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Title: Reden an die deutsche Nation
Author: Fichte, Johann Gottlieb
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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       *       *       *       *       *



  Reden
  an die deutsche Nation

  Von

  Johann Gottlieb Fichte

  Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig



  Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig



Inhalt.


                                                                  Seite

  Erste Rede: Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen               3

  Zweite Rede: Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen          20

  Dritte Rede: Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung       37

  Vierte Rede: Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und
  den übrigen Völkern germanischer Abkunft                           54

  Fünfte Rede: Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit          72

  Sechste Rede: Darlegung der deutschen Grundzüge in der
  Geschichte                                                         89

  Siebente Rede: Noch tiefere Erfassung der Ursprünglichkeit
  und Deutschheit eines Volkes                                      104

  Achte Rede: Was ein Volk sei, in der höhern Bedeutung des
  Worts, und was Vaterlandsliebe                                    124

  Neunte Rede: An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen
  Punkt die neue Nationalerziehung der Deutschen anzuknüpfen
  sei                                                               144

  Zehnte Rede: Zur nähern Bestimmung der deutschen
  Nationalerziehung                                                 160

  Elfte Rede: Wem die Ausführung dieses Erziehungsplanes
  anheimfallen werde                                                178

  Zwölfte Rede: Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung
  unsers Hauptzwecks aufrecht zu erhalten                           196

  Dreizehnte Rede: Fortsetzung der angefangenen Betrachtung         212

  Vierzehnte Rede: Beschluß des Ganzen                              234



Erste Rede.

Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen.


Als eine Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei
Jahren allhier an derselben Stätte gehalten, und welche unter dem
Titel: »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« gedruckt sind,
habe ich die Reden,[1] die ich hiermit beginne, angekündigt.
Ich hatte in jenen Vorlesungen gezeigt, daß unsre Zeit in dem
dritten Hauptabschnitte der gesamten Weltzeit stehe, welcher
Abschnitt den bloßen sinnlichen Eigennutz zum Antriebe aller
seiner lebendigen Regungen und Bewegungen habe; daß diese Zeit in
der einzigen Möglichkeit des genannten Antriebes sich selbst auch
vollkommen verstehe und begreife; und daß sie durch diese klare
Einsicht ihres Wesens in diesem ihren lebendigen Wesen, tief
begründet und unerschütterlich befestigt werde.

  [1] Diese Reden sind im Jahre 1808 zum erstenmal im Druck
      erschienen.

Mit uns gehet, mehr als mit irgendeinem Zeitalter, seitdem es
eine Weltgeschichte gab, die Zeit Riesenschritte. Innerhalb der
drei Jahre, welche seit dieser meiner Deutung des laufenden
Zeitabschnittes verflossen sind, ist irgendwo dieser Abschnitt
vollkommen abgelaufen und beschlossen. Irgendwo hat die Selbstsucht
durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet, indem
sie darüber ihr Selbst, und dessen Selbständigkeit, verloren;
und ihr, da sie gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollte, durch äußerliche Gewalt ein solcher andrer
und fremder Zweck aufgedrungen worden. Wer es einmal unternommen
hat, seine Zeit zu deuten, der muß mit seiner Deutung auch ihren
Fortgang begleiten, falls sie einen solchen Fortgang gewinnt;
und so wird es mir denn zur Pflicht, vor demselben Publikum, vor
welchem ich etwas als Gegenwart bezeichnete, dasselbe als vergangen
anzuerkennen, nachdem es aufgehört hat, die Gegenwart zu sein.

Was seine Selbständigkeit verloren hat, hat zugleich verloren das
Vermögen einzugreifen in den Zeitfluß, und den Inhalt desselben
frei zu bestimmen; es wird ihm, wenn es in diesem Zustande
verharret, seine Zeit, und es selber mit dieser seiner Zeit,
abgewickelt durch die fremde Gewalt, die über sein Schicksal
gebietet; es hat von nun an gar keine eigne Zeit mehr, sondern
zählt seine Jahre nach den Begebenheiten und Abschnitten
fremder Völkerschaften und Reiche. Es könnte sich erheben aus
diesem Zustande, in welchem die ganze bisherige Welt seinem
selbsttätigen Eingreifen entrückt ist, und in dieser ihm nur der
Ruhm des Gehorchens übrigbleibt, lediglich unter der Bedingung,
daß ihm eine neue Welt aufginge, mit deren Erschaffung es einen
neuen und ihm eignen Abschnitt in der Zeit begönne, und mit ihrer
Fortbildung ihn ausfüllte; doch müßte, da es einmal unterworfen
ist fremder Gewalt, diese neue Welt also beschaffen sein, daß
sie unvernommen bliebe jener Gewalt, und ihre Eifersucht auf
keine Weise erregte, ja, daß diese durch ihren eignen Vorteil
bewegt würde, der Gestaltung einer solchen kein Hindernis in
den Weg zu legen. Falls es nun eine also beschaffene Welt als
Erzeugungsmittel eines neuen Selbst und einer neuen Zeit, geben
sollte, für ein Geschlecht, daß sein bisheriges Selbst und
seine bisherige Zeit und Welt verloren hat, so käme es einer
allseitigen Deutung selbst der möglichen Zeit zu, diese also
beschaffene Welt anzugeben.

Nun halte ich meines Orts dafür, daß es eine solche Welt gebe,
und es ist der Zweck dieser Reden, Ihnen das Dasein und den
wahren Eigentümer derselben nachzuweisen, ein lebendiges Bild
derselben vor ihre Augen zu bringen, und die Mittel ihrer
Erzeugung anzugeben. In dieser Weise demnach werden diese Reden
eine Fortsetzung der ehemals gehaltenen Vorlesungen über die
damals gegenwärtige Zeit sein, indem sie enthüllen werden das
neue Zeitalter, das der Zerstörung des Reichs der Selbstsucht
durch fremde Gewalt unmittelbar folgen kann und soll.

Bevor ich jedoch dieses Geschäft beginne, muß ich Sie ersuchen
vorauszusetzen, also daß es Ihnen niemals entfalle, und einverstanden
zu sein mit mir, wo und inwiefern dies nötig ist, über die folgenden
Punkte:

1. Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg,
nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und
wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.
Sie, E. V., sind zwar meinem leiblichen Auge die ersten und
unmittelbaren Stellvertreter, welche die geliebten Nationalzüge
mir vergegenwärtigen, und der sichtbare Brennpunkt, in welchem
die Flamme meiner Rede sich entzündet; aber mein Geist versammelt
den gebildeten Teil der ganzen deutschen Nation, aus allen den
Ländern, über welche er verbreitet ist, um sich her, bedenkt
und beachtet unser aller gemeinsame Lage und Verhältnisse,
und wünscht, daß ein Teil der lebendigen Kraft, mit welcher
diese Reden vielleicht Sie ergreifen, auch in dem stummen
Abdrucke, welcher allein unter die Augen der Abwesenden kommen
wird, verbleibe, und aus ihm atme, und an allen Orten deutsche
Gemüter zu Entschluß und Tat entzünde. Bloß von Deutschen und
für Deutsche schlechtweg, sagte ich. Wir werden zu seiner Zeit
zeigen, daß jedwede andre Einheitsbezeichnung oder Nationalband
entweder niemals Wahrheit und Bedeutung hatte, oder, falls es
sie gehabt hätte, daß diese Vereinigungspunkte durch unsre
dermalige Lage vernichtet, und uns entrissen sind, und niemals
wiederkehren können; und daß es lediglich der gemeinsame Grundzug
der Deutschheit ist, wodurch wir den Untergang unsrer Nation im
Zusammenfließen derselben mit dem Auslande, abwehren, und worin
wir ein auf ihm selber ruhendes, und aller Abhängigkeit durchaus
unfähiges Selbst, wiederum gewinnen können. Es wird, sowie
wir dieses letztere einsehen werden, zugleich der scheinbare
Widerspruch dieser Behauptung mit anderweitigen Pflichten, und
für heilig gehaltenen Angelegenheiten, den vielleicht dermalen
mancher fürchtet, vollkommen verschwinden.

Ich werde darum, da ich ja nur von Deutschen überhaupt rede,
manches, das von den allhier Versammelten nicht zunächst gilt,
aussprechen, als dennoch von uns geltend, so wie ich andres,
das zunächst nur von uns gilt, aussprechen werde, als für alle
Deutsche geltend. Ich erblicke in dem Geiste, dessen Ausfluß
diese Reden sind, die durcheinander verwachsene Einheit, in der
kein Glied irgendeines andern Gliedes Schicksal, für ein ihm
fremdes Schicksal hält, die da entstehen soll und muß, wenn wir
nicht ganz zugrunde gehen sollen -- ich erblicke diese Einheit
schon als entstanden, vollendet, und gegenwärtig dastehend.

2. Ich setze voraus solche deutsche Zuhörer, welche nicht
etwa mit allem was sie sind, rein aufgehen in dem Gefühle des
Schmerzes über den erlittenen Verlust, und in diesem Schmerze
sich wohlgefallen, und an ihrer Untröstlichkeit sich weiden,
und durch dieses Gefühl sich abzufinden gedenken mit der an sie
ergehenden Anforderung zur Tat; sondern solche, die selbst über
diesen gerechten Schmerz zu klarer Besonnenheit und Betrachtung
sich schon erhoben haben, oder wenigstens fähig sind, sich dazu
zu erheben. Ich kenne jenen Schmerz, ich habe ihn gefühlt wie
einer, ich ehre ihn; die Dumpfheit, welche zufrieden ist, wenn
sie Speise und Trank findet, und kein körperlicher Schmerz ihr
zugefügt wird, und für welche Ehre, Freiheit, Selbständigkeit
leere Namen sind, ist seiner unfähig: aber auch er ist lediglich
dazu da, um zu Besinnung, Entschluß und Tat uns anzuspornen;
dieses Endzwecks verfehlend, beraubt er uns der Besinnung, und
aller uns noch übriggebliebenen Kräfte, und vollendet so unser
Elend, indem er noch überdies, als Zeugnis von unsrer Trägheit
und Feigheit, den sichtbaren Beweis gibt, daß wir unser Elend
verdienen. Keineswegs aber gedenke ich Sie zu erheben über
diesen Schmerz, durch Vertröstungen auf eine Hilfe, die von
außen her kommen solle, und durch Verweisungen auf allerlei
mögliche Ereignisse, und Veränderungen, die etwa die Zeit
herbeiführen könne; denn, falls auch nicht diese Denkart, die
lieber in der wankenden Welt der Möglichkeiten schweift, als
auf das Notwendige sich heften mag, und die ihre Rettung lieber
dem blinden Ohngefähr, als sich selber, verdanken will, schon
an sich von dem sträflichsten Leichtsinne, und der tiefsten
Verachtung seiner selbst zeugte, so wie sie es tut, so haben auch
noch überdies alle Vertröstungen und Verweisungen dieser Art
durchaus keine Anwendung auf unsre Lage. Es läßt sich der strenge
Beweis führen, und wir werden ihn zu seiner Zeit führen, daß
kein Mensch, und kein Gott, und keines von allen im Gebiete der
Möglichkeit liegenden Ereignissen uns helfen kann, sondern daß
allein wir selber uns helfen müssen, falls uns geholfen werden
soll. Vielmehr werde ich Sie zu erheben suchen über den Schmerz,
durch klare Einsicht in unsre Lage, in unsre noch übriggebliebene
Kraft, in die Mittel unsrer Rettung. Ich werde darum allerdings
einen gewissen Grad der Besinnung, eine gewisse Selbsttätigkeit,
und einige Aufopferung anmuten, und rechne darum auf Zuhörer,
denen sich soviel anmuten läßt. Uebrigens sind die Gegenstände
dieser Anmutung insgesamt leicht, und setzen kein größeres Maß
von Kraft voraus, als man, wie ich glaube, unserm Zeitalter
zutrauen kann; was aber die Gefahr betrifft, so ist dabei
durchaus keine.

3. Indem ich eine klare Einsicht der Deutschen, als solcher,
in ihre gegenwärtige Lage hervorzubringen gedenke: setze ich
voraus Zuhörer, die da geneigt sind, mit eignen Augen die Dinge
dieser Art zu sehen, keineswegs aber solche, die es bequemer
finden, ein fremdes und ausländisches Sehwerkzeug, das entweder
absichtlich auf Täuschung berechnet ist, oder das auch natürlich,
durch seinen andern Standpunkt, und durch das geringere Maß von
Schärfe, niemals auf ein deutsches Auge paßt, bei Betrachtung
dieser Gegenstände sich unterschieben zu lassen. Ferner setze
ich voraus, daß diese Zuhörer in dieser Betrachtung mit eignen
Augen den Mut haben, redlich hinzusehen auf das, was da ist, und
redlich sich zu gestehen, was sie sehen, und daß sie jene häufig
sich zeigende Neigung, über die eignen Angelegenheiten sich zu
täuschen, und ein weniger unerfreuliches Bild von denselben,
als mit der Wahrheit bestehen kann, sich vorzuhalten, entweder
schon besiegt haben, oder doch fähig sind, sie zu besiegen. Jene
Neigung ist ein feiges Entfliehen vor seinen eignen Gedanken, und
kindischer Sinn, der da zu glauben scheint, wenn er nur nicht
sehe sein Elend, oder wenigstens sich nicht gestehe, daß er es
sehe, so werde dieses Elend dadurch auch in der Wirklichkeit
aufgehoben, wie es aufgehoben ist in seinem Denken. Dagegen ist
es mannhafte Kühnheit, das Uebel fest ins Auge zu fassen, es zu
nötigen standzuhalten, es ruhig, kalt und frei zu durchdringen,
und es aufzulösen in seine Bestandteile. Auch wird man nur
durch diese klare Einsicht des Uebels Meister, und geht in der
Bekämpfung desselben einher mit sicherem Schritte, indem man,
in jedem Teile das Ganze übersehend, immer weiß, wo man sich
befinde, und durch die einmal erlangte Klarheit seiner Sache
gewiß ist, dagegen der andre, ohne festen Leitfaden, und ohne
sichere Gewißheit blind und träumend herumtappt.

Warum sollten wir denn auch uns scheuen vor dieser Klarheit?
Das Uebel wird durch die Unbekanntschaft damit nicht kleiner,
noch durch die Erkenntnis größer; es wird nur heilbar durch die
letztere; die Schuld aber soll hier gar nicht vorgerückt werden.
Züchtige man durch bittere Strafrede, durch beißenden Spott,
durch schneidende Verachtung die Trägheit und die Selbstsucht,
und reize sie, wenn auch zu nichts Besserem, doch wenigstens zum
Hasse und zur Erbitterung gegen den Erinnerer selbst, als doch
auch einer kräftigen Regung, an -- solange die notwendige Folge,
das Uebel, noch nicht vollendet ist, und von der Besserung noch
Rettung oder Milderung sich erwarten läßt. Nachdem aber dieses
Uebel also vollendet ist, daß es uns auch die Möglichkeit auf
diese Weise fortzusündigen benimmt, wird es zwecklos, und sieht
aus wie Schadenfreude, gegen die nicht mehr zu begehende Sünde
noch ferner zu schelten; und die Betrachtung fällt sodann aus
dem Gebiete der Sittenlehre in das der Geschichte, für welche
die Freiheit vorüber ist, und die das Geschehene als notwendigen
Erfolg aus dem Vorhergegangenen ansieht. Es bleibt für unsre
Reden keine andre Ansicht der Gegenwart übrig, als diese letzte,
und wir werden darum niemals eine andre nehmen.

Diese Denkart also, daß man sich als Deutschen schlechtweg denke,
daß man nicht gefesselt sei durch den Schmerz, daß man die
Wahrheit sehen wolle, und den Mut habe ihr ins Auge zu blicken,
setze ich voraus, und rechne auf sie bei jedem Worte, das ich
sagen werde, und so jemand eine andre in diese Versammlung
mitbrächte, so würde derselbe die unangenehmen Empfindungen,
die ihm hier gemacht werden könnten, lediglich sich selbst
zuzuschreiben haben. Dies sei hiermit gesagt für immer, und
abgetan: und ich gehe nun an das andre Geschäft, Ihnen den
Grundinhalt aller folgenden Reden in einer allgemeinen Uebersicht
vorzulegen.

Irgendwo, sagte ich im Eingange meiner Rede, habe die Selbstsucht
durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet,
indem sie darüber ihr Selbst, und das Vermögen, sich selbständig
ihre Zwecke zu setzen, verloren habe. Diese nunmehr erfolgte
Vernichtung der Selbstsucht war der von mir angegebene Fortgang
der Zeit, und das durchaus neue Ereignis in derselben, das nach
mir eine Fortsetzung meiner ehemaligen Schilderung der Zeit so
möglich wie notwendig machte; diese Vernichtung wäre somit unsre
eigentliche Gegenwart, an welche unser neues Leben in einer
neuen Welt, deren Dasein ich gleichfalls behauptete, unmittelbar
angeknüpft werden müßte, sie wäre daher auch der eigentliche
Ausgangspunkt meiner Reden; und ich hätte vor allen Dingen zu
zeigen, wie und warum eine solche Vernichtung der Selbstsucht aus
ihrer höchsten Entwicklung notwendig erfolge.

Bis zu ihrem höchsten Grade entwickelt ist die Selbstsucht,
wenn, nachdem sie erst mit unbedeutender Ausnahme die Gesamtheit
der Regierten ergriffen, sie von diesen aus sich auch der
Regierenden bemächtigt, und deren alleiniger Lebenstrieb wird.
Es entsteht einer solchen Regierung zuförderst nach außen die
Vernachlässigung aller Bande, durch welche ihre eigne Sicherheit
an die Sicherheit andrer Staaten geknüpft ist, das Aufgeben
des Ganzen, dessen Glied sie ist, lediglich darum, damit sie
nicht aus ihrer trägen Ruhe aufgestört werde, und die traurige
Täuschung der Selbstsucht, daß sie Frieden habe, solange nur die
eignen Grenzen nicht angegriffen sind; sodann nach innen jene
weichliche Führung der Zügel des Staats, die mit ausländischen
Worten sich Humanität, Liberalität und Popularität nennt, die
aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und ein Betragen
ohne Würde zu nennen ist.

Wenn sie auch der Regierenden sich bemächtigt, habe ich gesagt.
Ein Volk kann durchaus verdorben sein, d. i. selbstsüchtig, denn
die Selbstsucht ist die Wurzel aller andern Verderbtheit --
und dennoch dabei nicht nur bestehen, sondern sogar äußerlich
glänzende Taten verrichten, wenn nur nicht seine Regierung
eben also verdirbt; ja die letztere sogar kann auch nach außen
treulos und pflicht- und ehrvergessen handeln, wenn sie nur nach
innen den Mut hat, die Zügel des Regiments mit straffer Hand
anzuhalten, und die größere Furcht für sich zu gewinnen. Wo aber
alles eben genannte sich vereinigt, da geht das gemeine Wesen
bei dem ersten ernstlichen Angriffe, der auf dasselbe geschieht,
zugrunde, und so, wie es selbst erst treulos sich ablöste von
dem Körper, dessen Glied es war, so lösen jetzt seine Glieder,
die keine Furcht vor ihm hält, und die die größere Furcht vor
dem Fremden treibt, mit derselben Treulosigkeit sich ab von ihm,
und gehen hin, ein jeder in das Seine. Hier ergreift die nun
vereinzelt stehenden abermals die größere Furcht, und sie geben
in reichlicher Spende, und mit erzwungen fröhlichem Gesichte dem
Feinde, was sie kärglich und äußerst unwillig dem Verteidiger
des Vaterlandes geben; bis späterhin auch die von allen Seiten
verlassenen und verratenen Regierenden genötigt werden, durch
Unterwerfung und Folgsamkeit gegen fremde Pläne ihre Fortdauer
zu erkaufen; und so nun auch diejenigen, die im Kampfe für das
Vaterland die Waffen wegwarfen, unter fremden Panieren lernen,
dieselben gegen das Vaterland tapfer zu führen. So geschieht es,
daß die Selbstsucht durch ihre höchste Entwicklung vernichtet,
und denen, die gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollten, durch fremde Gewalt ein solcher andrer Zweck
aufgedrungen wird.

Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit
herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten
Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos,
als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe
sodann fruchten, nachdem sie des größten Teils derselben beraubt
ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung
derselben die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun
nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine
in ihrer Hand ruhen, und diese ihre Hand selbst durch eine
fremde Hand gelenkt und geleitet wird. Auf sich selbst kann eine
solche Nation nicht länger rechnen; und ebensowenig sie auf den
Sieger rechnen. Dieser müßte ebenso unbesonnen, und ebenso feige
und verzagt sein, als jene Nation selbst erst war, wenn er die
errungenen Vorteile nicht festhielte, und sie nicht auf alle
Weise verfolgte. Oder wenn er einst im Verlauf der Zeiten doch
so unbesonnen und feige würde, so würde er zwar ebenso zugrunde
gehen, wie wir, aber nicht zu unserm Vorteile, sondern er würde
die Beute eines neuen Siegers und wir würden die sich von selbst
verstehende, wenig bedeutende Zugabe zu dieser Beute. Sollte eine
so gesunkene Nation dennoch sich retten können, so müßte dies
durch ein ganz neues, bisher noch niemals gebrauchtes Mittel,
vermittelst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge,
geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen
Ordnung der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung
irgend einmal notwendig ein Ende nehmen mußte, damit wir an dem
Gegenteile dieses Grundes des Untergangs das neue Glied finden,
welches in die Zeit eingefügt werden müßte, damit an ihm die
gesunkene Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben.

Man wird in Erforschung jenes Grundes finden, daß in allen
bisherigen Verfassungen die Teilnahme am Ganzen geknüpft war
an die Teilnahme des Einzelnen an sich selbst, vermittelst
solcher Bande, die irgendwo so gänzlich zerrissen, daß es gar
keine Teilnahme für das Ganze mehr gab -- durch die Bande der
Furcht und Hoffnung für die Angelegenheiten des Einzelnen aus
dem Schicksale des Ganzen, in einem künftigen, und in dem
gegenwärtigen Leben. Aufklärung des nur sinnlich berechnenden
Verstandes war die Kraft, welche die Verbindung eines künftigen
Lebens mit dem gegenwärtigen durch Religion aufhob, zugleich auch
andre Ergänzungs- und stellvertretende Mittel der sittlichen
Denkart, als da sind Liebe zum Ruhm, und Nationalehre, als
täuschende Trugbilder begriff; die Schwäche der Regierungen war
es, welche die Furcht für die Angelegenheiten des einzelnen aus
seinem Betragen gegen das Ganze, selbst für das gegenwärtige
Leben, durch häufige Straflosigkeit der Pflichtvergessenheit
aufhob, und ebenso auch die Hoffnung unwirksam machte, indem
sie dieselbe gar oft, ohne alle Rücksicht auf Verdienste um
das Ganze, nach ganz andern Regeln und Bewegungsgründen,
befriedigte. Bande solcher Art waren es, die irgendwo gänzlich
zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich
auflöste.

Immerhin mag von nun an der Sieger das, was allein auch er kann,
emsiglich tun, nämlich den letzten Teil des Bindungsmittels,
die Furcht und Hoffnung für das gegenwärtige Leben, wiederum
anknüpfen und verstärken; damit ist nur ihm geholfen, keineswegs
aber uns, denn so gewiß er seinen Vorteil versteht, knüpft er an
dieses erneute Band zu allererst nur seine Angelegenheit, die
unsrige aber nur insoweit, inwiefern die Erhaltung unsrer, als
Mittel für seine Zwecke, ihm selbst zur Angelegenheit wird. Für
eine so verfallene Nation ist von nun an Furcht und Hoffnung
völlig aufgehoben, indem deren Leitung ihrer Hand entfallen ist,
und sie zwar selber zu fürchten hat und zu hoffen, vor ihr aber
von nun an kein Mensch sich weiter fürchtet, oder von ihr etwas
hofft; und es bleibt ihr nichts übrig, als ein ganz andres und
neues, über Furcht und Hoffnung erhabenes Bindungsmittel zu
finden, um die Angelegenheiten ihrer Gesamtheit an die Teilnahme
eines jeden aus ihr für sich selber anzuknüpfen.

Ueber den sinnlichen Antrieb der Furcht oder Hoffnung hinaus,
und zunächst an ihn angrenzend, liegt der geistige Antrieb
der sittlichen Billigung oder Mißbilligung, und der höhere
Affekt des Wohlgefallens oder Mißfallens an unserm und andrer
Zustände. So wie das an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnte äußere
Auge durch einen Flecken, der ja unmittelbar dem Leibe keinen
Schmerz zufügt, oder durch den Anblick verworren durcheinander
liegender Gegenstände dennoch gepeinigt und geängstigt wird,
wie vom unmittelbaren Schmerze, indes der des Schmutzes und der
Unordnung Gewohnte sich in demselben recht wohl befindet: eben
also kann auch das innere geistige Auge des Menschen so gewöhnt
und gebildet werden, daß der bloße Anblick eines verworrenen
und unordentlichen, eines unwürdigen und ehrlosen Daseins
seiner selbst und seines verbrüderten Stammes, ohne Rücksicht
auf das, was davon für sein sinnliches Wohlsein zu fürchten
oder zu hoffen sei, ihm innig wehe tue, und daß dieser Schmerz
dem Besitzer eines solchen Auges, abermals ganz unabhängig von
sinnlicher Furcht oder Hoffnung, keine Ruhe lasse, bis er,
soviel an ihm ist, den ihm mißfälligen Zustand aufgehoben, und
den, der ihm allein gefallen kann, an seine Stelle gesetzt habe.
Im Besitzer eines solchen Auges ist die Angelegenheit des ihn
umgebenden Ganzen, durch das treibende Gefühl der Billigung oder
Mißbilligung, an die Angelegenheit seines eignen erweiterten
Selbst, das nur als Teil des Ganzen sich fühlt, und nur im
gefälligen Ganzen sich ertragen kann, unabtrennbar angeknüpft;
die Sichbildung zu einem solchen Auge wäre somit ein sicheres und
das einzige Mittel, das einer Nation, die ihre Selbständigkeit,
und mit ihr allen Einfluß auf die öffentliche Furcht und Hoffnung
verloren hat, übrigbliebe, um aus der erduldeten Vernichtung
sich wieder ins Dasein zu erheben, und dem entstandenen neuen
und höheren Gefühle ihre Nationalangelegenheiten, die seit ihrem
Untergange kein Mensch und kein Gott weiter bedenkt, sicher
anzuvertrauen. So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel,
dessen Anzeige ich versprochen, bestehe in der Bildung zu einem
durchaus neuen, und bisher vielleicht als Ausnahme bei einzelnen,
niemals aber als allgemeines und nationales Selbst, dagewesenen
Selbst, und in der Erziehung der Nation, deren bisheriges Leben
erloschen, und Zugabe eines fremden Lebens geworden, zu einem
ganz neuen Leben, das entweder ihr ausschließendes Besitztum
bleibt, oder, falls es auch von ihr aus an andre kommen sollte,
ganz und unverringert bleibt bei unendlicher Teilung; mit einem
Worte, eine gänzliche Veränderung des bisherigen Erziehungswesens
ist es, was ich, als das einzige Mittel die deutsche Nation im
Dasein zu erhalten, in Vorschlag bringe.

Daß man den Kindern eine gute Erziehung geben müsse, ist auch
in unserm Zeitalter oft genug gesagt, und bis zum Ueberdrusse
wiederholt worden, und es wäre ein Geringes, wenn auch wir unsres
Ortes dies gleichfalls einmal sagen wollten. Vielmehr wird uns,
so wir ein andres zu vermögen glauben, obliegen, genau und
bestimmt zu untersuchen, was eigentlich der bisherigen Erziehung
gefehlt habe, und anzugeben, welches durchaus neue Glied die
veränderte Erziehung der bisherigen Menschenbildung hinzufügen
müsse.

Man muß, nach einer solchen Untersuchung, der bisherigen
Erziehung zugestehen, daß sie nicht ermangelt, irgendein Bild
von religiöser, sittlicher, gesetzlicher Denkart, und von
allerhand Ordnung und guter Sitte vor das Auge ihrer Zöglinge
zu bringen, auch daß sie hier und da dieselben getreulich
ermahnt habe, jenen Bildern in ihrem Leben einen Abdruck zu
geben; aber mit höchst seltenen Ausnahmen, die somit nicht durch
diese Erziehung begründet waren, indem sie sodann an allen
durch diese Bildung hindurchgegangenen, und als die Regel,
hätten eintreten müssen, sondern die durch andre Ursachen
herbeigeführt worden -- mit diesen höchstseltenen Ausnahmen,
sage ich, sind die Zöglinge dieser Erziehung insgesamt nicht
jenen sittlichen Vorstellungen und Ermahnungen, sondern sie sind
den Antrieben ihrer, ihnen natürlich, und ohne alle Beihilfe
der Erziehungskunst, erwachsenden Selbstsucht, gefolgt; zum
unwidersprechlichen Beweise, daß diese Erziehungskunst zwar
wohl das Gedächtnis mit einigen Worten und Redensarten, und die
kalte und teilnehmungslose Phantasie mit einigen matten und
blassen Bildern anzufüllen vermocht, daß es ihr aber niemals
gelungen, ihr Gemälde einer sittlichen Weltordnung bis zu der
Lebhaftigkeit zu steigern, daß ihr Zögling von der heißen Liebe
und Sehnsucht dafür, und von dem glühenden Affekte, der zur
Darstellung im Leben treibt, und vor welchem die Selbstsucht
abfällt wie welkes Laub, ergriffen worden; daß somit diese
Erziehung weit davon entfernt gewesen sei, bis zur Wurzel der
wirklichen Lebensregung und Bewegung durchzugreifen, und diese
zu bilden, indem diese vielmehr, unbeachtet von der blinden und
ohnmächtigen, allenthalben wild aufgewachsen sei, wie sie gekonnt
habe, zu guter Frucht bei wenigen durch Gott begeisterten,
zu schlechter bei der großen Mehrzahl. Auch ist es dermalen
vollkommen hinlänglich, diese Erziehung durch diesen ihren Erfolg
zu zeichnen, und kann man für unsern Behuf sich des mühsamen
Geschäfts überheben, die innern Säfte und Adern eines Baumes zu
zergliedern, dessen Frucht dermalen vollständig reif ist, und
abgefallen, und vor aller Welt Augen liegt, und höchst deutlich
und verständlich ausspricht die innere Natur ihres Erzeugers. Der
Strenge nach wäre dieser Ansicht zufolge, die bisherige Erziehung
auf keine Weise die Kunst der Bildung zum Menschen gewesen,
wie sie sich denn dessen auch eben nicht gerühmt, sondern gar
oft ihre Ohnmacht, durch die Forderung, ihr ein natürliches
Talent, oder Genie, als Bedingung ihres Erfolgs voraus zu geben,
freimütig gestanden; sondern es wäre eine solche Kunst erst
zu erfinden, und die Erfindung derselben wäre die eigentliche
Aufgabe der neuen Erziehung. Das ermangelnde Durchgreifen bis
in die Wurzel der Lebensregung und -bewegung hätte diese neue
Erziehung der bisherigen hinzuzufügen, und wie die bisherige
höchstens etwas am Menschen, so hätte diese den Menschen selbst
zu bilden, und ihre Bildung keineswegs, wie bisher, zu einem
Besitztume, sondern vielmehr zu einem persönlichen Bestandteile
des Zöglings zu machen.

Ferner wurde bisher diese also beschränkte Bildung nur an die
sehr geringe Minderzahl der ebendaher gebildet genannten Stände
gebracht, die große Mehrzahl aber, auf welcher das gemeine Wesen
recht eigentlich ruht, das Volk, wurde von der Erziehungskunst
fast ganz vernachlässigt, und dem blinden Ohngefähr übergeben.
Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer
Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern
getrieben und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit; so
wir aber etwa hierbei abermals einen gebildeten Stand, der etwa
durch den neu entwickelten Antrieb der sittlichen Billigung
belebt würde, absondern wollten von einem ungebildeten, so würde
dieser letzte, da Hoffnung und Furcht, durch welche allein noch
auf ihn gewirkt werden könnte, nicht mehr für uns, sondern gegen
uns dienen, von uns abfallen, und uns verloren gehen. Es bleibt
sonach uns nichts übrig, als schlechthin an alles ohne Ausnahme,
was deutsch ist, die neue Bildung zu bringen, so daß dieselbe
nicht Bildung eines besondern Standes, sondern daß sie Bildung
der Nation schlechthin als solcher, und ohne alle Ausnahme
einzelner Glieder derselben, werde, in welcher, in der Bildung
zum innigen Wohlgefallen am Rechten nämlich, aller Unterschied
der Stände, der in andern Zweigen der Entwicklung auch fernerhin
stattfinden mag, völlig aufgehoben sei, und verschwinde; und daß
auf diese Weise unter uns keineswegs Volkserziehung, sondern
eigentümliche deutsche Nationalerziehung entstehe.

Ich werde Ihnen dartun, daß eine solche Erziehungskunst, wie
wir sie begehren, wirklich schon erfunden ist und ausgeübt
wird, so daß wir nichts mehr zu tun haben, als das sich uns
Darbietende anzunehmen, welches, so wie ich dies oben von dem
vorzuschlagenden Rettungsmittel versprach, ohne Zweifel kein
größeres Maß von Kraft erfordert, als man bei unserm Zeitalter
billig voraussetzen kann. Ich fügte diesem Versprechen noch ein
andres bei, daß nämlich, was die Gefahr anbelange, bei unserm
Vorschlage durchaus keine sei, indem es der eigne Vorteil
der über uns gebietenden Gewalt erfordere, die Ausführung
jenes Vorschlags eher zu befördern, als zu hindern. Ich finde
zweckmäßig, sogleich in dieser ersten Rede über diesen Punkt mich
deutlich auszusprechen.

Zwar sind so in alter wie in neuer Zeit gar häufig die Künste der
Verführung und der sittlichen Herabwürdigung der Unterworfenen,
als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden;
man hat durch lügenhafte Erdichtungen, und durch künstliche
Verwirrung der Begriffe und der Sprache, die Fürsten vor den
Völkern, und diese vor jenen verleumdet, um die entzweiten
sicherer zu beherrschen, man hat alle Antriebe der Eitelkeit
und des Eigennutzes listig aufgereizt und entwickelt, um die
Unterworfenen verächtlich zu machen, und so mit einer Art von
gutem Gewissen sie zu zertreten: aber man würde einen sicher zum
Verderben führenden Irrtum begehen, wenn man mit uns Deutschen
diesen Weg einschlagen wollte. Das Band der Furcht und der
Hoffnung abgerechnet, beruht der Zusammenhang desjenigen Teils
des Auslandes, mit dem wir dermalen in Berührung kommen, auf
den Antrieben der Ehre und des Nationalruhms; aber die deutsche
Klarheit hat vorlängst bis zur unerschütterlichen Ueberzeugung
eingesehen, daß dieses leere Trugbilder sind, und daß keine
Wunde und keine Verstümmelung des Einzelnen durch den Ruhm der
ganzen Nation geheilt wird; und wir dürften wohl, so nicht eine
höhere Ansicht des Lebens an uns gebracht wird, gefährliche
Prediger dieser sehr begreiflichen und manchen Reiz bei sich
führenden Lehre werden. Ohne darum noch neues Verderben an uns zu
nehmen, sind wir schon in unsrer natürlichen Beschaffenheit eine
unheilbringende Beute; nur durch die Ausführung des gemachten
Vorschlages können wir eine heilbringende werden: und so wird
denn, so gewiß das Ausland seinen Vorteil versteht, dasselbe
durch diesen selbst bewegt, uns lieber auf die letzte Weise haben
wollen, denn auf die erste.

Insbesondere nun wendet mit diesem Vorschlage meine Rede sich an
die gebildeten Stände Deutschlands, indem sie diesen noch am ersten
verständlich zu werden hofft, und trägt zu allernächst ihnen an, sich
zu den Urhebern dieser neuen Schöpfung zu machen, und dadurch teils
mit ihrer bisherigen Wirksamkeit die Welt auszusöhnen, teils ihre
Fortdauer in der Zukunft zu verdienen. Wir werden im Fortgange dieser
Reden ersehen, daß bis hierher alle Fortentwicklung der Menschheit
in der deutschen Nation vom Volke ausgegangen, und daß an dieses
immer zuerst die großen Nationalangelegenheiten gebracht, und von ihm
besorgt und weiterbefördert worden; daß es somit jetzt zum erstenmal
geschieht, daß den gebildeten Ständen die ursprüngliche Fortbildung
der Nation angetragen wird, und daß, wenn sie diesen Antrag wirklich
ergriffen, auch dies das erstemal geschehen würde. Wir werden
ersehen, daß diese Stände nicht berechnen können, auf wie lange Zeit
es noch in ihrer Gewalt stehen werde, sich an die Spitze dieser
Angelegenheit zu stellen, indem dieselbe bis zum Vortrage an das Volk
schon beinahe vorbereitet und reif sei, und an Gliedern aus dem Volke
geübt werde, und dieses nach kurzer Zeit ohne alle unsre Beihilfe
sich selbst werde helfen können, woraus für uns bloß das erfolgen
werde, daß die jetzigen Gebildeten und ihre Nachkommen zum Volke
werden, aus dem bisherigen Volke aber ein andrer höherer gebildeter
Stand emporkomme.

Nach allem ist es der allgemeine Zweck dieser Reden, Mut und
Hoffnung zu bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkündigen
in die tiefe Trauer, über die Stunde der größten Bedrängnis
leicht und sanft hinüber zu leiten. Die Zeit erscheint mir wie
ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein
Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert,
und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so
geliebten Hülle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder
hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon
die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene
eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem
Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen
der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich
schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen
hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll,
zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte,
oder Gehör für diese Stimmen, oder wenn sie es hätte, so ist
sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie
zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt. Was ist mit ihr zu
tun? Auch die Morgenröte der neuen Welt ist schon angebrochen,
und vergoldet schon die Spitzen der Berge, und bildet vor den
Tag, der da kommen soll. Ich will, so ich es kann, die Strahlen
dieser Morgenröte fassen, und sie verdichten zu einem Spiegel, in
welchem die trostlose Zeit sich erblicke, damit sie glaube, daß
sie noch da ist, und in ihm ihr wahrer Kern sich ihr darstelle,
und die Entfaltungen und Gestaltungen desselben in einem
weissagenden Gesichte vor ihr vorüber gehen. In diese Anschauung
hinein wird ihr denn ohne Zweifel auch das Bild ihres bisherigen
Lebens versinken, und verschwinden, und der Tote wird ohne
übermäßiges Wehklagen zu seiner Ruhestätte gebracht werden können.



Zweite Rede.

Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen.


Das von mir vorgeschlagene Erhaltungsmittel einer deutschen Nation
überhaupt, zu dessen klarer Einsicht diese Reden zunächst Sie, und
nebst Ihnen die ganze Nation führen möchten, geht als ein solches
Mittel hervor aus der Beschaffenheit der Zeit, sowie der deutschen
Nationaleigentümlichkeiten, so wie dieses Mittel wiederum eingreifen
soll in Zeit und Bildung der Nationaleigentümlichkeiten. Es ist somit
dieses Mittel nicht eher vollkommen klar und verständlich gemacht,
als bis es mit diesen, und diese mit ihm zusammen gehalten, und beide
in vollkommener gegenseitiger Durchdringung dargestellt sind, welche
Geschäfte einige Zeit erfordern, und so die vollkommene Klarheit nur
am Ende unsrer Reden zu erwarten ist. Da wir jedoch bei irgendeinem
einzelnen Teile anfangen müssen, so wird es am zweckmäßigsten sein,
zuförderst jenes Mittel selbst, abgesondert von seinen Umgebungen in
Zeit und Raum, für sich in seinem innern Wesen zu betrachten, und
so soll denn diesem Geschäfte unsre heutige und nächstfolgende Rede
gewidmet sein.

Das angegebene Mittel war eine durchaus neue, und vorher noch
nie also bei irgendeiner Nation dagewesene Nationalerziehung
der Deutschen. Diese neue Erziehung wurde schon in der vorigen
Rede zur Unterscheidung von der bisher üblichen also bezeichnet:
die bisherige Erziehung habe zu guter Ordnung und Sittlichkeit
höchstens nur ermahnt, aber diese Ermahnungen seien unfruchtbar
gewesen für das wirkliche Leben, welches nach ganz andern, dieser
Erziehung durchaus unzugänglichen Gründen sich gebildet habe.
Im Gegensatze mit dieser müsse die neue Erziehung die wirkliche
Lebensregung und -bewegung ihrer Zöglinge, nach Regeln sicher und
unfehlbar bilden, und bestimmen können.

So nun etwa hierauf jemand also gesagt hätte, wie denn auch
wirklich diejenigen, welche die bisherige Erziehung leiten, fast
ohne Ausnahme also sagen: Wie könnte man denn auch irgendeiner
Erziehung mehr anmuten, als daß sie dem Zöglinge das Recht
zeige, und ihn getreulich zu denselben anmahne; ob er diesen
Ermahnungen folgen wolle, das sei seine eigne Sache, und wenn
er es nicht tue, seine eigne Schuld; er habe freien Willen,
den keine Erziehung ihm nehmen könne: so würde ich hierauf, um
die von mir gedachte Erziehung noch schärfer zu bezeichnen,
antworten: daß gerade in diesem Anerkennen, und in diesem
Rechnen auf einen freien Willen des Zöglings der erste Irrtum
der bisherigen Erziehung, und das deutliche Bekenntnis ihrer
Ohnmacht und Nichtigkeit liege. Denn indem sie bekennt, daß nach
aller ihrer kräftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d.
i. unentschieden schwankend zwischen Gutem und Bösem bleibe,
bekennt sie, daß sie den Willen, und da dieser die eigentliche
Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu
bilden durchaus weder vermöge, noch wolle oder begehre, und
daß sie dies überhaupt für unmöglich halte. Dagegen würde die
neue Erziehung gerade darin bestehen müssen, daß sie auf dem
Boden, dessen Bearbeitung sie übernehme, die Freiheit des Willens
gänzlich vernichtete, und dagegen strenge Notwendigkeit der
Entschließungen, um die Unmöglichkeit des entgegengesetzten in
dem Willen hervorbrächte, auf welchem Willen man nunmehr sicher
rechnen und auf ihn sich verlassen könnte.

Alle Bildung strebt an, die Hervorbringung eines festen
bestimmten und beharrlichen Seins, das nun nicht mehr wird,
sondern ist, und nicht anders sein kann, denn so wie es ist.
Strebte sie nicht an ein solches Sein, so wäre sie nicht Bildung,
sondern irgendein zweckloses Spiel; hätte sie ein solches Sein
nicht hervorgebracht, so wäre sie eben noch nicht vollendet.
Wer sich noch ermahnen muß, und ermahnt werden, das Gute zu
wollen, der hat noch kein bestimmtes und stets bereitstehendes
Wollen, sondern er will sich dieses erst jedesmal im Falle des
Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der will,
was er will, für alle Ewigkeit, und er kann in keinem möglichen
Falle anders wollen, denn also, wie er eben immer will; für
ihn ist die Freiheit des Willens vernichtet und aufgegangen
in der Notwendigkeit. Dadurch eben hat die bisherige Zeit
gezeigt, daß sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten
Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, daß
sie durch ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte,
und verdrießlich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts
fruchteten. Wie konnten sie doch fruchten? Der Wille des
Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhängig von
ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner
Ermahnung, so kommt die Ermahnung zu spät, und der Mensch hätte
auch ohne dieselbe getan, wozu du ihn ermahntest, steht sie mit
derselben im Widerspruche, so magst du ihn höchstens einige
Augenblicke betäuben; wie die Gelegenheit kommt, vergißt er
sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natürlichen
Hange. Willst du etwas über ihn vermögen, so mußt du mehr tun,
als ihn bloß anreden, du mußt ihn machen, ihn also machen, daß
er gar nicht anders wollen könne, als du willst, daß er wolle.
Es ist vergebens zu sagen, fliege -- dem der keine Flügel hat,
und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über
den Boden empor kommen; aber entwickle, wenn du kannst, seine
geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben üben und kräftig
machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr
wollen oder können, denn fliegen.

Diesen festen und nicht weiter schwankenden Willen muß die neue
Erziehung hervorbringen nach einer sichern, und ohne Ausnahme
wirksamen Regel; sie muß selber mit Notwendigkeit erzeugen die
Notwendigkeit, die sie beabsichtiget. Was bisher gut geworden
ist, ist gut geworden durch seine natürliche Anlage, durch
welche die Einwirkung der schlechten Umgebung überwogen wurde;
keineswegs aber durch die Erziehung, denn sonst hätte alles durch
dieselbe hindurch gegangene gut werden müssen: was da verdarb,
verdarb ebensowenig durch die Erziehung, denn sonst hätte alles
durch sie hindurchgehende verderben müssen, sondern durch sich
selber und seine natürliche Anlage; die Erziehung war in dieser
Rücksicht nur nichtig, keineswegs verderblich, das eigentliche
bildende Mittel war die geistige Natur. Aus den Händen dieser
dunklen, und nicht zu berechnenden Kraft nun soll hinfür die
Bildung zum Menschen unter die Botmäßigkeit einer besonnenen
Kunst gebracht werden, die an allem ohne Ausnahme, was ihr
anvertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche, oder, wo sie ihn
etwa nicht erreichte, wenigstens weiß, daß sie ihn nicht erreicht
hat, und daß somit die Erziehung noch nicht geschlossen ist.
Eine sichere und besonnene Kunst, einen festen und unfehlbaren
guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die von mir
vorgeschlagene Erziehung sein, und dieses ist ihr erstes Merkmal.

Weiter -- der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt;
seine Liebe ist der einzige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb
seines Wollens und aller seiner Lebensregung und -bewegung. Die
bisherige Staatskunst, als die Erziehung des gesellschaftlichen
Menschen, setzte als sichere und ohne Ausnahme geltende Regel
voraus, daß jedermann sein eignes sinnliches Wohlsein liebe und
wolle, und sie knüpfte an diese natürliche Liebe durch Furcht
und Hoffnung künstlich den guten Willen, den sie wollte, das
Interesse für das gemeine Wesen. Abgerechnet, daß bei dieser
Erziehungsweise der äußerlich zum unschädlichen oder brauchbaren
Bürger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch bleibt,
denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, daß man nur sein
sinnliches Wohlsein liebe, und nur durch Furcht oder Hoffnung
für dieses, sei es nun im gegenwärtigen, oder in einem künftigen
Leben bewegt werden könne; -- dieses abgerechnet, haben wir schon
oben ersehen, daß diese Maßregel für uns nicht mehr anwendbar
ist, indem Furcht und Hoffnung nicht mehr für uns, sondern
gegen uns dienen, und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise
in unsern Vorteil gezogen werden kann. Wir sind daher sogar
durch die Not gedrungen, innerlich und im Grunde gute Menschen
bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche Nation noch
fortdauern kann, durch schlechte aber notwendig mit dem Auslande
zusammenfließt. Wir müssen darum an die Stelle jener Selbstliebe,
an welche nichts Gutes für uns sich länger knüpfen läßt, eine
andre Liebe, die unmittelbar auf das Gute, schlechtweg als
solches, und um sein selbst willen gehe, in den Gemütern aller,
die wir zu unsrer Nation rechnen, setzen und begründen.

Die Liebe für das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um
seiner Nützlichkeit willen für uns selber, trägt, wie wir schon
ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines
so innigen Wohlgefallens, daß man dadurch getrieben werde, es
in seinem Leben darzustellen. Dieses innige Wohlgefallen also
wäre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares
Sein ihres Zöglings hervorbringen müßte; worauf denn dieses
Wohlgefallen durch sich selbst den unwandelbar guten Willen
desselben Zöglings als notwendig begründen würde.

Ein Wohlgefallen, das da treibt einen gewissen Zustand der Dinge,
der in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in
derselben, setzt voraus ein Bild dieses Zustandes, das vor dem
wirklichen Sein desselben vorher dem Geiste vorschwebt, und jenes
zur Ausführung treibende Wohlgefallen auf sich zieht. Somit setzt
dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen werden
soll, voraus das Vermögen, selbsttätig dergleichen Bilder, die
unabhängig seien von der Wirklichkeit, und keineswegs Nachbilder
derselben, sondern vielmehr Vorbilder, zu entwerfen. Ich habe
jetzt zu allernächst von diesem Vermögen zu sprechen, und ich
bitte, während dieser Betrachtung ja nicht zu vergessen, daß
ein durch dieses Vermögen hervorgebrachtes Bild eben als bloßes
Bild, und als dasjenige, worin wir unsre bildende Kraft fühlen,
gefallen könne, ohne doch darum genommen zu werden als Vorbild
einer Wirklichkeit, und ohne in dem Grade zu gefallen, daß es
zur Ausführung treibe; daß dies letztere ein ganz andres, und
unser eigentlicher Zweck ist, von dem wir später zu reden nicht
unterlassen werden, jenes nächste aber lediglich die vorläufige
Bedingung enthält zur Erreichung des wahren letzten Zwecks der
Erziehung.

Jenes Vermögen, Bilder, die keineswegs bloße Nachbilder der
Wirklichkeit seien, sondern die da fähig sind, Vorbilder
derselben zu werden, selbsttätig zu entwerfen, wäre das erste,
wovon die Bildung des Geschlechts durch die neue Erziehung
ausgehen müßte. Selbsttätig zu entwerfen, habe ich gesagt,
und also, daß der Zögling durch eigne Kraft sie sich erzeuge,
keineswegs etwa, daß er nur fähig werde, das durch die Erziehung
ihm hingegebene Bild, leidend aufzufassen, es hinlänglich zu
verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen,
als ob es nur um das Vorhandensein eines solchen Bildes zu tun
wäre. Der Grund dieser Forderung der eignen Selbsttätigkeit in
diesem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das
entworfene Bild das tätige Wohlgefallen des Zöglings an sich
ziehen. Es ist nämlich ganz etwas andres, sich etwas nur gefallen
zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes
Gefallenlassen allein höchstens aus einem leidenden Hingeben
entstehen kann; wiederum aber etwas andres, von dem Wohlgefallen
an etwas also ergriffen werden, daß dasselbe schöpferisch werde,
und alle unsre Kraft zum Bilden anrege. Von dem ersten, das in
allewege in der bisherigen Erziehung wohl auch vorkam, sprechen
wir nicht, sondern von dem letzten. Dieses letzte Wohlgefallen
aber wird allein dadurch angezündet, daß die Selbsttätigkeit des
Zöglings zugleich angereizt, und an dem gegebenen Gegenstande
ihm offenbar werde, und so dieser Gegenstand nicht bloß für
sich, sondern zugleich auch als ein Gegenstand der geistigen
Kraftäußerung gefalle, welche letztere unmittelbar, notwendig,
und ohne alle Ausnahme wohlgefällt.

Diese im Zöglinge zu entwickelnde Tätigkeit des geistigen
Bildens ist ohne Zweifel eine Tätigkeit nach Regeln, welche
Regeln dem Tätigen kundwerden, bis zur Einsicht ihrer einzigen
Möglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich selber; also,
diese Tätigkeit bringt hervor Erkenntnis, und zwar allgemeiner
und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem
Punkte aus sich anhebenden freien Fortbilden ist unmöglich, was
gegen das Gesetz unternommen wird, und es erfolgt keine Tat, bis
das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch diese freie Fortbildung
anfangs von blinden Versuchen ausginge, so müßte sie doch enden
mit erweiterter Erkenntnis des Gesetzes. Diese Bildung ist
daher in ihrem letzten Erfolge Bildung des Erkenntnisvermögens
des Zöglings, und zwar keineswegs die historische an den
stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern die höhere und
philosophische, an den Gesetzen, nach denen eine solche stehende
Beschaffenheit der Dinge notwendig wird. Der Zögling lernt.

Ich setze hinzu: der Zögling lernt gern und mit Lust, und er
mag, solange die Spannung der Kraft vorhält, gar nichts lieber
tun, denn lernen, denn er ist selbsttätig, indem er lernt,
und dazu hat er unmittelbar die allerhöchste Lust. Wir haben
hieran ein äußeres, teils unmittelbar ins Auge fallendes, teils
untrügliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies,
daß ohne alle Rücksicht auf die Verschiedenheit der natürlichen
Anlagen und ohne alle Ausnahme jedweder Zögling, an den diese
Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens selbst willen, und
aus keinem andern Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir haben das
Mittel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuzünden, dies,
die unmittelbare Selbsttätigkeit des Zöglings anzuregen, und
diese zur Grundlage aller Erkenntnis zu machen, also, daß an ihr
gelernt werde, was gelernt wird.

Diese eigne Tätigkeit des Zöglings in irgendeinem uns bekannten
Punkte nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstück der Kunst.
Ist dieses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die
angeregte von diesem Punkte aus immer im frischen Leben zu
erhalten, welches allein durch regelmäßiges Fortschreiten möglich
ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch
Mißlingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch
das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich
angeknüpft wird an die angegebene Wirkungsweise, das ewige und
ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der geistigen Natur des
Menschen, daß er geistige Tätigkeit unmittelbar anstrebe.

Sollte jemand, durch die gewöhnliche Erfahrung unsrer Tage
irregeleitet, sogar gegen das Vorhandensein eines solchen
Grundgesetzes Zweifel hegen, so merken wir für einen solchen zum
Ueberflusse an, daß der Mensch von Natur allerdings bloß sinnlich
und selbstsüchtig ist, solange die unmittelbare Not und das
gegenwärtige sinnliche Bedürfnis ihn treibt, und daß er durch
kein geistiges Bedürfnis, oder irgendeine schonende Rücksicht
sich abhalten läßt, dieses zu befriedigen; daß er aber, nachdem
nur diesem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte
Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten, und es sich
gegenwärtig zu erhalten, sondern daß er es weit mehr liebt,
den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen,
was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja daß
er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht
verschmäht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt für
das Zeitliche, damit sein Sinn für das Ewige einigen Spielraum
zur Entwicklung erhalte. Das letzte wird bewiesen durch die
Geschichte aller alten Völker, und die mancherlei Beobachtungen
und Entdeckungen, die von ihnen auf uns gekommen sind; es wird
bewiesen bis auf unsre Tage durch die Beobachtung der noch
übrigen wilden Völker, falls nämlich sie von ihrem Klima nur
nicht gar zu stiefmütterlich behandelt werden, und durch die
unsrer eignen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimütige
Geständnis unsrer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, daß
es ein weit verdrießlicheres Geschäft sei, Namen und Jahreszahlen
zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere
Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber
das zweite täten, wenn sie sich's erlauben dürften, denn das
erste. Daß an die Stelle dieses naturgemäßen Leichtsinns der
schwere Sinn trete, wo auch dem Gesättigten der künftige Hunger,
und die ganzen langen Reihen alles möglichen künftigen Hungers,
als das einzige seine Seele füllende, vorschweben, und ihn
immerfort stacheln und treiben, wird in unserm Zeitalter durch
Kunst bewirkt, beim Knaben durch Züchtigung seines natürlichen
Leichtsinns, beim Manne durch das Bestreben für einen klugen Mann
zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zuteil wird, der jenen
Gesichtspunkt keinen Augenblick aus den Augen läßt; es ist daher
dies keineswegs Natur, auf die wir zu rechnen hätten, sondern ein
der widerstrebenden Natur mit Mühe aufgedrungenes Verderben, das
da wegfällt, sowie nur jene Mühe nicht mehr angewendet wird.

Diese unmittelbar die geistige Selbsttätigkeit des Zöglings
anregende Erziehung erzeugt Erkenntnis, sagten wir oben; und
dies gibt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Gegensatze mit
der bisherigen, noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nämlich,
und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung
regelmäßig fortschreitender Geistestätigkeit. Die Erkenntnis
ergibt sich, wie wir schon oben gesehen haben, nur nebenbei, und
als nicht außenbleibende Folge. Ob es daher nun zwar wohl diese
Erkenntnis ist, in welcher allein das Bild für das wirkliche
Leben, das die künftige ernstliche Tätigkeit unsers zum Manne
gewordenen Zöglings anregen soll, erfaßt werden kann; die
Erkenntnis daher allerdings ein wesentlicher Bestandteil der zu
erlangenden Bildung ist, so kann man dennoch nicht sagen, daß
die neue Erziehung diese Erkenntnis unmittelbar beabsichtige,
sondern die Erkenntnis fällt derselben nur zu. Im Gegenteile
beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntnis,
und ein gewisses Maß eines Erkenntnisstoffes. Ferner ist ein
großer Unterschied zwischen der Art der Erkenntnis, welche der
neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die
bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntnis
der die Möglichkeit aller geistigen Tätigkeit bedingenden
Gesetze dieser Tätigkeit. Zum Beispiel wenn der Zögling in
freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen
versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Tätigkeit
desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, daß er mit
weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen könne, so
ist dieses letztere die nebenbei entstehende Erkenntnis einer
zweiten ganz andern Tätigkeit des, das zuerst angeregte freie
Vermögen beschränkenden Erkenntnisvermögens. Dieser Erziehung
entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft über
alle Erfahrung erhabene, übersinnliche, streng notwendige und
allgemeine Erkenntnis, die alle nachher mögliche Erfahrung
schon im voraus unter sich befaßt. Dagegen ging der bisherige
Unterricht in der Regel nur auf die stehenden Beschaffenheiten
der Dinge, wie sie eben, ohne daß man dafür einen Grund angeben
könne, seien, und geglaubt, und gemerkt werden müßten; also auf
ein bloß leitendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der
Dinge stehende Vermögen des Gedächtnisses, wodurch es überhaupt
gar nicht zur Ahnung des Geistes, als eines selbständigen und
uranfänglichen Prinzips der Dinge selber kommen konnte. Es
vermeine die neuere Pädagogik ja nicht durch die Berufung auf
ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Auswendiglernen,
und auf ihre bekannten Meisterstücke in sokratischer Manier,
gegen diesen Vorwurf sich zu decken; denn hierauf hat sie
schon längst wo anders den gründlichen Bescheid erhalten, daß
diese sokratischen Räsonnements gleichfalls nur mechanisch
auswendig gelernt werden, und daß dies ein um so gefährlicheres
Auswendiglernen ist, da es dem Zöglinge, der nicht denkt, dennoch
den Schein gibt, daß er denken könne; daß dies bei dem Stoffe,
den sie zur Entwicklung des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht
anders erfolgen konnte, und daß man für diesen Zweck mit einem
ganz andern Stoffe anheben müsse. Aus dieser Beschaffenheit des
bisherigen Unterrichts erhellet, teils warum in der Regel der
Zögling bisher ungern, und darum langsam und spärlich lernte,
und in Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber, fremdartige
Antriebe untergelegt werden mußten, teils geht daraus hervor der
Grund von bisherigen Ausnahmen von der Regel. Das Gedächtnis,
wenn es allein, und ohne irgendeinem andern geistigen Zwecke
dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein
Leiden des Gemüts, als eine Tätigkeit desselben, und es läßt
sich einsehen, daß der Zögling dieses Leiden höchst ungern
übernehmen werde. Auch ist die Bekanntschaft mit ganz fremden,
und nicht das mindeste Interesse für ihn habenden Dingen, und
mit ihren Eigenschaften, ein schlechter Ersatz für jenes ihm
zugefügte Leiden; deswegen mußte seine Abneigung durch die
Vertröstung auf die künftige Nützlichkeit dieser Erkenntnisse,
und daß man nur vermittelst ihrer Brot und Ehre finden könne,
und sogar durch unmittelbar gegenwärtige Strafe und Belohnung
überwunden werden; -- daß somit die Erkenntnis gleich von
vornherein als Dienerin des sinnlichen Wohlseins aufgestellt
wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben
als bloß unkräftig für Entwicklung einer sittlichen Denkart
aufgestellt wurde, um nur an den Zögling zu gelangen, das
moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln,
und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknüpfen
mußte. Man wird ferner finden, daß das natürliche Talent, welches
als Ausnahme von der Regel, in der Schule dieser bisherigen
Erziehung gern lernte, und deswegen gut, und durch diese in ihm
waltende höhere Liebe das moralische Verderben der Umgebung
überwand, und seinen Sinn rein erhielt, durch seinen natürlichen
Hang, jenen Gegenständen ein praktisches Interesse abgewann,
und daß es, von seinem glücklichen Instinkte geleitet, vielmehr
darauf ausging, dergleichen Erkenntnisse selbst hervorzubringen,
denn darauf, sie bloß aufzufassen; sodann, daß in Absicht der
Lehrgegenstände, mit denen, als Ausnahme von der Regel, es dieser
Erziehung noch am allgemeinsten und glücklichsten gelang, dieses
insgesamt solche sind, die sie tätig ausüben ließ, so wie zum
Beispiel diejenige gelehrte Sprache, in der bis aufs Schreiben
und Reden derselben ausgegangen wurde, beinahe allgemein
ziemlich gut, dagegen diejenige andre, in der die Schreib- und
Redeübungen vernachlässigt wurden, in der Regel sehr schlecht
und oberflächlich gelernt, und in reiferen Jahren vergessen
worden. Daß daher auch aus der bisherigen Erfahrung hervorgeht,
daß es allein die Entwicklung der geistigen Tätigkeit durch
den Unterricht sei, die da Lust an der Erkenntnis, rein als
solcher, hervorbringe, und so auch das Gemüt der sittlichen
Bildung offen erhalte, dagegen das bloß leidende Empfangen ebenso
die Erkenntnis lähme und töte, wie es ihr Bedürfnis sei, den
sittlichen Sinn in Grund und Boden hinein zu verderben.

Um wieder zurückzukehren zum Zöglinge der neuen Erziehung: es ist
klar, daß derselbe, von seiner Liebe getrieben, viel, und da er
alles in seinem Zusammenhange faßt, und das Gefaßte unmittelbar
durch ein Tun übt, dieses viele richtig und unvergeßlich lernen
werde. Doch ist dieses nur Nebensache. Bedeutender ist, daß durch
diese Liebe sein Selbst erhöhet, und in eine ganz neue Ordnung
der Dinge, in welche bisher nur wenige von Gott Begünstigte
von ungefähr kamen, besonnen, und nach einer Regel eingeführt
wird. Ihn treibt eine Liebe, die durchaus nicht auf irgendeinen
sinnlichen Genuß ausgeht, indem dieser, als Antrieb, für ihn
gänzlich schweigt, sondern auf die geistige Tätigkeit, um der
Tätigkeit willen, und auf das Gesetz derselben, um des Gesetzes
willen. Ob nun zwar nicht diese geistige Tätigkeit überhaupt es
ist, auf welche die Sittlichkeit geht, sondern dazu noch eine
besondere Richtung jener Tätigkeit kommen muß, so ist dennoch
jene Liebe die allgemeine Beschaffenheit und Form des sittlichen
Willens; und so ist denn diese Weise der geistigen Bildung die
unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen; die Wurzel der
Unsittlichkeit aber rottet sie, indem sie den sinnlichen Genuß
durchaus niemals Antrieb werden läßt, gänzlich aus. Bisher
war dieser Antrieb der erste, der da angeregt und ausgebildet
wurde, weil man außerdem den Zögling gar nicht bearbeiten und
einigen Einfluß auf denselben gewinnen zu können glaubte;
sollte hinterher der sittliche Antrieb entwickelt werden, so
kam derselbe zu spät, und fand das Herz schon eingenommen und
angefüllt von einer andern Liebe. Durch die neue Erziehung soll
umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werden, damit,
wenn späterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen, oder von
außen angeregt werden sollte, diese zu spät komme, und in dem
schon von etwas anderm eingenommenen Gemüte keinen Platz für sich
finde.

Wesentlich ist schon für diesen ersten, sowie für den demnächst
anzugebenden zweiten Zweck, daß der Zögling von Anbeginn an
ununterbrochen, und ganz unter dem Einflusse dieser Erziehung
stehe, und daß er von dem Gemeinen gänzlich abgesondert, und
vor aller Berührung damit verwahrt werde. Daß man um seiner
Erhaltung und seines Wohlseins willen im Leben sich regen und
bewegen könne, muß er gar nicht hören, und ebensowenig, daß
man um deswillen lerne, oder daß das Lernen dazu etwas helfen
könne. Es folgt daraus, daß die geistige Entwicklung in der oben
angegebenen Weise, die einzige sein müsse, die an ihn gebracht
werde, und daß er mit derselben ohne Unterlaß beschäftigt werden
müsse, daß er aber keineswegs diese Weise des Unterrichts mit
demjenigen, der des entgegengesetzten sinnlichen Antriebs bedarf,
abwechseln dürfe.

Ob nun aber wohl diese geistige Entwicklung die Selbstsucht nicht
zum Leben kommen läßt, und die Form eines sittlichen Willens
gibt, so ist dies doch darum noch nicht der sittliche Wille
selbst; und falls die von uns vorgeschlagene neue Erziehung
nicht weiter ginge, so würde sie höchstens treffliche Bearbeiter
der Wissenschaften erziehen, deren es auch bisher gegeben hat,
und deren es nur wenige bedarf, und die für unsern eigentlichen
menschlichen und nationalen Zweck nicht mehr vermögen würden,
als dergleichen Männer auch bisher vermocht haben; ermahnen und
wieder ermahnen, und sich anstaunen und nach Gelegenheit schmähen
zu lassen. Aber es ist klar, und ist auch schon oben gesagt,
daß diese freie Tätigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt
worden, damit der Zögling mit derselben frei das Bild einer
sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwerfe,
dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe
fasse, und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und
durch sein Leben wirklich darzustellen. Es fragt sich, wie die
neue Erziehung sich den Beweis führen könne, daß sie diesen ihren
eigentlichen und letzten Zweck an ihrem Zöglinge erreicht habe?

Zuvörderst ist klar, daß die schon früher an andern Gegenständen
geübte geistige Tätigkeit des Zöglings angeregt werden müsse,
ein Bild von der gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, so
wie dieselbe nach dem Vernunftgesetze schlechthin sein soll,
zu entwerfen. Ob dieses vom Zöglinge entworfene Bild richtig
sei, ist von einer Erziehung, die nur selbst im Besitze dieses
richtigen Bildes sich befindet, am leichtesten zu beurteilen; ob
dasselbe durch die eigne Selbsttätigkeit des Zöglings entworfen,
keineswegs aber nur leidend aufgefaßt, und der Schule gläubig
nachgesagt werde, ferner ob es zur gehörigen Klarheit und
Lebhaftigkeit gesteigert sei, wird die Erziehung auf dieselbe
Weise beurteilen können, wie sie früher in derselben Rücksicht
bei andern Gegenständen ein treffendes Urteil gefällt hat. Alles
dies ist noch Sache der bloßen Erkenntnis, und verbleibt auf dem
in dieser Beziehung sehr zugänglichen Gebiete derselben. Eine
ganz andre aber und höhere Frage ist die, ob der Zögling also von
brennender Liebe für eine solche Ordnung der Dinge ergriffen sei,
daß es ihm, der Leitung der Erziehung entlassen und selbständig
hingestellt, schlechterdings unmöglich sein werde, diese Ordnung
nicht zu wollen, und nicht aus allen seinen Kräften für die
Beförderung derselben zu arbeiten; über welche Frage ohne Zweifel
nicht Worte und in Worten anzustellende Prüfungen, sondern allein
der Anblick von Taten entscheiden können.

Ich löse die durch diese letzte Betrachtung uns gestellte
Aufgabe also: ohne Zweifel werden doch die Zöglinge dieser
neuen Erziehung, obwohl abgesondert von der schon erwachsenen
Gemeinheit, dennoch untereinander selbst in Gemeinschaft leben,
und so ein abgesondertes und für sich selbst bestehendes
Gemeinwesen bilden, das seine genau bestimmte, in der Natur
der Dinge gegründete, und von der Vernunft durchaus geforderte
Verfassung habe. Das allererste Bild einer geselligen Ordnung,
zu dessen Entwerfung der Geist des Zöglings angeregt werde,
sei das der Gemeinde, in der er selber lebt, also, daß er
innerlich gezwungen sei, diese Ordnung Punkt für Punkt gerade
also sich zu bilden, wie sie wirklich vorgezeichnet ist, und
daß er dieselbe in allen ihren Teilen als durchaus notwendig
aus ihren Gründen verstehe. Dies ist nun abermals bloßes Werk
der Erkenntnis. In dieser gesellschaftlichen Ordnung muß nun im
wirklichen Leben jeder einzelne um des Ganzen willen immerfort
gar vieles unterlassen, was er, wenn er sich allein befände,
unbedenklich tun könnte; und es wird zweckmäßig sein, daß in
der Gesetzgebung, und in dem darauf zu bauenden Unterrichte
über die Verfassung, jedem einzelnen alle die übrigen mit einer
zum Ideal gesteigerten Ordnungsliebe vorgestellt werden, welche
also vielleicht kein einziger wirklich hat, die aber alle haben
sollten; und daß somit diese Gesetzgebung einen hohen Grad von
Strenge erhalte, und der Unterlassungen gar viele auflege. Diese,
als etwas das schlechthin sein muß, und auf welchem das Bestehen
der Gesellschaft beruht, sind auf den Notfall sogar durch Furcht
vor gegenwärtiger Strafe zu erzwingen; und muß dieses Strafgesetz
schlechthin ohne Schonung oder Ausnahme vollzogen werden. Der
Sittlichkeit des Zöglings geschieht durch diese Anwendung der
Furcht, als eines Triebes, gar kein Eintrag, indem hier ja
nicht zum Tun des Guten, sondern nur zur Unterlassung des in
dieser Verfassung Bösen getrieben werden soll; überdies muß im
Unterrichte über die Verfassung vollkommen verständlich gemacht
werden, daß der, welcher der Vorstellung von der Strafe, oder
wohl gar der Anfrischung dieser Vorstellung durch die Erduldung
der Strafe selbst noch bedürfe, auf einer sehr niedrigen Stufe
der Bildung stehe. Jedennoch ist bei allem diesen klar, daß, da
man niemals wissen kann, ob da wo gehorcht wird, aus Liebe zur
Ordnung oder aus Furcht vor der Strafe gehorcht werde, in diesem
Umkreise der Zögling seinen guten Willen nicht äußerlich dartun,
noch die Erziehung ihn ermessen könne.

Dagegen ist der Umkreis, wo ein solches Ermessen möglich ist, der
folgende. Die Verfassung muß nämlich ferner also eingerichtet
sein, daß der einzelne für das Ganze nicht bloß unterlassen
müsse, sondern daß er für dasselbe auch tun und handelnd leisten
könne. Außer der geistigen Entwicklung im Lernen finden in
diesem Gemeinwesen der Zöglinge auch noch körperliche Uebungen,
und die mechanischen aber hier zum Ideale veredelten Arbeiten
des Ackerbaues, und die von mancherlei Handwerken statt. Es
sei Grundregel der Verfassung, daß jedem, der in irgendeinem
dieser Zweige sich hervortut, zugemutet werde, die andern
darin unterrichten zu helfen, und mancherlei Aufsichten und
Verantwortlichkeiten zu übernehmen; jedem, der irgendeine
Verbesserung findet, oder die von einem Lehrer vorgeschlagene
zuerst und am klarsten begreift, dieselbe mit eigner Mühe
auszuführen, ohne daß er doch darum von seinen ohnedies sich
verstehenden persönlichen Aufgaben des Lernens und Arbeitens
losgesprochen sei; daß jeder dieser Anmutung freiwillig genüge,
und nicht aus Zwang, indem es dem Nichtwollenden auch freisteht,
sie abzulehnen; daß er dafür keine Belohnung zu erwarten habe,
indem in dieser Verfassung alle in Beziehung auf Arbeit und
Genuß ganz gleich gesetzt sind, nicht einmal Lob, indem es die
herrschende Denkart ist in der Gemeinde, daß daran jeder eben nur
seine Schuldigkeit tue, sondern daß er allein genieße die Freude
an seinem Tun und Wirken für das Ganze, und an dem Gelingen
desselben, falls ihm dieses zuteil wird. In dieser Verfassung
wird sonach aus erworbener größerer Geschicklichkeit, und aus
der hierauf verwendeten Mühe, nur neue Mühe und Arbeit folgen,
und gerade der Tüchtigere wird oft wachen müssen, wenn andre
schlafen, und nachdenken müssen, wenn andre spielen.

Die Zöglinge, welche, ohnerachtet ihnen dieses alles vollkommen
klar und verständlich ist, dennoch fortgesetzt, und also, daß
man mit Sicherheit auf sie rechnen könne, jene erste Mühe und
die aus ihr folgenden weitern Mühen freudig übernehmen, und in
dem Gefühle ihrer Kraft und Tätigkeit stark bleiben und stärker
werden -- diese kann die Erziehung ruhig entlassen in die Welt;
an ihnen hat sie diesen ihren Zweck erreicht; in ihnen ist die
Liebe angezündet und brennt bis in die Wurzel ihrer lebendigen
Regung hinein, und sie wird von nun an weiter alles ohne
Ausnahme ergreifen, was an diese Lebensregung gelangen wird; und
sie werden in dem größeren Gemeinwesen, in das sie von nun an
eintreten, niemals etwas andres zu sein vermögen, denn dasjenige,
was sie in dem kleinen Gemeinwesen, das sie jetzt verlassen,
unverrückt und unwandelbar waren.

Auf diese Weise ist der Zögling vollendet für die nächsten und
ohne Ausnahme eintretenden Anforderungen der Welt an ihn, und es
ist geschehen, was die Erziehung im Namen dieser Welt von ihm
verlangt. Noch aber ist er nicht in sich und für sich selber
vollendet, und es ist noch nicht geschehen, was er selbst von der
Erziehung fordern kann. Sowie auch diese Forderung erfüllt wird,
wird er zugleich tüchtig, den Anforderungen, die eine höhere Welt
im Namen der gegenwärtigen in besondern Fällen an ihn machen
dürfte, zu genügen.



Dritte Rede.

Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung.


Das eigentliche Wesen der in Vorschlag gebrachten neuen
Erziehung, inwiefern dieselbe in der vorigen Rede beschrieben
worden, bestand darin, daß sie die besonnene und sichere Kunst
sei, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu bilden. Zu reiner
Sittlichkeit, sagte ich; die Sittlichkeit, zu der sie erziehet,
steht als ein Erstes, Unabhängiges und Selbständiges da, das
aus sich selber lebet sein eignes Leben: keineswegs aber, so
wie die bisher oft beabsichtigte Gesetzmäßigkeit, angeknüpft
ist und eingeimpft einem andern nicht sittlichen Triebe, dessen
Befriedigung es diene. Sie ist die besonnene und sichere Kunst
dieser sittlichen Erziehung, sagte ich. Sie schreitet nicht
planlos und auf gutes Glück, sondern nach einer festen und ihr
wohlbekannten Regel einher, und ist ihres Erfolges gewiß. Ihr
Zögling geht zu rechter Zeit als ein festes und unwandelbares
Kunstwerk dieser ihrer Kunst hervor, das nicht etwa auch anders
gehen könne, denn also, wie es durch sie gestellt worden, und das
nicht etwa einer Nachhilfe bedürfe, sondern das durch sich selbst
nach seinem eignen Gesetze fortgeht.

Zwar bildet diese Erziehung auch den Geist ihres Zöglings; und
diese geistige Bildung ist sogar ihr Erstes, mit welchem sie ihr
Geschäft anhebt. Doch ist diese geistige Entwicklung nicht erster
und selbständiger Zweck, sondern nur das bedingende Mittel, um
sittliche Bildung an den Zögling zu bringen. Inzwischen bleibt
auch diese nur gelegentlich erworbene geistige Bildung ein aus
dem Leben des Zöglings unaustilgbarer Besitz, und die ewig
fortbrennende Leuchte seiner sittlichen Liebe. Wie groß auch,
oder wie geringfügig die Summe der Erkenntnisse sein möge, die
er aus der Erziehung mitgebracht; einen Geist, der sein ganzes
Leben hindurch jedwede Wahrheit, deren Erkenntnis ihm notwendig
wird, zu fassen vermag, und welcher ebenso der Belehrung durch
andre empfänglich, als des eignen Nachdenkens fähig ohne Unterlaß
bleibt, hat er von derselben sicherlich mit davon gebracht.

So weit waren wir in der Beschreibung dieser neuen Erziehung in
der vorigen Rede gekommen. Wir bemerkten am Schlusse derselben,
daß durch dieses alles sie dennoch noch nicht vollendet sei,
sondern noch eine andre, von den bis jetzt aufgestellten
verschiedene Aufgabe zu lösen habe; und wir gehen jetzt an das
Geschäft, diese Aufgabe näher zu bezeichnen.

Der Zögling dieser Erziehung ist ja nicht bloß Mitglied der
menschlichen Gesellschaft hier auf dieser Erde und für die kurze
Spanne Lebens, die ihm auf derselben vergönnt ist, sondern er
ist auch, und wird ohne Zweifel von der Erziehung anerkannt für
ein Glied in der ewigen Kette eines geistigen Lebens überhaupt,
unter einer höhern gesellschaftlichen Ordnung. Ohne Zweifel muß
auch zur Einsicht in diese höhere Ordnung eine Bildung, die sein
ganzes Wesen zu umfassen sich vorgenommen hat, ihn anführen, und
so wie sie ihn leitete, ein Bild jener sittlichen Weltordnung,
die da niemals ist, sondern ewig werden soll, durch eigne
Selbsttätigkeit sich vorzuzeichnen, ebenso muß sie ihn leiten,
ein Bild jener übersinnlichen Weltordnung, in der nichts wird,
und die auch niemals geworden ist, sondern die da ewig nur ist,
in dem Gedanken zu entwerfen, mit gleicher Selbsttätigkeit und
also, daß er innigst verstehe und einsehe, daß es nicht anders
sein könne. Er wird, richtig geleitet, mit den Versuchen eines
solchen Bildes zu Ende kommen, und an diesem Ende finden, daß
nichts wahrhaftig da sei, außer das Leben, und zwar das geistige
Leben, das da lebet in dem Gedanken; und daß alles übrige
nicht wahrhaftig da sei, sondern nur dazusein scheine, welches
Scheines aus dem Gedanken hervorgehenden Grund er gleichfalls,
sei es auch nur im allgemeinen, begreifen wird. Er wird ferner
einsehen, daß jenes allein wahrhaft daseiende geistige Leben,
in den mannigfaltigen Gestaltungen, die es nicht durch ein
Ohngefähr, sondern durch ein in Gott selber gegründetes Gesetz
erhielt, wiederum eins sei, das göttliche Leben selber, welches
göttliche Leben allein in dem lebendigen Gedanken da ist und
sich offenbarmacht. So wird er sein Leben, als ein ewiges Glied
in der Kette der Offenbarung des göttlichen Lebens und jedwedes
andre geistige Leben, als eben ein solches Glied erkennen und
heilig halten lernen; und nur in der unmittelbaren Berührung mit
Gott und dem nicht vermittelten Ausströmen seines Lebens aus
jenem Leben, Licht und Seligkeit; in jeder Entfernung aber aus
der Unmittelbarkeit Tod, Finsternis und Elend finden. Mit einem
Worte: diese Entwicklung wird ihn zur Religion bilden; und diese
Religion des Einwohnens unsers Lebens in Gott soll allerdings
auch in der neuen Zeit herrschen und in derselben sorgfältig
gebildet werden. Dagegen soll die Religion der alten Zeit, die
das geistige Leben von dem göttlichen abtrennte, und dem erstern
nur vermittelst eines Abfalls von dem zweiten das absolute Dasein
zu verschaffen wußte, das sie ihm zugedacht hatte, und welche
Gott als Faden brauchte, um die Selbstsucht noch über den Tod
des sterblichen Leibes hinaus in andre Welten einzuführen, und
durch Furcht und Hoffnung in diesen die für die gegenwärtige Welt
schwach gebliebene, zu verstärken -- diese Religion, die offenbar
eine Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der alten
Zeit zugleich zu Grabe getragen werden; denn in der neuen Zeit
bricht die Ewigkeit nicht erst jenseit des Grabes an, sondern sie
kommt ihr mitten in ihre Gegenwart hinein, die Selbstsucht ist
aber sowohl des Regiments, als des Dienstes entlassen, und zieht
demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab.

Die Erziehung zur wahren Religion ist somit das letzte Geschäft der
neuen Erziehung. Ob in der Entwerfung eines hierzu erforderlichen
Bildes der übersinnlichen Weltordnung der Zögling wahrhaft
selbsttätig verfahren sei; und ob das entworfene Bild allenthalben
richtig und durchaus klar und verständlich sei, wird die Erziehung
leicht, auf dieselbe Weise wie bei den übrigen Gegenständen der
Erkenntnis, beurteilen können; denn auch dies bleibt auf dem
Gebiete der Erkenntnis.

Bedeutender aber ist auch hier die Frage, wie die Erziehung
ermessen, und sich die Gewährschaft leisten könne, daß diese
Religionskenntnisse nicht tot und kalt bleiben, sondern daß sie
sich ausdrücken werden im wirklichen Leben ihres Zöglings; welcher
Frage die Beantwortung einer andern Frage vorauszuschicken ist, der
folgenden: wie und auf welche Weise zeigt sich die Religion überhaupt
im Leben?

Unmittelbar, im gewöhnlichen Leben und in einer wohlgeordneten
Gesellschaft, bedarf es der Religion durchaus nicht, um das
Leben zu bilden, sondern es reicht für diese Zwecke die wahre
Sittlichkeit vollkommen hin. In dieser Rücksicht ist also die
Religion nicht praktisch und kann und soll gar nicht praktisch
werden, sondern sie ist lediglich Erkenntnis: sie macht bloß
den Menschen sich selber vollkommen klar und verständlich,
beantwortet die höchste Frage, die er aufwerfen kann, löset ihm
den letzten Widerspruch auf, und bringt so vollkommene Einigkeit
mit sich selbst, und durchgeführte Klarheit in seinen Verstand.
Sie ist seine vollständige Erlösung und Befreiung von allem
fremden Bande; und so ist sie ihm denn die Erziehung, als etwas,
das ihm schlechtweg und ohne weitern Zweck gebührt, schuldig.
Ein Gebiet, um als Antrieb zu wirken, erhält die Religion
nur entweder in einer höchst unsittlichen und verdorbenen
Gesellschaft, oder wenn die Wirkungssphäre des Menschen nicht
innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, sondern über dieselbe
hinaus liegt, und dieselbe vielmehr immerfort neu zu erschaffen
und zu erhalten hat, wie beim Regenten, welcher in vielen
Fällen ohne Religion sein Amt gar nicht mit gutem Gewissen
führen könnte. Von dem letztern Falle ist in einer auf alle
und auf die ganze Nation berechneten Erziehung nicht die Rede.
Wo in der ersten Rücksicht bei klarer Einsicht des Verstandes
in die Unverbesserlichkeit des Zeitalters dennoch unablässig
fortgearbeitet wird an demselben; wo mutig der Schweiß des Säens
erduldet wird, ohne einige Aussicht auf eine Ernte; wo wohlgetan
wird auch den Undankbaren, und gesegnet werden mit Taten und
Gütern diejenigen, die da fluchen, und in der klaren Vorhersicht,
daß sie abermals fluchen werden; wo nach hundertfältigem
Mißlingen dennoch ausgeharrt wird im Glauben und in der Liebe: da
ist es nicht die bloße Sittlichkeit, die da treibt, denn diese
will einen Zweck, sondern es ist die Religion, die Ergebung in
ein höheres und unbekanntes Gesetz, das demütige Verstummen vor
Gott, die innige Liebe zu seinem in uns ausgebrochenen Leben,
welches allein und um sein selbst willen gerettet werden soll, wo
das Auge nichts anders zu retten sieht.

Auf diese Weise kann die erlangte Religionseinsicht der Zöglinge
der neuen Erziehung in ihrem kleinen Gemeinwesen, in dem sie
zunächst aufwachsen, nicht praktisch werden, noch soll sie es
auch. Dieses Gemeinwesen ist wohlgeordnet, und in ihm gelingt das
geschickt Unternommene immer; auch soll das noch zarte Alter des
Menschen erhalten werden in der Unbefangenheit und im ruhigen
Glauben an sein Geschlecht. Die Erkenntnis seiner Tücken bleibe
vorbehalten der eignen Erfahrung des gereiften und befestigten
Alters.

Nur in diesem gereifteren Alter sonach und in dem ernstlich
gemeinten Leben, nachdem die Erziehung längst ihn sich selber
überlassen hat, könnte der Zögling derselben, falls seine
gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Einfachheit zu höhern
Stufen fortschreiten sollten, seiner Religionskenntnis, als eines
Antriebes bedürfen. Wie soll nun die Erziehung, welche über
diesen Punkt den Zögling, solange er unter ihren Händen ist,
nicht prüfen kann, dennoch sicher sein können, daß, wenn nur
dieses Bedürfnis eintreten werde, auch dieser Antrieb unfehlbar
wirken werde? Ich antworte: dadurch, daß ihr Zögling überhaupt
so gebildet ist, daß keine Erkenntnis, die er hat, in ihm tot
und kalt bleibt, wenn die Möglichkeit eintritt, daß sie ein
Leben bekomme, sondern jedwede notwendig sogleich eingreift in
das Leben, sowie das Leben derselben bedarf. Ich werde diese
Behauptung sogleich noch tiefer begründen, und dadurch den ganzen
in dieser und der vorigen Rede behandelten Begriff erheben und
einfügen in ein größeres Ganzes der Erkenntnis, welchem größeren
Ganzen selber ich aus diesem Begriffe ein neues Licht und eine
höhere Klarheit geben werde, nachdem ich nur vorher das wahre
Wesen der neuen Erziehung, deren allgemeine Beschreibung ich
soeben geschlossen habe, bestimmt werde angegeben haben.

Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr, so wie im Anfange
unsrer heutigen Rede, bloß als die Kunst den Zögling zu reiner
Sittlichkeit zu bilden, sondern sie leuchtet vielmehr ein als
die Kunst, den ganzen Menschen durchaus und vollständig zum
Menschen zu bilden. Hierzu gehören zwei Hauptstücke, zuerst in
Absicht der Form, daß der wirkliche lebendige Mensch, bis in die
Wurzel seines Lebens hinein, keineswegs aber der bloße Schatten
und Schemen eines Menschen gebildet werde, sodann in Absicht des
Inhalts, daß alle notwendigen Bestandteile des Menschen ohne
Ausnahme und gleichmäßig ausgebildet werden. Diese Bestandteile
sind Verstand und Wille, und die Erziehung hat zu beabsichtigen
die Klarheit des ersten, und die Reinheit des zweiten. Zur
Klarheit des ersten aber sind zu erheben zwei Hauptfragen: zuerst
was es sei, das der reine Wille eigentlich wolle, und durch
welche Mittel dieses Gewollte zu erreichen sei, durch welches
Hauptstück die übrigen dem Zöglinge beizubringenden Erkenntnisse
befaßt werden; sodann, was dieser reine Wille in seinem Grunde
und Wesen selber sei, wodurch die Religionserkenntnis befaßt
wird. Die genannten Stücke nun, entwickelt bis zum Eingreifen ins
Leben, fordert die Erziehung schlechtweg, und gedenkt keinem das
mindeste davon zu erlassen, denn jeder soll eben ein Mensch sein;
was jemand nun noch weiter werde, und welche besondere Gestalt
die allgemeine Menschheit in ihm annehme oder erhalte, geht
die allgemeine Erziehung nichts an, und liegt außerhalb ihres
Kreises. -- Ich gehe jetzt fort zu der versprochenen tieferen
Begründung des Satzes, daß im Zöglinge der neuen Erziehung gar
keine Erkenntnis tot bleiben könne, und zu dem Zusammenhange, in
den ich alles Gesagte erheben will, vermittelst folgender Sätze.

1. Es gibt zufolge des Gesagten zwei durchaus verschiedene und
völlig entgegengesetzte Klassen unter den Menschen in Absicht
ihrer Bildung. Gleich zuvörderst ist alles, was Mensch ist,
und so auch diese beiden Klassen darin, daß den mannigfaltigen
Aeußerungen ihres Lebens ein Trieb zugrunde liegt, der in allem
Wechsel unverändert beharret, und sich selbst gleich bleibt.
-- Im Vorbeigehen: das Sichverstehen dieses Triebes und die
Uebersetzung desselben in Begriffe erzeugt die Welt, und es
gibt keine andre Welt, als diese auf diese Weise in dem, jedoch
keineswegs freien, sondern notwendigen Gedanken sich erzeugende
Welt. Dieser, immer in ein Bewußtsein zu übersetzende Trieb,
worin somit abermals die beiden Klassen einander gleich sind,
kann nun auf eine doppelte Weise, nach den zwei verschiedenen
Grundarten des Bewußtseins, in dasselbe übersetzt werden, und in
dieser Weise der Uebersetzung und des sich Selbstverstehens sind
die beiden Klassen verschieden.

Die erste, zu allererst der Zeit nach sich entwickelnde Grundart
des Bewußtseins ist die des dunklen Gefühls. Mit diesem Gefühle
wird am gewöhnlichsten und in der Regel der Grundtrieb erfaßt
als Liebe des einzelnen zu sich selbst, und zwar gibt das dunkle
Gefühl dieses Selbst zunächst nur als ein solches, das da leben
will und wohl sein. Hieraus entsteht die sinnliche Selbstsucht,
als wirklicher Grundtrieb und entwickelnde Kraft eines solchen,
in dieser Uebersetzung seines ursprünglichen Grundtriebes
befangenen Lebens. Solange der Mensch fortfährt, also sich zu
verstehen, solange muß er selbstsüchtig handeln, und kann nicht
anders; und diese Selbstsucht ist das einzig beharrende, sich
gleichbleibende und sicher zu erwartende in dem unaufhörlichen
Wandel seines Lebens. Als außergewöhnliche Ausnahme von der
Regel kann dieses dunkle Gefühl auch das persönliche Selbst
überspringen und den Grundtrieb erfassen, als ein Verlangen
nach einer dunkel gefühlten andern Ordnung der Dinge. Hieraus
entspringt das, an andern Orten von uns sattsam beschriebene
Leben, das da, erhaben über die Selbstsucht, durch Ideen, die
zwar dunkel sind, aber dennoch Ideen, getrieben wird, und in
welchem die Vernunft als Instinkt waltet. Dieses Erfassen
des Grundtriebes, überhaupt nur im dunklen Gefühle, ist der
Grundzug der ersten Klasse unter den Menschen, die nicht durch
Erziehung, sondern durch sich selbst gebildet wird, und welche
Klasse wiederum zwei Unterarten in sich faßt, die durch einen
unbegreiflichen, der menschlichen Kunst durchaus unzugänglichen
Grund geschieden werden.

Die zweite Grundart des Bewußtseins, welche in der Regel sich
nicht von selbst entwickelt, sondern in der Gesellschaft
sorgfältig gepflegt werden muß, ist die klare Erkenntnis. Würde
der Grundtrieb der Menschheit in diesem Elemente erfaßt, so würde
dies eine zweite, von der ersten ganz verschiedene Klasse von
Menschen geben. Eine solche, die Grundliebe selbst erfassende
Erkenntnis läßt nun nicht, wie eine andre Erkenntnis dies wohl
kann, kalt und unteilnehmend, sondern der Gegenstand derselben
wird geliebt über alles, da dieser Gegenstand ja nur die Deutung
und Uebersetzung unsrer ursprünglichen Liebe selbst ist. Andre
Erkenntnis erfaßt Fremdes, und dieses bleibt fremd, und läßt
kalt; diese erfaßt den Erkennenden selbst und seine Liebe, und
diese liebt er. Unerachtet es nun bei beiden Klassen dieselbe
ursprüngliche nur in andrer Gestalt erscheinende Liebe ist, die
sie treibt, so kann man dennoch, von jenem Umstande absehend,
sagen, daß dort der Mensch durch dunkle Gefühle, hier durch klare
Erkenntnis getrieben werde.

Daß nun eine solche klare Erkenntnis unmittelbar antreibend werde
im Leben, und man hierauf sicher zählen könne, hängt, wie gesagt,
davon ab, daß es die wirkliche und wahre Liebe des Menschen sei,
die durch dieselbe gedeutet werde; auch daß ihm unmittelbar
klar werde, daß es also sei, und mit der Deutung zugleich das
Gefühl jener Liebe in ihm angeregt und von ihm empfunden werde;
daß daher niemals die Erkenntnis in ihm entwickelt werde, ohne
daß zugleich die Liebe es werde, indem im entgegengesetzten
Falle er kalt bleiben würde, und niemals die Liebe, ohne daß die
Erkenntnis zugleich es werde, indem im Gegenteile sein Antrieb
ein dunkles Gefühl werden würde; daß daher mit jedem Schritte
seiner Bildung der ganze vereinigte Mensch gebildet werde. Ein
von der Erziehung also als ein unteilbares Ganzes immerfort
behandelter Mensch wird es auch fernerhin bleiben, und jede
Erkenntnis wird ihm notwendig Lebensantrieb werden.

2. Indem auf diese Weise statt des dunkeln Gefühls die klare
Erkenntnis zu dem allerersten, und zu der wahren Grundlage und
Ausgangspunkte des Lebens gemacht wird, wird die Selbstsucht ganz
übergangen, und um ihre Entwicklung betrogen. Denn nur das dunkle
Gefühl gibt dem Menschen sein Selbst als ein genußbedürftiges und
schmerzscheuendes; keineswegs aber gibt es ihm also der klare
Begriff, sondern dieser zeigt es als Glied einer sittlichen
Ordnung, und es gibt eine Liebe zu dieser Ordnung, welche bei der
Entwicklung des Begriffs zugleich mit angezündet und entwickelt
wird. Mit der Selbstsucht bekommt diese Erziehung gar nichts zu
tun, weil sie die Wurzel derselben, das dunkle Gefühl, durch
Klarheit erstickt; sie bestreitet sie nicht, ebensowenig als sie
dieselbe entwickelt, sie weiß gar nicht von ihr. Wäre es möglich,
daß diese Sucht später dennoch sich regen sollte, so würde sie
das Herz schon angefüllt finden von einer höhern Liebe, die ihr
den Platz versagt.

3. Dieser Grundtrieb des Menschen nun, wenn er in klare
Erkenntnis übersetzt wird, geht nicht auf eine schon gegebene
und vorhandene Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann,
wie sie eben ist, und in der eine zu ursprünglich schöpferischer
Tätigkeit treibende Liebe keinen Wirkungskreis für sich fände;
sondern er geht, zur Erkenntnis gesteigert auf eine Welt, die
da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig
ist, und ewig fort zukünftig bleibt. Das aller Erscheinung
zugrunde liegende göttliche Leben tritt darum niemals ein als ein
bestehendes und gegebenes Sein, sondern als etwas, das da werden
soll, und nachdem ein solches, das da werden sollte, geworden
ist, wird es abermals eintreten als ein werden sollendes in alle
Ewigkeit, daß daher jenes göttliche Leben niemals eintritt in
den Tod des stehenden Seins, sondern immerfort bleibt in der
Form des fortfließenden Lebens. Die unmittelbare Erscheinung und
Offenbarung Gottes ist die Liebe; erst die Deutung dieser Liebe
durch die Erkenntnis setzt ein Sein, und zwar ein solches, das
ewig fort nur werden soll, und dieses, als die einzige wahre
Welt, inwiefern an einer Welt überhaupt Wahrheit ist. Dagegen
ist die zweite gegebene und von uns als vorhanden vorgefundene
Welt nur der Schatten und Schemen, aus welchem die Erkenntnis
ihrer Deutung der Liebe eine feste Gestalt und einen sichtbaren
Leib erbaut; diese zweite Welt das Mittel und die Bedingung
der Anschaulichkeit der für sich selbst unsichtbaren höhern
Welt. Nicht einmal in diese letztere höhere Welt tritt Gott
unmittelbar ein, sondern auch hier nur vermittelt durch die eine,
reine, unwandelbare und gestaltlose Liebe, in welcher Liebe
allein er unmittelbar erscheint. Zu dieser Liebe tritt hinzu
die anschauende Erkenntnis, welche aus sich selber ein Bild
mitbringt, in das sie den an sich unsichtbaren Gegenstand der
Liebe kleidet; widersprochen jedoch jedesmal von der Liebe, und
darum fortgetrieben zu neuer Gestaltung, welcher abermals eben
also widersprochen wird; wodurch allein nun die Liebe, welche
rein für sich eins ist, des Fortfließens, der Unendlichkeit und
der Ewigkeit durchaus unfähig, in dieser Verschmelzung mit der
Anschauung auch ein Ewiges und Unendliches wird so wie diese.
Das soeben erwähnte aus der Erkenntnis selbst hergegebene Bild
-- für sich allein und noch ohne Anwendung auf die deutlich
erkannte Liebe dasselbe genommen -- ist die stehende und gegebene
Welt, oder die Natur. Der Wahn, daß in diese Natur Gottes Wesen
auf irgendeine Weise unmittelbar, und anders, als durch die
angegebenen Zwischenglieder vermittelt, eintrete, stammt aus
Finsternis im Geiste und aus Unheiligkeit im Willen.

4. Daß nun das dunkle Gefühl, als Auflösungsmittel der Liebe
in der Regel ganz übersprungen und an die Stelle desselben die
klare Erkenntnis als das gewöhnliche Auflösungsmittel gesetzt
werde, kann, wie schon erinnert, nur durch eine besonnene Kunst
der Erziehung des Menschen geschehen, und ist bisher nicht
also geschehen. Da nun, wie wir gleichfalls ersehen haben,
auf die letzte Weise eine von den bisherigen gewöhnlichen
Menschen durchaus verschiedene Menschenart eingeführt und als
die Regel gesetzt wird, so würde durch eine solche Erziehung
allerdings eine ganz neue Ordnung der Dinge, und eine neue
Schöpfung beginnen. Zu dieser neuen Gestalt würde nun die
Menschheit sich selber durch sich selbst, eben indem sie als
gegenwärtiges Geschlecht sich selbst als zukünftiges Geschlecht
erzieht, erschaffen; auf die Weise, wie sie allein dies kann,
durch die Erkenntnis, als das einzige gemeinschaftliche und
frei mitzuteilende, und das wahre, die Geisterwelt zur Einheit
verbindende Licht und Luft dieser Welt. Bisher wurde die
Menschheit, was sie eben wurde und werden konnte; mit diesem
Werden durch das Ohngefähr ist es vorbei; denn da, wo sie am
allerweitesten sich entwickelt hat, ist sie zu Nichts geworden.
Soll sie nicht bleiben in diesem Nichts, so muß sie von nun an
zu allem, was sie noch weiter werden soll, sich selbst machen.
Dies sei die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf
der Erde, sagte ich in den Vorlesungen, deren Fortsetzung diese
sind, daß es mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich
ursprünglich ist. Dieses Sichselbstmachen, im allgemeinen
mit Besonnenheit und nach einer Regel, muß nun irgendwo und
irgendwann im Raum und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein
zweiter Hauptabschnitt der freien und besonnenen Entwicklung des
Menschengeschlechts an die Stelle des ersten Abschnitts einer
nicht freien Entwicklung treten würde. Wir sind der Meinung, daß,
in Absicht der Zeit, diese Zeit eben jetzt sei, und daß dermalen
das Geschlecht in der wahren Mitte seines Lebens auf der Erde
zwischen seinen beiden Hauptepochen stehe; in Absicht des Raums
aber glauben wir, daß zu allernächst den Deutschen es anzumuten
sei, die neue Zeit, vorangehend und vorbildend für die übrigen,
zu beginnen.

5. Dennoch wird auch sogar diese ganz neue Schöpfung nicht durch
einen Sprung erfolgen aus dem Vorhergehenden, sondern sie ist
die wahre natürliche Fortsetzung und Folge der bisherigen Zeit,
ganz besonders unter den Deutschen. Sichtbar, und wie ich glaube,
allgemein zugestanden, ging ja alles Regen und Streben der Zeit
darauf, die dunklen Gefühle zu verbannen und allein der Klarheit
und der Erkenntnis die Herrschaft zu verschaffen. Dieses Streben
ist auch insofern vollkommen gelungen, daß das bisherige Nichts
vollkommen enthüllt ist. Keineswegs soll nun dieser Trieb nach
Klarheit ausgerottet, oder das dumpfe Beruhen beim dunkeln Gefühle
wieder herrschend werden; jener Trieb soll nur noch weiter entwickelt
und in höhere Kreise eingeführt werden, also, daß nach der Enthüllung
des Nichts auch das Etwas, die bejahende und wirklich etwas setzende
Wahrheit, ebenfalls offenbar werde. Die aus dem dunklen Gefühle
stammende Welt des gegebenen und sich durch sich selbst machenden
Seins ist versunken, und sie soll versunken bleiben; dagegen soll
die aus der ursprünglichen Klarheit stammende Welt des ewig fort aus
dem Geiste zu entbindenden Seins aufstrahlen und anbrechen in ihrem
ganzen Glanze.

Zwar dürfte die Weissagung eines neuen Lebens in solchen Formen
der Zeit sonderbar dünken, und es dürfte diese kaum den Mut
haben, diese Verheißung sich zuzueignen; wenn sie lediglich
auf den ungeheuern Abstand ihrer herrschenden Meinungen über
die soeben zur Sprache gebrachten Gegenstände von dem, was
als Grundsätze der neuen Zeit ausgesprochen worden, sehen
wollte. Ich will von der Bildung, welche jedoch, als ein nicht
gemein zu machendes Vorrecht, bisher in der Regel nur die
höhern Stände erhielten, die von einer übersinnlichen Welt
ganz schwieg, und lediglich einige Geschicklichkeit für die
Geschäfte der sinnlichen zu bewirken strebte, als von der
offenbar schlechteren, nicht reden, sondern nur auf diejenige
sehen, welche Volksbildung war und in einem gewissen sehr
beschränkten Sinne auch Nationalerziehung genannt werden könnte,
die über eine übersinnliche Welt nicht durchaus Stillschweigen
beobachtete. Welches waren die Lehren dieser Erziehung? Wenn wir
als allererste Voraussetzung der neuen Erziehung aufstellen, daß
in der Wurzel des Menschen ein reines Wohlgefallen am Guten sei
und daß dieses Wohlgefallen so sehr entwickelt werden könne,
daß es dem Menschen unmöglich werde, das für gut Erkannte zu
unterlassen, und statt dessen das für bös Erkannte zu tun; so
hat dagegen die bisherige Erziehung nicht bloß angenommen,
sondern auch ihre Zöglinge von früher Jugend an belehrt, teils,
daß dem Menschen eine natürliche Abneigung gegen Gottes Gebote
beiwohne, teils, daß es ihm schlechthin unmöglich sei, dieselben
zu erfüllen. Was läßt von einer solchen Belehrung, wenn sie für
ernst genommen wird und Glauben findet, andres sich erwarten, als
daß jeder einzelne sich in seine nun einmal nicht abzuändernde
Natur ergebe, nicht versuche zu leisten, was ihm nun als einmal
unmöglich vorgestellt ist, und nicht besser zu sein begehre, denn
er und alle übrigen zu sein vermögen; ja, daß er sich sogar die
ihm angemutete Niederträchtigkeit gefallen lasse, sich selbst in
seiner radikalen Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit anzuerkennen;
indem diese Niederträchtigkeit vor Gott ihm als das einzige
Mittel vorgestellt wird, mit demselben sich abzufinden; und daß
er, falls etwa eine solche Behauptung, wie die unsrige, an sein
Ohr trifft, nicht anders denken könne, als daß man bloß einen
schlechten Scherz mit ihm treiben wolle, indem er allgegenwärtig
fühlt in seinem Innern, und mit den Händen greift, daß dieses
nicht wahr, sondern das Gegenteil davon allein wahr sei? Wenn
wir eine von allem gegebenen Sein ganz unabhängige und vielmehr
diesem Sein selbst das Gesetz gebende Erkenntnis annehmen, und in
diese gleich vom Anbeginn jedes menschliche Kind eintauchen, und
es von nun an in dem Gebiete derselben immerfort erhalten wollen,
wogegen wir die nur historisch zu erlernende Beschaffenheit der
Dinge als eine geringfügige Nebensache, die von selbst sich
ergibt, betrachten: so treten die reifsten Früchte der bisherigen
Bildung uns entgegen und erinnern uns, daß es ja bekanntermaßen
gar keine apriorische Erkenntnis gebe, und daß sie wohl wissen
möchten, wie man erkennen könne, außer durch Erfahrung. Und damit
diese übersinnliche und apriorische Welt auch sogar an derjenigen
Stelle sich nicht verrate, wo es gar nicht zu vermeiden schien
-- an der Möglichkeit einer Erkenntnis von Gott, und selbst an
Gott nicht die geistige Selbsttätigkeit sich erhebe, sondern das
leidende Hingeben alles in allem bliebe, hat gegen diese Gefahr
die bisherige Menschenbildung das kühne Mittel gefunden, das
Dasein Gottes zu einem historischen Faktum zu machen, dessen
Wahrheit durch ein Zeugenverhör ausgemittelt wird.

So verhält es sich wohl freilich; dennoch aber wolle das
Zeitalter darum nicht an sich selber verzagen. Denn diese
und alle andre ähnliche Erscheinungen sind selber nichts
Selbständiges, sondern nur Blüten und Früchte der wilden Wurzel
der alten Zeit. Gebe nur das Zeitalter sich ruhig hin der
Einimpfung einer neuen edlern und kräftigern Wurzel, so wird die
alte ersticken, und die Blüten und Früchte derselben, denen aus
jener keine weitere Nahrung zugefügt wird, werden von selbst
verwelken und abfallen. Jetzt vermag es das Zeitalter noch gar
nicht, unsern Worten zu glauben, und es ist notwendig, daß ihm
dieselben vorkommen wie Märchen. Wir wollen auch diesen Glauben
nicht; wir wollen nur Raum zum Schaffen und Handeln. Nachmals
wird es sehen, und es wird glauben seinen eignen Augen.

So wird z. B. jedermann, der mit den Erzeugungen der letzten
Zeit bekannt ist, schon längst bemerkt haben, daß hier abermals
die Sätze und Ansichten ausgesprochen werden, welche die neuere
deutsche Philosophie seit ihrer Entstehung gepredigt hat, und
wiederum gepredigt, weil sie eben nichts weiter vermochte, denn
zu predigen. Daß diese Predigten fruchtlos verhallt sind in
der leeren Luft, ist nun hinlänglich klar, auch ist der Grund
klar, warum sie also verhallen mußten. Nur auf Lebendiges wirkt
Lebendiges; in dem wirklichen Leben der Zeit aber ist gar keine
Verwandtschaft zu dieser Philosophie, indem diese Philosophie
ihr Wesen treibt in einem Kreise, der für jene noch gar nicht
aufgegangen, und für Sinnenwerkzeuge, die jener noch nicht
erwachsen sind. Sie ist gar nicht zu Hause in diesem Zeitalter,
sondern sie ist ein Vorgriff der Zeit und ein schon im voraus
fertiges Lebenselement eines Geschlechts, das in demselben erst
zum Lichte erwachsen soll. Auf das gegenwärtige Geschlecht
muß sie Verzicht tun; damit sie aber bis dahin nicht müßig
sei, so übernehme sie dermalen die Aufgabe, das Geschlecht, zu
welchem sie gehört, sich zu bilden. Erst wie dies ihr nächstes
Geschäft ihr klar geworden, wird sie friedlich und freundlich
zusammenleben können mit einem Geschlechte, das übrigens ihr
nicht gefällt. Die Erziehung, die wir bisher beschrieben haben,
ist zugleich die Erziehung für sie: wiederum kann in einem
gewissen Sinn nur sie die Erzieherin sein in dieser Erziehung;
und so mußte sie ihrer Verständlichkeit und Annehmbarkeit
zuvoreilen. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie verstanden
und mit Freuden angenommen werden wird; und darum wolle das
Zeitalter nicht an sich selbst verzagen.

Höre dieses Zeitalter ein Gesicht eines alten Sehers, das auf eine
wohl nicht weniger beklagenswerte Lage berechnet war. So sagt der
Seher am Wasser Chebar, der Tröster der Gefangenen nicht im eignen
sondern im fremden Lande: »Des Herrn Hand kam über mich und führte
mich hinaus im Geiste des Herrn, und stellte mich auf ein weit Feld,
das voller Gebeine lag, und er führte mich allenthalben herum, und
siehe, des Gebeines lag sehr viel auf dem Felde, und siehe, sie waren
sehr verdorret. Und der Herr sprach zu mir: du Menschenkind, meinest
du wohl, daß diese Gebeine werden wieder lebendig werden? Und ich
sprach: Herr, das weißest nur du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage
von diesen Gebeinen, und sprich zu ihnen: ihr verdorrten Gebeine,
höret des Herrn Wort! So spricht der Herr von euch verdorrten
Gebeinen, ich will euch durch Flechsen und Sehnen wieder verbinden,
und Fleisch lassen über euch wachsen; und euch mit Haut überziehen,
und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet, und ihr
sollet erfahren, daß ich der Herr sei. Und ich weissagte, wie mir
befohlen war, und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und regte
sich, und die Gebeine fügten sich wieder aneinander, ein jegliches an
seinen Ort, und es wuchsen darauf Adern und Fleisch, und er überzog
sie mit Haut; noch aber war kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach
zu mir: Weissage zum Winde, du Menschenkind, und sprich zum Winde: so
spricht der Herr: Wind, komm herzu aus den vier Winden, und blase an
diese Getöteten, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte,
wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden
wieder lebendig, und richteten sich auf ihre Füße, und ihrer war
ein sehr großes Heer.« Lasset immer die Bestandteile unsres höhern
geistigen Lebens ebenso ausgedorret, und eben darum auch die Bande
unsrer Nationaleinheit ebenso zerrissen, und in wilder Unordnung
durcheinander zerstreut herumliegen, wie die Totengebeine des Sehers;
lasset unter Stürmen, Regengüssen und sengendem Sonnenscheine mehrere
Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedorrt haben: -- der
belebende Odem der Geisterwelt hat noch nicht aufgehört zu wehen. Er
wird auch unsers Nationalkörpers erstorbene Gebeine ergreifen und sie
aneinanderfügen, daß sie herrlich dastehen in neuem und verklärtem
Leben.



Vierte Rede.

Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und den übrigen
Völkern germanischer Abkunft.


Das in diesen Reden vorgeschlagene Bildungsmittel eines neuen
Menschengeschlechts müsse zu allererst von Deutschen an Deutschen
angewendet werden, und es komme dasselbe ganz eigentlich und
zunächst unsrer Nation zu, ist gesagt worden. Auch dieser Satz
bedarf eines Beweises, und wir werden auch hier, so wie bisher,
anheben von dem höchsten und allgemeinsten, zeigend, was der
Deutsche an und für sich, unabhängig von dem Schicksale, das
ihn dermalen betroffen hat, in seinem Grundzuge sei und von
jeher gewesen sei, seitdem er ist; und darlegend, daß schon in
diesem Grundzuge die Fähigkeit und Empfänglichkeit einer solchen
Bildung, ausschließend vor allen andern europäischen Nationen,
liege.

Der Deutsche ist zuvörderst ein Stamm der Germanier überhaupt,
über welche letztere hier hinreicht die Bestimmung anzugeben, daß
sie da waren, die im alten Europa errichtete gesellschaftliche
Ordnung mit der im alten Asien aufbewahrten wahren Religion zu
vereinigen, und so an und aus sich selbst eine neue Zeit, im
Gegensatze des untergegangenen Altertums, zu entwickeln. Ferner
reicht es hin den Deutschen insbesondere nur im Gegensatze mit
den andern neben ihm entstandenen germanischen Völkerstämmen zu
bezeichnen; indem andre neueuropäische Nationen, als z. B. die
von slawischer Abstammung, sich vor dem übrigen Europa noch
nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, daß eine bestimmte
Zeichnung von ihnen möglich sei, andre aber von der gleichen
germanischen Abstammung, von denen der zugleich anzuführende
Hauptunterscheidungsgrund nicht gilt, wie die Skandinavier hier
unbezweifelt für Deutsche genommen werden, und unter allen den
allgemeinen Folgen unsrer Betrachtung mit begriffen sind.

Vor allem voraus aber ist der jetzt insbesondere anzustellenden
Betrachtung folgende Bemerkung voranzusenden. Ich werde als Grund
des erfolgten Unterschiedes in dem ursprünglich einen Grundstamme
eine Begebenheit angeben, die bloß als Begebenheit klar und
unwidersprechlich vor aller Augen liegt; ich werde sodann
einzelne Erscheinungen dieses erfolgten Unterschiedes aufstellen,
welche als bloße Begebenheiten wohl ebenso einleuchtend dürften
gemacht werden können. Was aber die Verknüpfung der letztern,
als Folgen mit dem ersten, als ihrem Grunde, und die Ableitung
der Folge aus dem Grunde betrifft, kann ich im allgemeinen nicht
auf dieselbe Klarheit und überzeugende Kraft für alle rechnen.
Zwar spreche ich auch in dieser Rücksicht nicht eben ganz neue
und bisher unerhörte Sätze aus, sondern es gibt unter uns viele
einzelne, die für eine solche Ansicht der Sache entweder sehr gut
vorbereitet, oder auch wohl mit derselben schon vertraut sind.
Unter der Mehrheit aber sind über den anzuregenden Gegenstand
Begriffe im Umlaufe, die von den unsrigen sehr abweichen, und
welche zu berichtigen, und alle, von solchen die keinen geübten
Sinn für ein Ganzes haben, aus einzelnen Fällen beizubringenden
Einwürfe zu widerlegen, die Grenze unsrer Zeit und unsres
Planes bei weitem überschreiten würde. Den letztern muß ich
mich begnügen das in dieser Rücksicht zu Sagende, das in meinem
gesamten Denken nicht so einzeln und abgerissen und nicht ohne
Begründung bis in die Tiefe des Wissens dastehen dürfte, wie es
hier sich gibt, nur als Gegenstand ihres weitern Nachdenkens
hinzulegen. Ganz übergehen durfte ich es, noch abgerechnet die
für das Ganze nicht zu erlassende Gründlichkeit, auch schon nicht
in Rücksicht der wichtigen Folgen daraus, die sich im spätern
Verlaufe unsrer Reden ergeben werden, und die ganz eigentlich zu
unserm nächsten Vorhaben gehören.

Der zu allererst und unmittelbar der Betrachtung sich darbietende
Unterschied zwischen den Schicksalen der Deutschen und der übrigen
aus derselben Wurzel erzeugten Stämme ist der, daß die ersten in
den ursprünglichen Wohnsitzen des Stammvolks blieben, die letzten
in andre Sitze auswanderten, die ersten die ursprüngliche Sprache
des Stammvolks behielten und fortbildeten, die letzten eine
fremde Sprache annahmen, und dieselbe allmählich nach ihrer Weise
umgestalteten. Aus dieser frühesten Verschiedenheit müssen erst
die spätern erfolgten, z. B. daß im ursprünglichen Vaterlande,
angemessen germanischer Ursitte, ein Staatenbund unter einem
beschränkten Oberhaupte blieb, in den fremden Ländern mehr auf
bisherige römische Weise die Verfassung in Monarchien überging, und
dergleichen erklärt werden, keineswegs aber in umgekehrter Ordnung.

Von den angegebenen Veränderungen ist nun die erste, die Veränderung
der Heimat, ganz unbedeutend. Der Mensch wird leicht unter jedem
Himmelsstriche einheimisch, und die Volkseigentümlichkeit, weit
entfernt durch den Wohnort sehr verändert zu werden, beherrscht
vielmehr diesen, und verändert ihn nach sich. Auch ist die
Verschiedenheit der Natureinflüsse in dem von Germaniern
bewohnten Himmelsstriche nicht sehr groß. Ebensowenig wolle
man auf den Umstand ein Gewicht legen, daß in den eroberten
Ländern die germanische Abstammung mit den frühern Bewohnern
vermischt worden; denn Sieger und Herrscher und Bildner des aus
der Vermischung entstehenden neuen Volkes waren doch nur die
Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande
mit Galliern, Kantabriern usw. geschah, im Mutterlande mit Slawen
wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so daß es keinem der aus
Germaniern entstandenen Völker heutzutage leicht fallen dürfte,
eine größere Reinheit seiner Abstammung vor den übrigen darzutun.

Bedeutender aber, und wie ich dafürhalte, einen vollkommenen
Gegensatz zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern
germanischer Abkunft begründend, ist die zweite Veränderung, die
der Sprache; und kommt es dabei, welches ich gleich zu Anfange
bestimmt aussprechen will, weder auf die besondere Beschaffenheit
derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch
auf die der andern, welche von jenem andern Stamme angenommen
wird, sondern allein darauf, daß dort Eignes behalten, hier
Fremdes angenommen wird; noch kommt es an auf die vorige
Abstammung derer, die eine ursprüngliche Sprache fortsprechen,
sondern nur darauf, daß diese Sprache ohne Unterbrechung
fortgesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der
Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen.

Um die Folgen eines solchen Unterschiedes in der Völkererzeugung
und die bestimmte Art des Gegensatzes in den Nationalzügen, die
aus dieser Verschiedenheit notwendig erfolgt, klar zu machen,
soweit es hier möglich und nötig ist, muß ich Sie zu einer
Betrachtung über das Wesen der Sprache überhaupt einladen.

Die Sprache überhaupt, und besonders die Bezeichnung der
Gegenstände in derselben durch das Lautwerden der Sprachwerkzeuge
hängt keineswegs von willkürlichen Beschlüssen und Verabredungen
ab, sondern es gibt zuförderst ein Grundgesetz, nach welchem
jedweder Begriff in den menschlichen Sprachwerkzeugen zu diesem
und keinem andern Laute wird. So wie die Gegenstände sich
in den Sinnenwerkzeugen des einzelnen mit dieser bestimmten
Figur, Farbe usw. abbilden, so bilden sie sich im Werkzeuge
des gesellschaftlichen Menschen, in der Sprache mit diesem
bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch, sondern
in ihm redet die menschliche Natur, und verkündigt sich andern
seinesgleichen. Und so müßte man sagen: die Sprache ist eine
einzige und durchaus notwendige.

Nun mag zwar, welches das zweite ist, die Sprache in dieser ihrer
Einheit für den Menschen schlechtweg als solchen, niemals und
nirgends hervorgebrochen sein, sondern allenthalben weiter geändert
und gebildet durch die Wirkungen, welche der Himmelsstrich, und
häufigerer oder seltenerer Gebrauch, auf die Sprachwerkzeuge und
die Aufeinanderfolge der beobachteten und bezeichneten Gegenstände
auf die Aufeinanderfolge der Bezeichnung hatten. Jedoch findet
auch hierin nicht Willkür oder Ohngefähr, sondern strenges Gesetz
statt; und es ist notwendig, daß in einem durch die erwähnten
Bedingungen also bestimmten Sprachwerkzeuge nicht die eine und reine
Menschensprache, sondern daß eine Abweichung davon, und zwar, daß
gerade diese bestimmte Abweichung davon hervorbreche.

Nenne man die unter denselben äußern Einflüssen auf das
Sprachwerkzeug stehenden, zusammenlebenden und in fortgesetzter
Mitteilung ihre Sprache fortbildenden Menschen ein Volk, so muß
man sagen: die Sprache dieses Volks ist notwendig so wie sie ist,
und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine Erkenntnis aus,
sondern seine Erkenntnis selbst spricht sich aus aus demselben.

Bei allen im Fortgange der Sprache durch dieselben oben erwähnten
Umstände erfolgten Veränderungen bleibt, ununterbrochen diese
Gesetzmäßigkeit; und zwar für alle, die in ununterbrochener
Mitteilung bleiben, und wo das von jedem einzelnen ausgesprochene
Neue an das Gehör aller gelangt, dieselbe eine Gesetzmäßigkeit. Nach
Jahrtausenden, und nach allen den Veränderungen, welche in ihnen die
äußere Erscheinung der Sprache dieses Volks erfahren hat, bleibt es
immer dieselbe eine, ursprünglich also ausbrechen müssende lebendige
Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen
herabgeflossen ist und in jeder so werden mußte, wie sie ward, am
Ende derselben so sein mußte, wie sie jetzt ist, und in einiger Zeit
also sein wird, wie sie sodann müssen wird. Die reinmenschliche
Sprache zusammengenommen zuvörderst mit dem Organe des Volks,
als sein erster Laut ertönte, was hieraus sich ergibt, ferner
zusammengenommen mit allen Entwicklungen, die dieser erste Laut
unter den gegebenen Umständen gewinnen mußte, gibt als letzte Folge
die gegenwärtige Sprache des Volks. Darum bleibt auch die Sprache
immer dieselbe Sprache. Lasset immer nach einigen Jahrhunderten die
Nachkommen die damalige Sprache ihrer Vorfahren nicht verstehen, weil
für sie die Uebergänge verloren gegangen sind; dennoch gibt es vom
Anbeginn an einen stetigen Uebergang, ohne Sprung, immer unmerklich
in der Gegenwart, und nur durch Hinzufügung neuer Uebergänge
bemerklich gemacht, und als Sprung erscheinend. Niemals ist ein
Zeitpunkt eingetreten, da die Zeitgenossen aufgehört hätten sich zu
verstehen, indem ihr ewiger Vermittler und Dolmetscher die aus ihnen
allen sprechende gemeinsame Naturkraft immerfort war und blieb. So
verhält es sich mit der Sprache als Bezeichnung der Gegenstände
unmittelbar sinnlicher Wahrnehmung, und dieses ist alle menschliche
Sprache anfangs. Erhebt von dieser das Volk sich zu Erfassung des
Uebersinnlichen, so vermag dieses Uebersinnliche zur beliebigen
Wiederholung und zur Vermeidung der Verwirrung mit dem Sinnlichen
für den ersten einzelnen, und zur Mitteilung und zweckmäßigen
Leitung für andre, zuvörderst nicht anders festgehalten zu werden,
denn also, daß ein Selbst als Werkzeug einer übersinnlichen Welt
bezeichnet, und von demselben Selbst, als Werkzeug der sinnlichen
Welt, genau unterschieden werde -- eine Seele, Gemüt und dergleichen
einem körperlichen Leib entgegengesetzt werde. Ferner könnten
die verschiedenen Gegenstände dieser übersinnlichen Welt, da sie
insgesamt nur in jenem übersinnlichen Werkzeuge erscheinen und für
dasselbe da sind, in der Sprache nur dadurch bezeichnet werden, daß
gesagt werde, ihr besonderes Verhältnis zu ihrem Werkzeuge sei also
wie das Verhältnis der und der bestimmten sinnlichen Gegenstände zum
sinnlichen Werkzeuge, und das in diesem Verhältnis ein besonderes
Uebersinnliches einem besondern Sinnlichen gleichgesetzt, und durch
diese Gleichsetzung sein Ort im übersinnlichen Werkzeuge durch die
Sprache angedeutet werde. Weiter vermag in diesem Umkreise die
Sprache nichts; sie gibt ein sinnliches Bild des Uebersinnlichen
bloß mit der Bemerkung, daß es ein solches Bild sei; wer zur Sache
selbst kommen will, muß nach der durch das Bild ihm angegebenen
Regel sein eignes geistiges Werkzeug in Bewegung setzen. -- Im
allgemeinen erhellet, daß diese sinnbildliche Bezeichnung des
Uebersinnlichen jedesmal nach der Stufe der Entwicklung des
sinnlichen Erkenntnisvermögens unter dem gegebenen Volke sich richten
müsse; daß daher der Anfang und Fortgang dieser sinnbildlichen
Bezeichnung in verschiedenen Sprachen sehr verschieden ausfallen
werde, nach der Verschiedenheit des Verhältnisses, das zwischen der
sinnlichen und geistigen Ausbildung des Volkes, das eine Sprache
redet, stattgefunden und fortwährend stattfindet.

Wir beleben zuvörderst diese in sich klare Bemerkung durch ein
Beispiel. Etwas, das zufolge der in der vorigen Rede erklärten
Erfassung des Grundtriebes nicht erst durch das dunkle Gefühl,
sondern sogleich durch klare Erkenntnis entsteht, dergleichen
jedesmal ein übersinnlicher Gegenstand ist, heißt mit einem
griechischen, auch in der deutschen Sprache häufig gebrauchten
Worte, eine Idee, und dieses Wort gibt genau dasselbe Sinnbild,
was in der deutschen das Wort Gesicht, wie dieses in folgenden
Wendungen der lutherschen Bibelübersetzung: ihr werdet Gesichte
sehen, ihr werdet Träume haben, vorkommt. Idee oder Gesicht
in sinnlicher Bedeutung wäre etwas, das nur durch das Auge
des Leibes, keineswegs aber durch einen andern Sinn, etwa
der Betastung, des Gehörs usw. erfaßt werden könnte, so wie
etwa ein Regenbogen, oder die Gestalten, welche im Traume vor
uns vorübergehen. Dasselbe in übersinnlicher Bedeutung hieße
zuvörderst, zufolge des Umkreises, in dem das Wort gelten
soll, etwas, das gar nicht durch den Leib, sondern nur durch
den Geist erfaßt wird, sodann, das auch nicht durch das dunkle
Gefühl des Geistes, wie manches andre, sondern allein durch
das Auge desselben, die klare Erkenntnis, erfaßt werden kann.
Wollte man nun etwa ferner annehmen, daß den Griechen bei dieser
sinnbildlichen Bezeichnung allerdings der Regenbogen und die
Erscheinungen der Art zum Grunde gelegen, so müßte man gestehen,
daß ihre sinnliche Erkenntnis schon vorher sich zur Bemerkung des
Unterschiedes zwischen den Dingen, daß einige sich allen oder
mehreren Sinnen, einige sich bloß dem Auge offenbaren, erhoben
haben müsse, und daß außerdem sie den entwickelten Begriff,
wenn er ihnen klar geworden wäre, nicht also, sondern anders
hätten bezeichnen müssen. Es würde sodann auch ihr Vorzug in
geistiger Klarheit erhellen etwa vor einem andern Volke, das
den Unterschied zwischen Sinnlichem und Uebersinnlichem nicht
durch ein aus dem besonnenen Zustande des Wachens hergenommenes
Sinnbild habe bezeichnen können, sondern zum Traume seine
Zuflucht genommen, um ein Bild für eine andre Welt zu finden;
zugleich würde einleuchten, daß dieser Unterschied nicht
etwa durch die größere oder geringere Stärke des Sinns fürs
Uebersinnliche in den beiden Völkern, sondern daß er lediglich
durch die Verschiedenheit ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als
sie Uebersinnliches bezeichnen wollten, begründet sei.

So richtet alle Bezeichnung des Uebersinnlichen sich nach dem
Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntnis desjenigen,
der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar, und drückt ihm das
Verhältnis des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen
verständlich aus, denn dieses Verhältnis wird ihm erklärt durch
ein andres unmittelbar lebendiges Verhältnis zu seinem sinnlichen
Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der
neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens
die sinnliche Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in
der Sprache; und die mögliche künftige übersinnliche Erkenntnis
wird nun nach ihrem Verhältnisse zu der ganzen in der gesamten
Sprache niedergelegten übersinnlichen und sinnlichen Erkenntnis
bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn
die unmittelbare Klarheit und Verständlichkeit der Sinnbilder
niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stetiger Fluß. --
Ferner, da die Sprache nicht durch Willkür vermittelt, sondern
als unmittelbare Naturkraft aus dem verständigen Leben ausbricht,
so hat eine ohne Abbruch nach diesem Gesetze fortentwickelte
Sprache auch die Kraft, unmittelbar einzugreifen in das Leben
und dasselbe anzuregen. Wie die unmittelbar gegenwärtigen Dinge
den Menschen bewegen, so müssen auch die Worte einer solchen
Sprache den bewegen, der sie versteht, denn auch sie sind Dinge,
keineswegs willkürliches Machwerk. So zunächst im Sinnlichen. Nicht
anders jedoch auch im Uebersinnlichen. Denn obwohl in Beziehung
auf das letztere der stetige Fortgang der Naturbeobachtung durch
freie Besinnung und Nachdenken unterbrochen wird, und hier
gleichsam der unbildliche Gott eintritt, so versetzt dennoch die
Bezeichnung durch die Sprache das Unbildliche auf der Stelle in
den stetigen Zusammenhang des Bildlichen zurück; und so bleibt
auch in dieser Rücksicht der stetige Fortgang der zuerst als
Naturkraft ausgesprochenen Sprache ununterbrochen, und es tritt
in den Fluß der Bezeichnung keine Willkür ein. Es kann darum
auch dem übersinnlichen Teile einer also stetig fortentwickelten
Sprache seine Leben anregende Kraft auf den, der nur sein geistiges
Werkzeug in Bewegung setzt, nicht entgehen. Die Worte einer solchen
Sprache in allen ihren Teilen sind Leben und schaffen Leben. --
Machen wir auch in Rücksicht der Entwicklung der Sprache für das
Uebersinnliche die Voraussetzung, daß das Volk dieser Sprache in
ununterbrochener Mitteilung geblieben, und daß, was einer gedacht
und ausgesprochen, bald an alle gekommen, so gilt, was bisher im
allgemeinen gesagt worden, für alle, die diese Sprache reden.
Allen, die nur denken wollen, ist das in der Sprache niedergelegte
Sinnbild klar; allen, die da wirklich denken, ist es lebendig und
anregend ihr Leben.

So verhält es sich, sage ich, mit einer Sprache, die von dem
ersten Laute an, der in demselben Volke ausbrach, ununterbrochen
aus dem wirklichen gemeinsamen Leben dieses Volkes sich entwickelt
hat, und in die niemals ein Bestandteil gekommen, der nicht eine
wirklich erlebte Anschauung dieses Volks und eine mit allen übrigen
Anschauungen desselben Volks im allseitig eingreifenden Zusammenhange
stehende Anschauung ausdrückte. Lasset dem Stammvolke dieser Sprache
noch so viele einzelne andern Stammes und andrer Sprache einverleibt
werden; wenn es diesen nur nicht verstattet wird, den Umkreis ihrer
Anschauungen zu dem Standpunkte, von welchem von nun an die Sprache
sich fortentwickle, zu erheben, so bleiben diese stumm in der
Gemeinde und ohne Einfluß auf die Sprache, so lange, bis sie selbst
in den Umkreis der Anschauung des Stammvolks hineingekommen sind, und
so bilden nicht sie die Sprache, sondern die Sprache bildet sie.

Ganz das Gegenteil aber von allem bisher Gesagten erfolgt
alsdann, wenn ein Volk mit Aufgebung seiner eignen Sprache eine
fremde, für übersinnliche Bezeichnung schon sehr gebildete
annimmt; und zwar nicht also, daß es sich der Einwirkung dieser
fremden Sprache ganz frei hingebe, und sich bescheide sprachlos
zu bleiben, so lange, bis es in den Kreis der Anschauungen
dieser fremden Sprache hineingekommen; sondern also, daß es
seinen eignen Anschauungskreis der Sprache aufdringe, und diese,
von dem Standpunkte aus, wo sie dieselbe fanden, von nun an in
diesem Anschauungskreise sich fortbewegen müsse. In Absicht des
sinnlichen Teils der Sprache zwar ist diese Begebenheit ohne
Folgen. In jedem Volke müssen ja ohnedies die Kinder diesen
Teil der Sprache, gleich als ob die Zeichen willkürlich wären,
lernen und so die ganze frühere Sprachentwicklung der Nation
hierin nachholen; jedes Zeichen aber in diesem sinnlichen
Umkreise kann durch die unmittelbare Ansicht oder Berührung des
Bezeichneten vollkommen klargemacht werden. Höchstens würde
daraus folgen, daß das erste Geschlecht eines solchen seine
Sprache ändernden Volkes als Männer wieder in die Kinderjahre
zurückzugehen genötigt gewesen; mit den Nachgebornen aber und
an den künftigen Geschlechtern war alles wieder in der alten
Ordnung. Dagegen ist diese Veränderung von den bedeutendsten
Folgen in Rücksicht des übersinnlichen Teils der Sprache. Dieser
hat zwar für die ersten Eigentümer der Sprache sich gemacht
auf die bisher beschriebene Weise; für die spätern Eroberer
derselben aber enthält das Sinnbild eine Vergleichung mit einer
sinnlichen Anschauung, die sie entweder schon längst, ohne die
beiliegende geistige Ausbildung, übersprungen haben, oder die
sie dermalen noch nicht gehabt haben, auch wohl niemals haben
können. Das Höchste, was sie hierbei tun können, ist, daß sie
das Sinnbild und die geistige Bedeutung derselben sich erklären
lassen, wodurch sie die flache und tote Geschichte einer
fremden Bildung, keineswegs aber eigne Bildung erhalten und
Bilder bekommen, die für sie weder unmittelbar klar, noch auch
lebenanregend sind, sondern völlig also willkürlich erscheinen
müssen, wie der sinnliche Teil der Sprache. Für sie ist nun,
durch diesen Eintritt der bloßen Geschichte als Erklärerin, die
Sprache in Absicht des ganzen Umkreises ihrer Sinnbildlichkeit
tot, abgeschlossen und ihr stetiger Fortfluß abgebrochen; und
obwohl über diesen Umkreis hinaus sie nach ihrer Weise, und
inwiefern dies von einem solchen Ausgangspunkte aus möglich ist,
diese Sprache wieder lebendig fortbilden mögen; so bleibt doch
jener Bestandteil die Scheidewand, an welcher der ursprüngliche
Ausgang der Sprache, als eine Naturkraft, aus dem Leben und die
Rückkehr der wirklichen Sprache in das Leben, ohne Ausnahme sich
bricht. Obwohl eine solche Sprache auf der Oberfläche durch den
Wind des Lebens bewegt werden, und so den Schein eines Lebens von
sich geben mag, so hat sie doch tiefer einen toten Bestandteil,
und ist durch den Eintritt des neuen Anschauungskreises und die
Abbrechung des alten abgeschnitten von der lebendigen Wurzel.

Wir beleben das soeben Gesagte durch ein Beispiel; indem wir
zum Behuf dieses Beispiels noch beiläufig die Bemerkung machen,
daß eine solche im Grunde tote und unverständliche Sprache sich
auch sehr leicht verdrehen und zu allen Beschönigungen des
menschlichen Verderbens mißbrauchen läßt, was in einer niemals
erstorbenen nicht also möglich ist. Ich bediene mich als solchen
Beispiels der drei berüchtigten Worte, Humanität, Popularität,
Liberalität. Diese Worte, vor dem Deutschen, der keine andre
Sprache gelernt hat, ausgesprochen, sind ihm ein völlig leerer
Schall, der an nichts ihm schon Bekanntes durch Verwandtschaft
des Lautes erinnert und so aus dem Kreise seiner Anschauung und
aller möglichen Anschauung ihn vollkommen herausreißt. Reizt nun
doch etwa das unbekannte Wort durch seinen fremden vornehmen
und wohltönenden Klang seine Aufmerksamkeit, und denkt er, was
so hoch töne, müsse auch etwas Hohes bedeuten; so muß er sich
diese Bedeutung ganz von vornherein und als etwas ihm ganz
Neues erklären lassen und kann dieser Erklärung eben nur blind
glauben und wird so stillschweigend gewöhnt, etwas für wirklich
daseiend und würdig anzuerkennen, das er, sich selbst überlassen,
vielleicht niemals des Erwähnens wert gefunden hätte. Man glaube
nicht, daß es sich mit den neulateinischen Völkern, welche jene
Worte vermeintlich als Worte ihrer Muttersprache aussprechen,
viel anders verhalte. Ohne gelehrte Ergründung des Altertums und
seiner wirklichen Sprache verstehen sie die Wurzeln dieser Wörter
ebensowenig, als der Deutsche. Hätte man nun etwa dem Deutschen
statt des Wortes Humanität das Wort Menschlichkeit, wie jenes
wörtlich übersetzt werden muß, ausgesprochen, so hätte er uns
ohne weitere historische Erklärung verstanden; aber er hätte
gesagt: da ist man nicht eben viel, wenn man ein Mensch ist und
kein wildes Tier. Also aber, wie wohl nie ein Römer gesagt hätte,
würde der Deutsche sagen, deswegen, weil die Menschheit überhaupt
in seiner Sprache nur ein sinnlicher Begriff geblieben, niemals
aber wie bei den Römern zum Sinnbilde eines übersinnlichen
geworden; indem unsre Vorfahren vielleicht lange vorher die
einzelnen menschlichen Tugenden bemerkt, und sinnbildlich in der
Sprache bezeichnet, ehe sie darauf gefallen, dieselben in einem
Einheitsbegriffe, und zwar als Gegensatz mit der tierischen
Natur, zusammenzufassen, welches denn auch unsern Vorfahren
den Römern gegenüber zu gar keinem Tadel gereicht. Wer nun den
Deutschen dennoch dieses fremde und römische Sinnbild künstlich
in die Sprache spielen wollte, der würde ihre sittliche Denkart
offenbar herunterstimmen, indem er ihnen als etwas Vorzügliches
und Lobenswürdiges hingäbe, was in der fremden Sprache auch wohl
ein solches sein mag, was er aber, nach der austilgbaren Natur
seiner Nationaleinbildungskraft nur faßt, als das Bekannte, das
gar nicht zu erfassen ist. Es ließe sich vielleicht durch eine
nähere Untersuchung dartun, daß dergleichen Herabstimmungen der
frühern sittlichen Denkart durch unpassende und fremde Sinnbilder
den germanischen Stämmen, die die römische Sprache annahmen,
schon zu Anfange begegnet: doch wird hier auf diesen Umstand
nicht gerade das größte Gewicht gelegt.

Würde ich ferner dem Deutschen statt der Wörter Popularität und
Liberalität die Ausdrücke Haschen nach Gunst beim großen Haufen,
und Entfernung vom Sklavensinn, wie jene wörtlich übersetzt
werden müssen, sagen, so bekäme derselbe zuvörderst nicht einmal
ein klares und lebhaftes sinnliches Bild, dergleichen der frühere
Römer allerdings bekam. Dieser sah alle Tage die schmiegsame
Höflichkeit des ehrgeizigen Kandidaten gegen alle Welt, so
wie die Ausbrüche des Sklavensinns vor Augen, und jene Worte
bildeten sie ihm wieder lebendig vor. Durch die Veränderung der
Regierungsform und die Einführung des Christentums waren schon
dem spätern Römer diese Schauspiele entrissen; wie denn überhaupt
diesem, besonders durch das fremdartige Christentum, das er
weder abzuwehren, noch sich einzuverleiben vermochte, die eigne
Sprache guten Teils abzusterben anfing im eignen Munde. Wie hätte
diese, schon in der eignen Heimat halbtote Sprache, lebendig
überliefert werden können an ein fremdes Volk? Wie sollte sie
es jetzt können an uns Deutsche? Was ferner das in jenen beiden
Ausdrücken liegende Sinnbild eines geistigen betrifft, so liegt
in der Popularität schon ursprünglich eine Schlechtigkeit, die
durch das Verderben der Nation und ihrer Verfassung in ihrem
Munde zur Tugend verdreht wurde. Der Deutsche geht in diese
Verdrehung, sowie sie ihm nur in seiner eignen Sprache dargeboten
wird, nimmer ein. Zur Uebersetzung der Liberalität aber dadurch,
daß ein Mensch keine Sklavenseele, oder, wenn es in die neue
Sitte eingeführt wird, keine Lakaiendenkart habe, antwortet er
abermals, daß auch dies sehr wenig gesagt heiße.

Nun hat man aber noch ferner in diese, schon in ihrer reinen Gestalt
bei den Römern auf einer tiefen Stufe der sittlichen Bildung
entstandenen, oder geradezu eine Schlechtigkeit bezeichnenden
Sinnbilder in der Fortentwicklung der neulateinischen Sprachen den
Begriff von Mangel an Ernst über die gesellschaftlichen Verhältnisse,
den des Sichwegwerfens, den der gemütlosen Lockerheit, hineingespielt
und dieselben auch in die deutsche Sprache gebracht, um durch das
Ansehen des Altertums und des Auslandes, ganz in der Stille und
ohne daß jemand so recht deutlich merke, wovon die Rede sei, die
letztgenannten Dinge auch unter uns in Ansehen zu bringen. Dies
ist von jeher der Zweck und der Erfolg aller Einmischung gewesen;
zuvörderst aus der unmittelbaren Verständlichkeit und Bestimmtheit,
die jede ursprüngliche Sprache bei sich führt, den Hörer in Dunkel
und Unverständlichkeit einzuhüllen; darauf an den dadurch erregten
blinden Glauben desselben sich mit der nun nötig gewordenen Erklärung
zu wenden, in dieser endlich Laster und Tugend so durcheinander
zu rühren, daß es kein leichtes Geschäft ist, dieselben wieder
zu sondern. Hätte man das, was jene drei ausländischen Worte
eigentlich wollen müssen, wenn sie überhaupt etwas wollen, dem
Deutschen in seinen Worten, und in seinem sinnbildlichen Kreise also
ausgesprochen: Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit, Edelmut, so
hätte er uns verstanden; die genannten Schlechtigkeiten aber hätten
sich niemals in jene Bezeichnungen einschieben lassen. Im Umfange
deutscher Rede entsteht eine solche Einhüllung in Unverständlichkeit
und Dunkel, entweder aus Ungeschicktheit, oder aus böser Tücke; sie
ist zu vermeiden, und die Uebersetzung in rechtes wahres Deutsch
liegt als stets fertiges Hilfsmittel bereit. In den neulateinischen
Sprachen aber ist diese Unverständlichkeit natürlich und
ursprünglich, und sie ist durch gar kein Mittel zu vermeiden, indem
diese überhaupt nicht im Besitze irgendeiner lebendigen Sprache,
woran sie die tote prüfen könnten, sich befinden, und die Sache genau
genommen, eine Muttersprache gar nicht haben.

Das an diesem einzelnen Beispiele Dargelegte, was gar leicht
durch den ganzen Umkreis der Sprache sich würde hindurch führen
lassen, und allenthalben also sich wieder finden würde, soll
Ihnen das bis hierher Gesagte so klar machen, als es hier
werden kann. Es ist vom übersinnlichen Teile der Sprache die
Rede, vom sinnlichen zunächst und unmittelbar gar nicht. Dieser
übersinnliche Teil ist in einer immerfort lebendig gebliebenen
Sprache sinnbildlich, zusammenfassend bei jedem Schritte das
Ganze des sinnlichen und geistigen, in der Sprache niedergelegten
Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls
nicht willkürlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben
der Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen,
aus welchem, und seiner Bezeichnung, ein scharfes Auge die
ganze Bildungsgeschichte der Nation rückwärtsschreitend wieder
müßte herstellen können. In einer toten Sprache aber, in der
dieser Teil, als sie noch lebte, dasselbige war, wird er durch
die Ertötung zu einer zerrissenen Sammlung willkürlicher, und
durchaus nicht weiter zu erklärender Zeichen ebenso willkürlicher
Begriffe, wo mit beiden sich nichts weiter anfangen läßt, als daß
man sie eben lerne.

Somit ist unsre nächste Aufgabe, den unterscheidenden Grundzug
des Deutschen vor den andern Völkern germanischer Abkunft zu
finden, gelöst. Die Verschiedenheit ist sogleich bei der ersten
Trennung des gemeinschaftlichen Stamms entstanden, und besteht
darin, daß der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus
der Naturkraft lebendige Sprache redet, die übrigen germanischen
Stämme eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der Wurzel
aber tote Sprache. Allein in diesen Umstand, in die Lebendigkeit
und in den Tod, setzen wir den Unterschied; keineswegs aber
lassen wir uns ein auf den übrigen innern Wert der deutschen
Sprache. Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung
statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum
sind alle unmittelbare Vergleichungen der deutschen und der
neulateinischen Sprachen durchaus nichtig, und sind gezwungen
von Dingen zu reden, die der Rede nicht wert sind. Sollte
vom innern Werte der deutschen Sprache die Rede entstehen,
so müßte wenigstens eine von gleichem Range, eine ebenfalls
ursprüngliche, als etwa die griechische, den Kampfplatz betreten;
unser gegenwärtiger Zweck aber liegt tief unter einer solchen
Vergleichung.

Welchen unermeßlichen Einfluß auf die ganze menschliche Entwicklung
eines Volks die Beschaffenheit seiner Sprache haben möge, die
Sprache, welche den einzelnen bis in die geheimste Tiefe seines
Gemüts bei Denken und Wollen begleitet, und beschränkt oder
beflügelt, welche die gesamte Menschenmenge, die dieselbe redet, auf
ihrem Gebiete zu einem einzigen gemeinsamen Verstande verknüpft,
welche der wahre gegenseitige Durchströmungspunkt der Sinnenwelt und
der der Geister ist, und die Enden dieser beiden also ineinander
verschmilzt, daß gar nicht zu sagen ist, zu welcher von beiden sie
selber gehöre; wie verschieden die Folge dieses Einflusses ausfallen
möge, da, wo das Verhältnis ist, wie Leben und Tod, läßt sich im
allgemeinen erraten. Zunächst bietet sich dar, daß der Deutsche
ein Mittel hat seine lebendige Sprache durch Vergleichung mit der
abgeschlossenen römischen Sprache, die von der seinigen im Fortgange
der Sinnbildlichkeit gar sehr abweicht, noch tiefer zu ergründen, wie
hinwiederum jene auf demselben Wege klarer zu verstehen, welches dem
Neulateiner, der im Grunde in dem Umkreise derselben _einen_ Sprache
gefangen bleibt, nicht also möglich ist; daß der Deutsche, indem
er die römische Stammsprache lernt, die abgestammten gewissermaßen
zugleich mit erhält, und falls er etwa die erste gründlicher lernen
sollte, denn der Ausländer, welches er aus dem angeführten Grunde gar
wohl vermag, er zugleich auch dieses Ausländers eigne Sprachen weit
gründlicher verstehen und weit eigentümlicher besitzen lernt, denn
jener selbst, der sie redet; daß daher der Deutsche, wenn er sich
nur aller seiner Vorteile bedient, den Ausländer immerfort übersehen
und ihn vollkommen, sogar besser denn er sich selbst, verstehen,
und ihn nach seiner ganzen Ausdehnung übersetzen kann; dagegen der
Ausländer ohne eine höchst mühsame Erlernung der deutschen Sprache
den wahren Deutschen niemals verstehen kann, und das echt Deutsche
ohne Zweifel unübersetzt lassen wird. Was in diesen Sprachen man
nur vom Ausländer selbst lernen kann, sind meistens aus Langeweile
und Grille entstandene neue Moden des Sprechens, und man ist sehr
bescheiden, wenn man auf diese Belehrungen eingeht. Meistens würde
man statt dessen ihnen zeigen können, wie sie der Stammsprache und
ihrem Verwandlungsgesetze gemäßig sprechen sollten, und daß die neue
Mode nichts tauge, und gegen die althergebrachte gute Sitte verstoße.
--

Jener Reichtum an Folgen überhaupt, so wie die besondere zuletzt
erwähnte Folge ergeben sich, wie gesagt, von selbst.

Unsre Absicht aber ist es, diese Folgen insgesamt im ganzen nach
ihrem Einheitsbande und aus der Tiefe zu erfassen, um dadurch
eine gründliche Schilderung des Deutschen im Gegensatze mit den
übrigen germanischen Stämmen zu geben. Ich gebe diese Folgen
vorläufig in der Kürze also an: 1. Beim Volke der lebendigen
Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile
geht geistige Bildung und Leben jedes seinen Gang für sich fort.
2. Aus demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit
aller Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst, und es will, daß
dieselbe ins Leben eingreife; dagegen einem von der letztern Art
diese vielmehr ein genialisches Spiel ist, mit dem sie nichts
weiter wollen. Die letztern haben Geist; die erstern haben
zum Geiste auch noch Gemüt. 3. Was aus dem zweiten folgt: die
erstern haben redlichen Fleiß und Ernst in allen Dingen und sind
mühsam, dagegen die letztern sich im Geleite ihrer glücklichen
Natur gehen lassen. 4. Was aus allem zusammen folgt: In einer
Nation von der ersten Art ist das große Volk bildsam, und die
Bildner einer solchen erproben ihre Entdeckungen an dem Volke,
und wollen auf dieses einfließen; dagegen in einer Nation von der
zweiten Art die gebildeten Stände vom Volke sich scheiden, und
des letztern nicht weiter, denn als eines blinden Werkzeugs ihrer
Pläne achten. Die weitere Erörterung dieser angegebenen Merkmale
behalte ich der folgenden Rede vor.



Fünfte Rede.

Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit.


Zum Behuf einer Schilderung der Eigentümlichkeit der Deutschen
ist der Grundunterschied zwischen diesen und den andern Völkern
germanischer Abkunft angegeben worden, daß die ersteren in dem
ununterbrochenen Fortflusse einer aus wirklichem Leben sich
fortentwickelnden Sprache geblieben, die letztern aber eine ihnen
fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertötet
worden. Wir haben zu Ende der vorigen Rede andre Erscheinungen
an diesen also verschiedenen Volksstämmen angegeben, welche aus
jenem Grundunterschiede notwendig erfolgen mußten; und werden
heute diese Erscheinungen weiter entwickeln und fester auf ihrem
gemeinsamen Boden begründen.

Eine Untersuchung, die sich der Gründlichkeit befleißet, kann
manches Streites und der Erregung von mancherlei Scheelsucht
sich überheben. Wie wir ehemals in der Untersuchung, von der
die gegenwärtige die Fortsetzung ist, taten, so werden wir auch
hier tun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten, was aus dem
aufgestellten Grundunterschiede folgt, und nur darauf sehen,
daß diese Ableitung richtig sei. Ob nun die Verschiedenheit der
Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge sein sollte, in der
wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden,
will ich lediglich Ihnen und jedem Beobachter überlassen. Zwar
werde ich, was insbesondere den Deutschen betrifft, zu seiner
Zeit darlegen, daß er sich wirklich also gezeigt habe, wie er
unsrer Ableitung zufolge sein mußte. Was aber die germanischen
Ausländer betrifft, so werde ich nichts dagegen haben, wenn
einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier
die Rede sei, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt,
daß seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seien, was
die Deutschen, und wenn er sie von den entgegengesetzten
Zügen völlig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre
Beschreibung auch in diesen gegenteiligen Zügen keineswegs in das
Nachteilige und Grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht
denn ehrenvoll, sondern nur das notwendig Erfolgende angeben, und
dieses so ehrbar ausdrücken, als es mit der Wahrheit bestehen
kann.

Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich
angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die
Geistesbildung ein in das Leben; beim Gegenteile gehe geistige
Bildung und Leben jedes für sich seinen Gang fort. Es wird nützlich
sein, zuvörderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu
erklären. Zuvörderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen
der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu
verstehen das ursprüngliche Leben und sein Fortfluß aus dem Quell
alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen
Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen
und vorher nie dagewesenen; keineswegs aber ist die Rede von der
bloßen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon
stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner
Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben.
Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter
zu allererst die Philosophie -- wie wir dies mit dem ausländischen
Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen sich den vorlängst
vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen -- die
Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen;
denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens
wissenschaftlich erfaßt. Von dieser und von aller auf sie gegründeten
Wissenschaft wird nun gerühmt, daß beim Volke der lebendigen
Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem
Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch von den unsern
gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst und
dergleichen Selbstzwecke seien, und dem Leben nicht dienten, und
daß es Herabwürdigung derselben sei, sie nach ihrer Nützlichkeit in
diesem Dienste zu schätzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrücke
näher zu bestimmen und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind
wahr in folgendem doppelten aber beschränkten Sinne: zuvörderst,
daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern
Stufe, z. B. dem irdischen und sinnlichen Leben oder der gemeinen
Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen;
sodann daß ein einzelner zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit
vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besonderen Zweigen des
allgemeinen göttlichen Lebens völlig aufgehen könne, ohne eines
außer ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen; und volle Befriedigung
in ihnen finden könne. Keineswegs aber sind sie wahr in strenger
Bedeutung; denn es ist ebenso unmöglich, daß es mehrere Selbstzwecke
gebe, als es unmöglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einzige
Selbstzweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das
geistige Leben. Dieses äußert sich nur zum Teil und erscheint als ein
ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Tätigkeit.
Diese Tätigkeit erhält ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft,
die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der
Kunst; und insoweit könnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst
da seien als Mittel für das tätige Leben, als den Zweck. Nun aber
ist in dieser Form der Tätigkeit das Leben selber niemals vollendet
und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche.
Soll nun doch das Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein,
so muß es also dasein in einer andern Form. Diese Form ist nun die
des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene
Religionseinsicht gibt; eine Form, die als geschlossene Einheit mit
der Unendlichkeit des Tuns schlechthin auseinanderfällt, und in dem
letztern, dem Tun, niemals vollständig ausgedrückt werden kann.
Beide demnach, der Gedanke, sowie die Tätigkeit, sind nur in der
Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseit der Erscheinung aber
sind sie, eine wie die andre, dasselbe _eine_ absolute Leben; und man
kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um
des Gedankens willen sei und also sei, sondern daß beides schlechthin
sein solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes
Ganzes sein solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung.
Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung
ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe
aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbständiges
Leben. -- Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen.
Was hilft alles Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht danach
gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel für
das Handeln, und dieses letztere als der eigentliche Zweck angesehen.
Man könnte umgekehrt sagen, wie kann man doch gut handeln, ohne das
Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das Wissen als
das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind
einseitig; und das Wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf
dieselbe Weise unabtrennliche Bestandteile des vernünftigen Lebens
sind.

In sich selbstbeständiges Leben aber, wie wir soeben uns
ausdrückten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke
der wirkliche Sinn und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß
er, ohne besondere Mühe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt
zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht, beurteilt, zufolge
jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls derselbe
aufs Handeln einfließt, nach ihm ebenso notwendig handelt.
Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er
nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und
vollständig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke
begriffen sein mag, und so hell man sich auch denken möge, wie
etwa jemand also denken könne. In diesem letztern Falle liegt
zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen
Denken ein großes Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte
wir nicht vollziehen mögen; und so bleibt jenes gedachte Denken
von uns abstehend, und ein bloß mögliches und ein von uns frei
gemachtes und immer fort frei zu wiederholendes Denken. In jenem
ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser
Selbst ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese
also entstandene Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre
Einsicht hindurch zu dessen Notwendigkeit. Daß nun das letztere
also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen,
sondern es muß eben sich selbst machen, und der Gedanke selber
muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden.

Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert,
ja, wenn das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar
notwendig gemacht, durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen
Sprache. Das Zeichen in der letzten ist selbst unmittelbar lebendig
und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigne Leben, und so
dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitze
einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart
sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer
toten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluß
desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse
aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine
fremde Denkart hineinversetzen. Wie überschwenglich wohl müßte
der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem langen und
breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt
auf dem Felde dieser bescheiden sich begnügte. So eines Besitzers
der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man
einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht gedacht,
sondern nur geschwärmt habe. Den Besitzer einer toten Sprache kann
man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht
mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache
niedergelegten Begriffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nicht
getan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.

Es erhellt im Vorbeigehen, daß beim Volke einer toten Sprache
im Anfange, wo die Sprache noch nicht allseitig klar genug
ist, der Trieb des Denkens noch am kräftigsten walten und
die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; daß aber
dieser, sowie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den
Fesseln derselben immermehr ersterben müsse, so daß zuletzt
die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtsein sich
bescheiden wird, daß sie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, oder
wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender ausgedrückt
hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, daß ein
solches Volk etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über die
Heuchelei in Komödienform für ihr größtes philosophisches Werk
anerkennen wird.

In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bildung, und hier
insbesondere das Denken in einer Ursache nicht ein in das Leben,
sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es
notwendig, aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf
andres Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine
Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes
Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem
Wohlgefallen in seiner belebenden, verklärenden und befreienden
Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern,
will notwendig, daß allen andern dasselbe Heil widerfahre, und
er ist so getrieben und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der
ihm sein Wohlsein aufging, auch über andre sich verbreite.
Anders derjenige, der bloß ein fremdes Denken als ein mögliches
begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch
Wehe gibt, sondern es nur seine Muße angenehm beschäftigt und
unterhält, so kann er auch nicht glauben, daß es einem andern
wohl oder wehe machen könne, und hält es zuletzt für einerlei,
woran jemand seinen Scharfsinn übe, und womit er seine müßigen
Stunden ausfülle.

Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen,
in das allgemeine Leben einzuführen, ist das vorzüglichste
die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der
geistigen Bildung eines Volkes. Schon unmittelbar der Denker, wie
er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem
nicht anders denn sinnbildlich geschehen kann, und zwar über den
bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend,
ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim
ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten
das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene
Erweiterung und Ergänzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache
durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflößen, also
daß jedwedes an seiner Stelle den ihm gebührenden Anteil von
der neuen geistigen Veredlung erhalte, und so das ganze Leben
bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den neuen
Lichtstrahl getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser
Täuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschäft
der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine
solche Dichtung haben; denn nur in ihr ist der sinnbildliche
Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in
ihr bleibt das schon Geschaffene lebendig und dem Einströmen
verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache führt in sich
Vermögen unendlicher, ewig zu erfrischender und zu verjüngender
Dichtung, denn jede Regung des lebendigen Denkens in ihr eröffnet
eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn
diese Dichtung das vorzüglichste Verflößungsmittel der erlangten
geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine tote Sprache
kann in diesem höhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem
alle die angezeigten Bedingungen der Dichtung in ihr nicht
vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeitlang einen
Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in
der Stammsprache vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werden die
Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann die neu entstandene Volksart
nicht fortdichten auf der angehobenen Bahn, denn diese ist
ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben und die neuen
Verhältnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen
Kreis, in welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach,
einführen, und zum Beispiel ihren Ritter ankleiden als Heros und
umgekehrt, und die alten Götter mit den neuen das Gewand tauschen
lassen. Gerade durch diese fremde Einhüllung des Gewöhnlichen
wird dasselbe einen dem idealisierten ähnlichen Reiz erhalten,
und es werden ganz wohlgefällige Gestalten hervorgehen. Aber
beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der
Stammsprache, als die neuen Lebensverhältnisse, sind endliche und
beschränkte Größen, ihre gegenseitige Durchdringung ist irgendwo
vollendet; da aber, wo sie vollendet ist, feiert das Volk sein
goldenes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt.
Irgendwo gibt es notwendig einen höchsten Punkt des Anpassens
der geschlossenen Wörter an die geschlossenen Begriffe, und der
geschlossenen Sinnbilder an die geschlossenen Lebensverhältnisse.
Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn
entweder seine gelungensten Meisterstücke verändert wiederholen,
also, daß sie aussehen, als ob sie etwas Neues seien, da sie
doch nur das wohlbekannte Alte sind; oder, wenn sie durchaus neu
sein wollen, zum Unpassenden und Unschicklichen ihre Zuflucht
nehmen, und ebenso in der Dichtkunst das Häßliche mit dem Schönen
zusammenmischen, und sich auf die Karikatur und das Humoristische
legen, wie sie in der Prosa genötigt sind, die Begriffe zu
verwirren, und Laster und Tugend miteinander zu vermengen, wenn
sie in neuen Weisen reden wollen.

Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben
jedes für sich seinen besonderen Gang fortgehen: so erfolgt von
selbst, daß die Stände, die zu der ersten keinen Zugang haben,
und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die
Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die gebildeten Stände
zurückgesetzt, und gleichsam für eine andre Menschenart gehalten
werden, die an Geisteskräften ursprünglich, und durch die bloße
Geburt den ersten nicht gleich seien; daß darum die gebildeten
Stände gar keine wahrhaft liebende Teilnahme an ihnen, und keinen
Trieb haben, ihnen gründlich zu helfen, indem sie eben glauben,
daß ihnen, wegen ursprünglicher Ungleichheit, gar nicht zu helfen
sei, und daß die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben
zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen.
Auch diese Folge der Ertötung der Sprache kann beim Beginn des
neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch
den Mangel an eigner Gewandtheit der höhern Stände gemildert
werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des Volkes immer
unverhohlner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des
Sicherhebens und Vornehmtuns der gebildeten Stände hat noch ein
besonderer sich vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die
Deutschen einen sehr verbreiteten Einfluß gehabt, hier nicht
übergangen werden darf. Nämlich die Römer, welche anfangs den
Griechen gegenüber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich
selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten,[2]
gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden
bei den Germaniern dieselbe gläubige Treuherzigkeit, die erst sie
selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier glaubten der
Barbarei nicht anders loswerden zu können, als wenn sie Römer
würden. Die auf ehemaligem römischen Boden Eingewanderten wurden
es nach allem ihrem Vermögen. In ihrer Einbildungskraft bekam
aber barbarisch gar bald die Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft,
tölpisch, und so ward das Römische im Gegenteil gleichgeltend mit
vornehm. Bis in das Allgemeine und Besondere ihrer Sprachen geht
dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewußten
Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die
germanischen Wurzeln auszuwerfen und aus römischen Wurzeln die
Wörter zu bilden, und so die Romanze, als die Hof- und gebildete
Sprache zu erzeugen; im besondern aber, indem fast ohne Ausnahme
bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel
das Unedle und Schlechte, das aus römischer Wurzel aber das
Edlere und Vornehmere bedeutet.

  [2] Auch über den größern oder geringern Wohllaut einer
      Sprache sollte, unsers Erachtens, nicht nach dem
      unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen Zufälligkeiten
      abhängt, entschieden werden, sondern es müßte sich auch ein
      solches Urteil auf feste Grundsätze zurückführen lassen.
      Das Verdienst einer Sprache in dieser Rücksicht würde ohne
      Zweifel darein zu setzen sein, daß sie zuvörderst das
      Vermögen des menschlichen Sprachwerkzeugs erschöpfte und
      umfassend darstellte, sodann daß sie die einzelnen Laute
      desselben zu einer naturgemäßen und schicklichen Verfließung
      ineinander verbände. Es geht schon hieraus hervor, daß
      Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig
      ausbilden und gewisse Laute oder Zusammensetzungen unter
      Vorwand der Schwierigkeit oder des Übelklanges vermeiden,
      und denen leichtlich nur das, was sie zu hören gewohnt sind
      und hervorbringen können, wohlklingen dürfte, bei einer
      solchen Untersuchung keine Stimme haben.

      Wie nun, jene höhern Grundsätze vorausgesetzt, das Urteil
      über die deutsche Sprache in dieser Rücksicht ausfallen
      werde, mag hier unentschieden bleiben. Die römische
      Stammsprache selbst wird von jeder neueuropäischen Nation
      ausgesprochen nach der derselben eigenen Mundart, und ihr
      wahre Aussprache dürfte sich nicht leicht wiederherstellen
      lassen. Es bliebe demnach nur noch die Frage übrig, ob denn
      den neulateinischen Sprachen gegenüber die deutsche so übel,
      hart und rauh töne, wie einige zu glauben geneigt sind.

      Bis einmal diese Frage gründlich entschieden werde, mag
      wenigstens vorläufig erklärt werden, wie es komme, daß
      Ausländern und selbst Deutschen, auch wenn sie unbefangen
      sind und ohne Vorliebe oder Haß, dieses also scheine. Ein
      noch ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft,
      bei großer Kindlichkeit des Sinnes und Freiheit von
      Nationaleitelkeit (die Germanier scheinen dieses alles
      gewesen zu sein) wird angezogen durch die Ferne und versetzt
      gern in diese, in entlegene Länder und ferne Inseln, die
      Gegenstände seiner Wünsche und die Herrlichkeiten, die es
      ahnt. Es entwickelt sich in ihm ein _romantischer_ Sinn (das
      Wort erklärt sich selbst und könnte nicht passender gebildet
      sein). Laute und Töne aus jenen Gegenden treffen nun auf
      diesen Sinn und regen seine ganze Wunderwelt auf, und darum
      gefallen sie. Daher mag es kommen, daß unsre ausgewanderten
      Landsleute so leicht die eigne Sprache für die fremde
      aufgaben, und daß noch bis jetzt uns, ihren sehr entfernten
      Anverwandten, jene Töne so wunderbar gefallen.

Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen
Stammes wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls
er nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unsern
Ohren tönt gar leicht römischer Laut vornehm, auch unsern
Augen erscheint römische Sitte edler, dagegen das Deutsche
gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus
der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der
zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Römer recht
wohl gefallen. Solange wir deutsch sind, erscheinen wir uns
als Männer, wie andre auch; wenn wir halb oder auch über die
Hälfte undeutsch reden und abstechende Sitten und Kleidung an
uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir
uns vornehm, der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man
uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa für Spanier oder
Engländer hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten
Mode ist. Wir haben recht. Naturgemäßheit von deutscher Seite,
Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind
die Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir
eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns und nimmt uns
als seinesgleichen; nur wenn wir zur letzten unsre Zuflucht
nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält uns für andre
Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein
Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur
abgewichen; wir müssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben,
daß etwas schön, schicklich und bequem sei, das auf natürliche
Weise uns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen. Von diesem
allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die
größere Vornehmigkeit des romanisierten Auslandes, nebst der
Sucht, ebenso vornehm zu tun, und auch in Deutschland die Kluft
zwischen den höhern Ständen und dem Volke, die im Auslande
natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sei genug, hier den
Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu
haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Uebel, an
denen wir jetzt zugrunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind,
welche freilich nur in der Vereinigung mit deutschem Ernste und
Einfluß aufs Leben das Verderben nach sich ziehen mußten, werden
wir zu einer andern Zeit zeigen.

Außer diesen beiden aus dem Grundunterschiede erfolgenden
Erscheinungen, daß geistige Bildung ins Leben eingreife, oder
nicht, und daß zwischen den gebildeten Ständen und dem Volke
eine Scheidewand bestehe, oder nicht, führte ich noch die
folgende an, daß das Volk der lebendigen Sprache Fleiß und
Ernst haben und Mühe anwenden werde in allen Dingen, dagegen
das der toten Sprache die geistige Beschäftigung mehr für ein
genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner glücklichen Natur
sich gehen lasse. Dieser Umstand ergibt aus dem oben Gesagten
sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die
Untersuchung aus von einem Bedürfnisse des Lebens, welches durch
sie befriedigt werden soll, und erhält so alle die nötigenden
Antriebe, die das Leben selbst bei sich führt. Bei dem der toten
will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine angenehme und
dem Sinne fürs Schöne angemessene Weise hinbringen, und sie hat
ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie dies getan hat. Bei
den Ausländern ist das letzte fast notwendig; beim Deutschen,
wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie
und glückliche Natur eine seiner unwürdige Ausländerei, die, so
wie alle Ausländerei aus der Sucht, vornehm zu tun, entsteht.
Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprünglichen
Antrieb im Menschen, der, als ein Uebersinnliches, mit dem
ausländischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas
Treffliches entstehen. Aber dieser Antrieb für sich allein
regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr über dem
Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Daß
diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet,
und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf
es des fleißigen, besonnenen und nach einer festen Regel
einhergehenden Denkens. Genialität liefert dem Fleiße den Stoff
zur Bearbeitung, und der letzte würde ohne die erste entweder
nur das schon bearbeitete, oder nichts zu bearbeiten haben. Der
Fleiß aber führt diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel
bleiben würde, ins Leben ein; und so vermögen beide nur in
ihrer Vereinigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun
kann überdies im Volke einer toten Sprache gar keine wahrhaft
erschaffende Genialität zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am
ursprünglichen Bezeichnungsvermögen fehlt, sondern sie können nur
schon Angehobenes fortbilden, und in die ganze schon vorhandene
und vollendete Bezeichnung verflößen.

Was insbesondere die größere Mühe anbelangt, so ist natürlich,
daß diese auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine
lebendige Sprache kann in Vergleichung mit einer andern auf
einer hohen Stufe der Bildung stehen, aber sie kann niemals in
sich selber diejenige Vollendung und Ausbildung erhalten, die
eine tote Sprache gar leichtlich erhält. In der letzten ist
der Umfang der Wörter geschlossen, die möglichen schicklichen
Zusammenstellungen derselben werden allmählich auch erschöpft,
und so muß der, der diese Sprache reden will, sie eben reden,
so wie sie ist; nachdem er dieses aber einmal gelernt hat,
redet die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt und
dichtet für ihn. In einer lebendigen Sprache aber, wenn nur in
ihr wirklich gelebt wird, vermehren und verändern die Worte
und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden
neue Zusammenstellungen möglich und die Sprache, die niemals
ist, sondern ewig fort wird, redet sich nicht selbst, sondern
wer sie gebrauchen will, muß eben selber nach seiner Weise und
schöpferisch für sein Bedürfnis sie reden. Ohne Zweifel erfordert
das letzte weit mehr Fleiß und Uebungen, denn das erste. Ebenso
gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks
einer lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausströmung
der Begriffe aus der geistigen Natur selbst; dagegen die einer
toten Sprache nur einen fremden Begriff zu durchdringen und sich
begreiflich zu machen suchen, und so in der Tat nur geschichtlich
und auslegend, jene ersten aber wahrhaft philosophisch sind. Es
begreift sich, daß seine Untersuchung von der letzten Art eher
und leichter abgeschlossen werden möge, denn eine von der ersten.

Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen
des Altertums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die
leicht ihm für Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand
weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachte eröffnen,
und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe und Felsmassen
von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter
sich Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird sein ein
lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge über den seinem Boden
von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederläßt auf
dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquickenden Tau in sich
zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschäftiger
Kunst den Honig sammelt, und ihn in regelmäßig gebauten Zellen
zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der
mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt, und mit starkem
und vielgeübtem Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher
zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt.

Um alles bisher Gesagte in einen Hauptgesichtspunkt zusammenzufassen.
In Beziehung auf die Bildungsgeschichte überhaupt eines
Menschengeschlechts, das historisch in ein Altertum und in eine neue
Welt zerfallen ist, werden zur ursprünglichen Fortbildung dieser
neuen Welt im großen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstämme
sich also verhalten. Der ausländisch gewordene Teil der frischen
Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Altertums eine weit
größere Verwandtschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Teile
anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer
ersten und unveränderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer
Bildung einzudringen, und in dieselben ungefähr so viel frisches
Leben zu bringen, daß sie sich an das entstandene neue Leben anfügen
können. Kurz es wird von ihnen das Studium des klassischen Altertums
über das neuere Europa ausgegangen sein. Von den ungelöst gebliebenen
Aufgaben desselben begeistert wird es dieselben fortbearbeiten, aber
freilich nur also, wie man eine, keineswegs durch ein Bedürfnis des
Lebens, sondern durch bloße Wißbegier gegebene Aufgabe bearbeitet,
leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemüte, sondern nur mit der
Einbildungskraft sie erfassend, und lediglich in dieser zu einem
luftigen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichtume des Stoffs, den
das Altertum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser
Weise sich arbeiten läßt, werden sie eine Fülle solcher Bilder in den
Gesichtskreis der neuen Welt einführen. Diese schon in die neue Form
gestalteten Bilder der Alten Welt, angekommen bei demjenigen Teile
des Urstamms, der durch beibehaltene Sprache im Flusse ursprünglicher
Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit und Selbsttätigkeit
reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben
wären, unbeachtet und unvernommen vor ihm vorübergegangen wären. Aber
er wird, so gewiß er sie nur wirklich erfaßt und nicht etwa nur sie
weitergibt von Hand in Hand, dieselben erfassen gemäß seiner Natur,
nicht im bloßen Wissen eines fremden, sondern als Bestandteil seines
Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten,
sondern sie auch in dasselbe wiederum einführen, verkörpernd die
vorher bloß luftigen Gestalten zu gediegenen, und im wirklichen
Lebenselemente haltbaren Leibern.

In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben
niemals vermocht hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück,
und vermittelst dieses Durchgangs allein wird eine Fortbildung
des Menschengeschlechts auf der Bahn des Altertums, eine
Vereinigung der beiden Haupthälften und ein regelmäßiger Fortfluß
der menschlichen Entwicklung möglich. In dieser neuen Ordnung
der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern
im Kleinsten wie im Größten wird es immer bekennen müssen, daß
es durch irgendeinen Wink des Auslandes angeregt worden, welches
Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das
Mutterland wird ernsthaft nehmen und ins Leben einführen, was
dort nur obenhin und flüchtig entworfen wurde. An treffenden und
tiefgreifenden Beispielen dieses Verhältnis darzulegen, ist, wie
schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns
vor auf die künftige Rede.

Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise eins,
und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein
Pfropfreis auf dem Stamme der altertümlichen Bildung, welche
letztere außerdem durch die neue Zeit abgebrochen sein und die
Menschheit ihren Wert von vorn wieder angefangen haben würde.
In diesen ihren beim Ausgangspunkte verschiedenen am Ziele
zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Teile, jeder sich
selbst und den andern, erkennen, und denselben gemäß einander
benutzen; besonders aber jeder den andern zu erhalten und in
seiner Eigentümlichkeit unverfälscht zu lassen sich bequemen;
wenn es mit allseitiger und vollständiger Bildung des Ganzen
einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt,
so dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst
der Sinn für die Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen. Wenn aber
in seiner Blindheit für solche Verhältnisse und fortgerissen
von oberflächlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen
sollte, sein Mutterland der Selbständigkeit zu berauben, und es
dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sich: so würde dasselbe,
wenn ihm dieser Vorsatz gelänge, dadurch für sich selbst die
letzte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing
mit der Natur und dem Leben, und es würde gänzlich anheimfallen
dem geistigen Tode, der ohnedies im Fortgange der Zeiten immer
sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wäre
der bisher noch stetig fortgegangene Fluß der Bildung unsers
Geschlechts in der Tat beschlossen, und die Barbarei müßte
wieder beginnen und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis
wir insgesamt wieder in Höhlen lebten, wie die wilden Tiere, und
gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Daß dies wirklich
also sei, und notwendig also erfolgen müsse, kann freilich
nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch; dem
Ausländer, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegrenztes
Feld hat, sich in der seinigen zu bewundern, muß es, und mag es
immer erscheinen als eine abgeschmackte Lästerung der schlecht
unterrichteten Unwissenheit.

Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dünste sich
absondern und sich emporheben zu den Wolken und durch welche auch
noch die in den Tartarus verwiesenen alten Götter zusammenhängen mit
dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umgebende ewige
Himmel, an welchem die leichten Dünste sich verdichten zu Wolken,
die, durch des Donnerers aus andrer Welt stammenden Blitzstrahl
geschwängert, herabfallen, als befeuchtender Regen, der Himmel und
Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem
Schoße der letztern entkeimen läßt. Wollen neue Titanen abermals den
Himmel erstürmen? Er wird für sie nicht Himmel sein, denn sie sind
Erdgeborne; es wird ihnen bloß der Anblick und die Einwirkung des
Himmels entrückt werden, und nur ihre Erde als eine kalte finstere
und unfruchtbare Behausung ihnen zurückbleiben. Aber was vermöchte,
sagt ein römischer Dichter, was vermöchte ein Typhoeus, oder der
gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhötus,
oder der kühne Schleuderer ausgerissener Baumstämme, Enceladus, wenn
sie sich stürzen gegen Pallas' tönenden Schild. Dieser selbige Schild
ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verstehen,
uns unter seinen Schutz zu begeben.



Sechste Rede.

Darlegung der deutschen Grundzüge in der Geschichte.


Welche Hauptunterschiede sein würden zwischen einem Volke,
das in seiner ursprünglichen Sprache sich fortbildet, und
einem solchen, das eine fremde Sprache angenommen, ist in
der vorigen Rede auseinandergesetzt. Wir sagten bei dieser
Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eignen
Urteile jedweden Beobachters die Entscheidung überlassen, ob
in demselben diejenigen Erscheinungen wirklich einträten, die
zufolge unsrer Behauptungen darin eintreten müßten; was aber
die Deutschen betrifft, machten wir uns anheischig darzulegen,
daß diese sich wirklich also geäußert, wie unsern Behauptungen
zufolge das Volk einer Ursprache sich äußern müsse. Wir gehen
heute an die Erfüllung unsres Versprechens, und zwar legen wir
das zu Erweisende zunächst dar an der letzten großen und in
gewissem Sinne vollendeten Welttat des deutschen Volkes, an der
kirchlichen Reformation.

Das aus Asien stammende und durch seine Verderbung erst recht
asiatisch gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben
predigende Christentum war schon für die Römer etwas Fremdartiges
und Ausländisches; es wurde niemals von ihnen wahrhaft durchdrungen
und angeeignet, und teilte ihr Wesen in zwei nicht aneinander
passende Hälften; wobei jedoch die Anfügung des fremden Teils durch
den angestammten schwermütigen Aberglauben vermittelt wurde. An
den eingewanderten Germaniern erhielt diese Religion Zöglinge, in
denen keine frühere Verstandesbildung ihr hinderlich war, aber auch
kein angestammter Aberglaube sie begünstigte und so wurde sie denn
an dieselben gebracht, als ein zum Römer, das sie nun einmal sein
wollten, eben auch gehöriges Stück, ohne sonderlichen Einfluß auf ihr
Leben. Daß diese christlichen Erzieher von der altrömischen Bildung
und dem Sprachverständnisse, als dem Behälter derselben, nicht mehr
an diese Neubekehrten kommen ließen, als mit ihren Absichten sich
vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liegt ein Grund
des Verfalls und der Ertötung der römischen Sprache in ihrem Munde.
Als späterhin die echten und unverfälschten Denkmale der alten
Bildung in die Hände dieser Völker fielen und dadurch der Trieb,
selbsttätig zu denken und zu begreifen, in ihnen angeregt wurde: so
mußte, da ihnen teils dieser Trieb neu und frisch war, teils kein
angestammtes Erschrecken vor den Göttern ihm das Gegengewicht hielt,
der Widerspruch eines blinden Glaubens und der sonderbaren Dinge,
welche im Verlaufe der Zeiten zu Gegenständen desselben geworden
waren, dieselben weit härter treffen, denn sogar die Römer, als
an diese zuerst das Christentum kam. Einleuchten des vollkommenen
Widerspruchs aus demjenigen, woran man bisher treuherzig geglaubt
hat, erregt Lachen; die, welche das Rätsel gelöst hatten, lachten und
spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls gelöst hatten,
lachten mit, gesichert dadurch, daß nur sehr wenigen der Zugang zur
altertümlichen Bildung, als dem Lösungsmittel des Zaubers, offen
stehe. Ich deute hiermit vorzüglich auf Italien, als den damaligen
Hauptsitz der neurömischen Bildung, hinter welchem die übrigen
neurömischen Stämme in jeder Rücksicht noch sehr weit zurück waren.

Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den
er erbittert hätte; sie wurden durch diesen ausschließenden
Besitz einer ungemeinen Erkenntnis um so sicherer ein vornehmer
und gebildeter Stand, und mochten es wohl leiden, daß der
große Haufe, für den sie kein Gemüt hatten, dem Truge ferner
preisgegeben und so auch für ihre Zwecke folgsamer erhalten
bliebe. Also nur, daß das Volk betrogen werde, der Vornehmere den
Betrug nütze und sein lache, konnte es fortbestehen; und es würde
wahrscheinlich, wenn in der neuen Zeit nichts vorhanden gewesen
wäre, außer Neurömern, also fortbestanden haben bis ans Ende der
Tage.

Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was früher über die
Fortsetzung der alten Bildung durch die neue und über den Anteil,
den die Neurömer daran zu haben vermögen, gesagt wurde. Die
neue Klarheit ging aus von den Alten, sie fiel zuerst in den
Mittelpunkt der neurömischen Bildung, sie wurde daselbst nur zu
einer Verstandeseinsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen
und anders zu gestalten.

Nicht länger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge
bestehen, sobald dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf
das Leben herab religiöses Gemüt fiel, und, wenn dieses Gemüt
von einem Volke umgeben war, dem es seine ernstere Ansicht der
Sache leicht mitteilen konnte, und dieses Volk Häupter fand,
welche auf sein entschiedenes Bedürfnis etwas gaben. So tief
auch das Christentum herabsinken mochte, so bleibt doch immer
in ihm ein Grundbestandteil, in dem Wahrheit ist und der ein
Leben, das nur wirkliches und selbständiges Leben ist, sicher
anregt; die Frage: was sollen wir tun, damit wir selig werden?
War diese Frage auf einen erstorbenen Boden gefallen, wo es
entweder überhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas
wie Seligkeit im Ernste möglich sei, oder, wenn auch das erste
angenommen worden wäre, dennoch gar kein fester und entschiedener
Wille, selbst auch selig zu werden, vorhanden war, so hatte auf
diesem Boden die Religion gleich anfangs nicht eingegriffen in
Leben und Willen, sondern sie war nur als ein schwankender und
blasser Schatten im Gedächtnisse und in der Einbildungskraft
behangen geblieben; und so mußten natürlich auch alle ferneren
Aufklärungen über den Zustand der vorhandenen Religionsbegriffe
gleichfalls ohne Einfluß auf das Leben bleiben. War hingegen
jene Frage in einen ursprünglich lebendigen Boden gefallen, so
daß im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seligkeit und der
feste Wille da war, selig zu werden und die von der bisherigen
Religion angegebenen Mittel zur Seligkeit mit innigem Glauben und
redlichem Ernste in dieser Absicht gebraucht worden waren, so
mußte, wenn in diesen Boden, der gerade durch sein Ernstnehmen
dem Lichte über die Beschaffenheit dieser Mittel sich länger
verschloß, dieses Licht zuletzt dennoch fiel, ein gräßliches
Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele
und die treibende Unruhe, dieses Heil auf andre Weise zu retten
und was als in ewiges Verderben stürzend erschien, konnte nicht
scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der einzelne, den
zuerst diese Ansicht ergriffen, keineswegs zufrieden sein, etwa
nur seine eigne Seele zu retten, gleichgültig über das Wohl aller
übrigen unsterblichen Seelen, indem er, seiner tiefern Religion
zufolge, dadurch auch nicht einmal die eigne Seele gerettet
hätte: sondern mit der gleichen Angst, die er um diese fühlte,
mußte er ringen, schlechthin allen Menschen in der Welt das Auge
zu öffnen über die verdammliche Täuschung.

Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, die lange vor ihm
sehr viele Ausländer wohl in größerer Verstandesklarheit
gehabt hatten, in das Gemüt des deutschen Mannes, Luther. An
altertümlicher und feiner Bildung, an Gelehrsamkeit, an andern
Vorzügen übertrafen ihn nicht nur Ausländer, sondern sogar viele
in seiner Nation. Aber ihn ergriff ein allmächtiger Antrieb, die
Angst um das ewige Heil und dieser ward das Leben in seinem Leben
und setzte immerfort das letzte in die Wage und gab ihm die Kraft
und die Gaben, die die Nachwelt bewundert. Mögen andre bei der
Reformation irdische Zwecke gehabt haben, sie hätten nie gesiegt,
hätte nicht an ihrer Spitze ein Anführer gestanden, der durch das
Ewige begeistert wurde; daß dieser, der immerfort das Heil aller
unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen sah, allen Ernstes
allen Teufeln in der Hölle furchtlos entgegenging, ist natürlich
und durchaus kein Wunder. Dies nun ist ein Beleg von deutschem
Ernst und Gemüt.

Daß Luther mit diesem rein menschlichen, und nur durch jeden
selbst zu besorgenden Anliegen an alle und zunächst an die
Gesamtheit seiner Nation sich wendete, lag, wie gesagt, in
der Sache. Wie nahm nun sein Volk diesen Antrag auf? Blieb es
in seiner dumpfen Ruhe, gefesselt an den Boden durch irdische
Geschäfte und ungestört fortgehend den gewohnten Gang, oder
erregte die nicht alltägliche Erscheinung gewaltiger Begeisterung
bloß sein Gelächter? Keineswegs, sondern es wurde wie durch ein
fortlaufendes Feuer ergriffen von derselben Sorge für das Heil
der Seele und diese Sorge eröffnete schnell auch ihr Auge der
vollkommenen Klarheit und sie nahmen auf im Fluge das ihnen
Dargebotene. War diese Begeisterung nur eine augenblickliche
Erhebung der Einbildungskraft, die im Leben und gegen dessen
ernsthafte Kämpfe und Gefahren nicht standhielt? Keineswegs,
sie entbehrten alles, und trugen alle Martern und kämpften in
blutigen zweifelhaften Kriegen, lediglich damit sie nicht wieder
unter die Gewalt des verdammlichen Papsttums gerieten, sondern
ihnen und ihren Kindern fort das allein seligmachende Licht des
Evangeliums schiene; und es erneuten sich an ihnen in später Zeit
alle Wunder, die das Christentum bei seinem Beginnen an seinen
Bekennern darlegte. Alle Aeußerungen jener Zeit sind erfüllt
von dieser allgemein verbreiteten Besorgtheit um die Seligkeit.
Sehen Sie hier einen Beleg von der Eigentümlichkeit des deutschen
Volkes. Es ist durch Begeisterung zu jedweder Begeisterung und
jedweder Klarheit leicht zu erheben und seine Begeisterung hält
aus für das Leben und gestaltet dasselbe um.

Auch früher und anderwärts hatten Reformatoren Haufen des Volks
begeistert und sie zu Gemeinden versammelt und gebildet; dennoch
erhielten diese Gemeinden keinen festen und auf dem Boden der
bisherigen Verfassung begründeten Bestand, weil die Volkshäupter
und Fürsten der bisherigen Verfassung nicht auf ihre Seite
traten. Auch der Reformation durch Luther schien anfangs kein
günstigeres Schicksal bestimmt. Der weise Kurfürst, unter dessen
Augen sie begann, schien mehr im Sinne des Auslandes als in dem
deutschen weise zu sein; er schien die eigentliche Streitfrage
nicht sonderlich gefaßt zu haben, einem Streite zwischen zwei
Mönchsorden, wie ihm es schien, nicht viel Gewicht beizulegen
und höchstens bloß um den guten Ruf seiner neu errichteten
Universität besorgt zu sein. Aber er hatte Nachfolger, die weit
weniger weise, denn er, von derselben ernstlichen Sorge für
ihre Seligkeit ergriffen wurden, die in ihren Völkern lebte,
und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen verschmolzen bis zu
gemeinsamem Leben oder Tod, Sieg oder Untergang.

Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem oben angegebenen Grundzuge der
Deutschen, als einer Gesamtheit und zu ihrer durch die Natur
begründeten Verfassung. Die großen National- und Weltangelegenheiten
sind bisher durch freiwillig auftretende Redner an das Volk
gebracht worden und bei diesem durchgegangen. Mochten doch ihre
Fürsten anfangs aus Ausländerei und aus Sucht vornehm zu tun und
zu glänzen, wie jene, sich absondern von der Nation und diese
verlassen oder verraten, so wurden sie auch später leicht wieder
fortgerissen zur Einstimmigkeit mit derselben und erbarmten sich
ihrer Völker. Daß das erste stets der Fall gewesen sei, werden
wir tiefer unten noch an andern Belegen dartun; daß das letztere
fortdauernd der Fall bleiben möge, können wir nur mit heißer
Sehnsucht wünschen.

Ohnerachtet man nun bekennen muß, daß in der Angst jenes
Zeitalters um das Heil der Seelen, eine Dunkelheit und Unklarheit
blieb, indem es nicht darum zu tun war, den äußeren Vermittler
zwischen Gott und den Menschen nur zu verändern, sondern
gar keines äußern Mittlers zu bedürfen, und das Band des
Zusammenhanges in sich selber zu finden; so war es doch
vielleicht notwendig, daß die religiöse Ausbildung der Menschen
im ganzen durch diesen Mittelzustand hindurchginge. Luthern
selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gegeben, denn er
suchte, und ihn weit hinausgeführt über sein Lehrgebäude. Nachdem
er nur die ersten Kämpfe der Gewissensangst, die ihm sein
kühnes Losreißen von dem ganzen bisherigen Glauben verursachte,
bestanden hatte, sind alle seine Aeußerungen voll eines Jubels
und Triumphs über die erlangte Freiheit der Kinder Gottes, welche
die Seligkeit gewiß nicht mehr außer sich und jenseit des Grabes
suchten, sondern der Ausbruch des unmittelbaren Gefühls derselben
waren. Er ist hierin das Vorbild aller künftigen Zeitalter
geworden und hat für uns alle vollendet. -- Sehen Sie auch hier
einen Grundzug des deutschen Geistes. Wenn er nur sucht, so
findet er mehr, als er suchte; denn er gerät hinein in den Strom
lebendigen Lebens, das durch sich selbst fortrinnt und ihn mit
sich fortreißt.

Dem Papsttume, dieses nach seiner eignen Gesinnung genommen und
beurteilt, geschah durch die Weise, wie die Reformation dasselbe
nahm, ohne Zweifel unrecht. Die Aeußerungen desselben waren wohl
größtenteils aus der vorliegenden Sprache blind herausgerissen,
asiatisch rednerisch übertreibend, gelten sollend, was sie
könnten, und rechnend, daß mehr als der gebührende Abzug wohl
ohnedies werde gemacht werden, niemals aber ernstlich ermessen,
erwogen oder gemeint. Die Reformation nahm mit deutschem
Ernste sie nach ihrem vollen Gewichte; und sie hatte recht,
daß man alles also nehmen solle, unrecht, wenn sie glaubte,
jene hätten es also genommen und sie noch andrer Dinge, denn
ihrer natürlichen Flachheit und Ungründlichkeit, bezichtigte.
Ueberhaupt ist dies die stets sich gleichbleibende Erscheinung
in jedem Streit des deutschen Ernstes gegen das Ausland, ob
dieses sich nun außer Landes oder im Lande befinde, daß das
letztere gar nicht begreifen kann, wie man über so gleichgültige
Dinge, als Worte und Redensarten sind, ein so großes Wesen
erheben möge und daß sie, aus deutschem Munde es wieder hörend,
nicht gesagt haben wollen, was sie doch gesagt haben und sagen,
und immerfort sagen werden, und über Verleumdung, die sie
Konsequenzmacherei nennen, klagen, wenn man ihre Aeußerungen in
ihrem buchstäblichen Sinne und als ernstlich gemeint, nimmt, und
dieselben betrachtet als Bestandteile einer folgebeständigen
Denkreihe, die man nun rückwärts nach ihren Grundsätzen, und
vorwärts nach ihren Folgen herstellt; indes man doch vielleicht
sehr entfernt ist, ihnen für die Person klares Bewußtsein dessen,
was sie reden, und Folgebeständigkeit, beizumessen. In jener
Anmutung, man müsse eben jedwedes Ding nehmen wie es gemeint sei,
nicht aber etwa noch darüber hinaus das Recht zu meinen und laut
zu meinen, in Frage ziehen, verrät sich immer die noch so tief
versteckte Ausländerei.

Dieser Ernst, mit welchem das alte Religionslehrgebäude genommen
wurde, nötigte dieses selbst zu einem größeren Ernste, als es
bisher gehabt hatte, und zu neuer Prüfung, Umdeutung, Befestigung
der alten Lehre, sowie zu größerer Behutsamkeit in Lehre und
Leben für die Zukunft: und dieses, sowie das zunächstfolgende,
sei Ihnen ein Beleg von der Weise, wie Deutschland auf das
übrige Europa immer zurückgewirkt hat. Hierdurch erhielt für
das Allgemeine die alte Lehre wenigstens diejenige unschädliche
Wirksamkeit, die sie, nachdem sie nun einmal nicht aufgegeben
werden sollte, haben konnte; insbesondere aber ward sie für
die Verteidiger derselben Gelegenheit und Aufforderung zu
einem gründlicheren und folgegemäßeren Nachdenken, als bisher
stattgehabt hatte. Davon, daß die in Deutschland verbesserte
Lehre auch in das neulateinische Ausland sich verbreitet und
daselbst denselben Erfolg höherer Begeisterung hervorgebracht,
wollen wir hier, als von einer vorübergehenden Erscheinung
schweigen: wiewohl es immer merkwürdig ist, daß die neue Lehre
in keinem eigentlich neulateinischen Lande zu einem vom Staate
anerkannten Bestande gekommen; indem es scheint, daß es deutscher
Gründlichkeit bei den Regierenden und deutscher Gutmütigkeit beim
Volke bedurft habe, um diese Lehre verträglich mit der Obergewalt
zu finden, und sie also zu machen.

In einer andern Rücksicht aber, und zwar nicht auf das Volk,
sondern auf die gebildeten Stände, hat Deutschland durch seine
Kirchenverbesserung einen allgemeinen und dauernden Einfluß auf
das Ausland gehabt; und durch diesen Einfluß das Ausland wieder
zum Vorgänger für sich selbst, und zu seinem eignen Anreger zu
neuen Schöpfungen sich zubereitet. Das freie und selbsttätige
Denken, oder die Philosophie, war schon in den vorhergehenden
Jahrhunderten unter der Herrschaft der alten Lehre häufig
angeregt und geübt worden, keineswegs aber, um aus sich selbst
Wahrheit hervorzubringen, sondern nur, um zu zeigen, daß und auf
welche Weise die Lehre der Kirche wahr sei. Dasselbe Geschäft in
Beziehung auf ihre Lehre erhielt zunächst die Philosophie auch
bei den deutschen Protestanten und ward bei diesen Dienerin des
Evangeliums, so wie sie bei den Scholastikern die der Kirche
gewesen war. Im Auslande, das entweder kein Evangelium hatte,
oder das dasselbe nicht mit unvermischt deutscher Andacht und
Tiefe des Gemüts gefaßt hatte, erhob das durch den erhaltenen
glänzenden Triumph angefeuerte freie Denken sich leichter und
höher, ohne die Fessel eines Glaubens an Uebersinnliches;
aber es blieb in der sinnlichen Fessel des Glaubens an den
natürlichen, ohne Bildung und Sitte aufgewachsenen Verstand;
und weit entfernt, daß es in der Vernunft die Quelle auf sich
selbst beruhender Wahrheit entdeckt hätte, wurden für dasselbe
die Aussprüche dieses rohen Verstandes dasjenige, was für
die Scholastiker die Kirche, für die ersten protestantischen
Theologen das Evangelium war; ob sie wahr seien, darüber regte
sich kein Zweifel, die Frage war bloß, wie sie diese Wahrheit
gegen bestreitende Ansprüche behaupten könnten.

Indem nun dieses Denken in das Gebiet der Vernunft, deren
Gegenstreit bedeutender gewesen sein würde, gar nicht hineinkam,
so fand es keinen Gegner, außer der historisch vorhandenen
Religion und wurde mit dieser leicht fertig, indem es sie an
den Maßstab des vorausgesetzten gesunden Verstandes hielt und
sich dabei klar zeigte, daß sie demselben eben widerspräche,
und so kam es denn, daß, so wie dieses alles ins reine gebracht
wurde, im Auslande die Benennung des Philosophen und die des
Irreligiösen und Gottesleugners, gleichbedeutend wurden, und zu
gleicher ehrenvoller Auszeichnung gereichten.

Die versuchte gänzliche Erhebung über allen Glauben an fremdes
Ansehen, welche in diesen Bestrebungen des Auslandes das
richtige war, wurde den Deutschen, von denen sie vermittelst der
Kirchenverbesserung erst ausgegangen war, zu neuer Anregung. Zwar
sagten untergeordnete und unselbständige Köpfe unter uns diese
Lehre des Auslandes eben nach -- lieber die des Auslandes, wie
es scheint, als die ebenso leicht zu habende ihrer Landsleute,
darum, weil ihnen das erste vornehmer dünkte -- und diese Köpfe
suchten, so gut es gehen wollte, sich selber davon zu überzeugen;
wo aber selbständiger deutscher Geist sich regte, da genügte das
Sinnliche nicht, sondern es entstand die Aufgabe, das freilich
nicht auf fremdes Ansehen zu glaubende, Uebersinnliche in der
Vernunft selbst aufzusuchen und so erst eigentliche Philosophie
zu erschaffen, indem man, wie es sein sollte, das freie Denken
zur Quelle unabhängiger Wahrheit machte. Dahin strebte Leibniz im
Kampfe mit jener ausländischen Philosophie; dies erreichte der
eigentliche Stifter der neuen deutschen Philosophie, nicht ohne
das Geständnis durch eine Aeußerung des Auslandes, die inzwischen
tiefer genommen worden, als sie gemeint gewesen, angeregt worden
zu sein. Seitdem ist unter uns die Aufgabe vollständig gelöst
und die Philosophie vollendet worden, welches man indessen sich
begnügen muß, zu sagen, bis ein Zeitalter kommt, das es begreift.
Dies vorausgesetzt, so wäre abermals durch Anregung des durch das
neurömische Ausland hindurchgegangenen Altertums im deutschen
Mutterlande die Schöpfung eines vorher durchaus nicht dagewesenen
Neuen erfolgt.

Unter den Augen der Zeitgenossen hat das Ausland eine andre
Aufgabe der Vernunft und der Philosophie an die neue Welt, die
Errichtung des vollkommenen Staats, leicht und mit feuriger
Kühnheit ergriffen und kurz darauf dieselbe also fallen lassen,
daß es durch seinen jetzigen Zustand genötigt ist, den bloßen
Gedanken der Aufgabe als ein Verbrechen zu verdammen und alles
anwenden mußte, um, wenn es könnte, jene Bestrebungen aus den
Jahrbüchern seiner Geschichte auszutilgen. Der Grund dieses
Erfolgs liegt am Tage: Der vernunftgemäße Staat läßt sich nicht
durch künstliche Vorkehrungen aus jedem vorhandenen Stoffe
aufbauen, sondern die Nation muß zu demselben erst gebildet und
herausgezogen werden. Nur diejenige Nation, welche zuvörderst
die Aufgabe der Erziehung zum vollkommenen Menschen, durch die
wirkliche Ausübung, gelöst haben wird, wird sodann auch jene des
vollkommenen Staates lösen.

Auch die zuletztgenannte Aufgabe der Erziehung ist seit unsrer
Kirchenverbesserung vom Auslande geistvoll, aber im Sinne seiner
Philosophie mehrmals in Anregung gebracht worden, und diese
Anregungen haben unter uns fürs erste Nachtreter und Uebertreiber
gefunden. Bis zu welchem Punkte endlich in unsern Tagen abermals
deutsches Gemüt diese Sache gebracht, werden wir zu seiner Zeit
ausführlicher berichten.

Sie haben an dem Gesagten eine klare Uebersicht der gesamten
Bildungsgeschichte der neuen Welt, und des sich immer gleichbleibenden
Verhältnisses der verschiedenen Bestandteile der letzten zur ersten.
Wahre Religion, in der Form des Christentums, war der Keim der
neuen Welt und ihre Gesamtaufgabe die, diese Religion in die
vorhandene Bildung des Altertums zu verflößen und die letzte
dadurch zu vergeistigen und zu heiligen. Der erste Schritt auf
diesem Wege war, das die Freiheit raubende äußere Ansehen der
Form dieser Religion von ihr abzuscheiden, und auch in sie
das freie Denken des Altertums einzuführen. Es regte an zu
diesem Schritte das Ausland, der Deutsche tat ihn. Der zweite,
der eigentlich die Fortsetzung und Vollendung des ersten ist,
der, diese Religion und mit ihr alle Weisheit in uns selber
aufzufinden. Auch ihn vorbereitete das Ausland, und vollzog der
Deutsche. Der dermalen in der ewigen Zeit an der Tagesordnung
sich befindende Fortschritt ist die vollkommene Erziehung der
Nation zum Menschen. Ohne dies wird die gewonnene Philosophie
nie ausgedehnte Verständlichkeit, vielweniger noch allgemeine
Anwendbarkeit im Leben finden; so wie hinwiederum ohne Philosophie
die Erziehungskunst niemals zu vollständiger Klarheit in sich
selbst gelangen wird. Beide greifen daher ineinander und sind
eins ohne das andre unvollständig und unbrauchbar. Schon allein
darum, weil der Deutsche bisher alle Schritte der Bildung zur
Vollendung gebracht und er eigentlich dazu aufbewahrt worden ist
in der neuen Welt, kommt ihm dasselbe auch mit der Erziehung zu;
wie aber diese einmal in Ordnung gebracht ist, wird es sich mit
den übrigen Angelegenheiten der Menschheit leicht ergeben.

In diesem Verhältnisse also hat wirklich die deutsche Nation zur
Fortbildung des menschlichen Geschlechts in der neuen Zeit bisher
gestanden. Noch ist über eine schon zweimal fallen gelassene
Bemerkung über den naturgemäßen Hergang, den diese Nation hierbei
genommen, daß nämlich in Deutschland alle Bildung vom Volke
ausgegangen, mehr Licht zu verbreiten. Daß die Angelegenheit
der Kirchenverbesserung zuerst an das Volk gebracht worden,
und allein dadurch, daß es desselben Angelegenheit geworden,
gelungen sei, haben wir schon ersehen. Aber es ist ferner
darzutun, daß dieser einzelne Fall nicht Ausnahme, sondern daß er
die Regel gewesen.

Die im Mutterlande zurückgebliebenen Deutschen hatten alle
Tugenden, die ehemals auf ihrem Boden zu Hause waren, beibehalten:
Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt; aber sie hatten von Bildung
zu einem höhern und geistigen Leben nicht mehr erhalten,
als das damalige Christentum und seine Lehrer an zerstreut
wohnende Menschen bringen konnten. Dies war wenig, und sie
standen so gegen ihre ausgewanderten Stammverwandten zurück,
und waren in der Tat zwar brav und bieder, aber dennoch halb
Barbaren. Es entstanden unter ihnen indessen Städte, die durch
Glieder aus dem Volke errichtet wurden. In diesen entwickelte
sich schnell jeder Zweig des gebildeten Lebens zur schönsten
Blüte. In ihnen entstanden, zwar auf Kleines berechnete, dennoch
aber treffliche bürgerliche Verfassungen und Einrichtungen, und
von ihnen aus verbreitete sich ein Bild von Ordnung und eine
Liebe derselben erst über das übrige Land. Ihr ausgebreiteter
Handel half die Welt entdecken. Ihren Bund fürchteten Könige. Die
Denkmäler ihrer Baukunst dauern noch, haben der Zerstörung von
Jahrhunderten getrotzt, die Nachwelt steht bewundernd vor ihnen
und bekennt ihre eigne Unmacht.

Ich will diese Bürger der deutschen Reichsstädte des Mittelalters
nicht vergleichen mit den andern ihnen gleichzeitigen Ständen und
nicht fragen, was indessen der Adel tat und die Fürsten; aber in
Vergleich mit den übrigen germanischen Nationen, einige Striche
Italiens abgerechnet, hinter welchen selbst jedoch in den schönen
Künsten die Deutschen nicht zurückblieben, in den nützlichen
sie übertrafen und ihre Lehrer wurden -- diese abgerechnet
waren nun diese deutschen Bürger die gebildeten und jene die
Barbaren. Die Geschichte Deutschlands, deutscher Macht, deutscher
Unternehmungen, Erfindungen, Denkmale, Geistes, ist in diesem
Zeitraume lediglich die Geschichte dieser Städte, und alles
übrige, als da sind Länderverpfändungen und Wiedereinlösungen
und dergleichen, ist nicht des Erwähnens wert. Auch ist dieser
Zeitpunkt der einzige in der deutschen Geschichte, in der
diese Nation glänzend und ruhmvoll und mit dem Range der ihr
als Stammvolk gebührt, dasteht; so wie ihre Blüte durch die
Habsucht und Herrschsucht der Fürsten zerstört und ihre Freiheit
zertreten wird, sinkt das Ganze allmählich immer tiefer herab und
geht entgegen dem gegenwärtigen Zustand; wie aber Deutschland
herabsinkt, sieht man das übrige Europa eben also sinken, in
Rücksicht dessen, was das Wesen betrifft und nicht den bloßen
äußern Schein.

Der entscheidende Einfluß dieses in der Tat herrschenden Standes
auf die Entwicklung der deutschen Reichsverfassung, auf die
Kirchenverbesserung und auf alles, was jemals die deutsche Nation
bezeichnete und von ihr ausging in das Ausland, ist allenthalben
unverkennbar, und es läßt sich nachweisen, daß alles, was noch
jetzt Ehrwürdiges ist unter den Deutschen, in seiner Mitte
entstanden ist.

Und mit welchem Geiste brachte hervor und genoß dieser deutsche
Stand diese Blüten? Mit dem Geiste der Frömmigkeit, der Ehrbarkeit,
der Bescheidenheit, des Gemeinsinnes. Für sich selbst bedurften sie
wenig, für öffentliche Unternehmungen machten sie unermeßlichen
Aufwand. Selten steht irgendwo ein einzelner Name hervor und zeichnet
sich aus, weil alle gleichen Sinnes waren und gleicher Aufopferung
für das Gemeinsame. Ganz unter denselben äußern Bedingungen, wie
in Deutschland, waren auch in Italien freie Städte entstanden. Man
vergleiche die Geschichten beider; man halte die fortwährenden
Unruhen, die innern Zwiste, ja Kriege, den beständigen Wechsel
der Verfassungen und der Herrscher, in den ersten, gegen die
friedliche Ruhe und Eintracht in den letztern. Wie konnte klarer
sich aussprechen, daß ein innerlicher Unterschied in den Gemütern
der beiden Nationen gewesen sein müsse? Die deutsche Nation ist
die einzige unter den neueuropäischen Nationen, die es an ihrem
Bürgerstande schon seit Jahrhunderten durch die Tat gezeigt hat, daß
sie die republikanische Verfassung zu ertragen vermöge.

Unter den einzelnen und besondern Mitteln, den deutschen Geist
wieder zu heben, würde es ein sehr kräftiges sein, wenn wir
eine begeisternde Geschichte der Deutschen aus diesem Zeitraume
hätten, die da National- und Volksbuch würde, so wie Bibel oder
Gesangbuch es sind, so lange, bis wir selbst wiederum etwas
des Aufzeichnens Wertes hervorbrächten. Nur müßte eine solche
Geschichte nicht etwa chronikenmäßig die Taten und Ereignisse
aufzählen, sondern sie müßte uns, wunderbar ergreifend und
ohne unser eignes Zutun oder klares Bewußtsein, mitten hinein
versetzen in das Leben jener Zeit, so daß wir selbst mit ihnen
zu gehen, zu stehen, zu beschließen, zu handeln schienen, und
dies nicht durch kindische und tändelnde Erdichtung, wie es so
viele historische Romane getan haben, sondern durch Wahrheit;
und aus diesem ihrem Leben müßte sie die Taten und Ereignisse,
als Belege desselben, hervorblicken lassen. Ein solches Werk
könnte zwar nur die Frucht von ausgebreiteten Kenntnissen sein,
und von Forschungen, die vielleicht noch niemals angestellt
sind, aber die Ausstellung dieser Kenntnisse und Forschungen
müßte uns der Verfasser ersparen und nur lediglich die gereifte
Frucht uns vorlegen in der gegenwärtigen Sprache, auf eine
jedwedem Deutschen ohne Ausnahme verständliche Weise. Außer jenen
historischen Kenntnissen würde ein solches Werk auch noch ein
hohes Maß philosophischen Geistes erfordern, der ebensowenig sich
zur Schau ausstellte; und vor allem ein treues und liebendes
Gemüt.

Jene Zeit war der jugendliche Traum der Nation in beschränkten
Kreisen von künftigen Taten, Kämpfen und Siegen, und die
Weissagung, was sie einst bei vollendeter Kraft sein würde.
Verführerische Gesellschaft und die Lockung der Eitelkeit
hat die heranwachsende fortgerissen in Kreise, die nicht die
ihrigen sind, und indem sie auch da glänzen wollte, steht sie da
mit Schmach bedeckt und ringend sogar um ihre Fortdauer. Aber
ist sie denn wirklich veraltet und entkräftet? Hat ihr nicht
auch seitdem immerfort und bis auf diesen Tag die Quelle des
ursprünglichen Lebens fortgequollen, wie keiner andern Nation?
Können jene Weissagungen ihres jugendlichen Lebens, die durch
die Beschaffenheit der übrigen Völker und durch den Bildungsplan
der ganzen Menschheit bestätigt werden -- können sie unerfüllt
bleiben? Nimmermehr. Bringe man diese Nation nur zuvörderst
zurück von der falschen Richtung, die sie ergriffen, zeige man
ihr in dem Spiegel jener ihrer Jugendträume ihren wahren Hang und
ihre wahre Bestimmung, bis unter diesen Betrachtungen sich ihr
die Kraft entfalte, diese ihre Bestimmung mächtig zu ergreifen.
Möchte diese Aufforderung etwas dazu beitragen, daß recht bald
ein dazu ausgerüsteter deutscher Mann diese vorläufige Aufgabe
löse!



Siebente Rede.

Noch tiefere Erfassung der Ursprünglichkeit und Deutschheit eines
Volkes.


Es sind in den vorigen Reden angegeben und in der Geschichte
nachgewiesen die Grundzüge der Deutschen, als eines Urvolks, und
als eines solchen, das das Recht hat, sich das Volk schlechtweg,
im Gegensatze mit andern von ihm abgerissenen Stämmen, zu
nennen, wie denn auch das Wort »Deutsch« in seiner eigentlichen
Wortbedeutung das soeben Gesagte bezeichnet. Es ist zweckmäßig,
daß wir bei diesem Gegenstande noch eine Stunde verweilen und
uns auf den möglichen Einwurf einlassen, daß, wenn dies deutsche
Eigentümlichkeit sei, man werde bekennen müssen, daß dermalen
unter den Deutschen selber wenig Deutsches mehr übrig sei. Indem
auch wir diese Erscheinung keineswegs leugnen können, sondern
sie vielmehr anzuerkennen und in ihren einzelnen Teilen sie zu
übersehen gedenken, wollen wir mit einer Erklärung derselben
anheben.

Das war im ganzen das Verhältnis des Urvolks der neuen Welt
zum Fortgange der Bildung dieser Welt, daß das erstere durch
unvollständige und auf der Oberfläche verbleibende Bestrebungen
des Auslandes erst angeregt werde zu tiefern aus seiner eignen
Mitte heraus zu entwickelnden Schöpfungen. Da von der Anregung
bis zur Schöpfung es ohne Zweifel seine Zeit dauert, so ist
klar, daß ein solches Verhältnis Zeiträume herbeiführen werde,
in welchem das Urvolk fast ganz mit dem Auslande verflossen, und
demselben gleich erscheinen müsse, weil es nämlich gerade im
Zustande des bloßen Angeregtseins sich befindet, und die dabei
beabsichtigte Schöpfung noch nicht zum Durchbruche gekommen
ist. In einem solchen Zeitraume befindet sich nun gerade jetzt
Deutschland in Absicht der großen Mehrzahl seiner gebildeten
Bewohner, und daher rühren die durch das ganze innere Wesen und
Leben dieser Mehrzahl verflossenen Erscheinungen der Ausländerei.
Die Philosophie als freies von allen Fesseln des Glaubens an
fremdes Ansehen erledigtes Denken, sei es, wodurch dermalen
das Ausland sein Mutterland anrege, haben wir in der vorigen
Rede ersehen. Wo es nun von dieser Anregung aus nicht zur neuen
Schöpfung gekommen, welches, da die letzte von der großen
Mehrzahl unvernommen geblieben, bei äußerst wenigen der Fall
ist: da gestaltet sich teils noch jene schon früher bezeichnete
Philosophie des Auslandes selber zu andern und andern Formen;
teils bemächtigt sich der Geist derselben auch der übrigen an
die Philosophie zunächst grenzenden Wissenschaften, und sieht
dieselben an aus seinem Gesichtspunkte; endlich da der Deutsche
seinen Ernst und sein unmittelbares Eingreifen in das Leben
doch niemals ablegen kann, so fließt diese Philosophie ein auf
die öffentliche Lebensweise und auf die Grundsätze und Regeln
derselben. Wir werden dies Stück um Stück dartun.

Zuvörderst und vor allen Dingen: der Mensch bildet seine
wissenschaftliche Ansicht nicht etwa mit Freiheit und Willkür,
so oder so, sondern sie wird ihm gebildet durch sein Leben und
ist eigentlich die zur Anschauung gewordene innere, und übrigens
ihm unbekannte Wurzel seines Lebens selbst. Was du so recht
innerlich eigentlich bist, das tritt heraus vor dein äußeres
Auge, und du vermöchtest niemals etwas andres zu sehen. Solltest
du anders sehen, so müßtest du erst anders werden. Nun ist das
innere Wesen des Auslandes oder der Nichtursprünglichkeit, der
Glaube an irgendein Letztes, Festes, unveränderlich Stehendes,
an eine Grenze, diesseit welcher zwar das freie Leben sein Spiel
treibe, welche selbst aber es niemals zu durchbrechen, und
durch sich flüssig zu machen und sich in dieselbe zu verflößen
vermöge. Diese undurchdringliche Grenze tritt ihm darum irgendwo
notwendig auch vor die Augen, und es kann nicht anders denken
oder glauben, außer unter Voraussetzung einer solchen, wenn nicht
sein ganzes Wesen umgewandelt, und sein Herz ihm aus dem Leibe
gerissen werden soll. Es glaubt notwendig an den Tod, als das
Ursprüngliche und Letzte, den Grundquell aller Dinge, und mit
ihnen des Lebens.

Wir haben hier nur zunächst anzugeben, wie dieser Grundglaube des
Auslandes unter den Deutschen dermalen sich ausspreche.

Er spricht sich aus zuvörderst in der eigentlichen Philosophie.
Die dermalige deutsche Philosophie, inwiefern dieselbe hier der
Erwähnung wert ist, will Gründlichkeit und wissenschaftliche
Form, unerachtet sie dieselbe nicht zu erschwingen vermag, sie
will Einheit, auch nicht ohne frühern Vorgang des Auslandes, sie
will Realität und Wesen -- nicht bloße Erscheinung, sondern eine
in der Erscheinung erscheinende Grundlage dieser Erscheinung,
und hat in allen diesen Stücken recht und übertrifft sehr
weit die herrschenden Philosophien des dermaligen auswärtigen
Auslandes, indem sie in der Ausländerei weit gründlicher und
folgebeständiger ist, denn jenes. Diese der bloßen Erscheinung
unterzulegende Grundlage ist ihnen nun, wie sie sie auch etwa
noch fehlerhafter weiterbestimmen mögen, immer ein festes Sein,
das da ist, was es eben ist, und nichts weiter, in sich gefesselt
und an sein eignes Wesen gebunden; und so tritt denn der Tod und
die Entfremdung von der Ursprünglichkeit, die in ihnen selbst
sind, auch heraus vor ihre Augen. Weil sie selbst nicht zum Leben
schlechtweg aus sich selber heraus sich aufzuschwingen vermögen,
sondern für freien Aufflug stets eines Trägers und einer Stütze
bedürfen, darum kommen sie auch mit ihrem Denken, als dem Abbilde
ihres Lebens, nicht über diesen Träger hinaus: das, was nicht
etwas ist, ist ihnen notwendig nichts, weil, zwischen jenem in
sich verwachsenen Sein und dem Nichts, ihr Auge nichts weiter
sieht, da ihr Leben da nichts weiter hat. Ihr Gefühl, worauf auch
allein sie sich berufen können, erscheint ihnen als untrüglich;
und so jemand diesen Träger nicht zugibt, so sind sie weit
entfernt von der Voraussetzung, daß er mit dem Leben allein sich
begnüge, sondern sie glauben, daß es ihm nur an Scharfsinn fehle,
den Träger, der ohne Zweifel auch ihn trage, zu bemerken, und daß
er der Fähigkeit, sich zu ihren hohen Ansichten aufzuschwingen,
ermangle. Es ist darum vergeblich und unmöglich, sie zu belehren;
machen müßte man sie, und anders machen, wenn man könnte. In
diesem Teile ist nun die dermalige deutsche Philosophie nicht
deutsch, sondern Ausländerei.

Die wahre in sich selbst zu Ende gekommene und über die Erscheinung
hinweg wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie
hingegen geht aus von dem einen, reinen, göttlichen Leben -- als
Leben schlechtweg, welches es auch in alle Ewigkeit, und darin immer
eines bleibt, nicht aber als von diesem oder jenem Leben; und sie
sieht, wie lediglich in der Erscheinung dieses Leben unendlich fort
sich schließe und wiederum öffne, und erst diesem Gesetze zufolge
es zu einem Sein, und zu einem Etwas überhaupt komme. Ihr entsteht
das Sein, was jene sich vorausgeben läßt. Und so ist denn diese
Philosophie recht eigentlich nur deutsch, d. i. ursprünglich; und
umgekehrt, so jemand nur ein wahrer Deutscher würde, so würde er
nicht anders denn also philosophieren können.

Jenes, obwohl bei der Mehrzahl der deutsch Philosophierenden
herrschende, dennoch nicht eigentlich deutsche Denksystem greift,
ob es nun mit Bewußtsein als eigentliches philosophisches
Lehrgebäude aufgestellt sei, oder ob es nur unbewußt unserm
übrigen Denken zum Grunde liege -- es greift, sage ich, ein in
die übrigen wissenschaftlichen Ansichten der Zeit; wie denn dies
ein Hauptbestreben unsrer durch das Ausland angeregten Zeit ist,
den wissenschaftlichen Stoff nicht mehr bloß, wie wohl unsre
Vorfahren taten, in das Gedächtnis zu fassen, sondern denselben
auch selbstdenkend und philosophierend zu bearbeiten. An Absicht
des Bestrebens überhaupt hat die Zeit recht; wenn sie aber, wie
dies zu erwarten ist, in der Ausführung dieses Philosophierens
von der totgläubigen Philosophie des Auslandes ausgeht, wird sie
unrecht haben. Wir wollen hier nur auf die unserm ganzen Vorhaben
am nächsten liegenden Wissenschaften einen Blick werfen, und
die in ihnen verbreiteten ausländischen Begriffe und Ansichten
aufsuchen.

Daß die Errichtung und Regierung der Staaten als eine freie Kunst
angesehen werde, die ihre festen Regeln habe, darin hat ohne
Zweifel das Ausland, es selbst nach dem Muster des Altertums, uns
zum Vorgänger gedient. Worein wird nun ein solches Ausland, das
schon an dem Elemente seines Denkens und Wollens, seiner Sprache,
einen festen geschlossenen und toten Träger hat, und alle, die
ihm hierin folgen, diese Staatskunst setzen? Ohne Zweifel in
die Kunst, eine gleichfalls feste und tote Ordnung der Dinge zu
finden, aus welchem Toten das lebendige Regen der Gesellschaft
hervorgehe, und also hervorgehe, wie sie es beabsichtigt; alles
Leben in der Gesellschaft zu einem großen und künstlichen Druck-
und Räderwerke zusammenzufügen, in welchem jedes Einzelne durch
das Ganze immerfort genötigt werde, dem Ganzen zu dienen; ein
Rechenexempel zu lösen aus endlichen und benannten Größen zu
einer nennbaren Summe, aus der Voraussetzung, jeder wolle sein
Wohl, zu dem Zwecke, eben dadurch jeden wider seinen Dank und
Willen zu zwingen das allgemeine Wohl zu befördern. Das Ausland
hat vielfältig diesen Grundsatz ausgesprochen und Kunstwerke
jener gesellschaftlichen Maschinenkunst geliefert; das Mutterland
hat die Lehre angenommen, und die Anwendung derselben zu
Hervorbringung gesellschaftlicher Maschinen weiter bearbeitet,
auch hier, wie immer, umfassender, tiefer, wahrer, seine Muster
bei weitem übertreffend. Solche Staatskünstler wissen, falls
es etwa mit dem bisherigen Gange der Gesellschaft stockt, dies
nicht anders zu erklären, als daß etwa eines der Räder derselben
ausgelaufen sein möge, und kennen kein andres Heilungsmittel,
denn dies, die schadhaften Räder herauszuheben und neue
einzusetzen. Je eingewurzelter jemand in diese mechanische
Ansicht der Gesellschaft ist, je mehr er es versteht, diesen
Mechanismus zu vereinfachen, indem er alle Teile der Maschine
so gleich als möglich macht, und alle als gleichmäßigen Stoff
behandelt, für einen desto größern Staatskünstler gilt er mit
Recht in dieser unsrer Zeit; -- denn mit den unentschieden
schwankenden, und gar keiner festen Ansicht fähigen ist man noch
übler daran.

Diese Ansicht der Staatskunst prägt durch ihre eiserne Folgegemäßheit
und durch einen Anschein von Erhabenheit, der auf sie fällt, Achtung
ein; auch leistet sie, besonders wo alles nach monarchischer und
immer reiner werdender monarchischer Verfassung drängt, bis auf
einen gewissen Punkt gute Dienste. Angekommen aber bei diesem Punkte
springt ihre Unmacht in die Augen. Ich will nämlich annehmen,
daß ihr eurer Maschine die von euch beabsichtigte Vollkommenheit
durchaus verschafft hättet, und daß in ihr jedwedes niedere Glied
unausbleiblich und unwiderstehlich gezwungen werde durch ein höheres,
zum Zwingen gezwungenes Glied, und so fort bis an den Gipfel;
wodurch wird denn nun euer letztes Glied, von dem aller in der
Maschine vorhandene Zwang ausgeht, zu seinem Zwingen gezwungen? Ihr
sollt schlechthin allen Widerstand, der aus der Reibung der Stoffe
gegen jene letzte Triebfeder entstehen könnte, überwunden, und ihr
eine Kraft gegeben haben, gegen welche alle andre Kraft in Nichts
verschwinde, was allein ihr auch durch Mechanismus könnt, und sollt
also die allerkräftigste monarchische Verfassung erschaffen haben;
wie wollt ihr denn nun diese Triebfeder selbst in Bewegung bringen,
und sie zwingen, ohne Ausnahme das Rechte zu sehen und zu wollen? Wie
wollt ihr denn in euer zwar richtig berechnetes und gefügtes, aber
stillstehendes Räderwerk das ewig Bewegliche einsetzen? Soll etwa,
wie ihr dies auch zuweilen in eurer Verlegenheit äußert, das ganze
Werk selbst zurückwirken und seine erste Triebfeder anregen? Entweder
geschieht dies durch eine selbst aus der Anregung der Triebfeder
stammende Kraft, oder es geschieht durch eine solche Kraft, die nicht
aus ihr stammt, sondern die in dem Ganzen selbst, unabhängig von der
Triebfeder, stattfindet; und ein drittes ist nicht möglich. Nehmt ihr
das erste an, so befindet ihr euch in einem alles Denken und allen
Mechanismus aufhebenden Zirkel; das ganze Werk kann die Triebfeder
zwingen, nur, inwiefern es selbst von jener gezwungen ist, sie zu
zwingen, also inwiefern die Triebfeder, nur mittelbar, sich selbst
zwingt; zwingt sie aber sich selbst nicht, welchem Mangel wir ja
eben abhelfen wollten, so erfolgt überhaupt keine Bewegung. Nehmt
ihr das zweite an, so bekennt ihr, daß der Ursprung aller Bewegung
in eurem Werke von einer in eure Berechnung und Anordnung gar nicht
eingetretenen und durch euren Mechanismus gar nicht gebundenen Kraft
ausgehe, die ohne Zweifel ohne euer Zutun nach ihren eignen euch
unbekannten Gesetzen wirkt, wie sie kann. In jedem der beiden Fälle
müßt ihr euch als Stümper und unmächtige Prahler bekennen.

Dies hat man denn auch gefühlt, und in diesem Lehrgebäude, das,
auf seinen Zwang rechnend, um die übrigen Bürger unbesorgt sein
kann, wenigstens den Fürsten, von welchem alle gesellschaftliche
Bewegung ausgeht, durch allerlei gute Lehre und Unterweisung
erziehen wollen. Aber wie will man sich denn versichern, daß man
auf eine der Erziehung zum Fürsten überhaupt fähige Natur treffen
werde; oder falls man auch dieses Glück hätte, daß dieser, den
kein Mensch nötigen kann, gefällig und geneigt sein werde, Zucht
annehmen zu wollen? Eine solche Ansicht der Staatskunst ist nun,
ob sie auf ausländischem oder deutschem Boden angetroffen werde,
immer Ausländerei. Es ist jedoch hierbei zur Ehre deutschen
Geblüts und Gemüts anzumerken, daß, so gute Künstler wir auch
in der bloßen Lehre dieser Zwangsberechnungen sein mochten, wir
dennoch, wenn es zur Ausübung kam, durch das dunkle Gefühl, es
müsse nicht also sein, gar sehr gehemmt wurden, und in diesem
Stücke gegen das Ausland zurückblieben. Sollten wir also auch
genötigt werden, die uns zugedachte Wohltat fremder Formen und
Gesetze anzunehmen, so wollen wir uns dabei wenigstens nicht
über die Gebühr schämen, als ob unser Witz unfähig gewesen wäre,
die Höhen der Gesetzgebung auch zu erschwingen. Da, wenn wir
bloß die Feder in der Hand haben, wir auch hierin keiner Nation
nachstehen, so möchten für das Leben wir wohl gefühlt haben, daß
auch dies noch nicht das rechte sei, und so lieber das Alte haben
stehen lassen wollen, bis das Vollkommne an uns käme, anstatt
bloß die alte Mode mit einer neuen ebenso hinfälligen Mode zu
vertauschen.

Anders die echt deutsche Staatskunst. Auch sie will Festigkeit,
Sicherheit und Unabhängigkeit von der blinden und schwankenden
Natur, und ist hierin mit dem Auslande ganz einverstanden. Nur
will sie nicht, wie diese, ein festes und gewisses Ding, als
das erste, durch welches der Geist als das zweite Glied, erst
gewiß gemacht werde, sondern sie will gleich von vornherein, und
als das allererste und einige Glied, einen festen und gewissen
Geist. Dieser ist für sie die aus sich selbst lebende und ewig
bewegliche Triebfeder, die das Leben der Gesellschaft ordnen und
fortbewegen wird. Sie begreift, daß sie diesen Geist nicht durch
Strafreden an die schon verwahrloste Erwachsenheit, sondern nur
durch Erziehung des noch unverdorbenen Jugendalters hervorbringen
könne; und zwar will sie mit dieser Erziehung sich nicht, wie das
Ausland, an die schroffe Spitze, den Fürsten, sondern sie will
sich mit derselben an die breite Fläche, an die Nation wenden,
indem ja ohne Zweifel auch der Fürst zu dieser gehören wird.
So wie der Staat an den Personen seiner erwachsenen Bürger die
fortgesetzte Erziehung des Menschengeschlechts ist, so müsse,
meint diese Staatskunst, der künftige Bürger selbst erst zur
Empfänglichkeit jener höheren Erziehung herauferzogen werden.
Hierdurch wird nun diese deutsche und allerneueste Staatskunst
wiederum die allerälteste; denn auch diese bei den Griechen
gründete das Bürgertum auf die Erziehung, und bildete Bürger,
wie die folgenden Zeitalter sie nicht wieder gesehen haben. In
der Form dasselbe, in dem Gehalte mit nicht engherzigem und
ausschließendem, sondern allgemeinem und weltbürgerlichem Geiste,
wird hinfür der Deutsche tun.

Derselbe Geist des Auslandes herrscht bei der großen Mehrzahl
der unsrigen auch in ihrer Ansicht des gesamten Lebens eines
Menschengeschlechts und der Geschichte, als dem Bilde jenes
Lebens. Eine Nation, die eine geschlossene und erstorbene
Grundlage ihrer Sprache hat, kann es, wie wir zu einer andern
Zeit gezeigt haben, in allen Redekünsten nur bis zu einer
gewissen von jener Grundlage verstatteten Stufe der Ausbildung
bringen, und sie wird ein goldenes Zeitalter erleben. Ohne
die größte Bescheidenheit und Selbstverleugnung kann eine
solche Nation von dem ganzen Geschlechte nicht füglich höher
denken, denn sie selbst sich kennt; sie muß daher voraussetzen,
daß es auch für dieses ein letztes, höchstes und niemals zu
übertreffendes Ziel der Ausbildung geben werde. So wie das
Tiergeschlecht der Biber oder Bienen noch jetzt also baut, wie
es vor Jahrtausenden gebaut hat, und in diesem langen Zeitraume
in der Kunst keine Fortschritte gemacht hat, ebenso wird es nach
diesen sich mit dem Tiergeschlechte, Mensch genannt, in allen
Zweigen seiner Ausbildung verhalten. Diese Zweige, Triebe und
Fähigkeiten werden sich erschöpfend übersehen, ja vielleicht
an ein paar Gliedmaßen sogar dem Auge darlegen lassen, und die
höchste Entwicklung einer jeden wird angegeben werden können.
Vielleicht wird das Menschengeschlecht darin noch weit übler
daran sein, als das Biber- oder Bienengeschlecht, daß das
letztere, wie es zwar nichts zulernt, dennoch auch in seiner
Kunst nicht zurückkommt, der Mensch aber, wenn er auch einmal
den Gipfel erreichte, wiederum zurückgeschleudert wird, und nun
Jahrhunderte oder Tausende sich anstrengen mag, um wiederum in
den Punkt hinein zu geraten, in welchem man ihn lieber gleich
hätte lassen sollen. Dergleichen Scheitelpunkte seiner Bildung
und goldene Zeitalter wird, diesen zufolge das Menschengeschlecht
ohne Zweifel auch schon erreicht haben; diese in der Geschichte
aufzusuchen, und nach ihnen alle Bestrebungen der Menschheit
zu beurteilen und auf sie zurückführen, wird ihr eifrigstes
Bestreben sein. Nach ihnen ist die Geschichte längst fertig, und
ist schon mehrmals fertig gewesen; nach ihnen geschieht nichts
Neues unter der Sonne, denn sie haben unter und über der Sonne
den Quell des ewigen Fortlebens ausgetilgt, und lassen nur den
immer wiederkehrenden Tod sich wiederholen und mehrere Male
setzen.

Es ist bekannt, daß diese Philosophie der Geschichte vom Auslande
aus an uns gekommen ist, wiewohl sie dermalen auch in diesem
verhallet, und fast ausschließend deutsches Eigentum geworden
ist. Aus dieser tiefern Verwandtschaft erfolgt es denn auch, daß
diese unsre Geschichtsphilosophie die Bestrebungen des Auslandes,
welches, wenn es auch diese Ansicht der Geschichte nicht mehr
häufig ausspricht, noch mehr tut, indem es in derselben handelt,
und abermals ein goldnes Zeitalter verfertigt, so durch und
durch zu verstehen, und ihnen sogar weissagend den fernern Weg
vorzuzeichnen, und sie so aufrichtig zu bewundern vermag, wie es
der deutsch Denkende nicht eben also von sich rühmen kann. Wie
könnte er auch? Goldene Zeitalter in jeder Rücksicht sind ihm
eine Beschränktheit der Erstorbenheit. Das Gold möge zwar das
Edelste sein im Schoße der erstorbenen Erde, meint er, aber des
lebendigen Geistes Stoff sei jenseit der Sonne und jenseit aller
Sonnen, und sei ihre Quelle. Ihm wickelt sich die Geschichte, und
mit ihr das Menschengeschlecht, nicht ab nach dem verborgenen und
wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht
der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur
wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein
erschaffend das durchaus Neue. Er erwartet darum niemals bloße
Wiederholung, und wenn sie doch erfolgen sollte, Wort für Wort,
wie es im alten Buche steht, so bewundert er wenigstens nicht.

Auf ähnliche Weise nun verbreitet der ertötende Geist des
Auslandes, ohne unser deutliches Bewußtsein, sich über unsre
übrigen wissenschaftlichen Ansichten, von denen es hinreichen möge,
die angeführten Beispiele beigebracht zu haben; und zwar erfolgt
dies deswegen also, weil wir gerade jetzt die vom Auslande früher
erhaltenen Anregungen nach unsrer Weise bearbeiten, und durch
einen solchen Mittelzustand hindurchgehen. Weil dies zur Sache
gehörte, habe ich diese Beispiele beigebracht; nebenbei auch noch
darum, damit niemand glaube, durch Folgesätze aus den angeführten
Grundsätzen den hier geäußerten Behauptungen widersprechen zu
können. Weit entfernt, daß etwa jene Grundsätze uns unbekannt
geblieben wären, oder daß wir zu der Höhe derselben uns nicht
aufzuschwingen vermocht hätten, kennen wir sie vielmehr recht
gut, und dürften vielleicht, wenn wir überflüssige Zeit hätten,
fähig sein, dieselben in ihrer ganzen Folgemäßigkeit rückwärts
und vorwärts zu entwickeln; wir werfen sie nur eben gleich von
vornherein weg, und so auch alles, was aus ihnen folgt, dessen
mehreres ist in unserm hergebrachten Denken, als der oberflächliche
Beobachter leicht glauben dürfte.

Wie in unsre wissenschaftliche Ansicht, ebenso fließt dieser
Geist des Auslandes auch ein in unser gewöhnliches Leben und die
Regeln desselben; damit aber dieses klar, und das vorhergehende
noch klarer werde, ist es nötig, zuvörderst das Wesen des
ursprünglichen Lebens oder der Freiheit mit tieferm Blicke zu
durchdringen.

Die Freiheit im Sinne des unentschiedenen Schwankens zwischen
mehreren gleich Möglichen genommen, ist nicht Leben, sondern
nur Vorhof und Eingang zu wirklichem Leben. Endlich muß es doch
einmal aus diesem Schwanken heraus zum Entschlusse und zum
Handeln kommen und erst jetzt beginnt das Leben.

Nun erscheint unmittelbar und auf den ersten Blick jedweder
Willensentschluß als Erstes, keineswegs als Zweites und Folge
aus dem ersten, als seinem Grunde -- als schlechthin durch sich
daseiend, und so daseiend, wie er es ist; welche Bedeutung
als die einzig mögliche verständige des Worts Freiheit wir
festsetzen wollen. Aber es sind, in Absicht auf den innern
Gehalt eines solchen Willensentschlusses, zwei Fälle möglich;
entweder nämlich erscheint in ihm nur die Erscheinung abgetrennt
vom Wesen, und ohne daß das Wesen auf irgendeine Weise in ihrem
Erscheinen eintrete, oder das Wesen tritt selbst erscheinend
ein in dieser Erscheinung eines Willensentschlusses: und zwar
ist hierbei sogleich mit anzumerken, daß das Wesen nur in
einem Willensentschlusse, und durchaus in nichts anderm, zur
Erscheinung werden kann, wiewohl umgekehrt es Willensentschlüsse
geben kann, in denen keineswegs das Wesen, sondern nur die bloße
Erscheinung heraustritt. Wir reden zunächst von dem letzten Falle.

Die bloße Erscheinung, als solche, ist durch ihre Abtrennung
und durch ihren Gegensatz mit dem Wesen, sodann dadurch, daß
sie fähig ist, selbst auch zu erscheinen und sich darzustellen,
unabänderlich bestimmt, und sie ist darum notwendig also, wie
sie eben ist und ausfällt. Ist daher, wie wir voraussetzen,
irgendein gegebener Willensentschluß in seinem Inhalte bloße
Erscheinung, so ist er insofern in der Tat nicht frei, Erstes
und Ursprüngliches, sondern er ist notwendig, und ein zweites,
aus einem höhern ersten, dem Gesetze der Erscheinung überhaupt,
also wie es ist, hervorgehendes Glied. Da nun, wie auch hier
mehrmals erinnert worden, das Denken des Menschen denselben also
vor ihn selber hinstellt, wie er wirklich ist, und immerfort
der treue Abdruck und Spiegel seines Innern bleibt, so kann
ein solcher Willensentschluß, obwohl er auf den ersten Blick,
da er ja ein Willensentschluß ist, als frei erscheint, dennoch
dem wiederholten und tiefern Denken keineswegs also erscheinen,
sondern er muß in diesem als notwendig gedacht werden, wie er
es denn wirklich in der Tat ist. Für solche, deren Willen sich
noch in keinen höhern Kreis aufgeschwungen hat, als in den, daß
an ihnen ein Wille bloß erscheine, ist der Glaube an Freiheit
allerdings Wahn und Täuschung eines flüchtigen und auf der
Oberfläche behangen bleibenden Anschauens; im Denken allein, das
ihnen allenthalben nur die Fessel der strengen Notwendigkeit
zeigt, ist für sie Wahrheit.

Das erste Grundgesetz der Erscheinung, schlechthin als solcher, (den
Grund anzugeben unterlassen wir um so füglicher, da es anderwärts
zur Genüge geschehen ist), ist dieses, daß sie zerfalle in ein
Mannigfaltiges, daß in einer gewissen Rücksicht ein unendliches,
in einer gewissen andern Rücksicht ein geschlossenes Ganzes ist,
in welchem geschlossenen Ganzen des Mannigfaltigen jedes einzelne
bestimmt ist, durch alle übrige, und wiederum alle übrige bestimmt
sind durch dieses einzelne. Falls daher in dem Willensentschlusse
des einzelnen nichts weiter herausbricht in die Erscheinung, als die
Erscheinbarkeit, Darstellbarkeit und Sichtbarkeit überhaupt, die in
der Tat die Sichtbarkeit von Nichts ist, so ist der Inhalt eines
solchen Willensentschlusses bestimmt durch das geschlossene Ganze
aller möglichen Willensentschlüsse dieses und aller möglichen übrigen
einzelnen Willen, und er enthält nichts weiter und kann nichts weiter
enthalten, denn dasjenige, was nach Abziehung aller jener möglichen
Willensentschlüsse zu wollen übrigbleibt. Es ist darum in der Tat
in ihm nichts Selbständiges, Ursprüngliches und Eignes, sondern er
ist die bloße Folge, als Zweites, aus dem allgemeinen Zusammenhange
der ganzen Erscheinung in ihren einzelnen Teilen, wie er denn dafür
auch stets von allen, die auf dieser Stufe der Bildung sich befanden,
dabei aber gründlich dachten, erkannt worden, und diese ihre
Erkenntnis auch mit denselben Worten, deren wir uns soeben bedienten,
ausgesprochen worden ist; alles dieses aber darum, weil in ihnen
nicht das Wesen, sondern nur die bloße Erscheinung eintritt in die
Erscheinung.

Wo dagegen das Wesen selber, unmittelbar und gleichsam in eigner
Person, keineswegs durch einen Stellvertreter, eintritt in der
Erscheinung eines Willensentschlusses, da ist zwar alles das oben
Erwähnte, aus der Erscheinung, als einem geschlossenen Ganzen
erfolgende, gleichfalls vorhanden, denn die Erscheinung erscheint ja
auch hier; aber eine solche Erscheinung geht in diesem Bestandteile
nicht auf und ist durch denselben nicht erschöpft, sondern es findet
sich in ihr noch ein Mehreres, ein andrer, aus jenem Zusammenhange
nicht zu erklärender, sondern nach Abzug des Erklärbaren
übrigbleibender Bestandteil. Jener erste Bestandteil findet auch hier
statt, sagte ich; jenes Mehr wird sichtbar, und vermittelst dieser
seiner Sichtbarkeit, keineswegs vermittelst seines innern Wesens,
tritt es unter das Gesetz und die Bedingungen der Ersichtlichkeit
überhaupt; aber es ist noch mehr denn dieses aus irgendeinem Gesetze
Hervorgehendes, und darum Notwendiges und Zweites, und es ist in
Absicht dieses Mehr durch sich selbst, was es ist, ein wahrhaft
Erstes, Ursprüngliches und Freies, und da es dieses ist, erscheint
es auch also dem tiefsten und in sich selber zu Ende gekommenen
Denken. Das höchste Gesetz der Ersichtlichkeit ist, wie gesagt, dies,
daß das Erscheinende sich spalte in ein unendliches Mannigfaltiges.
Jenes Mehr wird sichtbar, jedesmal als Mehr, denn das nun und eben
jetzt aus dem Zusammenhange der Erscheinung Hervorgehende, und so ins
Unendliche fort; und so erscheint denn dieses Mehr selber als ein
Unendliches. Aber es ist ja sonnenklar, daß es diese Unendlichkeit
nur dadurch erhält, daß es jedesmal sichtbar und denkbar und zu
entdecken ist, allein durch seinen Gegensatz mit dem ins Unendliche
fort aus dem im Zusammenhange Erfolgenden und durch sein Mehrsein
denn dies. Abgesehen aber von diesem Bedürfnisse des Denkens
desselben ist es ja dieses Mehr, denn alles ins Unendliche fort sich
darstellen mögende Unendliche, von Anbeginn in reiner Einfachheit und
Unveränderlichkeit, und es wird in aller Unendlichkeit nicht mehr,
denn dieses Mehr, noch wird es minder; und nur seine Ersichtlichkeit,
als mehr denn das Unendliche -- und auf andre Weise kann es in seiner
höchsten Reinheit nicht sichtbar werden -- erschafft das Unendliche
und alles, was in ihm zu erscheinen scheint. Wo nun dieses Mehr
wirklich als ein solches ersichtliches Mehr eintritt, aber es vermag
nur in einem Wollen einzutreten, da tritt das Wesen selbst, das
allein ist, und allein zu sein vermag, und das da ist von sich und
durch sich, das göttliche Wesen, ein in die Erscheinung, und macht
sich selbst unmittelbar sichtbar; und daselbst ist eben darum wahre
Ursprünglichkeit und Freiheit, und so wird denn auch an sie geglaubt.

Und so findet denn auf die allgemeine Frage, ob der Mensch
frei sei oder nicht, keine allgemeine Antwort statt; denn
eben weil der Mensch frei ist, in niederm Sinne; weil er
bei unentschiedenem Schwanken und Wanken anhebt, kann er
frei sein, oder auch nicht frei, im höhern Sinne des Worts.
In der Wirklichkeit ist die Weise, wie jemand diese Frage
beantwortet, der klare Spiegel seines wahren inwendigen Seins.
Wer in der Tat nicht mehr ist, als ein Glied in der Kette der
Erscheinungen, der kann wohl einen Augenblick sich frei wähnen,
aber seinem strengeren Denken hält dieser Wahn nicht stand; wie
er aber sich selbst findet, eben also denkt er notwendig sein
ganzes Geschlecht. Wessen Leben dagegen ergriffen ist von dem
wahrhaftigen, und Leben unmittelbar aus Gott geworden ist, der
ist frei und glaubt an Freiheit in sich und andern.

Wer an ein festes beharrliches und totes Sein glaubt, der glaubt
nur darum daran, weil er in sich selbst tot ist; und nachdem
er einmal tot ist, kann er nicht anders, denn also glauben,
sobald er nur in sich selbst klar wird. Er selbst und seine
ganze Gattung von Anbeginn bis ans Ende wird ihm ein zweites und
eine notwendige Folge aus irgendeinem vorauszusetzenden ersten
Gliede. Diese Voraussetzung ist sein wirkliches, keineswegs ein
bloß gedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punkt, wo sein
Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die Quelle
alles seines übrigen Denkens und Beurteilens seines Geschlechts
in seiner Vergangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den
Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an
ihm selber und andern. Wir haben diesen Glauben an den Tod, im
Gegensatze mit einem ursprünglich lebendigen Volke, Ausländerei
genannt. Diese Ausländerei wird somit, wenn sie einmal unter
den Deutschen ist, sich auch im wirklichen Leben derselben
zeigen, als ruhige Ergebung in die nun einmal unabänderliche
Notwendigkeit ihres Seins, als Aufgeben aller Verbesserung unsrer
selbst oder andrer durch Freiheit, als Geneigtheit, sich selbst
und alle so zu verbrauchen, wie sie sind, und aus ihrem Sein
den möglichst größten Vorteil für uns selbst zu ziehen; kurz,
als das in allen Lebensregungen immerfort sich abspiegelnde
Bekenntnis des Glaubens an die allgemeine und gleichmäßige
Sündhaftigkeit aller, den ich an einem andern Orte hinlänglich
geschildert habe,[3] welche Schilderung selbst nachzulesen,
auch zu beurteilen, inwiefern dieselbe auf die Gegenwart passe,
ich Ihnen überlasse. Diese Denk- und Handelsweise entsteht der
inwendigen Erstorbenheit, wie oft erinnert worden, nur dadurch,
daß sie über sich selbst klar wird, dagegen sie, solange sie im
dunkeln bleibt, den Glauben an Freiheit, der an sich wahr, und
nur in Anwendung auf ihr dermaliges Sein Wahn ist, beibehält.
Es erhellt hier deutlich der Nachteil der Klarheit bei innerer
Schlechtigkeit. Solange diese Schlechtigkeit dunkel bleibt, wird
sie durch die fortdauernde Anforderung an Freiheit immerfort
beunruhigt, gestachelt und getrieben und bietet den Versuchen,
sie zu verbessern, einen Angriffspunkt dar. Die Klarheit aber
vollendet sie und rundet sie in sich selbst ab; sie fügt ihr
die freudige Ergebung, die Ruhe eines guten Gewissens, das
Wohlgefallen an sich selber hinzu; es geschieht ihnen, wie sie
glauben, sie sind von nun an in der Tat unverbesserlich, und
höchstens, um bei den Besseren den unbarmherzigen Abscheu gegen
das Schlechte, oder die Ergebung in den Willen Gottes rege zu
erhalten, und außerdem zu keinem Dinge in der Welt nütze.

  [3] M. s. die Anweisung zum seligen Leben; 11. Vorlesung.

Und so trete denn endlich in seiner vollendeten Klarheit heraus,
was wir in unsrer bisherigen Schilderung unter Deutschen verstanden
haben. Der eigentliche Unterscheidungsgrund liegt darin, ob man
an ein absolut Erstes und Ursprüngliches im Menschen selber, an
Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit, an ewiges Fortschreiten
unsers Geschlechts glaube, oder ob man an alles dieses nicht
glaube, ja wohl deutlich einzusehen und zu begreifen vermeine, daß
das Gegenteil von diesem allem stattfinde. Alle, die entweder
selbst schöpferisch und hervorbringend das Neue leben, oder
die, falls ihnen dies nicht zuteil geworden wäre, das Nichtige
wenigstens entschieden fallen lassen und aufmerkend dastehen,
ob irgendwo der Fluß ursprünglichen Lebens sie ergreifen werde,
oder die, falls sie auch nicht so weit wären, die Freiheit
wenigstens ahnen und sie nicht hassen, oder vor ihr erschrecken,
sondern sie lieben; alle diese sind ursprüngliche Menschen, sie
sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein Urvolk, das
Volk schlechtweg, Deutsche. Alle, die sich darein ergeben ein
Zweites zu sein und Abgestammtes, und die deutlich sich also
kennen und begreifen, sind es in der Tat, und werden es immer
mehr durch diesen ihren Glauben, sie sind ein Anhang zum Leben,
das vor ihnen oder neben ihnen aus eignem Triebe sich regte,
ein vom Felsen zurücktönender Nachhall einer schon verstummten
Stimme, sie sind als Volk betrachtet außerhalb des Urvolks und
für dasselbe Fremde und Ausländer. In der Nation, die bis auf
diesen Tag sich das Volk schlechtweg oder Deutsche nennt, ist in
der neuen Zeit wenigstens bis jetzt Ursprüngliches an den Tag
hervorgebrochen, und Schöpferkraft des Neuen hat sich gezeigt;
jetzt wird endlich dieser Nation durch eine in sich selbst klar
gewordene Philosophie der Spiegel vorgehalten, in welchem sie
mit klarem Begriffe erkenne, was sie bisher ohne deutliches
Bewußtsein durch die Natur ward, und wozu sie von derselben
bestimmt ist; und es wird ihr der Antrag gemacht, nach diesem
klaren Begriffe und mit besonnener und freier Kunst, vollendet
und ganz, sich selbst zu dem zu machen, was sie sein soll, den
Bund zu erneuern und ihren Kreis zu schließen. Der Grundsatz,
nach dem sie diesen zu schließen hat, ist ihr vorgelegt; was an
Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige
Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es
auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unsers
Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun. Was an
Stillstand, Rückgang und Zirkeltanz glaubt, oder gar eine tote
Natur an das Ruder der Weltregierung setzt, dieses, wo es auch
geboren sei und welche Sprache es rede, ist undeutsch und fremd
für uns, und es ist zu wünschen, daß es je eher je lieber sich
gänzlich von uns abtrenne.

Und so trete denn bei dieser Gelegenheit, gestützt auf das oben
über die Freiheit Gesagte, endlich auch einmal vernehmlich
heraus, und wer noch Ohren hat zu hören, der höre, was diejenige
Philosophie, die mit gutem Fuge sich die deutsche nennt,
eigentlich wolle, und worin sie jeder ausländischen und
totgläubigen Philosophie mit ernster und unerbittlicher Strenge
sich entgegensetze; und zwar trete dieses heraus keineswegs
darum, damit auch das Tote es verstehe, was unmöglich ist,
sondern damit es diesem schwerer werde, ihr die Worte zu
verdrehen, und sich das Ansehen zu geben, als ob es selbst
eben auch ungefähr dasselbe wolle und im Grunde meine. Diese
deutsche Philosophie erhebt sich wirklich und durch die Tat ihres
Denkens, keineswegs prahlt sie es bloß zufolge einer dunklen
Ahnung, daß es so sein müsse, ohne es jedoch bewerkstelligen
zu können -- sie erhebt sich zu dem unwandelbaren »Mehr denn
alle Unendlichkeit«, und findet allein in diesem das wahrhafte
Sein. Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie in ihrer
Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen,
das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser
seiner Unsichtbarkeit erfaßt, richtig erfaßt wird. Schon die
Unendlichkeit ist nach dieser Philosophie nichts an sich, und es
kommt ihr durchaus kein wahrhaftes Sein zu; sie ist lediglich
das Mittel, woran das einzige, das da ist, und das nur in seiner
Unsichtbarkeit ist, sichtbar wird, und woraus ihm ein Bild, ein
Schemen und Schatten seiner selbst, im Umkreise der Bildlichkeit
erbaut wird. Alles, was innerhalb dieser Unendlichkeit der
Bilderwelt noch weiter sichtbar werden mag, ist nun vollends ein
Nichts des Nichts, ein Schatten des Schattens, und lediglich
das Mittel, woran jenes erste Nichts der Unendlichkeit und der
Zeit selber sichtbar werde, und dem Gedanken der Aufflug zu dem
unbildlichen und unsichtbaren Sein sich eröffne.

Innerhalb dieses einzig möglichen Bildes der Unendlichkeit
tritt nun das Unsichtbare unmittelbar heraus nur als freies und
ursprüngliches Leben des Sehens, oder als Willensentschluß eines
vernünftigen Wesens, und kann durchaus nicht anders heraustreten
und erscheinen. Alles als nicht geistiges Leben erscheinende
beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener,
vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im
Gegensatze mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach
vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich eben erheben soll
zum Erkennen seines eignen Nichts und zur Anerkennung des
Unsichtbaren als des einzigen Wahren.

In diesen Schatten von den Schatten der Schatten bleibt nun jene
totgläubige Seinsphilosophie, die wohl gar Naturphilosophie wird,
die erstorbenste von allen Philosophien, behangen, und fürchtet
und betet an ihr eignes Geschöpf.

Dieses Beharren nun ist der Ausdruck ihres wahren Lebens und
ihrer Liebe, und in diesem ist dieser Philosophie zu glauben.
Wenn sie aber noch weiter sagt, daß dieses von ihr als wirklich
seiendes vorausgesetzte Sein und das Absolute eins sei und
ebendasselbe, so ist ihr hierin, so vielmal sie es auch beteuern
mag, und wenn sie auch manchen Eidschwur hinzufügte, nicht
zu glauben; sie weiß dies nicht, sondern sie sagt es nur auf
gutes Glück hin, einer andern Philosophie, der sie dies nicht
abzustreiten wagt, es nachbetend. Sollte sie es wissen, so müßte
sie nicht von der Zweiheit, die sie durch jenen Machtspruch
nur aufhebt und dennoch stehen läßt, als einer unbezweifelten
Tatsache ausgehen, sondern sie müßte von der Einheit ausgehen,
und aus dieser die Zweiheit, und mit ihr alle Mannigfaltigkeit
verständlich und einleuchtend abzuleiten vermögen. Hierzu bedarf
es aber des Denkens, der durchgeführten und mit sich selbst zu
Ende gekommenen Reflexion. Die Kunst dieses Denkens hat sie
teils nicht gelernt und ist derselben überhaupt unfähig, sie
vermag nur zu schwärmen, teils ist sie diesem Denken feind und
mag es gar nicht versuchen, weil sie dadurch in der geliebten
Täuschung gestört werden würde.

Dies ist es nun, worin unsre Philosophie sich jener Philosophie
ernstlich entgegensetzt, und dies haben wir bei dieser Veranlassung
einmal so vornehmlich als möglich ansprechen und bezeugen wollen.



Achte Rede.

Was ein Volk sei, in der höhern Bedeutung des Worts, und was
Vaterlandsliebe.


Die vier letzten Reden haben die Frage beantwortet: was ist
der Deutsche im Gegensatze mit andern Völkern germanischer
Abkunft? Der Beweis, der durch dieses alles für das Ganze
unsrer Untersuchung geführt werden soll, wird vollendet,
wenn wir noch die Untersuchung der Frage hinzufügen: was ist
ein Volk? welche letztere Frage gleich ist einer andern und
zugleich mitbeantwortet diese andre, oft aufgeworfene und auf
sehr verschiedene Weisen beantwortete Frage, diese: was ist
Vaterlandsliebe, oder, wie man sich richtiger ausdrücken würde,
was ist Liebe des einzelnen zu seiner Nation?

Sind wir bisher im Gange unsrer Untersuchung richtig verfahren,
so muß hierbei zugleich erhellen, daß nur der Deutsche -- der
ursprüngliche und nicht in einer willkürlichen Satzung erstorbene
Mensch, wahrhaft ein Volk hat und auf eins zu rechnen befugt ist,
und daß nur er der eigentlichen und vernunftgemäßen Liebe zu
seiner Nation fähig ist.

Wir bahnen uns den Weg zur Lösung der gestellten Aufgabe durch
folgende, fürs erste außer dem Zusammenhange des bisherigen zu
liegen scheinende Bemerkung.

Die Religion, wie wir dies schon in unsrer dritten Rede angemerkt
haben, vermag durchaus hinwegzuversetzen über alle Zeit und
über das ganze gegenwärtige und sinnliche Leben, ohne darum
der Rechtlichkeit, Sittlichkeit und Heiligkeit des von diesem
Glauben ergriffenen Lebens den mindesten Abbruch zu tun. Man
kann, auch bei der sichern Ueberzeugung, daß alles unser Wirken
auf dieser Erde nicht die mindeste Spur hinter sich lassen und
nicht die mindeste Frucht bringen werde, ja, daß das Göttliche
sogar verkehrt und zu einem Werkzeuge des Bösen und noch tieferer
sittlicher Verderbnis werde gebraucht werden, dennoch fortfahren
in diesem Wirken, lediglich, um das in uns ausgebrochene
göttliche Leben aufrecht zu erhalten, und in Beziehung auf eine
höhere Ordnung der Dinge in einer künftigen Welt, in welcher
nichts in Gott Geschehenes zugrunde geht. So waren zum Beispiel
die Apostel, und überhaupt die ersten Christen, durch ihren
Glauben an den Himmel schon im Leben gänzlich über die Erde
hinweggesetzt und die Angelegenheiten derselben, der Staat,
irdisches Vaterland und Nation, waren von ihnen so gänzlich
aufgegeben, daß sie dieselben auch sogar ihrer Beachtung nicht
mehr würdigten. So möglich dieses nun auch ist, und so leicht
auch dem Glauben, und so freudig auch man sich darein ergeben
muß, wenn es einmal unabänderlich der Wille Gottes ist, daß wir
kein irdisches Vaterland mehr haben und hienieden Ausgestoßene
und Knechte seien: so ist dies dennoch nicht der natürliche
Zustand und die Regel des Weltganges, sondern es ist eine
seltene Ausnahme; auch ist es ein sehr verkehrter Gebrauch der
Religion, der unter andern auch sehr häufig vom Christentume
gemacht worden, wenn dieselbe gleich von vornherein und ohne
Rücksicht auf die vorhandenen Umstände darauf ausgeht, diese
Zurückziehung von den Angelegenheiten des Staates und der Nation
als wahre religiöse Gesinnung zu empfehlen. In einer solchen
Lage, wenn sie wahr und wirklich ist und nicht etwa bloß durch
religiöse Schwärmerei herbeigeführt, verliert das zeitliche
Leben alle Selbstbeständigkeit, und es wird lediglich zu einem
Vorhofe des wahren Lebens und zu einer schweren Prüfung, die man
bloß aus Gehorsam und Ergebung in den Willen Gottes erträgt; und
dann ist es wahr, daß, wie es von vielen vorgestellt worden,
unsterbliche Geister nur zu ihrer Strafe in irdische Leiber, als
in Gefängnisse, eingetaucht sind. In der regelmäßigen Ordnung der
Dinge hingegen soll das irdische Leben selber wahrhaftig Leben
sein, dessen man sich erfreuen und das man, freilich in Erwartung
eines höhern, dankbar genießen könne; und obwohl es wahr ist, daß
die Religion auch der Trost ist des widerrechtlich zerdrückten
Sklaven, so ist dennoch vor allen Dingen dies religiöser Sinn,
daß man sich gegen die Sklaverei stemme und, so man es verhindern
kann, die Religion nicht bis zum bloßen Troste der Gefangenen
herabsinken lasse. Dem Tyrannen steht es wohl an, religiöse
Ergebung zu predigen, und die, denen er auf Erden kein Plätzchen
verstatten will, an den Himmel zu verweisen; wir andern müssen
weniger eilen, diese von ihm empfohlene Ansicht der Religion uns
anzueignen und, falls wir können, verhindern, daß man die Erde
zur Hölle mache, um eine desto größere Sehnsucht nach dem Himmel
zu erregen.

Der natürliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb
des Menschen ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden
und ewig Dauerndes zu verflößen in sein irdisches Tagewerk; das
Unvergängliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu erziehen
-- nicht bloß auf eine unbegreifliche Weise, und allein durch
die, sterblichen Augen undurchdringbare Kluft mit dem Ewigen
zusammenhängend, sondern auf eine dem sterblichen Auge selbst
sichtbare Weise.

Daß ich bei diesem gemeinfaßlichen Beispiele anhebe: welcher
Edeldenkende will nicht und wünscht nicht, in seinen Kindern
und wiederum in den Kindern dieser, sein eignes Leben von neuem
auf eine verbesserte Weise zu wiederholen, und in dem Leben
derselben veredelt und vervollkommnet auch auf dieser Erde
noch fortzuleben, nachdem er längst gestorben ist; den Geist,
den Sinn und die Sitte, mit denen er vielleicht in seinen
Tagen abschreckend war für die Verkehrtheit und das Verderben,
befestigend die Rechtschaffenheit, aufmunternd die Trägheit,
erhebend die Niedergeschlagenheit, der Sterblichkeit zu
entreißen, und sie, als sein bestes Vermächtnis an die Nachwelt,
niederzulegen in den Gemütern seiner Hinterlassenen, damit
auch diese sie einst eben also verschönert und vermehrt wieder
niederlegen? Welcher Edeldenkende will nicht durch Tun oder
Denken ein Samenkorn streuen zu unendlicher immerfortgehender
Vervollkommnung seines Geschlechts, etwas Neues und vorher nie
Dagewesenes hineinwerfen in die Zeit, das in ihr bleibe und nie
versiegende Quelle werde neuer Schöpfungen; seinen Platz auf
dieser Erde und die ihm verliehene kurze Spanne Zeit bezahlen
mit einem auch hienieden ewig Dauernden, so daß er, als dieser
einzelne, wenn auch nicht genannt durch die Geschichte (denn
Durst nach Nachruhm ist eine verächtliche Eitelkeit) dennoch in
seinem eignen Bewußtsein und seinem Glauben offenbare Denkmale
hinterlasse, daß auch er dagewesen sei? Welcher Edeldenkende will
das nicht? sagte ich; aber nur nach den Bedürfnissen der also
Denkenden, als der Regel, wie alle sein sollten, ist die Welt zu
betrachten und einzurichten, und um ihrer willen allein ist eine
Welt da. Sie sind der Kern derselben und die anders Denkenden
sind, als selbst nur ein Teil der vergänglichen Welt, so lange
sie also denken, auch nur um ihrer willen da und müssen sich nach
ihnen bequemen, so lange, bis sie geworden sind wie sie.

Was könnte es nun sein, das dieser Aufforderung und diesem
Glauben des Edlen an die Ewigkeit und Unvergänglichkeit seines
Werkes die Gewähr zu leisten vermöchte? Offenbar nur eine Ordnung
der Dinge, die er für selbst ewig und für fähig, ewiges in sich
aufzunehmen, anzuerkennen vermöchte. Eine solche Ordnung aber ist
die, freilich in keinem Begriffe zu erfassende, aber dennoch
wahrhaft vorhandene, besondere geistige Natur der menschlichen
Umgebung, aus welcher er selbst mit allem seinem Denken und Tun
und mit seinem Glauben an die Ewigkeit desselben hervorgegangen
ist, das Volk, von welchem er abstammt und unter welchem er
gebildet wurde und zu dem, was er jetzt ist, heraufwuchs.
Denn so unbezweifelt es auch wahr ist, daß sein Werk, wenn er
mit Recht Anspruch macht auf dessen Ewigkeit, keineswegs der
bloße Erfolg des geistigen Naturgesetzes seiner Nation ist und
mit diesem Erfolge rein aufgeht, sondern, daß es ein Mehreres
ist denn das, und insofern unmittelbar ausströmt aus dem
ursprünglichen und göttlichen Leben; so ist es dennoch ebenso
wahr, daß jenes Mehrere, sogleich bei seiner ersten Gestaltung
zu einer sichtbaren Erscheinung, unter jenes besondere geistige
Naturgesetz sich gefügt und nur nach demselben sich einen
sinnlichen Ausdruck gebildet hat. Unter dasselbe Naturgesetz
nun werden, so lange dieses Volk besteht, auch alle ferneren
Offenbarungen des Göttlichen in demselben eintreten und in ihm
sich gestalten. Dadurch aber, daß auch er da war und so wirkte,
ist selbst dieses Gesetz weiter bestimmt, und seine Wirksamkeit
ist ein stehender Bestandteil desselben geworden. Auch hiernach
wird alles Folgende sich fügen und an dasselbe sich anschließen
müssen. Und so ist er denn sicher, daß die durch ihn errungene
Ausbildung bleibt in seinem Volke, so lange dieses selbst bleibt,
und fortdauernder Bestimmungsgrund wird aller fernern Entwicklung
desselben.

Dies nun ist in höherer, vom Standpunkte der Ansicht einer
geistigen Welt überhaupt genommener Bedeutung des Worts, ein
Volk: das Ganze der in Gesellschaft miteinander fortlebenden und
sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden
Menschen, das insgesamt unter einem gewissen besondern Gesetze
der Entwicklung des Göttlichen aus ihm steht. Die Gemeinsamkeit
dieses besondern Gesetzes ist es, was in der ewigen Welt und eben
darum auch in der zeitlichen, diese Menge zu einem natürlichen
und von sich selbst durchdrungenen Ganzen verbindet. Dieses
Gesetz selbst, seinem Inhalte nach, kann wohl im ganzen erfaßt
werden, so wie wir es an den Deutschen, als einem Urvolke erfaßt
haben; es kann sogar durch Erwägung der Erscheinungen eines
solchen Volkes noch näher in manchen seiner weiteren Bestimmungen
begriffen werden; aber es kann niemals von irgendeinem, der ja
selbst immerfort unter desselben ihm unbewußten Einflusse bleibt,
ganz mit dem Begriffe durchdrungen werden; obwohl im allgemeinen
klar eingesehen werden kann, daß es ein solches Gesetz gebe. Es
ist dieses Gesetz ein Mehr der Bildlichkeit, das mit dem Mehr
der unbildlichen Ursprünglichkeit in der Erscheinung unmittelbar
verschmilzt; und so sind denn, in der Erscheinung eben, beide
nicht wieder zu trennen. Jenes Gesetz bestimmt durchaus und
vollendet das, was man den Nationalcharakter eines Volkes
genannt hat; jenes Gesetz der Entwicklung des Ursprünglichen
und Göttlichen. Es ist aus dem letztern klar, daß Menschen,
welche so wie wir bisher die Ausländerei beschrieben haben,
an ein Ursprüngliches und an eine Fortentwicklung desselben
gar nicht glauben, sondern bloß an einen ewigen Kreislauf des
scheinbaren Lebens, und welche durch ihren Glauben werden, wie
sie glauben, im höhern Sinne gar kein Volk sind und, da sie
in der Tat eigentlich auch nicht da sind, ebensowenig einen
Nationalcharakter zu haben vermögen.

Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner
Wirksamkeit auch auf dieser Erde gründet sich demnach auf die
Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem er selber
sich entwickelt hat, und der Eigentümlichkeit desselben, nach
jenem verborgenen Gesetze; ohne Einmischung und Verderbung
durch irgendein Fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung
nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er
die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut,
die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt; ihre
Fortdauer muß er wollen, denn sie allein ist ihm das entbindende
Mittel, wodurch die kurze Spanne seines Lebens hienieden zu
fortdauerndem Leben hienieden ausgedehnt wird. Sein Glaube und
sein Streben, Unvergängliches zu pflanzen, sein Begriff, in
welchem er sein eignes Leben als ein ewiges Leben erfaßt, ist
das Band, welches zunächst seine Nation und vermittelst ihrer
das ganze Menschengeschlecht innigst mit ihm selber verknüpft,
und ihrer aller Bedürfnisse, bis ans Ende der Tage, einführt in
sein erweitertes Herz. Dies ist seine Liebe zu seinem Volke,
zuvörderst achtend, vertrauend, desselben sich freuend, mit
der Abstammung daraus sich ehrend. Es ist Göttliches in ihm
erschienen, und das Ursprüngliche hat dasselbe gewürdigt, es
zu seiner Hülle und zu seinem unmittelbaren Verflößungsmittel
in die Welt zu machen; es wird darum auch ferner Göttliches
aus ihm hervorbrechen. Sodann tätig, wirksam, sich aufopfernd
für dasselbe. Das Leben, bloß als Leben, als Fortsetzen des
wechselnden Daseins, hat für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er
hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer
verspricht ihm allein die selbständige Fortdauer seiner Nation;
um diese zu retten, muß er sogar sterben wollen, damit diese
lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht
hat.

So ist es. Die Liebe, die wahrhaftig Liebe sei, und nicht bloß
eine vorübergehende Begehrlichkeit, haftet nie auf Vergänglichem,
sondern sie erwacht und entzündet sich und ruht allein in dem
Ewigen. Nicht einmal sich selbst vermag der Mensch zu lieben, es
sei denn, daß er sich als Ewiges erfasse; außerdem vermag er sich
sogar nicht zu achten, noch zu billigen. Noch weniger vermag er
etwas außer sich zu lieben, außer also, daß er es aufnehme in
die Ewigkeit seines Glaubens und seines Gemüts und es anknüpfe
an diese. Wer nicht zuvörderst sich als ewig erblickt, der hat
überhaupt keine Liebe, und kann auch nicht lieben ein Vaterland,
dergleichen es für ihn nicht gibt. Wer zwar vielleicht sein
unsichtbares Leben, nicht aber eben also sein sichtbares Leben,
als ewig erblickt, der mag wohl einen Himmel haben, und in diesem
sein Vaterland, aber hienieden hat er kein Vaterland, denn auch
dieses wird nur unter dem Bilde der Ewigkeit, und zwar der
sichtbaren und versinnlichten Ewigkeit erblickt, und er vermag
daher auch nicht sein Vaterland zu lieben. Ist einem solchen
keines überliefert worden, so ist er zu beklagen; wem eins
überliefert worden ist, und in wessen Gemüte Himmel und Erde,
Unsichtbares und Sichtbares sich durchdringen, und so erst einen
wahren und gediegenen Himmel erschaffen, der kämpft bis auf den
letzten Blutstropfen, um den teuren Besitz ungeschmälert wiederum
zu überliefern an die Folgezeit.

So ist es auch von jeher gewesen, unerachtet es nicht von jeher
mit dieser Allgemeinheit und mit dieser Klarheit ausgesprochen
worden. Was begeisterte die Edlen unter den Römern, deren
Gesinnungen und Denkweise noch in ihren Denkmalen unter uns leben
und atmen, zu Mühen und Aufopferungen, zum Dulden und Tragen
fürs Vaterland? Sie sprechen es selbst oft und deutlich aus. Ihr
fester Glaube war es an die ewige Fortdauer ihrer Roma, und ihre
zuversichtliche Aussicht, in dieser Ewigkeit selber ewig mit
fortzuleben im Strome der Zeit. Inwiefern dieser Glaube Grund
hatte, und sie selbst, wenn sie in sich selber vollkommen klar
gewesen wären, denselben gefaßt haben würden, hat er sie auch
nicht getäuscht. Bis auf diesen Tag lebt das, was wirklich ewig
war in ihrer ewigen Roma, und sie mit demselben in unsrer Mitte
fort, und wird in seinen Folgen fortleben bis ans Ende der Tage.

Volk und Vaterland in dieser Bedeutung, als Träger und Unterpfand
der irdischen Ewigkeit, und als dasjenige, was hienieden ewig
sein kann, liegt weit hinaus über den Staat, im gewöhnlichen
Sinne des Worts -- über die gesellschaftliche Ordnung, wie
dieselbe im bloßen klaren Begriffe erfaßt, und nach Anleitung
dieses Begriffs errichtet und erhalten wird. Dieser will gewisses
Recht, innerlichen Frieden, und daß jeder durch Fleiß seinen
Unterhalt und die Fristung seines sinnlichen Daseins finde, so
lange Gott sie ihm gewähren will. Dieses alles ist nur Mittel,
Bedingung und Gerüst dessen, was die Vaterlandsliebe eigentlich
will, des Aufblühens des Ewigen und Göttlichen in der Welt, immer
reiner, vollkommener und getroffener im unendlichen Fortgange.
Eben darum muß diese Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren,
als durchaus oberste, letzte und unabhängige Behörde, zuvörderst,
indem sie ihn beschränkt in der Wahl der Mittel für seinen
nächsten Zweck, den innerlichen Frieden. Für diesen Zweck muß
freilich die natürliche Freiheit des einzelnen auf mancherlei
Weise beschränkt werden, und wenn man gar keine andre Rücksicht
und Absicht mit ihnen hätte, denn diese, so würde man wohltun,
dieselbe so eng, als immer möglich, zu beschränken, alle ihre
Regungen unter eine einförmige Regel zu bringen, und sie unter
immerwährender Aufsicht zu erhalten. Gesetzt, diese Strenge wäre
nicht nötig, so könnte sie wenigstens für diesen alleinigen Zweck
nicht schaden. Nur die höhere Ansicht des Menschengeschlechts
und der Völker erweitert diese beschränkte Berechnung. Freiheit,
auch in den Regungen des äußerlichen Lebens, ist der Boden, in
welchem die höhere Bildung keimt; eine Gesetzgebung, welche
diese letztere im Auge behält, wird der ersteren einen möglichst
ausgebreiteten Kreis lassen, selber auf die Gefahr hin, daß ein
geringerer Grad der einförmigen Ruhe und Stille erfolge, und daß
das Regieren ein wenig schwerer und mühsamer werde.

Um dies an einem Beispiele zu erläutern: man hat erlebt, daß
Nationen ins Angesicht gesagt worden, sie bedürften nicht so
vieler Freiheit, als etwa manche andre Nation. Diese Rede kann
sogar eine Schonung und Milderung enthalten, indem man eigentlich
sagen wollte, sie könnte so viele Freiheit gar nicht ertragen,
und nur eine hohe Strenge könne verhindern, daß sie sich
nicht untereinander selber aufrieben. Wenn aber die Worte also
genommen werden, wie sie gesagt sind, so sind sie wahr unter der
Voraussetzung, daß eine solche Nation des ursprünglichen Lebens
und des Triebes nach solchem, durchaus unfähig sei. Eine solche
Nation, falls eine solche, in der auch nicht wenige Edlere eine
Ausnahme von der allgemeinen Regel machten, möglich sein sollte,
bedürfte in der Tat gar keiner Freiheit, denn diese ist nur für
die höhern, über den Staat hinausliegenden Zwecke; sie bedarf
bloß der Bezähmung und Abrichtung, damit die einzelnen friedlich
nebeneinander bestehen, und damit das Ganze zu einem tüchtigen
Mittel für willkürlich zu setzende außer ihr liegende Zwecke
zubereitet werde. Wir können unentschieden lassen, ob man von
irgendeiner Nation dies mit Wahrheit sagen könne; so viel ist
klar, daß ein ursprüngliches Volk der Freiheit bedarf, daß diese
das Unterpfand ist seines Beharrens als ursprünglich, und daß es
in seiner Fortdauer einen immer höher steigenden Grad derselben
ohne alle Gefahr erträgt. Und dies ist das erste Stück, in
Rücksicht dessen die Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren
muß.

Sodann muß sie es sein, die den Staat darin regiert, daß sie
ihm selbst einen höhern Zweck setzt, denn den gewöhnlichen der
Erhaltung des innern Friedens, des Eigentums, der persönlichen
Freiheit, des Lebens und des Wohlseins aller. Für diesen höhern
Zweck allein, und in keiner andern Absicht, bringt der Staat
eine bewaffnete Macht zusammen. Wenn von der Anwendung dieser
die Rede entsteht, wenn es gilt, alle Zwecke des Staates im
bloßen Begriffe, Eigentum, persönliche Freiheit, Leben und
Wohlsein, ja die Fortdauer des Staates selbst, auf das Spiel
zu setzen; ohne einen klaren Verstandesbegriff von der sichern
Erreichung des Beabsichtigten, dergleichen in Dingen dieser Art
nie möglich ist, ursprünglich und Gott allein verantwortlich, zu
entscheiden: dann lebt am Ruder des Staates erst ein wahrhaft
ursprüngliches und erstes Leben, und an dieser Stelle erst
treten ein die wahren Majestätsrechte der Regierung, gleich
Gott um höhern Lebens willen das niedere Leben daran zu wagen.
In der Erhaltung der hergebrachten Verfassung, der Gesetze, des
bürgerlichen Wohlstandes, ist gar kein rechtes eigentliches Leben
und kein ursprünglicher Entschluß. Umstände und Lage, längst
vielleicht verstorbene Gesetzgeber, haben diese erschaffen; die
folgenden Zeitalter gehen gläubig fort auf der angetretenen Bahn
und leben so in der Tat nicht ein eignes öffentliches Leben,
sondern sie wiederholen nur ein ehemaliges Leben. Es bedarf in
solchen Zeiten keiner eigentlichen Regierung. Wenn aber dieser
gleichmäßige Fortgang in Gefahr gerät, und es nun gilt, über
neue, nie also dagewesene Fälle zu entscheiden: dann bedarf es
eines Lebens, das aus sich selber lebe. Welcher Geist nun ist
es, der in solchen Fällen sich an das Ruder stellen dürfe, der
mit eigner Sicherheit und Gewißheit und ohne unruhiges Hin- und
Herschwanken, zu entscheiden vermöge, der ein unbezweifeltes
Recht habe, jedem, den es treffen mag, ob er nun selbst es
wolle oder nicht, gebietend anzumuten, und den Widerstrebenden
zu zwingen, daß er alles, bis auf sein Leben, in Gefahr setze?
Nicht der Geist der ruhigen bürgerlichen Liebe zu der Verfassung
und den Gesetzen, sondern die verzehrende Flamme der höheren
Vaterlandsliebe, die die Nation als Hülle des Ewigen umfaßt, für
welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle, der nur
um des ersten willen da ist, sich eben opfern soll. Nicht jene
bürgerliche Liebe zur Verfassung ist es; diese vermag dies gar
nicht, wenn sie bei Verstande bleibt. Wie es auch ergehen möge,
da nicht umsonst regiert wird, so wird sich immer ein Regent
für sie finden. Lasset den neuen Regenten sogar die Sklaverei
wollen (und wo ist Sklaverei, außer in der Nichtachtung und
Unterdrückung der Eigentümlichkeit eines ursprünglichen Volkes,
dergleichen für jenen Sinn nicht vorhanden ist?) -- Lasset ihn
auch die Sklaverei wollen -- da aus dem Leben der Sklaven, ihrer
Menge, sogar ihrem Wohlstande sich Nutzung ziehen läßt, so wird,
wenn er nur einigermaßen ein Rechner ist, die Sklaverei unter
ihm erträglich ausfallen. Leben und Unterhalt wenigstens werden
sie immer finden. Wofür sollten sie denn also kämpfen? Nach
jenen beiden ist es die Ruhe, die ihnen über alles geht. Diese
wird durch die Fortdauer des Kampfes nur gestört. Sie werden
darum alles anwenden, daß dieser nur recht bald ein Ende nehme,
sie werden sich fügen, sie werden nachgeben, und warum sollten
sie nicht? Es ist ihnen ja nie um mehr zu tun gewesen, und sie
haben vom Leben nie etwas weiteres gehofft, denn die Fortsetzung
der Gewohnheit dazusein unter erleidlichen Bedingungen. Die
Verheißung eines Lebens auch hienieden über die Dauer des Lebens
hienieden hinaus -- allein diese ist es, die bis zum Tode fürs
Vaterland begeistern kann.

So ist es auch bisher gewesen. Wo da wirklich regiert worden
ist, wo bestanden worden sind ernsthafte Kämpfe, wo der Sieg
errungen worden ist gegen gewaltigen Widerstand, da ist es jene
Verheißung ewigen Lebens gewesen, die da regierte und kämpfte und
siegte. Im Glauben an diese Verheißung kämpften die in diesen
Reden früher erwähnten deutschen Protestanten. Wußten sie etwa
nicht, daß auch mit dem alten Glauben Völker regiert und in
rechtlicher Ordnung zusammengehalten werden könnten, und daß
man auch bei diesem Glauben seinen guten Lebensunterhalt finden
könne? Warum beschlossen denn also ihre Fürsten bewaffneten
Widerstand, und warum leisteten ihn mit Begeisterung die Völker?
-- Der Himmel war es und die ewige Seligkeit, für welche sie
willig ihr Blut vergossen. -- Aber welche irdische Gewalt hätte
denn auch in das innere Heiligtum ihres Gemüts eindringen, und
den Glauben, der ihnen ja nun einmal aufgegangen war, und auf
welchen allein sie ihrer Seligkeit Hoffnung gründeten, darin
austilgen können? Also auch ihre eigne Seligkeit war es nicht,
für die sie kämpften; dieser waren sie schon versichert: die
Seligkeit ihrer Kinder, ihrer noch ungeborenen Enkel und aller
noch ungeborenen Nachkommenschaft war es; auch diese sollten
auferzogen werden in derselben Lehre, die ihnen als allein
heilbringend erschienen war, auch diese sollten teilhaftig werden
des Heils, das für sie angebrochen war; diese Hoffnung allein
war es, die durch den Feind bedroht wurde, für sie, für eine
Ordnung der Dinge, die lange nach ihrem Tode über ihren Gräbern
blühen sollte, verspritzten sie mit dieser Freudigkeit ihr
Blut. Geben wir zu, daß sie sich selbst nicht ganz klar waren,
daß sie in der Bezeichnung des Edelsten, was in ihnen war, mit
Worten sich vergriffen, und mit dem Munde ihrem Gemüte unrecht
taten; bekennen wir gern, daß ihr Glaubensbekenntnis nicht das
einzige und ausschließende Mittel war, des Himmels jenseits des
Grabes teilhaftig zu werden: so ist doch dies ewig wahr, daß
mehr Himmel diesseits des Grabes, ein mutigeres und fröhlicheres
Emporblicken von der Erde, und eine freiere Regung des Geistes
durch ihre Aufopferung in alles Leben der Folgezeit gekommen ist,
und die Nachkommen ihrer Gegner ebensowohl als wir selbst, ihre
Nachkommen, die Früchte ihrer Mühen bis auf diesen Tag genießen.

In diesem Glauben setzten unsre ältesten gemeinsamen Vorfahren,
das Stammvolk der neuen Bildung, die von den Römern Germanier
genannten Deutschen, sich der herandringenden Weltherrschaft der
Römer mutig entgegen. Sahen sie denn nicht vor Augen den höhern
Flor der römischen Provinzen neben sich, die feinern Genüsse in
denselben, dabei Gesetze, Richterstühle, Rutenbündel und Beile
in Ueberfluß? Waren die Römer nicht bereitwillig genug, sie
an allen diesen Segnungen teilnehmen zu lassen? Erlebten sie
nicht an mehreren ihrer eignen Fürsten, die sich nur bedeuten
ließen, daß der Krieg gegen solche Wohltäter der Menschheit
Rebellion sei, Beweise der gepriesenen römischen Klemenz, indem
sie die Nachgiebigen mit Königstiteln, mit Anführerstellen
in ihren Heeren, mit römischen Opferbinden auszierten, ihnen,
wenn sie etwa von ihren Landsleuten ausgetrieben wurden, einen
Zufluchtsort und Unterhalt in ihren Pflanzstädten gaben? Hatten
sie keinen Sinn für die Vorzüge römischer Bildung, z. B. für die
bessere Einrichtung ihrer Heere, in denen sogar ein Arminius
das Kriegshandwerk zu erlernen nicht verschmähte? Keine von
allen diesen Unwissenheiten oder Nichtbeachtungen ist ihnen
aufzurücken. Ihre Nachkommen haben sogar, sobald sie es ohne
Verlust für ihre Freiheit konnten, die Bildung derselben sich
angeeignet, inwieweit es ohne Verlust ihrer Eigentümlichkeit
möglich war. Wofür haben sie denn also mehrere Menschenalter
hindurch gekämpft im blutigen, immer mit derselben Kraft sich
wieder erneuernden Kriege? Ein römischer Schriftsteller läßt
es ihre Anführer also aussprechen: »Ob ihnen denn etwas andres
übrigbleibe, als entweder die Freiheit zu behaupten oder zu
sterben, bevor sie Sklaven würden?« Freiheit war ihnen, daß sie
eben Deutsche blieben, daß sie fortführen, ihre Angelegenheiten
selbständig und ursprünglich, ihrem eignen Geiste gemäß,
zu entscheiden, und diesem gleichfalls gemäß auch in ihrer
Fortbildung vorwärts zu rücken, und daß sie diese Selbständigkeit
auch auf ihre Nachkommenschaft fortpflanzten; Sklaverei hießen
ihnen alle jene Segnungen, die ihnen die Römer antrugen, weil sie
dabei etwas andres, denn Deutsche, weil sie halbe Römer werden
müßten. Es versteht sich von selbst, setzten sie voraus, daß
jeder, ehe er dies werde, lieber sterbe, und daß ein wahrhafter
Deutscher nur könne leben wollen, um eben Deutscher zu sein und
zu bleiben, und die Seinigen zu ebensolchen zu bilden.

Sie sind nicht alle gestorben, sie haben die Sklaverei nicht
gesehen, sie haben die Freiheit hinterlassen ihren Kindern. Ihrem
beharrlichen Widerstande verdankt es die ganze neue Welt, daß sie
da ist, so wie sie da ist. Wäre es den Römern gelungen, auch sie
zu unterjochen, und, wie dies der Römer allenthalben tat, sie
als Nation auszurotten, so hätte die ganze Fortentwicklung der
Menschheit eine andre, und man kann nicht glauben erfreulichere
Richtung genommen. Ihnen verdanken wir, die nächsten Erben ihres
Bodens, ihrer Sprache und ihrer Gesinnung, daß wir noch Deutsche
sind, daß der Strom ursprünglichen und selbständigen Lebens uns
noch trägt; ihnen verdanken wir alles, was wir seitdem als Nation
gewesen sind, ihnen, falls es nicht etwa jetzt mit uns zu Ende
ist, und der letzte von ihnen abgestammte Blutstropfen in unsern
Adern versiegt ist, ihnen werden wir verdanken alles, was wir
noch ferner sein werden. Ihnen verdanken selbst die übrigen, uns
jetzt zum Ausland gewordenen Stämme, in ihnen unsre Brüder, ihr
Dasein; als jene die ewige Roma besiegten, war noch keins aller
dieser Völker vorhanden; damals wurde zugleich auch ihnen die
Möglichkeit ihrer künftigen Entstehung mit erkämpft.

Diese, und alle andre in der Weltgeschichte, die ihres Sinnes
waren, haben gesiegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so
siegt immer und notwendig diese Begeisterung über den, der
nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme, noch die
Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemüts ist es,
welche Siege erkämpft. Wer ein begrenztes Ziel sich setzt
seiner Aufopferungen, und sich nicht weiter wagen mag, als bis
zu einem gewissen Punkte, der gibt den Widerstand auf, sobald
die Gefahr ihm an diesen durchaus nicht aufzugebenden, noch zu
entbehrenden Punkt kommt. Wer gar kein Ziel sich gesetzt hat,
sondern alles, und das Höchste, was man hienieden verlieren
kann, das Leben, daran setzt, gibt den Widerstand nie auf und
siegt, so der Gegner ein begrenzteres Ziel hat, ohne Zweifel.
Ein Volk, das da fähig ist, sei es auch nur in seinen höchsten
Stellvertretern und Anführern, das Gesicht aus der Geisterwelt,
Selbstständigkeit, fest ins Auge zu fassen, und von der Liebe
dafür ergriffen zu werden, wie unsre ältesten Vorfahren,
siegt gewiß über ein solches, das nur zum Werkzeuge fremder
Herrschsucht und zu Unterjochung selbständiger Völker gebraucht
wird, wie die römischen Heere; denn die erstern haben alles zu
verlieren, die letztern bloß einiges zu gewinnen. Ueber die
Denkart aber, die den Krieg als ein Glücksspiel ansieht, um
zeitlichen Gewinn oder Verlust, und bei der schon, ehe sie das
Spiel anfängt, fest steht, bis zu welcher Summe sie auf die
Karten setzen wolle, siegt sogar eine Grille. Denken Sie sich zum
Beispiel einen Mohammed -- nicht den wirklichen der Geschichte,
über welchen ich kein Urteil zu haben bekenne, sondern den eines
bekannten französischen Dichters -- der sich einmal fest in den
Kopf gesetzt habe, er sei eine der ungemeinen Naturen, die da
berufen sind, das dunkle, das gemeine Erdenvolk zu leiten, und
dem, zufolge dieser ersten Voraussetzung, alle seine Einfälle, so
dürftig und so beschränkt sie auch in der Tat sein mögen, dieweil
es die seinigen sind, notwendig erscheinen müssen als große und
erhabene und beseligende Ideen, und alles, was denselben sich
widersetzt, als dunkles gemeines Volk, Feinde ihres eignen Wohls,
Uebelgesinnte und Hassenswürdige; der nun, um diesen seinen
Eigendünkel vor sich selbst als göttlichen Ruf zu rechtfertigen,
und ganz aufgegangen in diesem Gedanken mit all seinem Leben,
alles daran setzen muß und nicht ruhen kann, bis er alles, das
nicht ebenso groß von ihm denken will, denn er selbst, zertreten
hat, und bis aus der ganzen Mitwelt sein eigner Glaube an seine
göttliche Sendung ihm zurückstrahle: ich will nicht sagen, wie
es ihm ergehen würde, falls wirklich ein geistiges Gesicht, das
da wahr ist und klar in sich selbst, gegen ihn in die Kampfbahn
träte, aber jenen beschränkten Glücksspielern gewinnt er es
sicher ab, denn er setzt alles gegen sie, die nicht alles
setzen; sie treibt kein Geist, ihn aber treibt allerdings ein
schwärmerischer Geist -- der seines gewaltigen und kräftigen
Eigendünkels.

Aus allem geht hervor, daß der Staat, als bloßes Regiment des im
gewöhnlichen friedlichen Gange fortschreitenden menschlichen Lebens,
nichts Erstes und für sich selbst Seiendes, sondern daß er bloß das
Mittel ist für den höhern Zweck der ewig gleichmäßig fortgehenden
Ausbildung des rein Menschlichen in dieser Nation; daß es allein
das Gesicht und die Liebe dieser ewigen Fortbildung ist, welche
immerfort auch in ruhigen Zeitläuften die höhere Aufsicht über die
Staatsverwaltung führen soll, und welche, wo die Selbständigkeit
des Volks in Gefahr ist, allein dieselbe zu retten vermag. Bei
den Deutschen, unter denen, als einem ursprünglichen Volke, diese
Vaterlandsliebe möglich und, wie wir fest zu wissen glauben, bis
jetzt auch wirklich war, konnte dieselbe bis jetzt mit einer hohen
Zuversicht auf die Sicherheit ihrer wichtigsten Angelegenheit
rechnen. Wie nur noch bei den Griechen in der alten Zeit, war bei
ihnen der Staat und die Nation sogar voneinander gesondert und jedes
für sich dargestellt, der erste in den besondern deutschen Reichen
und Fürstentümern, die letzte sichtbar im Reichsverbande, unsichtbar,
nicht zufolge eines niedergeschriebenen, aber eines in aller Gemüter
lebenden Rechtes geltend, und in ihren Folgen allenthalben in das
Auge springend in einer Menge von Gewohnheiten und Einrichtungen.
So weit die deutsche Zunge reichte, konnte jeder, dem im Bezirke
derselben das Licht anbrach, sich doppelt betrachten als Bürger,
teils seines Geburtsstaates, dessen Fürsorge er zunächst empfohlen
war, teils des ganzen gemeinsamen Vaterlandes deutscher Nation. Jedem
war es verstattet, über die ganze Oberfläche dieses Vaterlandes hin
sich diejenige Bildung, die am meisten Verwandtschaft zu seinem
Geiste hatte, oder den demselben angemessensten Wirkungskreis
aufzusuchen, und das Talent wuchs nicht hinein in seine Stelle,
wie ein Baum, sondern es war ihm erlaubt, dieselbe zu suchen. Wer
durch die Richtung, die seine Bildung nahm, mit seiner nächsten
Umgebung entzweit wurde, fand leicht anderwärts willige Aufnahme,
fand neue Freunde statt der verlorenen, fand Zeit und Ruhe, um sich
näher zu erklären, vielleicht die Erzürnten selbst zu gewinnen und
zu versöhnen, und so das Ganze zu einigen. Kein deutschgeborener
Fürst hat es je über sich vermocht, seinen Untertanen das Vaterland
innerhalb der Berge oder Flüsse, wo er regierte, abzustecken,
und dieselben zu betrachten als gebunden an die Erdscholle. Eine
Wahrheit, die an einem Orte nicht laut werden durfte, durfte es
an einem andern, an welchem vielleicht im Gegenteile diejenigen
verboten waren, die dort erlaubt wurden; und so fand denn, bei
manchen Einseitigkeiten und Engherzigkeiten der besondern Staaten,
dennoch in Deutschland, dieses als ein Ganzes genommen, die höchste
Freiheit der Erforschung und der Mitteilung statt, die jemals ein
Volk besessen; und die höhere Bildung war und blieb allenthalben der
Erfolg aus der Wechselwirkung der Bürger aller deutschen Staaten,
und diese höhere Bildung kam denn in dieser Gestalt auch allmählich
herab zum größern Volke, das somit immer fortfuhr, sich selber durch
sich selbst im großen und ganzen zu erziehen. Dieses wesentliche
Unterpfand der Fortdauer einer deutschen Nation schmälerte, wie
gesagt, kein am Ruder der Regierung sitzendes deutsches Gemüt; und
wenn auch in Absicht andrer ursprünglichen Entscheidungen nicht
immer geschehen sein sollte, was die höhere deutsche Vaterlandsliebe
wünschen mußte, so ist wenigstens der Angelegenheit desselben nicht
geradezu entgegengehandelt worden, man hat nicht gesucht, jene Liebe
zu untergraben, sie auszurotten und eine entgegengesetzte Liebe an
ihre Stelle zu bringen.

Wenn nun aber etwa die ursprüngliche Leitung sowohl jener
höhern Bildung, als der Nationalmacht, die allein für jene und
ihre Fortdauer als Zweck gebraucht werden darf, die Verwendung
deutschen Gutes und deutschen Blutes, aus der Botmäßigkeit
deutschen Gemüts in eine andre kommen sollte: was würde sodann
notwendig erfolgen müssen?

Hier ist der Ort, wo es der in unsrer ersten Rede in Anspruch
genommenen Geneigtheit, sich über die eignen Angelegenheiten
nicht täuschen zu wollen, und des Mutes, die Wahrheit sehen zu
wollen, und sie sich zu gestehen, vorzüglich bedarf; auch ist
es, soviel mir bekannt, noch immer erlaubt, in deutscher Sprache
miteinander vom Vaterlande zu reden, wenigstens zu seufzen; und
wir würden, glaube ich, nicht wohl tun, wenn wir aus unsrer
eignen Mitte heraus ein solches Verbot verfrühten, und dem
Mute, der ohne Zweifel über das Wagnis schon vorher mit sich zu
Rate gegangen sein wird, die Fessel der Zaghaftigkeit einzelner
anlegen wollten.

Malen Sie sich also die vorausgesetzte neue Gewalt so gütig und
so wohlwollend vor, als Sie irgend wollen, machen Sie sie gut,
wie Gott; werden Sie ihr auch göttlichen Verstand einsetzen
können? Mag sie alles Ernstes das höchste Glück und Wohlsein
aller wollen, wird das höchste Wohlsein, das sie zu fassen
vermag, wohl auch deutsches Wohlsein sein? So hoffe ich über den
Hauptpunkt, den ich Ihnen heute vorgetragen, von Ihnen recht
wohl verstanden worden zu sein, ich hoffe, daß mehrere hierbei
gedacht und gefühlt haben: ich drücke nur deutlich aus und
spreche aus mit Worten, wie es ihnen von jeher im Gemüte gelegen;
ich hoffe, daß es auch mit den übrigen Deutschen, die einst
dieses lesen werden, sich also verhalten werde; auch haben vor
mir mehrere Deutsche ungefähr dasselbe gesagt; und dem immerfort
bezeugten Widerstreben gegen eine bloß mechanische Einrichtung
und Berechnung des Staates hat dunkel jene Gesinnung zum Grunde
gelegen. Und nun fordere ich alle, die mit der neuen Literatur
des Auslandes bekannt sind, auf: mir nachzuweisen, welcher neuere
Weise, Dichter, Gesetzgeber derselben eine diesem ähnliche
Ahnung, die das Menschengeschlecht als ein ewig fortschreitendes
betrachte, und alles sein Regen in der Zeit nur auf diesen
Fortschritt beziehe, jemals verraten habe; ob irgendeiner selbst
in dem Zeitpunkte, als sie am kühnsten zu politischer Schöpfung
sich emporschwangen, mehr, als nur nicht Ungleichheit, inneren
Frieden, äußern Nationalruhm und, wo es aufs höchste getrieben
wurde, häusliche Glückseligkeit vom Staate gefordert habe? Ist,
wie man aus allen diesen Anzeigen schließen muß, dieses ihr
Höchstes, so werden sie auch uns keine höheren Bedürfnisse und
keine höheren Forderungen an das Leben beimessen, und, immer
jene wohltätigen Gesinnungen gegen uns und die Abwesenheit
alles Eigennutzes und aller Sucht mehr sein zu wollen denn wir,
vorausgesetzt, trefflich für uns gesorgt zu haben glauben,
wenn wir alles das finden, was sie allein als begehrungswürdig
kennen; dasjenige aber, warum der Edlere unter uns allein leben
mag, ist sodann ausgetilgt aus dem öffentlichen Leben, und das
Volk, das für die Anregungen des Edleren sich stets empfänglich
gezeigt hat, und welches man sogar nach seiner Mehrheit zu
jenem Adel emporzuheben hoffen durfte, ist, so wie es behandelt
wird, wie jene behandelt sein wollen, herabgesetzt unter seinen
Rang, entwürdigt, ausgetilgt aus der Reihe der Dinge, indem es
zusammenfließt mit dem von niederer Art.

In wem nun jene höheren Anforderungen an das Leben, nebst dem
Gefühle ihres göttlichen Rechts, dennoch lebendig und kräftig
bleiben, der fühlt mit tiefem Unwillen sich zurückgedrängt in
jene ersten Zeiten des Christentums, zu denen gesagt ist: »Ihr
sollet nicht widerstreben dem Uebel, sondern, so dir jemand
einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem biete den andern
auch dar, und so jemand deinen Rock nehmen will, dem laß auch
den Mantel;« mit Recht das letzte, denn solange er noch einen
Mantel an dir sieht, sucht er einen Handel an dich, um dir auch
diesen zu nehmen, erst wenn du ganz nackend bist, entgehst du
seiner Aufmerksamkeit und hast vor ihm Ruhe. Eben sein höherer
Sinn, der ihn ehrt, macht ihm die Erde zur Hölle und zum Ekel; er
wünscht, nicht geboren zu sein, er wünscht, daß sein Auge je eher
je lieber sich dem Anblicke des Tages verschließe, unversiegbare
Trauer bis an das Grab erfaßt seine Tage; dem, was ihm lieb ist,
kann er keine bessere Gabe wünschen, denn einen dumpfen und
genügsamen Sinn, damit es mit weniger Schmerz einem ewigen Leben
jenseits des Grabes entgegenlebe.

Diese Vernichtung jeder etwa ins künftige unter uns ausbrechenden
edlern Regung, und diese Heruntersetzung unsrer ganzen Nation durch
das einzige, nachdem die andern vergeblich angewendet worden sind,
noch übrigbleibende Mittel zu verhindern, tragen Ihnen diese Reden
an. Sie tragen Ihnen an die wahre und allmächtige Vaterlandsliebe, in
der Erfassung unsers Volks als eines ewigen, und als Bürger unsrer
eignen Ewigkeit durch die Erziehung in aller Gemüter recht tief und
unauslöschlich zu begründen. Welche Erziehung dies vermöge, und auf
welche Weise, werden wir in den folgenden Reden ersehen.



Neunte Rede.

An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen Punkt die neue
Nationalerziehung der Deutschen anzuknüpfen sei.


Durch unsre letzte Rede sind mehrere schon in der ersten
versprochene Beweise geführt und vollendet worden. Es sei
dermalen nur davon die Rede, sagten wir, und dies sei die
erste Aufgabe, das Dasein und die Fortdauer des Deutschen
schlechtweg zu retten; alle andre Unterschiede seien dem höhern
Ueberblicke verschwunden; und es würde durch jenes den besondern
Verbindlichkeiten, die etwa jemand zu haben glaube, kein Eintrag
geschehen. Es ist, wenn uns nur der gemachte Unterschied zwischen
Staat und Nation gegenwärtig bleibt, klar, daß auch schon früher
die Angelegenheiten dieser beiden niemals in Widerstreit geraten
konnten. Die höhere Vaterlandsliebe für das gemeinsame Volk der
deutschen Nation mußte und sollte ja ohnedies die oberste Leitung
in jedem besondern deutschen Staate führen; keiner von ihnen
durfte ja diese höhere Angelegenheit aus den Augen verlieren,
ohne alles Edle und Tüchtige von sich abwendig zu machen, und so
seinen eignen Untergang zu beschleunigen: je mehr daher jemand
von jener höheren Angelegenheit ergriffen und belebt war, ein
desto besserer Bürger war er auch für den besondern deutschen
Staat, in den sein unmittelbarer Wirkungskreis fiel. Deutsche
Staaten konnten mit deutschen Staaten in Streit geraten, über
besondere hergebrachte Gerechtsame. Wer die Fortdauer des
hergebrachten Zustandes wollte, und jeder Verständige ohne
Zweifel mußte um der ferneren Folgen willen diese wollen, der
mußte wünschen, daß die gerechte Sache siege, in wessen Händen
sie auch sein möchte. Höchstens hätte ein besonderer deutscher
Staat darauf ausgehen können, die ganze deutsche Nation unter
seiner Regierung zu vereinigen, und statt der hergebrachten
Völkerrepublik Alleinherrschaft einzuführen. Wenn es wahr ist,
wie ich zum Beispiel es allerdings dafür halte, daß gerade
diese republikanische Verfassung bisher die vorzüglichste
Quelle deutscher Bildung und das erste Sicherungsmittel ihrer
Eigentümlichkeit gewesen, so wäre, falls die vorausgesetzte
Einheit der Regierung nicht etwa selbst die republikanische,
sondern die monarchische Form getragen hätte, in der es dem
Gewalthaber doch möglich gewesen wäre, irgendeinen Sproß
ursprünglicher Bildung über den ganzen deutschen Boden hinweg
für seine Lebenszeit zu zerdrücken; -- wenn dieses wahr ist,
sage ich, so wäre in diesem Falle es allerdings ein großes
Mißgeschick für die Angelegenheit deutscher Vaterlandsliebe
gewesen, wenn dieser Vorsatz gelungen wäre, und jeder Edle
über die ganze Oberfläche des gemeinsamen Bodens hinweg hätte
dagegen sich stemmen müssen. Dennoch auch in diesem schlimmsten
Falle wären es doch immer Deutsche geblieben, die über Deutsche
regiert, und ihre Angelegenheiten ursprünglich geleitet hätten,
und wenn auch auf eine vorübergehende Zeit der eigentümliche
deutsche Geist vermißt worden wäre, so wäre doch die Hoffnung
geblieben, daß er wieder erwachen werde, und jedes kräftigere
Gemüt über den ganzen Boden hinweg hätte sich versprechen
können, Gehör zu finden und sich verständlich zu machen; es wäre
doch immer eine deutsche Nation im Dasein verblieben, und hätte
sich selbst regiert, und sie wäre nicht untergegangen in einem
andern von niederer Ordnung. Immer bleibt hier das Wesentliche
in unsrer Berechnung, daß die deutsche Nationalliebe selbst an
dem Ruder des deutschen Staates entweder sitze, oder doch mit
ihrem Einflusse dahin gelangen könne. Wenn aber zufolge unsrer
frühern Voraussetzung dieser deutsche Staat -- ob er nun als
einer oder mehrere erscheine, tut nichts zur Sache, in der Tat
ist es dennoch einer -- überhaupt aus deutscher Leitung in fremde
fiele, so ist sicher, und das Gegenteil davon wäre gegen alle
Natur und schlechterdings unmöglich; es ist sicher, sage ich,
daß von nun an nicht mehr deutsche Angelegenheit, sondern eine
fremde entscheiden würde. Wo die gesamte Nationalangelegenheit
der Deutschen bisher ihren Sitz hatte und dargestellt wurde am
Ruder des Staats, da wäre sie verwiesen. Soll sie nun hiermit
nicht ganz ausgetilgt sein von der Erde, so muß ihr ein andrer
Zufluchtsort bereitet werden, und zwar in dem, was allein
übrigbleibt, bei den Regierten, in den Bürgern. Wäre sie aber bei
diesen und ihrer Mehrheit schon, so wären wir in den Fall, über
welchen wir uns dermals beratschlagen, gar nicht gekommen; sie
ist daher nicht bei ihnen, und muß erst in sie hineingebracht
werden: das heißt mit andern Worten, die Mehrheit der Bürger
muß zu diesem vaterländischen Sinne erzogen werden, und, damit
man der Mehrheit sicher sei, diese Erziehung muß an der Allheit
versucht werden. Und so ist denn zugleich unumwunden und klar der
gleichfalls ehemals versprochene Beweis geführt worden, daß es
schlechthin nur die Erziehung und kein andres mögliches Mittel
sei, das die deutsche Selbständigkeit zu retten vermöge; und es
wäre ohne Zweifel nicht unsre Schuld, wenn man selbst bis jetzt
noch nicht den eigentlichen Inhalt und die Absicht dieser unsrer
Reden, und den Sinn, in welchem alle unsre Aeußerungen zu nehmen
sind, zu fassen vermöchte.

Um es noch kürzer zu fassen: immer unter unsrer Voraussetzung,
sind den unmündigen ihre väterlichen und blutsverwandten
Vormünder abgegangen, und Herren an ihre Stelle getreten;
sollen jene Unmündige nicht gar Sklaven werden, so müssen sie
eben der Vormundschaft entlassen, und, damit sie dieses können,
zu allererst zur Mündigkeit erzogen werden. Die deutsche
Vaterlandsliebe hat ihren Sitz verloren; sie soll einen andern
breitern und tiefern erhalten, in welchem sie in ruhiger
Verborgenheit sich begründe und stähle, und zu rechter Zeit in
jugendlicher Kraft hervorbreche, und auch dem Staate die verlorne
Selbständigkeit wiedergebe. Wegen des letztern können nun sowohl
das Ausland, als die kleinlichen und engherzigen Trübseligkeiten
unter uns selbst in Ruhe verbleiben; man kann zu ihrer aller
Troste sie versichern, daß sie es insgesamt nicht erleben werden,
und daß die Zeit, die es erleben wird, anders denken wird, denn
sie.

Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises aneinander
schließen mögen, derselbe auch andre ergreifen und sie zur
Tätigkeit aufregen werde, hängt zu allererst davon ab, ob
es so etwas, wie wir deutsche Eigentümlichkeit und deutsche
Vaterlandsliebe geschildert haben, überhaupt gebe, und ob diese
der Erhaltung und des Strebens dafür wert sei oder nicht. Daß
der -- auswärtige oder einheimische -- Ausländer diese Frage
mit Nein beantwortet, versteht sich; aber dieser ist auch
nicht mit zur Beratschlagung berufen. Uebrigens ist hierbei
anzumerken, daß die Entscheidung über diese Frage keineswegs auf
einer Beweisführung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar
klarmachen, keineswegs aber über wirkliches Dasein oder Wert
Auskunft zu geben vermögen, sondern, daß die letztern lediglich
durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm selber
bewährt werden können. In einem solchen Falle mögen Millionen
sagen: es sei nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt sein,
denn daß es nur in ihnen nicht sei, keineswegs, daß es überhaupt
nicht sei, und wenn ein einziger gegen diese Millionen auftritt
und versichert, daß es sei, so behält er gegen sie alle recht.
Nichts verhindert, daß, da ich nun gerade rede, ich in dem
angegebenen Falle dieser einzige sei, der da versichert, daß
er aus unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, daß es so
etwas, wie deutsche Vaterlandsliebe gebe, daß er den unendlichen
Wert des Gegenstandes derselben kenne, daß diese Liebe allein ihn
getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was er gesagt hat und
noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts übriggeblieben
ist, denn das Sagen, und sogar dieses auf alle Weise gehemmt und
verkümmert wird. Wer dasselbe in sich fühlt, der wird überzeugt
werden; wer es nicht fühlt, kann nicht überzeugt werden, denn
allein auf jene Voraussetzung stützt sich mein Beweis; an ihm
habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht etwas so
Geringfügiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen?

Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir uns die Rettung der
deutschen Nation versprechen, ist in unsrer zweiten und dritten
Rede im allgemeinen beschrieben worden. Wir haben sie als eine
gänzliche Umschaffung des Menschengeschlechts bezeichnet, und
es wird passend sein, an diese Bezeichnung eine wiederholte
Uebersicht des Ganzen anzuknüpfen.

In der Regel galt bisher die Sinnenwelt für die rechte, eigentliche,
wahre und wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem
Zögling der Erziehung vorgeführt wurde; von ihr erst wurde er zum
Denken, und zwar meist zu einem Denken über diese, und im Dienste
derselben angeführt. Die neue Erziehung kehrt diese Ordnung geradezu
um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfaßt wird, die
wahre und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zögling,
sogleich wie sie mit demselben beginnt, einführen. An diese Welt
allein will sie seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen
binden; so daß ein Leben allein in dieser Welt des Geistes bei ihm
notwendig entstehe und hervorkomme. Bisher lebte in der Mehrheit
allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue Erziehung
soll in der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der
Geist leben, und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist,
von welchem früher, als von der einzigmöglichen Grundlage eines
wohleingerichteten Staates gesprochen worden, soll im allgemeinen
erzeugt werden.

Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zweck, den
wir zunächst uns vorgesetzt haben, und von dem unsre Reden
ausgegangen sind, erreicht. Jener zu erzeugende Geist führt
die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen
Lebens als eines ewigen und des Vaterlandes, als des Trägers
dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebaut
wird, die Liebe für das deutsche Vaterland, als einen seiner
notwendigen Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus
dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der
ruhige und rechtliche Bürger von selbst. Es wird durch eine
solche Erziehung sogar noch mehr erreicht, als dieser nächste
Zweck; wie das allemal der Fall ist, wo ein großes Ziel durch
ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der ganze Mensch wird
nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst abgerundet,
nach außen zu allen seinen Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit
vollkommener Tüchtigkeit ausgestattet. Mit unsrer Genesung für
Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsre vollkommene
Heilung von allen Uebeln, die uns drücken, unzertrennlich
verknüpft.

Mit der stumpfen Verwunderung, daß eine solche Welt des bloßen
Gedankens behauptet, und sogar als die einzig mögliche Welt
behauptet, dagegen die Sinnenwelt ganz weggeworfen werde, sowie
mit der Ableugnung der erstern entweder überhaupt, oder nur
der Möglichkeit, daß selbst die Mehrheit des großen Volks in
dieselbe eingeführt werden könne, haben wir es hier nicht mehr
zu tun, sondern haben dieselben schon früher gänzlich von uns
weggewiesen. Wer noch nicht weiß, daß es eine Welt des Gedankens
gebe, der mag indessen anderwärts durch die vorhandenen Mittel
sich davon belehren, wir haben hier zu dieser Belehrung nicht
Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des großen Volks zu derselben
emporgehoben werden könne, dies wollen wir eben zeigen.

Indem nun, unserm eignen wohlbedachten Sinne nach, der Gedanke
einer solchen neuen Erziehung keineswegs als ein bloßes zur
Uebung des Scharfsinns oder der Streitfertigkeit aufgestelltes
Bild zu betrachten ist, sondern derselbe vielmehr zur Stunde
ausgeübt und ins Leben eingeführt werden soll: so kommt uns
zuvörderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon
vorliegende Glied diese Ausführung sich anknüpfen solle.

Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich
Pestalozzi erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen
schon in glücklicher Ausübung befindlichen Unterrichtsgang soll
sie sich anschließen. Wir wollen diese unsre Entscheidung tiefer
begründen und näher bestimmen.

Zuvörderst, wir haben die eignen Schriften des Mannes gelesen und
durchdacht, und aus diesen unsern Begriff seiner Unterrichts-
und Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir
genommen von dem, was die gelehrten Neuigkeitsblätter darüber
berichtet und gemeint, und über die Meinungen wieder gemeint
haben. Wir merken dies darum an, um jedem, der über diesen
Gegenstand gleichfalls einen Begriff zu haben begehrt, denselben
Weg, und die durchgängige Vermeidung des entgegengesetzten,
zu empfehlen. Ebensowenig haben wir bis jetzt etwas von der
wirklichen Ausübung sehen wollen, keineswegs aus Nichtachtung,
sondern weil wir uns erst einen festen und sichern Begriff von
der wahren Absicht des Erfinders, hinter welcher die Ausübung oft
zurückbleiben kann, verschaffen wollten, aus diesem Begriffe
aber der Begriff von der Ausübung und dem notwendigen Erfolge
ohne alles Probieren, sich von selbst ergibt, und man, nur mit
diesem ausgestattet, die Ausübung wahrhaftig verstehen und
richtig beurteilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser
Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches
Zutappen und in leere Spielerei und Schauauslegerei ausgeartet
sein, so ist meines Erachtens der Grundbegriff des Erfinders
wenigstens daran ganz unschuldig.

Für diesen Grundbegriff nun bürgt mir zuerst die Eigentümlichkeit
des Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der
treuesten und gemütvollsten Offenheit darlegt. An ihm hätte
ich ebensogut, wie an Luther, oder, falls es noch andre diesen
gleichende gegeben hat, an irgendeinem andern, die Grundzüge des
deutschen Gemüts darlegen, und den erfreuenden Beweis führen
können, daß dieses Gemüt in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft
in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag
walte. Auch er hat ein mühvolles Leben hindurch im Kampfe mit
allen möglichen Hindernissen von innen mit eigner hartnäckiger
Unklarheit und Unbeholfenheit, und selbst höchst spärlich
ausgestattet mit den gewöhnlichsten Hilfsmitteln der gelehrten
Erziehung, äußerlich mit anhaltender Verkennung, gerungen nach
einem bloß geahnten, ihm selbst durchaus unbewußten Ziele,
aufrecht gehalten und getrieben durch einen unversiegbaren
und allmächtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen
verwahrlosten Volke. Diese allmächtige Liebe hatte ihn, ebenso
wie Luthern, nur in einer andern und seiner Zeit angemeßneren
Beziehung, zu ihrem Werkzeuge gemacht, und war das Leben
geworden in seinem Leben, sie war der ihm selbst unbekannte
feste und unwandelbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es
hindurchführte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den
Abend desselben -- denn es war unmöglich, daß eine solche Liebe
unbelohnt von der Erde abtrete -- krönte mit seiner wahrhaft
geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er je mit
seinen kühnsten Wünschen begehrt hatte. Er wollte bloß dem
Volke helfen; aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdehnung
genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem
und einem gebildeten Stande auf, gibt statt der gesuchten
Volkserziehung Nationalerziehung, und hätte wohl das Vermögen,
den Völkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe
seines dermaligen Elendes emporzuhelfen.

Dieser sein Grundbegriff steht in seinen Schriften mit vollkommener
Klarheit und unverkennbarer Bestimmtheit da. Zuvörderst will er
in Absicht der Form nicht die bisherige Willkür und das blinde
Herumtappen, sondern er will eine feste und sicher berechnete Kunst
der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche Gründlichkeit
es notwendig wollen muß; und er erzählt sehr unbefangen, wie eine
französische Phrase, daß er nämlich die Erziehung mechanisieren
wolle, ihm über diesen seinen Zweck aus dem Traume geholfen habe.
In Absicht des Inhalts ist es der erste Schritt der von mir
beschriebenen neuen Erziehung, daß sie die freie Geistestätigkeit des
Zöglings, sein Denken, in welchem späterhin die Welt seiner Liebe
ihm aufgehen soll, anrege und bilde; mit diesem ersten Schritte
beschäftigten sich Pestalozzis Schriften vorzüglich, und auf diesen
Gegenstand geht unsre Prüfung seines Grundbegriffs zu allererst. In
dieser Rücksicht ist nun desselben Tadel des bisherigen Unterrichts,
daß derselbe den Schüler nur in Nebel und Schatten eingetaucht,
und denselben niemals zur wirklichen Wahrheit und Realität habe
gelangen lassen, gleichbedeutend mit dem unsrigen, daß dieser
Unterricht nicht vermocht habe, in das Leben einzugreifen, noch die
Wurzel desselben zu bilden; und Pestalozzis dagegen vorgeschlagenes
Hilfsmittel, den Zögling in die unmittelbare Anschauung einzuführen,
ist gleichbedeutend mit dem unsrigen, die Geistestätigkeit desselben
zum Entwerfen von Bildern anzuregen, und nur an diesem freien
Bilden ihn lernen zu lassen, alles, was er lernt: denn nur von dem
Freientworfenen ist Anschauung möglich. Daß der Erfinder es wirklich
also meint, und keineswegs unter Anschauung jene blindtappende und
betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene
Ausübung. Gleichfalls ganz richtig wird dieser Anregung der
Anschauung des Zöglings durch die Erziehung das allgemeine und
sehr tief eingreifende Gesetz gegeben, hierin mit dem Anfange und
Fortschritte der zu entwickelnden Kräfte des Kindes genau Schritt zu
halten.

Dagegen haben die gesamten Mißgriffe dieses Pestalozzischen
Unterrichtsplans in Ausdrücken und Vorschlägen die eine
gemeinschaftliche Quelle, daß der dürftige und begrenzte Zweck, auf
welchen anfangs ausgegangen wurde, äußerst vernachlässigten Kindern
aus dem Volke unter der Voraussetzung, daß das Ganze bliebe, so wie
es ist, die notdürftigste Hilfe zu leisten, von einer Seite, und
von der andern, das zu einem weit höhern Zwecke führende Mittel
in Vermengung und Widerstreit miteinander geraten; und man wird
vor allem Irrtume gesichert und erhält einen mit sich vollkommen
übereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere und alles, was aus
dessen Beachtung gefolgt ist, fallen läßt und sich bloß an das
letztere hält, und es folgegemäß durchführt. Ohne Zweifel entstand
lediglich aus dem Wunsche, jene Kinder der äußersten Armut sobald
als möglich aus der Schule zum Broterwerb zu entlassen, und dennoch
sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den abgebrochenen
Unterricht nachholen könnten, in Pestalozzis liebendem Gemüte die
Ueberschätzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser
beinahe als Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener
Glaube an die Aussage der abgelaufenen Jahrtausende, daß dieses
die besten Hilfsmittel der Belehrung seien; da er ja außerdem
gefunden haben würde, daß gerade dieses Lesen und Schreiben bisher
die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel und
Schatten einzuhüllen und sie überklug zu machen. Daher auch rühren
ohne Zweifel mehrere andre mit seinem Grundsatze der unmittelbaren
Anschauung im Widerspruche stehende Vorschläge, und besonders seine
durchaus irrige Ansicht der Sprache, als eines Mittels, unser
Geschlecht von dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben.
Wir unsres Orts haben nicht von Erziehung des Volks im Gegensatze
höherer Stände geredet, indem wir Volk in diesem Sinne, niedern
und gemeinen Pöbel, gar nicht länger haben wollen, noch er für die
deutschen Nationalangelegenheiten ferner ertragen werden kann,
sondern wir haben von Nationalerziehung geredet. Soll es jemals zu
dieser kommen, so muß der armselige Wunsch, daß die Erziehung doch
ja recht bald vollendet sein, und das Kind wieder hinter die Arbeit
gestellt werden möge, gar nicht mehr zu Odem kommen, sondern sogleich
an der Schwelle der Beratung über diese Angelegenheit abgelegt
werden. Zwar wird meines Erachtens diese Erziehung nicht kostspielig
sein, die Anstalten werden guten Teils sich selbst erhalten können,
und es wird der Arbeit kein Eintrag geschehen; und ich werde meine
Gedanken hierüber zu seiner Zeit darlegen: aber wenn dies auch nicht
so wäre, so muß unbedingt und auf jede Gefahr der Zögling in der
Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet ist und vollendet sein
kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar keine;
sie läßt es eben beim alten, und wenn man dies will, so erspare
man sich lieber auch das Halbe, und erkläre gleich von vornherein
geradezu, daß man nicht wolle, daß der Menschheit geholfen werde.
Unter jener Voraussetzung nun kann in der bloßen Nationalerziehung,
solange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu nichts nützen, wohl
aber kann es sehr schädlich werden, indem es von der unmittelbaren
Anschauung zum bloßen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da
weiß, daß sie nichts fasse, wenn sie es nicht jetzt und zur Stelle
faßt, zur Zerstreutheit, die sich ihres Niederschreibens tröstet,
und irgend einmal vom Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie
lernen wird, und überhaupt zu der den Umgang mit Buchstaben so oft
begleitenden Träumerei leichtlich verleiten könnte, so wie es dieses
auch bisher getan hat. Erst am völligen Schlusse der Erziehung, und
als das letzte Geschenk derselben mit auf den Weg, könnten diese
Künste mitgeteilt und der Zögling geleitet werden durch Zergliederung
der Sprache, die er schon längst vollkommen besitzt, die Buchstaben
zu erfinden und zu gebrauchen; welches ihm bei der übrigen Bildung,
die er schon erlangt hat, ein Spiel sein würde.

So in der bloßen und allgemeinen Nationalerziehung. Etwas andres
ist es mit dem künftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht bloß
über das Allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums Herz
ist, sondern er soll auch in einsamem Nachdenken die verborgene
und ihm selber unbewußte eigentümliche Tiefe seines Gemüts in das
Licht der Sprache erheben, und er muß darum früher an der Schrift
das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten Denkens in die
Hände bekommen und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger
zu eilen sein, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner
Zeit bei der Unterscheidung der bloßen Nationalerziehung von der
gelehrten deutlicher erhellen.

In Gemäßheit dieser Ansicht ist alles, was der Erfinder über
Schall und Wort, als Entwicklungsmittel der geistigen Kraft
spricht, zu berichtigen und zu beschränken. In das Einzelne zu
gehen, erlaubt mir nicht der Plan dieser Reden. Nur noch die
folgende tief in das Ganze greifende Bemerkung. Die Grundlage
seiner Entwicklung aller Erkenntnis enthält sein Buch für Mütter,
in dem er unter andern gar sehr auf häusliche Erziehung rechnet.
Was zuvörderst diese, die häusliche Erziehung, selbst anbelangt,
so wollen wir zwar mit ihm keineswegs über die Hoffnungen, die
er sich von den Müttern macht, streiten; was aber unsern höhern
Begriff einer Nationalerziehung anbelangt, so sind wir fest
überzeugt, daß diese, besonders bei den arbeitenden Ständen, im
Hause der Eltern, und überhaupt ohne gänzliche Absonderung der
Kinder von ihnen, durchaus weder angefangen, noch fortgesetzt,
oder vollendet werden kann. Der Druck, die Angst um das tägliche
Auskommen, die kleinliche Genauigkeit und Gewinnsucht, die sich
hierzu fügt, würde die Kinder notwendig anstecken, herabziehen
und sie verhindern, einen freien Aufflug in die Welt des
Gedankens zu nehmen. Dies ist auch eine der Voraussetzungen, die
bei der Ausführung unsers Plans unbedingt ist, und auf keine
Weise zu erlassen. Was daraus wird, wenn die Menschheit im
ganzen in jedem folgenden Zeitalter sich also wiederholt, wie
sie im vorhergehenden war, haben wir nun zur Genüge ersehen;
soll eine gänzliche Umbildung mit derselben vorgenommen werden,
so muß sie einmal ganz losgerissen werden von sich selber, und
ein trennender Einschnitt gemacht werden in ihr hergebrachtes
Fortleben. Erst nachdem ein Geschlecht durch die neue Erziehung
hindurch gegangen sein wird, wird sich beratschlagen lassen,
welchen Teil von der Nationalerziehung man dem Hause anvertrauen
wolle. -- Dies nun abgerechnet, und das Pestalozzische Buch
für die Mütter lediglich als erste Grundlage des Unterrichts
betrachtet, ist auch der Inhalt desselben, der Körper des Kindes,
ein vollkommner Mißgriff. Er geht von dem sehr richtigen Satze
aus, der erste Gegenstand der Erkenntnis des Kindes müsse das
Kind selbst sein, aber ist denn der Körper des Kindes das Kind
selbst? wäre, wenn es doch ein menschlicher Körper sein sollte,
der Körper der Mutter ihm nicht weit näher und sichtbarer? und
wie kann doch das Kind eine anschauliche Erkenntnis von seinem
Körper bekommen, ohne zuerst gelernt zu haben, denselben zu
gebrauchen? Jene Kenntnis ist keine Erkenntnis, sondern ein
bloßes Auswendiglernen von willkürlichen Wortzeichen, das
durch die Ueberschätzung des Redens herbeigeführt wird. Die
wahre Grundlage des Unterrichts und der Erkenntnis wäre, um
es in der Pestalozzischen Sprache zu bezeichnen, ein Abc der
Empfindungen. Wie das Kind anfängt Sprachtöne zu vernehmen und
selbst notdürftig zu bilden, müßte es geleitet werden, sich
vollkommen deutlich zu machen: ob es hungere oder schläfrig sei,
ob es die mit dem oder dem Ausdrucke bezeichnete ihm gegenwärtige
Empfindung sehe oder ob es vielmehr dieselbe höre usf., oder ob
es wohl gar etwas bloß hinzudenke; wie die verschiedenen durch
besondere Wörter bezeichneten Eindrücke auf denselben Sinn,
zum Beispiel die Farben, die Schalle der verschiedenen Körper
usf. verschieden seien, und in welchen Abstufungen; alles dies
in richtiger und das Empfindungsvermögen selbst regelmäßig
entwickelnder Folge. Hierdurch erhält das Kind erst ein Ich,
das es im freien und besonnenen Begriffe absondert, und mit
demselben durchdringt, und gleich bei seinem Erwachen ins Leben
wird dem Leben ein geistiges Auge eingesetzt, das von nun an
wohl nicht wieder von demselben lassen wird. Hierdurch erhalten
auch für die nachfolgenden Uebungen der Anschauung die an sich
leeren Formen des Maßes und der Zahl ihren deutlich erkannten
innern Gehalt, der bei der Pestalozzischen Verfahrungsweise
doch nur durch dunklen Hang und Zwang ihnen hinzugesetzt werden
kann. Es kommt in den Pestalozzischen Schriften ein in dieser
Rücksicht merkwürdiges Geständnis eines seiner Lehrer vor, der,
in dieses Verfahren eingeweiht, anfing, nur noch ausgeleerte
geometrische Körper zu erblicken. So müßte es allen Zöglingen
dieses Verfahrens ergehen, wenn nicht unvermerkt die geistige
Natur dagegen sicherte. Hier auch, bei diesem deutlichen Erfassen
dessen, was eigentlich empfunden wird, ist der Ort, wo zwar
nicht das Sprachzeichen, aber das Reden selbst und das Bedürfnis
sich für andre auszusprechen, den Menschen bildet, und ihn aus
der Dunkelheit und Verworrenheit zur Klarheit und Bestimmtheit
erhebt. Auf das zuerst zum Bewußtsein erwachende Kind dringen
alle Eindrücke der dasselbe umgebenden Natur zugleich ein, und
vermischen sich zu einem dumpfen Chaos, in welchem nichts
Einzelnes aus dem allgemeinen Gewühl hervorsteht. Wie soll es
jemals herauskommen aus dieser Dumpfheit? Es bedarf der Hilfe
andrer; es kann diese Hilfe auf keine andre Weise an sich
bringen, denn dadurch, daß es sein Bedürfnis bestimmt ausspreche,
mit den Unterscheidungen von ähnlichen Bedürfnissen, die schon
in der Sprache niedergelegt sind. Es wird genötigt, nach
Anleitung jener Unterscheidungen, mit Zurückziehung und Sammlung
auf sich zu merken, das, was es wirklich fühlt, zu vergleichen
und zu unterscheiden von anderm, das es wohl auch kennt, aber
gegenwärtig nicht fühlt. Hierdurch sondert sich erst ab in ihm
ein besonnenes und freies Ich. Diesen Weg nun, den Not und Natur
mit uns anhebt, soll die Erziehung mit besonnener und freier
Kunst fortsetzen.

Im Felde der objektiven Erkenntnis, die auf äußere Gegenstände
geht, fügt die Bekanntschaft mit dem Wortzeichen der Deutlichkeit
und Bestimmtheit der innern Erkenntnis für den Erkennenden selbst
durchaus nichts hinzu, sondern sie erhebt dieselbe bloß in den
völlig verschiedenen Kreis der Mitteilbarkeit für andre. Die
Klarheit jener Erkenntnis beruht gänzlich auf der Anschauung,
und dasjenige, was man nach Belieben in allen seinen Teilen,
gerade so wie es wirklich ist, in der Einbildungskraft wieder
erzeugen kann, ist vollkommen erkannt, ob man nun dazu ein Wort
habe oder nicht. Wir sind sogar der Ueberzeugung, daß jene
Vollendung der Anschauung der Bekanntschaft mit dem Wortzeichen
vorausgehen müsse, und daß der umgekehrte Weg gerade in jene
Schatten- und Nebelwelt, und zu dem frühen Maulbrauchen, welche
beide Pestalozzi mit Recht so verhaßt sind, führe, ja daß der,
der nur je eher je lieber das Wort wissen will, und der seine
Erkenntnisse für vermehrt hält, sobald er es weiß, eben in jener
Nebelwelt lebt, und bloß um deren Erweiterung bekümmert ist. Des
Erfinders Denkgebäude im ganzen erfassend, glaube ich, daß es
gerade dieses Abc der Empfindung war, was er, als erste Grundlage
der geistigen Entwicklung und als Inhalt seines Buchs der Mütter,
anstrebte, und was ihm dunkel bei allen seinen Aeußerungen
über die Sprache vorschwebte, und daß allein der Mangel an
philosophischen Studien ihn verhinderte, in diesem Punkte sich
selber vollkommen klar zu werden.

Diese Entwicklung nun des erkennenden Subjekts selbst, an der
Empfindung, vorausgesetzt, und der Nationalerziehung, die wir
beabsichtigten, als allererste Grundlage untergelegt, ist das
Pestalozzische Abc der Anschauung, die Lehre von den Zahl- und
Maßverhältnissen, die vollkommen zweckmäßige und vortreffliche Folge.
An diese Anschauung kann ein beliebiger Teil der Sinnenwelt geknüpft
werden, sie kann eingeführt werden in das Gebiet der Mathematik, so
lange, bis an diesen Vorübungen der Zögling hinlänglich gebildet sei,
um zur Entwerfung einer gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, und
zur Liebe dieser Ordnung, als dem zweiten und wesentlichen Schritte
seiner Bildung, angeführt zu werden.

Noch ist, gleich beim ersten Teile der Erziehung ein andrer
von Pestalozzi gleichfalls in Anregung gebrachter Gegenstand
nicht zu übergehen: die Entwicklung der körperlichen Fertigkeit
des Zöglings, die mit der geistigen notwendig Hand in Hand
gehend fortschreiten muß. Er fordert ein Abc der Kunst, d. h.
des körperlichen Könnens. Seine hervorstechendsten Aeußerungen
hierüber sind folgende: »Schlagen, Tragen, Werfen, Stoßen,
Ziehen, Drehen, Ringen, Schwingen usf. seien die einfachsten
Uebungen der Kraft. Es gebe eine naturgemäße Stufenfolge von
den Anfängen in diesen Uebungen bis zu ihrer vollendeten Kunst,
d. i. bis zum höchsten Grade des Nerventaktes, der Schlag
und Stoß, Schwung und Wurf, in hundertfachen Abwechslungen
sichere, und Hand und Fuß gewiß mache.« Alles kommt hierbei auf
die naturgemäße Stufenfolge an, und es reicht nicht hin, daß
man mit blinder Willkür hineingreife und irgendeine Uebung
einführe, damit doch von uns gesagt werden könne, wir hätten
auch, etwa wie die Griechen, körperliche Erziehung. In dieser
Rücksicht ist nun noch alles zu tun, denn Pestalozzi hat kein
Abc der Kunst geliefert. Dieses müßte erst geliefert werden,
und zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des
menschlichen Körpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf
gleiche Weise zu Hause, mit diesen Kenntnissen ein hohes Maß
philosophischen Geistes verbände, und der auf diese Weise fähig
wäre, in allseitiger Vollendung diejenige Maschine zu finden,
zu der der menschliche Körper angelegt ist, und anzugeben,
wie diese Maschine allmählich, also, daß jeder Schritt in der
einzig möglichen richtigen Folge geschähe, durch jeden alle
künftigen vorbereitet und erleichtert, und dabei die Gesundheit
und Schönheit des Körpers und die Kraft des Geistes nicht nur
nicht gefährdet, sondern sogar gestärkt und erhöht würde, wie,
sage ich, auf diese Weise die Maschine aus jedem gesunden
menschlichen Körper entwickelt werden könne. Die Unerläßlichkeit
dieses Bestandteils für eine Erziehung, die den ganzen Menschen
zu bilden verspricht, und die besonders für eine Nation sich
bestimmt, welche ihre Selbständigkeit wiederherstellen und
fernerhin erhalten soll, fällt ohne weitere Erinnerung in die
Augen.

Was für nähere Bestimmung unsers Begriffs von deutscher
Nationalerziehung noch ferner zu sagen ist, behalten wir vor der
nächstkünftigen Rede.



Zehnte Rede.

Zur nähern Bestimmung der deutschen Nationalerziehung.


Die Anführung des Zöglings, zuerst seine Empfindungen, sodann
seine Anschauungen sich klar zu machen, mit welcher eine
folgegemäße Kunstbildung seines Körpers Hand in Hand gehen muß,
ist der erste Hauptteil der neuen deutschen Nationalerziehung.
Was die Bildung der Anschauung betrifft, haben wir eine
zweckmäßige Anleitung von Pestalozzi; die noch ermangelnde zur
Bildung des Empfindungsvermögens wird derselbe Mann und seine
Mitarbeiter, die zur Lösung dieser Aufgabe zunächst berufen sind,
leicht geben können. Eine Anweisung zur folgegemäßen Ausbildung
der körperlichen Kraft fehlt noch: es ist angegeben, was zur
Lösung dieser Aufgabe erfordert werde, und es ist zu hoffen, daß,
wenn die Nation Begierde nach dieser Lösung bezeigen sollte,
dieselbe sich finden werde. Dieser ganze Teil der Erziehung
ist nur Mittel und Vorübung zu dem zweiten wesentlichen Teile
derselben, der bürgerlichen und religiösen Erziehung. Was
hierüber im allgemeinen zu sagen dermalen not tut, ist in unsrer
zweiten und dritten Rede schon beigebracht, und wir haben in
dieser Rücksicht nichts hinzuzusetzen. Eine bestimmte Anweisung
zur Kunst dieser Erziehung zu geben ist -- immer wie sich
versteht, in Beratung und Rücksprache mit der Pestalozzischen
eigentlichen Erziehungskunst -- die Sache derselben Philosophie,
die eine deutsche Nationalerziehung überhaupt in Vorschlag
bringt; und diese Philosophie wird, wenn nur erst das Bedürfnis
einer solchen Anweisung durch vollendete Ausübung des ersten
Teils eintritt, nicht säumen, dieselbe zu liefern. Wie es möglich
sein werde, daß jedweder Zögling, auch aus dem niedrigsten Stande
geboren, indem der Stand der Geburt wahrhaftig keinen Unterschied
in den Anlagen macht, den Unterricht über diese Gegenstände, der
allerdings, wenn man so will, die allertiefste Metaphysik enthält
und die Ausbeute der abgezogensten Spekulation ist, und welche zu
fassen dermalen sogar Gelehrten und selbst spekulierenden Köpfen
so unmöglich fällt, fassen und sogar leicht fassen werde; darüber
ermüde man sich nur vorläufig nicht im Hin- und Herzweifeln;
wenn man nur in Absicht der ersten Schritte folgen will, so
wird dies späterhin die Erfahrung lehren. Nur darum, weil unsre
Zeit überhaupt in der Welt der leeren Begriffe gefesselt und
an keiner Stelle in die Welt der wahrhaftigen Realität und
Anschauung hineingekommen ist, ist es ihr nicht anzumuten, daß
sie gerade bei der allerhöchsten und geistigsten Anschauung, und
nachdem sie schon über alles Maß klug ist, das Anschauen anfange.
Ihr muß die Philosophie anmuten, ihre bisherige Welt aufzugeben
und eine ganz andre sich zu verschaffen, und es ist kein Wunder,
wenn eine solche Anmutung ohne Erfolg bleibt. Der Zögling unsrer
Erziehung aber ist gleich von Anbeginn an einheimisch geworden in
der Welt der Anschauung und hat niemals eine andre gesehen; er
soll seine Welt nicht verändern, sondern sie nur steigern, und
dieses ergibt sich von selbst. Jene Erziehung ist zugleich, wie
wir schon oben darauf deuteten, die einzig mögliche Erziehung für
Philosophie und das einzige Mittel, diese letztere allgemein zu
machen.

Mit dieser bürgerlichen und religiösen Erziehung nun ist die
Erziehung beschlossen und der Zögling zu entlassen, und so wären
wir denn fürs erste in Absicht des Inhalts der vorgeschlagenen
Erziehung im reinen.

Es müsse niemals das Erkenntnisvermögen des Zöglings angeregt werden,
ohne daß die Liebe für den erkannten Gegenstand es zugleich werde,
indem außerdem die Erkenntnis tot, und ebenso niemals die Liebe, ohne
daß sie der Erkenntnis klar werde, indem außerdem die Liebe blind
bleibe -- ist einer der Hauptgrundsätze der von uns vorgeschlagenen
Erziehung, mit welchem auch Pestalozzi seinem ganzen Denkgebäude
zufolge einverstanden sein muß. Die Anregung und Entwicklung dieser
Liebe nun knüpft sich an den folgegemäßen Lehrgang am Faden der
Empfindung und der Anschauung von selbst, und kommt ohne allen
unsern Vorsatz oder Zutun. Das Kind hat einen natürlichen Trieb
nach Klarheit und Ordnung; dieser wird in jenem Lehrgange immerfort
befriedigt, und erfüllt so das Kind mit Freude und Lust; mitten in
der Befriedigung aber wird es durch die neuen Dunkelheiten, die nun
zum Vorschein kommen, wiederum angeregt, und so ferner befriedigt,
und so geht das Leben hin in Liebe und Lust am Lernen. Dies ist die
Liebe, wodurch jeder einzelne an die Welt des Gedankens geknüpft
wird, das Band der Sinnen- und Geisterwelt überhaupt. Durch diese
Liebe entsteht, in dieser Erziehung sicher und berechnet, so wie
bisher durch das Ungefähr bei wenigen vorzüglich begünstigten Köpfen,
die leichte Entwicklung des Erkenntnisvermögens, und die glückliche
Bearbeitung der Felder der Wissenschaft.

Noch aber gibt es eine andre Liebe, diejenige, welche den
Menschen an den Menschen bindet, und alle einzelne zu einer
einigen Vernunftgemeinde der gleichen Gesinnung verbindet. Wie
jene die Erkenntnis, so bildet diese das handelnde Leben, und
treibt an, das Erkannte in sich und andern darzustellen. Da
es für unsern eigentlichen Zweck wenig helfen würde, bloß die
Gelehrtenerziehung zu verbessern und die von uns beabsichtigte
Nationalerziehung zunächst nicht darauf ausgeht, Gelehrte,
sondern eben Menschen zu bilden, so ist klar, daß neben jener
ersten auch die Entwicklung der zweiten Liebe unerläßliche
Pflicht dieser Erziehung ist.

Pestalozzi redet[4] von diesem Gegenstande mit herzerhebender
Begeisterung; dennoch aber müssen wir bekennen, daß alles dieses
uns nicht im mindesten klar geschienen hat und am allerwenigsten
so klar, daß es einer kunstmäßigen Entwicklung jener Liebe zur
Grundlage dienen könne. Es ist darum nötig, daß wir unsre eignen
Gedanken zu einer solchen Grundlage mitteilen.

  [4] Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Beförderung einer der
      Menschennatur angemessenen Erziehungsweise. Leipzig 1807.

Die gewöhnliche Annahme, daß der Mensch von Natur selbstsüchtig
sei, und auch das Kind mit dieser Selbstsucht geboren werde, und
daß es allein die Erziehung sei, die demselben eine sittliche
Triebfeder einpflanze, gründet sich auf eine sehr oberflächliche
Beobachtung und ist durchaus falsch. Da aus Nichts sich nicht
etwas machen läßt, die noch so weit fortgesetzte Entwicklung
eines Grundtriebes aber ihn doch niemals zu dem Gegenteile von
sich selbst machen kann; wie sollte doch die Erziehung vermögen,
jemals Sittlichkeit in das Kind hineinzubringen, wenn diese
nicht ursprünglich und vor aller Erziehung vorher in demselben
wäre? So ist sie es denn auch wirklich in allen menschlichen
Kindern, die zur Welt geboren werden; die Aufgabe ist bloß, die
ursprünglichste und reinste Gestalt, in der sie zum Vorschein
kommt, zu ergründen.

Durchgeführte Spekulation sowohl, als die gesamte Beobachtung stimmen
überein, daß diese ursprünglichste und reinste Gestalt der Trieb
nach Achtung sei, und daß diesem Triebe erst das Sittliche, als
einzig möglicher Gegenstand der Achtung, das Rechte und Gute, die
Wahrhaftigkeit, die Kraft der Selbstbeherrschung, in der Erkenntnis
aufgehe. Beim Kinde zeigt sich dieser Trieb zuerst als Trieb auch
geachtet zu werden von dem, was ihm die höchste Achtung einflößt; und
es richtet sich dieser Trieb, zum sichern Beweise, daß keineswegs
aus der Selbstsucht die Liebe stamme, in der Regel weit stärker
und entschiedener auf den ernsteren, öfter abwesenden und nicht
unmittelbar als Wohltäter erscheinenden Vater, denn auf die mit ihrer
Wohltätigkeit stets gegenwärtige Mutter. Von diesem will das Kind
bemerkt sein, es will seinen Beifall haben; nur inwiefern dieser mit
ihm zufrieden ist, ist es selbst mit sich zufrieden: dies ist die
natürliche Liebe des Kindes zum Vater; keineswegs als zum Pfleger
seines sinnlichen Wohlseins, sondern als zu dem Spiegel, aus welchem
ihm sein eigner Wert oder Unwert entgegenstrahlt; an diese Liebe kann
nun der Vater selbst schweren Gehorsam und jede Selbstverleugnung
leicht anknüpfen; für den Lohn seines herzlichen Beifalls gehorcht es
mit Freuden. Wiederum ist dies die Liebe, die es vom Vater begehrt,
daß dieser bemerke sein Bestreben, gut zu sein, und es anerkenne, daß
er sich merken lasse, es mache ihm Freude, wenn er billigen könne,
und tue ihm herzlich wehe, wenn er mißbilligen müsse, er wünsche
nichts mehr, als immer mit demselben zufrieden sein zu können, und
alle seine Forderungen an dasselbe haben nur die Absicht, das Kind
selbst immer besser und achtungswürdiger zu machen; deren Anblick
wiederum die Liebe des Kindes fortdauernd belebt und verstärkt, und
ihm zu allen seinen fernern Bestrebungen neue Kraft gibt. Dagegen
wird diese Liebe ertötet durch Nichtbeachtung oder anhaltendes
unbilliges Verkennen; ganz besonders aber erzeugt es sogar Haß, wenn
man in der Behandlung desselben Eigennützigkeit blicken läßt, und
zum Beispiel einen durch die Unvorsichtigkeit desselben verursachten
Verlust als ein Hauptverbrechen behandelt. Es sieht sich sodann als
ein bloßes Werkzeug betrachtet, und dies empört sein zwar dunkles,
aber dennoch nicht abwesendes Gefühl, daß es durch sich selbst einen
Wert haben müsse.

Um dies an einem Beispiele zu belegen. Was ist es doch, das dem
Schmerze der Züchtigung beim Kinde noch die Scham hinzufügt,
und was ist diese Scham? Offenbar ist sie das Gefühl der
Selbstverachtung, die es sich zufügen muß, da ihm das Mißfallen
seiner Eltern und Erzieher bezeugt wird. Daher denn auch in einem
Zusammenhange, wo die Bestrafung von keiner Scham begleitet wird,
es mit der Erziehung zu Ende ist, und die Bestrafung erscheint
als eine Gewalttätigkeit, über die der Zögling mit hohem Sinne
sich hinwegsetzt und ihrer spottet.

Dies also ist das Band, was die Menschen zur Einheit des Sinnes
verknüpft und dessen Entwicklung ein Hauptbestandteil der
Erziehung zum Menschen ist -- keineswegs sinnliche Liebe, sondern
Trieb zu gegenseitiger Achtung. Dieser Trieb gestaltet sich auf
eine doppelte Weise: im Kinde, ausgehend von unbedingter Achtung
für die erwachsene Menschheit außer sich, zu dem Triebe, von
dieser geachtet zu werden, und an ihrer wirklichen Achtung, als
seinem Maßstabe, abzunehmen, inwiefern es auch selbst sich
achten dürfe. Dieses Vertrauen auf einen fremden und außer uns
befindlichen Maßstab der Selbstachtung ist auch der eigentümliche
Grundzug der Kindheit und Unmündigkeit, auf dessen Vorhandensein
ganz allein die Möglichkeit aller Belehrung und aller Erziehung
der nachwachsenden Jugend zu vollendeten Menschen sich gründet.
Der mündige Mensch hat den Maßstab seiner Selbstschätzung in ihm
selber, und will von andern geachtet sein, nur inwiefern sie
selbst erst seiner Achtung sich würdig gemacht haben; und bei ihm
nimmt dieser Trieb die Gestalt des Verlangens an, andre achten
zu können, und Achtungswürdiges außer sich hervorzubringen.
Wenn es nicht einen solchen Grundtrieb im Menschen gäbe, woher
käme doch die Erscheinung, daß es dem auch nur erträglich guten
Menschen wehe tut, die Menschen schlechter zu finden, als er
sie sich dachte, und daß es ihn tief schmerzt, sie verachten zu
müssen; da es ja der Selbstsucht im Gegenteile wohltun müßte,
über andre sich hochmütig erheben zu können? Diesen letzten
Grundzug der Mündigkeit nun soll der Erzieher darstellen, so wie
auf den ersten bei dem Zöglinge sicher zu rechnen ist. Der Zweck
der Erziehung in dieser Rücksicht ist es eben, die Mündigkeit
in dem von uns angegebenen Sinne hervorzubringen, und nur,
nachdem dieser Zweck erreicht ist, ist die Erziehung wirklich
vollendet und zu Ende gebracht. Bisher sind viele Menschen ihr
ganzes Leben hindurch Kinder geblieben: diejenigen, welche zu
ihrer Zufriedenheit des Beifalls der Umgebung bedurften, und
nichts Rechtes geleistet zu haben glaubten, als wenn sie dieser
gefielen. Ihnen hat man entgegengesetzt, als starke und kräftige
Charaktere, die wenigen, die über fremdes Urteil sich zu erheben
und sich selbst zu genügen vermochten, und hat diese in der Regel
gehaßt, indes man jene zwar nicht achtete, aber dennoch sie
liebenswürdig fand.

Die Grundlage aller sittlichen Erziehung ist es, daß man
wisse, es sei ein solcher Trieb im Kinde, und ihn festiglich
voraussetze, sodann, daß man ihn in seiner Erscheinung erkenne,
und ihn durch zweckmäßige Aufregung und durch Darreichung
eines Stoffs, woran er sich befriedige, allmählich immer mehr
entwickle. Die allererste Regel ist, daß man ihn auf den ihm
allein angemessenen Gegenstand richte, auf das Sittliche,
keineswegs aber etwa in einem ihm fremdartigen Stoffe ihn
abfinde. Das Lernen zum Beispiel führt seinen Reiz und seine
Belohnung in sich selber; höchstens könnte angestrengter Fleiß,
als eine Uebung der Selbstüberwindung, Beifall verdienen; aber
dieser freie und über die Forderung hinausgehende Fleiß wird
wenigstens in der bloßen, allgemeinen Nationalerziehung kaum eine
Stelle finden. Daß daher der Zögling lerne, was er soll, muß
betrachtet werden als etwas, das sich eben von selbst versteht,
und wovon nicht weiter geredet wird; selbst das schnellere und
bessere Lernen des fähigern Kopfs muß betrachtet werden eben
als ein bloßes Naturereignis, das ihm selber zu keinem Lobe
oder Auszeichnung dient, am allerwenigsten aber andre Mängel
verdeckt. Nur im Sittlichen soll diesem Trieb sein Wirkungskreis
angewiesen werden; aber die Wurzel aller Sittlichkeit ist die
Selbstbeherrschung, die Selbstüberwindung, die Unterordnung
seiner selbstsüchtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen.
Nur durch diese, und schlechthin durch nichts andres, sei es
dem Zöglinge möglich, den Beifall des Erziehers zu erhalten,
dessen für seine eigne Zufriedenheit zu bedürfen er von seiner
geistigen Natur angewiesen und durch die Erziehung gewöhnt ist.
Es gibt, wie wir schon in unsrer zweiten Rede erinnert haben,
zwei sehr verschiedene Weisen jener Unterordnung des persönlichen
Selbst unter das Ganze. Zuvörderst diejenige, die schlechthin
sein muß, und keinem in keinem Stücke erlassen werden kann,
die Unterwerfung unter das, um der bloßen Ordnung des Ganzen
willen entworfene, Gesetz der Verfassung. Wer gegen dieses
sich nicht vergeht, den trifft nur nicht Mißfallen, keineswegs
aber wird ihm Beifall zuteil; so wie den, der sich dagegen
verginge, wirkliches Mißfallen und Tadel treffen würde, der da,
wo öffentlich gefehlt worden, auch öffentlich ergehen müßte,
und, wo er fruchtlos bliebe, sogar durch hinzugefügte Strafe
geschärft werden könnte. Sodann gibt es eine Unterordnung des
einzelnen unter das Ganze, die nicht gefordert, sondern nur
freiwillig geleistet werden kann: daß man durch eigne Aufopferung
den Wohlstand desselben steigere und vermehre. Um das Verhältnis
der bloßen Gesetzmäßigkeit und dieser höhern Tugend zueinander
den Zöglingen gleich von Jugend auf recht einzuprägen, wird
es zweckmäßig sein, nur demjenigen, gegen den einen gewissen
Zeitraum hindurch in der ersten Rücksicht keine Klage gewesen,
solche freiwillige Aufopferungen, gleichsam als den Lohn der
Gesetzmäßigkeit zu gestatten, dem aber, der in Regelmäßigkeit und
Ordnung seiner selbst noch nicht ganz sicher ist, die Erlaubnis
dazu zu versagen. Die Gegenstände solcher freiwilligen Leistungen
sind im allgemeinen schon oben angezeigt, und werden tiefer unten
sich noch näher ergeben. Dieser Art der Aufopferung werde zuteil
tätige Billigung, wirkliche Anerkennung ihrer Verdienstlichkeit,
keineswegs zwar öffentlich, als Lob, was das Gemüt verderben und
eitel machen, und es von der Selbständigkeit ableiten könnte,
sondern im geheimen und mit dem Zögling allein. Diese Anerkennung
soll nichts mehr sein, als das eigne, dem Zöglinge auch äußerlich
dargestellte gute Gewissen desselben, und die Bestätigung
seiner Zufriedenheit mit sich selbst, seiner Selbstachtung, und
die Ermunterung, sich auch ferner zu vertrauen. Die hierbei
beabsichtigten Vorteile würde folgende Einrichtung vortrefflich
befördern. Wo mehrere Erzieher und Erzieherinnen sind, wie wir
denn dies als die Regel voraussetzen, da wähle jedes Kind frei,
und so wie sein Vertrauen und sein Gefühl dasselbe treibt, einen
darunter zum besondern Freunde und gleichsam Gewissensrate.
Bei diesem suche es Rat in allen Fällen, wo es ihm schwer
wird, recht zu tun; er helfe ihm durch freundliche Zusprache
nach; er sei der Vertraute der freiwilligen Leistungen, die es
übernimmt; und er sei endlich derjenige, der das Treffliche mit
seinem Beifalle krönt. In den Personen dieser Gewissensräte
nun müßte die Erziehung, jedem einzelnen nach seiner Weise,
folgegemäß zu immer größerer Stärke in der Selbstüberwindung
und Selbstbeherrschung emporhelfen; und so wird allmählich
Festigkeit und Selbständigkeit entstehen, durch deren Erzeugung
die Erziehung sich selbst abschließt und für die Zukunft aufhebt.
Durch eignes Tun und Handeln schließt sich uns am klarsten der
Umfang der sittlichen Welt auf, und wem sie also aufgegangen ist,
dem ist sie wahrhaftig aufgegangen. Ein solcher weiß nun selbst,
was in ihr enthalten ist, und bedarf keines fremden Zeugnisses
mehr über sich, sondern vermag es, selbst ein richtiges Gericht
über sich zu halten und ist von nun an mündig.

Wir haben durch das soeben Gesagte eine Lücke, die in unserm
bisherigen Vortrage blieb, geschlossen, und unsern Vorschlag
erst wahrhaftig ausführbar gemacht. Das Wohlgefallen am Rechten
und Guten um seiner selbst willen, soll durch die neue Erziehung
an die Stelle der bisher gebrauchten sinnlichen Hoffnung oder
Furcht gesetzt werden, und dieses Wohlgefallen soll, als
einzig vorhandene Triebfeder, alles künftige Leben in Bewegung
setzen: dies ist die Hauptsache unsers Vorschlags. Die erste
hierbei sich aufdringende Frage ist: aber, wie soll denn nun
jenes Wohlgefallen selbst erzeugt werden? Erzeugt werden, im
eigentlichen Sinne des Wortes, kann es nun wohl nicht; denn der
Mensch vermag nicht aus Nichts etwas zu machen. Es muß, wenn
unser Vorschlag irgend ausführbar sein soll, dieses Wohlgefallen
ursprünglich vorhanden sein, und schlechthin in allen Menschen
ohne Ausnahme vorhanden sein und ihnen angeboren werden. So
verhält es sich denn auch wirklich. Das Kind ohne alle Ausnahme
will recht und gut sein, keineswegs will es, so wie ein junges
Tier bloß wohl sein. Die Liebe ist der Grundbestandteil des
Menschen; diese ist da, so wie der Mensch da ist, ganz und
vollendet, und es kann ihr nichts hinzugefügt werden; denn diese
liegt hinaus über die fortwachsende Erscheinung des sinnlichen
Lebens und ist unabhängig von ihm. Nur die Erkenntnis ist
es, woran sich dieses sinnliche Leben knüpft, und welche mit
demselben entsteht und fortwächst. Diese entwickelt sich nur
langsam und allmählich im Fortlaufe der Zeit. Wie soll nun,
so lange, bis ein geordnetes Ganzes von Begriffen des Rechten
und Guten entstehe, an welches das treibende Wohlgefallen
sich knüpfen könne, jene angeborene Liebe über die Zeiten
der Unwissenheit hinwegkommen, sich entwickeln und üben? Die
vernünftige Natur hat ohne alles unser Zutun der Schwierigkeit
abgeholfen. Das dem Kinde in seinem Innern abgehende Bewußtsein
stellt sich ihm äußerlich und verkörpert dar an dem Urteile der
erwachsenen Welt. Bis in ihm selbst ein verständiger Richter sich
entwickle, wird es durch einen Naturtrieb an diese verwiesen,
und so ihm ein Gewissen außer ihm gegeben, bis in ihm selber
sich eins erzeuge. Diese bis jetzt wenig bekannte Wahrheit soll
die neue Erziehung anerkennen, und sie soll die ohne ihr Zutun
vorhandene Liebe auf das Rechte leiten. Bis jetzt ist in der
Regel diese Unbefangenheit und diese kindliche Gläubigkeit der
Unmündigen an die höhere Vollkommenheit der Erwachsenen zum
Verderben derselben gebraucht worden; ihre Unschuld gerade, und
ihr natürlicher Glauben an uns, machte es uns möglich, ihnen
statt des Guten, das sie innerlich wollten, unser Verderbnis, das
sie verabscheut haben würden, wenn sie es zu erkennen vermocht
hätten, einzupflanzen, noch ehe sie Gutes und Böses unterscheiden
konnten.

Dies ist eben die allergrößte Vergehung, die unsrer Zeit zur Last
fällt; und es wird hierdurch auch die täglich sich darbietende
Erscheinung erklärt, daß in der Regel der Mensch um so schlechter,
selbstsüchtiger, für alle guten Regungen erstorbener und zu
jedem rechten Werke untauglicher wird, je mehr Jahre er zählt,
und um je weiter daher er sich von den ersten Tagen seiner
Unschuld, die fürs erste noch immer in einigen Ahnungen des
Guten leise nachklingen, entfernt hat; es wird dadurch ferner
bewiesen, daß das gegenwärtige Geschlecht, wenn es nicht einen
durchaus trennenden Abschnitt in sein Fortleben macht, eine
noch verdorbenere Nachkommenschaft, und diese eine abermals
verdorbenere, notwendig hinterlassen werde. Von solchen sagt
ein verehrungswürdiger Lehrer des Menschengeschlechts mit
treffender Wahrheit, daß es besser sei, wenn ihnen beizeiten
ein Mühlstein an den Hals gehängt würde und sie ersäufet würden
im Meere, da wo es am tiefsten ist. Es ist eine abgeschmackte
Verleumdung der menschlichen Natur, daß der Mensch als Sünder
geboren werde: wäre dies wahr, wie könnte doch jemals an ihn auch
nur ein Begriff von Sünde kommen, der ja nur im Gegensatze mit
einer Nichtsünde möglich ist? Er lebt sich zum Sünder; und das
bisherige menschliche Leben war in der Regel eine im steigenden
Fortschritte begriffene Entwicklung der Sündhaftigkeit.

Das Gesagte zeigt in einem neuen Lichte die Notwendigkeit,
ohne Verzug Anstalt zu einer wirklichen Erziehung zu machen.
Könnte nur die nachwachsende Jugend ohne alle Berührung mit den
Erwachsenen und völlig ohne Erziehung aufwachsen, so möchte man
ja immer den Versuch machen, was sich hieraus ergeben würde.
Aber, wenn wir sie auch nur in unsrer Gesellschaft lassen, macht
ihre Erziehung, ohne allen unsern Wunsch oder Willen, sich von
selbst; sie selbst erziehen sich an uns: unsre Weise zu sein
dringt sich ihnen auf als ihr Muster, sie eifern uns nach, auch
ohne daß wir es verlangen, und sie begehren nichts andres, denn
also zu werden, wie wir sind. Nun aber sind wir in der Regel und
nach der großen Mehrheit genommen, durchaus verkehrt, teils ohne
es zu wissen, und indem wir selbst, ebenso unbefangen wie unsre
Kinder, unsre Verkehrtheit für das Rechte halten; oder, wenn wir
es auch wüßten, wie vermöchten wir doch in der Gesellschaft
unsrer Kinder plötzlich das, was ein langes Leben uns zur zweiten
Natur gemacht hat, abzulegen, und unsern ganzen alten Sinn und
Geist mit einem neuen zu vertauschen? In der Berührung mit uns
müssen sie verderben, dies ist unvermeidlich; haben wir einen
Funken Liebe für sie, so müssen wir sie entfernen aus unserm
verpestenden Dunstkreise und einen reinern Aufenthalt für sie
errichten. Wir müssen sie in die Gesellschaft von Männern
bringen, welche, wie es auch übrigens um sie stehen möge, dennoch
durch anhaltende Uebung und Gewöhnung wenigstens die Fertigkeit
sich erworben haben, sich zu besinnen, daß Kinder sie beobachten,
und das Vermögen, wenigstens so lange sich zusammenzunehmen, und
die Kenntnis, wie man vor Kindern erscheinen muß; wir müssen
aus dieser Gesellschaft in die unsrige sie nicht eher wieder
zurücklassen, bis sie unser ganzes Verderben gehörig verabscheuen
gelernt haben, und vor aller Ansteckung dadurch völlig gesichert
sind.

Soviel haben wir über die Erziehung zur Sittlichkeit im allgemeinen
hier beizubringen für nötig erachtet.

Daß die Kinder in gänzlicher Absonderung von den Erwachsenen
mit ihren Lehrern und Vorstehern allein zusammenleben sollen,
ist mehrmals erinnert. Es versteht sich ohne unser besonderes
Bemerken, daß beiden Geschlechtern diese Erziehung auf dieselbe
Weise zuteil werden müsse. Eine Absonderung dieser Geschlechter
in besondere Anstalten für Knaben und Mädchen würde zweckwidrig
sein, und mehrere Hauptstücke der Erziehung zum vollkommenen
Menschen aufheben. Die Gegenstände des Unterrichts sind für
beide Geschlechter gleich; der in den Arbeiten stattfindende
Unterschied kann, auch bei Gemeinschaftlichkeit der übrigen
Erziehung, leicht beobachtet werden. Die kleinere Gesellschaft,
in der sie zu Menschen gebildet werden, muß, ebenso wie die
größere, in die sie einst als vollendete Menschen eintreten
sollen, aus einer Vereinigung beider Geschlechter bestehen; beide
müssen erst gegenseitig ineinander die gemeinsame Menschheit
anerkennen und lieben lernen, und Freunde haben und Freundinnen,
ehe sich ihre Aufmerksamkeit auf den Geschlechtsunterschied
richtet, und sie Gatten und Gattinnen werden. Auch muß das
Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander im ganzen,
starkmütiger Schutz von der einen, liebevoller Beistand von der
andern Seite, in der Erziehungsanstalt dargestellt und in den
Zöglingen gebildet werden.

Wenn es zur Ausführung unsers Vorschlags kommen sollte, würde das
erste Geschäft sein, ein Gesetz für die innere Verfassung dieser
Erziehungsanstalten zu entwerfen. Wenn der von uns aufgestellte
Grundbegriff nur gehörig durchdrungen ist, so ist dies eine sehr
leichte Arbeit, und wir wollen uns hier dabei nicht aufhalten.

Ein Haupterfordernis dieser neuen Nationalerziehung ist es, daß
in ihr Lernen und Arbeiten vereinigt sei, daß die Anstalt durch
sich selbst sich zu erhalten den Zöglingen wenigstens scheine,
und daß jeder in dem Bewußtsein erhalten werde, zu diesem Zwecke
nach aller seiner Kraft beizutragen. Dies wird, durchaus noch
ohne alle Beziehung auf den Zweck der äußern Ausführbarkeit und
der Sparsamkeit hierbei, die man unserm Vorschlage ohne Zweifel
anmuten wird, schon unmittelbar durch die Aufgabe der Erziehung
selbst gefordert; teils darum, weil alle, die bloß durch die
allgemeine Nationalerziehung hindurchgehen, zu den arbeitenden
Ständen bestimmt sind, und zu deren Erziehung die Bildung zum
tüchtigen Arbeiter ohne Zweifel gehört; besonders aber darum,
weil das gegründete Vertrauen, daß man sich stets durch eigne
Kraft werde durch die Welt bringen können und für seinen
Unterhalt keiner fremden Wohltätigkeit bedürfe, zur persönlichen
Selbständigkeit des Menschen gehört, und die sittliche, weit mehr
als man bis jetzt zu glauben scheint, bedingt. Diese Bildung
würde einen andern, bis jetzt auch in der Regel dem blinden
Ungefähr preisgegebenen Teil der Erziehung abgeben, den man
die wirtschaftliche Erziehung nennen könnte, und der keineswegs
aus der dürftigen und beschränkten Ansicht, über welche einige
unter Benennung der Oekonomie spotten, sondern aus dem höhern
sittlichen Standpunkte angesehen werden muß. Unsre Zeit stellt es
oft als einen über alle Gegenrede erhabenen Grundsatz auf, daß
man eben schmeicheln, kriechen, sich zu allem gebrauchen lassen
müsse, wenn man leben wolle, und daß es auf keine andre Weise
angehe. Sie besinnt sich nicht, daß, wenn man sie auch mit dem
heroischen, aber durchaus wahren Gegenspruche verschonen wollte,
daß wenn es so ist, sie eben nicht leben, sondern sterben solle,
noch die Bemerkung übrigbleibt, daß sie hätte lernen sollen, mit
Ehren leben zu können. Man erkundige sich nur näher nach den
Personen, die durch ehrloses Betragen sich auszeichnen; immer
wird man finden, daß sie nicht arbeiten gelernt haben, oder die
Arbeit scheuen, und daß sie noch überdies üble Wirtschafter
sind. Darum soll der Zögling unsrer Erziehung an Arbeitsamkeit
gewöhnt werden, damit er der Versuchung zur Unrechtlichkeit durch
Nahrungssorgen überhoben sei, und tief, und als allererster
Grundsatz der Ehre, soll es in sein Gemüt geprägt werden, daß es
schändlich sei, seinen Lebensunterhalt einem andern, denn seiner
Arbeit verdanken zu wollen.

Pestalozzi will während des Lernens zugleich allerlei Handarbeiten
treiben lassen. Indem wir die Möglichkeit dieser Vereinigung unter
der von ihm angegebenen Bedingung, daß das Kind die Handarbeit schon
vollkommen fertig könne, nicht leugnen wollen, scheint uns dennoch
dieser Vorschlag aus der Dürftigkeit des ersten Zwecks hervorzugehen.
Der Unterricht muß meines Erachtens als so heilig und ehrwürdig
dargestellt werden, daß er der ganzen Aufmerksamkeit und Sammlung
bedürfe, und nicht neben einem andern Geschäfte empfangen werden
könne. Sollen in Jahreszeiten, welche die Zöglinge ohnedies ins
Zimmer einschließen, in den Arbeitsstunden dergleichen Arbeiten,
als da ist Stricken, Spinnen und dergleichen getrieben werden, so
wird es, damit der Geist in Tätigkeit bleibe, sehr zweckmäßig sein,
gemeinschaftliche Geistesübungen unter Aufsicht damit zu verknüpfen;
dennoch ist jetzt die Arbeit die Hauptsache und diese Uebungen sind
nicht zu betrachten als Unterricht, sondern bloß als ein erheiterndes
Spiel.

Alle Arbeiten dieser niedern Art müssen überhaupt nur als
Nebensache, keineswegs als die Hauptarbeit, vorgestellt werden.
Diese Hauptarbeit ist die Ausübung des Acker- und Gartenbaus,
der Viehzucht, und derjenigen Handwerke, deren sie in ihrem
kleinen Staate bedürfen. Es versteht sich, daß der Anteil hieran,
der einem zugemutet wird, mit der körperlichen Kraft seines
Alters in Gleichgewicht zu bringen, und die abgehende Kraft
durch neu zu erfindende Maschinen und Werkzeuge zu ersetzen
ist. Die Hauptrücksicht hierbei ist die, daß sie, soweit
möglich, in seinen Gründen verstehen müssen, was sie treiben,
daß sie die zu ihren Geschäften nötigen Kenntnisse von der
Erzeugung der Pflanzen, von den Eigenschaften und Bedürfnissen
des tierischen Körpers, von den Gesetzen der Mechanik, schon
erhalten haben. Auf diese Art wird teils ihre Erziehung schon
ein folgegemäßer Unterricht über die Gewerbe, die sie künftig zu
treiben haben, und es wird der denkende und verständige Landwirt
in unmittelbarer Anschauung gebildet, teils wird schon jetzt
ihre mechanische Arbeit veredelt und vergeistigt, sie ist in
eben dem Grade Beleg in der freien Anschauung dessen, was sie
begriffen haben, als sie Arbeit um den Unterhalt ist, und auch in
Gesellschaft mit dem Tiere und der Erdscholle bleiben sie dennoch
im Umkreise der geistigen Welt, und sinken nicht herab zu den
letztern.

Das Grundgesetz dieses kleinen Wirtschaftsstaates sei dieses,
daß in ihm kein Artikel zu Speise, Kleidung usw. noch, soweit
dies möglich ist, irgendein Werkzeug gebraucht werden dürfe, das
nicht in ihm selbst erzeugt und verfertigt sei. Bedarf diese
Haushaltung einer Unterstützung von außen, so werden ihr die
Gegenstände in Natur, aber keine andrer Art, als die sie auch
selbst hat, gereicht, und zwar ohne daß die Zöglinge erfahren,
daß ihre eigne Ausbeute vermehrt worden, oder daß sie, wo das
letztere zweckmäßig ist, es nur als Darlehen erhalten, und es zu
bestimmter Zeit wieder zurückerstatten. Für diese Selbständigkeit
und Selbstgenügsamkeit des Ganzen arbeite nun jeder einzelne aus
aller seiner Kraft, ohne daß er doch mit demselben abrechne, oder
für sich auf irgendein Eigentum Anspruch mache. Jeder wisse, daß
er sich dem Ganzen ganz schuldig ist, und genieße nur oder darbe,
wenn es sich so fügt, mit dem Ganzen. Dadurch wird die ehrgemäße
Selbständigkeit des Staates und der Familie, in die er einst
treten soll, und das Verhältnis ihrer einzelnen Glieder zu ihnen,
der lebendigen Anschauung dargestellt, und wurzelt unaustilgbar
ein in sein Gemüt.

Hier bei dieser Anführung zur mechanischen Arbeit ist der
Ort, wo die in der allgemeinen Nationalerziehung liegende und
auf sie gestützte Gelehrtenerziehung von der ersteren sich
absondert, und wo von derselben zu sprechen ist. Die in der
allgemeinen Nationalerziehung liegende Gelehrtenerziehung,
habe ich gesagt. Ob es nicht auch fernerhin jedem, der eignes
Vermögen genug zu haben glaubt, um zu studieren, oder der sich
aus irgendeinem Grunde zu den bisherigen höhern Ständen rechnet,
freistehen werde, den bisher üblichen Weg der Gelehrtenerziehung
zu beschreiten, lasse ich dahingestellt sein: wie, wenn es
nur einmal zur Nationalerziehung kommen sollte, die Mehrheit
dieser Gelehrten, ich will nicht sagen gegen den in der neuen
Schule gebildeten Gelehrten, sondern sogar gegen den aus ihr
hervorgehenden gemeinen Mann, mit ihrer erkauften Gelehrsamkeit,
bestehen werde, wird die Erfahrung lehren: ich aber will jetzt
nicht davon, sondern von der Gelehrtenerziehung in der neuen
Weise reden.

In den Grundsätzen derselben muß auch der künftige Gelehrte
durch die allgemeine Nationalerziehung hindurchgegangen sein,
und den ersten Teil derselben, die Entwicklung der Erkenntnis
an Empfindung, Anschauung und dem, was an die letztere geknüpft
wird, vollständig und klar erhalten haben. Nur dem Knaben, der
eine vorzügliche Gabe zum Lernen, und eine hervorstechende
Hinneigung nach der Welt der Begriffe zeigt, kann die neue
Nationalerziehung erlauben, diesen Stand zu ergreifen; jedem
aber, der diese Eigenschaften zeigt, wird sie es ohne Ausnahme,
und ohne Rücksicht auf einen vorgeblichen Unterschied der Geburt,
erlauben müssen; denn der Gelehrte ist es keineswegs zu seiner
eignen Bequemlichkeit, und jedes Talent dazu ist ein schätzbares
Eigentum der Nation, das ihr nicht entrissen werden darf.

Der Ungelehrte ist bestimmt, das Menschengeschlecht auf dem
Standpunkte der Ausbildung, die es errungen hat, durch sich
selbst zu erhalten, der Gelehrte, nach einem klaren Begriffe und
mit besonnener Kunst, dasselbe weiter zu bringen. Der letztere
muß mit seinem Begriffe der Gegenwart immer voraus sein, die
Zukunft erfassen und dieselbe in die Gegenwart zu künftiger
Entwicklung hineinzupflanzen vermögen. Dazu bedarf es einer
klaren Uebersicht des bisherigen Weltzustandes, einer freien
Fertigkeit im reinen und von der Erscheinung unabhängigen Denken,
und, damit er sich mitteilen könne, des Besitzes der Sprache
bis in ihre lebendige und schöpferische Wurzel hinein. Alles
dieses erfordert geistige Selbsttätigkeit ohne alle fremde
Leitung und einsames Nachdenken, in welchem darum der künftige
Gelehrte von der Stunde an, da sein Beruf entschieden ist, geübt
werden muß, keineswegs bloß, wie beim Ungelehrten, ein Denken
unter dem Auge des stets gegenwärtigen Lehrers; es erfordert
eine Menge Hilfskenntnisse, die dem Ungelehrten für seine
Bestimmung durchaus unbrauchbar sind. Die Arbeit des Gelehrten
und das Tagwerk seines Lebens wird eben jenes einsame Nachdenken
sein; zu dieser Arbeit ist er nun sogleich anzuführen, die
andre mechanische Arbeit ihm dagegen zu erlassen. Indes also
die Erziehung des künftigen Gelehrten zum Menschen überhaupt
mit der allgemeinen Nationalerziehung wie bisher fortginge,
und er dem dahin einschlagenden Unterrichte mit allen übrigen
beiwohnte, würden ihm nur diejenigen Stunden, die für die andern
Arbeitsstunden sind, gleichfalls zu Lehrstunden gemacht werden
müssen in demjenigen, was sein einstiger Beruf eigentümlich
erfordert; und dieses wäre der ganze Unterschied. Die allgemeinen
Kenntnisse des Ackerbaues, andrer mechanischen Künste und der
Handgriffe dabei, die schon dem bloßen Menschen anzumuten sind,
wird er ohne Zweifel schon bei seinem Durchgange durch die erste
Klasse gelernt haben, oder diese Kenntnisse wären, falls dies
nicht der Fall sein sollte, nachzuholen. Daß er, weit weniger
denn irgendein andrer, von den eingeführten körperlichen Uebungen
losgesprochen werden könne, versteht sich von selbst. Die
besondern Lehrgegenstände aber, die in den gelehrten Unterricht
fallen würden, sowie den dabei zu beobachtenden Lehrgang noch
anzugeben, liegt außerhalb des Planes dieser Reden.



Elfte Rede.

Wem die Ausführung dieses Erziehungsplanes anheimfallen werde.


Der Plan der neuen deutschen Nationalerziehung ist für unsern
Zweck hinreichend dargelegt. Die nächste Frage, die sich nun
aufdringt, ist die: wer soll sich an die Spitze der Ausführung
dieses Plans stellen, auf wen ist dabei zu rechnen, und auf wen
haben wir gerechnet?

Wir haben diese Erziehung als die höchste und dermalen sich
einzig aufdringende Angelegenheit der deutschen Vaterlandsliebe
aufgestellt, und wollen an diesem Bande die Verbesserung und
Umschaffung des gesamten Menschengeschlechts zuerst in die Welt
einführen. Jene Vaterlandsliebe aber soll zunächst den deutschen
Staat, allenthalben wo Deutsche regiert werden, begeistern, und
den Vorsitz haben und die treibende Kraft sein bei allen seinen
Beschlüssen. Der Staat also wäre es, auf welchen wir zuerst unsre
erwartenden Blicke zu richten hätten.

Wird dieser unsre Hoffnungen erfüllen? Welches sind die Erwartungen,
die wir, immer wie sich versteht, auf keinen besondern Staat, sondern
auf ganz Deutschland sehend, nach dem bisherigen von ihm fassen
können?

Im neuern Europa ist die Erziehung ausgegangen nicht eigentlich
vom Staate, sondern von derjenigen Gewalt, von der die Staaten
meistens auch die ihrige hatten, von dem himmlisch-geistigen
Reiche der Kirche. Diese betrachtete sich nicht sowohl als ein
Bestandteil des irdischen Gemeinwesens, sondern vielmehr als eine
demselben ganz fremde Pflanzstatt aus dem Himmel, die abgesandt
sei, diesem auswärtigen Staate allenthalben, wo sie Wurzel
fassen konnte, Bürger anzuwerben; ihre Erziehung ging auf nichts
andres, denn daß die Menschen in der andern Welt keineswegs
verdammt, sondern selig würden. Durch die Reformation wurde diese
kirchliche Gewalt, die übrigens fortfuhr sich ebenso anzusehen
wie bisher, mit der weltlichen Macht, mit der sie bisher gar
oft sogar im Widerstreite gelegen hatte, nur vereinigt; dies
war der ganze Unterschied, der in dieser Rücksicht aus jener
Begebenheit erfolgte. Es blieb daher auch die alte Ansicht des
Erziehungswesens. Auch in den neuesten Zeiten, und bis auf diesen
Tag, ist die Bildung der vermögenden Stände betrachtet worden
als eine Privatangelegenheit der Eltern, die sich nach eignem
Gefallen einrichten möchten, und die Kinder dieser wurden in der
Regel nur dazu angeführt, daß sie sich selbst einst nützlich
würden; die einzige öffentliche Erziehung aber, die des Volks,
war lediglich Erziehung zur Seligkeit im Himmel; die Hauptsache
war ein wenig Christentum und Lesen, und falls es zu erschwingen
war, Schreiben, alles um des Christentums willen. Alle andre
Entwicklung der Menschen wurde dem ohngefähren und blind
wirkenden Einflusse der Gesellschaft, in welcher sie aufwuchsen,
und dem wirklichen Leben selbst überlassen. Sogar die Anstalten
zur gelehrten Erziehung waren vorzüglich auf die Bildung von
Geistlichen berechnet; dies war die Hauptfakultät, zu der die
übrigen nur den Anhang bildeten, und meistens auch nur den Abgang
von jener abgetreten erhielten.

Solange diejenigen, die an der Spitze des Regiments standen, über
den eigentlichen Zweck desselben im dunkeln blieben, und selbst
für ihre eigne Person ergriffen waren von jener gewissenhaften
Sorge für ihre und andrer Seligkeit, konnte man auf ihren Eifer
für diese Art der öffentlichen Erziehung und auf ihre ernstlichen
Bemühungen dafür sicher rechnen. Sobald sie aber über den ersten
ins klare kamen und begriffen, daß der Wirkungskreis des Staates
innerhalb der sichtbaren Welt liege, so mußte ihnen einleuchten,
daß jene Sorge für die ewige Seligkeit ihrer Untertanen ihnen
nicht zur Last fallen könne, und daß, wer da selig werden wolle,
selbst sehen möge, wie er es mache. Sie glaubten von nun an genug
zu tun, wenn sie nur die aus gottseligern Zeiten herrührenden
Stiftungen und Anstalten ihrer ersten Bestimmung fernerhin
überließen; so wenig angemessen und ausreichend dieselben auch
für die ganz veränderten Zeiten sein mochten, ihnen mit Ersparung
an ihren anderweitigen Zwecken selbst zuzulegen, hielten sie sich
nicht für verbunden, tätig einzugreifen, und das zweckmäßige
Neue an die Stelle des Veralteten und Unbrauchbaren zu setzen,
nicht für berechtigt, und auf alle Vorschläge dieser Art war die
stets fertige Antwort: hierzu habe der Staat kein Geld. Wurde
ja einmal eine Ausnahme von dieser Regel gemacht, so geschah
es zum Vorteile der höhern Lehranstalten, die einen Glanz
weitumher verbreiten und ihren Beförderern Ruhm bereiten; die
Bildung derjenigen Klasse aber, die der eigentliche Boden des
Menschengeschlechts ist, aus welcher die höhere Bildung sich
immerfort ergänzt, und auf welcher die letztere fortdauernd
zurückwirken muß, die des Volks, blieb unbeachtet und befindet
sich seit der Reformation bis auf diesen Tag im Zustande des
steigenden Verfalles.

Sollen wir nun für die Zukunft und von Stund an für unsre
Angelegenheit vom Staate eine bessere Hoffnung fassen können,
so wäre nötig, daß derselbe den Grundbegriff vom Zwecke der
Erziehung, den er bisher gehabt zu haben scheint, mit einem ganz
andern vertauschte; daß er einsehe, er habe mit seiner bisherigen
Ablehnung der Sorge für die ewige Seligkeit seiner Mitbürger
vollkommen recht, indem es für diese Seligkeit gar keiner
besondern Bildung bedürfe, und eine solche Pflanzschule für den
Himmel, wie die Kirche, deren Gewalt zuletzt ihm übertragen
worden, gar nicht stattfinde, aller tüchtigen Bildung nur im Wege
stehe und des Dienstes entlassen werden müsse; daß es dagegen gar
sehr bedürfe der Bildung für das Leben auf der Erde, und daß aus
der gründlichen Erziehung für dieses sich die für den Himmel,
als eine leichte Zugabe, von selbst ergebe. Der Staat scheint
bisher, je aufgeklärter er zu sein meinte, desto fester geglaubt
zu haben, daß er, auch ohne alle Religion und Sittlichkeit seiner
Bürger, durch die bloße Zwangsanstalt, seinen eigentlichen
Zweck erreichen könne, und daß in Absicht jener diese es halten
möchten, wie sie könnten. Möchte er aus den neuen Erfahrungen
wenigstens dies gelernt haben, daß er das nicht vermag, und daß
er gerade durch den Mangel der Religion und der Sittlichkeit
dahin gekommen ist, wo er sich dermalen befindet.

Möchte man ihn, in Absicht seines Zweifels, ob er auch wohl das
Vermögen habe, den Aufwand einer Nationalerziehung zu bestreiten,
überzeugen können, daß er durch diese einzige Ausgabe seine
meisten übrigen auf die wirtschaftlichste Weise besorgen, und
daß, wenn er diese nur übernimmt, er bald nur diese einzige
Hauptausgabe haben werde. Bis jetzt ist der bei weitem größte
Teil der Einkünfte des Staates auf die Unterhaltung stehender
Heere verwendet worden. Den Erfolg dieser Verwendung haben wir
gesehen, dies reicht hin; denn tiefer in die besondern Gründe
dieses Erfolgs aus der Einrichtung dieser Heere hineinzugehen,
liegt außerhalb unsers Plans. Dagegen würde der Staat, der die
von uns vorgeschlagene Nationalerziehung allgemein einführte, von
dem Augenblicke an, da ein Geschlecht der nachgewachsenen Jugend
durch sie hindurch gegangen wäre, gar keines besondern Heeres
bedürfen, sondern er hätte an ihnen ein Heer, wie es noch keine
Zeit gesehen. Jeder einzelne ist zu jedem möglichen Gebrauche
seiner körperlichen Kraft vollkommen geübt, und begreift sie auf
der Stelle, zur Ertragung jeder Anstrengung und Mühseligkeit
gewöhnt, sein in unmittelbarer Anschauung aufgewachsener Geist
ist immer gegenwärtig und bei sich selbst, in seinem Gemüte lebt
die Liebe des Ganzen, dessen Mitglied er ist, des Staates und des
Vaterlandes, und vernichtet jede andre selbstische Regung. Der
Staat kann sie rufen und sie unter die Waffen stellen, sobald
er will, und kann sicher sein, daß kein Feind sie schlägt. Ein
andrer Teil der Sorgfalt und der Ausgabe in weise regierten
Staaten ging bisher auf die Verbesserung der Staatswirtschaft,
im ausgedehntesten Sinne und in allen ihren Zweigen, und es ist
hierbei durch die Ungelehrigkeit und Unbehilflichkeit der niedern
Stände manche Sorgfalt und mancher Aufwand vergebens gemacht
worden, und die Sache hat allenthalben nur geringen Fortgang
gehabt. Durch unsre Erziehung erhält der Staat arbeitende Stände,
die des Nachdenkens über ihr Geschäft von Jugend auf gewohnt
sind, und die schon sich selbst durch sich selbst zu helfen
vermögen und Neigung haben; vermag nun noch überdies der Staat
ihnen auf eine zweckmäßige Weise unter die Arme zu greifen, so
werden sie ihn auf das halbe Wort verstehen und seine Belehrung
sehr dankbar aufnehmen. Alle Zweige der Haushaltung werden ohne
viele Mühe in kurzer Zeit einen Flor gewinnen, den auch noch
keine Zeit gesehen hat, und dem Staate wird, wenn er ja rechnen
will, und wenn er etwa bis dahin nebenbei auch noch den wahren
Grundwert der Dinge kennen lernen sollte, seine erste Auslage
tausendfältige Zinsen tragen. Bisher hat der Staat für Gerichts-
und Polizeianstalten vieles tun müssen, und doch niemals genug
für sie tun können; Zucht- und Verbesserungshäuser haben ihm
Ausgaben gemacht, die Armenanstalten endlich erforderten,
je mehr auf sie gewendet wurde, einen um so größern Aufwand
und erschienen in der ganzen bisherigen Lage eigentlich als
Anstalten, Arme zu machen. Die erstern werden in einem Staate,
der die neue Erziehung allgemein macht, sehr verringert werden,
die letztern gänzlich wegfallen. Frühe Zucht sichert vor der
spätern sehr mißlichen Zucht und Verbesserung; Arme aber gibt es
unter einem also erzogenen Volke gar nicht.

Möchte der Staat und alle, die denselben beraten, es wagen,
seine eigentliche dermalige Lage ins Auge zu fassen und sie
sich zu gestehen; möchte er lebendig einsehen, daß ihm durchaus
kein andrer Wirkungskreis übriggelassen ist, in welchem er als
ein wirklicher Staat, ursprünglich und selbständig sich bewegen
und etwas beschließen könne, außer diesem, der Erziehung der
kommenden Geschlechter; daß, wenn er nicht überhaupt nichts tun
will, er nur noch dieses tun kann; daß man aber auch dieses
Verdienst ihm ungeschmälert und unbeneidet überlassen werde.
Daß wir es nicht mehr vermögen, tätigen Widerstand zu leisten,
ist, als in die Augen springend und von jedermann zugestanden,
schon früher von uns vorausgesetzt worden. Wie können wir nun
die Fortdauer unsers dadurch erwirkten Daseins gegen den Vorwurf
der Feigheit und einer unwürdigen Liebe zum Leben rechtfertigen?
Auf keine andre Weise, als wenn wir uns entschließen, nicht für
uns selbst zu leben, und dieses durch die Tat dartun; wenn wir
uns zum Samenkorne einer würdigern Nachkommenschaft machen und
lediglich um dieserwillen uns so lange erhalten wollen, bis wir
sie hingestellt haben. Jenes ersten Lebenszwecks verlustig, was
könnten wir denn noch andres tun? Unsre Verfassungen wird man uns
machen, unsre Bündnisse und die Anwendung unsrer Streitkräfte
wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird man uns leihen, selbst
Gericht und Urteilsspruch, und die Ausübung derselben wird man
uns zuweilen abnehmen; mit diesen Sorgen werden wir auf die
nächste Zukunft verschont bleiben. Bloß an die Erziehung hat
man nicht gedacht; suchen wir ein Geschäft, so laßt uns dieses
ergreifen! Es ist zu erwarten, daß man in demselben uns ungestört
lassen werde. Ich hoffe -- vielleicht täusche ich mich selbst
darin, aber da ich nur um dieser Hoffnung willen noch leben mag,
so kann ich es nicht lassen, zu hoffen; -- ich hoffe, daß ich
einige Deutsche überzeugen und sie zur Einsicht bringen werde,
daß es allein die Erziehung sei, die uns retten könne von allen
Uebeln, die uns drücken. Ich rechne besonders darauf, daß die
Not uns zum Aufmerken und zum ernsten Nachdenken geneigter
gemacht habe. Das Ausland hat andern Trost und andre Mittel; es
ist nicht zu erwarten, daß es diesem Gedanken, falls er je an
dasselbe kommen sollte, einige Aufmerksamkeit schenken, oder
einigen Glauben beimessen werde; ich hoffe vielmehr, daß es zu
einer reichen Quelle von Belustigung für die Leser ihrer Journale
gedeihen werde, wenn sie je erfahren, daß sich jemand von der
Erziehung so große Dinge verspreche.

Möge der Staat und diejenigen, die denselben beraten, sich nicht
lässiger machen lassen, in Ergreifung dieser Aufgabe durch die
Betrachtung, daß der gehoffte Erfolg in der Entfernung liege.
Wollte man unter den mannigfaltigen und höchst verwickelten
Gründen, die unser dermaliges Schicksal zur Folge gehabt haben,
das, was allein und eigentümlich den Regierungen zur Last fällt,
absondern, so würde sich finden, daß diese, die vor allen
andern verbunden sind, die Zukunft ins Auge zu fassen und zu
beherrschen, beim Andrange der großen Zeitbegebenheiten auf
sie immer nur gesucht, sich aus der unmittelbar gegenwärtigen
Verlegenheit zu ziehen, so gut sie es vermocht; in Absicht der
Zukunft aber nicht auf ihre Gegenwart, sondern auf irgendeinen
Glückszufall, der den stetigen Faden der Ursachen und Wirkungen
abschneiden sollte, gerechnet haben. Aber dergleichen Hoffnungen
sind betrüglich. Eine treibende Kraft, die man einmal in die Zeit
hinein hat kommen lassen, treibt fort und vollendet ihren Weg,
und nachdem einmal die erste Nachlässigkeit begangen worden, kann
die zu spät kommende Besinnung sie nicht aufhalten. Des ersten
Falles, bloß die Gegenwart zu bedenken, hat fürs nächste unser
Schicksal uns überhoben; die Gegenwart ist nicht mehr unser.
Mögen wir nur nicht den zweiten beibehalten, eine bessere Zukunft
von irgend etwas anderm zu hoffen, denn von uns selber. Zwar
kann keinen unter uns, der zum Leben noch etwas mehr bedarf denn
Nahrung, die Gegenwart über die Pflicht zu leben trösten; die
Hoffnung einer bessern Zukunft allein ist das Element, in dem
wir noch atmen können. Aber nur der Träumer kann diese Hoffnung
auf etwas andres gründen denn auf ein solches, das er selbst für
die Entwicklung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag.
Vergönnen diejenigen, die über uns regieren, daß wir ebensogut
auch von ihnen denken, als wir unter uns voneinander denken, und
als der Bessere sich fühlt; stellen sie sich an die Spitze des
auch uns ganz klaren Geschäfts, damit wir noch vor unsern Augen
dasjenige entstehen sehen, was die dem deutschen Namen vor unsern
Augen zugefügte Schmach einst vor unserm Andenken abwaschen wird!

Uebernimmt der Staat die ihm angetragene Aufgabe, so wird er
diese Erziehung allgemein machen, über die ganze Oberfläche
seines Gebiets, für jeden seiner nachgebornen Bürger ohne alle
Ausnahme; auch ist es allein diese Allgemeinheit, zu der wir des
Staates bedürfen, indem zu einzelnen Anfängen und Versuchen hier
und da auch wohl das Vermögen von wohlgesinnten Privatpersonen
hinreichen würde. Nun ist allerdings nicht zu erwarten, daß die
Eltern allgemein willig sein werden, sich von ihren Kindern zu
trennen, und sie dieser neuen Erziehung, von der es schwer sein
wird ihnen einen Begriff beizubringen, zu überlassen; sondern es
ist nach der bisherigen Erfahrung darauf zu rechnen, daß jeder,
der noch etwa das Vermögen zu haben glaubt, seine Kinder im
Hause zu nähren, gegen die öffentliche Erziehung und besonders
gegen eine so scharf trennende und so lange dauernde öffentliche
Erziehung sich setzen wird. In solchen Fällen ist man nun, bei
zu erwartender Widersetzlichkeit, von den Staatsmännern bisher
gewohnt, daß sie den Vorschlag mit der Antwort abweisen: der
Staat habe nicht das Recht, für diesen Zweck Zwang anzuwenden.
Indem sie nun warten wollen, bis die Menschen im allgemeinen
den guten Willen haben, ohne Erziehung aber es niemals zu
allgemeinem guten Willen kommen kann, so sind sie dadurch gegen
alle Verbesserung geschützt und können hoffen, daß es beim
alten bleiben wird bis an das Ende der Tage. Inwiefern dies nun
etwa solche sind, welche entweder überhaupt die Erziehung für
einen entbehrlichen Luxus halten, in Rücksicht dessen man sich
so spärlich einrichten müsse als möglich, oder die in unserm
Vorschlage nur einen neuen wagenden Versuch mit der Menschheit
erblicken, der da gelingen könne, oder auch nicht, ist ihre
Gewissenhaftigkeit zu loben; solchen, die von der Bewunderung
des bisherigen Zustandes der öffentlichen Bildung, und von
dem Entzücken, zu welcher Vollkommenheit dieselbe unter ihrer
Leitung emporgewachsen sei, eingenommen sind, läßt sich nun
vollends gar nicht anmuten, daß sie auf etwas, das sie nicht
auch schon wissen, eingehen sollten; mit diesen insgesamt ist
für unsern Zweck nichts zu tun, und es wäre zu beklagen, wenn
die Entscheidung über diese Angelegenheit ihnen anheimfallen
sollte. Möchten sich aber Staatsmänner finden und hierbei zu
Rate gezogen werden, welche vor allen Dingen durch ein tiefes
und gründliches Studium der Philosophie und der Wissenschaft
überhaupt sich selbst Erziehung gegeben haben, denen es ein
rechter Ernst ist mit ihrem Geschäft, die einen festen Begriff
vom Menschen und seiner Bestimmung besitzen, die da fähig sind,
die Gegenwart zu verstehen, und zu begreifen, was eigentlich
der Menschheit dermalen unausbleiblich nottut; hätten diese aus
jenen Vorbegriffen etwa selbst eingesehen, daß nur Erziehung vor
der außerdem unaufhaltsam über uns hereinbrechenden Barbarei und
Verwilderung uns retten könne, schwebte ihnen ein Bild vor von
dem neuen Menschengeschlecht, das durch diese Erziehung entstehen
würde, wären sie selbst innig überzeugt von der Unfehlbarkeit und
Untrüglichkeit der vorgeschlagenen Mittel: so ließe von solchen
sich auch erwarten, daß sie zugleich begriffen, der Staat, als
höchster Verweser der menschlichen Angelegenheiten und als der
Gott und seinem Gewissen allein verantwortliche Vormund der
Unmündigen habe das vollkommene Recht, die letzteren zu ihrem
Heile auch zu zwingen. Wo gibt es denn dermalen einen Staat, der
da zweifle, ob er auch wohl das Recht habe, seine Untertanen zu
Kriegsdiensten zu zwingen und den Eltern für diesen Behuf die
Kinder wegzunehmen, ob nun eins von beiden oder beide wollen oder
nicht wollen? Und dennoch ist dieser Zwang, zu Ergreifung einer
dauernden Lebensart wider den eignen Willen, weit bedenklicher
und häufig von den nachteiligsten Folgen für den sittlichen
Zustand und für Gesundheit und Leben der Gezwungenen; da
hingegen derjenige Zwang, von dem wir reden, nach vollendeter
Erziehung die ganze persönliche Freiheit zurückgibt und gar
keine andern, denn die heilbringendsten Folgen haben kann. Wohl
hat man früher auch die Ergreifung der Kriegsdienste dem freien
Willen überlassen; nachdem sich aber gefunden, daß dieser für
den beabsichtigten Zweck nicht ausreichend war, hat man kein
Bedenken getragen ihm durch Zwang nachzuhelfen; darum, weil die
Sache uns wichtig genug war und die Not den Zwang gebot. Möchten
nun auch in dieser Rücksicht uns die Augen aufgehen über unsre
Not, und der Gegenstand uns gleichfalls wichtig werden, so würde
jene Bedenklichkeit von selbst wegfallen; da, zumal es nur in
dem ersten Geschlechte des Zwanges bedürfen und derselbe in den
folgenden, selber durch diese Erziehung hindurch gegangenen,
hinwegfällt, auch jener erste Zwang zum Kriegsdienste dadurch
aufgehoben wird, indem die also Erzogenen alle gleich willig
sind, die Waffen für das Vaterland zu führen. Will man ja, um
anfangs des Geschreies nicht zu viel zu haben, diesen Zwang zur
öffentlichen Nationalerziehung auf dieselbe Weise beschränken,
wie bisher der Zwang zum Kriegsdienste beschränkt gewesen, und
die von dem letztern befreiten Stände auch von jenem ausnehmen,
so ist dies von keinen bedeutenden nachteiligen Folgen. Die
verständigen Eltern unter den ausgenommenen werden freiwillig
ihre Kinder dieser Erziehung übergeben; die gegen das Ganze
unbedeutende Anzahl der Kinder unverständiger Eltern aus diesen
Ständen mag immer auf die bisherige Weise aufwachsen und in
das zu erzeugende bessere Zeitalter hineinreichen, brauchbar
lediglich als ein merkwürdiges Andenken der alten Zeit, und um
die neue zur lebhaften Erkenntnis ihres höheren Glücks anzufeuern.

Soll nun diese Erziehung Nationalerziehung der Deutschen
schlechtweg sein, und soll die große Mehrheit aller, die die
deutsche Sprache reden, keineswegs aber etwa nur die Bürgerschaft
dieses oder jenes besonderen deutschen Staates, dastehen als
ein neues Menschengeschlecht, so müssen alle deutsche Staaten,
jeder für sich und unabhängig von allen andern, diese Aufgabe
ergreifen. Die Sprache, in der diese Angelegenheit zuerst
in Anregung gebracht worden, in der die Hilfsmittel verfaßt
sind und ferner werden verfaßt werden, in der die Lehrer
geübt werden, der durch alles dieses hindurchgehende eine
Gang der Sinnbildlichkeit, ist allen Deutschen gemeinsam. Ich
kann mir kaum denken, wie und mit welchen Umwandlungen diese
Bildungsmittel insgesamt, besonders in derjenigen Ausdehnung,
die wir dem Plane gegeben haben, in irgendeine Sprache des
Auslandes übertragen werden könnten, also, daß es nicht als
fremdes und übersetztes Ding, sondern als einheimisch und aus
dem eignen Leben ihrer Sprache hervorgehend, erschiene. Für alle
Deutsche ist diese Schwierigkeit auf die gleiche Weise gehoben;
für sie ist die Sache fertig, und sie dürfen nur dieselbe
ergreifen.

Wohl uns hierbei, daß es noch verschiedene und voneinander
abgetrennte deutsche Staaten gibt! Was so oft zu unserm Nachteile
gereicht hat, kann bei dieser wichtigen Nationalangelegenheit
vielleicht zu unserm Vorteile dienen. Vielleicht kann Nacheiferung
der mehreren und die Begierde, einander zuvorzukommen, bewirken,
was die ruhige Selbstgenügsamkeit des einzelnen nicht hervorgebracht
hätte; denn es ist klar, daß derjenige unter allen deutschen
Staaten, der in dieser Sache den Anfang machen wird, an Achtung,
an Liebe, an Dankbarkeit des Ganzen für ihn, den Vorrang gewinnen
wird, daß er dastehen wird als der höchste Wohltäter und der
eigentliche Stifter der Nation. Er wird den übrigen Mut machen,
ihnen ein belehrendes Beispiel geben und ihr Muster werden; er wird
Bedenklichkeiten, in denen die andern hängen blieben, beseitigen;
aus seinem Schoße werden die Lehrbücher und die ersten Lehrer
ausgehen und den andern geliehen werden; und wer nach ihm der
zweite sein wird, wird den zweiten Ruhm erwerben. Zum erfreulichen
Zeugnisse, daß unter den Deutschen ein Sinn für das Höhere noch
nie ganz ausgestorben, haben bisher mehrere deutsche Stämme und
Staaten miteinander um den Ruhm größerer Bildung gestritten; diese
haben ausgedehntere Preßfreiheit, freiere Hinwegsetzung über die
hergebrachte Meinung, andre besser eingerichtete Schulen und
Universitäten, andre ehemaligen Ruhm und Verdienste, andre etwas
andres für sich angeführt, und der Streit hat nicht entschieden
werden können. Bei der gegenwärtigen Veranlassung wird er es
werden. Diejenige Bildung allein, die da strebt, und die es wagt,
sich allgemein zu machen und alle Menschen ohne Unterschied zu
erfassen, ist ein wirkliches Bestandteil des Lebens, und ist ihrer
selbst sicher. Jede andre ist eine fremde Zutat, die man bloß zum
Prunk anlegt, und die man nicht einmal mit recht gutem Gewissen an
sich trägt. Es wird sich bei dieser Gelegenheit verraten müssen, wo
etwa die Bildung, deren man sich rühmt, nur bei wenigen Personen
des Mittelstandes stattfindet, die dieselbe in Schriften darlegen,
dergleichen Männer alle deutschen Staaten aufzuweisen haben; und
wo hingegen dieselbe auch zu den höhern Ständen, welche den Staat
beraten, hinaufgestiegen sei. Es wird sich sodann auch zeigen, wie
man den hier und da gezeigten Eifer für die Errichtung und den Flor
höherer Lehranstalten zu beurteilen habe, und ob demselben reine
Liebe zur Menschenbildung, die ja wohl jedweden Zweig und besonders
die allererste Grundlage derselben, mit dem gleichen Eifer
ergreifen würde, oder ob ihm bloß Sucht zu glänzen, und vielleicht
dürftige Finanzspekulationen, zugrunde gelegen haben.

Welcher deutsche Staat in Ausführung dieses Vorschlags der erste
sein wird, der wird den größten Ruhm davon haben, sagte ich. Aber
ferner, es wird dieser deutsche Staat nicht lange allein stehen,
sondern ohne allen Zweifel bald Nachfolger und Nacheiferer
finden. Daß nur der Anfang gemacht werde, ist die Hauptsache.
Wäre es auch nichts andres, so wird Ehrgefühl, Eifersucht, die
Begierde auch zu haben, was ein andrer hat, und, womöglich,
es noch besser zu haben, einen nach dem andern treiben, dem
Beispiele zu folgen. Auch werden sodann die oben von uns
beigebrachten Betrachtungen über den eignen Vorteil des Staates,
die vielleicht dermalen manchem zweifelhaft vorkommen dürften, in
der lebendigen Anschauung bewährt, einleuchtender werden.

Wäre zu erwarten, daß sogleich jetzt und von Stund an alle
deutsche Staaten ernstliche Anstalten machten, jenen Plan
auszuführen, so könnte schon nach fünfundzwanzig Jahren das
bessere Geschlecht, dessen wir bedürfen, dastehen, und wer hoffen
dürfte, noch so lange zu leben, könnte hoffen, es mit seinen
Augen zu sehen.

Sollte aber, wie wir denn freilich auch auf diesen Fall rechnen
müssen, unter allen dermalen bestehenden deutschen Staaten kein
einziger sein, der unter seinen höchsten Beratern einen Mann hätte,
der da fähig wäre, alles das oben Vorausgesetzte einzusehen und
davon ergriffen zu werden, und in welchem die Mehrheit der Berater
diesem einen sich wenigstens nicht widersetzte: so würde freilich
diese Angelegenheit wohlgesinnten Privatpersonen anheimfallen, und
es wäre nun von diesen zu wünschen, daß sie einen Anfang mit der
vorgeschlagenen neuen Erziehung machten. Zuvörderst haben wir hierbei
im Auge große Gutsbesitzer, die auf ihren Landgütern dergleichen
Erziehungsanstalten für die Kinder ihrer Untertanen errichten
könnten. Es gereicht Deutschland zum Ruhme und zur sehr ehrenvollen
Auszeichnung vor den übrigen Nationen des neuern Europa, daß es unter
dem genannten Stande immerfort hier und da mehrere gegeben hat, die
sich's zum ernstlichen Geschäfte machten, für den Unterricht und die
Bildung der Kinder auf ihren Besitzungen zu sorgen, und die gern
das Beste, was sie wußten, dafür tun wollten. Es ist von diesen zu
hoffen, daß sie auch jetzt geneigt sein werden, über das Vollkommene,
das ihnen angetragen wird, sich zu belehren und das Größere und
Durchgreifende ebenso gern zu tun, als sie bisher das Kleinere
und Unvollständige taten. Wohl mag hier und da die Einsicht dazu
beigetragen haben, daß es vorteilhafter für sie selbst sei, gebildete
Untertanen zu haben, denn ungebildete. Wo etwa der Staat durch
Aufhebung des Verhältnisses der Untertänigkeit diesen letzten Antrieb
weggenommen hat -- möge er da desto ernstlicher seine unerläßliche
Pflicht bedenken, nicht zugleich das einzige Gute, das bei
Wohldenkenden an dieses Verhältnis geknüpft wurde, mit aufzuheben,
und möge er in diesem Falle ja nicht versäumen zu tun, was ohnedies
seine Schuldigkeit ist, nachdem er diejenigen, die es freiwillig
statt seiner taten, dessen erledigt hat. Wir richten ferner, in
Absicht der Städte, hierbei unsre Augen auf freiwillige Verbindungen
gut gesinnter Bürger für diesen Zweck. Der Hang zur Wohltätigkeit ist
noch immer, so weit ich habe blicken können, unter keinem Drucke der
Not in deutschen Gemütern erloschen. Durch eine Anzahl von Mängeln
in unsern Einrichtungen, die sich insgesamt unter der Einheit der
vernachlässigten Erziehung würden zusammenfassen lassen, hilft diese
Wohltätigkeit der Not dennoch selten ab, sondern scheint oft sie noch
zu vermehren. Möchte man jenen trefflichen Hang endlich vorzüglich
auf diejenige Wohltat richten, die aller Not und aller fernern
Wohltätigkeit ein Ende macht, auf die Wohltat der Erziehung. -- Noch
aber bedürfen wir, und rechnen wir auf eine Wohltat und Aufopferung
andrer Art, die nicht im Geben, sondern im Tun und Leisten besteht.
Möchten angehende Gelehrte, denen es ihre Lage verstattet, den
Zeitraum, der ihnen zwischen der Universität und ihrer Anstellung
in einem öffentlichen Amte übrigbleibt, dem Geschäfte, über diese
Lehrweise an diesen Anstalten sich zu belehren und an denselben
selbst zu lehren, widmen! Abgerechnet, daß sie sich hierdurch höchst
verdient um das Ganze machen werden, kann man ihnen noch überdies
versichern, daß sie selbst den allerhöchsten Gewinn davontragen
werden. Ihre gesamten Kenntnisse, die sie aus dem gewöhnlichen
Universitätsunterricht oft so erstorben mit hinwegtragen, werden
im Elemente der allgemeinen Anschauung, in welches sie hier
hineinkommen, Klarheit und Lebendigkeit erhalten, sie werden lernen,
dieselben mit Fertigkeit wiederzugeben und zu gebrauchen, sie werden
sich, da im Kinde die ganze Fülle der Menschheit unschuldig und offen
daliegt, einen Schatz von der wahren Menschenkenntnis, die allein
diesen Namen verdient, erwerben, sie werden zu der großen Kunst des
Lebens und Wirkens angeleitet werden, zu welcher in der Regel die
hohe Schule keine Anweisung gibt.

Läßt der Staat die ihm angetragene Aufgabe liegen, so ist es
für die Privatpersonen, welche dieselbe aufnehmen, ein desto
größerer Ruhm. Fern sei es von uns, der Zukunft durch Mutmaßungen
vorzugreifen, oder den Ton des Zweifels und des Mangels an
Vertrauen selber anzuheben; worauf unsre Wünsche zunächst gehen,
haben wir deutlich ausgesprochen; nur dies sei uns erlaubt
anzumerken: daß, wenn es wirklich also kommen sollte, daß der
Staat und die Fürsten die Sache Privatpersonen überließen, dies
dem bisherigen schon oben angemerkten und mit Beispielen belegten
Gange der deutschen Entwicklung und Bildung gemäß sein, und
dieser bis ans Ende sich gleich bleiben würde. Auch in diesem
Falle würde der Staat zu seiner Zeit nachfolgen fürs erste wie
ein einzelner, der den auf seinen Teil fallenden Beitrag eben
auch leisten will, bis er sich etwa später besinnt, daß er kein
Teil, sondern das Ganze sei, und daß das Ganze zu besorgen er so
Pflicht als Recht habe. Von Stund an fallen alle selbständige
Bemühungen der Privatpersonen weg und unterordnen sich dem
allgemeinen Plane des Staates.

Sollte die Angelegenheit diesen Gang nehmen, so wird es mit der
beabsichtigten Verbesserung unsers Geschlechts freilich nur
langsam, und ohne eine sichere und feste Uebersicht und mögliche
Berechnung des Ganzen, vorwärts schreiten. Aber lasse man sich
ja dadurch nicht abhalten, einen Anfang zu machen! Es liegt in
der Natur der Sache selbst, daß sie niemals untergehen könne,
sondern, nur einmal ins Werk gesetzt, durch sich selbst fortlebe,
und immer weiter um sich greifend sich verbreite. Jeder, der
durch diese Bildung hindurchgegangen ist, wird ein Zeuge für sie
und ein eifriger Verbreiter; jeder wird den Lohn der erhaltenen
Lehre dadurch abtragen, daß er selbst wieder Lehrer wird, und so
viele Schüler, die einst auch wieder Lehrer werden, macht, als er
kann; und dies geht notwendig so lange fort, bis das Ganze ohne
alle Ausnahme ergriffen sei.

Im Falle der Staat sich mit der Sache nicht befassen sollte, so
haben Privatunternehmungen zu befürchten, daß alle nur irgend
vermögende Eltern ihre Kinder dieser Erziehung nicht überlassen
werden. Wende man sich sodann in Gottes Namen und mit voller
Zuversicht an die armen Verwaisten, an die im Elende auf den
Straßen Herumliegenden, an alles, was die erwachsene Menschheit
ausgestoßen und weggeworfen hat! So wie bisher, besonders in
denjenigen deutschen Staaten, in denen die Frömmigkeit der
Vorfahren die öffentlichen Erziehungsanstalten sehr vermehrt und
reichlich ausgestattet hatte, eine Menge von Eltern den Ihrigen
den Unterricht angedeihen ließen, weil sie dabei zugleich, wie
bei keinem andern Gewerbe, den Unterhalt fanden: so laßt es uns
notgedrungen umkehren und Brot geben denen, denen kein andrer
es gibt, damit sie mit dem Brote zugleich auch Geistesbildung
annehmen. Befürchten wir nicht, daß die Armseligkeit und die
Verwilderung ihres vorigen Zustandes unsrer Absicht hinderlich
sein werde! Reißen wir sie nur plötzlich und gänzlich heraus aus
demselben und bringen sie in eine durchaus neue Welt; lassen wir
nichts an ihnen, das sie an das Alte erinnern könnte, so werden
sie ihrer selbst vergessen und dastehen als neue soeben erst
erschaffene Wesen. Daß in diese frische und reine Tafel nur das
Gute eingegraben werde, dafür muß unser Unterrichtsgang bürgen
und unsre Hausordnung. Es wird ein für alle Nachwelt warnendes
Zeugnis sein über unsre Zeit, wenn gerade diejenigen, die sie
ausgestoßen hat, durch diese Ausstoßung allein das Vorrecht
erhalten, ein besseres Geschlecht anzuheben; wenn diese den
Kindern derer, die mit ihnen nicht zusammen sein mochten, die
beseligende Bildung bringen, und wenn sie die Stammväter werden
unsrer künftigen Helden, Weisen, Gesetzgeber, Heilande der
Menschheit.

Für die erste Errichtung bedarf es zuvörderst tauglicher Lehrer
und Erzieher. Dergleichen hat die Pestalozzische Schule gebildet
und ist stets erbötig, mehrere zu bilden. Ein Hauptaugenmerk wird
anfangs sein, daß jede Anstalt der Art sich zugleich betrachte
als eine Pflanzschule für Lehrer, und daß außer den schon
fertigen Lehrern um diese herum sich eine Menge junger Männer
versammle, die das Lehren lernen und ausüben zu gleicher Zeit,
und in der Ausübung es immer besser lernen. Dies wird auch, falls
diese Anstalten anfangs mit der Dürftigkeit zu ringen haben
sollten, die Erhaltung der Lehrer sehr erleichtern. Die meisten
sind doch in der Absicht gegenwärtig, um selbst zu lernen; dafür
mögen sie denn auch ohne anderweitige Entschädigung das Gelernte
eine Zeitlang zum Vorteil der Anstalt, wo sie es lernten,
anwenden.

Ferner bedarf eine solche Anstalt Dach und Fach, die erste
Ausstattung und ein hinlängliches Stück Land. Daß im weitern
Fortgange dieser Einrichtungen, wenn die verhältnismäßige Menge
von schon herangewachsener Jugend in den Jahren, wo sie nach
der bisherigen Einrichtung als Dienstboten nicht bloß ihren
Unterhalt, sondern zugleich auch ein Jahrlohn erwerben, sich
in diesen Anstalten befinden wird, diese die schwächere Jugend
übertragen, und bei der ohnedies notwendigen Arbeitsamkeit und
weisen Wirtschaft, diese Anstalten sich größtenteils selbst
werden erhalten können, scheint einzuleuchten. Fürs erste,
solange die erstgenannte Art der Zöglinge noch nicht vorhanden
ist, dürften dieselben größerer Zuschüsse bedürfen. Es ist zu
hoffen, daß man sich zu Beiträgen, deren Ende man absieht,
williger finden werde. Sparsamkeit, die dem Zwecke Eintrag tut,
bleibe fern von uns; und ehe wir diese uns erlauben, ist es weit
besser, daß wir gar nichts tun.

Und so halte ich denn dafür, daß, bloß guten Willen vorausgesetzt,
bei der Ausführung dieses Plans keine Schwierigkeit ist, die nicht
durch die Vereinigung mehrerer und durch die Richtung aller ihrer
Kräfte auf diesen einigen Zweck leichtlich sollte überwunden werden
können.



Zwölfte Rede.

Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung unsers Hauptzwecks
aufrecht zu erhalten.


Diejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer künftigen
Nationalerziehung vorschlagen, ist nun sattsam beschrieben. Wird
das Geschlecht, das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal
dastehen, dieses lediglich durch seinen Geschmack am Rechten und
Guten, und schlechthin durch nichts andres getriebene, dieses mit
einem Verstande, der für seinen Standpunkt ausreichend das Rechte
allemal sicher erkennt, versehene, dieses mit jeder geistigen
und körperlichen Kraft, das Gewollte allemal durchzusetzen,
ausgerüstete Geschlecht: so wird alles, was wir mit unsern
kühnsten Wünschen begehren können, aus dem Dasein desselben von
selbst sich ergeben, und aus ihm natürlich hervorwachsen. Diese
Zeit bedarf unsrer Vorschriften so wenig, daß wir vielmehr von
derselben zu lernen haben würden.

Da inzwischen dieses Geschlecht noch nicht gegenwärtig ist,
sondern erst heraufgezogen werden soll, und, wenn auch alles
über unser Erwarten trefflich gehen sollte, wir dennoch eines
beträchtlichen Zwischenraums bedürfen werden, um in jene Zeit
hinüber zu kommen, so entsteht die näherliegende Frage: Wie
sollen wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurch
bringen? Wie sollen wir, da wir nichts Besseres können, uns
erhalten, wenigstens als den Boden, auf dem die Verbesserung
vorgehen, und als den Ausgangspunkt, an welchen dieselbe sich
anknüpfen könne? Wie sollten wir verhindern, daß, wenn einst das
also gebildete Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter
uns träte, es nicht an uns eine Wirklichkeit vor sich finde,
die nicht die mindeste Verwandtschaft habe zu der Ordnung der
Dinge, welche es als das Rechte begriffen, und in welcher niemand
dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsch und Bedürfnis einer
solchen Ordnung der Dinge hege, sondern das Vorhandene als das
ganz Natürliche und das einzig Mögliche ansehe? Würden nicht
diese eine andre Welt im Busen Tragenden gar bald irrewerden,
und würde so nicht die neue Bildung ebenso unnütz für die
Verbesserung des wirklichen Lebens verhallen, wie die bisherige
Bildung verhallt ist?

Geht die Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit,
Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit so ferner hin, so ist gerade
dieses, als das notwendig sich Ergebende, zu erwarten. Wer sich ohne
Aufmerksamkeit auf sich selbst gehen läßt, und von den Umständen sich
gestalten, wie sie wollen, der gewöhnt sich bald an jede mögliche
Ordnung der Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas beleidigt
werden mochte, als er es das erstemal erblickte, laßt es nur täglich
auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewöhnt er sich daran und findet
es späterhin natürlich und als ebenso sein müssend, gewinnt es
zuletzt gar lieb, und es würde ihm mit der Herstellung des erstern
bessern Zustandes wenig gedient sein, weil dieser ihn aus seiner nun
einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse. Auf diese Weise gewöhnt
man sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsre sinnliche Fortdauer
dabei ungekränkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb; und dies
ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle
wahre Ehre abstumpft und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat für
den Trägen, indem sie ihn mancher Sorge und manches Selbstdenkens
überhebt.

Laßt uns auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der Süßigkeit
des Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen die
Hoffnung künftiger Befreiung. Wird unser äußeres Wirken in
hemmende Fesseln geschlagen, laßt uns desto kühner unsern Geist
erheben zum Gedanken der Freiheit, zum Leben in diesem Gedanken,
zum Wünschen und Begehren nur dieses einigen. Laßt die Freiheit
auf einige Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt; geben
wir ihr eine Zuflucht im innersten unsrer Gedanken, so lange,
bis um uns herum die neue Welt emporwachse, die da Kraft habe,
diese Gedanken auch äußerlich darzustellen. Machen wir uns mit
demjenigen, was ohne Zweifel unserm Ermessen frei bleiben muß,
mit unserm Gemüte zum Vorbilde, zur Weissagung, zum Bürgen
desjenigen, was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur
nicht mit unserm Körper zugleich auch unsern Geist niedergebeugt
und unterworfen und in die Gefangenschaft gebracht werden!

Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die
einzige, alles in sich fassende Antwort diese: wir müssen eben
zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche.
Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben
vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, und einen festen
und gewissen Geist; wir müssen ernst werden in allen Dingen,
und nicht fortfahren bloß leichtsinnigerweise und nur zum
Scherze dazusein; wir müssen uns haltbare und unerschütterliche
Grundsätze bilden, die allem unserm übrigen Denken und unserm
Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken muß
bei uns aus einem Stücke sein, und ein sich durchdringendes
und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der
Wahrheit gemäß werden, und die fremden Kunststücke von uns
werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter
anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein, ist ohne
Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache
keinen besondern Namen, weil sie eben ohne alles unser Wissen und
Besinnung aus unserm Sein unmittelbar hervorgehen soll.

Wir müssen zuvörderst über die großen Ereignisse unsrer Tage,
ihre Beziehung auf uns, und das, was wir von ihnen zu erwarten
haben, mit eigner Bewegung unsrer Gedanken nachdenken, und uns
eine klare und feste Ansicht von allen diesen Gegenständen,
und ein entschiedenes und unwandelbares Ja oder Nein über die
hierher fallenden Fragen verschaffen; jeder, der den mindesten
Anspruch auf Bildung macht, soll das. Das tierische Leben des
Menschen läuft in allen Zeitaltern ab nach denselben Gesetzen,
und hierin ist alle Zeit sich gleich. Verschiedene Zeiten sind
da nur für den Verstand, und nur derjenige, der sie mit dem
Begriffe durchdringt, lebt sie mit, und ist da zu dieser seiner
Zeit; ein andres Leben ist nur ein Tier- und Pflanzenleben.
Alles, was da geschieht, unvernommen an sich vorübergehen zu
lassen, gegen dessen Andrang wohl gar geflissentlich Auge und
Ohr zu verstopfen, sich dieser Gedankenlosigkeit wohl gar noch
als großer Weisheit zu rühmen, mag anständig sein einem Felsen,
an den die Meereswellen schlagen, ohne daß er es fühlt, oder
einem Baumstamme, den Stürme hin und her reißen, ohne daß er es
bemerkt, keineswegs aber einem denkenden Wesen. -- Selbst das
Schweben in höhern Kreisen des Denkens spricht nicht los von
dieser allgemeinen Verbindlichkeit, seine Zeit zu verstehen.
Alles Höhere muß eingreifen wollen auf seine Weise in die
unmittelbare Gegenwart, und wer wahrhaftig in jenem lebt, lebt
zugleich auch in der letztern; lebte er nicht auch in dieser, so
wäre dies der Beweis, daß er auch in jenem nicht lebte, sondern
in ihm nur träumte. Jene Achtlosigkeit auf das, was unter unsern
Augen vorgeht, und die künstliche Ableitung der allenfalls
entstandenen Aufmerksamkeit auf andre Gegenstände, wäre das
Erwünschteste, was einem Feinde unsrer Selbständigkeit begegnen
könnte. Ist er sicher, daß wir uns bei keinem Dinge etwas denken,
so kann er eben, wie mit leblosen Werkzeugen, alles mit uns
vornehmen, was er will; die Gedankenlosigkeit eben ist es, die
sich an alles gewöhnt: wo aber der klare und umfassende Gedanke,
und in diesem das Bild dessen, was da sein sollte, immerfort
wachsam bleibt, da kommt es zu keiner Gewöhnung.

Diese Reden haben zunächst Sie eingeladen, und sie werden
einladen die ganze deutsche Nation, inwieweit es dermalen möglich
ist, dieselbe durch den Bücherdruck um sich zu versammeln, bei
sich selbst eine feste Entscheidung zu fassen, und innerlich
mit sich einig zu werden über folgende Fragen: 1. ob es wahr
sei, oder nicht wahr, daß es eine deutsche Nation gebe, und daß
deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbständigen Wesen
dermalen in Gefahr sei? 2. Ob es der Mühe wert sei, oder nicht
wert sei, dieselbe zu erhalten? 3. Ob es irgendein sicheres und
durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und welches dieses
Mittel sei?

Vorher war die hergebrachte Sitte unter uns diese, daß, wenn
irgendein ernsthaftes Wort, mündlich oder im Drucke, sich vernehmen
ließ, das tägliche Geschwätz sich desselben bemächtigte, und es in
einen spaßhaften Unterhaltungsstoff seiner drückenden Langeweile
verwandelte. Zunächst um mich herum habe ich dermalen, nicht so
wie ehemals, bemerkt, daß man von meinen gegenwärtigen Vorträgen
denselben Gebrauch gemacht hätte; von dem zeitigen Tone aber der
geselligen Zusammenkünfte auf dem Boden des Bücherdrucks, ich meine
die Literaturzeitungen und andres Journalwesen, habe ich keine
Kunde genommen, und weiß nicht, ob von diesem sich Scherz oder
Ernst erwarten lassen. Wie dies sich verhalten möge, meine Absicht
wenigstens ist es nicht gewesen, zu scherzen, und den bekannten Witz,
den unser Zeitalter besitzt, wieder in den Gang zu bringen.

Tiefer unter uns eingewurzelt, fast zur andern Natur geworden,
und das Gegenteil, beinahe unerhört, war unter den Deutschen
die Sitte, daß man alles, was auf die Bahn gebracht wurde,
betrachtete als eine Aufforderung an jeden, der einen Mund hätte,
nur geschwind und auf der Stelle sein Wort auch dazu zu geben
und uns zu berichten, ob er auch derselben Meinung sei, oder
nicht; nach welcher Abstimmung denn die ganze Sache vorbei sei,
und das öffentliche Gespräch zu einem neuen Gegenstande eilen
müsse. Auf diese Weise hatte sich aller literarischer Verkehr
unter den Deutschen verwandelt, so wie die Echo der alten Fabel,
in einen bloßen reinen Laut, ohne allen Leib und körperlichen
Gehalt. Wie in den bekannten schlechten Gesellschaften des
persönlichen Verkehrs, so kam es auch in dieser nur darauf an,
daß die Menschenstimme forthalle, und daß jeder ohne Stocken sie
aufnehme, und sie dem Nachbar zuwerfe, keineswegs aber darauf,
was da ertönte. Was ist Charakterlosigkeit und Undeutschheit,
wenn es das nicht ist? Auch dies ist nicht meine Absicht gewesen,
dieser Sitte zu huldigen, und nur das öffentliche Gespräch rege
zu erhalten. Ich habe, eben auch, indem ich etwas andres wollte,
meinen persönlichen Anteil zu dieser öffentlichen Unterhaltung
schon vorlängst hinlänglich abgetragen, und man könnte mich
endlich davon lossprechen. Ich will nicht gerade auf der Stelle
wissen, wie dieser oder jener über die in Anregung gebrachten
Fragen denke, d. h. wie er bisher darüber gedacht, oder auch
nicht gedacht habe. Er soll es bei sich selbst überlegen und
durchdenken, so lange bis sein Urteil fertig ist und vollkommen
klar, und soll sich die nötige Zeit dazu nehmen; und gehen
ihm etwa die gehörigen Vorkenntnisse und der ganze Grad der
Bildung, der zu einem Urteile in diesen Angelegenheiten erfordert
wird, noch ab, so soll er sich auch dazu die Zeit nehmen, sich
dieselben zu erwerben. Hat nun einer auf diese Weise sein Urteil
fertig und klar, so wird nicht gerade verlangt, daß er es
auch öffentlich abgebe; sollte dasselbe mit dem hier Gesagten
übereinstimmen, so ist dieses eben schon gesagt, und es bedarf
nicht eines zweiten Sagens, nur wer etwas andres und besseres
sagen kann, ist aufgefordert zu reden; dagegen aber soll es jeder
in jedem Falle nach seiner Weise und Lage wirklich leben und
treiben.

Am allerwenigsten endlich ist es meine Absicht gewesen, an
diesen Reden unsern deutschen Meistern in Lehre und Schrift eine
Schreibeübung vorzulegen, damit sie dieselbe verbessern, und ich
bei dieser Gelegenheit erfahre, was sich etwa von mir hoffen
läßt. Auch in dieser Rücksicht ist guter Lehre und Rates schon
sattsam an mich gewendet worden, und es müßte sich schon jetzt
gezeigt haben, wenn Besserung zu erwarten wäre.

Nein, das war zunächst meine Absicht, aus dem Schwarme von
Fragen und Untersuchungen und aus dem Heere widersprechender
Meinungen über dieselben, in welchem die Gebildeten unter
uns bisher herumgeworfen worden sind, so viele derselben ich
könnte auf einen Punkt zu führen, bei welchem sie sich selbst
standhielten, und zwar auf denjenigen, der uns am allernächsten
liegt, den unsrer eignen gemeinschaftlichen Angelegenheiten; in
diesem einigen Punkte sie zu einer festen Meinung, bei der es nun
unverrückt bleibe, und zu einer Klarheit, in der sie wirklich
sich zurecht finden, zu bringen; so viel andres auch zwischen
ihnen streitig sein möge, wenigstens über dieses eine sie zur
Einmütigkeit des Sinnes zu verbinden; auf diese Weise endlich
einen festen Grundzug des Deutschen hervorzubringen, den, daß er
es gewürdigt habe, sich über die Angelegenheit der Deutschen eine
Meinung zu bilden; dagegen derjenige, der über diesen Gegenstand
nichts hören und nichts denken möchte, von nun an mit Recht
angesehen werden könnte als nicht zu uns gehörend.

Die Erzeugung einer solchen festen Meinung, und die Vereinigung und
das gegenseitige Sichverstehen mehrerer über diesen Gegenstand, wird,
so wie es unmittelbar die Rettung ist unsers Charakters aus der
unsrer unwürdigen Zerflossenheit, zugleich auch ein kräftiges Mittel
werden, unsern Hauptzweck, die Einführung der neuen Nationalerziehung
zu erreichen. Besonders darum, weil wir selber, sowohl jeder mit
sich, als alle untereinander, niemals einig waren, heute dieses und
morgen etwas andres wollten, und jeder anders hineinschrie in das
dumpfe Geräusch, sind auch unsre Regierungen, die allerdings, und oft
mehr als ratsam war, auf uns hörten, irregemacht worden, und haben
hin und her geschwankt, ebenso wie unsre Meinung. Soll endlich einmal
ein fester und gewisser Gang in die gemeinsamen Angelegenheiten
kommen: was verhindert, daß wir zunächst bei uns selbst anfangen,
und das Beispiel der Entschiedenheit und Festigkeit geben? Lasse
sich nur einmal eine übereinstimmende und sich gleichbleibende
Meinung hören, lasse ein entschiedenes und als allgemein sich
ankündigendes Bedürfnis sich vernehmen, das der Nationalerziehung,
wie wir voraussetzen; ich halte dafür, unsre Regierungen werden uns
hören, sie werden uns helfen, wenn wir die Neigung zeigen, uns helfen
zu lassen. Wenigstens würden wir im entgegengesetzten Falle sodann
erst das Recht haben, uns über sie zu beklagen; dermalen, da unsre
Regierungen ungefähr also sind, wie wir sie wollen, steht uns das
Klagen übel an.

Ob es ein sicheres und durchgreifendes Mittel gebe zur Erhaltung
der deutschen Nation, und welches dieses Mittel sei, ist die
bedeutendste unter den Fragen, die ich dieser Nation zur
Entscheidung vorgelegt habe. Ich habe diese Frage beantwortet,
und die Gründe meiner Art der Beantwortung dargelegt, keineswegs
um das Endurteil vorzuschreiben, was zu nichts helfen könnte,
indem jeder, der in dieser Sache Hand anlegen soll, in seinem
eignen Innern durch eigne Tätigkeit sich überzeugt haben muß,
sondern nur, um zum eignen Nachdenken und Urteilen anzuregen.
Ich muß von nun an jeden sich selbst überlassen. Nur warnen kann
ich noch, daß man durch seichte und oberflächliche Gedanken, die
auch über diesen Gegenstand sich im Umlaufe befinden, sich nicht
täuschen, vom tiefern Nachdenken sich nicht abhalten und durch
nichtige Vertröstungen sich nicht abfinden lasse.

Wir haben zum Beispiel schon lange vor den letzten Ereignissen,
gleichsam auf den Vorrat, hören müssen, und es ist uns seitdem häufig
wiederholt worden, daß, wenn auch unsre politische Selbständigkeit
verloren sei, wir dennoch unsre Sprache behielten, und unsre
Literatur, und in diesen immer eine Nation blieben, und damit über
alles andre uns leichtlich trösten könnten.

Worauf gründet sich denn zuvörderst die Hoffnung, daß wir auch
ohne politische Selbständigkeit dennoch unsre Sprache behalten
werden? Jene, die also sagen, schreiben doch wohl nicht ihrem
Zureden und ihren Ermahnungen auf Kind und Kindeskind hinaus und
auf alle künftigen Jahrhunderte, diese wunderwirkende Kraft zu?
Was von den jetztlebenden und gemachten Männern sich gewöhnt
hat, in deutscher Sprache zu reden, zu schreiben, zu lesen, wird
ohne Zweifel also fortfahren; aber was wird das nächstkünftige
Geschlecht tun, und was erst das dritte? Welches Gegengewicht
gedenken wir denn in diese Geschlechter hineinzulegen, das ihrer
Begierde, demjenigen, bei welchem aller Glanz ist, und das
alle Begünstigungen austeilt, auch durch Sprache und Schrift
zu gefallen, die Wage halte? Haben wir denn niemals von einer
Sprache gehört, welche die erste der Welt ist, unerachtet bekannt
wird, daß die ersten Werke in derselben noch zu schreiben
sind, und sehen wir nicht schon jetzt unter unsern Augen, daß
Schriften, durch deren Inhalt man zu gefallen hofft, in ihr
erscheinen? Man beruft sich auf das Beispiel zweier andern
Sprachen, eine der alten, eine der neuen Welt, welche, unerachtet
des politischen Unterganges der Völker, die sie redeten, dennoch
als lebendige Sprachen fortgedauert. Ich will in die Weise dieser
Fortdauer nicht einmal hineingehen; so viel aber ist auf den
ersten Blick klar, daß beide Sprachen etwas in sich hatten, das
die unsrige nicht hat, wodurch sie vor den Ueberwindern Gnade
fanden, welche die unsrige niemals finden kann. Hätten diese
Vertröster besser um sich geschaut, so würden sie ein andres,
unsres Erachtens hier durchaus passendes Beispiel gefunden
haben, das der wendischen Sprache. Auch diese dauert seit der
Reihe von Jahrhunderten, daß das Volk derselben seine Freiheit
verloren hat, noch immer fort, in den ärmlichen Hütten des an
die Scholle gebundenen Leibeigenen nämlich, damit er in ihr,
unverstanden von seinem Bedrücker, sein Schicksal beklagen könne.

Oder setze man den Fall, daß unsre Sprache lebendig und eine
Schriftstellersprache bleibe, und so ihre Literatur behalte;
was kann denn das für eine Literatur sein, die Literatur eines
Volkes ohne politische Selbständigkeit? Was will denn der
vernünftige Schriftsteller, und was kann er wollen? Nichts
andres, denn eingreifen in das allgemeine und öffentliche Leben,
und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und
wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut zum
Kitzel müßiger Ohren. Er will ursprünglich und aus der Wurzel
des geistigen Lebens heraus denken für diejenigen, die ebenso
ursprünglich wirken, d. i. regieren. Er kann deswegen nur in
einer solchen Sprache schreiben, in der auch die Regierenden
denken, in einer Sprache, in der regiert wird, in der eines
Volkes, das einen selbständigen Staat ausmacht. Was wollen
denn zuletzt alle unsre Bemühungen selbst um die abgezogensten
Wissenschaften? Lasset sein, der nächste Zweck dieser Bemühungen
sei der, die Wissenschaft fortzupflanzen von Geschlecht zu
Geschlecht, und in der Welt zu erhalten; warum soll sie denn auch
erhalten werden? Offenbar nur, um zu rechter Zeit das allgemeine
Leben und die ganze menschliche Ordnung der Dinge zu gestalten.
Dies ist ihr letzter Zweck; mittelbar dient sonach, sei es auch
erst in einer spätern Zukunft, jede wissenschaftliche Bestrebung
dem Staate. Gibt sie diesen Zweck auf, so ist auch ihre Würde und
ihre Selbständigkeit verloren. Wer aber diesen Zweck hat, der muß
schreiben in der Sprache des herrschenden Volkes.

Wie es ohne Zweifel wahr ist, daß allenthalben, wo eine besondere
Sprache angetroffen wird, auch eine besondere Nation vorhanden
ist, die das Recht hat, selbständig ihre Angelegenheiten zu
besorgen und sich selber zu regieren; so kann man umgekehrt
sagen, daß, wie ein Volk aufgehört hat, sich selbst zu regieren,
es eben auch schuldig sei, seine Sprache aufzugeben und mit den
Ueberwindern zusammenzufließen, damit Einheit, innerer Friede
und die gänzliche Vergessenheit der Verhältnisse, die nicht mehr
sind, entstehe. Ein nur halbverständiger Anführer einer solchen
Mischung muß hierauf dringen, und wir können uns sicher darauf
verlassen, daß in unserm Falle darauf gedrungen werden wird.
Bis diese Verschmelzung erfolgt sei, wird es Uebersetzungen der
verstatteten Schulbücher in die Sprache der Barbaren geben, d. i.
derjenigen, die zu ungeschickt sind, die Sprache des herrschenden
Volkes zu lernen, und die eben dadurch von allem Einflusse auf
die öffentlichen Angelegenheiten sich ausschließen und sich
zur lebenslänglichen Unterwürfigkeit verdammen; auch wird es
diesen, die zur Stummheit über die wirklichen Begebenheiten
sich selbst verurteilt haben, verstattet werden, an erdichteten
Welthändeln ihre Redefertigkeit zu üben, oder ehemalige und alte
Formen sich selber nachzuahmen, wo man für das erste an der zum
Beispiel angeführten alten, für das letztere an der neuen Sprache
die Belege aufsuchen mag. Eine solche Literatur möchten wir
vielleicht noch auf einige Zeit behalten, und mit derselben mag
sich trösten der, der keinen bessern Trost hat; daß aber auch
solche, die wohl fähig wären, sich zu ermannen, die Wahrheit
zu sehen und aufgeschreckt zu werden durch ihren Anblick zu
Entschluß und Tat, durch solchen nichtigen Trost, mit welchem
einem Feinde unsrer Selbständigkeit recht eigentlich gedient sein
würde, in dem trägen Schlummer erhalten werden: dieses möchte ich
verhindern, wenn ich es könnte.

Man verheißt uns also die Fortdauer einer deutschen Literatur
auf die künftigen Geschlechter. Um die Hoffnungen, die wir
hierüber fassen können, näher zu beurteilen, würde es sehr
zuträglich sein, sich umzusehen, ob wir denn auch nur bis auf
diesen Augenblick eine deutsche Literatur im wahren Sinne des
Wortes noch haben. Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt
des Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammeln und mit
ihr über ihre wichtigsten Angelegenheiten zu beratschlagen; ganz
besonders aber ist dies von jeher das ausschließende Amt des
Schriftstellers gewesen in Deutschland, indem dieses in mehrere
abgesonderte Staaten zertrennt war, und als gemeinsames Ganzes
fast nur durch das Werkzeug des Schriftstellers, durch Sprache
und Schrift, zusammengehalten wurde; am eigentlichsten und
dringendsten wird es sein Amt in dieser Zeit, nachdem das letzte
äußere Band, das die Deutschen vereinigte, die Reichsverfassung,
auch zerrissen ist. Sollte es sich nun etwa zeigen -- wir
sprechen hieran nicht etwa aus, was wir wüßten oder befürchteten,
sondern nur einen möglichen Fall, auf den wir jedoch ebenfalls im
voraus Bedacht nehmen müssen -- sollte es sich, sage ich, etwa
zeigen, daß schon jetzt Diener besonderer Staaten von Angst,
Furcht und Schrecken so eingenommen wären, daß sie solchen, eine
Nation eben noch als daseiend voraussetzenden, und an dieselbe
sich wendenden Stimmen, zuerst das Lautwerden, oder durch Verbote
die Verbreitung versagten: so wäre dies ein Beweis, daß wir
schon jetzt keine deutsche Schriftstellerei mehr hätten, und wir
wüßten, wie wir mit den Aussichten auf eine künftige Literatur
daran wären.

Was könnte es doch sein, das diese fürchteten? Etwa, daß dieser
und jener dergleichen Stimmen nicht gern hören werde? Sie würden
für ihre zarte Besorgtheit wenigstens die Zeit übel gewählt
haben. Schmähungen und Herabwürdigungen des Vaterländischen,
abgeschmackte Lobpreisungen des Ausländischen können sie ja doch
nicht verhindern; seien sie doch nicht so strenge gegen ein
dazwischen tönendes vaterländisches Wort! Es ist wohl möglich,
daß nicht alle alles gleich gern hören; aber dafür können wir
zurzeit nicht sorgen, uns treibt die Not, und wir müssen eben
sagen, was diese zu sagen gebietet. Wir ringen ums Leben; wollen
sie, daß wir unsre Schritte abmessen, damit nicht etwa durch den
erregten Staub irgendein Staatskleid bestäubt werde? Wir gehen
unter in den Fluten; sollen wir nicht um Hilfe rufen, damit nicht
irgendein schwachnerviger Nachbar erschreckt werde?

Wer sind denn diejenigen, die es nicht gern hören könnten, und
unter welcher Bedingung könnten sie es denn nicht gern hören?
Allenthalben ist es nur die Unklarheit und die Finsternis,
die da schreckt. Jedes Schreckbild verschwindet, wenn man es
fest ins Auge faßt. Lasset uns mit derselben Unbefangenheit
und Unumwundenheit, mit der wir bisher jeden in diese Vorträge
fallenden Gegenstand zerlegt haben, auch diesem Schrecknisse
unter die Augen treten.

Man nimmt an, entweder, daß das Wesen, dem dermalen die Leitung
eines großen Teils der Weltangelegenheiten anheimgefallen ist,
ein wahrhaft großes Gemüt sei, oder man nimmt das Gegenteil
an, und ein drittes ist nicht möglich. Im ersten Falle: worauf
beruht denn alle menschliche Größe, außer auf der Selbständigkeit
und Ursprünglichkeit der Person, und daß sie nicht sei ein
erkünsteltes Gemächte ihres Zeitalters, sondern ein Gewächs aus
der ewigen und ursprünglichen Geisterwelt, ganz so wie es ist
hervorgewachsen, daß ihr eine neue und eigentümliche Ansicht
des Weltganzen aufgegangen sei, und daß sie festen Willen
habe und eiserne Kraft, diese ihre Ansicht einzuführen in die
Wirklichkeit? Aber es ist schlechthin unmöglich, daß ein solches
Gemüt nicht auch außer sich, an Völkern und einzelnen, ehre, was
in seinem Innern seine eigne Größe ausmacht, die Selbständigkeit,
die Festigkeit, die Eigentümlichkeit des Daseins. So gewiß es
sich in seiner Größe fühlt und derselben vertraut, verschmäht es
über armseligen Knechtssinn zu herrschen und groß zu sein unter
Zwergen; es verschmäht den Gedanken, daß es die Menschen erst
herabwürdigen müsse, um über sie zu gebieten; es ist gedrückt
durch den Anblick des dasselbe umgebenden Verderbens, es tut
ihm weh, die Menschen nicht achten zu können; alles aber, was
sein verbrüdertes Geschlecht erhebt, veredelt, in ein würdigeres
Licht setzt, tut wohl seinem selbst edlen Geiste, und ist sein
höchster Genuß. Ein solches Gemüt sollte ungern vernehmen,
daß die Erschütterungen, die die Zeiten herbeigeführt haben,
benutzt werden, um eine alte ehrwürdige Nation, den Stamm der
mehrsten Völker des neuen Europa, und die Bildnerin aller, aus
dem tiefen Schlummer aufzuregen und dieselbe zu bewegen, daß sie
ein sicheres Verwahrungsmittel ergreifen, um sich zu erheben
aus dem Verderben, welches dieselbe zugleich sichert, nie
wieder herabzusinken, und mit sich selbst zugleich alle übrigen
Völker zu erheben? Es wird hier nicht angeregt zu ruhestörenden
Auftritten; es wird vielmehr vor diesen, als sicher zum Verderben
führend, gewarnt, es wird eine feste unwandelbare Grundlage
angegeben, worauf endlich in einem Volke der Welt die höchste,
reinste und noch niemals also unter den Menschen gewesene
Sittlichkeit aufgebaut, für alle folgende Zeiten gesichert, und
von da aus über andre Völker verbreitet werde; es wird eine
Umschaffung des Menschengeschlechts angegeben aus irdischen und
sinnlichen Geschöpfen, zu reinen und edlen Geistern. Durch einen
solchen Vorschlag, meint man, könne ein Geist, der selbst rein
ist und edel und groß, oder irgend jemand, der nach ihm sich
bildet, beleidigt werden?

Was würden dagegen diejenigen, welche diese Furcht hegten und
dieselbe durch ihr Handeln zugeständen, annehmen, und laut vor
aller Welt bekennen, daß sie es annehmen? Sie würden bekennen,
daß sie glaubten, daß ein menschenfeindliches und ein sehr
kleines und niedriges Prinzip über uns herrsche, dem jede Regung
selbständiger Kraft bange mache, der von Sittlichkeit, Religion,
Veredlung der Gemüter nicht ohne Angst hören könne, indem allein
in der Herabwürdigung der Menschen, in ihrer Dumpfheit und ihren
Lastern für ihn Heil sei und Hoffnung, sich zu erhalten. Mit
diesem ihrem Glauben, der unsern andern Uebeln noch die drückende
Schmach hinzufügen würde, von einem solchen beherrscht zu sein,
sollen wir nun ohne weiteres und ohne die vorhergegangene
einleuchtende Beweisführung einverstanden sein und in demselben
handeln?

Den schlimmsten Fall gesetzt, daß sie recht hätten, keineswegs
aber wir, die wir das erstere durch unsre Tat annehmen: soll
denn nun wirklich, einem zu Gefallen, dem damit gedient ist, und
ihnen zu Gefallen, die sich fürchten, das Menschengeschlecht
herabgewürdigt werden und versinken, und soll keinem, dem sein
Herz es gebietet, erlaubt sein, sie vor dem Verfalle zu warnen?
Gesetzt, daß sie nicht bloß recht hätten, sondern daß man sich
auch noch entschließen sollte, im Angesichte der Mitwelt und der
Nachwelt ihnen recht zu geben, und das eben hingelegte Urteil
über sich selbst laut aussprechen: was wäre denn nun das Höchste
und Letzte, das für den unwillkommenen Warner daraus erfolgen
könnte? Kennen sie etwas Höheres, denn den Tod? Dieser erwartet
uns ohnedies alle, und es haben vom Anbeginn der Menschheit an
Edle um geringerer Angelegenheit willen -- denn wo gab es jemals
eine höhere, als die gegenwärtige? -- der Gefahr desselben
getrotzt. Wer hat das Recht zwischen ein Unternehmen, das auf
diese Gefahr begonnen ist, zu treten?

Sollte es, wie ich nicht hoffe, solche unter uns Deutschen
geben, so würden diese ungebeten, ohne Dank, und, wie ich hoffe,
zurückgewiesen, ihren Hals dem Joche der geistigen Knechtschaft
darbieten; sie würden, bitter schmähend, indem sie staatsklug
zu schmeicheln glauben, weil sie nicht wissen, wie wahrer Größe
zumute ist, und die Gedanken derselben nach denen ihrer eignen
Klarheit messen -- sie würden die Literatur, mit der sie nichts
andres anzufangen wissen, gebrauchen, um durch die Abschlachtung
derselben als Opfertier ihren Hof zu machen. Wir dagegen preisen
durch die Tat unsers Vertrauens und unsers Mutes weit mehr,
denn Worte es je vermöchten, die Größe des Gemüts, bei dem die
Gewalt ist. Ueber das ganze Gebiet der ganzen deutschen Zunge
hinweg, wo irgendhin unsre Stimme frei und unaufgehalten ertönt,
ruft sie durch ihr bloßes Dasein den Deutschen zu: niemand
will eure Unterdrückung, euren Knechtssinn, eure sklavische
Unterwürfigkeit, sondern eure Selbständigkeit, eure wahre
Freiheit, eure Erhebung und Veredlung will man, denn man hindert
nicht, daß man sich öffentlich mit euch darüber beratschlage, und
euch das unfehlbare Mittel dazu zeige. Findet diese Stimme Gehör
und den beabsichtigten Erfolg, so setzt sie ein Denkmal dieser
Größe und unsers Glaubens an dieselbe ein in den Fortlauf der
Jahrhunderte, welches keine Zeit zu zerstören vermag, sondern
das mit jedem neuen Geschlechte höher wächst und sich weiter
verbreitet. Wer darf sich gegen den Versuch setzen, ein solches
Denkmal zu errichten?

Anstatt also mit der zukünftigen Blüte unsrer Literatur über
unsre verlorne Selbständigkeit uns zu trösten, und von der
Aufsuchung eines Mittels, dieselbe wiederherzustellen, uns durch
dergleichen Trost abhalten zu lassen, wollen wir lieber wissen,
ob diejenigen Deutschen, denen eine Art von Bevormundung der
Literatur zugefallen ist, den übrigen selbst schreibenden oder
lesenden Deutschen eine Literatur im wahren Sinne des Worts noch
bis diesen Tag erlauben, und ob sie dafür halten, daß eine solche
Literatur dermalen in Deutschland noch erlaubt sei, oder nicht;
wie sie aber wirklich darüber denken, das wird sich demnächst
entscheiden müssen.

Nach allem ist das nächste, was wir zu tun haben, um bis zur
völligen und gründlichen Verbesserung unsres Stammes uns auch
nur aufzubehalten, dies, daß wir uns Charakter anschaffen, und
diesen zunächst dadurch bewähren, daß wir uns durch eignes
Nachdenken eine feste Meinung bilden über unsre wahre Lage, und
über das sichere Mittel, dieselbe zu verbessern. Die Nichtigkeit
des Trostes aus der Fortdauer unsrer Sprache und Literatur ist
gezeigt. Noch aber gibt es andre, in diesen Reden noch nicht
erwähnte Vorspiegelungen, welche die Bildung einer solchen festen
Meinung verhindern. Es ist zweckmäßig, daß wir auch auf diese
Rücksicht nehmen; jedoch behalten wir dieses Geschäft vor der
nächsten Rede.



Dreizehnte Rede.

Fortsetzung der angefangenen Betrachtung.


Es sei noch ein Mehreres von nichtigen Gedanken und täuschenden
Lehrgebäuden über die Angelegenheiten der Völker unter uns
im Umlaufe, welches die Deutschen verhindere, eine ihrer
Eigentümlichkeit gemäße feste Ansicht über ihre gegenwärtige Lage
zu fassen, äußerten wir am Ende unsrer vorigen Rede. Da diese
Traumbilder gerade jetzt mit größerem Eifer zur öffentlichen
Verehrung herumgeboten werden, und, nachdem so vieles andre
wankend geworden, von manchem lediglich zur Ausfüllung der
entstandenen leeren Stellen aufgefaßt werden könnten: so scheint
es zur Sache zu gehören, dieselben mit größerem Ernste, als
außerdem ihre Wichtigkeit verdienen dürfte, einer Prüfung zu
unterwerfen.

Zuvörderst und vor allen Dingen: Die ersten, ursprünglichen und
wahrhaft natürlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre
innern Grenzen. Was dieselbe Sprache redet, das ist schon vor
aller menschlichen Kunst vorher durch die bloße Natur mit einer
Menge von unsichtbaren Banden aneinandergeknüpft; es versteht
sich untereinander und ist fähig, sich immerfort klarer zu
verständigen, es gehört zusammen und ist natürlich eins und
ein unzertrennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk andrer
Abkunft und Sprache in sich aufnehmen und mit sich vermischen
wollen, ohne wenigstens fürs erste sich zu verwirren und den
gleichmäßigen Fortgang seiner Bildung mächtig zu stören. Aus
dieser innern, durch die geistige Natur des Menschen selbst
gezogenen Grenze ergibt sich erst die äußere Begrenzung der
Wohnsitze, als die Folge von jener, und in der natürlichen
Ansicht der Dinge sind keineswegs die Menschen, welche innerhalb
gewisser Berge und Flüsse wohnen, um deswillen ein Volk, sondern
umgekehrt wohnen die Menschen beisammen, und wenn ihr Glück es so
gefügt hat, durch Flüsse und Berge gedeckt, weil sie schon früher
durch ein weit höheres Naturgesetz ein Volk waren.

So saß die deutsche Nation, durch gemeinschaftliche Sprache
und Denkart sattsam unter sich vereinigt und scharf genug
abgeschnitten von den andern Völkern, in der Mitte von Europa
da als scheidender Wall nicht verwandter Stämme, zahlreich
und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremden Anfall
zu schützen, sich selbst überlassen, durch ihre ganze Denkart
wenig geneigt, Kunde von den benachbarten Völkerschaften zu
nehmen, in derselben Angelegenheiten sich zu mischen und
durch Beunruhigungen sie zur Feindseligkeit aufzureizen. Im
Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr günstiges Geschick vor
dem unmittelbaren Anteile am Raube der andern Welten; dieser
Begebenheit, durch welche vor allen andern die Weise der
Fortentwicklung der neuern Weltgeschichte, die Schicksale
der Völker und der größte Teil ihrer Begriffe und Meinungen
begründet worden sind. Seit dieser Begebenheit erst zerteilte
sich das christliche Europa, das vorher auch ohne sein eignes
deutliches Bewußtsein eins gewesen war, und als solches in
gemeinschaftlichen Unternehmungen sich gezeigt hatte, in
mehrere abgesonderte Teile; seit jener Begebenheit erst war
eine gemeinschaftliche Beute aufgestellt, nach der jeder auf
die gleiche Weise begehrte, weil alle sie auf die gleiche Weise
brauchen konnten, und die jeder mit Eifersucht in den Händen des
andern erblickte; erst nun war ein Grund vorhanden zu geheimer
Feindschaft und Kriegslust aller gegen alle. Auch wurde es
nun erst zum Gewinne für Völker, Völker auch andrer Abkunft
und Sprachen durch Eroberung, oder, wenn dies nicht möglich
wäre, durch Bündnisse sich einzuverleiben und ihre Kräfte sich
zuzueignen. Ein der Natur treugebliebnes Volk kann, wenn seine
Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben durch Eroberung des
benachbarten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu gewinnen,
und es wird sodann die frühern Bewohner vertreiben; es kann
einen rauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen mildern
und gesegnetern vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle
abermals die frühern Besitzer austreiben; es kann, wenn es auch
ausartet, bloße Raubzüge unternehmen, auf denen es, ohne des
Bodens oder der Bewohner zu begehren, bloß alles Brauchbaren
sich bemächtigt und die ausgeleerten Länder wieder verläßt;
es kann endlich die frühern Bewohner des eroberten Bodens als
eine gleichfalls brauchbare Sache, wie Sklaven der einzelnen
unter sich verteilen: aber daß es die fremde Völkerschaft, so
wie dieselbe besteht, als Bestandteile des Staates sich anfüge,
dabei hat es nicht den geringsten Gewinn, und es wird niemals in
Versuchung kommen, dies zu tun. Ist aber der Fall der, daß einem
gleich starken, oder wohl noch stärkern Nebenbuhler eine reizende
gemeinschaftliche Beute abgekämpft werden soll, so steht die
Rechnung anders. Wie auch übrigens sonst das überwundene Volk zu
uns passen möge, so sind wenigstens seine Fäuste zur Bekämpfung
des von uns zu beraubenden Gegners brauchbar, und jedermann
ist uns, als eine Vermehrung der öffentlichen Streitkraft,
willkommen. So nun irgendeinem Weisen, der Friede und Ruhe
gewünscht hätte, über diese Lage der Dinge die Augen klar
aufgegangen wären, wovon hätte derselbe Ruhe erwarten können?
Offenbar nicht von der natürlichen Beschränkung der menschlichen
Habsucht dadurch, daß das Ueberflüssige keinem nütze; denn
eine Beute, wodurch alle versucht werden, war vorhanden, und
ebensowenig hätte er sie erwarten können von dem sich selbst
eine Grenze setzenden Willen; denn unter solchen, von denen
jedweder alles an sich reißt, was er vermag, muß der sich selbst
Beschränkende notwendig zugrunde gehen. Keiner will mit dem
andern teilen, was er dermalen zu eigen besitzt; jeder will dem
andern das Seinige rauben, wenn er irgend kann. Ruht einer, so
geschieht dies nur darum, weil er sich nicht für stark genug
hält, Streit anzufangen; er wird ihn sicher anfangen, sobald er
die erforderliche Stärke in sich verspürt. Somit ist das einzige
Mittel die Ruhe zu erhalten dieses, daß niemals einer zu der
Macht gelange, dieselbe stören zu können, und daß jedweder wisse,
es sei auf der andern Seite gerade so viel Kraft zum Widerstande,
als auf seiner Seite sei zum Angriffe; daß also ein Gleichgewicht
und Gegengewicht der gesamten Macht entstehe, wodurch allein,
nachdem alle andre Mittel verschwunden sind, jeder in seinem
gegenwärtigen Besitzstande und alle in Ruhe erhalten werden.
Diese beiden Stücke demnach: einen Raub, auf den kein einziger
einiges Recht habe, alle aber nach ihm die gleiche Begierde,
sodann die allgemeine, immerfort tätig sich regende wirkliche
Raubsucht, setzt jenes bekannte System eines Gleichgewichts der
Macht in Europa voraus; und unter diesen Voraussetzungen würde
dieses Gleichgewicht freilich das einzige Mittel sein, die Ruhe
zu erhalten, wenn nur erst das zweite Mittel gefunden wäre, jenes
Gleichgewicht hervorzubringen und es aus einem leeren Gedanken in
ein wirkliches Ding zu verwandeln.

Aber waren denn auch jene Voraussetzungen allgemein und ohne alle
Ausnahme zu machen? War nicht im Mittelpunkte von Europa die
übermächtige deutsche Nation rein geblieben von dieser Beute und
von der Ansteckung mit der Lust danach, und fast ohne Vermögen,
Anspruch auf dieselbe zu machen? Wäre nur diese zu einem
gemeinschaftlichen Willen und einer gemeinschaftlichen Kraft
vereinigt geblieben; hätten doch dann die übrigen Europäer sich
morden mögen in allen Meeren und auf allen Inseln und Küsten:
in der Mitte von Europa hätte der feste Wall der Deutschen sie
verhindert aneinander zu kommen -- hier wäre Friede geblieben,
und die Deutschen hätten sich, und mit sich zugleich einen Teil
der übrigen europäischen Völker in Ruhe und Wohlstand erhalten.

Es war dem nur den nächsten Augenblick berechnenden Eigennutze
des Auslandes nicht gemäß, daß es also bliebe. Sie fanden die
deutsche Tapferkeit brauchbar, um durch sie ihre Kriege zu führen,
und die Hände derselben, um mit ihnen ihren Nebenbuhlern die
Beute zu entreißen; es mußte ein Mittel gefunden werden, um
diesen Zweck zu erreichen, und die ausländische Schlauheit siegte
leicht über die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit.
Das Ausland war es, welches zuerst der über Religionsstreitigkeiten
entstandenen Entzweiung der Gemüter in Deutschland sich bediente,
um diesen Inbegriff des gesamten christlichen Europa im kleinen
aus der innig verwachsenen Einheit ebenso in abgesonderte und für
sich bestehende Teile künstlich zu zertrennen, wie erst jenes
über einen gemeinsamen Raub sich natürlich zertrennt hatte;
das Ausland wußte diese also entstandenen besondern Staaten
im Schoße der einen Nation, die keinen Feind hatte, denn das
Ausland selbst, und keine Angelegenheit, denn die gemeinsame,
gegen die Verführungen und die Hinterlist dieses mit vereinigter
Kraft sich zu setzen -- es wußte diese einander gegenseitig
vorzustellen, als natürliche Feinde, gegen die jeder immerfort
auf der Hut sein müsse, sich selbst dagegen darzustellen als die
natürlichen Verbündeten gegen diese von den eignen Landsleuten
drohende Gefahr; als die Verbündeten, mit denen allein sie
selbst ständen oder fielen, und die sie daher gleichfalls in
ihren Unternehmungen mit aller ihrer Macht unterstützen müßten.
Nur durch dieses künstliche Bildungsmittel wurden alle Zwiste,
die über irgendeinen Gegenstand in der Alten oder Neuen Welt
sich entspinnen mochten, zu eignen Zwisten der deutschen Stämme
untereinander; jeder aus irgendeinem Grunde entstandene Krieg
mußte auf deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten
werden, jede Verrückung des Gleichgewichts in derjenigen Nation,
der der ganze Urquell dieser Verhältnisse fremd war, ausgeglichen
werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes Dasein
schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, mußten, damit sie
doch etwas wären, zu Zulagen gemacht werden zu den Hauptgewichten
in der Wage des europäischen Gleichgewichts, deren Zuge sie blind
und willenlos folgten. So wie man in manchem ausländischen Staate
die Bürger bezeichnet dadurch, daß sie von dieser oder einer
andern fremden Partei seien und für dieses oder jenes auswärtige
Bündnis stimmten, solche aber, die von der vaterländischen Partei
seien, nicht namhaft zu machen weiß: so waren die Deutschen schon
längst nur für irgendeine fremde Partei, und man traf selten auf
einen, der die Partei der Deutschen gehalten und gemeint hätte,
daß dieses Land sich mit sich selbst verbünden sollte.

Dies also ist der wahre Ursprung und die Bedeutung, dies der
Erfolg für Deutschland und für die Welt von dem berüchtigten
Lehrgebäude eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts der
Macht unter den europäischen Staaten. Wäre das christliche
Europa eins geblieben, wie es sollte und wie es ursprünglich
war, so hätte man nie Veranlassung gehabt, einen solchen
Gedanken zu erzeugen; das eine ruht auf sich selbst und trägt
sich selbst, und zerteilt sich nicht in streitende Kräfte, die
miteinander in ein Gleichgewicht gebracht werden müßten; nur
für das unrechtlich gewordene und zerteilte Europa erhielt
jener Gedanke eine notdürftige Bedeutung. Zu diesem unrechtlich
gewordenen und zerteilten Europa gehörte Deutschland nicht.
Wäre nur wenigstens dieses eins geblieben, so hätte es auf sich
selbst geruht im Mittelpunkte der gebildeten Erde, so wie die
Sonne im Mittelpunkte der Welt; es hätte sich in Ruhe erhalten
und durch sich seine nächste Umgebung, und hätte ohne alle
künstliche Vorkehrung durch sein bloßes natürliches Dasein allem
das Gleichgewicht gegeben. Nur der Trug des Auslandes mischte
dasselbe in seine Unrechtlichkeit und seine Zwiste, und brachte
ihm jenen hinterlistigen Begriff bei, als eins der wirksamsten
Mittel, dasselbe über seinen wahren Vorteil zu täuschen und es
in der Täuschung zu erhalten. Dieser Zweck ist nun hinlänglich
erreicht, und der beabsichtigte Erfolg liegt vollendet da vor
unsern Augen. Können wir nun auch diesen nicht aufheben: warum
sollen wir nicht wenigstens die Quelle desselben in unserm
eignen Verstande, der fast noch das einzige ist, das unsrer
Botmäßigkeit überlassen geblieben, austilgen? Warum soll das
alte Traumbild noch immer uns vor die Augen gestellt werden,
nachdem das Uebel uns aus dem Schlafe geweckt hat? Warum sollen
wir nicht wenigstens jetzt die Wahrheit sehen und das einzige
Mittel, das uns hätte erretten können, erblicken -- ob vielleicht
unsre Nachkommen tun möchten, was wir einsehen; so wie wir jetzt
leiden, weil unsre Väter träumten. Lasset uns begreifen, daß
der Gedanke eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts zwar
für das Ausland ein tröstender Traum sein konnte bei der Schuld
und dem Uebel, welche dasselbe drückten; daß er aber, als ein
durchaus ausländisches Erzeugnis, niemals in dem Gemüte eines
Deutschen hätte Wurzel fassen, und die Deutschen niemals in
die Lage hätten kommen sollen, daß er bei ihnen Wurzel fassen
gekonnt hätte; daß wir wenigstens jetzt in seiner Nichtigkeit ihn
durchdringen, und daß wir einsehen müssen, daß nicht bei ihm,
sondern allein bei der Einigkeit der Deutschen unter sich selber
das allgemeine Heil zu finden sei.

Ebenso fremd ist dem Deutschen die in unsern Tagen so häufig
gepredigte Freiheit der Meere; ob nun wirklich diese Freiheit
oder ob bloß das Vermögen, daß man selbst alle andern von
derselben ausschließen könne, beabsichtigt werde. Jahrhunderte
hindurch, während des Wetteifers aller andern Nationen, hat
der Deutsche wenig Begierde gezeigt, an derselben in einem
ausgedehnten Maße teilzunehmen, und er wird es nie. Auch
bedarf er derselben nicht. Sein reichlich ausgestattetes
Land und sein Fleiß gewährt ihm alles, dessen der gebildete
Mensch zum Leben bedarf; an Kunstfertigkeit, dasselbe für den
Zweck zu verarbeiten, gebricht es ihm auch nicht; und um den
einigen wahrhaften Gewinn, den der Welthandel mit sich führt,
die Erweiterung der wissenschaftlichen Kenntnis der Erde
und ihrer Bewohner an sich zu bringen, wird es sein eigner
wissenschaftlicher Geist ihm nicht an einem Tauschmittel fehlen
lassen. -- O, möchte doch nur den Deutschen sein günstiges
Geschick ebenso vor dem mittelbaren Anteile an der Beute der
andern Welt bewahrt haben, wie es ihn vor dem unmittelbaren
bewahrte! Möchte Leichtgläubigkeit und die Sucht, auch fein
und vornehm zu leben, wie die andern Völker, uns nicht die
entbehrlichen Waren, die in fremden Welten erzeugt werden, zum
Bedürfnisse gemacht haben; möchten wir in Absicht der weniger
entbehrlichen lieber unserm freien Mitbürger erträgliche
Bedingungen haben machen, als von dem Schweiße und Blute eines
armen Sklaven jenseit der Meere Gewinn ziehen wollen: so hätten
wir wenigstens nicht selbst den Vorwand geliefert zu unserm
dermaligen Schicksale und würden nicht bekriegt als Abkäufer
und zugrunde gerichtet als ein Marktplatz. Fast vor einem
Jahrzehnt, ehe irgend jemand voraussehen konnte, was seitdem sich
ereignet, ist den Deutschen geraten worden, vom Welthandel sich
unabhängig zu machen und als Handelsstaat sich zu schließen.
Dieser Vorschlag verstieß gegen unsre Gewöhnungen, besonders
aber gegen unsre abgöttische Verehrung der ausgeprägten Metalle,
und wurde leidenschaftlich angefeindet und beiseite geschoben.
Seitdem lernen wir, durch fremde Gewalt genötigt und mit Unehre,
das und noch weit mehr entbehren, was wir damals mit Freiheit und
zu unsrer höchsten Ehre nicht entbehren zu können versicherten.
Möchten wir diese Gelegenheit, da der Genuß wenigstens uns nicht
besticht, ergreifen, um auf immer unsre Begriffe zu berichtigen!
Möchten wir endlich einsehen, daß alle jene schwindelnden
Lehrgebäude über Welthandel und Fabrikation für die Welt zwar
für den Ausländer passen und gerade unter die Waffen desselben
gehören, womit er von jeher uns bekriegt hat, daß sie aber
bei den Deutschen keine Anwendung haben, und daß, nächst der
Einigkeit dieser unter sich selber, ihre innere Selbständigkeit
und Handelsunabhängigkeit das zweite Mittel ist ihres Heils, und
durch sie des Heils von Europa.

Wage man es endlich auch noch das Traumbild einer Universalmonarchie,
das an die Stelle des seit einiger Zeit immer unglaublicher
werdenden Gleichgewichts der öffentlichen Verehrung dargeboten zu
werden anfängt, in seiner Hassenswürdigkeit und Vernunftlosigkeit
zu erblicken! Die geistige Natur vermochte das Wesen der Menschheit
nur in höchst mannigfaltigen Abstufungen an einzelnen, und an der
Einzelheit im großen und ganzen, an Völkern, darzustellen. Nur wie
jedes dieser letzten, sich selbst überlassen, seiner Eigenheit
gemäß, und in jedem derselben jeder einzelne jener Gemeinsamen, so
wie seiner besondern Eigenheit gemäß, sich entwickelt und gestaltet,
tritt die Erscheinung der Gottheit in ihrem eigentlichen Spiegel
heraus, so wie sie soll; und nur der, der entweder ohne alle Ahnung
für Gesetzmäßigkeit und göttliche Ordnung oder ein verstockter Feind
derselben wäre, könnte einen Eingriff in jenes höchste Gesetz der
Geisterwelt wagen wollen. Nur in den unsichtbaren und den eignen
Augen verborgenen Eigentümlichkeiten der Nation, als demjenigen,
wodurch sie mit der Quelle ursprünglichen Lebens zusammenhängen,
liegt die Bürgschaft ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Würde,
Tugend, Verdienstes; werden diese durch Vermischung und Verreibung
abgestumpft, so entsteht Abtrennung von der geistigen Natur aus
dieser Flachheit, aus dieser die Verschmelzung aller zu dem
gleichmäßigen und aneinander hängenden Verderben. Sollen wir es den
Schriftstellern, die über alle unsre Uebel uns mit der Aussicht
trösten, daß wir dafür auch Untertanen der beginnenden neuen
Universalmonarchie sein werden, glauben, daß irgend jemand eine
solche Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit
beschlossen habe, um den zerfließenden Teig in irgendeine Form
zu drücken; und daß eine so ungeheure Roheit oder Feindseligkeit
gegen das menschliche Geschlecht in unserm Zeitalter möglich sei?
Oder wenn wir uns auch entschließen wollten, dieses durchaus
Unglaubliche fürs erste zu glauben: durch welches Werkzeug soll
denn ferner ein solcher Plan ausgeführt werden; welche Art von Volk
soll es denn sein, die bei dem gegenwärtigen Bildungszustande von
Europa für irgendeinen neuen Universalmonarchen die Welt erobere?
Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben die Völker Europas
aufgehört, Wilde zu sein und einer zerstörenden Tätigkeit um ihrer
selbst willen sich zu freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen
endlichen Frieden; hinter der Anstrengung die Ruhe, hinter der
Verwirrung die Ordnung; und alle wollen ihre Laufbahn mit dem
Frieden eines häuslichen und stillen Lebens gekrönt sehen. Auf eine
Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter Nationalvorteil sie zum
Kriege begeistern; wenn die Aufforderung immer auf dieselbe Weise
zurückkehrt, verschwindet das Traumbild und die Fieberkraft, die
dasselbe gegeben hat; die Sehnsucht nach ruhiger Ordnung kehrt
zurück, und die Frage: für welchen Zweck tue und trage ich denn nun
dies alles? erhebt sich. Diese Gefühle alle müßte zuvörderst ein
Welteroberer unsrer Zeit austilgen, und in dieses Zeitalter, das
durch seine Natur ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener
Kunst eins hineinbilden. Aber noch mehr. Dem von Jugend auf an einen
gebildeten Anbau der Länder, an Wohlstand und Ordnung gewöhnten Auge
tut, wenn man den Menschen nur ein wenig zur Ruhe kommen läßt, der
Anblick derselben allenthalben, wo er ihn antrifft, wohl, indem er
ihm den Hintergrund seiner eignen, doch niemals ganz auszurottenden
Sehnsucht darstellt, und es schmerzt ihn selbst, denselben zerstören
zu müssen. Auch gegen dieses dem gesellschaftlichen Menschen tief
eingeprägte Wohlwollen und gegen die Wehmut über die Uebel, die
der Krieger über die eroberten Länder bringt, muß ein Gegengewicht
gefunden werden. Es gibt kein andres, denn die Raubsucht. Wird es
zum herrschenden Antrieb des Kriegers, sich einen Schatz zu machen,
und wird er gewöhnt, bei Verheerung blühender Länder an nichts
andres mehr zu denken, denn daran, was er für seine Person bei dem
allgemeinen Elende gewinnen könne, so ist zu erwarten, daß die
Gefühle des Mitleids und des Erbarmens in ihm verstummen. Außer jener
barbarischen Roheit müßte demnach ein Welteroberer unsrer Zeit die
Seinigen auch noch zur kühlen und besonnenen Raubsucht bilden; er
müßte Erpressungen nicht bestrafen, sondern vielmehr aufmuntern.
Auch müßte die Schande, die natürlich auf der Sache ruht, erst
wegfallen, und Rauben müßte für ein ehrenvolles Zeichen eines feinen
Verstandes gelten, zu den Großtaten gezählt werden und den Weg zu
allen Ehren und Würden bahnen. Wo ist eine Nation im neuern Europa
also ehrlos, daß man sie auf diese Weise abrichten könnte? Oder
setzet, daß ihm selbst diese Umbildung gelänge, so wird nun gerade
durch sein Mittel die Erreichung seines Zwecks vereitelt werden.
Ein solches Volk erblickt von nun an in eroberten Menschen, Ländern
und Kunsterzeugungen nichts mehr, denn ein Mittel, in höchster Eile
Geld zu machen, um weiter zu gehen und abermals Geld zu machen; es
erpreßt schnell und wirft das Ausgesogene weg auf jedes mögliche
Schicksal; es haut ab den Baum, zu dessen Früchten es gelangen will:
wer mit solchen Werkzeugen handelt, dem werden alle Künste der
Verführung, der Ueberredung und des Truges vereitelt; nur aus der
Entfernung können sie täuschen, wie man sie in der Nähe erblickt,
fällt die tierische Roheit und die schamlose und freche Raubsucht
selbst dem Blödsinnigsten in die Augen, und der Abscheu des ganzen
menschlichen Geschlechts erklärt sich laut. Mit solchen kann man die
Erde zwar ausplündern und wüste machen und sie zu einem dumpfen Chaos
zerreiben, nimmermehr aber sie zu einer Universalmonarchie ordnen.

Die genannten Gedanken und alle Gedanken dieser Art sind
Erzeugnisse eines bloß mit sich selber spielenden und in seinem
Gespinste zuweilen auch hängenbleibenden Denkens, unwert
deutscher Gründlichkeit und Ernstes. Höchstens sind einige dieser
Bilder, wie zum Beispiel das eines politischen Gleichgewichts,
taugliche Hilfslinien, um in einem ausgedehnten und verworrenen
Mannigfaltigen der Erscheinung sich zurecht zu finden und es zu
ordnen; aber an das natürliche Vorhandensein dieser Dinge zu
glauben oder ihre Verwirklichung anzustreben ist ebenso, als
ob jemand die Pole, die Mittagslinie, die Wendekreise, durch
die seine Betrachtung auf der Erde sich zurecht findet, an der
wirklichen Erdkugel ausgedrückt und bezeichnet aufsuchte. Möchte
es Sitte werden in unsrer Nation, nicht bloß zum Scherze und
gleichsam versuchend, was dabei herauskommen werde, zu denken,
sondern also, als ob wahr sein solle und wirklich gelten im
Leben, was wir denken: so wird es überflüssig werden, vor solchen
Truggestalten einer ursprünglich ausländischen und die Deutschen
bloß berückenden Staatsklugheit zu warnen.

Diese Gründlichkeit, Ernst und Gewicht unsrer Denkweise wird,
wenn wir sie einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserm Leben.
Besiegt sind wir; ob wir nun zugleich auch verachtet und mit
Recht verachtet sein wollen, ob wir zu allem andern Verluste
auch noch die Ehre verlieren wollen: das wird noch immer von uns
abhängen. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt
sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der
Sitten, des Charakters.

Geben wir unsern Gästen ein Bild treuer Anhänglichkeit an
Vaterland und Freunde, unbestechlicher Rechtschaffenheit und
Pflichtliebe, aller bürgerlichen und häuslichen Tugenden,
als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Heimat, zu der sie
doch wohl endlich einmal zurückkehren werden. Hüten wir uns,
sie zur Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber
würden wir es sicherer, als wenn wir sie entweder übermäßig
fürchteten, oder unsre Weise dazusein aufzugeben, und in der
ihrigen ihnen ähnlich zu werden strebten. Fern zwar sei von
uns die Ungebühr, daß der einzelne die einzelnen herausfordere
und reize; übrigens aber wird es die sicherste Maßregel sein,
allenthalben unsern Weg also fortzugehen, als ob wir mit uns
selber allein wären, und durchaus kein Verhältnis anzuknüpfen,
das uns die Notwendigkeit nicht schlechthin auflegt; und das
sicherste Mittel hierzu wird sein, daß jeder sich mit dem
begnüge, was die alten vaterländischen Verhältnisse ihm zu
leisten vermögen, die gemeinschaftliche Last nach seinen Kräften
mit trage, jede Begünstigung aber durch das Ausland für eine
entehrende Schmach halte. Leider ist es beinahe allgemeine
europäische und so auch deutsche Sitte geworden, daß man im Falle
der Wahl lieber sich wegwerfen, denn als das erscheinen wolle,
was man imponierend nennt, und es dürfte vielleicht das ganze
Lehrgebäude der angenommenen guten Lebensart auf die Einheit
jenes Grundsatzes sich zurückführen lassen. Möchten wir Deutsche
bei der gegenwärtigen Veranlassung lieber gegen diese Lebensart,
denn gegen etwas Höheres verstoßen! Möchten wir, obwohl dies
ein solcher Verstoß sein dürfte, bleiben, so wie wir sind, ja,
wenn wir es vermöchten, noch stärker und entschiedener werden,
also wie wir sein sollen! Möchten wir der Ausstellungen, die man
uns zu machen pflegt, daß es uns gar sehr an Schnelligkeit und
leichter Fertigkeit gebreche, und daß wir über allem zu ernst,
zu schwer und zu gewichtig werden, uns so wenig schämen, daß
wir uns vielmehr bestrebten, sie immer mit größerem Rechte und
in weiterer Ausdehnung zu verdienen! Es befestige uns in diesem
Entschlusse die leicht zu erlangende Ueberzeugung, daß wir mit
aller unsrer Mühe dennoch niemals jenen recht sein werden, wenn
wir nicht ganz aufhören wir selber zu sein, was dem überhaupt
gar nicht mehr Dasein gleich gilt. Es gibt nämlich Völker,
welche, indem sie selbst ihre Eigentümlichkeit beibehalten und
dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Völkern die
ihrigen zugestehen, und sie ihnen gönnen und verstatten; zu
diesen gehören ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug
in ihrem ganzen vergangenen und gegenwärtigen Weltleben so tief
begründet, daß sie sehr oft, um gerecht zu sein, sowohl gegen das
gleichzeitige Ausland als gegen das Altertum, ungerecht gewesen
sind gegen sich selbst. Wiederum gibt es andre Völker, denen
ihr eng in sich selbst verwachsenes Selbst niemals die Freiheit
gestattet, sich zu kalter und ruhiger Betrachtung des Fremden
abzusondern, und die daher zu glauben genötigt sind, es gebe nur
eine einzige mögliche Weise als gebildeter Mensch zu bestehen,
und dies sei jedesmal die, welche in diesem Zeitpunkte gerade
ihnen irgendein Zufall angeworfen; alle übrigen Menschen in der
Welt hätten keine andre Bestimmung, denn also zu werden, wie sie
sind, und sie hätten ihnen den größten Dank abzustatten, wenn sie
die Mühe über sich nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen
Völkern der ersten Art findet eine der Ausbildung zum Menschen
überhaupt höchst wohltätige Wechselwirkung der gegenseitigen
Bildung und Erziehung statt, und eine Durchdringung, bei welcher
dennoch jeder, mit dem guten Willen des andern, sich selbst
gleich bleibt. Völker von der zweiten Art vermögen nichts zu
bilden, denn sie vermögen nichts in seinem vorhandenen Sein
anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende vernichten und
außer sich allenthalben eine leere Stätte hervorbringen, in
der sie nur immer die eigne Gestalt wiederholen können; selbst
ihr anfängliches scheinbares Hineingehen in fremde Sitte ist
nur die gutmütige Herablassung des Erziehers zum jetzt noch
schwachen, aber gute Hoffnung gebenden Lehrlinge; selbst die
Gestalten der vollendeten Vorwelt gefallen ihnen nicht, bis sie
dieselben in ihr Gewand gehüllt haben, und sie würden, wenn sie
könnten, dieselben aus den Gräbern aufwecken, um sie nach ihrer
Weise zu erziehen. Ferne zwar bleibe von mir die Vermessenheit,
irgendeine vorhandene Nation im ganzen und ohne Ausnahme jener
Beschränktheit zu beschuldigen. Laßt uns vielmehr annehmen,
daß auch hier diejenigen, die sich nicht äußern, die bessern
sind. Soll man aber die, die unter uns erschienen sind und sich
geäußert haben, nach diesen ihren Aeußerungen beurteilen, so
scheint zu folgen, daß sie in die geschilderte Klasse zu setzen
sind. Eine solche Aeußerung scheint eines Beleges zu bedürfen,
und ich führe, von den übrigen Ausflüssen dieses Geistes, die vor
den Augen von Europa liegen, schweigend, nur den einigen Umstand
an, den folgenden: -- Wir haben miteinander Krieg geführt; wir
unsersteils sind die Ueberwundenen, jene die Sieger; dies ist
wahr und wird zugestanden. Damit nun könnten jene ohne Zweifel
sich begnügen. Ob nun etwa jemand unter uns fortführe, dafür zu
halten, wir hätten dennoch die gerechte Sache für uns gehabt
und den Sieg verdient, und es sei zu beklagen, daß er nicht uns
zuteil geworden: wäre denn dies so übel, und könnten es uns denn
jene, die ja von ihrer Seite gleichfalls denken mögen, was sie
wollen, so sehr verargen? Aber nein, jenes zu denken, sollen wir
uns nicht unterstehen. Wir sollen zugleich erkennen, welch ein
Unrecht es sei, jemals anders zu wollen, denn sie, und ihnen zu
widerstehen; wir sollen unsre Niederlagen als das heilsamste
Ereignis für uns selbst, und sie als unsre größten Wohltäter
segnen. Anders kann es ja nicht sein, und man hat diese Hoffnung
zu unserm guten Verstande! -- Doch was spreche ich länger aus,
was beinahe vor zweitausend Jahren mit vieler Genauigkeit zum
Beispiel in den Geschichtsbüchern des Tacitus ausgesprochen
worden ist? Jene Ansicht der Römer von dem Verhältnisse der
bekriegten Barbaren gegen sie, welche Ansicht bei diesen denn
doch auf einen einige Entschuldigung verdienenden Schein sich
gründete, daß es verbrecherische Rebellion und Auflehnung gegen
göttliche und menschliche Gesetze sei, ihnen Widerstand zu
leisten, und daß ihre Waffen den Völkern nichts andres zu bringen
vermöchten, denn Segen, und ihre Ketten nichts andres, denn
Ehre -- diese Ansicht ist es, die man in diesen Tagen von uns
gewonnen, und mit sehr vieler Gutmütigkeit uns selbst angemutet
und bei uns vorausgesetzt hat. Ich gebe dergleichen Aeußerungen
nicht für übermütigen Hohn aus; ich kann begreifen, wie man bei
großem Eigendünkel und Beschränktheit im Ernste also glauben und
dem Gegenteile ehrlich denselben Glauben zutrauen könne, wie ich
denn zum Beispiel dafürhalte, daß die Römer wirklich so glaubten;
aber ich gebe nur zu bedenken, ob diejenigen unter uns, denen es
unmöglich fällt, jemals zu jenem Glauben sich zu bekehren, auf
irgendeine Ausgleichung rechnen können.

Tief verächtlich machen wir uns dem Auslande, wenn wir vor den
Ohren desselben uns, einer dem andern, deutsche Stämme, Stände,
Personen, über unser gemeinschaftliches Schicksal anklagen und
einander gegenseitige bittere und leidenschaftliche Vorwürfe
machen. Zuvörderst sind alle Anklagen dieser Art größtenteils
unbillig, ungerecht, ungegründet. Welche Ursachen es sind,
die Deutschlands letztes Schicksal herbeigeführt haben, haben
wir oben angegeben; diese sind seit Jahrhunderten bei allen
deutschen Stämmen ohne Ausnahme auf die gleiche Weise einheimisch
gewesen; die letzten Ereignisse sind nicht die Folgen irgendeines
besondern Fehltrittes eines einzelnen Stammes oder seiner
Regierung, sie haben sich lange genug vorbereitet, und hätten,
wenn es bloß auf die in uns selbst liegenden Gründe angekommen
wäre, schon vor langem uns ebensowohl treffen können. Hierin
ist die Schuld oder Unschuld aller wohl gleich groß, und die
Berechnung ist nicht wohl mehr möglich. Bei der Herbeieilung des
endlichen Erfolgs hat sich gefunden, daß die einzelnen deutschen
Staaten nicht einmal sich selbst, ihre Kräfte und ihre wahre
Lage kannten: wie könnte denn irgendeiner sich anmaßen, aus sich
selbst herauszutreten und über fremde Schuld ein auf gründliche
Kenntnis sich stützendes Endurteil zu fällen?

Mag es sein, daß über alle Stämme des deutschen Vaterlandes
hinweg einen gewissen Stand ein gegründeterer Vorwurf trifft,
nicht, weil er eben auch nicht mehr eingesehen oder vermocht,
als die andern alle, was eine gemeinschaftliche Schuld ist,
sondern weil er sich das Ansehen gegeben, als ob er mehr einsähe
und vermöchte, und alle übrigen von der Verwaltung der Staaten
verdrängt. Wäre nun auch ein solcher Vorwurf gegründet: wer soll
ihn aussprechen, und wozu ist es nötig, daß er gerade jetzt
lauter und bitterer denn je ausgesprochen und verhandelt werde?
Wir sehen, daß Schriftsteller es tun. Haben diese nun ehemals,
als bei jenem Stande noch alle Macht und alles Ansehen mit der
stillschweigenden Einwilligung der entschiedenen Mehrheit des
übrigen Menschengeschlechts sich befand, ebenso also geredet, wie
sie jetzt reden: wer kann es ihnen verdenken, daß sie an ihre
durch die Erfahrung sehr bestätigte ehemalige Rede erinnern?
Wir hören auch, daß sie einzelne genannte Personen, die ehemals
an der Spitze der Geschäfte standen, vor das Volksgericht
führen, ihre Untauglichkeit, ihre Trägheit, ihren bösen Willen
darlegen und klar dartun, daß aus solchen Ursachen notwendig
solche Wirkungen hervorgehen mußten. Haben sie schon ehemals,
als bei den Angeklagten noch die Gewalt war, und die aus ihrer
Verwaltung notwendig erfolgen müssenden Uebel noch abzuwenden
waren, ebendasselbe eingesehen, was sie jetzt einsehen, und
es ebenso laut ausgesprochen; haben sie schon damals ihre
Schuldigen mit derselben Kraft angeklagt, und kein Mittel
unversucht gelassen, das Vaterland aus ihren Händen zu erretten,
und sind sie bloß nicht gehört worden: so tun sie sehr recht,
an ihre damals verschmähte Warnung zu erinnern. Haben sie aber
etwa ihre dermalige Weisheit nur aus dem Erfolge gezogen, aus
welchem seitdem alles Volk mit ihnen ebendieselbe gezogen hat:
warum sagen jetzt eben sie, was alle andern nun ebensowohl
wissen? Oder haben sie vielleicht gar damals aus Gewinnsucht
geschmeichelt, oder aus Furcht geschwiegen vor dem Stande und
den Personen, über die jetzt, nachdem sie die Gewalt verloren
haben, ungemäßigt ihre Strafrede hereinbricht: o so vergessen
sie künftig nicht unter den Quellen unsrer Uebel, neben dem Adel
und den untauglichen Ministern und Feldherren, auch noch die
politischen Schriftsteller anzuführen, die erst nach gegebnem
Erfolge wissen, was da hätte geschehen sollen, so wie der Pöbel
auch, und die den Gewalthabern schmeicheln, die Gefallenen aber
schadenfroh verhöhnen!

Oder rügen sie etwa die Irrtümer der Vergangenheit, die freilich
durch alle ihre Rüge nicht vernichtet werden kann, nur darum,
damit man sie in der Zukunft nicht wieder begehe; und ist es
bloß ihr Eifer, eine gründliche Verbesserung der menschlichen
Verhältnisse zu bewirken, der sie über die Rücksichten der
Klugheit und des Anstandes so kühn hinwegsetzt? Gern möchten wir
ihnen diesen guten Willen zutrauen, wenn nur die Gründlichkeit
der Einsicht und des Verstandes sie berechtigte, in diesem Fache
guten Willen zu haben. Nicht sowohl die einzelnen Personen, die
von ohngefähr auf den höchsten Plätzen sich befunden haben,
sondern die Verbindung und Verwicklung des Ganzen: der ganze
Geist der Zeit, die Irrtümer, die Unwissenheit, Seichtigkeit,
Verzagtheit, und der von diesen unabtrennliche unsichere
Schritt, die gesamten Sitten der Zeit sind es, die unsre
Uebel herbeigeführt haben; und so sind es denn weit weniger
die Personen, welche gehandelt haben, denn die Plätze, und
jedermann, und die heftigen Tadler selbst können mit hoher
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie, an demselben Platze
sich befindend, durch die Umgebungen ohngefähr zu demselben
Ziele würden hingedrängt worden sein. Träume man weniger von
überlegter Bosheit und Verrat! Unverstand und Trägheit reichen
fast allenthalben aus, um die Begebenheiten zu erklären; und
dies ist eine Schuld, von der keiner ohne tiefe Selbstprüfung
sich ganz lossprechen sollte; da zumal, wo in der ganzen Masse
sich ein sehr hohes Maß von Kraft der Trägheit befindet, dem
einzelnen, der da durchdringen sollte, ein sehr hoher Grad von
Kraft der Tätigkeit beiwohnen müßte. Werden daher auch die Fehler
der einzelnen noch so scharf ausgezeichnet, so ist dadurch der
Grund des Uebels noch keineswegs entdeckt, noch wird er dadurch,
daß diese Fehler in der Zukunft vermieden werden, gehoben.
Bleiben die Menschen fehlerhaft, so können sie nicht anders, denn
Fehler machen; und wenn sie auch die ihrer Vorgänger fliehen,
so werden in dem unendlichen Raume der Fehlerhaftigkeit gar
leicht sich neue finden. Nur eine gänzliche Umschaffung, nur das
Beginnen eines ganz neuen Geistes kann uns helfen. Werden sie
auf desselben Entwicklung mit hinarbeiten, dann wollen wir ihnen
neben dem Ruhme des guten Willens auch noch den des rechten und
heilbringenden Verstandes gern zugestehen.

Diese gegenseitigen Vorwürfe sind, sowie sie ungerecht sind und
unnütz, zugleich äußerst unklug, und müssen uns tief herabsetzen
in den Augen des Auslandes, dem wir zum Ueberflusse die Kunde
derselben auf alle Weise erleichtern und aufdringen. Wenn wir
nicht müde werden, ihnen vorzuerzählen, wie verworren und
abgeschmackt alle Dinge bei uns gewesen seien, und in welchem
hohen Grade wir elend regiert worden: müssen sie nicht glauben,
daß, wie auch irgend sie sich gegen uns betragen möchten, sie
doch noch immer viel zu gut für uns seien, und niemals uns zu
schlecht werden könnten? Müssen sie nicht glauben, daß wir
bei unsrer großen Ungeschicktheit und Unbeholfenheit, mit dem
demütigsten Danke jedwedes Ding aufzunehmen haben, das sie
aus dem reichen Schatze ihrer Regierungs-, Verwaltungs- und
Gesetzgebungskunst uns schon dargereicht haben, oder noch für
die Zukunft uns zudenken? Bedarf es von unsrer Seite dieser
Unterstützung ihrer ohnedies nicht unvorteilhaften Meinung
von sich selbst, und der geringfügigen von uns? Werden nicht
dadurch gewisse Aeußerungen, die man außerdem für bittern Hohn
halten müßte, als daß sie erst deutschen Ländern, die vorher
kein Vaterland gehabt hätten, eins brächten, oder, daß sie eine
sklavische Abhängigkeit der Personen als solcher von andern
Personen, die bei uns gesetzlich gewesen wäre, abschafften, zur
Wiederholung unsrer eignen Aussprüche und zum Nachhalle unsrer
eignen Schmeichelworte? Es ist eine Schmach, die wir Deutsche
mit keinem der andern europäischen Völker, die in den übrigen
Schicksalen uns gleich geworden sind, teilen, daß wir, sobald nur
fremde Waffen unter uns geboten, gleich als ob wir schon lange
auf diesen Augenblick gewartet hätten, und uns schnell, ehe die
Zeit vorüber ginge, eine Güte tun wollten, in Schmähungen uns
ergossen über unsre Regierungen, unsre Gewalthaber, denen wir
vorher auf eine geschmacklose Weise geschmeichelt hatten, und
über alles Vaterländische.

Wie wenden wir andern, die wir unschuldig sind, die Schmach
ab von unserm Haupt und lassen die Schuldigen allein stehen?
Es gibt ein Mittel. Es werden von dem Augenblicke an keine
Schmähschriften mehr gedruckt werden, sobald man sicher ist,
daß keine mehr gekauft werden, und sobald die Verfasser und
Verleger derselben nicht mehr auf Leser rechnen können, die
durch Müßiggang, leere Neugier und Schwatzsucht, oder durch
die Schadenfreude, gedemütigt zu sehen, was ihnen einst das
schmerzhafte Gefühl der Achtung einflößte, angelockt werden. Gebe
jeder, der die Schmach fühlt, eine ihm zum Lesen dargebotene
Schmähschrift mit der gebührenden Verachtung zurück; tue er
es, obwohl er glaubt, er sei der einzige, der also handelt,
bis es Sitte unter uns wird, daß jeder Ehrenmann also tut; und
wir werden, ohne gewaltsame Bücherverbote, gar bald dieses
schmachvollen Teils unsrer Literatur erledigt werden.

Am allertiefsten endlich erniedrigt es uns vor dem Auslande,
wenn wir uns darauf legen, demselben zu schmeicheln. Ein Teil
von uns hat schon früher sich sattsam verächtlich, lächerlich
und ekelhaft gemacht, indem sie den vaterländischen Gewalthabern
bei jeder Gelegenheit groben Weihrauch darbrachten, und weder
Vernunft, noch Anstand, gute Sitte und Geschmack verschonten,
wo sie glaubten, eine Schmeichelrede anbringen zu können. Diese
Sitte ist binnen der Zeit abgekommen, und diese Lobeserhebungen
haben sich zum Teil in Scheltworte verwandelt. Wir gaben
indessen unsern Weihrauchwolken, gleichsam damit wir nicht aus
der Uebung kämen, eine andre Richtung nach der Seite hin, wo
jetzt die Gewalt ist. Schon das erste, sowohl die Schmeichelei
selbst, als daß sie nicht verbeten wurde, mußte jeden ernsthaft
denkenden Deutschen schmerzen; doch blieb die Sache unter uns.
Wollen wir jetzt auch das Ausland zum Zeugen machen dieser unsrer
niedrigen Sucht, sowie zugleich der großen Ungeschicklichkeit,
mit welcher wir uns derselben entledigen, und so der Verachtung
unsrer Niedrigkeit auch noch den lächerlichen Anblick unsrer
Ungelenkigkeit hinzufügen? Es fehlt uns nämlich in dieser
Verrichtung an aller dem Ausländer eignen Feinheit; um doch ja
nicht überhört zu werden, werden wir plump und übertreibend, und
heben mit Vergötterungen und Versetzungen unter die Gestirne
gleich an. Dazu kommt, daß es bei uns das Ansehen hat, als
ob es vorzüglich der Schrecken und die Furcht sei, die unsre
Lobeserhebungen uns auspressen; aber es ist kein Gegenstand
lächerlicher, denn ein Furchtsamer, der die Schönheit und Anmut
desjenigen lobpreist, was er in der Tat für ein Ungeheuer hält,
das er durch diese Schmeichelei nur bestechen will, ihn nicht zu
verschlingen.

Oder sind vielleicht diese Lobpreisungen nicht Schmeichelei,
sondern der wahrhafte Ausdruck der Verehrung und Bewunderung,
die sie dem großen Genie, das nach ihnen die Angelegenheiten der
Menschen leitet, zu zollen genötigt sind? Wie wenig kennen sie
auch hier das Gepräge der wahren Größe! Darin ist dieselbe in
allen Zeitaltern und unter allen Völkern sich gleich gewesen,
daß sie nicht eitel war, sowie umgekehrt von jeher sicherlich
klein war und niedrig, was Eitelkeit zeigte. Der wahrhaften,
auf sich selber ruhenden Größe gefallen nicht Bildsäulen von
der Mitwelt errichtet, oder der Beiname des Großen, und der
schreiende Beifall und die Lobpreisungen der Menge; vielmehr
weiset sie diese Dinge mit gebührender Verachtung von sich weg
und erwartet ihr Urteil über sich zunächst von dem eignen Richter
in ihrem Innern, und das laute von der richtenden Nachwelt. Auch
hat mit derselben immer der Zug sich beisammen gefunden, daß
sie das dunkle und rätselhafte Verhängnis ehrt und scheut, des
stets rollenden Rades des Geschicks eingedenk bleibt, und sich
nicht groß oder selig preisen läßt vor ihrem Ende. Also sind jene
Lobredner im Widerspruche mit sich selbst, und machen durch die
Tat ihrer Worte den Inhalt derselben zur Lüge. Hielten sie den
Gegenstand ihrer vorgegebenen Verehrung wirklich für groß, so
würden sie sich bescheiden, daß er über ihren Beifall und ihr Lob
erhaben sei, und ihn durch ehrfurchtsvolles Stillschweigen ehren.
Indem sie sich ein Geschäft daraus machen, ihn zu loben, so
zeigen sie dadurch, daß sie ihn in der Tat für klein und niedrig
halten, und für so eitel, daß ihre Lobpreisungen ihm gefallen
könnten, und daß sie dadurch irgendein Uebel von sich zu wenden,
oder irgendein Gut sich zu verschaffen vermöchten.

Jener begeisterte Ausruf: welch ein erhabenes Genie, welch eine
tiefe Weisheit, welch ein umfassender Plan! -- was sagt er denn
nun zuletzt aus, wenn man ihn recht ins Auge faßt? Er sagt aus,
daß das Genie so groß sei, daß auch wir es vollkommen begreifen,
die Weisheit so tief, daß auch wir sie durchschauen, der Plan so
umfassend, daß auch wir ihn vollständig nachzubilden vermögen.
Er sagt demnach aus, daß der Gelobte ungefähr von demselben Maße
der Größe sei, wie der Lobende, jedoch nicht ganz, indem ja der
letzte den ersten vollkommen versteht und übersieht, und sonach
über demselben steht, und falls er sich nur recht anstrengte,
wohl noch etwas Größeres leisten könnte. Man muß eine sehr gute
Meinung von sich selbst haben, wenn man glaubt, daß man also auf
eine gefällige Weise seinen Hof machen könne; und der Gelobte muß
eine sehr geringe von sich haben, wenn er solche Huldigungen mit
Wohlgefallen aufnimmt.

Nein, biedere, ernste, gesetzte, deutsche Männer und Landsleute,
fern bleibe ein solcher Unverstand von unserm Geiste, und eine
solche Besudelung von unsrer, zum Ausdrucke des Wahren gebildeten
Sprache! Ueberlassen wir es dem Auslande, bei jeder neuen
Erscheinung mit Erstaunen aufzujauchzen; in jedem Jahrzehnt
sich einen neuen Maßstab der Größe zu erzeugen und neue Götter
zu erschaffen; und Gotteslästerungen zu reden, um Menschen zu
preisen. Unser Maßstab der Größe bleibe der alte: daß groß sei
nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil über die Völker
bringen, fähig sei und von ihnen begeistert; über die lebenden
Menschen aber laßt uns das Urteil der richtenden Nachwelt
überlassen!



Vierzehnte Rede.

Beschluß des Ganzen.


Die Reden, welche ich hierdurch beschließe, haben freilich ihre
laute Stimme zunächst an Sie gerichtet, aber sie haben im Auge
gehabt die ganze deutsche Nation, und sie haben in ihrer Absicht
alles, was, so weit die deutsche Zunge reicht, fähig wäre,
dieselben zu verstehen, um sich herum versammelt in den Raum, in
dem Sie sichtbarlich atmen. Wäre es mir gelungen, in irgendeine
Brust, die hier unter meinem Auge geschlagen hat, einen Funken
zu werfen, der da fortglimme und das Leben ergreife, so ist
es nicht meine Absicht, daß diese allein und einsam bleiben,
sondern ich möchte, über den ganzen gemeinsamen Boden hinweg,
ähnliche Gesinnungen und Entschlüsse zu ihnen sammeln und an
die ihrigen anknüpfen, so daß über den vaterländischen Boden
hinweg, bis an dessen ferneste Grenzen, aus diesem Mittelpunkte
heraus eine einzige fortfließende und zusammenhängende Flamme
vaterländischer Denkart sich verbreite und entzünde. Nicht zum
Zeitvertreibe müßiger Ohren und Augen haben sie sich diesem
Zeitalter bestimmt, sondern ich will endlich einmal wissen, und
jeder Gleichgesinnte soll es mit mir wissen, ob auch außer uns
etwas ist, das unsrer Denkart verwandt ist. Jeder Deutsche,
der noch glaubt, Glied einer Nation zu sein, der groß und edel
von ihr denkt, auf sie hofft, für sie wagt, duldet und trägt,
soll endlich herausgerissen werden aus der Unsicherheit seines
Glaubens; er soll klar sehen, ob er recht habe oder nur ein Tor
und Schwärmer sei, er soll von nun an, entweder mit sicherem und
freudigem Bewußtsein seinen Weg fortsetzen, oder mit rüstiger
Entschlossenheit Verzicht tun auf ein Vaterland hienieden, und
sich allein mit dem himmlischen trösten. Ihnen, nicht als diesen
und diesen Personen in unserm täglichen und beschränkten Leben,
sondern als Stellvertretern der Nation, und hindurch durch Ihre
Gehörswerkzeuge der ganzen Nation, rufen diese Reden also zu:

Es sind Jahrhunderte herabgesunken, seitdem ihr nicht also
zusammenberufen worden seid wie heute; in solcher Anzahl;
in einer so großen, so dringenden, so gemeinschaftlichen
Angelegenheit; so durchaus als Nation und Deutsche. Auch wird
es euch niemals wiederum also geboten werden. Merket ihr jetzt
nicht auf und gehet in euch, lasset ihr auch diese Reden wieder
als einen leeren Kitzel der Ohren, oder als ein wunderliches
Ungetüm an euch vorübergehen, so wird kein Mensch mehr auf euch
rechnen. Endlich einmal höret, endlich einmal besinnet euch. Geht
nur dieses Mal nicht von der Stelle, ohne einen festen Entschluß
gefaßt zu haben; und jedweder, der diese Stimme vernimmt, fasse
diesen Entschluß bei sich selbst und für sich selbst, gleich
als ob er allein da sei, und alles allein tun müsse. Wenn
recht viele einzelne so denken, so wird bald ein großes Ganzes
dastehen, das in eine einige, engverbundene Kraft zusammenfließe.
Wenn dagegen jedweder, sich selbst ausschließend, auf die übrigen
hofft, und den andern die Sache überläßt, so gibt es gar keine
andern, und alle zusammen bleiben, so wie sie vorher waren. --
Fasset ihn auf der Stelle, diesen Entschluß. Saget nicht, laß uns
noch ein wenig ruhen, noch ein wenig schlafen und träumen, bis
etwa die Besserung von selber komme. Sie wird niemals von selbst
kommen. Wer, nachdem er einmal das Gestern versäumt hat, das noch
bequemer gewesen wäre zur Besinnung, selbst heute noch nicht
wollen kann, der wird es morgen noch weniger können. Jeder Verzug
macht uns nur noch träger, und wiegt uns nur noch tiefer ein in
die freundliche Gewöhnung an unsern elenden Zustand. Auch können
die äußern Antriebe zur Besinnung niemals stärker und dringender
werden. Wen diese Gegenwart nicht aufregt, der hat sicher alles
Gefühl verloren. -- Ihr seid zusammenberufen, einen letzten und
festen Entschluß und Beschluß zu fassen; keineswegs etwa zu
einem Befehle, einem Auftrage, einer Anmutung an andre, sondern
zu einer Anmutung an euch selber. Eine Entschließung sollt ihr
fassen, die jedweder nur durch sich selbst und in seiner eignen
Person ausführen kann. Es reicht hierbei nicht hin jenes müßige
Vorsatznehmen, jenes Wollen, irgend einmal zu wollen, jenes träge
Sichbescheiden, daß man sich darein ergeben wolle, wenn man
etwa einmal von selber besser würde; sondern es wird von euch
gefordert ein solcher Entschluß, der zugleich unmittelbar Leben
sei und inwendige Tat, und der da ohne Wanken oder Erkältung
fortdaure und fortwalte, bis er am Ziele sei.

Oder ist vielleicht in euch die Wurzel, aus der ein solcher in
das Leben eingreifender Entschluß allein hervorwachsen kann,
völlig ausgerottet und verschwunden? Ist wirklich und in der
Tat euer ganzes Wesen verdünnet, und zerflossen zu einem
hohlen Schatten, ohne Saft und Blut und eigne Bewegkraft; und
zu einem Traume, in welchem zwar bunte Gesichter sich erzeugen
und geschäftig einander durchkreuzen, der Leib aber todähnlich
und erstarrt daliegen bleibt? Es ist dem Zeitalter seit langem
unter die Augen gesagt, und in jeder Einkleidung ihm wiederholt
worden, daß man ungefähr also von ihm denke. Seine Wortführer
haben geglaubt, daß man dadurch nur schmähen wolle, und haben
sich für aufgefordert gehalten, auch von ihrer Seite wiederum
zurück zu schmähen, wodurch die Sache wieder in ihre natürliche
Ordnung komme. Im übrigen hat nicht die mindeste Aenderung oder
Besserung sich spüren lassen. Habt ihr es vernommen, ist es fähig
gewesen, euch zu entrüsten; nun, so strafet doch diejenigen, die
so von euch denken und reden, geradezu durch eure Tat der Lüge:
zeiget euch anders vor aller Welt Augen, und jene sind vor aller
Welt Augen der Unwahrheit überwiesen. Vielleicht, daß sie gerade
in der Absicht, von euch also widerlegt zu werden, und weil sie
an jedem andern Mittel, euch aufzuregen, verzweifelten, also hart
von euch geredet haben. Wieviel besser hätten sie es sodann mit
euch gemeint, als diejenigen, die euch schmeicheln, damit ihr
erhalten werdet in der trägen Ruhe und in der nichts achtenden
Gedankenlosigkeit!

So schwach und so kraftlos ihr auch immer sein möget, man hat
in dieser Zeit euch die klare und ruhige Besinnung so leicht
gemacht, als sie vorher niemals war. Das, was eigentlich in die
Verworrenheit über unsre Lage, in unsre Gedankenlosigkeit, in unser
blindes Gehenlassen uns stürzte, war die süße Selbstzufriedenheit
mit uns und unsrer Weise dazusein. Es war bisher gegangen, und ging
ebenso fort; wer uns zum Nachdenken aufforderte, dem zeigten wir,
statt einer andern Widerlegung, triumphierend unser Dasein und
Fortbestehen, das sich ohne alles unser Nachdenken ergab. Es ging
aber nur darum, weil wir nicht auf die Probe gestellt wurden. Wir
sind seitdem durch sie hindurchgegangen. Seit dieser Zeit sollten
doch wohl die Täuschungen, die Blendwerke, der falsche Trost,
durch die wir alle uns gegenseitig verwirrten, zusammengestürzt
sein! -- Die angeborenen Vorurteile, welche, ohne von hier oder da
auszugehen, wie ein natürlicher Nebel über alle sich verbreiteten,
und alle in dieselbe Dämmerung einhüllten, sollten doch wohl nun
verschwunden sein? Jene Dämmerung hält nicht mehr unsre Augen; sie
kann uns aber auch nicht ferner zur Entschuldigung dienen. Jetzt
stehen wir da, rein, leer, ausgezogen von allen fremden Hüllen und
Umhängen, bloß als das, was wir selbst sind. Jetzt muß es sich
zeigen, was dieses Selbst ist, oder nicht ist.

Es dürfte jemand unter euch hervortreten und mich fragen: was
gibt gerade dir, dem einzigen unter allen deutschen Männern und
Schriftstellern, den besondern Auftrag, Beruf und das Vorrecht,
uns zu versammeln und auf uns einzudringen? hätte nicht jeder
unter den Tausenden der Schriftsteller Deutschlands eben dasselbe
Recht dazu, wie du; von denen keiner es tut, sondern du allein
dich hervordrängst? Ich antworte, daß allerdings jeder dasselbe
Recht gehabt hätte wie ich, und daß ich gerade darum es tue, weil
keiner unter ihnen es vor mir getan hat; und daß ich schweigen
würde, wenn ein andrer es früher getan hätte. Dies war der
erste Schritt zu dem Ziele einer durchgreifenden Verbesserung;
irgendeiner mußte ihn tun. Ich war der, der es zuerst lebendig
einsah; darum wurde ich der, der es zuerst tat. Es wird nach
diesem irgendein andrer Schritt der zweite sein; diesen zu tun
haben jetzt alle dasselbe Recht; wirklich tun aber wird ihn
abermals nur ein einzelner. Einer muß immer der erste sein, und
wer es sein kann, der sei es eben!

Ohne Sorge über diesen Umstand verweilet ein wenig mit eurem
Blicke bei der Betrachtung, auf die wir schon früher euch geführt
haben, in welchem beneidenswürdigen Zustande Deutschland sein
würde, und in welchem die Welt, wenn das erstere das Glück
seiner Lage zu benutzen, und seinen Vorteil zu erkennen gewußt
hätte. Heftet darauf euer Auge auf das, was beide nunmehr sind,
und lasset euch durchdringen von dem Schmerz und dem Unwillen,
der jeden Edlen hierbei erfassen muß. Kehret dann zurück zu
euch selbst, und sehet, daß ihr es seid, die die Zeit von den
Irrtümern der Vorwelt lossprechen, von deren Augen sie den Nebel
hinwegnehmen will, wenn ihr es zulaßt; daß es euch verliehen ist,
wie keinem Geschlechte vor euch, das Geschehene ungeschehen zu
machen, und den nicht ehrenvollen Zwischenraum auszutilgen aus
dem Geschichtsbuche der Deutschen.

Lasset vor euch vorübergehen die verschiedenen Zustände, zwischen
denen ihr eine Wahl zu treffen habt. Gehet ihr ferner so hin in
eurer Dumpfheit und Achtlosigkeit, so erwarten euch zunächst alle
Uebel der Knechtschaft: Entbehrungen, Demütigungen, der Hohn
und Uebermut des Ueberwinders; ihr werdet herumgestoßen werden
in allen Winkeln, weil ihr allenthalben nicht recht und im Wege
seid, so lange, bis ihr durch Aufopferung eurer Nationalität und
Sprache euch irgendein untergeordnetes Plätzchen erkauft, und
bis auf diese Weise allmählich euer Volk auslöscht. Wenn ihr
euch dagegen ermannt zum Aufmerken, so findet ihr zuvörderst
eine erträgliche und ehrenvolle Fortdauer, und sehet noch unter
euch und um euch herum ein Geschlecht aufblühen, das euch und
den Deutschen das rühmlichste Andenken verspricht. Ihr sehet
im Geiste durch dieses Geschlecht den deutschen Namen zum
glorreichsten unter allen Völkern erheben, ihr sehet diese Nation
als Wiedergebärerin und Wiederherstellerin der Welt.

Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten
eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar
über die Gebühr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte
die Nachkommen, falls es nämlich in der Barbarei, die da
beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen
werden, wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal
preisen werden, daß es gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein
wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle eure
Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die
Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenket, daß ihr
die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht.
Ihr habt doch noch die Deutschen als eins nennen hören, ihr
habt ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit, ein Reich und einen
Reichsverband gesehen, oder davon vernommen; unter euch haben
noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören lassen, die von dieser
höhern Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt,
wird sich an andre Vorstellungen gewöhnen, es wird fremde Formen
und einen andern Geschäfts- und Lebensgang annehmen; und wie
lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche
gesehen, oder von ihnen gehört habe?

Was von euch gefordert wird, ist nicht viel. Ihr sollt es nur
über euch erhalten, euch auf kurze Zeit zusammenzunehmen und zu
denken über das, was euch unmittelbar und offenbar vor den Augen
liegt. Darüber nur sollt ihr euch eine feste Meinung bilden,
derselben treu bleiben und sie in eurer nächsten Umgebung auch
äußern und aussprechen. Es ist die Voraussetzung, es ist unsre
sichere Ueberzeugung, daß der Erfolg dieses Denkens bei euch
allen auf die gleiche Weise ausfallen werde, und daß, wenn
ihr nur wirklich denket, und nicht hingehet in der bisherigen
Achtlosigkeit, ihr übereinstimmend denken werdet; daß wenn ihr
nur überhaupt Geist euch anschaffet, und nicht in dem bloßen
Pflanzenleben verharren bleibt, die Einmütigkeit und Eintracht
des Geistes von selbst kommen werde. Ist es aber einmal dazu
gekommen, so wird alles übrige, was uns nötig ist, sich von
selbst ergeben.

Dieses Denken aber wird denn auch in der Tat gefordert von
jedem unter euch, der da noch denken kann über etwas offen
vor seinen Augen Liegendes, in seiner eignen Person. Ihr
habt Zeit dazu; der Augenblick will euch nicht übertäuben und
überraschen; die Akten der mit euch gepflogenen Unterhandlungen
bleiben unter euren Augen liegen. Legt sie nicht aus den Händen,
bis ihr einig geworden seid mit euch selbst. Lasset, o lasset
euch ja nicht lässig machen durch das Verlassen auf andre,
oder auf irgend etwas, das außerhalb eurer selbst liegt; noch
durch die unverständige Weisheit der Zeit, daß die Zeitalter
sich selbst machen, ohne alles menschliche Zutun, vermittelst
irgendeiner unbekannten Kraft. Diese Reden sind nicht müde
geworden, euch einzuschärfen, daß euch durchaus nichts helfen
kann, denn ihr euch selber, und sie finden nötig, es bis auf den
letzten Augenblick zu wiederholen. Wohl mögen Regen und Tau und
unfruchtbare oder fruchtbare Jahre gemacht werden durch eine
uns unbekannte und nicht unter unsrer Gewalt stehende Macht;
aber die ganz eigentümliche Zeit der Menschen, die menschlichen
Verhältnisse, machen nur die Menschen sich selber und schlechthin
keine außer ihnen befindliche Macht. Nur wenn sie alle insgesamt
gleich blind und unwissend sind, fallen sie dieser verborgenen
Macht anheim: aber es steht bei ihnen, nicht blind und unwissend
zu sein. Zwar in welchem höhern oder niedern Grade es uns übel
gehen wird, dies mag abhängen teils von jener unbekannten Macht,
ganz besonders aber von dem Verstande und dem guten Willen
derer, denen wir unterworfen sind. Ob aber jemals es uns wieder
wohlgehen soll, dies hängt ganz allein von uns ab, und es wird
sicherlich nie wieder irgendein Wohlsein an uns kommen, wenn
wir nicht selbst es uns verschaffen: und insbesondere, wenn
nicht jeder einzelne unter uns in seiner Weise tut und wirket,
als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das Heil der
künftigen Geschlechter beruhe.

Dies ist's, was ihr zu tun habt; dies ohne Säumen zu tun,
beschwören euch diese Reden.

Sie beschwören euch, Jünglinge. Ich, der ich schon seit geraumer
Zeit aufgehört habe zu euch zu gehören, halte dafür, und habe es
auch in diesen Reden ausgesprochen, daß ihr noch fähiger seid eines
jeglichen über das Gemeine hinausliegenden Gedankens und erregbarer
für jedes Gute und Tüchtige, weil euer Alter noch näher liegt den
Jahren der kindlichen Unschuld und der Natur. Ganz anders sieht
diesen Grundzug an euch an die Mehrheit der älteren Welt. Diese
klaget euch an der Anmaßung, des vorschnellen, vermessenen und eure
Kräfte überfliegenden Urteils, der Rechthaberei, der Neuerungssucht.
Jedoch lächelt sie nur gutmütig dieser eurer Fehler. Alles dieses,
meint sie, sei begründet lediglich durch euren Mangel an Kenntnis
der Welt, d. h. des allgemeinen menschlichen Verderbens, denn für
etwas anders an der Welt haben sie nicht Augen. Jetzt nur, weil
ihr gleichgesinnte Gehilfen zu finden hofftet und den grimmigen
und hartnäckigen Widerstand, den man euren Entwürfen des Bessern
entgegensetzen werde, nicht kenntet, hättet ihr Mut. Wenn nur das
jugendliche Feuer eurer Einbildungskraft einmal verflogen sein werde,
wenn ihr nur die allgemeine Selbstsucht, Trägheit und Arbeitsscheu
wahrnehmen würdet, wenn ihr nur die Süßigkeit des Fortgehens in
dem gewohnten Gleise selbst einmal recht würdet geschmeckt haben:
so werde euch die Lust, besser und klüger sein zu wollen, denn die
andern alle, schon vergehen. Sie greifen diese gute Hoffnung von euch
nicht etwa aus der Luft; sie haben dieselbe an ihrer eignen Person
bestätigt gefunden. Sie müssen bekennen, daß sie in den Tagen ihrer
unverständigen Jugend ebenso von Weltverbesserung geträumt haben,
wie ihr jetzt; dennoch seien sie bei zunehmender Reife so zahm und
ruhig geworden, wie ihr sie jetzt sehet. Ich glaube ihnen; ich habe
selbst schon in meiner nicht sehr langwierigen Erfahrung erlebt,
daß Jünglinge, die erst andre Hoffnung erregten, dennoch späterhin
jenen wohlmeinenden Erwartungen dieses reifen Alters vollkommen
entsprachen. Tut dies nicht länger, Jünglinge, denn wie könnte sonst
jemals ein besseres Geschlecht beginnen? Der Schmelz der Jugend zwar
wird von euch abfallen, und die Flamme der Einbildungskraft wird
aufhören, sich aus sich selber zu ernähren; aber fasset diese Flamme
und verdichtet sie durch klares Denken, macht euch zu eigen die Kunst
dieses Denkens, und ihr werdet die schönste Ausstattung des Menschen,
den Charakter, noch zur Zugabe bekommen. An jenem klaren Denken
erhaltet ihr die Quelle der ewigen Jugendblüte; wie auch euer Körper
altere oder eure Knie wanken, euer Geist wird in stets erneuerter
Frischheit sich wiedergebären und euer Charakter feststehen und ohne
Wandel. Ergreift sogleich die sich hier euch darbietende Gelegenheit;
denkt klar über den euch zur Beratung vorgelegten Gegenstand; die
Klarheit, die in einem Punkte für euch angebrochen ist, wird sich
allmählich auch über allen übrigen verbreiten.

Diese Reden beschwören euch Alte. So wie ihr eben gehört
habt, denkt man von euch, und sagt es euch unter die Augen;
und der Redner setzt in seiner eignen Person freimütig hinzu,
daß, die freilich auch nicht selten vorkommenden und um so
verehrungswürdigern Ausnahmen abgerechnet, in Absicht der großen
Mehrheit unter euch man vollkommen recht hat. Gehe man durch die
Geschichte der letzten zwei oder drei Jahrzehnte; alles außer ihr
selbst stimmt überein, sogar ihr selbst, jeder in dem Fache, das
ihn nicht unmittelbar trifft, stimmt mit überein, daß, immer die
Ausnahmen abgerechnet und nur auf die Mehrheit gesehen, in allen
Zweigen, in der Wissenschaft sowie in den Geschäften des Lebens,
die größere Untauglichkeit und Selbstsucht sich bei dem höheren
Alter gefunden habe. Die ganze Mitwelt hat es mit angesehen, daß
jeder, der das Bessere und Vollkommenere wollte, außer dem Kampfe
mit seiner eignen Unklarheit und den übrigen Umgebungen noch den
schwersten Kampf mit euch zu führen hatte; daß ihr des festen
Vorsatzes waret, es müsse nichts aufkommen, was ihr nicht ebenso
gemacht und gewußt hättet; daß ihr jede Regung des Denkens für
eine Beschimpfung eures Verstandes ansahet, und daß ihr keine
Kraft ungebraucht ließet, um in dieser Bekämpfung des Bessern zu
siegen, wie ihr denn gewöhnlich auch wirklich siegtet. So waret
ihr die aufhaltende Kraft aller Verbesserungen, welche die gütige
Natur aus ihrem stets jugendlichen Schoße uns darbot, so lange,
bis ihr versammelt wurdet zu dem Staube, der ihr schon vorher
waret, und das folgende Geschlecht, im Kriege mit euch, euch
gleich geworden war und eure bisherige Verrichtung übernahm. Ihr
dürft nur auch jetzt handeln, wie ihr bisher bei allen Anträgen
zur Verbesserung gehandelt habt, ihr dürft nur wiederum eure
eitle Ehre, daß zwischen Himmel und Erde nichts sein solle,
das ihr nicht schon erforscht hättet, dem gemeinsamen Wohle
vorziehen: so seid ihr durch diesen letzten Kampf alles fernern
Kämpfens überhoben; es wird keine Verbesserung erfolgen, sondern
Verschlimmerung auf Verschlimmerung, so daß ihr noch manche
Freude erleben könnt.

Man wolle nicht glauben, daß ich das Alter als Alter verachte und
herabsetze. Wird nur durch Freiheit die Quelle des ursprünglichen
Lebens und seiner Fortbewegung aufgenommen in das Leben, so
wächst die Klarheit und mit ihr die Kraft, solange das Leben
dauert. Ein solches Leben lebt sich besser, die Schlacken der
irdischen Abkunft fallen immer mehr ab, und es veredelt sich
herauf zum ewigen Leben und blüht ihm entgegen. Die Erfahrung
eines solchen Alters söhnt nicht aus mit dem Bösen, sondern sie
macht nur die Mittel klarer und die Kunst gewandter, um dasselbe
siegreich zu bekämpfen. Die Verschlimmerung durch zunehmendes
Alter ist lediglich die Schuld unsrer Zeit, und allenthalben,
wo die Gesellschaft sehr verdorben ist, muß dasselbe erfolgen.
Nicht die Natur ist es, die uns verdirbt, diese erzeugt uns
in Unschuld, die Gesellschaft ist's. Wer nun der Einwirkung
derselben einmal sich übergibt, der muß natürlich immer
schlechter werden, je länger er diesem Einflusse ausgesetzt ist.
Es wäre der Mühe wert, die Geschichte andrer sehr verdorbener
Zeitalter in dieser Rücksicht zu untersuchen und zu sehen,
ob nicht zum Beispiel auch unter der Regierung der römischen
Imperatoren das, was einmal schlecht war, mit zunehmendem Alter
immer schlechter geworden.

Euch Alte sonach und Erfahrene, die ihr die Ausnahme macht, euch
zuvörderst beschwören diese Reden: bestätigt, bestärkt, beratet
in dieser Angelegenheit die jüngere Welt, die ehrfurchtsvoll ihre
Blicke nach euch richtet. Euch andre aber, die ihr in der Regel
seid, beschwören sie: helfen sollt ihr nicht, störet nur dieses
einzige Mal nicht, stellt euch nicht wieder, wie bisher immer, in
den Weg mit eurer Weisheit und euren tausend Bedenklichkeiten.
Diese Sache, sowie jede vernünftige Sache in der Welt, ist nicht
tausendfach, sondern einfach, welches auch unter die tausend
Dinge gehört, die ihr nicht wißt. Wenn eure Weisheit retten
könnte, so würde sie uns ja früher gerettet haben, denn ihr seid
es ja, die uns bisher beraten haben. Dies ist nun, sowie alles
andre, vergeben, und soll euch nicht weiter vorgerückt werden.
Lernt nur endlich einmal euch selbst erkennen, und schweiget.

Diese Reden beschwören euch Geschäftsmänner. Mit wenigen
Ausnahmen waret ihr bisher dem abgezogenen Denken und aller
Wissenschaft, die für sich selbst etwas zu sein begehrte, von
Herzen feind, obwohl ihr euch die Miene gabet, als ob ihr
dieses alles nur vornehm verachtet; ihr hieltet die Männer, die
dergleichen trieben, und ihre Vorschläge so weit von euch weg,
als ihr irgend konntet; und der Vorwurf des Wahnsinnes, oder der
Rat, sie ins Tollhaus zu schicken, war der Dank, auf den sie
bei euch am gewöhnlichsten rechnen konnten. Diese hinwiederum
getrauten sich zwar nicht über euch mit derselben Freimütigkeit
sich zu äußern, weil sie von euch abhingen, aber ihres innern
Herzens wahrhafte Meinung war die: daß ihr mit wenigen Ausnahmen
seichte Schwätzer seiet und aufgeblasene Prahler, Halbgelehrte,
die durch die Schule nur hindurchgelaufen, blinde Zutapper und
Fortschleicher im alten Geleise, und die sonst nichts wollten
oder könnten. Straft sie durch die Tat der Lüge, und erweiset
hierzu die jetzt euch dargebotene Gelegenheit; legt ab jene
Verachtung für gründliches Denken und Wissenschaft, laßt euch
bedeuten, und höret und lernet, was ihr nicht wißt; außerdem
behalten eure Ankläger recht.

Diese Reden beschwören euch Denker, Gelehrte, Schriftsteller, die
ihr dieses Namens noch wert seid. Jener Tadel der Geschäftsmänner
an euch war in gewissem Sinne nicht ungerecht. Ihr ginget oft
zu unbesorgt im Gebiete des bloßen Denkens fort, ohne euch um
die wirkliche Welt zu bekümmern, und nachzusehen, wie jenes an
diese angeknüpft werden könne; ihr beschriebet euch eure eigne
Welt, und ließet die wirkliche zu verachtet und verschmähet auf
der Seite liegen. Zwar muß alle Anordnung und Gestaltung des
wirklichen Lebens ausgehen vom höheren ordnenden Begriffe, und
das Fortgehen im gewohnten Geleise tut's ihm nicht; dies ist eine
ewige Wahrheit, und drückt in Gottes Namen mit unverhohlener
Verachtung jeglichen nieder, der es wagt, sich mit den Geschäften
zu befassen, ohne dieses zu wissen. Zwischen dem Begriffe jedoch
und der Einführung desselben in jedwedes besondere Leben liegt
eine große Kluft. Diese Kluft auszufüllen ist sowohl das Werk des
Geschäftsmannes, der freilich schon vorher so viel gelernt haben
soll, um euch zu verstehen, als auch das eurige, die ihr über
der Gedankenwelt das Leben nicht vergessen sollt. Hier trefft
ihr beide zusammen. Statt über die Kluft hinüber einander scheel
anzusehen und herabzuwürdigen, beeifere sich vielmehr jeder
Teil von seiner Seite dieselbe auszufüllen, und so den Weg zur
Vereinigung zu bahnen. Begreift es doch endlich, daß ihr beide
untereinander euch also notwendig seid, wie Kopf und Arm sich
notwendig sind.

Diese Reden beschwören noch in andern Rücksichten euch Denker,
Gelehrte, Schriftsteller, die ihr dieses Namens noch wert seid.
Eure Klagen über die allgemeine Seichtigkeit, Gedankenlosigkeit
und Verflossenheit, über den Klugdünkel und das unversiegbare
Geschwätz, über die Verachtung des Ernstes und der Gründlichkeit
in allen Ständen mögen wahr sein, wie sie es denn sind. Aber
welcher Stand ist es denn, der diese Stände insgesamt erzogen
hat, der ihnen alles Wissenschaftliche in ein Spiel verwandelt,
und von der frühesten Jugend an zu jenem Klugdünkel und jenem
Geschwätze sie angeführt hat? Wer ist es denn, der auch die
der Schule entwachsenen Geschlechter noch immerfort erzieht?
Der in die Augen fallendste Grund der Dumpfheit des Zeitalters
ist der, daß es sich dumpf gelesen hat an den Schriften, die
ihr geschrieben habt. Warum laßt ihr dennoch immerfort euch so
angelegen sein, dieses müßige Volk zu unterhalten, unerachtet
ihr wißt, daß es nichts gelernt hat und nichts lernen will;
nennt es Publikum, schmeichelt ihm als eurem Richter, hetzt
es auf gegen eure Mitbewerber, und sucht diesen blinden und
verworrenen Haufen durch jedes Mittel auf eure Seite zu bringen;
gebt endlich selbst in euren Rezensieranstalten und Journalen
ihm so Stoff wie Beispiel seiner vorschnellen Urteilerei, indem
ihr da ebenso ohne Zusammenhang, und so aus freier Hand in den
Tag hinein urteilt, meist ebenso abgeschmackt, wie es auch der
letzte eurer Leser könnte? Denkt ihr nicht alle so, gibt es
unter euch noch Bessergesinnte, warum vereinigen sich denn nicht
diese Bessergesinnten, um dem Unheile ein Ende zu machen? Was
insbesondere jene Geschäftsmänner anbelangt; diese sind bei euch
durch die Schule gelaufen, ihr sagt es selbst. Warum habt ihr
denn diesen ihren Durchgang nicht wenigstens dazu benutzt, um
ihnen einige stumme Achtung für die Wissenschaften einzuflößen,
und besonders dem hochgeborenen Jünglinge den Eigendünkel
beizeiten zu brechen, und ihm zu zeigen, daß Stand und Geburt in
Sachen des Denkens nichts fördert? Habt ihr ihm vielleicht schon
damals geschmeichelt, und ihn ungebührlich hervorgehoben, so
traget nun, was ihr selbst veranlaßt habt!

Sie wollen euch entschuldigen, diese Reden, mit der Voraussetzung,
daß ihr die Wichtigkeit eures Geschäfts nicht begriffen hättet; sie
beschwören euch, daß ihr euch von Stund an bekannt macht mit dieser
Wichtigkeit, und es nicht länger als ein bloßes Gewerbe treibt. Lernt
euch selbst achten, und zeigt in eurem Handeln, daß ihr es tut, und
die Welt wird euch achten. Die erste Probe davon werdet ihr ablegen
durch den Einfluß, den ihr auf die angetragene Entschließung euch
geben, und durch die Weise, wie ihr euch dabei benehmen werdet.

Diese Reden beschwören euch Fürsten Deutschlands. Diejenigen,
die euch gegenüber so tun, als ob man euch gar nichts sagen
dürfte, oder zu sagen hätte, sind verächtliche Schmeichler, sie
sind arge Verleumder eurer selbst; weiset sie weit weg von euch.
Die Wahrheit ist, daß ihr ebenso unwissend geboren werdet, als
wir andern alle, und daß ihr hören müßt und lernen, gleich wie
auch wir, wenn ihr herauskommen sollt aus dieser natürlichen
Unwissenheit. Euer Anteil an der Herbeiführung des Schicksals,
das euch zugleich mit euren Völkern betroffen hat, ist hier auf
die mildeste, und wie wir glauben, auf die allein gerechte und
billige Weise dargelegt worden, und ihr könnt euch, falls ihr
nicht etwa nur Schmeichelei, niemals aber Wahrheit hören wollt,
über diese Reden nicht beklagen. Dies alles sei vergessen, so
wie wir andern alle auch wünschen, daß unser Anteil an der
Schuld vergessen werde. Jetzt beginnt, so wie für uns alle, also
auch für euch, ein neues Leben. Möchte doch diese Stimme durch
alle die Umgebungen hindurch, die euch unzugänglich zu machen
pflegen, bis zu euch dringen! Mit stolzem Selbstgefühl darf sie
euch sagen: ihr beherrschet Völker, treu, bildsam, des Glücks
würdig, wie keiner Zeit und keiner Nation Fürsten sie beherrscht
haben. Sie haben Sinn für die Freiheit und sind derselben fähig;
aber sie sind euch gefolgt in den blutigen Krieg gegen das, was
ihnen Freiheit schien, weil ihr es so wolltet. Einige unter euch
haben späterhin anders gewollt, und sie sind euch gefolgt in
das, was ihnen ein Ausrottungskrieg scheinen mußte gegen einen
der letzten Reste deutscher Unabhängigkeit und Selbständigkeit;
auch weil ihr es so wolltet. Sie dulden und tragen seitdem die
drückende Last gemeinsamer Uebel; und sie hörten nicht auf,
euch treu zu sein, mit inniger Ergebung an euch zu hangen, und
euch zu lieben, als ihre ihnen von Gott verliehenen Vormünder.
Möchtet ihr sie doch, unbemerkt von ihnen, beobachten können;
möchtet ihr doch, frei von den Umgebungen, die nicht immer die
schönste Seite der Menschheit euch darbieten, herabsteigen können
in die Häuser des Bürgers, in die Hütten des Landmanns, und dem
stillen und verborgenen Leben dieser Stände, zu denen die in
den höhern Ständen seltener gewordene Treue und Biederkeit ihre
Zuflucht genommen zu haben scheint, betrachtend folgen können;
gewiß, o gewiß würde euch der Entschluß ergreifen, ernstlicher
denn jemals nachzudenken, wie ihnen geholfen werden könne. Diese
Reden haben euch ein Mittel der Hilfe vorgeschlagen, das sie
für sicher, durchgreifend und entscheidend halten. Lasset eure
Räte sich beratschlagen, ob sie es auch so finden, oder ob sie
ein besseres wissen, nur, daß es ebenso entscheidend sei. Die
Ueberzeugung aber, daß etwas geschehen müsse, und auf der Stelle
geschehen müsse, und etwas Durchgreifendes und Entscheidendes
geschehen müsse, und daß die Zeit der halben Maßregeln und der
Hinhaltungsmittel vorüber sei: diese Ueberzeugung möchten sie
gern, wenn sie könnten, bei euch selbst hervorbringen, indem sie
zu eurem Biedersinne noch das meiste Vertrauen hegen.

Euch Deutsche insgesamt, welchen Platz in der Gesellschaft
ihr einnehmen möget, beschwören diese Reden, daß jeder unter
euch, der da denken kann, zuvörderst denke über den angeregten
Gegenstand, und daß jeder dafür tue, was gerade ihm an seinem
Platze am nächsten liegt.

Es vereinigen sich mit diesen Reden und beschwören euch eure
Vorfahren. Denket, daß in meine Stimme sich mischen die Stimmen
eurer Ahnen aus der grauen Vorwelt, die mit ihren Leibern sich
entgegengestemmt haben der heranströmenden römischen Weltherrschaft,
die mit ihrem Blute erkämpft haben die Unabhängigkeit der Berge,
Ebenen und Ströme, welche unter euch den Fremden zur Beute geworden
sind. Sie rufen euch zu: vertretet uns, überliefert unser Andenken
ebenso ehrenvoll und unbescholten der Nachwelt, wie es auf euch
gekommen ist, und wie ihr euch dessen und der Abstammung von uns
gerühmt habt. Bis jetzt galt unser Widerstand für edel und groß und
weise, wir schienen die Eingeweihten zu sein und die Begeisterten
des göttlichen Weltplans. Gehet mit euch unser Geschlecht aus, so
verwandelt sich unsre Ehre in Schimpf, und unsre Weisheit in Torheit.
Denn sollte der deutsche Stamm einmal untergehen in das Römertum,
so war es besser, daß es in das alte geschähe, denn in ein neues.
Wir standen jenem und besiegten es; ihr seid verstäubt worden vor
diesem. Auch sollt ihr nun, nachdem einmal die Sachen also stehen,
sie nicht besiegen mit leiblichen Waffen; nur euer Geist soll sich
ihnen gegenüber erheben und aufrechtstehen. Euch ist das größere
Geschick zuteil geworden, überhaupt das Reich des Geistes und der
Vernunft zu begründen, und die rohe körperliche Gewalt insgesamt, als
beherrschendes der Welt, zu vernichten. Werdet ihr dies tun, dann
seid ihr würdig der Abkunft von uns.

Auch mischen in diese Stimmen sich die Geister eurer spätern
Vorfahren, die da fielen im heiligen Kampfe für Religions- und
Glaubensfreiheit. Rettet auch unsre Ehre, rufen sie euch zu. Uns
war nicht ganz klar, wofür wir stritten; außer dem rechtsmäßigen
Entschlusse, in Sachen des Gewissens durch äußere Gewalt uns
nicht gebieten zu lassen, trieb uns noch ein höherer Geist, der
uns niemals sich ganz enthüllte. Euch ist er enthüllt, dieser
Geist, falls ihr eine Sehkraft habt für die Geisterwelt, und
blickt euch an mit hohen klaren Augen. Das bunte und verworrene
Gemisch der sinnlichen und geistigen Antriebe durcheinander soll
überhaupt der Weltherrschaft entsetzt werden, und der Geist
allein, rein und ausgezogen von allen sinnlichen Antrieben, soll
an das Ruder der menschlichen Angelegenheiten treten. Damit
diesem Geiste die Freiheit werde, sich zu entwickeln und zu einem
selbständigen Dasein emporzuwachsen, dafür floß unser Blut. An
euch ist's, diesem Opfer seine Bedeutung und seine Rechtfertigung
zu geben, indem ihr diesen Geist einsetzt in die ihm bestimmte
Weltherrschaft. Erfolgt nicht dieses, als das letzte, worauf
alle bisherige Entwicklung unsrer Nation zielte, so werden auch
unsre Kämpfe zum vorüberrauschenden leeren Possenspiele, und
die von uns erfochtene Geistes- und Gewissensfreiheit ist ein
leeres Wort, wenn es von nun an überhaupt nicht länger Geist oder
Gewissen geben soll.

Es beschwören euch eure noch ungeborne Nachkommen. Ihr rühmt
euch eurer Vorfahren, rufen sie euch zu, und schließt mit Stolz
euch an an eine edle Reihe. Sorget, daß bei euch die Kette nicht
abreiße: machet, daß auch wir uns eurer rühmen können, und durch
euch, als untadeliges Mittelglied, hindurch uns anschließen an
dieselbe glorreiche Reihe. Veranlasset nicht, daß wir uns der
Abkunft von euch schämen müssen, als einer niedern, barbarischen,
sklavischen, daß wir unsre Abstammung verbergen oder einen
fremden Namen und eine fremde Abkunft erlügen müssen, um nicht
sogleich, ohne weitere Prüfung, weggeworfen oder zertreten zu
werden. Wie das nächste Geschlecht, das von euch ausgehen wird,
sein wird, also wird euer Andenken ausfallen in der Geschichte:
ehrenvoll, wenn dieses ehrenvoll für euch zeugt; sogar über die
Gebühr schmählich, wenn ihr keine laute Nachkommenschaft habt,
und der Sieger eure Geschichte macht. Noch niemals hat ein
Sieger Neigung oder Kunde genug gehabt, um die Ueberwundenen
gerecht zu beurteilen. Je mehr er sie herabwürdigt, desto
gerechter steht er selbst da. Wer kann wissen, welche Großtaten,
welche treffliche Einrichtungen, welche edle Sitten manches
Volkes der Vorwelt in Vergessenheit geraten sind, weil die
Nachkommen unterjocht wurden, und der Ueberwinder, seinen Zwecken
gemäß, unwidersprochen Bericht über sie erstattete.

Es beschwöret euch selbst das Ausland, inwiefern dasselbe nur
noch im mindesten sich selbst versteht und noch ein Auge hat
für seinen wahren Vorteil. Ja, es gibt noch unter allen Völkern
Gemüter, die noch immer nicht glauben können, daß die großen
Verheißungen eines Reichs des Rechts, der Vernunft und der
Wahrheit an das Menschengeschlecht eitel und ein leeres Trugbild
seien, und die daher annehmen, daß die gegenwärtige eiserne Zeit
nur ein Durchgang sei zu einem bessern Zustande. Diese, und
in ihnen die gesamte neuere Menschheit, rechnet auf euch. Ein
großer Teil derselben stammt ab von uns, die übrigen haben von
uns Religion und jedwede Bildung erhalten. Jene beschwören uns
bei dem gemeinsamen vaterländischen Boden, auch ihrer Wiege, den
sie uns frei hinterlassen haben; diese bei der Bildung, die sie
von uns als Unterpfand eines höhern Glücks bekommen haben -- uns
selbst auch für sie, und um ihrer willen zu erhalten, so wie wir
immer gewesen sind, aus dem Zusammenhange des neu entsprossenen
Geschlechts nicht dieses ihm so wichtige Glied herausreißen zu
lassen, damit, wenn sie einst unsers Rates, unsers Beispiels,
unsrer Mitwirkung gegen das wahre Ziel des Erdenlebens hin
bedürfen, sie uns nicht schmerzlich vermissen.

Alle Zeitalter, alle Weise und Gute, die jemals auf dieser Erde
geatmet haben, alle ihre Gedanken und Ahnungen eines Höhern,
mischen sich in diese Stimmen und umringen euch, und heben
flehende Hände zu euch auf; selbst, wenn man so sagen darf, die
Vorsehung und der göttliche Weltplan bei Erschaffung eines
Menschengeschlechts, der ja nur da ist, um von Menschen gedacht
und durch Menschen in die Wirklichkeit eingeführt zu werden,
beschwöret euch, seine Ehre und sein Dasein zu retten. Ob jene,
die da glaubten, es müsse immer besser werden mit der Menschheit,
und die Gedanken einer Ordnung und einer Würde derselben seien
keine leeren Träume, sondern die Weissagung und das Unterpfand der
einstigen Wirklichkeit, recht behalten sollen, oder diejenigen, die
in ihrem Tier- und Pflanzenleben hinschlummern, und jedes Auffluges
in höhere Welten spotten: -- darüber ein letztes Endurteil zu
begründen, ist euch anheimgefallen. Die alte Welt mit ihrer
Herrlichkeit und Größe, sowie mit ihren Mängeln, ist versunken,
durch die eigne Unwürde und durch die Gewalt eurer Väter. Ist in
dem, was in diesen Reden dargelegt worden, Wahrheit, so seid unter
allen neueren Völkern ihr es, in denen der Keim der menschlichen
Vervollkommnung am entschiedensten liegt, und denen der Vorschritt
in der Entwicklung derselben aufgetragen ist. Gehet ihr in dieser
eurer Wesenheit zugrunde, so gehet mit euch zugleich alle Hoffnung
des gesamten Menschengeschlechts auf Rettung aus der Tiefe seiner
Uebel zugrunde. Hoffet nicht und tröstet euch nicht mit der aus der
Luft gegriffenen, auf bloße Wiederholung der schon eingetretenen
Fälle rechnenden Meinung, daß ein zweites Mal, nach Untergang der
alten Bildung, eine neue, auf den Trümmern der ersten, aus einer
halbbarbarischen Nation hervorgehen werde. In der alten Zeit war
ein solches Volk, mit allen Erfordernissen zu dieser Bestimmung
ausgestattet, vorhanden, und war dem Volke der Bildung recht wohl
bekannt und ist von ihnen beschrieben; und diese selbst, wenn
sie den Fall ihres Unterganges zu setzen vermocht hätten, würden
an diesem Volke das Mittel der Wiederherstellung haben entdecken
können. Auch uns ist die gesamte Oberfläche der Erde recht wohl
bekannt, und alle die Völker, die auf derselben leben. Kennen wir
denn nun ein solches, dem Stammvolke der neuen Welt ähnliches
Volk, von welchem die gleichen Erwartungen sich fassen ließen? Ich
denke, jeder, der nur nicht bloß schwärmerisch meint und hofft,
sondern gründlich untersuchend denkt, werde diese Frage mit Nein
beantworten müssen. Es ist daher kein Ausweg: wenn ihr versinkt, so
versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen
Wiederherstellung.

Dies war es, E. V., was ich Ihnen, als meinen Stellvertreter der
Nation, und durch Sie der gesamten Nation, am Schlusse dieser
Reden noch einschärfen wollte und sollte.

       *       *       *       *       *



Die folgende Liste enthält die vorgenommenen Änderungen.


  Vierte Rede:
    S. 66: erlassen -> erfassen (gar nicht zu erfassen)
    S. 70: den -> denn (denn jener selbst)
  Fünfte Rede:
    S. 75: Ganze -> Ganzes (ein vollendetes Ganzes)
  Sechste Rede:
    S. 98: er -> es (so fand es keinen Gegner)
  Achte Rede:
    S. 124: letzen -> letzten (Die vier letzten Reden)
  Zehnte Rede:
    S. 175: daß -> das (das nicht in ihm selbst)
  Elfte Rede:
    S. 192: allerhochsten -> allerhöchsten (allerhöchsten Gewinn)
  Vierzehnte Rede:
    S. 235: daß -> das (etwas ist, das unsrer)





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Reden an die deutsche Nation" ***

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