht gestattete, selbst
nach Kensington zu reisen, so beschloß er, seinen Sekretär dahin zu
senden. Der Sekretär war ein armer Gelehrter von einigen zwanzig Jahren,
unter dessen einfachem Rocke und linkischem Benehmen einige der
ausgezeichnetsten Geistesgaben verborgen waren, die die Natur je einem
Menschenkinde verliehen: ein seltenes Beobachtungstalent, ein glänzender
Witz, eine groteske Erfindungsgabe, ein Humor von der beißendsten
Schärfe, aber ausnehmend köstlich, eine wunderbar reine, männliche und
klare Beredtsamkeit. Dieser junge Mann hieß Jonathan Swift. Er war in
Irland geboren, würde sich aber beleidigt gefühlt haben, wenn man ihn
einen Irländer genannt hätte. Er war von reinem englischen Geblüt und
betrachtete die eingeborne Bevölkerung der Insel, auf der er das Licht
der Welt erblickt, Zeit seines Lebens als eine fremde und servile Kaste.
Er hatte unter der vorigen Regierung auf der Universität Dublin Collegia
gehört, sich dort aber nur durch seinen unregelmäßigen Lebenswandel
ausgezeichnet und nur mit Mühe seinen Grad erlangt. Zur Zeit der
Revolution hatte er sich mit vielen Tausenden seiner Mitcolonisten vor
den Gewaltthätigkeiten Tyrconnel's ins Mutterland geflüchtet und sich
glücklich geschätzt, daß er in Moor Park ein Obdach fand.[123] Dieses
Obdach kam ihm jedoch theuer zu stehen. Man hielt ihn mit zwanzig Pfund
jährlich und freier Station für seine Dienste hinlänglich bezahlt. Er
speiste an der zweiten Tafel. Zuweilen, wenn keine bessere Gesellschaft
zu haben war, wurde er allerdings eingeladen, mit seinem Prinzipal
Karten zu spielen, und Sir William war dann immer so großmüthig seinem
Gegner für den Anfang etwas Silbergeld zu geben.[124] Der bescheidene
Student würde es nicht gewagt haben, den Blick zu einer Dame von Familie
zu erheben; als er aber Kleriker geworden war, begann er nach Art der
damaligen Kleriker einem hübschen Kammermädchen den Hof zu machen,
welche die Hauptzierde der Dienerschaft war und deren Name mit dem
seinigen in einer traurigen und geheimnißvollen Geschichte
unzertrennlich verbunden ist.

Swift erzählte viele Jahre nachher einen Theil dessen was er auf seiner
Reise nach Hofe empfand. Sein Lebensmuth war durch Mißgeschick und
Demüthigungen gebeugt, ja anscheinend völlig gebrochen worden. Die
Sprache, die er seinem Prinzipal gegenüber zu führen pflegte, war, so
weit wir es nach den noch vorhandenen Proben beurtheilen können, die
eines Lakaien oder vielmehr eines Bettlers.[125] Ein hartes Wort oder
ein kalter Blick des Herrn reichte hin, um den Diener auf mehrere Tage
unglücklich zu machen.[126] Doch diese Zahmheit war nur die Zahmheit,
mit der ein eingefangener, in den Käfig gesperrter und hungriger Tiger
sich dem Wärter unterwirft, der ihm Futter bringt. Der demüthige Diener
war im Herzen der stolzeste, hochstrebendste, rachsüchtigste und
despotischste Mensch von der Welt. Und jetzt eröffnete sich ihm endlich
eine weite, unbegrenzte Aussicht. Wilhelm kannte ihn schon ein wenig. In
Moor Park war der König zuweilen, wenn die Gicht seinen Wirth an den
Krankenstuhl fesselte, von dem Sekretär durch den Park begleitet worden.
Se. Majestät hatte geruht, seinem Begleiter zu beschreiben, wie man in
Holland den Spargel zu schneiden und zuzubereiten pflegte, und hatte ihn
huldreich gefragt, ob Mr. Swift wohl Lust habe, ein Rittmeisterpatent in
einem Cavallerieregiment anzunehmen. Jetzt aber sollte der junge Mann
zum ersten Male als Rathgeber vor dem Könige stehen. Er erhielt Zutritt
in das Privatcabinet Wilhelm's, überreichte ihm einen Brief von Temple
und erläuterte und bekräftigte die in diesem Briefe enthaltenen
Argumente in gedrängter Kürze, aber ohne Zweifel mit Klarheit und
Gewandtheit. Es sei, sagte er, kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß
kurze Parlamente mehr als lange Parlamente geneigt sein würden, in die
gerechten Prärogativen der Krone einzugreifen. Das Parlament, welches in
der vorhergehenden Generation gegen einen König Krieg geführt, ihn
gefangen genommen, ihn in den Kerker, vor Gericht und aufs Schaffot
gebracht habe, sei sogar in unseren Annalen vorzugsweise als das Lange
Parlament bekannt. Nie würde solches Unheil über die Monarchie gekommen
sein, wenn das verhängnißvolle Gesetz nicht existirt hätte, welches
diese Versammlung vor Auflösung sicherte.[127] Man muß gestehen, daß in
dieser Beweisführung ein Mangel war, den auch ein minder kluger Kopf als
Wilhelm leicht entdeckt haben würde. Wenn eine Beschränkung der
königlichen Prärogative verderblich geworden war, so bewies dies noch
nicht, daß eine andre Beschränkung heilsam sein werde. Daraus, daß ein
Souverain ins Verderben gestürzt worden war, weil er sich eines ihm
feindlich gesinnten Parlaments nicht hatte entledigen können, folgte
noch keineswegs, daß ein andrer Souverain nicht dadurch ins Verderben
gestürzt werden konnte, daß er genöthigt war, sich von einem ihm
freundlich gesinnten Parlamente zu trennen. Zum großen Verdrusse des
Abgesandten vermochten seine Gründe nicht, den Entschluß des Königs zu
erschüttern. Am 14. März wurden die Gemeinen ins Oberhaus beschieden;
der Titel der Dreijährigkeitsbill wurde verlesen und es wurde der
hergebrachten Form gemäß angekündigt, daß der König und die Königin die
Sache in Erwägung ziehen wollten. Dann wurde das Parlament prorogirt.


[_Ministerielle Arrangements._] Bald nach der Prorogation brach Wilhelm
nach dem Continent auf. Vor seiner Abreise mußte er jedoch noch einige
wichtige Aenderungen vornehmen. Er war entschlossen, Nottingham nicht zu
entlassen, in dessen Rechtschaffenheit, eine bei den englischen
Staatsmännern seltene Tugend, er wohlbegründetes Vertrauen setzte. Wenn
jedoch Nottingham Staatssekretär blieb, konnte Russell ferner nicht bei
der Flotte bleiben. Russell wurde, allerdings zu seinem großen Verdruß,
zur Annahme eines einträglichen Postens im Hofstaate bewogen, und zwei
in ihrem Fache ausgezeichnete Flottenoffiziere, Killegrew und Delaval,
bei der Admiralität angestellt und mit dem Commando der Kanalflotte
betraut.[128] Diese Arrangements erweckten einiges Murren unter den
Whigs, denn Killegrew und Delaval waren anerkanntermaßen Tories und
wurden von Vielen für Jakobiten gehalten. Aber andere Ernennungen,
welche zu gleicher Zeit stattfanden, bewiesen, daß der König
unparteiisch gegen die beiden feindlichen Parteien verfahren wollte.
Nottingham war seit einem Jahre alleiniger Staatssekretär. Jetzt erhielt
er einen Collegen, in dessen Gesellschaft er sich sehr unbehaglich
gefühlt haben muß: Johann Trenchard. Trenchard gehörte zur extremen
Section der Whigpartei. Er war ein Tauntonmann, beseelt von dem Geiste,
durch den sich Taunton durch zwei Generationen vorzugsweise
ausgezeichnet hatte. Er hatte in den Tagen der Papstverbrennungen und
der protestantischen Dreschflegel[129] dem berühmten Club des grünen
Bandes angehört, war ein thätiges Mitglied mehrerer stürmischer
Parlamente gewesen, hatte die erste Ausschließungsbill eingebracht, war
bei den von den Häuptern der Opposition geschmiedeten Comploten stark
betheiligt gewesen, war auf den Continent geflüchtet, hatte lange in der
Verbannung zugebracht und war von der allgemeinen Amnestie von 1686
speciell ausgenommen worden. Obwohl er ein sehr unruhiges Leben geführt,
war er doch von Natur friedlichen Temperaments, aber er stand in enger
Verbindung mit einer Klasse von Leuten, deren Leidenschaften weit
heftiger waren als seine eigenen. Er hatte sich mit der Schwester Hugo
Speke's vermählt, eines der falschesten und boshaftesten Pasquillanten,
welche die Sache der constitutionellen Freiheit schändeten. Aaron Smith,
der Prokurator des Schatzes, ein Mann, der den Fanatiker und den
Rabulisten in seltenem Grade in sich vereinigte, hatte nur zu großen
Einfluß auf den neuen Sekretär, mit dem er zehn Jahre früher in der
Rose Revolutionspläne berathen hatte. Warum Trenchard vor vielen Männern
höheren Ranges und größerer Befähigung zu einem der höchsten und
wichtigsten Posten ernannt wurde, ist schwer zu sagen. Er scheint
jedoch, obgleich er den Titel eines Staatssekretärs führte und den
Gehalt eines solchen bezog, in kein wichtiges Staatsgeheimniß eingeweiht
worden und nicht viel mehr als ein Oberaufseher der Polizei gewesen zu
sein, dessen Amt darin bestand, die Drucker nicht censirter Bücher, die
Pastoren eidverweigernder Gemeinden und die Besucher hochverrätherischer
Wirthshäuser ausfindig zu machen.[130]

Ein andrer Whig von viel bedeutenderem Rufe wurde zur selben Zeit zu
einem weit höheren Verwaltungsposten berufen. Das große Siegel war
nunmehr vier Jahre einer Commission anvertraut gewesen. Seit Maynard's
Rücktritt hatte die Beschaffenheit des Court of Chancery wenig Achtung
eingeflößt. Trevor, der erster Commissar war, fehlte es weder an
Talenten noch an Gelehrsamkeit; aber seine Rechtschaffenheit wurde mit
gutem Grunde in Zweifel gezogen, und die Pflichten, die ihm als Sprecher
des Hauses der Gemeinen vier bis fünf Monate hindurch in dem
geschäftsreichsten Theile des Jahres oblagen, machten es ihm unmöglich,
seinen Platz als Billigkeitsrichter gehörig auszufüllen. Jeder
Rechtsuchende klagte, daß er übermäßig lange auf einen Ausspruch habe
warten müssen, und wenn endlich ein Urtheil gefällt worden sei, habe es
alle Aussicht gehabt, bei der Appellation umgestoßen zu werden.
Inzwischen gab es keinen wirksamen Justizminister, keinen hohen Beamten,
der die specielle Obliegenheit hatte, dem Könige bei der Ernennung von
Richtern, Kronanwälten und Friedensrichtern mit Rath zur Hand zu
gehen.[131] Es war bekannt, daß Wilhelm die Nachtheile dieses Zustandes
der Dinge einsah, und seit mehreren Monaten war die Rede davon, daß bald
ein Lord Siegelbewahrer oder ein Lord Kanzler ernannt werden würde.[132]
Der am häufigsten genannte Name war der Nottingham's. Aber die nämlichen
Gründe, die ihn abgehalten hatten, im Jahre 1689 das große Siegel
anzunehmen, hatten seit diesem Jahre an Stärke eher zugenommen als
verloren. Wilhelm's Wahl fiel endlich auf Somers.

Somers stand erst in seinem zweiundvierzigsten Lebensjahre, und es war
noch keine fünf Jahre her, seitdem die Welt seine Talente an dem
wichtigen Tage des Prozesses der Bischöfe zuerst kennen gelernt hatte.
Von jenem Augenblicke an war sein Ruf stetig und rapid gestiegen. Weder
in richterlicher noch in parlamentarischer Beredtsamkeit stand irgend
Jemand über ihm. Die Consequenz in seinem öffentlichen Auftreten hatte
ihm das volle Vertrauen der Whigs verschafft, und seine Urbanität hatte
ihm auch die Herzen der Tories gewonnen. Nur mit großem Widerstreben
hatte er sich dazu verstanden, eine Versammlung, auf die er einen
ungeheuren Einfluß ausübte, mit einer andren Versammlung zu vertauschen,
in der er voraussichtlich stumm bleiben mußte. Er hatte erst seit
Kurzem eine große Praxis, und seine Ersparnisse waren daher unbedeutend.
Da er nicht die Mittel besaß, um einen erblichen Titel gehörig zu
repräsentiren, mußte er, wenn er die ihm angetragene hohe Würde annahm,
mehrere Jahre im Oberhause präsidiren, ohne an den Debatten Theil zu
nehmen. Andere waren jedoch der Meinung, daß er als Oberhaupt des
Gesetzes nützlicher sein werde, denn als Oberhaupt der Whigpartei bei
den Gemeinen. Er wurde nach Kensington beschieden und in das
Staatsrathszimmer gerufen. Caermarthen sprach im Namen des Königs. »Sir
John,« sagte er, »es ist im Interesse des Staats nöthig, daß Sie dieses
Amt übernehmen, und ich habe Befehl von Sr. Majestät, Ihnen zu sagen,
daß er keine Entschuldigung gelten lassen kann.« Somers fügte sich. Das
Siegel wurde ihm übergeben, zugleich mit einem Patent, das ihm von dem
Tage, an welchem er sein Amt niederlegen würde, eine Pension von
zweitausend Pfund jährlich zusicherte, und er wurde unverzüglich als
Mitglied des Geheimen Raths und Großsiegelbewahrer vereidigt.[133]


[_Der König begiebt sich nach Holland._] Die Gazette, welche diese
Veränderungen in der Verwaltung ankündigte, zeigte auch die Abreise des
Königs an. Am 24. März ging er nach Holland ab.


[_Eine Parlamentssession in Schottland._] Er hinterließ den Befehl, daß
die schottischen Stände nach einer Pause von mehr als dritthalb Jahren
wieder einberufen werden sollten. Hamilton, der viele Monate in der
Zurückgezogenheit gelebt, hatte sich seit dem Sturze Melville's mit dem
Hofe ausgesöhnt und willigte jetzt ein, seinen Ruhesitz zu verlassen und
als Lord Obercommissar Holyrood House zu beziehen. Es war nothwendig,
daß einer der Staatssekretäre für Schottland den König begleitete, und
der Master von Stair hatte sich daher auf den Continent begeben. Sein
College Johnstone war erster Agent der Krone für Edinburg und hatte
Auftrag, regelmäßig mit Carstairs zu correspondiren, der Wilhelm nie
verließ.[134]

Man hätte wohl erwarten können, daß die Session stürmisch werden würde.
Das Parlament war das nämliche, das im Jahre 1689 mit überwiegenden
Majoritäten die heftigsten Beschlüsse votirt hatte, welche Montgomery
und sein Club entwerfen konnten, das Steuern verweigert, die Minister
der Krone proscribirt, die Gerichtshöfe geschlossen hatte und sich
vorgenommen zu haben schien, Schottland in eine oligarchische Republik
zu verwandeln. Im Jahre 1690 waren die Stände in einer besseren Stimmung
gewesen. Doch hatten sie selbst im Jahre 1690, als die kirchliche
Verfassung des Reichs berathen wurde, auf den wohlbekannten Wunsch des
Königs wenig Rücksicht genommen. Sie hatten das Patronatsrecht
abgeschafft, sie hatten das Mißhandeln des Episkopalklerus sanctionirt,
sie hatten sich geweigert, eine Toleranzacte zu erlassen. Es war sehr
wahrscheinlich, daß sie auch jetzt noch unlenksam befunden werden
würden, wenn sie Religionsfragen entscheiden sollten, und leider mußten
ihnen solche Fragen zur Entscheidung vorgelegt werden. Wilhelm hatte
während der Suspension der Ständeversammlung die Generalversammlung der
Kirche zu überreden versucht, diejenigen seitherigen Curaten, welche das
Glaubensbekenntniß unterschrieben und sich der Synodalverfassung
unterwarfen, in die Gemeinschaft aufzunehmen. Aber der Versuch war
mißlungen und die Versammlung war in Folge dessen von dem Lord Commissar
aufgelöst worden. Unglücklicherweise aber hatte die Acte, welche das
presbyterianische Kirchenregiment einführte, die Ausdehnung der Gewalt
nicht bestimmt, die der Souverain über die geistlichen Gerichtshöfe
ausüben sollte. Die Auflösung war daher nicht sobald angekündigt, als
der Präses ums Wort bat. Man sagte ihm, daß er jetzt nur noch eine
Privatperson sei. Er bat daher als Privatperson um Gehör und protestirte
im Namen seiner Collegen gegen das königliche Mandat. Das Recht der
kirchlichen Würdenträger, sagte er, sich zu versammeln und ihre
Interessen zu berathen, stamme von ihrem göttlichen Oberhaupte und hänge
nicht von dem Belieben der weltlichen Obrigkeit ab. Seine Collegen
standen auf und gaben durch ein beifälliges Gemurmel ihre Zustimmung zu
den Worten ihres Präsidenten zu erkennen. Ehe sie auseinandergingen,
bestimmten sie einen Tag zu ihrer nächsten Zusammenkunft.[135] Es war
allerdings ein sehr entfernter Tag, und als er herankam, erschien weder
ein Geistlicher noch ein Aeltester, denn selbst die kühnsten Mitglieder
scheuten sich vor einem vollständigen Bruche mit der Civilgewalt. Aber
wenn auch kein offener Krieg zwischen der Kirche und der Regierung
bestand, so waren sie doch einander entfremdet, auf einander
eifersüchtig und in beständiger Furcht vor einander. Es war kein Schritt
zu einer Aussöhnung geschehen, als die Stände zusammentraten, und man
konnte wohl in Zweifel darüber sein, auf welche Seite die Stände treten
würden.

Aber die Vorgänge in fast jeder Sitzung dieses sonderbaren Parlaments
machten alle Prophezeiungen der Politiker zu Schanden. Es war einst der
unlenksamste aller Senate gewesen, jetzt war es der willfährigste. Und
doch waren es die nämlichen Männer und sie saßen in dem nämlichen Saale
wie früher. Es befanden sich darunter die lärmendsten Agitatoren des
Clubs, mit Ausnahme Montgomery's, der in einer Dachstube fern von seinem
Heimathlande an Mangel und an gebrochenem Herzen dahinstarb. Es waren
darunter der scheinheilige Roß und der treulose Annandale. Es war
darunter Sir Patrick Hume, unlängst zum Peer creirt und jetzt Lord
Polwarth genannt, aber noch immer so beredtsam als zu der Zeit, wo seine
endlosen Deklamationen und Dissertationen der Expedition Argyle's
verderblich wurden. Doch der ganze Geist der Versammlung hatte eine
Veränderung erfahren. Die Mitglieder hörten mit tiefer Ehrerbietung das
Schreiben des Königs an und antworteten darauf in respectvoller und
herzlicher Sprache. Eine außerordentliche Beisteuer von
hundertvierzehntausend Pfund Sterling wurde der Krone bewilligt. Strenge
Gesetze gegen die Jakobiten wurden erlassen. Die Gesetze in Bezug auf
kirchliche Angelegenheiten waren so erastianisch als Wilhelm selbst es
nur wünschen konnte. Es wurde eine Acte erlassen, welche allen Dienern
der Staatskirche vorschrieb, Ihren Majestäten Treue zu schwören, und der
Generalversammlung befahl, diejenigen noch nicht abgesetzten
Episkopalgeistlichen, welche erklärten, daß sie sich der
presbyterianischen Lehre und Kirchenzucht anbequemten, in die
Gemeinschaft aufzunehmen.[136] Ja, die Stände trieben die Servilität
sogar so weit, daß sie den König unterthänigst ersuchten, er möge
geruhen seinem Lieblinge Portland eine schottische Pairie zu verleihen.
Dies war in der That ihre Hauptpetition. Sie baten nicht um Abstellung
eines einzigen Mißbrauchs, sondern sie beschränkten sich darauf, in
allgemeinen Ausdrücken anzudeuten, daß Mißbräuche existirten, welche
Abhülfe erheischten, und den König behufs näherer Information an seine
Minister, den Lord Obercommissar und den Staatssekretär, zu
verweisen.[137]

Einen Gegenstand gab es, dessen Nichterwähnung selbst bei dem servilsten
schottischen Parlamente auffallen muß. Es war seit dem Gemetzel von
Glencoe über ein Jahr verstrichen, und man hätte erwarten sollen, daß
die ganze Versammlung, Peers, Grafschaftsabgeordnete und
Burgfleckenabgeordnete, einstimmig eine strenge Untersuchung dieses
großen Verbrechens verlangen würde. Allein es ist erwiesen, daß kein
Antrag auf eine solche Untersuchung gestellt wurde. Die Lage der
gälischen Clans wurde zwar in Erwägung gezogen, ein Gesetz zur
wirksameren Unterdrückung der Räubereien und Gewaltthätigkeiten jenseit
der Grenze der Hochlande erlassen und in dieses Gesetz eine
Specialklausel aufgenommen, welche Mac Callum More seine erbliche
Gerichtsbarkeit reservirte. Aber es ergiebt sich weder aus den
öffentlichen Acten über die Proceduren der Stände noch aus den
Privatbriefen, in denen Johnstone regelmäßig Carstairs das Vorgegangene
berichtete, daß irgend ein Sprecher das Schicksal Mac Ian's und seiner
Stammesgenossen erwähnte.[138] Dieses sonderbare Stillschweigen scheint
sich nur dadurch erklären zu lassen, daß die in der Hauptstadt
Schottland's versammelten Politiker von dem Schicksale eines
räuberischen Celtenstammes wenig wußten und sich wenig darum kümmerten.
Der beleidigte Clan, durch die Furcht vor den allmächtigen Campbells zu
Boden gedrückt und nicht gewohnt, sich an die bestehenden Behörden des
Landes um Schutz oder Genugthuung zu wenden, reichte keine Petition bei
den Ständen ein. Die Geschichte von dem Gemetzel war in den
Kaffeehäusern erzählt worden, aber in sehr verschiedener Weise. Ganz
neuerdings waren zwar einige Bücher, in denen die Thatsachen nur zu
richtig mitgetheilt wurden, aus den geheimen Pressen London's
hervorgegangen. Aber diese Bücher wurden nicht öffentlich verkauft, und
sie trugen den Namen keines verantwortlichen Autors. Die jakobitischen
Schriftsteller im allgemeinen waren hämisch boshaft und fragten durchaus
nichts nach Wahrheit. Da die Macdonalds sich nicht beschwerten, so hatte
ein kluger Mann natürlich keine Lust, sich das Mißfallen des Königs, der
Minister und der mächtigsten Familie Schottland's zuzuziehen, indem er
eine Anklage zu erheben wagte, die sich auf nichts als von Mund zu Mund
gehende Gerüchte oder auf Pamphlets gründete, welche kein Censor
erlaubt, auf die kein Verfasser seinen Namen gesetzt und die kein
Buchhändler auszustellen wagte. Doch mag dies die richtige Lösung sein
oder nicht, soviel ist gewiß, daß die Stände nach einer zweimonatlichen
Session, während der, soweit es sich jetzt noch ermitteln läßt, der Name
Glencoe im Parlamentshause nicht ein einziges Mal erwähnt wurde, ruhig
auseinandergingen.


Fußnoten

[1] London Gazette vom 14. März 1692.

[2] Die Schweden kamen zwar noch, aber erst als der Feldzug zu Ende
war. London Gazette vom 10. Sept. 1691.

[3] Wilhelm an Heinsius, 14. (24.) März 1692.

[4] Wilhelm an Heinsius, 2. (12.) Febr. 1692.

[5] Wilhelm an Heinsius, 12. (22.) Jan. 1692.

[6] Wilhelm an Heinsius, 19. (29.) Jan. 1692.

[7] Burnet, II. 82, 83.; Correspondenz zwischen Wilhelm und Heinsius an
mehreren Stellen.

[8] +Mémoires de Torcy.+

[9] Wilhelm an Heinsius, 28. Oct. (8. Nov.) 1691.

[10] Wilhelm an Heinsius, 19. (29.) Jan. 1692.

[11] Seine Briefe an Heinsius sind voll von diesem Gegenstande.

[12] Siehe die Briefe aus Rom unter den +Nairne Papers+. Die von 1692
sind von Lytcott, die von 1693 vom Cardinal Howard, die von 1694 vom
Bischof Ellis, die von 1695 vom Lord Perth. Sie alle sprechen sich
übereinstimmend aus.

[13] Wilhelm's Correspondenz mit Heinsius; London Gazette vom 4. Febr.
1691. In einem 1693 erschienenen Pasquill, betitelt: »+La Foire
d'Ausbourg, Ballet Allégorique+«, wird der Kurfürst von Sachsen
folgendermaßen redend eingeführt:

  +»Moy, je diray naïvement,
  Qu'une jartière d'Angleterre
  Feroit tout mon empressement;
  Et je ne vois rien sur la terre
  Ou je trouve plus d'agrément.«+

[14] Wilhelm's Correspondenz mit Heinsius. In den Memoiren des Grafen
Dohna findet sich eine interessante Mittheilung über Schöning.

[15] Burnet +II.+ 84.

[16] +Narcissus Luttrell's Diary.+

[17] Monthly Mercury vom Januar und April 1693; Burnet +II.+ 84. In dem
Burnet-Manuscript, Harl. 6584, findet sich eine feurige Lobrede auf den
Kurfürsten von Baiern. Als das Manuscript geschrieben wurde, war er mit
England gegen Frankreich verbündet. In der Geschichte, welche zum Druck
vorbereitet wurde, als er mit Frankreich gegen England verbündet war,
ist die Lobrede weggelassen.

[18] »+Nec pluribus impar.+«

[19] +Mémoires de Saint-Simon;+ Dangeau; Racine's Briefe und Erzählung
betitelt: +Relation de ce qui s'est passé au Siège de Namur+; Monthly
Mercury vom Mai 1692.

[20] +Mémoires de Saint-Simon+; Racine an Boileau, 21. Mai 1692.

[21] Monthly Mercury für Juni; Wilhelm an Heinsius, 26. Mai (5. Juni)
1692.

[22] Wilhelm an Heinsius, 26. Mai (5. Juni) 1692.

[23] Monthly Mercuries von Juni und Juli 1692; London Gazette vom
Juni; Gazette de Paris; +Mémoires de Saint-Simon; Journal de Dangeau;+
Wilhelm an Heinsius, 30. Mai (9. Juni), 2. (12.) Juni, 11. (21.) Juni;
Vernon's Briefe an Colt, abgedruckt in Tindal's Geschichte; Racine's
Erzählungen und Briefe an Boileau vom 15. und 24. Juni.

[24] +Mémoires de Saint-Simon.+

[25] London Gazette vom 30. Mai 1692; +Mémoires de Saint-Simon; Journal
de Dangeau; Boyer's History of William III.+

[26] +Mémoires de Saint-Simon; Voltaire, Siècle de Louis XIV.+
Voltaire spricht mit einer wahrscheinlich gerechten Verachtung von
der Darstellung dieser Angelegenheit in den +Causes Célèbres+. Siehe
auch die Briefe der Frau von Sévigné während der Monate Januar und
Februar 1680. In mehreren englischen Schmähschriften wird Luxemburg
seiner Häßlichkeit wegen spottweise Aesop und in Anspielung auf seinen
Verkehr mit La Voisin ein Hexenmeister genannt. In einer jakobitischen
Allegorie heißt er der Nekromant Grandorsio. In +Narcissus Luttrell's
Diary+ vom Juni 1692 wird er ein Geisterbeschwörer genannt. Ich habe
einige englische Karrikaturen auf Luxemburg's Gestalt gesehen.

[27] +Mémoires de Saint-Simon; Mémoires de Villars;+ Racine an Boileau,
vom 21. Mai 1692.

[28] London Gazette vom 4., 8., 11. August 1692; Gazette de Paris, 9.,
16. Aug.; +Voltaire Siècle de Louis XIV.+; Burnet +II.+, 97; +Mémoires
de Berwick+; Dykvelt's Brief an die Generalstaaten vom 4. Aug. 1692.
Siehe auch die sehr interessante Debatte, welche am 21. Nov. 1692
im Hause der Gemeinen stattfand. Eine englische Uebersetzung von
Luxemburg's sehr sorgfältig ausgearbeiteter und gewandt geschriebener
Depesche findet man im Monthly Mercury vom September 1692. Das Original
ist unlängst in der neuen Ausgabe von Dangeau abgedruckt. Ludwig
erklärte sie für die beste Depesche, die er je gelesen. Der Herausgeber
des Monthly Mercury behauptet, sie sei in Paris fabricirt worden.
»Etwas Andres zu glauben,« sagt er, »ist Thorheit; als ob Luxemburg
so viel Zeit hätte haben können, einen so langen Brief zu schreiben,
mehr wie ein Schulfuchs denn wie ein General, oder vielmehr wie der
aufsichtführende Schüler in einer Schule, der seinem Lehrer über das
Betragen der anderen Knaben Bericht erstattet.« In dem Monthly Mercury
findet man auch die französische officielle Liste der Gefallenen und
Verwundeten. Von allen Berichten über die Schlacht scheint mir der
beste der in Feuquières' Memoiren enthaltene. Er ist durch eine Karte
erläutert. Feuquières theilt Lob und Tadel sehr unparteiisch zwischen
den Generälen. Die Traditionen der englischen Soldatentische hat
uns Sterne erhalten, der auf den Knien der alten Soldaten Wilhelm's
aufwuchs. »Die Regimenter Cutts',« fuhr der Korporal fort, indem er
den Zeigefinger der rechten Hand an den Daumen der linken legte und an
den Fingern weiter zählte, »die Regimenter Cutts', Mackay's, Angus',
Graham's und Leven's, Alle wurden in Stücke gehauen, und den englischen
Leibgarden wäre es nicht besser ergangen, wenn nicht einige Regimenter
von der Rechten muthig zu ihrer Rettung herbeigeeilt wären, welche das
Feuer des Feindes gerade ins Gesicht bekamen, noch ehe eines ihrer
Pelotons nur einen Schuß abgefeuert hatte. Sie werden dafür in den
Himmel kommen,« setzte Trim hinzu.

[29] +Voltaire, Siècle de Louis XIV.+

[30] Langhorne, der vornehmste Laienagent der Jesuiten in England,
wählte seine Werkzeuge, wie er Tillotson bekannte, stets nach diesem
Prinzip. Burnet +I.+ 230.

[31] Ich habe die Geschichte von Grandval's Complot hauptsächlich
seinem eignen Bekenntnisse entlehnt. Frau von Maintenon habe ich nicht
erwähnt, weil Grandval sie in seinem Bekenntnisse nicht erwähnt. Die
ihr zur Last gelegte Beschuldigung stützt sich einzig und allein auf
Dumont's Autorität. Siehe auch +A True Account of the horrid Conspiracy
against the Life of His most Sacred Majesty William III., 1692;
Reflections upon the late horrid Conspiracy contrived by some of the
French Court to murder His Majesty in Flanders, 1692+; Burnet +II.+
92; Vernon's Briefe aus dem Lager an Colt, veröffentlicht von Tindal;
London Gazette vom 11. August. Die Gazette de Paris enthält kein Wort
über den Gegenstand, -- ein sehr bezeichnendes Stillschweigen.

[32] London Gazette vom 20. und 24. October 1692.

[33] Siehe seinen Rapport bei Burchett.

[34] London Gazette vom 28. Juli 1692. Siehe die Beschlüsse des
Kriegsraths bei Burchett. In einem vom 10. Juli datirten Briefe an
Nottingham sagt Russell: »In sechs Wochen wird das was wir Sommer
nennen, so ziemlich zu Ende sein.« +Lords' Journals, Dec. 19. 1692.+

[35] Monthly Mercury, Aug. und Sept. 1692.

[36] +Evelyn's Diary, July 25. 1692;+ Burnet +II+. 94. 95., und
Lord Dartmouth's Note. Die Geschichte des Streits zwischen Russell
und Nottingham ist am besten aus den Protokollen und Debatten des
Parlaments von der Session 1692/93 zu ersehen.

[37] +Commons' Journals, Nov. 19. 1692; Burnet +II.+ 95; Grey's Debates,
Nov. 21. 1692;+ Pariser Gazette vom August und September; +Narcissus
Luttrell's Diary, Sept.+

[38] Siehe Bart's +Letters of Nobility+ und die Pariser Gazette vom
Herbst 1692.

[39] +Mémoires de Du Gay Trouin.+

[40] London Gazette vom 11. Aug. 1692; +Evelyn's Diary, Aug. 10+;
Monthly Mercury vom September; +A Full Account of the late dreadful
Earthquake at Port Royal in Jamaica, licensed Sept. 9. 1692.+

[41] +Evelyn's Diary, June 25., Oct. 1. 1690; Narcissus Luttrell's
Diary, June 1692, May 1693; Monthly Mercury, April, May, June 1693; Tom
Brown's Description of a Country Life, 1692.+

[42] +Narcissus Luttrell's Diary, Nov. 1692.+

[43] Siehe zum Beispiel die London Gazette vom 12. Jan. 1693.

[44] +Narcissus Luttrell's Diary, Dec. 1692.+

[45] +Ibid. Jan. 1693.+

[46] +Ibid. July 1692.+

[47] +Evelyn's Diary, Nov. 20. 1692; Narcissus Luttrell's Diary;+
London Gazette vom 24. Nov.; Hop an den Greffier der Generalstaaten,
18. (28.) Nov.

[48] London Gazette vom 19. Dec. 1692.

[49] +Narcissus Luttrell's Diary, Dec. 1692.+

[50] +Ibid. Nov. 1692.+

[51] +Ibid. Aug. 1692.+

[52] Hop an den Greffier der Generalstaaten, 23. Dec. (2. Jan.)
1692/93. Die holländischen Depeschen von diesem Jahre sind voll von
Geschichten von Räubereien.

[53] Hop an den Greffier der Generalstaaten, 23. Dec. (2. Jan.)
1692/93; +Historical Records of the Queen's Bays, published by
authority; Narcissus Luttrell's Diary, Nov. 15.+

[54] +Narcissus Luttrell's Diary, Dec. 22.+

[55] +Ibid. Dec. 1692;+ Hop, 3. (13.) Jan. Hop nennt Whitney »+den
befaamsten roover in Engelandt.+«

[56] London Gazette vom 2. Jan. 1692/93.

[57] +Narcissus Luttrell's Diary, Jan. 1692/93.+

[58] +Ibid. Dec. 1692+

[59] +Ibid. January, February;+ Hop, 31. Jan. (10. Febr.) und
3. (13. Febr.) 1693; Brief an den Sekretär Trenchard, 1694; +New Court
Contrivances or more Sham Plots still, 1693.+

[60] +Lords'+ und +Commons' Journals, Nov. 4., Jan. 1692.+

[61] +Commons' Journals, Nov. 10. 1692.+

[62] Siehe die +Lords' Journals+ vom 7. bis 18. Nov. 1692; Burnet
+II+. 102. Tindal's Darstellung dieser Vorgänge ist Briefen des
Unterstaatssekretärs Warre an Colt, Gesandten in Hannover, entnommen.
+Letter to Secretary Trenchard, 1694.+

[63] +Lords' Journals, Dec. 7.;+ Tindal, aus den Colt'schen Briefen;
Burnet +II.+ 105.

[64] +Grey's Debates, Nov. 21. 23. 1692.+

[65] +Grey's Debates, Nov. 21. 1692;+ Colt's Briefe in Tindal.

[66] Tindal, Colt's Briefe; +Commons' Journals, Jan. 11. 1692/93.+

[67] Colt's Briefe bei Tindal; +Lords' Journals+ vom 6. bis 19. Dec.
1692.

[68] Ueber die Vorgänge dieses Tages im Hause der Gemeinen sehe man die
Protokolle vom 20. Dec. und den Brief von Robert Wilmot, Mitglied für
Derby, an seinen Collegen, Anchitel Grey, in Grey's +Debates+.

[69] +Commons' Journals, Jan. 4. 1692/93.+

[70] Colt's Briefe bei Tindal; +Commons' Journals, Dec. 16, 1692, Jan.
11. 1692/93.+ Burnet +II.+ 104.

[71] Die heftige Antipathie des englischen Adels gegen die
holländischen Günstlinge wird in einer 1698 von Renaudot geschriebenen
höchst interessanten Note erwähnt, die sich in den Archiven des
französischen Ministeriums des Auswärtigen befindet.

[72] Colt's Briefe bei Tindal; +Lords' Journals, Nov. 28., 29. 1692,
Feb. 18., 24. 1692/93.+

[73] +Grey's Debates, Nov. 18. 1692; Commons' Journals Nov. 18., Dec.
1. 1692.+

[74] Siehe Cibbers' +Apologie+ und Mountford's +Greenwich Park+.

[75] Siehe Cibbers' +Apology+, Tom Brown's Werke und überhaupt die
Werke jedes Schöngeistes und Humoristen der Stadt.

[76] Das englische Wortspiel mit +fair+, was schön, aber auch
unparteiisch, ehrlich bedeutet, läßt sich im Deutschen nicht
wiedergeben. -- D. Uebers.

[77] Meine Hauptquelle für diesen Prozeß ist die in Howell's
Sammlung enthaltene Darstellung desselben. Man sehe ferner +Evelyn's
Diary+ unterm 4. Febr. 1692/93. Auch habe ich einige Umstände aus
+N. Luttrell's Diary+, aus einem Briefe an Sancroft, der sich unter den
Tanner-Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek befindet, und aus
zwei Briefen von Brewer an Wharton, ebenfalls in der Bodlejanischen
Bibliothek, entnommen.

[78] +Commons' Journals, Nov. 14. 1692.+

[79] +Commons' Journals+ von dieser Session, namentlich vom 17. Nov.,
10. Dec., 25. Febr. und 3. März; Colt's Briefe bei Tindal.

[80] +Commons' Journals, Dec. 10.;+ Colt's Briefe bei Tindal.

[81] Siehe +Coke's Institutes+, Theil II, Kap. 1. Im Jahre 1566 betrug
eine Subsidie 120,000 _l._, im Jahre 1598 78,000 _l._; als Coke seine
+Institutes+ schrieb, gegen das Ende der Regierung Jakob's I. 70,000
_l._ Clarendon sagt uns, daß 1640 zwölf Subsidien auf ungefähr 600,000
_l._ geschätzt wurden.

[82] Siehe die alten Grundsteueracten und die Debatten über die
Grundsteuerablösungsbill von 1798.

[83] +Lord's Journals, Jan. 16, 17, 18, 19. 20.; Commons' Journals,
Jan. 17, 18, 20. 1692;+ Tindal, aus den Colt'schen Briefen; Burnet
+II+. 104, 105. Burnet hat sich eines unrichtigen Ausdrucks bedient,
den Tindal, Ralph und Andere abgeschrieben haben. Er sagt, die Frage
sei gewesen, ob die Lords sich selbst besteuern sollten. Die Lords
machten in keiner Weise das Recht geltend, den Betrag, der ihnen durch
die Bill, wie sie ihnen zugesandt wurde, aufgelegten Besteuerung
abzuändern. Sie verlangten bloß, daß ihre Güter nicht durch die
gewöhnlichen Commissare, sondern durch Specialcommissare höheren Ranges
abgeschätzt werden sollten.

[84] +Commons' Journals, Dec. 2. (12.) 1692.+

[85] Diese Darstellung des Ursprungs des Actienschwindels in der City
von London habe ich hauptsächlich nach einer höchst interessanten
periodischen Schrift, betitelt: +»Collection for the Improvement of
Husbandry and Trade, by J. Houghton, F. R. S.«+ entworfen. Sie ist
thatsächlich eine wöchentliche Geschichte der Handelsspekulationen
jener Zeit. Ich habe mehrere Jahrgänge durchgesehen. In Nr. 33, vom
17. März 1692/93, sagt Houghton: »Das Kaufen und Verkaufen von Actien
ist einer der großen jetzt florirenden Handelszweige. Ich finde aber,
daß sehr Viele nichts davon verstehen.« Unterm 13. und 22. Juni 1694
schildert er den ganzen Prozeß des Börsenspiels. Unterm 13. Juli des
nämlichen Jahres spricht er zuerst von Zeitkäufen. Wer über die im
Texte genannten Compagnien Näheres wissen will, der lese Houghton's
Sammlung und eine 1695 erschienene Flugschrift, betitelt: +Angliae
Tutamen.+

[86] +Commons' Journals; Stat. 4. W. & M. C. 3.+

[87] Siehe eine höchst bedeutsame Anmerkung in Hume's +History of
England,+ Anhang +III+.

[88] +Wealth of Nations,+ Buch +V+. Kap. 3.

[89] Wesley fiel diese Anomalie im Jahre 1745 auf. Siehe sein Tagebuch.

[90] Pepys, 10. Juni 1668.

[91] Siehe die Politik, +IV+. 13.

[92] Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses der Lords.

[93] +Lords' Journals, Jan. 3. (13.) 1692/93.+

[94] +Introduction to the Copies and Extracts of some Letters written
to and from the Earl of Danby, now Duke of Leeds, published by His
Grace's Direction, 1710.+

[95] +Commons' Journals; Grey's Debates.+ Die Bill selbst befindet sich
in den Archiven des Hauses der Lords.

[96] +Dunton's Life and Errors, Autobiography of Edmund Bohun,+
privatim gedruckt 1693. Diese Selbstbiographie ist im höchsten Grade
merkwürdig und interessant.

[97] +Vox Cleri+, 1689.

[98] Bohun war der Verfasser der unmittelbar nach der Revolution
erschienenen +History of the Desertion+. In diesem Werke entwickelt er
seine Lieblingstheorie. »Ich für meinen Theil,« sagt er, »bin erstaunt
darüber, wie Jemand Bedenken tragen kann, sich dem gegenwärtigen Könige
zu unterwerfen, denn wenn je ein Mensch gerechte Ursache hatte, einen
Krieg zu beginnen, so war er es, und dies begründet ein Recht auf das
was dadurch gewonnen wird. Indem der König seine Armee zurückzog und
auflöste, trat er ihm den Thron ab, und wenn er denselben ohne weiteres
bestiegen hätte, so hätte er nicht mehr gethan als alle anderen Fürsten
unter gleichen Umständen gethan haben würden.«

[99] +Character of Edmund Bohun, 1692+.

[100] Dryden spricht in seinem +Life of Lucian+ in zu überschwenglichen
Ausdrücken von Blount's Talenten. Aber Dryden's Urtheil war parteiisch,
denn Blount's erstes Werk war ein Pamphlet zur Vertheidigung der
»Eroberung von Granada.«

[101] Siehe seinen +Appeal from the Country to the City for the
Preservation of His Majesty's Person, Liberty, Property, and the
Protestant Religion+.

[102] Siehe den Artikel über Apollonius in Bayle's +Dictionary+. Ich
sage Blount übersetzte nach der lateinischen Uebersetzung, denn sein
Werk enthält zahlreiche Beweise, daß er nicht fähig war, aus dem
Griechischen zu übersetzen.

[103] Siehe Gildon's Ausgabe von Blount's Werken, 1695.

[104] Wood's +Athenae Oxonienses+ unter dem Namen Heinrich Blount (Karl
Blount's Vater); Lestrange's »Observator,« Nro. 290.

[105] Diese Piece wurde 1695 von Gildon in Blount's Werken abgedruckt.

[106] Daß Bount's Plagiarismus nur von wenigen seiner Zeitgenossen
entdeckt wurde, ist nichts Wunderbares. Das aber ist wunderbar, daß
seine +Just Vindication+ in der +Biographia Britannica+ warm gelobt
wurde, ohne die mindeste Andeutung, daß alles Gute darin gestohlen
ist. Die +Areopagitica+ sind nicht das einzige Werk, das er bei dieser
Gelegenheit plünderte. Auch aus Bacon entnahm er eine schöne Stelle,
ohne die Quelle anzuführen.

[107] Ich stehe nicht an, dieses Pamphlet Blount zuzuschreiben,
obgleich es von Gildon in seinen Werken nicht aufgenommen wurde.
Wenn Blount es wirklich nicht schrieb, so mußte es doch sicherlich
unter seiner Leitung geschrieben worden sein. Daß zwei Literaten ohne
Verabredung binnen kurzer Zeit zwei Abhandlungen hätten veröffentlichen
sollen, von denen die eine aus der einen Hälfte der Areopagitica, die
andre aus der andren Hälfte compilirt war, ist unglaublich. Es wird
sich nachher zeigen, warum Gildon es nicht für gut fand, das zweite
Pamphlet abzudrucken.

[108] Bohun's Selbstbiographie.

[109] Bohun's Selbstbiographie; +Commons' Journals, Jan. 20. 1692/93.+

[110] Bohun's Selbstbiographie; +Commons' Journals, Jan. 20. 21.
1692/93.+

[111] Oldmixon; +Narcissus Luttrell's Diary,+ Nov. und Dec. 1692;
Burnet +II.+ 334; +Bohun's Autobiography.+

[112] +Burn it, Burn it!+ ein Wortspiel auf Burnet. -- D. Uebers.

[113] +Grey's Debates; Commons' Journals, Jan. 21. 23. 1692/93. Bohun's
Autobiography; Kennet's Life and Reign of King William and Queen Mary.+

[114] »Die Meisten bedauerten den Bischof.« -- Bohun's Selbstbiogr.

[115] Der Beschluß der Gemeinen ist mit großer Wehmuth in den Memoiren
erwähnt, welche Burnet damals schrieb. »Es sah,« sagt er, »ziemlich
sonderbar aus, daß ich, der ich von meinem ersten Auftreten an
unter allen Schriftstellern des Jahrhunderts vielleicht der größte
Vertheidiger der öffentlichen Freiheit war, mit solcher Härte als
ein Feind derselben behandelt wurde. Das kam jedoch daher, weil die
Tories mich nie leiden konnten und die Whigs mich haßten, weil ich
nicht in ihre Ideen und Leidenschaften einging. Aber weder dies,
noch Schlimmeres, das mir vielleicht begegnet, soll hoffentlich im
Stande sein, mich von den gemäßigten Prinzipien und der gerechten
Vertheidigung der Freiheit des Menschengeschlechts abweichen zu
lassen.« Burnet-Mscr. Harl. 6584.

[116] +Commons' Journals, Feb. 27 1692/93; Lords' Journals, Mar. 4.+

[117] +Lords' Journals, March 8. 1692/93.+

[118] In dem Artikel über Blount in der +Biographia Britannica+
wird ihm lobend eine Hauptrolle bei der Emancipation der Presse
zugeschrieben. Aber der Verfasser war bezüglich der Facta sehr
unvollkommen unterrichtet. Es ist auffällig, daß die Umstände
von Blount's Tode so ungewiß sind. Daß er an einer sich selbst
beigebrachten Wunde starb, und daß er lange siechte, sind unbestrittene
Thatsachen. Die allgemein verbreitete Meinung war, daß er sich habe
erschießen wollen, und Narcissus Luttrell machte damals in seinem
Tagebuche eine dahin lautende Notiz. Pope dagegen, der die beste
Gelegenheit hatte, sich genau zu unterrichten, behauptet, »daß Blount,
der in eine nahe Verwandte von ihm verliebt gewesen, aber verschmäht
worden war, sich einen Stich in den Arm beibrachte, mit dem Vorsatze
sich das Leben zu nehmen, an dessen Folgen er wirklich starb.« -- +Note
on the Epilogue to the Satires, Dialogue I.+ Warburton, der erst mit
den Helden der Dunciade und dann mit den ausgezeichnetsten Gelehrten
seiner Zeit Umgang gehabt hatte, mußte die Wahrheit wohl kennen, und
er bestätigt durch sein Stillschweigen Pope's Versicherung. Gildon's
Rhapsodie über den Tod seines Freundes paßt auf jede der beiden
Geschichten.

[119] Die gegen Coningsby erhobenen Beschuldigungen findet man in
den Protokollen der beiden Häuser des englischen Parlaments. Diese
Beschuldigungen wurden nach Verlauf eines Vierteljahrhunderts von
Prior, den Coningsby mit großer Rücksichtslosigkeit und Härte behandelt
hatte, in Verse gebracht. Ich will einige Strophen anführen. Man wird
sehen, daß der Dichter sich herabließ, den Styl der Straßenballaden
nachzuahmen:

  »Dem Nero, dem Tyrannen, der
  In nun vergangner Zeit
  Regiert' in Irland weit umher
  Sei dieses Lied geweiht.

           *       *       *       *       *

  Dem unvergleichbar'n Peer gebricht,
  -- Sucht im Archive nur --
  Es auch an Klagartikeln nicht,
  Leicht findet Ihr die Spur.«

Hierauf wird die Geschichte von Gafney erzählt. Coningsby's
Spekulationen werden folgendermaßen geschildert:

  »Gar große Massen Güter sackt
  Er in die Taschen ein;
  Des Königs Gut wird angepackt
  Und Alles nennt er sein.

  Verwirktes Gut auch zieht er ein,
  Grundeigenthum und Geld;
  Wo jenes ist, muß dies auch sein,
  Der Cerberus Alles hält.«

Die letzte Beschuldigung hat die den Katholiken gewährten
Begünstigungen zum Gegenstande:

  »Papisten hat er allezeit,
  Ganz unverhohl'n gepflegt,
  Trotzdem sie raubten weit und breit,
  Beschützt sie und gehegt.

  Der Protestant, durch Nero's Schuld
  Geplündert und beraubt,
  Er mußte schweigen in Geduld
  Wie Hiob schwieg und glaubt'.

  Denn schnöde schlug er diesem ab
  Rechtsbeistand und Gericht,
  Und schützte nur mit mildem Stab
  Den röm'schen Bösewicht.«

[120] +An Account of the Sessions of Parliament in Ireland,
1692, London, 1693.+

[121] Die Poyningsacte ist 10 H. 7. C. 4. Sie war durch eine
andere Acte, 3 und 4 P. und M., C. 4 erläutert.

[122] Die Geschichte dieser Session habe ich den Protokollen
der irischen Lords und Gemeinen, den den englischen Lords und Gemeinen
von Mitgliedern des irischen Parlaments vorgelegten schriftlichen
Erzählungen und einer Flugschrift, betitelt: +A Short Account of the
Sessions of Parliament in Ireland, 1692, London 1693,+ entnommen.
Burnet scheint mir (+II+. 118) eine richtige Ansicht von dem Streite
gehabt zu haben. »Die Engländer in Irland glaubten die Regierung
begünstige die Irländer zu sehr; Einige meinten, es sei dies eine
Folge von Bestechungen, Andere hielten es für nothwendig, sich gegen
Verfolgungen der Engländer zu sichern, welche sie haßten und heftig
gegen sie erbittert waren... Auch wurde sehr über schlechte Verwaltung
geklagt, namentlich in Bezug auf die Staatseinkünfte, auf die Besoldung
der Armee und auf die Unterschlagung von Vorräthen.«

[123] Ueber Swift's Abkunft und Jugendjahre sehe man die von
ihm selbst geschriebenen Anekdoten.

[124] +Journal to Stella, Letter LIII.+

[125] Siehe Swift's Brief an Temple vom 6. Oct. 1694.

[126] +Journal to Stella, Letter XIX.+

[127] +Swift's Anecdotes.+

[128] London Gazette vom 27. März 1693.

[129] Siehe Seite 58 im II. Kapitel. -- D. Uebers.

[130] Burnet +II+. 108 und Sprecher Onslow's Note; +Sprat's
True Account of the Horrid Conspiracy; Letter to Trenchard. 1694.+

[131] Burnet +II+. 107.

[132] Diese Gerüchte werden in Narcissus Luttrell's Tagebuche
mehr als ein Mal erwähnt.

[133] London Gazette vom 27. März 1693; +Narcissus Luttrell's
Diary.+

[134] Burnet +II+. 123; +Carstairs Papers.+

[135] +Register of the Actings or Proceedings of the General
Assembly of the Church of Scotland, held at Edinburgh, Jan. 15. 1692,
collected and extracted from the Records by the Clerk there of.+ Dieser
interessante Bericht wurde 1852 zum ersten Male gedruckt.

[136] +Act. Parl. Scot. June 12. 1693.+

[137] +Act. Parl. Scot. June 15. 1693.+

[138] Dem Herausgeber der +Carstairs Papers+ war
augenscheinlich, gleichviel aus welchem Grunde, sehr darum zu thun,
diese notorische und in die Augen springende Wahrheit zu entstellen. Er
hat deshalb einigen Briefen Johnstone's Inhaltsangaben vorausgeschickt,
welche unaufmerksame Leser täuschen können. So schrieb zum Beispiel
Johnstone an Carstairs unterm 18. April, als man noch nicht wußte, daß
die Session eine ruhige sein werde: »Man bietet alles Mögliche auf und
wird auch ferner alles Mögliche aufbieten, um die Dinge zu verwirren.«
Des Herausgebers Inhaltsangabe von diesem Briefe lautet folgendermaßen:
»Kunstgriffe, welche angewendet werden, um die auf Glencoe bezüglichen
Angelegenheiten zu verwirren.« Ferner beklagte sich Johnstone in einem
einige Wochen später geschriebenen Briefe, daß die Liberalität und
Willfährigkeit der Stände nicht gebührend gewürdigt worden sei. »Es
soll nichts geschehen,« sagt er, »um dem Parlamente Genugthuung zu
verschaffen, ich meine was es als eine Genugthuung betrachtet haben
würde.« Der Herausgeber giebt den Inhalt dieses Briefes wie folgt an:
»Klagen, daß das Parlament nicht durch eine Untersuchung über das
Gemetzel von Glencoe zufriedengestellt wird.«


  Stereotypie und Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.



Zwanzigstes Kapitel.

Wilhelm und Marie.



Inhalt.

                                                                   Seite
  Zustand des Hofes von Saint-Germains                                 5
  Gesinnung der Jakobiten. Die Vergleicher                             8
  Die Nichtvergleicher                                                 8
  Ministerwechsel in Saint-Germains. Middleton                        10
  Jakob erläßt eine neue Erklärung                                    12
  Eindruck der neuen Erklärung                                        14
  Rüstungen der Franzosen für den Feldzug                             16
  Gründung des St. Ludwigsordens                                      16
  Middleton's Bericht über Versailles                                 16
  Wilhelm's Rüstungen für den Feldzug                                 18
  Ludwig rückt in's Feld                                              18
  Ludwig kehrt nach Versailles zurück                                 19
  Manövers Luxemburg's                                                20
  Schlacht bei Landen                                                 21
  Vernichtung der Smyrna-Flotte                                       26
  Aufregung in London                                                 28
  Jakobitische Libelle; Wilhelm Anderton                              29
  Schriften und Kunstgriffe der Jakobiten                             32
  Verhalten Caermarthen's                                             34
  Der Ostindischen Compagnie eine neue Concession verliehen           35
  Wilhelm's   Rückkehr nach England; militärische Erfolge
   Frankreich's                                                       36
  Noth in Frankreich                                                  37
  Ein Ministerium nothwendig für die parlamentarische Regierungsform  40
  Allmälige Bildung des ersten Ministeriums                           42
  Sunderland                                                          43
  Sunderland räth dem Könige den Whigs den Vorzug zu geben            46
  Gründe für die Bevorzugung der Whigs                                47
  Häupter der Whigpartei; Russell                                     48
  Somers                                                              49
  Montague                                                            51
  Wharton                                                             54
  Häupter der Torypartei                                              57
  Harley                                                              58
  Foley                                                               61
  Howe                                                                61
  Zusammentritt des Parlaments                                        62
  Debatten über die Unfälle zur See                                   62
  Russell erster Lord der Admiralität                                 64
  Nottingham's Rücktritt                                              64
  Shrewsbury will kein Amt annehmen                                   64
  Debatten über den Handel mit Indien                                 65
  Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen      68
  Die Dreijährigkeitsbill                                             68
  Die Stellenbill                                                     70
  Bill zur Naturalisirung ausländischer Protestanten                  73
  Geldbewilligung                                                     75
  Wege und Mittel; Lotterieanlehen                                    75
  Die Bank von England                                                77
  Prorogation des Parlaments; ministerielle Arrangements              86
  Shrewsbury Staatssekretär                                           86
  Verleihung neuer Titel                                              87
  Kriegsplan der Franzosen                                            88
  Kriegsplan England's                                                88
  Expedition gegen Brest                                              89
  Operationen im Mittelländischen Meere                               92
  Krieg zu Lande                                                      94
  Klagen über Trenchard's Verwaltung                                  94
  Die gerichtlichen Verfolgungen in Lancashire                        95
  Zusammentritt des Parlaments                                        98
  Tillotson's Tod                                                     99
  Tenison, Erzbischof von Canterbury                                 100
  Debatten über die gerichtlichen Verfolgungen in Lancashire         100
  Die Stellenbill                                                    101
  Die Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen       102
  Die Dreijährigkeitsbill angenommen                                 102
  Tod Mariens                                                        102
  Mariens Leichenbegängniß                                           105
  Gründung des Greenwich-Hospitals                                   106


[_Zustand des Hofes von Saint-Germains._] Es ist jetzt Zeit die
Vorgänge zu erzählen, die seit der Schlacht von La Hogue in
Saint-Germains stattgefunden hatten.

Jakob war, nachdem er die Flotte, die ihn in sein Königreich
zurückbringen sollte, bis zum Wasserspiegel hatte niederbrennen sehen,
nicht in der besten Laune in seine Residenz bei Paris zurückgekehrt.
Das Unglück machte ihn gewöhnlich nach seiner Weise fromm, und er
darbte und kasteiete sich jetzt dergestalt, daß seine Seelsorger
genöthigt waren sich ins Mittel zu legen.[1]

Man kann sich schwer einen traurigeren Ort denken als Saint-Germains
zu der Zeit war, als er sein Hoflager dort hielt, und doch gab es in
ganz Europa fast keine beneidenswerthere Residenz als die, welche der
hochherzige Ludwig der Familie angewiesen hatte, die ihn um Beistand
angefleht. Sie hatte prächtige Wälder, eine reine gesunde Luft und
weite liebliche Fernsichten, keine Annehmlichkeit des Landlebens fehlte
und die Thürme der prächtigsten Stadt des Continents zeigten sich in
der Ferne. Die königlichen Gemächer waren mit Tapeten und Schnitzwerk,
mit silbernen Vasen und Spiegeln in Goldrahmen glänzend ausgeschmückt.
Alljährlich erhielt Jakob aus dem französischen Staatsschatze eine
Pension von über vierzigtausend Pfund. Außerdem hatte er eine aus den
schönsten Soldaten Europa's bestehende Ehrenwache. Wenn er sich mit der
Jagd unterhalten wollte, stand ihm eine viel glänzendere Einrichtung
zu Gebote, als er sie selbst besessen, da er noch an der Spitze eines
großen Reiches stand, ein Heer von Jägern und Falkonieren, eine reiche
Sammlung von Flinten, Speeren, Histhörnern und Zelten, meilenlange
Netze, Parforcehunde, Fuchshunde, Windhunde, Koppeln für Eber und
Wölfe, Geierfalken für den Reiher und Hagerfalken für die wilde
Ente. Sein Empfangszimmer und sein Vorzimmer waren eben so prächtig
eingerichtet, als er es in Whitehall gewohnt gewesen war; auch hier war
er von blauen Bändern und weißen Stäben umgeben. Doch über dem Schlosse
und der ganzen Domäne lagerte eine beständige Trauer, zum Theil die
Folge schmerzlichen Sehnens und vereitelter Hoffnungen, besonders aber
des jämmerlichen Aberglaubens, der seinen Geist vollständig eingenommen
hatte und den auch fast alle Diejenigen erheuchelten, die nach seiner
Gunst strebten. Sein Palast hatte das Aussehen eines Klosters. Es
befanden sich drei zu Andachtsübungen bestimmte Räume innerhalb des
großen Gebäudes, und dreißig bis vierzig Geistliche wohnten darin,
deren Gemächer von den Noblemen und Gentlemen, welche das Loos ihres
Souverains getheilt hatten und denen es hart dünkte, daß sie, während
so viel Platz unter seinem Dache war, in den Mansarden der benachbarten
Stadt schlafen mußten, mit neidischen Blicken betrachtet wurden. Zu
den Murrenden gehörte auch der glänzende Anton Hamilton. Er hat uns
eine Skizze des Lebens in Saint-Germains hinterlassen, zwar eine nur
flüchtige Skizze, aber des Künstlers nicht unwürdig, dem wir das
vollendetste und lebensvollste Gemälde des englischen Hofes aus den
Tagen seiner heitersten Blüthe verdanken. Er sagt, daß das Leben eine
ununterbrochene Kette religiöser Uebungen gewesen sei, daß man, um in
Frieden zu existiren, den halben Tag habe beten oder sich doch betend
stellen müssen; daß, wenn er einmal versucht habe, seine Melancholie zu
verscheuchen, indem er auf der prächtigen Terrasse, die auf das Thal
der Seine hinabsieht, ein wenig frische Luft schöpfte, er durch die
Stimme eines Jesuiten vertrieben worden sei, der einige protestantische
Loyale ins Gebet genommen, um ihnen zu beweisen, daß kein Ketzer in
den Himmel kommen könne. In der Regel, sagt Hamilton, haben Leute,
auf denen ein gemeinsames Mißgeschick lastet, starke gegenseitige
Sympathien und sind geneigt, einander Gefälligkeiten zu erzeigen. In
Saint-Germains war dem nicht so. Dort war Alles Zwietracht, Eifersucht
und Bitterkeit. Böswilligkeit verbarg sich unter dem äußeren Scheine
der Freundschaft und Frömmigkeit. Alle die Frommen des königlichen
Hauses beteten für einander und verleumdeten einander vom frühen Morgen
bis in die späte Nacht. Hier und da bemerkte man unter dem Schwarme
der Heuchler wohl auch einen Mann, der zu edeldenkend war, um sich
verstellen zu können. Aber ein solcher Mann konnte darauf rechnen, von
den Bewohnern jenes unheimlichen Aufenthaltsortes mit Geringschätzung
behandelt zu werden, mochte er auch anderwärts noch so vortheilhaft
bekannt sein.[2]

So sah es nach der Schilderung eines Katholiken am Hofe Jakob's
aus. War der Aufenthalt an diesem Hofe schon für einen Katholiken
unangenehm, so war er für einen Protestanten noch viel unangenehmer.
Denn der Protestant hatte außer all' den Widerwärtigkeiten, über welche
der Katholik klagte, eine Menge Kränkungen zu ertragen, von denen der
Katholik frei war. Bei jeder Concurrenz zwischen einem Protestanten
und einem Katholiken wurde der Katholik vorgezogen. Bei jedem Streite
zwischen einem Protestanten und einem Katholiken wurde angenommen, daß
der Katholik Recht habe. Während der ehrgeizige Protestant vergebens
auf Beförderung wartete, während der vergnügungssüchtige Protestant
sich vergebens nach Unterhaltung umsah, sah sich der ernste Protestant
vergebens nach geistlichen Belehrungen und Tröstungen um. Jakob würde
gewiß den Mitgliedern der englischen Kirche, die um seinetwillen Alles
aufgeopfert hatten, leicht haben die Erlaubniß auswirken können,
sich in aller Stille in einem bescheidenen Betzimmer zu versammeln
und das Brot und den Wein des heiligen Abendmahls aus den Händen
eines ihrer Geistlichen zu empfangen; aber er wollte seine Residenz
durch solche gottlose Andachtsübungen nicht schänden lassen. Doctor
Dennis Grandville, der lieber die reichste Dechanei, das reichste
Archidiaconat und eine der reichsten Pfründen in England aufgegeben,
als daß er die Eide geleistet hatte, erregte großes Aergerniß
durch das Ansuchen, den Verbannten seiner Glaubensrichtung Gebete
vorlesen zu dürfen. Sein Gesuch wurde abgeschlagen, und er wurde
von den Kaplanen seines Gebieters und deren Anhängern so gröblich
insultirt, daß er gezwungen war, Saint-Germains zu verlassen. Damit
kein zweiter anglikanischer Doctor in ähnlicher Weise lästig fiele,
schrieb Jakob seinen Agenten in England, er wünsche nicht, daß noch
ein protestantischer Theolog zu ihm herüberkomme.[3] Der überwiegende
Klerus wurde sogar in seinem Palaste noch ärger verhöhnt und geschmäht,
als in dem seines Neffen. Wenn irgend Jemand Anspruch darauf hatte,
in Saint-Germains mit Achtung genannt zu werden, so war es gewiß
Sancroft. Es hieß jedoch, daß die dort versammelten Bigotten nur mit
Widerwillen und Abscheu von ihm sprächen. Das Opfer der höchsten
Stelle in der Kirche, der ersten Stelle in der Pairie, des Palastes in
Lambeth und des Palastes in Croydon, eines ausgedehnten Patronats und
eines jährlichen Einkommens von mehr als fünftausend Pfund Sterling,
galt für eine geringfügige Sühne für das große Verbrechen, bescheidene
Einwendungen gegen die Indulgenzerklärung gemacht zu haben. Sancroft
wurde für einen eben solchen Verräther und für einen eben solchen
Bußfertigen erklärt wie Judas Ischariot gewesen war. Der alte Heuchler,
sagte man, habe, während er Ehrerbietung und Liebe zu seinem Gebieter
zur Schau getragen, den Feinden seines Gebieters das verderbliche
Zeichen gegeben. Als das Unheil angerichtet und nicht mehr gut zu
machen gewesen sei, habe das Gewissen den Sünder zu quälen begonnen. Er
habe, wie sein Vorbild, sich Vorwürfe gemacht und gejammert. Er habe,
wie sein Vorbild, seinen Reichthum Denen vor die Füße geworfen, deren
Werkzeug er gewesen sei. Das Beste was er jetzt thun könne sei, die
Parallele vollständig zu machen, indem er sich aufhänge.[4]

Jakob scheint der Meinung gewesen zu sein, daß er den Ketzern, die
um seinetwillen Vermögen, Vaterland und Familie aufgegeben, keinen
größeren Beweis von Güte geben könne, als indem er sie auf ihren
Sterbebetten von seinen Priestern heimsuchen ließe. Wenn ein an Körper
und Geist hoffnungslos krank darniederliegender Mann, von dem Gesumme
schlechter Logik und schlechter Rhetorik betäubt, sich eine Hostie
in den Mund zwingen ließ, so wurde dem Hofe triumphirend ein großes
Werk der Gnade verkündet und der Neubekehrte mit allem religiösen
Pompe begraben. Wenn aber ein Royalist vom höchsten Range und vom
makellosesten Character als treuer Anhänger der englischen Kirche
starb, so wurde auf freiem Felde eine Grube gegraben und er wurde
mitten in der Nacht hineingeworfen und mit Erde zugedeckt wie ein
Stück Aas. Eine solche Beerdigung wurde dem Earl von Dunfermline zu
Theil, der dem Hause Stuart mit Gefahr seines Lebens und mit Verlust
seines ganzen Vermögens gedient, der bei Killiecrankie gefochten und
nach dem Siege die noch athmenden Ueberreste Dundee's aufgehoben
hatte. Bei seinen Lebzeiten war er schimpflich behandelt worden.
Die schottischen Offiziere, welche lange unter ihm gedient, hatten
vergebens darum gebeten, daß, wenn sie zu einer Compagnie formirt
werden sollten, er auch ferner ihr Anführer bleiben möge. Seine
Religion war als ein fataler Unfähigkeitsgrund angesehen worden. Ein
unwürdiger Abenteurer, dessen einzige Empfehlung darin bestand, daß
er ein Papist war, wurde eingezogen. Dunfermline erschien noch eine
kurze Zeit lang in dem Zirkel, welcher den Fürsten umgab, dem er nur
zu treu gedient hatte; aber es half ihm nichts. Die Bigotten, die den
Hof beherrschten, verweigerten dem zu Grunde gerichteten und aus seinem
Vaterlande vertriebenen Lord die Mittel zu seinem Unterhalte; er starb
an gebrochenem Herzen, und sie verweigerten ihm sogar ein Grab.[5]


[_Gesinnung der Jakobiten. Die Vergleicher._] Die der protestantischen
Religion in Saint-Germains täglich zugefügten Insulten machten einen
großen Eindruck in England. Die Whigs fragten triumphirend, ob es
nicht klar sei, daß der alte Tyrann gänzlich unverbesserlich sei, und
selbst unter den Eidverweigerern beobachteten Viele sein Verfahren
mit Beschämung, Abscheu und Besorgniß.[6] Die jakobitische Partei
war von Anfang an in zwei Sectionen zerfallen, welche einige Jahre
nach der Revolution als die Vergleicher (+Compounders+) und die
Nichtvergleicher (+Noncompounders+) bekannt zu werden begannen. Die
Vergleicher waren Diejenigen, welche eine Restauration wünschten,
aber eine von einer allgemeinen Amnestie und von Bürgschaften für die
Sicherheit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs
begleitete Restauration. Die Nichtvergleicher hielten es für offenbaren
Whiggismus, für offenbare Rebellion, die unglückliche Lage Sr. Majestät
dazu zu benutzen, ihm Bedingungen vorzuschreiben. Es sei die klar am
Tage liegende Pflicht seiner Unterthanen, ihn zurückzuführen. Welche
Verräther er bestrafen und welche Verräther er schonen, welche Gesetze
er beobachten und von welchen Gesetzen er sich dispensiren würde, das
seien Fragen, die er allein zu entscheiden habe. Wenn er sie falsch
entschiede, so habe er seinen Irrthum vor Gott und nicht vor seinem
Volke zu verantworten.


[_Die Nichtvergleicher._] Die Hauptmasse der englischen Jakobiten waren
mehr oder weniger Vergleicher. Die reinen Nichtvergleicher fanden sich
hauptsächlich unter den Römischkatholischen, denen ganz natürlich
nicht darum zu thun war, Sicherheit für eine Religion, die sie für
ketzerisch hielten, oder für eine Regierungsform zu erlangen, von deren
Wohlthaten sie ausgeschlossen waren. Auch gab es einige protestantische
Eidverweigerer, wie Kettlewell und Hickes, welche der Theorie Filmer's
entschlossen bis zu ihren äußersten Consequenzen folgten. Aber
obgleich Kettlewell seine Landsleute zu überzeugen versuchte, daß die
monarchische Regierungsform von Gott angeordnet sei, nicht als ein
Mittel, sie hienieden glücklich zu machen, sondern als ein Kreuz,
das sie anzunehmen und in der Hoffnung, im Jenseits für ihre Leiden
belohnt zu werden, zu tragen verpflichtet seien, und obgleich Hickes
ihnen versicherte, daß es in der ganzen Thebanischen Legion nicht einen
einzigen Vergleicher gegeben habe, so waren doch sehr wenige Anhänger
der Staatskirche geneigt, sich zu keinem andren Zwecke als um die Hohe
Commission und das Dispensationsrecht wiederherzustellen, dem Tode am
Galgen auszusetzen.

Die Vergleicher bildeten die Hauptstärke der jakobitischen Partei in
England; aber die Nichtvergleicher hatten bisher in Saint-Germains
die ungetheilte Herrschaft besessen. Kein Protestant, kein gemäßigter
Katholik, Niemand, der nur anzudeuten wagte, daß ein Gesetz der
königlichen Prärogative Fesseln anlegen könne, hatte von dem verbannten
Könige die geringste Gunstbezeigung zu erwarten. Die Priester und der
Apostel Melfort, der erklärte Feind der protestantischen Religion und
der bürgerlichen Freiheit, der Parlamente, der Geschwornengerichte und
der Habeascorpusacte, waren im ausschließlichen Besitz des königlichen
Ohres. Herbert wurde Kanzler genannt, hatte den Vortritt vor den
übrigen Staatsbeamten, trug eine mit Gold gestickte schwarze Robe und
führte ein Siegel; aber er war Mitglied der englischen Kirche und
deshalb hatte er keinen Sitz im Staatsrathe.[7]

Die Sache war die, daß die Fehler von Jakob's Geist und Herz unheilbar
waren. Seiner Ansicht nach konnte zwischen ihm und seinen Unterthanen
keine Gegenseitigkeit der Verpflichtung stattfinden. Es war ihre
Schuldigkeit, Eigenthum, Freiheit und Leben zu wagen, um ihn wieder
auf den Thron zu bringen, und dann geduldig zu tragen, was er über
sie zu verhängen für gut finden würde. Sie hatten vor ihm nicht mehr
Anspruch auf Verdienst, als vor Gott. Wenn sie Alles gethan hatten,
waren sie immer noch werthlose Knechte. Das höchste Lob, das dem
Royalisten gebührte, der sein Blut auf dem Schlachtfelde oder auf dem
Blutgerüst für die erbliche Monarchie vergoß, bestand einfach darin,
daß er kein Hochverräther war. Nach all' den harten Lehren, die der
entthronte König erfahren, war er noch immer eben so geneigt, die
englische Kirche auszuplündern und zu erniedrigen, wie an dem Tage, da
er den knieenden Fellows des Magdalenencollegiums sagte, sie sollten
ihm aus den Augen gehen, oder an dem Tage, wo er die Bischöfe in den
Tower schickte. Er pflegte zu sagen, daß er lieber sterben wolle,
ohne England wiederzusehen, als mit Denen kapituliren, denen er zu
befehlen habe.[8] In der Erklärung vom April 1692 zeigt sich der ganze
Mensch ohne Maske, erfüllt von seinen imaginären Rechten, unfähig zu
begreifen, wie irgend Jemand außer ihm irgend ein Recht haben könne,
einfältig, halsstarrig und grausam. Ein andres Dokument, das er um
die nämliche Zeit aufsetzte, beweist womöglich noch deutlicher, wie
wenig Nutzen er aus einer harten Erfahrung gezogen hatte. In diesem
Aufsatze entwickelt er den Plan, nach dem er zu regieren gedachte,
wenn er wieder eingesetzt werden sollte. Er stellte es als Regel
auf, daß ein Commissar des Schatzes, ein oder zwei Staatssekretäre,
der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großbeamten des Hofstaats, die
Mehrheit der Kammerherren, die Mehrheit der Offiziere von der Armee,
stets Katholiken sein müßten.[9]

Umsonst schrieben die ausgezeichnetsten Vergleicher von London
Briefe auf Briefe voll vernünftigen Rathes und eindringlicher Bitten
an ihn. Umsonst bewiesen sie ihm aufs Klarste die Unmöglichkeit,
das Uebergewicht des Papismus in einem Lande zu befestigen, wo
mindestens neunundvierzig Funfzigstel der Bevölkerung und viel mehr
als neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens und der Intelligenz
protestantisch seien. Umsonst theilten sie ihrem Gebieter mit, daß die
Erklärung vom April 1692 von seinen Feinden mit Frohlocken, von seinen
Freunden mit tiefer Betrübniß gelesen, daß sie von den Usurpatoren
gedruckt und verbreitet worden sei, daß sie mehr als alle Libelle der
Whigs dazu beigetragen, die Nation gegen ihn aufzubringen, und den
Flottenoffizieren, die ihm ihre Unterstützung versprochen gehabt, einen
plausiblen Vorwand geliefert habe, das ihm gegebene Wort zu brechen
und die Flotte zu zerstören, die ihn in sein Königreich zurückbringen
sollte. Er blieb so lange taub gegen die Vorstellungen seiner besten
Freunde in England, bis diese Vorstellungen in Versailles ein Echo
zu finden begannen. Alles was Ludwig und seine Minister über den
Zustand unsrer Insel in Erfahrung bringen konnten, überzeugte sie,
daß Jakob nie wieder eingesetzt werden würde, wenn er es nicht über
sich gewann, seinen Unterthanen große Zugeständnisse zu machen. Es
wurde ihm daher, zwar freundlich und artig, aber sehr nachdrücklich
zu verstehen gegeben, daß er wohl thun würde, seine Entschließungen
und seine Rathgeber zu ändern. Frankreich könne den Krieg nicht zu
dem Zwecke fortsetzen, einer Nation einen Souverain aufzudringen, den
sie nicht haben wolle. Es seufze unter der Wucht der öffentlichen
Lasten, sein Handel und seine Industrie stockten, seine Feldfrüchte
und sein Wein seien mißrathen. Das Landvolk verhungere, schon lasse
sich das beginnende Murren der Provinzialstände vernehmen. Es gebe
eine Grenze für das Maß der Opfer, die auch der unumschränkteste Fürst
von Denen verlangen könne, über die er herrsche. So sehr auch der
Allerchristlichste König wünsche, die Sache der erblichen Monarchie
und der reinen Religion in der ganzen Welt aufrecht zu erhalten, so
habe er doch vor Allem Pflichten gegen sein eignes Land, und wenn nicht
bald eine Contrerevolution in England einträte, würden diese Pflichten
gegen sein eignes Königreich ihn in die schmerzliche Nothwendigkeit
versetzen, mit dem Prinzen von Oranien zu unterhandeln. Jakob werde
daher wohl thun Alles aufzubieten, was er mit seiner Ehre und seinem
Gewissen vereinbaren könne, um die Herzen seines Volks wieder zu
gewinnen.


[_Ministerwechsel in Saint-Germains. Middleton._] So gedrängt,
gab Jakob mit Widerstreben nach und verstand sich dazu, einem der
Ausgezeichnetsten unter den Vergleichern, dem Earl von Middleton, einen
Antheil an der Leitung seiner Angelegenheiten zu bewilligen.

Middleton's Familie und Pairie waren schottischen Ursprungs. Er war
mit einigen der vornehmsten Häuser England's nahe verwandt, er hatte
lange in England gelebt, war von Karl II. zu einem der englischen
Staatssekretäre ernannt und von Jakob mit der Leitung des englischen
Hauses der Gemeinen beauftragt worden. Seine Talente und Kenntnisse
waren bedeutend, sein Character sanft und edel, seine Manieren
leutselig, und sein politisches Verhalten war durchaus consequent
und ehrenwerth gewesen. Er hatte sich, als der Papismus dominirte,
entschieden geweigert, die königliche Gunst durch Apostasie zu
erkaufen. Römisch-katholische Geistliche waren abgeschickt worden, um
ihn zu bekehren, und die Stadt hatte sich höchlich an der Gewandtheit
ergötzt, mit der der Laie die Theologen schlug. Ein Priester wollte
ihm die Lehre von der Transsubstantiation demonstriren und leitete
die Sache in der gewöhnlichen Form ein. »Eure Lordschaft glaubt an
die Dreieinigkeit?« -- »Wer sagt Ihnen das?« entgegnete Middleton.
»Wie? Sie glauben nicht an die Dreieinigkeit?« rief der Priester ganz
erstaunt. »Nein,« antwortete Middleton. »Beweisen Sie mir, daß Ihre
Religion die wahre ist, wenn Sie es können, aber katechesiren Sie mich
nicht über die meinige.« Da es sich klar zeigte, daß der Sekretär
kein Disputant war, dem sich leicht beikommen ließ, so endete die
Disputation fast sogleich nachdem sie begonnen hatte.[10] Als das
Glück sich wendete, blieb Middleton der Sache der erblichen Monarchie
mit einer Standhaftigkeit treu, die um so achtungswerther war, als
es ihm ein Leichtes gewesen sein würde, sich mit der neuen Regierung
auszusöhnen. Seine Gesinnungen waren so wohl bekannt, daß er, als das
Land von der Besorgniß einer Invasion und eines Aufstandes bewegt war,
verhaftet und in den Tower geschickt wurde, aber man entdeckte keinen
Grund, auf welchen hin man ihn des Hochverraths hätte anklagen können,
und als die gefährliche Krisis vorüber war, wurde er wieder in Freiheit
gesetzt. Er scheint auch wirklich während der drei Jahre, welche auf
die Revolution folgten, keineswegs ein thätiger Verschwörer gewesen
zu sein. Er sah ein, daß eine Restauration nur mit der allgemeinen
Zustimmung der Nation herbeigeführt werden konnte und daß die Nation
ohne Garantien gegen Papismus und Willkürherrschaft nie in eine
Restauration willigen würde. Daher war er überzeugt, daß es, so lange
sein verbannter Gebieter sich hartnäckig weigerte solche Garantien zu
geben, schlimmer als nutzlos sein würde, gegen die bestehende Regierung
zu conspiriren.

Dies war der Mann, den Jakob in Folge nachdrücklicher Vorstellungen von
Seiten Versailles' jetzt einlud, zu ihm nach Frankreich zu kommen. Die
große Masse der Vergleicher vernahm mit großer Freude, daß sie endlich
im Staatsrathe zu Saint-Germains durch einen ihrer Lieblingsführer
vertreten werden sollten. Einige Noblemen und Gentlemen, die zwar die
Entthronung Jakob's nicht gebilligt hatten, denen aber sein verkehrtes
und albernes Benehmen so zuwider geworden war, daß sie schon längst
alle Verbindung mit ihm abgebrochen, begannen jetzt zu hoffen, daß
er seinen Irrthum eingesehen habe. Mit Melfort hatten sie nichts zu
thun haben wollen, mit Middleton setzten sie sich gern in Vernehmen.
Der neue Minister conferirte auch mit den vier Verräthern, deren
Schändlichkeit durch ihre Stellung, ihre Talente und ihre dem Staate
geleisteten wichtigen Dienste eine besondere Bedeutsamkeit erlangt hat,
mit Godolphin, dessen erster Lebenszweck darin bestand, bei beiden
rivalisirenden Königen zu gleicher Zeit in Gunst zu bleiben und durch
alle Revolutionen und Contrerevolutionen seinen Kopf, sein Vermögen und
einen Platz im Schatzamte zu behalten; mit Shrewsbury, der, nachdem er
einmal in einem unheilvollen Augenblicke verbrecherische und entehrende
Verpflichtungen übernommen, nicht die Energie besessen hatte, sich
von denselben loszureißen; mit Marlborough, der noch immer die
aufrichtigste Reue wegen der Vergangenheit und die besten Absichten für
die Zukunft an den Tag legte, und mit Russell, welcher erklärte, daß er
noch der Nämliche sei, der er vor der Schlacht von La Hogue gewesen,
und der das Versprechen erneuerte, zu thun was Monk gethan habe, unter
der Bedingung, daß allen politischen Verbrechern ein Generalpardon
zugesichert und daß die königliche Gewalt starken constitutionellen
Beschränkungen unterworfen würde.

Ehe Middleton England verließ, hatte er die Meinung aller Oberhäupter
der Vergleicher sondirt. Sie waren der Ansicht, daß es ein Mittel gebe,
welches die streitenden Parteien des Vaterlandes mit einander aussöhnen
und zur baldigen Pacifirung Europa's führen werde. Dieses Mittel
sei, daß Jakob zu Gunsten des Prinzen von Wales die Krone niederlege
und daß der Prinz von Wales protestantisch erzogen werde. Wenn Se.
Majestät, was nur zu wahrscheinlich sei, sich weigern sollte, diesem
Vorschlage Gehör zu geben, so müsse er wenigstens einwilligen, eine
Erklärung zu erlassen, welche den ungünstigen Eindruck verwische, den
seine Erklärung vom vergangenen Frühjahr gemacht habe. Es wurde mit
aller Sorgfalt eine Schrift in der für zweckmäßig erachteten Fassung
entworfen und nach langer Discussion genehmigt.

Zu Anfang des Jahres 1693 stahl sich Middleton, nachdem er die
Ansichten der vornehmsten englischen Jakobiten gesammelt hatte,
über den Kanal und erschien am Hofe von Saint-Germains. Es fehlte
an diesem Hofe nicht an Verleumdern und Spöttern, deren Bosheit
um so gefährlicher war, weil sie die Maske der Gutmüthigkeit und
Scheinheiligkeit trug.

Middleton fand bei seiner Ankunft, daß zahlreiche, von den ihn
fürchtenden und hassenden Priestern fabricirte Lügen bereits in Umlauf
gesetzt waren. Es hatten auch einige Nichtvergleicher von London
geschrieben, daß er im Herzen ein Presbyterianer und Republikaner sei.
Er wurde jedoch sehr freundlich aufgenommen und zugleich mit Melfort
zum Staatssekretär ernannt.[11]


[_Jakob erläßt eine neue Erklärung._] Es zeigte sich bald, daß Jakob
fest entschlossen war, nie auf die Krone zu verzichten oder zuzugeben,
das der Prinz von Wales als Ketzer erzogen wurde, und es schien lange
zweifelhaft, ob irgend welche Beweisgründe und Bitten ihn bewegen
würden, die von seinen Freunden in England entworfene Erklärung zu
unterzeichnen. Das Schriftstück war allerdings sehr verschieden von
jedem, das bisher unter seinem großen Siegel erschienen war. Man
ließ ihn darin versprechen, daß er allen seinen Unterthanen, die ihm
bei seiner Landung auf der Insel keinen Widerstand entgegensetzen
würden, vollständige Amnestie gewähren wolle; daß er sogleich nach
seiner Wiedereinsetzung ein Parlament zusammenberufen werde; daß er
alle diejenigen während der Usurpation erlassenen Gesetze, die ihm die
beiden Häuser zur Bestätigung vorlegen würden, bestätigen werde; daß
er sein Recht auf die Kaminsteuer aufgeben, daß er die Staatskirche
im Genusse aller ihrer Besitzungen und Privilegien schützen und
vertheidigen werde; daß er die Testacte nicht wieder verletzen, daß er
die Bestimmung des Umfangs seiner Dispensationsgewalt der Legislatur
überlassen und die Ansiedlungsacte in Irland aufrecht erhalten wolle.

Er sträubte sich lange und heftig. Er berief sich auf sein Gewissen.
Könne ein Sohn der heiligen römisch-katholisch-apostolischen Kirche
sich verpflichten, das Ketzerthum zu beschützen und zu vertheidigen
und ein Gesetz in Anwendung zu bringen, das die wahren Gläubigen vom
Amte ausschließe? Einige der Geistlichen, von denen es an seinem Hofe
wimmelte, sagten ihm, er könne ein solches Versprechen, wie seine
pflichtvergessenen Unterthanen es verlangten, nicht ohne Sünde geben.
In diesem Punkte konnte die Ansicht Middleton's, der ein Protestant
war, von keinem Gewicht sein. Aber Middleton fand einen Bundesgenossen
an Dem, den er als seinen Nebenbuhler und Feind betrachtete. Erschreckt
durch den allgemeinen Haß, als dessen Zielscheibe er sich kannte, und
fürchtend, daß man ihn in England wie in Frankreich für den Starrsinn
seines Gebieters verantwortlich machen würde, legte er die Sache
mehreren ausgezeichneten Doctoren der Sorbonne vor. Diese gelehrten
Casuisten erklärten die Declaration vom religiösen Gesichtspunkte für
tadellos. Der große Bossuet, Bischof von Meaux, den die gallikanische
Kirche als einen Vater von fast eben so großer Autorität wie Cyprian
oder Augustus betrachtete, bewies durch gewichtige theologische wie
politische Argumente, daß der Skrupel, der Jakob quälte, ganz genau
zu denen gehöre, vor denen ein viel weiserer König mit den Worten
gewarnt habe: »Sei nicht allzu gewissenhaft.«[12] Die Autorität der
französischen Theologen wurde durch die Autorität der französischen
Regierung unterstützt. Die Sprache, die man in Versailles führte,
war so nachdrücklich, das Jakob besorgt zu werden begann. Wie, wenn
Ludwig sich ernstlich verletzt fühlen, seine Gastfreundschaft mit
Undank vergolten glauben, mit den Usurpatoren Frieden schließen und
seine unglücklichen Gäste ersuchen sollte, sich nach einem andren
Asyle umzusehen? Es war nothwendig sich zu fügen. Am 17. April 1693
wurde die Erklärung unterzeichnet und besiegelt. Der Schlußsatz war
ein Gebet. »Wir kommen, um unser gutes Recht geltend zu machen und
die Freiheiten unsres Volkes zu begründen. Möge Gott uns zum Gelingen
des Einen verhelfen, wie wir die Befestigung der Anderen aufrichtig
wünschen.«[13] Das Gebet wurde erhört. Jakob's Erfolg stand in genauem
Verhältniß zu seiner Aufrichtigkeit. Wie es mit seiner Aufrichtigkeit
aussah, davon haben wir die sprechendsten Beweise. Kaum hatte er den
Himmel zum Zeugen der Wahrheit seiner Versprechungen angerufen, so
befahl er Melfort, eine Abschrift der Erklärung mit Erläuterungen,
welche den Papst beruhigen konnten, nach Rom zu senden. Melfort's Brief
schließt folgendermaßen: »Im Grunde ist der Zweck dieser Erklärung
lediglich, uns nach England zurückzubringen. Wir werden den Kampf der
Katholiken mit viel größerem Vortheile in Whitehall ausfechten können
als in Saint-Germains.«[14]

Inzwischen war das Dokument, von dem man so viel erwartete, nach London
geschickt worden. Dort wurde es auf einer geheimen Presse im Hause
eines Quäkers gedruckt; denn es gab unter den Quäkern eine zwar kleine,
aber eifrige und thätige Partei, welche die politischen Ansichten
Wilhelm Penn's in sich aufgenommen hatten.[15] Eine solche Schrift
zu verbreiten, war mit einiger Gefahr verknüpft; aber es fanden sich
Agenten dazu. Mehrere Personen wurden festgenommen, als sie in den
Straßen der Stadt Exemplare vertheilten. Hundert Packete wurden an
einem Tage auf dem Wege nach der Flotte auf dem Postamte confiscirt.
Bald aber gab die Regierung wohlweislich den Versuch auf, etwas zu
unterdrücken, was sich nicht unterdrücken ließ, und veröffentlichte
selbst die Erklärung ihrem vollständigen Inhalte nach, begleitet von
einem strengen Commentar.[16]


[_Eindruck der neuen Erklärung._] Es bedurfte jedoch kaum eines
Commentars. Die Erklärung verfehlte durchaus die Wirkung, welche
Middleton erwartet hatte. Allerdings war sein Rath erst verlangt
worden, als es gleichgültig war, welchen Rath er gab. Wenn Jakob im
Januar 1689 ein solches Manifest erlassen hätte, so würde der Thron
wahrscheinlich nicht für erledigt erklärt worden sein. Wenn er ein
solches Manifest erlassen hätte, als er an der Spitze einer Armee
auf der Küste der Normandie war, so würde er einen großen Theil der
Nation für sich gewonnen haben und es wäre möglich gewesen, daß ein
großer Theil der Flotte sich ihm angeschlossen hätte. Aber 1689 sowohl
wie 1692 hatte er im Tone eines unversöhnlichen Tyrannen gesprochen,
und es war jetzt zu spät, Milde und Achtung vor der Verfassung des
Reichs zu heucheln. Der Contrast zwischen der neuen Erklärung und der
vorhergehenden erregte allgemeines Mißtrauen und Verachtung. Wie konnte
man dem Worte eines so unbeständigen Fürsten trauen, eines Fürsten, der
von einem Extrem zum andren übersprang? Im Jahre 1692 war er nur durch
die Köpfe und Glieder mehrerer Hundert armer Landleute und Fischer
zu befriedigen, die sich vor Jahren einige rohe Freiheiten gegen
ihn erlaubt hatten, über die sein Großvater Heinrich IV. herzlich
gelacht haben würde. Im Jahre 1693 sollten die schmachvollsten und
undankbarsten Verräthereien mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt
werden. Caermarthen gab der allgemeinen Gesinnung einen Ausdruck.
»Ich begreife das nicht,« sagte er. »Vorigen April sollte ich gehängt
werden; diesen April soll ich vollständige Verzeihung haben. Ich kann
mir nicht denken, was ich im Laufe des verflossenen Jahres gethan
habe, um soviel Güte zu verdienen.« Man war allgemein der Ansicht,
daß unter dieser ungewohnten Milde, unter dieser ungewohnten Achtung
vor dem Gesetz eine Schlinge verborgen sei. Die Erklärung, sagte man,
sei vortrefflich, und so sei auch der Krönungseid gewesen. Jedermann
wisse, wie König Jakob seinen Krönungseid gehalten habe, und Jedermann
könne errathen, wie er seine Erklärung halten werde. Während ernste
Männer so argumentirten, waren die whiggistischen Spötter nicht sparsam
mit Pasquillen. Zu gleicher Zeit ließen auch einige Nichtvergleicher
ein unwilliges Murren vernehmen. Der König sei in schlechten Händen,
sagten sie, in den Händen von Männern, welche die Monarchie haßten.
Seine Gnade sei Grausamkeit von der schlimmsten Art. Die allgemeine
Amnestie, die er seinen Feinden zugesichert, sei nichts weiter als
eine allgemeine Proscription seiner Freunde. Bisher hätten die von dem
Usurpator ernannten Richter unter einer zwar mangelhaften, aber doch
nicht ganz unwirksamen Beschränkung gestanden. Sie hätten gewußt, daß
ein Tag der Rechenschaft kommen könne und wären daher im Allgemeinen
schonend gegen die verfolgten Anhänger des rechtmäßigen Königs
verfahren. Diese Beschränkung habe Se. Majestät jetzt aufgehoben.
Er habe Holt und Treby gesagt, daß sie bis zu seiner Landung in
England Royalisten hängen könnten, ohne die mindeste Besorgniß, zur
Rechenschaft gezogen zu werden.[17]

Keine Klasse des Volks aber las die Erklärung mit größerem Abscheu und
Unwillen als die eingeborne Aristokratie Irland's. Das sei also der
Lohn für ihre Loyalität. So hielten die Könige ihre Versprechungen.
Als England Jakob verstoßen, als Schottland nichts habe von ihm
wissen wollen, seien die Irländer ihm noch treu geblieben, und er
habe in Anerkennung dessen feierlich ein Gesetz sanctionirt, durch
welches ihnen ein großes Ländergebiet, dessen sie beraubt worden
waren, zurückgegeben wurde. Seitdem sei nichts geschehen, was ihren
Anspruch auf seine Gunst vermindert habe. Sie hätten seine Sache bis
zum letzten Augenblicke vertheidigt, sie hätten noch lange nachdem
er sie verlassen, für ihn gestritten; Viele von ihnen seien, als
sie nicht mehr im Stande gewesen, gegen die Uebermacht zu kämpfen,
ihm in die Verbannung gefolgt, und jetzt zeige es sich, daß er
mit seinen bittersten Feinden auf Kosten seiner treuesten Freunde
Frieden schließen wolle. Es herrschte große Unzufriedenheit in den
irischen Regimentern, welche in den Niederlanden und an den Grenzen
Deutschland's und Italien's zerstreut standen. Selbst die Whigs gaben
zu, daß die O und Mac einmal Recht hatten, und fragten triumphirend,
ob man von einem Fürsten, der gegen seine ergebenen Diener sein Wort
gebrochen, erwarten dürfe, daß er es seinen Feinden gegenüber halten
werde?[18]


[_Rüstungen der Franzosen für den Feldzug._] Während die Erklärung in
England den Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprächs bildete, begannen
auf dem Festlande die militärischen Operationen wieder. Die Rüstungen
Frankreich's waren so gewaltig, daß sie selbst Diejenigen in Erstaunen
setzten, die seine Hülfsquellen und die Talente seiner Beherrscher am
höchsten anschlugen. Sein Ackerbau und sein Handel lagen darnieder.
Die Weingärten Burgund's, die unabsehbaren Kornfelder der Beauce
hatten eine Mißernte gegeben; die Webstühle Lyon's feierten und die
Kauffahrteischiffe verfaulten im Hafen von Marseille. Dennoch zeigte
die Monarchie ihren zahlreichen Feinden eine trotzigere und drohendere
Stirn als je. Ludwig hatte sich vorgenommen keinen Schritt zu einer
Aussöhnung mit der neuen englischen Regierung zu thun, bevor nicht
durch eine weitere Anstrengung die ganze Macht seines Reichs entfaltet
sein würde. Eine gewaltige Anstrengung war es in der That, aber zu
erschöpfend, um wiederholt werden zu können. Er entwickelte ungeheure
Streitkräfte zugleich an den Pyrenäen und an den Alpen, am Rhein und an
der Maas, im Atlantischen und im Mittelländischen Meere.


[_Gründung des St. Ludwigsordens._] Damit nichts fehlte, was geeignet
war, das kriegerische Feuer einer vorzugsweise tapferen Nation zu
entzünden, gründete er einige Tage bevor er seinen Palast mit dem
Lager vertauschte, einen neuen militärischen Ritterorden und stellte
ihn unter den Schutz seines heiligen Ahnherrn und Patrons. Das
neue Ludwigskreuz glänzte auf der Brust der Offiziere, die sich in
den Laufgräben von Mons und Namur und auf den Schlachtfeldern von
Fleurus und Steenkerke ausgezeichnet hatten, und der Anblick spornte
Diejenigen, die sich erst noch einen ehrenvollen Ruf in den Waffen zu
erwerben hatten, zu einem edlen Wetteifer an.[19]


[_Middleton's Bericht über Versailles._] In der Woche, in der dieser
berühmte Orden ins Leben trat, besuchte Middleton Versailles. Ein
Brief, in welchem er seinen Freunden in England diesen Besuch
schilderte, ist uns erhalten worden.[20] Er wurde Ludwig vorgestellt,
sehr freundlich empfangen und war von Dankbarkeit und Bewunderung
überwältigt. Von allen Wundern des Hofes -- so schrieb Middleton --
sei der Gebieter desselben das größte. Der Glanz der persönlichen
Vorzüge des großen Königs verdunkle selbst den Glanz seines Glückes.
Der Ton, in welchem Se. Allerchristlichste Majestät sich über die
englische Politik ausspreche, sei im Ganzen höchst befriedigend. Nur
über Einen Punkt seien dieser hochgebildete Fürst und seine geschickten
und erfahrenen Minister sehr im Irrthum. Sie seien sämmtlich von der
thörichten Idee erfüllt, daß der Prinz von Oranien ein großer Mann sei.
Es sei keine Mühe gespart worden, um sie zu enttäuschen, aber ihre
Verblendung sei unheilbar. Sie sähen durch ein Vergrößerungsglas von
solcher Stärke, daß der Blutegel ihnen wie ein Leviathan erscheine.
Middleton hätte wohl auf den Einfall kommen können, daß die Täuschung
möglicherweise in seiner Anschauung liegen könne anstatt in der
ihrigen. Ludwig und seine ihn umgebenden Rathgeber waren allerdings
weit entfernt Wilhelm zu lieben; aber sie haßten ihn nicht mit der
wahnsinnigen Heftigkeit, die in der Brust seiner englischen Feinde
wüthete. Middleton war einer der einsichtsvollsten und gemäßigtsten
Jakobiten; aber selbst sein Blick wurde durch die Böswilligkeit
so verdunkelt, daß er über diesen Gegenstand Unsinn sprach, der
seiner Talente unwürdig war. Er wie seine ganze Partei konnte an dem
Usurpator nur Verabscheuungswerthes und Verächtliches sehen: das
Herz eines Teufels, den Geist und die Manieren eines einfältigen,
rohen holländischen Bauern, der in der Regel ein finstres Schweigen
beobachtete, und wenn er sprechen mußte, kurze mürrische Antworten
in schlechtem Englisch gab. Die französischen Staatsmänner dagegen
beurtheilten Wilhelm's Fähigkeiten nach einer genauen Kenntniß der
Art und Weise, wie er seit zwanzig Jahren Staatsangelegenheiten von
größter Wichtigkeit und Schwierigkeit geleitet hatte. Seit dem Jahre
1673 spielte er gegen sie eine Partie um einen ungeheuern Einsatz;
sie waren mit Recht stolz auf ihre eigene Geschicklichkeit in diesem
Spiele, aber sie wußten, daß sie in ihm einen Gegner gefunden hatten,
der ihnen mehr als gewachsen war. Bei Beginn des langen Kampfes war
jeder Vortheil auf ihrer Seite gewesen. Sie hatten alle Hülfsquellen
des größten Königreichs von Europa zu ihrer unumschränkten Verfügung,
während er nur der Diener einer Republik war, deren ganzes Gebiet
der Normandie oder Guyenne an Umfang nachstand. Eine Reihe von
ausgezeichneten Generälen und Diplomaten hatten ihm gegenüber
gestanden. Eine mächtige Partei in seinem Geburtslande hatte allen
seinen Plänen beharrlich entgegengearbeitet; er hatte im Felde wie im
Senate Niederlagen erlitten; aber seine Weisheit und Energie hatte die
Niederlagen in Siege verwandelt. Trotz Allem, was man gethan, um ihn
niederzuhalten, hatten sein Einfluß und sein Ruhm sich fortwährend
gehoben und ausgebreitet. Das wichtigste und schwierigste Unternehmen
in der Geschichte des modernen Europa war von ihm allein begonnen und
glücklich durchgeführt worden. Er hatte die umfassendste Coalition
gebildet, die die Welt seit Jahrhunderten gesehen, und diese Coalition
würde sich sofort aufgelöst haben, wenn seine Oberleitung ihr entzogen
worden wäre. Er hatte zwei Königreiche durch Diplomatie, ein drittes
durch Eroberung gewonnen, und trotz fremder und einheimischer Feinde
behauptete er noch immer den Besitz derselben. Daß solche Dinge durch
ein alltägliches Geschöpf, durch einen Mann von den gewöhnlichsten
Geisteskräften bewirkt worden seien, war eine Behauptung, die wohl
unter den in Som's Kaffeehause zusammenkommenden eidverweigernden
Pfarrern Glauben finden konnte, erfahrenen Staatsmännern von Versailles
aber nothwendig ein Lächeln abzwingen mußte.


[_Wilhelm's Rüstungen für den Feldzug._] Während Middleton die
Franzosen vergebens zu überzeugen versuchte, daß Wilhelm's Talente
bedeutend überschätzt würden, erfuhr Dieser, der Middleton's Werth
volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit großer Besorgniß, daß der
Hof von St. Germains den Beistand eines so ausgezeichneten Rathgebers
herangezogen habe.[21] Doch war dies nur eine von den tausend Ursachen
zu Besorgniß, welche während dieses Frühjahrs den Geist des Königs
umlagerten. Er bereitete sich für den Beginn des Feldzugs vor, beschwor
seine Verbündeten zeitig im Felde zu sein, feuerte die Trägen an,
handelte mit den Habsüchtigen, schlichtete Streitigkeiten und legte
Vorrangsfragen bei. Er hatte das Wiener Cabinet zu bewegen, in Zeiten
Succurs nach Piemont zu schicken. Er hatte ein wachsames Auge auf die
nordischen Potentaten zu richten, welche eine dritte Partei in Europa
zu bilden versuchten. Er hatte in den Niederlanden den Kurfürsten von
Bayern zu bevormunden. Er hatte für die Vertheidigung von Lüttich zu
sorgen, eine Angelegenheit, welche die Behörden von Lüttich kaltblütig
nicht für ihre Sache, sondern für die Sache England's und Holland's
erklärten. Er hatte das Haus Braunschweig-Wolfenbüttel abzuhalten, mit
dem Hause Braunschweig-Lüneburg handgemein zu werden; er hatte einen
Streit zwischen dem Prinzen von Baden und dem Kurfürsten von Sachsen
zu schlichten, von denen Jeder eine Armee am Rhein commandiren wollte,
und er hatte den Landgrafen von Hessen zu bearbeiten, der sein eignes
Contingent nicht stellte, und doch ein Contingent anderer Fürsten
befehligen wollte.[22]


[_Ludwig rückt ins Feld._] Die Zeit zum Handeln war jetzt gekommen. Am
18. Mai verließ Ludwig Versailles, und Anfangs Juni war er unter den
Mauern von Namur. Die Prinzessinnen, die ihn begleiteten, residirten
in der Festung. Er übernahm das unmittelbare Commando der Armee
Boufflers', welche bei Gembloux lagerte. Nicht viel über eine Meile
davon stand die Armee Luxemburg's. Die in dieser Gegend unter den
französischen Lilien versammelte Streitmacht belief sich auf nicht
weniger als hundertzwanzigtausend Mann. Ludwig hatte gehofft, daß er
im Stande sein werde, im Jahre 1693 die Kriegslist zu wiederholen,
durch welche 1691 Mons und 1692 Namur genommen worden war, und er
hatte beschlossen, daß entweder Lüttich oder Brüssel ihm zur Beute
werden müsse. Aber Wilhelm hatte dieses Jahr bei guter Zeit ein Heer
zusammenbringen können, das zwar dem gegnerischen nachstand, aber doch
immer achtunggebietend war. Mit diesem Heere nahm er seine Stellung
bei Löwen auf der Straße zwischen den beiden bedrohten Städten und
beobachtete jede Bewegung des Feindes.


[_Ludwig kehrt nach Versailles zurück._] Ludwig war in seiner Hoffnung
getäuscht. Er sah, daß es ihm nicht möglich sein würde, seine Eitelkeit
so gefahrlos und so leicht wie in den beiden vorhergehenden Jahren zu
befriedigen, sich ruhig vor eine große Stadt zu lagern, als Sieger
in dieselbe einzuziehen und die Schlüssel in Empfang zu nehmen, ohne
sich einer größern Gefahr auszusetzen als auf einer Hirschjagd in
Fontainebleau. Bevor er Lüttich oder Brüssel belagern konnte, mußte
er eine Schlacht liefern und gewinnen. Die Chancen waren allerdings
günstig für ihn, denn seine Armee war zahlreicher, mit bessern
Offizieren versehen und besser disciplinirt als die der Verbündeten.
Luxemburg rieth ihm nachdrücklich gegen Wilhelm vorzurücken. Die
französische Aristokratie wünschte mit unerschrockener Heiterkeit
einen blutigen aber ruhmvollen Tag herbei, auf den eine Vertheilung
zahlreicher Kreuze des neuen Ordens folgen würde. Wilhelm selbst war
sich seiner Gefahr vollkommen bewußt und darauf vorbereitet, ihr mit
kaltem aber schmerzlichem Muthe zu begegnen.[23] Gerade in diesem
Augenblicke kündigte Ludwig seine Absicht an, auf der Stelle nach
Versailles zurückzukehren und den Dauphin und Boufflers mit einem
Theile der bei Namur versammelten Armee in die Pfalz zu schicken, um
sich mit dem daselbst commandirenden Marschall Lorges zu vereinigen.
Luxemburg war wie vom Donner gerührt und er machte kühne und dringende
Gegenvorstellungen. Nie, sagte er, sei eine solche Gelegenheit versäumt
worden. Wenn Se. Majestät gegen den Prinzen von Oranien marschire, sei
der Sieg fast gewiß. Könne irgend ein Vortheil, der möglicherweise am
Rhein zu erlangen sei, den Vortheil eines im Herzen von Brabant über
die erste Armee und über den ersten Feldherrn der Coalition errungenen
Sieges aufwiegen? Der Marschall demonstrirte, er bat, er fiel auf die
Knie, aber vergebens, und er verließ den König in tiefster Betrübniß.
Ludwig reiste eine Woche nach seiner Ankunft wieder aus dem Lager ab
und führte nachher nie wieder Krieg in eigner Person.

Das Erstaunen in seiner ganzen Armee war groß. Alle Ehrfurcht, die
er einflößte, konnte seine alten Generäle nicht abhalten zu murren
und finster dreinzuschauen, seine jungen Edelleute, ihrem Unmuthe
bald in Verwünschungen, bald in Sarkasmen Luft zu machen, und selbst
seine gemeinen Soldaten, an ihren Wachtfeuern eine unehrerbietige
Sprache zu führen. Seine Feinde frohlockten mit rachsüchtiger und
beleidigender Freude. Sei es nicht sonderbar, fragten sie, daß dieser
große Fürst mit allem Gepränge zum Kriegsschauplatze abgegangen und
acht Tage später ihn mit demselben Gepränge wieder verlassen habe?
Sei es nöthig gewesen, daß das ganze große Gefolge von Prinzessinnen,
Ehrendamen und Kammerfrauen, Stallmeistern und Kammerherren, Köchen,
Zuckerbäckern und Musikern, Wagenzügen, Saumpferden und Maulthieren,
Silbergeschirr und Teppichen, vierhundert Meilen weit reiste, nur
damit der Allerchristlichste König einen Blick auf seine Soldaten
werfe und dann wieder umkehre? Die schmachvolle Wahrheit sei zu
augenfällig, um bemäntelt werden zu können; er sei in die Niederlande
gekommen in der Hoffnung, daß es ihm wieder gelingen werde, ohne die
mindeste persönliche Gefahr etwas militärischen Ruhm zu erhaschen,
und er sei lieber zurückgeeilt, als daß er sich den Zufällen einer
offenen Schlacht ausgesetzt hätte.[24] Dies sei nicht das erste Mal,
daß Se. Allerchristlichste Majestät die nämliche Art Vorsicht gezeigt
habe. Siebzehn Jahre vorher habe er unter den Mauern von Bouchain
demselben Gegner gegenüber gestanden. Wilhelm habe mit dem Feuer eines
jugendlichen Commandeurs höchst unbesonnenerweise ihm eine Schlacht
angeboten. Die geschicktesten Generäle seien der Meinung gewesen,
daß, wenn Ludwig die Gelegenheit ergriffen hätte, der Krieg in einem
Tage hätte beendigt sein können. Die französische Armee habe dringend
danach verlangt, zum Angriff geführt zu werden. Der König habe seine
Unterbefehlshaber zu sich berufen und sie um ihre Meinung befragt.
Einige höfische Offiziere, denen seine Wünsche geschickt angedeutet
worden seien, hätten vor Scham erröthend und stammelnd gegen eine
Schlacht gestimmt. Umsonst hätten muthige und rechtschaffene Männer,
die seine Ehre höher gehalten als ihr Leben, ihm bewiesen, daß er
nach allen Grundsätzen der Kriegskunst die übereilte Herausforderung
des Feindes annehmen müsse. Se. Majestät habe die ernste Besorgniß
ausgesprochen, daß er es mit seinen Staatspflichten nicht vereinbaren
könne, den ungestümen Regungen seines Blutes zu gehorchen, habe
Kehrt gemacht und sei in sein Hauptquartier zurückgesprengt.[25]
Sei es nicht entsetzlich, wenn man bedenke, was für Ströme des
Blutes von Frankreich, Spanien, Deutschland und England geflossen
seien und noch fließen sollten einem Manne zu Gefallen, dem es an
dem ganz gewöhnlichen Muthe fehle, den man bei dem Geringsten der
Hunderttausende finde, welche er seinem prahlerischen Ehrgeize
aufgeopfert habe?


[_Manövers Luxemburg's._] Obgleich die französische Armee in
den Niederlanden durch den Abgang der vom Dauphin und Boufflers
commandirten Truppentheile geschwächt worden war, und obgleich das
verbündete Heer täglich durch die Ankunft frischer Truppen verstärkt
wurde, so hatte Luxemburg doch noch die Uebermacht, und er vergrößerte
diese Uebermacht durch eine schlaue Kriegslist. Er marschirte gegen
Lüttich und that, als ob er diese Stadt belagern wolle. Wilhelm war
besorgt, um so besorgter, weil er wußte, daß es unter den Einwohnern
eine französische Partei gab. Er verließ seine Position bei Löwen,
marschirte auf Niederhespen und schlug dort, den Fluß Gette im Rücken,
sein Lager auf. Auf seinem Marsche erfuhr er, daß Huy den Franzosen
seine Thore geöffnet habe. Diese Nachricht vermehrte seine Besorgniß
wegen Lüttich und bestimmte ihn, ein Armeecorps dahin zu schicken,
das genügte, um die Mißvergnügten innerhalb der Stadt in Schach zu
halten und jeden Angriff von Außen abzuwehren.[26] Dies war genau
das, was Luxemburg erwartet und gewünscht hatte. Seine List hatte
ihren Zweck erreicht. Er wendete der Festung, welche bisher das Ziel
seiner Operationen gewesen zu sein schien, den Rücken und eilte an die
Gette. Wilhelm, der mehr als zwanzigtausend Mann detachirt und nur
funfzigtausend Mann in seinem Lager gelassen hatte, erfuhr am 18. Juli
mit Schrecken durch seine Kundschafter, daß der französische General
mit nahe an achtzigtausend Mann ganz in der Nähe sei.


[_Schlacht bei Landen._] Noch lag es in der Macht des Königs, durch
einen eiligen Rückzug die schmalen, aber tiefen, durch kürzliche
Regengüsse angeschwollenen Gewässer der Gette zwischen seine Armee
und den Feind zu bringen. Aber die Stellung, welche er einnahm,
war stark und sie konnte leicht noch stärker gemacht werden. Alle
seine Truppen mußten ans Werk. Es wurden Gräben gezogen, Schanzen
aufgeworfen und Pallisaden eingerammt. Binnen wenigen Stunden hatte
das Terrain ein ganz andres Aussehen gewonnen und der König glaubte
fest, daß er selbst den Angriff einer ihm weit überlegenen Truppenmacht
werde abwehren können. Diese Ueberzeugung entbehrte auch nicht eines
Anscheins von Begründung. Als der Morgen des 19. Juli anbrach, sahen
die tapfersten Männer in Ludwig's Armee ernst und besorgt die Festung,
welche plötzlich aus der Erde gewachsen war, um ihre Fortschritte zu
hemmen. Die Alliirten waren durch ein Brustwerk gedeckt. Hier und da
waren längs der Verschanzungen kleine Redouten und Halbmonde angelegt.
Hundert Geschütze waren über die Wälle vertheilt. Auf der linken Flanke
lag das Dorf Romsdorf dicht an dem Flüßchen Landen, nach welchem
die Engländer jene unglückliche Schlacht benannt haben. Zur Rechten
lag das Dorf Neerwinden. Beide Dörfer waren nach niederländischer
Sitte von Wassergräben und Hecken umgeben, und innerhalb dieser
Umfriedigungen waren die von verschiedenen Familien bewohnten kleinen
Bodenflächen durch fünf Fuß hohe und einen Fuß dicke Lehmmauern von
einander getrennt. Alle diese Barrikaden hatte Wilhelm ausgebessert und
verstärkt. Saint-Simon, der nach der Schlacht das Terrain besichtigte,
sagt uns, er habe kaum begreifen können, wie so ausgedehnte und so
furchtbare Befestigungen mit solcher Schnelligkeit hätten geschaffen
werden können.

Luxemburg war jedoch entschlossen zu versuchen, ob selbst diese
Stellung gegen die überlegene Anzahl und die ungestüme Tapferkeit
seiner Soldaten sich würde behaupten lassen. Bald nach Sonnenaufgang
begann der Donner der Geschütze gehört zu werden. Wilhelm's Batterien
thaten gute Wirkung, bevor die französische Artillerie so aufgestellt
werden konnte, daß sie das Feuer zu erwiedern vermochte. Erst um
acht Uhr kam es zum Handgemenge. Das Dorf Neerwinden wurde von
beiden Feldherren als derjenige Punkt betrachtet, von dem Alles
abhing. Hier machte der französische linke Flügel unter den Befehlen
Montchevreuil's, eines ergrauten Offiziers von hohem Rufe, und
Berwick's, der sich trotz seiner Jugend rasch zu einer angesehenen
Stelle unter den Heerführern seiner Zeit emporgeschwungen, einen
Angriff. Berwick leitete ihn und drang in das Dorf, wurde aber unter
einem furchtbaren Blutbade bald wieder daraus vertrieben. Seine Leute
flohen oder wurden niedergehauen, und er selbst wurde, während er
sie wieder zu sammeln versuchte und sie verwünschte, weil sie ihre
Pflicht nicht besser thaten, von Feinden umringt. Er verbarg seine
weiße Cocarde und hoffte dadurch sich mit Hülfe seiner Muttersprache
für einen Offizier der englischen Armee ausgeben zu können; aber sein
Gesicht wurde von einem der Brüder seiner Mutter, Georg Churchill,
erkannt, welcher an diesem Tage eine Brigade commandirte. Es fand eine
eilige Umarmung zwischen den beiden Verwandten statt und der Oheim
führte den Neffen zu Wilhelm, der, so lange Alles gut zu gehen schien,
bei der Nachhut blieb. Das Zusammentreffen zwischen dem König und dem
Gefangenen, welche durch so enge Verwandtschaftsbande mit einander
verbunden und durch so unsühnbare Feindschaft von einander getrennt
waren, gewährte einen sonderbaren Anblick. Beide benahmen sich wie es
ihnen ziemte. Wilhelm entblößte sich und richtete einige Worte artiger
Begrüßung an seinen Gefangenen. Berwick's einzige Antwort war eine
feierliche Verbeugung. Der König bedeckte sich wieder, der Herzog
ebenfalls, und die beiden Vettern schieden für immer.

Mittlerweile waren die in völliger Verwirrung aus Neerwinden
vertriebenen Franzosen durch eine Division unter dem Commando des
Herzogs von Bourbon verstärkt worden und kehrten tapfer zum Angriff
zurück. Wilhelm, der die Wichtigkeit dieses Postens sehr wohl erkannte,
gab Befehl, daß von anderen Punkten seiner Schlachtlinie Truppen dahin
aufbrechen sollten. Dieser zweite Kampf war lang und blutig. Die
Angreifenden drangen abermals in das Dorf, sie wurden abermals unter
fürchterlichem Blutvergießen daraus vertrieben und zeigten wenig Lust,
den Angriff zu wiederholen.

Inzwischen hatte der Kampf längs der ganzen Verschanzungen der
verbündeten Armee gewüthet. Wieder und immer wieder führte Luxemburg
seine Truppen bis auf Pistolenschußweite an das Brustwerk heran, aber
näher konnte er sie nicht bringen. Wieder und immer wieder wichen sie
vor dem heftigen Feuer zurück, das gegen ihre Front und ihre Flanken
gerichtet wurde. Es schien alles vorüber zu sein. Luxemburg zog sich zu
einer außer Schußweite gelegenen Stelle zurück und berief einige seiner
vornehmsten Offiziere zu einer Berathung zusammen. Sie besprachen sich
eine Weile mit einander und ihre lebhaften Gesten wurden von Allen, die
sie sehen konnten, mit hohem Interesse beobachtet.

Endlich kam Luxemburg zu einem Entschluß. Noch ein Versuch mußte
gemacht werden, Neerwinden zu nehmen, und die unüberwindlichen
Haustruppen, die Sieger von Steenkerke, mußten vorangehen.

Die Haustruppen kamen in einer ihres alten und furchtbaren Rufes
würdigen Weise heran. Zum drittenmale wurde Neerwinden genommen, zum
drittenmale versuchte Wilhelm es wieder zu nehmen. An der Spitze eines
der englischen Regimenter griff er die Garden Ludwig's mit einer
solchen Wuth an, daß diese berühmte Schaar, zum erstenmale innerhalb
der Erinnerung des ältesten Kriegers, zurückwich.[27] Nur durch die
kräftigen Bemühungen Luxemburg's, des Herzogs von Chartres und des
Herzogs von Bourbon wurden die durchbrochenen Reihen wieder gesammelt.
Inzwischen aber waren das Centrum und der linke Flügel der alliirten
Armee zu dem Zwecke, den Kampf bei Neerwinden zu unterstützen, so sehr
geschwächt worden, daß die Verschanzungen auf anderen Punkten nicht
mehr vertheidigt werden konnten. Kurz nach vier Uhr Nachmittags wich
die ganze Linie. Alles war Gemetzel und Verwirrung. Solms war tödtlich
verwundet worden und fiel noch lebend in die Hände des Feindes. Die
englischen Soldaten, denen sein Name verhaßt war, beschuldigten ihn,
in seinen Leiden einen eines Soldaten unwürdigen Kleinmuth bewiesen zu
haben. Der Herzog von Ormond wurde im Gewühl zu Boden geschlagen, und
er würde im nächsten Augenblicke eine Leiche gewesen sein, wäre nicht
ein kostbarer Diamant an seinem Finger einem von der französischen
Garde in die Augen gefallen, der mit Recht dachte, daß der Besitzer
eines solchen Juwels ein werthvoller Gefangener sein müsse. Der Herzog
wurde gerettet und bald gegen Berwick ausgewechselt. Ruvigny, von
dem echten Refugiéhasse gegen das Land beseelt, das ihn verstoßen,
wurde kämpfend im dichtesten Schlachtgewühl zum Gefangenen gemacht.
Diejenigen, denen er in die Hände gefallen war, kannten ihn wohl und
wußten, daß er, wenn sie ihn in ihr Lager brachten, für den Verrath,
zu dem die Verfolgung ihn getrieben, mit seinem Kopfe büßen würde. Mit
bewunderungswürdiger Großmuth thaten sie als kennten sie ihn nicht und
ließen ihn im Tumulte entkommen.

Erst bei solchen Gelegenheiten trat die ganze Größe von Wilhelm's
Character zu Tage. Inmitten der Flucht und des Getümmels, während
Waffen und Fahnen weggeworfen wurden, während Massen von Fliehenden
die Brücken und Furthen der Gette verstopften oder in ihren Fluthen
umkamen, stellte sich der König, nachdem er Talmash beordert, den
Rückzug zu beaufsichtigen, an die Spitze einiger tapferer Regimenter
und hielt durch verzweifelte Anstrengungen den Feind auf. Er lief dabei
größere Gefahr als Andere, denn er konnte nicht dahin gebracht werden,
seinen schwächlichen Körper mit einem Brustharnisch zu beschweren,
oder die Insignien des Hosenbandordens zu verbergen. Er betrachtete
seinen Stern als einen guten Sammelpunkt für seine eigenen Truppen,
und lächelte blos, wenn man ihm sagte, daß derselbe eine treffliche
Zielscheibe für den Feind sei. Viele Tapfere fielen zu seiner Rechten
und zu seiner Linken. Zwei Saumpferde, die im Felde stets in seiner
Nähe waren, wurden durch Kanonenschüsse getödtet. Eine Flintenkugel
ging durch die Locken seiner Perrücke, eine zweite durch seinen
Rock, eine dritte streifte ihn an der Seite und zerriß sein blaues
Ordensband. Noch viele Jahre später pflegten alte, ergraute Invaliden,
die in den Gängen und Alleen des Chelsea Hospitals umherschlichen,
sich zu erzählen, wie er an der Spitze von Galway's Reitern angriff,
wie er viermal abstieg, um die Infanterie anzufeuern, wie er ein
Corps, das weichen zu wollen schien, durch die Worte zurückrief: »So
kämpft man nicht, Gentlemen! Hart auf den Leib müßt Ihr ihnen rücken.
So, Gentlemen, so!« -- »Ihr hättet ihn sehen sollen,« schrieb ein
Augenzeuge nur vier Tage nach der Schlacht, »wie er sich mit dem Degen
in der Hand auf den Feind stürzte. Es ist ausgemacht, daß er und Andere
einmal an der Spitze zweier englischer Regimenter gesehen wurde, und
daß er mit diesen beiden Regimentern, Angesichts der ganzen Armee gegen
sieben kämpfte und sie eine Viertelstunde lang vor sich her trieb.
Dank sei dem Himmel, der ihn erhalten hat.« Der Feind setzte ihm so
hart zu, daß er nur mit großer Mühe den Uebergang über die Gette
bewerkstelligte. Eine kleine Schaar tapferer Männer, die seine Gefahr
bis zum letzten Augenblicke theilte, vermochte kaum die Verfolger von
ihm abzuhalten, als er die Brücke passirte.[28]

Vielleicht nie zeigte sich die Veränderung, welche die Fortschritte
der Civilisation in der Kriegskunst herbeigeführt haben, auffallender
als an diesem Tage. Ajax, der den trojanischen Heerführer mit einem
Felsstücke zu Boden schlägt, das zwei gewöhnliche Männer kaum aufheben
konnten, Horatius, der die Brücke gegen eine Armee vertheidigt, Richard
Löwenherz, der längs der ganzen Schlachtlinie der Sarazenen hinsprengt,
ohne einen Feind zu finden, der seine Herausforderung annimmt, Robert
Bruce, der mit einem Schlage den Helm und Schädel Sir Henry Bohun's
Angesichts der ganzen Armee England's und Schottland's spaltet:
das sind die Helden der grauen Vorzeit. In einem solchen Zeitalter
ist Körperkraft die unerläßlichste Eigenschaft eines Kriegers. Bei
Landen waren zwei kränkliche Menschen, die in einem rohen Zustande
der Gesellschaft für zu schwach gehalten worden wären, um an einem
Kampfe nur Antheil zu nehmen, die Seelen zweier großen Heere. In
einigen heidnischen Ländern würden sie als Säuglinge ausgesetzt, in
der Christenheit würden sie sechshundert Jahre früher in ein stilles
Kloster geschickt worden sein. Aber ihr Loos war ihnen zu einer Zeit
gefallen, wo die Menschen dahinter gekommen waren, daß die Stärke
der Muskeln der Stärke des Geistes bei weitem nachsteht. Es ist
wahrscheinlich, daß von den hundertzwanzigtausend Soldaten, welche
unter allen Fahnen des westlichen Europa bei Neerwinden versammelt
waren, der verwachsene Zwerg, der den ungestümen Angriff Frankreich's
leitete, und das asthmatische Skelett, das den langsamen Rückzug
England's deckte, die beiden schwächlichsten Gestalten waren.

Die Franzosen waren Sieger, aber sie hatten ihren Sieg theuer
erkauft. Mehr als zehntausend Mann der besten Truppen Ludwig's waren
gefallen. Neerwinden gewährte einen Anblick, der die ältesten Soldaten
schaudern machte. In den Straßen lagen die Leichen brusthoch. Unter
den Gefallenen befanden sich einige vornehme Edelleute und einige
berühmte Krieger, als da waren Montchevreuil und der verstümmelte
Körper des Herzogs von Uzes, der den höchsten Rang unter dem ganzen
Adel Frankreich's einnahm. Auch Sarsfield wurde von da hoffnungslos
verwundet auf ein Krankenbett getragen, von dem er sich nie wieder
erhob. Der Hof von Saint-Germains hatte ihm den hohlen Titel eines
Earls von Lucan verliehen; aber die Geschichte kennt ihn unter dem
Namen, der der unglücklichsten aller Nationen noch immer theuer
ist. Die dortige Gegend, seit Jahrhunderten als das Schlachtfeld der
kriegerischsten Nationen Europa's berühmt, hat nur zwei schrecklichere
Tage gesehen: den von Malplaquet und den von Waterloo. Viele Monate
lang war der Boden mit Schädeln und Gebeinen von Menschen und Pferden
und mit Stücken von Hüten und Schuhen, Sätteln und Halftern besäet. Im
nächsten Sommer schossen aus dem durch zwanzigtausend Leichen gedüngten
Boden Millionen Mohnpflanzen empor. Der Reisende, der auf dem Wege von
Saint-Tron nach Tirlemont diese große Fläche blendenden Scharlachs
erblickte, die sich von Landen bis Neerwinden erstreckte, konnte sich
schwerlich des Gedankens erwehren, daß die bildliche Vorhersagung des
hebräischen Propheten, die Erde würde ihr Blut von sich geben und
sich weigern, die Erschlagenen zu bedecken, buchstäblich in Erfüllung
gegangen sei.[29]

Es fand keine Verfolgung statt, obgleich die Sonne noch hoch stand,
als Wilhelm über die Gette ging. Die Sieger waren vom Marschiren und
Kämpfen so erschöpft, daß sie sich kaum bewegen konnten, und die
Pferde waren in einem noch schlimmeren Zustande als die Menschen.
Ihr General hielt es für nothwendig, ihnen einige Zeit zur Ruhe und
Erholung zu gönnen. Die französischen Cavaliere entlasteten ihre
Saumpferde, soupirten heiter und stießen inmitten der Haufen von
Leichen mit Champagner an, und als es dunkel wurde, legten sich ganze
Brigaden freudig auf die Erde nieder, um in Reih' und Glied auf dem
Schlachtfelde zu schlafen. Luxemburg's Unthätigkeit entging dem
Tadel nicht. Niemand konnte leugnen, daß er im Gefecht eine große
Geschicklichkeit und Energie entfaltet hatte; Einige aber meinten,
es fehle ihm an Geduld und Ausdauer. Andere raunten einander zu, er
wünsche nicht, einen Krieg zu beendigen, der ihn einem Hofe nothwendig
mache, an welchem er in Friedenszeiten niemals Gunst, ja nicht einmal
Gerechtigkeit gefunden haben würde.[30] Ludwig, der diesmal vielleicht
nicht ganz frei von einigen Regungen von Eifersucht war, wußte
angeblich das Lob, das er seinem Befehlshaber spendete, mit einem Tadel
zu verbinden, der zwar schonend ausgedrückt, aber doch vollkommen
verständlich war. »In der Schlacht« sagte er, »benahm sich der Herzog
von Luxemburg wie Condé, und nach der Schlacht benahm sich der Prinz
von Oranien wie Turenne.«

Die Geschicklichkeit und Energie, womit Wilhelm seine furchtbare
Niederlage wieder gut machte, mußte in der That Bewunderung erwecken.
»In einer Beziehung,« sagte der Admiral Coligny, »darf ich mich über
Alexander, über Scipio, über Cäsar stellen. Sie haben allerdings große
Schlachten gewonnen. Ich aber habe vier große Schlachten verloren,
und doch zeige ich dem Feinde eine furchtbarere Front als je.« Das
Blut Coligny's floß in Wilhelm's Adern, und mit dem Blute hatte er
den unbezwinglichen Muth geerbt, der aus dem Mißgeschick eben so
großen Ruhm zu ziehen wußte, als glücklichere Befehlshaber dem Erfolg
verdankten. Die Niederlage von Landen war zwar ein harter Schlag und
der König hegte einige Tage lang quälende Besorgnisse. Wenn Luxemburg
weiter vordrang, war Alles verloren. Löwen mußte fallen, und eben
so auch Mecheln, Nieuport und Ostende. Die batavische Grenze wäre
gefährdet worden und das Geschrei nach Frieden konnte in ganz Holland
so laut werden, daß weder die Generalstaaten noch der Statthalter ihm
länger zu widerstehen vermochten.[31] Aber Luxemburg zögerte, und ein
kurzer Verzug genügte Wilhelm. Vom Schlachtfelde bahnte er sich einen
Weg durch die Massen der Fliehenden in die Gegend von Löwen, und dort
begann er seine zerstreuten Truppen wieder zu sammeln. Die ängstliche
Besorgniß, die er in diesem Augenblicke, dem unglücklichsten seines
ganzen Lebens, wegen der beiden Personen empfand, die ihm am theuersten
waren, gereicht seinem Character nicht zur Unehre. Sobald er in
Sicherheit war, schrieb er an seine Gemahlin, um sie über seine Lage zu
beruhigen.[32] In der Verwirrung der Flucht hatte er Portland aus dem
Gesicht verloren, dessen Gesundheit damals sehr geschwächt war und der
daher mehr als die gewöhnlichen Gefahren des Kriegs zu bestehen hatte.
Ein kurzes Billet, das der König wenige Stunden später seinem Freunde
zukommen ließ, ist noch vorhanden.[33] »Obgleich ich Sie diesen Abend
zu sehen hoffe, kann ich doch nicht umhin an Sie zu schreiben, um Ihnen
zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß Sie so gut davongekommen sind.
Gott gebe, daß Ihre Gesundheit bald ganz wiederhergestellt werde. Es
hat ihm gefallen, schwere Prüfungen in rascher Aufeinanderfolge über
mich zu verhängen. Ich muß trachten, mich seinem Willen ohne Murren zu
unterwerfen und seinen Zorn weniger zu verdienen.«

Seine Truppen sammelten sich rasch wieder. Starke Corps, die er
vielleicht unklugerweise von seiner Armee detachirt hatte, als er
glaubte, daß Lüttich das Ziel des Feindes sei, stießen in Eilmärschen
zu ihm. Drei Wochen nach seiner Niederlage hielt er einige Meilen von
Brüssel eine Heerschau ab. Die Anzahl der unter den Waffen stehenden
Mannschaften war größer als am Morgen der blutigen Schlacht von Landen;
ihr Aussehen war soldatenmäßig und ihr Muth schien ungebrochen. Wilhelm
schrieb jetzt an Heinsius, daß das Schlimmste vorüber sei. »Die
Krisis,« sagte er, »ist eine fürchterliche gewesen. Gott sei Dank, daß
sie so geendet hat.« Er hielt es jedoch nicht für gerathen, in diesem
Augenblicke das Glück einer neuen Feldschlacht zu versuchen. Er ließ
daher die Franzosen Charleroy belagern und nehmen, und dies war der
einzige Vortheil, den sie aus der blutigsten Schlacht zogen, welche im
17. Jahrhundert in Europa geschlagen wurde.


[_Vernichtung der Smyrna-Flotte._] Die Trauerbotschaft von der
Niederlage von Landen fand England durch nicht minder traurige
Nachrichten von einer andren Seite bewegt. Seit vielen Monaten war der
Handel mit dem Mittelländischen Meere durch den Krieg fast gänzlich
gehemmt. Kein Kauffahrteischiff von London oder Amsterdam hatte
Aussicht, ohne bewaffneten Schutz die Herkulessäulen zu erreichen,
ohne von einem französischen Kaper geentert zu werden, und der
Schutz von Kriegsschiffen war nicht leicht zu erlangen. Während des
Jahres 1692 hatten sich starke Flotten, mit Waarenladungen für die
spanischen, italienischen und türkischen Märkte reich befrachtet,
in der Themse und im Texel gesammelt. Im Februar 1693 waren nahe an
vierhundert Schiffe zum Auslaufen bereit. Der Werth ihrer Ladungen
wurde auf mehrere Millionen Pfund Sterling geschätzt. Noch nie hatten
die Galeonen, welche seit langer Zeit die Bewunderung und den Neid
der Welt erweckten, so kostbare Güter von Westindien nach Sevilla
gebracht. Die englische Regierung übernahm es im Einverständniß mit
der holländischen, die mit dieser großen Masse von Schätzen beladenen
Fahrzeuge zu eskortiren. Die französische Regierung nahm sich vor, sie
aufzufangen.

Der Plan der Alliirten war, daß siebzig Linienschiffe und ungefähr
dreißig Fregatten und Brigantinen unter den Befehlen Killegrew's und
Delaval's, der beiden neuen Lords der englischen Admiralität, sich
im Kanale versammeln und die Smyrna-Flotte, wie sie im Munde des
Volks hieß, bis über die Grenzen hinaus begleiten sollten, innerhalb
welcher Gefahr von Seiten des Brester Geschwaders zu befürchten stand.
Der größere Theil der Flotte sollte dann zur Bewachung des Kanals
zurückkehren, während Rooke mit zwanzig Segeln die Kauffahrer begleiten
und das vor Toulon liegende Geschwader beschützen sollte. Der Plan der
französischen Regierung war, daß das Brester Geschwader unter Tourville
und das Touloner Geschwader unter d'Estrées in der Nähe der Meerenge
von Gibraltar zusammentreffen und dort der Beute auflauern sollten.

Welcher Plan der klüger ersonnene war, ist zweifelhaft. Welcher von
beiden aber am besten ausgeführt wurde, ist eine Frage, die keinen
Zweifel zuläßt. Die ganze französische Flotte wurde von Einem Willen
geleitet, mochte sie sich im Atlantischen oder im Mittelländischen
Meere befinden. Die Flotte England's und die Flotte der Vereinigten
Provinzen standen unter verschiedenen Autoritäten, und in England
sowohl wie in den Vereinigten Provinzen zerfiel die Gewalt in so
zahlreiche Abtheilungen und Unterabtheilungen, daß auf keinem Einzelnen
eine schwere Verantwortlichkeit lastete. Das Frühjahr kam heran. Die
Kaufleute beklagten sich laut, daß sie durch die Verzögerung schon mehr
verloren hätten als sie durch die glücklichste Reise noch zu gewinnen
hoffen dürften, und noch immer waren die Kriegsschiffe nicht halb
bemannt und verproviantirt. Das Geschwader von Amsterdam traf erst
spät im April an unsrer Küste ein, das Geschwader von Seeland erst
Mitte Mai.[34] Es war Juni, als endlich die ungeheure Flotte, nahe an
fünfhundert Segel stark, die Klippen England's aus dem Gesicht verlor.

Tourville war bereits in See gegangen und steuerte südwärts. Killegrew
und Deleval aber waren so nachlässig oder so unglücklich, daß sie von
seinen Bewegungen keine Kenntniß hatten. Sie waren anfangs überzeugt,
daß er noch im Hafen von Brest liege. Dann kam ihnen das Gerücht zu
Ohren, daß in nördlicher Richtung segelnde Schiff gesehen worden
seien, und sie vermutheten, daß er ihre Abwesenheit benutzte, um die
Küste von Devonshire zu bedrohen. Sie scheinen es nicht für möglich
gehalten zu haben, daß er sich mit dem Touloner Geschwader vereinigt
haben und in der Nähe von Gibraltar ungeduldig seine Beute erwarten
könne. Nachdem sie daher die Smyrna-Flotte ungefähr zweihundert Meilen
über Ushant hinaus begleitet hatten, erklärten sie am 6. Juni ihre
Absicht, sich von Rooke zu trennen. Rooke machte Einwendungen, aber
vergebens. Er mußte sich fügen und mit seinen zwanzig Kriegsschiffen
dem Mittelländischen Meere zusteuern, während seine beiden Vorgesetzten
mit dem Reste der Kriegsflotte in den Kanal zurückkehrten.

Inzwischen war es in England bekannt geworden, daß Tourville in
aller Stille Brest verlassen hatte und nach Süden eilte, um sich
mit Estrées zu verbinden. Die Zurückkunft Killegrew's und Delavals
erweckte daher große Besorgniß. Es wurde sofort ein schnellsegelndes
Fahrzeug abgesandt, um Rooke vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen;
diese Warnung aber kam ihm nicht zu. Er steuerte mit gutem Winde
dem Kap Saint Vincent zu, und hier erfuhr er, daß in der nahen Bai
von Lagos einige französische Schiffe lägen. Die erste Mittheilung,
die er darüber erhielt, bewog ihn zu dem Glauben, daß ihre Anzahl
nicht bedeutend sei, und sie wußten ihre Stärke so geschickt zu
verbergen, daß er nicht eher eine Ahnung davon bekam, daß er der
ganzen Kriegsflotte eines großen Königreichs gegenüberstehe, als bis
sie nur noch eine halbe Stunde Seewegs von ihm entfernt waren. Gegen
eine vierfache Uebermacht zu kämpfen, würde Wahnsinn gewesen sein.
Es war schon viel, wenn es ihm gelang, sein Geschwader vor völliger
Vernichtung zu bewahren. Er bot seine ganze Geschicklichkeit auf.
Einige in der Nachhut segelnde holländische Kriegsschiffe opferten sich
muthig auf, um die Flotte zu retten. Mit dem Reste des Geschwaders und
etwa sechzig Handelsschiffen gelangte Rooke glücklich nach Madeira und
von da nach Cork. Aber mehr als dreihundert von den Fahrzeugen, die er
begleitet hatte, waren über den Ocean zerstreut. Einige entkamen nach
Irland, andere nach Corunna, andere nach Lissabon, andere nach Cadix,
einige wurden genommen und mehr noch vernichtet. Ein paar, die unter
den Felsen von Gibraltar Schutz gesucht hatten und die der Feind bis
dahin verfolgte, wurden versenkt, als man sah, daß sie nicht zu retten
waren. Andere gingen in gleicher Weise unter den Batterien von Malaga
zu Grunde. Der Gewinn für Frankreich scheint nicht groß gewesen zu
sein; aber der Verlust für England und Holland war enorm.[35]


[_Aufregung in London._] Seit Menschengedenken hatte die City nie
einen Tag von größerer Betrübniß und Aufregung erlebt als der war, an
welchem die Nachricht von dem Gefecht in der Bai von Lagos ankam. Viele
Kaufleute, sagte ein Augenzeuge, verließen die Börse so bleich, als
wenn ihnen ihr Todesurtheil angekündigt worden wäre. Eine Deputation
der Kaufleute, welche unter diesem schweren Unfalle litten, überreichte
der Königin eine ihre Beschwerden enthaltende Adresse. Sie wurden in
den Sitzungssaal des Staatsraths eingelassen, wo sie an der Spitze
des Collegiums saß. Sie beauftragte Somers, in ihrem Namen zu
antworten, und er hielt eine Ansprache an sie, welche gut berechnet
war, ihre Gereiztheit zu beschwichtigen. Ihre Majestät, sagte er,
nehme herzlichen Antheil an ihrem Unglücke und habe bereits einen
Ausschuß des Geheimen Raths ernannt, um die Ursachen des kürzlichen
Unfalls zu untersuchen und die besten Mittel zu erwägen, um ähnlichen
Unfällen vorzubeugen.[36] Diese Antwort befriedigte die Betreffenden
so vollständig, daß der Lordmayor bald darauf in den Palast kam, um
der Königin für ihre Güte zu danken, ihr zu versichern, daß London
ihr und ihrem Gemahl durch alle Wechselfälle treu bleiben werde,
und ihr mitzutheilen, daß, so schwer auch der kürzliche Schlag von
vielen großen Handelshäusern empfunden würde, der Gemeinderath dennoch
einstimmig beschlossen habe, jede Summe vorzustrecken, welche die
Regierung bedürfen möchte.[37]


[_Jakobitische Libelle; Wilhelm Anderton._] Die Mißstimmung, welche die
öffentlichen Calamitäten naturgemäß erzeugten, wurde durch alle
Parteikunstgriffe genährt. Nie waren die jakobitischen Pamphletisten so
heftig und rücksichtslos gewesen als während dieses unglücklichen
Sommers. Die Polizei spürte in Folge dessen thätiger als je den Höhlen
nach, aus denen so viel Hochverrath hervorging. Mit großer Mühe und nach
langem Suchen wurde endlich die wichtigste aller uncensirten Pressen
entdeckt. Diese Presse gehörte einem Jakobiten, Namens Wilhelm Anderton,
der wegen seiner Unerschrockenheit und seines Fanatismus zu
Dienstleistungen tauglich war, vor denen vorsichtige und gewissenhafte
Männer zurückschrecken. Seit zwei Jahren wurde er von den Agenten der
Regierung beobachtet; aber wo er sein Gewerbe betrieb, war ein
undurchdringliches Geheimniß. Endlich aber entdeckte man ihn in einem
Hause unweit Saint James Street, wo er unter einem angenommenen Namen
bekannt war und für einen Goldarbeiter gehalten wurde. Ein Beamter der
Preßpolizei begab sich mit mehreren Dienern dahin und fand Anderton's
Frau und Mutter als Schildwachen an der Thür postirt. Die beiden Frauen
kannten den Beamten, fielen über ihn her, packten ihn bei den Haaren und
riefen »Diebe« und »Mörder«. Dadurch gaben sie Anderton das
Alarmzeichen. Er verbarg seine Arbeitsutensilien, kam mit ganz
unbefangener Miene heraus und bot dem Beamten, dem Censor, dem
Staatssekretär und selbst der kleinen Habichtsnase[38] Trotz. Nach
kurzer Gegenwehr wurde er festgenommen. Sein Zimmer wurde durchsucht und
auf den ersten Blick zeigte sich kein Beweis für seine Schuld darin.
Bald aber fand man hinter dem Bett eine Thür, die in ein dunkles Gemach
führte. Dieses Gemach enthielt eine Buchdruckerpresse, Typen und Stöße
frischgedruckter Schriften. Eine dieser Schriften, betitelt: »+Remarks
on the Present Confederacy and the Late Revolution,+« ist vielleicht das
heftigste aller jakobitischen Libelle. Der Prinz von Oranien wird darin
allen Ernstes beschuldigt, daß er funfzig von seinen verwundeten
englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Das leitende
Prinzip seiner ganzen Handlungsweise, heißt es unter Andrem, ist weder
Eitelkeit noch Ehrgeiz, noch Habsucht, sondern ein tödtlicher Haß gegen
die Engländer und der Drang, sie unglücklich zu machen. Die Nation wird
mit Heftigkeit aufgefordert, sich bei Strafe des strengsten Gerichts zu
erheben und sich von dieser Plage, diesem Fluche, diesem Tyrannen zu
befreien, dessen Verderbtheit es fast unglaublich erscheinen lasse, daß
er von einem Menschenpaar gezeugt sein könne. Außerdem wurden von einer
andren, etwas minder heftigen, aber vielleicht noch gefährlicheren
Schrift, betitelt: »+A French Conquest neither desirable nor
practicable,+« eine Menge Exemplare vorgefunden. Auch in dieser Schrift
wird das Volk aufgefordert, sich zu erheben. Es wird ihm versichert, daß
ein großer Theil der Armee auf seiner Seite sei. Die Streitkräfte des
Prinzen von Oranien würden zusammenschmelzen, heißt es; er werde froh
sein, wenn er mit dem Leben davonkomme, und es wird höhnend die
mildherzige Hoffnung ausgesprochen, daß es nicht nöthig sein werde, ihm
ein schlimmeres Leid zuzufügen, als ihn nach Loo zurückzuschicken, wo
er, von einem Luxus umgeben, den die Engländer theuer bezahlt hätten,
fernerhin leben möchte.

Durch die Giftigkeit der jakobitischen Pamphletisten gereizt und
beunruhigt, beschloß die Regierung, an Anderton ein Exempel zu
statuiren. Er wurde des Hochverraths angeklagt und vor die Schranken der
Old Bailey gestellt. Treby, der jetzt Oberrichter der Common Pleas war,
und Powell, der sich am Tage des Prozesses der Bischöfe ehrenvoll
ausgezeichnet hatte, saßen auf der Richterbank. Es ist Schade, daß kein
detaillirter Bericht über die Untersuchung auf uns gekommen ist und daß
wir uns mit den fragmentarischen Aufschlüssen begnügen müssen, die wir
aus den einander widersprechenden Darstellungen offenbar parteiischer,
maßloser und unredlicher Schriftsteller sammeln können. Die
Anklageschrift ist jedoch noch vorhanden und die notorischen Handlungen,
die sie dem Angeklagten zur Last legt, erreichen unbestreitbar die Stufe
des Hochverraths.[39] Die Unterthanen des Reichs aufzufordern, sich zu
erheben und den König gewaltsam zu entthronen, und dieser Aufforderung
den offenbar ironischen Ausdruck der Hoffnung beizufügen, daß es nicht
nöthig sein werde, eine härtere Strafe als die Verbannung über ihn zu
verhängen, ist gewiß ein Vergehen, das auch der mindest höfische Jurist
als im Bereiche des Statuts Eduard's III. liegend anerkennen wird.
Ueber diesen Punkt scheint man sich auch in der That weder bei dem
Prozesse noch nachher gestritten zu haben.

Der Gefangene leugnete die Libelle gedruckt zu haben. Da die
Zeugenbeweise nicht auf uns gekommen sind, so dürfen wir über diesen
Punkt billigerweise den Richtern und Geschwornen Glauben schenken,
welche die Aussagen der Zeugen anhörten.

Ein Argument, das Anderton's Rechtsbeistände ihm eingegeben hatten und
das in den damaligen jakobitischen Pasquillen als unwiderlegbar
dargestellt wird, war, daß, weil die Buchdruckerkunst unter der
Regierung Eduard's III. noch unbekannt war, das Drucken selbst nach
keinem Gesetz jener Regierung als ein notorischer Act des Hochverraths
angesehen werden könne. Die Richter nahmen dieses Argument sehr leicht,
und sie waren gewiß dazu berechtigt es so zu nehmen. Denn es ist ein
Argument, das zu der Schlußfolgerung führen würde, daß es kein
notorischer Act des Hochverraths sei, einen König vermittelst einer
Guillotine zu enthaupten oder mit einer Miniébüchse zu erschießen.

Ferner wurde zu Anderton's Gunsten geltend gemacht -- und dies war
allerdings ein Argument, das gegründeten Anspruch auf Berücksichtigung
hatte -- daß zwischen dem Verfasser einer hochverrätherischen Schrift
und dem bloßen Drucker derselben ein Unterschied gemacht werden müsse.
Ersterer könne nicht behaupten, daß er den Sinn der Worte, die er selbst
gewählt, nicht verstanden habe. Für Letzteren aber könnten die Worte
möglicherweise gar keinen Sinn haben. Die Metaphern, die Anspielungen,
die Sarkasmen könnten weit über der Sphäre seines Begriffsvermögens
liegen, und während seine Hände sich mit den Typen beschäftigten,
könnten seine Gedanken auf Dinge gerichtet sein, die mit dem ihm
vorliegenden Manuscripte gar nichts zu thun hätten. Es ist unzweifelhaft
wahr, daß es kein Verbrechen zu sein braucht, etwas zu drucken, was zu
schreiben ein großes Verbrechen sein würde. Doch ist dies offenbar ein
Gegenstand, bezüglich dessen sich keine allgemeine Regel aufstellen
läßt. Ob Anderton als bloßes mechanisches Werkzeug zur Verbreitung einer
Schrift beigetragen habe, deren Tendenz er nicht ahnete, oder ob er
wissentlich seinen Beistand zur Anstiftung eines Aufruhrs geliehen, war
eine Frage für die Jury, und die Jury durfte aus dem Annehmen eines
falschen Namens, aus der Heimlichkeit, mit der er arbeitete, aus der
scharfen Wacht, die seine Frau und seine Mutter hielten und aus der
wüthenden Heftigkeit, mit der er, selbst als er sich bereits in der
Gewalt der Polizeiagenten befand, noch die Regierung schmähte, mit gutem
Grunde schließen, daß er nicht das unbewußte Werkzeug, sondern der
intelligente und eifrige Complice von Hochverräthern war. Nachdem die
zwölf Geschwornen eine beträchtliche Zeit mit einander deliberirt
hatten, benachrichtigten sie den Gerichtshof, daß einer von ihnen
Zweifel hege. Diese Zweifel wurden durch Treby's und Powell's Argumente
gehoben, und das Verdict lautete auf schuldig.

Das Schicksal des Gefangenen war einige Zeit zweifelhaft. Die Minister
hofften, er werde dahin zu bringen sein, seinen eignen Kopf auf
Unkosten der Köpfe der Pamphletisten zu retten, in deren Diensten er
gearbeitet. Aber seine natürliche Standhaftigkeit wurde durch geistliche
Stimulationsmittel aufrechterhalten, welche die eidverweigernden
Priester vortrefflich anzuwenden verstanden. Er erlitt standhaft den Tod
und schmähte die Regierung bis zum letzten Augenblicke. Die Jakobiten
beschwerten sich laut über die Gefühllosigkeit der Richter, die ihn
verurtheilt, und der Königin, die seine Hinrichtung zugegeben hatte, und
stellten ihn mit eben nicht besonderer Consequenz als einen armen
unwissenden Handwerker, der die Natur und Tendenz der Handlung, wegen
der er den Tod erlitten, nicht gekannt, und als einen Märtyrer dar, der
für den verbannten König und die verfolgte Kirche heldenmüthig sein
Leben gelassen habe.[40]


[_Schriften und Kunstgriffe der Jakobiten._] Die Minister irrten sich
sehr, wenn sie glaubten, daß Anderton's Schicksal Andere abhalten
werde, sein Beispiel nachzuahmen. Seine Hinrichtung veranlaßte mehrere
kaum minder heftige Pamphlets als das wegen dessen er verurtheilt
worden. Collier frohlockte in einer Schrift, die er +»Remarks on the
London Gazette«+ betitelte, mit herzloser Freude über das Blutbad
von Landen und über die massenhafte Zerstörung englischen Eigenthums
an der Küste von Spanien.[41] Andere Schriftsteller thaten ihr
Möglichstes, um unter den Arbeitern Aufstände zu entzünden, denn es
war die Doctrin der Jakobiten, daß Unruhen, wo und wie sie immer
beginnen möchten, in eine Restauration auszulaufen versprächen. Eine
Phrase, die ohne Commentar als purer Unsinn erscheinen muß, die aber
in Wirklichkeit sehr bedeutungsvoll war, führten sie damals vielfach
im Munde, und sie wurde sogar eine Parole, an der die Mitglieder der
Partei einander erkannten: »Schlagt es herum, es wird zu meinem Vater
kommen.« Der verborgene Sinn dieser Redensart war: »Stürzt das Land
in Verwirrung, man wird zuletzt zu König Jakob greifen müssen.«[42]
Der Handel florirte nicht und viele fleißige Menschen hatten keine
Arbeit. Die mißvergnügten Straßendichter verfertigten in Folge
dessen an die nothleidenden Klassen gerichtete Lieder. Zahlreiche
Exemplare einer Ballade, welche die Weber aufforderte, sich gegen die
Regierung zu erheben, wurden in dem Hause des Quäkers gefunden, der
Jakob's Erklärung gedruckt hatte.[43] Alle erdenklichen Mittel wurden
angewendet, um auch unter einer weit gefährlicheren Klasse von Leuten,
unter den Matrosen, Unzufriedenheit zu erwecken, und unglücklicherweise
lieferten die Mängel der Marineverwaltung den Feinden des Staats nur zu
reichlichen Zündstoff. Einige Seeleute desertirten, andere stifteten
Meutereien an; es fanden Hinrichtungen statt, und diesen folgten neue
Balladen und Flugblätter, welche die Hinrichtungen als barbarische
Mordthaten darstellten. Gerüchte, daß die Regierung beschlossen habe,
ihre Vertheidiger um ihren sauerverdienten Lohn zu betrügen, wurden
mit so großem Erfolge verbreitet, daß ein zahlreicher Haufe Weiber
von Wapping und Rotherhithe Whitehall belagerte und tumultuarisch den
ihren Männern gebührenden Lohn verlangte. Marie war so taktvoll und
gutherzig, vier dieser ungestümen Petentinnen in den Saal einführen
zu lassen, wo sie eben eine Staatsrathssitzung hielt. Sie hörte ihre
Klagen an und versicherte ihnen in eigner Person, daß das Gerücht,
welches sie beunruhigt habe, ungegründet sei.[44] Inzwischen kam
der St. Bartholomäustag heran, und die große jährliche Messe, das
Vergnügen arbeitsscheuer Lehrbuben und der Greuel puritanischer
Aldermen, wurde mit der gewöhnlichen Schaustellung von Zwergen, Riesen
und tanzenden Hunden, Feuerfressern und abgerichteten Elephanten in
Smithfield eröffnet. Von allen Sehenswürdigkeiten aber übte keine
so große Anziehungskraft aus, als eine dramatische Vorstellung,
welche in der Idee, wenn auch gewiß nicht in der Ausführung, große
Aehnlichkeit mit den unsterblichen Meisterwerken des Humors gehabt zu
haben scheint, in denen Aristophanes Cleon und Lamachus lächerlich
machte. Zwei herumziehende Comödianten gaben die Rollen Killegrew's
und Delaval's. Die beiden Admiräle waren dargestellt, wie sie mit
ihrer ganzen Flotte vor einigen französischen Kapern flohen und
unter den Kanonen des Towers Schutz suchten. Die Rolle des Chorus
wurde von einem Hanswurst gespielt, der seine Meinung über die
Marineverwaltung sehr freimüthig aussprach. Ungeheure Menschenmassen
strömten zu dieser wunderlichen Posse. Der Beifall war laut, die
Einnahmen groß, und die Comödianten, welche zuerst nur die unglückliche
und unpopuläre Admiralität durchzuhecheln gewagt hatten, begannen
jetzt, durch die Straflosigkeit und den Erfolg dreist gemacht, und
wahrscheinlich durch Leute viel höherer Stellung angeregt und bezahlt,
auch über andere Verwaltungszweige ihre Witze zu machen. Diesem
Versuche, die Zügellosigkeit der attischen Bühne wieder in die Mode
zu bringen, wurde bald durch das Erscheinen einer starken Abtheilung
Constabler, welche die Schauspieler ins Gefängniß abführten, ein Ziel
gesetzt.[45] Mittlerweile wurden die Straßen London's jede Nacht
mit aufwieglerischen Flugblättern besäet. In allen Wirthshäusern
hinkten die Zeloten des erblichen Rechts mit Wein- und Punschgläsern
an den Lippen umher. Diese Mode war eben aufgekommen, und die
Nichteingeweihten wunderten sich höchlich, wie eine so große Menge
frischer und gesunder Gentlemen urplötzlich lahm geworden sein könne.
Die in das Geheimniß Eingeweihten aber wußten, daß das Wort +limp+
(hinken) ein geheiligtes Wort, daß jeder der vier Buchstaben, aus denen
es bestand, der Anfangsbuchstabe eines erlauchten Namens war, und daß
der loyale Unterthan, der beim Trinken hinkte, sein Glas auf das Wohl
Ludwig's, Jakob's, Mariens und des Prinzen leerte.[46]

Aber nicht allein in der Hauptstadt ließen die Jakobiten damals ihren
Witz in großem Maßstabe leuchten. Sie waren auch in Bath zahlreich
vertreten, wo der Lordpräsident Caermarthen seine erschütterte
Gesundheit wieder zu befestigen versuchte. Jeden Abend versammelten sie
sich, um, wie sie es nannten, dem Marquis eine Serenade zu bringen. Mit
anderen Worten, sie rotteten sich unter den Fenstern des kranken Mannes
zusammen und sangen Spottlieder auf ihn.[47]


[_Verhalten Caermarthen's._] Es ist sonderbar, daß der Lordpräsident
zu derselben Zeit wo er in Bath als Wilhelmit insultirt wurde, in
Saint-Germains für einen treuen Jakobiten galt. Wie er dazu kam, für
einen solchen gehalten zu werden, ist eine sehr schwer zu beantwortende
Frage. Einige Schriftsteller sind der Meinung, daß er, wie Shrewsbury,
Russell, Godolphin und Marlborough, Verpflichtungen gegen den einen
König übernahm, während er das Brot des andren aß. Diese Ansicht aber
stützt sich nicht auf hinreichende Beweise. Für die Verräthereien
Shrewsbury's, Russell's, Godolphin's und Marlborough's haben wir eine
große Menge Beweise, die aus verschiedenen Quellen geschöpft sind und
sich über mehrere Jahre erstrecken. Ueber Caermarthen's Verkehr mit
Jakob aber besitzen wir keine anderen Nachrichten als die in einem
kurzen Aufsatze enthaltenen, den Melfort am 16. October 1693 schrieb.
Aus diesem Aufsatze geht klar und deutlich hervor, daß der verbannte
König und seine Minister Mittheilungen erhalten hatten, die sie
bewogen, Caermarthen als einen Freund zu betrachten. Aber wir haben
keinen Beweis, daß sie ihn weder vor noch nach diesem Tage für einen
solchen hielten.[48] Alles erwogen, scheint die wahrscheinlichste
Erklärung des Geheimnisses die zu sein, daß Caermarthen von einem
jakobitischen Emissär, der bei weitem nicht so schlau war als er,
sondirt worden war und daß er, um dem von Middleton entworfenen neuen
politischen Plan auf den Grund zu kommen, sich stellte, als ob er
der Sache des verbannten Königs zugethan wäre; daß eine übertriebene
Darstellung des Geschehenen nach Saint-Germains geschickt wurde,
und daß man sich dort über eine Bekehrung freute, die sich bald als
eine erheuchelte herausstellte. Es ist sonderbar, daß eine solche
Bekehrung nur einen Augenblick für aufrichtig gehalten werden konnte.
Es lag offenbar in Caermarthen's Interesse, sich zu den im factischen
Besitze des Thrones befindlichen Souverainen zu halten. Er war ihr
erster Minister und hatte keine Hoffnung, der erste Minister Jakob's
zu werden. Es ist in der That kaum anzunehmen, daß das politische
Verhalten eines schlauen, unersättlich ehrgeizigen und habsüchtigen
Greises durch persönliche Parteilichkeit bedeutend influirt worden sein
sollte. Aber wenn es überhaupt eine Person gab, für welche Caermarthen
eingenommen war, so war diese Person unzweifelhaft Marie. Daß er sich
ernstlich in ein Complot zu ihrer Entthronung eingelassen haben sollte,
das ihm den Hals kosten konnte, wenn es scheiterte, und durch das er,
wenn es gelang, ungeheuer an Macht und Reichthum verlieren mußte, war
eine zu absurde Fabel, die nur Verbannte für möglich halten konnten.

Allerdings hatte Caermarthen in diesem Augenblicke besonders triftige
Gründe, mit der Stellung, die er unter den Rathgebern Wilhelm's und
Mariens einnahm, unzufrieden zu sein. Man hat nur zu starken Grund zu
glauben, daß er damals mit einer selbst bei ihm beispiellosen
Schnelligkeit unrechtmäßigen Gewinn aufhäufte.


[_Der Ostindischen Compagnie eine neue Concession verliehen._] Der Kampf
zwischen den beiden Ostindischen Compagnien war im Herbste 1693 heftiger
als je. Da das Haus der Gemeinen die alte Compagnie jedem Vergleiche
hartnäckig abhold gefunden, hatte es kurz vor dem Schlusse der vorigen
Session den König ersucht, die in der Concessionsurkunde vorgeschriebene
dreijährige Aufkündigung erfolgen zu lassen. Child und seine Collegen
begannen jetzt ernstlich besorgt zu werden. Jeden Tag erwarteten sie die
gefürchtete Anzeige. Ja, sie waren sogar nicht sicher, ob ihnen ihr
ausschließliches Privilegium nicht ohne jede vorherige Anzeige entzogen
werden möchte, denn sie sahen, daß sie ihre Concession verwirkt hatten,
indem sie es aus Unachtsamkeit unterlassen, die kürzlich auf ihr
Actienkapital gelegte Steuer zur gesetzlich bestimmten Zeit zu
entrichten, und obwohl es unter gewöhnlichen Umständen als eine
Rücksichtslosigkeit der Regierung betrachtet worden wäre, aus einem
solchen Versehen Vortheil zu ziehen, so war doch das Publikum nicht
geneigt, der alten Compagnie etwas mehr als den strikten Buchstaben des
Vertrags zuzugestehen. Es war Alles verloren, wenn die Concession nicht
vor dem Zusammentritt des Parlaments erneuert wurde. Es steht fast außer
allem Zweifel, daß die Operationen der Gesellschaft in der Hauptsache
noch immer von Child geleitet wurden. Aber er scheint eingesehen zu
haben, daß seine Inpopularität die seiner Obhut anvertrauten Interessen
nachtheilig berührt hatte, und er drängte sich daher der öffentlichen
Aufmerksamkeit nicht auf. Seine Stelle wurde ostensibel durch seinen
nahen Verwandten, Sir Thomas Cook, ausgefüllt, einem der größten
Kaufleute von London und Parlamentsmitgliede für Colchester. Die
Directoren stellten Cook das ganze ungeheure Vermögen, das in ihrer
Schatzkammer lag, zur unumschränkten Verfügung, und in kurzer Zeit
wurden nahe an hunderttausend Pfund für Bestechungen in großartigem
Maßstabe ausgegeben. Nach welchen Verhältnissen diese enorme Summe unter
die Großen von Whitehall vertheilt wurde und wieviel davon in die
Taschen der Zwischenagenten floß, ist noch heute ein Geheimniß. Soviel
wissen wir jedoch mit Bestimmtheit, daß Seymour und Caermarthen Tausende
empfingen.

Das Resultat dieser Bestechungen war, daß der Generalfiskal Befehl
erhielt, einen Freibrief zu entwerfen, der der alten Compagnie die alten
Privilegien aufs Neue bewilligte. Kein Minister aber konnte es nach dem
was im Parlamente vorgegangen war, wagen, der Krone zur Erneuerung des
Monopols ohne Bedingungen zu rathen. Die Directoren sahen, daß sie keine
Wahl hatten und verstanden sich mit Widerstreben dazu, die neue
Concession unter Bedingungen anzunehmen, die im Wesentlichen dieselben
waren, wie sie das Haus der Gemeinen sanctionirt hatte.

Es ist wahrscheinlich, daß zwei Jahre früher ein solcher Vergleich die
Fehde, welche die City zerriß, gedämpft haben würde. Aber ein langer
Kampf, in welchem Satyre und Verleumdung nicht gespart worden waren,
hatte die Gemüther erhitzt. Das Geschrei Dowgate's gegen Leadenhall
Street war lauter als je. Es wurden Einsprüche erhoben und Petitionen
unterzeichnet, und in diesen Petitionen wurde ein Prinzip, mit dem man
bisher absichtlich hinter dem Berge gehalten hatte, keck aufgestellt. So
lange es zweifelhaft war, auf welcher Seite die königliche Prärogative
angewendet werden würde, hatte man diese Prärogative nicht bestritten.
Sobald es sich aber zeigte, daß die alte Compagnie Aussicht hatte, eine
Erneuerung des Monopols unter dem großen Siegel zu erlangen, begann die
neue Compagnie mit Heftigkeit zu behaupten, daß kein Monopol anders als
durch eine Parlamentsacte creirt werden könne. Nachdem der Geheime Rath,
welchem Caermarthen präsidirte, die ausführliche Erörterung durch die
beiderseitigen Anwälte angehört hatte, entschied er zu Gunsten der alten
Compagnie und ordnete die Untersiegelung des Freibriefs an.[49]


[_Wilhelm's Rückkehr nach England; militärische Erfolge Frankreich's._]
Inzwischen war der Herbst weit vorgerückt und die Armeen in den
Niederlanden hatten ihre Winterquartiere bezogen. Am letzten October
landete Wilhelm wieder in England. Das Parlament stand auf dem Punkte
zusammenzutreten, und er hatte allen Grund, eine noch stürmischere
Session als die vorige zu erwarten. Das Volk war unzufrieden, und nicht
ohne Ursache. Das Jahr war überall für die Verbündeten unglücklich
gewesen, nicht allein auf der See und in den Niederlanden, sondern auch
in Serbien, in Spanien, in Italien und in Deutschland. Die Türken hatten
die Generäle des Reichs gezwungen, die Belagerung Belgrad's aufzuheben.
Ein neucreirter Marschall von Frankreich, der Herzog von Noailles, war
in Catalonien eingefallen und hatte die Festung Rosas genommen. Ein
zweiter neucreirter Marschall, der geschickte und tapfere Catinat, war
von den Alpen nach Piemont hinabgestiegen und hatte bei Marsiglia einen
vollständigen Sieg über die Truppen des Herzogs von Savoyen erfochten.
Diese Schlacht ist insofern denkwürdig, weil sie die erste einer langen
Reihe von Schlachten war, in denen die irischen Truppen die durch
Mißgeschick und schlechte Führung im einheimischen Kriege verlorene Ehre
wiedererlangten. Einige von den Verbannten von Limerick bewiesen an
jenem Tage unter dem französischen Banner eine Tapferkeit, die sie unter
vielen Tausenden tapferer Männer auszeichnete. Es ist bemerkenswerth,
daß an dem nämlichen Tage ein Bataillon der verfolgten und aus ihrem
Vaterlande vertriebenen Hugenotten inmitten der allgemeinen Verwirrung
fest zu dem Banner Savoyen's hielt und mit Verzweiflung bis zum letzten
Augenblicke kämpfend fiel.

Der Herzog von Lorges war in die bereits zweimal verwüstete Pfalz
eingerückt und hatte gefunden, daß Turenne und Duras ihm noch etwas zu
zerstören übrig gelassen. Heidelberg, das eben aus seinen Trümmern
wieder zu erstehen begann, wurde abermals geplündert, die friedlichen
Bewohner niedergemacht und ihre Frauen und Kinder empörend geschändet.
Selbst die Chöre der Kirchen wurden mit Blut befleckt; die Monstranzen
und Kruzifixe von den Altären gerissen, die Gräber der alten Kurfürsten
erbrochen, die ihrer Schweißtücher und Zierrathen entkleideten Leichname
durch die Straßen geschleift. Der Schädel des Vaters der Herzogin von
Orleans wurde von den Soldaten eines Fürsten, an dessen glänzendem Hofe
sie unter den Damen den ersten Rang einnahm, in Stücken zerschlagen.

[_Noth in Frankreich._] Ein scharfblickendes Auge hätte indessen
erkennen müssen, daß, so unglücklich auch die Verbündeten gewesen
zu sein schienen, der Vortheil eigentlich auf ihrer Seite geblieben
war. Der Kampf war ebensowohl ein finanzieller als ein militärischer.
Der französische König hatte einige Monate vorher geäußert, das
letzte Goldstück werde den Sieg davontragen, und er begann jetzt die
Wahrheit dieses Ausspruchs schmerzlich zu empfinden. England war
allerdings durch öffentliche Lasten schwer bedrückt; aber es hielt
sich noch immer aufrecht. Frankreich war währenddem in raschem Sinken
begriffen. Seine kürzlichen Anstrengungen waren zuviel für seine Kraft
gewesen und hatten es verzehrt und entnervt. Noch nie hatten seine
Beherrscher einen größeren Scharfsinn im Erdenken von Abgaben und eine
größere Strenge im Eintreiben derselben an den Tag gelegt; aber kein
Scharfsinn, keine Strenge vermochte die zu einem neuen Feldzuge wie
der von 1693 erforderlichen Summen aufzubringen. In England war die
Ernte reichlich ausgefallen. In Frankreich waren Getreide und Wein
abermals mißrathen. Das Volk maß, wie gewöhnlich, der Regierung die
Schuld bei, und die Regierung versuchte mit schmachvoller Unwissenheit
oder noch schmachvollerer Unredlichkeit den öffentlichen Unwillen auf
die Getreidehändler zu lenken. Es wurden Decrete erlassen, welche
absichtlich zu dem Zwecke entworfen zu sein schienen, die Theuerung
in Hungersnoth zu verwandeln. Man versicherte der Nation, es sei
kein Grund zu Besorgniß vorhanden, der Ertrag der Feldfrüchte sei
mehr als hinreichend und der Mangel sei nur durch die schändlichen
Manipulationen der Wucherer erzeugt worden, die mit ihren Vorräthen
zurückhielten, in der Hoffnung, einen enormen Gewinn zu erzielen.
Es wurden Commissare zu Visitation der Kornspeicher ernannt und
ermächtigt, alles Getreide, das die Eigenthümer nicht für ihren
Bedarf brauchten, auf den Markt zu bringen. Eine solche Einmischung
vergrößerte natürlich die Noth, der sie abhelfen sollte. Aber inmitten
des allgemeinen Mangels gab es an einem Orte einen künstlich erzeugten
Ueberfluß. Der unumschränkteste Fürst muß immer einige Scheu vor einer
in der Umgebung seines Palastes versammelten großen Menschenmenge
haben. Aehnliche Befürchtungen wie die, welche die Cäsaren bestimmt
hatten, Afrika und Aegypten die Mittel auszupressen, dem römischen
Pöbel den Mund zu stopfen, bewogen Ludwig, das Elend von zwanzig
Provinzen zu vermehren, um eine gewaltige Stadt bei guter Laune zu
erhalten. Er ließ in allen Kirchspielen der Hauptstadt Brot um weniger
als den halben Marktpreis vertheilen. Die englischen Jakobiten waren
einfältig genug, diese Anordnung als weise und human zu preisen.
Die Ernte, sagten sie, sei in England gut, in Frankreich schlecht
gewesen, und doch sei das Brot in Paris wohlfeiler als in London, und
die Erklärung sei ganz einfach. Die Franzosen hätten einen Souverain,
dessen Herz französisch sei und der mit der Fürsorge eines Vaters über
sein Volk wache, während die Engländer mit einem holländischen Tyrannen
beglückt seien, der ihr Getreide nach Holland schicke. Die Wahrheit
ist, daß acht Tage solcher väterlicher Regierung wie die Ludwig's,
ganz England, von Northumberland bis Cornwall, zu einem bewaffneten
Aufstande getrieben haben würden. Damit in Paris Ueberfluß herrschen
konnte, mußte die Bevölkerung der Normandie und des Anjou Nesseln
essen. Damit es in Paris ruhig blieb, schlug sich das Landvolk längs
der ganzen Loire und Seine mit den Schiffern und Truppen. Massen flohen
aus diesen ländlichen Districten, wo das Pfund Brot fünf Sous kostete,
nach dem glücklichen Orte, wo das Pfund Brot für zwei Sous zu haben
war. Man mußte die verhungerten Menschenhaufen mit Gewalt von den
Barrièren zurücktreiben und Denen, die nicht nach Hause gehen und ruhig
verhungern wollten, mit den furchtbarsten Strafen drohen.[50]

Ludwig sah ein, daß die Kräfte Frankreich's durch die Anstrengungen des
letzten Feldzugs übermäßig in Anspruch genommen worden waren. Selbst
wenn es eine reichliche Ernte und Weinlese gehabt hätte, würde es nicht
im Stande gewesen sein, 1694 das zu leisten, was es 1693 geleistet, und
es war durchaus unmöglich, daß es zu einer Zeit des größten Mangels
wieder Armeen ins Feld schicken konnte, welche an allen Punkten den
Armeen der Coalition an Zahl überlegen waren. Neue Eroberungen waren
nicht zu erwarten. Es war schon viel, wenn das auf allen Seiten von
Feinden umlagerte ausgesogene und erschöpfte Land ohne Niederlage einen
Vertheidigungskrieg zu bestehen vermochte. Ein so geschickter Staatsmann
wie der König von Frankreich mußte nothwendig erkennen, daß es nur zu
seinem Vortheile sein konnte, wenn er mit den Verbündeten unterhandelte,
so lange sie durch die Erinnerung an die kolossalen Anstrengungen, die
sein Land soeben gemacht hatte, noch in Respect erhalten wurden, und
bevor die Erschlaffung, welche auf diese Anstrengungen gefolgt war,
sichtbar zu werden begann.

Er verkehrte schon längst durch verschiedene Kanäle mit einigen
Mitgliedern der Conföderation und versuchte sie zu bestimmen, sich von
den übrigen zu trennen. Bis jetzt aber hatte er noch keine Propositionen
gemacht, die auf eine allgemeine Pacifirung hinzielten. Denn er wußte,
daß keine allgemeine Pacifirung möglich war, wenn er sich nicht
entschloß, die Sache Jakob's aufzugeben und den Prinzen und die
Prinzessin von Oranien als König und Königin anzuerkennen. Dies war
eigentlich der Punkt, um den sich Alles drehte. Was mit den großen
Festungen geschehen sollte, welche Ludwig in Friedenszeiten
widerrechtlich weggenommen und seinem Reiche einverleibt hatte, mit
Luxemburg, das die Mosel in Schach hielt, und mit Straßburg, das den
Oberrhein beherrschte, was ferner mit den festen Plätzen geschehen
sollte, die er neuerdings im offenen Kriege erobert, mit Philippsburgi,
Mons und Namur, mit Huy und Charleroy; welche Grenze den Generalstaaten
gesteckt, unter welchen Bedingungen Lothringen seinen erblichen Herzögen
zurückgegeben werden sollte: dies waren allerdings keine unwichtigen
Fragen. Aber die allerwichtigste Frage war die, ob England, wie es dies
unter Jakob gewesen, eine Provinz Frankreich's, oder, was es unter
Wilhelm und Marien war, eine Macht ersten Ranges sein sollte. Wenn
Ludwig ernstlich den Frieden wünschte, so mußte er es über sich
gewinnen, die Souveraine anzuerkennen, die er so oft als Usurpatoren
bezeichnet hatte. Konnte er es über sich gewinnen, sie anzuerkennen? Auf
der einen Seite standen sein Aberglaube, sein Stolz, seine Rücksichten
gegen die unglücklichen Verbannten, welche in Saint-Germains
schmachteten, seine persönliche Abneigung gegen den unermüdlichen und
unbesiegbaren Gegner, der seit zwanzig Jahren ihm überall hindernd in
den Weg trat; auf der andren Seite standen seine und seines Volkes
Interessen. Er mußte einsehen, daß es nicht in seiner Macht lag, die
Engländer zu unterjochen, das er es wenigstens ihnen überlassen müsse,
sich ihre Regierung selbst zu wählen, und daß es am besten sei, das bald
zu thun, was er schließlich doch thun mußte. Gleichwohl konnte er sich
nicht sofort zu etwas so Unangenehmem entschließen. Er trat jedoch durch
die Vermittelung Schweden's und Dänemark's mit den Generalstaaten in
Unterhandlung und schickte einen vertrauten Agenten nach Brüssel, um im
Geheimen mit Dykvelt zu conferiren, der Wilhelm's ganzes Vertrauen
besaß. Es wurde viel über Dinge von untergeordneter Bedeutung discutirt,
aber die Hauptfrage blieb unerledigt. Der französische Agent ließ im
vertraulichen Gespräch Aeußerungen fallen, welche deutlich verriethen,
daß die Regierung, die er repräsentirte, bereit war, Wilhelm und Marien
anzuerkennen; aber eine förmliche Zusage war nicht von ihm zu erlangen.
Gerade zu derselben Zeit benachrichtigte der König von Dänemark die
Verbündeten, daß er bemüht sei, Frankreich dahin zu bringen, nicht auf
der Restauration Jakob's als einer unerläßlichen Friedensbedingung zu
bestehen, sagte aber nicht, daß seine Bemühungen bis jetzt erfolgreich
gewesen seien. Währenddem theilte Avaux, der jetzt Gesandter in
Stockholm war, dem König von Schweden mit, daß, da die Würde aller
gekrönten Häupter in der Person Jakob's beleidigt worden sei, der
Allerchristlichste König sich überzeugt halte, daß nicht allein die
neutralen Mächte, sondern selbst der Kaiser ein Mittel ausfindig zu
machen suchen würden, welches eine so ernste Ursache zu Unfrieden
beseitigen könne. Das von Avaux vorgeschlagene Mittel war jedenfalls,
daß Jakob von seinen Rechten abstehen und daß der Prinz von Wales nach
England geschickt, in der protestantischen Religion erzogen, von Wilhelm
und Marien adoptirt und zu ihrem Erben erklärt werden solle. Gegen ein
solches Arrangement würde Wilhelm vom persönlichen Standpunkte
wahrscheinlich nichts einzuwenden gehabt haben. Aber wir dürfen
überzeugt sein, daß er nie eingewilligt haben würde, es zu einer
Bedingung des Friedens mit Frankreich zu machen. Die Frage, wer in
England regieren sollte, hatte England allein zu entscheiden.[51]

Es war triftiger Grund zu dem Verdachte vorhanden, daß eine, in
dieser Weise geleitete Unterhandlung nur die Veruneinigung der
Verbündeten bezweckte. Wilhelm begriff die ganze Wichtigkeit des
Moments. Es mag sein, daß er nicht den Blick eines großen Feldherrn
für alle Wechselfälle einer Schlacht hatte; aber er besaß in
höchster Vollkommenheit den Blick eines großen Staatsmannes für alle
Wechselfälle eines Kriegs. Daß Frankreich ihm endlich Propositionen
machte, war ein genügender Beweis, daß es sich erschöpft und im Sinken
begriffen fühlte. Daß diese Propositionen mit äußerstem Widerstreben
und Zaudern gemacht wurden, bewies, daß es sich noch nicht in einer
Stimmung befand, die es ermöglichte, unter billigen Bedingungen Frieden
mit ihm zu schließen. Er sah, daß der Feind zu weichen begann und daß
der Augenblick gekommen war, die Offensive zu ergreifen, vorzugehen
und alle Reserven heranzuziehen. Ob aber die Gelegenheit benutzt oder
versäumt werden sollte, darüber hatte er nicht zu entscheiden. Der
König von Frankreich konnte ohne eine andre Beschränkung als die,
welche die Naturgesetze dem Despotismus auflegen, Truppen ausheben
und Steuern fordern. Der König von England aber vermochte nichts
ohne die Unterstützung des Hauses der Gemeinen, und obgleich das
Haus der Gemeinen ihn bisher bereitwillig und freigebig unterstützt
hatte, so war es doch keine Körperschaft, auf die er sich verlassen
konnte. Es war in der That in einen Zustand gerathen, der die
scharfsichtigsten Staatsmänner der damaligen Zeit in Verlegenheit und
Besorgniß versetzte. Die Vereinigung einer so grenzenlosen Macht mit
einer so grenzenlosen Launenhaftigkeit hatte etwas Erschreckendes.
Das Schicksal der ganzen civilisirten Welt hing von den Beschlüssen
der Vertreter des englischen Volks ab, und es gab keinen Staatsmann,
der es hatte wagen können, mit Bestimmtheit zu sagen, zu welchem
Beschlusse diese Vertreter nicht binnen vierundzwanzig Stunden bewogen
werden konnten.[52] Wilhelm erkannte es schmerzlich, daß es einem
Fürsten, der von einer zu Zeiten so ungestümen, zu anderen Zeiten so
lässigen Versammlung abhing, unmöglich war, etwas Großes ins Werk zu
setzen. In der That, obgleich kein Souverain soviel that, um die Macht
des Hauses der Gemeinen zu befestigen und zu erweitern, so liebte
doch kein Souverain das Haus der Gemeinen weniger. Dies ist auch
nicht zu verwundern, denn er sah dieses Haus in der allerschlimmsten
Beschaffenheit. Er sah es, als es eben die Macht eines Senats erlangt,
sich aber noch nicht die ernste Würde eines solchen angeeignet
hatte. In seinen Briefen an Heinsius klagt er beständig über das
endlose Geschwätz, die Parteizwistigkeiten, die Unbeständigkeit und
Unschlüssigkeit einer Körperschaft, die mit Rücksicht zu behandeln ihm
seine Lage gebot. Seine Klagen waren durchaus nicht ungegründet, aber
er hatte weder die Ursache des Uebels, noch das Heilmittel dagegen
entdeckt.


[_Ein Ministerium nothwendig für die parlamentarische Regierungsform._]
Die Sache war die, daß die Veränderung, welche die Revolution in der
Stellung des Hauses der Gemeinen herbeigeführt hatte, eine andere
Veränderung nothwendig gemacht hatte und daß diese Veränderung noch
nicht eingetreten war. Es gab eine parlamentarische Regierung, aber es
gab kein Ministerium, und ohne Ministerium muß die Thätigkeit einer
parlamentarischen Regierung wie die unsrige stets schwankend und
unsicher sein.

Es ist für unsere Freiheiten wesentlich nothwendig, daß das Haus der
Gemeinen eine Oberaufsicht über alle Zweige der ausübenden Verwaltung
führt. Und doch liegt es auf der Hand, daß eine Versammlung von fünf-
bis sechshundert Männern, selbst wenn sie in geistiger Beziehung hoch
über dem Durchschnittsmaße der Mitglieder des besten Parlaments ständen,
selbst wenn jeder von ihnen ein Burleigh oder ein Sully wäre, zu
executiven Functionen untauglich sein würde. Man hat sehr richtig
gesagt, daß jede große Versammlung von menschlichen Geschöpfen, mögen
sie auch noch so gebildet sein, eine starke Tendenz habe, ein
tumultuarischer Haufen (+a mob+) zu werden, und ein Land, dessen höchste
Executivbehörde eine tumultuarische Menge ist, befindet sich gewiß in
einer gefährlichen Lage.

Zum Glück hat man einen Weg ausfindig gemacht, auf welchem das Haus der
Gemeinen einen überwiegenden Einfluß auf die Executivverwaltung ausüben
kann, ohne Functionen zu übernehmen, welche von einer so zahlreichen und
aus so verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten Körperschaft
niemals gut verrichtet werden können. Eine Institution, welche zu den
Zeiten der Plantagenets, der Tudors und der Stuarts nicht existirte,
eine Institution, die das Gesetz nicht kennt, eine Institution, die in
keinem Statut genannt ist, eine Institution, welche Schriftsteller wie
De Lolme und Blackstone nicht erwähnen, trat wenige Jahre nach der
Revolution ins Leben, gewann rasch eine hohe Bedeutung, wurde fest
begründet und ist jetzt ein fast eben so wesentlicher Theil unsrer
Verfassung wie das Parlament selbst. Diese Institution ist das
Ministerium.

Das Ministerium ist eigentlich ein Ausschuß von leitenden Mitgliedern
der beiden Häuser. Es wird von der Krone ernannt; aber es besteht
ausschließlich aus Staatsmännern, deren Ansichten über die wichtigen
Tagesfragen in der Hauptsache mit den Ansichten der Majorität des Hauses
der Gemeinen übereinstimmen. Unter die Mitglieder dieses Ausschusses
sind die Hauptzweige der Verwaltung vertheilt. Jeder Minister versteht
die gewöhnlichen Geschäfte seines Amts ganz unabhängig von seinen
Collegen. Die wichtigsten Geschäfte jedes einzelnen Amtes aber,
besonders solche, die voraussichtlich Gegenstände parlamentarischer
Discussion werden, unterliegen der Erwägung des Gesammtministeriums. Im
Parlamente sind die Minister verpflichtet, bei allen die ausübende
Verwaltung betreffenden Fragen wie ein Mann zu handeln. Ist einer von
ihnen in einer Frage, die zu wichtig ist um einen Vergleich zu
gestatten, andrer Meinung als die übrigen, so ist es seine Pflicht
zurückzutreten. So lange die Minister das Vertrauen der Majorität im
Parlamente besitzen, unterstützt diese Majorität sie gegen Opposition
und verwirft jeden Antrag, der einen Tadel gegen sie ausspricht oder der
sie in Verlegenheit setzen kann. Verscherzen sie sich dieses Vertrauen,
ist die Majorität des Parlaments mit der Art und Weise, wie das
Stellenvergebungsrecht und das Begnadigungsrecht ausgeübt wird, mit der
Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, mit der Führung eines Kriegs
unzufrieden, so ist die Abhülfe sehr einfach. Es ist nicht nöthig, daß
die Gemeinen die Verwaltungsgeschäfte übernehmen, daß sie die Krone
ersuchen, Diesen zum Bischof, Jenen zum Richter zu ernennen, den einen
Verbrecher zu begnadigen, den andren hinrichten zu lassen, über einen
Vertrag auf besonderer Grundlage zu unterhandeln oder nach einem
bestimmten Orte eine Expedition zu schicken. Sie haben lediglich zu
erklären, daß das Ministerium ihr Vertrauen nicht mehr besitzt, und um
ein Ministerium zu bitten, dem sie Vertrauen schenken können.

Vermittelst so constituirter und so wechselnder Ministerien wird die
englische Regierung seit langer Zeit in vollkommenem Einklange mit der
wohlerwogenen Ansicht des Hauses der Gemeinen geleitet und ist doch
erstaunlich frei geblieben von den Mängeln, welche Regierungen eigen
sind, die durch zahlreiche, tumultuarische und gespaltene Versammlungen
verwaltet werden. Einige wenige ausgezeichnete Männer, die in ihren
allgemeinen Ansichten übereinstimmen, sind die vertrauten Rathgeber des
Souverains und zugleich der Stände des Reichs. Im Cabinet sprechen sie
mit der Autorität von Männern, die bei den Vertretern des Volks in hoher
Achtung stehen. Im Parlamente sprechen sie mit der Autorität von
Männern, die in wichtigen Angelegenheiten zu Hause und mit den
Geheimnissen des Staats genau bekannt sind. So hat das Cabinet etwas von
dem volksthümlichen Character eines Repräsentativkörpers, und der
Repräsentativkörper etwas von der Würde eines Cabinets.

Zuweilen ist jedoch der Stand der Parteien von der Art, daß kein Verein
von Männern, der zusammengebracht werden kann, das volle Vertrauen und
die stetige Unterstützung der Majorität des Hauses der Gemeinen besitzt.
Wenn dies der Fall ist, so muß das Ministerium schwach sein und es giebt
dann wahrscheinlich eine rasche Aufeinanderfolge schwacher Ministerien.
Zu solchen Zeiten geräth das Haus der Gemeinen unfehlbar in einen
Zustand, den kein Freund der Repräsentativverfassung ohne Besorgniß
betrachten kann, in einen Zustand, der es uns möglich macht, uns einen
schwachen Begriff von dem Zustande dieses Hauses während der ersten
Regierungsjahre Wilhelm's zu bilden. Es ist allerdings nur ein schwacher
Begriff, denn das schwächste Ministerium übt immer noch einen großen
Einfluß auf den Gang der Parlamentsverhandlungen aus, und während der
ersten Regierungsjahre Wilhelm's gab es gar kein Ministerium.


[_Allmälige Bildung des ersten Ministeriums._] Kein Schriftsteller hat
es noch versucht, die Entwickelung dieser Institution zu verfolgen,
welche für das harmonische Zusammenwirken unserer übrigen Institutionen
unentbehrlich ist. Das erste Ministerium war zum Theil das Werk des
bloßen Zufalls, zum Theil das Werk der Weisheit, aber nicht jener
höchsten Weisheit, welche mit den großen Prinzipien der
Staatswissenschaft vertraut ist, sondern der niederen Weisheit, welche
alltäglichen Anforderungen durch alltägliche Mittel begegnet. Weder
Wilhelm noch seine einsichtsvollsten Rathgeber begriffen vollkommen den
Character und die Wichtigkeit jener geräuschlosen Revolution -- denn es
war nichts Geringeres als eine Revolution -- welche um das Ende des
Jahres 1693 begann und um das Ende des Jahres 1696 vollendet war. Aber
Jedermann konnte bemerken, daß zu Ende des Jahres 1693 die höchsten
Regierungsämter nicht ungleich zwischen die beiden großen Parteien
getheilt waren, daß die Männer, welche diese Aemter bekleideten,
beständig gegen einander intriguirten, gegen einander haranguirten,
Tadelsvoten gegen einander beantragten, Anklageartikel gegen einander
erhoben und daß die Stimmung des Hauses der Gemeinen unstet, unlenksam
und schwankend war. Jedermann konnte bemerken, daß zu Ende des Jahres
1696 alle ersten Diener der Krone Whigs waren, durch öffentliche und
private Bande eng mit einander verbunden und bereit einander gegen jeden
Angriff zu vertheidigen, und daß die Majorität des Hauses der Gemeinen
in guter Ordnung unter diesen Führern kämpfte und gelernt hatte, sich
auf Commando wie ein Mann zu bewegen. Die Geschichte der
Uebergangsperiode und der Schritte, durch welche die Veränderung
herbeigeführt wurde, ist höchst merkwürdig und interessant.


[_Sunderland._] Der Staatsmann, welcher den Hauptantheil an der Bildung
des ersten englischen Ministeriums hatte, war einst nur zu bekannt
gewesen, hatte sich aber lange vor den Augen der Oeffentlichkeit
verborgen und war erst kürzlich wieder aus dem Dunkel hervorgetreten,
indem man erwartet hatte, daß er den Rest seines schmachvollen und
unglücklichen Lebens zubringen werde. Während der Periode allgemeinen
Schreckens und allgemeiner Verwirrung, welche auf Jakob's Flucht folgte,
war Sunderland verschwunden. Es war hohe Zeit, denn von allen Agenten
der gestürzten Regierung war er, mit alleiniger Ausnahme Jeffreys', der
Nation am meisten verhaßt. Nur Wenige wußten, daß Sunderland insgeheim
gegen die Beraubung des Magdalenencollegiums und die gerichtliche
Verfolgung der Bischöfe gestimmt hatte; Jedermann aber wußte, daß er
zahlreiche, von Gesetzen dispensirende Dokumente unterzeichnet, daß er
in der Hohen Commission gesessen hatte, daß er, sei es wirklich oder nur
zum Schein, Papist geworden und daß er, wenige Tage nach seinem Abfall,
in Westminster Hall als Zeuge gegen die unterdrückten Väter der Kirche
aufgetreten war. Allerdings hatte er viele Verbrechen durch ein neues
Verbrechen gesühnt, das schändlicher war als alle übrigen. Sobald er
Ursache hatte zu glauben, daß der Tag der Befreiung und Vergeltung
bevorstehe, hatte er durch einen sehr geschickten und rechtzeitigen
Verrath seine Begnadigung erlangt. Während der letzten drei Monate vor
der Ankunft des holländischen Geschwaders bei Torbay hatte er der Sache
der Freiheit und der protestantischen Religion Dienste geleistet, deren
Schändlichkeit, aber auch Nützlichkeit schwerlich zu hoch angeschlagen
werden kann. Ihm hauptsächlich hatte man es zu verdanken, daß in dem
kritischesten Momente unsrer Geschichte nicht eine französische Armee
die batavische Grenze bedrohte und eine französische Flotte an den
englischen Küsten kreuzte. Wilhelm durfte sich, ohne einen Schatten auf
seine eigne Ehre zu werfen, nicht weigern einen Mann zu protegiren, den
er zu benutzen keinen Anstand genommen hatte. Es war jedoch selbst für
Wilhelm keine leichte Aufgabe, dieses schuldbeladene Haupt gegen den
ersten Ausbruch der Volkswuth zu schützen. Denn selbst diejenigen
extremen Politiker beider Parteien, die in sonst nichts übereinstimmten,
stimmten in dem Rachegeschrei gegen den Renegaten überein. Die Whigs
haßten ihn als den Erbärmlichsten unter den Sklaven, welche der vorigen
Regierung gedient hatten, und die Jakobiten als den Schändlichsten unter
den Verräthern, durch die sie gestürzt worden war. Wäre er in England
geblieben, so würde er wahrscheinlich von der Hand des Scharfrichters
gestorben sein, wenn nicht der Pöbel dem Scharfrichter noch zuvorkam. In
Holland aber hatte ein vom Statthalter begünstigter politischer
Flüchtling einige Hoffnung, unbelästigt zu existiren. Nach Holland floh
Sunderland, als Frau verkleidet, wie man sagt, und seine Gattin
begleitete ihn. In Rotterdam, einer dem Hause Oranien ergebenen Stadt,
hielt er sich für sicher. Aber die Behörde war nicht in alle Geheimnisse
des Prinzen eingeweiht und einige diensteifrige Engländer versicherten
ihr, Se. Hoheit werde sehr erfreut sein, wenn er die Verhaftung des
papistischen Schuftes, des Judas erführe, dessen Erscheinen auf Tower
Hill ganz London mit Ungeduld erwarte. Sunderland wurde ins Gefängniß
geworfen und blieb darin bis der Befehl zu seiner Freilassung von
Whitehall kam. Er begab sich nun nach Amsterdam und wechselte dort
abermals seine Religion. Sein zweiter Abfall erbaute seine Gattin eben
so sehr, wie sein erster Abfall seinen Gebieter erbaut hatte. Die Gräfin
schrieb an ihre frommen Freunde in England, um ihnen zu versichern, daß
das Herz ihres armen geliebten Gemahls endlich wirklich von der
göttlichen Gnade berührt worden sei und daß sie sich bei all' ihrem
Kummer getröstet fühle, da sie einen so aufrichtigen Convertiten in ihm
sähe. Wir dürfen jedoch, ohne die Pflicht der christlichen Liebe zu
verletzen, wohl annehmen, daß er noch immer der nämliche falsche und
verstockte Sunderland war, der wenige Monate zuvor durch die Ableugnung
des Daseins Gottes Bonrepaux mit Schaudern erfüllt und zu gleicher Zeit
durch das Vorgeben, daß er an die Transsubstantiation glaube, Jakob's
Herz gewonnen hatte. Bald darauf veröffentlichte der Verbannte eine
Apologie seiner Handlungsweise. Bei genauer Untersuchung dieser Apologie
findet man, daß sie lediglich auf das Bekenntniß hinausläuft, daß er
eine Reihe von Verbrechen begangen habe, um Jakob's Gunst zu erlangen,
und eine andre Reihe von Verbrechen, um nicht in Jakob's Sturz
hineingezogen zu werden. Der Verfasser schließt mit der Bemerkung, daß
er beabsichtige, den Rest seines Lebens in Bußübungen und Gebet
zuzubringen. Er zog sich bald von Amsterdam nach Utrecht zurück und
machte sich dort durch seinen regelmäßigen und andächtigen Besuch des
Gottesdienstes hugenottischer Prediger bemerkbar. Wenn man seinen
Briefen und denen seiner Gattin glauben darf, so hatte er dem Ehrgeize
für immer entsagt. Er sehnte sich zwar danach, aus der Verbannung
zurückzukehren, nicht um wieder die Gunstbezeigungen der Krone genießen
und spenden zu können, nicht damit er seine Vorzimmer wieder mit dem
täglichen Schwarme von Bittstellern gefüllt sähe, sondern nur um die
Wiesen, die Bäume und die Familiengemälde seines Landsitzes
wiederzusehen. Sein einziger Wunsch war, sein ruheloses Leben in
Althorpe beschließen zu dürfen, und er wollte seinen Kopf zum Pfande
setzen, daß er die Umhegungen seines Parks nie wieder verließ.[53]

So lange das während der Erledigung des Thrones gewählte Haus der
Gemeinen eifrig mit dem Proscriptionswerke beschäftigt war, durfte er es
nicht wagen, sich in England zu zeigen. Als aber diese Versammlung nicht
mehr existirte, glaubte er sich sicher. Wenige Tage nachdem die
Begnadigungsacte auf den Tisch der Lords niedergelegt worden war, kehrte
er zurück. Von der Wohlthat dieser Acte war er speciell ausgeschlossen;
aber er wußte sehr gut, daß er jetzt nichts zu fürchten hatte. Er begab
sich heimlich nach Kensington, erlangte Zutritt ins königliche Cabinet,
hatte eine zwei Stunden dauernde Audienz, und zog sich dann auf seinen
Landsitz zurück.[54]

Viele Monate lang führte er ein eingezogenes Leben und hatte keine
Wohnung in London. Einmal, im Frühjahr 1691, zeigte er zum großen
Erstaunen des Publikums sein Gesicht im Hofzirkel und wurde freundlich
aufgenommen.[55] Er scheint gefürchtet zu haben, daß sein
Wiedererscheinen im Parlamente ihm einen eklatanten Affront zuziehen
möchte. Er schlich sich daher wohlweislich in der stillen Jahreszeit an
einem Tage bis zu welchem die Häuser auf königlichen Befehl vertagt
waren und an welchem sie sich nur versammelten, um wieder vertagt zu
werden, nach Westminster, hatte gerade noch so viel Zeit, sich
vorzustellen, die Eide zu leisten, die Erklärung gegen die
Transsubstantiation zu unterzeichnen und seinen Sitz einzunehmen. Keiner
von den wenigen anwesenden Peers fand Gelegenheit, eine Bemerkung zu
machen.[56] Erst im Jahre 1692 begann er den Sitzungen wieder
regelmäßig beizuwohnen. Er schwieg; aber geschwiegen hatte er jederzeit
in zahlreichen Versammlungen, selbst als er auf dem Höhepunkte der Macht
stand. Seine Talente waren nicht die eines öffentlichen Redners. Die
Kunst, in der er Jeden übertraf, war die Kunst des Flüsterns. Sein Takt,
sein Scharfblick für individuelle Schwächen, seine freundlichen
Manieren, seine Gabe, sich einzuschmeicheln, und vor Allem seine
anscheinende Freimüthigkeit, machten ihn in der Privatconversation
unwiderstehlich. Durch diese Eigenschaften hatte er Jakob beherrscht,
und wollte nun damit Wilhelm beherrschen.

Es war zwar nicht leicht Wilhelm zu beherrschen; aber Sunderland
erlangte doch einen solchen Grad von Gunst und Einfluß, daß es großes
Erstaunen und selbst einigen Unwillen erregte. Allerdings war kaum ein
Geist stark genug, um dem Zauber seiner Rede und seines Benehmens zu
widerstehen. Jedermann ist geneigt an die Dankbarkeit und Anhänglichkeit
auch der werthlosesten Menschen zu glauben, denen er große Wohlthaten
erzeigt hat. Es kann daher kaum auffallen, daß der geschickteste aller
Schmeichler ein geneigtes Ohr fand, als er mit allen äußeren Zeichen
tiefer Bewegtheit um die Erlaubniß bat, alle seine Geisteskräfte dem
Dienste des hochherzigen Beschützers zu widmen, dem er Vermögen,
Freiheit und Leben verdankte. Es ist jedoch deshalb nicht anzunehmen,
daß der König sich täuschen ließ. Er wird mit gutem Grunde geglaubt
haben, daß zwar auf Sunderland's Betheuerungen nicht viel zu geben war,
daß er aber um so mehr Vertrauen in seine Stellung setzen konnte, und
Sunderland erwies sich im Ganzen wirklich als ein treuerer Diener wie
ein minder verderbter Mann es hätte sein können. Er that zwar in aller
Stille einige schüchterne Schritte zu einer Aussöhnung mit Jakob, allein
man darf mit Gewißheit behaupten, daß, selbst wenn diese Schritte
freundlich aufgenommen worden wären -- und sie scheinen sehr
unfreundlich aufgenommen worden zu sein -- der zwiefache Renegat der
jakobitischen Sache nie einen wirklichen Dienst geleistet haben würde.
Er wußte recht gut, daß er etwas gethan hatte, was in Saint-Germains als
unverzeihlich betrachtet werden mußte. Nicht daß er blos verrätherisch
und undankbar gewesen wäre, Marlborough war eben so verrätherisch und
undankbar gewesen, und Marlborough hatte Verzeihung erlangt. Aber
Marlborough hatte sich nicht der gottlosen Heuchelei schuldig gemacht,
die äußeren Zeichen einer Bekehrung zur Schau zu tragen. Marlborough
hatte nicht vorgegeben, durch die Argumente der Jesuiten überzeugt,
durch die göttliche Gnade berührt worden zu sein, sich nach der Aufnahme
in den Schooß der allein wahren Kirche zu sehnen. Marlborough hatte
nicht, als der Papismus überwiegend war, sich bekreuzigt, gebeichtet,
Buße gethan, das heilige Abendmahl in Einer Gestalt genommen, war nicht,
sobald ein Wechsel des Glückes eintrat, abermals abgefallen und hatte
nicht der ganzen Welt erklärt, daß, als er im Beichtstuhl gekniet und
die Hostie empfangen, er den König und die Priester nur ausgelacht habe.
Sunderland's Verbrechen war ein solches, das Jakob nie vergeben konnte,
und ein Verbrechen, das Jakob nie vergeben konnte, war in gewissem Sinne
eine Empfehlung bei Wilhelm. Der Hof, ja selbst der Staatsrath waren mit
Männern angefüllt, welche hoffen konnten, ihr Glück zu machen, wenn der
verbannte König wieder auf den Thron gesetzt wurde. Sunderland aber
hatte sich keinen Rückzug gesichert, er hatte alle Brücken hinter sich
abgebrochen. Er war gegen den Einen so falsch gewesen, daß er
nothgedrungen dem Andren treu sein mußte. Daß er in der Hauptsache der
Regierung, die ihn jetzt beschützte, treu war, steht kaum zu bezweifeln,
und da er treu war, konnte er nur nützlich sein. Er war in einigen
Beziehungen ganz vorzüglich geeignet, damals ein Rathgeber der Krone zu
sein, denn er besaß gerade die Talente und Kenntnisse, an denen es
Wilhelm fehlte. Die Beiden zusammen würden einen vollendeten Staatsmann
ausgemacht haben. Der Gebieter war fähig, große Pläne zu entwerfen und
auszuführen, aber er vernachlässigte die kleinen Kunstgriffe, in denen
der Diener sich auszeichnete. Der Gebieter sah weiter als andere
Menschen; aber das Nahe sah Niemand so deutlich als der Diener. Der
Gebieter war zwar in der Politik der großen Völkergemeinschaft gründlich
erfahren, lernte aber die Politik seines eigenen Landes niemals genau
kennen. Der Diener war mit der Stimmung und der Organisation der
englischen Parteien so wie mit den starken und schwachen Seiten des
Characters jedes angesehenen Engländers wohl vertraut.

Zu Anfang des Jahres 1693 ging das Gerücht, daß Sunderland über alle die
innere Verwaltung des Reichs betreffende wichtige Fragen zu Rathe
gezogen werde, und dieses Gerücht bekam noch mehr Halt, als man erfuhr,
daß er im Herbste vor dem Zusammentritt des Parlaments nach London
gekommen war und ein großes Haus in der Nähe von Whitehall bezogen
hatte. Die Kaffeehaus-Politiker waren überzeugt, daß er auf dem Punkte
stand, ein hohes Amt zu erhalten. Vor der Hand war er jedoch so klug,
sich mit der wirklichen Macht zu begnügen und den Schein derselben
Anderen zu überlassen[57].


[_Sunderland räth dem Könige den Whigs den Vorzug zu geben._] Er war der
Meinung daß, so lange der König versuchte die beiden großen Parteien
einander die Wage halten zu lassen und seine Gunst beiden in gleichem
Grade zu gewähren, beide sich zurückgesetzt glauben und keine der
Regierung die aufrichtige und beharrliche Unterstützung angedeihen
lassen würde, der man jetzt so dringend bedurfte. Se. Majestät müsse
sich entschließen, der einen oder der andren den entschiedenen Vorzug zu
geben, und es sprächen drei gewichtige Gründe dafür, diesen Vorzug den
Whigs zu geben.


[_Gründe für die Bevorzugung der Whigs._] Erstens waren die Whigs
grundsätzlich der herrschenden Dynastie zugethan. In ihren Augen war die
Revolution nicht allein nothwendig, nicht allein gerechtfertigt, sondern
sogar ein glückliches und ruhmvolles Ereigniß gewesen. Sie war der
Triumph ihrer politischen Theorie gewesen. Als sie Wilhelm Treue
schwuren, schwuren sie ohne Skrupel und Hintergedanken; sie waren so
weit entfernt davon, seinen Rechtstitel in Frage zu stellen, daß sie ihn
für den besten aller Rechtstitel hielten. Die Tories dagegen
mißbilligten fast allgemein den Beschluß der Convention, die ihn auf den
Thron gesetzt hatte. Einige von ihnen waren im Herzen Jakobiten und
hatten ihm den Unterthaneneid blos deshalb geleistet, um ihm besser
schaden zu können. Andere glaubten sich zwar verpflichtet, ihm als
factischen König zu gehorchen, leugneten aber, daß er rechtmäßiger König
sei, und wenn sie auch loyal gegen ihn waren, so waren sie es doch ohne
Begeisterung. Es konnte demnach kaum einem Zweifel unterliegen, auf
welche von den beiden Parteien er sicherer bauen könne.

Zweitens waren die Whigs bezüglich der speciellen Angelegenheit, an der
sein Herz gegenwärtig hing, im Allgemeinen geneigt, ihn kräftig zu
unterstützen, die Tories hingegen ihm darin hinderlich zu sein. Die
Gemüther beschäftigten sich damals lebhaft mit der Frage, in welcher
Weise der Krieg geführt werden müsse. Diese Frage beantworteten die
beiden Parteien sehr verschieden. Unter den Tories war seit einigen
Monaten die Ansicht zur Geltung gekommen, daß die Politik England's
streng insularisch sein, daß es die Vertheidigung Flanderns und des
Rheins den Generalstaaten, dem Hause Oesterreich und den Fürsten des
Reichs überlassen, und daß es die Feindseligkeiten zur See energisch
fortsetzen, aber nur ein solches Landheer unterhalten müsse, das mit
Hülfe der Miliz genügte, um einen Einfall abzuwehren. Es war klar, daß
wenn dieses System angenommen wurde, eine sofortige Ermäßigung der so
schwer auf der Nation lastenden Steuern eintreten konnte. Aber die Whigs
behaupteten, diese Erleichterung werde theuer erkauft werden. Viele
tausend tapfere englische Soldaten seien jetzt in Flandern, gleichwohl
hätten die Alliirten die Franzosen nicht verhindern können, im Jahre
1691 Mons, 1692 Namur, 1693 Charleroy zu nehmen. Wenn die englischen
Truppen zurückgerufen würden, so sei es gewiß, daß Ostende, Gent und
Lüttich fallen müßten. Die deutschen Fürsten würden eilen, Jeder für
sich Frieden zu schließen. Die spanischen Niederlande würden
wahrscheinlich der französischen Monarchie einverleibt werden. Die
Vereinigten Provinzen würden wieder eben so gefährdet sein, wie 1672,
und würden jede Bedingung annehmen, die es Ludwig gefiele ihnen zu
dictiren. Nach wenigen Monaten würde er im Stande sein, seine ganze
Kraft gegen unsre Insel aufzubieten und dann würde es einen Kampf auf
Leben und Tod geben. Allerdings könne man wohl hoffen, daß wir im Stande
sein würden, unsern heimathlichen Boden selbst gegen einen solchen
General und eine solche Armee, wie sie die Schlacht bei Landen gewonnen
hatten, zu vertheidigen. Aber der Kampf müsse ein langer und schwerer
werden. Wie viele fruchtbare Grafschaften würden in Wüsten verwandelt,
wie viele blühende Städte in Asche gelegt werden, bevor man die
Eingedrungenen vernichten oder heraustreiben könne! Ein einziger
siegreicher Feldzug in Kent oder Middlesex würde mehr zur Verarmung der
Nation beitragen, als zehn unglückliche Feldzüge in Brabant. Es ist
bemerkenswerth, daß dieser Streit zwischen den beiden großen Parteien
siebzig Jahre lang regelmäßig wieder erwachte, so oft unser Land mit
Frankreich im Kriege lag. Daß England niemals große militärische
Operationen auf dem Festlande unternehmen dürfe, blieb ein
Fundamentalartikel des politischen Glaubens der Tories, bis die
französische Revolution in ihren Ansichten eine vollständige Aenderung
hervorbrachte.[58] Da es Wilhelm's Hauptzweck war, den Feldzug von 1694
in Flandern mit einem ungeheuern Kraftaufwande zu eröffnen, so war es
hinlänglich klar, an wen er sich um Beistand wenden mußte.

Drittens waren die Whigs die stärkere Partei im Parlamente. Die
allgemeine Wahl von 1690 war zwar nicht günstig für sie ausgefallen, sie
waren einige Zeit die Minorität gewesen; aber seitdem hatten sie
fortwährend mehr Boden gewonnen, bildeten jetzt der Zahl nach die volle
Hälfte des Unterhauses, und ihre effective Stärke war ihrer Zahl mehr
als entsprechend, denn in Energie, Rührigkeit und Disciplin waren sie
ihren Gegnern entschieden überlegen. Ihre Organisation war zwar noch
nicht so vollkommen, als sie es später wurde, aber sie hatten schon
begonnen, eine kleine Schaar ausgezeichnete Männer, welche noch lange
nachher unter dem Namen der Junta weit und breit bekannt war, zu Führern
anzunehmen. Es giebt vielleicht in der alten wie in der neuen Geschichte
kein zweites Beispiel einer solchen Autorität, wie sie dieses Concilium
während zwanzig unruhiger Jahre über die Whigpartei ausübte. Die Männer,
welche diese Autorität zu den Zeiten Wilhelm's und Mariens erlangten,
behielten sie ohne Unterbrechung in und außer dem Amte bis Georg IV.
den Thron bestieg.


[_Häupter der Whigpartei; Russell._] Einer dieser Männer war Russell.
Von seinem schmachvollen Verkehr mit dem Hofe von Saint-Germains haben
wir Beweise, die keinen Zweifel zulassen. Aber diese Beweise kamen erst
viele Jahre nach seinem Tode vor die Augen der Welt. Wenn Gerüchte von
seiner Schuld circulirten, so waren sie doch nur vag und
unwahrscheinlich, sie stützten sich auf keinen Beweis, hatten keinen
glaubwürdigen Urheber zum Gewährsmann und durften von seinen
Zeitgenossen mit gutem Grunde als jakobitische Verleumdungen betrachtet
werden. Ganz gewiß war es hingegen, daß er aus einem erlauchten Hause
stammte, das für die Freiheit und die protestantische Religion Großes
gethan und viel gelitten hatte, daß er die Einladung vom 30. Juni
unterzeichnet, daß er mit dem Befreier bei Torbay gelandet war, daß er
im Parlamente bei jeder Gelegenheit als eifriger Whig gesprochen und
gestimmt, daß er einen großen Sieg erfochten, daß er sein Vaterland vor
einer Invasion bewahrt hatte, und daß, seitdem er die Admiralität
verlassen, Alles schlecht gegangen war. Wir dürfen uns daher nicht
wundern, daß er unter seiner Partei einen bedeutenden Einfluß hatte.


[_Somers._] Aber der größte Mann unter den Mitgliedern der Junta, und in
mancher Beziehung der größte Mann jener Zeit war der Lordsiegelbewahrer
Somers. Er war gleich ausgezeichnet als Jurist und als Staatsmann, als
Redner und als Schriftsteller. Seine Reden sind der Vergessenheit
anheimgefallen, seine Staatsschriften aber existiren noch und sind
Muster einer eleganten, klaren und würdevollen Beredtsamkeit. Er hatte
einen großen Ruf im Hause der Gemeinen hinterlassen, in welchem er vier
Jahre lang stets mit Vergnügen gehört worden war, und die whiggistischen
Mitglieder betrachteten ihn noch immer als ihr Oberhaupt und hielten
ihre Zusammenkünfte noch immer unter seinem Dache. Auf dem hohen Posten,
zu dem er unlängst ernannt worden war, hatte er sich so benommen, daß
nach wenigen Monaten selbst Parteigeist und Mißgunst aufhörten über
seine Erhebung zu murren. Er vereinigte aber auch in der That alle
Eigenschaften eines großen Richters in sich, einen regsamen Geist und
scharfen Verstand, Fleiß, Rechtschaffenheit, Ausdauer und Milde. Im
Rathe verschaffte ihm die gelassene Weisheit, die er in einem Maße
besaß, wie man es bei Männern von so lebhaftem Geiste und von so
entschiedenen Ansichten selten findet, die Autorität eines Orakels.
Nicht minder deutlich zeigte sich die Ueberlegenheit seiner Talente in
Privatzirkeln. Der Zauber seiner Unterhaltung wurde noch erhöht durch
die Freimüthigkeit, mit der er seine Gedanken von sich gab.[59] Seine
gute Laune und seine gute Erziehung verleugneten sich nie. In seinen
Geberden, in seinen Mienen und in seiner Stimme sprach sich nur
Wohlwollen aus. Seine Humanität war um so bemerkenswerther, als ihm die
Natur einen Körper verliehen hatte, mit dem man in der Regel einen
mürrischen und reizbaren Character verbunden findet. Sein Leben war eine
lange Krankheit; seine Nerven waren schwach, seine Gesichtsfarbe bleich,
seine Wangen von frühzeitigen Furchen durchzogen. Gleichwohl konnten
seine Feinde nicht behaupten, daß er während seines langen und ruhelosen
öffentlichen Lebens nur ein einzigesmal, selbst nicht durch plötzliche
Herausforderung zu einer mit der milden Würde seines Characters
unvereinbaren Heftigkeit gereizt worden wäre. Sie konnten nur behaupten,
daß sein Wesen bei weitem nicht so sanft sei als die Welt glaube, daß er
in Wirklichkeit zu heftigen Leidenschaften geneigt sei und daß zuweilen,
während seine Stimme sanft und seine Worte freundlich und artig seien,
seine schwächliche Gestalt vor unterdrückter Aufregung in ein fast
convulsivisches Zittern gerathe. Man wird vielleicht der Ansicht sein,
daß dieser Vorwurf gerade der höchste Lobspruch war.

Die gebildetsten Männer jener Zeit haben uns gesagt, daß es kaum etwas
gab, worüber Somers nicht belehrend und unterhaltend hätte sprechen
können. Er war nie gereist, und ein Engländer, der nicht gereist war,
galt damals in der Regel nicht für befähigt, über Werke der Kunst ein
Urtheil abzugeben. Aber gründliche Kenner der Meisterwerke des Vatikans
und der florentinischen Galerie gestanden zu, daß Somers' Geschmack in
der Malerei und Sculptur ganz vorzüglich war. Die Philologie war eines
seiner Lieblingsstudien. Er hatte das ganze große Gebiet der alten und
neuen Belletristik durchwandert. Er war zu gleicher Zeit ein freigebiger
und ein streng unterscheidender Beschützer des Genies und des Wissens.
Locke verdankte Somers Wohlstand. Durch Somers wurde Addison aus der
Zelle eines Collegiums ans Licht gezogen. In fernen Ländern nannten
große Gelehrte und Dichter, die sein Antlitz nie gesehen, den Namen
Somers mit Achtung und Dankbarkeit. Er war der Wohlthäter Leclerc's
und der Freund Filicaja's. Weder politische noch religiöse
Meinungsverschiedenheiten hielten ihn ab, dem Talent seinen mächtigen
Schutz angedeihen zu lassen. Hikes, der heftigste und intoleranteste
aller Eidverweigerer, erhielt durch Somers' Verwendung die Erlaubniß,
die teutonischen Alterthümer in gemächlicher Freiheit zu studiren.
Vertue, ein strenger Katholik, wurde durch Somers scharfblickende und
freigebige Gönnerschaft aus Armuth und Dunkelheit zum ersten Range unter
den Kupferstechern seiner Zeit erhoben.

Die Großmuth, mit welcher Somers seine Gegner behandelte, gereichte ihm
zu um so größerer Ehre, weil er in seinen politischen Ansichten nicht
hin und her schwankte. Vom Anfang bis zum Ende seines öffentlichen
Lebens war er ein standhafter Whig. Er erhob zwar stets, wenn seine
Partei im Staate die Oberhand hatte, seine Stimme gegen gewaltthätige
und rachsüchtige Maßregeln, aber er verließ seine Freunde nie. Selbst
als ihre thörichte Nichtachtung seines Rathes sie an den Rand des
Verderbens gebracht hatte.

Seine natürlichen Geistesgaben und seine erworbenen Kenntnisse wurden
selbst von seinen Verleumdern nicht geleugnet. Die hämischsten Tories
mußten mit einem unwilligen Murren, das den Werth ihres Lobes noch
erhöhte, zugeben, daß er alle geistigen Eigenschaften eines großen
Mannes besaß und daß von allen seinen Zeitgenossen in ihm allein
glänzende Beredtsamkeit und Witz mit der ruhigen und stetigen
Besonnenheit vereinigt gefunden wurden, welche den Erfolg im Leben
sichern. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß er in dem
schamlosesten der vielen Libelle, welche gegen ihn erschienen, unter dem
Namen Cicero geschmäht wird. Da seine Talente nicht in Zweifel gestellt
werden konnten, so beschuldigte man ihn der Irreligiosität und
Unmoralität. Daß er heterodox sei, glaubten alle Landvikare und
fuchsjagenden Squires fest; aber bezüglich der Natur und Ausdehnung
seiner Heterodoxie waren die Meinungen sehr verschieden. Er scheint ein
Niederkirchlicher von der Schule Tillotson's gewesen zu sein, den er
stets liebte und verehrte, und er wurde wie dieser von den Bigotten ein
Presbyterianer, ein Arianer, ein Socinianer, ein Deist und ein Atheist
genannt.

Das Privatleben dieses großen Staatsmannes und Richters wurde boshaft
untersucht und Geschichten über seinen ausschweifenden Wandel erzählt,
die sich fort und fort vergrößerten, bis sie selbst für die
Leichtgläubigkeit des Parteigeistes zu abgeschmackt wurden. Endlich,
nachdem er schon längst zu Flanell und Hühnerbrühe verurtheilt war, ließ
eine schamlose Courtisane, die ihn wahrscheinlich nie anderwärts als in
der Prosceniumsloge im Theater gesehen hatte, wenn sie unten maskirt
ihrem Gewerbe nachging, ein Libell erscheinen, in welchem sie ihn als
den Gebieter eines kostspieligeren Harems schilderte, als ihn der
Großsultan besitze. Man hat indeß Grund zu glauben, daß ein kleiner
Wahrheitskern vorhanden war, an den sich diese große Masse von
Erdichtungen ansetzte, und daß die Weisheit und Selbstbeherrschung,
woran es Somers im Senate, auf dem Richterstuhle, in der
Rathsversammlung oder in der Gesellschaft von Schöngeistern, Gelehrten
und Philosophen nie fehlte, ihn für weibliche Reize nicht ganz
unempfänglich machten.[60]


[_Montague._] Ein andrer Führer der Whigpartei war Karl Montague. Er
wurde oft, nachdem er sich zu Macht, Ehren und Reichthümern erhoben
hatte, von denen, die seinen Erfolg beneideten, ein Emporkömmling
genannt. Daß sie ihn so nannten, darf uns mit Recht Wunder nehmen, denn
nur wenige von den Staatsmännern seiner Zeit konnten einen Stammbaum
aufweisen wie der seinige. Er stammte aus einer Familie, die so alt war
wie die Eroberung; er hatte Anwartschaft auf den Earlstitel und war
väterlicherseits der Vetter dreier Earls. Aber er war der jüngere Sohn
eines jüngeren Bruders, und diese Phrase war von jeher seit der Zeit
Shakespeare's und Raleigh's, und vielleicht schon vor ihrer Zeit
sprichwörtlich, um einen Mann zu bezeichnen, der so arm war, daß er zu
der niedrigsten Dienstbarkeit verurtheilt oder zu dem verzweifeltsten
Abenteuer bereit war.

Karl Montague wurde frühzeitig für den geistlichen Beruf bestimmt, in
die Schule zu Westminster aufgenommen und nachdem er sich hier durch
seine Geschicklichkeit im lateinischen Versbau ausgezeichnet, nach
Cambridge in das Trinity College geschickt. In Cambridge war die
Philosophie Des Cartes' noch immer in den Schulen vorherrschend. Aber
einige wenige hervorragende Geister hatten sich von dem großen Haufen
getrennt und bildeten ein geziemendes Auditorium um einen weit größeren
Lehrer.[61] Unter den vielversprechenden Jünglingen, welche stolz
darauf waren, zu den Füßen Newton's zu sitzen, zeichnete sich der
geistreiche und vielseitige Montague aus. Unter einer solchen Leitung
machte der junge Student bedeutende Fortschritte in den ernsten
Wissenschaften; aber die Poesie war sein Lieblingsstudium, und wenn die
Universität ihre Söhne aufforderte, königliche Vermählungen und
Leichenbegängnisse zu besingen, wurde es allgemein anerkannt, daß er
seine Mitbewerber übertroffen habe. Sein Ruf drang bis nach London, er
galt unter den Schöngeistern, welche bei Will ihre Zusammenkünfte
hielten, für einen geistreichen jungen Mann, und die reizende Parodie,
die er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und Studiengenossen Prior auf
Dryden's +Hind and Panther+ schrieb, wurde mit großem Beifall
aufgenommen.

Zu dieser Zeit waren alle Wünsche Montague's auf die Kirche gerichtet.
Späterhin, als er ein Peer mit zwölftausend Pfund jährlicher Einkünfte
war, als seine Villa an der Themse für den prächtigsten aller Wohnsitze
galt, als man von ihm sagte, daß er in Tokaier aus den kaiserlichen
Kellern und in Suppen schwelge, die aus ostindischen Vogelnestern
bereitet seien, von denen das Stück drei Guineen koste, machte es seinen
Feinden Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß es eine Zeit gegeben, wo
er sein Einkommen durch literarische Arbeiten auf nicht mehr als fünfzig
Pfund gebracht, wo er sich glücklich geschätzt habe, wenn er ein Stück
Hammelfleisch und eine Flasche Ale aus den Kellern des Collegiums
gehabt, und wo ein Zehntenferkel der größte Luxus gewesen sei, auf den
er zu hoffen gewagt habe. Die Revolution kam und gab seinem ganzen
Lebensplan eine andre Gestalt. Durch den Einfluß Dorset's, der ein
besonderes Vergnügen daran fand, sich vielversprechender junger Leute
anzunehmen, erlangte er einen Sitz im Hause der Gemeinen. Der
unbemittelte Gelehrte schwankte jedoch noch immer einige Monate lang
zwischen der Politik und der Theologie. Allein es zeigte sich bald
deutlich, daß unter der neuen Ordnung der Dinge parlamentarische
Geschicklichkeit einen höheren Lohn erzielen müsse als jede andre
Geschicklichkeit, und er fühlte, daß ihm in der parlamentarischen
Geschicklichkeit Keiner überlegen sei. Er befand sich in der Stellung,
zu der ihn die Natur ganz vorzüglich befähigt hatte, und einige Jahre
hindurch war sein Leben eine Reihe von Triumphen.

Von ihm, wie von mehreren anderen seiner Zeitgenossen, insbesondere von
Mulgrave und Sprat, kann man sagen, daß sein Ruhm durch die Thorheit der
Verleger beeinträchtigt worden ist, welche bis auf unsre Zeit darin
beharrt haben, seine Verse unter den Werken der britischen Dichter
drucken zu lassen. Es vergeht kein Jahr, in welchem nicht Hunderte von
Versen, die so gut sind als alle, die er je geschrieben, behufs der
Bewerbung um den Newdigate-Preis zu Oxford oder um die Kanzler-Medaille
zu Cambridge eingesandt würden. Sein Geist besaß allerdings große
Schärfe und Kraft, aber nicht diejenige Schärfe und Kraft, welche große
Dramen oder Oden producirt, und man thut ihm sehr Unrecht, wenn man
seinen +Man of Honour+ und seine +Epistle on the Battle of the Boyne+
dem +Comus+ und +Alexander's Feast+ zur Seite stellt. Andere
ausgezeichnete Staatsmänner, wie Walpole, Pulteney, Chatham, Fox,
schrieben Verse, die nicht besser waren als die seinigen. Aber zum Glück
für sie wurden ihre metrischen Werke nie für würdig gehalten, in eine
Sammlung unserer nationalen Klassiker aufgenommen zu werden.

Es ist seit langer Zeit gebräuchlich, die Phantasie in der Gestalt eines
Flügels darzustellen und die gelungenen Aeußerungen der Phantasie Flüge
zu nennen. Der eine Dichter ist ein Adler, der andre ein Schwan, der
dritte vergleicht sich bescheidentlich mit der Biene. Aber keine dieser
bildlichen Bezeichnungen würde auf Montague gepaßt haben. Man kann sein
Genie mit dem Flügel vergleichen, der zwar zu schwach ist, den Strauß in
die Lüfte zu erheben, ihn aber in den Stand setzt, während er auf der
Erde bleibt, Hund, Pferd und Dromedar zu überholen. Wenn ein Mann, der
diese Art Genie besitzt, den Himmel der Erfindung zu ersteigen versucht,
so macht er sich durch seine mühsamen und erfolglosen Anstrengungen
lächerlich. Wenn er sich aber damit begnügt, in der irdischen
Thätigkeitssphäre zu bleiben, so wird er finden, daß die Fähigkeiten,
die ihn nicht in den Stand setzen würden, sich in eine höhere Sphäre
emporzuschwingen, es ihm möglich machen, in der niederen alle seine
Rivalen hinter sich zu lassen. Als Dichter hätte Montague sich niemals
über die Gewöhnlichkeit erheben können. Im Hause der Gemeinen aber, das
jetzt rasch die höchste Behörde im Staate wurde und seine Gewalt über
einen Zweig der ausübenden Verwaltung nach dem andren ausdehnte,
erlangte der junge Glücksritter bald eine ganz andre Stellung, als die,
welche er unter den Literaten einnimmt. In seinem dreißigsten Jahre
würde er mit Freuden alle seine Lebensaussichten für ein anständiges
Vikariat und ein Kaplansmäntelchen hingegeben haben. Mit
siebenunddreißig Jahren war er erster Lord des Schatzes, Kanzler der
Schatzkammer und Mitglied des Regentschaftsrathes des Königreichs, und
diese hohe Stellung verdankte er keineswegs der Gunst, sondern lediglich
der unbestreitbaren Ueberlegenheit seiner Talente für die Verwaltung und
für die Debatte.

Die außerordentliche Geschicklichkeit, mit der er zu Anfang des Jahres
1692 die Conferenz über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in
Hochverrathsfällen leitete, stellte ihn mit einem Male in die erste
Reihe der parlamentarischen Redner. Er stand bei dieser Gelegenheit
einer Menge erfahrener, durch ihre Beredtsamkeit berühmter Senatoren,
wie Halifax, Rochester, Nottingham und Mulgrave gegenüber, und er erwies
sich als ihnen allen ebenbürtig. Nicht lange so erhielt er einen Sitz im
Schatzamte, und hier gewahrte der scharfsinnige und erfahrene Godolphin
bald, daß sein junger College sein Meister war. Als Somers das Haus der
Gemeinen verlassen, hatte Montague keinen Nebenbuhler mehr darin. Sir
Thomas Littleton, einst als der gewandteste Redner und Geschäftsmann
unter den whiggistischen Mitgliedern ausgezeichnet, begnügte sich, unter
seinem jüngeren Collegen zu dienen. Noch heute können wir in vielen
Zweigen unsres Finanz- und Handelssystems Spuren von Montague's scharfem
Verstande und kühnem Geiste erkennen. Seine bittersten Feinde konnten
nicht leugnen, daß einige von den Auskunftsmitteln, die er
vorgeschlagen, sich als höchst wohlthätig für die Nation erwiesen
hatten. Aber es wurde behauptet, diese Auskunftsmittel seien nicht in
seinem eignen Kopfe entstanden. In hundert Pamphlets wurde er die Krähe
mit geborgten Federn genannt. Er habe, versicherte man, die Idee zu
jedem seiner großen Pläne aus den Schriften oder Reden eines genialen
Theoretikers entlehnt. Dieser Vorwurf war eigentlich gar kein Vorwurf.
Wir dürfen wohl kaum erwarten, in einem und demselben menschlichen Wesen
die Talente, welche nöthig sind, um neue Erfindungen in der
Staatswissenschaft zu machen, mit den Talenten gepaart zu finden, welche
von zahlreichen und tumultuarischen Versammlungen die Zustimmung zu
großen praktischen Reformen erlangen. Zu gleicher Zeit ein Adam Smith
und ein Pitt zu sein, ist fast unmöglich. Es ist gewiß des Lobenswerthen
genug bei einem thätigen Staatsmanne, wenn er die Theorien Anderer
anzuwenden versteht, wenn er unter den Plänen zahlloser Projectenmacher
gerade denjenigen herausfindet, der gebraucht wird und ausführbar ist,
wenn er ihm eine solche Gestalt zu geben weiß, daß er dem Drange der
Umstände und den Launen des Volks entspricht, wenn er ihn gerade in dem
Augenblicke vorschlägt, wo er die meiste Aussicht hat, günstig
aufgenommen zu werden, wenn er ihn siegreich gegen alle Widersacher
vertheidigt, und wenn er ihn mit Umsicht und Energie ins Werk setzt, und
auf dieses Lob hat kein englischer Staatsmann begründeteren Anspruch als
Montague.

Es ist ein schlagender Beweis von seiner Selbstkenntniß, daß er von dem
Augenblicke an, wo er sich im öffentlichen Leben auszuzeichnen begann,
aufhörte ein Versemacher zu sein. Nachdem er Lord des Schatzes geworden
war, scheint er kein einziges Couplet mehr geschrieben zu haben, mit
Ausnahme einiger gut abgefaßter Zeilen als Inschriften auf eine Anzahl
Trinkspruchgläser, welche den berühmtesten Whigschönheiten seiner Zeit
verehrt wurden. Er beschloß wohlweislich, aus den Dichtungen Anderer
einen Ruhm zu schöpfen, den er aus seinen eigenen nie geschöpft haben
würde. Als Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit steht er auf
gleicher Stufe mit seinen beiden berühmten Freunden, Dorset und Somers.
Seine Freigebigkeit kam der ihrigen völlig gleich, und wenn er ihnen
auch in der Feinheit des Geschmacks nachstand, so gelang es ihm doch,
seinen Namen untrennbar mit einigen Namen zu verknüpfen, welche so lange
dauern werden wie unsre Sprache.

Es muß jedoch auch zugegeben werden, daß Montague neben glänzenden
Talenten und vielen Ansprüchen auf die Dankbarkeit seines Vaterlandes
große Fehler besaß und leider Fehler nicht von der edelsten Art. Sein
Kopf war nicht stark genug, um die hastige Eile seines Emporsteigens und
die Höhe seiner Stellung ohne Schwindelanfälle zu ertragen. Er wurde
widerlich anmaßend und eitel. Er war nur zu oft kalt gegen seine alten
Freunde und prahlte nur zu gern mit seinen neuerworbenen Reichthümern.
Vor Allem war er unersättlich nach Lob und es gefiel ihm um so besser,
je plumper und übertriebener es war. Im Jahre 1693 waren jedoch diese
Fehler noch nicht so schreiend, als sie es einige Jahre später wurden.


[_Wharton._] Mit Russell, Somers und Montague war ein
Vierteljahrhundert lang ein vierter Whig eng verbunden, der im
Character mit keinem von ihnen große Aehnlichkeit hatte. Dies war
Thomas Wharton, der älteste Sohn Philipp's, Lord Wharton. Thomas
Wharton ist im Laufe dieser Erzählung schon häufig genannt worden; aber
es ist jetzt Zeit ihn ausführlicher zu schildern. Er stand in seinem
siebenundvierzigsten Jahre, war aber in Bezug auf Körperconstitution,
Aussehen und Manieren noch ein junger Mann. Selbst Diejenigen, die ihn
am gründlichsten haßten -- und Niemand wurde gründlicher gehaßt --
räumten ein, daß seine natürlichen Anlagen vortrefflich und daß er zum
Reden wie zum Handeln in gleichem Grade befähigt sei. Sein Rang und
seine Talente machten ihn zu einer so hervorragenden Persönlichkeit,
daß wir an ihm den Ursprung und das Fortschreiten einer moralischen
Verderbtheit, die unter seinen Zeitgenossen epidemisch war, deutlich zu
erkennen vermögen.

Er war in den Tagen des Covenants geboren und war der Erbe eines dem
Covenant angehörenden Hauses. Sein Vater war als ein Verbreiter
calvinistischer Schriften und als ein Beschützer der calvinistischen
Geistlichen bekannt. Seine ersten Knabenjahre brachte er unter Genfer
Kragen, schlichten Haartouren, verdrehten Augen, näselndem
Psalmengesange und dreistündigen Predigten zu. Schauspiele und Gedichte,
Jagd und Tanz waren durch die strenge Hausordnung seiner frommen Familie
verdammt. Die Früchte dieser Erziehung traten zu Tage, als der
heißblütige und geistvolle junge Patrizier das düstere Haus seiner
puritanischen Eltern mit dem heiteren und üppigen London der
Restauration vertauschte. Die ausschweifendsten Cavaliere schauderten
über die Ausschweifung des emancipirten Rigoristen. Er erwarb sich
frühzeitig den Ruf, der größte Wüstling in England zu sein und
behauptete diesen Ruf bis an sein Ende. Der Sklave des Weines wurde er
zwar nie und er bediente sich desselben hauptsächlich nur zu dem Zwecke,
um sich zum Beherrscher seiner Genossen zu machen. Aber bis an das Ende
seines Lebens waren die Frauen und Töchter seiner nächsten Freunde nicht
sicher vor seinen unzüchtigen Plänen. Die Unsittlichkeit seiner
Unterhaltung erregte selbst zur damaligen Zeit Erstaunen. Der Religion
seines Vaterlandes fügte er aus bloßem gottlosen Muthwillen
Beleidigungen zu, die zu empörend sind, als daß man sie näher bezeichnen
könnte. Seine Lügenhaftigkeit und seine Frechheit wurden sprichwörtlich.
Von allen Lügnern seiner Zeit log er am gewandtesten, am
erfinderischsten und am umständlichsten. Den Begriff Scham schien er gar
nicht zu kennen. Kein Vorwurf, mochte auch der beißendste Witz ihn
geschärft und gespitzt haben, schien einen Eindruck auf ihn zu machen.
Große Satyriker, die von bitterem persönlichen Hasse gegen ihn beseelt
waren, erschöpften ihre ganze Kraft in Angriffen auf ihn. Sie
überhäuften ihn mit heftigen Schmähungen und mit noch heftigeren
Verhöhnungen; aber sie überzeugten sich, daß weder Schmähungen noch Hohn
ihm mehr als ein ungezwungenes Lächeln oder einen scherzhaften Fluch
entlocken konnten, und sie warfen endlich die Peitschen fort und gaben
zu, daß es unmöglich sei, ihm Gefühl beizubringen. Daß er bei solchen
Fehlern eine große Rolle im Leben spielen, bei zahlreichen Wahlen durch
seine persönliche Popularität über die furchtbarsten Gegner siegen,
einen starken Anhang im Parlamente haben und sich zu den höchsten
Staatsämtern emporschwingen konnte, scheint unbegreiflich. Aber er lebte
zu einer Zeit, wo der Parteigeist fast an Wahnsinn grenzte und er besaß
in seltenem Grade die Eigenschaften eines Parteiführers. Ein einziges
Band gab es, das er achtete. In allen Beziehungen bis auf eine der
falscheste Mensch von der Welt, war er der treueste aller Whigs. Den
religiösen Ansichten seiner Familie hatte er schon frühzeitig mit
Verachtung entsagt; den politischen Meinungen seiner Familie aber blieb
er durch alle Versuchungen und Gefahren eines halben Jahrhunderts treu.
In kleinen wie in großen Dingen zeigte sich beständig seine Hingebung
für seine Partei. Er besaß das schönste Gestüt in England und es war
sein größtes Vergnügen, Wetten gegen Tories zu gewinnen. Zuweilen, wenn
man in einer entfernten Grafschaft zuversichtlich erwartete, daß das
Pferd eines hochkirchlichen Squires das erste auf der Rennbahn sein
werde, kam noch am Vorabend des Rennens Wharton's Careleß, der in
Newmarket nur aus Mangel an Mitbewerbern zu rennen aufgehört, oder
Wharton's Gelding an, für den Ludwig XIV. vergebens tausend Pistolen
geboten hatte. Ein Mann, dessen bloßes Sportvergnügen von dieser Art
war, gab wenig Hoffnung, auch in einem ernsten Kampfe leicht geschlagen
zu werden. Einen solchen Meister in der ganzen Kunst der Wahlumtriebe
hatte England noch nie gesehen. Buckinghamshire war seine specielle
Provinz, und dort herrschte er ohne Nebenbuhler. Aber seine Fürsorge
erstreckte sich auch auf die whiggistischen Interessen von Yorkshire,
Cumberland, Westmoreland und Wiltshire. Zuweilen waren zwanzig, ja
dreißig Parlamentsmitglieder von ihm ernannt. Als Stimmenwerber war er
unwiderstehlich. Er vergaß nie ein Gesicht, das er einmal gesehen hatte.
Ja in den Städten, in denen er seinen Einfluß zu befestigen wünschte,
erinnerte er sich nicht allein der Wähler, sondern auch ihrer Familien.
Seine Gegner erstaunten über die Stärke seines Gedächtnisses und über
die Leutseligkeit seines Benehmens und gaben zu, daß es unmöglich sei
gegen einen vornehmen Mann zu kämpfen, der den Schuhmacher bei seinem
Taufnamen nannte, der gewiß war, daß des Fleischers Tochter zu einem
schönen Mädchen herangewachsen sei und der sich angelegentlich danach
erkundigte, ob des Hufschmieds jüngster Bube Hosen bekommen habe. Durch
derartige Kunstgriffe machte er sich so beliebt, daß seine Reisen zu den
Quartalsitzungen von Buckinghamshire königlichen Lustreisen glichen. In
jedem Dorfe, durch das er kam, wurden die Glocken geläutet und ihm
Blumen gestreut. Man glaubte allgemein, daß er im Laufe seines Lebens
auf seine parlamentarischen Interessen nicht weniger als achtzigtausend
Pfund verwendet habe, eine Summe, die nach Verhältniß des Werthes des
Grundbesitzes dreimalhunderttausend Pfund in unsrer Zeit gleichkommend
betrachtet werden muß.

Der wichtigste Dienst, den Wharton der Whigpartei leistete, bestand
jedoch im Anwerben von Rekruten aus der jungen Aristokratie. Er war ein
eben so geschickter Stimmenwerber unter den gestickten Röcken im Saint
James-Kaffeehause, wie unter den Schurzfellen zu Wycombe und Aylesbury.
Er warf sein Auge auf jeden jungen Mann von Stande, der majorenn wurde,
und es war für einen solchen jungen Mann nicht leicht, den Kunstgriffen
eines vornehmen, beredtsamen und reichen Schmeichlers zu widerstehen,
der jugendliche Lebhaftigkeit mit großer Verschlagenheit und
langjähriger Erfahrung in den eleganten Gesellschaftskreisen verband. Es
war gleichgültig, was der Novize vorzog, ob die Galanterie oder die
Sportvergnügungen, den Würfelbecher oder die Flasche; Wharton entdeckte
sehr bald die vorherrschende Leidenschaft, bot Theilnahme, Rath und
Beistand an, und während er nur der Diener der Vergnügungen seines
Schülers zu sein schien, sicherte er sich die Stimme desselben.

Die Partei, deren Interessen Wharton mit so viel Muth und Beständigkeit
seine Zeit, sein Vermögen, seine Talente und selbst seine Laster
widmete, beurtheilte ihn, was auch sehr natürlich war, viel zu
nachsichtig. Er war weit und breit unter dem ganz unverdienten Namen des
ehrlichen Tom bekannt. Einige fromme Männer, zum Beispiel Burnet und
Addison, drückten ein Auge zu über das Aergerniß, das er gab, und
sprachen wenn auch nicht mit Achtung, so doch mit Wohlwollen von ihm.
Ein höchst geistreicher und gebildeter Whig, der dritte Earl von
Shaftesbury, Verfasser der »Characteristiken«, nannte Wharton den
räthselhaftesten aller Menschen, ein seltsames Gemisch des Besten und
Schlimmsten, privater Sittenlosigkeit und öffentlicher Tugend, und
gestand offen, daß er nicht begreifen könne, wie ein in jeder Beziehung,
außer in der Politik, völlig grundsatzloser Mensch in der Politik treu
wie Stahl sein konnte. Doch gerade das was in den Augen der einen Partei
Wharton's Fehler mehr als zur Hälfte ausglich, schien sie in den Augen
der andren Partei sämmtlich zu erschweren. Die Meinung, welche die
Tories von ihm hatten, ist in einer einzigen Zeile ausgedrückt, die der
talentvollste Mann dieser Partei nach seinem Tode schrieb: »Er war der
universellste Schurke, den ich je kennen gelernt habe.«[62] Wharton's
politische Gegner lechzten nach seinem Blute und machten wiederholte
Versuche es zu vergießen. Wäre er nicht ein Mann von unerschütterlicher
Kaltblütigkeit, von unerschrockenem Bluthe und von vollendeter
Fertigkeit in Führung der Waffen gewesen, so würde er kein hohes Alter
erreicht haben. Aber weder Zorn noch Gefahr beraubten ihn jemals seiner
Geistesgegenwart; er war ein unvergleichlicher Fechter, und er besaß
eine besondere Geschicklichkeit darin, Gegner zu entwaffnen, die alle
Duellanten seiner Zeit beneideten. Seine Freunde sagten, er habe nie
Jemanden zum Zweikampfe herausgefordert, habe nie eine Herausforderung
zurückgewiesen, habe nie einen Gegner getödtet und habe sich doch nie
geschlagen, ohne das Leben seines Gegners in seinen Händen zu
haben.[63]

Die vier Männer, welche ich hier geschildert habe, glichen einander so
wenig, daß man sich wundern muß, wie sie jemals in Uebereinstimmung mit
einander handeln konnten. Gleichwohl handelten sie viele Jahre lang in
vollkommenster Uebereinstimmung. Sie stiegen mehr als ein Mal und fielen
mehr als ein Mal zusammen. Aber ihre Einigkeit dauerte so lange, bis der
Tod sie löste. So wenig Achtung einige von ihnen verdienten, keinen von
ihnen kann man beschuldigen, daß er gegen seine Brüder von der Junta
falsch gewesen wäre.


[_Häupter der Torypartei._] Während die große Masse der Whigs unter
diesen gewandten Führern in einer Ordnung kämpfte, welche der einer
regulären Armee glich, befanden sich die Tories in dem Zustande einer
schlecht eingeübten und einer schlecht commandirten Miliz. Sie waren
zahlreich und auch von Eifer beseelt; aber man kann kaum sagen, daß sie
damals ein Oberhaupt im Hause der Gemeinen gehabt hätten. Der Name
Seymour hatte einst in hohem Ansehen bei ihnen gestanden und er hatte
seinen Einfluß noch nicht ganz verloren. Aber seitdem er im Schatzamte
gesessen, hatte er es mit ihnen verdorben, indem er Alles was er früher,
als er noch nicht im Amte war, heftig angegriffen hatte, heftig
vertheidigte. Sie hatten auch einmal auf den Sprecher Trevor ihr
Augenmerk gerichtet, aber seine Habgier, Schamlosigkeit und Feilheit
waren jetzt so notorisch, daß alle achtbaren Gentlemen jeder politischen
Farbe sich schämten, ihn auf dem Präsidentenstuhle zu sehen. Von den
alten toryistischen Mitgliedern hatte nur Sir Christoph Musgrave großes
Gewicht. Die wirklichen Führer der Partei waren eigentlich zwei oder
drei Männer, welche in Grundsätzen erzogen waren, die dem Toryismus
direct entgegengesetzt waren, Männer, die den Whiggismus bis an den Rand
des Republikanismus getrieben und die nicht nur für Niederkirchliche,
sondern für mehr als halbe Presbyterianer gegolten hatten. Die
ausgezeichnetsten von diesen Männern waren zwei angesehene Squires aus
Herefordshire: Robert Harley und Paul Foley.


[_Harley._] Der Raum, den Robert Harley in der Geschichte dreier
Regierungen ausfüllt, seine Erhebung, sein Sturz, der Einfluß, den er in
einer wichtigen Krisis auf die Politik von ganz Europa ausübte, die
intime Freundschaft, in der er mit einigen der größten Schriftsteller
und Dichter seiner Zeit lebte, und das häufige Vorkommen seines Namens
in den Werken Swift's, Pope's, Arbuthnot's und Prior's müssen ihn
jederzeit zu einer interessanten Persönlichkeit machen. Der Mann selbst
war jedoch der uninteressanteste, den es geben konnte. Es ist in der
That ein merkwürdiger Contrast zwischen den ganz gewöhnlichen
Eigenschaften seines Geistes und den ganz außerordentlichen
Wechselfällen seines Lebens.

Er war der Erbe einer puritanischen Familie. Sein Vater, Sir Eduard
Harley, hatte sich unter den Patrioten des Langen Parlaments einen Namen
gemacht, hatte unter Essex ein Regiment commandirt, war nach der
Restauration ein thätiger Widersacher des Hofes gewesen, hatte die
Exclusionsbill unterstützt, hatte dissentirende Prediger beherbergt,
Bethäuser besucht und sich bei den herrschenden Gewalten so verhaßt
gemacht, daß er zur Zeit des Aufstandes im Westen verhaftet und sein
Haus nach Waffen durchsucht worden war. Als die holländische Armee von
Torbay nach London marschirte, erklärten er und sein ältester Sohn
Robert sich für den Prinzen von Oranien und für ein freies Parlament,
organisirten einen starken Reitertrupp, nahmen Besitz von Worcester und
bewiesen ihren Eifer gegen den Papismus, indem sie in der High Street
dieser Stadt öffentlich ein Werk der Sculptur zerbrachen, das strengen
Rigoristen götzendienerisch dünkte. Bald nachdem die Convention in ein
Parlament verwandelt worden war, wurde Robert Harley als Abgeordneter
für den Wahlbezirk Cornwall nach Westminster geschickt. Sein Verhalten
war so, wie es sich von seiner Geburt und Erziehung erwarten ließ. Er
war ein Whig und sogar ein intoleranter und rachsüchtiger Whig. Nichts
konnte ihn zufriedenstellen als eine allgemeine Proscription der Tories.
Sein Name figurirt in der Liste derjenigen Mitglieder, welche für die
Sacheverell'sche Klausel stimmten, und bei der allgemeinen Wahl, die im
Frühjahr 1690 stattfand, bot die Partei die er verfolgt hatte, Alles
auf, um ihn nicht ins Haus der Gemeinen zu lassen. Die Harley wurden als
Todfeinde der Kirche bezeichnet, und dies machte einen solchen Eindruck,
daß beinahe keiner von ihnen einen Sitz erlangt hätte. Dies war der
Anfang der politischen Laufbahn eines Mannes, dessen Name ein
Vierteljahrhundert später in den Acclamationen jakobitischer Volkshaufen
unzertrennlich mit der Hochkirche verbunden war.[64]

Bald jedoch begann man zu bemerken, daß bei jeder Abstimmung Harley mit
denjenigen Gentlemen stimmte, die seine politischen Ansichten
verabscheuten, und dies war nichts Wunderbares, denn er spielte die
Rolle eines Whigs vom alten Schlage, und vor der Revolution dachte man
sich einen Whig immer als einen Mann, der eifersüchtig jede Ausübung der
Prärogative bewachte, der die Schnüre der öffentlichen Börse nur ungern
löste und der eifrig alle Fehler der Minister der Krone aufstach. Ein
solcher Whig erklärte Harley noch immer zu sein. Er gab nicht zu, daß
der neuerliche Wechsel der Dynastie irgend etwas in den Pflichten eines
Volksvertreters geändert habe. Die neue Regierung müsse eben so
argwöhnisch beobachtet, eben so streng gezügelt und eben so spärlich mit
Geld versehen werden als die alte. Da er nach solchen Grundsätzen
wirkte, sah er sich natürlich mit Männern zusammenwirken, deren
Grundsätze den seinigen direct entgegengesetzt waren. Er legte dem
Könige gern Hindernisse in den Weg; sie legten dem Usurpator gern
Hindernisse in den Weg, und die Folge davon war, daß, so oft sich eine
Gelegenheit bot, Wilhelm Hindernisse in den Weg zu legen, der Rundkopf
in Gesellschaft der ganzen Schaar der Cavaliere entweder im Hause blieb
oder in die Vorhalle hinausging.

Bald erwarb sich Harley die Autorität eines Führers unter Denen, mit
denen er trotz großer Meinungsverschiedenheiten gewöhnlich stimmte.
Sein Einfluß im Parlamente stand eigentlich in gar keinem Verhältniß
zu seinen Fähigkeiten. Sein Verstand war sowohl beschränkt als
schwerfällig. Er war nicht im Stande, eine umfassende Ansicht von einem
Gegenstande zu gewinnen. Nie brachte er es dahin, sich öffentlich mit
Geläufigkeit und Klarheit auszudrücken. Bis ans Ende seines Lebens
blieb er ein langweiliger, unsicherer und verworrener Redner.[65] Auch
besaß er keine der äußeren Vorzüge eines Redners. Seine Gesichtszüge
waren unregelmäßig, seine Gestalt klein und etwas verwachsen, und
seine Geberden plump. Gleichwohl wurde er mit Achtung angehört, denn
er hatte seinen Geist so wie er war, sorgfältig ausgebildet. Er
hatte in seiner Jugend fleißig studirt und bis an sein Ende liebte
er Bücher und den Umgang mit geistreichen und gebildeten Leuten. Er
strebte sogar selbst nach dem Rufe eines Schöngeistes und Dichters und
verwendete zuweilen Stunden, die er viel nützlicher hätte verwenden
können, auf die Verfertigung von Versen, abscheulicher als die des
Nachtwächters.[66] Doch verschwendete er seine Zeit nicht immer so
unnütz. Er besaß die Art von Fleiß und die Art von Genauigkeit, die ihn
zu einem respectablen Alterthumsforscher oder Wappenkundigen gemacht
haben würden. Er fand Vergnügen daran, alte Acten zu durchstöbern,
und damals konnte man sich nur durch das Stöbern in alten Acten eine
gründliche und umfassende Kenntniß des Parlamentsrechtes erwerben.
Da er in diesem mühsamen und trocknen Studium wenig Rivalen hatte,
so wurde er bald in Bezug auf Form- und Privilegiumsfragen als ein
Orakel betrachtet. Sein moralischer Character trug nicht wenig zur
Vermehrung seines Einflusses bei. Er hatte zwar große Fehler, aber sie
waren von keiner entehrenden Art. Er war nicht durch Geld zu bestechen.
Sein Privatleben war regelmäßig, und selbst Satyriker haben ihm kein
unerlaubtes Liebesverhältniß vorgeworfen. Das Spiel haßte er, und er
soll bei White's Kaffeehause, damals dem Lieblingsaufenthalte der
vornehmen Gauner und Gimpel, nie ohne eine Aeußerung des Unwillens
vorübergegangen sein. Seine Gewohnheit, sich täglich im Claret zu
benebeln, wurde von seinen Zeitgenossen kaum als ein Fehler angesehen.
Seine Kenntnisse, sein Ernst und seine unabhängige Stellung gewannen
ihm das Ohr des Hauses, und gerade sein schlechter Vortrag war
gewissermaßen ein Vortheil für ihn. Denn die Menschen geben sehr
ungern zu, daß ein und derselbe Mann ganz verschiedene Vorzüge in sich
vereinigen kann. Es ist eine Beruhigung für den Neid, zu glauben,
was glänzend ist, könne nicht gediegen sein, und was klar ist, könne
nicht tief sein. Nur sehr langsam wurde das Publikum zu der Erkenntniß
gebracht, daß Mansfeld ein großer Jurist und Burke ein großer Meister
der Staatswissenschaft sei. Montague war ein glänzender Redner, und
daher wurde er, obgleich er sich zehnmal besser als Harley für die
trockensten Geschäftszweige eignete, von seinen Verleumdern als ein
oberflächlicher, geschwätziger, dünkelhafter Mensch dargestellt.
Dagegen schlossen viele Leute aus dem Mangel an äußerem Glanze in
Harley's Reden, daß viel praktischer Werth in ihm sein müsse, und er
wurde für einen tiefen Denker von gründlicher Belesenheit erklärt,
der zwar kein glänzender Redner, aber besser geeignet sei zur Leitung
von Staatsangelegenheiten als alle glänzenden Redner der Welt. Diesen
Ruf wußte er sich lange mit jener Schlauheit zu erhalten, die man
oft mit ehrgeiziger und ruheloser Mittelmäßigkeit gepaart findet.
Er beobachtete stets, selbst seinen besten Freunden gegenüber, ein
mysteriöses und zurückhaltendes Wesen, das zu verrathen schien, daß
er um irgend ein wichtiges Geheimniß wisse, und daß sein Geist mit
einem großen Plane beschäftigt sei. Auf diese Art erwarb er sich und
behauptete er lange den Ruf der Weisheit. Erst als dieser Ruf ihn zum
Earl, zum Ritter des Hosenbandordens, zum Lordschatzmeister von England
und zum Herrn der Geschicke Europa's gemacht hatte, begannen seine
Bewunderer dahinter zu kommen, daß er eigentlich ein beschränkter,
verworrener Kopf war.[67]

Bald nach der allgemeinen Wahl von 1690 begann Harley, der in der Regel
mit den Tories stimmte, selbst ein Tory zu werden. Dieser Wechsel fand
so allmälig statt, daß man es kaum bemerkte; aber er war deshalb nicht
minder ein Factum. Er begann sich in Zeiten der toryistischen Doctrin
zuzuwenden, daß England sich auf einen Seekrieg beschränken müsse. Er
empfand in Zeiten die ächte Toryantipathie gegen die Holländer und
gegen die Geldmänner. Die Antipathie gegen die Dissenters, welche zur
Vervollständigung des Characters nothwendig war, kam viel später.
Endlich war die Umgestaltung vollendet, und der ehemalige
Conventikelbesucher wurde ein intoleranter Hochkirchlicher. Doch bis an
sein Ende zeigten sich dann und wann die Spuren seiner ersten Schule,
und während er im Sinne Laud's handelte, schrieb er zuweilen im Style
Lobe Gott Barebones'.[68]


[_Foley._] Von Foley wissen wir verhältnißmäßig wenig. Seine Geschichte
hat bis zu einem gewissen Punkte große Aehnlichkeit mit der Geschichte
Harley's; aber er stand in Bezug auf Geistesgaben wie auf Charactergröße
offenbar höher als Harley. Er war der Sohn Thomas Foley's, eines bisher
unbekannten Mannes von großer Begabung, der mit nichts ins Leben
getreten war, sich aber durch Eisenwerke ein schönes Vermögen erworben
hatte und der wegen seiner makellosen Rechtschaffenheit und seiner
freigebigen Mildthätigkeit bekannt war. Die Foley waren, wie ihre
Nachbarn, die Harley, Whigs und Puritaner. Thomas Foley lebte in intimer
Freundschaft mit Baxter, in dessen Schriften er mit warmem Lobe erwähnt
wird. Die Ansichten und Zuneigungen Paul Foley's waren anfangs die
seiner Familie. Aber er wurde, wie Harley, bloß durch die Heftigkeit
seines Whiggismus, ein Bundesgenosse der Tories und wäre vielleicht, wie
Harley, noch ganz in einen Tory verwandelt worden, hätte nicht der Tod
den Umwandlungsprozeß unterbrochen. Foley's Anlagen waren vortrefflich
und waren durch eine sorgfältige Erziehung noch mehr ausgebildet worden.
Er war so wohlhabend, daß er nicht nöthig hatte, die Jurisprudenz als
Broterwerb zu studiren; aber er hatte sie gründlich als Wissenschaft
studirt. Seine Moralität war tadellos, und der größte Fehler, den man
ihm zum Vorwurf machen konnte, war der, daß er zu sehr mit seiner
Unabhängigkeit und Uneigennützigkeit paradirte und so sehr fürchtete,
für einen Speichellecker gehalten zu werden, daß er beständig murrte.


[_Howe._] Noch ein Convertit muß erwähnt werden. Howe, noch vor Kurzem
der heftigste Whig, war durch den Verlust seines Amtes in einen der
heftigsten Tories verwandelt worden. Der Deserteur brachte der Partei,
zu der er übergegangen war, keinen großen Ruf, keine wirkliche oder
anscheinende Befähigung zu wichtigen Geschäften, wohl aber eine
bedeutende parlamentarische Geschicklichkeit niederer Art, viel Galle
und große Unverschämtheit. Kein Redner der damaligen Zeit scheint in so
reichem Maße sowohl die Gabe als den Hang besessen zu haben, seinen
Gegnern wehe zu thun.

Die Unterstützung dieser Männer war der Torypartei höchst willkommen;
aber unmöglich konnten sie schon jetzt die ganze Autorität von Führern
über diese Partei ausüben. Denn sie nannten sich noch immer Whigs und
rechtfertigten ihre toryistischen Voten durchgehends mit Argumenten, die
sich auf whiggistische Prinzipien gründeten.[69]

Aus dieser Uebersicht des Standes der Parteien im Hause der Gemeinen
geht klar hervor, daß Sunderland guten Grund hatte, den Rath zu geben,
daß die Verwaltung in die Hände der Whigs gelegt werde. Der König
zögerte jedoch lange, ehe er sich entschließen konnte, die neutrale
Stellung aufzugeben, die er seit langer Zeit zwischen den streitenden
Parteien einnahm. Wenn die eine dieser Parteien geneigt war, seinen
Rechtstitel zu bestreiten, so war die andre aus Prinzip seiner
Prärogative feindlich gesinnt. Er erinnerte sich noch mit Bitterkeit
des unbilligen und rachsüchtigen Verfahrens des Conventionsparlaments
zu Ende des Jahres 1689 und zu Anfang des Jahres 1690, und er erschrak
vor dem Gedanken, gänzlich in der Gewalt von Männern zu sein, die
sich der Indemnitätsbill widersetzt, für die Sacheverell'sche Klausel
gestimmt, ihn von der Uebernahme des Commandos seiner Armee in Irland
abzubringen versucht und ihn einen undankbaren Tyrannen genannt hatten,
lediglich deshalb, weil er nicht ihr Sklave und Henker sein wollte.
Er hatte einst durch eine kühne und unerwartete Anstrengung ihr Joch
abgeschüttelt und hatte keine Lust, es wieder auf seinen Nacken zu
laden. Wharton und Russell waren ihm persönlich zuwider. Dagegen
hatte er eine hohe Meinung von Caermarthen's Geschäftstüchtigkeit,
von Nottingham's Rechtschaffenheit und von Godolphin's Fleiß und
finanzieller Geschicklichkeit. Nur langsam siegten Sunderland's Gründe,
durch die Gewalt der obwaltenden Verhältnisse unterstützt, über alle
Einwände.


[_Zusammentritt des Parlaments._] Am 7. Nov. 1693 trat das Parlament
zusammen und sogleich begann auch der Kampf der Parteien. Wilhelm
stellte vom Throne herab den beiden Häusern dringend die Nothwendigkeit
vor, durch eine große Anstrengung den Fortschritten Frankreich's auf dem
Continent Einhalt zu thun. Während des letzten Feldzugs, sagte er, habe
es auf jedem Punkte eine Uebermacht gehabt, und es sei deshalb unmöglich
gewesen, mit ihm fertig zu werden. Seine Verbündeten hätten versprochen,
ihre Armeen zu verstärken und er hege die vertrauensvolle Ueberzeugung,
daß die Gemeinen ihn in den Stand setzen würden, ein Gleiches zu
thun.[70]


[_Debatten über die Unfälle zur See._] Die Gemeinen zogen in ihrer
nächsten Sitzung die Thronrede des Königs in Berathung. Den
Hauptgegenstand der Discussion bildete die Zerstörung der Smyrnaflotte.
Das Verlangen nach einer Untersuchung war allgemein, aber es lag auf der
Hand, daß die beiden Parteien dieses Verlangen aus sehr verschiedenen
Gründen stellten. Montague sprach die Ansicht der Whigs aus. Er
erklärte, die Unglücksfälle vom vergangenen Sommer könnten seiner
Meinung nach ihre Erklärung in der Unwissenheit und Schwäche der Männer
finden, denen die Marineverwaltung übertragen sei. Es müsse Verrath
stattgefunden haben. Man könne unmöglich annehmen, daß Ludwig, als er
sein Brester Geschwader nach der Meerenge von Gibraltar sandte und die
ganze Küste seines Königreichs von Dünkirchen bis Bayonne ohne Schutz
ließ, nur aufs Gerathewohl gehandelt habe. Er müsse die feste
Ueberzeugung gehabt haben, daß seine Flotte auf eine große Beute unter
schwacher Bedeckung stoßen werde. Wie auf einigen Seiten Verrath
stattgefunden habe, so habe es auf anderen Seiten Unfähigkeit gegeben.
Der Staat werde schlecht bedient. Hierauf hielt der Redner eine warme
Lobrede auf seinen Freund Somers. »Möchten doch alle am Staatsruder
stehenden Männer das Beispiel des Lord Siegelbewahrers nachahmen! Wenn
alle Stellen mit solcher Einsicht und Uneigennützigkeit besetzt würden,
wie durch ihn, so würden wir die Staatsämter nicht von Männern bekleidet
sehen, die Gehalte beziehen und nichts dafür thun!« Es wurde beantragt
und einstimmig angenommen, daß die Gemeinen Ihre Majestäten unterstützen
und unverzüglich eine Untersuchung der Ursachen des Unglücks in der
Lagosbai anordnen wollten.[71] Die Lords der Admiralität erhielten die
Weisung, eine große Masse schriftlicher Beweisstücke vorzulegen. Der
König sandte Abschriften von den Resultaten der Nachforschungen ein,
welche der von Marien zur Untersuchung der Beschwerden der mit der
Türkei Handel treibenden Kaufleute ernannte Ausschuß des Geheimen Raths
angestellt hatte. Die Kaufleute selbst wurden vorgeladen und vernommen.
Rooke, der noch zu krank war, um stehen und sprechen zu können, wurde in
einem Lehnstuhle vor die Schranke gebracht und überreichte hier eine
Darstellung seines Verfahrens. Die Whigs glaubten bald, daß
hinreichender Grund zu einem die Marineverwaltung tadelnden Votum
vorliege und beantragten eine Resolution, welche den Verlust der
Smyrnaflotte notorischer und verrätherischer Mißführung zuschrieb. Daß
verkehrte Führung stattgefunden hatte, konnte nicht bestritten werden;
daß aber falsches Spiel gespielt worden sei, war sicherlich durch nichts
bewiesen. Die Tories schlugen vor, das Wort »verrätherisch« zu
streichen. Es wurde abgestimmt, und die Whigs siegten mit hundertvierzig
gegen hundertdrei Stimmen. Wharton war Stimmenzähler für die
Majorität.[72]

Es war nunmehr entschieden, daß Verrath stattgefunden hatte, nicht aber,
wer der Verräther war. Es folgten mehrere heftige Debatten. Die Whigs
bemühten sich, die Schuld auf Killegrew und Delaval zu wälzen, welche
Tories waren; die Tories thaten ihr Möglichstes, um zu beweisen, daß die
Schuld an der Proviantverwaltung gelegen habe, die unter der Leitung von
Whigs stand. Aber das Haus der Gemeinen ist stets viel mehr dazu geneigt
gewesen, in allgemeine Ausdrücke gefaßte Tadelsvoten zu beschließen, als
einzelne Personen speciell zu brandmarken. Eine Resolution, welche die
Proviantverwaltung freisprach, wurde von Montague beantragt und nach
einer zweitägigen Debatte mit hundertachtundachtzig gegen
hundertzweiundfunfzig Stimmen angenommen.[73] Als aber die siegreiche
Partei einen Antrag auf Schuldigerklärung der Admirale stellte, kamen
die Tories in großer Anzahl vom Lande herein, und es gelang ihnen nach
einer von neun Uhr Morgens bis gegen elf Uhr Abends dauernden Debatte
ihre Freunde zu retten. Die Neins beliefen sich auf hundertsiebzig, die
Jas auf nur hunderteinundsechzig. Einige Tage später wurde ein neuer
Angriff mit nicht besserem Erfolge gemacht. Die Neins betrugen
hundertfünfundachtzig, die Jas nur hundertfünfundsiebzig. Der
unermüdliche und unversöhnliche Wharton war beide Male Stimmenzähler für
die Minorität.[74]


[_Russell erster Lord der Admiralität._] Trotz dieser Niederlage war der
Vortheil entschieden auf Seiten der Whigs. Die an der Spitze der
Marineverwaltung stehenden Tories waren zwar der Anklage entgangen, aber
sie waren ihr mit so genauer Noth entgangen, daß der König sich ihrer
unmöglich noch ferner bedienen konnte. Sunderland's Rath behielt die
Oberhand. Es wurde eine neue Admiralitätscommission gebildet und Russell
zum ersten Lord ernannt. Das Commando der Kanalflotte besaß er bereits.


[_Nottingham's Rücktritt._] Seine Erhebung machte Nottingham's Rücktritt
nothwendig. Denn obgleich es damals nichts Ungewöhnliches war, Männer,
welche persönliche und politische Feinde waren, gleichzeitig hohe Aemter
verwalten zu sehen, so war doch das Verhältniß zwischen dem ersten Lord
der Admiralität und dem Staatssekretär, dessen Leitung das was man jetzt
das Kriegsdepartement nennen würde, übertragen war, so eigenthümlicher
Art, daß der öffentliche Dienst ohne herzliches Zusammenwirken Beider
nicht wohl versehen werden konnte, und ein solches Zusammenwirken war
bei Russell und Nottingham nicht zu erwarten. »Ich danke Ihnen,« sagte
Wilhelm zu Nottingham, »für Ihre Dienste. Ich habe über nichts in Ihrem
Verhalten zu klagen und trenne mich nur aus Nothwendigkeit von Ihnen.«
Nottingham zog sich mit Würde zurück. Obwohl ein durchaus
rechtschaffener Mann, verließ er das Amt doch viel reicher als er vor
fünf Jahren in dasselbe eingetreten war. Was damals als die rechtmäßigen
Emolumente seiner Stelle betrachtet wurde, war sehr bedeutend; überdies
hatte er Kensington House an die Krone verkauft und hatte auch
wahrscheinlich nach damaliger Sitte einige lucrative Schenkungen
erhalten. Er legte alle seine Ersparnisse in Grundeigenthum an. Er habe
erfahren, sagte er, daß seine Feinde ihn der Erwerbung von Reichthum
durch unerlaubte Mittel zu beschuldigen gedächten. Er sei jeden
Augenblick bereit, sich einer Untersuchung zu unterwerfen. Er wolle
nicht, wie einige Minister gethan hätten, sein Vermögen so anlegen, daß
es außer dem Bereiche der Gerechtigkeit seines Vaterlandes stehe, er
wolle keinen geheimen Schatz haben und nichts in auswärtigen Papieren
anlegen. Sein Eigenthum solle ausschließlich solches sein, das leicht
ausfindig gemacht und confiscirt werden könne.[75]


[_Shrewsbury will kein Amt annehmen._] Einige Wochen lang blieben die
von Nottingham abgegebenen Siegel im königlichen Cabinet. Die
anderweitige Vergebung derselben erwies sich als kein leichtes Ding. Sie
wurden Shrewsbury angeboten, der von allen Whighäuptern in der Gunst des
Königs am höchsten stand; aber er lehnte sie ab und zog sich, um
ferneren Anträgen aus dem Wege zu gehen, aufs Land zurück. Dort erhielt
er bald einen dringenden Brief von Elisabeth Villiers. Diese Dame hatte,
als sie noch ein Mädchen war, Wilhelm eine Leidenschaft eingeflößt, die
an dem kleinen Hofe im Haag großes Aergerniß erregt und viel Unheil
angerichtet hatte. Sie verdankte ihren Einfluß keineswegs persönlichen
Reizen -- denn es bedurfte Kneller's ganzer Geschicklichkeit, damit sie
auf der Leinwand erträglich aussah -- und eben so wenig den ihrem
Geschlecht eigenen Talenten -- denn sie excellirte nicht in angenehmer
Unterhaltung und ihren Briefen fehlte es auffallend an weiblicher
Leichtigkeit und Eleganz -- sondern vielmehr Geistesgaben, die sie
geeignet machten, an den Sorgen von Staatsmännern Theil zu nehmen und
ihnen rathend zur Seite zu stehen. Bis ans Ende ihres Lebens fragten sie
große Politiker um Rath. Selbst Swift, der Schlaueste und Cynischste
unter ihren Zeitgenossen, erklärte sie für die klügste aller Frauen und
saß mehr als einmal, durch ihre Unterhaltung gefesselt, von zwei Uhr
Nachmittags bis gegen Mitternacht bei ihr.[76] Nach und nach eroberte
sich Marie durch ihre Tugenden und Reize den ersten Platz im Herzen
ihres Gemahls. Aber in schwierigen Fällen wendete er sich noch immer
häufig an Elisabeth Villiers um Rath und Beistand. Sie beschwor jetzt
Shrewsbury, seinen Entschluß nochmals zu überlegen und sich nicht die
Gelegenheit entgehen zu lassen, die Whigs für immer zu einigen. Wharton
und Russell schrieben in dem nämlichen Sinne. Als Antwort kamen leere
und nichtssagende Entschuldigungen: »Ich eigne mich nicht für das
Hofleben; ich bin einer Stelle nicht gewachsen, die viel Anstrengung
erfordert; ich stimme mit keiner Partei im Staate ganz überein; kurz,
ich tauge nicht für die Welt. Ich will reisen, ich möchte Spanien kennen
lernen.« Dies waren bloße Ausflüchte. Hätte Shrewsbury die ganze
Wahrheit sagen wollen, so würde er geschrieben haben, daß er in einer
bösen Stunde der Sache der Revolution, bei der er eine so große Rolle
gespielt, untreu geworden, daß er Verpflichtungen eingegangen sei, die
er bereue, von denen er sich aber nicht wieder losmachen könne, und daß
er, so lange diese Verpflichtungen auf ihm lasteten, nicht gesonnen sei,
in den Dienst der bestehenden Regierung zu treten. Marlborough,
Godolphin und Russell machten sich allerdings kein Gewissen daraus, mit
dem einen Könige zu correspondiren, während sie dem andren dienten.
Shrewsbury aber hatte, was Marlborough, Godolphin und Russell nicht
hatten: ein Gewissen, das ihn zwar nur zu oft nicht abhielt, Unrecht zu
thun, das ihn aber stets strafte.[77]

In Folge seiner Weigerung die Siegel anzunehmen wurden die vom Könige
beabsichtigten ministeriellen Arrangements erst gegen den Schluß der
Session vollständig geordnet. Inzwischen waren die Verhandlungen der
beiden Häuser höchst interessant und wichtig gewesen.


[_Debatten über den Handel mit Indien._] Bald nach dem Zusammentritt des
Parlaments richtete sich die Aufmerksamkeit der Gemeinen von neuem auf
den Zustand des Handels mit Indien, und die der alten Compagnie so eben
ertheilte Concession wurde ihnen vorgelegt. Sie würden wahrscheinlich
nicht abgeneigt gewesen sein, das neue Arrangement, das sich eigentlich
nur wenig von dem unterschied, welches sie selbst nicht viele Monate
früher vorgeschlagen hatten, zu bestätigen, wenn die Directoren mit
Vorsicht zu Werke gegangen wären. Aber die Directoren hatten von dem
Tage, an welchem sie ihre Concessionsurkunde erhalten, die
Schleichhändler unbarmherzig verfolgt und ganz außer Acht gelassen, daß
es etwas Andres war, die Schleichhändler in den östlichen Meeren zu
verfolgen, als sie im Hafen von London zu verfolgen. Bisher war der
Krieg der Monopolisten gegen die Privatkaufleute meist in einer
Entfernung von fünfzehntausend Meilen von England geführt worden. Wenn
Gewaltthätigkeiten geschahen, so sahen die Engländer es nicht und hörten
erst davon nachdem sie lange geschehen waren; auch war es keineswegs
leicht, in Westminster zu ermitteln, wer in einem vor mehreren Jahren in
Murschedabad oder Canton entstandenen Streite Recht und wer Unrecht
gehabt hatte. Mit unglaublicher Unbesonnenheit beschlossen die
Directoren gerade in dem Augenblicke wo das Schicksal ihrer Compagnie in
Frage stand, der Bevölkerung dieses Landes eine genaue Einsicht in die
gehässigsten Züge des Monopols zu verschaffen. Einige reiche Londoner
Kaufleute hatten ein schönes Schiff, die »Redbridge« genannt,
ausgerüstet. Es hatte eine starke Bemannung und eine sehr werthvolle
Ladung. Die Papiere waren nach Alicante adressirt, aber man hatte
einigen Grund zu vermuthen, daß es nach den Ländern jenseit des Caps der
guten Hoffnung bestimmt sei. In Gemäßheit eines Befehls, den die
Compagnie, wahrscheinlich durch Vermittelung des Lordpräsidenten, vom
Geheimen Rathe erlangt hatte, wurde es von der Admiralität angehalten.
Jeder Tag, den es in der Themse lag, verursachte den Eigenthümern große
Kosten. Die Entrüstung in der City war groß und allgemein. Die Compagnie
behauptete, daß aus der Rechtmäßigkeit des Monopols die Rechtmäßigkeit
des Anhaltens nothwendig hervorgehe. Das Publikum kehrte das Argument
um, und da es fest überzeugt war, daß das Anhalten unrechtmäßig sei,
folgerte es daraus, daß auch das Monopol unrechtmäßig sei. Der Streit
hatte seinen Höhepunkt erreicht, als das Parlament zusammentrat.
Petitionen von beiden Seiten wurden sogleich auf den Tisch der Gemeinen
gelegt und beschlossen, daß diese Petitionen durch einen Ausschuß des
ganzen Hauses in Erwägung gezogen werden sollten. Die erste Frage, an
der die streitenden Parteien ihre Stärke versuchten, war die Wahl eines
Präsidenten. Die Feinde der alten Compagnie schlugen Papillon vor, einst
der engste Verbündete und nachher der entschiedenste Gegner Child's, und
sie setzten seine Wahl mit hundertachtunddreißig gegen hundertsechs
Stimmen durch. Der Ausschuß schritt nun zu der Untersuchung, auf wessen
Autorität die Redbridge angehalten worden sei. Einer ihrer Eigenthümer,
Gilbert Heathcote, ein reicher Kaufmann und entschiedener Whig, erschien
als Zeuge an der Schranke. Er wurde gefragt, ob er es wagen könne zu
leugnen, daß das Schiff thatsächlich für den indischen Handel befrachtet
worden sei. »Es ist meines Wissens keine Sünde,« antwortete er, »nach
Indien Handelsgeschäfte zu machen, und ich werde Geschäfte dahin machen,
bis ich durch eine Parlamentsacte verhindert werde.« Papillon erklärte
in seiner Berichterstattung, daß nach der Meinung des Ausschusses das
Anhalten der Redbridge unrechtmäßig sei. Es wurde hierauf die Frage
gestellt, ob das Haus dem Ausschusse beistimme. Die Freunde der alten
Compagnie wagten eine zweite Abstimmung und wurden mit
hunderteinundfunfzig gegen hundertfünfundzwanzig Stimmen
geschlagen.[78]

Dem Schlage folgte bald ein zweiter. Wenige Tage später wurde beantragt,
daß alle Unterthanen England's gleiches Recht hätten nach Ostindien
Handel zu treiben, wenn es ihnen nicht durch eine Parlamentsacte
verboten würde, und die Freunde der alten Compagnie ließen in der
Ueberzeugung, daß sie die Minorität bildeten, den Antrag ohne Abstimmung
durchgehen.[79]

Dieser denkwürdige Beschluß erledigte die wichtigste der
Verfassungsfragen, welche die Rechtsbill unentschieden gelassen hatte.
Seitdem hat es stets als das richtige Prinzip gegolten, daß keine andre
Gewalt als die gesammte Legislatur einer Person oder einer Gesellschaft
ein ausschließliches Privilegium zum Handel nach irgend einer Weltgegend
verleihen kann.

Die Ansicht der großen Mehrheit des Hauses der Gemeinen war, daß der
indische Handel nur vermittelst eines Actienfonds und eines Monopols
vortheilhaft betrieben werden könne. Man hätte daher erwarten sollen,
daß dem Beschlusse, der das Monopol der alten Compagnie aufhob, ein
Gesetz, das der neuen Compagnie ein Monopol verlieh, auf dem Fuße folgen
werde. Es wurde jedoch kein solches Gesetz erlassen. War auch die alte
Compagnie nicht stark genug, ihre eigenen Privilegien zu vertheidigen,
so war sie doch im Stande, mit Hülfe ihrer toryistischen Freunde, die
rivalisirende Gesellschaft zu verhindern, ähnliche Privilegien zu
erlangen. Die Folge davon war, daß dem Namen nach einige Jahre hindurch
der Handel mit Indien frei war. Thatsächlich aber unterlag dieser Handel
noch immer drückenden Beschränkungen. Es wurde zwar dem
Privatunternehmer nicht schwer gemacht, von England abzusegeln; aber
seine Lage war so gefährlich als je, wenn er das Cap der guten Hoffnung
hinter sich hatte. Wie streng auch von den öffentlichen Beamten in
London ein Beschluß des Hauses der Gemeinen respectirt wurde, in Bombay
oder Calcutta wurde ein solcher Beschluß weniger geachtet als ein
Privatbrief von Child, und Child führte den Kampf noch immer mit
ungeschwächtem Muthe fort. Er ließ den Factoreien der Compagnie die
Weisung zukommen, gegen die Unberufenen keine Nachsicht zu üben. Ueber
das Haus der Gemeinen und die Beschlüsse desselben äußerte er sich mit
der souverainsten Verachtung. »Handelt nach meinen Instructionen,«
schrieb er, »und nicht nach dem Unsinn einiger unwissender
Landgentlemen, die kaum so viel Verstand haben, um ihre Privatgeschäfte
befolgen zu können, und die von Handelsangelegenheiten gar nichts
verstehen.« Wie es scheint, wurde seinen Befehlen Folge geleistet.
Ueberall im Osten lagen sich während dieser Periode der Anarchie die
Diener der Compagnie und die unabhängigen Kaufleute in den Haaren,
beschuldigten einander der Piraterie und versuchten durch alle
erdenklichen Kunstgriffe die mongolische Regierung gegen einander zu
erbittern.[80]

Die drei großen Verfassungsfragen des vorigen Jahres wurden in diesem
Jahre von neuem dem Parlamente zur Erwägung vorgelegt. In der ersten
Woche der Session wurde eine Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in
Hochverrathsfällen, eine Dreijährigkeitsbill und eine Stellenbill auf
den Tisch des Hauses der Gemeinen gelegt.


[_Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen._]
Keine dieser Bills wurde zum Gesetz erhoben. Die erste ging bei den
Gemeinen durch, wurde aber von den Peers ungünstig aufgenommen. Wilhelm
interessirte sich so sehr für die Frage, daß er nicht mit Krone und
Staatsmantel, sondern in gewöhnlicher Civilkleidung in das Haus der
Lords kam und die ganze Debatte über die zweite Lesung mit anhörte.
Caermarthen sprach von den Gefahren, denen der Staat zur Zeit ausgesetzt
sei, und bat seine Kollegen dringend, in einem solchen Augenblicke nicht
Hochverräthern Straflosigkeit zu gewähren. Er wurde kräftig unterstützt
durch zwei ausgezeichnete Redner, welche seit einigen Jahren bei jeder
Frage auf der dem Hofe opponirenden Seite gestanden hatten, die aber in
dieser Session die Geneigtheit an den Tag legten, die Hände der
Regierung zu kräftigen; auch Halifax und Mulgrave, Marlborough,
Rochester und Nottingham sprachen für die Bill; aber die allgemeine
Ansicht war so augenscheinlich gegen sie, daß sie nicht abstimmen zu
lassen wagten. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die von Caermarthen
angeführten Gründe nicht diejenigen waren, die seine Zuhörer
hauptsächlich bestimmten. Die Peers waren fest entschlossen, die Bill
nicht ohne eine die Einrichtung des Gerichtshofes des Lord High Steward
abändernde Klausel durchgehen zu lassen; sie wußten, daß das Unterhaus
sich eben so fest vorgenommen hatte, eine solche Klausel nicht
anzunehmen, und sie hielten es für besser, daß das was doch endlich
geschehen mußte, bald und ohne Streit geschehe.[81]


[_Die Dreijährigkeitsbill._] Das Schicksal der Dreijährigkeitsbill
warf alle Berechnungen der bestunterrichteten Politiker der damaligen
Zeit über den Haufen und darf uns daher mit Recht in Verwunderung
setzen. Während der Parlamentsferien war diese Bill in zahlreichen
Flugschriften, größtentheils aus der Feder von Personen, welche für
die Revolution und für volksthümliche Regierungsgrundsätze eingenommen
waren, als das Eine, was Noth thue, als das Universalheilmittel gegen
die Gebrechen des Staats dargestellt worden. Bei der ersten, zweiten
und dritten Lesung im Hause der Gemeinen fand keine Abstimmung statt.
Die Whigs waren enthusiasmirt. Die Tories schienen sich zu fügen.
Man war der Meinung, daß der König, obgleich er sich seines Vetos
zu dem Zwecke bedient habe, den Häusern Gelegenheit zur nochmaligen
Erwägung des Gegenstandes zu geben, nicht beabsichtige, sich ihren
Wünschen beharrlich zu widersetzen. Seymour aber entriß mit einer
durch langjährige Erfahrung gereiften Schlauheit, nachdem er den
Kampf bis zum letzten Augenblicke verschoben, seinen Gegnern den
Sieg, als sie sich am sichersten glaubten. Als der Sprecher die Bill
mit den Händen emporhielt und die Frage stellte, ob sie angenommen
werden solle, ergaben sich hundertsechsundvierzig Neins und nur
hundertsechsunddreißig Jas.[82] Einige eifrige Whigs schmeichelten
sich, daß ihre Niederlage die Folge einer Ueberrumpelung gewesen sei
und wieder gutgemacht werden könne. Nach drei Tagen brachte daher
Monmouth, der Glühendste und Ruheloseste von der ganzen Partei,
im Oberhause eine Bill ein, die in der Hauptsache ganz mit der
übereinstimmte, welche im Unterhause so glänzend durchgefallen war.
Die Peers nahmen diese Bill rasch an und schickten sie den Gemeinen
zu. Aber bei den Gemeinen fand sie keine Gnade. Viele Mitglieder,
welche erklärten, daß sie die Dauer der Parlamente beschränkt zu
sehen wünschten, verdroß die Einmischung des erblichen Zweiges der
Legislatur in eine Angelegenheit, welche ganz speciell den wählbaren
Zweig anging. Der Gegenstand, sagten sie, ist einer, der speciell
uns angehört; wir haben ihn berathen, wir sind zu einer Entscheidung
darüber gekommen und es ist schwerlich parlamentarisch, sicherlich
aber höchst undelikat von Ihren Lordschaften, daß sie uns auffordern,
jene Entscheidung umzustoßen. Die Frage ist jetzt nicht mehr, ob die
Dauer der Parlamente beschränkt werden soll, sondern ob wir unser
Urtheil der Autorität der Peers unterwerfen und auf ihr Geheiß etwas
widerrufen sollen, was wir erst vor vierzehn Tagen gethan haben. Die
Erbitterung, mit der man den patrizischen Stand betrachtete, wurde noch
mehr entflammt durch die Kunstgriffe und die Beredtsamkeit Seymour's.
Die Bill enthielt eine Definition der Worte: »Ein Parlament abhalten«.
Diese Definition wurde mit heftigem Mißtrauen analysirt und viele
meinten, mit sehr wenig Grund, sie bezwecke die Erweiterung der ohnehin
schon ungebührlich ausgedehnten Privilegien des hohen Adels. Aus den
auf uns gekommenen dürftigen und dunklen Bruchstücken der Debatten
geht hervor, daß sehr herbe Aeußerungen über das allgemeine politische
sowohl als richterliche Verhalten der Peers fielen. Der alte Titus,
obgleich ein eifriger Fürsprecher der dreijährigen Parlamente, gestand,
daß er sich über den Unmuth, den viele Gentlemen an den Tag legten,
nicht wundern könne. »Es ist wahr,« sagte er, »wir müssen aufgelöst
werden, aber ich muß gestehen, es ist ziemlich hart, daß die Lords die
Zeit unsrer Auflösung vorschreiben sollen. Der Apostel Paulus wünschte
auch aufgelöst zu werden, aber ich zweifle, ob es ihm angenehm gewesen
wäre, wenn seine Freunde ihm einen Tag dazu bestimmt hätten.« Die Bill
wurde mit hundertsiebenundneunzig gegen hundertsiebenundzwanzig Stimmen
verworfen.[83]


[_Die Stellenbill._] Die Stellenbill, die sich sehr wenig von der ein
Jahr früher eingebrachten Stellenbill unterschied, wurde von den
Gemeinen ohne Schwierigkeit angenommen. Die meisten Tories unterstützten
sie warm, und die Whigs wagten es nicht, sich ihr zu widersetzen. Sie
wurde den Lords zugesandt und kam völlig verändert zurück. In ihrer
ursprünglichen Fassung bestimmte sie, das kein nach dem 1. Januar 1694
gewähltes Mitglied des Hauses der Gemeinen eine mit Einkommen verbundene
Stelle im Dienste der Krone annehmen dürfe, bei Strafe seines Sitzes
verlustig zu gehen und fortan unfähig zu sein, wieder in dem nämlichen
Parlamente zu sitzen. Die Lords hatten die Worte hinzugesetzt: »er müßte
denn später wieder für das nämliche Parlament gewählt werden.« Diese
Worte, so wenige es auch waren, reichten hin, um der Bill neun Zehntel
ihrer guten sowohl wie schlimmen Wirkung zu entziehen. Es war höchst
wünschenswerth, daß die große Masse der untergeordneten Staatsbeamten
vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen blieben. Es war aber durchaus
nicht wünschenswerth, daß die Spitzen der großen ausübenden
Verwaltungszweige von diesem Hause ausgeschlossen blieben. In ihrer
veränderten Gestalt ließ die Bill das Haus sowohl Denen, welche
zugelassen werden mußten, als auch Denen, welche nicht zugelassen
werden durften, offen. Sie gestattete ganz zweckmäßigerweise
den Staatssekretären und dem Kanzler der Schatzkammer den Zutritt,
aber mit ihnen gestattete sie den Zutritt auch Commissaren von
Weinlicenzen und Commissaren der Marine, Einnehmern, Aufsehern,
Magazinverwaltern, Archivsekretären und Obercontroleuren, Sekretären des
Hofmarschallgerichts und Sekretären der Staatsgarderobe. Die Gemeinen
wußten so wenig was sie wollten, daß sie, nachdem sie ein in einer
Beziehung höchst schädliches, in andrer Beziehung höchst wohlthätiges
Gesetz entworfen hatten, vollkommen geneigt waren, es in ein ganz
harmloses Gesetz verwandeln zu lassen. Sie genehmigten das Amendement
und es fehlte nichts mehr als die königliche Sanction.

Diese Sanction hätte gewiß nicht versagt werden dürfen und wäre auch
wahrscheinlich nicht versagt worden, hätte Wilhelm gewußt, wie
bedeutungslos die Bill jetzt war. Aber er verstand die Sache eben so
wenig wie die Gemeinen selbst. Er wußte, daß sie eine sehr
nachdrückliche Beschränkung der königlichen Gewalt ersonnen zu haben
glaubten, und er war entschlossen, sich keine solche Beschränkung ohne
Kampf gefallen zu lassen. Der Erfolg, mit dem er bisher den Versuchen
der beiden Häuser, seine Prärogative anzutasten, Widerstand geleistet
hatte, ermuthigte ihn. Er hatte sich geweigert, die Bill anzunehmen,
welche sein erbliches Einkommen mit der Besoldung der Richter belastete,
und das Parlament hatte die Gerechtigkeit zu dieser Weigerung
stillschweigend anerkannt. Er hatte sich geweigert, die
Dreijährigkeitsbill zu genehmigen, und die Gemeinen hatten seitdem durch
Verwerfung zweier Dreijährigkeitsbills anerkannt, daß er wohl daran
gethan habe. Er hätte jedoch bedenken sollen, daß in jenen beiden Fällen
auf die Ankündigung seiner Weigerung unmittelbar die Ankündigung gefolgt
war, daß das Parlament prorogirt sei. In jenen beiden Fällen hatten
daher die Mitglieder bis zur nächsten Sitzung ein halbes Jahr Zeit
gehabt, nachzudenken und sich abzukühlen. Jetzt war es etwas ganz
Andres. Das Hauptgeschäft der Session hatte kaum begonnen, es waren noch
Voranschläge zu berathen, es schwebten noch Geldbewilligungsbills, und
wenn die Häuser einen Anfall übler Laune bekamen, so konnte das sehr
ernste Folgen haben.

Er beschloß jedoch, es darauf ankommen zu lassen. Ob er hierin dem Rathe
eines Andren folgte, ist nicht bekannt. Sein Entschluß scheint sowohl
die Whighäupter als die Toryhäupter überrascht zu haben. Als der
Schriftführer angekündigt hatte, daß der König und die Königin die Bill
bezüglich freier und unparteiischer Verhandlungen im Parlamente in
Erwägung ziehen wollten, entfernten sich die Gemeinen von der Schranke
der Lords in einer unwilligen und unlenksamen Stimmung. Sobald der
Sprecher seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, erfolgte eine lange und
stürmische Debatte. Alle anderen Geschäfte wurden aufgeschoben, alle
Ausschüsse wurden vertagt. Es wurde beschlossen, daß das Haus am andren
Morgen in aller Frühe die Lage der Nation in Erwägung ziehen wolle. Als
der Morgen kam, schien die Aufregung sich nicht vermindert zu haben. Das
Scepter wurde nach Westminsterhall und in den Requetenhof geschickt.
Alle Mitglieder, die aufzutreiben waren, wurden in das Haus gebracht.
Damit keiner sich unbemerkt fortstehlen könnte, wurde die Hinterthür
verschlossen und der Schlüssel auf den Tisch gelegt. Alle Fremden mußten
sich entfernen. Mit diesen feierlichen Vorbereitungen begann eine
Sitzung, die einige alte Leute an die ersten Sitzungen des Langen
Parlaments erinnerte. Starke Worte wurden von den Feinden der Regierung
ausgesprochen, und ihre Freunde wagten es kaum, ihre Stimme zu erheben,
aus Furcht, daß sie beschuldigt werden möchten, die Sache der Gemeinen
England's um der königlichen Gunst willen im Stiche gelassen zu haben.
Montague allein scheint den König vertheidigt zu haben. Lowther,
obgleich ein hoher Staatsbeamter und Mitglied des Cabinets, gestand, daß
böse Einflüsse thätig seien, und sprach den Wunsch aus, den Souverain
von Rathgebern umgeben zu sehen, denen die Vertreter des Volks Vertrauen
schenken könnten. Harley, Foley und Howe rissen Alles mit sich fort.
Eine Resolution, welche erklärte, daß Diejenigen, welche die Krone bei
dieser Gelegenheit berathen hätten, Feinde des Staats seien, wurde mit
nur zwei oder drei verneinenden Stimmen angenommen. Nachdem Harley seine
Zuhörer erinnert hatte, daß sie eben so gut ihre verneinende Stimme
hätten wie der König und daß, wenn Se. Majestät ihnen Abhülfe
verweigere, sie ihm Geld verweigern könnten, stellte er den Antrag, daß
sie, nicht, wie gewöhnlich, mit einer unterthänigen Adresse, sondern mit
einer Vorstellung an den Thron gehen sollten. Einige Mitglieder schlugen
vor, das ehrerbietigere Wort Adresse anstatt Vorstellung zu gebrauchen;
aber sie wurden überstimmt und ein Ausschuß ernannt, der die Vorstellung
entwerfen sollte.

Die zweite Nacht verging, und als das Haus sich wieder versammelte,
schien der Sturm bedeutend nachgelassen zu haben. Die boshafte Freude
und die hochfliegenden Hoffnungen, welche die Jakobiten während der
letzten achtundvierzig Stunden mit ihrer gewohnten Unbesonnenheit
geäußert, hatten die Whigs und die gemäßigten Tories entrüstet und
beunruhigt. Viele Mitglieder waren auch durch die Nachricht erschreckt,
daß Wilhelm fest entschlossen sei, nicht ohne eine Appellation an die
Nation nachzugeben. Eine solche Appellation hätte wohl von Erfolg sein
können, denn eine Auflösung des Parlaments, gleichviel aus welchem
Grunde, wäre in diesem Augenblicke eine höchst populäre Ausübung der
Prärogative gewesen. Die Wahlkörper waren, wie man wohl wußte, im
allgemeinen für die Dreijährigkeitsbill sehr eingenommen, an der
Stellenbill aber war ihnen verhältnißmäßig wenig gelegen. Viele
toryistische Mitglieder, welche kürzlich gegen die Dreijährigkeitsbill
gestimmt hatten, wünschten daher keineswegs, es auf eine allgemeine Wahl
ankommen zu lassen. Als die von Harley und seinen Freunden entworfene
Vorstellung gelesen wurde, hielt man sie für zu stark. Nachdem sie an
den Ausschuß zurückverwiesen, gekürzt und gemildert worden war, wurde
sie vom ganzen Hause überreicht. Wilhelm's Antwort war artig und
freundlich, aber er sagte nichts zu. Er versicherte den Gemeinen, daß er
sich dankbar der Unterstützung erinnere, die er bei vielen Gelegenheiten
von ihnen erhalten habe, daß er auf ihren Rath jederzeit hohen Werth
lege, und daß er Rathgeber, welche Uneinigkeit zwischen ihm und seinem
Parlamente hervorzurufen versuchten, als seine Feinde betrachte; aber er
äußerte kein Wort, welches als ein Anerkenntniß, daß er einen üblen
Gebrauch von seinem Veto gemacht habe, oder als ein Versprechen, daß er
nicht wieder Gebrauch davon machen wolle, hätte gedeutet werden können.

Am folgenden Tage zogen die Gemeinen seine Rede in Erwägung. Harley und
seine Freunde meinten, die Antwort des Königs sei gar keine Antwort,
drohten, die Stellenbill einer Geldbill anzuhängen und schlugen vor,
eine zweite Vorstellung an den König zu richten, worin er dringend
aufgefordert würde, sich bestimmter zu erklären. Inzwischen aber fand
eine starke Reaction in der Stimmung der Versammlung statt. Die Whigs
hatten sich nicht nur von ihrem Schrecken erholt, sondern sie waren
sogar muthig und kampflustig geworden. Wharton, Russell und Littleton
behaupteten, das Haus könne mit dem was der König gesagt habe, zufrieden
sein. »Wollen Sie Ihren Feinden eine Gelegenheit geben zu frohlocken?«
sagte Littleton. »Es giebt ihrer genug, sie belagern unsere eigenen
Thüren. Wenn wir durch die Vorhalle gehen, lesen wir in den Zügen und
Geberden jedes Eidverweigerers, an dem wir vorüberkommen, Schadenfreude
über die momentane Kälte, die zwischen uns und dem Könige eingetreten
ist. Das sollte uns genug sein. Wir dürfen überzeugt sein, daß wir recht
stimmen, wenn wir ein Votum abgeben, das die Hoffnungen von Verräthern
zu Schanden macht.« Das Haus stimmte ab, Harley war Stimmenzähler auf
der einen Seite, Wharton auf der andren. Nur Achtundachtzig stimmten mit
Harley, Zweihundertneunundzwanzig mit Wharton. Die Whigs waren so
erhoben durch ihren Sieg, daß einige von ihnen ein Dankvotum an Wilhelm
für seine gnädige Antwort zu beantragen wünschten; aber sie wurden durch
besonnenere Männer zurückgehalten. »Wir haben schon Zeit genug mit
diesen unerquicklichen Debatten vergeudet,« sagte ein Oberhaupt der
Partei. »Lassen Sie uns jetzt so bald als möglich zu den Mitteln und
Wegen übergehen. Die beste Form, in die wir unsren Dank einkleiden
können, ist die einer Geldbill.«

So endete, glücklicher als Wilhelm zu erwarten berechtigt war, einer der
gefährlichsten Streite, in die er je mit seinem Parlamente verwickelt
worden war. Bei der holländischen Gesandtschaft war die Zu- und Abnahme
dieses Sturmes mit gespanntem Interesse beobachtet worden, und man
scheint dort der Ansicht gewesen zu sein, daß der König im Ganzen durch
seine Handlungsweise weder an Macht noch an Popularität verloren
habe.[84]


[_Bill zur Naturalisirung ausländischer Protestanten._] Eine andre
Frage, die fast ebensoviel Zorn und Unwillen im Parlamente wie im Lande
erregte, wurde um die nämliche Zeit berathen. Am 6. December erhielt ein
whiggistisches Mitglied des Hauses der Gemeinen Erlaubniß, eine Bill zur
Naturalisirung ausländischer Protestanten einzubringen. An plausiblen
Gründen zu Gunsten einer solchen Bill fehlte es nicht. Eine Menge
äußerst betriebsamer und intelligenter Leute, welche treu unsrem Glauben
anhingen und Todfeinde unserer Todfeinde waren, hatten damals kein
Vaterland. Unter den Hugenotten, welche vor der Tyrannei des
französischen Königs geflohen waren, befanden sich viele Männer von
hohem Rufe in der Kriegskunst, in der Literatur, in den Künsten und in
den Wissenschaften, und selbst die geringsten Refugiés standen in
intellectueller und moralischer Beziehung über der Durchschnittsstufe
des gemeinen Volks aller Länder Europa's. Neben den französischen
Protestanten, welche durch Ludwig's Edicte ins Exil getrieben worden
waren, gab es jetzt auch deutsche Protestanten, die seine Waffen ins
Exil getrieben hatten. Wien, Berlin, Basel, Hamburg, Amsterdam, London
wimmelten von rechtschaffenen und fleißigen Menschen, die einst
wohlhabende Bürger von Heidelberg oder Mannheim gewesen waren oder an
den Ufern des Neckars und des Rheins Wein gebaut hatten. Ein Staatsmann
konnte mit Recht der Meinung sein, daß es zugleich edelmüthig und
politisch sei, so unglückliche und so achtungswerthe Emigranten nach
England einzuladen und dem englischen Volke einzuverleiben. Ihre
Kenntnisse und ihr Fleiß mußten nothwendig jedes Land bereichern, das
ihnen ein Asyl gewährte; auch unterlag es keinem Zweifel, daß sie ihr
Stiefvaterland gegen den Tyrannen, dessen Grausamkeit sie aus dem Lande
ihrer Geburt getrieben hatte, mannhaft vertheidigen würden.

Die beiden ersten Lesungen gingen ohne Abstimmung durch. Ueber den
Antrag aber, daß die Bill an einen Ausschuß verwiesen werden solle,
entspann sich eine Debatte, in der die Gegner der Regierung den
umfassendsten Gebrauch von der Redefreiheit machten. Es sei unnütz,
sagten sie, über die armen Hugenotten und Pfälzer zu sprechen. Die
Bill habe offenbar nicht den Zweck, den französischen oder deutschen
Protestanten zu Gute zu kommen, sondern nur den Holländern, die für
einen Gulden per Kopf Protestanten, Papisten oder Heiden werden und
ohne Zweifel eben so bereit sein würden, in England die Erklärung gegen
die Transsubstantiation zu unterzeichnen, als in Japan das Kruzifix
mit Füßen zu treten. Sie würden in Massen herüberkommen, würden alle
öffentlichen Aemter füllen, die Zölle erheben und die Bierfässer
aichen. Unsere Schifffahrtsgesetze würden ihrem Wesen nach aufgehoben
sein, jedes Kauffahrteischiff, das aus der Themse oder dem Severn
ausliefe, würde mit Seeländern, Holländern und Friesländern bemannt
sein. Unseren eigenen Matrosen würde nur der schwere und gefahrvolle
Dienst auf der königlichen Flotte bleiben. Denn Hanns würde, nachdem
er sich durch Uebernahme der Rolle eines Eingeborenen die Taschen
seiner weiten Pumphosen mit unsrem Gelde gefüllt habe, sobald ein
Preßgang erschiene, die Vorrechte eines Ausländers in Anspruch nehmen.
Die Eingedrungenen würden bald alle Corporationen beherrschen. Sie
würden unsere eigenen Aldermen von der Börse verdrängen. Sie würden die
erblichen Forsten und Schlösser unserer Landgentlemen kaufen. Schon
seufzten wir unter einer der lästigsten Plagen Egypten's. Frösche
hätten sich selbst in den königlichen Gemächern gezeigt. Man könne
nicht nach St. James gehen, ohne das widerliche Gequak der Reptilien
der batavischen Sümpfe rings um sich her zu hören, und wenn diese Bill
durchgehe, so würde das ganze Land von dem ekelhaften Gewürm bald eben
so geplagt sein, wie schon jetzt der Palast.

Der Redner, der sich in dieser Art von Rhetorik erging, war Sir John
Knight, Abgeordneter für Bristol, ein niedrigdenkender und gehässiger
Jakobit, der, wenn er ein rechtschaffener Mann gewesen wäre, ein
Eidverweigerer hätte sein müssen. Zwei Jahre vorher, als er Mayor von
Bristol war, hatte er sich ein nicht eben ehrenvolles Rennomé erworben,
indem er eine mit dem großen Siegel der Souveraine, denen er zu
wiederholten Malen Treue geschworen, versehene Vollmacht, mit grober
Unehrerbietigkeit behandelt und den Pöbel seiner Stadt aufgereizt hatte,
die Richter zu verhöhnen und mit Koth zu werfen.[85] Er schloß jetzt
seine heftige Schmährede mit dem Verlangen, der Stabträger solle die
Thüren öffnen, damit das gehässige Pergament, das nichts Geringeres als
ein Aufgeben des Geburtsrechts der englischen Nation sei, mit
gebührender Verachtung behandelt werde. »Werfen wir zuerst,« sagte er,
»die Bill aus dem Hause und dann die Fremden aus dem Lande.«

Bei der Abstimmung wurde der Antrag, die Bill an einen Ausschuß zu
verweisen, mit hundertdreiundsechzig gegen hundertachtundzwanzig Stimmen
angenommen.[86] Aber die Minorität war eifrig und hartnäckig und die
Majorität begann bald zu schwanken. Night's Rede erschien bald in einer
noch verstärkten Umarbeitung ohne Censurerlaubniß im Druck. Viele
tausend Exemplare wurden durch die Post verbreitet oder in den Straßen
umhergestreut, und das nationale Vorurtheil war so stark, daß nur zu
Viele diese Gemeinheiten mit Beifall und Bewunderung lasen. Als aber ein
Exemplar im Hause vorgelegt wurde, erhob sich ein solcher Sturm des
Unwillens und Abscheues, daß selbst der schamlose und heftige Character
des Redners dadurch eingeschüchtert wurde. Da er sah, daß er in der
größten Gefahr schwebte, ausgestoßen und ins Gefängniß geschickt zu
werden, suchte er sich zu rechtfertigen und desavouirte jede Kenntniß
des Papiers, das sich für einen Abdruck seiner Rede ausgebe. Er kam
straflos davon. Seine Rede aber wurde für falsch, verleumderisch und
aufwieglerisch erklärt und im Palasthofe durch den Henker verbrannt.
Die Bill, welche alle diese Gährung verursacht hatte, wurde
wohlweislich fallen gelassen.[87]


[_Geldbewilligung._] Inzwischen beschäftigten sich die Gemeinen mit
finanziellen Fragen von hoher Wichtigkeit. Die Voranschläge für das Jahr
1694 waren enorm. Der König schlug vor, die reguläre Armee, die England
zu unterhalten hatte, noch um vier Dragoner-, acht Reiter- und
fünfundzwanzig Infanterieregimenter zu vermehren. Die Gesammtzahl der
Truppen, die Offiziere inbegriffen; würde dadurch auf ungefähr
vierundneunzigtausend Mann gestiegen sein.[88] Cromwell hatte, während
er drei widerspenstige Königreiche im Schach hielt und nebenbei in
Europa und Amerika einen nachdrücklichen Krieg gegen Spanien führte,
niemals zwei Dritttheile der Militärmacht gehabt, die Wilhelm jetzt für
nöthig hielt. Die große Masse der Tories, mit drei Whighäuptern, Harley,
Foley und Howe, an der Spitze, widersetzte sich jeder Vermehrung. Die
große Masse der Whigs, mit Montague und Wharton an der Spitze, würde
Alles bewilligt haben was man verlangte. Nach vielen langen
Discussionen und wahrscheinlich auch vielen Abstimmungen im
Geldbewilligungsausschusse erlangte der König den größten Theil des
Gewünschten. Das Haus bewilligte ihm vier neue Dragoner-, sechs Reiter-
und fünfzehn Infanterieregimenter. Die somit für das laufende Jahr
bewilligte Gesammttruppenmacht belief sich auf dreiundachtzigtausend
Mann, die Unterhaltungskosten auf zwei und eine halbe Million,
einschließlich ungefähr zweihunderttausend Pfund für das
Geschützwesen.[89]

Die Anschläge für die Marine wurden viel rascher angenommen, denn Whigs
und Tories stimmten in der Ansicht überein, daß das maritime Ansehen
England's um jeden Preis aufrecht erhalten werden müsse.
Fünfhunderttausend Pfund wurden zur Bezahlung der schuldigen
Soldrückstände und zwei Millionen für den Aufwand des Jahres 1694
bewilligt.[90]


[_Wege und Mittel; Lotterieanlehen._] Die Gemeinen gingen nun zur
Berathung der Mittel und Wege über. Die Grundsteuer wurde mit vier
Schilling vom Pfunde erneuert, und durch diese einfache aber energische
Maßregel wurden etwa zwei Millionen sicher und schnell aufgebracht.[91]
Ferner wurde eine Kopfsteuer ausgeschrieben.[92] Stempelabgaben
gehörten schon längst zu den fiskalischen Hülfsquellen Holland's und
Frankreich's, und haben auch bei uns während eines Theils der Regierung
Karl's II. bestanden; aber man hatte sie eingehen lassen. Sie wurden
jetzt wieder ins Leben gerufen und haben seitdem stets einen großen
Theil des Staatseinkommens gebildet.[93] Die Miethkutschen der
Hauptstadt wurden ebenfalls besteuert und trotz des Widerstandes der
Weiber der Kutscher, die sich um Westminster Hall versammelten und die
Abgeordneten insultirten, unter die Aufsicht von Commissaren
gestellt.[94] Doch ungeachtet aller dieser Auskunftsmittel blieb noch
immer ein starkes Deficit und man mußte abermals borgen. Eine neue
Salzsteuer und einige andere Abgaben von geringerer Bedeutung wurden
abgesondert, um einen Fond zu einer Anleihe zu bilden. Unter Garantie
dieses Fonds sollte eine Million durch eine Lotterie aufgebracht werden,
aber durch eine Lotterie, die mit den Lotterien einer späteren Periode
fast nichts als den Namen gemein hatte. Die einzuzahlende Summe wurde in
hunderttausend Antheile zu zehn Pfund getheilt. Die Zinsen jedes
Antheils sollten sechzehn Jahre lang jährlich zwanzig Schilling, oder
mit anderen Worten zehn Procent betragen. Aber zehn Procent auf sechzehn
Jahre war keine Lockspeise, welche Darleiher anzuziehen versprach. Man
bot daher den Kapitalisten noch einen andren Köder. Auf ein Vierzigstel
der Antheile sollten bedeutend höhere Zinsen bezahlt werden, als auf die
anderen neununddreißig Vierzigstel. Welche von den Antheilen Prämien
erhalten würden, sollte durch das Loos bestimmt werden. Das Verfahren
beim Ziehen der Loose wurde von einem Abenteurer Namens Neale angegeben,
der, nachdem er zwei Vermögen durchgebracht, froh gewesen war, daß er
noch Thürhüter des Palastes wurde. Seine Amtspflichten bestanden darin,
die Nummern auszurufen, wenn der Hof Hazard spielte, für Karten und
Würfel zu sorgen und jeden Streit zu entscheiden, der auf der Kegelbahn
oder am Spieltische entstand. Er war außerordentlich geschickt in der
Verwaltung dieses nicht eben hohen Postens und hatte durch das
Würfelspiel so viel Geld gewonnen, daß er sich in sehr kostspielige
Spekulationen einlassen konnte und damals im Begriff war, den Boden in
der Umgebung der Seven Dials mit Gebäuden zu bedecken. Er war vielleicht
der beste Rathgeber, den man über die Details einer Lotterie befragen
konnte. Es fehlte jedoch nicht an Personen, die es fast für unschicklich
hielten, daß das Schatzamt sich des Beistandes eines Spielers von
Profession bedienen sollte.[95]

Durch das sogenannte Lotterieanlehen wurde eine Million aufgebracht.
Aber es fehlte noch eine Million, um das veranschlagte Einkommen für das
Jahr 1694 mit den veranschlagten Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen.
Der geniale und unternehmende Montague hatte einen Plan in Bereitschaft,
zu dessen Annahme er die Gemeinen unter minder drückenden
Finanzverlegenheiten schwerlich bewogen haben würde, der aber seinem
umfassenden und energischen Geiste wichtigere commercielle und
politische Vortheile zu bieten schien, als die sofortige Erleichterung
der Finanzen.


[_Die Bank von England._] Es gelang ihm nicht nur auf zwölf Monate die
Bedürfnisse des Staats zu decken, sondern auch ein großartiges Institut
ins Leben zu rufen, das noch jetzt, nach Verlauf von mehr als anderthalb
Jahrhunderten, in voller Blüthe steht, und das er noch als die Beste der
Whigpartei durch alle Wechselfälle und als das Bollwerk der
protestantischen Thronfolge in gefahrvollen Zeiten zu sehen erlebte.

Unter der Regierung Wilhelm's gab es noch alte Leute, die sich der
Zeit erinnern konnten, wo es in der City von London noch kein einziges
Bankierhaus gab. Noch zur Zeit der Restauration hatte jeder Kaufmann
seine eigene Kasse im Hause und wenn ihm ein Wechsel präsentirt wurde,
zählte er selbst die Kronen und Caroli auf seinen Ladentisch hin.
Aber die Zunahme des Wohlstandes hatte ihre natürliche Folge, die
Theilung der Arbeit, mit sich geführt. Noch vor dem Ende der Regierung
Karl's II. war unter den Kaufleuten der Hauptstadt eine neue Methode
Geld zu bezahlen und zu empfangen, aufgekommen. Es entstand eine
Klasse von Agenten, deren Function darin bestand, das baare Geld der
Handelshäuser zu verwahren. Dieser neue Geschäftszweig fiel naturgemäß
in die Hände der Goldschmiede, welche gewohnt waren, mit den edlen
Metallen große Geschäfte zu machen, und Keller besaßen, in denen Massen
gemünzten Geldes vor Feuer und Dieben sicher aufbewahrt werden konnten.
Alle Baarzahlungen wurden in den Läden der Goldschmiede von Lombard
Street abgemacht. Andere Geschäftsleute gaben und empfingen nichts als
Papier.

Diese große Veränderung erfolgte nicht ohne starke Opposition und viel
Geschrei. Die Kaufleute der alten Schule beklagten sich bitter, daß eine
Klasse von Männern, die sich noch vor dreißig Jahren auf ihr specielles
Gewerbe beschränkt und schönes Geld verdient hatten, indem sie silberne
Gefäße ciselirten, Edelsteine für die Damen faßten und den nach dem
Continent Reisenden Pistolen und Thaler verkauften, die Schatzmeister
der ganzen City geworden und auf dem besten Wege waren, die Beherrscher
derselben zu werden. Diese Wucherer, sagte man, spielten Hazard mit dem,
was Andere durch ihren Fleiß erworben und mit Sparsamkeit zurückgelegt
hätten. Wenn das Glück gut gehe, so würde der Schurke, der das Geld
aufbewahre, ein Alderman, gehe es schlecht, so mache der Betrogene, der
das Geld hergegeben habe, bankerott. Auf der andren Seite wurden die
Vortheile des neuen Gebrauchs in lebhafter Sprache hervorgehoben. Das
neue System, sagte man, erspare sowohl Arbeit als Geld. Zwei Commis in
einem Comtoir könnten soviel verrichten, als unter dem alten System
zwanzig Commis in zwanzig verschiedenen Geschäften hätten verrichten
müssen. Die Note eines Goldschmieds könne an einem Vormittage durch zehn
verschiedene Hände gehen, und so könnten hundert Guineen, in seiner
Geldkasse, ebensoviel thun, als früher tausend Guineen, in einer Menge
verschiedener Kassen, einige auf Ludgate Hill, andere in Austin Friars,
noch andere in Tower Street, gethan hatten.[96]

Allmälig gaben selbst Diejenigen nach und fügten sich in den
herrschenden Gebrauch, die am lautesten gegen die Neuerung gemurrt
hatten. Der Letzte, welcher aushielt, war merkwürdigerweise Sir Dudley
North. Als er 1680, nachdem er sich viele Jahre im Auslande aufgehalten,
nach London zurückkehrte, erregte der Gebrauch, durch Anweisungen auf
Bankiers Zahlungen zu leisten, sein großes Erstaunen und Mißfallen. Er
fand, daß er nicht zur Börse gehen konnte, ohne durch den Säulengang von
Goldschmieden verfolgt zu werden, welche unter tiefen Verbeugungen um
die Ehre baten ihm zu dienen. Er fuhr heftig auf, als seine Freunde ihn
fragten, wo er sein Geld aufbewahre. »Wo anders als in meinem Hause?«
entgegnete er. Nur mit Mühe war er zu bewegen, sein Geld den Händen
eines der Lombardstreetmänner, wie sie genannt wurden, anzuvertrauen.
Zum Unglück machte der Lombardstreetmann bankerott, und einige seiner
Geschäftsfreunde litten schwer darunter. Dudley North verlor zwar nur
fünfzig Pfund; aber dieser Verlust bestärkte ihn in seinem Widerwillen
gegen das ganze Bankmysterium. Doch vergebens ermahnte er seine
Mitbürger, zu der guten alten Sitte zurückzukehren und sich nicht, um
ein klein wenig Arbeit zu ersparen, der Gefahr gänzlichen Ruins
auszusetzen. Er stand allein der ganzen Bürgerschaft gegenüber.

Die Vortheile des neuen Systems machten sich in allen Theilen London's
zu jeder Stunde jedes Tages fühlbar, und die Leute waren ebensowenig
geneigt, sich dieser Vortheile aus Furcht vor selten eintretenden
Verlusten zu entschlagen, als das Bauen von Häusern aus Furcht vor
Feuer, oder das Bauen von Schiffen aus Furcht vor Stürmen zu
unterlassen. Es ist ein interessantes Factum, daß ein Mann, der sich als
Theoretiker von allen Kaufleuten seiner Zeit durch seinen umfassenden
Blick und durch seine Erhabenheit über gemeine Vorurtheile auszeichnete,
in der Praxis sich von allen Kaufleuten seiner Zeit durch die Zähigkeit
unterschied, mit der er an einem veralteten Geschäftsmodus hing, nachdem
schon längst die einfältigsten und unwissendsten Krämer diesen Modus mit
einem andren vertauscht hatten, der einer großen handeltreibenden
Gesellschaft bei weitem angemessener war.[97]

Kaum war das Bankiergeschäft ein abgesonderter und wichtiger
Handelszweig geworden, so begann man eifrig die Frage zu verhandeln, ob
es nicht zweckmäßig sein würde, eine Nationalbank zu errichten. Die
allgemeine Meinung scheint einer Nationalbank entschieden günstig
gewesen zu sein, und wir dürfen uns darüber nicht wundern, denn nur
Wenige wußten damals, daß der Handel im allgemeinen von Einzelnen viel
vortheilhafter betrieben werden kann, als von großen Gesellschaften, und
das Bankgeschäft ist in der That einer von den wenigen Handelszweigen,
welche durch große Handelsgesellschaften fast ebenso vortheilhaft
betrieben werden können. Zwei öffentliche Banken waren schon seit langer
Zeit in ganz Europa berühmt, die St. Georgsbank in Genua und die Bank
von Amsterdam. Die ungeheuren Schätze, welche diese Etablissements in
Verwahrung hatten, das Vertrauen, welches sie genossen, der Wohlstand,
den sie erzeugt, ihre durch panische Schrecken, durch Kriege, durch
Revolutionen geprüfte, gegen dies Alles bewährt erfundene Stabilität,
waren Lieblingsthemata. Die St. Georgsbank bestand bereits nahe an drei
Jahrhunderte. Sie hatte schon Depositen anzunehmen und Darlehen zu
machen begonnen, ehe Columbus über den atlantischen Ocean fuhr, ehe Gama
das Cap umschiffte, als ein christlicher Kaiser in Constantinopel
regierte, als ein muhamedanischer Sultan in Granada herrschte, als
Florenz eine Republik war, als Holland einem erblichen Fürsten
gehorchte. Dies Alles war jetzt verändert. Neue Continente und neue
Oceane waren entdeckt worden. Der Türke war in Constantinopel, der
Castilianer in Granada; Florenz hatte seine erblichen Fürsten, Holland
war eine Republik und noch immer nahm die St, Georgsbank Depositen an
und machte Darlehen. Die Bank von Amsterdam war noch nicht viel über
achtzig Jahre alt, aber auch ihre Solvenz hatte schon schwere Proben
bestanden. Selbst in der furchtbaren Krisis von 1672, als das ganze
Rheindelta von den französischen Armeen überschwemmt war, als man vom
Dache des Stadthauses die weißen Fahnen sehen konnte, gab es einen Ort,
wo inmitten der allgemeinen Bestürzung und Verwirrung noch immer Ruhe
und Ordnung herrschten, und dieser Ort war die Bank. Warum sollte die
Bank von London nicht eben so groß und eben so dauerhaft werden wie die
Banken von Genua und Amsterdam? Gegen das Ende der Regierung Karl's II.
wurden verschiedene Pläne vorgeschlagen, geprüft, angegriffen und
vertheidigt. Einige Tagesschriftsteller behaupteten, eine Nationalbank
müsse unter der Leitung des Königs stehen. Andere meinten, die Leitung
müsse dem Lordmayor, den Aldermen und dem Gemeinderath der Hauptstadt
übertragen werden.[98] Nach der Revolution wurde der Gegenstand mit
einer vorher nicht gekannten Lebhaftigkeit discutirt, denn unter dem
Einflusse der Freiheit hatte sich das Geschlecht der politischen
Projectenmacher ungeheuer vermehrt. Die Regierung wurde mit einer Masse
von Plänen überfluthet, welche zum Theil Träumen eines Kindes oder eines
Fieberkranken glichen.

Eine besonders hervorragende Rolle unter den politischen Quacksalbern,
deren geschäftige Gesichter man täglich in der Vorhalle der
Gemeinen sah, spielten Johann Briscoe und Hugo Chamberlayne, zwei
Projectenmacher, welche würdig gewesen wären Mitglieder der Akademie zu
sein, die Gulliver in Lagado gründete. Diese beiden Männer behaupteten,
daß das einzige Heilmittel für jede Krankheit des Staates eine Landbank
sei. Eine Landbank werde für England größere Wunder bewirken, als sie
je für Israel gethan worden seien, Wunder, welche die Wachtelschwärme
und den täglichen Mannaregen noch übertreffen würden. Es würde keine
Steuern geben, und doch würde der Staatsschatz bis zum Ueberlaufen voll
sein. Man würde keine Armentaxen brauchen, denn es würde keine Armen
geben. Das Einkommen jedes Grundbesitzers würde sich verdoppeln, der
Gewinn jedes Kaufmanns würde sich vermehren. Kurz, die Insel würde, um
mich Briscoe's Ausdrucks zu bedienen, das Paradies der Welt werden. Die
einzigen Verlierenden würden die Geldmänner sein, diese schlimmsten
Feinde der Nation, welche der Gentry und den Freisassen mehr Schaden
gethan hätten als ein Invasionsheer aus Frankreich je hätte anrichten
können[99].

Diese segensreichen Folgen sollte die Landbank einfach dadurch
herbeiführen, daß sie ungeheure Massen von Noten auf Grundhypothek
ausgab. Die Theorie der Projectenmacher war, daß Jedermann, der
Grundeigenthum besaß, außerdem auch Papiergeld zum vollen Werthbetrage
seines Grundeigenthums haben sollte. Wenn also sein Gut zweitausend
Pfund werth war, so sollte er dieses Gut und zweitausend Pfund in
Papiergeld haben[100]. Sowohl Briscoe als Chamberlayne behandelten die
Ansicht, daß eine Zuvielausgabe von Papiergeld eintreten könne, so lange
es noch für jede Zehnpfundnote ein Stück Land im Werthe von zehn Pfund
gebe, mit der größten Verachtung. Niemand, sagten sie, werde einen
Goldschmied beschuldigen, zuviel Papier ausgegeben zu haben, so lange
seine Keller Guineen und Kronen zum vollen Werthe aller seine
Unterschrift tragenden Noten enthielten. Es sei aber Thatsache, daß kein
Goldschmied in seinen Kellern Guineen und Kronen zum vollen Betrage
aller seiner Noten habe. Und habe nicht eine Quadratmeile fruchtbaren
Bodens in Taunton Dean mindestens eben so viel Recht, Vermögen genannt
zu werden, wie ein Beutel voll Gold oder Silber? Die Projectenmacher
konnten nicht leugnen, daß viele Leute ein Vorurtheil zu Gunsten der
edlen Metalle hatten und daß daher die Landbank, wenn sie verpflichtet
wäre, ihre Noten einzulösen, sehr bald ihre Zahlungen würde einstellen
müssen. Diese Schwierigkeit umgingen sie durch den Vorschlag, daß die
Noten nicht ausgewechselt werden und daß Jedermann gezwungen sein
sollte, sie zu nehmen.

Die Theorien Chamberlayne's über das Circulationsmittel können
vielleicht noch in unsrer Zeit Bewunderer finden. Aber er fügte seinen
übrigen Irrthümern einen Irrthum hinzu, der mit ihm begann und endete.
Er war so thöricht, in allen seinen Raisonnements als gewiß anzunehmen,
daß der Werth eines Gutes sich genau im Verhältniß zu seiner Dauer
verändere. Er behauptete, daß, wenn der jährliche Ertrag eines Gutes
sich auf tausend Pfund belaufe, eine Abtretung dieses Gutes auf zwanzig
Jahre zwanzigtausend Pfund und eine Abtretung auf hundert Jahre
hunderttausend Pfund werth sein müsse. Wenn daher der Besitzer eines
solchen Gutes es der Landbank auf hundert Jahre verpfändete, so könne
die Landbank auf diese Sicherheit sofort für hunderttausend Pfund Noten
ausgeben. Von dieser Ansicht war Chamberlayne weder durch Spott, noch
durch Argumentation, noch durch arithmetische Beweise abzubringen. Man
erinnerte ihn, daß der unbeschränkte Besitz von Grundeigenthum nicht
mehr werth sei als das Zwanzigfache seines Ertrags. Wenn man daher sage,
ein hundertjähriger Besitz sei fünfmal soviel werth als ein
zwanzigjähriger, so könne man eben so gut sagen, ein hundertjähriger
Besitz sei fünfmal soviel werth als ein unbeschränkter Besitz, mit
anderen Worten hundert sei gleich fünfmal das Unendliche. Die, welche so
raisonnirten, schlug man damit, daß man ihnen sagte, sie seien Wucherer,
und es scheint, als ob eine große Anzahl Landgentlemen die Widerlegung
für vollständig gehalten hätte.[101]

Im December 1693 legte Chamberlayne seinen Plan in seiner ganzen nackten
Ungereimtheit den Gemeinen vor und bat um Gehör. Er machte sich mit
Zuversichtlichkeit anheischig, auf jedes Freigut von hundertfunfzig
Pfund jährlichem Rentenwerthe, das, wie er sich ausdrückte, in seine
Landbank eingeschrieben würde, achttausend Pfund aufzubringen, und dies
ohne den Eigenthümer des Besitzes zu berauben.[102] Alle im Hause
anwesenden Squires müssen gewußt haben, daß für den unbeschränkten
Besitz eines solchen Gutes bei freiem Verkauf kaum dreitausend Pfund zu
erlangen gewesen wären. Man sollte denken, daß es dem ungebildetsten
Fuchsjäger, der auf den Bänken zu finden war, hätte unglaublich
erscheinen sollen, daß man für weniger als den unbeschränkten Besitz
eines solchen Gutes auf irgend einem Wege achttausend Pfund erlangen
könne. Aber Noth und Haß hatten die grundbesitzenden Gentlemen
leichtgläubig gemacht. Sie bestanden darauf, daß Chamberlayne's Plan
einem Ausschusse überwiesen werden solle, und der Ausschuß erklärte den
Plan für ausführbar und nutzbringend für die Nation.[103] Indessen
hatte die vereinte Kraft der Beweisführung und des Spottes doch selbst
auf die unwissendsten Landleute im Hause einigen Eindruck zu machen
begonnen. Der Bericht lag unbeachtet auf dem Tische und das Land blieb
vor einem Unglücke bewahrt, im Vergleich zu dem die Niederlage von
Landen und der Verlust der Smyrnaflotte Segnungen gewesen sein würden.

Nicht alle Projectenmacher jener geschäftigen Zeit waren jedoch so
albern wie Chamberlayne. Einer von ihnen, Wilhelm Paterson, war ein
genialer, wenn auch nicht immer das Richtige treffender Denker. Von
seinem früheren Leben weiß man nicht viel mehr als daß er ein Schotte
von Geburt und daß er in Westindien gewesen war. In welcher Eigenschaft
er Westindien besucht hatte, war eine Frage, über welche seine
Zeitgenossen verschiedener Meinung waren. Seine Freunde sagten, er sei
als Missionär hingegangen, seine Feinde, er sei Bukanier gewesen. Er
scheint von der Natur mit einer fruchtbaren Erfindungsgabe, einem
heißblütigen Temperament und großer Ueberredungskunst bedacht gewesen zu
sein und sich irgendwo in seinem Nomadenleben eine genaue Kenntniß des
Rechnungswesens erworben zu haben.

Dieser Mann legte der Regierung im Jahre 1691 den Plan zu einer
Nationalbank vor, und dieser Plan wurde sowohl von Staatsmännern als von
Kaufleuten günstig aufgenommen. Aber es vergingen Jahre, ohne daß etwas
geschah, bis sich endlich im Frühjahr 1694 die absolute Nothwendigkeit
herausstellte, ein neues Mittel zur Bestreitung der Kriegskosten
ausfindig zu machen. Da endlich wurde der von dem armen und obscuren
schottischen Abenteurer ersonnene Plan von Montague wieder ernstlich
aufgenommen. Mit Montague nahe verwandt war Michael Godfrey, der Bruder
des Sir Edmondsbury Godfrey, dessen trauriges und geheimnißvolles Ende
funfzehn Jahre früher einen furchtbaren Wuthausbruch des Volks veranlaßt
hatte. Michael war einer der geschicktesten, rechtschaffensten und
reichsten Handelsfürsten London's. Er war, wie es sich schon nach seiner
nahen Verwandtschaft mit dem Märtyrer des protestantischen Glaubens
erwarten ließ, ein eifriger Whig. Einige seiner Schriften sind noch
vorhanden und beweisen, daß er einen scharfen und hellen Verstand besaß.

Diese beiden ausgezeichneten Männer nahmen sich des Paterson'schen
Planes an. Montague übernahm es, das Haus der Gemeinen, Godfrey, die
City zu bearbeiten. Es wurde vom Ausschusse für die Mittel und Wege ein
Beifallsvotum erlangt und eine Bill auf den Tisch gelegt, deren Titel
Veranlassung zu vielen Sarkasmen gab. Es war allerdings nicht leicht zu
errathen, daß eine Bill, welche lediglich dahin lautete, eine neue
Abgabe auf den Tonnengehalt der Schiffe zum Nutzen Derer zu legen,
welche Geld zur Fortführung des Kriegs vorstreckten, thatsächlich eine
Bill war, welche das größte commercielle Institut ins Leben rief, das
die Welt je gesehen hat.

Der Plan war, daß die Regierung zwölfhunderttausend Pfund zu dem damals
für mäßig geltenden Zinsfuße von acht Procent aufnehmen solle. Um die
Kapitalisten zu bewegen, das Geld unter für den Staat so vortheilhaften
Bedingungen rasch vorzustrecken, sollten die Unterzeichner unter dem
Namen +Governor and Company of the Bank of England+ Corporationsrecht
erhalten. Die Corporation sollte kein ausschließliches Privilegium haben
und sollte keine anderen Geschäfte machen dürfen als mit Wechseln, Gold-
und Silberbarren und verfallenen Pfändern.

Sobald der Plan allgemein bekannt wurde, brach ein eben so heftiger
Federkrieg aus als der zwischen den Schwörenden und Nichtschwörenden,
oder der zwischen der alten Ostindischen Compagnie und der neuen
Ostindischen Compagnie. Die Projectenmacher, denen es nicht gelungen
war, bei der Regierung Gehör zu finden, fielen wie Rasende über ihren
glücklicheren Collegen her. Sämmtliche Goldschmiede und Pfandleiher
erhoben ein wahres Wuthgeheul. Einige mißvergnügte Tories prophezeiten
der Monarchie den Untergang. Es sei merkwürdig, sagten sie, daß Banken
und Regierungen niemals neben einander hätten bestehen können. Die
Banken seien republikanische Institute. Es gebe blühende Banken in
Venedig, in Genua, in Amsterdam und in Hamburg. Aber wer habe je von
einer Bank von Frankreich oder Spanien gehört?[104] Einige mißvergnügte
Whigs prophezeiten dagegen unseren Freiheiten den Untergang. Es ist
dies, sagten sie, ein furchtbareres Werkzeug der Tyrannei als die Hohe
Commission, die Sternkammer, als selbst die funfzigtausend Soldaten
Oliver's. Der ganze Reichthum der Nation wird in den Händen der
Tonnengeldbank -- dies war der damals gebräuchliche Spottname -- sein.
Die Verfügung über das Nationalvermögen, die einzige große Sicherheit
für alle Rechte der Engländer, wird vom Hause der Gemeinen auf den
Gouverneur und die Directoren der neuen Compagnie übergehen. Diese
letzte Betrachtung war in der That von einigem Gewicht, was auch die
Urheber der Bill zugaben. Es wurde daher die sehr zweckmäßige Klausel
aufgenommen, welche der Bank verbot, der Krone ohne Ermächtigung von
Seiten des Parlaments Geld vorzustrecken. Jede Uebertretung dieser
heilsamen Bestimmung sollte mit dem Verluste des dreifachen Betrags der
vorgestreckten Summe bestraft werden, und der König sollte nicht befugt
sein, den geringsten Theil dieser Strafe zu erlassen.

In der abgeänderten Gestalt erhielt der Plan die Sanction der Gemeinen
leichter als man nach der Heftigkeit des dagegen erhobenen Geschreis
hätte erwarten sollen. Das Parlament stand allerdings unter dem Drange
der Nothwendigkeit. Geld mußte man haben, und es war auf keinem andren
Wege so leicht zu beschaffen. Was im Hause vorging, als es sich zu einem
Ausschusse erklärt hatte, ist nicht mehr zu ermitteln; so lange aber der
Sprecher auf seinem Stuhle war, fand keine Abstimmung statt.

Die Bill war indessen nicht außer Gefahr, als sie ins Oberhaus gekommen
war. Einige Lords argwöhnten, der Plan einer Nationalbank sei zu dem
Zwecke ersonnen worden, um das Ansehen des Geldes auf Kosten des
Ansehens des Grundbesitzes zu heben. Andere meinten, dieser Plan, mochte
er nun gut oder schlecht sein, hätte ihnen nicht in einer solchen Form
vorgelegt werden sollen. Ob es gerathen sei, eine Corporation ins Leben
zu rufen, die mit der Zeit die ganze Handelswelt beherrschen könne, und
wie eine solche Corporation eingerichtet werden müsse, das seien Fragen,
die ein einzelner Zweig der Legislatur nicht entscheiden dürfe. Es
müsse den Peers vollkommen frei stehen, alle Details des vorgelegten
Planes zu prüfen, Abänderungen vorzuschlagen und Conferenzen zu
verlangen. Es sei daher höchst unbillig, daß ihnen das die Bank
errichtende Gesetz als Theil eines Gesetzes zugesandt worden sei,
welches der Krone Geld bewillige. Die Jakobiten hatten einige Hoffnung,
daß die Session mit einem Streite zwischen den beiden Häusern enden, daß
die Tonnengeldbill scheitern und daß Wilhelm den Feldzug ohne Geld
beginnen werde. Es war nach dem neuen Style bereits Mai. Die Stadtsaison
war vorüber und viele vornehme Familien hatten Conventgarden und Soho
Square schon mit ihren Wäldern und Wiesen vertauscht. Doch es wurden
Aufforderungen erlassen und es erfolgte ein starkes Zurückströmen nach
der Stadt. Die vor Kurzem verödeten Bänke waren gedrängt voll. Die
Sitzungen begannen zu einer ungewöhnlich frühen und dauerten bis zu
einer ungewöhnlich späten Stunde. An dem Tage, an welchem die Bill einem
Ausschusse überwiesen wurde, währte der Kampf ohne Unterbrechung von
neun Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends. Godolphin präsidirte. Nottingham
und Rochester schlugen vor, alle auf die Bank Bezug habenden Klauseln zu
streichen. Es wurde Einiges über die Gefahr gesagt, eine gigantische
Corporation zu errichten, welche bald dem Könige und den drei Ständen
des Reichs Gesetze geben werde. Den meisten Eindruck aber scheint auf
die Peers die in ihrer Eigenschaft als Grundbesitzer an sie gerichtete
Apellation gemacht zu haben. Der ganze Plan, ward gesagt, sei nur darauf
abgesehen, die Wucherer auf Kosten des Adels und der Gentry zu
bereichern. Wer Geld erspart habe, werde es lieber in die Bank legen,
als es gegen mäßige Zinsen auf Hypothek ausleihen. Caermarthen sagte
wenig oder nichts zur Vertheidigung des Planes, der allerdings das Werk
seiner Nebenbuhler und Feinde war. Er gab zu, daß sich gegen die Art und
Weise, wie die Gemeinen für die öffentlichen Bedürfnisse des Jahres
gesorgt hätten, ernste Einwendungen machen ließen. Aber könnten Ihre
Lordschaften eine Geldbill amendiren? Könnten sie sich in einen Kampf
einlassen, welcher darauf hinauslaufen müsse, daß sie entweder nachgeben
oder die schwere Verantwortlichkeit auf sich laden müßten, den Kanal
während des Sommers ohne eine Flotte zu lassen? Dieses Argument schlug
durch und bei der Abstimmung wurde das Amendement mit dreiundvierzig
gegen einunddreißig Stimmen verworfen. Einige Stunden darauf erhielt die
Bill die königliche Genehmigung und das Parlament wurde prorogirt.[105]

In der City war der Erfolg von Montague's Plan vollständig. Es hielt
damals mindestens eben so schwer, eine Million zu acht Procent
aufzubringen, als es gegenwärtig sein würde, dreißig Millionen zu vier
Procent aufzubringen. Man hatte geglaubt, daß die Einzahlungen sehr
langsam erfolgen würden, und die Acte bewilligte daher einen
beträchtlichen Zeitraum dazu. Es bedurfte jedoch dieser Zeit nicht. Die
neue Kapitalanlage war schon so populär, daß an dem Tage der Eröffnung
der Bücher dreihunderttausend Pfund gezeichnet wurden; weitere
dreihunderttausend Pfund wurden während der nächsten achtundvierzig
Stunden gezeichnet, und in zehn Tagen wurde zur großen Freude aller
Freunde der Regierung angezeigt, daß die Liste voll sei. Die ganze
Summe, welche die Corporation dem Staate zu leihen verpflichtet war,
wurde in die Schatzkammer eingezahlt, noch ehe die erste Rate fällig
war.[106] Somers drückte freudig das große Siegel unter eine in
Uebereinstimmung mit den vom Parlamente vorgeschriebenen Bedingungen
entworfene Concessionsurkunde, und die Bank von England begann im Hause
der Kramerinnung ihre Operationen. Hier konnte man viele Jahre lang
Directoren, Sekretäre und Commis in verschiedenen Theilen eines
geräumigen Saales arbeiten sehen. Das bei der Bank angestellte Personal
betrug anfangs nur vierundfunfzig Köpfe. Jetzt sind es ihrer
neunhundert. Die Summe, welche jährlich für Gehalte ausgegeben wurde,
belief sich zuerst auf viertausenddreihundertfunfzig Pfund. Gegenwärtig
übersteigt sie zweihundertzehntausend Pfund. Wir dürfen daraus wohl
unbedenklich schließen, daß das Einkommen der Handlungscommis unter der
Regierung Victoria's im Durchschnitt ungefähr dreimal so hoch ist als es
unter der Regierung Wilhelm's III. war.[107]

Es zeigte sich bald, daß Montague, indem er die finanziellen
Verlegenheiten des Landes geschickt benutzte, seiner Partei einen
unschätzbaren Dienst leistete. Mehrere Generationen hindurch war die
Bank von England ein specifisch whiggistisches Institut. Sie war nicht
durch Zufall, sondern aus Nothwendigkeit whiggistisch. Sie hätte
augenblicklich ihre Zahlungen einstellen müssen, wenn sie die Zinsen für
die Summe, die sie der Regierung geliehen, nicht mehr bezahlt bekommen
hätte, und Jakob würde von diesen Zinsen keinen Farthing bezahlt haben.
Siebzehn Jahre nach Annahme der Tonnengeldbill schilderte Addison in
einer seiner geistreichsten und reizendsten kleinen Allegorien die Lage
der großen Compagnie, durch welche der ungeheure Reichthum London's
beständig circulirte. Er sah den öffentlichen Credit auf einem Throne,
in der Kramerhalle, die Große Charte über seinem Haupte, die
Thronfolgeacte vor sich. Seine Berührung verwandelte Alles in Gold.
Hinter seinem Sitze waren volle Geldsäcke bis zur Decke aufgehäuft. Zu
beiden Seiten war der Boden mit Pyramiden von Guineen bedeckt. Plötzlich
geht die Thür auf, und der Prätendent stürzt herein, in der einen Hand
einen Schwamm, in der andren ein Schwert, das er gegen die
Thronfolgeacte schwingt. Die schöne Königin sinkt in Ohnmacht. Der
Zauber, durch den sie Alles um sich her in Schätze verwandelte, ist
gebrochen. Die Geldsäcke schrumpfen zusammen wie aufgestochene Blasen.
Die Haufen Goldstücke verwandeln sich in Bündel von Lumpen oder
Kerbhölzern.[108]

Die Wahrheit, welche dieses Gleichniß ausdrückte, schwebte den Leitern
der Bank beständig vor. Ihr Interesse war mit dem der Regierung so innig
verwoben, daß sie ihr um so bereitwilliger zu Hülfe kamen, je größer die
öffentliche Gefahr war. Wenn in alten Zeiten der Staatsschatz leer war,
wenn die Steuern langsam eingingen und wenn der Sold der Truppen und der
Matrosen in Rückstand war, mußte der Kanzler der Schatzkammer mit dem
Hute in der Hand, von dem Lord-Mayor und den Aldermen begleitet, in
Cheapside und Cornhill auf und ab gehen und dadurch eine Summe
zusammenbringen, daß er von diesem Strumpfwaarenhändler hundert Pfund,
von jenem Eisenhändler zweihundert Pfund lieh.[109] Diese Zeiten waren
vorüber. Die Regierung konnte jetzt anstatt mühsam aus zahlreichen
kleinen Quellen kleine Summen zu schöpfen, aus einem ungeheuren
Behälter, den alle jene kleinen Quellen fortwährend gefüllt erhielten,
soviel nehmen als sie brauchte. Es ist schwerlich zu viel gesagt, wenn
man behauptet, daß das Gewicht der Bank, das beständig in der Wagschale
der Whigs lag, viele Jahre lang das Gewicht der Kirche, das beständig in
der Wagschale der Tories lag, fast aufwog.


[_Prorogation des Parlaments; ministerielle Arrangements._] Wenige
Minuten nachdem die Bill, welche die Bank von England errichtete, die
königliche Genehmigung erhalten hatte, wurde das Parlament vom Könige
mit einer Rede prorogirt, in der er den Gemeinen herzlich für ihre
Freigebigkeit dankte. Montague wurde sofort für seine Dienste mit der
Stelle des Kanzlers der Schatzkammer belohnt.[110]


[_Shrewsbury Staatssekretär._] Shrewsbury hatte sich einige Wochen
vorher zur Annahme der Siegel verstanden. Er hatte standhaft vom
November bis zum März ausgehalten. Während er Entschuldigungen zu finden
versuchte, die seine politischen Freunde befriedigen konnten, besuchte
ihn Sir James Montgomery. Montgomery war jetzt der unglücklichste Mensch
von der Welt. Nachdem er in einer großen Revolution eine große Rolle
gespielt, nachdem er mit der erhabenen Function betraut gewesen, den
durch die Stände erwählten Souverainen die Krone Schottland's zu
überreichen, nachdem er mehrere Monate lang im Parlamente zu Edinburg
ohne Nebenbuhler geherrscht, nachdem er nahe vor sich die Siegel des
Staatssekretärs, eine Earlkrone, ein glänzendes Einkommen und die
höchste Gewalt gesehen hatte, war er plötzlich in Dunkelheit und
traurige Dürftigkeit versunken. Seine herrlichen Talente blieben ihm
noch und er wurde deshalb von den Jakobiten benutzt; aber obwohl sie ihn
benutzten, verachteten sie ihn, trauten ihm nicht und ließen ihn darben.
Er verbrachte sein Leben damit, daß er zwischen England und Frankreich
hin und her reiste, ohne in einem der beiden Länder eine bleibende
Stätte zu finden. Bald wartete er im Vorzimmer zu Saint-Germains, wo die
Priester ihn als einem Calvinisten finstre Blicke zuwarfen und wo selbst
die protestantischen Jakobiten sich gegenseitig flüsternd vor dem alten
Republikaner warnten. Bald hielt er sich in den Mansarden London's
verborgen, bei jedem Fußtritte, den er auf der Treppe hörte, fürchtend,
daß es der eines Bailiffs mit einem Executionsbefehl, oder der eines
Staatsboten mit einem Verhaftsbefehl sein könnte. Er erhielt jetzt
Zutritt zu Shrewsbury und wagte es wie ein Jacobit mit einem
Mitjakobiten zu sprechen. Shrewsbury, der durchaus nicht geneigt war,
sein Vermögen und seinen Kopf in die Hände eines Mannes zu geben, den er
als unbesonnen und als treulos kannte, gab sehr vorsichtige Antworten.
Auf einem uns nicht bekannt gewordenen Wege erfuhr Wilhelm Alles was bei
dieser Gelegenheit vorgegangen war. Er ließ Shrewsbury kommen und sprach
aufs neue eindringlich von dem Sekretärposten. Shrewsbury sträubte sich
abermals, indem er sagte, seine Gesundheit sei schlecht. »Das,«
entgegnete Wilhelm, »ist nicht Ihr einziger Grund.« -- »Nein, Sire,
allerdings nicht,« versetzte Shrewsbury. Er begann hierauf von
öffentlichen Verdrießlichkeiten zu sprechen und erwähnte das Schicksal
der Dreijährigkeitsbill, die er selbst eingebracht hatte. Wilhelm aber
fiel ihm ins Wort. »Es steckt noch ein andrer Grund dahinter. Wann haben
Sie das letzte Mal mit Montgomery gesprochen?« Shrewsbury war wie vom
Donner gerührt. Der König wiederholte einige Aeußerungen Montgomery's.
Shrewsbury hatte sich inzwischen von seinem Schrecke erholt und sich
erinnert, daß er bei der Unterredung, die der Regierung so genau
hinterbracht worden war, zum Glück nichts Hochverrätherisches gesagt,
wenn auch viel dergleichen gehört hatte. »Sire,« sagte er, »da Ihre
Majestät so genau unterrichtet worden sind, werden Sie auch wissen, daß
ich den Versuchen jenes Mannes, mich von dem Pfade meiner
Unterthanenpflicht abzubringen, keinen Vorschub geleistet habe.« Wilhelm
stellte dies nicht in Abrede, gab aber zu verstehen, daß solcher
heimlicher Umgang mit anerkannten Jakobiten Verdacht erwecke, den
Shrewsbury nur durch Annahme der Siegel entkräften könne. »Das wird mich
vollkommen beruhigen,« sagte er. »Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind
und daß, wenn Sie Sich einmal dazu verstehen mir zu dienen, Sie mir treu
dienen werden.« So gedrängt, willigte Shrewsbury, zur großen Freude
seiner ganzen Partei, ein und wurde für seine Bereitwilligkeit alsbald
mit dem Herzogtitel und dem Hosenbandorden belohnt.[111]

So bildete sich allmälig ein Whigministerium. Es gab jetzt zwei
whiggistische Staatssekretäre, einen whiggistischen Großsiegelbewahrer,
einen whiggistischen ersten Lord der Admiralität und einen
whiggistischen Kanzler der Schatzkammer. Der Lord Geheimsiegelbewahrer
Pembroke konnte ebenfalls ein Whig genannt werden, denn sein Geist
war so beschaffen, daß er willig den Eindruck jedes stärkeren Geistes
aufnahm, mit dem er in Berührung gebracht wurde. Seymour wurde
entlassen, nachdem er lange genug ein Commissar des Schatzes gewesen
war, um einen großen Theil seines Einflusses auf die toryistischen
Landgentlemen zu verlieren, die ihn meist angehört hatten wie ein
Orakel, und seine Stelle wurde mit Johann Smith besetzt, einem
eifrigen und talentvollen Whig, der an den Debatten der letzten
Session thätigen Antheil genommen hatte.[112] Die einzigen Tories,
welche noch hohe Aemter bei der ausübenden Verwaltung bekleideten,
waren der Lordpräsident Caermarthen, der zwar zu fühlen begann, daß
die Macht seinen Händen allgemach entschlüpfte, sich aber doch noch
verzweifelt daran festklammerte, und der erste Lord des Schatzes,
Godolphin, der sich wenig um Dinge bekümmerte, die außer dem Bereiche
seines speciellen Departements lagen, und die Obliegenheiten dieses
Departements mit Geschick und Emsigkeit erfüllte.


[_Verleihung neuer Titel._] Wilhelm bemühte sich indessen noch immer,
seine Gunstbezeigungen zwischen den beiden Parteien zu theilen. Obgleich
die Whigs die eigentliche Macht mehr und mehr an sich rissen, erhielten
die Tories doch auch ihren Theil von ehrenvollen Auszeichnungen. So
wurde Mulgrave, der während der letzten Session seine großen
parlamentarischen Talente zu Gunsten der Politik des Königs aufgeboten
hatte, zum Marquis von Normanby creirt und zum Cabinetsrath ernannt,
aber nie um Rath gefragt. Er erhielt zu gleicher Zeit ein Jahrgeld von
dreitausend Pfund. Caermarthen, den die neuerlichen Veränderungen tief
gekränkt hatten, wurde durch ein glänzendes Zeichen der königlichen
Zufriedenheit einigermaßen getröstet. Er wurde Herzog von Leeds. Es
hatte ihm wenig über zwanzig Jahre Zeit gekostet, um sich von der
Stellung eines Landgentleman von Yorkshire zur höchsten Stufe der Pairie
emporzuschwingen. Zwei hochgestellte whiggistische Earls, Bedford und
Devonshire, wurden zu gleicher Zeit zu Herzögen creirt. Es muß bemerkt
werden, daß Bedford schon mehrere Male die Würde ausgeschlagen hatte,
die er jetzt mit einigem Widerstreben annahm. Er erklärte, daß ihm sein
Earltitel lieber sei als ein Herzogtitel, und er motivirte diese
Bevorzugung durch einen sehr verständigen Grund. Ein Earl, der eine
zahlreiche Familie habe, könne einen Sohn in den Tempel, einen andren
auf ein Handelscomtoir der City schicken. Die Söhne eines Herzogs aber
seien alle Lords und ein Lord könne sich seinen Lebensunterhalt weder in
der Advokatur noch auf der Börse verdienen. Doch die Einwendungen des
alten Mannes wurden besiegt, und den beiden vornehmen Häusern Russell
und Cavendish, welche seit langer Zeit durch Freundschaft und durch
Verschwägerung, durch gemeinsame Ansichten, durch gemeinsame Leiden und
durch gemeinsame Triumphe eng verbunden waren, wurde an einem und
demselben Tage die größte Ehre zu Theil, welche die Krone zu verleihen
im Stande ist.[113]


[_Kriegsplan der Franzosen._] Die Gazette, welche diese Ernennungen
anzeigte, zeigte auch an, daß der König nach dem Continent abgereist
sei. Vor seiner Abreise hatte er mit seinen Ministern die Mittel zur
Vereitelung eines von der französischen Regierung entworfenen
Operationsplanes zur See berathen. Bisher war der Seekrieg hauptsächlich
im Kanal und auf dem atlantischen Meere geführt worden. Jetzt aber hatte
Ludwig beschlossen, seine Seemacht im Mittelländischen Meere zu
concentriren. Er hoffte, daß mit ihrer Hülfe die Armee des Marschalls
Noailles im Stande sein werde Barcelona zu nehmen, ganz Catalonien zu
unterwerfen und Spanien zu zwingen, um Frieden zu bitten. Demgemäß
segelte Tourville's Geschwader, aus dreiundfunfzig Kriegsschiffen
bestehend, am 25. April von Brest ab und passirte am 4. Mai die Straße
von Gibraltar.


[_Kriegsplan England's._] Um die Absichten des Feindes zu vereiteln,
beschloß Wilhelm, Russell mit dem größeren Theile der combinirten Flotte
England's und Holland's ins Mittelländische Meer zu schicken. In den
britischen Gewässern sollte ein Geschwader unter den Befehlen des Earls
von Berkeley bleiben. Talmash sollte sich mit einem starken Truppencorps
an Bord dieses Geschwaders einschiffen und sollte Brest angreifen, das
man in Abwesenheit Tourville's und seiner dreiundfunfzig Schiffe für
leicht einnehmbar hielt.

Daß in Portsmouth Anstalten zu einer Expedition getroffen wurden, an der
die Landtruppen Theil nehmen sollten, ließ sich nicht verheimlichen.
Ueber die Bestimmung des Geschwaders hatte man in der Rose und bei
Garraway allerhand Vermuthungen. Einige sprachen von Rhe, Andere von
Oleron, noch Andere von Rochelle, wieder Andere von Rochefort. Manche
glaubten, ehe die Flotte sich in westlicher Richtung zu bewegen begann,
sie sei nach Dünkirchen bestimmt. Manche Andere vermutheten dagegen, daß
Brest der Angriffspunkt sein werde; aber sie vermutheten dies eben nur,
denn das Geheimniß wurde besser bewahrt als die meisten andern
Geheimnisse der damaligen Zeit.[114] Russell versicherte bis zu dem
Augenblicke wo er bereit war die Anker zu lichten, seinen jakobitischen
Freunden beständig, er wisse von nichts. Seine Verschwiegenheit blieb
selbst Marlborough's Kunstgriffen gegenüber fest. Doch Marlborough hatte
andere Quellen. An diese Quellen wendete er sich, und es gelang ihm
endlich, den ganzen Plan der Regierung zu entdecken. Er schrieb sofort
an Jakob. Er habe, sagte er, so eben in Erfahrung gebracht, daß zwölf
Regimenter Infanterie und zwei Regimenter Marinesoldaten unter Talmash's
Commando auf dem Punkte ständen sich einzuschiffen, um den Hafen von
Brest und die daselbst liegenden Schiffe zu zerstören. »Dies,« setzte er
hinzu, »würde ein großer Vortheil für England sein. Aber keine Rücksicht
kann und soll mich jemals abhalten, Ihnen Alles mitzutheilen, wovon ich
glaube, daß es Ihnen nützlich sein kann.« Dann, warnte er Jakob vor
Russell. »Ich versuchte vor einiger Zeit, dies von ihm zu erfahren; aber
er behauptete stets, nichts davon zu wissen, obgleich ich fest überzeugt
bin, daß er den Plan schon seit mehr als sechs Wochen kannte. Dies
scheint mir ein schlimmes Zeichen von der Gesinnung dieses Mannes.«

Die von Marlborough erhaltene Benachrichtigung theilte Jakob der
französischen Regierung mit, und diese traf mit der ihr eigenen Energie
und Eile ihre Maßregeln. Rasches Handeln war allerdings auch nöthig,
denn als Marlborough seinen Brief schrieb, waren die Rüstungen in
Portsmouth nahezu vollendet, und wäre der Wind den Engländern günstig
gewesen, so hätte der Zweck der Expedition vielleicht ohne Kampf
erreicht werden können. Aber widrige Winde hielten unsre Flotte noch
einen Monat im Kanal zurück. Unterdessen war bei Brest ein zahlreiches
Armeecorps zusammengezogen worden. Vauban war beauftragt, die
Vertheidigungswerke in Stand zu setzen, und unter seiner geschickten
Leitung wurden Batterien aufgefahren, welche jeden Punkt beherrschten,
wo der Feind möglicherweise eine Landung versuchen konnte. Acht große
Flöße, deren jedes eine Menge Mörser trug, wurden im Hafen vor Anker
gelegt, und einige Tage vor Ankunft der Engländer war Alles zu ihrem
Empfange bereit.


[_Expedition gegen Brest._] Am 6. Juni befand sich die ganze verbündete
Flotte etwa funfzehn Meilen westlich vom Cap Finisterre im Atlantischen
Meere. Hier trennten sich Russell und Berkeley. Russell fuhr weiter nach
dem Mittelländischen Meere, und Berkeley's Geschwader, mit den Truppen
an Bord, steuerte nach der Küste der Bretagne und ankerte vor der
Camaretbai, nahe bei der Einfahrt des Hafens von Brest. Talmash schlug
vor, in der Camaretbai zu landen. Es erschien daher wünschenswerth, die
Beschaffenheit der Küste genau zu untersuchen. Der älteste Sohn des
Herzogs von Leeds, jetzt Marquis von Caermarthen, nahm es auf sich, in
die Bucht einzufahren und die nöthigen Aufschlüsse zu erlangen. Die
Leidenschaft dieses tapferen und excentrischen jungen Mannes für
Seeabenteuer war unbezwinglich. Er hatte um den Rang eines
Contreadmirals gebeten und ihn erhalten und begleitete die Expedition
auf seiner eigenen Yacht »Peregrine,« die als ein Meisterstück der
Schiffbaukunst berühmt war und schon mehr als einmal in dieser
Geschichte erwähnt worden ist. Cutts, der sich durch seine
Unerschrockenheit im irischen Kriege ausgezeichnet hatte und mit der
irischen Peerswürde belohnt worden war, erbot sich, Caermarthen zu
begleiten. Lord Mohun, der wahrscheinlich mit dem Wunsche, durch
ehrenvolle Thaten den Schandfleck zu verwischen, den ein schmachvoller
und unglücklich ausgegangener Streit auf seinen Namen geworfen, als
Freiwilliger bei den Truppen diente, bestand ebenfalls darauf, von der
Partie zu sein. Der Peregrine fuhr mit seiner tapferen Mannschaft in die
Bucht ein und kam wohlbehalten, aber nicht ohne in großer Gefahr
geschwebt zu haben, wieder heraus. Caermarthen berichtete, daß die
Vertheidigungsanstalten, von denen er indeß nur einen kleinen Theil
gesehen, furchtbar seien. Berkeley und Talmash aber vermutheten, daß er
die Gefahr überschätzt habe. Sie wußten nicht, daß ihr Vorhaben schon
längst in Versailles bekannt gewesen, daß eine Armee zu ihrem Empfange
zusammengezogen worden war und daß der größte Ingenieur der Welt die
Küste befestigt hatte. Sie zweifelten daher nicht, daß ihre Truppen
unter dem Schutze der Kanonen ihrer Schiffe leicht würden ans Land
gesetzt werden können. Am folgenden Morgen erhielt Caermarthen Ordre,
mit acht Linienschiffen in die Bai einzufahren und die französischen
Werke zu bombardiren. Talmash sollte mit ungefähr hundert Booten voll
Soldaten folgen. Es stellte sich bald heraus, daß das Unternehmen sogar
noch gefährlicher war, als es den Tag vorher geschienen hatte.
Batterien, die man gar nicht bemerkt hatte, eröffneten ein so
mörderisches Feuer gegen die Schiffe, daß mehrere Verdecke bald
gesäubert waren. Starke Infanterie- und Cavalleriecorps kamen zum
Vorschein und erwiesen sich nach ihren Uniformen als reguläre Truppen.
Der junge Contreadmiral schickte schleunigst einen Offizier ab, um
Talmash zu warnen. Aber Talmash war so vollständig von dem Wahne
beherrscht, daß die Franzosen nicht darauf vorbereitet seien, einen
Angriff abzuwehren, daß er jede Vorsichtsmaßregel unterließ und nicht
einmal seinen eigenen Augen traute. Er glaubte fest, daß die
Truppenmacht, die er an der Küste versammelt sah, ein bloßer
Bauernschwarm sei, den man in der Eile aus der Umgegend
zusammengetrieben habe. Ueberzeugt, daß diese Scheinsoldaten vor
wirklichen Soldaten wie Schafe davonlaufen würden, befahl er seinen
Leuten, nach dem Strande zu rudern. Er wurde bald eines Andren belehrt.
Ein fürchterliches Feuer mähte seine Truppen rascher nieder als sie ans
Ufer gelangen konnten. Er selbst war kaum auf trocknen Boden gesprungen,
als eine Kanonenkugel ihn am Schenkel verwundete, so daß er in sein
Boot zurückgetragen werden mußte. Seine Leute schifften sich in
Verwirrung wieder ein. Schiffe und Boote eilten aus der Bucht
herauszukommen, was ihnen jedoch erst gelang, nachdem vierhundert
Matrosen und siebenhundert Soldaten gefallen waren. Noch viele Tage
nachher spülten die Wellen fortwährend von Kugeln zerrissene und
verstümmelte Leichname an den Strand der Bretagne. Die Batterie, von
welcher Talmash seine Wunde erhielt, wird noch heute »des Engländer's
Tod« genannt.

Der unglückliche General wurde auf sein Lager gebettet und in seiner
Kajüte ein Kriegsrath gehalten. Er war dafür, direct in den Hafen von
Brest einzufahren um die Stadt zu bombardiren. Dieser Vorschlag aber,
der nur zu deutlich verrieth, daß seine Urtheilskraft unter der
Aufregung eines verwundeten Körpers und eines verwundeten Gemüths
gelitten hatte, wurde von den Flottenoffizieren wohlweislich verworfen.
Das Geschwader kehrte nach Portsmouth zurück. Dort starb Talmash, noch
mit seinem letzten Athemzuge versichernd, daß er durch Verrätherei in
eine Schlinge gelockt worden sei. Der Schmerz und Unwille des Volks
äußerte sich laut. Die Nation erinnerte sich der Dienste des
unglücklichen Generals, verzieh ihm seine Uebereilung, bedauerte seine
Leiden und fluchte dem unbekannten Verräther, dessen Machinationen ihm
zum Verderben gereicht hatten. Es circulirten allerhand Muthmaßungen und
Gerüchte. Einige durch Nationalvorurtheil verblendete starre Engländer
schworen, daß keiner unserer Pläne je dem Feinde verborgen bleiben
würde, so lange französische Refugiés hohe Militärcommandos bekleideten.
Einige durch Parteigeist verblendete eifrige Whigs murmelten, daß es dem
Hofe von Saint-Germain nie an guter Kundschaft fehlen würde, so lange
ein einziger Tory im Cabinetsrath sei. Der wirklich Schuldige wurde
nicht genannt und erst als die Archive des Hauses Stuart untersucht
wurden, erfuhr die Welt, daß Talmash durch die schändlichste aller
hundert Schändlichkeiten Marlborough's umgekommen war.[115]

Und doch war Marlborough niemals weniger ein Jakobit gewesen als in dem
Augenblicke wo er dem Jakobitismus diesen abscheulichen und
schmachvollen Dienst leistete. Man darf mit Gewißheit behaupten, daß es
nicht seine Absicht war, der verbannten Familie zu dienen, und daß es
nur seine sekundäre Absicht war, sich bei der verbannten Familie beliebt
zu machen. Sein Hauptzweck war, sich in den Dienst der bestehenden
Regierung einzudrängen und wieder in den Besitz der wichtigen und
einträglichen Stellen zu gelangen, die ihm vor mehr als zwei Jahren
entzogen worden waren. Er wußte, daß das Land und das Parlament es nicht
geduldig ertragen würden, die Armee von ausländischen Generälen
commandirt zu sehen. Nur zwei Engländer hatten sich für hohe
militärische Posten brauchbar erwiesen: er selbst und Talmash. Wenn
Talmash geschlagen und entlassen wurde, blieb Wilhelm fast keine Wahl
mehr. In der That, sobald es bekannt wurde, daß die Expedition mißlungen
und daß Talmash nicht mehr war, äußerte sich laut das allgemeine
Verlangen, daß der König den ausgezeichneten Heerführer, der bei
Walcourt, bei Cork und bei Kinsale so Großes geleistet habe, wieder zu
Gnaden annehmen solle. Auch können wir die Menge wegen dieses
Verlangens nicht tadeln, denn Jedermann wußte, daß er ein vorzüglich
tapferer, geschickter und glücklicher Offizier war; aber nur sehr Wenige
wußten, daß, während er Wilhelm's Truppen befehligte, während er in
Wilhelm's Staatsrath saß und während er Wilhelm's Kammerherr war, er ein
ungemein arglistiges und gefährliches Complot schmiedete, um Wilhelm's
Thron umzustürzen, und noch Wenigere vermutheten in ihm den Urheber des
neuerlichen Unglücks, des Gemetzels in der Camaretbai und des traurigen
Schicksals Talmash's. So hatte die schändlichste aller Verräthereien die
Folge, daß der Verräther in der öffentlichen Achtung stieg. Er unterließ
denn auch nicht, den günstigen Augenblick sich zu Nutze zu machen.
Während die Börse wegen des durch ihn herbeigeführten Unglücks in
Bestürzung war, während zahlreiche Familien um die tapferen Männer,
deren Mörder er war, Trauer anlegten, begab er sich nach Whitehall und
betheuerte dort mit all' der Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, unter
denen ein verdorrtes Gewissen und ein reueloses Herz vor den Blicken
oberflächlicher Beobachter verborgen waren, daß er der treueste und
loyalste Unterthan Wilhelm's und Mariens sei, und sprach die Hoffnung
aus, daß es ihm unter den gegenwärtigen dringenden Umständen vergönnt
sein werde, Ihren Majestäten seinen Degen anzubieten. Shrewsbury
wünschte sehr, daß das Anerbieten angenommen werden möchte, aber eine
kurze und trockene Antwort von Wilhelm, der sich damals in den
Niederlanden befand, machte für den Augenblick jeder Unterhandlung ein
Ende. Ueber Talmash sprach sich der König mit hochherziger Rührung aus.
»Das Schicksal des armen Freundes,« schrieb er, »hat mich tief
ergriffen. Ich kann zwar nicht sagen, daß er den richtigen Weg
eingeschlagen hat; aber sein heißer Drang sich auszuzeichnen, bewog ihn,
Unmögliches zu versuchen.«[116]

Die nach Portsmouth zurückgekehrte Flotte segelte bald wieder nach der
Küste Frankreich's ab, aber vollbrachte nur Thaten, welche schlimmer als
unrühmlich waren. Es wurde ein Versuch gemacht, den Hafendamm von
Dünkirchen in die Luft zu sprengen. Einige von friedlichen Kaufleuten
und Fischern bewohnte Städte wurden bombardirt. In Dieppe blieb fast
kein einziges Haus stehen, ein Drittel von Havre wurde in Asche gelegt,
und nach Calais wurden Bomben geworfen, welche dreißig Privatwohnungen
zerstörten. Die Franzosen und Jakobiten schrien laut über die Feigheit
und Barbarei, gegen eine wehrlose Bevölkerung Krieg zu führen. Die
englische Regierung vertheidigte sich, indem sie die Welt an die Leiden
der dreimal verwüsteten Pfalz erinnerte, und Ludwig und seinen
Schmeichlern gegenüber war diese Rechtfertigung vollkommen genügend. Ob
es sich aber mit der Humanität und mit einer gesunden Politik
vereinbaren ließ, die Verbrechen, die ein unumschränkter Fürst und eine
wilde Soldateska in der Pfalz verübt hatten, Krämern und Arbeitern,
Frauen und Kindern entgelten zu lassen, die gar nicht wußten, daß es
eine Pfalz gab, dürfte wohl zu bezweifeln sein.


[_Operationen im Mittelländischen Meere._] Inzwischen leistete Russell's
Flotte der gemeinsamen Sache gute Dienste. Widrige Winde hatten seine
Einfahrt durch die Meerenge so lange verzögert, daß er erst Mitte Juli
Carthagena erreichte. Indessen hatten die Fortschritte der französischen
Waffen selbst bis in das Eskurial Schrecken verbreitet. Noailles hatte
an den Ufern des Tar eine Armee unter den Befehlen des Vicekönigs von
Catalonien geschlagen, und an dem Tage, an welchem dieser Sieg erfochten
wurde, hatte sich das Brester Geschwader in der Rosasbai mit dem
Touloner Geschwader vereinigt. Palamos, gleichzeitig zu Lande und zur
See angegriffen, wurde mit Sturm genommen. Gerona kapitulirte nach
schwachem Widerstande. Ostalric ergab sich auf die erste Aufforderung.
Barcelona würde aller Wahrscheinlichkeit nach auch gefallen sein, hätten
die französischen Admiräle nicht erfahren, daß der Sieger von La Hogue
sich nähere. Sie verließen sogleich die Küste von Catalonien und hielten
sich nicht eher für sicher, als bis sie unter dem Schutze der Batterien
von Toulon waren.

Die spanische Regierung sprach ihren warmen Dank für diesen
rechtzeitigen Beistand aus und machte dem englischen Admiral einen Juwel
zum Geschenk, dessen Werth allgemein auf zwanzigtausend Pfund Sterling
geschätzt wurde. Es hielt nicht schwer, einen solchen Juwel unter der
Masse kostbarer Kleinodien zu finden, welche Karl V. und Philipp II.
einem entarteten Geschlecht hinterlassen hatten. In Allem, was den
wahren Reichthum eines Staates bildet, war jedoch Spanien sehr arm.
Seine Schatzkammer war leer, seine Arsenale waren nicht gefüllt, seine
Schiffe waren so verfallen, daß sie bei dem Abfeuern ihrer eigenen
Geschütze aus den Fugen zu gehen drohten. Seine zerlumpten und
verhungerten Soldaten mischten sich oft unter den Bettlerschwarm an den
Thüren der Klöster und schlugen sich da um eine Suppe und eine
Brotrinde. Russell erfuhr die Prüfungen, denen kein englischer
Befehlshaber entgangen ist, den sein Unstern dazu verurtheilte, in
Verbindung mit Spanien zu operiren. Der Vicekönig von Catalonien
versprach Viel, that Nichts und erwartete Alles. Er erklärte, daß
dreihundertfunfzigtausend Rationen zur Vertheilung an die vor Carthagena
liegende Flotte bereit seien. Es ergab sich jedoch, daß alle Magazine
dieses Hafens nicht soviel Lebensmittel enthielten, um eine einzige
Fregatte auf eine einzige Woche zu verproviantiren. Gleichwohl glaubte
Se. Excellenz das Recht zu haben, sich darüber zu beschweren, daß
England außer der Flotte nicht auch eine Armee geschickt habe, und daß
der ketzerische Admiral es nicht für gut fand, die Flotte durch
Angreifen der Franzosen unter den Kanonen von Toulon der gänzlichen
Vernichtung auszusetzen. Russell beschwor die spanischen Behörden, die
Thätigkeit auf ihren Schiffswerften zu beschleunigen und Alles
aufzubieten, um für nächstes Frühjahr ein kleines Geschwader zu stellen,
das wenigstens seetüchtig sei; aber er konnte sie nicht dazu bewegen,
ein einziges Schiff auszubessern. Nur mit Mühe und unter harten
Bedingungen erlangte er die Erlaubniß, einige seiner Kranken in die
Marinehospitäler an der Küste zu schicken. Doch trotz aller
Verlegenheiten, die ihm die Bornirtheit und Undankbarkeit einer
Regierung bereitete, welche ihren Alliirten jederzeit mehr Schaden
zugefügt hat als ihren Feinden, machte er seine Sache gut. Es ist nicht
mehr als recht und billig, wenn man sagt, daß von dem Augenblicke an, wo
er erster Lord der Admiralität wurde, eine entschiedene Besserung in der
Marineverwaltung eintrat. Obgleich er mit seiner Flotte viele Monate
lang in der Nähe einer ungastlichen Küste und in weiter Entfernung von
England lag, kamen keine Klagen über die Qualität oder Quantität der
Lebensmittel vor. Die Mannschaften hatten bessere Speisen und Getränke,
als sie je zuvor gehabt; Bequemlichkeiten, welche Spanien nicht darbot,
wurden vom Hause herbeigeschafft, und dennoch war der Kostenaufwand
nicht größer als zu Torrington's Zeiten, wo der Matrose mit verfaultem
Zwieback und mit verdorbenem Biere vergiftet wurde.

Da fast die ganze französische Seemacht im Mittelländischen Meere war
und da zu erwarten stand, daß in folgendem Jahre ein Versuch auf
Barcelona gemacht werden würde, so erhielt Russell den Befehl, in Cadix
zu überwintern. Im October segelte er nach diesem Hafen ab und hier
betrieb er die Ausbesserung seiner Schiffe mit einer Thätigkeit, die den
spanischen Beamten, welche die elenden Ueberreste der einst größten
Flotte der Welt ruhig vor ihren Augen verfaulen ließen, unbegreiflich
war.[117]


[_Krieg zu Lande._] Längs der östlichen Grenze Frankreich's schien der
Krieg dieses Jahr lässig betrieben zu werden. In Piemont und am Rhein
waren die wichtigsten Ereignisse des Feldzugs kleine Scharmützel und
räuberische Einfälle. Ludwig blieb in Versailles und schickte seinen
Sohn, den Dauphin, in die Niederlande, um ihn dort zu repräsentiren;
aber der Dauphin stand unter der Vormundschaft Luxemburg's und er erwies
sich als ein sehr folgsames Mündel. Mehrere Monate lang beobachteten die
feindlichen Heere einander nur. Die Verbündeten versuchten einen kühnen
Angriff in der Absicht, den Krieg auf französisches Gebiet zu
übertragen; Luxemburg aber vereitelte den Plan durch einen Eilmarsch,
der die Bewunderung aller Kriegskundigen erregte. Dagegen gelang es
Wilhelm, Huy zu nehmen, damals eine Festung dritten Ranges. Keine
Schlacht ward geliefert, keinige wichtige Stadt ward belagert, aber die
Verbündeten waren mit dem Feldzuge zufrieden. Die vier letztverflossenen
Jahre waren jedes durch eine große Niederlage bezeichnet worden. Im
Jahre 1690 war Waldeck bei Fleurus geschlagen worden. Im Jahre 1691 war
Mons gefallen. Im Jahre 1692 war Namur vor den Augen der Alliirten
genommen worden und auf dieses Unglück war bald die Niederlage bei
Steenkerke gefolgt. Im Jahre 1693 war die Schlacht bei Landen verloren
worden und Charleroy hatte sich dem Sieger unterworfen. Endlich im Jahre
1694 hatte sich das Blatt zu wenden begonnen. Die französischen Armeen
hatten keine weiteren Fortschritte gemacht. Die Verbündeten hatten zwar
nicht viel gewonnen; aber den durch eine lange Reihe von Unfällen
Entmuthigten war auch der kleinste Gewinn willkommen.

In England war man allgemein der Ansicht, daß trotz der Niederlage in
der Camaretbai der Krieg im Ganzen einen befriedigenden Verlauf nehme.
Aber einige Zweige der inneren Verwaltung erregten während dieses
Herbstes viel Unzufriedenheit.


[_Klagen über Trenchard's Verwaltung._] Seit Trenchard's Ernennung zum
Staatssekretär hatten die jakobitischen Agitatoren ihre Lage viel
unerquicklicher gefunden als vorher. Sidney war viel zu nachsichtig und
viel zu vergnügungssüchtig gewesen, als daß er ihnen viel Grund zu
Besorgniß hätte geben sollen. Nottingham war ein fleißiger und
geschickter Minister, aber er war ein so entschiedener Hochtory wie ein
treuer Unterthan Wilhelm's und Marien's es nur sein konnte; er liebte
und achtete viele von den Eidverweigerern, und wenn er sich auch zwang,
da streng zu sein wo nur Strenge den Staat retten konnte, so beobachtete
er doch nicht zu ängstlich die Vergehen seiner ehemaligen Freunde;
ebensowenig ermuthigte er die Angeber, mit Anzeigen von Verschwörungen
nach Whitehall zu kommen. Trenchard aber war nicht nur ein thätiger
Minister, sondern auch ein eifriger Whig. Selbst wenn er für seine
Person zur Milde geneigt gewesen wäre, würde er durch seine Umgebungen
zur Strenge getrieben worden sein. Er hatte beständig Hugo Speke und
Aaron Smith zur Seite, zwei Männer, denen eine Jagd auf einen Jakobiten
das reizendste aller Sportvergnügen war. Die Unzufriedenen sagten,
Nottingham habe seine Bluthunde an der Leine gehalten, Trenchard aber
habe sie losgelassen. Jeder rechtschaffene Gentleman, der die Kirche
liebe und die Holländer hasse, schwebe in Lebensgefahr. Es sei ein
beständiges Gewühl im Bureau des Sekretärs, ein fortwährendes Ab- und
Zuströmen von ankommenden Denuncianten und mit Verhaftsbefehlen
abgehenden Boten. Es wurde ferner gesagt, die Verhaftsbefehle seien oft
regelwidrig abgefaßt, weder die Person noch das Verbrechen sei darin
genau bezeichnet und doch würden unter der Autorität solcher Instrumente
Privatwohnungen betreten, Pulte und Zimmer durchsucht, werthvolle
Papiere weggenommen und Männer von guter Herkunft und Erziehung ins
Gefängniß mitten unter gemeine Verbrecher geworfen.[118]

Der Minister und seine Agenten antworteten darauf, daß Westminster Hall
offen stehe, daß, wenn Jemand unrechtmäßigerweise verhaftet worden sei,
er nur seine Beschwerde einzureichen brauche; daß die Juries gerade
bereit genug seien, Jeden anzuhören, der von grausamen und
gewaltthätigen Machthabern tyrannisirt worden zu sein behaupte, und daß,
da keiner der Gefangenen, deren angeblich erlittene Unbilden so
ergreifend geschildert würden, es gewagt habe, zu diesem naheliegenden
und einfachen Mittel, Genugthuung zu erlangen, gegriffen habe, man
füglich annehmen dürfe, daß nichts geschehen sei, was sich nicht
rechtfertigen lasse. Das Geschrei der Unzufriedenen machte jedoch einen
bedeutenden Eindruck auf das Volk, und endlich zog ein Vorfall, bei
welchem Trenchard mehr unglücklich als strafbar war, ihm und seiner
Regierung viel zeitweilige Vorwürfe zu.


[_Die gerichtlichen Verfolgungen in Lancashire._] Unter den Angebern,
die sein Bureau belagerten, befand sich ein irischer Abenteurer, der
schon mehr als einen Namen geführt und sich zu mehr als einem Glauben
bekannt hatte. Gegenwärtig nannte er sich Taaffe. Er war Priester der
römisch-katholischen Kirche und Sekretär des päpstlichen Nuntius Adda
gewesen, war aber nach der Revolution Protestant geworden, hatte
geheirathet und sich durch seine Thätigkeit bei Entdeckung des
heimlichen Eigenthums derjenigen Jesuiten und Benedictiner
ausgezeichnet, die sich unter der vorigen Regierung in London
aufhielten. Die Minister verachteten ihn, aber sie benutzten ihn. Sie
glaubten, daß er durch seine Apostasie und durch den Antheil, den er an
der Beraubung der geistlichen Orden genommen, sich jeden Rückzug
abgeschnitten habe und daß er dem König Wilhelm treu sein müsse, da er
vom König Jakob nichts als den Strang zu erwarten habe.[119]

Dieser Mann machte die Bekanntschaft eines jakobitischen Agenten, Namens
Lunt, der seit der Revolution zu wiederholten Malen unter der
mißvergnügten Gentry von Cheshire und Lancashire gebraucht worden und
der in die Insurrectionspläne eingeweiht gewesen war, welche durch die
Schlacht am Boyne 1690 und durch die Schlacht von La Hogue 1692
vereitelt wurden. Lunt war einmal als des Hochverraths verdächtig
eingezogen, aus Mangel an juristischem Beweise für seine Schuld aber von
der Anklage entbunden werden. Er war ein bloßer Söldling und wurde von
Taaffe mit leichter Mühe bewogen, zum Angeber zu werden. Das Paar ging
zu Trenchard. Lunt erzählte seine Geschichte, nannte die Namen einiger
Squires von Cheshire und Lancashire, denen er Ernennungspatente von
Saint-Germains überbracht haben wollte, und die einiger anderen, von
denen er zu wissen vorgab, daß sie im Geheimen Waffen und Munition
aufhäuften. Sein einfacher Eid würde nicht genügt haben, um einer
Hochverrathsanklage Halt zu geben; aber er stellte einen andren Zeugen,
dessen Aussagen die Anklage zu ergänzen schienen. Die Erzählung klang
wahrscheinlich und hatte Zusammenhang, und wenn sie auch durch eigene
Erfindungen ausgeschmückt sein mochte, so kann es doch kaum einem
Zweifel unterliegen, daß sie in der Hauptsache richtig war.[120] Es
wurden Agenten und Haussuchungsbefehle nach Lancashire geschickt. Aaron
Smith ging selbst hin und Taaffe begleitete ihn. Einige der zahlreichen
Verräther, welche Wilhelm's Brot aßen, hatten jedoch bereits das
Alarmzeichen gegeben; ein Theil der Angeschuldigten war geflohen, und
Andere hatten ihre Säbel und Flinten vergraben und ihre Papiere
verbrannt. Indessen machte man doch Entdeckungen, welche Lunt's Aussagen
bestätigten. Hinter dem Wandgetäfel des alten Schlosses einer
römisch-katholischen Familie wurde ein von Jakob unterzeichnetes Patent
gefunden. Ein andres Haus, dessen Besitzer sich aus dem Staube gemacht
hatte, wurde trotz der feierlichen Versicherungen seiner Gattin und
seiner Dienerschaft, daß keine Waffen darin verborgen seien, genau
durchsucht. Während die Dame, mit der Hand auf dem Herzen, auf ihre Ehre
betheuerte, daß ihr Gatte fälschlich angeklagt sei, bemerkten die Boten,
daß die hintere Wand des Kamins nicht gut befestigt zu sein schien. Die
Bekleidung wurde losgerissen und ein Haufen Klingen, wie sie bei der
Reiterei in Gebrauch waren, fiel heraus. In einer der Bodenkammern fand
man sorgfältig eingemauert, dreißig Pferdesättel, eben so viele
Brustharnische und sechzig Cavalleriesäbel. Trenchard und Aaron Smith
hielten die aufgefundenen Schuldbeweise für genügend und es wurde
beschlossen daß diejenigen Angeklagten, welche ergriffen worden waren,
durch eine Specialcommission in Untersuchung gezogen werden
sollten.[121]

Taaffe erwartete nun mit Bestimmtheit, daß er für seine Dienste belohnt
werden würde; aber er fand einen kalten Empfang im Schatzamte. Er war
hauptsächlich deshalb nach Lancashire gegangen, weil er hoffte, dort
unter dem Schutze einer Durchsuchungsvollmacht Geschmeide und Goldstücke
aus geheimen Fächern entwenden zu können. Seine Fingerfertigkeit war
aber den Blicken seiner Begleiter nicht ganz verborgen geblieben. Sie
waren dahinter gekommen, daß er sich die Abendmahlsgeschirre der
papistischen Familien, deren Privatschätze er hatte durchstöbern helfen,
zugeeignet hatte. Als er daher um eine Belohnung bat, wurde er nicht nur
mit einer abschlägigen Antwort, sondern mit einem strengen Verweise
abgefertigt. Er entfernte sich rasend vor Geldgier und Aerger. Es gab
noch einen Weg, auf dem er sowohl Geld als Rache erlangen konnte, und
diesen Weg schlug er ein. Er machte den Freunden der Angeklagten
Anerbietungen. Er, und er allein könne das was er gethan habe wieder
rückgängig machen, könne die Angeklagten vom Galgen retten, könne die
Ankläger mit Schande bedecken, könne den Staatssekretär und den
Staatsprokurator, welche der Schrecken aller Freunde König Jakob's
seien, aus dem Amte vertreiben. So widerwärtig Taaffe den Jakobiten auch
war, sein Anerbieten war nicht zu verachten. Er erhielt eine Summe
Geldes, die Zusicherung einer anständigen Leibrente, wenn das Geschäft
abgethan sein würde, und er wurde in die Provinz geschickt und bis zum
Tage der Gerichtsverhandlungen in strenger Abgeschiedenheit
gehalten.[122]

Unterdessen wurden uncensirte Flugschriften, in denen das Complot von
Lancashire mit Oates' Complot, mit Dangerfield's Complot, mit Fuller's
Complot, mit Young's Complot, mit Whitney's Complot in eine Kategorie
gestellt war, durch das ganze Land, und ganz besonders in der
Grafschaft, welche die Jury zu liefern hatte, verbreitet. Das
ausführlichste, geschickteste und heftigste von diesen Pamphlets,
betitelt: +A Letter to Secretary Trenchard+, wurde allgemein Ferguson
zugeschrieben. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß Ferguson einen
Theil des Materials geliefert und das Manuscript zum Druck befördert
hat. Viele Stellen aber sind in einer so gewandten und kräftigen Sprache
geschrieben, wie sie ihm sicherlich nicht zu Gebote stand. Diejenigen,
welche nach innerem Beweise urtheilen, werden vielleicht in einigen
Theilen dieser bedeutsamen Schrift, das letzte Aufblitzen des boshaften
Genie's Montgomery's zu erkennen glauben. Wenige Wochen nach seinem
Erscheinen sank der »Brief« ungeehrt und unbedauert ins Grab.[123]

Es gab damals außer der London Gazette keine gedruckten Zeitungen. Seit
der Revolution aber war der Neuigkeitsbrief ein wichtigeres politisches
Werkzeug geworden als er vorher gewesen. Die Neuigkeitsbriefe eines
Schriftstellers Namens Dyar circulirten weit und breit im Manuscript. Er
gerirte sich als einen Tory und Hochkirchlichen und galt deshalb bei den
fuchsjagenden Gutsherren im ganzen Königreich für ein Orakel. Er hatte
schon zweimal im Gefängniß gesessen, aber seine Einnahmen hatten seine
Leiden mehr als aufgewogen und er beharrte noch immer darin, seine
Mittheilungen nach dem Geschmacke der Landgentlemen zu würzen. Jetzt zog
er das Complot von Lancashire ins Lächerliche, erklärte, daß die
aufgefundenen Gewehre alte Vogelflinten, daß die Sättel bloß für
Jagdpferde bestimmt und daß die Säbel verrostete Reliquien von Edge Hill
und Marston Moore gewesen seien.[124]

Alle diese Schmähungen und Sarkasmen scheinen einen großen Eindruck auf
das Publikum gemacht zu haben. Selbst bei der holländischen
Gesandtschaft, wo gewiß von einer Hinneigung zum Jakobitismus keine Rede
war, herrschte die entschiedene Meinung vor, daß es unklug sein würde,
den Gefangenen den Prozeß zu machen. In Lancashire und Cheshire waren
die überwiegenden Gefühle Mitleid mit den Angeklagten und Haß gegen die
Verfolger. Die Regierung beharrte jedoch in ihrem Vorhaben. Im October
gingen vier Richter nach Manchester ab. Gegenwärtig besteht die
Bevölkerung dieser Stadt aus Leuten, die in allen Theilen der
britischen Inseln geboren sind, und hat daher keine speciellen
Sympathien für die Grundbesitzer, Pächter und Landleute der benachbarten
Districte. Im 17. Jahrhundert aber war der Bewohner von Manchester auch
ein Angehöriger von Lancashire, und seine politischen Ansichten waren
die seiner Grafschaft. Er hegte vor den alten Cavalierfamilien seiner
Provinz eine hohe Achtung und war wüthend, wenn er daran dachte, daß ein
Theil des besten Blutes seiner Grafschaft durch ein paar rundköpfige
Rabulisten aus London vergossen werden sollte. Massen von Menschen aus
den umliegenden Ortschaften füllten die Straßen der Stadt und sahen mit
Schmerz und Unwillen die Reihen gezogener Säbel und geladener Carabiner,
welche die Angeklagten umgaben. Aaron Smith scheint seine Anordnungen
nicht mit besonderem Geschick getroffen zu haben. Der erste Kronanwalt
war Sir William Williams, der trotz seiner vorgerückten Jahre und seines
großen Vermögens noch immer prakticirte. Ein Fehler hatte auf den
letzten Theil seines Lebens einen dunklen Schatten geworfen. Die
Erinnerung an den Tag, an welchem er sich in Westminster Hall unter
Gelächter und Hohngeschrei erhoben hatte, um das Dispensationsrecht zu
vertheidigen und das Petitionsrecht anzugreifen, hatte ihn seit der
Revolution von allen Ehrenstellen ausgeschlossen. Er war ein galliger,
in seinen Hoffnungen getäuschter Mann und durchaus nicht geneigt, sich
im Interesse einer Regierung, der er nichts verdankte und von der er
nichts zu erwarten hatte, unpopulär zu machen.

Es ist keine ausführliche Darstellung der Gerichtsverhandlungen auf uns
gekommen; doch besitzen wir sowohl eine whiggistische als auch eine
jakobitische Erzählung.[125] Wie es scheint wollten die Gefangenen,
gegen welche die Untersuchung zuerst vorgenommen wurde, sich nicht
einzeln vertheidigen lassen, und sie wurden daher zusammen prozessirt.
Williams verhörte seine eigenen Zeugen mit einer Strenge, die sie in
Verlegenheit setzte. Die Zuschauermenge, welche den Gerichtssaal füllte,
lachte und schrie. Besonders Lunt kam gänzlich aus der Fassung,
verwechselte die Personen, und sammelte sich erst dann wieder, als die
Richter ihn den Händen des Kronanwalts entzogen. Für einige der
Angeklagten wurde ein Alibi constatirt. Auch wurde durch Zeugen
bewiesen, was eine unzweifelhafte Wahrheit war, daß Lunt ein Mensch von
verworfenem Character sei. Der Ausgang schien jedoch zweifelhaft, bis
Taaffe zum Schrecken der Ankläger in die Zeugenloge trat. Er schwur mit
frecher Stirn, daß die ganze Complotgeschichte eine von ihm und Lunt
ersonnene umständliche Lüge sei. Williams warf seine Anklageschrift zu
Boden, und in der That, auch ein ehrenwertherer Advokat würde das
Nämliche gethan haben. Die vor der Schranke stehenden Gefangenen wurden
sofort freigesprochen, die noch nicht in Untersuchung gezogenen wurden
in Freiheit gesetzt, die Belastungszeugen wurden mit Schimpf und Schande
aus Manchester hinausgetrieben, der Greffier der Krone kam eben noch mit
dem Leben davon und die Richter zogen unter Hohn und Verwünschungen ab.


[_Zusammentritt des Parlaments._] Wenige Tage nach dem Schlusse der
Untersuchungen in Manchester kehrte Wilhelm nach England zurück.
Am 12. November, nur achtundvierzig Stunden nach seiner Ankunft in
Kensington, traten die Häuser zusammen. Er beglückwünschte sie wegen
des verbesserten Standes der Dinge. Sowohl zu Lande als zur See seien
die Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres im Ganzen genommen den
Verbündeten günstig gewesen; die französischen Armeen hätten keine
Fortschritte gemacht, die französischen Flotten hätten sich nicht zu
zeigen gewagt; dessenungeachtet aber könne ein sicherer und ehrenvoller
Friede nur durch kräftige Fortführung des Kriegs erlangt werden, und
der Krieg könne ohne große Geldmittel nicht nachdrücklich fortgesetzt
werden. Wilhelm erinnerte sodann die Gemeinen, daß die Acte, durch
die sie der Krone auf vier Jahre das Tonnen- und Pfundgeld bewilligt,
ihrem Erlöschen nahe sei, und sprach die Hoffnung aus, daß sie erneuert
werden würde.


[_Tillotson's Tod._] Nachdem der König gesprochen hatte, vertagten sich
die Gemeinen aus einem Grunde, den kein Schriftsteller erörtert hat, auf
eine Woche. Ehe sie sich wieder versammelten, trat ein Ereigniß ein, das
im Palaste und in allen Reihen der Niederkirchenpartei große Betrübniß
verursachte. Tillotson wurde plötzlich krank, während er in der Kapelle
von Whitehall dem Gottesdienste beiwohnte. Rasche Hülfe hätte ihn
vielleicht retten können; aber er wollte die Gebete nicht unterbrechen
und nach beendigtem Gottesdienste war seine Krankheit durch die
Heilkunst nicht mehr zu heben. Er war fast gänzlich der Sprache beraubt;
aber seine Freunde erinnerten sich noch lange mit Vergnügen einiger
abgebrochener Ausrufe, welche bewiesen, daß er sich bis zum letzten
Augenblicke eines ungetrübten Seelenfriedens erfreute. Er wurde in der
Kirche Saint Lawrence Jewry unweit Guildhall beigesetzt. In dieser
Kirche hatte er sich seinen glänzenden Ruf als Kanzelredner erworben.
Hier hatte er während der dreißig Jahre gepredigt, die seiner Erhebung
auf den Thron von Canterbury vorangingen. Seine Beredtsamkeit hatte
Massen von Gelehrten und Gebildeten aus den Inns of Court und aus den
Palästen von St. James und Soho ins Herz der City gezogen. Ein
ansehnlicher Theil seiner Zuhörerschaft hatte in der Regel aus jungen
Geistlichen bestanden, welche kamen, um zu den Füßen des Mannes, der
allgemein für den ersten Kanzelredner galt, die Kunst des Predigens zu
erlernen. Nach dieser Kirche wurde jetzt seine irdische Hülle durch eine
trauernde Bevölkerung getragen. Der Bahre folgte ein endloser Zug
glänzender Equipagen vom Lambeth durch Southwark und über die
Londonbrücke. Burnet hielt die Leichenrede. Auf sein weiches und braves
Herz stürmten so viel rührende Erinnerungen ein, daß er mitten in seinem
Vortrage innehielt und in Thränen ausbrach, während ein lautes Gemurmel
des Schmerzes durch die ganze Versammlung lief. Die Königin konnte von
ihrem Lieblingslehrer nicht ohne Thränen sprechen. Selbst Wilhelm war
sichtbar ergriffen. »Ich habe,« sagte er, »den besten Freund verloren,
den ich je gehabt, und den besten Menschen, den ich je gekannt.« Der
einzige Engländer, der in jedem der zahlreichen Briefe, welche der König
an Heinsius schrieb, mit Wohlwollen erwähnt wird, ist Tillotson. Der
Erzbischof hatte eine Wittwe hinterlassen. Wilhelm setzte ihr ein
Jahrgeld von vierhundert Pfund aus, das er später auf sechshundert Pfund
erhöhte. Seine ängstliche Fürsorge, daß sie ihre Pension regelmäßig und
ohne Verzögerungen ausgezahlt erhielt, machte ihm alle Ehre. Zu jedem
Quartaltermin ließ er sich das Geld ohne jeden Abzug bringen und
schickte es ihr selbst direct zu. Tillotson hatte ihr außer einer großen
Anzahl Predigten in Manuscript kein Vermögen hinterlassen. Sein Name war
bei seinen Zeitgenossen so berühmt, daß diese Predigten von den
Buchhändlern für die kaum glaubliche Summe von zweitausendfünfhundert
Guineen angekauft wurden, was bei der damaligen kläglichen
Beschaffenheit des Silbergeldes mindestens soviel war als
dreitausendsechshundert Pfund. Ein solcher Preis war in England noch nie
für das Verlagsrecht eines Werks bezahlt worden. Um die nämliche Zeit
erhielt Dryden, dessen Ruhm damals auf dem Höhepunkt war, für seine
Uebersetzung der sämmtlichen Werke Virgil's dreizehnhundert Pfund, und
man hielt dies für ein glänzendes Honorar.[126]


[_Tenison, Erzbischof von Canterbury._] Es war nicht leicht, die hohe
Stelle, welche durch Tillotson's Tod zur Erledigung gekommen war, in
zufriedenstellender Weise zu besetzen. Marie stimmte für Stillingfleet
und betrieb seine Ansprüche so nachdrücklich, wie sie überhaupt je etwas
zu betreiben wagte. In Bezug auf Talente und Kenntnisse waren ihm wenige
Mitglieder der Geistlichkeit überlegen. Aber obgleich er von Jane und
South wahrscheinlich als ein Niederkirchlicher betrachtet worden wäre,
so war er doch Wilhelm noch zu hochkirchlich, und daher wurde Tenison
ernannt. Der neue Primas war zwar kein besonders ausgezeichneter
Kanzelredner oder Gelehrter, aber er war rechtschaffen, besonnen,
fleißig und wohlwollend; er war ein guter Rector eines großen
Kirchspiels und ein guter Bischof einer großen Diöcese gewesen; die
Verleumdung hatte seinen Namen noch nicht begeifert, und man durfte wohl
hoffen, daß ein Mann von gesundem Verstande, Mäßigung und
Rechtschaffenheit die schwierige Aufgabe, eine mißvergnügte und
zerrissene Kirche zu beruhigen, mit besserem Erfolge lösen werde, als
ein Mann von glänzendem Genie und hochfliegendem Sinne.

Inzwischen hatten die Gemeinen ihre Geschäfte begonnen. Sie bewilligten
freudig ungefähr zwei Millionen vierhunderttausend Pfund für die Armee
und eben so viel für die Flotte. Die Grundsteuer wurde für das nächste
Jahr abermals auf vier Shilling vom Pfunde festgesetzt; die
Tonnengeldacte wurde auf fünf Jahre erneuert und ein Fond gegründet, auf
den die Regierung zwei und eine halbe Million aufnehmen durfte.


[_Debatten über die gerichtlichen Verfolgungen in Lancashire._] In
beiden Häusern wurde einige Zeit auf die Discutirung der
Manchesterprozesse verwendet. Wären die Mißvergnügten klug gewesen, so
würden sie sich mit dem schon errungenen Vortheile begnügt haben. Ihre
Freunde waren in Freiheit gesetzt worden. Die Engländer waren mit Mühe
einer wüthenden Menge entronnen. Der Ruf der Regierung war bedeutend
erschüttert. Die Minister wurden in Prosa und in Versen, bald im Ernst,
bald im Scherz beschuldigt, eine Bande Schurken gemiethet zu haben, um
durch meineidige Aussagen achtbare Gentlemen an den Galgen zu bringen.
Selbst gemäßigte Politiker, welche diesen niederträchtigen
Beschuldigungen keinen Glauben schenkten, gaben zu, daß Trenchard sich
den Schurkereien Fuller's und Young's hätte erinnern und gegen solche
Elende wie Taaffe und Lunt auf seiner Hut sein sollen. Die Gesundheit
und der Lebensmuth des unglücklichen Sekretärs hatten gelitten. Man
sagte, daß er dem Grabe entgegenwanke, und es war gewiß, daß er nicht
lange mehr die Siegel führen werde. Die Tories hatten einen großen Sieg
gewonnen, aber in ihrem Eifer, denselben zu benutzen, verwandelten sie
ihn in eine Niederlage.

Bald nach Eröffnung der Session beschwerte sich Howe mit seiner
gewohnten Heftigkeit und Bitterkeit über die Unwürdigkeiten, denen
schuldlose und ehrenwerthe Männer von hoher Geburt und hohem Ansehen
durch Aaron Smith und die von ihm bezahlten Schurken unterworfen worden
seien. Die Whighäupter verlangten mit richtigem Takte eine Untersuchung.
Jetzt begannen die Tories Ausflüchte zu machen, denn sie wußten wohl,
daß eine Untersuchung ihrer Sache nur schaden konnte. Der Fall, sagten
sie, sei untersucht worden, eine Jury habe ihr Verdict abgegeben, das
Verdict sei ein definitives gewesen, und es würde monströs sein, wollte
man den falschen Zeugen, welche mit Steinwürfen aus Manchester getrieben
worden, Gelegenheit geben, ihr eingelerntes Pensum zu wiederholen. Die
Antwort auf dieses Argument lag sehr nahe. Das Verdict war ein
definitives in Bezug auf die Angeklagten, nicht aber in Bezug auf die
Ankläger. Die Ankläger waren jetzt ihrerseits Angeklagte und hatten
Anspruch auf alle Rechte Angeklagter. Daraus, daß die Gentlemen von
Lancashire des Hochverraths nicht schuldig befunden worden waren und
dies ganz angemessener Weise, folgte noch nicht, daß der Staatssekretär
oder der Prokurator des Schatzes sich der Parteilichkeit oder auch nur
der Uebereilung schuldig gemacht hatten. Das Haus beschloß mit
hundertneunzehn gegen hundertzwei Stimmen, daß Aaron Smith und die
beiderseitigen Zeugen vorgeladen werden sollten. Mehrere Tage vergingen
unter Verhören und Kreuzverhören und die Sitzungen dauerten zuweilen bis
spät in die Nacht. Es wurde bald klar, daß die Anklage nicht ganz
grundlos und daß einige der freigesprochenen Personen wirklich bei
hochverrätherischen Plänen betheiligt gewesen waren. Die Tories würden
sich jetzt mit einer unentschiedenen Schlacht begnügt haben; aber die
Whigs waren nicht gemeint, ihren Vortheil aus der Hand zu geben. Es
wurde beantragt, daß hinreichender Grund zu dem Prozeßverfahren vor der
Specialcommission vorhanden gewesen sei, und dieser Antrag ging ohne
Abstimmung durch. Die Opposition schlug die Einschaltung einiger Worte
vor, welche erklärten, daß die Kronzeugen falsch geschworen hätten; aber
diese Worte wurden mit hundertsechsunddreißig gegen hundertneun Stimmen
verworfen, und mit hundertdreißig gegen siebenundneunzig Stimmen
resolvirt, daß eine gefährliche Verschwörung existirt habe. Die Lords
hatten währenddem denselben Gegenstand berathen und waren zu
dem nämlichen Schlusse gelangt. Sie schickten Taaffe wegen
Wahrheitsverdrehung ins Gefängniß und nahmen Beschlüsse an, welche
sowohl die Regierung als auch die Richter von jedem Tadel freisprachen.
Das Publikum blieb jedoch nach wie vor der Ueberzeugung, daß die in
Manchester zur Untersuchung gezogenen Personen ohne Grund verfolgt
worden seien, bis ein jakobitisches Complot von empörender
Abscheulichkeit, dessen die Verschwörer durch entscheidende Beweise
überführt wurden, einen heftigen Rückschlag der öffentlichen Meinung
herbeiführte.[127]

Unterdessen waren drei Bills, welche in früheren Jahren wiederholt
berathen und von denen zwei vergebens am Fuße des Throns überreicht
worden waren, aufs Neue eingebracht worden: die Stellenbill, die Bill
zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen, und die
Dreijährigkeitsbill.


[_Die Stellenbill._] Die Stellenbill kam nicht vor die Lords. Sie wurde
im Unterhause dreimal gelesen, aber nicht angenommen. Noch im
letzten Augenblicke wurde sie mit hundertfünfundsiebzig gegen
hundertzweiundvierzig Stimmen verworfen. Howe und Harley waren
Stimmenzähler für die Minorität.[128]


[_Die Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen._] Die
Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen kam auch
diesmal wieder vor die Peers. Wiederum fügten Ihre Lordschaften ihr die
Klausel bei, die ihr früher verderblich geworden war, und wiederum
weigerten sich die Gemeinen, der erblichen Aristokratie irgend ein neues
Vorrecht einzuräumen. Es wurden wieder Conferenzen gehalten und Gründe
ausgetauscht; beide Häuser waren wieder hartnäckig, und die Bill fiel
abermals.[129]


[_Die Dreijährigkeitsbill angenommen._] Die Dreijährigkeitsbill war
glücklicher. Sie wurde am ersten Tage der Session eingebracht und ging
leicht und rasch durch beide Häuser. Die einzige Frage, über welche sich
ein ernsthafter Streit entspann, war die, wie lange das gegenwärtige
Parlament fortbestehen solle. Nach mehreren lebhaften Debatten wurde der
November des Jahres 1696 als der äußerste Termin festgesetzt. Die
Tonnengeldbill und die Dreijährigkeitsbill hielten fast gleichen Schritt
mit einander. Beide waren am 22. December bereit, die königliche
Genehmigung zu empfangen. Wilhelm kam an diesem Tage mit feierlichem
Gepränge nach Westminster. Die Mitglieder beider Häuser waren in großer
Zahl anwesend. Als der Kronsekretär die Worte ablas: »Eine Bill zur
häufigen Einberufung und Versammlung der Parlamente« war die Spannung
groß. Als der Sekretär des Parlaments antwortete: +»Le roy et la royne
le veulent«+ lief ein lautes und langanhaltendes Gemurmel des Vergnügens
und Frohlockens durch die Bänke und die Schranke.[130] Wilhelm hatte
schon seit vielen Monaten beschlossen, einem so populären Gesetze nicht
zum zweiten Male seine Genehmigung zu verweigern.[131] Manche waren
jedoch der Meinung, daß er ein so großes Zugeständniß nicht gemacht
haben würde, wenn er an diesem Tage ganz er selbst gewesen wäre. Es war
in der That deutlich zu sehen, daß er ungewöhnlich aufgeregt und
angegriffen war. Man hatte angekündigt, er werde in Whitehall öffentlich
speisen. Aber er ließ die Neugierde der Menge, welche bei solchen
Gelegenheiten nach Hofe strömte, unbefriedigt und eilte nach Kensington
zurück.[132]


[_Tod Mariens._] Er hatte nur zu guten Grund, aufgeregt zu sein. Seine
Gemahlin war seit einigen Tagen unwohl und am vorhergehenden Abend
hatten sich bedenkliche Symptome gezeigt. Sir Thomas Millington, der
Leibarzt des Königs, glaubte, sie habe die Masern. Radcliffe aber, der
sich trotz seines unfeinen Benehmens und seiner geringen
Büchergelehrsamkeit hauptsächlich durch seine seltene Geschicklichkeit
in der Diagnostik die ausgebreitetste Praxis in London erworben hatte,
sprach das bedenklichere Wort Pocken aus. Diese Krankheit, über welche
die Wissenschaft seitdem eine Reihe ruhmvoller und wohlthätiger Siege
errungen hat, war damals die furchtbarste aller Dienerinnen des Todes.
Die Pest hatte die Menschen rascher hingerafft, aber sie hatte unsere
Küsten seit Menschengedenken nur ein- oder zweimal heimgesucht; die
Pocken hingegen herrschten beständig, füllten die Friedhöfe mit Leichen,
quälten Alle, die sie noch nicht gehabt hatten, mit einer fortwährenden
Angst, ließen an Denen, deren Leben sie verschonten, die abschreckenden
Spuren ihrer Macht zurück, verwandelten den Säugling in ein häßliches
Geschöpf, vor dem die Mutter zurückschauderte, und machten die Augen und
Wangen der Braut zu Gegenständen des Abscheus für den Geliebten. Gegen
das Ende des Jahres 1694 wüthete diese Seuche mit mehr als gewöhnlicher
Bösartigkeit. Endlich verbreitete sich die Epidemie auch in den Palast
und ergriff die junge blühende Königin. Sie vernahm die Ankündigung der
ihr drohenden Gefahr mit wahrer Seelengröße. Sie gab Befehl, daß jede
ihrer Hofdamen, jedes ihrer Ehrenfräuleins, ja selbst jeder niedere
Dienstbote, der die Pocken noch nicht gehabt, Kensington House sofort
verlassen solle. Sie schloß sich auf kurze Zeit in ihr Zimmer ein,
verbrannte einige Papiere, ordnete andere und erwartete dann gefaßt ihr
Schicksal.

Einige Zeit wechselten Hoffnung und Besorgniß häufig mit einander ab.
Die Aerzte widersprachen einander und sich selbst in einer Weise, welche
den damaligen Stand der Heilkunst deutlich verräth. Bald sollte die
Krankheit die Masern, bald das Scharlachfieber, bald das Fleckfieber,
bald der Rothlauf sein. Einmal wurden einige Symptome, welche gerade
bewiesen, daß der Zustand der Patientin hoffnungslos war, als Zeichen
der wiederkehrenden Gesundheit begrüßt. Endlich war jeder Zweifel
vorüber. Radcliffe's Ausspruch erwies sich als der richtige. Es war
klar, daß die Königin von den Pocken in der bösartigsten Form ergriffen
war.

Diese ganze Zeit über brachte Wilhelm Tag und Nacht an ihrem Lager zu.
Das kleine Bett, auf dem er schlief, wenn er im Felde war, wurde im
Vorzimmer für ihn aufgeschlagen, aber er legte sich nur selten darauf.
Der Anblick seines Kummers, schrieb der holländische Gesandte, müsse
auch das gefühlloseste Herz rühren. Nichts schien mehr von dem Manne
übrig zu sein, dessen heitere Standhaftigkeit an dem unglücklichen Tage
von Landen alte Soldaten und in der schauerlichen Nacht zwischen den
Eisschollen und Sandbänken der Küste von Goren alte Seeleute in
Erstaunen gesetzt hatte. Selbst die Dienerschaft sah die Thränen
unaufhaltsam über das Antlitz herabrollen, dessen ernste Ruhe nur selten
durch einen Triumph oder durch eine Niederlage gestört worden war.
Mehrere Prälaten waren anwesend. Der König zog Burnet auf die Seite und
machte seinem Schmerze gegen ihn Luft. »Es ist keine Hoffnung,« rief er
aus. »Ich war der glücklichste Mann auf Erben; jetzt bin ich der
unglücklichste. Sie hatte keinen Fehler, keinen; Sie kannten sie genau;
aber ihre Herzensgüte kannten Sie nicht, die kannte Niemand als ich.«
Tenison übernahm es ihr zu sagen, daß sie sterben müsse. Er fürchtete,
daß eine solche Mittheilung ohne gehörige Vorbereitung sie heftig
erschüttern werde, und er ging daher mit großer Schonung zu Werke. Aber
sie errieth bald was er meinte und ergab sich mit dem edlen weiblichen
Muthe, der so oft unsre Unerschrockenheit beschämt, in den Willen
Gottes. Sie ließ sich ein kleines Kästchen bringen, in welchem sie ihre
wichtigsten Papiere verschlossen hatte, befahl daß es sogleich nach
ihrem Tode dem Könige eingehändigt werden solle, und riß sich dann von
allen irdischen Sorgen los. Sie genoß das heilige Abendmahl und sprach
die auf sie kommenden Worte mit ungeschwächtem Gedächtniß und
Bewußtsein, wenn auch mit leiser Stimme. Sie bemerkte, daß Tenison lange
an ihrem Bett gestanden hatte und stammelte mit der ihr eigenen
liebenswürdigen Artigkeit die Bitte, daß er sich niedersetzen möchte,
und wiederholte dieselbe, bis er ihr nachkam. Nachdem sie das Sakrament
empfangen, nahm ihre Schwäche rasch zu und sie stammelte nur noch
abgebrochene Worte. Zweimal versuchte sie es, von dem Manne Abschied zu
nehmen, den sie so innig und ausschließlich geliebt hatte; aber sie
konnte nicht mehr sprechen. Er hatte eine Reihe so beunruhigender
Zufälle, daß seine Staatsräthe, die in einem anstoßenden Gemache
versammelt waren, für seinen Verstand und für sein Leben fürchteten. Der
Herzog von Leeds wagte es auf Ersuchen seiner Collegen die
freundschaftliche Fürsorge zu übernehmen, deren durch Kummer zerrüttete
Gemüther bedürfen. Wenige Minuten vor dem Hinscheiden der Königin wurde
Wilhelm fast bewußtlos aus dem Krankenzimmer getragen.

Marie starb in Frieden mit Anne. Ehe die Aerzte die Krankheit für
hoffnungslos erklärten, hatte die Prinzessin, deren Gesundheit damals
sehr delikat war, sich freundlich erkundigen lassen, und Marie hatte
freundlich geantwortet. Die Prinzessin hatte sich dann erboten, selbst
zu kommen, aber Wilhelm hatte dieses Erbieten mit herzlichen Worten
abgelehnt. Das Aufregende einer Unterredung, sagte er, würde beiden
Schwestern zu nachtheilig sein. Sobald jedoch eine günstige Wendung
einträte, würde Ihre königliche Hoheit in Kensington höchst willkommen
sein. Wenige Stunden später war Alles vorbei.[133]

Die öffentliche Theilnahme war groß und allgemein. Denn Mariens
tadelloser Wandel, ihre große Mildthätigkeit und ihre einnehmenden
Manieren hatten ihr die Herzen ihres Volks gewonnen. Die Gemeinen
verharrten in ihrer nächsten Sitzung einige Zeit in tiefem
Stillschweigen. Endlich wurde beantragt und beschlossen, daß dem Könige
eine Condolenzadresse überreicht werden solle, und dann trennte sich das
Haus wieder, ohne zu weiteren Geschäften überzugehen. Der holländische
Gesandte schrieb an die Generalstaaten, daß viele Mitglieder ihre
Taschentücher vor den Augen gehabt hätten. Die Menge der betrübten
Gesichter, die man auf der Straße sah, fiel jedem Beobachter auf. Die
Trauer war allgemeiner als selbst die Trauer um Karl II. gewesen war.
Am ersten Sonntage nach dem Ableben der Königin wurde in fast jeder
Kirche der Hauptstadt und in fast jeder großen Versammlung von
Nonconformisten ihr Gedächtniß gefeiert.[134]

Die achtungswertheren Jakobiten ehrten Wilhelm's Schmerz und Mariens
Andenken. Den heftigeren Zeloten der Partei aber war weder das Haus der
Trauer noch das Grab heilig. In Bristol läuteten die Anhänger Sir John
Knight's die Glocken, wie zur Feier eines Sieges.[135] Es ist oft
erzählt worden und klingt durchaus nicht unwahrscheinlich, daß ein
eidverweigernder Geistlicher inmitten der allgemeinen Trauer über den
Text gepredigt habe: »Besehet doch die Verfluchte und begrabet sie, denn
sie ist eines Königs Tochter.« Es ist erwiesen, daß einige der
abgesetzten Priester sie bis ans Grab mit Schmähungen verfolgten. Ihr
Tod, sagten sie, sei offenbar eine Strafe für ihr Verbrechen. Gott habe,
vom Gipfel des Sinai unter Donner und Blitz den Kindern, die ihre Eltern
ehren würden, langes Leben versprochen, und in diesem Versprechen liege
augenscheinlich eine Drohung. Welcher Vater sei jemals von seinen
Töchtern so schändlich behandelt worden wie Jakob von Marien und Anna?
Marie sei in der Blüthe des Lebens, in der Fülle der Schönheit, auf dem
Gipfel des Glücks dahingerafft worden, und Anna werde wohl thun, diese
Warnung zu benutzen. Wagstaffe ging noch weiter und sprach ein Langes
und Breites über gewisse sonderbare Zeitcoincidenzen. Jakob sei in der
Weihnachtswoche aus seinem Palaste und seinem Lande vertrieben worden.
Marie sei in der Weihnachtswoche gestorben. Es könne keinem Zweifel
unterliegen, daß, wenn wir die Geheimnisse der Vorsehung zu ergründen
vermöchten, wir finden würden, daß die Wendung in der Krankheit der
Tochter im December 1694 in genauer Analogie mit der Wendung in dem
Schicksale des Vaters im December 1688 stände. Um Mitternacht sei der
Vater von Rochester geflohen; um Mitternacht sei die Tochter gestorben.
Solcher Art war die Tiefe und der Scharfsinn eines Schriftstellers, den
die jakobitischen Schismatiker mit Recht als eines ihrer talentvollsten
Häupter betrachteten.[136]

Die Whigs hatten bald eine Gelegenheit, sich zu revangiren. Triumphirend
erzählten sie, daß ein Stadtschreiber, ein starrer Anhänger des
erblichen Rechts, während er über die Strafe, welche die Königin ereilt
habe, frohlockte, selbst plötzlich todt zu Boden gesunken sei.[137]


[_Mariens Leichenbegängniß._] Des Leichenbegängnisses erinnerte man sich
lange als des traurigsten und feierlichsten, das Westminster je gesehen.
Während die irdische Hülle der Königin in Whitehall auf dem Paradebette
lag, waren die benachbarten Straßen von Sonnenaufgang bis
Sonnenuntergang mit Menschenmassen angefüllt, welche allen
Geschäftsverkehr unmöglich machten. Die beiden Häuser mit ihren Sceptern
folgten der Bahre, die Lords in Scharlach und Hermelin, die Gemeinen in
langen schwarzen Mänteln. Noch nie war ein Souverain vom Parlamente zum
Grabe geleitet worden, denn bisher war das Parlament immer mit dem
Souverain erloschen. Man hatte zwar eine Schrift verbreitet, in der ein
unbedeutender scharfzungiger Rabulist seine Logik anwendete, um den
Beweis zu führen, daß Ausschreiben, welche unter den vereinten Namen
Wilhelm's und Mariens erlassen seien, keine Gültigkeit mehr haben
könnten, sobald Wilhelm allein regierte. Aber diese erbärmliche
Sophisterei hatte ihre Wirkung gänzlich verfehlt. Sie war im Unterhause
gar nicht, und im Oberhause nur erwähnt worden, um mit Verachtung
verworfen zu werden. Die gesammte Magistratur der City schloß sich dem
Zuge an. Die Banner England's und Frankreich's, Schottland's und
Irland's wurden von vornehmen Edelleuten vor dem Sarge her getragen. Die
Zipfel des Leichentuches trugen die Oberhäupter der berühmten Häuser
Howard, Seymour, Grey und Stanley. Auf dem prachtvollen Sarge von Purpur
und Gold lagen Krone und Scepter des Reichs. Der Tag war ganz geeignet
für eine solche Feierlichkeit. Der Himmel war dunkel und trübe und
einige Schneeflocken fielen auf die schwarzen Federn des Leichenwagens.
In der Abtei strahlten Schiff, Chor und Transept von zahllosen
Wachskerzen. Die Leiche wurde unter einem prächtigen Thronhimmel im
Mittelpunkte der Kirche abgesetzt, während der Primas predigte. Der
erste Theil seines Vortrags war durch pedantische Abtheilungen und
Unterabtheilungen verunziert; gegen den Schluß hin aber erzählte er was
er selbst gesehen und gehört mit einer Einfachheit und einem Ernste,
welche ergreifender waren, als die kunstvollste Rhetorik es hätte sein
können. Während der ganzen Ceremonie hörte man von Minute zu Minute den
entfernten Kanonendonner von den Batterien des Tower. Die holde Königin
ruht unter ihren erlauchten Verwandten im südlichen Flügel der Kapelle
Heinrich's VII.[138]


[_Gründung des Greenwich-Hospitals._] Die Liebe, mit der ihr Gemahl ihr
Andenken feierte, wurde bald durch das prächtigste Denkmal bethätigt,
das je einem Herrscher errichtet worden ist. Kein Plan war so ganz von
ihr ausgegangen und hatte ihr so sehr am Herzen gelegen als der, den
Palast zu Greenwich in ein Asyl für Seeleute zu verwandeln. Die Idee war
in ihr aufgestiegen, als sie sah, wie schwer es hielt, den Tausenden von
Tapferen, welche nach der Schlacht von La Hogue verwundet nach England
zurückkehrten, ein gutes Obdach und gute Pflege zu verschaffen. Zu ihren
Lebzeiten war so gut wie nichts für die Verwirklichung ihres
Lieblingsplanes gethan worden. Aber es war als ob ihr Gemahl, sobald er
sie verloren, sich wegen der Nichtachtung ihrer Wünsche Vorwürfe gemacht
hätte. Es wurde keine Zeit mehr verloren. Man entwarf einen Bauplan, und
bald erhob sich am Ufer der Themse ein Gebäude, das das Asyl, welches
der prachtliebende Ludwig für seine Soldaten errichtet, bei weitem
übertraf. Wer die Inschrift rund um den Fries der Halle liest, wird
bemerken, daß Wilhelm keinen Theil von dem Verdienste des Plans für sich
beansprucht und daß er dasselbe lediglich Marien überläßt. Hätte der
König bis zur Vollendung des Bauwerks gelebt, so würde die Statue der
Frau, welche die eigentliche Gründerin der Anstalt war, in dem Hofe, der
den Massen, welche beständig den majestätischen Strom auf und ab fahren,
zwei hohe Kuppeln und zwei geschmackvolle Säulengänge zeigt, einen ins
Auge fallenden Platz erhalten haben. Doch dieser Theil des Planes kam
nicht zur Ausführung, und nur Wenige von Denen, welche jetzt das
großartigste aller Hospitäler Europa's betrachten, wissen, daß es ein
Erinnerungszeichen der Tugenden der Königin Marie, der Liebe und der
Trauer Wilhelm's und des großen Sieges von La Hogue ist.


Fußnoten.

[1] +Life of James, II. 497.+

[2] +Hamilton's Zeneyde.+

[3] +A View of the Court of St. Germains from the Year 1690 to
1695, 1696; Ratio Ultima, 1697.+ In den +Nairne Papers+ befindet sich
ein Brief, in welchem den eidverweigernden Bischöfen befohlen wird,
einen protestantischen Geistlichen nach Saint-Germains zu schicken.
Diesem Briefe wurde schleunigst ein andrer nachgesandt, der den Befehl
widerrief. Beide Briefe findet man in Macpherson's Sammlung. Sie sind
beide vom 16. Oct. 1693 datirt. Ich vermuthe, daß der erste nach dem
neuen Style, der zweite nach dem alten Style datirt war.

[4] +Ratio Ultima; History of the late Parliament, 1699.+

[5] +View of the Court of St. Germains from 1690 to 1695.+ Daß
Dunfermline sehr schlecht behandelt wurde, geht selbst aus den Memoiren
Dundee's, 1714, klar hervor.

[6] Noch im Jahre 1690 machte das Conclave der Jakobitenhäupter, das
Preston seine Instructionen gab, Jakob nachdrückliche Vorstellungen
über diesen Gegenstand. »Er muß die Bigotterie von Saint-Germains
verwerfen und ihren Sinn dahin lenken, daß sie auf die Mittel denken,
von denen sich am ehesten erwarten läßt, daß die Nation dadurch
gewonnen wird. Denn täglich geschieht dort dies und jenes, was zu
unsrer Kenntniß kommt, wodurch die Erfüllung ihrer sehnlichen Wünsche
verzögert wird.« Siehe auch +A Short and True Relation of Intrigues
transacted both at Home and Abroad to restore the late King James,
1694.+

[7] +View of the Court of St. Germains.+ Die in diesem Werke gegebene
Darstellung wird durch eine wichtige Schrift bestätigt, die sich unter
den Nairne'schen Manuscripten befindet. Einige von den Oberhäuptern der
jakobitischen Partei in England richteten eine Vorstellung an Jakob,
worin eine Stelle folgendermaßen lautet: »Sie bitten, daß Eure Majestät
geruhen möge, den Kanzler von England in Ihren Staatsrath aufzunehmen;
Ihre Feinde haben Vortheil davon, daß er nicht darin ist.« Jakob's
Antwort ist ausweichend: »Der König wird bei jeder Gelegenheit bereit
sein, die gerechte Werthschätzung und Achtung zu bekunden, die er
seinem Lordkanzler zollt.«

[8] +A Short and True Relation of Intrigues, 1694.+

[9] Siehe den Aufsatz mit der Ueberschrift: »Für meinen Sohn, den
Prinzen von Wales, 1692.« Er ist am Schlusse des +Life of James+
abgedruckt.

[10] Burnet +I+. 683.

[11] Ueber diesen Ministerwechsel in Saint-Germains sehe man die höchst
interessante aber sehr verworrene Erzählung im »Leben Jakob's«, +II+.
498-515; Burnet +II+. 219; +Mémoires de Saint-Simon; A French Conquest
neither desirable nor practicable;+ und die aus den +Nairne Papers+ von
Macpherson abgedruckten Briefe.

[12] +Life of James, II. 509.+ Bossuet's Ansicht findet man im Appendix
zu Mazure's Geschichte. Der Bischof faßt seine Argumente folgendermaßen
zusammen: +»Je dirai donc volontiers, aux Catholiques, s'il y en a qui
n'approuvent point la déclaration dont il s'agit; Noli esse justus
multum; neque plus sapias quam necesse est, ne obstupescas.«+ Im »Leben
Jakobs« wird behauptet, daß die französischen Doctoren andrer Meinung
geworden seien und daß Bossuet, obgleich er länger ausgehalten als die
Uebrigen, endlich auch eingesehen, daß er im Irrthum gewesen, sich aber
nicht habe entschließen können, förmlich zu widerrufen. Ich habe eine
viel zu hohe Meinung von Bossuet's Verstande, als daß ich dies glauben
könnte.

[13] +Life of James, II. 505.+

[14] +»En fin celle cy -- j'entends la déclaration -- n'est que
pour rentrer; et l'on peut beaucoup mieux disputer des affaires des
Catholiques à Whythall qu'à Saint Germain.«+ Mazure, Anhang.

[15] Baden an die Generalstaaten, 2. (12.) Juni 1693. Viertausend noch
feuchte Exemplare wurden in diesem Hause gefunden.

[16] Baden's Briefe an die Generalstaaten vom Mai und Juni 1693.
+An Answer to the late King James's Declaration published at Saint
Germains, 1693.+

[17] +Life of James, II. 514.+ Ich kann nicht glauben, daß Ken zu Denen
gehörte, welche die Erklärung von 1693 als zu mild tadelten.

[18] Unter den +Nairne Papers+ befindet sich ein Brief, den Middleton
bei dieser Gelegenheit an Macarthy schrieb, welcher damals in
Deutschland diente. Middleton bemüht sich, Macarthy zu beschwichtigen
und ihn zur Beschwichtigung Anderer zu bewegen. Kein Staatsminister
hat je etwas Falscheres geschrieben. »Der König,« sagt der Sekretär,
»verspricht in der vorerwähnten Erklärung, die Vertheilung des
Grundeigenthums wieder in den vorigen Stand zu setzen, zu gleicher Zeit
aber erklärt er, daß er alle Diejenigen, welche darunter leiden, durch
Aequivalente entschädigen werde.« Jakob erklärte jedoch keineswegs, daß
er irgend Jemanden entschädigen wolle, sondern nur, daß er mit seinem
Parlamente über den Gegenstand zu Rathe gehen werde. Ferner erklärte
er nicht, daß er über die Entschädigung Aller, welche darunter leiden
könnten, sondern nur Derjenigen, die ihn bis zuletzt begleitet hätten,
mit dem Parlamente zu Rathe gehen werde. Und endlich sagte er nichts
von Aequivalenten. Die Idee, Jedermann, der unter der Ansiedlungsacte
litt, ein Aequivalent zu geben, mit anderen Worten, ein Aequivalent
für das Freilehen des halben Grund und Bodens von Irland zu geben,
war offenbar absurd. Middleton's Brief befindet sich in Macpherson's
Sammlung. Ich will ein Beispiel von der Sprache geben, welche die
Whigs bei dieser Gelegenheit führten. »Die Katholiken Irland's,«
sagt ein Schriftsteller, »weichen zwar im Punkte des Interesses wie
des Bekenntnisses von uns ab, aber man muß ihnen die Gerechtigkeit
widerfahren lassen, daß sie, wenn auch nicht von uns, so doch von
dem vorigen Könige Gutes verdient haben, und daß der vorige König
sie verließ und ausschloß, ist ein Beispiel von so ungewöhnlicher
Undankbarkeit, daß die Protestanten nicht verpflichtet sind, zu einem
Fürsten zu halten, der seine eigne Partei und ein Volk im Stiche
läßt, das ihm und seinen Interessen bis zum letzten Augenblicke treu
geblieben ist.« -- +A short and true Relation of the Intrigues etc.
1694.+

[19] Das Stiftungsdecret wurde vom Pariser Parlamente am 10. April 1693
einregistrirt.

[20] Der Brief ist vom 19. April 1693. Er befindet sich unter den
Nairne'schen Manuscripten und wurde von Macpherson abgedruckt.

[21] +»Il ne me plait nullement que M. Middleton est allé en France.
Ce n'est pas un homme qui voudrait faire un tel pas sans quelque
chose d'importance, et de bien concerté sur quoy j'ay fait beaucoup de
reflections que je reserve à vous dire a vostre heureuse arrivée.«+ --
Wilhelm an Portland von Loo, 18. (28.) April 1693.

[22] Die beste Schilderung von Wilhelm's damaligen Mühen und
Besorgnissen findet man in seinen Briefen an Heinsius, besonders in
denen vom 1., 9. und 30. Mai 1693.

[23] Er spricht sehr niedergeschlagen in seinem Briefe an Heinsius vom
30. Mai. Saint Simon sagt: +»On a su depuis que le Prince d'Orange
écrivit plusieurs fois au prince de Vaudemont, son ami intime, qu'il
était perdu et qu'il n'y avait que par un miracle qu'il put échapper.«+

[24] Saint-Simon; Monthly Mercury, Juni 1693. Burnet +II+. 111.

[25] +Mémoires de Saint-Simon;+ Burnet +I+. 404.

[26] Wilhelm an Heinsius, 7. (17.) Juli 1693.

[27] Saint-Simon's Worte sind bemerkenswerth: +»Leur cavalerie,«+
sagt er, +»y fit d'abord plier les troupes d'élite jusqu'alors
invincibles.«+ Er setzt hinzu: +»Les gardes du Prince d'Orange, ceux de
M. de Vaudemont, et deux regimens anglais en eurent l'honneur.«+

[28] Berwick; Saint-Simon; Burnet +I+. 112. 113; Feuquières; London
Gazette vom 27. und 31. Juli und 3. August 1693; französischer
officieller Bericht; Bericht, den der König von Großbritannien an Ihre
Hochmögenden sandte, vom 2. August 1693; Auszug aus einem Briefe vom
Adjutanten der Gardedragoner des Königs von England vom 1. August;
Dykvelt's Brief an die Generalstaaten, datirt vom 30. Juli Nachmittags.
Die letzten vier Piecen findet man in dem Monthly Mercury vom Juli und
August 1693. Siehe auch die +History of the last Campain in the Spanish
Netherlands, by Edward D'Auverquerque,+ dem Herzog von Ormond gewidmet,
1693. Die Franzosen ließen Wilhelm Gerechtigkeit widerfahren. +»Le
prince d'Orange,«+ schrieb Racine an Boileau, +»pensa être pris après
avoir fait des merveilles.«+ Siehe ferner die glühende Schilderung von
Sterne, der wahrscheinlich noch oftmals von alten Soldaten die Schlacht
hatte durchkämpfen hören. Bei dieser Gelegenheit blieb der Corporal
Trim verwundet auf dem Schlachtfelde liegen und wurde von der Beguine
gepflegt.

[29] Brief von Lord Perth an seine Schwester vom 17. Juni 1694.

[30] Saint-Simon erwähnt den gegen den Marschall ausgesprochenen Tadel.
Feuquières, der ein sehr competenter Richter war, sagt uns, Luxemburg
sei mit Unrecht getadelt worden und die französische Armee sei wirklich
durch ihre Verluste zu sehr geschwächt gewesen, um ihren Sieg benutzen
zu können.

[31] Die Angabe dessen was geschehen sein würde, wenn Luxemburg die
Macht und den Willen gehabt hätte, seinen Sieg zu benutzen, habe ich
einer wie es scheint sehr männlichen und verständigen Rede entnommen,
welche Talmash am nächsten 11. December im Hause der Gemeinen hielt.
Siehe Grey's +Debates+.

[32] Wilhelm an Heinsius vom 20. (30.) Juli 1693.

[33] Wilhelm an Portland, 21. (31.) Juli 1693.

[34] London Gazette vom 24. April und 15. Mai 1693.

[35] +Burchett's Memoirs of Transactions at Sea;+ Burnet +II+. 114,
115, 116; London Gazette vom 17. Juli 1693; Monthly Mercury vom Juli;
Brief aus Cadix vom 4. Juli.

[36] +Narcissus Luttrell's Diary;+ Baden an die Generalstaaten,
14. (24.) Juli, 25. Juli (4. Aug.). Unter den Tanner'schen Manuscripten
in der Bodlejanischen Bibliothek befinden sich Briefe, welche die
Aufregung in der City schildern. »Ich wünsche,« sagt einer von
Sancroft's jakobitischen Correspondenten, »daß er uns die Augen öffnen
und unsre Ansicht ändern möge. Aber nach den Berichten, die ich
gesehen habe, verließ die Türkei-Compagnie vollkommen befriedigt und
aufgeheitert die Königin und den Staatsrath.«

[37] London Gazette vom 21. Aug. 1693; L'Hermitage an die
Generalstaaten, 28. Juli (7. Aug.). Da ich in diesem und den folgenden
Kapiteln die Depeschen L'Hermitage's häufig benutzen werde, so wird es
passend sein, etwas über ihn zu sagen. Er war ein französischer Refugié
und lebte als Agent der Waldenser in London. Einige seiner
Beschäftigungen hatte darin bestanden, Heinsius Neuigkeitsbriefe zu
senden. Einige interessante Auszüge aus diesen Neuigkeitsbriefen findet
man in dem Werke des Barons Sirtema de Grovestins. Wahrscheinlich auf
Anrathen des Großpensionairs forderten die Generalstaaten durch einen
vom 24. Juli (3. Aug.) 1693 datirten Beschluß L'Hermitage auf,
Nachrichten über das was in England vorging zu sammeln und ihnen zu
übersenden. Seine Briefe sind reich an interessanten und werthvollen
Mittheilungen, die man sonst nirgends findet. Von ganz besonderem Werthe
sind seine Berichte über die Parlamentsverhandlungen, und dies scheinen
auch seine Vorgesetzten wohl erkannt zu haben.

Abschriften von den Depeschen L'Hermitage's und überhaupt aller
Gesandten und Agenten, welche die Generalstaaten seit den Zeiten der
Königin Elisabeth in England unterhielten, befinden sich jetzt in
der Bibliothek des britischen Museums oder werden sich bald daselbst
befinden. Diesen werthvollen Zuwachs zu dem großen Nationalmagazin
des Wissens verdankt das Land hauptsächlich Lord Palmerston. Es
würde jedoch Unrecht sein, wenn ich nicht hinzusetzte, daß seine
Anweisungen von dem verstorbenen Sir Eduard Disbrowe unter der
gefälligen Mitwirkung der gelehrten Männer, deren Obhut die herrliche
Archivensammlung im Haag anvertraut ist, mit größtem Eifer ausgeführt
wurden.

[38] +Little Hooknose+. Spottname des Königs. -- Der Uebers.

[39] Es ist auffällig, daß die Anklageschrift nicht in Howell's +State
Trials+ aufgenommen wurde. Die mir vorliegende Abschrift war für Sir
James Mackintosh angefertigt.

[40] Der größte Theil der auf uns gekommenen Aufschlüsse über
Anderton's Prozeß findet sich in Howell's +State Trials+.

[41] Die +Remarks+ existiren noch und sind lesenswerth.

[42] +Narcissus Luttrell's Diary.+

[43] +Ibid.+

[44] Es existirt noch ein Flugblatt, an »alle Herren Seeleute, die
ihres Lebens müde sind,« gerichtet, so wie eine Ballade, welche den
König und die Königin der Grausamkeit gegen die Seeleute beschuldigt:

  »Für Räuber, Diebe und so fort
  Hört täglich man das Gnadenwort,
  Für arme Schiffer, deren Hand
  Sie schützt in ihres Vaters Land,
  Ist jede Gnade unbekannt.«

Narcissus Luttrell beschreibt die Scene in Whitehall.

[45] L'Hermitage, 5. (15.) Sept. 1693. +Narcissus Luttrell's Diary.+

[46] +Narcissus Luttrell's Diary.+

[47] +Narcissus Luttrell's Diary.+ In einem damals unter dem Titel:
+»A Dialogue between Whig and Tory«+ erschienenen Pamphlet spielt der
Whig auf »die öffentlichen Ungebührlichkeiten in Bath in Folge der
letzten Niederlage in Flandern« an. Der Tory antwortet: »Ich weiß nicht
was einige hitzköpfige Trunkenbolde in Bath oder anderwärts gesagt
oder gethan haben mögen.« In der Folioausgabe der +Collection of State
Tracts+ ist irrthümlich gesagt, dieser +Dialogue+ sei um den November
1692 gedruckt worden.

[48] Der Aufsatz, den ich anführe, befindet sich unter den Nairne'schen
Manuscripten und ist in Mackpherson's Sammlung nachzulesen. Der
vortreffliche Schriftsteller Mr. Hatham ist bezüglich dieses
Gegenstandes in einen bei ihm sehr seltenen Irrthum verfallen. Er
sagt, der Name Caermarthen's werde beständig unter denen genannt, die
Jakob zu seinen Freunden zählte. Ich glaube, man wird die Ueberzeugung
gewinnen, daß der Beweis gegen Caermarthen sich lediglich auf das von
mir erwähnte Schriftstück Melfort's beschränkt. Es befindet sich zwar
unter den Nairne'schen Handschriften, welche Mackpherson abdruckte, ein
Brief ohne Datum und Unterschrift, in welchem Caermarthen zu Jakob's
Freunden gerechnet wird. Aber dieser Brief verdient ganz und gar keine
Beachtung. Der Schreiber desselben war augenscheinlich ein unwissender
heißblütiger Jakobit, der weder die Stellung noch den Character eines
einzigen von den Staatsmännern kannte, die er erwähnt. Er macht
arge Schnitzer in Betreff Marlborough's, Godolphin's, Russell's,
Shrewsbury's und der Familie Beaufort. Die ganze Arbeit ist eigentlich
ein Gewebe von Albernheiten.

Es muß bemerkt werden, daß in dem »Leben Jakob's,« das aus seinen
eigenen Schriften compilirt ist, die Unterstützungszusicherungen,
die er von Marlborough, Russell, Godolphin, Shrewsbury und anderen
angesehenen Männern erhielt, mit sehr ausführlichen Details erwähnt
sind. Aber es findet sich kein Wort in diesem Werke, welches andeutete,
daß Jakob jemals solche Zusicherungen von Caermarthen erhalten hätte.

[49] +A Journal of several Remarkable Passages relating to the East
India Trade, 1693.+

[50] Siehe die Monthly Mercuries und die London Gazette vom September,
October, November und December 1693; Dangeau, 5., 27. Sept., 21. Oct.
und 21. Nov.; +The Price of the Abdication,+ 1693.

[51] Correspondenz Wilhelm's und Heinsius'; dänische Note datirt vom
11. (21.) Dec. 1693. Die Note, welche Avaux damals der schwedischen
Regierung überreichte, findet man in Lamberty's Sammlung und in den
+Mémoires et Négociations de la Paix de Ryswick.+

[52] »Sir John Lowther sagt, Niemand kann heute wissen, was ein Haus
der Gemeinen morgen thun wird, und Jedermann stimmte ihm darin bei.«
Diese bedeutsamen Worte schrieb Caermarthen an den Rand einer von
Rochester im August 1692 verfaßten Schrift. -- Dalrymple, Anhang zum 2.
Bande, Kap. 7.

[53] Siehe Sunderland's berühmte Erzählung, welche oft gedruckt worden
ist, und die Briefe seiner Gattin, die sich in den von dem verstorbenen
Stabträger Blencowe herausgegebenen Sidney'schen Schriften befinden.

[54] Van Citters, 6. (16.) Mai 1690.

[55] Evelyn, 24. April 1691.

[56] +Lords' Journals, April+ 28. 1693

[57] L'Hermitage, 19. (29.) Sept., 2. (12.) Oct. 1693.

[58] Es ist ergötzlich zu sehen, wie Johnson's Toryismus da
hervorbricht, wo wir ihn schwerlich zu finden erwarten. Hastings sagt
im dritten Theile seines +Henry the Sixth:+

  »Laßt uns auf Gott und auf die Meere bauen,
  Die er als unnehmbaren Schutz uns gab,
  und nur mit ihnen uns vertheidigen.«

»Dies,« sagt Johnson in einer Note, »ist der Rath eines Jeden gewesen,
der zu irgend einer Zeit das Interesse England's begriffen und
unterstützt hat.«

[59] Swift nennt Somers in seiner +Inquiry into the Behaviour of
the Queen's last Ministry+ einen Mann von glänzender Begabung, der
mit solcher Offenheit zu sprechen pflegte, daß er den Grund seines
Herzens zu enthüllen schien. In den +Memoirs relating to the Change
in the Queen's Ministry,+ sagt Swift, daß Somers einen, aber auch nur
einen unangenehmen Fehler gehabt habe, -- Förmlichkeit. Es ist schwer
zu begreifen, wie ein und der nämliche Mensch der offenherzigste
Gesellschafter, und dabei doch zur Förmlichkeit geneigt sein kann.
Gleichwohl kann in beiden Schilderungen etwas Wahres sein. Es ist
wohl bekannt, daß Swift sich hochgestellten Männern gegenüber gern
unzarte Freiheiten herausnahm und sich einbildete, dadurch seine
Unabhängigkeit zu behaupten. Er ist wegen dieses Fehlers mit Recht von
seinen beiden berühmten Biographen getadelt worden, welche beide Männer
von mindestens eben so selbständigem Geiste als der seinige waren, von
Samuel Johnson und Walter Scott. Ich vermuthe, daß er auch Lust zeigte,
sich gegen Somers mit beleidigender Familiarität zu benehmen, und daß
Somers, der nicht geneigt war, sich Impertinenzen gefallen zu lassen,
aber auch nicht in die Nothwendigkeit versetzt werden wollte, sie zu
ahnden, zur Selbstvertheidigung eine ceremoniöse Höflichkeit gegen ihn
beobachtete, die er gegen Locke und Addison nie beobachtet haben würde.

[60] Die Lobreden auf Somers und die Schmähungen gegen ihn sind
zahllos. Das beste Mittel sich ein richtiges Urtheil über ihn zu
bilden, würde vielleicht sein, wenn man Alles sammelte, was Swift
und Addison über ihn gesagt haben. Sie waren die beiden schärfsten
Beobachter ihrer Zeit und kannten ihn Beide genau. Es muß jedoch
bemerkt werden, daß Swift, bevor er Tory wurde, Somers stets nicht blos
als den gebildetsten, sondern auch als den tugendhaftesten Menschen
pries. In der Dedication zu seiner +Tale of a Tub+ kommen folgende
Worte vor: »Es giebt keine Tugend, weder des öffentlichen noch des
Privatlebens, welche Sie in Ihren verschiedenen Lebenslagen nicht
oftmals auf die Weltenbühne gebracht hätten.« Dann weiterhin: »Wenn
das glänzende Beispiel der Tugenden Eurer Lordschaft vor den Blicken
Anderer verborgen bliebe, würde ich das um ihrer und um Ihretwillen
sehr bedauern.« In dem +Discourse of the Contests and Dissensions at
Athens and Rome+ ist Somers der gerechte Aristides. Nachdem Swift zur
andren Partei übergegangen war, nannte er Somers einen Mann, der »alle
vortrefflichen Eigenschaften, nur keine Tugend besitze.«

[61] Siehe Whiston's Selbstbiographie.

[62] Swift's Note zu Mackay's Characteristik Wharton's.

[63] Diese Schilderung Montague's und Wharton's habe ich aus unzähligen
Quellen zusammengetragen. Ich muß jedoch speciell die höchst
interessante Lebensbeschreibung Wharton's erwähnen, welche unmittelbar
nach seinem Tode erschien.

[64] Einen großen Theil meiner Angaben über die Harley habe ich aus
ungedruckten Memoiren von Eduard Harley, dem jüngeren Bruder Robert's,
entlehnt. Eine Abschrift dieser Memoiren befindet sich unter den
Mackintosh-Manuscripten.

[65] Der einzige Schriftsteller, der, soviel ich mich entsinnen kann,
Harley's Rednergabe gelobt hat, ist Mackay, der ihn beredtsam nennt.
Swift schrieb an den Rand: »Eine große Lüge.« Und Swift war gewiß
bereit, Harley mehr als Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. »Dieser
Lord,« sagt Pope, »sprach so verworren von Geschäftsangelegenheiten,
daß man nicht wußte, was er eigentlich wollte, und Alles trug er in
epischer Weise vor, denn er fing stets in der Mitte an.« +Spence's
Anecdotes.+

[66] »Er pflegte,« sagt Pope, »fast jeden Tag werthlose Verse vom Hofe
in den Scriblerus-Club zu senden und kam dann fast jeden Abend hin, um
mit ihnen zu schwatzen, selbst wenn sein Alles auf dem Spiele stand.«
Einige Proben von Harley's Poesie sind gedruckt worden. Das Beste ist
meiner Ansicht nach eine Stanze, die er auf seinen Sturz im Jahre 1714
dichtete; und selbst das Beste ist schlecht.

[67] Die Characteristik Harley's ist aus unzähligen Lob- und
Schmähschriften zusammengestellt; aus den Werken und den
Privatcorrespondenzen Swift's, Pope's, Arbuthnot's, Prior's und
Bolingbroke's und aus einer Menge von Schriften wie +Ox and Bull,
The High German Doctor+ und +The History of Robert Powell the Puppet
Showman.+

[68] In einem Briefe, datirt vom 12. Sept. 1709, kurz zuvor ehe er auf
den Schultern des hochkirchlichen Pöbels ans Staatsruder emporgehoben
wurde, sagt er: »Meine Seele ist unter Löwen gewesen, ebenfalls
Menschensöhnen, deren Zähne Speere und Pfeile und deren Zungen scharfe
Schwerter sind. Aber ich komme dahinter, wie gut es ist, dem Herrn zu
dienen und seinen Seelenfrieden zu haben.« Der Brief war an Carstairs
gerichtet. Ich zweifle, ob Harley so gefrömmelt haben würde, wenn er an
Atterbury geschrieben hätte.

[69] Die anomale Stellung, welche Harley und Foley damals einnahmen,
ist in dem +Dialogue between a Whig and a Tory,+1693, angedeutet.
»Euer großer P. Fo--y,« sagt der Tory, »wird Cadet und dient unter
dem General der Westsachsen. Die beiden Har--y, Vater und Sohn, sind
Ingenieurs unter dem verstorbenen Feldzeugmeister und bombardiren jede
Bill, die er sich einmal vorgenommen hat in Asche zu verwandeln.«
Seymour ist der General der Westsachsen. Musgrave war unter Karl II.
Feldzeugmeister gewesen.

[70] +Lords'+ und +Commons' Journals, Nov.+ 7. 1693.

[71] +Commons' Journals, Nov. 13. 1693; Grey's Debates.+

[72] +Commons' Journals, Nov. 17. 1693.+

[73] +Commons' Journals, Nov. 22. 27. 1693; Grey's Debates.+

[74] +Commons' Journals, Nov. 29. Dec.+ 6. 1693; L'Hermitage, 1. (11.)
Dec. 1693.

[75] L'Hermitage, 1. (11.) Sept., 7. (17.) Nov. 1693.

[76] +Journal to Stella,+ 52, 53, 59 und 61, und Lady Orkney's Briefe
an Swift.

[77] Siehe die damaligen Briefe von Elisabeth Villiers, Wharton, Russel
und Shrewsbury in der Correspondenz Shrewsbury's.

[78] +Commons' Journals, Jan. 6., 8. 1693/94.+

[79] +Commons' Journals, Jan. 19. 1693/94.+

[80] +Hamilton's New Account.+

[81] Die Bill fand ich in den Archiven der Lords. Ihre Geschichte
erfuhr ich aus den Protokollen der beiden Häuser, aus einer Stelle
im Tagebuche Narcissus Luttrell's und aus zwei Briefen an die
Generalstaaten, beide datirt vom 27. Febr. (9. März) 1694, dem Tage
nach der Debatte bei den Lords. Der eine dieser beiden Briefe ist von
Van Citters, der andre, der vollständigere Aufschlüsse giebt, von
L'Hermitage.

[82] +Commons' Journals, Nov. 28. 1693; Grey's Debates.+ L'Hermitage
hoffte, daß die Bill durchgehen und daß der König ihr seine Genehmigung
nicht vorenthalten werde. Unterm 17. (27.) Nov. schrieb er an die
Generalstaaten: +»Il paroist dans toute la chambre beaucoup de passion
à faire passer ce bil.«+ Unterm 28. Nov. (8. Dec.) sagt er, daß die
Abstimmung wegen der Annahme +»n'a pas causé une pétite surprise. Il
est difficile d'avoir un point fixe sur les idées qu'on peut se former
des émotions du parlement, car il paroist quelquefois de grandes
chaleurs qui semblent devoir tout enflammer, et qui, peu de tems après,
s'évaporent.«+ Daß Seymour der Hauptleiter der Opposition gegen die
Bill war, wird in dem einst berühmten Pamphlet jenes Jahres: +Hush
Money,+ versichert.

[83] +Commons' Journals; Grey's Debates.+ Die Reinschrift dieser Bill
kam ins Unterhaus und ist verloren gegangen. Der Originalentwurf auf
Papier befindet sich in den Archiven der Lords. Daß Monmouth die
Bill einbrachte, ersah ich aus einem Briefe von L'Hermitage an die
Generalstaaten vom 1. (11.) Dec. 1693. Bezüglich der Zahl der Stimmen
habe ich mich an die Protokolle gehalten. In Grey's Debatten aber und
in den Briefen von Van Citters und L'Hermitage wird die Minorität auf
hundertzweiundsiebzig angegeben.

[84] Die Bills befinden sich in den Archiven der Lords. Ihre Geschichte
habe ich aus den Protokollen, aus Grey's Debatten und aus den höchst
interessanten Briefen Van Citters' und L'Hermitage's zusammengestellt.
Aus Grey's Debatten scheint mir klar hervorzugehen, daß eine Rede, die
L'Hermitage einem namenlosen +»quelqu'un«+ zuschreibt, von Sir Thomas
Littleton gehalten wurde.

[85] +Narcissus Luttrell's Diary, Sept. 1693.+

[86] +Commons' Journals, Jan. 1693/94.+

[87] Von der Naturalisationsbill existirt, soviel ich glaube, kein
Exemplar mehr. Man findet die Geschichte dieser Bill in den Protokollen
der Häuser. Von Van Citters und L'Hermitage erfahren wir über einen
Gegenstand, der die dänischen Staatsmänner nothwendig interessirt haben
muß, weniger als man erwarten sollte. Night's Rede findet man in den
Somers'schen Schriften. Sein jakobitischer Genosse, Roger North, nennt
ihn »einen Gentleman von so ausgezeichneter Rechtschaffenheit und
Loyalität, wie sich die Stadt Bristol jemals eines solchen habe rühmen
können.«

[88] +Commons' Journals, Dec. 5. 1693/94.+

[89] +Commons' Journals Dec. 20. 22. 1693/94.+ Die Protokolle
enthielten damals keine Notiz bezüglich der Abstimmungen, welche
stattfanden, als das Haus ein Comité war. Während das Scepter auf
dem Tische lag, fand nur eine Abstimmung über die Anschläge für die
Armee statt. Gegenstand dieser Abstimmung war die Frage, ob für
die Hospitäler und unvorhergesehenen Ausgaben sechzigtausend oder
hundertsiebenundvierzigtausend Pfund bewilligt werden sollten. Die
Whigs erlangten die größere Summe mit hundertvierundachtzig gegen
hundertundzwanzig Stimmen. Wharton war Stimmenzähler für die Majorität,
Foley für die Minorität.

[90] +Commons' Journals, Nov. 25. 1693/94.+

[91] +Stat. 5 W & M. c. 1.+

[92] +Stat. 5 & 6. W & M. c. 14.+

[93] +Stat. 5 & 6. W & M. c. 21. Narcissus Luttrell's Diary.+

[94] +Stat. 5 & 6. W & M. c. 22. Narcissus Luttrell's Diary.+

[95] +Stat. 5 W & M. c. 7. Evelyn's Diary, Oct. 5., Nov. 22. 1694. A
Poem on Squire Neale's Projects; Malcolm's History of London.+ Neale's
Functionen werden in mehreren Ausgaben von Chamberlayne's +State of
England+ beschrieben. Sein Name kommt häufig in der London Gazette vor,
so z.B. am 28. Juli 1684.

[96] Siehe z.B. +The Mystery of the Newfashioned Goldsmiths or Brokers
1676; Is not the Hand of Joab in all this? 1676;+ und eine in dem
nämlichen Jahre erschienene Antwort. Siehe auch +England's Glory in the
great Improvement by Banking and Trade, 1694.+

[97] Siehe das Leben Dudley North's von seinem Bruder Roger.

[98] Siehe eine Flugschrift, betitelt: +Corporation Credit; or a Bank
of Credit, made Current by Common Consent in London, more Useful and
Safe than Money.+

[99] +A proposal by Dr. Hugh Chamberlayne in Essex Street, for a Bank
of Secure Current Credit to be founded upon Land, in order to the
General Good of Landed Men, to the great Increase of the Value of Land
and the no less Benefit of Trade and Commerce, 1695; Proposals for
the supplying their Majesties with Money on Easy Terms, exempting the
Nobility, Gentry etc. from Taxes, enlarging their Yearly Estates, and
enriching all the subjects of the Kingdom by a National Land Bank, by
John Briscoe. »O fortunatos nimium bona si sua norint Anglicanos.«+
Dritte Ausgabe 1696. Briscoe scheint in der lateinischen Literatur eben
so bewandert gewesen zu sein wie in der Staatsökonomie.

[100] Zur Bestätigung des im Text Gesagten entlehne ich einen einzigen
Paragraphen aus Briscoe's Vorschlägen: »Angenommen ein Gentleman hat
nur hundert Pfund jährlicher Einkünfte und eine Frau mit vier Kindern
zu erhalten, so muß er, selbst wenn seine Ausgaben auf seinen Gütern
hafteten, ein sehr guter Wirth sein, um damit auszukommen; er kann
aber nicht daran denken, etwas zurückzulegen, womit er seine Kinder
ausstatten könnte; aber nach dieser vorgeschlagenen Methode kann er
jedem seiner Kinder fünfhundert Pfund geben und behält immer noch
neunzig Pfund jährlich zum Unterhalt für sich und seine Frau, welche
neunzig Pfund er ebenfalls nach seinem und seiner Frau Tode einem
seiner Kinder vermachen kann. Denn nachdem der Werth seines Gutes zu
hundert Pfund Rente +per annum+ festgestellt ist, kann er Creditbillets
zum Belaufe von zweitausend Pfund zu seiner beliebigen Verwendung
bekommen; dafür zahlt er jährlich zehn Schilling Zinsen für jede
hundert Pfund, was auf zweitausend Pfund zehn Pfund giebt, welche, von
seinem Jahreseinkommen von hundert Pfund abgezogen, ihm noch reine
neunzig Pfund +per annum+ für sich übrig lassen.« Es muß bemerkt
werden, daß dieser Unsinn drei Auflagen erlebte.

[101] Siehe Chamberlayne's +Proposal+, seine +Positions supported
by the Reasons explaining the Office of Land Credit+, und seinen
+Bank Dialogue+. Siehe ferner ein vortreffliches Schriftchen für die
entgegengesetzte Ansicht, betitelt: +A Bank Dialogue between Dr. H.
C. and a Country Gentleman+, 1696, und +Some Remarks upon a nameless
and scurrilous Libel entitled a Bank Dialogue between Dr. H. C. and a
Country Gentleman, in a Letter to a Person of Quality+.

[102] +Commons' Journals, Dec. 7. 1693.+ Ich fürchte in den Verdacht zu
kommen, daß ich den Unsinn dieses Planes übertreibe. Daher will ich den
wichtigsten Theil der Petition hier wörtlich anführen, »In Betracht,
daß die Freisassen ihre Güter in diese Bank einbringen, behufs Bildung
eines durch Parlamentsacte zu bestimmenden Circulationsfonds, wird
nun vorgeschlagen, daß für jede auf hundertfunfzig Jahre gesicherten
hundertfunfzig Pfund +per annum+ gegen nur einhundertmalige jährliche
Zahlung von hundert Pfund +per annum+, frei von allen Steuern und
Abgaben, jeder solcher Freisasse viertausend Pfund von dem besagten
Circulationspapiere erhalten, daß weitere zweitausend Pfund für seine
Rechnung dem Fischereifond zugewiesen und fernere zweitausend Pfund
zur Verfügung des Parlaments für die Anforderungen des gegenwärtigen
Kriegs zurückbehalten werden sollen.... Der Freisasse soll den Besitz
seines besagten Gutes nur dann verlieren, wenn er mit der jährlichen
Zinsenzahlung in Rückstand bleibt.«

[103] +Commons' Journals, Feb. 5. 1693/94.+

[104] +Account of the Intended Bank of England, 1694.+

[105] Siehe die Protokolle der Lords vom 23., 24., 25. April 1694, und
den Brief L'Hermitage's an die Generalstaaten vom 24. April (4. Mai.)

[106] +Narcissus Luttrell's Diary, June 1694.+

[107] +Heath's Account of the Worshipful Company of Grocers; Francis's
History of the Bank of England.+

[108] Spectator No. 3.

[109] +Proceedings of the Wednesday Club in Friday Street.+

[110] +Lords Journals, April +25, 1694; London Gazette vom 7. Mai 1694.

[111] +Life of James, II. 520;+ Floyd's (Lloyd's) Erzählungen in
dem +Nairne Papers+ unterm 1. Mai 1694; London Gazette vom 26. und
30. April 1694.

[112] London Gazette vom 3. Mai 1694.

[113] London Gazette vom 30. April und 7. Mai 1694; Shrewsbury an
Wilhelm, 11. (21.) Mai; Wilhelm an Shrewsbury, 22. Mai (1. Juni);
L'Hermitage, 27. April (7. Mai).

[114] L'Hermitage, 15. (25.) Mai. Nachdem er die verschiedenen Gerüchte
erwähnt hat, sagt er: +»De tous ces divers projets qu'on s'imagine
aucun n'est venu à la cognoissance du public.«+ Dies ist wichtig, denn
man hat oft zu Marlborough's Entschuldigung behauptet, daß er dem Hofe
von Saint-Germains nur das mitgetheilt habe, was in allen Kaffeehäusern
das Tagesgespräch bildete und auch ohne ihn hätte bekannt werden müssen.

[115] London Gazette vom 14. und 18. Juni 1694; Gazette de Paris vom
23. Juni (3. Juli); Burchett; Tagebuch Lord Caermarthen's; Baden,
15. (25.) Juni; L'Hermitage, 15. (25.) 19. (29.) Juni.

[116] Shrewsbury an Wilhelm, 15. (25.) Juni 1694; Wilhelm an
Shrewsbury, 1. Juli; Shrewsbury an Wilhelm, 22. Juni (2.) Juli.

[117] Diese Angaben über Russell's Expedition nach dem Mittelländischen
Meere habe ich hauptsächlich Burchett entnommen.

[118] +Letter to Trenchard, 1694.+

[119] Burnet +II+. 141. 142; und Onslow's Note. +Kingston's True
History, 1697.+

[120] +Life of James II. 524.+

[121] Kingston; Burnet, +II+. 142.

[122] Kingston. Bezüglich des Factums, daß Taaffe eine Bestechungssumme
erhielt, führt Kingston die eidliche Aussage vor den Lords an.

[123] +Narcissus Luttrell's Diary, Oct. 6. 1694.+

[124] Ueber Dyer's Neuigkeitsbrief sehe man Luttrell's Tagebuch für
Juni und August 1693 und für September 1694.

[125] Die whiggistische Erzählung ist von Kingston; die jakobitische,
von einem ungenannten Autor, ist unlängst von der Chatham Society
gedruckt worden. Siehe auch +A Letter out of Lancashire to a Friend in
London, giving some Account of the late Trials. 1694.+

[126] +Birch's Life of Tillotson;+ die von Burnet gehaltene
Leichenrede; Wilhelm an Heinsius, 23. Nov. (3. Dec.) 1694.

[127] Siehe die Protokolle der beiden Häuser. Die einzige Erzählung,
die wir von den Debatten besitzen, befindet sich in den Briefen
L'Hermitage's.

[128] +Commons' Journals, Feb. 20. 1694/95.+ Da diese Bill nicht vor
die Lords kam, so befindet sie sich nicht in ihren Archiven. Ich kann
daher nicht ermitteln, ob sie in irgend einem Punkte von der Bill des
vorhergehenden Jahres differirte.

[129] Die Geschichte dieser Bill kann man in den Protokollen der
beiden Häuser nachlesen. Der nicht eben heftige Kampf dauerte bis zum
20. April.

[130] »Die Gemeinen,« sagt Narcissus Luttrell, »ließen ein
lautes Gemurmel vernehmen.« -- +»Le murmure qui est la marque
d'applaudissement fut si grand qu'on peut dire qu'il estoit
universel.«+ L'Hermitage, 25. Dec. (4. Jan.)

[131] L'Hermitage sagt dies in seiner Depesche vom 20. (30.) Nov.

[132] Burnet +II+. 137; Van Citters, 25. Dec. (4. Jan.)

[133] Burnet +II+. 136. 138; +Narcissus Luttrell's Diary;+ Van
Citters, 28. Dec. (7. Jan.); L'Hermitage, 25. Dec. (4, Jan.), 28. Dec.
(7. Jan.), 1. (11.) Jan.; Vernon an Lord Lexington. 21. 25. 28. Dec.
1. Jan.; Tenison's Leichenrede.

[134] +Evelyn's Diary; Narcissus Luttrell's Diary; Commons'
Journals, Dec.+ 28. 1694; Shrewsbury an Lexington von dem nämlichen
Tage; Van Citters ebenso. L'Hermitage, 1. (11.) Jan. 1695. Von
den Gedächtnißpredigten auf Marien verdienen die von Sherlock,
in Temple Church gehalten, und die von Howe und Bates vor großen
presbyterianischen Versammlungen, besondere Erwähnung.

[135] +Narcissus Luttrell's Diary.+

[136] +Remarks on some late Sermons, 1695; A Defence of the
Archbishop's Sermon, 1695.+

[137] +Narcissus Luttrell's Diary.+

[138] L'Hermitage, 1. (11.), 6. (16.) März 1695; London Gazette vom
7. März; Tenison's Leichenrede; +Evelyn's Diary.+


      Stereotypie und Druck von Philipp Reclam +jun.+ in Leipzig.


  +--------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                |
  |                                                              |
  | Eigentümliche und falsche Schreibweisen des Autors wurden    |
  | belassen, wenn sie durchgängig benutzt wurden, wie           |
  | beispielsweise: Wiederhall, erwiedern, Schaffot,             |
  | Beredtsamkeit.                                               |
  |                                                              |
  | Inkonsistenzen wurden nicht geändert, wenn beide             |
  | Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:                       |
  |                                                              |
  | Aegypten -- Egypten                                          |
  | andere -- andre                                              |
  | Baiern -- Bayern                                             |
  | bessern -- besseren                                          |
  | blos -- bloß                                                 |
  | Brod -- Brot                                                 |
  | Charleroi -- Charleroy                                       |
  | Delaval's -- Delavals                                        |
  | Doctoren -- Doktoren                                         |
  | Edinburg -- Edinburgh                                        |
  | eigne -- eigene                                              |
  | eingeborne -- eingeborene                                    |
  | funfzehn -- fünfzehn                                         |
  | fünfzig -- funfzig                                           |
  | Galerie -- Gallerie                                          |
  | geborne -- geborene                                          |
  | größern -- größeren                                          |
  | ins -- in's                                                  |
  | Lordmayor -- Lord-Mayor                                      |
  | Römischkatholischen -- römisch-katholischen                  |
  | Saint-Germain -- Saint-Germains                              |
  | schrien -- schrieen                                          |
  | Secretär -- Sekretär                                         |
  | Shilling -- Schilling                                        |
  | Smyrnaflotte -- Smyrna-Flotte                                |
  | trockene -- trockne                                          |
  | ungeheuern -- ungeheuren                                     |
  | unsere -- unsre                                              |
  | unsern -- unseren                                            |
  | Urtel -- Urtheil                                             |
  | Werks -- Werkes                                              |
  |                                                              |
  | Die folgenden Korrekturen wurden vorgenommen:                |
  |                                                              |
  | p. XIX.11 »beherscht« in »beherrscht« geändert.              |
  | p. XIX.13 »herschenden« in »herrschenden« geändert.          |
  | p. XIX.19 »amusirte« in »amüsirte« geändert.                 |
  | p. XIX.20 »sechszehnjähriger« in »sechzehnjähriger«          |
  |           geändert.                                          |
  | p. XIX.25 »Offizere« in »Offiziere« geändert.                |
  | p. XIX.27 »La Mellionere« in »La Melloniere« geändert.       |
  | p. XIX.27 »Evertson« in »Evertsen« geändert.                 |
  | p. XIX.40 »Kentnisse« in »Kenntnisse« geändert.              |
  | p. XIX.40 »Bretern« in »Brettern« geändert.                  |
  | p. XIX.42 »Brever« in »Brewer« geändert (Fußnote 77).        |
  | p. XIX.42 »neunundsechszig« in »neunundsechzig« geändert.    |
  | p. XIX.47 »Thut« in »That« geändert.                         |
  | p. XIX.49 »müssig« in »müßig« geändert.                      |
  | p. XIX.50 »bereis« in »bereits« geändert.                    |
  | p. XIX.50 »sparsammen« in »sparsamen« geändert.              |
  | p. XIX.52 »und« in »auf« geändert.                           |
  | p. XIX.54 »Reformers« in »Reformer« geändert.                |
  | p. XIX.57 »Gentleman« in »Gentlemen« geändert.               |
  | p. XIX.57 »Majoriät« in »Majorität« geändert.                |
  | p. XIX.66 »diesm« in »diesem« geändert (Fußnote 98).         |
  | p. XIX.68 »Appolonius« in »Apollonius« geändert.             |
  | p. XIX.69 »das« in »daß« geändert (Fußnote 106).             |
  | p. XIX.73 »Schriftstellen« in »Schriftstellern« geändert     |
  |           (Fußnote 115).                                     |
  | p. XIX.76 »herrsüchtigen« in »herrschsüchtigen« geändert.    |
  | p. XIX.78 »Viecekönig« in »Vicekönig« geändert.              |
  | p. XX.iv »Staatssekretair« in »Staatssekretär« geändert.     |
  | p. XX.6 »zwischem« in »zwischen« geändert.                   |
  | p. XX.7 »Kieche« in »Kirche« geändert.                       |
  | p. XX.8 »Mäjestät« in »Majestät« geändert.                   |
  | p. XX.13 »olstupescas« in »obstupescas« geändert             |
  |          (Fußnote 12).                                       |
  | p. XX.18 »baucoup« in »beaucoup« geändert (Fußnote 21).      |
  | p. XX.24 »einahm« in »einnahm« geändert.                     |
  | p. XX.24 »hoffnunglos« in »hoffnungslos« geändert.           |
  | p. XX.24 »Schtachl« in »Schlacht« geändert (Fußnote 28).     |
  | p. XX.25 »Befehlsaber« in »Befehlshaber« geändert.           |
  | p. XX.26 »Vernichtug« in »Vernichtung« geändert.             |
  | p. XX.27 »Galionen« in »Galeonen« geändert.                  |
  | p. XX.27 »auflauren« in »auflauern« geändert.                |
  | p. XX.32 »London« in »Landen« geändert.                      |
  | p. XX.49 »Migliedern« in »Mitgliedern« geändert.             |
  | p. XX.49 »Queens« in »Queen's« geändert (Fußnote 59).        |
  | p. XX.50 »vorzülich« in  »vorzüglich« geändert.              |
  | p. XX.51 »Presbyteriner« in »Presbyterianer« geändert.       |
  | p. XX.58 »Herfordshire« in »Herefordshire« geändert.         |
  | p. XX.59 »Wig« in »Whig« geändert.                           |
  | p. XX.70 »wahrscheilich« in »wahrscheinlich« geändert.       |
  | p. XX.71 »zu zu« in »zu« geändert.                           |
  | p. XX.74 »John Night« in »John Knight« geändert.             |
  | p. XX.75 »1692/94« in »1693/94« geändert (Fußnote 89).       |
  | p. XX.79 »muhamodanischer« in »muhamedanischer« geändert.    |
  | p. XX.86 »Montagne« in »Montague« geändert.                  |
  | p. XX.88 »Barcellona« in »Barcelona« geändert.               |
  | p. XX.90 »Vertheidigunsganstalten« in                        |
  |          »Vertheidigungsanstalten« geändert.                 |
  | p. XX.90 »voher« in »vorher« geändert.                       |
  | p. XX.91 »wirlich« in »wirklich« geändert.                   |
  | p. XX.91 »Ostalrie« in »Ostalric« geändert.                  |
  | p. XX.92 »arglistisches« in »arglistiges« geändert.          |
  | p. XX.93 »dreihundertfunzigtausend« in                       |
  |          »dreihundertfunfzigtausend« geändert.               |
  | p. XX.95 »Chashire« in »Cheshire« geändert.                  |
  | p. XX.95 »Spoke« in »Speke« geändert.                        |
  | p. XX.99 »Southwork« in »Southwark« geändert.                |
  | p. XX.105 »Magstaffe« in »Wagstaffe« geändert.               |
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*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20." ***

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