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Title: Die stählerne Mauer - Reise zur deutschen Front 1915, Zweiter Teil
Author: Ganghofer, Ludwig
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die stählerne Mauer - Reise zur deutschen Front 1915, Zweiter Teil" ***

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  Ullstein
  Kriegsbücher


  Die stählerne Mauer


  Reise zur deutschen Front 1915

  Zweiter Teil

  Von
  Ludwig Ganghofer

  [Illustration]

  1915

  _Verlag Ullstein & Co_, Berlin / Wien

  Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
  Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.



1.


  3. März 1915.

Es gibt Bilder, die sich dem in Erregung schauenden Auge so glühend
einprägen, daß sie, wenn man die Lider schließt, immer wieder aus
der Nacht heraustreten und in roten Linien die geschaute Wirklichkeit
nachzeichnen. Ein solcher Nervenreiz, der auf der Netzhaut nicht mehr
erlöschen will, ist für mich das Vernichtungsbild des Forts Boussois bei
Maubeuge geworden.

Vor Wochen schilderte ich die Ruine, in die das Fort Les Ayvelles durch die
deutschen Haubitzen verwandelt wurde. Dieses Bild der Zerstörung schien
mir keiner Übertreibung mehr fähig. Aber was ich damals gesehen
habe, verhält sich zum Untergangsbilde von Boussois wie ein Häuflein
Glasscherben zum Trümmerfelde eines Bergsturzes.

Wenn ich an Maubeuge denke und die Augen schließe, erwachen zuerst die
sinnlos durcheinandergewirrten Linien eines von einer Mörsergranate
erzeugten Explosionsschachtes, der durch den hohen Erdwall trichterförmig
hinunterstürzt in ein Festungsgewölbe und durch die darunterliegende
Kasematte sich noch abwärts bohrt bis in den Keller. Der Schacht windet
sich zickzackähnlich hin und her, als hätte ihn ein Blitzstrahl von der
Dicke eines vielhundertjährigen Baumes ausgebrannt. Und wenn auch die
Sonne eben hineinscheint in den weitausladenden Erdtrichter, so ist doch
drunten in der Tiefe noch immer die schwarze Finsternis.

Ich bin über steile Felswände unserer Berge hinweg gestiegen und habe auf
das winzige Spielzeug der Talwälder über tausend Meter tiefe Abstürze
hinuntergeschaut, ohne daß ich ein Gefühl des Schwindels empfinden
lernte. Aber hier, im zerstörten Fort Boussois, am Rande dieses nur zwölf
oder vierzehn Meter tiefen Kamins, den der brüllende Kriegsteufel
durch drei Stockwerke einer mit Soldaten vollgepfropften Festungskaserne
hinunterschlug bis in das Kellerdunkel -- hier befiel mich ein Schwindel
des Grauens. Hier lernte ich verstehen, was mir immer unglaublich schien,
wenn ich es erzählen hörte: daß eine solche Festung, gebaut, um einer
Welt zu trotzen, sich nach einer Beschießung von wenigen Stunden ergab,
und daß die noch Lebenden der Besatzung wie Wahnsinnige aus dem Tor
herausrannten oder getaumelt kamen wie nach Atem Ringende, wie Erstickende.
Der grauenvolle Anblick dieses Schachtes erläuterte mir auch ein Bild, das
ich am folgenden Tage zu sehen bekam: das Bild des Krüppelsaales im Spital
der französischen Schwerverwundeten zu Avesnes.

Ich wollte diesen Saal betreten. Aber nach dem ersten Schritt über die
Schwelle mußte ich stehen bleiben -- etwas Fürchterliches hatte mir
an den Hals gegriffen. Gegen achtzig Betten. Und jedes Bett hatte seinen
uniformierten Gast. Ein Gewirre bunter Farben. Infanteristen, Kanoniere und
Reiter, Spahis und Turkos, Europäer und Afrikaner -- aber unter ihnen kein
einziger mehr, der ein ganzer Mensch war. Der eine ohne Beine, der andere
ohne Arme, ein dritter mit halbem Gesicht. Einarmige und Einfüßige, mit
Krücken und mit Stelzbeinen, mit umgeknickten Ärmeln und mit aufgebogenen
Hosenschäften, mit Armstummeln, die keine Hand mehr hatten, und mit
Beinstümpfen, die ohne Fuß waren. Bleiche Gesichter und braune und
schwarze, Knaben und Männer. So saßen oder lagen sie auf ihren Betten,
keiner bewegte sich, alle waren unbeweglich, stumm, mit trauervollen oder
stumpf gewordenen Augen. Und dennoch schien es mir, als spräche aus allen
Gesichtern eine heiße Erwartung, eine ungeduldige Sehnsucht. Bei ihnen war
ein junger französischer Arzt, dessen ruhiges Benehmen und mildes Wesen
mir sehr gefiel. Er sagte mir, daß diese achtzig reisefertig wären
seit vier Tagen, und der Zug, der sie durch Deutschland nach Genf bringen
sollte, stünde seit vier Tagen zur Abfahrt bereit; aber die Einwilligung
der französischen Regierung zum Austausch der Kriegsuntauglichen käme
nicht, noch immer nicht. »Das Warten wird ihnen schwerer mit jeder
Stunde.«

Schweigend hatte ich dieses martervolle Bild betrachtet, schweigend die
Worte des Arztes angehört. Meine Gedanken sahen den Jammer, der diese
Sehnsüchtigen in ihrer Heimat erwartet. Und aus meiner Kehle preßten sich
die Worte heraus: »Das wird keine schöne Reise!« Erst sah mich der Arzt
ein bißchen verwundert an -- als hätte ich so mangelhaft Französisch
gesprochen, daß er mich nicht verstehen konnte. Dann nickte er ernst und
sagte: »Sie haben recht! Keine schöne Reise, das!«

Als ich aus dem kühlen stillen Saal hinausgetreten war in die Sonne, blieb
ich stehen, schloß die Augen -- und sah wieder den Granatentrichter des
vernichteten Forts von Boussois. Man versteht das Bild des französischen
Krüppelsaals von Avesnes, wenn man das erschütternde Vernichtungsgemälde
von Maubeuge gesehen hat. Wie viele Stummgewordene, wie viele Beine und
Arme und formlose Menschenreste mögen unter diesen Bergen von Trümmern
noch begraben liegen? Sie bleiben, wo sie sind; es geht ihnen wie den
Kanonen des Panzerturms. Ihm hat eine deutsche Granate die aus Stahl
und Eisenbeton erbaute Decke zerdrückt, als wär's nur die Schale einer
Krachmandel gewesen! Im Innern des Turmes ist das viele Eisenwerk der
Geschützmaschinerie zu so irrsinnig verschnörkelten Klammern und
Polypenformen ineinander gepreßt, daß man die zwei eingequetschten
Kanonen nicht mehr herauszubringen vermochte; sie liegen und hängen noch
immer da und strecken aus dem konfusen Stahlknäuel ihre schon mit Rost und
Grünspan behangenen Mündungen heraus, gleich den aufgerissenen Mäulern
verschmachteter Riesenfische. Und wohin man sonst noch blickt, alles ist
ein Gewirr von Eisenfetzen und Mauerbrocken, von Schutt und Trümmern, von
unbegreiflich zerrissenen Erdformen. Und alles ist öd und menschenleer,
alles trostlos ineinandergeschmolzen zur schauerlichen Todesmaske eines
Unterganges, der keine Auferstehung mehr erleben wird. Noch kommende
Jahrhunderte werden sagen: »So wirkten die deutschen Waffen!«

Solche Waffen besaßen wir und erhoben sie nie und lebten mit allen
Völkern in redlichem Frieden. Nun, da fremde Eifersucht auf die Blüte des
deutschen Lebens uns zwang zu diesem Kriege, nun sollen unsere Feinde auch
die gigantische Gewalt der deutschen Waffen verkosten an ihrem Gut und
Blut! Die Zerstörungsbilder, die ich sehe, erfüllen mich mit Grauen und
Schreck. Aber ich bin ohne Mitleid. Warum ließ man uns nicht in Ruhe?

Übrigens, bei Maubeuge ist auch eine Trümmerstätte zu sehen, die
_nicht_ von der Wirkung deutscher Waffen herrührt: das Schuttfeld der
Munitionsmagazine, deren Sprengung durch die Engländer veranlaßt wurde,
als die Franzosen das weiße Fähnchen aufziehen mußten. Frankreichs
zärtliche Verbündete benahmen sich da nicht sonderlich rücksichtsvoll
gegen die französische Bevölkerung. Englische Offiziere ließen die
gewaltige Sprengung vornehmen, ohne die Einwohnerschaft des umliegenden
Stadtteils vorher zu verständigen. Viele Häuser wurden unter dem
Luftdruck der Explosion zu Ruinen ineinandergerüttelt; und Steintrümmer,
so groß wie erratische Blöcke, flogen als Zermalmungsgeschosse durch
die Hausmauern und durch alle Stockwerke der von Menschen, von Frauen und
Kindern bewohnten Gebäude.

An die Trümmerberge dieses großen Massengrabes mußte ich denken, als
ich gestern im Lazarett zu Lille die ersten Engländer sah, denen ich auf
meiner Frontreise begegnete. Dank der deutschen Pflege, die sie genossen,
erfreuten sie sich schon wieder eines sehr gesunden Aussehens. Von ihnen
erregten zwei meine kulturelle Aufmerksamkeit. Während die halbgenesenen
Franzosen sich dienstwillig mit ihren noch leidenden Kameraden
beschäftigten, überwacht von einem jungen französischen Arzte, der sehr
höflich war und einen netten Eindruck machte, saßen die beiden Engländer
abgesondert und teilnahmslos auf den besten Plätzen beim warmen Ofen. Der
eine las -- vermutlich einen von Englands schmachtenden Romanen --, der
andere rauchte und spuckte. Als mein Führer die beiden ansprach, benahmen
sie sich sehr mißlaunig und ungezogen. Das war nicht der Stolz eines
Feindes, es war nur Mangel an guter Sitte, nur Flegelei. -- Möglich, daß
es meinem Urteil an gerechter Objektivität gebrach; denn während ich die
zwei kratzborstigen Sprößlinge des britischen Leuen betrachtete, empfand
ich selbst auf meiner Schattenseite ein Gefühl, als hätte sich zwischen
meinem Nacken und der tiefer liegenden Gegend jedes kleinste Härchen
gesträubt, das ich da hinten zu besitzen scheine. Dieser unangenehme
Aufbäumungsreiz beschwichtigte sich erst, als ich den Söhnen des
»zivilisierten Albions« den deutschen Rücken zudrehte und wieder
leidende Menschen sah.

Unter den Lazarettpfleglingen befanden sich auch vier Indier, die gerade
jetzt, nach dem unerquicklichen Nachgeschmack des Englischen, in mir ein
erhöhtes Interesse wachriefen, das stark mit Vorurteil und Mißtrauen
gesprenkelt war. Man pflegt doch zu sagen: »Wie der Herr, so seine
Knechte!« Aber da kam eine seltsame Überraschung.

Der erste, den ich sah -- er war schon außer Bett, trug aber noch den
Kopfverband, die deutsche Kugel hatte ihm den Backenknochen durchbohrt und
war hinter dem Ohr wieder herausgeflogen --, dieser erste war einer von
jenen »wilden, grausamen, tigergleichen, riesenhaft gewachsenen« Gurkhas,
von denen die französischen Zeitungen verkündeten, daß sie uns Deutsche
so unbarmherzig in der Luft zerreißen würden, wie es der Teufel mit den
armen Seelen macht. Gallischer Hoffnungstraum! Geträumt von einem Enkel
des Tartarin von Tarascon! Denn der tatsächliche Gurkha, der da
lächelnd vor mir stand, war ein kleines, gutmütig-freundliches,
knabenhaft-zierliches Männlein, in Farbe und Gestalt eine Mischung
von Japaner und Negerchen; er hörte die Fragen, die der Dolmetsch
=Dr.= Walter an ihn richtete, aufmerksam an, beantwortete sie gern und
hatte in den Augen stets eine Schimmersprache, die zu sagen schien: »Seid
mir gut, ich denke nichts Böses.« Sein Kamerad, auch schon außer Bett,
war ein arischer Mohammedaner aus dem Himalajagebiet, gut gewachsen,
grobknochig, mit heiterem Breitgesicht, von so schwacher asiatischer
Couleur, daß er bei uns in Tegernsee oder Lenggries hinter der Zither oder
bei der Schmarrenpfanne sitzen könnte.

Der dritte Indier, wieder so ein »wilder blutdürstiger Gurkha«, lag
noch an einer schweren Verwundung durch Bombensplitter; er ließ nur das
abgezehrte Gesicht und die braunen Finger mit den weißen Nägeln aus der
Bettdecke herausgucken; in der Hagerkeit seines Kopfes und im ekstatischen
Blick der nußbraunen Augen, die, obwohl der Mann ohne Fieber war, einen
fast überirdischen Glanz hatten, glich er einem indischen Büßer; er
sprach demütig, hatte eine suchende Angst in der ruhelosen heißen Fackel
seines Blickes; und wenn er sich für die freundlichen Zusicherungen des
Missionars bedankte, war in der rudernden Geste seiner mit den Spitzen
aneinandergelegten Finger immer der Ausdruck einer inbrünstigen Bitte.

Von seinem Bette gingen wir zu einem Sikh hinüber, der nach
lebensgefährlicher Malaria zu genesen begann. Ein wundervoller Rassekopf
mit blauschwarzem Vollbart, die Stirne mit dem sorgfältig geknoteten
Kriegertuch umwunden. Der Mann schien den Dolmetsch zu lieben; als wir an
das Bett traten, glänzte eine schöne, fast zärtliche Freude in den Augen
des Indiers. Er hatte geglaubt, in der Fremde sterben zu müssen, ferne
von seiner Heimat, und wußte nun, daß er leben und die Ufer des heiligen
Stromes wiedersehen würde. Der neu erwachende Lebensglaube erhöhte noch
die angeborene Vornehmheit, die aus jedem Wortklang und aus jeder
Geste dieses Sikhs herausredete. Sikh -- der Laut bedeutet nicht
einen Volksstamm, er bedeutet: Schüler, Anhänger einer religiösen
Überzeugung, in der sich Mohammedanismus mit überwiegendem Buddhismus
vermischt. Ehe wir gingen, hielt der glanzäugige Krieger lange meine Hand
umschlossen und nickte mir herzlich zu. Und jener lächelnde, gutmütige
Himalajasohn, der einem Tegernseer ähnelte, begleitete uns bis zum Tor des
Lazaretts.

Zehn andere Indier, schon völlig genesen, fanden wir an einem
sonderbaren, von ihnen selbst gewählten Aufenthalt; in einer ehemaligen
Unteroffizierswaschküche der Zitadelle von Lille. Sie hatten diesen Ort
gewählt, weil sie hier in Einsamkeit leben konnten, weil der Herd und sein
Waschkessel es ihnen ermöglichte, ihre Nahrung nach rituellen Vorschriften
zu bereiten, und weil sie hier von allem geschieden waren, was ihnen nach
den Satzungen ihres Glaubens als unrein gilt.

Auf dem Weg zur Zitadelle erfuhr ich manches über ihre Art, sich zu geben.
Sie sind ehrlich in Werk und Wort. Alles Tatsächliche ist von ihnen
zu erfragen; Urteile über die Vorgänge des Krieges und ihre innersten
Meinungen sprechen sie nicht aus. Man mußte erraten, daß es ihr Wunsch
ist: nach dem Friedensschlusse nicht mehr an die Engländer ausgeliefert
zu werden. Heimweh in unserem Sinne scheinen sie nicht zu kennen; sie
haben nur den Wunsch, noch einmal im Leben eine Wallfahrt zu ihrem
Lieblingstempel machen zu dürfen.

Ein stubengroßer Raum, die Decke weiß getüncht, die Wände mit schwarzer
Teerfarbe übermalt. Zehn kraftvolle Gestalten erhoben sich höflich und
begrüßten uns. Alle waren gleichmäßig in das Graubraun der indischen
Felduniform gekleidet, ein paar mit wollenen Mützen, andere mit dem
turbanartigen Kopftuch des Kriegers, und einer mit einem deutschen
Liebesgabenkopfschlauch, der, mit der Gesichtsöffnung über den Hinterkopf
gestülpt, sehr wunderlich gerollt war und viel orientalischer aussah als
die echten Kopfbedeckungen der anderen. Allen gemeinsam war der Feuerglanz
der herrlichen, frauenhaften Augen und das weiße Elfenbeinblitzen des
festen, tadellosen Gebisses in dem braunen, fast immer heiteren Gesicht
-- allen gemeinsam auch eine liebenswürdige, noble Gelassenheit, ein
zutraulicher Frohsinn und der natürliche Adel einer alten Menschenrasse,
an der keine Spuren von Degeneration, nur entwicklungsfähige Eigenschaften
zu bemerken sind, die zum Glauben an einen Aufstieg dieses Volkes
berechtigen. In ihrer äußeren Erscheinung waren sie sehr verschieden.
Einer, von jenem mongolischen Typus, der auch Schönheit in unserem Sinne
besitzt, hatte einen Jünglingskopf von so klassischem Oval und mit so
streng gezeichnetem Schwarzbärtchen, daß ich immer an den Märchenprinzen
Kalaf denken mußte. Ein zweiter erinnerte an jene delikaten persischen
Miniaturen aus der Zeit, in der das Heldenbuch des Firdusi geschrieben
wurde. Ein anderer, schon fünfzigjährig, mit einem kurzgestutzten
schneeweißen Vollbart, der Sprößling einer alten Unteroffiziersfamilie
der indischen Armee, war von derberem Volksschlag, dabei so ruhig,
selbstbewußt und abgeklärt, daß man ihn als einen Bruder von
Anzengrubers Steinklopferhans hätte nehmen können. Einer, mit
phantastisch geformtem Schwarzbart und mit üppig gezopfter, aus dem
Kriegertuch hervorquellender Haarfülle, hatte im Aussehen wirklich
etwas Asiatisch-Wildes -- und war dabei von allen der gutmütigste und
freundlichste. Und einer, größer als ich, ein junger schlanker Sikh,
war von geradezu verblüffender männlicher Schönheit -- war, was man
ein Fressen für einen Maler oder Bildhauer nennt -- und gab sich so
bescheiden, hatte eine so reizvoll verlegene Schüchternheit wie ein
Mädchen mit zartbesaiteter Seele.

Die Indier standen mit verschränkten Armen oder saßen mit gekreuzten
Beinen um das sehr heiße Herdchen herum, an dessen glühenden Kohlen sie
Obst und Kartoffeln brieten. Der Dolmetsch stellte mich ihnen -- (jetzt
dürfen meine Leser nicht lachen!) -- als einen »Weisen meiner Heimat«,
als einen Brahmanen des deutschen Volkes vor. Gleich nahm einer von den
Indiern, _auch_ ein Brahmane, die charakteristische Buddhastellung
ein, erhob den Zeigefinger der linken Hand und überreichte mir, seinem
fremdländischen Kastenbruder, mit würdevoller Freundlichkeit als
Gastgeschenk eine deutsche Liebesgabenzigarre. Ich bot zum Gegengeschenk
mein Zigarrenetui herum. Rauchend saßen wir um den schwelenden Herd, der
mich schwitzen machte, und der Dolmetsch begann die Unterhaltung. Als ich
das Alter des fünfzigjährigen Weißbartes erfahren hatte -- ich glaubte
jünger auszusehen als er --, ließ ich ihn fragen, für wie alt er mich
hielte. Er betrachtete mich aufmerksam und sagte: »Gegen dich bin ich ein
Jüngling, du bist zehn Jahre älter als ich.« Da das letztere stimmte,
konnte ich gegen das erstere nichts einwenden.

Bei dem Verhör, das nach ihrer Einbringung mit ihnen vorgenommen worden
war, hatten sie übereinstimmend ausgesagt: sie wären eingeschifft
worden, ohne den Zweck und das Ziel der Reise zu kennen; während der Fahrt
erfuhren sie, man hätte sie in Ägypten nötig; dann hieß es, die Reise
ginge nach Malta; und im Mittelländischen Meer sagte man ihnen, daß
England von den Deutschen in hinterlistiger und treuloser Weise mit Krieg
überfallen worden wäre, und daß sie als redliche Söhne Indiens der
Mutter Britannia tapfer beispringen müßten. Und jeder müsse sich hüten,
lebendig in die Hände der Deutschen zu geraten, denn die Deutschen martern
die gefangenen Feinde, zwingen sie, Schweinefleisch und andere unreine
Dinge zu essen, stechen ihnen die Adern auf und schneiden ihnen die Hälse
ab. Um sich vor solchem Schicksal zu bewahren, hatten sie gekämpft bis zum
Versagen ihrer Kräfte, mit Messer und Zähnen. Die Wahrheit, die sie bei
der sorgfältigen Pflege der deutschen Ärzte erkannten, hatte in ihnen
ein frohes Staunen geweckt, hatte sie heiter, zutraulich und vertrauensvoll
gemacht. Ich ließ sie fragen, wie sie _jetzt_ über die Mutter Britannia
dächten? Die Indier schwiegen. Unter allen guten und liebenswürdigen
Zügen, die ich an ihnen beobachtet hatte, gefiel mir dieses vornehme
Schweigen am besten. Dann sagte der schöne junge Sikh, mit einer heißen
Erregung im braunen Gesicht: »Wir haben den Fahneneid geschworen.«

Beim Abschied reichte mir jeder freundlich die Hand. Und was ich in der
Waschküche der Zitadelle von Lille erlebt hatte, gab mir zu denken. Läßt
sich von den zehn Männern, die ich da kennen lernte, ein Schluß auf die
menschlichen Werte der Millionen ihrer Brüder ziehen, so sind die Indier
ein Volk, dem eine bessere, eine freie Zukunft kommen wird und kommen muß.

Als ich von der stillen Zitadelle dem Lärm der Stadt entgegenwanderte,
hörte ich aus der nördlichen Ferne den Donner englischer Geschütze.
Das war ein Geräusch von unanzweifelbarem Wahrheitscharakter. Man muß
gerechterweise zugeben: wenn die Engländer ihre Kanonen reden lassen,
lügen sie _nicht_! Vielleicht kommt das von der Tatsache, daß sie in
großen Quantitäten neutrales Pulver beziehen.

An einem der nächsten Tage werde ich bei Hollebeke und Ypern ihre
Stellungen sehen. Und heute erfuhr ich noch, daß der englische General
einer indischen Brigade, als von deutschen Flugzeugen die Verkündigung des
Heiligen Krieges herabgeflattert war, an die mohammedanischen Indier seiner
Truppe einen Tagesbefehl des Inhalts erließ: »Es gibt keinen Heiligen
Krieg. Die Deutschen sind Betrüger und Lügner. Ihr werdet mit Verachtung
auf sie herabsehen, wie der Kluge auf den Dummen!«

Ob dieser wahrheitsliebende General nicht eine Nachblüte des edlen Sir
John Falstaff ist, der in England nach glaubwürdigem Zeugnis viele, viele
Kinder seines Geistes hinterließ?



2.


  8. März 1915.

Lille ist eine schmucke Stadt, obwohl sie gegenwärtig mit etwas forcierten
Kontrasten wirken muß: neben dem Prunkbau der neuen Oper liegt das
Trümmergewirre eines völlig zusammengeschossenen und niedergebrannten
Häuserviertels. Das Liller Leben hat sich vom Schreck schon erholt und
flutet lärmend an diesen Schuttstätten vorüber. An einer Straßenecke
sah ich einen Menschenauflauf und hörte Witzworte, die bei den Franzosen
lautes Gelächter weckten. Ein Maueranschlag -- die Übersetzung des
deutschen militärischen Tagesberichtes -- verkündete den Lillern die
Niederlage der Franzosen in der Champagne. »Deutsche Lügen, natürlich!«
So gehirnschwächlich sind die Liller nicht, um so was zu glauben! Nichts
glauben sie, gar nichts, wenn es von den Deutschen kommt. Aber wenn
sie zuweilen eine eingeschmuggelte Nummer des »Matin« oder »Temps«
erwischen, dann wird sie hundertmal abgeschrieben, und man kolportiert in
Lille dieses verläßliche Evangelium der historischen Tatsachen um zwei
und drei Franken pro Exemplar.

Erbitterte Feinde? Nein! Das sind törichte, unzurechnungsfähige Kinder,
die man mit einiger Nachsicht beurteilen muß -- aber nicht mit Nachlaß
der Taxen. Denn manchmal gewinnen die Unüberlegtheiten der Liller ein
bedenkliches Aussehen. In ihrem athletenhaften gallischen Optimismus
prophezeiten sie seit Monaten in jeder Woche für irgendeinen Tag einen
großen Angriff und Sieg der Franzosen, den Entsatz ihrer Stadt und die
Verjagung der Deutschen. Auch für den 3. März lief in Lille eine solche
Prophezeiung um. Sie erfüllte sich auch, nur mit vertauschten Rollen.
Die Deutschen griffen an, eroberten bei Arras mehrere Schützengräben und
machten gegen sechshundert Gefangene. Sie wurden durch die Straßen
von Lille zum Bahnhof geführt, um Deutschland zu bereisen. Die Liller
verwechselten Niederlage und Sieg, umjubelten, beschenkten und küßten
die Gefangenen, zeigten die französischen Farben und riefen: »=Vive
la France!=« Viele, die sich beim Anblick einiger hundert Rothosen der
starken deutschen Besatzung von Lille nicht mehr erinnerten, riefen auch:
»=À bas l'Allemagne!=« Ich besorge, das wird ihnen Kosten verursachen.

Mit eigenen Augen hab' ich diese Begriffsverwirrung der Liller nicht
gesehen. Ich war am Abend des 3. März nach Süden davongefahren, über
Douai gegen Bapaume. In einem fast völlig in Trümmer geschossenen
Dorfe und unter einem von Granaten durchlöcherten Dache kam ein warmer,
gemütlicher Abend im Kreise preußischer Offiziere. Man plauderte von der
Heimat, bekam das Gefühl, daß man heimatlich beisammen wäre, und vergaß
für ein paar fröhliche Stunden aller Schatten des Krieges, obwohl man
immer das Gebrumm der Kanonen hörte. Nach kurzer Nachtruhe in einem
Bauernstübchen, darin jede Wand und jedes Möbelstück vom Einschlag der
Schrapnellkugeln getüpfelt war, ging es um sechs Uhr morgens hinaus in die
graue Dämmerung, deren verziehende Nebel einen schönen Tag zu verheißen
schienen.

Zerstörung und Vernichtung zu beiden Seiten unseres Weges. Die Straße
selbst ist zerrissen von Granatenlöchern. Und die Alleebäume sind
zersplitterte Stümpfe. Jetzt kommt ein Dorf -- nein, nur eine Sache, die
so aussieht, als wär' das einmal ein schönes und reiches Dorf gewesen!
Nicht die deutschen, sondern die französischen Geschütze haben diese
Verwüstung angerichtet. Es steht keine ganze Mauer und kein Dach mehr.
Unsere Reserven wohnen da in den Kellerlöchern; die Schuttberge, die über
den Gewölben liegen, sind ihr Granatenschutz.

Noch umhüllen die Schleier des frühen Morgens diese sprachlose Heimat des
Schreckens; der Frühwind, wenn er stärker strömt, trägt aus den öden,
von Steinbrocken übersäten Gärten und aus einem Gewirre zersplitterter
Obstbäume den Übelduft der Verwesung her. Und manchmal sieht man hinter
diesen Hecken einen formlosen Klumpen liegen, der früher einmal ein Pferd
oder eine Kuh gewesen.

Der Ausgang der Dorfstraße ist im Zickzack mit Barrikaden gesperrt, die
aus Lehmsäcken, Karrenfragmenten, Eggen, Pflugscharen, Mähmaschinen,
Hausgerät und Wagenrädern gebaut sind. Aus allen Mauerresten der
eingestürzten Häuser lugen die Schießscharten wie starre, schwarze
Augen heraus, und gleich den Werken einer im Gehirne von Wahnsinnigen
entsprungenen Gartenkunst erhebt und verschlingt sich das Wirrsal der
Drahthindernisse und zieht sich in unbegreiflichen Formen gegen die
Felder hin. Noch hört man keinen Kanonenschuß, nur jenes schlummerlose
Gewehrgeknatter, das nicht Kampf ist, sondern Wachsamkeit -- es ist wie
das Ticken von vielen großen Uhren; jede will ihre Pflicht tun, keine will
stehen bleiben.

Der Schützengraben, in den wir hinter einem Wall von Sandsäcken mit
geduckten Köpfen hinuntersteigen -- der Oberst von Z., der mich führt,
und der sich bei der Eroberung dieses zum Schutthaufen gewordenen Dorfes
das Eiserne Kreuz erster Klasse holte, ist so hochgewachsen, daß er jetzt
zwei Stunden lang immer den Nacken beugen muß -- dieser Schützengraben
gleicht den anderen, die ich schon gesehen habe, und dennoch hat auch
er wieder sein eigenes Gesicht. Er ist besetzt mit Feldgrauen aus der
preußischen Provinz Sachsen, mit Magdeburgern und Hallensern. Das Aussehen
dieser Mannschaften ist ebenso gesund und frisch, wie ich es bei den
munteren Lehmfischen gefunden, von denen ich schon erzählte; und nicht
minder heiter sind sie, nur ist die Art ihres heimatlichen Humors eine
anders gefärbte, ist stiller, im Worte sparsamer, knapper im Ton. Auch
hier die gleiche deutsche Soldatensehnsucht, dieses Leben im wässerigen
Brei erträglicher zu machen, ihm ein bißchen Schönheit zu geben. Ein
Unteroffizier -- in seinem Zivilstand ist er Berufsjäger -- hat sich
mitten im Schlamm aus Backsteinen ein sauber gefügtes Hüttchen gebaut
und hat es »Schloß Hubertus« getauft. Nette Kapellchen sind in die
Lehmwände eingenistet, und die dem Feinde abgewendeten Ränder des
Schützengrabens sind mit frischem Grün bepflanzt, mit Buchs, Efeu und
Schneeglöckchen, von denen einzelne Stücke schon zu blühen beginnen. Man
fühlt: dieser freundliche Schmuck der deutschen Kampfstätten wächst
aus ruhigem Glauben an das Leben heraus und kommt aus unverwüstlicher
Frühlingshoffnung, aus zuversichtlichem Erharren des deutschen Sieges!

Auch hier wieder die Kontraste der pietätvoll gezierten deutschen
Soldatengräber und der in Regen und Sonne verwesenden Franzosenleichen,
die, unbeerdigt, von ihrer Heimat festgehalten, aber von ihrem Volk
verlassen, als zermürbte Mißform zwischen den Schützengräben liegen.
Ein junger Offizier, der mir von einer harten, aber siegreichen Sturmnacht
berichtet, zeigt mir in einer von Streifschüssen durchfächerten
Wiesenmulde viele von diesen blaubraunen, schon nimmer menschenähnlichen
Klumpen, deutet auf den uns zunächst liegenden und sagt: »Als alle, die
den Angriff gegen uns versuchten, schon gefallen waren, ist _der_ noch wie
ein Baum bis zuletzt gestanden. Es war ein Jammer, daß wir den braven Kerl
haben totmachen müssen.« Um seiner Tapferkeit willen versuchten es die
_Deutschen_, ihn zu begraben -- die Franzosen ließen es nicht geschehen;
sie schossen. --

Der Morgenhimmel hat sich geklärt. Es ist hell geworden und die Sonne
kommt. Ihre warme, goldene Riesenhand streichelt zärtlich über die kahlen
Felder hin, die wie leblos erscheinen, obwohl hinter ihren Erdrunzeln
der Herzschlag eines tausendfältigen Lebens hämmert -- und zärtlich
streichelt das wachsende Sonnenlicht die Köpfe unserer Feldgrauen bei den
Schießscharten, streichelt aber auch ebenso zärtlich die nur noch schwach
an Menschen erinnernden Klumpen, die unbeweglich da draußen liegen auf dem
goldfarbenen Acker und die warme Liebkosung der ewigen Lebensmutter nimmer
fühlen. Eine große, bewundernswerte Philosophin ist sie, in ihrem Glanz
da droben! Ohne Unterschiede zu machen, sieht sie alle Dinge der Erde
barmherzig und hilfreich an, Freund und Feind ist für sie nur ein einziges
Wort! -- Und wir Menschen? Was tun wir um einiger Buchstaben willen? --

Immer lebhafter knallen die Gewehrschüsse über die unabsehbare Zeile der
Schützengräben hin. Inmitten dieses harten Geknatters hört man von
der nur hundertfünfzig Meter entfernten feindlichen Stellung ein kurzes,
wirres Geschrei. Hat eine deutsche Kugel da drüben einen Stahlschild
durchbohrt? Ist sie durch eine Scharte geflogen, aus der ein feindliches
Auge spähte? Fiel da drüben einer? Das sind Gedanken, die nicht
ausgesprochen werden. Niemand stellt eine Frage; so braucht auch keiner zu
antworten. Die Schüsse knallen, immerzu, immerzu. Es scheint, als wäre
das stählerne Geklapper ein bißchen schneller geworden. Nun verzögert
es sich wieder. Und linde Sonnenstrahlen schmeicheln sich in die kühle
Feuchtigkeit des Grabens herein, dessen Lehmwände fein zu dampfen
beginnen.

Da klingen menschliche Stimmen -- ganz deutlich hört man's über die
hundertfünfzig Meter herüber -- fünf oder sechs Männerstimmen zählen
unisono: »=Un, deux, trois!=« -- das letzte Wort hat einen stärkeren
Klang -- und dann rollt über den feindlichen Erdwall ein dunkelblauer
Klumpen herüber, sieht aus wie ein Mensch mit schlaffen Armen und Beinen,
kollert gegen den Acker hin und bleibt da liegen wie ein Pfahl, der von
einem Soldatenmantel umwickelt ist.

Das haben viele von den Unseren gesehen. Und nicht nur dieses eine Mal! Ich
kann's nicht begreifen -- seit ich die Fürsorge französischer Ärzte für
die ihrer Pflege anvertrauten Verwundeten gesehen habe, versteh ich
diese Pietätlosigkeit der französischen Soldaten gegen ihre gefallenen
Kameraden noch weniger als zuvor.

Während ich durch den Schützengraben hinwandere, begleitet von dem harten
Geknatter, klingen immer wieder diese drei schrecklichen Worte in mir nach:
»=Un, deux, trois!=« Um sie auszulöschen, erwecke ich gegensätzliche
Bilder in mir und erinnere mich jeder Freundlichkeit, die ich von der
einheimischen Bevölkerung hier erfahren habe, erinnere mich jedes
gefälligen Zuges, den ich an ihnen wahrgenommen. Noch in jedem
Quartier, das ich, seit meinem ersten Schritt über die Grenze, hier auf
französischem Boden bewohnte, fand ich gute Aufnahme, vielleicht nicht
immer ehrliche Worte, aber doch immer ehrliche und liebenswürdige
Dienstwilligkeit. Hier in Lille, im Haus einer alten französischen Dame,
hab' ich auch herzliche Güte gefunden. Als ich zwei Tage lang mit einem
Schützengraben-Rheumatismus die Stube hüten mußte, wurde ich von den
Hausleuten mit wahrhaft rührender Aufmerksamkeit gepflegt. Zwanzigmal des
Tages kam die gute alte Frau, um zu fragen, ob ich einen Wunsch hätte,
oder um nachzusehen, ob das Fenster gut geschlossen und das Kaminfeuer
in behaglichem Brand wäre. Und die Söhne solcher Mütter zählen im
französischen Schützengraben: »=Un, deux, trois!=« Wie soll man's
verstehen? Man wird da, im Quartier und Feld, bei der Beurteilung des
französischen Volkes immer hin und her geworfen zwischen freundlichem
Glauben und hartem Groll, zwischen wühlendem Zorn und herzlichem
Empfinden. Wer sagt mir, was da das Richtige ist? Ich weiß es nicht. Wie
schwer es ist, gerecht zu sein, das wußte ich zeit meines Lebens. Jetzt,
hier in Frankreich, bei allem Wechsel und Gewirre von dunklen und hellen
Bildern, beginne ich fast zu glauben, daß Gerechtigkeit im reinsten Sinne
des Wortes eine der menschlichen Natur versagte Eigenschaft ist. Was wir
Gerechtigkeit nennen, ist ein Zwitterkind von Haß und Liebe, wenn diese
beiden einander die Wagschale halten.

Wahrhaft gerecht ist nur die Sonne.

Schön und strahlend, die lächelnde Mutter eines klaren, eines wundervoll
milden Frühlingsmorgens, steigt sie über den blauen, wolkenlosen Himmel
empor. Wolkenlos? Nein! Überall puffen schon wieder die kleinen weißen
Himmelsschäflein der Schrapnellgeschosse auf, die hinter einem Flieger
hertasten. Immer dröhnt und knattert es. Auch die gröberen Kaliber der
feindlichen Geschütze rühren sich -- es ist halb neun Uhr vorüber,
die Franzosen haben gefrühstückt -- und immer näher brüllen die
Granatenschläge. Aber alle die zerrissenen Bäume und Hecken des
gestorbenen Dorfes funkeln von Sonne, um alle Ruinenzähne und Dachstumpen
webt sich ein feines Geglitzer, und wo die verwesenden Viehkadaver liegen
und auseinanderfließen wie abscheuliche Käslaibe im letzten Stadium ihres
Daseins, da blühen Schneeglöckchen und Gänseblümchen und Aurikeln.

Ein ohrzerreißender Donner dröhnt hinter einer Hausruine, die nur
fünfzig Meter von uns entfernt liegt. Rauch wirbelt auf, Dreck fliegt
empor und Steine spritzen. Ein sonderbarer Geruch. Und eine verkohlte
Mauer, die da drüben gestanden, fällt langsam und ohne viel Lärm in sich
zusammen. Eine feste deutsche Offiziershand faßt meinen Arm: »Wir müssen
gehen. Ich bin verantwortlich.« Da hilft keine Bitte. Und kaum sind wir
ein paar hundert Schritte weit gekommen, so geht hinter uns ein Gedonner
los, wie wir's im Frieden manchmal erleben können beim Schlußeffekt eines
festlichen Feuerwerkes. Die Feldgrauen nennen diese lärmende Sache »das
tägliche Morgenbrot«. Und seit die Franzosen ihr Quantum amerikanischer
Munition gefaßt haben, verabreichen sie dieses Frühstück in reichlichen
Portionen. Vor und hinter dem deutschen Schützengraben wachsen ganze
Alleen von Rauchbäumen, die sich in Dunsthecken verwandeln. Das kostet
viel und macht nur geringen Schaden. Drum antworten unsere Geschütze nur
ab und zu mit einer von den belgischen Granaten, die wir billig bekommen.

Ich schaue zurück. Die Ruinen des Dorfes sind umschleiert von Staub und
Rauchgewirbel.

Über den Kamm einer Feldhöhe müssen wir flink hinüberspringen. Dann
sind wir wieder in dem Dorf, in dem ich übernachtete. Es ist noch leidlich
erhalten, obwohl schon zahlreiche Dächer fehlen. Im Hof eines Bauernhauses
sehe ich eine merkwürdige Sache liegen: eine große, viele Zentner schwere
Kirchenglocke. Auf meinen fragenden Blick zeigt mir der führende Offizier
einen gewaltigen Trümmerhaufen, so formlos, daß ich nimmer zu erkennen
vermag, was da in Schutt versank. Dieser Berg von Steinen, von Staub
und Mörtel, war einmal eine schöne französische Kirche. Nachdem die
Deutschen das Dorf erobert hatten, richteten die Franzosen dieses, ihr
eigenes Gotteshaus so zu, daß man die Ruine sprengen mußte, wenn nicht
durch den drohenden Einsturz deutsche Soldaten erschlagen werden sollten.
Vor der Sprengung bargen die Deutschen mit Lebensgefahr alle Kirchengeräte
und übergaben sie dem Pfarramt des Nachbardorfes. Aus dem Schutthaufen des
Turmes gruben sie auch noch die große Glocke heraus und rollten sie bis
zum Gehöft des Bürgermeisters. -- Wo bleiben die Proteste der Herren
Spitteler und Hodler? Den beiden sollte man eine Freifahrt nach Roye
gewähren, wo die Engländer eine alte, herrliche Kathedrale völlig
zwecklos ohne militärische Notwendigkeit in ein steinernes Sieb
verwandelten, nur aus dem einzigen Grunde: weil sie so miserabel schossen,
daß sie wohl immer wußten, wohin sie zielten, aber nie, wohin sie trafen.

Eine jagende Heimfahrt über das von Sonne schimmernde Land. Schon
umdunstet sich der Westen wieder, alles Leuchtende verschwindet und der
Wind wird rauh. Ehe die huschenden Regenschleier die ganze Ferne umhüllen,
seh' ich für einige Minuten die Türme von Arras herauftauchen und sehe
das von Erdwällen durchschnittene Kampfgelände, wo fast jede Bodenscholle
für einen kommenden Frühling mit Blut gedüngt ist, mit deutschem Blut
und noch mehr mit feindlichem. Die schon im Grau verschwindenden Hügel
da drüben? Das ist die Stätte des deutschen Sieges vom 3. März. Dort
wurden die Sechshundert gefangen, denen die Bewohner von Lille in einer
halb tragischen und halb grotesken Verwechslung der Begriffe so glückselig
zujubelten, als wäre Frankreich erlöst und gerettet. Dieses Ereignis
bekam noch ein sonderbares, für die Lage der Dinge sehr charakteristisches
Nachspiel. Am Tage nach dem für die Deutschen siegreichen Gefechte
stellten sich bei einem von unseren Schützengräben sechsundzwanzig
mongolische Überläufer vom Stamme der Afridi ein. Das ist der
kriegstüchtigste unter den asiatischen Gebirgsstämmen des britischen
Weltreiches. Die Männer dieses Stammes lieben nichts auf der Welt so heiß
und begehrlich wie eine gute Waffe. Für ein scharfschießendes Gewehr und
eine feste Stahlklinge geben sie Haus und Weib als Kaufpreis. Und nun kamen
diese Sechsundzwanzig, ergaben sich den Deutschen und sagten dem Dolmetsch:
sie hätten erkannt, daß die deutschen Waffen besser wären als die
englischen und französischen; man solle ihnen diese herrlichen deutschen
Lanzen, Schwerter und Gewehre geben, dann würden sie mit diesen
siegreichen Waffen für Deutschland fechten!

Das Geschäft war nicht zu machen. Unmöglich!

Die Engländer -- ich bin überzeugt davon -- hätten umgekehrten Falles
diesen Waffenhandel ohne viel Zögern abgeschlossen.



3.

  Tagebuchblätter
  vom 22. Februar bis 9. März 1915


Bei den Güterhallen und Plätzen von Avesnes sah ich ein fesselndes
Arbeitsbild. Alles hilft da in Eintracht zusammen, Freund und Feind. Unsere
Feldgrauen plagen sich in Soldatentreue zum Vorteil des Vaterlandes, die
Einheimischen ums tägliche Mittagessen, das viele von ihnen nicht hätten,
wenn sie sich's nicht bei der deutschen Armee verdienen könnten. Auch nur
ums liebe Brot, versüßt durch zahlreiche Leckerbissen, arbeitet dabei
eine kluge und fleißige, rührend gutmütige, aber unglaublich robuste
junge Dame von achtzehn Jahren mit. Sie ist auch überaus sittsam. Es wurde
mir amtlich versichert, daß sie bislang noch immer ihren jungfräulichen
Stand bewahrte, obwohl sie sich schon seit längerer Zeit in Frankreich
befindet. Ihre Wohlerzogenheit ist unbeschreiblich. Mit vorsichtiger
Zartheit frißt sie jedem Freunde und Feinde aus der Hand, bittet mit dem
Füßchen (Schuhnummer 217) um ein Stückelchen Zucker und bedankt sich
dafür durch ein auf hundert Schritte noch deutlich hörbares Geklapper
mit den Ohrlappen und durch eine graziöse Neigung des schlanknäsigen
Köpfchens, dessen Hutweite 336 Zentimeter betragen würde.

Wer es nur immer wünscht, kann dieser Dame auf den Buckel steigen, ohne
daß sie dazu auffordert. Und ohne die geringste Einwendung dagegen zu
erheben, läßt sie einen ausgewachsenen Mann auf ihrem jungfräulichen
Nacken reiten. Alle Geduld und Güte ihrer keuschen Mädchenseele ist am
deutlichsten zu erkennen, wenn man sie von hinten betrachtet -- da ist
jede Bewegung und Riesenform die personifizierte Sanftmut! Aber noch viel
unbeschreiblicher als der Reichtum ihres Gemütes sind die erstaunlichen
Arbeitsleistungen dieser Dame. In einer Stunde erledigt sie, was hundert
Packträger an einem ganzen Tage nicht fertig brächten. Mit ihrem
Schnäbelchen, das einem Gigantenfinger ähnlich ist, hebt sie die
zentnerschweren Proviantkisten wie Zündholzschachteln und schwingt die
Getreidesäcke spielend in die Eisenbahnwagen.

Diese für die deutsche Arbeit hinter der Front höchst nützliche Dame
ist die achtzehnjährige Elefantin »Jenny«, welche Hagenbeck für die
Etappenarbeit zur Verfügung stellte. Und daß dieses fleißige, für
Deutschland rastlos arbeitende Fräulein eine Tochter des englischen
Indiens ist, das erscheint mir als ein besonders erquickender Gedanke.

       *       *       *       *       *

Bei Fourmies stand ich vor einem Wunderbau deutscher Technik. Die Franzosen
haben hier einen Eisenbahnviadukt, der ein dreißig Meter tiefes und
zweihundert Meter langes Tal übersetzt, in seiner ganzen Länge gesprengt.
Sie hofften, daß die Zerstörung einer Brücke, deren Bau mehrere Jahre
erfordert hatte, den Bahnbetrieb der Deutschen auf dieser Strecke für die
ganze Okkupationsdauer lahmlegen würde. Dabei ließen sie die deutschen
Pioniere außer Rechnung. Die haben hier, neben und zwischen einem
Wirrsal von Trümmern, in nicht ganz drei Wochen eine mit genialer
Grazie konstruierte Holzbrücke erbaut, über welche jetzt die schweren
Proviantzüge mit zwei Lokomotiven und fünfzig Wagen hinübergleiten, ohne
daß ein merkliches Zittern des Baues zu spüren ist. Ich guckte von
oben hinunter und guckte von unten hinauf an diesen dreißig Meter hohen,
scheinbar aus zarten Spänen, in Wirklichkeit aus fünfzehn Meter langen
Baumstämmen dreistöckig gefügten Pfeilern -- und ich entblößte meinen
Kopf, wie man's vor einer heiligen Sache tut. Deutsche Arbeit! Welch ein
irdisches Ding könnte uns heiliger sein! Der Gedanke, daß die Franzosen,
deren geistreichstes Kampfmittel in der zwecklosen Zerstörung ihres
eigenen Gutes besteht, uns jemals niederringen könnten, wird beim Anblick
solcher Arbeit eine drollig wirkende Vorstellung. Ich hörte über diese
französische Kampfmethode von einem Amerikaner das charakteristische Wort:
»Das ist nicht mehr militärisch, das ist idiotisch!« Und neulich, bei
einer mehrstündigen Beschießung von Guillemont, haben die Franzosen
keinen deutschen Soldaten getroffen, nur sieben französische Bauernweiber
totgeschossen oder schwer verwundet.

       *       *       *       *       *

Von den eingehobenen Steuerbeträgen decken die Deutschen pünktlich
alle Gehaltsquoten der Staats- und Gemeindebeamten, solange diese
ordnungsgemäß ihre Arbeitspflicht erfüllen. Diese Bedingung ist eins
von den Mitteln, durch die alle französischen »Regierungsgewalten«
der okkupierten Gebiete, auch die Professoren und Volksschullehrer, bei
andauernder Besonnenheit erhalten werden. -- In einem Städtchen, wo ich
einige Tage Station machte, schwatzte ich gern und viel mit dem kleinen,
achtjährigen Töchterchen meiner Quartierleute. Das liebe Kind, das immer
zutraulicher wurde und mir prompt jeden französischen Sprachschnitzer
korrigierte, berichtete mir in naiver Verwunderung: _Vor_ dem Kriege hätte
der Herr Lehrer in der Schule erzählt, daß jeder deutsche Soldat die
französischen Kinder mit Zündhölzchen brenne und aufs Bajonett spieße
-- und _jetzt_ versichere er täglich, daß es auf der ganzen Welt keine
gutmütigeren und freundlicheren Menschen gebe als unsere Feldgrauen.
-- Ja! Der regulierbare Brotkorb ist ein sicher wirkendes Mittel,
um Frankreichs irrsinnig gewordene Pädagogen zu verständiger
Menschenkenntnis genesen zu lassen.

       *       *       *       *       *

Eine dankbare Würdigung verdient die kluge, rationelle Landwirtschaft und
Verproviantierungspolitik, die unsere Feldgrauen hier betreiben.

Was die Bevölkerung hier an Vieh und Geflügel zu ihrer Ernährung
benötigt, wurde ihr belassen. Alles übrige Vieh wird von den Feldgrauen
gesammelt, behütet und gemästet, um unsere Armee auf dem Umweg durch
die Feldküchen zu kräftigen. Unsere Feldküchen, ohne deren segensreiche
Existenz die deutsche Kriegführung in den gegenwärtigen Formen mit so
verläßlichem Erfolge nicht möglich wäre, können ruhelos brodeln und
dampfen -- der Materialnachschub wird ihnen nicht ausgehen! Nicht nur das
Nötigste ist vorhanden; zuweilen kann man sogar ein bißchen schlemmen.
Ja! Am gastlichen Kasinotische des Generalkommandos unseres 1. bayrischen
Armeekorps hab' ich herrliche Leckerbissen verzehrt: Blutwurst, Leberkäs
und Schwartenmagen. Und einmal -- in seliger Erinnerung verdrehe ich jetzt
noch die Augen -- da gab es sogar Münchener Weißwürscht! Leider nur zwei
Paar pro Seele. Aber frisch im Felde gemacht! -- Treues Bayernherz, was
begehrst du mehr? Da kannst du auf Hummern, Austern und Kaviar verzichten
und dich aussöhnen mit aller Mühsal des Krieges!

Ganz famos schmecken die =K=-Kipfelchen und das Kommißbrot. In
Wißbegierde nach dem Werdegang dieser grauen und schwarzen Köstlichkeiten
besuchte ich die Bäckerei. Sie ist in zwei großen Meierhöfen
installiert, so praktisch, als wären die beiden französischen Fermen
eigens für diesen schönen deutschen Zweck erbaut worden. Vierundzwanzig
aus Ziegelsteinen gemauerte Backöfen! Wie es da duftet! Nur ein bisserl
warm ist es, sehr warm! Die Besichtigung beginnt bei der Mehlkammer; nach
zehn Schritten steht man vor den Backtrögen -- die knetenden Soldaten
haben Bizepse wie Athleten; von der Teigwage wenden wir uns zum Brotformer:
schwupp, ist der Laib schon weg, im heißen Ofen, und ehe man sich ein
bißchen umsieht, dampft die Wassernetzung auf der braunglänzenden
Brotrinde! Ich versuchte es, mich in den Gedankengang eines
Bäckereisoldaten hineinzuversetzen, der innerhalb seiner Schicht ungefähr
fünfzehntausend dampfende Brotlaibe mit der Wasserbürste überstreicht --
aber ich muß bekennen, daß meine sonst sehr bewegliche Phantasie da nicht
ausreichte. So wird hier Tag und Nacht an allen vierundzwanzig Öfen mit
achtstündigem Schichtwechsel ununterbrochen durchgearbeitet. Bereits
am 15. Januar konnte diese Bäckerei das Jubiläum der viermillionsten
Portion feierlich begehen.

       *       *       *       *       *

Jetzt, da der Frühling kommen will, pflügen und säen unsere Feldgrauen.
Die meiste Ackerarbeit wird von deutschen Motorpflügen geleistet, die man
aus der Heimat bezog. Als Aushilfe werden den Bürgermeistern Gespanne und
Mannschaften für die Feldarbeit zur Verfügung gestellt.

Diese gemeinsame Arbeit der Franzosen und Feldgrauen auf den
Frühlingsäckern trägt auch ein Erkleckliches zum friedlichen Ausgleich
der nationalen Gegensätze bei. Ich sah einen vierspännigen Pflug: die
zwei Feldgrauen gingen heiter schwatzend neben den Gäulen her, und auf
den beiden Sattelpferden ritten zwei nette junge Französinnen, die sehr
vergnügt waren.

       *       *       *       *       *

Eine fast unübersehbare Fülle tüchtiger Arbeit wird von unsern
Feldgrauen in Städten und größeren Ortschaften geleistet. Sie haben da
alle besseren Handwerksstätten, die von ihren Besitzern verlassen waren,
in Betrieb genommen und sieden, nur innerhalb eines Armeebezirks, in acht,
zumeist mit dem Maschinenmaterial zerstörter Zuckerfabriken eingerichteten
Brauereien einen gut trinkbaren Tropfen für die durstigen Seelen unseres
braven Heeres.

Dieser ganze riesenhafte, aus der Vernichtung und aus dem Nichts
herausgebaute Arbeitsapparat des deutschen Etappenkörpers funktioniert
mit einer Pünktlichkeit, mit einer so tadellosen Ordnung bis ins
kleinste, daß man nicht eine grobe Kriegsmaschine, sondern den feinen
Präzisionsmechanismus eines genialen Uhrenkünstlers zu sehen glaubt.

Auch Maschinenfabriken, welche stillstanden, wurden in Betrieb genommen.
Wer in solchen Dingen nur ein bißchen bewandert ist, dem springt sofort
ein sehr auffälliger Unterschied zwischen dem französischen und dem aus
Deutschland bezogenen Arbeitswerkzeug in die Augen. Die französischen
Bohrmaschinen und Eisendrehbänke sind nach Systemen von Anno achtzig und
neunzig gebaut, der Mechanismus ist leichtsinnig und wackelig, die
Arbeit ungenau. Wahrhaftig, die deutschen Maschinen stehen neben den
französischen wie ein strammer, verläßlicher deutscher Soldat neben
einem wehleidigen Ohlala! Daß man unsere deutsche Industrie um den
Weltabsatz betrügen wird, brauchen wir wahrhaftig nicht zu besorgen. In
unserer deutschen Industrie stecken die gleichen sieghaften Kräfte wie in
unserem deutschen Volksheer.

       *       *       *       *       *

Eine tiefe Erschütterung befiel mich beim Besuch einer Werkstätte, die
keinen deutlichen Namen hat, nur »Reparaturstelle« heißt. Hier werden
die Gewehre, Waffen, Armierungsteile und alle sonstigen Fundstücke des
Schlachtfeldes gereinigt und wieder brauchbar gemacht. Durch jeden der
Helme, Tornister und Mäntel, die ich da aufgeschichtet sah wie etwas
tadellos Neues, ist irgendeinmal und irgendwo der harte bleierne Tod
gegangen. Jetzt wird das gesunde Leben sie wieder tragen, zu unserem
Schutz!

Unter den vielen Dingen, die vom Schlachtfeld zu dieser Reparaturstelle
kamen, sah ich eine für Europa sehr wunderliche Beutegattung: die aus
drei zähen Holzarten zusammengefügten zwei Meter langen Bogen indischer
Urwaldleute oder afrikanischer Pfeilschützen! Solche Waffen und solche
Kämpfer gegen unsere Maschinengewehre und Mörser ins Gefecht zu hetzen?
Ist das nicht sinnlos und idiotisch? Ganz abgesehen davon, daß es auch
verbrecherisch ist!

Von den fünfzig oder sechzig Bogen, die ich bei der reichen Schlachtbeute
liegen sah, sind die meisten entzweigebrochen. Das geschah wohl nicht
im Kampfe. Ich vermute, daß die Leute, welche diese Bogen auf dem
Schlachtfeld zusammenlasen, sie aus Neugier und in Unkenntnis dieser
exotischen Waffe nach der falschen Seite zu spannen versuchten. Krümmt
man einen solchen Bogen, der auch ungespannt eine Biegung zeigt, nach
einwärts, so zerbricht er; man muß ihn, um ihn elastisch zu machen, über
die Biegung nach auswärts spannen.

In ähnlich verkehrter Weise versuchten es unsere Feinde mit Deutschland zu
machen. Sie wollten uns klein zusammenbiegen, uns nach einwärts krümmen.
Aber wir zerbrachen nicht. Und _wie_ uns die Torheit der Feinde auch
zu beugen versucht, immer schlägt und wirkt die zähe, unzerstörbare
Spannkraft des deutschen Stahlbogens nach außen hin!

       *       *       *       *       *

Ich habe da aus der Fülle der deutschen Arbeitsbilder, die ich zu sehen
bekam, nur ein paar ungenügende Stichproben aufgezählt. Wollte man diesem
deutschen Friedenswerk inmitten des Krieges gerecht werden, so müßte man
ein dickes Buch schreiben. Aber auch das Wenige wird ausreichen, um in
der Heimat erkennen zu lassen, wie viel kluge, energische und erfolgreiche
Arbeit hinter der Front geleistet wird, und wie viele Siege des deutschen
Geistes und Fleißes unsere Feldgrauen in jenen scheinbaren »Ruhezeiten«
erfechten, von deren Inhaltsfülle die militärischen Tagesberichte
schweigen. Ebenso viel und ebenso Großes, wie von unseren siegreichen
Kämpfen an der Front, wo die deutschen Truppen unerschütterlich im
feindlichen Feuer stehen, wird die Geschichte des Weltkrieges einmal von
diesen deutschen Wirtschaftserfolgen auf erobertem Boden zu erzählen
haben. Und wenn ich bei der Schilderung dieser Bilder manches scherzhaft
genommen und heiter geformt habe, so soll das den Wert der Sache nicht
verkleinern. Die fröhliche Form ergab sich so, weil Heiterkeit, Ruhe und
froher Glaube die kostbaren Geschenke sind, die ich als schauender Bürger
im Feld empfange. Und wenn ich fröhlich erzähle, wohnt und schimmert
hinter jedem meiner Worte eine Bewunderung, so ernst und tief, daß ich sie
nicht auszusprechen vermag -- und eine deutsche Dankbarkeit, so heiß und
ehrlich, daß ich sie nicht sagen, nur fühlen kann.



4.


  11. März 1915.

Eine stürmische Nacht will sich verwandeln in einen trüben Morgen. Meine
Uhr sagt mir: jetzt muß es Tag werden! Aber die Helle will nicht kommen.
Immer bleibt dieses dicke, für die Augen undurchdringliche Grau über
allen Dingen hängen. Manchmal huscht am Wagen eine Laterne vorbei,
deren Licht so heftig flackert, daß es immer zu erlöschen und wieder
aufzuglimmen scheint. Flimmernde Regentropfen und Schneeflocken fliegen
horizontal an den Wagenfenstern vorüber. Manchmal brennt in der Ferne,
bald hier, bald dort, eine rötliche Helle im Nebel auf. Das sind die
Leuchtkugeln, die aus den Schützengräben emporgeschossen werden, um das
Gelände zwischen Freund und Feind für eine halbe Minute zu erhellen.
Fällt die Kugel nach kräftigem Glanze rasch herunter, so ist es eine
deutsche, die nur die feindliche Stellung aufklären, nicht auch den
deutschen Graben für die Feinde beleuchten will -- bleibt die Kugel in
der Höhe hängen und treibt sie eine Weile im Winde, so ist es eine
feindliche, die an einem kleinen seidenen Fallschirm hängt.

Einmal hält der Wagen; man muß in dieser grauen Finsternis bei einer
Wegkreuzung die Karte zu Rate ziehen. Der schwache Lichtkegel des
elektrischen Taschenlämpchens gleitet über das Blatt. Ferner
Kanonendonner und nahes Gewehrfeuer ist zu hören. Zur Rechten und Linken
des Weges seh' ich undeutliche Ruinen im Nebel hängen, sehe zerrissene
Mauern und leere Fensterlöcher. Schwerbeladene Karren ächzen vorüber,
und ich höre die Stimmen der Fuhrleute. Welche Sprache reden sie? Nicht
Französisch. Auch nicht Deutsch. Ich verstehe kein Wort. Und dennoch
klingt diese Sprache so, als wäre sie eine liebe Schwester meiner eigenen.
Etwas Warmes, fast Zärtliches erwacht in mir. Ich weiß: jetzt bin ich
auf flämischem Boden! Wie die Leute da draußen, so ähnlich reden unsere
Bauern bei Aachen und am Niederrhein.

Während der Wagen weiterfährt, spritzen von den Rädern dicke
Schlammgüsse gegen die Fenster herauf. Nun halten wir und steigen aus,
inmitten eines Waldes, den ein Wirbelsturm vernichtet zu haben scheint.
Fast alle Bäume sind in halber Stammhöhe geknickt und haben besenförmige
Splitterstümpfe. So weit man in der grauen Dämmerung zu sehen vermag, ist
der Waldboden bedeckt mit einem Wust von zerschlagenen Baumkronen und mit
zahllosen runden Erdlöchern, die bis zum Rande voll sind von schlammigem
Grundwasser. -- Ein Wald? Nein! Was ich sehe, war einmal ein herrlich
gepflegter, durch seine Schönheit berühmter Park -- der Park des vom
Kriege zerstörten Schlosses Hollebeke.

Unter dem Gewehrgeknatter, das immer näher klingt, waten wir im Regen
und im schwermütigen Grau der Morgenfrühe über eine Parkstraße hin und
versinken bis zur halben Höhe der Stiefelröhren im schwarzen Schlamm.
Ein zierliches Eisengitter ist zerschlagen und hängt verknüllt um die
zerschossenen Baumstrünke; fast jeder dieser entzweigebrochenen
Stämme ist hundertfach getüpfelt von den Kugelwunden der Gewehr-
und Schrapnellschüsse und von den Rissen, welche die Granatsplitter
schürften; auch die wenigen Bäume, die da noch unentwipfelt zu stehen
scheinen, werden sterben müssen an diesen Wunden. Nun eine Mauer -- nein,
nur eine Reihe von Steinhaufen und Wandfragmenten, die noch erraten lassen,
daß sie einmal eine schmucke Parkmauer waren; durch die Löcher gewahre
ich zerrissenen Rasen, zerschlagene Hecken, die auch im Sterben noch den
Frühling spüren und gerne grünen möchten, gewahre zerfetzte Wege,
verwüstete Zierbäume, zerschmetterte Palmenkübel, geknickte Eiben und
Zedern, gewahre Tempelchen, von denen nur noch die Säulenstümpfe stehen,
und gewahre Blumenhäuser und Glasgebäude, die aussehen wie ein mageres
Gerippe und keine ganze Fensterscheibe mehr haben; ein Gewirre von
mattglänzenden Scherben liegt um ihren Sockel herum. Nun kommt ein
zerschossenes Parktor. Wie hübsch muß es einmal gewesen sein mit seinen
flankierenden Säulen und seinen Marmorgruppen, die jetzt zertrümmert sind
und kaum noch erkennen lassen, was sie darstellten.

Hinunter in einen Laufgraben! Oder ist das ein kleiner Kanal? Wir waten
ein paar hundert Meter weit im Wasser. Irgendwo unter der schlammigen Suppe
liegt der Balken, über den wir hingaukeln müssen; tappt der Fuß daneben,
so geht's hinunter bis übers Knie. Endlich, Gott sei Dank, erreichen wir
den Schützengraben, der etwas trockener ist! Von allen Frontgräben,
die ich bis jetzt gesehen habe, ist es der am stärksten befestigte, eine
unbezwingbare Erdburg. Wo ich heute bin, das ist die Stätte der schweren,
blutigen Novemberkämpfe, ist eine Hölle der Ruhelosigkeit seit drei
Monaten. Auch heute geht dieses harte Geknatter ununterbrochen hin und her.
Man gewöhnt sich dran, fast hört man es nimmer.

In dem mit Mannschaften dicht gefüllten Graben riecht es heftig nach
nassen Kleidern. Die Hände der Feldgrauen sind ein bißchen starr von der
Nachtkälte, aber alle Gesichter sind frisch und gesund, ruhig und heiter.
Und eine wahre Blütenlese deutscher Dialekte ist da vertreten; ich
höre Bayern und Schwaben, Franken und Pfälzer, höre Sächsisch und
Mannhemerisch und schwatze mit einem Aschebercher (Aschaffenburger) aus der
Vaterstadt meiner Mutter. Immer quillt mir vor Ergriffenheit das Wasser
in die Augen und immer wieder muß ich mich freuen, muß lachen. Gesunder
Humor, wohin ich lausche, wohin ich schaue! Drollige Inschriften und
heitere Höhlennamen! Natürlich fehlt es auch nicht an einem glorios
gezierten »Hindenburg-Tor«. Und eine »Gaudeamus-Hütte« gibt es.

Dann werde ich stumm. Ich spähe hinaus, sehe fern im Nebel die
unbestimmten Formen der Türme von Ypern und sehe da draußen auf dem Feld
in Haufen und langen Reihen die toten Franzosen liegen; eine von unseren
Maschinengewehren niedergemähte feindliche Sturmkolonne, die das deutsche
Drahthindernis gar nicht erreichte. Sie haben schon ein sehr abgenütztes
Ansehen, diese dunkelblauen Schläfer, die niemals wieder erwachen werden!
Aber weit da draußen? Dieses Braune, ganz Neue in der Farbe? Was ist das?
Auch im Glase sieht es noch aus wie ein bräunlicher Holzpfahl. Ich selber
erkenne die Wahrheit nicht, man muß sie mir sagen. Was ich sehe, war
einmal von unseren zähesten Feinden einer, war ein lebendiger und ist nun
ein toter Engländer. Das ist ein Tod, der mir keine Ehrfurcht einflößt.
In mir, der ich am 3. August noch ein Englandschwärmer war, regt sich
etwas heiß Erbittertes -- ich kann es nur fühlen, nicht erklären. Meine
Zähne sind hart übereinandergebissen, und ein Zornschauer rieselt mir
über den Nacken. Ich wende mich ab und gehe, bis ich den braunen Pfahl
nimmer sehen kann. Nun werde ich wieder ruhig. Man sagt mir, daß da
drüben seit Wochen keine Franzosen mehr stehen, nur noch Engländer.
Immer spähe ich mit dem Glas nach den Erdwällen der feindlichen Stellung
hinüber; aber da drüben ist nichts Lebendiges zu sehen, nichts, nichts.
Nur die Schüsse knattern drüben genau so wie bei uns, und die Kugeln
klatschen in die Lehmsäcke. Ich frage einen Feldgrauen: »Streckt da
drüben manchmal einer die Nase heraus?« Und der Mann, ein schlanker,
kräftiger Pfälzer, antwortet: »Nee. Ich tät gern emol een
niederschlaache. Awer es kommt keener. Nu jo, Geduld muß mer ewe hawe. Bei
uns do und daheem!« Ich muß dem Manne, in dem so viel deutsche Ruhe und
deutsche Weisheit steckt, die Hand auf die Schulter legen.

Der Graben wendet sich und klettert über einen steilen Hang hinunter. Noch
immer ist der Morgen grau, noch immer ziehen die Nebel, noch immer hängen
sie an allen Stauden, und immer rieselt der Regen. Unter Schleiern seh' ich
ein Bild, das ich im Leben niemals wieder vergessen werde.

Zu meinen Füßen, tief drunten, liegt der breite Kanal mit dem schwarzen,
träg fließenden Wasser. Die Eisenbahnbrücke, die ihn überspannte, ist
gesprengt, und ihre Trümmer liegen wirr in der Tiefe. Drüben -- jenseits
eines Faschinensteges, der nur in finsteren Nächten begangen werden kann
-- steigt der deutsche Schützengraben wieder empor. Von der Höhe, auf der
ich stehe, kann ich weit in seine Windungen hineinschauen. Alles ist grau
da drüben, und dennoch regt sich alles; aber kaum merklich heben sich
unsere Feldgrauen von der Farbe des Bodens ab. Nur auf dem Steilhang
drüben kann ich sie genau unterscheiden. Ich sehe die Unterstände und
Schlupfe, sehe die Türen und Fensterchen. Das Bild sieht aus wie eine in
den Berghang eingenistete Höhlensiedelung grauer Mönche. Und wieder
seh' ich die Unseren Schulter an Schulter und unbeweglich bei den
Scharten stehen. Nur manchmal rührt sich einer ein bißchen, stampft mit
kaltgewordenen Füßen oder schlägt die Hände um die Brust, behaucht die
Finger und packt dann mit hastigem Griffe wieder das Gewehr. Achtet man des
Geknatters nimmer, an das sich die Ohren zu gewöhnen beginnen wie an das
Rauschen eines Baches, so scheint eine tiefe, fast heilige Stille über
diesem ergreifenden Bild der deutschen Soldatentreue zu liegen. Und blickt
man ein paar hundert Meter weit gegen Westen hin, so sieht man hinter den
Erdwällen der Anhöhe den dünnen Rauch der Feuerchen herausquellen, an
denen sich die Engländer ihr ausgiebiges Frühstück kochen.

In nördlicher Richtung, gegen Dixmuiden, fängt der Kanonendonner, der
seit einer Weile stumm geworden, wieder zu dröhnen und zu rollen an. Auch
die Engländer bei Ypern scheinen satt zu sein und wollen die zwecklos
brüllende Arbeit wieder aufnehmen. Meine Zeit ist abgelaufen, ich muß den
Rückweg antreten.

Die Landstrecke zwischen dem Schützengraben und dem verwüsteten Park
von Hollebeke ist ein Panorama des Grauens, ist völlig durchsiebt von
Granatenschlägen. Die Erde sieht hier aus wie der hundertäugige Argus
-- jedes Auge ein runder, schwermütiger Wasserfleck, der keinen Himmel zu
spiegeln hat. Das hübsche Pförtnerhaus des Parkes ist verwandelt in eine
Trümmergrotte; zentnerschwere Steinplatten liegen weit umhergestreut, so
wie ein Windstoß die welken Rosenblätter auseinanderweht. Das große,
schöne schmiedeeiserne Tor ist eine sinnlos verknüllte Sache geworden.
Überall liegen die Granatenzünder, die Blindgänger und Bombensplitter,
die Ausbläser und Schrapnellböden in solchen Massen umher, wie hinter den
Alpenvereinshütten die Bierflaschen und Konservenbüchsen.

In allem Grauen auch noch ein Bröselchen Humor: dem Standbild einer
griechischen Göttin ist ein eingetriebener Zylinderhut aufgesetzt und
hinter das Hutband ist eine Pfauenfeder gesteckt, ein grüner Eibenzweig
und ein großer Granatensplitter, der einem vierblättrigen Kleeblatt aus
Eisen gleicht.

Wohin man sich wendet, überall dieses Gewirre von niedergebrochenen und
zerfetzten Bäumen. Jeder Weg ist bedenklich; Fußangeln liegen umher,
und immer wieder bleibt man an den Stacheldrähten versteckter Hindernisse
hängen. Dann steht man vor dem einstens herrlichen Schloß, das berühmt
war um seiner Schönheit und seines Prunkes willen und jetzt verwandelt
ist in ein namenloses, von Schutt und Gebälk überkollertes Ruinengewirre.
Jede Mauer, die noch steht, ist dem Einsturz nahe und verwehrt allem
Lebendigen den Aufenthalt in diesem Trümmerhaufen. Durch formlose
Fensterhöhlen sieht man noch die zermürbten Reste einer verschwundenen,
verschütteten Pracht. Und was an Gemäuer noch übrig blieb, hat keinen
anderen Zweck mehr, als eine Reihe von liebevoll geschmückten deutschen
Soldatengräbern vor dem Einschlag der englischen Granaten zu beschützen.

Alles, was da Ruine geworden, ist englisches Werk. In der Nacht vom 30.
auf den 31. Oktober, als die Deutschen das Schloß eroberten und den
Offiziersstab der Engländer bei einem üppigen Nachtmahl überraschten,
war der herrliche Bau noch heil und unversehrt. Dann wurde er von den
englischen Geschützen so zugerichtet, wie er sich heute zeigt -- nur zu
dem einen Zweck: daß die Deutschen kein Dach hätten, unter dem sie nach
dem Regen wieder trocken werden könnten.

Alles Atmende ist verscheucht von dieser Trümmerstätte. Und wo ein
zerrissener Weg aus diesem Wirrsal der entzweigebrochenen Parkbäume
hinausflüchtet gegen die Straße, wie in Sehnsucht nach der Nähe lebender
Menschen, da sieht man die Ruine eines Gebäudes -- man kann nicht mehr
erraten, was es war, das Haus ist ausgebrannt, zerbröselt und zerfallen,
nur die Quadern des Türgemäuers stehen noch, und oberhalb des Türloches
sind in den Steinen mit großen deutlichen Lettern die drei flämischen
Worte gemeißelt: »In de vrede!« Das bedeutet: »Tretet ein, hier wohnt
der Friede!«

Ein Dichter, im Geiste jenem Unsterblichen ähnlich, der das »Glück von
Edenhall« besang, wird vielleicht einmal eine Ballade singen: »Der Friede
von Hollebeke«. Die Wahrheit der Gegenwart vermöchte seinem Zukunftsliede
einen phantastischen Schlußgedanken zu geben -- man erzählte mir: Das
schöne Schloß wäre der von übermütiger Lebenslust erfüllte Besitz
einer von ihrem Gatten getrennten Frau gewesen, und ihr einziger Sohn,
jetzt Fliegeroffizier der französischen Armee, komme von Zeit zu Zeit
auf seinem Doppeldecker herangeflogen und umflattere stundenlang in
schwindelnder Höhe, klein wie ein Sperber, die im Winde staubende
Trümmerstätte seines Mutterhauses.



5.


  12. März 1915.

Wir fahren nach Süden.

Die gleiche Morgenstimmung wie bei der Fahrt nach Hollebeke. Alles wieder
so grau, nur ohne Sturm, ohne Regen. Kälte ist eingefallen. In der
Morgenfrühe werden die Felder weiß vom Reif, und in den Straßengräben
blinken die Eisscheiben.

In allen Dörfern und Städtchen, durch die wir kommen, seh' ich beim
Erwachen des Morgens die gleichen Schuttbilder. Jede Ortschaft ist belebt
von unseren Feldgrauen, die zu den Stellungen marschieren oder flink
zu einer Arbeit wandern. Ich sehe viele Züge von frisch Angekommenen,
tadellos ausgerüstet, mit neuem Lederzeug. Frauen und Kinder stehen bei
den Haustüren, die Gesichter müde, die Augen stumpf.

Bei ihrem Anblick schwirrt mir immer ein wunderliches Liedchen im Kopf
herum, das ich dieser Tage von zwei Soldaten singen hörte. Ähnlich wie
beim Lied vom Guten Kameraden, das einen neuen Refrain bekam, wurde
auch hier ein altes Volkslied mit einer neuen Zutat versehen, mit einer
französischen -- mit Worten, die man hier in Nordfrankreich überall von
den Einheimischen hören kann.

Das Liedchen, wie es die zwei Soldaten sangen, war wohl scherzhaft gemeint,
und dennoch hat es einen traurigen Sinn:

  Ȁnnchen von Tharau ist's,
  Die mir gefällt,
  Aber sie nimmt mich nicht,
  Hab' ich kein Geld ...
    =Mon père, ma mère,=
    O weh, =la guerre,=
    =C'est triste pour nous,=
    =C'est triste pour vous,=
    =C'est triste pour tous,=
    Jawoll, mein Sohn,
    Det kommt davon!«

Je häufiger dieses aus Sinn und Unsinn, aus Spott und Bitterkeit gewobene
Liedchen in mir nachklingt, um so ernster empfind' ich es. Unter allem
gesunden Humor, der mir im Feld entgegenflattert, gibt es auch eine
Spezies, die ich nicht gerne höre: das Spiel mit dem Grausigen und
Grausamen. Ich erinnere mich an das Wort eines Radfahrers, der einen Befehl
zur Front zu bringen hatte und bei einer Wegscheide seinem nach der anderen
Seite davonsausenden Kameraden lachend nachrief:

»Also, behüt' dich Gott, Huber, auf Wiedersehen im Massengrab!«

Mit diesem Wort kann die spartanische Rede eines Telephonisten versöhnen,
die ich am gleichen Tage vernahm. Die Telephonstelle war in einem
Bauernhäuschen untergebracht, das schon halb in Scherben lag; als Schutz
gegen Wind und Zugluft waren die zerschmetterten Fensterscheiben mit
Zeitungspapier verklebt; und da sagte der Telephonist bei Beginn einer
neuen schweren Beschießung, die das kleine Haus umbrüllte:

»Mir scheint, die geben nicht eher Ruh', bis nicht die Fenster wieder
kaputt sind!« --

Auch der Weg, der uns im Grau der Frühe durch verwüstetes Gelände
führt, zeigt mir eine Groteske der Zeit. Ein hübsches Schlößchen
inmitten eines großen Obstgartens ist eine wertlose Ruine geworden; alles,
was da Holz war, ist verbrannt; nur neben dem Steinportal hat sich ein
kleines hölzernes Täfelchen unversehrt erhalten, mit der Inschrift
»=Château à vendre!=« Wann wird sich für diesen rußgeschwärzten
Steinhaufen der Käufer finden, der da vor Beginn des Krieges gesucht
wurde?

Wir halten bei hell gewordenem Morgen im Schutz eines hohen Bahndammes,
über den unter etwas lückenhaftem Geknatter die Hochgänger der
feindlichen Stellung pfeifend herüberfliegen. Ich sehe zur Ablösung einen
Zug von den Unseren ausmarschieren, die mich fragen machen: »Sind denn
das Franzosen?« Sie tragen weite blaue Pluderhosen, die bis unter die
Arme heraufreichen. Sehr komisch sieht das aus und ist doch eine ungemein
praktische Sache. Das sind Überhosen aus blaugefärbtem Zwilch, wie die
Maurer sie bei der Arbeit zu tragen pflegen. So behütet man jetzt unsere
feldgrauen Uniformen gegen die Lehmbekleckerung in den Schützengräben.
Das ist eine Ersparnis an Quartierarbeit und eine Mehrung der nötigen Ruhe
in den Ablösungszeiten; jetzt brauchen die Soldaten nicht immer an ihren
Uniformen zu bürsten und zu rippeln, die gelb gewordenen Blauhosen werden
jede Woche einmal gewaschen. Wie gut man auch geschult und vorbereitet war,
im Kriege lernt man noch immer etwas Nützliches hinzu.

Der Schützengraben, durch den wir hinsteigen, gehört zu den festesten,
die ich gesehen habe. Es gibt auch andere, solche, in denen man eine
Beklommenheit um unsere Braven trotz ihrer Ruhe und ihres Humors nie
völlig los wird; meist sind das Gräben, die man wegen des drohenden,
unableitbaren Grundwassers nur bis zu halber Manneshöhe in den Boden
einschlagen konnte; da müssen die Wälle um so höher aufgeschichtet
werden; diese lockeren Erdschichten, auch dann noch, wenn sie durch
Sandsäcke verstärkt werden, sind ein höchst zweifelhafter Schutz gegen
schweres Artilleriefeuer.

Der Humor unserer Feldgrauen bezeichnet solche Gräben nicht umsonst als
»Mausfallen« und »Granatenschachteln«; findet der Feind da Zeit, sich
einzuschießen, so gibt es in solchen Gräben bei aller Tapferkeit kein
Aushalten mehr, man _muß_ heraus, will man nicht zwecklos niedergemäht
werden. --

Wenn ihr daheim von aufgegebenen Gräben der Deutschen hört, dann handelt
es sich immer um solche »Granatenschachteln« und »Mausfallen«, die man
einer festeren Stellung zuliebe aufgeben mußte, und in denen sich auch der
Feind nach seiner billigen »Eroberung« nicht zu halten vermag. Aber der
prachtvolle Graben, durch den ich da heute hinsteige, der ist sicher, ist
mannstief in den Boden gesägt und durch festen Kalkstein geschnitten, ist
eine unzerstörbare Burg der Unseren, ist uneinnehmbar.

Welch ein Wahnwitz der Feinde es ist, eine solche Stellung anzugreifen,
beweisen die Kolonnen der toten Franzosen, die außerhalb der
Drahthindernisse in solchen Massen liegen, wie ich es noch nirgends gesehen
habe.

Seit dem 17. Dezember liegen sie da, in dicken Klumpen, in langen, nicht
abzuzählenden Reihen; ein verwesender Schimmel liegt dazwischen; und je
weiter sich diese Schnüre der Stummgewordenen in die Ferne ziehen, um so
kleiner werden sie und sehen schließlich aus wie dunkelblaue Steine, wie
blaßblaue Frühlingsblümchen.

Und während ich hinblicke über diese Blumenrabatten des Krieges, taucht
fern aus dem Nebel der Turm der Kathedrale von Arras heraus und das
schwarzgraue, klobige Viereck des Seminargebäudes, das noch mächtiger als
die Kirche wirkt. --

(Hier wurde ich heute mittag bei der Arbeit unterbrochen. Ein Auto holte
mich ab. Nun dämmert es, da ich heimkehre. Ehe der Tag versank, bekam er
eine rotglühende Sonne. Was ich in den vier vergangenen Stunden erlebte,
ist in mir wie ein Sturm, der meine Gedanken vor sich herjagt. Ich werde
ein paar Tage brauchen, bis dieser Bilderwirbel in mir sich beruhigt und
ordnet. Heute kann ich nimmer arbeiten. Nur dieses Eine muß ich noch
niederschreiben: Wie stolz bin ich auf meine Heimat, und wie viel Freude
ist in mir, weil ich sagen darf: ich bin ein Deutscher!)


  13. März 1915.

Morgensonne umglänzt das Fenster meiner Stube zu Lille.

Ich will versuchen, ruhig ein Wort neben das andere zu setzen, will vorerst
zu Ende erzählen, was ich gestern zu schildern begann. --

-- Die Türme von Arras standen im Nebel und umschleierten sich wieder,
als die zwei führenden Offiziere aus den weißen Kalkwänden des
Schützengrabens mit mir herausstiegen und mich hinunterführten in das
tote Dorf.

Eine lange, ausgestorbene Gasse, Ruine neben Ruine. Kein Mensch, kein Rind,
kein Huhn und keine Taube. Nur kleine Vögel sind noch da, spüren den
nahen Frühling und zwitschern -- ich seh' einen Spatzen, der gemütlich im
Mauerloch einer Schrapnellkugel sitzt, munter herausguckt und immer piepst.
Das Loch ist genau so groß, als wäre es für den Spatzen nach Maß
gemacht.

Neben dieser Sperlingsvilla steht die Kirche mit halbem Turm und ohne
Glocke, mit zerschmetterten Wänden und ohne Dach -- ein Anblick, der mir
das Herz umkrampft, obwohl ich nicht der frömmste der Christen bin.

Ich sehe durch offene Türen in zerschlagene Ställe, sehe durch
Granatenlöcher in verwüstete Stuben, aus deren Schutt die zerfetzten
Reste gemütlicher Lebensdinge heraustrauern -- und plötzlich zwingt mich
eine kleine Sache zu wortlosem Aufenthalt.

In einem von Mauerstaub überstreuten Vorgarten steht, durch einen
Granatensplitter übel verwundet, ein kleines Kinderpferdchen mit Rädern
unter den Hufen.

Mich ergreift das, obwohl ich finde, daß dieses französische Spielzeug
sehr geschmacklos ist. Aber auch symbolisch ist es. Statt der Ohren hat das
Pferdchen zwei Kurbeln -- wenn der kleine verschwundene Reiter an diesen
Kurbeln drehte, ging das Rößlein vorwärts. --

Hat nicht der Kriegsgaul des französischen Volkes einige Ähnlichkeit
mit diesem Spielzeug? Auch Frankreich hat zwei Kurbeln in den Ohren, und
England dreht daran. Wie weit wird Frankreich kommen dabei? So weit wie
dieses Spielzeug? Ein Granatensplitter hat ihm ein Loch in den Bauch
gerissen, aus dem der verrostete Mechanismus herausguckt. --

-- Das tote Dorf ist nicht völlig tot. Ich höre Stimmen und sehe eine
Gruppe von Feldgrauen in einem Schloßpark stehen, der aussieht wie
ein kränklicher Bruder des Parkes von Hollebeke. Das hübsche
Barockschlößchen ist löcherig wie Schweizerkäse, aber noch immer
bewohnbar. Ein Dutzend Feldgraue hausen drin, in großen Räumen mit
schönen Möbeln, mit seidenen Vorhängen und guten Bildern, mit Stutzuhren
und Kandelabern auf dem Kamin, in dem ein wärmendes Feuer brennt. Außer
diesem Feuerglanz ist keine Farbe mehr zu sehen, alles ist überbröselt
von Mörtelschutt, überkrustet von Lehm. So grau wie Straßenstaub ist
auch der Parkettboden; man geht da ganz wunderlich weich; ich frage:
»Ist das eine Hanfmatte?« Ein Feldgrauer antwortet: »Nein! das war ein
Smyrnateppich!« --

Ich nicke nur. Anders kann es da nicht aussehen! Die Leute, die todmüde
aus dem Schützengraben kommen, können nicht erst die Kleider reinigen und
die Stiefel putzen; sie kommen und essen und werfen sich hin und
schlafen ein. Und zur anderen Hälfte macht es der Mauerstaub, den die
französischen Granaten erzeugen.

Ich trete hinaus auf die Veranda, die noch halb erhalten ist. Aus
einem Kellertürchen seh' ich einen alten, weißbärtigen Mann langsam
heraufsteigen. Er geht zu einem verwüsteten Blumenbeet und leert einen
Nachtkübel aus. Das ist nicht appetitlich, aber ich muß es erzählen
-- denn der alte Mann, der dieses üble Morgenwerk verrichtet, ist der
Besitzer des Schlosses.

Wir reden ihn an; er ist sehr höflich, auch sehr gesprächig, obwohl er
immer nur ein einziges Wort wiederholt: »=Oui, oui, oui, oui ...=«

Als der Krieg kam, brachte der alte Herr das nicht übers Herz, sein
Haus und seinen geliebten Park zu verlassen. Er blieb -- mit seiner
siebzigjährigen Frau. Die Feldgrauen überließen dem alten Paar als
Wohnung den bombensicheren Keller. Da leben nun die beiden von den
Nahrungsmitteln, welche die deutschen Soldaten mit ihnen teilen. Kein
Diener ist mehr im Haus, keine Magd -- alle Dienstboten sind davongelaufen,
als die ersten Kanonenschüsse krachten.

Das ist Frankreich! Könnte Ähnliches in Deutschland möglich sein? Ein
alter Kutscher, der seiner Herrschaft viele Jahre diente, oder ein braves,
gutes deutsches Mädel wäre geblieben, auch unter Schreck und Grauen!
-- Ich sage das in deutscher Sprache zu den beiden Offizieren, und der
Schloßbesitzer antwortet mit höflichem Lächeln: »=Oui, oui, oui,
oui ...=« Ich fürchte, es sieht nimmer gut unter seinem alten Weißkopf
aus!

-- Krieg! Wer weiß und ahnt in der Heimat, was unserem Land erspart wurde
durch unser Heer! _Sehen_ muß man es, hier, in Feindesland, so wie meine
Augen es sehen! --

Zwei Granaten sausen über die Felder hin und dröhnen; manchmal klatscht
eine Gewehrkugel ins Gemäuer des Schlosses oder in die Rinde eines
Parkbaumes. Allmählich wird das Geschützfeuer ein ununterbrochenes
Rollen. Das hört sich anders an als das übliche Geböller, das die
Franzosen und Engländer Tag für Tag nach dem Frühstück zu beginnen
pflegen. Etwas Zorniges ist in diesem aus der Ferne her dröhnenden
Gebrüll. Wie ein Angriff klingt es. Man kann auch schon unterscheiden,
daß die Deutschen antworten, immer fleißiger! Das muß bei La Bassée
oder bei Lorgies sein! Oder noch nördlicher?

Eine lange, jagende Autofahrt mit vielen Umwegen. Gegen zwei Uhr
nachmittags tauchen die zerrupften Giebel von La Bassée aus dem Dunst
heraus. Unter dem Gerassel des Autos ist der ruhelose Geschützkampf nur
wie ein schwaches Murren zu hören. Nun halten wir. Und ein ingrimmiges
Donnerdröhnen geht durch die Lüfte.

Die Einfahrt nach La Bassée erweckt den Eindruck: das ist ein Städtchen,
das trotz allem noch lebt! Freilich, die Mehrzahl der Bevölkerung besteht
aus deutschen Feldgrauen. Zwischen ihnen und den Einheimischen ist
ein auffälliger Unterschied: die letzteren stehen zwecklos und mit
ängstlichen Gesichtern unter den Türen, die Unseren gehen ruhig ihrer
Arbeit nach oder schmauchen, wenn sie Rast haben, gemütlich ihr Pfeiflein.
Manchmal ruft einer: »Obacht!« Dann wird die Straße leer, jeder Lebende
drückt sich flink an die Hausmauer -- ich bin überrascht, wie schnell ich
das lerne -- eine unsichtbare Lokomotive schnaubt über die Dächer weg,
irgendwo hinter den Häusern kracht es sehr heftig, die Mauern zittern, der
Boden schüttert, die Ohren klingen -- dann geht man weiter. Die gleiche
Sache wiederholt sich nach jeder Minute.

Nun kommt die Quergasse von La Bassée. Die ist beinahe ausgestorben. Wie
die Kirche, die schrecklich anzusehen ist, genau so sehen alle Häuser aus.
An keinem ist mehr ein ganzes Dach, an keinem eine ganze Fensterscheibe,
an keinem eine unversehrte Mauer. Die meisten Häuser stehen leer, mit
abgesperrten Türen. Einige sind noch bewohnt. In ihnen hausen Bauersleute,
die von den zerstörten Dörfern hereinflüchteten in das Städtchen,
irgendeine verschlossene Tür erbrachen und sich einnisteten in den leeren
Stuben; wenn sie hungrig werden, gehen sie zu den deutschen Feldküchen.
Die paar Frauen, die aus den Fenstern gucken, haben blasse, verstörte
Gesichter. Ein bißchen lustiger sehen die Kinder aus. Die benehmen
sich wie der Spatz im Mauerloch, huscheln sich in eine Schutthöhle und
zwitschern. Auch sie werden bleich, so oft die unsichtbare Lokomotive
braust. Aber kaum ist der Donnerschlag vorüber, so lachen sie, zuerst wohl
ein bißchen scheu und unbehilflich, aber nach einer halben Minute ganz
munter und natürlich.

Aus einer Haustür sieht ein junges, bildschönes Mädel heraus, mit einem
Kind an der Hand. In ihrem Gesicht ist wahrhafte Heiterkeit, keine Spur von
Sorge. Der Blick, mit dem sie uns ansieht, scheint zu sagen: »Ich weiß,
daß ich schön bin. Schönheit ist eine Macht. Mir geschieht nichts.
Und geschähe mir was, so würdet ihr fremden Männer springen, um mir zu
helfen!« --

Der Blick des schönen Mädchens hat recht. Schönheit ist eine
Überwinderin. Wie dieses schöne, junge Geschöpf, so wahrhaft heiter
und ohne Sorge darf unsere deutsche Heimat sein. In ihrer Volksseele ist
Jugend, Schönheit und Kraft. Und da ihr was Übles zu geschehen drohte,
sprangen Millionen deutscher Männer, um ihr zu helfen.

Wieder pfeift die unsichtbare Lokomotive, und hinter zertrümmerten
Häusern wirbeln dichte Rauchwolken herauf. Dann erfragen wir's bei der
Befehlsstelle: zwei englische Angriffe sind abgewiesen worden, noch ehe sie
recht begannen, ich glaube bei Guinchy oder Givenchy, ein paar Kilometer
westlich von La Bassée. Weiter nördlich dröhnt und rollt es noch
immer, hat noch immer einen erbitterten Klang. Dort scheint noch keine
Entscheidung gefallen zu sein. Was hier bei La Bassée noch aufbrüllt in
immer länger werdenden Pausen, ist nur der Schlußakkord eines schon zu
Ende gehenden Kriegskonzertes.

Von einem Hausgarten, der uns zwischen verwinkeltem Gemäuer etwas Aussicht
bietet, sehen wir auf den Äckern die schwarzen Rauchbäume wachsen, sehen
über unseren Köpfen die Schrapnellwolken und hören von den Hausdächern
das Geprassel der einschlagenden Kugeln, hören das Geplätscher von Schutt
und Scherben. Nicht weit vom Gartenzaun schlägt eine Granate ein, ganz
nahe huscht ein scharfes Zischen vorüber und das Sprungstück fährt in
die Hausmauer.

Es scheint, eine Beschießung durch die Engländer ist eine für
Unbeteiligte, die abseits stehen, nicht völlig gefahrlose Sache. Die
britische Kugel nimmt häufig einen anderen Flug, als es die Engländer
wünschen. Nach allem, was ich von deutschen Offizieren höre, stehen und
fechten die Engländer im Nahkampf besser als sie im Fernkampf schießen.
Ein paarmal zischt es lehrreich an uns vorüber, und ich gewinne innerhalb
weniger Minuten die beruhigende Überzeugung, daß die deutschen Batterien,
die augenblicklich von den Engländern »beschossen« werden, viel sicherer
sind als meine harmlose Bürgerhaut, die weit davon entfernt ist.

Auf dem Rückweg zum Auto geht's immer hart an der deckenden Häuserzeile
hin. Kaum sitz' ich im Wagen, da spring' ich wieder heraus. Ein Feldgrauer
bringt zwei gefangene Engländer eskortiert. Sie enttäuschen mich. Wenn
die anderen von Kitcheners »Millionenarmee« nicht wesentlich männlicher
aussehen als diese beiden, dann sollte man für das englische Heer auch
einige Kindergärtnerinnen anwerben. Der eine ist ein achtzehnjähriges
Bürschlein, nur käsehoch, mit Säbelbeinen; er watschelt wie eine Ente
und weckt die Erinnerung an Falstaffs berühmte Rekruten.

Der andere -- nein, ich kann nicht spotten -- dieser andere ist ein
schlanker hübscher Mensch von etwa zwanzig Jahren, trägt den schlaff
hängenden linken Arm mit einer Schuhschnur an die Brust gebunden, wandert
mühsam und hat den Ausdruck eines quälenden Schmerzes im jungen schmalen
Gesicht. Das ist kein Feind mehr, das ist ein leidender Mensch. Ich sage
ihm rasch, daß er nimmer weit bis zu dem Hause hat, wo ein deutscher Arzt
ihm helfen wird. Er lächelt mit blassem Mund, sein Wort und seine Augen
danken.

Dann bringt man drei andere. Die sind besser gewachsen, sehen kräftig aus.
Zwei von ihnen sind verwundet, und die feldgraue Eskorte war so barmherzig,
die Tornister dieser beiden dem dritten aufzuladen, einem festen und
gesunden Kerl, der aber das harte Schleppen nicht zu lieben scheint.
Er sieht sehr mißmutig drein und schwitzt unter den drei gewichtigen
Tornistern wie ein Maulesel unter vielen Getreidesäcken. Dem vergönn' ich
es. Jeder Tropfen seines Schweißes soll ihn brennen, wie Reue brennt!

Hinter uns verstummt das Kriegsgewitter von La Bassée. Weiter nördlich
dröhnt es noch immer weiter. Schließlich übertönt das Geräusch des
Wagens auch dieses ferne Murren.

Bei der Einfahrt in Lille ist der Abend noch hell, kaum sechs Uhr vorüber.
Doch alle Läden sind schon geschlossen, die großen und hübschen Straßen
sind völlig menschenleer. Das sonst so muntere Lille sieht aus wie eine
Märchenstadt aus Tausendundeiner Nacht, wie eine Stadt der unsichtbaren
Magier, wie die Stadt der verzauberten, in einen fernen Weiher
verwunschenen Fische.

Mit dieser frühen Polizeistunde und dem Entgang des Abendbummels muß
Lille jene Begriffsverwechslung büßen, deren es sich beim Durchzug der
französischen Gefangenen schuldig machte.

Die gute Lehre wirkte bereits. Als vorgestern neuerdings dreihundert
französische Gefangene durch die Straßen von Lille geführt wurden,
benahm sich die einheimische Bevölkerung geradezu musterhaft. Eine
Krankheit mag heißen, wie sie will -- wenn man das richtige Medikament
erwischt, so hilft es _immer_! --

Für heute genug! Morgen will ich zu erzählen versuchen, was ich gestern
erlebte.



6.


  14. März 1915.

Am Nachmittag des 10. März, als ich in La Bassée war und aus nördlicher
Richtung schweren Kanonendonner vernahm, mußten die Deutschen nicht weit
von Lorgies, in dem von zahlreichen Drainierungskanälen durchschnittenen
Sumpfgelände von Neuve Chapelle, einen Schützengraben aufgeben, eine von
jenen nassen »Mausfallen« und »Granatenschachteln«, die gegen schweres
Artilleriefeuer nicht zu halten sind. Es handelte sich dabei um eine für
die Kriegslage an der westlichen Front völlig bedeutungslose Sache,
um jenes wechselnde, dem Schachspiel gleichende Hin und Her, das
im Stellungskriege mehr durch die Bodenbeschaffenheit als durch ein
Übergewicht militärischer Kräfte bestimmt wird. Man kann an den Verlust
dieses Grabens vielleicht den Vorwurf knüpfen, daß die mißgünstige
und unhaltbare Stellung nicht schon früher verbessert wurde. Aber nach
vorwärts war Boden von verläßlicher Beschaffenheit nicht zu gewinnen,
und nach rückwärts, wenn es sich auch nur um einen Kilometer handelt,
korrigiert sich der Deutsche nicht gern. Nun mußte dies am 10. März
unter dem Zwang eines wahrhaft höllischen Artilleriefeuers geschehen,
und die Zähigkeit, mit der die Unseren die schwierige Stellung bis zum
äußersten zu halten suchten, führte zu an sich nicht wesentlichen
Verlusten.

Ich habe heute in Herlies und Illies viele von den Braven gesehen, die,
bevor sie widerwillig den von der Vernunft befohlenen Rückzug aus diesem
mörderischen Feuer begannen, viele Stunden unter einem grauenvollen
Granatenregen ausgehalten hatten. Wären ihre Gesichter nicht so ernst
gewesen, so hätte der wunderliche Anblick ihrer Kleider erheiternd wirken
müssen. Die Leute sahen aus wie Soldaten, die sich als Kanarienvögel
maskierten. Die Pikrindämpfe der englischen Granaten hatten die feldgrauen
Uniformen zitronengelb gefärbt. Einer von diesen Tapferen sagte zu mir:
»Ich will so brav werden, daß ich in den Himmel komme, denn ich
weiß jetzt, wie es in der Hölle ist!« Ein anderer, dem von der
Nervenüberspannung jener Glutstunden ein ruheloses Zucken der rechten
Gesichtshälfte geblieben war, sagte wie ein Träumender: »Ich kann es
noch immer nicht glauben, daß ich lebendig bin.« Und ein dritter, dem
auch in solchen Stunden der Humor nicht völlig entronnen war, sah seine
zitronengelbe Hose an und sagte lachend: »Wär's nicht so heiß gewesen,
so hätte man glauben können, die Engländer schießen mit faulen Eiern.«

Während ich heute mit diesen Gelbgewordenen redete, ging ein fleißiges
Sausen und Brüllen durch die Lüfte. Man konnte in der Minute dreißig und
vierzig schwere Schüsse zählen. Fast nur die Deutschen schossen. Jetzt
waren _sie_ es, die den Engländern die gefährliche »Granatenschachtel«
heiß machten. Von der feindlichen Stellung war nur lückenhaftes Feuer
zu hören. Sehr bescheiden ging es da drüben zu, viel bescheidener als im
englischen Tagesbericht über den »Sieg von Neuve Chapelle«. Das Ergebnis
dieser englischen Errungenschaft wird ein Wirrsal zerrissener Erde mit
tausend trübselig blickenden Wasseraugen sein.

Der kleine Erfolg hatte die Engländer ein bißchen übermütig gemacht.
Sie hatten verschmeckt, was ihnen als Erfolg erschien, und wollten es
weitertreiben. Da schob man ihnen am 12. März einen deutschen Balken
über den Weg. Ich hab' es hören und sehen dürfen, wie dieser stählerne
Riegel zu klirren begann und sich vorschob.

Nach der Mittagsstunde war's. Ich saß bei der Arbeit, um vom toten Dorfe
bei Arras zu erzählen. Da läutet's. Ich werfe die Feder fort und packe
den Regenmantel, die Kappe und das Glas. Zwei Stabsoffiziere nehmen mich in
ihr Auto. Der Wagen hat Eile. Wir brauchen bis nach Fournes la Coquerelle
nur eine halbe Stunde, obwohl der Weg beengt und die Fahrt behindert ist
durch endlose Batteriezüge und Munitionskolonnen.

Unter verhülltem Himmel, dessen Dunstwolken nach Westen jagen, lenkt
eine wundervolle Rüsternallee von der Landstraße ab und führt zu einem
Schlosse, dessen Bau und Park an englischen Stil erinnert. Fast alle Bäume
sind angesplittert, viele schon umgeworfen. Das Schloßdach hat Löcher,
und zerschmetterte Fensterscheiben sind durch Papier ersetzt. Der Wagen
hält, und nun hört man den Kanonendonner. Ununterbrochen rollt er über
Herlies her und weckt im treibenden Gewölk ein grollendes Echo. Die beiden
Stabsoffiziere treten ins Haus; mich fesselt eine braune Sache, die ich im
Hof gewahre: eine Doppelreihe gefangener Engländer. Viele halbwüchsige
Bürschlein sind dabei; auch von den anderen ist keiner so hoch gewachsen
wie die Ulanen, von denen sie bewacht werden. Ein junger, schlanker, etwas
zart gebauter Unteroffizier hat den Kopf verbunden, Stirn und Wange sind
blutig; manchmal schließt er für eine Weile die Augen und blickt dann
wieder ruhig vor sich hin. Alle anderen sind unverwundet, und alle haben
etwas Ähnliches in den hageren, glattrasierten Gesichtern. Sie erinnern
an die Exzentrikgymnastiker, die man bei uns im Zirkus oder im Variété zu
sehen bekommt.

Unter den Feldgrauen, die um die braunen Engländer herumstehen, befindet
sich ein langer sächsischer Sanitäter mit schwarzem Backenbart. Der sagt:

»Ich habe den Haß gegen Ängland in mir genährt wie ene Mudder ihr Gind.
Aber nu sin se gefangene Fainde. Da muß man das reen Mänschliche im
Ooche behalten. Das heeßt, eens muß ich schon saachn, _sähr_ viel
Germanenvettrisches ham se _nich_!«

Die Weisheit des braven Sachsen wird sofort durch einen überzeugend
wirkenden Vorgang bewiesen. Unter dem rollenden Kanonendonner geht ein
scharfes Sausen durch die Luft. Immer näher kommt es, sehr nahe -- und
plötzlich, wie auf einen stummen Befehl, werfen sich alle Engländer,
ausgenommen den jungen verwundeten Unteroffizier, platt auf den Boden
hin. Achtzig Schritte seitwärts platzt die Granate, es dröhnt, und Rauch
wirbelt auf -- dann ist es ein bißchen still, und in diesem Schweigen
huschen an uns zwei Kaninchen vorüber, die unbekümmert um Krieg und
Menschennähe ihr temperamentvolles Liebesspiel betreiben. In etwas
unbehaglicher Stimmung erheben sich die vorsichtigen Engländer vom Boden,
und die Deutschen, von denen keiner den Kopf duckte, brechen in heiteres
Gelächter aus. Auch Spottworte regnet's, sehr derbe, und einer von den
Ulanen zieht hinten seinen Hosenboden spitz hinaus -- eine Geste, die so
deutlich ist, daß sie auch den Engländern nicht unverständlich bleibt.
Sie gucken verdrießlich drein.

»Nee!« sagt der lange Sachse ernst. »Nur geenen Spott nich! Wir wollen
Godd danggen, daß wir die ausgiebichere Gurasche in Laibe haben. Aber nich
überhäben! Das widderschpricht der reen mänschlichen Wierde.
Ängland hat sich, als es den Grieg an Deitschland erglärte, als en
unzurächnungsfähiches Gind erwiesen. Und Ginder sin furchtsam. Man muß
da immer das reen Mänschliche im Ooche behalten.«

Der lange Sachse gefällt mir sehr. Während ich ein Gespräch mit ihm
beginne, kommen Ulanen angeritten und galoppieren wieder davon. Radfahrer
sausen durch das Parktor herein und hinaus, Autos rauschen zum Haus und
rasseln weiter, aus dem Schloß und aus den Ställen klingen befehlende
Stimmen, und immer donnert und dröhnt es, in allen Richtungen sieht man
die Rauchbäume wachsen, und das Sausen in den Lüften wird eine unendliche
Melodie im Stile Richard Wagners.

Nun jagen auch wir davon. Eine heiße Erregung befällt mich, und ich
fühle den glühenden Wunsch, zwanzig Augen zu haben -- mit dem armseligen
Paar, das ich besitze, kann ich nicht alles sehen. Denn was da geschieht
und an mir vorübergleitet, ist wie ein Falkenflug.

Neben der Rüsternallee gewahr' ich einen großen Granatentrichter, der
nicht vorhanden war, als wir kamen. Nun sind wir wieder auf der Straße,
fahren gegen Herlies und kommen nur langsam vorwärts inmitten dieses
lärmenden Gewühls -- nein, kein Gewühl ist das, nur Fülle mit allen
Stimmen einer straffen Bewegung -- alles geht in stählerner Festigkeit
und Ordnung an uns vorüber, wie an einem eisernen Seil, rasch und doch in
Ruhe, hin und her, voran und zurück.

Der deutsche Stolz erwacht in mir und weitet mir die Augen, weitet meine
Brust. Im Auto stehend schau' ich mit einer freudigen Gier hinein in
dieses regelfeste Gewimmel. Nebeneinander, in dreifacher Reihe, ziehen
die beladenen Munitionskolonnen, die Feldküchenzüge und die
Geschützbatterien vor uns hin, und Kolonnen mit leergewordenen Wagen
traben gegen uns her. Inmitten dieses ohrenbetäubenden Geratters
marschiert im Schnellschritt ein Bataillon Grenadiere, zieht sich zwischen
den Wagenkolonnen schmal in die Länge und formiert sich wieder zu
viermannsbreiten Reihen, sobald es Platz gewinnt. Immer hängt dabei die
Orgel des Geschützkampfes wie ein tobendes Sommergewitter in den Lüften,
deren wehende Schleier dünner werden und manchmal von der für uns
unsichtbaren Sonne einen leuchtenden Hauch bekommen. Zur Rechten und Linken
der Straße, bald ferner, bald näher, schlagen die Granaten in das kahle
Feld. Erde wirbelt auf, die grauschwarzen Rauchbäume fahren in die Höhe,
und wenn sie im Winde verwehen, lassen sie einen bitteren Geruch zurück.
Es donnert und rollt und dröhnt. Doch unerschütterliche Ruhe bleibt in
all den festen, gesunden Soldatengesichtern. Nur die Gäule werden ein
bißchen zapplig und müssen fest an die Hand genommen werden. Und immer
höre ich heitere Worte und häufig ein kräftiges Lachen -- einer pfeift
und der andere schwatzt, der eine hat den kurzen Stummel zwischen den
Zähnen, der andere läßt sich die Zigarre schmecken, und neben unserem
Auto rasselt ein Geschütz, dessen Bespannungsreiter und Kanoniere
vierstimmig zusammen singen, halblaut, so daß es in dem knatternden Lärme
kaum noch zu hören ist.

Schon sind wir bei den ersten in Scherben geschossenen Häusern von
Herlies, zwischen unsagbar zerrupften Mauern, über deren zum Gerippe
gewordenen Dächern der Ruinenstumpf des Kirchturms trauert. Da flattert in
den dichten Soldatenreihen ein Wort von Mund zu Mund -- »Flieger!« -- und
alle Gesichter sind nach aufwärts gehoben, ohne daß die Bewegung auf der
Straße auch nur für eine Sekunde stockt. Jetzt seh' ich ihn auch. Und
noch ein zweiter kommt. Das sind Engländer; aber ihre Flugzeuge tragen die
französischen Farbenringe -- in den Lüften macht es England nicht anders
als auf dem Meere, borgt sogar manchmal die deutsche Fliegermarke, das
Eiserne Kreuz! Nun verschwinden die zwei Flugzeuge in den hastig ziehenden
Dünsten des Himmels -- eines taucht wieder heraus, hängt weiß da droben
unter einem Flecklein Blau, fast senkrecht über uns -- und da ist mir,
als zucke ein feiner, schwarzer, gedankenschneller Strich durch die Luft
herab -- -- --

Geht die Welt zugrunde? Bricht die Erde entzwei? Stürzt mit Donnerdröhnen
das Himmelsgewölbe herunter auf uns?

Ein paar Sekunden brauche ich, um meine Sinne wieder zusammenzufinden. Mir
war's, als hätte die Fliegerbombe dicht neben uns eingeschlagen. Doch
bis zu der Stelle, wo die schwarze, dem Qualm einer Brandstatt ähnliche
Rauchwolke aufwirbelt, sind's fünfzig oder sechzig Meter hinüber. Die
Bombe ist zwischen das Gewirre der Hausruinen gefallen und hat keinen
Schaden an deutschem Leben angerichtet, nur an französischem Eigentum.
Gott sei Dank! Die Feldgrauen lachen schon wieder -- das ist ein anderes
Lachen, als ich es in La Bassée von den erschrockenen Kindern hörte --
es ist ein festes, ruhiges Männerlachen; dabei haben die Soldaten harte
Arbeit, um die scheuenden Gäule zu bändigen.

Der Flieger kreist da droben in den Lüften -- »dieses gottverwünschte
Luder!« --, ein paarmal ist er senkrecht über uns, und eine
herzzerdrückende Sorge um die Unseren befällt mich. Denn die Ruinengasse
von Herlies ist so dicht mit Feldgrauen angefüllt, daß Schulter die
Schulter berührt -- wenn jetzt eine Fliegerbombe da herunterschlüge --
ich kann's nicht ausdenken und muß für einen Moment die Augen schließen,
wie der englische Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf. Nun geht durch
die Reihen der Feldgrauen ein vergnügter Jubel hin -- in den Lüften
kracht es wie von einer großen Raketengarbe, zwischen den grauen Dünsten
und unter den blauen Himmelsflecken pufft in rascher Folge ein Dutzend
Schrapnellwolken auf -- der Flieger saust in Windungen davon, höher
steigend und sich niederwerfend und wieder aufwärts rudernd -- einmal ist
er von den Schrapnellwolken so dick eingewickelt, daß hundert Feldgraue
zu jauchzen beginnen: »Jetzt kommt er, jetzt kommt er!« -- da hüllen die
grauen Dünste der Höhe den Vogel wieder ein, und er bleibt verschwunden.

Ich stehe beim letzten Hause von Herlies. Weiter darf ich nicht. Wohin
soll ich die Augen schicken? Hinauf in die Lüfte, in denen es saust und
dröhnt? Hinunter in das nahe Tal von Illies, in dem die großen Weiher der
Überschwemmung umschleiert sind vom zerflatternden Granatenrauch?
Hinüber zu den Schützenstellungen, wo die Maschinengewehre tacken und die
Gewehrsalven knattern? Gegen die dunklen Wälder hin, in deren Schatten
man schon die Flammenblitze der explodierenden Geschosse sieht? Oder zu den
seltsam verdickten Hecken, hinter deren Stauden lange Munitionskolonnen,
Haubitzenbatterien und Infanteriezüge sich decken und auf das Befehlswort
harren? Oder soll ich nur dicht vor mich hin auf die Straße schauen, wo
Glied um Glied die stählerne Kette der deutschen Kraft, der eiserne Riegel
wider die Engländer an mir vorüberklirrt?

Tausende von den Unseren marschieren dem Feind entgegen -- doch es kommen
auch Feldgraue von da unten herauf, nicht in festgeschlossenen Zügen und
nach dem Hundert, nur alle paar Minuten einer oder zwei zusammen. Keiner
von ihnen hat ein Gewehr, jeder hat etwas Weißes an sich, am Kopf, am Hals
oder an den Händen.

Einen, der ein verzerrtes Gesicht hat und die Zähne hart
übereinanderbeißt, muß ich fragen: »Haben Sie Schmerzen?« Er
schüttelt den Kopf. »Ick? Nee! Ick ärjere mir nur, daß sie mir
fortjeschickt haben!« -- Einer kommt, das Gesicht dick verbunden, man
sieht nur die Nase und das geschwollene Maul; und knödelig fängt er von
selber zu reden an: »Gelt, so was Saudumms!« Ein Bayer! Ich frage, was
ihm geschehen ist? »Mei, es hat a bissel pressiert, und da hab' i mer
beim Telephondrahtwickeln 's Messer durch 'n Backen durchig'stochen!
Bluathimisakra! Jatz derfen die anderen ebbes loasten, und i muaß hoam!
So was Saudumms! Glei' derreißen kunnt i mi! So was Saudumms!« -- Einer
kommt, der ein bißchen blaß ist und die beiden Hände vor sich hin hält,
so wie man achtsam etwas Kostbares zu tragen pflegt; aber diese beiden
Hände sind leer, sind dick umbunden, und alles Weiße des Verbandes ist
dunkelrot geworden, und rote Tropfen fallen hinunter auf die Straße. Mir
fährt ein leiser Laut aus der Kehle. Da lächelt der blasse Deutsche,
sieht mich freundlich an und sagt mit Ruhe: »Det wird schun widder!«

Etwas Starkes und Stolzes und Wundervolles faßt mich und rüttelt mich
an den Schultern, am Herzen, am ganzen Leibe -- ich kann's nicht sagen --
immer schreit es in mir: »Zu denen gehör' ich! Zu denen gehör' ich! Nimm
mich, liebe Heimat, laß mir um deines Lebens willen die Haut von meinem
Leibe reißen, fordere um deiner Zukunft willen den letzten Heller meiner
Habe, und in Freude will ich sagen: Das wird schon wieder!«

Ein Klirren und Klingen. Da kommt ein neues Bataillon und löst sich zu
einer langen Reihe auf und deckt sich an einer Hecke, damit die feindlichen
Flieger, wenn sie wieder kämen, die Zahl der Verstärkungen nicht erkunden
könnten. Und _wieder_ eines! Nimmt die Fülle der deutschen Jugend und
Kraft, die da an mir vorübermarschiert, kein Ende mehr? Und welch ein
Wechsel in diesen jungen gesunden Gesichtern! Derbe Bauerngesichter und
feingeschnittene Züge! Klare Blitzaugen und Brillen in Horn, in Silber,
in Gold, mit Gläsern, die vom Schmutz und Staub des Marsches ein bißchen
schmutzig wurden. Unter vier Feldgrauen ist immer einer, dem man es
ansieht, daß er von der Hochschule weglief, um zu seiner deutschen Heimat
zu sagen: »Nimm mich!« Deutsches Blut und deutsche Fäuste, deutsches
Wissen und deutscher Geist! Aus diesen vierfachen Wunderkräften ist unser
Heer zusammengeschmiedet! Aus solchen Erzblöcken ist die stählerne Mauer
aufgebaut, die uns beschützt! Was brauchen wir zu fürchten auf Erden?
Seht, wie sie hinschreiten, dem Feuer der Feinde entgegen! _Für uns!_
Diese beiden Worte sollte jeder Deutsche in der Heimat, Mann und Weib und
Kind, sich dreimal des Tages vorsagen, beim Erwachen, in der Mittagsstunde
und vor dem Schlafengehen: _Für uns!_ Und wenn wir alle in der Heimat
so fest und verläßlich unsere Pflicht erfüllen wie diese stählernen
Männer und diese prächtigen Jungen da, so werden wir fragen können mit
ruhigem Lächeln: »Welt, was willst du von uns?«

-- Der Wagen, der mich herbrachte, muß heim in die Stadt; die beiden
Offiziere müssen ihre Meldungen zum Stab bringen. Ich gehorche gern. Was
hätt' ich noch abzuwarten? Der deutsche Riegel klirrt, der eiserne Balken
legt sich ein, die stählerne Mauer ist errichtet -- ich weiß, wie es
kommen wird!

Hinter Fournes holt das Auto den Zug der gefangenen Engländer ein. Der
junge Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf sieht entkräftet aus. Einer
der beiden Offiziere sagt: »Den müssen wir zu uns ins Auto nehmen!«
Jetzt sitzt der Braungekleidete vor mir. Bei der jagenden Fahrt macht
ihn der rauhe Luftzug frieren und zittern. Ich muß an den braven Sachsen
denken und wickle dem schauernden Engländer meinen Regenmantel um Kopf und
Brust. So bleibt er unbeweglich. Ich weiß, er hält unter meinem Mantel
die Augen geschlossen.

Dann kommen zehn Sekunden brennender Erregung. Ein feindlicher Flieger
gleitet quer über die Straße hin, kaum vierhundert Meter hoch,
vierhundertfünfzig höchstens! »Herrgott, Herrgott, hätt' ich nur meine
Fernrohrbüchse, der Kerl müßte herunter!« Von der Munitionskolonne,
die an uns vorüberrasselt, springen die Feldgrauen zu den Alleebäumen und
legen an; aber bis sie mit ihren Karabinern zu knallen beginnen, ist der
Flieger schon außer Schußweite und steigt wieder. -- (Noch am Abend
erfuhr ich, daß die beiden englischen Flugzeuge vor Sonnenuntergang bei
Illies heruntergeschossen wurden. Und -- die »reene Mänschlichgeid«,
die der brave Sachse gepredigt hatte, verließ mich vollständig -- ich
jubelte!) --

Kaum noch vernehmbar murrt hinter uns das eiserne Grollen des Kampfes. Der
Himmel klärt sich, und eine rotglühende Sonne, die aus zerfließenden
Dünsten rein heraustritt, überflutet die Erde mit gleißendem Gold und
verwandelt jedes Bild der Vernichtung in etwas leuchtend Schönes!

Wir fahren durch die leeren Straßen von Lille zur Zitadelle. Der
Engländer hat sich erholt und sagt in seiner Sprache: »Ich danke Ihnen!«
Das Tor öffnet sich, eine Wache empfängt den Gefangenen, dann klirrt der
Riegel.

Mein Mantel ist blutig, ich muß ihn waschen lassen. --

-- Arbeiten konnte ich nimmer an diesem Abend. Während der ganzen
Nacht vernahm ich den fernen Kanonendonner. In der Morgenfrühe kam
die Nachricht: Der englische Durchbruch ist zum Stehen gebracht, trotz
vierfacher Übermacht auf feindlicher Seite.



7.


  17. März 1915.

Die Fahrt geht an Roubaix und Tourcoing vorüber und durch das nette,
von Feldgrauen wimmelnde Meenen. Über die freundliche, sanft geglättete
Landschaft streckt sich eine nach der Schnur gezogene Alleestraße hin und
erinnert mich an die ersten perspektivischen Zeichnungen, die ich einst in
der Schule machte: vorne die zwei Bäume, die in den Himmel wachsen, hinten
zwei winzige Besenblümchen und dazwischen eine immer kleiner werdende
Leiter; vorne eine Durchfahrt so breit wie der Weg des Lasters, und in der
Ferne eine enge Baumschlucht, die dem Pfade der Tugend gleicht.

Weil wir damals in der Schule freihändig zeichnen mußten, ohne Lineal,
drum waren alle Linien krumm, die gerade sein sollten.

Genau so ist es auch hier.

Es gibt da keinen Strauch, der aufrecht steht, keinen Baum, der senkrecht
zum lieben Herrgott trachtet. Alle Kinder der Natur, Halme und Stauden
und Bäume sind vom ewig über das Land her blasenden Meerwind nach Osten
gebogen. Sogar die Telegraphenstangen haben was lustig Schiefes.

Dadurch bekommt die Landschaft, in der sich die großen Flügel vieler
Windmühlen wie in ehrgeizigem Wettrennen durch den Nebel drehen,
einen ganz wunderlich fidelen Charakter, einen Zug von liebenswürdiger
Beschwipstheit.

Freut sich diese Gegend, weil die Schrecken des Krieges barmherzig und
schonungsvoll an ihr vorüberschritten?

Manchmal sieht man auf den Feldern die Erdwälle von kurzen
Schützengräben, die hastig geschaufelt und schnell wieder verlassen
wurden.

Aber keine verwüstete Kirche ist zu gewahren, kein zerschossenes Haus,
keine Brandstätte, kein Mauerschutt und kein Trümmerhaufen.

Ruhig stehen die hübschen Dörfer mit den farbigen Häuschen inmitten
sprossender Saaten.

Die erwachsenen Leute sind bei der Arbeit, und vor den Haustüren stehen
kleine blondhaarige Mädelchen in großen Holzschuhen.

Das Bild dieser Menschen und die ganze Landschaft mutet germanisch an, und
überall an der Straße reden die Wirtshausschilder eine Sprache, die
ein Deutscher versteht, auch ohne daß er Flämisch lernte: »=In 't wite
Kruis=« (Zum weißen Kreuz), »=De dree Linden=«, »=De niuwe meiboom=«,
»=Vlaamsh bierhuis=«, »=De Zomerbloem=« (das Sommerblümchen), und ganz
besonders freundlich grüßt mich ein Schild: »=De landgenoot=« -- der
Landsmann!

Eine doppelte Freude ist in mir: die Freude, auf germanischem Boden zu
sein, und die Freude, nach Bildern des Krieges, die ich sah, nun wieder
-- wenn auch nur für ein kurzes Aufatmen -- friedliche Bilder des Lebens
schauen zu dürfen.

Nun geht die Fahrt den schönen, gut gepflegten Wäldern entgegen, hinter
denen Brügge liegt, die matt gewordene Perle einer großen flandrischen
Vergangenheit.

Wie wird sich auf diesem historischen Boden die Zukunft gestalten? Wird
unter kraftvoller Führung wieder aufblühen, was Jahrhunderte
politischer Zerrissenheit versinken ließen und in wehrloser Ohnmacht der
fortschreitenden Versandung preisgaben? Ist der Krieg nur Vernichtung?
Regen sich in ihm nicht auch Kräfte, die beleben, erneuern und frisch
erschaffen?

Ich schließe die Augen; alle die mächtigen, Herz und Nerven
erschütternden Gesichte der letzten Tage gleiten wieder an meiner Seele
vorüber, und inmitten dieses huschenden Panoramas von Zerstörung
und Vernichtung klingt mir, gleich einer wegweisenden Glocke, das
Verheißungswort einer klaren und ruhigen Mannsstimme:

»Der Krieg ist hart, aber er wird auch Großes bringen. Alles Starke, wenn
es gerecht ist, muß sich belohnen. Wir haben noch immer schwere Arbeit zu
leisten, doch ich glaube, daß das Schwerste bereits getan ist.«

Diese Worte hörte ich von jenem deutschen Heerführer, dem wir seit der
Erlösungsschlacht in den Vogesen begeisterte Dankbarkeit und ein erhöhtes
Maß von Verehrung entgegenbringen, und der auch in den schmerzvollen
Stunden schwerster menschlicher Prüfung ein aufrechter Held blieb und
das stählerne Wort von der Zeit sprach, in der man handeln muß und nicht
trauern darf.

Die Bilderflucht meines Erinnerns zeigt mir das Quartier des jungen
siegreichen Heerführers, des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.

Still die Straße, still der Garten, auch still das Haus.

Die mahnende Stimme eines unsichtbaren Hüters scheint da immer zu
flüstern: »Nicht laut sein, nicht stören!«

Ein Doppelposten steht vor dem Gartentor, und im Hause sieht man zwei
Diener.

Der Tag unter diesem Dache ist militärische Arbeit, Vortrag und Beratung,
nur unterbrochen durch den Ausritt zu den Stellungen an der Front.

Mittags speisen die Generale des Stabes mit dem Prinzen, am Abend sind im
Wechsel die höheren Offiziere des Kommandos zu einer Tafel von acht oder
zehn Gedecken geladen.

Der Salon des abgereisten Besitzers dient als Empfangsraum. Inmitten einer
typisch französischen, dem Empirestil nachempfundenen Einrichtung gewahrt
man mit Vergnügen zwei Dinge, die gut münchnerisch sind: Adolf Hengelers
»Tagebuch von 1914«, jene entzückende, aus vaterländischem Zorn und
spielender Ironie geborene Künstlergabe -- und auf dem Marmorgesimse des
prunkvollen Kamins, zwischen kostbaren Bronzen, liegt neben einer kleinen
Spielmarkenschachtel ein heimatliches Remedium für müde Abendstunden, in
denen der Kopf sich ausruhen möchte -- ein nicht mehr ganz neues Päckchen
bayerischer Tarockkarten. -- Heimat ist Heimat; bei allem, was in der
feindlichen Fremde die Erinnerung an das Heimatliche wachruft, schätzt man
das Wertvolle und das Bescheidene mit einander ebenbürtigen Ziffern ein.

Das köstliche Werk Meister Hengelers und diese sechsunddreißig
Kartenblättchen hatten für mich, wenn auch nicht die gleiche
kunstgeschichtliche Bedeutung, so doch den gleichen Gefühlswert des
Augenblickes. Ich empfand so was Ähnliches, wie es unsere Feldgrauen
in ihren feuchten und dunklen Lehmhöhlen fühlen, wenn sie ein kleines,
zerknittertes, von daheim gekommenes Zettelchen zärtlich streicheln und
glätten, um dann leise und inbrünstig zu singen:

  »In der Heimat, in der Heimat,
  Da gibt's ein Wiedersehn!«

-- Während im Empiresalon die paar Gäste sich versammeln, klingt
durch die Glaswand des anstoßenden Raumes die Stimme eines vortragenden
Offiziers, und manchmal hört man eine rasche und knappe Zwischenfrage des
Kronprinzen. Auch diese Worte, wie streng und ernst ihr Klang ist, haben
heimatliche Wärme.

Nun kommt er -- eine schlanke, straffe Soldatengestalt, lebhaft und
elastisch. In der Art, wie er die Gäste begrüßt und mit ihnen plaudert,
ist heitere Freundlichkeit.

Sieben Kriegsmonate, die Fülle des Geschehens und der militärischen
Verantwortung, wie auch persönliches Erleben und Überwinden haben diesen
charakteristischen Fürstenkopf noch schärfer gemeißelt, noch herber
geformt. Die blaugrauen Augen sind von einer Ruhe, die wie ein Schleier
ist. Doch immer wieder leuchten sie bei raschem Gespräche blitzartig auf,
und dann hört man auch immer ein Wort, das man sich merken muß, weil
etwas Starkes und Aufrichtendes aus ihm redet.

Bei der Tafel, deren paar Gänge die heimatliche Küche durch gefüllte
Kalbsbrust und echt Münchnerischen Kartoffelsalat angenehm in Erinnerung
bringen, herrscht der gleiche, aus Ruhe und Heiterkeit gemischte Ton.
Flattert ein munteres Wort auf, ein kleiner Scherz, so schmunzelt man. Dann
wird wieder ernst von den militärischen Dingen des Tages gesprochen.

Nach der Mahlzeit, bei der Zigarre, ist alles Soldatische vom Gespräche
ausgeschieden. Das berührt wie eine unausgesprochene Verabredung: man will
aufatmen, will Gehirn und Nerven rasten lassen, will sich erfrischen an
einem herzlichen und wohltuenden Lachen. Man plaudert von daheim, von
freundlichen Vergangenheiten. Eine Wendung im Gespräch bringt es, daß der
Kronprinz mit Humor und voll wirksamer Anschaulichkeit von allerlei
tollem Übermut zu plaudern beginnt, von manchem lustigen Streich seiner
Jugendjahre. Doch immer bleibt in dieser sprudelnden Heiterkeit etwas ernst
Verschleiertes, eine verhüllte Sehnsucht, die man empfindet, obwohl sie
sich nie mit einem Worte äußert. Und manchmal, nach lebhaftem Erzählen,
wird er plötzlich stumm, und die blaugrauen Augen blicken ernst, als
möchten sie die Schrift einer weiten Ferne lesen. --

Zwei Offiziere kommen. Der Kronprinz erhebt sich.

»Ich habe noch zu tun!«

Mit herzlichem Händedruck verabschiedet er sich von jedem seiner Gäste.

Mehrere Tage später. Ich kam in die Villa, um mich vor meiner weiteren
Fahrt für das freundliche Entgegenkommen zu bedanken, das mir so viel
gegeben, mir eine fast unbeschreibliche Fülle von Bildern dieses großen
Ringens um Leben und freie Zukunft des Deutschtums gezeigt hatte.

Ein Schimmer linder Frühlingssonne glänzte um die hohen Fenster des
Empiresalons, während der Kronprinz mit mir sprach. Den Inhalt dieser
Stunde will ich fest bewahren. Vieles, was ich hörte, muß ich in mir
verschließen; manches darf ich sagen und muß es sagen, weil es für das
Leben in der Heimat wegweisend, aufklärend und hilfreich ist.

Ein stolzes Aufleuchten in den blaugrauen Augen des Kronprinzen.

»_Unser Heer! Das ist ein Menschenmaterial, mit dem man alles, auch das
fast unmöglich Scheinende leisten kann, wenn man es richtig macht und
die rechte Stunde wählt. Die wird kommen._ Man darf nur in der Heimat den
Erscheinungen gegenüber, welche durch die Lage der Dinge hier verursacht
werden, nicht allzu kritisch sein. Die Situation ist für uns eine ganz
verläßliche. Daheim beurteilt man das nicht immer in zutreffender Weise.
Wenn wir von der Heimat Geduld und gläubiges Ausharren erwarten, dann
verlangen wir weniger, als wir selbst im Felde hier zu leisten haben.
_Glauben Sie mir, wir im Felde hier, besonders wir Führer, liefern
Geduldproben, mit denen die doch wesentlich ungefährlichere Geduld, die
man in der Heimat beizusteuern hat, den Vergleich nicht aushält._«

Ich kam auf die Skrupellosigkeit unserer Feinde in der Wahl ihrer
Kampfmittel und ihrer politischen Schachzüge zu sprechen.

Der Kronprinz lächelte.

»Politische Moral ist ein Fremdwort. Es kommt nur darauf an, wie man's
übersetzt. Bei uns Deutschen heißt es ›Gewissen‹, bei den Engländern
heißt es ›Erfolg‹. Unter allen Völkern sind die Engländer in der
Politik am brutalsten. Aber man kann nicht leugnen, daß sie mit dieser
gegen alle Völker gleich rücksichtslosen Brutalität eine häufig sehr
erfolgreiche Nüchternheit beim Rechnen vereinigen. Doch passiert es
manchmal auch diesen gewiegten Rechnern, daß sie theoretisch das für
ihren Vorteil Richtige erkennen und in der Praxis das Falsche, ihnen
Schädliche ausführen. Ich glaube, so geht es ihnen jetzt. In uns
Deutschen wohnen Kräfte, die für die Engländer am 4. August noch eine
dunkle Ziffer waren. Darum haben sie sich verrechnet.«

Wir sprachen von der psychischen Erneuerung, die der Krieg und die Größe
seiner deutschen Ziele in den Lebenskräften und im Wesen unseres Volkes
hervorrufen; und sprachen auch von den materiellen Härten, durch die der
Krieg eine große Zahl von Existenzen erschüttert.

»Allen schwer erträglichen Härten zum Trotz ist dieser Krieg ein
Gesundbrunnen für unser Volk!« Die Stimme des Kronprinzen hob sich.
»Alles Gute und Lebensfähige stärkt er, alles Schwächliche belebt
er neu, alles hilflos Ungesunde bläst er fort. Richtet sich nicht viel
Wertvolles jetzt wieder auf, von dem man im letzten Jahrzehnt besorgen
konnte, daß es für immer lahm geworden wäre?

_Alles Angekränkelte, das sich vordrängte, verschwindet._ Man ist jetzt
in der Heimat doch wohl erlöst von allem überreizten Ästhetentum und
aller manierierten Dekadenz!

_Wegen solcher Dinge hat man sich übrigens viel mehr Sorge gemacht als
notwendig war. Gar so arg, wie es für manche aussah, war es nicht. Die
frische, prachtvolle Jugend, die jetzt mit den Rekrutennachschüben ins
Feld kommt, beweist es mir._ Solche Menschheitskrankheiten sind Wellen, die
kommen und vergehen. Im großen und ganzen ist es meine Überzeugung,
daß der Mensch immer der gleiche bleibt, sich nur in seinen äußerlichen
Lebensmodalitäten ändert, gestern zum Schlechteren, heut wieder zum
Besseren.

Und dann kommt es auch darauf an, ob man solche Erscheinungen mit
alten oder mit jungen Augen ansieht. Alte Augen sehen das Vergängliche
schärfer, junge Augen erkennen deutlicher das neue Werden. Auch liegt es
immer im Wesen der Menschen, zu hoffen, daß das Kommende besser sein
wird als das Gegenwärtige ist, und zu glauben, daß das Gegenwärtige
schlechter ist als das Vergangene war. Jede Entfernung verklärt. Und wie
in rein menschlichen Fragen, so ist es auch in politischen Dingen.

Ich habe alte Männer oft sagen hören: Im Jahre 70/71 wäre es nicht
so gewesen wie in den Befreiungskriegen, nicht so groß, einheitlich und
heilig. Und jetzt sagen die Altgewordenen: So wie es 70/71 war, so ist es
heute nicht, weder so heilig noch so groß.

_Ich glaube, es war vor hundert Jahren und vor fünfundvierzig Jahren
und im vergangenen August ganz das gleiche: deutsche Kraft, die sich
aufstreckte in der Not, deutscher Wille, der zu Eisen wurde, und deutsche
Energie, die sich nicht beugen läßt und beharrlich bleibt, ohne im Glück
übermütig oder unter einem Rückschlag verzagt zu werden._«

Ein freies, ruhiges Auflachen des Prinzen. Dann ein kurzes, nachdenkliches
Schweigen.

»Viele haben es hart daheim, ich weiß. Was man in einem so schweren
Krieg zu überstehen hat, das ist kein Bett auf Rosen. Es ist auch ein
zweifelhafter Trost, zu sagen: daß es unsere Feinde nach allen Niederlagen
noch schlechter haben als wir, die wir nach den bereits errungenen Erfolgen
_bald den endgültigen Sieg erhoffen dürfen_. Aber man sollte doch
vergleichen: wie es hier aussieht, unter allem Kriegsschreck im Land des
Feindes, und um wieviel besser es daheim in Deutschland ist, das, ein paar
Grenzstriche angenommen, von allem verschont blieb, was der Feind unter dem
Kriege leiden muß.

Für viele daheim ist's eine harte Zeit. Vieles, was man verlieren mußte,
ist unersetzlich. Aber materielle Verluste kann man doch wirklich bei dem
Gedanken verschmerzen und überwinden, daß eine große Zukunft den Verlust
wieder ersetzen wird. Ich weiß, daß gerade unsere engere Heimat,
der deutsche Süden, sehr empfindlich leidet. Es gibt da nicht viele
Industrien, die auf die Arbeit für den Heeresbedarf umsatteln können.
Kunst und Kunsthandwerk, Luxusgeschäfte und Fremdenindustrie haben bittere
Zeiten durchzumachen. Ich hoffe, unsere Kunst und unser Kunsthandwerk
werden diese Prüfungsmonate mit ungebrochenen Kräften überdauern.

Und was die Fremdenindustrie anbelangt -- wer weiß, ob da der Krieg nicht
gerade für uns Münchener etwas sehr Gutes und Heilsames brachte? Ein
reichflutender Fremdenverkehr ist gewiß etwas Angenehmes und Nützliches.
Aber wenn sich eine große Stadt und ein ganzer Landesteil fast
ausschließlich auf den Fremdenverkehr einrichten würde, so ist auch immer
die Gefahr dabei, daß Zeiten kommen können, in denen der Verkehr stockt
und die Fremden ausbleiben. Unser liebes schönes München wird nach dieser
Erfahrung ein bißchen umlernen müssen. Ich bin überzeugt, daß München
auch _nach_ dem Kriege die Kunststadt bleiben wird, die es war, und ich
hoffe, daß es daneben eine Stadt der deutschen Arbeit sein wird, die in
ihrer Blüte unabhängig ist von allem Fremden.«

Beim Abschied, als der Kronprinz mit festem Druck meine Hand umspannte,
sagte er: »Erzählen Sie nur zu Hause, wie der Krieg aussieht: _Je
deutlicher Sie es sagen, um so mehr wird man daheim aufatmen_. Daß unser
Volk durch dick und dünn durchhalten wird, daran hab' ich noch keine
Sekunde gezweifelt. Ein paar Ungeduldige und Wehleidige? Was macht das aus!
Das Volk im ganzen fühlt seine deutsche Pflicht. Und Pflichtgefühl und
Geduld sind immer zwei Dinge, die zusammengehören wie Schwestern. Wenn
wir recht und fest unsere Pflicht erfüllen, dann ist die Geduld von
selber dabei. Oder haben Sie hier bei uns im Feld schon einen Ungeduldigen
gesehen?«

»Nein, Königliche Hoheit! Nur Sehnsüchtige.«

Der Kronprinz nickte:

»Das ist was andres. Wär's nicht so, dann wären wir doch keine
Deutschen. Sie, Herr Doktor, werden wohl früher nach Hause kommen als ich.
_Grüßen Sie von mir die Heimat!_« --

Als ich das Quartier des fürstlichen Heerführers verließ, war's im Osten
blau, und die Mittagssonne überglänzte die dicken Meernebel, die von
Westen schon wieder herquollen über die Dächer der Stadt. Dann ging die
Fahrt hinein in diese ziehenden Dünste, und bevor es dämmern wollte,
tauchte eine feine, schmucke, wundervoll von alten Zeiten redende Stadt
vor mir auf. Keine Spur von Zerstörung, alles ein Bild des Friedens. Und
überall die Heimlichkeiten einer Vergangenheit mit deutschem Gesicht! Auch
die vielen vergnügten Kinder auf der Straße scheinen Deutsch zu reden,
obwohl ich ihr lustiges Geschrei nicht verstehe. Und deutsche Blaujacken
bewachen die Autosperre, deutsche Blaujacken hüten das alte kleine Tor;
überall seh' ich sie gehen, mit den Händen in den Hosentaschen, mit
ruhigen, wettergebräunten Gesichtern, mit nackten Hälsen, mit wehenden
Bändern hinter den deutschen Seemannsmützen. -- Und am Abend, in einem
Kreise deutscher Marineoffiziere, vernahm ich Dinge, die mir das Herz froh
und heiß machten, und hörte das ruhig rechnende und eben deshalb so tief
erquickende Wort des Kommandierenden Admirals:

»Wir haben zu Beginn des Krieges vieles unterschätzt, aber _eins_ haben
wir _überschätzt: die englische Flotte_!«



8.


  20. März 1915.

Es hat in der Nacht geschneit. Gegen vier Uhr morgens ist noch alles weiß,
aber ein lauer Wind weht über das flandrische Land, schwarze Flecken
wachsen schon aus dem weißen Schnee heraus, und zwischen den dünner
werdenden Wolken glänzen einige Sterne mit lebhaftem Zitterschein.

Das Auto muß ohne Lichter fahren, ganz langsam, um wenig Lärm zu machen
und um den vielen Granatentrichtern auf der Straße ausweichen zu können.
Vorne auf dem Kühlkasten des Wagens sitzt ein Marinesoldat, der mit einem
elektrischen Taschenlaternchen umherleuchtet und alle paar Minuten halblaut
das gleiche Wort ruft: »Vorsehen!« Dann schwankt der Wagen wie ein
Betrunkener, taucht hinunter in plätscherndes Wasser, richtet sich wieder
auf, und in tiefem Dunkel geht die achtsame Reise weiter auf guter Straße.
Trotz der Finsternis ist der Weg nicht zu verfehlen; links und rechts
stehen die vom Meerwind schief gebogenen Alleebäume, und außerhalb
dieser schwarzen Ruten leuchten die von der Überschwemmung breitgewordenen
Wassergräben. Manchmal ist auf eine Länge von zwanzig oder dreißig
Schritt ein entsetzlicher Geruch zu spüren; er kommt von den aus dem
Wasser ragenden Kadaverteilen, die als unerquickliche Inselchen den glatten
Grabenspiegel unterbrechen.

Schwerfällig wackelt das Auto durch die nachtstille Ruine eines
Dorfes. Die Soldaten, die hier im Quartier liegen, hausen in wasserdicht
ausgemauerten Erdlöchern, die sie durch schwere Vorbauten aus Quadern und
durch Wälle aus Sandsäcken geschützt haben. Ich öffne an solch einem
Unterschlupf die Türe, leuchte mit dem elektrischen Laternchen hinunter
und sehe kauernde Männer, in den Mänteln zu Gruppen aneinandergelehnt,
die an altdeutsche Darstellungen der schlafenden Jünger auf dem
Ölberg erinnern. Neben dem Unterstande ragen mit sinnlosen Konturen die
spärlichen Überreste einer zerstörten Kirche in den grau werdenden
Himmel. Ein Passionsbild des Krieges.

Noch eine kurze Fahrt, dann hält das Auto und fährt leer zurück, um
vor Tagesanbruch eine Deckung zu erreichen. Drei junge Offiziere, die uns
erwartet haben, treten zu uns. Einer macht dem General, dessen Gast ich
bin, eine Meldung mit halblauter Stimme. Diese Dämpfung des Wortes ist
nicht Vorsicht, nur ein Zwang des ernsten Platzes und der dunklen Stunde;
auf zwei Kilometer ist hier kein Feind in der Nähe. Alles ist eine
grauschwarze, von weißen Spiegelflächen durchsetzte Öde. Zur Rechten und
Linken der Straße ziehen sich gebuckelte, verwinkelte und völlig leblos
erscheinende Erdgebilde in das Dunkel hinaus. Das ist die deutsche Stellung
am Damm des Yserkanals. Noch ein paar Schritte, und ich sehe zwischen
zerfetzten Ufern den breiten Strom, dessen schwarzes, still rinnendes
Wasser mit leisem Glucksen die Trümmer einer gesprengten Brücke und
die Balken des Notsteges umspült. Drüben die Mauern und Sparren eines
halbzerstörten Bauernhauses, eine Brandruine, ein schwermütiges Moorland
mit Gewässer und Büschen, und weit draußen ein flackerndes Feuer -- für
die unbewaffneten Augen sieht es aus wie ein schwelendes Gluthäuflein, im
Glase wird es zu einer mächtig lodernden Flamme. Was brennt da? Ein Haus,
eine Scheune, nur eine Strohmiete? Man kann's nicht erkennen. Ein paar
Male bewegen sich kleine schwarze Figürchen rasch durch den Feuerschein --
Vorposten oder Patrouillen. Und manchmal kracht ein Gewehrschuß, bald nah,
bald ferne.

Wir schreiten auf sumpfiger Straße durch die erblassende Nacht, in der
die flimmernden Sterne sich mehren. Die Lüfte sind so mild, als käme ein
schöner Tag. -- Oder ist nur mir so schwül! Von der Erregung, die in
mir brennt? -- Der Schnee, der um Mitternacht fiel, ist fast völlig
verschwunden; nur an einzelnen hügeligen Stellen liegt er noch, und da
sieht man häufig in dem reinen Weiß die zwei schwarzen Striche kleiner
Kreuze. Der Boden, über den wir schreiten, hat viel Blut getrunken, war
durch Monate die Stätte der zähesten Kämpfe und ist die Gegend jenes
berüchtigten »Froschteiches«, in dessen Überschwemmungssümpfen so
viele der Unseren und noch mehr der Feinde versanken. Eine schmerzende
Erinnerung wühlt in mir. Totenstille umgibt mich, und dennoch ist mir, als
vernähme ich den in Begeisterung brausenden Gesang vieler Tausender von
jungen Stimmen: »Deutschland, Deutschland über alles!« Ich bring'
es nicht übers Herz, zu fragen: »Wo ist das geschehen?« Während ich
schweige, suchen meine Augen im Dunkel. Überall seh ich die gleiche Öde,
die gleiche schwermutsvolle Trauer, in deren grauem Riesengesicht
die zahllosen Wasserflächen wie große, von Tränen umflossene Augen
schimmern. Kann das Wort eines Gegners zum Troste werden? Damals,
als dieses Schmerzvolle und dennoch Heilig-Schöne geschah, sagte ein
feindlicher Führer: »Man muß das bewundern! Wo tausend Deutsche sinken,
stehen zehntausend wieder auf!« Unsere Gegner haben viel über uns gelogen
-- dieser eine sprach eine deutsche Wahrheit aus! -- Was da hinzieht über
die stillen Moorflächen? Sind das die wehenden Schwaden des Frühnebels?
Für meine träumenden Augen sieht es aus wie ein rasch und fröhlich
schreitender Millionenzug von grau gekleideten Männern und Jünglingen.
Und in der Stille, die mich umgibt, hört meine Seele ein jubelndes
Siegeslied: »Deutschland, Deutschland über alles!«

An meiner Seite sagt eine halblaute, ruhige Soldatenstimme: »Der Tag
kommt, wir müssen Deckung nehmen!«

Auf einige hundert Meter sind wir bei der feindlichen Stellung. Zu sehen
ist sie nicht. Die Ruinen verbrannter Fermen, Baumreihen, Hecken
und Büsche verschleiern den von Dixmuiden nach Nieuport führenden
Eisenbahndamm, hinter dem die Belgier und Engländer liegen. Bei
Namscapelle fährt aus der grauen Morgendämmerung ein langer Feuerstrahl
heraus, und nach geraumer Zeit hören wir fast zu gleicher Zeit den
Abschuß und den dröhnenden Einschlag der Granate. Dabei zittert der Boden
ein bißchen. »Das Morgengebet!« Es hat begonnen und nimmt kein Ende
mehr.

Die Sterne sind verschwunden, der Himmel ist klar und hell geworden, der
Morgen frisch. In der Kälte bedecken sich die Straßenränder mit
Reif, die seichten Wasserflächen mit Eiskrusten. Am östlichen Horizont
entzündet sich ein langer orangefarbener Glutstreif und verwandelt alle
Dinge, die vor ihm stehen, in zierliche, tintenschwarze Silhouetten. Auch
das Wasser des Yserkanals, den wir bei erwachendem Tag erreichen, ist noch
immer schwarz. Ein Soldat paddelt in einer kleinen Zille und pfeift ein
Liedchen, während er die Fischreusen hebt, die er am Abend auslegte. Ich
überschreite den Notsteg, und plötzlich wird das schwarze Wasser des
Kanals, das die Glut des Morgens spiegelt, zu einem leuchtenden Blutstrom.
Ein wundervolles Bild! Ich möchte stehen bleiben und schauen, aber wir
müssen weiter. Zur Linken und Rechten seh ich hinein in die hinter dem
Damme liegenden Schützengräben -- die verwinkelten Erdgebilde, die mir in
der Nacht völlig leblos erschienen, sind Schulter an Schulter besetzt,
und bei den Maschinengewehren und Schiffskanonen üben die
Bedienungsmannschaften. Ich höre Befehlsworte, höre heitere Stimmen,
höre munteres Lachen, und in der Kühle des Morgens durchrieselt mich ein
warmes, wohliges Sicherheitsgefühl.

Geduckte Gestalten, mit Blechkesseln an den Armen, springen flink über
offenes Feld zur Ruine einer Ferme hinüber, hinter deren Mauerzacken eine
Feldküche dampft. Der Übelduft verwesender Viehkadaver mischt sich mit
dem Wohlgeruch eines schmackhaften Frühstücks. So wirbelt der Krieg alle
Gegensätze zwischen namenlosem Grauen und liebenswürdigem Wohlbehagen
durcheinander.

Die Nebel sind verschwunden, eine strahlende Sonne steigt. Ein
Frühlingsmorgen voll Glanz und Schönheit! Kleine Vögel singen, und
einmal ist mir, als schlüge eine Nachtigall. Der ganze Himmel ist blau,
und dennoch donnert es immer wie bei einem Hochgewitter in den Hundstagen.
Große Schwärme von Kiebitzen kommen angeflogen, kreisen und gaukeln in
den Lüften und spazieren vertraulich auf den grünen Inseln umher, die aus
den von Sonne glitzernden Überschwemmungsflächen herauslugen. Es sind der
scheckigen Vögel so viele, daß auch ein Mathematikprofessor sie nicht
zu zählen vermöchte. »Jetzt legen sie bald. Da werden die Unseren im
Ysergraben an jedem Morgen frühstücken wie Bismarck am 1. April.«

Unter wachsender Sonne eine zweistündige Fahrt durch wundervolles
Frühlingsgelände. So schön ist dieser Morgen, daß sein Glanz auch alle
Trümmerstätten und Ruinen in schimmernde Kostbarkeiten verwandelt.

Und dieses von zartem Duft Umwobene, dieses zauberhaft Leuchtende, dem wir
immer näher kommen? Dieses Gewirre von strahlenden Firsten, von goldenen
Mauern, von gleißenden Turmzinnen? Ist das ein Märchenland, eine
Sonnenstadt des Paradieses, eine ewige Heimat des Glückes?

Nun verschwindet das Herrliche hinter zerrissenen Hecken und sonderbar
ausgefransten Hügelkämmen. Ist das Gewitter aus den Lüften
heruntergefallen, hat es den Himmel blau gemacht und tobt es sich
unsichtbar auf der Erde aus? Bei dem ruhelosen Knallen und Dröhnen muß
ich wieder einmal an das »lustige Scheibenschießen mit Böllerschüssen«
denken. Immer die Köpfe duckend, marschieren wir sehr hastig einen
Kilometer weit durch den Hohlweg einer von Granatentrichtern zerrissenen
Bahnstrecke. Guckt man durch einen Erdschnitt oder durch die Lücke einer
Hecke seitwärts hinaus, so sieht man Viehkadaver liegen, die von Kiebitzen
umflattert sind. -- Als die schweren Oktoberkämpfe hier begannen, weideten
auf diesen Wiesen große Rinder- und Pferdeherden. Unter dem Feuer der
Geschütze und Maschinengewehre fraßen sie ruhig weiter. Alle fielen.
Was der Sieger verzehren konnte, nahm er. Der Rest blieb liegen -- zehnmal
mehr, als genommen wurde. Wie wird es hier riechen, wenn heiße Tage
kommen?

Auf der Bahnstrecke sind viele Eisenbahnschienen losgerissen und zu
seltsamen Ornamenten gebogen, untermischt mit zusammengeschnurrten
Telephondrähten und zerschmetterten Telegraphenstangen. Der Boden des
Bahndammes glitzert und funkelt, wie besät mit kleinen und großen
Smaragden -- mit den Scherben und Splittern der grünen Glasisolatoren.
Wohin man zur Linken und Rechten des Dammes sieht, überall liegen
Haufen von Tornistern und Waffen, von belgischen Uniformstücken und
französischen Matrosenmützen; dazu überall das Bild einer grauenvollen
Maulwurfsarbeit, ein unübersehbarer Irrgarten von Sumpflöchern,
Wasseraugen, Granatentrichtern, verlassenen Schützengräben und
zickzackförmigen, noch offenen oder schon wieder zugeschütteten
Sappengängen. Jedem Schützengraben ist es deutlich anzusehen, daß er von
den Feinden ausgehoben und gegen Osten verteidigt, dann von den
Deutschen erobert, umgedreht und gegen Westen gerichtet wurde. Alle die
zugeschütteten Sappengänge sind Massengräber, in denen zu Hunderten die
gefallenen Belgier und Franzosen liegen. Wo die Unseren bestattet wurden,
das zeigen die kleinen Kreuze an -- viele sind es, viele, viele -- ein
Deutscher, der diese Kreuze sieht, muß den Kopf entblößen und die
Hände ineinanderklammern und muß beten, mag er ein Glaubensloser oder ein
Gläubiger sein. Alle Bilder verschwimmen mir und meine Augen sind naß,
während einer der führenden Offiziere mir von den schweren Kämpfen
zwischen dem 21. und 25. Oktober erzählt. -- Haben die deutschen
Wälder so viel Eichenlaub, um diese Gräber so zu schmücken, wie sie es
verdienen? -- Während ich hinschaue über diese, vom Frühling schon grün
umhauchten Todesstätten, sind immer und immer jene beiden Dankworte
von Herlies in mir: »Für uns! Für uns!« Und mit dem Schauer vor
den Bildern, die ich da aufsteigen sehe, mischt sich die dankbare und
ehrfürchtige Bewunderung der deutschen Tapferkeit, die alle Hindernisse
siegend überrannte und jeden feindlichen Widerstand zu Boden warf.

-- Wir müssen weiter. Schon sind ein paar unsichtbare »Rollwägelchen«
über unsere Köpfe hinübergebraust -- zwei von jenen Granaten, die in der
Luft so sonderbar wackelnde Geräusche verursachen, als überschlügen
sie sich immer. Nun beginnen dort, von wo wir kamen, unsere Haubitzen zu
antworten. Welch ein festes, ruhiges Brausen ist das in der Luft! Und
von den vielen deutschen Geschossen, die unsichtbar hinüberreisen zum
feindlichen Ufer des Yserkanals, versagt nicht ein einziges. Am Klang
des Sausens kann man es immer anrechnen, wann das Dröhnen des Aufschlags
kommen wird -- »Jetzt!« -- und da drüben donnert es schon!

Immer mahnt eine Offiziersstimme: »Schneller, Herr Doktor, schneller,
schneller!« Aber wie soll man schauen, wenn man so rennen muß? Und da ist
etwas Furchtbares, an dem man so schnell nicht vorüberkommt. Das
Geleise ist gesperrt durch einen gewaltigen Kehrichthaufen zermalmter
Eisenbahnwagen; die Lokomotive hat einen Purzelbaum geschlagen und ist
auf den eigenen Zug gesprungen; alle Wagen sind in Siebe verwandelt,
durchlöchert von Schrapnellkugeln, zerrissen von Granaten; und einer ist
durch das in der Nässe ausgewachsene Getreide umgezaubert in einen grünen
Garten. Auch hier wieder ein Gewirre von umhergestreuten Tornistern,
Feldflaschen und Käppis, von belgischen und französischen
Uniformstücken. Viele tragen die Nummer 151. Unter den feindlichen
Verluststücken liegt ein einziger deutscher Helm. »Der ist noch gut,«
sagt einer der Offiziere und hebt ihn vom Boden auf, »den muß man an die
Sammelstelle abliefern.«

Der zerrissene Bau einer Güterhalle trägt den Namen der Station in
der alten, vlamischen Schreibart: »Diksmuiden«. Auf der Ruine des
Bahnhofsgebäudes heißt es französisch: »Dixmude«. Auch eine von den
Errungenschaften, die das vlamische Belgien dem Franzosentum zu verdanken
hat. Und symbolisch ist sie! Von dem Eisenbahntempel, in welchem Frankreich
die Ellbogen breit machte, ist nimmer viel übrig geblieben: zerrissene
Mauern, zerfetzte Möbel, zersplitterte Bilder und Spiegel. Jedes Bureau
ist ein Wirrsal von kleingeklopftem Gerät und zahllosen Aktenfetzen, von
umhergestreuten Fahrkarten und Abonnementsscheinen.

Nun trete ich auf den Bahnhofsplatz hinaus, sehe die Straße, die zum
Rathaus führt, und stehe wie gelähmt, bis ins Innerste erschrocken und
erschüttert.

Was ich da gewahre, jetzt, in der Nähe? Ist das die leuchtende Heimat
des Glücks, die goldene Sonnenstadt des Paradieses und jenes funkelnde
Märchenland, das ich vor einer Stunde aus dem Duft der Ferne hervortauchen
und schimmern und winken sah?

Ach, Sonne, Sonne, du zärtliche Lügnerin! Du ewige Trösterin des vom
Schreck verschüchterten Lebens!

Dieses furchtbare Vernichtungsgesicht, von dem jetzt die Nähe den
mildernden Schleier der Ferne gerissen, ist nicht zu schildern. Hier
versagen alle Behelfe der Sprache. Schuttwüsten und Trümmerhaufen,
Schreck und Grauen, Zerstörung und Untergang -- was bedeuten diese kleinen
Worte? Nichts, nichts, nichts gegen die namenlose Wahrheit, die ich da
sehe!



9.


  20. März 1915.

Erinnert euch an alles, was ich seit drei Monaten an Zerstörungswerken des
Krieges geschildert habe, von Audun le Roman bis zum »Friedenspark«
von Hollebeke und bis zum toten Dorfe bei Arras -- erinnert euch an diese
hundert Bilder des Grauens, und dann sagt: »Das alles war nichts, war nur
ein ungeschicktes Kinderspiel, nur eine Lehrlingsarbeit des Krieges!« Was
ich jetzt sehe, ist sein Meisterwerk im Zerbrechen und Vernichten. Erst
diese kleingehämmerte, tote, versunkene Stadt Dixmuiden zeigt mir, was
Untergang unter den Stürmen des Krieges bedeutet.

Das schildern? Es ist unmöglich. Ich will keinen Versuch machen, will
nur zum Geleit für die Schritte, die mich an diesem endlosen Gemenge von
Trümmern und Schutt vorüberführen, Wort für Wort vor mich hinsagen.

In der Ruinengasse, die zum Rathaus leitet, können Menschen über dem
Erdboden nicht mehr wohnen. Der letzte Einwohner von Dixmuiden ist längst
verschwunden. Unsere Reserven, die hier ausharren müssen, hausen in den
gewölbten Kellern. Um in dieser Finsternis ein wenig Licht zu haben,
holten die Soldaten aus den zerstörten Häusern die noch unzerbrochenen
Spiegel, alle blanken Bleche und polierten Holzflächen heraus und
befestigten sie in schräger Stellung vor den Kellerlöchern, als
Reflektoren der Himmelshelle. Ein Soldat sagt zu mir: »En bißche Licht,
un denn is man ooch widder zufrieden!«

Die Trümmergasse ist leer; nur manchmal sieht man einen Feldgrauen aus
einem Kellerloch herausschlüpfen und im anderen verschwinden. Ich frage
einen: »Wieviel von den Unseren sind denn noch hier?« Der Soldat -- ich
glaube, ein Hallenser -- sagt lachend: »Genugg, daß mer's aufhalten, die
annern!« Ein deutsches Wort! Und nicht nur von Dixmuiden gilt es. Nicht
nur vom heißen Boden am Yserkanal. Es gilt von Belfort und vom Wasgenwald
bis nach Ostende und Zeebrügge.

Nun kommt, was im Oktober noch ein feines, prunkvolles gotisches Rathaus
war. Was es jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen. So sinnlos sieht es aus!
In dem vom Sparrenwerk des Daches noch übrig gebliebenen Gerippe steckt
-- wie ein Kinderpfeil in der Binsenscheibe -- ein schlankes, prächtiges
Türmchen, mit dem Fuß nach oben, mit der Spitze nach unten. Und nicht
weit davon ist ein Rätsel der Mechanik zu sehen. Eine große Granate,
viele Zentner schwer, die einen Dachfirst zerschlug, ohne zu explodieren,
ist über den Rest des Daches heruntergekollert und quer auf einer
faustdicken Latte im Gleichgewicht liegen geblieben. Macht eine Detonation
der Beschießung das zertrümmerte Gemäuer zittern, so schaukelt die
Granate eine Weile und schwebt dann wieder ruhig in der Luft. Das ist so
unwahrscheinlich, daß man lange hinsehen muß, bevor man es glauben kann.

Über den Marktplatz geht ein verlassener Schützengraben, mit einem Wall
von Pflastersteinen; und eine Schuttstelle, die früher ein hübsches
Haus gewesen, ist verwandelt in den gewaltigen Trichter einer deutschen
Brummergranate.

Am verwichenen Abend hatte ich mir in Brügge eine Mappe mit Ansichten von
Dixmuiden gekauft, wie es früher war. Und nun sitze ich an der linken Ecke
des Marktplatzes auf einem Steinhaufen und vergleiche die Bilder von einst
mit den Bildern von jetzt. Sie gleichen einander wie Haus und Grab, wie
Leben und Tod. Keine Spur von Ähnlichkeit ist mehr vorhanden. Das Heftchen
zeigt mir eine wundervolle gotische Kirche. Wo ist sie? Das aberwitzige
Ruinengewirre, das hinter den Trümmern des Rathauses von ehemals
hervorragt? Ist das die schöne Kirche gewesen? Eine schmerzende Trauer
umklammert mein Herz. Und während ich so sitze, stumm, und immer dieses
grauenvolle Bild des Untergangs betrachte, ist hoch aus den Lüften
herunter das knatternde Geräusch einer Flugmaschine zu hören. Sonst, wenn
ich diesen Ton vernahm, suchten meine Augen immer gleich in der Höhe.
Was kümmert mich jetzt der Flieger? Immer muß ich zu diesem grauen,
unsagbaren Ding hinüberschauen, das eine Kirche und ein Rathaus und die
schmucke Front eines städtischen Platzes war. Da sagt einer von den vier
Offizieren, die bei mir sind: »Wir müssen weg da! Der Flieger hat eine
Schwenkung gemacht, er hat uns gesehen.« Wir wandern davon, schräg über
den Platz hinüber, und kaum sind wir in der anderen Ecke, da saust es
über unseren Köpfen, und hinter uns ist ein brüllender Teufel los. Genau
bei dem Steinhaufen, wo wir vor drei Minuten noch gestanden, fährt die
schwarze Rauchwolke auseinander.

In der Trümmerallee, durch die wir kommen, ist ein Lazarett in einem
ehemaligen Weinkeller eingerichtet. Ein paar Schritte weiter, und ich
sehe einen grotesken Gegensatz. Im Hause eines Schlächters, über dessen
Ladentür als Handwerkszeichen ein großer Ochsenschädel prangt, hat eine
Granate das obere Stockwerk auseinandergerissen und die ganze Einrichtung
auf die Straße geschleudert; eine zweispannenlange Mädchenpuppe ist
mit dem Spitzenhemdchen am rechten Hornzinken des Ochsenschädels hängen
geblieben. Kann auch sein, daß die Soldaten das Püpplein so aufhängten.
Dann ist es ein Beweis für den Humor, mit dem unsere Feldgrauen in solcher
Umgebung ausharren.

Wieder dröhnt eine Granate. Wir springen durch ein von Schutt
übergossenes Gärtchen und kommen zu einem Damm aus Sandsäcken. Der
führende Offizier mahnt immer wieder und wieder: »Ducken! Ducken!
Ducken!«

Nun sind wir im Schützengraben, beim Wall der Yser, deren Lauf die
Stadt von der Vorstadt trennt. Die Stellung ist nicht in den Boden
eingeschnitten, sondern geht über die Erdfläche hin, gegen die feindliche
Seite durch Gemäuer und feste Brustwehren aus Quadern und Sandsäcken
geschützt. So zieht die Stellung durch Häuser und Gärten, durch einen
Turm, durch ein Brückentor, durch eine Kapelle. Das ist wieder, wie es
im Mittelalter war; genau so muß es ausgesehen haben, wenn im sechzehnten
Jahrhundert eine Stadt oder Burg verteidigt wurde. Nur Kostüm und Waffen
sind ein bißchen anders.

Ich gucke durch die Scharte eines Stahlschildes und sehe die den blauen
Himmel spiegelnde Flut der Yser, sehe die feindliche Stellung, die nur
dreißig Meter von uns entfernt ist, sehe die gleichen Steinwehren und
Sackmauern wie herüben. Aus den Schlitzen der stählernen Schilde ragen
die Gewehrläufe heraus; und schießt da drüben einer, so sieht man einen
matten Feuerblitz und ein bißchen Rauch. Über die feindliche Brustwehr
starren die Hausruinen empor, und zwischen dem Schuttwerk trauern die Reste
einer Wirtschaft mit dem Namen: »=Duc de Lorraine=«. Und immer saust es
und dröhnt, immer knallt es. Um besseren Ausblick zu haben, benütze ich
den Winkelspiegel, eine längliche Holzröhre, deren oberes Spiegelauge
über den Saum des Waldes hinausragt; aber der Apparat pariert nicht recht;
während der Benutzung bekam er drei Streifschüsse; der Holzkasten ist
zersplittert, der Spiegel blieb unversehrt.

Nun ein Kontrastbild, wie ich es vom Argonnenwald bis Ostende noch nicht
gesehen habe. Dicht beim Schützengraben liegt ein hübscher kleiner
Garten. Der ist verwandelt in einen freundlichen, mit vielem Grün
gezierten Friedhof der deutschen Helden. An die zwanzig, die am Yserdamm
die jungen Augen im Kampfe für die Heimat schlossen, liegen da bestattet.
Die geschmückten Hügel, die frischen Buchsrabatten und die kleinen Kreuze
schimmern schön und friedlich in der Sonne des reinen Frühlingstages.
Und zwischen diesem leuchtenden Friedhof und dem Kapellchen, durch das der
Schützengraben geht -- und unter dem Sausen und Dröhnen der Granaten
und bei dem ununterbrochenen Gewehrgeknatter, das ruhelos die bleiernen
Todesboten über den stillen Lauf der Yser hin und her wirft, sitzen im
Schutze der Kapellenmauer drei Hallenser Reservisten unter freiem Himmel
an einem Tisch -- und spielen Skat. Die Kartenblätter, obwohl sie so
abgegriffen sind, daß man Rot und Grün fast nimmer unterscheiden kann,
leuchten in der Sonne wie goldene Täfelchen, und aus den glänzenden
Gesichtern der drei Spieler redet gemütliche Ruhe und alles Behagen einer
köstlichen Frühlingsstunde. Ich gucke dem Spiel eine Weile zu und
frage: »Na, wie wär's denn? Könnt' ich da nicht als Vierter ein bisserl
mitspielen?« Die Drei -- mein Sprachklang mag ihnen meine süddeutsche
Heimat verraten haben, und die Vorstellung, daß ein Bayer Skat spielen
möchte, scheint ihnen etwas so unglaublich Komisches zu sein wie der
Versuch eines Dromedars, auf der Mandoline zu konzertieren -- die Drei
legen ihre Kartenblätter fort, gucken zuerst verwundert an mir hinauf und
fangen dann so herzlich zu lachen an, daß ihr Gelächter das Knallen der
Gewehrschüsse übertönt.

Dieses heitere Lachen begleitet mich und bleibt in mir. Ich hör' es noch
immer, obwohl es schon längst erloschen ist im Dröhnen der immer rascher
aufeinanderfolgenden Granaten. Schlag auf Schlag. Rauch wirbelt auf, und
überall kollern die Mauerbrocken. Die Sache wird ungemütlich, es gibt
keinen sicheren Weg mehr, und schließlich müssen wir in einen Keller
hinunter. Da kommt -- in einem Raum, in dem man nicht aufrecht stehen, aber
behaglich sitzen kann -- eine seltsam anheimelnde Stunde. Das Talglicht,
das man auf die Tischplatte klebte, wirft einen matten Flackerschein durch
das Kellerdunkel und läßt den Rotwein in den gastlichen Gläsern funkeln,
die klein sind, aber gerne und oft gefüllt werden. Beim Schwatzen und
Erzählen vergißt man völlig, daß es da droben über unseren Köpfen
immer dröhnt und donnert. Das Gebäude und die Kellermauern zittern. Und
plötzlich gibt es auch bei uns herunten einen festen Krach -- das Bett,
auf dem drei Offiziere saßen, ist zusammengebrochen. Etwas Rotes
tröpfelt -- der Burgunder. Man lacht über dieses kleine Satyrspiel der
Kriegstragödie.

Die Beschießung mindert sich nicht. Ihr Ende ist nicht abzuwarten, wir
müssen hinauf und an die Rückfahrt denken. Seit dem Morgen sind ein paar
hundert Granaten auf die Trümmerhaufen von Dixmuiden niedergefallen. Sie
haben keinen Lebenden beschädigt, nur ein paar Tote aus ihren Gräbern
gerissen -- drei Granaten fielen in jenen sonnigen Garten mit den kleinen
Kreuzen. Sonst ist an den weiten Trümmerstätten nach diesem stundenlangen
Kleinklopfen des Schuttes kein Unterschied gegen früher zu gewahren.

Wieder erschüttern mich die Bilder namenloser Vernichtung, während wir
flink von Ruine zu Ruine springen und uns bei jedem Sausen in den Lüften
hinter einem noch festen Gemäuer zu decken suchen. Und da pfeift es wieder
einmal gegen uns her. Hinter der Schuttstätte des Domes springe ich in
eine gewölbte Stube, an der die ganze Straßenwand schon herausgerissen
ist. Mit einem Husch der Augen gewahre ich zerfetzte Geräte, einen
zertrümmerten Schreibtisch, zerschmetterte Bücherkasten, zerknüllte
Heiligenbildchen und einen fast tischhohen Wust von Schutt und
umhergestreuten Büchern. Hier muß ein Prälat gewohnt haben. An einer
weißen Wand, die noch steht, aber schon viele Sprünge hat, ist ein
Kruzifix befestigt -- das grün bemalte Christusfigürchen, das den linken
Arm schon verloren hat, hängt von dem schwarzen Kreuzholze nach vorne
heraus, haftet nur noch am Fußnagel und droht mit jedem nächsten
Augenblick in den wüsten Schutt herunterzufallen. Ein dumpfes Dröhnen.
Staub wirbelt, die Mauern zittern und Mörtel bröselt von den zerrissenen
Wänden. Das schwarze Kreuzholz an der Wand ist leer -- der kleine
grüne Heiland hängt am verknüllten Messing eines leise schaukelnden
Kerzenlüsters und fällt -- nun liegt er auf meinem Arm, und ich halte ihn
fest.

Ein kunstloses, naives Schnitzwerk ohne Handelswert! Und armlos, von
Schuttstaub überkrustet, von Steinsplittern und Glasscherben zerkratzt!
Ich hab's nicht fertig gebracht, dieses Figürchen hinfallen zu lassen
auf den üblen Schutt, es der völligen Vernichtung preiszugeben. Das
mißhandelte Holzbild war mir lieb geworden in diesen dröhnenden Sekunden.
Ich nahm es mit. Hab' ich mich dadurch der Plünderung schuldig gemacht?
Dann bin ich bereit, zehnfachen Ersatz zu bieten. Aber ich gebe meinen
kleinen grünen Herrgott von Dixmuiden nimmer her, ich will ihn behalten,
so lang ich lebe.

-- Noch ein bedenklicher Weg durch verwüstete Gassen; ein flinkes
Springen von Deckung zu Deckung. Dann dröhnten die Granaten _hinter_ uns,
immer ferner. Und immer leiser wurde das Pfeifen der Sprungstücke.

Aus dem Ende einer Trümmerstraße traten wir hinaus auf das freie Feld
zwischen der zerstörten Stadt und der nahen Bahnstrecke. Und da sah ich
ein Frühlingsbild, dessen Grauen mich schaudern machte und dessen seltsame
Schönheit mich doch überwältigte.

Zwischen mächtigen Wasserflächen, die vom lauen Winde gekräuselt waren
und von Sonne blitzten, sah ich leichtgebuckelte grüne Wiesen. Ihre zarte
Frühlingsfarbe schien tausendfältig überstreut zu sein von kleinen
schwarz und weiß gesprenkelten Steinchen, von großen braunroten Knospen
der Gänseblümchen und von weißen Herbstzeitlosen. Und je weiter die
Wiesen sich in die Ferne dehnten, um so mehr der Herbstzeitlosen schienen
da zu blühen; schließlich verschwand das Grün der Wiesen völlig und
alle Ferne wurde weiß, gleich einem Schneefeld, das in der Sonne
glänzt. Doch manchmal, wenn der Donner einer schweren Granate die
Luft erschütterte, flogen die gesprenkelten Steinchen und die weißen
Herbstzeitlosen in dichten Schwärmen von der Erde auf und waren Tausende
von Kiebitzen und viele Tausende von Möwen. Nur die großen braunroten
Knospen der Gänseblümchen blieben unbeweglich auf dem Boden und waren
Hunderte von verwesenden Pferden und Rindern. Über ihnen gaukelten die
Wolken der unzählbaren Vögel auf und nieder und hin und her. Und wenn das
donnernde Rollen verstummte und die sonnige Luft wieder ruhig wurde, sanken
die Vogelschwärme zu den Säumen der leuchtenden Wasserflächen und auf
die grünen Wiesen hin und bedeckten alles Tote wie mit einem Blütenregen
des ewigen Lebens.

[Illustration: An Somme und Oise]

[Illustration: Von Ostende bis Arras]



  Als erster Band der Kriegsberichte
  von _Ludwig Ganghofer_ erschien

  Reise zur deutschen Front


  Die Fortsetzung dieses Werkes
  bildet das vorliegende Buch

  Die stählerne Mauer


  In Vorbereitung befindet sich als
  dritter Band

  Die Front im Osten


  Jeder Band 1 Mark


[Illustration:

  Ullstein & Co
  Berlin SW 68]



[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textanteile, die in
=Antiqua-Schrift= gedruckt wurden, sind jeweils markiert.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen:

  Seite 36:
  "Herzschag" geändert in "Herzschlag"
  (Herzschlag eines tausendfältigen Lebens hämmert)

  Seite 165:
  "bißen" geändert in "bißchen"
  (Kostüm und Waffen sind ein bißchen anders)]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die stählerne Mauer - Reise zur deutschen Front 1915, Zweiter Teil" ***

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