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Title: Stille Welten - Neue Stimmungen aus Dingsda
Author: Schlaf, Johannes
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Stille Welten - Neue Stimmungen aus Dingsda" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Der vorliegende Text wurde anhand der 1899 erschienenen Buchausgabe
erstellt; Interpunktionsfehler wurden dabei stillschweigend korrigiert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang
des Textes verschoben.

Die folgenden offensichtlichen Fehler wurden korrigiert:

    #Urheberrechtshinweis: ‚Ubersetzung‘ --> ‚Übersetzung‘
    #S. 52: ‚Nuance‘ --> ‚Nüance‘; ‚Herrn Aktuar‘ --> ‚Herr Aktuar‘
    #S. 86: ‚schaumgeboren Aphrodite‘ --> ‚schaumgeborenen Aphrodite‘
    #S. 87: ‚auf dem Hof hinuntergegangen‘ --> ‚auf den Hof
      hinuntergegangen‘
    #S. 94: ‚ein geriger Rest‘ --> ‚ein geringer Rest‘
    #S. 134: ‚des elekrischen Drahtes‘ --> ‚des elektrischen Drahtes‘
    #S. 170: ‚Trappeln und Ranschen‘ --> ‚Trappeln und Rauschen‘
    #S. 183: ‚dnrchkrampft‘ --> ‚durchkrampft‘
    #Anzeige in „Das literarische Echo“: ‚ohne ihn in das Lage‘ -->
      ‚ohne ihn in das Lager‘; ‚Mtarbeitern‘ --> ‚Mitarbeitern‘; ‚in
      gemessenien Fristen‘ --> ‚in gemessenen Fristen‘

Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Im vorliegenden
Text wurde dabei Antiquaschrift mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet;
gesperrte Passagen wurden durch ~Tilden~ hervorgehoben.



                            Johannes Schlaf

                             Stille Welten

                      Neue Stimmungen aus Dingsda

                            [Illustration]

                               Berlin W
                           F. Fontane & Co.
                                 1899



                             Stille Welten

                      Neue Stimmungen aus Dingsda

                                  von

                            Johannes Schlaf

                            [Illustration]

                               Berlin W
                           F. Fontane & Co.
                                 1899



                                          Alle Rechte
                               insbesondere das der Übersetzung
                                         vorbehalten.



Inhalt.


                                                                   Seite

    1. Das blaue Zimmer                                                1

    2. Unser Haus                                                      7

    3. Muskochen                                                      13

    4. Programm                                                       21

    5. Der Wanderer                                                   27

    6. Der Marterturm                                                 35

    7. Logos                                                          55

    8. Im Laden                                                       65

    9. Das Rosenfest                                                  83

    10. Der Blumentopf                                                91

    11. Die Dose                                                      99

    12. Herbstblumen                                                 105

    13. Weltspiel                                                    123

    14. Ruhe                                                         131

    15. Beim Türmer                                                  139

    16. Die Hyacinthe                                                149

    17. Die Fliegen                                                  155

    18. Bornschein                                                   161

    19. Bibellektüre                                                 167

          1. Incarnation                                             169

          2. Gethsemane                                              185

          3. Golgatha                                                203

    20. Nachtgang                                                    217



Das blaue Zimmer.


Jetzt, zum Herbst erst, bin ich also in die Sommerfrische gegangen und
will nun diese ganze Jahreszeit mitsamt dem Winter hier, -- hier! --
verbringen.

Ein sonderbarer Einfall.

Doch mit solchen sonderbaren Einfällen hab’ ich’s ja nun mal. --

       *       *       *       *       *

Aber dieses Blau ringsum! Dieses Blau, dieses wunderköstliche Blau!

Wer von meinen lieben Wirtsleuten, Herr Haberland oder Madame, ist nur
auf diesen entzückenden Einfall geraten, mir meine Bude inzwischen in
dieses wunderscheene Himmelblau zu kleiden?

Wirklich: _je me trouve tout en bleu!_ --

Dieses nichtsnutzige Französeln! -- Ich muß denn doch wohl in letzter
Zeit zu viel Verlaine gelesen haben. --

Alles blau! -- Diese himmlisch hellhimmelblaue Wandtünche! -- Und an
den Fenstern diese niedlichen Dingerchen von Vorhängen aus Kattun
mit ihrem Kornblumenmuster und ihren sauber ausgeplätteten Falbeln.
Dieser blaugestrichene Tisch mit der blaugemusterten Quastendecke.
Hellblaugeblümt das Sofa dahinter und hellblaugeblümt die Polster der
blauen Stühle. Blau die Thür mit ihrer sinnigen weißen Lilie, von der
ich nun freilich nicht ganz genau weiß, ob sie nicht dennoch eine Tulpe
sein soll. Blau der ehrwürdige Kleiderschrank. Blau auch das kleine
Rollschreibepult, auf dem Meister Haberland während meiner Abwesenheit
seine Cigarrenkisten aufzustapeln pflegt. Nur der Rundspiegel über
dem Sofa mit der langen, seitwärts ragenden Pfauenfeder hat einen
vergoldeten Rahmen und das große Öldruckbild der Sixtinischen Madonna,
die in ihren prächtigsten Couleuren prangt.

Ein Pendant bietet meine Kammer. O dieses Himmelbett, in dem man
versinkt bis über die Nasenspitze! Und dieses zartblaue Blumenmuster
seiner Vorhänge!

Und der blaue Bauernkachelofen mit seinen Bronzemalereien, denen sicher
irgendwelche Muster aus der Steinbeilzeit zu Grunde gelegen. --



Unser Haus.


Es will Nacht werden.

Ich steige den Hügel hinauf, auf dem unser Haus liegt.

Die kleine Häuserreihe da oben, die größere Häusermasse des Dorfes hier
unten: über alles scheint der runde Mond...

Hell wie am Tage breitet sich die ganze Gegend. Die Hofhunde kläffen
und bellen in allen Tonarten. Der glitschige Rasen, auf dem ich in die
Höhe klimme, breitet sich im Silberflimmer.

Nun bin ich vor unserm Haus.

Unserm Haus..

Mein Gott, diese Stille!...

Ich betrachte das kleine Gebäude, und erfasse es mit meinen gestillten
Sinnen.

Diese weiße geisternde Tünche! Und so eigen dunkel das verwitterte
Ziegeldach drüber in den erhellten Höhen! Und wie der riesige Nußbaum
es überragt! Dieses unaufhörliche Flüstern und Rauschen in seiner
runden Krone...

Wie ein Hauch alles, wie ein Hauch! Wie ein Traum, ein Träumen...

       *       *       *       *       *

Nur ein Erdgeschoß. In der Mitte dunkelt die braune Hausthür. Zwei
rissige Kalksteinstufen führen zu ihrer Schwelle hinauf. Sie reichen
bis zur Ladenthür hinüber. Die dicken Firmschildbuchstaben mit ihrer
schwarzen Ölfarbe: Albert Haberland.

Die Läden des kleinen Schaufensters sind geschlossen.

Vier Fenster. Oben seh ich meine zwei Giebelfensterchen. So licht ist
die Nacht, daß ich das Kornblumenmuster der Gardinen erkennen kann.

Ein kühler Luftzug weht von den Bergen her die Häuserreihe herab und
spielt mit dem blauen Pappschild neben dem Schaufenster. Mit weißer
Kreide sind allerlei in dieser Jahreszeit besonders verlangte Waren
draufgeschrieben.

Dieses Klappern und Rascheln des Schildes gegen die Hauswand!
Heimisch-gruslig wie so eine Art Gespenst in dieser Nachteinsamkeit!

Nun, Gott bewahre Herrn Haberland vor Alpdrücken und uns alle vor allen
schlimmen Dingen...

Gute Nacht! --



Muskochen.


Vielleicht zum heimlichen Verdruß der Frau Haberland konnt’ ich mich
heute vormittag nicht sogleich von der Küchenthür fortbringen. Denn
Madame Haberland hatte ihre liebe Not. -- Vor ein paar Tagen haben
wir nämlich hinten im Garten die Pflaumen gepflückt, und nun ist sie
beim Muskochen. -- Seit frühem Morgen schon ist dieser Duft nach
frischgekochten Pflaumen durch das Haus gezogen und war auch zu mir die
Treppe in die Höhe gekommen; und wie so etwas zu Unsereinem zu kommen
pflegt: man hat als Stadtpflanze gleich seine Neugier auf so eine
unbekannte weiblich-ländliche Bethätigung, daß man seelenvergnügt die
Treppe hinunterspringt und mit dabei sein muß.

Und dann gab’s da so viel Vergnügliches.

Dieses Loch von Küche mit seinen rotgetünchten Wänden, mit seinen
mannigfachen Geräten und seinem mit roten Ziegeln ausgelegten Fußboden!

Und nun Madame Haberland! --

Sie ist großartig! Geradezu großartig!...

Wirklich: wie so ein weiblicher Heros steht sie in dieser engen heißen
Kajüte von Küche. Dicht vorm Herd. Und wie die von der Glut krebsroten
Arme sich bewegen, wie ihre runden fetten Hände den Musrührer
umklammern und mit ihm in dem mächtigen Kupferkessel umherrühren, aus
dem der dicke weiße Brodem in den schwarzen Rauchfang hinaufsteigt!
-- Wie sie in Glut, Hitze und Dunst dasteht, stramm und rund, und ihr
gesundes Mondgesicht wie eine Bauernrose glüht!...

Um sie herum aber in liebenswürdigster Krabbelei ihre sechs Bälger,
wie sie sie selbst in sehr begreiflicher Rage tituliert, mit einem
schwachen Versuch, sich ihrer Wißbegier, ob das Mus bald fertig ist, zu
erwehren. Alle sechs wimmeln um sie herum und füllen das kleine Ding
von Küche, daß der bekannte Apfel nicht zur Erde fallen könnte. ---
Alle sechs, denn selbst die älteren sind heute zu Haus, weil gerade die
Herbstferien sind.

Der eine ist über die Nußschüssel her, denn in ein richtiges
Pflaumenmus müssen auch Nüsse hinein, Nüsse mit grüner Schale;
meinetwegen kann die grüne Schale auch fehlen, ich höre aber: die mit
der Schale sind das eigentlich Richtige...

Minchen interessiert sich für das Faß, das mit den aufgeschnittenen und
ausgekernten Pflaumen gefüllt ist. Die beiden älteren bethätigen neben
ihr ein gleiches Interesse, obgleich von Madame Haberland mehrmals in
sehr energischer Weise aufgefordert, ihr die beiden bereits laufbaren
Brüderchen abzunehmen, die mit stieren Guckaugen und gereckten Hälschen
wie die Kletten an ihren Schürzenzipfeln hängen. Aber Grete, dieses
„große alte Kalb“ hat nur einmal so einen halben Versuch gemacht, als
ob sie Fritzchen und Karlchen von Mamas Schürze lösen wollte. Denn sie
brüllen so... Mäxchen, das noch nicht laufen kann, ist es inzwischen
gelungen, bis zum schwappvollen Wassereimer zu rutschen, wo es
ernsthaft und gründlich seinen kleinen stillen Beschäftigungen obliegt.

Madame Haberland seufzt nur noch ab und zu, in Bezug auf Fritzchen und
Karlchen resignierend, und rührt nur mit aller Kraft in ihrem Kessel
umher. Kaum daß sie, ohne im übrigen ihre Thätigkeit zu unterbrechen,
so auf gut Glück, noch mal so etwas wie ein „Balg“ oder sonst ein
autoritatives Kosewort mit etwas weinerlicher Stimme in den Tumult um
sie her hineinwirft. --

Etwa zwei Minuten hab’ ich am Thürpfosten gelehnt und zugekuckt und
bin von der guten Madame Haberland, allerdings mit einer Stimme, der
nicht viel Neigung zu einer ausgedehnteren Unterhaltung anzumerken
war, obenein noch belehrt worden, daß zu einem guten Pflaumenmus außer
selbstverständlich den Pflaumen und den bereits erwähnten grünen Nüssen
auch noch Zimmet, Citronenschale und „janzer Ingwer“ gehöre. Aber
nun wend’ ich mich, ihre Stimmung respektierend, in den Flur zurück,
nicht ohne daß es mir vorher noch gelungen wäre, das beträchtlich
angefeuchtete Mäxchen in aller Stille von dem Eimer wegzubringen.
Es hatte sich an ihm emporgerichtet, und drohte soeben vornüber die
Balance zu verlieren...

       *       *       *       *       *

Wie ich im Flur bin und im Begriff stehe, auf den kleinen Hof
hinauszutreten, wo es trotz des sonnigen Herbsttages „etwas kühler“
ist, fällt mir so ein, wie ich vor ein paar Jahren an einem schönen
Spätsommerabend die gute Madame Haberland einmal aus der Stadt hier
heraus begleitete. Wir waren eben über die Schloßgrabenbrücke aus dem
dunklen Thorgang in die Bergfreiheit herausgetreten, da stand der
Sommermond groß und voll zwischen den beiden uralten Schloßtürmen
und alles lag weithin in seinem Glanz. Madame Haberland, die wohl
etwas verschnaufen wollte, blieb stehen; und da sagte sie, ihr rundes
Gesicht freundlich zu dem schwesterlichen Gebilde hinaufgewandt: „Luna
lacht...“



Programm.


Aufs Land gehen. Das heißt Weltflucht, Flucht vor dem großstädtischen
Verkehr und seinen nervenzehrenden Zerstreuungen, Umgang mit der Natur,
Einsamkeit. Aber eigentlich bin ich nicht gerade hierhergegangen, um
den lieben Nächsten zu fliehen.

Der heilige Tertullian, oder ist’s Augustin? kurz eins von jenen
großen Kirchenlichtern meint: du wirst etwas mehr aus der Natur, von
Bäumen und Waldblumen lernen als aus den Büchern. Das mag schon seine
Richtigkeit haben: aber für diesmal nichts davon, denn: „_crede
experto_“: das Schlußstück ihrer Weisheit ist, daß sie Dich
vermittelst einer gründlichen Langeweile doch wieder zu dem lieben
Nächsten zurücktreibt. -- Und gerade der ist’s, den ich nichts weniger
als meiden wollte. Nur das, was man -- _dieu m’en préserve_!
-- Saison zu nennen pflegt, mit Gesellschaften, Soiréen, mit diesen
dummen Theateraufführungen und Konzerten; diese Buchhändlerläden mit
ihren kunterbunten Büchertitelbildern, die mit jedem Tag verschrobener
werden. Da mag ich ihn nicht, wo er wimmelt wie in einem Termitenbau.
Aber hier, wo er abseits in einfachen Verhältnissen als Bauer und
Halbbauer hinlebt, hier will ich ihn haben, will mich seines Umganges
erfreuen und von ihm lernen.

Ich werde in diesen Tagen meinen lieben alten Freund, den Herrn
Aktuarius Nerrlich aufsuchen, werde in der Weise von ehedem, denn er
ist in dieser Hinsicht so wunderbar jugendlich und frisch geblieben,
mit ihm über Politik, Kunst und Freisinn plaudern und mich von ihm
seinem Stammtisch zuführen lassen im „Goldnen Stern.“ Wir werden
uns Anekdoten erzählen, Stadtklatsch treiben, Cigarren rauchen,
Bier trinken und Kegel schieben. Nein: es wird gar keine Zeit sein,
Langeweile zu haben, denn nie bin ich mehr aufgelegt gewesen, alle
derartigen „Bagatellen“ und sogenannten Spießbürgerkram ernster
zu nehmen als derzeit. -- Ich werde mit Nachbar Schraube, dem
Fischermeister, auf den See hinausfahren, Fische angeln und Netze
legen, ich werde mit Herrn Haberland hinten in der Niederlage Bier
und Petroleum auf Flaschen ziehen, und mein Herz soll meinen lieben
Mitmenschen in keiner Weise verschlossen sein. --



Der Wanderer.


Es wehte mich heute einmal so an, aus der „Kultur“!

Du lieber Gott, es ist mir ganz plümerant geworden! Ich will das nur
alles einmal aus mir heraus wirbeln, und es soll ein Adieu sein für
lange Zeit, so Gott will! --

Panamaskandal, soziale Frage, der große Kladderadatsch, ethische
Kultur, Humanitätsdusel, gereinigtes Christentum, Neubauten,
Stiftungen, Volksküchen, Staatsstreiche, Kapital und Arbeit,
Antisemitismus, Bombenattentate, Dörings Seife mit der Eule, Wasmuths
Hühneraugenringe in der Uhr, Militarismus, die Ismen und Asmen, die
Aner und Janer, die Isten und Asten! O heiliges Tremtrem! --

Horr! -- Mein Schädel! Mein Schädel! --

Die Vielzuvielen! Die Vielzuvielen!

Erbarmen!

Will sich nicht etwas Neues durch mein Gehirn furchen und einen dicken,
dicken Strich durch all den Quark machen?!

Die Vielzuvielen!

O Nietzsche! O Martyrium! -- Wie werd’ ich sie los?!

Sieh, eine Hydra mit tausend Köpfen! Der alte Drache, der seine wirre
Weisheit in die Welt heult!

Wo ist der Herkules, wo der Siegfried, der ihm das Maul stopft?! --

       *       *       *       *       *

O, er ist da! Er ist da! -- Die Not ist am größten!

Ich will mir das Trostlied vorsingen von Ihm, dem Einen, dem alten
herrlichen Drachentöter, dem Dummen, dem Riesen, dem Herrn über
die Vielen und Vielzuvielen, dem jungen Alten, dem Wanderer, dem
zweiseitigen Einzigen und Einen!

O Herr, Herr! Ein Trost- und Schlummerlied meinem armen Schädel!

Er ist der Eine, Adam, der alte köstliche Junge, der nie fertig wird,
der Endlose, ewig Wiedergeborene, der Vater der Vielheit, der aus der
Vielheit als der Eine wieder geboren hervortaucht, still, heimlich,
schlicht, unbekannt und die Vielheit überwältigt durch und in sich!
Der ewig Hungrige, der sie in sich hineinschlingt, um sie ewig neu zu
zeugen und Sich!

Komm, Du friedlicher Mörder und Totengräber Deiner Selbst! Komm, Du
streitbarer Riese, Herr und Friedefürst! Komm, Du hündischer Sklave
Deiner Selbst! -- Du herrlicher Herr, der blöden Menge ein Spott, den
wenigen Deinen eine verzweifelte Sehnsucht! --

       *       *       *       *       *

Zuweilen hab’ ich eine Vision von ihm.

Ich sehe ihn über den Markt gehen. -- Er ist hager, unscheinbar und
schmächtig, mit dunklen tiefen Augen, wie sie der Rabbi von Nazareth
gehabt haben mag. Aber entschieden hat er etwas von dem dummen Jungen
aus Meißen. Das heißt: jetzt sieht er aus wie der ausgefeimteste
Jesuit! -- Nein! -- Doch! -- N...

Das ist Er, Zarathustra, der dunkle Herr, der Helldunkle!

Er ist behend, geschmeidig; ein Spott den Fetten und Neunmalklugen und
doch zehnmal schlauer als ihrer der Schläueste.

Mit nach innen gewandten Sinnen taumelt er, ein Innerer und doch ein
Äußerer, durch die Zeit, trunken von den Geheimnissen der Welt, und
träumt sie vor sich hin, und sein Träumen ist der alte Gigantenkampf
mit der Sphinx! --

       *       *       *       *       *

Ich sehe ihn, den Taumler.

Er hascht nach einer Stimme; einer goldenen, grausigen, süßen Stimme.

Wo ist ihr Körper?!

Sie kichert, brüllt, singt, sänftigt und wühlt auf, peitscht und
peinigt, streichelt, kost, heult, klagt, flötet die alten, alten,
uralten Geheimnisse.

Irgendwo! Irgendwo!

Überall! Nirgends!

Ich sehe ihn, den Taumler, den Sucher.

In seinen Augen gleißt der Wahnsinn seiner Sehnsucht nach Ihr, nach Ihr.

Das ist Er, der Böse, Gute, Heimliche, Deutliche, und das ist das ganze
Geheimnis seiner Heimlichkeit.

Der Vielgeschmähte, Verlachte, Mystische.

Er!! --

Hahahahaha!! --

Das ist das Lied und das meine Glosse: Helf er sich selbst, ihm ist
nicht zu helfen!

Und eine andere, dunklere: Arzt, hilf Dir selber! --

O, ich habe die Schmähsucht. Du Harlekin _fin de siècle!_ Du Ritter von
der traurigen Gestalt! Mondpierrot, Phantast, Spielzeug einer Rotte
von dummen Jungen! Vogelscheuche, Uralter, junger Greis an Körper und
Weisheit! Ehrloser Hund! Tier! --

So seh’ ich ihn mitten über den Markt gehen. Die Spatzen pfeifen ihn
aus, und die Jungens schmeißen ihn mit Dreck.

Er greint und sie johlen oder gaffen stumm sein dummes Rätselgesicht an.

Das ist das dunkle, verrückte Lied vom Wandrer an der Wende.

Ich verlange nicht, daß einer draus gescheit wird! --



Der Marterturm.


Es ist Spätnachmittag. Ich stehe vor der Hausthür und lasse mich von
der Sonne und der frischen Bergluft, die über die Höhenwiese herweht,
zu einem Spaziergang einladen.

Unwillkürlich lenke ich meine Schritte zum Schlosse hin.

Bald habe ich in nur noch kurzer Entfernung das graue, weitgedehnte
Mauerwerk mit seinen Bastionen und Basteien vor mir, mit dem
altertümlichen Gebäude des Kreisgerichtes, den Domänen-Gebäuden,
dem Kirchturm der Schloßkirche und vor allem dem Wachtturm und dem
Marterturm, grau, tot, beide hergeisternd seit Urzeiten in alles
buntfröhliche Leben hinein.

Mir fällt ein, daß ich doch eigentlich noch nie den Marterturm betreten
habe, der so „außerordentlich interessant“ sein soll. Und nun wandelt
mich plötzlich ein Verlangen an, sein Inneres einmal in Augenschein zu
nehmen.

Ich will bei dieser Gelegenheit gleich meinem Freund, dem Herrn Aktuar
Nerrlich, so eine Art vorläufige Antrittsvisite machen. Bestimmt werde
ich ihn oben im Archiv des Kreisgerichts finden, und dann kann er mir
wohl auch gleich zu dem Turmschlüssel verhelfen, der es mir ermöglicht,
für einige Zeit mal in dem alten Burschen von Turm umherzukramen.

Langsam und vorsichtig steig’ ich den Kalksteig mit seinem kurzen
Rasen, auf dem man zuweilen ausrutschen kann wie auf Glatteis, zu der
Brücke hinab, die über den Wallgraben durch einen langen Thorgang in
das Schloßgebiet hineinführt.

Ich betrete den Hof.

Romantisches Gebiet!...

Hier gleich zur Linken befindet sich ein uralter Kellerraum, der jetzt
von der Domäne als Milchkeller benutzt wird. Natürlich ist es hier
nicht recht geheuer. Abends und um die Mittagszeit kommt es vor, daß
es den Mägden die Kerzen auslöscht und daß die tugendvergessenen unter
ihnen im Dunkeln von unsichtbarer Hand Ohrfeigen bekommen. Das ist das
Mönchsgespenst, das dann gegen Mitternacht mit Vorliebe an der alten
romanischen Kirche vorbei in das Kreisgerichtsgebäude eintritt und die
Korridore der Gefangenen unsicher macht.

Ich steige die Freitreppe zu dem großen Portal -- das Gebäude mag
aus dem sechszehnten Jahrhundert stammen -- hinauf und trete ein. Im
Vorflur begegnet mir der alte Gerichtsdiener Bärwinkel, der mir, „ganz
gehorsamst“ mitteilt, daß der Herr Aktuar oben im Archiv zu finden
seien... Drei endlose Wendeltreppen hinauf. Die Archivräume befinden
sich dicht unter dem Dachboden.

Ich trete ein. -- Helle, goldstaubwimmelnde Sonnenbalken stemmen
sich schräg durch den Raum mit seinen mächtigen Wänden, alle vier
voller Aktenfaszikel in Regalen von der Decke bis zu dem weißgrau
gescheuerten Dielenboden. -- Die vielen viereckigen Pappstückchen aus
der bunten Rückenverklebung, mit ihren „Hinz contra Kunz“ und ihren
Aktennummern aus den alten verstaubten Dingern hervor, bringen einige
Unruhe in diesen öden Papierspeicher. -- In der Mitte des Saales steht
ein gewaltiger Tisch, und an ihm sitzt ein nervöses Schreiberlein im
grauen Anzug, mit so einem richtigen blanken Sardellensemmelschädel,
löst die Aktenpapiere aus ihren bunten Papprücken und schichtet sie in
Stößen neben sich auf den Fußboden. -- Ich biete ihm die Zeit und frage
nach dem Herrn Aktuarius. -- Der Herr sollen sich in das Nebenzimmer
bemühen. --

       *       *       *       *       *

_Recte tu quidem_! -- Da steht er, mitten zwischen Aktenbündeln
gleich am ersten Fenster, natürlich wieder hinter seiner Staffelei!...

Ah?!! -- Der kleine untersetzte Herr mit seiner goldenen Brille, seinem
rotrunden backenbärtigen Gesicht, die gestickte Sammetkappe auf den
Locken, die lang und schwarz, aber schon ein wenig „meliert“ bis auf
den Rückenteil der Weste fallen -- denn natürlich arbeitet er wieder in
Hemdärmeln -- breitet die Arme aus und starrt -- bist Du’s wirklich?!
-- in freudiger Überraschung auf den Besuch. -- Schnell mit lachenden
Stammelworten, eifrige Äuglein hinter den Brillengläsern, Palette und
Pinsel auf das Fensterbrett und nun, die Hände lebhaft ausgestreckt,
hervor, die meinigen mit temperamentvollem Druck ergreifend und sie
auf das Wärmste schüttelnd, indes er mich in seiner Aktuarwürde und im
Selbstbewußtsein seiner freien Seele wohlwollend erfreut mustert und
mich mit seinem schönsten, sonorsten -- er singt in der „Liedertafel“
einen sehr geschätzten Bariton -- Tribünenpathos begrüßt...

Natürlich interessiere ich mich für seine Malerei, die in
diesem langweiligen kleinen Nest nun schon mal eine seiner
Junggesellenschrullen ist. Ich bewundere, kritisiere und bitte ihn,
sich nicht stören zu lassen. Er pinselt weiter. Aber ich merke, wie er
sich auf unsere bevorstehenden Stammtischabende im „Goldenen Stern“
freut.

Ach, wie er vor Wißbegierde brennt! -- Wie er gleich nach der
„Weltstadt“ fragt, diesem Wunder seiner stillen Sehnsucht, und wie er
mich sofort in eins seiner freisinnigen Gespräche verwickelt. -- Diese
kleine naive Eigenheit, sogleich auf sein Lieblingsthema zu kommen,
läßt mich ihn lieben. Zwar es ist immer dasselbe von Büchner, Darwin,
Häckel, Vogt bis zur letzten Rede Eugen Richters: aber es hört sich
ihm so schön zu. Wie seine Augen vor Begeisterung strahlen, wie seine
Locken beben, wie er gestikuliert und eine fast jünglingshafte Verve
entwickelt...

Indessen für diesmal setz’ ich ihm ein Wehr und komme auf den Schlüssel.

Er ist einigermaßen verdutzt, aber dann giebt er mir nach einer kleinen
Pause, wennschon ein wenig verstimmt, Bescheid. In der Domäne kann ich
ihn bekommen... Ich spreche von heute abend und dem „goldenen Stern“
und erziele damit einen leidlichen „Abgang“...

       *       *       *       *       *

Auf dem grauglatten Rasenfilz schreite ich zwischen windgeducktem
Heckenrosengebüsch hin, um das alte graue Ungeheuer herum.

Die tote Ruhe dieser vier kolossalen verwitterten Mauerflächen mit
ihren winzigen Luken! -- Er stammt aus der Zeit der sächsischen
Kaiser...

Wie die Falken schrillen! -- Und die vielen schwarzen Dohlen!...

Oben, man reckt sich den Hals aus, die niedrige schwarzbraune Haube im
klaren Blau, zwischen den weitgestreckten weißen Windbäumen! --

Tausendjährig! --

Ein wenig nervös steig’ ich die morschen Kalksteinstufen hinauf zu der
schweren, beschlagenen Thür. Wie sie in das Mauerwerk hineingehen,
geben sie einen Begriff seiner ungeheuerlichen Dicke.

Das Aufschließen macht Mühe. Das alte Schloß giebt Laute von sich, die
mir durch alle Nerven fahren.

Endlich! -- Die Angeln bewegen sich. -- Ein heiserer Baßton, der in
einen schrillen Diskant umschlägt in modriges totstilles Dunkel hinein,
wie -- aus ihm heraus mir entgegen.

Schwarze Stille! --

Ich trete ein und befinde mich in einem Vorraum.

Eine Art wunderlicher Furcht hat mich ergriffen. Aber sie ist nicht
unangenehm. Weil sie mehr eine unwillkürliche plötzliche Erinnerung
an jene Knabenfurcht ist, mit der ich mich wohl in der Dunkelheit,
gelegentlich eines noch notwendigen Ganges, am Friedhof vorüberdrückte.
Die alten dunklen Tannen und Trauereschen und der Ahorn, in dem es so
seltsam winselte, pfiff und raunte...

       *       *       *       *       *

Schrillen und Schilfern um mich herum. --

Wie ich mich vorwärts taste auf so etwas wie eine Treppe zu, die ich
in ihren leisen Umrissen mehr errate als sehe, klirrt etwas. -- Es muß
Ackergerät sein. Die Leute von der Domäne mögen’s hier untergebracht
haben.

Aber jetzt bemerke ich einen leisen Lichtreflex, eine matte Helle.
Sie markiert oben die letzten Sprossen einer Leiter, die durch eine
viereckige dämmernde Öffnung in einen Oberraum führt.

Mit einigem Mißtrauen, mich so leicht wie möglich machend, klimm’ ich
in die Höhe.

       *       *       *       *       *

Ein saalartiger Raum, von zwei schmalen Luken erhellt. -- Seine Decke
ist eingestürzt. Ein paar Fetzen hängen noch an dem Gemäuer herab und
von ein paar dicken Balken, die sich schwarz nebeneinander hinqueren.
-- Ich habe einen Blick in eine schier endlose Höhe. Kreuz und quer
schießen die Lichtstrahlen durch die Luken herein und geben eine mäßige
Helle. Hellere Lichter liegen hier und da auf dem Gemäuer, blinken
auf riesigen Spinnweben, auf dem vorragenden Stroh eines Genistes.
Unausgesetzt, ohrenzerreißend schallt ein Geschrill, Gekrächz, Pfeifen,
und das Rauschen und Klatschen der Fittige aus dem Getümmel der Vögel
da oben hernieder. Manche fahren bis tief in den halbdunklen Raum herab.

Um mich herum stockt ein dumpfes Dämmern.

Nur die gekreuzten Lichtstrahlen der beiden Luken...

       *       *       *       *       *

Die dumpfe stickige Luft... Wenn der Wind nicht ein bißchen
hereinpfiffe...

Ich beuge mich zu einem mächtigen Block nieder, der schwarzbraun im
Licht mitten im Raum steht. Sein ehemaliger grausiger Zweck ist mir
sofort klar.

Aber wie ich wieder aufblicke, fahr’ ich zusammen. -- Drüben, in der
Ecke, in deren Dunkel ein müder Schein kaum hineindringt, seh ich
etwas wie eine gedrungene unförmliche Gestalt, der ein Durcheinander
wimmelnder Staubatome grausig so etwas wie eine Bewegung giebt.

Ich fasse mich und trete hinzu.

Die „eiserne Jungfrau“... Jenes scheußlichste aller Marterwerkzeuge;
jene plumpe Gestalt einer Weibsperson aus Eisen. An der Seite kann
sie geöffnet und aufgeklappt werden; dann finden sich im koncaven
Vorderteil lange, großen Nägeln ähnliche Zapfen, die, wenn wieder
zugeschlagen wird, dem hineingezwängten Delinquenten durch Augen, Kopf,
Herz und Leib dringen.

Und nun gewahr’ ich all das fürchterliche Gerät an den Wänden, unten
auf dem Fußboden, gegen die Mauer gelehnt.

Da hängen mächtige harte Geißeln mit Bleikugeln oder zackigen Sternchen
aus hartem Metall unten an den Stricken. Da sind Streckapparate, auf
denen die Körper der armen Sünder in die Länge gereckt wurden. Da
sind eingekerbte, mit stumpfen Spitzen versehene Schraubstöcke, in
denen die Daumen zusammengequetscht wurden. Da sind härene Bande zum
Zusammenschnüren der Glieder. Da sind die „spanischen Stiefel“. Da
ist das „mecklenburgische Instrument“, vermittelst dessen man ein
kreuzweises Zusammenpressen der Daumen und großen Zehen ermöglichte.
Da sind Bänke und Leitern. Da sind Stricke mit Apparaten, in welche
die Hände eingeschraubt wurden. Der Körper hing dann in seiner Schwere
von der Decke hernieder, während unten an den Füßen noch jene großen
Eisengewichte befestigt wurden, die ich dort in einer Ecke gewahre. Da
sind Beile und Zangen und Pfriemen zum Brennen der Gesichter, Weichen
und Arme, zum Blenden der Augen. Da ist die „pommersche Mütze“, mit der
in einer sehr gefährlichen Weise der Kopf zusammengepreßt wurde. Da ist
der „gespickte Hase“...

Und nun seh’ ich auch erst so recht alle die dunklen braunmodrigen
Flecke auf dem Estrich, zwischen Staub, Deckenschutt und Vogelkot.

Ich meine, es müsse vertrocknetes Blut sein.

Genug!...

       *       *       *       *       *

Ah, die Luke! -- Und der schöne Sonnenstrahl! -- Und das Stückchen
Himmel! Auf der Kante sitzt ein Vögelchen; sitzt da und zwitschert sein
Lied in das Dunkel hinein...

Wieder fort...

Und nur die Einsamkeit! -- Tiefer! Grausiger! -- Mit dem Winseln und
Pfauchen des Windes, mit diesem abscheulichen Sausen, Klatschen und
Rauschen der Fittige oben und den häßlichen Lauten des Vogelgetümmels.

       *       *       *       *       *

Minuten gehen...

Meine Phantasie wird lebendig. Ich fange an, Laute zu mißdeuten. Ich
meine Knacken von Gliedern, Kettengeklirr, Geräusche arbeitender
Werkzeuge zu hören, Stöhnen, Schreie; sehe verzerrte Gesichter, spüre
huschende Bewegungen, wie ich dastehe in einer tiefen Starre.

Ich schüttle mich.

Ach, Donnerwetter! Die Fledermäuse natürlich, der Wind, die Vögel,
Mäuse... Aber jeder Laut hallt so wieder!...

Ich sitze da und eine Strophe geht mir im Kopf herum, die ich mal
gelesen. Mit einem Mal. Es ist, als ob sie jemand in mir Wort für Wort
flüstere.

    „Der Verzweiflung schriller Schrei
    Höhnt aus allen Glocken.
    Aber ewig streut der Mai
    Seine Blütenflocken!“

Sich in dieses Rätsel zu versenken!...

       *       *       *       *       *

Auf! --

Ich rücke eins von den Geräten an die Luke, das es mir ermöglicht,
mit dem Kopf hinaufzukommen. Ich sehe die goldige Landschaft, Dächer,
Bäume, getünchte Mauern, ferne Hügel, Felderbreiten und Waldstriche.

Ein paar Jungens lärmen mit ihren hellen Stimmen draußen umher und
blasen auf Schalmeien aus Weidenrinde. Aber die Stimmen und Töne haben
so eine wunderliche Nüance, irgend etwas Unsagbares, als ob sie etwas
dunkles, Furchtbares vertuschen sollten.

Helle! -- Licht! --

Die Wahrnehmung bringt mich plötzlich auf die Archivräume und den Herr
Aktuar mit seinen Träumen von einem freien Reich der Zukunft. -- Der
gute Herr Aktuar, der nichts davon haben wird als seinen schönen Traum,
der ihn so begeistert! -- Und das goldene Reich mit all seinen freien
Bürgern?

Ich sehe nur immer die unheimlichen schwarzbraunen Flecke hinter mir
auf dem Boden, von denen ich meine, sie seien Blut; Blut, das nichts
wegzubringen vermag! Nie! -- Nie! -- Und ich weiß mit einem Mal, was es
mit der Lebensfreude auf sich hat! -- Und ich weiß, woher sich Lieder,
Freude und Schönheit gebären!...

Fort! --

       *       *       *       *       *

Wie schön die Abendsonne blendet! -- Alles so still, so friedlich, so
wundersam! Wie ich den Steig hinab taumele, mit pochenden Schläfen
und zwinkernden Augen, atme ich so recht von Herzen auf und sehe das
gemütliche Honoratiorenzimmer im „Stern“ mit dem großen Rundtisch, mit
der riesigen Schnupftabacksdose drauf und dem hölzernen Klingelmesser
drüber.

Nun, trotz allem Pessimismus werd’ ich heut abend mit dem Herrn
Aktuarius gründlichst das Mittelalter totschlagen.

Jedenfalls: wir werden uns ansehen, froh, wieder beisammen zu sein,
werden unser Bier trinken, unsere Cigarren rauchen und plaudern,
plaudern...



Logos.


Es war bei der alten Lehmmauer, die sich lang am Gipfel des
Klosterberges hinzieht, in dessen Tiefe, ganz in der Nähe der
Schloßumwallung, sich der herrliche Klostergarten breitet. Da traf
ich mit dem „dummen Joseph“ zusammen. -- Der „dumme Joseph,“ das alte
Inventar der Stadt, der Ortsidiot. Eine gute harmlose Seele; nur daß
er sich ab und zu seinen Rausch antrinkt. Er haust in einem Winkel
des städtischen Armenhauses und verdient sich seine paar Pfennige zum
Schnaps durch allerlei Gelegenheitsarbeiten.

Mit seinem chokoladenbraun verwitterten Gesicht, in der olivigen Jacke,
in Lederhosen und barfuß, eine alte dicke Wintermütze auf dem Kopf,
unter der ihm der Schweiß an den vorlugenden graumelierten Haarspitzen
in dicken Tropfen herniederrann, kam er mir entgegen und schob auf
einem Schubkarren einen gewaltigen Petroleumballon vor sich her.
Augenscheinlich war er, ob infolge eines kleinen Spitzes oder weil die
Bälge ausnahmsweise mal nicht hinter ihm her waren, außerordentlich
aufgeräumt. Denn schon von weitem hatte ich ihn brüllen hören und war
bald zu der Annahme gekommen, daß das Gesang bedeuten sollte: nur war
es mir noch nicht möglich gewesen, irgend so etwas wie einen Text
wegzubekommen. Als ich indessen bei der Lehmmauer mit ihm zusammentraf,
da hörte ich, wie er nach einer fürchterlichen Gassenhauermelodie immer
ein und dieselben vier Worte sang. Und wie wir schon, er nach der
Stadt, ich nach der Schloßgrabenbrücke zu, ein ganzes Stück auseinander
waren, hörte ich immer noch die vier Worte:

„Mein Ziel ist Gott! -- Mein Ziel ist Gott! -- Mein Ziel ist Gott!“

       *       *       *       *       *

Was?! -- Der See?! --

Wie in aller Welt war ich gerade hierher geraten?! -- Richtig! Jetzt
saß ich in Nachbar Schraube seinem großen Fischerkahn, ganz vorn an
der Spitze. Sie ragte gerade aus dem Schilf heraus in das kräuselnde
Smaragdgrün des Wassers hinein, in all die zahllosen, weit hüpfenden
goldenen Sonnenflämmchen... Und spüre, wie’s mich schaukelt... Der
Kahn? Ein Wort? Vier Worte?... Genau die vier Worte des „dummen
Joseph“. Aber eigentlich: Worte? Nein! Ich weiß selbst nicht...

Ach, nur immer dies Wiegen und die fern verschleierte Weite des feinen
Wellenspiels... Immer dies sanfte, monoton einlullende Plätschern an
den feuchten Wänden des Kahns... Das Wispern im Schilf... Und so ein
Staunen... So halb Grauen, halb Lust...

       *       *       *       *       *

Horch!

O, dies leise Schwirren der Luft über die kräuselnde Fläche hin! -- --
--

Warum spricht es nur immer in mir so leise und heimlich: „Wort“?
„Wort“?...

Ich liege mit dem Kopf über Bord und alles geht mir so wohlig
durcheinander.

Wort?

Aber nein! Nun ist es mit einem Mal eine Vorstellung, eine Erinnerung.

In der Einsamkeit steh’ ich am Strand. Bis dicht zu meinen Füßen
treibt eine Boe meterhohe Wellen aus der dunklen stahlblauen Ferne
mit mächtigen Schaumkämmen schräg gegen den Strand, und ich höre das
unaufhörliche donnerartige Bersten der aufgestauten Gewässer auf dem
harten Ufersand. Ich höre das Pfeifen, Zausen und Winseln des Windes,
der dunkelgeballtes Gewölk jagt und in dem starren Dünenhafer zischt.
Ich spüre diesen eigentümlichen Thrangeruch und höre das schrille
Jauchzen der Möven: immer „tjäh!“ -- „tjäh!“ -- „tjäh!“, das so sehr an
den Grundtyp der Anwohnersprache erinnert. Aber alles verschlingt und
übertäubt dieses eine ungeheure Rollen, Donnern, Brüllen der berstenden
Wassermassen.

Das Wort!... Wort!... Logos!...

       *       *       *       *       *

Wort. -- Urlaut. -- Bewegung... Anorganisch und Organisch...
Entwicklung... Einheit...

Still! --

O, wie köstlich! -- Ich höre die feinen, leisen Laute, hervorgebracht
von den Wassermolekülen, die durch den frischen Luftstrom in Bewegung
gesetzt sind. Ich höre, mein Ohr neigend, das unendlich feine Zischen
und Gären der befeuchteten Ufererde, wenn sich der kräuselnde
Wellendrang zurückzieht; höre es raunen, wie ein Geheimnis... Und
weiter hört meine folgernde Vernunft mit geheimen Ohren die leisen
Geräusche der sich einenden und lösenden Elemente, hör’ ich die sich
entbindenden Massen der Elektrizität, brüllende Sturmlaute über die
Länder hin, Regengeriesel und Donnern der Lawinen und die vielen Laute
und Stimmen der Tiere und das Wort, das menschliche Wort, die Sprache
in ihren tausend Verfeinerungen. -- Und alles ist ganz gleich und
einerlei und dasselbe: Bewegung, Laut, Wort, Sinn. Alles gleich und
alles dasselbe eine Wandeln... Alles gleich!...

O, nur die Wellen, die weitschimmernde Fläche und die tanzenden
Flämmchen, und die Wellen, die plätschernden raunenden Wellen...

       *       *       *       *       *

„Herr Dokter!“

Ich fahre herum.

Meister Schraube! In persona! -- Mit seinem gutmütigen braunen Gesicht,
mit dem Pfeifenstummel und der „Maurerfreese“.

Ach, nun weiß ich: wir wollten ja alle beide ’nausfahren und Reusen
legen!

Meister Schraube bedauert, daß er sich verspätet hat.

„Jedenfalls, ich bin hier beinah’ umgekommen vor Langeweile!“

Die Kette klirrt vom Pflock. -- Ruder eingesetzt! -- Los!...



Im Laden.


Ich sitze auf einem Korinthenfaß und sehe zu, wie Herr Haberland
verkauft.

Wunder meinte ich, wie früh ich heute aufgestanden wäre, aber Herr
Haberland ist nun schon reichlich eine Stunde auf den Beinen und hat
hinter seinem Ladentisch alle Hände voll zu thun.

Es geht mir so durch den Sinn: ich weiß nicht, ob es gerade nötig ist
zu wissen, daß es einen lieben Gott giebt: sicher ist es von nöten, daß
zum Beispiel Herr Haberland heute für so und so viel Reichsmark Ware
umsetzt. Vielleicht komme ich darauf, weil Herr Haberland so privatim
ein bißchen Freigeist ist; vielleicht aber bringt mich auch seine
Geschäftigkeit auf diesen Einfall.

Denn das ist ein wahres Vergnügen, ihm zuzusehen!

Diese nervöse Beweglichkeit paßt ganz zu einem Wuchs: die
Ladentischkante reicht ihm bis über den Bauch, der übrigens ein
sehr diskreter Bestandteil seiner Persönlichkeit ist und sich in
diesem Augenblicke hinter der grünen Schürze verbirgt. Die grüne
Latzschürze mit der Messingkette. -- Wer hat in seinem Leben noch
nicht einen kleinstädtischen Krämer in dieser Schürze vor seiner
Ladenthür das duftende Kaffeesieb schwenken gesehn! -- Es ist einer
der herzerquickendsten und weltversöhnendsten Anblicke, die man
genießen kann! -- Immer hat Herr Haberland übrigens diese Schürze nicht
vorgebunden. Aber er will nachher, wenn seine Madame aufgestanden sein
wird, hinten in der Niederlage noch Petroleum auf Flaschen füllen; denn
er verkauft Petroleum nicht direkt vom Faß, sondern in Flaschen; eine
Neuerung im Petroleumverkauf, die sehr praktisch sein soll, und die
er, findiger Kopf und Fortschrittsfreund, der er ist, da neulich von
einer Geschäftsreise nach der nächsten Großstadt hierher nach Dingsda
importiert hat.

Aber nichts Prachtvolleres als sein Kopf! Dieser mächtige Schädel
mit diesem geweckten vifen Gesicht! Eine hohe kahle Stirn, und
schlichtblondes Haar rahmt eine Glatze ein, rund und spiegelnd wie eine
Billardkugel. Aber sie ist jetzt nicht zu sehn, denn Herr Haberland
hat seine graue Ladenmütze auf. Eine runde Kappenmütze mit einem
gewaltigen Schirm, der spitz wie ein Schnepfenschnabel vorspringt.
Er hat sie schief und verwogen auf der linken Seite, und sie ist
tief heruntergezogen. Unter der behaglichen Nase starrt eine rote
Schnurrbartraupe, und vor den gescheiten grauen Augen funkeln und
blitzen die beiden Brillengläser.

Und dieser Blick vor allem! Dieser Blick! Noch nie hab’ ich mein
Lebtag einen so komplizierten Blick gesehn! -- Da ist Humor,
Leutseligkeit, diskrete Ironie und Witz, denn die Kunden werden von
Herrn Haberland in ihren diversen charakteristischen Eigentümlichkeiten
ebenso genossen, wie sie von ihm unterhalten sein wollen und
müssen; da ist vor allem „das Geschäft“; da ist eine unwillkürliche
Aufmerksamkeit, daß die Ware richtig verabreicht wird, und das alles
und wer weiß, was noch? liegt in diesem Blick...

       *       *       *       *       *

Vornehmlich hat Herr Haberland augenblicklich hinter dem kleinen
Branntweinausschank zu thun, denn die ersten Kunden des Tages sind
zu bedienen, und das sind die Arbeiter, die in aller Frühe in die
Kalksteinbrüche hinausmüssen, weit draußen in den Thalsenkungen der
Berge. Dort arbeiten sie den lieben langen Tag über bis in den Abend
hinein für ihre anderthalb oder zwei Mark, und da ist es begreiflich,
daß sie sich ihren „Schluck“ mitnehmen müssen, der von Herrn Haberland
sehr geschickt aus der großen Glasflasche in die Zinnnöselchen und
aus ihnen in das Fläschchen praktiziert wird, das sie ihm hinreichen.
-- Natürlich holen sie auf Borg. Sie kommen dann aber auch noch
mal am Abend mit vor; und dann stehen sie vor dem Ladentisch oder
sitzen auf der Bank an der hellgetünchten Wand und „genehmigen“ sich
noch „einen“ vorm Schlafengehen, und wer’s von ihnen etwas näher
an den Nabob heranhat, leistet sich wohl auch noch den Luxus einer
Fünfpfennigcigarre. Am Sonnabend wird dann alles „glatt gemacht“.

Also diese Arbeiter. -- Es ist selbstverständlich, daß sie alle nach
der Reihe Sozialdemokraten sind. Deshalb ist Herrn Haberlands Benehmen
augenblicklich im allgemeinen auch etwas reservierter. In etwas! Denn
es ist selbstverständlich, daß das „Geschäft“ die Hauptsache ist.

Ja, das „Geschäft“! -- Ich bewundere die Macht dieses „Geschäftes“.
Denn so verschieden die politischen Ansichten Herrn Haberlands und
dieser Leute auch sein mögen, und man weiß ja, wie die Politik den
Charakter verdirbt und die Leidenschaften incitiert: das „Geschäft“
hat hier einen Altruismus zu Wege gebracht, der sich in einer teils
allgemein humanen, teils sogar humorvollen Verkehrsweise Herrn
Haberlands darthut und dessen ethische Qualitäten unverkennbar sind...

       *       *       *       *       *

Diese Arbeiter! -- Romantisch! -- Pittoresk! -- Alles, was in Dir
Maler ist, hat seine Augenweide; denn an ihren Kleidern kannst Du
die ergiebigsten Farbenstudien machen. Vornehmlich sind es diese
Übergangsfarben. -- Alles, was Du da in einem Nest wie Berlin „unter
den Linden“ und in der „Leipziger Straße“ und „Friedrichsstraße“, in
Theatern, Konzertsälen, in Gesellschaften und Zirkeln herumprunken
siehst, ist entschieden eine ganz gewöhnliche Farbenplebs gegen den
intimen Zauber dieser Tönungen.

Da ist vor allem jenes bekannte Olivengrün. Wie es sich dort über
das breite Schulterstück eines gekrümmten Rückens aus einem Rotbraun
herausspielt, im Strahl der Morgensonne in ein feines Gelb hinein!
Die Couleuren einer Lederhose; die Nüancierung jenes ehemals weißen
Maurerpantalons; das zartverblichene Blau jenes Leinenflickens auf den
friesigen zerschlissenen Halbpaletots da! Nun, und was alles diese
geheimen Meisterstücke atmosphärilischer Farbentechnik sind!...

Diese Arbeiter mit ihren rotbraunen Gesichtern! Diese schwieligen Hände
mit ihren krummen ungefügen Fingern und ihrer Behaarung! Dieser Duft
nach Rippenknaster, Branntwein und frischer Bergluft!...

Und die Gestalten! -- Denn siehst Du: so führen die Fäuste die
Steinpicke, die Schaufel, das Brecheisen, langsam, bedächtig,
zweckmäßig, Stoß für Stoß, immer in dem gleichen festgewohnten Rhythmus
der Bewegungen; so schieben sie die Karren, den Schienenwagen, und so
geben diese Bewegungen dem Rücken diese Krümmung, biegen sie die Beine,
formen sie die Mienen der Gesichter, bedingen sie diesen müden und
schleppenden Gang, in dem doch Kraft ist.

Schade nur, daß sie, wie gesagt, alle nach der Naht Sozialdemokraten
sind, diese gefährliche neumodische Menschensorte die „teilen“ will!...

       *       *       *       *       *

Sie sind fort. -- Langsam schleppen sie sich, ihre schäbigen
Ledertaschen über die Schulter, den Steig zu den Hügeln hinauf, und die
Rauchwölkchen aus ihren Kurzpfeifen kräuseln sich fein und blau in die
helle Morgenfrische.

Hm! -- Nun ja! --

Ich stopfe mir Shag in meinen Stummel und zünde mir eine Morgenpfeife
an, und Herr Haberland klebt an seinen Düten weiter. -- Große Düten,
mittelgroße Düten, kleine und kleinste Düten. Spitze Düten und eckige
Düten. Blaue, graue, gelbe und weiße Düten. -- In vier langen Reihen
bedecken sie den Ladentisch in einer Weise, daß Herr Haberland den
Pinsel nur in den Kleistertopf zu tunken und, während er die eine
seiner großen dürren Hände drüber spreizt, mit ihm drüber hinzufahren
braucht. Man hat dann nur noch nötig den bekleisterten Rand so einer
Düte umzudrücken und sie ist fertig. --

Die Sonne blinkert so friedsam auf den Schnaps- und Likörflaschen. --
Und die schönen blauen Zuckerhüte mit ihren weißen Spitzen! Und die
blitzblanke Messingwage! --

„Ja! -- Gute Kunden! -- Aber Sozialdemokraten! -- Aber freilich: so
schuften müssen den ganzen Tag für kaum zwei Mark, in Wind und Wetter
und Sonnenglut?!“

„Ja ja!“...

Und große Pause...

       *       *       *       *       *

Bimmelimbimbimbimbimbim...

Die letzten Bimbims in immer beschleunigterer Tonfolge.

„Na, mei Maischen?“

Herr Haberland hat sich mit seinem freundlichsten Gesicht zur
Ladentischkante heruntergebeugt, an die sich ein paar kleine
Patschpfoten klammern und über der ein Busch strohgelber Haare über
zwei eifrigen Guckaugen sichtbar ist.

„Fer -- fer -- fer -- fer -- e -- Groschen -- Semmeln, un -- un -- un e
Pfund Reis, un -- un -- un -- Pompom?“

„Pompom“ ganz leise, das Fingerspitzchen am Munde, die Augen mit
einem scheuen Seitenblick von unten ’rauf zu meiner Hochwohlgeboren
hin gesprochen, halb Hoffnung, halb Resignation und doch Wagemut. Es
bleibt Herrn Haberland überlassen dies „Pompom“ in der Einzahl oder der
Mehrzahl zu nehmen. --

-- „Dä, mei Puttaibchen!“

Das „Puttaibchen“ sockt, die Patschhand inbrünstig um seine „Pompoms“
gepreßt, ab.

       *       *       *       *       *

Und nun wieder nur Herr Haberland in seiner müllergrauen Gewandung, in
seiner grünen Schürze, mit den blitzenden Brillengläsern und der roten
Schnurrbartraupe, blond, und flink auf seinen dünnen Beinchen mit dem
Kleisterpinsel über das Dütenpapier hinhantierend; die Morgensonne,
und vom Hofe her, durch das geöffnete Fenster hinten das Gackeln der
Hühner, das Meckern von Madame Haberlands Hausziegen und ein lebhaftes
Grunzduett aus dem Schweinekofen, wo Jette das erste Frühstück zu
servieren scheint. -- Und das Stillleben der braunen Kasten und
Regale, die in ihrem ehrwürdigen Alter schon ein bißchen wurmstichig
sind. Die weißen Zettelchen drauf. Die Fässer mit den Heringen, den
sauren Gurken, dem Pflaumenmus, der grünen Seife. Die Posamentenecke
mit ihren bunten Wollwickeln, den langen Zwirnsträhnen, den Knöpfen,
Nadelpäckchen und Garnwickeln. Und so ein unbestimmter Mischgeruch von
alledem, in den der Kaffee sein dämpfendes Aroma hineinwebt.

Meine Pfeife hat guten Zug; das macht mich gesprächig, und ich
beschließe, inspiriert vom Duft des Kaffeesackes, Herrn Haberland etwas
vorzurhapsodieren. Er liebt das außerordentlich, denn niemand kann mehr
für Bildung sein als er. Und für das „Romantische“...

„Ja! -- Nu, das wissen Sie, wer den Kaffee aufgebracht hat?“

Herr Haberland, ohne von seinen Düten aufzusehen, mit einem teils
ermunternden, teils erwartungsvollen Lächeln: „Nee!“...

„Nu, das war im fünfzehnten Jahrhundert...“

„Als wir vierzehnhundert schrieben?“

„Wohl! -- Also da reiste ein würdiger Mann und Mufti, Gemal Eddin von
Aden nach Adjam...“

„Nee, warten Se mal: Mufti?“

„Gott, irgend so ein mohammedanischer Bonze und Rechtsgelehrter...“

„Hm!“

„Also dieser Gemal Eddin war als eine berühmte Autorität von Adjams
Kadi, respektive Amtsrichter, zitiert, in einer besonders verwickelten
Rechtsangelegenheit sein Gutachten abzugeben. Die beiden Herrn sitzen
nun nach Erledigung der pp Angelegenheit um die Zeit, da der Tag kühl
wurde, im Schatten des Hofsäulenganges auf ihrem Teppich und rauchen
ihren Tschibuk; der Springbrunnen plätschert, der blaue Rauch steigt
gegen die Palmenkronen empor et cetera pp verstehen Sie. Da erscheint
der pechrabenschwarze Mohr des Hauses und setzt ein dampfendes Getränk
vor ihnen nieder. Der Kadi schmunzelt, kneift seine Äugelchen und
weidet sich an dem Staunen seines Gastes, der mit verwunderten Blicken
das tiefbraune zitternde Getränk betrachtet und mit weit und wohlig
geöffneten Nüstern sein kostbares Aroma einsaugt ...“

„Also das erste Schälchen Heeßen, hähä!“

„Wohl! -- Sozusagen das allererste und zweifelsohne first quality!
oder eine Schale Kaweh oder Kawah, respektive Kaffee, Adjams nachmals
so berühmt und beliebt, ja unentbehrlich gewordene Spezialität, die in
Aufnahme gebracht zu haben, Gemal Eddins unsterbliches Verdienst. Denn
dieser hochwürdige Mann Gottes brachte sie Adens Derwischen, denen sie
bald zu einer unentbehrlichen Aufmunterung ihrer Gottseligkeit wurde.
Und diese Derwische...“

Ah! Die alte Rebern! --

       *       *       *       *       *

Die alte Rebern wünscht „fer zwee Fenn’ge gestoßnen Feffer un e halwes
Fund klaren Zucker un -- hehe! -- e Ingwerchen.“ --

Das Ingwerchen ist die Einleitung zu einem gemütlichen Klätschchen, das
insofern nicht ohne Wert ist, als die Mutter Rebern den ganzen lokalen
Teil des Kreisblattes ersetzt, und die wissenswürdigsten Dinge von ihr
am ersten und frischesten zu erfahren sind.

Nu, hinte Nacht hamm se also den Amtsdiener widder mal verdroschen,
un der versoffene Edel hat widder mal seine Frau gehaun un de Frau
Braunsmillern hat e kleen’ Jungen gekriegt...

Soso! -- Na! -- Es wird am Ende doch Zeit, daß ich meinen
Morgenspaziergang erledige ...



Das Rosenfest.


Ach! Meine Moosrose ist aufgeblüht! -- Über Nacht! -- Meine
Morgenüberraschung, wie ich aus der Kammer ins Zimmer trete.

Es ist ein trüber Tag, aber trocken. Nur die Wolken hängen so grau und
schwer und ruhig. Ein beinahe winterliches Licht. -- Im Ofen flackert
das Feuer.

Aber wie ich mich nun, nach dem Mittagessen auf das Sofa gelegt und mir
meine Cigarre angezündet habe und die Rose betrachte, ist es ein Fest,
ein wahres Fest, das nichts von seiner erhebenden Wirkung einbüßt, weil
es ein so stilles und einsames ist. -- Man kommt dahinter, daß sie von
der Art die besten sind. --

Schlank! Ein schöner schlanker Stock! -- In diesem gleichmäßig ruhigen
Licht, das im Zimmer herrscht. Zart und zierlich mit der reinlichen
Form seiner dunkelgrünen Blätter. Und dieser feingezackte Rand! -- Und
vor allem die Blüte! -- Schön wie ein Traum! -- Diese eine Blüte mit
ihrer gekräuselten Fülle, mit diesem herrlichen Gelb und seinen roten
Tönungen nach dem Innern des Kelches zu. --

Die Rose!... Die Blume der schaumgeborenen Aphrodite, vom Blut des
geliebten Adonis gefärbt.

Die heilige Blume der Musen und Grazien.

Die heilige Blume des Dionysos.

Lydische Flötenspielerinnen mit Rosen bekränzt.

Sie, in uralten Tschuktschengräbern gefunden, der Liebling und die
Freude der Menschen schon vor mehr denn fünftausend Jahren vor unsrer
Zeitrechnung! --

Was das alles für Gedankengänge anregt! --

Die Blume der Liebenden. -- Die Liebe. -- Die Liebe eine Krankheit. --
Und der Schmerz! -- --

       *       *       *       *       *

Der Schmerz. --

Was fällt mir da ein! --

Es ist Winter und alles ist dicht verschneit. Jeder Laut ist wie
von weiten dichten Teppichen gedämpft. -- Es ist ein Tag nach dem
Begräbnis. Die Erwachsenen sitzen still oben im Zimmer, in ihren
Trauerkleidern, und hängen ihren Gedanken nach. Wir Kinder aber
sind auf den Hof hinuntergegangen; diesen großen Gutshof mit seinen
verschneiten Stallgebäuden und Wagenreihen. Große Kinder sind wir
schon, dicht vor und nach der Konfirmation. Und wie wir nun den schönen
weißen Schnee sehen, da löst sich’s uns wie ein Bann und alle Trauer
ist vergessen. Hurtig bücken wir uns, und im nächsten Augenblick ist
die fröhlichste Schneeballschlacht im Gange. Aber das Lachen und Rufen
hat die Wirtsfrau in die Flurthür gelockt, und sie droht mit dem Finger
und mahnt mit ernst-lächelnder Miene.

Wir erschraken damals und schämten uns, und einer von uns quälte sich
nachher noch lange mit seinen stillen Reuegedanken und hatte seine
Betrachtungen, wie schnell man vergißt und -- vergessen wird...

Und doch: wie natürlich das alles war!... Und weiter: es fällt mir
in seiner ganzen Bedeutsamkeit das biblische Wort ein: „So ihr
nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich
kommen!“...

       *       *       *       *       *

Heimliche Dornenwunden ihr! -- -- --

Ah was doch! Keine sündigere Wonne, als die Wonne an den Schmerzen!...

Ich sehe aus meiner Rose heraus ein schönes starkes Gesicht, ein
Gesicht mit runden hellen Sonnenaugen, und in ihnen, zu schönem Maß
gebändigt, jenen süßen Wahnsinn, der aller Freude heimlichste Energie
bedeutet.

Wie ein Flötenlied prangt diese königliche Blüte, und ich bin in den
Gefilden der Schönheit und der Feste und des Vergessens, im Sonnenland
eines klugen Rausches...



Der Blumentopf.


Frau Haberland kennt meine Blumenliebhaberei, und so hat sie mir
denn auch gleich nach meiner Ankunft einige Blumentöpfe ins Zimmer
gestellt: eine schlanke Monatsrose, eine Fuchsia mit der Überfülle
ihrer schlanken tiefroten Blütentropfen, ein Heliotrop und vor allen
Dingen ein gewaltiges Geranium mit recht knallroten, bauernfröhlichen
Blütendolden, daß es eine wahre Herrlichkeit ist.

Der Asch dieses Geraniums ist einigermaßen merkwürdig: nämlich in
Bezug auf seine Farben. Zwar reichlich die Hälfte zeigt die natürliche
rotgelbe Thonfärbung: die andere aber ist um so interessanter. Da muß
wohl mal Farbe auf dem Topf gewesen sein. Freilich hat sich nur noch
ein geringer Rest davon erhalten. Denn nicht nur, daß, wie bereits
gesagt, die obere Hälfte des Topfes infolge irgend welcher Einflüsse
seine Naturfarbe völlig wiederbekommen hat: auch von unten her ist die
ehemals aufgetragene, ein lichtes Himmelblau, von Schimmel und feuchtem
Schmutz verdrängt, der sich in die Poren des Asches hineingefressen.
Das Weißgrau des Schimmels aber ist noch über das Schwarzgrau des
Schmutzes, der in breiten Streifen rings um den Asch liegt und dem es
allerlei Nüancen gegeben, hinausgedrungen, hat den Rest des schnurrig
gezackten ursprünglichen Blau verschont und sich nur in ein paar matten
Säumen, Tüpfelchen und Pünktchen um seine Ränder gelegt.

       *       *       *       *       *

Ja, und nun mußt du frei sein von allem, was dir Sorgen und Gedanken
macht und mußt das Auge haben, das nichts will und nichts sieht und
doch etwas hat. Aber der bewußte Gedanke hat nichts durch das Auge.
Es ist kein Gedanke vorhanden. -- Ich las von den Roßhirten der
Pußta. Stundenlang können sie, wenn sie feiern, hingenommen von der
stummen Melancholie der weiten Ebene, auf demselben Flecke sitzen, in
den hellen Mondnächten, ums Feuer herum. Sie rühren kaum ein Glied,
sprechen kein Wort, sitzen nur so da in einer vollkommen animalischen
Ruhe und sehen ins Ungewisse, gleichsam wie die Hasen mit offenen Augen
schlafend. -- So mußt du sein. Nicht starren dürfen deine Augen. Sie
müssen ruhen, ruhen in einer seltsamen Müdigkeit. Aber dennoch bist du
so sonderbar wach, und deine Sinne, scheinbar auf nichts gerichtet,
sind einem Verborgenen offen, das sie irgendwie wahrnehmen...

       *       *       *       *       *

Siehst du: jetzt bist du wieder ein kleiner Junge und sitzt auf dem
Fensterbrett, und es ist so wunderbar schönes Wetter. Und du guckst nur
immer, immer in die Höhe, in den schönen, tiefblauen Himmel hinein, in
einen Himmel so tiefblau wie das wundervolle Briefpapier, auf dem dein
Vater seine Geschäftskorrespondenzen zu erledigen pflegte. Und alle
Deine Sinne sind nur ein einziges unsagbares Wohlgefallen an diesem
Blau, an diesem tiefköstlichen Himmelblau...

       *       *       *       *       *

Aber jetzt ist ja gar nicht mehr Tag: es ist eine Nacht im Süden. Nur
ins Endlose dehnt sich noch dieser helle Himmel, und seine wenigen
großen Sterne blitzen in so seltener fremder Pracht. Das ganze Land
aber ist eine einzige weite Ebene, ganz von einem silberblauen
Duft überwebt. Und ein fernes verhaltenes Rauschen der lichten
Meeresbreiten.

Alles ist so einsam, eine so tiefe leuchtende Ruhe.

Aber durch das Einsame, hoch, hoch am klaren Himmel kommt ein Wölkchen
gezogen, ein einziges langes weißes Wölkchen, ein wunderliches
Wölkchen...



Die Dose.


Es ist in der Abenddämmerung. Der rote Sonnenuntergang bringt nur noch
ein letztes rosa Licht ins Zimmer, das schon dunkelt. Eben noch so eine
Ahnung von einem matten, matten rosa Licht. Mein Sofatisch, der vor
dem breiten Pfeiler mitten zwischen den beiden kleinen Fenstern steht,
bekommt kaum einen Schimmer ab. Es liegt nur noch so in den Gardinen.

Ich stehe in der einen Fensterecke und habe die Dose im Auge, die auf
dem Tisch zwischen dem Schreibgerät steht. Es ist eine gelblackierte
Holzdose, ein kleines norwegisches Bauernkunstwerk, eine Schnitzerei,
die ich mir „aus der Kultur“ mit hierhergebracht habe in meine
verspätete Sommerfrische.

Ja, was nur eigentlich? -- Ah ja! -- Was mich mit einem Mal so an dem
Ding fesselt! --

Nun, die Kunst! Die Kunst! -- Die Kunstempfindung! Der Kunstgenuß! --

Es ist sicher schön, wenn man „Kenner“ ist, wenn man das alles auf
Regeln bringen, wenn man sich Rechenschaft geben kann, so und so kommts
zu stande, auf dem und dem beruht die Wirkung, und wenn das so und so
zu stande kommt, ist das und das richtig und das und das verfehlt; und
das wird erst der eigentliche und wahre Kunstgenuß genannt...

Aber wie fern mir das jetzt ist! -- Und ich weiß, was das Beste an der
Kunst ist. Und das ist diese plötzliche Wirkung eines Kunstwerks, der
allererste unsagbare Eindruck, dieser ganz undefinierbare Eindruck, der
Kenner und Laien zwingt und bannt, und den kein Kalkül, keine Kritik,
keine Theorie ermessen kann. Lebendig empfundenes und gebanntes Leben,
das wieder Leben weckt und belebt, tröstet, hebt und so wundersam ins
Weite führt. Das, wo nichts mehr zu sagen ist, als das letzte was
gesagt werden kann und was unantastbare Mystik ist: erhebende reine
Lustempfindung. -- Lustempfindung...

Das ist es: wie diese Arabesken so wundersame Linien in mein Gehirn, in
mein Empfinden ziehen, daß sie wieder in mir werden, was sie in jenem
Bauern waren. Und das ist das Beste an der Kunst und das Notwendige.
Und das ist die Dimension, für die wir ein anderes heimliches
Sinnensystem haben, einen verborgenen Sinn, der das letzte ist, an das
kein Verstand, kein Wort, keine Analyse und keine Theorie heranreicht,
das ewige Aktivum und das letzte wahre Sein.

Haftend an diesen Linien da vor mir, lebe ich im Einzigen und sehe es
mit übersinnlichen Augen.

Und ich sehe einen Pfahlbauern, der Kreise, Schlangenlinien und
Zacken auf ein Thongefäß malt und stehe vor dem Mysterium erster
Kunstbethätigung.

Ja, und stehe so da in diesem rosa Abendlicht und sehe die Dose und bin
-- Harmonie...



Herbstblumen.


Die letzten schönen Herbsttage sind im Land. Wie bin ich beglückt, sie
in dieser schönen Weltabgeschiedenheit verbringen zu dürfen! --

So gegen Mittag hin, wenn die Sonne fast im Zenith steht, nehm’ ich
ein Buch unter den Arm, schreite zwischen dem behaglich gackernden
Hühnervolk hin über den kleinen Hof und steige die sechs rissigen
Kalksteinstufen neben der Scheune in die Höhe, die zu der kleinen
Holzgatterthür hinaufführen, durch die ich in den Hausgarten gelange.

Etwa ein Morgen Land hinter der Scheune. Zur Hälfte Gras- und
Obstgarten, zur anderen Hälfte Gemüse- und Blumengarten. Eine dichte
Rotdornhecke grenzt den Garten gegen das freie Hügelland ab hinter dem
Haus. Die graugelbe Lehmwand der Scheune ist fast gänzlich von Weinlaub
überwuchert. Die Fülle der gelblich-grünen und blauen Weintrauben lugt
daraus hervor.

Mit einer milden Helle schimmert das Licht auf dem Gras, auf dem
gelbenden Laub, auf dem letzten Blumenflor des Jahres. Eine köstlich
linde Wärme. Und kein Lüftchen regt sich. Man hört nur die Laute
des Geflügels vorn vom Hof her, oder den dumpfen Fall eines Apfels,
einer Birne, einer Pflaume in das Gras. Oder das Rucken, Gurren und
Flügelklatschen der Tauben auf dem Scheunendach.

Mein Lieblingsplatz ist die Pfeifenkrautlaube hinten im Gemüsegarten,
denn da kann sich mein Auge so recht an den vielen Blumen erfreuen.
Grüngestrichene Lattenbänke stehen um einen Baumstumpf herum, auf dem
ein ausrangierter Mühlstein befestigt ist. Das ist der Tisch. Durch
das dichte Gewirr der breiten Blätter dringen die feinen Sonnenstrahlen.

Man läßt sich nieder und in den vielen Pausen zwischen seiner Lektüre
blickt man vor sich hin in den Garten...

       *       *       *       *       *

Da ist zuerst, wie ein hoher Zaun gegen den Obstgarten hin, die lange
Reihe der Sonnenblumen. Ihre mächtigen Blütenscheiben mit dem braunen
Rund ihrer Körner, um das die gelben Blütenblätter flammen, hängen
schwer an den dicken Stengeln nieder. -- Dieses prächtige Gelb leuchten
zu sehen!... Drunter, über ein Beet hin kriechen die Kürbisranken mit
dem Blaugrün ihrer großen Blätter, zwischen denen die hellgoldgelben
Blütenglocken hervorschimmern. Dann ruht der Blick auf den Gemüsebeeten
mit ihren Kohlstauden. Die eigentliche Pracht des Gartens aber
entfaltet sich auf den Rabatten, die sich an den Buchsbaumeinfassungen
der Kieswege hinziehen.

Hier glüht die dunkle Herrlichkeit der braunroten Georginen, der Rosen
der Jahreszeit. Hier blinken die weißen und gelben: alle mit diesen
zierlichen Trichtern ihrer Blütenblätter. Minutenlang können sie einen
bannen, daß man schier weiter nichts denkt, nichts fühlt, als diesen
wunderbaren Farbeneindruck. Die letzten Falter taumeln drüber hin. Auch
ein prächtiger Schwalbenschwanz hat sich von den grünen Kalkhügeln über
die Hecke hier herüber verloren.

Und dann ragen da die hellvioletten Nachtviolen, und mit seidigem
Glanz dämmern die dunklen Stäudchen der Heliotropen. Und die vielen
Sterne der blauen, weißen, violetten und roten Astern; Geranien, weiße
Kamillen, gelbe Studentenblumen, Strohblumen und die letzten Nelken.
Sie duften nicht mehr: aber der ganze Gartenwinkel ist bunt wie ein
Tuschkasten, und die liebe Sonne hat eine herzhafte Lust, all diese
vielen Farben so recht licht und fröhlich leuchten zu lassen.

       *       *       *       *       *

Es überkommt einen so eine freundliche Müdigkeit. Diese linde,
lächelnde Herbstmüdigkeit, mit der all das Sommerleben ringsum in den
nahenden Winter hinüberschlummert, teilt sich einem mit. Und dies
Gefühl wertet so eigen heimisch und weise mit still erdämmernden
Gedanken das Leben. Das hoffende Erwachen des Frühlings, wo das junge
Leben mit strotzenden Zellen so dumm-fröhlich sich dem nahenden
Lichte zudehnt und sich vor Neugier und Ungeduld in seiner ersten
täppischen Frische nicht zu lassen weiß. Und dann steht das uralte,
zeugende, nährende, reifende Rund auf der Mittagshöhe des Jahres
und die Zeit der Erfüllung ist da. -- Sommerglück! -- Heißes,
jubelndes Sommersonnenglück! -- Blüht, prangt, jauchzt in hundert
und aberhundert heißen Farben! Duftet und jubelt! Und tausendfältig
üppige Reife! -- Aber Licht, zu viel Licht, zu viel heißes Glück
und Überschwang des Lebens; an den grellen Tagen, in den warmen
sternfunkelnden Nächten. Und in all dem Jubel stöhnt leise der Schmerz
allzudrückender Fülle und grollt und brüllt sein süßes Leid aus in
dunklen Gewitterstürmen.

O, diese köstliche lächelnde Müdigkeit nun, die an Schlummer denkt
und Ruhe; diese Betäubung in Erinnerungen all des treibenden,
heißen, glühenden Lebens, dessen letzte Farben blinken in diesem
freundlich-heitern, mild-müden Glanz! --

       *       *       *       *       *

Eine dieser dunklen Georginen liegt vor mir auf dem grauen Stein mitten
zwischen bernsteingelbem Weinlaub.

Sie nimmt sich aus wie ein dunkelrubinrotes Kristallgebilde. Auf dem
Grund ihrer Blütentrichter vertieft sich die etwas hellere Farbe ihrer
Ränder und Spitzen ins schwärzlich-dunkelrote, blauviolette hinein. --
Wie die Farbe eines mystisch-dunklen Auges, das einen so eigentümlich
bannt mit einer Stille, von der man mit irgend einem heimlichen
inneren Sinne weiß und ahnt, daß sie die unendliche Rastlosigkeit
unmeßbarer Vibrationen bedeutet... Gebändigte Leidenschaft, gezähmte,
selbstbewahrte, konzentrierte, kluge Freude. Aller Freude, aller
Weisheit und alles Wissens von tiefstem Leid und hellster Lust trächtig
und ihrer Einheit ein Symbol...

Ich erinnere mich plötzlich an ein Grabmal oben auf unserm Friedhof.
Ein hochschlanker Stein in der Form eines oben abgeplatteten Obelisken,
von dem in steifen feierlichen Falten ein goldumfranztes Gewand
herniederhängt. An der einen Seite ist die Schlange herausgemeisselt,
die kreisrunde Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ich ahne mehr,
als daß ich’s weiß und mir erklären kann, wie ich gerade zu dieser
Erinnerung komme. -- Und ich beginne mit diesem dunkel verstehenden
Ohr auf all die unsagbaren Gewißheiten zu lauschen, von denen dieses
Ahnen spricht und deren es trächtig ist, dieses Ahnen, das nicht mit
abgemessenen Worten spricht und geformten Gedanken; dieses Ahnen, ein
unerschöpflicher Urborn all der verkündeten geoffenbarten, in Worte
gefaßten Weisheiten von Urbeginn...

Die dunkle Georgine...

       *       *       *       *       *

Die Heliotropen...

Mit den tiefsatten Farben ihrer krausrunden Blätter und ihren feinen
Dolden, zwischen denen hier und da ein helleres Weißblau hervorblickt,
wenden sie sich der Sonne zu. -- Ich habe mir zuhause ein solches
Stäudchen auf ein Stück schwarzen Sammetes sticken lassen und mir diese
Stickerei über den Schreibtisch gehängt.

Die hohen Sonnenrosen wenden sich lauter und greller zum Licht,
indessen diese violetten Dolden in ihrer bescheidenen Verborgenheit
still eine süße Sehnsucht hauchen.

Eine Sehnsucht, für die bald die feuchten Herbststürme brausen werden...

Eine Sehnsucht, die bald ihren Frieden finden wird unter dem blanken
Winterschnee...

Die Heliotropen...

       *       *       *       *       *

Aber diese unverwüstlichen Geranien!...

Leuchten das ganze Jahr mit diesen grellfröhlichen Bauernfarben.

Letzt vergangenen Sonntag haben wir Erntefest gefeiert. Im
Gasthaussaal gab’s natürlich Tanzvergnügen. Diese Bauerndirnen alle
und Ackerbürgermädchen in ihren grellen, hellfarbigen Kleidern.
Klatschrosenrot und cyanenblau... Und oben auf der engen Gallerie
siedelten, flöteten und trompeteten die Musikanten, unten aber
rauschte und jauchzte die junge Lust und stampfte, drehte sich,
schleifte und wirbelte und wurde nicht müde.

Die Geranien...

       *       *       *       *       *

Und die Astern! -- Die Herbststerne! --

Sie beginnen schon welk zu werden, und die weißen bekommen
hellgelb-braune Spitzen an ihren vielen schmalen Blütenstrahlen.

Die kühlen Nächte mit ihren bleichen Sternen und huschenden
Mondlichtern, wenn der Wind über die Hügel und die fahlen Stoppelfelder
kommt, um das Haus weht und im Rauchfang singt! --

Das erste Frösteln dieser Nächte und Abende, wenn die ersten Bratäpfel
in die Gespräche bei der Lampe zischen und mit ihrem Duft das warme
Zimmer erfüllen.

Das Gekrissel der Astern mit ihren welkenden Farben in diesem müden,
linden Sonnenlicht! --

Weißgraue Wolken treiben sich da drüben am Himmel umher, schleichen und
schieben sich dicht über den fernen Rand der kahlen Felder hin, von
denen der scharfe Rauch der ersten Kartoffelfeuer herüberweht. Bald
werden sie sich zusammenschieben und ihr trübes gleichmäßiges Grau über
den ganzen Himmel ziehen, aus dem der unaufhörliche Regen den ganzen
Tag über herniedernäßt, wenn der letzte Apfel, die letzte Birne vorn in
der Obstkammer liegt. Dann erlöschen diese letzten freundlichen Farben
in ein schmutziges Braun der Verwesung in der feuchten Einsamkeit hier
draußen! Und bald glitzern die feinen Sternchen des ersten Reifes.

Die Astern...

       *       *       *       *       *

Die Nachtviolen...

Leise schwanken ihre lichtvioletten Dolden und taumeln in diesem
sanften Lichtrausch auf ihren schwanken Stengeln, an denen sich Blatt
an Blatt fiedert.

Es ist Abend. Einer dieser schönen, hellen Mondabende, die wir jetzt
haben, und in denen sich’s immer noch hier draußen aushalten läßt.

Alles ist still. Über den Obstbäumen steht die Scheibe des zunehmenden
Mondes, der nun bald voll sein wird. Alle Farben sind in seinem
bleichen Lichte erblaßt. Nur das Schwarzbraun des Scheunendaches und
das Schwarzgrün der Bäume mit dem blassen stillen Lichtschimmer, der in
Flächen draufliegt, sich kraus über das Laub breitet.

Die Hunde kläffen, das Käuzchen ruft und der Nachtwächter tutet in sein
Horn.

Die schlanken Stengel ragen ganz still, und auf ihnen geistern die
Dolden und glimmen in einer blassen nebligen Farbe. In der tiefen Ruhe
lauschen die alten Sagen und Kunkelmärchen mit blassen, irren Augen
unterm Mond. -- Dann kreist die Geisterlaterne zwischen dem Bergland um
den Galgenhügel, und die Nachtluft geht wie mit Stimmen.

Die Nachtviolen.

       *       *       *       *       *

Die gelben Studentennelken...

Richtig! Daß ich’s heut abend bei Leibe nicht versäume in den „goldenen
Stern“ zu gehen! -- Des Herrn Bürgermeister dicker Haussohn ist da,
der im siebenten Semester _utriusque juris_ beflissen ist und nächstens
seinen Referendar „deichseln“ wird. -- Ich werde mit an dem runden
Stammtisch sitzen, im Kreis der Herren Honoratioren und mit dem Herrn
_cand. jur._ „übers Kreuz“ und „aufs Speziellste sine Löffelung“ trinken
und mir von ihm ein bißchen was vorrenommieren lassen.

Ich sehe schon seine kleinen, etwas stumpfsinnigen, wasserblauen
Äugelchen, die in den runden Hängebacken verschwinden wollen, auf
denen die drei prächtigen „Durchzieher“ wie drei Röslein glühen. Und
höchstwahrscheinlich werde ich schändlicher Weise mit ihm und seinem
Papa einen soliden Dauerskat „kloppen“...

Das sind hier so meine kleinen kleinstädtischen Herbstabendfreuden mit
der stillen Behäbigkeit ihres Philistertums. Man raucht seine Cigarre
und trinkt sich nach dem kostbaren Nichtsthun des lieben langen Tages
dieser letzten Herbstsommerfrische „die nötige Bettschwere an“... Nun!
--

Die gelben Studentenblumen...

       *       *       *       *       *

Eins, zwei, drei... Eins, zwei, drei...

In der Scheune wird der Roggen ausgedroschen. Gegen den Hof hin sind
die beiden Thorflügel weit geöffnet. Im staubwimmelnden Halblicht
stehen in Hemdärmeln die drei Drescher und schwingen im Takt ihre
Flegel. Auf den Speichern aber hantieren ihre Weiber, grellbunte
Staubtücher um die Haare geknüpft, und werfen ihnen die frischen Garben
zu. Draußen vor dem Thor giebt’s ein emsiges Durcheinander von Hühnern,
Enten, Tauben und Spatzen.

Am schönsten aber wird das alles erst, wenn der erste Schnee gefallen
ist. Winter! --

    Der schönste Cherub kommt.
    Mit weitweißen
    Weichen Schwingen
    Schimmert er durchs Dunkel;
    Kalt, starr und grausig
    Und -- süß wie der Wille Gottes,
    Heimatliederumraunt ...



Weltspiel.


Ich durchblätterte einen alten Jahrgang des „~Graphic~“, den
mir der Aktuar geliehen und es fiel mir auf, daß kaum in einer
anderen mir bekannten Zeitschrift so viel Haupt- und Staatsaktionen,
Regierungsakte, Völker- und Sittenbeschreibungen, Kriegsberichte,
Ereignisse zu Wasser und Land in Wort und Bild berichtet und
geschildert sind, als in diesem „Graphic“.

Als ich den Band, nachdem ich mir seine Illustrationen besehen und
dies und jenes gelesen, beiseite legte, befand ich mich in einer ganz
eigenartigen Stimmung. Und ich fühlte, wie in ihr sich eine Reihe sehr
naheliegender, durch Anschauung und Lektüre angeregter Gedankengänge
gleichsam bildlich verdichtete, gleichsam zu einer Vision oder vielmehr
zu so etwas, was ich fast eine Vision nennen könnte... denn es war kein
deutliches Bild, mit den ganz bestimmten plastischen Eigenschaften
eines solchen, sondern mehr das Gefühl eines eigentlich Undefinierbaren
und Unbeschreiblichen, für das sich dennoch aber ein bildliches Symbol
etwa in einem unablässig fluktuierenden Kristallisationsprozeß finden
ließe. --

Mir war, als wenn das alles ein höchst eigenartiges konzentrierendes
Denken sei, das Alles Einzelne unwillkürlich immer zu einer Einheit
führt und in einem engen Zusammenhange mit dieser Einheit erkennt, so
wie der religiöse Mensch alles auf Gott zurückführt und in allem Gott
erkennt und ihn etwa als ein fortwährend und beständig sich zugleich
bildendes und lösendes Allcentrum anerkennt, fühlt und glaubt, ein
Centrum in diesem fortwährenden Sichbilden und zugleich Sichlösen ewig
und unvergänglich und mit diesen beiden parallelen Eigenschaften eine
Einheit. --

Das sah ein Fühlen, das... Ja, was könnte da gesagt werden...

       *       *       *       *       *

Nun spielt sich’s aus einer, ich möchte sagen, gleichsam mathematischen
inneren Anschauung ins Menschliche, Organische, in den Bereich des
Geformt-Körperlichen, kommt es näher, kommt Er näher, oder Es --, ein
doppeltes in einer Einheit, eine zwiefache Einheit, das Widerspiel und
Ineinanderspiel des Männlichen und Weiblichen in Einem. -- --

Das Denken der Menschheit hat durch Milliarden von Generationen Gott
gesucht, um immer deutlicher zu erkennen, daß sein Ziel nur die
Menschheit selbst ist, und im letzten Grunde wieder das Individuum,
aber nicht bloß das menschliche, sondern das Individuum überhaupt, und
der Mensch als Individuum.

Und was ist das, dieses Individuum? Ein sich Bildendes, Wandelndes,
dunkel Wollendes; eine -- _causa movens_? Ein... das letzte Rätsel! --
Das Unenthüllbare!...

       *       *       *       *       *

Staatsaktionen, Herrscher, tägliches Lebensspiel ...

Wie denn nur? -- Alles hat seine Würde, und alles ist doch ein
Gleitendes, Fließendes.

Ich sitze immer nur vor diesem einen Strudel und sehe immer nur dieses
sein Kreisen...

Ich sehe ein ungeheures Netz. Worte und Werte seine Knoten. Die ewigen
dunklen festen Runen, das Geistige... Und alles, alles wird Wort, und
ist...

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das
Wort“...

       *       *       *       *       *

Da ist ein Bild in meinem „~Graphic~“.

Unterschrift: „_The expulsion of the Jesuits from France. -- Inside
the convent. -- The Commissary of police reading the decree of
expulsion before breaking open the inner door._“

Die gehalten-bestimmte, höflich-liebenswürdige Haltung der Beamten;
das finstere, mürrisch-erstaunte und betroffene und doch haltungsvolle
Gesicht der Patres. Die Beamten fragen und machen ihre Notizen.

Man respektiert sich und vollbringt möglichst gelassen das --
Notwendige...

Fertige, alte, kluge Zeit.



Ruhe.


Wie man sich immer wieder balanciert. --

Ich war heute sehr unruhig; irgend ein Zustand von grauester, fadester
Blasiertheit. -- Bloß, irgend etwas fängt an, ihn zu betrachten. Mit
einer so mystischen, eisigen Gelassenheit...

Und plötzlich beginnt mich eine Erinnerung wieder für das
Gegenständliche, für die „Welt der Erscheinungen“ um mich herum zu
erwärmen ...

Es ist doch sonderbar! -- Man ist wie ein Kind... Die Kinder haben oft
solche Anfälle von Flauheit, wo sie nicht wissen, was sie wollen, --
ich erinnere mich zuverlässig --; man schwingt ihnen dann meinetwegen
eine Klapper vor dem Gesicht umher, bis... &c. &c.

Hm! -- Na ja! --

Es war in einem Hotelzimmer.

Eine fieberwache Nacht. Halbschlummer. Quälende Träume. Zahnschmerzen.

Nein! Das kann der Satan noch aushalten! --

Ruhe! Ruhe! Ruhe! -- Aufstehen! --

Ich steige aus dem Bett, kleide mich notdürftig an, entfache das
elektrische Licht und laufe, die Shagpfeife im Mundwinkel, auf und ab.

Das Winterzwielicht fröstelt im Zimmer, mit Mühe ein wenig von der
Helle des elektrischen Drahtes erwärmt. Die Uhr tickert auf dem
Nachttischchen. Mein Gott, erst halb acht! --...

Ah! Ruhe! --

Ah! --

Dieses Bild, nur dieses Bild! Dieses einzige Bild, von den Ruten des
hohen Fensters umrahmt, in seiner zarten alabasternen Schönheit und
doch in der Tiefe seiner ganzen Mystik!...

Halb unbewußt und nebenbei hat es in mir für den Bruchteil eines
Augenblickes konstatiert, daß sie durch den Gegensatz der elektrischen
Helle im Zimmer und der Dämmerung des beginnenden Morgengrauens
hervorgebracht wird: aber nun gehör’ ich ihr ganz und völlig. -- Und
physischer Schmerz, Unruhe und alles, alles wird Auge und hält und
umfaßt, versteht, versinkt in diesen Anblick, in die gedankenlose, so
köstlich unrastfreie Stille dieses Anblicks. --

       *       *       *       *       *

Ja, und es ist doch nun weiter gar nichts Besonderes dabei; es ist bloß
dieses Land unten vorm Fenster. -- Es ist nichts, als der Gegensatz
und das Zueinander dieser leise verhüllten, weich zarten Himmelsbläue,
dieser Bläue, die eigentlich eine graue Schicht von Schneegewölk ist,
das über Nacht den Himmel überzogen, und die nur dem Gegensatz des
erhellten Zimmers ihr Vorhandensein verdankt, dieser Bläue und dieser
weiten graugrünen Rasenflächen.

Aber da drüben, an der Grenze, dieses stille Kleinspiel. Der Strich
der Chaussee mit den Silhouetten ihrer Telegraphenstangen und dem
nackten schwarzen Geästel ihrer Kirschbäume. Und die Laternen, die,
soweit die Chaussee Fortsetzung der Vorstadtstraße bedeutet, in
weiten Abständen ragend, noch brennen. Drüben, auf der anderen Seite,
jenseits der Chaussee dehnt sich die Vorstadt; dunkel, schwarz, mit
den pittoresken Umrissen ihrer Häusermasse in dieses tiefe Himmelsblau
einer italienischen Sommernacht hinein. -- Ein paar müde Lichtpunkte
dazwischen: erhellte Fenster. Einige grellere; drei, vier, fünf in
einer Reihe: Straßenlaternen. -- Links die vier Schornsteine des
Eisenwerkes, von denen sich feine dünne Rauchsäulen seitab kräuseln.
Die Fenster der Fabrikräume sind schon erhellt; aber dieser Schimmer
ihrer Vierecke, die matt wie große Perlmutterfourniere aus dem
Halblicht dieses ersten Morgengrauens hervordämmern, erinnert noch mit
nichts an menschliche Thätigkeit. --

       *       *       *       *       *

Daß es nie Tag würde und immer diese Stille bliebe und die beständige
Möglichkeit dieses schmerz- und wunschlosen Versunkenseins, dieser
ruhigen leidfreien Einheit von Innen und Außen! --

Denn hier ist keine Bewegung, stört keine Bewegung, nicht die leiseste.
-- Nur diese eine, einzige, unbeschreibliche Stille, in der selbst
dieses leiseste Kräuseln des Schlotdampfes stockt...

Ah! -- Wie ein leiser feiner Schreck! -- Eine Fahlheit hat sich über
die tief-satte Fülle der Farben gezogen, und dort, von rechts her,
mit ihr, eine erste Bewegung. Kleine, schwarze Schattenrisse kriechen
langsam über das weite Graugrün. Die Karrenschieber, die den Tag über
braunen Humus auf den Rasen fahren. --

Aus!...



Beim Türmer.


Es ist so wunderbar klares, sonnig-mildes Wetter, und das liebe
Himmelsblau ist so frisch und ätherisch: man möchte ein Vogel sein! --
Aber ich besinne mich, daß ich wenigstens wieder mal in die Stadt gehen
und auf den Rathausturm hinaufsteigen kann, zu meinem alten Freund, dem
Türmer. --

Der Rathausturm, der noch dazu erhöht liegt, ist reichlich so hoch
wie der Stadtkirchturm. Er hat auch dieselbe mit schwarzem Schiefer
gedeckte Zwiebelkuppel der alten Jesuitenkirchen, wie man sie von
gleicher Art gegen die Alpen hin im Bayerischen Oberland überall
finden kann. -- Dicht unter der Kuppel hat Meister Schwalbe, der
Türmer, seine Wohnung. Vier Fenster geben den Blick nach allen vier
Himmelsrichtungen hinaus. Auf der einen Seite giebt es einen kleinen
Balkon. -- Man nimmt ein paar Flaschen Bier mit hinauf, wird sich mit
Meister Schwalbe auf den Balkon setzen und was plaudern, indes man den
wunderschönen Ausblick genießt, oder, wenn der Meister gerade Stühle zu
flechten hat, nun! dann kann man sich auch solo hinaussetzen und sich
an der Luft und der Aussicht freuen...

Ich finde Meister Schwalbe zu Hause. Er sitzt in seiner behaglichen
Wohnstube und flechtet Stühle. An der Wand neben dem Kachelofen hängt
das mächtige Tuthorn, mit dem er nach allen vier Himmelsrichtungen die
Feuersbrünste signalisiert.

Köstlich! Das sonnige Zimmer mit seinem kleinbürgerlich sauberen
Hausrat ist ein Idyll! --

Meister Schwalbe, der sein Sechzigstes hinter sich hat, sitzt neben dem
großen Tisch, auf dessen grün auf schwarz geblümtem Wachstuchüberzug
noch das Geschirr und die Überreste des Vesperkaffees stehen. Er hat
seine Hauskappe auf und die Kurzpfeife in seinem graumelierten halb
schalkhaften, halb gelassen-würdevollen Altschäfergesicht und pafft
bedächtig vor sich hin. Im übrigen ist er in seinem Arbeitsornat und
hat die blaue Leinenschürze über die blaugestrickte Wolljacke geknüpft.
Um ihn herum kräuselt sich ein graugelbes Gewölle von Stuhlrohr und vor
sich hat er einen Stuhlsitz, den er neu überflechtet. -- Sein steifes
Genick dabei! Diese behaglich langsamen aber zwecksicheren Bewegungen!
Diese tiefe, ruhige Kehlbaßstimme, vom Paffen unterbrochen und hin und
wieder ein wenig zischend und brodelnd, weil ihm seine Rauchthätigkeit
den Speichel zusammenzieht ...

Kurz und gut: der prächtige brave alte Meister Schwalbe, Turmwächter,
Stuhlflechter und untrüglicher Wetterprophet! --

Aber mit hinaus kommen wird er erst nachher, wenn er seinen Stuhl
fertig hat. Ich mache mich auf den Balkon...

       *       *       *       *       *

Da haben wir das ganze Nest, halb Stadt, halb Dorf...

Die Straßenzeilen mit dem Gewinkel ihrer Häuserchen. Die paar Menschen
dazwischen. Schläfriges Geratter von ein paar Lastwagen. Der friedliche
Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Gänsegekreisch.

Der Marktplatz unter mir mit seinem Brunnen und seinem höckerigen
grasdurchwachsenen Pflaster. Die alten Honoratiorenhäuser. -- Liebe
Zeit! wie ist das alles so klein, so still, so mollig, so unpathetisch!
--

Das Gelände draußen mit seinen Feldern, Chausseen, Obstbaumwegen und
glitzernden Gewässern; die Berge mit ihren Wäldern; das Schloß mit
seinen Türmen und Umwallungen aus den dichten herbstlichen Laubmassen
heraus. --

Vogelschaugedanken! --

Sie lenken sich heute mal auf die „Profession“, auf die liebe „Kunst“.
-- Die „_paysage intime_“ von Meister Sommerfeld, des Buchbinders, Hof,
in den ich gerade so recht schön hineingucken kann, giebt ihnen ihre
Richtung.

Natürlich so ein richtiger kleinstädtischer Hof mit dem Idyll seines
ganzen romantisch-pittoresken Kleinkrams. -- Die getünchten Wände
des Wohnhauses und der Stallgebäude mit einem unendlich verzwickten
Gewinkel, mit ihrem närrischen verwitterten Ziegeldachwerke, mit ihren
blaugrauen Holzgallerien, mitgenommen von Wind, Luft, Sonne und Regen.
Der Düngerhaufen, das bunte Hühnervolk, allerlei wunderliches Gerümpel,
Gott! und so weiter.

Ja, wie so allmählich das Pathos stirbt und das _al fresco_ und die
„Höhenkunst“ heutzutage! -- Wie alles intim wird, Farbe, Nüance,
Seele, sich differenziert! -- Wie die liebe Kunst immer heimischer
wird, irdischer, wirklicher! -- Und doch, wie bei allem selbst die
Würde und Bedeutung des „Geringfügigen“ und „Häßlichen“ mehr und mehr
empfunden wird, zu Tage tritt und die Ästhetik immer siegreicher
revolutioniert! -- Wie unsre Kunst aus sich selbst heraus immer
asiatischer, östlicher, fertiger wird! -- Ich denke an einige
japanische Gesichtsmasken, die ich zu Hause habe, und an unsre heutige
Vorliebe für dergleichen Kunstprodukte, und wie wir diese Weise
von Kunstbethätigung immer mehr verstehen lernen. -- Diese Kunst
mit dem ganzen mystischen Zauber ihrer Realistik, ihres fertigen,
alles erraffenden, alles erfühlenden Naturalismus, und wie seine,
des verachteten, identische Wirkung immer eindringlicher wird, denn
alle Entwicklung führt zur Identität. -- Die lyrische Emphase eines
jahrtausendelangen Kulturkampfes läßt nach, wie er sich nach den
letzten Entwicklungsstürmen des Mittelalters immer mehr gefriedigt hat
und seiner Früchte und Erfüllungen froh zu werden beginnt...

       *       *       *       *       *

Ich sitze und spüre nur so, wie köstlich frisch die Luft geht, wie
klar und blau der tiefe Himmel, und fühle den Pulsschlag des Lebens
rings unter meiner Höhe und sehe die Seele dieses kleinen Nestes, die
im Kleinen und Malerisch-Krausen doch so mystisch intim und mannigfach
ist. -- Denn was besagt Alltäglichkeit? Alles ist rätselhaft, alles das
gleiche Problem und dies Problematische ist auch der Untergrund und die
heimliche, schlichte, tiefe Seele moderner Kunstwirkungen...

       *       *       *       *       *

Aber Philosophieren ist uns so über geworden. Es ist ja nun auch
nachgerade seit Jahrhunderten und Jahrtausenden alles, aber auch
geradezu alles zusammenphilosophiert worden. Es kommt einem alles so
rund und so fertig vor. --

Mein lieber Lynkeus, Meister Schwalbe, setzt sich zu mir mit
seiner Pfeife und seinem weisen gelassenen Gesicht, in dem so viel
still-kluger Humor ist, und es ist über alles Philosophieren, wenn wir
vom Wetter sprechen, oder von den lieben Nachbarn, oder was hier und
dort so alles in der Welt passiert. -- Lieber Gott ja: aller Weisheit
Schluß und Anfang ist eben, daß die Leute sich verheiraten, Kinder
kriegen, wirken und sterben von Urbeginn zu Urbeginn...



Die Hyacinthe.


In einem eigens dazu hergerichteten Glas habe ich eine
Hyacinthenzwiebel.

Wie köstlich zu beobachten, wie sich hier die Natur gestaltet! So
schlicht, so still, mit so kräftigem wohligen Behagen.

Zuerst ist es nur die Zwiebel. Aber wie viel Freude, sie zu betrachten,
wie sie da vor mir auf dem Schreibtisch steht, zwischen allerlei
Kleinkram und Erinnerungen, selbst eine liebe Erinnerung.

Das zartfrische Farbenspiel ihrer Schale: in allen feinen und feinsten
Nüancen spielend zwischen Braun, Bläulich, Weiß, Violett und Lila.
Oben ist ein hellgrünes gelbliches Spitzchen, mit der der innerlich
schlummernde treibende Lebenskeim zu erwachen beginnt. Unten viele
feine, lichtweiße Wurzelfaserchen, die sich munter in das Wasser
hinabschlingen.

Die Lust, das unbändige Behagen in diesen Windungen! Das Spreizen
dieser Formen!

Man muß unwillkürlich drüber lachen.

Ich höre ein Kind lallen und gurgeln, sehe es mit seinen Zehchen
spielen, mit seinen dicken Händchen vor sich hingrappsen im süßen
Dämmer seines ersten Seins.

Diese Lust, zu beobachten, Tag für Tag, wie es mehr und mehr erwacht
und wird und wird, seitdem ich es aus der dunklen Schublade hier in
sein Lebenselement gebracht.

Jetzt sind es schon ziemlich lange Blätter. Unten, wo die Kraft
des ersten Keimes die Schale zur Seite gespellt hat, sind sie
hell-gelblich-grün, nach oben ist das Grün bläulicher.

Es sind -- eins, zwei, drei, vier, fünf Blätter.

In ihrer Mitte drängt sich die lichtgrüne Blütendolde keck und
lichtbegierig herauf, zwängt zur Seite, dehnt sich in die Breite und
Höhe mit ihren wasser- und saftstrotzenden Zellen. Und wenn ich genau,
ganz genau hinsehe, dann merke ich, wie leise, leise ihre grünen
Hüllenblättchen sich zu spreizen und zu lösen beginnen, wie es sich
ungeduldig drunter regt und bunt und prächtig hinaus will ins freie,
fröhliche Licht.

Ab und zu hemm’ ich das allzu üppige Wachstum der Blätter, und schneide
ihre Spitzen ab, damit die Blüte an Kraft und Freiheit gewinne.

O, höchstens noch eine Woche: dann jubelt es mir in bunter junger
Herrlichkeit entgegen und mein Zimmer ist des süßen Duftes voll...



Die Fliegen.


Die gute Sonne!

Vor mir auf dem Fensterbrett haben die Fliegen ihr Treiben. Sie
trippeln durcheinander, reiben sich den Hinterleib, fliegen gegen die
Fensterscheibe auf.

Plötzlich kommt mir, ich weiß nicht wie? eine Erinnerung.

Ich sehe den Kirchhof wieder.

Es ist wieder der graue Tag, der mit Regen droht. Im fahlen Licht
stehen die Leidtragenden um das offene Grab herum. Über sie erhöht, auf
der aufgewühlten Lehmerde, hat der Prediger seinen Stand, der Prediger
mit seinen Bäffchen, seinem Talar und seiner hohen Mütze, und spricht
den Segen über den Sarg, der eben mit einem dumpfen Schollern in die
Tiefe verschwunden ist.

Einer nach dem andern tritt heran und läßt seine Handvoll Erde
hinunterplumpen.

Aber das Weib!

Mit einem winselnden Weinen hat sie dagestanden und im verhaltenen
Wahnsinn ihres Leides das Taschentuch zerrissen. Und nun ist sie nicht
mehr zu halten, in diesem letzten, so erbarmungslosen Augenblick.

Mit lautgellender Wehklage ist sie auf das Grab zugestürzt, ist
hineingesprungen und umklammert nun den Sarg.

Es war zum Nievergessen! --

... Mir kommt ein Gedanke.

Behutsam hebe ich die Hand, schlage zu und wage einen Mord.

Geglückt! -- Eine von den Fliegen liegt tot.

Für den ersten Augenblick sind die andern gegen die Fensterscheibe
aufgeflogen; aber bald sind sie wieder zurück. Geschäftig trippeln sie
umher, als wenn nichts geschehen wäre.

Nur eine von ihnen ist auf die tote Spielkameradin gestiegen und hat
für einen Augenblick den Saugrüssel in den Blutstropfen gesenkt, der
aus dem zerquetschten Körperchen gequollen ist, und saugt...



Bornschein.


Drüben an der Mauer liegt Bornschein, der Böttcher, wieder einmal
stockbetrunken. Der Länge nach liegt er unter dem Fliederbusch und die
Nachmittagssonne brennt auf seine Kleider.

Die Nachbarn stehen im Kreis um ihn herum, schütteln die Köpfe,
schwatzen, lachen, haben ihre Unterhaltung und machen ihre
Glossen. Reger ist die liebe Jugend. Sie haben Kiesel und Steine
zusammengetragen und werfen nach seinem Bauch und seinen Beinen. Die
ganze sonnenstille Gasse schallt von ihrem Eifer.

O Phantasie!

Ich bin Bornschein. Mein Gesicht ist breit und gedunsen, mit borstigem
Bart und Kopfhaar, und glüht von Sonne und Alkoholdunst. Und Sonne und
Alkohol glühen durch den seligen Dusel meines Rausches und lallen aus
mir heraus mit dumpfen dunklen Worten in eine wogende flimmernde Welt
von wunderlich verworrenen Gestalten und Lauten.

Meine armen thörichten Atome lechzen nach Kühlung. Langsam, automatisch
regt sich ein Arm, zuckt ein Bein, von einem Kiesel getroffen.

Kühlung! Wie ein fernes Bedürfnis ist es in mir, ein Bedürfnis meiner
klugen Sinne, meines Lebenswillens, von dem meine Seele doch fern ist.
Ein Bedürfnis und keins...

Aber wie ich hier oben zwischen den roten Geranien hindurch zu mir da
drüben hinüberluge, schreit meine arme Seele nach Wasser, nach Wasser...

O ewige Vernunft!

Drüben öffnet sich die Thür, schadenfroh und flachshaarig tritt ein
lachendes Mitleid mit einem vollen, triefenden Wassereimer auf die
Straße. Friedrich, der Hausknecht vom „goldenen Adler“.

Und nun: den Eimerring in der Linken! Die breite, braune Rechte packt
den Boden, kippt... Brrr!...

Gottseidank!

Bornschein trieft und zuckt wohlig wie ein Aal in der Fischwanne und --
schimpft. -- Undank ist der Welt Lohn! -- Aber die „Welt“ ist diesmal
über Undank erhaben. Die Nachbarn lachen und die liebe Jugend brüllt
Halloh.

Ich atme auf, hier in meinem Blumenwinkel, und denke in meinem lieben
Herzen, wie alles in dieser herrlichen Welt, selbst Bornscheins Atome,
bis in meine liebe verwünschte Einbildung hinein, hat, was es bedarf.
--



Bibellektüre.


1. Incarnation.

Seit einigen Tagen les’ ich die Bibel. Das Exemplar, das Frau Haberland
in ihrem Glasschrank hat. Es ist eine schöne alte Familienbibel, in
Quartformat, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, ein wahrer
Koloß, solid in braunes Leder gebunden, mit zwei Messingverschlüssen,
jeder eine Figur, ein Apostel wohl oder so etwas. -- Dieser Duft,
dieses dicke vergilbte Papier, diese großen fetten Lettern und die
Familienchronik mit ihrer altfränkischen Schnörkelschrift gaben
mir wieder mal den Geschmack für diese Lektüre. -- Die Madame war
so liebenswürdig, mir das ehrwürdige Monstrum anzuvertrauen, und
nun vergeht selten ein Tag, an dem ich nicht über diesen braven
altväterlichen Holzschnitten und diesen köstlichen Drucktypen säße und
mein Pensum erledigte.

Wenn’s das Wetter irgend erlaubt, sitz’ ich dabei am liebsten hinten
im Garten, in der Pfeifenkrautlaube. Vornehmlich bei der Lektüre
der Patriarchenhistorien war es die beste Umgebung. Man sieht über
die Rotdornhecke hinweg auf die Hügel, und da hat denn wohl die
große Schafherde von der Schloßdomäne ihr Wesen; man hört die gelben
Wolfshunde kläffen, man hört das Trappeln und Rauschen der erschreckten
Tiere, die von ihnen beieinander gehalten werden. Man gewahrt die
Gestalt des Schäfers in seinem langen blauen Schoßrock mit den blanken
Knöpfen und dem breiten Lederriemen, mit seinem altfränkischen Filzhut
und seinem langen Schlenderstock, man hört seine Zurufe und wie er
auf die Hunde schilt. Laban und Jakob, Joseph und David. -- Oder man
hört die Laute des Geflügels, der Haustiere, Pferdewiehern aus der
Nachbarschaft oder das Brüllen der Kühe...

       *       *       *       *       *

Gegenwärtig bin ich bei den Propheten, und da kommen mir so allerlei
Gedanken und Betrachtungen; Gedanken und Betrachtungen, mit denen
ich mich meinem goldenen Freigeist, dem Herrn Aktuarius Nerrlich,
nicht anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, wegen einer
bedenklich reaktionären Rechtsschwenkung seiner mir so werten
Freundschaft verlustig zu gehen; denn es sind nicht nur diese ersten
Kindheitserinnerungen, die da in diesen Lesestunden mit lebendig
werden, auch nicht bloß und lediglich so etwas wie Feinschmeckerei
und „historischer Standpunkt“, obgleich das alles natürlich mit
unterläuft: nein, es ist auch noch etwas Anderes. Denn das ist nun so:
jedes gute und bedeutsame Buch hat seine ewig frische und lebendige
Wirkung, und die bedeutendsten variieren ja nur immer wieder den einen
ewigen und gleichen Text. -- So will mir zum Beispiel auch keinerlei
rationalistische Exegese an die alten Sagen und Wundermärchen heran.
Ein feinerer Sinn spürt das Wunder der Wunder hinter ihrer ehrwürdigen
Symbolik und staunt aus einem modern-differenzierten Verständnis der
Lebens- und Naturvorgänge heraus, das uns gerade wieder die Ergebnisse
der neuzeitigen Wissenschaften, und nicht zum wenigsten der exakten,
gebracht, über die tiefe Lebensweisheit, welche sich in diese Symbole
verdichtet hat.

Ich komme von der Lektüre psychophysiologischer Bücher; man hat
als Mensch der Neuzeit neben allen geistigen Zuflüssen seine
Nervenerfahrungen, und weiter hat der ringende Geist Alterfahrenes
und Frühvertrautes, Einflüsse und Eindrücke erster Jugendzeit und
ihren unverwüstlichen Gehalt, der sich allen Anstürmen einer
materialistisch-kritischen Durchgangsperiode zum Trotz aus all ihren
Entwicklungswehen heraus behauptet hat, mit den neuen Ergebnissen
vereinbart: wie eigen mutet einen da diese Lektüre an! -- Und um so
fühlbarer und eindringlicher ist ihre Ehrwürdigkeit, je tiefer man
spürt, wie die eine und gleiche Wahrheit immer nur wieder in Symbole
sich fassen läßt...

       *       *       *       *       *

Ja, diese Propheten!

Es fällt einem so ein, was die alten Kirchenlehrer von Erwählung,
Berufung, Prädestination geschrieben, oder etwa Platon von den Ideen,
von der Annamnese, man gedenkt der Lehren der Veden und des Buddhismus,
was bei den Pythagoräern als Metempsychose wieder auftauchte, und
wie diese bereits bei den Egyptern gelehrt war, man berücksichtigt
etwa den Zusammenhang von alledem, sieht sich etwa auch mit genauen
Augen und mit so einem stillen Ahnen die neue Wissenschaft und die
Entwicklungslehre des Darwinismus an, in der so unendlich viel
Möglichkeiten und Urwurzeln von Ideenverbindungen schlummern, die
einen, wie sie in ungewissen Umrissen auftauchen, so verwunderlich an
uralte Weisheits- und Weltbetrachtungsergebnisse erinnern und einen
mystischen und urnotwendigen Zusammenhang menschlicher Weisheit neu
bezeugen: mit alledem betrachtet man diese Propheten.

Man gewahrt ihr Pathos, in dem in ewig staunenswerter Mystik
unterbewußte geheime Gedankenverknüpfungen und wohlverwahrte
ewige Erfahrungen sich dichten, in dem sie mit ekstatischer Macht
hervorbrechen; und nun will man das Geheimnis nicht erklären -- man
kann das in seinem letzten Grund Unerklärliche nicht erklären -- man
fühlt es und fühlend besitzt man, weiß man, mit einem geheimen,
unmittelbaren, identischen Wissen. -- Denn was heißt das, wenn ich
mir etwa diese Gewaltigen und ihr Wirken zu einem Teil pathologisch
erkläre? -- Erkläre! -- Was heißt das, wenn ich sage, Mohamed war
ein Epileptiker? Wohl, aber wenn ich mir jene ehrfürchtigen Begriffe
der Alten in ihrer schlichten und doch so tiefen und sinnreichen
Bescheidenheit vergegenwärtige, etwa die Begriffe der Erwählung oder
der Incarnation, so verstehe ich mit einem so mächtig konzentrischen
Verständnis. ---

       *       *       *       *       *

Incarnation! --

Es ist ein frischer Herbstvormittag. Ein gleißendes Sonnengold leuchtet
über den Hügeln. Mit einer mächtigen Energie, in gewaltigen Linien,
mit breiten Flächen, in gigantisch-majestätischen Wölbungen ballt
sich, schiebt sich, schießt ein weißes Gewölk vom Horizont auf über
das klare Blau. Luftströmungen mit ihrem unaufhörlichen Rauschen
und Sausen gehen durch die Feiertagsstille der Frühe. Innerlichst
belebt und hingenommen von dem Rhythmus dieser gewaltigen Perioden
mit der eindringlichen, schlichten und doch so mächtigen Energie
ihres Gefüges, dieses _Parallelismus membrorum_ althebräischer Poesie,
wend’ ich überwältigt mein Gesicht von den Zeilen in die Höhe, und
meine Sinne richten sich unter dem Zwang dieser Lektüre über das
kunterbunte Kleinleben meiner Umgebung hinweg wie unter dem Einfluß
einer heimlichen magischen Gewalt, die Gleiches dem Gleichen eint,
unwillkürlich hinüber zu den weiten freien Linien des Berglandes, den
gewaltigen des Gewölkes, zu diesem monotonen großen Akkord der bewegten
Lüfte. -- Der Sturm! „Du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wohin
er geht, aber du hörest sein Sausen wohl.“ --

Und wie ich sehe und höre, unwillkürlich, hingenommen, ganz ein
einziges, großes, gesteigertes Empfinden, in dem meine Nerven feiner
und subtiler aufnehmen und reagieren, beleben und vertiefen sich so
eigen meine Wahrnehmungen, und fast wie in einer undefinierbaren
Raumdimension, die in irgend einem Punkt, in irgend einer Weise
eine mystische Einheit ist von drinnen und draußen, -- mein
Persönlichkeitsbewußtsein ist in ihr halb entschlummert -- regt es
sich in einer unsagbaren Weise und flüstert einem Verständnis in mir,
das versteht, ohne Worte zu hören. Und irgendwie ist Wolkengebilde,
Windströmung, Berglinie, Farbe und Form, auf die mein dämmerndes
Bewußtsein nicht achtet und die es doch hat, gleich und eins mit
Blutwallung, Vibrieren des Nervenfluidums, Muskelbewegung und
irgendwie Offenbarung und Mitteilung, Werden. -- Und in einem stillen
Zeugungsakt dieser geheimsten Bewegung, die irgendwie in unmeßbaren,
millionenfachen Vibrationen flirrt, gebiert sich, ringt sich dunkel ein
Wort los, ein Wort, ein Ur-Keim- und Kernwort, das sich zu entfalten
beginnt, in Ideen- und Gedankenfolgen sich entfaltet zu einer ganzen
Dichtung...

Incarnation! --

       *       *       *       *       *

Und nun versteh’ ich aus dem Eigensten und vergegenwärtige mir und sehe.

Jene Großen gewahrten eine Not ihres Volkes, spürten sie wohl in
eigensten und individuellsten Schicksalen. Sie bemächtigte sich
ihrer schauenden reflektierenden Seele, und aus dem Getriebe des
sie umgebenden Kleinlebens begaben sie sich wohl in die Einsamkeit
der Wüste, die Stimme des Einen zu hören, und rangen in der zähen
Willensenergie ihres Volkes nach dem Wort und Willen Jehovahs, rangen
nach dem Urwort, das Licht bringt. Und sie gingen auf in ~Ihm~,
waren in ihren Ekstasen, in Fasten und Entbehrungen, in den Krämpfen
ihres mächtig ringenden Willens eins mit ~Ihm~; und ~Er~ war die
große Natur in der gewaltigen Monotonie ihrer Öde, die sie umgab
und auf sie wirkte, Er war die Schicksale ihres Volkes, die sich
jenen äußeren Naturerscheinungen wieder innig verknüpften und eins
ihrer differenzierteren Ergebnisse waren, Er war ihre individuellen
Schicksale, Erlebnisse und Fähigkeiten, die wieder eins in jenen
und eins im Einen und Gleichen, und Er war ihr Körper mit der
Thätigkeit der Muskeln, Eingeweide, Nerven, seines mächtigen Gehirns,
dieser Körper, dieses Gehirn ein Willens- und Kraftcentrum der
Volksgemeinschaft, die sie erzeugt, und das alles in diesen Stunden Er
in seiner einen und einzigen Einheit! Und in dieser Einheit, in ihnen,
zeugte ~Er~ als in Sich, zeugte die Einheit das Wort, das fruchtbare
Wort, das diesem Volk not that, schuf ~Er~ sie zu seinen Helden,
Gewaltigen und Verkündern in Mose, Jeremia und wie sie alle hießen,
verkörperte ~Er~ sich in ihnen zum Helfer und Ermahner seines Volkes...

Incarnation. --

       *       *       *       *       *

Incarnation. --

Diese bestimmte jüdische Volksgenossenschaft; eine Gemeinschaft sie
wieder von so und so viel Sondergenossenschaften, die sich gegen
einander abgrenzen durch ganz bestimmte und besondere Interessen,
bedingt durch die Verschiedenheiten der einzelnen Landschaften,
durch den jeweiligen Charakter der Natur, der sie unter bestimmten
Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdanken, durch Familien- und
andere soziale Interessen. -- In einer dieser Gemeinschaften, in
der sich vielleicht offenbar oder geheim alle Interessenfäden der
Gesamtgenossenschaft als in einem offenbaren oder geheimen Centrum am
intimsten verknüpften, wurde in einer ganz bestimmten sozialen Lage
einer dieser Erwählten geboren.

Wie wunderbar dieses Emportauchen eines derartigen Individuums! --
Wie rätselhaft stellt es sich dar! -- Vielleicht waren alle, die ihm
zunächst standen, seine Eltern, seine Geschwister, Verwandte Menschen,
die dem Leben einen entschiedenen praktischen Thätigkeitstrieb
entgegensetzten, vielleicht als Ackerbauer. Ganz anders dieses
Individuum! -- Vielleicht ein schwächliches Kind, mit vorwiegend
nervöser Disposition, vielleicht auch ohne eine solche beschaulichen
Charakters, aber doch dieser stille, mit so mächtiger Energie nach
innen raffende Wille. Still, wohl gar scheu er in seinem Gebahren, aber
lebhaft sein Interesse jeder Erscheinung im Bereich seiner Umgebung
zuwendend, und dann wieder das Wahrgenommene in sich verarbeitend,
zurückgezogen von der Thätigkeit der Seinen, den Spielen und
Zerstreuungen der Altersgenossen.

Und dieses Insichverarbeiten! -- Dieses Versunkensein! Diese
stille, so rastlose Thätigkeit des Gehirns! -- Dieser sonderbare
Assimilationsprozeß! -- Zurückzuleiten auf physiologische, zu
begreifen als physiologische, ja im letzten Grunde chemische
Vorgänge und Prozesse, im ~letzten Grunde solche bedeutend~ und
dennoch -- ~denken~!... Im Cirkel der lebhaften, den äußeren
Dingen zugewandten, praktisch nach außen gerichteten Betriebsamkeit
der Menschen seiner Umgebung, dieses Individuum wie ein stiller,
stillhaltender, ruhender Punkt, in einer heimlichen, wie magnetischen
Affinität mit den Lebensvorgängen ringsum, dieses Individuum mit seinem
mystischen Erraffen! -- Er, der Schwächste, Passivste vielleicht, der
Stillste unter seinen Genossen, mit dieser mystischen Disposition
innerlich ihrer der Lebendigste, mit seinem großen, geistigen
Körper, mit diesem amorphen Körper heimlicher Blutströme, heimlicher
Nervenvibrationen, deren zuströmende Energie das Gefüge seines
sichtbaren individuellen Körpers erleidet, unter der er erschauert
wie eine Sensitive, diese Energie, die dieses sichtbare, zarte und
durch die Macht seiner Disposition doch so zähe Gefüge schüttelt,
erbeben macht, durchkrampft, und doch die unerhörte Gewalt seines
erraffenden, erprobenden Willens nicht zu vernichten vermag, so sehr
sie’s erschüttert, bis dieser schwache Körper gestählt ist und in
ihm sich aus den Seinen der Eine konzentriert und geboren hat, der
ihnen notthut, Jehovah in ihm vermöge eines mystischen Zeugungsaktes
sich incarniert hat: Er, zuvor der Schwächste, Unscheinbarste, wohl
gar Mißachtete, wenn nicht Verspottete mit dieser Disposition die
Seele, der stille Wächter seines Volkes. ~Er~, die nach innen
konzentrierte Energie der Seinen und sie in irgend einer mystischen
Verknüpfung Seine nach außen gewandte Energie. --

Incarnation! --

Und ich gedenke im Sonntagsfrieden dieser Morgenstunde des biblischen
Wortes: „Die Cherubim und Seraphim, seine Gewaltigen und Helden, die
vor seinem Throne stehen“, und es bekommt einen so besonderen Sinn, und
ich bedenke, wer Gott und seine Helden nicht aus der Welt geschafft,
sondern ins Deutliche, Vertraute, Menschliche gerückt und offenbar
geworden sind, thronend doch in einem Lichte, da niemand hinzukann...


2. Gethsemane.

Die Nacht brach an. Der Rabbi verließ das Haus, wo er mit den Zwölfen
das Passahlamm gegessen nach dem Brauch und den Lobgesang gesungen.

Als er mit den Jüngern auf die Gasse trat, stand die helle Scheibe des
Vollmonds groß und rund über Moriah und legte ihren weißen Schimmer
auf die Tempelgebäude. Wie für eine Ewigkeit aufeinander gequadert
dehnten sich die dunklen Steinmassen mit ihren gewaltigen Säulengängen
in düster-heiliger Pracht, mit massiven Mauerkränzen und dem mystischen
Flechtwerk ihrer Ornamente.

Der Rabbi verweilte in den Anblick verloren. Und dann wandten sich
seine Blicke über die palmenüberragten Häuser des Tyropoion-Thales
hinüber zum Berge Zion, wo sich mit steilem Mauerwerk das Massiv der
alten Königsburg und der Palast des Vierfürsten erhob. Dort bereitete
sich jetzt sein Endgeschick. Dort würde es sich in wenigen Tagen
entscheiden. Und da drüben weilte jetzt der Jünger, der ihn verraten
hatte, und wartete mit den Knechten des Hohenpriesters.

Nach Gethsemane! Dort würde ihn Judas zu finden hoffen. Dort wollte er
sich ihnen überliefern.

Ein versonnenes müdes Lächeln um die Lippen, wandte er sich endlich und
wanderte, Judas Ischarioth im Herzen, durch die stillen, mondträumenden
Gassen der Bezetha und wandte sich hinab, wo der Weg in das stille Thal
seines geliebten Kidron führte.

Schweigend wandelt er vor den Elfen her, die ihm in Gruppen folgen,
mit zagen Meinungen die bedeutsamen Vorfälle erwägend, die sich
soeben beim Mahl abgespielt haben: Simon Petrus und Andreas sein
Bruder, Jacobus und Johannes, des Zebedäus Söhne, alle Fischer vom See
Genezareth, Philippus, Bartholomäus, Matthäus der Zöllner, Jacobus,
Lebbäus, Thomas und Simon von Kana, der Zelot.

Gesenkten Hauptes schreitet Jesus vor ihnen her in seinem langen,
glatten Gewand. Lässig und müde hängt die Linke mit dem Hut hernieder,
und die hagre, feine Rechte streicht den dunklen Kinnbart. Ihm zur
Seite schreitet scheu der Jünger, den er lieb hat. In stiller ratloser
Teilnahme hängen seine Blicke an dem geliebten Meister, denn Jesus hat
zu ihnen von seiner Gefangennahme und seinem nahebevorstehenden Tod
gesprochen. Wenn das Passah vorüber ist, und die Volksmengen die Stadt
geräumt haben, werden sie ihm das Gericht machen.

Das ist nicht mehr sein gewaltiger Rabbi aus Isais altem Königsstamm,
der herrlich die Bergrede gehalten oben im galiläischen Land, als
ihm die Völker zugeströmt waren aus Syrien, aus Galiläa und den zehn
Städten, aus Juda und von jenseits des Jordan. -- Eine tiefe Furche
gräbt sich ihm in die breite braune Stirn, von der die Haare, die ihm
neulich erst das Weib von Bethanien gesalbt, lang und schlicht auf die
hageren Schultern fallen. Die tiefen Augen verfolgen starr und trübe
verborgene Gedanken, die kein Ahnen streift, und zwei tiefe Falten
graben sich von den Wangen herab.

„Herr, das widerfahre dir nur nicht!“

Leise, mit innerlichst verzagendem Herzen, hat es Johannes endlich über
die Lippen gebracht, aber der Rabbi hat es nicht gehört. Einsam und
verschlossen wandert er mit seinen geheimsten Gedanken, die je und je
nur Er kannte, neben dem Jünger her. Nichts von der süßen Milde ist in
diesem Gesicht, die ihnen sonst die Herzen warm machte zu dem geliebten
Meister hin.

Nein, kein armer Trost reicht an dieses Geheimste des Meisters heran.
Und Johannes verstummt vor diesem Rätselgesicht unenthüllbarer
Einsamkeit. --

       *       *       *       *       *

Um die Kalkhänge von Moriah herum, tief unter den hohen Tempelzinnen
oben auf dem Hügel, von dem die Woge der weißen Dächer herabflutet,
biegt der Meister zwischen den letzten Häusern hervor in den Fußpfad
ein, der in weiter Biegung zum Ufer des Kidron hinabführt.

Totenstill weitet sich die ahnungsvoll dämmernde Mondnacht mit ihren
wenigen großen Sternen. Nur fern von der Vorstadt her trägt die
Nachtluft das Gekläff der Schakale herüber. Unten vor ihnen plätschern
die hellgleißenden Wellen des Kidronbaches und murmeln und rauschen
im eiligen Gefälle zwischen den Laubmassen der Olivenhaine hin, die
sich drüben von den sanften Höhen des Ölbergs anmutig in das liebliche
Thal hinabziehen. Palmengruppen ragen daraus hervor mit ihren hohen,
schlanken, mondschimmernden Schäften und tauchen mit ihren breiten,
hängenden Kronen hinein in die strahlende Klarheit der Höhen.

Nach kurzer Wanderung stehen sie vor dem Hof Gethsemane, des Meisters
stillem Lieblingsort.

Vor dem Hain hemmt er seine Schritte und heißt die kleine Schar
verweilen und seiner warten. Nur seinen lieben Brausekopf Petrus, den
stilltreuherzigen Jacobus und den jungen Johannes wählt er sich, daß
sie ihm folgen und tritt mit ihnen in die heilige Dämmerung des Haines.
Bald aber läßt er auch sie zurück und ist ihnen im Dunkel seiner
heimlichen Einsamkeiten verschwunden...

Allein!...

Mit wankenden Knieen bricht er zusammen. Und der Menschensohn hebt an
zu trauern und zu klagen.

Und er sieht seinen schimpflichen Tod. Er sieht die Richtstätte, den
kahlen öden Kalkhügel mit seiner Schädelform draußen vor der Stadt, wo
die Verworfensten der Verworfenen ihren schmachvollen Tod sterben.

„Herr, ist es möglich, so laß’ diesen Kelch an mir vorübergehn!“

Lange liegt er im Gebet; aber kein Frieden will über ihn kommen.
Erloschen ist die Fülle der Visionen, versiegt die Macht
leidentrückender Ekstase, die ihn an das Herz des Vaters hebt. Ein
müder, verzagter Mann windet sich hier in der Tiefe menschlicher
Ohnmacht und vergeht im Vorgefühl einer schmachbeladenen Agonie.

Was bedeutet dies Bangen? Ist er nicht, Herr über Leben und Tod und
ihr mächtiger Überwinder, gekommen, um zu sterben, daß aus seinem
Tode unvergängliches Leben für die Jahrtausende sprieße? War er nicht
gekommen, des väterlichen Geistes voll, daß die Urmacht des göttlichen
Wortes sich über die Geschlechter der Jahrtausende spanne?

Judas...

Und wieder sieht er sich auf dem Füllen der lastbaren Eselin, und
das Volk vor ihm her, Palmen breitend und Gewänder, und der freudige
Jubelruf der Scharen umbraust ihn: „Gelobt sei, der da kommt im Namen
des Herrn! Hosianna dem Sohne Davids, einem König in Israel!“ Und
wieder hört er den Messiasruf und die Sehnsucht seines geknechteten
Volkes.

Judas...

Und wieder, wie vor Jahren, da er die vierzig Tage in der Felsenwüste
durchfastete, will sich in ihm das heiße Thatenblut der alten
Volkskönige regen, und der Gedanke an die Macht und die Herrlichkeit
dieser Welt gleißt vor seiner Seele, und er denkt an die Verheißungen
und Hindeutungen der Propheten. Wieder, wie einstmals in der Einöde,
der heißen Ideeenamme der Erhabensten seines Volkes.

Judas...

Und er gedenkt der Zuversicht seines Jüngers zu ihm, dem Sproß der
Könige. Und noch einmal erheben sich die beiden Seelen seiner Brust
gegen einander im heißen Ringen. Er sieht, wie die Scharen kommen,
aus Galiläa, von Syrien her und die am Gestade des Meeres wohnen,
aus Samaria und über den Jordan herüber, drüben aus Peräa, seinem
machtvollen Wort zu lauschen. Und wie Meereswogen sieht er die Völker
erschauern unter der Gewalt seiner Rede. Und sein Königsblut braust auf
und sein gewaltiges Messiasgehirn führt sein Volk zum Sieg.

Ha, Judas!...

Seine Augen leuchten auf in einer beginnenden Ekstase.

Macht! Königspriester seines einigen weltmächtigen Volkes! --
~Seines~ Volkes! -- Nein, welches Volkes?! --

Versunken liegt er, mit aufgestemmten Fäusten und starrt in die
mondschimmernden Halme und sieht in sich hinein und lauscht.

Armes, kleines Juda! -- Zeit und Stunde kommt, da wird kein Stein
auf dem andern bleiben von den stolzen Zinnen da oben. Rom! -- Aber
sein Auge weitet sich. Seine Brust wogt, Schweiß trieft von seiner
Stirn und sein Mund ächzt unter der Fülle der Visionen. -- Uralte
Mysterien dämmern herauf in seinem mächtigen Gehirn und er sieht die
Wiederkunft, ~Seine~, des ~Einen~, herab von der Rechten des
ewigen Thrones in Macht und Herrlichkeit. Zeichen und Wunder vom Himmel
und auf der Erde verkünden ihn, und die staunende, lauschende Stille
der Völker. Und Kaisergott wird Er, der Heimliche, sein heimliches,
einiges, erwähltes Volk um sich sammeln, das neue Volk der Völker,
ein Sauerteig der Welt, ein Stamm von Freien und Königen, das offenbar
gewordene Reich der Verheißungen, und Er sein neuer Adam...

Und doch!...

Noch diese Nacht!...

Und vor ihm gähnt schwarz und finster das uralte Rätsel, und die alten
Zweifel und Anfechtungen kommen, die nie einer der Seinen geahnt, die
heimlichen Dämonen seiner Brust.

~Ward~ ihm nicht die Gewalt und das heimlich heilige Vermächtnis
seines Blutes? ~Ist~ er nicht gekommen? ~Ist~ er nicht da mit
seinem hohen Beruf? ~Sind~ die Zeiten nicht erfüllt, von denen die
Propheten sagten? Sind die Völker nicht zu ihm gekommen?

Ist er den rechten Weg gegangen?

O Judas!...

O Herr, Herr! -- Licht! --

Soll er sich seinen Henkern überantworten? Soll der Tod der Schmach und
Erniedrigung sein Ende sein?

„O Herr, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehn!“

       *       *       *       *       *

Still! --

Nein, noch nicht! --

Nur das Rauschen der Kronen in der hellen Stille. Da oben die eisige
Pracht der Höhen. Und die weißen kalten Mondlichter.

Noch nicht! --

Andere Gedanken kommen und Anfechtungen. Und er gedenkt Marias, die
sein Haupt gesalbt und seine Füße und sie getrocknet mit dem Haar ihres
Hauptes, als er im Hause ihres Bruders Lazarus weilte, seines lieben
Gastfreundes von Bethania. Er sieht sie zu seinen Füßen sitzen in
ihrem lichten Gewand. Ihre dunklen Augen haften in selbstvergessener
Bewunderung an seinem Gesicht, und hingegeben lauscht sie seinen
Worten. Aber Martha, die häuslich geschäftige Schwester, schilt sie,
die das bessere Teil erwählt.

Er gedenkt der Hochzeit zu Kana, wo er fröhlich war mit den Fröhlichen,
und wo er so weise des Kelleramtes gewartet. Er sieht die Gäste wieder
in ihrer trunkenen Weinseligkeit und hört ihre Hochzeitslieder.

Er wandert durch die lachenden Auen um den See Tiberias. Er sieht
die Wogen ihres goldenen Segens und hört die Schnitter singen auf
den Feldern und die Liebenden in den traubenschweren Weinbergen und
den Olivengärten. Er sieht das Rosenwunder von Jericho. Er sieht die
vertrauten Gestalten derer, die ihm teuer sind, sieht das Genügen
stillen Lebens im sichren Gang geordneter Tage. -- Und er erwägt die
Unrast des Geistes, die ihn treibt, das rauhe Los derer, die der Vater
erkoren.

„Die Vögel unter dem Himmel haben ihre Nester, und die Tiere des Feldes
ihre Schlupflöcher, aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt
hinlege!“

       *       *       *       *       *

Gott ist die Liebe...

Ein Herr des Friedens und der Liebe wollte er sein. Aber erregt er
nicht dennoch Gewalt wider Gewalt? Vor seiner Seele eröffnen sich die
Leiden der Seinen. Er sieht ihre tausendfachen Martern und Peinigungen.
Tausende und Abertausende werden ihr Blut verströmen um seines Wortes
willen. Und sein Wort vom Frieden und von der Liebe des Vaters wird
Gewalt werden weltlicher Macht und wird die Völker durcheinander
wirbeln im Wirrsal endloser Kämpfe.

O Qual der Qualen! Nie erhellte Nacht wütender, rasender Zweifel!
Tiefgeheimste dunkle Not und Notwendigkeit ewiger Unruhe! O tiefstes
Geheimnis seines tiefsten Wissens! Ewig heulender Wahnsinn urewiger
Weltenunrast!

O Herr! -- Licht! -- Wer jemals hätte Deinen Sinn erkannt, oder wer
wäre Dein Ratgeber gewesen! -- Nicht wie ich will, Dein Wille geschehe!
--

Und sein Hirn taumelt hin vor dem Gedanken des Ewigen.

       *       *       *       *       *

Und wieder erwacht er aus seiner Ohnmacht.

O Grauen blöder Einsamkeiten! Die Strahlen da oben: wie fressende Feuer
rieseln diese starren Lichter über seinen Körper.

So schauerte Mose am Horeb vor dem Ewigen und Einzigen.

O Herr, wer könnte Dich ertragen?

Menschenaugen! --

Er erhebt sich und wankt aus der Einöde seiner Pein zu den Jüngern.

Sie liegen und schlafen.

Er muß ihre Worte hören, muß ihnen in die Augen sehn.

„Simon Petrus, schläfst du?!“

Und Petrus schlägt seine Augen auf und sieht den Rabbi. Schweiß trieft
von seiner Stirn und feuchtet sein Haar.

Aber schon lächeln des Rabbi Augen wieder und bannen des Jüngers
Mitleid.

„O wache, mein Petrus, und bete mit mir! -- Wachet und betet, daß ihr
nicht in Anfechtung fallet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch
ist schwach!“

Aber er gewahrt die ratlose Verlegenheit des Jüngers. Nein, er kann
ihnen nichts von diesen Anfechtungen sagen, die nur Er trägt. Und
wieder hebt er sich von ihnen und tritt zurück in die Pein seines
einsamen Ringens...

       *       *       *       *       *

Die Stunde naht...

Und wieder sieht er die Tage seines Leidens im Geist. Entfesselt ist
die Wut und der Haß seiner Feinde. Die Jünger sind entflohen. Niemand
wird bei ihm sein. Einsam wird er seinen Feinden überantwortet sein,
wird er leiden und sterben. Nur sein junger Liebling wird bei ihm sein
und sie, die Schmerzensreiche ...

Und wieder ächzt er unter der heimlichen Not der Einen und Einsamen,
der Träger des ewig einen Geheimnisses, ihres Himmels und ihrer
Hölle. Sie die fleischgewordenen Offenbarungen der ewigen Unrast
und ihre Bändiger. Die Stillen, Duldenden, Schauenden und sie, aus
denen der Geist des Vaters hervorbricht wie aus Mose, da er sein Volk
aus Egyptenland durch die Gefahren der Wüste führte in das Land der
Verheißung.

Und er fühlt die Wundenmale seiner Hände und Füße, und siehe! ihre
Schmerzen werden ein köstlicher Balsam sein, und sein Haupt wird sich
neigen in erlösender Ohnmacht, und er und der Vater werden eins sein...

Da!

Schritte, Stimmen und der düster irrende Schein der Fackeln zwischen
den grauen Stämmen.

Er erhebt sich und seine Augen werden weit und seine Brust wird still
in einer tiefen, gelassenen, schweigenden Ergebenheit.

So tritt er ihnen entgegen und empfängt den Kuß seines dunklen Bruders
und Erlösers...


3. Golgatha.

Man weiß: eine Woche nach dem Passah wurde der Rabbi mit den beiden
Missethätern zur Richtstätte geführt.

Erlösungsfreudig hatte er sich nach den letzten Stunden seiner
qualvollen Einsamkeit in Gethsemane seinen Feinden und Widersachern
überantwortet. Wie von der Hand des Vaters geleitet, ging er seinem
stillen Kampf entgegen, ein Riese unter allen Kämpfern, Legion er gegen
Legion.

Nicht mehr brannte der Judaskuß in seiner Seele, nicht mehr fühlte er
den Schmerz über die Flucht der Seinen.

Im Äther thronte er nun und im Einen, als der Speichel seiner
Widersacher von seinen Wangen troff, als ihre Geißelhiebe seinen
Leib zerfleischten. Und als man das Purpurgewand eines Spottkönigs
um seine Schultern hing, die Dornenkrone auf sein Haupt drückte und
das Spottscepter in seine Rechte, da stand er in seiner heimlichen
Königswürde, ein Sieger, der nicht von dieser Welt ist.

Wie der Jubel der Heerscharen umbrauste ihn die Wut von Feinden: er
aber ihr König, und sie alle sein, der Demut seiner Gelassenheit
heimlich mit einem übertobten Staunen unterthan.

So stand er erhöht, die Sinne in die Stille des Einen gerichtet: er,
der duldende Kaiser kommender Jahrtausende, der wiederkommen wird, ein
Anderer und doch der Immergleiche, als der Eine und Heimliche, der an
der großen Weltwende herausgeboren aus dem Einen, einen neuen Wandel
beginnen wird.

Denn wenn es hell wird über die Völker hin und wenn eine Unruhe vor
übermenschlichen Grenzen erlahmt, dann wird er erstehen...

Jetzt aber stand er über ihnen, mitten unter ihnen und lauschte, gleich
und identisch, der unermeßlichen Sprache der Welt, der ewig stummen,
er, der Stumme, gleich und identisch sie vernehmend, gleichsam; nur
erst ahnend jene Endstille des Einen, von der umarmt, ihr wirklich
gleich und identisch er sein neues zeugendes Weltenwort empfängt, jener
Endstille, die alles ist und in der alles wogt und verebbt als in sich
selbst...

       *       *       *       *       *

Hinab von Zion durch die Gassen der Bezetha, gegen das nördliche
Hochgelände von Golgatha.

Wie Adam wankte er, der neue Adam, traumhaft durch das Ungewiß-Gewisse
seinem Schlummer entgegen, aus dem jenem die Gefährtin ward, auf daß
beide, zwiefach eine Einheit, Schöpfer einer neuen großen Einheit
ihnen gleichender Wesen seien, die sich über die Welt breitet, bis ihre
Kraft sich stauen wird an einer neuen, ungeahnten, aus ihr gezeugten.

Aber auf zerfleischten, zuckenden Schultern trug jetzt der Mittler sein
Kreuz zwischen den beiden Übelthätern.

Und da geschah es, daß er wieder die Hand des Vaters gewahrte.

Milde trübte sich der Schein seiner Augen, linde vergingen die
Schmerzen seiner Wunden hinüber in eine unbegreifliche Wonne; ein
Sausen wurde die Welt, und verdämmernd spürten seine Sinne das
köstliche Erzittern seiner Glieder und die holden Schauer, die sie
umdunkelten. Und er sank...

       *       *       *       *       *

Aber sein Wille richtete ihn auf, denn er hatte Wehklage vernommen, und
als er taumelnd stand, erhellte sich sein Auge für die Deutlichkeit,
und er sah das Kriegsvolk, das ihn umgab, die hohen breitgegliederten
Germanen, die kleinen bronzefarbenen und dunkeläugigen Syrer, und ein
Landmann aus Cyrene trug sein Kreuz vor ihm her. Aber viel klagendes
Volk drängte sich hinter ihnen, und er erhob seine Stimme und tröstete
sie, insbesondere die Weiber, die weinend ihre Hände gegen ihn reckten.

Und weiter taumelte er mit seinen blutenden Füßen das harte Kalkgeröll
des Gehänges hinauf, mit einem zuckenden Lächeln, inmitten der Menge
ein Einsamer, auf den sich tausend Sinne richteten, gleichsam ein Wort
und ein Gebot erheischend.

Weh zuckte ein Lächeln um seine blutenden Mundwinkel. Denn dann erst,
wenn der Geist ausgehen wird, Sein Geist, und die Helle sich über
den Völkern entfacht, zur Zeit der Vollendung, wird er sich ganz
offenbaren, und er wird ein Bauer sein, der sein Feld bestellt, ein
König auf seinem Thron, ein Bettler am Weg, und all und jeder wird
der Eine sein und Er, der der Fröhliche war mit den Fröhlichen, der
Trauernde mit den Trauernden, und er, der einsam litt...

Unbegreiflich sind die Wege, auf denen er wiederkommen wird, und die
Wandlungen, aus denen Geist und Stoff neu Ihn zeugen und hervortreten
lassen, heimlichen Kaiser eines heimlichen Volkes, Gewaltigen ewiger
Kraft...

       *       *       *       *       *

Als sie nun aber auf dem Berge waren, standen sie in Gluten, denn der
Tag war schwül.

Kriegsvolk und Knechte richteten die Kreuze. Und des Rabbi Kreuz war
erhöht über die beiden Schächer. Oben drauf aber stand geschrieben, ein
Spott gegen die Juden, von des Landpflegers Hand in dreierlei Sprache:
„Jesus von Nazareth, der Juden König!“

So war der Meister erhöht mit Spott, der einem Verwundern glich...

Darauf aber entkleideten sie ihn seines Purpurmantels und Gewandes und
zogen ihn hinauf mitsamt den beiden Übelthätern, einen jeden an sein
Kreuz; und sie schlugen ihm die Nägel durch Hände und Füße, so seinen
nackten Leib am Kreuze befestigend.

Also hing er mit seinem blutigen, zerfleischten Leib, das Haupt gereckt
in Qualen, ein Mensch von Menschen geboren, leidend und sterbend...

Als er aber ihr Geschrei vernahm, da erwachte in ihm der Grimm und der
Zorn Zebaoths, der einst das Wort gesetzt: „Auge um Auge und Zahn um
Zahn!“ Er aber sprach mit der Macht und der Kraft des Vaters gegen den
Zorn des Vatergottes in sich zu Ihm Selbst und bat:

„Vater, vergieb Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“

       *       *       *       *       *

Und die Gluten des Tages stiegen; das öde Kalkgestein brannte unter
ihren Füßen; aber sie blieben, seinen Tod zu erwarten.

Rings in weißflimmernder Hitze weitete sich das Gelände, in weißblauen
wellenden Dunst gehüllt die Hügel und Höhen und Thalsenkungen, die
Felder in ihrer Reife, die Olivenwaldungen und Palmenhaine. Unten gegen
den Fuß des Berges aber, weit im Bogen, die weißblendenden Dächerwogen
Jerusalems von den beiden mächtigen Massivs Moriah und Zion hernieder,
die bronzedunkel gegen den stahlblauen Himmel glühten in der heißen
Macht der syrischen Sonne.

Schlaff lagen die mächtigen Leiber der germanischen Söldner zu des
Rabbi Füßen und würfelten um den Purpur, den sie seinen Schultern
entnommen...

Das Geschrei der Menge aber war verstummt. In Haufen stand und lagerte
das Volk umher, und ihre dunklen Augen starrten in funkelnder Gier
aus den braunen Gesichtern zu dem Meister hinauf, auf sein Sterben,
und doch noch mit einem stillen bangenden Grauen das Wunder erhoffend,
daß er herabsteigen werde zu seinem Volk, das in Thorheit harrte. Die
aber vorn und zunächst dem Kreuze standen und die von der Sekte der
Pharisäer und von den Schriftgelehrten waren, schmähten hinauf in seine
Qual.

Weit ab zur Seite aber stand zagend das Häuflein derer, die er lieb
hatte, in deren Mitte ihm die stillen Freuden von Samaria und Galiläa
geblüht, als er an den fruchtbaren Gestaden des Sees Tiberias gewandelt
und gelehrt: Maria und Maria Magdalena, die Weiber, Johannes auch, sein
Liebling, Joseph von Arimathia, ein angesehener Mann, sein heimlicher
Jünger, und andere mit ihnen.

Er aber hing einsam in der brütenden, flirrenden Öde, und seine
lechzenden Sinne stöhnten aus ihm heraus:

„Mich dürstet!“

Und er ward getränkt...

       *       *       *       *       *

Danach aber erhoben wieder einige ihre Stimmen gegen ihn. Wieder aber
mochten ihnen Zweifel gekommen sein, ob er nicht dennoch der Messias
sei, und sie riefen: „Bist du Gottes Sohn, so komm, steig herab“! --
Und das Wort drang hinein in die Seele eines der Übelthäter und er
schmähte den Meister. Der andere aber wies ihn zurecht in Reue und
Glauben, und da er den Meister fragte, da gab der ihm aus der Fülle
seiner Leiden das dunkle Trostwort:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: heute noch wirst du mit mir im
Paradiese sein!“

       *       *       *       *       *

Und im langen Bangen, in Gluten und Qualen verdorrend, riß er sein
Haupt empor.

Und plötzlich geschah das Zeugnis des Vaters gegen seine Widersacher.
Denn siehe, aus der Stille entstand ein Wirbel, und ein Wind hub an
und zog eine Fahlheit über das Land, und eine Finsternis wurde, und
das Licht der Sonne verhüllte sich über ihren Häuptern. Und der Donner
des Vaters grollte über die Weiten und die flammenden Zeichen seines
Zornes furchten sich durch die Nacht, und die Erde hub an zu beben. Und
rings erhub sich Staunen und Wehklage, und viele flohen vom Berg hinab
gegen die Stadt, zu derselben Stunde, als es geschah, daß der Vorhang
des Tempels zerriß und die Gräber sich öffneten, und die Tiefe der
Erde sich aufthat. Viele aber schlugen sich an die Brust, weinten über
den Tod des Gerechten und glaubten. Die Söldner aber wichen von seinem
Kreuz in Grauen.

Da eilten seine Lieben zu ihm, und er war mit ihnen allein... Und im
Graus des Unwetters suchte er das Auge der Schmerzensreichen und
gewahrte an seiner Seite den Jünger, den er liebte, seinen klugen
jungen Johannes, und er that sie zusammen:

„Weib, siehe, das ist dein Sohn! -- Siehe, das ist deine Mutter!“

       *       *       *       *       *

Die Finsternis aber wuchs, und alles Volk mitsamt den Kriegsknechten
stand und starrte auf seinen Leib, über den der Vater seine Lichter
breitete.

Und wieder waren viele unter ihnen, die ihn erkannten, an ihre Brust
schlugen und wehklagten.

Aber die Schauer des Vollenders traten an ihn heran mit dem fahlen
Grausen ihrer Urweltgeheimnisse, und all seine Not brach aus ihm hervor
in einem Schrei:

„_Eli, eli, lama, asabthani!_“

Und zweimal schrie er seinen letzten Gethsemanezweifel zum Vater.

Danach stammelte er sein Wort vom Ende, neigte sein Haupt und
verschied...

       *       *       *       *       *

Da es aber vollbracht war, lichtete sich die Sonne über ihren Häuptern,
wie sie in Staunen standen und Grauen.

Am Holze seiner Schmach aber klirrten Waffen und Liebe, Glaube und
Geist hingen an seinem Antlitz und waren bereit...



Nachtgang.


Abends in der Schummerstunde, wenn er eine Weile auf seinem
Tafelklavier herumphantasiert hat, gute altfränkische Weisen von einer
rührenden romantischen Sentimentalität, die einen wie Geistergrüße
anmuten, fängt Herr Haberland wohl auch gelegentlich mal an über
religiöse Dinge zu reden, so melancholisch-versonnen, nach dem
Kleinkram des Tages: ich weiß nicht, es imponiert mir immer und ich
komme dann unwillkürlich so halb und halb mit in seine Weise hinein. --
Die Madame sitzt dann mit einem Strickstrumpf auf ihrem geflochtenen
Lehnstuhl und schlummert so nach und nach vor Andacht ein.

Nun ist Herr Haberland zwar ein Freigeist, aber nicht ohne eine gute
Portion Romantik. So sprachen wir gestern über Unsterblichkeit. Er
glaubt daran; ja, sie ist ihm ein notwendiges Erfordernis. Man weiß,
dieses Erfordernis der Vernunft: das gar zu Unausgeglichene muß in
einem zukünftigen Leben notwendigerweise einen Ausgleich erfahren. --
Die Armen, Unterdrückten, Leidenden wurden ja immer auf den „Himmel“,
auf einen Ausgleich nach dem Tode verwiesen. -- Nun, was soll man dazu
sagen: aber, es ist doch sonderbar, wie einen so ein Glaube packen
kann! -- In einen ganz absonderlichen Zustand war ich gekommen. --

Es ist die richtige Schummerstunde. Der Tag mit allen seinen Lauten
ist verebbt, und einzelne Töne und Geräusche nur regen sich aus dem
Beruhigt-Friedlichen heraus, mit diesem unbeschreiblich stillenden
Zauber. -- Im Zimmer liegt das letzte Licht; so heimlich-heimisch. --
Und nun dieser, wenn auch bescheidene, kleinbürgerliche Wohlstand,
der etwas Altväterliches hat, daß sich einem allerlei Glaube und wohl
auch Aberglaube anschmiegt. -- So „alt“ und „klug“ man geworden:
unwillkürlich läßt man es sich gefallen, und alles was in einem
„Atavismus“ ist: man fühlt nicht ohne ein stillgerührtes Geltenlassen,
wie es sich belebt, und man spürt dann wohl auch im Alten die Wurzeln
alles dessen, was im Laufe der Jahre in einem neu geworden.

In dieser Umgebung, unter solchen Einwirkungen hört man aus einer
gleichen Stimmung heraus eine derartige Meinung, die Meinung eines wenn
auch in schlichter Weise nach des Tages Müh und Plage auf das Ewige und
Höhere gerichteten Sinnes. --

       *       *       *       *       *

... In unserem Gespräch ist eine lange inhaltreiche Pause eingetreten.
Die ausgetauschten Gedanken wirken noch nach und sind zu einer
unaussprechlichen Stimmung geworden. Der kleine blonde Herr Haberland
hat sich auf seinem Ledersesselchen wieder zum Clavier herumgedreht
und phantasiert in leisen Accorden. -- So halb und halb ist mir:
es mag wohl ein Motiv aus dem „Freischütz“ sein, das er variiert.
-- Halb unbewußt auch spür’ ich das bleiche Schimmern der letzten
Lichter auf der sauberen Ordnung der Zimmergegenstände und den roten
huschenden Wiederschein der Ofenglut. -- Diese schlichte Meinung über
eine persönliche Unsterblichkeit, die ich noch mit all dem intimen
Zauber einer individuellen Äußerungsweise in mir empfinde, jene
halb wahrgenommenen Eindrücke von diesen bleichen Lichtreflexen und
diesen Gegenständen, die sich aus der hereinbrechenden Dunkelheit
hervorheben: plötzlich ist mir ein Gedanke gekommen, von dem ich fühle,
daß er fruchtbar werden will, in dessen unterbewußten Tiefen ich mit
innerlichstem Erbeben einen ganzen mächtigen Reichtum geheimnisvoller
Ideenverbindungen ahne, deren Zustandekommen klar zu legen unmöglich
sein würde. -- Ein Gedanke: daß die Urbewegung der Materie und
die organisch-geistige, welche diese Zimmergegenstände zu Stande
gebracht, die jenen Gedanken, den Herr Haberland vorhin geäußert,
die diese musikalischen Phantasieen hervorbringt, nicht in einem
wirklichen, sondern nur in einem gradweisen Unterschied zu einander
stehen und daß sie im Grunde ein und dasselbe und ein Gleiches sind,
so entgegengesetzt sie einander scheinen. -- Und ich empfinde diesen
so plötzlich auftauchenden Gedanken als das Glied einer unbewußten
Analyse die aus einem unsagbar feinen und intimen Zusammenhang heraus
das Zustandekommen jener Meinung über eine persönliche Unsterblichkeit
zu begreifen, zu werten sucht, und sie bereits als eine unumstößliche
Wahrheit und Gewißheit verwunderlich weiß. --

Eine gesteigerte verfeinerte Gehirnthätigkeit bringt mich in einen
seltsamen Zustand, in dem ich feinere Wahrnehmungen habe, als
gewöhnlich, und es ist mir, als ob nicht nur mein Denken logische
Schlußfolgerungen zöge, sondern als ob auch dies seltsame verfeinerte
Fühlen, diese verschärfte Thätigkeit meiner Sinne fühle, denke,
beweise. -- In der stillen Wonne dieses halb und halb seherischen
Zustandes drängt es mich aus dem Zimmer in die Einsamkeit. Ich nehme
meinen Hut und trete auf den Flur hinaus. An der gelben Wand hängt
das Küchenlämpchen, das ihm eine trübe Helle giebt. Unter meinen
Füßen fügen sich die roten Backsteine aneinander, mit denen der Boden
gepflastert ist. -- Oben schimmert ungewiß seine weißgetünchte niedrige
Decke.

Ich öffne die Hausthür. Die Flurschelle bimmelt. Nun bin ich draußen...

       *       *       *       *       *

Es ist ein wundersamer Herbstabend.

So klar ist der Himmel, daß alle Sterne strahlen. Das Gewimmel der
Milchstraße zieht sich breit hindurch. Unten, am Fuße des Hügels,
seh’ ich aus der Dämmerung die Masse der Häuser zwischen dem Laub der
Gärten, sehe die roten Fenster und die träumerischen Firste, hohe und
niedrige, mit den stillen Reflexen der Sternlichter, und ich höre dies
verwehte Gekläff der Hofhunde. Eine Frische weht von dem Bergland
herüber. Am Ende unsrer Häuserreihe hier oben schimmert es mit seinen
runden Linien bleich, ungewiß unter der herrlich entfalteten Pracht des
Sterngewimmels.

Es treibt mich an den Häuserchen entlang. Dicht streif’ ich an der
traulichen Helle ihrer Fensterchen hin, vorbei an dem matten Schimmer
ihrer hellbunten Tünche. Wie eine Vision empfind’ ich diese Eindrücke,
wie ich gleichsam mitten in all diesen Gedanken und Halbgedanken
hingehe, halb getragen von dem Rhythmus ihres seltsamen Lebens.

Ich bin über das letzte Häuschen hinaus. Das Stacket seines Hofes
springt weit ins Einsame des Höhenlandes hinein. Und nun schreite ich
vorwärts auf dem Saum der Höhe in die Nachtfreiheit hinaus, tauche
hinein in diese Einsamkeit, in der es nichts giebt als diese endlos
gewölbte Himmelspracht und unter ihr diese erstarrten Wellen des
Geländes mit seinem kurzen schimmernden Rasen, der den Schall meiner
Schritte dämpft wie Filz, nichts als diesen jungen dunklen Fichtenwald,
und jene Anhöhe, die als höchster Gipfel rings Berg und Thal
beherrscht, und der ich zustrebe, diese Einsamkeit, in der kein Laut
hörbar ist, als das Winseln und Pfeifen des nächtlichen Herbstwindes
mit seiner herben Frische, oder der ferne Ruf eines Käuzchen...

       *       *       *       *       *

Durch das Rauschen der Fichtenwaldung bin ich hindurchgeschritten
und finde mich nun wieder im Freien. Über Kalksteingeröll steig ich
die weite Fläche hin dem Gipfel der Höhe entgegen; eine runde kahle
Erhebung, überwachsen von diesem spärlichen filzigen Graswuchs mit
seinen kleinen Wolfsmilchstauden, seinen wilden weißen und roten
Nelken, seinem gelben Steinklee und seinem hochzackigen Distelgestrüpp.
-- Eine Art dieser Disteln hängen sie da unten an den Querbalken ihrer
kleinen Stuben als ein Schutzmittel gegen die Fliegen. --

Auf dem obersten Gipfel laß’ ich mich nieder in das Gras, das wie ein
weicher Teppich ist.

Wie herrlich es sich hier oben über allerlei nachdenken läßt!

Denn nun bin ich ein Herr dieser ganzen weiten nächtlichen Gegenden,
ein einsamer Herr, und mir gehört die ganze, ganze Fülle ihrer
Wunder und Geheimnisse. Die schwarzen Wälder gehören mir, die in das
Thal hinabraunen, die dämmernden Tiefen mit ihren weißen Nebeln und
ihrem flinkernden Bach, weit dort drüben die silberbleich geisternde
Seefläche, das endlose Gewoge des Landes und alle Himmelswelten.
-- Das Städtchen mit seinem Vordorf ist nicht mehr zu sehen. Es ist
hinter dem Wald verschwunden mit allem, was klein und eng und warm und
traulich und wirrend und alltäglich ist, und was zur Klarheit seiner
selbst und seiner Einheit kommen möchte, in der großen Einförmigkeit
dieser Einsamkeit, mit mir und in mir...

       *       *       *       *       *

Du hältst still, hältst diesem weiten Grauen der nächtlichen Öde
mutig still, kräftig, sie zu ertragen und fühlst, was die einfachen
und doch so mächtigen Akkorde dieser Linienzüge dieser Wölbungen,
dieser Formen, dieser großen und weiten Gegensätze von Halblicht und
Dunkel, dieser Himmelswölbung mit allen ihren großen und kleinen
Sternen, Sternbildern, kosmischen Nebelflecken, jeder Millionen und
Millionen von Sonnensystemen, in dir wie in einem Resonanzboden
wecken und ertönen lassen. Du bist in dieser herb-rauhen und doch
unsagbar wonnig-großen Andacht, mitten in dem mystischen Einklang ihrer
erhabenen Fuge, und du kannst sagen: alles, was nun in dir lebendig
wird, sind Geisterstimmen ewigen Flutens, ewigen Lebens und ewiger
Bewegung...

Still, wie ihr Geheimstes nun in dir offenbar wird! Und fühle,
ahne, was du bist! Wie du eine Offenbarheit bist, die sich selbst
unbegreiflich! Wage, das ganz, ganz zu fühlen, ganz in dieser
unsäglichen Empfindung zu erschauern! -- Was bist du nun und was
bedeuten deine Gedanken, was bedeutet dein Wissen, deine Gedanken? --
Und achte auf die, die wiederkehren und immer wiederkehren und aus der
Wirrnis deiner Alltäglichkeiten immer wieder emportauchen, und spüre im
Triumph deiner Ekstase ihre ganze und volle Würde! --

Da kommt sie wieder, die schlichte Meinung Meister Haberlands, dieses
kleinen dürren blonden Krämers mit seiner Glatze, seiner Brille und
seiner Schnurrbartraupe, dieses unscheinbaren Einen vom Dutzend, nicht?
-- Aber es sind nicht so besonders die Worte: nein! Du verstehst,
was das Unsagbare dabei ist, das Hellseherische kannst du sagen,
dieses ewig Gewisse, Wahre, Feste, dieses -- Hellseherische, das sich
nicht irren kann, nie! verstehst du? -- Es ist diese Stimmung einer
versonnenen, sinnenden Müdigkeit, halb wonnig, halb traurig, halb Ruhe,
halb Unruhe, wie sie sich wohl einstellt, wenn man den Tag über so
und so viel dummen Krempel von Ware verabreicht hat, so und so viel
Redensarten hat machen müssen gegen Menschen, die einem gleichgültig
sind. Das ist es. -- Die Nüance, das Unwillkürliche, dieses -- nun wie
soll ich sagen? -- dieses aus dem tiefsten Aus-sich-selbst-heraus.

Da ist es wieder: dieses simple Postulat, dieses so recht
volkstümliche Postulat eines „jenseitigen Ausgleiches“. -- Nun, es ist
altmodisch. Aber merke und vergegenwärtige dir, daß du, wenn du es
verneinst, nicht aus einer einheitlichen Stimmung heraus verneinst,
sondern etwa im logischen Geplänkel eines Disputes, oder aus der
Grämlichkeit einer Verbitterung heraus, nicht aus diesem Rausch, aus
diesem gesteigerten, vertieften Empfinden einer Einheit. Und nur im
Rausch ist das Leben und im Rausch offenbaren sich die Wahrheiten. Das
läßt sich kaum deduzieren, aber fühlen, fühlen, fühlen...

       *       *       *       *       *

Die nachtdunklen Weiten! --

Das Schicksal des Dunklen! -- Am Morgen erhebt sich die Sonne und der
Tag strahlt über der Welt mit der Pracht seiner Helle, die sich an
dem unendlich mannigfaltigen und verschiedenartigen Widerstand des
Geformten in unzählig mannigfaltige Farben bricht. -- Das Gestirn
nimmt seinen Lauf bis zur jauchzenden Mittagshöhe des Tages, um dann
allmählich zu sinken. Dann wird es Abend und Nacht und das Dunkel
herrscht über der Welt.

Aber Licht ist eine Wahrnehmung und das Dunkel ist eine Wahrnehmung und
Licht und Dunkel bin Ich.

Jetzt aber sollen alle Sterne erloschen sein und alles, was geringstes
Licht ist, soll erloschen sein. Es ist nun eine Nacht, wo man die Hand
nicht vor den Augen sieht. Aber diese Nacht und das Dunkel dieser
schwärzesten der Nächte ist eine Wahrnehmung von Mir.

Jetzt aber lieg ich im Schlummer. Mein Bewußtsein ist geschwunden. Aber
das Dunkel ist noch da und alles ist noch da. Heimlich ist ihm mein
Unbewußtes geöffnet. Irgend eine leise Wahrnehmung ruft Traumbilder in
mir hervor, ihre Macht, oder irgend ein Geräusch, vermag mich zu wecken.

Aber nun erlischt auch dieses Wahrnehmen. Ich sterbe. -- Hier ist das
Unsagbare, das weder Dunkle noch Helle, das Weder -- Noch, das dennoch
ein Sowohl -- als Auch ist; das Weder -- Noch, das Sowohl -- als Auch
dunkler chemischer Prozesse. -- Und dieses Sowohl -- als Auch, dieses
Beieinander, dieser Inbegriff aller Möglichkeiten, Licht, Dunkel,
Farbe, Form, und nenne was du willst, alles in Einem Urgrund des
Erwachens und Erdämmerns. -- Krystallisation. -- Organisches Erwachen.
-- Schlummernder Traumzustand in seiner sich leise entfaltenden
geistigen Dynamik. --- Moner. -- Zelle. -- Zellenbildung. --
Pflanzenleben. -- Der Wurm. -- Sinne sich bildend. -- Und ~Einer~
erwacht wieder. Und aus dem Unergründlichen wieder der deutliche
Wechsel und das Gegensätzliche; und Seele und Geist; und Licht und
Dunkel und Farben Ihm wieder offenbar, Mir! --

Ausgleich? -- Auch! --

Ein einziges winziges ungestilltes Glücksbedürfnis: wer möchte seine
ganze und tiefste Bedeutung ermessen? Wer möchte Macht und Bedeutung
der geringsten, unscheinbarsten, winzigsten, übersehendsten der
Ursachen ermessen?

       *       *       *       *       *

O Blick der Höhe!

Die Nacht um mich ist ein weites, kaltes eisiges Starren...

Ich will schlafen gehen...



               Verlag von ~F. Fontane & Co., Berlin W.~


                    Arno Holz und Johannes Schlaf.

                            ~Neue Gleise.~

                             Gemeinsames.

                               ~Inhalt.~

              Die Papierne Passion       Papa Hamlet
              Krumme Windgasse 20        Der erste Schultag
              Die kleine Emmi            Ein Tod.
              Ein Abschied

    Die Familie Selicke,
    Drama in drei Aufzügen.

    Preis: geh. M. 4.--; geb. M. 5.--


                           *       *       *


                       Der geschundene Pegasus.

                           Eine Mirlitoniade

        in Versen von ~Arno Holz~ und 100 Bildern von ~Johannes
                               Schlaf~.

                 Preis schwarz M. 3.--; kolor. M. 5.--


                           *       *       *


                              Arno Holz.

                            Buch der Zeit.

                        Lieder eines Modernen.

                            Zweite Auflage.

                   Preis geh. M. 4.--; geb. M. 5.--


                           *       *       *



Der unverkennbare lebhafte Aufschwung, den die litterarische Produktion
im letzten Jahrzehnt genommen, die beträchtliche Fülle neuer Talente,
die sich auf allen poetischen Schaffensgebieten erschlossen hat,
die gesteigerte Regsamkeit des litterarischen Lebens überhaupt, die
sich bemerkbar macht, ließen es angezeigt erscheinen, ein Organ zu
schaffen, das zwischen Autoren und Publikum eine dauernde Vermittelung
herstellt und es übernimmt, das Interesse möglichst weiter Kreise
für unsere zeitgenössische Litteratur zu beleben und wachzuhalten.
Ein Organ, das zweckmäßig und geeignet sein soll, jedem Gebildeten
ein fortlaufendes und zuverlässiges Gesamtbild der litterarischen
Bewegung daheim und draußen zu geben, ohne ihn in das Dickicht der
Fachgelehrsamkeit zu führen, ohne ihn in das Lager einer einseitig
bestimmten Geschmacksrichtung zu ziehen, ohne an Zeit und Kosten
größere Aufwendungen von ihm zu verlangen.

Ein solches Litteraturblatt für weitere Kreise beabsichtigt die seit 1.
Oktober 1898 ins Leben getretene Zeitschrift

                        Das litterarische Echo

                Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde

zu sein, die am 1. und 15. jedes Monats, zunächst in einer Stärke
von durchschnittlich 32 Seiten bei vornehmer Ausstattung und einem
vierteljährlichen Abonnementspreise von zwei Mark erscheint.

„Das litterarische Echo“ hat sich u. a. die Aufgabe gestellt,
die zahlreichen historischen, kritischen und ästhetischen
Litteraturbeiträge, die alljährlich im Feuilleton unserer größeren
Tageszeitungen erscheinen, um meist sogleich wieder spurlos zu
verschwinden, auf einen dauerhafteren Boden zu retten, sie in einer
ständigen Rubrik je nach ihrem Werte im Wortlaut oder im Auszug zu
reproduzieren, mindestens aber in einigen Stichworten zu registrieren.
Eine Reihe von Blättern hat sich mit dieser Absicht, vorbehaltlich
der jeweiligen Zustimmung der Autoren, bereits einverstanden
erklärt, wir nennen u. a.: Allgemeine Zeitung (München), Berliner
Tageblatt, Bohemia (Prag), Breslauer Zeitung, Der Bund (Bern),
Fremdenblatt (Wien), Frankfurter Zeitung, Hamburgischer Korrespondent,
Hannöverscher Courier, Kölnische Volkszeitung, Neues Wiener Tagblatt,
Nationalzeitung, Neue Züricher Zeitung, Pester Lloyd, Tägliche
Rundschau, Vossische Zeitung u. s. w.

Einen anderen Arbeitszweig des litterarischen Echos werden die
ausländischen Litteraturbriefe bilden, deren jede Nummer gewöhnlich
zwei enthalten soll. Ein Stab von auswärtigen Mitarbeitern ist zu dem
Zwecke angeworben worden, in gemessenen Fristen über die wichtigeren
Neuheiten in der französischen, englischen, russischen, italienischen,
skandinavischen, dänischen, spanischen, ungarischen, belgischen,
holländischen, polnischen, südslavischen, griechischen, amerikanischen,
japanischen Litteratur in knappen, klaren, übersichtlich orientierenden
Artikeln fortlaufend zu berichten.

Der inländischen Litteratur wird „Das litterarische Echo“ zunächst
durch Artikel über einzelne Fragen und Persönlichkeiten gerecht,
insbesondere aber durch einen möglichst vielseitigen kritischen Teil,
in dem alle bemerkenswerten Neuerscheinungen durch sachverständige
Referenten thunlichst rasch und gedrängt besprochen werden
sollen. Außerdem enthält jede Nummer ein alphabetisch geordnetes
Verzeichnis sämtlicher neu erschienener Werke belletristischer und
litteraturwissenschaftlicher Art.

Eine gedrängte Zeitschriftenrevue wird regelmäßig den Extrakt aus den
litterarischen Beiträgen aller größeren einheimischen und ausländischen
Zeitschriften geben: aus den deutschen Zeitschriften in jeder Nummer,
aus denen des Auslandes in zwei, Heft um Heft abwechselnden Serien.

Abgeschlossene Proben aus bedeutsamen, neu erscheinenden Werken,
Porträts und kurze Biographieen, interessante Facsimiles,
Illustrationsproben u. dgl. m. sollen „Das litterarische Echo“
lebhafter und anregender für weitere Kreise gestalten helfen. Ein
genaueres Augenmerk gedenkt die Zeitschrift auch auf das litterarische
Leben und Streben in den einzelnen Provinzen und Bundesstaaten zu
richten, für dessen Emsigkeit die zunehmende Unzahl eigener kleiner
Organe beredtes Zeugnis ablegt.

Mit der Verarbeitung und Siebung dieses gesamten Materials soll der
Endzweck erreicht werden, daß sich in einem abgeschlossenen Jahrgange
des litterarischen Echos -- dem jeweils zum Schlusse ein genaues Sach-
und Namenregister beigegeben wird -- möglichst alles übersichtlich
verzeichnet und eingeordnet findet, was das Jahr an litterarischen
Erscheinungen von Bedeutung, an Büchern sowohl, als einzelnen Artikeln,
gebracht hat.

Wir erwähnen noch die Rubriken „Aus der Praxis“, in der Rechtsfälle aus
dem Schriftstellerleben, Plagiatangelegenheiten, Preisausschreiben,
Wohlthätigkeitsfragen u. dgl. mitgeteilt und alle Diejenigen
das Wort erhalten sollen, die in eigener Sache ein Recht auf
Öffentlichkeit beanspruchen können, sowie die „Nachrichten aus der
Schriftstellerwelt“, in denen Todesfälle, Jubiläen, Auszeichnungen,
Mitteilungen über vorbereitete neue Werke u. s. w. verzeichnet werden.

Wie aus diesen flüchtigen Umrissen zu entnehmen ist, soll sonach in dem
litterarischen Echo ein festes Sammel- und Centralorgan der allgemeinen
litterarischen Interessen geschaffen werden: eine Orientierungstafel
für alle Diejenigen, die den Überblick über das reiche Schaffensfeld
unserer zeitgenössischen Produktion gewinnen und behalten wollen;
ein Archiv für solche, die aus Beruf oder Neigung die Bewegung auf
litterarischem Gebiete näher und im Zusammenhang zu verfolgen wünschen.

Probenummern werden vom Verlage auf Wunsch kostenfrei zugesandt.
Bestellungen auf das litterarische Echo nehmen alle Buchhandlungen,
sowie der Verlag ~Fontane & Co.~, Berlin W. 35 Lützowstraße
84^{B.} entgegen.

                           *       *       *



              Druck von ~Gottfr. Pätz~ in Naumburg a. S.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Stille Welten - Neue Stimmungen aus Dingsda" ***

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