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Title: Alfried Krupp - Ein Lebensbild
Author: Frobenius, Herman
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Alfried Krupp - Ein Lebensbild" ***

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    | Anmerkungen zur Transkription                                |
    |                                                              |
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    | als ~Antiqua~.                                               |
    | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.   |
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                           Männer der Zeit.

             Lebensbilder hervorragender Persönlichkeiten
               der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit.

                           Herausgegeben von

                         ~Dr.~ Gustav Diercks.


                             Zweiter Band.

                           _Alfried Krupp_.



                            Alfried Krupp.


                            Ein Lebensbild

                                  von

                           Herman Frobenius.


                        Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da
                        bleibt der Segen nicht aus.

                                                Kaiser Wilhelm ~I.~

                        Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein,
                        dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.

                                                      Alfried Krupp.


                         Dresden und Leipzig.

                      _Verlag von Carl Reißner._

                                1898.


[Illustration]



Inhalt.


                                                            Seite

     I. Das väterliche Erbe                                     1

    II. Lehrjahre                                              17

   III. Der erste Erfolg und seine Verwerthung                 33

    IV. Ein königlicher Bundesgenosse                          50

     V. Die erste Feuerprobe                                   70

    VI. Kampf und Sieg                                         91

   VII. Neue Kämpfe                                           117

  VIII. Unheimliche Gegner                                    132

    IX. Schwere Jahre                                         155

     X. Neue Aufgaben und neue Erfolge                        180

    XI. Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung      196

   XII. Das Ende des Siegers                                  218

[Illustration]



~I.~

Das väterliche Erbe.


Im selben Frühjahr, in welchem Napoleon Bonaparte sich anschickte,
seine sieggewohnte Armee dem Verderben in Rußlands unermeßlichen
Gefilden entgegenzuführen und damit seine tyrannische, fast ganz
Europa umfassende Herrschaft dem ersten, bis in die Grundfesten sie
erschütternden Stoße aussetzte, im selben Frühjahr erblickte der Mann
in dem Städtchen Essen das Tageslicht, dessen geniale Schaffenskraft
das starke Werkzeug schmieden sollte, welches 58 Jahre später der
deutschen Armee zur Vernichtung des herrschsüchtigen Neffen, des
letzten Napoleoniden, diente. Dasselbe Jahr, welches als Wendepunkt in
der Geschichte der deutschen Nation sie eintreten ließ in eine Periode
der kräftigsten Entwickelung, des ungeahnten Aufschwunges, es gab
ihr auch mit der Geburt des Meisters die Waffen, um den übermüthigen
Erbfeind zu Boden zu schlagen und dem Vaterland die langersehnte
Einheit zu erkämpfen.

Am 12. April 1812 ward Alfried Krupp geboren.

Mitten in Deutschlands wichtigstem Steinkohlengebiet, in dem reizlosen,
aber fruchtbaren, hügelbekränzten Thale der Ruhr, dort wo er mit
seines Lebens schwerer Arbeit auch seine ans Wunderbare grenzenden
Erfolge errang, in dem kleinen Städtchen Essen stand seine Wiege. Ja!
klein, auffallend klein war noch der Ort mit seinen 4000 Einwohnern
trotz des vollen Jahrtausends, auf das es seine Geschichte rückwärts
verfolgen konnte. In jener Zeit der Geburt des ersten Deutschen
Reiches, als das weite Erbe des großen Karl der Schauplatz der
blutigen, ländergierigen Bruderkriege war, welche mit der endgültigen
scharfen Trennung der gallischen und germanischen Volksstämme einen
Abschluß fanden, damals ward Essen gegründet. Und ebenfalls ein
Alfried war es, der Bischof Alfried von Hildesheim, welcher mit der
Erbauung des alten Münsters den Mittelpunkt für die neue Ansiedelung
formte; überaus langsam entwickelte sie sich, bis nach Verlauf eines
Jahrtausends der zweite, größere Alfried, der, obgleich Protestant,
den Namen des Schutzpatrons erhielt, die schlummernden Kräfte zu
neuem, schaffensreichem Leben zu erwecken wußte und nicht nur seine
Vaterstadt einem plötzlichen, überraschenden Wachsthum zuführte (die
Einwohnerzahl betrug in seinem Todesjahre an 68000), sondern ihr die
erste Stelle unter den Fabrikorten derjenigen großen Industrie errang,
welche unter seiner Führung die Uebermacht des Auslandes siegreich
überwand und die erste Bresche legte in die britische Weltherrschaft.
Wie ein welterschütternder Heroldsruf wirkte dieser Sieg des Essener
Fabrikherren auf den deutschen Handel und auf die deutsche Industrie
und, wie er dem Heere die starke Waffe schmiedete zur Wiedergewinnung
der seit 1000 Jahren der deutschen Nation zustehenden, heimtückisch
vor 3 Jahrhunderten ihr geraubten linksrheinischen Lande, so führte
er durch die selbstgeschaffene Bresche im friedlichen Wettkampf
Deutschlands Handel und Industrie Schritt für Schritt vorwärts
in Gebiete, welche Britannien bisher als seine alleinige Domäne
zu betrachten sich angemaßt hatte. So erweiterte sich die von
Alfried Krupp voll gelöste Lebensaufgabe aus der des patriotischen
Waffenschmiedes, welche sich auf Stärkung der Wehrkraft des Vaterlandes
und auf den Schutz seiner Grenzen richtete, zu der eines Bahnbrechers
für die Idee eines »größeren Deutschland«, und er verstand in weiser
Umsicht die beiden Wege zu betreten, welche diese zum Ziele führen
müssen: Zusammenschluß der vaterländischen Kräfte durch friedliche
Lösung der sozialen Aufgaben und Ueberflügelung der ausländischen
Industrie durch intensivste Entwickelung und Ausbeutung der Technik und
Wissenschaft, sowie durch sorgsamste und gewissenhafteste Pflege der
Reellität in allen Industriezweigen.

Klein, außerordentlich klein und unscheinbar, wie seine Vaterstadt
im Jahre 1812, sind die Anfänge seiner so gewaltig sich erweiternden
Wirksamkeit. Aber die Keime zu der großartigen Entwickelung waren
bereits vorhanden, ebenso, wie in der Vaterstadt die Anfänge der
Industrie, welche sie groß machen sollte, weit zurückdatiren. Schon im
16. Jahrhundert wurde hier Kohlenbergbau betrieben und die Gewinnung
von Eisenerzen erlangte zeitweise eine gewisse Bedeutung in dem bis
1803 ein Freies Reichsstift bildenden Essener Territorium. Sie gab
im vorigen Jahrhundert Veranlassung zur Entstehung der Eisenwerke
Neu-Essen, St. Antony und Gute Hoffnung, deren letzte für die Familie
Krupp und für deren Wirken im Gebiete der Eisentechnik eine große
Bedeutung gewann. Auch die Waffenfabrikation war in Essen nichts
Ungewohntes; denn seit 2 Jahrhunderten bis in den Anfang des unseren
bildete die Gewehrfabrikation einen wesentlichen Zweig der bürgerlichen
Erwerbsthätigkeit.

Eng verknüpft mit der Geschichte der Stadt ist von jeher die der
Familie Krupp. Schon im Jahre 1560 wird ein Kaufmann des Namens
genannt, welcher durch Aufnahme des niederländischen Flüchtlings
Alexander van Huissen eine Familie in Essen einbürgerte, welche
in ihren Nachkommen von großer Bedeutung für die Begründung der
niederrheinischen Eisenindustrie werden sollte. Im Jahre 1664 spielte
ein Matthias Krupp als Sekretair der Stadt eine große Rolle im
öffentlichen Leben und von 1703 bis 1734 stand ein anderer Ahnherr,
Arnold mit Namen, als Bürgermeister an der Spitze der städtischen
Verwaltung. Vom Jahre 1760 an sind die Vorfahren Alfried Krupps in
fortlaufender Linie bekannt, Friedrich Jodocus, Sekretär der Stadt,
ward in diesem Jahre mit einer von ihm gemutheten und »Sekretarius«
benannten Kohlenzeche belohnt. Er wie sein einziger Sohn, Peter
Friedrich Wilhelm, starben noch vor Beginn des neuen Jahrhunderts,
sodaß im Jahre 1800 nur die beiden Wittwen, die »ältere« Amalie,
geborene Ascherfeld und die »jüngere Wittwe« Petronella, geborene
Forsthoff, sowie deren Sohn Friedrich Krupp, welcher am 17. Juli 1787
geboren worden war, die Familie repräsentirten.

Diese erfreute sich zweifelsohne damals eines recht guten Wohlstandes,
denn die jüngere Wittwe bewohnte ein von ihrem Manne 1791 erbautes
stattliches, mit den Namenszügen F. W. P. Krupp und P. Forsthoff, sowie
dem Kruppschen Wappen (eine um einen Baum sich windende, »krupende«
Schlange) geschmücktes Haus (Flachsmarkt Nr. 9); Frau Amalie Krupp aber
besaß die Mittel, um am 12. April 1800 von ihrem Schuldner Pfandhöfer,
dem Besitzer der St. Antony- und Gute Hoffnungs-Hütte die letztere
beim Zwangsverkauf für 12000 Thaler zu erwerben. Mithin erschloß
sich am selben Tage, an welchem 12 Jahre später der geniale Erbe der
väterlichen geistigen Hinterlassenschaft geboren wurde, für dessen
Vater Friedrich das Feld der Thätigkeit, auf dem er die erste Anregung
erhielt zu seinen schöpferischen Ideen und weit hinausschauenden Plänen.

Frau Amalie, eine thatkräftige und geistig bedeutende Frau, übernahm
selbst die Leitung des Eisenwerkes und suchte seine Ergiebigkeit durch
Verbesserungen zu steigern; ihrem Enkel aber gab sie die Gelegenheit,
sich dort als Hüttenmann auszubilden. Der Jüngling ergriff den Beruf
mit voller Begeisterung. In seinem Geist reifte unter der Anregung
der täglichen Beschäftigung der Gedanke, welcher ihm zum Leitstern
wurde für sein ganzes, nur gar zu bald im Dienste der Idee geopfertes
Leben. Die Eisentechnik Deutschlands war zurückgeblieben, durch England
weit überflügelt, und immer mehr wurde der Bedarf an werthvolleren,
besseren Erzeugnissen, wie Maschinentheilen und Geräthen, auch im
Vaterlande allein aus den englischen Fabriken gedeckt, immer mehr
aber drückte das auf die heimische Industrie, je mehr die Maschinen
sich vervollkommneten und je allgemeiner ihre Anwendung in allen
Berufskreisen voraussichtlich wurde. Für eine ganze Reihe von
Werkzeugen und Geräthen verlangte die fortschreitende Industrie
ein ganz besonders feinkörniges, hartes und widerstandsfähiges
Eisenmaterial, und dies verstanden nur die englischen Fabriken
in ihrem Gußstahl herzustellen. Daher ist es leicht erklärlich,
daß sich in Deutschland allerorten die denkenden und strebsamen
Hüttenleute mit Studien und Versuchen abmühten, um das Geheimniß der
Gußstahl-Fabrikation zu ergründen. Und dieses Verlangen ist es auch,
welches in Friedrich Krupp, durch seine Beschäftigung auf der Gute
Hoffnung-Hütte in Sterkrade mächtig angeregt, zur heißen Flamme wurde,
die sein Vermögen und seine Gesundheit verzehrte, während sie für die
deutsche Industrie zum Heerdfeuer wurde, an dem sich ihre Thätigkeit
in mächtigem Aufschwung entwickelte, und zum Freudenfeuer des endlichen
Sieges über die britische Industrie.

Das fleißige, unermüdliche Streben des Jünglings lohnte die Großmutter
am 27. Juni 1807 -- kurz vor Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres --
durch Schenkung des Werkes, und als sich im August des folgenden Jahres
Friedrich Krupp mit Therese Wilhelmi aus Essen verheirathete, geschah
es noch auf der Gute Hoffnung-Hütte; den häuslichen Heerd wollte er
sich neben dem flammenden Ofen errichten, der ihm den Gußstahl liefern
sollte. Wie weit er damals mit seinen Versuchen bereits gediehen
war, ist nicht bekannt. Jedenfalls erschien es ihm selbst wohl noch
nicht möglich, in kurzer Zeit damit ein vollwerthiges Resultat zu
erreichen, denn dann würde er nicht darein gewilligt haben, daß bei
einer sich bietenden günstigen Gelegenheit am 14. September 1808 die
Gute Hoffnung-Hütte verkauft wurde (nachdem die Schenkung, unbekannt
aus welchem Grunde, schon am 15. Mai 1808 rückgängig gemacht worden
war). Begründet wird der Verkauf durch die mehr und mehr hervortretende
Unmöglichkeit, mit der nahe gelegenen Antony-Hütte zu konkurriren,
obgleich die preußische Regierung durch Zuwendung von Aufträgen die
Gute Hoffnung-Hütte zu unterstützen suchte. Es ist interessant, daß
unter dem Kaufakt sich die Namen der Begründer der niederrheinischen
Eisenindustrie vereinigt finden, denn die Käufer waren Heinrich
Huyssen, Gerhard und Franz Haniel und Gottlob Jacobi. Mit letzterem,
einem sehr tüchtigen Hütteningenieur, begegnete sich Friedrich Krupp in
dem Bemühen, das Geheimniß der Gußstahl-Fabrikation zu ergründen.

In Essen, wohin der junge Ehemann nach Verkauf der Hütte seinen
Wohnsitz verlegte, trat er in einen durchaus neuen Wirkungskreis,
indem er das von seiner Mutter geführte größere Spezereigeschäft im
Oktober 1810 auf seinen Namen übernahm. Aus dieser Zeit datirt also die
_Firma Friedrich Krupp_, die sich freilich zunächst mit einem Artikel
beschäftigte, der den späteren Fabrikaten derselben Firma so fremd wie
möglich ist, sie handelte vornehmlich mit Kaffee.

Nicht lange duldete es den jungen Eisentechniker in diesem Geschäft;
alles Streben seines Herzens war auf die Gußstahl-Fabrikation gerichtet
und unwürdig erschien ihm eine Thätigkeit, welche hierfür keinen Raum
bot, es drängte ihn, seine ganze geistige, wie körperliche Kraft,
seine Zeit und seine Mittel ganz ausschließlich diesem einen Zweck zu
widmen. Um seine Versuche fortsetzen zu können, bedurfte er eines,
wenn auch noch so kleinen Eisenwerkes; und so sehen wir, daß er
bereits am 7. Dezember 1811 ein in der Gemeinde Altenessen gelegenes
kleines Gütchen, »die Walkmühle«, ein Anwesen von etwa 5 Morgen
Ausdehnung, ankauft, um hier einen Reckhammer, sowie ein Schmelz- und
Cementirgebäude zu errichten; ein kleiner das Gelände durchfließender
Bach gab die erforderliche Wasserkraft. Hier sollte das Material, der
Gußstahl, erzeugt werden, und in dem Städtchen Moers, auf dem linken
Rhein-Ufer, damals also noch im französischen Gebiet, sollte eine
neu errichtete Feilenfabrik die für das Ausland bestimmten Waaren
herstellen, um den Zoll für diese zu ersparen. Es war wohl zuviel auf
einmal angefangen, so richtig das Unternehmen auch erscheinen muß, denn
diese Feilenfabrik hat nicht lange bestanden.

Mit Fertigstellung der Gebäude im Herbst 1812 löste Friedrich Krupp
sein Spezereigeschäft auf, um alle Mittel disponibel zu machen für das
eine Ziel, das er sich gesteckt hatte. Im Geburtsjahr seines Sohnes
Alfried konnte er also die geschäftliche Mittheilung machen, daß die
Firma Friedrich Krupp von jetzt ab »alle Sorten feinen Stahl, auch
Guß-, Rund- und Triebstahl« zu liefern im Stande sei.

Der Zeitpunkt, mit welchem mithin die Krupp'sche Gußstahl-Fabrik ins
Leben trat, war für das Unternehmen außerordentlich günstig, denn
durch die Napoleonische Kontinentalsperre war seit 1806 jede Einfuhr
englischer Stahlwaaren abgeschnitten und die Bestände in den letzten
Jahren verbraucht worden; die in voller Entwickelung begriffene
Eisen- und Stahl-Kleinindustrie im westlichen Deutschland gerieth
mehr und mehr in Verlegenheit, denn es mangelte einerseits an dem zu
verarbeitenden, bisher aus England bezogenen Material, anderseits an
den von dort gelieferten Stahlwerkzeugen. Allerorten wurden deshalb
von Technikern und Chemikern Versuche über Versuche gemacht, einen
Ersatz des englischen Fabrikates zu erzeugen, und wer mit Erfolg diesen
Weg beschritt, konnte, wie es schien, eines reichen Lohnes sicher
sein, da er das dringendste Bedürfniß der Industrie befriedigte. Wenn
sich aber die vielfachen Versuche, Gußstahl herzustellen, trotz der
thatsächlich erreichten Kenntniß des Geheimnisses fast alle spurlos im
Sande verliefen, wenn außer Krupp keiner der patentirten Erfinder ein
nennenswerthes Resultat erzielte, so liegt dieses in der eigenartigen
Natur des Gußstahls wie jeder für bestimmte Zwecke auf einen hohen
Grad der Leistungsfähigkeit entwickelten Eisenlegirung. Es ist
nicht die Kenntniß der chemischen Zusammensetzung und das einmalige
glückliche Gelingen der Herstellung hinreichend, um die Garantie für
eine stetige Produktion eines gleich leistungsfähigen Materials zu
bieten; denn die Rohmaterialien sind so verschieden und die geringsten
Unterschiede in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Zusammenmischung
von einem so bedeutenden Einfluß auf die Eigenschaften der aus ihnen
gewonnenen Eisenlegirung, daß erst ein langjähriges Studium und
Probiren, verbunden mit der minutiösesten Prüfung und Untersuchung
der Rohmaterialien und mit der peinlichsten Genauigkeit bei ihrer
Verhüttung zu einem einigermaßen richtigen Urtheil über das jedesmal
zu erwartende Resultat und schließlich zu jener Sicherheit im Betriebe
führen konnte, welche der Legirung die für bestimmte Zwecke zu
erreichenden Eigenschaften bei der Auswahl der Materialien zuzuführen
imstande ist.

Es ist hieraus erklärlich, warum nicht mit der einmaligen gelungenen
Erzeugung eines guten Gußstahlblockes für Friedrich Krupp alle
Schwierigkeiten überwunden waren; wie er Jahr für Jahr seines Lebens
der emsigen Arbeit opfern mußte, um das theoretisch Gefundene und
praktisch als richtig Bewiesene für die Fabrikation auch nutzbar zu
machen und die geeignete Beschickungsart für die einzelnen Zwecke des
Fabrikates zu finden. Ein Leitmotiv für alle seine Versuche hat ihm den
richtigen Weg gewiesen und hat in gleicher Weise seinen Sohn von Erfolg
zu Erfolg geführt: »Ohne gutes Eisen kein guter Stahl«; für das beste
Erzeugniß, das er erstrebte, konnte er auch nur das beste Rohmaterial
brauchen. Und der Mangel an letzterem war es häufig, der seine
Fortschritte hemmte. Ein zweites aber, was die Fabrikation größerer
Gußstahlstücke unbedingt erfordert, sind die Werkzeuge, mit denen diese
durchgeschmiedet oder gewalzt werden müssen, um die Gleichmäßigkeit
und Dichtigkeit des Gefüges zu erhalten, welche das Material zu den
höchsten Leistungen befähigen. Es fehlten ihm die Mittel, um sich große
Hämmer und Walzwerke zu beschaffen und erst nach langen Jahrzehnten der
langsamen Entwickelung aus den kleinen Anfängen heraus gelang es dem
Sohne, durch Konstruktion und Ausführung der mächtigen Hämmer, welche
die Welt in Staunen setzten, seinen Stahlblöcken die von keinem Anderen
je erreichte Güte und Leistungsfähigkeit zu geben. Friedrich Krupp
hatte noch in keinem seiner Fabrikgebäude eine Dampfmaschine, mit dem
Hammer, den er 1818 in Alten-Essen anlegte, konnte er Gußstahl nur bis
zur Stärke von 3 Zoll durchschmieden und, um Platten zu walzen, mußte
er das Walzwerk von Franz Dinnendahl in Spillenburg in Anspruch nehmen.

Die ungeheuren Schwierigkeiten, welche Friedrich Krupp aus der Natur
der Gußstahlfabrikation selbst erwuchsen, sind hieraus ersichtlich.
Hierzu kamen aber noch andere unglückliche Umstände, welche einer
raschen Entwickelung seines Werkes hindernd in den Weg traten. Gleich
im zweiten Jahre nach dem Beginn der Gußstahl-Fabrikation war es seine
Verbindung mit einem Mechaniker, Namens Nicolai, welche sehr ungünstige
Folgen hatte. Nicolai hatte ein preußisches Patent (vom 5. Mai 1815)
auf Gußstahl erhalten, »der dem besten, bis jetzt bekannten englischen
Gußstahl in Rücksicht der Güte gleichgefunden« wurde. Damit war
aber nicht gesagt, daß er auch die Fähigkeit und Erfahrung für die
Fabrikation besaß, wie bereits erläutert wurde. Er war ein Beispiel
der für die Praxis unbrauchbaren Erfinder, und Krupp sah sich binnen
Kurzem gezwungen, den Gesellschaftsvertrag mit ihm wieder zu lösen,
mußte aber hierbei eine bedeutende Entschädigung zahlen und wurde
wegen des Nicolaischen Patentanspruches in einen Prozeß verwickelt,
der allerdings zu seinen Gunsten entschieden wurde, aber erst 1823
zum Abschluß kam und in den zwischenliegenden Jahren eine Quelle von
Verlegenheiten, Verlusten und Verdrießlichkeiten wurde.

Zu den wichtigsten und besten Erzeugnissen der Fabrik zählten
gußstählerne Münzstempel und -Walzen. Sie waren binnen Kurzem nicht
nur in Berlin und anderen deutschen Münzprägeanstalten, sondern auch
in Wien und Petersburg in Gebrauch. Gelegentlich deren Lieferung hatte
Friedrich Krupp mit dem preußischen Generalmünzdirektor Goedeking
freundschaftliche Beziehungen angeknüpft und trug sich mit der
Hoffnung, durch dessen Vermittelung die Unterstützung der Regierung
in Form eines größeren Kredits zu gewinnen. Denn seine Fabrik mußte
nothwendigerweise erweitert werden, um den gesteigerten Anforderungen
gerecht werden zu können, und er glaubte von der Regierung eine
Entschädigung für die bedeutenden Verluste beanspruchen zu können, die
ihm aus der Patentirung des leistungsunfähigen Nicolai erwachsen waren.
Seine rastlose Energie ließ ihm aber nicht die Ruhe, jahrelang auf eine
Entscheidung zu warten, und so begann er 1818 mit dem Bau eines neuen
Fabrikgebäudes im Westen der Stadt Essen, wo es für ihn bequemer zu
erreichen war, da er mit seiner Familie noch in der Stadt wohnte. Am
18. Oktober 1819 konnte zum ersten Male in dem neuen Werk geschmolzen
werden, es ist der Geburtstag der jetzigen Gußstahlfabrik, deren
weitläufige Anlagen sich mit der Zeit an diesen ersten verhältnißmäßig
kleinen und bescheidenen Kernbau anschließen und in stetiger
Erweiterung zu einem der größten Etablissements der Welt auswachsen
sollten.

Im Anfang sah es freilich noch wenig hoffnungsvoll aus, denn von den
projektirten 60 Schmelzöfen konnten zunächst nur 8 fertig gestellt
und mit Noth in Betrieb erhalten werden. Da aus jedem Tiegel 25 Pfund
Gußstahl gegossen wurden und binnen 24 Stunden zweimal geschmolzen
werden konnte, war das Maximum der Tagesproduktion 400 Pfund. Welche
bescheidene Zahl gegenüber den Massen, welche in späteren Jahren
erzeugt wurden, und welche sich z. B. im Jahr 1881 auf die tägliche
Herstellung von 130000 Pfund Gußstahl bezifferte! Die Schwere der Güsse
konnte bis zum Tode Friedrich Krupps auf 40 Pfund gesteigert werden.
Was ist das im Vergleich zu dem Block, welcher 1873 auf die Wiener
Weltausstellung gesandt wurde und das stattliche Gewicht von 105000
Pfund erreichte! Und auch dieser Block war aus kleinen Tiegeln gegossen
und in derselben Weise, wie jene ersten kleinen Gußstücke.

Mit der Aufopferung seiner letzten Mittel hatte der energische Mann
diese Erweiterung seiner Fabrik ins Werk gesetzt und keiner seiner
Freunde und Verwandten hatte ein Verständniß für diese Aufopferung
seines guten Vermögens im Dienste einer Idee, deren hohe Bedeutung
ihrem kurzsichtigen Blick vollständig entging. Sie machten ihm
nur Vorwürfe, anstatt ihn zu unterstützen und suchten ihn zu
bereden, die Sache aufzugeben und sein früheres Geschäft wieder zu
ergreifen, wozu sie ihm bereitwilligst die hilfreiche Hand boten.
So stand er allein und verlassen im Kreise seiner Mitbürger und
Berufsgenossen, unverstanden von Allen, die ihn hätten unterstützen
können, unverstanden auch von den maßgebenden Personen, welche die
für das Vaterland so wichtige Industrie mit Staatsmitteln hätten
über die mühsamen Anfänge hinwegbringen können. Und doch war er so
durchdrungen von der Bedeutung seines Unternehmens, so überzeugt von
der Entwickelungsfähigkeit seiner Idee, so siegesgewiß, wenn er nur die
Mittel erlangen konnte, seine Erzeugnisse zur Geltung zu bringen, daß
er keinen Augenblick schwankend wurde, lieber sich und seine Familie in
Noth und Sorgen zu stürzen, als an seiner Lebensaufgabe zu verzweifeln.
Nach allen Seiten blickte er nach Hilfe, selbst die Gründung einer
staatlichen Gußstahlfabrik in Rußland brachte er in Anregung, und
durch gutachtliche Prüfungen suchte er seinem Fabrikat allgemeine
Anerkennung zu verschaffen. So unterzog der in großem Ansehen
stehende »Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in den Königl.
preußischen Staaten« seinen Gußstahl einer gründlichen Untersuchung
und veröffentlichte 1822 sein Urtheil, in dem er bekundet, daß »Herr
Friedrich Krupp in Essen a. d. R. durch langjährige Versuche und große
Aufopferungen es soweit gebracht hat, daß sein Gußstahl im Allgemeinen
den Vorzug vor dem englischen hat..... Sein Fabrikat ist von der
Abtheilung für Manufakturen und Handel in Berlin sorgfältig untersucht
und dahin beurtheilt worden, daß es an Brauchbarkeit und innerer Güte
dem besten englischen Stahl gleich zu achten, ja in mehrfacher Hinsicht
ihm vorzuziehen ist.«

So wie ihm hier eine Anerkennung gewissermaßen amtlichen Charakters
zu Theil wurde, so war auch aus der stetig zunehmenden Zahl der
Bestellungen zu erkennen, daß die neuen Fabrikate mehr und mehr Boden
gewannen. Selbst aus der Fabrik von Cockerill bei Lüttich und der
englischen Münze in Hannover kamen Bestellungen. Sie konnten nicht
bewältigt werden, denn die Erweiterung des Betriebes hätte neue
Kapitalien erfordert, und woher diese nehmen? Nirgends mehr öffnete
sich ein Kredit. Von der Hand in den Mund mußte der Fabrikant leben
trotz des nicht zu verkennenden Aufschwunges seines Werkes, und ein
einziger Unglücksfall konnte plötzlich das mühsam errichtete Gebäude
zu Sturze bringen, gerade jetzt, wo die Hoffnung auf ein glückliches
Gedeihen aufzublühen begann.

Es ist nicht zu verwundern, daß Friedrich Krupp einerseits seine
eiserne Willenskraft, welche allein ihn die ungeheuren Schwierigkeiten
immer wieder überwinden ließ, in unnachsichtiger Strenge gegen sich
selbst, wie gegen Andere zum Ausdruck brachte, daß er anderseits, aus
einer schwierigen Lage in die andere geworfen, von Sorgen gemartert
und bisweilen beinahe verzweifelnd am Erfolge, oft finster und trüb
gestimmt erschien. Für seine Familie -- und die einzige treu ihm zur
Seite ausharrende, in vollem Verständniß seinen Plänen folgende Seele
war seine Frau -- mag er herzlich wenig Zeit übrig gehabt haben, und
auch ihr gegenüber zeigte sich die Thatkraft in dem festen Beharren bei
seiner Idee; er trug kein Bedenken, ihr nicht nur seine eigene, sondern
auch seiner Kinder Lebenskraft dienstbar zu machen und nöthigenfalls
zum Opfer zu bringen.

Ein Bild der in eherner Arbeit unermüdlichen Thatkraft, des in seinen
Leistungen nie ganz sich genügenden ehrgeizigen Pflichtgefühls, der
über die Nichtigkeiten des Lebens und seiner Bedürfnisse hoch sich
erhebenden Begeisterung für eine große Idee, der vor keinem Opfer
zurückscheuenden, durch keine Sorgenlast zu hemmenden, durch keinen
Mißerfolg entmuthigten Energie, so stand der Vater vor den Augen seiner
Kinder als ein leuchtendes Beispiel, als ein strenger Lehrmeister schon
in den ersten Jahren ihrer individuellen Entwickelung. So ward ihr Auge
geschärft zur klaren Auffassung der Verhältnisse, ihr Gemüth gehärtet
gegen verweichlichende und beunruhigende Regungen, ihr Begehren auf
hohe Ziele gerichtet und ihre Bedürfnißlosigkeit durch Entbehrungen
gefördert, so ward ihr Geist entflammt für die große Aufgabe, der sie
die Eltern in einträchtigem Streben jeden Genuß, jede Freude, jeden
Athemzug ihres Lebens opfern sahen.

Und gegen alles Erwarten schnell kam der schwere Schicksalsschlag, der
die Kinder mitten hineinstellte in den Kampf des Lebens. Friedrich
Krupp erkrankte im Jahre 1823, gerade als die endliche Entscheidung
des Prozesses Nicolai eine günstige Wendung seiner Verhältnisse
eingeleitet hatte. Eine Kur in Schwalbach brachte Linderung seiner
Leiden, aber bereits Ende 1824 wiederholten sich die Anfälle, welche
auf eine hochgradige Ueberanstrengung des Nervensystems zurückzuführen
waren, in so heftiger Weise, daß er 10 Monate lang arbeitsunfähig war.
Welche Folterqualen für den Mann, auf dessen energischer Thätigkeit
ganz allein die Hoffnung einer weiteren günstigen Entwickelung beruhte,
da er sich zum thatlosen Zuschauen verurtheilt sah und sich nicht
verbergen konnte, daß von Tag zu Tag sein Werk zurück, daß es dem
Zusammenbruch entgegen ging.

Die Lage wurde kritisch; das Haus in der Stadt mußte aufgegeben werden
und die Familie bezog 1825 ein kleines, zur Fabrik gehörendes Haus,
das in den letzten Jahren für einen Werkmeister errichtet worden war.
Es ist ein ärmliches einstöckiges Fachwerks-Gebäude, neben der Thür in
der Front beiderseits nur ein Fenster, im Giebel deren zwei mit grünen
Läden, darüber beiderseits ein einfenstriges Giebelstübchen, kaum Raum
genug für die Eltern und die vier Kinder bietend, eine Arbeiterwohnung
im strengsten Sinne des Wortes, und was in diesem Hause für
angestrengte, sorgenschwere, aber auch segensreiche Arbeit geleistet
wurde, das hat die Welt nach Jahrzehnten mit Staunen wahrgenommen,
dessen werden sich aber auch die Nachkommen des ersten Bewohners stets
mit tiefbewegtem, dankbarem und immer aufs Neue ermuthigtem Herzen
erinnern. Noch heute steht inmitten der Riesengebäude der Fabrik, in
seiner ursprünglichen bescheidenen Form dieses »Stammhaus«, in dem
Friedrich Krupp noch einmal Hoffnung schöpfte, sein Leiden überwinden
und dem drohenden Zusammensturz seines Werkes mit Energie Einhalt
gebieten zu können. Kurz und trügerisch war die Hoffnung. Mitten in
neuen Arbeiten, in der Lösung neuer Aufgaben, raffte ihn der Tod dahin.
Er starb am 8. Oktober 1826 an der Brustwassersucht. Was er erstrebt
hatte, schien verloren, was er erreicht, schien vernichtet. In Noth
und Sorge, ohne alle Mittel ließ er seine Familie zurück, in der
Blüthe seiner Jahre überwältigt durch die Aufgabe, der er sein Leben
und das Wohl der Seinen geopfert hatte. An seinem Grabe standen die
früheren Freunde und Genossen ohne ernste Theilnahme; sie hatten es ihm
ja vorausgesagt, daß er einem Hirngespinnst in thörichter Weise sich
opferte; nur ein mitleidiges Lächeln hatten sie für die Wittwe und die
unerwachsenen Kinder, die er im Elend zurückgelassen hatte. Sie ahnten
nichts von dem reichen Erbe, das er ihnen vermachte, da er sie durch
eine Schule geführt hatte, welche sie zur strengsten Pflichterfüllung
und zum Einsetzen aller Kraft an hohe Ziele vorbereitet hatte, sie
sahen nicht den unscheinbaren Keim blühender Entwickelung, den er
in seinem Werke eingepflanzt hatte und der sich zum Riesenbaum
ausgestalten sollte, in dessen Schatten Deutschlands Industrie für
seine Weltbedeutung sich zu entfalten Schutz fand.



~II.~

Lehrjahre.


Ein vierzehnjähriger Knabe stand Alfried am Grabe seines Vaters, und
in den tiefen Schmerz hinein, welcher sein Herz mit Thränen erfüllte,
in die bangen, schweren Gedanken, welche mit ungewohnter Last sein
Haupt beschwerten, klangen anstatt der Töne warmen Mitgefühls die
Aeußerungen des frostigen Mitleids wie ein schneidender Mißton,
seinem thränenverschleierten Blick entging nicht das Achselzucken
der klugen Leute, welche es nicht für der Mühe werth hielten, ihre
Schadenfreude zu verbergen. Und die Thränen versiegten in heiligem
Zorn, das schmerzgebeugte Haupt erhob sich in stolzem Bewußtsein
der großen Aufgabe, welche der Knabe von heute ab als Nachfolger
seines Vaters diesen kleinen Seelen gegenüber zu vertheidigen, in
ihrer ganzen vollberechtigten Bedeutung zur Anerkennung zu bringen
berufen war. So verließ Alfried Krupp das frische Grab seines Vaters,
nicht in verzweifelndem Kleinmuth des Kindes, sondern im muthigen
Selbstvertrauen des werdenden Mannes, so ward er, der vierzehnjährige
Knabe, der Chef der Firma Friedrich Krupp, durch das im Tiefsten ihn
verletzende Gebahren seiner Mitbürger am Grabe des Vaters, zu dem Manne
der eisernen Energie, des rücksichtslosen Zielbewußtseins, des tiefsten
Verständnisses für die Lebensnoth seiner Mitmenschen, wie er in seinem
ganzen Leben sich bewiesen hat.

Er war kein Musterschüler gewesen; denn im Oktober 1825 hatte er erst
die Quarta erreicht, als sein Vater es für nothwendig erachtete, ihn
in seinen Freistunden zur Mitarbeit in der Fabrik heranzuziehen. Die
Entlassung eines untreuen Buchhalters und eines unzuverlässigen Faktors
hatten ihm den Gedanken nahe gelegt, mit Hilfe seines ältesten Sohnes
alles Geschäftliche allein zu besorgen und hierdurch die Fabrik von
einer immerhin ins Gewicht fallenden Ausgabe zu entlasten.

Ostern 1826 nahm er ihn ganz aus der Schule, konnte aber seine
ursprüngliche Absicht, ihn bei dem Münz-Wardein Noelle auf der
Düsseldorfer Münze seine Lehre durchmachen zu lassen, nicht ausführen,
da ein neuer Krankheitsanfall ihm seine Hilfe im Geschäft unentbehrlich
machte. Körperlich gebrochen, besaß er doch noch seine volle geistige
Frische, um die jetzt wichtigste Aufgabe zu erfüllen, seinen Sohn in
alle Zweige des Geschäftes einzuführen. Nach seiner Anweisung mußte
Alfried die »Beschickung« und sonstige besonders wichtige Werkarbeiten
übernehmen, mußte er in wenigen Monaten alles das erlernen, was ihn
nicht nur zu einem geschickten Hüttenmann geeignet machte, sondern was
als Ergebniß der Versuche und Studien des Vaters ihm überliefert werden
mußte, damit er seiner hohen Aufgabe gewachsen wäre, dessen Erfindung
weiter zu fördern und auszubeuten.

Das waren offenbar Dinge, welche den Anlagen und Neigungen des Knaben
bedeutend mehr zusagten, als die Schulwissenschaften. Es ist nur
aus einem vollen Verständniß der ihm zufallenden Lebensaufgabe und
aus einer hohen spezifischen Begabung heraus verständlich, daß es
dem Knaben gelang, des Gelehrten vollständig Herr zu werden, so
vollständig, daß er auf des Vaters Errungenschaften ohne Weiteres
weiter zu bauen im Stande war, als er nach sechs Monaten Lernzeit auf
seine eigenen Füße gestellt wurde.

Als seine Schulkameraden nach der Tertia versetzt wurden, ward den
schwachen Schultern des vierzehneinhalbjährigen Knaben die schwere
Last auferlegt, als Chef der Firma eine Fabrik weiterzuführen, welche
zusammenzubrechen drohte, als Haupt der Familie die Mittel zu schaffen,
um seine Mutter und drei Geschwister zu ernähren. Er wollte und konnte
sich dem nicht entziehen, denn es war das heilige Vermächtniß seines
Vaters. Noch im Oktober des Jahres 1826 veröffentlichte die Wittwe in
den Zeitungen eine »Empfehlung«:

»Den geschätzten Handlungsfreunden meines verstorbenen Gatten beehre
ich mich die Anzeige zu machen, daß durch sein frühes Hinscheiden das
Geheimniß der Bereitung des Gußstahls nicht verloren gegangen, sondern
durch seine Vorsorge auf unseren ältesten Sohn, der unter seiner
Leitung schon einige Zeit der Fabrik vorgestanden, übergegangen ist und
daß ich mit demselben das Geschäft unter der früheren Firma »Friedrich
Krupp« fortsetzen und in Hinsicht der Güte des Gußstahls, sowie auch
der in meiner Fabrik daraus gefertigten Waaren nichts zu wünschen übrig
lassen werde.

Die Gegenstände, welche in meiner Fabrik gefertigt werden, sind
folgende: Gußstahl in Stangen von beliebiger Dicke, desgl. in gewalzten
Platten, auch in Stücken, genau nach Abzeichnungen oder Modellen
geschmiedet, z. B. Münzstempel, Stangen, Spindeln, Tuchscheerblätter,
Walzen u. dergl., wie solche nur verlangt und aufgegeben werden, sowie
auch fertige Lohgerberwerkzeuge.

Gußstahlfabrik bei Essen, im Oktober 1826.

                  Wittwe Therese Krupp, geb. Wilhelmi.«

Wie stand es nun mit der Fabrik? Friedrich Krupp war es trotz aller
Schwierigkeiten immer noch gelungen, sein Geschäft in voller Ordnung
zu hinterlassen und seine kaufmännische Ehre voll zu wahren. Aber
Schulden waren natürlich vorhanden, und sie überstiegen beinahe den
Werth des Vermögens. Die Güte des Kruppschen Gußstahls ward überall
anerkannt; die Bestellungen waren aber in den letzten Jahren immer
dürftiger eingelaufen, da die Krankheit des Chefs eine pünktliche
Ausführung zur Unmöglichkeit gemacht hatte. Die Zahl der ständigen
Arbeiter war auf vier Mann heruntergegangen. Kredit war jetzt
naturgemäß noch viel schwieriger zu erlangen als zu Lebzeiten des
Vaters. So galt es, unter den ungünstigsten Verhältnissen gewissermaßen
von vorn wieder anzufangen, auf's Neue eine Kundschaft zu erwerben,
nachdem das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Fabrik erschüttert
war. Betriebsmittel, Rohmaterial, neue Arbeitskräfte und Kredit zu
schaffen, wo kein irgend nennenswerther Fonds dafür zur Verfügung
stand. Wieviel schwerer war die Aufgabe für Alfried jetzt, wo Englands
Gußstahlfabrikate wieder als übermächtige Konkurrenten überall in den
Weg traten, als damals für den Vater, wo das Vermögen noch vorhanden
und durch die eigenen Erzeugnisse einem auf dem ganzen Kontinent
schwer empfundenen Bedürfniß entsprochen werden konnte. Diesen
Mängeln gegenüber standen aber die gut und für einen viel größeren
Betrieb ausreichenden Fabrikgebäude als eine wichtige, unentbehrliche
Errungenschaft des Vaters und die frische Arbeitskraft eines über
Nacht zum Jüngling gereiften Knaben, der mit Begeisterung und
hoffnungsfreudig ans Werk ging und, über die ersten Versuche hinweg,
gleich ein vollwerthiges Material auf den Markt bringen konnte.

Es bedurfte freilich seiner ganzen Körper- und Geisteskraft, um auch
nur die nothwendigsten Bedürfnisse für die Familie zu schaffen, denn
außer der Schwester Ida waren ja zwei jüngere Brüder, Hermann und
Friedrich, zu ernähren, zu kleiden, zu unterrichten. So stand er, mit
nur zwei Arbeitern zur Seite, von Tagesgrauen bis zur einbrechenden
Nacht am Ambos und vor der Esse, und wenn er den über alle Maßen
angestrengten jungen Körper hinaufgeschleppt hatte in die kleine
Giebelstube, dann begann noch die geistige Arbeit, dann mußte er der
zweiten, nicht weniger wichtigen Berufsaufgabe genügen als Ingenieur
und Kaufmann. Denn nicht stillstehen durfte er auf dem vom Vater
errungenen und ihm überkommenen Standpunkt der Fabrikation und deren
Verwerthung; jene zu vervollkommnen und für diese immer neue Gebiete zu
entdecken und zu erobern, darauf mußte er ja unablässig seine Gedanken
richten.

Und wie schlimm stand es mit seiner Vorbildung für diese Aufgabe! Woher
sollten ihm die kaufmännischen, die technischen und wissenschaftlichen
Kenntnisse, die Fertigkeit in fremden Sprachen kommen, ihm, dem aus der
Quarta des Gymnasiums, mitten aus seinem Bildungsgang herausgerissenen
Schüler. Und ohne alles das ging es doch nicht, alles das mußte er
nachholen, mußte er mit todmüdem Körper in nächtlicher Arbeit sich
anzueignen suchen. Welche übermenschliche Aufgabe! Und daß er sie
löste, daß er seiner genialen Erfindungsgabe die unentbehrliche
wissenschaftliche Basis gewann, daß er die französische und
englische Sprache sich vollständig zu eigen machte, daß er zu einem
hervorragenden Geschäftsmann sich entwickelte, das zeugt von einer
außerordentlichen Begabung, vor allem aber von einer pflichtbewußten
nie erlahmenden Energie ohne Gleichen bei einem Menschen in diesen
Lebensjahren. Was ihn darin unterstützte, das war die tiefempfundene
Verehrung für den Vater, die glühende Begeisterung für die
Weiterführung von dessen Lebenswerk und, wie er selbst bekannte, die
heilige Entrüstung über das höhnische Mitleid seiner Mitbürger, das ihm
am Grabe des Vaters so tief in die Seele geschnitten hatte.

Als eine gar nicht zu überschätzende Hilfe stand ihm aber seine Mutter
zur Seite, eine kluge, energische und thatkräftige Frau, welche jetzt
des Sohnes schwere Arbeit und emsiges Streben mit derselben Fürsorge
und demselben theilnahmsvollen Verständniß umgab, wie sie sie bisher
dem Gatten gewidmet hatte. Sein Erbtheil von ihr nannte Alfried, wenn
er mit höchster Verehrung und inniger Pietät der Mutter gedachte, den
ihm innewohnenden rastlosen und unermüdlichen Fleiß.

Er selbst schilderte diese schwere Zeit in einem Briefe: »Ich sollte
laut Testament für Rechnung meiner Mutter die Fabrik fortsetzen, ohne
Kenntniß, Erfahrung, Kraft, Mittel und Kredit. Von meinem vierzehnten
Jahre an hatte ich die Sorgen eines Familienvaters und die Arbeit
bei Tage, des Nachts Grübeln, wie die Schwierigkeiten zu überwinden
wären. Bei schwerer Arbeit, oft Nächte hindurch, lebte ich oft bloß
von Kartoffeln, Kaffee, Butter und Brot, ohne Fleisch, mit dem Ernst
eines bedrängten Familienvaters, und 25 Jahre lang habe ich ausgeharrt,
bis ich endlich bei allmählich steigernder Besserung der Verhältnisse
eine leidliche Existenz errang. Meine letzte Erinnerung aus der
Vergangenheit ist die so lange drohende Gefahr des Unterganges und die
Ueberwindung durch Ausdauer, Entbehrung und Arbeit, und das ist es, was
ich jedem jungen Manne zur Aufmunterung sagen möchte, der nichts hat,
nichts ist und was werden will.«

Langsam freilich, erschreckend langsam nur konnte es vorwärts gehen
mit der Fabrik, wenn auch Alfried und seine Mutter sich mit der
Befriedigung der äußersten Bedürfnisse begnügten, wenn auch der
Fabrikherr persönlich jede Gesellenarbeit mit verrichtete und jeden
Groschen nur zu Gunsten des Geschäftes verausgabte. Wie manchmal mußte
er sich sorgen, selbst nur die kleine Summe für die wöchentliche
Löhnung seiner paar Arbeiter rechtzeitig zu beschaffen; für seine
eigene Arbeitsleistung blieb ihm nichts übrig. »Fünfzehn Jahre lang,«
sagt er in einem Aufruf an seine Arbeiter am 24. Juli 1872, »habe
ich gerade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn auszahlen zu
können. Für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts,
als das Bewußtsein der Pflichterfüllung.« So brachte er es bis zum
Jahre 1832 erst auf 10 Arbeiter, die im folgenden sogar auf 9 wieder
herabgingen. Und dabei dachte er Tag und Nacht auf Verbesserungen
seiner Fabrikate und weitere Ausnutzung seines Gußstahls; dabei suchte
er in sonntäglichem Unterricht bei seinem Oheim, dem Kaufmann Karl
Schulz, die kaufmännische Buchführung und sonstige kaufmännische
Wissenschaften sich anzueignen; dabei ergriff er selbst den Wanderstab,
um als Reisender für sein Geschäft seine Fabrikate an den Mann zu
bringen. Von Hof zu Hof zog er auf der aus dem Märkischen in's
Bergische führenden Enneperstraße, wo die »Reckhämmer« ihre heiße
Arbeit betrieben, um Aufträge auf »Hammersättel« einzusammeln, jede
Lieferung neu gefertigter Münzstempel brachte er selbst nach Düsseldorf
in die Münze, um sofort die Bezahlung empfangen zu können; denn der
Geldmangel steigerte sich manchmal bis zur Sorge, das Porto für
eingehende Briefe zu decken.

Nach einem Jahrzehnt dieses heißen, oft verzweiflungsvollen Ringens
gelang es endlich Alfried, den ersten wichtigen Erfolg zu erringen. Er
hatte eine Löffelwalze in Gußstahl hergestellt, bestimmt zum Gebrauch
bei Herstellung von Löffeln in Gold und Silber und erhielt auf diese
nicht nur in den deutschen Staaten, sondern auch in England, Frankreich
und Oesterreich ein Patent. Die Walze ward außerordentlich vortheilhaft
von den Löffelfabrikanten gefunden und in England dem Erfinder eine so
ansehnliche Geldsumme für das Patent gezahlt, daß er sich nicht nur
von den lästigsten Schulden befreien, sondern auch den Betrieb seines
Werkes wesentlich erweitern konnte. Die erste schreckliche Periode der
oft unheimlichen Angst und der beinahe übermenschlichen Anstrengung war
damit überwunden; mit gehobenem Muthe sah der Jüngling einer besseren
Zukunft entgegen.

Der Gedanke lag nahe, die neue Erfindung auch in Deutschland weiter
auszunutzen, wozu es jedoch größerer Anlagekapitalien bedurfte.
Krupp wandte sich an das angesehene Bankhaus v. d. Heydt, Kersten &
Co. in Elberfeld, und dieses zeigte sich auch nicht abgeneigt, eine
Verbindung mit ihm einzugehen behufs Fabrikation der Löffelwalzen in
großem Maßstabe. Jedoch trat bald das Bestreben hervor, weniger dem
Erfinder zu Hilfe zu kommen, als vielmehr seine Erfindung im Interesse
des Bankhauses auszunutzen. Man weigerte sich nämlich, ihm Kapital
zur Verfügung zu stellen und verlangte die Gründung eines Werkes in
Elberfeld, welches den Namen des Geldleihers tragen sollte, so daß
also der Erfinder mit seiner Person ganz zurücktrat und der weiteren
Entwickelung seiner eigenen Fabrik geradezu entgegengearbeitet wurde.
Auf solche Bedingungen konnte dieser natürlich nicht eingehen, die
Verhandlungen zerschlugen sich, die Beziehungen zu dem Bankhause
scheinen aber Mißstimmungen bei dessen Chef hinterlassen zu haben,
welche er in seiner späteren Stellung als Handels- bezw. Finanzminister
noch nicht überwunden hatte. Wenigstens glaubte Krupp die seiner Firma
zu Theil werdende Behandlung Seitens des preußischen Ministers hierauf
zurückführen zu müssen.

Besseren Erfolg hatte er in Oesterreich mit dem Bestreben, seine
als vorzüglich anerkannten Münzstempel zur Einführung zu bringen.
Allerdings galt es dort einen heftigen Kampf gegen die Intriguen und
Chikanen der österreichischen Konkurrenten, welche mit allen zulässigen
und unzulässigen Mitteln dem Eindringen des ausländischen Fabrikanten
entgegenarbeiteten. Monatelang mußte Krupp wiederholt in Wien sich
aufhalten, um seinen Erzeugnissen nach manchem schweren Verdruß zum
Siege zu verhelfen. Aber leicht kann es nicht gewesen sein, denn sein
schönes schwarzes Haar bleichte in diesen Jahren, und er pflegte
später zu sagen, die Farbe seiner Haare habe er in Wien gelassen.
Bei dieser Gelegenheit mag es ihm zum Bewußtsein gekommen sein, daß
gegen die, ihre an und für sich ja durchaus berechtigten Interessen
vertheidigenden österreichischen Metallfabrikanten auf die Dauer
nur dadurch würde Stand zu halten sein, daß er auf österreichischem
Boden festen Fuß faßte. Zur Gründung einer eigenen Fabrik daselbst
fehlten ihm die Mittel, es blieb also nur der Ausweg, mit einem
österreichischen Kaufmann nahe persönliche Beziehungen herzustellen.
Er fand einen solchen in Alexander Schöller, einem geborenen Dürener,
welcher seit 1833 in Wien eine Großhandlung besaß. Mit diesem vereint
gründete Alfred Krupp im Jahre 1844 in Berndorf bei Leobersdorf eine
Metallfabrik unter der Firma Krupp und Schöller. Die technische Leitung
übernahm Krupp's jüngerer Bruder Hermann. Bald blühte die Fabrik zu
einem Werk ersten Ranges empor und ward dadurch erweitert, daß Hermann
Krupp in Gemeinschaft mit Schöller auch eine Bessemer-Stahlfabrik,
Aktiengesellschaft in Ternitz, und eine Nickelfabrik zu Losoncz in
Ungarn gründete.

In auffallendem Maaße begann die Essener Fabrik sich in diesen Jahren
zu entwickeln; während ihr Areal im Jahre 1838 nur 2,87 ~ha~ umfaßte
(weniger als in Friedrich Krupp's letzten Lebensjahren), war es
1844 auf 4,53 ~ha~ angewachsen und die Arbeiterzahl stieg im Jahr
1843 auf 99, im folgenden auf 107 und 1845 sogar auf 122 Köpfe. Es
ist hieraus ersichtlich, wie unablässig der Fabrikherr bemüht war,
die Werkanlagen zu erweitern, die Leistungsfähigkeit der Fabrik zu
steigern, wie selbstlos er jede Verbesserung der Einnahmen lediglich
in deren Interesse verwendete und sein persönliches Wohlbehagen deren
Förderung stets hintanstellte. Es ist hier der eigenthümliche Zug in
Krupp's Geschäftsleitung bereits deutlich erkennbar, welcher bis in die
letzten Lebensjahre zu der mächtigen Entwickelung der Gußstahlfabrik
so wesentlich beitrug, von den Einnahmen, so bedeutende Höhen sie auch
erreichten, nie etwas zu kapitalisiren oder im persönlichen Interesse
zu verwenden, sondern stets zu Verbesserungen und Erweiterungen der
Fabrikanlagen zu benutzen. Stetig wuchsen mit der Eroberung neuer
Produktionsgebiete, in deren Auffinden Krupp unermüdlich war, auch die
Anforderungen bezüglich Beschaffung der Rohmaterialien, bezüglich der
Räumlichkeiten und maschinellen Anlagen für ihre Ver- und Bearbeitung,
bezüglich der Bedürfnisse der wachsenden Arbeitermasse. Da waren
stets dringende Wünsche zu befriedigen, und der Gedanke scheint Krupp
nie gekommen zu sein, seine persönlichen Bedürfnisse einmal denen
der Fabrik voranzustellen oder einen ausführbaren Erweiterungsbau
aufzuschieben, um eine Summe für sich und seine Familie zu
kapitalisiren. Seine Fabrik erschien ihm stets die beste Kapitalsanlage
und selbst die eigene Arbeitskraft und seine werthvollsten Erfindungen
hielt er für am besten belohnt und verzinst, wenn er sie lediglich
in den Dienst der Fabrik stellte. Wie er in dem ersten Dezennium
unter dem Zwang der Noth jeden Pfennig für diese hatte ausgeben
müssen, so geschah es weiter mit den großen Summen, die er später
vereinnahmte, und dabei half ihm sein unerschütterliches Vertrauen in
die Ausbeutungs- und Entwickelungsfähigkeit der väterlichen Erbschaft,
sowie sein Bewußtsein einer unerschöpflichen Erfindungsgabe und nie
erlahmenden Arbeitskraft auch den Zeiten ernster wirthschaftlicher
Krisis ohne Reservefonds entgegenzutreten und sie siegreich zu
überwinden.

Hierbei kam ihm eine zweite Geschäftsregel wesentlich zur Hilfe,
welche auch ein charakteristisches Merkmal seiner Geschäftsführung von
Anfang an gewesen ist, und in dem Bestreben basirt, alle Bedürfnisse
der Fabrik möglichst selbst mit deren eigenen Mitteln zu befriedigen.
Was an Werkzeugen erforderlich war, suchte er selbst herzustellen
und sparte damit den sonst in die Taschen anderer Fabrikanten
fließenden Verdienst. Dieses System der Selbstfabrikation hat er
stetig durchgeführt und in einem so großartigen Maßstabe entwickelt,
wie es sich wohl nirgends wiederholen möchte, wie es allerdings auch
nur mittelst der Einführung dieser Regel von Anfang an und mittelst
der enormen hierfür verfügbar zu machenden Geldmittel ausführbar war.
In Zeiten der Krisis war er aber hierdurch fast ganz unabhängig von
anderen Lieferanten und entging allen durch solche etwa auszuübenden
Pressionen und seinen Kredit gefährdenden Maßnahmen.

Unermüdlich war Krupp eifrigst bemüht, seine Kenntnisse zu erweitern
und als geeignetstes Mittel hierzu suchte er die zahlreichen Reisen
auszunutzen, die er im Geschäftsinteresse unternehmen mußte.
Namentlich war es in England, in dem Lande des Welthandels und der
ausgedehntesten Industrie, wo er offenen Auges beobachtete und
forschte, wo ihm die Gewißheit wurde, daß sich für sein vorzügliches
Material auch ein weiter Wirkungsbezirk erschließen müßte; er selbst
äußerte später, daß er hier erst einen Begriff davon bekommen habe,
»welch einen umfassenden Markt eine gute Sache sich erwerben kann«.
Weniger hoch schlug er das an, was er in technischer Beziehung, als in
geschäftlicher, in Großbritannien lernte. Aber seinen großen Gegner
und Konkurrenten auf dem Gebiete der Eisentechnik lernte er gründlich
kennen und abschätzen; er fand mit klarem Blick den Punkt, wo er den
Hebel einzusetzen habe, um ihn aus dem Sattel zu heben, und diesem
nächsten Ziele steuerte er mit aller Energie zu.

Wesentlichen Vortheil zog er aus seinen Reisen für seine
Sprachkenntnisse, indem er in der englischen wie in der französischen
Sprache sich vollkommene Fertigkeit erwarb. Dabei wußte er aus seinem
Verkehr mit den bedeutendsten deutschen Technikern, aus dem eifrigen
Studium der fachwissenschaftlichen Litteratur, aus allem dem Neuen
und Entwickelungsfähigen, das er mit scharfem Auge entdeckte, eine
praktische Verwerthung für seine Fabrik zu ziehen und erfreute sich
im Kreise seiner Berufsgenossen bald einer angesehenen Stellung dank
der Entwickelung seines Werkes, seiner geschäftlichen und technischen
Kenntnisse, sowie seiner zunehmenden Erfolge auf dem Gebiete der
Eisentechnik.

Im Jahre 1844 ward ihm die erste größere öffentliche Anerkennung zu
Theil, indem ihm für seine Fabrikate auf der Berliner Ausstellung
vaterländischer Gewerbserzeugnisse die goldene Medaille verliehen wurde.

Eine ernste Krisis brachte das Jahr 1848 dem aufblühenden Werke.
Der wirthschaftliche Rückgang, welcher in Folge der unglücklichen
politischen Verhältnisse in allen Kulturstaaten sich geltend machte,
drohte auch der Gußstahlfabrik verhängnißvoll zu werden. Die
Arbeiterzahl mußte auf 72 Köpfe vermindert werden, und nur ein großes
persönliches Opfer konnte über die Nothwendigkeit hinweg helfen, noch
eine größere Anzahl entlassen zu müssen. Krupp ließ das gesammte
ererbte Silberzeug der Familie einschmelzen, um mit den hierdurch
geschafften Baarmitteln der Fabrik über die schwerste Zeit hinweg
zu helfen. Seitdem ward im Hause Krupp niemals wieder Silbergeräth
benutzt. Nach Alfrieds Bestimmung durfte fortan nur Neusilbergeräth
beschafft und zwar aus der Fabrik des Bruders in Berndorf bezogen
werden.

Von kurzer Dauer war die Krisis. Im folgenden Jahre konnten wieder
107 Arbeiter beschäftigt werden, und ihre Zahl stieg von da an ganz
außerordentlich, so daß sie im Jahre 1850 auf 237 und 1852 auf 340 sich
belief. Der Grund ist einerseits wohl in dem allgemeinen mächtigen
Aufschwung zu suchen, welchen die ganze vaterländische Industrie noch
1848 im Kampfe gegen die der Franzosen und Engländer nahm. Wenn wir
aber sehen, wie Alfried Krupp gerade in den ersten Reihen der Kämpfer
sich auszeichnete, wie er allen anderen voran eilte, um dem Auslande
auf dem Weltmarkte den Rang abzugewinnen, so müssen es wohl noch
besonders günstige Ereignisse sein, welche dem jungen Adler die Flügel
lösten und ihm den Impuls gaben zum muthigen Fluge himmelan.

Und das Jahr 1848 bezeichnet allerdings einen außerordentlich
wichtigen Wendepunkt nicht nur in der Entwickelung seiner Fabrik,
sondern vor allem in dem eigenen Werdegang Krupps. Bisher war er noch
immer gebunden gewesen durch die Verpflichtung, als Chef des Hauses
die Interessen seiner Geschwister ebenso gut wie die seinigen zu
wahren, und er war zu pflichttreu, als daß er sich zu Wagnissen hätte
hinreißen lassen, welche das Vermögen der Geschwister etwa durch seine
Schuld gefährdet hätten; er war an große Vorsicht in allen seinen
Unternehmungen gebunden. Nun war im Jahre 1844 der Bruder Hermann
ausgeschieden und 1848 trat auch der zweite Bruder Friedrich aus dem
Verbande; Alfried übernahm vom 24. Februar ab die Fabrik auf seine
alleinige Rechnung. Die hierbei nothwendige Vermögensauseinandersetzung
mag auch nicht ohne Einfluß auf die erwähnte wirthschaftliche Krisis
gewesen sein.

Mit diesem 24. Februar ward er nun frei von jeder Rücksichtnahme auf
anderweitige Interessen, er hatte nur noch _eine_ Verantwortung, die
vor sich selbst und vor dem idealen Bild seiner Lebensaufgabe, das
er tief in der Brust trug. Diesem Treue zu wahren, dessen hellen
Glanz durch keine Handlung zu beeinträchtigen, ihm zum Siege und zur
allgemeinen Anerkennung zu helfen, das ward allein die Richtschnur
seiner Handlungen. Das löste ihm die Flügel, da er nun nicht mehr
ängstlich abzuwägen brauchte, ob er für einen neuen Versuch, eine
verheißungsvolle Erfindung die nöthigen Geldmittel, vielleicht ohne
Erfolg, opfern dürfte, da er nur unter dem einen Gesichtspunkt zu
handeln hatte: »Bringt es mich weiter zum Ziele, wenn es gelingt?« Nun
konnte er wohl gewagte Wege einschlagen, die ein anderer ihm zu folgen
sich scheute, von denen er ihn vielleicht abzuhalten suchte, weil er
nicht in gleicher Weise klar das Ziel vor Augen sah, wie Alfried und
gleichen brennenden Drang und Wagemuth empfand, sich ihm zu nähern.

Man darf nicht außer Augen lassen, daß jeder weitere Schritt im
Bereiche der Eisentechnik, jeder Versuch, das Material in ein neues
Gebiet einzuführen, nicht nur ein sorgfältiges Studium, Berechnungen,
Experimente, sondern die Beschaffung, häufig die Erfindung neuer
maschineller Einrichtungen, Werkzeuge und baulicher Anlagen erfordert,
wodurch hohe Ausgaben veranlaßt werden, lange bevor ein Erfolg,
eine Einnahme aus den neuen Erzeugnissen zu gewärtigen ist. Denn
selbst, wenn die Versuche bald zu einem günstigen Ergebniß führen
-- und wie viele mögen erst nach häufigen Verbesserungen und hohen
Geldopfern dahin gelangen -- gilt es noch, dem Neugeschaffenen auch
die Anerkennung zu verschaffen. Im Kampfe mit der Konkurrenz müssen
erst andere minderwerthige Erzeugnisse besiegt und verdrängt werden,
denn nicht immer sind die Abnehmer so schnell von den Vortheilen der
neuen Produkte zu überzeugen. Welche Erfahrungen hat Alfried Krupp
in dieser Beziehung machen müssen, welche tiefwurzelnde Ueberzeugung
von der Mehrwerthigkeit seines Gußstahles gehörte dazu, welches durch
Jahre und Jahrzehnte hindurch mit hartnäckiger Konsequenz durchgesetzte
Beharren auf dem als richtig erkannten Wege, um endlich den Sieg zu
erringen über Kurzsichtigkeit, Sonderinteressen und Anfeindung! Das ist
Alles nicht ohne schwerwiegenden Einfluß gewesen auf die Entwickelung
seines Charakters, das war aber auch nicht durchführbar, wenn er nicht
die volle Unabhängigkeit in seinem Handeln genoß, die ihm gestattete,
stets rücksichtslos Alles einzusetzen, um das ihm vorschwebende Ziel zu
erreichen.

Deshalb ist das Jahr 1848 von entscheidender Bedeutung für seine
Entwickelung; es bezeichnet den Abschluß der Lehrjahre und den Beginn
einer neuen Periode, in welcher der Meister mit kühnem Sprunge sich an
die Spitze der einheimischen Industrie stellte und von Erfolg zu Erfolg
sie zum endgültigen Siege über die des Auslandes führte.



~III.~

Der erste Erfolg und seine Verwerthung.


Das erste Unternehmen, das in diese Jahre fällt, ist sehr
charakteristisch. Es entspricht dem leitenden Grundsatz des
Vaters: »Ohne gutes Eisen kein guter Stahl!« und gleichzeitig der
Geschäftsregel des Sohnes: »Die Fabrik muß sich ihre Bedürfnisse
selbst herstellen.« Das wichtigste Bedürfniß ist unstreitig das
Rohmaterial. Seine schwierige Beschaffung war dem Vater oft ein großes
Hemmniß gewesen. Um ein dem in England (Sheffield) benutzten möglichst
gleichwerthiges Material zu besitzen, hatte er das Siegerländer
Renneisen, ein aus dem Erz in kleinen Schachtöfen reducirtes, also
recht kostspieliges Schmiedeeisen verwendet und durch Cementirung,
d. h. Erhitzen in Kohlenstaub, ihm den nothwendigen Kohlenstoffgehalt
zugeführt, auf diese Weise den Rohstahl aus dem Schmiedeeisen
hergestellt. Das nochmalige Schmelzen dieses Rohstahls in Thontiegeln
hat ja nur den Zweck, ein selbst von den kleinsten Schlackenresten
befreites, durch und durch gleichmäßiges Material zu gewinnen. Aus dem
Rohstahl sind erstere durch Hämmern und Walzen nie ganz zu entfernen --
und die kleinen Schlackenkörnchen sind, zumal für ganz kleine und dünne
Stahlgegenstände, wie Uhrfedern, Messer von stark beeinträchtigender
Wirkung --; der aus einem teigigen Zustande entstandene Rohstahl
besteht anderseits aus verfilzten und zusammengeschweißten Fasern
verschiedener Härte, es fehlt ihm die Homogenität, welche erst die
größte Leistungsfähigkeit garantirt. Die Art und Weise des Schmelzens
und Gießens mit dem Tiegel, sowie die schwierige und für den Prozeß
einflußreiche Herstellung dieser hatte Friedrich Krupp selbständig
gefunden, das Material des Rohstahles aber auf die angedeutete Weise
gewonnen.

Alfried Krupp führte ein neues, von dem bisherigen ganz abweichendes
Verfahren ein, indem er selbst in Puddelöfen nicht nur das
Schmiedeeisen aus Roheisen erzeugte, sondern in denselben Oefen durch
ein vorzeitiges Abbrechen des Entkohlungsprozesses auch den Rohstahl
fertigte. Um den letzten Schritt zu thun, nämlich auch das Roheisen in
eigenen Hohöfen zu erblasen, fehlten freilich noch die Geldmittel, er
ward einer späteren Zeit vorbehalten.

Sein zweites Augenmerk war auf die Herstellung schwererer,
umfangreicherer Gußstücke aus Tiegelstahl gerichtet. Die Erfindung des
Homogenstahls war aus dem angedeuteten Bedürfniß hervorgegangen, kleine
Gegenstände von außerordentlicher Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit
zu erzeugen, wozu der gewöhnliche Stahl nicht tauglich war. Bei
der Fabrikation solcher verhältnißmäßig kleiner Stücke war die
Stahlindustrie in England stehen geblieben. Alfried Krupp erkannte aber
mit scharfem Blick, daß der Homogenstahl auch für größere Gegenstände
von Bedeutung sein müsse, welche einer besonderen Beanspruchung aus
Festigkeit und Härte zu entsprechen hätten. Und gerade die dreißiger
und vierziger Jahre eröffneten ihm eine Perspektive in weite Gebiete,
in welchen der Gußstahl zur vollsten Anerkennung seiner Vorzüge kommen
mußte, wenn es gelang, ihn in großen Stücken zu erzeugen. Es waren
ja die Jahrzehnte, in welchen die Dampfmaschine ihren siegreichen
Einzug hielt in alle europäischen und überseeischen Länder; seit 1835
liefen die ersten Lokomotiven auf europäischen Schienengeleisen, und
von Jahr zu Jahr vermehrten sich die Eisenbahnen, deren Linien bald
den ganzen Erdtheil mit einem eng gemaschten Netz überziehen sollten;
schneller noch hatten sich die Dampfschiffe auf den Weltmeeren und den
großen Strömen eingebürgert. Hier galt es überall einen Fortschritt
zu erzielen durch leistungsfähigere und haltbarere Eisentheile, als
sie bisher aus Schmiedeeisen hergestellt wurden. Hier war der Gußstahl
am Platze und, ihm diesen zu erobern, war Krupp unablässig bemüht.
Hier war das Gebiet, auf welchem die englische Industrie überflügelt
werden konnte, wo der deutschen alle Aussichten auf einen erfolgreichen
Wettbewerb sich öffneten.

Eine günstige Gelegenheit, um in den offenen Kampf einzutreten,
fand sich bereits 1851 in der ersten internationalen Industrie-
und Kunst-Ausstellung zu London. Das Hauptstück der Krupp'schen
Ausstellung war ein roher Gußstahlblock von ca. 2000 ~kg~ Gewicht.
Auf einem englischen Stück Gußstahl von nahezu 1000 Pfund, erzählt
ein Fachbericht, soll sich der Ausdruck »~Monsterpiece~« finden;
dem gegenüber stellte Krupp seinen Block von dem viereinhalbfachen
Gewicht und gewann damit sofort den ersten Platz unter sämmtlichen
Gußstahl-Fabriken der Welt; er hatte geleistet, was die gesammte
Eisenindustrie in Staunen versetzte, was man für eine Unmöglichkeit
gehalten hatte. Kein Wunder, daß die Eisenindustriellen von weit
herzukamen, um sich von der Wahrheit zu überzeugen, daß einige
englische Blätter einen Betrug witterten und die Schmiedbarkeit
des Gußblocks ernstlich in Frage stellten. Krupp begegnete solchem
Mißtrauen, indem er ein Stück herausschneiden, ins Schmiedefeuer
bringen und auf dem Ambos nach allen Seiten ausschmieden ließ. Wie hoch
diese eine Leistung in ihrer Bedeutung für die Eisenindustrie geschätzt
wurde, ergiebt sich daraus, daß Krupp als Einziger mit der Council
Medal ausgezeichnet wurde.

Charakteristisch sind seine weiteren Ausstellungsgegenstände. Neben
Walzen von einer Politur, wie nur ein glasharter Stahl sie zu erreichen
gestattet, standen da Trag- und Stoß-Federn und -- eine Eisenbahnachse
von zähestem Material. Daß seine Münzwalzen vertreten waren, ist
selbstverständlich; waren sie doch selbst in England schon vordem als
beste anerkannt und eingeführt. Außer einem Küraß aus Gußstahl war auch
ein Sechspfünder-Geschütz ausgestellt, das später noch Erwähnung finden
wird.

Den in London errungenen Sieg war Krupp bemüht sofort auf das
energischste auszunutzen, und auf dem gewonnenen Terrain weiter
Fortschritte zu machen. Er bekam durch zahlreichere Bestellungen
die Mittel, um seine Fabrik, namentlich durch Aufstellung eines
neuen 2000 ~kg~ schweren Hammers, zu vervollständigen und konnte im
Jahre 1852 die Leistung auf 1450000 Pfund Gußstahl (gegen 1120000
Pfund im Jahre 1851) steigern. Sein Hauptaugenmerk richtete er jetzt
auf die Herstellung von Achsen. Die Einführung des Gußstahls für
Eisenbahnwagenachsen hatte sofortiges Verständniß gefunden und ihm
eine starke Lieferung für die Ostbahn eingetragen. Hatten sie doch
schon seit 2 Jahren in der Borsigschen Maschinenfabrik zu Berlin
die schärfsten Erprobungen mit Erfolg überstanden; sie fanden bald
allgemein Eingang und die Produktion stieg namentlich in den sechziger
Jahren so gewaltig, daß 1865 bereits über 11000 Stück geliefert wurden.

Aber auch die Verwendbarkeit für Schiffsachsen war ohne Weiteres
einleuchtend, und bald liefen Bestellungen für die Rheindampfschiffe,
sowie für die des Oesterreichischen Lloyd in Essen ein. Man erkannte in
allen Betrieben, wo die Achsenbrüche an Fahrzeugen und Maschinen bisher
häufig genug störend geworden waren, die großen Vortheile, welche das
Kruppsche Material bot, und so reihten sich auch bald die Achsen an
Förder- und Wasserhaltungsmaschinen in diese Fabrikate ein.

Krupp's aufmerksam spähendes Auge fand aber bald noch einen anderen
wichtigen Bestandtheil des neuen Beförderungsmittels, der Eisenbahn,
welcher durchaus einer Verbesserung bedurfte, und seine unermüdliche
Erfindungsgabe schuf in genialer Weise Abhilfe. Es sind die Radreifen,
die Bandagen der Eisenbahnräder, welche bis dahin aus Schweißeisen oder
Stahl durch Zusammenschweißen hergestellt, an der Schweißstelle nur
zu leicht brüchig wurden und unzählige Unglücksfälle herbeiführten.
Das Problem bestand also darin, einen geschlossenen Reifen ohne
jede schwächere Stelle, ohne Naht oder Schweißung zu erzeugen. Und
dies gelang Krupp auf eine einfache Weise, welche er zuerst durch
Experimente mit einem Bleiring, nicht größer als ein Fingerring,
erprobte. Was mit dem Bleistück ausführbar war, mußte auch mit seinem
homogenen Tiegelstahlblock sich ermöglichen lassen. Einen Barren vom
Gewicht des zu fertigenden Radreifen versah er mit zwei Durchbohrungen,
schnitt den zwischen beiden befindlichen Metalltheil mit der Säge
durch und gewann hierdurch eine Oeffnung, groß genug, um einen Keil
einzustecken und den Barren auseinander zu treiben. Durch allmähliche
Verstärkung des eingetriebenen Dornes ward die Oeffnung immer mehr
erweitert und das allseitig ihn umgebende Metall zum Ring geformt,
wobei jede stellenweise Schwächung durch sorgfältige Behandlung
vermieden werden konnte. Am 21. März 1853 erhielt der Fabrikant auf
diese in ihrer Einfachheit geniale Erfindung ein auf 8 Jahre lautendes
Patent von der preußischen Regierung, dessen Ausbeutung ihm endlich die
Mittel gewährte, sich von allen aus schweren Zeiten noch restirenden
Verbindlichkeiten frei zu machen und die finanzielle Möglichkeit zu
gewinnen für andere besonders wichtige Versuche, welche ihm am meisten
am Herzen lagen und doch erst mittelst bedeutender Geldopfer in dem
wünschenswerthen größeren Maaßstabe ausgeführt werden konnten, es sind
die Versuche in der Geschützkonstruktion, welche später im Zusammenhang
zur Darstellung kommen werden. Die Erfindung der Radreifen, welche
sofort durch Patente in allen Kulturstaaten geschützt wurde, bildete
lange Zeit den ergiebigsten Zweig der Fabrik und brachte Gewinne ein,
wie sie für die damalige Zeit beinahe unerhört waren. Begann doch der
Eisenbahnbau in Europa und Amerika gerade in diesem Jahrzehnt sich
mächtig zu entwickeln -- die im Betriebe befindlichen Strecken betrugen
1860 105758 Kilometer gegen nur 38568 im Jahre 1850 -- und der Bedarf
an den allein haltbaren Krupp'schen Radreifen steigerte sich von Jahr
zu Jahr, da nicht nur die europäischen, sondern auch die amerikanischen
Eisenbahnen sie einführten. Die Jahresproduktion stieg in Folge dessen
bis zu einem Maximum von 65000 Stück.

Die reichlich ihm zufließenden Mittel gaben Krupp auch die Möglichkeit,
einen Gedanken zur Ausführung zu bringen, der ihm schon lange am Herzen
lag. Seine auf Förderung des geistigen und leiblichen Wohles seiner
Arbeiter gerichteten Bestrebungen hatten sich bisher nur von Fall zu
Fall bethätigen können. Aus den selbst überstandenen schweren Noth-
und Sorgen-Jahren hatte er aber einerseits die Ueberzeugung gewonnen,
daß nur durch feste Institutionen die Möglichkeit geschaffen werden
könnte, den Bedürfnissen der Arbeiter auch in ungünstigen Zeitläuften
gerecht zu werden, sie in Krankheit und Arbeitsunfähigkeit gegen Mangel
zu schützen; anderseits war es ihm zu einem tiefempfundenen Bedürfniß
geworden, seinen Untergebenen ein besseres Loos zu schaffen, als es
ihm selbst durch Jahrzehnte zu Theil geworden war. Aus allen seinen
an die Arbeiter gerichteten Veröffentlichungen leuchtet das tiefe
Verständniß hervor, welches er für ihre Lage, für ihre Bedürfnisse
in leiblicher und geistiger Beziehung hatte, und welches ihm aus der
eigenen schweren Jugend erwachsen war. Es ist sicher anzunehmen, daß er
die Vortheile nicht übersah, welche seiner Fabrik aus der Verbesserung
der Lage der Angestellten erwuchsen, da sie mit Herz und Verstand an
eine Gemeinsamkeit sich würden fesseln lassen, in welcher sie Schutz
gegen Noth und Hilfe in allen Unglücksfällen zu gewärtigen hatten.
Es entging ihm sicher nicht, daß allen Regungen von Unzufriedenheit
würde vorgebeugt, jeder Beeinflussung von außerhalb am besten würde
begegnet werden können, indem man den Arbeitern Vertrauen zur Fürsorge
der Leitung, Zufriedenheit mit ihrer Lage und Sicherheit der Zukunft
gegenüber verschaffte. Und so muß man die Weisheit bewundern, mit
der Krupp zukünftige Gefahren voraussah und ihnen mit allen Mitteln
vorzubeugen verstand, wie er ohne andere Anregung, als die seines
Herzens und seines Nachdenkens im Bereiche seiner Wirksamkeit die
soziale Frage zu lösen vermochte, bevor man anderswo daran dachte. Es
ist aber sicher, daß sein Herz, sein aus der eigenen Vergangenheit
erwachsenes Verständniß für die Noth des Arbeiters den ersten Impuls
dazu gab; und da seine nimmer ermüdende und nach weiteren Hilfsmitteln
sich umschauende Fürsorge dieser Quelle und nicht der einer klugen
Berechnung entsprang, hat er auch stets die richtigen Wege gefunden,
in Zeiten der Gefahr den rechten Ton anzuschlagen verstanden, der im
Herzen des Arbeiters Widerhall fand, und seine ernsten Bemühungen meist
reich gesegnet gesehen.

Seine erste Fürsorge galt selbstverständlich den durch Krankheit und
Todesfall herbeigeführten Nothständen, und sobald ihm nach der Londoner
Ausstellung die Verfügung über größere Einkünfte erlaubte, die Pflicht
eines stetigen Zuschusses für solchen Zweck zu übernehmen, gründete
er -- im Jahre 1853 -- eine »Hilfskasse in Fällen von Krankheit und
Tod«, in die jeder Meister und Arbeiter je nach seinen Einkünften eine
gewisse Summe zu zahlen hatte, während Krupp selbst sich zur Zahlung
der Hälfte des Gesammtjahresbeitrages seiner Arbeiter verpflichtete.
Diese am 5. September 1855 mit einem definitiven Statut versehene Kasse
sicherte ihren Mitgliedern im Krankheitsfalle ärztliche Hilfe und
Unterstützung mit Heilmitteln, sowie vom dritten Tage der Erkrankung
ab eine Geldunterstützung und im Todesfalle den Hinterbliebenen
einen Beitrag zu den Beerdigungskosten. Aber auch die Bildung eines
Pensions-Fonds für arbeitsunfähige Mitglieder wurde sofort ins Auge
gefaßt und die Ueberschüsse der Kasse hierfür bestimmt.

Dies war der Anfang der Wohlfahrtseinrichtungen, welche Krupp mit der
weiteren Entwickelung seiner Fabrik zu einem System ausbaute, wie es in
seiner Vielseitigkeit und Vollkommenheit einzig in der Welt dasteht. Es
sei dies schon hier im Zusammenhange vorgeführt, um ein übersichtliches
Gesammtbild dieses überaus wichtigen Zweiges seiner Thätigkeit zu
gewinnen.

Das schnelle Anwachsen der Fabrik, deren Arbeiterzahl 1858 das erste
Tausend, 1861 das zweite, 1863 das vierte, 1864 das sechste und 1872
das zehnte Tausend überschritt -- hatte eine Reihe von Uebelständen im
Gefolge, denen im Interesse der Arbeiter abgeholfen werden mußte. Mit
den Arbeitern kamen nicht nur ihre Familien, deren Köpfe mehr als das
Doppelte betrugen, sondern auch zahlreiche Krämer, Handwerker und dgl.
nach der Stadt Essen, so daß deren Einwohnerzahl in den oben genannten
Jahren die Ziffern von 17, 20, 25, 31 und 51 Tausend überschritt.
In gleicher Geschwindigkeit wuchsen natürlich nicht die Häuser aus
der Erde, und die Folge war ein immer drückenderer Wohnungsmangel,
Steigerung der Miethspreise und Vertheuerung der Lebensmittel.
Unzählige Handeltreibende überschwemmten die Arbeiterviertel, zumeist
kleine Winkelgeschäfte, die sich an den Wegen ansiedelten, welche
der Arbeiter zwischen seiner Wohnung und der Fabrik zu gehen hatte.
Schlechte Waaren wurden ihm zu hohen Preisen, aber gegen Kredit,
angeboten und er verfiel dem Schuldbuch und dem Wucher. Anderseits
schossen die kleinen Wirthshäuser wie Pilze aus der Erde und verlockten
den Arbeiter, seine unbehagliche, überfüllte Wohnung mit der Kneipe
zu vertauschen und seinen mancherlei Aerger und Verdruß dort mit Bier
und Schnaps hinabzuspülen. Es waren dieselben Verhältnisse, wie sie
in jeder Industriestadt mit deren schnellem Emporblühen beobachtet
werden konnten, wie sie die Arbeiter zur Vergeudung ihres Erwerbes,
zur Verschuldung und zum Verschleudern ihres ärmlichen Besitzes, zu
häuslichem Unfrieden und Unbehagen, zu allgemeiner Unzufriedenheit,
zu rohen Raufereien und zu redeseligen Kneipensitzungen veranlaßten,
wie sie den Boden vorbereiteten für die Wühlereien staatsfeindlicher
sozialdemokratischer Agitatoren.

Hier mußte Abhilfe geschaffen werden, hier mußte die soziale Frage,
zu welcher die Form der Produktionsweise, der Indienststellung großer
Arbeitermassen bei einem immer anwachsenden Fabrikbetrieb hindrängte,
soweit es möglich war, gelöst werden, ohne letzteren zu gefährden
und zum Zweck, ihn auf die Dauer überhaupt zu ermöglichen. Es war
so schlimm, daß im Stadtbezirk »zum heiligen Geist« auf 124 Häuser
2962 Einwohner, auf jedes kleine Arbeiterhaus also 24 Personen kamen.
Zwei Mittel nur konnten Abhilfe gewähren: Schaffung von Wohnungen zu
billigem Miethszins und Zuführung aller Bedürfnisse zu entsprechenden
Preisen und in guter Qualität, um die Arbeiter aus den Händen der
Spekulanten und Wucherer zu reißen.

Letzteres Mittel brachte Krupp, als das für die wirthschaftliche
Existenz nothwendigste und am schnellsten durchzuführende, zuerst
zur Anwendung. Er schuf Konsumanstalten und zwar allmählich in einem
solchen Umfange, daß der Arbeiter alle seine Bedürfnisse innerhalb der
Fabrik befriedigen konnte und daß diese auch daselbst soweit als irgend
möglich hergestellt wurden. Das entsprach dem Kruppschen Grundsatz der
Selbstfabrikation. So entstand 1856 eine »Menage«, zunächst für 200
Mann, es war ein erster Versuch. 1858 folgte eine »Bäckerei«, deren
Brot zum Selbstkostenpreis gegen beim Lohn zu verrechnende Marken
abgegeben wurde. Im Jahre 1868 ward eine Konsumanstalt für Kolonial-
und Spezereiwaaren. 1869 eine Dampfmühle, 1871 Kaffeebrennerei
und Lagerhaus sowie eine Verkaufsstelle für Schuhwaaren nebst
Schusterwerkstatt für Reparaturen errichtet. Im Jahre 1872 kam hierzu
eine Selterswasser-Fabrik, Schneiderei, Manufakturwaarenlager,
Bierhallen und ein Gasthaus, 1874 eine Zentral-Verkaufsstelle, wo
auch Möbel, Betten, Nähmaschinen etc. auf Lager gehalten wurden,
1875 endlich auch Schlachterei und Fleischverkauf. In allen diesen
Anstalten werden die Bedürfnisse dem Arbeiter zum Selbstkostenpreise,
aber nur gegen Baarzahlung verabfolgt. Sie wurden binnen Kurzem von den
Arbeitern gewürdigt, da ihnen die gebotenen Vortheile nicht entgingen;
die Benutzung stieg von Jahr zu Jahr und die Winkelgeschäfte in der
Nähe der Fabrik wurden verdrängt.

Aber auch der Wohnungsfrage trat der Fabrikherr näher. Nachdem er 1860
mit dem Ankauf und Neubau eigener Wohnhäuser begonnen hatte, legte er
im Jahre 1863 seine erste Arbeiterkolonie Westend mit 160 Wohnungen an.
Diese erweiterte er 1871 durch 10 Doppelhäuser zu 60 und 8 Doppelhäuser
zu 48 Wohnungen, baute eine neue Kolonie Nordhof mit 162 Wohnungen,
legte in dieser eine Kochanstalt mit großem Speisesaal im Erdgeschoß
und Schlafräumen in den oberen Geschossen für unverheirathete Arbeiter
an und gab der Kolonie eine Feuerwehr mit Spritzenhaus und eine
eigene Verkaufsstelle der Konsumanstalt. Gleichzeitig erbaute er
eine dritte Kolonie inmitten von Ländereien südlich der Stadt, wobei
er Gelegenheit hatte, die Häuser mehr in ländlichem Charakter mit
Stallungen und kleinen Gärten herzustellen. Diese Kolonie, Dreilinden,
umfaßt 18 massive Häuser mit 72 Wohnungen. Schon im folgenden Jahre
ward der Bau von zwei neuen Kolonien, Schederhof und Kronenberg, in
Angriff genommen, erstere mit 82 dreistöckigen massiven Häusern und
492 Wohnungen, letztere mit 1248 Wohnungen in 208 massiven Häusern.
Nach deren Vollendung verfügte die Fabrik über 3277 gute und gesunde
Familienwohnungen, in denen mehr als 15000 Menschen Platz finden
konnten.

Die Wohnungen sind, den verschiedenen Verhältnissen der Arbeiter und
Beamten entsprechend, mit 2 bis 6 Räumen versehen und werden an die
Bediensteten zu einem verhältnißmäßig geringen Miethzins vergeben;
eine 2räumige Wohnung mit Keller zu 90-108, eine 3räumige zu 120 bis
162, eine 4räumige zu 180-200 Mark. Die Miethe wird den Arbeitern
am 14tägigen Lohne gekürzt. Dagegen ist der Ankauf eines Hauses in
den Kolonien diesen nicht gestattet. In den Bergwerksdistrikten hat
Krupp seinen Arbeitern die Erwerbung eines Hauses mit Garten- oder
Ackerland vielfach erleichtert, dieses erschien aber unmöglich in
der dichtbevölkerten nächsten Umgebung von Essen, wo die Wohnungen
zur Verfügung der Fabrik erhalten werden müssen, während ein Verkauf
wahrscheinlich die Arbeiter verdrängt und fremde Elemente in die
Kolonien gebracht haben würde.

Das nächste Erforderniß war ein Krankenhaus. Zu einem solchen gab der
Feldzug 1870/71 den Anstoß, da Krupps Patriotismus ihn veranlaßte, auf
eigene Kosten ein Lazareth von 100 Betten zu errichten, in dem während
des Krieges 356 verwundete und erkrankte Soldaten behandelt wurden.
Diese aus 3 Pavillons, einem Verwaltungs- und Oekonomiegebäude und
einigen kleineren Gebäuden bestehende Anstalt ward am 1. Mai 1872 der
Leitung des Anstaltsarztes als Krankenhaus der Fabrik übergeben. Um
einer Epidemie, wie sie nach dem Krieg von 1866 in Gestalt der Cholera
die Stadt Essen heimgesucht hatte, begegnen zu können, ward im Sommer
1871 der Bau eines Epidemienhauses auf einem noch wenig angebauten
Gelände nordwestlich der Stadt in Angriff genommen und 6 Baracken
mit je 4 Krankensälen, Wärter-, Wasch- und Badestube errichtet. Es
sollte diese Anstalt erst im Jahre 1882 zur Verwendung kommen, als
gelegentlich einer Pocken-Epidemie der städtischen Verwaltung zwei
Baracken eingeräumt wurden. Ein zweites Epidemie-Lazareth wurde 1884
südlich der Stadt bei Altendorf erbaut.

Hygienischen Zwecken dient ferner eine 1874 errichtete Badeanstalt, ein
gleichzeitig aufgestellter Desinfektionsapparat, sowie die Einsetzung
einer Sanitäts-Kommission, welcher unter anderem auch die Führung einer
Krankheits- und Sterblichkeitsstatistik obliegt. Hiermit ist eine
Organisation des ganzen Betriebes in hygienischer Beziehung verknüpft,
welche für Ueberwachung und Pflege des allgemeinen Gesundheitszustandes
die erforderliche Garantie bietet. Es tritt hierin ebenso wie in der
Administration der großartigen Konsum-Anstalten das organisatorische
Talent Alfried Krupps zu Tage, welches an keinem Punkte nur das
Erforderliche zu schaffen, sondern auch gleichzeitig dem ganzen,
allmählich ins Ungeheure anwachsenden Organismus so einzupassen wußte,
daß unter seinem Alles überwachenden Auge doch jeder einzelne Betrieb
sich selbständig und ohne einen anderen störend zu beeinflussen, regeln
und gesund entwickeln konnte.

Es bleiben noch die Maßnahmen kurz zu erwähnen, die Krupp im Interesse
der wissenschaftlichen Ausbildung und Fortbildung für seine Arbeiter
für nothwendig erachtete. Als sich die neugebauten Kolonien zu
bevölkern begannen, zeigte sich die Nothwendigkeit, für den Unterricht
der Jugend zu sorgen, und Krupp gab ihnen eine Volksschule. Sie ist
simultanen Charakters und besteht aus je 8 Knaben- und Mädchen-Klassen
unter einem Rektor und 19 Lehrern bezw. Lehrerinnen, deren eine Hälfte
evangelischer, die andere katholischer Konfession ist. Der Unterricht
wird unentgeltlich ertheilt und alle Kosten werden von der Firma
getragen. Im Jahre 1876 ward das erste Schulhaus mit 8 Lehrsälen und 4
Zimmern erbaut, im Jahre 1882 zwei weitere Gebäude mit 4 Lehrsälen und
4 Klassenzimmern neben verschiedenen anderen Räumen hinzugefügt. Außer
dieser in eigenen Gebrauch genommenen Anstalt wurden aber der Gemeinde
Altendorf Schulgebäude mit 20 Schulzimmern für deren Volksschulen
beider Konfessionen unentgeltlich zur Verfügung gestellt, im Interesse
der in der Gemeinde wohnenden zahlreichen Angestellten der Fabrik, und
bei den verschiedenen allmählich von der Firma erworbenen Hütten und
Gruben wurde dem Bedürfniß durch Ueberlassung geeigneter Räume, durch
Erbauung von Schulhäusern oder durch jährliche Beiträge abgeholfen.

Die Fortbildungsschulen, wie sie in Essen 1860 und in Altendorf 1874
eingerichtet wurden, unterstützte Krupp durch Zuschüsse und legte
seinen Lehrlingen die Verpflichtung des Besuches auf. Daß er solche
in der Fabrik annahm, und seinen Meistern und Betriebsführern dadurch
einen großen Zuwachs an Arbeit verursachte, hat sich nicht weniger für
die Gußstahlfabrik durch die Heranziehung tüchtiger Handwerker und
Arbeiter in Spezialitäten, als auch in hohem Maaße für die Lehrlinge
selbst als nützlich und segensreich erwiesen, denn sie erhalten eine
gründliche Fachausbildung, und werden an exakte Arbeit und eine
regelmäßige Lebensführung gewöhnt.

Wie für die Ausbildung der heranwachsenden Knaben zu tüchtigen
Arbeitern, sorgte der Fabrikherr aber auch für eine sachgemäße
Erziehung der Mädchen durch Industrieschulen, welche 1875 in den drei
Kolonien für schulpflichtige Kinder mit Unterricht im Stricken, Häkeln
und Nähen eingerichtet wurden. Für Frauen und Mädchen über 14 Jahre
ward gleichzeitig eine Industrieschule gegründet, welche für Zwecke des
Hauswesens und zur Förderung der Erwerbsfähigkeit in allen weiblichen
Handarbeiten gegen ein sehr mäßiges Schulgeld (z. B. Kleidermachen,
Dreimonatskursus von täglich 3 Stunden für 10 Mark) eine gründliche
Ausbildung verschafft.

Schließlich bleibt noch die Gründung eines Lebensversicherungsvereins
zu erwähnen, durch welche Alfried Krupp die Wohlfahrtseinrichtungen für
seine Beamten und Arbeiter im Jahre 1877 wesentlich ergänzte. Er schloß
mit acht Lebensversicherungsgesellschaften Verträge ab, um dadurch
besondere Vortheile für seine Angestellten zu erlangen, nahm alle
schon bisher mit verschiedenen Gesellschaften geschlossenen Verträge
in den neuen Vertrag auf und stiftete dem neuen Verein persönlich ein
Grundkapital von 50000 Mark, das er gelegentlich der goldenen Hochzeit
des Kaisers Wilhelm ~I.~ 1879 durch ein weiteres Geschenk von 6000 Mark
vermehrte.

In Folge des Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883, welches
die Vereinigung von Pensionseinrichtungen mit den Krankenkassen nicht
zuläßt, mußte die »Kranken- und Sterbekasse« umgestaltet werden. Es
entstand eine Kranken- und eine Pensionskasse mit getrennter Verwaltung
am 1. Januar 1885. Krupp begnügte sich aber nicht damit, den nunmehr
gesetzlich vorgeschriebenen Forderungen zu genügen; so wie er mit
seiner Krankenkasse bereits vor 30 Jahren der gesetzlichen Einführung
zuvorgekommen war, übernahm er nun Leistungen für diese, welche über
die gesetzlich vorgeschriebenen weit hinaus gehen. So beträgt die
Verpflegungsfrist bei Personen, welche über 5 Jahre auf dem Werke
in Arbeit sind, 26 Wochen, und neben dem eigenen Krankengeld wird
für jedes Kind unter 15 Jahren ohne Verdienst ein Zusatz-Krankengeld
von 5 % des Verdienstes gewährt. Auch wurde allmählich das Ziel zu
erreichen gestrebt, nicht nur den Mitgliedern sondern auch ihren
Familienangehörigen nach Möglichkeit kostenfreie ärztliche Behandlung
zu verschaffen und zu all diesen Zwecken außer den jährlichen nach
den Mitgliederbeiträgen geregelten Zahlungen Seitens der Firma noch
bedeutende Mittel durch Schenkung überwiesen.

Ueberblicken wir dieses ganze wohldurchdachte und weitverzweigte System
von Wohlfahrtseinrichtungen, so müssen wir dem Worte des Ministers von
Puttkamer beistimmen, welcher bei einem Besuche der Essener Fabrik sie
als einen klassischen Boden in sozialistischer Hinsicht bezeichnete.
Hier bedurfte es nicht der staatlichen Regelung des Verhältnisses
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Wahrung der Interessen und
der Wohlfahrt der letzteren; hier waren die Zwecke des Krankenkassen-,
Unfallversicherungs- und Altersversicherungsgesetzes längst erreicht,
bevor der gesammten Arbeiterwelt durch kaiserliche Botschaft diese
Segnungen sozialpolitischer Maßnahmen verkündigt wurde. Aus dem
warmen mitfühlenden Herzen Alfried Krupps heraus waren längst diese
Institutionen entstanden und durch ihre für Arbeiter und Fabrik gleich
segensreichen Wirkungen der Beweis für ihre Durchführbarkeit erbracht,
den Sozialpolitikern die Wege gewiesen, auf denen sie eine Lösung der
sozialen Frage anzustreben im Stande seien. Alfried Krupp ist der
Bahnbrecher und Führer auf diesem für unsere Zeit so außerordentlich
wichtigen Gebiet und er konnte es sein, weil er selbst die ganze Noth
des Arbeiters durchgemacht hatte und weil seine hohe Begabung und seine
unermüdliche Thatkraft ihm die Mittel in reichem Maße verschafften,
um seine humanen und weisen Ideen zum Segen seiner Arbeiter ins Leben
zu rufen. Aus eigener Kraft, aus eigener Erfahrung, aus eigenem
Bedürfniß und mit selbst erkämpften Mitteln hat er dieses große Werk
vollbracht, welches allein genügt, um ihm eine der ersten Stellen unter
Deutschlands größten Männern zu sichern.

»Meine Fabrik soll, wie jedes gewerbliche Etablissement, zunächst das
äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen sichern. Bei so gesichertem
Erwerb und Frieden in seinem Hause kann Jedermann seines Daseins froh
werden.«

Wie himmelweit verschieden lautet dieser sein ausgesprochener und durch
sein ganzes Leben bethätigter Grundsatz gegenüber den lediglich auf
Geldgewinn gerichteten Spekulationen so vieler Industriellen, welche
im Streben, die Konkurrenten durch Preisermäßigungen zu überflügeln,
die Produktionskosten herabzudrücken suchen und erst durch Gesetze
des Staates dazu gezwungen werden müssen, ihre darbenden Arbeiter
wenigstens bei Krankheit und Arbeitsunfähigkeit nicht hilflos im
Stich zu lassen. Wie anders würde es in den Industriebezirken unseres
Vaterlandes aussehen, wenn Alle dem leuchtenden Beispiele Alfried
Krupps folgen und, frei von persönlicher Habgier, vor allem ein Herz
für das äußere Wohlergehen ihrer dienenden Mitmenschen beweisen wollten!

Auch Alfried Krupp sollten freilich die Erfahrungen nicht erspart
werden, daß das giftige Unkraut des Unfriedens durch staatsfeindliche
Elemente unter seinen Arbeitern ausgesäet wurde, aber wir werden sehen,
wie machtlos an dem auf dem Fundament echter Humanität errichteten
Gebäude der Ansturm abprallte.



~IV.~

Ein königlicher Bundesgenosse.


Alfried Krupp hatte auch nach dem Ausscheiden seines Bruders Friedrich
das kleine Häuschen seiner Eltern bewohnt. Noch lebte ja seine Mutter,
die ihm bisher mit ihrem Fleiß und ihrer Thatkraft treu zur Seite
gestanden hatte und mit Befriedigung die Vorbereitungen mit ansah,
welche zum ersten großen Erfolge führten. Diesen selbst, den Triumph
der Londoner Ausstellung von 1851, sollte sie nicht mehr erleben;
sie starb am 3. August 1850. Einsam und allein blieb Alfried in dem
kleinen Häuschen zurück. Und das Gefühl des Verlassenseins in den
bisher von der Hand seiner treuesten Gefährtin und Mitarbeiterin
verwalteten Räumen mag den Anstoß gegeben haben, daß er, der bereits
über Hunderte von Arbeitern gebot, endlich sich entschloß, die kleine,
dürftige Wohnung aufzugeben und ein einfaches zweistöckiges Gebäude,
das er dicht daneben erbaute, im Jahre 1852 zu beziehen. In dieses Haus
führte er am 19. Mai des folgenden Jahres seine junge Gattin, Bertha,
die Tochter des Steuerraths Eichhoff zu Köln; hier erblühte ihm an
der Seite einer anmuthigen und intelligenten Frau ein neues, bisher
unbekanntes Glück; hier ward ihm am 17. Februar 1854 sein Sohn -- und
es sollte der einzige bleiben -- Friedrich Alfred geboren. Wie wohl er
sich in dem Familienleben fühlte, erhellt aus der Wandlung, welche sein
geselliger Verkehr von dem Tage seiner Vermählung an erlitt. Bisher
in den besseren Kreisen seiner Vaterstadt ein durch seinen Humor und
seine treffenden Aeußerungen beliebter und häufiger Gast, entsagte er
plötzlich dieser ihm lieb gewordenen Gewohnheit. Er hatte keine Zeit
mehr dazu. Die geschäftlichen Arbeiten, die durch neue Aufgaben immer
wieder angeregten Studien und erforderlichen Versuche nahmen mehr
und mehr seine Zeit so in Anspruch, daß er sich mit der Geselligkeit
begnügen mußte, welche Verwandte und eine stetig zunehmende Schaar von
Gästen ihm bot, wenn er seinem Bedürfniß folgen und auch der Gattin und
dem Sohne sich widmen wollte.

Es ist ja natürlich, daß mit der Steigerung seiner Erfolge auch die
Zahl der Besucher der Fabrik sich mehrte. Da waren die Männer vom
Fach, deutsche und ausländische Techniker und Ingenieure, neben ihnen
Künstler, Gelehrte und hohe Staatsbeamte; als seine bahnbrechenden
Erfolge in der Geschützkonstruktion hinzukamen, begannen die
Besuche der Offiziere aus aller Herren Länder, welche das bestellte
Armeematerial zu prüfen und abzunehmen, oder den Schießversuchen auf
Krupp's Schießplätzen beizuwohnen hatten. Bald aber waren es auch
die Chefs der obersten Kriegs- und Marineverwaltungen, Feldherrn
und Generale, endlich die Oberhäupter der Staaten selbst, Könige
und Kaiser, welche die gastliche Schwelle überschritten und selbst
ihre hohen Gemahlinnen an dem interessanten Besuch der berühmten
Gußstahlfabrik Theil nehmen ließen. Es ist hoch bedeutsam, daß es der
Prinz von Preußen war, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, welcher als
erster die Reihe der fürstlichen Gäste eröffnete, indem er am 15. Juni
1853, kurz nach Krupps Vermählung, gelegentlich einer militärischen
Inspicirungsreise die Gußstahlfabrik besuchte. Es ist ein Zeichen,
wie aufmerksam der große Monarch von jeher Alles beobachtete, was
für das Vaterland eine Bedeutung zu gewinnen versprach; und es ist
von eminentem Werth für die spätere Entwickelung der deutschen
Wehrkraft, daß deren Reorganisator persönliches Interesse faßte für
die Fabrik, welche ihm die leistungsfähigsten Kampfmittel zu erzeugen
berufen war. Das Interesse und die Anerkennung, welche er schon 1853
Krupps Unternehmen entgegenbrachte, gab die Basis für die später ihn
durchdringende Ueberzeugung von dem Werth der Krupp'schen Geschütze,
welche ihn veranlaßte, seinen persönlichen Entschluß zu Gunsten
ihrer Einführung in die preußische Armee zur Geltung zu bringen. Im
Jahre 1861 wiederholte der König von Preußen den Besuch, nachdem
General Totleben (1857), der Erzherzog Johann von Oesterreich und
der Kriegsminister v. Waldersee (58) in Essen gewesen waren; und von
da an erschien es, als wenn das Haus des »Kanonenkönigs« Krupp mit
aufgenommen sei in die Zahl der Fürstenhöfe, welche jeder Herrscher auf
seinen Reisen aufzusuchen für eine Pflicht hielt.

Im Kreise seiner Gäste erschien Alfried Krupp jederzeit als der
»heitere ~sociable~ Lebemann«. Seine Erscheinung machte von vornherein
auf jeden Besucher einen gewaltigen Eindruck. Zu stattlicher Höhe
wuchs seine schlanke, edel gebaute Figur empor, ein Körper aus Sehnen
und Muskeln, wie ihn die harte Arbeit zur Reife gebracht hatte und
wie allein er der übermenschlichen Beanspruchung in jugendlichem
Alter gewachsen war; frei und aufgerichtet trug er das mit einem
Vollbart umrahmte und mit lockigem Haar bedeckte Haupt, aus dessen
feingeschnittenen und doch markigen Zügen die Augen klar und
durchdringend heraus blickten. Mit gewinnender Liebenswürdigkeit kam
er Jedermann entgegen und übte seine Gastfreiheit gegen hoch und
niedrig Geborene mit derselben offenen Freude an Geselligkeit; mit
großer Sprachgewandtheit führte er in deutscher wie in fremder Zunge
(auch italienisch lernte er noch) die Unterhaltung, ohne jemals die
Bescheidenheit entbehren zu lassen, als ein Kennzeichen seines tiefen
gründlichen Wissens. So machte er auf Jedermann einen imponirenden und
doch geradezu hinreißenden Eindruck.

Wie bereits erwähnt wurde, hatte sich Krupp bereits seit geraumer Zeit
die Ueberzeugung aufgedrängt, daß der Gußstahl nicht nur im Gebiete der
Ziviltechnik, sondern ganz besonders in dem des Waffenwesens berufen
sei, eine ganz bedeutende Rolle zu spielen. Eine gleiche Haltbarkeit
und Widerstandsfähigkeit gegenüber der Beanspruchung durch die im
Lauf der Schußwaffe explodirende Ladung kann kein anderes Material
aufweisen. Der Gußstahl bot deshalb das Mittel, um durch Steigerung der
Ladung der Schußwaffe eine bedeutend höhere Wirkung zu verschaffen,
und seine Anwendung mußte eine weitere Entwickelung des Waffenwesens
ermöglichen, mußte dem mit den leistungsfähigeren Kriegswaffen
ausgerüsteten Heere eine große Ueberlegenheit über seine Gegner
verschaffen. Der Patriotismus trieb ihn an, sein vorzügliches Material
der Armee seines Vaterlandes dienstbar zu machen.

Seit den zwanziger Jahren beschäftigte man sich aller Orten mit der
Aufgabe, die Leistungen der Handfeuerwaffen zu steigern, indem man
dem Geschoß einen dichteren Anschluß an die Seelenwand des Rohres
gab, wodurch der Stoß der Pulvergase besser ausgenutzt, dem Geschoß
eine größere Geschwindigkeit und stetigere Flugbahn gegeben werden
sollte, um mit größerer Tragweite der Waffe gleichzeitig eine bessere
Trefffähigkeit zu erreichen. Man erkannte in der Anbringung von
gekrümmten Führungsrinnen in den bisher glatten Seelenwänden das hierzu
geeignete Mittel und suchte nach Einrichtungen, um das Geschoß bei der
Entzündung der Ladung in diese Rinnen einzupressen und diesen folgend
durch den Lauf zur Mündung zu treiben. Es entstanden die gezogenen
Gewehre, zuerst Vorderlader, dann überall -- zuerst in Preußen basirt
auf Dreyse's Erfindung -- Hinterlader. Das Zündnadelgewehr kam
1847 zur Einführung, während in anderen Ländern die von Minié 1849
erfundene Geschoßkonstruktion die gezogenen Vorderlader wesentlich
vervollkommnete. Es ist leicht verständlich, daß die Wandung des
Gewehrlaufes in wesentlich höherem Grade auf Festigkeit und Haltbarkeit
beansprucht wird, wenn das Geschoß durch die Pulvergase gewaltsam in
die Züge eingepreßt wird, als wenn es mit Spielraum durch den Lauf
gleitet; deshalb glaubte Krupp auf die Verwendung des Tiegelgußstahls
aufmerksam machen zu müssen. Er schmiedete eigenhändig 2 Gewehrläufe
aus seinem vorzüglichen Material hohl aus und übersandte sie dem
preußischen Kriegsministerium im Jahre 1843. Die preußische Regierung
stand aber seit geraumer Zeit mit Dreyse in Beziehung und hatte
ihm erst vor zwei Jahren die Mittel zur Errichtung einer größeren
Gewehr- und Gewehrmunitions-Fabrik gewährt. Man war sich bewußt,
mit der Annahme des Dreyseschen Zündnadelgewehrs allen anderen
Staaten erheblich voraus zu sein, und bei dem Kriegsministerium ward
deshalb Krupps Sendung nicht eines Blickes gewürdigt. Man schickte
sie uneröffnet mit dem Bemerken zurück »die preußische Waffe sei so
vollkommen, daß sie keiner Verbesserung mehr bedürfe«. Hatte man mit
dieser Antwort auch bezüglich der Konstruktion Recht, da die Dreysesche
Erfindung das Vollkommenste damaliger Zeit allerdings war, so ließ
man doch ganz außer Augen, daß es sich nicht hierum, sondern um das
Material handelte, daß man die Zündnadelgewehre durch Verwendung des
Gußstahls dennoch ganz wesentlich hätte verbessern können.

Charakteristisch ist es für das Zartgefühl und den Patriotismus Alfried
Krupps, daß er dies Schreiben später vernichtete, um zu verhindern,
daß ein die Kurzsichtigkeit damaliger maßgebender Kreise in Preußen
so blosstellendes Aktenstück einmal an die Oeffentlichkeit käme.
Anderseits mußte ihm aber Alles daran liegen, seine Gewehrläufe einer
gründlichen Prüfung unterzogen zu sehen, um auf deren Ergebnissen
weiter arbeiten zu können. Er schickte sie deshalb nach Paris an
Marschall Soult, den damaligen Kriegsminister Louis Philipp's. Hier
wurden nun thatsächlich Versuche angestellt, welche ein vorzügliches
Resultat ergaben. Und erst durch das Bekanntwerden der günstigen
Meinung, welche Krupp's Fabrikat in Frankreich sich gewonnen hatte,
sah man sich nun auch in Berlin veranlaßt, die Gußstahlläufe beim
Zündnadelgewehr zu erproben. Bis auf einige kleine Bestellungen blieb
aber diese Meinungsänderung für den Fabrikanten ganz erfolglos, da
sein Erzeugniß nicht durch Patent geschützt war und sofort durch die
Konkurrenten übernommen und ausgebeutet wurde.

Handelte es sich bei den Gewehrläufen um verhältnißmäßig nur kleine
Stücke, welche herzustellen auch anderen Fabrikanten möglich war, so
mußte sich dies völlig zu seinen Gunsten verändern, wenn der Gußstahl
auch für Geschützrohre zur Anwendung kam. Hier war er der Einzige, der
die Blöcke in der erforderlichen Größe zu erzeugen im Stande war. Und
auf die Geschützfabrikation wandte er nun sein Auge.

Man fertigte zu jener Zeit die, durchweg noch glatten,
Vorderladergeschütze aus Bronze. Krupp dachte zunächst noch nicht
daran, an der Konstruktion, wie sie gebräuchlich war, etwas zu
ändern, sondern hielt nur sein Material für vortheilhafter, weil
die Rohrwandung bei dessen Anwendung viel dünner, das Rohr also
viel leichter und das Geschütz beweglicher gestaltet werden konnte.
Zunächst hielt er nicht einmal für nöthig, das Rohr ganz aus Gußstahl
herzustellen, denn der Hauptmangel des Bronzerohres bestand in der
schnellen Abnutzung der Seelenwandung. Er fertigte also nur das
Kernrohr aus Gußstahl und umgab dieses mit Gußeisen. Solch ein
Mantelrohr besaß der Dreipfünder, welchen er 1847 nach Berlin schickte,
wo er -- wiederum bezeichnend -- ziemlich unbeachtet liegen blieb,
bis 1849 die von der Artillerie-Prüfungskommission angestellten
Versuche die Vortrefflichkeit des Materials zur Anerkennung brachten,
ohne aber irgendwelche praktischen Ergebnisse zu veranlassen. Solch
ein Mantelrohr besaß der Sechspfünder, welcher 1851 auf der Londoner
Ausstellung allgemeine Aufmerksamkeit erregte und später, als Geschenk
an den König von Preußen, im Zeughause zu Berlin Ausstellung fand.
Solch ein Mantelrohr besaß auch der Zwölfpfünder, welcher 1854 nach
den vorgeschriebenen Angaben des Kommandeurs der braunschweigischen
Artillerie, Oberstlieutenants Georg Orges, hergestellt und eingehenden
Schießversuchen unterworfen wurde. Der genannte, in militärischen
Kreisen hochangesehene Offizier, war der erste, welcher die hohe
Bedeutung des Krupp'schen Gußstahls für die Artilleriewaffe sowohl
als für die deutsche Industrie nicht nur erkannte, sondern in seinem
Gutachten deutlich aussprach. Er stellte die Behauptung auf, daß die
Gußstahlrohre mehr leisten würden, als die besten Bronzerohre, daß ihre
Einführung der deutschen Feld- und Festungsartillerie den größten
Vortheil gewähren, daß ihre Fabrikation der deutschen Eisenindustrie
Millionen zuwenden und Deutschland in Beziehung eines wichtigen
Kriegsbedürfnisses unabhängig vom Auslande machen werde. Er hob aber
auch hervor, daß eine früher oder später doch nothwendig werdende
Neubeschaffung der Rohre in der deutschen Feldartillerie aus Stahl,
wobei zwei Drittel der Kosten durch den Werth der Bronzerohre gedeckt
würden, Gelegenheit gäbe, in die deutschen Feldartillerien Einheit zu
bringen und dadurch ihr Zusammenwirken, die Leichtigkeit des Erfolges
etc. unglaublich zu fördern.

Bevor dieses -- in der Zukunft so voll bewahrheitete -- günstige
Urtheil in maßgebenden Kreisen, namentlich Preußens, so weit
sich Boden errungen hatte, um die ausgesprochenen Wünsche durch
die Einführung der Gußstahl-Geschütze erfüllt zu sehen, brauchte
es allerdings noch geraume Zeit und hatte viele Widerstände zu
besiegen; aber an Anerkennungen mangelte es Krupp bereits in diesen
Jahren nicht. Die Ausstellung in München 1854 brachte ihm nicht
nur die goldene Denkmünze, sondern als »Merkmal Allerhöchster
Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen der Fabrik« vom König von
Württemberg die größere goldene Medaille für Kunst und Industrie.
Gleichzeitig erhielt er in Anerkennung der Vorzüglichkeit von dorthin
gelieferten Probegeschützen vom König von Bayern das Ritterkreuz
des Verdienstordens vom heil. Michael, vom Kaiser Franz Joseph von
Oesterreich eine kostbare mit Brillanten besetzte Dose, vom König von
Preußen den rothen Adlerorden ~IV.~ Klasse.

In Berlin scheiterten alle Anstrengungen der für die Gußstahlgeschütze
gewonnenen Freunde immer noch an dem zähen Widerstand der Vertheidiger
der Bronzerohre, besonders des General-Inspekteurs der Artillerie,
des Generallieutenant v. Hahn, der trotz des günstigen Ausfalles der
wiederholt mit Krupp'schen Geschützen angestellten Versuche, sich
nicht entschließen konnte, die Ueberlegenheit des Gußstahls über die
Bronze durch Empfehlung der Einstellung Krupp'scher Kanonen in die
Truppe anzuerkennen. Nicht unberechtigt schrieb deshalb Oberst Weber,
Direktor der Geschützgießerei in Augsburg, auf Grund der 1854 in
Bayern veranstalteten Versuche, in Dingler's polytechnischem Journal:
»Zum Glück braucht die Eisentechnik nicht mehr die Schießversuche, um
festzustellen, welches Geschützmaterial das bessere sei, und wenn das
engere Vaterland verkennt, was die eigene Technik leistet, so erkennt
es das weitere Vaterland.« Das war deutlich. Es erschien aber Krupp, so
richtig es gegenüber den preußischen Behörden sein mochte, unbillig in
Bezug auf die hohen Persönlichkeiten, welche seinen Bestrebungen stets
ihr Wohlwollen entgegengebracht hatten. Er nahm deshalb Veranlassung in
einer berichtigenden Zuschrift an die Allgemeine Augsburger Zeitung in
taktvoller Weise die Gnadenbeweise des Königs Friedrich Wilhelm ~IV.~
(die erwähnte Dekoration und eine Schenkung für das Essener
Krankenhaus, welche auf Veranlassung des Prinzen von Preußen erfolgt
sein dürfte) als eine überreiche Anerkennung zu erwähnen.

Wenngleich die Mantelrohre schon die Bronzerohre so wesentlich an
Widerstandskraft überragten, daß z. B. die Wandstärke des Dreipfünders
nur 32,7 gegenüber 62,8 ~mm~ (beim Bronzerohr) zu betragen brauchte,
ging doch Krupp etwa im Jahre 1854 zum Massivrohr über, indem er das
ganze Rohr einschließlich der zur Lagerung in der Laffete nöthigen
Schildzapfen aus Gußstahl herstellte. Ein solches Rohr, 12pfündige
Granatkanone, gleich in inneren Abmessungen und Einrichtung der
damals neu eingeführten französischen bronzenen Granatkanone, sandte
er zur zweiten internationalen Industrie-Ausstellung, welche Kaiser
Napoleon ~II.~ 1855 in Paris in Scene setzte. Es mag nebenbei erwähnt
werden, daß auch hier wieder ein Gußstahlblock, aber dieses Mal 5000
Kgr. schwer, also von mehr als doppeltem Gewicht des Londoner von 1851,
die allgemeine Bewunderung hervorrief. Bereits bei seiner Ankunft auf
dem Ausstellungsplatze ward er von den Arbeitern mit heiligem Respekt
behandelt und nicht anders als ~»la sacre tête carrée d'Allemand«~
genannt.

Die Herstellung der Massivrohre war der nächste Vorläufer der
allgemeinen Einführung der Gußstahlgeschütze in den europäischen
Armeen. Die gesammte Artillerie war in ein Stadium der Umwälzung
eingetreten, welches in der Folge Jahrzehnte hindurch von
Vervollkommnung zu Vervollkommnung immer größere Fortschritte zeitigte
und in dem Gußstahl das unbedingt erforderliche Material von hoher
Leistungsfähigkeit fand, um die stets weiter sich entwickelnden Ideen
ins Leben treten zu lassen. Anfangs beschränkte sich, wie wir sehen
werden, Krupp lediglich auf die Lieferung des Materials, auf die
Anpassung an die Form, die in jedem Staate für brauchbar erachtet
worden war; nicht lange aber begnügte er sich mit dieser sozusagen
subalternen Stellung. Sein Schaffenstrieb ließ ihn selbst nach neuen
und seinem Material am besten entsprechenden Konstruktionen suchen,
und bald stand er als genialer Meister führend an der Spitze der
Geschützingenieure.

Die Feldartillerie war durch die Einführung der gezogenen
Handfeuerwaffen, welche in allen Armeen seit den vierziger Jahren immer
mehr vervollkommnet wurden, in ihrem Werthe für die Schlacht ganz
wesentlich beeinträchtigt worden. Die glatten Kanonen hatten nur kleine
Schußweiten, ihre werthvollen waren gerade diejenigen, welche jetzt die
Infanterie mit den neuen Gewehren auch beinahe erreichen konnte. Sie
vermochten also nur noch auf die größeren Entfernungen -- über 600 ~m~
-- zu schießen, denn wenn die feindlichen Schützen ihnen näher standen,
wurden sie zum Abfahren gezwungen, wie sich bereits in den Kriegen
1848 bis 1850 mehrfach gezeigt hatte. Der für so werthvoll erachtete
Kartätschschuß kam kaum mehr zur Verwendung. Wollte die Feldartillerie
nicht zu einer unnützen Last der Armee herabsinken, so mußte sie ihre
Leistungen betreffs Schußweite, Treffsicherheit und Geschoßwirkung
mächtig steigern. Dahin gingen nun alle Anstrengungen und zwar lag es
nahe, gerade wie bei dem Gewehr, auch beim Geschütz durch eine Führung
des an die Rohrwände gepreßten Geschosses die größere Leistung zu
erreichen, also gezogene Geschütze zu konstruiren. Gerade wie bei dem
Gewehr begann der Kampf zwischen Vorder- und Hinterlade-Systemen, und
gerade wie bei jenem war es die bei Weitem stärkere Beanspruchung des
Materials, die die Verwendung des Gußstahls in den Vordergrund drängte.

Den Vorderladern gehörte auch die französische, von Napoleon selbst
konstruirte und trotz aller Widersprüche und Bedenken eingeführte
Granatkanone an, die, wie viele damalige neue Geschütze, in der
Ausbildung einer guten Schrapnellwirkung die Rettung suchte. Das
Bronzerohr war für ein Feldgeschütz zu schwer, und den ersten ins Auge
springenden Vortheil zeigte Krupps zur Ausstellung geschicktes Rohr
darin, daß es nur 535 (gegen 620) ~kg~ wog. Eine Kommission stellte
aber ferner in einer Reihe von Versuchen fest, daß das Material in
jeder Beziehung dem Geschütz eine große Ueberlegenheit über das
Bronzerohr gewähre. Es wurden weitere Gußstahlblöcke bestellt und in
Straßburg fertig bearbeitet; die Dauerversuche ergaben nach 3000 aus
jedem Rohr abgegebenen Schüssen noch keine Veränderung der Seelenwand,
eine Gewaltprobe, -- 35 Schuß mit 6 ~kg~ Ladung und 6 Kugeln --,
vermochte das Rohr nicht zu sprengen. Und so, wie in Frankreich,
lieferten alle Proben, welche in dieser Zeit in Rußland, Holland,
Württemberg, der Schweiz, Hannover, Spanien und Oesterreich mit
Krupp's Geschützen angestellt wurden, denselben Beweis für ihre jedes
andere Material bei Weitem übertreffende Leistungsfähigkeit. Nur ein
in England gemachter Versuch mit einem 68pfündigen Mantelrohr, das
zwischen 6000 und 7000 Pfund wog, ergab ein ungünstiges Resultat, weil
man von vornherein mit ganz abnormen Ladungsverhältnissen operirte. Man
wollte die Ueberlegenheit der eigenen Fabrikate unter allen Umständen
behaupten.

Die erste größere Bestellung machte Aegypten, welchem 1856-59 im Ganzen
36 Stück Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder geliefert wurden. Alle diese
Geschütze waren Vorderlader und nur wenige gezogene Rohre. Auf die
Idee, gezogene Hinterlader zu konstruiren, war zuerst der schwedische
Hüttenbesitzer Baron Wahrendorff in Aaker (1840) und der dort
kommandirte sardinische Artillerie-Offizier Cavalli (1846) verfallen.
Beide arbeiteten unter gegenseitigem Einfluß, indem Wahrendorff
zuerst in einem glatten Hinterladerohr durch Bleiüberzug der Kugel
den Spielraum beseitigte, Cavalli aber das Rohr mit Zügen versah, in
welchen das cylindrokonische Geschoß aber mit Spielraum geführt wurde,
worauf Wahrendorff auch die Führungszüge übernahm, den Spielraum aber
gänzlich beseitigte. Es ist leicht verständlich, daß die Geschoßführung
Cavallis auch beim Vorderlader anwendbar ist, da man das Geschoß, mit
Spielraum laufend, von vorn einführen kann, und in dieser Gestalt fand
sein Vorschlag in Frankreich und Oesterreich Anwendung. In ersterem
Lande basirte Lahitte sein System darauf, und die seit 1858 beschafften
Geschütze waren ebenso wie die österreichischen von 1863 gezogene
Vorderlader.

In Folge der -- auch mit gezogenen Gußstahlzwölfpfündern nach System
Lahitte 1856 ausgeführten -- befriedigenden Versuche machte die
französische Regierung nun thatsächlich eine Bestellung bei Krupp
auf 300 solche Geschütze. Wäre sie zur Ausführung gekommen, so ist
kaum zu bezweifeln, daß auch für die Zukunft Krupp der Lieferant der
französischen Geschütze geblieben wäre, da keine französische Firma
sein Fabrikat zu ersetzen vermochte, und trotz aller Anstrengungen
auch bis heute nicht zu ersetzen vermag. Es ist wohl auch kein
Grund zu finden, der ihn hätte abhalten sollen, diese Lieferungen
dauernd zu übernehmen. Dann hätten wir 1870 wahrscheinlich ein ganz
gleichwerthiges Geschützmaterial uns gegenüber gehabt, und der
einzige Vortheil hätte darin bestanden, daß Krupp mit dem Ausbruch
des Krieges seine Thätigkeit für Deutschlands Gegner eingestellt und
diesen dadurch für den weiteren Verlauf des Krieges in eine große
Verlegenheit betreffs Beschaffung seiner Geschütze versetzt hätte.
Aber da wäre zweifelsohne England als hilfreicher, wenn auch neutraler
Geschäftsfreund eingetreten. Ein gütiges Geschick bewahrte aber unser
Vaterland vor dieser großen Gefahr. Die in Frankreich herrschende
Geldkrisis veranlaßte die Regierung, ihre Bestellung rückgängig zu
machen, und später bot die nicht unberechtigte Besorgniß vor einer
gewissen Abhängigkeit von einer ausländischen Fabrik und die Rücksicht
auf die eigene Metallindustrie ein Hinderniß, die zerrissenen Fäden
wieder anzuknüpfen. Man bestellte bei Krupp nur noch einzelne
Probegeschütze zum Zweck der Kenntnißnahme der in Essen gebauten
Konstruktionen und auch dieses nur bis 1866. Später wies der Fabrikant
bekanntlich jede geschäftliche Beziehung zur französischen Regierung
von der Hand.

In Preußen war man bereits 1851 in Versuche mit gezogenen
Hinterladern nach der Wahrendorff'schen Idee, also mit gepreßter
Geschoßführung eingetreten und hatte seit 1853 auch solche mit einem
6pfündigen Feldgeschütz begonnen. Es zeigte sich, daß die Seele
des Bronzerohres schnell sich abnutzte und durch hängenbleibende
Theile des Bleimantels der Geschosse unbrauchbar wurde. Hier konnte,
wie General v. Kunowski richtig erkannte, nur der Gußstahl Abhilfe
verschaffen, weil er Herstellung eines genügend langen und nicht zu
schweren Rohres gestattete, welches die Mängel des Ausschießens und
Verbleiens ganz beseitigte. So erfolgte der hochwichtige Schritt,
welcher in der Folge die preußische Heeresverwaltung in immer innigere
Beziehung zur Gußstahlfabrik in Essen brachte: die Bestellung zweier
Sechspfünder-Gußstahlrohre bei Alfried Krupp, die, Anfangs 1856
geliefert, in Spandau gezogen wurden und sehr günstige Schießresultate
ergaben. Im Januar 1857 berichtete die Artillerie-Prüfungskommission:
»Der Gußstahl ist zur Anfertigung gezogener langer Rohre ein Material,
das durch kein anderes zu ersetzen ist.«

Weitere Versuche, die bezüglich Konstruktion des Verschlusses, der
Geschosse und ihrer Zünder angestellt werden mußten, zogen sich bis
zum Jahre 1859 hin und immer noch konnte sich der Generalinspekteur
der Artillerie, Generallieutenant v. Hahn, nicht entschließen, auch
nur dem Antrage der Artillerie-Prüfungs-Kommission auf Einstellung von
16 Gußstahl-Sechspfündern, zu vier Batterien formirt, in die Armee
beizustimmen. Da gab ein vor dem damaligen Prinz-Regenten ausgeführtes
Probeschießen endlich den Ausschlag; dieser stimmte dem Vorschlag bei,
die Versuche mit dem gezogenen Feldgeschütze für abgeschlossen zu
erklären und gegenüber den Fortschritten, welche bei allen Großstaaten
mit Einführung gezogener Geschütze gemacht würden, energisch mit der
Herstellung des neuen Geschützes vorzugehen; er ging aber auch gleich
einen Schritt weiter, als der Vorschlag es gewagt hatte, da er ebenso
von der Vorzüglichkeit der neuen Waffe, als von ihrer Wichtigkeit
überzeugt war; er korrigirte eigenhändig in der ihm zur Unterschrift
vorgelegten Allerhöchsten Kabinetsordre (vom 7. Mai 1859), welche die
schleunigste Beschaffung der Geschütze verfügte, die Zahl »einhundert«
in »dreihundert«. Es ist mithin der eigensten Initiative unseres großen
Kaisers zu danken, daß er durch seinen Entschluß den von anderer Seite
immer wieder erhobenen Bedenken einen Riegel vorschob und das als
nothwendig und für seine Armee segensreich Erkannte mit Energie zur
Ausführung brachte.

Hiermit hatte Krupp endlich das Ziel erreicht, das er seit Anfang
der vierziger Jahre unentwegt erstrebt hatte, seinen Gußstahl der
vaterländischen Landesvertheidigung dienstbar zu machen. Es waren
recht kostspielige Versuche gewesen, die er in einer Zeit zu diesem
Behufe angestellt hatte, in der die Einnahmen noch spärlich zuflossen
und für die Erweiterung der Fabrikanlagen so nothwendig gebraucht
wurden, daß ihre Verwendung für Geschützkonstruktionen, die nichts
einbrachten, wirklich als ein Luxus zu betrachten war. Schlugen doch
auch nicht alle, oft recht kühnen, neuen Unternehmungen glücklich
aus und gaben doch selbst in den fünfziger Jahren noch materielle
Verluste wiederholt Anlaß zu ernsten Sorgen Angesichts eines so
energischen Geschäftsbetriebes, der nicht zögerte, jeden Gewinn zur
Verwirklichung neuer Ideen zu benutzen. Aber seitdem Alfried Krupp die
Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er berufen sei, seinem Vaterlande
ein Arsenal der vorzüglichsten Waffen zu liefern, verfolgte er dieses
Ziel mit hartnäckiger Ausdauer und benutzte die Erträgnisse seiner
Friedensartikel mit Vorliebe, um die kostspieligen Versuche mit
Geschützrohren weiter zu führen. Er selbst äußerte einmal im Jahre
1858 einem Artillerieoffizier gegenüber: »Er habe bereits 1847 das
erste Stahlgeschütz für Preußen geliefert und immer noch nicht sei
man in Spandau entschieden. Wenn er nur auf Gelderwerb sehen wollte,
so dürfe er keine Geschütze gießen, denn das Untersuchen, Prüfen
etc. halte immer sehr lange auf.« Mit Humor fügte er hinzu, »für den
Bey von Tunis oder den Khedive von Aegypten sei leichter arbeiten;
denn deren Artillerie prüfe nicht so lange, wie die preußische
Artilleriekommission, und zahle, noch ehe die Rohre abgeliefert seien.
Er lege aber einen Werth auf die Ehre, seinem Vaterlande mit seiner
Erfindung zu nützen, und deshalb gestatte er sich die kostspielige
Nebenbeschäftigung der Geschützanfertigung.«

Eine persönliche Anerkennung ward Krupp im Jahre 1860 durch den
Prinzregenten zu Theil, welcher ihm am 29. Januar den Rothen
Adler-Orden mit der Schleife verlieh. Als Abschluß dieser Periode in
seinem Leben ist aber gewissermaßen der Besuch zu betrachten, welchen
der Regent als König ihm zu Theil werden ließ, als er im Jahr 1861 von
Compiègne zurückkehrte, wo er am 6. Oktober den Besuch des Kaisers
Napoleon erwidert hatte.

Kurz vorher hatte sich in dem Gußstahlwerke ein wichtiges Ereigniß
vollzogen, der neue Dampfhammer »Fritz« war am 16. September in
Betrieb gesetzt worden. Es wurde bereits früher auf die Wichtigkeit
großer schwerer Hammerwerke für die Bearbeitung starker Gußstahlblöcke
hingewiesen. Mit der Konstruktion dieses Riesenhammers, welcher alle
bisherigen Größenverhältnisse so weit überragte, daß sein Unternehmen
in technischen Kreisen für unausführbar gehalten wurde, wagte Krupp
einen kühnen Schritt über die Grenzen hinaus, welche man allgemein für
unüberschreitbar hielt. Der Hammer erhielt eine Fallschwere von 1000
Zentnern und hat ein Gesammtgewicht von 60000 ~kg~: ein Stahlprisma
von 3,7 ~m~ Länge, 1,5 ~m~ und 1,25 ~m~ Dicke, das 4 ~m~ über der
Erde aufgehängt ist und dessen alles zermalmende Fallkraft dennoch
durch sinnreiche Konstruktion genau regulirt und auf jede bis auf den
Millimeter abzumessende Entfernung über dem Ambos eingestellt werden
kann. »Als zum ersten Male der Hammer vor der erwartungsvoll gespannten
Beamten- und Arbeiterschaar, in der der Fabrikherr den vordersten Platz
einnahm, langsam in die Höhe stieg, um im nächsten Augenblick mit
furchtbarer Vehemenz auf einen mächtigen Gußstahlblock niederzufallen,
sprangen die zunächst stehenden Personen entsetzt zurück. Krupp
war der Einzige, der ruhig seinen Platz behauptete und unverrückt
die großartige Kraftäußerung beobachtete -- er war vom Beginn der
Verwirklichung des Projekts ab seines Erfolges so sicher gewesen, daß
er sich jetzt seines Triumphes in vollem Maaße erfreute.« (D. Baedeker:
A. Krupp.)

Dieser Riesenhammer ward als neueste Errungenschaft dem König am
9. Oktober vorgeführt, als er in Begleitung des Kronprinzen Friedrich
Wilhelm und des Kriegsministers von Roon, seinem treuen Arbeitsgenossen
in der schweren Arbeit der Armee-Reorganisation, die Gußstahlfabrik
besuchte und volle 4 Stunden ihrer Besichtigung widmete. Das Schmieden
eines Blockes von 15000 Pfund Gewicht und 15 Fuß Länge ward dem König
vorgeführt, im Stahlgießhause ein anderer von ca. 18000 Pfund aus
ungefähr 300 Tiegeln gegossen und im Eisengießhause der königliche
Namenszug in riesiger Größe hergestellt. Der König hielt nicht mit der
Anerkennung der Kruppschen Leistungen zurück, äußerte sein Erstaunen
über die großartige Erweiterung dieses Etablissements, hob dessen
edlen vaterländischen Zweck neben seiner gewerblichen Bedeutung
hervor und fügte das für ihn selbst so charakteristische Wort hinzu:
»Seine vor 8 Jahren gehegten Erwartungen sehe er weit übertroffen,
wie es sich denn überall zeige: wo das Herz auf dem rechten Flecke
sitze, da bleibe der Segen nicht aus.« Dem Fabrikherrn gegenüber fand
seine Anerkennung in der Ernennung zum Geheimen Kommerzienrath einen
angemessenen Ausdruck (die Verleihung des Kommerzienrath-Titels war
bereits am 3. April 1858 durch König Friedrich Wilhelm ~IV.~ erfolgt).
Jenes königliche Wort gewinnt aber erst seine Bedeutung, wenn man
die damalige politische Lage sich vergegenwärtigt. Napoleon hatte
durch verlockende Versprechungen den Herrscher Preußens für seine
schlecht verhüllten unheilvollen Absichten zu gewinnen gesucht. Es
war ihm nicht gelungen, und König Wilhelm kehrte mit dem Bewußtsein
aus Frankreich zurück, daß dem Vaterlande von dort in der nächsten
Zukunft schwere Stürme drohten. All sein Denken war seit Jahren auf die
Durchführung der für dringend nothwendig erkannten Neugestaltung der
Armee gewidmet. Angesichts der von ihm klar vorausgesehenen schweren
Kämpfe, welche Preußen bevorstanden, überzeugt von der Wirksamkeit
der geplanten Reformen, fand er außer bei Roon bei keinem seiner
Minister Verständniß und thatkräftige Unterstützung, sah er eine
seinen Plänen geradezu feindliche Partei in der Volksvertretung immer
mehr Raum gewinnen, und mußte alle Hoffnung auf deren siegreiche
Durchführung allein auf seine eigene und des treuen Roon Energie und
Widerstandskraft basiren. Den großen Kämpfer für Deutschlands Größe und
Einheit, Bismarck, hatte er sich ja noch nicht gewonnen. Da kam dieses
Wort: »Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da bleibt der Segen
nicht aus!« so recht aus dem tiefsten Vertrauen zur guten Sache und
zu Gottes Beistand heraus, das ihn in dieser Zeit der schweren Sorge
um des Vaterlandes Zukunft erfüllte und ihm Kraft verlieh, an seiner
Aufgabe gegen alle Widersacher treu festzuhalten. Da mag ihm aber
auch der Einblick in die großartig sich entwickelnde Industrie Krupps
die Hoffnung gefestigt haben, daß sie zur Rüstkammer werden würde,
um Preußens Heere für die bevorstehenden schweren Kämpfe mit Waffen
von bisher unerreichter Leistungsfähigkeit zu versehen; da ward ihm
das Vertrauen zu dem genialen Schöpfer dieser Kriegsmittel gestärkt,
daß er in ihm eine kräftige Stütze fände, der seine besten Kräfte mit
so großen Opfern bisher der Idee gewidmet hatte, der vaterländischen
Armee die unüberwindlichen Waffen zu schmieden; da ward die Einführung
der Gußstahlgeschütze für ihn ein integrirender Bestandtheil der
Heeresorganisation; er hatte Krupps Lebensaufgabe und patriotisches
Streben verstanden und, was er 1859 aus eigenster Initiative gethan,
das war er von nun an gewillt, auch weiter durchzuführen. Dem Manne
dort, der das Herz so wie er selbst auf dem rechten Flecke sitzen
hatte, sollte die Unterstützung des Königs nicht fehlen, um das Werk
durchzuführen, die vaterländische Armee durch Ausrüstung mit den
leistungsfähigsten Waffen zur stärksten und gefürchtetsten der Welt zu
machen; es gab kein besseres, kein nothwendigeres Mittel, um der Welt
den Frieden zu erobern und um dem Vaterlande zu einer gedeihlichen
Entwickelung seiner industriellen und kommerziellen Kräfte zu
verhelfen.



~V.~

Die erste Feuerprobe.


Mit dem Jahre 1860 trat Krupp in die Periode seiner großartigsten
Erfolge ein, und deren erster sollte wiederum in London seinen
Schauplatz finden. Im Mittelpunkte des übermächtigen Industriestaates
sollte Krupp den Sieg erringen, in einem seiner wesentlichsten und bis
dahin immer noch für unerreichbar gehaltenen Produktionszweige. Es war
die zweite Londoner Weltausstellung im Jahre 1862, auf welcher der
durch Krupp geführten deutschen Eisen-Industrie einstimmig die erste
Stelle eingeräumt werden mußte.

Die Fabrik in Essen hatte sich in diesen Jahren mächtig entwickelt,
sie beschäftigte im Jahre 1860 1690, zwei Jahre später bereits 2464
Arbeiter, ihre Produktion an Gußstahl stieg auf 8 Millionen (1860)
und 13 Millionen Pfund (1862). Die Organisation des Betriebes mußte
wesentliche Aenderungen erfahren, um den durch Reisen häufig entfernten
und durch die Inachtnahme der Einzelheiten übermäßig beanspruchten
Chef zu entlasten, und die Art und Weise, wie Krupp es verstand,
allmählich aus der Beschäftigung mit den Details herauszutreten, um
sich ungestörter der Leitung des ganzen Werkes widmen zu können, wie er
die einzelnen Zweige seiner Fabrik zu trennen, in dem erforderlichen
Maaße selbständig zu machen verstand, ohne doch das gegenseitige
Ineinandergreifen jemals zu beeinträchtigen, das zeugt von einem
Organisationstalent, wie es umsichtiger und erfolgreicher kaum gedacht
werden kann. Bis 1862 war er mit einem Prokuristen ausgekommen; alle
Fäden liefen noch direkt in seine Hand, alle Einzelheiten wurden
von ihm persönlich überwacht. Am 12. Juli 1862 aber begann die
Kollektiv-Prokura ins Leben zu treten, welche zunächst aus 2, von
1865 aus 3, von 1867 ab aus 4 Herren bestand und bei seinem Tode sich
bis zu 7 Mitgliedern vermehrt hatte. Diese bildeten ein Kollegium von
gleichberechtigten Ressortchefs, und jedem war in seinem Bezirk eine
gewisse Selbständigkeit bezüglich des Betriebes eingeräumt, anderseits
aber für jede irgend belangreiche Maßregel die Zustimmung des
Kollegiums und für jedes Schriftstück die Mitunterschrift wenigstens
eines Kollegen zur Bedingung gemacht. Später, wie es scheint vom
Jahre 1879 ab, erhielt die Prokura auch einen Vorsitzenden, einen
Präsidenten dieses Ministeriums in Krupps Staate, für welches er mit
außerordentlicher Findigkeit und Menschenkenntniß die tüchtigsten
und zuverlässigsten Männer mit technischer, kaufmännischer oder
juristischer Bildung zu gewinnen wußte. So löste er die schwere
Aufgabe, durch allmähliche Ausgestaltung eine Verwaltungsmaschine ins
Leben zu rufen, deren einzelne Theile so vortrefflich selbstthätig
in einander greifen und den gemeinsamen, auf seinen eigenen Ideen
beruhenden, Zwecken dienen, daß der gewöhnliche ruhige Gang der
Geschäfte nur durch ganz gewaltige Störungen beeinflußt werden könnte.
So sehr dieses Werk den Stempel seiner Individualität trägt, war es
doch so wenig auf seine Person und die Nothwendigkeit deren Existenz
zugeschnitten, daß er aus dem Leben treten konnte, ohne daß der ganze
Organismus im Geringsten gestört und die Weiterentwicklung seines
Werkes aufgehalten oder gar in Frage gestellt worden wäre.

Den Mittelpunkt der Krupp'schen Ausstellung in London nahm wieder ein
massiver Gußstahlblock ein, dessen auf 40000 Pfund gesteigerte Masse
aus nicht weniger als 600 Tiegeln gegossen war; er war aber diesesmal
mittelst seines mächtigen Dampfhammers in der Mitte zerbrochen, um die
Bruchfläche zu zeigen, und diese war, wie Lothar Bucher berichtete, »so
eben in Farbe und Gefüge, so vollkommen frei von Aescheln und ungaren
Stellen, als wenn die Masse nicht Stahl wäre, sondern Zucker oder ein
anderer Stoff, den man auskochen und filtriren kann.« Daneben standen
zum ersten Male mächtige Seeschiffachsen für die großen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd und hochpolirte Walzen, blank wie Diamant. Die
Engländer hatten nichts, was an diese Leistungen heranreichte; sie
hatten kleinere Massen von Gußstahl ausgestellt, aber sich gehütet
den Bruch zu zeigen; und sie gaben eine Schiffsachse von ähnlichen
Dimensionen nur um deshalb für Stahl aus, damit das englische Publikum
in seinem Selbstgefühl nicht irre werde; die Sachverständigen wußten,
daß sie nur aus Eisen bestand. Auch nahmen die »Times« keinen Anstand,
Krupps Sieg vorurtheilsfrei anzuerkennen. Sie schlossen ihren Artikel
über die »außerordentlichste und wichtigste Sammlung, derengleichen
früher noch nie gesehen worden« mit den Worten: »Wir wünschen Krupp
Glück zu der überragenden Stellung, die er in der Welt als Erzeuger der
größesten und fehlerlosesten Massen von Gußstahl einnimmt, aber nicht
zu seinem Platz in der Ausstellung. Wessen Fehler ist das? Offenbar
stehen Talg, Spielwaaren und Eingemachtes sehr hoch in der Achtung der
Kommissarien Ihrer Majestät.« Die stiefmütterliche Behandlung, welche
bei Anweisung des Raumes die Ausstellungskommission, mißgünstig genug,
Krupp zu Theil werden ließ, hatte seinen Sieg nicht hindern können,
und, was der große Nationalökonom List vor mehr als 30 Jahren ersehnt
und erhofft hatte, die Erzeugnisse deutscher Intelligenz, deutschen
Fleißes und deutscher Beharrlichkeit mit denen der ersten Kulturstaaten
der Welt den siegreichen Wettkampf eröffnen zu sehen, das begann sich
zu erfüllen; mit dem Triumph auf dem Gebiete der Eisentechnik rückte
das bisher unmöglich Erschienene in den Bereich des Erreichbaren, und
neuer Muth ergoß sich über alle Industriezweige, Krupp nachzueifern,
gleich ihm den Kampf aufzunehmen und mit gleicher Hingabe und
Beharrlichkeit die Palme des Sieges zu erringen zum eigenen Gewinn und
zu des Vaterlandes mächtiger Kraftentfaltung.

Unter den zahlreichen Ausstellungsgegenständen Krupps befanden
sich auch fünf Hinterlader-Rohre von 3,75 bis zu 9'' Kaliber. Sie
hatten aber weder Züge noch Verschluß-Vorrichtungen; ersteres um
die Feinheit des Metalls an der spiegelreinen Politur der Seele zu
zeigen; letzteres, um die Verschluß-Konstruktion nicht öffentlich
bekannt werden zu lassen. Mit diesen Geschützen betrat nämlich
Alfried Krupp den Weg der eigenen Geschütz-Konstruktion. Bisher
hatte er, wie wir sahen, das Material den jedesmaligen Formen und
Konstruktionsweisen der Länder angepaßt, für welche er lieferte oder
ausstellte, beziehungsweise hatte er nur die rohen Rohre ohne alle
Einrichtungen geliefert. So namentlich für Preußen, wo man den --
bisher geheim gehaltenen -- Verschluß Wahrendorff's, den sogenannten
Kolbenverschluß, angenommen hatte und in Spandau anfertigte. Die
Konstruktion dieses Geschütztheiles stieß auf große Schwierigkeiten,
hauptsächlich bezüglich seiner Dichtung gegen die Pulvergase, und auch
der Kolbenverschluß war nicht einwandfrei. Indem nun Krupp selbst
sich dieser Frage widmete, selbst einen neuen Verschluß erfand, trat
er aus dem Gebiete des Material-Erzeugers, des Gußstahl-Fabrikanten
heraus und versuchte seine Kräfte als Geschütz-Konstrukteur. Es ist
eine neue wichtige Etappe in der Entwickelung des merkwürdigen Mannes,
der für Alles, was er anfaßte, auch eine ganz spezielle Begabung,
Geschicklichkeit und Erfindungskraft zu besitzen schien. Auf diesem
Felde des Geschütz-Konstrukteurs waren ihm seine bedeutendsten Erfolge
vorbehalten, durch welche er erst die Geschütze auf diejenige Stufe
der Leistungsfähigkeit erhob, für welche seines Vaters Erfindung,
der Tiegelgußstahl, bei voller Ausnützung seiner vorzüglichen
Eigenschaften, die Vorbedingung bildete.

Die neue Erfindung, ein einfacher Keilverschluß, ward in London
patentirt -- ein halbes Jahr früher als der des Engländers Broadwell
-- und dem preußischen Kriegsministerium in einer Sammlung von
Verschlüssen zur Prüfung vorgelegt. Es bedurfte aber einer geraumen
Zeit, bevor Krupps Vorschlag zur Annahme gelangte und zwar auch
dann in einer nicht unwesentlich verbesserten Gestalt. In der
Zwischenzeit sollten erst die in der preußischen Armee eingeführten
Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe im Kriege durchmachen und eine durch
die Benutzung eines unzweckmäßigen Verschlusses verursachte Krisis
bestehen. Vor Schilderung dieser wichtigen Entwickelungsperiode, welche
noch einmal alle Gegner des Krupp'schen Gußstahlgeschützes in Bewegung
setzte, ist noch ein Punkt zu erörtern, welcher gelegentlich der
Londoner Ausstellung 1862 zur Sprache kam.

Die allgemein Platz greifende Einführung leistungsfähigerer gezogener
Geschütze, theils Vorder- theils Hinterlader, entwerthete ebenso die
gemauerten Deckungen der Vertheidigungsgeschütze (in Kasematten)
namentlich bei den Küstenbefestigungen, als sie auch eine Veränderung
im Bau der Kriegsschiffe mit sich brachte. In beiden Fällen sah man
sich genöthigt, zum Eisenschutz mittelst Panzerplatten zu greifen,
und mit dem Beginn der sechziger Jahre wurde neben der Entwickelung
des Geschützwesens auch die Konstruktion von Panzerdeckungen
eingeleitet. England ging naturgemäß voran, da es einerseits seine
zahlreichen Küsten- und Hafenbefestigungen gegen die neuen schweren
Schiffsgeschütze sichern, anderseits seiner Kriegsflotte den
Panzerschutz baldigst verschaffen mußte, um nicht in seiner Herrschaft
zur See gefährdet zu werden. In den Eisenfabriken des Inselreiches
ward von jetzt an die Frage der Panzerfabrikation, zunächst in Form
von starken gewalzten Eisen- und Stahl-Platten emsig studirt, und auf
seinen Schießplätzen folgte eine Reihe von Versuchen der anderen. Auch
in Preußen begannen solche bereits im Jahr 1861. Der heftige Kampf
zwischen Geschütz und Panzer nahm seinen Anfang, welcher sich bis in
die neueste Zeit fortgesetzt hat und mit der Entwickelung eines neuen
Geschützsystems auch eine vollständige Umwälzung des Befestigungswesens
herbeigeführt hat.

Krupp's scharfem Auge entging es nicht, welche Bedeutung das Eisen in
fortifikatorischer Beziehung gewinnen werde; er war rasch entschlossen,
auch auf diesem neuen Gebiet mit seinem Gußstahl den Kampf aufzunehmen
und kündigte deshalb am Schluß seines Ausstellungs-Kataloges an,
daß die Firma mit der Errichtung von Walzwerken zum Walzen von
Gußstahlschienen und Platten beschäftigt sei, zu deren Produktion das
Werk schon binnen Kurzem gerüstet sein werde. »Unter Anderem sollen
mittelst 2000 Pferdekraft Walzen von 15 Fuß Bahnlänge betrieben werden,
um große Platten bis zu 1 Fuß Dicke und selbst noch dicker, z. B. zur
Panzerung von schwimmenden Batterien oder Festungswerken, zu walzen.«
Diese Walzwerke wurden auch in dieser Zeit gebaut und gleichzeitig
ein Bessemerwerk zur Ausführung gebracht, da der, allerdings dem
Tiegelgußstahl in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften nachstehende,
Bessemer-Stahl für die Massenverwendung von Schienen, Blechen und
Platten ein sehr gutes Material liefert. In der Folge ward auch die
Fabrikation von Stahl-Eisenbahnschienen, welche mit der Eröffnung
seines Schienen-Walzwerkes Krupp eigentlich erst in Deutschland
einbürgerte, zu einem der bedeutendsten Fabrikationszweige. Die
Stahlschienen verdrängten auf Grund ihrer viel längeren Dauer bald
die gebräuchlichen Schienen aus Guß- oder Schmiedeeisen und wurden
in immer größerer Zahl gearbeitet, bis die jährliche Leistung auf
150000 Tonnen gesteigert wurde. Auch das Plattenwalzwerk ward im Jahre
1864 in Betrieb gesetzt, aber auffallender Weise zur Herstellung von
Panzerplatten zu Befestigungszwecken bis zum Tode Alfried Krupp's
niemals benutzt.

Erst nach diesem ist durch die Erfolge der seitdem erzeugten
Krupp'schen Panzerplatten die Richtigkeit seiner Voraussetzung, daß
er auch auf diesem Gebiete alle andern Fabriken schlagen werde, voll
erwiesen worden; denn die Krupp'schen Platten haben trotz aller
hochgradigen Anstrengungen der Ingenieure aller Staaten und trotz der
vielen in diesem Zweige der Technik gemachten genialen Erfindungen,
dank des auch bei dem Nachfolger Alfrieds nie rastenden Strebens nach
Vervollkommnung und der auf gründlichster wissenschaftlicher Basis
fortgesetzt angestellten Versuche und Prüfungen, immer wieder den Sieg
davongetragen und der Fabrik auch in dieser Beziehung die erste Stelle
unter allen Konkurrenten gesichert.

Es ist, wie gesagt, auffallend, daß Alfried Krupp den Gedanken,
Panzerplatten anzufertigen, in der Folgezeit völlig aufgegeben zu
haben scheint, daß er niemals bei irgend einer Platten-Lieferung sich
betheiligt hat und erst in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens der
Aufgabe wieder näher trat, Panzerschutz-Konstruktionen zu entwerfen.
Es ist um so auffallender, als in diesem Fabrikat Deutschland
lediglich auf England angewiesen war, seine Panzerkonstrukteure und
Ingenieure also in der Lage der oft recht hemmenden Abhängigkeit
von dem Inselreiche waren. Nimmt man hinzu, daß auch die dortige
Panzer-Industrie noch völlig in den Kinderschuhen steckte, daß man es
1864 noch für die höchste Leistung hielt, Platten von 300 Kgr. Gewicht
zu walzen, also bei einer Stärke von 25 ~mm~ etwa 1,50 Quadratmeter,
und bedenkt man, daß Krupps Massengüsse sich bereits 1862 auf Blöcke
von 20000 Kgr. erhoben, daß er allein im Besitz des Geheimnisses und
der Kunst war, das Material in vollwerthigster Güte bis zu solchen
Massen in einheitlicher Stärke zu formen, so folgt ohne Weiteres, daß
es ihm spielend leicht geworden sein müßte, alle Konkurrenz durch
Herstellung großer und starker Platten zu schlagen und dem Vaterlande
die erste Stelle in der Panzerkonstruktion zu sichern. Daß letzteres
trotz Krupps Zurücktreten von diesem Gebiet doch der Fall war, daß
gerade Deutschland trotz der hierdurch herbeigeführten Schwierigkeiten
die Führung in der ganzen Entwickelung der Panzerbefestigung übernommen
hat, das ist anderen Männern zu danken, Maximilian Schumann, der die
genialen Ideen, und Hermann Gruson, welcher die technischen Kenntnisse
dazu bot. Aber vielleicht war es eine weise Fügung, daß Krupp sich
von diesem Gegenstand fern hielt, daß er auch kein Verständniß
für Schumanns Ideen gehabt zu haben scheint und daß er seine zur
gemeinsamen Arbeit bittend ausgestreckte Hand zurückwies. Vielleicht
war dies nothwendig, damit noch andere Kräfte neben denen Krupps zur
Entwickelung kämen und durch schwere Arbeit und Widerstände hindurch
sich rängen, um auch anderen Ideen, anderen Materialien zur Anerkennung
und zur Bethätigung ihrer Leistungsfähigkeit zu verhelfen. Vielleicht
war es den höchsten Zwecken dienlicher, daß Krupp seine geniale
Erfindungsgabe, seine Thatkraft und seine Mittel auf die Ausbildung
lediglich der Kriegswaffe beschränkte, um das höchste ihm Erreichbare
zu leisten, während die Aufgabe Anderen vorbehalten blieb, die Mittel
zu finden und zu vervollkommnen, welche gegen die immer sich steigernde
Wirkung der Kruppschen Geschütze einen unverwundbaren Schutz zu bieten
bestimmt sind; vielleicht mußte sogar eine gewisse Beeinflussung des
Verhältnisses dieser Personen zu einander, gewissermaßen der Natur
ihrer sich gegenseitig befehdenden Ideen und technischen Erzeugnisse
entsprechend, sich entwickeln, um beide technische Zweige die
bedeutende Höhe der Entwickelung erreichen zu lassen, auf welcher
angekommen, sie wohl sich vereinigen durften.

Im Jahre 1864 sollten die ersten Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe vor
dem Feinde bestehen. Und wie durchaus nothwendig eine solche war, um
ihre größere Leistungsfähigkeit den alten glatten Geschützen gegenüber
zu beweisen, ergiebt sich aus einem Blick auf die Schwierigkeiten,
welche die Frage der Neubewaffnung der preußischen Feldartillerie in
den vorhergehenden Jahren nur so langsam fortschreiten ließen.

Nachdem durch den Entschluß des Prinz-Regenten 1860 in jedes
Feld-Artillerie-Regiment 3 Batterien zu je 8 gezogenen 9 ~cm~
Kanonen eingestellt worden waren, bestanden neben diesen noch je 9
Batterien glatter Geschütze, nämlich 6 Pfünder-, 12 Pfünder-Kanonen
und 7 Pfünder-Haubitzen zu gleichen Theilen. Daß diese glatten
Geschütze den Anforderungen wenig gewachsen waren, darüber war man
sich wohl einig, und als die Reorganisation der Armee im Jahre 1860
in allen Waffen ein neues reges Leben und verständnißvolles Streben
nach Vervollkommnung und Zusammenwirken erweckte, da konnte auch die
Artillerie nicht zurückbleiben. Ein kräftiger Pulsschlag durchbebte den
ganzen Organismus, wirkte auf Ausscheidung der ihm anhaftenden Mängel
und auf eine Entwickelung aller Kräfte, um hinter den anderen Waffen
nicht zurückzubleiben in der Schlagfertigkeit, in der Verwendbarkeit
und in der Wirkungsfähigkeit. Daß man hierzu andere Geschütze brauchte,
sah man ein, aber, in welcher Zahl gezogene und glatte Geschütze, in
welchen Kalibern sie einzuführen seien, darüber gingen die Ansichten
weit auseinander.

Man ist jetzt wohl geneigt, diese Frage sehr einfach und schnell dahin
zu beantworten, wie sie nach den verschiedenen Uebergangsstadien
entschieden worden ist: Natürlich nur gezogene Hinterlader, das sind
ja die wirksamsten und verwendbarsten Geschütze! Aber so einfach lag
die Sache nicht. Man muß sich vergegenwärtigen, daß durch die erfolgte
Einführung der gezogenen Geschütze die Taktik, die ganze Fechtweise
der Armee auf das einschneidendste umgestaltet worden ist, und heute
würden wir die gezogenen Geschütze nicht entbehren können, weil auf
ihrer Verwendung die ganze neue Taktik beruht. Die alte Fechtweise, und
in dieser steckten doch die Artilleristen von 1860 noch vollständig
drin, entsprach der Wirkung der glatten Geschütze, und diese war
auf die kleineren Entfernungen, mit denen man zu rechnen gewohnt
war, eine dem gezogenen Geschütz überlegene. Der Schrapnellschuß des
letzteren war noch nicht ausgebildet, mit den Granaten hatte man auf
größere Weiten eine viel bedeutendere Wirkung, aber der Kartätschschuß
fehlte ihnen ganz. Und so ist es verständlich, daß man der Meinung
zuneigte, beide Geschützarten seien wohl geeignet, sich gegenseitig zu
ergänzen, die glatten würden dem Kampf auf nähere Entfernung am besten
genügen, während die gezogenen, in möglichst stabiler Aufstellung (als
Positionsgeschütze), auf weitere Distanzen von besonderem Werthe seien.

Die am 27. Dezember 1860 unter Vorsitz des Prinzen Carl eingesetzte
Kommission für die Neuorganisation der Artillerie entschied sich
dementsprechend dahin, daß jedem Artillerie-Regiment neben 48 gezogenen
Gußstahl-Hinterladern noch 42 glatte Bronze-Kanonen (kurze 12 Pfünder)
und 6 glatte Bronze-Haubitzen zuzuertheilen seien. Die gezogenen
Geschütze sollten also verdoppelt werden, und auf ihre Vermehrung
drängte die Einführung gezogener Vorderlader in Frankreich, wo sie
bereits im Feldzug 1859 zur Verwendung gekommen waren. Zugleich brachte
aber die Einführung leichterer (4 Pfünder) Kaliber in fast allen Armeen
die Frage in den Vordergrund, ob neben dem 9 ~cm~ nicht auch ein
leichteres Geschütz einzustellen sein würde. Dies führte zur Bestellung
von 2 8~cm~ Rohren bei Krupp, nach deren Lieferung im März 1861 eine
Reihe von Versuchen begann. Am 6. Januar 1862 wurde die Einstellung von
je 4 8~cm~ Kanonen in jede Artillerie-Brigade vom Kriegsministerium
verfügt, um einer einjährigen Erprobung unterworfen zu werden. Bei
der Artillerie-Prüfungs-Kommission gingen aber die Urtheile ebenso
auseinander, wie bei den Truppen, und der General-Inspekteur,
Generallieutenant von Hahn, suchte sogar seine Ansicht zur Geltung zu
bringen, daß die übereilte Einführung der Hinterlader sehr zu bedauern
sei, da hierdurch die Prüfung gezogener Vorderlader ganz verhindert
worden sei.

Wieder war es König Wilhelm, welcher -- bereits am 1. Mai 1862 -- seine
Ueberzeugung und seinen festen Willen, sie zur Geltung zu bringen,
in die Waagschale warf, indem er befahl, daß ein 8~cm~ Feldgeschütz
nach Abschluß der Konstruktion in die Armee eingeführt werden solle.
Im Dezember 1863 waren die Versuche so weit erledigt, daß aus den
bisherigen Versuchs-Geschützen eine Batterie zu 8 Kanonen und 8 Wagen
gebildet und bei der Garde-Artillerie-Brigade eingestellt werden
konnte. Die Einführung des nunmehr festgestellten Modells an Stelle
der bisherigen Haubitzen ward am 18. April 1864 mit der Forderung der
energischsten Beschleunigung befohlen. Da aber die Herstellung des
Materials geraume Zeit in Anspruch nahm, konnte die Umwandlung der je
drei Haubitz-Batterien in vier 8 ~cm~ Batterien zu 6 Geschützen erst
bis zum Herbst 1865 ausgeführt werden.

Beim Ausbruch des dänischen Krieges war, weil die Einführung der 8 ~cm~
Kanonen noch nicht durchgeführt worden war, jedes Artillerie-Regiment
mit 4 gezogenen 9 ~cm~-, 4 kurzen 12 Pfünder-Batterien zu 6 und 3
Haubitzbatterien zu 8 Geschützen ausgerüstet; die 6 reitenden Batterien
hatten kurze 12 Pfünder.

Mit einer solchen Mischung von verschiedenen Feldgeschützen trat die
preußische Armee in den Feldzug ein: das kombinirte Armeekorps hatte
neben 72 glatten Bronzegeschützen 30 gezogene Gußstahl 9 ~cm~ Kanonen
und die erwähnte Batterie von acht 8 ~cm~ Kanonen. Das verschiedene
Verhalten der glatten und gezogenen, der Bronze- und Gußstahl-Geschütze
im Kampf sollte aber die Ueberlegenheit der letzteren klar vor Augen
führen.

Es war bei Missunde, wo zum ersten Male die Gußstahl-Kanonen in
größerer Anzahl (24) in Thätigkeit traten. Wir finden sie dann bei
Ballgaard an der Alsener Föhrde, bei der Beschießung von Fridericia und
beim Angriff auf die Düppelstellung. Ueberall bewiesen sie ihre große
Wirksamkeit und der General von Hindersin, welcher bald nachher als
zweiter General-Inspekteur der Artillerie der Waffe zu ihrem mächtigen
Aufschwung verhalf, überzeugte sich durch eigenen Augenschein von der
gewaltigen Ueberlegenheit der gezogenen über die glatten Geschütze.
»Wenn ich in dieser Richtung nicht Alles thue,« so motivirte er
später seine Bemühungen um die möglichste Vermehrung der gezogenen
Geschütze, »was in meiner Macht steht, und Preußen mit drei Viertel
glatter Feldgeschütze in einen großen Krieg verwickelt wird gegen eine
Macht, die nur gezogene Geschütze führt, so wird es wahrscheinlich
eine Hauptschlacht verlieren. Der Verlust einer Hauptschlacht aber
kann die Zertrümmerung und Vernichtung des Vaterlandes herbeiführen.
Wenn ich daher das Geringste in der Einführung der gezogenen Geschütze
versäume, so kann durch meine Versäumniß der Untergang des Vaterlandes
verschuldet werden. Dieser Gedanke liegt wie ein Alp auf mir und läßt
mich nicht schlafen.«

Die Zukunft hat gelehrt, mit welchem Recht der General den gezogenen
Geschützen eine so hohe Bedeutung beimaß, daß er sich ihre Einführung
gewissermaßen zur Lebensaufgabe machte. Waren sich doch auch die
höheren Truppenführer, welche aus Schleswig-Holstein zurückkehrten,
wohl bewußt, daß dieser Feldzug nur das Vorspiel gewesen war zu
weit ernsteren Kämpfen, und tönte doch durch den frohen Siegesjubel,
mit dem sie in Berlin einzogen, gar deutlich die Mahnung, sich nicht
einzuwiegen in Selbstzufriedenheit und Siegesgewißheit, sondern in
ernster Arbeit die zu Tage getretenen Mängel zu beseitigen und sich zu
rüsten zu neuen um Vieles schwierigeren Aufgaben.

Wenn man zu deren Lösung die gezogenen Geschütze als eines der
wichtigsten und unentbehrlichen Mittel zu erkennen anfing, so ist es
allerdings nicht der Gußstahl, welchen man in seinen vorzüglichen
Eigenschaften bereits als einziges anwendbares Material erachtete.
Schwere Kämpfe sollte dieser noch mit der Bronze bestehen, bevor
er endlich siegreich den Nebenbuhler überwand. Es war das gezogene
Geschütz zunächst als solches, der Hinterlader in seiner Konstruktion,
den man als vortheilhaft erkannt hatte. Daß der Hinterlader erst
durch die ausschließliche Herstellung in Krupps Gußstahl seine volle
Wirksamkeit entfalten würde, davon war man noch nicht überzeugt, weil
an die weitere enorme Steigerung der Kraftentfaltung noch Niemand zu
denken wagte.

Hatte man doch auch gezogene Hinterlader in Bronze mit ins Feld
genommen, nämlich eine größere Zahl schwerer Belagerungsgeschütze. Für
solche war von Anfang an die Zweckmäßigkeit der Konstruktion anerkannt
worden, während man an die Hinterlader-Feldgeschütze nur mit dem großen
Bedenken herantrat, daß sie nicht einfach genug seien und schwierig zu
handhaben. Bei dem Belagerungsgeschütz, das in seiner Batterie fest
steht und langsam feuert, läßt man sich zeitraubende und schwierige
Manipulationen eher gefallen. Es ist dieses Bedenken jetzt kaum mehr
verständlich, da ja die Bedienung des Hinterladers einfacher und
rascher ist, als beim glatten Geschütz. Aber die Macht der Gewohnheit,
und der merkwürdige Verschluß, zu dem man kein rechtes Vertrauen fassen
konnte, das stand im Wege.

Nun ist es bemerkenswerth, daß auch auf dem Gebiet der schweren
Belagerungsgeschütze der Feldzug 1864 den Anstoß zum ersten Schritt auf
dem Wege gab, welcher später auch hier zur ausschließlichen Annahme
des Gußstahls in Preußen führte. Die bronzenen Geschütze hatten doch
nicht allen Erwartungen entsprochen, und es wurden bei Krupp fünf
72 Pfünder und drei 36 Pfünder bestellt, alle im fertigen Zustande
nach angegebener Konstruktion, während die Feldgeschütze noch alle in
Spandau gebohrt, gezogen und mit Verschluß versehen wurden.

Die vorgeahnten kriegerischen Verwickelungen ließen nicht lange auf
sich warten. Der Krieg von 1864 trug im Schooß die Keime, aus denen
sich das neue deutsche Reich mächtig gestalten sollte; aber große
politische Fortschritte sind auf dem Wege friedlicher Entwickelung
kaum denkbar. Sie bedürfen des Bewußtseins der Kraft, und dieses
Selbstvertrauen wird nur gewonnen durch deren Erprobung im Kampfe;
nur durch die ihnen zum Bewußtsein gebrachte Ueberlegenheit können
anderseits die widerstrebenden Nachbarmächte veranlaßt werden, Raum zu
geben für größere Machtentfaltung, ihre Anerkennung dem gesteigerten
Einfluß auf die Gestaltung der Weltlage nicht zu versagen. In
hervorragendem Maße gilt dieses für Deutschland, dessen politisches
Gefüge den auswärtigen Mächten von jeher Angriffspunkte genug geboten
hatte, um den Hebel zur Lockerung des ganzen kunstvollen Bauwerkes
anzusetzen. Es galt, die Einzelinteressen zu vereinigen auf einen
großen Gesichtspunkt, die einzelnen Bestandtheile zusammenzuschmeißen
zu dem einheitlichen Organismus, welcher allein das nothwendige Maß
der Kraftentfaltung erreichen konnte, das ihm eine achtunggebietende
Stellung unter den Weltmächten errang. Dazu bedurfte es heftiger
Kämpfe, des blutigen Ringens mit den Verfechtern der veralteten
unbrauchbaren Staatsformen, um der neuen Gruppirung der Kräfte, der
Neugestaltung des Reiches Raum zu schaffen, und eines um noch Vieles
ernsteren, gewaltigeren Ringens mit derjenigen Europäischen Macht,
welche sich in ihrer angemaßten vorherrschenden Stellung gefährdet
glaubte durch den aus langem ohnmächtigen Schlummer erwachten deutschen
Riesen.

Dem Kriege von 1864 folgten mit der von dem Preußischen König ebenso
wie von seinen großen Staatsmännern vorhergesehenen Nothwendigkeit die
Kriege von 1866 und 1870.

König Wilhelm hatte, in einträchtiger schwerer Arbeit mit seinem
Kriegsminister unentwegt das Ziel im Auge behalten, das Werkzeug
zu formen und zu kräftigen, mit dem allein diese schweren Krisen
überwunden werden konnten. Die Reorganisation der Armee war trotz aller
Widerstände einer einseitig verrannten Mehrheit der Volksvertretung
durchgeführt worden und vornehmlich auch ihrer Bewaffnung ein ernstes
Interesse zugewendet worden. Mit dem Zündnadelgewehr besaß die
Infanterie eine in jenen Jahren allen anderen weit überlegene Waffe
und auch in den Kruppschen Gußstahl-Hinterladern Geschütze, welchen
keine andere Armee gleichwerthige gegenüberstellen konnte. Und doch,
so vorzüglich die ersteren sich im Kriege mit Oesterreich bewährten,
soviel sie zum Siege beitrugen, um eben soviel blieben die Geschütze
hinter den Erwartungen zurück. Das hatte aber seine guten Gründe.

Erst 1865 konnten die 8 ~cm~ in die Armee eingestellt werden und,
dem Grundsatz folgend, stets eine starke Reserve für unbrauchbar
werdende Geschütze zurückzuhalten, auch nicht die ganze Zahl, welche
Krupp lieferte. Es ist Hindersin zu danken, daß er beim Ausbruch
des Krieges es durchsetzte, auch die Reservegeschütze schleunigst
noch einzustellen, indem er hervorhob, daß es für die zu erwartende
Entscheidungsschlacht darauf ankomme, möglichst viele Hinterlader
zur Verfügung zu haben. Gewannen wir diese, so brachte für die
nachfolgenden kleineren Gefechte der etwaige Verlust unbrauchbar
gewordener keinen Nachtheil.

Es ist aber aus der ganzen Art, wie die Beschaffung und Einstellung
der gezogenen Geschütze erfolgte, zu ersehen, daß an eine gründliche
Kenntniß und Beherrschung der neuen Waffe durch die Truppe und
ihre Offiziere im Jahre 1866 nicht zu denken war. Gerade bei der
einschneidenden Umgestaltung der Taktik, welche die gezogenen Geschütze
herbeiführen mußten, ist es nur natürlich, daß dieser große Schritt
nicht auf einmal in kurzer Zeit gethan werden konnte, daß eine Zeit des
Ueberganges eintreten mußte, in der das alte glatte Geschütz seinen
Werth verlor und das neue gezogene noch nicht seiner Natur entsprechend
ausgenutzt werden konnte. Und gerade in diese Uebergangszeit fiel
der Krieg von 1866. Es giebt keinen schlagenderen Beweis für die
Nothwendigkeit, mit der Verwendung eines Kriegsinstrumentes die Armee
bei Zeiten gründlich vertraut zu machen. Die beste Waffe erweist sich
als schwächlich in der Hand des Neulings und Ignoranten.

Während die österreichische Armee mit gezogenen Geschützen, vom besten
System der Vorderlader, durchweg bewaffnet war, hatte die preußische
Armee neben ca. 60 Prozent Hinterladern noch 40 Prozent glatte
Geschütze. In Böhmen stand sie mit 474 gezogenen, 318 glatten Kanonen
gegen 776 gezogene und 34 (sächsische) glatte; auf dem westlichen
Kriegsschauplatz gar mit 42 gezogenen und 36 glatten gegen 174 gezogene
und 172 glatte. Auf beiden Seiten war die Enttäuschung gleich groß. Man
hatte erwartet, daß die Wirkung der gezogenen Geschütze beim Kampfe
großer Artilleriemassen als ein sehr bedeutsames Kampfmittel sich
geltend machen, daß die Artillerie eine große Rolle in der Feldschlacht
spielen werde, also genau das, was sich 1870 als vollberechtigt
erweisen sollte. Aber 1866 ergab sich zwar die vollständige Ohnmacht
der glatten gegen die gezogenen Geschütze; sie mußten ihnen in allen
Fällen das Feld räumen und konnten vielfach gar nicht zur Verwendung
kommen; -- aber im Kampf gegen einander, der meist auf sehr große
Entfernungen geführt wurde, thaten letztere sich außerordentlich wenig
Schaden. Das lag an der mangelhaften Ausbildung des Personals und an
der falschen Verwendung der Kanonen.

Für die Artillerie-Truppe ergab sich mithin aus den Erfahrungen
dieses Krieges die Nothwendigkeit einer gründlicheren Ausbildung
einerseits, einer weiteren Prüfung der schlecht bewährten Waffe aber
anderseits. Die glatten Feldgeschütze mußten als ganz unbrauchbar
allerdings beseitigt werden, aber eine ernste Krisis folgte auch für
die Kruppschen Hinterlader. Und zwar war es nicht nur das System, für
welches ja Krupp keine Verantwortung traf, sondern auch scheinbar das
Material, dessen Güte in Frage gestellt wurde. Von den 8 ~cm~-Rohren
mit Keilverschluß waren nämlich mehrere ohne vorherige Anzeichen und
ohne nachweisbare Fehler des Materials besessen zu haben, gesprungen.
Damit war der Glaube an die Haltbarkeit des Gußstahls ernstlich
erschüttert, seine Gegner schlugen daraus Kapital zu Gunsten der
Bronze und erreichten, daß in Preußen aufs Neue Versuche mit einem
bronzenen 9 ~cm~-Rohr angestellt wurden; seine Konkurrenten wußten
die Unglücksfälle geschäftig in ihrem Interesse zu verwerthen und das
Mißtrauen zu Krupps Fabrikaten immer aufs Neue dadurch anzuregen,
sodaß er sich noch im Jahre 1879 gezwungen sah, den übertriebenen
Behauptungen in einem Schriftstück entgegenzutreten, das er am
11. Februar an alle Mitglieder des englischen Unterhauses versandte. Er
legte hierin klar, daß von fast 18000 gelieferten Geschützen bisher nur
22 gesprungen seien, hiervon entfielen aber 17 auf die Geschütze alten
Systems, welches 1870 verlassen wurde, und nur 5 Fälle auf die 11600
seitdem angefertigten Geschütze.

Zunächst war es aber eine Lebensfrage für die Geschützfabrikation
des Gußstahlwerkes, die Ursachen zu ergründen für die im Kriege
1866 vorgekommenen Unglücksfälle. Krupp glaubte sie in dem wenig
zweckmäßigen Verschluß, dem Wesener'schen Doppelkeil-Verschluß, welchen
die Rohre in Spandau erhalten hatten, gefunden zu haben, und da es
trotz aller Versuche nicht gelang, die hiermit versehenen Rohre zu
verbessern, entschloß er sich zu dem großen Opfer, die sämmtlichen vor
2 Jahren gelieferten 8~cm~-Rohre zurückzunehmen und durch 300 neue
Rohre mit geänderter Verschluß-Konstruktion zu ersetzen. Dies war
geboten durch das Geschäftsinteresse, denn die mangelhafte Einrichtung
konnte bei jedem dieser Geschütze ein Springen veranlassen. Jeder
weitere derartige Unglücksfall konnte aber seinen Kredit wesentlich
schädigen. Bei der Ausdehnung, welche die Geschützlieferungen bereits
angenommen hatten und bei den hiermit verbundenen Kapitalopfern für
die nothwendigen Werkanlagen war ein Rückgang der Geschützlieferungen
mit hohen Gefahren für die Fabrik verbunden, ganz abgesehen von der
Enttäuschung, welche Krupp persönlich in seinen auf eine weitere
Entwickelung gerade dieses Industriezweiges gesetzten Erwartungen
getroffen hätte.

Zu einer bedeutenden Vergrößerung seiner Fabrik war Krupp in den Jahren
1863-64 namentlich durch die umfassenden Bestellungen der russischen
Regierung veranlaßt worden. Sie hatte mit dem 1859 eingeführten
bronzenen Vorderlader-Feldgeschütz schlechte Erfahrungen gemacht und
wandte sich 1863 dem Gußstahl zu, indem sie 88 Stück achtzöllige und
16 Stück neunzöllige gezogene Vorderlader, 1864 aber 234 Hinterlader
in allen Kalibern probeweise bestellte. Die Geschützfabrikation
stieg dank dieser und der Lieferungen für deutsche Staaten 1864 auf
817, im Jahre 1866 aber erreichte sie gar die Zahl von 1562, weil
Rußland die Krupp'schen Feldgeschütze mit dem von ihm konstruirten
Rundkeilverschluß angenommen hatte. Es muß wohl, wenigstens theilweise,
auf das durch die Unglücksfälle im Kriege veranlaßte Mißtrauen
zurückgeführt werden, daß in den folgenden Jahren sich ein sehr
fühlbarer Rückgang bemerklich machte. Die Bestellungen betrugen 1867
720, 1868 588, 1869 nur 205 Stück, und begannen erst nach 1870 (427
Stück) mit Einführung einer veränderten Rohrkonstruktion mächtig zu
steigen.

Die Erweiterung des Betriebes hatte aber auch den Wunsch nahe gelegt,
mit der Rohmaterialienbeschaffung sich unabhängig zu machen von
auswärtigen Lieferanten; und da zur Errichtung von Hohöfen die Lage
der Fabrik bei Essen wenig geeignet war, so ergriff Alfried Krupp die
sich ihm bietende Gelegenheit, vom preußischen Bergfiskus die Sayner
Hütte zu erwerben. Er kam damit wieder einen wichtigen Schritt weiter
in der prinzipiellen Ausbildung des Selbstfabrikations-Systems, das er
unentwegt im Auge behielt.

Die Erweiterungen und Neuanlagen der Fabrik, sowie der Ankauf der Hütte
waren aber mit großen Geldopfern verbunden, so daß es wohlverständlich
ist, daß Krupp bei dem Hereinbrechen der kritischen Jahre nach
1866 nicht nur den Entschluß faßte, die an Preußen gelieferten 300
8~cm~-Rohre zurückzunehmen, sondern daß er auch alles daran setzte,
durch weitere technische Fortschritte dem Gußstahl seine Stellung zu
wahren. Er selbst war nicht irre geworden an dessen Vorzüglichkeit und
glaubte seine Eigenschaften noch lange nicht hinreichend ausgenutzt. Es
mußte aber eine neue Bahn beschritten werden, um das gesteckte Ziel zu
erreichen, das hatten die Unglücksfälle von 1866 ihm klar gezeigt.



~VI.~

Kampf und Sieg.


Die Mißerfolge der gezogenen Geschütze auf dem Schlachtfelde riefen
die maßlosesten Angriffe gegen diese hervor und namentlich wurden die
Hinterlader einer heftigen Kritik unterzogen. Aber die maßgebenden
Personen ließen sich ebensowenig wie die Artillerie-Waffe hierdurch
beirren. Noch im Jahre 1866, am 6. Oktober verfügte König Wilhelm die
Bewaffnung der reitenden Batterien mit den gezogenen 8~cm~-Kanonen,
und binnen Kurzem waren sämmtliche glatte Geschütze nicht nur aus der
preußischen, sondern aus allen Armeen Deutschlands verschwunden. Die
Artillerie aber hatte zu deutlich empfunden, daß das glatte Geschütz
dem gezogenen gegenüber gänzlich entwerthet, daß die erwartete Wirkung
auf geringe Entfernungen eine Illusion gewesen sei, den modernen
weitschießenden Gewehren gegenüber. Sie suchte mit Recht die Gründe für
die Mißerfolge der Waffe in deren ungenügender Kenntniß und Ausnutzung,
vor allem in der falschen Verwendung auf dem Schlachtfelde. Ihr ganzes
eifriges Streben ging darauf hinaus, die Natur und Leistungsfähigkeit
des neuen Geschützes zu studiren und sich im richtigen Gebrauch rastlos
zu üben. Wie recht sie damit hatte und wie zielbewußt sie ihre Pflicht
erfaßte, zeigen die glänzenden und überraschenden Erfolge des nächsten
Krieges.

Daß die Unglücksfälle von 1866 das Vertrauen in das System der
Hinterlader nicht zu erschüttern brauchte, hatte man aus dem
eigenthümlichen Umstande gefolgert, daß nicht ein einziges
9~cm~-Rohr, sondern nur 8~cm~-Rohre gesprungen waren, weshalb wohl
die Unzweckmäßigkeit des bei diesem veränderten Verschlusses die
Schuld tragen mußte. Mit diesem theoretischen Nachweis war aber das
Mißtrauen in der Truppe nicht zu überwinden, welcher die Gußstahl-Rohre
unheimlich erschienen, da sie ohne irgend ein vorhergehendes Merkmal
der Mangelhaftigkeit zerspringen könnten. Man deutete immer wieder auf
den Vorzug der Bronze hin, deren Rohre zwar auch bersten und zerreißen
könnten, aber niemals plötzlich und unvorhergesehen, sondern immer nach
vorangehenden deutlichen Anzeichen.

Hierdurch sah sich die General-Inspektion der Artillerie veranlaßt, mit
pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit einen neuen Versuch zu machen, ob ein
leistungsfähiges Hinterlade-Feldgeschütz aus Bronze sich herstellen
lasse. Sie ließ ein 9~cm~-Rohr konstruiren, das nach Möglichkeit dem
Gewicht des Gußstahlrohrs und seiner Laffete entsprechen sollte.
Und siehe: Die Schießergebnisse, welche seit 1867 mit diesem
Geschütz erreicht wurden, waren günstig. Die Versuche, nun auch mit
8~cm~-Rohren, wurden fortgesetzt und es vollzog sich allmählich eine
vollständige Wandlung zu Gunsten der Bronze. Eigenthümlich, daß zur
selben Zeit, wo in Folge dessen Preußen nahe daran war, Krupps Gußstahl
den Rücken zu wenden, in Oesterreich die umgekehrte Ansicht zur Geltung
kam, daß die bronzenen Feldgeschütze abgeschafft werden müßten, weil
Gußstahl unzweifelhaft der Bronze vorzuziehen sei.

Die Gefahr, nicht durch die Beschaffenheit des Materials, sondern durch
eine fehlerhafte Konstruktion, ohne Krupps Verschulden hervorgerufen,
war sehr groß, daß man auf einen falschen Weg gerieth, daß man sich der
werthvollsten Kriegswaffe beraubte und ihren genialen Erzeuger, der
sein ganzes Vermögen und Können in dieser Zeit an die Vervollkommnung
der Waffe gesetzt hatte, in eine äußerst schwierige Lage brachte. Der
Ausbruch des Krieges 1870/71 wandte die Gefahr ab.

Gleich in den ersten Gefechten machte sich die Ueberlegenheit des
französischen Chassepot-Gewehrs geltend. Unsere Infanterie, die in
lobenswerther aber schlecht angebrachter Tapferkeit ihre Angriffe in
gleicher Weise wie 1866 ohne Vorbereitung durch die Artillerie zu
machen versuchte, erlitt enorme Verluste und mußte jeden Sieg über die
Feinde, welche in schönen Stellungen sie empfingen, mit Strömen von
Blut erkaufen. Aber ebenso scharf trat von Anfang an die Ueberlegenheit
der deutschen über die französische Artillerie hervor. Die Verhältnisse
von 1866 erschienen geradezu umgekehrt. Binnen Kurzem war es die starke
Hilfe der Artillerie, ohne welche die Infanterie keine Erfolge erringen
konnte, war es ihre in die Wagschale geworfene Kraft, welche den
Charakter der meisten Schlachten bestimmte.

Und es basirte dieses Uebergewicht nicht allein in dem
Zahlenunterschied -- die deutsche Armee verfügte im August
über 1260 gegen 924 Geschütze --, sondern vorwiegend in deren
Leistungsfähigkeit und der Geschicklichkeit, mit der die Artilleristen
sie zu verwenden verstanden. Die Taktik der modernen Feldartillerie
hat auf den französischen Schlachtfeldern ihre Erprobung und ihre
weitere Entwickelung gefunden. Es wird von Interesse sein, einige
Zeugnisse aus beiden Heerlagern einander gegenüber zu stellen, um
einen Begriff zu bekommen von dem großartigen Erfolg und von dem
überwältigenden moralischen Eindruck, welchen die Wirkung der deutschen
Gußstahl-Kanonen hervorriefen.

Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, damals Kommandeur der Artillerie
des Gardekorps, berichtet in einem Briefe über das Eingreifen seiner
Batterien bei St. Privat: »Eine dichte Masse feindlicher Infanterie kam
mit Energie von der Gegend von Amanvillers auf uns zu. Als sie über
die Höhe auftauchte, erreichten sie die Probeschüsse mit 1900 Schritt
und die 30 Geschütze machten Schnellfeuer. Ein dichter Pulverqualm,
von den platzenden Granaten erzeugt, hüllte die feindliche Infanterie
ein. Aber nach kurzer Zeit tauchten die Waffen mit den Rothhosen
diesseits daraus hervor und kamen näher. Das Feuer ward eingestellt.
Ein Probeschuß mit 1700 Schritt bezeichnete den Punkt, auf den man sie
heranmarschiren ließ, und so ging es weiter auf 1500, 1300, 1100 und
900 Schritt. Trotz der entsetzlichen Verheerungen, welche die Granaten
unter ihnen anrichteten, blieben diese braven Truppen im Avanciren.
Aber auf 900 Schritt war die Wirkung gar zu mörderisch, sie wandten
sich zur Flucht, von unseren Granaten begleitet, so weit wir sie sehen
konnten. Hier haben wir es mit einem Infanterieangriff zu thun, der
durch bloßes Artillerie-Feuer abgewiesen ist. Ich habe einige Jahre
später einen Adjutanten des Generals Ladmirault gesprochen, der den
Befehl zu diesem Gegenstoß gebracht und den Angriff mitgemacht hatte.
Es waren zwei Infanterie-Regimenter dazu beordert. Der französische
Offizier sagte nur: ~»Il était impossible de réussir. Vous n'avez pas
idée qu'est-ce que cela veut dire, que de devoir avancer dans le feu
de votre artillerie.«~ Die Infanterieangriffe wiederholten sich aus
derselben Richtung her. Es haben im Ganzen deren drei stattgefunden,
die letzten beiden wurden aber nicht mit solcher Energie unternommen,
wie der erste. Sie erstarben schon auf 1500 Schritt von uns. Auch
eine Kavalleriemasse war vor diesen Infanterie-Angriffen aufgetaucht,
um den Vertheidigern von St. Privat Luft zu schaffen. Sobald einige
Probeschüsse die Entfernung gemessen hatten, sprengten die massenhaft
einschlagenden Granaten unseres Schnellfeuers die Kavallerie
auseinander und sie verschwand dahin, wo sie hergekommen war.«

Noch bezeichnender sind die Berichte desselben Generals über die
Schlacht bei Sedan: »Eine feindliche Batterie,« so erzählt er, »ganz
mit Schimmeln bespannt, trabte von Fond de Givonne her auf Givonne zu
und wollte zwischen diesem Dorfe und dem bois de la Garonne Stellung
nehmen. Sobald sie auf der Höhe sichtbar war, richteten die drei
Batterien der 1. Garde-Infanterie-Division ihre Geschütze dahin. Die
Batterie brach vollständig zusammen, die Trümmer blieben liegen. Sie
that keinen Schuß. Einer zweiten und dritten Batterie ging es ebenso.
In einer bald nach dem Feldzuge erschienenen französischen Broschüre
las ich: ~»l'Empereur lui-même essaya de placer trois batteries au
sortir du Fond de Givonne. Elles furent écrasées sans coup férir...«~
Je länger man auf derselben Stelle stand, desto sicherer traf man.
Einmal sah man Bewegung oben rechts im Ardenner Walde. Die Ferngläser
ließen Kavallerie erkennen, welche nach Verdun zu über eine Lichtung
des Waldgebirges zu zweien ritt. Die Batterien schossen sich darauf
ein. Mit Aufsatz von mehr als 4000 Schritt glaubte man zu treffen. Bei
der großen Entfernung zweifelte ich an einer ersprießlichen Wirkung
und wollte das Feuer inhibiren, aber die sichtbare Unruhe bei der
feindlichen Kavallerie zeigte, daß wir getroffen hatten... Daß mit
der Wegnahme des Bois de la Garonne die vollkommene Niederwerfung des
feindlichen Heeres besiegelt sein werde, war klar ersichtlich. Aber der
Angriff mußte erst vorbereitet werden. Zu diesem Zwecke theilte ich
die ganze vor uns liegende Waldlisière in Abschnitte und wies jeder
Batterie ihr Theil zu. Sie mußte dann immer mit dem ersten Geschütz
den vorderen Waldesrand treffen und jedes folgende Geschütz mußte mit
derselben Richtung, aber mit je 100 Schritt Elevation mehr, feuern. So
wurde die ganze Waldlisière und der Wald bis in einer Tiefe von 500
Schritt mit Granaten übersät. Die Sprengstücke gingen noch weiter.
Ließ sich aber irgend etwas vom Feinde außerhalb des Waldes sehen, so
richteten sich alle Geschütze mit vernichtender Wirkung dagegen. Unsere
Ueberlegenheit über den Feind war in dieser Periode der Schlacht an
dieser Stelle so erdrückend, daß wir gar keine Verluste mehr hatten.
Die Batterien schossen wie auf dem Schießplatze nach der Scheibe.
Endlich schien der Moment zum Angriff gekommen, die Angriffsbefehle
waren ertheilt, eine Salve aus sämmtlichen Geschützen sollte das Signal
zur Ausführung sein. Die Salve krachte Punkt 2½ Uhr, die Infanterie
stieg den Berg hinan. Mit fieberhafter Spannung richteten wir unsere
Blicke nach dem Walde, ob dessen Rand wieder so viele Opfer kosten
werde, wie die Lisière von St. Privat. Aber der Widerstand war hier
fast Null. An den meisten Stellen kamen die völlig entmuthigten
Franzosen unseren Truppen mit dem Rufe entgegen: ~»»pitié, pitié, nous
ne pouvons plus, nous sommes écrasés par le feu de votre artillerie.««~

Und nun diesen Schilderungen eines preußischen Artilleristen
gegenüber die Aeußerung eines Generals des Mac Mahon'schen Korps: »Was
aber das Schlimmste ist, daß unsere Artillerie in beklagenswerther
Weise derjenigen der Preußen, sowohl was das Kaliber, als was die
Zahl betrifft, nicht gewachsen ist. Unsere 4pfündigen Geschütze,
hübsche Spielzeuge in einer Ausstellung, haben nirgends auch nur
einen Augenblick vor den 12 Pfündern (es sind die 9 ~cm~-Kanonen
gemeint) der Preußen Stand halten können; Tragfähigkeit, Sicherheit
und Schnelligkeit des Schusses, Alles ohne Vergleich, ist bei unsern
Feinden überlegen. Während unsere Artillerie sich nie halten konnte,
verließ die preußische ihre Stellungen nur, um zu avanciren; sie schien
von der unseren nie getroffen zu werden und bewegte sich mit derselben
Kaltblütigkeit und derselben Präcision, wie auf dem Exerzierplatze.«

Diese Leistungen der deutschen Artillerie hatten das unbedingte
Vertrauen zu ihrer Feuerwaffe zur Voraussetzung. Und in der That
hatte nicht nur diese allen Erwartungen bezüglich der Konstruktion
entsprochen, sondern auch das Verhalten des Materials hatte bei
einer bisher noch beispiellosen Beanspruchung alle Befürchtungen
auf das glänzendste widerlegt. Von den 9~cm~, die theilweise seit
1861 im Gebrauch waren, hatten einzelne schon über 2000 scharfe
Schüsse gethan; aber völlig unbrauchbar waren nur zwei Rohre durch
starke Ausbrennungen geworden; eine zeitweise Unbrauchbarkeit hatten
Verletzungen am Verschlusse bei 16 Rohren herbeigeführt. An den
8~cm~-Rohren, die meist zwischen 400 und 500 Schüssen gethan hatten,
waren 25 durch Ausbrennung am Verschlußtheil völlig unbrauchbar, 57
zeitweise unbrauchbar geworden. Aber gesprungen -- und das hatte man ja
in erster Linie gefürchtet -- war kein einziges Rohr. Hiermit war für
Deutschlands Feldartillerie die Materialfrage endgültig entschieden.
Der Gußstahl hatte sich so glänzend bewährt, daß von der Verwendung
der Bronze ferner ganz abgesehen wurde. Auf diesem Gebiet waren alle
Hindernisse beseitigt, sodaß Krupp freien Raum erhielt, seine neuen
Vervollkommnungen zur Geltung zu bringen.

Bevor wir dem Meister auf dem neuen Wege folgen, müssen wir einen
Augenblick verweilen, um noch einmal rückwärts zu schauen auf die
letzten Jahre der Entwickelung. Denn Manches hat sich verändert und
manches wichtige Ereigniß ist nicht ohne Folge geblieben auf ihn
selbst, seine Lebensführung und seine Eigenart.

Nachdem Krupp im Jahre 1860 seine bescheidene Wohnung mit dem
»Gartenhaus«, einem in Villenstil innerhalb der Fabrik errichteten
Gebäude vertauscht hatte, entschloß er sich im Jahre 1864, dem
geräuschvollen Treiben sich und seine Familie zu entziehen. Er hatte
ein kleines Landbesitzthum an der Ruhr erworben und das auf einem
waldumkränzten Hügel gelegene Bauernhaus zu einem Wohnhaus umgebaut.
Erst später trat an dessen Stelle die herrschaftliche Villa, welche,
in weithin das Flußthal beherrschender Lage, zum würdigen Wohnsitz der
Krupp'schen Familie gestaltet wurde, den ersten bescheidenen Namen
»Hügel« aber bis heutigen Tages behielt. Wenige Tage vor dem Umzug auf
den Hügel, am 28. Oktober 1864, ward Krupp noch ein bemerkenswerther
Besuch zu Theil. Der preußische Ministerpräsident, Herr von Bismarck,
hatte vom 7. bis 24. Oktober eine Reihe »glücklich unbeschäftigte«
Tage in Biarritz zugebracht, war am 25. in Paris gewesen und auf der
Heimreise einer Einladung Krupps gefolgt, in dessen »Gartenhaus« er
einen Abend in heiterster Stimmung verbrachte, um andern Tages nach
Berlin weiter zu fahren.

Die folgenden Jahre hatten weitere hohe Besuche gebracht, von denen die
des Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 17. April und des Königs Wilhelm
am 16. Oktober 1865 hervorzuheben sind. Der König wurde auf der im
selben Jahre eröffneten eigenen Eisenbahn der Fabrik von Borbeck aus
nach dem festlich geschmückten und illuminirten Etablissement gebracht
und übernachtete in dem nun für hohe Gäste eingerichteten »Gartenhaus«.
Der gütige Monarch pflegte niemals mit leerer Hand zu kommen, und so
suchte er dieses Mal seinem Wirth durch Verleihung des Kronenordens
~II.~ Klasse ein Zeichen seiner Huld und Anerkennung zu geben. Wenige
Tage darauf, am 20. Oktober, langte der Kronprinz zum zweiten Male
in Essen an, führte dieses Mal aber auch die Kronprinzessin und die
anderen Tages eingetroffene Königin Augusta durch die Räume der Fabrik.
Das Jahr 1865 brachte auch einen Besuch des Prinzen Alexander, welcher
im Jahre 1867 und 1868 wiederholt wurde. 1866 waren Prinz Adalbert,
1867 Prinz Karl von Preußen, beide in Begleitung ihrer Gemahlinnen in
der Gußstahlfabrik. Letztere trafen aber deren Besitzer nicht an; er
war in Nizza.

Im Winter von 1866 zu 67 machten sich bei Alfried Krupp zum ersten
Male die Einwirkungen der körperlichen und geistigen Ueberanstrengung
geltend, denen er seit seinem vierzehnten Lebensjahre unausgesetzt
sich nicht entziehen konnte. Von diesen vierzig Jahren hatte er
fünfundzwanzig in Noth und Sorge, im Kampf und Ringen um seine
und seiner Familie Existenz verbringen müssen; und als der erste
durchschlagende Erfolg ihn freier in die Zukunft schauen ließ, als
die körperliche Anstrengung sich verminderte, da kam eine Periode
des emsigsten Schaffens auf geistigem Gebiete, da mußten immer neue
Unternehmungen gewagt, neue Verwendungen des Materials ersonnen und
erprobt, immer neue Widerstände und Mißerfolge überwunden werden, erst
auf dem Felde der Friedenserzeugnisse, dann der Kriegswaffen. Und als
das Ziel, das Krupp mit diesen verfolgte, erreicht zu sein schien,
als seine Geschütze in Preußen endlich zur Einführung gelangt waren,
da kam der Krieg von 1866 mit seinem artilleristischen Mißerfolg.
Wie niederschmetternd mußten diese Kritiken, welche seine Geschütze
nicht nur bezüglich der Konstruktion, sondern auch bezüglich des
Materials auf das heftigste angriffen, auf den Mann wirken, der in
diesem Zweige seiner Industrie, in diesem mit Liebe und allen Opfern
gepflegten Kinde seiner Thätigkeit seine höchste Lebensaufgabe erblickt
hatte. Dieses Material, von dessen stetig vorzüglicher Güte er so
überzeugt war, sollte unbrauchbar, sollte unzuverlässig sein! Krupp
hatte die höchste Idee von dem Erbe seines Vaters, er stellte es von
vornherein über jedes andere Erzeugniß der Metallurgie, und nur dieser
unerschütterliche Glauben an seinen Gußstahl und an die Mission, welche
ihn mit dessen Ausbeutung betraut hatte, war der Halt und das Fundament
gewesen, mit und auf welchem er sein Leben diese 40 Jahre hindurch
aufgebaut hatte, ein festgefügtes Gebäude. Und nun sollte dieser
Grund unsicher, diese Stütze unhaltbar sein, nun sollte der ganze
Bau zusammenstürzen, ohne die erhoffte und mit Zuversicht erwartete
Weiterentwickelung zu finden? Wie schrecklich, wie kaum auszudenken
war dieser Gedanke für einen Mann wie Alfried Krupp. Sein ganzes
Selbstbewußtsein, sein Stolz, seine Kenntnisse, seine Ueberzeugung
bäumten sich dagegen auf und riefen ihm zu: »Nein! Sie sind alle
Thoren! Sie sind blind und thöricht. Du weißt es besser und du wirst
und mußt sie eines Besseren belehren!« Und nun das eifrige Suchen nach
der Quelle der Unglücksfälle, nicht mit Angst und Ungewißheit, aber
mit dem heißen Drang aller Welt es vor Augen zu führen, wie falsch sie
geurtheilt habe. Und als sie gefunden war, der schnelle Entschluß,
diese unglückliche Konstruktion, die ihm aufgenöthigt worden, die gar
nicht sein eigenes Geisteserzeugniß war, ganz zu beseitigen. Es wurde
früher als ein im Geschäftsinteresse gebrachtes Opfer bezeichnet,
daß Krupp die 300 8 ~cm~-Rohre zurücknahm und durch andere ersetzte.
Gewiß war es das! Aber im tiefsten Grunde waren die Motive zu diesem
Entschluß doch andere, sie lagen viel tiefer, sie waren nicht einfach
berechnender Natur, sondern Krupp war in tiefster Seele so empört
über diese Geschöpfe seiner Fabrik, welche ihm diesen grimmigsten
Schmerz angethan, daß er sie aus der Welt schaffen, sie auf jeden Fall
beseitigen mußte. Wenn er nur in geschäftlicher Erwägung gehandelt
hätte, so würde es nahe gelegen haben, bei der preußischen Regierung
vorstellig zu werden, daß es besser sei, die unzuverlässigen Rohre zu
verwerfen, und daß er unter billigen Bedingungen erbötig sei zu einem
Umtausch gegen neue, obgleich er an der mangelhaften Konstruktion nicht
die Schuld trage. Aber von einem solchen Versuch ist nichts bekannt.
Es ist ein freier, rascher Entschluß, der bei Krupps energischem, vor
nichts zurückscheuendem Charakter wohl erklärlich ist. Diese Kanonen
hatten seine heiligsten Ideale beleidigt, seine Erfolge in Frage
gestellt, die Weltstellung seines Gußstahls ernstlich gefährdet: mit
der Schroffheit, welche sein Wille in diesem ihm wichtigsten Punkte
anzunehmen begann, sagte er: »Weg damit!«

Gleichzeitig begann aber mit großem Eifer die Weiterentwickelung der
eigenen Kruppschen Geschützkonstruktionen; es ist wohl keine Frage,
daß die mit der preußischen 8 ~cm~-Kanone gemachten Erfahrungen
einen Anstoß gaben, selbständig für dieses Geschütz ein besseres
zu konstruiren, und so ist der Herbst und Winter 1866 für Krupp
unzweifelhaft von so heftigen Gemüthsbewegungen und geistigen
Anstrengungen begleitet gewesen, daß eine Einwirkung auf sein
körperliches Befinden nicht Wunder nehmen kann.

Es kam hierzu noch Eins, nämlich die Vorbereitung auf die 2. Pariser
Weltausstellung, welche im Jahre 1867 stattfinden sollte. Sie war
doppelt wichtig nach dem Stoß, den der Gußstahl soeben erlitten hatte,
mit doppelter Sorgsamkeit mußte ihre Beschickung ins Auge gefaßt
werden. Die geistige und körperliche Abspannung, welche sich im Winter
geltend machten, zwangen Krupp dazu, seine unermüdliche Thätigkeit zu
unterbrechen und in einem milderen Klima Erholung zu suchen. Er weilte
ziemlich lange Zeit in Nizza, dem Ort, den er auch später wiederholt
mit Vorliebe und gutem Erfolg aufsuchte.

Auf der Pariser Ausstellung wollte Krupp zum ersten Mal mit seiner
neuen Rohrkonstruktion, mit einem Ringrohr, auftreten.

Man hatte bereits in mehreren Staaten Versuche angestellt, durch
Herstellung des Geschützrohres nicht aus einer Masse, sondern aus
mehreren zylinderförmigen Lagen über einander eine Verbesserung der
Waffe herbeizuführen. Das von ihnen angewendete Material und das
Geschützsystem waren aber von ganz anderer Art; Krupp mußte daher,
als er den Gedanken aufgriff, ganz selbständig vorgehen, und die
Konstruktion der Gußstahl-Ringrohre ist deshalb als sein eigenstes Werk
zu betrachten.

Das Verfahren besteht darin, daß auf das -- in der Wandung schwächer
gehaltene -- zylindrische Geschützrohr ein anderer angewärmter
und dadurch erweiterter Gußstahlzylinder aufgebracht wird, welcher
beim Erkalten sich zusammenzieht und auf den inneren Zylinder
zusammenpressend wirkt, weil sein innerer Durchmesser im kalten
Zustande um etwas geringer ist als der äußere des umschlossenen
Geschützrohrs. Giebt man auf diesen äußeren noch einen dritten
Zylinder, so wird der erste noch mehr zusammengepreßt, und die
Ausdehnung, welche der zweite erlitt, gemäßigt. Alle Theile des so
entstandenen Geschützrohrs werden aber, wie leicht verständlich,
beim Abfeuern des Schusses in eine Spannung versetzt, welche von
innen nach außen sich verringert, und in dem Ringrohr begegnet nun
dieser Stoß der Pulvergase einer in gleicher Richtung abnehmenden
Widerstandsfähigkeit des Materials. Die im innersten Theile ganz
bedeutend gesteigerte Widerstandskraft vermag also viel größeren
Ladungen Stand zu halten, als beim alten Massivrohr. Und da ferner der
Laderaum den stärksten Stoß erhält, die Kraftäußerung nach der Mündung
zu abnimmt, so hat man es in der Hand, eine Verstärkung des Rohres
durch Ringe genau im Verhältniß der nothwendigen Widerstandskraft, am
stärksten am Laderaum und schwächer werdend von hier an, vorzunehmen.
Es ist auch ohne Weiteres verständlich, daß man den hinter dem
Laderaum liegenden Theil des Rohres, welcher lediglich zur Aufnahme
des Verschlusses dient, schwächer halten kann, als bei Rohren früherer
Konstruktion üblich war, und daß der Verschlußtheil in Folge dessen
kleiner, leichter und bequemer zu handhaben wird. Es wurde bereits
erwähnt, daß Krupp im Jahre 1862 in London einen von ihm konstruirten
Keilverschluß patentiren ließ. Diesen hatte er in den folgenden Jahren
wesentlich vervollkommnet und im Jahre 1865 sich den so entstandenen
Rundkeilverschluß patentiren lassen, welcher in der Folgezeit auch von
der Preußischen Regierung angenommen und seitdem bei allen Kruppschen
Hinterladern angewendet worden ist.

Die Pariser Ausstellung 1867 gab Krupp willkommene Gelegenheit, seine
Ringkanone öffentlich vorzuführen und er glaubte nicht mit Unrecht,
den Eindruck durch die Wahl eines möglichst großen Kalibers steigern
zu können. Nicht weniger als 14 Monate ward an dem Riesengeschütz
gearbeitet, das bei 35,5 ~cm~ Seelendurchmesser ein Gewicht von
ungefähr 1000 Zentnern erreichte. Und ihm zur Seite lag ein Block,
800 Zentner, für eine Schiffskurbelwelle bestimmt. Für diese beiden
Objekte hatten besondere, auf 8 Rädern ruhende Eisenbahnwagen gebaut
werden müssen und, da sich die Eisenbahngesellschaften weigerten, diese
Monstrewagen mit ihrer unerhörten Ladung in gewöhnlichen Güterzügen zu
befördern, mußte ein Separattrain sie nach Paris bringen.

Krupps Ausstellung war sehr günstig untergebracht, zwischen den beiden
im Halbkreis emporführenden Treppen des stattlichen Marmorbaues,
welchen die Berliner Baukünstler und Handwerker aufgeführt hatten. Das
Geschützrohr lag in einer gleichfalls von ihm entworfenen stählernen
Laffete und nahm in Verbindung mit einer Anzahl kleinerer Geschütze
die allgemeine Aufmerksamkeit, vor allen aber die des Kaisers Napoleon
in Anspruch. Die Franzosen gaben ihrer Bewunderung unverhohlen
Ausdruck und zögerten nicht, der Firma Krupp namentlich auf Grund der
großartigen maschinellen Hilfsmittel, welche allein diese Erzeugnisse
zu liefern ermöglichten, den ihr gebührenden Platz an der Spitze der
gesammten Eisen-Industrie der Welt einzuräumen. Am meisten imponirte
aber den Franzosen, daß dieses Alles die Schöpfung eines einzigen
Mannes sei. »Bedenke man,« äußerte sich eine große pariser Zeitung,
»daß die Essener Hüttenwerke nicht etwa das Werk und das Eigenthum
einer mächtigen Finanzgesellschaft, sondern daß sie durch das Genie und
die Mittel eines einzigen Mannes geschaffen sind! Kam es nur darauf
an, Geschütze von großer Gewalt und Tragweite zu fabriziren und auf
die Behandlung des Stahles zu diesem Zwecke, so könnte ohne Zweifel
die große Wichtigkeit des Essener Werkes bestritten werden. Aber in
den anderen Industriezweigen, wo die Superiorität des Stahls anerkannt
ist, in der laufenden Fabrikation der Schienen, der Reifen, der Räder,
der Achsen, welche die französischen Eisenwerke ausführen können, in
der Herstellung der Theile riesiger Maschinen, welche diese Anstalten
in relativen Größen ausführen können, ist der Vorrang des preußischen
Werkes so unbestreitbar, daß nicht nur Rußland, Frankreich und
Deutschland seine Produkte um die Wette kaufen, sondern auch England
davon bedeutende Quantitäten verwendet für seine Eisenbahnen oder für
die ungeheuren Maschinentheile seiner mächtigen Dampfschiffe. Der große
Hammer des Herrn Krupp wiegt 50000 ~kg~; Frankreich besitzt einen
solchen von 15000 ~kg~ bei den Herrn Petin Gaudet, einen von 12000 ~kg~
in Creusot; die schwersten Hämmer in England übersteigen nicht das
Gewicht von 15000 ~kg~.«

Bei dem großen Interesse, welches man in Frankreich den Kruppschen
Geschützen zuwandte, lag für ihn die Hoffnung nahe, seinen Gußstahl
auch für die französische Artillerie eingeführt zu sehen. Dieses
geschah nicht, trotzdem sich Krupp ernstlich darum bemühte.

Man hat von der einen Seite ihm einen besonderen Ehrenkranz zu winden
gemeint, indem man die Behauptung aufstellte, er habe das Liebeswerben
Frankreichs stets zurückgewiesen und aus ahnungsvollem Patriotismus
ihm keine Geschütze geliefert; anderseits hat Henri Bordier in seinem
1872 in Paris erschienenen Buche »~L'Allemagne aux Tuileries de 1850
à 1870~« unter den »Bettelbriefen« Deutscher an Napoleon ~III.~
auch einen Brief Krupps aufgenommen, um ihn in die Klasse der ihrer
nationalen Würde vergessenden Deutschen herabzudrücken, welche
den französischen Kaiser mit Schmeicheleien bestürmten. Eins ist
so wenig berechtigt, wie das andere. Krupp war in jenen Jahren
Frankreich gegenüber lediglich der Geschäftsmann, welcher in seinem
Vaterlande noch um die Sicherung seines Absatzes kämpfen mußte und
gar keine Ursache hatte, nicht den Markt für seine Erzeugnisse in
allen kultivirten Ländern zu suchen. Von speziell preußischen oder
deutschen Konstruktionen war noch keine Rede; denn man hatte hierselbst
Krupps Vorschläge kaum erst in Erwägung gezogen, kaum kennen gelernt,
geschweige denn, sie, wie später geschah, angenommen und weiter
entwickelt. Krupp war mithin völlig Herr seiner neuen Konstruktionen,
Ringrohr und Rundkeilverschluß. Kein Mensch verargte es ihm, daß er
eine Bestellung Rußlands aus 25 achtzöllige und eine neunzöllige
Ring-Kanone 1866 annahm und bis 1867 an Feldgeschützen nicht weniger
als 601 Stück nach Petersburg lieferte. Von denselben Geschützen
konnte er wohl auch Zeichnungen in Paris vorlegen, ohne des Mangels an
Patriotismus angeklagt oder gar als zudringlicher Bettler bezeichnet
werden zu müssen.

Thatsächlich hat Krupp im Jahre 1868 zwei Broschüren über
Schießversuche der französischen Regierung übersandt. Ziemlich
gleichzeitig lief ein Bericht des Militärbevollmächtigten in Berlin,
des Obersten Stoffel in Paris ein, in welchem dieser die unbedingte
Ueberlegenheit der preußischen über die österreichischen und auch
über die französischen Feldgeschütze betonte: »das Material der
preußischen Feldartillerie,« sagte er, »ist dem unsrigen sowohl in
Bezug auf Treffsicherheit, wie auf Schußweite und Feuer-Schnelligkeit
bedeutend überlegen.« Aber gleichzeitig berichtete er von den starken
Anfeindungen, welche die Gußstahl-Geschütze zu erfahren hatten und
glaubte annehmen zu können, daß die preußische Armee-Leitung nur durch
das Vorhandensein der bereits beschafften Gußstahl-Rohre verhindert
werde, sich zur Bronze zu bekennen.

Dem General Le Boeuf, welchem die Broschüren Krupps zur Begutachtung
überwiesen wurden, fand in dieser letzten Bemerkung des Obersten
Stoffel sowie in der Thatsache der Unglücksfälle von 1866 willkommene
Gründe, um das Aktenstück bei Seite zu schieben, ohne dem Kaiser
darüber vorzutragen. Er hielt die Gußstahlgeschütze für zu theuer, war
überzeugt von der Vorzüglichkeit der französischen Feldgeschütze und,
wenn er auch die Superiorität Krupps in der Stahlfabrikation nicht
leugnen konnte, so glaubte er, der eigenen Industrie Zeit verschaffen
zu müssen, jenen einzuholen und dem Staate bessere Kriegswaffen zu
liefern.

So war zum zweiten Male die Gefahr für Deutschland abgewendet
worden, daß in dem großen Kampfe mit der gallischen Nation außer
dem überlegenen Gewehr ihm auch ein gleichwerthiges Geschütz
gegenüberstände. Es war Frankreichs Geschick, das eine ewige
Gerechtigkeit ihm fügte, daß es, befangen in Selbstüberschätzung, die
dargebotene starke Waffe zurückwies, welche in der Hand des Feindes
wenige Jahre darauf dazu diente, seinen Hochmuth zu brechen und seine
Anmaßung zu Boden zu werfen.

Noch einmal im Jahre 1868 suchte Alfried Krupp die Aufmerksamkeit
des französischen Kaisers auf seine Erzeugnisse zu lenken. Es ist der
Brief, welcher ihm als »Bettelbrief« von Henri Bordier angerechnet
worden ist, und welchen er am 29. April mit einer Sammlung Zeichnungen
von verschiedenen seiner Fabrikate Napoleon übersandte. Es war eine
einfache Geschäftsempfehlung, wie sich aus seinem Wortlaut ergiebt:

~»Sire, encouragé par l'intérêt que sa Hauteur Votre Majesté a prouvé
pour un simple industriel et les résultats heureux de ses offerts et
de ces sacrifices inouïs, j'ose de nouveau m'approcher à Elle avec la
prière de vouloir daigner d'accepter l'atlas ci-joint qui représente
une collection de dessins de divers objets exécutés dans mes usines.
Je me livre à l'espérance que surtout les quatre dernières pages qui
représentent les canons en acier fondu que j'ai exécutés pour les
divers hauts gouvernements de l'Europe, pourraient attirer un instant
l'attention de V. M. et excuseront mon audace. Avec le plus profond
respect, avec la plus grande admiration, je suis de V. M. le plus
humble et le plus dévoué serviteur.~

                                  ~Fried. Krupp.«~

Und die Antwort hierauf? Sie ward am 21. Mai ertheilt und lautete:

~»L'empereur a reçu avec beaucoup d'intérêt l'atlas que vous lui avez
adressé et S. M. a donné l'ordre, de vous remercier de le lui avoir
communiqué et de vous faire connaître qu'elle désire vivement le succès
et l'extension d'une industrie destinée à rendre des services notables
à l'humanité.«~

Das waren nur nichtssagende Phrasen, aber der »lebhafte Wunsch« des
französischen Kaisers sollte schrecklich sich an ihm und seinem Lande
erfüllen. Die Beziehungen Krupp's zu Frankreich waren hiermit für immer
abgebrochen.

Um aber Alfried Krupp's persönliche Stellungnahme zum französischen
Herrscherhaus des Weiteren zu charakterisiren, um zu zeigen, daß er
lediglich durch das geschäftliche Interesse mit Ueberwindung seiner
persönlichen Gefühle sich zu dem Versuch bestimmen ließ, in Beziehungen
zur französischen Regierung zu kommen, muß noch ein Ereigniß Erwähnung
finden, welches in dieselbe Zeit fällt.

Am 23. Januar 1868 übersandte Krupp seine Broschüren, vom 20. Februar
datirt der Bericht des Obersten Stoffel, am 11. März 1868 verwies
Le Boeuf die Broschüren in's Archiv; am 29. April endlich sandte
Krupp seinen Atlas an Napoleon. Am 20. März besuchte dessen Vetter,
Prinz Napoleon Bonaparte, bekannt unter dem Namen Jerôme nach seinem
Vater, dem ehemaligen König von Westfalen, die Gußstahlfabrik. Er kam
inkognito unter dem Namen eines Grafen von Meudon, und begleitet von
zwei französischen Offizieren in bürgerlichem Kleide. Daß Krupp von
dem Schicksal seiner Broschüren unterrichtet gewesen sei, ist nicht
anzunehmen; auch spricht seine Sendung vom 29. April dafür, daß er die
Hoffnung nicht aufgegeben hatte, geschäftliche Beziehungen anzuknüpfen.
Trotzdem weigerte er sich, als ihm eine Andeutung von des Prinzen
Absicht gemacht wurde, entschieden, ihn in der Fabrik zu empfangen.
Hier kamen also seine persönlichen patriotischen Gefühle zur Geltung,
und selbst auf die Gefahr hin, seine geschäftlichen Erwartungen stark
zu schädigen, konnte er sich zu keinem Entgegenkommen entschließen. Als
der Prinz dennoch auf der Rückreise von Berlin in der Fabrik erschien,
konnte er ihm unmöglich die Thür weisen, zumal jener sich auf eine
Aufforderung des Kronprinzen von Preußen berief; aber er hielt sich ihm
persönlich ganz fern und beauftragte einen Prokuristen mit der Führung.
Bei dieser Gelegenheit ließ der Prinz -- ein scharfer Beobachter -- die
bekannten Worte fallen: ~»Mais c'est donc un état dans l'état; jamais
en France on ne laisserait passer cela!«~, eine Bemerkung, über welche
König Wilhelm, als Krupp sie ihm später erzählte, herzlich gelacht hat.
Die Angabe Jerôme's, daß der Kronprinz ihn nach Essen eingeladen habe,
erwies sich übrigens später als eine Erfindung.

Am selben Tage mit dem Prinzen Napoleon traf der türkische Gesandte
Aristarchi Bey in Essen ein. Mit der Türkei hatte Krupp bereits seit
1863 Beziehungen und in diesen Jahren bedeutende Geschützlieferungen
dorthin auszuführen. Der Sultan wurde in der Folge einer der besten
Abnehmer der Gußstahlgeschütze.

Die wichtige Entwickelungsperiode zwischen dem deutsch-österreichischen
und dem deutsch-französischen Kriege brachte dem Fabrikanten der
Gußstahl-Geschütze noch auf einem anderen Gebiete, als dem der
Feldgeschütze eine ernste Krisis. Aber auch aus dieser ging er nicht
nur als Sieger hervor, sondern gab auch wiederum den Anstoß zu einem
hochwichtigen weiteren Schritte in der Vervollkommnung des deutschen
Geschützsystems. Es bilden die zu besprechenden Vorgänge ein Beispiel
des untrennbaren Zusammenhanges und der gegenseitigen Beeinflussung
aller einzelnen Faktoren des Geschützwesens, und sie gewähren uns einen
interessanten Einblick in die schwierigen vielgestaltigen Aufgaben,
welche von dem modernen Artillerie-Konstrukteur zu bewältigen sind.

Wir erwähnten bereits, daß die preußische Armeeleitung nach dem
dänischen Feldzuge einige Gußstahl-Geschütze größeren Kalibers
beschaffte, weil die Bronzerohre in mancher Beziehung nicht genügt
hatten. Außer den Belagerungs- und Festungsgeschützen bedurfte man
aber, seitdem eine kräftige Entwickelung der Flotte und ein besserer
Schutz der deutschen Häfen und Küsten (seit 1867) ins Auge gefaßt
wurde, noch schwerere Geschütze für die Armirung der in Angriff
genommenen Panzerschiffe und Küstenbefestigungen. Für diese, gegen
Panzerziele mit äußerst gesteigerter Wirkung auszustattenden Geschütze
erschien der Gußstahl von vorn herein als das am besten zu verwendende
Material. Es war daher nicht nur das 35,5 ~cm~-Geschütz der Pariser
Ausstellung, welches Krupp dem König von Preußen zum Geschenk machte,
sofort in einem Kieler Strandfort »Brauneberg« aufgestellt, sondern
25 Stück Sechsundneunzigpfünder, sowie 50 Zweiundsiebenzigpfünder
in Bestellung gegeben. Die der Fabrik vorgeschriebene Konstruktion
war aber noch mit dem in Preußen gebräuchlichen Doppelkeilverschluß
ausgestattet und nur die Sechsundneunzigpfünder besaßen Ringrohre. Von
der für alle Kaliber gleich vortheilhaften Ringkonstruktion hatte man
sich wohl noch nicht überzeugen können.

Um dem Geschoß die nothwendige Durchschlagskraft gegen 8 Zoll starke
Schiffspanzer zu geben, war verlangt worden, daß es mit einer
Anfangsgeschwindigkeit von 408 ~m~ in der Sekunde den Lauf verlassen
müsse. Bei dem ersten Schießversuch mit dem Sechsundneunzigpfünder,
welcher im Frühjahr 1868 bei Tegel stattfand, gelang es aber nicht,
die Geschwindigkeit höher als bis 361 ~m~ zu bringen, obgleich man die
Pulverladung bis 25 ~kg~ steigerte. Bei einem in Gegenwart des Königs
Wilhelm am 31. März vorgenommenen Probeschießen ward die achtzöllige
Panzerwand nicht durchschlagen. Also das Gußstahlgeschütz leistete
nicht, was man erwartet hatte und dessen man unbedingt benöthigte. Man
beschloß also, bei Armstrong einen eisernen Vorderlader von gleichem
Kaliber zu bestellen und ein Vergleichsschießen zu veranstalten.

Krupp glaubte den Grund für die geringe Leistung seines Geschützes zu
wissen. Er selbst hatte bei den mit russischem Pulver angestellten
Versuchen wesentlich günstigere Resultate erzielt. Dieses bestand
aber aus sechskantigen Prismen von 25 ~mm~ Höhe mit 7 Durchbohrungen,
während das preußische Geschützpulver aus lauter kleinen Körnern von
wenigen Millimetern Größe sich zusammen setzte. Nach dem heutigen
Standpunkt der Wissenschaft ist es ganz klar, warum das preußische
Geschützpulver so wenig leistete. Die Entzündung des Pulvers erfordert
immer einige Zeit und zwar desto mehr, je mehr einzelne Körner zu
entzünden sind. Bei großen Ladungen werden, zumal wenn die Entzündung
von einem Endpunkt beginnt, die zuerst entzündeten kleinen Körner
bereits durch ihre Explosion zur Wirkung gelangen, d. h. das Geschoß
heraustreiben, bevor alle Körner in Brand gesetzt wurden. Ein um so
größerer Theil der Körner wird also unverbrannt mit herausgeschleudert
werden, je größer die Ladung ist. Bei den um so vieles größeren Körnern
des russischen prismatischen Pulvers wird die Entzündung aller Körner
viel schneller und andererseits die Verbrennung, und demnach Wirkung
jedes Kornes viel langsamer erfolgen. Die Durchbohrungen sorgen dafür,
daß es nicht allzulangsam geschieht.

Krupp war davon überzeugt, daß die geringe Leistung nur der Anwendung
des preußischen Schießpulvers zuzuschreiben sei und reiste nach
Berlin, um vor dem Vergleichsschießen seiner Bitte, russisches Pulver
anwenden zu wollen, in einer Audienz (23. Mai) beim König Nachdruck zu
verleihen. Der Vorschlag stieß aber jedenfalls bei dessen technischen
Berathern auf so energischen Widerstand, daß er nicht zur Ausführung
kam, obgleich man der Firma Armstrong die Vergünstigung gewährte, das
vorgeschriebene englische und nicht preußisches Pulver anzuwenden.
Der Erfolg war, daß das Armstrong-Geschütz am 2. Juni in Bezug auf
Durchschlagskraft entschieden den Sieg davontrug.

Dieses Ergebniß war für die Krupp'schen schweren Hinterlader von
kritischer Bedeutung. Man zog ernstlich in Erwägung, ob man das
Gußstahl-Geschütz nicht von der Verwendung gegen Panzer ganz
ausschließen und die außerdem um vieles billigeren Armstrong-Kanonen
dafür einstellen müsse. Sie kosteten nur 12000 gegen 30000 Thaler.
Das schwere Gußstahl-Geschütz erschien für die Marine untauglich;
die Nothwendigkeit, der norddeutschen Marine in kürzester Frist
eine kräftige Armirung zu geben, gestattete nicht, etwaige
Verbesserungsversuche abzuwarten; es blieb nichts übrig, als
die Panzerschiffe mit englischen Geschützen auszurüsten. Ein um
die Entwickelung des deutschen Geschützsystems hochverdienter
Offizier, Generallieutenant v. Neumann, damals Präses der
Artillerie-Prüfungskommission, mußte in Folge seines energischen
Eintretens für die Gußstahl-Geschütze den Abschied nehmen.

Zu gleicher Zeit hatte auch Rußland dasselbe neunzöllige Geschütz
Krupp's erprobt, mit Anwendung seines prismatischen Pulvers vorzügliche
Ergebnisse erhalten und in Folge dessen 62 solche Geschütze bestellt.
Es ist wahrscheinlich, daß Krupp in der Audienz am 23. Mai diese, einen
gewissen politischen Charakter tragende, Lieferung zur Sprache brachte,
daß er einerseits die Allerhöchste Genehmigung zu ihrer Ausführung
erhielt, anderseits des Königs Aufmerksamkeit auf die so wesentlich
anders ausgeschlagenen Versuche an der Newa lenkte. Er reiste noch im
Juni von Berlin nach Petersburg und erreichte hier von der Regierung,
daß sie dem in artilleristischen Kreisen hoch angesehenen General
Majewski den Auftrag ertheilte, über die russischen Schießversuche
ausführlich nach Berlin zu berichten.

Bei König Wilhelm fand dieser Bericht offenes Gehör; er befahl eine
Erneuerung des Vergleichsschießens unter Anwendung prismatischen
Pulvers und einer veränderten, der Zentral-Zündung. Gleichzeitig ward
anstatt des Geschosses mit dickem Bleimantel von der Fabrik eine
Stahlgranate mit gehärteter Spitze und dünnem Bleimantel verwendet,
und bei dem am 7. Juli stattfindenden Versuch feierte Krupp einen
glänzenden Erfolg. Die 8 zöllige Panzerwand ward von dem Krupp'schen
Geschütz mit Kraftüberschuß durchschlagen, in einen 9 zölligen Panzer
drang seine Granate tiefer ein, als das Armstrong-Geschoß, und als man
hierauf zu Dauerversuchen schritt, bekam das englische Geschütz bereits
beim 138. Schuß einen Riß, während das deutsche nach 676 Schuß erst
dadurch unbrauchbar wurde, daß eine Granate in dem Rohre krepirte.
Weitere Schießversuche mit kleineren Kalibern ergaben gleich günstige
Resultate: die achtzöllige Kanone leistete dasselbe wie Armstrong's
Neunzöller.

Damit war der Sieg des deutschen Geschützes über das englische
endgültig entschieden. »Mit der eklatanten Niederlage,« so schrieb
ein damaliger Berichterstatter, »welche England gleichzeitig auf dem
Gebiete der Geschütz-, Geschoß- und Pulver-Industrie erlitten hat,
ist dasselbe unwiderruflich von der ersten Stelle, welche es gerade
für diese Industriezweige seit länger als anderthalb Jahrhunderten
behauptet hat, herabgestiegen und wird nicht minder unwiderruflich
diese Stelle fernerhin an Deutschland überlassen müssen.« Und zur
selben Zeit erklärte der belgische Artilleriekapitän, Nicaise,
eine Autorität auf dem artilleristischen Gebiet, nachdem er den
englischen in Shoeburyness angestellten Panzer-Schießversuchen
beigewohnt hatte, die Vorderladungsgeschütze und vornehmlich das
englische Woolwich-Geschütz für endgültig überwunden durch Krupp's
Gußstahl-Hinterlader, welchen er als das Geschütz der Zukunft
bezeichnete. Und trotz aller Anstrengungen, welche die englische
Geschütz-Industrie gemacht hat, ist es dabei geblieben.

Allerdings sind die im Gebiete der Geschütz-, Geschoß- und
Pulver-Industrie gleichzeitig errungenen Siege nicht durchweg als
Verdienste Alfried Krupp's zu bezeichnen. Denn die Geschosse, welche
auch in England den Panzerzielen gegenüber als die besten, besser als
die Stahlgeschosse, sich bewährten, waren nicht aus Krupp's Fabrik,
sondern Hartguß-Granaten von Hermann Gruson. Dieser gewann mit diesem
seinem ersten Erfolge den ersten festen Grund und Boden, auf dem er mit
ungeahntem Erfolge die Reihe seiner Hartguß-Konstruktionen aufzubauen
begann. Er wurde mit seinen Granaten ein gefährlicher Rivale Krupp's,
und erst nach Einführung einer neuen Härtungsmethode gewannen die
Stahlgranaten wieder den Vorrang. Da hatte aber Gruson längst in seinen
Panzern ein reiches Feld der Thätigkeit erobert. Und auf dieses folgte
ihm, wie wir bereits sahen, Alfried Krupp, zunächst wenigstens, nicht.
Er stand vielmehr Gruson's Schutzwaffen mit seinen Geschützen als
Angriffswaffen gewissermaßen feindlich gegenüber, indem er in jeder
Weise seine Geschütze und Geschosse zu vervollkommnen suchte, um die
festesten Panzer zu durchdringen oder zu zerschmettern.

Gebührt aber Krupp auf dem Gebiet der Geschütz-Konstruktion
allein das Verdienst, mittelst seiner Ringkonstruktion Rohre von
der erforderlichen Widerstandsfähigkeit erzeugt zu haben, um die
großen Pulverladungen verwenden zu können, welche die erstrebte
Kraftsteigerung nöthig machte, so ist es ihm auch anzurechnen,
daß er die Widerstände zu überwinden wußte, welche der Einführung
verbesserter Pulversorten in Deutschland entgegengestellt wurden. Er
hat hierdurch die Aufmerksamkeit aus diesen Theil des Geschützwesens
gelenkt, welcher so außerordentlich wichtig ist und in der Folge eine
so eminente Bedeutung für die Entwickelung der Artillerien aller Länder
gewonnen hat. Daß dann Deutschland nicht hintenan hinkte, sondern
sich an die Spitze der Bewegung stellte, das hat Krupp im Jahre 1868
glücklich angebahnt, wie er sich auch fernerhin thätig auf diesem Felde
betheiligt hat.

So hatte diese Periode von 1866 bis 1870, welche mit so großen
Enttäuschungen begonnen und so viele schwere Krisen mit sich gebracht
hatte, doch in den endlich errungenen großen Erfolgen nur dazu
beigetragen, dem Gußstahl und Krupps genialer Verwendung seines
Materials in allen Gebieten reiche Anerkennung und eine Stellung
zu verschaffen, welche nunmehr nicht so leicht mehr zu erschüttern
schien. Freilich hatte sie auch seine Kräfte in einer Weise in Anspruch
genommen, daß zum ersten Male der stählerne Körper der Ruhe und langer
Erholung bedurfte. Das war der Preis des glänzenden Sieges.



~VII.~

Neue Kämpfe.


Die günstigen Erfolge des neunzölligen Ringgeschützes, welche ihm
1868 die Richtigkeit seiner Ideen erwiesen hatten, veranlaßten Krupp,
durch Anwendung der gleichen Prinzipien auch die Leistungsfähigkeit
der Feldgeschütze weiter zu entwickeln. Sie besaßen eine zu stark
gekrümmte Flugbahn der Geschosse, ihre Wirkung konnte wesentlich
gesteigert werden, wenn man es erreichte, daß sie flacher das Gelände
bestrichen, und hierzu war eine Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit
nöthig. So gut wie bei dem schweren Panzergeschütz war diese aber auch
beim Feldgeschütz durch stärkere Ladung gröberen Pulvers zu erreichen,
und die hierdurch bedingte größere Widerstandsfähigkeit des Rohres
wurde mit der Ringkonstruktion ermöglicht. So verfolgte Krupp seit
1868 bereits diesen Gedanken und beschäftigte sich mit der Erzeugung
eines seinen Ideen entsprechenden Feldgeschützes. Bei den Versuchen
erwies sich die hölzerne Laffete nicht haltbar genug für die starke
Ladung und veranlaßte die Konstruktion einer stählernen Laffete.
Endlich entging ihm nicht die Wichtigkeit, welche die Herstellung eines
Einheitsgeschützes haben mußte. Wenn es gelang, ein solches für alle
Aufgaben genügend herzustellen, so war damit eine außerordentlich
werthvolle Vereinfachung des Munitionsersatzes, der Ausbildung, kurz
des ganzen Systems verbunden. Wenn er auch mit diesem Gedanken nicht
durchdrang, wenn es ihm auch damals nicht gelang, ein solches Geschütz
zu konstruiren, so hat die spätere Zeit ihm doch Recht gegeben. Was man
damals nicht für durchführbar erachtete, es wurde später ermöglicht,
nachdem die großen damit verbundenen Vortheile sich allgemeine
Anerkennung verschafft hatten. Wie es großen genialen Männern meist
ergeht, sie sind mit ihren Ideen dem allgemeinen Verständniß zu weit
voraus, und wenn man nach zeit- und kostspieligen Umwegen zu demselben
Ziele gekommen ist, das sie auf kürzerem Wege anstrebten, dann ist es
Einem meist ganz unverständlich, warum man nicht seinen Intentionen von
vorn herein folgte.

Es ist allerdings auch hier eine Kehrseite vorhanden. Der geniale
Erfinder hat meist nur die großen Hauptpunkte im Auge und, wenn er von
der Energie eines Alfried Krupp beseelt ist, so drängt er ungestüm auf
die Verwirklichung seiner Ideen, ohne auf alle die Nebendinge gebührend
Rücksicht zu nehmen, welche für denjenigen gründlich erwogen werden
müssen, der die praktische Durchführung und Verwendung zu verantworten
hat. Macht und veranlaßt letzterer Umwege, so läßt er doch auch Zeit
gewinnen, um die Idee gründlich ausreifen zu lassen, sie von allen
Seiten zu prüfen und für die Verwendung zweckmäßig auszugestalten. Das
Gewicht, welches hiermit dem kühnen Fluge des Genies angehängt wird,
ist meist eine Nothwendigkeit für die gründliche Ausgestaltung seiner
Ideen. Wir finden dieses durchaus auch bewahrheitet bei Krupps neuester
Idee, dem leistungsfähigeren Feldgeschütz.

Im Anfang des Jahres 1870 glaubte Krupp seine Versuche abschließen
zu können, übersandte am 9. Februar dem preußischen Kriegsministerium
eine Druckschrift »Krupps 4pfündige (8 ~cm~) Feldkanonen, Konstruktion
1869 mit 1700' (533,5 ~m~) Anfangsgeschwindigkeit« und stellte
zwei Geschütze mit Kartuschen zur Verfügung, unter Wahrung des
Eigenthumsrechtes und mit der Bedingung, die Konstruktion und die
Versuche geheim zu halten.

Bei der Artillerie-Prüfungskommission, welcher die Kruppschen
Vorschläge zur Begutachtung überwiesen wurden, war aber der Gedanke
eines in der neuen Richtung weiter entwickelten Feldgeschützes nichts
Neues. Die Versuche mit dem Neunzöller hatten ganz ähnliche Ideen
angeregt wie bei Krupp, und auf der durch seine Erfolge gebildeten
Basis war man bereits seit 1868 mit ähnlichen Versuchen beschäftigt.
Man begegnete sich also auf demselben Felde. War das für Krupp günstig
oder ungünstig? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Jedoch ist es
wohl nur menschlich, wenn man annimmt, daß Krupps bereits fix und
fertig vorgelegtes Projekt kein großes Vergnügen erregte, da man doch
selbst gerade auf dem besten Wege zu sein glaubte, selbständig das
gleiche Ziel zu erreichen. Und es waren tüchtige Leute, welche daran
arbeiteten.

Es waren aber noch weitere Gründe, welche ein gemeinsames
Zusammenarbeiten mit Krupp, zunächst wenigstens, erschwerten.

Der Zweck der Versuche war beiderseits derselbe, Steigerung der
Geschoßgeschwindigkeit und Verstärkung des Rohrs, um die Ladung
vermehren zu können. Der Ausgangspunkt war aber für beide verschieden.
Da die preußische Feldartillerie soeben mit Gußstahlgeschützen neu
bewaffnet war, galt es, entweder diese leistungsfähiger zu machen oder
verstärkte Rohre selbst aus vorhandenem Material billig herzustellen.
Hierzu war Bronze wohl verwendbar, da sie neuerdings wesentlich bessere
Resultate ergeben hatte, nachdem man das Gußverfahren vervollkommnet
hatte. Kurz vorher war ja auch die Herstellung von Bronze-8~cm~-Kanonen
verfügt worden. An die Verwerfung der neuen Gußstahlgeschütze und
Neuausrüstung nach Krupps neuestem Vorschlag wagte man gar nicht zu
denken.

Diese Gesichtspunkte lagen dem Gußstahl-Fabrikanten natürlich gänzlich
fern. Wollte und mußte er doch gerade dem wieder zu Ansehen kommenden
Bronzegeschütz gegenüber sein Gußstahl-Geschütz zu einer Stufe der
Leistungen erheben, daß er jenes für immer aus dem Felde schlug. Für
ihn galt es also auch keine mäßige Kraftsteigerung der vorhandenen
Stahlgeschütze, wie sie die Kommission erstrebte und wie sie auch mit
Bronze erreichbar war, sondern die Neukonstruktion eines Geschützes,
welches das äußerste Maaß der Kraftäußerung erreichte. Nach Steigerung
der Anfangsgeschwindigkeit strebte man seit 1868 in allen Staaten, aber
mehr als 400 ~m~ in der Sekunde war meist nicht zu erreichen. Krupp
überbot sie alle mit seinen 530 ~m~.

Unter diesen Umständen ist es erklärlich, wenn die Kommission dem
Kruppschen Geschütz nicht mit Begeisterung entgegenkam und wenn die
Berichte über die am 21. Mai und 9. Juli ausgeführten Schießversuche
(der letzte bereits mit einem umgeänderten Geschütz) über eine große
Zahl Mängel sich verbreiteten, welche hierbei zu Tage getreten waren.
Die Hauptsache mußten sie doch anerkennen: Die Geschoßgeschwindigkeit
betrug auf 50 ~m~ vor der Rohrmündung noch 507,9 ~m~. Anderseits war
allerdings auch nicht zu leugnen, daß das Geschütz noch in vielen
Beziehungen der Verbesserung bedurfte, daß es in der vom Fabrikanten
vorgeschlagenen Form für den Gebrauch sich noch nicht eignete.

Die Mobilmachung unterbrach die Versuche und erst nach Beendigung
des Feldzuges konnten sie wieder aufgenommen werden. Ein wichtiger
Differenzpunkt war nun beseitigt, es konnte die Bronze nicht mehr in
Frage kommen, auch war nun ein Ersatz der gesammten Ausrüstung durch
neue Geschütze nicht nur möglich, sondern sogar dringend erwünscht,
nachdem die alten ihre Schuldigkeit im äußersten Maße gethan hatten.
Krupp konnte nun ein weitgehendes Entgegenkommen erwarten und sich der
Hoffnung hingeben, daß man nach neuer Prüfung seines Vorschlages und
nach etwa nöthig erscheinender Verbesserung seiner Konstruktion die
Neubewaffnung nach Kräften beschleunigen werde. Auch hatte er, wie
bei früheren Anlässen, den allerhöchsten Bundesgenossen auf seiner
Seite, denn der Kaiser verfügte, überzeugt von der Nothwendigkeit
einer Neuausrüstung der Feldartillerie, am 7. April 1872, daß zur
beschleunigten Beschlußfassung hierüber gleichzeitig mit den bei der
Artillerie-Prüfungskommission fortzusetzenden Versuchen bei zwei
Armeekorps durch besondere Versuchskommissionen Versuche mit den neuen
8 ~cm~ Kanonen angestellt würden.

Die Artillerie-Prüfungskommission faßte aber ihre Aufgabe ganz
anders auf, als Krupp dieses voraussetzte. Durchdrungen von der
Verantwortlichkeit ihrer Entschließungen für die Armee und von der
großen Wichtigkeit der Annahme eines neuen Geschütz-Systems für die
weitere Entwickelung der Artilleriewaffe, unterzog sie nicht allein
Krupp's Geschütz einer Prüfung, sondern that dieses lediglich unter
dem Gesichtspunkte, ob es geeignet sei, in das neu zu schaffende
Geschütz-System sich einzureihen. Für ein solches stellte sie aber
zunächst (am 13. Februar 1872) Konstruktionsgrundsätze fest, erwog die
verschiedenen in Versuch zu nehmenden Kaliber, Laffeten und Protzen und
gab für alle Theile besondere Direktiven! Während sie demnach selbst
die Konstruktion in die Hand nahm, -- allerdings basirt auf die Krupp
schließlich zu verdankenden bisherigen Vervollkommnungen -- setzte sie
die Versuche mit dessen Geschütz fort.

Dieses Verfahren stand in direktem Gegensatz zu Krupp's Erwartungen. Es
behagte ihm wenig, daß man ihm lediglich die Stellung des Fabrikanten
zuwies und ihm als Konstrukteur so wenig Achtung bewies. Er mußte
eben hier einen neuen Kampf durchkämpfen. Denn bislang war die
preußische Artillerie-Prüfungskommission immer die Behörde gewesen,
welche Konstruktion und Einrichtung der Geschütze allein entschied
und entwickelte, ja sogar die Herstellung in den Staatsfabriken
selbst bewirkte. Als man den Gußstahl in Verwendung nahm, dessen
Erzeugung man Krupp überlassen mußte, hatte man zuerst nur die Rohre
in unfertigem Zustande von ihm gekauft und in Spandau bearbeiten und
fertig stellen lassen. Später hatte man ihm auch dieses übertragen,
aber ihm Zeichnungen gegeben und jede Einzelheit vorgeschrieben. Als
nun Krupp selbst als Konstrukteur austrat und sehr glückliche Ideen
hatte, mußte man diese wohl anerkennen, anderseits aber konnte man
mit Recht eine langjährige Erfahrung in der Einrichtung der Geschütze
für den Feldgebrauch für sich in Anspruch nehmen, welche Krupp
fehlte und die sich in vielerlei Mängeln zeigte, die seinen eigenen
Konstruktionen anfangs anhafteten. Eine gründliche Durcharbeitung
seines Projektes und eine vielseitige Verbesserung war nothwendig, weil
bei aller Vorzüglichkeit der Grundideen doch die nur aus langer Praxis
geläufigen Rücksichten auf die Verwendbarkeit in der Truppe nicht zur
Geltung gekommen waren. Bei diesem Kampfe, den Krupp als Konstrukteur
durchzufechten hatte, mußte er also viel lernen, vor Allem auch seinem
Etablissement erst die Kräfte gewinnen, welche in dieser Hinsicht seine
Ideen gründlich auszugestalten im Stande waren.

Faßt man aber ins Auge, was dieser energische Mann aus eigener Kraft
geschaffen hatte, was er für Erfahrungen mit den preußischen Behörden
gemacht hatte, wie er die Einführung seines Gußstahls nur mit äußerster
Anstrengung und erheblichsten Opfern in die preußische Artillerie
durchgesetzt, wie er noch vor wenig Jahren an der Hartnäckigkeit,
mit der man auf Verwendung eines veralteten Pulvers bestand, beinahe
mit seinen Ringkanonen gescheitert wäre; bedenkt man ferner, daß er
sich vollbewußt war des außerordentlichen Antheils, welchen seine
trotz der Widerstände eingeführten Feldgeschütze an den Erfolgen des
letzten Krieges hatten, so ist es wohl verständlich, daß er in dem
planmäßigen Vorgehen der Artillerie-Prüfungskommission eine Abneigung
gegen seine Geschütze und einen Versuch erblickte, seinen Vorschlag
bei Seite zu schieben. Um die Benutzung seines Materials konnte ihm
nicht mehr bange sein, also das geschäftliche Interesse, die Furcht,
daß ihm die Lieferung entgehen könnte, kam keinesfalls zur Sprache. An
eine Schädigung seiner materiellen Interessen, -- und er ist dessen
beschuldigt worden, daß er eine solche fürchtete -- dachte der Mann
nicht, der Jahre lang jede Ersparniß nur dazu verwandt hatte, um des
Vaterlandes Vertheidigung seinen Gußstahl dienstbar zu machen; aber
er fühlte sich in seinem wahrlich berechtigten Stolz und Selbstgefühl
als Geschützkonstrukteur zurückgesetzt. Die Schroffheit, die als
nothwendige Kehrseite mit seiner Alles überwindenden Energie verbunden
war und sich durch die vielerlei Erfahrungen von dem Knabenalter an
immer stärker entwickelte, mit dem vorschreitenden Lebensalter immer
mehr hervortrat, sie kam auch hier zum Ausdruck. Von beiden Seiten
machte man sich Vorwürfe und gab man Veranlassung zu Vorwürfen. Der
Sache ward damit wenig gedient.

Kaiser Wilhelm dauerte es zu lange. Am 15. Oktober 1872 erließ er
folgende Kabinets-Ordre: »Ich habe aus den über die allseitig als
nothwendig anerkannte Neubewaffnung der Feldartillerie Mir gehaltenen
Vorträgen und eingereichten Berichten ersehen, daß durch die zu
diesem Zwecke bei der Artillerie-Prüfungskommission stattfindenden
Versuche in anerkennenswerther Weise angestrebt wird, ein nach
Möglichkeit vollkommenes Feldartillerie-Material für die Armee zu
erhalten; indeß habe Ich auch den Eindruck gewonnen, daß in dem
Bestreben, ein auf eine lange Zeit hinaus allen Bedürfnissen des
Feldkrieges genügendes Geschützsystem zu konstruiren, ins besondere
administrativen Rücksichten ein zu großes Gewicht beigelegt und dabei
den gegenwärtigen, zu einer Entscheidung drängenden Zeitverhältnissen
zu wenig Rechnung getragen wird. Ich muß es als durchaus wünschenswerth
bezeichnen, daß die schwebenden Versuche baldigst zum Abschlusse
kommen, und bestimme Ich hierdurch, diese derart zu beschleunigen,
daß mir am 1. April k. J., als zur Einführung in die Feldartillerie
geeignet erachtet, je nach den erzielten Resultaten, entweder ein
Einheitsgeschütz oder je ein leichtes und ein schweres gezogenes
Feldgeschütz mit Laffete und Protze vorgeführt werden kann.«

Allerdings ward am 1. April 1873 auch ein neues (7,85 ~cm~) Geschütz
dem Kaiser vorgestellt, aber zur Einführung war es nicht geeignet, denn
die Kommission war noch mit keinem Haupttheil bisher zum Abschlusse
gekommen.

In diesem Winter (72/73) hatte Krupp wieder eine neue Rohrkonstruktion
vorgelegt, welche sich für das Feldgeschütz geeigneter erwies, als das
Ringrohr, nämlich ein Mantelrohr. Bei diesem werden 2 Gußstahlzylinder
so übereinander geschoben, daß sie im stärkst beanspruchten Rohrtheil,
vom Laderaum bis zu den Schildzapfen sich überdecken und hier die
gleiche Verstärkung erzeugen, wie die Ringe des Ringrohres. Der innere
Zylinder bildet nach vorn den langen Rohrtheil, der äußere verlängert
sich nach hinten, um den Verschluß aufzunehmen. Dieses Rohr ward bei
der endlich 1873 getroffenen Entscheidung endgültig angenommen; für
beide, auf 9,15 ~cm~ und 7,85 ~cm~ normirte Kaliber gleichzeitig
Krupp's Verschluß mit einer Aenderung des Dichtungsringes. Dagegen ward
Laffete und Protze von der Kommission konstruirt, erstere allerdings
in Stahlblech nach Krupps Vorschlag und allein mittelst von ihm neu
hergestellter maschineller Einrichtungen ausführbar. So sehen wir
endlich 1874 die neuen Geschütze fertig, ein Kompromiß zwischen den
wetteifernden Parteien, dessen Löwenantheil aber immerhin Krupp
verblieb, so sicher das Rohr das wichtigste Stück an einem Geschütz ist.

Ganz anders endete der Kampf, den er in einem anderen Staate
durchfocht, um sein neues Geschütz zur Einführung zu bringen. Dieses
war in Oesterreich, wo die Frage des neuen Feldgeschützes einen
ganz eigenartigen Verlauf nahm. Nachdem man sich 1871 überzeugt
hatte, daß man an der Bronze nicht festhalten könne, versuchte man
1873 verschiedene Stahlrohre, nämlich zwei solche aus einheimischen
Fabriken, die sich aber als unbrauchbar erwiesen, und mit Kruppschen
Rohren. Letztere fielen zur vollen Zufriedenheit aus und so trat man in
Beziehung zur Firma und setzte die Versuche bis zum Herbst 1874 fort.

Die Oesterreicher hatten hierbei den großen Vortheil, daß die
preußischen Versuche den ihrigen unmittelbar vorausgingen, daß
mithin die Fragen alle bereits durchgearbeitet und geklärt
waren, welche bei ihrem Feldgeschütz nicht anders, als bei den
preußischen zu beantworten waren. Das Personal Krupps hatte sich
durch alle Konstruktionsänderungen im Zusammenarbeiten mit der
Artillerie-Prüfungskommission durchgerungen und sich an Beherrschung
des Materials, wie an Gewandtheit entschieden vervollkommnet. Das
alles kam den österreichischen Geschützen zu Gute, an denen alle von
Krupp allmählich erlangten Verbesserungen ohne Weiteres angebracht
werden konnten mit Ausschluß der von der Artillerie-Prüfungskommission
selbst hinzugethanen Veränderungen, die Krupp mit Recht nicht als sein
geistiges Eigenthum betrachtete.

Bei der Uebersendung der Probegeschütze (das erste Rohr langte im
Dezember 1872 in Wien an, also wahrscheinlich ziemlich gleichzeitig
mit der Lieferung des ersten Mantelrohrs nach Berlin) verlangte
Krupp vollständige Geheimhaltung der als sein geistiges Eigenthum
zu erachtenden Konstruktionen, und, als er am 6. Mai 1873 um
Kostenberechnung und Lieferzeit für 2000 Geschütze gefragt wurde,
erwiderte er, daß er für die gelieferten und noch zu liefernden
Versuchsmittel (Rohre, Laffeten und Geschosse) keine Entschädigung
beanspruche, wohl aber glaube, »sich der Erwartung hingeben zu dürfen,
daß die Lieferung sämmtlicher Feldkanonenrohre ihm schließlich
übertragen werden würde, wenn die K. K. Feldartillerie auf Grund der
Versuchsergebnisse zur Einführung von Gußstahlgeschützen übergehe.«

Im März und August 1873 wurde das erste 8,7 ~cm~ Rohr erprobt, hierauf
von Krupp noch 3 Geschütze sammt Laffeten, Granaten und grobkörnigem
Geschützpulver unentgeltlich geliefert. Die am 27. Oktober
1873 vorgenommenen Schießversuche hatten allgemein befriedigt
und am 22. Januar 1874 bestellte daraufhin das Militär-Komitee
noch 4 komplette 8,7 ~cm~-Geschütze, sowie ein 7,8 ~cm~- und ein
7,5 ~cm~-Geschütz mit allem Zubehör. Die am 26. August 1874 gemachten
Schießversuche ergaben eine erstaunliche Ueberlegenheit über alle im
Vergleich geprüften Geschütze. Aber eine Bestellung erfolgte nicht
weiter.

Oesterreich hätte die Beschaffung der 2000 Feldgeschütze, welche
Krupp binnen 17 bis 18 Monaten liefern wollte, große finanzielle
Schwierigkeiten bereitet, die Reichsvertretung würde eine so
bedeutende Summe nicht bewilligt haben, zumal die inländische
Eisenindustrie bei der herrschenden Geschäftsstille die Beschaffung
des neuen Artillerie-Materials wie eine ihr gebührende Hilfe in ihrer
bedrängten Lage betrachtete und deshalb alle Hebel in Bewegung setzte,
um die Bestellung in die Hand zu bekommen. Das Reichsministerium
glaubte, einen Antrag der inländischen Industriellen, versuchsweise
Stahl-Ringrohre herstellen zu dürfen, nicht abweisen zu können und
hätte mit diesem Entschluß eine große Verlegenheit hervorgerufen, da
eine wirkliche Geschütz-Industrie in Oesterreich gar nicht existirte
und mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand erst hätte geschaffen werden
müssen, wenn nicht ein glücklicher Zufall darüber hinweggebracht
hätte: Die Bronze, die man soeben verworfen hatte, half aus der Noth;
im Oktober 1874 begannen die Versuche mit dem ersten von Uchatius
gelieferten Stahlbronze-Rohr.

Die Verfechter der Bronze hatten schon seit Jahren darüber gesonnen,
diesem Material eine größere Härte zu geben; die Verbesserungen des
Gusses in Coquillen, die schnelle Abkühlung durch Wasser, der Zusatz
von Phosphor hatten zu keinem voll befriedigenden Ergebniß geführt.
Im Herbst 1873 machte Lavroff, ein russischer Oberst, den Versuch,
durch Hindurchtreiben von Zylindern mit zunehmendem Durchmesser durch
das Geschützrohr die innere Wandung zu verdichten, und der gute Erfolg
brachte den österreichischen General Uchatius auf den Gedanken, welcher
endlich zum Ziele führte. Während er den äußeren Schichten des Rohres
durch scharfe Abkühlung nach dem Guß einen großen Härtegrad verlieh,
erreichte er dasselbe für die inneren durch eine gewaltsame Erweiterung
der Durchbohrung von 80 bis auf 87 ~mm~ mittelst hindurchgetriebener
konischer Stempel. Die dem Metall verliehene Spannung wirkt danach
ähnlich wie die Spannung des Gußstahls beim Ringrohr der explodirenden
Pulverladung gegenüber.

Das erste Proberohr entsprach den Hoffnungen. Es hielt bis Januar 1875
2588 Schüsse aus, ohne an Treffsicherheit einzubüßen. Nachdem auch eine
größere Anzahl Stahlbronze-Rohre sich in gleicher Weise bewährt hatte,
wurde das Material und die Herstellungsweise des General Uchatius für
die Neuarmirung der Feldartillerie angenommen, die Einrichtung der
Geschütze, ihr Verschluß, Geschoß, die Laffete, Richtmaschine, kurz
alles den Krupp'schen Geschützen nachgebildet. Dessen noch im September
1874 wiederholtes Drängen, wegen der Bestellung der Gußstahlgeschütze
zu einem Entschluß zu kommen, hatte das österreichische Ministerium
ausweichend beantwortet, fernere Anfragen ganz unberücksichtigt
gelassen und als nun die Stahlbronze-Rohre angenommen waren und der
deutsche Fabrikant Entschädigung für sein Eigenthumsrecht an deren
Konstruktion verlangte, soll sich das österreichische Ministerium
folgendermaßen geäußert haben: »Die Monate lang auf dem Steinfelde
stattgehabten Versuche mit den Kruppschen Gußstahlrohren haben zu
Verbesserungen in der Konstruktion geführt, woran das technische und
administrative Militär-Komitee nicht ohne Antheil bleiben konnte. Es
ist unverkennbar, daß die hieraus entsprungenen Vortheile der genannten
Firma zu Statten kamen, von der selber noch Konstruktionsverbesserungen
vorgenommen werden.« Der »Pester Lloyd« bemerkte zu der Frage: »Die
Veränderungen, die Krupp nach den Direktiven des österreichischen
Militär-Komitees an den Gußstahlrohren vorgenommen hat, bilden
keineswegs mehr _sein_ geistiges Eigenthum; u. A. rührte der Flachkeil
nicht von Krupp her.«

Es ward mithin Krupp das alleinige Eigenthumsrecht streitig gemacht, da
bei den Versuchen eine Mitwirkung des Komitee's stattgefunden hatte,
und anstatt der in Aussicht gestellten Zuertheilung der Lieferung von
2000 Feldgeschützen ward ihm seitens der österreichisch-ungarischen
Delegationen am 9. Oktober 1875 eine Entschädigung von 160000 fl.
zugebilligt.

So ward in Oesterreich der Gußstahl von der Stahlbronze verdrängt,
soweit das Gebiet der Feldartillerie reicht. Für die schweren
Geschütze der Kriegsschiffe hatte man bereits im Jahre 1871 die
Gußstahl-Ringrohre vom 15 bis zum 26 ~cm~ Kaliber von Krupp angenommen,
und auch in der Folge wurden diese schweren Geschütze von ihm bezogen,
da man sie in Hartbronze nicht in gleicher Leistungsfähigkeit
herstellen konnte.

Wiederum ist es eigenthümlich, daß in Preußen die -- in Spandau
seit 1875 auch hergestellte -- Hartbronze gerade bei den schweren
Geschützen, nämlich zu Belagerungsgeschützen, Verwendung fand,
während die Feldartillerie dem Gußstahl treu blieb. Dem Essener Werk
erwuchs also auch hier, wie allerorten, in der Bronze noch einmal
ein gefährlicher Feind, nachdem sie bereits endgültig überwunden
zu sein schien. Welchen Abbruch sie dem Gußstahl noch zu thun im
Stande war, ergiebt sich daraus, daß fast das ganze Arsenal der
Belagerungsgeschütze in Deutschland seit 1875 durch Bronzegeschütze
gebildet wurde; da war die 9- und 12 ~cm~-Kanone, welche 1876, der
schwere Zwölfpfünder, welcher 1880, der 15- und 21-~cm~-Mörser, welche
1881 in Bronze hergestellt, erprobt und eingeführt wurden. Nur für
das schwere 15 ~cm~-Rohr glaubte man den Gußstahl beibehalten zu
müssen. Die Gründe für diese Bevorzugung der Bronze lagen nahe. Das
Material stand in großen Massen dank den in großer Zahl erbeuteten
französischen Geschützen zur Verfügung. Die rapide Entwickelung,
welche das Geschützwesen durch immer neue technische Erfindungen
und Vervollkommnungen nahm, ließ voraussehen, daß in kurzer Zeit
die geschaffenen Geschütze durch andere Staaten überholt und wieder
unbrauchbar sein würden. Gußstahlrohre waren in diesem Falle, nachdem
sie mit soviel höheren Kosten beschafft waren, ganz werthlos,
während die Bronzegeschütze immer ihren Materialwerth behielten. Die
thatsächliche Entwickelung hat diese Voraussicht bewahrheitet. Die
Bronzegeschütze waren aber außerdem bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit
und Haltbarkeit vollkommen den Anforderungen genügend; nur ein Fehler
machte sich bemerkbar, daß der Laderaum unter der Einwirkung der
explodirenden Ladungen Veränderungen erlitt, und dieses war schließlich
auch der Grund, welcher sie wieder zu beseitigen zwang. Bei der
Einführung des rauchlosen Pulvers und der Sprenggranaten mußte man die
Hartbronzerohre zunächst mit einer Stahlseele versehen und ging bei
Neukonstruktionen wieder zum Gußstahl über. Aber diesen endlichen und
wohl endgültigen Sieg seines Materials über den hartnäckigen, immer
wieder erstehenden Gegner, die Bronze, sollte Alfried Krupp nicht mehr
erleben.

Auch in anderen Staaten erlitt Krupp starke Einbuße durch die
Stahlbronze. Italien folgte Oesterreich 1880 nach mit der Einstellung
von Bronzegeschützen in die Feldartillerie, Spanien nahm solche bereits
1879 an, und in Oesterreich gelang es, auch 12 ~cm~-, 15 ~cm~- und
18 ~cm~-Rohre für starke Ladungen herzustellen, so daß für diesen Staat
nur die schwere Schiffsarmirung in Gußstahl zu liefern blieb. Während
in dem Anfang der siebenziger Jahre ein mächtiger Aufschwung der
Geschütz-Fabrikation eintrat, scheint nach 1874 ein nicht unbedeutender
Rückgang sich fühlbar gemacht zu haben. Die Zahlen stiegen nämlich
von 919 im Jahre 1871 bis 1874 allmählich auf 2931 Stück; für die
nächsten Jahre liegen gar keine Angaben vor. Dann kommt aber im Beginn
des Jahres 1878 die Lieferung der neuen Ausrüstung für die russische
Feldartillerie, 1800 Geschütze, und hiermit ein Zeitpunkt, welcher
in mehrfacher Beziehung den Beginn einer glücklicheren Periode nach
überstandenen schweren Jahren bezeichnet.



~VIII.~

Unheimliche Gegner.


Während die Kriegsjahre 1870/71 für die meisten industriellen
Unternehmungen Deutschlands eine naturgemäße Arbeitsstockung mit
sich brachten, so daß die Fabrikherren nicht ungern die zu den
Fahnen berufenen Reservisten und Landwehrleute scheiden sahen, fand
sich Alfried Krupp im Gegentheil genöthigt, nicht nur den Ausfall
an Arbeitskräften anderweitig zu decken, sondern seine Arbeiterzahl
sogar über die der Vorjahre zu steigern. Sie betrug 1870 7337 und
erreichte 1871 die Ziffer von 8314. Es galt, die früheren Bestellungen
an Geschützmaterial schleunigst zum Abschluß zu bringen und die von
Berlin neu eingehenden dringenden Aufträge so rasch zu erledigen, daß
die Geschütze bei der Entscheidung auf dem Schlachtfelde noch mitwirken
könnten. Unter den neu bestellten 323 Stück befanden sich nicht weniger
als 149 schwere Rohre vom 12~cm~ bis zum 26~cm~-Kaliber, ein Beweis,
daß die letzte Spur des Mißtrauens in die Gußstahlringrohre überwunden
war.

Aber Krupp's nimmer rastender Erfindungsgeist, welcher jede sich
bietende Gelegenheit mit Genugthuung ergriff, wo es galt, einer neuen
Aufgabe gerecht zu werden, suchte sich auch in neuer origineller Weise
zu bethätigen. Den Luftballons, welche von Paris Nachrichten und
wichtige Persönlichkeiten in die Provinzen trugen, war mit dem Gewehr,
wie mit dem Geschütz nicht beizukommen. Er konstruirte deshalb ein
Ballongeschütz, mit einem Rohr von nur 150 ~kg~ Gewicht, und mit einer
leichten Räderlaffete, so daß ein Mann es völlig meistern und bedienen
konnte. Dem Rohr gab er eine Bewegungseinrichtung, welche es nach jeder
Richtung schnell und leicht zu drehen gestattete, und eine Tragweite
von einer Meile in horizontaler, 2000 Fuß in senkrechter Richtung.
Das Geschoß -- eine ca. 3 Pfund schwere Granate -- sollte das Gas des
Ballons zur Entzündung bringen. Es scheint nicht, als wenn mit diesen
Miniatur-Geschützen, welche Krupp der deutschen Belagerungsarmee zum
Geschenk machte, irgend ein Erfolg erzielt worden sei; trotzdem sind
sie bemerkenswerth als charakteristisches Zeichen des patriotischen
Sinnes und der Erfindungsgabe, welche neben der Last der vermehrten
Arbeit ihn noch Zeit gewinnen ließen für Erfindung eines nicht
unwichtigen Hilfsmittels.

Nach Beendigung des Krieges, der die Vorzüge des Gußstahls so hell
beleuchtet hatte, begannen die Jahre eines neuen, alles bisher
Erreichte weit überholenden Aufschwunges der Essener Werke. Die
Arbeiterzahlen steigen 1872 auf 10622, 1873 auf 11867 und erhalten
sich auch 1874 mit 11690 beinahe auf dieser Höhe. Auch die Zunahme
der Gesammtproduktion, welche von 130 Millionen Pfund im Jahre 1870,
im folgenden auf 150 Millionen stieg und in den Jahren 1872 und 1873
die gleiche Höhe von 250 Millionen festhielt, zeigt, daß in den
letztgenannten Jahren ein Höhepunkt der Entwickelung erreicht war.

Es wurde bereits früher erwähnt, wie Krupp diesen Aufschwung
vor allem dazu benutzte, um durch die großartige Anlage von
Arbeiter-Kolonien seinen Untergebenen eine behaglichere Existenz zu
schaffen, und wie er allen auf ihre Wohlfahrt bedachten Einrichtungen
einen Abschluß zu geben sich bemühte. Daneben vernachlässigte er
den zweiten Gesichtspunkt nicht, dem Werke durch Neu-Erwerbungen
und Betriebs-Anlagen immer größere Unabhängigkeit zu geben. Er
vervollständigte die Sayner Besitzungen, bestehend aus der Sayner
und Mülhofer Hütte und Oberhammer durch Ankauf der Hermannshütte
bei Neuwied am 24. Juli 1871 und erwarb im folgenden Jahre die
Johanneshütte bei Duisburg, wodurch er die Produktion des Roheisens auf
monatlich nahezu 10 Millionen Kilogramm mittelst 12 Hohöfen brachte.
Von großer Wichtigkeit waren aber ferner die Steinkohlenzechen.
Nachdem er bereits 1868 sämmtliche 1000 Kuxe der Zeche »Hannover«
angekauft hatte, erwarb er auch durch Pachtvertrag den größten Theil
der Förderung der Zechen »Graf Beust«, »Ernestine« und »Friedrich
Ernestine«, welche alle im Osten der Stadt Essen liegen.

Obgleich er bereits 414 Eisensteingruben im Jahre 1872 besaß, war
doch sein Bemühen unausgesetzt darauf gerichtet, auch bezüglich der
Beschaffung der besten Eisenerze unabhängig zu werden, und hierzu
bot sich im Jahre 1872 eine günstige Gelegenheit. Krupp erwarb sich
bedeutende Konzessionen vorzüglicher Eisenerzlager bei Bilbao in
Nord-Spanien. Mit 3 anderen Gesellschaften theilte er sich zu gleichen
Theilen in deren Ausbeute und gewann hierdurch einen jährlichen Import
von 300000 Tonnen für seine Bessemer-Stahlfabrikation. Zur Beförderung
der werthvollen sehr eisenreichen Erze von ihrem Gewinnungsort nach dem
Nervion-Flusse bei Luchana ward 1872 eine 12 Kilometer lange Eisenbahn
angelegt. Hier wird das Erz in die Transportdampfer verladen, welche
es nach Rotterdam befördern. Mit dieser Erwerbung hatte sich Krupp von
den Schwankungen der Konjunkturen unabhängig gemacht, und der Vortheil
zeigte sich bereits in diesen Jahren, als in Folge des Aufschwunges
der rheinisch-westfälischen Industrie ein Mangel an Arbeitskräften
eintrat und hiermit eine enorme Steigerung der Preise für Roheisen und
Stabeisen sich geltend machte. Um aber auch die Beförderung der Erze
von Bilbao nach Deutschland sich unter allen Umständen zu sichern,
ließ Krupp auf verschiedenen Werften eigene Transportdampfer erbauen.
Vier derselben, für eine Last bis zu 1700 Tonnen konstruirt, liefen im
Frühjahr 1874 von Stapel, sie erhielten die Namen »Essen«, »Friedrich
Krupp«, »Orconera« und »Sayn«. Ein fünfter Dampfer »Hochfeld« ward 1878
in Dienst gestellt.

Je eingehender er sich mit der Weiterentwickelung seiner
Geschütz-Konstruktionen beschäftigte, desto mehr empfand Krupp die
Nothwendigkeit, mit den Schießversuchen sich gleichfalls, unabhängig
von denen der Großmächte, auf eigene Füße zu stellen. Bisher hatte
er innerhalb der Fabrik allerdings Einrichtungen getroffen, um die
Geschütze anzuschießen und die Anfangsgeschwindigkeiten der Geschosse
zu messen. Ueber die Treffsicherheit, Geschoßwirkung am Ziel u. s. w.
gewann man aber bei den äußerst beschränkten Raumverhältnissen keine
Ergebnisse. Neben der Rohrkonstruktion traten aber in dieser Zeit die
anderen Faktoren immer mehr in den Vordergrund, Geschoßkonstruktion,
Zünder, Sprengladung und Treibmittel. Die ballistischen Versuche waren
nur auf einem Gelände von großer Ausdehnung mit Nutzen ausführbar.
Deshalb legte Krupp im Jahre 1873 einen großen Schießplatz zu Visbeck
bei Dülmen an, welcher mit einer nutzbaren Länge von 6200 ~m~ allen
Anforderungen zu genügen schien. Freilich gelang es dem Besitzer
selbst, binnen kurzer Zeit seinen Geschützen eine so gesteigerte
Wurfweite zu geben, daß der Schießplatz nicht mehr ausreichte.

Ueber dieser und anderen großartigen Anlagen der Fabrik ist aber nicht
eine ganz kleine bauliche Maßnahme Krupps zu übersehen, welche ein
helles Licht auf seine Gemüthstiefe und seine Charakterentwickelung
wirft. Als mit den siebenziger Jahren sich die Perspektive auf einen
beispiellosen Aufschwung seines Werkes vor ihm aufthat, als er
seinen Gußstahl, nirgends in seiner Vorzüglichkeit erreicht, auf den
verschiedensten Gebieten der Friedens- und Kriegs-Technik siegreich
vordringen sah, als er im stolzen Triumph dem Erbe seines Vaters ein
wirkliches Monopol errungen sah -- da gab er seinem Bedürfniß, den
Blick mit Vorliebe zurück zu lenken auf die kleinen Anfänge und auf
die schweren Jahre, durch welche er sich hindurchringen mußte, einen
deutlichen Ausdruck, indem er am 14. Januar 1872 aus dem südenglischen
Bade Torquay einen Brief an die Prokura der Fabrik richtete, an dessen
Spitze er eigenhändig ein Bild seines Elternhauses gezeichnet hatte.
Dieser lautete:

  »Dieses kleine Haus, in der Mitte der Fabrik jetzt, welches wir im
  Jahre 1822/23 bezogen, nachdem mein Vater ein ansehnliches Vermögen
  der Erfindung der Gußstahlfabrikation ohne Erfolg und außerdem seine
  ganze Lebenskraft und Gesundheit geopfert hatte, dieses damalige
  einzige Wohnhaus der Familie, worin ich mit derselben eine Reihe
  von Jahren des Elends und Kummers durchlebt habe, von wo aus 1826
  am 28. Oktober mein verstorbener Vater zur Gruft getragen wurde, wo
  ich in der Dachstube hunderte von Nächten in Sorge und fieberhafter
  Angst mit wenig Aussicht auf die Zukunft durchwacht habe, wo vor und
  nach mit geringen Erfolgen die erste Hoffnung erwachte und worin ich
  die Erfüllung der kühnsten Hoffnungen erlebt habe -- kleine Haus
  muß, sobald als die Jahreszeit die Arbeit gestattet, um so viel wie
  nöthig gehoben, mit neuen Sohlen und Pfosten an Stelle der etwa
  verfaulten versehen und ganz so wieder hergestellt werden, wie es
  ursprünglich war. Das (vordere) Zimmer (rechts) bekommt nur ein
  Fenster wie früher und alle Fenster Laden mit einem herzförmigen
  Luftloch darin. Für den Fall, daß Wände darin versetzt und Thüren
  und dergleichen verlegt sein möchten, wünsche ich baldigst eine rohe
  Skizze, um Alles genau anzugeben, wie es gewesen ist. Möbel, Treppe,
  Oefen, Schieferbekleidung, Bilder, Tapeten, Fuß- und Stuhlleisten,
  Alles soll genau so werden, wie es gewesen ist. Der Zwischenbau,
  wo jetzt die Abfertigung der Arbeiter ist, wird abgerissen bis an
  die massive Wand, etwa 24'' vom alten Hause entfernt und da wird
  dieser ursprüngliche südliche Giebel des alten ersten massiven
  Fabrikgebäudes, welches zum Andenken noch einen Kamin der alten
  Gießerei behalten hat, wieder hergestellt. Der Zwischenbau deckt
  nämlich noch zwei Fenster des alten Fabrikgebäudes. Sollte der
  Zwischenraum als Weg oder Eisenbahn nützlich werden, so habe ich
  nichts dagegen. Das kleine Haus aber soll gar keine geschäftliche
  Bestimmung haben. Ich wünsche, daß dasselbe so lange erhalten bleibe,
  als die Fabrik bestehen wird und daß meine Nachfolger so wie ich, mit
  Dank und Freude hinblicken werden auf dieses Denkmal, diesen Ursprung
  des großen Werkes. Das Haus und seine Geschichte mag dem Zaghaften
  Muth geben und ihm Beharrlichkeit einflößen, es möge warnen das
  Geringste zu verachten und vor Hochmuth zu bewahren. Ich wünsche auf
  der Fabrik vorzugsweise dort abzusteigen und zu verweilen und, wenn
  nicht eine andere Bestimmung die gegenwärtige aufheben möchte, aus
  demselben Hause dereinst bestattet zu werden. Zu vorgedachten Zwecken
  bitte ich dieses Blatt aufzuheben.

  Torquay, den 14. Januar 1872.

                                            (gez.) Alfred Krupp.«


Welch tiefe Pietät spricht aus dieser Verfügung! Nicht verschwinden
sollen die Spuren der ärmlichen Vergangenheit zwischen den mächtigen
Gebäudekomplexen der Fabrik, sondern mit peinlicher Sorgfalt, bis auf
die kleinsten Bestandtheile, sollen sie erhalten werden, eine stete
Mahnung für sein Geschlecht, nicht sich zu überheben im Glück und nicht
zu verzagen im Unglück, nicht zu lassen von dem ernsten Streben, das
den Gründer beseelte und seinen Sohn aus diesem dürftigen Anfang sein
imposantes Werk herauszugestalten befähigte. Er schämt sich nicht der
ärmlichen Vergangenheit, nein! Mit berechtigtem Stolze stellt er sie
neben die Riesenerfolge seiner Energie, seiner genialen Schaffenskraft,
deren beredte Zungen, die dampfenden Essen, die sausenden Maschinen,
die riesigen Hämmer, rings dieses kleine Haus umgeben. Und den
Tausenden seiner Arbeiter bietet er den Beweis, daß er nicht anders
gelebt, nicht anders mit der Noth gerungen hat, als sie selbst, daß er
einer der Ihren war und ihre Sorgen versteht, daß er neben ihnen am
Ambos stand und mit seiner Arbeit dieses ganze Werk erschuf, das die
Mitwelt mit Staunen erfüllt.

Und gerade dieses Hinweises sollte er bald bedürfen.

Bereits in den sechziger Jahren hatte die sozialdemokratische Agitation
unter Leitung von Tölcke, Hasenclever und Dreesbach im Essener Revier
Fuß zu fassen gewußt. Die Erfolge waren zwar noch nicht groß, denn bei
der Reichstagswahl am 7. September 1867 hatte Hasenclever im Ganzen
3419 Stimmen, bei der Nachwahl 1868 nur 3280 Stimmen erhalten und im
Jahre 1871 brachte es der Lassalleaner v. Schweitzer nur auf 1425
Stimmen; aber Angriffspunkte boten dennoch die Essener Verhältnisse
mancherlei, die eine immer wachsende Agitation einzuleiten gestatteten.
Namentlich herrschte unter den Bergleuten eine gewisse Gährung. Die
Kohlenproduktion hatte einen enormen Aufschwung genommen, wie sich
aus der Zunahme der Förderung im Oberbergamtsbezirk Dortmund ergiebt.
Während 1867 von 49400 Arbeitern 10½ Millionen Tonnen im Werthe von
55,7 Mill. Mark gefördert wurden, waren es 1871 12,7 Mill. Tonnen
bei 64200 Arbeitern, und 1872 sogar 14,4 Mill. Tonnen bei 68500
Arbeitern. Der Werth der Jahresproduktion war aber auf 91 bezw. 123,5
Mill. Mark gestiegen, also von 5,3 auf 8,6 Mark pro Tonne, und die
Bergleute glaubten, daß ihre Löhne, welche von 2,55 Mark auf 3,31 Mark
erhöht worden waren, nicht hinreichend gestiegen seien. So bot sich
den sozialdemokratischen Agitatoren willkommene Gelegenheit, um in
öffentlichen Versammlungen die Lohnfrage, die damals immer zunehmende
Wohnungsnoth zu diskutiren und schließlich die Bildung eines Komitees
zu veranlassen, das am 1. Juni 1872 im Namen der Belegschaften von 26
Zechen eine Erhöhung der Löhne um 25 %, Einführung der achtstündigen
Arbeit u. s. w. verlangte. Auf die Ablehnung der Forderungen Seitens
der Zechenverwaltungen erfolgte am 26. Juni ein Massenstreik, indem
die Belegschaft von 40 Zechen, mehr als 15000 Bergleute, die Arbeit
verweigerte. Das war ein Ausfall von täglich 300000 Ctr. Kohlen, und so
wie alle anderen Fabrikanten der Gegend, wurde Krupp durch den volle
sechs Wochen anhaltenden Streik auf das empfindlichste betroffen. Denn
eins seiner wichtigsten Rohmaterialien war ihm entzogen. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß die Agitatoren gehofft hatten, mittelst dieser
Kohlen-Noth Zugang zu den bisher ihnen wenig geneigten Arbeitern der
Gußstahlfabrik zu finden, da die Unzufriedenheit eintreten mußte, wenn
Krupp gezwungen wurde, seine Betriebe ganz oder zum Theil einzustellen.
Je mehr feiernde Arbeiter, desto mehr Angriffspunkte für die Agitation
und Verhetzung gegen die Arbeitgeber.

Aber sie hatten sich in Krupp vollständig verrechnet. Einerseits
hatte er, den Streik voraussehend, rechtzeitig seine Gegenmaßregeln
getroffen; anderseits wußte er seinen Einfluß auf seine Arbeiter sich
vollkräftig zu erhalten. Am 11. Juni lasen die Arbeiter, überall in
der Fabrik angeheftet, eine Bekanntmachung:

  »Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gußstahlfabrik
  geäußerten Besorgniß, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den
  Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmälert werden
  möchte, kann ich mittheilen, daß die Gußstahlfabrik große Opfer nicht
  gescheut hat, um die Fortführung des Betriebes unter allen Umständen
  sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist für die Kohlenzufuhr gesorgt.
  Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht für
  Monate. Meine Arbeiter können also, möge auch eine andere Klasse
  von Arbeitern sich _ein sicheres Unheil_ bereiten, trotzdem getrost
  in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den
  Bauten von Werkstätten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie
  vor alles seinen Gang gehen.«

Man las, nickte befriedigt mit dem Kopf und ging an die Arbeit. Es
kostete recht große Opfer, um den Ausfall an Kohlen durch Anfuhr
aus der Ferne zu decken, aber Schlimmerem ward dadurch vorgebeugt,
dem gegen Krupp gerichteten Angriffsversuch die Spitze abgebrochen.
Trotzdem ermüdeten die sozialdemokratischen und, mit ihnen schon damals
verbunden, die ultramontanen Wähler nicht, Krupps Arbeiter, namentlich
die jüngeren, in diesen Jahren in großer Masse neu eingestellten, zu
bearbeiten, um ihre Unzufriedenheit zu erregen. Dem aufmerksamen Auge
des Fabrikherrn entging dieses Treiben nicht, und noch ein Mal ergriff
er das Wort, indem er am 24. Juli folgenden Aufruf erließ:

  »_An die Arbeiter der Gußstahlfabrik!_ Vor 45 Jahren stand ich in
  den ursprünglichen Trümmern dieser Fabrik, dem väterlichen Erbe,
  mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn für Schmiede
  und Schmelzer war damals von 18 Stüber auf 7½ Sgr. erhöht, der
  ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fünfzehn Jahre lang habe
  ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen
  zu können, für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter
  nichts, als das Bewußtsein der Pflichterfüllung. Bei dem Wechsel
  der allgemeinen Verhältnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der
  Fabrik erhöhte ich allmählich die Löhne, als Regel immer freiwillig
  jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben.
  Eine nützliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele
  stehen noch bevor, die äußersten Kräfte sind bis heute angespannt
  worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen
  Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle
  Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich
  dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen.
  Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen können. Fraget sie,
  was im Jahre 1848 für die Arbeiter geschehen ist. Die späteren
  Opfer der Kriegsjahre sind übrigens Allen bekannt. Wer berechnet
  die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk
  so groß gemacht. Ich weiß es, daß ich Euer Vertrauen verdiene
  und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich
  warne, bevor ich Anlaß habe, über Untreue und Widerstreben mich
  zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und
  Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mißbrauch
  von religiösen und sittlichen Denksprüchen dem großen Arbeiterstande
  zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch
  falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes
  untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um
  dann mit ihrem Einfluß im Trüben zu fischen. Man erkundige sich
  nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem häuslichen und
  sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeiträge der Arbeiter für mündlichen
  und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere
  Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die »_Essener Blätter_« unter
  Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der
  Verwaltung meiner Fabrik zu verdächtigen und bringen zum Zweck des
  Aufhetzens gestern die Nachricht, daß die Konferenz gezwungenermaßen
  für eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhöhung bewilligt
  habe.

  An diese und ähnliche plumpe Lügen böser Gegner knüpfe ich nun
  folgende warnende Versicherung: Nichts, keine Folge der Ereignisse
  wird mich veranlassen, mir irgend etwas abtrotzen zu lassen. Die
  Verwaltung wird mit dem bisherigen als Gesetz bestandenen Wohlwollen
  fortfahren, die Fabrik zu führen im Geiste meiner Grundsätze und
  so lange für meine Rechnung, als ich die Arbeiter nach wie vor in
  bewährter Treue als die Angehörigen des Etablissements betrachten
  werde. Daß ich täglich meine Stellung an Andere übertragen kann und
  daß irgend welche Gesellschaft von Kapitalisten an Wohlwollen und
  Opferwilligkeit mich nicht übertreffen würde, unterliegt wohl keinem
  Zweifel. Es wird wohl Niemand glauben, daß ich aus Durst nach Gewinn
  der Mühe und Arbeit mich unterziehe, welche mit der Verwaltung eines
  solchen Geschäftes für eigene Rechnung verbunden ist. Jedermann
  weiß, wie ich seit jeher den Arbeiter und die Arbeit geschätzt habe.
  Jedermann möge aber auch versichert sein, daß eine Verkennung meiner
  Gesinnung die eingewurzelte Vorliebe für sie auszurotten im Stande
  sein würde. Jedermann sei überzeugt, daß ich in meinen Beschlüssen
  nicht wanke, daß ich wie bisher Nichts verheiße ohne Erfüllung.
  Ich warne daher nochmals vor den Verlockungen einer Verschwörung
  gegen Ruhe und Frieden. Es ist im Kreise meiner Unternehmungen dem
  braven ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer
  mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren
  -- in einem so günstigen Maaße, wie nirgend wo anders in der Welt.
  Ich erwarte und verlange volles Vertrauen, lehne jedes Eingehen auf
  ungerechtfertigte Anforderungen ab, werde wie bisher jedem gerechten
  Verlangen zuvorkommen, fordere daher alle diejenigen, welche damit
  sich nicht begnügen wollen, hiermit auf, je eher desto lieber zu
  kündigen, um meiner Kündigung zuvorzukommen und so in gesetzlicher
  Weise das Etablissement zu verlassen, um Anderen Platz zu machen, mit
  der Versicherung, daß ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr
  sein und bleiben will.

                                        Alfred Krupp
                              in Firma: Fried. Krupp.«

Dieser Aufruf ist außerordentlich charakteristisch für Krupps Sinnesart
und für seine Auffassung des Verhältnisses zwischen ihm und seinen
Arbeitern. Er hätte das, was nachher erfolgte, auch gleich thun können,
ohne ein Wort zu verlieren, nämlich die aufrührerischen, unzufriedenen
Elemente aus der Fabrik entfernen. Aber er wollte das in Anspruch
genommene absolute Regiment in seinem Staate nicht auf Anwendung der
Gewalt und Forderung eines blinden Gehorsams gründen, sondern auf
das patriarchalische Verhältniß des gegenseitigen Vertrauens, der
unentwegten Treue. Mit dem vollen Bewußtsein konnte er sich rühmen,
diese treue Gesinnung seinen Untergebenen zu jeder Zeit bewahrt und
in der opferfreudigen Fürsorge für ihr Wohl auch bewährt zu haben. Er
hielt dieses stets für seine Pflicht, und wie er die seinige erfüllte,
so konnte er auch die volle Pflichterfüllung von seinen Arbeitern
verlangen. Mit vollem Recht konnte er darauf hinweisen, daß die
angeblich auf eine Verbesserung ihres Looses gerichteten Bestrebungen
des Lassalle, Marx und Liebknecht durch die praktische Bethätigung,
wie sie in der Fabrik Platz gefunden hatte, längst überholt seien. Vor
allen deutschen und außerdeutschen Arbeitgebern hatte er sich stets
als den wahren Arbeiterfreund bewiesen. Es braucht nur daran erinnert
zu werden, daß er im Jahre 1872 mit enormen Geldopfern durch Erbauung
der Kolonien Schederhof und Kronenberg für 15000 Menschen gesunde und
billige Wohnungen schuf und die Beschaffung aller Lebensbedürfnisse
nach Kräften erleichtert hatte. Wo fand sich etwas derartiges
wiederholt? Aber er wollte Herr bleiben auf seinem Grund und Boden,
er gestattete keiner anderen Macht, irgend einen Einfluß auf seine
Entschließungen zu gewinnen. Ein guter und fürsorglicher, aber ein
absoluter Regent wollte er bleiben. Und seine Mahnung hatte Erfolg. Der
Friede blieb in der Fabrik -- fürs erste wenigstens -- gewahrt.

Ein großartiges Bild ihrer Leistungsfähigkeit entwickelte diese im
Jahre 1873 gelegentlich der Weltausstellung in Wien. Der Gußstahlblock,
welcher wiederum den Mittelpunkt bildete, erreichte dieses Mal
das Gewicht von 105000 Pfund und war aus 1800 Tiegeln gegossen.
In Gestalt eines achtkantigen Prismas von 4 ~m~ Länge und 1,5 ~m~
Stärke, wie er mit dem Dampfhammer Fritz hergestellt worden war,
sollte er die Schmiedbarkeit des Gußstahls selbst in so ungeheuren
Dimensionen beweisen. Durch weiteres Ausschmieden sollte der Block
später zu einem Geschützrohr von 37 ~cm~ Bohrungsdurchmesser benutzt
werden. Während diesen Block einerseits die verschiedenartigsten
Gegenstände der Friedenstechnik, Achsen, Räder, Kurbeln, Federn,
Walzen, Kuppelstangen aus Tiegelgußstahl, Schienen und Weichen aus
Bessemer Stahl umgaben, vergegenwärtigte anderseits eine ansehnliche
Reihe von Geschützen die Leistungen Krupps auf dem Gebiete der
Kriegstechnik. Neben den Feldkanonen machten sich die für Marinezwecke
und Küstenzwecke brauchbaren Geschütze geltend, welche von der 12 ~cm~
bis zur 30½ ~cm~-Kanone in 9 verschiedenen Größen bezw. Laffetirungen
vertreten waren. Daneben wird auch eine 28 ~cm~ Haubitze erwähnt,
wahrscheinlich eine Vorläuferin der 1875 von Krupp konstruirten und mit
Erfolg erprobten Haubitze gleichen Kalibers. Auch zwei Laffetenwände,
aus Gußstahl gepreßt, kamen hier zum ersten Male zur Vorführung, wie
sie von da ab die genieteten Laffeten der Feldgeschütze ersetzen
sollten und der Erfindungsgabe Krupps ihre Herstellung verdankten.
Einen Begriff von den Größen- und Gewichtsverhältnissen einzelner
Ausstellungsgegenstände giebt der Umstand, daß sowohl der Gußstahlblock
als das schwerste Geschütz die Verwendung von je zwei der Firma
gehörigen Eisenbahnwagen mit je 6 Achsen und 1000 Ctr. Tragkraft
erfordert hatte.

Alle Anstrengungen der bedeutendsten fremdländischen Eisenwerke
vermochten Krupp nicht mehr aus seiner überragenden Stellung zu
verdrängen, welche in der Verleihung der höchsten Auszeichnung, des
Ehrendiploms, durch die Ausstellungs-Jury und des Komthurkreuzes des
Franz-Joseph-Ordens seitens des Kaisers Franz Joseph ihre gebührende
Anerkennung fand.

Gerade im Jahre der Wiener Ausstellung lag ein Vergleich zwischen dem
erreichten höchsten Standpunkt der Fabrik und zwischen den kleinen
beinahe dürftigen Anfängen ihrem Besitzer außerordentlich nahe, denn
am 24. Februar waren es 25 Jahre seit seiner Uebernahme des Werkes
auf eigene Rechnung. Nichts kann seine Sinnes- und Denkweise klarer
beleuchten, als seine Stellungnahme gegenüber diesem Jubiläumstage. Es
war ja nur erklärlich und selbstverständlich, daß er als ein Freudentag
von dem gesammten Personal der Fabrik erwartet wurde, daß die Tausende,
deren Herzen mit Verehrung und Dankbarkeit für ihren genialen, und bei
aller Strenge stets wohlwollenden und fürsorglichen Brotherren erfüllt
waren, danach verlangten, ihm ein Zeichen ihrer Treue in irgend einer
Form an diesem Tage zu widmen. Aber, sich anfeiern zu lassen, das
entsprach so ganz und gar nicht der schlichten und stolz-bescheidenen
Natur dieses Mannes; er hatte kein Verständniß für das behagliche und
selbstgefällige Weihrauchschlürfen, wie es namentlich den Emporkömmling
auszeichnet, und in Vorahnung des Gewitters, das ihm drohte, richtete
er bereits einige Tage vor dessen Ausbruch an seine Freunde mit dem
Ausdruck innigsten Dankgefühls die Bitte, nachdem er vernommen, daß
man »mehrseitig durch Besuch, Schrift, Rede oder andere Zeichen
wohlwollender Gesinnung eine Epoche seiner Vergangenheit zu feiern
beabsichtige, dergleichen verhindern zu wollen, weil er ihrer Beweise
der Gesinnung nicht bedürfe und nicht in der Lage sei, Andere würdig
zu empfangen und zu erwidern, auch keine Ausnahme machen dürfe«. Diese
Kundgebung schloß er mit den Worten: »Ich melde hiermit für unbestimmte
Zeit meine Abwesenheit an,« und entzog sich damit zugleich jedem
Versuch einer Huldigung. Die Angestellten mußten sich damit begnügen,
ihrem Herrn ein Album mit ihren Photographien in Gestalt eines massiven
eichenen Schreibpultes als Andenken an den 24. Februar 1873 zu
überreichen.

Ihm selber aber war es doch ein wichtiger Gedenktag, und auf seine
Weise wollte er ihn begehen; nicht im Trubel und Gedränge einer Unmasse
festlicher Gäste, nicht im strahlenden Nebelgewölk verherrlichender
Reden und Lobpreisungen, sondern allein mit den Bildern der
Vergangenheit, sich Rechenschaft ablegend über sein Thun seit jenen
Tagen, da der Vater ihm sein Erbe übergeben hatte. Und dabei lenkte
sein Blick sich auf das kleine Haus, wo er am Krankenlager belehrt und
Mitwisser geworden war des großen Geheimnisses, dessen Erforschung
der Vater Gesundheit und Leben geopfert hatte, wo ihm die Mutter als
treue Genossin im harten Kampf zur Seite gestanden hatte, um des Vaters
Erbtheil zur Anerkennung zu bringen. Da ward sein Herz dankerfüllt und
begehrte, auch allen den Seinen, die jetzt mit Hand und Kopf halfen,
dieses Erbe, den Gußstahl, zum allgemein begehrten Hilfsmittel auf
allen technischen Gebieten zu gestalten, ihnen allen Zuversicht und
Lebensmuth durch dieses, das Beispiel seines Lebensganges zu heben.
Da nahm er ein Blatt mit der Zeichnung des kleinen, im vorigen Jahre
wiederhergestellten Elternhauses und schrieb darunter die in ihrer
Einfachheit ergreifenden Worte:

  »Vor fünfzig Jahren war diese ursprüngliche Arbeiterwohnung die
  Zuflucht meiner Eltern. Möchte jedem unserer Arbeiter der Kummer
  fernbleiben, den die Gründung dieser Fabrik über uns verhängte. 25
  Jahre lang blieb der Erfolg zweifelhaft, der seitdem allmählich
  die Entbehrungen, Anstrengungen, Zuversicht und Beharrlichkeit der
  Vergangenheit endlich so wunderbar belohnt hat. Möge dieses Beispiel
  Andere in Bedrängniß ermuthigen, möge es die Achtung vor kleinen
  Häusern und das Mitgefühl für die oft großen Sorgen darin vermehren.

  Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt _Arbeit
  Segen_, dann ist Arbeit Gebet.

  Möge in unserem Vaterlande Jeder, vom Höchsten zum Geringsten mit
  gleicher Ueberzeugung sein häusliches Glück dankbar und bescheiden zu
  begründen und zu befestigen streben; dann ist mein höchster Wunsch
  erfüllt.

          Essen, Februar 1873.

                                         Alfred Krupp.

          25 Jahre nach meiner Besitzübernahme.«

Dieses Blatt mit Bild und Schrift ließ er in dem kleinen Elternhaus
anbringen, ein bleibendes Denkmal dieser seiner charakteristischen
Feier seines Jubiläums.

So deutlich sich in diesem Krupps Wohlwollen für seine Arbeiter nun der
Wunsch ausspricht, daß sie in gemeinsamer treuer Arbeit mit ihm und im
Vertrauen zu ihm ihr häusliches Glück zu begründen streben sollten,
so wenig behagte Anderen dieses von ihm immer wieder gefestigte
Einvernehmen mit seinen Angestellten. Hatte man schon im vorigen Jahre
unter diesen Unzufriedenheit und Mißtrauen zu verbreiten gesucht, so
ließ man sich auch in der Folge durch Krupp's schlagfertiges Vorgehen
nicht entmuthigen. Die Wühlarbeit ward nur jetzt von einer andern
Seite und mit mehr Geschick eingeleitet; man hatte Bundesgenossen von
besonderer Stärke gewonnen, nämlich die ultramontanen Hetzer gegen den
Protestanten Krupp.

In Essen war im Jahre 1869 ein »christlicher Arbeiterverein« begründet
worden, welcher unter Leitung der Kapläne Klausmann, ~Dr.~ Mosler und
~Dr.~ Litzinger innerhalb zweier Jahre zu 2000 Mitgliedern angewachsen
war und auch mittelst seines Organes die »Essener Blätter« gegen die
1870 nach Essen berufenen Jesuiten auftrat. Es kam zu Zwistigkeiten
zwischen diesem Verein und den von den Jesuiten gegründeten und
sehr schnell anwachsenden Arbeiterkongregationen, welche bis in den
Reichstag ihre Wirkung geltend machten. In Folge der Einwirkung der
Weltgeistlichkeit, welche für die Jesuiten eintrat, wurden 1871 die
Kapläne Litzinger und Klausmann versetzt, Mosler suspendirt und im Mai
1872 der bisherige Vizepräses des Aachener Arbeitervereins Kaplan Laaf
nach Essen behufs Uebernahme der Leitung des dortigen Arbeitervereins
entsandt. Der Redakteur der »Essener Blätter«, ein vom Sozialdemokraten
zum Christlich-Sozialen bekehrter früherer Metalldreher der Krupp'schen
Fabrik, Namens Stötzel, mußte die stark nach Lassalle'schen Lehren
schmeckende Waare, welche Kaplan Laaf zu verbreiten begann, mit seinem
Namen decken. So hatte Krupp mit Recht diese Zeitung in seinem Aufruf
vom 24. Juli 1872 als Hetzblatt bezeichnet.

In ein neues Stadium traten die konfessionellen Verhältnisse im
August 1872, wo sich bei der am 22. stattfindenden Schließung der
Jesuiten-Niederlassung deutlich zeigte, wie weit die Einwirkung der
Jesuiten und die demagogische Agitation des Kaplan Laaf bereits in
der Terrorisirung der katholischen Arbeitermassen geführt hatte.
Mit Steinwürfen und Demolirungen suchte der fanatisirte Pöbel gegen
die Schließung zu protestiren. Die Ausweisung der Jesuiten diente
den Agitatoren nun zu einem neuen wirksamen Verhetzungsmittel.
Die Sozialdemokraten bemächtigten sich der Waffe, welche die
konfessionellen Streitigkeiten ihnen boten, und begannen mit dieser
einen neuen Angriff auf die in ihrem imposanten Widerstande ihnen
besonders verhaßte Gußstahlfabrik.

Der Erfolg war ein von Krupp selbst am wenigsten erwarteter. Ihm, dem
protestantischen Fabrikherren, war es niemals in den Sinn gekommen,
bei der Annahme seiner Arbeiter nach deren Konfession zu fragen und nun
mußte er in Erfahrung bringen, daß aus einzelnen Betriebsabtheilungen
plötzlich die zum Theil ihm persönlich wohl bekannten protestantischen
Arbeiter verschwanden, um katholischen Platz zu machen. Dieses
veranlaßte ihn zu folgendem Aufruf, den er am 1. November an seine
Angestellten erließ.

  »Neben den Bestrebungen, welche bereits an manchem Orte das
  gegenseitige Wohlwollen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu
  beiderseitigem Nachtheile störten, droht seit einiger Zeit ein Unheil
  von noch tieferer Bedeutung. Kirchliche Zwietracht untergräbt den
  Frieden. Möge jeder das Seinige thun, verderbliche Folgen abzuwehren
  überall, wo es ihm möglich ist. Meinen Blick lenkt die Sorge um
  das Gemeinwohl auf die Fabrik. Dieselbe soll wie jedes gewerbliche
  Etablissement zunächst das äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen
  sichern. Bei so gesichertem Erwerb und Frieden in seinem Hause kann
  Jedermann seines Daseins froh werden. Jeder brave und fähige Mann ist
  ohne Ansehen seiner Heimath oder seines Glaubens in unserem Verbande
  willkommen und hat gleichen Anspruch auf Schutz und Anerkennung.
  Alte und Pensionirte werden bezeugen, daß es bisher hier so gehalten
  wurde, und ebenso muß es auch ferner bleiben, denn jeder Unbefangene
  wird die Ueberzeugung theilen, daß nur Unparteilichkeit Frieden säen
  kann, und niemand wird bezweifeln, daß Arbeit nur da Segen bringt, wo
  Ordnung, Einigkeit und Friede regieren. Es darf daher keine Aeußerung
  politischer oder kirchlicher Zwiste innerhalb des Verbandes der
  Fabrik geduldet werden und ergeht deshalb diese Warnung:

      »Niemand kümmere sich um die Meinung und den Glauben desjenigen,
      der ordentlich und brav ist und seine Pflicht thut. Wer
      zuwiderhandelt, _wer seine Stellung mißbraucht zur Beeinflussung
      oder gar zum Nachtheile seiner Kameraden oder Untergebenen um
      der Meinung oder des Glaubens willen, der hat zu erwarten, daß
      er als Friedensstörer beseitigt wird,_ -- er möge der geringste
      Tagelöhner oder ein angesehener Vorgesetzter sein -- ohne
      Rücksicht darauf, ob die eine oder die andere Stelle nicht
      besetzt werden könnte, ob selbst ganze Werke vorübergehend außer
      Betrieb gestellt werden müßten.«

  Besonders leid würde es mir thun, wenn Leute, welche bisher treue
  Dienste geleistet haben, betroffen werden sollten. Ich habe jedoch
  in 47jähriger Erfahrung im Allgemeinen nur Treue und Friedfertigkeit
  zu rühmen gehabt und vertraue daher, daß zum Besten für uns alle
  diese Warnung beachtet wird und somit Friede und Eintracht wie bisher
  erhalten bleibt. Dann werden auch die im Bau begriffenen Werkstätten
  der Bestimmung gemäß bald besetzt, und die der Vollendung entgegen
  gehenden neuen Kolonien und Ortschaften mit zufriedenen Bewohnern
  bald gefüllt sein.

  Gußstahlfabrik, den 1. November 1873.

                                    (gez.) Alfred Krupp
                                in Firma. Fried. Krupp.«

Aus dem Wortlaut dieser Ermahnung ist ebenso wie aus der sie
veranlassenden Entlassung evangelischer Arbeiter in einzelnen
Betriebsabtheilungen zu entnehmen, daß nicht nur in den unteren
Gebieten der Angestellten, sondern ziemlich weit in die Kreise der
Vorgesetzten hinauf die konfessionelle Zwietracht ihre zersetzenden
Einflüsse geltend machte. Die Strenge, mit welcher Krupp vorging,
ist deshalb wohl motivirt, da er unter allen Umständen Frieden und
Eintracht in seiner Fabrik erhalten wollte und diese mit vollem Recht
allein bei der Duldsamkeit in religiöser Beziehung für erreichbar
hielt. Es war ein nothwendiger Akt der Nothwehr, zu welchem er
schritt, um für seinen Theil das Seinige beizutragen zur Sicherung des
Gemeinwohls, indem er diejenigen unnachsichtlich entfernte, welche
an Stelle der bisher geübten Toleranz die Verfolgung Andersgläubiger
glaubten üben zu dürfen. Frieden und Vertrauen wurden dadurch
untergraben, Unzufriedenheit erregt und den zersetzenden Agitationen
Thor und Thür geöffnet. Bald genug sollten Zeiten kommen, welche
mit den wirthschaftlichen Schwierigkeiten, die den Fabrikbesitzern
erwuchsen, auch den Arbeitern die Gefahr vor Augen führten, die die
Geschäftsstockung ihnen brachte, und welche die ernste Mahnung an Alle
richteten, in Eintracht zusammenzustehen, und nicht in Mißgunst sich
zu übervortheilen. Die Jahre des Aufschwungs der Industrie, wie sie
dem französischen Kriege gefolgt waren, hatten zu einer Entwickelung
der Etablissements und zu einer Ueberproduktion geführt, welche einen
empfindlichen Rückschlag nach sich ziehen mußten. Gleichzeitig waren
mit der vermehrten Nachfrage die Löhne der Arbeiter stark in die
Höhe gegangen und die Preise der Rohmaterialien, Eisen und Kohlen,
in noch stärkerem Maaße gestiegen, so daß sie zu den Preisen der
Fertig-Fabrikate gar nicht mehr im Verhältniß standen. Als nun der
Absatz der Waaren ins Stocken gerieth, als die meisten Werke ihren
Betrieb einschränken und dadurch vertheuern mußten, da konnte die
Gußstahlfabrik sich der gleichen Einwirkung in geschäftlicher Beziehung
nicht entziehen und nur die gerade in diesen Jahren recht bedeutenden
Geschützlieferungen hielten den starken Ausfällen auf den Gebieten
der Friedensartikel jetzt die Waage. So erntete Krupp jetzt für die
Opfer, die er früher der Entwickelung der Waffenfabrikation in seiner
Fabrik gebracht hatte, den wohlverdienten Lohn. Sie gestattete ihm
im Jahre 1874 die Arbeiterzahl von 11690 und selbst im folgenden
Jahre noch 10200 Köpfe. Aber durch die großartigen Neuerwerbungen und
Neuanlagen der letzten Jahre, welche, wie früher erwähnt, nicht nur
der Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit des Etablissements, sondern
in hervorragendem Grade auch seinen Angestellten zu Gute kamen, waren
sehr bedeutende Kapitalien festgelegt worden. Krupp hatte, seinem alten
Grundsatz getreu, wiederum nichts kapitalisirt, sondern seine enormen
Einnahmen im Interesse der Fabrik wieder verwendet. In den Jahren der
fortschreitenden Entwickelung war mittelst der zunehmenden Produktion
auch der Gewinn gewachsen und die Amortisation der für Neuanlagen
verwendeten Kapitalien rasch vor sich gegangen. Nun aber stockte das
Geschäft, die neuangelegten Betriebserweiterungen konnten nicht benutzt
und ausgenutzt werden. Die Kapitalien lagen todt, ohne Zins zu bringen,
und zum ersten Male seit langen Jahren sah sich Alfried Krupp wieder
ein Mal einer wirthschaftlichen Krisis gegenüber. Allerdings war sie
leicht zu überwinden, denn dem Verlangen der Firma, eine Anleihe von
30 Millionen gegen Verpfändung ihrer sämmtlichen industriellen Anlagen
und Bergwerke aufzunehmen, ward mit größter Bereitwilligkeit begegnet.
Im April 1874 ward sie perfekt unter der Bedingung einer Rückzahlung
innerhalb 10 Jahren zum Kurse von 110 und bis dahin zum Zinsfuß von
5%. Man erinnere sich, daß zu gleicher Zeit 4 Dampfer fertig wurden,
der Schießplatz zu Visbeck erworben und die Arbeiter-Kolonien erbaut
worden waren, um den Bedarf so großer Geldmittel zu verstehen. Denn
es überrascht zunächst, daß Krupp zu einer so großen Anleihe sich
entschließen mußte, wenn man die Zahlen betrachtet, welche bis zu
dieser Zeit immer im Steigen begriffen waren und einen bisher noch
nicht erreichten Höhepunkt der Entwickelung zu bezeichnen scheinen. Das
Areal der Gußstahlfabrik bei Essen erreichte, abgesehen von allen nicht
in unmittelbarem Zusammenhang damit stehenden auswärtigen Besitzungen,
die Ausdehnung von rund 307 ~ha~ gegen 230 ~ha~ im Jahre 1872, die
Arbeiterzahl blieb 1874 nur wenig hinter dem Maximum von 1873 zurück.
Aber in der Produktion zeigte sich eine Abnahme, sie betrug 1874 nur
110000 ~t~ gegen 125000 ~t~ im Vorjahre, und Krupp's weitschauendem
Blick entging es nicht, daß ein weiterer Rückgang mit Bestimmtheit
zu erwarten war; als ein kluger Wirthschafter benutzte er die noch
günstigen Verhältnisse, um Kapitalien flüssig zu machen, welche er
wahrscheinlich in den nächsten Jahren nur mit noch größeren Opfern
bekommen hätte.

       *       *       *       *       *

So schließt diese Periode des Aufschwunges der Fabrik mit einem Schritt
der weisen Fürsorge. Der geniale Geschäftsmann verhehlte sich nicht,
daß die nächste Zeit schwere Gefahren -- sowie für die ganze deutsche
Industrie -- so auch für ihn und sein Werk im Schooße trug: die
wirthschaftlichen Schwierigkeiten würden sich zunächst noch steigern,
der Absatz der Erzeugnisse noch weiter zurückgehen, die Thätigkeit der
Fabrik und damit die Arbeiterzahl beschränkt werden müssen; anderseits
waren in den sozialdemokratischen und ultramontanen Bestrebungen
ihm Feinde erstanden, welche voraussichtlich nicht durch den einmal
abgeschlagenen Angriff sich würden einschüchtern lassen, sondern ihre
heimliche Wühlarbeit immer auf's Neue beginnen, um sein Verhältniß
zu seinen Untergebenen zu untergraben. So fest und unverzagt er, im
Bewußtsein seiner stets im vollsten Maaße erfüllten Pflicht gegen seine
Untergebenen, den weiteren Unternehmungen dieser Gegner entgegensah,
so wenig durfte er die Bedeutung ihrer unheimlichen im Verborgenen
rastlos betriebenen Arbeit unterschätzen. Dieser Feind war, weil in
seinen Mitteln rücksichtslos und gewissenlos, in seinen Erfolgen
unberechenbar, viel schlimmer als die geschäftlichen Krisen, welche
auch zu bestehen sein würden. Denn im gegenseitigen Vertrauen mit
seinen Arbeitern glaubte er letztere bei der stetig gleichbleibenden
Güte seiner Erzeugnisse wohl überwinden zu können. Wenn aber das
Werkzeug, wenn seine Angestellten, ihn im Stiche ließen, dann stand
alles auf dem Spiele. Deshalb richtete er in den nächsten Jahren sein
Augenmerk unablässig auf Mittel, welche ihm zur Belehrung seiner
Untergebenen, zur Kräftigung ihrer Gesinnung, zur Erhaltung ihrer Treue
dienen könnten und versäumte so auch im Interesse des Staates, des
Gemeinwohls nichts, um den kommenden Gefahren vorzubeugen.



~IX.~

Schwere Jahre.


Mit der ersten, dem Geschäftsrückgang entsprechenden Maßregel ging
Krupp sofort vor. Es war die für seine Arbeiter empfindlichste und
doch im allseitigen Interesse voraussichtlich nicht zu umgehende;
deshalb entschied er sich für ihre sofortige Ergreifung, um eine
klare Situation zu schaffen. Er setzte sämmtliche, in den letzten
Jahren unmäßig gestiegenen Löhne herab und kündigte diese Maßregel mit
folgender offenen und ehrlichen Begründung seinen Angestellten an:

  »Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken
  so außergewöhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern
  außergewöhnliche Löhne zugeführt. Diese scheinbar glückliche Zeit
  hat in das Gegentheil sich umgewandelt: _Arbeit ist jetzt wenig
  geboten_ und _Entlassungen_ werden auf allen Werken vorgenommen.
  Auch die Gußstahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine
  größere Anzahl von Leuten entlassen zu müssen. Da die Löhne nicht
  im Verhältniß stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird
  für alle Zweige der Fabrik eine _Ermäßigung der Löhne_ nothwendig
  eintreten müssen, solange, bis ein richtiges Verhältniß zwischen
  Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese
  Ankündigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand plötzlich
  überrascht werde. Ueber das Maaß und die Dauer dieser Lohnermäßigung
  läßt sich heute nichts sagen; sie hängt von den Zeitverhältnissen
  ab. Bei Durchführung dieser Ermäßigung hofft die Firma indessen es
  zu ermöglichen, daß alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten
  können. Es wird ihr dabei zur größten Befriedigung gereichen, wenn
  alle treuen Arbeiter -- trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse
  ruhig und ohne Sorgen für ihre Zukunft -- fortdauernd beschäftigt
  bleiben können, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben
  die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedürfnisse in möglichst
  erweitertem Maße zuzuführen. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der
  Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklärung, daß
  jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kündigung anzusehen ist.

  Essen, Gußstahl-Fabrik, den 28. Dezember 1874

                                            (gez.) Fried. Krupp.«

Die große Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen mußte in den nun
folgenden knapperen Jahren den Arbeitern recht fühlbar werden. Sie
sind nicht ohne Berechtigung in der Bekanntmachung hervorgehoben,
denn soeben war die große Central-Verkaufsstelle eröffnet worden,
welche außer den Ladenräumen für Kolonial-, Manufaktur-, Schuh-,
Eisenwaaren und Hausgeräthen ein Reservelager für Manufakturwaaren,
eine Schneider-Werkstatt, eine Speise-Anstalt und Wohnungen für
das Personal, ferner Lagerkeller für Wein, Bier, Leder-, Woll- und
andere Waaren, ein Lager von Möbeln und Nähmaschinen enthält; und die
Bäckerei war durch einen Neubau mit 12 Backöfen und 3 Knetmaschinen
erweitert worden. So war Krupp angesichts der kommenden wirthschaftlich
ungünstigeren Jahre bei Zeiten darauf bedacht, seinen Arbeitern deren
Ueberwindung nach Möglichkeit zu erleichtern. Anderseits zeigte die
stetig zunehmende Beanspruchung der Konsumanstalten, daß die Arbeiter
auch die ihnen hieraus erwachsende Erleichterung und Wohlthat wohl
auszunutzen wußten. Die Gesammt-Einnahme der Konsumanstalten, welche
1871/72 sich auf 1445500 Mk. belief, stieg von Jahr zu Jahr und
bezifferte sich 1874/75 auf 3230000 Mk., beinahe ½ Million mehr als im
Vorjahr, wo doch die Arbeiterzahl wesentlich höher gewesen war.

Ob die Fürsorge Krupps auch von seinen Arbeitern durchweg gewürdigt
und anerkannt wurde, ist fraglich. Es entging ihm nicht, daß mit den
zunehmenden wirthschaftlichen Schwierigkeiten die sozialdemokratische
und sozialistisch-ultramontane Agitation immer mehr Boden in der
Gußstahlfabrik fand, um ihre giftige Saat auszustreuen. Gespart
hatten die Arbeiter in den verflossenen fetten Jahren nichts, die
Unzufriedenheit nahm mit den knappen Löhnen und der beschränkteren
Lebensführung zu. Als er sich umsah nach Hilfsmitteln, um dem
heranschleichenden Gegner des Mißtrauens, des Treubruchs zu begegnen,
da fiel Krupp eine kleine Schrift in die Hand, welche ein anderer
erfahrener Fabrikbesitzer, Friedrich Harkort in Wetter an der Ruhr,
soeben unter dem Titel »Arbeiter-Spiegel« herausgegeben hatte. Sie war
ihm aus der Seele geschrieben, er ließ sie sofort in mehreren tausend
Exemplaren abdrucken, und mit folgendem, selbst verfaßtem Vorwort im
Februar 1875 an seine Arbeiter vertheilen:

  »Ein Rückblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen
  so großen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals
  und jetzt, daß Betrachtungen über die nächste und fernere Zukunft
  und über die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl
  eine Pflicht geworden sind für jeden Betheiligten und Berufenen.
  Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und
  Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Höhe desselben. Außerdem
  trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, daß _mit dem Steigen
  der Löhne die Unzufriedenheit zunahm_ und daß zur Zeit, als Jedermann
  Fortdauer der bestehenden günstigen Verhältnisse hätte wünschen
  sollen zum Besten aller Betheiligten -- Arbeiter und Arbeitgeber,
  -- sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um
  durch Druck auf den Arbeitgeber noch höheren Lohn zu erpressen.
  Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen
  auch den Stillstand der Gußstahlfabrik zu erzwingen, als solche für
  lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise für den Staat
  übernommen hatte. Durch große Opfer ist damals dieses Unglück,
  welches doch am härtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben
  würde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies
  veranlaßt. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Unterstützung
  des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze
  desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Fürsorge
  wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstsüchtigen,
  räuberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige
  Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung
  ihnen günstig erscheint.

  Erfüllt von solchen Sorgen für das Wohl des Arbeiterstandes entdecke
  ich eine Schrift: »Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort«, welche
  ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die
  Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert
  und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen
  und zur Zufriedenheit führt. Der Name des Verfassers bürgt dafür,
  daß er nur diese uneigennützige Absicht befolgt. Schon vor fünfzig
  Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter
  beschäftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den
  Puddlingsprozeß in Deutschland und zwar in Wetter a. d. Ruhr
  einführte trotz Kosten, Mühe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen
  haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen
  Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte,
  habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und
  anderen großen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein
  Mann, der seit dem Rücktritte aus der gewerblichen Thätigkeit sein
  Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der
  arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat,
  eine Schrift wie diese veröffentlicht, so darf dieselbe wohl als
  ein Gruß an seine Schützlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes
  Vermächtniß angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich
  mit gleicher Wärme für das Wohl des Arbeiterstandes die erwähnte
  Schrift zur allgemeinen Kenntniß und Beherzigung. Der Kern der
  Schrift ist ein Beweis, daß Fleiß, Treue, Mäßigkeit, Sittlichkeit
  und Ordnung im Hauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen
  des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und daß diese Tugenden
  selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, daß dagegen trotz aller
  Fähigkeit, trotz aller List und feindseliger mächtiger Vereinbarungen
  am Ende Unbotmäßigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei
  zeitweise erpreßtem hohem Lohn ins Verderben stürzen. Das Schicksal
  der Arbeitseinstellungen in England hat Unglück gebracht über
  Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben
  werden. Die treu bewährten guten Leute wird man selbst in schlechten
  Zeiten mit Vorzug und Opfern schützen -- die schlechten, welche auf
  kein Mitgefühl rechnen können, wird man bei der nächsten Gelegenheit
  entfernen. Und so wird es auch auf der Gußstahlfabrik gehalten sein
  und bleiben.

  Aber Fleiß, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbürgen
  allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er muß auch durch
  seine _Führung außerhalb der Fabrik_, durch sein _Hauswesen_ und
  durch die _Erziehung seiner Kinder_ sich Achtung erwerben und das
  Vertrauen zu seiner Beständigkeit. Man wird zum Nutzen des großen
  Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.

  Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die
  Zeitumstände hervorgerufen wird. Ich wünsche nämlich, daß auf allen
  Werken der Gußstahlfabrik bis in die fernsten Zeiten _Friede_ und
  _Eintracht_ herrsche _zwischen den Konfessionen_, wie dies bisher
  stattgefunden. Nach einer 48jährigen Thätigkeit als Arbeitgeber
  bekenne ich mit Freuden, daß ich, obgleich protestantisch, von
  Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister
  hatte, und daß ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue;
  vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von
  ihnen aus allen Konfessionen zum großen Theile das Gelingen meiner
  Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens äußere
  ich die Hoffnung, daß es ferner so bleiben möge. Ich wünsche auch,
  daß die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den
  Spielplätzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit
  sie später als Männer, jeder nach seiner Kraft und Befähigung, auf
  den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen
  ihren Beruf erfüllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die
  Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit.
  Wer dieselbe zu stören wagen möchte, sei er jung oder alt, stehe
  er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, daß
  solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, daß vielmehr Jedermann
  auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu
  befestigen.

  Mit diesem warmen Wunsche schließe ich.

    Februar 1875.                             Alfred Krupp.«

Auch in diesem Schriftstück betont Krupp wieder den konfessionellen
Frieden. Es sind seine schlimmeren Feinde, die Hetzkapläne,
welche die durch den Kulturkampf irre gewordenen Arbeiter gegen
ihren protestantischen Fabrikherrn zu erregen suchen. Es ist der
große Kampf des paritätischen preußischen Staates, der sich hier
in den kleineren Verhältnissen des auf paritätischer Grundlage
aufgebauten Etablissements widerspiegelt. Mittelst der Phrasen
von Arbeiterausbeutung und Bereicherung der Besitzer konnten die
staatsfeindlichen Elemente an Krupps Arbeiter nicht heran. Diese hatten
in guten und bösen Zeiten doch zu gut ihres Herrn Fürsorge kennen
gelernt, als daß sie dagegen die Vorspiegelungen der Agitatoren in
gutem Glauben gern vertauscht hätten. Sie konnten bei der gegenwärtigen
traurigen Lage aller wirthschaftlichen Verhältnisse es nirgend besser
haben, als in der Gußstahlfabrik. Die sozialdemokratischen Wühler,
deren Hetzereien am meisten Anknüpfungspunkte in den verflossenen
Jahren des industriellen Aufschwunges gefunden hatten, schoben
aber jetzt ihre sozial-ultramontanen Genossen ins Vordertreffen,
die Agitation ward vom Geldbeutel auf das Gewissen übertragen, um
das Vertrauen zu dem Ungläubigen zu untergraben und konfessionelle
Streitigkeiten zu erregen. Auf diese Weise ward der Grund und
Boden vorbereitet, auf welchem später die Saat der politischen
Unzufriedenheit desto besser Wurzel schlagen konnte. Wenn auch zur
Zeit Krupps Ermahnungen mit bestem Erfolg gekrönt zu sein schienen,
so sollten doch die späteren Ereignisse ihn von dem tiefbetrübenden
Erfolge überzeugen, welchen die stetige und unermüdliche Wühlarbeit
seiner unheimlichen Feinde errungen hatte; er fand nicht mehr bei
Allen den alten Glauben an sein Wort, das alte Vertrauen zu seiner
Führerschaft; sie gingen andere Wege als ihr Herr und Meister.

Als in dem folgenden Jahre die Aufträge weiter zurückgingen, als die
Arbeiterzahl der Gußstahlfabrik von 9741 im Januar 1876 auf 8322 im
Dezember vermindert werden mußte und auch die Zahl der Grubenarbeiter
von 6839 auf 6111 Mann herabsank, glaubte Krupp eine Maßregel einführen
zu müssen, welche lediglich auf eine Lohnverbesserung seiner Arbeiter
hinzielte, jedenfalls aber von seinen Gegnern in anderem Sinne
ausgebeutet wurde. Bislang war eine größere Zahl von Feiertagen --
meist Festtage der katholischen Kirche -- in der Fabrik gebräuchlich
gewesen, wodurch die evangelischen mit den katholischen Arbeitern zur
Unthätigkeit und hierdurch zum Verlust des Arbeitslohnes an diesen
Tagen gezwungen worden waren. Krupp legte die Sache dem Generalvikar
von Münster zur Begutachtung vor und erst, als er von dieser Seite die
Antwort erhielt, daß keine Bedenken gegen sein Vorhaben zu erheben
seien, sofern den katholischen Angestellten nur der Besuch der Messe
ermöglicht werde, verfügte er am 3. Januar 1876 Folgendes:

  »Die ungünstigen Zeitverhältnisse, welche eben so nothwendig für den
  Arbeitgeber große Verluste, wie für den Arbeiter Schmälerung der
  Einnahmen herbeiführen, veranlassen die Firma, um diesen Uebelständen
  im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel
  aufzustellen:

  1. Es soll die Arbeit in Zukunft außer an den Sonntagen nur an den
  gesetzlichen Feiertagen ruhen, nämlich: Neujahrstag, Charfreitag,
  Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag,
  Pfingstmontag, Weihnachtsfest.

  2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet
  worden, u. a. am: h. Dreikönigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmeßtag,
  Mariaverkündigungstag, Maikirmeßmontag, Frohnleichnamstag, Peter- und
  Paulstag, Mariaempfängnißtag, Herbstkirmeßmontag, soll in Zukunft
  gearbeitet werden.

  3. Um den katholischen Arbeitern die Anhörung der Messe an den unter
  2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die
  Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht möglich sein
  möchte, daß früh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern,
  welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur
  Anhörung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub
  wird indeß, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines
  geordneten Betriebes nach Maßgabe des Arbeiterreglements bestraft
  werden.

  Gußstahlfabrik, den 3. Januar 1876.

                                                      Fried. Krupp.«

Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser
Maßregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um
Aufhebung der Verfügung. Krupp antwortete hierauf, daß er glaube,
dem religiösen Bedürfniß der Katholiken genügt zu haben, indem er
die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht und Schritte gethan habe,
um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche
hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung
keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche
Gewohnheit beseitigt. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden
diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an
diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten
aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen
Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen werden, daß auf der Fabrik
viele Evangelische in Arbeit ständen, die mitfeiern müßten, wenn
die Katholiken feierten. Jeder von denen, die die Petition mit
unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag
der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze,
Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen
durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit,
wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die
Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma
werde daher nicht aufgehoben werden. »Vor 50 Jahren,« so fährt Herr
Krupp fort, »trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und
gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter
wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen ließ, um
nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und
Treue besonders meiner älteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und
ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte.
Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande
bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.«

Die Verfügung blieb in Kraft, nur der Frohnleichnamstag ward noch in
demselben Jahre wieder freigegeben. Den Gegnern war sie eine Waffe, und
sie verstanden sie auszunutzen, um in Essen und in der Gußstahlfabrik
gegen Krupp Stimmung zu machen.

Den Bemühungen entsprechend, welche unausgesetzt auf eine Erweiterung
des Absatzgebietes seiner Artikel gerichtet waren, hatte Krupp
auch große Anstrengungen gemacht, um bei der Weltausstellung in
Philadelphia im Jahre 1876 seine Fabrik und die deutsche Eisenindustrie
in würdiger Weise vertreten zu sehen. Das Hauptstück der Sammlung
bildete eine 35,5 ~cm~ Kanone in Küstenlaffete, ein Rohr von 8 ~m~
Länge und 57,5 Tonnen Gewicht. Es machte nicht geringe Schwierigkeit,
dieses Monstre-Geschütz an Ort und Stelle zu schaffen. Zwar hatte
der eigene Dampfer »Essen« der Firma genügt, um neben den eigenen
Ausstellungsgegenständen die von noch 27 anderen deutschen Firmen
zu verladen und die Geschütze hatten im untersten Schiffsraum gut
untergebracht werden können. Aber das Heben des Rohres bis zum Deck und
die Beförderung ans Land, nachdem das Schiff in den Schuylkill-Fluß
eingelaufen war, verursachte eine beinahe unüberwindliche Arbeit. Die
großen Krähne der Allison'schen Werft reichten für diese Last nicht
aus; der große Krahn, welcher behufs Einlegen des Rohres in die Laffete
auf dem Schiff mitgeführt worden war, mußte auf dem Deck aufgestellt
werden. Durch die kleine Schiffsluke konnte das Rohr aber nicht
horizontal herausgehoben werden; man mußte es erst mittelst Hebebäumen
quer drehen und dann mit dem Krahn in eine schiefe Stellung heben. Nun
erwiesen sich aber die Ketten zu kurz, da sie für diesen Zweck nicht
bestimmt waren. Es blieb kein anderer Ausweg, als ein streckenweises
Heben, Unterstützen der schweren Last mit starken Balkenunterlagen und
abermaliges Heben mit der neu abgerollten Kette, bis man in einzelnen
kleinen Hebungen das Rohr auf Deck hatte. Nicht weniger schwierig war
das Ausschiffen auf den achtachsigen Eisenbahnwagen.

Neben den 6 ausgestellten Geschützen standen Friedensartikel in
großer Zahl und theilweise riesigen Dimensionen zur Ansicht; eine
Schiffswelle mit drei Kurbeln und Kuppelscheibe war aus _einem_
massiven Tiegelgußstahlblock von 30 Tonnen Gewicht hergestellt worden,
sie wog in fertigem Zustande noch 13,5 Tonnen, eine zweite kleinere
Schiffswelle 9 Tonnen. Außer dem Eisenbahn-Material jeder Art waren
aber zwei eiserne Räder von ganz neuer Konstruktion ausgestellt.
Sie waren durch Aufwickeln und nachheriges Zusammenschweißen eines
schmiedeeisernen Bandes gebildet und zwar derart, daß die Breite
des Bandes für Bildung der Nabe, der Scheibe und des Radkranzes in
entsprechender Weise wechselte. Diese Räder wurden auch für die
Vereinigten Staaten und Kanada patentirt.

Es ist merkwürdig, wie Professor Reuleaux, der als Mitglied der
Ausstellungs-Jury des deutschen Reiches damals in Philadelphia weilte,
Angesichts dieser Sammlung von 46 Gegenständen, unter denen nur 9 --
nämlich außer den 6 Geschützen 3 Tragesättel für Gebirgsartillerie --
als Kriegsartikel bezeichnet werden konnten, folgendes schreiben konnte:

»Und wieder in der Maschinenhalle: sieben Achtel des Raumes, so scheint
es, für Krupps Riesenkanonen, die »Killing Machines«, wie man sie
genannt hat, hergegeben, die da zwischen all dem friedlichen Werk,
das die anderen Nationen gethan haben, wie eine Drohung stehen! Ist
das wirklich der Ausdruck von Deutschlands friedlicher »Mission«?«
Wenngleich Herr Reuleaux später sein allgemeines Urtheil über die
deutsche Ausstellung: »Billig und schlecht« dahin abgeschwächt hat,
daß wenigstens die deutsche Eisengroßindustrie die »amerikanische
an Tüchtigkeit übertreffe, ja sich hier auf der Ausstellung allen
übrigen als überlegen darstelle« und des Weiteren sagt: »Krupps
Leistungen bedürfen hinsichtlich ihrer hohen Meisterschaft keines
Kommentars,« so hat er damit nicht wieder gut zu machen vermocht,
was er mit seinem unbedachtsamen und wegwerfenden Urtheil, mit jenem
von allen konkurrirenden Nationen mit Schadenfreude und Wohlbehagen
aufgenommenen »geflügelten Worte« der vaterländischen Industrie
geschadet hat. Und was Krupp betrifft, so hätte er wohl in Erwägung
ziehen müssen, daß die friedlichen Werke der anderen Nationen auch
die Kriegsmaschinen-Sammlungen Schwedens, Rußlands, Brasiliens und
Amerikas enthielten, mit denen der »deutsche Kanonenkönig« doch wohl
die Konkurrenz aufzunehmen verpflichtet war.

Die durch die manchesterliche Mehrheit des Reichstages allen Warnungen
zum Trotz beschlossene Aufhebung auch der letzten noch bestehenden
Zölle auf Eisenfabrikate am 1. Januar 1877 schien dazu bestimmt,
der vaterländischen Eisen-Industrie den Gnadenstoß zu geben. Viele
Werke mußten ihren Betrieb ganz einstellen, der Bergwerksbetrieb sank
zunehmend, da die erzielten Werthe immer mehr herunter gingen. Im
Oberbergamtsbezirk Dortmund sank die Zahl der Bergarbeiter in diesem
Jahre von ca. 84000 auf 74000 und die Produktion verlor bei fast
gleicher Masse der Förderung nicht weniger als 22 Millionen Mark an
Werth. Und doch wies im Gegentheil der Fortschritt der Technik, auch
die deutschen phosphorreichen Erze durch Entziehung des Phosphors in
vollstem Maße nutzbar zu machen, auf eine mächtige Steigerung der
Bergindustrie hin. Aber das Absatzgebiet ward der deutschen Industrie
immer mehr beschränkt und hiermit die Möglichkeit genommen, von
diesem Fortschritt einen Nutzen zu ziehen. Allerorten gab es Schaaren
feiernder Arbeiter, und mußten Volksküchen errichtet werden, um die im
Winter 1876/77 überhandnehmende Noth zu lindern.

Dem gegenüber ist es auffallend, daß die Gußstahlfabrik im Laufe des
Jahres 1877 ihre Arbeiter von 8322 auf 9318 Mann vermehren konnte, und
daß sie allein an Gußstahl 5553 Tonnen mehr produzirte als im Vorjahr,
während allerdings die in den Bergwerken beschäftigten Arbeiter auf
die Zahl von 5300 heruntergingen. Die Gründe sind in vermehrten
Bestellungen auf Kriegsmaterial und Eisenbahnschienen zu suchen.
Allein für die russische Regierung waren bis zum Jahre 1878 1800
Geschütze zu liefern, da der russisch-türkische Krieg die mangelhafte
Konstruktion ihrer Feldgeschütze klar gelegt hatte. Außerdem waren
aber auch für Griechenland, Italien, China, Schweiz, Holland und Japan
namhafte Bestellungen auszuführen; der orientalische Krieg hatte
vielfach die Verbesserung des Geschützwesens nahegelegt. In Folge
dessen war in der Fabrik vollauf Beschäftigung und die Stadt Essen
empfand die Wohlthat, welche ihr aus dem Gußstahlwerk erwuchs, in
vollstem Maße.

Obgleich Krupp nun auch nicht ermüdete in der Fürsorge für seine
Untergebenen, und gerade in diesem Jahre durch Gründung einer
Lebensversicherungs-Anstalt und Eröffnung einer neuen Privatvolksschule
seine Wohlfahrtseinrichtungen vervollständigte, mußte er doch zu
seiner Bekümmerniß sehen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren auf
seinem Gebiet wieder Fuß faßten und ihren verderblichen Lehren Eingang
zu verschaffen wußten. Gelegentlich der Reichstagswahl am 10. Januar
1877 wurde mit allen Kräften gewiegelt und gehetzt, so daß der
ultramontan-sozialistische Arbeiter-Kandidat Stötzel und der speziell
sozialdemokratische Kandidat zusammen 10890 Stimmen erhielten und daß
bei der Stichwahl zwischen ihm und dem ultramontanen Gegner Stötzel mit
11645 gegen 7653 Stimmen den Sieg davontrug.

Krupp hatte bis dahin auf politischem Gebiete sich vollständig neutral
verhalten. Ebenso wie er in religiöser Beziehung keinen seiner
Angestellten glaubte irgendwie beeinflussen oder der einen Konfession
vor der andern irgend ein Vorrecht einräumen zu dürfen, hatte er auch
nach dem politischen Glaubensbekenntniß niemals gefragt und weder
direkt noch indirekt irgendwie in die Bewegung eingegriffen. Er sah
jetzt, daß er dem gesunden Menschenverstand seiner Arbeiter zuviel
zugetraut hatte, daß sie von den Lehren der staatsfeindlichen Partei in
ihrem Unverstand gefangen genommen, daß sie mit allen denkbaren Mitteln
ins sozialdemokratische Lager hinübergezogen wurden und daß hieraus
dem Staate, der Gesellschaft und dem Frieden seiner Fabrik große
Gefahren erwuchsen. Er erkannte seine Pflicht, die Unverständigen zu
belehren und einen anderen besseren Einfluß den gegnerischen Hetzereien
gegenüber zur Geltung bringen zu müssen. Er verfaßte deshalb eine
Brochüre, welche am 15. März als Manuskript gedruckt, unter dem Titel
»Ein Wort an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen« erschien und
folgendermaßen lautete:

  »Ich richte diese Worte an die Angehörigen meiner gewerblichen
  Anlagen, der Gruben und Hüttenwerke, vertraulich und ausdrücklich
  beschränkt auf den Verband von Arbeitern, Meistern und Beamten. Sie
  betreffen meine eigene Hausordnung und sind nicht bestimmt für das
  große Publikum. Ich verwahre mich deshalb ausdrücklich dagegen,
  Grundsätze, Verfahren und Entschließung anderer Arbeitgeber hiermit
  berühren oder beeinflussen, oder auf irgend welchen Zeitungskampf mit
  streitlustigen Gegnern mich einlassen zu wollen. Das Urtheil darüber,
  ob meine Mahnung zeitgemäß, ob sie eine erkannte Pflicht ist, ob
  Eigennutz sie mir eingegeben oder Wohlwollen, das klar zu stellen
  überlasse ich getrost der Zukunft. Von Jedem, Mann und Frau, auch von
  den weniger Gebildeten, will ich verstanden sein. Darum spreche ich
  einfaches deutliches Deutsch. In ähnlicher Weise richtete ich an Euch
  das letzte Mal die Mahnung zu Frieden und Verträglichkeit trotz jeder
  Glaubensverschiedenheit -- und, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg.
  Heute trete ich noch einmal an Euch heran in einer ebenso ernsten
  Frage. Die Gefahr, um die es sich handelt, ist zwar noch nicht
  drohend, und ich vertraue, daß der gesunde Geist des Volkes sie bei
  Zeiten abwenden werde. Dennoch will ich heute schon mich aussprechen,
  weil ich glaube, Euch nützen zu können und weil ich nach 50jähriger
  Dienstzeit nicht darauf rechnen darf, heute Versäumtes später noch
  nachzuholen. Wohl aber rechne ich auf das alte Vertrauen. Trotz
  wiederholter Warnung scheint sich unter einem Theile von Euch der
  Geist der _Sozialdemokratie_ einschleichen zu wollen. Dieser Geist
  aber ist verderblich, und jeder Verständige muß ihn bekämpfen, der
  Arbeiter so gut wie der Arbeitgeber. Daß Ihr dies erkennen möchtet,
  das ist mein Wunsch und Streben.

  In der mildesten Form geht die Lehre der Sozialisten dahin, das
  Eigenthum des Einzelnen zu beschränken, es ihm theilweise zu nehmen.
  Die Gesammtheit oder größere Genossenschaften sollen es besitzen
  und der einzelne Arbeiter Antheil am Gewinn haben. So soll die
  Lage der Arbeiter verbessert werden, sie wird aber nur dadurch
  verschlechtert. Nehme man z. B. an, daß ich aus meinem Besitz sogar
  freiwillig zurückträte und die Leitung meiner Werke dem Belieben der
  Gesammtheit überlassen wäre. Aus der bisherigen oberen Verwaltung
  und von den wirklich Eingeweihten und Befähigten würde schwerlich
  auch nur Einer der neuen Herrschaft sich unterordnen. An Stelle der
  Erfahrung, welche allein im Stande ist, durch geschickte Leitung
  der Fabrikation und Verwaltung die Werke zu erhalten und über die
  Gefahren ungünstiger Zeitumstände hinwegzuführen, würden daher gar
  leicht zweifelhafte unbewährte Kräfte treten und damit das Ganze dem
  Untergange bald zutreiben. Das braucht wohl Niemand näher erklärt
  zu werden. -- Aber selbst angenommen, daß man Leute finden würde,
  welche die Werke zu führen im Stande wären, welche in Preis und
  Qualität die bisher uns vorbehaltene Leistung ausführen würden, mit
  der mächtigen fremden Industrie zu konkurriren und sie zu überflügeln
  -- selbst in diesem Falle würde dennoch die Fabrik aus Mangel an
  Arbeit untergehen müssen, folglich ferner Niemandem mehr Nahrung
  geben, denn die Waare muß nicht nur gemacht, sie muß auch verkauft
  werden. Der inländische Verbrauch ist aber nicht groß genug, um alle
  unsere Werkstätten zu beschäftigen, und ohne eine ununterbrochene,
  vereinte, volle Thätigkeit ist das Werk nicht lebensfähig. Der größte
  Theil der Arbeiten muß also in fremde Länder verkauft werden und geht
  über die ganze Erde. Diese Ausnahmestellung und seine Größe verdankt
  das Werk dem alten Ruf, der Bekanntschaft und dem Vertrauen, welches
  die Verwaltung sich seit dem Beginn der Fabrik vor und nach erworben
  hat. Ohne dieses an Personen gebundene Vertrauen fällt der ganze
  Weltverkehr weg. Kein Staat und keine Regierung würde das Werk als
  das alte ansehen, wenn es unter die Herrschaft der Sozialisten käme,
  an Stelle des Vertrauens würde Mißtrauen treten, und dadurch allein
  schon würden alle Besteller von Kriegs- und Friedensbedarf, Staaten
  und Private, ferngehalten werden.

  Die neuen Volksbeglücker werden sich übrigens auch nicht mit diesem
  bloßen Anfange der Umwälzung begnügen, sie werden weiter gehen
  von Stufe zu Stufe. Was eine fleißige, sparsame Familie, was eine
  Generation ehrlich erworben hat, soll der Faule, Liederliche sich
  aneignen dürfen und der Unfähige dem Tüchtigen gleich gestellt
  werden. Von selbst müssen dann diese Volksbeglücker, welche um jeden
  Preis ihre Pläne durchführen wollen, dazu kommen, alles Eigenthum
  und Erbe, jeden Thron und jede feste Staatsgewalt beseitigen zu
  wollen. Viele gestehen es offen oder versteckt zu, daß sie auch
  die Religion und die Ehe aufheben wollen, damit aber würde Ordnung
  und Zucht, Scham und Sitte verschwinden. Was Jahrhunderte an Gutem
  geschaffen, veredelt, geheiligt haben, soll vernichtet werden --
  vernichtet natürlich mit Feuer und Schwert. Das ist das Ende, zu
  welchem diese Lehre führt. Die vielbesprochene Pariser Kommune,
  ihre Schreckenswirthschaft mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung
  war ein Beispiel der Ausführung solcher verwilderter Anschauungen.
  Dabei begann auch schon bald, was sich überall früher oder später
  wiederholen würde, der Kampf der Leiter und Wortführer unter sich
  um die Oberherrschaft. Diese zu erlangen, ist eben das verborgene
  Streben vieler, die jetzt noch für den gemeinsamen nächsten Zweck,
  für den Umsturz der bestehenden Ordnung in Staat und Haus, vereint
  kämpfen und später kein Bedenken tragen werden, die verleitete
  Masse ihrem Eigennutz zu opfern. Freilich dürfen wir uns sagen,
  daß in unserm Vaterlande eine Umwälzung solcher Art von vornherein
  scheitern würde an der Solidität aller bestehenden Verhältnisse und
  Ordnungen, an der Macht des Staates. Aber ich hege die Zuversicht,
  daß es deren nicht einmal bedürfen wird, um uns vor jenem Aeußersten
  zu bewahren. Die Mehrzahl der Leute, welche für die Sozialdemokratie
  gewonnen sind, bleiben nur dabei, weil sie keine Ahnung haben von
  den verbrecherischen und verderblichen Zwecken derselben. Der Mann,
  der täglich um sein Brot sich abmüht, ist zwar geneigt, auf die
  Verheißungen eines besseren Looses zu hören und möchte es glauben,
  wenn ihm müheloser Genuß des Lebens versprochen wird. Aber die große
  Mehrheit steht zu hoch in Bildung und Rechtsgefühl, um solchen
  Bethörern dauernd zu folgen. Darum werden deren Bestrebungen schon
  an dem gesunden Sinne des Volkes scheitern. _Das_ kann ihm nicht
  verborgen bleiben: die Pläne der Sozialisten sind unausführbar in
  sich selbst und eine Thorheit, denn die Welt läßt es sich einmal
  nicht gefallen, daß jeder Unterschied in Stellung und Werth von
  Menschen und Dingen, daß alles Bestehende, das Gute und Bewährte, auf
  Kosten von Recht und Gesetz vertilgt werde, damit Verbrecher aus den
  Trümmern ihre Lese halten.

  Ich verlasse nun dieses häßliche Bild und so unerquickliche
  Betrachtungen, um zu einem anderen Gegenstande überzugehen und zwar
  zu der Geschichte meiner Werke, damit Ihr einsehen möget, aus welchen
  Gründen und mit welchem Rechte ich nicht ein Haar breit nachgebe in
  meinen Forderungen, welche den Schluß dieser Ansprache bilden werden.
  Es ist bekannt, daß im Jahre 1826 die verfallene Gußstahlfabrik ohne
  Vermögen mir zur Führung anvertraut wurde. Mit wenigen Leuten fing
  ich an, sie verdienten mehr und lebten besser als ich; so ging es
  fast 25 Jahre fort mit Sorgen und mühevoller Arbeit, und als ich
  dann eine größere Zahl von Leuten beschäftigte, war dennoch mein
  Vermögen geringer, als was heute mancher Arbeiter der Gußstahlfabrik
  besitzt. Es waren alle sehr brave Leute, mit denen ich die Arbeiten
  begonnen und durchgeführt habe. Allen, von denen viele bereits in
  die Ewigkeit hinübergegangen sind, habe ich meinen vollen Dank für
  ihre Treue bewahrt. Jene aber, die ich von der Heerde, vom Pflug, als
  tüchtige Handwerker, als Arbeitslose von allen Professionen, oder als
  Kinder von Wittwen angenommen habe, traten bereitwillig bei mir ein,
  weil sie ihr Loos verbesserten, und sie haben in den meisten Fällen
  auch dafür ihren Dank gern ausgedrückt. Mancher von ihnen ist ein
  wohlhabender Mann geworden. (Viele Aeltere, Meister und Arbeiter, die
  zum Theil schon vor ca. 46 Jahren bei mir eingetreten sind, genießen
  schon seit lange ihre Pension; andere arbeiten noch mit voller
  Kraft und alter Treue.) Den Leuten, die ich gebraucht habe, habe
  ich ihren Lohn gezahlt, meistens ihre Stellung verbessert und nach
  gesetzlichen Bestimmungen den Kontrakt verlängert oder sie entlassen.
  Mancher verließ die Fabrik, um anderswo sich zu verbessern, der
  eine ist gegangen und ein anderer hat die Stelle wieder besetzt,
  und wo ursprünglich 3 Mann beschäftigt waren, standen später 15000.
  Im Laufe der Zeit haben mehr als 100000 Mann solchen Wechsel auf
  meinen Werken durchgemacht, und es ist ganz natürlich, daß solcher
  Ab- und Zugang fortdauern wird. Jeder Mann hat nach seiner Kraft und
  Fähigkeit seinen Lohn erhalten, und anstatt eines Jeden konnte in den
  meisten Fällen auch ein Anderer hingestellt werden.

  Es ist bisher Keinem eingefallen, nach Empfang des vereinbarten
  Lohnes noch einen Anspruch zu erheben an den Gewinn. Für diesen
  Anspruch treten aber heutigen Tages gelehrte Volksbeglücker mit
  den schönsten Redensarten auf, und diese haben wesentlich zu den
  bethörenden sozialistischen Lehren geführt. Der Arbeiter hat die
  Erfindungen nicht gebracht. Er wird nicht betroffen von den Kosten
  und Verlusten, welche der Fabrikant für Versuche und Anlagen zu
  tragen hat. Für die Arbeit erhält er seinen Lohn. Es kann keine Rede
  davon sein, daß irgend Jemand einen besonderen Anspruch behalte,
  außer solchem, der in Steigerung des Lohnes und des Gehaltes besteht
  und immer nur Folge größerer Leistungen ist. Das ist Sache der freien
  Vereinbarung. Die Erfindungen und dazu gehörenden Produktionen habe
  ich eingeführt; der Arbeiter darf aber nicht die Frucht verlangen von
  der Thätigkeit Anderer, das ist gegen das jedem Menschen eingeborene
  Rechtsgefühl. Wie Jedermann vertheidige auch ich mein Eigenthum; wie
  mein Haus, so ist auch meine Erfindung mein und die Frucht derselben,
  sie mag Gewinn sein oder Verlust. In seinem Lohne hat der Arbeiter
  den größeren Antheil am Ertrage. Denn durchschnittlich beträgt in
  guten Zeiten der Lohn mehr als drei Viertel des ganzen Werthes der
  Fabrikate, der Rest muß Zinsen, Entwerthung, Verwaltungskosten,
  verlorene Posten und dergleichen decken. Dann erst kommt der Gewinn.
  In schlechten Zeiten aber, wo der Arbeitgeber oft nichts verdient,
  vielleicht viel verliert, behält der Arbeiter immer noch seinen
  Lohn. Der Arbeiter, der in guten Zeiten Antheil am Gewinn verlangen
  möchte, müßte doch auch in schlechten Zeiten, wo zugesetzt wird, den
  Verlust theilen, und doch verlangt er auch dann vollen Lohn. Daher
  ist es nothwendig, daß der Arbeitgeber in guten Jahren mehr verdient,
  als er gebraucht. Gerade wie der Landwirth, muß er auf Wechselfälle
  vorbereitet sein. Beide haben oft die Kosten für die Saat und keine
  Ernte. Hat die Fabrik in guten Jahren ihr Kapital nicht vergrößert,
  so könnte sie in schlechten Jahren nicht bestehen und müßte die
  Arbeiter entlassen. -- Das ist bisher in größerem Maße nicht nöthig
  gewesen, sie hat, wenn Alles darnieder lag, dennoch die Arbeit
  fortgesetzt, auf Vorrath fabrizirt oder mit Verlust verkauft, um die
  Leute zu ernähren und ihren Heerd warm zu halten. Wie ich den Verlust
  allein tragen muß, so ist auch der Gewinn mein von Rechtswegen, denn
  ich habe ihn erworben mit meiner Kraft und meiner Sorge. Ich habe das
  Bewußtsein, daß diese Werke ein Segen sind für das Land und für die
  Arbeiter. Sie sind das umsomehr, weil _mein Interesse mir empfohlen
  haben würde, dieselben im Auslande zu errichten, wo ich früher und
  mehr Anerkennung und Absatz gefunden habe und größere Vortheile haben
  würde_.

  Um die Lage meiner Arbeiter zu verbessern, war ich von jeher zunächst
  darauf bedacht, ihnen ein möglichst sorgenfreies Dasein für die
  Zeiten zu verschaffen, in denen sie selbst nicht mehr arbeiten
  könnten. Ihr selbst wißt es am besten, wie es mit Kranken, Invaliden
  und ausgedienten Arbeitern bei uns gehalten wird. Dann habe ich den
  Arbeitern Wohnungen gebaut, worin bereits 20000 Seelen untergebracht
  sind, habe Schulen gegründet, Schenkungen verliehen und Einrichtungen
  getroffen zur billigen Beschaffung von allem Lebens- und Hausbedarf.
  Ich habe mich dadurch in eine Schuldenlast gesetzt, die abgetragen
  werden muß. Damit dies geschehen kann, muß Jeder seine Schuldigkeit
  thun in Frieden und Eintracht und in Uebereinstimmung mit unseren
  Vorschriften. Die jetzt allgemein verbreitete Geschäftsstille hat
  bereits viele Fabriken, Hütten und Gruben unseres Landes empfindlich
  berührt. Geringe Preise haben geringe Löhne zur Folge gehabt, und bei
  einigen Werken ist schon vollständiger Mangel an Arbeit und dadurch
  Stillstand eingetreten. In den verschiedenen Klassen der Gesellschaft
  giebt es Leute, die irrthümlich die Besserung ihrer Lage von der
  Aenderung der Verfassung, der Regierung und der Gesetze erwarten,
  dabei aber das Wesentlichste vernachlässigen, was in ihrer eigenen
  Gewalt liegt. Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit ist der erste und
  sicherste Schutz gegen die beklagte Noth, und wo sie fehlen, helfen
  auch die beste Regierung und die besten Gesetze nichts. Umwälzungen
  jeder Art sind ebenso verkehrte Mittel zur Besserung der Lage, als
  wenn man ein Haus wegen einzelner Fehler abbrechen wollte. Dann wird
  man obdachlos. Man verbessert und reparirt und erhält das Bestehende.

  Die augenblickliche Noth hat ihre Hauptursache in den übertriebenen
  Unternehmungen der vergangenen Jahre, in einer allgemeinen Verirrung.
  Der Arbeiter hatte aber für sich dabei zunächst nur einen höheren
  Lohn erzielt, und wenn er von demselben nicht so viel erübrigt hat,
  daß er damit über die schlechte Zeit sich hinweghilft, so hat er
  damals seinen großen Lohn, der schließlich die Arbeitgeber häufig
  ruinirte, leichtsinnig vergeudet und nun sich selbst Vorwürfe zu
  machen. Das kann er nur ausgleichen durch Sparsamkeit, Ordnung und
  Fleiß. Mit Gewalt und Umwälzungen geht das nicht. In den siebenziger
  Jahren haben wir das Beispiel erlebt, daß trotz der nie dagewesenen
  Höhe der Löhne Bergleute ihre Gruben verließen, und ebenso Arbeiter
  die Fabriken, um die Besitzer zu unmöglichen Erhöhungen der
  Löhne zu zwingen. Das hat keinen Segen gebracht und hat auch nur
  zurückgeführt werden können auf Verführungen Fremder, die auch jetzt
  noch fortfahren, Aufregung hervorzubringen. -- Ich erinnere daran,
  daß Bergwerke still gelegt wurden, um dadurch auch meine Fabrik zum
  Stillstand zu zwingen, und daß nur mit Aufwand großer Kosten dies
  Unheil von meinen Leuten abgewendet wurde, indem ich sogar bis von
  Saarbrücken Kohlen bezog. England ist groß und mächtig geworden
  durch Industrie, die Arbeiter haben dann Vereine gegründet und die
  Arbeit eingestellt, um höhere Löhne zu erpressen. Dadurch ist zum
  großen Theil die Arbeit von England auf das Ausland übergegangen.
  Die deutsche Industrie hat von diesem Fehler der englischen Arbeiter
  Nutzen gehabt. Das ist auch eine Warnung! Die Nachahmung des
  schlechten Beispiels würde auch unsere Industrie ins Ausland treiben.
  Unter den schwierigsten Umständen habe ich den Muth gehabt, für meine
  Leute einzutreten und behalte ihn auch in der jetzigen schweren Zeit.
  Ich hoffe, daß wir sie überwinden werden, daß wir Arbeit behalten
  werden. Alle Kräfte werden dafür nach allen Seiten aufgewandt. --
  Das sollten die Arbeiter dankbar anerkennen, und diejenigen, welche
  täglich für diesen Zweck Sorge und Mühe aufwenden, durch freundliche
  Dienstfertigkeit aufmuntern für den schweren Beruf. In welchem Maaße
  die Gußstahlfabrik noch weiter von der Geschäftsstille betroffen
  werden wird, das läßt sich noch nicht voraussehen, wenn auch für die
  nächste Zeit Arbeit beschafft ist. Jedermann möge vorbereitet sein
  auf die Ereignisse.

  In früheren Zeiten, wo die Löhne auch verhältnißmäßig sehr viel
  niedriger standen als jetzt, waren die Arbeiter mit bescheideneren
  Ansprüchen glücklicher und zufriedener und kannten nicht den
  verderblichen heutigen Aufwand für Kleidung und Durst. Ich gebe Euch
  nun diesen Rath: Laßt Euch nicht blenden durch schöne Worte und
  erwartet das Heil nicht von solchen, die einen neuen mühelosen Weg
  zur Volksbeglückung gefunden haben wollen. Die Angelegenheiten des
  ganzen Vaterlandes sollen Jedem wichtig und theuer sein, aber dazu
  hilft gar nichts das Kannegießern, das Schwatzen über politische
  Angelegenheiten, das ist nur den Aufwieglern willkommen und stört die
  Pflichterfüllung. Eine ernste Beschäftigung mit der Landespolitik
  erfordert mehr Zeit und tiefere Einsicht in schwierige Verhältnisse,
  als Euch zu Gebote steht. Das Politisiren in der Kneipe ist nebenbei
  sehr theuer, dafür kann man im Hause Besseres haben. Nach gethaner
  Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der
  Frau und den Kindern. Da sucht Eure Erholung, sinnt über den
  Haushalt und die Erziehung. Das und Eure Arbeit sei zunächst und vor
  Allem Eure Politik. Dabei werdet Ihr frohe Stunden haben. Mit dem
  Laufe der Zeit, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird Alles besser. Wer
  zurückblickt in die Vergangenheit, muß sich überzeugen, daß große
  Fortschritte gemacht worden sind zum Besten Aller und vor Allem
  auch der arbeitenden Klasse. Schlechte Zwischenzeiten müssen durch
  treues Zusammenhalten der Arbeiter mit ihrem Arbeitgeber überwunden
  werden. Aber vor 50 Jahren lebte kein Arbeiter so gut in Nahrung,
  Wohnung und Kleidung, als heute. Keiner wird tauschen wollen mit dem
  Loose seiner Eltern und Vorfahren. Was ich nun hiermit ausgesprochen
  habe, möge Jedem zur Aufklärung dienen und deutlich machen, was
  er zu erwarten hat von Handlungen und Bestrebungen im Dienste des
  Sozialismus. So sehr ich auch wünsche, daß meine Arbeiter statt der
  verführenden Schriften nur nützliche belehrende lesen, so kann ich
  doch Niemand dazu zwingen. Die Neigung zum Guten und Schlechten
  zeigt nur den Geist der Leser und kann nicht ohne Folgen bleiben.
  Jeder muß die Folge seiner Handlungsweise tragen. Man erwärmt keine
  Schlange an seiner Brust, und wer nicht von Herzen ergeben mit
  uns geht, wer unseren Ordnungen widerstrebt, kann nicht im Kreise
  unserer Arbeiter bleiben. Denn wo mit Wohlwollen und Gerechtigkeit
  das Regiment geführt wird, muß auch Strenge gehandhabt werden gegen
  solche, die das gute Einvernehmen und den Frieden zum Nachtheile
  der großen Gemeinschaft stören wollen. Wie dies seither mein fester
  Wille gewesen, so ist dies auch eine ausdrückliche Bestimmung
  meines letzten Willens. Statt der zeitweise geübten Nachsicht wird
  daher auch, wie hier angekündigt, Strenge eintreten müssen, wenn die
  Ordnung dies fordert. Möge sich also Niemand durch bisher erfahrene
  Nachsicht verleiten lassen, auf unrechtem Wege zu beharren.

  So schließe ich mit den besten Wünschen für Alle.

                                                 (gez.) Alfred Krupp.«

Ich habe geglaubt, trotz seiner Länge dieses hochbedeutsame
Schriftstück in seinem ganzen Umfang mittheilen zu müssen, weil
es einmal ein schönes Beispiel giebt von Krupps rechtlicher und
schlichter, dabei durchaus auf das Praktische gerichteten Denkweise,
weil es ferner zeigt, wie er in überzeugter Beharrlichkeit das
patriarchalische Verhältniß zu seinen Arbeitern festhält und gegen alle
Beeinflussung zu vertheidigen sucht, und weil es endlich ein seltenes
Dokument ist für seine politischen Ansichten. Die Ueberzeugung, daß
seinen Angestellten zum Politisiren Zeit und tiefere Einsicht fehle,
daß sie in Arbeit und häuslichen Pflichten ihre Politik zu finden
hätten, übertrug er in gewissem Sinne auch auf seine eigene Person.
Sein Haushalt war die Fabrik mit dem ganzen zahlreichen Personal, seine
Arbeit die Führung der deutschen Eisenindustrie im erfolgreichen Kampfe
mit der des Auslandes. Gelang es ihm, durch eine tüchtige erzieherische
und segensreiche Organisation der Verwaltung seiner Werke, sowie
durch kräftige Abwehr der zersetzenden Elemente eine festgefügte,
auf Ordnungsliebe und Pflichterfüllung gegründete Gemeinschaft
herzustellen und anderseits durch stetige Vervollkommnung und absolute
Zuverlässigkeit seiner Erzeugnisse der vaterländischen Industrie ihre
anerkannt führende Stellung zu sichern, so war er sich bewußt, dem
Vaterlande einen unschätzbaren Dienst zu leisten und hierdurch seine
politische Mission für den Staat in vollstem Sinne zu erfüllen. Was
er seinen Arbeitern sagte, wandte er also auch auf sich selbst an:
zu weiterer Antheilnahme an der Politik hatte er keine Zeit und Kraft
übrig.

Eine Aeußerung über Politik suchte er in konsequenter Weise auch stets
zu vermeiden und schob selbst eine Erörterung der sozialistischen
Lehren so lange von sich, bis der Organismus seines Gemeinwesens
dadurch ernstlich gefährdet wurde. Nun aber begnügt er sich nicht mit
Mahnungen und Warnungen, sondern geht gleich direkt auf den Kernpunkt
los, welchen er in der Lehre der Kathedersozialisten erblickt:
»Der Arbeiter ist an dem Ertrag eines industriellen Unternehmens
zu betheiligen.« Er erblickt hierin eine Ungerechtigkeit und eine
Undurchführbarkeit, weil der Arbeiter nicht gezwungen werden kann, an
den Verlusten in gleicher Weise wie an dem Gewinn sich zu betheiligen,
denn er kann die Arbeit jederzeit verlassen, er ist nicht an das
Unternehmen gefesselt, wie der Besitzer und Arbeitgeber. Und diese
seine Ansicht spricht Krupp unumwunden aus; er weiß sie in klarer Weise
zu begründen und seine berechtigten Ansprüche denen der Sozialisten
gegenüber zu behaupten.

Gerade dieser Theil der Schrift mußte weit über die Grenzen der
Fabrik hinaus Aufsehen erregen; die Zeitungen brachten lange Auszüge
daraus, und in allen Kreisen der staatserhaltenden Ordnungsliebe ward
ihr allgemeiner Beifall gezollt. Die sozialdemokratischen Agitatoren
waren eifrig bemüht, den fühlbaren Eindruck, welchen die Broschüre
auf die Arbeiter, namentlich in Essen, gemacht hatte, abzuschwächen
und begannen, in lärmenden Versammlungen diese zu diskutiren. Diesem
Unwesen machte Krupp aber, soweit seine Macht reichte, energisch ein
Ende. Er kündigte Anfang April 30 Arbeitern, welche hauptsächlich die
Agitation betrieben hatten, ihre Stellung. Wenngleich die »Essener
Freie Zeitung« diese Zahl gleich zu 120 anwachsen ließ und einen Aufruf
zur Unterstützung der »Märtyrer« erließ, hatte das für die Fabrik
keine weiteren Folgen. Der Friede und das gute Einverständniß mit den
Angestellten war wieder hergestellt.

Es kam das Jahr 1878 mit seinen schmachvollen Mordversuchen, welche
zwei Sozialdemokraten am 11. Mai und 2. Juni gegen den verehrtesten
und verehrungswürdigsten Regenten seiner Zeit, gegen Kaiser Wilhelm,
verübten. Nun mußte endlich den sozialdemokratischen Verhetzungen,
die man in verblendeter Gleichgültigkeit immer weiter sich hatte
ausbreiten lassen, mit Ernst entgegengetreten werden. Dem neuen
Reichstag fiel diese Aufgabe zu, und die staatserhaltenden Elemente
hatten im ganzen Reiche die triftigste Veranlassung, ihre Meinung bei
den Wahlen der Abgeordneten zur Geltung zu bringen. Jetzt trat die
Frage an den angesehensten und einflußreichsten Mann von Essen, an
Alfried Krupp, heran, ob er die Vertretung des Wahlkreises übernehmen,
ob er zu Gunsten einer für den Staat so außerordentlich wichtigen
Aufgabe aus seiner politischen Zurückhaltung heraustreten und für
die Staatsinteressen sowie für die Arbeiterinteressen im Reichstage
eintreten wollte. Es gab keinen Mann, der mehr Vertrauen genossen und
der mehr Aussicht hätte, gegen den sozial-ultramontanen Kandidaten
Stötzel den Sieg zu erringen. Männer wie Löwe und Berger, Kreutz und
Stumm ließen sich für ihre Industrie-Bezirke gewinnen, aber es erschien
ein Reform-Reichstag auf dem Gebiete der sozialen und wirthschaftlichen
Gesetzgebung ohne den erfolgreichen Vorgänger Alfried Krupp kaum
denkbar.

Die Vertrauensmänner-Versammlung am 26. Juni und die öffentliche
Wählerversammlung am 7. Juli wählte einstimmig Krupp zum Kandidaten
der regierungsfreundlichen Parteien; es handelte sich darum, auch die
ultramontanen Wähler zu gewinnen und man glaubte dessen sicher zu sein,
wenn er sich bereit erklärte, die Wahl anzunehmen. Aber er enthielt
sich jedes Zeichens der Zustimmung; die Gegenpartei wußte daraus Gewinn
zu ziehen, indem sie die Aufstellung der Krupp'schen Kandidatur als
gegen seinen ausdrücklichen Willen geschehen hinstellte; Stötzel,
welcher sich vollständig dem Programm der Zentrumspartei unterworfen
hatte, ward von den Ultramontanen gewählt und ging aus der Wahl am
28. Juli mit 14527 Stimmen, mit 113 Stimmen über die absolute Mehrheit,
als Sieger hervor. Die liberalen und nationalen Stimmen betrugen
13882 gegen 2693 im Jahre 1871 und 6634 im Jahre 1877, aber das war
ein geringer Trost: kirchlicher Fanatismus und politischer Unverstand
hatten gesiegt.

Soll man Krupp aus seiner Zurückhaltung einen Vorwurf machen? Er ist
zu verstehen aus seinem an der einmal gewonnenen und ausgesprochenen
Ueberzeugung zäh festhaltenden Charakter. Seine Arbeit wollte er
allein als seine Politik betrachten. Zu der Uebernahme einer weiteren
Aufgabe konnte er sich selbst unter den vorliegenden schwerwiegenden
Verhältnissen nicht entschließen, fühlte sich vielleicht auch bei
seinem Alter von 66 Jahren den vermehrten Anstrengungen nicht mehr
gewachsen.



~X.~

Neue Aufgaben und neue Erfolge.


Gerade dieses letzte Jahrzehnt seines Lebens stellte Krupp die Aufgabe,
seine Befähigung zum Geschütz-Konstrukteur -- nachdem er einmal
als solcher den Wettkampf aufgenommen hatte -- auch durch weitere
Fortschritte zu bethätigen. Da war nicht nur seinem Gußstahl in der
Stahlbronze ein einflußreicher Gegner erstanden, sondern da ward auch
seiner Konstruktion der Rohre, des Verschlusses und der Laffeten von
den tüchtigsten Konstrukteuren der Krieg erklärt, da galt es zu zeigen,
ob seine Ideen entwicklungsfähig, ob sie auch gesteigerten Ansprüchen
durch weitere Vervollkommnungen zu entsprechen im Stande seien. Und
wenn Alfried Krupp am Abend seines Lebens des Sieges sich noch freuen
durfte, so war es gerade die Unbezwingbarkeit seiner ersten Ideen,
welche ihm dazu verhalf und die Ueberlegenheit dieses Mannes über
seine Gegner klarlegte, die von einem Konstruktionsprinzip zum andern
sprangen im vergeblichen Versuche, ihn zu überflügeln.

Die neuen Aufgaben und erhöhten Forderungen lagen zunächst auf dem
Gebiete der schweren -- Belagerungs- und Schiffs-Geschütze. Die immer
zunehmende Stärke der Schiffspanzer bedingte für diese, namentlich
für die Küstengeschütze eine größere Durchschlagskraft, um die
feindliche Flotte in respektvoller Ferne zu halten; Krupp entsprach
dieser Aufgabe durch Konstruktion einer 35,5 ~cm~ Ringkanone, wie
sie 1876 zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt wurde. Mit einer
lebendigen Kraft von 6633 Metertonnen übertraf dieses Riesengeschütz
das soeben in England fertig gestellte 81 Tons-Geschütz (ein 36,8 ~cm~
stählerner Hinterlader), welches nur 6484 Metertonnen an lebendiger
Kraft erreichte. Man konnte annehmen, daß Krupp's Geschütz den Panzer
des damaligen stärksten englischen Schiffes »Inflexible« (60,96 ~cm~)
noch auf 1800 ~m~ Entfernung durchschlagen würde.

Die Küstenvertheidigung stellte aber noch eine zweite Aufgabe. Es
erschien ausführbar, die feindlichen Schiffe durch eine Durchschlagung
ihres Decks kampfunfähig zu machen; jedoch bedurfte man hierzu eines
Wurfgeschützes, welches auf größere Entfernungen mit der hinreichenden
Treffsicherheit ausgestattet war, um das verhältnißmäßig ungünstige
-- weil sich bewegende und nicht sehr große -- Ziel auch zu treffen.
Der von der deutschen Admiralität zu diesem Zwecke zunächst ins Auge
gefaßte 21~cm~-Mörser genügte in letzterer Beziehung nicht, und Krupp
konstruirte deshalb 1875 selbständig eine 28~cm~-Haubitze, mit der auf
dem Schießplatz in Visbeck sehr günstige Resultate erzielt wurden.
Das Geschütz erreichte bei 45° Elevation eine Wurfweite von 7500 ~m~,
also einer deutschen Meile. Das Geschütz ward in der Folgezeit noch
wesentlich verbessert, erhielt namentlich durch eine schwerere und
längere Granate eine größere Durchschlagskraft und erreichte bei dem
Schießversuch 1879 eine Schußweite von 7870 ~m~.

Auch die 35,5~cm~-Kanone machte nach 1875 wesentliche Veränderungen
durch, erhielt bei kleinerem Gewicht eine größere Rohrlänge von
8,80 ~m~ und erreichte bei den Schießversuchen in Meppen 1878 eine
Schußweite von 10000 ~m~; ein gleiches Maaß auch die gleichzeitig
vorgeführte 28~cm~-Kanone. Diese Schießversuche im Jahre 1878 sind
deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie zur ersten Erprobung des neu
eingerichteten Schießplatzes in Gegenwart zahlreicher Gäste dienten.

Je mehr sich Krupp mit der selbständigen Konstruktion der Geschütze
beschäftigte, desto mehr mußte er danach streben, alle von ihm und
seinen Technikern gemachten Verbesserungen und Neukonstruktionen auf
eigenen Schießplätzen einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen, sich
in dieser Beziehung also von den Schießplätzen der Staaten und ihren
dort schaltenden Komitees und Prüfungskommissionen ganz unabhängig
zu machen. Nur dieses konnte ein selbständiges weiteres Studium und
die selbständige Ausbeutung der von ihm erreichten Verbesserungen
gewährleisten. Selbst der Schießplatz bei Dülmen und ein im Jahre
1877 gepachteter bei Bredelar genügten den Zwecken nicht mehr, da die
Wirkungssphäre der neuen Geschütze stetig sich steigerte. Deshalb
erwarb Krupp 1877 ein umfangreiches fast ganz ebenes Gebiet bei
Meppen in der Provinz Hannover und richtete dieses zu dem mächtigen
Schießplatz ein, welcher seitdem durch die dort stattfindenden
hochwichtigen Versuche und durch seine nirgend übertroffenen
Einrichtungen so große Berühmtheit erlangt hat.

Ein besonderes Schienengeleise von 3500 ~m~ Länge verbindet die
Station Meppen der Westfälischen Eisenbahn mit den Etablissements des
Schießplatzes. Dieser selbst erstreckt sich mit 16800 ~m~ Länge durch
Haide und Bruchland und wird nur durch drei sehr wenig begangene Wege
quer durchschnitten. Bis zur Entfernung von 12 Kilometer erstrecken
sich beiderseits elektrische Drahtleitungen von dem Geschützstand zu
den Unterständen der Sicherheitsposten, welch' letztere auch mittelst
Signalmasten sich verständigen können. Den Geschützstand bildet eine
für die verschiedenen Geschützarten und Kaliber eingerichtete lange
Betonbettung, über welcher ein Laufkrahn sich bewegt zur Hebung
und Förderung der schweren Rohre, während drei Schienengeleise zu
deren Heranführung dienen. Neben dem Hauptempfangsgebäude und einem
Beobachtungsthurm, von dem man das ganze Vorfeld übersehen kann, steht
ein mächtiger Laffetenschuppen zur Aufbewahrung von Rohren, Laffeten,
Protzen und Geschossen schwersten Kalibers, ein Telegraphenhaus
und zwei Wohngebäude für das Aufsichtspersonal. Ferner fehlen
ein Sicherheitsstand für Panzerschießversuche, Pulvermagazin und
Laboratorium natürlich nicht, um alle Bedürfnisse zur Hand zu haben.
Durch seine Ausstattung mit allen Messungs- und sonstigen Apparaten
übertrifft der Schießplatz in Meppen bisher noch alle staatlichen --
geschweige denn privaten -- derartigen Anlagen, selbst diejenigen
Englands.

Zu einem ganz bestimmten Zwecke, auf den wir noch zurückkommen, hatte
Krupp bereits einmal, im Jahre 1871, vor geladenen Gästen -- Vertretern
aller europäischen Staaten mit Ausnahme Frankreichs, sowie von
Japan, Brasilien und Argentinien -- auf dem Schießplatz von Bredelar
einen größeren Versuch vorgeführt. Er wiederholte diese Einladung im
Jahre 1878, um den neuen Schießplatz bei Meppen würdig einzuweihen
und seine neuesten -- oben bereits erwähnten -- Konstruktionen
den Artillerie-Offizieren aus aller Herren Länder vorzuführen.
Einschließlich eines vorangehenden Versuches in Bredelar verweilten
die militärischen Gäste vom 27. Juni bis 3. Juli, durch Friedrich
Alfred Krupp von einem Etablissement zum andern, von einem Schießplatz
zum andern geleitet, eine internationale Versammlung, welche ihrem
liebenswürdigen Gastgeber zu doppeltem Danke verpflichtet waren;
denn während sie einerseits ihr Wissen und ihre Kenntniß durch die
Vorführung der neuesten Geschützkonstruktionen bereicherten -- woraus
allerdings dem Fabrikherren auch Geschäftsvortheile erwachsen mußten
-- kamen bei dieser Gelegenheit viele bedeutende Persönlichkeiten
verschiedener Nationalitäten in Berührung miteinander, es ward im
Meinungsaustausch manche Verbindung angeknüpft, welche in der Folge
zu einer Förderung der gemeinsamen Wissenschaft beigetragen hat. In
dieser Beziehung sind diese großartigen Versuche Krupps -- denen später
auch Gruson nachahmte -- von großem Werthe für die Entwickelung der
artilleristischen und fortifikatorischen Fragen geworden, und das ist
Alfried Krupp zu danken, selbst wenn er diesen Punkt nicht im Auge
hatte.

Schon im nächsten Jahre wiederholte er seine Einladung, um dieses
Mal vom 5. bis 9. August 1879 ein neues Riesengeschütz, die 40 ~cm~
Ringkanone vorzuführen, welche mit einem 10 ~m~ langen Rohr das
der 35,5 ~cm~-Kanone noch um 1,20 ~m~ überragte. Andere Staaten
hatten nicht gezögert, die Leistungsfähigkeit ihrer Schiffs- und
Küstenartillerie gleichfalls durch Vergrößerung der Kaliber und
Vermehrung der Durchschlagskraft zu steigern; denn bei dem Kampf
zwischen Schiffspanzer und Geschütz waren zunächst die Grenzen --
Tragfähigkeit der Schiffe für die immer gesteigerten Lasten -- noch
nicht erreicht worden. Gerade hierfür aber erschienen die Kruppschen
Geschütze immer am vortheilhaftesten; denn während sie in ihren
Leistungen die gleichkalibrigen englischen wesentlich übertrafen,
hinter den noch größeren (45,08 ~cm~) italienischen aber wenig
zurückblieben, waren sie ganz bedeutend leichter. Die 40 ~cm~-Kanone
wog 72, die englische 40,6 ~cm~-Kanone 81,2 und die italienische
45,08 ~cm~-Kanone 101,05 Tonnen. Nicht mit Unrecht schrieb daher ein
amerikanischer Berichterstatter am 25. Oktober 1879: »Die Ergebnisse
der bei Meppen ausgeführten Versuche sind charakteristisch. Die
Krupp'schen Geschütze besitzen die gleiche Durchschlagskraft wie
die vorhandenen Woolwich-Kanonen von doppeltem Gewicht, so daß
man künftighin Schiffe, welche die englischen Geschütze ihres zu
bedeutenden Gewichtes wegen nicht zu führen vermögen, mit den
leichteren und wirksameren deutschen Kanonen bewaffnen wird. Daraus
muß man also die für Amerika sehr beachtenswerthe und für England
sehr niederschlagende Folgerung ziehen, daß ein lediglich auf seine
eigenen Hilfsquellen angewiesener deutscher Fabrikant im Stande
gewesen ist, nach verhältnißmäßig kurzen Versuchen schwere Geschütze
herzustellen, welche den in der englischen Artillerie eingeführten
bei Weitem überlegen sind, und deren Leistungen die bis dahin von
der Unübertrefflichkeit ihrer Kanonen überzeugten Konstrukteure von
Woolwich genöthigt haben, in aller Eile eine Reihe neuer Versuche zu
beginnen, um den ihnen angebotenen Wettstreit aufzunehmen und womöglich
siegreich durchzuführen.«

Die englischen Woolwich-Geschütze hatten gerade in jenem Jahre einen
empfindlichen Stoß durch das Zerspringen eines Vorderladers auf dem
»Thunderer« erlitten, und bei dem hierauf neu entsponnenen Streit über
Hinter- und Vorderlader hatten die Gegner der ersteren auch wieder
die Unglücksfälle von 1866 hervorgeholt, um nachzuweisen, daß auch
die Krupp'schen Hinterlader ein solches Mißgeschick treffen könne wie
ihr Woolwich-Rohr. Krupp konnte in einer hierauf antwortenden Schrift
(die bereits erwähnt wurde) nachweisen, daß von den 5 Geschützrohren
des nach 1870 eingeführten Systems, welche gesprungen waren, eins in
Folge eines Dauerversuches -- also beabsichtigt -- und vier in Folge
von Sprüngen in den Seelenwänden und daraus entstehenden Klemmungen,
also durchaus nicht unvermuthet und ohne vorherige Anzeichen, gerissen
waren, und doch nur auf je 2500 Geschütze ein einziges fehlerhaftes.

Außer dem neuen 40 ~cm~-Geschütz und der 35,5 ~cm~-Kanone wurde
bei den Schießversuchen des Jahres 1879 eine ganze Reihe anderer
Geschütze, die lange 15 ~cm~-Kanone, die 21 ~cm~ Festungs-Haubitze,
der 15 ~cm~-Mörser, die 24 ~cm~-Kanone in Küstenlaffete, und die
8,7 ~cm~-Pivot-Schiffskanone probirt. Den Schluß bildete aber eine
Vergleichsbeschießung von zwei verschiedenartigen Panzerplatten,
und hiermit betrat Krupp wiederum ein neues Gebiet. Wenngleich
diese ersten Panzerschießversuche ganz bestimmten, eng begrenzten
Zwecken dienten, sind sie doch als Anfang der langen Reihe wichtiger
Panzerschießversuche zu betrachten, deren Schauplatz der Schießplatz
bei Meppen in späteren Jahren werden sollte.

Am 17. Februar des Jahres 1876 hatte Krupp für den preußischen Staat
ein Patent auf ein 15 ~cm~-Geschütz ohne Rücklauf für Panzerbatterien
erhalten, und der bereits erwähnte Schießversuch am 7. und 8. November
1877 auf dem Schießplatz bei Bredelar hatte den Zweck, den Vertretern
aller Mächte diese neue Erfindung vorzuführen. Die Anregung dazu hatten
jedenfalls die Konstruktionen von Maximilian Schumann und Hermann
Gruson gegeben. Ersterer hatte im Jahre 1866 einen festen gepanzerten
Geschützstand zur Erprobung gebracht und letzterer einen gleichen,
aber in Hartguß konstruirten im Jahre 1869 auf dem Tegeler Schießplatz
vorgeführt. Der leitende Gedanke für beide Konstrukteure war die
Sicherung eines Festungsgeschützes gegen die in steter Steigerung
begriffene Wirkung der gezogenen Geschütze durch Umgebung mit einem
eisernen Gehäuse, welches vorn lediglich durch die möglichst klein
zu gestaltende Schießscharte durchbrochen und hinten völlig in den
Wall hineingebaut war. Drei Theile waren hierbei neu und von gleicher
Wichtigkeit: das eiserne Gehäuse, welches durch Gestalt und Material
im Stande sein mußte, dem feindlichen Feuer einen möglichst langen
Widerstand zu leisten; die Scharte, welche so klein zu machen war, daß
keine Geschosse oder Sprengstücke zwischen Rohr und Schartenumrahmung
in das Innere gelangen konnten; und hiermit in unmittelbarem
Zusammenhang eine derartige Laffetirung des Geschützes, daß Seiten-
und Höhenrichtung genommen, sowie geladen werden konnte selbst bei der
minimalen Schartengröße. Die Laffete mußte also so konstruirt sein, daß
der Drehungsmittelpunkt für alle Bewegungen des Rohrs möglichst in der
Scharte lag und daß diese womöglich niemals unverschlossen blieb, daß
also der Rücklauf des Geschützes möglichst ganz beseitigt wurde.

Grusons Hartguß hatte sich ganz besonders geeignet erwiesen, um das
Gehäuse herzustellen. Das Gußeisen gestattete, ihm eine allseitig
abgerundete Form zu geben, auf welche das feindliche Geschoß meist
schräg auftreffen und abgleiten mußte. Die sorgfältige Auswahl der
Eisensorten und die von Gruson zur Meisterschaft entwickelte Kunst des
Coquillen-Gusses ließen es erreichen, daß der Panzer an der Außenfläche
außerordentlich hart wurde, so daß die Geschosse daran zerschellten,
während im Innern das Eisen eine hinreichende Elastizität und
Festigkeit behielt, um nicht in Folge des starken Stoßes zu zerbrechen,
wie gewöhnliches Gußeisen es thun würde. Die Art und Weise, in welcher
der Hartgußpanzer seinen Zweck erfüllt, ist mithin eine ganz andere,
als beim Schmiedeeisen oder Walzeisen-Panzer, wie er in den 60er und
70er Jahren in England hergestellt und allgemein verwendet wurde.
Während der Hartguß mit der harten Außenfläche das Eindringen des
Geschosses verhindert, also undurchdringlich ist, läßt das Walzeisen
das Geschoß wohl eindringen, setzt ihm aber soviel Widerstand entgegen,
daß seine lebendige Kraft beim Eindringen allmählich aufgezehrt wird.
Deshalb mußten die Walzeisen-Panzer immer dicker gemacht werden, je
größere Durchschlagskraft man den Geschossen gab, während die Stärke
der Hartgußpanzer wiederum in Verbindung mit der einer Platte zu
gebenden Masse so groß zu wählen war, daß der empfangene Stoß keine
Verschiebung oder Zertrümmerung nach sich ziehen konnte.

Minimalschartenlaffeten mit Rücklaufshemmung waren von Schumann wie von
Gruson konstruirt worden. Der Hartgußstand hatte seiner zweckmäßigen
Form wegen über den Schumannschen den Sieg davon getragen. Beide
Konstrukteure hatten sich hierauf der Erfindung von Panzer-Drehthürmen
zugewendet und Schumann legte im Jahre 1878 dem preußischen
Kriegsministerium seine Entwürfe vor, welche ein ganz neues Prinzip
der Rücklaufshemmung einführten, indem das Geschütz mit dem Bodenstück
gegen einen Hauptbestandtheil der Panzerkonstruktion gestützt wurde
und in Folge dessen den Rückstoß auf diese übertrug, ohne selbst
aus der Scharte sich zu bewegen. Ungefähr zu dieser Zeit näherte er
sich auch Alfried Krupp, indem er ihm seine Ideen mittheilte und ihn
für diese zu interessiren suchte. Eine Verbindung beider genialer
Männer würde zur Ausführung der Schumannschen Pläne in dem denkbar
besten Material geführt haben und wahrscheinlich viel schneller die
Entwickelung der deutschen Panzer-Formen gezeitigt haben, als es durch
die Verbindung mit Gruson erreicht wurde, denn Schumann hatte durchaus
keine Neigung zum Hartguß, und so bedurfte es erst vieler gegenseitiger
Zugeständnisse und Kompromisse zwischen ihm und Gruson, mit dem er sich
1882 vereinigte, bevor ein wirkliches Zusammenarbeiten möglich war.

Aber Krupp ging auf Schumanns Vorschläge nicht ein. Es ist kaum
anzunehmen, daß er für die Entwickelungsfähigkeit seiner Ideen kein
Verständniß gehabt hätte; aber -- er hatte bereits selbst begonnen,
sich mit demselben Gegenstande zu beschäftigen, er hatte bereits selbst
seine ganz bestimmten Ideen in Ausführung genommen und hielt sie für
gut, vielleicht für besser als die Schumannschen. Jedenfalls hatte er
keine Neigung, auf dem eingeschlagenen Wege sich beirren zu lassen,
und so hat er auch Nichts von den Schumannschen oder Grusonschen
Prinzipien sich in der Folgezeit angeeignet, sondern ist mit einer
gewissen Hartnäckigkeit seiner eigenen Idee treu geblieben, wenngleich
er ihr nicht zu der gehofften Anerkennung und allgemeineren Verwerthung
verhelfen konnte.

Seinen Panzerstand setzte Krupp aus Platten zusammen, deren vordere
und seitliche schräg gestellt wurden zur Vermeidung günstiger
Auftreffwinkel. Das Rohr erhielt einen kugeligen Kopf und wurde mit
diesem in die gleichfalls kugelförmige Schartenöffnung so gelagert,
daß es sich um diesen Kugelkopf bewegte und nicht aus der Scharte
herausgestoßen werden konnte. Während Schumann das Rohr mit dem
Bodenstück aufstützte, hängte es Krupp gewissermaßen an der Mündung
auf, und allgemein nahm man an, daß das Rohr unter dem starken Rückstoß
abreißen würde. Aber das vorzügliche Material des Tiegelgußstahls
hielt auch diese Probe aus, und von einem Zerreißen des Rohres hat man
niemals gehört.

Während später auch der Versuch gemacht wurde, einen Drehthurm für das
Kugelkopf-Geschütz zu konstruiren, führte Krupp zunächst nur den festen
Panzerstand aus, welchen er zum ersten Male 1877 öffentlich erprobte.
Hierbei ward sowohl aus dem Panzerstand auf eine Scheibe, als von zwei
Geschützen (von 12 und 15 ~cm~ Kaliber) gegen den Panzer gefeuert. Ein
zweites Schießen, aber nur aus dem Panzerstand, fand am 28. Juni 1878
auf dem Schießplatz bei Bredelar statt und in dritter Stelle folgte die
Beschießung der Frontplatte des Panzerstandes im Vergleich mit einer
Hartgußplatte am 8. August 1879.

Letztere hatte offenbar den Zweck, die Ueberlegenheit der Kruppschen
über die Grusonsche Panzerplatte und der Stahlgeschosse über die
Hartgußgeschosse vor Aller Augen zu beweisen. Es ist durchaus
verständlich, daß der Mann, welcher lediglich in der begeisterten
Ueberzeugung von der Alles übertreffenden Vorzüglichkeit der
väterlichen Erfindung eine Welt voll Gegner und Widerstände überwunden
hatte, auf den Hartguß, auf das so minderwerthige gemeine Gußeisen mit
stolzer Verachtung herabblickte, daß er nicht begreifen konnte, wie man
in Verblendung diesem schlechten Material Vertrauen entgegenbringen,
wie man die daraus gefertigten Panzerbauten als brauchbar erachten
könne. Es mußte ein Leichtes sein, die ganze militärische Welt davon
zu überzeugen, daß sie sich in einem Irrthum befände. Wie leicht Krupp
diese Sache nahm und -- wie wenig Erfahrung er noch hatte auf dem
Gebiete der Panzer-Versuche, geht aus der Art und Weise hervor, wie er
sein Vergleichsschießen in Szene setzte.

Er hielt es nicht für nothwendig, sich von Gruson eine Platte
schicken zu lassen; er meinte offenbar, das könne doch Jeder, eine
Hartgußplatte herstellen, und -- ließ sie in der eigenen Fabrik
gießen. Das war ein schwerer Irrthum, denn die Fabrikation der
Hartgußplatten, wie sie Gruson für die gründlichste Erprobung nun
bereits seit Jahren gefertigt hatte, verlangt genau in derselben
Weise eine zweckentsprechende Auswahl der Rohmaterialien und eine
sorgfältige Behandlung beim Guß, wie der Krupp'sche Tiegelgußstahl;
ohne genaueste Kenntniß aller Bedingungen, ohne jahrelange Versuche
und Einübung aller Arbeiter ist das Eine so wenig wie das Andere
in zuverlässiger Güte herzustellen. Ferner aber stellte er neben
einander seine Schartenplatte und ein Segment eines Hartgußthurmes,
wovon jene eine Stärke von 508 ~mm~ hatte und über der Scharte noch
durch eine aufgeschraubte Schartenblende von 600 ~mm~ Dicke und
900 ~mm~ Durchmesser verstärkt war, während die Hartgußplatte 625 ~mm~
stark war. Da er beide mit demselben Geschütz beschoß, nämlich mit
der 25,5 ~cm~ Panzerkanone, so hätte er die eigene Panzerplatte um
Vieles schwächer nehmen müssen; denn das bedurfte überhaupt keines
Beweises, daß eine 50 ~cm~ starke Walzeisenplatte durch ein 25,5 ~cm~
Geschoß weder durchschlagen, noch ernstlich gefährdet werden konnte;
anderseits ist das Verhältniß der gegen gleiches Geschoß anzuwendenden
Hartgußstärke der Walzeisenstärke gegenüber viel größer als 6 zu 5. Es
zeigt sich in dieser Anordnung die völlige Unerfahrenheit Krupps auf
dem Gebiete der Panzerschießversuche, denn die auf dieser Grundlage
erzielten Ergebnisse, mochten sie noch so vorzüglich sein, waren
nichts weniger als einwandfrei; und auf werthlose Resultate konnte es
ihm nicht ankommen. In der That ging -- nicht anders möglich -- die
Walzeisenplatte völlig unversehrt aus der Beschießung hervor: aber
auch die Hartgußplatte zeigte nur ein paar Oberflächensprünge, wie
sie sich bei diesem Material immer zeigen, ohne es für die eigenartige
Verwendung weniger brauchbar zu machen. Für diejenigen, welche
den preußischen Schießversuchen gegen Hartgußpanzer nahe standen,
hatten die Ergebnisse durchaus nicht das Beunruhigende, was einzelne
Referenten daraus folgerten, daß nämlich die in Hartguß ausgeführten
Fortifikationen nun als werthlos erwiesen seien.

Scheinbar hatte Krupp mit seinem Panzergeschütz einen großen Erfolg,
denn die Konstruktion hatte, dank dem vorzüglichen Material, die
Erwartungen übertroffen. Thatsächlich war es ein Mißerfolg; denn die
gegen Gruson gerichtete Spitze war wirkungslos und eine weiterreichende
Verwerthung des neuen Konstruktionsprinzips, so geistreich es war,
blieb aus. Hier rächte sich der Fehler, den Krupp begangen hatte, als
er nicht von vorn herein mit seinem Gußstahl den Kampf aufgenommen
hatte auf dem Gebiete der Panzerfabrikation und Panzerkonstruktion.
Erst geraume Zeit später gelang es der Firma, in ersterer das Versäumte
nachzuholen und dann den dem Krupp'schen Fabrikat gebührenden ersten
Rang in der Panzerfabrikation sich zu erobern.

Anders liegt die Sache mit der Erprobung der Stahl- und
Hartguß-Granaten. Letztere hatten sich in den 70 Jahren bei allen
Schießversuchen den Stahlpanzer-Geschossen überlegen gezeigt und
waren allgemein als beste Panzer-Geschosse anerkannt worden. Kürzlich
schien es aber, als wenn der Engländer Sir J. Whitworth mit einer
neuen, künstlich gehärteten Stahlgranate im Begriff wäre, ein dem
Hartgußgeschoß ebenbürtiges Stahlgeschoß zu fabriziren. Dieses mußte
Krupp natürlich zur äußersten Anstrengung anregen, er erfand eine neue
Härtungsmethode und wenngleich die mit dieser hergestellten Granaten
am 8. August 1879 keinen unbedingten Sieg über die Hartguß-Granaten
erfochten, so kann dieser Tag doch als der Ausgangspunkt für die neue
Geschoßfabrikation Krupps angesehen werden. Mit der ihm eigenen zähen
Ausdauer gelang es ihm, seinen gehärteten Gußstahl-Granaten die erste
Stellung und hiermit wiederum einen glänzenden Erfolg zu erringen.

Auch auf dem Gebiet der Feldartillerie war er unermüdlich, um weitere
Vervollkommnungen zu erzielen und konnte bereits in Philadelphia 1876
zwei neue Feldgeschütze und mehrere Gebirgsgeschütze ausstellen, welche
durch Gewichtserleichterung und Vermehrung der Anfangsgeschwindigkeiten
als ein Fortschritt bezeichnet werden mußten. Im Jahre 1879 brachte er
noch ein viel leichteres Feldgeschütz zur Ausführung, das mit Rücksicht
auf einen besonders mangelhaften Zustand der Straßen namentlich für
die außereuropäischen Staaten bestimmt war; denn auch für solche in
allen Erdtheilen waren ja die Krupp'schen Geschütze mehr und mehr zur
unentbehrlichen Waffe geworden.

Die Früchte aller dieser Anstrengungen wollten sich so schnell nicht
einstellen. Bis zum Jahre 1880 schwankte die Arbeiterzahl zwischen
8 und 9 Tausend, blieb also hinter den Zahlen der ersten Hälfte des
Jahrzehnts um 2 bis 3 Tausend zurück, und auch die Produktion nahm
nur langsam zu. Jedoch gelang es, die schweren Bedingungen, unter
denen Krupp vor fünf Jahren die Grundschuld von 30 Millionen Mark auf
sein gesammtes Besitzthum aufgenommen hatte, im Jahre 1879 dadurch
wesentlich zu erleichtern, daß behufs Konvertirung der noch nicht
ausgeloosten Obligationen eine Anleihe im Betrage von 22½ Millionen
Mark zu gleichen Bedingungen aufgenommen wurde. Der Tilgungstermin war
dadurch bis zum 1. April 1899 verlängert worden. Es erschien geboten,
dieses Arrangement zu treffen, um in der immer noch schwierigen Lage
des Werkes größere Mittel flüssig erhalten zu können und nicht durch
starke Rückzahlungen die Einnahmen fortlaufend zu belasten.

Die Ausstellung in Düsseldorf gab 1880 Gelegenheit, ein glänzendes
Bild von der Leistungsfähigkeit der Fabrik zu geben. Es ist hierbei
besonders die Vorführung einer Schiffswelle von 11551 ~kg~ Gewicht
erwähnenswerth, weil diese dem Postdampfer »Frisia« entnommen war, auf
welchem sie von 1872 bis 1877 im Gebrauch gewesen war und in dieser
Zeit 66½ Millionen Umdrehungen bei einer durchlaufenen Gesammtreise
von 262000 Seemeilen gemacht hatte, ohne die geringsten Spuren
einer Abnutzung zu zeigen. Hiermit war ein vorzüglicher Beweis der
Leistungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit des Materials erbracht, der noch
durch das Zeugniß des Herrn Adolf Godeffroy aus Hamburg bekräftigt
wurde, daß andere von der Firma gelieferte Achsen noch einer stärkeren
Beanspruchung sich gewachsen gezeigt hätten, wie z. B. eine 1871
gelieferte Doppelkurbelachse, welche auf der »Vandalia« 111803000
Umdrehungen gemacht hatte. Von einer Konkurrenz mit Krupp war bereits
bei dieser Ausstellung keine Rede mehr; er stand außerhalb des
Wettbewerbes.

Im Jahre 1877 verlebte der Kaiser Wilhelm den Sedantag in der
Gußstahlfabrik. Mit großem Gefolge traf er auf der Reise zu den
Manövertagen in der Rheinprovinz in Essen ein; eine Ausstellung der
Maximal-Produktion eines Tages ward ihm in der Fabrik vorgeführt; um
1000 verschiedene Granaten, die wie ein Teppichbeet gruppirt waren,
schlangen sich 160 Radreifen, 120 Lokomotiv- und Waggonachsen,
160 Eisenbahnräder, 430 Eisenbahnfedern und 1800 Schienen, welche
die ganze Ausstellung wie eine Mauer umfaßten; die im Jahre 1865
gegründete Feuerwehr gab eine Festvorstellung und zu dem Festmahle in
Villa »Hügel« sangen die Arbeiter »die Wacht am Rhein«, ein würdiger
und alle Anwesenden tief bewegender Abschluß eines bedeutungsvollen
und großartigen Tages. Einige Monate später (am 17. Dezember) traf
der Kronprinz in Essen ein, und im Jahre 1878 besuchte der Enkel
des greisen Kaisers, Prinz Wilhelm von Preußen, zum ersten Male
den »Kanonenkönig«, von dessen Sohn Alfred Friedrich er bei der
Besichtigung geführt wurde.



~XI.~

Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung.


Mit dem Jahre 1881 begann für Alfried Krupp die letzte und durch immer
sich steigernde Erfolge hervorragende Periode seines ereignißreichen
Lebens. Er hatte die Höhe erklommen, unermüdliches Streben,
begeisterte Auffassung seines Berufes, unentwegtes Vertrauen auf die
Unübertrefflichkeit des väterlichen Erbes, geniale Erfindungskraft,
weise und praktische Geschäftsführung, echt patriarchalische Fürsorge
für seine Arbeiter und ein auf die Stärkung der vaterländischen
Wehrmacht unablässig gerichteter Patriotismus hatten ihn dahin
geleitet. Der einzelne Mann hatte mit seiner Kraft seinem Werke eine
Bedeutung und Ausdehnung zu geben vermocht, wie sie kein, selbst mit
den größten Mitteln unterstütztes Unternehmen auf dem Gebiete der
Eisen-Industrie hatte erreichen können.

Neue Fortschritte bezeichnen noch in diesen seinen letzten
Lebensjahren die Neukonstruktionen der langen Geschützrohre und der
Schnellfeuerkanonen. Bei dem im Jahre 1882 veranstalteten großen
Probeschießen bei Meppen ward das erste schwere Geschütz von 35
Kaliberlänge, eine 30,5 ~cm~-Kanone von 10,7 ~m~ Rohrlänge, vorgeführt.
Es ward damit die Anwendung größerer Ladungen und schwererer
Geschosse, also eine bedeutende Steigerung der Wirkung beabsichtigt und
erreicht. Zur selben Zeit brachte Krupp ein neues Pulver zur Anwendung,
welches auf seine Anregung hergestellt worden war, und das sich wegen
seines geringen Gasdruckes für große Ladungen viel geeigneter erwies,
als das bisherige Schießpulver. Dieses »braune Pulver« ist als ein
Vorläufer der später verwendeten rauchschwachen Pulver zu betrachten,
und seine Einführung trug wesentlich zur sachgemäßen Entwickelung der
langen Geschützrohre bei.

Im Jahre 1885 folgte dem 30,5 ~cm~ ein von Italien bestelltes
40 ~cm~-Rohr von 35 Kaliberlänge, welches die stattliche
Längenausdehnung von 14 ~m~ erreichte. Die im Jahre 1886 mit diesem
Riesengeschütz unter Anwendung des braunen Pulvers unternommenen
Schießversuche ergaben eine Anfangsgeschwindigkeit von 556-572 ~m~ und
eine Anfangsenergie von 16500 bis 17510 Metertonnen. Eine andere neuere
Pulversorte ließ sogar 579 ~m~ bezw. 17945 Metertonnen erreichen, das
sind Leistungen, an deren Möglichkeit man bis dahin kaum geglaubt
hatte. Selbstverständlich hatte Armstrong sich beeilt, ein Geschütz
zu konstruiren, welches das Kruppsche noch übertreffen sollte; es war
ein Rohr von 41 ~cm~ Kaliber und 36 Kaliber lang, welches bei einer
Anfangsgeschwindigkeit von 651 ~m~ bis zu 18000 Metertonnen lebendige
Kraft erreichte. Danach schien es allerdings wirksamer zu sein. Eine
Vergleichung der Leistungen zeigt aber, daß das Krupp-Geschütz an der
Mündung eine schmiedeeiserne Platte von 1040 ~mm~ Stärke, auf 1000 ~m~
Entfernung noch von 970 ~mm~ Stärke, das Armstrong-Geschütz an der
Mündung nur eine Platte von 1016 ~mm~ und auf 914 ~m~ Entfernung eine
solche von 889 ~mm~ Stärke zu durchschlagen vermochte. Das Krupp'sche
Geschütz war also doch noch überlegen, und hierzu kommt als weiterer
Vorzug die unbedingt größere Dauerhaftigkeit seines Materials.

Italien hatte 4 der 40 ~cm~-Kanonen für Spezia bestellt. Der Transport
machte aber besondere Schwierigkeiten wegen Länge und Gewicht der Rohre
(121 Tonnen). Es wurde ein besonderes Fahrzeug von fast 23 ~m~ Länge
gebaut, das aus 2 Wagen mit je 8 Achsen und einem beide verbindenden
Rohrlager bestand. Da aber jeder der Wagen die Länge von 11,36 ~m~
hatte, mußte er mit Rücksicht auf die Krümmungen der Bahn in der Mitte
mit einer drehbaren Plattform versehen werden, hierauf ruhten die Enden
des Rohres. Die Schweizer Bahnen hielten ihre Eisenbahnbrücken zum
Theil nicht für tragfähig genug, um die kolossale Last von 218 Tonnen
eines beladenen Wagens darauf befördern zu können. Deshalb sandte Krupp
die vier Rohre nach Antwerpen, von wo sie mittelst Dampfer nach Spezia
transportirt wurden.

Es ist bemerkenswerth, daß diese Geschütze paarweise in zwei
Grusonschen Hartgußthürmen aufgestellt wurden und daß bei einer 1886
vorgenommenen Beschießung durch ein Armstrong-43~cm~-Geschütz mit
Krupp'schen Stahlgranaten eine Platte dieser Thürme sich vollständig
bewährte, d. h. für einzelne Treffer dieses größten Geschützes auf
kürzeste Entfernung (85 ~m~) unzerstörbar ist und folglich auf
Gefechtsdistanzen vom Schiffe aus nicht wesentlich beeinträchtigt
werden kann.

Die Frage, ob Krupp oder Armstrong der Vorrang gebühre, welche
ja namentlich bezüglich der überseeischen Länder für beide von
großer Bedeutung war, wurde im Jahre 1885 von dem argentinischen
Oberstlieutenant Sellström einer Besprechung unterzogen, in der er
neben technischen Vorzügen der deutschen Geschütze betont, daß Krupp
stetig an seinem System festgehalten habe, während Armstrong bei dem
wiederholten Wechseln und Schwanken zwischen Vorder- und Hinterlader
nicht den gleichen Grad der Sicherheit für die Güte seiner Rohre in
Anspruch nehmen könne, wie jener; daß Krupps Feldgeschütze von allen
Mächten angenommen, Armstrongs im eigenen Lande verworfen seien; daß
Krupp alle seine vor Zeugen abgehaltenen Schießversuche veröffentliche,
während Armstrong eine kluge Reserve beobachte; daß Krupp sich seine
Blöcke aus dem Rohmaterial selber herstelle, während Armstrong sich
auf Privatlieferanten verlassen müsse. Er ist deshalb der Ansicht, daß
noch viele Jahre vergehen werden, bevor die englischen Stahlgeschütze
dieselben Garantien bieten werden, wie diejenigen von Krupp, die bis
in die kleinsten Details in der Fabrik selbst, unter der Aufsicht von
Spezialisten, angefertigt werden, wie sie keine andere Fabrik der Welt
besitzt.

England hatte bis zum Jahre 1868 einige Geschützrohre von Krupp
bezogen. In den Jahren 61/62 hatte man Versuche mit drei solchen
vorgenommen, hierauf Armstrong im Jahre 1864 8 zehnzöllige und 20
achtzöllige Rohre bestellt, und im folgenden Jahre 64 vorgearbeitete,
54 fertige Kanonen verschiedener Kaliber bezogen. Endlich waren
im Jahre 1868 30 Neunzöller, 10 Achtzöller und 20 Siebenzöller in
vorgearbeitetem, und 6 zehnzöllige Kanonen in fertigem Zustande
nach England geliefert worden. Seit diesem Jahr, in welchem Krupps
Konstruktionen sich den englischen so wesentlich überlegen gezeigt
hatten, waren weitere Bestellungen ausgeblieben, aber zahlreiche
Offiziere wurden zur Essener Fabrik entsandt und wohnten den
Schießversuchen bei, während man immer aufs Neue vergebliche Versuche
machte, Krupp bei seinem weiteren Fortschreiten zu überholen, als er
seine Rohre durch veränderte Konstruktion verbesserte, als er durch
ihre Verlängerung, durch schwerere Geschosse und Anwendung neuer
Treibmittel die Anfangsgeschwindigkeiten um hunderte von Metern und
die Perkussionskraft auf das Doppelte des alten Maaßes von 1868
steigerte. Einen letzten Versuch machte man noch im Jahre 1886, indem
man das beste Material: Stahl, die beste Konstruktion: Mantelrohrsystem
nach Krupp und, wie man meinte, das beste Verschlußsystem: De Bange,
annahm. Die Resultate waren derartig, daß ein Berichterstatter das
Urtheil fällte: »Einer allgemeinen Schätzung nach werden die englischen
Geschütze ~c~/86 den englischen Geschossen etwa dieselbe Leistung
geben, mit denen man bei den Krupp'schen Geschützen im Jahre 1876
einen Abschluß machte -- und damit ist für die nächsten Jahre der
Vergleich der englischen und Krupp'schen Kanonen erledigt.« Gern hätte
man auch ein neues Krupp'sches Rohr nach Woolwich genommen, um es dort
zu probiren, vielleicht um es zu seziren, und eventuell in Konkurrenz
zu stellen. Das scheint aber dem deutschen Fabrikanten nicht behagt
zu haben, sich den nicht unbeeinflußten Resultaten einer solchen
Konkurrenz auszusetzen, denn er verlangte, sein eigenes Personal
dabei in Thätigkeit zu sehen und -- machte bei günstigem Ausgang
eine namhafte Bestellung, 2 Millionen Pfund Sterling, zur Bedingung.
Die Konkurrenz unterblieb. Krupp war jetzt in der Lage, derartige
Bedingungen seinem früheren Nebenbuhler zu stellen, und auch den
Entfall der zur Bedingung gemachten Bestellung konnte er verschmerzen.
Hatten doch die Verhältnisse sich so günstig gestaltet, daß der
ganze Betrag der Anleihe von 1879 bereits zum 1. April 1886 hatte
zurückgezahlt werden können.

Einen gleichen Triumph wie über den englischen Rivalen, sollte Krupp
auch noch über einen französischen Nebenbuhler erleben. Es war dort im
Jahre 1878 für die Feld-Artillerie ein neuer Verschluß von De Bange
eingeführt worden, der sich durch große Einfachheit auszeichnete und
auch für große Kaliber zweckmäßig erschien. Er bestand aus einer
stählernen Verschlußschraube, deren Gewinde auf drei symmetrisch zur
Achse liegenden Zonen unterbrochen war derart, daß der Bruchtheil einer
Umdrehung genügte, um das Schließen zu bewirken. Hierzu kam noch ein
Dichtungsring aus Asbest und Talg, welcher in neuem Zustande vorzüglich
funktionirte. Bei einem Schießversuch zwischen einer Krupp'schen und
einer französischen Feldkanone, welcher Ende 1884 in Belgrad stattfand,
traf erstere das Mißgeschick, daß in Folge mehrerer kleiner Unfälle
bei der Schnellfeuer-Probe Störungen eintraten und das französische
Geschütz die 30 Schuß in 23 Minuten abgab, während das Krupp'sche
deren 30 brauchte, wohingegen bezüglich Trefffähigkeit und Wirkung
letzteres mehr geleistet hatte. Dem großen Siegesgeschrei, welches man
in Frankreich erhob, begegnete Krupp durch das Verlangen eines zweiten
Vergleichsversuchs, und bei diesem erreichte am 6. Mai 1885 sein
Geschütz mit Leichtigkeit die 30 Schuß in 16 Minuten; es hatte also in
jeder Beziehung seine Vorzüge bewiesen. Trotzdem wurde vom serbischen
Kriegsministerium die Fabrik vormals Cail & Cie. in Paris, welche die
vom Obersten De Bange erfundene Geschützkonstruktion ausführt, mit der
Lieferung der neuen Feldgeschütze beauftragt, und die französische
Presse begann auf Grund dieses Ausganges mit großem Eifer Reklame
für die französische Firma zu machen. Die Agence Havas scheute sich
nicht, ihren Lesern folgende Erzählung vorzuführen: »In Betreff der
de Bange'schen Riesenkanone erhalten wir aus Serbien eigenthümliche
Berichte. Die ehemalige Fabrik Cail hat bei der Lieferung für die
serbische Artillerie über ihren gefürchteten Mitbewerber den Sieg
davon getragen. Die näheren Umstände, welche bei dieser Entscheidung
in Betracht kamen, gereichen der serbischen Regierung sowohl als auch
der Gediegenheit der französischen Industrie zu großer Ehre. Der Oberst
De Bange hatte 6½ Millionen, Krupp 11 Millionen verlangt. Kaum hatte
Krupp von dem Preise seines Nebenbuhlers gehört, so ging er mit seiner
Forderung auf 5 Millionen Francs herunter. Herr de Bange, durch den
serbischen Kriegsminister hiervon in Kenntniß gesetzt, erklärte, daß
sein Haus in ehrlicher Weise seine 10 % an dem Handel verdiene und sich
auf irgend einen Abschlag nicht einlassen könne. Daraufhin bedachte
sich die serbische Regierung keinen Augenblick, der Fabrik Cail, trotz
des höheren Preises, ihren Auftrag zu übergeben. Um Krupp die Lieferung
zum Preise von 5 Millionen zu ermöglichen und dadurch seinen Weltruf
zu behaupten, wollte ihm die deutsche Regierung einen Zuschuß von
anderthalb Millionen bewilligen. Der französischen Industrie ist es
übrigens gelungen, das Uebergewicht Krupp's ins Wanken zu bringen, denn
wiederum sind zwei Aufträge, einer von der rumänischen und einer von
der mexikanischen Regierung Krupp entgangen und St. Chamont und dem
Creuzot zugedacht werden.«

Krupp sah sich gezwungen, die wahre Sachlage durch folgende Antwort
festzustellen:

  »Da zu erwarten bleibt, daß Böswilligkeit für weitere Verbreitung
  der _Lügen_ der Agence Havas sorgen werde, sehe ich mich veranlaßt,
  hierdurch ausdrücklich zu erklären, daß die ganze Darstellung der
  serbischen Angelegenheit von Anfang bis zum Ende erfunden ist. Ich
  bin überhaupt gar nicht in der Lage gewesen, einen Gesammtpreis
  anzugeben, da mir nicht bekannt war und bis heute nicht bekannt
  ist, was die serbische Regierung bestellen will. Ich konnte also
  auch gar nicht in die Lage kommen, den Preis von 11 Millionen auf
  5 Millionen Francs herabzusetzen, ganz abgesehen davon, daß meine
  Preise fest sind und jedes Feilschen ein für alle Mal ausgeschlossen
  ist. Da der serbische Kriegsminister in dem genannten Berichte
  mit in die Erzählung hineingebracht ist, was wohl kaum Billigung
  in Belgrad finden wird, so sehe ich mich genöthigt, ausdrücklich
  darauf hinzuweisen, daß der genannte Minister, dem die Krupp'schen
  Detailpreise bekannt sind, die und die Preise de Bange's als ungefähr
  gleich bezeichnet hat. Für die vielleicht bereits zu Gunsten des
  französischen Geschützes gefallene Entscheidung waren lediglich
  Zahlungsmodalitäten ausschlaggebend, welche de Bange in Verbindung
  mit dem Komptoir d'Escompte, dessen beherrschender Einfluß auf die
  serbischen Finanzen genugsam bekannt ist, eingehen konnte, welche
  aber meines Erachtens jede andere Konkurrenz von vornherein ausschloß
  und mich zum Abbruch der Verhandlungen veranlaßte, sobald ich davon
  Kenntniß erhielt. Daß die Resultate bei den in Serbien ausgeführten
  Proben mit Geschützen verschiedener Systeme und Konstruktionen
  die Ueberlegenheit meines Geschützes klar ergaben, werden
  Fachleute aus den Veröffentlichungen in militärwissenschaftlichen
  Zeitschriften ersehen haben; hier mag es genügen, zu konstatiren, daß
  artilleristische Gründe es nicht waren, wenn de Bange die Bestellung
  zugewiesen wird. Was die beiden als Triumph der französischen
  Industrie bezeichneten Bestellungen anbetrifft, so beschränken sich
  dieselben auf zwei Probekanonen für Rumänien, die hauptsächlich nur
  bestellt wurden, weil die Fabrik St. Chamond erklärte, es sei nöthig,
  die zwei Kanonen zusammen mit einem dort bestellten Probethurm zu
  fertigen, und auf Feldkanonen für Mexiko, deren Lieferung ich nicht
  übernehmen wollte, weil die persönlichen Ansprüche des Vermittlers
  nicht mit meinen Geschäftsprinzipien in Einklang zu bringen waren.
  Der erstere Auftrag ist im vorigen Jahre, der zweite vor mehreren
  Jahren ertheilt worden. Also auch in dieser Richtung ist die
  Erzählung der Agence Havas ungenau.«

Es ist dem nur noch hinzuzufügen, daß das ganze Belgrader Probeschießen
nur eine Komödie war, denn die Geschützbestellung bei der Gesellschaft
vormals Cail & Cie. bildete einen Theil der Bedingungen, unter welchen
in diesem Jahre das bei der Gesellschaft sehr interessirte Pariser
Finanz-Institut, das ~comptoir d'escompte~, für die serbische Regierung
eine Anleihe im Betrage von 40 Millionen Francs abschloß. Wie schlecht
die serbische Regierung bei ihrer Annahme der Geschütze System de
Bange gefahren war, ergab sich aus den bedenklichen Niederlagen, die
dieses kurz darauf erfuhr. Innerhalb zweier Wochen ereigneten sich
3 schwere Unglücksfälle mit solchen Geschützen in der französischen
Armee, wobei 1 Offizier und 2 Kanoniere getödtet, 4 verwundet wurden.
Aehnliche Vorkommnisse hatten, wie nun bekannt wurde, bereits früher
stattgefunden und schon eine ganze Zahl von Menschenleben gefordert.
Der Verschluß erwies sich als praktisch unbrauchbar.

Noch einmal -- in seinem letzten Lebensjahre -- sollte Krupp einen
heißen Kampf entbrennen sehen zwischen den verschiedenen rivalisirenden
Geschützsystemen; aber er brauchte keinen Finger zu rühren; die
tüchtigsten Federn des Landes, in dem der Streit ausgefochten wurde,
übernahmen es, seinem System den Sieg zu sichern und gleichzeitig
in glänzender Weise die Ueberlegenheit dieses seines Lebenswerkes
allen anderen Systemen gegenüber mit objektiver wissenschaftlicher
Gründlichkeit zu beweisen. Es war in Belgien, wo gelegentlich der
Erbauung der beiden Maasfestungen Stimmen in großer Anzahl laut
wurden, um theils für die Herstellung der zahlreichen Geschütze in
eigenen Etablissements, theils für die Annahme des Systems de Bange
zu agitiren. Welche Mittel man hierbei anwandte, zeigt die Behauptung
eines militärischen Schriftstellers, des Lieutenant Malengreau: »es
beweist nur, daß Krupp im Stande ist, seine Geschütze durch Tiegelguß
herzustellen, und daß er es auch thut, wenn er Zeitungskorrespondenten
empfängt, was jedoch nicht alle Tage vorkommt.« Und selbst ein
so bedeutender französischer Schriftsteller, wie Oberstlieutenant
Hennebert verstieg sich zu der Behauptung: »Jedermann weiß, daß der
deutsche Kaiser, die kaiserliche Familie, die Hauptpersonen am Hofe und
der Fürst Bismarck ausschließlich Aktionäre des berühmten Hauses an
den Ufern der Ruhr sind... Das Ziel, welches man sich in Deutschland
gesteckt hat, besteht in der Hemmung des Aufschwunges der französischen
Industrie.«

Wohlthuend berührt dagegen die sachliche und objektive Klarlegung
der Frage, mit welcher der Hauptmann E. Monthaye vom belgischen
Generalstab für Krupps System eintrat. Seine Untersuchung führt zu
der unbedingten Anerkennung und einwandfreien Kritik der Krupp'schen
Geschütze. Ausgehend von einer Besprechung der verschiedenen zur
Verwendung kommenden Metalle hebt er die Vorzüge des Tiegelgußstahls
hervor und zitirt das Urtheil des Chemikers Fremy: »Wenn Krupp dazu
gelangt ist, den Kriegsmaschinen jene Vollkommenheit zu geben, welche
man an ihnen kennt, so geschah dies, weil er seit einer langen Reihe
von Jahren ihre Fabrikation auf eine wirklich wissenschaftliche
Grundlage stellte. In seiner Fabrik wird nichts dem Zufall überlassen;
Chemiker analysiren fortwährend die Grundstoffe und die hergestellten
Erzeugnisse; das wissenschaftliche und industrielle Element ist eng
mit dem militärischen Element verbunden; Artillerie-Offiziere sind der
Fabrikation zugetheilt und verfolgen alle Einzelheiten; erhebliche
Summen werden auf neue Versuche verwandt, die mit den verschiedenen
Legirungen, die sich für die Geschützfabrikation eignen, gemacht
werden; jedes untersuchte Metall erhält gewissermaßen seine Akten,
die seine chemische Zusammensetzung, seine Vortheile und seine Mängel
ergeben.« Mit Recht wird hervorgehoben, daß Krupp allein im Stande
ist, sich das größte Vertrauen für seine Fabrikate zu erwerben,
weil er selbst sich die Materialien in dieser wohlüberwachten
wissenschaftlichen Weise zubereitet, während in Frankreich und England
die zu verarbeitenden Blöcke von Privaten gefertigt und geliefert
werden. Nachdem Monthaye hierauf die Verschlußsysteme einer kritischen
Untersuchung unterworfen hat, bespricht er die ballistischen Leistungen
und weist nach, daß die neuen Krupp'schen Geschütze denen von de Bange
durchweg vorzuziehen sind. Er schließt sein Buch mit den Worten:
»Der gegenwärtige Eigenthümer der Kruppschen Fabrik ist ein Greis
von 74 Jahren, dessen eiserne Gesundheit und Thatkraft jedoch dem
Alter und der Krankheit trotzt. Er ist noch heute der Mittelpunkt
von allen den ausgedehnten Unternehmungen, deren Ausgangspunkt die
Essener Gußstahlfabrik ist. Man hat ihn den »Kanonenkönig« genannt,
wie man den verstorbenen Van der Bilt den »Eisenbahnkönig« nannte.
Dieser ehrende Beiname ist ohne innere Bedeutung für den großen
amerikanischen Finanzmann, der sich begnügte, die Antheile der als gut
und gewinnbringend bekannten Linien zu kaufen, ohne je in seinem Leben
einen einzigen Kilometer Eisenbahn gebaut zu haben, er kommt dagegen
mit vollem Recht Herrn Krupp zu, da er selbst nicht nur eine Artillerie
geschaffen hat, sondern auch das Metall, aus dem sie hergestellt wird.«

Es erscheint kaum noch nöthig, eines anderen Schriftstellers »Pertinax«
zu erwähnen, welcher in ähnlicher Weise die Ueberlegenheit Krupps
gegenüber De Bange, Armstrong und Whitworth nachweist; genügt doch die
Thatsache, daß das Krupp'sche Geschütz bis 1887 das einzige war, das in
den europäischen und amerikanischen Kriegen seit zwei Jahrzehnten seine
vollkommene Leistungsfähigkeit durch alle Wechselfälle zahlreicher und
anstrengender Feldzüge bewiesen hatte.

In der That gab es außer Frankreich, England und Serbien keinen Staat
von einiger militärischer Bedeutung, der sich nicht mehr und mehr den
Kruppschen Geschützen zugewandt hätte; weit über die Grenzen Europas
hinaus beeiferten sich die Staaten Amerikas, Asiens und Afrikas, ihre
Flotten und Küstenbefestigungen mit den Kruppschen Panzergeschützen
zu armiren und ihre Armeen mit seinen Feldgeschützen auszurüsten. Es
ist eine gewaltige Anzahl von Rohren, die bis zum Todestage Alfried
Krupps aus seiner Werkstatt hervorgegangen waren, mehr als 23000
Stück waren in seinen Journalen verzeichnet, und es giebt keine
Geschützfabrik der Welt, welche auch nur annähernd diese Zahl erreicht
hätte. So hatte der Meister das hohe Ziel erreicht, das er sich in
den Träumen seiner Jugendjahre gesteckt hatte, sein Lieblingsgedanke,
den Tiegelgußstahl bei den stärksten Kriegswaffen zur Anwendung und
Anerkennung zu bringen, hatte sich voll und ganz erfüllt, eine That
seiner unermüdlichen siegesgewissen Thätigkeit und Schaffenskraft. Alle
Gegner sah er noch an seinem Lebensabend überwunden, mit lauter Stimme
verkündeten auf fast allen Schießplätzen der Erde die Erzeugnisse
seines Geistes den Ruhm des väterlichen Erbes, des Tiegelgußstahls.
Und am Bord der Yacht des deutschen Kaisers, der »Hohenzollern«,
prangten zwei Exemplare, welche ein beredtes Zeugniß ablegen von der
tief patriotischen Gesinnung, von der begeisterten Verehrung Krupps für
seinen Fürsten, der ihm im schweren Kampfe ein so verständnißvoller
und treuer Bundesgenosse gewesen war. Es hatte ihm gar nicht schön und
kostbar genug werden können, dies Geschenk, das des Kaisers Gnade 1882
von ihm anzunehmen sich entschloß, und als Kunstwerke ersten Ranges,
von bedeutenden Künstlern entworfen, in Gravir- und Tauschir-Arbeit
ausgeführt, mit herrlichen Silberornamenten bedeckt, bilden diese 2
8,7 ~cm~-Kanonen eine Zierde des kaiserlichen Schiffes, wie sie einzig
und unübertroffen dasteht.

Das stetige Aufblühen der Fabrik findet seinen Ausdruck in der seit
1880 immer sich steigernden Zahl der Arbeiter, die 1887 12674 allein
in Essen betrug, und in der Zunahme der Produktion, welche 1885 210000
Tonnen erreichte. Die Gesammtzahl der von der Firma beschäftigten
Arbeiter betrug nach der Aufnahme im Juli 1888 20960 Mann und die ganze
vom Werke abhängige Bevölkerung 73769 Seelen.

An diesem Aufschwung war aber ebensowohl die Friedens- wie die
Kriegstechnik betheiligt. Besonders auf dem Gebiete der Stahlschienen
für Eisenbahnbedarf hatte die Fabrik große Erfolge zu verzeichnen.
Schon im Jahre 1881 war eine stetige Zunahme der Lieferungen zu
verzeichnen, ohne daß aber der gesteigerten Nachfrage durch eine
Preiserhöhung geantwortet wurde. Besonders machte eine von England
aus erfolgte Bestellung auf Stahlschienen Aufsehen. Bei einem
Konkurrenz-Ausschreiben für die Lieferung von 8000 Tonnen Schienen für
die Hull-Barnley-West-Riding-Junction-Railway erhielt die Firma Krupp
den Zuschlag, weil ihre Preise erheblich niedriger waren, als die der
englischen Fabriken.

Von viel größerer Bedeutung aber waren die im Jahre 1886 errungenen
Siege. Mit hämischer Freude hatte man in England der Auflösung des
internationalen Schienenkartells entgegengesehen, die am 15. April
erfolgte. Aber man sollte sich bitter täuschen. Am selben Tage
fand eine von der italienischen Mittelmeer-Eisenbahn-Gesellschaft
ausgeschriebene Verdingung auf 27800 Tonnen Stahlschienen statt,
bei welcher Krupp mit der Gesellschaft Cockerill und den Aciéres de
France, gegenüber den englischen Stahlindustriellen Balckow und Cammell
Sieger blieb. Hierauf kam eine erste Lieferung nach China; sie betrug
nur 1500 Tonnen Stahlschienen für die Kaipingminen, war aber von
Wesenheit, weil es sehr fraglich war, ob die deutsche Industrie in dem
Lande Eingang finden werde, das die Engländer für den Produktenmarkt
bisher vollständig beherrschten. Mit der Erringung dieser Lieferung
verschaffte Krupp der vaterländischen Industrie Eingang in China. Noch
mehr Aufsehen machte der Sieg, den Krupp bei der am 20. Dezember 1886
in Melbourne abgehaltenen Verdingung der britischen Kolonialregierung
von Victoria in Süd-Australien davontrug. Es handelte sich dieses
Mal um nicht weniger als 48000 Tonnen Stahlschienen und 2000 Tonnen
Stahllaschen, und einen Beweis für ihre Leistungsfähigkeit führte
die Fabrik im folgenden Monat, indem sie außer dieser auch noch eine
Lieferung von 5000 Tonnen Stahlschienen für die Swedish and Norwegian
Railway Company übernehmen konnte.

Schien es, als wenn die 80er Jahre sich nicht genug thun könnten,
um den greisen Fabrikherren durch Erfolge zu erfreuen, so sollten
ihm doch auch Erfahrungen nicht erspart werden, welche ihm an seinem
Lebensabend trübe Stunden bereiteten und die Ohnmacht selbst eines
so festen und unbeugsamen Willens gegenüber einer für echte oder
falsche Ideale entflammten Menge zum Bewußtsein brachten. Es war
bereits bei der Reichstagswahl 1881, bei welcher er die Annahme der
Kandidatur auf das bestimmteste ablehnte, »weil ihm schon die Kraft
fehle, den Berufspflichten zu genügen« und wo er sich vergebens für
den in Vorschlag gebrachten General-Feldmarschall Grafen v. Moltke
verwandte. Er erließ folgenden »Aufruf an die Arbeiter und Beamten der
Gußstahlfabrik«.

  »Der Generalfeldmarschall Graf v. Moltke ist in Vorschlag gebracht
  worden zur Wahl für den Reichstag. Selbst verhindert, diesen
  Ehrenplatz einzunehmen, der mir von mancher Seite zugedacht war,
  bekenne ich gerne die große Ueberlegenheit dieses jetzt empfohlenen
  Kandidaten in Einsicht und Erfahrung für alle vorkommenden Fragen und
  Interessen. Wenn der Graf v. Moltke die Wahl annimmt, so kann man dem
  Kreise gratuliren, denn neben dem allgemeinen Interesse werden dann
  auch die Privatinteressen des Kreises an dem Einflusse gebührenden
  Antheil haben. Es ist nicht nothwendig, daß unser Vertreter ein
  Kohlen- oder Eisenmann sei, um für das Wohl der Bevölkerung, welche
  mit Berg- und Hüttenwesen verbunden ist, geneigtes Ohr zu haben und
  dafür zu reden und zu wirken. Jedermann im Lande kennt den Grafen
  v. Moltke als den wohldenkenden mächtigen Geist, der für die Heere
  Deutschlands die Wege zum Ziele zu finden wußte. Derselbe wird vor
  allem auch an dieser Stelle seine Bedeutung behaupten. Wer daher aus
  dem Verbande der Angehörigen der Fabrik ihm die Stimme geben wird,
  der wird nicht nur sich selber nützen, sondern auch mir einen Wunsch
  erfüllen.

                                                    Alfred Krupp.«

Es gelang trotz dieser Unterstützung durch Krupp den Anstrengungen der
nationalen Partei nicht, ihrem Kandidaten den Sieg zu verschaffen.
Der ultramontane Kandidat siegte in der Wahl am 27. Oktober mit einer
Mehrheit von über 4000 Stimmen.

Viel wichtiger war die Wahl im Jahre 1887, die durch die Auflösung des
Reichstages nothwendig geworden war, und viel näher stand ihr dieses
Mal Alfried Krupp, weil sein Sohn, der überall beliebte 33 Jahre alte
junge Fabrikherr Friedrich Alfred mit seiner Zustimmung die Kandidatur
angenommen hatte. Groß waren die Hoffnungen der nationalen Parteien,
da es sich bei diesem Wahlkampf nicht um eine Parteisache, sondern
um hervorragend vaterländische Gesichtspunkte handelte, von deren
Behandlung unzweifelhaft die Sicherung des Friedens abhing. Man hoffte,
daß die Anhänger des Zentrums von der Aufstellung eines besonderen
Kandidaten Abstand nehmen und mit den nationalen Parteien zusammengehen
würden, nachdem der Papst Leo ~XIII.~ in unzweideutiger Weise den
deutschen Katholiken empfohlen hatte, für das Septennat einzutreten.
Man hoffte endlich, daß gerade die Kandidatur des jungen Krupp, als des
in jeder Hinsicht geeignetsten Vertreters der gesammten Interessen des
Kreises viele Schwankende auf die Seite der nationalen Sache führen
werde. Als jedoch die größte Zahl der katholischen Wähler, beeinflußt
durch die Zentrumspresse, wieder ihren ultramontanen Kandidaten
aufstellte und durch das abermalige Hervorzerren der konfessionellen
Gegensätze der Ausgang zweifelhaft wurde, ergriff Alfried Krupp das
Wort und erließ folgende Erklärung:

  _»Ansprache an die Angehörigen meiner Gußstahlfabrik und der meiner
  Firma Fried. Krupp gehörenden Berg- und Hüttenwerke._

  Vor 60 Jahren war ich geschäftsführender Mitarbeiter der damals so
  kleinen Gußstahlfabrik; wir waren Unser zusammen acht, heute zählt
  die Fabrik mit ihren Berg- und Hüttenwerken gegen 20000 Arbeiter.

  Wir haben von jeher treu zu einander gestanden, die Sorge
  für Wohlfahrt, Recht und strenge Unparteilichkeit gegen alle
  Konfessionen wurde vergolten durch Diensteifer und Anhänglichkeit.
  Die gegenwärtige große Verwaltung befolgte bisher, wie sie es auch
  künftig thun wird, dieselben Grundsätze. So erklärt sich das Gedeihen
  des ganzen Werkes und der angehörigen Familien, auch die Beruhigung
  versorgter Wittwen und Kinder der Verstorbenen.

  Mit dem Bewußtsein, das allgemeine Vertrauen ehrlich verdient zu
  haben, folge ich nun dem Drange, noch ein Mal an den jetzigen
  großen Kreis unserer Angehörigen einige Worte zu richten, wie
  solches in früheren Jahren bei anderen wichtigen Veranlassungen ja
  öfter geschehen ist und mit Erfolg belohnt wurde. Damals berührten
  die Fragen die Sicherheit und den Frieden, das einseitige innere
  Interesse der Fabrik und der Familie allein; meine heutige Ansprache
  betrifft dagegen das große Interesse des ganzen deutschen Reiches,
  welches ja auch das Unsere ist.

  Kurz, mit Uebergehen der bekannten Ereignisse, will ich hier der von
  Seiner Majestät dem Kaiser befohlenen Neuwahl von Mitgliedern zum
  Reichstage gedenken und Betrachtungen daran schließen.

  Von dem Geiste der Majorität des nächsten Reichstages wird die Frage
  abhängen, ob Krieg oder Frieden. Stehen wir einig und stark da, so
  wird Frankreich es nicht wagen, uns zu überfallen. Zeigen wir uns
  uneinig und schwach, so ist der Krieg unabwendbar, und wäre es dann
  nicht unmöglich, daß bei ungenügender Militärmacht die deutsche
  Armee, trotz ihrer geschichtlich unvergleichlichen Großthaten, der
  Uebermacht würde weichen müssen, und dann das Innere des Reiches, mit
  Krieg überzogen, entkräftet, verheert und das Ganze vielleicht wieder
  zerrissen werden könnte.

  Da jeder nicht verblendete Staatsbürger ohne Unterschied der Stellung
  doch nur das Verlangen haben kann, das Letztere zu verhüten, so
  sollten Alle sich vereinen, dem Aufruf Seiner Majestät des Kaisers
  zu folgen durch Wahl einsichtsvoller, vaterlandsliebender Mitglieder
  zum Reichstag, damit die Militär-Vorlage, welche allein den Frieden
  sichern kann, zum Gesetz erhoben werde.

  Dann allein ist das Reich geborgen.

  So wie wir, haben auch alle anderen Fabriken, Berg- und Hüttenwerke
  und die verschiedensten Gebiete von Gewerbe, Handel und Verkehr, Alle
  im ganzen Lande, dasselbe Interesse.

  Wir gehen bei Frieden einer günstigen Zeit entgegen und ich war
  von guter Hoffnung für die Zukunft erfüllt. Was nützen aber alle
  Aufträge, wenn Arbeit und Transport durch Krieg gehemmt werden!
  Dann können ja auch unsere Werke zerstört werden, wenigstens muß
  man sich auf Entlassungen, selbst bis zur völligen Einstellung der
  Arbeit, vorbereiten. Dann aber würde an Stelle des Erwerbs die Noth,
  das Pfandhaus und der Wucherer treten, denn meine Mittel und die
  Unterstützungskassen würden bald erschöpft sein.

  Zum Besten Aller kann ich nur wünschen, daß Niemand sich verleiten
  lasse, Theil zu nehmen an der Schuld eines solchen Unglücks in
  Folge einer regierungsfeindlichen Wahl. Thut aber jedermann seine
  Schuldigkeit, so werde ich alle Mittel freudig aufbieten, die
  Thätigkeit auf allen Werken zu vermehren, neue Anlagen auszuführen
  und mehr Leuten den Lebensunterhalt zu verschaffen.

  Möge doch die ganze Nation von dem Verlangen erfüllt werden, daß
  Alle in tiefer Dankbarkeit gegen Seine Majestät den Kaiser, für
  die Hingebung seines ganzen Lebens zum Heil des Landes, seinem
  Winke gehorchen, seinem erhabenen Vorbilde für Pflichterfüllung und
  Vaterlandsliebe folgen.

  Es ist meine Pflicht gegen den Staat und gegen meine Angehörigen,
  gewissenhaft zu rathen und zu warnen vor Verirrung und ihren Folgen.
  Bei Unterlassung dieser Aeußerungen möchte ich beschuldigt werden
  können, staatsfeindliche Bestrebungen zu dulden in unserem Verbande;
  darüber soll aber kein Zweifel bestehen.

  Ich habe bekanntlich zwar niemals mit den öffentlichen Fragen der
  Gemeinde-, Staats- und Reichsverfassung, Gesetzgebung und dergleichen
  mich befassen dürfen, weil meine Werke meine geringe ganze Kraft
  bedurften; heute darf ich aber der Mitwirkung zur Lösung einer
  Lebensfrage für das deutsche Reich mich nicht entziehen, ebenso hat
  auch mein Sohn _Fried. Alfred Krupp_ die ihm angetragene Kandidatur
  für den Kreis Essen nur zu dem Zweck angenommen, im Falle seiner Wahl
  die gedachte Regierungs-Militärvorlage zu unterstützen.

  Schließlich empfehle ich zugleich hiermit ebenso dringend auch allen
  auf meinen entfernten Berg- und Hüttenwerken in Westfalen, Rheinland
  und Nassau thätigen Wahlmännern diesen Rath zu beherzigen und in
  gleichem Sinne zu wirken.

  Essen, im Februar 1887.

                                                    Alfred Krupp.«

        _Begleitende Erklärung der Ansprache._

  »In der Befürwortung der Militär-Vorlage unterlasse ich jede
  Berührung von politischem Zwiespalt, weil ja in diesem Falle alle
  Staatsbürger dasselbe Interesse haben und zwar die Verhütung des
  Krieges, vor Allem des Krieges im Lande.

  Der Krieg von 1870 gegen Frankreich war ein Triumphzug der deutschen
  Armee, auf gleichen Erfolg wäre jetzt nicht zu rechnen.

  Ein kurzer Krieg im Lande selbst kann mehr Opfer verlangen, als
  die theuerste Rüstung während zehn Jahren. Die Kosten für diese
  aber würden unvergleichlich gering sein gegen den Verlust durch
  Verwüstungen bei einem Kriege im Lande. Der Aufwand für solche
  Rüstung würde den Erwerb sämmtlicher Staatsbürger von 3 Tagen im
  Jahre _nicht_ überschreiten, dagegen würde im Frieden der Segen auf
  dem ganzen Lande ruhen.

  Es wäre daher Leichtsinn, wegen eines verhältnißmäßig geringen Opfers
  die Gefahr eines Krieges heraufzubeschwören.

  Die Zahl meiner Werke und der auf denselben beschäftigten Arbeiter
  ist zwar zur Hälfte thätig für Kriegsmaterial und der Unterhalt der
  Letzteren und ihrer Familien hängt ab von dieser Thätigkeit, indessen
  brauchen wir dazu keinen Krieg im deutschen Lande, sondern wie
  Jedermann im ganzen Reiche, den Frieden. Mögen unsere Wahlmänner dies
  beachten.

                                                    Alfred Krupp.«

So sehr sich Krupp in dieser Ansprache bemühte, seine Arbeiter zu
belehren über die großen nationalen Interessen, die allein bei der
diesmaligen Wahl in Frage kamen, so wenig konnte er damit aufkommen
gegen die ultramontanen Agitatoren, welche unbedenklich Unterstellungen
und Erfindungen aller Art gegen die Regierung in's Treffen führten,
indem sie von einem drohenden Branntweinmonopol, Abschaffung des
allgemeinen Stimmrechtes u. dgl., redeten und gegen die Kandidatur des
jungen Krupp mit allen Mitteln der konfessionellen Hetzerei Propaganda
machten. Noch ein Mal ergriff der greise Krupp das Wort, indem er zwei
Tage vor der Wahl seine Arbeiter ermahnte:

                          »In letzter Stunde.

  Zu meinen ehrlichen und treuen Arbeitern habe ich die Hoffnung,
  daß meine an sie erlassene Ansprache nicht mißverstanden worden
  ist. Sie ist aber von anderer Seite mißdeutet worden. Man scheint
  eine Kluft zwischen meinen katholischen und meinen evangelischen
  Arbeitern schaffen zu wollen. Dies ist ein schamloser Versuch. Mir
  war der katholische Arbeiter stets ebenso lieb als der evangelische.
  Ich war nie unduldsam in Religion wie andere Arbeitgeber, welche
  nur Arbeitern einer bestimmten Konfession Lohn und Brod geben. Ich
  verlange stets nur, daß jeder Arbeiter seine Schuldigkeit thue. Ich
  wünsche nicht, daß man mich zwingt, diesen Grundsatz zu verlassen.
  Die Frage, welche dem neu zu wählenden Reichstag vorzulegen ist,
  nämlich die der Annahme der Militär-Vorlage, ist keine religiöse
  und hat mit der Konfession nichts zu thun. Wer sie vom Standpunkte
  der Religion aus beurtheilt und danach auf Euch einzuwirken sucht,
  mißbraucht und schändet die Religion. Ich habe immer geglaubt, daß
  meine Arbeiter getreue Unterthanen seiner Majestät des Kaisers
  und Königs sind. Ich verliere diesen Glauben, wenn meine Arbeiter
  einem den Absichten der Kaiserlichen Regierung feindseligen
  Reichtagskandidaten ihre Stimme geben sollten. Habe ich aber ein Mal
  diesen Glauben verloren, so fehlt mir das Vertrauen in die Zukunft.
  Jeder erinnere sich vor der Wahl dessen, was er Kaiser und Reich
  schuldet. Die Pflichten gegen das Vaterland sind dieselben, mag Einer
  katholisch oder evangelisch sein. Ich aber vertraue, daß jeder meiner
  Arbeiter seiner Pflichten gegen das Vaterland, gegen Kaiser und Reich
  eingedenk sein wird.

  Essen, 19. Februar 1887.

                                                    Alfred Krupp.«

Ist es nicht, als wenn er in diesen Ansprachen, namentlich in der
letzten, einen wärmeren Ton anschlägt, als bei seinen früheren, immer
belehrenden und väterlichen, aber stets strengen und Strafe drohenden
Veröffentlichungen für seine Arbeiter? Es ist ihm bange in seinem
tiefen patriotischen Gefühl, daß sie ihrem Führer untreu werden
könnten hier, wo es sich um die wichtigsten nationalen Interessen
handelt. Er fühlt die ernste Pflicht, seinem königlichen Herren, der in
schweren Jahren ihm seine Unterstützung gewährte, seine Treue, seine
Hingabe und Dankbarkeit zu beweisen, indem er seine ganze Autorität
in die Wagschale wirft für den Sieg der Regierung. Es ist eine höhere
wichtigere Aufgabe, die dieses Mal ihm obliegt, als bei den früheren,
nur die inneren Verhältnisse der Fabrik berührenden Angelegenheiten,
und dementsprechend diese wiederholten dringlichen Mahnungen; es ist
als ob er diese schmerzliche Erfahrung herannahen sehe, daß seine
Arbeiter zum ersten Male seinem Rathe sich verschließen, und als wenn
er Alles aufbieten wolle, um sie an seine Leitung zu fesseln. Aber das
Wort des Mannes, der seinen Arbeitern stets ein fürsorgliches Herz
bewahrt, der für ihre Sorgen und ihre Zukunft stets eine hilfreiche
Hand gehabt hatte, die Ermahnung dieses Mannes, dem der Essener Kreis
eine Wohlhabenheit und sein Wachsthum verdankte, es galt der bethörten
Menge weniger, als die Lügen und Verleumdungen der konfessionellen
Hetzer, sie gab lieber einem Manne wie Stötzel ihre Stimme, als dem
Sohne ihres Wohlthäters. Als Kandidat der ultramontanen Partei siegte
jener mit 18993 gegen die 17411 Stimmen, welche Friedrich Alfred Krupp
erhielt.

Wie tief schmerzlich mußte die bittere Erfahrung für den greisen Mann
sein, daß seine Kraft nicht genügt hatte, um diese Entscheidung zu
wenden, wenngleich von den Angestellten der Fabrik selbst keine große
Anzahl sich dem feindlichen Lager angeschlossen hatte. Aber es erwuchs
ihm nun auch noch die traurige Pflicht, diejenigen, welche sich an
der Agitation im Interesse der regierungsfeindlichen Parteien thätig
betheiligt hatten, um des Friedens seines Gemeinwesens willen zu
entfernen und die von jenen beeinflußten Essener Zeitungen aus dessen
Bereiche zu verweisen. Allzulange, das sah er jetzt, hatte er deren
gehässigem Treiben freie Bahn gelassen, ohne zu merken, wie selbst
seine zuweitgehende Duldung in der schändlichsten Weise gegen ihn
ausgebeutet wurde.

Zu spät! Der mächtige Fabrikherr, der seine Agenten in alle Länder
der Erde sandte, dessen Erzeugnisse den Stolz fast aller Armeen
ausmachten und im Schienen-Netz den ganzen Erdball umspannten, der
Herrscher dieses kleinen Reiches, welchen aufzusuchen die mächtigsten
Fürsten ebenso wie die gediegensten Männer der Wissenschaft als
wünschenswerth betrachteten, er hatte nicht soviel Einfluß im engen
Gebiete der Heimath, daß er den Streitern für des Vaterlandes Wohl zum
Siege verhelfen konnte. Es war ein großer Kontrast gegen die ungeheuren
Erfolge auf dem Gebiete der Industrie und der Wissenschaft, der ihm die
letzten Monate seines Lebens verbitterte; denn am 14. Juli nachmittags
ereilte ihn der Tod.



~XII.~

Das Ende des Siegers.


Als Alfried Krupp im Jahre 1864 seine Wohnung auf dem »Hügel« bei
Bredeney nahm, war er um eine Wegstrecke von anderthalb Stunden dem
Fabriklärm entrückt. Aber es verging kaum ein Tag, wo man ihn nicht
in früher Morgenstunde diesen Weg zurücklegen sah, hoch zu Roß, in
jugendlich elastischer Haltung, unter der dunkelgrauen Klappmütze
hervor mit lebhaft scharfem Blick frei hinausschauend in die Welt,
in dem eng anschließenden Jaquet und den hohen Reitstiefeln eher als
ländlicher Grundbesitzer denn als Herr der großen Gußstahlfabrik zu
erachten. Die weiße Farbe des Vollbartes und des welligen Haupthaars
schien nur den Eindruck der Lebenskraft und leistungsfähigen
Männlichkeit zu erhöhen, den diese hohe stattliche Gestalt hervorrief.
Dann stieg er ab vor dem kleinen Elternhause, wo er sein Büreau hatte,
ebenso wie vom Jahre 1882 ab sein Sohn Friedrich Alfred, seitdem
dieser am 29. April in die Prokura eingetreten war. Er durchschritt
die Werkstätten, um sich persönlich von dem Fortgang der Arbeiten,
von der Ausführung dieses und jenes neuen Auftrages zu überzeugen,
und dort kannte er alle schon längere Zeit beschäftigten Arbeiter
persönlich von Angesicht, weigerte er ihnen nicht Rath und Hilfe,
wenn sie ihn mit einem Anliegen angingen; dort war aber anderseits
Alles in heiligem Respekt vor dem scharfen Auge, dem keine Unordnung
und Nachlässigkeit entging. Denn, so treu er dem zu helfen suchte, der
seiner Pflicht nachkam, so unnachsichtlich traf den andern Strafe, der
den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht unbedingt sich fügen wollte.
Und mit vollstem Rechte, da die Leitung dieses großartigen Organismus
ohne peinlichste Aufrechterhaltung der Ordnung eine Unmöglichkeit
war, und nur mit ihrer strengen Durchführung dies regelmäßige
Zusammenarbeiten aller Theile erreicht werden konnte, das jeden
Beschauer der Kruppschen Fabrik zur staunenden Bewunderung veranlaßt.
Man denke nur an den einzigen Akt eines Gusses mittelst Tiegeln, wobei
das Gelingen lediglich davon abhängt, daß der Strahl des flüssigen
Stahls, welcher in die Gußrinne fließt, auch nicht auf einen Augenblick
unterbrochen wird, sondern in stetem Zusammenhang bleibt. Und doch
wird er durch den Inhalt von lauter einzelnen Tiegeln, je durch 2 Mann
herangetragen, gebildet, deren Zahl sich bei großen Güssen bis zu
mehreren Tausenden steigert. Welche peinliche Einübung und Innehaltung
der Ordnung gehört dazu, daß jeder der Hunderte von Arbeitern, die
bei diesem Akt thätig sind, sich stets am richtigen Platz befindet,
um kein Drängen, kein Ueberhasten und auch kein Zuspätkommen eines
Tiegels auch nur um ein Zehntel Sekunde zu veranlassen. Hängt doch das
Gelingen -- und welchen Werth repräsentirt solch ein Guß! -- lediglich
hiervon ab. Und das ist es, was kein anderes Werk nachmachen kann,
wozu gewissermaßen die Entwickelung des Kruppschen Werkes aus den
kleinsten Anfängen, die Ausbildung und allmähliche Vermehrung eines
alten Arbeiterstammes nothwendig war. Mag man andernorts auch in der
wissenschaftlichen Grundlage der Fabrikation, in der Untersuchung und
Zusammensetzung der Rohstoffe Krupp nachahmen und erreichen; dieser
mit ihm und seinem Werk herangebildete und seitdem immer nur neu zu
ergänzende Kern tüchtiger Meister und Arbeiter in allen Betrieben ist
nicht ohne Weiteres zu gewinnen. Diese Organisation und Heranbildung
aller Kräfte ist lediglich Alfried Krupps eigenstes Werk, und wenn wir
ihn zu jeder Zeit alles aufbieten sehen, um mit diesen seinen alten
Arbeitern in Eintracht zusammenzustehen, so ist es im Grunde genommen
nur ein Ausfluß der Lebensaufgabe, welche er sich gestellt hatte.
Er wußte und erkannte immer mehr, daß er, um sie zu erfüllen, nicht
einen jeden Arbeiter brauchen konnte, daß im Gegentheil das Höchste
mit dem Tiegelgußstahl nur dann zu erreichen war, wenn ihm ein durch
und durch gefügiges und selbst in den schwierigsten Fällen nicht
versagendes Instrument zur Hand sei, und das waren seine Angestellten,
seine Arbeiter. Deshalb sind auch seine Wohlfahrtseinrichtungen nicht
lediglich als ein Werk seines guten Herzens und seiner Menschenliebe
zu betrachten. Daß ihm beides in hohem Maaße zu eigen war, hat er in
hundert Fällen bewiesen, wo er namentlich den Nöthen seiner Vaterstadt
zu Hilfe kam. Die Einrichtungen seiner Fabrik gehen aber aus höheren
Gesichtspunkten hervor; sie erschienen ihm eine Nothwendigkeit, um
seine Lebensaufgabe durchzuführen. Es galt, hierfür nicht irgendwelche
Arbeiter, sondern die von ihm herangebildeten und organisirten Arbeiter
stets zur Hand zu haben. Je größer aber die Fabrik und je schwieriger
die Lebensverhältnisse in Essen wurden, desto mehr war zu fürchten,
daß an Stelle eines bleibenden, ein immer wechselnder Arbeiterbestand
treten würde, wie ja überall zu beobachten ist, daß auf kleinen
Betrieben die Arbeiter besser ausdauern, als bei größeren. Es galt,
sie zu fesseln, ihnen so günstige Lebensbedingungen zu bieten, daß
sie sich wohl fühlten und ihre Zukunft besser in Krupps Fabrik, als
sonst wo gesichert sahen. Um sich sein nothwendiges Werkzeug zu
erhalten und immer vervollkommnen zu können, schuf Alfried Krupp seine
Wohlfahrtseinrichtungen. Daß er aber sie in richtiger Weise schuf, daß
er die Punkte stets herausfand, wo er eingreifen mußte, um die Lage
der Arbeiter zu bessern und zu sichern, das ist das Verdienst seines
mitfühlenden und durch die eigenen Erfahrungen belehrten Herzens.

Wenn wir ihn also auf diesem Gebiete der Lösung der sozialen Frage
als Wegführer vorangehen sehen, so ist es nicht der Beschäftigung
mit humanen oder sozialen Aufgaben zuzuschreiben; es hat ihm keine
Absicht ferner gelegen, als die, ein Wohlthäter der Menschheit oder
des Arbeiterstandes als solcher zu werden. Es ist nicht Grübeln und
nicht Empfindsamkeit, was ihn leitete, sondern eine große Idee, die
ideale Aufgabe seines Lebens, das Erbe seines Vaters zur Anerkennung,
zur weitreichendsten Verwerthung zu bringen. Wie Alles, was er that,
hierauf zurückzuführen ist, so zeitigte auch die Lösung der sozialen
Aufgabe als eine schöne, aber nebensächliche Frucht auf diesem Baume,
ein glänzender Beweis des hohen Werthes der idealen Güter.

Als Alfried Krupp das 70. Lebensjahr überschritten hatte, begann sich
doch allgemach das Alter fühlbar zu machen. Mit regem Eifer verfolgte
er zwar noch die Weiterentwickelung seines Werkes; mit gewohntem
Arbeitsdrang brachte er noch in schlaflosen Stunden der Nacht seine
Gedanken und Pläne in Worten und Zeichnungen zu Papier, so daß auch
jetzt weder dieses noch seine großen Bleistifte neben seinem Bette
fehlen durften; und diese Zettel wanderten noch immer früh Morgens
zur Fabrik, um in kurzen Worten und Skizzen des Meisters Verfügungen
bekannt zu geben; aber er selbst bestieg immer seltener sein Pferd,
um nach Essen zu reiten, und selbst seine Besuche im Wagen wurden in
den letzten Jahren zu einer Seltenheit; er entbot sich die Beamten zur
Villa »Hügel«, wenn es etwas zu besprechen gab. Es mußte ihm schon
recht schwer werden, wenn dieser Mann der unermüdlichen Thätigkeit
sich an seine Wohnung fesseln ließ. Als es ~Dr.~ Schweninger gelang,
seinen Sohn Friedrich Alfred von einem langjährigen asthmatischen
Leiden zu befreien, wandte er sich 1885 an ihn auch mit der Bitte,
seine zunehmenden Gebrechen zu behandeln. Obgleich er nun einer
grundsätzlichen Veränderung der bisherigen Lebensweise sich unterwerfen
mußte, folgte er den Rathschlägen Schweningers mit Pünktlichkeit und
Gewissenhaftigkeit in der ausgesprochenen Hoffnung, »daß er ihn noch
zwanzig Jahre halten werde.« Er hing am Leben und war mit seinen Plänen
noch lange nicht zu Ende; faßte er doch noch im letzten Lebensjahre den
Plan zum Bau einer mächtigen hydraulischen Presse, welche, nach seiner
Idee ausgeführt, noch den Riesenhammer Fritz an Leistungen übertreffen
sollte. Auch schien die neue Lebensweise einige Zeit sich vorzüglich
zu bewähren; er fühlte sich erfrischt und gekräftigt. Aber im Frühjahr
1887 machte sich ein schnellerer Verfall der Kräfte bemerklich, seit
Juni fesselte ihn die zunehmende Schwäche ans Bett und am Nachmittag
des 14. Juli schlummerte er sanft zu einem anderen Leben hinüber.

Ein Mann von der Weltbedeutung Krupps konnte nicht aus dem Leben
gehen, ohne daß die wissenschaftlichen und militärischen Kreise aller
Kulturstaaten ihm Gedächtnißkränze in Nekrologen und anerkennenden
Abhandlungen widmeten; ohne daß die Fürsten und großen Staatsmänner
ihm Palmzweige und Kränze aufs Grab legten und dem hinterbliebenen
Sohne ein gnädiges, theilnehmendes Wort sandten; ohne daß die Stadt
Essen ihrer sehr berechtigten Trauer um ihren »größten Bürger« einen
gebührenden Ausdruck gab; ohne daß endlich die Angestellten der Fabrik
eine großartige Trauerfeier veranstalteten. Unter den zahlreichen
Telegrammen seien nur zwei, als besonders werthvoll, hervorgehoben,
weil sie eine Anerkennung durch die beiden Persönlichkeiten enthalten,
welche um unser deutsches Vaterland die höchsten Verdienste sich
erworben haben, welche für ewige Zeiten als Gründer des deutschen
Reiches im Herzen jedes echten Deutschen leben werden. Es ist ein
Telegramm des Kaisers Wilhelm ~I.~:

                             »_Mainau_, 14. Juli 1887.

  Dem Herrn Friedrich Alfred Krupp in Essen, Ruhr.

Für Ihre Mittheilung aufrichtig dankend, spreche Ich Ihnen Meine
aufrichtige Theilnahme aus bei dem Hintritt Ihres Vaters, denn Sie
wissen, wie hoch Ich denselben geschätzt habe, da er sich mit Kunst
einen europäischen Namen erworben hat und für unser eigenes Vaterland
von unendlicher Wichtigkeit gewesen ist.

                                    Wilhelm, ~Imperator Rex.~«

und eins des Fürsten Bismarck:

                        »_Varzin_, den 15. Juli 1887.
        Herrn Friedrich Alfred Krupp, Essen.

Bei meiner Ankunft hier finde ich Ihr Telegramm von gestern, aus dem
ich mit herzlicher Theilnahme ersehe, welchen schweren Verlust Sie und
mit Ihnen die Industrie erlitten, die Ihr Herr Vater in seinem Leben
zur ersten in der Welt erhoben hat.

                                                         v. Bismarck.«

Am 17. Juli fand eine Trauerfeier im engeren Kreise auf Villa »Hügel«
statt; um Mitternacht nahm aber die Feuerwehr des Werkes die entseelte
Hülle ihres Herrn und Meisters in Empfang, um sie bei düsterem
Fackelschein zur Fabrik zu geleiten. Im kleinen Elternhause ward sie
nach dem Willen des Verstorbenen aufgebahrt. Schauerlich still war es
in den mächtigen, weithin sich erstreckenden Gebäuden der Fabrik um
diese Stunde geworden; die Feuer waren gelöscht und rauchlos starrten
die schwarzen Schlote zum Himmel; still standen die Dampfmaschinen,
keins der tausende von Rädern drehte sich, kein Ambos ertönte unter
dem Schlag des Hammers; die Fabrik trauerte um ihren Herrn, sie stand
still und lauschte dem, was sich nun in dem kleinen Hause begeben
würde. In langen Reihen aber stellten sich am Vormittag die Tausende
der Arbeiter im Festkleide längs der Trauerstraße auf, lang wallten
von den Kaminen und Giebeln die schwarzen Trauerflaggen herab, trübe
schimmerten die Gasflammen durch die mit Flor umhüllten Laternen.
Hundert der ältesten Arbeiter trugen dem Sarge die Palmen und Kränze
voraus, welche auf dem Wagen nicht Platz fanden, und so bewegte sich
nach 10 Uhr der Zug unter feierlichen Klängen langsam durch das Spalier
der nach ihren 26 Betrieben geordneten Arbeiter hinaus aus dem Bereich
der Räume, die wie ausgestorben erschienen, seitdem der Odem des
großen Mannes entflohen war, welcher ihnen Leben eingeathmet hatte.
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß neben dem Prinzen Heinrich ~XIII.~
von Reuß-Köstritz, welcher als Vertreter des Kaisers erschienen war,
Abgesandte zahlreicher hoher Behörden, der industriellen Körperschaften
und Vereine sowie die sämmtlichen Honoratioren der Stadt Essen dem
Sarge folgten; auch der Bischof ~Dr.~ Kopp von Fulda, welcher zufällig
in Essen weilte, sowie der katholische Pfarrer Beising betheiligten
sich. Die Rede des Superintendenten Gräber gab den Gefühlen Ausdruck,
welche die Einwohner der Stadt Essen erfüllte, indem er sagte: »Für
uns war er nicht nur der außerordentliche Mann, nicht nur für uns der
Fürst der Industrie, der Ruhm unserer Stadt, der Gründer des Welt
berühmten Werkes, das er mit tiefer Einsicht, mit rastloser Thätigkeit,
mit kühnster Energie aus den geringsten Anfängen zu größtem Erfolge
geführt, uns war er mehr: ein Wohlthäter den unzähligen Vielen, welche
ihr ganzes Lebensglück ihm verdanken, ein Vater seiner Arbeiter, für
deren Wohl er sorgte.« Und nicht anders sprach der Vorsitzende der
Prokura Geh. Finanzrath Jencke im Namen der Beamten und Arbeiter:
»-- -- Den wir hier begraben, er war uns ein Vorbild in jeder
Beziehung, ein Mann von unermüdlicher, fleißiger, unerschütterlicher
Thätigkeit und Beharrlichkeit, von außerordentlicher Energie,
Gewissenspflicht und großer Strenge gegen sich selbst; der Mann, den
wir hier begraben, war bahnbrechend für die Industrie, er hat Erfolge
errungen, die anerkannt werden auch über die Grenzen des engeren
Vaterlandes hinaus, er war das Beispiel eines glühenden Patrioten,
dem kein Opfer zu groß war für sein Vaterland. Das aber ist es nicht,
was ich an dieser Stelle auszusprechen beabsichtige: das Leben des
Verstorbenen gehört der Geschichte an. So lange die deutsche Nation
besteht, so lange wird auch sein Name unvergessen bleiben. Seltene
Männer, die das Jahrhundert nur einmal hervorbringt, das sind und
bleiben Marksteine in der Geschichte des Volkes. Was ich an dieser
Stelle sagen möchte, ist das Bekenntniß des Dankes, den Tausende und
Abertausende empfinden, welchen er nicht nur Arbeit und Brot gegeben,
sondern denen er ein Vater gewesen ist; es war nicht Eigennutz,
noch weniger vermeintliche Wahrnehmung eigener Interessen, was den
Entschlafenen bestimmte, schon vor Jahrzehnten mit seinem weiten Blick
der Strömung der Zeit weit vorauseilend, in umfassendem Maaße dafür
zu sorgen, daß der Arbeiter ein Heim habe, daß er in Krankheit und
Unglück nicht in Noth gerathe und im Alter nicht verlassen, hilflos und
elend dastehe, sein Herz war es, welches ihn trieb, der Noth und dem
Elend zuvorzukommen, sein Herz war es, welches ihn trieb, das Leben
derer, welche für ihn, mit ihm und unter ihm arbeiteten, freundlich zu
gestalten, sein Herz veranlaßte ihn, die Thränen der Wittwen und Waisen
zu trocknen....«

Die Fürsorge des Entschlafenen für seine Arbeiter, welche Herr Jencke
mit so beredten Worten hervorhob, gab sich auch in seinem fürstlichen
Vermächtniß kund; am 3. August verkündete ein Maueranschlag, daß
der jetzige Besitzer »in Uebereinstimmung mit einem von seinem
entschlafenen Vater gehegten Wunsche« ein Kapital von einer Million
Mark für eine Stiftung ausgesetzt habe, deren Erträge ausschließlich
den Arbeitern der Fabrik und der dazu gehörenden Werke und den
Angehörigen dieser Arbeiter zu Gute kommen sollten. Der Stadt Essen
aber ward eine halbe Million für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke
ausgesetzt. Der Beweis ist hierdurch sicherlich dafür erbracht, daß
Krupp ein mitfühlendes Herz für die Noth und volles Verständniß für
die Bedürfnisse seiner Mitbürger und Arbeiter hatte, da er auch
über das Grab hinaus noch dazu beitragen wollte, für zukünftige
Unglücksfälle und Nothlagen Fürsorge zu treffen; aber trotzdem glaube
ich das Motiv der Herzensgüte dem der idealen Auffassung seiner
Lebensaufgabe unterordnen zu müssen. Letztere war gewissermaßen der
starke Stamm, welcher in der weit ausladenden Krone seines Lebenswerkes
sich entfaltete, welcher den verschiedenen Zweigen, ob sie ins
Gebiet der Friedens- oder Kriegstechnik oder in das der sozialen
Fragen hineinragten, die Nahrungssäfte zuführte, sie mit Blüthen
und Früchten sich schmücken ließ. Seine reichen Naturanlagen, seine
Schaffenskraft und seine Erfindungsgabe, seine Unermüdlichkeit und
seine Beharrlichkeit, seine Vaterlandsliebe und sein warmes Mitgefühl
für seine Nächsten, das waren die starken Wurzeln, die dem Baum den
festen Halt gewährten in den brausenden Stürmen, wenn diese seine
Zweige zu brechen und ihr Wachsthum zu schädigen drohten, die dem Stamm
dienstbar waren zur Gewinnung und Aufspeicherung der Lebenssäfte, deren
die Krone bedurfte.

Er war eben ein ganzer Mann, bei dem nichts aus der großen Idee,
die ihn beherrschte, herausfiel, und der Alles, selbst das
Besterscheinende, zu thun unterlassen haben würde, wenn es ihm mit
seiner großen Lebensaufgabe nicht vereinbar dünkte. Es ist hieraus zu
erklären, daß er sich der Politik stets völlig fern gehalten hat, so
fern, daß er selbst die Gefahren der politischen Agitation unter seinen
Arbeitern fast zu spät erkannte. Mit der Politik hatte sein Lebenswerk
nichts zu thun, und während einerseits er keine Zeit hatte, sich damit
zu beschäftigen, hätte sie anderseits seiner internationalen Industrie
nur Hemmnisse bereiten können. Er bedurfte aber der Freiheit, auf der
ganzen Erde, um dort seinem Gußstahl zur Anerkennung zu verhelfen,
wo es ihm gerade am ehesten gelang. Vergebens hatte er, seinem ihm
angeborenen Patriotismus folgend, lange Jahre nach Verständniß in
seinem engeren Vaterlande gestrebt; er mußte anderwärts festen Fuß zu
fassen suchen, wo man ihm mit weniger Zweifeln und Schwierigkeiten
begegnete, da er die alte Erfahrung auch an sich machen mußte, so gut
wie Dreyse und Maximilian Schumann, daß der Prophet am wenigsten gilt
in seinem Vaterlande. Deshalb trug er nicht das geringste Bedenken,
seine in Preußen schnöde abgewiesenen Gewehrläufe nach Frankreich zu
schicken und auch seine Feldgeschütze Napoleon ~I.~ zu empfehlen.
Daß ihm die alte Feindschaft nicht weniger im Blute gelegen haben
sollte, als jedem anderen ehrlichen Deutschen, ist nicht anzunehmen;
aber der Patriotismus hätte ihm hier nur im Wege gestanden; es galt,
für seine Waffen zunächst eine Anerkennung zu finden. Wie hätte
er denn weiter schaffen, dem Vaterlande seine Geschützausrüstung
in so vollendetem Maße schmieden können, wenn er für immer in der
Ecke stehen blieb, wohin die entscheidenden Behörden ihn zu drängen
schienen? Einen Boden mußte er zunächst suchen, der als Nährboden für
die weitere Entwickelung sich eignete, wenn er seiner Lebensaufgabe
gerecht werden wollte. Und fand er ihn im Vaterlande nicht, dann mußte
eben der Patriotismus vor der Hand beiseite gestellt werden, denn
er war hinderlich. Wir sehen ihn dann sofort wieder in seine Rechte
eingesetzt, als durch Frankreichs Neuerungen die einheimische Regierung
sich bewogen sah, mit Krupps Stahlgeschützen endlich Ernst zu machen.
Von da ab existirte Frankreich für Krupp nicht mehr. Das Vaterland bot
ihm nun, was er brauchte.

Grundsätzlich hielt er sich aber auch allen handelspolitischen Fragen
fern, suchte wohl mit weiser Voraussicht sich und seine Unternehmungen
unabhängig zu machen von ungünstigen Konjunkturen, wie sie aus
politischen Verhältnissen folgen mochten, vermied aber sorgfältig, sich
in diese einzumischen oder gar sie zu beeinflussen. Als er im Juni 1877
beim Kaiser eine Audienz in Ems gehabt hatte, verbreitete sich das
Gerücht, er habe bei dem Monarchen die Einführung von Schutzmaßregeln
im Interesse der sehr bedrängten Stahl- und Eisen-Industrie befürworten
wollen. Wie wenig dieses seiner Abneigung gegen politische Thätigkeit
entsprach, ergiebt sich aus dem Dementi, mit dem er diesem Gerücht
entgegentrat. »Herr Krupp,« so hieß es darin, »hat überhaupt seit Jahr
und Tag mit Sr. Maj. dem Kaiser kein Wort über die allgemeine Lage der
Industrie gesprochen.«

So vermied er auch in Fragen, bei denen seine Ansichten von denen der
maßgebenden Personen im Staate abwichen, grundsätzlich jede Agitation.
Als im Anfang der achtziger Jahre das Projekt des Kanals zwischen
Dortmund und Ems debattirt wurde, fand es eigenthümlicher Weise in
einigen Groß-Industriellen lebhafte Gegner. Der Geh. Kommerzienrath
Stumm und W. Funcke-Hagen traten mit Wort und Schrift gegen den Kanal
auf und gingen hierin mit Schorlemer-Alst Hand in Hand. Auch Krupp
glaubte aus eigener Anschauung und dem Studium englischer Schriften von
der Fehlerhaftigkeit der Kanäle gegenüber den Eisenbahnen überzeugt zu
sein und unterhielt auf dieser Grundlage gleicher Gesinnung auch mit
dem Führer der Zentrumspartei trotz aller Abweichung der politischen
und kirchlichen Anschauungen ein freundschaftliches Verhältniß; aber
er äußerte sich in einem Schreiben an Dietrich Baedeker: »Ich lasse
mich auf einen Kampf nicht ein, halte aber die Augen auf und habe seit
Ursprung der Idee Erkundigungen eingezogen aus England und Amerika,
habe auch davon Bericht erstattet an betreffende Spitzen und an solche,
die nicht ein Nebeninteresse verfolgen.« Hierauf beschränkte er
sich, und als im Jahre 1885 die Kanalvorlage zum zweiten Male an den
Landtag gelangte, that er auch keinen Schritt, welcher irgendwie ihrem
Durchdringen hätte hinderlich sein können, so fest er auch noch immer
an der Ueberzeugung von der Schädlichkeit der Kanäle festhielt.

Als knorrige Auswüchse an dem einheitlichen Stamm der idealen
Lebensanschauung Krupps erscheinen solche Eigenthümlichkeiten, wie
die Verkennung des Werthes des Dortmund-Ems-Kanals, und wie sein
Verhältniß zu Maximilian Schumann. Dagegen ist die beinahe feindliche
Stellungnahme gegen den Hartguß-Fabrikanten Gruson durchaus aus seiner
Begeisterung für seine Lebensaufgabe, aus seiner Ueberzeugung von der
Ueberlegenheit des Gußstahls und der Minderwerthigkeit des Hartgusses,
und endlich aus der Empörung zu verstehen, daß die Granaten aus solchem
Material eine Zeit lang eine so hervorragende Stellung einnehmen
konnten.

Mit den edlen starken Eigenschaften, die den genialen Mann zur
Durchführung seiner großen Lebensaufgabe befähigten und die sich auf
seinem erfolgreichen Lebenswege immer thatkräftiger und bewußter
entwickeln, sind andere schroffere Charaktereigenschaften unvermeidlich
verwachsen, wie den glatten Flächen des geschliffenen Edelsteins die
harten Kanten, welche, demselben Stoff entspringend, doch nicht durch
leuchtendes Farbenspiel erfreuen, sondern sich der berührenden Hand
empfindlich fühlbar machen.

Als sei er aus demselben Material geschmiedet, das ihm des Vaters
Erbe überlieferte, aus festem Gußstahl, so steht seine Gestalt,
einheitlich und sich treu vom ersten bis zum letzten Tage seines
Lebens, vor uns, nicht von einem Stoff, der einer verschönernden
Zuthat bedarf oder durch eine Verzierung gewonnen hätte -- und in dem
stolzen Bewußtsein dieses seines Wortes durfte ein Mann wie Alfried
Krupp das Adelsprädikat, welches des Königs Huld bereits 1864 ihm
verleihen wollte, dankend ablehnen, ohne mißverstanden zu werden.
Für den Namen Krupp hat eben der Adel keine Bedeutung mehr, nachdem
ihm sein Träger einen fürstlichen Glanz auf dem ganzen Erdenrund
erworben hat. Und hoch hielt dieser Mann aus Stahl Zeit seines Lebens
in unentwegter Treue, in nie verzagendem Glauben das Banner, auf das
er seine Lebensaufgabe in leuchtenden Buchstaben geschrieben hatte.
Unbefleckt hat er seinen Glanz bewahrt in guten und bösen Zeiten, mit
Selbstverleugnung und Anspannung seiner letzten Kraftäußerung hat er
es in den Kampf getragen und wie ein Heiligthum es zu halten gewußt in
den Tagen des Triumphes und des Sieges. Schritt er mit Kühnheit und
gewaltigem Wagen der vaterländischen Industrie voraus im friedlichen
Kampf um den Weltpreis, gab ihm sein edles Streben die rechten Mittel
und Wege an die Hand, um den Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage zu
finden, schuf seine Erfindungsgabe und Thatkraft der deutschen Armee
die starken Waffen, welche ihr zum Siege helfen sollten, so können wir
mit Stolz es sagen: einem echt deutschen Mann von festestem Gefüge
verdanken wir diese unvergeßlichen Geschenke und dieser selbst als
echter Deutscher seine Erfolge dem unerschütterlichen Glauben an sein
ideales Ziel.


             Druck von H. _Klöppel_, Gernrode (Harz).



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    | Anmerkungen zur Transkription                                |
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    | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen  |
    | gebräuchlich waren, wie:                                     |
    |                                                              |
    | 12 Pfünder -- Zwölfpfünder                                   |
    | 8cm -- 8 cm                                                  |
    | 8 cm Kanone -- 8 cm-Kanone                                   |
    | Adler-Orden -- Adlerorden                                    |
    | Alten-Essen -- Altenessen                                    |
    | anderen -- andern                                            |
    | Arbeiter-Kolonien -- Arbeiterkolonie                         |
    | Armee-Leitung -- Armeeleitung                                |
    | Armstrong's -- Armstrongs                                    |
    | Artillerie-Offizier -- Artillerieoffizier                    |
    | Artillerie-Waffe -- Artilleriewaffe                          |
    | auf's -- aufs                                                |
    | Aufschwunges -- Aufschwungs                                  |
    | Brod -- Brot                                                 |
    | Central-Verkaufsstelle -- Zentral-Verkaufsstelle             |
    | Doppelkeil-Verschluß -- Doppelkeilverschluß                  |
    | Eisen-Industrie -- Eisenindustrie                            |
    | Erwerbes -- Erwerbs                                          |
    | Feld-Artillerie -- Feldartillerie                            |
    | General-Inspekteur -- Generalinspekteur                      |
    | Geschütz-Fabrikation -- Geschützfabrikation                  |
    | Geschütz-Konstruktion -- Geschützkonstruktion                |
    | Geschütz-System -- Geschützsystem                            |
    | Gruson's -- Grusons                                          |
    | Gußstahl-Fabrik -- Gußstahlfabrik                            |
    | Gußstahl-Geschütz -- Gußstahlgeschütz                        |
    | Haubitz-Batterien -- Haubitzbatterien                        |
    | Gute Hoffnungs-Hütte -- Gute Hoffnung-Hütte                  |
    | in's -- ins                                                  |
    | Industrie-Bezirke -- Industriebezirke                        |
    | Infanterie-Angriffe -- Infanterieangriffe                    |
    | Kabinets-Ordre -- Kabinetsordre                              |
    | Kohlen-Noth -- Kohlennoth                                    |
    | Komitee's -- Komitees                                        |
    | Konsum-Anstalten -- Konsumanstalten                          |
    | Krupp'sche -- Kruppsche                                      |
    | Maaß --  Maß                                                 |
    | Neu-Erwerbungen -- Neuerwerbungen                            |
    | Panzer-Schießversuche -- Panzerschießversuche                |
    | Prinz-Regenten -- Prinzregenten                              |
    | Ring-Kanone -- Ringkanone                                    |
    | Sekretär -- Sekretair                                        |
    | Weiterentwickelung -- Weiterentwicklung                      |
    |                                                              |
    | Die folgenden Änderungen wurden vorgenommen:                 |
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    | S. 3 »St. Antoni« in »St. Antony« geändert.                  |
    | S. 4 »St. Antonie« in »St. Antony« geändert.                 |
    | S. 5 »Sterkrate« in »Sterkrade« geändert.                    |
    | S. 6 »Antoni-Hütte« in »Antony-Hütte« geändert.              |
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    | S. 108 »beaucup« in »beaucoup« geändert.                     |
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    | S. 192 »Withworth« in »Whitworth« geändert.                  |
    | S. 203 »Franks« in »Francs« geändert.                        |
    | S. 207 »zngewandt« in »zugewandt« geändert.                  |
    | S. 209 »Reichtagswahl« in »Reichstagswahl« geändert.         |
    | S. 210 »uützen« in »nützen« geändert.                        |
    | S. 224 »sämmtkichen« in »sämmtlichen« geändert.              |
    | S. 229 »Baedecker« in »Baedeker« geändert.                   |
    | S. 229 »Centrumspartei« in »Zentrumspartei« geändert.        |
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