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Title: Peking-Paris im Automobil - Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen.
Author: Barzini, Luigi
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Peking-Paris im Automobil - Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen." ***

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                     Peking-Paris
                     im Automobil.

Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen.

                          Von
                    Luigi Barzini.

                 Mit einer Einleitung
                          von
               Fürst Scipione Borghese.

         Mit 168 Abbildungen und einer Karte.

                    [Illustration]

                       Leipzig:
                   F. A. Brockhaus.

                         1908.



Inhaltsverzeichnis.


                                                             Seite
  _Einleitung._ Von _Fürst Scipione Borghese_                1-18

  _Erstes Kapitel._ Von Paris nach Peking                   19-38

  _Zweites Kapitel._ Die Abfahrt                            39-61

  _Drittes Kapitel._ Zur Großen Mauer                       62-88

  _Viertes Kapitel._ Auf dem Gebirge                       89-122

  _Fünftes Kapitel._ An der Schwelle der Mongolei         123-144

  _Sechstes Kapitel._ Durch die mongolische Steppe        145-174

  _Siebentes Kapitel._ In der Wüste Gobi                  175-198

  _Achtes Kapitel._ Die Stadt der Wüste                   199-225

  _Neuntes Kapitel._ Urga                                 226-250

  _Zehntes Kapitel._ Auf dem Wege nach Kiachta            251-276

  _Elftes Kapitel._ Transbaikalien                        277-303

  _Zwölftes Kapitel._ An den Ufern des Baikalsees         304-330

  _Dreizehntes Kapitel._ Der Einsturz der Brücke          331-356

  _Vierzehntes Kapitel._ Im Gouvernement Irkutsk          357-380

  _Fünfzehntes Kapitel._ Im Jenisseibecken                381-402

  _Sechzehntes Kapitel._ Das gelehrte Tomsk               403-422

  _Siebzehntes Kapitel._ In der Steppe                    423-443

  _Achtzehntes Kapitel._ Der Ural                         444-458

  _Neunzehntes Kapitel._ Von der Kama zur Wolga           459-477

  _Zwanzigstes Kapitel._ Von der Wolga zur Moskwa         478-501

  _Einundzwanzigstes Kapitel._ Aus Rußland heraus         502-514

  _Zweiundzwanzigstes Kapitel._ Das Ziel rückt näher      515-530

  _Dreiundzwanzigstes Kapitel._ Paris                     531-544

  _Anhang_ I. Die Familie Borghese                        545-546

  _Anhang_ II. Das Automobil                              547-553

  _Register_                                              554-558



                                   _Isola di Garda_, im September 1907.

    Lieber Barzini!

Es hat sich also doch jemand gefunden, der nach allem -- trotz unserer
zweimonatigen Anstrengungen, trotz der Felsen, Flüsse, Wüsten und
Wälder, Sümpfe und Bankette, die wir hinter uns haben -- der nach
alledem behauptet, daß unsere Reise nur das _eine_ bewiesen habe, daß
man im Automobil _nicht_ von Peking nach Paris fahren könne!

Der Satz hat in seiner Aufrichtigkeit etwas Barbarisches an sich.
Aber, gestehen wir es nur zu, er ist buchstäblich richtig, und gerade
wir haben bewiesen, daß es heutzutage bei ausschließlicher Benutzung
des Motors eines Automobils unmöglich ist, in ununterbrochener Fahrt
und in die weichen Kissen des Fahrzeugs gelehnt sich von Peking nach
Paris zu begeben. Es würde daher vom finanziellen Standpunkte aus
nicht zu empfehlen sein, auf Grund unserer Erfahrung eine regelmäßige
Automobillinie einzurichten, um die kleinen, höchst eleganten
chinesischen Chansonetten von der Hauptstadt des Himmlischen Reiches
nach dem Moulin Rouge in Paris zu befördern, ohne ihre winzigen Füßchen
nur im geringsten zu ermüden.

Aber hat die Fahrt Peking-Paris, abgesehen von diesem wesentlichsten
Punkte, keine positiven Ergebnisse geliefert?

Ich kehre im Geiste nach Kiachta zurück, in das schmucklose Heim des
Millionärs, wo die Herrin des Hauses mit ihrem breiten, gutmütigen
Lächeln aus der Küche in den Speisesaal trat und auf die Tafel
lange Reihen Flaschen edeln Weines und riesige Platten stellte, auf
denen tranchierte Hammel und Kälber lagen und sich wahre Berge von
Mehlspeisen und Reis erhoben; wo Falia, die kleine Burjatin, ihr
frisches, ein wenig scheues, einer Steppenblume gleichendes junges
Gesichtchen zeigte; wo die alten und neuen Freunde ohne Einladung
und ohne Höflichkeitsphrasen kamen und gingen und in ungezwungener
Weise ihren Anteil an der Gastfreundschaft und den Tafelfreuden
entgegennahmen.

Und ich erinnere mich der Gespräche an der reichbesetzten Tafel,
die alle darauf hinausliefen, den praktischen Nutzen unserer
Durchquerung der Wüste Gobi zu erörtern -- wir hatten die siebzehn
Tage der schnellsten Karawanen auf vier vermindert --, sowie der
eingehenden technischen Fragen über die Möglichkeit, sich dieses
raschen Beförderungsmittels zu bedienen, um wenigstens einen Teil der
Teetransporte, die jetzt bis Wladiwostok ausschließlich das Meer und
von dort die transsibirische Eisenbahn benutzen, bis zu diesem Punkte
der Grenze zu leiten.

Erinnern Sie sich noch der Begeisterung unseres Gastfreundes in
Irkutsk, der bis Nischne-Udinsk die Freude unserer Fahrt kostete,
als unsere Brust mit tiefen Atemzügen den balsamischen Hauch des
Fichtenduftes auf den guten, trockenen Straßen Sibiriens einsog? Ja, in
ihm ist sicherlich der Keim zur Automobilleidenschaft zurückgeblieben.
Und in der guten Jahreszeit sind die Möglichkeiten der Benutzung des
Automobils auf jenen sibirischen Straßen tatsächlich unbegrenzt.

In Krasnojarsk hatten wir lange Unterredungen mit zwei praktischen,
ernsten Engländern, Konzessionaren und Ingenieuren von Goldminen.
Für sie handelte es sich darum, eine raschere Verbindung zwischen
Krasnojarsk und Jenisseisk herzustellen, und unsere Maschine, die in
dem Hofe des Gasthauses „Metropole“ in tadelloser Beschaffenheit
stand, trotzdem sie mehr als 3000 Kilometer auf schrecklichen Straßen
zurückgelegt hatte, schien ihnen ein interessanter Gesprächsgegenstand
und eröffnete vor ihren Augen einen neuen, weiten Horizont unerwarteter
Lösungen.

[Illustration: Fürst Scipione Borghese.]

In Tomsk war es, im Hause des Gouverneurs. Dort unten im Süden,
im äußersten Zipfel seiner Provinz, die die Flächenausdehnung des
Deutschen Reiches besitzt, erhebt das Altaigebirge seine Alpengipfel
und bietet der menschlichen Betriebsamkeit seine an Mineralschätzen
reichen Täler und Berghänge dar. Und während mir der Gouverneur von den
Schicksalen einer englisch-russischen Gesellschaft erzählte, die die
Verbindung von Tomsk mit dem Eismeere zu verbessern beabsichtigte,
indem sie in der Sommerszeit den Ob mit großen Lastschiffen befahren
wollte, und während er mir den Nutzen, den Mittelsibirien davon haben
würde, den ganzen Vorteil, der der Industrie und dem Export des Landes
daraus erwachsen würde, auseinandersetzte, während alledem verfolgten
seine modern geschulten, in die Ferne gerichteten Augen den Traum,
Tomsk mit Barnaul und Biisk und den Hauptpunkten des Bergwerksbetriebes
des Altai durch schnelle Automobile zu verbinden! Und der Traum wurde
näher ins Auge gefaßt und kritisiert: kurz, seine Durchführbarkeit
wurde erörtert.

Weiter nach Westen zu, in Omsk, befanden wir uns mitten in der Steppe.
Dort ist die Regenzeit viel kürzer als im sibirischen Urwalde, der
Taiga; der Steppenboden erweist sich widerstandsfähiger gegen den
Regen, das Gelände ist fast vollständig eben.

Wir fanden hier die Wegeverhältnisse der nördlichen Mongolei wieder,
wo wir auf der Antilopenjagd unsere Maschine mit der allergrößten
Geschwindigkeit hatten dahinrasen lassen können. Und wir fanden hier
ein ungeahntes, wunderbares Gebiet der Tätigkeit und des Fortschritts.
Im Jahre 1906 hatte eine Ausfuhr von Butter im Werte von 40 Millionen
Rubel und in demselben Zeitraum eine Einfuhr von sechs Millionen Rubel
landwirtschaftlicher Maschinen stattgefunden. Die Betriebsamkeit der
intelligenten Russen, der fleißigen, klugen Sibirier, der arbeitsam
und geschickt gewordenen Kirgisen wurde geleitet und gefördert von
der weitsichtigen, unternehmenden finanziellen und kommerziellen
Tätigkeit von Dänen, Engländern, Norwegern und Deutschen. Es war eine
rührige Welt, die durch Viehzucht, Milchwirtschaft, Butterbereitung
Reichtümer erwirbt, indem sie zugleich die Weideplätze verbessert und
den Futterbau rationeller gestaltet.

Das Gebiet dieser alljährlich intensiver werdenden Ausnutzung erstreckt
sich über die ganze Steppenregion, wo die Kirgisenhorden, von ihrem
Rasseninstinkt getrieben, als Nomaden von einem Weideplatz zum andern
ziehen. Dieser Aufschwung breitet sich in Tausenden von Adern über
alle Dörfer aus, in denen die Einwanderer von heute und die Söhne der
alten Verbannten des europäischen Rußland sich zu neuen arbeitsamen und
gedeihenden Gemeinwesen zusammenschließen. Von Omsk bis Kurgan, bis zum
Balkaschsee und bis Semipalatinsk dehnt sich die unermeßliche Steppe
aus und steigert sich heute die Möglichkeit, morgen die Notwendigkeit
von Automobilverbindungen und von Transporten mit Hilfe des Automobils.

Und dann nach Tjumen und Jekaterinburg, unter jener bescheidenen,
arbeitswilligen Bevölkerung, in jenem unerschöpflichen Bergwerksgebiete
des Ural, wo jeder Hektar Land einen Schatz verborgener Reichtümer
darstellt und wo der Stein die Straße weniger problematisch macht. Und
weiter, weiter, bis an die deutsche Grenze: überall hinterließ die
Fahrt unseres Automobils, das den härtesten Prüfungen widerstanden
hatte, das unversehrt mechanische Torturen überdauert hatte, bei denen
die kräftigen Tarantasse und die leichten Telegas in Trümmer gegangen
wären -- überall hinterließ unsere Fahrt eine Furche und vielleicht
einen Samen sicherer zukünftiger Zivilisation, rascheren Fortschritts,
weil unsere Maschine überall das Bild einer möglichen regelmäßigen
Verbindung hervorrief, mittels deren das Blut der Völker lebenerweckend
die Erdteile durchkreisen kann.

Aber jenseits der russischen Grenze, im westlichen Europa? Hier
durcheilte das Automobil die deutschen und jene wunderbaren
französischen Straßen, hier ist die Automobilbenutzung nicht mehr
ein Traum der Zukunft, sondern ein Problem der Gegenwart. Hier, im
westlichen Europa, wuchs der Erfolg unserer Mühen ins Riesenhafte;
er trat in den Erörterungen der Techniker, in der Begeisterung der
Bevölkerung zutage.

Das ist verständlich. Hier erschien allen Leuten unser Unternehmen
von größerer Bedeutung, sein Nutzen unmittelbarer. Es handelte sich
nicht darum, irgendwelchen lokalen Nutzen zu stiften, das Interesse
einer begrenzten Anzahl von Industriellen und Kaufleuten zu fördern,
es handelte sich vielmehr um eine neue, entscheidende Stärkung einer
vorwiegend europäischen, jungen, aber lebensfähigen und rührigen
Industrie, in der eine enorme Menge von Kapital, Wissenschaft und
Intelligenz und von geschickter und geschulter Arbeit angelegt ist. --

Wenn ein Staat seine Artillerie erneuern will, so veranstaltet er,
nachdem die technischen Probleme studiert, die eingereichten Projekte
geprüft, die ersten Anhaltspunkte gewonnen sind, Kraftproben bis zur
äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit. Die Metalle werden auf die
Maximalgrenze ihrer Widerstandskraft geprüft, sie werden auf Zug, auf
Drehung, auf Druck untersucht, sie werden nach jeder Richtung hin
weit über das Maß des Notwendigen in Anspruch genommen. Wenn dann
der Feuerschlund mit aller ballistischen Genauigkeit gegossen ist,
so veranstaltet man Probeschießen, bei denen die Ladungen übermäßig
gesteigert, die Explosivstoffe gewechselt werden, und man ist nicht
zufrieden, wenn das Geschütz nicht Anstrengungen widersteht, die
viel gewaltsamer und dauernder sind als die, die es in der Praxis
auszuhalten bestimmt ist.

Der „Raid“ Peking-Paris war eine solche äußerste Kraftprobe der
_Automobilfabrikation_ und als solche interessierte er das Publikum.
Unsere Personen und der Name der Fabrik standen in zweiter Linie; unser
Fahrzeug repräsentierte die Automobilfabrikation im allgemeinen.

Die zivilisierte Welt wohnte dieser Kraftprobe bei, der umfassendsten,
vollständigsten und überzeugendsten, der das neue Werkzeug bis dahin
unterworfen worden war, einer Kraftprobe, die zu dem Zwecke unternommen
wurde, einen weiteren, entscheidenderen Schritt nach vorwärts auf dem
Wege der Abschaffung menschlicher oder tierischer Triebkraft zu tun.
Diese Abschaffung ist eines der Kennzeichen sozialen Fortschritts.

Als ich die Herausforderung des Pariser „Matin“ annahm, hatte ich
folgendes Ziel vor Augen: _zu zeigen, daß ein gut gebautes, mit Umsicht
und Sorgfalt geleitetes Automobil imstande ist, auf langen Reisen durch
Gelände mit oder ohne Straßen die Zugtiere tatsächlich zu ersetzen_.

Was tut es, wenn das Automobil wenige Meter weit von Menschenarmen
gezogen wird; was verschlägt es, wenn man es von Zeit zu Zeit mit Hilfe
von Seilen und Hebeln aus dem Sumpfe oder aus dem Sande herausholen
oder es auf eine Fähre oder einen Kahn laden muß, um Wasserläufe
zu überschreiten, die man nicht durchwaten kann? Sind diese kurzen
Hemmnisse, die wenige Stunden Verspätung bedeuten, vorüber, so ist
die Maschine wieder zu ihrer gewohnten Kraftentfaltung befähigt, die
kein Zugtier so lange und so ununterbrochen aushalten könnte, die sie
aber ohne nennenswerte Beschädigung in zuverlässiger, andauernder
Arbeitsleistung übersteht.

Und „Peking-Paris“ hat mir recht gegeben.

Mein Wagen, die „Itala“, hat, ohne daß ich zu außergewöhnlichen
Mitteln greifen mußte, die lange Fahrt bestanden auf Straßen,
die fast durchgehends schlecht, häufig sehr schlecht waren, und
unter klimatischen und Temperaturverhältnissen, unter denen der
gesamte Mechanismus der härtesten Probe ausgesetzt war: der Rahmen
von den Stößen und Rucken hin und her gerüttelt; der Motor auf
steilen Aufstiegen, wo die Räder im Sande oder auf vom Regen
schlüpfrig gewordenen lehmigen Stellen schleiften, überhitzt bei
vielstündiger, sehr langsamer Fortbewegung unter hoher Außentemperatur
und auf schwierigem Gelände; die Vergasung anormal infolge der
Thermometerschwankungen von zehn und zwanzig Grad, in einem Klima,
das von tagelanger Trockenheit zu täglich wiederkehrendem Regen und
Feuchtigkeit übergeht; die Kuppelungen und das Getriebe fortwährenden
Stößen ausgesetzt und die Reibung jeden Augenblick aufgehoben und
wiederhergestellt!

Kurz, alle Teile -- ich spreche nicht von den Rädern und Federn,
die der Anstrengung unterlegen sind -- wurden einer Kraftprobe
ausgesetzt, wie sie nie zuvor stattgefunden hatte. Und bei den etwa
16000 Kilometern, die wir durchfahren haben und von denen 12000 ohne
chaussierte Straßen waren, beträgt die Länge der Strecken, die das
Automobil nicht lediglich durch seinen Motor bewegt zurückgelegt hat,
noch nicht 200 Kilometer!

Ich erkläre mich von dem praktisch erzielten Erfolge befriedigt, auch
wenn es sich erwiesen hat, daß man heute noch nicht in _einem_ Zuge und
ohne von der Maschine zu steigen von Peking nach Paris fahren kann! --

Aber den Erfolg verdanken wir einigen Faktoren, auf die ich jetzt zu
sprechen kommen will.

Ich schweige von der Maschine. Der tatsächliche Ausgang hat sie als
vorzüglich erwiesen, aber sie war, um es kurz zu bezeichnen, nur das
Werkzeug des Erfolges, nur der Meißel, mit dem ein Künstler eine
Statue aushaut, die er nach seinem Schönheitsideal schaffen will.
Die intelligente Hand, die den Meißel führt, ist für das Kunstwerk
wichtiger, und diese war auch bei der umsichtigen Vorbereitung unserer
Fahrt tätig.

Die Auswahl der Maschine wurde nach bestimmten Gesichtspunkten
getroffen. Man weiß, daß Stärke und Leichtigkeit relative Begriffe sind
und daß eine Maschine von 2000 Kilogramm und 40 Pferdekräften leichter
und brauchbarer sein kann als eine von etwas geringerem Gewicht
und viel geringerer Stärke. Wir waren auch bei der Aufstellung der
Berechnungen sehr vorsichtig. Eine große Menge von Ersatzteilen nahmen
wir mit, die ordnungsgemäß im hinteren Kasten der Maschine verpackt
wurden; es wurde aber glücklicherweise fast nie nötig, aus ihm etwas
herauszunehmen. Die Ergänzungsvorräte an Verbrauchsgegenständen wurden
in reichlicher Menge und nach einem sorgfältig durchdachten Plan auf
die zu durchfahrende Strecke verteilt.

Die kurze Zeit vom 15. Februar 1907, dem Tage der endgültigen Annahme
der Aufforderung, bis zum 10. Juni 1907, der für die Abfahrt von Peking
festgesetzt worden war, gestattete keine brieflichen Unterhandlungen.
Es wurde alles mündlich und telegraphisch bestellt.

[Illustration: Die „Itala“ mit Fürst Scipione Borghese und Chauffeur
Ettore Guizzardi.]

Von Schanghai kamen nach Peking das für die Fahrt durch China und die
Mongolei erforderliche Benzin und Öl; von Petersburg aus beabsichtigte
die Firma Nobel, in Sibirien und Rußland die für die Fahrt durch das
unermeßliche Reich nötigen Mengen bereitzustellen.

Langsame Kamelkarawanen -- wie viele von ihnen überholten wir, während
sie im Lichte des grauenden Morgens oder in der langen Abenddämmerung
schläfrig dahinschritten, oder während sie haltmachten und die Männer,
in ihren arabeskengeschmückten Zelten ausgestreckt, die Stunden der
sengenden Tageshitze über sich hinziehen ließen! -- schafften von
Peking an den einsamen Brunnen von Udde, in die heilige Stadt Urga
das für die technische Eroberung der Wüste Gobi Erforderliche, und
die Eroberung wurde dadurch leicht. Andererseits erreichten uns mit
der transsibirischen Bahn die zur Durchführung und Sicherung der
Fahrt nötigen Vorräte in den großen Städten und kleinen Flecken längs
des alten sibirischen „Trakt“, der Straße, die, bevor unsere freie
Maschine, von der die Flagge eines freien Volkes im Winde flatterte,
sie befuhr, so viele Scharen armer, leidender und doch stolzer Wesen
hatte vorüberziehen sehen, die verbannt worden waren, die ihr edles,
nach Freiheit und Gerechtigkeit dürstendes Herz weitweg vom Vaterlande
in die Ferne tragen mußten!

Aus Italien gelangten die Pneumatiks an die vorher bestimmten
Etappenorte, und in Omsk war ein Lager von Ersatzteilen beabsichtigt,
namentlich von Rädern und Federn, die in dieser Stadt, die ungefähr in
der Mitte der ganzen zu durchfahrenden Strecke liegt, voraussichtlich
ausgewechselt werden mußten.

Die erforderlichen Mengen Öl und Benzin waren folgendermaßen berechnet:
auf dem Wagen selbst wurden etwa 300 Kilo Benzin und 100 Kilo Öl
untergebracht, ein Quantum, das ungefähr für 1000 Kilometer Fahrt
ausreicht. In den Depots war immer so viel vorhanden, daß die volle
Ladung des Wagens nachgefüllt werden konnte. Diese Depots, die aus
Rücksicht auf den Transport in der Mongolei etwa 600 Kilometer
voneinander entfernt waren, wurden auf der russischen Strecke, wo
die durch Eisenbahn oder Flußschiffahrt erreichbaren Orte dichter
gesäet sind, in Entfernungen angelegt, die zwischen 250 und einem
Maximum von 500 Kilometern schwankten. Von Irkutsk an erwarteten mich
die Pneumatiks von Pirelli in der Entfernung von je 1000 oder 1500
Kilometern.

Wir hatten Glück! Kein einziges Mal hatten wir zuwenig Brennstoff oder
Öl; niemals fehlten uns Pneumatiks, von denen wir übrigens nur wenige
verbraucht haben.

Ein einziger Umstand entsprach nicht unseren Wünschen, und dies war
gut. Wir hatten so den Beweis in Händen, daß unsere Berechnungen
richtig waren.

Die Ersatzräder und Ersatzfedern erreichten infolge von
Schwierigkeiten, die die österreichische Zollverwaltung machte,
Omsk _nicht_; sie mußten in Moskau liegenbleiben. Wir aber zogen in
Kasan auf zerbrochenen Federn und auf einem Rade ein, das die Axt
eines geschickten russischen Muschik uns am Ufer der Kama an einem
Sonntagnachmittage ausgebessert hatte.

Auch für etwas anderes hätte besser gesorgt werden sollen: für die
Bequemlichkeit der Reisenden auf dem Wagen und für die Unterbringung
des Gepäcks.

Sie, lieber Barzini, der Sie mehr als alle darunter zu leiden hatten,
erinnern sich gewiß noch, daß wir bis zum Vorabend unserer Ankunft
in Paris jenem unförmlichen Haufen von Koffern und Säcken, der unser
Gepäck darstellte und auf der Werkzeugkiste befestigt war, von wo
er nur allzu häufig hinunterrutschte, keine richtige Form zu geben
vermochten.

Ettore mochte das Gepäck mit aller Sorgfalt, mit aller erdenklichen
Findigkeit festschnüren, ohne Stricke und Bindfaden zu schonen;
die Stöße des Wagens lockerten selbst die feinst ausgedachten
Verschlingungen, und der große Sack geriet bald darauf ins Schwanken
und öffnete sich. Und Ettore begann von neuem.

Wieviel Mühe hat sich der brave Junge in diesen 60 Tagen gegeben! Er
ist in Wahrheit jene intelligente Hand gewesen, die den Meißel führte!
Ohne sein beständiges Sorgen für den Motor und alle übrigen Teile der
Maschine, denen er Schlaf und Speise zum Opfer brachte, wären wir nicht
nach Paris gekommen, wären vielleicht heute noch nicht dort!

[Illustration: Luigi Barzini.]

Niemand, der es nicht selbst versucht hat, kann sich vorstellen,
welche Arbeit auf einer langen Reise wie der unseren der Mechaniker zu
leisten hat: vollständig auf sich selbst angewiesen, ohne die Hilfe von
Werkstätten, ohne die Bequemlichkeit einer Garage, in Ländern, in denen
jeder Begriff von Mechanik unbekannt ist, wo die Sprache fremd ist und
selbst das Denken von dem unseren so sehr abweicht.

Nach sechzehn, achtzehn Stunden Fahrt, während deren er mit
zusammengebissenen Zähnen, unter beständiger Nervenanspannung auf jeden
Laut des Motors, jedes Knirschen des Wagens gelauscht hat, bemüht,
dessen Existenz gegen die Schwierigkeiten des Geländes zu verteidigen;
zwei bis drei weitere Stunden unter dem Rahmen ausgestreckt, in der
Hitze der überanstrengten Maschine, bei dem übeln Geruche des Öls und
der verbrannten Fette nachzusehen, zu prüfen, zu registrieren, die
Verschlußstücke, die nachlassen, die Schrauben, die sich lockern,
anzuziehen, nicht zufrieden, die durch die Anstrengungen des Tages
verursachten kleinen Schäden und leichten Verschiebungen auszubessern,
sondern bestrebt, mit Scharfsinn und Findigkeit die möglichen „Pannen“
des morgenden Tages vorauszusehen und ihnen zuvorzukommen: dies ist die
regelmäßig wiederkehrende Arbeit Ettores nach wenigen Stunden der Ruhe,
die er dem harten Boden abringt, nach den Mahlzeiten, die er in Eile
verzehrt, die Füße auf den Tritt gestemmt, während die Maschine von
einer Seite der Straße zur andern schwankt. Und dazu kam für Ettore von
Zeit zu Zeit noch die Tätigkeit als Wagenlenker.

Entweder löste er mich am Lenkrad ab, um mir etwas Ruhe zu verschaffen,
oder die Schwierigkeiten der Straße machten es notwendig, daß ich ihm
bei der Fahrt über Stellen, die zu schwierig waren, um sie von der
Höhe des Wagens aus zu übersehen, zu Fuß die Richtung angab. Auch als
Wagenlenker war er unübertrefflich.

Erinnern Sie sich, lieber Barzini, wie oft ich beim Passieren von
Sumpfstrecken oder bei der Fahrt über die schmalen Streifen trockenen
Landes auf überschwemmten Straßen gezwungen war, nach Untersuchung des
Geländes Ettore durch Steine oder Zweige genau die Punkte anzugeben,
über die er die Räder führen sollte?

Und entsinnen Sie sich der wunderbaren Präzision und Raschheit, mit der
die Maschine mit dem Maximum der Geschwindigkeit, um ihr Gewicht nicht
zur Geltung zu bringen und nicht Gefahr zu laufen, stecken zu bleiben,
sich auf den Rand des Sumpfes schwang oder sich aus der Lache voll
schwarzen, zähen Morastes wieder herausarbeitete?

[Illustration: Ettore Guizzardi.]

Und trotzdem Ettore sich seines Wertes und seiner Fähigkeiten stark
bewußt ist -- oder vielleicht eben deswegen --, bewahrte er in
schwierigen Lagen, bei Strapazen, in Gefahren und bei schlechtem Wetter
(erinnern Sie sich der endlosen Tage voll Regen und Schmutz, die wir
durchgemacht haben?), bei den Triumphen und Verherrlichungen, die das
Unternehmen, an dem er so stark beteiligt war, veranlaßte, dieselbe
Seelenruhe, dieselbe Bescheidenheit, dieselbe unveränderlich gute Laune
und ausdauernde Arbeitsamkeit, sowie das unerschütterliche Vertrauen
auf den Erfolg. Und ich, der ich ihn schon seit zehn Jahren um mich
habe als meinen Gehilfen beim Automobilsport, der nicht immer leicht
und einfach ist; der ich in ihm einen bewährten, teuren Freund besitze,
ich muß ihn meiner wärmsten und herzlichsten Zuneigung, meiner tiefen,
dauernden Dankbarkeit versichern. Er ist ein schönes Beispiel eines
gebildeten, gewissenhaften Arbeiters.

Er hat nichts Dienerhaftes an sich; in ihm lebt die Überzeugung
von seinem eigenen Werte, das starke Gefühl der Verantwortlichkeit
für die Dienste, die er mit Intelligenz, mit Uneigennützigkeit
und der Anhänglichkeit eines Freundes dem widmet, der ihm volles
Vertrauen einzuflößen vermocht hat, und den er für fähig hält, seine
hervorragenden geistigen und seelischen Eigenschaften zu würdigen.

Seit zehn Jahren hat er mit mir eine Maschine nach der andern
bestiegen, hat in den Werkstätten gearbeitet, hat sich auf allen
Straßen Europas bewährt, wobei er an Klugheit, an kaltem, schweigsamem
Mute zunahm und als Ingenieur und Techniker Fortschritte machte. Und
jetzt hat er die Bestätigung seines Wertes in den Beifallsstürmen
gefunden, mit denen er, der Siegreiche, überall empfangen worden ist.
Er stammt aus der Romagna, und die ganze Kraft des Ungestüms und der
Zähigkeit seiner Rasse lebt in ihm, wirkend und schaffend.

Ein anderer zum Erfolg beitragender Faktor waren die Verhältnisse, die
wir überall antrafen. Wie soll ich die Bedeutung, den Einfluß richtig
abschätzen, den auf das Gelingen unseres Unternehmens das Wohlwollen
der Regierungen, das freundliche Entgegenkommen der Bevölkerungen, die
wenn auch nur moralische Unterstützung und Ermutigung gehabt haben,
welche uns von so vielen Unbekannten zuteil wurde, die uns für wenige
Augenblicke eng befreundet wurden und die wir dann für immer aus den
Augen verloren haben?

Bei der Lebhaftigkeit Ihres Stils werden Sie imstande sein, bei der
Schilderung der Wechselfälle unserer Reise die Erinnerung an so viele
gute Menschen aufzufrischen, die sich um uns bemüht haben und denen
wir nicht im einzelnen danken können. Sie werden erzählen, wie wir von
den auswärtigen Vertretern unseres Staates, von der chinesischen und
russischen Regierung, von den Behörden aller Länder, durch die wir
kamen, unterstützt worden sind und wie sie alle für unser Unternehmen
ein außergewöhnliches, unerwartetes Verständnis entwickelten.

Sie werden gewiß die äußere Erscheinung der chinesischen Kulis
schildern: den bronzefarbenen Leib nackt bis zum Gürtel; das
leidenschaftslose Gesicht, aus dem Augen schauen, die dem Europäer
nichts über den Charakter verraten; Menschen, unempfindlich gegen
körperliche Anstrengung wie das Metall, aus dem sie geformt zu sein
scheinen.

Sie werden auch die rauhen, stolzen mongolischen Reiter darstellen.
Lange Gewänder _umwallen sie und strömen den scharfen Geruch ihrer
Herden und Zelte aus_. Sie werden die russischen Muschiks mit ihren
langen blonden Haaren schildern; ihre sanften Blicke sind träumerisch
auf den unermeßlichen Horizont ihres Landes mit den niedrigen Hügeln
und den weiten Ebenen gerichtet und noch weiter in eine Zukunft mit
weniger Elend und menschenwürdigerem Leben.

Diese im Äußern so verschiedenen Gruppen werden Sie beschreiben, wie
sie sich der Rettung unserer Maschine widmen, während sie über die
sonnverbrannten Felsen einherkeucht, während sie in den Wüsten der
Mongolei Ströme von Wasser und Dampf ausspeit, während sie in den
Sümpfen und Schluchten Sibiriens und Rußlands wie ein gescheitertes
Schiff auf der Seite liegt.

Die Begeisterung wird wieder aufleben, wenn Sie erzählen, wie wir
unterstützt worden sind durch die brüderliche Gesinnung unserer
Landsleute, die wir so fern vom Vaterlande antrafen, durch den
Beifall der Menschen, die in Massen die Werkstatt, das Wirtshaus, die
Schule verließen, um der Vorüberfahrt des Automobils zuzujubeln, des
Erzeugnisses und Symbols der Arbeit, in der sich die lebendige Kraft
aufstrebender Völker verkörpert.

All dies und noch mehr werden die gewiß glänzend geschriebenen Blätter
Ihres Buches erzählen.

Gerührt und dankbar möchte ich alle jene Frauen umarmen, die durch ihre
Teilnahme, ihre freundlichen Worte, ihr flüchtiges Lächeln so oft den
ermüdeten Gliedern Kraft, der verzagten Seele Mut, dem verzweifelnden
Sinn den Entschluß wiedergegeben haben.

Allen möchte ich danken: denen, die ich kenne, und denen, die mir
unbekannt geblieben sind.

Den guten Hausfrauen, die, im Besitze eines gastlichen Daches, für
einen Tag in uns die Empfindung des Familienlebens erweckten, indem
sie uns den Genuß eines guten Bettes und einer wohlbesetzten Tafel
verschafften: das köstliche Gefühl, das ein geordnetes, von weiblichem
Geist durchwehtes Hauswesen in dem hervorruft, der aus der Einsamkeit
des Nomadenlebens kommt.

Den Frauen der Muschiks will ich danken, die in den Gemeindehäusern
der von jedem zivilisierten Leben abgeschlossenen Dörfer, in den
mit kräftigen Axtschlägen aus den Stämmen der ungeheueren Wälder
gezimmerten „Isbas“, den Bauernhäusern, uns vom Abend bis zum
Morgengrauen alles anboten, was sie hatten. Sie verließen ihre
armselige Hütte, damit wir Unterkunft fänden; sie brachten uns die
Schüssel mit dampfender Suppe, den Krug mit der schmackhaften Milch
der sibirischen Steppe, den Laib Brot, schwarz wie die Erde, die es
hervorbringt.

Auch jenen andern danke ich, die, scheinbar erfüllt von Freude und
Heiterkeit, in den uns zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten ferner
Städte für eine Nacht ihr Elend vergaßen, um in uns eine freundliche
Illusion hervorzurufen.

Ich danke auch jenen Damen, die sich in einer Stunde geistreicher
Unterhaltung vielleicht offener als sonst gaben, weil sie die Gewißheit
hatten, man würde sich nie mehr im Leben begegnen, und die unsere
Gedanken von den alltäglichen Beschäftigungen ablenkten und der Seele
etwas von der Spannkraft wiedergaben, die uns die beständige und
monotone körperliche Anstrengung zu rauben drohte.

Dank allen jenen, die uns beim Vorüberfahren zulächelten, uns eine
Kußhand oder Blumen zuwarfen, uns durch Gesten anfeuerten, ihnen allen,
einschließlich _unserer_ Frauen, die wir im Geiste auf der Schwelle
unseres Hauses, die Kinder im Arme, stehen sahen, voller Sehnsucht und
Liebe uns erwartend, und die auch in unserem vielbewegten Leben die
verborgene Kraft waren, die uns aufrecht erhielt und antrieb.

Dies sind die Faktoren, die unser Unternehmen zu einem glücklichen Ende
geführt haben!

Sie, der Sie der Dichter unter uns waren und jetzt im Begriff sind,
unser Geschichtschreiber zu werden, Sie wissen dies besser als ich. Und
Sie wissen auch, wie verschieden das Schicksal unserer Reise von dem so
vieler andern gewesen ist.

Ich denke bisweilen jener Männer, die in den Volksüberlieferungen
weiterleben müßten und die doch beinahe vergessen sind, der Reisenden,
die in unbekannten Ländern geographische Entdeckungen gemacht, die
lange Jahre hindurch täglich ihr Leben aufs Spiel gesetzt, die dem
Handel ihres Landes fruchtbare Zonen zur Ausnutzung gewonnen, der
heimischen Industrie weite Ausfuhrgebiete erschlossen haben. Und ich
gedenke ihrer -- die Namen brennen mir auf den Lippen -- und ihrer
Rückkehr in die Heimat.

Wenige Fachmänner empfangen sie, wenige Zeitungen sprechen von ihnen
und vielleicht nur, um ein herbes Urteil über sie zu fällen; Schweigen
umhüllt sie. Manchen hat diese Nichtbeachtung seitens des Publikums,
dieses bittere Schweigen der Menschheit, für die sie arbeiteten und
litten, getötet!

Uns, die wir so viel Kleineres vollbracht haben, erwartete allgemeiner
Beifall, erwartete die Genugtuung, einen Augenblick lang die
Begeisterung der großen Metropolen der Welt, der betriebsamen Städte,
der stillen Flecken in ganz Europa erregt zu haben!

Die Gründe dafür sind verwickelter Art. Es kommt dabei in Betracht die
Neuheit des benutzten Gefährtes, seine wachsende wirtschaftliche und
soziale Bedeutung; es kommt in Betracht die Länge des Weges, der in
so kurzer Zeit und inmitten von Schwierigkeiten zurückgelegt worden
war, die man zum ersten Male zu überwinden hatte; es kommt in Betracht
die glückliche Lösung der technischen Probleme und die faszinierende
Anziehungskraft jenes Landes Asien, aus dem wir vielleicht stammen und
das uns doch so fremd ist. Es kommen ferner in Betracht die beiden
Endpunkte der Reise.

Am Punkte der Abfahrt die geheimnisvolle Hauptstadt des rätselhaften
Reiches, aus dem das Geräusch des Lebens wegen der räumlichen
Entfernung und des Abstandes im Denken nur gedämpft zu uns
herüberklingt; am Endpunkt der lauteste Resonanzboden der Welt, Paris,
von wo jeder, auch der leiseste Hauch des Lebens sich verstärkt und in
tausendfachem Echo vervielfältigt über die ganze Erde verbreitet.

Das Geheimnis des „Warum“ liegt zum Teil darin, aber vor allem --
Sie selbst haben es, glaube ich, ausgesprochen -- liegt es in dem
Metalldraht, der uns auf dem ganzen Wege begleitete und der Tag
für Tag Nachrichten über uns an die Presse übermittelte, die sie
weiterverbreitete.

Der Telegraph und die Presse, sie sind die unmittelbare Ursache der
Volkstümlichkeit, deren sich unser Unternehmen zu erfreuen hatte.

Diese beiden sind es, die Ihre spannende Darstellung überallhin
verbreitet haben, die den eintönigen und für uns nur allzu häufig
höchst verdrießlichen Zwischenfällen der Reise Interesse verlieh. Bei
peinlichster Wahrheitsliebe gegenüber den Tatsachen haben Sie es doch
verstanden, sie durch die lebhafte Schilderung des Milieus in das
rechte Licht zu setzen, ihnen den gebührenden Platz im Gemälde des
Ganzen anzuweisen. Und das Publikum hat die Poesie gefühlt, die die
einzelnen Kapitel dieser unserer modernsten Odyssee erfüllt.

Niemand wird jedoch beim Lesen Ihres Buches ahnen, welchen Aufwand
an Willensstärke und moralischer Kraft es Sie gekostet hat. Ich, der
ich die Ehre und die Freude hatte, der Gefährte Ihrer zwei Monate
andauernden Kraftleistung zu sein, starker geistiger Anspannung
inmitten niederdrückender materieller Widerwärtigkeiten, ich allein
kann es bezeugen!

Und seit jenen zwei Monaten erfüllt mich ein Gefühl lebhafter
Bewunderung und tiefer Freundschaft für Sie, das der Zeit trotzen soll!

In Zuneigung und Hochachtung,

    lieber Barzini,

        Ihr

        Scipione Borghese



Erstes Kapitel.

Von Paris nach Peking.

     Was mir am 18. März begegnete. -- In Paris. -- „Eintreffen Peking
     ersten Juni!“ -- Die Sorgen und die Tätigkeit des Wai-wu-pu. --
     Die Automobile. -- Ettore.


Am 18. März 1907 mittags, einem für mich denkwürdigen Datum, saß
ich in Mailand an meinem Schreibtisch, vertieft in das Studium des
nordamerikanischen Eisenbahnwesens. Damals widmete ich mich mit
Feuereifer den Eisenbahnproblemen; ich schrieb und sprach darüber und
weidete mich an heimischen und ausländischen Reglements und Fahrplänen.
Plötzlich riß mich ein langes Klingeln des Telephons, das auf meinem
Arbeitstisch steht, mit Gewalt aus den Eisenbahnnetzen der Vereinigten
Staaten.

„Hier Barzini! Wer dort?“

„Guten Morgen!“ -- ich erkannte die Stimme Luigi Albertinis, des
Chefredakteurs des „Corriere della Sera“ -- „ich muß Sie unbedingt
sprechen; kommen Sie zu mir!“

„Sofort?“

„Augenblicklich.“

„Ich eile.“

„Besten Dank.“

Ich stürze aus dem Hause, springe in die erste freie Droschke, die
mir begegnet, und gehe während der Fahrt eilig die Ereignisse der
letzten vierundzwanzig Stunden durch, um den Grund einer so dringenden
Aufforderung zu erraten.

Bedurfte die Zeitung ihres „Spezialberichterstatters“? War irgendwo
Krieg ausgebrochen? Nein, selbst Venezuela erfreute sich seit acht
Tagen vollkommener Ruhe. Eine Revolution? Auch nicht; es war zu kalt
dazu -- Revolutionen beginnen in der schönen Jahreszeit; sie sprießen
mit den Blumen hervor; erst Ende April erhalten die Redaktionen die
erste Nachricht von dem regelmäßigen Wiedererwachen des Freiheitssinnes
unter den Völkern; sie besteht aus dem bekannten Telegramm: „Eine
bulgarische (oder griechische) Bande hat die Einwohner eines
griechischen (oder bulgarischen) Dorfes niedergemacht usw.“ War ein
unvorhergesehenes Unglück geschehen? Die Unglücksfälle binden sich an
keine Jahreszeit...

Ich war im Irrtum, in meinem Berufseifer überall Unheil zu wittern. Es
hatte sich auf keiner von beiden Hemisphären etwas Ernstes zugetragen.
Als ich, bis oben voll von berechtigter Neugier, das Bureau betrat,
das das Gehirn unserer Zeitung darstellt, fand ich den Chefredakteur
ganz ruhig und heiter. Er reichte nur eine Nummer des Pariser
„Matin“, zeigte mir auf der ersten Seite unter einer Überschrift in
Riesenbuchstaben einige Zeilen und fragte:

„Was denken Sie darüber?“

Ich schaute hin und las folgende überraschende Einladung:

„_Wer ist bereit, in diesem Sommer von Peking nach Paris im Automobil
zu fahren?_“

Ich las die Anzeige noch einmal und empfand ein Gefühl der Bewunderung
für den unbekannten Urheber eines derartigen Planes. Zum mindesten
mußte er ein großer Freund von Romantik sein.

„Was denken Sie darüber?“ wiederholte Albertini.

„Herrlich!“

„Durchführbar?“

„Ah, das ist etwas anderes! Aber selbst wenn der Versuch nicht gelingt,
würde er doch äußerst interessant sein.“

„Und würden Sie bereit sein, daran teilzunehmen?“

„Mit dem größten Vergnügen.“

Wir verwandten einige Minuten auf das Durchblättern der folgenden
Nummern des „Matin“, um einige weitere Mitteilungen über die
abenteuerliche Reise zu suchen. Zustimmungsschreiben füllten Spalten
über Spalten; es waren Briefe, die eine allzu rasch entflammte
Begeisterung bekundeten, als daß sie von langer Dauer hätte sein
können. Einer jedoch unter vielen fesselte unsere Aufmerksamkeit,
weil er von einem Italiener herrührte und kurz und kühl war wie eine
Empfangsbescheinigung. Er lautete:

„_Ich beteilige mich an der Wettfahrt Peking-Paris mit meinem Automobil
‚Itala‘. Wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir möglichst bald alle
Einzelheiten mitteilten, um meine Vorbereitungen danach treffen zu
können._

    _Fürst Scipione Borghese._“

Name und Stil machten mich sofort nachdenklich: das war ein Mann, der
das, was er sagte, ernst meinte.

_Don Scipione Borghese_ (s. Anhang ~I~) war mir durch seinen Ruf als
Automobilist und Reisender bekannt. Im Jahre 1900 hatte er mit einer
Karawane Persien, zum Teil auf wenig bekannten Strecken, durchquert;
er war in Turkestan eingedrungen und durch die weite Baraba-Steppe bis
Barnaul gelangt; von da hatte er die Flußläufe des Ob und Tom zu Schiff
befahren und Tomsk erreicht; in Tomsk hatte er die sibirische Eisenbahn
benutzt, die ihn bis zum Gestade des Stillen Ozeans brachte. Über
seine Reise hatte er ein Buch geschrieben, ein gelehrtes Buch, das die
strenge Genauigkeit eines Schiffstagebuchs aufwies, ins Detail gehend,
ruhig, sachlich, das den Verfasser als Mann von überlegendem, klarem
Sinne kennzeichnete, der sich bei seinen Beobachtungen nicht allzusehr
durch Erregungen, weder durch Bewunderung noch durch Gefühlsausbrüche,
ablenken ließ. Der Verfasser erwies sich mehr als Mathematiker denn als
Dichter; man bemerkte eine Vorherrschaft des Kopfes über das Herz, des
Willens über das Gefühl. Fürst Borghese erschien mir als einer jener
Männer, welche wollen, wissen und handeln. Er hätte seine Unterschrift
zu der Fahrt Peking-Paris nicht gegeben, wenn er nicht entschlossen
wäre, zu fahren und, einmal abgefahren, alles Menschenmögliche daran zu
setzen, um als Sieger hervorzugehen. Ich hatte sofort Vertrauen zu ihm.

Der Chefredakteur unterbrach die Lektüre des „Matin“ und sagte mir in
dem Tone einer plötzlichen Entschließung:

„Fahren Sie sofort nach China!“

„Gut.“

„Die Wettfahrt Peking-Paris beginnt am 10. Juni. Sie machen zuerst eine
Reise durch Amerika und den Stillen Ozean und auf der Reise stellen Sie
interessante Beobachtungen an. Die Beendigung des Prozesses Thaw in
Neuyork ...“

„Gut.“

„Der Wiederaufbau von San Francisco ..., die japanisch-amerikanische
Spannung wegen Hawais ..., Japan nach dem Kriege ... Und über Asien
beenden Sie Ihre Rundreise um die Welt.“

„Gut. Und die Fahrt Peking-Paris?“

„Sie erhalten unterwegs nähere Weisungen. Wir werden beim Fürsten
Borghese anfragen, ob er damit einverstanden ist, daß Sie sich ihm
anschließen. Ich hoffe ja. Auf alle Fälle finden Sie in Peking
alles bereit. Eventuell stellen wir Ihnen eins von unseren eigenen
Automobilen zur Verfügung. Der nächste Dampfer nach Amerika geht ...
warten Sie ... hier ist ein Fahrplan. Übermorgen, am 20. März, geht
vom Norddeutschen Lloyd ‚Kaiser Wilhelm der Große‘ von Cherbourg nach
Neuyork. Sie fahren heute nach Paris. Ist noch Zeit?“

Ich sah nach der Uhr und rief mir meine neue Eisenbahnwissenschaft
(Abteilung Fahrpläne) ins Gedächtnis zurück.

„Ich habe vollauf Zeit.“

„Glückliche Reise also!“

„Auf Wiedersehen!“

Wir tauschten einen kurzen Gruß aus und umarmten uns in einer jener
Aufwallungen von Anteilnahme und Freundschaft, die in gewissen
Augenblicken Menschen, die sich gegenseitig wohlwollen, mit gleichen
Empfindungen erfüllen.

Einige Minuten später stürmte ich die Treppe hinunter und stieß mit
einem Kollegen zusammen, der sie mit der Langsamkeit eines Menschen
emporstieg, der von seiner regelmäßigen, gewohnten Arbeit erwartet wird.

„Wohin so eilig?“ fragte er mich.

„Ich will eine Reise um die Welt machen“, erwiderte ich stolz und blieb
einen Augenblick auf dem Treppenabsatz stehen.

„Renommist!“ rief er und brach in lautes Gelächter aus. „Ich kann mir
denken, wohin du in Wirklichkeit gehst.“

„Wohin denn?“

„Zum Frühstück -- es ist spät, und du hast Hunger. Guten Appetit!“

Die Ungläubigkeit meines Freundes, die doch so viel gesunden
Menschenverstand verriet, machte mir plötzlich klar, in welch
seltsamer, abenteuerlicher, unwahrscheinlicher Lage ich mich befand.
Ich blieb einen Augenblick zweifelnd und verwirrt stehen, ehe ich ein
„Danke“ antwortete und meinen Weg fortsetzte. Der alte Abenteurerroman,
in dem die auftretenden Personen alle Erdteile durchwandern und alle
Meere durchschiffen, ehe der Leser bis zur letzten Seite gelangt, ist
außer Mode gekommen, weil selbst die Kinder ihn für zu weit von der
Wahrheit entfernt halten, obgleich es doch noch jemand gibt, der ihn
erlebt: den Journalisten.

Am selben Tage entführte mich der Expreßzug durch den Simplon nach
Paris.

In Paris wurden in den Redaktionsräumen des „Matin“ starkbesuchte
Versammlungen abgehalten, um die Meinungen über die Wettfahrt
auszutauschen. Neben vielen Teilnehmern an der Wettfahrt hatten
sich Reisende, Diplomaten, die in China gewesen waren, und Gelehrte
eingefunden, die über alle Erdteile die genaueste Auskunft geben
konnten, ohne sie je gesehen zu haben. Die Debatten waren lebhaft
gewesen; die Stenographen hatten mit peinlicher Treue seltsame
Unterredungen, in denen mehr gefragt als geantwortet wurde,
niedergeschrieben. Der zur Verhandlung stehende Stoff erwies sich als
mit mehr Unbekannten gespickt als eine Aufgabe aus der höheren Algebra.

Im ganzen hatten diese Versammlungen einen unleugbaren Nutzen gebracht.
Es war gelungen, die beste Reiseroute festzustellen. Zahlreiche
Telegramme waren nach Peking, nach Petersburg, nach Irkutsk mit der
Bitte um Auskunft abgegangen. Der weise und kluge Wai-wu-pu, der Große
Rat des Himmlischen Reiches, hatte sich darauf beschränkt, mit --
einer Frage zu antworten, die er durch die französische Gesandtschaft
übermitteln ließ:

„_Wie groß ist die Zahl der Automobile, die von Peking nach Paris
fahren wollen?_“

Welche Bedeutung diese Zahl in den Augen des Großen Rates des
Himmlischen Reiches besaß, ist nicht leicht zu begreifen; vielleicht
befürchtete der Wai-wu-pu wieder eine Invasion.

Die Russisch-Chinesische Bank in Peking hatte geantwortet: „_Die Pässe
von Nankou und von Ku-pei-ku sind für Automobile genügend breit, aber
steil und felsig._“

Genügend breit -- die Sachlage erschien in Paris äußerst günstig, wenn
man sie mit den über die sonstigen Straßen eingegangenen Nachrichten
verglich. Der Weg durch Turkestan über Samarkand, der Weg über das
Altaigebirge waren für absolut unmöglich erklärt worden. Es blieb
also nur der Weg durch die Mongolei über Kalgan und Kiachta mit jenen
„genügend breiten“ Pässen.

Die wahre Stimmung der Teilnehmer war nicht allzu ermutigend. In
einer letzten Versammlung erließen die Unterzeichner eine ziemlich
pessimistische Erklärung, die folgendermaßen lautete:

_„Die Schwierigkeiten dieser außergewöhnlichen Wettfahrt erscheinen
nach genauer Prüfung und wochenlangem Studium weit bedeutender, als
wir im ersten Augenblicke glaubten. Peking-Paris ist vielleicht ein
unausführbarer Versuch! Es bietet sich hier eine Gelegenheit für die
Pioniere des Automobilwesens, der Fahrtechnik die Aufgabe zu stellen,
Wüsten, Gebirge, Steppen, die halbe Welt zu durchqueren.“_

[Illustration: Die „Itala“ und Ettore vor der Abfahrt im Hofe der
italienischen Gesandtschaft in Peking.]

Der „Matin“ verglich die Fahrt mit dem Versuche, den Pol zu erreichen.
Das große Publikum hatte sich eine noch entschiedenere Meinung gebildet
als die in der Erklärung der Teilnehmer ausgesprochene und sagte
geradezu: „Peking-Paris _ist_ ein unausführbarer Versuch.“

Ich muß gestehen: als ich am Morgen des 20. März Paris verließ, um
mich in Cherbourg einzuschiffen, dachte ich mit großem Skeptizismus
über die Wahrscheinlichkeit, nach diesem selben Paris auf einem
Automobil zurückzukehren, das von der Hauptstadt Chinas aus seine
Fahrt angetreten hätte. Und in der verschwiegenen Tiefe meines Herzens
dankte ich dem Himmel -- und Nikolaus ~II.~ -- für das Vorhandensein
der die Rolle der Vorsehung spielenden sibirischen Eisenbahn, die mich
vorkommendenfalls in einem entsprechend kurzen Zeitraum nach Hause
bringen würde.

Unterwegs vergaß ich schließlich die Automobilwettfahrt beinahe ganz.
Die Fahrt Peking-Paris erschien mir nicht mehr als der eigentliche
Zweck meiner eiligen Reise um die Erde, sondern nur als eine letzte
problematische Episode, als das zweifelhafte Ende eines „Looping the
Loop“ um unseren Planeten. Übrigens sprachen die Zeitungen bereits
nicht mehr davon. Die Angelegenheit schien in den Abgrund der
Vergessenheit gefallen zu sein, in dem alle überspannten Projekte, alle
Utopien wie durch Schicksalsgewalt verschwinden.

Aber nein! Jemand dachte noch daran, arbeitete, traf Vorbereitungen,
organisierte. Ein kurzes Telegramm ließ mich dies erkennen, eine
Weisung, die mir eines Abends in meinem Hotel in Neuyork zugleich mit
meinem Zimmerschlüssel überreicht wurde. Ich öffnete die Depesche im
Fahrstuhl, der mich zu meinem Stockwerke hinaufbrachte; ich las sie,
las sie wieder und war von ihrem Inhalte dermaßen in Anspruch genommen,
daß ich, ohne es zu bemerken, im vierzehnten Stockwerke anlangte, wo
der Liftmann mich fragte, ob ich beabsichtigte, das Dach des Gasthofes
zu besteigen.

Jene lakonische und geheimnisvolle telegraphische Mitteilung lautete:
„_Eintreffen Peking ersten Juni!_“ Kein Wort weiter.

Und pünktlich wie eine Sonnenfinsternis stieg ich am 1. Juni abends 6
Uhr in der Station Peking aus, auf jenem elenden Bahnhofe, der sich
an den Fuß der prächtigen alten Mauern der Tatarenstadt anlehnt, an
die gewaltigen Bastionen des Tsien-men, des Kaisertors, gleichsam um
im Schatten so erhabener Größe seine eigene Erbärmlichkeit und die
Entweihung des Ortes zu verbergen.

Am selben Abend suchte mich ein italienischer Gendarm im Hotel der
Schlafwagengesellschaft auf und überbrachte mir ein Schreiben, das für
mich auf der italienischen Gesandtschaft abgegeben worden war, sowie
ein Briefchen.

Das Schreiben war von der Redaktion des „Corriere della Sera“ und
ergänzte -- nach beinahe zwei Monaten -- die Depesche, die ich in
Neuyork erhalten hatte. Es benachrichtigte mich, daß ich auf der
„Itala“ des Fürsten Borghese an der Wettfahrt teilnehmen solle. Ich war
sehr erfreut. Eine andere Notiz, die ich mit unverhohlener Genugtuung
begrüßte, besagte, daß ich infolge eines zwischen dem „Corriere della
Sera“ und dem „Daily Telegraph“ geschlossenen Vertrags ersucht wurde,
einen regelmäßigen telegraphischen Nachrichtendienst über die Fahrt
Peking-Paris auch für das große Londoner Blatt zu übernehmen.

[Illustration: Straße in Nankou.]

Ich vergesse nie, daß ich mir meine ersten journalistischen Sporen in
London verdient habe. Seit jener Zeit, die ich als Berichterstatter
auf englischem Boden zubrachte und während der sich meine Seele
an dem großartigen Schauspiel einer einheitlichen, sich über den
ganzen Erdball erstreckenden Tätigkeit weidete, hatte ich ein Gefühl
der Dankbarkeit und überzeugter Bewunderung für England, sowie der
rückhaltlosen Anerkennung des englischen Journalismus in mir bewahrt.
Ich betrachtete die Aufforderung, am „Daily Telegraph“ mitzuarbeiten,
als einen schmeichelhaften Vertrauensbeweis und nahm sie mit
ehrerbietiger Eile an.

Das mir von dem Gendarmen überbrachte Briefchen war vom Fürsten
Borghese. Er war schon vor einer Woche eingetroffen. Er hieß mich
willkommen und ersuchte mich um eine Begegnung am 6. Juni. Wir hatten
uns nie im Leben gesehen, und da es uns beschieden sein sollte,
monatelang zusammenzuleben und Brot und Mühseligkeit während einer
langen, abenteuerlichen Reise zu teilen, so hatten wir beide ein
lebhaftes Verlangen, uns kennen zu lernen. Ich würde sofort zu ihm
geeilt sein, um ihn aufzusuchen, wenn er mir in seinem Billett nicht
mitgeteilt hätte, daß er sich in diesem Augenblicke einige hundert
Kilometer von Peking befinde, in der Absicht, die Straße nach Kalgan zu
erkunden und zu erproben, ein genügender Grund, um mich zu geduldigem
Warten zu veranlassen.

Ich blieb an jenem Abend bis tief in die Nacht auf der Veranda des
Gasthofes sitzen und gab mich den Träumen meiner Phantasie hin. Ich
erkannte mein altes Peking nicht wieder, die prachtvolle Hauptstadt
der Starrheit, die ich vor sieben Jahren verlassen hatte. Damals war
sie da und dort verwüstet infolge der Belagerung der Gesandtschaften
und der Wiedervergeltung von seiten der zivilisierten Welt, aber
sie war noch unberührt in ihrem Geiste und in ihrem Aussehen, sich
selbst treu, seltsam, einzigartig, umgeben von der geheiligten Linie
ihrer ungeheueren Mauern. Jetzt erhoben sich im Gesandtschaftsviertel
in den vom Sonnenuntergange geröteten Himmel eine Menge Dächer
europäischer Paläste und Villen, Kirchturmspitzen, Türme mit und ohne
Uhren, das Profil einer modernen Stadt des Westens, das die in der
Ferne sich erhebenden zierlichen Pagoden innerhalb der Umwallung der
Kaiserstadt zum Teil verdeckte. Elektrische Lampen flammten in der
Straße auf und beleuchteten die Uniformen vorübergehender europäischer
Soldaten. In der Richtung auf das Hata-men-Tor ertönten die Pfiffe
der Lokomotiven. Jeden Augenblick ließ sich im Innern des Hotels die
Telephonklingel vernehmen, die die Klänge eines Orchesters übertönte.
Und das Orchester, ein europäisches, spielte vor einer Versammlung
chinesischer Würdenträger, die ohne Eßstäbchen aßen. Ich dachte daran,
daß wir im Begriff standen, so vielen beklagenswerten Neuerungen noch
das Automobil hinzuzufügen ...! China macht Fortschritte, sagte ich mit
einem gewissen Bedauern zu mir selbst.

Der folgende Tag belehrte mich jedoch, daß China in der Tat keine
Fortschritte gemacht hatte. Denn alle die Neuerungen, die so großen
Eindruck auf mich gemacht hatten, waren gewissermaßen nur Gefangene,
die in einer Art Europäisierungsanstalt eingeschlossen waren; sie
gingen nicht über die Mauern des Gesandtschaftsviertels hinaus, das
überdies stark befestigt war. Ringsherum lag unberührt, sich immer
gleichbleibend, die unermeßliche Stadt, das Peking vergangener
Jahrhunderte. Und in diesem Peking, in einem alten Palaste mit vielen
Höfen, hielt ein Rat weiser und verehrungswürdiger Männer, der
_Wai-wu-pu_, der Große Rat des Himmlischen Reiches, Wache gegen jede
Entweihung durch den Westen.

An der Spitze des Wai-wu-pu stand der berühmte Na Tung, einst
Haupt-Boxer, Ex-Zum-Tode-Verurteilter, dessen Kopf die Mächte als
Bedingung des Friedens von 1900 gefordert hatten. Statt dessen war er
eine Art Minister des Auswärtigen geworden und hatte natürlich seinen
Kopf behalten -- und in dem Kopfe seine Ideen! In diesem Augenblick
war der Große Rat mit Eifer darauf bedacht, das Reich vor einem neuen,
schrecklichen Feinde zu beschützen.

Dieser Feind hieß _Ki-tscho_ oder „Kraftwagen“, eine anmutige
Neubildung, die bei Gelegenheit zur Bezeichnung des Automobils
entstanden war. Man sprach nur vom _Ki-tscho_, wie man einst vom
„_Huo-tscho_“, dem „Feuerwagen“ (auf europäisch: Eisenbahn), gesprochen
hatte. Weshalb kommen die Ki-tscho? Was wollen sie? Angstvolle Fragen,
die den Wai-wu-pu in tiefes Nachsinnen über die Geschicke Chinas
versenkten. In den Kopf eines chinesischen Mandarinen wollte der
Gedanke nicht hinein, daß die Ki-tscho nur von Peking nach Paris fahren
wollten, sogar ohne für dieses mühevolle Unternehmen Bezahlung zu
verlangen. Um nach Paris zu gelangen, existierten raschere, sichere,
bewährte Mittel. Es lagen sicher geheimnisvolle, uneingestehbare Gründe
für eine derartige Seltsamkeit vor. Der Wai-wu-pu zweifelte nicht, daß
Europa ein Experiment plane. Aber was für eins?

Prinz Tching, ein Mann von weitem Blick, neigte zu dem Glauben,
die Europäer wollten die Möglichkeit studieren, mit Hilfe von
Automobilzügen rasch mit China in Verbindung zu treten, ohne fernerhin
genötigt zu sein, es um Eisenbahnkonzessionen zu ersuchen. Die
angeblichen Automobilisten waren selbstverständlich alles Ingenieure
unter dem Oberbefehl eines italienischen Fürsten. Das Projekt bedeutete
den völligen Ruin der chinesischen Eisenbahngesellschaft, die die
Linie nach Kalgan baute, eine Linie, die bereits bis Nankou geführt
worden war. Und an dieser Gesellschaft war Prinz Tching mit Kapital
beteiligt ...

Na Tung betrachtete die Dinge unter einem noch schrecklicheren
Gesichtspunkte. Die Ki-tscho suchten nach seiner Meinung eine Straße
zum Einbruche in das Reich. War nicht früher die Mongolei der Weg
gewesen, auf dem die Gefahr nahte? Hatte nicht die Große Mauer zur
Verteidigung des Reiches nach dieser Seite hin gedient? Welche Mauer
hätte den Durchgang für ein Heer von Ki-tscho sperren können, das
unter dem ersten besten Vorwand eines Boxeraufstandes von den Bergen
herabsteigen und diesmal zur rechten Zeit kommen würde, um -- o
weh! -- die dazu bestimmten Köpfe der diplomatischen Körperschaft
abzuschneiden? Die Automobilisten, die sich an der Fahrt Peking-Paris
beteiligten, waren selbstverständlich nichts anderes als unter dem
Oberbefehl eines italienischen Fürsten stehende Offiziere.

Einen Beweis für den Ernst der Lage fand der Wai-wu-pu darin, daß die
Gesandten von Frankreich, den Niederlanden, Italien und Rußland in
Peking sich lebhaft für das Gelingen der Automobilfahrt interessierten.
Namentlich die ersten drei bombardierten die gestrenge Versammlung
mit offiziellen und offiziösen Noten, in denen sie die sofortige
Ausstellung von Pässen für die Fahrt durch die Mongolei verlangten,
ausgefertigt auf die Namen der Automobilisten, ihrer Landsleute (die
entweder Ingenieure oder Offiziere waren). Was sollte man tun? Man
mußte für das Wohl des Vaterlandes streiten, und der Wai-wu-pu stritt.
Er begann mit der Verweigerung der Pässe.

[Illustration: Unsere Kulis an einem Haltepunkte.]

Es fanden zahlreiche Besuche seitens der europäischen Sekretäre statt;
der Wai-wu-pu bot ihnen Tee an, widerstand aber heldenhaft all ihrem
Ansinnen. Im Grunde genommen war der Wai-wu-pu eigens zu dem Zwecke
geschaffen worden, den Europäern nein zu sagen. Die Europäer verlangten
Häfen, Bergwerke, Eisenbahnen, Universitätslehrstühle, Entschädigungen
für mißhandelte Missionare, und China sah die Notwendigkeit einer
Organisation der Verteidigung ein. Es hatte jenen Tsungli-jamen
gesegneten Angedenkens ins Leben gerufen, dessen Hauptaufgabe darin
bestand, alle europäischen Forderungen in der Schwebe zu erhalten,
indem er die Antworten auf eine ferne Zukunft verschob. Nach dem
Boxeraufstande wollten die Mächte von dem Tsungli-jamen nichts mehr
wissen, und die chinesische Regierung willfahrte ihnen, indem sie den
Wai-wu-pu schuf, der den Vorteil bot, daß er die Forderungen nicht in
der Schwebe ließ: er antwortete sofort mit nein.

Nach den Verträgen konnte China aber denjenigen Fremden, die eine
Provinz des Reiches bereisen wollten, die Pässe nicht versagen. Es
trat noch ein ernster Zwischenfall hinzu, der den Wai-wu-pu von seinem
Entschlusse abbrachte, ein Zwischenfall, der in seiner Tragweite von
den gescheiten Mandarinenköpfen nicht vorausgesehen und gewürdigt
worden war: _die Automobile waren bereits in Peking eingetroffen_!
Schlimmer noch, sie zeigten sich auf den Straßen Pekings, obgleich
ihnen dies verboten war, außer wenn sie darauf eingingen, sich von
einem oder höchstens zwei Maultieren ziehen zu lassen. Wenn man die
Pässe noch länger vorenthalten hätte, so wären diese Teufelsmaschinen
offenbar in Peking geblieben. Sie hätten fortgefahren, die heilige
Ruhe der Hauptstadt zu stören, hätten die Gemüter des Volkes verwirrt,
überall den Samen abendländischer Korruption verbreitet, den Unwillen
der Geister, die Rache des Feng-schui heraufbeschworen. Sie in Peking
zu lassen, wäre dasselbe gewesen, als hätte man den Feind in die
eigene Festung eingelassen. Besser war es, sie möglichst bald wieder
loszuwerden. Und der Wai-wu-pu bot die Pässe an. Aber für den Weg durch
die Mandschurei.

Das diplomatische Ringen begann von neuem. Neue Noten, neue Besuche,
neuer Tee. Die Chinesen verloren an Terrain. Endlich willigten sie ein,
die Pässe für die Mongolei auszustellen, ohne jedoch die Namen der
Automobile darin zu verzeichnen. Die italienische Gesandtschaft wies
sie zurück. Der Wai-wu-pu schickte Pässe, die Strafanträgen glichen.
„Der Ki-tscho ist in China etwas Neues,“ besagten jene kostbaren
Dokumente, „ein Grund, weswegen die chinesische Regierung keinerlei
Verantwortung betreffs der Fahrt übernimmt. Im Gegenteil bleibt der
Reisende voll verantwortlich für jedes Unglück und für jeden Schaden,
der durch ihn oder sein Fahrzeug entstehen könnte, und er ermächtigt
die Behörden, sein Geld und sein Gepäck mit Beschlag zu belegen als
Bürgschaft für die Entschädigung, die er zu zahlen hätte.“ Es war
geradezu eine Autorisation, uns auszuplündern! Die italienische
Gesandtschaft wies auch diese Strafanträge zurück, indem sie dem
Wai-wu-pu ankündigte, der Fürst Borghese und seine Reisebegleiter
würden an dem festgesetzten Tage auch ohne Pässe abreisen, und die
chinesische Regierung würde die Verantwortung für ihre Sicherheit
übernehmen müssen. Vergebens wurden neue Ausflüchte gesucht, um nicht
nachgeben zu müssen, darunter auch der, es sei aus dunkel angedeuteten
politischen Gründen nicht angängig, die mongolischen Fürsten zu
beunruhigen. Schließlich entschloß sich der Wai-wu-pu, die gewünschten
Pässe für die Mongolei auszustellen, indem er sich, als letzte
Genugtuung, um den Schein zu retten, damit begnügte, die Übersetzung
ins Mongolische zu verweigern. Diese Übersetzung hätte die Fürsten
allerdings allzusehr beunruhigt. Und dann mußte man den Fremden doch
etwas verweigern, einem unverletzlichen Prinzip zuliebe, um nicht
gefährliche Präzedenzfälle zu schaffen.

Die Behandlung der Paßangelegenheit gewährte bei den Gesellschaften
der kleinen Diplomatenstadt in Peking reichlichen Stoff zu heiteren
Unterhaltungen. In Wirklichkeit war die Sache jedoch ernst. Sie
bewies, daß die chinesische Regierung heute dieselbe ist wie vor
der internationalen Strafexpedition vor sieben Jahren; sie ist von
derselben Feindseligkeit gegen die Fremden, derselben Unwissenheit
betreffs deren Verhältnisse, sowie von einer unveränderten Anmaßung
und einer unveränderten Treulosigkeit beseelt. Die Invasionen,
die Niederlagen, der Krieg in der Mandschurei haben die Menschen
und die Anschauungen in China in keinerlei Hinsicht geändert. Und
jedermann, der die kleinen Vorkommnisse in den täglichen diplomatischen
Beziehungen zu der chinesischen Regierung aufmerksam verfolgt, erkennt
heute die ernsten Symptome des Fremdenhasses wieder, die der letzten
Belagerung der Gesandtschaften vorausgingen, und sieht eine neue Ära
des Blutvergießens voraus.

Das Warten auf die Pässe verzögerte jedoch nicht die Vorbereitungen zur
Abfahrt der Automobile. Von Schanghai war mit der Hankouer Eisenbahn
eine Ladung Benzin und Öl angekommen, die zur Ergänzung der Vorräte
längs der Straßen durch die Mongolei bestimmt war. Eine Karawane von 14
Maultieren war mit dieser Ladung von Peking abgegangen, und am 4. Juni
zeigte ein von der Russisch-Chinesischen Bank in Kalgan aufgegebenes
Telegramm an, daß schon 19 Kamele unter der Führung eines Lamas nach
der Mongolei unterwegs seien, um das Benzin und das Öl an die Brunnen
von Pang-kiang, von Udde und nach der Stadt Urga zu schaffen. Ein
erster Ergänzungsvorrat erwartete uns in Kalgan.

Von 25 für die Wettfahrt eingeschriebenen Fahrzeugen stellten sich nur
fünf ein. Es waren dies ein _Contal-Dreirad_ von sechs Pferdekräften,
zwei _de Dion-Bouton_ von zehn Pferdekräften, ein _Spyker_ von 15
Pferdekräften und unsere _Itala_ von 50 Pferdekräften. Die ersten
drei waren französischer Herkunft, das vierte holländischer. Das eine
Automobil war von großer Leistungsfähigkeit, aber schwer, die übrigen
vier schwächer, aber leicht. Die _Itala_ war in der Tat 600 Kilogramm
schwerer als der _Spyker_, der schwerste der gegnerischen Wagen, der
mit der gesamten Reiseausrüstung 1400 Kilogramm wog.

In Frankreich waren vom ersten Auftauchen des Planes an alle Fachmänner
darin einig gewesen, daß der Typus eines kleinen Automobils die größten
Aussichten auf Erfolg habe. Auf guten Straßen kann die leichte Maschine
eine geringere Schnelligkeit entwickeln als eine starke und schwere,
aber dafür kann sie mit größerer Leichtigkeit und Schnelligkeit die
Hindernisse an schwer gangbaren Wegstellen überwinden; und auf der
Strecke Peking-Paris mußte man schwer gangbare Stellen sozusagen auf
Schritt und Tritt voraussehen.

Fürst Borghese war dagegen infolge seiner langen Erfahrung, die er
auf Automobilfahrten gesammelt hatte, dabei geblieben, daß ein Wagen
von großer Stärke infolge seines festen Baues die Strapazen einer
abenteuerlichen Fahrt besser aushalten würde und daß die Verminderung
der Stärke durch die des Gewichts nicht aufgewogen würde. Wo eine
Maschine von 1400 Kilogramm eine Schwierigkeit überwinden kann, kann
dies auch eine Maschine von 2000 Kilogramm, zumal diese den Vorteil
besitzt, 30-40 Pferdekräfte mehr zu haben.

[Illustration: Fürst Borghese. Ettore. Die „Itala“ bei Tsche-fo-sa.]

Dieser Kampf zwischen zwei Anschauungen, diese wertvolle Erprobung
zweier Theorien bildete eines der wichtigsten Kennzeichen der
Wettfahrt. Schon seit März machte der „Matin“ aus Anlaß des Beitritts
des Fürsten Borghese mit der „Itala“ auf die Bedeutung des Kampfes
zwischen großen und kleinen Wagen aufmerksam, „von denen die einen
rascher fahren und die andern leichter überall durchkommen können“.

Der „Spyker“, die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Contal“ gelangten
auf dem Wege über Taku nach Peking. Am 4. Juni begaben sich ihre Führer
und mein verehrter Kollege Du Taillis vom „Matin“ auf das Zollamt
in Tientsin, um sie in Empfang zu nehmen. Sie ließen sie auf zwei
Spezialwaggons verladen und geleiteten sie nach Peking. Hier wartete
ihrer eine unangenehme Überraschung. Während des Transports war der
eine der Spezialwaggons verschwunden!

Wer wäre nicht auf die Vermutung gekommen, daß der Wai-wu-pu dabei
seine geheimnisvolle Hand im Spiele gehabt hatte? Aber es erwies sich
sofort, zur Ehre des Wai-wu-pu, daß seine Hand unschuldig war. Der
Waggon war auf einer Zwischenstation vom Zuge losgekoppelt worden und
stand in einem Güterschuppen, ohne daß jemand den Grund dafür anzugeben
wußte, infolge eines jener Zwischenfälle, wie sie sich von Zeit zu Zeit
auf den Bahnen aller Länder ereignen. Nach ihrer Ankunft in Peking
entschädigten sich die Automobile für diese Verspätung dadurch, daß sie
die Stadt an diesem und den folgenden Tagen der Länge und Breite nach
durcheilten.

Die „Itala“, die eine Woche vorher von Hankou gekommen war, beobachtete
eine reserviertere Haltung. Sie hatte vor dem östlichen Tore auf
der Straße nach dem Sommerpalast einige Probefahrten unternommen
und hatte sich dann, mit sich selbst zufrieden, in den Hof der
italienischen Gesandtschaft unter die Obhut Ettores, ihres Mechanikers,
zurückgezogen. Er putzte sie, schmierte sie, untersuchte sie, ging im
Kreise um sie herum und betrachtete sie von allen Seiten, wie es der
Bildhauer mit seinem Werke tut.

_Ettore Guizzardi_, des Fürsten Borghese und mein sympathischer
Reisebegleiter, ist kein gewerbsmäßiger Chauffeur, er ist ein geborener
Chauffeur. Er ist der Sohn eines Eisenbahnmechanikers; von Geburt an
mit den Maschinen vertraut, versteht er sie sofort, von welcher Art
sie auch sein mögen; wie der Züchter das Pferd, beurteilt er sie auf
den ersten Blick.

Seine Geschichte ist ganz eigenartig. Eines Tages -- es sind jetzt wohl
zehn Jahre her -- ereignete sich in der Nähe einer Villa des Fürsten
Borghese, in Albano bei Rom, ein Eisenbahnunglück. Eine Lokomotive
entgleiste und stürzte den Bahnkörper hinab, wobei sie sich überschlug.
Der Fürst, der sich in der Villa befand, eilte mit seiner Dienerschaft
zu Hilfe. Der Lokomotivführer war tot, der Heizer, ein junger Mensch
von 15 Jahren, der im Gesicht verwundet war, wurde ohnmächtig
aufgehoben, in die Villa gebracht und hier geheilt. Es war Ettore, der
Tote sein Vater.

Als der Junge genesen war, bot ihm der Fürst an, in dem Hause, das
ihn aufgenommen hatte, zu bleiben, und machte ihn zum Chauffeur. Zu
jener Zeit besaß Don Scipione eines der ersten Benzinautomobile von
sechs Pferdestärken, eines jener komischen Fahrzeuge, die man jetzt
nicht mehr sieht, mit dem Motor hinten und mit Riemenantrieb, der bei
Steigungen mit Pech bestrichen werden mußte, wenn er seine Pflicht tun
sollte! Ettore machte sich sofort mit allen Geheimnissen jener Maschine
vertraut, zwang sie zum Funktionieren und konnte unter der Leitung
des Fürsten mit ihr eine Reise von Rom auf ein Schloß in Südungarn
antreten, wo Verwandte der Familie Borghese leben. Nach dieser
Probefahrt erhielt Ettore den Auftrag, sich zum Mechaniker auszubilden;
er arbeitete zuerst als einfacher Arbeiter in den Werkstätten der F. I.
A. T. (~Fabbrica italiana automobili-Torino~) in Turin, später in Genua
auf der Ansaldo-Werft, wo er die Schiffsmechanik studierte, sodann in
andern Werkstätten, erwarb sich das Patent eines Mechanikers und kehrte
dann zu den Automobilen des Fürsten zurück.

Von da an standen elf Automobile unter seiner Leitung. Und jetzt
dirigiert er sämtliche Maschinen des Hauses Borghese: die Maschinen
für die Beleuchtung, die Heizungsanlagen, die Motore zum Betriebe der
Wäscherei und die Pumpen; er besitzt eine Werkstatt, wo er sich mit
Reparaturen und mit Erfindungen beschäftigt. Denn Ettore erfindet,
verbessert, bringt neue Apparate an den Automobilen an und er könnte
den Fabriken, die sich dem Bau von Motorwagen widmen, ausgezeichnete
Ratschläge erteilen. Er weiß sich stets zu helfen, stets ein Mittel
gegen jede Beschädigung seiner Maschinen ausfindig zu machen, und ist
stets bereit, mit Hammer und Kopf zu arbeiten. Er arbeitet schweigend,
rasch, in militärischer Weise. Wenn er seinen Namen nennen hört,
antwortet er: „Zu Befehl!“ In seiner äußeren Erscheinung gleicht er
einem Bersagliere.

Das erstemal, als ich ihn sah, lag er unter der „Itala“ so lang er war
ausgestreckt auf dem Rücken, unbeweglich, mit gekreuzten Armen. Im
ersten Augenblick glaubte ich, er arbeite, aber nein, im Gegenteil,
er ruhte aus. Später, unterwegs, bemerkte ich, daß dies eine seiner
Lieblingsstellungen, ein Zeitvertreib für ihn war. Wenn er nichts zu
tun hat, streckt er sich unter dem Automobil aus und betrachtet es,
Welle um Welle, Stück für Stück, Schraube um Schraube. Stundenlang
unterhält er sich in seltsamen Zwiegesprächen mit seiner Maschine.



Zweites Kapitel.

Die Abfahrt.

     Fürst Borghese. -- Die „Itala“. -- Die Vorbereitungen. -- Der
     Abend vor der Schlacht. -- Die Abfahrt.


Fürst Borghese hatte in sechs Tagen 500 Kilometer zu Pferd
zurückgelegt, alle Wege, die nach Kalgan führten, untersucht und ihre
Breite mit Hilfe eines Bambusstabes von der Breite des Automobils
gemessen. Die Fürstin Anna Maria, seine Gemahlin, hatte ihn in
Gesellschaft einer befreundeten Dame auf seinem beschwerlichen Ritte
begleitet, und die beiden Damen, die ebenfalls mit Bambusmeßstäben
versehen waren, hatten wie gewöhnliche Feldmesser bei der Feststellung
der schmalsten Stellen mitgewirkt. An vielen Punkten teilte sich die
Straße, verzweigte sie sich, und es ergab sich somit die Notwendigkeit,
alle Wege kennen zu lernen, um den besten zu wählen. Der Fürst kehrte
nach Peking zurück mit einer vollständigen topographischen Karte im
Kopfe.

Er besitzt ein staunenswertes Gedächtnis. In diesem bleibt alles,
was die Augen gesehen und die Ohren gehört haben, wie auf einer
photographischen Platte haften. Namen, Daten, Redewendungen der
orientalischen Sprachen, die schwierigst zu behaltenden Dinge
bleiben in diesem eisernen Gedächtnis eingegraben. Don Scipione
macht nie Aufzeichnungen; er hat es nicht nötig. Sein Gehirn behält
und verzeichnet alles. Von einer Straße, die er vor zehn Jahren
zum erstenmal zurückgelegt hat, vermag er zu sagen: „Bei dem und
dem Kilometerstein steht der und der Baum.“ Reist er in unbekannten
Ländern, zu Pferde oder im Automobil, so zieht er des Morgens vor dem
Aufbruch vom Halteplatz die Karten zu Rate, und selten braucht er sie
später noch einmal nachzusehen; er erinnert sich der Kreuzwege, der
Himmelsrichtungen, der Entfernungen, der Namen der Gegenden und nennt
sie seinen Reisegefährten, als wäre er ein Führer.

Wenn es uns möglich wäre, alles zu behalten, was wir in unserem Leben
gesehen, gehört und gelesen haben, so würden wir das umfassendste,
reichste und tiefste Wissen besitzen. Fürst Borghese verfügt in der Tat
über ein seltenes Wissen; außerdem besitzt er einen scharfen und kühlen
Verstand, der diesen Stoff geordnet hat. In seinem Geiste herrscht
eine Ruhe, die an die eines Bibliothekars erinnert. Seine Ruhe, seine
Überlegung, seine Logik verleihen seinen Gedanken eine mathematische
Klarheit. Er weist alle Gefühlsregungen von sich, die das Sehen der
Dinge stören, die den Wert der Tatsachen beeinträchtigen. Seine Seele
könnte die eines Generals oder Richters sein. Sympathie für jemand ist
bei ihm ein seltenes Gefühl, aber er ersetzt sie durch Achtung, die
vielleicht mehr Wert besitzt, weil sie ein Verdienst voraussetzt. Und
er weiß die Verdienste zu erkennen, er weiß die Kraft eines Gehirns
oder eines Armes, die Leistungsfähigkeit und Ausdauer einer Maschine
ganz genau zu berechnen. Seine Organisation der Fahrt Peking-Paris ist
ein vollgültiger Beweis seiner Berechnungsgabe.

Dazu tritt noch eine Willenskraft, die der Fürst mehr über sich selbst
als über andere ausübt. Wenn er von jemand, mit dem er bei irgendeinem
Unternehmen zusammenarbeitet, ein Opfer verlangt, so ist er selbst
der erste, der es bringt. Um ein Ziel zu erreichen, vermag er Hunger,
Durst, Strapazen zu ertragen und auszusprechen: Ich habe keinen Hunger,
ich habe keinen Durst, ich bin nicht müde. Seine Leiden, ebenso
wie die Leiden seiner Gefährten haben für ihn nicht den geringsten
Wert gegenüber der Tatsache, daß das Ziel erreicht werden muß.
Empfänglichkeit für unangenehme Eindrücke ist in gewissen Fällen nichts
weiter als Energieverschwendung. Er weist dem Ziele die allerhöchste
Bedeutung zu. Es ist, als habe er sich selbst gegenüber die unbedingte
Verpflichtung übernommen, es zu erreichen, und als wolle er nun sein
Wort um keinen Preis brechen. Darin liegt das Geheimnis aller großen
Erfolge. Wohin er gelangen will, dorthin gelangt er, indem er planmäßig
seine ganze Tatkraft und jedes Mittel aufbietet, über das er verfügen
kann. Er macht eine Frage der Eigenliebe, das heißt des Ehrgeizes,
daraus. Und wenn der Ehrgeiz bei schwachen Menschen ein Fehler ist,
so ist er bei starken eine Tugend. Er ist die treibende Kraft der
schönsten und kühnsten Unternehmungen.

[Illustration: Marsch durch ein chinesisches Dorf.]

Zum erstenmal sah ich den Fürsten Borghese am Tage nach seiner Rückkehr
von Kalgan. Er trug noch seinen Reiseanzug aus Khakistoff, denselben,
den er auch im Automobil tragen wollte und der ihm das Aussehen
eines englischen Offiziers verlieh. Sonne und Bergluft hatten sein
glattrasiertes Gesicht gebräunt, das kluge, ruhige Gesicht eines
geborenen Diplomaten. Der Fürst ist 35 Jahre alt. Sein Gesicht läßt
auf 40 schließen, sein gewandter, kräftiger, elastischer Körper auf
25. Dies sind die Vor- und Nachteile eines regen Sportbetriebes,
des tätigen Lebens in der freien Luft, wo die Muskeln fest werden,
aber die Haut altert. Don Scipione hat sich mit Leidenschaft den
anstrengendsten Formen des Sports gewidmet. Als Bergsteiger hat er
viele der schwierigsten Gipfel der Alpen erklommen, sogar ohne Führer
und mitten im Winter, aus Vorliebe für Schwierigkeiten. Ihm gefallen
die Hindernisse, weil es ihm Vergnügen macht, sie zu überwinden.
Er betrachtet den Sport nur als eine Übung der Kampffähigkeit. Die
Bezwingung eines Berges, eines Pferdes oder eines Automobils macht
geschickt zur Herrschaft über die Menschen. In diesen Kämpfen gegen
Schwierigkeiten, die sein Wille sich auferlegte, trug er seine Wunden
davon. Einmal wollte er ein durchgehendes Pferd aufhalten; er wurde zu
Boden gerissen, und der von dem Pferde gezogene Wagen ging ihm über
den Kopf; er trägt noch die Narbe davon. Ein anderes Mal bestieg er
ein unzugerittenes Pferd und fiel dabei unglücklich aus dem Sattel;
er wurde bewußtlos aufgehoben mit fast völlig abgerissener Nase,
das Gesicht mit Blut bedeckt; ein geschickter Chirurg brachte die
Nase wieder an ihre Stelle und nähte sie an den Wangen fest. Aber
ein geschickter Chirurg ist nicht immer ein geschickter Bildhauer,
und daher ist die Nase des Fürsten etwas unsymmetrisch geblieben. Im
Scherze beklagt er sich darüber, schilt auf seine Nase, beschuldigt
sie, bei Temperaturwechsel rot anzulaufen wie ein chemisches
Barometer; aber diese seine Vorwürfe sind übertrieben; die leichte
Unregelmäßigkeit der Physiognomie ist kaum sichtbar.

Wir begrüßten uns, als hätten wir uns von jeher gekannt. Ein
Handschlag, und wir begannen von der Fahrt zu sprechen. Wie war er auf
den Gedanken gekommen, daran teilzunehmen? Sehr einfach. Alle drei bis
vier Jahre unternimmt er eine große Reise, und dieses Jahr hatte er
sich entschlossen, gerade nach Peking zu gehen, das er noch nie besucht
hatte und wo ein Bruder von ihm, Don Livio, als Geschäftsträger an
der Spitze der italienischen Gesandtschaft steht. Und da las er eines
Morgens in Rom, während er beim Frühstück die Zeitungen durchblätterte,
im „Matin“ von der seltsamen Herausforderung. Sie schien geradezu
auf ihn gemünzt zu sein. Unverzüglich telegraphierte er an die
Automobilfabrik „Itala“ und fragte an, ob sie geneigt wäre, ihm eine
Maschine für diese Fahrt zu liefern, für die er die ganze Organisation,
die Ausführung und die Kosten übernehmen wolle. Die Antwort lautete
natürlich bejahend, und nun meldete er dem „Matin“ seine Beteiligung.
Sofort begann er die Vorbereitungen.

[Illustration: Durch die Sanddünen bei Huai-lai.]

Er nahm an den Versammlungen der Unterzeichner in Paris nicht teil,
sondern beauftragte nur einen seiner Vertreter (es war Fournier,
der Sieger der Automobilwettfahrt Paris-Bordeaux), sich über die
Bedingungen zur Teilnahme an der Wettfahrt zu unterrichten. Es war
nur eine einzige Bedingung zu erfüllen: die Zahlung von 2000 Franken
an den Automobilklub von Frankreich (Kommission für Wettfahrten). Die
2000 Franken würden in Peking an die einzelnen Teilnehmer zurückgezahlt
werden. Übrigens hatte der „Matin“ bereits eine ausdrückliche Erklärung
veröffentlicht: „Es gibt weder Formalitäten, denen man sich zu
unterwerfen hätte, noch Bestimmungen, die hinderlich sein könnten. Es
handelt sich darum, von Peking im Automobil abzufahren und in Paris
anzukommen.“

Die vom Fürsten gewählte Maschine gehörte dem gewöhnlichen
italienischen Typus von 35-50 Pferdekräften an. Am Motor und am
Chassis waren keine Veränderungen angebracht; nur waren die Ecken des
Rahmens und die Federn verstärkt worden, und die Maschine war auf
höhere und stärkere Räder montiert worden als gewöhnlich. Um ihnen
eine größere Widerstandsfähigkeit gegen das Einsinken zu geben, wurden
die Räder mit Pneumatiks von größtem Durchmesser aus der Fabrik von
Pirelli in Mailand versehen. Der Fürst hielt darauf, daß alles an dem
Automobil italienischer Herkunft sei. Die Karosserie bestand aus zwei
Vordersitzen für den Fürsten und den Chauffeur und einem Hintersitze
für mich. Zu den Seiten meines Sitzes waren zwei lange zylindrische
Behälter für das Benzin angebracht, jeder zu 200 Liter Inhalt, die
mit eisernen Ringen befestigt waren. Hinter dem Sitze befand sich
ein Kasten, ähnlich dem Protzkasten der Artillerie, zur Aufbewahrung
der Werkzeuge und Ersatzstücke. Auf dem Kasten war ein dritter
zylindrischer Behälter zur Aufnahme des Wassers angebracht. Das Gepäck
mußte mit Stricken auf dem Kasten und dem Wasserbehälter festgeschnürt
werden. Der Raummangel und die Notwendigkeit, den hinteren Teil des
Automobils, der schon an sich zu schwer war, nicht übermäßig zu
belasten, nötigten uns, das Gepäck auf das unentbehrlichste Mindestmaß
zu beschränken, auf etwa 15 Kilo pro Person. Unter meinem Sitze war ein
100 Liter fassender Ölbehälter angebracht, von dem ein mit einem Hahn
versehenes Ausflußrohr nach außen führte. Unter den Vordersitzen befand
sich eine große Kiste zur Aufnahme des Mundvorrates, der zum großen
Teil aus Büchsenfleisch aus Chicago bestand. Eine Eigentümlichkeit
des Automobils waren die Schutzwände, bestehend aus vier langen,
festen, eisenbeschlagenen und an den Tritten mit einem Scharnier
befestigten Brettern, die leicht abgenommen werden konnten und
gleichzeitig dazu bestimmt waren, beim Passieren von Wasserläufen,
sowie in sumpfigem oder sandigem Gelände als Brücken zu dienen. Im
ganzen hatte unser Fahrzeug, das keinem der sonst bekannten Automobile
glich, ein seltsames und furchtbares Aufsehen. Es machte den Eindruck
eines gepanzerten Wagens, eines Kriegswerkzeuges. Infolge der großen
Benzinbehälter konnte es allerdings auch einen harmloseren Eindruck
machen, indem es ein wenig an einen etwas komplizierten Sprengwagen
erinnerte. (Näheres siehe Anhang ~II~.)

Zur Ergänzung der Vorräte während der Fahrt hatte der Fürst der
russischen Firma Nobel den Auftrag gegeben, auf der Strecke
Kiachta-Moskau in der Entfernung von etwa 250 Kilometer voneinander
Depots anzulegen. Das Benzin und das Öl, das wir mit uns führen
konnten, reichte für 1000 Kilometer aus, was genügte, uns eine gewisse
Freiheit in unserem Reiseplan zu sichern. Das Haus Nobel ist Eigentümer
fast aller sibirischen Petroleumquellen; es besitzt in jeder Stadt
Sibiriens große Niederlagen und Raffinerieanlagen; es hat stets seine
Spezialwaggons auf allen Eisenbahnlinien rollen und ganze Karawanen
von Wagen auf allen Straßen. Die Firma interessierte sich lebhaft
für den Versuch einer Durchquerung Sibiriens mittels des Automobils,
an die sich in Zukunft eine Entwicklung des Automobilwesens in jenen
Landstrichen und ein Verbrauch ihres Benzins knüpfen konnte. Niemand
hätte also besser als Nobel unseren Versorgungsdienst organisieren
können, für den die Arbeit seit März im Gange war.

Die Russisch-Chinesische Bank, die ebenfalls ein unmittelbares
Interesse an jeder Verbesserung der Verkehrsmittel und des
Warenaustausches im fernen Osten hat, erleichterte dem Fürsten seine
Aufgabe dadurch, daß sie ihm wertvolle Auskünfte über die Straßen,
die Einwohner und über die Preise der notwendigsten Dinge gab. Sie
tat noch mehr: sie übernahm die Beförderung des Benzins und des Öls
durch die Mongolei und beauftragte ihre Filialen in Kalgan, Urga,
Kiachta, Werchne-Udinsk und Irkutsk, uns in jeder möglichen Weise zu
unterstützen. Die Russisch-Chinesische Bank verschaffte uns in der
Tat auf der Anfangsstrecke unserer Fahrt die Annehmlichkeiten der
herzlichsten Gastfreundschaft.

Die Vorbereitungen wurden durch den Ankauf der besten Karten der
zu durchfahrenden Landstriche vervollständigt: deutsche Karten von
Ostchina, Karten des russischen Generalstabs im Maßstabe 1:250000,
herausgegeben von dem Kartographischen Institut in Petersburg, und
Karten der Verkehrswege des Russischen Reiches, veröffentlicht vom
Verkehrsministerium.

In den ersten Tagen des April waren der Fürst, Ettore und die „Itala“
reisefertig und konnten Italien verlassen. Sie begaben sich in
Neapel an Bord eines der Dampfer des Norddeutschen Lloyd, der einen
vierzehntägigen Dienst nach dem äußersten Osten unterhält. Am Abend vor
der Abfahrt befanden sich das Automobil und der Chauffeur bereits in
Neapel.

Der Fürst war noch in Rom geblieben, um die letzten Abschiedsbesuche
und die letzten Geschäfte zu erledigen, als ihm ein Telegramm aus Paris
zuging, das ihn in äußerstes Erstaunen versetzte.

In Paris hatte die Verpflichtung, 2000 Franken einzuzahlen, die
Schar der Teilnehmer erheblich gelichtet. Mehrere Unterschriften
waren nur dem berechtigten Wunsche zu verdanken gewesen, den Namen
des Teilnehmers in den Zeitungen gedruckt zu sehen. Sich bei einer
Wettfahrt Peking-Paris Mitbewerber zu nennen und nennen zu lassen, war
eine genügende Reklame; mehr zu tun, wäre des Guten zuviel gewesen.
Die Übrigbleibenden, die Treuen fühlten sich entmutigt. Bei den langen
Diskussionen stellten sich neue Schwierigkeiten heraus, tauchten neue
Probleme auf. Man braucht in der Tat ein Projekt nur zu diskutieren, um
es schließlich absurd zu finden; das Wesen der Diskussion besteht in
den Einwänden. Die Begeisterung stärkt sich am Handeln, verschwindet
aber beim Reden. Das Wort ist zu vernünftig, es sieht alle Hindernisse,
alle Widerwärtigkeiten voraus, es ist pessimistisch. Würde jeder Held
gezwungen, die tapfere Tat, die er sich zu vollführen anschickt, auch
nur eine Minute lang zu diskutieren, so gäbe es kein Heldentum mehr ...
Bei außergewöhnlichen Unternehmungen muß man die Lösung zahlreicher
Probleme dem Augenblick überlassen: es gibt stets Unbekanntes, dem man
gegenübertreten muß; man muß sich in das Abenteuer mit einer gewissen
Dosis Unvernunft stürzen. Diese Unvernunft nennt sich Kühnheit.
Die Kühnheit befindet sich mit dem gesunden Menschenverstande, der
Logik, in allzu starkem Widerspruch, als daß sie einer eingehenden
kritischen Prüfung standhalten könnte. Und hierin liegt vielleicht
der Grund, warum die Teilnehmer an der Fahrt in Paris schließlich zu
dem Entschlusse gelangten, nichts mehr von der ganzen Sache wissen zu
wollen, das Projekt im Stadium des Projekts zu lassen und auf seine
Ausführung zu verzichten. Das dem Fürsten zugegangene Telegramm teilte
ihm den gefaßten Entschluß mit. _Die Wettfahrt Peking-Paris war tot!_

[Illustration: Übergang über einen sandigen Abhang.]

Er antwortete: „Ich schiffe mich morgen in Neapel ein.“ Seine
Entschließung gab den andern den Mut zurück. Eine berechtigte
Eigenliebe bewog sie, es dem italienischen Fürsten nicht allein zu
überlassen, ein Unternehmen zu versuchen, das von französischer
Genialität ersonnen und vorgeschlagen worden war. Und so begaben
sich am 14. April die übrigen Mitbewerber in Marseille an Bord eines
Dampfers der „Messageries Maritimes“, der nach Schanghai bestimmt war.

Es waren tüchtige, in ihrem Berufe als Chauffeur geschickte Männer,
die von den konkurrierenden Firmen unter den Hunderten von Mechanikern
und Chauffeuren, die sich an der Wettfahrt zu beteiligen wünschten,
ausgewählt worden waren. _Cormier_, der Führer des einen „de
Dion-Bouton“, hatte mit einem Wagen von wenig Pferdekräften Spanien
und Ungarn durchreist und war von der Überlegenheit der kleinen
Automobile auf einer langen Fahrt überzeugt. „Acht Pferdekräfte“,
hatte er erklärt, „nur acht Pferdekräfte genügen mir“, und er hatte
zehn. _Colignon_, der Führer des zweiten „de Dion-Bouton“, hatte sich
ebenfalls auf schwierigen Dauerfahrten bewährt. Ein interessanter Typus
eines kühnen Mannes war _Pons_, der Führer des Dreirads „Contal“,
der sich seiner schwierigen Aufgabe mit voller Hingebung widmete. Er
würde nur vor der absoluten Unmöglichkeit zurückweichen. Er war ein
entschlossener, tapferer Mann, gewissenhaft, opferbereit. Wenn man
ihn sah, wenn man ihn kennen lernte, so begriff man, daß er sein Blut
hingegeben haben würde, wenn es zur Überwindung einer Schwierigkeit
erforderlich gewesen wäre, Blut anstatt Benzin zu verwenden. Die
kleine französische Gruppe wurde durch die unveränderlich gute Laune
_Bizacs_ erheitert, des Mechanikers der „de Dion-Bouton“, eines
früheren Mechanikers der Kriegsmarine, dem von dem Leben an Bord
mitten unter den riesigen Maschinen ein instinktives Gefühl für
Disziplin und Pünktlichkeit, eine Unempfindlichkeit für Strapazen
und Klimaunterschiede geblieben waren. Er war die lebendige Uhr der
Reisegefährten, für die er vom Morgengrauen bis zum späten Abend
funktionierte, unerbittlich wie die Zeit, unempfindlich für die
Beleidigungen, die unfehlbar dem Munde desjenigen entströmten, den er
mit rauher Hand der Wohltat des Schlafes entriß. Bei der Expedition
befanden sich auch zwei Journalisten: der Franzose Du Taillis und der
Italiener Longoni.

_Du Taillis_ hatte ich auf der Konferenz von Algeciras kennen gelernt,
wo er den „Figaro“ vertrat. In der Langenweile jener end- und
zwecklosen Zusammenkunft von Diplomaten bedeutete das Zusammentreffen
mit Du Taillis für mich jedesmal eine heitere Viertelstunde. Stets
hatte er Anekdoten über alle und über alles in Bereitschaft,
und er erzählte sie mit unwiderstehlichem Humor. Er war eine
ewigsprudelnde Quelle von kleinen Notizen, von politischem Allerlei,
von diplomatischen Episoden, die er mit liebenswürdigem Skeptizismus
erzählte. Sein Wort und seine Feder waren immer interessant, sogar die
Berichte über die Sitzungen in jenem berühmten „roten Saale“, und er
griff alles auf, was es an Lustigem, an Komischem und Lächerlichem bei
jenen langwierigen und inhaltsleeren internationalen Beratungen gab.
Eines Tages verließ ich die Konferenz, um nach Fez zu gehen, und mit
der Konferenz verließ ich auch Du Taillis. Und nun sahen wir uns in
China wieder.

[Illustration: Die „bessere“ Straße in der Nähe von Hsin-wa-fu.]

Hinter der goldenen Brille betrachtete mich aufmerksam sein lächelndes
Gesicht, das durch ein kokettes blondes Bärtchen breiter erschien.
Wir standen in der Vorhalle eines Gasthofes, mitten in dem Hinundher
von chinesischen Boys, von Kuriositätenhändlern, von Fremden, die
frühstücken wollten. Mein Kollege war etwas verändert: im oberen Teil
seiner Erscheinung durch einen mächtigen Tropenhut, im unteren Teile
durch ein Paar prächtiger Ledergamaschen. Aber im übrigen war er der
alte und ließ mir keinen Zweifel an seiner Persönlichkeit. Wir eilten
aufeinander zu und begrüßten uns herzlich. Wir erzählten uns den Anlaß
unserer Anwesenheit auf dem geheiligten Boden des Himmlischen Reiches
und unterhielten uns lachend über den Wai-wu-pu.

_Longoni_, ein sympathischer junger Mann, befand sich bei der
Expedition mehr aus Liebe zum Sport als im Dienste der Journalistik. Er
sollte die Fahrt auf einem der „de Dion-Bouton“ antreten.

       *       *       *       *       *

Inzwischen nahte der Tag der Abfahrt.

Die Europäer von Tientsin und Peking sprachen jetzt von nichts anderem.
Doch ließ sich nicht leugnen, daß noch viele im Publikum ungläubig
blieben. Es gab zwei Klassen von Ungläubigen: die absoluten, die
nicht einmal an die Abfahrt glaubten, und die relativen, die an eine
sofortige Rückkehr nach Peking nach einem vergeblichen Versuche, das
Gebirge von Nankou zu überschreiten, glaubten. Ohne Zweifel bot die
Überschreitung des Gebirges solche Schwierigkeiten, daß selbst der
Fürst, wie er sagte, nicht sicher war, sie zu überwinden.

Die Möglichkeit, die ganze Straße nach Kalgan mit dem Motor zu
befahren, war ausgeschlossen. Vor allem, weil keine Straße existierte.
Die Karawanen von Kamelen, Maultieren, die Wagen, die Sänften, die sich
seit Jahrtausenden von Peking nach Kalgan und von Kalgan nach Peking
begaben, hatten nichts anderes geleistet, als daß sie schmale Fußpfade
ausgearbeitet und die am wenigsten ungangbaren Pässe ausfindig gemacht
haben. Von Zeit zu Zeit waren sie von ihrer Reiseroute abgewichen, je
nachdem ein Bergsturz einen früher gangbaren Weg verschüttet oder eine
Überschwemmung im Unterlande die schmalen Wege in der Ebene überflutet
hatte. Die Automobile mußten also von Maultieren und Menschen gezogen
werden. Sich ausschließlich der Tiere zum Ziehen zu bedienen, war
gefährlich, weil sie eine zu schnelle Gangart einschlugen; man kann
von einem Maultiere nicht eine überlegte Anstrengung verlangen, nicht
fordern, daß es jetzt vorsichtig und dann wieder mit Aufbietung
aller Kräfte vorgeht. Hier mußten Menschen regelnd eingreifen. Aber
konnten die Automobile, selbst wenn sie geschleppt wurden, überhaupt
hinüberkommen? An vielen Punkten hatte der Bambusstab des Fürsten kaum
die genügende Breite ergeben, und an andern würde ein kleines Versehen
in der Steuerung genügen, einen Rad- oder Achsenbruch herbeizuführen.

[Illustration: Im Gebirge.]

Es gibt in Peking eine uralte Verkehrseinrichtung, eine Art Privatpost,
deren man sich bedient, um Gegenstände nach einem beliebigen Teile
des Reiches zu befördern. Sie erfreut sich kaiserlicher Privilegien,
besitzt Wagen, Pferde und hat Kulis und Karawanenführer in ihrem Solde.
Der Fürst fragte bei ihr an, ob sie die Aufgabe übernehmen wolle, das
Automobil nach Kalgan zu schaffen. Der Direktor des Unternehmens, ein
langer Chinese, hager wie ein Pfahl, stellte sich in der italienischen
Gesandtschaft ein, um den Ki-tscho in Augenschein zu nehmen. Ihm folgte
eine Schar von Kulis, bewaffnet mit Achsen, mit Stangen, mit jenem
ganzen kolossalen Apparate, dessen sich die Chinesen zum Transport
ihrer schweren Sarkophage bedienen. Auf einen Wink des langen Chinesen
stürzten sich diese Leute auf das Automobil, zum großen Verdruß
Ettores, setzten ihren Leichenapparat in Tätigkeit und hoben den Wagen
auf, um das Gewicht zu prüfen. Allein sie konnten keine zwei Schritte
tun ohne zu schwanken, denn das Fahrzeug machte Miene, wieder auf
die Erde zu kommen und riß einige der Leute mit zu Boden. Der Hagere
erklärte, der Ki-tscho sei schwerer als ein Berg; es würde unmöglich
sein, ihn hochzuheben; wenn aber der edle und verehrungswürdige Herr
Po (Borghese) ihn um einige tausend Pfund leichter machen könne,
so wäre es möglich, ihn mit Hilfe von 35 Mann und vier Maultieren
fortzuschaffen.

Der edle und verehrungswürdige Herr Po willfahrte ihm. Das Automobil
wurde um etwa 500 Kilo leichter gemacht, indem die Karosserie
abgenommen und durch eine bescheidene Sitzgelegenheit ersetzt wurde,
die sinnreich aus einer Packkiste hergestellt worden war. Auf den
Tritten wurden die Werkzeugkasten untergebracht. An den Schutzwänden
wurden die Spitzhacken und Spaten befestigt. Feste Stricke, dicke
und dünne, fanden eine passende Unterkunft in der Sitzkiste, auf die
eine Seegrasmatratze gelegt wurde, um sie ihrer neuen Bestimmung
besser anzupassen. Das Automobil erschien gänzlich verändert. Seltsam,
einfach und schlank, machte es in der Tat den Eindruck von Ungestüm
und Entschlossenheit. Jede Spur von Luxus, von Bequemlichkeit war
verschwunden, es hatte den letzten Anschein eines Dinges verloren,
das zum Vergnügen gebaut worden war; es schien zum Angriff geboren,
geplant, um gegen irgendeinen Feind mit dem ganzen Ungestüm seiner
unsichtbaren Kräfte losgelassen zu werden. Seines Überflusses
beraubt, hatte es eine neue Schönheit gewonnen: die Schönheit des
Nackten. Auch die Spitzhacken, die Spaten, die Stricke verliehen
ihm ein undefinierbares Etwas von Kühnheit. Es war in der Tat ein
Pionierfahrzeug. Man begriff, daß es dazu bestimmt war, auf Wegen zu
fahren, auf denen noch nie ein anderes gefahren war. Wir bewunderten
es noch mehr, ohne zu wissen warum, und wiederholten immer und immer
wieder: „Wie schön ist es doch!“

Es wurde vereinbart, daß die Kulis und die Maultiere uns in der Nähe
von Nankou erwarten sollten. Für die französischen Automobile und den
„Spyker“ wurde eine ähnliche Beförderung vorgesehen. Um die Arbeit
der Chinesen zu überwachen, beorderte die französische Gesandtschaft
einen Zug Soldaten, die des Landes kundig waren. Unsere Gesandtschaft
schickte fünf Matrosen. Der Kommandant der italienischen Besatzung in
Peking schenkte der „Itala“ eine kleine Flagge aus Wollenstoff, die
sofort auf dem Automobil aufgepflanzt wurde. Es war unsere Kriegsflagge.

Wenn es schon in China noch Ungläubige gab, so mußten deren in Europa
noch viel mehr sein! Ich habe einen Beweis davon an den Telegrammen,
die ich erhielt und die „von der Wahrscheinlichkeit“ sprachen, „daß
die Wettfahrt nicht stattfinde“. Ich antwortete, indem ich kurz die
Vorbereitungen schilderte, und der Telegraph brachte mir getreulich das
Echo eines unveränderten Skeptizismus zurück. Ich wurde unruhig; ich
fürchtete in der Tat, man wisse in Europa mehr davon als ich. Ich eilte
zum Fürsten.

„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn.

„Nichts.“

„Keine Verzögerung?“

„Keine.“

„Die Abfahrt findet am 10. statt?“

„Um 8 Uhr früh.“

Endlich sprachen wir nicht mehr vom 10., wir sprachen von „morgen“. Es
war der Abend vor der Schlacht.

Die Züge von Tientsin brachten Offiziere, dort ansässige Europäer,
Damen, Touristen. Sie brachten auch die Kapelle der französischen
Besatzung, die sofort das Gesandtschaftsviertel mit musikalischen
Harmonien zu überschütten begann. Ich brachte viele Stunden mit
der schwierigen Aufgabe zu, ein Gepäckstück zurechtzumachen, das
15 Kilo wog und von allem etwas enthielt; die Boys des Gasthofs
unterstützten mich bei dieser Riesenarbeit. Inzwischen wurden für
die Gesandtschaften und die Gasthöfe die letzten Weisungen erteilt:
„Versammlung 7 Uhr 30 Minuten vormittags im Hofe der französischen
Kaserne Voyron. Abfahrt um 8 Uhr. Ausfahrt aus Peking durch das
Doschmen-Tor (eines der Tore im Norden der Stadt).“ Ich eilte zu
den wichtigsten Behörden und den hohen Beamten der Kaiserlichen
Telegraphenverwaltung, um den telegraphischen Dienst zu organisieren.
Dort traf ich einige brave chinesische Jünglinge an, voll ruhiger
Bereitwilligkeit, mit denen ich bei einigen Tassen Tee bald einig
wurde. Die Telegraphenämter der Mongolei würden bereit sein, meine
Depeschen zu befördern. Abends war Abschiedsessen mit großer Kneiperei.
Das Haupt der Pekinger Polizei, ein würdevoller Mandarin, stellte
sich auf Befehl des Hofes dem Fürsten vor, um ihn zu fragen, welchen
Weg wir im Innern der Stadt nehmen würden, damit ein Ordnungsdienst
eingerichtet und die Straße gesprengt werden könnte. Bald nach seiner
Ankunft ließ uns der Wai-wu-pu auch unsere Pässe zustellen. Welch
wunderbarer Umschwung hatte sich im Geiste jener erlauchten Versammlung
vollzogen?

In dem feierlichen Schweigen der Pekinger Nacht, das kaum durch das
Schlagen des Tamtams unterbrochen wurde, das sich alle Stunden näherte
und entfernte und das Vorüberziehen einer Polizeironde anzeigte, in
diesem ernsten Schweigen, das von Zeit zu Zeit aus der Ferne einen
geheimnisvollen Gongton herüberschallen ließ, lag ich aufgeregt und
schlaflos; ich litt in der Tat unter einem Gefühl des Zweifels. Ich
empfand wieder die Atmosphäre Pekings, und die Wettfahrt erschien mir
wie ein Traum. Alles Vorgefallene nahm mit einem Schlage in meinem
Geiste die Gestalt des Unwahrscheinlichen an. Das Vorhandensein eines
Automobils in Peking schien mir unsinniger als das einer Sänfte auf
der London Bridge. Empfinden, daß man in Peking ist, heißt, sich
um Jahrtausende zurückgeschleudert fühlen, in ein weit entferntes,
unveränderliches Leben. Jene tausendjährige Zivilisation hat den
Gipfel ihrer Vollkommenheit erreicht und will ihn behaupten, indem sie
stehenbleibt. Ein einziges Ding nur schreitet fort: die Zeit. Eine
Art Erstarrung schwebt in der Luft, die dich bis zu einem gewissen
Grade packt und überwältigt. Es gibt keinen Europäer, der bei längerem
Aufenthalte hier im Geiste nicht etwas Chinese wird. Dieses Vergessen
der Gegenwart wird vielleicht mit dem feinen Staube eingeatmet, der
hier von so vielen altertümlichen Dingen herabrieselt. Auf einer
Fahrt durch die Straßen von Peking und von China vermochte ich mir
unsere „Itala“ nicht vorzustellen. „Um 8 Uhr Abfahrt!“ Leere Worte!
Um 8 Uhr wird das Automobil unbeweglich stehengeblieben sein, und
die künftigen Jahrhunderte werden es unbeweglich an derselben Stelle
finden, verwandelt in ein chinesisches Monument gleich jenen kolossalen
Schildkröten aus Stein, die man auf den Tempelhöfen erblickt, als
Schmuck und Symbol. --

[Illustration: Überwindung der Sandhänge von Ta-tu-mu.]

Grau, bewölkt brach der Tag an, ein grämlicher Tag. Bis zum
vorhergehenden Abend hatte sich das Wetter schön gehalten, in der Nacht
aber schien es, als hätten die chinesischen Gottheiten den sofortigen
Beginn der gefürchteten Regenzeit beschlossen.

„Wird es regnen?“ fragte ich den Boy, der mich wecken gekommen war.

Er betrachtete die Wolken.

„Ja, Herr,“ erwiderte er, ohne zu zögern, „es wird schon morgen früh
regnen.“

„Und später?“

„Auch später.“

Ich überbrachte diese Prophezeiung dem Fürsten. Die „Itala“ stand
schon reisefertig vor der Villa des Gesandten. Ettore hatte hier noch
einen Knoten zu knüpfen, dort einen Strick fester anzuziehen und ging
mit großen Schritten um das Fahrzeug herum, mit einem blinkenden Paar
Wasserstiefel angetan. Um 7 Uhr waren die Matrosen der Bedeckung
auf der Eisenbahn nach Nankou befördert worden, und am Abend vorher
hatten zwei Wagen mit unserem Gepäck und der abgehobenen Karosserie
Peking unter der Aufsicht des Ma-fu, Pietro, des Reitknechts der
Gesandtschaft, verlassen.

[Illustration: Das Automobil am Hun-ho von einer Sänfte überholt.]

Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Stunde zu erwarten, zu der
wir uns auf den Weg machen konnten -- eine ermüdende Beschäftigung. Es
schien, als brauchten die Zeiger der Uhr Stunden, um fünf Minuten zu
durchlaufen. Inzwischen wechselten wir Worte der Begrüßung und drückten
uns die Hände. Unsere tapferen, sympathischen Offiziere waren zur
Stelle, wünschten uns Glück zur Fahrt und strichen mit ermutigenden
Gebärden über das Fahrzeug, als sei es ein Pferd. Ein Kapuzinerpater
mit dem offenen, ehrlichen Gesicht eines Soldaten kam in Eile an, über
und über glühend vor Begeisterung, und sprach Segensworte zu uns. Es
war der Kaplan der italienischen Besatzung und der Gesandtschaft.

[Illustration: Abfahrt der „Itala“ aus Peking.]

7½ Uhr! Ein Karabiniere kommt von der Straße herein und meldet: „Die
Franzosen sind bereits in der Kaserne.“

„Auf die Maschine!“ ruft der Fürst, der damit das Kommando über die
kleine Expedition übernimmt.

Auf dem Automobil drängen wir uns zu fünf Personen zusammen. Die
Fürstin Anna Maria -- auch sie eine unerschrockene und kühne Reisende,
die ihren Gatten nach Persien begleitet hatte und von der Don Scipione
sagt, sie liebe das Reisen so leidenschaftlich, daß sie, um zu
reisen, sogar die Eisenbahn benutzen würde --, Don Livio Borghese,
der italienische Geschäftsträger, ein ebenso sympathischer und
liebenswürdiger Herr als kenntnisreicher und gewandter Diplomat, Fürst
Scipione, ich und Ettore. Don Livio und die Fürstin verlassen uns am
ersten Haltepunkt, in Nankou.

Ich weiß nicht, durch welches Wunder der Willenskraft und der
Äquilibristik wir uns zu vieren auf der zur Würde eines Sitzes
erhobenen Gepäckkiste halten können. Wir halten uns an den Stricken,
an den Schutzwänden, und wie unsichere Reiter messen wir mit den Augen
die Entfernung bis zur Erde. Ettore hat die Kurbel des Motors gedreht
und sich auf den Benzinbehälter gekauert, mitten in ein Ersatzpneumatik
hinein; er gleicht einem an einem Rettungsring befestigten
Schiffbrüchigen. Der Motor summt. Der Fürst, der das Steuerrad hält,
fragt:

„Fertig?“

„Ja, fertig.“ Das Automobil gleitet lautlos über den Sand des
Gartenweges.

„Viel Glück!“ ruft man uns zu.

„Adieu!“

Am Gitter der Gesandtschaft steht die gesamte Wache und salutiert.
Der Posten präsentiert das Gewehr. Wir sind auf der Straße. Welch
ungewohnte Lebendigkeit im Diplomatenviertel, das in der Regel bis
zehn Uhr schläft! Alle Rikschas von Peking sind im Dienst und führen,
von allen Seiten herbeieilend, eine vornehme Schar von Damen und
Herren heran. Vor der Kaserne Voyron staut sich eine Menge Chinesen,
untermischt mit Soldaten jeder Nationalität. Flaggenschmuck ziert
die Mauern, und grüne Laubgewinde ziehen sich um die Flaggen. Ein
Vorhang spannt sich quer über die Straße; auf ihm steht geschrieben:
~„Bon voyage!“ „Bon voyage!“~ ist der Gruß, der uns aus jedem Munde
entgegentönt. Ein Unbedachtsamer ruft: „~Au revoir~, auf Wiedersehen!“
-- die Menge lacht.

Der Hof der Kaserne ist gedrängt voll. Man hätte an das Abwiegen bei
einem Pferderennen an einem Grand Prix-Tage denken können. Alle Fremden
hatten sich hier ein Stelldichein gegeben. Die wenigen Europäer und
Amerikaner, die über die entferntesten Teile von Tschili zerstreut
leben, fanden sich an diesem Punkte zusammen. Es war die Seele unserer
Rassen, die innerhalb dieser Mauern ihre Schwingen regte. Jedermann,
welcher Nationalität er auch angehören mochte, empfand Stolz über
das Ereignis, das ihn zu erscheinen veranlaßt hatte. Es war eine Art
Solidarität der Kultur, der Erziehung, des Instinkts. Man muß sich in
der Ferne befinden, allein mitten in einer andern Zivilisation, um die
Verbrüderung der eigenen Zivilisation zu bekunden. Man feierte ein
abendländisches Fest im Herzen von Peking.

Unter das Personal der Banken, der Handelshäuser, unter die
Bevollmächtigten der Syndikate mischten sich einträchtig die
Angehörigen der Gesandtschaften, Damen, Offiziere, Gesandte. Die
Gesandten von Frankreich, Holland, Österreich, Rußland tauschten Grüße
in allen Sprachen aus. Ein würdig aussehender alter kleiner Herr mit
charakteristischem weißem Bärtchen, das ihm etwas Chinesisches gab,
mit lebhaftem, energischem, durchdringendem Blick drängte sich durch
die Menge, die ihn achtungsvoll grüßte und halblaut sagte: „Auch Sir
Robert ist hier?“ Es war Sir Robert Hart, der große Volkswirt.

Jetzt hält eine Sänfte an der Kasernenpforte, und heraus steigt
ein junger Würdenträger, der Mandarin Kwo, einer der Sekretäre des
Wai-wu-pu, der sich endlich daran erinnert hat, daß er von Paris aus
zum Mitglied eines nur in der Idee bestehenden „chinesischen Komitees
für die Wettfahrt Peking-Paris“ ernannt worden war. Er vertrat die
Kaiserliche Regierung bei der Feier, indem er sich höflich nach allen
Seiten verneigte und den Abreisenden sowie den andern fortwährend
wiederholte: ~„Good bye, good bye!“~

Die „Itala“ wartete draußen auf der Straße. Auf dem Hofe, den eine
Menge Neugieriger erfüllte, standen die beiden „de Dion-Bouton“, der
„Contal“ und der „Spyker“ in voller Reiseausrüstung. Die französischen
Fahrzeuge waren grau gestrichen, das holländische weiß, rot und schwarz
gestreift -- alle bedeckt mit großen Inschriften, die die Reiseroute,
die Entfernungen usw. angaben. Eine große alte chinesische Kanone in
der Nähe der Automobile, die die Franzosen zur Zeit der Belagerung
der Gesandtschaften erobert hatten und die die Kaserne zieren mußte,
bot einen seltsamen Gegensatz. Aber bei dieser Gelegenheit hatte sich
die alte Kanone ebenfalls mit Flaggen und grünem Laube geschmückt und
schien an dem Feste teilzunehmen. Auch sie hatte sich milder stimmen
lassen, wie der Wai-wu-pu. Die Kapelle spielte Militärmärsche, während
die Teilnehmer an der Fahrt die angenehme Formalität erfüllten, aus den
Händen eines Vertreters der Russisch-Chinesischen Bank die hinterlegte
Summe von je 2000 Fr., die sie in Paris für die Einschreibung
eingezahlt hatten, zurückzuerhalten. Du Taillis bewegte sich allein
in der Menge, und sein ausdrucksvolles Gesicht trug die Spuren einer
tiefen Bewegung.

Jetzt ist es Zeit!

Die Führer und die Mechaniker begeben sich zu ihren Fahrzeugen. Die
Motore surren, und aus den Auspuffern strömen dichte Rauchwolken.
Die Menge wird lauter. Viele Offiziere, die zu Pferde gekommen sind,
steigen in den Sattel. Hunderte von photographischen Apparaten richten
sich auf uns. Wir Italiener beeilen uns, von neuem die „Itala“
zu besteigen, die erzitternd ächzt, als brenne sie vor Ungeduld,
die rasende Fahrt zu beginnen. Die übrigen Automobile fahren zum
Kasernenhofe hinaus.

Es ist keine bestimmte Reihenfolge für die Abfahrt festgesetzt;
der Zufall läßt uns auf der Straße folgende Ordnung einnehmen: „de
Dion-Bouton“, geführt von Cormier, „Spyker“, geführt von Godard,
„Itala“, „de Dion-Bouton“, geführt von Colignon, „Contal“, geführt
von Pons. Die Automobile stehen noch still und erwarten das Zeichen
zur Abfahrt. Die Kapelle marschiert aus der Kaserne heraus und stellt
sich als Ehrengeleit an die Spitze des Zuges. Die Menge umringt
uns und bricht in begeisterte Jubelrufe aus. Eine elegante Dame,
Madame Boissonnas, die Gattin des Ersten Sekretärs der französischen
Gesandtschaft, übernimmt mit Anmut das Amt des Starters.

Sie hebt die Flagge.

Ein Augenblick der Stille folgt in der Menge, nur das Sausen der Motore
läßt sich vernehmen. Der Rauch umgibt uns in langgezogenen Streifen und
trennt uns von den Umstehenden.

Die Flagge senkt sich.

Ein Krachen von Petarden und Mörsern bricht los. Wir bewegen uns mitten
in diesem Schlachtgetöse. Wir fahren ab.

Die Musik marschiert vor uns her und läßt die feurigen Klänge eines
Kriegsliedes ertönen. Wir fahren im Schritt. Die Offiziere zu Pferde
eskortieren uns zu beiden Seiten. Die Menge folgt uns lärmend und
schwenkt Taschentücher und Hüte. Wir hören unsere Namen, von den
Stimmen unserer Freunde gerufen.

Wir fahren durch die Straße, an der die österreichische Gesandtschaft
liegt und die zu beiden Seiten von hohen Mauern von klösterlichem
Aussehen eingefaßt ist, schnurgerade wie ein Weg auf dem
Exerzierplatze. Wir erhalten vereinzelte Grüße von den Wachttruppen,
und die Schildwachen lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen.
Wir biegen um die Ecke der italienischen Gesandtschaft und gelangen
damit aus dem Diplomatenviertel heraus auf die breite Allee, die dieses
von der Eingeborenenstadt trennt.

Als unser Automobil in der Allee erscheint, bricht ein fürchterliches
Geschrei aus. Die Außenmauer der italienischen Gesandtschaft ist dicht
von unseren Matrosen besetzt, die stehend, als befänden sie sich auf
den Rahen ihrer Schiffe, uns ein dreifaches Hurra zum Gruße zujubeln.

Wir fühlen einen seltsamen Drang in uns; wir haben die Empfindung, als
könnten wir mit einem Rufe antworten, der weit lauter ertöne als der
ihre, als könnten wir die mächtige Stimme unserer Erregung über die
ganze unermeßliche Stadt hin erschallen lassen; wir können aber nichts
weiter tun, als schweigend den Hut ziehen. Und unser Blick durchläuft
mit liebevollem Erfassen jene hochherzige, tapfere Schar, die uns von
der Höhe der Mauern herab zujubelt, von denen sie vielleicht eines
Tages zum Kampf heruntersteigen muß.

Die Kapelle hört auf zu spielen und tritt beiseite. Die lärmenden
Begrüßungen schweigen. Nichts hält uns mehr auf. „Vorwärts? --
Vorwärts!“ rufen die Führer, und die Automobile steigern allmählich
ihre Geschwindigkeit. Die Motore stimmen einen höheren Ton an. Hinter
uns setzen sich die berittenen Offiziere in Galopp, aber die Entfernung
vergrößert sich, und wir verlieren sie aus den Augen.

Auf der Straße, die schwarz ist von chinesischen Soldaten, zwischen
zwei Reihen einer stumm dastehenden Bevölkerung sind nur noch die fünf
Automobile zu sehen, die sich hintereinander durch die Hauptstadt des
Himmlischen Reiches mit einer Schnelligkeit bewegen, die dort noch nie
gesehen worden ist und vielleicht auch nie mehr gesehen werden wird!



Drittes Kapitel.

Zur Großen Mauer.

     Die Weisheit der Unwissenheit. -- Auf den Brücken von Kambaluk. --
     Unsere Kulis. -- In Nankou. -- Das heilige Tal. -- Die Große Mauer
     in Sicht.


Eine Polizeiverordnung hatte genügt, um den gewaltigen, vielgestaltigen
Verkehr Pekings auf unserem ganzen Wege von acht Kilometer Länge zum
Stillstand zu bringen. Die rohen zweirädrigen Wagen, das öffentliche
Verkehrsmittel der Stadt, warteten zur Seite und stauten sich an den
Kreuzungen und Mündungen der großen Seitenstraßen. Die Menge, an Zucht
und Gehorsam gewöhnt, stand längs der endlosen Zeilen niedriger Gebäude
und elender Hütten, von denen die Hauptverkehrsadern Pekings eingefaßt
werden, in Reihen aufgestellt, mit dem Rücken an die schwarzen,
rauchigen Schenken gelehnt, aus denen ein warmer Knoblauchgeruch den
Vorübergehenden entgegenschlug; sie drängte sich auf den Schwellen der
Kramläden mit ihren Fassaden aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem
Holz, von denen herab eigenartige Schilder, Drachen, Fransen von roter
Seide, lackierte Tafeln mit Goldbuchstaben in die Straße hineinhängen:
kurz jener ganze kennzeichnende Wirrwarr von Farben und Formen, der
die chinesischen Geschäfte wie zu einem täglichen Feste schmückt, ein
Wirrwarr, der sich unter lautem Geräusch bewegt, schaukelt und hin und
her schwankt.

[Illustration: Das geheimnisvolle Räderding in einem chinesischen Dorfe
von der Volksmenge studiert.]

Auf den Straßen befand sich die gewohnte kaufende und handeltreibende
Bevölkerung, sorglos und von malerischem Aussehen, wie sie sich alle
Tage einfindet, nicht eine Menge, die eigens zu dem Zwecke gekommen
war, um uns zu sehen. Das Schauspiel einer Automobilfahrt ließ die
guten Pekinger völlig kalt. Es waren Zuschauer ohne Neugier und ohne
Feindseligkeit. Viele würdigten uns kaum eines Blickes. Es schien, als
hätten sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gesehen. Wir empfanden
beinahe ein Gefühl der Demütigung darüber. Wir hatten erwartet, in
der Bevölkerung die Äußerungen größten Staunens hervorzurufen, statt
dessen bemerkten wir nur Äußerungen einer erhabenen Gleichgültigkeit.
Die Wunder unserer Zivilisation genießen nicht einmal die Ehre, die
Aufmerksamkeit eines chinesischen Straßenjungen zu erregen. Es gibt
nichts Europäisches, das einen Sohn des Himmels überraschen könnte.
Es herrscht dort draußen die Ansicht, daß wir Zauberkräfte besitzen,
geheimnisvolle Eigenschaften, mittels deren wir Organismen von Stahl,
die zu jeder Arbeit fähig sind, beleben können; die Sache geht mit
natürlichen Dingen zu, und es ist also nichts zum Verwundern dabei.

Es gibt zwei Klassen in der Welt, die nichts bewundern: die großen
Gelehrten, die alles kennen, und die gänzlich Unwissenden, für
die alles ein Geheimnis ist. Der völlig Unwissende findet alles
unerklärlich; alles übersteigt sein Fassungsvermögen, nichts setzt ihn
in Erstaunen, weil alles ihn in Erstaunen setzen müßte. So ist der
Chinese. Er besitzt die gemächliche Philosophie der Unkenntnis, erfreut
sich des heiteren Friedens der Unwissenheit und hat darin das wahre
Geheimnis des Glückes gefunden. --

Wir sind durch ein Labyrinth von Gäßchen rasch auf die Nordseite
der Kaiserstadt gelangt. Chinesische Polizisten in ihrer mit weißen
Inschriften bedeckten Jacke und den Strohhut elegant auf dem zu einem
Chignon gewickelten Zopfe tragend, zeigten uns mit der Spitze ihres
langen Stabes den richtigen Weg. Oben bemerkten wir einen Augenblick
in der Ferne die gelbe Umfassungsmauer der Kaiserstadt, die zierlichen
Pagoden des Mei-schan, des „Kohlenbergs“, eines Berges, den die Laune
eines Kaisers in seinem Garten errichtet hatte, um von da aus die
ganze Stadt zu beherrschen. Und bald darauf befinden wir uns unter den
gewaltigen Außenmauern, unter den riesenhaften, drohenden Bastionen des
Doschmen, die von einem jener hohen, die Tore Pekings verteidigenden
Kastelle überragt werden. Dieser Bau, halb Festung, halb Tempel, öffnet
gegen die Ebene die dreifache Reihe seiner Schießscharten, die ihn
wie die Breitseite einer alten Fregatte erscheinen lassen. Im Torwege
müssen wir langsam fahren wegen des holprigen Pflasters, das von der
Zeit mitgenommen und von den Rädern der Wagen tief ausgefahren ist,
eines Pflasters, welches an das in Pompeji erinnert. Um uns her lärmt
das Leben der Vorstädte, elend, heiter, sorglos.

Jetzt beginnt die Landstraße, die sich zwischen prächtigen Gärten
hinzieht, aus denen Bäume herüberragen, gleich als ob sie den
Vorübergehenden Schatten und Früchte bieten wollten. Die Automobile,
die uns vorausfahren, ein „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“, halten.
Wir tun dasselbe. Fürst Borghese wird ersucht, vorzufahren.

[Illustration: Unter den Mauern von Tscha-tau-tschung in Begleitung von
italienischen Matrosen.]

Die „Itala“ setzt sich in Bewegung, und bald entschwindet infolge der
Unebenheit des Geländes und der dichtstehenden Bäume Peking unseren
Blicken.

Jetzt erst kommt es uns in den Sinn, nach der Uhr zu sehen. Unsere
Abfahrt hatte sich verzögert: es ist 9 Uhr 25 Minuten. --

Der Weg schlängelte sich nach Norden, sandig, unregelmäßig, von Zeit zu
Zeit von Bächen unterbrochen. Bald waren diese breit wie ein Flußbett,
bald von dem Grün der Felder überwuchert, bald verloren sie sich
in dichten Hainen, deren alte Bäume Gräber und heilige Inschriften
überschatten, die auf große, aus dem hohen Grase emporragende Steine
eingemeißelt sind. Wir fuhren nicht rasch. Das Automobil stieß,
schwankte; es mußte abwärts, aufwärts und in schiefer Haltung fahren
infolge der leichten Unebenheiten und der wellenförmigen Beschaffenheit
des Geländes; es durchschnitt den Sand mit den Bewegungen einer Katze.

„Diese bestienartigen Bewegungen gefallen mir“, rief Don Livio.

Aber die Bestie schien uns mehr als einmal von unseren Sitzen
herabwerfen zu wollen, so daß wir uns mit aller Kraft festhalten
mußten. Zwischen unseren Füßen sahen wir die durch nichts verdeckte
Kardanwelle sich mit wirbelnder Geschwindigkeit um sich selbst
drehen; wir befanden uns in unmittelbarer Berührung mit der Maschine,
und unter uns flog die Straße in verwirrendem Anblick hinweg,
dem schwindelerregenden Abwickeln eines Bandes vergleichbar. Das
Geschwindigkeitsgetriebe fegte mit seiner rasenden Schnelligkeit, die
einen musikalischen Ton erzeugt, über den Boden und wirbelte den Staub
auf, der in Wolken zwischen den Achsen, den Transmissionen aufstieg und
uns von unten her umringte und einhüllte.

Man konnte nicht rasch fahren, und der Motor erhitzte sich. Das
Automobil ist wie eines jener feurigen, lebhaften Rosse, die, wenn
sie durch den Zügel zurückgehalten werden, schwitzen, schnauben und
sich unbehaglich fühlen, und die, wenn man sie Galopp gehen läßt, sich
zu erholen scheinen. Außerdem hatte der Motor mit dem Widerstande
des Sandes zu kämpfen. Wie ein Hauch entströmte der Dampf zischend
dem Verschluß des Auspuffs. Wir mußten halten und frisches Wasser
auffüllen. Wir baten die Landleute darum, und sie holten es uns aus
den zahlreichen Brunnen in der Nähe ihrer Lehmhäuschen, der armseligen
Wohnungen des chinesischen platten Landes, die sich in den Schatten
hoher Bäume schmiegen, wie um Schutz zu suchen, und die, umgeben von
der Arbeit und dem Segen der Felder, einen so beneidenswerten Eindruck
von Zufriedenheit und Ruhe machen. Mit Eimern, die sie an Stangen im
Gleichgewicht trugen, kamen die Landleute herbei, ohne dem Automobil
mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als wenn es von einem Maultiere
gezogen worden wäre.

Wir durchfuhren schmutzige, lärmende Dörfer, die von einer halbnackten
Bevölkerung wimmelten; die Sommerkleidung des armen Chinesen besteht
oft nur aus einem Paar Beinkleidern und einem Fächer. Wir fragten im
Vorbeifahren nach dem Namen des Landstriches, um sicher zu sein, daß
wir keinen falschen Weg einschlugen.

„Ist dies Örr-li-tien?“

Die Leute verneigten sich zum Zeichen der Bejahung und bestätigten mit
naiver Freude, daß sie unsere Frage verstanden hatten, indem sie mit
dem geschlossenen Fächer auf die flache Hand schlugen. Wir fragten
weiter:

„Wie weit ist Tsing-ho-pu entfernt?“

Dies ist keine Erkundigung, auf die man in China nur eine einzige
Antwort erhalten kann.

„Fünf Li“ (1 Li = 442 Meter), rief uns ein alter Mann zu, indem er uns
die fünf Finger seiner ausgestreckten Hand zeigte.

Einer der Nebenstehenden hob jedoch mit derselben Mimik nur drei Finger
in die Höhe. Und ein anderer rief in überzeugtem Tone:

„Acht Li!“

[Illustration: Versuch, die monumentale Brücke zu forcieren.]

„Drei, fünf oder acht?“ fragten wir, mit einer gewissen Ungeduld das
Automobil anhaltend.

Unsere Gewährsmänner traten aus Vorsicht einen Schritt zurück und
wünschten uns mit einem höflichen Lächeln glückliche Reise.

Am Flusse Tsing-ho begegneten wir der ersten Schwierigkeit. Die alte
Brücke, die über ihn führt, war für das Automobil fast ungangbar. Wir
suchten eine Furt, wir durchstreiften das Ufer nach allen Richtungen in
der Hoffnung, die Spuren einer Übergangsstelle zu entdecken. Nichts, es
gibt nur einen Weg, und der führt über die Brücke.

Es ist eine monumentale Brücke, eine von jenen, die die europäische
Überlieferung auf die Tätigkeit Marco Polos im 13. Jahrhundert
zurückführt, die aber vielleicht nicht älter ist als die von 1368
bis 1644 herrschende Mingdynastie, ein herrliches Kunstwerk, ganz
aus Marmor. Die mit Reliefs geschmückten Brüstungen, von einer
Zierlichkeit, die etwas Europäisches an sich hat und die die
Überlieferung rechtfertigen könnte, verbinden in anmutigem Schwunge
die beiden Ufer. Sie bilden einen Bogen von einzigartiger Formenfülle,
ein weißschimmerndes Gerüst, einen stolzen Übergang, der sich einsam
mitten in der unberührten Rauheit eines Landes erhebt, das seine
alte Leidenschaft für das Schöne und Große vergessen hat. Riesige
Marmortafeln bilden das Pflaster der Brücke; aber der Verkehr hat sie
abgenutzt und zerbrochen, die Zeit hat ihren Zusammenhang gelockert.
Es hat den Anschein, als habe eine langsame Erdbewegung im Laufe der
Jahrhunderte diese Steinplatten aus ihrer Lage gebracht, indem sie
sie wie Grabplatten emporzuheben suchte. Man möchte sagen, die Brücke
sei nie mehr von den Händen eines Künstlers oder Handwerkers berührt
worden, seit Peking Chan-baligh, „Stadt des Chan“, hieß, und Marco
Polo sie Kambaluk nannte. Mit welcher Liebe für die Geschichte und die
Kunst hätten wir diese Reliquie betrachtet, wenn wir sie nicht mit
einem Automobil von 50 Pferdekräften und 1500 Kilogramm Gewicht hätten
überschreiten müssen!

Nun aber sind die Anfahrtsböschungen zu der Brücke verschwunden,
weggeschwemmt von den Hochwassern, zerfressen von den Regengüssen,
Stück für Stück entfernt durch den Übergang von Millionen von Menschen,
von dem Strome der Menschheit, der sich vielleicht 600 Jahre lang über
jene Marmorplatten ergossen hat. Und jetzt gelangt man zur Brücke auf
steilen Pfaden, auf denen wankende Steine hohe Stufen bilden. Beinahe
das ganze Niveau der Ebene ringsum hat infolge von Überschwemmungen
sich gesenkt, und nur die Brücke ist stehengeblieben zum Zeugnis der
Höhe, bis zu welcher sich das chinesische Land erhob, als noch der
ruhmreiche Kublai Chan herrschte.

Sollen wir unsere Kulis suchen lassen, sollen wir unseren Wagen von
ihnen mit Seilen über die Grabplatten der Brücke ziehen lassen? Der
Fürst will nicht so bald vor dem Hindernis zurückweichen, er geht
rundherum, beobachtet, studiert und macht Punkte ausfindig, auf denen
es den Rädern möglich ist durchzukommen. Die Schutzwände, auf die wir
uns so viel zugute taten, werden abgenommen und auf die Stufen gelegt,
um als Fahrgeleise zu dienen. Ettore, der Befehle gewärtig, ergreift
das Lenkrad, läßt die Maschine 50 Meter zurückgehen und wartet. Es
beginnt zu regnen, und die nassen Steine glänzen.

„Vorwärts!“ kommandiert der Fürst und befiehlt: „Hierher mit dem
rechten Rad! Achtung!“

Die „Itala“ nimmt einen Anlauf, erklimmt mühsam die steile Böschung und
gelangt mit den Vorderrädern auf die Schutzwände. Aber der Regen hat
die Bretter und die Steine schlüpfrig gemacht; das Automobil gleitet
zurück; die schweren Schutzwände werden unter dem Drucke der Pneumatiks
mit Gewalt beiseite geschleudert; es geht ihnen so wie dem Kirschkern,
der durch den Druck der Finger fortgeschnellt wird. Und die Maschine
bleibt wieder unbeweglich stehen. Man muß es von neuem versuchen. Die
„Itala“ fährt zurück. Wir beeilen uns, die Schutzwände wieder an ihre
Stelle zu bringen, aber Ettore ruft:

„Versuchen wir es ohne Unterlage!“

Er nimmt zum zweitenmal einen Anlauf. Der Wagen gelangt stolpernd
bis an die Steine. Nach einem Augenblick des Zögerns heben sich
die Vorderräder auf die Brückenfläche. Aber das Automobil hat sich
festgerannt; die Hinterräder drehen sich mit rasender Geschwindigkeit
an den ungefügen Stufen, ohne daß es ihnen gelingt, hinauszukommen.
Sie wirbeln mit furchtbarer Schnelligkeit um sich selbst und schlagen
mit den die Reifen festhaltenden Nägeln dermaßen gegen die Steine, daß
die Funkengarben umhersprühen. Ettore steigert mit Unterbrechungen
die Geschwindigkeit des Motors, der in ein beängstigendes Heulen
ausbricht und unter heftigem Stöhnen ganze Wolken von dichten, weißen,
scharfriechenden Dämpfen ausspeit. Wir eilen mitten in diese Dämpfe
hinein, um die Maschine mit allen Kräften vorwärts zu stoßen; der
glühende Hauch des Auspuffs wälzt sich uns um die Beine. Unsere Mühe
ist vergeblich, wir ziehen uns entmutigt zurück.

Das Automobil, das sicherlich seinen Teil Eigenliebe besitzt,
wollte allein über die Schwierigkeiten Herr werden. Mit einem Male
beginnen die Räder zu greifen, sie halten einen Augenblick inne, wie
um ihre Kraft zu sammeln, und steigen langsam, langsam nach oben.
Sie überwinden die erste, die höchste Stufe, sodann die übrigen.
Schließlich erklimmt die Maschine die Marmorplatten und bleibt hier
stehen, um sich einige Minuten auszuruhen. Dann unternimmt sie mit
dem Schritte einer Ameise den schwierigen Übergang zwischen all jenen
aus den Fugen geratenen Steinen, wobei sie ab und zu stehenbleibt, um
die nur eine Hand breiten Fahrbahnen zu erspähen, nach einer Art des
Weiterkommens suchend, bei der nicht mehr als ein Rad in die Furchen
einsinkt oder zwischen den Fugen eingeklemmt wird. Das Automobil
taumelt ungeschickt, langsam von einer Seite zur andern, schwankt
auf und nieder, geht mitunter einen Schritt zurück, um die Richtung
zu ändern; es hat ganz das Aufsehen einer riesigen Schildkröte, mit
dem weiten Panzer, der fast den Boden berührt, und den vier einzelnen
starken und vorsichtigen Tatzen.

Der Abstieg auf der andern Seite ist leicht, aber voller Interesse.
Es ist das erstemal, daß ich ein Automobil bei einer solchen Arbeit
erblicke. Der gewaltige Apparat, der für rasende Fahrten, für unerhörte
Geschwindigkeiten berechnet ist, steigt hier die Stufen einer Treppe
mit der zaghaften Aufmerksamkeit eines kleinen Kindes hinab. Das
Ungeheuer bietet all seine Kraft auf, um sich im Gleichgewicht zu
erhalten. Es scheint, als bemerke es die Gefahr, als schätze es die
Höhenverhältnisse ab; es bewegt seine Räder mit unendlicher Vorsicht,
setzt sie leise auf die unteren Stufen, ohne einen Ruck, ohne einen
Stoß; es steigt herab wie ein riesengroßes denkendes Wesen, das es
versteht, sein Können in den Dienst der Klugheit zu stellen. Es
braucht Minuten, um einen Meter zurückzulegen, bevor es freien Weg vor
sich erblickt. Dann mit einem Male schießt es wie in einem Übermaß
von Freude davon, und es hat den Anschein, als könne es nicht mehr
stehenbleiben, während wir hinter ihm herlaufen und ihm zurufen:

„He, halt! Heda, halt!“

Wir nahmen die Fahrt auf dem Landwege wieder auf, während ein feiner,
durchdringender Regen niederströmte, der allmählich Schmutz erzeugte
und Pfützen und bescheidene Seen schuf. Wir fuhren über ländliche
Brücken, ähnlich denen, die die reichen Chinesen in ihren Gärten zur
Zierde anzubringen lieben, eilten über Fußwege, die sich zwischen
hohen grasbewachsenen Dämmen hindurchschlängelten, die mit Weiden
bestanden waren; ihre herabhängenden Zweige berührten unsere Köpfe.
Die Mannigfaltigkeit der Landschaft kündigte uns die Nähe von Hügeln
an, die Grenze der großen Pekinger Ebene, jenes grünen Meeres, in
welchem die Haine, hinter denen sich die Dörfer verstecken, wie Inseln
erscheinen. In der Ferne erblickten wir schon eine oder die andere
blaßblaue Anhöhe, überragt von dem charakteristischen Profil einer
Pagode.

[Illustration: Am Brunnen in einer chinesischen Herberge.]

Unvermutet sahen wir vor uns die Marmorbalustrade einer zweiten antiken
Brücke schimmern, die über den Schi-kiau-ho führte und noch größer
war als die erste. Wir stiegen vom Wagen und machten unserem Groll
gegen die Pracht von Kambaluk Luft. Das Manöver des Aufstiegs auf die
Brücke und ihrer Überwindung begann von neuem. Zum Glück hatte sich
das Automobil schon eine gewisse Übung im Klettern erworben, und in 20
Minuten konnte es seinen archäologischen Übergang auf das linke Ufer
des Flusses bewerkstelligen.

Hier sahen wir uns von einer Menge Chinesen umringt, die seltsame
Mützen trugen und uns freundlich begrüßten. Wir baten um frisches
Wasser; es wurde uns in Eimern, in Töpfen, in Teekesseln gebracht.
Ein schöner alter Mann von tatarischem Gesichtsschnitt lud uns
freundlich ein, den Tee in seinem Hause einzunehmen. Er war ganz
betrübt, als wir ablehnten. Er versicherte uns, er sei unser Freund.
Alle jene Leute waren unsere Freunde. Weshalb? Die Erklärung für
dies Gefühl der Sympathie erhielten wir, als sie uns unter den
Bäumen mit einem gewissen Stolze ihre Moschee zeigten. Es waren
mohammedanische Chinesen; der alte Mann war ihr Oberhaupt und Priester.
Die mohammedanischen Chinesen fühlen sich durch ihre Religion uns
näher verwandt als ihren Landsleuten. Sie wissen, daß die Grundlage
unseres Glaubens das Alte Testament ist, und sie glauben an dasselbe
Alte Testament, das zu ihnen auf dem Wege über Turkestan gekommen ist,
unterwegs ein wenig verändert, bei der Ankunft ein wenig chinesisch
geworden, aber dem wesentlichen Inhalte nach unangetastet.

Wir entboten dem ehrwürdigen Priester einen Gruß auf arabisch -- in
seiner heiligen Sprache -- und entflohen eiligst, an unseren Wagen
geklammert, während er und sein Volk uns regungslos nachblickten,
verzückt, wie vor einer biblischen Erscheinung.

Es dauerte nicht allzulange, bis wir am Horizont in unbestimmten
Umrissen und bleichen Farben die seltsam geformten Gipfel der Berge
von Kalgan erblickten. Rings um uns herum erhoben sich kahle Hügel und
schlossen uns ein. Zu unserer Rechten öffnete sich jenes wundervolle
Amphitheater von Bergen in regelmäßigen und feierlichen Formen, in
dem die Kaiser der Mingdynastie ihre letzte Ruhestätte haben. Es
gibt in der ganzen Welt keinen großartigeren fürstlichen Friedhof. Es
sind nicht die Tempel, die Bogen, die riesenhaften Denkmäler, die so
überwältigend wirken, es ist die Örtlichkeit selbst. Ein unfruchtbares
und unzugängliches Tal von der ganzen unsagbaren Majestät einer
Grabstätte erfüllt, einer Grabstätte von Halbgöttern, der ein Kreis
von Bergen als Umfassungsmauer dient. Irgendein übermenschlicher Wille
scheint sie hierher versetzt zu haben, um Schatten und Schweigen über
den heiligen, ewigen Schlummer einer Dynastie zu breiten.

[Illustration: Ettore und die Kulis in der Herberge von Schem-pao-wan.]

Wir bemerkten, daß wir uns in der Nähe einer göttlich verehrten Stätte
befanden. Wie im Umkreise eines Tempels ragten überall Denksteine
empor, bedeckt mit altertümlichen Schriftzeichen, errichtet auf dem
Rücken riesiger Schildkröten oder Drachen aus Marmor oder auf einer mit
Lotosblumen geschmückten Basis, die an das Piedestal der Buddhastatuen
erinnerte. Der Weg wurde immer schwieriger, steiniger und nahm beinahe
schon ein gebirgiges Aussehen an, als wir auf unsere Kulis stießen. Wir
waren in ein kleines Dorf gelangt. Als sie uns erblickten, stürzten
sie bunt durcheinander auf die Straße.

Ein alter Aufseher befehligte sie, der als Abzeichen seines Ranges eine
weiße Fahne mit der Inschrift: „Höret auf die Worte eures Vaters“ trug,
wohl um anzuzeigen, daß man ihm Gehorsam schulde. Um seine väterliche
Stimme zu verstärken, hatte sich der Alte mit einem an einem Bindfaden
um den Hals gehängten Metallpfeifchen versehen. Wir riefen den Kulis
zu, sie möchten uns nachkommen, und ließen sie hinter uns zurück. Wir
wollten den Motor möglichst lange ausnutzen.

Jetzt unterschieden wir deutlich die Schlucht von Nankou. Sie erschien
eng wie ein Spalt zwischen zwei steil ansteigenden, mit Felstrümmern
bedeckten Bergen, auf deren unregelmäßigen Gipfeln sich alte
Befestigungstürme erhoben. Rings zeigten sich die bizarren Umrißlinien
anderer Berge. In dem melancholischen Dämmerlichte des regnerischen
Tages hatte das Panorama etwas unsagbar Wildes. Bei Sonnenschein würde
es nur einen romantischen Eindruck gemacht haben. Die Abhänge der Höhen
stiegen steil empor wie Bastionen und schienen jeden Versuch, sich
ihnen zu nahen, zurückweisen zu wollen.

Nankou bedeutet „Mund des Südens“.

Es gibt Landschaften, von denen man sagen könnte, sie seien für
den Kampf der Menschen untereinander geschaffen; Schlachtgefilde,
Örtlichkeiten, in denen die Natur Angriff und Verteidigung unterstützt,
düstere, zerrissene Gegenden, die den Geist der Feindseligkeit atmen,
Defilees für Überfälle und Pässe für Hinterhalte. Nankou bietet solch
einen drohenden Anblick. Die Zeiten der feindlichen Einfälle liegen
in ferner Vergangenheit, die Befestigungen auf den Gipfeln verfallen
Stein um Stein, und ringsherum lebt das friedlichste Volk der Welt.
Und dennoch ruft dieser tiefe Talgrund schon durch seine Gestaltung
den Gedanken an Angriffe und Metzeleien hervor, als seien die ihn
umschließenden Berge nichts anderes als ungeheuere Mauern einer
Riesenfestung.

[Illustration: Straße in Schem-pao-wan.]

Sechs Kilometer von der Mündung des Tales entfernt mußten wir halten.
Von diesem Punkte an ist die Straße nichts anderes als das Bett
des Bergstromes, der aus der Schlucht von Nankou herunterstürzt:
Sand, Felsblöcke, Wasserpfützen. Wir warteten auf unsere Leute. Im
Laufschritt eilten sie herbei, froh, sich des Ki-tscho bemächtigen
zu können. Vielleicht fürchteten sie, er eile davon und entziehe
ihnen die Aussicht auf den Verdienst. Unter wildem Geschrei kamen
sie wie eine Räuberbande heran. Welch seltsame Zusammenstellung
von Trachten und Kopfbedeckungen! Säcke von grober Wolle nach Art
der indianischen Ponchos, das wasserdichte Kleidungsstück der
chinesischen Karawanenführer bildend, blaue, weiße, graue Hemden,
alle gleich zerrissen, Lumpen als Turban um den Kopf geschlungen,
Strohhüte zum Schutze gegen die Sonne, Fetzen jeder Form und jeder
Art, Kleidungsstücke, die Generationen gedient haben mußten, kurz ein
malerisches Durcheinander. Es waren Greise, Jünglinge, Knaben darunter,
Chinesen und Tataren, Figuren von Bettlern und von Mandarinen, ein
Gemisch von altem Elend und jungem Elend, eine Schar Bedürftiger jeder
Klasse, angeworben, wer weiß wie, der Bodensatz des menschlichen
Ameisenhaufens von Peking. Lustig und zufrieden waren sie gekommen, ein
Automobil zu ziehen und damit in vier Tagen den Lebensunterhalt für
einen Monat zu verdienen.

Der alte Anführer schwenkte die Fahne und blies mit vollen Backen in
die Pfeife. Der Pfiff bedeutete: Fertig! Ettore band die dicken Seile
um den vorderen Teil des Rahmens und die beiden vorstehenden Arme,
die an jedem Automobil angebracht sind, um die Federn an der Achse
festzuhalten, und eine Minute später zogen zwei lange Reihen gekrümmter
Menschen, an die Seile gespannt, langsamen Schrittes die schwere
Maschine, während andere hinten schoben. Es regnete immerwährend. Ab
und zu blieb das Automobil vor großen Steinen mit einem Rucke stehen;
es stemmte sich wie ein störrisches Tier. Dann verdoppelten die Kulis,
die einen Augenblick mit einem Fuß in der Luft festgehalten wurden,
ihre Anstrengungen und sangen im Takt, um einheitlich ziehen zu können.
Der Alte stimmte im Tone eines betenden Bonzen ein Lied an, und die
andern heulten den Refrain im Chore mit: „Lai, lai-la!“ „Vorwärts,
vorwärts!“ und zogen an. Der Aufseher improvisierte sein Lied; er sang,
was ihm gerade einfiel; auf den Ton und die Melodie kommt es an, nicht
auf die Worte. Närrisches Zeug kam aus seinem Munde, das die Leute in
Heiterkeit versetzte, und aus dem „Lai, lai-la“ hörte man bisweilen ein
seltsames Gemisch von Anstrengung und Heiterkeit heraus.

Wenn der Wagen ein kleines Hindernis überwunden hatte, rollte er
infolge des erhaltenen Anstoßes plötzlich vorwärts. Er schien alle jene
seltsamen Leute verfolgen zu sollen; die Seile wurden schlaff, und
die Chinesen trabten und sprangen unter lautem Geschrei und Gelächter
vergnügt einher. Sie belustigten sich daran wie an einem Spiel und
legten so eine Strecke in großem Tumult zurück, bis sie sich wieder
an den aufs neue straffgespannten und unbeweglichen Seilen ziehend
zusammenfanden. Diese Schar Menschen erweckte unser Interesse. Es
waren keine Lastträger; es waren nur Arme; sie vertraten nicht eine
bestimmte Klasse, sie vertraten das Volk im ganzen. Es war das große
chinesische Volk mit seinem Elend und seinen Tugenden, das wir an der
Arbeit sahen. Die Armut, die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, die
Einfalt, die Geduld und die Arbeitsamkeit, alle Vorzüge und alle Fehler
der Rasse, verborgen unter einem schmutzigen, unvorteilhaften Äußern,
waren an unsere Maschine gespannt. Feierlich schritt der Alte mit
seiner Fahne dem Zuge voran.

[Illustration: Unter den alten Mauern von Ta-tu-mu.]

Es blieben noch die zerrissenen Berge von Nankou am Eingange der
Schlucht zu überwinden. Das Dorf lehnt sich an den Nan-schan, den
„Berg des Südens“, der auf die Häuser steil herabfällt und, von unten
gesehen, sich vornüberzubeugen scheint, um zu beobachten, wer im Tale
daherkommt. Bis zum Gipfel ziehen sich zinnengekrönte hohe Mauern, alte
Verteidigungswerke, die sich von der Großen Mauer abzweigen und fast
unversehrt geblieben sind, weil sie dem Menschen fast unzugänglich
waren. Ihre Zerstörung ist einzig und allein der Zeit überlassen, und
die Zeit ist gegen großartige Werke unendlich gütiger als der Mensch.

Das Dorf Nankou ist eine Anhäufung von Steinen. Die niedrigen
und kunstlosen Häuser sind aus Bruchsteinen erbaut, und an ihren
Vorderseiten ziehen sich hohe, aus Steinplatten hergestellte Fußpfade
entlang; die Mitte des Weges ist für die Überschwemmungen freigelassen.
Eine alte Festungsmauer schließt den Ort ein. Wir betreten durch das
niedrige, tiefe, finstere Tor die einzige Straße des Ortes. Es hat
aufgehört zu regnen; für einige Minuten drängt sich die Sonne durch die
Wolken und streut über die nassen Steine helle Lichter. Die Bewohner
treten an die Türen und beobachten uns.

Es scheinen Angehörige einer andern Rasse zu sein. Es sind die
Bergbewohner Chinas. Sie sind groß und stark; ihr Gesicht trägt
die stolzen Züge des tatarischen Stammes. Diese kleine, einsam und
verlassen inmitten unwirtlicher Felsen wohnende Bevölkerung läßt an
eine Besatzung denken, die in früheren Zeiten zum Schutze des Passes
hierhergelegt und vergessen worden ist. Vielleicht stammt sie in der
Tat von den tatarischen Kriegern ab, die nach der Eroberung Chinas
durch die Mandschu im 17. Jahrhundert hierhergeschickt wurden, Krieger,
die im Laufe der Zeit die unnötig gewordenen Waffen abgelegt und
verloren haben, ohne ihren Posten zu verlassen, unbewußt treue Hüter
einer Stellung, die ihren Ahnen vor Jahrhunderten anvertraut worden war.

Unser erster Reisetag ist zu Ende. Es ist 2¾ Uhr, als wir die kleine
chinesische Herberge betreten, die der Ma-fu Pietro uns als Quartier
ausgesucht hat. Wir haben nur 60 Kilometer zurückgelegt. Unsere
Matrosen umringen uns freudig; sie teilen uns mit, daß das Gepäck
wohlbehalten angelangt sei, daß ein gutes Feuer im besten Zimmer
brenne, an dem wir uns trocknen können, und daß Hühner gekocht werden:
alles erfreuliche Nachrichten. Die „Itala“ findet ihren Platz zwischen
den Wagen, den Maultieren, den Pferden und den Karawanenführern, die
sich im ersten Hofe drängen und hier das kennzeichnende, unentwirrbare
Durcheinander jeder chinesischen Herberge verursachen.

[Illustration: Übergang über eine kleine alte Brücke an den Berglehnen
des Lien-ya-miao.]

Nachmittags gehen wir mehrmals ins Freie, auf die zurückgelegte Straße
in der Hoffnung, den übrigen Automobilen zu begegnen; wir steigen auf
die mit Zinnen besetzten Mauern, von denen der Blick weit in die
Ebene hinabschweift. Doch soweit wir zu sehen vermögen, herrscht tiefe
Einsamkeit. Um 4 Uhr bemerken wir eine Gruppe von Menschen, die zu
dem Dorfe heraufsteigt; sie kommt von der zwei Kilometer entfernten
Eisenbahnstation Nankou und zieht etwas. Es ist das Dreirad „Contal“.
Pons und sein Mechaniker helfen, niedergeschlagen, schwitzend bei
der Beförderung der Maschine. Auf Pons’ Gesicht bemerke ich eine
schmerzliche Enttäuschung. Kaum aus den Toren Pekings heraus, mußte
er auf die Weiterfahrt verzichten. Das Dreirad, das auf guten Straßen
Vorzügliches zu leisten imstande ist, hat sich auf schlechten als
unbrauchbar erwiesen. Es hat zwei Lenkräder und ein Bewegungsrad;
auf den ersten ruht das Gewicht des Wagens; es ist daher ein enormer
Widerstand zu überwinden, und nur eine kleine Kraftquelle zum Antrieb
vorhanden; es genügt eine leichte Unebenheit des Geländes, daß das
Bewegungsrad sich leer dreht und über den Boden hinstreift. Pons ist
gezwungen, umzukehren und seine Maschine mit der Bahn zu befördern; er
ist aber entschlossen, um jeden Preis die Mongolei zu erreichen, wo er
günstiges Gelände zu finden hofft.

[Illustration: Am Hun entlang bei Ki-mi-ni.]

Bald nach Sonnenuntergang schlief Nankou bereits. Auf dem Kang, dem
chinesischen Ofenbette, ausgestreckt, in eine Matrosendecke gehüllt,
setzte ich in einer schlaflosen Nacht die große Reise fort; ich
sandte die Phantasie voraus auf Entdeckung. In der Ferne donnerte
der Bergstrom, dessen Lauf wir zwischen den steilen Felsen hatten
aufwärts verfolgen müssen. Später ward seine Stimme von dem Plätschern
des Regens übertönt, der wieder heftig zu fallen begann. Vom Winde
getrieben, schlugen große Tropfen gegen die papierenen Fensterscheiben,
als wenn jemand mit den Fingern auf ihnen trommelte.

Es regnete noch, als Pietro mit einer kleinen Papierlaterne in der Hand
hereinkam, um uns zu wecken; es regnete, als der Tag anbrach, und es
regnete, als wir uns zur Abfahrt entschlossen, nachdem wir vergebens
auf den Eintritt schönen Wetters gewartet hatten. Die Kulis standen
seit 3 Uhr morgens marschbereit. Um 7 Uhr 25 Minuten verließen wir
Nankou. Die Fürstin war in der Herberge geblieben, um mit der Eisenbahn
nach Peking zurückzukehren. Don Livio begleitete uns bis zur Großen
Mauer.

An das Automobil war die Chinesenhorde angespannt und außerdem drei
willfährige Tiere. Die Pekinger Transportagentur hatte versprochen,
uns vier Maultiere zu liefern; in Nankou waren jedoch nur ein
einziges Maultier, sowie ein altes Pferd und ein kleiner weißer
Esel aufzutreiben gewesen. Ein Vertreter der Agentur hatte auf die
Vorhaltungen des Fürsten hoch und heilig, unter Anrufung der Götter als
Zeugen, versichert, daß die drei Tiere genügen würden, den Ki-tscho
bis ans Ende der Welt zu ziehen, und wir, die wir ihn nur bis Kalgan
gezogen wissen wollten, gaben uns damit zufrieden.

Im Augenblicke der Abreise brannten die guten Einwohner von Nankou zum
Abschiedsgruß einige Petarden ab. So will es der Brauch; der Chinese
feiert die Feste mit lärmenden Feuerwerken, und wenn er jemand seine
Huldigung darbringen will, so stellt er ein Paar Böller vor die Tür,
und im gegebenen Augenblicke geht es bum! bum! Das ist der Gipfel der
Ehrerbietung.

Wenige Minuten später verschwand das Dorf hinter einer Biegung des
Tales. Der Weg beginnt plötzlich zu steigen und sieht wie eine Rampe
mit niedrigen, breiten Stufen aus, von denen jede einzelne die Kulis
zu einer Wiederholung des „Lai lai-la!“ nötigt und den Tieren ein
drohendes Klatschen mit der Peitsche einträgt.

Der Alte mit der Fahne befand sich natürlich an der Spitze. Die
Matrosen gingen zu beiden Seiten des Automobils und stemmten sich
von Zeit zu Zeit kräftig mit der Schulter gegen die Räder, als
gelte es, eine Kanone auf den Gipfel eines Berges in Stellung zu
bringen. Ettore, der allein auf der Maschine saß, eingehüllt in die
Falten eines ungeheueren Regenmantels, der ihm das Aussehen eines
bretonischen Fischers gab, hielt das Steuerrad mit der Aufmerksamkeit
eines diensthabenden Steuermannes und kommandierte seine Scharen durch
Ertönenlassen der Hupe. Einmal bedeutete: „Vorwärts!“, zweimal: „Halt!“
Aber die Signale mußten oft wiederholt werden, und bald begann die Hupe
der „Itala“ infolge der Anstrengung an Heiserkeit zu leiden, die sie
schließlich stumm machen mußte. Pietro schloß den Zug zu Pferde, den
Kopf mit einem riesigen Strohhut bedeckt, der infolge einer genialen
Anordnung der Bänder die Form eines Damenhutes, Stil Directoire,
angenommen hatte. Der wackere Ma-fu trug diese Kopfbedeckung mit großer
Würde. Offen gestanden, niemals ist ein sonderbarerer Zug durch die
Pässe der Großen Mauer marschiert! Wenn ich noch hinzufüge, daß Don
Livio, Don Scipione und ich von Zeit zu Zeit ausruhten, indem wir auf
zwei winzigen Saumtieren ritten, die so niedrig waren, daß unsere Füße
auf dem Boden schleiften, und so kurz, daß unsere Regenmäntel sie mit
dem großartigen Faltenwurf einer Toga völlig umgaben, so habe ich einen
weiteren Umstand von höchster Bedeutung für die historische Genauigkeit
erwähnt.

Die Landschaft änderte sich jeden Augenblick. Oben tauchten immer neue
Gipfel auf, schroff, kahl, von immer seltsamerer Gestalt. Niedrige,
schwarze Wolken hingen bis auf sie herab, und der graue Nebel ließ
sie entfernter und höher erscheinen; ihre düstere Großartigkeit nahm
dadurch noch zu. Unten floß der Bergstrom bald still wie ein Bach und
schlängelte sich friedlich zur Seite des Weges unter grünen Sträuchern
und Weidengruppen dahin, bald brauste er stürmisch, in wilden Wirbeln,
schäumend in engen Schluchten, in denen wir uns vorsichtig vom Rande
der Straße entfernt hielten. Alte Befestigungslinien ziehen sich
fortwährend von den Gipfeln der Berge bis in den Talgrund hinab,
steigen wieder empor und verschwinden in der Richtung auf andere ferne
Berge zu. Es sind mit Zinnen versehene Mauern, die Schleichpfade
decken, Befestigungen zweiten Ranges im Rücken der Großen Mauer,
riesige Wegsperren. Zwischen zwei dieser ungeheueren Verteidigungswerke
liegt ein großes Dorf: Kü-yung-kuan.

Wir haben die hohen schwarzen Mauern hinter uns gelassen und befinden
uns vor einem wunderbaren Marmorbogen, der auf das geschmackvollste
mit Friesen und Figuren geschmückt ist, ein Bogen, den man, aus der
Ferne gesehen, als römisch bezeichnen könnte. Riesenhaft hebt er sich
von den elenden Dorfhütten ab, ein letzter Rest wer weiß welcher
Herrlichkeit und welches Reichtums. Kü-yung-kuan war in den goldenen
Zeiten des Reiches der Sitz eines Kommandos, und damals vertrieben sich
die militärischen Mandarine, wie einst die römischen Konsuln, die Zeit
damit, daß sie sich mit prächtigen Kunstwerken umgaben.

Während wir unseren Aufstieg fortsetzten, überholte uns eine Anzahl
eilfertig dahinschreitender Männer mit einer Sänfte auf den Schultern.
In der Sänfte saß mit geöffnetem Schirm ein Europäer, den die Einwohner
mit Ehrerbietung behandelten. Als er an uns vorüberkam, begrüßte
er uns auf englisch. Wir sahen sofort, daß es sich um einen in der
Gegend angesehenen Mann handelte; alle kannten ihn und begegneten
ihm achtungsvoll. Sie nannten ihn den „alten Herrn, der das Gebirge
durchbohrt“. Pietro, der sich nach ihm erkundigt hatte, erklärte uns
die Sache. Man muß nämlich wissen, daß die chinesischen Kaufleute
bemerkt haben, daß eine Eisenbahn, wenn sie auch die Geister der Ahnen
beunruhigt, jedenfalls ein ausgezeichnetes Geschäft ist. Von dieser
Wahrheit überzeugt, hatten viele chinesische Kaufleute und Bankiers
in Peking den Entschluß gefaßt, eine für den Handel so unentbehrliche
Eisenbahn zu bauen, und zwar ohne einen Fremden sich in irgendwelcher
Weise einmischen zu lassen: chinesisches Kapital, chinesische Arbeit,
chinesische Verwaltung. So bildete sich die chinesische Gesellschaft
für die Eisenbahn Peking-Kalgan, die den Verkehr bis Nankou bereits
aufgenommen hat. Auch die Ingenieure waren natürlich Söhne des Himmels,
die in Amerika studiert hatten.

Alles ging gut, solange die Arbeiten sich in der Ebene abspielten; als
sie aber in das Gebirge gelangten, stießen die als Ingenieure tätigen
Söhne des Himmels auf ernste Schwierigkeiten. Die Tunnels stürzten ein;
nach jedem Einsturz wurden sie nach allen Regeln der Kunst von neuem
gebaut und stürzten dann wiederum ein; die Ausdauer der guten Chinesen
kämpfte vergeblich gegen die Halsstarrigkeit ihrer Berge. Es fehlte
nicht an Leuten, die darin alle Anzeichen eines Protestes des Drachen
erblickten, dessen ungeheuerer Körper durch das Bohren verwundet
worden war; der Beweis ergab sich aus dem Umstande, daß der Berg
Menschen verschüttete. Die Rache war augenscheinlich. Aber der Drache
verliert heute außerhalb der amtlichen Kreise an Kredit. So kamen
die Kaufleute auf den Gedanken, ob es vielleicht den Teufelskünsten
eines abendländischen Ingenieurs gelingen könne, den Sieg über die
Hartnäckigkeit des Gebirges von Nankou davonzutragen; die Kunde vom
Simplondurchstich war zu dieser Zeit auch nach China gedrungen. Und
die Gesellschaft entschloß sich zu dem Frevel und engagierte für die
Linie Peking-Nankou einen tüchtigen Ingenieur, dem sie die Leitung der
Arbeiten übertrug. Daher erschien nun der „alte Herr, der das Gebirge
durchbohrt“, in seiner Sänfte in den Schluchten der Großen Mauer.

Der Aufstieg war beschwerlich, und wir gewährten den Leuten öfters eine
wohlverdiente Ruhepause. Auf das Signal, aus Reih und Glied zu treten,
ließen sie die Seile los und zerstreuten sich fröhlich in der Nähe, um
auf den ersten Pfiff des Alten sofort wieder zu erscheinen. Der Esel,
das Maultier und das Pferd weideten miteinander in völliger Eintracht
das Gras ab, wobei sie die langen, mit Straßenschmutz bedeckten
Zugleinen hinter sich herschleiften. Das Automobil blieb verlassen
auf dem Wege stehen, nachdem Steine unter seine Räder gelegt worden
waren. Über und über naß, stand es trübsinnig, gedemütigt, mit schlaff
niederhängender Flagge da.

[Illustration: Die Mauern von Ki-mi-ni am Fuße des
Lien-ya-miao-Gebirges.]

Die Matrosen waren guter Dinge, wie ein Matrose immer ist, selbst wenn
es regnet, sobald er einen Abstecher an Land macht. Es waren fünf
durch Kraft und Geschicklichkeit ausgezeichnete Leute. Der eine war
Mechaniker und Photograph; er unterstützte Ettore während des Marsches
bei der Überwachung des Ganges der Maschine, und an den Haltestellen
erschien er vor uns, bewaffnet mit einem Stativ, einem schwarzen Tuch
und einem riesigen photographischen Apparat, den er wer weiß woher
hervorgeholt hatte. Von diesem Augenblicke an befanden wir uns unter
der unablässigen Beobachtung seines Objektivs, das wie ein Zyklopenauge
uns streng überallhin verfolgte. Ein anderer war Krankenpfleger und
Koch, der den Kranken wertvolle Dienste, wertvollere aber den Gesunden
leistete und stets bereit war, uns nach allen Regeln der Kunst
eine Roulade zu wickeln oder einen dampfenden, ebenfalls kunstgerecht
gebackenen Eierkuchen zu servieren. Der dritte war Elektrotechniker,
der vierte Zimmermann; der letzte sprach chinesisch mit echt
sizilianischer Aussprache; er war in Kalgan mit der internationalen
Kolonne gewesen, die 1900 dort einmarschierte, und kannte die Straße
so genau wie ein Lotse. Alle besaßen die beneidenswerte Gabe guter
Laune; alles erschien ihnen eigens dazu geschaffen, sie zu beglücken.
Der unablässige Regen, der sogar durch unsere wasserdichten Mäntel
drang, erzeugte in uns ein eisiges Gefühl der Niedergeschlagenheit,
die Matrosen freuten sich selbst über den Regen. Das Wasser war ihr
Element. In ihren durchweichten, an der Brust offenen Leinwanduniformen
wateten sie in den Pfützen umher und machten sich über das Wetter
lustig. Liebe Gefährten und eine stolze Eskorte für unsere kleine
Flagge; bereit zu lachen und bereit, sich, wenn es die Not erheischte,
für uns zu schlagen.

[Illustration: Die russische Post auf dem Wege nach Peking.]

Ein rauher Ton der Hupe, ein Pfiff, ein Zusammenströmen der Leute,
ein Massengesang, ein Peitschenknallen, und der Zug setzte sich von
neuem in Bewegung. Es ging hinauf durch das endlos scheinende Tal von
Kü-yung-kuan, das immer unwegsamer wurde.

Plötzlich verengt sich das Tal, es scheint sich zu schließen. Man
hat den Eindruck, als gebe es keinen Ausweg, als wären die Berge
zusammengerückt, um den Durchgang zu versperren. Auf den ersten Blick
bemerkt man die enge Schlucht nicht, die sich zur Rechten öffnet,
eine Art Spalt zwischen den senkrecht aufstrebenden Klippen, etwa 40
Meter breit, ein Korridor zwischen Felswänden. Durch einen düsteren
Landstrich waren wir gezogen, hier betraten wir einen grauenerregenden.

Seit undenkbaren Zeiten müssen die Menschen Furcht vor dieser Gegend
gehabt haben, denn sie gilt ihnen als heilig. Vielleicht weil die
Reisenden nur mit einem Gebet auf den Lippen sie durchzogen; die
Örtlichkeit fordert geradezu zum Anrufen der Götter heraus. Für
einfache Gemüter ist das Gebirge an und für sich ein Mysterium,
ein Sichaufschwingen der Erde zum Himmel; die hohen Gipfel stehen
in Berührung mit der Gottheit. Inmitten der Berge öffnet sich hier
plötzlich ein Tor. Alle Stämme, die es durchzogen, müssen darin das
Zeichen eines allmächtigen Willens, ein göttliches Werk erblickt
haben, das aus unerforschlichen und deshalb schreckenerregenden
Gründen geschaffen worden ist. Jene ungefügen Basaltsäulen hatten für
die Phantasie die Bedeutung einer Grenzscheide. Jenseits befand sich
etwas, vor dem man sich anbetend zu Boden werfen mußte. Geheimnisvolles
Dunkel herrschte. Die Reisenden betraten es mit frommer Scheu wie ein
Heiligtum. Und das Tal wurde zu einem von der Majestät der Einsamkeit
in all ihrer erhabenen Öde umgebenen Tempel.

[Illustration: Manöver zum Freimachen eines in eine tiefe Spalte
geratenen Vorderrades.]

Es war und ist heute noch ein Zufluchtsort für Einsiedler. Jede
Felsenhöhlung ist ein Heiligtum, und man sieht heilige Sprüche in
altertümlichen chinesischen Schriftzeichen und andere noch ältere in
tibetischer, mongolischer und mandschurischer Sprache in die Felsen
gehauen, Spuren der Frömmigkeit längst dahingegangener Geschlechter.
Oben, auf einem der Felsen, erhebt sich ein seltsamer Bau: ein kleiner
Tempel, der in einem Adlerneste errichtet ist; man steigt lange, in den
Fels gehauene Reihen von Stufen hinauf, die hier und da mit Gebüsch
bewachsen sind. Weiter drinnen in der Schlucht befindet sich ein
zweiter Tempel, ein anderer Zufluchtsort des Glaubens, der Jahrhunderte
alt ist und nun langsam verfällt. Auf dem Gebirge zeigen sich an
unzugänglichen Punkten noch Reste ähnlicher, jetzt verschwundener
Bauten, die zusammengesunken sind unter dem Anprall der Schneestürme,
die, von Norden einherbrausend, sich in das Tal stürzen und wütend
einen Ausweg suchen. In Felsblöcke, die von den Berggipfeln gestürzt
sind, hat der fromme Meißel ungeschulter Künstler das Bild Buddhas
eingegraben, er hat in den Umrissen des Felsens die Umrisse der Statue
gesucht, hat den Steinen die strengen, ernsten Gesichtszüge der milden
Gottheit gegeben. Manch riesenhaftes Buddhabildnis ist in wunderbarer
Weise in die Felswände des Gebirges eingehauen. Man erblickt einige
Reste alter Tempel, Trümmer von Säulen und Pfeilern. Es zeigt sich
keine einzige Spur menschlicher Tätigkeit, die nicht eine Bekundung
des Glaubens wäre. Beim Durchschreiten dieser Gegend sprach jede Seele:
„Ich glaube.“

[Illustration: Unsere Kulis bei der Arbeit in den Felsen des
Lien-ya-miao.]

Dieser Weg hat auch eine religionsgeschichtliche Bedeutung: auf ihm
ist der Lamaismus, der tibetische Buddhismus, nach China eingedrungen.
Aus dem Herzen Asiens, dieser Quelle von Religionen, sind Wogen
der Frömmigkeit durch diese Täler herübergeflutet, um die Seelen
der Chinesen zu neuen Kulten zu bekehren. Es ist nichts Seltenes,
hier fremde Pilgerzüge anzutreffen. Als Fürst Borghese die Straße
nach Kalgan erkundete, hatte er einige Tage zuvor hier einen Büßer
mit geschorenem Kopfe und in langem grauem Gewande getroffen, der
betend und alle drei Schritte niederkniend, um den Boden zu küssen,
den Weg zurücklegte. Borghese erkundigte sich nach ihm. Der Pilger
war auf dem Wege nach der heiligen Stadt Urga und hatte auf diese
Weise die Mongolei und die Wüste Gobi durchquert. Die Bevölkerung
ist gastfreundlich und mildtätig gegen diese wandernden Pilger, die
am Abend ihre Mühsal unterbrechen, einen großen Stein auf die Stelle
legen, bis zu der sie gekommen sind, um sie am Morgen wiederzufinden,
und bis zum nächsten Dorfe gehen, um sich von ihrem frommen Beginnen
auszuruhen.

Es kommt uns der Gedanke, daß auch wir, alles in allem genommen,
auf einer seltsamen Pilgerfahrt begriffen sind. Auch wir haben ein
eigenartiges Gelübde getan und erfüllen es mit Glaubenseifer. Wenn der
Mann, der jene drei Schritte tat, seinerseits den Fürsten nach dem
Beweggrunde seiner Reise gefragt hätte, würde er gewiß höchst erstaunt
gewesen sein.

Nachdem wir durch das Dorf Pa-ta-ling gekommen waren, sahen wir ein
ausgezahntes Profil wie eine Zickzacklinie einige entfernte Kämme
vor uns umsäumen und andere Berge zu beiden Seiten krönen; wir sahen
es hier auftauchen, dort verschwinden, bis es allmählich die Form
zahlloser, zu einer Kette verbundener Türme annahm, gleich Scharen
wachehaltender Riesen.

Es war die Große Mauer.



Viertes Kapitel.

Auf dem Gebirge.

     Das Passieren der Großen Mauer. -- Die Matrosen verlassen uns. --
     Auf der Fahrt durch das chinesische Flachland. -- Im Schatten des
     Lien-ya-miao. -- Angstvolle Augenblicke. -- Die Mongolei kommt in
     Sicht.


Von fern gesehen macht die Große Mauer, die mit dem Gebirge
zusammengewachsen und verschmolzen ist als riesenhaftes Pendant zu
dessen Gipfeln und Felsenwänden, nicht den Eindruck eines Werkes von
Menschenhand: sie ist allzu gewaltig dazu, und das, was man von ihr
sieht, beträgt nicht den tausendsten Teil. Man könnte eher von einer
phantastischen bizarren Laune der Erde sprechen, entsprungen aus dem
Wirken unermeßlicher, unbekannter Naturkräfte, von dem Erzeugnisse
einer schöpferischen Erdumwälzung.

Je näher wir kamen, desto mehr verschwand die Große Mauer in einem
Gewimmel von Berggipfeln, und wir erblickten sie erst wieder bei den
letzten Windungen des Weges, als wir im Begriff standen, die massiven,
doppelten Tore zu durchfahren, die von noch heute festen Bastionen
verteidigt werden. Die Straße auf die Höhe hinauf ist nichts als eine
Furche im festen Gestein, sie wird stets steiler und ungangbarer. Wir
fuhren seit 8 Uhr unter unaufhörlichem Regen; nur langsam und mühselig
kamen wir vorwärts, jeden Augenblick zum Halten gezwungen, um Steine
aus dem Wege zu wälzen, Fahrbahnen für die Räder herzustellen, das
bedrohte Geschwindigkeitsgetriebe vor den Unebenheiten des Bodens zu
schützen. Alles ringsum eine wilde, öde Wüste.

Wir marschierten am Rande eines tiefen Abgrundes. Von hier
aus erblickten wir zu unserer Freude an einer Stelle zwei
Telegraphendrähte. Um ihre Isolatoren geschlungen, kamen sie von unten
herauf, kreuzten den Weg und überschritten die Mauer. Sie erschienen
uns als Freunde; sie sollten es sein, die unseren Landsleuten Kunde
von uns brachten. Arme alte Mauer, du Werk und Sorge von Dynastien und
Millionen von Menschen; nicht nur das Geschütz macht dich heutzutage
nutzlos: ein einfacher Draht genügt. Die fernsten Völker verkehren
ruhig über deine Schultern hinweg.

In der Nähe ist die Mauer weniger großartig. Sie gleicht den
Verteidigungswerken einer Stadt, und für den, der sich der Mauern
von Peking erinnert, verliert sie an Imposantheit. Als wir aber nach
dem Durchfahren der Tore den Abhang auf der andern Seite in der
Richtung des Dorfes Tscha-tau-tschung hinabstiegen und zurückblickten,
stießen wir einen Ausruf des Erstaunens aus. Wir übersahen die weiße
Linie der Mauer, bis sie sich im Duft der Ferne verlor; sie stieg
auf und ab, folgte im Zickzack den Launen des Geländes, zog sich in
Schlangenwindungen dahin, stürzte sich in Täler, erhob sich wieder
mit einem Sprunge, zeigte sich bald von der Seite, bald von vorn. Sie
ordnete ihre Türme auf hunderterlei verschiedene Arten, entfaltete
stellenweise ihre Zinnen und ließ sie deutlich erkennen, um sie im
nächsten Augenblick in plötzlicher Verkürzung zusammenzuziehen. Sie
schien zu verweilen und eiligst davonzufliehen, und zwar bis zu beiden
Grenzen des Horizontes, bis zu den entferntesten Bergen, wo sie sich
dem Auge nur noch als kaum wahrnehmbarer Faden darbot. Und so geht
es weiter, 800 Kilometer weit, rings um die ganze Provinz Tschili,
eine wunderbare Grenze. Und dies ist nur die „kleine“ Große Mauer. Es
gibt noch eine andere, die große, die „Wan-li-tschang-tscheng“, die
„Mauer der zehntausend Li“, die wir im Norden von Kalgan antreffen
werden; diese erstreckt sich 2400 Kilometer weit längs der Grenzen des
eigentlichen China. Aber es gibt nicht nur diese zwei Mauern. Als wir
das auf einer kleinen Hochebene liegende Tscha-tau-tschung hinter uns
hatten, bemerkten wir neue Türme, neue Bastionen, wie wir solche im
Tale von Nankou gesehen hatten. Das chinesische Volk hat mehr als 2000
Jahre darauf verwandt, Mauern gegen den Westen aufzutürmen. Es ist aber
nicht länger als drei Jahrhunderte her, daß es den eigenen Thron gerade
von jenen Tataren eingenommen sah, die es mit Hilfe von Backsteinen und
Kalk fernhalten wollte.

Unserem modernen Geiste erscheint die Große Mauer als ein
staunenerregendes Denkmal chinesischer Furcht, unermeßlich und
unlogisch, großartig und lächerlich; der Fremde bewundert und verlacht
sie. Aber wir vergessen, daß auch die Römer die Grenzen Britanniens
durch eine doppelte Große Mauer verteidigten, um dieses Reichsland vor
den noch ungebändigten Kaledoniern zu schützen. Es hat Zeiten gegeben,
in denen die Lebensbedingungen das Vorhandensein unübersteiglicher
Mauern zwischen Land und Land, zwischen Rasse und Rasse, zwischen
Kultur und Barbarei als logisch, natürlich, als notwendig erscheinen
ließen. Genau wie wir heute eine nichtendenwollende Arbeit logisch
und natürlich finden, die unseren Enkeln vielleicht eines Tages
großartiger, lächerlicher und chinesischer vorkommen wird als uns die
Große Mauer, nämlich um die Welt Hunderttausende von Kilometern Stahl
in Gestalt von Schienen zu legen, die Wälder der Erde niederzuschlagen,
um den Schienen Unterlagen zu schaffen, und die Gebirge zu durchbohren,
um Geleise mitten hindurchzuführen!

Das Dorf Tscha-tau-tschung betraten wir nicht; es ist von einer
quadratischen Mauer mit starken Türmen in den Ecken umgeben. Alle
chinesischen Dörfer und Städte sind in ein regelmäßiges Quadrat
eingeschlossen, das vielleicht die Form eines früher bestehenden
verschanzten Lagers beibehält. Wir zogen im freien Felde rings um den
Ort herum auf einer Straße, die zum Teil überschwemmt, aber sicherlich
besser war als die durch das Dorf führende, und fanden Unterkunft in
einem kleinen chinesischen Gasthause vor dem nördlichen Tore, in einer
erbärmlichen Karawanserei. Seit dem Morgen hatten wir 25 Kilometer
zurückgelegt.

[Illustration: In den Felsen des Lien-ha-miao am Ufer des Hun-ho.]

Auf dem elenden Hofe, der von baufälligen Schuppen umgeben war,
wollten wir sofort den Motor prüfen. Wir fürchteten, daß die Stöße,
die Erschütterungen und das unvermittelte Aufundnieder während des
Aufstieges die Maschine beschädigt haben könnten. Aber sie setzte
sich ganz ruhig in Bewegung, und in Bewegung setzten sich auch die
Neugierigen, die sich versammelt hatten und nun die Flucht ergriffen.
Nach kurzer Zeit erschienen drei chinesische Soldaten, die der Mandarin
des Ortes gesandt hatte, um -- das war nicht recht klar -- die Chinesen
oder -- uns zu überwachen. Wir konnten sie nach Belieben für eine
Ehren- oder Aufsichtswache nehmen.

Don Livio verließ uns hier kurz nach unserer Ankunft, um noch
rechtzeitig zu dem Abendzuge nach Nankou zurückzukehren. Wir nahmen
herzlichen Abschied von ihm und begleiteten ihn mit unseren
Lebewohlrufen, bis er zwischen den Mauern des Dorfes verschwunden war.

Der feuchte Wind drang durch die zerrissenen Papierfenster und erfüllte
unsere niedrigen Kämmerchen.

„Pietro, Feuer! Pietro, heißen Tee! Pietro, etwas zu essen!“

Und Pietro kam und ging diensteifrig und lächelnd, brachte das
Kohlenbecken, die Teekanne, Eier und beantwortete alle Fragen in
einem Italienisch, das seine ureigene Erfindung war. Pietro ist
ein unschätzbarer Diener; er ist der Sohn eines alten Ma-fu der
Gesandtschaft. Aus einer Dynastie von Ma-fus stammend, die über die
Marställe der italienischen Gesandten herrschte, genoß er oft die
Ehre, Aufträge zu erhalten, die Intelligenz und Treue erforderten. So
begleitete er uns bis Kalgan als Majordomus und Dolmetscher, als eine
Art Adjutant.

„Pietro,“ fragte ihn der Fürst, „bist du Christ?“

„Nein, Buddhist ich!“ erwiderte er.

„Warum nennst du dich dann Pietro?“

„Ich nicht nennen Pietlo mich,“ antwortete er, das r mit l verwechselnd
wie jeder gute Chinese, „ich mich nennen Wu-tin.“

„Aber wenn ich dich Pietro rufe, so antwortest du doch.“

„Ja, alle mich lufen Pietlo, ich ihnen antwolte.“

Ein letzter Befehl noch: „Pietro, morgen früh um 3 Uhr wecken, und daß
die Kulis zu dieser Stunde bereitstehen!“ Und in die überreichlich
mit Insektenpulver bestreuten Decken gewickelt, überließen wir uns
dem Schlafe. Durch die dünnen Wände hindurch hörten wir im Zimmer
nebenan die Matrosen sich von ihrer Heimat und ihren weiten Seereisen
unterhalten.

       *       *       *       *       *

Am 12. Juni 4½ Uhr morgens verließen wir Tscha-tau-tschung bei
bedecktem Himmel und kalter Luft, die die Nacht länger erscheinen ließ.
Wir schauderten in unseren noch nassen wasserdichten Anzügen.

Die Matrosen mußten jetzt umkehren; sie hatten Befehl, uns am zweiten
Marschtage zu verlassen, wenn ihre Anwesenheit nicht unbedingt nötig
wäre. Sie begleiteten uns noch einige hundert Meter bis zu dem Fuße
eines alten Befestigungsturmes und nahmen dann Abschied. Die Ebene von
Tscha-tau-tschung hallte von Evvivarufen wider. Noch lange Zeit konnten
wir die weißen Marineuniformen in dem Grau der Dämmerung unterscheiden
und hörten erneute Evvivarufe, die immer ferner und immer schwächer
ertönten, bis sich die Leute und die Stimmen ganz in der Ferne verloren.

Die Kulis hatten aus dem Schlafe neue Heiterkeit geschöpft; lachend und
singend marschierten sie weiter auf der Straße, die ab und zu sumpfige
Stellen zeigte. Ein Automobil zu ziehen, machte ihnen Spaß. Glückliche
Armut!

Bei Tagesanbruch zeigte der Himmel da und dort blaue Stellen. Ein
Nordwind zerstreute die Wolken und trieb sie in völliger Auflösung
dem Meere zu, und mit einem Schlage beleuchtete ein Sonnenstrahl
hohe Berge vor uns. Noch wenige Minuten, und die gesamte Kette des
Jen-jen-schan, die wir überschreiten mußten, zeigte sich in einem
strahlenden Lichtschimmer, durchfurcht von Abgründen und Berghängen,
gekrönt von blauen Gipfeln. Es war uns, als hätte sich in einer
Minute eine unermeßliche, gewaltige Schranke uns genähert. Hinter ihr
erhoben sich andere Gipfel, andere noch höhere Berge, die sich in
der Ferne abstuften, bis sie sich in dem heiteren Himmel verloren:
der Wu-tsi-hai, die Ausläufer jenes gewaltigen Alpensystems, das der
Chingan-schan bildet.

Der Himmel klarte völlig auf. Als wir uns umwandten, sahen wir die
Schatten der letzten Wolken einen nach dem andern sich von den Höhen
der Großen Mauer losreißen, und in weitem Halbkreise reihten sich
hinter uns die Berge aneinander, die wir den Tag vorher überschritten
hatten, ausgezackt und kahl, durchschnitten von der unermüdet sich
auf- und niederziehenden Schlangenlinie der Mauer, ein so wundervoller
Anblick, daß wir uns nicht satt daran sehen konnten. Bis zu den
fernen, verschleierten, kaum sichtbaren Bergen der Provinz Schansi im
Süden bemerkten wir die regelmäßige Kette der Türme und zeigten sie
einander mit immer neuem Staunen, wie eine unglaubliche Erscheinung.

[Illustration: Vor den Mauern von Ta-tu-mu.]

Das Gelände stieg leicht an. Die Ebene war öde. Nach stundenlangem,
einsamem Marsche überholten wir eine Karawane von Kamelen, die von
Mongolen in langhaarigen Ziegenpelzen und mit achteckigen, dem Dach
einer Pagode gleichenden Hüten auf dem Kopfe geleitet wurden, eine
Karawane, die in diesem Jahre die letzte Reise machte. Die mongolischen
Kamele arbeiten im Sommer nicht; sie erfreuen sich der Wohltat der
Ferien und der Landluft; in den heißen Monaten werden sie auf die
Weideplätze der heimatlichen Wiesen getrieben, wo sie sich für
sämtliche übrigen Monate des Jahres, in denen sie arbeiten und fasten,
ausruhen und sattfressen. Die Ruhe ist ihnen notwendig, auch um die
Hufe wieder wachsen zu lassen, die sich auf den Bergen oft bis aufs
Fleisch abwetzen, so daß die armen Tiere daran zugrunde gehen. Ein
Wüstentier läßt sich nicht ungestraft in ein Alpentier verwandeln.
Dagegen wurden wir einmal zu unserer Beschämung von Maultiersänften
einer rasch dahinziehenden Reisegesellschaft überholt. Es waren
Sänften, die Kaufleute nach Kalgan oder kaiserliche Beamte nach ihren
entfernten Amtssitzen brachten; sie befanden sich zwischen einer
Vorhut von berittenen Dienern oder Soldaten und einer Nachhut von
Maultiertreibern, die die Ersatztiere führten. Die Beamten hatten an
die Außenwand ihrer Sänften als Zeichen ihrer Würde das rote Futteral
gehängt, in dem sich der kegelförmige Amtshut befindet. Als sie an uns
vorbeikamen, teilte sich der Vorhang des seltsamen Gefährtes, und ein
würdiges, infolge der Bewegung der Maultiere hin und her schaukelndes
Chinesenhaupt wurde sichtbar, das uns mit fragender Miene betrachtete.

Wir waren in eine sandige Gegend gekommen. Wir trafen elende
Dörfer, umgeben von hohen, zerfallenden Wällen, Dörfer, die einst
reiche Städtchen waren: Pao-schan, eine Anzahl von Lehmhütten rings
um einen winzigen Tempel, den wir durch die breiten, vom Wetter
gefressenen Lücken in dem viel zu weiten Mauerquadrat sehen konnten,
dann Schi-yu-le im Schatten von Weidenbäumen, Hu-li-pa, umgeben von
Bastionen aus Lehm, Scha-tschou, das an die Dörfer der Mandschurei
erinnert, und Pien-kia-pu, das an nichts erinnert. Die hochstehende
Sonne verbrannte uns den Rücken und lähmte unser Denken. In träger
Eintönigkeit, gleichförmig, ermattend schlichen die Stunden hin. Bei
den physischen Beschwerden des Marsches (die Reitesel waren nach
Nankou zurückgekehrt) dachten wir mit geheimer Sehnsucht daran, wie
schön es wäre, wenn wir uns einem bewohnten Orte näherten. Wir setzten
ein unbestimmtes Vertrauen auf das Dorf, das kommen mußte, suchten
es mit den Blicken und beeilten uns, es zu erreichen, als müßten
dort die Beschwerde, die Hitze, die Niedergeschlagenheit und jene
blendende Lichtfülle ringsum, in der wir uns gleichsam zu verlieren und
aufzulösen schienen, ein Ende nehmen; wir zogen aus einem Bezirk in den
andern, immer Umschau nach einer ungeahnten Überraschung haltend.

Die Heiterkeit der Kulis war verschwunden. Man hörte nur noch das
Geräusch der Schritte, das Stöhnen der Atemzüge, das laute Knirschen
des Sandes unter den Pneumatiks des Automobils, das Getrappel der drei
Zugtiere. Von Zeit zu Zeit ein Zuruf Ettores, ein unvermutetes
Ertönen der Hupe: halt -- wir sind an einer schwierigen Stelle.

[Illustration: Die gute Straße am Hun-Fluß.]

Wir sehnten uns beinahe nach diesen schwierigen Stellen, nur um uns
aufzurütteln. Es waren dies Augenblicke lärmender Geschäftigkeit.
„Hier, den Spaten! die Spitzhacke! Vor dem rechten Rade muß gegraben
werden! Vorwärts! Dieser Stein muß aus dem Wege! Die Hebel her!
Achtung! Eins, zwei, drei ...!“ -- Und in der unermeßlichen Glut, die
über der öden Landschaft lagert, entwickelt unsere kleine Schar eine
fieberhafte Tätigkeit. Dann ergriffen die Kulis von neuem die Seile,
und vorwärts ging es: lai lai-la.

[Illustration: Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.]

„Deutscher Feldtelegraph“, so lasen wir über der Tür einer einsamen
Hütte. Es war ein Überbleibsel jener vielberufenen internationalen
militärischen Expedition, das von der Bevölkerung geschont wird,
vielleicht weil man die Worte für eine heilige Inschrift des
Abendlandes hält. Es ist alles, was von jenem so viel Aufregung
verursachenden Einmarsch der Mächte übriggeblieben ist. Wir sind unter
die Mauern einer Stadt, Huai-lai, gelangt, der nach Süden ein hoher
alleinstehender Hügel mit einem Tempel auf dem Gipfel vorgelagert ist.
Dieser Tempel war einige Wochen lang eine europäische Kaserne. Wir
machten halt, um den Leuten eine Stunde Ruhe zu gönnen; sie gingen,
um die Zeit auszunützen, in die Stadt hinein und überbrachten der
Bevölkerung die Kunde von unserer Ankunft.

Sofort will ganz Huai-lai uns sehen. Man hört das Lärmen einer
Menschenmenge, die sich dem Tore nähert. Zuerst kommen die Kinder,
die Vorhut der Schar. Nach wenigen Minuten sind wir von Hunderten von
Menschen umringt, die sich mit achtungsvollem Lächeln um das Automobil
drängen. Sie betrachten es, berühren es scheu, werden kühn, fragen
uns, begrüßen uns, staunen uns an. Viele halten auf der flachen Hand
Käfige mit Singvögeln; an schönen Tagen trägt jeder gute Chinese von
einer gewissen sozialen Stellung zur Unterhaltung einen Vogelkäfig;
es ist dies seine Hauptbeschäftigung, ein hübscher, traditioneller
Zeitvertreib.

[Illustration: Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.]

Inzwischen frühstücken wir ein wenig Käse und Cornedbeef. Die
Einwohnerschaft von Huai-lai sieht uns dabei zu, es macht ihr
offenbar Vergnügen. Rings um uns streitet man sich über die Art und
Beschaffenheit unserer Speisen. Ein alter Mann gibt uns durch Zeichen
zu verstehen, daß er kosten wolle; den Käse spuckt er aus, während er
das Fleisch hinunterschluckt; dann tut er der Bürgerschaft sein Urteil
kund und zu wissen. Die Bürgerschaft tritt in nähere Erörterungen
darüber ein. Der alte Mann will seine Kontrolle auch auf unser Getränk
ausdehnen, und wir reichen ihm die Weinflasche, die er zögernd an
die Lippen führt, nachdem er den Becher unwillig zurückgewiesen hat.
Er trinkt, kostet, beginnt wieder zu trinken, und widmet sich dieser
Tätigkeit mit solchem Eifer, daß die ganze Flasche sich gurgelnd in
seine ehrwürdige Kehle entleert. Darauf ist er europäisiert; er lächelt
uns mit kleinen, lustig zwinkernden Augen zu und spricht lebhaft
auf uns ein; er steigt auf das Automobil, setzt sich hier unter den
Beifallsbezeigungen seiner Mitbürger nieder und versucht der Hupe einen
Ton zu entlocken; dies gelingt ihm, und er ist glücklich. Es kostet
uns nicht wenig Schwierigkeit, ihn wieder herunterzubefördern, als die
Kulis zurückkommen und wir unseren Marsch fortsetzen.

[Illustration: Im Schatten des Lien-ya-miao.]

Wir kommen an armen, aus Lehm gebauten Dörfern, kleinen, Einsturz
drohenden Tempeln, baufälligen Häusern, elenden Hütten vorüber, die
von einer wandernden Stadt längs des Weges verloren zu sein schienen.
Ein roter, von einem Stock herabwehender Lappen kennzeichnet sie als
Absteigequartiere für müde Reisende, als Herbergen für Maultiertreiber
im kleinen. Unsere Leute machen dort halt, um in Eile eine Schale Tee
zu schlürfen oder sich für eine Sapeke (3/10 Pfennig) den Fliegen
streitig gemachte Süßigkeiten zu kaufen. Alle diese Landstriche hätte
man für unbewohnt halten können; nirgends zeigte sich ein Mensch,
nirgends ließ sich ein Ton hören; es schien, als wolle man sich vor
uns verbergen oder uns zu verstehen geben: „Bleibt uns drei Schritte
vom Leibe!“ Ta-tu-mu, eine Stadt mit hohen, oben abbröckelnden Mauern,
machte den Eindruck einer seit Jahrhunderten verlassenen Ruine.

Die Straße verengte sich; wir gerieten häufig in tiefe Rinnen, die vom
Wasser im Sande oder zwischen den Kieseln ausgehöhlt worden waren. Wir
marschierten im Bett eines Bergstroms.

Rings um uns her erhoben sich riesenhoch die rauhen Berge, die wir am
Morgen gesehen hatten, ohne eine Spur von Vegetation, von brennend
gelber Farbe. Wir erstiegen die zweite Bergstufe, die Peking von der
mongolischen Hochebene trennt, zu der man über drei Absätze gelangt.
Man steigt zu der Mitte Asiens empor wie zu einem Tempel: drei Stufen,
drei Absätze. Unten, zu unserer Linken, öffnen sich die unermeßlichen
Talgründe von Schansi, eingetaucht in ein strahlendes Blau.

An manchen Stellen war kaum Platz für das Automobil, und wir trafen
die sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln. Wir mußten ab und zu einen
Schlag mit der Spitzhacke tun, Maße abschätzen und kühn die Weiterfahrt
versuchen, wobei wir die Radränder scharf im Auge hatten und der Führer
sich bereithielt, die Maschine unter dem mächtigen Druck der Bremsen
unbeweglich festzuhalten. Bei einem Dorfe, Tu-mu-go, 45 Kilometer von
Tscha-tau-tschung, fanden wir uns beinahe unvermutet außerhalb des
Berglandes; eine grüne Ebene lud uns zu einer Fahrt ein, und wir nahmen
die Einladung an.

„Halt!“

Wie durch Zauberschlag ist die Ermüdung von uns gewichen. In einer
Minute sind die Kulis beiseite geschoben und dem Kommando Pietros
anvertraut, die drei Tiere abgeschirrt. Mit fieberhafter Eile schlingen
wir die Seile um die Laternenhalter und entfalten die Flagge. Ein
Andrehen der Kurbel, und der Motor arbeitet. Wir steigen auf die
Maschine und vorwärts!

Vorwärts, den gewundenen, unebenen Weg entlang, unbekümmert um die
Sprünge, die Stöße, die Rucke, einzig und allein darauf bedacht, das
Automobil laufen zu lassen. Es hat nur zweite Geschwindigkeit, scheint
uns aber zu fliegen. Es zeigen sich große Regenlachen. Vorwärts! Wir
stürmen hinein und durchfurchen sie unter einem wahren Schauer von
Wasser und Schmutz; die zurückschlagende Welle dringt in den offenen
Raum des Automobils ein und durchnäßt uns. Wir lachen. Wir sprechen
laut, ergriffen von einer seltsamen Aufregung; es ist ein Rückschlag
gegen das lange Schweigen und gegen die entmutigende Langsamkeit der
bisherigen Reise. Auch lebt in uns eine neue Freude auf, die aus der
tiefen, unsagbaren Genugtuung stammt, etwas zu unternehmen, was noch
nie unternommen worden ist. Es ist die Wollust einer Eroberung, der
Rausch eines Triumphes und zu gleicher Zeit eine Überraschung, eine Art
Verzückung infolge der phantastischen Seltsamkeit der Fahrt in diesem
Lande. Wir erblicken Pagodendächer zwischen den Bäumen. Es ist uns, als
unterbrächen wir eine tausendjährige Ruhe, als seien wir die ersten,
die durch unser Dahineilen einen Weckruf in seinen tiefen Schlaf hinein
erschallen ließen. Wir fühlen den Stolz auf Zivilisation und Rasse; wir
fühlen, daß wir etwas vertreten, das höher steht als wir selbst: es ist
Europa, das mit uns dahinzieht. In dieser Geschwindigkeit faßt sich die
gesamte Bedeutung unserer Zivilisation zusammen. Das brennende Sehnen
der abendländischen Seele, ihre Stärke, das wahre Geheimnis jedes ihrer
Fortschritte ist in _einem_ Worte ausgedrückt: „Rascher!“ Unser Leben
wird angestachelt von diesem heißen Verlangen, von dieser schmerzhaften
Ungenügsamkeit, von diesem erhabenen Besessensein: „Rascher!“ In die
chinesische Starrheit tragen wir in der Tat unser fieberhaft erregtes
Wesen hinein. Wir fahren durch Flecken und Dörfer. Halbnackte Kinder
fliehen bei unserem Nahen. Die Männer und Frauen blicken uns mit
stiller Überraschung, mit ruhiger, wohlwollender Neugier nach. Wir
sehen seltsame Trachten, malerischer als die von Peking, vielleicht
älter. Es sind grüne, rote, gelbe, blaue Kleider, alle von grellen
Farben. Die Bewohner des flachen Landes lieben in der ganzen Welt
lebhafte Farben, vielleicht weil sie täglich Blumen vor Augen haben.
Auf den Schwellen der Häuser, wo sich die Menge zusammendrängt,
herrscht ein buntes, in der Sonne funkelndes Gewimmel, darüber ragen
die charakteristischen Dächer mit der leichten kahnartigen Biegung. Wir
können uns keinen lebhafteren Eindruck vom fernen Osten wünschen.

[Illustration: Am Hun-ho.]

Auf den von üppigem Grün strotzenden Feldern richten sich bei dem
Geräusch unserer Maschine die Landleute von ihrer Arbeit auf und
betrachten uns, die Augen mit der Hand beschattend. Einer ruft:
„Huo-tscho lai!“ -- „Die Eisenbahn!“ Der Ausruf wiederholt sich. Einen
Augenblick später wenden sich alle wieder ihrer Arbeit zu und beachten
uns nicht mehr, überzeugt, daß die Eisenbahn, von der sie so viel haben
sprechen hören, angekommen ist. Die Sache hat keine Bedeutung für sie.
In einem Graben wäscht eine Frau Kleidungsstücke; wir kommen dicht an
ihr vorbei, sie würdigt uns kaum eines Blickes und fährt fort, ihre
Kleider zu waschen, gleich als ob täglich Hunderte von Automobilen
an ihrem Graben vorüberkämen. Anderswo dagegen rufen sich die Leute
gegenseitig zu, strömen herbei, laufen uns durch die Staubwolken nach
und zeigen den Ausdruck naiven Staunens auf ihren gelben Gesichtern.
Die Seele dieses Volkes ist ein undurchdringliches Geheimnis. Wer
weiß, ob nicht der durch die Erscheinung des Automobils hervorgerufene
verschiedene Eindruck auf den ursprünglichen Rassenunterschied der
Einwohner zurückzuführen ist, wer weiß, ob die Neugier nicht eine
tatarische und die Gleichgültigkeit eine chinesische Eigenschaft ist?

[Illustration: Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.]

Wir kommen an einen Ort, Tum-ba-li, dessen in der Mauer befindliches
Tor so eng ist, daß wir nicht hindurchkönnen. Wir fahren langsam auf
grünen Wiesen im Halbkreise vorbei. Bei einem Dorfe machen wir halt.
Der Motor hat Durst und wir auch. Eine gutmütige Menge umringt uns,
bietet uns frisches, klares Wasser an und unterzieht den unteren Teil
des Automobils einer genauen Prüfung. Man streitet, man kommt näher;
kühne junge Leute bücken sich bis zur Erde, um die Schutzwand des
Geschwindigkeitsgetriebes besser betrachten zu können. Dann bücken sich
alle. Das Geschwindigkeitsgetriebe interessiert sie augenscheinlich.
Auch wir sehen nach und suchen vergebens zu ergründen, was ihre
Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesseln könne. Die Szene ist komisch.
Einer faßt Mut und bittet uns mehr mit Gesten als mit Worten um eine
Erklärung. Ah, endlich verstehen wir. Sie fragen, wo das Tier ist! Das
Pferd ist nicht vorn, es muß also da drinnen stecken. Um so mehr --
bemerkt einer, mit ausdrucksvoller Mimik auf den Eimer deutend --, als
man ihm durch ein Loch zu saufen gibt. Es ist schwer zu fassen, wo der
unglückselige Vierfüßer eingesperrt ist. Ettore will ihnen praktische
Erläuterungen geben und öffnet das Motorgehäuse, um ihnen die Zylinder
zu zeigen. Aber die Leute blicken mit dem Ausdrucke der tiefsten
Überzeugung nach wie vor nach unten. Wir lassen sie bei ihrem Staunen.

Später holten wir die Sänften ein, die uns am Morgen überholt hatten.
Die Maultiertreiber sprangen aus dem Sattel, um die aufgeregten
Tiere zu beruhigen, die in jähem Schreck wild durcheinander rannten;
die Sänften, die zuerst hin und her schwankten wie Nachen auf
bewegter See, machten gegen den Willen der Insassen halt infolge
der entgegengesetzten Meinungen, die die an das Gefährt gespannten
Maultiere über die einzuschlagende Richtung sehr energisch betätigten.
Wir konnten noch sehen, wie hinter den emporgehobenen und zur Seite
geschobenen Vorhängen die würdigen Reisenden uns mit der Miene des
tiefsten Erstaunens betrachteten, das nicht frei von Unwillen war;
rasch fuhren wir an ihnen vorbei, indem wir ihnen ein freundliches
Lebewohl zuriefen. Dies war unsere Rache.

Am Abend machten wir in einem reizenden Dorfe halt, in Schem-pao-wan,
das von wahrhaft patriarchalischem Alter ist. Innerhalb der Mauern
herrscht eine bezaubernde Ruhe, man hört nur das Gezwitscher der Vögel.
An jeder Tür hängen an dem oberen Balken zwei bis drei Käfige mit
singenden Wüstenlerchen; ihre Triller erfüllen die Luft. Es ist eine
seltsame, durchdringende, volle, laute Musik, der die auf den Schwellen
hockenden Bewohner schweigend lauschen. Die Mongolen bringen von ihren
Ebenen Tausende dieser zierlichen gefangenen Sänger, für die die
Chinesen eine große Vorliebe zeigen, auf den Markt. Die Chinesen geben
ihren Stimmen den Vorrang vor jedem andern Ton, als ob sie in ihnen
etwas Göttliches erkennten. Die überschwemmte Dorfstraße hat sich in
einen Sumpf verwandelt, in dem sich die Häuser und das Blau des Himmels
widerspiegeln. Seit uralter Zeit muß sich diese kleine Wasseransammlung
zwischen den Häusern festgesetzt haben, weil man nichts zu ihrer
Entfernung tut und Weiden Zeit gehabt haben, an ihren Rändern zu
wachsen und ihren Durst in dem stillen Wasser zu löschen. Die Einwohner
gehen auf erhöhten Fußsteigen um sie herum. Wagen kommen nicht in das
Dorf.

Jetzt nähert sich ein kleiner Trupp, ein Bild aus alten Zeiten. Auf
einem weißen, mit roter Seide aufgezäumten Maultiere reitet eine
vornehme Dame vorüber, reichgekleidet in gestickte Gewänder, das
Gesicht weiß und rot geschminkt, die kleinen Lippen blutrot gefärbt,
den Hut mit Blumen geschmückt. Eine Figur, wie von einer chinesischen
Vase. Die Pekinger Mode ist nicht bis hierher gedrungen; hier leben
noch die Trachten vergangener Jahrhunderte. Vor und hinter der Dame
schreiten Diener; sie begibt sich vielleicht zu einem Feste. Wir
bleiben stehen, um sie zu beobachten, während sie eine kleine gewölbte
Brücke überschreitet und bei unserem Anblick anmutig ihr Gesicht mit
dem Ärmel bedeckt.

[Illustration: Wo ist das Tier?]

Wir durchstreiften das Dorf, nachdem wir das Automobil in einer vor den
Toren gelegenen Karawanserei eingestellt hatten. Als wir zurückkehrten,
fanden wir den Hof mit Menschen, Kamelen, Wagen und Pferden angefüllt.
Es waren Karawanen angekommen. Das Personal der Herberge eilte
geschäftig hin und her. Hier wurden riesige Haufen Getreide für die
Tiere abgemessen, dort trug man den Männern Schüsseln mit dampfendem
Reis und hohe Berge von Weißbrot auf. In einem Winkel des Hofes nahm
ein Zauberer mit Hilfe einer angezündeten Kerze und einiger magischer
Worte Beschwörungen vor zum Zwecke der Heilung eines alten kranken
Maultieres, das den Zauber inmitten einer schweigenden Zuhörerschaft
resigniert über sich ergehen ließ. In den weiten raucherfüllten Küchen
brannten alle Feuer, und bei dem rötlichen Lichte von Talgfackeln
bewegten sich die Köche mit nackten, schweißigen Rücken wie die
Schmiede in einer antiken Schmiedewerkstatt. Um das Automobil herum war
wieder eine Menschenmenge versammelt, die es sich in den Kopf gesetzt
hatte, das Tier zu suchen. Wir stellten fest, daß der chinesische Bauer
sich die rätselhafte Erscheinung am logischsten durch die Vorstellung
eines Zugtiers erklärte. Nur hielten die Intelligentesten daran
fest, daß es sich nicht um ein Pferd handle, sondern um irgendein
unbekanntes, fabelhaftes Tier, das von uns gefangen gehalten werde, und
wenn sie den rauhen Ton der Hupe hörten, so sagten sie: „Das ist seine
Stimme.“

In diesem Jahrmarktstrubel tauchten zwei russische Soldaten mit
aufgepflanztem Bajonett auf. Es war Militär der Gesandtschaft, das die
russische Post nach Kalgan und Kiachta brachte. Sie kamen von Peking
und überbrachten uns Nachrichten von den drei übrigen Automobilen,
die, wie sie wußten, am Abend vorher in Pa-ta-ling angelangt waren.
Sie hatten sie diesseits der Großen Mauer angetroffen; die Automobile
hätten in Huai-lai übernachtet. Wir hatten seit frühmorgens 65
Kilometer zurückgelegt, 20 davon mit dem Motor. Wir waren den andern
also um 35 Kilometer voran; in Kalgan würden sie uns einholen.

„Das Abendblot ist angelichtet!“ hörten wir rufen. Pietro stand neben
uns, mit Schüsseln in den Händen, und lächelte uns hinter dem Dampf der
ausschließlich von ihm bereiteten Speisen an. Pietro ist auch Koch.

Als wir später zwischen Abendessen und Zubettgehen vor unserem Zimmer
saßen und einige Zigaretten rauchten, sahen wir den schwarzen Schatten
hoher Berge sich von dem gestirnten Himmel abheben.

„Es sind die Berge von Ki-mi-ni“, bemerkte der Fürst.

„Also noch Aufstiege!“

„Und schwierige. Kalgan liegt jenseits.“

„Werden wir hinüberkommen?“

„Wer weiß! Morgen wird es einen heißen Tag geben.“

Und so war es.

       *       *       *       *       *

Wir brachen auf, als es noch Nacht war.

[Illustration: Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.]

Kaum ließ ein leichter Lichtschimmer -- dem vom Monde ausgehenden
gleichend -- die Sterne im Osten erblassen. Es war schwer, den Weg zu
unterscheiden. Der alte Aufseher der Kulis, der die Gegend kannte, ging
voran, um das Gelände zu erkunden. Wir konnten es nicht wagen, mit dem
Motor zu fahren, und im übrigen hatten wir nur noch wenige Kilometer
in der Ebene zurückzulegen, ehe wir an die Gebirgspässe von Ki-mi-ni
gelangten. Unsere Chinesen marschierten ohne Anstrengung weiter, mit
dem raschen Gange des Maultieres, des Pferdes und des Esels gleichen
Schritt haltend. Bei Sonnenaufgang befanden wir uns am Fuße eines
gewaltigen, einzelnstehenden Berges, des Lien-ya-miao.

Der Lien-ya-miao steht abgesondert von den übrigen Bergen und ist höher
als sie, so daß es den Anschein hat, als führe er den Oberbefehl über
sie. Im Süden wird er vom Hun bespült und beherrscht eine Strecke lang
den Lauf des Flusses von der Höhe ungeheuerer, senkrecht ansteigender
Felsen herab. Die Straße nach Kalgan zieht sich in der Nähe des Hun-ho
hin, bald an dem Ufer des Flusses, bald an dem Absturz des Berges,
hier durch Sand, dort über steile Felsen; sie klimmt empor und steigt
nieder, bis sie dort, wo sich die Berge im Kreise umherstellen, den
Fluß verläßt und sich über sanft ansteigende Hügel der Hochebene von
Hsin-wa-fu nähert, auf deren Grenze Kalgan am Fuße anderer Berge liegt.

Am Fuße des Lien-ya-miao liegt die Stadt Ki-mi-ni; an den Ecken ihrer
Mauern stehen zierliche Pagoden, und über die Zinnen erhebt sich ein
Tempeldach mit aufgebogenen Ecken, überragt von Majolikadrachen und mit
Glöckchen behängt. Von Ki-mi-ni sieht man nichts anderes. Der Ort ist
ganz von hohen, ein Quadrat bildenden Mauern umschlossen wie so viele
chinesische Städte. Es sind seltsame Städte, in deren unmittelbarer
Nähe wir vorüberziehen, ohne etwas von ihrem Umriß zu entdecken,
geheimnisvolle Städte, die sich vor der Neugier wie vor einem Feinde
schützen. Während wir außen um ihre Bastionen in schweigender
Einsamkeit unseren Weg fortsetzen, erscheint es uns fast unmöglich, daß
auf der andern Seite dieser großen düsteren, gleichmäßigen Mauern eine
Bevölkerung lebt, daß es dort Straßen, Häuser, Märkte, Freude und Leid
gibt. In China ist alles von Mauern umgeben: das Reich, die Städte, die
Tempel, die Häuser. Das Ideal des chinesischen Lebens ist die Stille
des Gefängnisses.

[Illustration: In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.]

Als wir um Ki-mi-ni herumgezogen waren, befanden wir uns unvermutet
am Ufer des Hun-ho, im Schatten des Lien-ya-miao, dessen Felswände
über uns emporragten. Auf dem Gipfel des Berges bemerkten wir einen
Tempel. Wie hat man es angefangen, ihn dort oben zu erbauen? fragten
wir uns verwundert. Pietro beeilte sich, uns eine Aufklärung zu geben.
Dieser Tempel wurde nicht von Menschenhänden errichtet. Kein Mensch
wäre dazu imstande gewesen. Er ist von Buddha selbst erbaut worden.
Dieser stieg vor vielen Jahrtausenden in Gestalt einer alten Frau vom
Himmel herab und errichtete das Heiligtum in einer einzigen Nacht. Und
in derselben Nacht erbaute er, nachdem er sich in die Gestalt eines
alten Mannes verwandelt hatte, eine Brücke über den Hun, von der noch
Trümmer vorhanden sind. Und Pietro zeigte uns in der Tat die Überreste
eines steinernen, von Gestrüpp umwachsenen Brückenkopfes. Es ist
seltsam, wie weitverbreitet unter den Völkern Ostasiens die Legende von
einem Gotte ist, der auf Erden unter der Gestalt eines alten Mannes
und einer alten Frau erscheint, um dringende Arbeiten auszuführen. Der
Tempel und die Brücke erinnern mich daran, daß in Japan die Göttin
Kwannon ebenfalls in einer einzigen Nacht und unter der doppelten
Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau ihr eigenes Bild in
doppelter Ausführung in zwei riesige Baumstümpfe geschnitten hat; eins
von diesen Selbstporträts wird noch heute in Kamakura verehrt, wo
auch ich es gesehen habe. Gottheit und Alter verschmelzen oft in den
asiatischen Legenden miteinander, vielleicht weil die Gottheit und das
Alter Gegenstand gleicher Verehrung sind.

Der Fluß war infolge der Regengüsse angeschwollen; breit und trüb
strömte er in unregelmäßigem Laufe in seinem mächtigen sandigen Bette
hin. An einer Stelle senkte der Berg seine Felsenwand jäh bis zum
Wasserspiegel hinab. In den Zeiten der Trockenheit durchwaten die
Karawanen den Hun und setzen ihren Weg auf dem andern Ufer fort. Bei
dem hohen Wasserstande wagten wir dies nicht und entschlossen uns, den
Weg über den Berg zu wählen, der sich steil vor uns in plötzlichem
Aufstiege erhob und zwischen den Felsen verlor.

Wir begannen hinaufzuklimmen.

[Illustration: Ankunft der französischen und des holländischen
Automobils in Kalgan.]

Der Pfad war in den Fels gehauen und folgte allen Abschüssigkeiten des
Berges. Er machte so scharfe Schlangenwindungen, daß wir zuweilen auf
zehn Schritte Entfernung noch keine Fortsetzung erblickten und den
Eindruck hatten, als münde er in den Abgrund. Nie ließ er uns seine
Krümmungen erraten; wir erfuhren beständig Überraschungen. Zu unserer
Rechten erhob sich die Felswand, zur Linken hatten wir den Abgrund.
In dessen Tiefe schäumte der Fluß. Jenseits des Flusses entdeckten
wir beim Weitersteigen einen Horizont, der sich in unermeßliche
Fernen ausdehnte, das Tal des Sang-kan-ho, die blaßblauen Berge des
Huang-hua-schan, in unbestimmten Umrissen, unkörperlich, leicht wie
Gespenster von Bergen; sie eröffneten den Blick ins Herz der Provinz
Schansi. Stellenweise verengerte sich der Pfad, zuweilen war er kaum
breit genug für die Räder; es waren angstvolle Augenblicke. Auf
dem Straßenrande waren stellenweise Mauervorsprünge zum Ausweichen
angebracht, die entweder einzustürzen drohten oder schon eingefallen
waren, und wenn wir in die Tiefe sahen, hatten wir den Eindruck, als
schwebten wir in der Luft. Längs des Hun sahen wir Karawanen von
Kamelen ziehen, die von hier aus Insektenschwärmen glichen. Bisweilen
ragten Felsblöcke über unseren Köpfen in den Weg hinein, so daß wir
fast instinktiv unseren Schritt beschleunigten und dadurch auch die
andern zur Eile veranlaßten.

[Illustration: Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.]

Die Beförderung des Automobils war mühselig und schwierig. Wir
arbeiteten gemeinsam mit den Chinesen, bald an den Rädern, indem
wir die Speichen mit den Schultern schoben, bald, indem wir an den
Seilen ziehen halfen und die Arbeitskräfte leiteten. Die Kulis
waren bewundernswert. Etwas von unserer Beklemmung und von unserer
Begeisterung war auf sie übergegangen. Achtsam und willig boten sie
ihre gesamte Kraft und ihre gesamte Intelligenz auf. Sie setzten ihren
Ehrgeiz in die harte Arbeit. Sie hatten Mittel gefunden, gewisse
Hindernisse zu überwältigen, und wandten sie an, ohne den Befehl
dazu abzuwarten. Sie studierten unsere Gebärden, sie suchten unsere
Absichten zu erraten. Sie hatten den Mechanismus des Wagens auf das
beste begriffen, und wenn sie sahen, daß die Vorderräder so in Spalten
oder zwischen Steinen eingeklemmt waren, daß es unmöglich war, sie zu
bewegen, so liefen sie herbei, um sie freizumachen, schoben sie so, daß
sie sich nach der günstigsten Seite drehen mußten, und unterstützten
die Absicht Ettores, der das Steuerrad lenkte. Die Bedeutung einiger
Worte unserer Sprache war kein Geheimnis mehr für sie: „Kräftig los,
vorwärts, halt, langsam, aufgepaßt!“ waren ihren Ohren Laute geworden,
die eine beredte Sprache führten. Zu alledem kam eine unverwüstlich
gute Laune, ein Streben, um jeden Preis zufrieden zu sein. Bei jeder
überwundenen schwierigen Stelle gab es einen Heiterkeitsausbruch. Nach
der heftigen Aufregung einer starken Kraftanspannung hatten sie noch
Lust, mit matter Stimme zu singen. Sie feierten ihre kleinen Siege.
Sie fanden tausenderlei Stoff zu Gesprächen und zu Gelächter, bis
der Ruf: „Achtung!“ sie verstummen ließ und sie von neuem unter das
gespannte Seil beugte. Der Umstand, daß auch wir bereit waren, uns an
die Seile zu spannen, in Hemdärmeln, mit nackten Armen, und daß wir im
Notfalle unsere Anstrengungen mit den ihrigen vereinten, spornte sie
an. Vielleicht machte sie dies auch stolz.

Wir wußten nicht, wie spät es war, weil wir es nicht wissen wollten.
Auf manchen Reisen müßte man die Uhr stets zu Hause lassen; sie ist
eine schlechte Begleiterin, die entmutigt, indem sie zeigt, wie
langsam die Zeit verrinnt. Wir lebten außerhalb der Zeit. Wir hatten
den Eindruck, als seien wir seit unvordenklicher Zeit auf dem Marsche
durch die Berge; dies lehrt Resignation. Der Tag wollte kein Ende
nehmen. Vom wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne herab und erhitzte
die Felsen; sie verwandelte sie in eine glühende Masse. Wenn wir die
Steine berührten, zogen wir die Hände mit einer Empfindung zurück,
als hätten wir uns verbrannt. Die Luft war unbeweglich und infolge
der zurückprallenden Sonnenstrahlen unerträglich heiß; es schien, als
hauche das Gebirge wie ein schlafender Riese einen seiner Atemzüge über
uns aus. Einige Kulis hatten ihren bronzefarbenen Oberkörper entblößt,
und das über ihre Schulter gelegte Seil drückte in die Haut und schnitt
in die Muskeln ein. Aber die Nackten waren sämtlich Lastträger, und die
Haut auf ihren Schultern war schon durch die Achsen der Sänften und
die Tragbalken für die Wassereimer schwielig geworden. Sie schienen
gegen die rauhe Berührung unempfindlich zu sein; nur selten legten
sie das Seil mit einer raschen, bezeichnenden Bewegung auf die andere
Schulter.

Der Aufstieg war zu Ende. Der Abstieg stellte sich als noch
abschüssiger heraus; stets führte der Weg steil am Berge hin. Wir
schirrten die Tiere aus und lösten die Seile, um sie an den hinten
befindlichen Haken zu befestigen. Alle Kraft mußte darauf verwandt
werden, das Automobil auf dem abschüssigen Wege aufzuhalten. Alle
Mann stellten sich wie beim Seilziehen in zwei Reihen auf. Ettore
stellte den Hebel auf die erste Geschwindigkeit ein. Auf diese Weise
wäre das Automobil, selbst wenn die Seile rissen und die Bremsen
nicht faßten, nicht mit der fürchterlichen Schnelligkeit eines Falles
hinuntergesaust, sondern wenigstens einigermaßen von dem Motor
aufgehalten worden, und es wäre somit noch möglich gewesen, es zu
lenken, wenn auch nicht zu retten. Als alles bereit war, ertönte das
Kommando: Vorwärts! Das graue Ungeheuer begann, sich in den Abgrund
hinabzusenken.

Es schien, als wolle es sich dafür rächen, daß es gezogen worden war.
Jetzt war es das Automobil, das laufen wollte. Es paßte auf alle
Unvorsichtigkeiten der Menschen auf, zur Flucht bereit, der geringsten
Lockerung der Spannung nachgebend; man hätte glauben können, es erwarte
den günstigen Augenblick zur Empörung und wolle sich die Bändigung
seiner Kraft nicht länger gefallen lassen. Ein Augenblick hätte genügt,
es hätte genügt, daß eine momentane Störung in dem Zusammenwirken der
Kräfte eintrat, daß die Anstrengung der Muskeln in kaum merklicher
Weise nachließ, und die große Maschine wäre hinuntergestürzt, uns alle
mit sich reißend. Eine Zeitlang schien sie gegen die Hemmung durch die
Bremsen unempfindlich zu sein. Nach hinten geworfen, das Kinn auf der
Brust, die Füße gegen den Erdboden gestemmt, Beine und Arme gestrafft,
die Zähne zusammengebissen, den Atem angehalten, so kämpften wir alle,
Chinesen und Europäer, mit vereinten Kräften. Zum Glück war es nur
für einen kurzen Augenblick. Die neuen, gut geölten Bremsen griffen
nur langsam ein, aber endlich taten sie es doch. Ettore kannte seine
Bestie und war voll Vertrauen; er wußte sie zur rechten Zeit zu zähmen.
Als wir haltmachen wollten, legten wir große Steine unter die Räder
mit der Eile eines, der eine Barrikade errichten will, um den Feind
aufzuhalten. Dann ruhten wir aus und ließen das Automobil allein in
einer recht vertrackten Lage vornübergeneigt zurück, während die langen
Seile sich hinter ihm wie zwei mächtige Schweife am Boden entlang
ringelten. Bald erreichten wir wieder die Ebene und nahmen froh unseren
Marsch zwischen dem Gebirge und dem Hun wieder auf.

Der Pfad führte uns zu einem Dorfe, Schau-huai-huan, das halb versteckt
zwischen dichten Weidenbäumen lag und von Reisfeldern umgeben war.
Die Straße war sumpfig geworden. Der Boden, klebrig und naß, vom
Regen durchweicht, gab nach. Die Räder versanken bis zur Hälfte der
Speichen darin, und der zähe Schlamm setzte sich an den Radkränzen
und den Gummireifen fest, häufte sich hier an und gab den Rädern die
abenteuerlichsten Formen und Umrisse; es schien, als bewege sich das
Automobil auf Rollen aus Erde. Auch unsere Stiefel erfuhren eine
unbequeme Vergrößerung; der Schmutz bedeckte sie mit dicken Krusten,
die wir von Zeit zu Zeit durch Schütteln und durch Wegschleudern
entfernten. Wir glitten aus, das Ausschreiten wurde uns schwer. Die
Kulis mußten jede Minute halten und ausruhen. Wir begegneten einer
Karawane von Maultieren, die mit mongolischen Fellen beladen waren;
zwei Tiere wichen, erschreckt durch das Automobil, vom festen Pfade ab
und versanken bis an den Leib.

[Illustration: Im Sumpflande bei dem Dorfe Schau-huai-huan.]

In der Nähe des Dorfes stand die Straße unter Wasser. Zur Rechten und
Linken dehnten sich von hohen Dämmen umgebene und trotzdem ebenfalls
überschwemmte Reisfelder aus. Es gab keine Wahl; wir mußten durch.
Unsere Leute entblößten ihre Beine und wateten in den Pfuhl hinein.
Der Übergang schien trotz seiner Länge gut vonstatten zu gehen.
Hoffnungsvoll maßen wir mit den Augen die Entfernung bis zum trockenen
Lande. Noch zwei Minuten, und wir waren in Sicherheit. Das Wasser
gurgelte unter unseren Schritten.

Mit einem Male blieb das Automobil stehen.

„Vorwärts, vorwärts!“ rief Ettore.

„Dummköpfe!“ riefen wir, „gerade in diesem Augenblick ausruhen zu
wollen!“

[Illustration: Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in
Kalgan.]

„Weiter, weiter! Eine Rast ist jetzt verhängnisvoll. Wir versinken!“

Aber die armen Chinesen hatten nicht freiwillig haltgemacht. Sie
begriffen die Gefahr sehr wohl. Sie zogen aus Leibeskräften und schrien
vor Aufregung. Die drei Tiere stemmten die Hufe unter einem Hagel von
Peitschenhieben ein und streckten ihre mageren Hälse vor. Die Seile
waren gespannt, das Chassis ächzte. Vergebens. Die Maschine schien
festgenagelt zu sein. Mehrmals wurde der Versuch, sie zu bewegen,
wiederholt, bald langsam, bald heftig, in jeder Weise. Man mußte andere
Mittel ausfindig machen. Wir schickten uns an, Ketten um die Bäume
zu schlingen und Taue zu benutzen. Die Chinesen aber, die mit ihren
nackten Füßen auf dem Grunde des Wassers hin und her tasteten, fühlten,
daß die Räder an etwas gestoßen hatten. Pietro berichtete es uns.

„Großer Stein!“

Ein großer Stein? Die Hebel her! An die Arbeit! Wir waren entschlossen,
selbst einen Berg zu zertrümmern, als die Kulis, die mit den Händen
nach einem Ansatzpunkte für die Hebel suchten, erkannten, daß es sich
nicht um einen Stein handle. Und Pietro erklärte:

„Große Wurzeln!“

In der Tat waren es die Wurzeln einer riesigen Weide, die ein wenig
abseits stand, üppig grünend und so gleichgültig, als träfe sie nicht
die geringste Verantwortung. Es war nichts anderes zu machen, als die
Wurzeln mit der Axt abzuhauen. Eine seltsame und ganz neue Arbeit beim
Automobilsport! Wer uns gesehen hätte, hätte geglaubt, wir wären mit
dem märchenhaften Unternehmen beschäftigt, das Wasser zu spalten. Die
Hiebe fielen regelrecht; ein in den Grund gesteckter Pfahl gab die
Richtung an, in der sie geführt werden mußten.

Die abgehauenen Wurzeln wurden mit den Armen gefaßt, gezogen,
herausgerissen, gezerrt und gedreht, bis die Räder völlig frei waren.
Dann verließen wir rasch den Pfuhl und legten einige Kilometer ohne
anzuhalten zurück, froh, wieder einen Weg zu finden, der, wenn er auch
schlecht war, uns doch nicht heimtückisch mit unsichtbaren Gefahren
bedrohte. Der Weg führte uns auf das sandige Flußufer zurück und wand
sich dann von neuem zwischen Feldern, Hainen und Dörfern hindurch. An
jeder Pfütze machten wir halt, um mit einem wohligen Gefühl Hände und
Gesicht in das frische Wasser zu tauchen.

„~Where do you go?~“ -- „Wohin wollen Sie?“

Diese Frage, die in englischer Sprache an uns gerichtet wurde, während
wir an einem einsam und verlassen dastehenden Tempel vorbeikamen,
bewirkte, daß wir uns mit der größten Verwunderung umwandten. Wir sahen
nur einen Chinesen, der im Schatten eines Baumes saß und uns unverwandt
betrachtete. War er es, der uns angeredet hatte?

„Wo wollen Sie hin?“ wiederholte er.

„Nach Kalgan. Und Sie, wer sind Sie?“

„Ich bin ein Ingenieur der Kalganer Eisenbahn.“

„Und was treiben Sie hier?“

„Ich studiere.“

„Was studieren Sie?“

„Die Kalganer Eisenbahn.“

„Viel Vergnügen.“

„Warten Sie doch!“

„Warum?“

„Ich will mich von Ihnen verabschieden.“

Und der wackere Ingenieur unterbrach das Studium der Kalganer
Eisenbahn, das große Ähnlichkeit mit einem sanften Schlummer hatte, und
kam würdevoll auf uns zu, um zu zeigen, daß er mit den fremden Sitten
vertraut war. Er streckte uns allen die Hand hin, wiederholte: „Adieu,
adieu!“ und kehrte in den Schatten seines Baumes zurück.

Wir machten halt, um in dem Wirtshaus des Dorfes Schan-schui-pu einige
miserable Brotfladen zu essen. Mit einem Male hallte der Hof von dem
Hufschlage zweier im Galopp ankommender Pferde wider. Wir sahen zwei
chinesische Soldaten absteigen, zerlumpt, schmutzig, die Patronentasche
am Gürtel, die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt, den Säbel an
der Seite -- das Ganze überragt von zwei Brigantengesichtern. Pietro
lief herbei:

„Soldaten vom Mandarin von Hsin-wa-fu“, sagte er.

„Was wollen sie?“

„Sie kommen auf Befehl des Mandarinen, um uns anzusehen.“

Nachdem die Briganten uns betrachtet hatten, stiegen sie wieder zu
Pferde und verschwanden.

Wir machten uns wieder auf den Weg. Nach kurzer Zeit nahm uns das
Gebirge von neuem auf.

Zwei Felsbastionen mit einer Unzahl rötlicher Klippen kamen uns immer
näher. Noch zwei Pässe! Und von neuem steile, sich zwischen den
Steinblöcken hindurchschlängelnde Pfade.

Der Weg war der schlechteste von allen, die wir bisher zurückgelegt
hatten. Wir hatten nicht sowohl mit der Schwierigkeit steiler und
tiefer Abhänge zu kämpfen wie auf dem Lien-ya-miao, als vielmehr mit
den uns von den rauhen, nackten Felsen entgegengestellten Hindernissen.
Wir zogen über durchlöcherte Blöcke, Erhöhungen, Spalten, Zacken
hinweg. Die Strömung des Wassers, der Huf der Maultiere und der breite
Fuß der Kamele hatten in vielen Jahrhunderten kaum die gröbsten
Unebenheiten auf dem engen Gebirgspfade geglättet. So langsam und
vorsichtig das Automobil auch gezogen wurde, es schwankte fortwährend
bei den Unebenheiten des Bodens, blieb bald mit dem einen, bald mit
dem andern Rade stecken, rollte infolge der Höckerigkeit der Steine
sprungweise zurück, versank mit den Radfelgen in tiefe Spalten. Und
voller Besorgnis vernahmen wir das metallische Klirren des von dem
Ziehen mitgenommenen Chassis, das leise Knarren des Holzes an den
Rädern, eine Menge von dumpfen Tönen, die ich weiß nicht von welchem
Teile der Maschine herrührten, das leise, kaum vernehmbare Klagen des
Stahls, das von der Tätigkeit zerstörender Insekten hervorgebracht zu
sein schien. Alle Verbindungen des Automobils erlitten eine Spannung,
für die sie nicht bestimmt waren, und jene Geräusche kündigten
unendlich kleine Verschiebungen, minimale Abweichungen an, die aber
doch der Beginn einer verhängnisvollen Veränderung sein konnten! Es
war das Skelett der Maschine, welches litt, welches ermüdete, und die
Müdigkeit der Maschine wird durch kein Ausruhen geheilt.

An manchen Stellen war jeder Schritt ein Problem. Ettore ging zu Fuß
voran, um die nächste Straßenstrecke besser beurteilen zu können; die
Haut an seinen Händen war von dem Steuerrade abgescheuert, das über und
über zitterte und der Kraft der Arme nicht gehorchte.

Mit einem Male lassen zwei Kulis schreiend das Seil los und fangen an
sich zu raufen.

Alle übrigen verlassen gleichfalls die Arbeit und stürzen unter einem
Höllengeheul auf die Kämpfenden zu. Der alte Aufseher bläst bis zur
Atemlosigkeit in seine Pfeife, das Attribut seiner gehorsamheischenden
Würde. Pietro schreit von der Höhe des Sattels herab ebenfalls. Wir
wissen nicht, was wir denken sollen. Eine Meuterei, eine Revolte?

Wir stürzen auf die Unruhestifter los wie Wächter der öffentlichen
Sicherheit auf die Teilnehmer an einer staatsgefährlichen Kundgebung
und drängen uns mit Gewalt durch, bis es uns endlich gelingt, die
ersten beiden Chinesen, die sich inzwischen bei ihren Zöpfen gefaßt
haben und einander voller Wut das Gesicht zerkratzen, am Kragen zu
packen. Es sieht aus, als wenn Weiber sich stritten.

„Was gibt es?“ donnern wir. „An die Arbeit! Vorwärts!“

„Pietro, was ist geschehen?“

Der unbezahlbare Pietro erklärt es uns und bringt uns zum Lachen. Die
beiden Chinesen hatten sich wegen einer Verletzung des Ehrgefühls
geschlagen. Der eine hatte zum andern gesagt: „Du strengst dich
nicht an, du arbeitest nicht; warum bist du überhaupt mitgekommen?“
Die Beleidigung war schwer. Der andere, ein Knabe von mädchenhaftem
Aussehen, dem wir deswegen den Spitznamen „das Fräulein“ gegeben
hatten, stürzte sich auf den Beleidiger, um ihn am Zopfe zu ziehen, was
in den Augen eines Chinesen einen entsetzlichen Racheakt bedeutet. Die
Gefährten waren eingeschritten, um den Streit zu schlichten.

„Pietro, wie wird die Sache enden?“

„Sie ist doch schon zu Ende,“ erwiderte er uns erstaunt; „wenn man
einen am Zopfe gezogen hat, so ist alles zu Ende.“

Und in der Tat sehen wir unsere Helden, angeschirrt an ein und dasselbe
Seil, ohne die geringste Spur von Groll wieder nebeneinander ziehen;
von dem Streite haben sie kein anderes Andenken davongetragen, als
einige blutige Risse, die sie sich von Zeit zu Zeit mit dem Ärmel
abwischen.

[Illustration: Die Automobile an der Schwelle der Mongolei.]

Die Schwierigkeiten des Weges nahmen plötzlich unsere ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch.

Der Pfad schlängelte sich zwischen Felswänden hin, die so nahe
aneinanderstanden, daß wir sie auf beiden Seiten berührten, wenn wir
die Arme ausbreiteten. Mit welcher Angst im Herzen zogen wir durch
jene gewundenen Felsgänge! Es war uns, als müßte das Automobil hier
eingeklemmt steckenbleiben. Umzukehren wäre unmöglich gewesen. Unten
näherten sich die Felswände so sehr, daß eins der Räder immer ein
wenig auf dem Felsenvorsprung fahren mußte. Die Maschine stand während
des ganzen Marsches schief. Es bedurfte einer wunderbaren Sicherheit
des Auges und der Hand, um sie zu lenken. Es handelte sich dabei um
Zentimeter, ja um einen einzigen Zentimeter. Mitunter drehte sich
Ettore, nachdem er die Bremsen heftig angezogen und die Maschine
hierdurch zum Stillstand gebracht hatte, um und rief entmutigenden
Tones: „Es geht nicht!“ Dann mußte man zur Spitzhacke greifen, einige
Vorsprünge weghauen, messen, es noch einmal versuchen, indem man bei
dem Rufe: „Man-man-ti!“ „Langsam!“ nur die Menschen allmählich anziehen
ließ.

Die größere Gefahr bestand für die Hinterräder. Sie wurden derart
unten eingeklemmt und zwischen die Füße der beiden Wände gepreßt, daß
sie sich auseinanderzubiegen drohten wie die beiden Striche eines V.
Wir fürchteten, daß die Speichen oder die Achse des Differenzialwerks
brechen könnten. Als sie aber aus dem Engpaß herauskamen, nahmen sie
zu unserer Freude wieder ihre parallele Stellung ein. Zuweilen konnte
man jedoch nicht umhin, zu glauben, daß die Anhänger der kleinen
Automobile recht hätten. Fünf Zentimeter weniger Breite, und wir wären
mit geschlossenen Augen überall durchgekommen.

[Illustration: Der erste Halt in der Mongolei.]

Bei einer Wendung hörten wir einen Stoß, begleitet von einem
unheilverkündenden Knirschen. „Es ist vorbei!“ riefen wir angstvoll.
Das Automobil war mit der einen Seite heftig angestoßen. Zum Glück
hatte sich der Schaden auf die Schutzwand beschränkt, die zersplittert
war, sowie auf den Tritt, der sich nach hinten gebogen hatte. Ettore
wütete; er hätte die Hälfte seines Lebens darum gegeben, wenn er mit
einem Schlage aus diesen Schluchten, die sich endlos hinzuziehen
schienen, herausgewesen wäre.

Die Felsschluchten begannen mit sandigen Strecken abzuwechseln. Die
Felsen wurden kleiner, der Sand nahm zu. Am Nordfuße der Berge haben
die stürmischen Winde, die aus der Mongolei kommen, Dünen aufgetürmt
und so die Klippen unter ihren eigenen zerriebenen Trümmern begraben.
In den Tälern bildet der Sand weite, die Abhänge einebnende Flächen,
die großen gelben Flüssen gleichen. Allmählich langten wir auf den
abgerundeten Gipfeln jener Dünen an, und zwar auf Wegen, die durch den
jahrhundertelangen Karawanenverkehr in den Sand getreten worden waren.
Von da erblickten wir zum ersten Male die einem Ozean gleichende, in
der Klarheit des Horizontes blau verschwimmende mongolische Hochebene.

Hier erwarteten uns endlose Steppen und die Wüste. Hier winkte uns die
Eilfahrt, die Befreiung, das Leben des Okzidents.

Wir warfen die Hüte in die Luft und ließen in den klaren Himmel hinein
einen Ruf der Begeisterung ertönen: Evviva!



Fünftes Kapitel.

An der Schwelle der Mongolei.

     Die Neugier eines Mandarinensohnes. -- Telegraph und Opium. --
     Im Kampf mit dem Schmutze. -- Kalgan. -- Zwischen Ta Tsum-ba und
     Tu-tung. -- Fertig.


Die mongolische Ebene mit ihrer ozeanartigen Beschaffenheit hat die
Eigentümlichkeit, daß sie sich höher erhebt als die höchsten Berge. Sie
scheint von einer ungeheueren Flut emporgehoben worden zu sein, 1500
Meter hoch. Man hat gesagt, China sei das Land des Widersinns; hier hat
man ein phantastisches Beispiel davon: die Berge unten und die Ebene
oben. Unterhalb der unermeßlichen Steppen zeichnen sich die Berge von
Kalgan ab mit den längs ihrer Kämme verstreuten Türmen der letzten
Mauer.

Der Anblick dieses Horizontes, der in der Richtung unseres Zieles frei
und offen vor uns liegt, flößt uns neuen Mut ein. Seit zwölf Stunden
waren wir unterwegs, aber unsere Müdigkeit ist verschwunden. Vorwärts,
vorwärts! Und eilenden Schrittes stiegen wir die steilen Abhänge der
Dünen hinab in der Richtung auf die sandige Ebene von Hsin-wa-fu.
Hinter uns verdämmerte in der Ferne der Lien-ya-miao, den wir am Morgen
überschritten hatten.

Die Ebene ist bedeckt von alten Gräbern, einstürzenden Bogen, Steinen,
baufälligen kleinen Pagoden. Wir näherten uns einer großen Stadt, und
die Umgebungen der großen Städte sind dem Gedächtnis der Verstorbenen
geweiht; der Tod heiligt alle, die hier bestattet liegen und deren
Geister viel Bedeutung und viel Einfluß auf das Leben der Bewohner
besitzen. Hsin-wa-fu ist die Hauptstadt des Bezirks und Sitz eines
Gouverneurs; es hat eine Garnison und sogar ein kleines Fort, das nach
dem Einfalle der Fremden errichtet und vorsichtigerweise in einem
kleinen Erlengebüsch vor den Toren versteckt wurde.

Wir sahen die Mauern ihre Zinnen über die brennende Ebene erheben,
zitternd im Widerprall der Sonnenstrahlen, als unsere Aufmerksamkeit
von einer großen Staubwolke in Anspruch genommen wurde, die sich in
der Richtung auf Hsin-wa-fu erhob. Nach kurzer Zeit bemerkten wir,
daß sie von einer Anzahl Reiter herrührte, die im Galopp auf uns
zusprengten und sich rasch näherten. Nach der Kleidung zu urteilen,
waren es Chinesen jedes Standes. An der Spitze der Gruppe ritten die
beiden verdächtig aussehenden Soldaten, die nach uns gesehen hatten,
als wir in Schan-schui-pu die Brotfladen aßen. Diese Leute kamen also
unsertwegen. Als sie in unsere Nähe gelangt waren, hielten sie, ohne
sich im mindesten die Mühe zu nehmen, uns zu begrüßen, beobachteten uns
einige Minuten mit offenbarer Unzufriedenheit, wandten dann ihre Pferde
und sprengten mit verhängtem Zügel davon.

[Illustration: Einmarsch in Hsin-wa-fu.]

Einen Augenblick hatten wir uns mit der Hoffnung geschmeichelt, sie
seien gekommen, um uns Gastfreundschaft anzubieten, und hatten uns
für diesen Fall unseren ganzen Vorrat von chinesischen Begrüßungs-
und Höflichkeitsformeln zurechtgelegt. Wir konnten uns nun dieses
Reitermanöver nicht erklären. Pietro aber hatte Zeit gefunden, mit
einem der beiden Soldaten zu sprechen, und belehrte uns:

„Haben gesehen jungen Mann gekleidet blaue Seide, zu Pferd vor allen
andern?“ fragte er.

„Ja; nun, und?“

„Junger Mann sein Sohn des Mandarinen. Haben gesehen dicken Mann mit
Brille und Strohhut wie mein Hut? Dicker Mann sein großer Gelehrter,
Lehrer von Sohn von Mandarin. Andere sein Freunde, Beamte, Diener ...“

„Was wollten sie denn?“

„Wollen sehen laufen Automobil. Automobil nicht laufen, alle weggehen
nicht zufrieden.“

Sie hatten nicht unrecht, diese alle, müssen wir gestehen. Es wird
dem Sohne des Mandarinen von Hsin-wa-fu nicht alle Augenblicke
die Gelegenheit geboten, die berühmte abendländische Maschine zu
sehen, die rasch wie der Wind fährt. Und nun wurde die Ankunft
des Ki-tscho amtlich aus Peking mittels einer telegraphischen
Depesche des Wai-wu-pu gemeldet. Man weiß, daß einer von ihnen mit
schwindelerregender Schnelligkeit durch die Dörfer und Flecken gerast
ist und in Schem-pao-wan übernachtet hat. Soldaten werden zur Erkundung
ausgeschickt und kommen, die Sporen in die Weichen der Pferde gedrückt,
mit der Nachricht zurück: „Er ist da!“ Um ihn zu sehen, muß man einen
weiten Weg machen, und es bildet sich eine regelrechte Expedition, die
im Galopp davonsprengt. Das fremde Wundertier erscheint am Horizont,
es nähert sich. Es scheint langsam anzukommen, vielleicht ist dies
aber nur die Folge der Ungeduld. Noch kurze Zeit, und der Sohn des
Mandarinen nebst Lehrer und Begleitern stoßen schließlich auf einen
langsam sich bewegenden massiven Wagen, gezogen von einem Esel, einem
Maultier, einem Pferde, die wiederum von einer willigen Schar von
Söhnen des Himmels unterstützt werden! Nein, im Grunde hatten sie gar
nicht so unrecht, wenn sie sich von uns sehr enttäuscht zeigten.

Beim Betreten der Vorstadt, die sich wie ein ungeordnet
hinausgeworfener Teil der zu eng gebauten Stadt ausnimmt, erwartete
uns eine große Menschenmenge, die durch das Kommen und Gehen der
Reiterschar des Mandarinen neugierig geworden war. Sie umringte uns,
wobei sie einen Höllenstaub aufwirbelte, und geleitete uns zu einer
Karawanserei.

Unser Einzug glich mitnichten einem Triumphzug. Es wurde uns
jener volkstümliche Empfang zuteil, wie er gewöhnlich wandernden
Seiltänzergesellschaften bereitet wird; dasselbe Publikum, gutgelaunt,
neugierig, zerlumpt, begierig auf den Beginn der Vorstellung und
bereit, sich im Augenblick des Einsammelns zu zerstreuen. Wir betraten
den Hof der Herberge, und die Leute drängten nach. Das Automobil hielt
in der Mitte, und das Publikum bildete einen Kreis um dasselbe. Es gab
keine Möglichkeit, die Leute zu entfernen. Was will man? Da draußen
sieht man Europäer so selten, kommt so wenig mit ihnen in Berührung,
daß man keine Möglichkeit hat, sie näher kennen zu lernen; deshalb haßt
man sie auch nicht. Wir hatten ein wohlwollendes, geduldiges Publikum.
Es interessierte sich für unsere Kleider, bewunderte uns vom Hute bis
zu den Schuhen, lächelte beim Klang unserer Worte und wartete. Es
wartete auf irgendein wunderbares Vorkommnis, würdig der Wesen, die für
Wundertiere gelten; zum Überfluß erzählten unsere Kulis der Menge von
den phänomenalen Leistungen des Ki-tscho.

Ettores Eigenliebe stand unter dem Druck mehrerer Atmosphären; er
litt Qualen des unbefriedigten Ehrgeizes. Seitdem wir dem Sohne des
Mandarinen begegnet waren, hätte er am liebsten die das Automobil
ziehenden Menschen und Tiere losgeschirrt und wäre mit voller
Geschwindigkeit in Hsin-wa-fu eingefahren. Schließlich fühlte er
plötzlich das Bedürfnis einer Entladung; er drehte die Kurbel des
Motors, faßte das Steuerrad und senkte den Auslösungshebel. Das
Automobil schoß vorwärts und begann einen rasenden Lauf rund um den
Hof, inmitten einer unbeschreiblichen Verwirrung, einer kopf- und
besinnungslosen Flucht. Die Zuschauer wußten nicht, wohin sie sich
retten sollten, sie liefen hin und her, als wären sie mit einem
wildgewordenen Stier in einen Raum eingeschlossen. Aber bald sahen sie
ein, daß der Stier abgerichtet war, daß er sich regelmäßig innerhalb
des Kreises bewegte, daß er genau auf dieselben Punkte zurückkehrte
und nicht die mindeste Absicht hatte, ein Blutbad anzurichten. Jetzt
blieben sie stehen. Doch in diesem Augenblick drohte ihnen eine
andere, bedeutend ernstere Gefahr. Sie war durch das Tor in Gestalt
einer Schar mit Stöcken bewaffneter chinesischer Soldaten eingetreten,
die unter dem Befehl eines Offiziers standen, der seinem Äußern nach
mehr einem Kuli glich, aber mit goldenen Tressen geschmückt war. Die
Stöcke erhoben sich über die Köpfe der Menge und sausten auch auf deren
Schultern nieder. Doch nicht lange, denn nach wenigen Sekunden befand
sich keine Schulter mehr im Bereich der Stöcke; der Hof war leer.

[Illustration: Unser chinesisches Publikum.]

Nach diesem vollen Erfolge nahmen die Soldaten strategische Stellungen
ein: zwei Mann am Tore, zwei zu beiden Seiten des Automobils, zwei
als Wache auf der Straße, der Offizier in der Küche der Herberge.
Der Mandarin von Hsin-wa-fu hatte mit Schutz und Verteidigung nicht
gegeizt. Später schickte er einen Beamten mit der Frage, wann wir
abzureisen gedächten. Konnte er diensteifriger sein, als er war?

In Hsin-wa-fu gibt es etwas, was ich nie vergessen werde: das
Telegraphenamt.

Vor allem, weil ich vier Kilometer zu gehen hatte, um es zu finden,
und natürlich vier Kilometer zurück, und an diesem Tage hatten wir
bereits ihrer fünfzig zurückgelegt. In einer einsamen Straße innerhalb
der Mauern senken sich die Telegraphendrähte von ihren Stangen herab
auf ein Haus, das schweigend wie ein Tempel daliegt. In dem Tempel
traf ich zwei Telegraphisten an, vertieft in eine wichtige, delikate
Beschäftigung, die das chinesische Gesetz neuerdings verboten hat:
sie rauchten Opium; sie waren auf dem Kang hingestreckt, hielten ihre
klarinettenähnlichen Pfeifen in der Hand und waren eingehüllt in den
duftenden schweren dichten Rauch des Betäubungsmittels.

„Kann ich ein Telegramm aufgeben?“ fragte ich höflich, nachdem wir die
üblichen Grüße ausgetauscht hatten.

Tiefes Schweigen. Ich setzte mich. Nach einigen Minuten begann ich von
neuem:

„Ich möchte ein Telegramm aufgeben ...“

Einer der Raucher näherte sich mir, machte sich im Zimmer etwas, ich
weiß nicht was zu schaffen, ging zur Tür und rief, man solle den Tee
bringen.

„Wollen Sie ein Telegramm von mir befördern?“ rief ich nochmals.

Jetzt begann ein Gedanke im Kopfe des kaiserlichen Beamten zu dämmern.
Er betrachtete mich und sagte in einem halbwegs verständlichen Englisch:

„Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und Peking. Drei Stunden
am Tage mit Kalgan und drei Stunden mit Peking. Von 7 bis 11 mit Kalgan
und ...“

„Sehr schön. Mein Telegramm geht nach Europa. Nehmen Sie Telegramme
nach Europa an?“

Tiefes Schweigen. Der Tee kam an. Ich trank eine Tasse davon, während
ich mich daran machte, das Telegramm zu schreiben.

„Nehmen Sie also Telegramme nach Europa an? Ja oder nein?“

Der Beamte betrachtete mich gelassen, als habe er mich jetzt erst
erblickt, und antwortete mit Seelenruhe:

„Europa? Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und mit ...“

„Und mit Peking, ich weiß, aber ...“

„Drei Stunden am Tage mit Kalgan und drei ...“

„Und drei Stunden mit Peking, ich weiß!“

„Von 7 bis 11 mit ...“

„Mit Kalgan, ich weiß, das genügt mir! Danke. Auf Wiedersehen!“

Ich stürmte wütend hinaus, Worte murmelnd, die wenn sie auch reich an
energischer Ausdruckskraft sind, es doch nicht verdienen, mit Hilfe der
Druckpresse verbreitet zu werden.

[Illustration: Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.]

       *       *       *       *       *

Wir wollten die ganze Strecke von Hsin-wa-fu bis Kalgan, etwa 40
Kilometer, mit dem Motor zurücklegen, mit Ausnahme des Passes von
Yu-pao-tung, einem sehr steilen, aber kurzen hügeligen Übergang, der
ungefähr in der Mitte des Weges lag. Ein Teil unserer Leute war schon
nach Yu-pao-tung vorausgeschickt worden und hatte um Mitternacht die
Herberge verlassen. Wir fanden jedoch die Straße so schlecht, sumpfig,
steinig und sandig, daß wir für die ersten 15 Kilometer noch auf die
Beförderung durch Ziehen angewiesen waren.

Am 14. Juni 5 Uhr früh nahmen wir langsam unseren Marsch wieder auf
unter dem eintönigen Geräusch der Schritte der an die Seile gespannten
Chinesen. An Dünen vorbei bewegten wir uns durch weite sandige Ebenen.

Die Menge des Sandes, die die Winde der Mongolei aus der Wüste in
die der Grenze benachbarten chinesischen Landschaften tragen, ist
unglaublich. Der Sand häuft sich vom Norden her an jeder Felsspitze,
an jedem Hindernis auf, gleich dem von Stürmen gepeitschten Schnee. An
den Mauern von Hsin-wa-fu hat er sich so hoch emporgetürmt, daß er sie
schließlich beinahe begraben hat. Nur die Zinnen ragen noch hervor.

In einer halben Stunde hatten wir den Paß von Yu-pao-tung passiert,
eine steile Einsattelung von wildem Aussehen, die sich aber in der Tat
ziemlich freundlich erwies, da sie uns keine andern Schwierigkeiten in
den Weg legte als eine Böschung von 40% Steigung und die Anwesenheit
einiger Steine, die sich willig beiseite schieben ließen, um den
Weg freizugeben. In dieser kleinen Schlucht zieht sich abgesondert,
erhöht und deswegen gut erhalten, ein Stück Straße hin, das mit
breiten Steinen gepflastert ist, die nicht aus der Gegend stammen und
von dem Berge Schi-schan jenseits von Kalgan hierhergeschafft worden
sein müssen. Es ist dies ein überraschender Rest alter chinesischer
Zivilisation. Es hat also einmal wirkliche schöne, bequeme Straßen
gegeben! Was war China in jenen fernen Zeiten? Welcher Verkehr, welcher
Strom von Reichtum ergoß sich über Täler und Ebenen, auf wunderbaren
Straßen und über prächtige Brücken nach Peking? Wie viele Jahrhunderte
sind seitdem verstrichen?

Vor einem kleinen, zierlichen, von Bäumen umgebenen Tempel machen
wir halt, um den Motor in Ordnung zu bringen und alles Nötige
vorzubereiten, damit wir ohne fremde Hilfe bis Kalgan gelangen können.
Maultiertreiber, Landleute, Kinder waren herbeigekommen, und, von den
Kulis ausgesprengt, hatte sich die Kunde von dem Ereignis weithin
verbreitet und war auch in den Tempel gedrungen. Ein junger Mönch
erschien oben auf der Treppe, die zu dem Heiligtume führte, sah
herunter und verschwand, um kurz darauf wiederzukommen, am Arme einen
alten Mönch mit gebeugtem zitterndem Haupte stützend und führend.
Wir bemerkten, daß der Greis blind war. Der Jüngling berichtete ihm
alles, was sich zutrug. So nahm der Blinde, ohne zu sehen, teil an der
wunderbaren Fahrt des Zauberwagens durch jene Gegenden, die er so gut
kannte durch das Licht und die Erinnerungen seiner Jugend.

[Illustration: Erste Begegnung mit Mongolen.]

Diese Blindheit erschien uns als ein Symbol, als das Symbol der
chinesischen Psyche. War nicht um uns ein Volk versammelt, das
ausschließlich von der Vergangenheit zehrte, und erlebte es nicht,
ohne ihn recht zu sehen, den mächtigen Einbruch einer ihm unbekannten
Gegenwart? Was anderes ließen wir unter diesen Völkerschaften zurück
als die Erinnerung an eine geheimnisvolle Gewalttat?

Wir fuhren in Schlangenlinien durch Flußbetten, auf vom Wasser
ausgehöhlten Straßen. Als wir auf dem Grunde eines breiten Grabens
entlang fuhren, blieben wir plötzlich im Moraste stecken. Die Räder
drehten sich, ohne festen Halt zu finden, wühlten den Pfuhl auf,
bohrten sich in ihn ein und versanken.

„Mit aller Kraft rückwärts!“ rief der Fürst.

Die Räder drehten sich in entgegengesetzter Richtung, aber das
Automobil bewegte sich nicht einen Millimeter.

Der Motor wurde warm, und man mußte befürchten, daß er sich erhitzte.
Chinesen, die vom Markte in Kalgan zurückkehrten, kamen auf dem Rande
des Grabens vorbei. Wir baten sie, uns zu helfen, aber sie nahmen
ihre Beine in die Hand und flohen davon, unter dem Gewicht ihrer
Traghölzer schwankend. Das große Ding, das heulte, schnaufte und Rauch
ausstieß, hatte sie erschreckt. Wir hatten uns schon resigniert dazu
entschlossen, die Ankunft der Kulis abzuwarten; nach einer halben
Stunde jedoch bemerkten wir, daß die herniederbrennende Sonne zum Teil
den von den Rädern weggeschleuderten Morast getrocknet und hartgemacht
hatte, und erneuerten unsere Anstrengungen. Nach einigen Minuten
stellten wir fest, daß die Maschine sich, wenn auch fast unmerklich, zu
bewegen begann. Die Räder drehten sich mit einer Geschwindigkeit von 90
Kilometern die Stunde, und das Automobil lief 90 Zentimeter. Es gelang
uns, es einen Meter, dann zwei, dann fünf zurückzubringen. Und nun von
neuem mit aller Kraft vorwärts! Es fuhr dieselbe Strecke vorwärts,
stöhnend und den Rauch explosionsartig ausstoßend. Langsam machte
es Fortschritte, wobei es in allen Teilen erzitterte, und gelangte
endlich auf trockenes Gelände. Hier schoß es mit einem Male mit einem
Katzensprung vorwärts -- das Automobil war frei!

Kalgan liegt hinter Bäumen versteckt an der Mündung eines Tales. Wir
erblickten es unvermutet bei einer Biegung der Straße. Es erschien mit
einem Schlage mit seinem eigenartigen chinesischen Panorama, ähnlich
jenen Städten, die man auf den gewirkten Tapeten von Fukien sieht. In
malerischer Mannigfaltigkeit zieht die Stadt sich am Ufer eines breiten
steinigen Flusses -- des Ta-ho („Großer Fluß“) -- hin und hebt sich
mit ihren alten Pagoden, Peilos (Votivbogen) und seltsam geformten
Tempeldächern von dem Alpenhintergrunde ab, den die braunen, steilen
Abhänge des Schi-schan bilden. Sie ist unregelmäßig gebaut und besteht
aus bunt durcheinander gemischten Gruppen von Hütten, Palästen, Bäumen,
aus einem wirren Haufen von Gebäuden und Pflanzen, der sich an der
großen steinernen Brücke über den Ta-ho zusammenzudrängen scheint, um
sich am andern Ufer fortzusetzen.

Wir haben die Brücke nicht benutzt. Die antiken monumentalen
chinesischen Brücken flößten uns allzu großen Respekt ein, und wir
zogen die Furten vor. Wir stiegen in das Flußbett hinab, wo ein
ganzes Volk von Gerbern damit beschäftigt war, in der Strömung hohe
Stapel mongolischer Ziegenfelle mit flockiger Wolle zu waschen. In
der Luft machte sich der Geruch von Leder und Gerberlohe bemerkbar;
er kam aus der Stadt, durch deren enge Gassen wir fuhren. Wir zogen
an von Zäunen umgebenen Lehmhütten, an Vorstadtwohnungen vorüber,
die einen primitiven Anblick boten und schon von der Nachbarschaft
unzivilisierter Volksstämme Zeugnis ablegten. Endlich gelangten wir
auf einen Markt, der von Mongolen in Pelzmützen wimmelte; er war mit
Buden besetzt, stand voller Wagen und Pferde und hallte von Geschrei
und Lärmen wider. Die Leute sahen uns erstaunt nach, und wir fühlten,
wie uns das Schweigen folgte wie das Kielwasser einem Schiffe. Soldaten
in roten Jacken liefen vor einer Sänfte einher, die von berittenen
Offizieren umgeben war, von denen einer feierlich einen roten
Sonnenschirm, das Abzeichen des Kommandos, trug. In der Sänfte saß ein
Großmandarin, der Gerichtspräsident von Kalgan, ein schöner Chinese,
fett und rund, ähnlich jenen Porzellanpagoden mit wackelndem Kopfe, die
stets ja zu sagen scheinen. Wir betraten die „Oberstadt“, die sich an
den Wall anlehnt. Mitten auf dem Wege erwartete uns ein Europäer.

Es war Herr Dorliac, der Direktor der Filiale der Russisch-Chinesischen
Bank, der uns seine Gastfreundschaft anbot.

Dankbar nahmen wir die freundliche Einladung dieses Eremiten der
Zivilisation an, der fern von seinesgleichen in einer Art von
chinesisch-europäischem oder sagen wir russisch-chinesischem Hause
wohnt und die Eingeborenen in die Geheimnisse des Wechselgeschäfts
einweiht. Der Hof der Bank wurde zur Werkstatt Ettores, die
Geschäftsräume zum Quartier umgewandelt. In wenigen Stunden nahm die
„Itala“ wieder ihr normales Aussehen an, nachdem Ettore der Packkiste
den Abschied gegeben und die Karosserie mit ihren Behältern wieder
an Ort und Stelle gebracht hatte. Hier fanden wir unseren ersten
Reservevorrat an Benzin und Öl vor. Um eine etwaige Erwärmung des
Motors zu vermindern, wurden in Voraussicht hoher Temperaturen an
den Zylindern Auspuffrohre angebracht, wie die Rennmaschinen sie
besitzen; sie sind an das Motorgehäuse angeschraubt und ähneln zwei
kleinen Phonographenschalltrichtern; durch sie können die glühendheißen
Benzindämpfe unmittelbar nach ihrer Entstehung ins Freie entweichen.

Die Arbeiten Ettores wurden von einer riesigen Zuschauermenge
überwacht. Die Polizeibehörden hatten sechs Soldaten zur Bewachung
des Einganges der Bank geschickt mit dem Befehl, niemand eintreten
zu lassen. Ein großer Irrtum! Jeder chinesische Soldat hat natürlich
eine gewisse Anzahl Freunde, Verwandte, Gläubiger, gegen die er sich
gefällig und liebenswürdig zeigen muß, indem er sie durchläßt, wenn
er Wache steht. Die Anzahl aber der Gläubiger, der Verwandten und
Freunde von sechs Chinesen beträgt die Hälfte der Einwohnerschaft einer
Stadt. Dies war der Grund, warum durch eine mit Riegeln verschlossene,
durch Balken verrammelte und von sechs Schildwachen behütete Tür
eine Menschenflut in ununterbrochenem Andrang hereinströmte. Wären
die Wachtsoldaten zwölf an der Zahl gewesen, die Bank wäre demoliert
worden. Viele Zuschauer waren auf die nächsten Dächer gestiegen,
und Scharen von Neugierigen pilgerten nach dem Berge Schi-schan, wo
sie ungeachtet der Gefahr der Bergstürze, die auf dem Schi-schan
unausgesetzt Opfer fordern, auf die Felsenvorsprünge kletterten und von
weitem nach den Geheimnissen Europas spähten.

Es kamen Missionare zu Besuch, die auf chinesische Art gekleidet waren,
aber europäische Hüte trugen; sie erzählten mit großer Anschaulichkeit
von den Greueln des Boxeraufstandes in Kalgan, bei welchem sicherlich
aus jedem Missionar ein Schlachtopfer und ein Märtyrer geworden wäre,
wenn nicht alle Missionare vorher nach der Mongolei entflohen wären.
Einer von ihnen gab uns wertvolle Aufschlüsse über die Mongolei, die
er genau kannte. Vor soundso viel Jahren war er dorthin gegangen, um
Bibeln zu verteilen und Pferde zu kaufen, wobei er nach beiden Seiten
ausgezeichnete Geschäfte gemacht hatte. Auch die russische, aus drei
Mitgliedern bestehende Kolonie fand sich vollzählig ein, und beim
Samowar hörten wir ihre tiefen Stimmen liebevoll und mit einer Art
Heimweh von Sibirien sprechen. Da wir uns in diesem Augenblick unter
Europäern befanden, russischen Tee und die ausgezeichneten Erzeugnisse
der russischen Küche zu uns nahmen, so unterlagen wir beinahe der
Illusion, schon mehrere tausend Kilometer zurückgelegt zu haben. Wir
hatten jedoch, ach! nicht mehr als ungefähr 240 hinter uns, davon nur
95 mit dem Motor.

[Illustration: Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.]

Es war in der Tat ein Tag, der den gesellschaftlichen Anforderungen
gewidmet war. Die chinesischen Behörden hatten, abgesehen von der
Stellung einer Wache, in der Stadt eine uns betreffende Bekanntmachung
anschlagen lassen. Die Bewohner von Kalgan wurden darin von unserer
Ankunft benachrichtigt; sie sollten uns als Freunde betrachten, da wir
keine feindliche Absicht hätten, und uns demgemäß mit Achtung begegnen;
die Bewohner sollten sich unserer Maschine nicht in den Weg stellen,
sie sollten sich ihr gar nicht nähern und noch weniger sie berühren,
da daraus das größte Unglück entstehen könne; Zuwiderhandelnde
würden ins Gefängnis gesperrt und zu noch festzusetzenden Strafen
verurteilt werden. Zahlreiche amtliche Anschläge auf rotem Papier von
quadratischem Format verkündeten diese Bekanntmachung, um die sich die
Bevölkerung an den Straßenecken in Scharen drängte, um sie zu lesen.
Wir waren den Behörden einen Dankbesuch schuldig und statteten diesen
ab, indem wir uns zum Ta Tsum-ba, zum Stellvertreter des Wai-wu-pu,
begaben, der höchststehenden Persönlichkeit in der Stadt, dessen
Amtsgewalt sich auf die Mongolei erstreckt, einer Art Minister des
Grenzbezirks, dessen persönlicher Name Te Tsui lautet. Auf seinem Hause
wehte die gelbe Flagge mit dem Drachen.

Der Ta Tsum-ba erwartete uns. Er und sein Gefolge hatten sich zu
unserem Empfange in große Gala geworfen: gestickte Kleider, Hüte, wie
sie bei festlichen Gelegenheiten getragen werden, überragt von Knöpfen
in allen Farben, Pfauenfedern, die von diesen Knöpfen auf den Nacken
herabwallten, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze. Sobald er uns sah,
drückte er sich nach der chinesischen Etikette selbst herzlich die
Hand; alle Anwesenden taten dasselbe, und dann folgten Verbeugungen,
höfliche Worte, Wünsche, daß man lange leben möge, alles gewürzt durch
zahlreiche Tassen Tee, der mit Rosen und Jasmin parfümiert war, und
überreichliche Süßigkeiten von geheimnisvoller Zusammensetzung, die
der Ta Tsum-ba uns mit seinen eigenen langnägeligen, mit Jaderingen
geschmückten Fingern reichte -- eine ganz außerordentliche Ehre.

Die Besorgnisse Te Tsuis waren dieselben wie die des Wai-wu-pu. Er
fragte, ob wir unterwegs Messungen vorgenommen oder Aufzeichnungen über
die Straße gemacht hätten ...

„Messungen? Aufzeichnungen? Niemals!“ erwiderte der Fürst.

„Und in Irkutsk,“ fragte der Ta Tsum-ba weiter, „in Irkutsk benutzen
Sie doch sicherlich den Zug?“

„Nein.“

„Und doch benutzen alle, die durch die Mongolei nach Europa reisen, in
Irkutsk den Zug!“ bemerkte der Würdenträger verwundert. „Er ist sehr
bequem. In zehn Jahren wird der Zug auch hier halten.“

[Illustration: Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze
Nacht ertönt.]

Nach dem Besuche beim Ta Tsum-ba kam der beim Tu-tung an die Reihe,
bei dem tatarischen General, den der tatarische Hof von Peking jedem
chinesischen Gouverneur zur Kontrolle an die Seite setzt; er befehligt
die Regierungsmilizen und ist daher allmächtig, er ist der eigentliche
Schutzherr des gesamten Mandarinentums der Provinz. Der Tu-tung von
Kalgan heißt Tschen Sung. Er bewohnt einen tempelähnlichen, von einer
roten Mauer umgebenen Palast, und von den hohen Fahnenstangen, die mit
seltsamen Anhängseln geschmückt sind, die den Fu, die Amtswohnung,
anzeigen, weht neben der Drachenflagge auch die militärische Standarte.

Wiederum gestickte Kleider, Festhüte mit langen roten Fransen,
Knöpfe, Jaderinge, Pfauenfedern, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze,
Selbsthändedrücke, Verbeugungen, höfliche Worte, parfümierter Tee,
Champagner und Süßigkeiten.

Auch der Tu-tung ist ein Freund der Eisenbahn, selbstverständlich,
wenn die Eisenbahn von Chinesen gebaut ist. Aber er ist ein Feind der
Tunnels. Er ist einmal mit der Eisenbahn gereist, auf der Linie von
Hankou; er ist daher kein lediglich platonischer Kenner; er spricht aus
Erfahrung. Solange man im Freien fährt, ist alles gut; wenn man aber in
einen Tunnel kommt, so ist der Eindruck ein sehr unangenehmer.

„Aber es ist doch keinerlei Gefahr dabei“, bemerkte Fürst Borghese.

Das wußte der tatarische General sehr wohl, daß keine Gefahr dabei war,
Teufel noch mal! Der unangenehme Eindruck rührte von der Dunkelheit her.

„Man nimmt an, es sei Nacht!“ warf der Fürst lachend ein.

Ah, das ist nicht dasselbe. Der Tu-tung gibt durch den Dolmetscher eine
Erklärung und enthüllt dadurch etwas von den unbekannten Horizonten
der chinesischen Seele, etwas von der fein entwickelten orientalischen
Empfänglichkeit für Sinneseindrücke.

„Die Dunkelheit der Nacht und die der Tunnels sind durchaus
verschiedene Dinge. Sie gleichen sich nicht im geringsten. Die der
Nacht ist süß, die der Tunnels herb ... Es besteht zwischen beiden
ein so großer Unterschied wie zwischen Freude und Schmerz ... Die
Dunkelheit der Nacht löst, die Dunkelheit der Tunnels bedrückt ...“

Nach dieser Vorlesung über die verschiedenen Dunkelheiten kehrten wir
zur Bank zurück, gerade noch zur rechten Zeit, um den Gegenbesuch des
Ta Tsum-ba entgegenzunehmen. Es kamen kleine Wagen mit den Beamten
des Gefolges an. Die ganze Umgebung war gedrängt voll Menschen, deren
Rufe uns die Annäherung des Mandarinen verkündeten. Eskortiert von
Soldaten, erschien eine von einer Menschenschar getragene Sänfte im
Hofe, und heraus stieg Te Tsui in prächtiger, goldgestickter Kleidung,
mit einer Amethystkette um den Hals, einen Fächer in der Hand. In
der Russisch-Chinesischen Bank hörte man nichts als das Rauschen von
Seidenstoffen.

[Illustration: In der südlichen Mongolei.]

Beim Weggehen wollte der Ta Tsum-ba den Ki-tscho sehen. Er fand
die Vorrichtung, die Hupe ertönen zu lassen, ohne mit dem Munde
hineinzublasen, sehr sinnreich. Aufmerksam beobachtete er, wie die
Maschine vorwärts und rückwärts fuhr, und stieg dann wieder in seine
Sänfte, nachdem er uns nach europäischer Sitte die Hand gedrückt hatte
-- ein Zugeständnis an unsere Gebräuche, das er der Persönlichkeit der
Fremden und der Natur des Ortes gemacht hatte.

„Tsou-ba! Platz!“ riefen die Soldaten der Menge zu, die Stöcke in der
Luft schwingend, und das Gefolge entfernte sich.

[Illustration: Unser Lager in der Mongolei.]

Dann kam der Tu-tung mit einem noch größeren Gefolge. Wir waren
ganz geschwollen von Stolz und Tee, namentlich aber von Tee. Nicht
auszurechnen ist die Zahl der Tassen, die die Etikette uns zu
trinken genötigt hatte. Es war Nacht, und immer noch erhielten wir
Höflichkeitsbesuche. Der Samowar des Herrn Dorliac war beständig in
Tätigkeit und dampfte wie eine Lokomotive. Zur Stunde des Abendessens
kam noch E-Le-He-Tai. Er ist Mandarin und Dolmetscher des Wai-wu-pu,
spricht und schreibt englisch und hatte keine Gelegenheit gefunden,
uns während der Anwesenheit des Ta Tsum-ba seiner Freundschaft zu
versichern. Um sie uns auszudrücken, kam er, in rote Seide gehüllt;
er sah darin aus wie ein chinesischer Kardinal. Er hatte wertvolle
Geschenke bei sich, die er uns zum Andenken verehren wollte: für
den Fürsten eine große gestickte Börse, für mich ein Parfümsäckchen,
gefüllt mit Kampferharz, das die Chinesen kauen, um dem Atem einen
Geruch nach Kleidern zu geben, für Ettore einen Tabaksbeutel.
E-Le-He-Tai war Automobilenthusiast; er bat um die Erlaubnis, eine
Rundfahrt zu machen, was ihm gestattet wurde. Es schien mir, als
repräsentiere unser lieber Freund in der chinesischen Orthodoxie die
sympathischste moderne Richtung; aber dort draußen ist es gefährlich,
modernen Anschauungen zu huldigen. Die große Exkommunikation trifft so
schwer!

Selbst einige Bonzen eines benachbarten Tempels, der sich malerisch
an den Abhang des Schi-schan lehnt, kommen, um sich das Automobil
anzusehen. Der Tempel hat ein Gong, das während der ganzen Nacht jede
Minute einen Schlag tut. Endlich blieben wir allein mit diesem tiefen,
angenehmen, unsagbar feierlichen, einlullenden Ton, der unermüdlich
wie eine stete Mahnung erklang. Unsere Phantasie trug uns in weite
Fernen, und dieser immerfort sich wiederholende Schlag war für uns
eine ernste Erinnerung, eine Stimme, die sich unsertwegen erhob, eine
Stimme, die den Raum erfüllte, die sich mit der Regelmäßigkeit eines
gewaltigen Atems ausbreitete, mächtiger, tiefer, geheimnisvoller
wurde, herüberzitterte wie ein ferner Chor, eine Vereinigung von
tausenderlei Lauten und tausenderlei Klagen. Es war, als vernähmen wir
die märchenhafte Stimme der chinesischen Nacht.

Der folgende Tag -- es war der 15. Juni -- wurde auf eine Erkundung zu
Pferde in der Richtung auf die Mongolei zu verwandt. Die Straße erwies
sich als teilweise für den Motor fahrbar. Die letzten Anhöhen würden
mit Hilfe der Kulis und der Maultiere überstiegen werden. Dann begann
die Steppe. Nach der in den vorhergehenden Tagen ausgeführten Fahrt
erschien uns alles andere leicht. Aber eine andere Gefahr drohte uns,
der Regen. Das Tal des Schi-schan-ho ist in Regenzeiten plötzlichen
reißenden Überschwemmungen ausgesetzt, und da die Straße ganz mit dem
Bette des Flusses zusammenfällt, haben die von der Wut des Wassers
überfallenen Karawanen keinen Ausweg. Häufig kommen Unglücksfälle
dabei vor, und jedes Hochwasser schwemmt bei Kalgan neben entwurzelten
Bäumen, Kadavern von Maultieren, Kamelen, Schafen auch menschliche
Leichen an. Es regnete mehrere Stunden, und das Wetter drohte noch
schlechter zu werden. Wir warteten daher mit Ungeduld auf die Ankunft
der andern Automobile, von denen wir nur wußten, daß sie in Hsin-wa-fu
eingetroffen seien.

Es gibt zwei Straßen, auf denen man von Kalgan nach Urga gelangen
kann. Die Hauptstraße, zugleich die bekannteste, ist die sogenannte
Mandarinenstraße, die auf etwa 800 Kilometer etwas nach Nordwesten bis
zum Dorfe Sair-ussu ausbiegt; hier teilt sie sich in zwei Arme, von
denen der eine sich nach Norden wendet und nach Urga führt, der andere
nach Westen abbiegt, die Berggegend des Altai durchschneidet und über
Kobdo, quer durch das Gebiet der Kalmücken, Semipalatinsk erreicht. Die
andere Straße wendet sich etwa 40 Kilometer von Kalgan nach Norden und
führt geradeswegs nach Urga. Die erstere ist die belebtere; sie hat
Poststationen und Märkte, wird von chinesischen Wagen befahren und wird
allgemein bevorzugt, trotzdem sie einige hundert Kilometer länger ist.
Die zweite ist nur ein Saumpfad für Kamele und führt durch Landstriche,
die von Anfang bis Ende völlig öde und wüst sind. Die Chinesen
unterscheiden beide Straßen durch die Bezeichnungen „Wagenstraße“ und
„Kamelstraße“. Wir wählten die Kamelstraße.

Unsere Wahl ist logisch begründet, so seltsam sie erscheinen mag. Der
Verkehr im allgemeinen und der Wagenverkehr im besonderen richtet das
Gelände zugrunde und macht es für das Automobil schwer passierbar.
In der Mongolei und in der Wüste Gobi konnten wir auf jungfräulichem
Terrain rasch fahren. Auf gewissen Ebenen ist die beste Straße für
Automobile dort, wo es überhaupt keine Straße gibt. Wenige Jahre zuvor
hätten wir uns nicht ohne Führer auf die endlosen mongolischen Steppen
und in die Wüste wagen können; jetzt gibt es auf der Kamelstraße einen
unfehlbaren Führer: den Telegraphen. Man folgt blindlings auf etwa 1200
Kilometer der Linie der Stangen und gelangt nach Urga. In so fernen
Landstrichen, in den unermeßlichen Einöden Zentralasiens bedeutete
die Nähe des Telegraphen für uns die Nähe unserer Welt. Dies war ein
weiterer Grund für unsere Wahl.

Am Morgen des 16. Juni, um 8 Uhr, hörten wir den Lärm einer großen
Volksmenge. Wir eilten auf die Straße. Eine Nachricht hatte die Stadt
von der Brücke über den Ta-ho bis zur Russisch-Chinesischen Bank mit
Blitzesschnelle durcheilt: „Sie kommen!“ Es waren unsere französischen
Freunde, die in diesem Augenblick ihren Einzug in die untere Stadt
hielten. Wir gingen ihnen entgegen, um sie freudig willkommen zu
heißen. Händedrücken, Begrüßungen, Erzählungen. Sie hatten die Nacht im
Lager dreißig Li vor Kalgan zugebracht. Ihr Weg war ebenfalls mühsam
gewesen, aber abends angenehm unterbrochen worden durch das Lagerleben
mit seinen mannigfaltigen Beschäftigungen, der improvisierten Küche
unter freiem Himmel, den Kämpfen gegen den Regen, dem Erwachen beim
Morgengrauen. Unterhalb des Lien-ya-miao hatten sie eine Furt durch
den Hun entdeckt und einen zwar malerischen, aber gräßlichen Aufstieg
umgehen können; sie hatten aber keine Möglichkeit gefunden, den andern,
rauheren und schwierigeren Passagen auszuweichen.

In einem Augenblicke erschien der Hof der Bank in eine Werkstatt
verwandelt. Überall Öl- und Benzinbehälter, Schraubenschlüssel,
Hämmer, Gummi, Ersatzstücke in buntem Durcheinander umhergestreut.
Die Automobile zeigten durch die Gehäuseöffnungen unverhüllt ihr
Inneres und bequemten sich der Toilette an. Die Mechaniker krochen
auf allen vieren zwischen die Räder, streckten sich hier aus, drehten
mit eingefetteten Händen an Gewinden, schraubten Verschlußstücke los,
hämmerten und putzten. Alle überflüssigen Teile wurden entfernt und
weggeworfen, um die Maschinen leichter zu machen; Pons sägte seine
Schutzbretter ab, Bizac nahm die „Schalldämpfer“ heraus, jene schweren
Zylinder, die das Gas zusammenpressen, um es ohne Geräusch entweichen
zu lassen. Dann wurden die Motore geprobt, behorcht, nochmals geprobt,
und der Hof füllte sich mit Lärm, Rauch und Gestank. Am Abend waren
alle Automobile reisefertig. Unser Gepäck hatte sich um einige
Ziegenfelle vermehrt, die Pietro auf dem Markte für uns eingekauft
hatte.

[Illustration: Mongolenknaben.]

An jenem Abend wurde am Tische des Herrn Dorliac ein melancholisches
Mahl gehalten. Wir waren etwas müde und hatten uns nichts mehr zu
sagen, da die Geister von demselben Gedanken erfüllt waren und die
Gemüter von derselben Ungeduld brannten. Wir standen im Begriff,
mit Kalgan jede Berührung mit der Zivilisation zu verlassen. Bis
dahin hatten wir uns in der Lage befunden, von Peking rasch Hilfe zu
erhalten, wir waren durch bevölkerte, reiche Landstriche gezogen und
waren stets von einer Menge Menschen umgeben gewesen. Die Rückkehr wäre
leicht gewesen; das Meer war nahe, und das Meer ist die Straße nach
Hause. Von morgen an aber würden wir ins Unbekannte hinausgeschleudert
werden, ganz allein. Der Augenblick war entscheidend, wie das „Los!“
des Luftschiffers. Auch wir würden in einem gegebenen Augenblicke zu
unseren Leuten sagen: „Los!“ und in einer Unendlichkeit verschwinden.
Die Abfahrt von Peking war uns nicht so feierlich erschienen wie
diese Abfahrt, die wir mit fieberhafter Sehnsucht und mit Beklemmung
im Herzen erwarteten. Denn in Peking hatten wir Kalgan vor uns,
in Kalgan aber das Innere Asiens, ein unbekanntes Land, das mit
Zaubergewalt lockte. Urga, die nächste Stadt, war sieben Längengrade,
d. h. fast 800 Kilometer entfernt! Am Ende des Mahles stießen wir mit
den vollen Bechern brüderlich an -- Franzosen, Italiener und unser
russischer Gastfreund --, und nachdem wir noch aufrichtige Glückwünsche
ausgetauscht hatten, trennten wir uns, indem wir einander an die Stunde
der Abfahrt erinnerten.

„Also um 4 Uhr?“

„Um 4; angenehme Ruhe!“

„~Au revoir!~“

[Illustration: Der letzte chinesische Tempel.]



Sechstes Kapitel.

Durch die mongolische Steppe.

     In einem Flußbett. -- Zwischen den Türmen der
     „Wan-li-tschang-tscheng“. -- Hinaus in das grüne Meer! -- Im
     Lager. -- Mongolische Gastfreundschaft. -- Der Wüste entgegen. --
     Pang-kiang.


„Verlassen heute Kalgan. Überschreiten soeben mongolische Grenze. 8 Uhr
morgens. Prächtiges Gelände. Haben mit dem Motor das Bett des Flusses
Schi-schan 25 Kilometer weit durchfahren. Überschreiten unschwer 1828
Meter Höhe. Entzückende Landschaft.“

Diese Depesche, die ich stehend in Eile auf ein Blatt meines
Notizbuches geschrieben hatte, übergab ich am Morgen des 17. Juni einem
jungen, liebenswürdigen Attaché der französischen Gesandtschaft, der
uns zu Pferd bis zum Saume der Steppe begleitet hatte. Ich beschwor
ihn, sie noch vor Abend im Telegraphenamte zu Kalgan aufzugeben. Hätte
ich ihm ein Dokument überreicht, von dem die Rettung eines Heeres
abgehangen hätte, so würde ich nicht weniger feierlich bei meiner Bitte
und nicht weniger glühend bei meinem Danke gewesen sein.

Ein Journalist ist stets geneigt, das Abhandenkommen eines Telegramms
als einen schweren Verlust zu betrachten. Er hat etwas von der
Leidenschaft des Historikers an sich, und eine verlorene Depesche
bedeutet für ihn eine unausfüllbare Lücke in der selbstdurchlebten
Geschichte, die er schreibt. Und dann hat er eine Art Mutterliebe für
seine eiligen Aufzeichnungen und begleitet sie in Gedanken auf ihrem
weiten Wege; er berechnet die Stunden, die sie brauchen werden, um an
den Ort ihrer Bestimmung zu gelangen, er berechnet die Zeitunterschiede
zwischen den einzelnen Ländern, sieht die Depesche in der Redaktion
ankommen, zur Nachtzeit, im Augenblicke der Arbeit; er verfolgt sie
bis zu den auf einem großen Tische unter dem Lichte der elektrischen
Lampen liegenden Papieren. Ihr Verschwinden ist ihm gleichbedeutend mit
einem Verrat. Reisen, Kosten, Mühen können vergeblich werden infolge
eines nichtigen Zufalls, der eine Depesche auf dem Grunde einer Tasche
oder auf dem Grase eines Seitenpfades liegenbleiben läßt. Zu der
Pünktlichkeit des journalistischen Dienstes tragen die mannigfachsten
Umstände bei: die Geschwindigkeit eines Pferdes, die Ehrlichkeit eines
Chinesen, das schöne Wetter. Die Ungewißheit über das Schicksal seiner
Arbeiten ist eine der peinlichsten Qualen für einen Berichterstatter in
fernen Ländern, der genötigt ist, zu jedem sich ihm bietenden Mittel
zu greifen, um seine Depeschen zur nächsten Telegraphenstation zu
befördern, der in die Unmöglichkeit versetzt ist, direkte Mitteilungen
zu erhalten, der, abgeschnitten von jedem Verkehr, über alles im
Dunkeln bleibt und dem Zweifel zum Opfer fällt.

[Illustration: In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade
mongolischer Reiter.]

Ich legte unermeßlichen Wert auf die Absendung jenes kurzen
Telegramms; es war mir in diesem Augenblicke, als enthielte es die
wichtigste Nachricht von der Welt: „Überschreiten soeben mongolische
Grenze.“

Ich wiederholte allen diese Worte mit einer Art begeisterten Staunens.
Wir befanden uns in einem grasreichen Tale, zwischen schwellenden,
weichen Hügeln, die die Vorstellung erweckten, als pflanze sich jene
Bergkette, die wir überstiegen hatten und im Osten noch hoch emporragen
sahen, in unendliche Fernen auf jener Ebene fort. An der Ausmündung
des Tales bemerkten wir, wie die Steppe als gleichförmige Ebene mit
dem Horizont verschwamm. Wir hatten haltgemacht, um die letzten
Vorbereitungen zu treffen.

Die Morgenfahrt war herrlich gewesen. Wir hatten mit dem Aufbruch
warten müssen, bis die Tore Kalgans geöffnet wurden. Einer Gewohnheit
zufolge, die unzweifelhaft auf die Zeiten der Kriege und Überfälle
zurückgeht, schließen die Städte Chinas allabendlich ihre Tore, an die
Soldaten als Wache gestellt werden. Auf den öden Straßen waren wir
bis zu einem verschlossenen Tor und einer schlafenden Wache gelangt.
Die Wache wurde munter, das Tor wurde geöffnet, und beim ersten
Morgengrauen fuhren wir in dem engen Tale des Schi-schan-ho im Zickzack
auf dem Flußsande hin, um den Felsblöcken und den Steinen auszuweichen.

Das von steil ansteigenden Hügeln eingeschlossene Tal lag noch in
tiefem Schatten, selbst als die Spitzen der Berge im rosigen Lichte
der aufgehenden Sonne zu schimmern begannen. Oben herrschte bereits
der Tag, die Nacht zog sich in die Tiefe zurück; sie schien sich
verbergen zu wollen, um nicht besiegt zu werden, sie zögerte zu
verschwinden und hüllte die Windungen der Schlucht, durch die wir mit
der Geschwindigkeit von 20 Kilometern die Stunde aufwärts fuhren, in
violette Halbschatten ein.

Die an den Zylindern des Motors angebrachten Auspuffrohre
stießen die Verbrennungsgase unter starken Explosionen aus,
die wie Karabinerschüsse klangen und so rasch und zahlreich
aufeinanderfolgten, daß man hätte glauben können, neben uns sei
ein Maschinengewehr in voller Tätigkeit. Das Echo dieses Getöses
erfüllte das ganze Tal. Wir mußten schreien, um uns verständlich zu
machen. Pietro schien vor Schreck halbtot. Wir hatten nämlich auch ihn
mitgenommen; er war auf das Gepäck geklettert und hatte sich an die
Seile festgebunden, um bei den Schwankungen und Stößen des Automobils
nicht herunterzufallen. Hier blieb er still und ohne sich zu rühren
sitzen und wünschte vielleicht in seinem Herzen, sich lieber auf dem
Rücken des wildesten Pferdes von China zu befinden als da oben!

„Geht es gut, Pietro?“ fragte ihn der Fürst in aller Harmlosigkeit,
während er die Maschine lenkte.

Und Pietro entgegnete mit beredtem Zögern:

„J.. J.. Ja!“

Auf einer Anhöhe erhebt sich ein großer Felsen von seltsamem Aussehen,
ähnlich den Trümmern eines mittelalterlichen Kastells mit spitzen
Zacken, die an die Ruinen von Türmen erinnern. Das Kastell ist
durchlöchert; vom Tale aus sieht man den Himmel durch eine Öffnung
des Felsens, die so regelmäßig ist, daß sie dem Bogen einer massiven
Brücke gleicht. In der Morgendämmerung zeigte sich jene eigenartige
Naturbildung, die sich schwarz und scharf von dem klaren Himmel abhob,
in düsterer Großartigkeit. Die das Tal passierenden Mongolen betrachten
sie mit fast religiöser Scheu.

Es knüpft sich eine Sage an diesen Felsen. Als Dschingis Chan, der
Eroberer, der im Gedächtnis der Mongolen als Gott weiterlebt, an
der Spitze eines Heeres dieselbe Straße zog, die wir im Automobil
durchfuhren, machte er unter dem vom Zufall geschaffenen seltsamen
Kastelle halt, und da er ihm eine kriegerische und feindliche Bedeutung
beimaß, nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf die
Sehne seines Bogens und schoß ihn ab. Der Pfeil durchbohrte den
Felsen in voller Länge. Die Folge dieses kaiserlichen Schusses war
jenes Loch; die Brückenöffnung ist nichts anderes als die dem Felsen
durch Dschingis Chan zugefügte Wunde. Allerdings ist die Wunde so
groß, daß ein Mann zu Pferd und vielleicht auch im Automobil bequem
hindurchkommen könnte. Wer vermag aber zu sagen, wie dick die Pfeile
Dschingis Chans und wie stark sein Arm gewesen sind?

Gegen das Ende verengert sich das Tal, und das Flußbett wird zu
einer tiefen Schlucht. Es begann der letzte Aufstieg. Am Fuße der
Bodenerhebung erwarteten wir die Kulis, die in der Nacht von Kalgan
aufgebrochen und noch nicht angelangt waren. Die übrigen Automobile
waren zurückgeblieben und folgten uns langsam. Wir betrachteten soeben
einen alten Tempel, der sich in der Mitte des Abhanges erhob, als wir
auf dem steinigen Fußpfade ein seltsames Wesen auftauchen sahen.

[Illustration: Mongolische Reiter.]

Es war ein riesengroßer, klapperdürrer Chinese, der einer großen
ausgetrockneten Mumie glich. Sorgsam trug er eine Schale mit Eiern,
eine Teekanne und Tassen und näherte sich uns, als er uns erblickt
hatte, unter tiefen Bücklingen. Sein gelbes, knochiges Gesicht zeigte
das breite Grinsen eines Totenkopfes. Er setzte die Schale auf die
Erde, goß den Tee in die Tassen und reichte sie uns, dann bot er die
Eier an und begrüßte uns. Wir verdankten dem Ta Tsum-ba die Ehre seiner
Bekanntschaft. Unser guter Freund hatte den Behörden der Bezirke, durch
die unser Weg führen mußte, den Befehl erteilt, uns ihre Huldigung
darzubringen. Aber in jenen wüsten Gegenden gab es nur _eine_ amtliche
Persönlichkeit, und dies war eben jene wackere, grinsende Mumie, der
Vorsteher einer kleinen, armen Gemeinde, die sich auf dem Gebirge
eingenistet hatte. Er war bei Tagesanbruch bis zu dem kleinen Tempel
herabgestiegen, wo er sich niedergelassen hatte, um das Teewasser zum
Sieden zu bringen, die Eier zu kochen und uns zu erwarten. Als er uns
von weitem gesehen hatte, war er mit seinen langen Beinen aufgesprungen
und uns entgegengeeilt. Wir verabschiedeten uns freundlich von diesem
Vertreter der hohen Obrigkeit, und der Vertreter der hohen Obrigkeit
beeilte sich, uns ein Notizbuch zu reichen und uns durch Gesten
anzudeuten, wir möchten uns einschreiben.

„Wie!“ riefen wir aus. „Ein Autographensammler?“

„Will Schrift,“ belehrte uns Pietro, „um Ta Tsum-ba zu zeigen, daß hat
gehorcht seinem Befehle.“

„Aha, ein Zeugnis des Wohlverhaltens also!“

Und der Fürst und ich schrieben alles mögliche und erdenkliche Gute
über den dürren Mann nieder, der inzwischen ruhig seine Eier aß und
seinen Tee trank.

Bald darauf, nachdem die Kulis mit fünf Maultieren angekommen waren,
sahen wir das Tal des Schi-schan-ho zu unseren Füßen in die Tiefe
sinken und sich entfernen. Wir erklommen die Höhen der letzten Großen
Mauer.

Nur die Türme der ungeheueren Wan-li-tschang-tscheng sind
übriggeblieben. Zwischen je zwei Türmen dehnt sich ein langgestreckter
Steinhaufen aus. Dies ist alles, was von den eingestürzten Mauern
erhalten ist. Sie bestanden aus Lehm, die Türme aus Stein. Deshalb
stehen diese auch nach einer Lebensdauer von 21 Jahrhunderten noch
fest auf ihrem Wachtposten. Sie wurden 200 Jahre vor Christi Geburt
errichtet. Seitdem sind so viele Städte vom Erdboden verschwunden,
Völker sind zerstreut, Kulturen vernichtet, Reiche zerstört worden,
nur diese Türme blieben; vor allem, weil sie zwecklos geworden sind.
Auf der Welt hält wunderbarerweise alles das aus, was zwecklos und
überflüssig ist, weil niemand Hand daran legt.

[Illustration: Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der
äußersten Großen Mauer.]

Diese vereinzelt stehenden Türme erscheinen, aus der Ferne gesehen,
auf dem kahlen Gebirge riesenhaft groß. Sie erheben sich in solchen
Zwischenräumen, daß die menschliche Stimme noch vom einen zum andern
dringen kann; sie wurden so angelegt, damit der Ruf der Wachen ihre
Kette entlang lief. Nachts rief ein Turm den andern an.

Das Automobil wurde von den Kulis auf einem gewundenen Pfade
weitergezogen; der Fürst aber und ich stiegen die Felsen in gerader
Linie zu den ersten Türmen hinauf. Oben machten wir halt, voller
Bewunderung über das erhabene Schauspiel, das sich unseren Augen in
der Klarheit des Morgens darbot. Wir sahen die grenzenlose mongolische
Hochebene, die genügend weit entfernt war, um noch den Eindruck
eines Ozeans zu machen. Im Westen stürzt sie plötzlich senkrecht
auf die unter ihr liegenden Ebenen des Hoang-ho, einem ungeheueren
tiefblauen Wasserfalle gleichend. Unten, uns näher, breitet sich eine
seltsame Landschaft aus, wie man sie sonst nur im Traume erblickt,
eine unermeßliche Anhäufung rötlicher Hügel, nach jeder Richtung
hin zerschnitten, zerhackt, durchfurcht von Tausenden unfruchtbarer
Schluchten, die untereinander verschieden und doch ähnlich waren wie
Meereswogen; in der Ferne wurden sie blasser, bis sie die phantastische
Farbe lebender Nacktheit annahmen; es war ein rosafarbenes Chaos, ein
sturmgepeitschter, zu Stein gewordener Ozean. Im Osten erhob sich
riesengroß das Gebirge des großen Chingan, eine gewaltige Bergreihe,
die in dem grellen Lichte verschwamm und sich auflöste, und jenseits
deren wir die weiten Ebenen der Mandschurei ahnten.

Nach kurzer Zeit begannen wir den Abstieg. Wir betraten den Boden
der Mongolei. Es war 8 Uhr. Von der Höhe aus bemerkten wir in den
benachbarten Tälern die Dächer elender Dörfer, die sich zwischen die
Geländefalten schmiegten, um vor den Wüstenwinden Schutz zu suchen.

Nach Norden geht es sanft abwärts; die Steppe beginnt fast plötzlich.
Die Felsenregion endet bei den Türmen. Man befindet sich jetzt in
einem andern Lande. Wenn China auch auf diesen Gebirgskämmen keine
Grenze mehr besitzt, so wahrt die Natur doch eifersüchtig die ihre. Wir
kommen an einer Karawanenstation vorüber; etwa 50 mit Ochsen bespannte
Wagen, die von Sair-ussu kommen, hielten bei einer armseligen Hütte.
Die Ochsen, denen das Joch abgenommen war, weideten ringsum: kleine,
schwarze Tiere mit langen Hörnern, von einer besonderen Rasse, die den
Strapazen und Entbehrungen der weiten Fahrten widersteht. Aus der Hütte
trat ein Chinese, wieder ein Beamter, aber ohne Eier und ohne Tee,
der gemäß den Befehlen des Ta Tsum-ba gekommen war, uns seine Dienste
anzubieten. Don Scipione bat ihn nur um die Gefälligkeit, uns die
Kamelstraße zu zeigen.

Wir befanden uns noch auf der Straße nach Sair-ussu. Bis zur ersten
Poststation mußten wir ihr folgen. Diese war daran kenntlich, daß sich
eine Fahne und Soldaten dort befinden, hauptsächlich aber daran, daß
im Umkreise von vielen Kilometern kein anderes Gebäude zu sehen ist.
Wir liefen also keine Gefahr, den Weg zu verfehlen. Von der Station aus
hatten wir einfach der Telegraphenlinie zu folgen. Der Telegraph, unser
amtlicher Führer, trat in Tätigkeit.

Eine Stunde später machten wir auf einer Wiese halt. Wir befanden
uns etwa 50 Kilometer von Kalgan entfernt. Gegen 11 Uhr kamen die
übrigen Automobile nach. In fieberhafter Eile begannen die letzten
Vorbereitungen. Die endgültige Auswahl des mitzunehmenden Gepäcks
erforderte viel Zeit und Mühe; die Ballen wurden zugeschnürt und wieder
aufgeschnürt; stets war etwas zuviel oder zuwenig darin. Auf dem Grase
lagen Pelze, Biskuitschachteln, Säcke, Stricke bunt durcheinander.
Das Überflüssige wurde den Kulis überlassen: Feldbetten, Matratzen,
leere Ölkannen. Die Motoren wurden noch einmal geprüft, kontrolliert,
erprobt, jeder Teil der Maschine einer genauen Revision unterzogen. Die
„Itala“ wurde mit einem großen, baldachinartigen Zelte überspannt, das
an den Ecken durch vier eiserne Klammern festgehalten wurde; es sollte
uns nachts, in anderer Weise befestigt, als Obdach dienen.

[Illustration: Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit
seinem Töchterchen.]

Eine neue Zuschauermenge hatte sich jetzt um uns versammelt: mit
Gewehren bewaffnete chinesische Soldaten, die von einer aus Lehm
erbauten, von Mauern mit Zinnen und Schießscharten umgebenen Festung
kamen; Karawanenführer, die ihre Lasttiere verlassen hatten, um zu
sehen, was sich Außergewöhnliches in der Steppe zutrug; Mongolen, die
in benachbarten Jurten wohnten und samt ihren Frauen mit den runden
Gesichtern und den mit Ketten geschmückten Haaren herbeigekommen waren.
Diese ganze Menschenmenge füllte jedes Plätzchen: sie betrachtete die
Automobile mit vorsichtiger Neugier und folgte unseren Bewegungen mit
gespannter, scheuer Aufmerksamkeit, als messe sie jedem Handgriff der
Fremden eine geheimnisvolle Bedeutung bei. Genau so würden sie bei der
Beschwörung eines Zauberers zugesehen haben. Um die Menge fernzuhalten,
beschrieb Ettore einen weiten Kreis um die „Itala“, indem er die Erde
mit einem eisernen Geräte furchte. Niemand wagte es, diese furchtbare
Linie zu überschreiten.

Vergebens suchten wir das Gepäck auf dem dafür bestimmten Platze
unterzubringen. Außer dem Gewichte der Behälter hatten wir noch Vorräte
an Öl und Benzin, Gummistreifen und Lebensmittel für zehn Tage bei
uns und hielten es für unklug, auf irgend etwas zu verzichten. Das
Gepäck nahm auch den Platz des Hintersitzes ein. Wir beschlossen, alle
drei im vorderen Teil des Automobils zu fahren, zwei auf den Sitzen
und der dritte links zu Füßen der andern auf dem Boden der Karosserie,
die Beine auf den Tritt stützend. Die Stellung des Dritten war nicht
besonders bequem, aber wir wollten abwechseln. Das erste Opfer war
Ettore.

[Illustration: Eigenartiger lamaistischer Tempel in der Wüste an
altägyptische Bauten erinnernd.]

Es war 2 Uhr nachmittags, als wir uns auf den Weg machten, nachdem wir
in aller Eile ein Frühstück aus Cornedbeef zu uns genommen hatten.
Der Fürst fuhr voran; die andern Automobile folgten. Pietro war schon
aufgebrochen, um vor Torschluß noch in Kalgan zu sein. Er hatte sich
von uns verabschiedet und uns in seiner blumenreichen Sprache so
überströmenden Herzens gedankt, als hätten wir ihm die größte Wohltat
erwiesen, indem wir ihn von Peking 300 Kilometer weit mitgenommen
hatten. Dann war er mit den Kulis in der Richtung auf die Große Mauer
unseren Blicken entschwunden.

Wir durchfuhren das Tal bis zu seiner Mündung und gelangten auf die
Ebene. Die Hügel schlossen sich mit der wachsenden Entfernung hinter
uns zusammen und bildeten gleichsam ein Ufer. Wir hatten tatsächlich
die lebhafte Empfindung, als stießen wir von einer Küste ab. Wir fuhren
los.

Sofort machten wir eine schmerzliche Entdeckung: die allzu schwere
Ladung drückte dermaßen auf die hinteren Federn, daß bei dem
geringsten Stoß des Automobils das Chassis schwer auf die Achse des
Differenzialwerks aufschlug. Wir mußten langsam fahren, aber das
Gelände war uneben, und heftige Stöße folgten aufeinander.

„Wir zerbrechen die Federn oder das Differenzialwerk!“ rief Ettore aus,
dem die Stöße ins Herz zu dringen schienen.

„Es hat keine unmittelbare Gefahr,“ erwiderte der Fürst, der sein
kühles Urteil bewahrte, „aber das Automobil wird es nicht lange
aushalten. Wir müssen es etwas leichter machen.“

„Sofort?“

„Nein, beim ersten Haltepunkte. Wir fahren nicht weit.“

„Was lassen wir von dem Gepäck zurück?“

„Alles, was nicht unumgänglich notwendig ist. Wir werden ja sehen.“

[Illustration: Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.]

Inzwischen wurde die Straße besser. Auf einer Strecke von einigen
hundert Metern konnten wir auch rascher fahren. Alle Augenblicke
bekamen wir winzige chinesische Dörfer zu Gesicht, die, von Gersten-
und Kao-liang(Hirse)feldern umgeben, gleich Oasen in der öden Ebene
lagen. Sie stellen die chinesische Kolonisation dar.

China breitet sich langsam, aber sicher in allen sogenannten eroberten
Gebieten aus, in Turkestan wie in der Mongolei. Mit kleinen Garnisonen
und nur wenig Beamten beherrscht es unermeßliche Landstriche, die von
einer kriegerischen, aber zerstreut wohnenden Bevölkerung bewohnt
werden. In diese Gegenden strömt die chinesische Auswanderung, die die
Bebauung der Felder an den Boden fesselt. Es ist der Ackerbau, der nach
und nach die Gebiete der nomadischen Völkerschaften in Besitz nimmt:
eine mächtigere Kraft als die der Heere, weil der Nomade das Land
nicht liebt und nicht verteidigt; er zieht sich nach den freien Räumen
zurück; er weicht, ohne sich dessen bewußt zu werden.

Die chinesische Bevölkerung dehnt sich gegenwärtig nach Westen hin
in einer Weise aus, wie es seit Jahrhunderten nicht geschehen ist.
Es ist dies eine ganz neue Bewegung, die sich in aller Stille und
völlig unbemerkt im Herzen Asiens vollzieht. Die Ausbreitung Chinas,
in der Richtung auf das Gelbe Meer durch die Interessen der gesamten
zivilisierten Welt gehemmt, findet landwärts ein geeignetes Feld und
schreitet in manchen Gegenden in je zehn Jahren um 70 bis 90 Kilometer
vor. Und China hat eine furchtbare Aufsaugungskraft; es wandelt die
Völker um, macht sie zu Chinesen. So gibt es in der Mongolei alte
Handelszentren, in denen man nicht mehr mongolisch, sondern chinesisch
spricht.

In der Nähe eines dieser Dörfer schlugen wir unser Lager auf. Bei
unserem Anblick flohen die Frauen, auf ihren kleinen verkrüppelten
Füßen forthüpfend, um sich zwischen den Anpflanzungen der
entgegengesetzten Seite des Dorfes zu verstecken. Vielleicht trauten
sie uns übermäßig galante Absichten zu. Die Männer dagegen kamen
herbei und beobachteten uns, während wir das Dach des Automobils in
ein großes Lagerzelt verwandelten, das, in der Mitte des Automobils
befestigt, bestimmt war, uns und der Maschine Schutz zu gewähren. In
kurzer Entfernung lagerten die beiden „de Dion-Bouton“, der „Spyker“
und der „Contal“ in klug ersonnener Weise: die Automobile im Kreise
herum und in der Mitte die Zelte, wie es bei militärischen Expeditionen
üblich ist.

Der Fürst hatte sich entschlossen, die „Itala“ um die Schutzwände, die
eisernen Klammern, die den Baldachin festhielten, die Auspuffrohre,
einige eiserne Stäbe, die wir mit uns führten, um sie als Hebel
zu benutzen, eine Spitzhacke und die Hälfte der Lebensmittel zu
erleichtern. Wir schenkten diese Gegenstände den Chinesen, die uns bei
unseren Arbeiten halfen. Wer uns einen Eimer Wasser brachte, erhielt
eine Schutzwand, eine Spitzhacke derjenige, der uns Eier gab. Diese
braven Leute hielten uns für Narren; sie kehrten froh nach Hause
zurück, Eisenstäbe schleppend oder Konservenbüchsen in einem Zipfel
ihres Gewandes tragend. Dann wurden die Biwakfeuer angezündet.

Allerdings klingt der Ausdruck malerischer, als es in Wirklichkeit
war. In der Mongolei fehlt es an jedem vegetabilischen Brennstoff, und
die Bewohner brennen Kameldünger, der an der Sonne getrocknet wird.
Wir waren also weit von lustig flackernden Lagerfeuern entfernt. Als
Ersatz dafür besaßen unsere Genossen herrliche Benzinöfen. Wir hatten
uns in dieser Hinsicht nicht vorgesehen, hatten keinen derartigen
Apparat besorgt und nahmen in genialer Weise unsere Zuflucht zu der
Lötlampe, wie sie jedes Automobil mit sich führt. So waren unsere
Biwakfeuer beschaffen, um die wir uns in Hemdärmeln geschäftig hin
und her bewegten. Du Taillis überwachte das Kochen einer wundervollen
Suppe, die aus schokoladenähnlichen Tafeln hergestellt wurde und
alle erforderlichen Nährstoffe enthielt. Ich suchte mit Hilfe der
Lötlampe Wasser zum Sieden zu bringen. Die Küche war also, wie man
sieht, gänzlich dem Journalismus anvertraut; aber -- es tut mir der
Ehre des Journalismus wegen leid, es zu gestehen -- die Ergebnisse im
italienischen Lager waren jammervoll. Unser Essen roch entsetzlich nach
Benzin, Petroleum und ranzigem Fett.

Mit einem Male kamen drei Mongolen zu Pferde an. Wir waren ihnen
einige Stunden zuvor begegnet und hatten sie überholt. Einer von
ihnen, ein junger Mann von athletischen Formen, trug ein Gewand aus
pfauenblauer Seide und einen spitzen Hut aus gelber gestickter Seide
und machte den Eindruck eines Häuptlings. Sie sprangen aus dem Sattel,
gaben ihren Pferden Futter, breiteten ihre Decken neben uns aus,
zündeten ein Feuer an, und zwar mit dem erwähnten Brennmaterial, von
dem die Mongolen stets einen Sack voll mit auf die Reise nehmen, und
lagerten sich. Der junge in Seide gekleidete Mann näherte sich uns,
begrüßte uns lächelnd durch tiefe Verbeugungen und zeigte für alles,
was er sah, eine kindliche Neugierde. Er begann mit uns eine lebhafte
aber geheimnisvolle Unterhaltung, während deren wir uns heldenhaft
anstrengten, uns gegenseitig verständlich zu machen. Zum Glück besaß
der Fürst ein wertvolles Manuskript, das einige hundert mongolische
Wörter mit ihrer Übersetzung enthielt, und es gelang uns folgendes
zu verstehen: daß der Sprecher wirklich ein Häuptling war, daß wir
dicht an seinem Dorfe vorübergekommen waren, und daß er uns einlud,
in seinem Hause zu rasten. Alles das war gut und gern einige Büchsen
Cornedbeef wert, und wir überreichten sie feierlichst der erlauchten
Persönlichkeit, deren Freude und Dankbarkeit unerschöpflich schienen.

In diesem Augenblicke hörten wir den Galopp eines Pferdes. Es war
dunkel geworden, und wir erkannten erst dann einen chinesischen
Soldaten in dem Reiter, als er einige Schritte vor uns stehenblieb und
fragte:

„Po-lu-ghe-se?“

Der Fürst (was tut nicht die Gewohnheit!) erkannte in jenen Lauten
die chinesische Form seines Namens und ging dem Soldaten entgegen.
Dieser stieg vom Pferde und reichte ihm ein Paket Briefe. Es war
die Post, die letzte Post aus Peking, die vormittags 9 Uhr in Kalgan
eingetroffen war. Jener Mann hatte in elf Stunden mehr als 95 Kilometer
zurückgelegt! Er hatte vom Tu-tung den Befehl erhalten, uns einzuholen,
und er hatte uns eingeholt. Als er seinen Auftrag ausgeführt hatte,
sprang er wieder in den Sattel, bevor wir noch daran denken konnten,
ihn zurückzuhalten, und ritt davon. Was für prächtige Soldaten würden
die Chinesen abgeben, wenn sie nur Mut besäßen!

[Illustration: Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.]

Diese unvermutete Ankunft von Nachrichten mitten in der Steppe, in der
Feierlichkeit des Abends, in der Stunde, die die Einsamkeit tiefer
und drückender macht, erschien uns seltsam. Es waren Briefe mit
Abschiedsgrüßen, mit Wünschen für das gute Gelingen unserer Fahrt,
Freundesworte, die uns hier am Saume der Wüste erreichten und uns an
diesem Orte noch gehaltvoller und bedeutsamer erschienen. Als wir sie
im Lichte der Dämmerung gelesen hatten, plauderten wir noch längere
Zeit, auf unserem Gepäck sitzend und rauchend, während die Dinge um uns
her verschwammen, in Dunkelheit versanken und unsere Gesichter sich
nach und nach in Schatten hüllten und jeden Umriß verloren. Es scheint,
als vergrößere die Finsternis die Entfernungen und isoliere uns; sie
läßt uns schließlich verstummen, weil sie in uns die Empfindung weckt,
als seien wir allein. Auch wir schwiegen, als wir in der Dunkelheit nur
noch das Glimmen unserer Zigaretten und einen Schimmer weißen Papiers
auf der Erde erkennen konnten. Der klare Himmel hatte sich mit Myriaden
von Sternen bedeckt.

Unsere mongolischen Nachbarn waren um das erloschene Feuer
eingeschlafen; es hatte sich ein Vierter zu ihnen gesellt, der auf
einem Kamel angekommen war. Das bucklige Tier, zusammengekauert und
unbeweglich, hob sich von dem letzten Schimmer im Westen ab und nahm
eine monumentale Großartigkeit an, ähnlich jenen Riesenkamelen aus
Stein, die die Gräber der Mingdynastie schmücken. In der Ferne hörte
man den Hufschlag von Pferden. Die Chinesen aus dem nahen Dorfe waren
verschwunden.

„Begeben wir uns zur Ruhe!“ rief Don Scipione. „Morgen müssen wir um 3
aufstehen.“

Wir machten unsere Lagerstätten unter dem Zelte zurecht und suchten
dann die auf dem Rasen ringsum verstreuten Gegenstände zusammen.
Plötzlich bemerkte ich das Fehlen einiger Kleinigkeiten, eines
Taschenmessers, eines silbernen Bechers und eines Jagdbestecks. Und sie
waren doch vorher da, ich hatte sie benutzt. Es gab hier also Räuber?
Die Entdeckung dieser Diebstähle war nicht allzu ermutigend. In diesem
Augenblicke fragte mich der Fürst:

„Haben Sie die Patronen an sich genommen?“

„Welche Patronen?“

„Den Vorrat an Revolverpatronen, der eben noch hier war.“

„Nein.“

„Dann sind sie gestohlen! Sie sind sämtlich verschwunden. Es bleibt uns
keine andere verwendbare Waffe als eine Mauserpistole, vorausgesetzt
wenigstens, daß nicht auch ...“

„Die Mauserpatronen gestohlen sind?“ fragte ich beunruhigt.

„Ja ... Nein, sie sind hier. Sie waren unter das Gepäck geraten. Wir
wollen die Pistole für alle Fälle laden.“

„Und wollen gute Wache halten! Ein Patronendiebstahl ist nicht leicht
zu nehmen.“

„Ettore, lege dich so, daß du die Pistole bei der Hand hast.“

Ich begab mich zu unseren französischen Nachbarn, um ihnen das
Vorkommnis mitzuteilen. Auch sie machten ihre Waffen schußbereit.

Aber nie in unserem Leben verbrachten wir eine ruhigere Nacht. Die
Diebe, die wahrscheinlich zu den Bewohnern des benachbarten Dorfes
gehörten, begnügten sich mit dem Besitz der Patronen, des Messers und
der übrigen Kleinigkeiten und hielten sich in der Ferne. Wir nahmen uns
vor, Bewunderern gegenüber vorsichtiger zu sein.

Spät in der Nacht drang die schneidende Kälte durch die Pelze hindurch
bis auf die Haut und weckte uns lange vor Tagesanbruch, während wir
durch die Zeltöffnungen noch die Sterne am Firmament funkeln sahen.

       *       *       *       *       *

Als wir uns erhoben, bemerkten wir, daß die Mongolen bereits
aufgebrochen waren.

Zuerst verließ der dreirädrige „Contal“ das Lager. Er war am Abend
zuvor mit großer Verspätung ins Lager gekommen, da er mehrmals durch
die Unebenheiten der Straße aufgehalten worden war. Stellenweise
war er von seinen beiden willigen, zu allem entschlossenen Führern
geschoben worden, und der Motor hatte sich einigemal beim Überwinden
der Geländeschwierigkeiten erhitzt. Er war daher zuerst aufgebrochen,
um einen Vorsprung auf die etwa 200 Kilometer zu haben, die wir an
dem Tage zurücklegen mußten. Dieses Handikap war am Abend beschlossen
worden.

Ungefähr eine Stunde später fuhren die beiden „de Dion-Bouton“ und
der „Spyker“ in kurzen Zwischenräumen davon. Es war 4 Uhr. Wir wurden
durch das Gepäck aufgehalten, für das es uns nicht gelang, einen
geeigneten Aufbewahrungsort ausfindig zu machen. Die Gepäckfrage hat
uns bis zum Ende der Reise Schwierigkeiten bereitet. Sie war unsere
Qual, unser Alb. Bei dem Bau und der Einrichtung der „Itala“ war alles
vorgesehen, erwogen und geistreich ausgeführt worden, aber an das
Gepäck hatte niemand gedacht. Es fehlte an Mitteln, es unterzubringen
und zu befestigen. Wir mußten es mit Stricken festbinden, die durch die
Federböcke gingen, aber die Stricke, die sich infolge der Feuchtigkeit
der Nacht zusammengezogen hatten, dehnten sich in der Sonne aus,
lockerten sich, das Gepäck rutschte, geriet ins Schwanken und fiel
herunter. Es bedurfte vielstündiger Arbeit, um es wieder an Ort und
Stelle zu bringen.

Die Sonne ging eben auf, als wir uns gegen 5 Uhr auf den Weg machten.
Wir folgten den Spuren der andern Automobile in dem betauten Grase.
Nachdem wir an kleinen chinesischen Niederlassungen vorübergekommen
waren, fanden wir einen Pfad. Seit einer Stunde waren wir unterwegs,
als wir den „Contal“ stillstehend antrafen. Pons und sein Gefährte
waren abgestiegen und schienen damit beschäftigt, etwas am Motor
nachzusehen. Der Fürst, welcher steuerte, hielt die Maschine an, um
Hilfe zu leisten. Nachdem wir uns begrüßt hatten, erklärte Pons, wir
möchten unsere Fahrt nur fortsetzen; er brauche nichts. Wir nahmen an,
er warte die Abkühlung des heißgelaufenen Motors ab, und fuhren weiter.
Eine halbe Stunde später holten wir die andern Automobile ein, die
hintereinander fuhren. Wir grüßten und setzten unsere Fahrt fort. Der
verabredete Treffpunkt war die Telegraphenstation Pang-kiang.

Die Erleichterung des Wagens zeigte ihre guten Wirkungen. Die Federn
hatten sich wieder aufgerichtet, und das Chassis blieb in der
richtigen Entfernung vom Differenzialwerk. Die „Itala“ lief mit einer
Schnelligkeit von 30 Kilometern die Stunde.

Mit einem Male bemerkten wir, daß die Telegraphenstangen im Begriff
standen, zu unserer Linken am Horizonte zu verschwinden. Wir hatten
vielleicht den Weg nach dem Flusse Kerulen im Osten von Urga
eingeschlagen. Quer über die Steppe weg suchten wir wieder unseren
alten Pfad.

[Illustration: Fürst Borghese und die beiden chinesischen
Telegraphisten von Udde.]

Jetzt waren keine chinesischen Lager mehr zu sehen, ebensowenig
Lehmhütten. Nur die öde Ebene dehnte sich vor uns aus, grün und
gleichförmig. Von Zeit zu Zeit unterbrach eine niedere Gruppe
zerklüfteter Felsen die Eintönigkeit des leicht gewellten Horizonts.
Ringsum herrschte eine solche Einsamkeit, daß der Anblick eines
Menschen ein Ereignis war, auf das wir uns gegenseitig aufmerksam
machten.

„Ein Mann zu Pferde ... dort!“

„Er hat uns gesehen. Er sprengt auf uns zu.“

Ich erinnerte mich eines ähnlichen Falls an Bord während einer langen
Seereise, als die Passagiere sich auf dem Verdecke zuriefen, um
einander etwas Seltenes zu zeigen:

„Sehen Sie, ein Schiff ... dort!“

Wir stießen auf große Herden jener kleinen dicken, zähen mongolischen
Pferde, deren wunderbare Marschleistung der tatarischen Eroberung
Chinas die bewegende Kraft geliefert hatte. Eine unerklärliche
Neugierde trieb diese Pferde auf uns zu. Kaum gelangte das noch nie
von ihnen gehörte Geräusch des Motors, das in der großen Stille der
Ebene weithin widerhallte, zu ihren Ohren, so hoben alle die Köpfe,
wandten sich um, und der Anblick eines dahinrasenden Ungeheuers flößte
den furchtsamen Tieren keinen Schrecken ein. Sie erkannten vielleicht
in diesem schnellen Dinge etwas Verwandtes: die Geschwindigkeit. Sie
langten alle zusammen in einem scharfen Galopp bei uns an. Es schien,
als wollten sie uns mit ihrer furchtbaren Masse erdrücken. Sie stürmten
in einem wütenden Laufe an, der wie ein Orkan vorüberjagend alles
niederwirft. Aber auf zehn Meter Abstand von uns machten sie plötzlich
mit steifen Beinen halt mit der Genauigkeit und Geschicklichkeit
arabischer Pferde bei einer Fantasia. Dann begaben sie sich auf unsere
rechte Seite und begleiteten uns im Galopp, solange sie sich nicht
überholt sahen. Dann änderten sie plötzlich ihre Richtung und stürmten
wieder davon, ihren Weideplätzen zu. Das Schauspiel war prächtig,
namentlich als uns jene seltsame Eskorte begleitete, die an unserer
Seite dahinjagte, und wir die ganze Schönheit, Gewandtheit und Kraft
einer wildbewegten Pferdemasse vor Augen hatten.

Das Manöver wiederholte sich, fast jedesmal unverändert. Es war also
den Tieren von einem und demselben Gedanken eingegeben worden. Welcher
war es? Was ging in ihren kleinen Gehirnen vor? Sie schienen in ihren
Bewegungen von der Hand unsichtbarer Reiter gelenkt zu werden, so
geschult waren sie. Man hätte sagen können, daß sich durch einen weit
hinaufreichenden Atavismus der kriegerische Sinn auf diese Tiere
vererbt habe.

Nur wenige Hirten hielten sich in der Nähe dieser Herden auf, die im
Winter, wenn die Tiere mit sehr langem ziegenähnlichem Haar bedeckt
sind, auf die großen Märkte in Peking getrieben werden. Einer jener
Männer hatte versucht, sich uns zu nähern, indem er sein Pferd zur
Karriere anspornte; zu seiner großen Überraschung hatte er uns aber
nicht einzuholen vermocht, und er hielt schließlich an, um uns
regungslos nachzusehen, bis wir aus seinem Gesichtskreise verschwanden.
Zuweilen konnten wir 40-50 Kilometer in der Stunde fahren. Noch nie
war die Mongolei mit solcher Schnelligkeit durchquert worden. Wir
hätten sogar die berühmten Kuriere Dschingis Chans hinter uns gelassen,
die, die Sporen in die Flanken ihrer Pferde gedrückt, die Befehle
des Herrschers und die Kunde von seinen Siegen von einem Ende seines
unermeßlichen Reiches bis zum andern überbrachten.

Diese Fahrt berauschte und betäubte uns, nicht infolge der
physischen Empfindung der Geschwindigkeit, nicht infolge der Freude
am Dahinfliegen, die das Automobil erzeugt und die die Seele der
Automobilleidenschaft ist, sondern infolge einer unsagbar tiefen,
vollen geistigen Genugtuung, infolge der unaussprechlichen Wonne über
den Gedanken, uns hier zu befinden. Zuweilen waren wir von einem Gefühl
des Staunens wie gefesselt; die Klarheit des Denkens verdunkelte sich
wie im Traum, unsinnige Zweifel zogen gleich Wolken über die deutliche
Wahrnehmung der Örtlichkeiten, wir verloren die Erinnerung, um sie im
selben Augenblicke wiederzugewinnen, und unterbrachen lange Pausen in
der Unterhaltung, indem wir zueinander sagten:

„Wir sind in der Mongolei!“

„Ja, in der Tat!“

Einmal wandte sich der Fürst zu mir, um mir unvermutet zu sagen:

„Ich denke daran, daß wir die Wüste Gobi so durchqueren werden. Weiß
Gott, ich kann es kaum glauben!“

In diesem Augenblicke hatte ich denselben Gedanken. Es erfüllte uns ein
rätselhaftes Gemisch von Vertrauen, Entschlossenheit, festem Willen
und zaghafter Ungläubigkeit. Es war in gewissem Grade die Empfindung
dessen, der entschlossen ist zu siegen und bewaffnet fortstürmt, um dem
Feinde irgendwo im Nebel zu begegnen. Wenn wir an die Beschaffenheit
des Geländes, die Beständigkeit der Jahreszeit, die Vorzüge der
Maschine dachten, so fühlten wir uns sicher; betrachteten wir aber mit
den Augen der Phantasie den Punkt der Erdoberfläche, an dem wir uns
in diesem Moment befanden, und benannten jene Länder mit ihren Namen,
so geriet unsere Zuversicht ins Wanken. Es schien uns, als gehe das
Problem über das rein Technische hinaus, als seien hier unberechenbare
Faktoren mit im Spiele. Wir standen unter dem geheimnisvollen,
furchteinflößenden Zauber Asiens. Die Wüste nahm in unserer Vorstellung
menschliche Gestalt an; dieser furchtbare Feind des Menschen, dieser
Mörder von Karawanen, diese gefürchtete Gottheit des Todes würde sich
verteidigen. Wir dachten an sie wie an eine unbezwingliche Macht. Das
Wort „Wüste“ an sich erfüllt mit Respekt.

Von Zeit zu Zeit sahen wir niedrige, runde Jurten, die Backöfen
ähnelten. Diese kleinen grauen, mit Filz bedeckten Kuppeln, die
Wohnstätten der Nomaden Asiens von den Kirgisen bis zu den Turkmenen,
sind an den Ufern des Aralsees von gleicher Gestalt wie an denen des
Irtysch und des Tola. Sie allein genügen, um die Verwandtschaft aller
Völker Zentralasiens, ihre Herkunft von dem großen mongolischen Stamme
zu beweisen. Auch im russischen Kriegslager bei Mukden hatte ich Jurten
gesehen.

Als das Brausen des Automobils zu den Jurten drang, stürzten die Männer
in Hast heraus und betrachteten uns unter Anzeichen höchsten Staunens.
Mitunter sprangen sie truppweise auf die in der Nähe weidenden Pferde
und verfolgten uns hartnäckig, wobei sie ihre langen Hirtenstäbe gleich
Lanzen schwangen und laute Rufe ausstießen.

Es war 8 Uhr früh geworden, als wir in die Nähe einer Anzahl Jurten,
eines kleinen Lagers, gelangten. Auf einer Art Gerüst standen einige
Leute als Wache und schlugen Alarm. Grenzenlose Verwirrung entstand
unter den Bewohnern, die auf die Straße liefen und uns Zeichen machten.
Als wir näherkamen, erkannten wir unter ihnen unseren wackeren Mongolen
vom Abend zuvor, gehüllt in sein prächtiges pfauenblaues Gewand; er
bemühte sich, uns durch seine ausdrucksvolle Gesten halt zuzuwinken.
Wir waren in seinem Dorfe, und er hatte die Absicht, uns mit seiner
Gastfreundschaft zu beehren. So verbindlich und aufrichtig hatte
er sich gezeigt, daß wir ihm nicht die Kränkung zufügen wollten,
weiterzufahren, wozu wir große Lust hatten. Die „Itala“ fuhr daher mit
einer schönen Schwenkung in die Umwallung des Nomadenlagers ein und
hielt. Einen Augenblick später saßen wir im Innern der schönsten Jurte,
der des Häuptlings, im Kreise herum.

[Illustration: Kamelkarren in der Wüste.]

In der Mitte brannte das Feuer, und der scharfe, einen leichten
Moschusgeruch verbreitende Rauch entwich durch die in der Mitte der
Kuppel befindliche Öffnung. Ein schöner alter Mann, der Vater unseres
Freundes, unterhielt uns in zeremonieller Weise mit einer an einen
Oberpriester erinnernden Feierlichkeit der Gebärden, und eine alte
Frau, die Mutter, setzte respektvoll Teller mit Käse vor uns nieder,
Schalen mit scharfschmeckender Milch und Sahne, Tassen dampfenden
Tees und Becher, die mit einer klaren, süßen, aus gegorener Milch
hergestellten Flüssigkeit gefüllt waren. Die Becher, die europäischer
Herkunft waren, wurden von dem alten Manne mit peinlicher Sorgfalt aus
einem kleinen chinesischen Schranke, zu dem er den Schlüssel besaß,
hervorgeholt. Der Schrank war der Aufbewahrungsort für die Schätze
der Familie, der Geldschrank; in ihm waren auch, wie wir sahen, die
von uns geschenkten Cornedbeefbüchsen untergebracht. Während wir
uns gewissenhaft mit Milch anfüllten, hörten wir Worte, die uns vor
Überraschung in die Höhe fahren ließen.

„Sprechen Sie deutsch?“

Ein junger Mongole, der soeben eintrat, hatte diese so einfache
und doch so verblüffende Frage an uns gerichtet. Er hatte mit
vortrefflicher deutscher Betonung gesprochen.

„Ja,“ erwiderte der Fürst, der aufs höchste erstaunt war, „ich spreche
deutsch.“

Und der junge Mongole begann sich mit uns in der Sprache Goethes zu
unterhalten. Er fragte, welches die Maximalgeschwindigkeit unseres
Automobils sei, und fand sie zufriedenstellend.

„Wo haben Sie denn Deutsch gelernt?“ fragte Don Scipione.

„In Berlin. Berlin liegt weit von hier!“

„In Berlin?“

„Ja, es sind jetzt zwei Jahre her.“

„Und was taten Sie dort?“

„Ich trat als Mongole auf!“ entgegnete er würdevoll.

Wir glaubten, er scherze oder habe unsere Frage nicht verstanden.

„Was taten Sie in Berlin?“

„Ich trat als Mongole auf“, wiederholte er mit Bestimmtheit; dann fügte
er hinzu: „Ich war auf einer Ausstellung, verstehen Sie? Es waren dort
Leute aus allen Völkern, und es war auch ein mongolisches Jurtenlager
da, mit Pferden, Hunden und Frauen; täglich besuchte uns eine große
Menge Menschen und sprach mit uns, und so habe ich Deutsch gelernt.“

„Gefällt Ihnen Europa?“

„Ja. Und wie gefällt Ihnen die Mongolei?“

„Ausgezeichnet.“

Er zeigte sich außerordentlich zufrieden mit dieser Antwort, die
ihm zugleich einen guten Begriff von unserem erleuchteten Urteil
beibrachte.

[Illustration: Begegnung des Automobils mit einer Ochsenkarawane an der
Grenze der Mongolei.]

Als wir wieder ins Freie traten, bemerkten wir eine Anzahl Reiter, die
sich um das Automobil drängten, auf dem Ettore voll heiterer Seelenruhe
seine Portion Milch trank. Alle männlichen Bewohner des Lagers
schickten sich an, uns zu begleiten, und stiegen in den Sattel.

Wir fuhren rasch von dannen, umgeben von dem eigenartigen malerischen
Reitertrupp, unter dem schnellen Hufschlag der Pferde auf dem harten
Boden und einem langgedehnten, wilden Geschrei. Um uns herum bewegten
sich Zipfel buntfarbiger Röcke; die langen Bänder, die die Mongolen
um ihre spitzen Hüte winden, flatterten in der Luft; Roßmähnen und
Roßschweife wogten auf und nieder. Aber unsere Gastfreunde hatten sich
über die Möglichkeit, uns weit zu begleiten, geirrt. Vergebens trieben
sie die Pferde durch Zuruf und Reitgerte an, vergebens jagten die Armen
~ventre à terre~ dahin. Schon nach einer Minute entfloh das Automobil
seiner Eskorte, deren Geräusch sich in der Ferne verlor, und befand
sich allein in der grasbedeckten Wüste.

Viele jener Männer waren Lamas, wie man an ihrem geschorenen Kopfe
sehen konnte; andere Abzeichen ihrer priesterlichen Würde trugen sie
nicht. Es gibt so viele Lamas in der Mongolei, daß sie die Mehrzahl
der männlichen Bevölkerung ausmachen. Wenn ein Vater fünf Söhne hat,
so bestimmt er drei zu künftigen Lamas. Es gibt Lamas, die Hirten,
Karawanenführer, Pferdehändler sind; es ist eben notwendig, daß die
Mönche in den Erwerbszweigen des Volkes tätig sind, wenn sie ein Volk
werden. Die Mongolei ist ein unermeßliches Kloster. Im Lamaismus ist
die alte Energie der Rasse erloschen; ein Volk von Kriegern ist zu
einem Volke von Philosophen geworden.

Mehrere Stunden vergingen. Das Land veränderte sich allmählich. Die
Steppe hörte auf und räumte den Platz weiten, fast unfruchtbaren
Strecken, die mit einzelnstehenden fetten Gräsern bewachsen waren.
Auch die Bodenbeschaffenheit wechselte; wir gelangten von kiesigem
Grund auf sandigen, von sandigem Grund auf die Unebenheiten kurzer
steiniger Strecken; dann wieder Steppe. Aber wir erblickten keine
Herden, bemerkten keine rauchenden Jurten mehr. Der Boden glühte. Wir
begegneten einer Karawane von Kamelen, die an seltsame zweirädrige
Wagen gespannt waren. Eine andere Karawane trafen wir bei einem Brunnen
an. Selten zeigte sich ein Reiter am Horizont.

Weiterhin trafen wir nur noch in der Nähe von Brunnen Spuren von Leben.
Auf unermeßliche Entfernungen hin erkannte man das Vorhandensein eines
Brunnens an einer ordnungslos durcheinander gemischten Gruppe von
Kamelen und blauen, weiß verzierten Zelten.

Wenn man eine gute Karte der Mongolei betrachtet, so sieht man längs
des Zuges der Karawanenstraße Namen und Punkte verstreut, und man
gewinnt den Eindruck, als handle es sich um Dörfer und Ortschaften.
Es handelt sich jedoch nur um Brunnen. Jeder Brunnen hat seinen
Namen. Er ist nichts als ein kleines Erdloch, auf dessen Grund Wasser
emporquillt, und doch hat er die Bedeutung einer Stadt: er ist das
Leben, das Leben der Vorüberziehenden, das heißt das Leben des
Handels, das Leben von Ländern, die Tausende von Kilometern von ihm
entfernt liegen und aus diesem Handelsverkehr Nutzen ziehen; er ist
das Leben ferner Völkerschaften, die sich von diesem Handel ernähren.
Die Reichtümer Kalgans, die Reichtümer Kiachtas haben ihre Nahrung
aus jenen Brunnen gesogen, die in den Einöden der mongolischen Ebene
verlorenliegen.

Die Brunnen, die Halteplätze der Karawanen, sind 30-70 Kilometer
voneinander entfernt. Im Winter lagert man des Nachts an ihnen, im
Sommer des Tages. Die Kamele liegen mit ihren Lasten in Reihen. Vor
der ersten und vor der letzten Last sind zwei Lanzen in den Boden
eingerammt, mehr als traditionelles Zeichen denn zur Drohung. Die
Männer schlagen ein Lager auf und die Tiere werden frei auf die Weide
gelassen, wenn ein Weideplatz vorhanden ist.

Auch wir machten bei dem Brunnen halt, um Wasser für die Maschine
zu schöpfen, unseren Durst zu löschen und uns Hände und Gesicht
zu kühlen. Einige Minuten verweilten wir auch in der Mitte der
Karawanentreiber, die uns mit einem an Bestürzung grenzenden Respekt
betrachteten. Kein Zeichen von Feindseligkeit von seiten dieser
wackeren Leute. Sie riefen ihre furchtbaren, starken, zottigen
Wachhunde zurück und waren uns mitunter mit ihren aus einem Schlauche
und einer Stange bestehenden Geräten beim Wasserschöpfen behilflich.

[Illustration: Wasser aus dem Wüstenbrunnen.]

[Illustration: Tränken des Automobils.]

Mittags hätten wir glauben können, wir wären tatsächlich schon in der
Wüste. Wir fuhren durch fast unfruchtbare Landstriche. Die Erde hatte
eine rötliche Farbe und zeigte wellenförmige, mitunter jähe Erhebungen,
die den Fürsten zu angestrengter Aufmerksamkeit zwangen, um auf den
Bodenunebenheiten nicht zu stürzen, was die Maschine zertrümmert
hätte. Jede Verminderung der Geschwindigkeit machte uns aber die
Hitze stärker fühlbar. Wir waren müde, betäubt von der Sonnenglut und
der blendenden Lichtfülle und begannen uns nach dem Schatten unseres
abgenommenen Baldachins zurückzusehnen.

Beim Bewältigen einer niedrigen, aber steilen Anhöhe blieb das
Automobil plötzlich stehen. Das Benzin im Behälter des Motors war
aufgebraucht; er enthielt die für das Durchfahren von 200 Kilometern
nötige Benzinmenge. Seit dem Morgen hatten wir also 200 Kilometer
zurückgelegt, und waren noch nicht bis zur Telegraphenstation
Pang-kiang gelangt, die nach unserer Berechnung etwas über 180
Kilometer von unserem letzten Lagerplatze entfernt war. Waren wir
vielleicht an ihr vorübergefahren? Zuweilen hatten wir uns von der
Telegraphenlinie entfernt, hatten nicht immer achtgegeben, und
Pang-kiang konnte auch abseits von unserer Straße an irgendeiner
Abzweigung der Drähte liegen.

Diese Probleme, die uns keineswegs heiter stimmten, beschäftigten uns,
während Ettore durch sinnreiche Zusammenstellung von Hebern das Benzin
aus den großen Reservebehältern umfüllte. Die Hitze war derart, daß
wir die Benzindämpfe in weiten durchsichtigen Spirallinien entweichen
sahen, durch die hindurch die Gegenstände in zitternden Umrissen
erschienen. Als wir um das stillstehende Automobil herumgingen,
bemerkten wir ein neues Unglück; es fehlte ein Teil des Gepäcks, der
infolge einer Lockerung der festhaltenden Stricke ins Rutschen gekommen
und heruntergefallen war.

Es fehlte gerade das persönliche Gepäck des Fürsten, das irgendwo
verlorengegangen war.

Was war zu tun? Sollten wir zurückgehen, um das Gepäck und Pang-kiang
zu suchen? Wir entschlossen uns im Gegenteil, unseren Weg fortzusetzen.

Wir trösteten uns damit, daß das Gepäck zweier Personen für drei
ausreiche und daß, wenn wir an Pang-kiang vorübergefahren seien, wir
diese Etappe auslassen und uns sofort in die Wüste wagen könnten, da
wir noch den unberührten Wasservorrat, Lebensmittel für fünf Tage und
Benzin für 600 Kilometer hatten. Wir bestiegen also die Maschine wieder
und fuhren weiter.

Das Gelände besserte sich; auf einer Strecke von vielen Kilometern
bot es vortrefflichen Fahrgrund, der die größten Geschwindigkeiten
gestattete. Es erschien wieder etwas graues, vereinzeltstehendes Gras,
auf dem wir die von den Kamelen ausgetretenen Pfade wiederfanden.
Die Karawanen ziehen nicht eine einzige Straße entlang; sie
schlagen nur annähernd die gleiche Richtung ein und treten Hunderte
parallellaufender Wege aus, die nach den auf der Steppe hinterlassenen
Spuren zu urteilen, auf die Tätigkeit eines uralten riesigen Pfluges
schließen lassen.

[Illustration: Ettore beim Umgießen des Benzins.]

Mit einem Male konnten wir in weiter, weiter Ferne einen dunkeln Punkt
unterscheiden, der eine Hütte sein konnte. Der Punkt nahm die Gestalt
eines Rechtecks an und wurde länger. Es war eine erdfarbene Mauer. Wir
fuhren mit der Geschwindigkeit von 30 Kilometern und sahen bald ein
Lehmdach hinter der Mauer hervorragen. Telegraphenstangen näherten
sich diesem armseligen Gebäude, das viel niedriger war als sie.

[Illustration: Kamelkarawane mit Karren in der Wüste Gobi.]

„Pang-kiang! Pang-kiang!“ riefen wir mit einem Tone aus, den der
Matrose des Kolumbus ausgestoßen haben muß, als er das berühmte „Land!
Land!“ rief.

Augenscheinlich hatten wir uns bei der Berechnung der Entfernung
mindestens um 50 Kilometer geirrt. Pang-kiang befand sich nicht auf
unserer Karte, und wir hatten einen Induktionsschluß gezogen.

„Pang-kiang? Das da?“ fragte Ettore überrascht. „Ich glaubte,
Pang-kiang sei eine Ortschaft.“

„Ach was! Es ist ein Brunnen. Ein Brunnen und ein Telegraph. Nichts
weiter!“

Aber wir wollten auch nichts weiter.

Hätten wir vor unseren Augen den wundervollsten Palast der Welt
auftauchen sehen, wir würden keine größere Genugtuung empfunden haben.



Siebentes Kapitel.

In der Wüste Gobi.

     Der Telegraph in der Wüste. -- Der „Contal“ trifft nicht ein. --
     Über einen Meeresgrund. -- Die Wirkungen der Sonne. -- Udde.


Am Brunnen von Pang-kiang wurden wir erwartet. Der kleine chinesische
Telegraphenbeamte, dem diese Station anvertraut ist, kam uns aus seinem
Gehöfte entgegen und empfing uns unter lebhaften Versicherungen seiner
Freude.

Ich bedauere, mich nicht mehr des Namens dieses Helden zu entsinnen,
der in der Wüste lebt, um dem Okzident und dem Orient die Möglichkeit
zu verschaffen, sich miteinander zu verständigen. Kalgan, die nächste
Stadt, ist beinahe 300 Kilometer, Urga 800 Kilometer entfernt. Was
auch diesem Mann zustoßen mag, er kann nirgends Hilfe suchen. Die
Unermeßlichkeit des Raumes ist gleichbedeutend mit einem Gefängnis.
Um mit der Menschheit in Verbindung zu treten, muß dieser Mann eine
Reise von acht Tagen von einem Brunnen zum andern antreten. Niemand
vermag ihm beizustehen. Die Einsamkeit des in einer Festungszelle
Eingekerkerten ist nicht so schrecklich: der Eingekerkerte hat das
Bewußtsein, daß die Welt ringsum lebt; Echos dringen zu ihm, mit denen
sich seine Gedanken beschäftigen können. Das Entsetzlichste in der
Wüste aber ist die Stille.

Allerdings hat der kleine Chinese von Pang-kiang den Trost,
sich an zweierlei ergötzen zu können: einem Kindchen und einem
Telegraphenapparat. Die Liebe zu beiden ist es, die sein Leben
ausfüllt. Das Kindchen ist seine Tochter, und der Apparat ist sein
Freund. Stundenlang vertieft er sich in das Ticktack der Tasten und
des Empfängers und vernimmt in ihm Stimmen aus fernen Welten: es
spricht Petersburg, es spricht London, es spricht Tokio. Er übt das
Amt des Vermittlers aus: durch seine Hand gehen Nachrichten, Befehle,
geheimnisvolle diplomatische Mitteilungen, leidenschafterfüllte
Worte. Ist die großartige Unterhaltung der Erdteile untereinander
verstummt, so benutzt der Telegraphist die freie Linie und beginnt
eine bescheidenere Unterhaltung. Die Telegraphenämter der Wüste
tauschen Grüße untereinander aus, sprechen miteinander über die kleinen
Tagesereignisse, über ihren Kummer, ihre Hoffnungen.

Solche Unterhaltungen vertreten für diese Einsiedler die Stelle der
Zeitung.

Die Telegraphenstation von Pang-kiang ähnelt dem Hause eines
chinesischen Landmanns: drei kleine, niedrige, aus gestampftem Lehm
errichtete Gebäude, im Innern erhellt durch breite, eine ganze Wand
einnehmende, mit Papier ausgefüllte Gitterfenster. Die Gebäude nehmen
drei Seiten eines Quadrats ein und sind von einer hohen Mauer umgeben,
die nur einen Ausgang nach Süden hat und von einer Bekrönung aus
Telegraphenisolatoren überragt wird, einem seltsamen Ornamente, das
an eine lange Reihe weißer Zähne in dem Kiefer eines Toten erinnert.
An der nördlichen Seite der Mauer hat der Wind Sandmassen angehäuft.
An stürmischen Tagen überflutet der Sand alles; er dringt durch die
Fensterflügel, treibt in jedes Zimmer, der Himmel verfinstert sich, die
Luft wird trübe, draußen kann man auf zwei Schritte Entfernung nichts
erkennen, die Telegraphendrähte pfeifen und heulen, und die Dunkelheit
ist derart, daß man Licht anzünden muß. Der letzte Sturm hatte vier
Tage vor unserer Ankunft gewütet.

Außer dem Telegraphisten leben noch drei Männer in diesem Gehöfte: zwei
Chinesen und ein Mongole, die mit den Arbeiten an der Linie betraut
sind; sie haben die von den Stürmen zerrissenen Drähte auszubessern
und die umgeworfenen Stangen wieder aufzurichten. Es stehen ihnen
drei Kamele zur Verfügung, die in der Nähe weiden. Wir hatten diese
drei Tiere bei unserer Ankunft gesehen; sie streckten uns ihre
komischen, friedfertigen Schnauzen entgegen, die an ein faltenreiches,
selbstzufriedenes, vorweltliches Tier gemahnten.

Das beste Zimmer war für uns hergerichtet. Auf den Kangs lagen Decken
und Kissen von flammendem Rot, und auf einem Tische stand duftend
und frisch -- ein köstlicher Anblick -- eine prächtige Ananas aus
Singapore, die eben erst aus ihrer Büchse genommen worden war. Wir
fielen zuerst über die Ananas her, dann warfen wir uns auf die Decken.
Und auf diesem Triklinium ausgestreckt, schrieb ich in Reinschrift
die Eindrücke des Tages auf Formulare der kaiserlich chinesischen
Telegraphenverwaltung nieder.

Als unser Gastfreund in den Besitz meiner Depesche gelangt war, um sie
zu befördern, setzte ich mich neben ihn. Er war ein wenig verlegen, zog
chinesische Verordnungen zu Rate, sah Tabellen nach, zählte wiederholt
die Worte des Telegramms und schrieb dann sorgfältig auf die obere
Seite des Formulars „Nr. 1“.

„Ist dies das erste Telegramm am heutigen Tage?“ fragte ich ihn.

„Nein, Herr,“ antwortete er mir, „es ist das erste des
Telegraphenamtes.“

„Was verstehen Sie darunter?“

„Ich meine, daß Ihr Telegramm das erste ist, das auf dem
Telegraphenamte von Pang-kiang aufgegeben wird.“

„In diesem Jahre?“

„Nein, Herr, seit Bestehen des Amtes. Es sind jetzt sechs Jahre.“

„In sechs Jahren kein einziges Telegramm?“

„Kein einziges.“

„Und warum befindet sich denn da hier überhaupt ein Amt?“ fragte ich
nach einer Pause erstaunt.

„Weil die Entfernungen zu groß und Zwischenstationen nötig sind.“

Die Unterhaltung wurde durch den Apparat unterbrochen; Kalgan
antwortete auf den Anruf. Mein Telegramm begann abzugehen.

Kalgan empfing es, um es nach Peking weiterzugeben, Peking würde es
nach Schanghai befördern, Schanghai nach Hongkong, Hongkong nach
Singapore, Singapore nach Aden, Aden nach Malta, Malta nach Gibraltar,
Gibraltar nach London!

Es würde acht bis zehn Stunden brauchen, um an dem Orte seiner
Bestimmung einzutreffen. Aber die Zeit von Pang-kiang ist der von
Mitteleuropa um fast acht Stunden voraus, so daß das Telegramm
tatsächlich nur zwei Stunden nach seiner Aufgabe eintreffen wird. Es
war 4 Uhr 15 Minuten nachmittags, zwischen 6 und 7 abends würde mein
Bericht auf den Redaktionen des „Daily Telegraph“ und des „Corriere
della Sera“ einlaufen! Und am nächsten Morgen werden die englischen
und italienischen Leser erfahren, was am Abend vorher Automobilen in
der mongolischen Wüste begegnet ist. So groß erscheint der Sieg, den
der menschliche Geist mit Hilfe von Drähten und Funken über Raum und
Zeit davongetragen hat, daß in gewissen Augenblicken selbst die Seele
eines Journalisten, die doch am meisten an die Wunder der Schnelligkeit
gewöhnt ist, von einem Gefühl der Bewunderung und des Stolzes erfüllt
wird.

Gegen 6 Uhr trafen die andern Wagen ein. Wir sahen sie von weitem
kommen, als sie noch winzige Punkte in der grenzenlosen Einförmigkeit
des Geländes waren, so fern, daß sie unbeweglich erschienen wie Schiffe
am Horizont. Der „Spyker“ fuhr zuerst in das Gehöft ein, wo Ettore
damit beschäftigt war, unser Automobil in Ordnung zu bringen, während
ich mich hartnäckig bemühte, ein Stück Ziegenfleisch weich zu kochen,
das härter war als ein Pneumatikreifen. Du Taillis sprang von seinem
Sitze herab, hob einen grauen Sack empor und rief:

„Wem gehört dies?“

Es war das Gepäck Borgheses. Erst Pang-kiang und nun auch den
Gepäcksack gefunden zu haben, war der Gipfel des Glückes. Und dabei
gibt es Menschen, die in der Wüste umkommen!

„Ist es lange her, daß Sie es gefunden haben?“ fragte ich.

„O ja. Mehrere Stunden. Wir waren noch in der Steppenregion.“

„Lag es auf der Straße?“

„Keineswegs. Die Mongolen machten uns lebhafte Zeichen, als wir
vorüberfuhren. Wir hielten. Und dann händigten sie es uns ein und gaben
uns zu verstehen, Sie müßten es verloren haben.“

„Mongolen? Ehrliche Barbaren? Armselige Wilde, die sich den Luxus
gestatten, wiederzugeben, was sie finden?“

„Und noch dazu, ohne irgendwelchen Finderlohn zu verlangen.“

„Aber wo, lieber Freund, sind denn in aller Welt die Steppenräuber
geblieben, die die unumgängliche Pflicht hatten, uns anzufallen?“

„In Europa vermutlich.“

„So hatten wir denn ein Reiseabenteuer weniger! Es verlohnte sich
wahrlich der Mühe, in diese abgelegene Wüste zu kommen, um zu erleben,
daß man uns Milch anbietet und Gepäckstücke zurückgibt!“

~„Oui, c’est triste!“~

Vergebens warteten wir auf die Ankunft des Dreirades. Unsere Gefährten
waren fest überzeugt, Pons sei umgekehrt. Ich telegraphierte
unverzüglich in diesem Sinne. Wir hegten nicht die geringste Besorgnis
um Pons und seinen Begleiter. Sie befanden sich noch in bewohnten
Gegenden und würden leicht Gastfreundschaft und Hilfe finden.

Mehrere Stunden später erwies sich das Stück Ziegenfleisch als ebenso
widerspenstig gegen das Zerkauen, wie es sich gegen das Kochen
gesträubt hatte. Der Telegraphist, der es uns geliefert hatte, war
ganz trostlos. Wir trösteten ihn aber, indem wir ihm zeigten, daß
ein Europäer, der Hunger hat, nicht einmal vor einem Stück Pergament
zurückschreckt. Und dann streckten wir uns auf dem Kang aus.

In der Nacht drang das bleiche Licht des Mondes ins Zimmer; ich
erwachte davon und stützte mich auf den Ellbogen. Hier erfuhr ich zum
ersten Male in meinem Leben, was absolute Stille ist. Das, was wir
Stille nennen, ist nur die Abwesenheit bestimmter Laute, bestimmter
Töne, es ist nur das Schweigen menschlicher Geräusche. Während wir
aber jenem Schweigen lauschen, hören wir, wenn wir auf dem Lande sind,
die Bäume rauschen, die Halme flüstern, den Bach murmeln, die Grillen
zirpen, in der Ferne einen Hund bellen; sind wir an der See, so hören
wir das einem leichten Händeklatschen gleichende Anschlagen der ruhigen
Welle an das Gestade, oder das Anbranden wilder Wogen an die Klippen.
Hier aber vernahm ich gar nichts; nichts rührte sich, nichts lebte. Ich
hatte den Eindruck einer unnennbaren mythenhaften überirdischen Leere,
ich hatte die angstvolle Empfindung des Schwebens über den Abgründen
des Raumes, ich stand unter dem Albdruck unendlicher Vereinsamung.

Als ich meinen Kopf auf das Kissen zurücklegte, hörte ich das Geräusch
eines regelmäßigen, raschen, kräftigen, metallisch klingenden Schrittes.

Jäh erhob ich mich, um zu lauschen. Das Geräusch hatte sofort aufgehört.

„Pah!“ sagte ich zu mir, „es ist eine Wirkung des Ziegenfleisches. Das
Stück liegt unverdaut im Magen.“

Ich streckte mich wieder aus. Und sofort begann der Schritt in der
schwer lastenden, grauenerregenden Stille wieder vernehmbar zu
werden. Vollkommen wach geworden durch den Wunsch, meine Gedanken zu
konzentrieren, vermochte ich mich eines Lächelns nicht zu erwehren, als
ich die Ursache dieses Geräusches entdeckte: um früh munter zu werden,
hatte ich die Uhr unter das Kopfkissen gelegt.

Der Sonnenaufgang am Morgen des 19. Juni fand uns schon unterwegs. Wir
überholten den „Spyker“, der kurz vor uns weggefahren war, und schlugen
die Richtung nach Norden ein. Der neue Treffpunkt für den Abend
war Udde, die nächste Telegraphenstation, in der Nähe eines andern
Brunnens, nach unserer Berechnung ungefähr 250 Kilometer von Pang-kiang
entfernt.

[Illustration: Mongolische Soldaten.]

Die Luft war frisch, und die ersten Sonnenstrahlen schienen keine Wärme
mit sich zu bringen. Wir sausten dahin, und das Automobil warf einen
ungeheuer langen seltsamen Schatten, der auf den Grasbüscheln schwankte
und auf dem Sande erzitterte und sich wie der Schatten eines großen
fliegenden Vogels rasch vorwärtsbewegte.

Der Weg war gut, und der Motor, bisweilen zur vierten Geschwindigkeit
angetrieben, erfüllte die Stille der Ebene mit seinem stürmischen
Pochen. Wenige Kilometer von Pang-kiang entfernt stießen wir wieder auf
grüne Flächen. Wir gelangten abermals in eine Wiesenregion, die sich in
sanften Erhebungen über leicht welliges Gelände hinzog.

[Illustration: Mongolische Soldaten.]

„Was ist das, was da flieht?“ rief mit einem Male Ettore und zeigte mit
der ausgestreckten Hand nach unserer Rechten. Es war eine Antilope.
Etwa 100 Meter von uns entfernt, brachte sie sich in dem raschen und
eleganten charakteristischen Trabe der Antilopen, der weit schneller
ist als der Galopp eines Pferdes, in Sicherheit.

„Folgen wir ihr?“ rief ich aus.

Der Vorschlag, die Antilope mit einem auf die Geschwindigkeit von 90
Kilometern in der Stunde gebrachten Automobil zu jagen, erschien uns
über die Maßen verlockend. Aber der Fürst machte geltend, eine Jagd
könnte uns weitab führen und wir hätten noch einen weiten Weg vor
uns. Es gab außerdem einen Grund, der noch viel stärker zugunsten der
Freiheit jeder Art Wildes sprach, und dieser bestand darin, daß wir
keine Flinte besaßen!

Einen Augenblick später gelangten wir in die Nähe eines kleinen Trupps
Gazellen mit grauen Rücken und weißen Füßen, gewandt wie Füllen und
zierlich in ihren Bewegungen. Sie flohen erschreckt von dannen, eine
hinter der andern; in der Ferne blieben sie stehen und bogen ihren
geschmeidigen Hals zurück, um jenes nie erschaute Wesen zu betrachten,
das in den Frieden ihrer Weideplätze einbrach. Ihre Wahrnehmungen
schienen sie nicht allzusehr zu beruhigen, da sie sich von neuem zur
Flucht wandten und in langer Reihe verschwanden.

Weit seltener begegneten wir Menschen. Fünf bis sechs Mongolen zu
Pferde versuchten uns zu folgen; sie befanden sich einen halben
Kilometer entfernt uns zur Seite und galoppierten lange Zeit, lebhaft
gestikulierend, hinter uns drein.

Plötzlich sahen wir auf der öden Steppe etwas Weißliches schimmern, das
uns ein Palast zu sein schien, ein Palast mit andern kleinen, weißen
Baulichkeiten ringsum. Wir lenkten unsere Fahrt auf jene seltsame
Gebäudegruppe zu, und als wir näherkamen, bot sich uns ein Anblick aus
uralter Zeit.

Wer kennt nicht aus den gelehrten Rekonstruktionen unserer Archäologen
die Stile der alten asiatischen Kulturen? Wer hat bei dem Gedanken
an den Anblick, den Babylon und Ninive gewähren mußten, sich nicht
gewaltige massige Gebäude vorgestellt, mit leicht nach innen geneigten
Wänden gleich Pyramidenstumpfen, die den Schein großartig wirkender
Verkürzungen erwecken, mit Fenstern und Türen, die unten breiter
sind, einfach und majestätisch wie Grabmäler? Einige Ruinen des alten
Ägyptens bieten ein Beispiel von jener Pyramidenlinie, die den Mauern
eine Festigkeit von Jahrtausenden und den Schein des Riesenhaften
verleiht, die eine wunderbare perspektivische Wirkung hervorbringt, als
sei die Breitenabnahme nach oben eine Folge kolossaler Höhe.

[Illustration: Die ersten Berge in der Wüste von Urga.]

Als die photographische Kunst uns Lhasa enthüllte, haben wir jene
Wirkung wiedergefunden und waren von der außergewöhnlichen biblischen
Strenge der verbotenen Stadt überrascht, die uns architektonische
Formen vergangener Kulturperioden noch lebend zeigte, Formen, die
nicht mit der Religion aus Indien gekommen waren, auch nicht mit
der politischen Oberhoheit aus China, sondern die aus Westasien in
einer um zwei- bis dreitausend Jahre zurückliegenden Zeit nach Tibet
gebracht sein müssen. Die Absperrung, die Unbeweglichkeit, die Ruhe
und der Buddhismus, die aus Tibet ein Heiligtum gemacht haben, haben
die Überlieferung, wenn auch nicht den inneren Sinn einer Kunst
aufrechterhalten.

Wir befanden uns vor Gebäuden dieses selben Stiles. Aber sie wirkten
allerdings bei weitem nicht so überwältigend wie die Akropolis von
Lhasa. Die Wüste bietet keine Baumaterialien und wer weiß, von wo man
die Steine auf dem Rücken von Kamelen hierhergebracht hat. Es war die
Form und nicht die Größe, die ihnen majestätische Strenge verlieh. Und
vielleicht war auch die Bedeutung, die wir dieser Form beimaßen, waren
die Analogien, an die sie uns erinnerte, weiter nichts als Ausgeburten
unserer eigenen Phantasie.

Das Hauptgebäude war ein ganz aus weißem Kalkstein errichteter
lamaistischer Tempel, der am oberen Rande mit einem roten
Terrakottafries in griechischem Geschmack von schlichter Anmut
geschmückt war. Eine ähnliche Umrahmung umgab die Türen und die
trapezförmigen Fenster, von denen jedes durch ein kleines Dach
geschützt war. Lange Bronzerohre, die den Rudern einer Galeere glichen,
ragten oben hervor, um das Regenwasser von der Terrasse abzuleiten. Die
Gebäude ringsum, die viel kleiner waren, glichen dem Tempel. Wir nahmen
an, daß es die Wohnungen der Mönche seien. Wir verließen das Automobil
und schritten zu Fuß durch die heiligen Räume. Es war niemand darin.
Sie schienen verlassen. Wir hörten keinen Laut, kein Geräusch.

Wir standen im Begriff, „an Bord“ zurückzukehren, als aus einer Pforte
ein alter Mann mit kleinen Schritten herausgetrippelt kam. Bei unserem
Anblick blieb er stehen. Er war hochgewachsen, in ein seltsames Gewand
gekleidet, das die Arme nackt ließ, hager und hatte ein an eine alte
Frau erinnerndes runzliges Gesicht. Wir näherten uns ihm, begrüßten
ihn, photographierten ihn und sprachen auf ihn ein, ohne daß er sich
bewegt oder geantwortet hätte. Er zeigte weder Verwunderung noch
Furcht. Er schien in tiefe Meditation über das Geheimnis unseres
Wesens und unserer Anwesenheit an diesem Orte versunken zu sein.
Verständnislos betrachtete er uns. In seinen Augen sah man die
Anstrengung, seine Gedanken zu konzentrieren. Es war unmöglich, sein
Alter zu schätzen; er schien stark und zugleich hinfällig; auf seinem
Gesicht hatten sich die Furchen eines unberechenbaren Greisentums
eingegraben.

[Illustration: Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.]

Wir bestiegen wieder die Maschine und fuhren rasch davon; unbeweglich
sahen wir noch den Lama dort stehen, den einsamen Alten, der uns
fortwährend betrachtete, ohne verstehen zu können, was wir seien.

Der Weg stieg merklich bergan. Gegen 8 Uhr gelangten wir auf die Höhe
eines Rückens. Die Steppe war abermals verschwunden. Es kehrte das
fette, graue, einzelnstehende Gras wieder, das sich furchtsam in breite
Flecke zusammengezogen hatte, die weite unfruchtbare und kahle Strecken
zwischen sich ließen. Wir befanden uns an der Schwelle der eigentlichen
Wüste.

_Gobi_ bedeutet im Mongolischen Höhlung. Die Wüste bildet eine
Einsenkung von unermeßlicher Ausdehnung in der Mitte der Mongolei; es
ist die Höhlung, die „Gobi“, die einst ein Meer enthielt. Wir befanden
uns am Gestade dieses verschwundenen Meeres. Es war ein richtiges
Gestade, steil, ein jäher Absturz, entstanden durch den Anprall der
Wogen. Wir standen im Begriff, in eine noch tiefere Ebene, auf den
Grund dieses ehemaligen Meeres, hinabzusteigen. Diese Küste hatte ihre
Einbuchtungen, ihre Vorgebirge, ihre Halbinseln. Vor uns erstreckte
sich die unfruchtbare, gewellte Fläche ins Grenzenlose; sie schien sich
am Horizont zu erheben infolge jener optischen Täuschung, die uns den
Horizont des Meeres höher erscheinen läßt als sein Ufer.

Ein steiler, 20-30 Meter tiefer Abstieg führte uns auf harte, ebene
Sandflächen, die von Stürmen heimgesucht worden waren. Und nun begann
eine phantastische Fahrt durch die seltsamste und ödeste Landschaft,
eine Fahrt, die Angriff und Flucht zu gleicher Zeit war.

Je weiter wir vordrangen, desto kahler, düsterer und trauriger wurde
das Land. Bald war es glatt und eben, bald von jähen Erhebungen
durchschnitten; bald bestand es aus kristallinischem Sand, der in der
Sonne funkelte, bald war der Boden ein schiefriger Grund von der Farbe
zusammengepreßten Lehms. Nirgends ein lebendes Wesen mit Ausnahme
kleiner kurzer Eidechsen von einer Farbe, die der des Bodens so glich,
daß sie unsichtbar waren, wenn sie sich nicht bewegten. Man hätte sie
für winzige Bruchstückchen des Bodens halten können, die sich plötzlich
belebten, um vor den Rädern des Automobils da- und dorthin zu flüchten.

[Illustration: Mongolisches Jurtendorf bei Urga.]

Die Stunden vergingen in tödlicher Eintönigkeit. Die Hitze wurde mit
der Zunahme des Tages glühend. Die Luft war unbeweglich, und mit
Wohlbehagen atmeten wir den erfrischenden Hauch ein, den die rasche
Fahrt uns ins Gesicht trieb. Ohne Übergänge gerieten wir aus der
Kühle des Morgens in eine wahrhaft tropische Hitze. Eine sonderbare
Erscheinung konnten wir beobachten; während die Sonne glühte, war der
Schatten kalt. Wir hatten die Empfindung jemandes, der sich im Winter
an der Flamme eines Kamins erwärmt; an der dem Feuer zugekehrten Seite
verbrennt er sich, während er auf der andern vor Kälte erstarrt. Der
Himmel war von unerbittlicher Klarheit, so durchsichtig, daß wir uns
über die Entfernungen täuschten; wir sahen alles viel näher, als es
in Wirklichkeit war. Der Horizont schien immer in der Entfernung von
einigen Kilometern zu liegen, und doch fuhren wir stundenlang, ehe wir
Bodenerhebungen erreichten, die wir auf große Entfernungen am äußersten
Rande der Hügelkette gesehen hatten.

Diese unheimliche Durchsichtigkeit rührte von dem absoluten Mangel
an Wasserdampf in der Luft her. Die Trockenheit der Luft bereitete
uns Beschwerden, die sich von Minute zu Minute steigerten. Unsere
Haut war wie durch Fieber ausgedörrt, es fehlte uns der Schutz
einer Transpiration, die durch Verdunstung die Hitze mildert. Daher
fühlten wir die Sonne auf Gesicht und Händen in so fürchterlicher
Weise brennen, daß wir den Eindruck hatten, als befänden wir uns im
Brennpunkte einer ungeheueren Linse. Den Tag zuvor hatten wir übrigens
dieselbe Beobachtung gemacht, und bereits auf dem Wege nach Pang-kiang
drängte sich uns die Vorstellung einer Linse als das passendste Bild
auf; aber wir glaubten damals nicht, daß in der eigentlichen Wüste die
Linse solche Dimensionen annehmen würde! Wir begriffen jetzt, weswegen
die Karawanen nicht tagsüber auf dem Marsche sind. Aber wir konnten und
wollten nicht haltmachen. Unsere einzige Erleichterung beruhte in der
Schnelligkeit.

Wir fanden nur einen Brunnen. Gegen 10 Uhr stiegen wir eine weitere
Terrainstufe, ein neues Ufer hinab, das wahrscheinlich eine Etappe des
Meeres auf seinem langen Rückzuge bezeichnete, der vielleicht Myriaden
von Jahrhunderten gedauert hat, bis das Wasser gänzlich verschwand. Der
Boden war mit einer weißlichen Salzkruste bedeckt. An manchen Stellen
erinnerte er mich an das Tote Meer, aber ohne das Grün des Jordans.
Wir fuhren über ein totes Land, ein Land, das zu rasch gelebt hat. Wer
weiß, vielleicht hatten wir das Abbild der zukünftigen Welt vor Augen,
unserer Welt nach Millionen von Jahren, ausgetrocknet, erstorben,
ausgestreckt unter einem unveränderlich klaren Himmel, was ihr in den
unendlichen Weiten des Firmaments das Aussehen des Mondes verleihen
wird.

Die grausigste Strecke der Wüste ist etwa 60 Kilometer lang. Die
Karawanen suchen sie in einem einzigen Marsche zurückzulegen. Bei den
letzten Brunnen füllen sie Schläuche und Fässer mit Wasser und brechen
bei Sternenlicht auf. Ihr Weg wird durch bleichende Knochenhaufen
bezeichnet. Gerippe von Kamelen, von Maultieren, von Ochsen, von
Pferden liegen über die ganze Karawanenstraße hin verstreut, aber
in der Wüste reiht sich diese Spur des Todes fast ununterbrochen
aneinander. Oft überrascht der Sturm hier die dahinziehenden Tiere,
trennt sie in der durch den aufgewirbelten Sand erzeugten Dunkelheit
voneinander, zwingt sie zum Halten und tötet sie dann. Alle kranken,
müden und ermatteten Tiere sind dem Tode verfallen. Es ist das Gebiet
des Todes.

Ein unsagbares Todesbangen liegt über diesen Gefilden. Man weiß nicht,
woher es stammt, vielleicht von dem trostlosen Anblick, den die
Landschaft gewährt, von der niederdrückenden Seltsamkeit ihrer kahlen
Umrisse, der unendlichen Eintönigkeit der Farbe oder mehr noch von
dem lastenden angsterregenden Schweigen; es entströmt all und jedem
und erweckt die Vorstellung einer unbekannten, nahe bevorstehenden
Gefahr, einer ständigen Bedrohung, in die man sich resigniert ergibt.
Man hat nur einen Gedanken oder vielmehr ein formloses, unbestimmtes,
undeutliches, aber hartnäckiges Verlangen: zu fliehen, diese zur Leiche
gewordene Welt nicht mehr zu betreten, frei von ihr zu sein. Man schaut
nach dem Horizont wie nach einem Orte der Rettung und der Ruhe; man
sieht jedem Engpasse mit Hoffnung entgegen; hinter jeder Höhe glaubt
man unverhofft auf etwas Gutes zu stoßen. Aber die Engpässe ziehen
vorüber, es ziehen die Höhen vorüber, der vor uns liegende Horizont
wird zu dem hinter uns zurückbleibenden Horizonte; die Trostlosigkeit
erscheint endlos. Das Denken ermattet, die Seele ertrinkt in einer
unbezwingbaren Schwermut. Der letzte Halteplatz verliert sich in den
Nebeln der Vergangenheit; der halb betäubte Geist verdunkelt sich;
alles scheint in unermeßlicher Entfernung zu liegen, von den Schleiern
der Vergessenheit umwallt -- fern die Abfahrt, fern die Ankunft. Man
weiß nur das eine: man wird ankommen und man muß ankommen. Und diese
Vorstellung erzeugt eine große Kraft, die sich Geduld nennt. Ja, Geduld
und vorwärts! Alle Widerstandskräfte des Geistes und Körpers werden im
Dienste der Geduld gestählt. Wir schweigen schließlich, um nichts mehr
von unserer Energie zu verschwenden. Und dann kostet ein Wort, mitunter
auch nur ein Gedanke zu viel Anstrengung.

Gegen 10 Uhr befanden wir uns im Mittelpunkte der schlimmsten Strecke
der Wüste Gobi. Die beiden äußersten Karawanenhalteplätze sind durch
eine große Anzahl von Obos bezeichnet. Der Obo ist der Altar des
mongolischen Nomaden; er ist vielleicht der erste Altar, den die
Menschheit errichtet hat. Er besteht aus einem Steinhaufen.

Um vor dem Antritt der Wüstenwanderung den Schutz des Himmels anzurufen
und nach der Durchquerung der Wüste den Göttern für die gewährte
Rettung zu danken, nimmt der fromme Nomade einen Stein, legt ihn auf
den Obo, beugt sein Knie und betet. Seit unserem ersten Betreten
mongolischen Bodens, als wir uns noch in Sicht der Großen Mauer
befanden, trafen wir Obos auf dem Kamme der Hügelkette an. Sie gleichen
aber nicht denen der Wüste. Vielleicht waren sie verlassen, von den
Stürmen umgeworfen und in formlose kleine Berge verwandelt worden. Die
Obos, die wir an den Grenzen der ödesten Strecke antrafen, zeigten oft
eine erschreckende Menschenähnlichkeit.

Auch sie erhoben sich auf kleinen Anhöhen und bestanden aus einer
sorgsamen Steinanhäufung, deren Bekrönung von einem Ochsen- oder
Pferdeschädel gebildet wurde. Sie schienen dem Todesgotte errichtet
zu sein. Mehr als einmal erschienen uns diese Steinhaufen, die sich
scharf von dem strahlenden Himmel abhoben, von fern als Menschen, und
in den weißen Schädeln glaubten wir deren Gesichter zu erkennen. Es
waren ihrer so viele, daß sie dicht gedrängt standen. Das Vorhandensein
einer Menge, gleichviel welcher Zusammensetzung, war für uns ein
Grund zur Befriedigung. Es war eine Unterbrechung der grenzenlosen
Einsamkeit. In der Wüste werden sich alle Menschen lieb und wert, nicht
sowohl infolge eines Gefühls der Verbrüderung der Menschheit oder eines
Verlangens nach Zusammenschluß gegen die Gefahren, als vielmehr nur
durch den erhebenden Anblick von etwas Lebendigem. Wir betrachteten
forschend alle jene aufrechtstehenden Menschen; dann stutzten wir ob
ihrer Unbeweglichkeit; wir glaubten, daß sie uns vielleicht gesehen
hätten und vor Erstaunen stillständen. Mit einem Schlage umfing uns die
Einsamkeit von neuem und schmerzvoller als zuvor, als wir jene Menge
zu Stein werden, die Gesichter sich in Schädel verwandeln sahen wie
infolge einer verhängnisvollen Beschwörung.

Am Fuße jedes Obo lagen Papierstreifen mit darauf geschriebenen
Gebeten in tibetischen Schriftzeichen oder von der Zeit entfärbte
Fähnchen, auch sie mit Spuren frommer Inschriften bedeckt. Der Mongole
gibt sich dem poesievollen Glauben hin, daß der Wind, wenn er diese
Papierstreifen und Fähnchen bewegt, die darauf geschriebenen Gebete
emporträgt und Buddha überreicht; wenn die Luft darüber hinstreicht,
so füllt sie sich mit den Gebeten, wie sie sich mit Wohlgerüchen
erfüllt, wenn sie über Blumen dahinstreicht und sie hin und her bewegt.
Bietet die Verwendung des Weihrauchs bei unseren religiösen Zeremonien
nicht eine gewisse Analogie hierzu? Wir verdankten den Obos eine
Wohltat; ihre Errichtung bedeutete das Freisein des Weges von allen
Steinen. Und wer weiß, ob der Ursprung dieses eigenartigen religiösen
Brauchs im Grunde nicht auf die Notwendigkeit zurückzuführen ist, die
steinigen Straßen zu verbessern, und ob die Gewohnheit, Steine vom
Wege aufzuheben, nicht bei einem Volke, das jeder Handlung und jedem
Ereignis eine mystische Bedeutung beimißt, zum Ritus geworden ist?

Wir mußten uns davon überzeugen, daß der Kühlapparat, diese Lunge
des Automobils, schlecht atmete. Infolge der großen Hitze war es
dem von der Fahrgeschwindigkeit erzeugten Luftzug nicht mehr
möglich, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, das vielmehr
mit ununterbrochenem heftigem Zischen in Dampfform dem Ventil des
Kühlapparates entströmte. Seit langer Zeit (uns kam die Zeit wenigstens
lang vor) suchten wir nach Brunnen, um das Wasser im Motor zu erneuern.
Wir wollten den in unserem Behälter aufbewahrten Vorrat nur im
äußersten Notfalle angreifen. Er enthielt kaum 50 Liter, und es war ein
Gebot der Vorsicht, diese aufzusparen; ein Bruch der Maschine konnte
uns Schiffbruch erleiden lassen, und dieser Vorrat würde unsere Rettung
sein.

[Illustration: Mongolische Schönheiten.]

„Ein Brunnen!“ rief von Zeit zu Zeit einer von uns, den Horizont
betrachtend -- „dort, ein Brunnen, ich bemerke Feuchtigkeit, die Erde
hat einen dunkeln Fleck!“

„Ja, ja“, antworteten die andern.

Die Selbsttäuschungen sind ansteckend.

Der dunkle Fleck war nicht vorhanden; es war ein Schatten. Wir waren
gezwungen, unsere Zuflucht zu dem mitgebrachten Wasser zu nehmen, und
hielten an, um es umzugießen. Der Boden schien unter unseren Füßen zu
brennen; eine erstickende Schwüle und eine Augenschmerzen verursachende
Lichtfülle strömten von ihm aus. Wir wurden von einem fast
unerträglichen Durst gequält. Als wir das klare Wasser aus dem Behälter
herausfließen sahen, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und
tranken gierig davon, mit geschlossenen Augen, um größeren Genuß zu
haben, den Mund an das Rohr gepreßt, dasselbe Rohr, das zum Umfüllen
des Benzins diente. Das Wasser war warm und roch unangenehm nach Benzin
und Firnis; in jedem andern Augenblicke würde es uns ekelerregend
erschienen sein. Alles ist eben relativ auf dieser Welt. Der Fürst war
der Genügsamste; er benetzte kaum die Lippen und ermahnte uns, mit
diesem kostbaren Naß sparsam umzugehen. Die eintönige Fahrt ging weiter.

Gegen Mittag begannen sich wieder Spuren von Vegetation auf dem
Grunde einiger Einsenkungen zu zeigen, in denen augenscheinlich etwas
Feuchtigkeit zurückgeblieben war. Bald wurden wir von dem Fluge weißer
Vögel überrascht, und unmittelbar darauf entdeckten wir einen kleinen
Pfuhl in einer breiten Bodensenkung. Am Ufer schritten Stelzvögel
würdevoll auf und ab. Wir hielten, um Wasser einzunehmen, das Ettore
mit dem Topfe zu schöpfen ging. Das Wasser war völlig ungenießbar, von
übelm Geruche, gelblich und schmeckte leicht salzig; wir verwandten es
für den Motor, der ja keinen Gaumen besitzt. Aber dieses Wasser zeigte
uns durch sein Vorhandensein an, daß wir bereits aus dem unheilvollen
Reiche der völligen Trockenheit heraus waren. In der Tat stießen
wir auch nach einigen zwanzig Kilometern auf Brunnen, um die herum
Karawanenlager aufgeschlagen waren.

In der Nähe eines dieser Brunnen lagen nur zwei schlafende Chinesen
-- vielleicht zwei Unglückliche, die zu Fuß in kleinen Tagemärschen
in ihr Vaterland zurückkehrten. Sie besaßen nicht einmal ein Zelt, um
sich vor der Sonnenglut zu schützen. Als einziges Gepäck hatten sie
einige Lumpen in einem Sacke. Auf dem Sande ausgestreckt, der zu glühen
schien, lagen sie halbnackt mit bloßem Kopfe und schliefen. Neben
ihnen rauchten die Reste eines Feuers, und über dem Feuer dampfte die
Teemaschine, die in dem Gepäck auch des ärmsten Chinesen nicht fehlen
darf, ebensowenig wie der Samowar beim ärmsten Russen. Es war uns
unfaßbar, wie Menschen die fürchterliche Qual dieser Hitze aushalten
konnten. Als sie Geräusch vernahmen, erwachten sie und richteten sich
auf, um uns mit ihren schläfrigen Augen zu betrachten, dann streckten
sie sich wieder aus. Sie mußten abgemattet und betäubt sein. Was war
unsere Reise im Vergleich zu der ihrigen? Wir erinnerten uns des
Pilgers, den der Fürst bei Nankou angetroffen hatte, jenes Mannes, der,
alle drei Schritte die Erde küssend, die Wüste durchquert hatte, und
dachten daran, daß, wenn die beiden Chinesen ihm begegnet wären, sie
vielleicht mit ihm dasselbe Mitleid gehabt hätten, das wir mit ihnen
hatten.

Das Wasser der Brunnen war klar und kalt. Nachdem wir unseren Durst
gelöscht hatten, füllten wir den Eimer damit und reichten uns während
der Fortsetzung der Fahrt unausgesetzt volle Becher davon. Unter den
Wirkungen der Hitze konnten wir wenigstens eine gute feststellen:
den geringen Benzinverbrauch. In der explosiven Mischung, die sich
bei der Berührung mit dem elektrischen Funken entzündet und so die
treibende Kraft des Motors hervorbringt, war nur ein ganz geringer Teil
Benzindampf enthalten.

Wir bemerkten dies an dem Funktionieren des Ventils, das automatisch
Luft in das Gemisch einläßt; es blieb ganz offen stehen, und es war
augenscheinlich, daß die Luft in ungemein großem Maße in den Vergaser
einströmte. Der Fürst bemerkte, daß wir uns mehr mit Hilfe der Luft als
mit Hilfe des Benzins weiterbewegten.

[Illustration: Mongolen.]

Mit dem Vorschreiten des Tages nahm die Hitze zu. Die Sonne, die
uns zuerst zur Rechten, dann im Rücken gestanden hatte, begann uns
nunmehr von der linken Seite aus zu peinigen. Bei der Abfahrt von
Peking hatte ich den Korkhelm verschmäht, mit dem der Fürst und Ettore
sich ausgerüstet hatten, und forderte die Gluthitze der Wüste Gobi
nur unter dem bescheidenen Schutze eines Panamahutes heraus, dessen
Krempe infolge der Geschwindigkeit der Fahrt sich über meiner Stirn
zurückschlug und so mein Gesicht vollständig bloßlegte. In wenigen
Stunden verwandelte die Sonne uns zu grotesken Masken, und ich war
leider die groteskeste. Die Gesichter nahmen eine dunkelrote Farbe
an, schwollen auf und schmerzten, so daß wir nicht einmal die leise
Berührung des Taschentuches ertragen konnten. Das frische Wasser, das
uns an den vorhergehenden Tagen köstliche Abwaschungen ermöglicht
hatte, verursachte jetzt ein unangenehmes Brennen. Hier und da schälte
sich an dunkler gefärbten Stellen die Haut ab. Wir hatten den Eindruck,
als würden wir langsam gekocht. Die entzündeten Augen brannten uns im
Kopfe, die Lippen waren geschwollen, vertrocknet, aufgesprungen. Ettore
schmerzte namentlich der Mund, dessen Winkel bluteten. Entsetzlich
litt er an den Händen, die von der harten Arbeit schon rissig geworden
waren und auf denen die Sonnenglut tiefe offene Furchen in das Fleisch
einbrannte; die geschwollenen Finger zitterten vor Schmerz. Nicht hoch
genug bewerten läßt sich das ungeheuere Maß von Selbstverleugnung,
von Ehrgeiz und Energie, das Ettore aufbot. Da, wo es sein mußte,
unterdrückte er jeden Schmerz und zwang seine wunden Hände zu den
härtesten Anstrengungen, die mitunter Blutspuren an den Werkzeugen und
den Maschinenteilen zurückließen. Wenn er dann seine Arbeit mit der
peinlichsten Gewissenhaftigkeit vollendet hatte, betrachtete er die
Wunden und murmelte mit seinem an ein großes Kind erinnernden Lächeln:

„Ich fürchte, daß wir nicht weiterkommen.“

[Illustration: Mongolen.]

Hätten wir zu unseren Häuptern noch den herrlichen Schutz des
Zeltdaches gehabt, so hätten wir der Sonne spotten können. Jetzt
konnten wir uns zum Troste nur sagen: „Auch das wird vorübergehen!“

Wir folgten der unendlichen Linie der Telegraphenstangen in einer Art
Traumzustand. Jene Linie hatte etwas Verführerisches an sich. In dieser
schrecklichen Eintönigkeit gewährte sie dem Auge eine Abwechslung,
die uns Anregung bot. Bald lief sie geradeaus wie ein phantastischer,
dünner, schwarzer, von einem Horizonte zum andern gezogener Strich,
bald zeigte sie die Stangen in einer regelrecht ausgeführten Schwenkung
wie Soldaten bei einer Übung. Der Vergleich mit Soldaten drängte sich
uns namentlich dann auf, wenn wir die Stangen in Reih und Glied den
Abhang einer Anhöhe emporklimmen sahen. An den Übergängen nahmen die
sich eng aneinanderschließenden Linien oft überraschende nebelhafte
Gestalten an, bald ähnlich der Spitze eines gotischen Turmes, bald
einem in unendlicher Ferne liegenden zerklüfteten Berge gleichend. Wir
beobachteten all diese Einzelheiten mit kindischer Aufmerksamkeit. Es
kamen uns Gedanken von erschreckender Albernheit. Ich überraschte mich
einige Male dabei, wie ich mechanisch die Stangen zählte, indem ich
bei irgendeiner anfing, um mich schließlich doch zu verzählen. Für den
aber, der nicht steuert, ist das Niederdrückendste auf einer derartigen
Reise die Untätigkeit. Zuerst beobachtet man, sinnt nach, dann
phantasiert man, und schließlich geht das müde Denken in Stumpfsinn
über; kein Gesichtseindruck erweckt es wieder, und so bleibt man in
einem Zustande schweigender, ruhiger Empfindungslosigkeit. Der Geist
entschlummert und lullt sich in die süße Geistesabwesenheit des Traumes
ein.

„Eine Jurte!“ rief der Fürst aus.

Es war 2 Uhr nachmittags. Diese Worte rüttelten uns plötzlich auf, als
hätten sie ein Wunder angekündigt.

„Wo, wo?“

„Dort, linkerhand, unter jenen Felsen!“

„Wir kehren in die Welt zurück!“

„Es werden wandernde Nomaden sein. Es gibt hier keine Weideplätze. Wer
kann hier leben?“

Wir betrachteten die Jurte, vor der ein Pferd angebunden war. Nach
kurzer Zeit entdeckten wir ein beladenes Kamel, das von einem Mongolen
geführt wurde, der stehenblieb und uns lebhaft zuwinkte. Wir warteten
auf ihn, und der Mongole eilte unter tiefen Verbeugungen auf uns zu,
zog aus seinem Rocke ein großes in ein Tuch geschlagenes Paket hervor
und begann es langsam zu öffnen. In dem Paket befand sich ein zweites,
in dem zweiten ein drittes... Aus dem letzten Paket endlich kam ein
Telegramm zum Vorschein, das der Mann uns feierlichst überreichte.

Das Telegramm war an Du Taillis gerichtet; wir gaben es dem
Karawanenführer zurück und bedeuteten ihm, er möge seinen Weg nach
Süden weiter fortsetzen. Er schnürte sein Paket sorgfältig wieder
zusammen, das sicherste Mittel, um ein wertvolles Papier nicht zu
verlieren, das aber Geschäftsleuten nicht zu empfehlen sein würde!
Wir bemerkten dabei, daß das Kamel mit zwei Benzinbehältern beladen
war. Nun verstanden wir: der „Spyker“, der wahrscheinlich Mangel an
Brennmaterial litt, hatte von Pang-kiang nach Udde telegraphiert, um
sich zwei Kannen aus dem Depot schicken zu lassen, und diese beiden
Kannen waren unterwegs. In Pang-kiang hatten wir ihm einige Liter von
unserem Benzin abgetreten, und ich glaube, die beiden „de Dion-Bouton“
hatten dasselbe getan.

Um 4 Uhr befanden wir uns zwischen niedrigen Felsen, die hier und da
aus der Ebene emporragten wie Klippen über das Meer. Am Abend vorher
war es uns nicht gelungen, die Station Pang-kiang zu erblicken, und
wir hatten schon geglaubt, sie verfehlt zu haben; jetzt sahen wir
Udde in jedem fernen Felsen. Bei jedem Schritt wurden wir enttäuscht.
Um die Telegraphendrähte nicht aus den Augen zu verlieren, suchten
wir ihnen überallhin zu folgen, auf die Rücken von Hügeln, zwischen
Steine und Felsblöcke; die Weiterfahrt gestaltete sich auf diese Weise
sehr mühsam. Gegen 5 Uhr kam eine aus einer Anhäufung runder Felsen
gebildete Anhöhe in Sicht, an deren Fuße, mit den Steinen in eins
verschmolzen, ein einziges chinesisches Häuschen stand; es war Udde.
Wenige Minuten später zogen wir in diesen Ort der Freude ein, der auf
ein Haar jenem glich, den wir am Morgen verlassen hatten.

Wir wurden nicht von einem, sondern von zwei diensteifrigen
Telegraphenbeamten empfangen, und waren im Augenblicke eines
Umzugs angelangt. Der alte Telegraphist von Udde stand im Begriff,
seinen Posten zu verlassen, und traf die Vorbereitungen zu einer
siebzehntägigen Karawanenreise, um nach Kalgan zu gelangen.
Zwischendurch weihte er den einige Tage zuvor angekommenen neuen
Kollegen in die Pflichten seines Amtes ein.

Der Mann, der die Wüste verließ, war glücklich. Die ihn erfüllende
Befriedigung machte ihn redselig. Er folgte uns lächelnd überallhin.
Sobald wir uns umwandten, waren wir sicher, den kleinen, mageren
Chinesen zu sehen, bewaffnet mit einem großen Pince-nez an einer langen
Schnur, bereit, uns die ganze Fülle seiner Freude anzuvertrauen.
Während ich meinen telegraphischen Bericht niederschrieb, sagte er zu
mir:

„Ich gehe nach Schanghai.“

„So?“

„Ja, weil ich aus Schanghai bin. Ich bin Witwer (geziertes Lächeln) und
ich bin Christ.“

„Das freut mich.“

„Mein Vater will, daß ich wieder heirate. Und so heirate ich denn,
sobald ich nach Schanghai komme.“ (Gelächter.)

„Lieben Sie denn Ihre zukünftige Frau?“

„Nein. Ich kenne meine Braut nicht. Mein Vater hat sie mir ausgesucht.“

„Und wenn sie Ihnen nicht gefällt?“

Er sah mich erstaunt an und lächelte herablassend, als er antwortete:

„Mein Vater hat sie mir ja ausgesucht. Das ist so Brauch bei uns. Ich
reise übermorgen. Ha, ha!“

An diesem Abend warteten wir vergeblich auf die Ankunft der übrigen
Automobile.

Schweigend verzehrten wir etwas Reis und das ewige Cornedbeef; dann
streckten wir uns, in die Pelze gehüllt, auf der Erde aus. Seit zwei
Tagen hatten wir vergessen, etwas zu uns zu nehmen. Der Durst hatte den
Hunger nicht aufkommen lassen.



Achtes Kapitel.

Die Stadt der Wüste.

     Das ferne Gebirge. -- Ein Bild der Verödung ringsum. -- Die
     Stadt der Wüste. -- Ein geheimnisvolles Automobil. -- Auf der
     Antilopenjagd. -- Urga.


Udde war unsere zweite Vorratstation, und wir fanden hier Benzin,
Öl, Fett, das alles von Peking mit einer Karawane gekommen und in
einem wirren Haufen von Paketen und Fässern in einem Winkel des Hofes
beieinanderlag. Unterwegs war etwas Benzin durch die Ritzen der
beschädigten Fässer gelaufen; trotzdem hatten wir zur Genüge davon, um
die Behälter der Maschine zu füllen; wir ließen auch noch einige volle
Behälter zurück und baten die Telegraphisten, sie unseren Kollegen für
den Fall auszuhändigen, daß sie ihrer bedürften.

Am 20. Juni kurz vor Tagesanbruch kam ein Mongole von dem mehr als
einen Li von der Telegraphenstation entfernten Brunnen von Udde und
überbrachte uns Nachrichten. Am Brunnen hatte er Karawanenführer
angetroffen, die nach einem langen Nachtmarsche von Süden her dort
angelangt waren; sie hatten ihm berichtet, daß „die fremden Wagen“
am vorhergehenden Abend 180 Li (etwa 80 Kilometer) von Udde entfernt
gelagert hätten. Die Entfernung erschien uns etwas übertrieben; die
Karawane konnte in der Nacht nicht mehr als 100-110 Li zurückgelegt
haben, und die Automobile mußten sich etwa 60 Kilometer von uns
entfernt befinden. Der Fürst beschloß, zwei Tage in Urga, der
Hauptstadt der Mongolei, wo wir am Abend des folgenden Tages
einzutreffen gedachten, auf sie zu warten, wie wir dies auch in Kalgan
getan hatten.

Im Westen funkelten noch einige Sterne, als wir nach Tauerin, der
nächsten, über 300 Kilometer entfernten Telegraphenstation, aufbrachen,
nachdem wir eine Tasse guten heißen Tees geschlürft und uns unter
Danksagungen von unseren beiden Telegraphisten verabschiedet hatten.

Der Morgen war frisch, und wir hatten uns in unsere Pelze gehüllt, die
kaum genügten, um uns zu erwärmen. Aber drei Stunden später hatten wir
sie schon über die Rücklehnen unserer Sitze gelegt. Um 9 Uhr begannen
wir von neuem unter den Qualen der Hitze zu leiden.

Wir hätten schwören können, daß die Hitze von Tag zu Tag zunehme; in
Wahrheit aber wurde sie uns nur fühlbarer infolge der überaus großen
Empfindlichkeit unserer kranken Haut. Als der Tag vorschritt, brachte
uns nicht einmal der Luftzug der raschen Fahrt mehr Erleichterung. Wir
hatten manchmal die Empfindung, als seien wir von dem glühenden Atem
eines Ofens umgeben, als näherten wir uns allzusehr einer unsichtbaren
Feuersbrunst. Der unaufhörliche, quälende Durst peinigte uns wieder;
die übermäßige Trockenheit der Luft dörrte uns die Kehle aus, und es
war uns, als ob wir ganz austrockneten. Das Antreffen eines Brunnens
war ein Fest.

Ich erinnere mich als eines der köstlichsten Genüsse der Minuten, in
denen ich meine Lippen an den Rand des mit frischem Wasser gefüllten
Eimers setzen konnte. Es war ein Trinken in vollen, langen, gierigen
Zügen, mit den Füßen im Schmutz, der sich um den Brunnen angehäuft
hatte, das Gesicht nach unten gewandt, fast eingetaucht in das Wasser,
das überfloß, in den Hals rann und sich über die Kleider ergoß; so
groß war unsere Gier, rasch zu trinken, viel zu trinken, uns an der
erquickenden Frische zu laben, die in Strömen in uns hineinrann.

[Illustration: In der mongolischen Steppe.]

Als die Hitze wieder begann, standen wir unter dem Banne eines
unstillbaren Verlangens, das uns nicht verlassen wollte; wir stürzten
im Geiste eingebildete Getränke hinunter. Ettore dachte gewöhnlich an
ein großes Glas eiskalten Bieres, das durch den Schaum getrübt war,
aber nach und nach vom Grunde aus immer klarer wurde und in der Kehle
prickelte, während an der beschlagenen Außenseite Tropfen zwischen den
Fingern herabrannen. Alle Augenblicke bot er mir sein Glas Bier an; ich
revanchierte mich dafür großmütig mit Eiskaffee. Ich weiß nicht, warum
der Eiskaffee zu meiner geistigen Lieblingserfrischung in der Wüste
wurde. Seltsam, wir nahmen uns ernstlich vor, bei unserer Rückkehr
wahre Orgien im Trinken zu feiern, uns in Wahrheit daran zu erquicken,
als müsse uns dieser Durst bis in unsere Häuslichkeit verfolgen. Und
wir empfanden großes Bedauern um alle Biere und alle Eiskaffees,
die wir früher getrunken hatten, ohne uns ihren unermeßlichen Wert
zu vergegenwärtigen, ohne die Glückseligkeit zu fühlen, die daraus
entspringen kann.

Mit Udde waren auch die Felsen verschwunden. Stundenlang zog sich der
Weg durch eine endlose Reihe von Tälern hin, die von niedrigen sandigen
Hügeln von rötlicher Farbe eingeschlossen waren. Auf den Hügeln fanden
wir mitunter eine kurze steinige Strecke, mitunter auch schweren Sand,
der den Motor ermüdete, aber im allgemeinen konnte sich das Gelände für
den Automobilsport nicht besser eignen. Die Maschine wurde des öftern
auf jungfräulichen Ebenen zur Maximalgeschwindigkeit angetrieben;
wir wichen von jeder Spur eines Pfades ab, verließen die Fußtapfen
der Kamele und drückten die Spur unserer Räder einem Boden auf, der
überhaupt noch nicht betreten worden war.

Zum erstenmal jagte ein Automobil mit all seiner Kraft außerhalb der
tyrannischen Schranken der Straße hin, Herr seiner selbst, seinem
Ungestüm nach Laune und Belieben folgend wie ein freies Roß. Wir
freuten uns über diese weiten schnellen Fahrten, die unsere Flucht
unterstützten. Wir empfanden die Angst vor der Einsamkeit und Stille
immer beklemmender. Auf Hunderte von Kilometern waren wir die einzigen
lebenden Wesen; wir litten unter einem unbestimmten geheimen tiefen
Gefühl des Grauens über diese Vereinsamung, über das wir uns keine
Rechenschaft ablegen konnten. Es war die Vorstellung einer uns weithin
rings umgebenden Feindseligkeit, einer erbitterten Gegnerschaft
der Erde selbst. Wir betrachten die Erde stets als eine großartige
Persönlichkeit, nennen sie Mutter Erde, finden sie bald lächelnd,
bald ernst, wir legen ihr Sprache und Leidenschaften bei; sie hat
Gesichtszüge, die Empfindungen erwecken; es liegt etwas in ihr, was
einer Seele gleicht, einer großen Seele. Wir fühlen dies instinktmäßig;
wenn wir allein in einer Gegend sind, so haben wir Empfindungen von
Freude oder von Trauer, die von dem herrühren, was sich unseren Augen
darbietet, Empfindungen, die die unerforschliche Emanation eines
geheimnisvollen Lebens sind, das uns umgibt. Dort draußen entsprang
aus diesem Geheimnis Abneigung. Man möchte sagen, die Wüste liebe ihre
Stille und verteidige sie. Sie ist ein unermeßlicher Friedhof, der
nicht entweiht werden will.

Wir sehnten uns danach, wenigstens einen Baum zu sehen. Ein Baum
ist ein Gefährte, ein riesenhafter Freund, der im Schatten seiner
geöffneten Arme Gastlichkeit und Ruhe bietet. Seit Kalgan hatten wir
jedoch keine Bäume gesehen. Allerdings hatten wir gestern nicht weit
von Udde solche anzutreffen geglaubt; am Ufer eines ausgetrockneten
steinigen Gießbaches bemerkten wir sieben in einer Reihe stehende
Bäume -- sieben Wunder. Wir näherten uns ihnen und bemerkten, daß es
tamarindenartige Sträucher waren von weit unter Mannshöhe; die Kahlheit
des Bodens hatte uns über die Größenverhältnisse getäuscht. Jedenfalls
betrachteten wir sie als große Seltenheit und erfreuten uns an ihrem
Dasein und an ihrer Form.

Es war 10 Uhr geworden, als die Steppe wieder auftauchte.

Das Gras begann zaghaft die Talgründe mit Grün zu bekleiden, dann
dehnte es sich über die Hügel aus und wurde einheitlicher und
dichter. Im Grünen ließ sich ein Gezwitscher von Vögeln vernehmen,
anfangs unbestimmt, unterbrochen, fern, dann lauter, zusammenhängend,
wohlklingend. Es waren Tausende von Wüstenlerchen, von eigenartigen
Rebhühnern mit weißer Brust und von Schopfreihern. Um das Automobil
herum erhoben sich ganze Wolken dieser fröhlichen Bewohner der Luft;
zuzeiten waren wir von ihnen vollständig eingehüllt. In der Nähe mußte
sich also Wasser befinden. In der Tat fuhren wir kurz darauf an kleinen
schlammigen, mit gelbem Rohr bedeckten Sümpfen vorbei, deren Ufer von
Wasservögeln wimmelten, von weißen Flamingos, die unbeweglich auf den
langen roten Beinen standen, von Enten mit schwarzem Kopf und von
Wildgänsen. Mitunter hob eine von unserer Ankunft überraschte Antilope
den feinen Kopf aus dem Grase und schoß dann pfeilschnell von dannen.

[Illustration: Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in
Urga.]

Die Geschwindigkeit des Automobils zeigte uns wechselnde
Landschaftsbilder, die den Karawanen unbekannt sind. Im Laufe einer
Stunde waren wir aus der Sandwüste in die Steppe gelangt; der träge
Gang des Kamels würde einen Tag dazu gebraucht haben, das heißt eine
Zeit, in der der Wechsel gar nicht zum Bewußtsein kommt. Im Fluge
durcheilten wir eine vollständig ebene Fläche, eine Fahrt von 60
Kilometern ohne Unterbrechung, die, wie wir hofften, nicht eher enden
würde als auf unserem neuen Halteplatz. Aber die Fahrt ging zu Ende,
die Ebene ging zu Ende, die Steppe ging zu Ende, es verstummte der
Gesang der Lerchen, und wir steuerten vorsichtig in eine steinige,
traurige, nackte, öde Gegend! Von neuem waren wir von der Wüste
eingefangen. Wir machten an einem Brunnen mitten im Lager einer
chinesischen Karawane halt. Die Karawanenführer traten halbnackt aus
ihren blauen Zelten und näherten sich uns.

„Wie weit ist es bis Tauerin?“ fragten wir.

Sie wiesen nach Norden mit einer ausdrucksvollen Handbewegung, die
sagen sollte: Sehr, sehr weit.

„Wieviel Li?“

Sie wußten es nicht. Einer von ihnen sagte:

„Zwei Tagereisen.“

Ein anderer erzählte ein langes und breites von Tauerin, von einem
Berge, bezeichnete uns einen Punkt, an dem die Straße eine kleine
Anhöhe emporstieg, und es gelang uns zu verstehen, daß Tauerin am Fuße
eines Berges liegen müsse und daß der Berg von jenem Punkte der Straße
aus sichtbar sei.

Wir hatten uns nicht getäuscht. In der Tat bemerkten wir, als wir
die Maschine über die Anhöhe trieben, am Horizonte die Umrisse eines
riesigen Felsens, eines Gibraltars der Wüste. Er konnte nicht weniger
als 70 Kilometer entfernt sein, und wir sahen ihn nur infolge der
außerordentlichen Durchsichtigkeit der Atmosphäre. Er war blaßblau,
und wie aus dem Meere, wenn Land in Sicht kommt, so verloren wir ihn
aus den Augen; er entschwand zeitweilig unseren Blicken, sein Umriß
zerfloß, und die Vision löste sich in strahlende Lichtfülle auf. Wir
mußten geduldig mit dem Auge die Linie des Horizontes absuchen, um die
zitternde, flüchtige Erscheinung wieder aufzufinden.

Der Weg stieg an, und der Berg von Tauerin ging unter wie ein Gestirn.
Es begann eine neue endlose Reihe von ausgedörrten Tälern und Anhöhen.
Auf jedem Hügel erwarteten wir unser Gibraltar in größerer Nähe zu
sehen. Aber wir sahen überhaupt nichts mehr. Die Stunden gingen vorüber
und schienen uns eine Ewigkeit. Wir fühlten uns müde, abgespannt,
als sei unsere Kraft in den mächtig arbeitenden Motor übergegangen.
In Wahrheit beflügelten wir ihn dermaßen durch unser beständiges
Verlangen, begleiteten ihn mit solcher Willensanspannung, daß wir
tatsächlich eine physische Schwäche spürten. Der Weg war nicht immer
leicht fahrbar, und wir folgten jeder Bewegung der Maschine mit einer
Aufmerksamkeit, die unser ganzes Nervensystem anspannte.

Der große Felsen kam nicht wieder zum Vorschein. Stets wiederholten
wir mit erneuter Zuversicht: „Dort werden wir ihn sehen in wenigen
Minuten ...“ Nichts. Jede Enttäuschung brachte uns um Hunderte von
Kilometern zurück. Nach vier Stunden war unser Glaube zu Ende.

„Jener Berg war eine durch die Telegraphendrähte hervorgerufene
optische Täuschung!“ rief ich aus und zeigte auf die seltsamen,
verschwommenen Formen, die die Verkürzung der langen Reihe der Stangen
am Horizonte zeichnete.

„Wenn es ein Berg gewesen wäre, so wäre er nicht verschwunden“;
bemerkte Ettore weise.

„Und doch konnte es nichts anderes als ein Berg sein“, schloß Don
Scipione, den ich im stillen für eigensinnig hielt.

Wir mußten uns überzeugen, daß wir noch weit vom Ziele entfernt waren,
und verfielen in melancholisches Brüten.

[Illustration: Mongolenfrau aus Urga.]

An diesem Tage war mir der Platz auf dem Tritte zugefallen, der
ungewohnte und nicht immer angenehme Empfindungen in mir erregte.
Er nötigte mich, in gekrümmter Haltung zur Seite geneigt zu sitzen,
die Füße nach links auf dem Trittbrett, außerhalb des Automobils,
den Kopf nach rechts gewandt, eine Stellung, wie sie einer badenden
Nymphe angemessen, aber für eine lange Fahrt reichlich unbequem
ist. Das Gesicht, das sich in der Höhe des Motorkastens befand,
erhielt alle heißen Ausströmungen der Maschine. Dazu kam ein stetes
Schwanken des Gleichgewichts bei den Wendungen und während der harten
Stöße des Automobils; man mußte sich an irgendeinen vorspringenden
Teil festklammern, um nicht infolge unvorhergesehener Wirkungen der
Zentrifugalkraft herausgeschleudert zu werden. Alles das will bei
einer Spazierfahrt nichts besagen und ist vielleicht sogar amüsant.
Es ist aber von ernster Bedeutung bei einer vielstündigen Fahrt, wenn
Müdigkeit und Langeweile allmählich Muskeln und Gehirn erschlaffen
lassen, wenn die erzwungene Unbeweglichkeit, das Schweigen, die
Eintönigkeit des Weges, die Hitze, das lange Wachsein allmählich ein
Abspannen der Nerven, eine Betäubung hervorbringen, die nicht Schlaf
ist, wohl aber ein Vergessen seiner selbst, des Ortes und der Zeit,
eine unbezwingliche Mattigkeit und Bewußtlosigkeit. Man verfällt in
ein Delirium der Ruhe und Untätigkeit. Das Auge blickt verständnislos.
Alles verliert seine Bedeutung und seinen Reiz. Ich erinnere mich,
eine unbestimmbare Zeit hindurch die Umdrehung eines Rades beobachtet
zu haben, dessen breiter Pneumatikreifen mir ein grauer, gleichmäßig
herabstürzender Wasserfall von ewiger Dauer zu sein schien und der mich
wie ein Strudel anzog. Der Boden zu meinen Füßen schoß vorbei wie jene
seltsamen, grauenerweckenden Ströme, die wir in unseren Fieberträumen
überschreiten. Einmal erschien mir alles dunkel, verworren
dahinzujagen. Nur eines begriff ich: ich war in Gefahr, zu stürzen.
Nur ein kleiner Teil meines Wesens war noch wach, in dem verdunkelten
Bewußtsein wachte der Instinkt wie ein Soldat auf Posten und schlug
Alarm. Aber ich vermochte nicht mehr auf ihn zu hören. Ich fühlte, daß
ich fiel, und leistete keinen Widerstand, es überkam mich eine wohlige
Gleichgültigkeit ... Mehr als einmal packte mich eine Hand kräftig an
der Schulter, und ich hörte die Stimme des Fürsten mir zurufen:

„Achtung! Sie fallen!“

Und ich erwiderte sofort mit dem Schamgefühl dessen, der in trunkenem
Zustande überrascht worden ist:

„Nein, nein, es hat keine Gefahr.“

Unvermutet kam der Berg wieder zum Vorschein. Er war ungefähr 15
Kilometer entfernt und schien aus einem riesenhaften Felsblock mit
senkrechten Wänden zu bestehen; er erhob sich über einem Hügel, der
vielleicht von den Trümmern des Felsens herrührte. Augenscheinlich
bildete die lange Reihe von Ebenen und Anhöhen, durch die wir soeben
gekommen waren, in ihrer Gesamtheit eine weite Einsenkung, eine riesige
Höhlung, eine „Gobi“, und dieser Umstand hatte uns daran gehindert,
den Berg von Tauerin nach seinem ersten fernen Erscheinen wieder zu
erblicken. Je näher er kam, desto seltsamer erschien er.

Es war nicht ein einzelner Felsblock; es war eine Gruppe von Klippen,
eine Anhäufung von Felsen, eine Kolonie von Schären, etwas wie ein
ungeheuerer Obo, errichtet von dem Glaubenseifer eines Volkes von
Titanen. Dreiviertel Stunde später fuhren wir zwischen Steinen und
Blöcken in eine phantastische Gegend ein.

Wir stiegen den Abhang des erwähnten Hügels hinan, der von dem Felsen
mit seinen bizarren, furchterregenden Umrissen überragt wurde. Wir
hatten den Eindruck, als befänden wir uns in einer ungeheueren Ruine,
als wären wir an einem Orte, an dem eine Welt zusammengebrochen war.
Diese riesigen, seltsamen Steine schienen aus der Höhe herabgefallen
zu sein, umgestürzt, fortgeschleudert, zertrümmert von der Wut einer
unermeßlichen Katastrophe. Zu der Verödung gesellte sich die Wüste. Die
Wüste schlummerte nicht mehr auf stillen, weiten Ebenen; hier bäumte
sie sich ungestüm auf und nahm gewalttätige Formen an; sie schien sich
nicht mehr zur Abwehr, sondern zur Zermalmung zu rüsten.

Die Maschine fuhr auf der Karawanenstraße mühsam bergan, und ihr
Schnaufen wurde vom Echo zurückgeworfen. Wir suchten zwischen den
Felsen nach der Telegraphenstation; ohne es zu bemerken, hatten wir
unseren Führer, die Telegraphendrähte, verloren und befanden uns wie
verlassen in jener unheimlichen Einsamkeit. Es gelang uns nicht,
unseren schmerzlich ersehnten Zufluchtsort zu entdecken.

Aus einem Loche schlüpfte ein Fuchs heraus, der, anstatt erschreckt
zu fliehen, uns eine lange Strecke begleitete; gelehrig wie ein Hund,
kehrte er uns die spitze, gestreifte Schnauze zu und schleppte die
prächtige, langbehaarte Rute hinter sich her. Dann verschwand er.

Wir gelangten auf den westlichen Gipfel der Anhöhe. Die Felsen
rundeten sich nach dieser Seite ab und nahmen die Gestalt von riesigen
Tiergruppen an. Wir fuhren bergab, der Ebene zu.

Mit einem Male sahen wir über diesem ungeheueren Steinhaufen vier
goldene Kugeln in der Sonne glänzen. Sie waren von gleicher Größe,
hielten sich in derselben Höhe und waren symmetrisch verteilt. Wir
betrachteten sie mit angespannter, stummer Aufmerksamkeit. Sie
schwebten über dem Felsengewirr, das zur Linken der Straße herabfiel,
einige hundert Meter vor uns. Als wir unseren Weg fortsetzten,
entdeckten wir zwischen den Blöcken einen breiten Zwischenraum, und
unsere Neugierde ging in Verwunderung über, die Verwunderung in
sprachloses Staunen, je mehr die verworrenen Bilder in diesem von der
Sonne grell beleuchteten Zufluchtsorte feste Gestalt annahmen. Einige
Minuten später brachten wir das Automobil zum Stehen, um mit gierigen
Augen das unglaubliche Schauspiel einer Stadt zu betrachten, einer
Stadt seltsamen Aussehens, einer Märchenstadt!

Wir konnten sie von der Höhe überblicken. Felsen umgaben sie von
allen Seiten und vertraten die Stelle von Mauern. Die goldenen Kugeln
bildeten die Bekrönung von vier großartigen Tempeln, die sich nach
Süden zu aneinanderreihten. Diese heiligen Gebäude hatten nichts gemein
mit dem Tempel, den wir in der Nähe von Pang-kiang gesehen hatten,
dem Tempel des alten unbeweglichen Priesters. Sie waren auf großen
Plattformen von Holz errichtet, wie die buddhistischen Bauten Japans;
sie schienen ganz aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holze zu
bestehen; sie hatten Dächer, die an den Ecken aufgebogen waren wie die
chinesischen, aber ohne in jene charakteristische Linie auszulaufen,
die dem Dache eines Zeltes gleicht und die vielleicht im Zelte ihren
Ursprung hat, ihre Firste endeten im Gegenteil in Giebeln. Auf der
äußersten Spitze befand sich immer eine goldene Kugel. Diese Gebäude
glichen einander und standen jedes abgesondert von den übrigen. Ihre
Großartigkeit rührte von ihrer isolierten Lage her. Rings umher keine
Pflanze, kein Anzeichen von Grün, nur Sand und Felsen. Die Stadt lag
ein wenig entfernt und ließ ehrfurchtsvoll einen freien Raum zwischen
sich und ihren Tempeln.

Man kann sich keine seltsamere Stadt vorstellen. Sie bestand aus einer
Menge kleiner weißer Häuser aus Kalk und Holz, mit quadratischen,
regelmäßigen Dächern, aus geraden und breiten Straßen. Die Stadt
und die Tempel schienen neu, aber ausgestorben. Die Straßen waren
verlassen. In dem hellen Lichte, das in sie einströmte, bemerkten wir
kein menschliches Wesen. Der Ort, der unversehens wie durch Zauberei
vor uns auftauchte, schien unbewohnt zu sein. Oder besser, nicht von
Menschen bewohnt, weil wir von Zeit zu Zeit Hunde bemerkten, die durch
die Straßen liefen, an den Häusern entlang schlichen und sich an den
schattigen Stellen auf allen vieren ausstreckten. Die Stadt schwieg wie
die sie umgebende Wüste.

Wer mochte in diesen Gegenden leben? Mönche, sicherlich. Wir glaubten
uns plötzlich vor einem Bergneste des Lamaismus zu befinden. Wir ließen
das Automobil stehen und näherten uns der Lamastadt, indem wir auf
einen mächtigen Felsblock kletterten. Nur Menschen, die im Gebet und
in religiöser Vertiefung ihren Lebenszweck erblicken, konnten eine
solche Regungslosigkeit und solches Schweigen beobachten. Da drang
von irgendeinem Punkte eine laute, helltönende, frohe Kinderstimme
zu uns empor. Ihr Klang genügte, um uns zu sagen, daß dort nicht nur
Mönche wohnten. Wir stiegen nicht zu den Häusern hinunter, aus Furcht,
einen gefährlichen Fanatismus zu erwecken. Auch hatten wir große Eile,
unseren Lagerplatz aufzusuchen. Wir kehrten daher zum Automobil zurück
und setzten unsere Nachforschungen nach der Telegraphenstation fort.
Die geheimnisvolle Stadt entschwand unseren Blicken.

Wir bemerkten einen Hirten, der eine kleine, im Schatten der Felsblöcke
grasende Herde bewachte, aber zu weit entfernt war, als daß wir mit
ihm hätten sprechen können. So begannen wir auf der nördlichen Seite
des Berges hinunterzufahren. Die Telegraphenstation war noch immer
nicht sichtbar. Wir kehrten daher zurück und beschlossen, die Lamas der
heiligen Stadt zu befragen.

Von neuem in die Nähe der Stadt gelangt, begaben wir uns zu Fuß nach
dem bewohnten Teile. Irgend jemand hatte uns gesehen. Männer eilten aus
den Straßen heraus und stiegen, von Hunden begleitet, zu uns empor,
allen voran ein Greis. Der Fürst wandte sich mit einem Zeichen des
Grußes an ihn. Der Alte wich zurück und floh. Der Gruß wurde bei einem
jungen Manne wiederholt, der ihn glücklicherweise festen Fußes und mit
einem der Sachlage entsprechenden Mute entgegennahm.

Wie aber sollte man einen mongolischen Lama nach dem Wege zu einer
Telegraphenstation fragen? Nachdem wir alle chinesischen Worte, die
zum Ziele führen konnten, gebraucht, alle Gesten, die nach unserer
Meinung Drähte, Stangen, Häuschen, Telegraphieren bezeichneten (an
dieser Stelle der Mimik ahmten wir mit der Stimme das Geräusch des
Stiftes in einer Weise nach, die uns vollkommen erschien: tick-tick
tick, tick-tick tick), wiederholt hatten, erzielten wir nur das eine
praktische Resultat, daß das ganze Lamaistenkloster von Tauerin lachte.
Das war wenigstens etwas! Das Mißtrauen verschwand, der Humor besiegte
den Widerstand, die Mönche drängten sich vertraulich um uns und
freundeten sich mit uns an. Aber den Weg zur Station fanden wir nicht.

Der Fürst hatte jetzt eine glückliche Idee; er holte sein Notizbuch
hervor und zeichnete Striche, die die Telegraphenstangen darstellen
sollten, versah sie mit Isolatoren und spannte Drähte dazwischen.
Die Lamas verfolgten seine Arbeit mit gespanntem Interesse, stießen
einander an und reckten die Hälse. Es waren Männer jeden Lebensalters,
mit glattrasiertem Kopf und Gesicht, in Kutten und Mäntel von gelber
und roter Farbe gehüllt. Viele trugen den Mantel auf dem bloßen Körper,
wie eine Toga über die linke Schulter geschlagen, und bedeckten mit
einem Zipfel des Mantels den Kopf. Kutten, Mäntel und Menschen waren
gleichmäßig schmutzig; Wasser ist in der Wüste selten. Wer ahnt, was
für ein aufregendes Erlebnis unsere Ankunft für jene Eremiten war, die
sich von der Welt abgeschlossen haben, um die heiligen Schriften des
Buddhismus zu studieren und über sie nachzudenken! Die Mongolen tragen
ihre aus dem fernen Tibet stammenden heiligen Bücher mit sich in die
ödesten Gegenden; sie verbergen sie wie einen Schatz. Sie sind der
Ansicht, daß die milde Lehre Buddhas nur in der Einsamkeit und Stille
vollständig begriffen werden könne.

Nachdem der Fürst die Drähte gezeichnet hatte, ging er an die
Darstellung der Telegraphenstation, in der sich die Drähte vereinigten,
und tippte dann mit dem Finger darauf, um anzudeuten, daß dies der
Gegenstand unserer Fragen, der eigentliche Zweck seiner langen Arbeit
sei. Da begriffen die Lamas den Sinn der Hieroglyphen! Gestikulierend
und laut durcheinanderrufend setzten sie sich in Bewegung, um uns die
Richtung zu zeigen. Auf die Straße gelangt, blieben sie beim Anblick
des Automobils erstaunt stehen. Sie umringten es und betrachteten es
mißtrauischen Blickes. Eine Menge Hunde war den Mönchen gefolgt und
schnüffelte indiskret überall herum. Ettore glaubte den Augenblick
gekommen, die Maschine in Bewegung zu setzen. Er drehte die Kurbel
zweimal mit Macht herum, der Motor trat lärmend und brausend in
Tätigkeit, und die Hunde und die Lamas flohen Hals über Kopf der
heiligen Stadt zu!

Zum Glück hatten wir begriffen, daß die Telegraphenlinie sich
in östlicher Richtung auf engen, sich zwischen den Felsen
hindurchwindenden Pfaden hinziehe. Ich weiß nicht, wie es dem Automobil
glückte, die steilen Abhänge bis zur Höhe des Hügels hinaufzuklimmen,
eine Art Gang zwischen den Felsblöcken zu passieren und auf der andern
Seite wieder hinunterzugelangen. Tatsache ist, daß wir auf eine Wiese
kamen, auf der schon der Abendschatten lag -- und mitten auf der
Wiese lag die dritte Telegraphenstation der Mongolei, klein wie ihre
Mitschwestern, wie diese ein Lehmbau und doch in unseren Augen so
verlockend!

„Wissen Sie schon?“ fragte uns der chinesische Telegraphist in großer
Eile -- „es ist ein anderes Automobil vorübergekommen. Es fuhr nach
Urga.“

„Ist es möglich?“

„Ja, es hat hier nicht gehalten. Es fuhr rasch wie der Wind.“

„Teufel noch mal!“

„Ich habe es ganz deutlich gesehen, es kam aus der Richtung von Udde
her.“

„Wann denn?“

„Vor einigen Stunden.“

Wer konnte uns überholt haben? Wir hatten nichts gesehen. Vielleicht,
während wir den Weg suchten ... Oder war einer der „de Dion-Bouton“ die
ganze Nacht durch gefahren und uns zuvorgekommen?

„Sind Sie ganz sicher?“ fragten wir. „War es ein Automobil?“

„Ganz sicher. Es kam von Udde, fuhr nach Urga, und ich habe sofort
telegraphiert.“

„War es so wie das unsrige?“

[Illustration: Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der
Mongolei.]

„Viel kleiner; o, viel kleiner.“

„Bitte in Udde wegen aller Automobile einmal anzufragen.“

„Sofort.“

Und der dienstfertige Chinese setzte sich an den Apparat. Einen
Augenblick später erhob er sich und erklärte würdevoll:

„Udde speist. Es bittet um fünf Minuten Frist, um zu Ende zu essen.“

Als Udde gespeist hatte, sandte es die erbetenen Nachrichten, die
der Telegraphist uns nach und nach übersetzte, wie er sie von dem
Papierstreifen ablas.

„Die ‚Itala‘ hat Udde heute morgen um 4 Uhr verlassen ...“

„Sehr gut. Und dann?“

„... Der ‚Spyker‘ hat gestern 100 Li nördlich von Pang-kiang halten
müssen aus Mangel an Benzin, das ihm mit einem Kamele zugesandt
wurde ... Die ‚de Dion-Bouton‘ sind heute 1 Uhr nachmittags zusammen in
Udde eingetroffen und um 2 Uhr weitergefahren.“

„Sonst nichts?“

„... Der dreirädrige ‚Contal‘ ist bis jetzt weder in Pang-kiang noch
in Kalgan gemeldet worden ... Der Tu-tung von Kalgan hat berittene
Soldaten ausgeschickt, um ihn zu suchen. -- Das ist alles.“

Es war klar, daß der „Spyker“ sich mindestens 400 Kilometer hinter
uns befand und die beiden „de Dion-Bouton“ 250. Das Geheimnis
des Automobils, das einige Stunden vorher durchgekommen war ohne
anzuhalten, war aufgeklärt. Wie hatten wir es nicht sofort verstehen
können!

„Das waren wir“, erklärten wir dem erstaunten Chinesen. „Wir waren
es, die dort vorbeifuhren. Wir haben nicht gehalten, weil wir das
Telegraphenamt nicht sahen, das wir auf allen Seiten des Hügels
suchten, nur nicht auf der richtigen.“

„Das Automobil, das vorüberfuhr, erschien mir kleiner“, bemerkte er
zweifelnd.

„Infolge der Entfernung.“

„Das ist wahr. Die Entfernung verkleinert alles.“

Nachdem er diese tiefe Wahrheit ausgesprochen hatte, zeigte sich der
Telegraphist vollkommen überzeugt.

Bei der Berechnung der zurückgelegten Strecke stellte es sich heraus,
daß wir das erste Tausend Kilometer von Peking aus hinter uns hatten.
Um dies Ereignis festlich zu begehen, beschlossen wir, ein opulentes
Mahl zu halten. Ein Hirt und Lama, der in diese Gegend gekommen war,
verkaufte uns ein Lamm, das wir ihm mit Stücken eines Silberbarrens
bezahlten (gemünztes Geld hat bei den Mongolen keinen Kurs), die wir
ihm gewissenhaft auf einer kleinen in Kalgan gekauften Wage zuwogen.
Das Lamm, das den geschickten Händen des Telegraphisten anvertraut
wurde, erschien einige Stunden später wieder vor uns in der Gestalt
eines riesigen Stückes dampfenden gekochten Fleisches, das uns als das
köstlichste Gericht der Welt vorkam.

Vor den zusammengelegten Knochen zündeten wir uns dann unsere
Zigaretten an und unterhielten uns beim Scheine einer in den Hals einer
Flasche gesteckten Kerze eingehend über die nahe Wüstenstadt, deren
Weichbild von keinem weiblichen Fuße betreten werden darf, von unserer
Reise, von dem nächsten Haltepunkte. Wir hatten Müdigkeit, Durst, alle
Leiden der langen Tagereise vergessen, dreizehn endlos lange Stunden
der Fahrt in glühender Sonnenhitze, in aufreibender Anspannung der
Nerven, unter tausend Zweifeln und Ängsten.

Wie klein und verächtlich erschienen uns nun die überwundenen
Schwierigkeiten! Die Zukunft spornte uns dermaßen an, daß wir keine
Zeit verloren, zurückzublicken. Diese Neigung, Schlimmes zu vergessen,
macht das größte Glück des Menschen aus. Jeden Morgen fühlten wir uns
beim Aufbruch stark und bereit zu neuen Anstrengungen, weil wir die
Erinnerung an den vorigen Tag verloren hatten. Ein wohltätiger Schleier
breitete sich über die überstandenen Leiden. Und beim Aufbruch glaubten
wir immer, alle Schwierigkeiten seien zu Ende. Im Vergessen und im
Hoffen liegen die Quellen unserer Kraft! Unsere Fahrt glich in vielen
Stücken dem Leben.

       *       *       *       *       *

Tauerin liegt am Rande der Wüste. Im Süden von Tauerin trostlose
Unfruchtbarkeit, im Norden die grüne Pracht der Steppe. Jener hohe
Felsen scheint als Wahrzeichen, als Leuchtturm an seinen Platz gestellt
zu sein, um den unterwegs befindlichen Wanderern die Grenze zwischen
der toten und der lebenden Erde anzuzeigen, um den einen zu sagen:
„Bereitet euch vor zum Ende“, den andern: „Mut!“

Die Strecke zwischen Tauerin und Urga erschien uns bezaubernd,
vielleicht weil wir aus der Wüste Gobi kamen. Wir fanden alles
entzückend: das Gras, den Weg, den Himmel. Denn auch der Himmel hatte
sich verändert; er war bewölkt, und wir bewunderten die Wolken, die
sich darin gefielen, ihre langen, flüchtigen Schatten wie riesige,
zarte Liebkosungen über uns hingleiten zu lassen. Wir fuhren 50
Kilometer die Stunde, zuweilen 60. Das Gelände war leicht gewellt, und
wir ließen uns die sanften Abhänge hinabgleiten mit dem ganzen Ungestüm
der Geschwindigkeit und des Schwergewichts. Wir waren fröhlich, fanden
tausenderlei zu sprechen, machten uns auf alles aufmerksam, was wir
sahen, und dachten laut.

Ettore fragte, um wieviel Uhr wir in Kalgan eintreffen würden -- ja,
in Kalgan, da Ettore in seiner Vorliebe für Vereinfachung die Namen
aller durchfahrenen und der noch zu durchfahrenden Orte unterdrückte,
zur bequemeren Bezeichnung aber ein paar übriggelassen hatte. Und
diese paar wandte er ohne Unterschied auf alle an. Es war eine Art
Kauderwelsch; Kalgan bedeutete: „jene Stadt, welche ...“ Ettore
hatte ein schlechtes Gedächtnis für Geographie; die Namen gingen
an ihm vorüber, ohne haften zu bleiben, wie Vögel im Fluge; war es
ihm aber gelungen, sich eines Namens zu bemächtigen, so ließ er ihn
nicht mehr los und er mußte ihm die Stelle aller andern vertreten,
die ihm entwischt waren. Seine aufrichtige Gleichgültigkeit gegen
die Reiseroute hatte ihre beneidenswerten Seiten; wir lachten
wohl über seine geographischen Schnitzer, aber nicht, weil es
Schnitzer waren, sondern wegen seiner frischen Naivität, wegen des
Zutagetretens seiner ungekünstelten Schlichtheit; wir empfanden neben
ihm den reinen Genuß, den die Berührung mit der Seele eines großen
intelligenten Kindes verleiht. Für Ettore bestand die Reise aus zwei
einleuchtenden Wahrheiten: nämlich erstens, daß wir zwei bis drei
Monate alle Tage oder wenigstens fast alle Tage vom frühen Morgen
bis zum Abend fahren müssen, und zweitens, daß, um anzukommen, das
Automobil beständig gut gelenkt, überwacht, behorcht, nachgesehen,
geprüft, besorgt, geputzt, geölt, eingefettet werden muß, wobei er
niemals ermüden darf, sondern im Gegenteil dem Wagen seine ganze
Aufmerksamkeit, Erfahrung, Intelligenz und Energie widmen muß. Dies
war gerade Ettores Lieblingsarbeit. Wenn er abends an den Haltepunkten
eintraf, so aß und schlief er nicht eher, als bis er die Maschine in
Ordnung gebracht hatte; stundenlang lag er in den unglaublichsten
Stellungen unter dem heißen Bauche des Automobils, von dem siedendes Öl
heruntertropfte; zuweilen erhob er sich, von einem Zweifel ergriffen,
zu den unmöglichsten Stunden vom Lager, und dann hörten wir ihn mitten
in der Nacht Verschlüsse abschrauben, Stücke wegnehmen, um die feinsten
Konstruktionsteile zu besichtigen und hierauf alles wieder an Ort
und Stelle zu bringen. Bei Tagesanbruch war er stets in tadelloser
Bereitschaft, nach -- Kalgan zu fahren!

[Illustration: Ein Brunnen der südlichen Mongolei.]

An diesem Morgen stießen wir wieder auf große Pferdeherden, die ihre
prächtigen Manöver um uns herum ausführten. Wir erblickten Jurten;
schwarze, zottige Hirtenhunde verfolgten uns; Schafherden stillten an
Brunnen ihren Durst, Karawanen begegneten uns am hellen Tage. Alles
stimmte uns heiter. Wenn wir nicht sprachen, sangen wir. Der Fürst
pfiff beim Steuern seine Lieblingsarie, die „~Petite Tonkinoise~“, die
ich passend begleitete.

In der Ferne weideten einige Antilopenherden; vom Automobil
aufgeschreckt, ergriffen sie die Flucht quer über die Straße vor uns.
Wir hatten diese seltsame, den Antilopen eigene Art des Fliehens, die
die armen geängstigten, über unsere Schnelligkeit entsetzten Tiere
uns auf 20-30 Meter nahebrachte, noch nicht beobachtet. Die Jäger
kennen diese sonderbare Taktik gut und sprengen daher nicht direkt auf
das Wild zu, dessen Lauf viel rascher ist als der eines mongolischen
Pferdes, sondern biegen etwas von der geraden Richtung ab, um es von
der einen Seite zu fassen, da sie wissen, daß die Antilopen auf
Flintenschußweite an ihnen vorüberstürmen werden. Dieses Vorüberjagen
im rechten Winkel zur Richtung des Feindes ist ein primitives
Schutzmittel gegen die Verfolgung. Die Tiere nehmen an, ihr Ungestüm
werde den Gegner aus der Richtung bringen und ihn zu einem Zeitverlust
zwingen, indem er eine andere Richtung einschlagen muß und dann erst
wieder die Verfolgung aufnehmen kann.

[Illustration: Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im
Automobil.]

Mit einem Male bemerkte ich in der Steppe, einige Kilometer von uns
entfernt, einen außergewöhnlich langen Streifen von rötlicher Farbe,
der sich mit großer Geschwindigkeit fortbewegte. Er wandte sich nach
rechts, in sich selbst erzitternd und von einer leichten Staubwolke
verhüllt.

„Seht dort!“ rief ich und deutete mit der Hand darauf.

Im ersten Augenblick wußten wir nicht, um was es sich handelte.

„Es läuft wie ein Zug.“

„Es sind Tiere.“

„Es sind Antilopen.“

„Ja, ja. Man sieht es jetzt ganz deutlich.“

„Da ist eine allein, den andern voraus.“

„Betrachten Sie die Beine, welches Gewimmel!“

„Ein wunderbarer Anblick!“

„Prächtig!“

„Wieviel mögen es sein?“

„Wer weiß? Vielleicht ein halbes Tausend.“

„Ein ganzer Stamm Antilopen.“

Wir waren den Tieren bis auf 500 Meter nahegekommen und erkannten
ganz deutlich das gewaltige Rudel, das sich auf der Flucht eng
zusammendrängte. Es war im Begriff, nach gewohnter Taktik quer über die
Straße hinwegzusetzen.

„Wir wollen ihnen nach!“ rief ich.

Der Fürst schaltete den Ganghebel auf die vierte Geschwindigkeit ein.
Das Automobil sauste stärker und lauter, schoß nach vorn und flog über
den harten Sand des Pfades. In wenigen Sekunden bemerkten wir, daß
das ganze Rudel nicht mehr Zeit haben würde, vor uns die Straße zu
überschreiten, was uns mit einer Art grausamer Genugtuung erfüllte.

„Welche Geschwindigkeit haben wir?“ fragte ich.

„Neunzig bis hundert“, erwiderte Ettore.

[Illustration: Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.]

Wir fühlten um unsere Gesichter einen Sturm, einen Orkan wehen. Mir
kam der Gedanke, die Mauserpistole zu nehmen, um eines von den Tieren
zu schießen, es dann hinten auf das Gepäck zu schnallen und im Triumph
nach Urga zu schaffen. Aber ich konnte meine Absicht nicht in die Tat
umsetzen. Mit überraschender Schnelligkeit hatten die Antilopen die
Richtung geändert und flohen, in zwei Gruppen geteilt, von denen die
eine rechts, die andere links an uns vorüberjagte. Einige Augenblicke
befanden wir uns inmitten dieser seltsamen Herde, eingehüllt von dem
Staube, den das Stampfen der feinen, nervigen und schnellen Hufe
aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit stürzte eines der zaghaften, vor Schreck
wahnsinnigen Tiere, überschlug sich, wurde von den andern getreten
oder übersprungen, richtete sich mit einem Satze auf und stürmte
weiter. Wir schrien in der Aufregung der Jagd; wir schrien, weil wir in
gewissen Augenblicken, die alle Roheit und Leidenschaftlichkeit in uns
wiedererwecken, in die ursprüngliche Wildheit zurückfallen und weil wir
keine andere Waffe besaßen als die Stimme. Da wir nicht töten konnten,
vergnügten wir uns daran, zu erschrecken, und unser Geschrei steigerte
den Schrecken der Opfer bis zur höchsten Todesangst. Rasch jagte dieses
stürmische Durcheinander von gelben schlanken Rücken seitwärts in
rasender Flucht von dannen und verschwand in der Ferne in der Steppe.

Um 10 Uhr morgens gelangten wir in eine bergige, aber leicht zu
passierende Gegend. Wir verließen die mongolischen Ebenen für immer.
Die Gebirge Ostsibiriens und Transbaikaliens entsandten zu uns ihre
äußersten Ausläufer, ihre letzten Erhebungen. Bald kamen wir in ein
Tal, das uns endgültig die grenzenlose Ausdehnung der Ebenen verbarg,
die wir betäubt und unklaren Geistes verließen wie jemand, der nach
einer langen Seereise das Land wieder betritt.

Jurten und Herden wurden häufiger. Wir begegneten einem Mongolen, der
in rote kostbare Seide gekleidet war, begleitet von einem andern, der
zerlumpt genug aussah, um für den Sklaven des ersteren zu gelten. Die
beiden hatten sich ins Gras gesetzt und ruhten, wobei sie die Zügel
ihrer Pferde um den Arm geschlungen hatten. Als sie uns erblickten,
erhoben sie sich jäh vor Schreck und schickten sich an zu fliehen; aber
es war zu spät, und einen Augenblick später fuhren wir rasch an ihnen
vorbei. Als sie bemerkten, daß wir keine feindliche Absicht hatten,
wagten sie uns nachzusehen und brachen in ein nichtendenwollendes
Gelächter aus. Dieser Wagen, der von selbst lief, mußte auf sie wie
eine überaus komische Erscheinung, wie ein heiterer Unsinn wirken, als
hätten wir vergessen, die Pferde vorzuspannen, und als hätte der Wagen,
noch zerstreuter als wir, sie nicht vermißt und wäre in gleichem Tempo
weitergefahren! Sie lachten und krümmten sich vor Lachen, die Hände auf
die Knie gestützt.

Eine ungeheuere Menge dicker Murmeltiere sprang im Grase herum;
es waren ihrer Tausende, und zwar von der Art, die die Engländer
„Präriehunde“ nennen. Sie liefen nach ihren Höhlen in der Erde; bevor
sie sich aber versteckten, verfehlten sie nicht, uns neugierig zu
betrachten, wobei sie auf den Hinterbeinen saßen, in einer komischen
Stellung, die etwas Menschenähnliches an sich hat. Wenn die Höhle zu
weit entfernt war, als daß die klugen Tierchen sie hätten erreichen
können, fielen sie plötzlich, wie vom Blitze getroffen, um und stellten
sich tot, um rasch wieder aufzuleben, sobald wir vorüber waren. Wir
begrüßten die Anwesenheit der Murmeltiere mit großer Genugtuung, weil
wir wußten, daß sie die Umgegend von Urga in großen Mengen bevölkern.
Sie kündigten uns die Nähe der Hauptstadt der Mongolei an. Es war
11 Uhr, als wir uns am Fuße des Bogda-ola, des „Heiligen Gebirges“,
befanden. Wir hatten den Tolafluß erreicht, an dessen Ufern die Stadt
liegt.

Die Gipfel des Bogda-ola waren mit einem dichten, dunkeln Walde kleiner
Kiefern bedeckt, der bis in die Täler und Schluchten herabreichte.
Es waren die ersten Bäume, die wir nach einer Reise von etwa 1200
Kilometern zu Gesicht bekamen! Wir betrachteten sie mit hoher Freude.
Wir hatten Weiden, Pappeln, Erlen dort hinten an der Grenze des
alten China zurückgelassen und fanden jetzt Kiefern vor; von der
vielgestaltigen Flora der gemäßigten Zone gelangten wir zu der der
kalten. Der Anblick dieser Landschaft ließ uns erkennen, welche
Strecke wir zurückgelegt hatten. Wir befanden uns schon inmitten einer
nordischen Strenge, wir merkten, daß Sibirien nahe war.

In das weite Tal des Tola einbiegend, gewahrten wir in westlicher
Richtung Urga, undeutlich wie in einem Spiegel, durchsetzt mit weißen
Gebäuden, die Tempel sein mußten. Wir hatten noch einen langen Weg
zurückzulegen, ehe wir die Stadt erreichten. Der Tola und ein Netz
seiner Nebenflüsse kreuzen oft die Straße. Von Russen erbaute Brücken
führen darüber; aber die Mongolen ziehen es vor, durchzuwaten.
Schließlich folgten wir ihrem Beispiel und fuhren entschlossen in den
Fluß hinein, wobei wir uns an die Spuren der Räder und Schuhe hielten
und mit voller Geschwindigkeit vorwärtseilten, um nicht einzusinken.
Diese Durchfahrt der großen grauen Maschine, um die herum das Wasser
wie um ein Torpedoboot hoch aufspritzte, war ein eigenartiger Anblick.

Urga ist nicht eine einzelne Stadt; es gibt drei Urga: ein
chinesisches, ein mongolisches und ein russisches, die mehrere
Kilometer voneinander entfernt liegen. Drei große Rassen, die
slawische, die mongolische und die chinesische, wohnen dicht
beieinander, ohne sich jedoch zu vermischen. Es herrscht zwischen
ihnen noch ein Rest jahrhundertealter Gegnerschaft. Die drei Städte
scheinen von feindlichen Völkerschaften bewohnt zu sein; sie haben
das Aussehen verschanzter Lager. Sie sind von sehr hohen Palissaden
umgeben, wie sie in der Kriegführung der Alten üblich waren, um den
Ansturm der angreifenden Reiterei zu brechen. Hohe Palissaden umgeben
auch die einzelnen Häuser und Tempel. Nach außen sieht man nichts von
dem Familienleben der Bewohner; die Straßen sind nichts als eintönige,
düstere und gleichförmige Gänge zwischen Holzmauern.

Gefahr muß also auch heute noch bestehen; diese Verteidigungswerke
können nicht lediglich traditionelle Bedeutung haben. In der Tat
hat das russische Konsulat -- eine Villa im sibirischen Stile, die
isoliert zwischen der Chinesen- und der Mongolenstadt liegt -- rings
ein Glacis und Laufgräben; es ist von breiten Gräben und von Netzen
aus Eisendraht, von Wolfsgruben, den modernsten und wirksamsten
Annäherungshindernissen, umgeben; es hat Kanonen und eine Besatzung
von transbaikalischen Kosaken. Weiterhin, gegen Westen zu, in der Nähe
der Mongolenstadt, hat sich auch der tatarische General, der Tu-tung
von Urga, der Kommandant der chinesischen Besatzung, in eine Festung
von quadratischem Umriß eingeschlossen. Sie wird durch Erdwerke, die
durch Balken verstärkt und mit Zinnen und Schießscharten versehen sind,
verteidigt und an den Ecken von Militärposten bewacht. Chinesen und
Russen haben sich wie in einem eroberten Lande eingenistet. Wer ist der
wirkliche Herr?

[Illustration: Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.]

Sicher nicht jener göttlich verehrte Herrscher des mongolischen Volkes,
der Chutuktu, der lebende Buddha, der fast ganz abgeschlossen in einem
etwas abseits gelegenen Lamakloster wohnt, zu welchem die meisten
Gebäude gehören, die man aus der Ferne sieht. Buddha gefällt sich
darin, ein menschliches Leben zu führen, indem er in den Körper dreier
Männer eingeht -- nur dreier in der ganzen Welt. Einer von diesen ist
der Dalai Lama von Lhasa, der zweite der von Urga, der dritte der von
Peking, das Oberhaupt von zwölfhundert Lamas des großen Tempels von
Jung-ho-kung. Obgleich alle drei die Seele Buddhas besitzen, herrscht
zwischen ihnen doch ein merkbarer Rangunterschied. Der von Tibet ist
der am höchsten, der von Peking der am wenigsten angesehene; der
Unterschied besteht in der Größe der Segenskraft. Sie werden nicht nach
ihrem inneren Werte verehrt, sondern nach dem Nutzen, den sie stiften.
Als vor zwei Jahren der Dalai Lama von Tibet aus Lhasa entfloh, das
durch den Vormarsch der Engländer bedroht war, und sich nach Urga
flüchtete, verließen die wackeren Mongolen ihren einheimischen Gott
zugunsten des weit mächtigeren tibetischen. So konnte man damals das
seltsame Schauspiel erbitterter Feindschaft zwischen zwei Buddhas
beobachten.

Um diese in Ungnade gefallene Gottheit von Urga schlingen sich die
Fäden der politischen Intrige. Ein kluger, energischer und ehrgeiziger
Mann an der Spitze des mongolischen Volkes könnte der chinesischen
Oberhoheit gefährlich werden. Wahrscheinlich rührt daher die seltsame
Erscheinung, daß der lebende Gott niemals ein Mann, sondern stets ein
Kind ist. Sich anbeten zu lassen, ist eine Aufgabe, die auch ein Kind
erfüllen kann. Dieser Jüngling gelangt nie zu voller Reife. Wenn er die
Schwelle des Mannesalters erreicht, stirbt er. Er stirbt unvermutet,
auf geheimnisvolle Weise. Aber er hat bereits seinen Nachfolger
ernannt, und ein anderes Kind besteigt den tragischen Altar. Dieser
plötzliche Tod ist eines der regelmäßigsten Wunderzeichen der Gottheit:
die Seele des Gottes kann nur in einem Kinde wohnen. Es geht jedoch das
Gerücht, daß das heilige Kind -- erdrosselt wird!

Der letzte Großlama hat das kritische Alter glücklich überstanden.
Das gewohnte Wunder erleidet daher eine Verzögerung, die man durch
den wirksamen Schutz erklären will, den der russische Konsul -- ein
geschickter Diplomat burjatischen Stammes, der dem mongolischen
nahe verwandt ist -- ausübt. Der Konsul ist ein vertrauter Freund
des lebenden Buddha und hat freien Zutritt in die heiligen Bezirke.
Der chinesische Gouverneur dagegen ist weit davon entfernt, über den
Großlama die alte Macht und Autorität auszuüben; man sagt sogar, er
sei diesem von Herzen zuwider. Wenn aber die lebende Gottheit noch am
Leben ist, so scheint sie in einen Zustand gebracht worden zu sein, der
infolge frühzeitiger Laster und des Mißbrauchs alkoholischer Getränke
nahe an Idiotismus grenzt. Man kann sagen, daß wenigstens der Verstand
des Großlama erdrosselt worden ist.

Sicher ist, daß man angesichts jener verschanzten Lager, der
Befestigungen, der Intrigen, der grausigen Mordgeschichten, und beim
Anblick seltsam gekleideter Reiter, die im Galopp durch die Straßen
längs den Befestigungswerken aus Holz sprengen, den Eindruck hatte,
als lebe man hier in einer mittelalterlichen asiatischen Stadt. Das
plötzliche Erscheinen eines Automobils in dieser Welt bildete einen
Kontrast, der etwas Widersinniges an sich hatte.

Der Großlama besitzt selbst ein Automobil, ein kleines Fahrzeug, das
ihm der russische Konsul geschenkt hat, vielleicht um ihn für die
Rivalität des tibetischen Buddha zu entschädigen. Das Fahrzeug hat aus
eigener Kraft noch keinen einzigen Schritt gemacht. Kaum war es in
Urga angekommen, so ließ der verkörperte Buddha es im Hofe von zwei
Männern im Kreise herumschieben, in der Hoffnung, es werde von selbst
seinen Lauf beginnen und seine Umfahrt beenden. Dann entschloß er sich
dazu, einen Ochsen vorspannen zu lassen, und schickte es nach seiner
Sommerresidenz, wo es verrostet, in der Erwartung, daß eine andere
europäische Macht einen Chauffeur dazu schenkt.



Neuntes Kapitel.

Urga.

     In der Russisch-Chinesischen Bank. -- Eine seltsame Pilgerfahrt.
     -- Der chinesische Gouverneur im Automobil. -- Die Abfahrt von
     Urga. -- Im Sumpfe steckengeblieben. -- Eine unheilvolle Fahrt
     bergab.


Von den drei Städten Urga war die chinesische die erste, die wir bei
unserer Ankunft berührten. Wir fuhren in sie ein, weil der Telegraph
hineinführte. Wir hatten so sehr die Gewohnheit angenommen, den beiden
Drähten überallhin mit dem größten Vertrauen zu folgen, daß wir uns
von ihnen ohne Widerrede Gott weiß wohin hätten führen lassen. Die
Drähte waren Chinesen, die in der chinesischen Stadt haltmachten, bevor
sie ihren Weg direkt nach Norden über steile Gebirge hinweg wieder
aufnahmen. Ihre Aufgabe als Führer war aber zu Ende. Sie geleiteten uns
durch die engen, schmutzigen Straßen der Chinesenstadt, sprangen mit
einem Satze über eine Palissadenwand und ließen uns verdutzt stehen.

Unsere Ankunft verursachte, daß die Einwohnerschaft an den Eingängen
der Gehöfte zusammenlief, von denen aus wir einen raschen Blick
in die Höfe, die gedrängt voller Kisten, Kamele und Kinder waren,
auf chinesische Häuser mit Gittern in verwickelten geometrischen
Figuren und auf kleine buntbemalte, in die Augen fallende Tempel
werfen konnten. Hinter den barbarischen Verteidigungswerken aus
Balken bemerkten wir Anzeichen von Wohlstand und Fleiß. Die Bewohner
beschäftigen sich sämtlich mit Großhandel; sie sind durch den Handel
mit Tee, Wolle, Fellen, Pferden reich geworden und veranstalten
regelmäßige Karawanenreisen; sie sind Eigentümer von Hunderten
von Kamelen und Ochsen. Sicherlich waren sie von unserer Ankunft
unterrichtet; sie betrachteten uns neugierig, aber nicht verwundert;
der Telegraph hatte die Kunde von dem Ki-tscho bereits verbreitet, und
die Berührung mit den Russen, die beständigen Beziehungen zur Welt
des Westens haben den bezopften Einwanderern einen praktischen Sinn
eingeflößt, der sie das Automobil von einem durchaus vernünftigen
Gesichtspunkte aus betrachten ließ. Einige fragten, ob wir geradenwegs
von Tauerin kämen, und wandten sich bei unserer bejahenden Antwort zu
den übrigen, um dies Ereignis mit ihnen angelegentlichst zu erörtern.

Auf den Straßen der Chinesenstadt erblickten wir auch die ersten
nordmongolischen Frauen, deren Kopfputz so auffallend und so neu für
uns war, daß wir uns nicht enthalten konnten, sie mit indiskreter
Beharrlichkeit zu betrachten. Zweifellos ist es den verheirateten
Frauen der nördlichen Mongolei gelungen, aus ihrem Kopfhaar das
originellste Meisterwerk herzustellen, das sich von der vereinten
Phantasie von hundert Frauengenerationen ersinnen läßt.

Die Haare fallen zu beiden Seiten des Gesichts in zwei flachen, auf
das reichlichste mit Gummi zusammengeklebten Streifen herunter, die in
nichts mehr nach Haaren aussehen; sie gleichen zwei riesigen schwarzen,
zurückgebogenen, das Gesicht umrahmenden Netzen, die einen solchen
Umfang besitzen, daß sie beinahe Schulterbreite erreichen, und die auf
der Brust spitz auslaufen. Die Netze werden durch eine Menge Stäbe
auseinandergehalten, die wie die eines Fächers angeordnet sind und
ein seltsames Gitterwerk um das Gesicht herum bilden; sie sind mit
hin und her schwingenden größeren und kleineren Silbermünzen bedeckt,
unter denen wir eine Anzahl russischer Zehn- und Zwanzigkopekenstücke
erkennen, ein neues Zeichen der Nähe des Moskowiterreiches.
Selbstverständlich wird ein Kopfputz von solcher Kompliziertheit nur
einmal im Leben angefertigt; vor der Hochzeit überläßt die Braut ihren
Kopf den geschickten Händen eines Künstlers und beschränkt sich dann
auf die Tätigkeit des Erhaltens; sie stäubt ihre Netze von Zeit zu Zeit
aus und bestreicht sie, wenn es nötig ist, von neuem mit Gummi. Die
Gefahr, daß der Gebrauch eines Bades den Bestand dieser Haarphantasie
schädigen könne, besteht nicht.

[Illustration: Frauen aus der nördlichen Mongolei.]

Gerade in dem Augenblicke, als wir nicht wußten, wohin wir uns wenden
sollten, und die Leute nach der Russisch-Chinesischen Bank fragten, wo
wir erwartet wurden, kam ein chinesischer Soldat im Galopp angesprengt,
um uns den Weg zu zeigen. Wir kamen an einer Reihe kleiner weißer
Pagoden im tibetischen Stile vorüber, die entfernte Ähnlichkeit mit
den Kegeln eines riesenhaften Billardspieles hatten. Als wir ins Freie
traten, erblickten wir auf dem Gipfel eines Hügels einen prachtvollen
europäischen Palast! Meine Feder vermag es nicht zu schildern, welche
Überraschung und Freude uns durchzuckte, als wir dieses mitten in die
Mongolei gefallene winzige Stück Europa erblickten. Es war, als habe
sich unser eigenes Heim unseren Blicken dargeboten. Wir wußten noch
nicht, was für ein Gebäude es war, das drei bis vier Kilometer von uns
entfernt lag, umgeben von niedrigeren Baulichkeiten, dem Anschein nach
Schuppen und Ställe. Aber für uns war es ein freundlicher Anblick.
Bald lasen wir in großen Buchstaben in vier Sprachen die Inschrift:
„Russisch-Chinesische Bank.“ Wir fuhren vor und ließen triumphierend
und mit begeisterter Beharrlichkeit die Hupe ertönen.

Am Eingangsgitter stand ein Tarantaß; zwei Kosaken kamen die Straße
entlang und blieben stehen, um uns zu betrachten. Wir begrüßten sie
mit überströmender Freundlichkeit. Aus einem Pförtchen streckte
ein bärtiger Muschik seinen Kopf heraus, um ihn aber sofort wieder
zurückzuziehen, wohl in der Absicht, unsere Ankunft zu melden.

„Wir sind ja bereits in Sibirien!“ riefen wir und beglückwünschten
einander, als ob die Reise zu Ende sei.

Geräuschvoll tat sich das Tor der Bank auf, und heraus stürzte ein
sympathisch aussehender Herr, Herr Stepanoff, der Direktor dieser
Filiale, um uns freudig zu begrüßen. Er konnte aber eine gewisse
Überraschung nicht verbergen, daß er uns als die Ersten ankommen sah.

„Das ist ja die italienische Flagge!“ rief er, während er sie
betrachtete, die am Hinterteil des Automobils lustig im Winde flatterte
-- „wahrhaftig. Herzlich willkommen, Durchlaucht! Seien Sie alle
herzlich willkommen! Aufrichtig gesagt, ich habe Sie nicht erwartet.
Ich kenne die Wüste, und Ihre Maschine hielt ich für zu schwer. Ich
hätte gedacht, Sie wären zurückgeblieben. Ich war überzeugt, daß
die leichteren Maschinen größere Chancen hätten.... Noch einmal,
willkommen! Hier herein, hier herein, alles steht zu Ihrem Empfange
bereit!“

Es stand in der Tat alles auf das wundervollste eingerichtet bereit.
Eine ganze Zimmerflucht wurde uns zur Verfügung gestellt. Russische,
französische und italienische Flaggen schmückten die Treppen. In einem
großen Salon funkelte eine lange gedeckte Tafel mit 20 bis 30 Kuverts,
mit Aufsätzen voll Konfekt, mit schimmernden, kunstvoll gefalteten
Servietten: ein prächtiges Panorama von Kristall und Porzellan, das uns
Ausrufe des Erstaunens und Wohlbehagens entlockte.

„Ich werde sofort das Komitee benachrichtigen“, erklärte unser Wirt,
indem er uns nach unseren Zimmern geleitete.

„Das Komitee?“

„Ja, das russische Komitee zum Empfange der Teilnehmer an der Fahrt
Peking-Paris. Es sollte sich zu Ihrem Empfange hier einfinden, aber wir
glaubten nicht, daß Sie vor Abend eintreffen könnten. Man hat uns von
Tauerin telegraphiert, daß ein Automobil heute früh um ½7 abgefahren
sei. Es sind über 250 Kilometer! Entschuldigen Sie uns, wenn der
Empfang vereitelt worden ist.“

Es bestand ein Komitee! Wir befanden uns mitten in der Zivilisation
des Westens! Wir gedachten in Dankbarkeit der wackeren Männer, die
sich zusammengetan hatten, um uns zu feiern, um uns Erholung von
unseren Mühen zu verschaffen, die unsertwegen Zusammenkünfte mit
Diskussionen und Tagesordnungen abgehalten hatten! Herr Stepanoff war
der Vorsitzende und die Seele des Komitees.

In Urga begann die unvergeßliche Reihe herzlicher, aufrichtig gemeinter
großer und kleiner Empfänge, die uns auf der ganzen riesenhaften Reise
beständig die Wohltat freundschaftlicher Sympathien boten, die uns die
Tore der Paläste und die Türen der Hütten erschlossen, die uns überall
die erquickende Atmosphäre wahrer Gastfreundschaft atmen ließen, jener
Gastfreundschaft, welche sagt: „Komm herein, mein Haus ist dein!“

Aus den Fenstern unserer Zimmer hatten wir die Aussicht auf das ganze
Tal des Tola und die in ihm verstreut liegenden Städte. Der Bogda-ola
lag uns gegenüber, hoch und breit, mit seinem imponierenden schwarzen
Haupte voller Kiefern. Die Legende behauptet, auf diesem Gipfel befinde
sich das Grab Dschingis Chans. Ein prächtiges Grab für einen Zwingherrn!

Vielleicht ist es diese Legende, die den Berg zu einem heiligen
macht. Bäume auf ihm zu fällen und dort zu jagen, gilt als
Heiligtumsschändung. Niemand besteigt ihn, um den Schlummer des großen
Kaisers nicht zu stören. Wenn man die Mongolen nach dem Grunde fragt,
weswegen sie den Bogda-ola nicht betreten, so antworten sie, der Berg
sei von Gott zu seinem eigenen Vergnügen geschaffen worden; er allein
besuche ihn, um sich hier dem Genusse des Lustwandelns und der Jagd
hinzugeben. Nach ihrer Auffassung ist der Berg ein Privatgarten der
Gottheit. Wie alle auf einer tiefen Stufe der Kultur stehenden Bewohner
weiter Ebenen hegen sie für Berge eine Art religiöser Verehrung. Auf
den Gipfeln der Anhöhen errichten sie ihre Obos; sie steigen hinauf,
um zu beten; jede Bodenerhebung ist zu dem Zweck geschaffen, die Erde
dem Himmel näherzubringen. Der Bogda-ola ist der höchste Berg, folglich
ist er der heiligste. Und auf ihm steht ein Wald: ein eindrucksvolles
Mysterium für den Sohn der Steppe. In der Mongolei besteht eine
Art Kultus für die Bäume, weil sie selten sind. Wer weiß, welche
unbestimmte Ehrfurcht die fremdartige, aus dem Boden emporsprießende
Gestalt des Baumes in dem einfachen Gemüte des Nomaden erweckt. Oft
wird er als Fetisch angebetet, und wir haben häufig, und zwar bis ins
südliche Sibirien hinein, solche vergötterte Bäume gesehen, an deren
Zweigen ungezählte Papierstreifen mit Gebeten flatterten.

Die „Itala“ war das Ziel einer unablässigen, ganz unglaublichen
Pilgerfahrt. Die Nachricht von ihrer Ankunft hatte das ganze Tal des
Tola in Aufregung versetzt. Es kamen Leute aus den drei Städten, und
es kamen solche aus weit entfernten Jurtenlagern. Die Chinesen hatten
als praktische Leute einen regelrechten Wagenverkehr mit Maultieren
eingerichtet, um die Neugierigen, die den Ki-tscho sehen wollten, nach
Urga und zurück zu ihren Palissadengehöften zu befördern. Man sah diese
sonderbaren Gefährte, die schon etwas der russischen Telega glichen, zu
fünf, mitunter zu sechs ankommen, besetzt mit Leuten, die sich festlich
gekleidet hatten wie zu einer feierlichen Gelegenheit. Es fehlten auch
die wirklichen Telegas nicht, die aus der russischen Stadt heraufkamen
und bei den lebhaften Farben der slawischen Kostüme einen Anstrich
von Fröhlichkeit hatten. Eine große Menge Mongolen strömte zu Fuß und
zu Pferd von allen Seiten herbei: Lamas in violetter und gelber Seide
und mit pagodenähnlichen Hüten, Karawanenführer, Hirten. In Scharen
kamen lachende, geschwätzige Frauen, große Stiefel an den Füßen und
die Last ihres Kopfputzes mit sich tragend, der den Eindruck eines um
den Kopf gelegten Halskragens ~à la Medici~ machte. Von Zeit zu Zeit
bahnte sich ein Kosak seinen Weg durch die Menge und unternahm eine
Rekognoszierungstour um das Automobil.

Diese ganze Menge stand respektvoll und bewundernd um das Fahrzeug wie
vor einem heiligen Mysterium. Die mongolische Bevölkerung von Urga war
seit mehreren Tagen durch die eingeborenen Agenten der Bank von der
bevorstehenden Ankunft von Wagen, die von selbst liefen, unterrichtet
worden. Man hatte sie auf diese Weise vorbereiten wollen, um jedem
möglichen Ausbruch des Fanatismus und des Aberglaubens vorzubeugen,
der durch die unerwartete Ankunft so seltsamer Maschinen in der
heiligen Stadt des Lamaismus hätte hervorgerufen werden können. Täglich
erhielt die Bank Besuche von Mongolen, welche kamen, um Nachrichten
über die von selbst laufenden Wagen einzuholen. Ihre Fragen waren von
erheiternder Naivität. Sie glaubten, diese wunderbaren Wagen führen
nicht auf der Erde, sondern durch die Luft. Sie wollten wissen, in
welcher Entfernung man sie ohne Gefahr betrachten dürfe; sie fragten,
ob es nicht unvorsichtig sei, sich vor sie hinzustellen, wenn sie
stillständen. Die verbreitetste Meinung war, daß diese Wagen von einem
unsichtbaren geflügelten Roß gezogen würden.

„Wie machen es aber die Fremden, um das geflügelte Roß zu lenken?“
fragten sie Herrn Stepanoff, nachdem sie unverdrossen den sinnreichsten
Erklärungen gelauscht hatten, die sie überzeugen sollten, daß kein
Pferd vorhanden sei.

Die primitiven Völker leben in einer Märchenwelt; sie erklären alles
mit Hilfe des Unsichtbaren; ihre Unwissenheit sieht in jedem Dinge
ein Geheimnis und in jedem Geheimnis eine verborgene Kraft; das
Geheimnisvolle erklären sie sich als eine natürliche Kraft, und diese
setzt sie nicht in Erstaunen. Sie glauben an das geflügelte Roß,
aber sie sind nicht imstande, an eine komplizierte Schöpfung des
menschlichen Geistes zu glauben. In ihrem Geiste ist das Unglaubliche
Wahrheit, die Wahrheit aber unglaublich.

Wir wissen nicht, inwieweit der Anblick unserer Maschine die
vorgefaßten Meinungen der Bürger von Urga über das Automobilwesen
berichtigt hat. Sicher ist, daß die Menge die „Itala“ von allen Seiten
bewundernd umdrängte, vor ihr aber freie Bahn ließ; auch die Chinesen
beobachteten diese weise Vorsichtsmaßregel. Die Mongolen gaben dem
Automobil den Namen „die fliegende Maschine“. Es ist auch möglich, daß
die Kunde von ihr sich an den Schritt des Kamels heftet und zu den
fernsten Stämmen in Form einer neuen Legende gelangt. Auch der Großlama
hatte sich lebhaft für unsere bevorstehende Ankunft interessiert. Es
wurde sofort ein berittener Kurier zu ihm geschickt.

Am Nachmittag stattete uns der chinesische Gouverneur seinen Besuch
ab. Eine Stafette kam im Galopp angesprengt, um ihn anzumelden. Kurze
Zeit darauf erschien auf der sonnigen Straße, in eine Staubwolke
gehüllt, das Gefolge des hohen Würdenträgers. Die Sänfte wurde von
vier berittenen Mongolen mit erstaunlicher Geschicklichkeit getragen;
die Stangen der Sänfte waren über die Sättel gelegt, und die vier
Träger galoppierten unter genauer Einhaltung der richtigen Entfernung.
Wäre einer von ihnen auch nur um Handbreite aus der Reihe gewichen,
so hätte der arme Gouverneur samt seiner Sänfte ein wenig würdevolles
Ende gefunden. Eine Schar von mongolischen und chinesischen Soldaten,
von Offizieren und von Würdenträgern ritt dem erlauchten Mandarin
voraus und folgte ihm. Es lag ein primitiver Adel und Stolz über dieser
buntgekleideten Gruppe, die wie eine Windsbraut dahergejagt kam. Nichts
gleicht an kriegerischem Ausdruck dem Gesicht des mongolischen Soldaten
mit seinem lang herabhängenden Knebelbarte.

Der Gouverneur war trotz des furchtbaren Gefolges, mit dem er sich
umgab, der feinste und wohlwollendste Chinese. Als vollendeter
Diplomat sprach er, ohne etwas zu sagen, lächelte allen zu, lachte über
alles, nahm Tee und entfernte sich wieder mit seiner Sänfte und seiner
dahinsprengenden Eskorte.

Auch einen Besuch des tatarischen Generals empfingen wir. Besonders
tiefen Eindruck machte auf diesen die Mitteilung, daß unser Automobil
die Kraft von 50 Pferden habe. Zum Teufel, wir hatten ja beinahe mehr
Kavallerie als er! Eine schwierige militärische Frage türmte sich
vor dem Geiste des tatarischen Generals auf, ein Zweifel quälte ihn:
existierte in Europa eine auf Automobilen reitende Kavallerie? Wenn sie
existierte, so waren alle tatarischen Generale, die mit der Bewachung
der Grenzen des Himmlischen Reiches betraut waren, völlig unnütz.
Zehn Automobile hätten die Mongolei in vier Tagen eingenommen. Wir
beruhigten ihn dahin, daß eine auf Dampfpferden reitende Kavallerie
nicht existiere. Er war davon sehr befriedigt.

Am Abend hielt ein mongolischer Beamter, der einen Handwagen zog --
die mongolischen Beamten sind bescheidene Leute --, am Tore der Bank
und überreichte ein rotes Papier, auf dem chinesische Schriftzeichen
standen. Es war die Visitenkarte des Gouverneurs; sie begleitete
Geschenke. Diese Geschenke standen auf dem Wagen und weigerten sich
hartnäckig abzusteigen: es waren zwei prächtige Hammel, die der Mann
schließlich zum Gehorsam zwang; außer den Hammeln sandte der Gouverneur
noch einige Flaschen russischen Wein und Büchsen mit Konserven. Nachdem
der mongolische Beamte, der einen Hut mit dem Knopfe eines Mandarinen
sechster Klasse trug, alles auf die Erde gestellt hatte, ersuchte er
uns, festzustellen, daß der Wagen leer sei und daß er nichts veruntreut
habe. Dies bescheinigten wir ihm.

In Urga fanden wir unser drittes Depot an Benzin und Öl vor, das letzte
in der Mongolei, das durch eine Karawane von Peking hierhergebracht
worden war.

In Kiachta sollten wir das vierte Depot finden, das durch Sibirien
dorthingeschafft worden sein sollte. War es eingetroffen? Würde keine
Verzögerung, kein Irrtum Veranlassung geben, daß wir unterwegs aus
Mangel an Brenn- und Schmiermaterial stilliegen müßten? Diese Fragen
erwogen wir mit einer gewissen Beklemmung. Uns fehlten Nachrichten. Der
Fürst hatte in Peking ein Telegramm aus Petersburg erhalten, in dem ihm
angezeigt wurde, daß er in Kiachta ein Verzeichnis der Depotstationen
und der Menge Benzin und Öl finden würde, die an jedem Haltepunkte
zu seiner Verfügung ständen. Wir hatten Bedenken, und die Tatsachen
sollten uns recht geben.

In Urga wurden sämtliche Behälter nachgefüllt, ohne daß uns das große
Gewicht Sorge machte, da wir auf diese Weise die Kraft für weitere
tausend Kilometer aufspeicherten. Nachmittags kam Ettore und meldete,
die Maschine sei bereit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Er hatte ein
einziges Wort, mit dem er dies alles ausdrückte:

„Fertig!“

„Alles in Ordnung?“ fragte ihn der Fürst.

„In bester Ordnung. Ich habe alles nachgesehen. Die Maschine ist noch
so gut wie neu.“

Wir mußten nun noch auf die andern warten. Urga machte uns übrigens
das Warten angenehm. Das Komitee leistete uns in liebenswürdigster
Weise Gesellschaft. Es gehörten dazu Kosakenoffiziere, ein vom
Kriegsschauplatz in der Mandschurei zurückgekehrter Stabsarzt,
Kaufleute, Damen, die sich nach dem Petersburger und Moskauer Leben
zurücksehnten. Auch ein Engländer von vornehmem Aussehen befand sich
darunter; ich hätte ihn für einen Diplomaten gehalten, wenn man mir
nicht versichert hätte, daß er ein geschickter Pionier des Woll- und
Rauchwarenhandels sei.

Oft ließ ich mir ein Pferd satteln (die Ställe standen zu unserer
Verfügung) und ritt, auf dem hohen Kosakensattel thronend, nach dem
Telegraphenamt in der Chinesenstadt, um meine Depeschen aufzugeben und
Nachrichten von unseren Kollegen einzuziehen. Am Abend erfuhr ich, daß
die beiden „de Dion-Bouton“ nachmittags 5 Uhr in Tauerin eingetroffen
seien; sie würden morgen in Urga sein. Keine Nachricht vom „Spyker“!
Weder Pang-kiang noch Udde wußten etwas. Seit drei Tagen und zwei
Nächten war der „Spyker“ also in der Wüste verschollen; der Mongole
mit dem in Lumpen verpackten Telegramm und seinem mit Benzin beladenen
Kamele hatte ihn noch nicht getroffen. Auf dem „Spyker“ befanden sich
mein lieber Kollege Du Taillis und als Führer Godard. Wir hatten mit
der Wüste erst vor kurzem Erfahrungen gemacht, die uns jeden Augenblick
mit einem Gefühl der tiefsten Besorgnis an die beiden denken ließ. Zu
der Vorstellung von ihrem Leiden gesellte sich ein anderer quälender
Gedanke. Wir wußten, daß sie befreit werden würden, daß man ihnen
am Morgen des 19. Juni aus Udde Soldaten zu Hilfe geschickt hatte,
die sich ihnen von Stunde zu Stunde näherten. Aber, fragten wir uns,
wußten auch sie es? Hatten sie die Gewißheit, daß die Befreiung nahe
war? Welche Angst und welche Pein konnte nicht dieser Zweifel ihren
physischen Leiden hinzufügen? Man ist tapfer, wenn man keine Sorgen
hat. Wer konnte sie aber von ihren Sorgen befreien? Was würde ich darum
geben, wenn ich ihnen auch nur ein Wort durch jene Drähte zukommen
lassen könnte, die wenige Meter über ihren Köpfen hinliefen und die
Tausende meiner Worte einer Zeitung überbrachten. Wir waren daher sehr
erfreut, als wir am folgenden Tage von Udde die Mitteilung erhielten:
„Spyker wohlbehalten angelangt.“

Der 22. Juni wurde von uns der Erwiderung der Besuche gewidmet. Wir
begaben uns in die Festung, in der der tatarische General seine
Autorität verschanzt hatte, und tranken einige Tassen Tee in Gegenwart
des erlauchten Kriegers, der Gala angelegt hatte und von seinem
Generalstabe von federbuschgeschmückten Mongolen umgeben war. Der
Gouverneur empfing uns in seinem Amtsgebäude und bat den Fürsten um
eine große Gunst. Wir erwarteten von einem echten Mandarinen, vom
Generalgouverneur der Mongolei, nicht eine Bitte, wie er sie äußerte.
Sie stellte alle Anschauungen, die wir uns von China gebildet hatten,
alle weitverbreiteten Ansichten über das Mandarinentum auf den Kopf;
sie war die Rehabilitation des Wai-wu-pu; sie eröffnete der Zukunft
des Himmlischen Reiches neue Horizonte. Seine Exzellenz baten -- das
Automobil einmal benutzen zu dürfen!

[Illustration: Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem
Gefolge begleitet.]

„Von Herzen gern!“ rief Fürst Borghese mit Begeisterung. „Und wohin?“

Es war gleichgültig wohin. Der Gouverneur wollte nur im Automobil
fahren, eine Rundfahrt durch die Straßen von Urga machen. Ich kann mich
täuschen, aber ich glaube, es kam ihm vor allem darauf an, sich auf dem
Zauberwagen sehen zu lassen. Dies konnte seinem Ansehen zugute kommen.

Das Automobil stand vor dem Tore. Der Mandarin in seiner
Prachtkleidung, mit den übermäßig langen Ärmeln aus Seide, die seine
Hände bedeckten, auf dem mit zwei Pfauenfedern geschmückten Hute den
Korallenknopf, das Abzeichen des höchsten Grades, unternahm erst einen
Inspektionsgang rund um die Maschine, dann stieg er auf, während der
Fürst das Steuerrad ergriff und Ettore sich auf den Tritt setzte. Die
Nachricht von der Fahrt hatte sich verbreitet. Leute liefen herbei.
Alle mongolischen Offiziere und die Soldaten mit den Knebelbärten
betrachteten voller Entsetzen ihren Vorgesetzten, uns aber mit einem
gewissen Mißtrauen.

Die „Itala“ fuhr ab. Sie beschrieb einen weiten Bogen vor dem Fu, dem
Amtsgebäude, um über eine kleine Brücke zu kommen, und eilte dann
auf und davon. Der Gouverneur der Mongolei hatte sich fest an die
Seitenlehnen des Sitzes angeklammert, schien aber entzückt zu sein.
Sein Zopf pendelte in dem scharfen Luftzuge lustig hin und her. Die
Leute des Gefolges hatten vielleicht den Eindruck, man wolle ihren
Herrn entführen, denn sie stürzten auf ihre an die Palissadenwand
gebundenen Pferde, sprangen in den Sattel und jagten mit lautem
Geschrei hinter der Maschine her. Ihnen schloß sich an, wer ein Pferd
zur Hand hatte, und Pferde gibt es hier überall. Von allen Seiten her
erschienen Reiter: Lamas, Soldaten, Steppenbewohner. Sie kamen zu spät,
das Automobil war verschwunden; aber sie kehrten ebensowenig um wie
die andern Berittenen, sondern spornten die Tiere durch lautes Schreien
an. Nur wenigen, besser berittenen Offizieren gelang es jedoch, in
der Nähe des Wagens zu bleiben. Wie bei einer großen Jagd folgte die
unbeschreibliche Reiterschar, das „wilde Heer“, in gestrecktem Galopp.
Sie verschwand in dem Staube und ergoß sich unter Lärmen und Tosen
in die Straßen. Viele Pferde trugen zwei Reiter. Fröhliches Geschrei
erscholl ringsum; der Ritt war nur ein Spiel, aber der Auftritt hatte
ganz den Anschein eines Ausbruchs der Volkswut. Es war, als sei
Urga von einem siegreichen Barbarenheere überschwemmt, eine Vision
aus vergangenen Zeiten, der die Palissadenwerke einen kriegerischen
Hintergrund verliehen. Man hätte sagen können, die Vergangenheit
verfolge wütend jenes kleine Ding, das ohne Pferde davonraste.

Der Gouverneur wollte bis zur Russisch-Chinesischen Bank fahren,
von wo ihn seine Sänfte wieder nach Hause zurückbringen sollte. Die
Spazierfahrt hatte übrigens eine unerwartete politische Folge. Am Abend
schickte der lebende Buddha zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er uns
erst in einigen Tagen zu wissen tun werde, ob er uns die Freude, ihn zu
sehen, gewähren würde oder nicht.

„Aber wie ist das möglich!“ riefen wir, „er hatte doch so dringendes
Verlangen nach uns.“

„Ah, ich verstehe,“ flüsterte uns jemand zu, „er ist verschnupft.“

„Wer? der lebende Buddha? Und warum?“

„Wegen der Fahrt des Gouverneurs.“

„Ist es möglich?“

„Ganz bestimmt. Er beansprucht den Vorrang und ist dem Gouverneur
feindlich gesinnt.“

„Wir haben also seine Sympathie verscherzt?“

„Unwiederbringlich.“

„Schade! Wir wollten auch ihn im Automobil fahren.“

Aber wir fanden uns mit seiner Ungnade leicht ab.

Am Nachmittage dieses Tages trafen die beiden „de Dion-Bouton“ in
Urga ein. Cormier, Colignon, Longoni und Bizac hatten in der Wüste
dieselbe vollständige Veränderung ihres Gesichts wie wir durchzumachen
gehabt, obgleich sie durch ein bequemes Zeltdach geschützt waren. Ihre
Maschinen befanden sich vollkommen in Ordnung. Der „Spyker“, der an
diesem Nachmittag Udde erreicht hatte, hätte noch zwei Tage gebraucht,
ehe er eingetroffen wäre.

Wir hatten einen Grund, der uns zur Abreise trieb: der Übergang über
den Irofluß, etwa 60 Kilometer südlich von Kiachta. Der Iro ist nur
in Zeiten der Trockenheit zu durchwaten; es genügt ein Regen, um ihn
in ein unüberwindliches Hindernis zu verwandeln. Auf dem Iro liegt
ein Fährboot, aber nicht an der Straße, die wir benutzen mußten. Ein
russischer Kaufmann, der von Kiachta kam, teilte uns mit, daß die Tiefe
des Wassers jetzt ungefähr 120 Zentimeter betrage; es war dies sehr
viel für ein Automobil, und es war nicht wünschenswert, daß die Tiefe
noch zunähme. Unter diesen Umständen erschien uns der Übergang als
eine schwere Aufgabe. Das Wetter drohte jetzt schlecht zu werden. Die
Wolken, die uns den Tag zuvor solche Freude bereitet hatten, nahmen
übermäßig zu. Der Fürst entschied sich zur Abfahrt am folgenden Morgen,
23. Juni. Die „de Dion-Bouton“ blieben noch einen Tag in Urga, die
„Itala“ wollte einen ganzen Tag in Kiachta warten.

Am Abend waren sämtliche Privaträume der Russisch-Chinesischen
Bank festlich erleuchtet. Die große, im Speisesaal angerichtete
Tafel, überflutet von dem Lichte der Armleuchter, trat feierlich in
Tätigkeit. Das Komitee hatte in einer vollzählig besuchten Versammlung
beschlossen, uns ein Galadiner zu geben. Wir hätten darauf geschworen,
weit von der Hauptstadt der Mongolei zu sein und die Grenzen Europas
schon wieder überschritten zu haben, hätte nicht die Anwesenheit der
chinesischen Boys, die bei Tische bedienten, uns jeden Augenblick
an den Ort, wo wir uns befanden, erinnert. Die Unterhaltung,
die französisch, russisch und deutsch geführt wurde, schwirrte
durcheinander und erzeugte ein angenehmes babylonisches Sprachengewirr,
wie es bei Banketten üblich ist, bei denen die Menschen, die da
sprechen, stets in erdrückender Mehrheit denen gegenüber sind, die
zuhören. Ich gehörte zur Minderheit. Ich hörte meiner Nachbarin, der
Gattin des Stabsarztes, zu, die mir ihre Reise von Kiachta nach Urga
beschrieb und mit den Worten schloß:

„Ich weiß nicht, wie Sie es mit Ihrem Automobil anstellen werden, um
durchzukommen.“

„Wir haben aber doch die Wüste Gobi durchquert!“

„Ich kenne die Gobi nicht, Gott sei Dank, aber ich wiederhole Ihnen,
daß der Weg nach Kiachta der schaudervollste ist, den ich in meinem
Leben angetroffen habe, und ich bin in der Mandschurei gewesen! Denken
Sie, vier volle Stunden, vier Stunden im Sumpfe steckengeblieben, ohne
den eingesunkenen Tarantaß freibekommen zu können, dabei die Aussicht,
den Weg zu Fuß fortsetzen zu müssen. Ich habe Ihnen diese Episode
bereits geschildert. Wir waren noch 10 Kilometer von Urga entfernt, und
es war das viertemal, daß wir versanken ...“

„War das Wetter schlecht?“

„Es war ausgezeichnet, wie jetzt. Sie werden sich mit Ihren eigenen
Augen davon überzeugen, wie fürchterlich diese Straße ist.“

„Hoffen wir das Gegenteil, gnädige Frau!“

Ich lächelte überlegen. Die Erzählung dieser schrecklichen
Reiseabenteuer ließ mich völlig kühl. Die weibliche Empfindsamkeit
führt mitunter zu unbewußter Übertreibung. Ich konnte mir damals nicht
vorstellen, wie sehr meine Tischnachbarin recht hatte! Ich hätte in
jenem Augenblick nie geglaubt, daß die Straße zwischen Urga und Kiachta
in uns Sehnsucht nach der Wüste erwecken würde und daß wir wenige
Stunden nach dieser Unterredung für die Sicherheit unserer Maschine
zittern mußten!

       *       *       *       *       *

Wir verließen die Bank bei Tagesanbruch mit aller Vorsicht, um niemand
in dieser zum Schlummern so süßen Stunde zu stören. In der Tat machten
wir den Eindruck, als hätten wir den Geldschrank geraubt und schlichen
uns auf Strümpfen davon. Wie alle russischen Banken, so schien auch
die von Urga einen Handstreich der revolutionären „Expropriateure“ zu
befürchten; denn zur Nachtzeit wurde sie von außen durch die Kosaken
des Konsulats bewacht. Diese wackeren Burschen betrachteten uns bei der
Abfahrt mit augenscheinlicher Unsicherheit; es schien, als wüßten sie
nicht, sollten sie uns grüßen oder Alarm schlagen. Sie entschieden sich
für den Gruß. Wir fuhren der Mongolenstadt zu, von der aus der Weg nach
Kiachta abbiegt.

Es war nicht leicht, den Weg zu finden. Es fehlte uns jetzt die
Telegraphenlinie, jener bequeme Ariadnefaden, der uns 1200 Kilometer
weit geleitet hatte, und die mongolischen Frühaufsteher, denen wir
begegneten, nahmen Reißaus, sobald wir das Automobil zum Stehen
brachten, um sie zu fragen. Zum Glück hatten wir uns auf der Bank mit
einem Beutel kleiner russischer Münzen versehen, und dadurch, daß wir
ein silbernes Zwanzigkopekenstück zeigten, gelang es uns wie durch
Zaubermacht, die Flucht der Ausreißer zu hemmen. Der Fürst konnte sich
mit seinem Russisch, ich mit meinem Chinesisch etwas verständlich
machen, und so fragte er nach dem Wege nach Kiachta, ich nach dem nach
Maimatschen. Wir wandten uns nach Norden, ließen Urga hinter uns und
gelangten in ein weites, grünes Tal auf undeutlich erkennbaren Pfaden,
die launenhaft zwischen Grasbüscheln durcheinanderliefen und zuweilen
ganz verschwanden.

Noch waren wir nicht eine Viertelstunde unterwegs, als das Automobil
plötzlich stillstand und sich ganz nach links neigte.

Der Motor fuhr fort zu arbeiten und hämmerte stürmisch, indem er
zugleich unter heftigem Getöse Wolken weißen, beizenden Rauches
ausstieß; es war, als ahne er eine Gefahr und biete mit entschlossener
Anstrengung all seine gewaltige Kraft auf, um sich loszumachen.
Aber wir saßen fest. Als wir uns vorneigten, bemerkten wir, daß die
linken Räder in den Boden eingesunken waren. Das Hinterrad fuhr
fort, sich wirbelnd zu drehen, als versuche es, aus der Vertiefung
mit verzweifelter Geschwindigkeit herauszukommen. Es lag etwas wie
Erbitterung in jener wütenden Kraftanstrengung der großen Maschine.

„Halt, halt!“ rief Ettore, als er bemerkte, daß der Umschwung des Rades
den Morast aushöhlte. „Wir sinken tiefer!“

Der Motor schwieg, und einige Minuten lang betrachteten wir schweigend
die Lage des Automobils und überlegten, auf welche Weise wir es
freibekommen könnten. Es war nach links dermaßen eingesunken, daß die
Achsen der Räder und der Benzinbehälter den Boden berührten. Was war zu
tun? Wie sollten wir drei ein Gewicht von 2000 Kilo heben und an eine
andere Stelle schaffen? Wir versuchten, den Motor wiederum in Bewegung
zu setzen und ihn dadurch zu unterstützen, daß wir mit aller unserer
Kraft das Automobil schoben. Vergebliches Beginnen! Es würden dazu
vielleicht nicht einmal alle Kulis, die wir in Kalgan zurückgelassen
hatten, ausgereicht haben.

Vor allem war es dringend notwendig, den eingesunkenen Teil zu heben,
weil das Automobil dadurch, daß es sich ganz auf die Seite legte, die
rechte Feder und das rechte Hinterrad übermäßig belastete, so daß die
Gefahr drohte, die eine oder das andere könnte brechen. Ettore machte
sich mit den Winden an die Arbeit, aber diese versanken in dem weichen
Erdreich. Um sie zu stützen, gehörten Bretter dazu. Wir entnahmen
diese dem Boden der Karosserie; die Bretter krachten, zerbrachen und
versanken.

Da kam uns eine Idee: die ganze Strecke um die Räder und unter
dem Automobil auszugraben, um auf diese Weise eine schiefe Ebene
herzustellen, auf der sich die Maschine mit ihrer eigenen Kraft leicht
herausarbeiten könnte. Unverdrossen machten wir uns mit gewaltigen
Spatenstichen an die Arbeit, wobei wir uns ablösten, sobald einer müde
war.

Nach einigen Minuten fieberhafter, schweigender Tätigkeit bemerkten wir
mit Entsetzen, daß wir unserer Maschine das Grab schaufelten. Je mehr
wir den Raum um die Räder breiter machten, desto mehr sanken sie ein.
Es war der seitliche Druck des Erdbodens, der sie stützte und den wir
wegnahmen, kein fester Grund. Es gab überhaupt keinen Grund. Der Morast
wurde in der Tiefe weicher und flüssiger. Das Ganze war ein Teich voll
Morast mit einer einigermaßen festen Decke, und diese Decke hatten die
beiden Räder eingedrückt: dies war die Lage der Dinge!

[Illustration: Mongolinnen vom Iro.]

Inzwischen hatte sich das Rad der höherliegenden Seite dermaßen
gesenkt, daß es an die Karosserie anstieß und alle Augenblicke ein
drohendes Knirschen hören ließ. Ich bat die Gattin des Stabsarztes,
deren Erzählung ich mit solchem Skeptizismus aufgenommen hatte, im
stillen um Verzeihung. Wir mußten uns dicht an der Stelle befinden, an
der ihr Tarantaß steckengeblieben war, und ein Tarantaß wiegt nicht den
zehnten Teil eines Automobils.

Wir sagten uns, daß Urga in der Nähe sei, wenig mehr als eine Stunde
Weges entfernt, daß wir in drei Stunden mit einer Schar von Menschen,
mit einer Ladung von Brettern und Balken, mit Pferden zurück sein
könnten... Aber wir konnten uns nicht dazu entschließen, Hilfe zu
holen. Es handelte sich um eine Frage des Ehrgeizes, eine ehrenhafte
Schwäche. Wir stellten uns vor, wie einer von uns, zu Fuß, ermattet,
beschmutzt nach der Bank zurückkehrte, wir stellten uns das Erstaunen
unserer Gastfreunde vor, die Erzählung des Unglücksfalls und das
Eingeständnis unserer Ohnmacht, die großmütigen Anerbietungen von
Hilfe, die Menschen, welche kamen, um das besiegte Automobil zu sehen
-- dasselbe Automobil, das mit solch rasender Geschwindigkeit durch
die Straßen von Urga gefahren war! -- Wir stellten uns all dies
vor und wir glaubten uns damit einer unbeschreiblichen Demütigung
auszusetzen. Nein, nein, wir mußten aus unserer fatalen Lage mit
Mitteln herauskommen, die wir an Ort und Stelle fanden. Ein Kapitän,
dessen Schiff auf eine Klippe aufgelaufen ist, tut alles mögliche, um
es freizubekommen, ehe er das Notsignal hißt. Wir empfanden diese Art
Stolz.

„Wenn wir nur Balken hätten!“ riefen wir aus, indem wir uns umsahen,
als könnten die Balken aus dem Erdboden herauswachsen.

„O, unsere Schutzbretter!“

In diesem Augenblicke zog eine von Mongolen geführte Karawane von
Ochsenwagen, die nach Urga wollte, in der Entfernung von wenigen
hundert Metern an uns vorüber. Sie hatte sich langsam genähert, ohne
daß wir, von unserer fruchtlosen Arbeit ganz in Anspruch genommen,
darauf geachtet hätten. Kaum aber bemerkten wir sie, so verstanden
wir uns, ohne ein Wort zu äußern, und stürzten im Sturmschritt auf
jene lange Wagenreihe. Die Wagen waren mit Balken beladen! Es waren
dünne Kiefernstämme, ohne Zweifel bestimmt zum Bau der traditionellen
Palissadenwände der heiligen Stadt.

Einige Münzen überzeugten die Mongolen von unserer ehrlichen Absicht.
Das übrige hatten sie zweifellos verstanden, weil sie derlei Unfälle
aus Erfahrung kannten. Wir luden uns jeder einen Balken auf die
Schulter, die Mongolen taten dasselbe, und im Trabe ging es zum
Automobil zurück. Indem wir probierten und wieder probierten, die
Stämme in allen möglichen und erdenkbaren Arten verwandten, gelang es
uns, ein System von Hebeln ausfindig zu machen, das imstande war, uns
bei dieser und bei allen andern zukünftigen Gelegenheiten Rettung zu
verschaffen.

Das System war höchst einfach. Man stelle sich einen zweiarmigen
Hebel vor, dessen am äußersten Ende gelegener Stützpunkt einem andern
ebenfalls zweiarmigen Hebel als Unterlage dient, welcher seinerseits
auf den Rand des eingesunkenen Rades wirkt. Sind die Balken von
gehöriger Länge, so genügt die Kraft zweier Männer, um ein Automobil zu
heben, und verfügt man über die Hilfe von vier bis fünf Personen, so
reicht ein einziger Hebel aus, um zum Ziele zu gelangen. In demselben
Maße, wie wir die Maschine unter der freiwilligen Mitarbeit jener
wackeren Karawanenführer wieder aufrichteten, füllten wir den von den
Rädern gewühlten Hohlraum mit Steinen aus, die wir aus einem nahen
Graben holten. Das Automobil drückte vermöge seines Gewichts bei jedem
Nachlassen der Arbeit die Steine in den Morast hinein, aber es waren
deren so viele, daß schließlich eine feste Grundlage, ein förmliches
Mauerwerk entstand.

Nach zweieinhalb Stunden angestrengter Tätigkeit hatten wir alle
vier Räder auf das Niveau des Bodens gehoben. Es blieb uns nur noch
übrig, die Maschine rückwärts von dem unsicheren Gelände wegzuziehen.
Wir holten die Seile hervor, die wir fest an das Chassis banden, und
begannen im Verein mit den Mongolen mit aller Kraft zu ziehen; aber es
gelang uns nicht, den schweren Wagen auch nur um eines Zolles Breite
von der Stelle zu rücken, da er zwischen den Steinen und dem Erdreich
eingekeilt war. Den Motor in Bewegung zu setzen, wagten wir nicht, da
wir befürchteten, er könne durch seinen plötzlichen Antrieb ein neues
Einsinken herbeiführen.

„Aber wir haben ja die Ochsen, die Ochsen der Wagen!“ rief der Fürst.

Die großen Gedanken sind die einfachsten. Fünf Minuten später waren
drei Ochsen an das Automobil gespannt. Inzwischen hatten sich auch
andere Leute eingefunden; einige Hirten kamen herbei, um zu sehen, was
sich da Außergewöhnliches in ihrer Steppe zutrug, etliche Lamas aus
einem Kloster, das wir von einer benachbarten Anhöhe herüberschimmern
sahen, Frauen, die aus einem entfernten Jurtenlager kamen. Die Ochsen,
mit Peitschenhieben angetrieben, zogen willig, aber ohne sichtbaren
Erfolg; dann spannten wir uns neben den Ochsen an und mit uns die
Karawanenführer und alle übrigen Anwesenden, die Hirten, die Lamas
und die Frauen. Wo ein Stückchen Seil freiblieb, griff eine Hand
zu; endlich entschloß sich der Wagen, uns auf den Weg der Rettung
zu folgen! Alle die hilfreichen Hände wurden uns nun wieder offen
entgegengestreckt und erhielten den verdienten Lohn für ihre Mühen.
Einer der Männer sprach etwas russisch.

„Welches ist die Straße nach Kiachta?“ fragte ihn der Fürst.

„Es gibt zwei Straßen nach Kiachta,“ erwiderte er; „die eine führt über
das Gebirge, die andere über die Ebene. Die über die Ebene ist die
bessere.“

„Wo liegt die bessere?“

„Es ist die, auf der wir uns befinden.“

„Dann zeigen Sie uns, bitte, die schlechtere.“

Er wies sie uns. Nach Beendigung unserer Vorbereitungen und nachdem
Seile, Bretter und Werkzeuge wieder an Ort und Stelle gebracht worden
waren, wandten wir uns nach jener Richtung. Unsere Abfahrt erregte
berechtigtes Erstaunen bei allen Leuten, die uns loszukommen geholfen
hatten. Sie hatten uns nicht kommen sehen und glaubten vielleicht, es
handle sich um einen sonderbaren Lastwagen, dessen Pferde fortgeführt
worden seien. Das Geräusch des in Tätigkeit gesetzten Motors ließ sie
mit einer Gebärde der Furcht zurückfahren; die Bewegung des Automobils
reizte sie zum Lachen. Wir haben diese erheiternde Wirkung des
Automobils bei allen naiven und schlichten Bevölkerungen beobachten
können; die Bewunderung ist die ausschließliche Empfindung des
Wissenden.

[Illustration: Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme
versunken.]

Der Weg schlängelte sich durch Täler und überschritt Hügel; er war
etwas steinig, mitunter etwas steil, und würde für Wagen mit Pferden
sehr schlecht, wenn nicht unpassierbar gewesen sein. Er zwang uns,
sehr langsam und unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln zu fahren;
aber wir waren mit ihm zufrieden. „Wenigstens versinkt man hier
nicht!“ riefen wir jeden Augenblick. Das Wetter war schön geworden, der
Morgen war bezaubernd. Wir fuhren am Rande blumengeschmückter Wiesen
dahin, kamen an Birkenwäldchen vorüber, atmeten die duftige Frische des
Frühlings in vollen Zügen ein und konnten uns nicht satt sehen an all
diesen uns so neuen Dingen. Die Stunden verflossen ohne Langeweile.
Nach dem Zwischenfall mit dem Sumpfe fanden wir alles leicht,
alles einfach; wir hatten Geduld gelernt. Wenn wir von der Straße
abirrten und uns nach den hervorstechendsten Landmarken sowie nach
den unvollständigen Angaben der Karte orientieren mußten, so fanden
wir uns mit guter Laune in unser Schicksal. „Besser als einsinken!“
wiederholten wir uns zum Troste. Die im Sumpfe überstandene Gefahr
hatte uns neue Tugenden eingetragen.

Die Maschine erklomm die steilsten Abhänge mit Leichtigkeit. Um 10 Uhr
befanden wir uns auf dem Gipfel eines hohen Hügels, wo wir anhielten,
um eine herrliche Landschaft zu bewundern. Hinter uns zog sich ein
Gelände mit einer abwechslungsreichen Abstufung höherer und niederer
grüner Hügel hin, bis es, im Duft der Ferne verschwimmend, in das
große, von leuchtendem Blau erfüllte Tal des Tola überging. Urga war
nicht mehr sichtbar; es verbarg sich hinter dem Absturz der letzten
fernen Höhen. Aber wie um seine Lage zu bezeichnen, um dem frommen
lamaistischen Wanderer anzugeben, wohin er den sehnsüchtigen Blick
richten solle, um den heiligen Sitz des lebenden Buddhas zu entdecken,
erhob sich auf dem einen Berggipfel eine weiße Pagode; sie schien in
der Sonne zu funkeln. Mongolische Reiter, dem Äußern nach Soldaten,
waren von ihren Pferden gestiegen und spähten nach Urga hin. Wir rissen
sie durch unseren Motor, der ihre Pferde unruhig machte, aus ihren
Betrachtungen. Dann setzten wir unsere Fahrt rasch fort.

Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. Jener Hügel, der uns ein so
malerisches Schauspiel geboten hatte, hatte eine unheilvolle Kehrseite.
Der Pfad senkte sich jäh in gerader Linie vom Gipfel bis zum Fuße;
er war voller Steine, Kiesel und Felsblöcke und wandte sich ganz nach
links, wo er am Rande eines Abgrundes entlang lief.

Ettore, welcher steuerte, zog sofort die beiden stärksten Bremsen
an und schaltete die Transmission aus. Der Wagen glitt einige Meter
abwärts auf fast unbeweglichen Laufrädern und sprang über Kiesel, bis
er an große Steine stieß und stehenblieb. Die Bremsen wurden allmählich
gelockert, aber die Maschine bewegte sich nicht.

„Die Steine vor den Rädern müssen fortgenommen werden“, bemerkte Ettore.

Der Fürst und ich stiegen ab, um diese Arbeit in Angriff zu nehmen.
Aber die Steine saßen fest in der Erde, und es gelang uns nicht, sie
fortzuwälzen.

„Es tut nichts,“ versetzte Ettore, „mit einem kleinen Ruck des Motors
komme ich über die Steine und fahre voraus.“

Gesagt, getan; er schaltete die Transmission wieder ein. Wenig fehlte,
so hätte dieses Manöver zu einer Katastrophe geführt! Die Neigung
der Straße war so stark, daß das Automobil nach Überwindung des
Hindernisses trotz Anwendung der Fußbremse den Abhang unaufhaltbar
hinuntersauste, und in der kurzen Zeit, die Ettore brauchte, um auch
die stärkere Handbremse anzuziehen, war die Geschwindigkeit zu groß
geworden, um sie noch beherrschen zu können. Die Maschine hatte die
Oberhand gewonnen. Sie schoß mit solchem Ungestüm über die Steine
hinweg, daß sie bei jedem Stoß in die Höhe sprang. Mitunter richtete
sie sich wie beflügelt auf den Hinterrädern empor und fiel krachend
zurück. Sie erlitt heftige Schwankungen, die sie von einer Seite
auf die andere schleuderten; das Gepäck löste sich; man hörte ein
unheilverkündendes Klirren von Eisenteilen. Fürst Borghese hatte
sich an das wütende Ungetüm angeklammert und wurde von ihm heftig
mitgerissen und hin und her geschüttelt.

Er hatte sich neben der Maschine befunden, als Ettore den Motor in
Bewegung setzte, und als er sie davonsausen sah, hatte er einen
raschen Versuch gemacht, sie aufzuhalten. Einen Augenblick setzte
er, getrieben von einem unüberlegten, verzweifelten Verlangen, sie
zu retten, ihrem Hinuntergleiten einen erbitterten, aber nutzlosen
Widerstand entgegen. Er hatte die Gefahr bemerkt und kämpfte
instinktmäßig gegen das Unvermeidliche an, indem er alle seine Kräfte
und all seinen Willen daransetzte.

„Bremsen! bremsen! bremsen!“ rief er dabei.

Da er die Maschine nicht aufhalten konnte, wollte er sie begleiten.
Er konnte sich nicht entschließen, loszulassen. Sich fest an die
Karosserie anklammernd, machte er alle Sprünge und Schwankungen
mit. Ettore schwieg. Über das Steuerrad gebeugt, sammelte er alle
seine Energie, aufmerksam nach dem Augenblick spähend, in dem er
die Herrschaft über seine Maschine wiedergewinnen könne. Seine
Geistesgegenwart errang schließlich den Sieg. Ich habe schon erwähnt,
daß der Weg sich nach links wandte; an einem Punkte, wo diese Neigung
besonders bemerkbar war, lenkte Ettore plötzlich nach rechts hinüber
und ließ das Automobil auf große Steine auflaufen. Es machte einen
großen Satz, mäßigte aber seine Geschwindigkeit. Wenige Minuten später
war es gebändigt und setzte den Abstieg fort, gelehrig dem Willen
seines Führers gehorchend.

Die rasende Fahrt hatte nicht länger als 20 Sekunden gedauert, aber
sie erschien uns endlos! Ich war zu Fuß hinterdrein gelaufen und
hatte „halt, halt!“ gerufen, ohne zu wissen weshalb. Ich erreichte
das Automobil, als es unten auf der Straße stand. Die stillstehende
Maschine verbreitete einen unangenehmen Geruch nach verbranntem Öl und
ließ ein leises, reibendes Geräusch hören.

„Diesmal haben wir sie noch glücklich gerettet!“ rief Ettore, während
er von seinem Sitze stieg und sich den Schweiß abtrocknete. „Ich weiß
nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ein Wunder!“ und zu mir gewandt,
fragte er lachend: „Haben Sie gesehen, was sie für Sätze machte?“

„Und ob! Als ob alles aus Rand und Band gehen sollte!“

„Auch ich glaubte es. Es gab einen Augenblick, in dem ich alles für
verloren hielt. Ich dachte: Hier werden wir zerschmettert!“

„Welcher Augenblick war dies?“

„Haben Sie bemerkt, daß ich auf halbem Wege etwas nach rechts abgebogen
bin?“

„Jawohl.“

„Damals. Ich sagte zu ihr: Entweder du parierst oder du gehst in
Trümmer!“

„Sie hat pariert. Aber die Bremsen wirkten ja nicht?“

„Sie wirkten schon, aber um sie fest anzuziehen, braucht man viel
Öl, und sie fassen nicht sofort, sie schleifen. Auf der Straße geht
es wundervoll; aber sind das Straßen? Wir haben alle Alpenstraßen
‚gemacht‘, nicht wahr, Durchlaucht, und niemals ist uns ähnliches
passiert.“

Der Fürst lächelte, während er den auf so ungewöhnliche Weise
zurückgelegten Weg betrachtete, und schien ganz darein vertieft, die
Erinnerung daran festzuhalten. Nach überstandener Gefahr empfindet man
stets Freude. Dann gab er sich einen Ruck und rief:

„Vorwärts! Es ist spät. Heute abend möchte ich mein Lager am Ufer des
Iro aufschlagen.“

Die Maschine wurde auf das sorgfältigste geprüft. Sie wies keinerlei
Beschädigung auf. Wir hoben das Gepäck auf, banden es fest und fuhren
rasch davon, nachdem wir unsere Plätze wieder eingenommen hatten.

„Man sagt,“ bemerkte Fürst Borghese scherzend zu mir, „daß, wenn sich
zwei Unglücksfälle an einem Tage ereignet haben, noch ein dritter
eintritt.“

„Sollen wir uns auf den dritten vorbereiten?“ fragte ich lachend.

Wir schienen diesen dritten herauszufordern. Er möge nur kommen! Wir
fühlten uns um eine neue Erfahrung bereichert; wir kannten jetzt
die Gefahren der Ebene und die des Gebirges. Was hatten wir noch zu
befürchten? Wir hatten unrecht. Wir sollten uns nur zu bald davon
überzeugen!

Der dritte kam!



Zehntes Kapitel.

Auf dem Wege nach Kiachta.

     Der dritte Unglücksfall. -- Unter Mongolen und Burjaten. -- Eine
     nächtliche Fahrt. -- Der Übergang über den Iro. -- Der erste Wald.
     -- Kiachta.


Die von den Karawanen benutzte Straße zwischen Urga und Kiachta
überschreitet eine Berggruppe, die von den Flüssen Chara-gol und Iro
begrenzt wird, welche beide von Osten nach Westen fließen und sich in
den Orchon ergießen, den größten Nebenfluß der Selenga. Diese Berge,
die ihren Namen nach dem Chara-gol tragen, nach Angabe der Landkarten
aber auch Argalberge heißen, sind abschüssig und steinig. Die Straße
wurde uns als sehr schwer passierbar geschildert. Deshalb faßten wir
den Entschluß, sie zu umgehen.

Wir wollten im Bogen um die verrufenen Berge herumfahren, indem wir uns
dem Tale des Orchon näherten. Stunde um Stunde fuhren wir, uns nur auf
unseren gesunden Menschenverstand verlassend, über Hügel auf Wegen und
Pfaden, die wir je nach der Himmelsrichtung einschlugen, durchquerten
Ebenen und durchzogen Täler. Nicht selten war es der Fall, daß eine
anscheinende Straße uns in unwegsames Gelände führte und uns auf Pfade
brachte, die nur Ziegen erklettern konnten, so daß wir geduldig wieder
zur ersten Weggabelung zurückkehren mußten. Wo wir konnten, zogen
wir bei Hirten und bei Karawanenführern Erkundigungen ein, aber die
Antworten waren stets unbestimmt. Die meisten zeigten nach Norden;
Kiachta lag im Norden, und sie kannten keine bessere Art und Weise,
dorthinzukommen, als indem sie sich nach dieser Richtung wandten.

Wir trauten den einsamen Pfaden nicht; oft stiegen wir vom Wagen, um
zu untersuchen, ob die Wegspuren frisch oder alt seien, und zogen
unbetretenes Gelände einem verlassenen Pfade vor, weil dieser stets
aus irgendwelchen schwerwiegenden Gründen aufgegeben worden war. Das
Aufgeben deutete aber eine Gefahr an. Wenn wir dann zu Fuß genauer
nachforschten, fanden wir, daß weiterhin das Gelände überschwemmt
oder sumpfig war, oder auch daß das Wasser eine breite Vertiefung
ausgehöhlt hatte. Mitunter kam es vor, daß wir frische Wegspuren
plötzlich unterbrochen fanden. Wenn wir nachforschten, so bemerkten
wir am Grase, daß sie von der gewünschten Richtung abwichen, und wir
taten dasselbe. So zogen wir aus den Erfahrungen der Nomaden und der
Karawanenführer mannigfaltigen Nutzen. Leute, die vor mehreren Tagen
hier vorbeigekommen waren und sich jetzt wer weiß wie weit von uns
befanden, dienten uns als Führer, als ob sie noch zugegen wären und uns
vorausschritten.

Um 2 Uhr nachmittags gelangten wir auf eine grüne Ebene, die mit
Sträuchern und hohem Grase bewachsen war; im ersten Augenblick
bemerkten wir nicht, daß sie eine Sumpfvegetation trug. Wir nahmen an,
daß der Fluß Chara-gol nicht mehr allzu weit entfernt sein könne. Vor
uns erhoben sich die ersten Gipfel der Argalberge. Mit einem Male sahen
wir, daß die Straße verlassen war. Wir hatten kaum Zeit, rasch ein Wort
zu wechseln, als das Automobil schon versank und plötzlich stillstand.
Es war mit großer Geschwindigkeit in einen Sumpf gefahren, dessen von
der Sonne ausgetrocknete Decke ganz den Anschein festen Erdreiches bot.
Diesmal hatte sich die Maschine nach rechts geneigt.

Wir sprangen zur Erde und stellten eine seltsame Erscheinung fest,
die uns sofort allen Mut benahm: der Boden schwankte unter unseren
Füßen! Es war, als schritten wir über Korkstücke, die auf dem Wasser
schwammen. Die Decke gab nach, ohne zu zerreißen; sie senkte sich unter
dem Drucke des Fußes und erhob sich wieder, sobald der Fuß weggenommen
war. Das Gelände machte den Eindruck einer weiten Kautschukfläche. Es
war klar, daß sich unter einer dünnen Oberfläche tiefes Wasser befand;
wir glaubten über einem abgrundtiefen Sumpfe zu wandeln. Wir wollten
den Boden untersuchen und stießen den Spatenstiel hinein; wie in Wasser
glitt der lange Stab hinab. Schrecken erfaßte uns, denn wir sahen ein,
daß diese morastige Masse das Automobil verschlingen müsse, wenn es uns
nicht gelänge, es sofort in Sicherheit zu bringen!

Wir blickten uns um. Wir waren allein. Die Ebene, schweigsam und heiß,
lag öde vor uns. Wir begannen zu arbeiten, aber mit der Angst im
Herzen, daß es vergebliche Mühe sein werde.

Wir erfüllten nur eine Pflicht; wir wollten nicht ohne Kampf
unterliegen. So schickten wir uns an, unsere Maschine mit allen
Kräften dem morastigen Abgrunde streitig zu machen, aber ohne Aussicht
auf Erfolg, wie jemand, der dem Tode das Leben eines teuern, aber
rettungslos verlorenen Wesens abzuringen sucht. Wir arbeiteten, um
uns selbst zu betrügen, um uns der Illusion hinzugeben, als könnten
wir etwas nützen, und wußten sehr wohl, daß wir drei allein nichts
ausrichten konnten. Ortschaften gab es nicht in der Nähe, wo wir hätten
um Hilfe bitten, von wo wir Arbeiter, Maschinen, Werkzeuge hätten holen
können.

„Wenn wir doch ein Pferd fänden!“ sagte Don Scipione.

„Wenn wir ein Pferd fänden, so würde ich nach Urga reiten, würde in
der Nacht dort eintreffen und morgen abend wäre ich mit Leuten wieder
zurück!“

Es war zu spät! Morgen abend würde die Maschine schon versunken sein!

„Diesmal ist es vorbei!“ rief der Fürst wiederholt, er, der sonst bei
keiner Gelegenheit den Mut verlor. „Jetzt ist es vorbei! Als wir
heute morgen das erstemal einsanken, war ich überzeugt, daß wir sie
herausgraben würden, aber jetzt ...!“

[Illustration: Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.]

Wir sahen uns in Gedanken schon auf dem langen Fußmarsche nach Kiachta
über das Chara-gol-Gebirge hinweg, mit einem Sacke auf dem Rücken,
schweigend wie Kriegsgefangene, die erfüllt sind von dem Gedanken an
eine verlorene Schlacht.

Die Benutzung der Winden würde kein anderes Ergebnis zur Folge gehabt
haben, als diese selbst in den Boden versinken zu lassen und die dünne
feste Erdschicht, die das Automobil noch hielt, zu zerstören. Das
Versinken setzte sich langsam, aber unabwendbar fort.

Der Rand des rechten Hinterrades verschwand zuerst. Die Achsen, der
Benzinbehälter, das Differenzialwerk versanken immer tiefer in den
Morast. Die Tritte, die sich zuerst 20 Zentimeter über dem Fußboden
befanden, waren nach wenigen Minuten in gleicher Höhe mit ihm. Die
Maschine sank unmerklich. Wir empfanden die Angst des Schiffbrüchigen
beim Todeskampfe seines Schiffes. Mit Fiebereile machten wir uns daran,
den Wagen zu entlasten. Wir nahmen das Gepäck ab, den Werkzeugkasten,
die Ersatzpneumatiks, und warfen alles bunt durcheinander auf den
Rasen. Dann gab es nichts mehr zu tun, und wir blieben unbeweglich
stehen, verzweifelnd nach einem Rettungsmittel suchend.

[Illustration: Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.]

„Wir wollen uns Tee kochen“, sagte der Fürst nach langem Schweigen.

Diese wenigen Worte bedeuteten nichts anderes, als daß wir die Rettung
aufgaben. Tee bereiten hieß, das Automobil sich selbst überlassen,
unsere Bemühungen für zwecklos erklären.

Ein in der Nähe vorüberfließender Bach lieferte uns das Wasser, das
wir über der Flamme der Lötlampe zum Sieden brachten. Wir bereiteten
einen Topf Tee und füllten uns die Gläser. Auf der Erde ausgestreckt,
in Hemdärmeln, schweißtriefend, von Schmutz starrend, tranken wir in
kleinen Schlucken und aßen dazu gedankenlos einige Stücke Biskuit. Wir
hatten uns das Essen während des Tages abgewöhnt; unterwegs konnten wir
uns nicht entschließen, zum Zwecke des Essens haltzumachen; wir hatten
nur das eine Verlangen, an unseren Lagerplatz zu gelangen, und der
ungestillte Appetit war ein weiterer Ansporn, keine Zeit zu verlieren.
Jetzt jedoch durften wir unseren Hunger stillen.

Schließlich beschlossen wir zu handeln. Einer von uns sollte bei dem
Automobil ein Lager aufschlagen und zurückbleiben, die beiden andern
sollten sich auf die Straße nach Urga machen, Leute, Hölzer, Pferde
holen und möglichst bald wieder zurückkehren. Auf die Ankunft einer
Karawane hofften wir nicht; die Straße war verlassen.

Aber siehe da! In diesem Augenblick zeigte sich zwischen den hohen
Sträuchern in weiter Ferne doch eine Karawane! Eine Reihe mit Pferden
bespannter Wagen, und über den Pferden erkannten wir die „Duga“, den
charakteristischen Holzbogen des russischen Pferdegeschirrs. Es war
eine Reihe Telegas.

„Russen, es sind Russen!“ rief ich und stürzte mit Windeseile auf
sie zu, indem ich über die Sträucher sprang, in den Morast versank,
den Leuten zurief und lebhaft mit den Armen gestikulierte, um mich
bemerkbar zu machen.

Russen erschienen uns in diesem Augenblicke beinahe als Landsleute.
Mitten in der Mongolei fühlten wir uns mit ihnen stammverwandt und eng
verbunden. Ihr Erscheinen bedeutete unsere Rettung. Als ich in ihrer
Nähe angelangt war, bemerkte ich, daß auf den Telegas Leute saßen, die
zwar ähnlich wie Russen gekleidet waren, aber mongolische Gesichtszüge
hatten: es waren Burjaten. Ich befand mich einem burjatischen Stamme
gegenüber, der mit Frauen und Kindern auf der Wanderung begriffen war.
Der Anführer ritt voran; er war mit einem roten Hemd bekleidet und trug
auf dem Kopfe eine Mütze von tatarischem Schnitt. Er hatte kein allzu
vertrauenerweckendes Gesicht. Ich bat ihn, mir zu folgen, und er tat
dies, nachdem er seinem Stamme befohlen hatte, haltzumachen.

Er sprach etwas russisch. Er bemerkte das Automobil und fragte:

„Wieviel wiegt das Dings da?“

„120 Pud (2000 Kilogramm). Du erhältst eine gute Belohnung, wenn es dir
gelingt, den Wagen herauszuziehen. Bist du einverstanden?“

Der Burjatenführer sann einige Augenblicke nach und antwortete:

„Ja, ich bin einverstanden.“

„Gut. Dann führe deine Leute und deine Pferde her.“

Er kehrte zu den Telegas zurück und ließ sie sich uns auf einige
hundert Meter nähern. Die Frauen stiegen ab, suchten Brennmaterial und
zündeten Feuer an. Aber die Pferde wurden nicht abgespannt, und die
Männer kamen nicht. Wir brannten vor Ungeduld. Nach einer halben Stunde
kehrte der Führer zurück, und zwar allein.

„Nun?“ fragte ihn der Fürst. „Wie stehts? Wann machst du dich an die
Arbeit?“

Der Burjate zeigte keine sonderliche Eile, sondern fragte:

„Bist du bereit, mir 50 Rubel zu geben?“

„Erst ziehst du den Wagen dort heraus, dann gebe ich dir 50 Rubel.“

Der Mann begab sich zu seinem Stamme zurück. Die Pferde blieben nach
wie vor angespannt, und die Männer blieben neben den Wagen stehen. Ihr
Verhalten begann uns aufzufallen.

Währenddessen kam eine Anzahl Mongolen auf ihren kleinen Pferden im
Galopp angesprengt. Sie kamen wer weiß woher! Ihr Geierauge hatte
von fern einen ungewohnten Gegenstand in der Steppe erspäht, und sie
waren herbeigeeilt, um sich ihn in der Nähe zu betrachten. Bald fanden
wir uns von einer aufgeregten Menge umringt, die uns unter lebhaftem
Gespräch beobachtete. Der Burjate, davon vielleicht beunruhigt, näherte
sich uns zum dritten Male, noch immer allein.

„Nun, wann gehst du denn an die Arbeit? Du hast 50 Rubel verlangt, und
ich gebe dir 50 Rubel. Aber beeile dich! Hole deine Leute her!“

Der Führer schüttelte den Kopf.

„Du willst nicht?“ fragte ihn der Fürst.

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Es geht nicht. Es ist unmöglich.“

Und er entfernte sich.

Warum machte er keinen Versuch? Wenn er doch einsah, daß das
Unternehmen unmöglich war, warum entfernte er sich nicht mit seinen
Wagen, statt in unserer Nähe lagern zu bleiben? Warum ließ er, als er
das Lager aufzuschlagen befahl, die Pferde angespannt, als wollte er
das Weite suchen? Der Verdacht drängte sich mir auf, daß jene Burjaten
etwas im Schilde führten, was uns nicht sonderlich angenehm sein würde.
Wir saßen fest, das wußten sie; wir konnten nicht die Flucht ergreifen.
War die Forderung von 50 Rubel gestellt worden, um sich zu überzeugen,
ob wir Geld, viel Geld hätten, und um unseren Reichtum nach unserer
Freigebigkeit zu schätzen? Sie waren in so großer Anzahl, und wir waren
nur unser drei. Die mongolischen Steppen bieten Straffreiheit und Asyl.
Auf ihnen herrschen keine Gesetze als die der Überlieferung und der
Gewalt.

[Illustration: Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit
und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu
werden.]

Die Mongolen, die um uns herumstanden, hatten eins begriffen: daß wir
Geld anboten, wenn man uns Hilfe leistete. Das Wort „Rubel“ hat einen
Kurs, der viel weiter reicht als der der Münze. Nun machten sie sich
sofort an die Arbeit, indem sie versuchten, das Automobil mit der
Kraft ihrer Arme herauszuziehen. Wir fühlten uns durch diese guten
Absichten wie neubelebt. Es waren Balken nötig. Ich weiß nicht, welche
unüberwindliche Beredsamkeit wir in unsere Gebärden legten; Tatsache
ist, daß wir imstande waren, durch eine wunderbare Mimik Balken zu
beschreiben. Und wir fanden volles Verständnis dafür. Drei von unseren
neuen Freunden sprangen in den Sattel und sprengten in Karriere davon,
um nach einer halben Stunde wieder zu erscheinen und einige an ihren
Sätteln befestigte lange, dünne Balken hinter sich her zu schleppen.
Wir hätten sie umarmen mögen!

Jetzt ging es mit Begeisterung an die Arbeit. Um die Maschine noch
mehr zu entlasten, nahmen wir die Karosserie ab, die wir mit Hilfe
der Mongolen auf den Rasen niederlegten. Aus den Balken stellten wir
unsere einfache Hebevorrichtung her. Wir mußten vorsichtig zu Werke
gehen, weil das Gelände unter dem Gewicht der Hebel nachzugeben drohte
und die Balken, die schon etwas gar zu alt waren, krachten, so daß
wir fürchteten, sie würden brechen. Aber das Automobil hob sich doch
allmählich wieder; unter die Räder legten wir große Holzscheite,
die mit Hilfe einer Axt von einem Balken abgehauen worden waren. Es
war eine langsame, geduldheischende Arbeit. Drei Stunden vergingen,
ehe wir die Maschine so weit hatten, daß sie aus der tiefen Höhlung
herausgezogen werden konnte. Wir befestigten die Seile an dem hinteren
Teil des Gestelles und versuchten mit vereinten Kräften zu ziehen. Aber
alle Mühe war vergebens.

Ochsen, waren Ochsen da? Nachdem wir durch die Gebärdensprache Balken
beschrieben hatten, war es uns ein leichtes, Ochsen zu verlangen. Es
wurde eine Herde herbeigeholt, die einige Kilometer von uns weidete.
Die Länge der Seile gestattete aber nicht, die vier Ochsen zugleich
anzuspannen. Die armen Tiere zogen und zogen, aber es gelang ihnen
ebensowenig als uns, das Automobil zu bewegen. Wir sahen jedoch ein,
daß, wenn die vier Ochsen gleichzeitig eine Kraftanstrengung machen
könnten, sie Erfolg haben würden. Angetrieben zogen sie nur einer nach
dem andern. Wie sollten wir die Ochsen von dem Vorteile gemeinsamen
Zusammenwirkens überzeugen? Da kam uns eine geniale Idee: setzen wir
den Motor in Bewegung!

Der Erfolg war vollständig. Bei dem unvermuteten Getöse stemmten
die vier erschreckten Ochsen ihre Füße genau gleichzeitig ein und
senkten brüllend die dicken gehörnten Köpfe in so entschlossener
Fluchtbewegung, daß das Automobil schwankte! Ettore, der auf die
Maschine gestiegen war, drückte das Pedal des Akzelerators herunter,
der Lärm wurde betäubend und ging in ein fürchterliches Heulen über.
Die vier Tiere zitterten vor Schreck und zogen mit verzweifelter
Kraftanstrengung an -- mit einem Male bewegte sich die Maschine mit
einem Ruck aus dem Loche! Es war ein Augenblick größter Freude!

Die Karosserie wurde in wenigen Minuten wieder an Ort und Stelle
gebracht, das Gepäck, die Ersatzreifen, die Vorräte und die Werkzeuge
mit fröhlicher Geschäftigkeit wieder aufgeladen. Eine halbe Stunde
später waren wir zur Abfahrt bereit. Die Mongolen erhielten in
freigebiger Weise eine große Menge Rubel und begrüßten diese Gabe mit
Ausrufen der Begeisterung und mit Gebärden überströmender Freundschaft.

Jetzt näherte sich auch der Burjatenführer und streckte ebenfalls seine
Hand aus. Der Fürst sagte lächelnd zu ihm:

„Keine Arbeit, kein Geld!“

Der Burjate zog die Hand zurück und sagte mit tückischem Augenaufschlag:

„Ich brauche dein Geld nicht!“

Und er fügte Worte hinzu, die wir glücklicherweise nicht verstanden.
Dann sahen wir ihn sein Pferd besteigen und seinem Stamme mit der Hand
das Zeichen zum Aufbruch geben. Die lange Reihe der Telegas entfernte
sich.

Wir baten die Mongolen um einen Führer. Einer von ihnen erbot sich
dazu. Er stieg zu Pferd, und wir folgten ihm. Alle andern gaben uns das
Geleite. Sie waren voll naiver Dankbarkeit und ritten in vollem Galopp
um uns herum, lachend und schreiend. Einige Pferde trugen zwei Reiter,
wie in Urga bei der Verfolgung des Gouverneurs.

[Illustration: Fahrt durch einen Nebenfluß des Iro.]

Der Führer entledigte sich seiner Aufgabe mit vieler Würde. Wir
durchfuhren ein wahres Labyrinth; jeden Augenblick kamen wir an Sümpfen
vorbei und wandten uns in der weiten, trostlosen Ebene durch hohe
Binsen und Seelilienbüschel. Die Sonne ging unter, und über die Erde
breitete sich ein Schleier, der der Landschaft ein unnennbar düsteres
Aussehen verlieh.

Als wir am Ende der Ebene angekommen waren, verließ uns die seltsame
Reiterschar und zerstreute sich. Der Führer zeigte uns noch
bereitwillig einen Weg, der das Gebirge umging. Als er uns verließ,
war es beinahe Nacht. Sein Pferd zitterte vor Müdigkeit. Nachdem er
sich von uns verabschiedet und uns nochmals für die erhaltene Belohnung
gedankt hatte, streckte sich der Mann auf dem Rasen aus.

Wir setzten unseren Weg fort. Für die Maschine und für uns brauchten
wir Wasser; wir konnten nicht halten, bevor wir es nicht gefunden
hatten. Von einem Augenblick zum andern hofften wir, den Fluß Chara-gol
anzutreffen. Wir beobachteten sehnsüchtig den Weg vor uns, und bei
jedem Tale, bei jedem Üppigerwerden der Vegetation sagten wir uns:
„Dies muß der Fluß sein“ -- aber der Fluß ließ sich nicht sehen, und
wir fuhren mit neuem Vertrauen weiter, um ihn zu suchen.

Es war Mondschein. Wir hatten keine Laternen, das heißt, wir hatten
sie schon, aber sie waren nicht zum Anzünden bereit. Wir befanden uns
mitten zwischen Anhöhen, und der Pfad wandte sich durch enge Täler,
ging bergauf, bergab, kaum erkennbar am Grase der Wegränder. Angespannt
beobachteten wir die Wegspur, voll Furcht, sie zu verlieren.

Für unser müdes Auge nahm unter dem gespenstischen Lichte des Mondes
alles ein furchterweckendes, unbestimmtes phantastisches Aussehen an.
Die Umrisse der Hügel, die düsteren Gründe der Täler, die Gesträuche
ließen uns bisweilen erschauern; sie hatten eine geheimnisvolle,
unbestimmbare Form. Es schien eine leise Bewegung in den Dingen
zu herrschen, schweigende, unbekannte Gestalten schienen an uns
vorüberzustreichen. Wer je in der Nacht durch unbekannte, öde Gegenden
gereist ist, hat diese bizarren Verwandlungen erblickt, und wenn er
am Tage nach denselben Örtlichkeiten zurückgekehrt wäre, so würde er
erstaunt sein, sie so ganz anders zu finden. Man möchte sagen, die Erde
benutze die Dunkelheit der Nacht, um ein ihr eigenes geheimnisvolles
Leben zu führen. In der Nacht tritt alles, was es Märchenhaftes,
Ausschweifendes, Widersinniges in unserer Phantasie gibt, hervor und
nimmt im Dunkel Platz. Es gibt nicht zwei Menschen, die eine nächtliche
Landschaft auf dieselbe Weise erblicken: jeder sieht _seine_ Landschaft.

[Illustration: Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die
Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.]

In der Tat bemerkte jeder von uns in dieser unvergeßlichen Nacht etwas,
was die andern nicht zu sehen vermochten. Es waren Flüsse, es waren
Häuser, es waren unbeweglich dastehende Menschen, alles Erscheinungen,
die verschwanden, wenn wir näherkamen. Das Gelände schien zur raschen
Fahrt geeignet, aber von Zeit zu Zeit hörten wir den Sand unter
den einsinkenden Pneumatiks knirschen, und der Motor mußte sich
anstrengen. Dann wurde die Maschine mit aller Kraft vorwärtsgetrieben,
damit sie nicht steckenbliebe. Einmal sahen wir wirkliche Wesen, die
sich bewegten, es waren Kamele. Wir kamen dicht an einer lagernden
Karawane vorüber. Zwei Männer standen am Wege. Sie wandten sich mit
einer raschen Bewegung um und rührten sich nicht mehr. Wir hätten
ihren Gesichtsausdruck sehen mögen beim plötzlichen Erscheinen dieser
schwarzen Masse, die unter Getöse durch die Wüste dahinraste.

„Wie spät ist es?“ fragte der Fürst, dessen Uhr zerbrochen war.

Ich zündete vorsichtig ein Streichholz an und sah auf meine Uhr.

„4 Uhr.“

Wir waren seit früh 4 Uhr unterwegs. Siebzehn Stunden beständiger
Arbeit und aufreibender Nervenanspannung! Wir waren müde. Der Chara-gol
zeigte sich immer noch nicht. Wir konnten ihn nicht verfehlen, denn
sein Lauf mußte unsere Straße kreuzen.

Der Mond neigte sich zum Untergange. Die Nacht bevölkerte sich mit
Sternen. Ich konnte in der Tat den Pfad nicht mehr erkennen und
bewunderte Ettore, der ruhig steuerte, als fahre er auf der besten
Kunststraße.

„Ein Licht, ein Licht!“ riefen wir plötzlich wie aus einem Munde.

„Es muß das Feuer eines Lagers am Ufer des Flusses sein“, bemerkte der
Fürst.

Wir faßten wieder Mut. Aber nach wenigen Augenblicken war das Licht
verschwunden. Wir hatten uns aber den Punkt, an dem es zum Vorschein
gekommen war, genau eingeprägt und durchspähten gierigen Auges jene
Stelle der Finsternis. Als wir nach einigen Minuten dort anlangten,
bemerkten wir einige Jurten und hielten. Eine Hundemeute umringte uns
bellend. Es erschien ein Mann im Rahmen einer Tür, aus der Licht drang.
Wir baten ihn um Wasser, und er bot uns alles, was er hatte, in einem
Kochgefäß an. Das Wasser war warm, fettig und erdig. Wir fragten ihn,
wo die Quelle sei, und er zeigte uns den Weg mit einer Gebärde der
Hand, als wollte er sagen: „Ganz in der Nähe.“ Wir baten ihn, uns
hinzuführen, er lehnte aber ab. Er fürchtete sich vor uns.

So fuhren wir bis zu einer Wiese, wo wir zu lagern beschlossen. Während
Ettore das Zelt aufschlug, machten der Fürst und ich uns auf die Suche
nach der ersehnten Quelle. Er trug den Eimer und ich den Spaten;
den Eimer für das Wasser, den Spaten für die Hunde. Ich stellte die
bewaffnete Macht dar; ein Schutz war nötig, weil die mongolischen Hunde
von besonderer Wildheit sind. Der Mond war untergegangen, und die Erde
schlummerte, während der bleiche Sternenschimmer alle Unebenheiten
verwischte.

Nach vielem Umhersuchen gelang es uns, einen kleinen schlammigen,
stark fauligen Wasserlauf zu entdecken. Trotz des Durstes, von dem
wir gequält wurden, war es uns nicht möglich, einen einzigen Schluck
davon zu trinken. Wir kehrten zum Zelte zurück und bereiteten Tee, den
niederträchtigsten Tee, der sich denken läßt! Schweigend verzehrten
wir einige Konserven, schlürften das nichtswürdige Getränk mit viel
Zucker und krochen auf allen vieren unter das Zelt. Die Nacht war von
göttlicher Stille.

Wir hatten die Vorsicht gehabt, nichts außerhalb des Zeltes
liegenzulassen, und Ettore legte, treu der erhaltenen Anweisung,
die Pistole in den Bereich seiner Hand. Auf dem Gras ausgestreckt,
eingehüllt in die mollige Wärme unserer Pelze, fielen wir sofort in
tiefen Schlaf.

Mitten in der Nacht wurden wir jäh aufgeschreckt durch die Stimme
Ettores, welcher rief: „Wer da?“

Er hatte sich erhoben, und ich bemerkte, wie er nach der Mauserpistole
tastete. Ich lauschte. Nach wenigen Augenblicken hörte ich draußen vor
dem Zelte ein leises, kurzes, aber deutlich vernehmbares Geräusch im
düsteren Schweigen der Nacht.

„Wer da?“ rief Ettore nochmals, jetzt in entschiedenerem Tone.

Niemand antwortete. Es strich ein Luftzug vorüber, und das Geräusch
erneuerte sich. Es war ein rasches, leichtes, unbegreifliches Schlagen
ganz in der Nähe.

Leise hoben wir einen Zipfel der Zeltleinwand empor und spähten hinaus.

„Zuerst wußte ich nicht, was es war!“ rief Ettore lachend. „Wer hätte
auch geglaubt, daß sie solchen Lärm machen könnte! Ich bin davon munter
geworden!“

Es war die Flagge -- unsere auf dem Automobil gehißte Flagge, die bei
jedem Windhauch flatterte und leise rauschte! Es schien, als lebe sie
und halte Wache.

       *       *       *       *       *

Nur wenige Kilometer vom Flusse entfernt hatten wir gelagert. Am Morgen
des 24. Juni, in aller Frühe, überschritten wir ihn rasch in einer
Furt. Das Gebirge hatten wir zu unserer Rechten gelassen und uns nach
Westen dem Laufe des Orchon genähert, quer über eine Reihe sumpfiger
Flächen hinweg. Wir waren jedoch gegen die Tücken des Geländes wohl auf
der Hut und trieben das Automobil erst dann vorwärts, wenn der Boden
vorher genau untersucht worden war.

Von allen Seiten umringten uns Gefahren; oft spürten wir unversehens
unter unseren Füßen die wellenförmige Bewegung des verborgenen Sumpfes
und fuhren mit einem Gefühl des Schauders rückwärts, als seien wir auf
ein Reptil getreten.

„Zurück! Sofort zurück!“ riefen wir Ettore zu, der vorsichtig die
Maschine dicht hinter uns lenkte.

Neue Übergänge wurden gesucht. Mitunter fanden wir keinen Ausweg und
mußten weit zurückgehen, um an einer andern Stelle den Versuch zu
erneuern. Nach und nach gelang es uns aber mit großer Geduld, aus dem
sumpfigen Gelände herauszukommen und die kahlen, sandigen Hügel zu
erreichen, die sich zwischen dem Orchon und dem Iro erstrecken.

Seit dem vorigen Abend hatten wir Zeichen bemerkt, die unser Interesse
erregten. Es waren die Fußspuren zweier Europäer und eine Wagenspur.
Wenn man auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern nur die Spuren
chinesischer Schuhe und mongolischer Stiefel gesehen hat, so macht der
Abdruck einer europäischen Sohle den Eindruck, als habe man das Porträt
eines Bekannten vor sich.

Die Spuren liefen in derselben Richtung, die wir einschlugen, und
sie waren frisch. Sie verschwanden bisweilen; in der Ebene hatten
wir sie verloren, dann entdeckten wir sie wieder und fanden ein
eigenartiges Vergnügen daran. Wir sprachen von ihnen. Wann waren sie
dem Boden eingedrückt worden? Vor einer Stunde, vielleicht auch vor
kürzerer Zeit? Sie deuteten auf den sicheren und weit ausgreifenden
Schritt zweier junger Männer. Es waren keine Wagenführer, weil ein
sibirischer Wagenführer viele Telegas in einer Reihe leitet, während
hier zwei Männer einen einzigen Wagen begleiteten. Der Wagen schien
nicht schwer beladen gewesen zu sein, denn die Furchen waren leicht;
er mußte irgendeine wertvolle Ware mit sich führen, die wenig wog und
doch einen sicheren Schutz erforderte. Man glaubt nicht, wie sehr
diese Kleinigkeiten in der endlosen Eintönigkeit einer Reise wie der
unseren imstande sind, die Neugier zu erregen und unerschöpflichen
Unterhaltungsstoff zu liefern. Ein Zeichen, eine Spur, ein Geräusch
tragen die Phantasie in die schöne, unerforschte Welt der Vermutungen
hinüber. Es ist die einzige Unterhaltung.

An einem Abhange holten wir unsere Europäer endlich ein. Es waren zwei
junge blonde und kräftige Russen, dem Anscheine nach Arbeiter. In dem
von einer Plane überdeckten Wagen wurde eine ebenfalls junge Frau mit
einem Kinde an der Brust sichtbar. Wir wechselten einen Gruß: „~Do
svidania!~“, unseren ersten russischen Gruß.

Jetzt kam der Orchon in Sicht, eingesäumt von einer durstigen Menge
üppigwachsender Pflanzen. In Schlangenwindungen floß er durch sein
unermeßliches grünes Tal, in dem Rinder weideten. Wir sahen den Fluß
von der hohen Uferböschung aus. Einen Augenblick hielten wir ihn für
den Iro. Dann wandte sich der Pfad nach Norden, stieg bergab und führte
uns durch andere Ebenen, wo wir genötigt waren, unsere Untersuchungen
von neuem zu beginnen. Wir überschritten kleine Wasserläufe,
Nebenflüsse des Iro, in die wir erst hineinwateten, um den Grund
zu untersuchen und die für den Übergang des Automobils geeignetsten
Stellen ausfindig zu machen. Mächtige und schwer zu passierende
Sanddünen kündigten die Nähe eines großen Flusses an. Endlich
erblickten wir den Iro; klar und breit strömte er rasch dahin.

[Illustration: Wie ohne Brücke und Fähre über den Iro kommen?]

So hatten wir ihn denn erreicht! Wie aber hinüberkommen? War es
möglich, ihn mit Hilfe des Motors zu durchfahren? Ettore watete in das
Wasser hinein; er hatte aber noch nicht hundert Schritte gemacht, als
wir es ihm schon bis an die Hüften reichen sahen. Er berichtete:

„Wir müssen eine andere Art ausfindig machen. Der Grund ist gut, aber
das Wasser würde den Magneten bedecken. Die Zündung würde nicht mehr
funktionieren, und wir würden plötzlich, mitten im Strom, stillstehen.
Die Strömung ist sehr stark; zuweilen drohte sie mich mit fortzureißen.“

Wir dachten an den Bau einer Fähre. Um das Gewicht des Automobils zu
tragen, wäre eine sehr große Fähre erforderlich gewesen und mindestens
zwei Lagen Balken; wo sollten wir aber so viel Holz hernehmen? Als
wir uns umsahen, entdeckten wir neben einem kleinen Gebüsch eine alte
Hütte, die einer sibirischen Isba ähnelte, umgeben von einer niedrigen
Palissadenwand.

„Kaufen wir die Hütte,“ schlug ich vor, „reißen wir sie ein, und wir
haben genug Holz zum Bau einer Fähre.“

„Das würde vielzuviel Zeit kosten“, bemerkte der Fürst. „Sehen wir erst
zu, ob sich nichts findet, was rascher fördert.“

Da traten einige Mongolen aus der Hütte und näherten sich uns. Es waren
auch Frauen darunter, das Gesicht umgeben von der komischen, an ein
Elefantenohr erinnernden Haartracht. Andere kamen am sonnigen Ufer
entlang geritten.

Vielleicht konnten wir die Barke erreichen, welche die Wagen übersetzt,
die auf der Straße über das Gebirge kommen? Es mußte einen Weg geben,
der uns zu ihr führte. Wir fragten die Mongolen, von denen einige etwas
russisch verstanden.

Nein, es gab keinen solchen Weg; weiter hinauf wurde das Ufer felsig.
Wir mußten bis zu der von uns am Abend vorher befahrenen Straße
zurückkehren und das Gebirge überschreiten, vorausgesetzt, daß dies
möglich war.

Es gab noch ein anderes Mittel: den Magneten aus dem Automobil
herauszunehmen und dieses dann an das andere Ufer zu ziehen. Der mit
einer dicken Fettschicht überzogene Motor würde keinen Schaden leiden,
wenn das Wasser nur nicht in die Zylinder eindränge.

Wir beschlossen, unverzüglich den Versuch zu wagen. Zunächst machten
wir den Mongolen unser Vorhaben klar. Wir brauchten Ochsen; wir würden
gut zahlen, müßten sie aber sofort haben. Sie gingen darauf ein. Nach
kurzer Zeit sahen wir von irgendwoher eine Anzahl Ochsen ankommen
unter Obhut zweier Hirten, die ihren langen Stachelstock schwangen.
Bei diesem Anblicke gestanden wir feierlichst, daß die Mongolen das
dienstfertigste und zuvorkommendste Volk der Welt seien.

[Illustration: Übergang über den Iro-Fluß.]

Ettore, der auf dem Rücken ausgestreckt unter dem Automobil auf dem
heißen Sande lag, arbeitete lange Zeit. Er nahm das Blech ab (wir
nannten es den „Bauch“ nach einer gewissen Ähnlichkeit mit einem
Pferdeleib), das von unten den Motor und das Geschwindigkeitsgetriebe
schützt, schraubte sorgfältig den Magneten los und bedeckte die
feinsten Teile der Maschine mit ölgetränkten Lappen; dann hüllte er den
Magneten sorgfältig in seine Joppe und erklärte schließlich, alles sei
bereit. Die Stricke wurden an dem Automobil befestigt und die Ochsen
angespannt. Nun begann eine seltsame Bugsierschiffahrt über eine etwa
300 Meter breite Wasserfläche.

Zugleich mit den Ochsen und dem Automobil betraten sämtliche Mongolen
das Bett des Iro; einige zu Fuß, andere zu Pferde, zu zweit und dritt
auf einem Tiere reitend. Auch die Frauen bestiegen ihre Sättel, um den
Schiffszug zu begleiten. Der Fürst erhielt ein Pferd zur Verfügung
gestellt. Ich stand im Begriff, ebenfalls zu Pferd in aller Ruhe den
Übergang zu bewerkstelligen, und war vor allem darauf bedacht, den
photographischen Apparat durch Hochhalten aus dem wahrscheinlichen
Bereich der Spritzer zu bringen, als jemand hinter mir auf meinen
Sattel sprang. Es war ein Mongole, der dies ganz natürlich fand. Mit
heiterer Vertraulichkeit hielt er sich an meinen Schultern fest, und so
kamen wir selbander in brüderlicher Gemeinschaft ans andere Ufer.

Mitten im Flusse verschwanden die Räder des Automobils, und das Wasser
schoß gurgelnd über den Boden der Karosserie. Die Ochsen zauderten
einen Augenblick, als sie die Stärke der strudelnden Strömung spürten,
die sie von ihrem Wege abdrängte; aber die Zurufe und der Stachelstock
spornten sie zu neuer Kraftentfaltung an, und eine Minute später
wohnten wir dem ungewöhnlichen Schauspiele bei, daß ein Automobil
über und über triefend und unter Hinterlassung einer breiten nassen
Spur aus dem Bade kommt. Von dem Augenblicke an, als wir an das linke
Ufer gelangt waren, bis zu dem, als wir das rechte erreichten, waren
zweieinhalb Stunden verflossen. Es ist dies viel Zeit zum Zurücklegen
einer Wegstrecke von 300 Metern!

Eine halbe Stunde später waren wir marschfertig, um den letzten Zipfel
der Mongolei zu durchqueren. Wir benachrichtigten die wackeren Mongolen
von der Ankunft noch mehrerer solcher Wagen wie des unsrigen und
fuhren ab. In diesem Augenblicke entbrannte unter den braven Leuten
ein anscheinend wütender Streit über die Verteilung des Geldes. Man
hätte sagen können, sie seien im Begriff, zu den Messern zu greifen,
wenn man nicht wüßte, daß die Mongolen mit Entsetzen vor Blutvergießen
zurückschrecken; ihre Religion verbietet es ihnen, und sie gehorchen
ihr buchstäblich. Wenn sie sich an einem Feinde rächen wollen, so --
erdrosseln sie ihn.

Wir fuhren rasch; wir hatten Eile, die russische Grenze zu
überschreiten. Ich weiß nicht warum, aber wir hatten den Eindruck, als
seien jenseits der russischen Grenze die Wegschwierigkeiten zu Ende.
Wir gaben uns der tröstlichen Illusion hin, daß von nun an alles sich
zu einer langen Reihe von Spazierfahrten gestalten werde. Auf den
Karten waren von Kiachta an die Straßen mit zwei Linien statt mit einer
bezeichnet. War das nicht der Beweis einer großen Veränderung? Diese
beiden Linien erschienen uns köstlich. Wir schlugen alle Augenblicke
die Karte nur zu dem Zwecke auf, um diese Linien mit dem Auge zu
verfolgen und schon im voraus die Freude einer ununterbrochenen „60 in
der Stunde“ zu kosten.

Etwa 40 Kilometer vom Iro entfernt traten wir in den Schatten
majestätischer Kiefernwälder. Infolge des trockenen, glatten Geländes
gab es eine rasche Fahrt im Walde. In wenigen Minuten fühlten wir uns
schon unendlich weit vom chinesischen Reiche entfernt, obwohl die Räder
unseres Automobils noch auf dessen Boden dahinrollten. Wir wechselten
Worte der Bewunderung und Begeisterung, als seien wir unser Lebenlang
nie in einem Walde gewesen. Zu Füßen der mächtigen geraden Stämme
breitete sich ein weicher Rasenteppich aus. Wir atmeten Harzduft ein.
Wir kamen an grünen Waldwiesen vorüber, die in uns die Lust erweckten,
zu halten, uns auf einem alten gestürzten Stamme niederzulassen und uns
des Schattens zu erfreuen.

„Wie schön!“ wiederholten wir. „Es ist wie in einem Parke.“

Wenn wir jetzt daran zurückdenken, so war die Schönheit gar nicht so
außerordentlich, aber die Neuheit war groß. Der Bogda-ola hatte uns
auch Wälder sehen lassen, aber nur von ferne, und hier nahm uns der
Wald selbst auf. Der Unterschied ist ganz gewaltig, wenn man aus der
Wüste kommt.

Der Weg war etwas sandig und infolge hier und da hervorstehender
Wurzeln etwas holprig, aber verhältnismäßig gut. Nach einigen Stunden
trat jedoch eine Veränderung ein, die uns den Wald unerträglich machte:
der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. Wenn der Sonnenschein
fehlt, macht die Gesellschaft der Bäume traurig; sie fügt Schatten
zu Schatten; die Dunkelheit wirkt beklemmend, weil sie gleichmäßig
verbreitet ist, und erfüllt uns mit der ganzen Melancholie der
Abenddämmerung.

Als wir aus den Kiefernwäldern herauskamen und der Horizont sich
entfaltete, bemerkten wir im Norden eine schwarze Wetterwand. Unterhalb
der düsteren, niedrig schwebenden, bleigrauen Wolken zog sie sich in
der Form eines Nebelstreifens über die Erde. Sie verbreitete sich wie
der Rauch einer sich rasch ausdehnenden Feuersbrunst. Die Luft war
still.

Wir fuhren in ein sandiges Tal hinab. Eine kleine Wagenkarawane hatte
sich hier gelagert. Das Benzin im Motor war zu Ende, und wir mußten aus
den Behältern neues aufgießen; wir hielten daher. Mit einem Male wurde
die Stille der Luft gestört, ein plötzlicher Windstoß fuhr heulend
vorbei. Er war der Vorbote eines Orkans, der sich nach wenigen Minuten
wütend auf die Ebene stürzte und Wolken von Staub aufwirbelte, die uns
zwangen, die Augen zu schließen.

Es war der Abschiedsgruß der Mongolei! Wir erlebten ein in jenen
Gegenden häufiges Schauspiel: einen Sandsturm. Wir befanden uns in
einem Luftwirbel. Das Automobil wurde hin und her gerüttelt; wir
hielten uns dicht an die Maschine, die uns als Windschutz diente. Die
Richtung des Windes wechselte wirbelartig. Der Sand lief wie eine
Flüssigkeit über den Boden hin; er bildete gelbe Ströme, häufte sich
zusammen und erhob sich in Wirbeln. Der heftigste Anprall dauerte aber
nur wenige Minuten, und nach einer halben Stunde ließ der Sturm mit
derselben Schnelligkeit, mit der er gekommen war, nach. Wir sahen den
Orkan sich entfernen, wie man auf der Erde den Schatten der Wolken
dahinhuschen sieht.

Kiachta konnte nicht mehr weit sein. Es war 4½ Uhr nachmittags. Wir
wollten rechtzeitig eintreffen, um vor Einbruch der Nacht noch die
Geschäfte auf dem Zollamt zu erledigen und auf russischem Boden zu
schlafen. Wir suchten daher die Fahrt zu beschleunigen, aber der
Weg führte uns über Dünen, in denen die Räder einsanken. Der Sand
lag lose und hoch und leistete uns einen immer größeren Widerstand.
Die Laufräder begannen sich zu drehen, ohne sich fortzubewegen; sie
schleiften auf dem Boden. Der Motor strengte sich an und erhitzte sich,
und der Dampf strömte zischend aus dem Kühler. Es fehlte uns an Wasser,
und aus Furcht, einen Teil der Maschine zum Schmelzen zu bringen,
gewährten wir dem Motor lange Ruhepausen. Er verbreitete eine Hitze,
die sich schon von fern bemerkbar machte, jedesmal aber warteten wir
die Abkühlung ab. Während dieser Ruhepausen arbeiteten wir, ebneten den
Weg vor den Rädern mittels des Spatens und schaufelten so viel Sand
weg, bis wir auf eine feuchte, härtere Schicht stießen. Dann ging es
wieder vorwärts; wir unterstützten die Anstrengungen der Maschine durch
Schieben. Zentimeter auf Zentimeter rückten wir vor. Wir brauchten eine
Stunde, um einen halben Kilometer zurückzulegen, und gelangten dann in
steilem Aufstieg zum Gipfel.

Auf halber Höhe zeigte sich uns Kiachta. In der Entfernung von zwei
Kilometern lag es in ein Tal eingebettet, um vor den Stürmen geschützt
zu sein. Daher hatten wir es auch vorher nicht gesehen. Sie verbarg
sich vor uns, die stolze Stadt!

Wir empfingen in der Tat von Kiachta den Eindruck stolzer
Großartigkeit. Das Bild wuchs in unserer Phantasie ins Riesengroße,
zu einem wahren Schönheitstraum. Wir sahen spitze Glockentürme, weiße
Häuser mit Fenstern, Giebeldächer, Fabriken mit hohen Schornsteinen
-- alles wunderbare, unglaubliche Dinge! Diese Formen setzten uns in
Erstaunen, weil sie uns vertraut waren. Es schien, als sei uns Europa
bis zur Mongolei entgegengekommen.

So waren wir also angelangt! Wir fühlten Freude und Stolz darüber.
Wir betrachteten diese Stadt, die zwischen dem Grün der Bäume weiß
hervorschimmerte, als hätten wir sie erobert. Ihr Erscheinen war eine
Überraschung, ihr Anblick eine Offenbarung.

Von diesem Augenblicke an prägte sich der Name Kiachta dem Geiste
Ettores unauslöschlich ein und teilte sich hinfort mit Kalgan in die
Ehre, alle Städte des russischen Ostens zu bezeichnen.

Vor Kiachta dehnt sich eine niedrige, regellose Menge kleiner Häuser
aus: es ist Maimatschen, die letzte chinesische Stadt. Urga ist eine
dreifache, Kiachta eine doppelte Stadt. Die Häuschen von Maimatschen
drängen sich auf der Grenze der beiden Reiche an die slawischen
Gebäude heran, als wollten sie sich deren Einmarsch entgegenstellen.
Die russische und die chinesische Stadt liegen nicht wie in Urga weit
voneinander entfernt, sondern berühren einander. Es sieht aus, als
stießen sie sich, als suchten sie einander vom Platze zu drängen,
als machten sie sich das Gelände Zoll um Zoll streitig. Die neutrale
Zone ist nur wenige Meter breit -- ein kleiner Rasenstreifen, auf
dem sich einer Schildwache gleich der hohe Pfeiler erhebt, der die
Grenze bezeichnet. Die Nachbarschaft hat kein vertrautes Verhältnis im
Gefolge gehabt. Auf der einen Seite Stockchinesentum, auf der andern
Stockrussentum. Eine Ansiedlung, die an der Wolga liegen könnte, ist
mit einer solchen vereinigt, die sich am Jang-tse-kiang befinden könnte!

Was uns in Maimatschen in Erstaunen setzte, war der Umstand, daß sich
hier die am schärfsten ausgeprägten Charakterzüge Chinas finden.
Es gleicht weniger einem Orte der Provinz Tschili als einem von
Hu-pe; es gehört mehr dem Süden als dem Norden des Reiches an. In
der Tat stammen seine Bewohner aus der Umgebung von Hankou, aus
dem eigentlichen Herzen Chinas. Sie kommen aus dem Lande des Tees
und sind des Tees wegen nach Maimatschen gewandert. Kiachta und
Maimatschen verdanken ihr Dasein einzig und allein dem Tee, der auf
langen Reihen von Kamelen durch die Wüste kommt (oder besser kam).
Kiachta nimmt ihn in Empfang, Maimatschen übergibt ihn. Dieser Ort ist
Jahrhunderte hindurch der Mittelpunkt eines der größten Weltmärkte
gewesen. Der Handel mit Tee hat fabelhafte Reichtümer von Hankou nach
Moskau gebracht; sein Transport hat die Saat des Wohlstandes auf zwei
Kontinenten zurückgelassen. Der Tee ist eine der reichsten Quellen des
Gewinnes zweier Völker geworden, die in jenen Einöden ein dauerndes
Kompaniegeschäft gegründet haben. Es sind China und Rußland, die
miteinander im Vertragsverhältnisse stehen.

Die Bewohner von Maimatschen haben alle ihre Gewohnheiten, ihre
Gebräuche, ihre Geschmacksrichtungen mitgebracht. Die Außenwände der
Häuser sind roh, einförmig kahl und grau, weil der Chinese seinen
Luxus nicht für die Vorübergehenden zur Schau stellt. Aber durch jede
offene Tür sehen wir in das Innere großer, buntbemalter Höfe hinein
und auf den Türpfosten, auf den spanischen Wänden, die die Blicke
der Fremden abhalten sollen, auf den Pfeilern drehen und winden sich
Drachen und andere lebhaft gefärbte Fabeltiere, gestikulieren bizarre
Gestalten, fliegen Phönixe inmitten eines Gewirrs traditioneller
Ornamente, erglänzen große vergoldete chinesische Schriftzeichen, die
„langes Leben“ und „viel Glück“ bedeuten -- die ganze ins Auge fallende
Zusammenstellung von Dingen, die in China die Aufgabe haben, das Böse
zu vertreiben und das Gute anzulocken. Eine derartige überströmende
ornamentale und symbolische Fülle ist den echt chinesischen Ortschaften
Chinas jenseit des Gelben Flusses eigen, wohin der tatarische Einfluß
nicht gedrungen ist.

Die Bevölkerung von Maimatschen wurde durch unsere Ankunft in Aufregung
versetzt. Man hatte uns von den sandigen Hügeln herunterkommen sehen,
und alle Chinesen in ihren blauen Kleidern liefen, die Fächer bewegend,
auf die Straße, kamen uns entgegen und drängten sich um uns, während
wir durch die Stadt fuhren. Keine Frau befand sich unter ihnen. Es ist
eine Eigentümlichkeit Maimatschens, die auffallendste, die sich in
einer Stadt, die Tausende von Einwohnern zählt, denken läßt: es gibt
hier keine Frauen. Ich weiß nicht, ob dies auf einer Bestimmung der
Verträge mit Rußland beruht, das an seiner ganzen östlichen Grenze die
Eroberungszüge der Fruchtbarkeit der gelben Rasse fürchtet, oder auf
einem freiwilligen Entschluß der Chinesen, die davor zurückscheuen,
sich fern von ihrer Heimat anzusiedeln, um nicht nach dem Tode gemäß
ihren Anschauungen das schmerzlichste Exil, das der Seele, zu erdulden.
Tatsache ist, daß Maimatschen eine Männerstadt ist.

[Illustration: In den Sanddünen bei Kiachta.]

Diese Seltsamkeit hat ein Gegenstück, das vielleicht nicht ganz außer
Zusammenhang mit ihr steht: drei Li von Maimatschen entfernt liegt in
der Ebene ein Jurtendorf, das einzig und allein von mongolischen Frauen
bewohnt ist.

Ein junger Chinese winkte uns zu, wir möchten halten, und redete uns
englisch an. Er wollte die Ehre haben, uns zu beherbergen, wenn auch
nur auf wenige Minuten, wie alle seine Kollegen von Kalgan bis Urga
diese Ehre gehabt hatten: es war der Vorsteher des Telegraphenamtes.

„Ich habe den Polizeikommissar von Kiachta von Ihrer Ankunft
benachrichtigen lassen,“ sagte er, als er uns in seiner Privatwohnung
empfing; „inzwischen können Sie sich erfrischen, sich waschen und etwas
trinken.“

Wir befanden uns allerdings in einem unbeschreiblichen Zustande.
Unsere Gesichter waren buchstäblich schwarz von Staub, und auf unseren
Kleidern lag eine dicke Kruste der verschiedenen Schmutzarten, mit
denen wir auf unserer Fahrt in vertraute Berührung gekommen waren:
schwarzer Schmutz aus den Sümpfen, gelber aus dem Chara-gol, weißer
aus dem Iro. Man brachte uns warmes Wasser, kaltes Wasser, Seife,
Kämme, Handtücher, Kleiderbürsten und dann Zigaretten, Wein, Milch,
Biskuits, eingemachte Früchte. Wir versuchten und kosteten alles; wir
verwandelten uns äußerlich und innerlich. Endlich machten wir uns auf
die Ankündigung hin, daß der Kommissar uns erwarte, dankbar und neu
gestärkt wieder auf den Weg.

Eine Minute später verließen wir das Himmlische Reich. --

Neben dem Grenzpfeiler stand als Posten der erste Gorodowoi
(Schutzmann), den wir zu Gesicht bekamen, in weißer Uniform,
mit flacher Mütze, den Säbel am Wehrgehenk, die Brust mit roten
Verschnürungen geschmückt. Er erhob die Hand und befahl:

„~Stoi!~“ -- „Halt!“

Er grüßte steif, indem er zwei Finger an den Schirm seiner Mütze legte
und die Hacken zusammenschlug, und sprang auf das Automobil. Auf
dem Trittbrett stehend, gab er die einzuschlagende Richtung an und
kommandierte:

„Vorwärts, rechts!“

Das Automobil bewegte sich gehorsam wie ein Rekrut.

Wir betraten den Boden des Russischen Reiches.



Elftes Kapitel.

Transbaikalien.

     Der amtliche Schutz. -- Sibirische Gastfreundschaft. -- Das
     Automobil und der Tee. -- In der Richtung auf Nowi-Selenginsk. --
     Der Übergang über die Selenga. -- Ein aufblühendes Land. -- Die
     Eisenbahn.


Der Polizeikommissar von Kiachta empfing uns in seinem Amtszimmer
und erklärte uns mit finsterem Gesicht, er befinde sich in der
Notwendigkeit, mit uns von ernsten Dingen sprechen und uns einige
wichtige Dokumente überreichen zu müssen.

Der Fürst und ich sahen uns fragend an. Der Ton unseres Gastfreundes
hätte den Glauben erwecken können, als handle es sich um einen
Verhaftungs- oder Ausweisungsbefehl. Aber bald sollten wir bemerken,
daß er stets eine würdige, feierliche Haltung annahm, wenn er von
amtlichen Geschäften sprach, welcher Art sie auch sein mochten, während
er sich heiter und gewandt über alles sonstige unterhielt. Er ließ
zwei getrennte Persönlichkeiten erkennen, die des Bureaukraten und
des gebildeten Mannes, von denen jede ihre besondere Umgangsform und
Sprechweise hatte. Im übrigen war er ein sympathischer Beamtentypus
und wurde einer unserer besten Freunde in Kiachta. Er war ein kleiner,
dicker, alter, gesprächiger, gebildeter und sprachenkundiger Herr.
Jetzt hatte er sich in seinen amtlichen Ernst wie in eine Uniform
gehüllt.

Er forderte unsere Pässe, um sie zu prüfen. Dann teilte er uns
mit, daß die Zollverwaltung den Befehl erhalten habe, uns zollfrei
passieren zu lassen, und überreichte uns, nachdem wir eine regelrechte
Empfangsbescheinigung ausgestellt hatten, einige Schriftstücke,
die von Petersburg gekommen waren und die ebenso viele Beweise des
wohlwollendsten amtlichen Schutzes darstellten. Die russische Regierung
hatte, als die Fahrt Peking-Paris projektiert worden war, durch das
Ministerium des Auswärtigen es abgelehnt, die Verantwortung für die
persönliche Sicherheit der Reisenden zu übernehmen, namentlich während
ihrer Fahrt durch Sibirien. Wir waren daher angenehm überrascht,
als wir in Kiachta ein amtliches Schreiben des Ministers des Innern
erhielten, eine Podoroschnaja, einen Reisepaß, der alle Behörden
ersuchte, uns im Notfalle Hilfe zu leisten, nebst einem Schreiben des
Generaldirektors der Reichspolizei, das uns des väterlichen Schutzes
aller Polizeiämter versicherte, und drei besonderen Erlaubnisscheinen,
kraft deren es einem jeden von uns gestattet war, zwei Revolver bei
sich zu führen.

Nachdem die Überreichung vor sich gegangen war, lachte der
Kommissar, rieb sich die Hände und nahm die freundliche Miene eines
liebenswürdigen Privatmannes an.

Er erzählte uns die letzten Neuigkeiten aus der Welt, um uns auf dem
Laufenden zu erhalten: die Duma war aufgelöst worden; in Petersburg
herrschte Ordnung; in Südfrankreich war Revolution; in der Nähe von
Neapel hatte sich ein Automobilunglück zugetragen. Dann ließ er
Champagner bringen und stieß mit uns auf den Erfolg unserer Fahrt an.
Auch begleitete er uns persönlich nach dem Zollamte und stellte uns
vielen Beamten, Herrn Sinitzin, dem Agenten der Russisch-Chinesischen
Bank, und den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt vor. Kurz, er
war ein gefälliger und liebenswürdiger Führer.

Auf dem Zollamte mußten wir eine Erklärung unterzeichnen, in der wir,
Fürst Borghese und ich, uns solidarisch verpflichteten, das Automobil
über die Grenzen des Reiches zu bringen. Es war dies unser sehnlichster
Wunsch, der hier protokolliert und zum Gegenstande einer feierlichen
Amtshandlung gemacht wurde.

An der Maschine wurde eine Tafel mit einer Zahl -- Nummer 1 --
angebracht, und dieselbe Zahl wurde auf die Scheiben der Laternen
gemalt. Dann wurden wir für frei erklärt. Herr Sinitzin lud uns in sein
Haus ein, ein großes Holzhaus, in dem sich auch die Geschäftsräume
der Russisch-Chinesischen Bank befinden. Nie werden wir den
patriarchalischen, liebevollen Empfang vergessen, der uns hier zuteil
wurde.

Das alte Haus war in voller Aufregung; es zitterte und knirschte
vom Boden bis zum Keller unter den eiligen Schritten der barfüßigen
Mägde, die in die charakteristischen traditionellen Trachten Sibiriens
gekleidet waren; die Herdfeuer brannten beständig, weil die Tafel
immer gedeckt blieb. Es kamen Schüsseln auf den Tisch, die homerischer
Gastmähler würdig gewesen wären; riesige Rinderbraten, große gesottene
Fische, Lammviertel, dampfende Borschtsuppe in Terrinen, die so groß
waren wie Fischteiche, Berge von Kaviar, von Stör, von Lachs, von
Eiern, von Pirowski, und Flaschen, gefüllt mit jederlei Art Wein
und jederlei Art Likör, köstliche Früchte, die eigens aus Italien
bezogen waren. In der Mitte des Ganzen summte ein riesiger Samowar
wie eine zufriedene Katze. Was uns aber noch mehr zusagte, das war
die ungeheuchelte, aufrichtige Herzensgüte, die Zuvorkommenheit, die
Liebenswürdigkeit, von der wir umgeben waren. Wir empfanden in allem
die Sympathie, die man uns entgegenbrachte, die Freundlichkeit, die
Vertraulichkeit, das beständige Bestreben, uns vergessen zu lassen,
daß wir Fremde und fern von der Heimat seien. Unsere Neigungen, unser
Geschmack wurden studiert, und oft kam man ihnen zuvor. Ein beständiges
Lächeln belebte aller Blicke. Die gute Frau Sinitzin, die in ihrer
Unermüdlichkeit mitunter ihre Staatstoilette ablegte, um sich den
üblichen Pflichten der Hausfrau zu widmen, war unaufhörlich um uns
besorgt. Sie verschwendete an Fremde die Schätze ihres mütterlichen
Empfindens, weil sie an die Schwelle des Greisenalters gelangt war,
ohne Mutter gewesen zu sein. Sie hatte Falia, ein Burjatenmädchen, als
Tochter angenommen, und dieses, einem wilden Stamme entsprossene Kind
erheiterte ihr die Einsamkeit des Lebens. Falia brachte uns Blumen, und
wenn sie uns nachdenklich und ernst sah, kam sie zu uns und lächelte
uns an.

Fortwährend kamen neue Gäste zu Tische. Die Freunde betraten das
Zimmer, nahmen nach kurzer Begrüßung Platz und verkehrten in der
Familie mit einer Vertraulichkeit, die auf langjährigen Umgang
schließen ließ. Man begreift, daß bei diesen Leuten alle Türen und Tore
offenstehen; sie sprachen in einem Tone ernster, ruhiger Freundschaft,
aus dem man ersehen konnte, daß auch die Tore des Herzens geöffnet
waren. Viele der Erschienenen waren Teehändler; auch unser Gastfreund
Sinitzin gehörte dazu. Alle diese einfachen und bescheidenen Männer von
ungeschlachtem Körperbau, mit bärtigen Gesichtern und dem sanften Blick
des russischen Muschik, die in Blusen aus sibirischer Seide gekleidet
waren und riesige Stiefel an den Füßen hatten, waren Millionäre. Der
Teehandel hatte sie reich gemacht.

Kiachta ist ein Städtchen von Millionären. In den kleinen, mit
lebhaften Farben bemalten Holzhäusern, die sich längs der aus Brettern
hergestellten Fußsteige hinziehen und durch ländliche Höfe voller
Telegas und Schlitten voneinander getrennt sind, führen Familien, die
einen Palast in Moskau oder Petersburg besitzen könnten, ein Leben
wie Verbannte. Der Tee geht fast gar nicht mehr durch Kiachta; die
Quelle ihres Reichtums ist seit etlichen Jahren versiegt, aber sie
bleiben. Sie harren aus in dem Lande, das ihnen Wohlstand gebracht
hat, sie bleiben in der Nähe ihrer alten prächtigen Kathedrale, die
mehr Schätze birgt als alle Kirchen Sibiriens zusammengenommen. Die
Liebe zu dem Orte hält sie hier zurück, die Unbekanntschaft mit dem
Luxus, die Gewohnheit und auch die unbestimmte Hoffnung, daß die uralte
Wüstenstraße sich wiederum mit Karawanen bevölkern, daß die kleine,
jetzt so stille Stadt wieder zu geschäftigem Lärm erwachen werde.

[Illustration: Mongolische Reiter auf der Straße nach Kiachta.]

„Sie haben keinen Begriff,“ sagte ein Zollbeamter zu mir, „was Kiachta
vor sieben bis acht Jahren war! Sehen Sie diese breiten, öden Straßen?
Sie reichten an manchen Tagen nicht aus, um das riesige Gewirr des
Kommens und Gehens zu fassen. Es wurden täglich bis zu 50000 Kisten
Tee verladen. Jährlich kamen 25000000 Kilogramm Tee durch. Der große
Umsatz begann im Oktober, und im November und Dezember war ganz
Kiachta ein einziger großer Jahrmarkt und ein einziger Festplatz.
Nicht einmal des Nachts begab man sich zur Ruhe. Oft schneite es,
und die Leute freuten sich darüber, weil der Schnee die Straßen zu
Schlittenbahnen umwandelte. Sinitzin und viele andere mieteten jeder
im Sommer bis zu 500 Kamele, um die ersten zu sein, den neuen Tee auf
die Messe nach Nischnij-Nowgorod zu schicken. Sehen Sie jene großen
Gebäude aus Ziegeln, hinter der Kirche? Das waren die Lagerspeicher,
der Gostinij Dwor. Hunderte von Arbeitern waren dort Tag und Nacht
beschäftigt, die Ladungen aus der Mongolei zu öffnen, den beschädigten
Tee auszusondern und die Kisten für die Reise durch Sibirien wieder
zurechtzumachen, indem sie sie mit Kamelfellen bedeckten. Dort fanden
die Versteigerungen statt, und Hunderttausende von Rubeln liefen um,
als wären es Kopeken. Riesige Schlittenkarawanen gingen nach dem
Baikalsee ab. Alle Höfe standen voll von Pferden. Am Abend fanden dann
große Bälle und unaufhörliche Gastereien statt; in Troizkossawsk, der
nächsten Stadt, befand sich ein Theater. Man trank, man lachte, man
gab Geld aus, ohne zu rechnen. Jetzt, nachdem dieses Leben zweieinhalb
Jahrhunderte gedauert hat, ist Kiachta eine tote Stadt.“

„Ist dieses Jahr wenig Tee durchgekommen?“

„Nichts.“

„Alles geht nach Wladiwostok?“

„Alles geht mit der Eisenbahn. Vor zwei Jahren trat während des Krieges
ein Aufschwung ein, weil alle Eisenbahnlinien für die Truppen in
Beschlag genommen waren. Aber jetzt ist es vorbei. Wie soll man mit
der Eisenbahn den Kampf aufnehmen? Die Straßen sind ganz verödet, es
benutzt sie niemand mehr. Sie werden es mit eigenen Augen sehen.“

[Illustration: Sibirische Muschiks.]

„Aber die Verbindungen mit der transsibirischen Eisenbahn? Kiachta wird
kein weltabgeschiedener Flecken bleiben!“

„Nein, aber jetzt benutzt man den Flußweg. Es gibt Dampfboote, die
den Verkehr zwischen Werchne-Udinsk und Ust-Kiachta auf der Selenga
vermitteln, und von hier bis Ust-Kiachta ist die Straße für Telegas
noch gangbar.“

Die Auskünfte über die Straßen, die wir von allen Seiten erhielten,
konnten nicht entmutigender lauten.

„Über die Maßen schlecht, schauderhaft, unwegsam!“ hatte uns der
Polizeikommissar mit seiner dröhnenden Stimme gesagt. „Haben Sie Sümpfe
in der Mongolei angetroffen? Sie werden noch schlimmere finden. Wissen
Sie, welche Art von Sümpfen die Engländer mit ‚Bog‘ bezeichnen? Nun,
Sie werden auf ‚Bogs‘ stoßen, wie Sie in Ihrem Leben noch nicht gesehen
haben! Und Abhänge, daß Sie sich den Hals brechen können! Anhöhen,
auf die Sie das Automobil nur mit Seilen hinaufziehen können! Und
Sand, einen Meter hoch! Wollen Sie noch mehr wissen? Noch heute will
ich durch meine Agenten die einzigen Leute befragen lassen, die jene
Straße benutzen, die Telegraphenarbeiter, die die Linie auszubessern
haben. Sie sollen alle Einzelheiten erfahren. Ich für meine Person
bin unerschütterlich fest davon überzeugt, daß Ihr Automobil nicht
durchkommt.“

„Ist es möglich?“ riefen wir mit schmerzlichstem Erstaunen aus und
dachten dabei an jene hübschen Doppellinien der Landkarte. „Wir
haben doch alle Schwierigkeiten der Straße zwischen Urga und Kiachta
überwunden.“

Unsere Unfälle in der Mongolei interessierten alle Teemillionäre.
Die Nachricht von der Fahrt Peking-Paris hatte in Kiachta ein
Publikum gefunden, das darüber in Aufregung geriet. Neue Hoffnungen
erwachten. Man erwartete mit Spannung die Erprobung des Automobils
auf mongolischem Boden. Sollte es nicht möglich sein, das Kamel
durch das Automobil zu ersetzen und die Konkurrenz der Eisenbahn bei
der Teebeförderung zu besiegen? Unsere Ankunft versetzte die alten
Teekaufleute in hochgradige Erregung. Wir hatten die Strecke von
Kalgan bis Kiachta in 7 Tagen zurückgelegt, während die Karawanen 20
brauchten. Sie fragten uns nach tausenderlei Dingen, über die Kosten
des Benzins, über die Möglichkeit, schwere Lasten zu befördern, über
den Preis der Maschine. Sie diskutierten eifrig untereinander. Aus
ihren Reden ersahen wir, welches der Hauptgrund gewesen war, der sie in
Kiachta zurückgehalten hatte: sie erwarteten, daß die russische oder
die chinesische Regierung die mongolische Bahn bauen würde, eine Bahn,
die von der Logik der Dinge gefordert und daher unausbleiblich war.

Es kann noch viel Zeit vergehen, aber kommen wird die Bahn. Dann
würde Kiachta, durch den Schienenstrang mit Hankou verbunden, allen
chinesischen Tee direkt aus den Produktionsorten an sich ziehen. In
die ruhige und geduldige Erwartung der mongolischen Linie warf das
Automobil ein Fieber neuer Ideen und neuer Pläne hinein. Augenblicklich
jedoch ist das Automobil, wenn es sich auch selbst in der Wüste
als schnelles Verkehrsmittel bewährt hat, noch kein praktisches
Beförderungsmittel. Die „Itala“ hätte nach Kiachta nicht mehr als 200
Kilogramm Tee bringen können, und zwar mit einem Kostenaufwand von ℳ
1,20 bis 1,60 für das Kilogramm.

Wie das dem Fürsten in Peking zugegangene Telegramm in Aussicht
gestellt hatte, erhielten wir in Kiachta eine ausführliche Liste
unserer Ersatzvorräte mit Angabe der Menge der einzelnen Gegenstände
und der Entfernungen von einem Depot zum andern in Werst. An der Spitze
der Liste stand Kiachta. Aber in Kiachta war auch nicht ein Tropfen
unseres Benzins angekommen! Das Brennmaterial, das wir noch in den
Behältern hatten, hätte vielleicht hingereicht, uns bis zum Baikalsee
zu bringen, aber wir waren nicht sicher. Die sehr schwierige Straße von
Urga hierher hatte den Motor oft zu angestrengter Tätigkeit gezwungen
und den Benzinverbrauch erhöht. Wenn der künftige Weg ebenso schlecht
war, so würde unser gesamter Reservevorrat aufgebraucht werden, bevor
wir das nächste Depot erreichten! Hätten wir es dann in Wirklichkeit
und nicht nur auf der Karte auffinden können? Würden wir nicht
gezwungen sein, vielleicht auf Wochen hinaus festzuliegen?

Das Glück war uns günstig. Einer der reichsten Kaufleute von Kiachta
hatte vor Jahren den Einfall gehabt, sich ein Automobilwägelchen
und mit ihm eine große Menge Benzin kommen zu lassen. Das kleine
Automobil hatte den guten Gedanken gehabt, infolge eines Schadens,
dem der Schmied des Ortes bisher nicht hatte beikommen können,
die Arbeit einzustellen; das Benzin war im Keller eines Magazins
liegengeblieben und wartete sozusagen auf die unwahrscheinliche
Gelegenheit, daß ein Automobil durchkäme. Herr Sinitzin, der als Agent
der Russisch-Chinesischen Bank unser Depot hätte in Empfang nehmen
sollen, erinnerte sich des Wägelchens seines Freundes und verschaffte
uns das wertvolle Brennmaterial, nachdem wir das halbe Russische
Reich vergebens mit dringenden Telegrammen bestürmt und uns schon
entschlossen hatten, unser Glück zu versuchen. So vervollständigten wir
unsere Vorräte.

Am Abend des 24. Juni erfuhr ich auf dem Telegraphenamt in Maimatschen,
daß der „Spyker“ an jenem Tage bis Urga gekommen sei. Am 25. teilte mir
dasselbe Amt mit, daß die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ bei
Tagesanbruch Urga verlassen hätten. Am Nachmittag begann es zu regnen.

„Aha, die Bogs des Kommissars!“ sagten wir lachend zueinander.

Und wir dachten an die berüchtigten Sümpfe, an Moräste, die uns drohen
sollten; bald würde der Regen jeden Durchgang unmöglich gemacht haben.
Regen ist vorteilhaft, weil der Sand durch ihn fest wird; zuviel
aber verwandelt den Sand in Schlamm. Und das schlechte Wetter schien
anzudauern. Es war so beharrlich, daß es uns 500 Kilometer weit
begleitete! An diesem Tage fiel einer jener dichten, gleichmäßigen,
verdrießlichen Regen, die den Gedanken an den Herbst wachrufen, wenn es
auch noch so warm ist. Am Abend teilte man uns mit, daß einige Mongolen
von der Höhe der Dünen auf der Straße von Urga Lichter erblickt
hatten, und man nahm an, daß dies die übrigen Automobile sein müßten.
Uns erschien die Vermutung widersinnig. Sie hatten Urga am Morgen
verlassen und konnten abends noch nicht in Kiachta eintreffen. In der
Tat haben sie, vom schlechten Wetter überrascht, drei Tage gebraucht,
um jene Strecke zurückzulegen. Wir entschlossen uns indes, am nächsten
Tage aufzubrechen. Frau Sinitzin war über die Kühnheit unseres Plans
erschrocken.

„Sie Ärmste!“ wiederholte sie des öfteren, indem sie uns mit tiefem
Mitleid betrachtete und dabei seufzte. „Bei diesem Regen und im offenen
Wagen! Ich will Ihnen wenigstens etwas zur Stärkung mitgeben.“

Als wir uns am frühen Morgen erhoben, fanden wir die herzensgute Frau
emsig beschäftigt, umgeben und unterstützt von den Dienstboten. Die
Küche war in voller Tätigkeit.

„Die Flaschen Wein hierher!“ rief Frau Sinitzin über den Rand eines
mächtigen Weidenkorbes gebeugt. Eine Magd kam, die Arme voller
Flaschen, die in dem Korbe verschwanden. „Rasch die gebratenen Hühner!“
-- sechs Hühner folgten den Flaschen. „Ist das Lamm gekocht? Bringt es
her!“ -- ein dampfendes Lammviertel nahm in dem Korbe Platz. Und dann
kamen noch Orangen, frisches Brot, alles schön in Papier eingeschlagen
und verpackt.

„Mein Gott!“ rief sie aus, als ihr der Inhalt vollständig schien --
„ich habe ja das Bier und den Kognak vergessen!“ Und sofort wurden noch
weitere Flaschen in die leergebliebenen Stellen versenkt.

„Für wen sind denn diese Dinge?“ fragte der Fürst besorgt.

„Für Sie, Knjäs Borghese!“

„Ah, aber dies ist unmöglich! Du lieber Himmel, das sind ja
Lebensmittel und Wein für ein ganzes Regiment! Nein, nein! Die Maschine
ist schon zu sehr belastet. Und bei dem Morast, den wir antreffen
werden! Es ist unmöglich, gnädige Frau!“

Ein aufrichtiger und dabei komischer Schmerz malte sich bei dieser
Ablehnung auf dem Gesicht der gütigen Dame. Sie faltete die Hände und
betrachtete uns schweigend. Dann bemerkte sie schüchtern, besorgt, uns
allzusehr zu widersprechen:

„Sie wollen nichts mitnehmen? Auf eine so lange Reise? Wenigstens ein
bisschen!“

Um sie nicht zu kränken, nahmen wir zwei Hühner und zwei Flaschen Wein,
die Frau Sinitzin kopfschüttelnd in ein Säckchen steckte, als wollte
sie sagen: „Sie kommen um vor Hunger und Durst, die Ärmsten!“

Es regnete fort und fort. Im Hofe stand das Automobil. Wir nahmen
herzlichen Abschied von unseren Gastfreunden, die mit bloßem Kopfe vor
der Haustür standen und uns glückliche Reise wünschten, und fuhren
ab. Noch auf der Straße vernahmen wir ihre Stimmen, und sahen, als
wir uns umwandten, wie sie uns ein letztes Lebewohl zuwinkten. Mit
traurigem Gefühl dachten wir daran, daß wir höchstwahrscheinlich jene
selbstlosen, herzensguten Freunde nie wiedersehen würden.

       *       *       *       *       *

Kiachta schlief noch in der bleichen, kühlen Morgenfrühe. Wenige
Minuten später kamen wir durch das benachbarte Troizkossawsk mit seinem
kleinen grasbewachsenen Friedhof, der übersät war mit Kreuzen und
Grabsteinen, die vom Regen abgewaschen waren. Ein Birkenhain lag im
Mittelpunkte der Stadt, große Kasernen am äußersten Ende des bewohnten
Teils, und großartige Schulen -- Privatschulen, die von dem Reichtum
des Ortes Zeugnis ablegten -- erhoben sich neben den kleinen, weiß und
blau gestrichenen Holzhäusern längs der ungepflasterten, schmutzigen
Hauptstraße. Mancher Fensterladen öffnete sich, und heraus schauten
verschlafene Frauengesichter mit ungeordneten Haaren und starrten
uns verständnislos nach. Ein frühaufstehender Krämer war eben dabei,
seinen Laden zu öffnen; er unterbrach seine Beschäftigung, als er uns
kommen sah, und fuhr erschreckt in die offenstehende Tür zurück, wie um
sich zu verstecken. Die an den Wegkreuzungen wachestehenden Gendarmen
grüßten militärisch. An den kleinen Fluß mit steilen, grasbewachsenen
Ufern, der die Stadt durchschneidet und auf dem sich im Winter die
Knaben von Troizkossawsk und Kiachta mit Schlittschuhlaufen vergnügen,
führten einige Kosaken ihre Pferde, die sich bei unserer Vorbeifahrt
erschreckt bäumten, zur Tränke. Eine vom Exerzieren zurückkehrende
Truppe in ihren schweren, grauen Mänteln marschierte wieder in die
Kaserne, bis zu den Knien mit Schmutz bespritzt. Die Soldaten machten
halt und traten aus Reih und Glied, um uns besser sehen zu können,
wobei die Bajonette über ihren Köpfen hin und her schwankten.

[Illustration: Auf dem Wege durch ein sibirisches Dorf.]

Kaum waren wir außerhalb der Stadt, als uns die Straße, die mit einem
Male zu einem schmalen Fußpfade geworden war, durch schweigende, dunkle
Tannen- und Birkenwälder führte, in denen wir nichts hörten als das
unaufhörliche laute Herniederrauschen des Regens. Wir zitterten vor
Kälte in unseren triefenden Regenmänteln, in deren Falten das Wasser
herunterrann.

War es möglich, daß wir der Mongolei noch so nahe waren, daß
Maimatschen mit seiner Menge blaugekleideter Chinesen vom
Jang-tse-kiang nur wenige Kilometer zurücklag? Die brennenden Wüsten,
die weiten Steppen, auf denen Kamele und Antilopen in Freiheit leben,
erschienen uns wie ein Traum. Der Wechsel war so plötzlich, daß er auf
uns wie eine Gewalttat wirkte. Alles war verändert, die Landschaft, die
Bevölkerung, das Klima. Wir fühlten uns wie durch einen Zauberschlag
aus Asien heraus versetzt. Es war Rußland, das dasselbe ist an der
Selenga wie am Dnjepr, an der Wolga wie an der Newa, Rußland, das
sich innerhalb seiner Grenzen gleichbleibt, das weder asiatisch noch
europäisch ist, das sich ebenso stark von China wie von Frankreich
unterscheidet! Zar Alexander ~II.~ sagte, wenn ich mich recht entsinne,
Rußland umfasse ein Sechstel der Erdoberfläche, und das ist wahr. Die
wunderbare Gleichförmigkeit des Reiches macht es zu einem in der Welt
allein dastehenden Staatsgebilde.

Der Wechsel entzückte uns. Wir fanden uns unvermutet in einer Umgebung,
die der Heimat ähnlicher war.

Als wir aus den Wäldern herauskamen, erblickten wir Felder, umzäunt
von rohen, aus jungen Kiefernstämmen hergestellten Gehegen, die erste
Eigentumsteilung, das erste Anzeichen der Besitzergreifung des Landes,
das wir nach Tausenden von Kilometern antrafen. Zwischen den Feldern
standen schwarze, uralte Bauernhäuser. Der Regen verwischte die Farben
in der Ferne, indem er einen dünnen Nebel über die Felder breitete,
und ließ die Farben in der Nähe schärfer hervortreten; die vom Regen
gebadeten Pflanzen erhielten eine unbeschreibliche Lebensfrische. Auch
diese Wirkungen des Regens gefielen uns, die intensive Färbung, die
Dunstschleier, an die unser Auge nicht mehr gewöhnt war; wir fanden
bekannte Landschaftsbilder wieder. Wir begegneten Telegas; sie wurden
von Muschiks in roter Bluse und Pelzmütze gelenkt, einige hatten an
den Beinkleidern lange gelbe Streifen und trugen Militärmützen, es
waren ausgediente Kosaken. Jeden Augenblick kamen Tarantasse vorüber,
Lederkähnen auf vier Rädern ähnlich, die dauerhaftesten, aber auch
unbequemsten Fuhrwerke der Welt, in denen man auf Stroh ausgestreckt
liegt; gezogen wurden sie von alten Schindmähren, die von burjatischen
Kutschern mit weitausholenden Peitschenhieben angetrieben wurden. Aller
Augenblicke erschien eine Gruppe rohgebauter kleiner Häuschen neben der
Straße; an dem größten war ein Wappen mit dem Doppeladler angebracht:
es war ein Postamt. Da sauste der Postwagen, niedrig wie ein Schlitten,
nach Art der Troika bespannt, im Galopp eine Anhöhe hinauf. Er kam von
Ust-Kiachta. Die in ihre Mäntel gehüllten Reisenden, mit Pelzmützen
bis über die Ohren, streckten neugierig die Köpfe heraus, um uns zu
betrachten.

Die Straße war augenscheinlich von unseren Freunden in Kiachta
fürchterlich verleumdet worden. Sie hatten uns so viel Schlechtes von
ihr gesagt, daß wir sie schließlich beinahe vorzüglich fanden. Sie
hatten einstimmig erklärt, sie sei schlimmer als die Straße nach Urga.
Im Grunde war dies ganz natürlich; sie kannten ja die Straße nach Urga
nicht, wohl aber die nach Werchne-Udinsk, und man ist leicht geneigt,
von dem, was man kennt, Übles zu reden; was man nicht kennt, ist besser.

Wir fuhren über morastige Ebenen, gelangten glücklich über nicht immer
leichte Aufstiege und nicht immer bequeme Abhänge, aber nirgends war
etwas von Bogs oder von jenen so lebhaft geschilderten Abgründen
zu entdecken. Ruhig und ohne Unterbrechungen fuhren wir unsere 20
Kilometer in der Stunde. Um 7 Uhr befanden wir uns in Ust-Kiachta an
der Selenga. Wenige vom Wetter gebräunte Bauernhütten, eine kleine
Kirche, eine lange schmutzige Straße. Und auf der Straße ein eleganter
Polizeibeamter, die Brust mit Ehrenzeichen geschmückt, in einer Uniform
von blendendem Weiß; er erwartete uns. Zwischen den Häusern erblickten
wir das Wasser des Flusses.

„Wie kann ich Ihnen nützlich sein?“ fragte er höflich und grüßte,
während das Automobil neben ihm hielt.

„Ist es möglich, die Straße nach Werchne-Udinsk zu verfehlen?“ fragte
der Fürst.

„Nein,“ erwiderte der Beamte; „Sie brauchen nur der Telegraphenlinie zu
folgen. Aber in Nowi-Selenginsk, etwa 65 Kilometer von hier, müssen Sie
den Telegraphen verlassen und den Weg nach links einschlagen, um über
die Selenga zu kommen; der Telegraph läuft am Ufer weiter.“

„Danke. Und ist eine gute Barke zum Übersetzen vorhanden?“

„Ja, aber ich fürchte, sie ist für das Automobil zu klein.“

„Wir werden ja sehen.“

„Wann beabsichtigen Sie in Werchne-Udinsk zu sein?“

„Heute abend.“

„Heute abend?“ fragte er verblüfft. „Aber es sind ja 250 bis 260
Kilometer von Kiachta! Wunderbar!“

„Wenn die Straße gut wäre, würden wir zu Mittag dort sein. Adieu und
vielen Dank!“

„Wollen Sie nicht ein Glas Tee trinken?“

„Nein, danke!“

„Glückliche Reise!“

Im nächsten Augenblicke rief er:

„Wünschen Sie einen Führer? Einen Mann zu Pferd?“

„Nein, nein; es ist nicht nötig!“

„Folgen Sie nur dem Telegraphen!“

Wir folgten ihm auf grasbewachsenen Wegen, über weite Ebenen und
bergauf über Hügel. Oft kamen wir an Stoppelfeldern vorüber, an
Dörfern, die sich an den Fuß bewaldeter Anhöhen schmiegten --
Anhäufungen von kleinen, schwarzen, gleichförmigen Holzhäusern,
überragt von einer weißen Kirche mit spitz zulaufendem Turm und grünem
Dache. In der Nähe der Häuser drehten Windmühlen langsam das graue
Kreuz ihrer Flügel. Der Regen hatte aufgehört.

Die ersten sibirischen Dörfer, durch die wir kamen, erschienen uns
entzückend. Der verführerische Reiz der Ruhe, der Zauber des Landlebens
liegt über ihnen. Mit ihren kleinen, aus Baumstämmen gezimmerten, von
Zäunen umgebenen Häusern, die untereinander durch Bretter verbunden
sind, um trockenen Fußes unter freiem Himmel gehen zu können, wenn
es regnet und die Straße schmutzig ist, machen sie einen äußerst
malerischen Eindruck. Wir Bürger des Westens lieben das rohe Holz, die
rohen, mit der Axt behauenen und zu Hauswänden gewordenen Balken, weil
sie uns vom Walde, von seinem Schatten, von seinem Leben erzählen.
Holz findet man überall in Sibirien, es ersetzt das Eisen, es ersetzt
das Mauerwerk, liefert die Hausgeräte und oft die Arbeitswerkzeuge.
Man könnte sagen, daß, wie es eine Stein- und Bronzezeit gegeben
hat, es auch eine slawische Holzkultur gibt. All dies spricht uns
an, weil es schlicht und einfach ist, dunkle, ferne Erinnerungen an
ein primitives, aber freies Leben und die Sehnsucht danach in uns
wachruft. Die Häuser mit dem überhängenden Dache, mit der von einem
schmalen, über die Straße vorspringenden Vordache geschützten Tür, die
zum Eintritt einlädt, mit den kleinen Fenstern, deren weißgestrichene
Pfosten und Rahmen sich heiter von der dunklen Wand abheben, machen
den Eindruck des Friedlichen und Heimeligen. Sie zeigen Blumen auf
den Fensterbrettern und Vorhänge an den Fenstern und erwecken die
Vorstellung eines gut behüteten Wohlstandes, der sich zu verteidigen
weiß. Bald aber macht man die niederdrückende Erfahrung, daß das erste
Dorf dem zweiten gleicht, das zweite dem dritten, das hundertste dem
neunzigsten und so ins Unendliche fort. Die Häuser sind alle auf
dieselbe Art gebaut, die Kirchen sehen sich ähnlich wie ein Ei dem
andern. Alles ist nach einer und derselben Schablone angelegt: eine
breite Straße, um die Gefahren der Feuersbrünste zu verringern, und
zu beiden Seiten von ihr die Wohngebäude; hinter den Wohnhäusern die
Stallungen; in der Mitte des Dorfes, auf einer Wiese, die Kirche.
Nichts, was einen Unterschied bieten könnte zwischen dem einen Dorfe
und dem andern, den Namen ausgenommen!

Bei jedem Turme, der sich in der Ferne zeigt, hegt man die trügerische
Erwartung einer Abwechslung. Die Kirche erscheint größer als die
bisherigen, das Dorf schöner, und man wünscht, rasch hinzukommen,
voll neubelebten Interesses und getrieben von dem Wunsche, etwas
anderes als das ewige Einerlei zu sehen. Aber das Dorf gleicht doch
den Nachbardörfern und auch denen, die in weiter Ferne liegen, wie
ein Soldat dem andern. Rasch ruft die Gleichförmigkeit Eintönigkeit
hervor und die Eintönigkeit Melancholie. Man denkt an die meisten
Dörfer Italiens, von denen jedes seine besondere Physiognomie, seinen
besonderen Gesichtsausdruck, seine besondere Persönlichkeit hat, die
schon von weitem ruft: „Das bin ich!“

Einige Stunden führte uns die Straße von der Selenga ab in das kahle
Tal ihres Nebenflusses Tschiko, den eine üppige Vegetation kenntlich
macht. Nicht weit von der Mündung des Tschiko stoßen wir wieder auf
die Selenga, deren weiße, milchige Fluten von üppigen, sich über das
Wasser neigenden Gebüschen umrahmt sind. An dem Ufer stehen einige
Bauernhütten, die aussehen, als ob sie den Fluß überschreiten wollten,
um Nowi-Selenginsk zu erreichen, dessen weißen Kirchturm wir in wenigen
Werst Entfernung über die Bäume hervorragen sahen.

Hier war der Ort unserer Einschiffung. Auf dem Flusse kam ein kleines,
aus klaffenden Brettern verfertigtes Fahrzeug in Sicht. Wir stiegen
ab. Die Barke befand sich auf dem andern Ufer des Flusses, wohin sie
eine Telega befördert hatte, die in diesem Augenblicke zwischen den
Gebüschen verschwand. Zwei alte Männer mit dichten, wirren Bärten
näherten sich, begleitet von einigen barfüßigen Mädchen, die uns
furchtsam betrachteten und bei unserem Nahen die Flucht ergriffen.
Einer der Alten fragte, ob wir übersetzen wollten.

„Ja. Wird die Barke uns tragen?“

„Wieviel wiegt der Wagen?“

„120 Pud.“

„Das ist viel. Aber sie trägt sie, wenn nur der Wagen auf der Barke
Platz hat.“

[Illustration: Sibirisches Dorfpublikum.]

Er rief mit lauter Stimme den Bootsleuten zu. Die Barke setzte sich
in Bewegung, getrieben von zwei langen Rudern, deren jedes von zwei
Ruderern gehandhabt wurde, durchquerte den Fluß in schräger Richtung
und legte an der Landungsbrücke an. Es war eine Fähre ohne Seitenwände,
eine Art schwimmender Plattform. Wir maßen die Breite mit Schritten.
Das Automobil hatte nur schräg darauf Platz. Wie sollten wir es auf
die Fähre bringen? Mit der Kraft der Arme oder mit dem Motor? Würde
die Landungsbrücke das Gewicht aushalten? Damals erschienen uns diese
Fragen sehr schwer lösbar: wir machten unser erstes Schiffsmanöver
durch.

Da wir über ein sicheres Auge und eine genaue Kenntnis der Maschine
verfügten, konnten wir uns mit Hilfe des Motors einschiffen. Ettore
ergriff das Steuerrad, ließ das Automobil rückwärtsgehen und schickte
sich an, die Räder an den Punkten, die ihm der Fürst auf den
Brettern bezeichnet hatte, den Punkten der größten Widerstandskraft,
hinüberzuleiten.

„Fertig? Vorwärts!“ sagte Don Scipione.

Das Automobil fuhr an und sprang auf die Landungsbrücke, die von
oben bis unten erzitterte. Die Bretter gaben nach und bogen sich wie
Sprungfedern, als die Räder darüberfuhren. Die Vorderräder kamen auf
die Fähre zu stehen. Aber in diesem Augenblicke bewirkte das große
Gewicht der Maschine, das nur von einer Seite der Landungsbrücke
getragen wurde, daß die Fähre sich unvermutet bis zum Wasserspiegel
hinabneigte. Das Automobil befand sich mit den Vorderrädern um einen
halben Meter tiefer als mit den Hinterrädern, die noch auf der Brücke
standen. Ettore bremste. Die Seile, die die Barke festhielten -- dünne
Stricke -- knarrten; wären sie gerissen, so hätte sich die Fähre vom
Ufer entfernt, und das Automobil wäre ins Wasser gefallen. Die Seile
wurden rasch verdoppelt, und die Bootsleute hielten sie gespannt. Die
Maschine befand sich in einer Lage, die ein Zurück unmöglich machte.
Sie ging entschlossen vorwärts und wandte sich nach rechts, um schräg
auf die Plattform zu kommen. Auch die Hinterräder gelangten hinauf,
und der Wagen nahm wieder seine wagerechte Stellung ein, ein wenig
näher dem Wasser, aber vollkommen im Gleichgewicht. In dem Augenblicke,
in dem das Automobil ganz an Bord kam, stießen die Russen einen
Schreckensruf aus. Als sie den Wagen im Schwunge vorschießen sahen,
hatten sie geglaubt, er würde seinen Lauf nicht mäßigen können und auf
der andern Seite ins Wasser stürzen. Aber die kluge Maschine war mit
einem Ruck in der richtigen Stellung stehengeblieben, als sei sie von
dem langsam und sicher arbeitenden Arme eines Krans dorthingestellt
worden.

Später machten Zufälle dieser Art auf uns keinen Eindruck mehr; wir
gewöhnten uns an wackelige Landungsbrücken, an alte, aus den Fugen
gehende Barken, an die mit Exaktheit gepaarte Kühnheit des Automobils.

Die Fährleute tauchten die Ruder ins Wasser und begannen kräftig zu
rudern; hinter ihnen lehnte sich der Alte, eine kurze Pfeife zwischen
den Zähnen, gegen das Steuer. Bei einer Wendung des Flusses sahen wir
mit einem Male ein Dampfboot auftauchen.

Ein Ausruf des Staunens und der Befriedigung entfloh unseren Lippen.
Mit liebevoller Bewunderung betrachteten wir das kleine alte
Schifflein, das in der Richtung auf Ust-Kiachta stromaufwärts fuhr,
mühsam durch den hohen Schornstein atmend, getrieben von einem großen
Schaufelrade am Heck, das ihm das Aussehen einer fahrenden Wassermühle
verlieh. Es war das erste Dampfboot, das wir nach so langer Zeit
wiedersahen. Wir begrüßten in ihm einen bescheidenen Pionier der
Zivilisation, einen vorgeschobenen Posten der gewaltigen Kraft, die
die Weltteile erobert, einen Freund, den wir um Hilfe hätten bitten
können. Es stellte für uns eine Verbindung mit dem Westen dar, dem
wir entgegenfuhren. Seine Sirene heulte, um uns aufzufordern, ihm den
Weg freizugeben, und diese Stimme hallte seltsam wider in dem von der
Kultur abgeschnittenen Tale. Der Dampfer entfernte sich langsam, und
wir betraten, geschaukelt von den Wogen, die er hinter sich erregt
hatte, das andere Ufer des Flusses.

Einer der Fährleute zeigte uns den Weg; in der Nähe des Flusses lagen
Sümpfe. Wir kamen mit leichter Mühe an ihnen vorbei und fuhren dann
durch Nowi-Selenginsk, ein Dorf, das etwas größer war als die übrigen,
eine Schule, eine Apotheke und mehrere kleine Läden mit verstaubten
Fenstern besitzt. Beinahe unbemerkt passierten wir es auf seiner
breiten, öden, grasbewachsenen Straße, und erst später, als wir wieder
in die Ebene einmündeten, verbreitete sich die Nachricht unserer
Durchfahrt von Haus zu Haus. Wir hörten hinter uns erregte Stimmen
einander zurufen und Antwort geben, Fensterflügel heftig aufreißen,
und sahen, wie Leute eiligst aus den Häusern stürzten, auf der Straße
stehenblieben und uns nachblickten, während wir verschwanden. Wir
überstiegen eine Reihe kahler Hügel, die noch frei von der Herrschaft
der Menschen sind, und ließen die Selenga ostwärts liegen. Eine weite
ruhige Wasserfläche bot sich in einem Tale unseren Blicken dar: es
war der Hussin-See. Nicht ein einziges Dorf lag an seinen Ufern. Kein
Nachen hat ihn je durchfurcht; es sind aber die letzten Jahre seines
einsamen Schlummers. Die slawische Einwanderung nähert sich ihm langsam.

Nur selten trafen wir Postämter an, die sich stets zwischen zwei
Hügel geflüchtet hatten, als fürchteten sie allein zu sein. Aber bald
stiegen wir in ein Tal hinab, das von einem neuen Volke in Besitz
genommen worden ist. Auf einer Strecke von 95 Kilometern, bis nach
Werchne-Udinsk, durchquerten wir einen aufblühenden Landstrich. Die
ganze Gegend an der unteren Selenga ist grün von neuen Ansiedelungen
und Weiden, voll von Schaf- und Rinderherden, übersät mit Dörfern,
erobert von der Arbeit des Menschen. Vor sieben Jahren war sie nur von
einigen Burjatenfamilien bewohnt. Die Eisenbahn ist es, die dieses
Wunder bewirkt hat. Die Ausbeutung Sibiriens hat begonnen.

Wenige Gegenden selbst des europäischen Rußlands zeigen sich so
bevölkert und reich wie jenes abgelegene Tal Transbaikaliens, das vor
nicht langer Zeit von Moskau eine Jahresreise entfernt war. Jetzt
dauert die Reise 15 Tage. In diesem Unterschiede liegt das Geheimnis
dieser wunderbaren Umwandlung. Die Entfernungen schwinden. Die
unermeßlichen jungfräulichen Länder des slawischen Asiens haben sich
dem Volke genähert, sich seinen arbeitsgewohnten Armen dargeboten.
Die Eisenbahn sät Spannkräfte; auf fruchtbare Triften pflanzt sie die
Arbeit. Massen von Landleuten ziehen dort hinaus, um sich eine neue
Heimat zu gründen. Ganz Sibirien erwacht zum Leben. Fast unbekannte
Landstriche, die nichts weiter waren als geographische Namen, werden
allmählich zu Reichen, die sich dem Russischen Reiche angliedern werden.

Wir fuhren durch ganz neue Dörfer in der frischen Farbe des Holzes, die
noch den Duft des Harzes der erst vor kurzem im Walde gefällten Stämme
ausströmten. Die zuletzt angekommenen Landleute waren noch mit dem Bau
ihrer Häuser beschäftigt und arbeiteten eifrig, um sie beim Eintritt
der ersten Kälte fertig zu haben. Auch fern von der Straße, im Tale und
auf den Abhängen der Hügel verstreut, bemerkten wir mitten im Grünen
andere kleine Orte, aus denen sich die schlanken Kirchtürme erhoben.

Man arbeitete auf den Feldern. Es begegneten uns mit Heu beladene
Telegas. Herden von Pferden und Rindern weideten selbst im Innern
der Dörfer. Wir aber brachten unter diesen Herden eine Verwirrung
ohnegleichen hervor: Pferde und Rinder scheuten und flüchteten vor dem
Automobil; die Kinder, deren Spiele die Straße heiter belebten, liefen
erschreckt in die Häuser zurück; die Frauen, barfuß, ein rotes Tuch um
den Kopf geschlungen, beeilten sich, Hühner, Gänse und Schweine, ihre
sämtlichen lebenden Schätze, in Sicherheit zu bringen; sie nahmen sich
nicht die Zeit, nachzusehen, welche Gefahr ihnen eigentlich drohte. Es
war ein Durcheinander von Geschrei und Flügelschlagen, von Gewieher
und Hundegebell -- kurz der Lärm eines aus seiner Ruhe aufgestörten
Dorfes. Nur die Männer blieben unbeweglich und schweigsam. Verblüfft
von der seltsamen, flüchtigen Erscheinung, unterbrachen sie ihre Arbeit
und grüßten uns ehrfurchtsvoll, indem sie ihr blondes langhaariges
Haupt entblößten und sich verbeugten. Sie verstanden nichts von jener
unbekannten Macht, aber sie demütigten sich vor ihr. Wer mächtig ist,
kann schaden; ihn zu grüßen, ist ein Zeichen, daß man sich mit ihm
verbündet erklärt.

An manchen Punkten gewann die Landschaft ein malerisches Aussehen.
Bald unterbrachen kleine von Fischerbooten durchfurchte Teiche mit
ihren buchtenreichen Ufern die Ebenen der Felder und bildeten in der
weiten Ebene glänzende himmelblaue Flächen; bald schlängelten sich
klare Wasserläufe, beschattet von grauen Weidenbäumen, in ruhigen
mäandrischen Windungen dahin und drehten die Räder einsamer Mühlen. Auf
dieser Straße stießen wir noch auf Spuren Asiens, die letzten Anzeichen
seines Rückzuges vor der weißen Einwanderung, auf Obos wie in der Wüste.

[Illustration: Sibirische Fähre.]

Es waren keine mongolischen, sondern burjatische Obos. Der Unterschied
ist verschwindend. Der Burjate ist nur ein zur Hälfte russifizierter
Mongole. Er spricht russisch, kleidet sich wie ein Muschik, trägt eine
mongolische Mütze und mongolische Stiefel, bewohnt eine Isba, glaubt
an Buddha, ist dem Zar ergeben, raucht aus einer chinesischen Pfeife
und trinkt Wodka: das ist der Burjate. Der Hauptunterschied zwischen
ihm und seinem Bruder in der Wüste besteht darin, daß er ab und zu den
Boden bearbeitet, der Mongole aber nie. Der Burjate hat in der Tat
den ersten Schritt zur Zivilisation getan: er ist ansässig geworden.
Der Nomade wird immer Barbar bleiben. Die Zivilisation beginnt erst
dann, wenn sich das Zelt in ein Haus verwandelt. Und wir sahen
zwischen den vielen slawischen Dörfern auch burjatische. Auf ihren
Holzhäuschen wehten kleine weiße Fahnen, vielleicht jene Gebetsfahnen,
die bei ihrem Hin- und Herflattern die auf ihnen enthaltenen Gebete
der Luft anvertrauen. Auch auf den Obos waren die heiligen Flaggen
gehißt, und oft erhob sich mitten auf ihnen ein Baum, dessen Zweige
mit Papierbändern geschmückt waren, die sich im Winde bewegten. Etwa
50 Kilometer von Werchne-Udinsk bemerkten wir zu unserer Rechten in
weiter Ferne ein Lamakloster: eine Gruppe von Gebäuden mit chinesischen
Dächern, die grün angestrichen waren wie die der orthodoxen Kirchen.
Werchne-Udinsk ist der Mittelpunkt, die Hauptstadt des zerstreut
wohnenden Burjatenvolkes, wie Kasan der Mittelpunkt der Tataren ist.
Die Nähe der Stadt wurde uns vor allem dadurch angekündigt, daß wir
zahlreichen Burjaten begegneten, die zu Pferd vom Markte heimkehrten;
sie waren in Gruppen vereinigt, um sich im Notfalle besser verteidigen
zu können. Sie grüßten uns nicht.

Um 6 Uhr abends gelangten wir auf den Gipfel eines Hügels. Der
Umkreis des bergigen Horizontes tat sich vor unseren Blicken auf,
und unser Auge schweifte über das weite Tal der Uda. In der blauen,
verschleierten Tiefe der Ferne ahnten wir den Lauf der Uda, die nach
Osten strömt, um sich mit der Selenga zu vereinigen und sich mit ihr in
den nahen Baikalsee zu ergießen. Am Fuße der entfernteren, mit dichten
Wäldern bestandenen und daher dunkleren Höhen bemerkten wir einen
undeutlichen weißen Schimmer von Gebäuden, aus denen sich die dünnen
Linien der Türme und spitzen Giebel erhoben: es war Werchne-Udinsk,
welche Stadt an dem Zusammenfluß beider Ströme gegründet worden ist.
Wir betrachteten sie lange, bevor wir in die Ebene hinunterstiegen und
sie aus dem Gesicht verloren, und dachten dabei an die Wichtigkeit, die
sie für uns hatte.

Werchne-Udinsk war nicht nur eine Etappe; es war das Ende eines langen
Reiseabschnitts. Es war ein Wendepunkt. Von Peking an hatten wir eine
nordwestliche Richtung eingeschlagen, und Europa lag westlich von uns.
Die ganze zurückgelegte Strecke hatte uns unserem Ziele nur sehr wenig
nähergebracht. In Werchne-Udinsk würden wir endlich auf einmal unser
Gesicht dem Westen zukehren. Von hier aus begann die geradlinige Fahrt
auf den Sonnenuntergang zu, der uns den Weg der Rückkehr in einer
wahren Glorie von Licht erscheinen ließ.

Die Straße wurde schlecht. Wir sanken in tiefe Löcher ein und mußten
durch Moräste hindurch. Wir durchquerten Wassertümpel, die wir erst mit
den Füßen sondieren mußten, um uns von der Festigkeit des Grundes zu
überzeugen. Wir wußten, daß wir auch über die Selenga auf einer Fähre
übersetzen mußten, und suchten den richtigen Weg nach dem Übergangsort
mitten in einem Gewirr von Pfaden, die von tiefen Radspuren herrührten.
Die Ebene war sumpfig, unbebaut, bewachsen mit Zwergweiden, Binsen,
der ganzen Vegetation der Sümpfe. Kleine Flüsse durchzogen sie in
Schlangenwindungen; wir überschritten diese auf Holzbrücken, die
aussahen, als seien sie vor vielen Jahren provisorisch angelegt und
dann vergessen worden. Wir waren mit der Überwindung all dieser
kleinen Schwierigkeiten beschäftigt, als ein langes, schrilles, lautes
Pfeifen an unser Ohr klang, das wir sofort erkannten, und das uns
freudestrahlend das Gesicht sofort nach der Richtung wenden ließ, aus
der es ertönt war.

„Der Zug!“ riefen wir aus. „Der Zug!“

Wir erkannten deutlich die Linie der transsibirischen Eisenbahn
jenseits der Selenga mit den roten Häuschen der Bahnwärter und den
Telegraphenstangen, die am Fuße kiefernbedeckter Hügel entlang lief.

Zwischen den Bäumen schwebte ein weißes Rauchwölkchen hin und verlor
sich in dem Kiefernwalde, begleitet von lautem, unaufhörlich wachsendem
Dröhnen. Rasch brauste der Zug heran. Der Sieger, der Triumphator, der
Eroberer Asiens fuhr vorüber! Er eilte auf Irkutsk, in der Richtung
auf Europa zu. Er verband uns mit Europa. Ich weiß nicht, wie stark
auf uns die Reise, das langandauernde Gefühl der Einsamkeit und der
Abgeschlossenheit wirkten, Tatsache ist, daß der einfache und so
gewöhnliche Anblick eines Eisenbahnzuges uns als etwas Neues und voll
tiefer, unsagbarer Bedeutung erschien. Und in einem Ausbruche der
Begeisterung begrüßten wir ihn mit einem stürmischen „Evviva!“

[Illustration: Einbooten.]

Die Fähre, die uns bald darauf von dem linken Ufer der Selenga auf das
rechte übersetzte, war ganz verschieden von der, die wir am Morgen
benutzt hatten. Sie bestand aus einer Plattform, die groß wie ein
Tanzsaal war; sie beförderte ein Dutzend Telegas samt ihren Pferden auf
einmal hinüber und würde mit Leichtigkeit auch eine Lokomotive getragen
haben. Sie wurde durch die Kraft der Strömung selbst in Bewegung
gesetzt. Wir fanden sie damit beschäftigt, die Wagen überzusetzen,
die vom Markte in Werchne-Udinsk zurückkehrten, und die sich auf dem
rechten Ufer angesammelt hatten, geduldig wartend, bis die Reihe an sie
kam. Es war spielend leicht für unsere Maschine, sich einzuschiffen,
die Fähre zu verlassen, in rascher Fahrt die steile Uferböschung
hinaufzufahren und bald darauf in der Stadt einzutreffen, die sich
zwischen der Uda und Selenga ausdehnt. Über und über weißglänzend
bietet sie ein lebhaftes, malerisches Bild von jenem orientalischen
Anstrich, den fast alle russischen Städte infolge der großen Zahl von
Kuppeln auf den Kirchen und der spitzen, den Minaretts gleichenden
Glockentürme haben.

Wir fuhren durch den Triumphbogen, und als wir auf die Hauptstraße
gelangt waren, machten wir uns sofort auf die Suche nach unserem
Benzinvorrat.

Der Triumphbogen fehlt in keiner dieser sibirischen Städte, die an der
uralten Straße nach dem Stillen Ozean liegen. Natürlich ist er wie
die Häuser, die Kasernen und die Kirchen stets von Holz, wenn er auch
mitunter dem Marmor oder sonstigem Gestein täuschend ähnlich sieht. All
diese Bogen wurden bei Gelegenheit des Aufenthaltes des jetzigen Zaren
(damals war er Thronfolger) auf seiner Rückreise von Wladiwostok, wo er
die transsibirische Bahn eröffnet hatte, errichtet. Nikolaus ~II.~ ist
vielleicht der einzige russische Kaiser, der sein ganzes Reich bereist
hat. Dies Ereignis verdiente wohl, daß man durch Triumphbogen daran
erinnerte, selbst wenn sie nur aus Holz waren.

Wir fanden nirgends eine Spur unseres Depots. Aber der größte
Drogenhändler willigte darein, uns all sein Benzin zu verkaufen -- etwa
50 Liter, die beinahe den gesamten Vorrat des Ortes und der umliegenden
Landstriche darstellten. Dort draußen wird das Benzin viel verwendet,
aber nur tropfenweise, weil es noch nicht über die erste Periode seiner
sozialen Tätigkeit, die der Fleckenentfernung, hinausgekommen ist!

Werchne-Udinsk ist eine Soldatenstadt, das große militärische Zentrum
Transbaikaliens. Hier sahen wir die neuen Felduniformen des russischen
Heeres, deren Einführung nach Beendigung des japanischen Krieges
beschlossen wurde, nachdem die Sichtbarkeit der bisherigen Uniformen
die furchtbaren Menschenverluste verschuldet und in nicht geringem
Maße zu den Niederlagen in der Mandschurei beigetragen hatte. Jetzt
steht an allen Grenzen der Kosak in der Khakiuniform Wache: eine große
Tradition geht unter. Am Abend ertönten Trompetensignale aus den weißen
Kasernen der oberen Stadt; Patrouillen durchstreiften die Straßen mit
geschultertem Gewehr; Säbel- und Sporenrasseln hallte von den hölzernen
Fußsteigen wider; zahlreiche Schildwachen zogen vor den Toren der
öffentlichen Gebäude und der Banken auf. Als ich zum Telegraphenamte
kam, fand ich es militärisch besetzt; Soldaten an der Pforte, Soldaten
mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett in dem kleinen, für das Publikum
bestimmten Raum, in den Diensträumen, vor dem Geldschrank. Ich glaubte
meine Depeschen im Vorzimmer eines Gefängnisses niederzuschreiben.

Wir wohnten in dem besten Gasthaus, einer alten, aus Holz erbauten
Herberge mit gewaltigen Öfen und Betten ohne Leintücher, die einen
muffigen Geruch ausströmten, als seien die Ausdünstungen aller derer,
die hier gewohnt hatten, darin zurückgeblieben. Seit Hsin-wa-fu hatten
wir nicht mehr in einem Gasthause geschlafen. Schlafen ist in der Tat
ein übertriebener Ausdruck. Denn es hatte den Anschein, als sei ein
Heer gewisser kleiner Tierchen völlig an das Insektenpulver gewöhnt;
sie hatten die Giftfestigkeit des Mithridates erlangt. Das Automobil
ruhte in dem kleinen Hofe aus, in einem dem Einsturz nahen Schuppen,
umgeben von leeren Fässern, Wagen, Kisten und Hühnern.

Um 3 Uhr früh waren wir schon wieder auf den Beinen und tranken
schweigend ein Glas Tee. Es war bereits hell. Wir befanden uns auf dem
Höhepunkte der hellen Nächte.

Es regnete.



Zwölftes Kapitel.

An den Ufern des Baikalsees.

     Längs der Selenga. -- Ein widerspenstiger Aufstieg. -- Im Sumpf.
     -- Der verödete Weg. -- Die Bolschaja Rjeka. -- Myssowaja.
     -- Nutzloser Versuch. -- In Erwartung einer Antwort. -- Eine
     außergewöhnliche Vollmacht.


Am 27. Juni um 4 Uhr früh befanden wir uns von neuem auf der
großen Fähre der Selenga, um auf das linke Ufer des Flusses
zurückzukehren, längs dessen sich die zum Baikalsee führende Straße
in Schlangenwindungen hinzieht. Diesmal fanden wir die Fähre im
Begriffe, eine Menge Wagen, die vom Felde kamen, nach Werchne-Udinsk
überzusetzen. Es war die Szene vom Abend zuvor, nur umgekehrt. Schon
auf der Hälfte des Weges zum Flusse riefen wir den Muschiks und den
Burjaten zu, sie möchten ihre Pferde gut festhalten. Wir hatten schon
die unversöhnliche Abneigung der sibirischen Pferde gegen das Automobil
kennen gelernt. Die Begegnung mit einem Löwen hätte bei den frommen
Pferden der Landleute kein größeres Entsetzen hervorbringen können. Die
armen angespannten Tiere machten verzweifelte Anstrengungen, von der
Telega loszukommen; sie gingen mit heftigen Kopfbewegungen rückwärts,
erhoben sich vor Furcht wiehernd auf die Hinterbeine, warfen sich
heftig auf die Seite, drehten sich um und befanden sich schließlich,
fast immer schnaubend und zitternd, die Schnauze gegen die Telega
gepreßt, in einer für die Flucht wenig günstigen Stellung -- ohne daß
dabei die verwunderten Landleute auch nur einen Finger gerührt hätten,
um es zu hindern. Sie hatten nur Augen für uns; sie starrten uns
offenen Mundes an, grüßten häufig und ließen ihre Pferde Pferde sein.
Daher warnten wir sie schon von weitem: „Haltet die Pferde! Gebt acht
auf die Pferde!“

Es herrschte eine Kälte fast wie im Winter. Die Muschiks und die
Burjaten hatten ihre Pelzarmiaks und die Fausthandschuhe angezogen.
In der feuchten Luft dampfte der Atem der Pferde. Wir überschritten
wieder die Brücken vom vorigen Abend und wandten uns dann nach Westen
zu. Wir begegneten niemand mehr. Der Schmutz war klebrig, und obgleich
wir langsam fuhren, glitt das Automobil doch jeden Augenblick mit den
Hinterrädern seitwärts, stellte sich quer, unempfindlich gegen das
Steuer, und nahm einen Gang an wie ein Pferd bei der Volte. So oft wir
konnten, schoben wir die Maschine auf den Rasen, wo die Räder etwas
mehr griffen, und bahnten uns einen Weg durch das Heideland. Nach einer
Stunde hatten wir große Lust, umzukehren. Wir befanden uns vor einer
niedrigen Anhöhe, die wir sonst, ohne es zu merken, hinaufgefahren
wären, die sich jetzt aber als unersteiglich erwies.

Dieser Art von Hindernissen gegenüber erfaßte uns die Wut. Wir hätten
einen Fluß, einen Berg, einen Abgrund, irgendein anderes nennenswertes
Hindernis vorgezogen. Aber nein; es waren 100 Schritte Wegs, die ganz
harmlos aussahen. Die Strecke war von einem glitschigen Schmutze
bedeckt, auf dem selbst der Schritt des Fußgängers unsicher ist und
der Fuß dahinschleicht mit unwiderstehlicher Neigung, rückwärts statt
vorwärts zu gehen. Die Räder machten es wie der Fuß. Sie drehten sich
im Leeren. „Fahren wir etwas zurück!“ sagten wir uns.

Wir kehrten um. Mit einem Schwunge stürzte sich die Maschine zum
Angriff, blieb aber am Fuße der Anhöhe stehen, wich schleifend, trotz
angezogener Bremsen, zurück, drehte sich im Kreise herum, wandte sich
zur Seite und machte zuweilen kehrt wie ein furchtsames Pferd. Wir
versuchten es mit langsamer Fahrt, indem der Fürst und ich schoben
und Ettore steuerte. Wir hatten Stücke Holz gefunden, die wir als
Keile unter die Räder legten, und versuchten, Zentimeter um Zentimeter
weiterzukommen. Aber an einem bestimmten Punkte glitt das Automobil
wieder zurück und riß uns und die Keile mit. Hundertmal hatten wir
begonnen, bald im Zickzack, bald in gerader Richtung. Der Motor
arbeitete, ließ wahre Schätze von Benzin in Rauch aufgehen, erhitzte
sich und schien ebenfalls gereizter Stimmung zu sein. Es gab am Fuße
der Anhöhe tatsächlich keinen Fußbreit Weges mehr, der nicht von den
Rädern zerwühlt worden wäre; er sah aus wie gepflügt.

„Und wenn man bedenkt,“ riefen wir aus, den Himmel betrachtend, in der
Hoffnung, ein Anzeichen des Aufklarens zu entdecken, „wenn man bedenkt,
daß eine halbe Stunde Sonnenschein diesen Weg ausgezeichnet machen
würde!“

Die Sonne schien all das Schlechte, das wir ihr in der Wüste nachgesagt
hatten, übelgenommen zu haben. Es regnete unaufhörlich. Da kam uns ein
Gedanke: die Straße mit Baumzweigen zu bedecken. Wir machten uns daran,
junge Kiefern abzuschneiden, die nassen Äste herbeizuschleppen und auf
den Boden zu legen. Das Automobil nahm einen Anlauf, gelangte mit zwei
stürmischen Radumdrehungen auf die Zweige und warf sie zurück wie ein
Hund, der die Erde mit den Hinterfüßen wegscharrt; nachdem es das Werk
unserer Hände zerstört hatte, blieb es befriedigt stehen und kehrte
murrend ruckweise zurück. Wir hatten all unsere Hilfsmittel erschöpft.
Was nun? Nach Werchne-Udinsk zurückkehren und auf besseres Wetter
warten? An Ort und Stelle kampieren? Auf die Suche nach Muschiks gehen
und sie um Hilfe bitten? Wir erörterten all diese Pläne, als der Fürst
einen andern in Vorschlag brachte: zuzusehen, ob es nicht möglich sei,
den Übergang an einer andern Stelle auszuführen.

Links von dem Pfade befand sich dichtes Gebüsch, undurchdringliches
Pflanzengewirr, zur Rechten lag etwas höher als die Straße eine kleine
Wiese, und jenseit der Wiese eine Schlucht, in deren Grunde die Selenga
dahinfloß. Vom Fuße der Anhöhe konnte man auf die Wiese gelangen und
sie auf dem Gipfel wieder verlassen. Die Wiese senkte sich nach der
Seite der Schlucht zu. Ettore führte die Maschine rasch dorthin. In der
Nähe des Gipfels sahen wir sie jedoch ihren Lauf verlangsamen und sich
unversehens nach rechts, nach der Schlucht zu wenden.

„Links, links!“ schrie der Fürst in schrecklicher Aufregung.

[Illustration: An Bord eines Fährbootes.]

Doch das Automobil hatte sich schon mit einer raschen Bewegung
nach links geworfen und rollte auf der Straße herab. Es hatte das
gefährliche Manöver nach rechts unternommen, um Kraft zu gewinnen
und das Gefälle der Wiese gegen den Straßenrand hin zu benutzen. Wir
stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, maßen die überwundene
Anhöhe von oben bis unten, drohten ihr in gerechter Entrüstung mit
geballten Fäusten und setzten dann unsere Fahrt längs des Ufers der
Selenga fort. Bald befanden wir uns über dem Flusse, der gegen das Ende
seines Laufes immer schneller dahinströmt, als beeile er sich, in der
ewigen Unbeweglichkeit des Sees Ruhe zu finden, bald zogen wir dicht
neben seinen weißen, schäumenden Fluten einher. Das Tal verengert sich
immer mehr; die Selenga zwängt sich zwischen Hügeln hindurch, die mit
dichtem Kiefern- und Birkenwald bestanden sind. Die Eisenbahn, die sich
am rechten Ufer entlang zog, kam auf einer prächtigen eisernen Brücke
zu uns herüber. Von diesem Augenblicke an haben wir uns stets in ihrer
Nähe gehalten.

Wir fuhren in Schlangenwindungen neben der Bahnlinie, passierten
zu ihren Füßen manchen überschwemmten Brückensteg, überschritten
ihren Damm und verließen sie, um sie bald darauf wiederzufinden. Wir
glaubten wer weiß wie weit von ihr entfernt zu sein, während ihre
Signalscheiben und die roten Dächer der Bahnwärterhäuschen immer
wieder vor uns auftauchten. Sie hielt treue Kameradschaft. Wir sahen
in der Ferne die kleinen einsamen Stationen, überragt von dem hohen,
mit Holz bekleideten Wasserbehälter, durch den der Schornstein eines
Wärmeofens hindurchgeht, um im Winter das Wasser vor dem Gefrieren zu
schützen. Alle Augenblicke fanden wir die Straße durch eine Schranke
versperrt; wir gelangten in den Bereich irgendeines Dorfes, auf das
Kollektiveigentum einer Gemeinde oder einer Kosakenstanitza. Bei
jeder Schranke befand sich ein Wärter, ein alter Mann, der in einer
nahegelegenen Holzhütte hauste, die oft mit Erde zugedeckt war, um
sie wärmer zu machen; aber der Wärter war an die Geschwindigkeit des
Automobils nicht gewöhnt und kam oft erst aus seiner Hütte, wenn wir
selbst schon die rote Holzschranke geöffnet und wieder geschlossen
hatten und uns rasch entfernten. Verblüfft, regungslos blieb er stehen
und blickte uns nach. Mancher machte das Zeichen des Kreuzes auf Stirn
und Brust. Einmal kam ein Wärter beim Klang der Hupe und auf unser
Rufen angerannt und blieb wie angenagelt stehen.

„Öffne doch gefälligst!“ sagten wir, das Automobil anhaltend.

Er rieb sich lebhaft die Augen, sah uns verdutzt an und begann sich von
neuem die Augen zu reiben. Er glaubte zu träumen. In der Tat sahen wir
in unseren großen, mit den Haaren nach außen gekehrten Pelzen und bei
dem uns bedeckenden Straßenschmutz Menschen nicht allzu ähnlich, und
jener riesige Wagen, der unter solchem Getöse von selbst lief, schien
auch nicht besonders geeignet, einen Muschik von unserer menschlichen
Natur zu überzeugen.

„Öffne, wir bitten dich!“

Der Alte rief, wie mit sich selbst redend, aus:

„Was ist denn das? Was ist denn das?“

Die Antwort, die er sich auf diese Frage erteilte, war wohl nicht
sonderlich schmeichelhaft für uns, denn mit einem Male machte er kehrt,
flüchtete rasch wie ein verfolgter Hase in seine Hütte und kam nicht
mehr zum Vorschein. Solche Erlebnisse bereiteten uns großen Spaß.

Noch einen andern Wärter möchte ich erwähnen, dessen Haltung uns einen
Augenblick zum Lachen reizte, aber nur einen Augenblick. Es war ein
junger Mann mit einem kleinen blonden Bärtchen. Er lief herzu, um mit
dienstfertiger, aber unsicherer, zaudernder Bewegung zu öffnen. Als er
das Getöse des nahenden Motors hörte, öffnete er rasch die Schranke,
gleichsam in Furcht, er könne nicht rechtzeitig damit zustandekommen.
Dann sprang er mit einem verzweifelten Satze zur Seite und drückte
sich gegen den Pfosten der offenen Schranke, den er mit beiden Armen
umklammert hielt, um dem unbekannten, drohenden Ungetüm den ganzen
Platz freizulassen. Als wir dem Manne ins Gesicht sahen, bemerkten wir,
daß er blind war. Seine weißen, glanzlosen Augen waren in instinktivem
angstvollem Suchen weitgeöffnet auf uns gerichtet; auf seinem
abgemagerten Gesichte malte sich das Entsetzen. Er hatte gefühlt,
daß etwas Schnelles, Übermächtiges, Geheimnisvolles in seiner Nähe
vorüberkam, ihn aus seiner langen, grausigen, endlosen Nacht aufstörte.
Wir aber empfanden Gewissensbisse über diese tragische Furcht.

Die Dörfer sahen wohlhabend aus. Die Isbas waren fast alle neu
und groß. Es fehlte uns auch nicht an der gewohnten Avantgarde
davongaloppierender Rinderherden, die uns in ihrem stürmischen Laufe
mit Kot bespritzten. Aber wir hatten uns mit dem Straßenschmutze schon
befreundet. Die Räder wühlten ihn auf und schleuderten ihn in Klumpen
auf uns. Die Luft erfüllte ein Morastregen. Wir und das Automobil waren
von oben bis unten damit bedeckt; wir hatten jeden Versuch aufgegeben,
uns das Gesicht abzuwischen, und fügten uns darein, eine Erdkruste als
Maske zu tragen. Wir glichen Statuen aus Ton, die man zu entwerfen
begonnen hatte! Unter dieser Hülle hatte unsere ernste, gelangweilte
Miene etwas Komisches an sich. Wir waren aber in jenem Augenblicke
wenig geneigt, dies zu würdigen und Geschmack daran zu finden. Wir
sagten, wenn wir uns betrachteten: „Wir sind Clowns!“ in demselben
ernsten Tone, in dem wir sagten: „Es ist kalt!“

Es war in der Tat kalt. Es wehte ein Wind, der uns eisig
durchschauerte. Ich saß auf dem Trittbrette, und auf meinen Beinen
sammelte sich so viel Schmutz, daß diese in riesige, unförmliche Dinger
verwandelt wurden, die sich als sehr schwer fühlbar machten, wenn ich
absteigen mußte, um die Schranken zu öffnen. Unter dieser Kruste nasser
Erde fühlte ich mich doppelt kalt. Aber zu meinem Troste wiederholte
ich mir, daß wir uns im Sommer befänden! Glücklicherweise hörte in den
ersten Stunden des Nachmittags der Regen auf. Ein Ostwind zerteilte
die Wolken; ab und zu kam ein Stück blauer Himmel und ein Stück Sonne
zum Vorschein, die uns sofort erwärmte; der Schmutz trocknete, und wir
fühlten Wohlbehagen, als ob wir mit der lauen Luft eine Herzstärkung
eingesogen hätten. Wir waren fern von jeder menschlichen Wohnung,
mitten in endlosen Wäldern, auf einer malerischen, grasbewachsenen
Straße.

[Illustration: Straße im sibirischen Urwald.]

Nach dem Bau der Eisenbahn verödeten jene Strecken der alten
sibirischen Straße, die durch unbewohnte Gegenden führten, und die
nicht dem Kleinverkehr zwischen den einzelnen Dörfern dienten. Die
Natur eroberte sich die Straße schrittweise zurück und nimmt den
Raum, der ihr von den Menschen geraubt worden ist, wieder in Besitz;
von den Rändern aus rücken neue Pflanzen vor, breiten das junge
Grün ihrer Sprossen aus, neigen ihre Zweige, die vom Gewicht des
Schnees gebeugt oder abgebrochen sind, über die alte Straße, werfen
ihre abgestorbenen Stämme auf sie, zertrümmern die verfaulten Pfähle,
werfen die alten Einfriedigungen um und dringen von allen Seiten vor.
Wir müssen jeden Augenblick den Kopf beugen, um nicht von den Zweigen
getroffen zu werden. Zuerst hatte das Gras von dem Gelände Besitz
ergriffen. Die Straße fing an zuzuwachsen wie eine ungeheuere, der
Erde zugefügte Wunde, die unter einer Blütendecke heilt. Wir fuhren
durch lauter Blumen; Büsche von Anemonen, Goldköpfchen, Ranunkeln,
Primeln, Erdbeerblüten -- Farben und Düfte tauchten in wunderbarer
Pracht aus dem Schatten jener Bäume auf. Der sibirische Frühling
nahte mit stürmischer Eile, wie um sich für die lange Verzögerung zu
entschädigen, die ihm die Eismassen auferlegt haben.

Wir genossen den stillen Triumph der Pflanzen, schwelgten in dem
wilden Zauber jener Gegenden, in denen sich keine Spur menschlicher
Arbeit zeigte, die nicht uralt gewesen wäre. An manchen Stellen
hatten Wasserläufe sich beim Tauen des Schnees gebildet, die Straße
überschwemmt, sie zerstört, aufgewühlt, Steine und heruntergefallene
Äste darauf gewälzt. Sie hatten das alte, ihnen von den Menschen
gegrabene Bett verlassen und sich der Tyrannei der Gräben und Brücken
entzogen. Die aus den Fugen gegangenen morschen Brücken erbebten und
ächzten unter der Last des Automobils. Noch hatten wir nicht gelernt,
sie zu fürchten.

Mitten im Walde stießen wir wieder auf die Eisenbahn, die wir vor
einigen Stunden verlassen hatten. Zwischen den Bäumen erblickten wir
ein Tal, hörten das Rauschen eines Wassers, und auf dem Gipfel einer
niedrigen Anhöhe bot sich eine Brücke unseren Augen dar. In diesem
Augenblicke hörten wir eine Stimme rufen:

„Halt, ihr Männer, halt!“

Ein Bahnwärter machte uns Zeichen. Als er uns halten sah, rief er:

„Die Brücke ist nicht mehr da! Sie ist eingestürzt.“

Wir stiegen ab. Es war in der Tat so. Von unten konnten wir nicht
bemerken, daß nur der Brückenkopf stehengeblieben war. Ein breiter
stürmisch brausender Fluß strömte auf dem Grunde der Schlucht dahin.

„Wie kommen wir hinüber?“ fragten wir den Wärter.

„Es gibt im Tale eine Furt. Halten Sie sich rechts und folgen Sie dem
Waldwege: Sie werden schon eine finden. Es liegt eine Stanitza in der
Nähe.“

„Wie tief ist das Wasser?“

„Ich weiß es nicht. Heute morgen sind Wagen durchgefahren.“

„Wie heißt dieser Fluß?“

„Bolschaja Rjeka“ (der große Fluß).

Wir folgten dem Wege, setzten mit Leichtigkeit über einen Bach mit
klarem Wasser, drängten uns durch dichte malerische Gehölze, die voller
umgestürzter Baumstämme lagen, und gelangten endlich an das steinige
Bett der Bolschaja: der Fluß war sehr reißend und tief. Zur Zeit der
Schneeschmelze muß die Bolschaja Rjeka furchtbar sein. Sehr breit und
strudelreich, reißt sie Bäume und Felsblöcke vom Gebirge los, trägt
sie davon, wirbelt sie im Kreise umher und zertrümmert sie. Ihr ganzes
Bett war angefüllt mit riesigen Stämmen, Baumstümpfen, Ästen, die von
der Wut des Wassers hierher gespült worden waren -- mit einem toten,
gefällten Walde, der hier in großartiger Unordnung und Verwüstung
hingestreckt lag. Auf der anderen Seite des Flusses sahen wir einige
Isbas. Ein junger Muschik, der eine Telega lenkte, kam auf unserer
Seite aus dem Gebüsch heraus. Er hielt, betrachtete uns und grüßte.

„Wo ist die Furt?“ fragten wir ihn.

„Ich fahre soeben hinüber. Kommen Sie nur mit mir.“

Er ließ uns einen halben Kilometer zurückfahren und drang mit einem
Male wieder in das Gebüsch ein. Dann kehrte er zum Flusse zurück und
sagte:

„Hier ist die Furt. Passen Sie gut auf, wo ich hinüberfahre. Man muß
den Fluß in schräger Richtung durchschreiten, auf jenen Punkt zu. Sie
dürfen keinen Zoll breit von dieser Richtung abweichen!“

Er erteilte uns diese Belehrungen in freundlichem Tone, in jener
liebenswürdigen Art, die die russischen Bauern an sich haben, und
blickte uns dabei mit seinen blauen, klaren Augen an.

„Wie ist der Grund?“ fragte ihn Fürst Borghese.

„Steinig wie hier.“

„Bis wohin reicht das Wasser?“

„Es ist so hoch wie die Räder der Telega.“

Wir aber dachten an den Iro.

„Gibt es hier Ochsen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, es gibt hier keine.“

„Oder Pferde?“

„Jawohl; jeder hat Pferde.“

„Kannst du uns Pferde besorgen? Wir zahlen einen Rubel für jedes Pferd,
und einen Rubel außerdem für dich.“

„Gut. Warten Sie hier.“

Er fuhr durch den Fluß und verschwand. Es verging eine Stunde und wir
wurden schon ungeduldig, da sahen wir eine Anzahl berittener Männer
auf dem andern Ufer daherkommen. Es waren unsere Leute. Sie ritten
durch den Fluß, und als sie in unsere Nähe gekommen waren, grüßten
sie würdevoll durch Abnehmen der Mützen. Es waren schöne kräftige
Gestalten, Köpfe von blonden Heiligen auf Körpern von Riesen. Wie bei
allen Muschiks fielen die Haare bis zum Halse herab; das russische Volk
behielt die Haartracht der alten Krieger bei mit den dicht unterhalb
des Nackens abgeschnittenen Haaren, als ob diese, wenn sie länger
wären, noch heute das Tragen der Sturmhaube und des Panzers hindern
könnten.

Die Männer schafften zuerst das Gepäck auf dem bloßen Rücken der Pferde
hinüber; es machte den Eindruck, als ob eine Plünderung stattfände.
Inzwischen hatte Ettore den Magneten, um ihn nicht herausnehmen zu
müssen, mit einer undurchdringlichen wasserdichten Schicht mit Fett
bestrichener Lappen umwickelt. Dann wurden die sechs Pferde vor das
Automobil gespannt, und zwar mit den langen Seilen, die uns schon bei
so vielen Gelegenheiten gute Dienste geleistet hatten; die Männer
sprangen auf die Pferde, einer von ihnen setzte sich rittlings auf
das Motorgehäuse. Ettore ergriff das Steuer, und die Maschine tauchte
rüttelnd und hin und her schwankend in die Bolschaja Rjeka unter
lauten Rufen, Peitschenhieben, Pferdegewieher inmitten einer Flut von
Spritzern und Sprühern; wütend wurde die Maschine seitwärts vom Wasser
angefallen, das mit gurgelndem Wogenschwall angeschossen kam.

[Illustration: Unser Publikum.]

Am andern Ufer setzten wir das Automobil rasch wieder in
Marschbereitschaft. Die eingestürzte Brücke hatte uns einen Zeitverlust
von drei Stunden gekostet. Wir wollten noch vor Abend Myssowaja am
Ostufer des Baikalsees, 160 Kilometer von Werchne-Udinsk, erreichen.
Die Muschiks zeigten uns den Weg. Wir verschwanden im Walde.

Es gibt eine einzige Gegend in Europa, die an diese Landschaft
erinnert: Schottland. Dieselben bewaldeten Hügel, dieselben Pflanzen,
derselbe wildmalerische Charakter und in der Ferne jener nordische
Nebel, der die Farben sanft in melancholischem Schleier auflöst. Gegen
5 Uhr, nach dreizehnstündiger Fahrt, sahen wir endlich zwischen spitzen
schwarzen Hausgiebeln die blaue Fläche des Baikalsees hervorschimmern.
Sie erschien leuchtender, da der Himmel wieder klar geworden war.

In jenem heiteren Glanze konnten wir nur mit Mühe die 50 Kilometer
entfernten Gebirge des jenseitigen Ufers entdecken. Nach Norden und
Süden war der Wasserhorizont unbegrenzt. Den Baikalsee nennen die
Russen ein Meer. In Wahrheit ist er der Breite nach ein See, der Länge
nach ein Meer. Das Asowsche Meer ist um ein Drittel kleiner. Der Name
Meer kommt dem Baikalsee von alters her zu. 200 Jahre lang wurde er für
ein seltsames Meer süßen Wassers gehalten, und die russische Eroberung
machte an seinem Gestade halt. Dann wurde sie von der Sehnsucht nach
dem andern, dem salzigen Meere, weitergetrieben und drang bis zum
Stillen Ozean vor.

Die Straße führte in Wellenlinien am See entlang; sie brachte uns dem
Ufer manchmal so nahe, daß wir das rhythmische Anschlagen der Wellen
auf den Sand vernahmen. Mit einem Schlage hörte der Wald auf. Er war
nicht gefällt worden, er war abgebrannt. Auf den kahlen Hügeln waren
verkohlte Stämme stehengeblieben: aufrechtstehende Baumleichen inmitten
des Wustes der Zerstörung. Das Feuer ist der Hauptfeind der sibirischen
Wälder; es entsteht, man weiß nicht wie, der Wind trägt es weiter und
drängt es zurück. Wir dachten an das wunderbare und dabei furchtbare
Schauspiel eines Brandes am Ufer des Sees, an die feurigglänzende
Verwüstung, die sechs Werst Gebüsch auffraß und die, in der Nacht vom
Wasser widergespiegelt und vom Himmel zurückgestrahlt, einem Nordlichte
gleich bis zu den Ufern der Angara sichtbar gewesen sein mußte. Eine
Stunde darauf betraten wir Myssowaja.

Myssowaja ist wenig mehr als ein Dorf: eine Reihe weißer Holzhäuser
an sehr breiten, steinigen und schmutzigen Straßen, die wie das Bett
eines Bergstroms aussehen, Fußsteige aus Brettern, ein grasbewachsener
Platz, eine weiße Kirche mit grünem Dache, eine Kaserne -- das ist
alles. Aber dieses schlummernde und beinahe verödete Dorf hat eine
Zeit der Tätigkeit und der Bedeutung gesehen. Als die Eisenbahn noch
nicht um das Südufer des Sees herumgeführt worden war, war Myssowaja
der östliche Hafen der großen, den Baikal befahrenden Dampfer. Ich
entsinne mich der Zeit vor sieben Jahren, als es von Soldaten und
Beamten wimmelte, als seine Zollämter bei jeder Ankunft eines Schiffes
oder eines Zuges in lebhafter Tätigkeit waren, der Bahnhof mit Waren,
mit Wagen, mit Reisenden angefüllt war, der Hafen durchfurcht wurde
von Barken, von Schleppdampfern und von den riesigen Trajektbooten,
von welchen jedes vier Züge in seinen weiten Bauch aufnahm. Und in
der Nacht leuchteten die roten und weißen Lichter der Leuchttürme und
des Semaphors auf, und der kleine, in der Nähe des Bahnhofs gelegene
Gasthof füllte sich mit Leuten, die essend und trinkend den Abgang der
Nachtzüge abwarteten.

Jetzt ist der Ort nicht wiederzuerkennen. Der Hafendamm, der einer der
größten Holzdeiche ist, die ich gesehen habe, fällt in Trümmer, die
Leuchtfeuer sind gelöscht, die Schiffe legen nicht mehr an, der See
ist verödet, die Hafenkais bedecken sich mit Gras, niemand verläßt
hier mehr die durchgehenden Züge, alles verfällt, verrostet, stürzt
zusammen, und nur wenige Einwohner sind zurückgeblieben, man weiß nicht
weshalb.

In Kiachta hatte uns unser Freund Sinitzin eine Empfehlung an den
Starosten, den Bürgermeister, von Myssowaja mitgegeben. Er war sein
Geschäftsfreund, sein Agent, der den Teetransport über den Baikal
leitete, ein Weg, der nur im Winter mit Hilfe von Schlitten über den
gefrorenen See hinweg offensteht. Wir suchten daher den Starosten auf,
der uns gastfreundlich in seinem Balkenhause empfing, einer Isba, die
etwas größer war als die übrigen. Er erwartete uns, er hatte etwas für
uns, etwas für uns außerordentlich Wertvolles, das von Irkutsk an die
Adresse „Borghese“ gekommen war: Benzin, Öl und Fett! Es waren die
Lebensmittel des Automobils, das beinahe zum Hungertode verurteilt
gewesen war.

Der Pristaf, der Chef der Polizei, ein Mann mit einem übermäßig dicken
Bauche und einem übermäßig dichten Barte, erschien feierlich in
Uniform, um uns zu besuchen. Er sah unsere Pässe nach und unterzog uns
einem kleinen Verhör, um die geheimnisvollen Gründe zu erfahren, warum
wir nicht wie alle reichen Leute im Zuge fuhren. Dabei goß er sich ein
Glas von unserem Tee ein und blieb sitzen, uns schweigend beobachtend.
Dann erschien ein Gendarmerieleutnant; dieser fragte uns höflich aus,
schenkte sich ein Glas Tee ein und leistete uns Gesellschaft. Nach ihm
kamen der Telegraphendirektor und andere Leute mit und ohne Uniform;
das Zimmer füllte sich; wir waren der Mittelpunkt einer Gesellschaft,
die sich in Permanenz erklären zu wollen schien.

Die Wahrheit war, daß in Myssowaja unsere Art zu reisen den Behörden
revolutionär erschienen war. Als wir vor dem Hause des Starosten
eintrafen, hatten sich einige Leute versammelt, Gendarmen kamen
angelaufen, und wir hörten sie zwei, drei Personen, die sie bei Namen
nannten, auffordern: „Ihr macht sofort, daß ihr nach Hause kommt!“,
worauf die so angeredeten Personen gesenkten Hauptes wegschlichen.
Es handelte sich anscheinend um politische Verbannte, von denen die
Gendarmen fürchteten, daß sie mit uns in Beziehungen treten könnten.
Aber wir besaßen ein zauberkräftiges Dokument: das Schreiben des
Generalpolizeidirektors des Kaiserreiches! Es brachte eine ungeheuere
Wirkung hervor. Aller Verdacht verschwand wie durch Zauberschlag, und
wir gewannen sofort die größte und unverdienteste Hochachtung der
Behörden. Wir nutzten diesen Umstand aus, um Auskunft über die Straße
zu erbitten, die um den Baikal herum geradeswegs nach Irkutsk führt.
Man lächelte über den Plan, Irkutsk auf diesem Wege zu erreichen.

Auf dem Programm der Fahrt Peking-Paris war der Übergang über den
Baikalsee zu Schiff vorausgesehen. Es war richtig, so wurden die
Flüsse überschritten, und der Baikalsee macht eher den Eindruck einer
riesigen, den Weg versperrenden Wasserader als den eines Sees. Da aber
ein Weg um den See herum existierte, so wollten wir ihn einschlagen.
Die Auskünfte lauteten jedoch sehr schlecht. Bereits in Werchne-Udinsk
hatte man uns gesagt, daß die Brücken über die hauptsächlichsten
Flüsse eingestürzt und die übrigen im Begriff seien, einzustürzen. In
Myssowaja wiederholte man dasselbe. Alle aber kannten die Dinge nur vom
Hörensagen; niemand hatte diese Straße seit zehn Jahren mit eigenen
Augen gesehen. Wir wollten das Unternehmen jedoch nicht aufgeben, ohne
es versucht zu haben.

[Illustration: In Myssowaja.]

Ich muß gestehen, daß der Übergang über den Iro und über die Bolschaja
Rjeka uns betreffs der Flüsse ein übergroßes Selbstvertrauen eingeflößt
hatte. Wir glaubten nicht, daß die kleinen Flüsse im Süden des
Baikalsees so bedeutend seien, daß sie nicht an einem erreichbaren
Punkte ihres Laufes durchschritten werden könnten. Wir beschlossen
also, am nächsten Tage auf diese hydrographische Entdeckungsreise
auszuziehen. Die Maschine war in ausgezeichneter Verfassung -- seit
unserer Abfahrt aus Peking hatten wir nur einen einzigen Pneumatik
am linken Hinterrade zu erneuern gehabt --, wir besaßen Brenn- und
Schmiermaterial für 1000 Kilometer, Lebensmittel auf drei Tage; wir
konnten uns daher in völlig unbewohnte Gegenden wagen.

Wir schliefen auf der Erde; denn wenn der Starost auch ein Zimmer
hatte, so hatte er doch keine Betten -- Betten sind in Sibirien ein
Luxusartikel, da man hier im Winter auf dem warmen Ofen und im Sommer
auf dem Fußboden schläft --, und am nächsten Morgen, 28. Juni, brachen
wir nach einem herzlichen Abschiede von unserem Gastfreunde auf.

Wir sollten nur allzubald wieder zurückkommen!

Der Morgen war klar und kalt, wie er einem schönen Februarmorgen bei
uns entspricht. Der See, der ruhig, ohne einen Wogenschlag, ohne
ein Wellenkräuseln dalag, hatte die Durchsichtigkeit der Luft; er
schien zu atmen. Nur der Baikalsee besitzt an sonnigen Tagen den
Anschein ätherischer Leichtigkeit, eine vom Himmel zurückgestrahlte
zarte Heiterkeit, die zu der grenzenlosen Ausdehnung den Eindruck
unendlicher, leuchtender Tiefe hinzufügt. Das mit Wald bestandene
Ufer streckte kleine Halbinseln mit üppigem Pflanzenwuchs in den See
hinein; das Wasser warf ihr Spiegelbild zurück und ließ sie doppelt und
schwebend erscheinen. Scharen von großen weißen Möwen schwammen auf
dem See umher und machten seine Oberfläche dadurch kenntlich, daß sie
sich von ihr abhoben. Unser Bewundern war von kurzer Dauer. Der Weg
nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und wir vergaßen bald den
Zauber der Landschaft.

Die Straße war nicht nur verödet, sie war auch zerstört. Wir
überstiegen steile Anhöhen, die die Wut des Wassers während der
Schneeschmelze zerrissen, ausgewaschen und ausgehöhlt hatte. Es
ging bergauf und bergab über richtige Stufen. Wir kamen über manche
abschüssige Stellen nur hinweg, indem wir die Maschine einen raschen
Anlauf nehmen ließen. Die Maschine schnaubte und stöhnte, sprang bei
den Unebenheiten des Bodens in die Höhe und erhob sich beim ersten
Ruck, den die Räder erhielten, als wollte sie sich in die Lüfte
schwingen. Mitunter blieb sie kraftlos stehen, wenn sie schon beinahe
bis zum Gipfel gelangt war, und mußte zurückgehen, um einen neuen,
längeren und anhaltenderen Anlauf zu nehmen.

An andern Stellen war der Weg mit Gras bedeckt, mit wildem Gebüsch
bewachsen, voll umgestürzter Baumstämme und vertrockneter Äste, die
durch irgendwelche Überschwemmung hier abgelagert worden waren. An
manchen Stellen in der Nähe des Ufers haben die auf dem Baikal wütenden
Stürme die Palissaden abgeschlagen, das Land weggeschwemmt, und so
einen Teil der Straße zum Einstürzen gebracht. Wir fuhren vorsichtig
auf dem schmalen Straßenrande weiter, wobei wir den ruhig und
durchsichtig daliegenden See unter uns betrachteten.

Die früheren Poststationen waren unbewohnt, halb zerstört, mit
eingestürzten oder dem Einsturz nahen Dächern, herausgerissenen
Türpfosten, grasbewachsenen Zimmern. Es sah aus, als ob die Stationen
nach einem Kriege, nach einer Plünderung vergessen worden seien.
Eine unbeschreibliche Verwüstung herrscht auf der alten sibirischen
Hauptstraße, die zu verschwinden droht, nachdem sie die russische
Herrschaft bis zum Stillen Ozean getragen hat. Sie ist schon tot und
verwest jetzt. Wir sahen nicht mehr als eine letzte Spur dieser alten
Erobererstraße. Wir fuhren in dem ausgetrockneten Bette eines Stromes
der Menschheit und des Reichtums dahin. Jene Straße hat das Heer
Murawjew-Amurskijs vorüberziehen sehen, der Rußland im fernen Osten die
schönste Revanche für den Krimkrieg verschaffte, sie hat die Züge der
Auswanderer und Deportierten, allen Schmerz und alle Kühnheit gesehen,
die in 50 Jahren ein Volk zwischen dem See und dem Meere geschaffen
haben, sie hat Millionen Gold aus den Minen von Blagowjeschtschensk
und Millionen Silber aus den Minen von Nertschinsk auf von berittenen
Kosaken begleiteten Wagen vorüberziehen sehen! Auf dieser Arterie, die
einer Welt das Leben gegeben hat, mußten wir uns jeden Augenblick den
Weg mit Axt und Spaten bahnen.

Die Geländer der Brücken waren umgefallen; niemand hatte sie
herausgerissen, sie lagen da, umgestürzt von dem Gewicht des Schnees
und der Gewalt der Stürme. Von den Brücken selbst hätte man sagen
können, daß sie nur aus alter Gewohnheit noch hielten. Wir setzten
zuviel Vertrauen auf diese Gewohnheit. Bei dem Überschreiten der ersten
waren wir vorsichtig; später dachten wir nicht mehr daran. Wir waren
überzeugt, daß sie viel stärker waren, als es den Anschein hatte.
Manche Brücke erzitterte und knarrte, ohne daß dies jedoch Folgen
gehabt hätte. Wir suchten den gebrochenen Brettern auszuweichen; die
andern senkten sich und schwankten auf und nieder, trugen uns aber.
Ein einziges Mal bemerkten wir auf einer kleinen Brücke einen Sprung;
das Automobil zauderte einen Augenblick und hielt plötzlich, dann aber
machte es einen Satz vorwärts auf festen Boden, während einige Bretter
hinunterstürzten; auf der Brückenbahn öffnete sich, kaum daß wir
darüber weg waren, ein klaffender Spalt.

Nach drei Stunden gelangten wir an die erste der drei berüchtigten
eingestürzten Brücken, die über den Mischikafluß führten. Der Fluß war
breit und reißend. Die Gipfel der Anhöhen ringsherum zeigten noch weiße
Schneestreifen. Wir fanden längs des Ufers einen Pfad, der sich in der
Richtung auf die Mündung des Flusses zu senkte. Wir folgten ihm und
gelangten zu einer kleinen Gruppe von Häusern. Dort trafen wir einen
Holzfäller, der im Grase saß und damit beschäftigt war, ein gewaltiges
Paar Stiefel anzuziehen.

„Guten Tag!“ sagte er, ohne daß es schien, als ob die Ankunft eines
Automobils auf ihn Eindruck machte.

„Guten Tag. Wo ist die Furt?“

„Es gibt keine Furt, Väterchen. Die Mischika ist tiefer, als ich groß
bin.“

„Wie machst du es denn, wenn du hinüber willst?“

„Ich benutze diese Barke hier.“

Wir blickten nach der Richtung, in der der Mann zeigte, und gewahrten
eine Art Kahn, der an einen am Ufer wachsenden Strauch gebunden und
dessen Boden mit Wasser bedeckt war.

„Gibt es keine andern Barken?“

„Ja, es gibt noch eine andere wie die da.“

„Und wie kommt das Vieh hinüber?“

„Schwimmend. Sehen Sie dort, jetzt!“

In der Richtung auf den See, wo die Strömung ruhiger war, schwamm eine
Anzahl Pferde langsam an das linke Ufer, wobei sie ein wenig abtrieb.

„Wie könnte man es anstellen, um diesen Wagen auf die andere Seite des
Flusses zu schaffen?“ fragten wir den Holzfäller.

Er überlegte einige Zeit, während der er seine Stiefel vollständig
anzog; dann erhob er sich und antwortete:

„Man könnte die Brücke wieder herstellen. Die Stützbalken sind
stehengeblieben, und sie sind noch gut.“

„Gibt es Arbeiter hier?“

„Wir alle sind imstande, eine Brücke zu bauen. Es gibt Menschen und
Holz im Überfluß.“

„Wieviel Zeit würde die Arbeit in Anspruch nehmen?“

„Mindestens acht Tage und sechs Mann.“

Wir begannen den Plan zu erörtern. Eine Brücke wieder herzustellen, war
verlockend. Acht Tage zu warten, ließ sich ertragen. Aber wir würden
eine eingestürzte Brücke über die Pereemma, eine über die Aososa, eine
dritte über die Vidrina antreffen, ohne die kleineren zu zählen. Wir
konnten uns doch nicht daran machen, alle eingestürzten Brücken des
Russischen Reiches wieder herzustellen? Dies würde über das Programm
einer Automobilfahrt hinausgehen.

Mußten wir also den Plan ausgeben, die Reise um den Baikalsee herum
fortzusetzen? O nein, noch nicht! Ein neuer Plan tauchte in uns
auf. Über jene Flüsse führten doch noch andere Brücken, und zwar
ansehnliche: die Eisenbahnbrücken. Wäre es nicht möglich, auf den
Bahnkörper zu gelangen, die Schienen entlang zu fahren, die Brücken zu
überschreiten und dann jenseits der unpassierbaren Flüsse wieder auf
die alte Heerstraße hinunterzusteigen? Wir hatten eben eine Station in
der Nähe gesehen. Warum sollten wir nicht den Versuch machen?

Wir brachen also auf, erfüllt von neuer Hoffnung, und langten auf
der Station an, die wir durch die Bäume hindurch erblickt hatten.
Sie schien verlassen zu sein. Wir traten in den kleinen Wartesaal,
an dessen Wänden große Tafeln mit Abbildungen hingen; sie zeigten,
in welcher Weise man Verwundeten die erste Hilfe leisten müsse, und
waren hier von der Kriegszeit her zurückgeblieben, als alle Stationen
voller Truppen lagen. Im Saale befand sich niemand; die Türen waren
verschlossen. Nachdem wir uns genügend über die erste dringende Pflege
der Verwundeten unterrichtet hatten, begannen wir zu rufen, in der
Erwartung, daß jemand erscheinen werde. Und siehe da, es erschien ein
Gendarm!

[Illustration: Im Hofe des Starosten von Myssowaja.]

Der Gendarm fragte nach unseren Pässen, Dokumente, die gänzlich
unnötig waren, wenn man ein Schreiben des Generalpolizeidirektors des
Kaiserreichs in Händen hat. Dieses Schreiben händigten wir dem Beamten
der öffentlichen Sicherheit ein. Es war ein ausgezeichneter Bursche,
dieser Gorodowoi. Er brauchte zwar etwas viel Zeit, um das Schreiben
Silbe für Silbe zu lesen, aber schließlich begriff er. Er begriff und
wurde unser Freund. Wir ahnten damals nicht, daß er einige Tage später
für uns von geradezu unbezahlbarem Werte sein sollte.

Als wir dem Gendarmen unseren Wunsch, die Brücken benutzen zu dürfen,
mitgeteilt hatten, erwiderte der Wackere:

„Das läßt sich sehr gut ausführen. Das ist meine Sache. Ich
telegraphiere jetzt sofort an meine Vorgesetzten, teile ihnen mit, wer
Sie sind, und die Sache ist abgemacht.“

„Aber,“ wandte der Fürst ein, „die Eisenbahnbehörden ...“

„Was haben die Eisenbahnbehörden mit der Erlaubnis, die
Eisenbahnbrücken benutzen zu dürfen, zu tun? Die Polizei hat die
Oberaufsicht über die Bahnlinie; auf den Brücken stehen Schildwachen,
damit Verbrecher sie nicht in die Luft sprengen, und niemand darf ohne
unsere Erlaubnis die Strecke betreten.“

Der Stationsvorsteher, der inzwischen dazukam und sich erkundigte, über
was wir sprächen, fand die Sache viel schwieriger.

„Für meine Person,“ erklärte er, „würde ich Ihnen alles gestatten;
ich würde Ihnen sagen: Fahren Sie sofort! Aber ich vermag nichts; die
Polizei ist nicht zuständig, und die Eisenbahnbehörden können nichts
erlauben, was gegen die Verordnungen verstößt. Die Regierung allein
hat die Entscheidung. Sie müssen den Generalgouverneur von Sibirien in
Irkutsk um die Erlaubnis bitten.“

Der Mut entfiel uns. Aber wir beschlossen, es zu versuchen. Wir wollten
also an den Generalgouverneur telegraphieren. Wenn binnen zwei Tagen
keine zusagende Antwort eingetroffen wäre, so würden wir uns darein
ergeben, zu Schiff über den See zu fahren. Nachdem wir diesen Entschluß
gefaßt hatten, machten wir uns auf den Rückweg nach Myssowaja. Es war
eine demütigende Rückkehr, niemand wird es bezweifeln.

Es gibt etwas auf der Welt, was noch schwerer zu ertragen ist als eine
große Anstrengung: deren Wiederholung! Schwierigkeiten zu überwinden
und dann zurückgehen müssen, ist schlimm. Dazu kommt, daß eine als
schlecht bekannte Straße doppelt mühsam ist; es geht ihr der Reiz der
Neuheit ab, wenigstens wenn man es nicht als etwas Neues empfinden
will, daß man das auf dem Abstiege findet, was vorher auf dem Aufstiege
lag, und auf dem Aufstiege, was sich vorher auf dem Abstiege befunden
hatte.

Der Himmel war gleichförmig weiß geworden; er hatte sich unmerklich
mit Wolken überzogen, und man hätte sagen können, daß ein tüchtiger
Schneefall im Anzuge sei. Es wehte ein kalter Wind, und der See bewegte
wieder seine Fluten, die so weiß waren wie der Himmel.

Die eingestürzte Brücke würde uns viel Mühe bereiten, wenn wir sie so
gut wie möglich wieder instand setzen wollten, und machte uns sehr
besorgt, wie wir sie passieren könnten. Aber im Grunde genommen ließ
sich auch diese Schwierigkeit ziemlich leicht überwinden. In den ersten
Nachmittagsstunden waren wir wieder in Myssowaja, abermals die Gäste
des wackeren Starosten, der uns herzlich wie das erste Mal empfing.
Wir sandten sofort das Telegramm an den Generalgouverneur von Sibirien
ab, in dem wir um die Erlaubnis baten, auf der Bahnstrecke fahren zu
dürfen. Es blieb uns nichts übrig, als die Antwort abzuwarten.

In Myssowaja warten müssen, heißt die Bitterkeit der Deportation
kosten! Wir hatten, offengestanden, wenig Vertrauen, daß jene Antwort
rasch eintreffen werde. Der Gouverneur würde erst Beamte um Rat
fragen betreffs Ort und Zeit, eine Untersuchung einleiten, die Sache
vielleicht nach Petersburg berichten; dort würde der Minister des
Innern die Angelegenheit an das Verkehrsministerium weitergeben, in
dem ein höherer Rat einen Kommissar beauftragen würde, den Fall zu
studieren und Bericht darüber zu erstatten ... Wir glaubten, einer der
größten Schwierigkeiten, einem ungeheueren Hindernis gegenüberzustehen,
gegen das sämtliche 50 Pferdekräfte des Automobils und alle Energie,
über die wir verfügen konnten, nichts auszurichten vermöchten -- einer
Art von endlosem, grauem, weichem Gebirge, vor dem man nichts tun
kann als abzuwarten und die Zeit und die Geduld zu Hilfe zu rufen! So
schätzten wir die Bureaukratie ein. Wir hatten unrecht. Die russische
Bureaukratie hat auf unserer ganzen Reise von einem Zollamte des
Reiches bis zum andern für uns Wunder der Schnelligkeit selbständiger
Entschließung vollbracht.

Während unserer Wartezeit durchstreiften wir Myssowaja. Wir gingen
am Gestade des Sees spazieren und suchten zwischen den buntfarbigen
Kieseln nach kleinen Onyxen und Achaten, klassifizierten die von den
Wellen ans Ufer geworfenen toten Fische, kletterten auf den verlassenen
Hafendamm und blieben vor den staubigen Schaufenstern eines kleinen
Ladens stehen, um die ausliegenden verschiedenartigen Gegenstände
zu mustern. Diese Unterhaltung verschaffte uns die Bekanntschaft
des Apothekers von Myssowaja, eines aus den baltischen Provinzen
stammenden Provisors, der uns zwischen seine Büchsen zog und uns
den liebenswürdigsten Empfang bereitete. Die Apotheke wurde unser
Lieblingsaufenthalt; wir brachten hier lange Stunden zu, schlürften
unbekannte Liköre heimischer Erfindung und Herstellung und lauschten
dabei den Jagdgeschichten des Apothekers, der Gewehre, Patronengürtel
und Bärenfelle dicht neben den Flaschen mit Rizinusöl aufbewahrte.
Er zeigte uns das dichte, noch frische Fell eines kleinen Bären, das
zum Trocknen über einen Tisch gebreitet war. Man hatte es ihm soeben
gebracht. Ein Jäger hatte das Tier mit einem Messerstich erlegt. Es gab
Bären drei Kilometer von der Stadt auf der Hügelkette. Warum nicht eine
Jagd veranstalten? Und hier, mitten unter den Drogen, entwarfen wir den
Plan zu einer Jagd.

Von der Apotheke begaben wir uns nach dem Telegraphenamte, um
Nachrichten von unseren Gefährten einzuholen. Sie waren gerade in
Kiachta eingetroffen, und zwar in gutem Zustand. Sie hatten einen Teil
des Weges auf unseren Spuren zurückgelegt. Am Iro waren jene wackeren
Mongolen, als sie sie kommen sahen, treu der erhaltenen Weisung von
selbst herbeigeeilt, um ihnen Ochsen anzubieten, indem sie durch
Gestikulationen die Art und Weise klarmachten, in der wir das andere
Ufer gewonnen hatten. Am Nachmittag desselben Tages, des 28. Juni,
waren die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ nach Werchne-Udinsk
aufgebrochen. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß sie vormittags 9 Uhr
an der Selenga bei Nowi-Selenginsk eingetroffen waren -- dort, wo wir
das erste Dampfboot gesehen hatten -- und nach Überschreitung des
Flusses um 11 Uhr weitergefahren waren. Wir rechneten aus, daß sie am
nächsten Tage, 29. Juni, früh in Werchne-Udinsk und am 1. oder 2. Juli
in Myssowaja sein könnten.

Zu Hause verbrachten wir die Zeit beim Samowar und machten eine
Radikalkur in Tee durch, die nur unterbrochen wurde durch das Kosten
der Sakuska, der russischen Vorspeise, die aus allen möglichen
pikanten Bestandteilen zusammengesetzt ist. Der Pristaf kehrte zurück,
es kehrten die Honoratioren des Ortes zurück, um uns schweigend
Gesellschaft zu leisten, während die Menge in respektvoller Neugier
vor der Tür haltmachte. Auch das Automobil, das im Hofe ausruhte, als
guter Nachbar der alten Schlitten, die das Eis des Baikalsees kannten,
erhielt seine Besuche; es war unaufhörlich umgeben von langhaarigen
Muschiks in Filzstiefeln, von Kosaken und Kindern. Jeder, der durch die
Straße kam, trat ein und sah es sich an. Außerhalb des Hofes standen
stets wartende Pferde und Wagen. Wir mußten die Ungeduld des langen
Wartens zügeln, als wir durch das mit blühenden Blumen geschmückte
kleine Fenster den wieder klargewordenen Himmel beobachteten. Zwischen
den Ranken hindurch sandten wir sehnsüchtige Blicke zu den Isbas längs
des steinigen, verödeten Weges, der jetzt an der Sonne trocknete, und
betrachteten den hinter ihnen unermeßlich sich ausdehnenden funkelnden
Horizont des Baikalsees. Dann setzten wir uns wieder nieder und
brummten:

„Wir verlieren wundervolle Tage, und wenn wir uns wieder auf den Weg
machen, regnet es sicherlich!“

Am Abend des 28. Juni ließ sich ein Kaufmann bei uns melden, der den
langen schwarzen Kaftan der russischen Juden trug. Er grüßte mit
Unterwürfigkeit und fragte uns:

„Sie wollen nach Irkutsk reisen?“

„Ja, am 2. Juli.“

„Ich hätte Ihnen ein ausgezeichnetes Geschäft vorzuschlagen. Ich habe
einen Dampfer im Hafen liegen. Wenn Sie wollen, so setze ich Sie in
sieben Stunden nach Nikolsk oder Listwinitschnoje über, für den halben
Preis der Eisenbahnfahrt.“

„Wann geht Ihr Dampfer?“

„Heute abend, wenn Sie wünschen. Er hat keine Ladung einzunehmen und
kann sofort wieder abfahren. Ich würde auf Sie auch warten, sogar bis
morgen abend.“

„Wir können keine Entscheidung treffen. Wir warten auf eine Antwort,
die sich verspäten kann.“

„Gut. Überlegen Sie es sich --“, und als er schon auf der Schwelle
stand, um fortzugehen, drehte er sich noch einmal um und wiederholte:
„Also bis morgen Abend. Adieu!“

Der Tag verging, ohne daß eine Nachricht aus Irkutsk eingelaufen wäre.
In der Nacht wurden wir durch starke Schläge, die gegen die Außenwand
der Isba geführt wurden, geweckt. In diesen Häusern braucht man nicht
an die Tür zu klopfen, um sich öffnen zu lassen; man nimmt einen Stein
und schlägt irgendwo an die Holzwände, bis jemand hört. Es war ein
Höllenlärm. Der Starost ging schlaftrunken an die Tür und kehrte mit
einem Telegraphenboten zurück, der eine Laterne trug und mit einer
Flinte mit aufgepflanztem Bajonett und einem Revolver bewaffnet war. Er
brachte eine Depesche.

„Weshalb all diese Waffen?“ fragte ihn Fürst Borghese, während er beim
Licht der Laterne die Empfangsbescheinigung ausstellte.

„Man kann nachts nicht ohne Waffen ausgehen“, erwiderte der Bote.
„Die ganze Gegend wird durch Verbrecher unsicher gemacht, die einen
überfallen, morden und ausrauben. Es sind die von Sachalin.“

„Die von Sachalin?“

„Ja, die Deportierten von Sachalin, die die Insel gegen die Japaner
verteidigt haben. Sie wurden nach dem Kriege nach dem Festlande
zurückgebracht und in der allgemeinen Verwirrung entflohen sie. Viele
waren zur Belohnung für ihre Teilnahme am Kampfe freigelassen worden.
Sie haben sich im Amurlande und in Transbaikalien zerstreut, haben
die Gefängnisse erbrochen und die Verbrecher befreit. Sie brechen in
Banken ein, begehen Straßenraub und verschwinden dann. Man lebt hier
nicht mehr ruhig.“

Jetzt begriffen wir, weshalb uns die Polizei die Erlaubnis gegeben
hatte, nicht einen, sondern zwei Revolver zu tragen. Ebenso wurde uns
die sonderbare Frage: „Sind Sie nicht überfallen worden?“, die wir
überall hören mußten, wo wir eintrafen, verständlich. In Werchne-Udinsk
hatten Polizeibeamte, die in den Gasthof kamen, uns gesagt: „Bei der
ersten verdächtigen Bewegung in Ihrer Nähe, namentlich des Abends,
schießen Sie, schießen Sie sofort, aber achten Sie vor allem auf
eins ...“

„Auf was?“ fragten wir.

„Daß Sie gut zielen, daß der Schuß nicht fehlgeht.“ Es war dies
keineswegs in scherzhaftem Tone gesprochen.

Das Telegramm kam von Irkutsk und lautete: „Der Generalgouverneur
befindet sich in Krasnojarsk, wohin ihm Ihre Bitte, über die
Eisenbahnbrücken fahren zu dürfen, übermittelt worden ist.“ Wir legten
uns wieder auf den Fußboden und murmelten einige wenig parlamentarische
Worte über die Langsamkeit der amtlichen Bestellungen in Sibirien.

Am nächsten Tage, 29. Juni, saßen wir beim Provisor im Zimmer hinter
dem Laden beim Frühstück und sprachen von der berühmten Bärenjagd,
als die Glocke der Haustür erklang. Unser Gastfreund kam in kurzem
mit geheimnisvoller Miene zurück, schaute ringsum, als fürchtete er,
beobachtet zu werden, und sagte dann mit leiser Stimme:

„Es sind Gendarmen da! Zwei Gendarmen, die nach Ihnen fragen.“

„Nach uns?“

„Ja, nach Ihnen. Sie wissen, daß Sie hier sind, und sagen, sie müßten
Sie auf jeden Fall sprechen. Es gefällt mir nicht.“

Wir gingen, um zu erfahren, was die Gendarmen von uns wünschten.
In der Apotheke erwarteten uns zwei Gorodowoi. Draußen versuchten
zaghaft einige Neugierige, unauffällig durch das Schaufenster zu
sehen. Das Erscheinen von Gendarmen ist in Sibirien nicht immer ein
gutes Zeichen. Vielleicht erwartete Myssowaja bereits die Verhaftung
der geheimnisvollen Reisenden, die die Welt auf einer losgekoppelten
Lokomotive durchjagten. Fürst Borghese stand im Begriff, nach seinen
Papieren zu greifen und das berühmte Schreiben vorzuzeigen; aber
diesmal waren es die Gendarmen, die ein Papier überbrachten, wobei sie
respektvoll grüßten.

Es war der Erlaubnisschein, der sehnsüchtig erwartete Erlaubnisschein
des Generalgouverneurs!

Wer wagt noch, von der Bureaukratie schlecht zu sprechen! Wir waren
in heller Begeisterung und spendeten ihr Worte des denkbar höchsten
Lobes. In der Tat haben sich die russischen Behörden uns gegenüber von
unvergeßlicher Höflichkeit, Zuvorkommenheit und Gastlichkeit gezeigt.
Die Erlaubnis, die wir erhielten, war ganz außergewöhnlich und einzig
in ihrer Art.

Wir wurden ermächtigt, mit dem Automobil auf der Bahnstrecke zu fahren,
alle Brücken zu überschreiten und, wenn nötig, auf diese Weise bis nach
Irkutsk zu gelangen.

„Was müssen wir tun? Wann können wir abfahren?“ fragten wir die
Gendarmen.

„Sie können reisen, wann Sie wollen. Das Streckenpersonal ist
benachrichtigt. Auf den Stationen wird man Ihnen sagen, wann die Linie
frei ist.“

Wir ließen natürlich die Bären im Frieden ihrer Wälder und verbrachten
den Rest des Tages mit den Vorbereitungen zu jener seltsamen Fahrt
zwischen den Schienen, Weichen, Signalen von einer Station zur andern!

Wir gingen dem spannendsten Ereignis unserer ganzen Reise entgegen.



Dreizehntes Kapitel.

Der Einsturz der Brücke.

     Das Automobil auf der Bahnstrecke. -- Die „Sechzehnte
     Rangierstation“. -- Die alte Brücke. -- Das Automobil stürzt. --
     Die Rettung. -- Tanchoi.


Am 30. Juni früh 4½ Uhr verließen wir bei strahlend heiterem, aber
kaltem Wetter Myssowaja zum zweiten Male und schlugen wiederum den am
28. zurückgelegten Weg ein. Wir nahmen zwei lange, uns vom Starosten
überlassene Bretter mit, die wir auf dem Gepäck festbanden. Wir sahen
voraus, daß wir sie brauchen würden, um auf unserer Fahrt zwischen den
Schienen über die Weichen in der Nähe der Stationen hinwegzukommen.

Der Gedanke, mit dem Automobil auf einer Eisenbahnstrecke zu fahren,
erschien uns so abenteuerlich, daß wir die Ausführbarkeit bezweifelten.
Der Gedanke hatte sich unserem Geiste zuerst als die natürlichste Sache
von der Welt dargestellt; als wir aber näher darüber nachdachten,
fanden wir ihn schließlich widersinnig. Am Tage zuvor war die einzige
Schwierigkeit das Ausbleiben der Erlaubnis gewesen; jetzt, da wir den
seltsamen Plan ausführen wollten, sahen wir eine Menge Schwierigkeiten.
Würden die Räder zwischen den Schwellen nicht steckenbleiben? Wie
sollten wir über die in Ausbesserung begriffenen Strecken hinwegkommen?
Würden wir rasch genug von der Strecke herunterkommen, um einem
etwaigen Extrazuge auszuweichen? Würden die Schienenbolzen nicht die
Pneumatiks zerreißen? Und wenn alles gut ging, konnten die Stöße einer
langen Fahrt über die Schwellen hinweg nicht die ernstesten Folgen für
die Festigkeit und Ausdauer der Maschine haben? Auf all diese Fragen
antworteten wir: „~Vedremo!~“ und gingen vorwärts.

Wir wollten die Strecke auf der kleinen Station in der Nähe des
Mischikaflusses betreten, an der wir zum ersten Male vor zwei Tagen
gehalten hatten. Die abenteuerliche Fahrt sollte genau an dem Orte
beginnen, wo der erste Gedanke daran entstanden war. Der nächste Zug
nach Irkutsk würde von Myssowaja nicht vor 8 Uhr abgehen, und der
nächste Zug nach Werchne-Udinsk würde mittags vorüberkommen. Wir würden
also Zeit haben, zwischen dem einen und dem andern den Bahnhof von
Tanchoi zu erreichen, das etwa 60 Kilometer von Myssowaja entfernt ist.
Tanchoi ist die Erbin der Schiffahrt von Myssowaja. Der neue Hafen der
Trajektboote wird vorgezogen, weil er dem Westufer des Sees näherliegt;
die Überfahrt der Dampfer zwischen Tanchoi und der Station Baikal auf
dem linken Ufer der Angara ist nur 40 Kilometer lang. Es gibt Flüsse,
die breiter sind als diese Strecke, wie z. B. der Pará und der La-Plata
bei Buenos Aires.

Wir legten geduldig zum zweiten Male den alten verödeten Weg zurück,
der so malerisch und so schwierig ist, mit seinen zahllosen, dem
Einsturz nahen kleinen Brücken, seinen steilen Abhängen und seinen
Anhöhen, die man im Sturm nehmen mußte, den Weg, der sich bald an
dem klaren See hinzieht, bald im Schatten der Wälder verbirgt. Wir
hatten diesmal den Vorteil, ihn zu kennen. Der Fürst erinnerte sich
bei seinem erstaunlichen Gedächtnis an alles. Er sagte zu Ettore,
welcher steuerte: „Jetzt kommt ein Abhang; bremse! Jetzt kommen wir
an die Brücke, die sich nach rechts hinüberneigt; halte dich links!“
Aber all dieses Wissen bewirkte nicht, daß wir mit größerer mittlerer
Geschwindigkeit als 9 Kilometer die Stunde fuhren, so daß wir erst
gegen 8 Uhr bei der kleinen Station an der Mischika anlangten.

[Illustration: Am Ufer des Baikal-Sees.]

Wir trafen wiederum den Stationsvorsteher und den Gendarmen, der an
seine Vorgesetzten telegraphieren wollte. Der Stationsvorsteher hatte
keine Nachricht von der Genehmigung unseres Gesuches erhalten, wohl
aber der Gendarm. Dieser teilte uns mit, daß sämtliche Gendarmen und
Wachtposten längs der Strecke von Irkutsk den Befehl erhalten hätten,
uns passieren zu lassen. Der Stationsvorsteher seinerseits erklärte:

„Ich widersetze mich nicht. Ich weiß von nichts. Ich übernehme aber
auch keine Verantwortung.“

[Illustration: Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung
des Gendarmen.]

Der Gendarm erklärte: „Ich werde Sie begleiten, und Sie werden überall
durchkommen.“

So erhielten wir den schlagendsten Beweis von der Allmacht des
Gendarmen in Sibirien.

Um dem wackeren Krieger einen Platz im Automobil zu überlassen,
kletterte ich auf das Gepäck im hinteren Teile der Karosserie, auf das
ich mich rittlings setzte, allerdings ein wenig durch die Anwesenheit
der langen Bretter behindert, aber befriedigt durch die erhöhte
Stellung, die mich die Dinge um mich herum von einem ganz neuen
Gesichtspunkt aus betrachten ließ. Der Gendarm saß auf dem Tritte.

Um die Weichen und Signalvorrichtungen, die in großer Anzahl in der
Nähe der Station vorhanden sind, zu umgehen, suchten wir weiterhin in
der Entfernung von einem Kilometer einen Übergang von der alten Straße
nach der Eisenbahn. Der Eisenbahndamm war ein paar Meter hoch, der
Übergang aber bestand in einer kleinen Treppe zum Gebrauch des nächsten
Bahnwärters, die sich wenig zum Aufstieg eines Automobils eignete.
Dies war aber keine Schwierigkeit, die irgendwelchen Eindruck auf
uns gemacht hätte. Mit Hilfe alter Schwellen, die wir in geschickter
Weise aneinanderlegten, und der beiden Bretter konstruierten wir eine
Fahrbahn, die die Maschine im Fluge benutzen konnte.

Endlich befanden wir uns auf der Strecke. Mit den rechten Rädern ragte
die Maschine über das Geleis hinaus; wir luden in Eile die Bretter
wieder auf, befestigten sie gut und nahmen unsere Plätze ein. Ich saß
von neuem oben auf dem Gepäck wie ein Araber auf dem Höcker eines
Dromedars. Wir fuhren los.

Der erste Eindruck war entzückend. Diese herrliche gleichmäßige,
ebene, glänzende Straße war nach all den Abhängen, dem Gestrüpp, den
Gebüschen, den Gräben der vormaligen Heerstraße von verführerischem
Reiz. Geradlinig und über die umliegende Landschaft erhöht, machte
sie den Eindruck einer Schwebebahn, einer riesigen Hängebrücke. All
das war neu und gefiel uns vielleicht nur darum so gut. Wir fuhren
langsam; wenn die Schwellen auch sehr nahe aneinanderlagen und mit
einer Sandschicht bedeckt waren, teilten sie doch dem Automobil
eine Schaukelbewegung, eine Art leichten Galopps mit. Als aber die
Geschwindigkeit zunahm, wurde der Galopp heftig und ging schließlich in
ein fürchterliches wildes Schütteln über, das die Maschine in Stücke zu
reißen drohte. Wir begnügten uns daher mit einem ganz leichten Galopp,
mit der Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Stunde. So gelangten
wir zu dem ersten Bahnwärterhäuschen.

Der Wärter war natürlich ebensowenig wie der Stationsvorsteher
über unsere Fahrt unterrichtet worden, die unter dem hohen und
ausschließlichen Schutze der Polizei vor sich ging. Der Ärmste begriff
nichts von dieser seltsamen Lokomotive, die ruhig neben den Schienen
fuhr, er betrachtete sie voller Entsetzen und hielt sie schließlich
gewiß für ein neuerfundenes Gefährt, das seine Probefahrt machte. Er
stürzte in sein Häuschen, kam sofort wieder mit dem Stabe heraus, der
„freie Fahrt“ bedeutet, und nahm die vorschriftsmäßige Stellung ein.
Der Gendarm befahl zu halten, stieg ab, näherte sich dem Manne und
ließ sich die rote Fahne reichen, die dieser zusammengerollt an seinem
Gürtel trug. Dann schwenkte er dieses revolutionäre Abzeichen, kehrte
äußerst befriedigt auf das Automobil zurück und rief:

„Um den Zügen das Haltesignal zu geben!“

Wir fuhren über zahlreiche kleine Brücken, die so breit waren wie
die Schwellen und über tiefe Gebirgsströme führten, deren Gewässer
wir durch die breiten Zwischenräume zwischen den einzelnen Schwellen
schäumen sahen. Diese durchlöcherten Brücken, die aus voneinander
abstehenden Bohlen bestehen, die nur von den Schienen zusammengehalten
zu werden scheinen, sehen zum Entsetzen leicht und gebrechlich aus. Man
weiß, daß sie fest sind, aber man sieht es nicht. Das Automobil fuhr
mit den linken Rädern zwischen den Schienen und mit den rechten Rädern
auf den schmalen, nach außen vorspringenden Teilen der Schwellen.
Auf den Brücken rollten daher die rechten Räder im wahren Sinne des
Wortes am Rande des Abgrundes hin; es handelte sich nur um wenige
Zentimeter. Für einen stets aufmerksamen Führer mit sicherer Hand bot
diese Fahrt in technischer Hinsicht keine Schwierigkeiten. Aber es war
in jenen Augenblicken unmöglich, sich einer leichten, instinktiven,
geheimen Erregung zu entziehen, die uns die Fäuste ballen ließ und
nicht gestattete, das Auge von dem Laufrad und seiner Bewegung
auf dem schmalen Rande, auf den in den leeren Raum hinausragenden
Balkenenden abzuwenden. Man konnte sich nicht vollständig von dem
Gedanken freimachen, daß, alles in allem genommen, unsere Sicherheit
von den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes abhing, und daß auch der
Geschickteste einen Augenblick der Schwäche, des Unglücks haben kann;
er kann einer Sinnestäuschung unterliegen, der Ermüdung infolge der
fortwährenden Anspannung und Aufmerksamkeit anheimfallen.

Bald sollten wir die große eiserne Brücke über die Mischika passieren,
die von fern aussah wie ein riesiger roter, 20 Meter über dem Flusse
aufgehängter Käfig. Zur Sicherung der Brücke waren an beiden Enden
mit Gewehren bewaffnete Soldaten aufgestellt. Alle Brücken von einer
gewissen Bedeutung werden auf diese Weise militärisch bewacht. Man
glaubt, eine Eisenbahn in Kriegszeiten zu befahren, die in einem dem
Feinde zugänglichen Landstrich einem Handstreiche ausgesetzt ist. Der
Eindruck, den man erhält, ist traurig, traurig vor allem, weil in der
Tat ein Feind erwartet wird, und dieser Feind Rußlands ist russischer
Herkunft!

Der Fluß, der uns zwei Tage zuvor aufgehalten hatte, toste jetzt im
Schatten des Urwaldes um die hohen Pfeiler. Wir empfanden Genugtuung
darüber, ihn zu überschreiten; es war uns, als ob wir Revanche nähmen.
Als wir die Brücke hinter uns hatten, fuhren wir einige Zeit am Ufer
des Sees entlang, den die Eisenbahn begleitet und von oben beherrscht.
Dann entfernte sich der See, und die Wälder begannen von neuem. Die
Gleichmäßigkeit der Straße, die uns anfangs so gut gefallen hatte,
wurde uns langweilig. Eine regelmäßige, ebene Straße darf nur dann
auf Verzeihung für ihre Einförmigkeit hoffen, wenn sie ein schnelles
Dahineilen gestattet. An einer Stelle fanden wir die Strecke in der
Ausbesserung begriffen. Eine Schar Arbeiter verlegte das Niveau einer
Kurve. Die Schwellen lagen offen da, und der Galopp des Automobils nahm
eine unheimliche Natur an. Es war nicht möglich, die Schnelligkeit
zu mäßigen, weil die Gefahr bestand, daß wir steckenblieben; die
Maschine sprang daher rasch über die Schwellen, lief von einer zur
andern und stieß mit den Pneumatiks, deren Bruch wir jeden Augenblick
befürchteten, gegen sie an. Zum Glück kehrten wir nach einigen hundert
Metern dieses teuflischen Tanzes auf normales Gelände zurück. Wir
gelangten an eine Station.

Es war 9¼ Uhr.

Die Station hat keinen Namen, sie hat nur eine Nummer. Sie erhebt
sich in völlig unbewohnter Gegend und ist nicht zur Bequemlichkeit
der Reisenden errichtet. Sie ist eine sogenannte „Dienststation“,
angelegt zur Zeit des Japanischen Krieges wie so viele andere, um
die Leistungsfähigkeit der Strecke durch Vermehrung der Zahl der
Kreuzungspunkte zu erhöhen. Sie heißt „Sechzehnte Rangierstation“.

Wir werden die „Sechzehnte Rangierstation“ nicht sobald aus dem
Gedächtnis verlieren!

Der Stationsvorstand, ein junger, blonder, höflicher Mann, teilte
uns mit, daß der Zug aus Myssowaja gleich vorbeikommen werde und daß
wir daher unsere Fahrt auf der Strecke nicht fortsetzen könnten. In
Wahrheit fehlte bis zur Ankunft des Zuges noch über eine halbe Stunde,
aber die Benachrichtigung war verständig, und es war weise, zur Seite
zu fahren, um zu warten. Der Stationsvorsteher riet uns, die Fahrt auf
der alten, noch gangbaren Heerstraße fortzusetzen und ihr bis zu einem
in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamme liegenden Übergang zu folgen,
wo wir auf die Strecke zurückkehren könnten. In der Tatsache wollte er
aber in Ermangelung von Anordnungen nicht gestatten, an der Station
auf die Strecke zurückzukehren, und schickte uns daher in höflicher
Weise weit aus seinem Dienstbereiche weg. Wir befolgten seinen Rat.
Es handelte sich im Grunde genommen um wenige Kilometer, und wir
hatten deren Hunderte auf dem verödeten Wege zurückgelegt. Wir folgten
getreulich einem Pfade, den er uns gezeigt hatte, und eine Stunde
später rollten wir auf dem Grase der vermaledeiten Straße dahin.

Auch hier war genau wie auf jenen Strecken, die wir schon kannten, kein
Zeichen eines vor kurzer Zeit erfolgten Verkehrs, nicht eine Wagenspur
zu entdecken. Dichte Gebüsche rahmten sie zu beiden Seiten ein. Wir
verloren die Station sofort aus den Augen und befanden uns von neuem in
der grünenden und blühenden Einsamkeit. Wir hatten kaum einen halben
Kilometer zurückgelegt, als sich uns eine alte Holzbrücke zeigte.

Sie war gegen 20 Meter lang und über 3 Meter breit. Sie reichte
nicht an die Breite der übrigen Brücken heran und unterschied sich
anscheinend von ihnen durch die Zusammensetzung der Bretter, durch
eine gewisse Rohheit der Ausführung. Die Straßenbrücken bewahrten in
der Regel, auch wenn sie vermorscht, gesprungen und halb verfallen
waren, die Spuren einer großen Gewissenhaftigkeit der Arbeit, sie
hatten etwas von einem alten Schiffe an sich. Man sah sofort, daß jene
Brücke aus dem Holze einer andern eingestürzten erbaut war. Es fehlte
jede Spur eines Geländers; sie war etwas krummgezogen und wies die
Unregelmäßigkeiten und Unachtsamkeiten eines Provisoriums auf. Aber wir
waren schon über viele provisorische Brücken gefahren, die nicht besser
ausgesehen hatten. Sie überbrückte einen kleinen, drei bis vier Meter
tiefen Fluß, dessen Ufer so dicht mit Gebüsch und Strauchwerk bewachsen
waren, daß es schien, als wollten die Pflanzen ihre Zweige vereinigen.

Ettore mäßigte die Geschwindigkeit und hielt einige Augenblicke
still, um zu prüfen. Vor jedem Hindernisse machten wir zum Zwecke der
Beobachtung kurzen Halt, nahmen es in Augenschein, ohne das Automobil
zu verlassen, sahen rasch den Übergang an und entschlossen uns sofort.
Wir hatten Auge und Geist an tausend Problemen der Straße geübt, die
untereinander so ähnlich und doch so verschieden waren. Sie wurden
sofort nach der Analogie mit andern beurteilt. Mit sicherem Gefühle
wandten wir die aus der Praxis gewonnenen Methoden an, wußten, wo
rasches Handeln und wo Vorsicht nottat, erkannten instinktiv die
Stellen, auf denen die Räder hinüberkommen konnten, errieten den
widerstandsfähigsten Teil eines Brettes wie die Tiefe eines Gewässers
oder die Tragfähigkeit eines sumpfigen Bodens. Hier gab es einen
Augenblick des Zögerns, eine flüchtige Vorahnung der Gefahr. Aber es
war nur ein Augenblick. Nicht jedes Bedenken war vollständig zerstreut,
aber wir hatten, wenn wir auf Schwierigkeiten stießen, eine einfache
Art, uns damit abzufinden; wir sagten nur: „Versuchen wir es!“

Der Gendarm war abgesprungen. Er hatte nicht unsere Erfahrung in
bezug auf alte Brücken und urteilte nur nach seinem unbefangenen
gesunden Menschenverstande. Er hielt es für notwendig, sich die Sache
aus der Nähe zu besehen, in den Fluß hineinzuwaten und die Balken zu
untersuchen.

„Warten Sie! Warten Sie!“

Er schickte sich zur Besichtigung an.

Der Fürst befahl Ettore:

[Illustration: Das umgestürzte Automobil.]

„Fahre zu, aber langsam!“

Das Automobil fuhr auf den Bretterboden, der erzitterte, ein wenig
knirschte und schwankte, wie es so viele andere unter dem Gewicht der
Maschine getan hatten.

Wir wurden dadurch nicht besonders beunruhigt. Aber während dieser
Überfahrten empfindet man stets ein undefinierbares Gefühl banger
Erwartung und faßt die Geisteskräfte zusammen; man verfolgt aufmerksam
den Gang der Maschine; man bietet die ganze Kraft seines Denkens
auf, als wolle man die Energie des Geistes zu der Arbeit der Materie
hinzufügen, um mit der mächtigen Willensspannung zu helfen, zu
stützen, zu schieben, zu leiten. Ich erinnere mich nicht, daß wir in
solchen Augenblicken je ein Wort gewechselt hätten.

Der vordere Teil des Automobils war schon über die Hälfte der Brücke
gekommen und näherte sich dem grasbewachsenen Rande der Straße. Die
Gefahr schien vorüber. Mit einem Male hörten wir ein fürchterliches
Krachen! Die Fahrbahn hatte unter dem Gewicht des hinteren Teiles
der Maschine nachgegeben, sie brach und splitterte auseinander; die
ganze Brücke öffnete sich und stürzte zusammen. Dieser sich plötzlich
auftuende Schlund erschien uns, die wir uns in der Mitte befanden, in
diesem Moment so breit und tief wie ein Abgrund.

Der Motor schwieg. Das Fahrzeug wich in demselben Augenblick, in dem
es zum Stehen kam, mit einer plötzlichen, schweren Bewegung zurück und
schlug mit seinem unteren Teile auf die Reste der Fahrbahn auf. Dann
erhob es in unaufhörlicher Bewegung, die uns nicht zum Nachdenken und
zur Besinnung kommen ließ, die Vorderräder in die Luft, während es mit
dem hinteren Teile versank und in einer fürchterlichen Pendelschwenkung
eine senkrechte Stellung annahm. So stürzte das Automobil in den
Fluß hinab bis auf den Grund und riß uns alle mit sich unter dem
fürchterlichen Getöse von zersplitterten, geborstenen, losgerissenen
Brettern und Balken. Als der Wagen in das Wasser des Flusses
eintauchte, blieb er nicht stehen. Er setzte seine Kreisbewegung fort
und stürzte nach hinten, um auf den Rücken zu fallen, bis ihn ein
Balken aufhielt. Er blieb rücklings liegen, mit den Rädern nach oben,
den Rücken gegen den Grund gekehrt; kaum daß die Laternen und der
Kühler aus den Trümmern der Brücke über die Reste der zerbrochenen
Balken und Bretter hervorragten. All dies war das Werk weniger
Sekunden. Das Automobil hatte mit der Langsamkeit eines Dickhäuters
eine Art Saltomortale nach rückwärts ausgeführt.

Erst später bekamen wir eine klare Vorstellung von dem Vorgefallenen.
Im Augenblicke des Sturzes selbst konnten wir nur undeutlich sehen;
alle unsere Geisteskräfte waren auf uns selbst gerichtet; das
Beobachtungsfeld beschränkte sich auf unsere unmittelbare Nähe; jeder
von uns hatte sein eigenes Abenteuer, seinen eigenen Kampf, sein
eigenes Ringen mit der Gefahr zu bestehen. Später erstatteten wir
uns gegenseitig Bericht. Ich bewahre lebhafter die Erinnerung an das
Gefühlte als an das Gesehene. Mit größerer Anschaulichkeit rufe ich mir
das, was in mir vorging, in das Gedächtnis zurück als das, was sich um
mich herum abspielte. Ich hatte rittlings auf dem Gepäck gesessen; mein
Sturz war also der tiefste. Als ich das erste Krachen hörte, glaubte
ich nur an ein teilweises Einbrechen des Automobils, an ein Einklemmen
der Räder in die Risse eines zersprungenen Brettes, und an eine lästige
und ermüdende Panne denkend, rief ich:

„Na, da haben wir’s!“

Einen Augenblick später befand ich mich unter der Brücke, in einem
plötzlichen, unheilverkündenden Halbdunkel, angeklammert an die Seile,
mit denen das Gepäck verschnürt war. Das Automobil sank immer tiefer
und zerbrach das Holz. Ich hatte den Eindruck, als würde ich niemals
den Boden erreichen. Ich ließ mich mitziehen, zusammengekrümmt unter
einem Hagel von Brettern, die mich von hinten trafen, mir auf die
Schultern fielen, die mit einem immer mehr wachsenden, unaufhörlich
krachenden Getöse zusammenstürzten. Ich erinnere mich, nicht ohne
Befriedigung festgestellt zu haben, daß ich keinen heftigen Schmerz
empfand, und mehrmals hatte ich gedacht: „Bis jetzt geht alles gut!“
Ich hielt uns schon für gerettet, als ich sah, daß die mächtige
Rückseite des Automobils, die noch aus dem Wasser emporragte, sich
langsam nach hinten bewegte. Das Gehäuse des Ölbehälters, der sich
unter den Füßen des Führers befindet, hing jetzt senkrecht über meinem
Kopfe und übergoß mich mit Fluten heißen Öles. Ich wurde ganz naß und
fühlte das Öl über mein Gesicht rinnen. In diesem Augenblick bemerkte
ich, daß die beiden Sitze, die der Fürst und Ettore einen Augenblick
zuvor noch eingenommen hatten, leer waren.

Unter der Gefahr, zerquetscht zu werden, suchte ich mich freizumachen.
Allein es war mir unmöglich; ich fand mich zwischen dem Gepäck und
den heruntergestürzten Brettern eingeklemmt. Vergebens spannte ich
alle meine Kräfte an, mich der Gefahr zu entziehen. Zum Glück hatte
ein rettender Balken das Automobil in seiner langsamen Kreisbewegung
aufgehalten. Ich hörte oben die Stimme des Fürsten schmerzerfüllt
aufschreien. Ich erblickte seine gestiefelten Beine, die sich
verzweifelt über mir hin und her bewegten und ebenfalls von Öl
trieften. Mit einem Male schwieg er. Zur selben Zeit erschien Ettore an
meiner Seite und rief mir zu:

„Kommen Sie hier heraus!“

„Ich kann nicht!“ erwiderte ich.

„Aber so kommen Sie doch!“ wiederholte er angstvoll. -- „Rasch! Wenn
der Balken bricht, sind Sie tot!“

„Ich kann nicht!“ entgegnete ich. „Hilf mir, ziehe mich heraus!“

Er faßte mich energisch unter den Schultern und zog mich aus jener
Enge hervor. Wir waren nun alle drei auf den Füßen, fragten einander
und tauschten Ausdrücke höchster Befriedigung. Als wir die Lage des
Automobils prüften, riefen wir:

„Es ist unglaublich! Wir sind wie durch ein Wunder gerettet!“

Fürst Borghese hatte sich, als das Automobil in die Tiefe stürzte,
mit einem instinktiven Schwunge nach rückwärts gewandt und an
einen Balken angeklammert; in dieser Stellung war er verblieben,
bis die Maschine beim Umstürzen sich gerade gegen seinen Rücken
lehnte. Er war zwischen dem Balken und dem Motorgehäuse eingeklemmt,
zusammengepreßt, beinahe erstickt. In diesem Augenblicke hatte er
den Schrei ausgestoßen, der mich veranlaßte, nach oben zu schauen.
Mit jener Riesenkraft, die der Mensch in der Gefahr findet, hatte
er einen Augenblick das Automobil heben und sich freimachen können.
Er vermochte sich nicht mehr zu erinnern, wie er imstande war, sich
von seinem Sitze zu erheben und sich an das Brett anzuklammern.
Die Ereignisse dieses entscheidenden Augenblicks waren aus seinem
Gedächtnis ausgelöscht. Das enge Zusammenpressen hatte ihm zwei starke
Quetschungen an Rücken und Brust verursacht; wenn er tief Atem holte,
empfand er lebhaften Schmerz. In aller Ruhe sprach er seine Meinung
dahin aus, daß einige der letzten Rippen an der linken Seite gebrochen
seien. Ettore hatte nur eine Hautabschürfung davongetragen. Er war
auf seinem Führerplatze geblieben und hatte sich an das Steuerrad
festgeklammert, bis schließlich sein Kopf unten war und die Beine
in die Luft ragten. Dann hatte er sich durch die Öffnung der Brücke
nach unten fallen lassen. Als er sich umsah, hatte er mich in meiner
gefährlichen Lage entdeckt und war zu meiner Rettung herbeigeeilt.
Ich hatte mir beim Sturz Schäden zugezogen, deren Umfang ich nicht
kannte; bei jeder Bewegung spürte ich einen Schmerz im Rücken, und es
war mir nicht möglich, die Beine vollständig zu heben; sie versagten
den Dienst; ich schleppte sie in kleinen Schritten vorwärts. Ich mußte
mich später stützen lassen. Vierzehn Tage lang habe ich mich nur mit
Anstrengung und mit schleichenden Schritten fortbewegen und jede Stufe
nur mit Mühe und Seufzen ersteigen können. Während dieser Zeit glaubte
ich meinen Reisegefährten zur Last zu fallen. Im Gesicht hatte ich
mehrere Hautabschürfungen, von denen ich aber nicht weiß, wodurch sie
hervorgerufen worden sind; ich erinnere mich nur, daß das Öl der
Maschine sie mir vortrefflich geheilt hat. All diese Quetschungen
konnten uns aber nichts von unserem Glücke rauben, dem Glücke, uns alle
am Leben zu wissen.

[Illustration: Das Automobil nach seinem Saltomortale.]

Die Reaktion der Freude brach jetzt durch. Die Gefahr war vorüber und
hinterließ in uns nur noch die Empfindung eines Albdrucks. Wenn man
träumt, man stürze von einer Höhe herab, so ist man beim Erwachen froh,
nur geträumt zu haben. Wir verlebten einen Augenblick dieser unsagbaren
Befriedigung. Wir lachten, wenn wir das umgestürzte Automobil ansahen,
als hätte es sich mit uns einen Scherz gemacht. Wir photographierten
es von allen Seiten, wobei wir uns die wenig angenehmen Stellungen
zeigten, die wir kurz zuvor eingenommen hatten.

„Ich lag hier, so!“

„Ich unter jenen Brettern!“

„Ich bin dort hineingefallen!“

„Wenn der Balken nicht gehalten hätte!“ -- „Wir wären plattgedrückt
worden! Haha!“

Der Gendarm hatte das Ende nicht abgewartet. Er war laut um Hilfe
rufend nach der Station gerannt. Wir hörten ihn in der Ferne
unaufhörlich angstvolle Rufe ausstoßen.

Der erste Gedanke Don Scipiones galt dem Automobil. Er betrachtete es
aufmerksam und rief:

„Ich finde keinen ernstlichen Schaden! Sieh einmal her, Ettore!“

Ettore untersuchte die Maschine.

„Mir erscheint sie heil und ganz.“ Und er lachte vergnügt.

Sofort machte er sich an die Arbeit. Er löste die Seile des Gepäcks
und brachte die Rucksäcke, die Ballen, die Kissen, das Zeltdach in
Sicherheit. Das Benzin sickerte aus den oberen Verschlüssen der
Behälter, die nach unten zu liegen gekommen waren. Er zog die Schrauben
an und rettete, was noch übrig war. Der Spaten hatte sich umgebogen
wie ein Blatt Papier; die Spitzhacke war zerbrochen, die eiserne
Fahnenstange hatte sich verbogen; der Kasten mit den Ersatzstücken
hatte Beulen bekommen: der hintere Benzinbehälter war ebenfalls
verbeult; die Ledergurte, die die Ersatzgummireifen hielten, waren
zerrissen; die aus Myssowaja mitgebrachten Bretter fanden wir in
Splitter verwandelt wieder. Die Maschine aber war unversehrt; die
eine der langen Eisenstangen, die das Differenzialwerk tragen, war
etwas verbogen (sie hatte sich in dem Augenblick verbogen, als das
Automobil mit dem Bauche auf die Brückenbahn geschlagen war), und
das Messingrohr, in der das Wasser aus den Zylindern nach dem Kühler
fließt, war leicht eingedrückt, und zwar war dies vermutlich auf des
Fürsten Rücken geschehen. Nichts weiter. Verschiedenen glücklichen
Umständen war es zu danken, daß die Maschine unversehrt geblieben war.

Der Sturz war rasch gewesen, aber nicht plötzlich. Wir fuhren langsam;
die Brücke war infolge des Gewichts, nicht infolge der Schnelligkeit
zusammengebrochen. Der Einsturz der Fahrbahn war, so rasch er auch
eingetreten war, doch nur nach und nach vor sich gegangen. Das
Automobil hatte in seinem Sturz Bretter und Balken zertrümmern
müssen, und all dieses Holz, das es auf seinem Wege antraf, konnte
den Sturz zwar nicht aufhalten, aber es milderte seine Wucht. Was
das Automobil aber außerdem geschützt hat, war die hinten befestigte
Ladung Ersatzgummireifen. Als es sich vorn soweit erhoben hatte, daß
es eine senkrechte Stellung einnahm, war es gerade auf die Gummireifen
gefallen: es hatte sich auf Kautschuk gesetzt. Dies hob die Wirkung
des Stoßes auf. Es muß ein furchtbarer Stoß gewesen sein, weil die
schützenden Gummireifen ganz in das Bett des Flusses gedrückt waren,
so daß wir sie aus der Höhlung ausgraben mußten. Ein Balken und einige
unbenutzte Pneumatiks hatten uns und das Automobil gerettet. Hätte sich
der Balken etwas abseits befunden, oder wären die Pneumatiks an einer
andern Stelle gewesen, die Fahrt hätte ihr Ende gefunden! Es braucht
nicht gesagt zu werden, daß wir dem rettenden Balken ein viel größeres,
wohlbegründetes Verdienst beimaßen.

Wenige Minuten erst waren verstrichen, als wir von der Station
her Leute im Laufschritt herbeieilen sahen, allen voran den
Gendarmen, erhitzt, keuchend, atemlos. Sein Gesicht verklärte sich
zu einem Lächeln der Befriedigung, als er uns alle wohlbehalten
erblickte. Hinter ihm rannte der Stationsvorstand. Der arme Mann
hatte Gewissensbisse. Er begrüßte uns in freudiger Erregung, aus
Dankbarkeit, daß wir uns lebend hatten wiederfinden lassen, und von
diesem Augenblicke an widmete er sich uns ganz. Er verwandte seine
ganze Tätigkeit, seine Klugheit, seine Autorität zu unseren Gunsten;
er wollte uns nicht mehr von sich lassen und half uns, begleitete uns,
führte uns bis zum Abend. Er hatte eine Schar Arbeiter, die auf der
Strecke arbeiteten, mitgebracht; es waren diejenigen, die wir kurz vor
der Station angetroffen hatten, gegen zwanzig Sibirier, groß und stark,
rauh, geschickt, charakteristische Kerle mit ihren langen roten Blusen,
ihren weiten Beinkleidern, ihren hohen Stiefeln, ihrem unordentlich
herunterhängenden Haar. Sie hatten Seile und Äxte bei sich. Der
sibirische Holzfäller, der Sieger über die Riesen des Waldes, ist ein
Meister im Gebrauche der Axt. Sie gingen sofort ans Werk. Die Rettung
der Maschine wurde in Angriff genommen.

Der Stationsvorsteher leitete die Arbeiten. Das Automobil wurde mit
Seilen umwunden, die um das Motorgehäuse geschlungen wurden, und die
gespannten Seile an Baumstämme befestigt, um zu verhüten, daß die
Maschine ihre Lage verändere. Dann rissen die Arbeiter die Brücke
vollends ein. Sie schlugen alles nieder, was von ihr übriggeblieben
war, indem sie ihre Arbeit mit dem Gesange schwermütiger Lieder
begleiteten. Die Balken fielen rasch einer nach dem andern unter
kräftigen, wohlgezielten Axtschlägen und wurden beiseite geschafft und
übereinandergeschichtet. Das Automobil war von allen Seiten freigelegt.
Nun teilten sich die Leute in zwei Gruppen und befestigten zwei Seile
am Automobil, das eine vorn, das andere hinten, das erstere zum Ziehen,
das zweite zum Lenken; nach Kommando stellten alle mit vereinten
Kräften die Maschine allmählich auf ihre vier Räder. Sie befand sich
wieder in ihrer gewöhnlichen Stellung im Bett des Flusses. Nun mußte
sie noch auf die Straße gezogen werden.

Es war der zweite Abschnitt der Rettung, der jetzt begann.

Es wurde ein ausgezeichnetes Mittel dazu gefunden. Hinter dem Automobil
wurde der Teil der Brücke, den wir bereits hinter uns gehabt hatten und
der unversehrt geblieben war, mit leichter Mühe durch das Wegschlagen
der Stützbalken in eine schiefe Ebene verwandelt. Darauf wurden zwei
Seile an dem hinteren Teile des Chassis befestigt, die wackeren
Sibirier spannten sich an die Seile, und mit der Kraft ihrer Arme zogen
sie singend die Maschine auf der schiefen Ebene langsam auf die Straße.

[Illustration: Der erste Helfer beim Sturz des Automobils.]

Die Arbeit hatte drei Stunden gedauert.

Die braven Leute schienen mit unserer Rettung zufrieden zu sein, ein
wenig aus Eigenliebe und ein wenig, weil man Dinge, die uns Mühe
kosten, stets liebgewinnt. Sie interessierten sich lebhaft für die
Einzelheiten des Automobils. Sie wollten wissen, ob es laufen könne,
ob es „lebendig“ sei, wie sie sich bildlich ausdrückten. Wir aber
waren ängstlich geworden; wir sehnten uns nach Gewißheit. Hatte uns
der Schein nicht betrogen? War die Maschine wirklich unverletzt? Ettore
stellte auf dem Steuerrade die Vergasungs- und die Zündungstasten in
„Marschstellung“ und drehte die Kurbel an.

Kein Laut war vernehmbar. Es war, als erwarteten wir einen
Urteilsspruch. Die Kurbel drehte sich ein-, zwei-, dreimal. Die
Maschine blieb stumm. Ettore versuchte es noch mehrmals vergebens. Er
strengte seine ganze Kraft an und wurde schließlich zornig. Der Motor
blieb untätig.

„Vielleicht ist Öl in die Zylinder gedrungen,“ rief er, „und die
Zündung funktioniert nicht. Wollen einmal nachsehen!“

Er öffnete das Motorgehäuse, schraubte die Verschlüsse der Zylinder
ab und trocknete diese mit einem Tuche, dann trocknete er die
„Hämmerchen“, damit das Öl durch seine isolierende Wirkung nicht den
elektrischen Strom unterbreche, brachte alles wieder an Ort und Stelle,
zog die Schrauben an und drehte an der Kurbel. Bei der zweiten Drehung
begann der Motor zu arbeiten. Sein gewohntes Getöse erscholl plötzlich,
laut, triumphierend und ließ das ganze Automobil wie vor übermächtiger
Ungeduld schnaufen. Es war die Antwort auf die stumme Frage, die jeden
Gedanken von uns beherrscht hatte. Das Automobil hatte gesprochen.
„Hurra!“ riefen die Sibirier und schwenkten ihre Mützen.

Die Vorbereitungen zur Abfahrt nahmen noch viel Zeit in Anspruch.
Ettore brauchte zwei volle Stunden, um die Maschine wieder in Ordnung
zu bringen. Er wollte alles auf das genaueste nachsehen. Währenddessen
bot der Stationsvorsteher dem Fürsten und mir Gastfreundschaft in
seinem Hause an, wohin er mich Schritt für Schritt geleitete, indem
er mich dabei brüderlich stützte, weil die vertrackten Beine mir den
Dienst versagten. Er setzte uns Tee, Milch, dampfenden Schtschi, die
inhaltsreiche Nationalsuppe, vor und bot uns Betten an. Um 2 Uhr war
das Automobil reisefertig.

[Illustration: Der Einsturz der Brücke am Baikalsee. Das Vorderteil des
Automobils wird an Bäume gebunden. Freimachung von den Brückenresten.]

Wir warteten noch die Vorüberfahrt einer Lokomotive ab, die
telegraphisch von Myssowaja gemeldet worden war. Die Lokomotive
flog wie der Blitz vorüber. Wir kehrten auf die Strecke zurück. Der
Stationsvorsteher wollte uns begleiten, und wir ließen den Gendarmen
zurück, der nicht abgeneigt schien, dem Automobilsport zu entsagen,
nachdem er dessen Gefahren aus der Nähe kennen gelernt hatte. Der
Stationsvorsteher setzte sich auf den Tritt, der Fürst nahm auf
der Rücklehne der Sitze Platz, Ettore steuerte, ich wurde auf den
Sitz neben ihm verladen und zwei der stärksten Arbeiter standen
hinten auf den Vorsprüngen der Federn und hielten sich mit den
Händen an den Seilen des Gepäcks fest wie zwei Lakaien an den Riemen
einer Staatskutsche. Es befanden sich also sechs Personen und ein
Gepäckballen auf dem Rücken der Maschine, die dies aber nicht allzusehr
zu empfinden schien. Wie am Vormittage fuhren wir die Geleise entlang.
Der Stationsvorsteher sah jeden Augenblick nach der Uhr; er erwartete
zwei Züge, einen von Tanchoi, den andern von Myssowaja. Bei einem
Straßenübergang verließen wir auf sein Geheiß die Strecke und fuhren
auf der Heerstraße weiter. Vielleicht wollte er uns beweisen, daß er
bei dem Rate, den er uns am Vormittage gegeben hatte, in gutem Glauben
gehandelt habe. An den Brücken stiegen die Arbeiter ab und liefen
voran, um sie zu besichtigen. Wenn ihr Urteil zweifelhaft war, rief der
Stationsvorsteher:

„Vorwärts! Mit der allergrößten Geschwindigkeit!“

Mit voller Kraft schossen wir dahin. Für die ebenen Brücken, die in der
Mitte nicht anstiegen, war der Rat vortrefflich. In zwei, drei Sekunden
befanden wir uns auf der andern Seite, und die Widerstandskraft eines
Brettes oder eines Balkens steht im umgekehrten Verhältnis zur Zeit der
Belastung. Jeder Teil der Brücke hatte nur einen beinahe unmeßbaren
Augenblick zu halten und hatte keine Zeit zu brechen. Bei jeder
genommenen Brücke äußerte unser Lotse geräuschvoll seine Genugtuung,
klatschte in die Hände und rief begeisterte Kommandoworte wie ein
Offizier auf dem Schlachtfelde:

„Vorwärts! Mut! Frisch drauf los!“

Über einen Bach mußten wir uns einen Übergang zimmern. Es war ein Werk
von fünf Minuten.

Wir hörten den Zug von Myssowaja vorüberbrausen. Kurz darauf gelangten
wir wieder an einen Straßenübergang in gleicher Höhe mit dem Bahndamm.
Der Stationsvorsteher wollte seine Schlacht weiter kommandieren, aber
die beiden auf der alten Heerstraße zur Erkundung vorgeschickten
Arbeiter sagten, daß auf jener Strecke alle größeren Brücken
eingestürzt seien. Wir begannen wieder über die Schwellen der Eisenbahn
zu galoppieren. Tanchoi kam näher. Bei einem neuen Straßenübergang lief
uns ein Bahnwärter entgegen und machte uns Zeichen. Als er ganz außer
Atem uns erreicht hatte, rief er:

„Verlaßt die Strecke! Der Zug kommt! Er ist von Tanchoi abgegangen.“

Das Automobil sollte in der Nähe des Bahnwärterhäuschens von der
Strecke herunterfahren; aber an jener Stelle lagen die Schwellen bloß.
Die Räder blieben stecken, und alle Kraftanstrengungen des Motors
vermochten nicht den schweren Wagen von der Stelle zu bringen. Die
Leute schoben vergebens. Man hätte die Maschine herausheben müssen.
Wir hörten schon den Pfiff des Zuges, der sich näherte, durch eine
Kurve unseren Blicken verborgen. Es war keine Zeit zu verlieren. Mit
alten Schwellen, die an der Seite der Strecke aufgespeichert lagen,
suchten wir in fieberhafter Eile den Rädern kleine schiefe Ebenen zu
verschaffen, die ihnen das Loskommen erleichtern sollten. Der Motor
arbeitete heftig. Inzwischen hörten wir das Brausen des Zuges und sahen
seinen Rauch in der Ferne zwischen den Bäumen. Don Scipione rief mir zu:

„Steigen Sie jetzt schon ab, da Sie nicht springen können; steigen Sie
ab!“

Aber die Beine versagten auf einen Augenblick ihren bescheidenen,
so notwendigen Dienst. Glücklicherweise hob ein letzter gemeinsamer
mächtiger Ruck das Automobil aus den Vertiefungen und brachte es außer
Gefahr.

Wir ließen den Zug vorüber -- es war ein ganz gewöhnlicher Güterzug,
gar nicht wert der Ehre, daß wir uns seinetwegen so abgerackert hatten
-- und setzten unsere Fahrt auf der Strecke fort. Eine Stunde später
gelangten wir nach Tanchoi, einer ganz neu angelegten Stadt, die uns
einen Rundblick auf funkelnagelneue Dächer darbot. Es war spät; der
Himmel war grau, wolkig und dunkel geworden. Es war kalt.

Die Bevölkerung kannte bereits unser Brückenabenteuer und war
herbeigeströmt, um uns ankommen zu sehen. Alle begrüßten uns feierlich.
Einige junge Leute verstiegen sich sogar zu Beifallsklatschen. Die
Straße wurde von mit Gewehren bewaffneten Soldaten frei gehalten.
Ein Polizeioffizier näherte sich, grüßte und überreichte dem Fürsten
ein Papier: es war die formelle Erlaubnis des Generalgouverneurs von
Sibirien, die ganze Eisenbahnstrecke bis nach Irkutsk befahren zu
dürfen, eine Erlaubnis, die telegraphisch nach Myssowaja geschickt
worden war, um uns nicht auf die Ankunft der Post warten zu lassen.

Wir schlugen unser Hauptquartier im Bahnhofsrestaurant auf und
besprachen bei einer guten, wohlverdienten Flasche Champagner unsere
weiteren Pläne. Sollten wir die Eisenbahnlinie weiter benutzen? Wir
hatten 60 Kilometer auf ihr zurückgelegt. Die Fahrt bot keinerlei
Schwierigkeiten; sie war von banaler Einfachheit. Von Tanchoi an
hätten wir nicht einmal mehr die Aufregung gehabt, Zügen zu begegnen,
weil das Automobil jetzt die amtliche Eigenschaft eines Extrazuges
angenommen hatte. Wir erkundigten uns, ob es möglich sei, von Tanchoi
aus wieder die alte Heerstraße zu benutzen. Aber die Nachrichten, die
wir erhielten, benahmen uns alle Hoffnung: die Straße existierte nicht
mehr. Alle Brücken waren zerstört.

Die Eisenbahnstrecke war das eine Auskunftsmittel, das Trajektboot das
andere. Da wir die Heerstraße nicht verfolgen konnten, mußten wir zu
einem von beiden greifen. Warum sollten wir die Eisenbahnstrecke dem
Dampfschiffe vorziehen? Wir waren bis zum äußersten Zipfel des Sees
gelangt und hatten nur noch eine Strecke von 40 Kilometern Seelänge vor
uns. Zweifellos konnten wir uns ohne Gewissensbisse über diese schmale
Stelle setzen lassen, wie wir uns über einen Fluß übersetzen ließen.

[Illustration: Gerettet!]

Wir beschlossen uns einzuschiffen. Aber der Benutzung des Dampfschiffes
auf jenem schmalen Arme des Sees stellte sich eine ernste Schwierigkeit
entgegen: der Hafen von Tanchoi ist ausschließlich Kriegshafen.

Seit die Eisenbahn um das südliche Ufer des Sees herumgeführt
worden ist, dürfen sich die Reisenden nicht mehr auf den großen
staatlichen Trajektbooten einschiffen. Sie müssen den Zug oder
Privatschiffe außerhalb der Häfen von Baikal und Tanchoi benutzen.
Jene Schiffahrtslinie mit ihren riesigen Dampfeisbrechern bleibt der
ausschließlichen Benutzung durch das Heer vorbehalten. Das Gesetz
gestattet keine Ausnahmen. Schiffe und Landungsplätze wurden sofort zu
einem „militärischen Geheimnis“. Selbst den Beamten und ihren Familien
ist es verboten, sich ihnen zu nähern. Konnten wir Fremden hoffen, die
Erlaubnis dazu zu erhalten? Wir versuchten es und telegraphierten noch
einmal nach Irkutsk. Wir hatten die unbestimmte Furcht, den Behörden
schließlich lästig zu fallen, aber die Brücken waren daran schuld!

In unserem Hauptquartier erhielten wir viele Besuche von kleinen
Beamten, höflichen, dienstfertigen Leuten, die bereit waren, für uns
auf das Telegraphenamt zu laufen und Erkundigungen einzuziehen. Auch
sie fragten, ob wir denn nicht überfallen worden seien, und drückten
auf unsere verneinende Antwort hin ihre Befriedigung aus, die aber
nicht frei von Verwunderung war. Diese Frage wurde in ganz Sibirien
immer wieder an uns gerichtet, selbst von Polizeibeamten, ja sogar von
Gouverneuren, und alle wunderten sich, daß wir nicht wenigstens von
Muschiks ausgeplündert worden seien.

Ich glaube, daß die herrschenden russischen Klassen den Muschik
nicht kennen. Sie haben sich so abgeschlossen, daß sie nicht wissen,
wie er lebt und wie er denkt, so daß sie sich von ihm einen ganz
falschen Begriff gebildet haben. Sie sprechen von ihm wie von
einem zu fürchtenden stumpfsinnigen Wesen, einem Tiere, das man
nur durch Schrecken regieren könne, um nicht selbst unter seine
Schreckensherrschaft zu geraten. Wir sind mehr mit dem Muschik in
Berührung gekommen als mit den Beamten, die ihn beherrschen, und
daher empfinden wir für ihn Teilnahme und Achtung. Ich glaube auch,
daß Sibirien von der amtlichen Welt verkannt wird, daß man wohl seine
unbenutzt liegenden Reichtümer kennt, aber nicht seine schlummernden
Kräfte, daß man den Sibirier von gestern mit dem von heute verwechselt,
und daß man keine Ahnung von dem Sibirier von morgen hat. Sibirien
bereitet große Überraschungen vor. Die Behauptung der gebildeten
Sibirier, Sibirien sei der am weitesten vorgeschrittene Teil des
Russischen Reiches, könnte zur Wahrheit werden! Es ist ein Land,
das durch Verbannte, das heißt durch Leute von Intelligenz, durch
Auswanderer, das heißt durch Leute von Unternehmungsgeist, und durch
Kosaken, das heißt durch Leute von Kühnheit, bevölkert worden ist. Es
sind dies die Grundbestandteile eines auserlesenen Volkes, das moderne
Maschinen und moderne Ideen aufnimmt. Die transsibirische Eisenbahn,
einzig zu Eroberungszwecken erbaut, als Militärstraße geplant, ruft
durch ihren Verkehr eine langsame und unerwartete Umwälzung hervor.

Aber ich schweife von meinem Gegenstande ab. Kehren wir in das
Bahnhofsrestaurant von Tanchoi zurück.

In dieses Restaurant trat nach einiger Zeit eine Schar von etwa 15
Männern, denen man es trotz der großen landesüblichen Kapuzen, der
Kosakenstiefel und der Pelzmützen auf eine Meile Entfernung hätte
ansehen können, daß sie keine Russen waren. Wie hätten wir nicht
sofort ihre Nationalität erkennen sollen, als wir ihre schwarzen,
lebhaften Augen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge, ihre ungestümen
Gestikulationen sahen? In freudiger Überraschung wandten wir uns an
sie.

„Wie kommt ihr in aller Welt hierher?“ fragten wir, sie begrüßend.

„So viele Italiener in diesem Winkel Transbaikaliens?“

[Illustration: Übergang über eine alte Holzbrücke auf der verlassenen
sibirischen Straße.]

„Wir arbeiten in einem Kohlenbergwerk in der Nähe; wir haben von Ihrer
Ankunft gehört und sind gekommen, um Sie zu begrüßen. ~Viva l’Italia!~“

Fragen und Antworten kreuzten sich:

„Eine schwierige Reise, wie?“ -- „Sie kommen also aus Peking? Ich bin
dort gewesen, als ich an der Eisenbahn von Pao-ting-fu arbeitete.“ --
„Wir kennen die chinesischen Straßen! Wir sind ein Jahr dort gewesen,
um Brücken auf der mandschurischen Strecke zu bauen.“

„Brücken zu bauen?“

„Jawohl. Eisenbahnbrücken.“

„Aber arbeiten Sie nicht in einem Bergwerk?“

„Wir arbeiten einstweilen dort bis zum Bau der Amureisenbahn, der nahe
bevorsteht.“ -- „Der Bergbau bringt nichts ein.“ -- „Wir haben auch auf
den Linien hier gearbeitet. Maurerarbeiten.“

[Illustration: Aufstieg auf der alten Straße am Baikalsee.]

„Wie sind Sie aber schließlich hierhergekommen, in diesen äußersten
Winkel Sibiriens?“

„Wir haben an den rumänischen Eisenbahnen gebaut, dann an den
kaukasischen, dann an den turkestanischen, dann in Sibirien, in der
Mandschurei, in Zentralasien. Übrigens, wissen Sie nichts über die
Amurbahn?“

„Und Sie kehren nicht nach Italien zurück?“

„Alle Wetter, gewiß!“ -- „Wir arbeiten mit dieser Absicht.“ -- „Es
würde uns gerade fehlen, in Sibirien zu bleiben!“ -- „Um uns die Nase
zu erfrieren.“

Wir verweilten in dieser Gesellschaft von modernen Freimaurern, die die
Welt durchstreifen, um Eisenbahnen zu bauen, wie ihre Vorgänger vor 600
Jahren Europa durchstreiften, um Kirchen zu bauen. Dann gingen wir ins
Theater, um -- zu schlafen.

Im Theater zu schlafen ist eine ziemlich verbreitete Sitte, aber
während der Vorstellung! Für uns war es anders. Das kleine hölzerne
Theater von Tanchoi befand sich in einer Ruheperiode, und die Polizei
hatte in Ermangelung eines Gasthofes drei Betten auf die Bühne stellen
lassen, in denen wir schlafen sollten. Das Theater war elektrisch
beleuchtet und für eine demnächst stattfindende Dilettantenvorstellung
von Eisenbahnbeamten geschmückt. Der Vorhang war aufgezogen, die
elektrischen Batterien überströmten uns mit einer Flut von Licht --
eine Stunde lang mühten wir uns ab, den Ausschalter zu suchen. Mitten
in all diesem Glanze sah es aus, als ob wir drei, die wir uns auszogen
und uns seufzend und stöhnend über unsere Quetschungen, die bei jeder
Bewegung schmerzten, zu Bett legten, ein Stück aus dem Stegreif
spielten!

Draußen schritten bewaffnete Schildwachen auf und ab. Tanchoi wachte,
als ob man für jene Nacht einen Angriff der „Leute von Sachalin“
befürchtete.



Vierzehntes Kapitel.

Im Gouvernement Irkutsk.

     Überfahrt über den Baikalsee. -- Am Ufer der Angara. -- Irkutsk.
     -- Blühende Felder. -- Auf den Flüssen. -- Die Sträflinge. --
     Sima. -- Automobile und Telegas. -- Die alten Etappenstationen. --
     Nischne-Udinsk. -- Telegrammschwierigkeiten.


Die Genehmigung zur Überfahrt über den Baikalsee auf einem der
staatlichen Trajektboote wurde uns telegraphisch erteilt. Am 1. Juli,
3 Uhr nachmittags, schifften wir uns auf dem großen Eisbrecherdampfer
„Baikal“ ein. Es regnete fortwährend. Tanchoi verschwand beinahe in dem
grauen Dunste. Von dem Verdeck des Schiffes aus sahen wir die hohe,
aus Balken errichtete Werft, die weißen Leuchttürme, die gewaltigen
Maschinen, die den Zweck haben, die Verbindung der Schiffe mit dem Ufer
herzustellen und die Schienen des weiten Laderaums an die der Eisenbahn
anzuschließen, die neuen Dächer der Kasernen und der Amtsgebäude,
von den hohen Antennen einer Funkentelegraphenstation wie von den
Masten eines Schiffes überragt; all dies entfernte sich und verblaßte.
Den gesetzlichen Vorschriften gemäß hatten wir die photographischen
Apparate in dem Gepäckballen untergebracht. Wir waren darauf aufmerksam
gemacht worden, daß es verboten sei, Bilder von militärischen
Gebäuden, von Hafenanlagen, von Schiffen, von Eisenbahnbrücken und
Eisenbahnarbeiten und andern Dingen, die doch jedermann sehen kann,
aufzunehmen.

Ein seltsames Land, in dem die Photographie verboten und das Tragen von
Feuerwaffen gestattet ist! Vom Kriege her ist eine Art Spionenfurcht
zurückgeblieben. Man erzählte sich haarsträubende Geschichten von
japanischen Spionen, die eine wahrhaft phantastische Verkleidungsgabe
besäßen. Sogar uns ist es begegnet, uns mit unserer Gestalt und unseren
Gesichtszügen, daß wir von Muschiks, die es uns ganz offen sagten, für
japanische Spione gehalten wurden!

Die Kälte und der Regen vertrieben uns vom Verdeck. Der Kapitän, ein
riesiger Russe aus den baltischen Provinzen, lud uns ein, den Tee in
seinem Salon einzunehmen. Wir waren die einzigen Reisenden an Bord. Die
Überfahrt dauerte nur zwei Stunden. Um 5 Uhr befanden wir uns auf dem
linken Ufer der Angara, nachdem wir wieder an einer Werft in der Nähe
einer Eisenbahnstation gelandet waren: wir waren in Baikal.

Die Straße nach Irkutsk zieht sich auf dem rechten Ufer des Flusses
hin; den Verkehr von einem Ufer zum andern vermitteln große, von
Dampfern geschleppte Lastschiffe.

Nachdem unser Automobil aus dem Trajektboot ausgeschifft war,
überschritt es mit eigener Kraft die Schienen der Station, fuhr
zwischen Holz- und Kohlenlagern hindurch und ging endlich mit einem
geschickten Manöver an Bord einer gerade abgehenden Fähre, wo es
haltmachte, während eine neugierige Menge von Soldaten, Lastträgern,
Muschiks und Vagabunden ihm folgte.

Es befanden sich zwei seltsame Männer unter diesen Leuten, von denen
wir nicht erraten konnten, was sie waren: Bettler mit dem Aussehen
gebildeter Männer. Einer von ihnen gab uns in höflichem Tone Auskunft
über die Straße:

„Bis nach Krasnojarsk nicht übel, stellenweise ausgezeichnet, ebenso
von dort nach Nischne-Udinsk. In der Nähe vom Tomsk schlecht. Weiterhin
gut. Von Omsk bis zum Ural beinahe durchgängig vortreffliche Steppe.“

„Wie kommt es, daß Sie den Weg so genau kennen?“ fragten wir ihn.

„Ich kenne ihn Schritt für Schritt, den Moskowskij Trakt“, rief er
lachend. „Schritt für Schritt. Ich habe ihn in seiner ganzen Ausdehnung
zu Fuß zurückgelegt!“

Die Menge brach in ein lustiges Gelächter aus. Jemand rief: „Auch ich!“

„Um hierher zu gelangen?“ fragten wir.

„Nun ja. Freiwillig hätte ich es schwerlich getan.“

Das Gelächter erneuerte sich.

„Was ist Ihr Beruf?“

„Mein Beruf? Jetzt? Was sich eben bietet. Lastträger, Holzfäller,
Eisenbahnarbeiter. Man hat wenigstens sein tägliches Brot.“

„Und früher?“

„Früher? Ich erinnere mich nicht mehr.“

Und er zuckte mit den Schultern mit jener bei den Russen so
gewöhnlichen und charakteristischen Gebärde, welche bedeutet:
„Nitschewo!“ „Was liegt daran?“

Es war 6½ Uhr, als wir in Listwinitschnoje, am andern Ufer der Angara,
landeten, des großen Ausflusses des Baikalsees, der seine Gewässer
nach einem Laufe von beinahe 2000 Kilometern dem Jenissei zuführt.
Listwinitschnoje mit seinen kleinen Holzhäusern erschien in der
nebligen Luft einem japanischen Dorfe auffallend ähnlich. Wir wurden
ausgeschifft und standen im Begriff, sofort nach dem etwa 64 Kilometer
entfernten Irkutsk abzufahren, als eine junge Dame sich durch die uns
umgebende Menge Bahn brach und uns zurief:

„~Ah, Messieurs, Messieurs! Vous n’allez pas repartir tout de suite!~“

„~Mais oui, Madame!~“

„Das ist unmöglich. Sie müssen mindestens eine Stunde bleiben. Eine
Stunde nur, ~voyons~!“

Bei dem Anblick unserer Fahne wurde sie unsicher.

„Sie sind keine Franzosen?“ fragte sie uns.

„~Non, Madame~, wir sind Italiener.“

„Italiener? ... Nun gut, warten Sie ... eine Minute!“

Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, als sie erfuhr, welcher
Nationalität wir angehörten. Es war eine junge Französin, Erzieherin
in einer reichen sibirischen Familie. Sie erwartete voller Sehnsucht
die Ankunft der französischen Automobile, mit der fieberhaften
Spannung, die jeder kennt, der fern von seinem Vaterlande lebt. Wir
suchten sie wegen der Enttäuschung, die wir ihr unfreiwillig bereitet
hatten und die sie wie ein nationales Unglück zu betrüben schien, zu
trösten, indem wir ihr erklärten, daß, wenn wir auch als die ersten in
Listwinitschnoje gelandet seien, damit noch nichts über den endgültigen
Sieg entschieden sei. Wir teilten ihr mit, was wir von unseren Kollegen
wußten: und das war, daß sie diese Nacht bis nach Kabansk, einem Dorfe
zwischen Werchne-Udinsk und Myssowaja, gekommen seien, daß sie sich
vielleicht zu dieser Stunde schon am Ufer des Sees befänden, und daß
sie sie wahrscheinlich übermorgen landen und nach Irkutsk weiterfahren
sehen würde, wo sie uns ohne Zweifel einholen würden. Wir hatten in
der Tat bei unseren Versuchen, um den See herumzufahren, vier Tage
verloren, und in Tanchoi hatten wir es für richtig gehalten, unsere
Kollegen telegraphisch vor der Nutzlosigkeit und vor allen Dingen vor
den Gefahren unseres Unternehmens zu warnen.

Die Dame wurde wieder heiterer und sagte lächelnd:

„Dank, tausend Dank! Warten Sie einen Augenblick!“

Sie entfernte sich eilig und kam mit einem großen Blumenstrauß wieder,
den sie uns mit den Worten überreichte:

„Ich habe sie im Walde gepflückt. Nehmen Sie sie freundlichst an. Und
nun glückliche Reise! Adieu!“

Eine Minute später rollten wir eiligst auf der Straße nach Irkutsk
dahin, das Automobil mit Blumen geschmückt. Aber in kurzer Entfernung
von dem Dorfe fanden wir die Straße durch einen Schlagbaum gesperrt,
den ein Zollbeamter bewachte. An jenem Schlagbaum endete das Gebiet
der Vorzugszolltarife, deren sich das östliche Sibirien erfreut. Wir
wurden angehalten und von Beamten gefragt. Sie hatten den Befehl, uns
frei passieren zu lassen, nicht erhalten; Kiachta hatte ihnen nichts
mitgeteilt; wir besaßen kein Papier, das unser Recht auf Zollfreiheit
hätte beweisen können. Höflich wurden wir ersucht, unsere Weiterreise
auf übermorgen zu verschieben, bis das Zollamt in Irkutsk Aufklärungen
gegeben habe! Alle unsere Vorstellungen waren fruchtlos. Das Vorzeigen
der Pässe ließ das Zollamt von Listwinitschnoje ganz kalt und
gleichgültig. Da versuchten wir es mit einem letzten Mittel -- und,
o Wunder! Der Schlagbaum erhob sich; der Wächter stand stramm, die
Beamten lächelten verbindlich, legten zum Gruß die Hand an die Mütze
und sagten:

„Fahren Sie zu! Glückliche Reise!“

Was war geschehen? Schweigend hatte der Fürst zwei zauberkräftige
Papiere vorgezeigt: das Schreiben des Ministers des Innern und das des
Polizeidirektors. Wir ließen uns die Erlaubnis nicht wiederholen, aus
Furcht vor einem Widerrufe, und jagten mit Windeseile davon.

Die Straße war gut. Das hatte uns schon der Kommandant des
Schleppdampfers gesagt:

„Auf jenem Wege verkehren täglich Beamte, die von Irkutsk nach
Listwinitschnoje in Hafen- und Zollangelegenheiten kommen. Wo Beamte
verkehren, sind die Wege stets in gutem Zustande.“

Wir fuhren am grünen Ufer der Angara entlang, deren ungestüme Gewässer
in der Nähe des Baikalsees zwei bei sibirischen Flüssen ungewohnte
Tugenden besitzen: sie frieren nie zu und behalten Sommer wie Winter
eine sich gleichbleibende Temperatur von vier Grad. Wir kamen rasch
vorwärts, wurden aber dann durch einen wenig angenehmen Vorfall zum
Halten veranlaßt. Während wir abwärts fuhren, erklärte Ettore:

„Ich merke, daß die Maschine müde wird.“

„Wohl möglich!“ erwiderte der Fürst. „Die Straße senkt sich, und wir
sollten ohne Motor fahren.“

„Ich glaube, die Bremse ist zu fest angezogen.“

„Halte! Wir wollen nachsehen.“

Es war schlimmer als eine zu fest angezogene Bremse! Wir fanden
uns von einer Rauchwolke und einem Dunst verbrannten Öls umgeben.
Das Fett der Bremse brannte, und die Flammen leckten an dem
Wechselgetriebe. Wir verdankten diesen Übelstand vielleicht einem
durch den Fall verursachten Schaden. Die Fußbremse, die durch eine der
Westinghousebremse ähnliche Konstruktion kräftig auf die Kardanwelle
wirkt, funktionierte nicht mehr gut; sie blieb fest angezogen,
und durch die Reibung entwickelte sich eine solche Hitze, daß das
Schmiermaterial in Brand geriet. Zum Glück befand sich Wasser in den
Gräben und auch in den Straßenpfützen, und wir konnten sofort das Feuer
löschen.

Nach Lockerung der Bremse fuhren wir weiter. Es regnete fortwährend,
und wie auf dem Wege nach Myssowaja wurden wir über und über mit
Schmutz bespritzt. Der Tag neigte sich langsam seinem Ende zu. Um 9
Uhr wurde am Himmel jener seltsame Schimmer der nordischen Abende
sichtbar, die endlos erscheinen, lange, trübe Dämmerungen, ein
wahrhafter Todeskampf des Tages. Eine Stunde später vermochten wir
noch die Straße zu erkennen, die sich zwischen den tiefen Schatten der
Bäume hinzog. Auf einer steilen Anhöhe machte das Automobil halt. Wir
waren 6 Kilometer von Irkutsk entfernt, dessen Lichter wir von fern als
undeutliche Punkte in der Dunkelheit schimmern sahen.

Eine Strecke mit tiefem Morast hielt uns auf. Wir kehrten um,
probierten auf verschiedene Weise über diese Stelle hinwegzukommen,
strengten den Motor an, versuchten im Zickzack zu fahren, aber
vergebens. Der Wagen glitt aus, genau wie an jener Anhöhe, die wir bei
Werchne-Udinsk angetroffen hatten. Eine halbe Stunde mühten wir uns
ab, als wir eine Anzahl Wagen bemerkten, die auf dem hohen, neben
der Straße hinlaufenden Damme fuhren. Wir sahen die Köpfe der Pferde
und die Dugas sich am Himmel abzeichnen. Es waren viele Wagen, die
anhielten. Mitten durch den Lärm des Motors hörten wir Stimmen rufen:

„Knjäs Borghese! Knjäs Borghese!“

„Wer da?“ fragte der Fürst.

[Illustration: Abfahrt von Irkutsk.]

„Sie kommen auf der Straße nicht weiter! Fahren Sie zurück nach unten
und leiten Sie die Maschine dann auf den Damm. Auf der Straße versinkt
man!“

„Danke. Wer sind Sie?“

„Wir sind aus Irkutsk. Wir sind Ihnen entgegengefahren.“

Nach kurzer Zeit schüttelten wir im Halbdunkel eine Menge Hände und
vernahmen die herzlichsten Willkommensworte. Ein Herr bot sich als
Führer an und setzte sich zu uns. Er hieß Radionoff; er war einer der
reichsten Kaufleute von Irkutsk, Besitzer von Dampfschiffen auf dem
Baikalsee und der Angara, sowie eines der begeistertsten Mitglieder des
russischen Komitees für die Fahrt Peking-Paris. Er geleitete uns nach
Irkutsk und dann durch die verlassenen Straßen der Stadt, auf deren
Schmutz der Widerschein der wenigen Laternen zitterte, bis zu einem
weißen Gehöft mit einem grünen Gittertor, wo er nach jemand rief. Es
erschien ein Riese, der das Gittertor öffnete. Wir fuhren in eine Art
Garten hinein, gewahrten Bäume und hielten vor einem hübschen weißen
Hause mit erleuchteten Fenstern, die ihren Schimmer auf das Laub der
Bäume warfen. Und wie im Märchen stieg Herr Radionoff ab und rief:

„Wir sind da.“

„Wo sind wir?“

„In meinem Hause, das heißt in Ihrem Hause. Das Bad steht bereit. Ihre
Zimmer sind in Ordnung. Das Essen ist auf dem Feuer.“

Wir fanden in jenem weißen Hause eine prunkvolle und herzliche
Aufnahme, die volle und freie Gastfreundschaft dessen, der alles
bietet, was er vermag, und es gern bietet. Um Mitternacht kamen Freunde
zu dem Mahle, das auf dem Feuer stand. Die Stunde konnte dem, der
den russischen Sommer nicht kennt, wenig geeignet erscheinen, jene
unerträgliche Jahreszeit des Lichtes, da es um 11 Uhr abends noch
Tag und um 2 Uhr morgens schon wieder Tag ist. Es kamen Offiziere,
Kaufleute, Beamte. Wir bewegten uns unter ihnen, als hätten wir uns
schon lange gekannt. Der slawische Charakter weist viel Ähnlichkeit mit
dem romanischen auf: er bringt dem Fremden überströmende Freundlichkeit
und hochherziges Vertrauen entgegen.

In Irkutsk verbrachten wir eine bezaubernde Zeit der Ruhe. Allerdings
ist das Wort „Ruhe“ übertrieben; aber oft bedeutet „ausruhen“ nur „die
Arbeit wechseln“. Wir durchstreiften Irkutsk der Länge und Breite
nach auf den breiten Straßen mit dem holprigen Pflaster, die von
beiden Seiten von düsteren, prächtigen Palästen begrenzt werden, wir
spazierten über riesige, von Morast überschwemmte Plätze, durch die
Kaufmannsviertel, die alle aus Holz gebaut sind, wie die Budenstadt
einer riesigen immerwährenden Messe; wir gingen von einer Bank in einen
Laden, von einem Laden auf das Telegraphenamt, von da nach einem
Regierungsbureau. Wir hatten Erkundigungen einzuziehen, Rechnungen
zu begleichen, allerlei Dinge zu kaufen, um unsere Garderobe zu
erneuern, die durch das Öl der Maschine ganz und gar verdorben war. Wir
betrachteten neugierig das Leben und Treiben in dieser Stadt, die sich
das Ansehen einer Hauptstadt gibt und es in einiger Beziehung auch ist.
Sie regiert ein Land, zwanzigmal so groß wie Frankreich, sie herrscht
über eine Bevölkerung, die aus Angehörigen aller Rassen besteht; auf
ihren Straßen begegnen sich unter der slawischen Masse Burjaten aus
Transbaikalien, Kirgisen, die aus den Steppen kommen, Tungusen, die
aus den Tundren herabgestiegen sind, Zirkassier, Tataren, Armenier
und Juden. Es ist eine Stadt des Westens und des Ostens zu gleicher
Zeit, in der die Geschäfte rasch Erledigung und die Moden spät Eingang
finden; in ihr finden sich noch die Trachten des alten Rußlands,
bewahrt von Männern von modernem Unternehmungsgeiste.

Der Radfahrklub wollte uns in seinem Velodrom jenseits der
Angara empfangen, wo wir eintrafen, nachdem wir eine der größten
Schiffsbrücken der Welt überschritten hatten. Der Regen und die
Kälte störten das Fest, dämpften aber nicht die Begeisterung unserer
Gastfreunde. Die uns zu Ehren in verschwenderischer Fülle angebrachten
Flaggen und Fahnen hingen in dem eisigkalten Regen melancholisch
herunter, aber im Gegensatz zu dem Wasser draußen rannen drinnen edle
Weine die Kehlen hinab, die Gemüter erhellten und erwärmten sich an
der herrlichsten geistigen Sonne. Wackere Männer fanden den Mut, ihre
Zweiräder zu besteigen und eine Wettfahrt zu veranstalten, die wir mit
gespanntem Interesse verfolgten, während eine Militärkapelle zündende
kriegerische Weisen bis zu den fernen Ufern des Flusses erschallen
ließ. In der Nacht waren wir aufs neue in Bewegung. Zuerst wurden wir
in das Theater geführt, sodann in das Variété (die Vorstellungen in
den Variétés beginnen in Rußland erst nach Mitternacht) und von da
ins Restaurant, weil es der Brauch so will. „Andere Länder, andere
Sitten!“ Nachdem wir Krebse aus Moskau und Kaviar aus Kasan gekostet
hatten, wurden wir wieder in ein Variété geführt, um russische Gesänge,
die berühmten Lieder der Ukraine, anzuhören, die auf Kommando gesungen
wurden. Als die Gesänge zu Ende waren, weshalb sollten da nicht auch
kleinrussische Tänze befohlen werden? Wir wohnten also auch den
Tänzen bei. Der Tag dämmerte bereits, als uns der „Steigbügeltrunk“
zum Abschied angeboten wurde. Wir kehrten erst beim Morgengrauen des
3. Juli in einer Kutsche nach Hause zurück, als die Stadt bereits zu
erwachen begann. Unsere „Ruhezeit“ in Irkutsk neigte sich ihrem Ende zu.

Wenige Stunden später, um 11 Uhr, verließen wir Irkutsk, umgeben von
einem Ehrengeleite von Radfahrern. Das Automobil hatte sich durch
eine sorgfältige Toilette gänzlich verändert. Ettore hatte es mit
Hilfe des kräftigen Strahles einer Feuerspritze gesäubert, und aller
Schmutz aus China, der Mongolei und Sibirien war unter jenen ungestümen
Wasserstrahlen abgefallen. Wenn das Automobil somit auch gereinigt war,
so hatte es doch seine ursprüngliche Farbe nicht wiedergewonnen; die
Unbilden der Witterung hatten ihm eine unbestimmte Färbung verliehen.
Wie wir hatte auch das Automobil eine neue Haut bekommen; es sah
dunkler, ungepflegter aus und zeigte offen seine Beulen und Sprünge; es
war häßlicher geworden, erschien aber stärker. Um es zu verschönern,
ließ Fürst Borghese einen Schildermaler kommen und gab ihm den Auftrag,
an den Seiten des Automobils zwei große weiße Inschriften anzubringen:
_Peking-Paris_. Zum Unglück sah die Inschrift wie ein Ladenschild aus;
es wäre wohl besser gewesen, das Automobil schmutzig zu lassen. In
Irkutsk entäußerten wir uns eines Teiles des Gepäcks, der dritte Platz,
der für mich bestimmt gewesene hintere Sitzplatz, wurde ausgeräumt und
benutzbar gemacht. Er wurde von Herrn Radionoff eingenommen, der uns
ein Stück Weges zu begleiten wünschte. Das Einsteigen war nicht leicht,
weil man über Behälter hinwegsteigen mußte. Ein großes in Papier
eingeschlagenes Paket legte er neben sich; wie wir später entdeckten,
enthielt es Lebensmittel. Unser Freund hatte die Mittagszeit herannahen
sehen und war nicht wie wir gewöhnt, das Frühstück zu vergessen.

Vor der Abfahrt überbrachte uns ein Telegramm aus Myssowaja die letzten
Nachrichten von den übrigen Automobilen. Sie waren den Tag zuvor in
Myssowaja eingetroffen und von jener Station mit der Eisenbahn nach
Irkutsk gefahren.

       *       *       *       *       *

Wir überschritten die große Pontonbrücke, gelangten glücklich über
eine einige Kilometer lange Strecke unsicheren Geländes, auf dem das
Automobil mehrmals einzusinken drohte -- in der Nähe der sibirischen
Städte sind die Wege stets fürchterlich --, und erreichten gegen Mittag
den Anfang der guten Straße. Dahin hatten sich alle Radfahrer schon vor
uns begeben. Wir begrüßten uns, brachten ein mehrfaches Hurra aus, die
Mützen wurden geschwenkt, und dann schoß unsere Maschine rasch davon.

Wäre die selbst für Sibirien im Sommer außergewöhnliche Kälte nicht
allzu schneidend gewesen, so hätten wir diesen neuen Abschnitt
unserer Reise entzückend gefunden. Der Weg erlaubte die mittlere
Geschwindigkeit von 30 Kilometern die Stunde. Wir fuhren am linken
Ufer der Angara entlang, die majestätisch ihre kristallklaren Fluten
vorüberwälzte. Irkutsk verschwand allmählich in dem weiten welligen
Tale, und schließlich sahen wir nur noch die großen, zahlreichen
Kirchen: eine Menge von Kuppeln, Türmen und Giebeln, die aus der grünen
Ferne noch weiß herüberschimmerten, als die Häuser der Stadt dem Auge
schon entschwunden waren.

Die Landschaft nahm einen anmutigeren Charakter an. Das Gelände
senkte sich allmählich, entsprechend dem weiteren Laufe der Selenga.
Die schroffen Anhöhen, die den Baikalsee umsäumen, wurden zu immer
leichteren wellenförmigen Erhebungen. Wir begannen uns in den
unermeßlichen Ebenen Sibiriens zu verlieren. Wir ließen die steilen
Gebirge hinter uns, die sich am Horizonte gleich riesigen unbeweglichen
Wogen auftürmten, und hatten -- wie damals, als wir uns der Mongolei
näherten -- den Eindruck, als ob sich ein Unwetter entferne. Die
Straße wies lange ebene und gerade Strecken auf, auf denen wir mit der
Geschwindigkeit von 40 und sogar 50 Kilometern dahinjagen konnten,
zwischen grünen, üppigen Wiesen, die von leuchtendgelben und weißen
Blumen gesprenkelt und gestreift waren. Es waren die Pflanzenarten,
die auch in den Alpen vorkommen. Die Wiesen waren von Rinder- und
Pferdeherden bevölkert. Die Viehzucht ist dort draußen noch die
ausschließliche Beschäftigung der halbwilden Bevölkerung, einer
Mischlingsrasse, die etwas vom Slawen und etwas vom Mongolen an sich
hat.

Herr Radionoff, der sich zum ersten Male an der schwindelerregenden
Wonne der Schnelligkeit berauschte, stieß Rufe der Begeisterung und
des Entzückens aus. Jedesmal, wenn wir unsere Fahrt beflügelten,
äußerte er das glühende Verlangen nach dem Besitz eines Automobils.
Er wollte es sofort haben, er wollte es bestellen, sobald er nach
Hause käme; er würde telegraphieren, er wollte genau ein solches
haben wie das unsrige. Nach und nach legte sich seine Begeisterung;
unser guter Reisegefährte war schweigsam geworden; er hatte sein
Frühstückspaket geöffnet. Ohne ein Wort zu sprechen, reichte er uns
von den mitgebrachten Speisen; wir sahen seine Hand vor unserem
Gesicht erscheinen mit einem riesigen belegten Butterbrote, das wir
unter dankender Kopfbewegung ergriffen und verzehrten; kaum war es
verschwunden, so erschien die Hand schon wieder mit einer neuen
Portion. Es schien die Hand der Vorsehung zu sein. Seine Vorräte mußten
unerschöpflich sein, da unser Appetit eher zu Ende ging als sie.

Wir kamen durch zahlreiche Dörfer, die von Zäunen umgeben waren,
deren Gatter die Straße versperrten. Über die Holzdächer erhoben
sich dünne, gleichmäßig hohe, nach vorn geneigte Brunnenstangen, die
wie lange Lanzen aussahen. Einige dieser Dörfer waren von Kosaken
bewohnt. Auf den Häusern wehten rote oder weiße Fähnchen, die mit
Nummern versehen waren. Vor jedem Fenster standen Blumen; die schwarzen
Isbas hatten sich mit ihnen geschmückt, um den kurzen Frühling zu
feiern. Der Sibirier liebt Blumen abgöttisch, und mag sein Haus auch
noch so armselig sein, es hat stets seine Geranien-, Nelken- oder
Oleanderstöcke, die an der Wärme des Ofens gedeihen und die Kahlheit
der Isba erheitern. Sie werden geliebt, weil sie selten sind und auch,
weil jene Pflanzen, die der Pflege bedürfen, den Bewohnern in den
langen, stillen, weißen Wintermonaten Gesellschaft leisten, wenn die
Kälte und der Schnee jede Arbeit unmöglich machen und die Leute in
ihren Häusern einschließen. Der Muschik verwendet beständige Sorgfalt
auf die Verschönerung seines Heims; er breitet rohgearbeitete Decken
über den Fußboden, behängt die Wände mit Bildern in schreienden Farben,
mit Heiligenbildern, Bildnissen des Kaisers, und verteilt alles mit
einem gewissen Ordnungssinn; der blinkende Samowar steht auf einem
Tische in der Nähe des Fensters, damit man ihn von der Straße aus
sieht; um den Samowar herum stehen die Gläser und Teller; auf einem
Schranke stehen alle wertvollen Schätze der Familie: Porzellantassen,
bemalte Teller, die bei der Hochzeit gebraucht wurden, eine ewige
Lampe; an den Fenstern hängen Kattungardinen. Es herrscht in jenen
Häusern ein Sinn für in sich gekehrte, zufriedene Traulichkeit, die
nicht in den Ländern anzutreffen ist, in denen man nicht viel im Hause
lebt, weil dort die Sonne auch im Winter warm scheint, die Luft mild
ist und man sich im Freien wohlfühlt.

Wir gelangten auf das rechte Ufer eines Flusses, der Suchuja. Es ist
ein Doppelfluß, der durch eine Bodenerhebung in der Mitte in zwei
Flüsse geteilt ist; die eine Hälfte überschreitet man in einer Furt,
die andere mittels des Bootes. Viele sibirische Flüsse haben so
einen tiefen und einen seichten Teil; auf der einen Seite sind sie
gefährlich, auf der andern harmlos. Einige von ihnen haben eine Brücke
zum Überschreiten des besseren Arms und einen Kahn zum Übersetzen
über den andern, in dem sich alle Wut und alle Gefahren der Strömung
vereinigen. Eine Brücke über den ganzen Fluß würde bei Hochwasser den
Fluten nicht widerstehen.

Ein großes Boot setzte uns über. Es war nicht leicht, das Automobil
hinüberzubringen; wir mußten die Brücke verstärken, über die Ettore die
Maschine rasch mit jener Sicherheit und Zuverlässigkeit trieb, die er
schon an der Selenga bewiesen hatte. Schließlich gewannen wir Übung in
diesen Einschiffungen. Wir setzten in Booten, von denen manches alt und
leck war, über eine Menge anderer großer und kleiner Flüsse, über den
Ospin, die Bjelaja, den Salarin, die Oka, die ihre Gewässer der Angara
auf ihrem weiteren Laufe zum Jenissei zuführen.

Auf den Fährbooten setzten mit dem Automobil Telegas über, die von den
benachbarten Märkten kamen. Wir befanden uns mitten in einer dichten
charakteristischen Menge sibirischer Landleute, die uns ehrfurchtsvoll
grüßten und seltsame Bemerkungen unter sich austauschten. Auf einem
dieser Boote war es, wo wir gefragt wurden, ob wir Japaner seien!
Der Mann, der diesen Zweifel an unserer Nationalität geäußert hatte,
erklärte dies folgendermaßen:

„Ich glaubte, Sie seien Japaner, weil es derlei Maschinen in Rußland
nicht gibt und Sie von jener Seite kommen“; er deutete dabei nach
Osten. Dann fügte er hinzu: „Man sagt, die Japaner hätten alle
Maschinen, die überhaupt erfunden worden sind.“

Auf der Oka murmelte ein alter Muschik dem Fährmann zu:

„Wir werden bald wieder Krieg haben!“

„Warum denn, Väterchen?“

„Sie besichtigen schon das Land!“ Dabei deutete er auf uns und
schüttelte nachdenklich den Kopf.

Was mag er sich wohl über unsere Personen und den Zweck unserer Reise
gedacht haben! Und wer weiß, welche Meinung all die friedfertigen
Dorfbewohner von dem Automobil hegten! Einige drückten lebhaftes
Erstaunen aus, blieben wie betäubt stehen und ließen ihre Arbeitsgeräte
aus der Hand fallen. Andere liefen fröhlich herbei wie beim Nahen einer
harmlosen Erscheinung oder einer wandernden Gauklertruppe auf ihrem
Reisewagen. Manche suchten das Weite. Die Frauen lachten häufig, daß
sie sich die Seiten halten mußten, wie es die Mongolen in der Nähe
von Urga getan hatten -- was beweisen könnte, daß die Frau weniger
bildungsfähig ist als der Mann, daß ihre Seele noch etwas von der Natur
des Wilden an sich hat. Wenn wir aber hielten, so näherten sich alle
beruhigt, und eine Minute später waren sie gegen uns und das Automobil
von der herzgewinnendsten Freundlichkeit. Die jungen Leute bewunderten
es und taten verständige Fragen über die Geschwindigkeit und Kraft der
Maschine.

[Illustration: Zuschauerinnen in einem sibirischen Dorfe.]

Mehrmals fanden wir die Straße durch Eisenbahnarbeiten unterbrochen.
Man legte ein zweites Geleise auf der transsibirischen Eisenbahn oder
vielmehr, man baute eine zweite transsibirische Linie, von der die den
Zug benutzenden Reisenden wahrscheinlich nichts bemerkten. Denn es
ist eine Linie, die ihren besonderen Bahndamm hat und unabhängig von
der andern entsteht; sie funktioniert für sich und verdoppelt so die
Vorteile der transsibirischen Bahn, indem sie zugleich die Nachteile
eines doppelten Geleises vermeidet. Wenn die eine Brücke einstürzt,
wird die andere Brücke unversehrt bleiben; nichts kann den Verkehr
völlig unterbrechen. Die neue Eisenbahnlinie wird ihre Stationen, ihre
Telegraphenleitung und ihre Bahnwärter für sich haben.

An einer Stelle waren wir Zeugen eines erschütternden Anblicks.

Auf einer Dammstrecke der neuen Eisenbahn arbeiteten Hunderte von
Männern in gleichmäßiger grauer Kleidung, die wir für Soldaten
hielten. Wir glaubten an ihnen die neue Felduniform zu erkennen.
Als wir aber näherkamen, bemerkten wir, daß jedem einzelnen eine
Kette um den Fuß geschlungen war. Posten, bewaffnet mit Gewehren
mit aufgepflanztem Bajonett, die Kapuze auf den Rücken geschlagen,
die Zigarette im Munde, hielten ringsherum Wache. Als wir an ihnen
vorüberkamen, hielten die graugekleideten Männer in ihrer Arbeit inne
und richteten sich alle auf, um uns schweigend zu betrachten; dann
grüßten sie durch Abnehmen der Mützen. Ihr Kopf war halb geschoren,
daß er aussah wie eine schreckenerregende, groteske Clownperücke.
Bei dieser traurigen Entdeckung durchschauerte es uns eisig, und wir
murmelten:

„Die Sträflinge!“

Sie betrachteten uns fortwährend. Wir waren schon weit weg, und sie
schauten uns noch immer nach. Wir fühlten uns von ihrer glühenden,
schweigenden Aufmerksamkeit verfolgt. In ihrer Phantasie bedeuteten wir
die Flucht. Wer weiß, welch bedeutsames Ereignis unsere Vorüberfahrt
in dem entsetzlich gleichförmigen Leben einer Herde Menschen bildete,
die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren und die nur noch mit Nummern
gerufen wurden.

Abends 7 Uhr gelangten wir bei regnerischem Wetter nach Sima. Wir
hatten 225 Kilometer zurückgelegt. Im Restaurant der nächsten
Eisenbahnstation gelang es uns, mit sauerer Sahne zubereiteten Borscht
und Koteletts zu erhalten, welch letztere sich aber als ungenießbar
herausstellten; auch fanden wir unseren Benzin- und Ölvorrat im Hause
eines jüdischen Kaufmanns vor, des Agenten der Firma Nobel, bei dem wir
übernachteten.

Sima bedeutet im Russischen „Winter“. Wir fanden diesen Namen
beklagenswerterweise äußerst angemessen. In Sima war die Kälte fast
unerträglich, und wir sagten scherzend zueinander:

„Der Juli steht vor der Tür!“

Das Sonderbare war dabei, daß unser Wirt uns versicherte, daß es bis
vor zwei Tagen unerträglich heiß gewesen sei. Es schien gerade, als ob
uns die Kälte durch Sibirien geflissentlich begleiten wollte, um die
Honneurs des Hauses zu machen.

       *       *       *       *       *

Früh 4 Uhr waren wir schon wieder unterwegs. Natürlich war der Himmel
bedeckt, die Luft naßkalt. Die Pelze genügten nicht mehr, uns vor der
Kälte zu schützen, und wir hatten noch Kapuzen und unsere wasserdichte
Kleidung angelegt; wir sahen unförmlich aus, wie Eskimos.

Seit einigen Tagen wiederholte sich dieselbe ärgerliche meteorologische
Erscheinung: in der Nacht klarte der Himmel vollständig auf; wir fuhren
am schönsten Morgen ab; bei Sonnenaufgang zeigte sich im Westen etwas
Nebel; dieser stieg weiter empor, wurde zur Wolke, umzog und bedeckte
den ganzen Himmel -- und es begann zu regnen. Dieser Wechsel vollzog
sich in einer halben Stunde. Es war, als ob sich der Westen zu unserem
Empfange rüstete. Ettore, der beim Morgengrauen stets auf das festeste
davon überzeugt war, daß wir „einen herrlichen Tag“ haben würden,
konnte sich gar nicht zufrieden geben: er rief jeden Augenblick, nach
Westen deutend: „Wo ist denn diese unerschöpfliche Wolkenquelle? Wird
sie denn nie ein Ende nehmen?“, und schloss betrübt mit den Worten:
„Was für ein Land!“

Die Straßen waren ziemlich belebt von Telegas, so daß wir auf die
Launen der Pferde gut achtgeben mußten, um kein Unglück zu verursachen.
Die Verwunderung wirkte lähmend auf die Kutscher.

Es ereigneten sich Auftritte von überwältigender Komik. Ein an eine
Telega gespanntes Pferd, erschreckt durch das Nahen des Automobils, das
jedoch im Schritt fuhr wie stets, wenn wir Pferden begegneten, bäumte
sich in die Höhe, warf die Telega um, schleuderte die Ladung und den
Muschik, der das Gefährt lenkte, heraus und ging durch. Der wackere
Mann, der sich so unfreiwillig auf die Erde gesetzt fand, fuhr fort,
uns mit demselben Lächeln zu betrachten, mit dem er uns vor seinem
Sturz angesehen hatte, ohne an seinen Wagen und sein Pferd zu denken,
als ob er in Gedanken versunken wäre und wie verhext überhaupt nichts
von der plötzlichen Veränderung seines Sitzes wahrgenommen hätte! Als
wir näherkamen, grüßte er uns:

[Illustration: Einbooten des Automobils.]

„Guten Tag! Woher kommen Sie?“

„Von Peking.“

Er faltete die Hände und betrachtete uns offenen Mundes. Ein Bauer zu
Pferde brach bei unserem Anblick in Gelächter aus; unversehens machte
sein Reittier erschreckt einen Seitensprung und schleuderte ihn aus dem
Sattel; er erhob sich, immerfort lachend, und sagte in ganz zufriedenem
Tone:

„Haha! Besser ein Wagen ohne Pferd als ein Pferd ohne Wagen! Hahaha!“

Wir müssen zugeben, daß trotz all unserer Vorsicht die Zahl der
umgestürzten Telegas außerordentlich groß war. Die Pferde scheuten,
auch wenn das Automobil stillstand; sie erblickten in ihm wer weiß was
für ein reißendes Tier. Und die Telegas, Wagen, schmal, um überall
durchzukommen, hoch, um Furten passieren zu können, und leicht,
um im Moraste nicht steckenzubleiben, haben alle erforderlichen
Eigenschaften, um mit der größten Leichtigkeit umzustürzen. Die meisten
Bauernpferde in Sibirien tragen kein Gebiß, sondern nur einen dünnen
Zaum. Zu alledem kam die Verblüffung der Leute. Sie beschäftigten
sich nur mit dem Gedanken, was zum Teufel denn dieses große
graue Ungeheuer sei, das da auf der Straße hin und her schwankte
und stolperte. Sie hörten auf nichts, weder auf Warnungen noch auf
Ratschläge, und sehr oft mußten wir halten, absteigen, die Pferde am
Zaume fassen und zur Seite führen.

[Illustration: Der übliche Empfang auf den sibirischen Straßen.]

Einmal begegneten wir einer Postkutsche, einem großen Tarantaß, in dem
alle, Reisende und Kutscher, den Schlaf des Gerechten schliefen. Die
drei Pferde faßten in ihrem Schreck einmütig den Entschluß, kurzerhand
umzukehren. Niemand wachte auf. Wir überholten den Tarantaß ohne
Zwischenfall; nach einigen Kilometern sahen wir ihn von der Höhe eines
Hügels aus wieder, wie er fortfuhr, den bereits zurückgelegten Weg noch
einmal zu machen. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, als wir
an die Überraschung der Reisenden und des Kutschers dachten, wenn sie
sich beim Erwachen nach einer so langen Fahrt auf derselben Poststation
wiederfinden würden, von der sie abgereist waren.

[Illustration: Ausbooten am Ufer eines sibirischen Flusses.]

Oft versperrten große Herden von Rindern oder Pferden die Straße, und
wir mußten warten, bis alle Tiere vorbei waren. Sie waren mißtrauisch,
ängstlich und zögerten, angetrieben von dem Stachelstocke der Hirten,
die hin und her galoppierten, um ein Tier, das fliehen wollte,
zurückzuscheuchen. Es fehlte uns also auf dieser Fahrt nicht an
Abwechslung. Viele Kilometer weit befanden wir uns zwischen einsamen,
nach Harz duftenden Gehölzen. Wir glaubten in den Alleen eines
unermeßlichen Parkes dahinzufahren; alles stand in Blüte, und die
Wiesen und Waldblößen luden in ihren schweigenden Schatten ein. Wenn
wir aber von fern ein Tal bemerkten, so waren wir sicher, ein Dorf in
ihm anzutreffen.

Die Dörfer flüchten sich in die Täler, um Schutz vor den stürmischen
Winden zu suchen, die von den eisigen Tundren im Norden kommen, und um
Wasser zu haben. Die Isbas drängen sich an klaren Bächen zusammen, an
deren Ufern riesige Herden von Gänsen schnattern, die dazu bestimmt
sind, in gefrorenem Zustande auf die großen Wintermärkte in Rußland
verschickt zu werden. Am Ein- und Ausgange des Ortes erhebt sich
ein schwarz und weiß gestreifter Pfahl mit einer Tafel, auf der der
Name des Ortes, die Entfernung bis zum nächsten Dorf, die Zahl der
Feuerstellen und der Einwohner angegeben sind -- kurz, ein förmlicher
statistischer Auszug zur Bequemlichkeit der Beamten, die herkommen,
Steuern einzukassieren oder Soldaten auszuheben. Eine Tafel zeigt die
Wohnung des Starosten an, eine andere das „Semstwoskaja Dom“, das heißt
das Gebäude, in dem die Beamten das Recht zu wohnen haben. Es liegt in
all diesem ein militärischer Zug; es hat den Anschein, als gehörten all
diese Häuser zu einem Regimente, als seien sie gezählt, in Reih und
Glied gestellt, und müßten wie die Zelte eines Lagers stets gewärtig
sein, auf den ersten Befehl von oben abgebrochen und anderwärts wieder
aufgebaut zu werden. Man möchte sagen, nicht die Notwendigkeit, sondern
ein Befehl habe sie erstehen lassen. Die Dörfer befinden sich in nahezu
gleichen Abständen von 20 zu 20 Kilometern und machen den Eindruck
großer Vorpostenstellungen, die über den Moskowskij Trakt verteilt
sind. In der Tat sind sie an erster Stelle Etappen, und dann erst
Dörfer.

Bis vor wenigen Jahren, bevor die Eisenbahn Sibirien durchquerte,
bezeichneten sie die Tagemärsche der Deportierten, die jetzt der Zug
in Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern befördert. Am Ende jedes
Dorfes befindet sich noch die Etappenstation der aus dem Vaterlande
Ausgewiesenen. Es ist ein großes, niedriges, quadratisches Holzhaus
mit unzugänglichen, mit festen Eisenstäben verwahrten Fenstern, das in
einem von einer Einfriedigung umschlossenen Hofe liegt. In dem Hofe
erheben sich einige wenige Gebäude, eine Schmiede vielleicht, ein
Bureau, ein Schlafsaal für die Soldaten; ringsumher Schilderhäuser für
die Wachtposten. Jetzt sind die Türen mit Brettern vernagelt, niemand
darf hinein, alles zerfällt. Diese leeren, aus den Fugen gehenden
Häuser machen einen unheimlichen, geisterhaften Eindruck. Sie scheinen
nicht nur verlassen, sondern sogar gemieden. Es ist unmöglich, sie
ohne Bewegung zu betrachten. Sie sind entstanden, um den Schmerz zu
beherbergen, und man fragt sich, ob von all den körperlichen und
seelischen Qualen, die so lange Jahre hindurch in diesen Räumen
geweilt haben, nichts übriggeblieben sei, ob nicht das Gefühl der
Trauer und des Widerwillens, das man empfindet, wenn man in ihrer Nähe
vorbeikommt, von einem noch lebendigen Kummer, der in der Luft liegt,
herrühre, von einer geheimnisvollen Ausströmung der Klagen, von einem
verhallenden Echo von Worten der Verzweiflung, das die Dinge um uns
wiedergeben und das die Seele empfindet.

Jedes an einem Bache gelegene Dorf bot uns eine Brücke zum
Hinüberfahren, natürlich eine Holzbrücke. Nach unserem Sturze hatten
wir vor den Brücken insgesamt einen heiligen Respekt. Wir suchten
mit der größtmöglichen Geschwindigkeit über sie hinwegzukommen,
nicht sowohl aus Furcht, sie unter uns zusammenbrechen zu sehen,
als um das Krachen der Bretter nicht hören zu müssen. Es war in uns
eine unbesiegliche Abneigung gegen das Geräusch zerbrechenden Holzes
zurückgeblieben, eine rein physische Empfindung, eine instinktive
Erinnerung. Das Krachen eines Holzstückes unter den Rädern hatte auf
uns die Wirkung eines Alarmsignals; die Gedanken mochten anderwärts
weilen und auch fortfahren, dort zu bleiben, aber der Körper fuhr auf
und machte sich zur Abwehr bereit! Und auf den Brücken, namentlich
den großen und hohen, die über tiefe Schluchten, reißende Ströme
und Abgründe hinwegführten, empfanden wir eine seltsame Genugtuung,
ein negatives Vergnügen sozusagen, das wir jedesmal durch eine
beinahe unwillkürliche Bemerkung ausdrückten: das Vergnügen, nicht
hinabzustürzen. Wir sagten:

„Wenn diese Brücke aus den Fugen gegangen wäre, wir würden nichts mehr
davon erzählen können! Wir würden zerschmettert sein!“

Alle waren wir froh, nicht unten auf dem Grunde zu liegen, wenn wir uns
vorbeugten, um, von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, über das
Geländer zu sehen. Wir freuten uns, nicht zerschmettert untenzuliegen.

Am 4. Juli trafen wir gegen 2½ Uhr nachmittags in Nischne-Udinsk ein,
das etwa 500 Kilometer von Irkutsk entfernt liegt. Wir wurden von der
Polizei empfangen, die uns sogar eine Wohnung in ihrem Amtsgebäude
eingeräumt hatte. Es ist nun einmal so, gewisse Ehren kommen nur
großen Männern und Verbrechern zu! Ein Gendarm bereitete uns Tee, ein
Gendarm machte uns die Betten, ein Gendarm kochte unser Essen. Es war
die gebändigte Gewalt. Man stelle sich vor, einem strammstehenden
Gorodowoi die Gerichte zu nennen, die er auf den Tisch bringen soll!
Das Außerordentliche dabei war, daß die Speisen vorzüglich waren.

Während der Fürst den Polizeikommandanten und die Beamten empfing,
während Ettore, der den Vorrat an Brenn- und Schmiermaterial glücklich
gefunden hatte, die Maschine putzte und mit Nahrung versorgte,
hatte ich einen heldenmütigen Kampf mit dem Telegraphenamte von
Nischne-Udinsk zu bestehen, der damit endete, daß es mir gelang,
meinen Bericht abzusenden. Nach den opiumrauchenden Telegraphisten
in Hsin-wa-fu hatte ich kein seltsameres Amt mehr angetroffen. Bei
Überreichung der Depesche fragte der Beamte:

„Was für eine Sprache ist dies?“

„Italienisch“, erwiderte ich.

„Wir befördern nichts Italienisches.“

„Sie müssen italienische Depeschen befördern gemäß den internationalen
Bestimmungen.“

„Wer gibt uns aber die Versicherung, daß es wirklich Italienisch ist?“

„Ich.“

„Das genügt nicht.“

Die Geduld drohte mir zu reißen, aber es gelang mir, sie noch einmal
zusammenzuflicken, und ich antwortete ruhig:

„Lassen Sie die Depesche jemand lesen, der Italienisch versteht.“

[Illustration: In Nischne-Udinsk.]

„Niemand versteht hier Italienisch.“

„Kurz und gut!“ rief ich, „wollen Sie die Depesche befördern oder
nicht?“

„Wir wollen die Depesche als chiffrierte befördern.“

„Meinetwegen.“

„Die Worte, die mehr als zehn Buchstaben haben, werden doppelt
gerechnet.“

„Meinetwegen.“

„Haben Sie die Freundlichkeit, uns den Chiffreschlüssel und die
russische Übersetzung mitzuteilen. So bestimmt es das Gesetz für
chiffrierte Telegramme.“

Das war zuviel! Ich lief, um mir Hilfe zu holen, und traf Herrn
Radionoff, unseren guten Reisegefährten, der uns anfänglich nur
ein Stück über Irkutsk hinaus hatte begleiten wollen und jetzt die
augenscheinliche Absicht verriet, uns nicht mehr verlassen zu wollen.

Ich zog ihn nach dem Telegraphenamte und teilte ihm meine Erbitterung
mit; wir sprachen beide auf den Beamten ein. Vergeblich! Dann hatte
ich einen guten Gedanken; ich nahm ein Formular, füllte es mit einem
empörten Proteste aus und ließ diesen als dringendes Telegramm an den
Generaldirektor der Telegraphenverwaltung von Sibirien in Irkutsk
telegraphieren. Eine Stunde später war die italienische Sprache in
Nischne-Udinsk amtlich anerkannt! Als Journalist aber sehnte ich mich
von Herzen nach den kleinen chinesischen Telegraphisten zurück, die
in den fernen, aus Lehm gebauten Telegraphenämtern der Wüste Gobi
von jedem Verkehr abgeschnitten sind, nach jenen wackeren bezopften
Telegraphisten, die an den Kopf meiner Depesche „Nummer 1“ setzen
mußten und sie ohne Irrtum und ohne Verspätung über alle Kabel des
Orients hinweg beförderten!

Abends spät entschloß sich Freund Radionoff, uns zu verlassen. Der
Wind und die Kotspritzer hatten ihm unversehens eine Augenentzündung
verursacht, die es ihm nicht mehr gestattete, die Genüsse
einer längeren Automobilfahrt zu würdigen. Als er sich von mir
verabschiedete, erklärte er mir mit einem Anflug vertraulicher
Genugtuung:

„Wissen Sie, ich bin auch ein bißchen Journalist!“

„Wirklich?“

„Jawohl. Heute habe ich eine Depesche an die Irkutsker Zeitungen
aufgegeben. Hier ist sie: ‚Auf Automobil Borghese erreichten wir
Nischne-Udinsk 2 Uhr 35. Herrliche Fahrt.‘“

„Ist das alles?“

„O nein! Es war noch die Unterschrift dabei.“



Fünfzehntes Kapitel.

Im Jenisseibecken.

     In der Taiga. -- Kansk. -- Das zusammengekettete Rad. --
     Krasnojarsk. -- Die Macht der beiden Dokumente. -- Der Übergang
     über den Kemtschug. -- Atschinsk. -- Wir bleiben stecken.


Nischne-Udinsk ist nur ein großes Dorf am Ufer der Tschuna, eines der
zahlreichen Nebenflüsse der Angara. Wir fuhren des Morgens um 4 Uhr
durch seine schmutzigen Straßen und jagten einige friedliche Familien
von Schweinen, die ausgestreckt in den Pfützen der Straße längs der
Häuser schliefen, in die Flucht. Der eine oder andere Frühaufsteher
unter den Bewohnern sah uns mit verschlafenem, mißtrauischem Gesicht
nach. Dem Automobil voraus fuhr ein Polizeitarantaß, bemannt mit einem
Offizier und gelenkt von einem Gendarmen, um uns den Weg nach dem 275
Kilometer entfernten Kansk zu zeigen. Bei einem Straßenübergang über
den Eisenbahndamm hielt der Tarantaß.

„Sie können jetzt nicht mehr irren,“ rief der Offizier; „folgen Sie nur
jenem Wege dort. ~Do svidania!~“

„~Do svidania! Spasibo!~“ -- „Adieu! Vielen Dank!“ riefen wir.

Das Automobil beschleunigte seinen Lauf dem neuen Ziele entgegen. Wir
fuhren in einem dichten, eisigen Nebel, der uns das Gesicht naß machte
und unsere Pelze mit Tauperlen benetzte. Eine Zeitlang hofften wir,
es würde der Sonne gelingen, ihn zu zerstreuen. Die Sonne kam auch auf
Augenblicke zum Vorschein, aber nur bleich. Wir riefen ihr Worte der
Ermutigung zu.

„Immer tüchtig drauf los, Beste. Also los!“

Wir erblickten in jener atmosphärischen Erscheinung eine Art Kampf
zwischen der Sonne und dem Nebel. Bald hatte der eine die Oberhand,
bald die andere. Wir ergriffen natürlich für die Sonne Partei. Ettore
bemitleidete sie:

„Die Ärmste, sie tut, was sie kann!“

Aber die Sonne wurde schmählich geschlagen. Sie suchte ihr Heil in der
Flucht, und wir bekamen sie nicht mehr zu sehen. Der Nebel stieg, um
in Form von Regen wieder herabzufallen, und den ganzen Tag über wurden
wir von Wasser, Wind, Kälte und Schmutz gepeinigt. Die Straßen waren
nicht so gut wie die in der Nähe von Irkutsk. Wir waren einige Male
gezwungen, auf das Grün der Wiesen auszubiegen, um Löchern, tiefen
Wasserlachen oder verdächtig aussehenden sumpfigen Stellen aus dem Wege
zu gehen. Wir begegneten niemand mehr. Die Gegend wurde immer öder.
Die Felder und Wiesen räumten ihren Platz den Bäumen. Wir betraten das
Gebiet der „Taiga“, des endlosen sibirischen Waldes. Um 9 Uhr früh
rollten wir bereits in seinem unheimlichen Halbdunkel dahin.

Die Straße ist eine durch den Wald gehauene Schneise. Die Menschen
haben sich einen Weg gebahnt, aber auf lange Strecken ist der Wald zur
Rechten wie zur Linken undurchdringlich. Die Region der Taiga erstreckt
sich bis an die Steppen der Tundren; sie ist ausgedehnt wie ein
Kaiserreich; in dem größten Teile dieser Welt der grünen Baumriesen hat
sich die Menschheit mit Mühe nur das Durchgangsrecht erobern können.
Wir fuhren viele Dutzende von Kilometern inmitten der überwältigenden
düsteren Menge von Tannen, hundertjährigen Kiefern und weißstämmigen
Birken. Während wir die Anhöhen hinauffuhren, hatten wir zuweilen einen
Ausblick auf die endlose Waldfläche. In uns stieg das peinigende
Gefühl der Einsamkeit auf, das uns beklemmte, weil sie, eingeengt durch
jene unermeßliche schattige Schranke, die sich zu beiden Seiten von uns
erhob, infolge des Dämmerlichtes, das sich von dem mit schweren Wolken
bedeckten Himmel herabsenkte, noch düsterer und grauenerregender wirkte.

[Illustration: Blicke in die Taiga.]

Jenes zahllose Volk von Bäumen schien zu leben und sich schweigend zu
verteidigen, es schien den Willen zu haben, uns einzuschließen und
zurückzuhalten. An den Windungen der Straße schlossen sich die Bäume
vor uns und hinter uns zusammen, als rückten sie unmerklich vor, als
versperrten sie uns den Weg und verlegten uns jeden Rückzug. Man hätte
sagen können, sie bewegten sich, sobald wir sie nicht beobachteten.
Immer wieder verlor sich der Weg im Dickicht; es war, als sei er von
diesem verschlungen. Die rötlichen, gerade aufsteigenden, riesenhohen
Stämme der Kiefern waren erhaben wie Säulen. Dichte, urwaldähnlich
verschlungene Gebüsche drangen bis an den Saum der Straße vor und
bildeten lange, undurchdringliche Gehege, die die jungfräuliche
Majestät des Waldes beschützten. An einer Stelle sprang ein großer
Wolf, durch das rasche Nahen des Automobils überrascht, in eilendem
Laufe quer über den Weg; wir störten das Urwaldsleben der Taiga.

Mitunter wurde der Wald lichter, wir stießen auf Blößen, dann auf
Wiesen und in den Tälern auf einsame Dörfer, deren Bewohner im und
vom Walde leben, umgeben von unermeßlichen Holzstößen, die vielleicht
für den Eisenbahnbau bestimmt sind. Es waren Dörfer von häßlichem
Aussehen; sie schienen zufrieden, daß sie nichts von der Welt wissen
und ihre eigene Welt sind, und waren bewohnt von blonden Holzhauern
von athletischem Körperbau. Diese Menschen sind Freunde und Feinde der
Taiga; sie lieben und bekämpfen sie, strecken ihre riesenhaften Stämme
zu Boden und glauben an die poetischsten Waldmärchen; die Bäume sind
ihre Gefährten und ihre Opfer. In der Nähe der Isbas reihen sich, die
Deichseln wie zwei Arme emporgereckt, riesige Wagen aneinander, die zum
Fortschaffen der Stämme dienen, und ringsherum weiden Pferde, die vor
dem Automobil scheuen und in langen Galoppsprüngen davonstürmen.

Eine Überraschung wartete unser. Mit einem Male erblickten wir zwischen
den Zweigen die Telegraphenpfähle, und bald darauf befanden wir uns
wieder dicht an der Eisenbahn. Ein langgedehntes Pfeifen erscholl, und
ein Zug holte uns mit lautem Keuchen ein. Einige Minuten lang fuhren
wir Seite an Seite mit dem Zuge. Aus den Fenstern grüßten uns die
Reisenden und riefen uns Abschiedsworte zu. Aber bald entfernte uns
unser Pfad wieder von der Eisenbahn, und wir befanden uns von neuem in
tiefer, unberührter Stille. Es war für uns eine flüchtige Berührung mit
der Welt gewesen inmitten jener Waldeinsamkeit; die Menschheit hatte
uns in dem Schweigen des Waldes einen kurzen Ermutigungsruf zukommen
lassen.

Am Nachmittag brach ein heftiges Gewitter los. Die Blitze zuckten, und
der Donner hallte beständig von Tal zu Tal wider. Die Straße füllte
sich mit Wasser, und der strömende Regen hüllte alles in einen dichten
Schleier. Bei dem Dorfe Taitisk setzten wir in einem Boote über den
Fluß Birüssa, einen Nebenfluß der Tschuna, die wir am Morgen bei
Nischne-Udinsk überschritten hatten. Reißend, angeschwollen und trüb
wie ein großer Gebirgsstrom, rollte er seine Fluten dahin. Das Gewitter
hatte sich verzogen, aber einige Stunden später, als wir in das Tal
des Kan hinabfuhren, überraschte uns ein neues Unwetter. Auf einem
großen Trajektboote, das dem auf der Selenga bei Werchne-Udinsk ähnlich
war, setzten wir über den Kan, während dieses neue wütende Gewitter im
bleichen Scheine der Blitze tobte.

[Illustration: In einer Lichtung der Taiga.]

Im Kan trafen wir den ersten Fluß, der sich in den Jenissei ergießt.
Wir hatten endgültig das Becken der Angara verlassen und betraten
Mittelsibirien. Kansk am Ufer des Kan erwies sich als eine Stadt.
Es lag ein Anstrich von Großartigkeit über ihr, der von zwei Dingen
herrührte: von dem Nebel, der die Umrisse der Stadt undeutlich machte
und vergrößerte, und von der Anwesenheit einer gewerblichen Anlage am
Ufer des Flusses. Ein junger Mann, dem Aussehen nach ein Student, der
sich ebenfalls auf dem Fährboot übersetzen ließ und der uns gegrüßt
hatte, verstand das Wort „Fabrik“, das wir von jenem Gebäude mit den
hohen Schornsteinen gebrauchten, und wandte sich an uns mit den Worten:

„Nein, es ist keine Fabrik.“

„Was ist es denn sonst?“

„Es würde besser für Kansk sein, wenn sie nicht bestünde. Sie verarmt
das Land, statt es zu bereichern. Sie ist sein Verderb. Sie ist der
Verderb Rußlands.“

„Nun also, was ist es denn?“

„Eine staatliche Schnapsbrennerei.“

Wir waren durchnäßt, als hätten wir den Fluß durchschwommen. Die
Straßen des Ortes fanden wir überschwemmt und verlassen; nur ab und zu
kam eine Droschke vorübergerumpelt. Wir kehrten in einem alten, aus
Holz erbauten Gasthofe ein, dem besten der Stadt, wohin man das für
uns angekommene Benzin und Öl brachte. Der Gasthof hatte keine andern
Nachtgäste mehr; aber der Billardsaal im Erdgeschoß war gedrängt voll
von Beamten, voller Lärm und Rauch. In der Nacht mischten sich in das
weithin vernehmbare Rauschen des Regens das Stimmengewirr der Spieler
und das Klappern der Billardkugeln.

Um 3 Uhr morgens waren wir schon wieder unterwegs. Wir wollten
frühzeitig Krasnojarsk, das etwa 230 Kilometer entfernt lag, erreichen.
Kurz vor der Abfahrt kam ein Polizeioffizier, um uns die Begleitung
zweier bewaffneter Soldaten anzubieten.

„Unmöglich!“ bemerkte Borghese. „Sie würden uns nicht folgen können.“

„Nehmen Sie sie doch auf dem Automobil mit,“ riet der Offizier.

[Illustration: Auf der Straße durch die Taiga.]

„Wir haben nur Platz für uns drei.“

„Wir haben erfahren, daß Räuber im Walde sind. Vor einiger Zeit
überfielen die Revolutionäre eine Kaserne in Krasnojarsk, bemächtigten
sich der Waffen und der Munition und öffneten die Tore des
Gefängnisses. Im Gefängnisse saßen 70 Verbrecher, die alle ausbrachen.
Bis jetzt sind von ihnen erst 30 wieder aufgegriffen worden.“

„Und die übrigen 40?“

„Die übrigen haben sich in kleine Banden geteilt und treiben sich in
der Gegend des Jenissei umher. Sie tauchen bald hier, bald dort auf,
aber wir haben keine Truppen verfügbar, um Jagd auf sie zu machen. Sie
plündern öfters die Wagen auf dem ‚Trakt‘, im Walde. Zum Glück geht
jetzt hier die Eisenbahn durch, und den wenigen Reisenden, die durch
den Wald müssen, geben wir, wenn es achtbare Leute sind, Bedeckung mit.“

Ein Automobil anzuhalten ist eine etwas schwierige Sache, namentlich
für den, der noch keins gesehen hat! Nur ein Unfall hätte uns den
Räubern in die Hände liefern können. Übrigens war keine Möglichkeit
vorhanden, die Soldaten mitzunehmen, und wir beabsichtigten nicht, aus
Furcht vor einem möglichen Überfall mit der zu Fuß marschierenden
Bedeckung Schritt zu halten und sieben Tage auf die Fahrt nach
Krasnojarsk zu verwenden.

Von Myssowaja bis hierher hatten wir von nichts anderm als von den
Räubern sprechen hören, und wir waren daher über diese Art Gefahren auf
der Heerstraße etwas skeptisch. Die Bedeckung wurde dankend abgelehnt.
Der Offizier machte eine Bewegung, als wollte er sagen: „Des Menschen
Wille ist sein Himmelreich.“

Als Ersatz dafür baten wir wie in Nischne-Udinsk, auf den rechten Weg
geleitet zu werden. In eine Stadt zu kommen, ist nicht so schwierig,
wie aus ihr herauszufinden. Der Offizier stieg in eine Droschke und gab
dem Kutscher, der im Galopp davonfuhr, einen Befehl. Wir folgten.

Außerhalb der Stadt verließ uns der Offizier und ermahnte uns:

„Seien Sie auf Ihrer Hut!“

       *       *       *       *       *

Dieser 6. Juli war einer der schlimmsten Tage unserer Reise.

Wir wurden beständig von einem wolkenbruchartigen Regen verfolgt, von
einer wahren Sintflut, die die Wege der Ebene überschwemmte und die der
Hügellandschaft aushöhlte und aufwühlte. Es war unmöglich, mit einer
gewissen Schnelligkeit vorwärtszukommen, und sei sie für eine Maschine
von 50 Pferdekräften noch so bescheiden. Das Automobil glitt aus, es
konnte sich auf dem klebrigen Moraste nicht halten; die Laufräder
hörten streckenweise auf zu greifen und drehten sich in tollem Wirbel
heulend herum, Straßenschmutz und Wasser in die Luft schleudernd. Es
ist unmöglich, einen Begriff von dem Zustande der sibirischen Straßen
bei einem solchen Regen zu geben.

[Illustration: Versunken im Schmutze eines sibirischen Dorfes.]

In den Dörfern, wo die Herden mit ihren Tritten den Boden uneben
machten, ist der Morast tief und weich. Die Räder versinken darin
bis an die Naben, und der Schmutz spritzt um die Speichen herum. Auf
weite Strecken hin trafen wir die sogenannte „schwarze Erde“ an, die
sicher die fruchtbarste der Welt ist, aber auch die dem Automobilsport
feindlichste. Die schwarze Erde wird von der tausendjährigen
Verwitterung von Pflanzen gebildet; sie ist eine Art Moor, ein
früherer Sumpf, der bei Regenwetter wieder zum Sumpfe wird. Sie ist
mit organischen Bestandteilen gesättigt, seifenartig und leicht; wenn
sie durchnäßt ist, gibt es nichts Schwierigeres, als im Gleichgewicht
über sie hinwegzukommen. Das Automobil blieb stecken und zeigte einen
bedauernswerten Ungehorsam gegen das Steuerrad: es drehte sich im
Kreise herum, warf sich zur Seite, und oft hatten wir Mühe, es dicht am
Rande tiefer Gräben zum Stehen zu bringen.

[Illustration: Eine Panne in der Taiga.]

Wir waren noch nicht allzu weit von Kansk entfernt, als wir an eine
kleine, mit schwarzer Erde bedeckte Anhöhe gerieten. Länger als eine
Stunde mühten wir uns ab, darüber hinwegzukommen, indem wir alle Mittel
versuchten, die die Praxis uns gelehrt hatte. Es war unmöglich. Müde
und erbittert beschlossen wir umzukehren. Einige Werst entfernt befand
sich ein Straßenübergang in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamm und
dabei ein Bahnwärterhäuschen. Wir suchten Unterkunft bei dem Bahnwärter
und ließen die Maschine auf der Straße stehen; es blieb uns nichts
anderes übrig. Wir mußten warten, bis der Regen nachließ und die Straße
trocken wurde.

Die Frau des Bahnwärters zündete den Samowar an, wir breiteten
die Pelze und die wasserdichten Kleider rings um den warmen Ofen
und setzten uns in das kleine Zimmer, finster und schweigsam wie
Verurteilte. Seit unserer Ankunft in Sibirien hatten wir nur _einen_
Tag gutes Wetter gehabt, und gerade an jenem Tage war eine Brücke
mit uns eingestürzt. Hatte es nicht den Anschein, als verfolge uns
ein tückischer Feind? Jeden Augenblick sahen wir zum Fenster hinaus.
Es regnete immerzu. Der Himmel war dunkel und hing schwer herab. Es
handelte sich nicht um Stunden, es handelte sich um Tage, vielleicht um
Wochen.

Die Mittagszeit nahte heran. Der Bahnwärter zog seinen Mantel an,
setzte die Mütze auf, nahm den Signalstab von der Wand und ging hinaus.
Seine Frau eilte, die Schranken des Straßenüberganges zu schließen, und
bald darauf donnerte ein langer Zug vorüber, der die Fensterscheiben
erklirren und das Häuschen erzittern ließ. Er kam von Kansk. Der Wärter
kehrte zurück, legte Mantel und Mütze ab, stopfte sich eine Pfeife und
sagte zu uns:

„Das Wetter ändert sich nicht.“

„Ist denn der Sommer immer so in Sibirien?“

„Die ältesten Leute können sich eines derartigen Sommers nicht
entsinnen. Seit zwei Monaten regnet es beinahe unaufhörlich. Noch
nie haben wir im Juli solche Kälte und so viel Regen gehabt. Die
Feldarbeiten sind unmöglich. Im Gouvernement Jenisseisk ist die Ernte
vielfach vernichtet. Wir werden in diesem Winter Hungersnot haben.“

Wir konnten nicht unentschlossen sitzenbleiben, dem Vorbeifahren der
Züge zusehen und in der Nähe eines Ofens Zigaretten rauchen. Wir
mußten irgendein Mittel finden, über diese vermaledeite schwarze Erde
hinwegzukommen, und mußten ein sinnreiches Mittel ausdenken, die Räder
am Gleiten zu verhindern. Hierin lag das Problem. Auf diesen Straßen
wären Zahnräder am Platze gewesen! Ettore ging hinaus und begann an
der Maschine zu arbeiten. Er mußte einen Plan haben. Er war der Mann
der Aushilfsmittel. Wir sahen ihn in der Tat die Ketten von den Winden
abnehmen und sie um den Gummireifen des linken Laufrades schlingen.
Die Idee war äußerst geistreich, und wir spendeten ihm rückhaltlosen
Beifall.

„Jetzt wollen wir es einmal versuchen!“ rief der wackere Mechaniker,
als er das mit der Kette umwickelte Rad, das er mittels der Winde vom
Boden hochgehoben hatte, wieder auf die Erde stellte.

[Illustration: In der Taiga.]

„Ja, wir wollen es versuchen!“

Wir sprangen auf unsere Sitze, und fort ging es.

Wenige Minuten später bekamen wir den Feind in Sicht. Das Automobil
erklomm rasch die Anhöhe, die uns so oft zum Rückzuge gezwungen
hatte. Ungefähr in der Mitte blieb die Maschine einen Augenblick
unentschlossen stehen -- aber nur einen Moment; die Kette riß wie eine
Kralle den Boden auf, gelangte auf festen Boden und griff Zoll für Zoll
weiter ein. Wir überwanden die Höhe und brauchten von nun an nicht mehr
zu halten. Trotzdem mußten wir eine große Unannehmlichkeit mit Geduld
und Ergebenheit ertragen. Die Kette wühlte eine außerordentliche
Menge Schmutz auf und schleuderte ihn auf das Automobil und auf uns,
so daß alles davon bedeckt wurde. Wir konnten nur mit Mühe die Augen
offenhalten. In den Dörfern lagen in den Straßenschmutz eingebettet
Stücke Holz, Zweige, Steine, die die Ketten herausbaggerten und uns
auf den Rücken warfen. Aber wir kamen vorwärts! Wir hatten keine
Furcht mehr, im Moraste steckenzubleiben. Der Regen, den ein eisiger,
heftiger, schneidender Wind uns gerade entgegentrieb, peitschte uns das
Gesicht.

Dutzende von Kilometern führte uns der Weg wieder in die Taiga zurück.
Vom dunkeln Himmel herab sammelten sich oft die niedrighängenden Wolken
um uns und umgaben uns mit einem dichten Nebel, in dem die Bäume des
Waldes bizarre, gespenstische Gestalten annahmen. Die Massen der Tannen
zeichneten sich in dunkeln, phantastischen Umrissen, mit ragenden
Spitzen ab, die den Türmen und Giebeln, den Konturen schattenhafter
gotischer Städte glichen. Niemals erblickten wir den Horizont klar.
Alles rings um uns war undeutlich und blaß. Es blieben uns von den
Gegenden, durch die wir kamen, nur verworrene, unbestimmte Erinnerungen
wie von Dingen, die wir geträumt hatten. Genau erinnern wir uns nur an
das wilde Rauschen der Bergströme, an das Niederklatschen des Regens
auf die Bäume und an das Rieseln in den Gräben zu beiden Seiten der
Straße -- kurz, es ist uns ausschließlich das Bild fallender und
fließender Wassermassen im Gedächtnis geblieben. Die Gießbäche waren
angeschwollen und trüb, die Flüsse voll bis zum Rande.

Aber wir fanden überall Brücken. Eine von ihnen führte über die Kisbna,
eine lange Brücke, die unter dem Anprall der reißenden Strömung, die
gegen die Pfeiler drängte, in allen Fugen erzitterte.

Nach langen Stunden der Einsamkeit sahen wir mit einem Male drei wie
Muschiks gekleidete, aber mit Gewehren bewaffnete Männer auf der Straße
stehen.

„Sind das die vielbesprochenen Räuber?“ fragten wir uns, als wir sie
erblickten.

„Oder vielleicht harmlose Zollwächter, die Jagd auf Schmuggler machen?“

Zollwächter oder Schmuggler: wir machten die Mauserpistole schußbereit
und behielten jede Bewegung der drei im Auge. Die Männer ihrerseits
beobachteten uns regungslos. Man sah, sie waren über ein so
unerwartetes Zusammentreffen im Innern der Taiga aufs höchste erstaunt.
Als wir 50 Schritt von ihnen entfernt waren, warteten sie nicht mehr.
Sie flüchteten in das Gebüsch, wo sie stehenblieben und uns mit
entsetzter Miene betrachteten. Sie waren so außer Fassung, daß wir
ihnen mit vollem Erfolge die Börse oder das Leben hätten abverlangen
können!

Es war 6 Uhr, als wir aus den Wäldern herauskamen und in dämmernder
Ferne einen großen Fluß schimmern sahen, den Jenissei. Eine
Stunde später langten wir an seinem rechten Ufer an, gegenüber
den Glockentürmen und blauen Kuppeln von Krasnojarsk. Es ist ein
prächtiger Fluß, der zwischen hohen, grünen Ufern breit und rasch
dahinströmt, als hätte er Eile, sich von der langen Winterruhe zu
erholen; er wird durchfurcht von Dampfern, durchschnitten von den
leichten, eigenartigen heimischen Booten, die aus einem einzigen
ausgehöhlten Baumstamme angefertigt sind. Vor der Stadt teilt sich der
Jenissei in zwei Arme, über die wir auf großen, festen Trajektbooten
übersetzten. Polizeibeamte erwarteten uns und geleiteten uns durch fast
menschenleere Straßen nach einem Gasthofe. Krasnojarsk schlummerte in
dem immerwährenden Lichtscheine der sibirischen Nacht.

Wir hielten uns einen ganzen Tag dort auf, einen langweiligen Sonntag,
den wir im Gasthofe zubrachten, weil es draußen regnete, die Geschäfte
geschlossen, die Straßen still waren und die Stadt ein verödetes
Aussehen hatte, als sei die Bevölkerung vor irgendeiner drohenden
unbekannten Gefahr geflohen. Wir stiegen immer wieder in den Hof
hinunter, um einen Blick auf das Automobil zu werfen, das einem „großen
Reinemachen“ unterzogen wurde. Es hatte es auch nötig; der Schmutz war
in solcher Menge in die Öffnungen der Kühlvorrichtung gedrungen, daß
er die freie Atmung dieser Lunge des Motors behinderte. Dem Schmutze
schrieben wir auch jenen Zwischenfall mit der erhitzten Bremse zu, der
uns bei unserer letzten Etappe zum Halten veranlaßt hatte. Dank der
Polizei fanden wir in Krasnojarsk wie in den andern Städten unseren
Ergänzungsvorrat an Brenn- und Schmiermaterial vor. Stets war es die
Polizei, die es sich angelegen sein ließ, das Depot ausfindig zu machen
und uns zu übermitteln, gleichgültig, ob am Tage oder in der Nacht.

Das Automobil war stets von Publikum umgeben, einem gewählten Publikum
von Beamten und Offizieren, weil die Menge keinen Zutritt zu dem Hofe
hatte. Nicht ohne Verwunderung trafen wir darunter auch Engländer
an, zu denen wir im Gefühle einer Verwandtschaft aller Westeuropäer
freundschaftliche Beziehungen anknüpften. Es waren Ingenieure, die von
der bezauberndsten aller Tätigkeiten, der Goldgewinnung, nach Sibirien
gelockt worden waren. In Krasnojarsk hört man von Gold in derselben
Weise sprechen wie in Kalifornien.

Es scheint, als berge Sibirien unter den reichen Schichten fruchtbarer
Erde noch ganz andere Reichtümer. Im Becken der Lena, des Jenissei, des
Amur und vieler kleinerer Flüsse findet sich Gold im Überfluß. In der
Goldgewinnung kommt Sibirien sofort hinter den Vereinigten Staaten,
Australien und Transvaal. Dabei ist man noch gar nicht dazu gekommen,
die Adern auszubeuten. Mit den einfachsten Mitteln sammelt und wäscht
man den goldhaltigen Sand der Flußanschwemmungen. Seit einigen Jahren
jedoch führt man die Arbeit nach rationelleren Methoden aus. Die
Eisenbahn hat die Beförderung der komplizierten Maschinen des modernen
Bergbaus möglich gemacht. Wegen der Maschinen, der Ingenieure und
der Leitung der Arbeit hat man sich nach England gewandt, dem Lande
der Meister in der Goldgewinnung. Aber auch abgesehen vom Golde hat
Krasnojarsk früher unmittelbare Beziehungen zu England unterhalten,
eigenartige Beziehungen, die in der Stadt beinahe die trügerische
Hoffnung erweckten, ein Seehafen zu werden.

[Illustration: Fahrt über einen sibirischen Fluß.]

Ein englischer Reeder namens Wiggins hatte den kühnen Plan gefaßt, in
den wenigen Wochen -- sechs oder sieben --, in denen das Nördliche
Eismeer eisfrei ist, durch das Karische Meer zu fahren und in die
Jenisseimündung einzudringen, um einen neuen Handelsweg nach Sibirien
zu suchen. Im Jahre 1874 unternahm er diesen Versuch mit einem Schiffe
namens „Diana“, und er gelang ihm; 1878 wurde die gewonnene Erfahrung
in den Dienst der Praxis gestellt, und es wurden Waren an den Mündungen
des Jenissei und des Ob ausgeschifft. Sieben Jahre später bildete sich
eine englische Gesellschaft zum Zweck der regelmäßigen Organisation
dieser Sommerschiffahrt. Die Geschäfte gingen aber schlecht, und
die Gesellschaft löste sich auf, ebenso eine zweite Gesellschaft.
Sibirien war noch nicht reif. 1895 aber, als die Eisenbahn in diesem
unermeßlichen Gebiet die erste Entwicklung der Industrie hervorrief,
bildete sich eine dritte englische Gesellschaft. Diesmal gingen die
Geschäfte glänzend. 1898 kam eine neue Handelsflotte an. Die russische
Regierung jedoch, die diese Unternehmungen anfangs durch Ermäßigung
oder Erlaß der Zölle begünstigt hatte, zog später jede Begünstigung
zurück, und seitdem ist es mit der Schiffahrt zu Ende. Krasnojarsk
wird fortan kein Seehafen mehr sein!

Am Abend herrschte im Gasthofe gewaltiges Leben. Es fand eines jener
großen sibirischen Bankette statt, welche an die Üppigkeit antiker
Gastmähler erinnern.

Zwei unserer englischen Freunde stiegen am Morgen des 8. Juli früh 4
Uhr in eine Droschke und zeigten uns den Weg aus Krasnojarsk heraus.
Braucht es noch einer besonderen Versicherung, daß es regnete? Einen
Kilometer von dem Ort verabschiedeten wir uns von unseren Führern mit
einem herzlichen „~Good bye!~“ und fuhren auf schauderhaften Wegen über
leichte, grasbewachsene Anhöhen weiter. Es ging bergab und bergauf, wie
wenn ein Kahn über die Täler und Kämme der Wellen tanzte. Es begann
eine Fahrt, die der des gestrigen und vorgestrigen Tages glich, durch
Wiesen und Wälder und kleine Strecken bebauten Landes in der Nähe
der Dörfer; alles war naß, düster, traurig. Langsam verflossen die
Stunden, langsam wurden die Kilometer zurückgelegt, und die kleinen
Zwischenfälle der Reise, das komische Erstaunen der Muschiks, das
Scheuen der Pferde, unsere Ankunft auf ländlichen Märkten, auf denen
wir die lächerlichsten Verwirrungen anrichteten, vermochten nicht, uns
aufzuheitern und uns zum Sprechen zu bewegen. Finster und verärgert
saßen wir auf unseren Plätzen.

Mitunter empfanden wir einen wahren Haß gegen unser Geschick wie
gegen einen Feind. Wir waren der Ansicht, daß ein feindlicher Wille
uns absichtlich Schwierigkeiten in den Weg legte. Denn es waren nicht
unvermeidliche Hindernisse wie die Gebirge von Kalgan oder der Lauf
des Iro; nein, es waren Schwierigkeiten, die eine Stunde vor unserer
Ankunft nicht vorhanden gewesen sein konnten und die eine Stunde
später nicht mehr vorhanden sein würden. Sie schienen geschaffen, uns
zu ermüden, uns zu erbittern. Wir befanden uns in der für gewöhnlich
trockenen Jahreszeit, und doch hörte es nicht auf zu regnen. Diese
Straßen hätten ausgezeichnet sein müssen und waren unpassierbar; ein
sonniger Tag hätte sie in guten Zustand versetzt, und die Sonne kam
nicht zum Vorschein. Unsere Berechnungen, unsere Voraussicht -- alles
war umgestürzt. Wir hatten geglaubt, in einem Tage von Krasnojarsk
nach Tomsk zu gelangen, und wir würden drei, vielleicht gar vier
dazu brauchen! Sibirien zeigte sich hartnäckig, als wollte es uns
nicht durchlassen, und wir fühlten, wie sich unser gereizter Wille in
Eigensinn verwandelte.

Gegen 9 Uhr gelangten wir an das Ufer eines Flusses, des Kemtschug,
eines Nebenflusses des Tschulym, der seinerseits wieder ein Nebenfluß
des Ob ist; es war bei Bolschaja, einem kleinen Dorfe, das den Namen
des „großen“ führt.

Wir fragten nach dem Trajektboot, dem gewohnten Paravieda, das die
Telegas übersetzt.

„Es war eins vorhanden,“ antworteten uns die Einwohner, die sich sofort
um uns versammelten, „aber das Hochwasser hat es mitgerissen und zum
Sinken gebracht. Es liegt eine halbe Werst von hier im Wasser.“

Wir fragten, ob eine Brücke in der Nähe sei. Die Landleute
überschritten den Fluß auf einem gebrechlichen, zwei Hände breiten
Stege, auf dem es schon gefährlich war, sich zu Fuß darüber zu wagen.

„Es war eine Brücke da,“ erklärten sie uns, „aber das Hochwasser hat
sie zerstört.“

„Dann wird es wohl eine Furt geben.“

„Nein. Der Fluß ist in der Mitte über Mannshöhe tief, und man kann
nicht hinüberwaten.“

So wollten wir die Eisenbahnbrücke benutzen, wie wir es in
Transbaikalien getan hatten.

„Wo ist die Eisenbahn?“ fragten wir.

„Dort unten, zehn Werst von hier.“

„Gibt es eine Straße, auf der man hingelangen kann?“

„Nein.“

„Einen Fußweg?“

„Nein. Es ist lauter Wald, und man kommt nur zu Fuß oder zu Pferde
fort.“

Wir waren ratlos. Ein kleiner Fluß wie der Kemtschug schlug uns ein
Schnippchen! Wir rechneten aus, wieviel Zeit der Bau eines breiten,
festen Flosses in Anspruch nehmen würde: es waren mindestens zwei
Arbeitstage. Da griffen wir zu einem Gewaltmittel. Wir ließen den
Starosten rufen.

Es war ein alter Muschik mit weißem Barte, bekleidet mit einem
samtenen, mit Stickereien besetzten Armiak, der ihm das Aussehen eines
heruntergekommenen Bojaren gab. Fürst Borghese überreichte ihm die
amtlichen, vom Ministerium des Innern und dem Polizeidirektor des
Kaiserreiches ausgestellten Schriftstücke, die allen Behörden befahlen,
uns jede Hilfe und jeden Schutz angedeihen zu lassen, und sagte zu ihm
in feierlichem Tone:

„Lesen Sie!“

Unglücklicherweise konnte der Starost nicht lesen und betrachtete
würdevoll die Dokumente, die er verkehrt in der Hand hielt. Aber ein
junger Mensch, der eine Militärmütze trug, nahm sie ihm aus der Hand
und las sie den versammelten Einwohnern laut vor.

Der Starost verneigte sich tief. Was auf jene wackeren Leute den
meisten Eindruck machte, war der Titel des Fürsten und seine
Eigenschaft als Parlamentsmitglied.

„Er ist Mitglied der italienischen Duma!“ hörten wir sie in
bewunderndem Tone wiederholen.

„Er ist ein Knjäs.“

„Er hat eine Podoroschnaja von der Regierung.“

„Es ist so gut, als wäre er ein Kurier des Kaisers!“

Der Starost fragte, was er tun solle. Der Fürst erwiderte ihm, er müsse
unbedingt vor Abend noch in Atschinsk sein. Er müsse daher sobald wie
möglich über den Fluß. Es wurde eine kurze Beratung unter den Muschiks
gehalten, an deren Schlusse der Alte mit einer Verbeugung erklärte,
er hoffe uns in einigen Stunden über den Kemtschug setzen zu können.
Inzwischen lud er uns ein, in seiner Isba zu warten, wo uns seine Frau
in den Ehrentassen Tee anbot.

[Illustration: Alter sibirischer Starost.]

Im nächsten Augenblick befand sich ganz Bolschaja unter den Waffen;
die Bauern versammelten sich am Flußufer, mit Äxten, Stricken, Eimern,
Spaten ausgerüstet. Hinter den doppelten Scheiben des Fensters
beobachteten wir mit Neugier dieses Leben und Treiben; die Anwesenheit
der Eimer befremdete uns. Der Starost befehligte die Arbeit, und bald
begriffen wir seinen Plan und damit auch den Zweck der Eimer. Man
wollte das gesunkene Boot heben, von dem eine Spitze aus dem Wasser
hervorragte. Einige Männer stiegen in den Fluß und befestigten die
Stricke an dem Fahrzeug; auf diese Weise konnte es mit leichter Mühe
in die Nähe des Ufers gezogen werden. Dann entleerte man es mittels
der Eimer und machte es wieder flott. Die Arbeit dauerte einige
Stunden. Rasch wurden dann Bretter und Balken nach dem Ufer gebracht
und mit der außerordentlichen Geschicklichkeit, welche die Muschiks
für Holzarbeiten besitzen, bauten sie in kurzer Zeit eine feste
Landungsbrücke.

Als alles fertig war, kamen wir eiligst heran. Das Automobil wurde
angeseilt und auf das Fährboot gezogen, und dieses begann seine Fahrt,
von den im Wasser stehenden Männern geschleppt, gestoßen und begleitet.
Das an ihm befestigte Seil war auf das andere Ufer geworfen worden,
wo eine große Schar von Männern daran zog. Auch die Ausschiffung ging
leicht vonstatten. Das Automobil wurde wie ein Triumphwagen von der von
Wasser und Schweiß triefenden, aber mit ihrem Erfolge zufriedenen Menge
an das Ufer gezogen.

Nachdem wir unter die wackeren Bewohner von Bolschaja eine
entsprechende Belohnung verteilt hatten, setzten wir um die Mittagszeit
unsere Reise unter herzlichen Abschiedsrufen fort. Die Straße wurde
etwas besser. Streckenweise begannen wir auf Steppengebiet zu stoßen.
Um 3 Uhr kam Atschinsk in Sicht, das 200 Kilometer von Krasnojarsk
entfernt ist.

Atschinsk taucht vor dem, der von Osten kommt, mit einem Male auf
und bietet einen ungemein malerischen Anblick dar. Man fährt durch
Birkenwäldchen, dann senkt sich die Straße, und in der Vertiefung
entdeckt man zwischen Bäumen die Kuppeln und Glockentürme der Stadt,
bald darauf auch die kleinen weißen Häuser, deren Dächer gegen einen
großen Fluß, den Tschulym, geneigt sind, jenseits dessen sich eine
unermeßliche Ebene im Dunste der Ferne verliert.

Vor den Toren von Atschinsk hatte sich eine Anzahl Bürger versammelt,
die uns ankommen sehen wollten. Sie hatten ihre Tarantasse unter
die Bäume gestellt und erwarteten uns am Rande des Weges. Ein
Polizeioffizier machte uns Zeichen durch Wehen mit dem Taschentuche.
Als er uns halten sah und fürchtete, daß er sich uns mit Worten nicht
verständlich machen könne, begann er eifrig mit ausdrucksvollen Gesten
das Essen, Trinken und Schlafen anzudeuten, mit einer Mimik, die die
Umstehenden sehr zu belustigen schien. Wir baten den Offizier, auf dem
Automobil Platz zu nehmen und uns an den Ort zu geleiten, wo man essen,
trinken und schlafen könne. Er schien sehr erstaunt zu sein, als er
sich russisch anreden hörte.

Das Gerücht von unserer Ankunft hatte sich in ganz Atschinsk
verbreitet. Die Leute standen am Fenster und liefen aus den Läden. Wir
kamen an niedrigen Gebäuden vorüber, die mit festen Gittern versehen
und von Schildwachen umgeben waren; es waren die bekannten Gefängnisse.
Auch hierher war die große Nachricht gedrungen. Die Sträflinge
erwarteten uns. Hinter den Fenstern drängten sich die geschorenen
Köpfe einer über dem andern, so daß sie wie übereinandergeschichtet
erschienen; Dutzende von Händen umklammerten krampfhaft die Eisenstäbe,
und auch im Halbdunkel des Innern war ein Aufleuchten gieriger Blicke
zu bemerken.

Wir wohnten in einer elenden Herberge aus Holz, die sich den stolzen
Titel „Hotel“ gab. Es war der beste Gasthof der Stadt. In der Nacht
kamen Männer und klopften an die Tür. Niemand öffnete, weil sich in
der Herberge niemand befand als wir. Ein junger Mann war spät abends
von draußen gekommen, um uns das Essen zu bringen, und war dann wieder
gegangen. Die Männer schrien, sie wollten ins Haus, und sie kamen auch
hinein; beim Scheine einer Kerze drangen sie in unsere Zimmer und
verlangten gebieterisch eine Schlafstätte. Es waren Kaufleute, in Pelze
gehüllt und mit Straßenschmutz bespritzt, die von irgendwoher gekommen
waren.

Es gelang uns aber, sie zu bewegen, ihr Heil anderwärts zu versuchen,
und lärmend entfernten sie sich wieder. Um 3 Uhr früh erschien der
junge Mensch mit einem angezündeten Samowar für unseren Tee. Dieser
Gasthof -- wenn ich mich recht entsinne, nannte er sich „Hôtel
d’Europe“ -- hatte sicherlich die sonderbarste Art der Bedienung, eine
Bedienung, die außerhalb des Hauses wohnte. Wenn uns die Polizei nicht
hergeführt hätte, so hätten wir glauben können, wir seien in einen
Hinterhalt geraten.

Um 3½ Uhr brachen wir schon wieder auf. Unsere Morgentoilette war
bald gemacht, da wir in den kleinen Städten angekleidet zu Bett gehen
mußten; in unsere Pelze gehüllt, lagen wir in den leeren Bettstellen,
mit einem Sacke als Kopfkissen. Wir beeilten uns, die Waschungen auf
dem Hofe unter großem Wasserverbrauch vorzunehmen, zur Überraschung der
Sibirier, die sich unter einer Art Tropfenzähler zu waschen pflegen,
der in einer halben Stunde ein Glas Wasser von sich gibt. Die Muschiks
nehmen, wenn sie einmal Lust haben sich zu waschen, den Mund voll
Wasser, um es zu erwärmen, spucken dann ein wenig davon auf die hohle
Hand und reinigen sich damit das Gesicht.

Der Polizeikommandant, bei dem wir am Abend den Tee eingenommen hatten,
hatte uns mitgeteilt, daß außer den Räubern, an die wir uns schon
gewöhnt hatten, noch eine andere Gefahr zu fürchten sei: die Sümpfe.
Wir müßten sorgfältig achtgeben, um die richtige Straße nach Mariinsk
einzuschlagen, wo wir am nächsten Tage, 9. Juli, übernachten wollten,
und uns nicht in den mäandrischen Sümpfen der Ebene des Tschulym zu
verirren. Um dieses Unglück zu verhüten, bot er einen Führer in der
Person seines Leutnants an, der uns auf die richtige Straße geleiten
sollte. In der Tat fuhr der Leutnant am Morgen in einem von zwei
prächtigen Pferden gezogenen Tarantaß uns voraus.

Der Himmel war regnerisch; es war kalt. Unterhalb der Stadt setzten
wir über den Tschulym auf einem der üblichen sibirischen Fährboote,
das aus einer von zwei Booten getragenen Plattform bestand und einem
breiten Flosse glich, und fuhren dann, belästigt von wahren Wolken
von Insekten, über die niedrige, grasbewachsene Ebene, die hier und
da mit Binsen bedeckt ist, den Anzeichen sumpfigen Bodens. Der Weg
war morastig, aber nicht schwierig. Es behagte uns nicht, langsam
hinter dem Tarantaß herzufahren, und wir standen schon im Begriff,
ihn zu überholen und uns von dem bärtigen Offizier, unserem Führer,
zu verabschieden, fest davon überzeugt, den Sümpfen des Tschulym sehr
wohl die Stirn bieten zu können, nachdem wir über die des Chara-gol
triumphiert hatten, als das Automobil plötzlich anhielt und sich nach
einer Seite neigte.

Wir waren steckengeblieben. Die Sümpfe des Tschulym forderten
gebieterisch unsere Aufmerksamkeit.



Sechzehntes Kapitel.

Das gelehrte Tomsk.

     Auf dem Wege nach Mariinsk. -- Im Morast. -- Unsere Freunde die
     Muschiks. -- In Rucken und Stößen. -- Entmutigung. -- Das „große
     Tier“. -- Im Gebüsch steckengeblieben. -- Tomsk. -- Nach Kolywan.
     -- Der Ob und seine Sümpfe. -- Kolywan.


Das Automobil war mit den Hinterrädern eingesunken. Ettore, der am
Steuer saß, bemerkte bedauernd:

„Wenn ich rascher gefahren wäre, wäre ich vielleicht darüber
hinweggekommen.“

Überzeugt, daß die Schuld auf seiner Seite läge, wollte er sich ohne
Hilfe befreien, indem er den Motor in heftigen Rucken antrieb, bald
vorwärts, bald rückwärts. Aber die Räder glitten aus, drehten sich
in den Löchern und wühlten sich tiefer ein, so daß uns, die wir zu
schieben versuchten, Spritzer schwarzen Schlammes auf den Rücken und
ins Gesicht flogen.

„Es ist nutzlos! Wir brauchen Hilfe!“ rief Don Scipione.

Der Offizier ließ den Tarantaß wenden und jagte der Stadt zu, um
Leute und Balken zu suchen. Eine Stunde später langten Gendarmen an,
Soldaten, alle bewaffnet, die von einer Wachabteilung hergeschickt
worden waren; sie wurden von einem hünenhaften, bärtigen Sergeanten
befehligt, der aussah wie ein napoleonischer Sappeur. Es kamen auch
Schiffer vom Tschulym mit Brettern. Es bedurfte zweier voller Stunden,
bis die schwere Arbeit glückte, die Maschine zu heben und aus dem
Sumpfe zu ziehen.

Wieviel verschiedene Menschen hatten wir schon an dem Automobil
arbeiten, es schieben, ziehen, heben gesehen! Wieviel Sprachen hatten
dieselben Gedanken im Keuchen der Anstrengung ausgedrückt, wieviel
Wille hatte sich mit dem unseren vereinigt! Die Schar jener russischen
Soldaten mit den charakteristischen großen Kapuzenmänteln, die wie
Mönchskutten aussahen, mit den gewohnten flachen Mützen, mit den hohen,
plumpen Stiefeln, den Patronentaschen am Gürtel, den langen Säbel
an der Seite, alle rings um die große, graue Maschine beschäftigt,
gehorsam dem Befehle des riesenhaften Sergeanten, gegen die Speichen
der Räder gestemmt: diese Schar machte einen kriegerischen Eindruck.
Man konnte an eine Schlachtepisode, an die Rettung einer seltsamen
Kanone denken!

Wir durchquerten hierauf die weite Ebene ohne weitere Zwischenfälle
und gelangten in endloses, wellenförmiges Gelände mit bald kahlen,
bald waldigen Hügeln. Je weiter wir kamen, desto weniger fahrbar war
die Straße: überall gab es Löcher, Furchen, Gräben. Wir wählten daher
bald den einen, bald den andern Feldweg, infolge der beständigen
Selbsttäuschung des Menschen, daß die Stelle, an der er sich nicht
befindet, die bessere sei. Wahrscheinlich entspringt der Neid aus
dieser Täuschung. Mitunter verloren wir den Weg und mußten bis zum
letzten Dorfe zurückkehren, um ihn wiederzufinden. Immer hielt uns
die Hoffnung aufrecht, im nächsten Augenblick auf jene vortreffliche
Heerstraße zu gelangen, die sämtliche Landkarten uns verhießen und die
zu suchen wir herb enttäuscht 2000 Kilometer durchfuhren. Je länger
wir sie vergebens suchten, für desto näher hielten wir sie; in der
großen Entfernung, die wir zurückgelegt hatten, ohne auf sie zu stoßen,
erblickten wir einen unwiderleglichen Beweis für ihre unmittelbare Nähe.

[Illustration: Eine Panne auf einer sibirischen Straße.]

Die Landschaft nahm den Charakter ermüdender Eintönigkeit an, überall
Steppe mit Gruppen von Blumen und Birken und kleinen Sümpfen. An
einer blumenreichen Stelle mußten wir anhalten, um eine Pneumatik zu
wechseln, wobei sich einige Muschiks um uns versammelten, die mit
ihren Telegas vorüberkamen. Sie wohnten der Verrichtung mit großem
Interesse bei, befühlten den Gummi, sprachen untereinander, befühlten
ihn wieder; das Aufblasen mittels der Luftpumpe wurde von ihnen mit
überzeugten Ausdrücken gebilligt. Aus ihren Gesprächen entnahmen wir,
daß sie sich eine sehr sonderbare Ansicht über das Automobil gebildet
hatten, die gleich nach der der Chinesen von dem eingeschlossenen
Pferde kam, eine Ansicht, die, wie wir später unter andern Umständen
fanden, eine der natürlichsten für die Denkungsweise des Muschiks
war. Das, was ihm am Automobil am meisten auffiel, war die Dicke der
Gummireifen, und in diesen Reifen erblickte er das ganze Geheimnis der
Bewegung. In den Gummireifen liegt die Kraft, die Geschwindigkeit; sie
enthalten die wunderbare Maschine, die die Räder dreht; deswegen sind
diese auch so groß. Der Chinese ist grüblerisch, der Slawe schlicht;
der eine hat zuviel Einbildungskraft, der andere zuwenig. Der Muschik
ist dem Wahrscheinlichen stets näher; man könnte sagen, er sieht die
Dynamomaschine im Geiste vor sich.

Um 5 Uhr abends setzten wir auf einer Fähre vor der Stadt Mariinsk
über den Kija. Trotzdem er den Anschein eines großen Flusses hat,
ist der Kija doch nur ein Nebenfluß des Tschet, eines Nebenflusses
des Tschulym. Es handelte sich im Grunde um einen seichten Fluß; er
führte aber Hochwasser und erschien uns ziemlich ansehnlich. Das andere
Ufer stand voller Menschen. An ihrer Spitze befand sich der Pristaf,
ein schöner, alter, mit dem Andreaskreuze geschmückter Mann, der uns
feierlich begrüßte. Nachdem er uns willkommen geheißen hatte, bat er
uns, langsam, sehr langsam in den Ort einzufahren. Fürst Borghese
beruhigte ihn, es würden keine Unglücksfälle vorkommen.

„Nein, nein, ich weiß es“, erwiderte der Pristaf mit höflichem Lächeln.
„Ich ersuche Sie nur, langsam zu fahren, damit die meiner Leitung
unterstehenden Bürger Sie mit voller Bequemlichkeit bewundern können.“

Diese Bitte des väterlichen Gebieters der Stadt war völlig zwecklos,
da die Straßen von Mariinsk sich in einem solchen Zustande befanden,
daß sie uns von selbst zu prozessionsmäßig feierlichem Fahren
nötigten. Die Menge umringte uns, die Knaben natürlich in erster
Reihe, und zwischen den Fußgängern bewegten sich Reiter und Droschken
mit dem aristokratischeren Teile der Bevölkerung. Wir wurden in ein
„Semstwoskaja Dom“ geleitet, nachdem wir von früh 3½ Uhr bis abends
½6 Uhr, das heißt in vierzehn Stunden ununterbrochener Fahrt, 160
Kilometer zurückgelegt hatten, also nicht ganz 11½ Kilometer in der
Stunde. Am nächsten Tage sollten wir allerdings noch weniger leisten.

Wir erhoben uns um 2 Uhr und brachen um 3 Uhr auf. Wir hatten die
Stunde der Abfahrt immer früher angesetzt, um von der Klarheit der
Nacht -- denn das schöne Wetter zur Nachtzeit hielt an -- und von der
beständigen Helligkeit Nutzen zu ziehen. An diesem Tage, 10. Juli,
wollten wir gegen 1 oder 2 Uhr das 237 Kilometer entfernte Tomsk
erreichen und uns auf diese Weise fast einen halben Tag Ruhe gönnen.
Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt, und seine Beschlüsse sind
bekanntlich unwiderruflich.

Die Straße war anfangs gut, zuletzt aber schauderhaft. Ich habe schon
gesagt, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie schlecht die
sibirische Straße bei Regenwetter ist, und doch gibt es vom Standpunkt
des Automobilsports aus noch etwas Schlimmeres: das ist die sibirische
Straße nach dem Regen. Wenn es regnet, ist der Morast tief, aber weich
und flüssig, das Fahren gleicht dem Passieren einer Furt; die Räder
gleiten, rutschen, schleifen über den Boden hin, sie tun alles eher als
sich drehen, aber sie bleiben nicht stecken. Hat es jedoch aufgehört
zu regnen und die Straße beginnt zu trocknen, so wird der Morast
klebrig, das Automobil versinkt und kann nicht weiter. Einsinken ist
viel schlimmer als Gleiten. Wir teilten die unangenehmen Zwischenfälle
unserer Reise nach ihrer Schwere in vier Grade: Umstürzen, Einsinken,
im Sande stecken bleiben, Gleiten. Das Einsinken war ein Unfall zweiten
Grades. Auf der Straße nach Tomsk hatten wir nicht weniger als achtmal
diesen Unfall zweiten Grades zu bestehen.

[Illustration: Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des
Automobils.]

Die Sonne war daran schuld. Buchstäblich. Am Morgen begrüßten wir
mit Freuden einen Umschwung der Witterung. Der Wind drehte sich,
die am Horizont aufsteigenden Wolken zerrissen und trieben in
weißen Fetzen über den klaren Himmel fort, und die Sonne ging auf,
strahlend, rein, warm. Schon gegen 5 Uhr begann der Morast bedrohlich
zu werden. Wir merkten, wie die Maschine sich anstrengen mußte, um
nicht steckenzubleiben, und wußten kein anderes Mittel dagegen als die
Schnelligkeit. Wir fuhren in Sprüngen. Aber innerhalb der Dörfer war es
wegen der Hindernisse, der quer über den Weg gelegten Bretter und der
frei umherlaufenden Tiere, unmöglich, rasch zu fahren. Wo der Morast
am tiefsten war, sanken wir mit erbitternder Regelmäßigkeit ein und
blieben zwischen den Häusern lange Zeit im Schmutze stecken.

In Tomsk erzählte ein glaubwürdiger Beamter Pierre Leroy-Beaulieu, dem
bekannten Erforscher des zeitgenössischen Rußlands, von einem Ochsen,
der zur Zeit der Schneeschmelze vor der Tür seines Stalles im Morast
ertrunken sei. Ich führe einen so hervorragenden Gewährsmann an, weil
die Tatsache unglaublich erscheinen könnte, während sie im Grunde
keine Übertreibung enthält. Es genügt, durch Sibirien zu reisen, um
sich davon zu überzeugen. Im Schmutze der Dörfer ertrank auch unsere
Geduld. Die Bewohner legen, um sich einen Weg zu schaffen, Bretterstege
längs der Häuser an, und um den Wagen das Durchkommen zu erleichtern,
werfen sie Reisigbündel, Baumzweige und Stroh auf den Morast. Aber
diese Füllmittel gaben unter der Last des Automobils nach. Auf manchen
Straßen, zweifellos den besten, sind Baumstämme querüber gelegt, so daß
eine Art einfacher Pflasterung entsteht, die wir mitunter auch fern
von den Dörfern antrafen; unsere arme Maschine schnellte dann in einem
fort in die Höhe und drohte jeden Augenblick in Stücke zu brechen.
Aber in den Dörfern fanden wir zum Glück dicht neben dem Übel auch das
Heilmittel: die Bewohner erwiesen sich stets freundlich und hilfsbereit.

Wären die Muschiks wirklich jene Räuber, als die sie geschildert
werden, so hätten sie uns hundertmal in voller Seelenruhe ausplündern
können. Wir haben in ihnen Freunde gefunden voller Gutmütigkeit,
Selbstverleugnung, Schlichtheit, Klugheit und Unermüdlichkeit. Die
Frauen glaubten freilich, unser Wagen werde vom Teufel in Bewegung
gesetzt, und machten wiederholt mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes;
aber die Männer zeigten keine Furcht vor ihm, namentlich wenn der
Teufel ihnen Gelegenheit bot, einige Rubel zu verdienen.

Mit Hilfe der Bauern stellten wir gewaltige Hebel her, die die Maschine
in die Höhe hoben und gestatteten, Steine oder Holzklötze unter die
Räder zu legen. Diese Rettungsarbeiten dauerten immer einige Stunden.

Fern von den Dörfern, ohne Hoffnung auf rasche Hilfe, war unsere Lage
beängstigend. Das Automobil war dermaßen mit Schmutz bedeckt, daß
der Zutritt der Luft zum Kühlapparat unmöglich geworden war. Der zu
angestrengter Tätigkeit genötigte Motor erwärmte sich und strömte eine
glühende Hitze aus; er drohte zu schmelzen. Mitten zwischen soviel
Schlamm fanden wir kein Wasser, um den Kühlapparat neu zu füllen, der
aus dem Verschlußventil unter Pfeifen Dampfwolken ausstieß. Wenn dieses
Ventil geöffnet war, in der Hoffnung, das die Zylinder umspülende
Wasser abzukühlen, so stieg eine hohe Säule kochenden, dampfenden
Wassers daraus empor, ein wahrer Geiser, der uns zurückfahren ließ und
uns zwang, das Gesicht mit dem Arme zu bedecken. Wir mußten mit dem
Spaten im Morast herumgraben, Löcher aushöhlen und warten, bis sich
etwas erdiges Wasser angesammelt hatte, um ein Glas auf einmal schöpfen
zu können. Und mit diesem zähen Schlamme füllten wir den Kühlapparat
von neuem. Der Benzinverbrauch war riesig; der Akzelerator mußte
unausgesetzt in Tätigkeit sein; wir waren stets von Wolken weißen,
scharfriechenden Dampfes umgeben.

[Illustration: Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.]

Über die Gräben ging es im Fluge hinüber, da wir den mit Morast
bedeckten Grund fürchteten. Dann richtete sich das Automobil mit den
Vorderrädern in die Höhe und schlug heftig auf den Boden auf. Bei
einem dieser Sätze hörten wir einen metallischen Klang, als ob etwas
zerspränge. Der hintere Teil des Automobils war mit solcher Kraft auf
den Boden aufgestoßen, daß der Benzinbehälter auf der Erde schleifte
und die eiserne Hülle abgestreift wurde wie eine Orangenschale.
Stundenlang schwiegen wir. Ein erster trüber Schatten des Zweifels
legte sich über unsere Siegeshoffnungen.

Bisher hatten wir uns der Täuschung hingegeben, jede sich darbietende
Schwierigkeit, jede Gefahr sei die letzte. Wir glaubten, die Reise
bei dem schlechten Ende begonnen zu haben, und daß, je weiter wir
vorwärtskämen, alles desto leichter gehen müsse. Jetzt bemerkten wir
aber, daß sich die Hindernisse steigerten. Noch nie hatten wir eine so
schlechte Straße angetroffen, und wir befanden uns noch kaum in der
Mitte Sibiriens! Jeden Tag arbeiteten wir, ohne uns Ruhe zu gönnen,
sechzehn, achtzehn Stunden unermüdlich, um über diese niederträchtigen
Strecken hinwegzukommen. Würde aber das Automobil solchen Anstrengungen
gewachsen sein, für die es nicht geschaffen war? Die Maschine selbst
war ja noch unversehrt, aber die Karosserie war bei den Stößen und
Rucken aus den Fugen gegangen, der Zusammenhang ihrer Teile war
gelockert, sie schwankte hin und her, und wir fühlten unter unseren
Füßen das Auseinanderweichen der Bretter. Die Behälter drohten von
ihren Plätzen herabzufallen. Ich fragte den Fürsten schließlich:

„Kann das noch lange so fortgehen?“

„Nein“, entgegnete er.

„Wie lange kann das Auto noch Widerstand leisten?“

„Höchstens 500 Kilometer.“

In diesen Augenblicken der Entmutigung waren wir überzeugt, daß uns
noch Tausende von Kilometern ebenso schlechter Wege erwarteten. Es war
also zu Ende!

Wir überwachten den Gang des Automobils mit einer Furcht, die nicht
frei von Zuneigung war. Wir hatten schließlich diese Maschine, die
uns trug, liebgewonnen. Wir betrachteten sie beinahe wie ein lebendes
Wesen, nannten sie „unser großes Tier“, riefen ihr „Bravo!“ zu,
wenn sie die Schwierigkeiten überwand, bedauerten sie, wenn sie im
Straßenschmutze steckenblieb, spornten sie bei steilen Aufstiegen mit
ermunternden Worten an, als sei sie ein Pferd. Seit einem Monat hatten
wir sie keinen Augenblick verlassen, wir lebten mit ihr, und unsere
Ermüdung schien auch die ihre zu sein. Ein solch inniges Verhältnis
hatte uns mit ihrer Natur bekannt gemacht, daß alle Geräusche und
Töne ihrer Bewegungen uns vertraut waren und wir die geringste
Unregelmäßigkeit sofort wahrnahmen. Wir horchten stets mit größter
Angst auf das Schnaufen des Motors und spähten nach dem gefürchteten
ersten Anzeichen einer Erkrankung.

[Illustration: In der Nähe von Tomsk eingesunken.]

Um 7 Uhr abends trafen wir auf eine kurze Strecke guten Weges und
gaben die Hoffnung nicht auf, Tomsk zu erreichen. Die Stadt war noch
54 Kilometer entfernt. Um 9, um 10 Uhr konnten wir uns in einem ihrer
großen Hotels befinden. Da kam ein kleiner Sumpf auf dem Grunde eines
breiten Grabens in Sicht. Keine Möglichkeit, ihn zu umgehen. Rechts
und links dichter Wald von Birken und Tannen -- ein versprengtes Stück
Taiga. Der Fürst stieg ab, um das Gelände zu prüfen, watete in den
Sumpf hinein und fühlte, wie seine Füße im Moraste versanken. Es gab
kein anderes Mittel als Eile.

Das Automobil fuhr zurück, nahm einen Anlauf, schoß in den Graben
hinein, den Morast mit seinen Vorderrädern zerteilend, und stürmte
mit einem furchtbaren Katzensprunge weiter. Schon glaubten wir die
Gefahr vorüber, als wir uns festgehalten fühlten, während der Motor
fortarbeitete. Die Maschine war nicht ganz hinübergekommen, die
Hinterräder waren bis an die Ränder eingesunken. Sie saßen fest und
unbeweglich wie in einem Schraubstock, und weder der Anstrengung des
Motors noch der Kraft unserer Arme gelang es, sie von der Stelle zu
rücken.

In der Entfernung von drei Kilometern mußte ein Dorf liegen:
Turuntajewa. Don Scipione ließ uns zur Bewachung des Automobils zurück
und machte sich auf den Weg, um Hilfe zu holen. Nach einer Stunde sahen
wir ihn zurückkommen in Begleitung von zehn Muschiks, die vier Pferde
führten. Die Bauern hatten ihm auf seine ersten Bitten nicht folgen
wollen, bis er dem Starosten seine wundertätigen Schriftstücke gezeigt
hatte.

Die Pferde wurden angespannt und zogen, und die Männer zogen mit, aber
alle ihre Anstrengungen waren vergebens. Die Muschiks zerstreuten sich
daher im Walde, um Bäume zu fällen und sie zu Hebeln zurechtzuhauen.

Gegen 9½ Uhr machten wir uns von neuem an die Arbeit. Mit Hilfe der
Hebel war die Befreiung leicht. In wenig mehr als einer halben Stunde
konnten wir unsere Fahrt fortsetzen, um in dem Dorfe Turuntajewa im
Hause einer alten Bäuerin zu übernachten.

Heute hatten wir den ersten Monat unserer Reise vollendet!

Früh 3 Uhr verließen wir Turuntajewa. Nach Zurücklegung von etwa 20
Kilometern gelangten wir in ein großes Dorf: Chaldejewa. Bevor wir es
durchfuhren, wollten wir seinen Straßenschmutz kennen lernen und fanden
ihn unpassierbar. Wir klopften an die Isba des Starosten und baten ihn,
uns fünf starke Zugpferde zu beschaffen.

In diesem Augenblick kam ein von zwei Pferden gezogener Tarantaß an,
und heraus stieg ein Polizeioffizier, der uns diensteifrig fragte, was
vorgefallen sei.

„Nach Tomsk,“ erklärte er uns, „ist das Gerücht gedrungen, Sie seien
angefallen worden. Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, hat mir heute
nacht den Befehl erteilt, unverzüglich aufzubrechen, um Sie zu suchen.
Und so bin ich denn bis hierher gelangt, nachdem ich von Dorf zu Dorf
gefahren bin. Ich freue mich, daß Sie gesund und wohlbehalten sind.“

Zwei Stunden später erblickten wir die goldfunkelnden Kuppeln von
Tomsk, die sich von dem dunkeln Hintergrund der Wälder abhoben.

Der Chef der Polizei, umgeben von seinen Offizieren, erwartete uns am
Eingange von Tomsk und begrüßte uns herzlich.

„Der Gouverneur erwartet Sie“, sagte er dann. „Er wünscht Sie sofort zu
sprechen.“

„In diesem Aufzuge?“ fragten wir und deuteten auf unsere beschmutzten
Kleider und unser staubiges Gesicht.

„So, gerade so! Er will Sie bewillkommnen. Ich geleite Sie zu ihm.
Folgen Sie mir nur.“

Er stieg in eine glänzende Equipage, die von einem hünenhaften Kutscher
in blauem Armiak gelenkt wurde. Die Fahrt war entsetzlich. Die Straßen
der geistigen Hauptstadt Sibiriens gaben denen von Chaldejewa nichts
nach, und wir waren mehrmals in Gefahr, schmählich Schiffbruch zu
leiden. Aber trotz der Niederträchtigkeit seiner Straßen erschien
uns Tomsk bewundernswert, elegant, großartig, vielleicht infolge
des Kontrastes zur Taiga. Wir fuhren über Märkte, die gedrängt voll
Menschen standen, genau wie in Irkutsk. Je weiter wir aber in das
Innere der Stadt kamen, desto mehr verlor sie die charakteristischen
Eigentümlichkeiten sibirischer Städte, sie verfeinerte sich; wir
erblickten moderne Paläste, große Magazine, Speicher und dann ein
prunkvolles Hotel, wo wir später Wohnung nahmen.

Tomsk unterschied sich unserer Meinung nach nicht von den vielen großen
Städten des europäischen Rußlands, sein Leben und Treiben konnte den
Anschein erwecken, als befänden wir uns in einer der Vorstädte von
Petersburg. Da fuhren die raschen Droschken mit dem schmalen Sitze
ohne Lehne, auf dem man sich, wenn man zu zweien fährt, gegenseitig
mit den Armen umfassen muß, Lastwagen, Zweiräder. Auf den Trottoirs
spazierten -- ein unerwarteter Anblick -- elegante sibirische
Damen in Sommertoiletten. Tomsk schien uns in der Tat den Ruf der
aristokratischen Stadt, den es genießt, zu verdienen.

Die sibirische Eisenbahn hat die Stadt weit abseits liegen lassen
und sie vielleicht in ihrem Handel geschädigt. Aber Tomsk führt ein
gewählteres Leben: es ist der große geistige Mittelpunkt Sibiriens.
Die ganze wißbegierige Jugend strömt in seine schöne Universität, die
nach Art der amerikanischen Universitäten isoliert in einem malerischen
Birkenhain liegt, zwischen dessen Zweigen man die kleinen zierlichen
Häuschen der Studenten erblickt. Aus ganz Sibirien strömt die Jugend
auch in die moderne Technische Schule wie nach der großartigen
Bibliothek. Man nennt die Stadt „das gelehrte Tomsk“.

Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, empfing uns mit
freundschaftlicher Gesprächigkeit und lud uns zum Frühstück und zum
Diner ein. Wir brachten viele Stunden in seinem Palaste zu, in dessen
Salons die großen Kamine wie mitten im Winter geheizt waren, und wo wir
das wohlige Gefühl hatten, von der rauhen Einsamkeit auszuruhen. Der
Oberst zeigte uns seine Bären im Garten; sein Sohn führte uns herrliche
Pferde vor, prächtige Exemplare des heimischen, in Rußland berühmten
Schlages, und die Baronin ließ uns ihre Damhirsche bewundern, die ihr
das Futter aus der Hand nahmen. Am Torgitter des Palastes standen
die Bittsteller: bei einem Streite verwundete Zigeuner, Muschiks,
die Beschwerden vorzubringen hatten, eine zerlumpte, schweigende,
geduldige, hartnäckige Schar, die nichts von einer Unterredung mit
den Beamten und Offizieren wissen, die den Gouverneur selbst sprechen
wollte und auf die Audienzstunde wartete. Der Gouverneur näherte
sich dem Tore, hörte die Klagen an und schickte die Leute mit den
Worten nach Hause: „Wir wollen sehen!“ Und die Menge zerstreute sich,
zufrieden, mit „_ihm_“ gesprochen zu haben.

[Illustration: Das Fährboot mit Pferdebetrieb.]

Baron von Nolcken, ein sympathischer Vertreter des Adels, wenn ich
nicht irre, von deutscher Herkunft, hat das Gesicht voller Narben.
Sie sind ein Andenken an die Revolutionäre. Vor zwei Jahren, als
er Vizegouverneur von Warschau war, erhielt er Drohbriefe und fand
auf seinem Schreibtische sein von den Revolutionären beschlossenes
Todesurteil. Eines Abends wurde er überfallen, verwundet und als tot
auf der Straße liegengelassen; er hatte 42 Wunden erhalten. Er wurde
aber geheilt und dann zum Gouverneur der Provinz Tomsk ernannt, die so
groß ist wie das Deutsche Reich. Die Gouverneurstellungen in Sibirien,
die einstmals als Strafposten betrachtet wurden, sind jetzt am meisten
umworben und werden als Belohnung verliehen. Gefahrvoll sind auch sie
-- der Gouverneur von Omsk wurde im vorigen Jahre mitten auf der Straße
samt zwei ihn begleitenden Gendarmen ermordet --, aber immerhin weniger
gefährlich als die im europäischen Rußland, wo ein wahres Blutbad unter
den Gouverneuren angerichtet wird. Auch der Polizeikommandant von Tomsk
hat den Nihilismus kennen gelernt; auch er kam aus Warschau.

„Es würde sich in Warschau ganz nett leben lassen,“ sagte er, als er
uns seine Erlebnisse erzählte, „aber in diesem schönen Orte wird zuviel
geschossen!“

In geringer Entfernung vom Sitze des Gouverneurs liegen die Ruinen
eines großen Palastes. Es war ein prächtiges Theater, das ein reicher
Kaufmann geschenkt hatte und das vor zwei Jahren von meuternden
Soldaten in Brand gesteckt worden war. Da sie den Gouverneurspalast
nicht zerstören konnten, zündeten sie wenigstens einen der
Nachbarpaläste an. Es gab nach dem Kriege eine Zeit, in der das ganze
Reich in Stücke zu gehen drohte. Die Welt vernahm nur ein undeutliches
und unvollständiges Echo dieses Beginns der Katastrophe. In Irkutsk,
in Krasnojarsk, in Tomsk, in Omsk stellten Telegraph und Post die
Tätigkeit ein, die Züge mußten von treugebliebenen Soldaten geführt
werden, aus der Mandschurei zurückkehrende Truppen trugen die Schrecken
des Krieges auf den Boden des eigenen Vaterlandes, der Handel stockte,
alle Geschäfte und Häuser waren verbarrikadiert, die großen Städte
schienen ausgestorben zu sein. Und all dies geschah dort draußen
nicht, um einem Ideal zum Siege zu verhelfen, um einen politischen
Kampf auszufechten. Das war keine Revolution; es war eine weit weniger
verwickelte Erscheinung: Hunderttausende von Menschen hatten im Kriege
das Morden und Verwüsten gelernt und befolgten auch nach den Schlachten
die erhaltenen Lehren!

Als wir spät abends ins Hotel zurückkehrten, begegneten wir auf der
öden, vom rosigen Schimmer der sibirischen Nacht beleuchteten Straße
Regimentern, die aus dem Lager kamen. Die Soldaten sangen auf dem
Marsche ihre Lieder und in den Gewehrläufen trugen sie Sträußchen von
Feldblumen.

Am folgenden Tage, 12. Juli, früh 4 Uhr verließen wir Tomsk bei einem
Wetter, das immer noch drohend aussah. Vor uns her galoppierten zwei
Kosaken, die den Befehl erhalten hatten, uns den Weg aus der Stadt zu
zeigen. Eine Anzahl von Velozipedisten und Motorradfahrern gab uns das
Geleit.

Wir hofften nicht mehr auf das Wiedererscheinen der Sonne. Nach dem
960 Kilometer entfernten Omsk zu gelangen, gleichviel wann, erschien
uns als ein unerreichbarer Wunsch. Oberst von Nolcken hatte uns ein
Verzeichnis der bedeutendsten Dörfer auf unserer Route, in denen wir
haltmachen könnten, zusammenstellen lassen. Wir rechneten auf eine
Tagesleistung von nicht mehr als 150 Kilometern. Wer hätte glauben
können, daß die Sonne uns begleiten würde, anfangs schüchtern,
bleich, zögernd und, kaum zum Vorschein gekommen, sich sofort wieder
versteckend. Und daß diese Sonne immer kühner, wärmer werden würde,
bis sie endlich mit sengender Glut auf uns niederbrannte, den Schmutz
trocknete, die Straße hart machte und uns sichere Bahn für unsere Fahrt
verschaffte? Nein, wir rechneten auf Regen!

Unser seltsamer Aufzug verließ die Stadt und hielt wenige Minuten
später auf dem rechten Ufer des Tom, der, breit wie ein Meeresarm, im
Nebel dahinströmte.

„~Regardez ici, Messieurs!~“ befahl uns eine gebieterische Stimme.

Es war ein Photograph von dem Aussehen eines Kavallerieoffiziers a.
D., der, unterstützt von seiner Frau, einen riesigen photographischen
Apparat aufgestellt hatte und uns nun seit wer weiß wieviel Uhr hier
auflauerte. Wir sahen hin. Er wechselte seine Platte und befahl uns:

„~Ne bougez pas!~“

„Wir haben aber Eile!“

„~Moi aussi!~“

Wir setzten über den Tom auf dem sonderbarsten Fährboot der Welt. Es
wurde von vier Pferden in Bewegung gesetzt, die auf dem Vorderteile des
Bootes in einem Göpelwerk im Kreise herumtrabten und dadurch einfach
gebaute, klappernde und träge Schaufelräder in Bewegung setzten.

Um 5 Uhr verließen wir das seltsame Pferdeschiff und fuhren längs
des linken Ufers des Tom südwärts. Nach einer Fahrt von etwa 20
Kilometern in einer hügeligen Landschaft gelangten wir in einen
prächtigen Wald von riesigen Tannen, dem letzten Ausläufer der dunkeln,
überwältigenden, düsteren Taiga. Es drängte uns, sie zu verlassen.

[Illustration: Sibirische Fährleute.]

Nach vier Stunden wurden die Baumgruppen immer seltener. Über die
grüne Monotonie der Steppe verstreut, erinnerten sie an die letzten
Wölkchen eines vorübergezogenen Gewitters. Das Gelände glättete sich
und wurde beinahe zur Einöde. Wir stießen auf wenige Dörfer und
gelangten dann auf das rechte Ufer des Ob, der noch breiter, langsamer,
träger und melancholischer ist als der Tom. Das andere Ufer ist so weit
entfernt, daß es nur als ein grüner Streifen am Horizont erscheint. Das
Trajektboot, das ebenfalls von Pferden getrieben wird, brauchte lange
Zeit zur Überfahrt. Die Fährleute teilten uns mit, daß wir 30 Kilometer
weit Sumpfboden antreffen würden.

Wir haben diese gefährliche Sumpfgegend in eigenartiger,
außergewöhnlicher Weise passiert.

Am Ufer erwartete uns der Pristaf von Kolywan, der auf Befehl des
Gouverneurs uns den Weg zeigen sollte. Ein mit drei Pferden bespannter
Tarantaß, der von einem kirgisischen Kutscher gelenkt wurde, wartete
auf ihn. Er sprang hinein und ersuchte uns, ihm mit der größten
Aufmerksamkeit zu folgen.

[Illustration: Auf dem Wege zwischen Tomsk und Kolywan eingesunken.]

„Wenn Sie auch nur einen Schritt vom richtigen Wege abweichen,“
erklärte er, „sinken Sie ein. Ich versichere Sie, Sie werden rasch
geführt werden.“

In der Tat peitschte der Kirgise unbarmherzig auf die Pferde; die
Troika rasselte in wilder Karriere davon und wir hinterher. Es war
ein verzweifeltes Jagen durch hohe Gräser und Stauden, zwischen
denen breite Flächen stehenden Wassers erglänzten. Nach fünf Minuten
erblickten wir einen Seitenpfad, der uns viel besser vorkam als der,
auf dem wir fuhren; wir bogen in ihn ein -- und versanken!

Zum Glück waren wir noch in der Nähe des Ob. Als jeder Versuch, die
Maschine mit Hilfe der drei Pferde freizubekommen, gescheitert war,
wandte sich der Kirgise kurz entschlossen dem Flusse zu und rief Leute
herbei. Es kamen Muschiks und Bootsleute, und in weniger als einer
halben Stunde waren wir aus dem Sumpfe wieder heraus.

„Ich habe es Ihnen ja gesagt, Knjäs Borghese,“ rief der Pristaf; „Sie
sollten mir folgen!“

Von diesem Augenblicke an folgten wir ihm mit der Treue eines Hundes.
Die Troika beschrieb phantastische Bogen; zeitweise verschwand sie
hinter Strauchwerk, Büscheln von Sumpfpflanzen, Zwergweiden und Binsen;
dann leitete uns der Klang der Glocke an der bogenen Duga, unter der
das Mittelpferd seinen Hals im Laufe vorstreckte; auch leiteten uns
die Peitsche und die Pelzmütze des Kirgisen, die wir über den Pflanzen
dahinschwebend erblickten. Oft spritzte das Wasser unter den Rädern
empor, und wir fühlten, wie das Automobil leicht einsank; aber die
Geschwindigkeit rettete uns. Dies rasende Dahinstürmen hatte etwas
Romantisches an sich. Wir empfanden das Vergnügen einer Jagd.

Alle zehn Kilometer fand die Troika frische Pferde und einen neuen
Kutscher vor. Der Wechsel vollzog sich mit Blitzesschnelle; wir
brauchten fast nicht zu warten. Wir setzten auf einer alten, aus den
Fugen gegangenen Barke über einen kleinen Fluß und mußten im Verein mit
dem Pristaf und den Muschiks hart arbeiten, um den Landungssteg, der
unter der Last des Automobils zusammenzubrechen drohte, zu verstärken.
Jenseits begann das Gelände wellig zu werden. Das Sumpfgebiet war zu
Ende. Gegen 7 Uhr sahen wir spitze Glockentürme über die flache Linie
des Horizonts emporragen. Eine halbe Stunde später trafen wir in
Kolywan ein.

Die Bevölkerung erwartete uns wie in Mariinsk. Sie hatte den Ort zu
Fuß, zu Pferde und in Telegas verlassen. Auch der Polizeimeister war
erschienen und stand allein in der Mitte eines Kreises, den man aus
Respekt freigelassen hatte. Er hatte uns kaum gesehen, als er auch
schon auf uns zuschritt, um uns offiziell anzureden. Aber unvermutet
wurde unser feierlicher Einzug durch einen einzigartigen Zwischenfall
gestört.

Hunderte von Rindern kehrten vom Felde nach ihren Ställen zurück mit
der Geschwindigkeit von Tieren, die nach Hause wollen, als ...

Aber es ist besser, ich erwähne erst die Gewohnheit der sibirischen
Rinder, die die beste soziale Erziehung verrät. Die Weiden in Sibirien
gehören fast alle der Gemeinde, sie sind Kollektiveigentum. Am Morgen
öffnen die Bewohner die Ställe, und die Rinder wandern vor das Dorf,
um gemeinsam das Gemeindegras abzuweiden; abends kehrt die Herde in
geschlossenem Zuge nach dem Orte zurück, wie es Kinder tun, wenn sie
aus der Schule kommen. Sobald die Herde in der Stadt ist, trennt
sich jedes Rind von seinen Gefährten und geht von selbst nach Hause;
es findet seinen Stall offen und geht hinein; die Herde wird immer
kleiner, bis nur noch ein einziges Rind übrigbleibt, das letzte, das im
letzten Hause verschwindet.

Wir langten in Kolywan gerade während der abendlichen Heimkehr der
Rinder des Ortes an. Sie scheuten vor dem Automobil, stürmten in den
Ort hinein und kamen zu gleicher Zeit mit uns in die Hauptstraße. Die
Bewohner flüchteten und der Polizeimeister verschwand, wobei ihm die
Hälfte seiner Begrüßungsrede im Halse steckenblieb. Wir fanden uns in
eine große Staubwolke eingehüllt, umringt von einem Walde von Hörnern,
inmitten von Getrappel, Gebrüll und Geschrei. Wir hätten glauben
können, im Zentrum eines gar seltsamen Stiergefechtes zu sein. Endlich
gelangten wir mit diesem Gefolge nach dem Gemeindehaus.

Nach kurzer Zeit erschien der Polizeimeister wieder und konnte den
Rest der so unglücklich unterbrochenen Begrüßungsansprache an den Mann
bringen. Sodann schilderte er uns die Notlage Kolywans.

„Eine Stadt, mit der es zu Ende geht!“ sagte er. „Sie war reich, und
jetzt ist sie arm; sie war bevölkert, und jetzt steht sie öde.“

„Und was ist schuld daran?“

„Die Eisenbahn. Kolywan ist nördlich von der Eisenbahn liegengeblieben
und daher verlassen worden. Alles wandert nach Nowi-Nikolajewsk aus,
das die Handelstätigkeit von Kolywan und von Tomsk an sich zieht --
eine große Stadt, die in einigen Jahren sogar schöner als Tomsk sein
wird. Sie hat bereits 20000 Einwohner!“

Die Städte schießen nicht nur in Amerika wie Pilze empor; auch Sibirien
hat viele Beispiele dieser Art aufzuweisen!

Eine Frau von energischem Wesen und umfangreichen Körperformen sorgte
für unser leibliches Wohl.

„Ich habe mir gedacht, Sie werden Hunger haben. Ich habe daher das
Essen bereiten lassen. Es wird gleich fertig sein. Es gibt Schtschi,
Koteletts, gebratene Hühner, Weißbrot, Bier, Tee ...“

O Kolywan, du Stadt der köstlichen Genüsse ...!



Siebzehntes Kapitel.

In der Steppe.

     Die Steppe. -- Das Telegraphenamt in Kainsk. -- Die Bremse brennt.
     -- Omsk. -- Das Erwachen Sibiriens. -- Müdigkeit. -- Nochmals die
     Steppe. -- Ein Steppenbrand. -- Ischim.


Das Automobil hatte in Kolywan seinen täglichen Bedarf an Benzin und
Fett vorgefunden, wie dies an allen Haltepunkten bis zur Beendigung
unserer Reise der Fall war. Wir füllten daher die Behälter niemals
vollständig, um das Gewicht der Maschine nicht über Gebühr zu erhöhen,
sondern führten bei der Abfahrt nur so viel bei uns, daß es für 700-800
Kilometer reichte.

Am 13. Juli früh 4 Uhr rollten wir in der Richtung auf Kainsk dahin,
das 340 Kilometer von Kolywan entfernt ist. Der Himmel war bedeckt und
drohte wieder mit Regen. Eine Stunde nach der Abfahrt begann es auch
wolkenbruchartig zu regnen; es war aber nur ein kurzes Bad. Um 7 Uhr
hatte ein frischer Ostwind bereits die Wolken zerstreut, und die Sonne
strahlte vom heitersten Himmel, den es in der Welt geben kann.

Die Straße würde in Europa nicht einmal den Namen eines Feldweges
verdient haben; sie war aber fest, eben und gleichmäßig, und wir fanden
sie wunderbar, trotz der Sümpfe, die sich zu beiden Seiten hinzogen und
die von sehr hohem, dichtem Pflanzenwuchs bedeckt waren. Scharen von
Vögeln erhoben sich aus ihnen; weiße Reiher, Bekassinen, Wasserhühner
mit plumpem Fluge und wahre Wolken von Krähen mit weißer Brust, die
bisweilen, überholt von der Schnelligkeit des Automobils, es wie
toll umflatterten, schließlich dagegen anstießen und in todähnlicher
Erstarrung niederfielen. Eine Menge Schmetterlinge blieb am Kühler
hängen, der davon bedeckt war wie der Kasten eines Sammlers.

Wir waren glücklich, nach so langer Zeit wieder den Genuß voller
Fahrt kosten zu können. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die
Werstpfähle, die rasch an uns vorüberglitten; an manchen Strecken
kamen wir bis auf 60 Kilometer in der Stunde! Aber wir wurden durch
eine Unzahl von winzigen Brücken aufgehalten, die schon von fern
sichtbar waren, weil die Holzbrüstungen mit weißen, schwarzen und roten
Streifen bemalt waren und mitunter den Eindruck machten, als ständen
unbewegliche Gruppen von Menschen mitten in den Feldern. Sie waren so
kurz, daß, wenn die Vorderräder die Ausgangsrampe hinabfuhren, die
Hinterräder sich noch auf der Eingangsrampe befanden, und oft kam es
vor, daß das Automobil in dieser Stellung mit dem Motorgehäuse auf die
Dielung aufstieß, „auf den Bauch schlug“, wie wir sagten. Um dies zu
verhindern, mußten wir die Brücken mit großer Vorsicht passieren.

Durch die wenigen Dörfer, die wir antrafen, fuhren wir mit großer
Geschwindigkeit. Es war ein Feiertag. Wir begegneten Prozessionen
von Muschiks. Ihnen voran schritten die Popen, mit dem Chormantel
bekleidet, auf dem Kopfe die Mitra, die in ihrer Form an die russische
Kaiserkrone erinnert; hinterher die Frauen, den Kopf verhüllt mit
roten Tüchern, in kurzen Männerjacken und hohen Männerstiefeln. Die
Prozessionen nahmen die ganze Breite der Straße ein und schritten
langsam in Unordnung dahin, Kreuze und Heiligenbilder tragend, singend
und betend.

Um die heilige Handlung nicht zu stören, hielten wir; aber unsere
Vorsicht war unnütz. Die Gebete und Gesänge verstummten, die Frommen
mit Einschluß der Popen vergaßen für einen Augenblick den lieben Gott,
um uns verzückt in voller Muße zu betrachten; alle Heiligenbilder
wandten sich nach unserer Seite und zeigten uns die schwarzen
goldumrahmten Gesichter byzantinischer Heiliger. Erst nach einem
Weilchen setzte sich die Prozession wieder in Bewegung; die Gesänge
ertönten lauter und feuriger, um Vergebung für die Unterbrechung zu
erlangen. Zweifellos hatte das Automobil ihrer Andacht großen Schaden
zugefügt. Die Küster in den Kirchen, die festlich läuteten, wie es der
Brauch will, wenn die Prozession ihren Umzug hält, hörten auf zu läuten
und verfolgten, aus der erhöhten Lage der Glockentürme Vorteil ziehend,
mit den Blicken das Automobil, das in der Ferne in seiner Staubwolke,
die sich auf die Felder niedersenkte, dahinjagte.

[Illustration: Kirgise.]

Am Nachmittag gelangten wir in die eigentliche Steppenregion, die
Steppe von Barabinsk, die an die mongolischen Steppen erinnert.
Nur waren die mongolischen weit saftiger grün, wasserreich, von
Zwergbaumgruppen und winzigen Gebüschen belebt. Wir sahen hier Pflanzen
wieder, die, wie namentlich Birken, in der Taiga Riesengröße erreichen,
aber in der Steppe ganz niedrig bleiben, erbärmliche Karikaturen
ihrer selbst, die den Wunsch hegten, sich klein zu machen und im Gras
zu verstecken. Große Sümpfe und Seen erglänzten jeden Augenblick am
undeutlich erkennbaren Horizont; wenn wir sie von fern sahen, glaubten
wir, auf irgendein unbekanntes Meer zuzusteuern.

Auf dieser ganzen unermeßlichen Ebene öffnen sich überall
Wasserspiegel; Blau wechselt mit Grün, das Kräuseln der Wellen mit der
Unbeweglichkeit des Landes. Auf einer langen Strecke fuhren wir an den
Ufern des malerischen Sees von Ubinsk dahin, einer weithin erglänzenden
Wasserfläche. Über die zahlreichen Flüsse setzten wir auf bequemen
Barken.

In der Steppe sahen wir auch Jurten wieder; es waren kirgisische,
die sich in nichts von den mongolischen unterscheiden; diese kleinen
Kuppeln stellen vielleicht die einzige Gebäudeform dar, die den Orkanen
der Ebene widersteht. Es sind die Wohnungen aller Völker, die den
weiten Raum und die Einsamkeit lieben.

Gegen 7 Uhr gelangten wir nach Kainsk, das von Dutzenden von Windmühlen
umgeben ist, deren große unbewegliche Flügel am freien Horizont
aussehen wie große Kreuze auf einem Kirchhofe von Riesen. Unsere
Ankunft blieb beinahe unbemerkt, weil gerade Jahrmarkt war und in der
Mitte des Marktplatzes ein Zirkus und ein Karussell aufgeschlagen
waren. Drehorgeln und Trompeten erklangen; die Ausrufer schrien,
und die ganze Bevölkerung, die sich um jene wunderbaren Dinge
zusammendrängte, wandte der Straße, auf der wir ankamen, den Rücken
zu. Aber Soldaten sahen uns, drehten sich um, riefen ihre Kameraden,
und im Nu stand die Menge wie auf Kommando mit dem Rücken gegen die
Buden und mit den verwunderten Gesichtern uns zugekehrt. Die Drehorgeln
und Trompeten unterbrachen ihre Melodien, und die Ausrufer blickten
von der Höhe ihrer Estraden auf uns mit feindseliger Neugier herab
wie auf glückliche Konkurrenten. Wir fuhren durch die verödeten
Straßen, um einen Gasthof zu suchen, und fanden den erbärmlichsten und
schmutzigsten von ganz Sibirien.

Es gelang mir nicht, in das Telegraphenamt von Kainsk zu kommen. Ich
wurde zurückgewiesen, als wäre ich gekommen, um eine Dynamitbombe
dort niederzulegen. Ein junger Mensch begleitete mich. Die Türe des
Telegraphenamtes war geschlossen. Wir klopften, und eine gereizte
Stimme schrie mir hinter der Tür zu:

„Wer sind Sie?“

Ich nannte Namen und Stand.

„Kommen Sie morgen wieder!“

„Ich kann nicht. Ich reise bei Tagesanbruch ab und habe ein Telegramm
zu befördern.“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

„Öffnen Sie; ich werde Ihnen meine Ausweispapiere zeigen. Befördern Sie
keine Telegramme?“

[Illustration: Ergänzung des Wasservorrates in einem sibirischen Dorfe.]

„O ja. Aber ich kenne Sie nicht.“

Es war also ein Telegraphenamt ausschließlich für Bekannte.

„Ich muß an den Gouverneur von Tomsk telegraphieren.“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

Die Stimme hatte einen drohenden Klang angenommen. Ich beharrte aber
auf meiner Forderung. Der Mann hinter der Tür schrie mir etwas zu, was
ich nicht verstand, was aber der junge Mensch sehr gut zu verstehen
schien. Er ergriff eiligst die Flucht und machte mir ein Zeichen, ihm
zu folgen.

„Was ist denn los?“ fragte ich ihn.

Immer noch laufend, antwortete er mit der Geste jemandes, der ein
Gewehr abfeuert, und stieß dabei die einsilbigen aber beredten Worte
„Bum! bum!“ hervor.

Meine Zeitung mußte also an diesem Abend ohne Bericht über unsere Fahrt
bleiben. „Besser ist immer,“ dachte ich bei mir, „ohne Bericht als ohne
Berichterstatter“, und kehrte nach der Herberge zurück.

       *       *       *       *       *

Bei Kainsk überschritten wir den Om in kurzer Entfernung von dem Orte
auf einer sonderbaren Holzbrücke, die sich gesenkt hatte, so daß
sie sich fast vollständig unter Wasser befand. Wir nannten sie die
Brückenfurt. Es war am 14. Juli 4 Uhr morgens. Wir setzten unsere
rasche Fahrt über eine unermeßliche Ebene fort, aus der wir bis zur
europäischen Grenze nicht mehr herauskommen sollten. Wir hatten keine
andern Höhen mehr zu erwarten als den Ural.

Nach zwei Stunden regnete es in Strömen, und die Straße wurde sofort
unpassierbar, so daß wir an einem Eisenbahnübergang Zuflucht im
Bahnwärterhäuschen suchten. Wir wollten nicht wieder zur Umwicklung
des Rades mit der Kette greifen, um durch diesen Schmutz zu kommen.
Ich habe zu erwähnen vergessen, daß das Manöver mit der Kette seine
Unzuträglichkeiten, sogar sehr schwerer Art, im Gefolge hatte,
die es uns unrätlich erscheinen ließen; die Kette zerschnitt den
Pneumatikreifen und, was schlimmer war, sie schädigte die Speichen
des Rades, indem sie ihre Befestigung am Radkranze lockerte. Das
linke Laufrad begann uns Sorge einzuflößen: es hatte Risse in den
Speichenhöhlungen und knirschte mitunter. Ein Radbruch bedeutete,
unrettbar auf der Straße liegenzubleiben. Wir mußten vorsichtig sein.

Übrigens hatte uns Sibirien gelehrt, die Ungeduld zu bemeistern.
Es brachte uns etwas von dem Fatalismus bei, der den Grundzug des
slawischen Nationalcharakters bildet und der wahrscheinlich gerade
von der Gewohnheit herrührt, sich unüberwindlichen Schwierigkeiten
gegenüberzusehen, die der Rauheit des Klimas entspringen. Man kann dort
draußen das dringendste Geschäft zu erledigen haben, man kann unter dem
Drucke der größten Notlage stehen, aber wenn das Wetter halt gebietet,
muß man sich darein fügen und gehorchen. Die Notwendigkeit, sich vor
dieser Gewalt zu beugen, unabsehbar lange Zeit zu warten, breitet
schließlich Heiterkeit über diesen erzwungenen Verzicht auf die eigene
Unabhängigkeit; man unterwirft sich instinktiv den höheren Mächten; man
beugt gelehrig und ohne Widerstreben das Haupt vor dem Wetter wie vor
den kaiserlichen Ukasen, vor der Überschwemmung wie vor den Anordnungen
der Polizei. Bei dem einen wie bei dem andern sagt man: „Nitschewo!“
Der oberste Autokrat Rußlands ist nicht der Zar, es ist das Klima.

Wie lange Zeit werden wir hier liegenbleiben müssen? Der Himmel
war dunkel und mit Regen beladen, als hätte es überhaupt noch nie
geregnet! Der Bahnwärter erklärte, wir hätten noch etwa 60 Kilometer
des schlechtesten Geländes vor uns, dann aber würde die Straße auch
bei Regenwetter gut, weil sie sandig sei. Nach einer Stunde bemerkten
wir, daß die Wolken nicht mehr von Westen nach Osten zogen, sondern in
Unordnung und in phantastischer Flucht geradeswegs nach Süden getrieben
wurden. Der Wind war also umgeschlagen. Wir waren dahin gelangt,
daß wir uns besser auf die sibirischen Winde verstanden als die
Kalendermacher. Westwind: „Regen“; Südwind: „Veränderlich und Nebel“;
Nord- oder Ostwind: „Heiter“! Es regnete noch immer, aber wir waren so
fröhlich geworden, als sei die Sonne bereits zum Vorschein gekommen.
Wir selbst heiterten uns früher auf als der Himmel. So bestiegen wir
die Maschine, ohne länger zu warten, und fort ging es.

Noch keine Stunde war vergangen, so wurde das Wetter ausgezeichnet, die
Straße gut, auf vielen Strecken sogar sehr gut. Wir rechneten manchmal
eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde aus und hielten
bequem eine mittlere Geschwindigkeit von 35 Kilometern. Das unendliche
Panorama der Steppe entrollte sich mit gleicher Eintönigkeit. Dörfer
waren vereinzelt und bestanden aus sehr kleinen Isbas; es fehlt in
diesen Gegenden an Holz, und die armseligsten Häuser Ostsibiriens und
Transbaikaliens würden hier Palästen gleichen. Wir erblickten winzige
Wohnungen, in denen die hochgewachsenen Muschiks gewiß immer sitzen
mußten wie die Heiligen auf den Fresken Giottos. Die Sonne begann
glühendheiß zu brennen.

[Illustration: Sibirische Muschiks.]

Ohne Unfall hofften wir bis Omsk zu gelangen. Aber gegen Mittag
befanden wir uns in einer unvorhergesehenen Gefahr, die die schlimmsten
Folgen hätte nach sich ziehen können. Ganz plötzlich verspürten wir
einen Brandgeruch, und als wir uns sofort umwandten, bemerkten wir, daß
die Maschine eine dichte Rauchwolke hinter sich ließ. Der Rauch strömte
unter dem Wagen hervor.

„Die Bremse!“ riefen wir; „die Bremse brennt!“

Wir hatten schon einen solchen Unfall erlebt und waren daher auch über
seine Entstehungsursache keinen Augenblick im Zweifel. Wir brachten
das Automobil zum Stehen und sprangen ab. Flammen loderten empor.
Die Lage war diesmal sehr ernst. Die große Geschwindigkeit hatte uns
infolge des Luftzuges daran verhindert, den Brand sofort zu bemerken.
Das Feuer mußte viel eher ausgebrochen sein, ehe sich der Geruch
bemerkbar machte. Die Flammen, die während der Fahrt infolge des
Luftzuges und des gewaltigen Windstromes, den die rasende Umdrehung
des Geschwindigkeitsgetriebes erzeugte, niedergehalten worden waren,
schlugen jetzt flackernd in die Höhe. Die Ursache des Feuers lag wie
das vorige Mal in der übermäßigen Reibung der Bremse, die sich von
selbst anlegte infolge einer Beschädigung, die wir nicht erkennen
konnten, ohne die Maschine auseinanderzunehmen. Diesmal hatte sich
nicht nur das Schmierfett der Bremse entzündet, sondern es begann auch
schon der hölzerne Fußboden der Karosserie zu brennen. Wir befürchteten
die sofortige Explosion des Benzins, von dem wir in den Behältern gegen
200 Kilo mit uns führten!

Die geringste Beschädigung des Rohres, das das Benzin in den Motor
leitet und das wenige Zentimeter von der Flamme entfernt war, hätte
genügt, eine Katastrophe herbeizuführen.

„Wasser! Wasser! Rasch!“ riefen wir.

Früher hatten wir mit Leichtigkeit Wasser in der Nähe gefunden. Ich
ergriff einen Topf und stürzte zu den Gräben, die sich zu beiden Seiten
der Straße hinzogen. Sie waren trocken. Vergebens suchte ich wenigstens
nach feuchtem Straßenschmutz im Grase. Der sandige Boden war wie
ausgedörrt. Fünfzig Schritte vor uns befand sich eine kleine Brücke.
Unter ihr würde ich doch sicherlich Wasser finden, wenigstens eine
Lache. Atemlos lief ich hin. Nichts!

„Mut!“ riefen wir uns zu.

„Werfen wir Sand darauf!“

„Lappen! Wo sind die Lappen?“

„Die Kleider!“

Ettore warf seinen wasserdichten Mantel über die Flamme, der Fürst
seinen Pelz. Das entzündete Fett verlöschte, aber die Karosserie
brannte noch immer. Wir rissen die Dielen heraus, löschten sie mit
Erde, schabten die brennenden Stellen mit dem Messer heraus und
ließen die ganze versengte Oberfläche zu Asche werden. Endlich waren
die Flammen gebändigt; mit Lappen, die wir mit dem wenigen, von dem
Kühlapparat herabtröpfelnden Wasser befeuchteten, erstickten wir
den Rest des Brandes. Wir spähten nach jeder Spur von Rauch und
beobachteten das Automobil so lange mit gespanntester Aufmerksamkeit,
bis wir die Überzeugung gewannen, daß die Gefahr vorüber war. Dann
stießen wir einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und betrachteten
uns lächelnd und ein wenig geistesabwesend.

„Auch diesmal ist es also gut abgelaufen!“ riefen wir aus.

„Die Maschine so weit zu bringen, um zu sehen, wie sie hier mitten in
der Steppe in einem Feuerwerk zugrunde geht!“

„Ein Glück ist es, daß wir den Brand noch rechtzeitig bemerkten!“

„Wenn das Benzin explodiert wäre, wären wir alle drei in die Luft
geflogen!“

„Auf die Maschine! Auf die Maschine! Es ist schon spät!“ mahnte der
Fürst.

„Nach Omsk, nach Omsk!“

Ettore hatte die beschädigte Bremse ganz herausgenommen und verzichtete
darauf, sich ihrer in Zukunft zu bedienen. Es blieb nur noch die
Handbremse, die nicht so rasch wirkte wie die Fußbremse, aber gewiß
ebensoviel leistete. Dann setzten wir die Fahrt fort.

Bei dem Dorfe Jurjewo hatten wir über einen kleinen Fluß zu setzen.
Die Bauern fürchteten vielleicht, das Automobil könne das Fährboot
beschädigen, denn sie wollten uns um keinen Preis übersetzen.

„Das Boot,“ sagten sie, „ist für Menschen, für Pferde und für Telegas
bestimmt. Das da ist weder ein Mensch, noch ein Pferd, noch eine
Telega; also kann es nicht übergesetzt werden.“

Alle Beredsamkeit des Fürsten vermochte nicht sie umzustimmen. Da kam
aber das Schreiben des Ministers zum Vorschein! Eine Viertelstunde
später waren wir am andern Ufer des Flusses.

[Illustration: Einbooten bei Omsk.]

Kurz vor Omsk setzten wir zum zweiten Male über den Om. Eine Menge
Muschiks in ihren Sonntagskleidern wohnte am jenseitigen Ufer der
kurzen Überfahrt bei. Die Art unserer Fortbewegung erschien der
Standesperson eines benachbarten Dorfes im höchsten Grade verdächtig.
Der Mann, der halb wie ein Bauer gekleidet war, aber eine
Beamtenmütze trug, benutzte den Umstand, daß wir, um Wasser in den
Kühler zu füllen, halten mußten, dazu, ein Aktenstück zu holen und im
Laufschritt zurückzukehren. Wir wollten gerade unsere Fahrt wieder
aufnehmen, als uns der Mann in gebieterischem Tone „Halt!“ zurief.

Wir betrachteten ihn mit einer Gleichgültigkeit, die seine Amtswürde
schwer verletzen mußte, denn er rief empört:

„Halt! sage ich, halt!“

Nein! Wir hatten schon viele dieser kleinen Dorfdespoten kennen
gelernt, die sich die Miene gaben, sogar den Lauf der Flüsse lenken zu
können, die ihre Macht mißbrauchten, um dem Nächsten alle möglichen
Schikanen zu bereiten, die, unwissend und habgierig, uns nach
Namen, Vornamen, Stand, Nationalität gefragt, Erklärungen aller Art
abgefordert und die gegebenen Antworten feierlich in ein Notizbuch
eingetragen hatten, wobei sie uns mit der strengen Miene eines Richters
ansahen. Einen Fremden behandelten sie nur darum als Verbrecher, weil
er ihr Machtgebiet passierte! Nein, der gute Mann mochte rufen, so
viel er wollte: wir hatten keine Lust, die Zahl der unvorhergesehenen
Aufenthalte zu vermehren, ein albernes Verhör zu bestehen, die Papiere
vorzuzeigen, um jenem Miniaturtyrannen eine Genugtuung zu bereiten. Er
rannte aus Leibeskräften hinter uns her und schrie fortwährend:

„Halt, im Namen des Gesetzes!“

Da erhob ich mich, drehte mich um, und indem ich mich am Gepäck
anhielt, schnitt ich unserem Verfolger mit würdevollem Ernst die
abscheulichste Grimasse, die ich vor langen, langen Jahren in der
Schule gelernt hatte! Starr über solche Frechheit, blieb er stehen, und
wir fuhren lachend weiter.

Um 4 Uhr bekamen wir Omsk in Sicht, das in einer sandigen Ebene liegt.
Wir wurden wieder von einem Polizeioffizier erwartet. In wenig mehr als
zwölf Stunden hatten wir von Kainsk aus 390 Kilometer zurückgelegt!

Wir langten in Omsk zur Stunde des sonntäglichen Spazierganges an. Auf
den hölzernen Fußsteigen bewegte sich langsam die friedliche Masse
der Bürger, die mit der Miene dessen, der seinen besten Anzug trägt,
Luft schöpften. Es schritten Offiziere und Beamte in großer Uniform
mit ihren Familien vorüber, die Kinder an der Hand führend. Es war die
Atmosphäre einer Provinzstadt, die ausruht. Dann überschritten wir auf
einer schönen Brücke den Om, in der Nähe seines Zusammenflusses mit dem
Irtysch.

An den Ufern ziehen sich die Docks hin; an den Landungskais liegen
einige jener großen, eleganten Passagierdampfer, die im Sommer den
Irtysch bis nach Tobolsk hinab und aufwärts bis Semipalatinsk befahren,
1500 Kilometer seines Laufes. Wir sahen ein Bild von Tätigkeit und
neuzeitlichem Wesen, das wie eine Offenbarung auf uns wirkte; wir
glaubten uns schon mitten in Europa. In Irkutsk hatten wir die
politische, in Tomsk die geistige Hauptstadt des asiatischen Rußlands
angetroffen; hier in Omsk fanden wir die kommerzielle Hauptstadt.

Omsk ist der Mittelpunkt riesiger gewerblicher Tätigkeit. Es
beherrscht durch seine Lage ganz Westsibirien. Es sammelt auf dem
Flußwege alle Schätze des fruchtbaren Landes auf einem Punkte an und
wirft sie mittels der Eisenbahn auf die europäischen Märkte. Man
spricht davon, es durch eine besondere Linie mit der turkestanischen
Eisenbahn zu verbinden; dann wird es das Herz Zentralasiens werden.
Diese alte Stadt, der der Fortschritt verjüngtes Leben eingehaucht
hat, hat das Aussehen einer Pionierstadt, einer Stadt, die sich
vom Schlummer erhebt, einer neuen Stadt auf neuem Boden, ohne zu
überwindende Überlieferungen, ohne zu schützende Gewohnheiten. Das
deutlichste Zeichen dieser Lebenskraft, die jetzt zum Durchbruch
kommt, unabhängig von jeder Fessel der Vergangenheit, äußert sich in
der weiten Verbreitung der Maschinen. Auf den Kais des Flusses sahen
wir nichts als Maschinen, zu Tausenden waren sie bereit, nach den
jungfräulichen Steppen von Kulundinsk und Naiman versandt zu werden.
Es waren die neuesten Maschinen der landwirtschaftlichen Industrie,
selbst Maschinen, die die Abneigung gegen Neuerungen von so vielen
zivilisierten Ländern Europas ferngehalten hat. Ändern ist schwieriger
als Neuschaffen; Omsk schafft neu. Unermeßliche Strecken „schwarzer
Erde“, die bisher von menschlicher Arbeit völlig unberührt geblieben
sind, werden von den amerikanischen Doppelpflügen aufgerissen, mit den
vollkommensten Sämaschinen befruchtet und mit Hilfe der sinnreichsten
Maschinen, die die Zivilisation zu diesem Zwecke erfindet, bebaut.

Omsk empfängt und verkauft für mehr als 20 Millionen Mark
landwirtschaftliche Maschinen für die neuzubestellenden Ackerflächen.
Selbst die Kirgisen, die nie ein Ackergerät in der Hand gehabt haben,
fahren den Irtysch bis nach Omsk hinauf, um Maschinen zu kaufen. Sie
beginnen mit dem Besten, was es gibt. Viele Industrien, die noch
gestern dort draußen fast unbekannt waren, erwachen und gewinnen auf
dem Weltmarkte Bedeutung. Ein mit Kühlwagen ausgestatteter Sonderzug
überschreitet täglich die Grenzen Sibiriens und befördert frische
Butter, die zu zwei Dritteln auf den englischen Markt gelangt. Im
vergangenen Jahre hat die Gegend zwischen Omsk und Kurgan für nahezu
100 Millionen Mark Butter ausgeführt. Das Sibirien der Überlieferung,
das trostlose Land der Verbannung, die eisige Heimat hungriger Wölfe,
existiert nicht mehr, wenn es überhaupt je existiert hat. Es erweist
sich als ein Land, das weit unternehmungslustiger und reicher ist
als Rußland. Niemand vermag jetzt, bei dem Schauspiele seines ersten
Erwachens, zu sagen, was die Zukunft ihm vorbehalten hat.

Im Hotel wurden wir herzlich von einem „Lokalkomitee für die Fahrt
Peking-Paris“ begrüßt, das zum Teil aus Engländern, Deutschen und
Norwegern bestand, den Vertretern der großen Handelshäuser, denen ein
so großer Anteil an dem Aufschwung des neuen Lebens gebührt, das diese
Gegenden durchströmt. Vom Balkon herab rief jemand:

„~Viva l’Italia!~“

Wir bemerkten einen Herrn, der seinen Hut schwenkte und nach seinem
Gruße von oben herab herunterkam, um uns in förmlicher Weise zu
begrüßen. Es war ein englischer Berichterstatter, der von der „Daily
Mail“ uns bis hierher entgegengeschickt worden war, ein sympathischer
Kollege, der uns dann von Omsk während des Restes unserer Reise auf der
Eisenbahn folgte.

Wir beschlossen, in Omsk zwei Tage zu bleiben, denn wir bedurften
der Ruhe. Während der Fahrt waren wir von der nervösen Erregung des
ununterbrochenen Wachens aufrechterhalten worden. Fahren war, auch
wenn keine Zwischenfälle eintraten, gleichbedeutend mit fieberhafter
Tätigkeit. Sobald wir aber haltmachten, fühlten wir mit einem Male eine
unsagbare Mattigkeit auf uns lasten. Das lange beständige Wachbleiben
und die überstandenen Strapazen machten sich jetzt mit einem Schlage
geltend; es schien, als kehrten sie zurück und verlangten ihren Lohn an
Ruhe. Die mittlere Dauer unseres Schlafes hatte vier Stunden täglich
betragen. Wenn wir an unserem Haltepunkte anlangten, hatten wir jeden
Abend nach einer oberflächlichen Toilette noch eine lange Arbeit vor
uns. Der Fürst begab sich mit der Polizei auf die Suche nach dem
Benzinvorrat; Ettore reinigte die Maschine und setzte sie zu der Fahrt
des nächsten Tages instand; ich hatte meinen Bericht zu schreiben,
und zwar so deutlich wie möglich, um eine fehlerfreie Übertragung zu
ermöglichen, und mußte dann, was viel langwieriger und schwieriger
war, die Telegraphenbeamten bewegen, ihn zu befördern! Die Länge der
Depeschen entsetzte alle Beamte; eine Depesche von 1000 bis 2000 Worten
zu befördern, hielten sie für einen Wahnsinn, zu dessen Mitschuldigen
sie sich um keinen Preis machen wollten! So suchten sie tausend
Vorwände, um mich zum Verzicht auf die Beförderung zu veranlassen. Es
war fast nie vor 10 Uhr abends, ehe wir einen Bissen zu essen bekamen,
und oft schliefen wir auf der bloßen Erde. Um 2, 3 des Morgens waren
wir schon wieder auf den Beinen. Mit unserer Arbeit war noch etwas
anderes verbunden, das uns mehr als die körperliche Anstrengung
mitnahm: es war die Angst, mitunter Aufregung, oft Ungewißheit, es
waren die beständigen starken Eindrücke, die Entmutigungen, die
Wagnisse, die plötzlichen Entschließungen -- all das Drum und Dran
eines unablässigen Kampfes. Frischer und unbefangener wollten wir
unsere Reise fortsetzen.

Zu den Eigenschaften, die ich am Fürsten bewunderte, gehörte die
körperliche und die noch größere geistige Widerstandsfähigkeit. Er war
ermüdet, wußte es aber zu verbergen. Auch widerstrebte es ihm, vor
Fremden müde zu scheinen. An dieser Herrschaft über sich selbst hielt
er unverrückbar fest. Wenn wir eingeladen waren oder Gäste bei uns
sahen, so schien er das Bett ganz zu vergessen; er hüllte sich in die
lächelnde Unempfindlichkeit des Diplomaten und hielt unbegrenzte Zeit
aus. Kaum aber waren die Fremden gegangen, so war auch der Diplomat
verschwunden und Don Scipione schlief tief und fest. Ich gestehe, daß
ich mich in Omsk von der Müdigkeit wie von einer Krankheit gepackt
fühlte; wie die Verhungerten, die vor großem Hunger nicht mehr zu essen
vermögen, war es mit mir so weit gekommen, daß ich nicht mehr schlafen
konnte. Aber die Reaktion trat ein, und zwar auf die seltsamste Weise.

Am Abend des 16. Juli kehrte ich nach dem Hotel zurück, als ich mit
einem Male die Beine unter mir wanken fühlte und wie ein Betrunkener
weiterging. Zu gleicher Zeit umnebelte sich mein Blick; ich sah den
Himmel grün, und es schien mir, als hätten die Vorübergehenden sämtlich
erst ein bläuliches und dann ein schwarzes Gesicht; es umgab mich
undurchdringliche Dunkelheit. Ich fühlte, daß die Menge mich neugierig
ansah, lehnte mich an die Mauer und legte die Hand an die Stirn. In
diesem Augenblicke näherte sich eine leere Droschke. All meine Kraft
zusammenraffend, rief ich:

„Kutscher! Kutscher!“

Ich sah, wie der Wagen auf meinen Ruf hin wendete. Dann erinnere ich
mich an nichts mehr.

Was sich zugetragen hat, ist leicht zu erraten, wenn ich sage, daß, als
ich wieder zu mir kam, ich mich an derselben Stelle am Boden liegen
fand. Ich war vor Schlaf, vor Müdigkeit umgesunken. Mit der Empfindung,
im Bett zu liegen, erwachte ich. Als ich die Augen aufschlug, war
ich ganz erstaunt, so viele Füße mit Stiefeln sich in unmittelbarer
Nähe meines Kopfkissens bewegen zu sehen! Dann kehrte plötzlich die
Erinnerung zurück, und ich erhob mich etwas verwirrt. Die Droschke
stand noch da und wartete auf mich. Wie lange hatte ich regungslos und
ohne Bewußtsein gelegen? Wer weiß es?

Hatte mir niemand Hilfe geleistet, hatte ich mich selbst wieder von der
schmutzigen Straße erhoben? Ach ja, dies gehört auch zu den Sitten des
Landes. Wenn alle diejenigen, die auf den Straßen einer sibirischen
Stadt umfallen, aufgehoben werden sollten, da hätte man viel zu tun!
Ich war einfach für einen Betrunkenen der besseren Stände gehalten
worden. Ein Rausch ist in Sibirien so allgemein, daß er für ehrenhaft
gilt, und daher wird er auch respektiert. Hätte mich die Menge auf
den Füßen stehend angetroffen, so hätte sie mich mißtrauisch oder
verächtlich ansehen können; da sie mich aber ausgestreckt am Boden
liegen fand, so konnte sie nicht umhin, mich zu achten. Ich erwarb mir
dadurch eine Art sibirisches Bürgerrecht. Ich stieg in den Wagen; der
Kutscher drehte sich um und sagte mir in freundlichem Tone:

„Ich fahre langsam, Väterchen; aber Sie würden gut tun, wenn Sie sich
hier festhielten!“

Und er wies auf den Eisenstab hinter seinem Sitze. --

Das Automobil bedurfte keiner Arbeit, abgesehen von der Beschädigung
der Bremse, die sofort behoben wurde. Im übrigen wären bedeutendere
Reparaturen auch unmöglich gewesen. Als der Fürst die Vorbereitungen
zu der Fahrt traf, hatte er nach Omsk einige Ersatzstücke
befördern lassen; aber die russische Zollbehörde -- oder war es
die österreichische? man weiß es nicht genau -- hatte sie irgendwo
zurückgehalten. Die Pneumatiks der Vorderräder, die die ganze Fahrt
von Peking aus mitgemacht hatten, wurden ausgewechselt, die Maschine
von oben bis unten geputzt und in ihren empfindlichsten Teilen auf das
sorgfältigste nachgesehen. Ettore war von diesem Automobil begeistert,
das sich trotz aller Anstrengungen und so vieler Katastrophen so wacker
hielt. Hätte aber das Automobil denken und empfinden können, so wäre es
gewiß in Ettore verliebt gewesen, der ihm alle seine Zuneigung weihte.
Er trieb die Geduld und die Gewissenhaftigkeit so weit, daß er an jedem
Haltepunkt eingehende und schwierige Untersuchungen anstellte, wie
die Chauffeure sie sonst nur von Zeit zu Zeit vornehmen. Alle Abende
schraubte er die Deckel los, die die Kugelgelenke der Gangwechsel und
des Differenzialwerks hermetisch verschließen, um sich zu vergewissern,
ob sie regelmäßig funktionierten, und um das Öl und Fett zu erneuern,
in denen jene laufen. Die Karosserie, die der Weg von Tomsk aus den
Fugen gebracht hatte, wurde mit Stahlblechen und Stahlschrauben
ausgebessert.

[Illustration: Zuschauer beim Pneumatikwechsel.]

In Omsk stellten wir die Reiseroute nach Kasan fest. Es führen zwei
Wege dorthin: ein kurzer und ein langer. Natürlich war der kurze
vom Pariser Komitee gewählt worden. Er führt von Omsk über Kurgan,
Tscheljabinsk und Ufa und hält sich dicht an der Eisenbahn. Aber
das russische Komitee in Petersburg hatte geraten, den längeren Weg
einzuschlagen, weil er der bessere sei; es war der über Tjumen,
Jekaterinburg und Perm nach Kasan; er biegt nach Norden um und steigt
bis zum 58. Breitengrade empor. Dieser große Bogen von drei Grad lockte
uns allerdings weniger als der gerade Weg, der bekanntlich der beste
sein soll. Aber wir verließen uns auf die Weisheit des Petersburger
Komitees, das uns prächtige, eigens für uns gezeichnete Straßenkarten
hatte zukommen lassen. Auf ihnen war die Route mit allen Höhenprofilen
und den in Werst angegebenen Entfernungen zwischen den einzelnen
Dörfern dargestellt. Die Arbeit hatte ungeheuere Geduld erfordert und
war uns von außerordentlichem Nutzen. Wir fühlten uns dem Komitee zu
Petersburg, ebenso aber auch den kleineren Komitees in den andern
Städten für ihre unendliche Liebenswürdigkeit zu herzlichem Dank
verpflichtet.

Am 16. Juli waren die beiden „de Dion-Bouton“ in Mariinsk eingetroffen.

       *       *       *       *       *

Am 17. früh 3 Uhr wurden wir von einem altmodischen winzigen Automobil,
das einem Kinderwagen glich, einem seltenen Prachtstück des sibirischen
Automobilsports, aus den Toren von Omsk geleitet. Es wurde von drei
unserer neuesten Freunde, Mitgliedern des Omsker Komitees, bestiegen.

Die Stadt schlief noch. Der Om lag im blassen Schimmer der Morgenröte
unbeweglich da; die dunkeln Schatten der Schiffe mit den hohen
Schornsteinen drängten sich an den tagsüber so geschäftigen Ufern. Als
wir auf die Straße nach Tjumen gekommen waren, wo keinerlei Irrtum mehr
möglich war, bog das kleine Automobil zur Seite, und wir wechselten
Abschiedsgrüße mit unseren Führern.

Der Himmel war heiter, man konnte von einem italienischen Himmel
sprechen. Die Sonne erhob sich über dem flachen Horizont, und wir
trieben die Maschine zur dritten und vierten Geschwindigkeit an.
Vornübergebeugt durchschnitten wir die Luft, die die Kleider blähte und
die Flagge am hinteren Teile des Automobils flattern ließ. Wir fühlten
uns berauscht von der wiedergewonnenen Freiheit, und schließlich
schlugen wir das rasende Tempo ein, das wir in den mongolischen Ebenen
angenommen hatten.

[Illustration: Abfahrt von Omsk.]

Fortwährend begegneten wir Karawanen von Telegas, deren Kutscher
noch schliefen. Taub gegen unsere Signale, erwachten sie erst, wenn
wir ihnen ganz nahegekommen waren; sie rieben sich die Augen, in der
Meinung zu träumen, und waren wie alle sibirischen Kutscher so betäubt,
daß sie nicht einmal daran dachten, ihre in wilder Flucht durchgehenden
Pferde zu beruhigen.

Dörfer trafen wir nur vereinzelt an; es fehlt an Bauholz dazu.

Nach drei Stunden gelangten wir an das Ufer des Irtysch, auf dem
rote Bojen schaukelten. Die Dampfer gehen bis nach Tobolsk. Am Ufer
des Flusses begegneten wir einer Karawane von Bauern, die von Omsk
zurückkehrten, wo sie amerikanische Mähmaschinen und Eggen gekauft
hatten und nun warteten, um auf das andere Ufer übergesetzt zu werden.
Es waren deutsche Einwanderer. Sie sollen mit ihrem neuen Vaterlande
zufrieden sein. Ein großer Anteil an der Umwandlung Sibiriens entfällt
auf Angehörige der deutschen Rasse.

Über den Irtysch setzten wir auf einer Fähre, die wieder von vier
Pferden getrieben wurde. Die Werstpfähle glitten nur so an uns vorüber.
Um 10 Uhr bemerkten wir am Horizont eine große Rauchsäule. Es war eine
ungeheuere Wolke, an den Säumen, wo die Sonne sie beschien, weiß und
im Innern schwarz wie eine Gewitterwolke. Sie wälzte sich dampfend
nach Westen. Als wir näherkamen, sahen wir sie immer höher, dichter,
ausgedehnter werden. Wir dachten, daß eine ungeheuere Feuersbrunst ein
Dorf verheere, beobachteten die Richtung der Wolke und zogen die Karte
zu Rate. Die Feuersbrunst befand sich auf unserem Wege. Vielleicht
brannte Abatsk. Es lag gerade dort.

Mit ängstlicher Spannung beobachteten wir, ohne ein Wort zu sprechen,
diese Wolke, die ins Riesenhafte wuchs, nach und nach den halben Himmel
einnahm und von Zeit zu Zeit langsame Veränderungen zeigte, indem sie
sich auf der einen Seite auflöste und auf der andern verdichtete. Dann
gewahrten wir, daß es ein Steppenbrand war. Das ausgedörrte Gras und
die Gebüsche lieferten dem Feuer unerschöpfliche Nahrung.

Abatsk fanden wir unversehrt. Vor jedem Hause standen aber mit Wasser
gefüllte Gefäße und Gruppen von Menschen an den Brunnen. Das Dorf
setzte sich in Verteidigungszustand. In geringer Entfernung waren
Männer mit dem Auswerfen eines Grabens beschäftigt. Zahlreiche Telegas
aus den benachbarten Ortschaften brachten Bauern, die mit Spaten,
Hacken und andern Geräten bewaffnet waren.

Der Weg wurde wieder eintönig. Wir stießen auf Sandhügel, die
uns an unsere Ankunft in Kiachta erinnerten, und nachmittags auf
Birkengehölze. In der Nähe jener Gehölze lag Ischim, unser Haltepunkt,
ein weißes, stilles Städtchen. Um 3 Uhr kamen wir an. Wir hatten 355
Kilometer zurückgelegt.

Ischim ist klein und liegt einsam in der Ebene, dem Anschein nach
unbewohnt. Einmal im Jahre wird es zu einer großen Stadt. Viele seiner
Häuser öffnen sich nur zu dieser Zeit. Es ist berühmt als Mittelpunkt
einer großen, jährlich stattfindenden Messe, die, wie die Bewohner von
Ischim behaupten, der von Nischnij-Nowgorod gleichkommt. Wir sahen die
Stadt jedoch während ihrer langen Ruheperiode.

Ein reicher Kaufmann beherbergte uns in seinem Hause. Wir fanden die
patriarchalische Gastlichkeit von Kiachta und Irkutsk wieder, eine
gedeckte Tafel und ein offenes Haus für Freunde und die Behörden.
Während wir den Speisen und Getränken alle Ehre widerfahren ließen,
wurde uns mitgeteilt, daß die Bewohner von Ischim uns zu sehen
wünschten. Das Volk hat es nicht gern, wenn man es warten läßt, nicht
einmal das von Ischim. Wir gingen also hinaus.

Eine große Menge war in den Hof gedrungen und umlagerte das Automobil.
Bei unserem Erscheinen brach ein Beifallssturm los. Als wir diesen mit
der Würde, die die Gelegenheit erforderte, über uns hatten ergehen
lassen, kehrten wir in das Haus zurück. Aber nein, das Volk war noch
nicht zufriedengestellt, zum Donnerwetter nein! Es wollte uns im
Automobil fahren sehen. Wir waren so unvermutet in die Stadt gelangt,
daß uns niemand gesehen hatte. Es war also unsere Pflicht, diese
unverzeihliche Vernachlässigung wieder gutzumachen. Wir bestiegen
das Automobil, und in fünf Minuten waren wir durch sämtliche Straßen
gefahren. Die Rückkehr in den Hof war großartig. Die Volksbegeisterung
kannte keine Grenzen. Ich wurde von meinem Sitze gezogen, auf die
Schultern der Menge gehoben und im Triumph umhergetragen. Das Volk von
Ischim hatte mich für den Fürsten gehalten!

Ich rief, ich sei nicht der Fürst, und wurde endlich freigegeben. Der
Fürst aber hatte sich schon in Sicherheit gebracht.



Achtzehntes Kapitel.

Der Ural.

     Vom Automobil auf die Troika. -- Tjumen. -- Lebe wohl, Sibirien!
     -- Die Begrüßung in Kamylschow. -- Jekaterinburg. -- Von Asien
     nach Europa. -- Die Wälder des Ural. -- Das erste Minarett. --
     Perm. -- Ein krankes Rad und seine Heilung.


Die Steppe, immer wieder die Steppe!

Am 18. Juli früh 5 Uhr entschwanden die Türme von Ischim unseren
Blicken; wir ließen die Birkengehölze hinter uns und kehrten in die
grüne, gleichförmige Ebene zurück.

Allmählich kamen wir aus der vollkommenen Ebene heraus, aus diesem
Landozean, in welchem wir fast 1000 Kilometer zurückgelegt hatten.
Gegen Mittag gelangten wir nach Überwindung von Dünen, die für den
Motor ziemlich anstrengend waren, in ein großes Dorf: Zowodonowskaja.

Am Eingange standen prächtige Troikas, deren herrliche Rappen
ungeduldig die feingezeichneten Köpfe schüttelten und die silbernen
Schellen erklingen ließen; über den Dugas schwankten Glocken hin und
her; die Kutscher, mit großen Hüten und wallenden Bärten, trugen
Armiaks nach zirkassischem Schnitt mit prächtigen Gürteln; ihre
Kleidung war nach altrussischer Mode wattiert, so daß der Kutscher
alten Stils außergewöhnlich stark, breiter als hoch erscheint. Der
Diener einer vornehmen Familie muß wohlbeleibt sein, um den Reichtum
der Herrschaft zu veranschaulichen. Diese Troikas warteten auf uns. Ein
reicher sibirischer Minenbesitzer aus der Umgegend bot uns auf einem
seiner in der Nähe liegenden Güter ein Frühstück an. Wir akzeptierten.
Das Automobil wurde im Dorfe zurückgelassen, und wir nahmen nebst
unserem Wirte und einigen seiner Freunde in den Troikas Platz. In
Staubwolken gehüllt ging es in sausendem Galopp; wir hielten uns
gegenseitig mit den Armen fest, um nicht von den schmalen Sitzen ohne
Lehne herabgeschleudert zu werden.

[Illustration: Fürst Borghese in einer Troika.]

Die echt russischen Wagen sind nicht übermäßig bequem; es gehört eine
gewisse Geschicklichkeit dazu, sich auf ihnen zu halten; man meint,
die Russen liebten es, den Sitzen die Reize des Sattels zu verleihen;
wenigstens muß man mit den Kunstgriffen des Reitens vertraut sein, um
sich ungestraft dieser Wagen bedienen zu können. Aber sie sind zum
schnellen Fahren eingerichtet und machen infolge ihrer Einfachheit
und Leichtigkeit das Fahren zu einem Genuß. Die Troika hat etwas
Klassisches. So könnte die Bespannung eines römischen Triumphwagens
gewesen sein! Die Pferde sind mit skulpturmäßiger Symmetrie verteilt:
in der Mitte der große Traber, zu den Seiten die beiden galoppierenden
Pferde. Und sie galoppieren mit vorgestreckten Köpfen, mit nach
auswärts gerichteten und in dieser Stellung durch starke Zugleinen
festgehaltenen Nüstern.

Wir fuhren in rasender Eile über Sandwege dahin, gelangten dann
zwischen Gebüsche, und eine halbe Stunde später war die Steppe
wunderbar verwandelt. Es erhoben sich dichte Kiefernwälder, auf
die Obstgärten und dann ein schattiger Park an den Ufern eines
stillen, klaren Baches folgten; zwischen den Bäumen sah man Schuppen,
Lusthäuser, Marställe und eine Fabrikanlage, die ihre Kraft aus dem
Flusse bezog.

Das Frühstück wurde im Freien serviert in der Kühle des Gartens mit
der freigebigen und schlichten Gastlichkeit vergangener Zeiten. Wir
glaubten uns in eine andere Zeit versetzt, in eine Ansiedlung, die
von der Welt vergessen worden ist oder die diese vergessen hat. Die
Toiletten der Damen waren vierzig Jahre alt; meine Nachbarin, eine
ehrwürdige Dame mit grauen Locken, unterhielt sich fließend mit mir
in einem Französisch, wie man es heute nicht mehr spricht; der Bruder
unseres Wirtes, ein Hüne, trug das altsibirische Kostüm mit der
gestickten Seidenbluse und dem silberbeschlagenen Gürtel. Die Dame
des Hauses war der Typus einer Romanheldin, die es liebt, sich auf
Kosakenart zu kleiden, sich mit Flinte und Jatagan zu waffnen, wie ein
Mann zu Pferde zu sitzen und auf der Jagd durch den Wald zu sprengen.
Ihre Söhne trugen sämtlich die Nationaltracht. Die Dienerschaft
war äußerst zahlreich, Männer und Frauen, die uns neugierig mit
respektvoller Vertraulichkeit betrachteten. Eine alte Frau begrüßte
den Hausherrn, indem sie das Knie beugte und mit der Stirn die Erde
berührte. Junge Mädchen trugen ohne Unterlaß Speisen und Getränke auf.

Das Gastmahl würde wohl lange ausgedehnt worden sein, wenn wir uns
nicht nach drei Stunden daran erinnert hätten, daß wir noch am
selben Abend in Tjumen, 340 Kilometer von Ischim, sein müßten, um
zu übernachten. So mußten wir allen Bitten widerstehen. Mit der
Annäherung an Europa gelangten wir in Gegenden, wo uns jene angenehmen
Hindernisse winkten, die man Einladungen nennt. Der Fürst mußte mehr
Willenskraft aufbieten, um inmitten all dieser Gastlichkeit vorwärts zu
kommen, als er zwischen den Sümpfen und Felsen nötig gehabt hatte.

Bei Jalutorowsk setzten wir über den Tobol und einige Stunden später
bei Bogandinsk über den Pyschma. Nicht nur in den Städten kannte man
uns, auch im freien Felde wurden wir bisweilen erkannt. An einer
Kreuzung fragten wir einen jungen Mann nach dem Wege. Als er ihn
gezeigt hatte, rief er uns nach:

„Von Peking?“

„Jawohl!“

„Fürst Borghese?“

„Jawohl!“

„Hurra!“ Und dabei schwenkte er seine Mütze.

Um 8 Uhr trafen wir in Tjumen ein. Wir wurden empfangen,
photographiert, interviewt. Einer meiner dortigen Kollegen nahm
mich ganz besonders aufs Korn. Mit einem großen Notizbuch und mit
einem Bleistift bewaffnet folgte er mir wie ein Schatten. Er war bei
mir, während ich meine Depeschen schrieb, er war bei mir auf dem
Telegraphenamte, während des Essens und als ich mich zu Bett legte.
Während ich noch schlief, kam er wieder und klopfte an mein Fenster,
das sich in geringer Höhe über der Erde befand. Er war ein kleiner,
magerer, hartnäckiger und dickfelliger Mensch.

„Sagen Sie mir etwas!“ rief er.

„Ich habe nichts zu sagen; ich habe keine Lust dazu. Die Reise ist
bisher gut verlaufen. Das ist alles!“

„Noch etwas!“

„Ich weiß nichts mehr.“

„Denken Sie doch nach!“

Ich schwieg, arbeitete, beschäftigte mich sonstwie und vergaß darüber
seine Gegenwart. Plötzlich hörte ich ihn fragen:

„Haben Sie nachgedacht?“

Er war unerbittlich. Ich schickte ihn zu Ettore, aber vergebens. Er war
fest überzeugt, daß ich die außerordentlichsten Dinge über die Fahrt
Peking-Paris zu sagen wüßte.

Tjumen mit seinen breiten, gepflasterten Straßen, den Palästen, die
nicht mehr aus Holz, sondern aus Mauerwerk bestehen, den erhöhten
Trottoirs, den zahlreichen Firmenschildern, die auf einen gewissen
Prozentsatz von Leuten, die lesen können, schließen lassen, sieht aus
wie eine Stadt des europäischen Rußlands. In Sibirien gibt es über den
Läden mehr bildliche Darstellungen als Inschriften, auch in den großen
Städten; man sieht Hüte, Schuhe, Samowars, Kleidungsstücke, Wagenräder
abgebildet; man ist noch mitten in der Zeit der Bilderschrift. Mit
Tjumen beginnt augenscheinlich ein Landstrich, der mit dem Alphabet
vertrauter ist.

In der Tat, wir befanden uns beinahe an der politischen Grenze Europas.

       *       *       *       *       *

Am 19. Juli früh 4 Uhr brachen wir wieder auf. Unser Ziel war das 328
Kilometer entfernte Jekaterinburg.

In Tjumen endete die Steppe. Der Wald kehrte zurück und nahm langsam
Besitz vom Gelände.

[Illustration: Auf der mit Gras bewachsenen sibirischen Chaussee.]

Wir befanden uns, beinahe ohne es zu bemerken, im Schatten
riesenhafter Birken, die zu beiden Seiten der Straße standen. Zuerst
bildeten sie zwei lange, prächtige Reihen; dann standen sie dichter
und wurden zu einem herrlichen Walde, durch den die Straße einen
Durchgang geöffnet hatte. Unter die Birken mischten sich Tannen; dann
kam das zahllose Heer der Kiefern mit ihren schlanken, rötlichen Säulen
ähnlichen Stämmen. Die Spuren des Verkehrs waren auf dem mit Gras
bedeckten Wege verlöscht. Wir glaubten in die Taiga zurückzukehren.
Auch hier hatte die Eisenbahn die alte Heerstraße zur Verödung
verurteilt. Der grüne, frische Schatten duftete nach Harz, nach
Thymian, nach Minze, nach Blumen. Der Rasen war mit roten, köstlichen
Erdbeeren übersät.

50 Kilometer von Tjumen entfernt erblickten wir in der Tiefe des Waldes
zwei hohe nebeneinanderstehende Pfähle, die zwei Tafeln trugen. Auf
der einen stand: „Gouvernement Tobolsk“, auf der andern: „Gouvernement
Perm“. Wir stießen einen lauten Ruf aus, der in der Stille des Waldes
widerhallte:

„Adieu, Sibirien!“

Hier betraten wir das europäische Rußland.

Noch nicht Europa. Europa beginnt erst am Ural. Wir überschritten nur
eine verwaltungsrechtliche Grenze; aber Sibirien, das eigentliche
Sibirien, lag schon weit zurück; es hatte mit der Steppe geendet.

Eine Zeitlang kehrte die Erinnerung auf die zurückgelegte Wegstrecke
zurück. Wir schwiegen und blickten zerstreut vor uns hin. Wir sahen
im Geiste Transbaikalien wieder, wir sahen die grünen Steppen mit
ihren Rinderherden und Burjaten wieder, die düstere Taiga, die breiten
sibirischen Ströme, die in ihrem Schlamm den Goldstaub mit sich
führen, die unendliche Reihe aus rohen Stämmen gezimmerter Dörfer,
die malerischen Städte, die zahllosen weißen Kirchen mit den blauen
und grünen Kuppeln und die Steppe, die ohne Ende schien! Wir liebten
Sibirien seiner einstürzenden Brücken, seines klebrigen Morastes,
seiner Sümpfe, seiner Sandflächen wegen. Und wir erinnerten uns freudig
aller derer, denen wir da draußen begegnet waren, und fühlten, daß
Sibirien uns mit Tausenden von Herzen auf unserer Fahrt begleitete.
Lebe wohl, Sibirien!

Noch 30 Kilometer rollten wir im Walde dahin. Dann wurde das Dickicht
lichter, es begannen Waldblößen, dann folgten Wiesen und Felder.

Die Dörfer wurden häufiger; sie waren groß, bevölkert und hatten
schmuckere Häuser; die Muschiks trugen fast alle die rote Bluse,
die Tolstoi so liebt. Aber wir fanden an den Muschiks nicht mehr
die sibirische Gutherzigkeit. Man empfing uns mit feindseliger
Verwunderung, als ob wir irgendein unbekannter Feind seien. Etliche
Männer ergriffen die Flucht, andere beobachteten uns von der Seite,
bereit zur Abwehr. Frauen gebrauchten ein seltsames Zeichen der
Beschwörung, indem sie vor uns ausspuckten! Dies allein würde genügt
haben, uns zu zeigen, daß wir zu Menschen anderer Rasse, mindestens
anderer Gesinnung gekommen waren.

Das Gelände wurde immer mannigfaltiger. Wir konnten die rasche
Fahrt nicht fortsetzen; die Straße war außerhalb des Waldes nach
wie vor schlecht, von kleinen Gräben durchschnitten, voller Löcher,
überbrückt von unsicheren Holzstegen. Als wir uns einer Stadt näherten,
gewahrten wir im Schatten eines Kiefernwaldes Leute, die uns grüßten
und uns, während wir vorbeifuhren, Glückwünsche zuriefen. Ein junger
Mann auf einem Zweirad fuhr vor uns her und machte uns ein Zeichen,
ihm zu folgen. Wir erreichten und durchfuhren Kamyschlow; jenseits
verabschiedete er sich von uns, nachdem er uns den richtigen Weg nach
Jekaterinburg gezeigt hatte. Ohne ihn hätten wir vermutlich die Straße
nach Irbit eingeschlagen.

Das Wetter war schlecht geworden. Fortwährend wechselte ein
Regenschauer mit einer Stunde Sonnenschein. Das Automobil wirbelte
in der ruhigen Luft dichte Staubwolken auf und ließ sie hinter sich,
so daß sie kilometerweit auf der Straße liegenblieben. Wir sahen
die Staubwolken vom Gipfel der Hügelkette aus unbeweglich über der
Landschaft lagern wie den Rauch einer Feuersbrunst.

Gegen 3 Uhr kamen wir von neuem in wildromantische Gegenden. Es
vergingen viele Stunden, ohne daß wir ein Dorf zu Gesicht bekamen.
Dann schlossen sich über uns die jahrhundertealten, prächtigen, für
den Ural charakteristischen Kiefernbestände. Die Straße schien in
ein Tal voller majestätischer Stämme eingeschnitten. Aber der Wald
hatte Blößen, auf denen sich herrschaftliche Villen erhoben. Von den
Veranden herab grüßten uns elegante Damen. Das primitive Aussehen des
Landstrichs täuschte; wir waren in der Nähe einer großen, reichen
Stadt. Jekaterinburg kündigte sich an, die Hauptbergwerksstadt des
Uralgebietes, der große Gold- und Kohlenmarkt.

Es war 7 Uhr, als wir auf dem Gipfel eines Hügels eine Menschenmenge
sahen, die uns zuwinkte. Um uns erscholl ein langgedehntes Hurra. Auch
Jekaterinburg hatte uns seinen Gruß gesandt. Begleitet von Zweirädern
und Wagen, zogen wir in die elegante Stadt ein, während sich ein wahrer
Wolkenbruch entlud. Aufs herzlichste empfangen, verbrachten wir hier
die letzten Stunden in Asien, die in dem 6000 Kilometer entfernten
Peking begonnen hatten!

       *       *       *       *       *

Die geographische Grenze Europas überschritten wir am Morgen des 20.
Juli, 5 Uhr 17 Minuten.

Nahe der Straße erhebt sich auf einer kleinen Waldblöße auf dem Sattel
einer der höchsten Höhen des Ural ein Marmorobelisk. Auf seiner
Ostseite ist das Wort „Asia“, auf der Westseite das Wort „Europa“
eingehauen!

Mit Ungeduld erwarteten wir diesen Paß. Oft hatten wir von dem
Augenblick gesprochen, in welchem wir von einem Erdteil in den andern
übergehen würden, von jenem flüchtigen, aber doch unvergeßlichen
ernsten Augenblick, in welchem wir unsere Fahrt auf asiatischem
Boden beendigt haben würden. Nun hatten wir die Durchquerung Asiens
von seinen äußersten Grenzen am Stillen Ozean an vollendet. In
vierzig Tagen hatten wir den ganzen unermeßlichen, uralten Kontinent
durchfahren. Schritt für Schritt hatten wir eine der größten
Verkehrsadern der Menschheit kennen gelernt, diejenige vielleicht,
die seit undenklichen Zeiten das stärkste Hinundherfluten von Rassen
und Zivilisationen gesehen hat. Sie hat die tatarische Flut gen
Westen und die slawische Flut in den Osten getragen, eine Heerstraße
der Eroberungen und der Ideen, der Religionen und Schätze, der
Sagen und Handelswerte, der Heere und des Goldes. Wir haben um uns
den geheimnisvollen Zauber Asiens weben gefühlt, vor allem dort in
der Mongolei, in den weiten Ebenen des Schweigens, inmitten eines
träumerischen, in den Gedanken unendlicher Wiedergeburten versenkten
Volkes, welches das gegenwärtige Leben als eine wertlose Episode
ansieht, gleich der Bewegung einer Welle im Ozean, die da lebt, um zu
sterben. Wir dachten, ob nicht in der Luft, im Wasser jenes Zentrums
von Asien ein geheimnisvolles Element herrsche, das Millionen von
Menschen von der Welt losreißt.

Die größten Religionen sind in Asien geboren. Wie Funken sind sie jenem
von Idealen glühenden Lande entsprungen, ihr Feuer weithin zu tragen.

Der Begriff der Seele, wohl der edelste, den der Mensch je besessen
hat und der das Bewußtsein, die Tugend und die Herzensgüte geschaffen
hat, ist in Asien entstanden. Unsere skeptische materialistische
Lebensanschauung stößt bei ihrem Zurückfluten nach Asien zusammen mit
der großen Nichtachtung aller irdischen Dinge. Nicht Feindseligkeit
tritt ihr gegenüber, sie begegnet mehr: der Gleichgültigkeit. Auch
die Gleichgültigkeit des Muschiks, dessen heitere Zufriedenheit, das
einzige Hindernis für einen raschen Aufschwung der slawischen Rasse,
sie ist nur ein asiatisches Erbteil. Beim Erwachen Sibiriens sind die
Fremden die Träger des größeren Unternehmungsgeistes und der größeren
Energie, sie sind es, die auf die beschauliche träumerische Seele
des blonden Volkes einen fieberhaften Tätigkeitsdrang übertragen.
Überall haben wir Asien verspürt: in der Verödung der Straßen, in der
Gleichgültigkeit und Resignation des Volkes in allen Lebenslagen,
selbst in der Gastfreundschaft, mit der wir dort aufgenommen wurden und
die uns nicht wieder freigeben wollte, weil man weder den Wert der
Zeit begriff, noch unsere Eile, ja nicht einmal den Zweck unserer so
langen und so nutzlosen Fahrt!

Für uns hatte die Durchquerung Asiens nicht nur die Bedeutung einer
Folge von Landschaftsbildern. Wir standen in inniger und dauernder
Berührung mit jenem gewaltigen Erdteil und seinen Völkern. Indem wir
von den Chinesen zu den Mongolen, von den Burjaten zu den Slawen, zu
den Kirgisen kamen, indem wir vom Konfuzianismus und chinesischen
Buddhismus übergingen zum Lamaismus, zum fetischistischen Christentum
Transbaikaliens, zur Orthodoxie Westsibiriens und zum Islam,
haben wir gleichzeitig Mischungen der Rasse und des Bewußtseins
kennen gelernt, Verwandtschaften des Blutes und der Charaktere,
Ähnlichkeiten der Sprachen und der Anschauungen. Und ohne die Vorgänge
zu verstehen, haben wir langsame Bewegungen der Stämme beobachtet,
ein unberechenbares Kommen und Gehen von Auswanderern, inmitten der
anscheinenden Bewegungslosigkeit ein Abfluten von Völkern aus ihrer
Heimat im Herzen von Asien und ihre Rückkehr dorthin in veränderter
Gestalt. Wir haben einen Begriff von einer Bewegung bekommen, die
jenseits der Grenzen der geschichtlichen Erinnerung liegt. Asien,
das schweigende, das schlafende Asien, das alte Asien, das ein toter
Begriff schien, hatte sich statt dessen erfüllt gezeigt von einem
Betätigungstrieb, der zu mächtig war, um ganz verstanden zu werden.
Diese große Völkermutter, der auch unsere eigene Rasse entstammt, hatte
sich uns als noch jugendlich enthüllt, ihre neue Fruchtbarkeit im
Schweigen verbergend. Deshalb gedachten wir mit einer Art Ehrfurcht des
Augenblicks, in welchem wir die Grenze Asiens überschreiten würden!

Da dieser Übergang für uns eine Heimkehr war, so hatten wir
beschlossen, zu halten und auf der poetischen Schwelle unseres
Erdteils miteinander anzustoßen. Im Werkzeugkasten lag in lobenswerter
Voraussicht, deren ich mich rühme, zu diesem Zwecke eine Flasche guten
Champagners. Als wir aber ankamen, schwiegen wir, und in schweigendem
Übereinkommen setzten wir unsere Fahrt fort, jeder in seine eigenen
Gedanken versunken, nicht frei von einer gewissen Rührung. Die
geplante Feier erschien uns jetzt kleinlich; zu halten und an diesem
Orte Champagner zu trinken war eine Entweihung. Nichts durfte die
Feierlichkeit unserer Stimmung stören.

Das Automobil rollte rasch über die sanften Abhänge jener niedrigen,
weichen Hügel hin, die sich den Namen eines Gebirges anmaßen. Der
Ural erscheint nur den Steppenbewohnern hoch und großartig; er ist
ein Gebirge, weil er sich zwischen dem sibirischen und dem russischen
Tieflande erhebt. Wir, die wir an die großartigen Linien der Apenninen
und Alpen gewöhnt waren, hatten den Ural erreicht, ohne ihn zu
bemerken. Als wir am Tage zuvor in Jekaterinburg anlangten, glaubten
wir, seine Gipfel seien von dem drohenden Unwetter verhüllt. Und als
wir dann am frühen Morgen zwischen waldigen Bodenanschwellungen entlang
fuhren, glaubten wir auf die ersten Ausläufer des Urals zu stoßen.
Statt dessen passierten wir die höchsten Gipfel dieses Gebirgssystems.

Die sehr breite und ziemlich gute Straße lief auf lange Strecken in
schnurgerader Richtung weiter, eine breite weiße, sich ins Unendliche
fortsetzende Furche in den dichten Wäldern, in die kein Strahl der
Sonne dringt. Die ungeheueren Kiefern schienen Träger der Nacht zu
sein. An einer Stelle sprang ein Damhirsch hervor; er blieb einige
Sekunden lang auf dem Wege stehen, erstaunt über das blitzschnelle
Automobil; den schlanken braunen Körper zum Sprunge bereit, wandte er
sich uns mit der feinen Nase und dem geschmeidigen Halse in furchtsamer
Haltung zu, sprang zurück und verschwand zwischen den Gebüschen,
die sich an dem Fuße der großen Stämme unentwirrbar hinziehen. Oft
sahen wir Bäume vom Blitze getroffen oder vom Orkan niedergeworfen an
der Erde liegen; mancher von diesen zu Boden geschmetterten Riesen
versperrte die Seiten der Straße.

Durch diese an die Urzeit erinnernde Landschaft fuhren wir zwei Stunden
lang. Wir hätten nie geglaubt, uns in einer der gewerbfleißigsten
Gegenden des Russischen Reiches zu befinden, wenn wir nicht im
Grunde jedes Tales über die dunkle Masse der Bäume hinweg rauchende
Schornsteine von Fabriken, von Bergwerken, von Gießereien bemerkt
hätten. Der Reichtum dieser Gegenden liegt nicht auf der Erde, er
ist unter ihr verborgen. Wenn ein Bergwerk eröffnet wird, so wird
eine Straße zur Weiterbeförderung der Erzeugnisse gebaut, das ist
alles; das Land kann wüst liegenbleiben. Wir mußten unsere Fahrt oft
verlangsamen, um lange Karawanen von Hunderten mit Eisen, Kohle oder
Holz beladener Telegas vorüberzulassen, die nach Jekaterinburg fuhren,
von wo eine kurze Eisenbahnlinie diese Erzeugnisse des Urals weiter
nach Tscheljabinsk auf die große Verkehrsstrecke bringt. Jetzt ist eine
direkte Linie von Jekaterinburg nach Kasan im Bau begriffen, und wir
stießen an diesem Morgen mehrmals auf Eisenbahnarbeiten, die unsere
Straße durchschnitten und uns nötigten, auf Erddämmen weiterzufahren
und wacklige Stege und provisorische Brücken zu überschreiten. Die
Wagenführer im Ural riefen uns Schimpfworte zu. Wir fühlten uns dadurch
aber nicht beleidigt: wir erblickten darin nur einen Beweis, daß wir
nach Europa gekommen waren! Die Landschaft konnte beinahe noch für
asiatisch gelten; etwas aber hatte sich verändert: die Geduld und die
heitere Freundlichkeit der Bewohner waren auf der andern Seite des
Urals zurückgeblieben.

Gegen 10 Uhr befanden wir uns von neuem auf der Ebene. Es regnete.
Wir hatten Jekaterinburg mit der Aussicht auf gutes Wetter verlassen;
jetzt drohte eine Sintflut. Die Straße wurde wieder schlecht, morastig,
unwegsam. Schmutz bespritzte uns unablässig, so daß wir darauf
verzichten mußten, ein Stück Schokolade zu unserer Stärkung zu essen;
wir hätten dieses bescheidene Frühstück nicht hervorziehen können, ohne
daß es mit Straßenkot bedeckt worden wäre. Wir mußten heute Perm, den
Sitz des Gouverneurs, erreichen, das 394 Kilometer von Jekaterinburg
entfernt liegt. Um 4 Uhr nachmittags hatten wir aber erst 293 Kilometer
zurückgelegt!

Später hörte es auf zu regnen. Unüberwindliche Schläfrigkeit lastete
bleischwer auf unseren Augenlidern, als ein ganz eigenartiger Anblick
uns wieder munter machte. Große und kleine vergoldete, versilberte,
emaillierte Kuppeln, Türme von jeder Form erhoben sich über der kleinen
Stadt Kungur. Sie bietet bei all dem Funkeln edler Metalle das Aussehen
einer Märchenstadt. Es muß ein großes heiliges Glaubenszentrum sein,
weil es mehr Kirchen als Häuser zu besitzen scheint. Auf den Straßen
sind Heiligenbilder, Tabernakel, Votivkapellen in überreicher Fülle
vertreten. Die Muschiks entblößen beim Vorübergehen das Haupt und
beugen das Knie.

Nach einigen Stunden erlebten wir eine andere Überraschung, das erste
tatarische Minarett in dem 30 Kilometer von Perm entfernten Kojonowa.
Aber es war eine Übergangsform, beinahe in der Gestalt eines Turmes
mit einem Halbmond anstatt des Kreuzes, kurz, eine Art russifizierter
Moschee. Tatarische Männer liefen fröhlich herbei, und hinter den
Scheiben der kleinen Fenster erblickten wir die braunen Gesichter ihrer
Frauen, die wie Zigeunerinnen mit Münzen geschmückt waren.

Nicht weit von Perm zieht sich die Straße zwischen Tannenwäldern
dahin. Als wir den Motor anstrengten, um über die Sandmassen, in denen
die Räder versanken, hinwegzukommen, machten wir eine furchtbare
Entdeckung. Das linke Laufrad drohte zu brechen.

Ich habe schon erwähnt, daß die Kette, die wir um die Pneumatik
jenes Rades gelegt hatten, um das Gleiten in dem Morast der Straße
zwischen Kansk und Krasnojarsk zu verhüten, die Stellen beschädigt
hatte, an denen die Speichen in dem Radkranze befestigt sind. Es war
augenscheinlich, daß beim Ersteigen der Anhöhen der von der Kette
umwundene Radkranz einen zu starken Druck ausgeübt und die Verbindungen
um Haaresbreite gelockert hatte. Die Löcher, in die die Enden der
Speichen eingelassen sind, hatten sich um Bruchteile eines Millimeters
verbreitert. Wir konnten kaum einen leichten Riß um jede Speiche
entdecken, der aber verschwand, wenn das Holz infolge des Regens
aufquoll. Bei Sonnenschein aber begann das Rad zu knarren, weshalb
Ettore, sobald er Wasser in den Kühlapparat goß, einen Eimer voll auch
über das beschädigte Rad schüttete. Das Mittel war wirksam.

Hier, in der Nähe von Perm, begann das Rad aber zu knarren, wie es noch
nie geknarrt hatte! Wir stiegen ab, um nachzusehen. Die Risse hatten
sich erweitert; die Speichen wackelten in den immer breiter werdenden
Löchern. Ettore wußte sich wieder zu helfen: er nahm Bindfaden,
wickelte ihn um die Speichen, zwängte diese wieder in ihre Öffnungen
und sicherte so dem Rade eine gewisse Festigkeit. Das Knarren wurde
leiser.

Gegen 8 Uhr abends gelangten wir nach Perm. Es war noch ganz hell,
die Straßen waren belebt, die Trambahn überfüllt. Jede Stadt bot uns
neue Überraschungen, ein Anzeichen, daß wir uns dem Ziele näherten.
In Perm war es die Straßenbahn, die wir mit derselben Aufmerksamkeit
betrachteten wie die Menge uns.

Im Gasthofe war unsere erste Sorge das Rad. Es wurde abgenommen
und genau untersucht. Wir ratschlagten. Der Fall war sehr ernst.
Es war zweifellos, daß die meisten Speichen sich vom Radkranze
zu lösen drohten. Der Fürst schlug vor, die Speichen wieder mit
trockenem Bindfaden zu umwickeln und in die sich erweiternden Löcher
hineinzupressen, außerdem das Rad die ganze Nacht hindurch ins Wasser
zu stellen. Ettore billigte den Plan und machte sich an die Arbeit.
Zwei Stunden später waren die Speichen umwickelt und eingepreßt. Jetzt
fehlte nichts, als das Rad ins Wasser zu stellen. Dies schien das
geringste, es war aber das schwierigste. In ganz Perm fand sich kein
Behälter vor, groß genug, um das Rad aufzunehmen! Die Nachforschungen
dauerten lange; sie begannen in dem Gasthof und wurden auf das
ganze Stadtviertel ausgedehnt. Die Leute, die sich um das Automobil
versammelt und der Arbeit zugesehen hatten, nahmen tätigen Anteil an
unseren Nachforschungen und suchten sich an die größten Behälter zu
erinnern, die sie gesehen hatten.

Ein dicker Beamter in Uniform hatte schließlich eine praktische,
originelle Idee. Er näherte sich dem Fürsten und fragte ihn:

„Verzeihen Sie, Sie wollen das Rad ins Wasser stellen?“

„Ja.“

„Warum schicken Sie es denn nicht in eine Badeanstalt?“

Es hätte wie ein Scherz geklungen, wenn der dicke Beamte nicht
vollständig ernst geblieben wäre, als der Fürst, der nicht wußte,
in welchem Sinne er den Vorschlag auffassen sollte, ihn forschend
anblickte.

„Sie meinen ...?“

„Ich meine, daß man das Rad in eine Badeanstalt schicken, eine Zelle
mieten, das Rad in das Bassin stellen und morgen wieder herausholen
sollte. Es wird dann so fest sein, daß nichts ihm mehr etwas anhaben
kann. Lassen Sie das Rad auf eine Droschke laden, und ich gebe dem
Kutscher die Adresse.“

So vollzog sich die gewiß nicht allzu gewöhnliche Tatsache, daß ein
krankes Rad in eine Badeanstalt gebracht wurde, um sich dort einer
hydrotherapeutischen Kur zu unterziehen.

Am nächsten Morgen um 4 Uhr hatte das Rad seinen anstrengenden Posten
wieder eingenommen.

„Wie steht es?“ fragte ich Ettore, indem ich mit dem Finger auf das Rad
wies.

„Ausgezeichnet“, erwiderte er zufrieden. „Es ist wieder fester
geworden.“

Trügerischer Schein! Schwere Krankheiten täuschen bisweilen eine
plötzliche Besserung vor. Unser armes Rad lag im Sterben. Wenige
Stunden später waren wir die trauernden Hinterbliebenen!



Neunzehntes Kapitel.

Von der Kama zur Wolga.

     Automobil, Milch und Eier. -- Ein Unwetter. -- Das Rad bricht. --
     Es wird wiederhergestellt. -- Ein Dorf in Schrecken. -- Schaden an
     den Bremsen. -- Kasan.


Die Bürger von Perm werden am Morgen des 21. Juli zu ihrer Überraschung
ein bedeutendes Ansteigen der Milch- und Eierpreise konstatiert haben.
Wir haben das niederdrückende Bewußtsein, die unschuldige Ursache
dieser tiefeingreifenden wirtschaftlichen Störung gewesen zu sein.
Das Automobil bringt eben in Ländern, die sich an diesen Sport noch
nicht gewöhnt haben, unerwartete Wirkungen hervor; es hat geradezu
unberechenbare Folgen. Die Sache trug sich folgendermaßen zu.

Wir hatten kaum die Stadt verlassen, und zwar bei drohendem,
regnerischem Wetter, als wir auf eine lange Reihe von Telegas stießen.
Sie brachten landwirtschaftliche Erzeugnisse nach Perm auf den Markt.
Die Bauern, Männer und Frauen, lenkten ihre Pferde mit gewohnter
Sorglosigkeit; sie saßen auf dem Rande der Telegas und ließen die
Beine in der Luft baumeln. Der Muschik hat zwei Arten, den Wagen zu
lenken: die eine, wenn er zu Markte fährt, die andere, wenn er vom
Markt zurückkommt. Bei der Rückkehr ist es der Kopf, der hin und her
baumelt, und die Beine befinden sich im Innern der Telega; denn der
Muschik unterläßt es nie, einen guten Teil des eingenommenen Geldes
gewissenhaft in Wodka anzulegen und mit derselben Gewissenhaftigkeit
den Wodka bis zum letzten Tropfen auszutrinken. An jenem Morgen
handelte es sich jedoch, wie erwähnt, um Bauern, die zu Markte fuhren,
und die Telegas wurden daher auf die erwähnte Art Numero eins gelenkt.

Als wir uns näherten, gab das Pferd des ersten Wagens Zeichen des
Schreckens und dann der Wut von sich. Die Pferde des Gouvernements
Perm sind aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde die grimmigsten
Feinde des Automobils. Wir konnten zwischen den Pferden des einen
Gouvernements und denen des andern einen großen Unterschied im
Verhalten uns gegenüber bemerken: die von Transbaikalien waren
feindselig, die von Irkutsk mißtrauisch, die von Tomsk gleichgültig,
die von Omsk veränderlich, die von Perm unversöhnlich! Für den, der
die unerforschlichen Beziehungen zwischen dem Charakter der Pferde
und den Religionen der Menschen ergründen will, füge ich noch hinzu,
daß die Pferde der Buddhisten und Mohammedaner gegen uns beinahe
freundschaftliche Empfindungen an den Tag legten; selbst in der
Umgegend von Perm beobachteten uns die Pferde der Tataren mit großer
Nachsicht, gleich toleranten Wesen, die nicht die ausschließliche
Herrschaft über die Straße in Anspruch nehmen und deren Wahlspruch ist:
„Fahren und fahren lassen!“ Das Pferd des ersten Wagens wurde also wild.

Das Automobil fuhr langsam: nutzlose Vorsichtsmaßregel. Das Pferd
machte einen Seitensprung, der Wagen stürzte um. Er war mit Milch und
Eiern beladen. Auf der Erde bildeten sich gelbe und weiße Bächlein.
Wir wollten den unabsichtlich angerichteten Schaden ersetzen, als sich
mit der Geschwindigkeit eines Blitzes die Panik von Pferd zu Pferd
fortpflanzte. Die zweite Telega stürzte, dann die dritte. Nichts ist so
ansteckend wie böses Beispiel. Im Nu lagen alle Telegas am Boden und
streckten die Räder in die Luft. Die Milch floß von allen Seiten in
Strömen, und die Bauern, angestachelt von ihren Frauen, stürzten auf
uns los. Was war zu tun? Was tut man, wenn man auf einem Automobil von
50 Pferdekräften sitzt, bedroht von einer Menge mit Stöcken bewaffneter
Muschiks? Etwas sehr Einfaches. Mit Bedauern, aber mit Entschlossenheit
wurde der Geschwindigkeitshebel heruntergedrückt, die Maschine sauste
los und war bald aus dem Bereiche der Stöcke. Wir hatten jedoch noch
nicht einen Kilometer zurückgelegt, als wir vor uns einen zweiten Zug
Telegas erblickten.

Diesmal beschlossen wir, zu halten und die Wagen vorbeizulassen.
Aber das stillstehende Automobil erscheint den Pferden nicht minder
furchtbar als das sich bewegende. Als sie näherkamen, spitzten sie die
Ohren, schüttelten den Kopf und wieherten, und ehe man es sich versah,
richtete sich das erste Pferd auf die Hinterhand empor und machte eine
jähe Wendung, wobei es leider vergaß, daß es angespannt war; die Telega
geriet ins Wanken und stürzte um; die zweite tat dasselbe, gleich
darauf die dritte; die übrigen folgten! Milch und Eier am Boden, die
Stöcke hochgeschwungen in der Luft -- und das Automobil sauste abermals
in eiliger Fahrt davon.

Von nun an änderten wir unsere Taktik mit Erfolg. Wenn wir den Telegas
begegneten, fuhren wir mit voller Geschwindigkeit, und es kam keine
Vergeudung von Milch mehr vor. Die Pferde hatten kaum Zeit, die
Vorüberfahrt des Ungeheuers zu bemerken, als es auch schon verschwunden
war, und setzten ihren Weg beruhigt fort. Alles beschränkte sich auf
eine leichte Bewegung des Kopfes; es war nur ein Augenblick. Wir
wandten im Grunde genommen dieselbe Taktik an wie bei den Brücken
von zweifelhafter Widerstandsfähigkeit; die Pferde hatten keine Zeit
durchzugehen, und die Brücken hatten keine Zeit einzustürzen. Der
kritische Moment war auf einen Augenblick beschränkt. Und die Bauern
begrüßten uns mit Begeisterung, lachend und überrascht beim Anblick
dieser schwindelerregenden Fahrt.

Einige Stunden später gelangten wir in große Tannenwälder, während
ein überaus heftiges Unwetter losbrach. Ein Sturmwind fuhr durch die
Bäume und beugte sie alle unter Heulen und Zischen. Mattes Dämmerlicht
herrschte, als sei die Nacht zurückgekehrt, nur unterbrochen von dem
blauen Schein blendender Blitze. Der Donner rollte beständig. Ein
wolkenbruchartiger Regen rauschte von allen Seiten herab wie ein
großer Wasserfall und überschwemmte die Straße, füllte die Sitzplätze
des Wagens, drang uns durch die wasserdichten Mäntel und peitschte
unsere Gesichter mit einer Heftigkeit, die einen wirklichen Schmerz
hervorrief, als ob das Wasser ein fester Körper wäre; so groß waren
die Tropfen und so heftig der Sturm. Wir mußten langsam fahren, wir
sahen das Gelände nicht mehr, das von den Regenschauern verhüllt war.
Das Automobil überließ sich natürlich allerhand ungezogenen Protesten
gegen den Morast: es rutschte aus, neigte sich zur Seite, fuhr quer
über die Straße, hatte eine unüberwindliche Neigung, sich mit dem
Vorderteil nach hinten umzuwenden und zeigte überhaupt Ungehorsam
und Launenhaftigkeit. Das Unwetter dauerte vier volle Stunden! Um
½10 Uhr hatten wir in beinahe sechsstündiger Fahrt kaum 50 Kilometer
zurückgelegt.

Tief herabhängende Wolken trieben vorbei und verfingen sich in den
Bäumen, als wir das Ufer der Kama erreichten und auf einem von
einem kleinen Dampfer geschleppten Fährboote über den breiten Strom
übersetzten, der nächst der Wolga die wichtigste Verkehrsader des
östlichen Rußlands bildet.

Morast begleitete uns auch am andern Ufer. Zuweilen mußten wir
absteigen, um die Maschine zu schieben, wenn die Laufräder es sich
in den Kopf gesetzt hatten, sich im Kreise herumzudrehen, ohne
vorwärtszukommen. Wir hofften noch Malmysch an der Wjatka, einem
Nebenflusse der Kama, zu erreichen und dort zu übernachten, von wo wir
noch etwa 160 Kilometer bis Kasan hatten. Wir hatten uns vorgenommen,
an diesem Tage 360 Kilometer zurückzulegen, um am nächsten Tage
vormittags in Kasan zu sein ... Es sollte ganz anders kommen! Auf
Reisen soll man nichts im voraus bestimmen wollen. Vorausbestimmungen
sehen aus, als wolle man dem Schicksal Vorschriften machen. Das
Schicksal wollte sich aber an uns rächen und uns demütigen.

Gegen 11 Uhr hatten wir uns etwa 30 Kilometer von der Kama entfernt.
Die Straße wurde besser und das Wetter hatte sich aufgeklart, als das
beschädigte Rad zu knirschen begann. Nach zehn Minuten knarrte es. Wir
fuhren weiter -- was sollten wir auch sonst tun? --, das Knarren ging
in Zischen über. Noch wenige Meter und dann -- ein Krach! Wir hielten.
Der Fürst sprang ab, um das Rad zu besichtigen, und stieß einen Ausruf
schmerzlicher Überraschung aus.

„Was gibt es?“ fragte ich.

„Es ist aus!“ erwiderte er, „wir können keinen Schritt weiterfahren.“

In der Tat hatten sich die Speichen des Rades völlig von dem Kranze
gelöst; wenn sich das Rad drehte, so traten sie abwechselnd in die
Löcher und wieder aus ihnen heraus; von dem Gewicht des Wagens
hineingedrückt, traten sie an dem unteren Teile des Rades hinein und
traten heraus, wenn sie beim Umschwung des Rades nach oben zu stehen
kamen.

Wir konnten von keinem schwereren Unfall betroffen werden! Wir mußten
auf unabsehbare Zeit festliegen, in einer unbewohnten Gegend, Hunderte
von Kilometern von der Eisenbahn entfernt. Es war ein Augenblick der
Bestürzung. Wir schwiegen und betrachteten das unbrauchbare Rad mit
zornigen Blicken nutzlosen Grolles.

„Was nun?“ fragten wir uns nach einigen Minuten.

„So viel Mühe, so viele Schwierigkeiten überwunden!“ seufzte Ettore.
„Um hier zu enden!“

„Ohne das Rad können wir das Automobil nicht einmal von Pferden
weiterziehen lassen“, bemerkte ich.

Der Fürst dachte nach. Dann fragte er als praktischer Mann:

„Gehen wir logisch vor. Was ist das Dringendste? An den nächsten
bewohnten Ort zu kommen. Wir können nicht mitten auf der Straße
stehenbleiben. Wenn dieser erste Schritt getan ist, wollen wir an den
zweiten denken. Sehen wir uns einmal die Karte an!“

Wir betrachteten sie. Das nächste Dorf war etwa acht Kilometer entfernt.

„Gut!“ nahm der Fürst wieder das Wort. „Nun müssen wir ein Mittel
ausfindig machen, noch acht Kilometer zurückzulegen. Für diese Strecke
läßt sich das Rad ausbessern.“

Er zeigte immer Ruhe und Energie, eine reiche Quelle von
Auskunftsmitteln. Es wurde eine sinnreiche provisorische Reparatur
vorgenommen, die imstande war, eine kurze Fahrt auszuhalten,
vorausgesetzt, daß diese mit der nötigen Vorsicht ausgeführt wurde. Es
handelte sich darum, Stücke Holz zwischen der Nabe des Rades und dem
Kranze als eine Art Hilfsspeichen einzufügen, die neben den Speichen
angebracht und mit Stricken festgebunden wurden. Ettore machte sich
sofort an die Arbeit. Mit der Axt schlug er starke Äste von einem Baum
ab, hieb passende Stücke davon ab und trieb sie mit Hammerschlägen
zwischen die Speichen des Rades ein, nachdem er dieses mittels einer
Winde emporgehoben hatte. Dann band er sie an die eigentlichen Speichen
fest. Das Rad bot den Anblick eines seltsamen, von einer Pneumatik
umgebenen Holzbündels. Während Ettore noch daran arbeitete, kam ein
alter Muschik des Weges, der ein Kalb vor sich her trieb.

Er blieb stehen, um sich das Ding anzusehen, ebenso das Kalb. Nachdem
er das Rad aufmerksam betrachtet hatte, rief er aus:

„Guten Tag!“

„Guten Tag!“

„Sie wollen das Rad reparieren?“

„Jawohl.“

„Es gibt einen Mann, der es Ihnen machen kann, ganz in der Nähe.“

„Ein solches Rad?“ fragte ihn Don Scipione ungläubigen Tones.

„Ein solches, Väterchen!“ erwiderte der Alte. „Er ist der geschickteste
Fabrikant von Schlitten und Telegas in der ganzen Gegend. Sie finden
nicht einmal in Perm einen so tüchtigen.“

„Dies ist eine sehr komplizierte Telega. Eine Telega, die von selbst
fährt.“

„Ich sehe es, daß sie nicht so ist wie die unsrigen, aber Nikolai
Petrowitsch ist imstande, ein Rad auszubessern, es mag so oder so sein.“

„Wo wohnt dieser Mann?“

„Sechs Werst von hier. Gehen Sie nur diese Straße entlang, dann werden
Sie auf eine kleine weiße Kirche stoßen; links von der Kirche ist ein
Abhang, dann kommt eine kleine Brücke; gehen Sie über die Brücke, und
Sie sind an Ort und Stelle. Sie können gar nicht fehlgehen; seine Isba
steht allein im Felde.“

„Und er arbeitet heute? Es ist Sonntag.“

„Er arbeitet vormittags. Wenn Sie aber Eile haben ...“

Wir dankten dem guten Alten, der seinen Weg wieder aufnahm, hinter dem
vorantrabenden Kalbe her, und wir setzten uns langsam und vorsichtig
in Bewegung, um nach dem Hause Nikolai Petrowitschs zu gelangen. Nach
wenigen Schritten begann das Rad von neuem zu knirschen, zu knarren,
zu ächzen; wir erwarteten das Geräusch eines vollständigen Bruches zu
vernehmen und zu sehen, daß sich das Automobil auf die Seite neigte.
Aber laut stöhnend widerstand das Rad. Mehr als eine Stunde brauchten
wir, um zu der Isba des Stellmachers zu gelangen.

Es war ein gut aussehendes Haus, aus schönen, rechtwinklig zugehauenen
Balken gezimmert, und stieß an eine Umzäunung an, über welche
Schuppen und Dächer hervorragten. Auf freiem Felde waren zahlreiche
Schlittenkufen aufgeschichtet, die an dem einen Ende von Stricken aus
Weidengeflecht in gekrümmter Lage festgehalten wurden.

Wir riefen.

Sofort öffnete sich die Tür des Zaunes und heraus trat ein Mann.

„Nikolai Petrowitsch?“ fragten wir.

„Das bin ich. Guten Tag!“

Es war ein schöner Mann, über 50 Jahre alt, mit langem grauem Barte.
Sein Gesicht hatte den mystischen Ausdruck des russischen Bauern;
die langen, auf der Stirn gescheitelten Haare fielen ihm bis auf die
Schultern herab. Er war von hünenhaftem Wuchs und trug die rote an
der Brust offene Bluse der Muschiks, der Kopf war unbedeckt. Seine
Gehilfen folgten, auch sie von patriarchenhaftem Aussehen; aus den
aufgestreiften Ärmeln ragten athletische Arme hervor, die imstande
schienen, Bäume auszureißen.

„Sehen Sie sich dieses Rad an!“ sagte der Fürst zu dem Telegabauer.

Er betrachtete es einige Augenblicke.

„Die Speichen können neu gemacht werden, der Radkranz ist sehr gut. Nur
die Löcher müssen tiefer gebohrt werden ...“

„Sie können die Speichen neu machen?“

„Ja.“

„Und so, daß sie halten?“

„Ich mache Ihnen das Rad stärker, als es neu war.“

„Ich brauche es aber sofort.“

„In einem halben Tage ist es fertig.“

„Gut.“

Das Automobil wurde in einen ländlich aussehenden Hof geleitet, der
voller Hobelspäne und Holzsplitter lag und auf dem sich Balken,
Schlitten, Wagen und eiserne Reifen befanden. In einem Winkel stand
ein frisch angestrichener Tarantaß auf zwei Böcken. Das Rad wurde
auseinandergenommen; die von der Nabe und dem Kranze getrennten
Speichen dienten den neuen als Modell. Wenige Minuten später hallte
der Hof von Axthieben wider. Kein anderes Werkzeug wurde verwandt
außer der Axt, die mit wunderbarer Geschicklichkeit gehandhabt wurde.
In der Hand des russischen Bauern ist sie ein Präzisionsinstrument.
Um den Punkt zu bestimmen, auf den gehauen werden soll, machen diese
Leute keine Zeichen, noch ziehen sie Linien, sie legen ihre linke Hand
aufs Holz, und der Hieb fällt, den Daumen beinahe streifend. Die Lage
des Fingers hat dem Auge und der Hand das richtige Maß angegeben. Die
neuen Speichen entwickelten sich allmählich aus dicken Klötzen alten
Kiefernholzes; durch schwere Hiebe, die die Späne ringsumher fliegen
ließen, wurden sie schwächer gemacht. Die Künstler maßen, indem sie
die alten Stücke auf die neuen legten, und brauchten kein anderes
Hilfsmittel dazu; millimeterbreite Fugen schlugen sie sauber und genau
mit sicherem Auge, und zwar mit Axtschlägen, die mit geschwungenem Arme
niedersausten, als hätte es sich anstatt um eine so feine Arbeit um den
Bau eines Gerüstes oder einer Fähre gehandelt.

[Illustration: Das von Nikolai Petrowitsch neu hergestellte Rad.]

Während wir diese malerische Gruppe rauher, bärtiger Männer, die sich
einer so mühsamen Arbeit unterzogen, beobachteten, wandte sich einer
von ihnen zu uns und redete uns feierlich auf lateinisch an.

Unsere Überraschung war so groß, daß wir ihn einige Augenblicke
fassungslos betrachteten, ohne zu antworten.

„Wo hast du das gelernt?“ fragte ihn Fürst Borghese.

„Ich habe es für mich studiert, zu Hause während des Winters“,
erwiderte der Mann ernst.

Dies erinnerte mich an einen andern Lateinkundigen, den ich unterwegs
antraf, einen chinesischen Wagenführer in der Nähe von Hsin-wa-fu.
Es war ein christlicher Chinese im Dienste der Katholischen Mission
der Provinz Schansi, der von Peking zurückkehrte und seinen
Brüdern Lebensmittel mitbrachte. Aber diese Tatsache ist nichts
Außergewöhnliches in China, wo Latein die Umgangssprache der Missionen
ist und viele Bekehrte es so weit bringen, daß sie sich seiner mit
bewundernswerter Gewandtheit bedienen. Wie es ein Pidgin-Englisch gibt,
so gibt es in China auch ein Pidgin-Latein zum Ruhme des christlichen
Glaubens.

Das Latein unseres Muschiks war etwas russifiziert, aber er bediente
sich seiner hinreichend gut, um uns mitzuteilen, daß, wenn wir ermüdet
seien, wir in das anstoßende Haus gehen möchten, wo wir ausruhen und
Milch trinken könnten. Wir fanden hier nicht nur Milch, sondern auch
herrliche Walderdbeeren, die die Frau des Meisters uns diensteifrig
vorsetzte.

Um 4 Uhr waren die Speichen fertig. Nun begann der schwierigste
Teil der Aufgabe: die Zusammensetzung. Sie kostete drei weitere
Stunden angestrengter Arbeit. Mit langen glühenden Stäben wurden die
Speichen durchbohrt; Rauchwolken stiegen zischend von den verbrannten
Holzstellen auf. Schließlich wurden die Schrauben angebracht und die
Platten befestigt: das Rad war fertig.

Die neuen Speichen entsprachen sicherlich nicht allen Regeln der
Kunst; sie waren massig, dick und plump, verliehen aber dem Rade
eine Festigkeit, daß es allen Stößen, allen Kraftanstrengungen zu
widerstehen versprach.

Wir fuhren vom Hofe auf die Straße. Die Arbeiter folgten uns, während
sie sich von uns verabschiedeten. Sie lachten vergnügt und trockneten
sich die schweißtriefenden Stirnen. In dem Augenblicke, als wir
davonjagen wollten, streckten sich uns schwielige Hände entgegen, die
wir in freudiger Erregung voller Dankbarkeit drückten.

„~Do svidania!~“ riefen sie uns zu, während wir davonfuhren.

„~Salve!~“ rief der Lateiner.

Ihre Zurufe begleiteten uns lange Zeit. Noch aus weiter Ferne konnten
wir unsere Retter sehen, wie sie die Mützen schwenkten, bis die Bäume
uns ihren Blicken entzogen.

Wir wollten unseren Weg fortsetzen, solange es das Tageslicht
gestattete. Die Straßen waren trocken geworden; wir fuhren 30
Kilometer in der Stunde. Eine Stunde nach unserer Abfahrt ging die
Sonne unter. Wir sagten uns: „Im nächsten Dorfe machen wir halt.“
Aber der Wunsch, die verlorene Zeit einzuholen, war zu lebendig in
uns, und im „nächsten Dorfe“ fuhren wir ohne Aufenthalt weiter zum
„nächsten Dorfe“. In manchen Ortschaften bereiteten uns die sonntäglich
gekleideten Bewohner einen fröhlichen Empfang, in andern betrachteten
sie uns mit mißtrauischer und feindseliger Verwunderung. Der Grund für
dieses verschiedene Verhalten lag am Telegraphen. Die Orte, die ein
Telegraphenamt hatten, waren uns freundschaftlich gesinnt; sie wußten
von uns, in manchen Ortschaften erwartete man uns sogar. Von Amt zu
Amt teilten sich die Telegraphisten die Nachricht unserer Durchfahrt
mit, die sich durch den ganzen Ort verbreitete, indem sie von Mund zu
Mund lief. Überall konnten wir die Telegraphenbeamten am Fenster stehen
sehen; sie waren die ersten, uns zu begrüßen.

Um 9 Uhr begann die Dämmerung der Nacht zu weichen. Wir beschlossen,
im nächsten Dorfe über Nacht zu bleiben. Zwei junge Leute, die
nebeneinander auf dem Fußsteige gingen, holten wir ein und hielten
das Automobil an, um zu fragen, wo das „Semstwoskaja Dom“ sei. Aber
wir hatten noch nicht den Mund geöffnet, als jene, nachdem sie uns
einen Moment mit entsetzten Augen angestarrt hatten, das Zeichen des
Kreuzes machten, die Beine in die Hand nahmen und die Flucht ergriffen,
ohne ein Wort, ohne einen Schrei, auf den Zehenspitzen; sie liefen,
als fürchteten sie, uns durch das Geräusch ihrer Schritte hinter
sich herzuziehen. Augenscheinlich handelte es sich um ein Dorf ohne
Telegraphenamt! Die Lage wurde ungemütlich; wir mußten unbedingt
rasten, schon weil unsere Vorräte zu Ende gegangen waren und wir seit
Perm außer den Erdbeeren der Frau des wackeren Wagenbauers nichts
gegessen hatten.

[Illustration: Unser Publikum.]

Endlich bemerkten wir auf der Schwelle eines Hauses mehrere Frauen. Wir
hielten. Der Fürst wollte absteigen und mit ihnen unterhandeln.

„Um Gotteswillen!“ flüsterte ich ihm zu. „Mit Ihrem Pelze jagen Sie sie
sofort in die Flucht!“

Wir hatten bereits bemerkt, daß unsere Pelze und wasserdichten Mäntel
auf die Bauern eine abstoßende Wirkung ausübten. Wir sprachen also vom
Automobil aus, indem wir unserer Stimme einen sanfteren Klang gaben, um
weniger teuflisch zu erscheinen.

Der Fürst hatte die zärtlichsten Töne gefunden, als er sagte:

„Guten Abend! Hätten Sie wohl die Freundlichkeit, uns zu sagen, wo das
Sem--“

Es war zwecklos, den Satz zu beenden. Die Frauen waren mit einem
Schreckensschrei im Nu ins Haus geflüchtet und verschlossen sofort die
Tür.

„O weh!“ murmelten wir. „Das Beste, was uns diese Nacht begegnen kann,
ist, mit leerem Magen im Freien zu kampieren!“

Wir fuhren weiter bis zu einem Hause, das blau angestrichen war und
weißumrahmte Fenster hatte.

„Hier müssen wohlhabende Leute wohnen,“ sagten wir uns; „hoffentlich
bereiten sie uns einen besseren Empfang.“

Wir klopften an die Tür. Alles still. Wir klopften noch einmal. Niemand
antwortete.

„Das Haus steht leer!“ riefen wir.

Nein, es stand nicht leer. Wir hörten Geflüster von Stimmen im Innern,
ein Geräusch von eiligen Schritten über die hölzernen Dielen, das
Zuschlagen der Ausgangstür, die fest verschlossen wurde, das Klirren
eines Riegels.

[Illustration: Ein Forscher.]

Wie sollten wir die Furcht besiegen, die wir überall einflößten?
Wir bemerkten, daß die Bewohner wach waren und, auf die Straße
hinausgetreten, den geheimnisvollen Wagen ängstlich beobachteten. Es
war nicht angenehm, in dieser Lage zu bleiben, weil die Möglichkeit
nicht unbedingt ausgeschlossen war, daß jemand es für ein
verdienstliches Werk hielt, einen Flintenschuß auf den bösen Feind
abzufeuern. Der Fürst bemerkte:

„Es wäre gut, wenn einer allein näher an die Leute heranginge; ich
würde ihnen die amtlichen Briefe zeigen, und wir würden ehrenvoll
aufgenommen werden.“

Dann, von einer Idee erfaßt, begann er jene allzu furchtsamen Leute
anzureden, die sich, zu sofortigem Rückzuge bereit, 50 Schritt von uns
entfernt hielten.

„Das hier,“ sagte er, „ist eine Maschine wie die Schiffe auf der Kama
und die Eisenbahn. Kommt nur her und seht sie euch an! Kommt nur! Es
ist keine Gefahr! Sie wird mit Benzin betrieben.“

Die Kühnsten kamen näher. Die übrigen folgten, und es bildete sich
schnell ein Kreis von Zuschauern, die zu begreifen begannen, daß wir
Wesen von Fleisch und Blut seien. Man trat näher, das Automobil wurde
befühlt, anfangs furchtsam, als könne man sich an ihm verbrennen, dann
mit vertrauensvoller Sicherheit. Zwei Bauern nahmen heldenmütig die
Einladung an, auf das Automobil zu steigen und sich ein Stück fahren
zu lassen. Sie gerieten in solche Begeisterung, daß sie nicht mehr
absteigen wollten. Alle wollten es probieren. Das Gedränge um uns herum
wurde immer dichter. Auch der Pope kam und drückte den Wunsch aus,
morgen früh nach dem nächsten Dorfe gefahren zu werden.

Das Eis war gebrochen. Alle wurden unsere guten Freunde. Das blaue Haus
schob die Riegel zurück, öffnete weit die Tür und nahm uns gastlich
auf. Der Samowar kam auf den Tisch; nach dem Samowar erschienen Eier,
Milch, Butter und Brot, so daß wir unseren Hunger stillen konnten. Die
im Hofe untergebrachte Maschine war von der Bevölkerung umlagert, die
sie mit bewundernder Neugier betrachtete.

Bis Mitternacht erhielten wir Besuche; die Leute kamen und gingen frei
aus und ein, nach russischem Brauche, ohne um Erlaubnis zu bitten.
Sie wollten uns in der Nähe sehen; sie traten ins Zimmer, nahmen die
Kopfbedeckung ab, betrachteten uns schweigend und gingen wieder hinaus,
zufrieden wie Kinder am Weihnachtsabend. Um Mitternacht löschten wir
das Licht aus, hüllten uns in unsere getreuen Pelze und streckten
uns auf dem Fußboden aus; die letzten Besucher entfernten sich auf
den Zehenspitzen, um von der Haustür aus zu verkünden: „Die Fremden
schlafen!“

       *       *       *       *       *

Am folgenden Morgen, 22. Juli, setzten wir um 4 Uhr unsere Fahrt
durch eine sich stets gleichbleibende Landschaft fort: große
Wälder, vereinzelte Wiesen, einige bebaute Felder, von Gebüschen
eingeschlossen, die jungfräuliche Erde bedeckten.

Auf Barken setzten wir über den kleinen Fluß Uchim, dann über
einen breiteren, den Wala. Leider bewirken die zahlreichen, leicht
zu befahrenden Wasserstraßen, daß die Landwege vernachlässigt
werden, die wir in sehr schlechtem Zustande fanden, so daß wir nur
langsam vorwärtskamen und das Automobil allen jenen schrecklichen
Proben unterziehen mußten, die uns zwischen Mariinsk und Tomsk zur
Verzweiflung gebracht hatten. Wir fürchteten, die Federn würden nicht
länger halten. Wir merkten, daß sie gegen die Stöße weit empfindlicher
wurden, und wir hatten keinen Ersatz für sie. In der sicheren
Überzeugung, ihrer nicht zu bedürfen, hatten wir die Ersatzfedern in
Kalgan zurückgelassen, weil sie zu schwer waren, und vielleicht liegen
sie jetzt noch in den Bureaus der Russisch-Chinesischen Bank, zum
Andenken an unsere Fahrt.

Um einen Begriff von den Straßen zu erhalten, stelle man sich vor, man
fahre im Automobil über einen frischgepflügten Acker mit der Aussicht,
Hunderte von Kilometern unter denselben Bedingungen zurücklegen zu
müssen.

Natürlich regnete es von Zeit zu Zeit. Wir fuhren durch wenig
bevölkerte, stille Städtchen, die mit ihren weiß angestrichenen
Holzhäusern -- zum Unterschiede von den die Naturfarbe des Holzes
zeigenden Bauernhäusern -- einen unendlich traurigen Eindruck machten.
Wir wurden in melancholische Stimmung versetzt, wenn wir an ihr
einförmiges, graues, stilles Leben dachten; sie glichen Städten in der
Verbannung. Sie tauchten in einem Tale auf, hinter einem Gehölz, am
Ufer eines Baches, abgeschlossen in der Eintönigkeit einer unbebauten
Gegend mit dunkeln Tannen- und Kiefernwäldern von düsterem Grün.
Einige von ihnen haben Namen, die nicht russisch sind, tatarische und
bulgarische Namen.

Manche Namen bewahren die Erinnerung an jenes seltsame bulgarische
Volk, das einst hier ein Reich besaß, von dessen Hauptstadt noch jetzt
prächtige Trümmer an den Ufern der Wolga zu sehen sind. Sie war so in
Vergessenheit geraten, daß sie vollständig verschwand. Wälder hatten
sie überwuchert; sie lebte nur noch in der Überlieferung, als unter
Peter dem Großen ihre majestätischen Trümmer mitten in einem dichten
Walde wieder entdeckt wurden.

Die Bulgaren liebten die großen Ströme; sie teilten die Wolga und die
Donau unter sich: „weiße Bulgaren“ die der Wolga, „schwarze Bulgaren“
die der Donau; aber sie wurden aufgesaugt, die einen von den Tataren,
die andern von den Slawen. So sind nur noch Namen übriggeblieben:
Bolgary an der Wolga, Bulgarien an der Donau; das Volk aber existiert
nicht mehr.

Am Nachmittag häuften sich die Schwierigkeiten. Die durch endlose
Wälder führende Straße war so schlecht geworden, daß wir mit der
Geschwindigkeit von nur 15 und häufig gar nur von 10 Kilometern fahren
mußten. Die Karosserie knarrte, sie flog bei jedem Stoße in die Höhe,
als wollte sie in Stücke gehen. Die Fußbremse, jene vermaledeite
Bremse, die in Sibirien dreimal Feuer gefangen hatte, brannte zwar
nicht mehr, aber sie funktionierte auch nicht mehr. Sie war vollständig
verdorben, und wir waren einzig auf die Handbremse angewiesen, die auf
die Laufräder wirkt. Während wir einen steilen Abhang hinunterfuhren,
wobei diese einzige Bremse angezogen war, fühlten wir einen heftigen
Ruck im Automobil und hörten im vorderen Teile ein metallisches
Klirren. Die Maschine stand quer über dem Wege still.

Wir sprangen ab.

„Was soll jetzt werden?“ riefen wir angstvoll aus, als wir hörten,
welcher Schaden angerichtet war.

[Illustration: Russischer Muschik.]

Der allzu starke Druck der Bremse hatte den Bruch des Bügels zur Folge
gehabt, der die Federn mit der Radspindel verbindet, und die Achse der
Laufräder hatte sich vollständig von den Federn, also vom Chassis,
losgerissen. Wir hatten Ersatzbügel da, aber sie waren zu kurz. Zum
Glück fand Ettore, als er unter seinem Handwerkszeug herumwühlte,
Spindeln und Schrauben, mit deren Hilfe es ihm nach langem, geduldigem
Arbeiten gelang, Federn und Achse wieder zusammenzubringen und
festzuschrauben. Aber es stellte sich ein noch schwererer Schaden
heraus. Die hinteren Federn waren gebrochen! Von den neun Blättern,
aus denen jede bestand, waren links drei geborsten, rechts fünf.
Unsere Hoffnung beruhte jetzt nur noch auf der Widerstandskraft des
längsten und größten Blattes, das an den äußersten Enden die Zapfen
trägt, mittels deren es befestigt ist, und das aus dem feinsten Stahle,
den es gibt, angefertigt ist. Unsere Hoffnung stand aber auf sehr
schwachen Füßen. Wir sahen, daß eine einzige starke Erschütterung alles
vernichten würde.

Es dunkelte, und die Arbeit im Walde dauerte immer noch fort. Ein
trauriger Abend für uns. Wenn der Motor, die Transmissionen, das
Kugelgelenk, die Kardanwelle, die Verbindungen des Chassis, der ganze
maschinelle Teil gesund, gut imstande, neu, stark und zuverlässig ist,
wer denkt da an das übrige? Wenn das Herz, der Magen und alle vitalen
Organe eines Menschen kräftig sind und gut funktionieren, wer denkt da
an die Füße? Und doch waren es gerade die Füße unseres Automobils, die
kränkelten: ein verhängnisvolles Leiden, wenn man noch einen weiten Weg
vor sich hat.

Nachdem die Reparatur beendet war, machten wir uns wieder auf den Weg,
ganz langsam und mit der peinlichsten Vorsicht, und gelangten eine
Stunde später an die Poststation Melekeski. Wir kochten uns Eier,
tranken Milch und streckten uns zum Schlafen auf der Erde aus.

Die Station war wenig mehr als eine Isba.

Am Morgen nahmen wir ein Glas Tee zu uns und fuhren ab. Es war 4 Uhr,
und es regnete.

Allmählich gelangten wir in eine anmutigere und schönere Gegend. Die
Landschaft hatte sich geändert, leider aber nicht die Straße. Wir
fuhren durch Malmysch, das wir an dem Tage, an dem wir Perm verließen,
zu erreichen gehofft hatten, ein Städtchen an dem Flusse Wjatka, das
auf uns den Eindruck machte, als sei es nur von einem Dutzend Beamten,
einem Apotheker und zwei Gendarmen bewohnt. Das Leben in Malmysch muß
nicht besonders anregend sein.

Die Straße wurde schlechter oder schien uns schlechter zu werden,
weil wir gegen die Unebenheiten des Geländes empfindlicher geworden
waren. Dafür wurden wir durch den Anblick der prächtigen Landschaft
entschädigt. Überall erhoben sich im Grünen Dörfer, tatarische
und christliche, schlanke Minaretts und Kirchtürme, Halbmonde und
Kreuze, bunt durcheinandergemischt im tiefen Frieden der Felder.
Nichts erinnerte an alte Kämpfe. Die Bewohner schienen wie zu einem
großartigen Feste gekleidet. Es war Heuernte.

Überraschend war die Verschiedenheit der Trachten, die mit jedem
Schritte wechselten. Man fühlt es, daß unter den beiden Namen
„Russen“ und „Tataren“ sich noch andere Volksstämme verbergen, die
sich vereinigt, aber nicht vermischt haben. Religionen sind es zwei,
der Rassen sehr viele. Diese wollen sich jetzt noch voneinander
unterscheiden, wollen sich in ihrem Volkstume behaupten, sie wollen
am Leben bleiben. Unbequeme und auffallende Trachten können nicht
Jahrhunderte hindurch getragen werden, ohne daß die Träger den Zweck
damit verfolgen, ihre Eigenart zur Geltung zu bringen und zu bewahren.
Jedes Dorf ist ein kleiner Staat für sich, der ein friedliches
Sonderdasein führt und so verschieden von den anderen ist, als sei er
durch weite Entfernungen von ihnen getrennt.

Gegen 3 Uhr, als wir in das Tal des Flusses Kasanka hinabfuhren, sahen
wir im Westen einen Wasserstreifen schimmern: die Wolga. In leuchtendem
Nebel hoben sich die Umrisse einer großen Stadt ab. Endlich hatten
wir Kasan erreicht mit den Türmen und Kuppeln seiner Kirchen und den
Minaretts seiner dreizehn Moscheen!

Auf breiten Straßen voller Leben und Getöse gelangten wir in die Stadt,
neugierig betrachtet, von vielen erkannt, mitunter begrüßt.

Eine Dame ließ ihre prächtige Equipage wenden, um uns zu folgen und uns
besser in Augenschein zu nehmen; sie holte uns ein. Sie fragte, ob wir
von Peking kämen und wohin wir wollten.

„Ins Hôtel de l’Europe, gnädige Frau.“

Ihr Wagen fuhr voran, wir folgten. Wir kamen an Kirchen, an Gärten
vorüber und gelangten auf die Hauptstraße. Hier liefen uns Herren
erregt und lachend mit ausgestreckten Händen entgegen. Es waren
Italiener.

„Willkommen!“ riefen sie. „Hoch! Liebe Freunde!“

Im Hintergrund erblickten wir den Kreml und den großartigen
Spaskajaturm, der wie eine alte Zwingburg auf die moderne Stadt
herabsieht.



Zwanzigstes Kapitel.

Von der Wolga zur Moskwa.

     Sibirien kehrt zurück. -- Ein feindseliges Dorf. -- Die
     Gastfreundschaft eines Müllers. -- Nischnij-Nowgorod. -- Die
     Geschichte eines Telegramms. -- Die Chaussee. -- Wladimir. --
     Freiwillige Panne. -- Moskau empfängt uns. -- Am Ufer der Moskwa.


In Kasan wurden die Federn in der Nacht rasch ausgebessert. Am 24. Juli
9 Uhr vormittags konnten wir Kasan mit der vollständig reparierten
Maschine verlassen. Wir fuhren unter den drohenden Mauern des Kremls
hin, jener alten tatarischen Zitadelle, die eine der grausigsten
Geschichten von Feuer und Schwert gesehen hat: die von Machmet Amin
befohlene Niedermetzelung der Christen, die von Iwan IV. befohlene
Niedermetzelung der Tataren, die von dem meuterischen Kosaken
Pugatschew befohlene Niedermetzelung der Adligen, und viermal die
Plünderung und Zerstörung der Stadt. Wir gelangten in die entlegenere
arbeitsame Admiralitätsvorstadt und von dort an den Wolgahafen.

Der große Strom, der größte Europas, lag breit, majestätisch,
langsam und stolz vor uns. Er wimmelte von großen Dampfern, die bis
zum Kaspischen Meere fahren, von Fähren, von Schleppdampfern, von
Personendampfern. Die bevorstehende Messe von Nischnij-Nowgorod war
die Ursache dieses Gedränges. Die Wolga ist einer der gewaltigsten
Verkehrswege der Welt; sie verbindet Persien, den Kaukasus und
Turkestan mit dem Herzen Rußlands. Die mannigfaltigsten Volksstämme
bewegten sich an den Ufern zwischen den Ladeplätzen: wir sahen Tataren,
Armenier, Zirkassier und Kirgisen unter russischen Bauern.

Auf einem der Trajektboote setzten wir über, auf einem wirklichen
und wahrhaftigen Dampfschiff, das uns gewaltig erschien wie ein
transatlantischer Dampfer.

Rasch fuhren wir davon über Hügel, von denen aus wir den unvergeßlichen
Anblick Kasans genossen, der blendendweißen Stadt, über die sich die
funkelnden Kuppeln der Kathedrale der Verkündigung Mariä erheben. Neben
diesen Kuppeln erblickten wir -- ein seltsamer Gegensatz in Gestalt und
Erinnerungen -- den alten tatarischen Sumbekaturm, der seinen Namen von
einer tatarischen Prinzessin hat, die nach einer poetischen Sage sich,
als die belagerte Stadt den Angriffen der siegreichen Slawen unterlag,
von der höchsten Spitze hinunterstürzte, um mit dem Vaterlande zu
sterben.

In der Unterstadt, die mit ihren kleinen, von Gärten umgebenen
Häusern noch jetzt ganz tatarisch ist, erheben sich Minaretts. Am
Flusse eröffnete sich ein seltsames Panorama runder Gebäude, der
Riesenbehälter für das Petroleum, das die Schiffe aus Baku die Wolga
herauf bringen. Kasan ist einer der größten Petroleumstapelplätze der
Welt. Dann entfernte sich alles, zerstreute sich, verschwand hinter
dem Gipfel eines Hügels. Wir befanden uns wieder in der Einsamkeit der
Felder.

Wir fuhren auf verlassenen, kaum erkennbaren, von Gras überwachsenen
Pfaden und waren genötigt, uns mit der allerbescheidensten
Geschwindigkeit zu begnügen.

Sibirien schien zurückgekehrt zu sein! Stellenweise hatten Wasserfluten
die Straße in einen tiefen Abgrund verwandelt. Es kam vor, daß wir
wie in der Mongolei die Richtung verloren. Wir kamen an eine Stelle,
wo jede Spur einer Straße oder eines Pfades verschwunden war und wir
nicht mehr nach dem richtigen Wege, sondern nach einem Manne suchen
mußten, der uns als Führer dienen könnte. Karten und Kompaß waren zu
Rate gezogen worden, das Ende vom Liede aber war, daß wir uns vor
unübersteiglichen Hindernissen befanden. Ein Bauer erklärte sich
bereit, auf das Automobil zu steigen und uns zu führen. Nachdem wir
etwa 10 Kilometer zurückgelegt hatten, kamen wir auf einen morastigen
Weg, an dem sich die Telegraphenleitung hinzog.

„Folgen Sie nur der Telegraphenleitung!“ sagte er und verabschiedete
sich.

Es war lange her, daß wir uns von der unabsehbaren Reihe von
Telegraphenstangen hatten leiten lassen. Und jetzt näherten wir
uns Moskau? Der ganze Landverkehr wickelt sich dort draußen nur im
Winter ab: wenn der Schnee das Gelände so wunderbar ebnet, daß die
Schlitten pfeilschnell darüber hinweggleiten. Es hat also keinen Zweck,
kostspielige Straßen zu unterhalten. Im Sommer sind die Flüsse für den
Verkehr da. In den Zeiten vor der Dampfschiffahrt existierte hier eine
prächtige Straße, von der sich jetzt kaum noch Spuren vorfinden.

[Illustration: Dampfschiff auf der Wolga.]

Gegen 1 Uhr passierten wir langsam ein kleines Dorf, als das Automobil
auf einem mit Gras überwachsenen Platze, der stets die weißen Kirchen
der russischen Dörfer umgibt, ein an eine leere Telega gespanntes Pferd
zum Scheuen brachte. Das Pferd ging durch; ein Knabe von ungefähr zehn
Jahren, der von der Telega abgestiegen war, wollte das Pferd aufhalten,
ergriff die lange Zugleine, die hinter dem Wagen herschleifte, und
versuchte an ihr zu ziehen. Unglücklicherweise schlang sie sich um eins
seiner Beine, und er fiel zu Boden. Wir stießen einen Schreckensruf
aus. Schon sahen wir im Geiste den Knaben an einem Beine geschleift und
auf grausige Weise ums Leben gekommen. Allein wir hatten nicht an die
Weite der russischen Stiefel gedacht; kaum war der Knabe hingefallen,
so bewirkte die um sein Bein geschlungene Leine nur, daß der Stiefel
ausgezogen wurde; der Knabe selbst blieb heil und unverletzt.

[Illustration: Auf dem Dampfer.]

Der Unfall erregte aber den Zorn der Bevölkerung gegen uns. Sofort
bildete sich eine dichte Gruppe von Bauern, die, unsere langsame
Fahrt ausnutzend, uns verfolgten. Zu ihnen gesellten sich andere.
Sie bewaffneten sich mit Steinen und gingen schreiend und johlend zum
Angriff über, indem sie uns in drohendem Tone „Halt!“ zuriefen.

Das Durchgehen der Telega allein konnte eine solche Empörung nicht
erklären. Selbst ein russischer Bauer war imstande zu begreifen,
daß wir keine Schuld hatten. Erst einige Tage später, in Moskau,
erhielten wir Aufklärung über jene Wut und über die verbissene
Feindseligkeit, die uns in so vielen Ortschaften des russischen flachen
Landes entgegengetreten war. Das Automobil war verschiedentlich von
Revolutionären benutzt worden, um Proklamationen umstürzlerischen
Inhalts zu verbreiten. Sicher ist, daß sich in vielen russischen
Ortschaften die Ansicht gebildet hatte, die Automobile seien Fahrzeuge
der Feinde der Religion und des Zaren! Das Durchgehen eines Pferdes
wurde für uns die Veranlassung zum Ausbruch eines lange vorher
bestehenden Volkshasses.

Die Verfolger schienen nicht geneigt, uns entkommen zu lassen. Die
Straße unterstützte sie bis zu einem gewissen Grade. Wir kamen an
einen jähen Abhang voller Furchen und Löcher. Wir mußten bremsen und
langsamer fahren, um die Maschine nicht zu beschädigen. Die Bauern
wurden von einem blonden jungen Manne in roter Bluse angeführt, der den
andern vorauslief und ihnen etwas zubrüllte, um ihnen Mut zu machen.
Die Entfernung verkürzte sich zusehends. Schon kamen Steine geflogen.
Noch wenige Sekunden, und wir wären eingeholt worden. Da entschloß ich
mich zu einer Handbewegung, die der Verfolgung sofort ein Ende machte.
Es war eine sehr einfache Bewegung mit der ausgestreckten rechten Hand,
eine langsame Bewegung, während ich mich auf die Füße erhob und mich
der Menge zuwandte. Diese blieb mit einem Male stehen, verstummte,
wich zurück und ließ uns unbelästigt weiterfahren! Ich muß allerdings
hinzufügen, daß ich bei dieser Handbewegung den Kolben der geladenen
Mauserpistole, die ich schußbereit gesenkt hatte, umklammert hielt.

Bald darauf versanken wir im Morast in der Nähe des kleinen
Simylskajaflusses. Mit Hilfe dreier Muschiks, die gerade vorbeikamen,
machten wir uns in einstündiger Arbeit wieder frei. Dann überschritten
wir den Fluß auf einer alten Brücke, ließen das malerische Städtchen
Woronowka zur Linken liegen, und weiter ging es auf unsicheren und
gefahrvollen Straßen. Von Westen her zog ein schwarzes Unwetter herauf,
das uns erreichte, als wir uns in einem großen Walde von Eichen und
Buchen befanden, und das uns die Freude verdarb, vertraute Bäume
wiederzusehen. Wir hatten die Tannen und Birken satt. Die Tannen
sind gewiß sehr schöne Bäume; mit ihren schwarzen, an den Turm einer
Kathedrale erinnernden Spitzen weisen sie eine gewisse architektonische
Strenge auf. Aber auf die Dauer werden sie langweilig wie ein Wald von
geschlossenen Schirmen. Die Eichen aber fanden wir geradezu wundervoll;
sie sind eine ungezwungenere, mannigfaltigere, vertraulichere
Erscheinung; es war, als winkten sie uns mit ihren vom Winde bewegten
knorrigen, unregelmäßigen Ästen; es waren die Bäume unserer Heimat.

[Illustration: Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.]

Es regnete in Strömen mit der gewohnten Begleitung von Blitz und
Donner. Es war nun einmal Schicksalsbeschluß, daß es alle Tage regnen
sollte, und wir hatten uns auch darein gefunden. Wir hatten nicht
einmal die Mühe, erst die wasserdichten Mäntel anzuziehen, weil wir sie
stets, es mochte das schönste Wetter und der blendendste Sonnenschein
sein, auf dem Leibe trugen.

Der Abend überraschte uns mitten in einer Einöde. Wir hatten gehofft,
das 160 Kilometer entfernte Tscheboksary zu erreichen; bis abends 8
Uhr hatten wir aber nicht mehr als 80 Kilometer zurückgelegt, als
das Automobil sich mit einem Male auf die linke Seite neigte und
stehenblieb. Wir waren eingesunken. Ettore hatte bei der Dunkelheit
eine tiefe morastige Einsenkung nicht bemerkt, und zwei Räder waren bis
an die Naben hineingeraten!

Wir befanden uns in einem einsamen Tale. Im Grunde rauschte ein vom
Regen geschwellter reißender Fluß. Der Fürst und ich -- Ettore blieb
zur Bewachung der Maschine zurück -- erstiegen einen nahen Hügel,
um vielleicht bewohnte Orte zu entdecken. Nichts war zu sehen als
die dunkle, düstere Landschaft, eine wellige Steppe, hier und dort
unterbrochen von schwarzen Gehölzen. Wir hatten uns schon darein
ergeben, die Nacht auf dem Automobil zu verbringen, als ich ein Dach in
einem Weidengebüsch, links von einer Brücke, bemerkte.

Wir gingen in der angegebenen Richtung und fanden wirklich eine kleine
einsame Mühle. An der Tür der Isba stand eine alte Frau, die bei
unserem Anblick erschreckt zurücktrat. Dann erschienen zwei Männer in
wenig freundlicher Haltung und fragten, wer wir seien.

Der Fürst sprach vom Automobil, versprach ihnen eine Belohnung, wenn
sie uns Hilfe leisteten, und schloß damit, daß er die beiden Männer,
die sich wieder besänftigt hatten, ersuchte, sich die im Morast
steckende Wundermaschine anzusehen.

„Sie müssen nach dem Dorfe gehen und dort Hilfe holen“, sagten sie,
nachdem sie nachgedacht hatten. „Wir sind in der Mühle nur vier
Personen. Wieviel wollen Sie übrigens für die Hebung des Wagens zahlen?“

„Fünf Rubel!“ erwiderte der Fürst. Es war die Anfangssumme wie bei
öffentlichen Versteigerungen.

[Illustration: Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und
Nischnij-Nowgorod.]

Fünf Rubel! Die Müller waren geblendet von solchem Reichtum. Fünf
Rubel! Sie sahen einander an und wechselten einige Worte. Es waren
ihnen inzwischen Riesenkräfte und ein Löwenmut gewachsen. Sie wollten
die fünf Rubel allein verdienen, sie würden zehn Automobile heben!

Sie gingen weg und kehrten mit den beiden Gefährten, die in der Mühle
geblieben waren, eilends zurück; dann machten sie sich an die Arbeit.
Nach einer halben Stunde schaufelten wir die Erde vor den Rädern weg,
Ettore setzte den Motor in Tätigkeit, und das Automobil bewegte sich
und hielt schließlich im Hofe der Mühle. Der Müller selbst hatte uns
Gastfreundschaft in seinem armseligen Hause angeboten.

Er stellte das Mühlwerk ab. An diesem Abend wurde in der Mühle ein
Fest gefeiert. Einer der Gehilfen langte nach einer Stunde mit einer
riesigen Flasche Wodka an, die er im Dorfe gekauft hatte: die fünf
Rubel begannen sich in Trunkenheit zu verwandeln.

Die blonden Männer tranken auf unser Wohl. Sie stürzten das
schreckliche Getränk gläserweise hinunter, nachdem sie, das Glas in
der Hand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet
gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Die Frauen saßen abseits
und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in
einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an
der Wand der Isba hing.

Es dauerte nicht lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu äußern.
Der Müller wurde sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns
zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie
er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen:
„Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!“ Dabei umarmte er uns einen nach dem
andern und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre
Zustimmung. Es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns
lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser
Vaterland.

Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk zum
Anbeten! Alle Segnungen des Himmels wurden auf uns herabgerufen. Die
junge Frau mit den ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die
zärtliche Rührung ihres Mannes, um die Wodkaflasche fortzunehmen,
ohne daß er es bemerkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu
verstecken.

Als wir erklärten, daß wir uns niederlegen wollten, verließen alle das
Zimmer. Die Männer blieben aber noch lange vor der Tür der Isba, und
wir hörten sie stundenlang die schwermütigen slawischen Lieder singen,
die wie Gebete klingen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte
verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die ihr Geklapper
wieder begann.

Wir hatten uns auf dem Fußboden ausgestreckt. Ich konnte nicht
schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte
ich einen frischen Luftzug. Ich bemerkte, daß sich die Tür ganz leise
öffnete.

Ich erhob mich auf den Ellbogen und strengte die Augen im Dunkel an.
Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ich die Person
erkennen oder vielmehr erraten konnte, die sich so heimlich in unser
Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich sah den Schimmer ihres
langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was
wollte sie? Mit gespannter Neugier beobachtete ich sie.

[Illustration: Ansicht von Wassilsursk an der Sura.]

[Illustration: In Wassilsursk.]

Als sie sich überzeugt hatte, daß alles still blieb, trat sie ein,
barfuß und ohne das mindeste Geräusch; sie glich einem Schatten.
Sicheren Schrittes ging sie auf einen Winkel zu und beugte sich suchend
vor. Es war die Stelle, an der sie den Wodka versteckt hatte. In der
Tat hörte ich an einem leisen Klirren des Glases, daß sie die Flasche
ergriff; ich sah, wie sie sie in die Höhe hob. Einen Augenblick später
vernahm ich ein leises, langes, von Seufzern unterbrochenes Gurgeln.
Die brave Frau trank. --

Früh machten wir uns wieder auf den Weg. Die Straßen waren trocken
und infolgedessen besser. Zu Mittag waren wir in Wassilsursk, einem
reizenden Städtchen am rechten Ufer der Sura, eines Nebenflusses der
Wolga, kokett im Grün kleiner Gärten über den Abhang eines Hügels
verstreut.

Und weiter, immer weiter ging es den ganzen Tag über, zeitweilig an der
Wolga entlang, deren breite, träge, von Schiffen belebte Fluten sich
durch das weite Tal wälzten.

Am Nachmittag stießen wir auf zwischen Gebüschen versteckte
herrschaftliche Villen: die große Stadt Nischnij-Nowgorod war in
der Nähe. Gegen Sonnenuntergang bemerkten wir Fabrikschornsteine,
die Vorposten der modernen Großstädte. Oben auf einem Hügel standen
Droschken. Als wir an sie herankamen, wurden wir mit einem „Hoch!“
empfangen.

In den Droschken saßen der kommerzielle Vertreter Italiens, der
Sekretär des italienischen Konsuls in Moskau und einige Landsleute. Wir
betraten den offiziellen Bannkreis Europas. Wir erhielten unsere Post,
Briefe, Zeitungen, Telegramme. Die Beziehungen zur Kulturwelt waren
wiederhergestellt. Die Einsamkeit war zu Ende!

Champagnerflaschen und Gläser kamen zum Vorschein, wir mußten anstoßen.
In tiefer Bewegung drückten wir zehnmal dieselben Hände und fragten
nach Nachrichten aus unserer Welt. Dann wurden wir von plötzlicher
Ungeduld gepackt, von dem gebieterischen Verlangen, zu Ende zu kommen,
zu fahren, zu fahren ohne Rast und Ruh wie jener Mann des Märchens, der
sich künstliche Beine anfertigte, die von selbst liefen, und der noch
immer läuft, weil er vergessen hat, eine Vorrichtung anzubringen, die
die Beine wieder zum Stehen bringt.

„Auf die Maschine! Auf die Maschine!“ riefen wir.

[Illustration: Muschiks auf der Überfahrt.]

Wir empfanden weder Müdigkeit noch Verdrießlichkeit mehr. Alles
war vergessen: „Auf die Maschine!“ Bald darauf entfaltete sich das
prächtige Panorama von Nischnij-Nowgorod zu unseren Füßen. Von Kasan
aus hatten wir 447 Kilometer zurückgelegt. Es war spät, als wir in
die breiten Straßen der alten russischen Hauptstadt einbogen, die
die eigentliche Wiege des ungeheueren Reiches ist. Die elf Türme
des Kremls, die hoch über die Stadt emporragen, waren noch von der
untergehenden Sonne beleuchtet; sie blitzten stolz über die goldenen
Kuppeln und weißen Türme hinweg. Mit einem Gefühl des Stolzes
betrachteten wir jene elf Beherrscher der Stadt, bei der Erinnerung
daran, daß sie etwas von italienischem Wesen an sich tragen; sie wurden
von einem italienischen Architekten, Pietro Frasiano, umgebaut, als der
Kreml seinen kriegerischen Charakter ablegte und sich zu verschönern
begann. Um jene Festung herum hatten sich die Heere gebildet, die Kasan
den Tataren entrissen; später bildete sich hier das Heer, das die
Polen aus Moskau verjagte. Nischnij-Nowgorod muß dem Slawentum heilig
erscheinen.

Wir waren kaum angelangt, als uns auch schon eine Einladung übermittelt
wurde. Einige angesehene Bürger, unter ihnen der Gouverneur, gaben uns
zu Ehren ein Bankett in einem großen Garten. Die Luft war mild, der
Himmel heiter. Wir sahen die Wolga an der Mündung der Oka im fahlen
Lichte des Abends zu unseren Füßen breit dahinströmen, übersät von
Myriaden von Lichtern an Bord der ankernden Schiffe, gleich einer sich
auf der Erde hinziehenden Milchstraße. Während des Banketts wurde ich
abgerufen.

„Sie haben ein Telegramm abgesandt?“ fragte der behandschuhte Kellner.

„Jawohl, vor zwei Stunden.“

„Das Telegraphenamt läßt sagen, daß es das Telegramm nicht befördern
könne ... Wenn Sie telephonieren wollen?“

Ich eilte ans Telephon. Meine Depesche konnte nicht befördert werden,
weil sie nicht russisch geschrieben war! Seit Nischne-Udinsk hatte ich
diese reizende Ungeheuerlichkeit nicht mehr gehört! Zum Glück waren
die einflußreichsten Männer der Stadt zur Stelle; sie telephonierten,
eilten auf das Telegraphenamt und kehrten triumphierend zurück. Das
Telegramm war abgegangen.

„Jeder macht es sich so bequem wie möglich!“ sagte man mir zur
Erklärung. „Das Amt fand, die Depesche sei zu lang ...!“

Mitternacht war vorüber, als an die Türe meines Hotelzimmers geklopft
wurde.

„Wer ist da?“

„Sie haben ein Telegramm aufgegeben?“

Wütend sprang ich aus dem Bett und eilte an die Tür, um zu öffnen.

„Ja,“ schrie ich den Oberkellner an, dem ich mich gegenüber fand, „es
ist vier Stunden her, daß ich es aufgegeben habe. Vier Stunden!“

„Beruhigen Sie sich,“ erwiderte er sanften Tones, „Ihr Telegramm ist
abgegangen und wird vielleicht schon angekommen sein. Nur wünscht das
Telegraphenamt eine kleine Aufklärung ...“

„Welche denn?“

„Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem andern,
gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts.“

Ich war wie vom Donner gerührt: ich sank auf einen Stuhl und sagte mit
kraftloser Stimme.

„Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich
schwöre es Ihnen. Ich habe in einer europäischen Sprache geschrieben.
Nur das Chinesische und Japanische schreibt man von oben nach unten.
Und man liest es von oben nach unten. Und man telegraphiert es von oben
nach unten!“

„Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach
rechts?“

„Wenn sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie haben sie es denn
abgeschickt? Wie?“

„Von oben nach unten, Herr!“ --

       *       *       *       *       *

Um 10 Uhr vormittags setzten wir unsere Fahrt fort. Unser graues
schmutziges Automobil hatte man hier liebenswürdigerweise mit
Blumen geschmückt. Wir überschritten die Oka auf der „Meßbrücke“,
der herrlichen Holzbrücke, die Nischnij-Nowgorod mit dem Meßplatze
verbindet, auf dem die „Jarmarka“, die berühmte Messe, abgehalten
wird, die am 27. Juli beginnt. Die Eröffnung sollte am übernächsten
Tage stattfinden. Der Platz war zum Empfang von 400000 Fremden, die
alljährlich hierherkommen, hergerichtet.

Berge von Waren türmten sich am Ufer auf, von einem bunten Gewirr
von Flaggen überragt. Riesige, an den Ufern verankerte Barken trugen
provisorische Gebäude, Cafés und buntfarbige, mit Laubgehängen
geschmückte schwimmende Gastwirtschaften, ein Theater, Räumlichkeiten,
wohin sich die Meßbesucher begeben, um zu rauchen, da das Rauchen in
den Straßen der Jarmarka verboten ist. Auf dem linken Ufer der Oka
fuhren wir über den ganzen weiten Meßplatz mit seinen 6000 Magazinen,
seinen Geschäften, seinen Märkten, eine ganze zweite Stadt, die zehn
Monate lang ausgestorben ist und von deren geräuschvollem Erwachen wir
jetzt Augenzeugen waren. Ihre seltsamen Bewohner ließen die Arbeit
liegen, um sich zu versammeln, wo wir fuhren. Alles gibt es auf der
Messe von Nischnij-Nowgorod, aber ein Automobil war noch nicht dort
erschienen.

Zwischen der ernsten, nachdenklichen Menge der Slawen erblickten
wir merkwürdige Volksstämme um uns herum. Viele Tataren im Kaftan
nach türkischer Art oder im blauen Kulmak, Kirgisen, die aus ihren
Steppen gekommen waren und Tausende von Kilometern weit Pferdeherden
hergetrieben hatten. Zirkassier mit prächtigen Waffen waren da, Perser
mit den hohen Pelzmützen, ernstblickende Armenier, Sibirier aus
Tobolsk mit Ladungen kostbaren Pelzwerks. Unter der Menge hatte sich
das Gerücht verbreitet, daß wir aus Peking kämen; man betrachtete uns
überrascht und stellte tausenderlei Fragen an uns, die wir nicht immer
verstanden.

Wir bogen in die Straße nach Moskau ein, die breit, fest, eben und
gerade war. Wir ließen die Maschine schnell fahren. Die Stadt und ihre
Jarmarka entfernten sich mehr und mehr. Die Straße wurde menschenleer
und ging nicht in einen der gewohnten elenden Feldwege über. Die
Chaussee, die echte Chaussee war erreicht!

Endlich! Nach einer Fahrt von 7500 Kilometern, nach sechsundvierzig
langen Tagen voller Mühen, Beschwerden, Leiden, Enttäuschungen.
Sie hatten wir gesucht, nach ihr hatten wir geseufzt, seit wir die
mongolische Wüste verlassen hatten: wir glaubten sie schon in Kiachta,
in Irkutsk zu erreichen. Bei meiner Beschreibung der Reise habe ich
von Straßen gesprochen, um den undefinierbaren Strecken, über die wir
fuhren, einen Namen zu geben. In Wirklichkeit sind wir fast stets über
mehr oder weniger guten gewachsenen Boden, über Sand, Morast, Steine,
Gestrüpp gefahren. Die Straße begann erst hier, nachdem wir ihren
kleinen weit vorgeschobenen Vorposten bei Kasan angetroffen hatten. Sie
begann in Nischnij-Nowgorod, der unvergeßlichen Stadt, die für uns den
Anfang des letzten Teils unserer Reise bedeutete. Uns erschien sie als
der Beginn der Zivilisation.

Europa hat seine Grenze nicht, wie die Geographen behaupten und wie
auch wir es geglaubt hatten, in den Wäldern des Urals, nein: es
beginnt in Nischnij-Nowgorod mit jenem weißen Streifen, auf dem wir
dahinrollten, der in einladender Breite ein endloses Band darstellt,
das hier beginnt und alle europäischen Nationen umschließt. Jetzt
erst glaubten wir über alle Schwierigkeiten triumphiert zu haben;
wir brauchten keine Felsen mehr zu erklimmen, in keine Abgründe
hinunterzurutschen, nicht mehr über Baumstämme zu stolpern; wir
brauchten nicht mehr in heimtückischen Sümpfen zu versinken, nicht
mehr den Weg zwischen der Pflanzendecke der Moräste und den Bäumen des
Waldes zu suchen. Die Straße war unsere Freundin, unsere Führerin; sie
erfüllte uns mit neuem Mute, sie geleitete uns ans Ziel.

Wir stießen einen Freudenschrei aus, als wir von der Spitze eines
Hügels aus sahen, wie sich die Chaussee bis zum Horizont erstreckte.
Und doch lebte in uns immer noch ein Gefühl des Zweifels, eine
unbestimmte Angst. Wir waren zu oft getäuscht worden und hatten
immer noch ein wenig Furcht, die Straße möchte verschwinden und
uns verlassen. Etwas ließ uns anfangs allerdings die Veränderung
weniger durchgreifend erscheinen und setzte unserer Freude einen
Dämpfer auf: es waren die alten, wackligen Brücken. Wir hörten jenes
gräßliche Krachen des Holzes unter den Rädern. Während unseres raschen
Dahinrollens gab eine dieser Brücken unter dem Gewicht des Automobils
nach; ein Brett brach.

„Rasch, mit voller Kraft!“ rief der Fürst.

Der Motor knattert laut und die Maschine, die im Begriff ist, zu
fallen, schießt vorwärts über die Bretter hin, die sich unter ihrer
Last biegen. Sie ist in Sicherheit! Hinter uns hören wir Holz
herabpoltern.

Das Automobil saust mit voller Geschwindigkeit dahin. Vornübergebeugt,
um den Luftwiderstand besser zu überwinden, durcheilen wir lange
Strecken im Fluge und kosten nach so langer Zeit von neuem das
Hochgefühl des ununterbrochenen Vorwärtsstürmens. Mit vollen Lungen
atmen wir den Duft des Heues, des Harzes, der Blumen ein, die ihren
Odem in die warme Luft ausströmen. Die Straße bildet wundervolle gerade
Linien, die bis zu 60 Kilometer lang sind. Wenn uns nicht an manchen
Brücken die Umbauarbeiten aufgehalten hätten, so hätten wir Wladimir,
unseren nächsten Haltepunkt, der von Nischnij-Nowgorod 250 Kilometer
entfernt ist, in fünf Stunden erreichen können; so brauchten wir acht.

Wir kamen zur Stunde der Promenade in jenes reizende Städtchen, das
bereits die Nähe der heiligen Hauptstadt des Reiches verrät. In einem
kleinen Gasthofe kehrten wir ein, vermochten aber trotz unserer
Müdigkeit zum erstenmal nicht zu schlafen. Moskau war nur noch wenige
Stunden entfernt!

       *       *       *       *       *

Um 7 Uhr früh fahren wir durch das weiße Tor von Wladimir und jagen auf
Moskau zu. Die vom Sonnenschein übergossene Straße war herrlich und
schnurgerade, als sei sie durch einen Kanonenschuß angelegt worden.

Wir fliegen dahin. Es ist, als ob die Maschine uns begriffe: in
gleichmäßigem Gange gehorcht sie jedem Winke des Fürsten, der am
Steuerrade sitzt; auf den Pneumatiks wiegt sie sich leicht in sanften
Schaukelbewegungen, die uns einlullen.

Um 8 Uhr kommen wir durch ein Städtchen. Die Leute stürzen aus den
Läden, eilen aus den Seitenstraßen herbei und begrüßen uns freudig;
sogar ein dicker Gendarm legt lächelnd die Hand an den Helm. Als wir an
ihm vorbeikommen, fragen wir ihn:

„Wie heißt diese Stadt?“

„Pokrow.“

[Illustration: Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.]

Wir sind erstaunt. Pokrow liegt etwa 85 Kilometer von Wladimir
entfernt. Wenn wir in solchem Tempo weiterfahren, treffen wir vor
10 Uhr in Moskau ein, und das dürfen wir nicht; wir dürfen erst
nachmittags 2 Uhr dort ankommen. Warum? Aus Höflichkeitspflicht. Am
Tage zuvor hatte man aus Moskau telegraphisch angefragt, wann wir
ankämen, und der Fürst, an die früheren Überraschungen gewöhnt, hatte
auf Grund einer Berechnung, die uns ziemlich weiten Spielraum ließ,
geantwortet: um 2 Uhr. So waren wir zu einer freiwilligen „Panne“
genötigt. Wir beschlossen, sie aus einem Frühstück bestehen zu lassen.

[Illustration: Abfahrt aus Wladimir.]

Eine halbe Stunde später hielten wir vor dem ersten Gasthofe in
Bogorodsk. Mit der Feierlichkeit, die unserem ersten zivilisierten
Frühstück gebührte, setzten wir uns zu Tische und leisteten uns die
zweite Flasche Champagner während unserer Fahrt. Die erste war in
Tanchoi getrunken worden.

Seit Peking hatten wir auf unseren Tagestouren niemals an einem Tische
gefrühstückt; wir hatten auf dem Automobil gegessen und oft auch dies
unterlassen, weil wir nicht daran dachten. Wir fühlten uns von einer
beinahe kindlichen Heiterkeit beseelt.

Das Wetter wurde schlecht, es begann zu regnen. Aber wir lachten ob des
Wetters und spotteten des Regens; sie würden uns nicht mehr aufhalten.
Diese Feindseligkeiten kamen zu spät und waren zwecklos. Unser alter,
erbitterter Feind, das Wetter, war besiegt.

Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft in der ganzen
Stadt. Das Publikum drängte sich im Hofe, und wir erhielten den Besuch
von Offizieren, Beamten und reichen Gutsbesitzern. Wir wurden überall
eingeladen. Der Fürst mußte sich mit Händen und Füßen wehren, um nicht
in Moskau erst am nächsten Tage um 2 Uhr einzutreffen!

Mittags nehmen wir die Sitze auf der Maschine wieder ein und
beschleunigen ihren Gang, um Zeit zu gewinnen. Wir fürchten, die Panne
von Bogorodsk zu lange ausgedehnt zu haben. 30 Kilometer vor Moskau
treffen wir zwei stattliche Soldaten, die wir für Kubankosaken halten.
In ihrer malerischen Uniform nach zirkassischer Art mit den reichen
Patronenbehältern zu beiden Seiten der Brust, dem langen Dolche im
Gürtel, dem hohen Pelzkalpak auf dem Kopfe stehen sie auf beiden Seiten
der Straße einander gegenüber. Kaum sind wir vorüber, so folgen sie
uns in gestrecktem Galopp. Von 100 zu 100 Metern bewachen Kosaken die
Straße und schließen sich der Reiterschar an, die sich rasch hinter uns
bildet. Wir bemerken bald, daß dieser Ehrendienst uns gilt, um unseren
Weg von Wagen freizuhalten, die von der Mitte der Straße auf die Seite
gewiesen werden. Die Soldaten gehören einem neuen Gendarmeriekorps an,
das nach den revolutionären Bewegungen in Moskau gebildet worden ist.

Seltsam, die Wagenführer sind nicht wütend, überhäufen uns nicht mit
Schimpfworten; sie begrüßen uns sogar mit Begeisterung. Aber die
Überraschungen sind noch nicht zu Ende. Als wir um 1 Uhr 15 Minuten
an die Grenze des Weichbildes von Moskau kommen, bemerken wir in dem
Orte Kordenky eine Menge Menschen, die um blitzende Wagen herumsteht,
in denen wir beim Näherkommen ebenso viele in einer Reihe aufgefahrene
Automobile erkennen. Andere kommen rasch herbei und lassen ihre Hupen
ertönen. Es sind die ersten großen Automobile, die wir wieder sehen;
sie sind uns entgegengefahren. Von ihnen herab und um sie herum bricht
ein Begrüßungssturm los: Hurra! Wir werden umringt und drücken hundert
Hände, die sich uns entgegenstrecken. Es ist ein unbeschreiblicher
Augenblick!

Über das Diplomatengesicht des Fürsten sehe ich einen flüchtigen
Schatten huschen. Es bleiben uns noch 4000 Kilometer zurückzulegen, ehe
wir nach Paris kommen, aber uns ist, als seien wir schon eingetroffen.
Wir kehren in unsere Welt, in unser Leben zurück. Jetzt schließen wir
die Epoche der Einsamkeit und Verlassenheit ab, die eine harte Prüfung
in unserem Leben bedeutete.

[Illustration: Ankunft vor Moskau.]

Mit stolzem Gefühl, mit Augen, die nicht nur vom Winde und vom
Regen feucht sind, steigen wir vom Automobil. Der Präsident des
Automobilklubs von Moskau, dessen Anregung wir die freundliche
Begrüßung verdanken, teilt uns mit, daß wir zu Ehrenmitgliedern des
Klubs ernannt worden seien, und überreicht uns das wertvolle Abzeichen
aus Gold und Email, das wir sofort an unseren vom Schmutz bespritzten
Mützen befestigen. Es folgen die Vorstellungen. Ich befinde mich
inmitten zahlreicher Kollegen: da ist der Korrespondent des „Matin“,
der dem Fürsten die Glückwünsche seiner Zeitung übermittelt, der man
die geniale Idee der Fahrt Peking-Paris verdankt; ich treffe den
Berufsgenossen von der „Daily Mail“ wieder, der uns auf der Eisenbahn
von Etappe zu Etappe gefolgt ist, und viele andere ausländische
Journalisten. Auch Damen sind da. Eine von ihnen legt -- ein prächtiger
Gedanke! -- auf unserer Maschine einen Rosenstrauß nieder, um auch sie
ein wenig zu feiern, die so viel Anteil daran hat, daß wir überhaupt
angekommen sind. Gegen 2 Uhr nehmen wir die Fahrt wieder auf, begleitet
von allen Automobilen.

Dieses phantastische Schauspiel ruft mir jenen rasenden Ritt stolzer
Mongolen ins Gedächtnis zurück, der auf uns den Eindruck machte,
als werde das Automobil in feindlicher Absicht von der gesamten
asiatischen Barbarenschaft verfolgt. Jetzt aber erscheinen wir als
die Barbaren, die mit Schmutz bedeckt auf einem rohen, erdfarbigen,
mit alten Stricken, Ketten und verrosteten Spaten beladenen Wagen
sitzen, während hinter uns die polierten Metalle, die leuchtenden
Lackanstriche aristokratischer Automobile erglänzen, auf denen elegante
Sommertoiletten mit ihrer Fülle von Federn, Blumen, Schleiern und
Bändern im Winde rauschen.

Plötzlich eröffnet sich am Horizont der Blick auf Moskau! Es war
ein Funkeln von goldenen Kuppeln über einem weißen, schimmernden
Häusermeere, eine überwältigende Erscheinung, ein Traum!

Wir gelangen in die fabrikreichen, von hohen, rauchenden Schornsteinen
starrenden, vom Lärm der Arbeit widerhallenden Vorstädte, die die
feierliche, altehrwürdige Ruhe der Heiligtümer umgürten.

Was geht da vor? Eine Menschenmenge erfüllt die Straße. Es sind
Arbeiter, Männer und Frauen, die aus den Fabriken zu Hunderten,
zu Tausenden herbeieilen. Die Fenster sind dicht besetzt. Von der
Eisenbahn, über die wir fahren, kommen ebenfalls Scharen von Arbeitern
im Laufschritt an. Was geht vor?

Ein fürchterliches Geschrei empfängt uns. Es ist der Gruß des Volkes,
ausgestoßen von der schreckenerregenden Stimme der Menge. Der Gruß
erneuert sich und pflanzt sich fort, er folgt uns und erklingt uns zu
seiten. Wir haben nicht das Bewußtsein, ihn verdient zu haben, aber
stürmisch dringt diese Welle der Sympathie an unser Herz. Wir hören den
Ruf: „~Viva l’Italia!~“ Man klatscht Beifall. Auf den Verdecken der
Straßenbahnwagen erheben sich die Fahrgäste und schwenken die Mützen.
Der Fürst grüßt mit einer Handbewegung, während er erstaunt murmelt:

„Aber was haben wir denn eigentlich geleistet?“

So durchqueren wir die Vorstadt und kommen schnell ins Innere der
Stadt, wo Ruhe herrscht. Über großartige Boulevards hinweg gelangen
wir schließlich in die Nähe der stolzen alten Mauern des Kreml, wo
die Leute uns nicht mehr kennen und nur stehenbleiben, um unseren Zug
mit fragender Miene zu betrachten, offenbar verwundert, daß so vielen
schönen Automobilen ein so häßliches und schmutziges vorausfährt und
daß auf ihm Leute sitzen, die noch schmutziger sind.

Wir steigen vor dem Hotel ab und fallen sofort in eine angenehme
Gefangenschaft: das Komitee legt Beschlag auf uns. Es will uns feiern,
und es gehören zum mindesten zwei Tage dazu, dies gewissenhaft zu
erledigen. Unsere Müdigkeit macht uns nicht ungehorsam gegen die Ukase
des Komitees.

„Nun gut,“ sagen wir, als wir über das zukünftige Programm mit uns zu
Rate gehen, „bleiben wir! Aber allen ferneren Verlockungen setzen wir
heroischen Widerstand entgegen und wir fahren von Moskau nach Paris in
einer Tour!“

Und Petersburg? Auch Petersburg erwartete uns. Zwar schloß die
ursprüngliche Route die russische Hauptstadt, weil zu weit abgelegen,
aus dem Programm aus. Durch die Wahl der Straße über Perm und den
Abstecher nach Petersburg verlängerten wir die Fahrt um mindestens
700 Kilometer. Aber das Petersburger Komitee, das die Verteilung der
Benzinvorräte überwacht, Straßenkarten für uns hatte anfertigen lassen,
das in allen großen Städten Unterkomitees zu unserem Empfang gebildet
hatte, war uns wichtiger als die übrigen Komitees, und seine Einladung
konnten wir nicht unberücksichtigt lassen. Wir wollten also nach
Petersburg gehen, aber uns nur wenige Stunden dort aufhalten. Denn dann
kam noch Berlin, dessen telegraphische Einladung wir schon in Tomsk
erhalten hatten.

Moskau bot uns auf _ein_ Mal alle jene Diners, Soupers und Dejeuners,
die uns während der Fahrt entgangen waren! Unsere Nerven, die den
Strapazen und Entbehrungen widerstanden hatten, wurden mürbe unter
diesem Ansturm, dem wir uns doch nicht entziehen konnten, so groß war
die Herzlichkeit, die uns von allen Seiten umgab. Wir waren Gäste
der italienischen Kolonie, die uns wertvolle Andenken überreichte,
die sicher nicht notwendig waren, um die Erinnerung an jene Tage
unverlöschlich in unserem Gedächtnis festzuhalten; wir waren Gäste des
Automobilklubs, des italienischen Konsuls, alter und neuer Freunde; wir
nahmen an Trinkgelagen teil, hörten Orchestermusik, Konzerte und Lieder
an und wanderten durch die luxuriösesten und namhaftesten Moskauer
Restaurants, vom „Metropol“ nach der „Eremitage“, von „Mauritania“ nach
dem eleganten „Yard“, wo die Konzerte um Mitternacht beginnen, um bei
Sonnenaufgang zu enden.

Die Moskauer Automobile wurden uns zu einer Fahrt durch die Stadt und
ihre malerische Umgebung zur Verfügung gestellt. So wurden wir nach
dem historischen „Sperlingsberge“ geleitet, um den Sonnenuntergang von
dem Punkte aus zu genießen, auf dem der große Napoleon haltmachte, um
am Abend des 14. September 1812 das entzückende Panorama von Moskau
zu bewundern. Die sterbende Sonne tauchte die unermeßliche, stolze
Stadt in Blut; die goldenen Kuppeln sandten Flammenblitze aus, alles
verschwamm in einem Glanze, der überirdisch erschien: es war ein
erhabenes Schauspiel!

Man hat uns in wenigen Stunden das bunte, eigenartige Leben dieser
einzig in der Welt dastehenden Stadt kosten lassen, der wahren
russischen Hauptstadt. Sie ist modern und altertümlich, arbeitsam und
heilig, und amüsiert sich auch unter dem „kleinen Belagerungszustand“.
Dieser ist der Grund, warum man Posten mit aufgepflanzten Bajonetten
die Spazierfahrten reicher Equipagen überwachen sieht, während
Kosakenpatrouillen, den Karabiner auf der Hüfte, zwischen den Wagen
einhertraben. Auf den Hauptstraßen kommt es nicht selten vor, daß
plötzlich ein lauter Befehlsruf erschallt, daß alle Wagen zur Seite
fahren und daß man im Mittelgalopp drei oder vier Kutschen vorbeieilen
sieht, vorn, auf beiden Seiten und hinten von Kosakenpelotons mit dem
schußfertigen Revolver in der Faust umgeben: es ist nur ein Transport
von Staatsgeldern. Die Gefahr hat dem Rubel zu kaiserlichen Ehren
verholfen!

Inzwischen hatte das Automobil seine Reisetoilette erneuert; es war
sorgfältig gereinigt und geputzt worden, mehr war nicht nötig gewesen.
Zu unserer eigenen Überraschung fanden sich sogar verschiedene Teile,
die sonst häufig ausgewechselt werden müssen, unversehrt vor. Nur
das von den Muschiks zwischen Perm und Kasan angefertigte Rad wurde
ersetzt, weil es sich herausstellte, daß es schlecht zentriert war
und die Pneumatiks zu sehr anstrengte. Und doch schuldeten wir diesem
rohgearbeiteten Rade viel Dank.



Einundzwanzigstes Kapitel.

Aus Rußland heraus.

     Auf dem Wege nach Petersburg. -- Nowgorod. -- Petersburg. -- Der
     Grenze zu. -- Unerwartete Gastfreundschaft. -- Die erste Begrüßung
     auf deutschem Boden. -- Königsberg. -- Berlin nähert sich.


Am Morgen des 31. Juli punkt 4 Uhr verließ unser Automobil die
Garage des Hotels Metropole, wesentlich erleichtert durch eine
bedeutende Verminderung des Gepäcks. Es ließ in Moskau die
Entdeckungsreise-Ausrüstung zurück, die ihm ein so eigenartiges
Aussehen verliehen hatte. Die Stricke, Ketten, Flaschenzüge, Spaten und
Spitzhacken wurden abgelegt. Auf seiner Fahrt hatte das Automobil nach
und nach alle nutzlos und hinderlich werdenden Gegenstände abgeworfen,
in Kalgan zwei Schutzwände, zwei weitere in den mongolischen Steppen,
dann einen Teil der Cornedbeefvorräte und der Eisengeräte. Es hatte wie
ein Luftballon den Ballast ausgeworfen, um die Belastung der Federn
zu vermindern. In Moskau trug es außer unserem geringen persönlichen
Gepäck nur noch einige Ersatzpneumatiks. Wie ein Athlet hatte es sich
entkleidet, um besser laufen zu können.

Begleitet von den Automobilen, die uns das Ehrengeleit gaben,
durchquerten wir rasch die Stadt, die noch nicht schweigsam geworden
war. Die Morgendämmerung ist eine Stunde, in der in Moskau noch Leben
herrscht; die Leute kehren aus den Restaurants und den Konzerten
zurück. So erhielten wir jetzt die Abschiedsgrüße des sich vergnügenden
Volkes, während wir bei der Ankunft die Grüße des arbeitenden Volkes
entgegengenommen hatten. Zu unserer Rechten zog sich der Petrowskijpark
hin, in dessen riesigen Alleen noch Wagen rollten, die aus den
Kabaretten zurückkehrten. Wir sahen auffallende, ein wenig zerdrückte
Toiletten, quer auf schwankenden Köpfen sitzende Zylinderhüte; wir
vernahmen heisere, aber herzliche Grüße. An der eigenartigen Form
unserer Maschine und an der italienischen Flagge wurden wir sofort
erkannt.

Über dem schweigenden, rauhen Gefilde lag dichter Nebel. Bald sahen wir
nichts mehr als die Straßenränder; wir fuhren dahin, von dem grauen,
unermeßlichen Raume umgeben, und konnten nicht einmal die nächsten
Automobile erkennen, von denen wir nur die Signale hörten.

Um 6 Uhr durchdrang die Sonne hier und da die Nebelschleier.

Der Horizont erscheint flach und grenzenlos. Schimmernde Kirchtürme
ragen in noch unbestimmten Umrissen über dem Grün der Felder empor;
dann wird, fast mit einem Schlage, alles klar. Wir finden die
Landschaft, die uns seit Wochen begleitet hat, unverändert wieder.
Wir gelangen in das Städtchen Klin, wo wir eilige Abschiedsgrüße mit
den Automobilen, die uns nachgekommen sind, austauschen, und setzen
unsere Fahrt allein fort, in Gedanken versunken. Wir lauschen dem
gleichmäßigen leichten Gange des Motors und laben uns mit Wonne an der
Morgenfrische.

In Nowgorod, das 485 Kilometer von Moskau entfernt ist, wollen wir
übernachten.

Um 10 Uhr kommen wir nach Torschok, wo Benzin für uns lagert. Die
rechnerische Vorbereitung der Reise schloß mit Moskau, weil der
Fürst, damals über die einzuschlagende Route noch im ungewissen,
davon überzeugt war, auf dem Wege von Moskau nach Paris überall mit
Leichtigkeit Benzin zu erhalten. Die Firma Nobel hatte auf eine
telegraphische Anfrage hin die Verpflichtung übernommen, uns neue
Benzinvorräte von Moskau aus bis zur russischen Grenze zur Verfügung zu
stellen.

Am Eingange der Stadt stehen Männer, die uns erwarten. Sie haben Fässer
mit Benzin und Öl neben sich. In wenigen Minuten füllen wir unsere
Behälter, und weiter geht es!

So schnell haben wir noch nie eine so lange Strecke zurückgelegt; wir
fahren mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde. Wir
sind von immer stärkerem Verlangen beseelt, zu eilen. Die Werstzeichen
fliegen pfeilschnell an uns vorüber. Wir ziehen die Karte zu Rate,
stellen Berechnungen an und schenken der Landschaft nur geringe
Beachtung.

Aber ach! als wir die Grenze des Gouvernements Twer überschritten
haben, wird die Straße schlechter. Wir müssen langsamer fahren, bis wir
endlich infolge eines plötzlichen Gewitters bei einer Geschwindigkeit
von 25 Kilometern in der Stunde angelangt sind. Es ist das gewohnte
tägliche Gewitter! Und während unseres Aufenthalts in Moskau war kein
einziger Tropfen Regen gefallen!

Lebt wohl, ihr Straßen und Landschaften, ihr mittelalterlichen Häuser!
Alles ist Wasser um uns herum, wie am Morgen alles Nebel war, Wasser,
das uns nicht verläßt, bis wir nach Nowgorod am Ufer des Wolchow
kommen, in der Nähe des stillen weiten Ilmensees. Keine Stadt hat
auf uns einen so düsteren Eindruck gemacht als Nowgorod. Man könnte
meinen, es trauere um verlorene Macht und Ruhm. Es lebt noch jetzt ein
Sprichwort in Rußland, das da lautet: „Wer kann mit Gott streiten und
wer mit Nowgorod?“

Es regnet noch, als wir Nowgorod am nächsten Morgen verlassen und
den Kreml durchqueren, um den sich das entvölkerte, stille Städtchen
drängt, als suche es noch jetzt den Schutz der starken zinnenbewehrten
Mauern.

Unter der Geißel des Regens verbringen wir viele Stunden in
verdrießlichem Schweigen, nur getröstet durch den Gedanken an die
Nähe von Petersburg. Bald stoßen wir auf Villen, Gärten, Parke. Dann
dichter, niedrigschwebender, schwarzer Rauch am Horizonte. In vier
Stunden haben wir 128 Kilometer zurückgelegt.

Unvermutet stoßen wir auf ein Automobil. Es erwartet uns und hat die
Aufgabe übernommen, uns den Weg zu zeigen. In großen Buchstaben steht
auf ihm geschrieben: „Paris-Petersburg.“ Es ist ein kleines Automobil
von 12 Pferdekräften, mit einer Rennkarosserie und genügend schnell.
Es wird von seinem Besitzer gelenkt, Herrn Efron, einem der tätigsten
Mitglieder des Petersburger Automobilklubs, der aus Paris gekommen ist.

Ein rascher Austausch von Grüßen, Händedrücke, und hinter dem Lotsen
geht es weiter durch die breiten Alleen, die zu der berühmten
kaiserlichen Residenz führen. Der Regen hat aufgehört.

Der Sand macht unsere Fahrt geräuschlos; die Automobile gleiten,
fliegen hintereinander dahin. Nachdem wir aus den Parkanlagen heraus
sind, wollen wir auf Petersburg zu. Mit einem Male ertönt an einer
Straßenbiegung ein begeistertes Hurra, das uns zum Halten veranlaßt;
eine lange Reihe von Automobilen erwartet uns! Wir steigen ab und
sind von einer freudig erregten Menge umdrängt. Wir begrüßen den
italienischen Militärattaché, der dem Fürsten die Glückwünsche des
Botschafters überbringt, den italienischen Konsul, eine große Anzahl
Mitglieder des russischen Automobilklubs, den Sekretär, der uns
im Namen sämtlicher Automobilfahrer begrüßt, den Präsidenten des
Petersburger Komitees für die Fahrt Peking-Paris und viele Damen, die
unseren Wagen mit Blumen überschütten.

Automobile langen fortwährend an und bringen uns neue freudige
Begrüßungen: wir sind eine Stunde zu früh gekommen. Man hatte
vereinbart, sich an diesem Punkte zu treffen und uns dann
entgegenzufahren, und wir waren schon zu der Versammlung erschienen.
Wie in Moskau hatte der Fürst auf eine telegraphische Anfrage die
Berechnung allzu sibirisch aufgestellt. So früh waren wir gekommen,
daß man, um das Programm wieder in Ordnung zu bringen, uns bat, etwas
zurückzufahren.

So kehren wir, anstatt nach Petersburg weiterzueilen, in die dunkeln
Alleen des kaiserlichen Parkes zurück; alle Automobile folgen uns.
Die Aufgabe, uns zu führen, fällt nunmehr dem mit einer Signalflagge
versehenen Wagen des Präsidenten des Automobilklubs zu. Seltsam, die
Flagge ist weiß mit einer roten Scheibe in der Mitte: die japanische
Nationalflagge! Der geräuschvolle Zug fährt bis zum Bahnhofe von
Zarskoje Selo, wo der Beschluß gefaßt wird, die Zeit auf bestmögliche
Art, mit Essen und Trinken, totzuschlagen.

Das Restaurant wird gestürmt; es fließt Champagner, es wird angestoßen.
Der Sekretär des Automobilklubs überreicht dem Fürsten im Namen des
Klubs eine wertvolle Erinnerungsmedaille, die die Klubinsignien und das
Petersburger Wappen in Gold, Silber und Emaille trägt. Inzwischen wird
unserer Maschine ein anderes wertvolles Geschenk verehrt in Gestalt
einer eleganten silbernen Platte mit den Chiffren des Klubs in Gold und
mit der gravierten Inschrift: „~Pechino-Parigi. Pietroburgo, 19 luglio
1907~.“

2 Uhr ist die richtige Stunde, die Fahrt nach Petersburg wieder
aufzunehmen, und wir brechen auf.

Wir betreten die Hauptstadt durch das Narwator, das der Schauplatz der
bekannten Metzeleien gewesen ist, und gelangen ins Innere, auf die
Große Morskaja, die Straße der feinen Welt, und auf den Marienplatz,
wo sich das Denkmal Nikolaus’ I. erhebt, bewacht von weißbärtigen
Invaliden in der alten Uniform der Gardegrenadiere.

Auf dem Petersplatze umringt uns die Menge und nötigt unsere Maschine
für einige Augenblicke zum Halten. Wir befinden uns im Herzen
Petersburgs und des Reiches, zwischen den Palästen des Heiligen Synod,
des Senats, des Kriegsministeriums und der Admiralität, den Sitzen
der russischen Macht. Es ist einer der großartigsten Plätze der Welt;
noch nie hatte ich seine strenge Majestät so gefühlt wie jetzt, da ich
plötzlich aus endlosen, menschenleeren, grauen Ebenen hierherkam.

Kaum setzt der Fürst in der Garage des Automobilklubs den Fuß zur
Erde, so überreicht ihm ein Klubmitglied der alten russischen Sitte
gemäß Brot und Salz als Zeichen der Gastfreundschaft. Damit ist die
Feierlichkeit beendet, und wir können uns als einfache Privatleute im
Hotel d’Europe der Volksbegeisterung entziehen. --

       *       *       *       *       *

Am 20. Juli früh 4½ Uhr verließen wir die russische Hauptstadt, etwas
müde von dem frühen Aufstehen nach nur drei Stunden Schlafs.

Das russische Komitee für die Fahrt, der Automobilklub und die
italienische Kolonie hatten uns bei einem Bankett festgehalten, bei dem
wir in unseren schmutzigen Reisekostümen erschienen waren. Das Ende
des glänzenden Festes vermischte sich in unserer Erinnerung mit der
Abfahrt. Als wir das Automobil wieder bestiegen, umdrängten uns viele
der Gäste und wiederholten dieselben herzlichen Abschiedsworte und
Wünsche, die sie uns wenige Stunden zuvor im Lichte der Kronleuchter
bei erhobenem Glase ausgesprochen hatten.

Wir fuhren wieder durch die Straßen, die wir gekommen waren. Sie waren
menschenleer und erschienen uns um so breiter und länger.

Als wir uns eine halbe Stunde später umwandten, sahen wir nur noch die
in den Strahlen der aufgehenden Sonne glühenden Kirchturmspitzen über
dem rosenfarbigen Nebel schweben.

Dank dem heiteren Wetter und der guten Straße kamen wir anfänglich
rasch vorwärts. Dann aber strömte der Regen wolkenbruchartig nieder und
begleitete uns mit größerer oder geringerer Ausdauer den ganzen Tag
über.

Plötzlich wurden wir durch einen Unfall zum Halten genötigt: die
rechte Hinterfeder war gebrochen. Die Schuld lag zum Teil an dem
Kasaner Stahle, zum Teil an uns, weil wir alle Ersatzpneumatiks hinten
auf das Automobil gelegt und so die Belastung der Feder gesteigert
haben. In Moskau hatten wir uns mit einer Ersatzfeder versehen. In
dem Augenblick, als wir sie an die Stelle der zerbrochenen bringen
wollten, bemerkten wir leider, daß sie um einige Zentimeter zu kurz
war! Ich weiß nicht, wie Ettore das Wunder vollbracht hat, Tatsache
ist, daß es ihm gelang, die neue Feder einzusetzen. Sie war etwas zu
sehr gespannt, funktionierte nicht in der richtigen Stellung und senkte
sich tiefer herab als die andere, aber sie gestattete uns schließlich
doch, die Fahrt fortzusetzen. Um ihre Belastung zu vermindern, wiesen
wir den Ersatzpneumatiks und dem Gepäck eine andere Stelle an, auf dem
Hintersitz, meinem Platze. So fuhren wir alle drei wie einst in der
Mongolei und Transbaikalien im vorderen Teile des Wagens vereint; der
Platz auf dem Trittbrett kam wieder zu Ehren.

Wir kommen durch Luga, am Nachmittag durch Pskow.

Wenn es, was selten eintrat, nicht regnete, steigerten wir die
Schnelligkeit, da wir beabsichtigten, die Nacht in Dwinsk, 530
Kilometer von Petersburg, zuzubringen.

Während eines kurzen Aufenthalts, den wir machen müssen, um eine
Pneumatik auszuwechseln, bieten wir den um uns versammelten Bauern
Zigaretten an. Es ist das größte Geschenk, das man dem Muschik,
einem eingefleischten Raucher, machen kann. Er kann sich nicht
immer den Luxus leisten, Zigaretten zu kaufen, und raucht daher den
schlechtesten Tabak, den er in Papierfetzen einwickelt, von denen er
immer die Taschen voll hat; eine alte Zeitung wird zu diesem Zweck
sehr geschätzt. Aber zu unserer Überraschung weisen die Bauern das
Geschenk zurück. Sie gehören zu der früher hart verfolgten Sekte der
„Altgläubigen“, einer Art von bilderstürmenden Puritanern, die sich in
Masse in diese Gegend geflüchtet haben. Mitbrüder von ihnen haben wir
als Verbannte in Sibirien angetroffen. Wir befinden uns also außerhalb
des orthodoxen Gebietes, unter Leuten, die man sozusagen vor die Tür
des Kaiserreiches gejagt hat. Dicht an der Grenze wohnen die verfemten
Teile der Bevölkerung, als wollten sie jeden Augenblick zur Flucht
bereit sein.

Der Abend naht; wir sind noch 75 Kilometer von Dwinsk entfernt. Die
Müdigkeit übermannt uns, wir würden gern haltmachen, aber das Gefilde
ist öde. Da stoßen wir vor einem einsamen Walde auf ein stillstehendes
herrschaftliches Automobil. Ein Bedienter in Livree steigt, als er uns
kommen sieht, vom Wagen, macht ein Zeichen, daß wir halten möchten,
und überreicht dem Fürsten die Einladung eines reichen Herrn, der uns
Gastfreundschaft in seinem Hause anbietet. Das wartende Automobil soll
uns den Weg zeigen. Nichts konnte uns willkommener sein, und fort geht
es durch die Alleen eines großartigen Parkes.

Unser Gastfreund ist der Ingenieur Kerbedy, ein Pole, der
Erbauer der transmandschurischen Eisenbahn und Direktor großer
Eisenbahngesellschaften. Wie im Traume sehen wir uns aus dem Regen
und dem Schmutze der Landstraße in warme Zimmer versetzt, von Lakaien
bedient, aufgeheitert durch die überaus liebenswürdige Herzlichkeit der
gastlichen Familie, die sich zu unserer freudigen Überraschung mit uns
in fließendem Italienisch unterhält.

Bei einem Wetter, das eines scheußlichen Dezembertages würdig gewesen
wäre, nahmen wir am 3. August früh 4 Uhr, vor Kälte zitternd, unsere
Fahrt wieder auf.

Dwinsk schlief noch, als wir es durchfuhren. Welche Traurigkeit lag
über jenen stillen Städten, die wir während ihres Schlummers besuchten!
Sie erschienen wie tot.

Die breite Düna überschreiten wir auf der Eisenbahnbrücke, die für
Eisenbahnzüge, Fußgänger und Wagen bestimmt ist, und kommen auf die
prächtige Militärstraße des Grenzgebietes. Hier zeigt sich wenigstens
ein praktischer Nutzen des Krieges! Um zum Kampfe gerüstet zu sein,
legen die Nationen an ihren Grenzen herrliche Straßen an. Wir finden
den Weg so gut, daß wir trotz des Regens 40 Kilometer in der Stunde
fahren.

Die Eindrücke dieses Tages lassen sich in zwei Worte zusammenfassen:
Gewitter und Kruzifixe. Alle halben Stunden ein heftiges, betäubendes
Unwetter und überall nichts als riesige Kruzifixe, am Ufer der Teiche,
auf den Feldern, am Saume der Wälder, am Eingange der Ortschaften.
Zuweilen sind es figurenreiche Gruppen, mit Schnitzereien und naiven
vielfarbigen Bildwerken verziert; durch sie bekundet die polnische und
lettische Bevölkerung, die früher religiösen Verfolgungen ausgesetzt
war, feierlich ihren katholischen Glauben. Der Kampf stärkt den
Glauben. Dieses Volk pflanzte seine Kruzifixe auf, wie man in der
Schlacht das Banner entfaltet.

Kowno wird mit seinen roten Dächern ganz unvermutet vom Gipfel eines
Hügels aus an den grünen Ufern des windungsreichen Riemen sichtbar.
Die Stadt ist voller Gasthöfe mit italienischen Namen: Hotel Venezia,
Napoli, Italia. Woher die seltsame Vorliebe der Gasthofsbesitzer von
Kowno für unser Vaterland stammt, weiß ich nicht. Auf der Straße
begegnen wir einem Automobil, von dem eine große weiße Fahne mit
einer polnischen Inschrift weht. Es sind polnische Journalisten, die
aus Warschau gekommen sind, um uns an die Grenze zu geleiten. Sie
brechen in Hochrufe auf Italien aus, veranlaßt durch den angenehmen
revolutionären Beigeschmack, den dieser Ruf ihrer Auffassung nach hat.
Italien wird in Polen verehrt als die Sklavin, die sich erhob, kämpfte
und frei wurde.

Die Kollegen erzählen uns dann ihr Abenteuer mit der Fahne. Das Tragen
von Fahnen ohne Erlaubnis der Polizei ist verboten. Die Gendarmen
hatten daher das Automobil angehalten und die behördliche Ermächtigung
zum Führen der Fahne zu sehen verlangt.

„Aber das ist ja gar keine Fahne!“ hatten die polnischen Journalisten
erwidert.

„Ja, es ist das denn sonst?“

„Es ist ein Firmenschild. Sind die Firmenschilder verboten?“

„Es scheint aber eine Fahne zu sein.“

„Scheint; es ist aber ein Firmenschild aus Stoff anstatt aus Holz oder
Blech.“

„Was bedeuten jene Worte?“

„Lesen Sie sie doch!“

„Es ist Polnisch, das verstehen wir nicht.“

„Tut uns leid. In Polen spricht man polnisch. Das mußten Sie wissen,
als Sie hierherkamen.“

„Schön! Ihre Namen! Sie werden der Polizei für Ihre Beleidigungen
Rechenschaft geben.“

Die Fahne trug die Inschrift: „Warschauer Automobilfahrerbund.“

Während sie uns nach dem Gasthof geleiteten, holte uns ein Offizier
ein; er war ganz außer Atem:

„Knjäs Borghese!“ rief er, „kommen Sie, bitte; die Frau Gouverneur
erwartet Sie zum Wohltätigkeitsbasar des Roten Kreuzes.“

In einem Garten wurde ein Wohltätigkeitsbasar unter dem Protektorat
der Gouverneurin veranstaltet, und diese liebenswürdige Dame hatte
geglaubt, das Fest ertragreicher zu gestalten, indem sie uns und
das Automobil zu dem bescheidenen Eintrittspreise von zehn Kopeken
ausstellte. Die Idee war genial; wir lehnten aber höflich ab und zogen
uns in den Gasthof zurück.

Wir hatten seit Petersburg 820 Kilometer zurückgelegt und waren nur
noch wenige Stunden von der deutschen Grenze entfernt. In kurzer Zeit
hatte sich alles um uns herum mit reißender Geschwindigkeit verwandelt:
Rassen, Trachten und Sprachen. Seit mehr als einem Monat an die endlose
Eintönigkeit des Russischen Reiches gewöhnt, hatten wir die Empfindung,
als hätten wir unermeßliche Entfernungen durcheilt.

Wir hatten Kowno beim ersten Morgengrauen verlassen. An dem wieder
heiter gewordenen Himmel blinkten noch einige Sterne, und die schmale
Mondsichel verbreitete einen leichten Schimmer über die Kuppeln der
Kathedrale. Aber unsere Eile, vor Tagesanbruch fortzukommen, wurde übel
belohnt.

In der Dunkelheit verloren wir und unsere polnischen Freunde auf
ihrem Automobil den Weg und verirrten uns in dem Labyrinthe der
Befestigungen; von einer Schildwache wurden wir zur andern gewiesen.
Gegen 4 Uhr fanden wir endlich die richtige zur Grenze führende
Militärstraße wieder; es war eine seltsame Straße infolge der großen
geweißten und symmetrisch längs der begrasten Ränder verteilten Steine,
so daß sie einer Friedhofsstraße glich. Um 6 Uhr hatten wir die 100
Kilometer hinter uns, die uns noch vom Deutschen Reiche trennten. Dort
liegt Wirballen, die letzte russische Stadt. --

41 Tage hatten wir gebraucht zur Durchquerung des Zarenreiches, in
dem wir die größten Schwierigkeiten unserer Reise antrafen. Wir
verließen es ohne Bedauern, aber nicht ohne Sympathie. Oftmals hätten
wir das Automobil im Stiche lassen und auf die Durchführung unseres
Unternehmens verzichten müssen, wenn wir bei den Bewohnern nicht stets
Gutherzigkeit, Geduld und Gastfreundschaft gefunden hätten. Wir konnten
an die kritischsten Augenblicke unserer Fahrt nicht zurückdenken, ohne
daß uns die heitere, mystische, evangelisch-milde Gestalt des Muschik
vor die Seele trat mit seinem blonden Barte, den langen Haaren, bemüht,
uns aus dem Moraste herauszuhelfen, durch die Strömung der Flüsse
hindurchzuführen und uns auch vor dem Hunger zu schützen.

Die Grenze ist durch eine kleine Brücke bezeichnet. An beiden Enden
stehen an Pfählen, die mit Streifen in den Nationalfarben bemalt sind,
zwei Wappen; sie sind einander zugekehrt: der russische Doppeladler
beobachtet den deutschen einfachen Adler. Eine Kette sperrt den Zugang
zur Brücke. Wir halten.

Unsere Pässe sind in einem Augenblicke visiert. Telegraphische Befehle
haben alles im voraus geordnet, um uns jedes Hindernis aus dem Wege zu
räumen. Die russische Zollverwaltung erteilt sofort die Erlaubnis zum
Passieren. Wir können weiterfahren.

Die Kette wird vor dem Automobil herabgelassen, das sich langsam von
dem einen Kaiserreiche zum andern hinüberbewegt. Die wachehabenden
Gorodowoi grüßen uns militärisch steif. Rasselnd hebt sich die Kette
hinter uns. -- --

Wir sind in Deutschland!

Zwei deutsche Gendarmen mit der Pickelhaube legen die Hand an den
Helm. In diesem Augenblick nähert sich uns ein Brausen von Motoren,
untermischt mit fröhlichem Hörnerklange: drei Automobile erscheinen
pfeilschnell auf der deutschen Straße.

Im Nu sind sie in unserer Nähe und halten, und es ertönt der erste
deutsche Gruß, ein dreifaches „Hoch!“, zu gleicher Zeit von zehn
Stimmen ausgebracht, während sich zehn Mützen in der Luft bewegen. Es
sind Mitglieder der Sektion Königsberg des Kaiserlichen Automobilklubs.
Wir antworten bewegten Herzens. Von diesem Augenblicke an traten wir
gleichsam unter den hohen Schutz des Kaiserlichen Klubs, ein Schutz,
der uns von Stadt zu Stadt geleitete und uns das wohltuende Gefühl
verschaffte, überall eines freundschaftlichen Empfanges sicher zu sein.

Auch in der deutschen Grenzstation Eydtkuhnen werden die Zollgeschäfte
rasch erledigt; eine Nummer wird an das Automobil befestigt, und
wir erhalten die Erlaubnis, uns auf deutschem Boden frei bewegen zu
dürfen; sie ist begleitet von einem Chauffeurpatent, das dem Fürsten
ohne Examen eingehändigt wird. Um 7 Uhr brechen wir alle nach dem 150
Kilometer entfernten Königsberg auf.

Die Straße ist wundervoll; sie ist von Bäumen eingefaßt, unter deren
Schatten wir dahinfliegen. Wir fahren durch Stallupönen mit seinen
weiten roten Kasernen, die von Pickelhauben wimmeln, dann folgen
Gumbinnen, Insterburg, Wehlau, alles Städtchen, von denen wir beim
Dahinjagen kaum ein Bild erhaschen, schmuck, in Ordnung gehalten, von
frischem, sauberem Aussehen, als seien sie eben erst erbaut.

In Königsberg langen wir um 10 Uhr an. Es ist eine elegante, malerische
Stadt mit ihren alten Giebelhäusern, ihren schrägen Dächern, auf
deren oberstem Rande Freund Adebar unbeweglich und sinnend dasteht,
mit den spitzen Türmen und den altertümlichen Befestigungen, die mit
Zugbrücken, die sich nicht mehr heben, ausgestattet sind. Alles fliegt
in schwindelnder Eile, in bezaubernder Verwirrung an uns vorüber.

Von den Kollegen vom Automobilklub werden wir zu einem Frühstück
in einem Gasthofe genötigt. Die Menge drängt sich an unserer Tür,
eine disziplinierte, geschulte Menge, die uns mit taktmäßig im Chor
aufgebrachten „Hochs“ begrüßt. Schüchtern überreicht uns ein kleines
Mädchen Blumen und ergreift dann die Flucht.

Um 2 Uhr befinden wir uns wieder im Schatten der Bäume der großen
Landstraße, und das schwindelerregende Vorbeihuschen einer Landschaft,
die keine Zeit hat, sich unserem Gedächtnisse einzuprägen, nimmt von
neuem seinen Anfang.

Es sind zierliche Dörfer, die aussehen, als habe sie ein Künstler
verteilt, um Gemälde in der Natur herzustellen, Seen, Teiche, in
denen sich das dichte Laub der Gebüsche widerspiegelt, Kanäle voller
Kähne. Mit einem Male stoßen wir einen Ruf der Bewunderung aus: wir
erblicken am Horizont das blaue Meer. Es ist das Frische Haff, das
in Regenbogenfarben flimmert wie eine ungeheuere Muschel. Jenseits
desselben verschwimmt in der Ferne die Danziger Bucht. In diesem blauen
Duft bewegen sich Segelboote, weiße, schwebende Pünktchen. Freudig
begrüßen wir dieses vom Atlantischen Ozean gespeiste Meer. „Gott zum
Gruß, altes heimisches Meer! wir bringen dir Grüße vom Stillen Ozean!“

Um 3 Uhr kommen wir durch Braunsberg, eine halbe Stunde später nach
Elbing. Um 4 Uhr kommt uns ein Bild aus dem Mittelalter zu Gesicht: die
Marienburg, das phantastische Schloß, das Wilhelm II. so liebt, eine
eindrucksvolle Heraufbeschwörung der Zeit vor sieben Jahrhunderten,
imponierend großartig, einzigartig, halb Burg, halb Kirche, umgeben von
alten, windschiefen Häusern, die aussehen, als neigten sie sich über
das Gewässer der Nogat, um sich in deren ruhigen Fluten zu spiegeln.

Wenige Minuten später ist Marienburg in der Ferne verschwunden.
Dirschau kommt mit seiner monumentalen Weichselbrücke, schließlich
Preußisch-Stargard, ein bescheidenes Städtchen, das uns zur Ruhe
einlädt. Es ist spät, und wir beschließen hier zu übernachten, so sehr
verlockt uns die Ruhe des Ortes.

Bis Paris haben wir nur noch wenig mehr als 1500 Kilometer!



Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Das Ziel rückt näher.

     Wechselnde Bilder. -- Landsberg a. d. W. -- Popularität ist
     lästig. -- Berlin. -- Von der Spree zum Rhein. -- Auf belgischem
     Boden.


Von der Höhe des alten Kirchturmes von Preußisch-Stargard schlug es
6 Uhr, als wir am 5. August auf dem menschenleeren Marktplatz die
Maschine bestiegen.

Seit Moskau hatten wir nicht mehr bis zu so später Stunde geruht; aber
die Güte der Straße gestattete uns, etwas länger im Bett zu bleiben,
da wir sicher waren, rasch den festgesetzten Haltepunkt zu erreichen.
Heute abend sollten wir in Landsberg a. d. W. sein, das nur 130
Kilometer von Berlin entfernt liegt. Das Programm zu unserem Empfange
beruhte auf dieser Voraussetzung. Am nächsten Tage sollten wir um 9
Uhr in Küstrin eintreffen, wo uns viele Automobile des Kaiserlichen
Klubs erwarten wollten, um uns nach Berlin zu geleiten; unseren Einzug
in diese Stadt sollten wir punkt 12 Uhr halten; auf 1 Uhr war ein
Frühstück im Kasino des Automobilklubs angesetzt.

Statt dessen waren wir schon am selben Tage in Berlin; wir waren zu
schnell gefahren! Seine Gastfreunde warten zu lassen, ist schlimm,
aber früher anzukommen, ist noch schlimmer! Wir mußten unseren groben
Verstoß, der das ganze Empfangsprogramm über den Haufen warf, nach
Möglichkeit wieder gutmachen, und dies geschah dadurch, daß wir uns
in der Hauptstadt der Pünktlichkeit als nicht angekommen betrachteten!
Offiziell waren wir noch unterwegs nach Berlin, und das Bankettprogramm
blieb für den nächsten Tag bestehen. Nur der feierliche Empfang war
unrettbar ins Wasser gefallen!

Der Weg von Preußisch-Stargard an war entzückend; der Himmel war
strahlend heiter, wie wir ihn seit langer Zeit nicht gesehen hatten.
Fast sechs Wochen lang waren wir vom Regen verfolgt worden. Es war auch
der erste Tag, seit wir die Mongolei verlassen hatten, an dem wir in
den ersten Morgenstunden nicht unter der Kälte litten. Je weiter wir
auf unserer raschen Fahrt nach Süden kamen, desto mehr fühlten wir die
Sommerwärme unsere Glieder umspielen. Welch angenehme Empfindung war
diese Rückkehr in eine Atmosphäre wie unsere heimische, die wonnige
Heimkehr ins Vaterland! Mit welcher Freude legten wir die Pelze zum
Gepäck!

Von 6 bis 11 Uhr fuhren wir sogar 60 Kilometer in der Stunde und
erfreuten uns an der unendlichen Poesie der mit reifendem Getreide und
Blumen bedeckten Felder; hier und da tauchten Gehölze auf, zwischen
denen die spitzen roten Dächer friedlicher Dörfer hervorlugten. Durch
wie viele kleine Städte wir gekommen sind, weiß ich nicht mehr;
phantastisch verwirrten sich kaum gesehene und wieder verschwundene
Dinge, Bilder, die wie ein Blitz vor unseren Augen vorüberzuckten,
während uns bei unserer schwindelerregenden Schnelligkeit der Wind um
die Ohren sauste!

Mitunter führte die Straße so tief in das Dunkel der Wälder hinein,
daß wir an die sibirische Taiga erinnert wurden. Die Kiefernwälder
hauchten in der Sonnenwärme ihren Duft aus. Für kurze Zeit kehrten wir
in die von der Hand des Menschen unberührt gebliebene Natur zurück.
Schlankes Wild springt über die Straße, wie in den Wäldern des Urals.
Nach wenigen Minuten aber schwindet der Schatten und der Wald liegt in
weiter Ferne hinter uns. Unser Blick schweift über sonnenbeschienene
Felder, auf denen Landleute das Getreide mähen. Es kommen riesige,
mit Garben und Heu beladene Wagen, auf denen Scharen lustiger, die
blitzenden Sensen in die Höhe haltender Leute sitzen.

Wir kommen durch Czersk, Flatow, Dörfer, die kleinen Städten gleichen,
im Unterschied zu Rußland, wo viele Städte großen Dörfern gleichen.
Wir kommen durch Deutsch-Krone und treffen um 11 Uhr in Landsberg
a. d. W. ein; beide Städte haben schon einen gewissen Anstrich von
Klein-Berlin. Während wir langsam die Hauptstraße entlang fahren, ruft
eine ängstliche Stimme: „Fürst Borghese!“

Jemand läuft hinter unserem Automobil her. Der Fürst erkennt in dem uns
Verfolgenden einen der Direktoren der „Itala“-Werke. Außer Atem, ohne
Hut, mit geröteten Augen begrüßt er uns freudig. Ihm folgt ein blonder
Kollege von mir, vom „Berliner Lokalanzeiger“, auch er mit bloßem
Kopfe. Sie waren die ganze Nacht im Automobil umhergefahren und hatten
uns von Stadt zu Stadt gesucht; sie waren bis Dirschau gekommen und
hatten vergebens nach uns gefragt. Zweimal waren sie unter den Fenstern
des kleinen Gasthofes in Pr.-Stargard vorübergefahren, in dem wir
sanft inkognito schliefen. Sie glaubten schon an irgendeine furchtbare
Katastrophe und vermuteten, wir seien samt dem Automobil zugrunde
gegangen, als sie von dem Fenster einer Bierstube aus uns unvermutet
vorüberkommen sahen!

Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft unter der
Menge, die sich um uns ansammelte.

„Die Chinesen!“ ruft man, „die Chinesen!“

Wie auf Zauberschlag erscheinen Zeitungskorrespondenten und
Photographen. Die Straßenbahnwagen halten, und die Fahrgäste betrachten
uns verwundert durch die Wagenfenster. Die Schaffner vergessen ihren
Dienst und stellen sich auf die Plattform; Polizisten eilen herbei, um
die Ordnung aufrechtzuerhalten. Staubbedeckt, mit unseren scheußlichen,
in Petersburg eingeweihten Automobilbrillen, die uns das Aussehen
von Fröschen verleihen, halten wir uns dieser Bewunderung so wenig
würdig, daß wir uns in eine Bierstube flüchten, um Bier und Ruhe
zu finden. Dann entschließen wir uns zur Weiterfahrt nach Berlin,
und um 1 Uhr rollen wir von neuem in der offenen Landschaft dahin.
Einige Stunden später begegnen wir drei beflaggten Automobilen; es
sind „Itala“-Maschinen aus Berlin. Sie sind besetzt mit Kollegen vom
Automobilsport und Journalismus, unter denen sich Korrespondenten der
hauptsächlichsten Blätter Italiens befinden. Der Telegraph hatte,
während wir in Landsberg ahnungslos das frische Bier tranken, den
Berliner Zeitungen die Nachricht unserer Ankunft gemeldet, und die
Herren waren uns entgegengefahren. Es ertönen Evvivas und Hochs, Grüße
und Händedrücke werden ausgetauscht, bis sich unsere Karawane in
Bewegung setzt.

Wir halten in dem Städtchen Müncheberg, wo wir uns erinnern, daß wir
noch nicht gefrühstückt haben; in einem kleinen Restaurant essen wir
in einer Laube Frankfurter Würstchen, trinken eiskaltes Bier und
halten den Interviewern stand, während ein Kranz von photographischen
Apparaten sich darin gefällt, unsere Gesichtszüge im Bilde zu
verewigen. Ein Zeichner porträtiert uns von allen Seiten. Nicht bewegen
können wir uns, ohne irgendeinen Photographen zu erzürnen; dieser
bittet uns, ihm das Profil zuzuwenden, jener, geradeaus in das Objektiv
zu schauen. Wir wollen fort. Nein, wir können nicht. Gebieterische
Stimmen erschallen: „Einen Augenblick noch halten Sie still! So!“ Die
Popularität ist lästig. Die Wüste Gobi hatte doch ihre guten Seiten!

Nachdem endlich Platten und Films erschöpft sind, wird uns die Freiheit
wiedergegeben. Wir nehmen auf den Automobilen Platz, die sich in
Bewegung setzen, und rollen auf Berlin zu inmitten einer dichten
Staubwolke, ohne etwas vor oder hinter uns zu sehen. Wir jagen dahin,
wie in Sibirien an den nebelerfüllten Morgen, wenn sich der Weg auf
wenige Schritt Entfernung in geheimnisvollem Grau verlor.

[Illustration: Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.]

Wir haben am Automobil die Flagge entfaltet, die wir in den letzten
Tagen um den Schaft gewickelt hatten, um sie zu schonen. Es ist noch
die wollene Marineflagge, die uns von der italienischen Marinebesatzung
in Peking überreicht worden war. Wie war die Flagge dort draußen
so frisch! Ihre Farben glühten in der Sonne. Jetzt ist sie zerrissen,
verblichen, schmutzig und nicht zu erkennen: von allen Winden ist sie
zerfetzt, von allen Regengüssen ausgewaschen worden. Und doch ist sie
uns so lieb und teuer; wenn wir sie hinter uns wehen, in der Luft
flattern hören, ist es uns, als vernähmen wir die Stimme eines Freundes!

Um 4 Uhr durchschneiden wir den großen Kranz von Fabriken mit
rauchenden Schornsteinen, die Berlin umgeben und von fern einer
riesigen, die Anker lichtenden Flotte ähnlich sehen. Schließlich kommt
eine große Straße, die anfangs von schüchternen Häusern eingefaßt wird.
Wir gelangen auf einen breiten Boulevard, die Frankfurter Allee: die
Häuser nehmen großstädtischen Charakter an, die Straße füllt sich mit
immer reger werdendem Verkehr, der mit der Zeit fieberhaft wird. Wir
befinden uns in der Königstraße, im Zentrum von Berlin.

Viele Leute erraten aus dem seltsamen Aussehen unseres Automobils, daß
wir aus Peking kommen. Hier und dort begrüßt uns jemand. Wir fahren
unter der Stadtbahn durch, auf der die Züge donnern. Wir kommen durch
das monumentale Berlin: hier ist das Rathaus, dort das königliche
Schloß. Wir gelangen auf die berühmte, stolze, belebte, aristokratische
Straße „Unter den Linden“. Eine dichte Menschenmenge wartet vor dem
Hotel Bristol, über ihr erglänzen die Helme der Schutzleute, die einen
Kordon bilden.

Kaum steigt Fürst Borghese ab, so wird er begrüßt, umringt, umdrängt;
die Menge folgt ihm und dringt mit uns ins Hotel ein, sie überflutet
den Flur, die Salons, die Bureaus, bis es uns endlich gelingt, einen
Fahrstuhl zu erreichen, der uns in die ersehnte Einsamkeit unserer
Zimmer bringt.

Die Bankette finden programmgemäß statt.

Am 6. August mittags gibt der Kaiserliche Automobilklub uns zu Ehren
in seinem prachtvollen Heim ein luxuriöses Dejeuner, bei dem der ganze
Prunk einer offiziellen Feier entwickelt wird. Abends feiert uns
eine zwanglosere Vereinigung von Landsleuten in der herzlichsten und
wärmsten Weise durch ein Diner. Zwischen diesen beiden Festen wird uns
eine Erfrischung (warum spricht man nur immer von „Erfrischungen?“
Unsere Sprache hat bisweilen Ausdrücke voll ungesuchter Ironie) von den
französischen Journalisten geboten, die aus Paris gekommen sind, um mit
uns zusammenzutreffen. Die Pariser Gastlichkeit und Berichterstattung
sind bis hierher vorgedrungen, und zwar im Automobil. Der angesehenste
der Pariser Kollegen ist unstreitig der Vertreter des „Matin“, des
Houx, der seinen glänzenden schriftstellerischen Eigenschaften
neuerdings noch eine religiöse Tätigkeit zugesellt hat, die darauf
hinausgeht, eine französische Kirche zu gründen, deren Oberpriester er
einige Tage lang gewesen ist. Er ist natürlich der Leiter, ich möchte
beinahe sagen, der geistliche Leiter der journalistischen Brüderschaft.

Unser Automobil kostet inzwischen einen Vorgeschmack der Ruhe. Bekränzt
mit Blumen und Lorbeer zeigt es sich Unter den Linden im großen
Schaufenster der „Itala“-Gesellschaft. Die Menge drängt sich, es zu
sehen; die Tür des Geschäfts ist geschlossen, um ein Eindringen zu
verhüten; die Schutzleute müssen immer wieder die Straße säubern und
den Verkehr herstellen. Wir sind gekränkt, unser „Tier“ dort zu sehen;
sein unerwarteter Stolz beleidigt uns. Er macht _Reklame_!

       *       *       *       *       *

Am Morgen des 7. August waren wir, bevor noch der Diener an unsere
Türen klopfte, um uns zu melden, daß die Stunde des Aufbruchs gekommen
sei, durch das Trommeln des Regens an die Fensterscheiben geweckt
worden. Wir sahen eine neue lange, traurige Tagereise im Regen vor uns;
in ungewohnter Liebenswürdigkeit hatte das Wetter aber nur die Straße
sprengen wollen, um den Staub niederzuschlagen.

Im Augenblick, als wir das Automobil bestiegen, kam hier und da
schon der blaue Himmel zum Vorschein. Der nasse Asphalt der breiten
Allee „Unter den Linden“ spiegelte diese glückverkündende Heiterkeit
des Himmels wider. Neben unserem Automobil warteten Automobile des
Kaiserlichen Klubs, um uns bis Potsdam das Geleit zu geben, andere,
Privatleuten gehörige Automobile und von Neugierigen gemietete waren
erschienen, unserer Abfahrt beizuwohnen. Kurz, es schien hier das
gesamte Automobilwesen vertreten zu sein, die Automobile des Luxus und
die der Arbeit, die Aristokratie und die Demokratie des Motors.

Um 5 Uhr trafen die Vertreter der französischen Zeitungen ein. Sie
fuhren auf drei „Itala“-Maschinen, die an beiden Seiten in großen
Buchstaben die Inschrift: „~Pékin-Matin~“ trugen, in welchen Wortlaut
der gewandte „Matin“ im letzten Augenblick die Inschrift „Peking-Paris“
umgeändert hatte.

Alles ist bereit, die Maschinen setzen sich in Bewegung. Ein
begeistertes „Evviva!“ ertönt aus der Menschenmenge um uns, die
großenteils aus Italienern besteht. Einige hatten den Mut gehabt, sich
bei Tagesgrauen zu erheben; zahlreiche Herren dagegen waren noch nicht
zu Bett gegangen und kamen im Gesellschaftsanzug. „Hoch! Glückliche
Reise!“ Die Rufe wiederholen sich. Der Automobilzug entfernt sich durch
die menschenleere Straße.

Immer wieder fahren Wagen aus der Reihe heraus und bleiben Seite an
Seite mit uns, um ihre Abschiedsgrüße und guten Wünsche zu wiederholen
und uns Blumen zuzuwerfen. Wir erheben keinen Einspruch mehr und
nehmen alle Huldigungen hin. Wir sind nicht einmal mehr überrascht wie
in Moskau, wo wir den ersten Beifall vernahmen. Wir lassen uns die
Popularität gefallen als eine unvorhergesehene, unerwartete und das Maß
überschreitende Belohnung für die frühere Einsamkeit. Die uns umgebende
Atmosphäre der Anteilnahme bewegt uns tief; das Wohlwollen der Menge,
wenn es auch unverdient ist, dringt uns doch ans Herz: dankbar lauschen
wir dieser unablässigen, ernsten Stimme, die uns zuruft: „Glückliche
Heimkehr!“

Die in Unordnung geratene Gruppe der Automobile, über denen deutsche
und italienische Flaggen wehen, fährt durch das Brandenburger Tor
und durchquert die berühmte Siegesallee, wo aus dem üppigen Grün des
Tiergartens die Bildsäulen der großen deutschen Männer herausschimmern,
wie zu phantastischer Heerschau aufgereiht. Nach wenigen Minuten
befinden wir uns auf den noch schweigsamen Straßen der vorstädtischen
Quartiere. Die Automobile wecken sie durch den mißtönenden Klang
sämtlicher Hupen und Hörner, eine barbarische Fanfare, ein tolles
modernes Hallali!

Bald entschwinden die Kuppeln und Zinnen unserem Blick; wir kommen in
eine Villen- und Gartenstadt. Berlin mit seiner ernsten Pracht liegt
schon fern, auch diese Stadt nur noch eine flüchtige, freundliche
Erinnerung wie Petersburg, wie Moskau! Wir haben jetzt keine andere
Hauptstadt mehr vor uns als Paris.

Nach Paris also!

Der Fürst steigert die Geschwindigkeit. Nicht alle können uns folgen.
Die letzten Abschiedsrufe verklingen in der Ferne. Wer nicht die Kraft
hat, uns zu folgen, schickt uns seinen Gruß nach. Wir bleiben allein
mit den Wagen des Automobilklubs, die uns vorausfahren, und denen der
französischen Kollegen, die uns folgen: sieben große Automobile, die
mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde dahinjagen.

Um ½6 Uhr kommen wir durch Potsdam mit seinen niedrigen, weißen
Häusern, die in grüne Gebüsche eingebettet sind -- wie um besser die
Stille zu bewahren, die sich für einen kaiserlichen Hofhalt geziemt.
Die Stadt ist von melancholischen, träumerischen Seen und Kanälen
umgeben, auf deren klaren Fluten kleine, weiße Jachten schaukeln. Wir
befinden uns in einer aristokratischen Umgebung, die den Ackerbau
verschmäht.

Aber bald ändert sich das Bild. Von neuem sind wir inmitten des
Reichtums der Felder. Wir nehmen von den gastlichen Freunden des
Automobilklubs Abschied. Um ½7 Uhr passieren wir Brandenburg und
begegnen Scharen von Arbeitern, die auf dem Zweirad aus ihren Wohnungen
auf dem Dorfe kommen und rasch dahinfahren, ein Bündel auf dem Rücken
und eine große Pfeife mit Porzellankopf im Munde. Oft müssen wir
langsamer fahren, um Milchwagen vorbeizulassen, die von einem Menschen
und einem Hunde gemeinschaftlich gezogen werden.

Eine Batterie, die sich zur Felddienstübung begibt, versperrt die
Straße; einige Minuten halten wir mit den Pferden gleichen Schritt und
fahren zwischen den Soldaten mit blitzenden Helmen und inmitten des
Dröhnens der Protzkasten und Lafetten. Einige Soldaten erkennen uns
und lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen, ohne gegen die
Disziplin zu verstoßen; sie flüstern ihren Kameraden etwas zu, die sich
umwenden und sofort Platz machen, um uns vorbeizulassen.

Später begegnen wir einer Husarenpatrouille auf Vorposten, die
unbeweglich im Sattel sitzt, die lange Lanze mit dem schwarzweißen
Fähnchen umgekehrt in der Hand haltend, um sich durch das Flattern
nicht dem markierten Feinde zu verraten. Augenscheinlich geraten wir
auf den Kriegsschauplatz. In der Tat erhebt sich dort in der Ferne
die Staubwolke einer Kavallerieestadron, die gestreckten Galopps
vorübersprengt.

Als wir um 8 Uhr in Magdeburg eintreffen, werden wir durch ein neues
militärisches Schauspiel zum Halten veranlaßt, ein Infanterieregiment
marschiert vorbei. Die Soldaten singen im Chore ein Lied, und wir
empfinden den starken Eindruck, den dieser Gesang kräftiger, tiefer
Soldatenstimmen auf jeden macht.

Ein Augenblick, und die Szene wechselt.

Wir fahren über den Marktplatz von Magdeburg mit seinen heiteren
Farben, seinem regen Leben, den überall sichtbaren weißen Hauben der
Bäuerinnen; eine alte Kirche wirft den langen, schmalen Schatten ihrer
gotischen Türme über all das geräuschvolle Treiben. Aber so interessant
die Städte auch sein mögen, sie machen uns doch ungeduldig, weil sie
uns aufhalten.

Wir sind nur zufrieden, wenn auf dem Automobil der Übersetzungshebel
bis zur vierten Geschwindigkeit herabgedrückt ist und das Fahrzeug
davonschießt, wie ein Meteor die Luft zerteilend. Der Fürst will
möglichst rasch vorwärts; um sicher am 10. August, dem in Moskau
festgesetzten Datum, in Paris einzutreffen, zieht er es vor, sich
lieber nahe am Ziel einige Tage Ruhe zu gönnen, als die Tagesleistungen
zu verkürzen. Es überkommt ihn die seltsame Furcht, daß er jetzt,
gerade jetzt, am Eintreffen verhindert werden könnte, und er will
sichergehen. Es ist das Ankunftsfieber, an dem wir leiden.

Der Himmel hat sich umzogen. Um 9 Uhr kommen wir durch Helmstedt mit
seinen alten malerischen Toren, sodann durch Königslutter, aus dem
ich mich nur blumengeschmückter Fenster und mit Grün bedeckter Mauern
entsinne, hierauf durch das große, geräuschvolle Braunschweig, wo bei
unserer Ankunft ein heftiges Gewitter ausbricht.

Der Regen peitscht uns ins Gesicht. Als wir uns aber Hannover
nähern, strahlt die Sonne wieder. An einer Straßenbiegung stoßen
wir auf Automobile: wir werden festlich empfangen. Mitglieder des
Automobilklubs sind nebst vielen Landsleuten erschienen, um uns zu
begrüßen. Gegen Mittag treffen wir in Hannover ein. Nachdem wir zu
einem auserlesenen Frühstück eingeladen worden waren, wir wissen nicht
genau, wo und von wem, das uns aber auf jeden Fall sehr gut geschmeckt
hat, brechen wir um 2 Uhr wieder auf, während sich die Begrüßungen
erneuern.

Dann begegnen wir einer Schar Knaben auf dem Wege zur Schule; die
Bücher unter dem Arme, gehen sie gut gezogen in Gliedern nebeneinander
her, unter ihren grünen Mützen schauen sie ernst drein. Sie erkennen
uns; augenscheinlich haben sie die Berliner Zeitungen gelesen. An jedem
Orte sind die Knaben unsere eifrigsten Bewunderer. Sie bringen uns
Huldigungen aus dem Stegreife dar, und der Ernst schwindet für einen
Augenblick aus ihren Zügen. Unsere Reise muß in ihren jugendlichen
Köpfen als eine unendlich größere Leistung erscheinen, als sie in
Wirklichkeit ist.

Wir wenden uns nach Minden, um das wir herumfahren; von der Stadt sehen
wir nur die Gärten und die spitzen Dächer hinter Bäumen. Wir kommen
durch Städte, Flecken, Dörfer, von denen wir nicht einmal die Namen auf
der Karte aufsuchen -- so rasch ist unsere Fahrt. Und dann verleiht das
Unbekannte den Dingen, die wir sehen, einen geheimnisvollen Zauber.

In manchen kleinen Städten fahren wir durch Straßen, an denen hohe,
alte Häuser sich mit ihren dreieckigen Giebeln nach vorn neigen und
Balustraden und Fenster wie auf der Suche nach Licht vorspringen
lassen; mittelalterliche Häuser, die, in das Holz ihrer Fassaden
geschnitzt, drei bis vier Jahrhunderte alte Daten, alte Sprichwörter,
Rittergestalten tragen, die den Eindruck hervorrufen, als betrachteten
sie voll maßlosen Staunens das Automobil, das bei seinem Vorbeifahren
ihre lange Ruhe stört.

Um 5 Uhr befinden wir uns in Bad Oeynhausen, einem an Mineralquellen
reichen Orte. Ein Reporter springt auf das Automobil und interviewt
den Fürsten im Fluge. Überall sieht man auf Fahrstühlen ausgestreckte
Kranke; einer von diesen erhebt sich mit Mühe und ruft „Hoch!“ Alle die
Unglücklichen, die sich in unserer Nähe befinden, begrüßen uns, von
Begeisterung ergriffen, und bewegen sich auf ihrem Schmerzenslager.
Wir lächeln, aber dieser Gruß von seiten des Leidens und der Schwäche
an die triumphierende Gesundheit und Kraft ließ uns längere Zeit
verstummen.

Um 7 Uhr gelangen wir nach Bielefeld, wo wir halten, um zu übernachten.

Unser erster Gedanke ist der, ein einfaches arithmetisches Exempel
auszurechnen. Wir messen auf der Karte die Entfernungen zwischen den
einzelnen Städten und gelangen zu einer Reihe Posten, deren Resultat
uns einen Freudenschrei entlockt. Die Summe beträgt 680.

Paris ist nur noch 680 Kilometer entfernt!

       *       *       *       *       *

Am folgenden Tage, 8. August, überschreiten wir um 6 Uhr abends bei
Eupen die belgische Grenze und gelangen nachts nach Lüttich. An diesem
Tage sind wir also von Westfalen an den Rhein, vom Rhein nach Belgien
mit solcher Geschwindigkeit gefahren, daß alles um uns herum von Stunde
zu Stunde wechselte, der Tag uns aber lang wie ein Leben erschien.
Die Eindrücke überstürzen sich in unserem Geiste, sie verjagen und
verdrängen einander aus dem Gedächtnis. Die Ereignisse des Morgens
lassen am Abend nur noch eine dumpfe Erinnerung zurück.

Vielleicht ist dies eine Folge der Aufregung, die uns beherrscht, der
unbestimmten, uneingestandenen Angst, die uns befällt infolge der Nähe
des Zieles, infolge der Erwartung, daß der Traum langer Monate endlich
in Erfüllung gehen soll. Alle unsere Geisteskräfte streben in einer Art
Beklemmung vorwärts. Jede Geschwindigkeit erscheint unserer Sehnsucht
zu klein, wir leben nicht so sehr in der Gegenwart wie in der Zukunft;
daher verschwindet die Vergangenheit ganz. Es geht unseren Gedanken
geradeso wie den Bildern, die wir im Vorbeijagen sehen: kaum zeigen sie
sich, so werden sie schon von der Staubwolke verdeckt, die hinter uns
herwirbelt.

In Bielefeld wurde -- es ist überflüssig, es noch besonders zu erwähnen
-- Fürst Borghese zu einem Bankett eingeladen. Ich glaube, selbst wenn
wir in einem Walde haltgemacht hätten, würden wir einen gedeckten Tisch
und ein „Lokalkomitee“ haben auftauchen sehen, um uns mit erlesener,
herzlicher Gastlichkeit zu begrüßen! In Deutschland wollten alle
Sektionen des Automobilklubs uns feiern, und da es in Bielefeld keine
Sektion gibt, so kamen Mitglieder des Kölner Klubs auf einem Rennwagen
herüber. Sie waren abgefahren mit dem festen Vorsatz, uns zu finden, wo
wir auch seien!

Das schnelle Automobil aus Köln diente uns von Bielefeld an als Führer.
Aber der Führer sauste mit der schwindelerregenden Schnelligkeit von
etwa 90 Kilometern in der Stunde voran und verführte uns und die andern
Fahrzeuge, die die Pariser Journalisten trugen, zu einer rasenden,
verzweifelten Jagd. In der aufgewirbelten Staubwolke schossen wir
blitzschnell durch die Landschaft wie die apokalyptischen Reiter.

Um dieses Übermaß von Schnelligkeit wieder wettzumachen, wollte es
die Nemesis, daß der Führer verschiedene Male den Weg verlor. Einmal,
bei Wiedenbrück, wurden wir genötigt, die richtige Straße quer über
die Felder zu suchen; so konnten sich unsere Gefährten einen kleinen
Begriff von den zu den besseren gehörenden Wegen in Sibirien machen!

Um 10½ Uhr sind wir schon zwischen den Hügeln der Rheingegend;
bergauf und bergab geht es auf gewundenen Wegen, die sich durch eine
ununterbrochene Reihe von Dörfern und Flecken hinziehen; alle starren
von Fabrikschornsteinen und sind vom Getöse der Arbeit erfüllt.

Wir kommen in einen Ort, über dem dichter Rauch einen düsteren Schatten
breitet: nach Barmen mit seinen zahllosen industriellen Betrieben.
Wie fern von uns liegen die idyllischen Landschaften Preußens und
Pommerns und die malerischen, altertümlichen Städte Brandenburgs, auf
deren mittelalterlichen Plätzen sich die riesigen, rohausgeführten
Rolandsäulen erheben, die über Gemüsemärkten Wache halten!

Um 11 Uhr öffnet sich unvermutet das leuchtende Rheintal vor uns.
Funkelnd flutet der mächtige, zauberhafte Strom in Schlangenwindungen
dahin; an seinen Ufern erhebt sich ein Wald von Spitzen: es ist Köln,
überragt von den riesigen spitzen Doppeltürmen seines Doms.

In Köln ziehen wir mit einem langen Ehrengeleite von Automobilen
ein. Wir überschreiten den rasch dahinströmenden, klaren Rhein
auf der Schiffsbrücke und werden nach dem Kasino des Kaiserlichen
Automobilklubs geleitet, wo wir ein durch zahlreiche Trinksprüche
gewürztes luxuriöses Frühstück vorfinden. Der Fürst antwortet mit
einer Rede, die, glaube ich, seine fünfzigste ist, seitdem wir
europäischen Boden betreten haben! Man sieht hieraus, daß man, um eine
Automobilfahrt von Peking nach Paris zu unternehmen, auch Redner sein
muß!

Um 3 Uhr brechen wir wieder auf. Der flinke Lotse vom Vormittag fährt
wieder voran, um uns den Weg zu zeigen. Aber in dem benachbarten
Dorfe Müngersdorf rennt er infolge seiner übermäßigen Schnelligkeit
gegen ein Haus, zertrümmert die Wand und fährt durch sie hindurch,
glücklicherweise ohne die Bewohner zu verletzen. Ich weiß nicht genau,
wie sich der Unfall ereignet hat; als wir ins Dorf kamen, fanden wir
das Lotsenautomobil umgestürzt am Boden liegen neben dem aufgerissenen
Hause, durch dessen ungeheuere Bresche man das bescheidene Mobiliar
erblickte, während der Automobilfahrer unerschrocken vor den
herbeigeeilten, empörten Bauern stand und, auf die Trümmerstätte
deutend, zu uns sagte:

„~Messieurs! Regardez ce que j’ai fait!~“

Hierauf setzen wir unsere Fahrt allein fort, nachdem wir mit den
Mitgliedern des Automobilklubs, die uns bis Müngersdorf gefolgt sind,
herzliche Abschiedsgrüße getauscht haben.

Die Nachricht von unserer Durchfahrt ist überallhin telegraphiert
worden: viele Leute rufen uns „Adieu“ zu. In einigen Städten haben
die Lehrer ihre Schüler vor den Schulen aufgestellt, damit diese das
Automobil, das von Peking kommt, sehen können -- ein vortrefflicher
Ansporn für das Studium der Geographie. Die Kinder begrüßen uns mit
hellen, fröhlichen Stimmen. Reihen von blonden Schülerinnen klatschen
voll Begeisterung in die Hände.

Um 5 Uhr fahren wir in die Vorstädte Aachens ein. Leute strömen in
Menge herbei, begrüßen uns mit Hochrufen und guten Wünschen, als wir
vor einem Café halten, um einige Gläser frischen Bieres zu leeren.
Wir finden einen neuen dienstwilligen Lotsen, der aber die Straße
verfehlt und die Richtung nach Brüssel einschlägt. Wir bemerken es noch
rechtzeitig und wenden uns Lüttich zu. Rasch nähern wir uns der Grenze.

Nach so vielen festlichen Empfängen wird uns schließlich auch ein
weniger wohlwollender Gruß zuteil: eine alte Bäuerin, die am Fenster
steht, während wir im Schritt durch ihr Dorf fahren, ballt wütend die
Fäuste gegen uns und ruft uns giftig zu:

„Ich erkenne euch wieder, ihr Kanaillen! Ihr seid es, die mir am
Donnerstag meine Henne überfahren haben! Zahlt jetzt gefälligst!“

Die Beschuldigung ist zwar ungerecht, aber sie kränkt uns nicht. Wir
setzen unseren Weg in fieberhafter Eile fort.

Jetzt sind wir an der Grenze, einer harmlosen Grenze ohne Ketten,
an der wir kaum den bescheidenen Pfahl bemerken, der das Ende des
deutschen Gebietes bezeichnet. Das Zollamt liegt entfernt von der
Straße, und wir verlieren eine halbe Stunde, bis wir es finden.

Unsere Ankunft in Belgien erzielt bei der Bevölkerung einen
Heiterkeitserfolg. Der Telegraph hat uns diesmal nicht angemeldet;
unsere Reiseroute ist nicht bekannt. Für die Leute, die uns sehen, sind
wir komische Wesen auf einem komischen Automobil.

In Verviers schreit eine alte Krämerin:

„~Oh, les laids!~“ (Sind die aber häßlich!)

Kurz darauf ruft ein Kutscher in überzeugtem Tone:

„~Oh, les laids!~“

Der Ruf scheint ein neuer Gruß zu sein. Er pflanzt sich fort. Von
allen Seiten hören wir: „~Oh, les laids!~“ Wir selbst zweifeln keinen
Augenblick daran, daß der Ruf ganz aufrichtig gemeint ist. Alle bleiben
stehen, betrachten uns und lachen, als sähen sie die komischste
Maskerade. Wir müssen in der Tat aussehen wie drei Landstreicher auf
einem Automobil!

Plötzlich hält uns ein Polizist an, dem unsere Erscheinung ebenfalls
verdächtig vorkommt.

„Wer sind Sie?“ fragt er den Fürsten, der am Steuerrade sitzt.

„Fürst Scipione Borghese“, erwidert dieser ehrerbietig.

Der Polizist glaubt, man wolle ihn zum besten haben, steckt eine
barsche Miene auf und donnert:

„Sie, Sie ein Fürst? Sie?“

Don Scipione macht eine Bewegung, als wollte er sagen: „Ja freilich!“

„Das ist nicht wahr!“ nimmt der Polizist wieder energisch das Wort.
„Sie sind ein belgischer Chauffeur. Ich erkenne Sie wieder.“

Auch er erkannte uns wieder! Genau wie die Alte mit der Henne!

„Ich erkenne Sie wieder; verstanden? Und ich nehme Sie in Strafe, weil
Sie zu rasch gefahren sind. Sie kennen das Reglement sehr gut. Zehn in
der Stunde“ -- er zieht sein Notizbuch hervor, befeuchtet die Spitze
des Bleistifts und fügt hinzu: „Ihr Name und Ihre Adresse?“

„Fürst Scipione Borghese, Adresse: Palazzo Borghese in Rom.“

„Wie? Noch einmal? Nun hört mir aber der Spaß auf! Zeigen Sie Ihre
Papiere!“

Die Papiere werden vorgezeigt. Der Polizist prüft sie und ruft:

„Das sind nicht Ihre Papiere. Sie sind ein Chauffeur! Weshalb geben Sie
sich für einen Fürsten aus? ... In einem solchen Aufzuge! Schämen Sie
sich etwa, nur ein Chauffeur zu sein? Jeder verdient sein Brot, wie er
kann! Woher kommen Sie?“

„Aus Peking.“

„Aus ... Peking? Borghese ... Ah!!“

Das Gesicht des Polizisten erhellt sich. Er besinnt sich --
jetzt versteht er -- bedauert tief -- geht von der Strenge zur
Ehrerbietigkeit über -- grüßt -- und ruft dienstbeflissen:

„~Passez, Monseigneur! Bon voyage!~“

Eine halbe Stunde später treffen wir in Lüttich ein, gerade als die
Straßenlaternen angezündet werden.



Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Paris.

     An der Maas entlang. -- Die französische Grenze. -- Reims. --
     Die Reliquiensammler. -- Meaux. -- Eine schlaflose Nacht. -- Die
     letzten Stunden. -- An den Toren von Paris. -- Auf den Boulevards.
     -- Die Fahrt ist zu Ende!


In Lüttich bemerkten wir, daß sich unser Automobil wie ein Album nach
und nach mit Namenszügen bedeckte. Sie waren mit Bleistift auf die
Benzinbehälter und auf den Kasten für die Reservestücke geschrieben:
fast alles unbekannte Namen, begleitet von den Daten von Moskau,
Petersburg, Königsberg, Berlin! Ettore schonte beim Putzen der Maschine
diese Schriftzüge, die ebenso viele anteilvolle Wünsche und bescheidene
Freundschaftsbekundungen von Leuten darstellten, die wir vielleicht gar
nicht gesehen hatten und die wir nie wiedersehen würden.

Ettore hörte keinen Augenblick auf, das Automobil liebevoll zu pflegen
und zu warten. Wenn es bis hierher gekommen war, so verdankten wir dies
großenteils seinem Eifer. Auch jetzt schlief er neben ihm ausgestreckt.
Seine Liebe war zur Eifersucht geworden. Er gestand, mit Schmerz an den
Augenblick zu denken, an dem er sich von ihm trennen müsse.

Am 9. August früh 5½ Uhr ergriff der Fürst das Steuerrad, und wir
fuhren in der Richtung auf Namur weiter. Wir durcheilten auf den noch
menschenleeren Straßen rasch Lüttich bis zur Maas, längs deren Ufern
wir einen entzückenden Weg einschlugen.

Der heitere Tag machte auch die Maas heiter, deren ruhig
dahinfließendes Wasser in blitzendem Flimmern das grüne Gebüsch der
Hügel, die Bogen der Brücken, die Takelage der Boote und Jachten
widerspiegelte. Die Maas hat Stellen, an denen sie einem See von großer
Länge gleicht, der hier und da von dem dichten Schatten der Rauchwolken
verfinstert wird, die die zahlreichen Kohlenbergwerke wie Vulkane
unaufhörlich ausstoßen.

Paris ist nur noch 388 Kilometer entfernt!

Wir kommen durch Huy und nach Namur, das von den weißen Mauern der
alten Zitadelle überragt wird. Breite Barken fahren den Fluß hinauf,
gezogen von starken Pferden, die unsere Straße benutzen und sie oft
versperren; dann fahren wir langsam und sehen die Reihe der vier
„Itala“-Maschinen sich zusammenschließen. Die Vertreter der Pariser
Presse, sympathische Reisegefährten, folgen uns auf dem Fuße. Wenn das
Tal sich enger zusammenzieht, erfüllen wir es ganz mit Staub, der wie
ein Nebel an den Hügeln emporsteigt. Um 8 Uhr sind wir in Dinant.

Nach einer Viertelstunde zeigen wir einander etwas, das uns von unseren
Sitzen emporspringen läßt: die erste französische Flagge, die am
Hinterteile eines die Maas hinabfahrenden Dampfers weht.

Dann kommen wir bei Agimont an die französische Grenze. Wir würden
es gar nicht bemerkt haben, wenn nicht ein belgischer Zollbeamter
uns angehalten hätte, um uns in der Ferne das auf einem Seitenwege
erreichbare Zollamt zu zeigen, auf dem wir die Zollgeschäfte rasch
erledigen.

„~République Française~“ lesen wir auf einer halb zwischen Bäumen
versteckten Tafel. Halt! Wir bringen das Automobil zum Stehen. Die
gastlichen Pariser Kollegen wollen den Augenblick, in dem wir den Boden
Frankreichs betreten, festlich begehen. Es kommen Champagnerflaschen
und Gläser zum Vorschein, die aus einem ländlichen Gasthofe der
Umgebung stammen; im Nu sind die Gläser gefüllt und die Flaschen
geleert. Das stille Tal hallt mit einem Male wider von Evvivas auf
Frankreich und Italien!

Rasch besteigen wir wieder die Maschinen. Die französischen Zollbeamten
halten uns nicht lange auf, und bald sausen die vier mächtigen
Automobile auf den breiten, wundervollen französischen Straßen dahin.

Paris ist noch 300 Kilometer entfernt!

Jetzt sind wir in dem befestigten Givet. Auf dem grasbewachsenen Glacis
blühen Mohnblumen. Aus den großen Kasernen begrüßen uns am Fenster
stehende Soldaten.

Die ungeheuere Fabrik, die Belgien in Wahrheit ist, haben wir
verlassen. Nun scheint die Sonne uns strahlender, der Himmel blauer;
eine ungekannte Freudigkeit liegt über Frankreich ausgegossen. Aber
vielleicht hat diese Freudigkeit in uns ihren Sitz.

Um 10 Uhr kommen wir durch Fumay, bekannt durch seine
Schieferindustrie. Zollbeamte halten uns wieder an, um unsere Papiere
zu prüfen. Wir fahren an den sanften Abhängen der Ardennen empor, die
von Wäldern beschattet werden, die schon an unsere Flora erinnern. Wie
es uns erquickt, das schöne, verführerische bunte Bild einer Vegetation
zu erblicken, die wir so sehr lieben! Lebt wohl, ihr frischen
regelmäßigen strengen Nadelwälder! Die Straßen gleichen Gartenalleen,
so gleichmäßig und eben sind sie. Wir berühren sie kaum, als schwebten
wir über sie hinweg.

Rocroy mit seinen historischen Befestigungen kommt in Sicht. Auf dem
Marktplatze halten wir, um Benzin einzunehmen. Die scharfriechende
Flüssigkeit rinnt gurgelnd in die Behälter, und die leeren Behälter,
die wir die „Leichen“ nennen, werden auf den Boden gestellt. Die
Maschinen frühstücken.

Paris ist noch 263 Kilometer entfernt!

Während wir durch den Wald fahren, springt hinter den Bäumen ein
Zollwächter hervor, der uns zu halten befiehlt, während ein Kamerad
sich in größerer Entfernung zeigt. Er schwingt ein Gewehr und hält
sich bereit, uns im Notfalle mit überzeugenden Beweisgründen zum Halten
zu veranlassen. Es findet abermals eine Prüfung unserer Papiere und
eine Besichtigung der Maschine statt. Nachdem sich die diensteifrigen
Zollwächter überzeugt haben, daß wir keine Kontrebande in das Gebiet
der Republik einschmuggeln, lassen sie uns weiterfahren.

Um 12½ Uhr betreten wir Reims. Reims! Auf wie vielen Flaschen haben
wir nicht diesen Namen gelesen! Wir denken an all die Toaste, die in
den letzten Tagen ausgebracht worden sind, in den Händen Gläser mit
einem Wein gefüllt, der stets den Anspruch erhob, aus Reims zu stammen.
Bratengeruch macht sich bemerkbar, und in den niedrigen Fenstern hört
man das Klirren in Tätigkeit gesetzter Bestecke und das Klappern
von Tellern; es ist die Stunde des Mittagessens in dieser stillen
Provinzstadt. Auch wir beschließen, zu diesem Zwecke zu halten.

Auf der Hauptstraße laufen die Leute zusammen und begrüßen uns. Ein
Straßenbahnschaffner lehnt sich, während wir vorüberfahren, aus seinem
Wagen heraus und ruft dem Fürsten vertraulich zu:

„~Ça c’est bien, mon petit!~“ (Gut so, mein Junge!)

Die Fahrgäste klatschen Beifall.

Wir gelangen an die wundervolle Kathedrale. Kaum haben wir Zeit,
einen entzückten Blick auf den prächtigen Bau zu werfen, als die
glänzende Erscheinung auch schon verschwindet und wir uns in dem Hofe
eines Hotels mit Garage befinden. Der Hof füllt sich mit Neugierigen;
die Gäste stürzen heraus; ein Amerikaner bietet uns Champagner an,
während wir im Begriff sind, uns zu waschen. Voll Seifenschaum und
von Wasser triefend, müssen wir mit ihm anstoßen. Er drückt uns seine
guten Wünsche aus, erklärt aber offen, nicht zu verstehen, was es für
ein Vergnügen sei, eine solche Reise zu machen ohne den geringsten
materiellen Gewinn!

Als wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen, stürzen sich allzu
begeisterte Bewunderer, die eine Reliquie von uns haben wollen, auf
die kleine dreieckige Flagge, die wir vorn am Wagen gehißt haben,
reißen sie in Stücke und verteilen diese untereinander. Nur mit
Mühe verteidigen wir die große, hinten wehende Fahne. Nun sollen
Splitter aus der Karosserie herausgeschnitten werden, und die Klingen
der Taschenmesser sind schon in Bewegung! Kurze Zeit noch, und das
Automobil wäre vor allzu großer Liebe geplündert, demoliert, zerstört
worden. Aber bei dem ersten Druck auf den Hebel schießt die wackere
Maschine, die die Gefahr begriffen hat, davon und bringt sich in
Sicherheit. Es ist 3 Uhr. Die durchbrochenen Türme der Kathedrale
verschwinden.

Paris ist noch 169 Kilometer entfernt!

Um 5 Uhr 10 Minuten kommen wir durch La Ferté. Der Name Paris beginnt
auf den Wegweisern zu erscheinen nebst dem Pfeil, der die Richtung
angibt.

Paris ist noch 78 Kilometer entfernt!

Je näher wir kommen, desto zahlreicher werden die Grüße, auch auf dem
Lande, desto lebhafter, desto herzlicher werden sie. Es liegt in ihnen
eine liebevolle Anteilnahme des Volkes.

Wir dürfen nur bis Meaux fahren und müssen dort die Nacht über bleiben.
Der Einzug in Paris ist auf 4½ Uhr des 10. August anberaumt. Das
Komitee für die Fahrt hat es so angeordnet. Der Endpunkt soll das
Gebäude des „Matin“ sein.

Jetzt zeigt sich Meaux. Als wir bei den ersten Häusern sind, macht uns
ein Zolleinnehmer von der Mitte der Straße her energische Zeichen mit
der Hand. Der Fürst bremst und fragt ihn:

„Müssen wir wegen des Zolles halten?“

„~Non, Monsieur~,“ erwidert er, „~c’est pour la cinématographie!~“

Und lachend deutet er auf einen Photographen, der einen
kinematographischen Apparat spielen läßt und uns im Gegensatz zu seinen
Berliner Kollegen zuruft:

„Haben Sie die Güte, sich zu bewegen, ich bitte Sie! Noch mehr! Bewegen
Sie sich stark! Noch mehr! Ich brauche Bewegung! Danke!“

Wir wollen ihm den Spaß nicht verderben; wir drehen uns nach rechts und
nach links, strecken den Hals vor, wir bewegen uns wie Bären im Käfig,
bis der Photograph alle Bewegung, die er braucht, gefunden hat und uns
weiterfahren läßt.

Wir halten vor dem ersten Hotel der Stadt, das den Namen „Zur schönen
Sirene“ führt.

Paris ist nur noch 45 Kilometer entfernt!

       *       *       *       *       *

Es war gerade kein sehr ruhiger Schlaf, dessen wir uns vergangene Nacht
zu erfreuen hatten! Früh begaben wir uns zur Garage, als wären wir im
Begriff, eine endlose Reise nach einem unerreichbaren, fabelhaften
Ziele anzutreten.

Wir haben uns an das beständige Reisen gewöhnt; zur Stunde des
Aufbruchs springen wir instinktiv aus dem Bette. Fahren ist unser
Lebenszweck geworden, immer und immer dahinstürmen; moderne ewige
Juden, die verdammt sind zu unaufhörlicher Reise.

Viel besser, viel tiefer und viel ruhiger als in dieser letzten
Nacht unserer Pilgerfahrt durch zwei Kontinente hatten wir auf den
chinesischen Kangs geschlafen trotz ihrer übeln Gerüche, im grünen
Grase der Steppen oder auf den Bänken der kleinen sibirischen Isbas,
eingehüllt in Ziegenfelle, den photographischen Apparat als Kopfkissen.
Viel besser als in den Daunenbetten des Gasthauses zu Meaux, 45
Kilometer vor Paris!

Es ist die Nähe von Paris, die uns im Schlafe stört. Wir fühlen, wir
hören das mächtig pulsierende Leben der Stadt. Oft stand ich auf, ging
ans Fenster und schaute hinaus. Dort liegt Paris, sagte ich mir, als ob
ich einen unvernünftigen Zweifel bannen wollte.

Tag für Tag war uns unsere Reise selbstverständlich, manchmal sogar
leicht erschienen. Kiachta zu erreichen, indem man von Urga kam,
Werchne-Udinsk, indem man von Kiachta kam, dünkte ganz einfach. In
unmerkbaren Übergängen gelangten wir von Land zu Land, von Volk zu
Volk.

Jetzt, da unser Geist nicht mehr bedrückt ist durch die Sorge um den
Weg, denken wir der zurückgelegten Strecke, die uns die Erinnerung mit
Blitzesschnelle in gewaltsamer Verkürzung zeigt.

Wir befanden uns an den mit Pagoden gekrönten Toren von Peking. Die
Arme von Chinesen schleppten diese Maschine hier unter den Felsen von
Ki-mi-ni durch, wo wir von Maultieren getragene, mit blauer Seide
verhüllte Sänften fanden. Mandarine, den goldgestickten Drachen
auf der Brust, kamen in Kalgan herbei, um diesen Wagen anzusehen,
während ein Gong feierlich erklang. Dieser Wagen ist von ungestümen
mongolischen Reiterscharen verfolgt worden, und er jagte seinerseits
an den Grenzen der Wüste Rudel braungelber Gazellen, die vor Angst wie
verrückt waren. Dieser Wagen hat den breiten Iro, den letzten großen
Strom des Chinesischen Reiches, durchfurtet; er fiel von einer Brücke
in Transbaikalien und fuhr zwischen den Geleisen der transsibirischen
Eisenbahn; im Schmutze von Tomsk ist er versunken, die Taiga, den
größten Wald der Welt, hat er durchquert, und nun steht er wohlbehalten
hier, eine halbe Stunde vor der Porte de Vincennes!

Wir hatten gewagt, auf Erfolg zu hoffen. Wir hatten aber nicht gewagt,
an die Aufregung dieses Augenblicks zu denken, als wir das Doschmen-Tor
in Peking verließen.

Fürst Borghese befolgte stets den Grundsatz, sich nur ganz kleine,
leicht zu erreichende und nahe Ziele zu stecken. Er sagte mir an den
beschwerdereichen, zur Verzweiflung bringenden Tagen, an denen wir nur
langsam und mit schwerer Mühe vorwärtskamen: „Alles, was ich wünsche,
ist, das nächste Dorf zu erreichen“, und unterdrückte in seinem Geiste
das übrige. Wir strengten alle unsere Kräfte, unseren gesamten Willen
an, um diese kurze Strecke zurückzulegen, als sei das nächste Dorf
unser letztes Ziel.

Den Tag darauf begannen wir von neuem.

Die ungeheuere Reise ist im Grunde nichts weiter als eine endlose
Reihe von kurzen zurückgelegten Strecken, von denen jede einzelne
im Verhältnis zu unserer Kraft und der Maschine stand. Unsere
Reise ist vor allem eine riesenhafte Kette von Geduldproben. Wir
berechneten nie die Länge der Strecke vor uns, sondern nur die der
hinter uns liegenden. Wir suchten die Zahlen, die uns anspornen
konnten, und in unseren Berechnungen waren wir vorsichtig, so daß wir
stets beobachteten, daß wir in Wirklichkeit einen viel weiteren Weg
zurückgelegt hatten, als wir glaubten.

Es ist fast sicher, daß wir uns in der Berechnung der Entfernungen
in der Mongolei und der Wüste Gobi getäuscht haben, wo wir 12 bis
14 Stunden täglich in gutem Tempo fuhren. Wir glaubten 200 bis 300
Kilometer zurückzulegen, und in Westeuropa stellten wir fest, daß,
wenn wir mit derselben Geschwindigkeit fuhren, wir in der gleichen
Zeit 500 Kilometer zurücklegten. Die genaue Gesamtziffer der von uns
durchfahrenen Kilometer bleibt also noch unbekannt. Wir schätzen sie
auf über 13000. Aber wir wollen sie gern unbekannt sein lassen. Wir
werden sicher nicht zurückkehren, um nachzumessen ...

Die Nachbarschaft von Paris überrascht uns, betäubt uns, findet uns
ergriffen von der phantastischen Geschwindigkeit, mit der wir sie
erreicht haben. Die letzten russischen Provinzen, Deutschland, Belgien,
Frankreich zogen an uns wie Traumbilder vorbei. Zwölf Tage brauchte es,
um das erste Tausend Kilometer zurückzulegen, das letzte Tausend haben
wir in 2½ Tagen durchflogen.

Doch die letzten Stunden schienen uns eine Ewigkeit: Stunden
der Freude, aber auch Stunden einer schwachen, unbestimmten,
undefinierbaren Beklemmung, die uns schweigsam machte und uns den
Anschein der Niedergeschlagenheit verlieh.

       *       *       *       *       *

Am Vormittag des 10. August wurde Meaux von einem Heere von Automobilen
überschwemmt. Jede Minute kamen sie an: große, kleine, etliche mit
Fahnen geschmückt, andere mit den Namen von Zeitungen in großen
Buchstaben; eins brachte die Korrespondenten der italienischen Presse;
verschiedene vertraten den französischen Automobilklub. Hupen, Sirenen
ertönten, Motore knatterten, und die Menge drängte sich auf der Straße,
im Hofe des Gasthauses, in der Garage. Unsere Maschine war unsichtbar,
in eine Remise eingeschlossen, an deren Tür sich die Neugier der Menge
brach.

Um 2¼ Uhr wird der Befehl zum Aufsitzen erteilt. Einige Fahrzeuge
setzen sich in Bewegung. Es ist ein Augenblick allgemeiner Aufregung.

Ettore befestigt das Gepäck auf dem Automobilkasten mit derselben
Sorgfalt, die er stets darauf verwandte, seitdem das Gepäck des
Fürsten in der Wüste Gobi verlorengegangen war. Er läßt den Druck im
Benzinbehälter steigen, schaltet den Ganghebel ein, und der Motor
gewinnt unter Getöse Leben. Wir nehmen unsere Plätze ein, Don Scipione
setzt das Fahrzeug in Bewegung, wir fahren langsam auf die Straße
hinaus. Ganz Meaux ist versammelt!

Das Automobil bahnt sich mühsam seinen Weg durch die Zuschauer, die
lauten Beifall äußern. Die Fenster sind mit Damen besetzt, die unsere
Maschine mit Blumensträußen bewerfen. Ununterbrochene Hurrarufe
begleiten uns bis zum Ausgange des Ortes, wo wir uns an die Spitze
des Zuges setzen. Als nächste folgen die Automobile der Pariser
Journalisten, die uns von Berlin aus begleitet haben und uns auch bis
zur Ankunft vor den Redaktionsräumen des „Matin“ nahebleiben sollen.
Wir steigern die Geschwindigkeit. Um 3 Uhr sind wir in Chelles. Der
Fürst verlangsamt die Fahrt nicht mehr, selbst nicht dort, wo die
Straße weniger gut wird. Wozu die Maschine schonen? Wir sind ja beinahe
am Ziel!

Paris ist nur noch 30 Kilometer entfernt, zwanzig, zehn!

Überall Begrüßungen, Beifallsrufe, Wehen mit Taschentüchern. Der Fürst
lächelt; es ist nicht mehr sein gewohntes, rätselhaftes, zeremonielles
Lächeln, sondern ein frei aus dem Herzen kommendes Lächeln! Seine
kühle, bewundernswerte Selbstbeherrschung ist nicht mehr imstande, die
Befriedigung zu unterdrücken, die ihn beseelt.

Die Dörfer folgen ohne Unterbrechung aufeinander. Allmählich werden
sie Vorstädte von Paris. Viele Menschen, die uns erwarten, betrachten
uns mit zweifelnder Miene, als wollten sie fragen: „Seid ihr es?“ Da
sie nicht wissen, welches unter so vielen das Automobil des Fürsten
ist, gelangt die Mehrzahl zu dem Schlusse, daß es nicht gerade jenes
häßliche ist, das allen voranfährt. Unsere Reisegefährten, die Kollegen
auf dem zweiten Wagen, werden oft zum Gegenstand der lärmenden
Kundgebungen der Menge. In Bry wartet eine dicke Frau mit einem
mächtigen Blumenstrauße und schleudert ihn dem vortrefflichen Kollegen
Henri des Houx gerade vor die Brust, indem sie ihm zuruft:

„~A vous, Monseigneur!~“

Als wir uns Joinville nähern, steht längs der Baumreihen eine
dichtgedrängte Menschenmenge, die uns mit immer größerer und
lärmenderer Begeisterung begrüßt. Die Wagenführer rufen: „~Bravo, mon
gars!~“ Jetzt kommen wir durch das Bois de Vincennes; viele Radler
schließen sich dem Zuge an und fahren vor unserer Maschine her, auf das
Risiko hin, überfahren zu werden. Wir rufen ihnen zu, achtzugeben, wenn
sie den Rädern allzu nahe kommen; statt aller Antwort schwenken sie die
Mützen und rufen: „~Vive le prince!~“

Von allen Seiten hören wir Hochrufe. Die Omnibusse, die
Straßenbahnwagen halten; die Fahrgäste stehen auf und klatschen in die
Hände. Ein Gewitter zieht herauf. Der Himmel bedeckt sich mit schwarzen
Wolken, die reißend schnell emporsteigen; die Menge wankt und weicht
nicht. In Saint Mandé beginnt es zu regnen, und das Wasser verläßt uns
nicht mehr. Wir brachen aus Peking bei Regenwetter auf; wir sollten bei
Regenwetter auch in Paris ankommen!

Auf dem Cours de Vincennes müssen wir wieder halten; wir sind zu
früh gekommen; die für den Einzug festgesetzte Stunde hat noch nicht
geschlagen. Die Anzahl der Radfahrer, die das improvisierte Ehrengeleit
bilden, ist inzwischen auf Hunderte angewachsen, die phantastische
Rundtouren mit uns ausführen; wir sind von einem Gewirr sich bewegender
Räder umgeben.

Um 4 Uhr erscheint von Paris her eine seltsame Maschine und setzt
sich an die Spitze des Zuges. Es ist eins jener riesigen Automobile
zu 20-30 Sitzen, die Touristenkarawanen, die Paris in wenigen Stunden
besichtigen wollen, herumfahren. Man hat eine Kapelle mit langen
Trompeten und Hörnern darauf gesetzt, die von Gruppen französischer und
italienischer Fahnen überragt und umgeben ist: ein Wagen, der ein wenig
an den Karneval erinnert, den man aber zur Erhöhung der Feierlichkeit
der Ankunft für unerläßlich gehalten zu haben scheint. Die Kapelle
stimmt den Triumphmarsch aus „Aïda“ an; es ist der Einzug des Radames
in Paris! Wir setzen uns wieder in Bewegung: es ist 4¼ Uhr geworden.

Nun gelangen wir in die Avenue du Trône zwischen den beiden riesigen
Säulen Philipp Augusts hindurch, deren Sockel von der Menge verdeckt
sind. Im Hintergrunde erscheint, vom Regenschleier verhüllt, der
Eiffelturm. Er erinnert an einen ungeheueren Leuchtturm: er war der
große Leuchtturm unserer Reise!

Die Hochrufe werden betäubend, sie dauern unablässig an. In einigen
stillen Augenblicken hören wir die hellen Stimmen der Camelots, die
Erinnerungspostkarten zum Verkaufe anbieten mit dem Rufe: „~Le prince
Borghèse, quatre sous, quatre sous, le prince Borghèse!~“

Die Polizei, die längs des Boulevard Voltaire aufgestellt ist, ist
nicht imstande, die Menge zurückzuhalten, die uns umringt, uns zur
Seite geht, uns folgt. Der Fürst winkt höflich mit der Hand, man solle
beiseite treten, um nicht unter die Räder zu geraten; seine Hand wird
von einem Arbeiter ergriffen, der sie in überwallender Begeisterung
drückt, dann wird sie von andern festgehalten und gezerrt; alle drücken
sie sie kräftig und herzlich. Nicht ohne Kampf vermag Fürst Borghese
die Hand aus diesem schrecklichen Sympathiegewirr freizumachen und sie
unversehrt auf das Steuerrad zu legen.

Auf der Place de la République haben sich zwei Abteilungen der
berittenen ~Garde républicaine~ aufgestellt, von denen sich die eine an
die Spitze des Zuges stellt, die andere ihn schließt.

Am Eingang zum Boulevard du Saint Martin werden die Begrüßungen noch
lauter. Es ist ein wahrer Stimmendonner! Der Ruf: „~Vive Borghèse!~“
wiederholt sich, er erschallt unaufhörlich. Fürst Borghese ist einen
Tag lang das Idol von Paris, der edelmütigen Stadt, die nicht
ohne Leidenschaft lieben kann! Der Anblick, den die breite Straße
darbietet, ist großartig; die beiden hohen, mit Balustraden eingefaßten
Trottoirs sind schwarz von Menschen, und über den Köpfen bewegt sich
ein Gewirr von Händen, Hüten, Taschentüchern und Regenschirmen. Auch
von Regenschirmen, denn es regnet, was es vom Himmel kann. Ettore
ist gerührt, berauscht und breitet die Arme aus, um die Grüße mit
ausdrucksvollen Gesten zu erwidern. Frauen aus dem Volke stoßen
zärtliche Rufe aus.

[Illustration: Ankunft in Paris.]

Wir fahren im langsamsten Schritt, aus Furcht, es könne sich ein
Unglück ereignen. Die Räder des Automobils streifen die Beine der
Leute. Auf dem Boulevard Bonne Nouvelle dauert die Kundgebung in
ungeschwächter Stärke fort: Händeklatschen erbraust von allen Seiten,
und das Wort Borghese in Verbindung mit „~vive~“ und „~bravo~“ bildet
den gesamten Wortschatz der Bevölkerung!

Auf dem Boulevard Poissonnière erblicken wir Scharen von Schutzleuten
und Abteilungen der ~Garde républicaine~, die die Straße bis zu einem
auffallenden, rot angestrichenen und mit Fahnen geschmückten Palast
absperren. Es ist das Bureau des „Matin“ -- unser Ziel!

Die Wettfahrt naht dem Ende. --

Die Mannschaften der ~Garde républicaine~ sprengen auf ihren Pferden
daher und führen rasche Evolutionen aus, um den Platz von der Menge zu
säubern, der sofort von einer Menge Photographen wieder besetzt wird.
Auch diese machen ihre Evolutionen, um die besten Standorte zu wählen,
wobei sie gleichzeitig den Hufen der Pferde ausweichen müssen. Einige
nehmen die Ankunftsszene kinematographisch auf, mit ernster Miene
drehen sie die Kurbeln ihrer Apparate und rufen uns zu, daß ihnen die
Kehle bersten möchte: „Sehen Sie aufs Objektiv!“

Das Automobil wendet langsam nach den Angaben eines Mitglieds des
Komitees der Fahrt und springt gewandt auf das Trottoir vor dem
Eingange des Palastes des „Matin“.

Der Fürst bremst. Das Automobil hält. Die Fahrt ist zu Ende!

Dieser Augenblick ist für uns von unaussprechlicher Feierlichkeit.

Die Ovation der Menge ist laut. Wir bleiben auf unseren Plätzen sitzen,
verwirrt, betäubt.

Ich, der ich auf dem Trittbrett sitze und zuerst den Fuß zur Erde
setzen müßte, kann mich nicht entschließen, abzusteigen. Ich habe auf
einige Augenblicke die Empfindung einer Halluzination. Mir erscheint
alles unmöglich, widersinnig. Ich kann mich nicht überzeugen, daß wir
wirklich am Ziele sind! Ich fühle mich keiner Bewegung fähig, und
mechanisch rauche ich an einer Zigarette, die schon lange ausgegangen
ist. Ich wende mich um, um den Fürsten zu betrachten; er steht noch da,
die Hände auf das Steuerrad gestützt, in derselben nervösen Haltung wie
in den kurzen Haltepausen, bevor die Fahrt fortgesetzt wurde.

„Kommen Sie! Kommen Sie!“ ruft man uns von der Tür des „Matin“ aus zu.

Wie aus einem Traume erwachend, springe ich zur Erde. Ein Ruf der
Begeisterung braust wie ein Orkan vorüber. Ich fühle mich umarmt und
geküßt und erkenne in der freudig erregten Persönlichkeit, die mich auf
diese Weise empfängt, den würdevollen Portier des „Matin“, der seine
Bewegung nicht beherrschen konnte und nun davonstürzt.

[Illustration: Am Ziel.]

Unter betäubendem Lärm werden wir in das Innere des Palastes gezogen.
Eine Kapelle spielt die italienische Nationalhymne. Ich sehe Kollegen
und Freunde wieder und drücke ihnen die Hände, ohne eines Wortes
mächtig zu sein. Ich weiß nicht, wie es kommt: ich habe beide Arme voll
Rosensträuße. Die Menge draußen tost, und ihr gewittergleiches Toben
übertönt zuweilen die Klänge der Musik. Das Volk verlangt „~le prince~“
zu sehen. Der Fürst wird auf einen Balkon geschoben, verbeugt sich und
dankt, einen großen Blumenstrauß graziös in der Hand haltend. Es werden
Champagnerflaschen entkorkt, Reden gehalten, Trinksprüche ausgebracht.
Wir werden bei Magnesiumlicht mit und ohne Blumen photographiert ...

Und was dann geschehen ist, ich weiß es nicht. Ich habe mich still
entfernt und habe das Glück genossen, mich unbekannt unter der Menge zu
verlieren, den Fürsten allein den Leiden der Popularität überlassend! --

       *       *       *       *       *

Einige Stunden später verkauften die Camelots auf den Boulevards,
die ihr gewohntes Aussehen wiedergewonnen hatten, noch die
Erinnerungskarte, aber sie riefen: „~Le prince Borghèse, un sou!~“

Nicht mehr vier Sous, sondern nur noch einen! Welch ernste Mahnung
liegt in dieser Preisherabsetzung! Die Stimme des Schicksals kann auch
aus dem Munde eines Camelots erklingen. Unsere Popularität war in zwei
Stunden um volle 75 Prozent gesunken.

~Sic transit~ ...



Anhang I.

Die Familie Borghese.


Fürst Scipione Borghese gehört einer berühmten, aus Siena stammenden
Patrizierfamilie an, die zuerst 1238 erscheint und seit 1450 urkundlich
nachweisbar ist. Im 17. Jahrhundert ließ sie sich in Rom nieder, als
Fürst Camillo Borghese zum Papst gewählt wurde. Paul V., wie jener sich
nannte, saß von 1605 bis 1621 auf dem päpstlichen Stuhle und begründete
den Ruhm seiner Familie. Er überwies Marcantonio, dem Sohne seines
Bruders Giovanni Battista, der von Philipp III., König von Spanien
und beider Sizilien, zum Fürsten von Sulmona ernannt worden war, ein
jährliches Einkommen von 200000 Scudi. Giovanni Battista Borghese erbte
später von seiner Mutter Olimpia Aldobrandini das Fürstentum Rossano.

Nach Beilegung eines Streites über die Erbschaft der Aldobrandini
nahm Fürst Paolo Maria Borghese im Jahre 1769 das Wappen und die
Titel dieses Geschlechtes an. Seit jener Zeit gebührt der Titel eines
Fürsten Aldobrandini der Sekundogenitur der Familie Borghese. Unter den
Besitzungen des Hauses ist die Villa Borghese in Rom besonders berühmt.

Napoleon I. übertrug seiner Schwester Marie Pauline, der Gemahlin des
Fürsten Camillo Borghese, durch ein kaiserliches Dekret vom 30. März
1806 das Herzogtum Guastalla, entzog es ihr aber wieder zwei Monate
später.

Fürst _Scipione_ (Luigi Marcantonio Francesco Rodolfo) Borghese ist am
11. Februar 1871 auf Schloß Migliarino bei Pisa geboren. Er ist der
zweite Sohn des Fürsten Paolo und der ungarischen Gräfin Helene Apponyi
von Nagy-Apponyi, der Tochter des verstorbenen Grafen Rudolf Apponyi,
des ehemaligen österreichisch-ungarischen Botschafters in Paris.
Großmutter des Fürsten Scipione von väterlicher Seite war die Fürstin
Therese de La Rochefoucauld.

Fürst Scipione verheiratete sich 1895 in Genua mit der Herzogin Anna
Maria de Ferrari, Tochter des verstorbenen Herzogs Gaetano. Er hat zwei
Töchter von 10 und 6 Jahren, die beide in Paris geboren sind.

Für die letzte Legislaturperiode wurde er im Wahlkreise Albano Laziale
in das italienische Parlament gewählt; er erklärte jedoch vor Antritt
der Fahrt Peking-Paris, auf sein Abgeordnetenmandat zu verzichten. Er
gehört der radikalen Partei an und ist Mitdirektor des „Spettatore“,
des offiziellen Organs dieser Partei.



Anhang II.

Das Automobil.


Zum Schlusse geben wir den Technikern einige Einzelheiten über das
Automobil, mit welchem die Fahrt Peking-Paris gewonnen wurde.

Der _Itala-Wagen_, den die Itala-Werke für den Fürsten Scipione
Borghese gebaut hatten, war von normalem Typ, Modell 1907, und 29/50
Pferdekräfte stark. Die Veränderungen, die für den speziellen Zweck an
diesem Modell vorgenommen wurden, waren ganz unbedeutend. Im folgenden
geben wir eine Beschreibung des Automobils, indem wir zugleich das
Verhalten der einzelnen Maschinenteile während dieser Probefahrt, die
notwendig gewordenen Reparaturen und den Zustand des Automobils nach
Beendigung der Fahrt schildern.

Der aus vier Zylindern paarweise gegossene _Itala-Motor_ von 130
Millimeter Zylinderbohrung und 140 Kolbenhub ist vom gewöhnlichen
Typus mit auswechselbaren symmetrischen Ventilen und Magnetzündung
(Niederspannung), sowie mit einer den Itala-Motoren eigentümlichen
Abreißvorrichtung (Patent Itala). Der Vergaser arbeitet durchaus
automatisch und ist gegen Temperatur- und Druckveränderungen fast
unempfindlich. Er ist durch eine sehr kurze Rohrleitung mit dem Motor
verbunden, um jede Kondensation des Gases zu verhindern.

Diese Anordnung des Rohres in Verbindung mit dem Itala-Vergaser
gestattete die Benutzung selbst eines sehr schweren Benzins.

In der Tat kaufte Fürst Borghese, als in einem Depot das von ihm
gewöhnlich benutzte Benzin nicht zur Verfügung stand, ohne weiteres
an Ort und Stelle ein Gemenge von Kohlenwasserstoffen, das viel mehr
Ähnlichkeit mit Petroleum als mit Benzin für Automobile hatte. Zu
seiner Überraschung konnte er feststellen, daß das Funktionieren des
Motors darunter nicht litt, nur war natürlich die Leistungsfähigkeit
ganz gering herabgesetzt, jedoch ohne Nachteil für den regelmäßigen
Gang des Motors selbst. Der Benzinverbrauch betrug im Durchschnitt ⅓
Liter auf den Kilometer.

Die _Zapfenlager_ der Motorwelle und der Kurbelstangen waren aus weißem
Antifriktionsmetall.

Die ganze Motorwelle hing am oberen Teile des Gestelles, so daß man
bei dieser Anordnung den unteren Mantel des Motors entfernen und den
Zustand der Lager und des Kurbelwerkes bequem untersuchen, sowie bei
Bedarf ihre Einstellung leicht regulieren konnte. Da diese Lagerungen
und die Kurbelstangenköpfe Präzisionsarbeiten und reichlich geölt
waren, so brauchte die untere Kappe des Wagens des Fürsten Borghese
nur in Moskau herabgenommen zu werden; dort wurden auch alle Teile des
Wagens untersucht. Es stellte sich dabei heraus, daß die Lagerungen
der gekröpften Welle ganz unversehrt waren, und daß nur diejenigen der
Kurbelstangen ein ganz geringes Spiel aufwiesen, was leicht und ohne
die Bronzelager zu wechseln behoben werden konnte.

Die _Kuppelung_ war eine Lamellenkuppelung von besonderer Anordnung,
infolge deren eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit vorhanden
war. Während der ganzen Fahrt verursachte sie tatsächlich nicht das
geringste Hindernis; man nahm sie in Moskau heraus und montierte sie
aufs neue, ohne daß eine einzige Scheibe gewechselt zu werden brauchte.

Der _Geschwindigkeitswechsel_ hatte vier Vorwärtsübersetzungen und eine
Rückwärtsübersetzung; der vierte Gang hatte direkte Einschaltung. Er
war aus widerstandsfähigstem Nickelmaterial gebaut, welches man bei
den Itala-Wagen für alle jene Teile benutzt, die die meiste Arbeit zu
verrichten haben. Der Geschwindigkeitswechsel in dem Wagen des Fürsten
Borghese blieb während der ganzen Fahrt unberührt, trotzdem war bei der
Ankunft alles noch wie neu. Dasselbe war auch bei den _Kardanwellen_
der Fall, sie waren fast gar nicht angegriffen.

[Illustration: Der Motor der „Itala“. Auspuffseite. Ansaugseite.]

Das _Differenzialgetriebe_ bildete eine der wesentlichsten
Eigentümlichkeiten der Itala-Wagen und war eine der bestgelungenen
an ihnen. Weder Fürst Borghese noch sein Mechaniker hatten sich mit
diesem bei andern Wagen so delikaten Maschinenteil zu beschäftigen
oder seinetwegen Befürchtungen zu hegen. Es ist dieses um so
bemerkenswerter, als der Wagen fortwährend außergewöhnlichen Stößen und
Anstrengungen ausgesetzt war, wie schon daraus hervorgeht, daß das eine
Hinterrad trotz seiner sehr soliden Bauart ausgewechselt werden mußte.

Der _Rahmen_ war aus außerordentlich starken Stahlplatten gebaut; in
unserem Wagen wurde er noch ein wenig stärker gemacht wie gewöhnlich.

Es war dies die einzige einigermaßen bedeutende Änderung, die die Kürze
der Zeit zwischen Bestellung und Ablieferung des Wagens anzubringen
gestattete. Auch sie bewährte sich sehr gut. Man konnte nur eine
naturgemäße Abnutzung an allen Federanhängungen konstatieren, ferner
brachen an den Federn während der Fahrt mehrere Blätter, und in Moskau
mußte bei einer hinteren Feder das Hauptblatt ausgewechselt werden.

Der _Kühler_ war vom gewöhnlichen Bienenkorbtyp; die verfügbare Zeit
war zu kurz, um einen stärkeren zu bauen. Die Wagenbauer hatten
deswegen große Sorge, aber nie wurde man durch ihn gehindert. Man
fürchtete, daß die Kühlung des im Schwungrade befestigten Ventilators
im heißen Klima allein nicht genügen würde, und fügte daher zur
Aushilfe noch einen andern Ventilator bei; dieser wurde aber gleich
zu Beginn der Fahrt, noch bevor man die Wüste Gobi erreicht hatte,
zurückgelassen, da er sich als unnötig herausgestellt hatte.

Es seien hier noch einige Einzelheiten betreffs der Karosserie und des
Zubehörs angeführt.

Die _Karosserie_ bestand aus zwei vorderen Sitzen und einem hinteren
Sitz zwischen zwei je 150 Liter enthaltenden Benzinbehältern.

Die Ausrüstung wurde durch einen großen Kasten für die Werkzeuge und
die Ersatzstücke vervollständigt, der hinter den beiden Benzinbehältern
angebracht war.

Wie Fürst Borghese erklärte, waren die Ersatzstücke zwecklos; der Wagen
bedurfte ihrer nicht, und wenn dies auch der Fall gewesen wäre, so
hätte man sie doch nicht verwenden können, weil sie schon zu Beginn der
Fahrt behufs Entlastung des Wagens zurückgelassen worden waren.

Außer den beiden großen Benzinbehältern wurden hinter dem Hintersitze
noch ein Ölbehälter von 50 Liter und ein ebenso großer Wasserbehälter
angebracht.

Das Benzin wurde aus den beiden an den Seiten befindlichen Behältern
durch ein besonderes Rohr einem andern von 83 Liter Inhalt zugeführt,
der sich auf dem hinteren Teil des Chassis befand. Dieser Behälter
war vollständig mit Stahl gepanzert, und das Benzin floß von ihm zum
Vergaser mittels Druckleitung der Auspuffgase.

       *       *       *       *       *

_In welchen Teilen hat sich unser Wagen als zu schwach erwiesen?_

Der Wagen erwies sich in keinem seiner wesentlichen Organe als schwach;
nur einige äußere Teile, wie Räder, Federn und Kuppelungen, haben sich
für eine so kolossale und andauernde Anstrengung als nicht stark genug
herausgestellt.

       *       *       *       *       *

_Welche Veränderungen müßten am Wagen vorgenommen werden, wenn wieder
eine ähnliche Fahrt auszuführen wäre?_

Ein Automobil, das wieder eine Fahrt von Peking nach Paris unternehmen
sollte, müßte höher über der Erde stehen und mit viel kräftigeren
Rädern ausgestattet sein; alle Organe, insbesondere der hintere
Benzinbehälter, müßten besser geschützt und von gut geölten,
verstärkten Federn getragen sein. Obschon der Kühler zu keinen
Unzuträglichkeiten Veranlassung gab, sollte er doch fester gebaut und
besser geschützt sein.

Zuletzt noch einige Einzelheiten über die _Pneumatiks_. Sie stammten
ebenfalls aus einer italienischen Fabrik, Pirelli & Co. in Mailand.
Alle vier waren 935 × 135 groß und von flachem Profil. Ich glaube
nicht, daß sie von dem gewöhnlichen Typ, den die Fabrik herstellt,
abwichen, da der Fürst sich für Pirelli-Pneumatiks erst wenige Tage vor
seiner Reise entschlossen hatte.

Es war ein praktischer Gedanke, den Pneumatiks für alle vier Räder
dieselben Größenausmessungen zu geben, denn dies erleichterte die
Unterbringung der Ersatzreifen auf dem Wagen.

Die Abnutzung derselben war ganz gering. Im Mittel machten alle
Pneumatiks über 4000 Kilometer. Während der Fahrt wurden 12 Decken
gewechselt, die mit den vier, welche bei der Abfahrt angebracht wurden,
zusammen 16 ausmachen. Von diesen 16 waren aber vier, mit denen wir in
Paris ankamen, noch fähig, weite Touren zurückzulegen, und tatsächlich
fuhren wir mit ihnen bis nach Mailand.

Das rechte Vorderrad brauchte für die ganze Reise von Peking nach Paris
nur zwei Pneumatiks, da ein einziger Wechsel in Omsk stattfand.

Die ganz geringe Abnutzung ist sicher der Stärke der verwandten
Gummireifen zu verdanken; denn während die Wagen vom Typ unserer
„Itala“ nur mit zwei Luftschläuchen von 120 Millimeter hinten und von
90 Millimeter vorn ausgerüstet sind, hatten unsere Gummireifen sämtlich
einen Querschnitt von 135 Millimeter.

Im ganzen hat die Fahrt Peking-Paris den Technikern bewiesen, daß das
Automobil eine Maschine von viel größerer Ausdauer und Solidität ist,
als man bisher glaubte, und daß die gewöhnlichen Unannehmlichkeiten
des Automobilismus, die zahlreichen „Pannen“ der Touristen, die
rasch eintretenden Radbrüche und die so häufigen Störungen mehr auf
Nachlässigkeit und Unerfahrenheit der Chauffeure als auf Schwächen
der Maschinen zurückzuführen sind. Beim gegenwärtigen Stande des
Automobilismus kann man demnach sagen, daß die Industrie nahezu auf
ihrem Höhepunkte angelangt ist und daß unendlich viele neue praktische
Verwendungsarten des Automobils möglich sind für den regelmäßigen
Verkehr, für die Herstellung von Verbindungen mit fernen Ländern und
für die Güterbeförderung auf der Landstraße.

Aber bessere _Chauffeure_ tun not. Während der Lokomotivführer
ernstliche Studien nachzuweisen und schwierige Prüfungen zu bestehen
hat, ehe man ihm ein so großes Kapital anvertraut und eine so schwere
Verantwortlichkeit auflädt, wird man in einem Augenblick Chauffeur,
nachdem man wenige Tage in einer Garage zugebracht hat. Es sind
richtige Schulen für Automobilmechanik zur Ausbildung von Männern
nötig, von denen die Zukunft dieses genialen Beförderungsmittels in
hohem Maße abhängen wird, indem sie es zu einem tatsächlich _sicheren_
Verkehrsmittel gestalten.

Es sollte eben jedes Automobil seinen „_Ettore_“ haben!



Register.


     Aachen, 528.

     Abatsk, 441. 442.

     Agimont, 532.

     Altaigebirge, 3. 141.

     Altgläubige, 508.

     Amur, 394.

     Angara, 332. 358. 359. 361. 367. 370. 381. 385.

     Antilopen, 181. 182. 217. 218. 219. 220.

     Ardennen, 533.

     Argalberge, 251. 252.

     Asien, 499. 451. 452. 453.

     Atschinsk, 398. 400. 401.

     Automobilklub, Kaiserlicher, 513. 515. 519. 521. 522. 524. 527.
     528.


     Bad Oeynhausen, 525.

     Baikalsee, 299. 304. 314. 315. 317. 318. 319. 332. 359. 361. 367.

     Baikal, Station, 332. 358.

     Barabinsk, Steppe von, 425.

     Barmen, 527.

     Berlin, 500. 515. 516. 519. 522.

     Bielefeld, 525. 526.

     Birüssa, 385.

     Bizac, 48. 238.

     Bogandinsk, 447.

     Bogda-ola, 221. 230. 231. 241.

     Bogorodsk, 495. 496.

     Boissonnas, 60.

     Bolgary, 474.

     Bolschaja, 397. 399. 400.

     Bolschaja Rjeka, 312. 314. 318.

     Borghese, Fürst Livio, 43. 57. 80. 92.

     -- Fürst Scipione, 21. 22. 28. 35. 37. 39. 40. 41. 42. 437. 545.
     546.

     Borghese, Fürstin Anna Maria, 39. 57. 80. 546.

     -- Familie, 545. 546.

     Brandenburg, 522.

     Braunsberg, 514.

     Braunschweig, 524.

     Brüssel, 528.

     Bry, 540.

     Buddhismus, 88. 183.

     Bulgaren, 474.

     Burjaten, 256. 260. 298. 299. 365.

     Butterausfuhr, 4. 435.


     Chaldejewa, 412.

     Chan-baligh, 68.

     Chara-gol, 251. 252. 254. 261. 263.

     Chelles, 539.

     Chinesen, mohammedanische, 72.

     Chingan-schan, 94. 151.

     Chutuktu, der lebende Buddha in Urga, 223. 225. 238.

     Colignon, 48. 60. 238.

     Contal-Dreirad, 34. 36. 48. 59. 60. 79. 157. 161. 162. 214.

     Cormier, 48. 50. 238.

     Czersk, 517.


     Dalai Lama, 224.

     Danziger Bucht, 514.

     de Dion-Bouton, 34. 36. 48. 53. 59. 60. 65. 157. 161. 196. 212.
     235. 238. 284. 326. 440.

     des Houx, 520. 540.

     Deutsches Reich, Grenze, 512. 525.

     Deutsch-Krone, 517.

     Dinant, 532.

     Dirschau, 514.

     Donau, 474.

     Dorliac, 133.

     Doschmen, Tor, 54. 64.

     Dschingis Chan, 148. 165; Grab, 230.

     Duga, 256.

     Du Taillis, 36. 48. 49. 59. 179. 196. 236.


     Efron, 505.

     Eidechsen, 185. 186.

     Einwanderer, deutsche, 441.

     Elbing, 514.

     E-Le-He-Tai, 139.

     Ettore, s. Guizzardi.

     Eupen, 525.

     Europa, 449. 451. 493.

     Eydtkuhnen, 513.


     Fährboot mit Pferdebetrieb, 418.

     Flatow, 517.

     Frasiano, Pietro, 489.

     Frisches Haff, 514.

     Fu, 137.

     Fumay, 533.


     Gazellen, s. Antilopen.

     Givet, 533.

     Gobi, 2. 185. 187. 188. 189. 215.

     Godard, 60. 236.

     Gorodowoi, 276. 323.

     Große Mauer, 77. 88. 89. 90. 91. 94. 150. 151.

     Guizzardi, Ettore, Chauffeur, 10. 11. 12. 13. 14. 36. 37. 38. 216.
     217. 439. 531.

     Gumbinnen, 513.


     Hankou, 274. 283.

     Hannover, 524.

     Hart, Sir Robert, 59.

     Hata-men-Tor, 29.

     Helmstedt, 524.

     Hoang-ho, 151.

     Hsin-wa-fu, 108. 117. 123. 124. 129.

     Huai-lai, 97. 98. 106.

     Huang-hua-schan, 110.

     Hu-li-pa, 96.

     Hun-ho, 108. 109. 110.

     Huo-tscho, 30.

     Hussin-See, 296.

     Huy, 532.


     Jaluturowsk, 447.

     Jarmarka, 491.

     Jekaterinburg, 5. 440. 448. 450. 451. 454. 455.

     Jenissei, 370. 385. 393. 394. 395.

     Jen-jen-schan, 94.

     Ilmensee, 504.

     Insterburg, 513.

     Joinville, 540.

     Irbit, 450.

     Irkutsk, 45. 362. 364. 365. 366. 367. 378. 416. 460.

     Iro, 239. 251. 265. 267. 270. 318.

     Irtysch, 166. 434. 435. 441.

     Ischim, 442. 444. 446.

     Itala-Fabrik, 43.

     Itala-Wagen, 7. 9. 34. 44. 45. 547-553.

     Jung-ho-kung, 224.

     Jurjewo, 432.

     Jurten, 166. 426.

     Iwan IV., 478.


     Kainsk, 423. 426. 428. 433.

     Kalgan, 34. 45. 72. 91. 108. 130. 132. 141. 147. 170. 175.

     Kama, 462. 463.

     Kambaluk, 68.

     Kamele, 95.

     Kan, 385.

     Kansk, 381. 389.

     Karisches Meer, 395.

     Kasan, 299. 439. 440. 455. 462. 477. 478. 479. 489.

     Kasanka, 477.

     Kemtschug, 397. 398.

     Kerbedy, Ingenieur, 509.

     Kerulen, 162.

     Kiachta, 2. 45. 170. 234. 251. 252. 272. 273. 274. 277. 280. 281.
     283. 284. 286. 326.

     Kija, 405.

     Ki-mi-ni, 107. 108.

     Kirgisen, 4. 365. 435. 492.

     Ki-tscho, 29. 33.

     Klin, 503.

     Kobdo, 141.

     Kohlenberg in Peking, 64.

     Kojonowa, 456.

     Köln, 526. 527.

     Kolywan, 419. 420. 421. 422. 423.

     Königsberg, 513.

     Königslutter, 524.

     Kowno, 510. 511.

     Krasnojarsk, 2. 386. 387. 393. 394. 396. 400. 416.

     Kreml, in Kasan, 477. 478; in Moskau, 499; in Nischnij-Nowgorod,
     489; in Nowgorod, 504.

     Kublai Chan, 68.

     Kuli, chinesische, 14. 75. 76. 111. 112. 113.

     Kungur, 456.

     Ku-pei-ku, 24.

     Kurgan, 5. 440.

     Küstrin, 515.

     Kü-yang-kuan, 82.


     La Ferté, 535.

     Lama, 169. 184. 210. 211. 231.

     Lamaismus, 88.

     Lamakloster, 299.

     Landsberg a. d. W., 515. 517. 518.

     Landwirtschaftliche Maschinen, 4. 435.

     Lena, 394.

     Leroy-Beaulieu, 408.

     Letten, 510.

     Lhasa, 183. 184. 224.

     Li, 66.

     Lien-ya-miao, 108. 118. 123.

     Listwinitschnoje, 359. 361.

     Longoni, 48. 50. 238.

     Luga, 508.

     Lüttich, 525. 528. 530. 531. 532.


     Maas, 532.

     Machmet Amin, 478.

     Ma-fu, Reitknecht, 56.

     Magdeburg, 523.

     Maimatschen, 273. 274. 275.

     Malmysch, 462. 476.

     Marco Polo, 67. 68.

     Marienburg, 514.

     Mariinsk, 402. 405. 406. 440.

     „Matin“, 20. 21. 25. 35. 43. 498. 520. 521. 535. 542. 543.

     Meaux, 535. 536. 538. 539.

     Mei-schan, 64.

     Melekeski, 476.

     Messe, von Ischim, 442; von Nischnij-Nowgorod, 491. 492.

     Minden, 525.

     Mingdynastie, 67; Gräber, 72. 73. 160.

     Mischika, 321. 332. 336.

     Missionare, 134.

     Mongolei, 100. 122. 123. 151.

     Mongolen, 14. 167. 169. 257. 258. 260; Frauen, 227. 228. 232.

     Moskau, 492. 494. 496. 498. 500. 502. 503. 504.

     Müncheberg, 518.

     Müngersdorf, 528.

     Murajew Amurskij, 320.

     Murmeltiere, 221.

     Muschik, 15. 16. 297. 313. 353. 354. 369. 399. 402. 405. 408. 424.
     450. 459. 460. 466. 508. 512.

     Myssowaja, 314. 315. 316. 317. 318. 325. 326. 330. 331. 332. 350.
     351. 367.


     Namur, 531. 532.

     Nankou, 24. 53. 74. 77. 78. 79. 80.

     Nanschan, 77.

     Napoleon I., 500.

     Na Tung, 29. 30.

     Nikolaus II., 302.

     Nischne-Udinsk, 378. 381. 385.

     Nischnij-Nowgorod, 478. 488. 489. 493. 494; Messe, 491. 492.

     Nobel, 9. 45. 503.

     Nogat, 514.

     Nolcken, Baron, 413. 414. 415. 417.

     Nördliches Eismeer, 395.

     Nowgorod, 505.

     Nowi-Nikolajewsk, 422.

     Nowi-Selenginsk, 290. 292. 295. 326.

     Ob, 395. 397. 418. 419.

     Obo, 189. 190. 298. 299.

     Oka, 490. 491.

     Om, 428. 432. 434. 440.

     Omsk, 4. 5. 9. 416. 417. 430. 432. 433. 434. 435. 436. 437. 438.
     439. 440. 460.

     Orchon, 251. 265. 266.

     Örr-li-tien, 66.


     Pang-kiang, 34. 172. 174. 175. 176. 177. 181.

     Pao-schan, 96.

     Paris, 541 fg.

     Pa-ta-ling, 88. 106.

     Peking, 26. 28. 54. 62. 64. 68. 224.

     Perm, 440. 449. 455. 456. 457. 459. 460.

     Peter der Große, 474.

     Petersburg, 499. 500. 505. 506. 507.

     Petrowitsch, Nikolai, Telegabauer, 465.

     Pferde, 163. 164. 217. 304. 374. 400.

     Pidgin-Latein, 468.

     Pien-kia-pu, 96.

     Pietro, Ma-fu, 56. 93.

     Pilger, buddhistische, 88.

     Pirelli & Co., 44. 551.

     Podoroschnaja, 278.

     Pokrow, 494.

     Polen, 509. 510.

     Pons, 48. 60. 79. 162. 179.

     Potsdam, 522.

     Präriehunde, 221.

     Preußisch-Stargard, 514. 515. 516.

     Pristaf, 316.

     Pskow, 508.

     Pugatschew, 478.

     Pyschma, 447.


     Radionoff, 363. 364. 366. 368. 380.

     Räuber, 329. 387. 392. 393.

     Reims, 534.

     Rheintal, 527.

     Rocroy, 533.

     Russisch-Chinesische Bank, 24. 34. 45. 133. 142. 229. 238. 241.
     278.

     Rußland, Bureaukratie, 325; Regierung, 278; Revolutionäre, 482;
     Uniformen, 302.


     Sachalin, Verbrecher von, 328.

     Sair-ussu, 141. 152.

     Sandsturm, 271. 272.

     Sang-kan-ho, 110.

     Schan-schui-pu, 117.

     Schansi, 95. 100.

     Scha-tschou, 96.

     Schau-huai-huau, 114.

     Schem-pao-wan, 104.

     Schi-kiau-ho, 71.

     Schi-schan, 130. 132. 110.

     Schi-schan-ho, 140. 147. 150.

     Schi-yu-le, 96.

     Schwarze Erde, 388. 389. 435.

     Sechzehnte Rangierstation, 337.

     Selenga, 250. 290. 292. 296. 299. 300. 301. 304. 307. 308. 385.

     Semipalatinsk, 5. 141. 434.

     Semstwoskaja Dom, 376.

     Sibirien, Aussichten, 435; Aus- und Einfuhr, 4. 435; Dörfer,
     291. 368. 369. 376. 377. 384. 408; Gold, 394; Grenze, 449;
     Spionenfurcht, 358; Verbindung mit England, 4. 395; Zukunft, 354;
     nach dem Kriege, 416.

     Sima, 372.

     Simylskaja, 482.

     Sinitzin, Frau, 279. 285. 286; Herr, 278. 279. 284. 316.

     Slawen, Charakter, 428. 452.

     Sperlingsberg bei Moskau, 500.

     Spyker, 34. 36. 53. 59. 60. 65. 157. 161. 178. 181. 196. 214. 236.
     239. 284. 285. 326.

     Stallupönen, 513.

     Starost, 316.

     Stepanoff, 229.

     Sträflinge, 372.

     Straßen in Rußland, 480. 492. 493; in Sibirien, 310. 311. 320.

     Suchuja, 369.

     Sura, 488.

     Ta-ho, 132.

     Taiga, 4. 382. 384.

     Taitisk, 385.

     Tanchoi, 332. 350. 351. 352. 353. 354. 356. 357. 495.

     Tarantaß, 289.

     Tataren, 77. 299. 365. 456. 477. 489. 492.

     Ta Tsum-ba, 136. 137. 138. 150.

     Ta-tu-mu, 100.

     Tauerin, 200. 204. 205. 207. 212. 215. 230. 235.

     Tching, Prinz, 30.

     Teehandel, 274. 280. 281. 283.

     Telegas, 289. 374.

     Telegraphenbeamte, 54. 128. 175. 176. 177. 178. 197. 198. 212.
     213. 214. 378. 379. 380. 427. 436. 469. 490. 492.

     Tempel, in der Wüste, 182. 183. 184.

     Te Tsui, 136.

     Tibet, 183. 211.

     Tjumen, 5. 440. 446. 447. 448. 449.

     Tobol, 447.

     Tobolsk, 434. 441. 449.

     Tola, 166. 222. 230.

     Tom, 417. 418.

     Tomsk, 3. 4. 406. 408. 411. 413. 414. 415. 416. 417. 422. 460.
     500; Universität, 414.

     Torschok, 503.

     Transsibirische Bahn, 281. 282. 296. 300. 302. 308. 371.

     Triumphbogen, 302.

     Troizkossawsk, 281. 286.

     Tscha-tau-tschung, 90. 91.

     Tscheboksary, 484.

     Tscheljabinsk, 440. 455.

     Tschen Sung, 137.

     Tschet, 405.

     Tschiko, 292.

     Tschili, 90. 273.

     Tschulym, 397. 400. 402. 405.

     Tschuna, 381. 385.

     Tsien-men-Tor, 26.

     Tsing-ho, 67.

     Tsing-ho-pu, 66.

     Tsungli-jamen, 32.

     Tum-ba-li, 103.

     Tu-mu-go, 100.

     Tungusen, 365.

     Turuntajewa, 412.

     Tu-tung, 137. 139. 214.

     Twer, 504.


     Uchim, 473.

     Uda, 299. 301.

     Udde, 34. 181. 197. 199. 201.

     Udinsk, See von, 426.

     Ufa, 440.

     Ural, 5. 428. 451. 454. 455. 493.

     Urga, 34. 45. 141. 144. 176. 200. 216. 221. 222. 224. 226. 230.
     234. 235. 247. 251. 273.

     Ust-Kiachta, 282. 289.


     Verviers, 529.

     Vincennes, 540.


     Wai-wu-pu, 24. 29. 31. 33. 36. 54.

     Wala, 473.

     Wan-li-tschang-tscheng, 90. 150.

     Wassilsursk, 480.

     Wehlau, 513.

     Werchne-Udinsk, 45. 282. 290. 296. 299. 300. 301. 302. 314. 317.
     326. 329. 332. 385.

     Wiedenbrück, 527.

     Wiggins, 395.

     Wjatka, 462. 476.

     Wirballen, 510.

     Wladimir, 494.

     Wolchow, 504.

     Wolga, 462. 474. 477. 478. 488. 490.

     Worinowka, 483.

     Wu-tsi-hai, 94.


     Yu-pao-tung, 129. 130.


     Zarskoje Selo, 506.

     Zowodonowskaja, 444.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

[Illustration: PEKING-PARIS IM AUTOMOBIL.

Übersichtskarte zur Wettfahrt des Fürsten Borghese.

F. A. Brockhaus’ Geogr.-artist. Anstalt, Leipzig.

Zum Vergleich: Königreich Sachsen im Maßstabe der Routenkarte
1 : 10000000.]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Peking-Paris im Automobil - Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen." ***

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