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Title: Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Band 1) - Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines - Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche
Author: Lindner, Johann Traugott
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Band 1) - Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines - Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche" ***

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Landesbibliothek - Staats - und Universitätsbibliothek
Dresden at http://www.slub-dresden.de )



  Hinweise zur Transkription


  Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+.

  Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so dargestellt~.

  Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



[Illustration:

    gez. v. F. König.    Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

    ANTONS-HÜTTE.
]



    Wanderungen

    durch die interessantesten Gegenden

    des

    Sächsischen Obererzgebirges.

    Ein Beitrag

    zur specielleren Kenntniß desselben, seines Volkslebens, seiner
    Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche

    vom

    Finanzprocurator Lindner,

    in Schwarzenberg,

    Verfasser der »Holzordnung von 1560 und der Gegenwart.«

    Erstes Heft

    mit 4 lithographirten Ansichten.

    Annaberg,

    Rudolph und Dieterici.

    1844.



Inhalt.


    Erste Wanderung.

                                              Seite

    Von Chemnitz aus nach dem Obererzgebirge      1

    Der Spiegelwald                               4

    Schwarzenberg                                 7

    Fürstenberg                                  10

    Aue                                          13

    Die Drutenau                                 18

    Bockau                                       20

    Die Morgenleithe                             24

    Das Eisenhüttenwerk Erla                     25

    Bermsgrün                                    30

    Krandorf                                     33

    Das Schwarzwasserthal                        34

    Breitenhof                                   37

    Breitenbrunn                                 37

    Die Hefenklöße                               40

    Johanngeorgenstadt                           41

    Rittersgrün                                  47

    Globenstein                                  49

    Großpöhla                                    51

    Das Weihnachtsfest                           52

    Scheibenberg                                 55



Wanderungen durch das Obererzgebirge.

Erste Wanderung.



Von Chemnitz aus nach dem Obererzgebirge.


Die ländliche Wohlhabenheit, welche die volk- und gewerbreiche Stadt
Chemnitz meilenweit um sich verbreitet und selbst die nahen Dörfer mit
einer gewissen Art bäuerlicher Ueppigkeit angereichert hat, verliert
sich allmählig, wenn man über Neukirchen, Leukersdorf, Pfaffenhain
und Stollberg nach dem Obergebirge wandert. Die Gegend durch genannte
Ortschaften, durchzogen von einer Chaussee, welche aus einem bunt
gemusterten Felsit-Porphyr von Leukersdorf gebaut und unterhalten wird,
hat eine sehr einfache Physiognomie, die sich erst dann zum Lächeln
anschickt, wenn man die Höhe von Hoheneck erreicht und rückwärts nach
den weiten und sanft gewölbten Hügeln blickt, über welche der Fuß
seinen Weg genommen hat.

Von der Burg Hoheneck sieht man kaum noch Spuren von ihrer herrischen
Größe, mit der sie hinab auf das Städtchen Stollberg und seine
Flanell-, Barchent- und Leinweber schaute. Ein im neuern Styl gebautes
Amthaus steht an dessen Stelle, welches mit den Wirthschaftsgebäuden
eines Kammergutes verschanzt ist. Der Berg steigt von da, in der
Richtung nach Zwönitz hin, noch gegen eine halbe Stunde an, ehe sich
die Straße in einen langen, aber dürftigen Fichtenwald verliert. Die
Höhe dieses Berges bietet eine recht artige Fernsicht nach Nordwest.
Das wasser- und holzarme Hohenstein im Schönburgischen sonnt sich an
seinem Rieden- und Pfaffenberg und terrassirt seine netten Gassen
in anständiger Behaglichkeit um sich her. Sein ehemaliger Bergbau,
welcher in dem dortigen Thonschiefergebirge getrieben wurde, machte
viel Aufsehen, weil die daselbst auf den Gruben St. Lambertus und St.
Anna einbrechenden Kupfererze güldisch waren und noch im Jahre 1791 für
29 Thlr. 5 Gr. 3 Pf. fein Gold gewonnen wurde. Das ist freilich, wenn
von Gold die Rede ist, viel zu wenig; daneben aber auch eine zu große
Erkaltung für den Bergbau in der Gegenwart, als daß ein bergmännisch
geregelter Angriff auf die güldischen Erzmittel mit Ausdauer zu hoffen
steht.

Die Gegend von Niederzwönitz und dem Städtchen gleiches Namens mit 288
Häusern und 1756 Einwohnern bietet nichts Interessantes dar, wenn man
nicht den rastlos thätigen Baumzüchter, Stadtrichter +Glück+, besuchen
und seine Pflanzgärten in Augenschein nehmen will; die Bauern wohnen
seltener in einem umschlossenen Gehöft, die Schindeldächer nehmen
überhand, Häusler drängen sich zwischen die Güter und der Boden wird
steriler. Der Ziegenberg, über welchen nunmehr eine neue Chaussee nach
Grünhayn läuft, zeigt in der Ferne den weißen Kirchthurm der in ein
enges Thal eingequetschten Stadt Lößnitz und sein dem Himmel näheres
Schießhaus. Außerdem ist die Gegend umher, eben so wie um Grünhayn,
anmuthlos. Im Laufe diesem Sommers wurde in der Mooshaide bei Grünhayn
von den Torfstechern ein Bär ausgegraben, von welchem Haare und die
Krallen an den Tatzen gut erhalten waren. Unter die angebundenen
gehörte er offenbar nicht.

Dieses Städtchen ist durch das reich dotirte Cistercienserkloster
bekannt, welches im Jahre 1170 durch Sittichenbacher Mönche
entstanden, durch den Markgrafen Heinrich den Erlauchten eine
veränderte Gestalt bekam, von dem Burggrafen Reinhardt von Meißen mit
10 Dörfern von seiner Grafschaft Hartenstein dotirt und somit zu einer
besondern Wohlhabenheit erhoben wurde. Allein als im Jahr 1429 die
Hussiten mit ihrer Mord- und Zerstörungssucht einbrachen, hatten sie
den Abt Bernhardt II., welcher auf dem Concilio zu Costnitz eifrig an
Hussens Verdammung gearbeitet, den Untergang geschworen. Dies gelang
jedoch der tollen Rotte nicht, weil der Abt in Zwickau war, als sie
in Grünhayn einbrach. Daher galt es nun den Mönchen, der Habe ihres
Klosters und der bestürzten Einwohnerschaft des Städtchens; Erstere
wurden in der Klosterkirche erschlagen und letzteres durch Martern und
Qualen an den Mönchen, daß sie die Verstecke der werthvollen Sachen
angeben mußten, ein Raub dieser Unmenschen. Kloster und Kirche wurden
der Erde gleichgemacht, auch das Vieh der Einwohner im Städtchen
hinweggetrieben.

Dieses Klosterthum kam nie wieder zu seiner früheren Wohlhabenheit,
vielmehr wurde es im Jahre 1536 säcularisirt und der Rest seines
Vermögens zur Verbesserung der Besoldung von Kirchen- und Schuldienern
verwendet. Im großen, mit Mauern umgebenen Klostergarten steht noch
ein alter Thurm, der Fuchsthurm genannt, dessen frühere Bestimmung die
Geschichte nicht aufbewahrt hat. Das sind die einzigen Gegenstände,
welche an ehemalige Beten und Müßiggehen, Fasten und Wohlleben
erinnern. Jetzt ist es der Sitz des Justiz- und Rentamtes; und als im
Jahr 1821 ein neues Amthaus errichtet wurde, gingen die letzten Spuren
des ehemaligen Klostergebäudes fast ganz verloren. Die beträchtlichen
Ländereien des Mönchthums kamen nach der Säcularisation zum feilen
Verkauf, welche 20 Grünhayner Bürger an sich brachten, die unter sich
eine Landgemeinde in der Stadt bilden, ihren Richter haben und eben
so, wie die Grundstücke, die Zwanziger genannt werden. Das Städtchen
selbst entbehrt aller Anmuth, liegt rauh und frostig am nördlichen Fuße
des Spiegelwaldes und erntet deshalb später als die Umgegend. Außer der
etwa vor 30 Jahren neu erbauten Kirche, welche durch einen Stadtbrand
verloren ging, hat das Innere des Städtchens eben kein hübsches
Gebäude. Zwischen zwei Schornsteinen reitet ein mit Schiefer gedecktes
Thürmlein auf einem Schindeldache und zeigt der Einwohnerschaft die
Tag- und Nachtstunden an. Man nennt dieses Gebäude -- das Rathhaus.
Uebrigens hat das Städtchen viel Feldbau, mithin gute Viehzucht und
außerdem nähren sich Viele vom Verfertigen der Regenschirme.



Der Spiegelwald.


Dieser von Grünhayn gegen Süden gelegene und sparsam mit Nadelholz
bestandene Gebirgsrücken ist der Vorhang, welcher eine wunderschöne
Gebirgslandschaft, die mit ihrer Ausdehnung von etwa 5 Stunden in die
Länge und Breite in bunter Mannichfaltigkeit eine liebliche Scenerie
vor die Augen stellt, von der sich der Verehrer der Naturschönheiten
nur ungern trennen kann. Auf dem Rücken des Berges angekommen, blickt
man tief hinab in ein Labyrinth kleiner stücklicher Berge, die
allmählig nach allen Richtungen hin riesenhaft anschwellen und ihr
dunkles Fichtengrün an dem Saum des Himmels falbeln. -- Bisweilen
steigen gespensterartig weiße Nebel aus den dicken Waldungen auf,
dehnen und strecken sich phantastisch, bis ihr Gewand zerrissen an
fernen Wipfeln der Bäume verschwindet. Der Gebirger sagt in solchen
Fällen: »Das Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter.« -- Die
dunkle Trapperie wallt faltenartig nach den Thalungen auf und nieder
und umgrenzt hie und da verschiedentlich geformte Blösen für den
Kartoffel- und Futterbau. Links, nach Osten, blähet sich der 3795 Fuß
über dem Meere gelegene Fichtelberg im licht indigblauen Mantel auf
und beherrscht den Horizont bis zu den in Westen gelegenem Kühberg.
Einzelne Gruppen von Häusern, zu dem oder jenem versteckt gelegenen
Dörflein gehörig, und verzettelt stehende Wohnungen erblickt man
allerwärts; sie verdanken ihre Entstehung irgend einem besondern
Gewerbe, oder der bequemern Bewirthschaftung eines unbequem gelegenen
Stück Landes. Weiß und schieferblau ruht das Städtchen Schwarzenberg
tief in der Niederung der Landschaft, umgeben von Bergen mittleren
Ranges, damit die höheren darüber hinschauen und das wie von Kindern
aus Nürnberger Häuserchen gebaute Städtchen betrachten können.
Viele tausend Menschen machen diese romantische Landschaft zu der
lebendigsten des Obergebirges und zugleich zu der besuchtesten von
Fremden; und in der That ist sie es werth, von Jedem besucht zu werden,
wer Belehrung und Genuß an ihren eigenthümlichen Gewerbsarten, Sitten
und Gebräuchen sucht.

Von der Höhe des Spiegelwaldes steigt man über 2000 Fuß hinab
bis an die Ufer des Schwarzwassers und stößt unterwegs zunächst
auf das ehemalige Klosterdorf Beyerfeld, welches gegenwärtig zur
Herrschaft Sachsenfeld gehört. Wer hat nicht schon oft und viel von
der Löffelfabrik der Gebrüder +Friedrich+, der umfänglichsten im
Vaterlande, gehört? und wie viel Fremde haben nicht dieses Gewerbe in
Beyerfeld aufgesucht, in der Meinung, dieses Etablissement in einem
räumlichen Gebäude zu finden, wo man die Löffel aus Eisen fertigen
sehen und die Manipulation bis zu ihrer Vollendung beobachten könne?
Dem ist nicht so. Die Fabrik bezieht das nöthige Eisen für alle
Gattungen von Löffeln von den Hammerwerken, wo es schon unter dem
Namen Löffeleisen in Stäbe geschmiedet und nach der Wage, à 44 Pfund,
verkauft wird. Der Fabricant liefert dasselbe nach dem Gewichte an die
Plattenschmiede, welche zerstreut in nahen und entfernten Ortschaften
wohnen; diese verfertigen daraus die Platten, d. h. die eben (platt)
abgehenden Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche
Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage ungefähr
36 Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabricanten wieder nach
dem Gewicht abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände
der zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie
einen Ambos, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und
nach den verschiedenen Größen und Gestalten concav eingelassen sind --
und verschiedene Teufhämmer -- brauchen, sodann aber zur Ablieferung
bringen. Täglich kann ein Löffelmacher 25 Dutzend austeufen und 6 bis
7 Groschen verdienen. Endlich werden sie in's Zinnhaus abgegeben, da
verzinnt, dann mit Kleie gescheuert, sortirt und so vollendet auf's
Lager und in Handel gebracht. Mit diesen Löffeln, die im Publicum
gewöhnlich »blecherne« genannt werden, wahrscheinlich weil das Eisen
dazu so dünn wie Blech ausgetrieben wird, treiben die Gebrüder
Friedrich, welche jeden Fremden mit Freundlichkeit aufzunehmen pflegen,
umfängliche, selbst überseeische Geschäfte und geben dadurch einer
großen Menge Menschen Nahrung und Unterhalt.

Am untern Ende des Dorfes liegt das Köhler'sche Vitriol- und
Schwefelwerk, welches aber gegenwärtig, wegen gesteigerter Holzpreise
und der Concurrenz von Böhmen her, in schwachem Umtriebe steht. Blau
und grüner Vitriol, Vitriolöl und Scheidewasser sind die gewöhnlichen
Fabricate. Schwefel wird wohlfeiler aus dem Auslande bezogen, als er
hier fabricirt werden kann. Da die Fabrication aller dieser Gegenstände
längst aus Hofrath +Kastner+'s Metallurgie bekannt ist, so hält es
schwer, den Grund aufzufinden, weshalb den Fremden nur ungern der
Eintritt in dieses Werk gestattet wird.

So wie sich Beyerfeld vom Spiegelwald herab nach dem Schwarzwasser
streckt, eben so dehnt sich vom Teufelssteine aus, welcher durch
sein Granatlager bekannt ist, in gleicher Richtung das Nachbardorf
»Bernsbach« hinauf bis auf den Rücken des dort waldlosen Berges.
Die Fabrication des Feuerschwammes und der Schwefelfäden, welche die
mannichfaltigen Zündmaschinen der neuern Zeit gar sehr beeinträchtigt
haben, war sonst in diesem Dorfe heimisch. Aus Polen und Ungarn kamen
früher ganze Ladungen von Buchenschwämmen, die hier verarbeitet und als
Feuerschwamm auf Messen und Märkte verführt, oder verhausirt wurden.
Der Handel mit Zunderholz in diesem Orte ist völlig verschwunden und
mit ihm die Gelegenheit zum Betteln.

[Illustration:

    gez. v. F. König.    Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

    SCHWARZENBERG.
]



Schwarzenberg.


Wie die zusammengedrängten und gegen das Hinabgleiten gesicherten
Kinderherrlichkeiten auf dem Brete eines Gypsfigurenhändlers, -- so
ruhen die 50 brauberechtigten schmucken Häuser des Städtchens, welches
überhaupt 193 bewohnte Häuser und 1931 Seelen zählt[1], mit dem
Schlosse, der Kirche, Schule, dem Forst- und Rathhause auf einer 60
Fuß hohen, 1200 Fuß langen und kaum 300 Fuß breiten Felsenribbe, die
aus dickflasrigem und mit Granitgängen durchsetztem Gneus besteht. Die
eng zusammengerückten, steinernen und mit Schiefer gedeckten Gebäude
haben sich an den Rändern dieses Felsens durch Mauern und Strebepfeiler
gesichert, damit sie nicht den Vorstädtern, welche ringsherum noch 143
Häuser bewohnen, in die Arme fallen.

  [1] Diese und alle folgende +derartige+ Angaben sind aus den
    Schriften des Central-Comité des statistischen Vereins vom Jahre
    1837 genommen.

Dem alten und durch wiederholte Brände vielfach veränderten Schlosse,
in welchem gegenwärtig das Kreisamt seinen Sitz hat, fehlen die
urkundlichen Nachweisungen seiner Entstehung. Es ist nicht umfänglich
und steht auf der äußersten Kante des Felsens, ernst und sinnend,
wie der bronzirte Napoleon mit verschränken Armen und kleinem Hute
auf dem Brete der Gypsfiguren. In der Vorzeit, wo die kriegerische
Zerstörungsart noch nicht so weit gediehen war, als in der Gegenwart,
hatte diese alte Burg einen Graben und eine Aufzugbrücke, das Städtchen
selbst aber Mauern und zwei Thore, welche jedoch niedergerissen worden
sind, weil es Thorheit gewesen wäre, ihre Räumlichkeiten für bessere
Zwecke unbenutzt zu lassen.

+Heinrich I.+, Otto des Erlauchten Sohn, soll das Schloß zu Anfange
des zehnten Jahrhunderts, so wie mehrere andere, zur Bewachung der
Sorben erbaut haben. Weniger glaubhaft mag es sein, daß diese kleine
Stadt ihren Namen von eben diesem Heinrich, welcher sich Henricus Niger
genannt, bekommen haben soll, weil die Gelegenheit näher liegt, daß
das Schwarzwasser, welches seinen Lauf durch die Vorstadt nimmt, die
Veranlassung für die Benennung des Ortes wurde. Das Schwarzwasser,
welches sich unterhalb der Stadt mit der Pöhla (richtiger: Bela, Biela)
vereinigt, wurde von den Wenden Czorny-woda (lies: Schorni, daher auch
Schornstein), Schwarzwasser, und unsere heutige Pöhla wurde Bela woda,
d. i. Weißwasser, genannt.

Nahe an der Stadt ragen zwei schroffe Felsen, der Otten- und
Todtenstein empor, die irgend eine gewaltige Erdrevolution der Vorzeit,
die keine Geschichte kennt, von dem Stadtberge trennte und dem
Schwarzwasser seinen heutigen Weg anwies. Hinter diesen Felsenmassen
und rund um das Städtchen erheben sich kegelartige Berge von Gneus
und Granit, wie mächtige Bastionen, zu deren Füßen sich üppige Wiesen
ausdehnen und darüber hinauf die Einwohnerschaft ihren mühsamen Feldbau
betreibt.

Schwarzenberg und seine nahe Umgebung bietet keine Ebene dar; überall
nur abgescheuerte Berge mit tiefen Einschnitten, in welchen Quellen und
kleine Bäche plätschern. -- Es ist ein Gebirge im Gebirge! -- Darum
aber und weil die Grundstückbesitzer ihre Früchte nicht so bequem nach
Hause bringen können, wie die Flachländer, besonders wenn die Witterung
ungünstig ist, sind die Scheunen auf dem ganzen Weichbilde zerstreut
herum erbaut, wie die Kauen eines Bergwerksreviers, was auch außerdem,
wegen Feuersgefahr, sehr zweckmäßig erscheint.

Das Klima in der Niederung von Schwarzenberg ist sehr mild, weil es
gegen Osten und Norden durch ein hohes Gebirgsjoch gegen rauhe Winde
geschützt ist; man erntet in den Thalungen mit den Chemnitzern ziemlich
gleichzeitig, obschon das Schwarzwasser mit Freiberg in einem Niveau
liegt. Die Bäche und Flüsse sind mit üppigen Laubhölzern eingefaßt, die
Gärten mit Obstbäumen angefüllt, und in günstigen Jahren werden sogar
in einigen Gärten hübsche Weintrauben gezogen.

Das Kreis-, Forst-, Rent- und Floßamt hat in das Städtchen von jeher
Lebendigkeit und Nahrung gebracht und dasselbe dadurch zu einer
gewissen Art von Wohlhabenheit erhoben, wie man sich diese nämlich im
Obergebirge zu denken hat; die Einwohnerschaft mußte natürlich auch,
unter so günstigen Verhältnissen, an Vielseitigkeit und Gesittung
gewinnen, wodurch sich der Fremde um so mehr angezogen fühlt, als ihm
freundliche Natürlichkeit mit geselligem Wohlwollen entgegenkommt.
Allein das übermäßige Zusammendrängen von Handwerkern allerlei Art,
als: 32 Schneidern, 21 Schuhmachern, 12 Fleischern, 12 Bäckern, 8
Tischlern u. s. w., denen 4 Jahrmärkte noch obendrein viel Abbruch
thun, scheidet eine Verarmung aus, die nebst einigen anderen zufälligen
Calamitäten der Ortsarmencasse jährlich weit über 200 Thlr. kostet.

Unter den Obergebirgern gewinnt die gekerbelte, geglättete und
vatermörderliche Vornehmthuerei nur langsam Boden, worauf sie wuchern
kann, und wer sie einheimisch zu machen wähnt, stößt immer von sich ab
und fällt zuletzt den Sonderlingen anheim. Deshalb halten sich Jahr
für Jahr eine Menge Fremde aus allen Ständen, wenn sie zu besserer
Jahreszeit das Obergebirge in Geschäften oder zum Vergnügen bereisen,
länger in Schwarzenberg[2] auf, als vielleicht in ihrem Reiseplan
lag; machen wohl auch sogenannte Abstecher nach allen Richtungen
hin und kehren am Abend zurück. Wenn daher ein Freund der Natur und
der eigenthümlichen Gewerblichkeit des Obergebirges das Bonitz'sche
Walzendrahtwerk[3], die beiden Zainhammer, den fiscalischen Holzanger,
welchen die Floßbeamten in einen hübschen Park umgewandelt, in dem
Städtchen und in der Nachbarschaft desselben beaugenscheinigt haben, so
wird derselbe zunächst

  [2] Schwarzenberg brannte am 2. Mai 1824 bis auf das Schloß und
    die Kirche nieder, ist aber mit weit hübscheren Häusern, die dem
    Städtchen eine entsprechende Sauberkeit verleihen, völlig wieder
    aus der Asche hervorgegangen.

  [3] In den ältesten Zeiten war es ein Kugelhammer, verfiel aber in
    eine Caducität. Am 9. Octbr. 1557 verlieh Kurfürst August dieses
    verfallene Werk an den Bergschreiber Hans Schwarz in Annaberg.



den Fürstenberg,


der nur eine Stunde weit gegen Morgen entfernt liegt, besuchen, welcher
für die vaterländische Geschichte classisch und in der neuern Zeit
durch Errichtung eines Denkmals und eines bewohnbaren Köhlerhauses
interessant geworden ist. Der so oft beschriebene, besungene und selbst
für die Bühne bearbeitete sächsische Prinzenraub ist so allgemein
bekannt, daß keine Lücke für den Zweck dieser Schrift entstehen kann,
wenn sie über das Geschichtliche desselben schweigt.

Der Fürstenberg, vor dem Prinzenraube der Schmiedewald genannt, gehört
gegenwärtig nur mit einem eben nicht breiten Streife dem Staate,
und wird obenhin von den sogenannten Zwanzigern und nach unten von
den Begüterten zu Raschau besessen, so daß nur das Denkmal und das
Köhlerhäuschen auf fiscalischem Eigenthume stehen. Der Bergabhang ist
ziemlich kahl, da die Zwanziger ebenfalls in dem verkehren Wahne
stehen, die Hölzer lieber abzutreiben oder auf dem Stocke zu verkaufen,
als sie mit Nachhalt zu benutzen und den Nachkommen ein nützliches
Andenken zu hinterlassen. Dagegen ist der fiscalische Boden im Laufe
des vorigen Jahres in Cultur genommen und von dem fleißigen Förster
+Müller+ in Grünhayn mit einer Pflanzung versehen worden, daß man zu
seiner Zeit eine dicke Waldung erwarten kann, welche das Denkmal unsers
Regentenhauses mit ihrem Rautengrün beschattet und in ein gemüthliches
Dunkel hüllt. Dabei ist aber vorauszusetzen, daß das Köhlerhäuschen
nicht zu einer gemeinen Kneipe herabsinkt, von wo aus Beschädigungen
und Frevel zu fürchten und nicht immer abzuwenden sind.

Dieser mittägige Abhang des Fürstenbergs, welcher auch wegen seines
schneeweißen Marmors, der dem von Carrara in Italien ganz ähnlich ist,
so wie wegen anderer interessanten Fossilien der dortigen Einlagerungen
in Glimmerschiefer die Aufmerksamkeit der Mineralogen anregt, gewährt
eine eigenthümliche Ansicht, die den Beobachter um so mehr anspricht,
als sie überraschend auftritt. Es ist der sogenannte Graul, eine
topographische Benennung eines zum Bergamt Schneeberg gehörigen
Bergreviers, auf welchem sich eine kleine Bergwerkswelt mit ihren
braunen und weißen Halden, Hütten und Kauen ausbreitet hat und durch
das Anschlagen der Glocken des Kunstgestänges in abgemessenen Pausen,
so wie durch den aufsteigenden Dampf der Röst- und Arseniköfen, die
Aufmerksamkeit gar sehr in Anspruch nimmt. Silber und Kobald, Vitriol-,
Schwefel- und Arsenikkiese gewinnt und fördert der Bergmann zu Tage,
wo sie verarbeitet und verwerthet werden zu mancherlei Zweck. Silber
und Arsenik, diese nahen -- aber friedlichen -- Nachbarn unter der
Erde, feinden sich gar oft gegen einander an, wenn sie in der Hand der
Menschen dem Eigennutz anheim fallen. Die Grube »Gottesgeschick« allein
hat seit ihrer Veredlung -- und das ist wohl kaum 70 Jahre -- nahe
an 300,000 Thlr. Silber geschüttet und baut gegenwärtig noch in sehr
höflichem Feld.

Unweit dieses Bergwerksetablissements steht noch ein obdachloses,
zerklüftetes Mauerwerk in einer Wiese, welches unter dem Namen
»Dossels-« oder »Dusselskirche« bekannt ist. Das vielleicht 12 Ellen
hohe schiffartige Mauerwerk läßt es nicht zweifelhaft, daß es eine
Kirche werden sollte. Es ist auch die Sage in der Nachbarschaft,
daß ein reicher Hammermeister, +Klinger+, um wegen eines Mordes an
dem Bergmeister +Gotterer+ in Elterlein Ablaß zu erlangen, den Bau
angefangen, aber, bald in Abfall der Nahrung gekommen, denselben
nur langsam habe betreiben können; zuletzt aber sei der Bau wegen
der lutherischen Reformation und weil die klösterlichen Beihilfen
weggefallen, ganz zum Erliegen gekommen. Der Oswaldsbach[4], welcher in
dem Torfboden der Mooshaide zwischen Grünhayn und Zwönitz seinen Anfang
nimmt, sich mit dem Gewässer des erstgenannten Städtchens verstärkt,
von da seinen Weg nach Südost durch einen üppigen Wiesengrund verfolgt
und sich in eine waldige tiefe Felsenpartie, wo er seinen Lauf nach
Süden einschlägt, sodann das halb in die Schlucht eingeklemmte Dörfchen
Waschleute (unrichtig: Waschleithe) durcheilt, bewässert mit seinem
Forellenwasser das Thal und erreicht die Dusselskirche, von wo aus er
den Fuß des Fürstenberges berührt, eine Partie Wasser für die Künste
bei Gottesgeschick abgiebt, den Ueberschuß aber der Pöhla bei Wildenau
zuführt. In der Mundart des Volks heißt dieser Bach der Osselsbach,
auch Dusselsbach, daher auch die Kirche am Dusselsbach -- Dussels- oder
Duselskirche heißt.

  [4] In den Mittheilungen des statistischen Vereins für das Königreich
    Sachsen, 3. Liefer., S. 5, wird des Oswalds- oder Schwarzbaches,
    welche die Pöhla in Wildenau, kurz vor ihrer Vereinigung mit dem
    Schwarzwasser, aufnimmt, keiner Erwähnung gethan, ob es schon
    namhafte Bäche sind und Mühlen und Bergwerksmaschinen treiben.

In dem genannten Dörfchen Waschleute hatten sich zu der frommen
Klosterzeit in Grünhayn Leute angesiedelt, die das Waschen und Scheuern
im Kloster versahen; man hatte sich nicht die Mühe genommen, ihrem
Ansiedelungsplatze einen Namen zu geben, denn waren sie nöthig, so
wußte Jedermann, wo die Waschleute zu suchen waren. Das Gerichtssiegel
des jetzt ansehnlichen und hübschen Dörfchens führt ein Waschfaß, an
welchem zwei weibliche Personen mit Wäsche beschäftigt sind.

Man geht denselben Weg, der für eine Excursion gewählt worden war,
nicht gern wieder zur Heimkehr. Und so möge denn auch hier vom
Fürstenberg aus die Tour von Gottesgeschick durch den Raschauer
Gemeindewald über den Wildenauer Berg genommen, und sich von dessen
Höhe an der herrlichen Landschaft, die von Osten aus wiederum
Schwarzenberg in der Mitte hat, ergötzt werden. Die Sonne sinkt
hinter den Burckhardtswald und hält sich das goldkantige Schweißtuch,
aus Wolken gewoben, vor ihr blutrothes Gesicht; die Morgenleithe,
ein hochansteigendes Glimmerschiefergebirge in Südwest, eingehüllt
in ein mächtiges Nachtgewand von Fichtengrün, läßt allmählig ihre
Sänger schweigen und überschaut still die rauchenden Schornsteine
in den Thälern. Der Wanderer gelangt nach Wildenau, wo der Dichter
+Ziehnert+ den Stoff zu seiner Nixenmythe auffand, und dann wieder in
das freundliche Rathhaus nach Schwarzenberg, wo ihm das Feuer auf dem
Heerde nicht vergeblich knistert.

[Illustration:

    gez. v. F. König.    Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

    AUE.
]



Aue.


Allerdings ist es der Mühe werth, das Städtchen und seine Umgebung zu
besuchen, welches, nur zwei Stunden gegen Westen von Schwarzenberg
entfernt, an der Schneeberger Chaussee liegt. Das erste zum Rittergut
Sachsenfeld gehörige Dörflein Neuewelt, mit seinen ordnungslos
hingewürfelten, meist ärmlichen Häusern, bietet nichts Beachtenswerthes
dar. Es ist eine neue Welt, nach welcher sich kein Auswanderer sehnt.
Gegen Westen liegt der hohe, kahle und baumlose Gebirgsberg, über
dessen Rücken die neuere Zeit, mit einer gewissen Art von Verwegenheit,
einige Feldfleckchen zum Kartoffelbau zusammengemartert hat, dessen
Grün über den erdbraunen langgestreckten Körper einen sonderbaren
Anblick gewährt. Es ist das trojanische Pferd mit einer phantastischen
Chabraque.

Nicht ganz uninteressant ist das große und volkreiche Dorf Lauter,
durch dessen Mitte die Straße quer durchführt und dasselbe in Ober- und
Unterdorf abtheilt. Ueber den Namen Lauter spricht sich der Pfarrer
+Körner+ in seinen Nachrichten von Bockau dahin aus: »Luderij ist ein
Wendisch ~adjectivum~ von dem ~substantivo~ Luder. Dieses Luder ist
ein ~nomen proprium~ vieler Könige gewesen, so ihren Namen vielen
Städten und Bergen durch die geführten Kriege hinterließen. Wie wäre es
nun, wenn ich sagte, der Berg Luderij sei so viel als der Lutterberg
oder Lauterberg vom König der Franken ~Clotario~ oder Luttern? etc.«
Haben nun die zanklustigen Einwohner des Dorfes Kenntniß von dieser
Etymologie, so wird die Redensart: Luder, Wolfsgrubenluder u. s. w.,
welche nicht selten in ihrem Wirthshausverkehre vorzukommen pflegt,
nicht mehr als Beleidigung gelten dürfen.

Der Ort ist sehr betriebsam; insonderheit werden viel Schlitten-,
Trag- und andere Körbe aus Spänen, Wurzeln und Weidenruthen geflochten
und nebst vielen Blech- und Topfwaaren (welche letztere aber daselbst
nicht verfertigt werden), im Lande verhausirt und auf Jahrmärkten in's
Geld gesetzt. Am untern Ende des Dorfes ist seit einigen Jahren eine
ziemlich großartige Maschinenspinnerei errichtet, die vom Schwarzwasser
getrieben wird. Das Siechthum, welches jetzt auf den sächsischen
Spinnereien haftet, hat natürlich auch diejenigen mit ergriffen, die
später erbaut und weit in die Thäler des Obergebirges hineingeschoben
worden sind. Alle Gewerbsarten haben ihre Grenzen, über welche hinaus
sie ihr Gedeihen nicht mehr finden; es ist die Ebbe und Fluth
aller menschlichen Unternehmungen, die bald von Segnungen, bald von
Abmagerungen begleitet werden.

Am Wege von Lauter nach Aue begegnet man der Porzellanerden-Zeche
+Andreas Neufang+, in der Gegend unter dem Namen »das weiße Zeug«
bekannt; sie ist dicht an der Straße links in junge Waldung versteckt.
Bekanntlich war der Apotheker +Böttger+, welcher am 4. Februar 1682 zu
Schleiz im Voigtlande geboren wurde, der Erste, der im Jahre 1709 die
Entdeckung machte, aus dieser weißen Erde Porzellan herzustellen, was
in ganz Europa Aufsehen und Abnahme zur Folge hatte. Seit dem Anschluß
Sachsens an Preußens Zollsystem hat sich diese Fabrik mit namhaftem
Ueberschuß bewiesen.

Wie ein Häuflein alter lebensmüder Hospitaliten in herkömmlicher
Einfachheit der Sitten und Gewohnheit sich an der Wärme der bald
scheidenden Sonne erquickt --: so ruht das Städtlein Aue mit seinen
136 meist uralten hölzernen Häusern in einem milden, wunderlieblichen
Kessel, der die Aue heißt und dem Oertchen den Namen gab. Hier
begrüßen sich das Schwarzwasser und die Mulde, deren Ufer allerwärts
mit Laubholz umbuscht sind und rechts und links üppige Wiesen und
fruchtreiche Aecker zu Nachbarn haben. Aue war im sechzehnten
Jahrhundert ein Dorf; erhielt aber später städtische Gerechtsame,
wozu ihr Zinnbergbau am Heidelberg und die Porzellanerde beigetragen
haben mag. Später, als sich der erstere erschöpft hatte, gab sich die
Einwohnerschaft dem Feldbau und der Viehzucht mit größerer Sorgfalt
hin, wozu sich ein in Umschwung kommender Nahrungszweig -- das
Steinmetzgergewerbe -- gesellte, welches im dortigen Muldenthale sich
immer mehr und bis zum heutigen Tage erweiterte.

Die geschmacklosen Formen der in den zwei oder drei Gäßchen ungeregelt
hingesetzten Häuser erinnern an das Mittelalter; sie umkauern das
Rathhaus mit seinem verkreuzten Giebelholzwerk und Thürmlein, woran das
Zifferblatt todtenbleich nach dem Gottesacker schaut. Die neuere Zeit
hat vor den hölzernen Sitz des Stadtgerichts einen Tanzsaal geschoben,
der mit seinem Orchester die Thüre zur Rechtspflege versteckt,
die sich freilich auch nur mit einem Läppchen von Gerechtsamen
(Nachlaßregulirungen) abgeben durfte, jetzt aber dem Kreisamte
Schwarzenberg dingpflichtig ist. Das kleine Bürgerthum erspart dafür
einen Stadtrath zu besolden.

Die neuere Zeit hat die Industrie auch in dieses freundliche Muldenthal
geführt und sie für Fabriken und Bleichen die bequemere Wasserkraft
aufsuchen lassen. Die +Holberg+'sche Bleich- und Appreturanstalt ist
großartig und streckt einen acht Etagen hohen Trocknenthurm weit über
das beschindelte Städtchen empor, um dieses seine Ueberlegenheit fühlen
zu lassen; um und neben diesem Riesen breiten sich Gärten aus mit
sorgsam gepflegten Blumen des In- und Auslandes; Früchte aller Art für
die Küche und unmittelbar für den Gaumen, werden in Menge gezogen und
regen Lüsternheit selbst für die einfache Gewohnheit des Hauswesens
im Orte an. Diese Bleichanstalt, so wie die +Laukner+'sche Spinnerei,
verbunden mit der +Geitner+'schen Argentanfabrik und der Actienweberei
mit 400 Stühlen zu Auerhammer, haben das Städtchen lebendiger
gemacht, die Nahrung gesteigert und selbst angefangen, den Geschmack
im Aeußerlichen zu heben. Einige hübsche Häuser sind entstanden und
anderen hat man eine Saloppe durch Abputz umgeworfen, welche sich, des
Dinges ungewohnt, die alte Herkömmlichkeit doch nicht völlig abstreifen
lassen. Ob die Einwohner zu Aue und ihre Nachkommen in einem völlig neu
und im Sinne der Gegenwart erbauten Städtchen ihre tadellose Gesittung,
Fleiß und Genügsamkeit eben so fortpflanzen und von Geschlecht zu
Geschlecht vererben werden, als ihre alten Häuschen Zeugniß geben, kann
nur von einer fernern Zukunft referirt werden.

Eine Seltenheit muß der Fremde nicht vergessen in Augenschein zu
nehmen. Es ist die sogenannte Tausendgüldenstube im +Fischer+'schen
Gasthofe eine Treppe hoch. Die Wände, Decke und Fensterbrüstungen
nämlich sind mit einem merkwürdigen Schnitzwerk getäfelt; Blumen,
Vasen, Engelköpfe bekleiden alle Flächen des Zimmers und bestehen aus
weichem Holz ohne allen farbigen Anstrich. Die Arbeit gehört einer
alten Zeit an, die nicht genau zu bestimmen ist, und ein Nürnberger
soll sie um 1000 Gülden geliefert haben, was Veranlassung zu dem Namen
gab.

Die beiden großen steinernen Brücken über die Mulde und das
Schwarzwasser, welche zu beiden Seiten hohe Brustmauern haben, waren
früher mit hölzernen Geländern versehen. Dies ist an sich, eben so
wie die Bauart der Brücken selbst, nicht der Rede werth; allein diese
Brückengeländer führt das Städtchen in seinem Rathssiegel, was so
leicht der Heraldiker nicht errathen würde.

Es ist allerdings der Mühe werth, wenn wir uns in dem lieblichen Thale
noch ein wenig umsehen und namentlich das mittägige Gehänge betrachten,
welches von Lößnitz her zwischen dem Au- und Rumpelsbach liegt und von
einem hohen Berge, der Hirnschädel genannt, herab in das Schwarzwasser-
und Muldenthal schweift. Das Dörfchen Zelle bildet einen niedlichen
Saum dicht an den benannten Flüssen und endet mit dem Pfannenstieler
Blaufarbenwerk oben und mit dem Rittergut Klösterlein unten, so daß das
langgestreckte Dörfchen wie eine Guirlande zwischen beiden schwebt.

Bei der freundlichen Familie des Herrn Factor +Beck+ in dem
Blaufarbenwerke findet jeder anständige Fremde liebevolle Aufnahme
und in ihr den Führer zu all' den Naturannehmlichkeiten, die sich so
anziehend um das Werk zusammengefunden haben. Insonderheit ladet der
kleine Park ein, der sich um den Ellenbogen eines hohen Berges, der
nach Pfannenstiel hin sich steil erhebt, herumzieht. Ein Nadel- und
Laubgrün macht die Partie schattig und heimlich, und das Schwarzwasser
läuft dort wieder zurück, um die Herrlichkeiten noch einmal in seinem
Spiegel aufzunehmen.

Der Rumpelsbach kommt aus einem engen waldigen Thal, dem Bärengrund,
hervor und tändelt mit allerhand Blumen durch üppige Wiesen herunter,
wo ihn der größere Fluß aufnimmt, dessen Ufer Erlen- und Weidengebüsch
thalabwärts begrenzt.

Unterhalb dem Rittergute Klösterlein ruht einsam träumerisch und von
allen Wohnlichkeiten entfernt, wenn man etwa den dortigen Eisenhammer
nicht veranschlagen will, inmitten einer Wiese, die Klosteraue genannt,
die Kirche wie ein verschlafener Hirt, dem die anvertraute Heerde
entwichen ist. In der Nachbarschaft dieser Kirche zu unserer lieben
Frauen war ehedem ein Kloster, welches Markgraf +Otto+ gestiftet und
das St. Georgenkloster zu Naumburg reichlich dotirt hatte. Gegenwärtig
ist sie das Filial von Schlema.



Die Drutenau[5].


Von dem Städtchen Aue nach Mittag hin wandelt man durch ein kurzes,
von hohen Bergen umringtes fruchtbares Thal, mit Wiesen und Feldern
überdeckt, durch welche in sanften Krümmungen die Mulde ihre
Wellen, zur Arbeit für allerhand Räderwerk, rastlos dahintreibt.
Am obern Ende dieser Drutenau lag ehedem ein Eisenhüttenwerk --
Auerhammer -- welches in der neuern Zeit der ~Dr.~ +Geitner+'schen
Argentanfabrik (Neusilber) Platz gemacht und dadurch der kleinen
Einwohnerschaft, die das Hammerwerk im Stiche und folglich in Elend
ließ, wenigstens Arbeitsgelegenheit gegeben hat. Der als erprobter
Pomolog und Botaniker bekannte Eigenthümer ließ sich angelegen sein,
die Schlackenhaufen, Hüttenstätte, Holz- und Kohlenräume in Obst- und
Blumengärten umzuwandeln; die vom Alter zusammengesunkenen Häuser
wieder aufzurichten und mit einem gefälligen Anstrich zu versehen,
damit sie sich vor den fremden Blumenfreunden, wenn diese sich zu dem
Gartenvereine einfinden, nicht zu schämen brauchen. Alles dies gab
vielfache und lang anhaltende Arbeit, wodurch sich Mancher sein Brot
erwerben konnte. Ein grasreicher Wiesengrund zieht sich gegen Abend
hinauf nach dem Brünlasberg; ihn durchwässert theils die Zschorla[6],
theils der Floßgraben, welcher 3 Stunden Wegs in mancherlei Krümmungen,
an steilen Berggehängen, sein Wasser den Mühlen-, Berg- und
Hüttenwerken in Schlema bei Schneeberg zuführt[7].

  [5] ~M.~ +Körner+ in seinen Nachrichten über Bockau hält Druiden für
    gleichbedeutend mit Götzenpriestern, welche den suevischen Völkern
    angehörten, die nach ~Plinii~, ~Senecae~ und ~Caesaris~ Berichten
    zwischen dem Rhein und der Elbe wohnten. Diese Priester, erzählt
    er weiter, haben unter Eichen und Buchen, auf welchen die Misteln
    oder Mispeln wuchsen, Gottesdienst gehalten; daher sei +Drude+
    oder +Drudenfuß+ noch heut zu Tage ein Gegenstand des Aberglaubens
    unter den gemeinen Leuten. Dagegen will ~M.~ +Oesfeld+, in seinen
    historischen Beschreibungen vom Erzgebirge, +Trute+ von Gertraut,
    Traut oder Traute, welches so viel als +lieb+ heißt, ableiten, und
    dafür Trautenau oder Liebenau bei Halle als Beleg angesehen wissen.

  [6] Schorlau, Zschorla heißt wendisch: die Quelle, daher zschörlen:
    quellen.

  [7] Nach +Melzer+'s Chronik von Schneeberg, S. 89, ist dieser
    Floßgraben im Jahre 1556 zu bauen angefangen und 1559 vollendet
    worden.

Noch lebendiger und großartiger ist das hübsche Thal durch die Anlegung
der Maschinenweberei von einer Actiengesellschaft geworden, in der
zeither 400 Stühle webten, die aber bald in ein beklagenswerthes
Siechthum zu verfallen schien, wenn sie nicht käuflich in die Hand des
Fabricanten +Clauß+ in Chemnitz gekommen wäre.

Da in diesem sehenswerthen Etablissement keine Geheimnißkrämerei und
keine Zunöthigung nach Trinkgeldern herrscht, sondern nur eine höfliche
Veranlassung vorliegt, für etwanige Kranke oder Beschädigte eine
Kleinigkeit in die Büchse fallen zu lassen, so sollte kein Fremder
die Gelegenheit unbenutzt lassen, diese Maschinenweberei mit ihren
Vorarbeiten anzusehen, weil jede Beschreibung die deutliche Vorstellung
davon ausschließt. Diese 400 Stühle, welche von mehrern hundert jungen
Leuten bedient werden, können in einem Jahre 40,000 Stück Shirdings, à
64 Ellen, liefern.



Bockau[8].


Gleich hinter dem Webemaschinengebäude zu Auerhammer braus't die Mulde
aus einem engen waldigen Felsenthal hervor, in welchem zunächst das
sogenannte Teufelswehr eingebaut ist, welches die Aufschlagewasser
auf nur gedachte Maschine führt. Ufer und Bette des Flusses bestehen
aus sehr festem Granit von mittlerem Korne und oft fingerlangem
milchweißen Feldspath. Es mag mehr dazu gehört haben, als die Gewalt
der Fluthen, diese Massen zu durchbrechen und das Haufwerk davon hinaus
auf die Aue zu schieben, wo solches den Auer Steinmetzen zur Beute
verfällt. Mühsam klettert man am rechten Ufer hinauf und stößt bald
in der Nähe der Habichtsleithe wieder auf Glimmer- und Thonschiefer,
welcher viele Hornblende aufnimmt und ihm den Namen »Fruchtschiefer«
verleiht. Nach kaum einer Stunde Wegs lärmt ein Bach nach dem rechten
Ufer der Mulde durch ein tief eingeschnittenes Seitenthal herab, um
sich mit diesem Flusse zu vereinigen. Dieses Seitenthal hat rechts
einen hohen klippigen Kamm, der theilweise seine ziemlich horizontalen
Glimmerschieferplatten hinausschiebt, daß sie mit Erde bedeckt und
Feldfrüchte darauf erbettelt werden können. Die übrige Räumlichkeit des
Thales liefert um so reichlicher das üppigste Wiesenfutter, je bequemer
dieselbe von diesem Gewässer genährt werden kann.

  [8] Bockau ist, nach ~M.~ +Körner+, ein altes sorbisches oder
    wendisches Wort und heißt so viel als: Gott oder Gotteshain,
    Götzenhain. Es hieß in ältern Zeiten Boug und Bouh und böhmisch:
    Buh (lies: Buch). Ow, owe, iz, ina sind Distributivendungen,
    wodurch Heimath und Besitz bezeichnet wird. Deshalb ist Boukowe
    oder Boukow, Bukwiz und Bukwina entstanden. Auf den Kirchen- und
    Gerichtssiegeln befindet sich gegenwärtig ein aufrecht stehender
    Bock, weil die Einwohner nur der Aussprache, nicht aber der
    Etymologie zugethan scheinen.

Bockau liegt nicht sonderlich romantisch; der tiefe Thaleinschnitt
hebt sich bald heraus und flacht sich in eine lange Mulde aus, welche
eine Menge Güter und Häuser aufnimmt und mit der Kirche und der Zeche
St. Johannis den übrigen Raum begrenzt hat. Eine Anzahl Häuser im Orte
leiten durch ihre Anlage, Größe und ihren architektonischen Geschmack
auf eine Zeit zurück, zu welcher viel Nahrung und Wohlhabenheit
stattgefunden, die aber gegenwärtig die Lebensfrische verloren hat und
der Verkümmerung noch mehr in die dürren Arme zu fallen droht.

Wer hat nicht von den Medicinallaboranten, Olitätenhändlern, Zeeh'schen
Pillen, Schneeberger Schnupftabak u. s. w. gehört und von letzterem
wohl auch genies't? Bockau mit 1700 Einwohnern ist der bedeutendste
Ort im Obererzgebirge, wo officinelle Kräuter gebaut, in Wäldern
von Kindern aufgesucht und für den Verkauf gesammelt werden, dann
aber als Heilmittel für mancherlei Krankheiten und Verletzungen
zugerichtet, auf Märkten und Messen verkauft und durch sogenannte
Olitätenhändler, meist Leute im Berghabit und im Dorfe Sosa wohnhaft,
in ferne Länder vertrieben werden. Die vaterländische Geschichte hat
vom Beginne dieses Medicinalverkehrs und von seiner Verbreitung keine
zuverlässigen Nachrichten aufbewahrt, und man glaubt, daß gleichzeitige
Ansiedler aus Böhmen, welche Johanngeorgenstadt entstehen ließen, den
Kräuterbau eingeführt und deren Nachkommen denselben erweitert haben.
Ueberall auf den Fluren findet man Angelica (~Angelica archangelica~),
Baldrian (~Valeriana officinalis~), Rhabarber (~Rheum undulatum~) und
dergleichen Kräuter- und Wurzelwerk angepflanzt und gepflegt.

Die Angelica hat einen sehr durchdringenden, stechenden Geruch, legt
sich in die Kleider und verräth die Heimath der Bockauer auch dann
noch, wenn sie viele Meilen weit gereist sind.

Die Traugott Heinrich Friedrich'sche Handlung ist im Orte die
vorzüglichste, und da jeder anständige Fremde in derselben die
wohlwollendste und uneigennützigste Aufnahme findet, so wollen auch wir
davon Gebrauch machen, um aus dem Munde und den Rechnungsbüchern des
Handelsherrn die Eigenthümlichkeit der Nahrungsverhältnisse im Orte zu
vernehmen. Wir hören, daß in Bockau jährlich

  8
    bis 900 Centner Angelica, à Centner 6 bis 15 Thaler, gegenwärtig
    (1841) 9 bis 11 Thaler,

  15 bis 20 Centner Baldrian zu 6 bis 7 Thaler,

  10 bis 15 Centner Rhabarber, à Centner 6 bis 8 Thaler,

  15 bis 20 Centner wilde Bärwurzel, à Centner 5 bis 6 Thaler, und

  2
    bis 3 Centner Leibstöckel (~Ligusticum levisticum~), à 7 bis 8
    Thaler,

erbaut und bei Weitem der größere Theil von Herrn Friedrich erkauft
und versendet wird. Demnächst bedarf dieser für sein Geschäft 14 bis
16,000 Dutzend kleiner Schachteln zu dem sogenannten Schneeberger
Kräuterschnupftabak und bezahlt für das Dutzend 1 bis 4 Groschen
Macherlohn. Die Herren Zeeh und Brückner daselbst bedürfen für
denselben Zweck ebenfalls 6 bis 8000 Dutzend jährlich; nicht minder
sind für Bockau außerdem 50,000 Schachteln zu Räucher-, Zahn- und
Seifenpulver, ferner zu Pflaster, Pillen, Räucherkerzen und dergleichen
mehr erforderlich, welche à 1000 Stück mit 18 Groschen bis 2 Thaler,
auch theilweise mit 8 bis 10 Thaler bezahlt und sämmtlich da verfertigt
werden. Viele arme Kinder tragen Jahr für Jahr eine Menge Kräuter aus
den Wäldern, von Wiesen und Feldrändern zusammen, als: Johanniskraut
(~Hypericum perforatum~), Johannisblumen (~Arnica montana~),
Waldmeister (~Asperula odorata~), Huflattig (~Tussilago farfara~),
Bärenlapp (~Lycopodium clavatum~) und noch mehrere zusammen, und ein
jedes derselben verdient täglich 2 bis 3 Groschen. Bei Weitem der
größere Theil der genannten officinellen Gegenstände werden auf Messen
und sonstigen Vertriebscanälen über Nürnberg nach Frankreich, Italien,
Oesterreich, Preußen, Rußland und selbst nach Nordamerika versendet und
dafür nicht unbeträchtliche Summen in das Land gezogen.

Außerdem werden noch eine Menge Balsame, Liquor, Spiritus, Tinctur,
Oel, Pulver und gebrannte Wässer gefertigt, die theils von den
Laboranten selbst auf Messen und Märkten im Ganzen verkauft oder von
den sogenannten Olitätenhändlern nach Schlesien, Polen, Westpreußen
und bis an die nördlichen Seeküsten vertragen werden. Gegen 800
bis 1000 Thaler Hohlglas wird noch gegenwärtig für die Bockauer
Medicinalbereitung von der sächsischen Glashütte bei Karlsfeld bezogen,
und noch vor etwa 20 Jahren nährten sich gegen 1700 Familien im
Obererzgebirge davon. Die Wohlfahrtspolizei der neuern Zeit hat diesen
Erwerbszweig bereits über zwei Drittel vernichtet, weil man gefunden
zu haben glaubt, daß die menschliche Gesundheit und das Leben dadurch
bedroht und in Gefahr gesetzt werde; und was noch concessionell davon
besteht, läßt man absterben, indem die Berechtigungen in der Regel nur
der Person ertheilt worden sind.

Man hat es nicht thatsächlich vorliegen, wie weit in Sachsen und
den Nachbarländern die Sterblichkeit herabgesunken sein mag, seit
die Medicinalbereitung und das Hausiren damit beschränkt und hart
verpönt worden ist. Dagegen ist nach öffentlichen Blättern amtlich
nachgewiesen, daß in England in +einem+ Jahre 31,000 weibliche Personen
an der Schwindsucht, als Folge der zu engen Schnürleiber, verstorben
sind. Den Schneidern ist auch bei uns die Verfertigung von solchen
Zwangsfutteralen für Siechthum und Tod erlaubt und das Brauen und
Verzapfen von baierschem Biere zur Mast der Leber, mithin für Abkürzung
des Lebens, gestattet, ohne daß die medicinische Wohlfahrtspolizei
ein Bedenken dagegen aufzustellen geneigt ist. Nicht lange wird es
dauern, so werden wir auch das Opiumgift bei uns haben, wie in England,
und es dürfte eben so wenig mit Erfolg dagegen eingeschritten werden
können, als gegen die Schusterzünfte, welche ihr widernatürliches
Stiefel- und Schuhwerk für die fortschreitende Veredlung der
Hühneraugen zu vervollkommnen suchen. Je mehr sich der Mensch durch
Modesucht von seiner Natürlichkeit entfernt und je mehr sich derselbe
in der Mannichfaltigkeit der künstlichsten Genüsse, wofür alle Zonen
der Erde zinsbar gemacht werden, verliert und darin beharrt, desto
ohnmächtiger werden alle Warnungen und alle polizeiliche Maßregeln
dagegen bleiben; und wenn ja letztere hier und da durchdringen,
wie bei dem Medicinalhandel, so werden sie neue Mißverhältnisse in
den Gewerbsweisen und Wohlfahrtszuständen hervorrufen, welche es
unentschieden lassen, ob diese nicht schlimmer sind, als jene zu
sein schienen. Ist das Volk reif und mündig, so wird es selbst das
Unnatürliche und Schädliche von sich entfernen und durch Schule und
Beispiel eine geläuterte Zukunft bereiten, in welcher sich manche
Hemmnisse und Zwangsmaßregeln entbehrlich machen. Ob diese Zukunft
nahe liegt? -- dies mag sich der geneigte Leser selbst beantworten,
besonders wenn er ein Erzgebirger ist.



Die Morgenleithe.


Dieser von allen Seiten in einen dunkelgrünen Mantel von Fichtenwald
gehüllte Berg hebt sich über 2500 Fuß über das Meer und trägt auf
seinem langen, aus Westen nach Osten gestreckten Rücken einen Höcker
wie ein Kameel. Von diesem aus irrt das Auge nach Nord und West über
eine Menge niedriger Berge und Hügel weit in das flache Land hinab,
wo es, wenn es bewaffnet ist, die Sternwarte zu Leipzig und das
unbehülfliche Dach der Thomaskirche erkennt; der weiterhin gezogene
Horizont verhüllt sich in Nebelschleier und stellt dem forschenden
Blicke das Ziel. Die ferne weite Ebene ist mit einer Menge dunkler
horizontaler Striche, bald kürzer bald länger, gezeichnet: es sind
größere und kleinere Städtchen, Dörfer und Laubgehölze; sie schwimmen
wie Meergras auf glatter Fläche und verkästeln die Farben mit den
lichten Getreidefluren damenbretartig.

Am südwestlichen Abhange der Morgenleithe, deren Masse aus
Glimmerschiefer besteht, ist ein Talkschieferlager, in welchem der
berühmte Ochsenkopfer Schmirgel vorkommt und in den früheren Zeiten
auf einer Grube, die den Namen »Erzbaum Christi« führte, ausgebeutet
wurde. Die Versuche darauf in der neuern Zeit sind zwar mit Anbrüchen
belohnt, aber wegen fehlgeschlagenen Absatzes um die früheren höheren
Preise unbelohnt geblieben. Die bergmännische Untersuchung der
Gebirgsmasse von der ganzen Morgenleithe und vieler anderer Berge in
unserm Hochlande bleibt einer Zukunft vorbehalten, in welcher man
mit geläuterten Ansichten über den vaterländischen Bergbau urtheilen
und erkannt haben wird, daß die Wohlfahrt einer mit Erzen gesegneten
Provinz nicht allein über, sondern hauptsächlich +in+ der Erde gesucht
und für Jahrhunderte begründet werden kann.



Das Eisenhüttenwerk Erla.


Da Schwarzenberg von der Morgenleithe aus schon in einer Wegstunde
wieder zu erreichen ist, so gehen wir nun gegen Süden durch das
Rosenthal nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Erlahammer, wie
dieses Eisenhüttenwerk gewöhnlich genannt wird. Wenn schon die Rosen
an der Benennung des Thales eben so wenig Theil haben mögen, als an
dem zwischen Leipzig und Gohlis, so ist es doch wunderlieblich zur
Rosenzeit und überhaupt vom Frühling bis zum Herbst. Der bewaldete
Rockelmann mit seiner Granitmasse rechts und die fichtengrüne
Bärenstallung links, mit ihrem dickflasrigen Gneuse (Augengneus),
schließen eine Ebene ein, in welcher das Schwarzwasser Zainhämmer und
Walzwerke treibt und üppige Wiesen wässert. An dem steilen Berge zieht
hier und da, mit bedächtig langsamem Schritt, ein Stier am Haken; ihn
leitet gewöhnlich ein stämmiger Knabe, während der Vater mit kräftiger
Hand das Hakengestelle gegen den Berg zu drängen sucht, damit die ganze
Gesellschaft sich nicht überschlägt und in's Thal herabkugelt. Es
kann nicht anders sein, das nutzbare Land arbeitet sich nach und nach
herunter und muß von Zeit zu Zeit eben so wie der Dünger hinauf und die
Früchte herabgetragen werden. Wer Fleiß und Arbeit nicht scheut, wird
dafür dennoch mit herrlichen Früchten belohnt.

Es mag einmal ein eben erwachender Frühlingsmorgen sein, indem wir das
Schwarzwasserthal nach Erla und weiterhin durchwandern. Wir hören die
Zippe -- die erzgebirgische Nachtigall -- auf den höchsten Gipfeln der
Fichten flöten; hoch über der Thalebene die Lerche trillern und das
allmählig verschwimmende Adagio des Rothkehlchens im Erlengebüsch,
während die Eisenhämmer, taub für melodische Töne, auf glühendem Eisen
tosen und das widerliche Heulen des Gebläses Ströme von glühendem
Kohlengestiebe in die Lüfte treibt. Mit Ackergeräthe zieht der Landmann
zu Felde, Berg- und Hüttenleute wechseln die Schichten, und der
Holzmacher schreitet in den Wald mit Aexten und magerer Kost im Kober
-- Alle nebeln ihr Pfeiflein, von welchem der Schwamm am besten riecht.

Plötzlich schließt sich das anmuthige Rosenthal; wir stehen gegen Süden
vor dem hohen langen Rothenberg, über welchem sich Crandorf wie ein
riesenhafter Reif nach dem jenseitigen Gehänge spannt. Links lehnt er
sich an den höchsten Kamm der Bärenstallung, das hohe Rad (nicht hohe
Rath) genannt, wo der Erlan bergmännisch gewonnen und als Zuschlag
(Flöße) beim Einschmelzen benutzt wird; rechts zieht sich das Gebirge
nach dem Thale hin, in welchem das Schwarzwasser seine rauschenden
Wellen treibt. Die Breite des Rosenthales verengert sich in eine tiefe
Wanne, mit Laubholz ausgefüllt, welches das Eisenhüttenwerk wohlthuend
in seine Schatten hüllt.

Dieses Werk hat in der neuern Zeit, und namentlich durch seine
gegenwärtigen Besitzer +Nestler+ und +Breitfeld+ wesentliche und
für Holz- und Kohlenersparnisse berechnete Verbesserungen erhalten,
die sehr kostspielig gewesen sind. Die Anlegung von Blech- und
Stabwalzenwerken, die Neubaue beim Frischfeuer, das Schmelzen mit
heißer Luft und die Bedachungen von Hütten- und anderen Gebäuden
mit Eisenblech haben sich bewährt gefunden und werden ihre Zinsen
tragen, wenn nicht abermalige Holzreductionen und Aufschlag auf den
Grund gedachter Ersparnisse erfolgen. Die erst vor einigen Jahren
mit vielem Aufwand errichtete Maschinenbauwerkstatt, welcher ein
Engländer, Namens +Payne+, vorstand, hat gleich im Anfange vorzügliche
Arbeiten geliefert wie z. B. die Webestühle zu Aue, 400 an der Zahl,
unwidersprechlich lehren. Indessen hängt die Lebendigkeit einer solchen
Maschinenwerkstatt zu sehr mit dem allgemeinen Fabrikverkehre des In-
und Auslandes zusammen, daß sich auf eine lange Reihe von Jahren eine
gedeihliche Stabilität nicht immer erwarten läßt.

Die Zeit der Entstehung des Hammerwerks Erla läßt sich geschichtlich
nicht bestimmt nachweisen, doch liegt sie gewiß nicht fern von der
Fündigkeit des dabei gelegenen Rothenberger Eisensteinbergwerks,
gegenwärtig des wichtigsten in Sachsen. Und da dieses seit länger
als drei Jahrhunderten im Umtriebe steht, so wird sich das Alter des
Eisenhüttenwerks selbst annähernd bestimmen lassen. Die Ergiebigkeit
des Rothenberges, die Güte des Eisensteines und die Ausdehnung seines
mächtigen Ganges, verbunden mit einem Reichthum an Holz, welcher
dieses fast werthlos machte, mußte sehr bald zur Anlegung eines
Hammerwerks auffordern, und es scheint, daß ein gewisser +Gregor
Arnold+ der Begründer desselben wurde. Noch gegenwärtig liefern die
drei Fundgruben des Rothenberges -- die obere und untere Heinzenbinge
und St. Johannes -- welche mit ungefähr 140 Mann belegt sind, jährlich
3000 Fuder Eisenstein, das Fuder zu 5 Tonnen und die Tonne zu 5 □Fuß
gerechnet, welche jedoch vom Erlahammer nicht allein, sondern auch
von den andern Besitzern ähnlicher Werke, in der Eigenschaft als
Theilhaber an den Gruben, selbst verschmolzen werden. Das zehnte Fuder
erhält allezeit, nach Abzug der Gewinnungskosten, der Staatsfiscus zum
Bergzehnten. Die Wasserhaltung sämmtlicher Zechen, welche in der Teufe
mit einander durchschlägig sind und sich die Wasser zuführen, geschieht
durch Künste, deren riesenhafte Räder über Tage hängen. Mittelst eines
Kehrrades und eines eisernen Seiles, ~circa~ 110 Centner schwer, wird
der Eisenstein zu Tage gefördert. Die größte Tiefe der Gruben beträgt
95 Lachter, à 3½ Elle.

Das Eisenhüttenwerk Erlahammer, so wie jedes andere, gewährt in
seinem Umtriebe sehr viel Anziehendes. Das Rohschmelzen im Hohofen,
das Toben der Hämmer, das Heulen und Pfeifen der Gebläse und dabei
das pausenartige Aufschlagen der Gichtflamme, welche zur Nachtzeit
dem Wetterleuchten ähnlich ist, nimmt die Aufmerksamkeit eines jeden
Fremden in so hohem Grade in Anspruch, daß er sich bisweilen vergißt
und von den Arbeitern gewarnt werden muß, wenn er der Gefahr nahe
steht. Die Hitze beim Rohschmelzen, besonders beim Abwerfen der
Heerdschlacken, Abstechen und Gießen großer Körper, kann nicht Jeder
vertragen; doch ist die Meinung irrig, wenn angenommen wird, daß die
Hammerarbeiter deshalb das bloße Hemde und keine Beinkleider auf dem
Leibe trügen. Diese leichte Bedeckung hat sich auf den Hammerwerken
von den ältesten Zeiten her deshalb als zweckmäßig bewährt, weil der
glühende Sinter, der während der Arbeit im Hüttenraume herumspringt
und mithin dem Arbeiter sehr oft auf den Leib geräth, leicht auf die
Erde fällt, wenn er das Schurzfell lüftet. Das Eisen, welches sich
in einer zwölfstündigen Schicht im Hohofen angesammelt hat und dann
in einen trogartigen Sandgraben beim Abstechen hineingelassen wird,
erstarrt sehr bald und heißt dann eine Ganz (nicht Gans) und in der
Mehrheit Gänze, weil es +ganze+ rohe Eisenmasse ist. Diese Gänze, so
wie überhaupt das Roheisen, wird in Hütten weiter verschmolzen oder
verfrischt und kommt dann in allerhand Formen, Länge, Stärke etc. in
den Handel.

Ein kräftiger, schwarzer Menschenschlag mit Zähnen wie Elfenbein hauset
in den Hohöfen und Eisenhütten; das Innere ihrer Hände besteht aus
einer hufartigen Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkbaren
Finger anschließen. Diese einfachen, gutmüthigen Leute werden häufig
schwerhörig und blödsichtig -- eine Folge der gellenden Hammerschläge
und der stechenden Hitze. -- Der Lebenslauf eines Hammerschmiedes ist
sehr einfach; als Knabe von 10--12 Jahren kommt er mit in die Hütte,
lernt die Arbeiten des Vaters, aber -- nichts in der Schule, weil er
nicht hineingeht, verheirathet sich eher oder später, führt die Kinder
auf seine eigene Bahn und kommt im Alter weg, -- wohin? Dies weiß
selten Jemand. Daher sagt +P. Wild+ in seinen Gedichten von den Knaben
der Hammerschmiede:

    »Wir war'n wie's Vieh su roh gezug'n;
    Wir larne Vugelstell'n und Fluchen.«

Eben so sagt man im Obergebirge, wenn von einer Person die Rede ist,
deren Aufenthalt unbekannt ist, und die für todt gehalten wird:

    »Er ist weggekommen wie ein alter Hammerschmied.«

Die Hammerschmiede haben selten ein Eigenthum bei einem
Eisenhüttenwerke; sie wohnen in herumzerstreuten Häusern, die dem
Hammerherrn gehören, in mehreren Familien zusammen, und weil die Hütten
Tag und Nacht im Umtriebe stehen, die Schicht aber 12 Stunden dauert,
so folgt daraus, daß der Hammerschmied so lange arbeitet und eben so
lange schläft. Von dem übrigen Weltverkehre weiß er nichts, und seine
Urtheile darüber sind häufig von solcher eigenthümlich drolligen und
lustigen Art, daß sie in einem Anekdotenbuche aufgenommen zu werden
verdienten, wenn der Dialekt und das Geberdenspiel mit abgedruckt
werden könnte.

Das Alter und die Unfähigkeit zur Arbeit läßt den Hammerschmied zuletzt
von einem Hammerwerke zum andern, wo er etwa Kinder oder Bekannte hat,
aus langer Weile schlendern, und er stirbt zuletzt da oder dort, ohne
daß man sich immer die Mühe giebt, die Verwandtschaft davon in Kenntniß
zu setzen. So war es von jeher und bis zur neuern Zeit herauf, die
auch eine bessere Cultur in das Hüttenwerk zu bringen gedenkt, welche
wohl Eingang finden kann, da sich die mehrsten Hammerherren mit großen
Opfern die Aufgabe gemacht haben, ihre Werke für Holzersparnisse zu
reformiren, Stabeisen und Bleche zu walzen, mit erhitzter Luft zu
schmelzen und den Feuern eine sachgemäßere Construction zu geben,
wodurch der Hammerschmied zum Selbsturtheilen genöthigt wird, dadurch
an Vielseitigkeit gewinnt oder -- ausscheiden muß. Gegenwärtig trifft
man schon sehr unterrichtete Leute, wenn von ihrem Fache gesprochen
wird, welche die Vorzeit nicht aufzuweisen hatte.



Bermsgrün

(nicht Bergmanns-, Beermanns- oder Permißgrün).


Gleich hinter Erlahammer klettern 121 Häuser und Güter in zwei langen
Aesten, wovon der eine »der Sack« genannt wird, den Berg hinauf, die
über 1176 Menschen bewohnen. Dieses Dorf hat in seinem Bereiche, wenn
nicht etwa gerade die kleinen hier in Menge wachsenden Kirschen in
ihrer Reife stehen, nichts Anziehendes; gleichwohl läßt sich von seiner
Entstehung, seinen Familienzuständen, Gewohnheiten, Trachten und
von seiner Sprache so viel Interessantes sagen, daß wir doch einige
Schritte näher treten wollen.

Vermuthlich fällt die Zeit der Entstehung dieses Dorfes gegen das
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, weil 50 Jahre später nur »21
seßhafte Man, darunter 9 kleine Heußler« verzeichnet worden sind. Das
jugendliche Hammerwerk Erla an seinem Fuße zog damals, wie es höchst
wahrscheinlich ist, die ersten Blechschmiede aus dem Orte Bermsgrün am
baierschen Fichtelgebirge herein, welche sich allmählig hier seßhaft
machten. Geburts- und Heimathsscheine waren dort wie hier nicht
üblich, und man fühlte das Bedürfniß eines Tauf- und Geschlechtsnamens
nicht, weil es genügte, daß sie Blechschmiede waren. Die Kinder und
Nachkommen behielten diese Benennung mit Hinzufügung eines sogenannten
Spitznamens zur Unterscheidung bei und behalfen sich damit bis auf den
heutigen Tag, wo nicht weniger als 72 Familienväter gezählt werden, die
sämmtlich Blechschmidt heißen. Sehr nahe mußte es diesen Blechschmieden
liegen, ihren Anbau ebenfalls Bermsgrün zu nennen, zur Erinnerung an
die frühere Heimath.

Die ganze Bevölkerung besteht in Bauern, welche den Hammerwerken
Eisenstein, Flöße, Kohlen und andere Bedürfnisse zuführen und nebenbei
ihre Felder bestellen; in Holzmachern, Köhlern und Bergleuten,
überhaupt aber in einem stämmigen, breitschulterigen und dickwadigen
Menschenschlage. Kein Kauf- oder Handelsmann, kein Landreisender und
außer einigen Schmieden und einem Töpfer kaum ein anderer Handwerker
findet sich im ganzen Dorfe. Dadurch läßt sich's erklären, daß die
Einwohnerschaft, aus Mangel allen Verkehrs nach Außen hin, auf einer
flachen Stufe geselliger Conversation stehen geblieben ist und an
der Herkömmlichkeit ihrer Altvordern festzuhalten strebt. Selbst die
modischen Namen, welche den Kindern in der Taufe gegeben werden, sind
hier noch fremd. Gottlieb, Traugott, David, Friedrich, ingleichen
Sophie, Gottliebe, Dorothee u. s. f. hört man in jedem Hause; dagegen
zieht in den Fabrikdörfern Alexis am Schubkarren, Oskar hütet die Gänse
und Heloise sammelt Holz im Walde. Der Dialekt ist dem am baierschen
Fichtelgebirge verwandt; ein flexible singende Betonung der Worte
hört sich, besonders bei Kindern und Frauenzimmern, nicht übel an
und wird im ganzen Obergebirge nicht weiter getroffen. Brutolmet --
Brotschrank, Kupwihting -- Kopfweh, Krabassen -- Krebse, Hutzengieh --
Spazierengehen, besappen -- die Kleider unten herum schmutzig machen,
luschane -- laß sehen u. dergl. m. sind Ausdrücke, die man öfters
hört, der Fremde aber nicht immer versteht. Die Tracht der Männer
ist freilich in Form und Schnitt um 50 Jahre zurück; dagegen die der
bejahrten Weiber mit ihren niedrigen, steifen und mit breiten weißen
Tressen besetzten Hauben noch viel weiter. Dieser Kopfputz scheint aus
verzinntem Blech gefertigt und wie ein Hausgeräth von Erbe zu Erbe
übergegangen zu sein. Jetzt fangen sie aber an, seltener zu werden.
Mädchen und junge Frauen kleiden sich daneben auffallend bunt: brennend
roth, hochblau, pomeranzengelb und grasgrün sind die Farben des Anzuges
und Bänderwerks von Kopf bis zum Fuß, als hätte der Schneider den
Regenbogen dazu verschnitten. Diese grelle Farbenpracht schmerzt das
Auge beim Sonnenschein, wenn sich die Bermsgrüner Sonntags vor der
Kirche auf dem Marktplatze in Schwarzenberg, wohin sie eingepfarrt
sind, in Gruppen, wie sie es zu thun pflegen, aufstellen und sich
beschauen lassen. Die Bermsgrüner kennen die Genüsse nicht, woran
sich der Großstädter so häufig dem Arzte und dem Todtengräber in die
Hände liefert, mithin auch die Sittenverfeinerungen nicht, wodurch
der Mann nach der Mode so oft die vernünftige Natürlichkeit verliert.
Eine gewisse Art von blöder Unbehülflichkeit nimmt ihn gefangen, wenn
er mit Personen zusammentrifft, die nicht seines Gleichen sind; doch
ist er gutherzig, er ist der Kirchlichkeit sehr zugethan und doch
fröhlichen Gemüths und, unbekannt mit dem buntscheckigen Getriebe der
Welt, ist er doch rechtlich und wohlwollend. Dadurch erklärt es sich,
daß Bermsgrün, im Verhältniß zu seiner Einwohnerzahl, die wenigsten
Processe, geringsten Schulden und gegenwärtig nur 14 Almosenempfänger
hat. Der Ort war seit dem Anfange dieses Jahrhunderts beglückt, gute
Schulmeister zu haben. Die Namen +Mehlhorn+, +Schulze+, +Seifert+ und
+Schubert+ haben einen guten Klang: denn ihr Fleiß ist nicht ohne
Segen geblieben. Wenn schon die neuere Zeit mit ihren Schöpfungen
an der bequemen Herkömmlichkeit rüttelt und zu modischer Genußsucht
und größerer Abrundung der Sitten auffordert, so wird das ehrenhafte
Bermsgrün doch so lange in seiner Einfachheit zu verharren suchen, bis
die Erfahrung lehrt, daß es besser ist -- nachzufolgen.

Von



Krandorf,


welches Bermsgrün im Gegentrume liegt und 112 Güter und Häuser mit 979
Einwohnern zählt, läßt sich eben so viel Eigenthümliches und Rühmliches
melden, wie von diesem, wenn auch schon in anderen Farben. Der Anbau
dieses Dorfs wird mit der Zeit, zu welcher Bermsgrün entstand, ziemlich
zusammenfallen. Bei diesem gab das Hammerwerk Erla und bei jenem der
Eisensteinbergbau am Rothenberg die nächste Veranlassung. Und deshalb
besteht Krandorfs Einwohnerzahl zum größern Theil aus Bergleuten,
wie ihre Vorfahren auf Jahrhunderte zurück. Wer die vaterländische
Bergwerksverfassung kennt und weiß, daß Fleiß und Gehorsam, Zucht und
Ordnung die wesentlichsten Tugenden des Bergmanns sein müssen, wenn
er zu diesem gefährlichen Beruf gewählt, beibehalten und gefördert
werden soll -- der wird sich die zuvorkommende Freundlichkeit der
Einwohner, den Sinn für Schicklichkeit im häuslichen Verkehr und
die ameisenartige Thätigkeit, nach vollbrachter Schicht, in diesem
freundlichen Dorfe erklären können. Hier spaltet Einer Holz für den
künftigen Winter und kästelt es unter die breitästigen Bäume auf, die
der Urgroßvater vor das Häuschen pflanzte; dort bessert ein Anderer am
Zaun des Gärtchens oder ist sonst thätig für sein kleines Besitzthum.
Ueberall vor den Häusern findet man aufgehängtes Grubenzeug, blutroth
von Eisenstein gefärbt; und Tag für Tag badet sich der Bergmann, wenn
er von der Grube kommt, weil Alles im Hause reinlich sein muß, wo die
weißesten Spitzen geklöppelt werden.

Die überall erwachte Genußsucht und der Kleiderluxus haben hier noch
nicht Wurzel gefaßt. Der Kittel ist des Bergmanns Ehrenkleid, er
tritt damit vor den Altar des Herrn und vor seine Vorgesetzten. Sein
Aufwand und der Unterhalt des Hauswesens bleibt dem schmalen Lohne
stets angemessen, den er als Bergmann erhält; deshalb aber haben die
Einwohner wenig Processe unter sich und verhältnißmäßig wenig Arme.

Da unsere Tour von Erla aus nicht über Krandorf, sondern im
Schwarzwasserthal hinauf zu nehmen ist, so wenden wir uns bei der
Kirche erstern Orts um, setzen uns aber einige Augenblicke auf die Bank
vor dem Pfarrhause und sehen in das herrliche Thal hinab, welches nach
Norden hin von Schwarzenberg verschlossen wird. Von hier aus sieht das
Städtchen groß und fast einer Mittelstadt ähnlich. Seine Schiefer-,
Ziegel- und Schindeldächer und der mancherlei farbige Abputz der
dicht zusammengedrängten Gebäude gewähren fast den Anblick, wie eine
geöffnete Königsseer Schachtel mit ihrem bunten Tectur-, Siegel- und
Gläserwerk.



Das Schwarzwasserthal.


Oberhalb der zu Erlahammer gehörigen Maschinenbauwerkstatt lehnt sich
an eine Felsengruppe ein fast in italienischem Styl erbautes Häuschen,
umgeben mit einem freundlichen Gärtchen und wird von dem Engländer
+Payne+ und seiner Familie bewohnt. Hier ist die letzte Parthie der
lieblichen Landschaft von Schwarzenberg aus in der Richtung nach dem
4 kleine Wegstunden aufwärts gelegenen Johanngeorgenstadt. Bis dahin
nimmt Alles eine wildromantische Physiognomie an.

Zu beiden Seiten des Thales senken sich waldige Bergwände steil
hernieder und baden ihre Füße in den Wellen des Schwarzwassers, die,
das ganze Thal entlang, über Geschiebe und Felsentrümmer, lärmend
dahin eilen. Die neuere Zeit hat die kleinern und größern Streifen an
beiden Ufern in Wiesen umgewandelt und dadurch, so wie wegen der vor 10
Jahren angelegten Chaussee, welche bis an die böhmische Grenze keine
Berge übersteigt, dem Thal eine besondere Freundlichkeit und Frequenz
verliehen. Noch vor 60 Jahren konnten kaum Fußgänger dasselbe passiren.
Der hintere Rothenberg, Magnetenberg und Wolfgarten einer-, so wie die
zerrissenen vordern und hintern Hirschsteine andererseits, stehen sich
eine Stunde Wegs mit ihren Gneus- und Glimmerschiefermassen bis zur
königlichen Antonshütte einander gegenüber. Diese wurde vor 14 Jahren
vom Finanzministerium in der Absicht gebaut, um die geringhaltigen Erze
der obergebirgischen Reviere, welche wegen der Transportkosten nicht
nach Freiberg abgeliefert werden konnten und deshalb auf den Gruben
und Halden nutzlos liegen blieben, zu Gute zu machen und dem Bergbau
selbst eine größere Lebendigkeit zu verleihen. Gegenwärtig steht ein
Ofen und 3 Amalgamirfässer im Umtriebe und wird dadurch jährlich 3000
Mark Silber zur Münze, so wie 40 Ctr. Kupfer und 25 Ctr. Nickelspeise
abgeliefert. Die Anlage der Hüttengebäude in architektonischer
Beziehung ist für das Auge eben so anziehend, als das riesenhafte
gußeiserne Cylindergebläse, und Jedermann wird von den Hüttenbeamten
zuvorkommend aufgenommen und herumgeführt, wer solches wünscht.

Ganz in der Nähe haben sich seit der Anlage dieses Werks noch einige
Hüttenleute durch Erbauung kleiner Häuser angesiedelt und somit diesem
sonst so vergessenen Winkel des Thales ein munteres Ansehen gegeben,
wovon in der bessern Jahreszeit viele Spaziergänger zu profitiren
suchen.

Hier mündet der Halsbach, nachdem sein Gewässer die Gruben: Unverhofft
Glück, Ritter St. Georg, weißen Adler, fünf Brüder und Pluto, welche
auf Grünsteinlagern bauen und silberhaltige Bleigänze gewinnen, begrüßt
und ein Pochwerk nebst Wäsche getrieben, welche ihn milchartig gefärbt
haben, in das Schwarzwasser aus. Das ganze Hüttenetablissement ist ein
Werk des für den vaterländischen Bergbau viel zu früh verstorbenen
Oberberghauptmanns Freiherrn von +Herder+.

Der Magnetenberg hebt sich hinter der Antonshütte steil empor und
wird 70 Ellen hoch von dem Wassercanal umgürtet, der dem Poch- und
Wäschwerke, so wie der Schmelzhütte hinlängliches Wasser zuführt,
wenn der Halsbach im Sommer zu schwach wird. Gegen Süden schiebt
er ein Knie weit in das Thal hinein, auf welchem kanzelartig der
»Prinz-Friedrich-Stein« ruht. Für diesen geliebten Prinzen und nunmehr
den verehrten König Friedrich August spricht, schreibt, malt, zeichnet,
meißelt und baut der Erzgebirger so gerne, um sich ein Andenken auf
der Scholle Land oder auf dem Felsenstücke zu bewahren, den sein Fuß
betrat, wenn er die Provinz besuchte. Eine Tafel von Granit, gehalten
von eisernen Platten und umgeben mit einer Barriere und Bänken, nimmt
zwar nur einen kleinen Raum in Anspruch, er gewährt aber eine eben so
eigenthümliche als überraschende Aussicht. Dicker jugendlicher Wald,
über ihn hinausragende greise Tannen, und das anmuthige Grün der
nachbarlichen Buchen -- sind die Colonnaden, auf welchen der Himmel
ruht. Tief im Thale knarren die Räder der Eisen- und Erzwagen -- sie
übertönen die liebliche Sprache der Vögel und beinahe das Rauschen der
Wellen, die der Fellbach dem Schwarzwasser in die Arme wirft.

Da wo sich das Eisenstübel und der große Kammerstein, welcher den
blumigblättrigen Feldspath führt, einander erblicken, liegt das
Hammerwerk



Breitenhof


mit einer Handvoll hölzerner Hütten und Häuser in seiner
Anspruchlosigkeit. Christoph Müller von Berneck aus Joachimsthal
erbaute es mit landesherrlicher Vergünstigung im Jahre 1593, nachdem
dessen Vater vorher schon oberhalb Breitenhof am Rothenbach auf einem
Kieslager Bergbau getrieben und dabei viel Magneteisenstein getroffen
hatte. Dieser Hans von Berneck nennt seinen Grubenbau selbst ein altes
Bergwerk und erhielt im Jahr 1569 schon die Erlaubniß zur Erbauung
einer Vitriol-, Schwefel- und Zinnschmelzhütte mit dem Vorzuge, daß
innerhalb 10 Jahren Niemandem gestattet sein solle, ein ähnliches
Hüttenwerk anzulegen; jedoch in der Voraussetzung, daß sich der
Besitzer befleißigen solle, sich mehrentheils aus kaiserlicher Waldung
zu verholzen.

Diese Anlagen sind theilweise bis zur Gegenwart erhalten, periodisch
betrieben und unter dem Namen »Vitriolwerk St. Christoph« bekannt. Wie
lebhaft der von Berneck sein Berg- und Hüttenwerk betrieben haben muß,
geht aus einer Bittschrift hervor, nach welcher er am 7. Nov. 1594 um
die Erlaubniß zur Anlegung einer Mühle bat, »weil er täglich über 100
Personen halten müsse.«

Oberhalb Breitenhof mündet der Ortbach in das Schwarzwasserthal auf der
Stelle aus, wo das Dorf



Breitenbrunn


seinen Anfang nimmt. Wie ein Zug Wallfahrer steigen die grauen
beschindelten Güterchen und Häuser des sehr verarmten Dorfes von der
Sohle des Ortsbaches einen hohen Berg nach dem Forstwalde empor, auf
dessen Culmen der Tempel ruht, welchen die aus 1972 Köpfen bestehende
Einwohnerschaft für ihren Gottesdienst benutzt und ihre Todten um
denselben beerdigt. Wäre es nicht bekannt, daß in frühern Zeiten das
Dorf Rittersgrün nach Breitenbrunn eingepfarrt gewesen, so würde es
schwer sein, zu errathen, weshalb es die Kirche letztern Orts ihren
Küchlein so unbequem gemacht, sich unter ihre Flügel zu sammeln. In
ihrer Nachbarschaft erheben sich noch die Trümmer eines ehemaligen
Jagdschlosses, umgeben von einem 6 Ellen breiten Wallteichlein, welches
aber dermalen für andere Zwecke ausgefüllt ist. Jedenfalls würde es
besser gewesen sein, wenn dieser Reservoir für das wasserarme Dorf
erhalten worden wäre.

Am 13. März 1604 brannte dieses Jagdhaus ab und 6 Jahre später wurde es
wieder auf- und höher gebaut.

Die Jagdherrlichkeiten der Vorzeit sind eben so wie die jagdbaren
Thiere selten und dünn geworden, und es werden deshalb schon lange
keine Hoflager mehr in der Provinz gehalten.

Im vorerwähnten Forstwalde wurden zuerst auf dortigen Kalklagern die
Helvine getroffen; auch zeichnet sich der Granat, Peponit und andere
Fossilien vor vielen andern aus und zieht fleißig Mineralogen dahin.
Aus dem Umstande, daß ein Revierförster das Forstgut, welches mit dem
Walde grenzt, benutzt, ist der Pleonasmus -- Forstwald -- entstanden. --

Der schon bei Breitenhof erwähnte Lagerbergbau ist wahrscheinlich der
älteste im Obergebirge und mithin auch die Ursache zum Anbau und zur
frühzeitigen Bevölkerung des Dorfes. Die Gruben Fortuna, Kaltwasser,
alte Grube und St. Christoph haben außer Eisenstein hauptsächlich
Zinnstein geschüttet und, in Verbindung mit dem von Berneck'schen
Hammer- und Hüttenwerk in Breitenhof, Nahrung und Wohlhabenheit um sich
her verbreitet. So geregelt aber und einfach der Erwerb eines Bergmanns
auch immer sein mag, so hebt er ihn doch zur Wohlhabenheit nicht empor;
deshalb tritt er in Dürftigkeit und Entbehrungen über, wenn die Gruben
auflässig werden. In einem solchen Zustande befindet sich Breitenbrunn
bei weitem zum größern Theil, weil seine Ländereien im rauhen Klima nur
magere Ernten geben und das Klöppel- und Nähwesen der Volksmenge und
ihrem Bedarf nicht gewachsen ist. Holzmacher und Fuhrleute, Handwerker
und Butterhändler geben nur precären Gewinn und scheiden von Zeit zu
Zeit eine Menge Arme aus, die Unterstützung verlangen (gegenwärtig hat
der Ort 27 Almosenpercipienten, welche zusammen wöchentlich 15 Thlr. 22
Ngr. erhalten), die aber nicht ausreichend gewährt werden kann, weil
selbst die Gemeinde für die Zeit der Noth weder Communeigenthum noch
sonst ein anderes Einkommen hat und beziehen kann, folglich auch der
Gemeinderath in ewigen Ferien lebt.

Ein solches unsicheres Gewerbsleben hat nothwendig auf den sittlichen
Zustand der Einwohner und auf die sinnlichen Genüsse mächtigen Einfluß
ausgeübt: denn es sind offenbar zu viel Wirthshäuser im Dorfe, die den
mühsam errungenen Dreiern und Sechsern Eintrag thun.

Wir wenden uns wieder hinab in das Schwarzwasserthal, wo wir den
grobkörnigen Granit zu beiden Seiten in mächtigen Bergen aufsteigen
sehen, die überall mit Fichtenholz bestanden sind und der Landschaft
eine ernste Physiognomie aufdrücken. In ewigem Getöse scheuern die
Wellen an den Granitblöcken des Flußbettes -- sie arbeiten für die
Steinsetzer.

Steinheidel auf einer beträchtlichen Berghöhe, Fellbach, Erlabrunn
und andere in den Thalungen herumgezettelte Häuserchen verdanken ihre
Entstehung vorzüglich dem Bergbau, der theils noch im Gange, theils
lange schon auflässig geworden ist. Ihre Bewohner sind regelmäßig von
dem größern Weltverkehr und seinen Genüssen abgeschieden und kennen
seine Herrlichkeiten und Thorheiten nicht.

Eine oder einige Kühe sind die Ernährerinnen des kleinen Hausstandes
und darum auch das Werthvollste in demselben, die Kinder folgen
unmittelbar darauf. --



Die Hefenklöße.


Eine an der Chaussee, wie große Wollsäcke aufgethürmte Granitparthie,
die mehrere senkrechte Klüfte zertheilen, die wiederum durch
Quereinschnitte getrennt sind und solchemnach die Masse in
parallelepipedische Stücke absondert, haben scherzweise dem Gebilde den
Namen verliehen.

Die Hefenklöße, eine Lieblingsspeise der Erzgebirger, haben allerdings
im Kleinen dieselbe Form. Vor etlichen zwanzig Jahren rutschte ein
solcher Hefenkloß herab auf die Straße und versperrte sie, was sich
leicht über lang oder kurz wieder zutragen kann. Solche Parthieen
zu plötzlicher Absperrung der Wege mögen ihren Werth im kleinen
Gebirgskrieg haben; diesem wollten wir allenfalls die Hefenklöße
abtreten, wenn nicht zugleich den ordentlichen Klößen Gefahr drohte.

Von dort, wo der Steinbach seine rauschenden Wellen in das
Schwarzwasser jagt, nimmt die Thalung eine finstere Miene an, die
weder die schüchtern herabschauenden zwei Häuser am Rabenberge, noch
das Teumerhaus mit der neuen Papiermühle auszuglätten vermögen.
Fichtenwälder zu beiden Seiten der Gebirgsabhänge lassen ihr
dunkelgrünes Gewand überall herabrollen bis an die Straße und verbergen
die Rippen und Knochen des Granitgebirges da, wo es steil nach dem
Thale herein die Knie beugt.

Doch wird nun die Straße lebendiger; das Nestler'sche Walzenwerk mit
seinem rußigen Kleide, die Haberlandsmühle, so wie das Zoll- und
Chausseehaus mit seiner nachbarlichen Bretmühle verkünden die Nähe
eines bevölkerten Oertchens. Es ist



Johanngeorgenstadt,


welches sich mit seinen 384 meist hölzernen und mithin
löschpapiergrauen Häusern, in welchen 3472 Menschen wohnen, gegen das
Hinabgleiten von seinem, 2300 Fuß über dem Meer gelegenen Fastenberg
in das Wittigsthal sträubt. Es ist eine Exulantenstadt; denn als die
Lutheraner in Böhmen, die sich auch Utraquisten nannten, in der Mitte
des 17ten Jahrhunderts von den Papisten hart bedrängt wurden, kamen
ein großer Theil von Gottesgabe, Platten und andern Grenzorten zur
Nachtzeit herüber an den Fastenberg, Wittigsthal und Jugel, um den
Verfolgungen zu entgehen. Am 2. Februar 1654 ertheilte der Churfürst
Johann Georg diesen armen Leuten Erlaubniß zum Anbau und schenkte
ihnen das nöthige Holz mit dem eigenhändigen Bemerken, daß dieser neue
Ort »Johanngeorgenstadt« heißen solle. Sie ist regelmäßig gebaut. Ein
Schulmeister aus Schwarzenberg, Namens Zacharias Georgi, hatte die
Baustellen vermessen, in welche sich die Exulanten durch's Loos zu
theilen wußten.

Durch den raschen Angriff des Baues wurden hier und da Erzgänge
getroffen, die sich bald edel bewiesen und der neuen Einwohnerschaft
Nahrung und Gedeihen brachten. Da aber der Bergbau seine Segnungen
dem Bergmann nur periodisch in die Hände legt und solche hinwieder in
längern oder kürzern Zeitabständen versagt: so mußten auch Dürftigkeit
und Entbehrungen die neue Stadt um so sicherer abmagern, als ihre
Ländereien, so ausgedehnt sie auch immer sein mögen, nur für Gemenge,
Hafer, Heufutter und Kartoffelbau ertragsfähig sind. Gegenwärtig sind
die sogenannten Tiefbaue der dortigen Gruben in lebhaften Angriff
genommen, und wenn die bergmännischen Hoffnungen nicht trügen, kann
der Ort über lang oder kurz an fröhlicher Lebendigkeit gewinnen. Das
Spitzen- und Nähwesen und einige Handwerker, worunter etliche sehr
geschickte Tischler sind, können den Wohlstand in einer bevölkerten
Stadt wohl fördern, aber nicht allein aufrecht erhalten, besonders
da der seit langen Zeiten ausgebildet gewesene Grenzhandel durch das
diesseitige Zollsystem vernichtet worden ist, ohne daß dieses eine
andere Hilfsquelle zu öffnen vermochte.

Wohlthätig indessen macht sich die Schafwollkämmerei des
Kreisoberforstmeisters von +Leipziger+ und des Majors von +Peterkowsky+
in Schneeberg, die dieselben in Johanngeorgenstadt etablirt haben. Sie
beschäftiget zur Zeit gegen 400 Menschen beiderlei Geschlechts und
gleicht eine nicht geringe Lücke des Nothstandes aus. Dennoch aber sind
gegenwärtig 71 Arme vorhanden, welche allwöchentlich den Almosenfond in
Anspruch nehmen, ohne daß er gnügen kann.

Das Bergmagazin vor der Stadt ist ein großartiges, massives Gebäude
und schaut weit über die nach Westen ausgedehnten Fluren hinaus, deren
Früchte nicht selten Frost und Schnee übereilt. Merkwürdig ist es,
daß die Johanngeorgenstädter kein Kraut anpflanzen und lieber die
Krauthäupter, die in mehr als hundert Wagen aus der Schwarzenberger
Gegend im Herbste zu ihnen gebracht werden, ankaufen und dennoch die
Strünke, die sich als so nützliches Viehfutter im Winter sehr lange
aufbewahren lassen, entbehren. Man hat mir erzählt, daß zwar das
Kraut sehr gut auf dem Fastenberg gedeihe, allein die Feldbesitzer
könnten es vor den Dieben nicht erhalten. Und wenn ja dann und wann
ein solcher Dieb eingefangen oder zur Anzeige gebracht worden wäre:
so habe ihn die Obrigkeit wieder laufen lassen -- weil er gewöhnlich
arm gewesen und keine Kosten habe bezahlen können. Derartige
Patrimonialgerichts-Böcke können wohl bisweilen vorgekommen sein, seit
die Thurmuhr auf dem Rathhaus gebaut wurde; allein gegenwärtig, da ein
königliches Justitiariat errichtet, ist wohl davon keine Rede mehr. Die
Einwohnerschaft darf mit Vertrauen ihre Felder mit Kraut bepflanzen,
wie die viel höher gelegenen Wiesenthäler; der Nutzen für sie und ihre
Viehbestände ist von großer Bedeutung.

Wer mag Johanngeorgenstadt verlassen, ohne die freundliche
Zuvorkommenheit dankbar zu rühmen, mit welcher der Fremde aufgenommen
zu werden pflegt! Was die Natur hier an einladender Lieblichkeit
versagt, sucht man im geselligen Leben durch Heiterkeit und fröhlichen
Sinn auszugleichen. Man erzählt sich, daß diese Stadt besonders
reich an hübschen Mädchen und Frauen sei; es muß wahr sein, weil es
auswärtige Frauen bezweifeln.

Tief unterhalb des sich steil abstürzenden Fastenbergs gegen Morgen
liegt das Eisenhüttenwerk Wittigsthal mit seinen Hütten, umschanzt mit
riesenhaften Halden, Kauen, Poch- und Wäschwerken des Bergwerks und in
wechselseitiger Benutzung des Schwarzwassers, welches sich hier mit dem
Breitenbach vereinigt. Ein ehemaliger Hammermeister +Kaspar Wittig+
erhielt den 28. Mai 1651 landesherrliche Vergünstigung zu Anlegung des
Eisenhüttenwerks, das von ihm den Namen trägt. Eilf Jahr später, den
19. Juni 1662, erlangte er auch die Erbgerichtsbarkeit, um, wie es
in dem Rescripte heißt, »das unbändige Hammervolk besser im Zaume zu
halten.«

Die gegenwärtigen Besitzer dieses Werks, +Nestler+ und +Breitfeld+,
sind die Ersten, welche mit vielen Opfern die zur Zeit möglichst
großen Holzersparnisse durch Schmelzen mit erhitzter Luft und
Erbauung sogenannter französischer Feuer und eiserner Bedachungen,
Gartengeländer und dergleichen errungen haben.

Ober- und Unterjugel sind beide älter als Johanngeorgenstadt, denn
schon im Jahre 1571 erhielt +Sebastian Preisler+[9] Concession zu
Erbauung einer Glashütte und 8 Häusern; ebenso hatte +Johann Gabriel
Löbel+ die Vergünstigung zu Anlegung eines Blaufarbenwerks erhalten.
Die Glashütte ist längst schon eingegangen, und das Farbenwerk kaufte
den 11. October 1668 der Churfürst um 8500 Thlr. an sich und vereinigte
es mit dem zu Schlema bei Schneeberg, welches seitdem ein Doppelwerk
genannt wird.

  [9] Es hat sich die Sage im Volke erhalten, das die jetzt allgemein
    bekannten Preißelbeeren ihren Namen von diesem Preißler empfingen,
    weil dieser sie erst in den Handel gebracht und genießbar zu machen
    gelehrt habe.

Uebrigens waren beide Jugel nach Eibenstock eingepfarrt, seit dem 18.
Septbr. 1657 hingegen gingen sie bequemlich in die neue Kirche nach
Johanngeorgenstadt.

       *       *       *       *       *

Wir wandeln jetzt von Wittigsthal aus einen Weg nach den Quellen
des Schwarzwassers hinauf, dicht an der böhmischen Grenze, und bald
befinden wir uns in einer rauhen, eben nicht anmuthigen Gegend, die
uns aber bald dies-, bald jenseits der Grenze manches Interessante
darbietet. Als sich Prinz Albrecht, derselbe, welcher im Jahre 1455
seine Befreiung am Fürstenberge fand, mit der Prinzessin-Tochter des
böhmischen Königs Podibrat vermählte, erhielt dieselbe die Herrschaft
Schwarzenberg zur Morgengabe mit. Die Abgrenzung dieser Herrschaft von
dem eigentlichen Böhmen mochte sehr unbestimmt, so wie die werthlose
und undurchdringliche Waldung, wenig von Menschen, ungleich mehr aber
von wilden Thieren bewohnt, die Ursache sein, daß man sich darum wenig
kümmerte, ob einige Joche Land mit seiner Wildniß da- oder dorthin
gehörten.

Am südlichen Abhange des sächsischen Fichtelberges liegt ein
beschindeltes Häuflein Häuser, wie ein Volk frostiger Rebhühner, in
steriler Gegend. Es ist +Gottesgabe+, also benannt von dem reichen
Segen des damaligen Bergbaues in seiner Nähe, denn außerdem gediehen
nicht immer Erdäpfel und Hafer. Churfürst Johann Friedrich befahl
den 2. November 1534: »daß jedem, so sich alda niederlassen will, 15
Ellen breit und 30 Ellen lang zu einem Wohnplatz eingeräumt und ein
Schichtglöckchen angeschafft werden solle.« Eben so ertheilte derselbe
Churfürst ein Jahr später eine Bergordnung für das damals jugendliche
Städtchen Platten; beide gehörten daher zu Sachsen. Allein die großen
Jagden, welche die Könige von Böhmen und die Churfürsten von Sachsen
alljährlich abzuhalten pflegten, hauptsächlich aber deren Jagdpersonal
gaben vielfach Gelegenheit zu unangenehmen Irrungen, besonders bei
Verfolgung des Wildes, so daß zuletzt durch den sogenannten »ewigen
Egerschen Erbvertrag«, welcher den 26. October 1556 zu Schneeberg seine
wechselseitige Genehmigung fand, die Grenzen zwischen beiden Ländern
durch Grenzsteine bestimmt, dabei aber auch Gottesgabe, Platten und die
dazwischen gelegenen Ländereien, gegen Reservat des halben Bergzehnten
und diesseitiger jährlicher Gewähr von 180 Stämmen Schacht- und
Grubenhölzer, an Böhmen für immer abgetreten werden.

Schon lange her ist der Bergbau in dem damals an die Krone Böhmens
abgetretenen Landestheil, bis auf die Eisensteingrube Irrgang am
Hengstgebirge bei Platten, ohne alle Bedeutung, und das Ausbringen
von Zinn nicht mehr der Rede werth. Die sogenannten Försterhäuser und
die am Streitseifen liegen ordnungslos zerstreut auf ihrem magern
Boden, den nur ein dürftiges Gras bedeckt, aus welchem verkrüppeltes
Ahorngesträuch und kränkelnde Vogelbeerbäumchen emporzustreben suchen.

Das Schwarzwasser, welches durch Moor- und Torfboden seinen Lauf nimmt,
führt ein gelbes coventartiges Wasser, was selbst für die Wässerung
nicht so tauglich ist, als da, wo es in die tieferen Gebirgswannen
hinabgestiegen ist. Dessenungeachtet verlassen wir die Gegend noch
nicht, bis wir den böhmischen Spitzberg bei den Försterhäusern
erklettert und von da aus die fernen Gegenden nach Karlsbad hin
betrachtet, auch theilweise die Grenzörtchen Börnichen und Abertham
(Aberdam) betrachtet haben. Der bewaldete und aus Basalt bestehende
Spitzberg hat die Form eines riesenhaften Heuschobers und wird daran,
weit nach Sachsen hinein, erkannt. Auf ihm wächst, nach Paulus'
Orographie, die isländische Zwergbirke (~Betula nana~), die ich aber
nicht habe auffinden können. Von hier aus fällt das Gebirgsjoch,
welches Sachsen von Böhmen trennt, steil in dieses gesegnete Land
hinab; die Thäler sind tief eingefurcht und jagen ihre Gewässer rasch
in die Ebenen hinaus. Die meist ärmlichen Wohnungen der Menschen hängen
sich an die jähen Abhänge, die hier schon allerwärts die beschwerliche
Bewirthschaftung mit reichlicherem Ertrage lohnen.

Böhmen ist das Land der Musik und sie hat sich an allen Grenzorten,
wo sonst reger Bergbau war, in eben dem Maßstabe erweitert und
vervollkommnet, wie jener zum Sinken kam. Preßnitz, Platten und andere
Orte entsenden ganze Schaaren Musiker in fremde Länder, die oft in
einem Jahre nur einmal heimkehren, um die Angehörigen zu sehen und mit
Geldmitteln zu versorgen. Dieser Sinn für Musik hat sich auch weit
über die Grenze nach Sachsen herein verbreitet und zur Nachahmung
aufgefordert, sich den Unterhalt durch Geigen, Blasen und Pfeifen zu
verschaffen.

Damit aber das Herumziehen mit musikalischen Instrumenten nicht in
gemeine Bettelei ausarte und das Publicum belästige, müssen alle
derartige Gesellschaften, auf Anordnung der Kreisdirection, eine Probe
ihrer Leistungen ablegen und erhalten nur dann Erlaubniß für das
gewählte Gewerbe, wenn solches als vorzüglich genannt werden kann. Im
Laufe vorigen Jahres wurden im Kreisamtsbezirk Schwarzenberg allein von
9 musikalischen Gesellschaften derartige Proben abgelegt.

Das böhmische Grenzörtchen Abertham hat sich von langen Zeiten her
einen Namen mit seinen Käsen, die es aus Ziegenmilch bereitet, erworben
und bis zur Stunde erhalten. Sie haben die Größe eines Zwiebacks oder
eines Zweithalerstücks und werden weit und breit verführt. In früheren
Zeiten mußte die Amtsschreiberei (Rentamt) zu Schwarzenberg dergleichen
Käse ankaufen und zur Hofküche nach Dresden einliefern.

Dieses Abertham mit seinem Nachbarorte Börnichen treibt noch ein
anderes Geschäft, was seiner Eigenthümlichkeit halber, einer kurzen
Erzählung werth ist.

Es besteht nämlich in dem oft lebensgefährlichen Aufsuchen der
Gimpelnester, der Erziehung dieser Vögel (Dompfaffen) und in der Kunst,
denselben Melodieen pfeifen zu lehren. Dann wird ein Handel damit nach
Wien, Berlin und anderen Städten des In- und Auslandes getrieben,
welcher, wenn der Fleiß des Lehrers und das Talent der Vögel gut war,
viel Geld in die Heimath bringt.

Sonderbar ist es, daß nicht jeder von diesen kleinen gefiederten
Lehrlingen, auch wenn sie aus einem und demselben Neste sind, gleiche
Gelehrigkeit besitzt, vielmehr giebt es eben nicht seltene Fälle, daß
alle Mühe und Arbeit verloren und es gerathener ist, ihnen die Freiheit
wieder zu geben, wo sie durch ihre Dummheit in ihrem Vogelstaate
vielleicht zu Ehrenstellen gelangen, wie überall, wo es Gimpel giebt.
Die ganz schwarzen, als Seltenheit auch ganz weißen Vögel dieser Art,
welche letztere rothe Augen haben wie die Albino's, lernen zwar auch
wenig, werden aber dennoch als Raritäten mit in den Handel gebracht.

Von diesem kleinen Abstecher zurückkehrend, gehen wir den Mückenbach,
der die Grenze bildet, hinunter und gelangen bald nach den obersten
Häusern von



Rittersgrün,[10]


wo das Kaffgebirge und der Taubenfels, von Osten her wie ein Keil nach
dem Thale eingetrieben ist, um Räumlichkeiten für die Einwohnerschaft
zu erzwingen. Der nur erwähnte Mückenbach, der Kaff-, Zwei- und
Kunertsbach treten hier zusammen und bilden mit ihrem krystallhellen
Gewässer die Pöhla (Biela), welche dem Thal entlang wunderliebliche
Wiesen bewässert und die Füße des Haueisens, des Ochsenkopfs, des
Klötzerwaldes rechts, so wie der hintern und vordern Kehlung, des
Forstwaldes und des Härtenberges links, benetzt. Dieses gegenwärtig
eine volle Stunde lange Dorf gehört nicht unter die jüngern
Ansiedelungen des Obergebirges, denn am 20. Juli 1584 erhielt +Nicolaus
Klinger+ zu Elterlein Concession zu Anlegung eines Hammerwerks
in Oberrittersgrün, so wie der Obristwachtmeister Hannibal von
Schmerzinger die Erbgerichte über sein Hammerwerk, Arnold Rothenhammer
und die von ihm erbauten 17 Häuser den 13. März 1670, um für sein
Hammerwerk die Berg- und Hüttenleute unterzubringen, von welchen
Erstere den Lagereisenstein des nachbarlichen Rothenberges und des
sogenannten Glimmer ausbeuteten.

  [10] Rittersgrün besteht eigentlich aus Ober-, Unter- und
    Hammer-Rittersgrün; diese bilden aber gegenwärtig eine Gesammtheit,
    die 157 Häuser mit 2319 Menschen zählt. Hammerrittersgrün hat
    eigene Gerichte.

Der Hammerberg und der Gänsegrund sonnet gegenwärtig an seinem
mittägigen Gehänge eine ansehnliche Zahl ordnungslos hingewürfelter
Häuser, welche in der Mehrzahl Hütten- und Waldarbeiter bewohnen.

Der Ort fand von jeher viel Nahrung im Handel und Vertriebe der Hölzer
aus böhmischer Waldung, und wer die Bestechlichkeit der dortigen
Forstdienerschaft zu benutzen und zu erhalten verstand, konnte
es zur Wohlhabenheit bringen und selbst in dieser Lage mit dem
Walddominialamt in Joachimsthal in ersprießlichem Einverständnisse
leben. Jetzt ist dieser Holzverschleiß nicht mehr so lebhaft, weil
in dieser Richtung hin die Waldungen niedergetrieben und gelichtet
sind, deshalb aber leidet Rittersgrün ziemlich an geregelter
Arbeitsgelegenheit.

Einer zahlreichen Familie mit ihren Abkömmlingen muß ich noch
gedenken, die sich ebenfalls, wie in Abertham und in Börnichen,
mit dem Unterricht der Gimpel beschäftigen und deshalb unter dem
Namen: »+Gimpel-Poller+« bekannt sind. Ein Stamm davon hauset in dem
sogenannten Ehrenzipfel, welcher am obern Ende von Rittersgrün einem
Anbaue gleicht, welchen man an das Hauptgebäude anflickt, um etwa
Auszügler hinein zu stecken.

Wir gehen dem Flusse entlang nach den aus 16 Häusern bestehenden
Schweizerdörfchen

[Illustration:

    gez. v. F. König.    Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

    KLOBENSTEIN.
]



Globenstein[11]


hinab und begreifen nicht, wie es hat kommen mögen, daß sich Menschen
in einem solchen Felsengewirre ansiedeln konnten. Das Thal ist enge;
hier thurmhohe, den Einsturz drohende Gneus- und Glimmerschiefermassen;
da eine Wüste von Felsgetrümmer, als hätten sich Riesen damit
geworfen, und dennoch hier und da ein Stückchen Feld oder Grasboden,
hervorgemartert unter vielen tausend Gesteinstücken, die wie Wälle
haushoch um die kleinen Herrlichkeiten aufgeschichtet sind, weil es
außerdem weiter keine Räumlichkeit gab. Die kleine Einwohnerschaft
sieht die Sonne eine Stunde später auf- und eben so lange früher
untergehen, was das Forststrafgesetzbuch vom 2. April 1838 S. 181
hätte bemerken sollen.

  [11] Aus einem Rescripte vom Churfürst Johann Georg III. ~d. d.~
    Dresden den 27. August 1686 geht hervor, daß aus einer Menge alter
    Wäschen und Pochwerken kleine Häuser entstanden sind, nachdem
    jene wahrscheinlich aus Mangel an Erzen nicht mehr benutzt werden
    konnten.

Die Pöhla zerschellt ihre farbenlosen Wellen unter Tosen und Rauschen
an den Klippen, womit ihr Bett belastet ist, und wirft sie in weißem
Schaum die regellose Treppe hinab nach der sanfteren Mündung. Hier
am Fuße des Drachen- und Rottenberges ist ihr Weg mit Türkis und
Smaragd[12] bestreut, beide Ufer mit Laubholz und Blumen bekränzt,
unter welchen sie noch weithin die Mädchenjahre vertanzt. Hebel
in seinen allemannischen Gedichten konnte kein schöneres Bild für
seine Wiese wählen, als das eines Mädchenlebens. Gar oft saß ich
am westlichen Abhange des Zigeuners,[13] lauschte dem Gekose der
Wellen und dem Geplätscher kaum geborner Quellen, wie diese sich
bald überkugelnd der älteren Schwester nacheilen, bald tändelnd
umher die Blumen auf nachbarlichen Wiesen tränken und dann auf den
wunderlichsten Wegen ihre Führerin wieder zu erlangen streben. Hier
tanzt die lebensfrohe Pöhla über die Räder der Mühlen, dort macht sie
gewaltige Pas über die Wehre. Es ist die schottische Zeit des Mädchens.
Die frühzeitige Verbindung mit dem Schwarzwasser bringt eine andere
Farbe in ihr heiteres Leben und Tropfen der Wermuth, herabgesandt von
Beyerfelds Vitriol- und Schwefelwerk, verbittern ihr die Ehe. Adoptirt
von der Mulde bei Aue, entschließt sie sich zur weitern Reise in die
Elbe und mit dieser vielgeprüften Lebenssatten in die Wasserewigkeit
der Meere. Hier wird sie über lang oder kurz, vielleicht unter
tropischen Himmelsstrichen, durch die Macht der Sonne zur Auferstehung
gerufen; geisterartige Gebilde erheben sich aus dem großen Todtenacker
der Flüsse, formen sich in Wolken und geben sich in endlos wechselnden
Gestalten den entferntesten Ländern in erquickendem Thau und Regen
kund, um den Glauben ihrer

    »-- -- -- -- -- Lieben,
    die in ferner Heimath blieben,«

an die Fortdauer nach dem Tode und an das Wiederfinden der früher
Heimgegangenen zu befestigen.

  [12] Die Schlacken von den Eisenhüttenwerken sehen himmelblau
    und smaragdgrün; sie werden gepocht, um das darin im Kleinen
    befindliche Eisen auszuwaschen, der Schlackensand aber wird in die
    Fluth getrieben, wo er abgerundet ihr Bett bedeckt.

  [13] Am Zigeuner liegt die Grube Fridolin mit ihren schönen einfachen
    Säulen des Zinnsteins, Pistacit, Arinit, Sahlit u. s. w.



Großpöhla.


In den 109 dicht zusammengedrängten und vielfach in einander
verkästelten und beschindelten Häusern, mit Einschluß von dem
nebenangelegenen Kleinpöhla, wohnen nicht weniger als 1489 Menschen,
von welchen das Männergeschlecht bei den beiden Hammerwerken, dem
sogenannten Biedermann'schen und dem Pfeilhammer, großentheils seine
Nahrung findet, Weiber und Kinder hingegen das Spitzenklöppeln treiben.
Schon im Jahre 1593 besaß +Hans Klinger+ den Pfeilhammer und nach ihm
der Hauptmann +Karl Goldstein+ zu Quedlinburg und der Kammermeister
+Marcus Röhlig+ 1600. Das Erbgericht zu Großpöhla erhielt +Velten Hans+
durch den +Grafen Ernst von Schönburg+ zuerst in dieser Eigenschaft.
Die +Leistner+'sche Spitzenhandlung ist sehr gut renommirt, auch
die großartige Kalkbrennerei und der Magneteisensteinbergbau des
Pfeilhammerbesitzers. Großpöhla ist in dem Rufe, viel schöne Mädchen
und Weiber zu haben, denen jedoch eine große Geschwätzigkeit und ein
solcher ungemeiner Wortverbrauch im Conversationsleben, das heißt unter
sich, eigen ist, wie es im Gebirge nicht leicht wieder vorkommt. Sie
wiederholen nämlich häufig die Phrasen stückweise; z. B. »Wo gehst Du
hin -- gehst de?« -- »Was machst Du denn Mahd (Magd) -- he, Mahd?« --
»Kneip die Katz nicht in Schwanz -- kneip se, sie hot Junge im Leib --
hot se.« -- »Tausende, güldige, schöne Band-, Borden- und Zwirnlorn von
Ehrenfriedersdorf, sei sie ner amol so gut und hol' sie mein'n Bruder
'n Gevatter Schererzgottlieb a weng Tobakpfeifenfeuer 'rein;« statt:
»hole doch meinem Bruder Tabakfeuer;« -- mag wohl erdacht sein, ist
aber für die Vielredenheit sehr bezeichnend. Zu der Geschwätzigkeit
gesellt sich noch unter den Proletariern eine Menge sonderbarer
Gebräuche und das Familienleben bezeichnender abergläubischer
Gebahrungen, besonders zur Weihnachtszeit, denen man in folgendem
Liedchen begegnet, welches eine Pöhlaerin in ihrem Dialekt selbst zum
Verfasser hat.


Das Weihnachtsfest.

    Heut is der heil'ge Ahmt (Abend) ihr Mähd,
        Kummt h'rei, mir gießen Blei;
    Rick', laf glei 'naus zur Hanne-Christ,
        Die muß bei Zeiten h'rei.

    Ich ho men Lechter ohgezünd't,
        Sät 'nauf ihr Mähd die Pracht!
    Ah, drieb'n bei euch is oh racht fei,
        Ihr hat a Sau geschlacht't.

    Säht oh ihr Mähd das rare Licht
        Uem zwa un zwanzig Pfeng,
    Ich muß meins in a Tippel stell'n,
        Mei Lechter is ze eng.

    Kahr (Karl) zünd a Weihnachtskerzle oh,
        Daß's wie Weihnachten riecht,
    Un stell's hin uf das Scherbel dort,
        Dos unnern Ufen liegt.

    Lott'! dorten uf der Hühnersteig
        Do liegt men Lob sei Blei;
    Mohd, rossel fei net sehr dort rüm,
        Sinst wird der Krinerts scheu.

    Denn's Mahsvolk hot sei Frahd (Freude) an wos,
        Sei's ah, an wos es will;
    Mei Voter hot's an Vogelstell'n,
        Der Kahr hot's an dem Spiel.

    Ich gieß fei erst! -- Wen krieg' ich däh? --
        Säht oh, än Hammerschmied;
    Die Korli (Karoline) lacht, die denkt wuhl gor,
        Ich mähn (meine) ihr'n Karl-Fried.

    Mer (wir) ham uf sachze Butterstolln,
        Su lang wie d' Ufenbank;
    Heut wird ämol gefraßen wärn,
        Ihr Mähd mer wären krank.

    Mer hon ah neunerlah gekocht,
        Ah Worst und Sauerkraut;
    Mei Mutter hot sich ohgerennt (abgerennt)
        Die olle gute Haut.

    Rick', bruck dä Sammelmillig ei,
        Nasch' aber net darvu;
    Ihr Jungen, wärft ken Respel roh (herunter)
        In's heil'ge Ahmt Struh.

    Wär is dort über'n Schwamme-Tupp?
        Nu Henner (Heinrich), härst de net!
    Wort'! itze wenn der Voter kimmt,
        Mußt wahrlich n'auf ze Bett.

    Ach, horcht ner nei in Ufen-Tupp,
        Die Rumpeln un die Geig'n;
    Weil es ner net winzeln thut,
        Bedets (bedeutet es) fei käne Leich'n.

    Nä heil'gen Ahmt zä Mitternocht,
        Do laft statt's Wasser Wei,
    Wenn ich mich ner net ferchten thät,
        Ich hult' än Tupp vull h'rei.

    Lob, hul' gleich bei der Hannelies'
        Nä Voter 's Kännel Bier,
    Noch wenn dä kimmst, do singe mir (wir)
        »Ich freue mich in Dir.«

       *       *       *       *       *

Nachdem die Pöhla den Lux- und Friedrichsbach aufgenommen hat, tritt
sie hinaus in ein breites, lachendes und mit Wiesen und Feldern
bedecktes Thal -- das erzgebirgische Chamouny. Es ist das einzige
Längen- oder Hauptthal des Obergebirges, welches sich vom Fichtelberg
herab bis nach Zwickau und mithin von Osten nach Westen zieht und
alle Wässer der Transversalthäler, als die Pöhla, das Schwarzwasser,
Mulde und dergl., aufnimmt und sie zu folgen nöthigt. Der breite,
fächerartig entfaltete Schatz von Feldern des mit ungefähr 2200
Menschen bevölkerten Dorfes Raschau und die an seinen Flanken wie
bunte Wäsche herumgelegte Länderei des Dorfes Grünstädtel (sonst
Dorfstädtel genannt) liefern eins der lieblichsten Bilder des
Erzgebirges. Die Strohdächer der Begüterten beurkunden eine gewisse
bäuerliche Wohlhabenheit, die sich durch Berechtigung zu städtischer
Gewerblichkeit im Dorfe Raschau unterhält, indem die Erzeugnisse des
Areals rings umher einen sichern und schnellen Absatz finden. Seit
etlichen zwanzig Jahren ist ein Bad hier, etablirt von einem gewissen
~Dr.~ +Karch+ aus Annaberg; allein, wenn schon das Wasser einige Grade
wärmer ist, als die den Ort durchwässernde Mittweida, so dürfte man
doch schwerlich mehr Wirkungen darin finden, als die der Reinigung, was
bekanntlich auch heilsam für den Körper ist.

Das hiesige Vitriol- und Arsenikwerk Allerheiligen hat in der neuern
Zeit eine größere Bedeutung erhalten und wird in den Händen des
gegenwärtigen Besitzers ein besseres Gedeihen finden.

In dem Thale aufwärts dehnen sich die Dörfer Mittweide, Markersbach und
Obermittweider-Hammer immer so, daß sie sich die Hände reichen; doch
sind sie, weil rechts und links die Gneus- und Glimmerschieferberge
näher zusammenrücken, in eine engere Thalschlucht eingebettet, die
man in der Gegend »den Grund« zu nennen pflegt. Ueberall gewerbliche
Lebendigkeit, hauptsächlich Nagel- und Plattenschmiede, und ziemlich
mühsamer, aber doch, wegen des milden Klimas, noch lohnender Feldbau.
Von Markersbach gegen Morgen hebt sich das Gebirge stufenweis über
Unter- und Oberscheibe nach



Scheibenberg,


dessen geradlinige Gassen 165 Häuser bilden. Es hat 790 Einwohner, die
sich hauptsächlich mit Fertigung von Band, Borden, Blonden, Fransen,
auch Spitzenklöppeln beschäftigen. Eine vor etwa 17 Jahren angelegte
Pappfigurenfabrik scheint sich keiner rentirenden Lebendigkeit zu
erfreuen. Dieses Städtchen, in dessen Nähe ein gewisser +Kaspar
Klinger+ im Jahre 1515 reiche Silbererze erschürft hatte, wurde 1525
von +Ernst von Schönburg+, welcher diese Gegend bis Oberwiesenthal
hinauf mit seiner obern Grafschaft Hartenstein bis zum Jahre 1559,
wo solche der Kurfürst August an sich kaufte, besaß, am westlichen
Fuße des Scheiben- oder auch Orgelberges zu Gunsten der Bergleute
angelegt. Der Bergbau hat jedoch in der spätern Zeit seine Segnungen
vertagt und die Gegenwart das Absehen auf solche materielle Interessen
gerichtet, die leichter zu beurtheilen und ohne Anlagecapital schneller
erreichbar sind, oder zu sein scheinen. Und so haben alle menschliche
Unternehmungen in ungeregelten Pausen ihr Steigen und Fallen.

Der Scheibenberg, dem gleichnamigen Städtchen gegen Südost gelegen,
erhebt sich 2443 pariser Fuß über die Nordsee und seine schwarze
Basaltmasse gleicht, aus der Ferne gesehen, dem Hügel eines
Riesengrabes, wie der hinter ihm nach Ost und Süd gelegene Pielberg
und Bärenstein, die mit ihm ein rechtschenkliges Dreieck bilden, deren
Winkel eine Meile von einander entfernt liegen. Dieser Scheibenberg
ist es auch, welchen der berühmte Bergrath +Werner+ in Freiberg
als Beweismittel für seine Neptunität aufstellte und dadurch einen
interessanten Streit mit den Plutonisten hervorrief.

An seinem Fuße gewinnt man Thon (Wackenthon), groben Sand, aus
Quarzgerölle bestehend, und Streusand, welcher ein Gegenstand des
Handels ist.

Wunderlieblich ist aber die Um- und Fernsicht auf dem langgedehnten
Plateau des Berges selbst. Gegen Osten, tief im Thale, durch welches
die jugendliche Zschopau fließt, haben sich die 156 Häuser des
Städtchens Schlettau mit einer Mauer umgürtet, hinter welcher sich
im Hussitenkriege 1429 die Einwohner zwar tapfer, aber vergeblich
vertheidigten. In dem dortigen Schlosse, außerhalb der Ringmauer
befindet sich gegenwärtig die +Looß+ische und +Naumann+'sche
Spinnfabrik, deren Besitzer sich zugleich in der neuern Zeit als
Baumzüchter empfohlen und eigentlich den Anfang gemacht haben, das
kahle Städtchen mit Laubgrün zu umhüllen. Schlettau hat für seine
Häuserzahl ungewöhnlich große Feldflächen (2800 Acker à 2 Scheffel),
die der Einwohnerschaft, neben dem Posamentir-, Spitzen- und
Blondengewerbe, hauptsächlich Nahrung und Unterhalt gewähren. Man sagt
von den Schlettauern sprüchwörtlich: »wenn die Bauern auf dem Felde
sind, ist kein Bürger zu Hause.«

Gegen Mitternacht dehnt sich das Städtchen Elterlein mit 194 meist
hübschen Häusern und 1888 Einwohnern an dem südöstlichen Abhange des
Schatzensteines hinauf, damit es von da aus seinen Reichthum an
Feldern, Wiesen und Torfbrüchen übersehen kann; denn auch hier ist
Feldbau und Viehzucht, wie in Schlettau, die Hauptnahrung, und wer
diese nicht hat, ist immer mehr oder minder, bei allem Fleiße und aller
Sparsamkeit, in seinem täglichen Unterhalte durch Mangel bedroht,
wie dies die Schaar von Schuhmachern und Nagelschmieden lehrt. Eine
Menge Roßhändler hausen ebenfalls im Orte, und wer viel Geld hat, kann
immerhin wohlfeile Thiere bekommen.

Vor Jahrhunderten breitete sich eine dichte Waldung von hier aus bis
Wiesenthal an der böhmischen Grenze. Reisenden war in der Nähe, wo
jetzt Elterlein liegt, ein Altärlein für die Andacht aufgerichtet, um
welches sich bald einige Häuserlein erhoben, die Schutz und Nahrung
gewährten. Sie hießen: »die Häuser am Altärlein« und gaben Anlaß für
die allmählige Erbauung des Städtchens, welches in seinem Rathssiegel
ein Altärlein mit 2 Kerzen bis zur Stunde führt und eigentlich
Altärlein, statt Elterlein heißen sollte.[14]

  [14] Siehe des Pfarrers Schreiter zu Elterlein Geschichte des
    Prinzenraubes. Leipzig, bei Kummer 1804, S. 51.

Noch werfen wir einen Blick von unserm Scheibenberge aus gegen Süden;
ein langes Dorf, Crottendorf genannt, zieht sich mit seinen 294 Gütern
und Häusern, welche 2530 Menschen bewohnen, über eine Stunde lang
herab, nach dem umbuschten und in Laubgrün gehüllten Walthersdorf.
Beide haben weit ausgedehnte Fluren für ihren bedeutenden Flachsbau,
der leider! meist roh in's Ausland verführt wird, weil Niemand spinnen
kann und mag, so lange das Spitzenklöppeln einige Pfennige für den Tag
mehr einbringt. Nicht weit entfernt vom obern Theile Crottendorfs liegt
der sogenannte fiscalische Marmorbruch, der mehr für eine großartige
Kalkbrennerei, als für die Bildhauerkunst benutzt wird, weil ein
dortiger Marmorarbeiter sich mehr andern Beschäftigungsarten zugewendet
hatte und dabei seine eigene Kunst vernachlässigte. Wir verlassen die
Berghöhe, auf welcher kein Strauchholz die Aussicht störte, indem wir
dem fernen Greifenstein im Norden, welcher seine wulstigen Granitmassen
noch über die ihn umgebenden Fichten erhebt, so wie dem entlegenen
Auersberg im Westen und dem Fichtelberg im Süden einige freundliche
Blicke zuwerfen, und treten bald eine zweite Wanderung an, ehe die
Sonne lange Schatten zieht.



Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig.



  Weitere Anmerkungen zur Transkription


  Die unterschiedliche Schreibweise von Ortsnamen wurde beibehalten.

    S. 17: Blaufarbarbenwerk → Blaufarbenwerk
      mit dem Pfannenstieler +Blaufarbenwerk+ oben

    S. 32: Gäuse → Gänse
      Oskar hütet die +Gänse+ und Heloise sammelt Holz





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Band 1) - Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines - Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche" ***

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