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Title: Rose, Linde und Silberner Stern - Erzählung für die Jugend
Author: Siebe, Josephine
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Rose, Linde und Silberner Stern - Erzählung für die Jugend" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



    Rose, Linde und
    Silberner Stern

    Erzählung für die Jugend

    von

    Josephine Siebe

    Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen
    Textillustrationen von +Ernst Kutzer+

    [Illustration]

    Stuttgart
    Verlag von Levy & Müller



    Nachdruck verboten
    Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten


    Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart



[Illustration]



Erstes Kapitel.

Einzug.

    Frau Tippelmann putzt den Türknauf und seufzt dabei. Herr
    Häferlein will Kaffee trinken, er wird aber darin gestört, und
    die ganze Löwengasse verwundert sich. Frau von Bachhoven nennt
    das Haus zur Rose einen Ziegenstall, aber Alette Amhag geht
    froh hinein.


»Schön guten Morgen, Frau Tippelmann, auch schon fleißig? Heute kommen
wohl Ihre neuen Hausbewohner an?«

Der Kaufmann Häferlein in der Löwengasse von Breitenwert, der soeben
seinen Laden aufgeschlossen hatte, nickte freundlich zu seiner
Nachbarin hinüber, und da diese keine Antwort gab, redete er weiter:
»Ein schöner Morgen heute, nur etwas kühl!«

»Hm,« knurrte Frau Tippelmann, mehr sagte sie nicht, aber ihren
Nachbar verdroß das auch nicht weiter; der war an diese Schweigsamkeit
schon gewöhnt. Er zog den Rolladen seines kleinen Schaufensters
hoch, wischte mit einem großen Tuch die Scheiben ab und sprach dabei
vergnügt, als wäre es für ihn eine besondere Freude: »Sie werden recht
froh sein, Frau Nachbarin, daß Sie nun nicht mehr den lieben langen Tag
allein in dem großen Hause sitzen müssen; gelt, gut ist das Alleinsein
nicht?«

»Hm, hm.« Frau Tippelmann putzte den dicken Messingknauf an der schön
geschnitzten alten Haustüre blanker als blank, dabei tat sie einen
kellertiefen Seufzer, der gar nicht nach Freude klang.

»O du lieber Himmel,« rief Herr Häferlein mitleidig, »Frau Tippelmann,
Sie freuen sich wohl nicht einmal? Dabei sind's doch Verwandte von
Ihnen!«

»Von Adam und Eva her, freilich!« Die große, stattliche Frau sah
so griesgrämig drein, als sie dies sagte, daß der freundliche Herr
Häferlein, der mit jedem Pfennigkunden sich etwas erzählte, die Lust zu
weiterer Unterhaltung verlor. »Ich muß nun hineingehen,« erklärte er,
»es ist arg kalt, und warmer Kaffee wird mir gut tun. Sie sollten auch
eine Tasse trinken, Frau Nachbarin, frieren Sie nicht?«

»Bewahre, aber Märzenluft und Aprilenwind schaden manchem Mutterkind!«

Der Kaufmann ärgerte sich über das Spottwort; er klappte laut seine
Ladentüre zu, und Frau Tippelmann stand allein auf der Gasse. Die Frau
ließ ihren Putzlappen sinken. Der Knauf war wirklich blank genug, und
nachdenklich sah sie das Sträßlein entlang. Das verband den Ober- und
Untermarkt miteinander und hatte kaum ein Dutzend Häuser. Die standen
schon alle hundert Jahre und mehr an ihrem Platz, aber nicht in Reih
und Glied wie Soldaten; eins stand bescheiden zurück, eins hatte sich
vorgedrängt, eins hatte einen hohen, spitzen Giebel, das andere wieder
ein breites Dach mit lustigen Dachaugen, kurz jedes Haus sah anders
aus. Das schönste aber war das, an dem Frau Tippelmann soeben den
Türknauf geputzt hatte. Die Rose wurde es genannt. Steinerne Rosen
zierten die Fenstersimse; davon trug das Haus seit etlichen hundert
Jahren seinen Namen. Frau Tippelmann war in dem Hause geboren, sie
hatte immer darin gewohnt, ihr Mann war mit hineingezogen, er war darin
gestorben, und nun lebte sie schon zwölf Jahre mutterseelenallein
in dem alten Hause. Einst hatte es ihren Urgroßeltern gehört, doch
die waren arm geworden in der Franzosenzeit, ihre Kinder hatten das
Familienhaus der Amhags verkaufen müssen, und sie waren allmählich
von Breitenwert weggezogen in die weite Welt hinaus, eins hierhin,
das andere dahin. Nur Frau Tippelmanns Großvater war in der Heimat
geblieben. Im alten Familienhaus hatte er zuletzt im Erdgeschoß
als Mieter gewohnt, ein stiller, fleißiger Mann, freilich nur ein
Schreiber, und sein Sohn war auch nur ein Schreiber gewesen, und dessen
einzige Tochter hatte wieder einen Schreiber geheiratet, und so war
aus Rose Amhag Frau Rosalie Tippelmann geworden.

Im Laufe der Zeit hatte das alte Haus zur Rose mehrfach die Besitzer
gewechselt. Zuletzt, vor etwa zehn Jahren, hatte es wieder ein Amhag
gekauft, einer, der im fernen Indien zu großem Reichtum gelangt war.
Die Leute in Breitenwert meinten, wenn einer ein Haus kauft, dann muß
er auch kommen und darin wohnen, aber der neue Rosenbesitzer tat das
nicht. Der ließ durch ein hauptstädtisches Geschäft ein paar Zimmer mit
schönem Hausrat füllen. Frau Tippelmann übernahm die Sorge dafür, und
dann warteten sie und Breitenwert von Jahr zu Jahr auf Herrn Amhag, bis
sie ihn fast vergaßen.

Jetzt auf einmal hatte er geschrieben, seine Schwägerin und seine
Tochter würden kommen und einen Sommer lang in der Rose wohnen.
Obgleich nirgends ein Stäubchen lag, hatte Frau Tippelmann geschwind
das Haus von oben bis unten gefegt und gescheuert, und an diesem
Märzmorgen hatte sie zum allerletzten Male den Türknauf geputzt. Heute
sollten die neuen Bewohner kommen.

An das alles dachte Frau Tippelmann, als sie so auf der Löwengasse
stand, und sie merkte es wirklich nicht, daß es trotz des blauen
Himmels recht kalt war. Ja, sie hätte wohl noch eine Weile so vor
sich hingeträumt, wenn nicht im gegenüberliegenden Hause die Türe
jäh aufgerissen worden wäre. Krach, ging es, bums, und drei Kinder,
zwei Buben und ein Mädel, stürzten, sprangen, hopsten und purzelten
auf die Gasse; sie taten das eigentlich alles auf einmal, und ein paar
Augenblicke gab es ein solches Durcheinander von Armen und Beinen, daß
selbst Frau Tippelmann, die den Auszug der Nachbarkinder schon oft
gesehen hatte, erschrak.

»Die Grillschen,« brummte sie. »Weiß der Himmel, die gehen auch am
Nimmermehrstag einmal ordentlich zur Schule!«

»Hallo, hallo!« kreischten die drei drüben. In dem Haus öffnete sich
schon ein Fenster, und eine sanfte Stimme rief: »Buben, Gundele, seid
net so laut, ihr treibt's auch gar so arg!«

»Hallo, hallo!« schrie es plötzlich am unteren Gassenende.

»Die Sternbuben!«

»Die Lindenaffen!«

»Hallo, hallo!«

Zwei Büblein kamen die Gasse herauf, die Grillschen stürzten ihnen
entgegen, und, klitsch, klatsch, ritsch, ratsch, lagen sich alle fünf
in den Haaren. Die Gasse widerhallte von Lärm und Geschrei.

Da und dort guckte jemand zum Fenster heraus. Frau Tippelmann schalt,
der freundliche Herr Häferlein trat mit seiner Kaffeetasse in der Hand
erschrocken vor seinen Laden, und aus der Lindenapotheke, nach der das
Grillsche Haus den Namen »Zur Linde« führte, stürzte ein kleiner Herr
heraus. Der nahm geschwind zwei Buben bei den Kragen, und auf einmal
waren die feindlichen Parteien getrennt. »Wollt ihr wohl Ruhe halten,
marsch in die Schule miteinander, marsch, marsch!«

»Die Sternbuben haben angefangen!«

»Die Lindenaffen ...«

»Hoho, so frech!«

»Tutututut!«

Ein Auto! Aller Streit verstummte jäh, und im höchsten Erstaunen
starrten alle miteinander dem seltenen Gefährt entgegen, denn das
war um diese Morgenstunde in der Löwengasse von Breitenwert ein so
ungewöhnliches Ding, wie es ein Papagei im Sperlingsnest ist.

Stopp, hielt das Gefährt an.

»Heda, Jungens, in der Gasse hier soll ein Haus zur Rose stehen, wo ist
das denn?« rief der Wagenlenker den Kindern zu.

Die Buben, die sich soeben noch wütend gestritten hatten, lachten hell
auf, denn daß einer nach einem Hause fragt, vor dem er steht, erschien
ihnen höchst sonderbar. Nur der höfliche Herr Häferlein zeigte, daß
gute Lebensart auch in der Löwengasse zu finden war; er verneigte sich
tief, trat an den Wagen und sagte lächelnd: »Mit Verlaub, da steht
Ihnen die Rose vor der Nase, und vor der Rose steht Frau Tippelmann,
und gewiß sind die Herrschaften die neuen Bewohner. Ich hoffe auf die
allerwerteste Kundschaft, habe gerade frische Heringe bekommen, und
mein Kaffee ist ausgezeichnet und ...«

»Quatschkopf!« schrie von innen eine rauhe Stimme.

»O du lieber Himmel!« Der höfliche Kaufmann prallte entsetzt zurück.
»Frau Tippelmann,« stöhnte er, »da drinnen sitzt 'ne Schwarze!«

»Wer sitzt da drinnen, wie nennt man mich?« Die Wagentür flog auf, und
heraus stieg eine sehr stattlich angetane, sehr dicke Dame. In ihren
Ohren, an ihrer Brust und ihren Händen funkelten und blitzten große
Diamanten, ein von Federn umwallter Hut saß ihr auf dem Kopf, und bei
jeder Bewegung knisterte und rauschte die Seide ihrer Gewänder.

»Fein,« sagte eine Magd, die eigentlich zu Herrn Häferlein wollte, aber
nun auf der Gasse stehen geblieben war, »fein, aber schwarz ist sie
wirklich!«

»Eine Schwarze!« brüllten die Sternbuben, »wirklich, eine Schwarze!«

Das schien die Dame sehr übel zu nehmen, sie fauchte die arme Frau
Tippelmann, die noch kein Wort gesagt hatte, zornig an: »Was ist
das für ein Empfang, und was will dieser Mann da?« Sie deutete mit
einem Schirm auf Herrn Häferlein, der sich vor Schreck gleich dreimal
verbeugte. Die Fremde achtete nicht darauf, sie musterte das Haus von
oben bis unten und sagte verächtlich: »Dieser alte Ziegenstall da soll
doch nicht etwa Herrn Amhags Villa sein?«

Ein Ziegenstall, das schöne alte Rosenhaus!

Herr Häferlein, der schon manchem Fremden über das schöne Haus Auskunft
gegeben hatte, blickte entsetzt zu der schwärzlichen Dame empor. »Das
wird ja eine angenehme Nachbarin werden!« murmelte er.

»Starren Sie mich nicht so an, Sie da!« rief diese. »Ich bin nicht
schwarz, ich bin weiß, weiß!«

»Alle Wetter, wenn sie weiß ist, dann ist mein Kakao gewiß Weizenmehl!«
flüsterte der Kaufmann. Er wollte gerade die Flucht ergreifen, denn die
Dame wurde ihm ungemütlich, als ihm ziemlich unsanft eine Hutschachtel
an den Magen sauste. »Sie da, guter Mann, helfen Sie mir mal!« rief aus
dem Wagen heraus eine hohe, dünne Stimme. »Ich steig jetzt aus. Das
Haus wird es schon sein, wenn es auch eine alte Rumpelbude ist.«

Schwuppdiwupp! kam eine zweite Hutschachtel aus dem Wagen, eine
Schirmrolle folgte, ein Handkoffer rasselte nach, und Herr Häferlein
wußte nicht, wo er zuerst anfassen sollte. Zuletzt hüpfte ein sehr
zierlich gekleidetes Fräulein aus dem Wagen, das nun wirklich weiß
und, wie Herr Häferlein fand, sehr hübsch war. Ihr nach sprang ein
kleines schwarzbraunes Tier, das von der Löwengasse, soweit sie nämlich
zweibeinig den Kraftwagen umstand, mit dem lauten Zuruf begrüßt wurde:
»Ein Affe, ein Affe!«

[Illustration]

»Narren und Affen alles begaffen,« brummte Frau Tippelmann, der zur
rechten Zeit eins ihrer geliebten Sprichwörter einfiel. Damit hatte sie
sogleich ihre Verwirrung über die unerwartete Ankunft der seltsamen
Gäste überwunden. Sie knickste höflich vor der schwärzlichen Dame und
sagte: »Das ist wirklich Herrn Amhags Haus, und die gnädige Frau ist
gewiß Herrn Amhags Schwägerin mit Fräulein Tochter.«

»Das bin ich gewiß nicht! Ich bin Frau van Bachhoven, und wenn hier in
dem jämmerlichen Nest jemand ein Fünkchen Verstand hätte, dann wüßte
er, was das bedeutet. Bachhoven, Kaffeegroßhandlung; den Kaffee von
Bachhoven kennt die ganze Welt.«

»Herrjemine, die Schwarze heißt Backofen!« brüllte eine sehr, sehr
unnütz klingende Bubenstimme, und »Backofen, Backofen!« schrie eine
zweite.

»Die Sternbuben sind frech,« sagten die Grillschen Kinder, aber sie
lachten doch, und in das Lachen stimmten noch etliche Zuschauer ein,
und von irgendwoher lachte ein harfenzartes Stimmchen mit.

Da stand die reiche Frau Juana van Bachhoven auf der Löwengasse und
wurde ausgelacht, sie, die man sonst wie eine Fürstin behandelte um des
goldenen Reichtums willen. Unerhört, ganz unerhört!

»Steig aus, Alette!« rief sie böse in den Wagen hinein. »Wenn du aber
nicht hierbleiben willst, nehme ich dich gleich wieder mit. So ein
abscheuliches Nest!«

»Ich bleibe hier,« klang es zurück. Und hurtig, flink und zierlich
kletterte ein Mädelchen aus dem Wagen, ein schlankes, feines Dinglein,
das sich halb froh, halb scheu umsah. Sie blickte zu dem Hause hinauf,
sah Frau Tippelmann an und streckte ihr zutraulich das Händchen
hin. »Ich heiße Alette Amhag, und mein Papa hat gesagt, ich soll
hierbleiben, bis er zu mir kommt. Und Laura bleibt auch und August --
-- ach, wo ist denn August?«

»Zu dienen, hier bin ich!« Herzlich verdutzt über die vertrauliche
Anrede verbeugte sich Herr August Häferlein; er glaubte, der Ruf hätte
ihm gegolten.

»Sie meint den Affen,« rief der Fahrer grinsend.

»Der Affe heißt August? Das ist eine Beleidigung!« schrie Herr
Häferlein entrüstet.

Jubelndes Lachen brauste ringsum auf, und selbst Frau Juana van
Bachhoven lächelte ein ganz, ganz klein wenig. Alette Amhag aber
lachte; wie hundert Schellenglöckchen zusammen klang es.

Turm- und Schuluhren sind manchmal entschieden boshaft, das ist schon
wahr. Sie erheben ihre Stimmen oft zu sehr unpassender Zeit, und die
Breitenwerter Uhren waren nicht besser als ihre Schwestern rings im
Lande.

Bimbam! schlugen sie los, und alle Kinderherzen auf der Löwengasse
erschraken, in alle Kinderbeine fuhr die Eile. Sogar die Schulranzen
fingen an zu zittern und zu zappeln. Himmel, schon acht Uhr! Die Schule
begann, und sie standen noch hier auf der Gasse! Zum Überfluß schalten
auch noch die Erwachsenen: »Schulzeit! Geschwinde, geschwinde, heute
kommt ihr aber zu spät!«

Die drei Grillschen rasten jetzt davon. Die Sternbuben zögerten noch
einen Augenblick; sie hätten zu gern gesehen, was nun weiter wurde mit
dem Affen und der schwarzen Dame. Aber das Bimbam dröhnte ihnen zu hart
in die Ohren, sie rannten auch davon. Klippklapp, klippklapp! Ihre
Schultaschen flogen, ihre Beine schlugen beinahe am eigenen Rücken an,
und den Eiligen nach tönte wieder das Glöckchenlachen. Alette Amhag
fand in diesem Augenblick die Löwengasse wunderhübsch.

Sonderbar, sehr sonderbar! Frau Juana van Bachhoven schüttelte erstaunt
den Kopf. »Verrückt, so eine kleine deutsche Stadt!« sagte sie.
»Alette, willst du wirklich hierbleiben? Komm mit mir nach Paris, ich
schreibe es deinem Vater; hier gefällt es dir doch nicht!«

»Doch, hier gefällt es mir!« Das kleine Mädchen sah ernsthaft zu dem
alten Rosenhaus empor, in dem schon so viele Amhags gewohnt hatten. Der
Großvater hatte ihr davon erzählt, der immer so viel Sehnsucht nach
der deutschen Heimat gehabt hatte, die er nur als Knabe gesehen. »Ich
will hierbleiben,« sagte sie noch einmal und legte ihre kleine Hand
zutraulich in Frau Tippelmanns rauhe Rechte. Der war dies ungewohnt,
aber sie hielt doch die kleine Hand ganz fest, und ihre Stimme klang
seltsam milde, als sie sagte, so leise freilich, daß nur Alette es
hörte: »Gott segne deinen Eingang in deiner Vorfahren Haus!«

Sie traten ein, und hinter ihnen her trug Laura, die Zofe, ein paar
Schachteln ins Haus. »Gibt's denn hier keinen Diener, der hilft?«
stöhnte sie. »Reisten wir nur erst wieder ab, in Paris war's viel, viel
besser!«

Von der Abreise sprach auch Frau van Bachhoven. Sie unterhandelte mit
dem Fahrer, er solle sie in einer Stunde abholen, länger bliebe sie
nicht. Sie sah mit bösen Augen die Gasse entlang, und den allerbösesten
Blick bekam der arme Herr Häferlein, der doch nur vor seinem Laden
stand. »Schrecklich ist das hier,« murrte die schwärzliche Dame, und
innen im Haus sagte sie erst recht: »Schrecklich!« Der weißgetünchte
gewölbte Flur, von dem aus eine gewundene Treppe in die oberen
Stockwerke führte, mißfiel ihr gründlich, ebenso mißfielen ihr die
Zimmer, und am allermeisten schien ihr Frau Tippelmann zu mißfallen,
obgleich die kaum ein Wort redete. Sie herrschte die an: »Ist denn kein
Diener, kein Mädchen da?«

»Ich bin da!« Frau Tippelmann sah grenzenlos erstaunt drein. »Für die
Kleine genügt es doch, wenn ich da bin und das Mädchen!«

»Schnippschnapp, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Fräulein!«
unterbrach sie Fräulein Laura. »Für ein paar Tage mag es gehen, aber
sonst -- ein Fräulein Amhag braucht Dienerschaft.«

»Ein Fräulein Amhag kann überhaupt nicht lange in diesem Hause wohnen,«
erklärte Frau van Bachhoven. »Unmöglich, ganz unmöglich ist's!«

»Ich bleibe, ich bleibe, ich bleibe,« sang Alette Amhag leise vor sich
hin und lief froh die Treppe empor.



Zweites Kapitel.

Die Auguste streiten sich.

    Warum Trinle Grill auf dem Kirchentrepple gesessen hat und
    Herr Baldan sich ärgert. Kasperle denkt, er bekommt einen
    Zuckerstengel, aber Herr Häferlein wird auch böse. Fräulein
    Laura sieht sich die Löwengasse an.


Die Löwengäßler, wie die Kinder der Löwengasse nach Breitenwerter
Sprachgebrauch genannt wurden, erlebten an diesem Vormittag wenig
Freude in der Schule. Aber freilich, ihre Lehrer erlebten auch keine
Freude an ihnen. Schon das Zuspätkommen! Mit einem Tadel fängt es sich
nicht gut an, und einen Tadel erhielten sie alle. Den Fleißigen wie den
Faulen entwischten immerzu die Gedanken; die Fremden in der Löwengasse,
die schwärzliche Dame, der Affe August und nicht zuletzt Alette Amhag
drängten sich in alle Stunden hinein. Ob sie noch da waren, wenn sie
heimkamen, oder wirklich wieder abreisten?

Wenn sie nur August daließen! dachte Mathes Hinz, der älteste der
Sternbuben, und gerade da sollte er eine Antwort geben und wußte sie
nicht.

Die Sternbuben -- sie wurden so nach dem Wirtshaus ihrer Mutter, dem
Silbernen Stern, genannt -- grämten sich nicht viel um den schlechten
Schultag; sie waren ausgemachte Faulpelze. Aber den drei Grills, Veit,
Trinle und Steffen, denen tat es leid, denn sie waren drei Fleißlinge,
und ihre Wildheit, ihre Lust an Lärm und dummen Streichen, die ließen
sie meist zu Hause, wenn sie in die Schule gingen.

An diesem Vormittag aber traf die Grillschen und die Sternbuben fast
alle das gleiche Schicksal: sie mußten nachsitzen.

Die Sternbuben nahmen das gelassen hin; sie waren daran gewöhnt, und
zu Hause merkte es kaum jemand. Die Grillschen aber grämten sich, und
alle drei kamen sie wie die begossenen Pudelchen heim. Am heftigsten
bekümmerte sich Trinle um das Nachsitzen, und sie war es auch, die
unter bitterlichem Schluchzen der Mutter das schlimme Geschehen
beichtete.

In der Wohnstube geschah es. Das war ein großes, helles Zimmer mit
einem weit vorspringenden Erker, von dem aus man die ganze Löwengasse
hinauf- und hinabsehen konnte. In dem Zimmer stand noch viel Hausrat
aus Großmutterszeiten, denn die Grills, die nun schon über hundert
Jahre in dem Hause wohnten, wußten das Alte wohl zu schätzen.

Frau Grill war eine sehr sanfte, stille Frau, sie schalt nie viel, aber
ihre Kinder folgten ihr gut. Wenn die Mutter sie traurig, vorwurfsvoll
ansah, dann bekümmerte sie das sehr, und als in dieser Beichtstunde die
Mutter betrübt fragte: »Nachsitzen mußtet ihr, aber warum?« wären sie
alle drei am liebsten in ein Mauseloch geschlüpft vor Scham.

Trinle heulte herzzerreißend. »Sei nicht böse, sei nicht böse,« flehte
sie.

Veit und Steffen standen mit gesenkten Köpfen da, und der Jüngste
im Hause, Kasperle, zog auch schon einen bedenklich schiefen Mund,
obgleich er mit dem Nachsitzen noch nichts zu tun hatte; er war erst
fünf Jahre alt.

»Nun erzählt mal; wie war es?«

»Ja, das möchte ich auch hören!«

In der Türe stand Herr Apotheker Grill, der unvermutet eingetreten
war. Er sah aus, als wäre er bitterböse, in seinen blauen Augen lag
aber doch so ein lustiges Blinken, daß Trinle ein wenig aufatmete und
stockend berichtete: »Es sind alle so spät gekommen, weil -- weil ...«

»Sie drüben eingezogen sind,« vollendete Veit.

»Ja, so war's! Und dann hat Veitle im Latein nichts gewußt und --
und ...«

»Aus Versehen in der Geschichte das Tintengläsle umgeschmissen,« sagte
der Bruder dumpf.

»Ja, so war's!« schluchzte Trinle schmerzlich. »Und Steffle hat in der
Geographie bloß -- Asien -- Asien ...«

»Mit Amerika verwechselt,« murmelte Steffen. »Und dann -- sag's weiter,
Trinle.«

»An der Wandtafel drei -- vier Rechnungen falsch gerechnet. Darum!!«

»Na und du?« fragte der Vater.

Trinle heulte laut, schier verzweifelt klang's: »Ich -- ich hab draußen
gesessen auf dem Kirchtrepple, bis sie rausgekommen sind.«

»Ja, hast du denn nicht nachgesessen, Trinle?«

»Nein,« jammerte Trinle, »ich -- ich bin auch net zu spät gekommen, bei
uns -- hat's später angefangen!«

Über Trinles blonden Wuschelkopf hinweg sahen sich die Eltern an; ein
liebes Lächeln blühte im Gesicht der Mutter auf, des Vaters Augen
blitzten lustig. Er sagte heiter: »Weil sich Trinle so grämt und doch
selbst nicht nachgesessen hat, sei euch die Strafe erlassen. Aber,
Buben, ich bitte mir's aus, daß das Nachsitzen und Zuspätkommen nicht
Mode wird!«

»Und das Streiten mit den Sternbuben hört endlich einmal auf!« fügte
die Mutter mit sanftem Vorwurf hinzu.

»Sie fangen immer an; arg schlimm sind sie!« riefen alle vier
Geschwister klagend, denn auch Kasperle stritt schon mit den Sternbuben
herum.

»So sagt +ihr+!« Die Mutter seufzte, aber sie sprach nicht weiter vom
Morgenstreit; sie mahnte: »Nun lauft geschwinde und wascht euch, es ist
gleich Essenszeit!«

Essenszeit, ein gutes Wort! Die Geschwister vergaßen darüber
allen Schulkummer, und als ein paar Minuten später die Glocke die
Hausgenossen in das im Erdgeschoß gelegene Speisezimmer rief, da
glänzte selbst Trinles verweintes Gesicht wie eitel Sonnenschein.

Die Fenster des Speisezimmers gingen nach dem Garten hinaus, in dem im
Sommer uralte Bäume schatteten und viele schöne Blumen blühten. Jetzt
trugen erst ein paar Büsche feine grüne Schleier, und Schneeglöckchen
und Krokusse hatten den Blütenreigen des Jahres begonnen. Von ihnen
stand eine Schale voll auf dem Tisch; von ihr aus ging es wie
Frühlingswehen durch den Raum, und Trinle schnupperte und sagte: »Es
riecht schrecklich schön nach Frühling!«

Dies konnte freilich nur ein Apothekerkind sagen, denn jeder Fremde,
der ins Haus kam, fand, es röche nach Apotheke; andere Gerüche nahm er
darüber nicht wahr. Und wirklich durchdrang der Duft all der Salben,
Tränklein, Kräuter und Mixturen beinahe das ganze Haus. Den Grills war
es Heimatduft, und wenn jemand von ihnen nach einer Reise heimkehrte,
sagte er sicher: »Wie gut es riecht, man merkt, daß man wieder zu Hause
ist!«

Der Familientisch war groß, denn die Gehilfen aus der Apotheke saßen
mit daran, obenan, neben dem Vater, Herr Baldan, der langjährige
Provisor. Der war ein etwas sonderbarer Mann; er hatte allerlei
wunderliche Grillen und Gewohnheiten, und zu Zeiten konnten ihn die
Mücken, die in der Sonne tanzten, um all seine gute Laune bringen. Er
war butterweich und herzensgut und den Kindern ein treuer Freund, aber
Katzen und Hunde und mancherlei Getier konnte er nicht leiden. Lief ihm
eine schwarze Katze über den Weg, wurde er mißmutig, und bellte ein
Hund irgendwo, klagte er, der Lärm sei nicht auszuhalten. An diesem
Morgen hatte er sich schwer über den Affen August geärgert, und er
saß am Tisch mit einem Gesicht wie vierzehn Tage Regenwetter und drei
Meilen schlechter Weg. Und Kasperle, das kleine Dummerchen, fragte zum
Überfluß auch noch höchst vergnügt: »Gelt, Herr Baldan, du freust dich
arg?«

»Warum denn, Kasperle?«

»Weil das Äffle drüben auch August heißt wie du.«

Ganz verdutzt sahen alle auf; daran hatten sie nicht gedacht, daß auch
Herr Baldan diesen Namen führte. Der nahm die Frage auch gewaltig übel;
er fuhr Kasperle scharf an: »Dumme Frage! Wirst wohl auch noch so
naseweis werden wie die Sternbuben!«

Mit den Sternbuben mochten die Grillschen Kinder nun aber nicht
verglichen werden, und Kasperle zog seinen Mund bedenklich schief.
Trinle, die allzeit für die Brüder eintrat, sagte darum entschuldigend:
»Er meint's doch net böse, und der Herr Häferlein heißt auch August!«

»Meinetwegen, für den mag's passen, mit dem Affen einen Namen zu haben,
ich lasse mir so etwas nicht gefallen!«

In seinem Ärger vergaß Herr Baldan ganz und gar, daß Herr Häferlein
doch sein guter Freund war. Er vergaß aber auch, daß Kasperle ein
kleines Plappermaul hatte. Als es just in der Apotheke klingelte, stand
er rasch auf und sagte zu dem zweiten Gehilfen: »Ich gehe selbst, es
wird wohl die Frau Mayer sein; der will ich ihre Tropfen selbst geben.«

Damit war das Gespräch über die neuen Nachbarn und August, den Affen,
zu Ende, denn Herr Grill sagte, als die Kinder noch einmal davon
anfangen wollten: »Seid jetzt still davon. Ich gehe heute spazieren,
wer geht mit?«

»Ich!« Vierfach tönte der Ruf, und Veit, Steffen und Trinle
versicherten eifrig, sie würden gleich und geschwinde, aber auch
ordentlich, wie sich's gehört, die Schularbeiten machen, und sie würden
ganz bestimmt zur rechten Zeit fertig sein. Sie zogen sich auch gleich
nach dem Mittagessen in das gemeinsame Arbeitszimmer zurück. Kasperles
Vorschlag, ihn mitzunehmen, lehnten sie schnöde ab.

Den kränkte das. Er fand nämlich, er störe gar nicht, er erzählte immer
die wunderschönen Geschichten, sang ellenlange Lieder und warf nur
manchmal ein Buch oder einen Bleistift herab oder einen Stuhl um, er
fuhr auch gar nicht oft mit den Fingern in das Tintenfaß. Ein Weilchen
versuchte der kleine Schelm sich den Einlaß zu ertrotzen, er klopfte
und schrie an der Türe, aber da kam die Mutter, schalt und sagte, er
müsse Ruhe halten. So zog Kasperle tief betrübt auf die Gasse; die war
den Kindern allen der liebste Spielplatz. Kasperle dachte an den Affen
August; er hatte am Morgen den Einzug nicht gesehen, nur davon erzählen
hören, und er war sehr neugierig auf die neue Nachbarschaft. Als er vor
die Türe trat, war auf und ab niemand zu erblicken, nur drüben stand
Herr Häferlein vor seinem Laden, und mit einem Jubelruf schoß Kasperle
auf den zu. Herr Häferlein war sehr nett; er verschenkte manchmal rote,
grüne oder gelbe Zuckerstengel, auch Rosinen oder Mandeln, und wenn
niemand im Laden war, unterhielt er sich auch gern mit Kasperle.

»Herr Häferlein,« schrie der Kleine schon von jenseits, »guten Tag!
Gelt du freust dich aber arg, daß das Äffle Augustle heißt?«

»Fällt mir gar nicht ein!« brummte Herr Häferlein. »Das ist sehr dumm,
einem unvernünftigen Tier so einen schönen Namen zu geben.«

»Aber Herr Baldan hat doch gesagt, für dich tät's passen!« rief
Kasperle, erstaunt über das verdrießliche Gesicht des Kaufmanns.

»Was tät passen?« fragte er schnell.

»Daß du mit dem Äffle einen Namen hast.« Kasperle stellte sich
breitbeinig und vergnügt vor Herrn Häferlein hin; er meinte, der müßte
sich ganz ungemein freuen.

Statt zu lachen, rief Herr Häferlein aber wütend: »Wer sagt das? Herr
Baldan?«

Kasperle nickte froh. »Ja, der meint, für dich tät's passen; er ist
aber arg bös!«

»So, so, für mich ist der Name recht! Ei, sieh einer an!« Herr
Häferlein war ein sehr höflicher, freundlicher Mann; wenn er sich
aber ärgerte, dann ging es bei ihm leicht obenhinaus. Er vergaß, daß
Kasperle doch noch ein Dummerchen war, und er ließ seinen Laden im
Stich, sprang mit ein paar eiligen Sätzen über die Straße, riß in der
Apotheke die Türe auf und schrie: »Wo ist Herr Baldrian?«

Nun konnte sich der Provisor über nichts mehr kränken, als wenn man
seinen Namen verdrehte. Herr Häferlein tat dies auch ganz ohne Absicht
im hitzigen Eifer, aber gesagt war gesagt.

Herr Baldan fuhr ihn an: »Was fällt Ihnen ein, mich so zu nennen? Sie
haben wohl noch nicht ausgeschlafen?«

Herr Häferlein blieb die Antwort nicht schuldig. Eins, zwei, drei
ging es herüber und hinüber. Bitterböse Worte wurden gesagt, keiner
wollte zugeben, er habe unrecht, keiner lenkte ein. Sie schrieen sich
beide zornwütig an, und erst als Herr Grill kam und nach dem Grund des
Streites fragte, verließ Herr Häferlein fuchswild die Apotheke.

Drüben stand Kasperle am Laden Wache. Das hatte er schon manchmal
getan, und er war dann immer für seine Bravheit mit einem Zuckerstengel
belohnt worden. Den erwartete er auch diesmal, aber Zuckerstengel sind
unzuverlässige Gesellen; wenn man denkt, man hat sie, laufen sie davon.
Das arme Kasperle bekam statt des süßen Lohnes Schelte. Herr Häferlein
schrie ihn an, er solle nur marsch, marsch nach Hause gehen, und
klapp! schlug er ihm die Türe vor der Nase zu.

Der kleine Schelm stand ganz verwirrt auf der Gasse; er fand, sein
guter Freund behandele ihn recht schlecht, und weil er gar nicht
wußte, was er tun sollte, brach er in ein jämmerliches Weinen aus. Er
schluchzte herzbrechend und trottete tiefbetrübt die Gasse entlang
an der Rose vorbei. Drinnen hörte es Fräulein Laura, die zum Fenster
hinaussah und eben dachte: Das ist doch eine recht schrumpelige,
schnurrige kleine Gasse; sie gefiele mir schon, wenn ich nicht
drin wohnen müßte. Fräulein Laura war sehr gutmütig, und Kasperles
Schluchzen tat ihr leid; sie lief also flugs zum Hause hinaus,
hielt den Kleinen draußen fest und fragte ihn nach seinem Leid. Der
erzählte treuherzig alles; freilich etwas kunterbunt ging es schon
durcheinander. Die freundliche Trösterin hörte aber doch heraus, Herr
Häferlein sei böse.

Dieser böse Herr Häferlein trat just vor seinen Laden. Er hatte drinnen
auch Kasperles Klagen gehört, und weil sein schneller Zorn schon halb
und halb verraucht war, kam er nun doch mit dem Zuckerstengel. Da hörte
er Fräulein Laura sagen: »Pfui, er soll sich schämen, dieser schlimme,
abscheuliche Herr Häferlein, so einen netten kleinen Jungen wie dich zu
ärgern!«

»Ich -- ich bin kein Junge!« schluchzte Kasperle.

»Je, was bist du denn?«

»Ein Büble!«

Fräulein Laura lachte. »O du herzallerliebster Schelm!« rief sie
fröhlich. »Komm mit hinein, drinnen gibt es Schokolade, und Alette wird
sich freuen, wenn sie dich sieht.«

»Das Äffle auch?« fragte Kasperle zutraulich, der nur an den Affen
dachte und himmelgern mit in die Rose hineinging.

»Freilich, unser August schießt gleich Purzelbäume vor Freude, wenn du
kommst!«

Fräulein Laura spazierte mit Kasperle in das Haus hinein. Vor seiner
Ladentüre aber stand wütend und gekränkt der arme Herr Häferlein mit
einem rosenroten Zuckerstengel in der Hand. Das war doch zu toll! Die
Fremde hatte ihn schlimm und abscheulich genannt, und sein Namensvetter
würde Purzelbäume schießen, ja vielleicht tat er das einmal auf der
Gasse, und alle würden lachen und würden »August, August!« rufen.

Was zu viel ist, ist zu viel! Herr Häferlein zog sich beleidigt in
seinen Laden zurück. Da saß er und schaute mißmutig auf die kleine,
sonnenbeschienene Gasse hinaus. Drüben in der Apotheke saß Herr Baldan,
und beide ärgerten sich, daß ihre gute Freundschaft einen so argen Riß
bekommen hatte. Und warum eigentlich? Doch nur, weil ein Affe einen
Menschennamen hatte und August hieß.

Eigentlich eine alberne Dummheit die ganze Geschichte, weiter nichts,
dachte der Provisor Baldan. Doch daran, dem alten Freunde ein gutes
Wort zu geben, dachte er nicht. »Er mag nur zu mir kommen!« brummte
er, und drüben Herr Häferlein dachte nicht anders. »Er muß den ersten
Schritt tun, nicht ich, er hat unrecht,« sagte der zu sich.

Inzwischen kam sein Gehilfe zurück, und weil um diese frühe
Nachmittagsstunde immer wenig Kunden vorsprachen, nahm Herr Häferlein
seinen Hut und lief hinaus. Ein tüchtiger Weg vertreibt am besten den
Ärger, meinte er, und darum rannte er die Löwengasse hinab über den
unteren Markt, rannte durch allerlei Gassen, bis er zuletzt an ein
altes Stadttor kam. Dahinter lag das freie Land.

Breitenwert hatte noch eine Stadtmauer, es hatte auch noch Tore
wie einst im Mittelalter, und darauf waren die Breitenwerter sehr
stolz; sie fanden ihr Städtchen schöner als manche seiner stolzen,
weitgebauten Schwestern. Auch das Land ringsherum war lieblich, nicht
Gebirge und nicht Ebene, aber es gab bewaldete Höhen und anmutige
Tälchen, es gab auch einen kleinen, schwatzhaften Fluß, Wiesen und
Felder. Herr Häferlein fand seine Heimat schön, und es konnte einer
von Alpen und Meeren reden und der Pracht des Südens und der ernsten
Schöne des Nordens, allemal sagte Herr Häferlein: »Na ja, geht mal bei
uns ein paar Stündle spazieren, da könnt ihr schauen, schön ist's, arg
schön!«

Er ließ sich auch an diesem Nachmittag froh die Märzluft um die Stirne
wehen, sah die Saaten im ersten hellen Grün leuchten und dachte: »So
ein Spaziergang tut gut, sehr gut, ausnehmend gut; da weiß man wirklich
nicht, wo die schlechte Laune hinkommt. Wenn doch alle Leute so
gescheit wären und zur rechten Zeit spazierengingen!«



Drittes Kapitel.

Neue Freundschaft.

    Augustle beträgt sich wie ein Minister und doch nicht wie ein
    Minister, und Frau Tippelmann wird ärgerlich. Warum es nicht
    gut ist, jemand beim Schlokoladetrinken zu stören, und warum
    Fräulein Laura sagt, Alette hätte nur Prinzessinnenschuhe.
    Trinle Grill patscht in den Frühlingsschmutz, und Alette Amhag
    vergißt die weite Welt.


Spazierengehen ist gut, namentlich wenn die Sonne so verheißungsvoll
scheint, dachten auch die Grills. Die drei Geschwister arbeiteten flink
und eifrig, die Mutter rüstete Wegzehrung, und als es drei Uhr schlug,
trat der Vater aus seinem Arbeitszimmer und rief: »Wer ist fertig?«

»Wir!« Veit, Steffen und Trinle kamen angerast, nur das Kasperle gab
keine Antwort, das fehlte.

Ein Weilchen scholl das Rufen nach ihm durch Haus und Garten, dann
rannten die Geschwister auf die Gasse und ließen dort ihre Stimmen
erschallen, aber kein Kasperle gab Antwort. Trinle lief hinüber zu
Herrn Häferlein, vielleicht war der kleine Bruder bei seinem guten
Freund, aber der Gehilfe wußte nichts von ihm, und Herr Häferlein
war auch nicht da. Da rannte Veit zum Untermarkt hinab, Steffen zum
Obermarkt hinauf, denn da und dort gab es allerlei gute Freunde, zu
denen Kasperle manchmal ging, aber niemand wußte etwas von ihm. Frau
Grill begann sich zu ängstigen. Ein Seitensträßchen der Löwengasse
führte zum Fluß hinab; der war zwar seicht und mehr ein Bach, aber
hineinfallen konnte so ein kleiner Dreikäsehoch wie Kasperle schon.

Mutterherzen zittern und zagen leicht, und wenn Mütter in Angst weinen,
ist das unendlich traurig. Den drei Geschwistern wurden die Herzen
schwer; sie standen ratlos auf der Löwengasse und wußten nicht, wo sie
den Bruder suchen sollten.

Daran, in der Rose nachzufragen, dachten sie nicht; in alle Häuser
schauten sie hinein, dies eine ließen sie aus. Mit Frau Tippelmann
unterhielten sie keine Freundschaft; die war nicht sonderlich
liebenswürdig, und die Grillschen Kinder gingen zu dieser Nachbarin
nur, wenn sie ihr etwas von der Mutter bestellen sollten. Und doch
saß Kasperle, der vielgesuchte Ausreißer, als ein sehr geehrter,
bewunderter Gast in der Rose. In einem großen, nach dem Garten gehenden
Zimmer thronte er auf einem zierlichen Sofa zwischen zwei neuen, aber
schon sehr guten Freunden, zwischen Alette Amhag und dem Affen August.

Alette hatte nach den ersten Stunden in dem alten Haus, in das sie mit
so frohem Herzen eingezogen war, gemeint, hier würde es ihr doch nicht
gefallen. Es war doch alles so ganz, ganz anders, als sie es gewohnt
war, und dann -- Frau Tippelmann. Die zeigte kein bißchen Freude. Laura
nannte sie gleich einen Sauertopf, und wirklich sah Frau Tippelmann
auch gar nicht aus, als machten ihr die neuen Hausbewohner viel Freude.
August besonders sah sie mißvergnügt an, und sie brummte: »Affen und
wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Die kleine Alette wußte nun nichts davon, daß Menschen, die lange
einsam waren, nicht so rasch den Weg zu anderen Menschen finden. Sie
selbst war wie ein Schneckchen; tippte jemand an ihr Seelenhaus, gleich
kroch sie hinein. Sie war immer in allem Reichtum, der sie umgab, ein
einsames Kind gewesen. Ihre Mutter war früh gestorben, und der Vater
hatte sie oft auf seine Reisen mitgenommen, sie auch wohl bei Freunden
untergebracht. Da hatte sie einmal in Südamerika gelebt, in Indien,
in Japan, immer in reichen, üppigen Häusern, aber immer fremd, immer
im Grunde heimatlos. Immer hatte sie gemeint, am besten auf der Welt
müßte es in Breitenwert sein, der Stadt, aus der ihr Großvater stammte.
Weil sein Vater so oft und so viel davon gesprochen, hatte Herr Amhag
das einstige Familienhaus gekauft. Und als er nun wieder eine weite
Reise unternehmen mußte, gab er Alettes Bitten nach und beschloß, diese
mit einer Stiefschwester seiner verstorbenen Frau nach Breitenwert zu
schicken. Doch diese Tante erkrankte, als Herr Amhag auf Reisen war;
sie scheute daher die weite Reise und übergab Alette Frau Juana van
Bachhoven, der Frau eines reichen Großkaufmanns, die eine Europareise
unternahm. Diese versprach, Alette selbst gut und sicher nach
Breitenwert zu bringen, und gab der Kleinen zur Bedienung ihre eigene
Zofe Laura.

Laura Budicke oder Fräulein Laura, wie sie sich am liebsten nennen
hörte, tat zwar oft recht fremdländisch, sie war aber aus Berlin
und hatte nur einige Jahre im Ausland gelebt. Sie fand freilich die
Zumutung, in einer kleinen deutschen Stadt zu leben, grauslich, aber
sie tat es schließlich gern um Alettes willen. Das hinderte sie nicht,
in den ersten Stunden in der Rose alles zu tadeln, und das einzige,
was ihr in Breitenwert gefiel, war eigentlich das blonde, rotbäckige
Kasperle, das sie freudestrahlend zu Alette brachte. »Da hast du
jemand,« rief sie. »So'n Junge! Unsern August will er sehen!«

Kasperle war gar nicht schüchtern. Zu ihm waren immer alle Menschen
nett und freundlich, und in der ganzen Löwengasse verwöhnte man
Kasperle Grill. Er fand es daher gar nicht erstaunlich, als lieber Gast
in die Rose geholt zu werden, und er streckte Alette Amhag zutraulich
seine dicke, etwas schmutzige Patsche hin und fragte: »Wo ist Augustle?«

Alette war fast schüchterner als Kasperle, aber nach fünf Minuten
war doch die Freundschaft geschlossen, und Kasperle versprach höchst
vergnügt: »Weißt, Alettle, ich besuch dich alle Tage, dich und
Augustle!«

»Na, und wo bleibe ich?« fragte Fräulein Laura neckend. »Werde ich gar
nicht genannt?«

Kasperle sah sich ein wenig verlegen um. Er blickte von Alette zu
August und von August zu Laura, und endlich rief er: »Dich besuche ich
doch mit, weil du dem Augustle sein Tantle bist.«

Damit war Fräulein Laura zwar nicht einverstanden; eine Affentante
mochte sie nicht genannt werden, doch Kasperle sah sie so treuherzig
mit seinen runden, blauen Augen an, daß all ihr Groll schwand und
sie vor sich hin brummte: »So'n niedlichen Jungen habe ich noch nie
gesehen, der könnte wirklich gleich hier drüben in dem alten Muffelhaus
bleiben.«

August schien auch seine Freude an dem Gast zu haben, jedenfalls tat er
alles, um den zu unterhalten. Er machte die tollsten Sprünge, schoß
wundervolle Purzelbäume und saß mal auf dem Tisch, mal unter dem Tisch,
er spazierte auf dem Fensterbrett entlang und setzte sich dann wieder
höchst feierlich auf einen Stuhl.

»Wie'n Minister!« behauptete Laura. Sie tat, als sähe sie jeden Tag
einen Minister irgendwo sitzen. Kasperle jauchzte. Alette lachte, und
ihr Lachen lockte Frau Tippelmann herbei. Die vergaß für ein Weilchen
ihre viele Arbeit, sie blieb an der Türe stehen und lauschte still
diesem klinghellen Gelächter. Sonst pflegte sie immer zu sagen: »Am
vielen Lachen erkennt man den Narren.« Heute schwieg sie zu allem
lustigen Lärm in dem sonst so stillen Hause. Doch da bekam August
plötzlich seine Ministerrolle satt und sprang Frau Tippelmann auf den
Kopf, gerade als müßte das so sein.

»Wie drollig!« rief Laura.

»Hat sich was, drollig!« schalt Frau Tippelmann ärgerlich. »Potzwetter,
so ein unnützer Wicht!« Und ripsch, rapsch holte sie August von seinem
seltsamen Sitz herunter und trug ihn in eine leere Stube. »Hier kannst
du dir die Wände begucken,« brummte sie, »zu mehr bist du nicht nütze.«

Kasperle jammerte August laut nach, bis Laura tröstete: »Sei nur gut,
mein Engelchen, nachher kommt August wieder. Jetzt sollt ihr erst
Schokolade trinken; Alette hat heute so wenig gegessen. Gleich geh ich
und sag's Frau Tippelmann.«

Engelchen wurde Kasperle nie genannt, und Schokolade bekam er selten
zu trinken, aber beides gefiel ihm, und sein Gesicht hellte sich
schnell wieder auf. Da lief Fräulein Laura eilig, das süße Getränk zu
bestellen. Doch Frau Tippelmann sagte nicht gleich: »Ja, ich koche,«
sie schüttelte bedenklich den Kopf und murrte: »Schokolade, so einfach
am Wochentag, das ist in Breitenwert nicht Sitte.«

Laura lachte sie herzhaft aus. Sie erzählte dann schnell, wie reich
Herr Amhag und wie verwöhnt Alette sei, und der guten Frau Tippelmann
wurde es himmelangst, als sie von all den Landhäusern, Zimmern,
Gärten, Dienern und Kleidern hörte, an die Alette gewohnt war. Wie ein
Schnurrädchen zählte Fräulein Laura her: »Dies muß Alette haben und
das, und eigentlich müßte hier eine Köchin sein, ein Diener, Wagen und
Pferde oder ein Auto, und das Haus ist zu alt und der Garten zu klein.
Na ja, es dauert nicht lange!« fügte sie hinzu.

»Ist auch gut,« brummte Frau Tippelmann. »Freilich, das will nicht in
meinen Kopf hinein, daß so 'n schönes altes Haus, in dem die reichen
Amhags so lange gelebt haben, für so 'n kleines Mädchen zu eng sein
soll. Na, meinetwegen, ich halt's mit dem Wort: »Was dich nichts
angeht, darein misch dich nicht!«

Sie ging und kochte Schokolade; sie tat es mit schwerem Herzen, denn
das fremde Wesen im Hause bedrückte sie. So viele Seufzer sie aber auch
ausstieß, die Schokolade geriet doch gut dabei, und Kasperle Grill
freute sich.

Alette Amhag hätte nie gedacht, daß sich jemand so sehr über
Schokolade und Kuchen freuen könnte wie ihr kleiner Gast. Der krähte
vor Vergnügen, behauptete, er sei furchtbar schrecklich hungrig und
schmauste dann auch wie ein nimmersattes Wölflein. Das arme verbannte
Augustle vergaß er für ein Weilchen vollständig, aber auch den
Spaziergang, die Eltern und die Geschwister.

Die suchten inzwischen ihr Kasperle mit wachsender Angst. Der Vater
tröstete zwar: »Wir finden ihn schon; in unserm Breitenwert geht nicht
leicht ein Kind verloren,« doch der Mutter Herz wurde schwer vor Sorge.

Trinle heulte verzweifelt, und die Brüder rasten immer wieder die Gasse
entlang und schrieen des Bübles Namen. Tiefbetrübt und schier ganz und
gar verzagt war Herr Baldan. Der gehörte zu den Menschen, die immer
gleich ein Unglück vermuten. Stand am Himmel eine tellergroße Wolke,
dann sagte er sicher: »Es gibt ein Gewitter,« und regnete es einen Tag,
dann redete er von einer ungeheuren Überschwemmung, die kommen würde.
An diesem Nachmittag klagte er immerzu: »Das Kasperle ist verloren,
ganz sicher. Ich hab's gleich geahnt; ein Tag, der so anfängt, mit
Affen und so viel Geschrei und Trara, der bringt Unheil.«

Er redete das zu dem Gehilfen, und der erwiderte spöttisch: »Na ja,
eins haben wir schon gehabt, den Streit mit Herrn Häferlein.«

»Nun,« rief Herr Baldan, »ist daran nicht etwa der Affe schuld, der
August?«

»August! August!« schrie es draußen ganz laut und gellend, und Herrn
Baldan blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Was war das?

Von der Gasse herein tönte das Rufen, tönte lautes Geschrei; die
Stimmen der Grillschen Kinder waren vor allen andern zu hören. Der
Provisor stürzte hinaus.

Um Himmelswillen, man brachte gewiß Kasperle, seinen Liebling!

»Wo ist er, wo ist er?« Herrn Baldans Rufen mischte sich in das
Geschrei der andern.

»Da ist er, da ist er,« jauchzten ein paar Buben.

»O du heiliger Bimbam, was ist das?« Der Provisor knickte vor Schreck
zusammen, denn etwas Schwarzes war ihm auf die Schulter gesprungen, das
saß da und wollte anscheinend dableiben, denn Herr Baldan fühlte sich
recht fest umklammert.

»August, August, da ist er!«

Der Gehilfe griff rasch zu und packte den kleinen Ausreißer und
Tunichtgut, den Affen August, am Genick und suchte Herrn Baldan zu
befreien. Leicht ging es nicht, denn der vierbeinige August zappelte
und fauchte wütend und gab in seiner Angst seinem unschuldigen
Namensvetter heftige Ohrfeigen.

Die beiden Auguste waren wütend aufeinander, und die Umstehenden taten
noch, als wäre die ganze Sache eine lustige Geschichte; sie lachten,
und selbst Trinle Grill hörte ein paar Augenblicke auf zu heulen.

Da schrie plötzlich Veit: »Er hat Kasperles Mütze!« und mit raschem
Griff entwand er dem Affen eine kleine dunkelblaue Mütze. »Die gehört
Kasperle! Ja, aber wo ist Kasperle?«

»In der Rose, denn von dort kommt der Affe,« rief der Vater.

»In der Rose, unser Kasperle?« Die Kinder rannten dem Vater nach, die
Mutter nicht minder geschwinde. Herr Baldan schrie dem Gehilfen zu:
»Aufpassen!« und raste nach, und die ganze Gesellschaft langte drüben
vor der Rose an und spazierte in das Haus hinein, und Frau Tippelmann
wußte erst nicht wie und was, als sie den Hausflur so voller Menschen
sah. Aber da erblickte sie Frau Grills blasses Gesicht, sie verstand.
Schnell riß sie eine Türe auf und rief: »Da ist er!«

Ja, da war er. Wie ein kleiner Prinz thronte er mitten auf dem Sofa
und schickte sich gerade an, die vierte Tasse Schokolade auszutrinken.
Er pustete schon ein wenig, sein Bäuchlein war schon ganz dick, aber
er wollte doch noch von dem süßen Trank schlürfen, der ihm so gut
schmeckte wie weiland den alten Deutschen der süße Met. Und einen Bart
hatte das Kasperle schon, um den ihn ein Raubritter beneiden konnte, so
breit war der.

Es ist nicht gut, wenn einer beim Schokoladetrinken allzu sehr
überrascht wird. Hupp! machte die Tasse, und am Kasperle rann ein
braunes Bächlein herunter. Er wollte die Tasse wegsetzen und warf die
von Alette um, und auf dem weißen Tuch floß ein brauner See.

»Kasperle, du hier?«

»Aber Kasperle, wie kommst du hierher?« riefen Eltern und Geschwister.

Frau Tippelmann sah nur den braunen See; sie schalt ärgerlich: »Zu viel
Dung wirft den Wagen um.«

Am tiefsten war Alette Amhag vor den vielen fremden Menschen
erschrocken. Sie stammelte zitternd: »Er hat mich nur besucht.«

»Ja,« rief Kasperle weinerlich, denn ihm fing es an ungemütlich zu
werden, »ich besuch' sie alle Tage. Alettle ist meine Freundin, und sie
ist -- ist -- ne -- Indianerin!«

Da war es heraus, das schwere Wort, und es tut wohl, wenn man so von
banger Angst erlöst wird. Sie lachten alle, selbst Frau Tippelmann
schmunzelte, und am allerlautesten lachten Herr Baldan und Kasperle.
Frau Grill nahm ihr beschmiertes Bübchen auf den Arm und sagte
zärtlich: »O du böser Schelm, wie habe ich mich um dich gesorgt!«

Alettes Augen wurden da groß und weit; eine unendliche Sehnsucht stieg
jäh in ihrem kleinen Herzen auf, auch einmal so an einer Mutter Herzen
ruhen zu können, und unwillkürlich flüsterte sie leise: »Ach, Kasperle,
du hast es gut!«

Nur Frau Grill hörte das leise Wort, und Frau Grill verstand in kleinen
traurigen Herzen zu lesen und verstand es, linde zu trösten. Sie zog
Alette, die aufgestanden war und schon neben ihr stand, herzlich an
sich und sagte liebevoll: »Willkommen in deiner Väter Heimat! Möge es
dir hier gut gehen! Du hast schon mit unserm Kasperle Freundschaft
geschlossen, ich hoffe, wir andern kommen auch daran.«

»Das will ich meinen! Die Amhags und die Grills waren allezeit gute
Freunde,« rief Herr Grill. »Aber nun, wenn wir nicht bald laufen, läuft
uns die Sonne davon; unser schlimmes Kasperle hat uns schon um eine
Stunde Zeit gebracht.«

»Spazierengehen!« rief Kasperle, dem dies plötzlich wieder einfiel.
»Alettle geht mit.«

»Wenn sie will, kann sie es tun, und wenn sie gescheit ist, tut sie
es!« Herr Grill nickte Alette auch zu, als wäre die seit vielen Jahren
in Breitenwert daheim, und die schüchterne Alette verlor die letzte
Befangenheit und sagte: »Ich möchte so gern!«

»Spazierengehen!« Laura sah so entsetzt drein, als wäre Spazierengehen
und In-den-Krieg-ziehen einerlei. »Das ist nichts für unsere
Alette, die fährt nur,« rief sie protzig, »die hat auch nur
Prinzessinnenschuhe.«

»O du lieber Himmel, das arme Kind,« entfuhr es Frau Tippelmann.
Kasperle aber fragte neugierig: »Sind die von Gold?«

»Nein,« erwiderte Alette rasch, »ich kann mit meinen Schuhen schon gut
spazierengehen. Ach, bitte, bitte, ich will mit!«

»Na, meinetwegen,« brummte Laura, »mir soll's recht sein, aber wenn das
die gnädige Frau van Bachhoven hört, die fällt gleich um vor Schreck.«

»Sie steht auch wieder auf,« erklärte Frau Tippelmann. »Märzensonne ist
gesund.«

»Und allzu viele Sprichwörter sind ungesund,« schalt Laura halblaut,
die fand, Frau Tippelmann habe gar nichts drein zu reden. Dann ging sie
aber doch, für Alette die Sachen zu rüsten, und als sie dabei geschwind
zum Fenster hinausblickte und die Gasse so freundlich im Sonnenschein
liegen sah, wäre sie am liebsten auch spazierengegangen. Sie sputete
sich darum; wenigstens sollte Alette noch recht im Sonnenschein
wandern.

Ein paar Minuten später standen die Wanderlustigen wirklich auf der
Löwengasse, und Alette bekam ganz blinkeblanke Augen vor Freude. Die
Grillschen Kinder lachten darüber und sagten: »Du tust, als wärst du
noch nie spazierengegangen.«

Nein, eigentlich hatte das Alette auch noch nie getan. Sie war
gefahren, so behaglich als möglich, auf großen Schiffen, in Kraftwagen,
in den schnellsten Schnellzügen, aber noch niemals war sie auf Wiesen-
und Feldwegen richtig spazierengelaufen. Täglich hatten kostbare Blüten
die Zimmer, die sie bewohnte, geschmückt, aber noch nie hatte Alette
Amhag ein paar winzige weiße Schneeglöckchen selbst gepflückt, wie es
Trinle Grill an diesem Nachmittag tat. Sie patschte dabei tief in den
weichen Frühlingsschmutz hinein, und Alette patschte ihr jauchzend
nach, und sie tat, als hätte sie einen goldenen Schatz gefunden, so
sehr freute sie sich. Ihre Freude steckte die andern an, und es wurde
ein sehr fröhlicher Spaziergang. Die Grills gingen andere Wege als
Herr Häferlein, aber sie fanden die Heimat von rechtsum so lieblich
als der Kaufmann es von linksum tat. Und Alette war begeistert und
schloß Freundschaft mit Trinle, Veit und Steffen und vergaß Frau van
Bachhoven, Paris und die ganze weite Welt über Breitenwert und dem
Löwengäßle.



[Illustration]



Viertes Kapitel.

Im Silbernen Stern.

    Die Sternbuben finden eine Zigarre. Frau Sektretär Schmidt
    ärgert sich, und Herr Häferlein kommt dazu und gibt guten Rat.
    Gundel Hinz muß eine Geschichte erzählen, und das schlimmste
    Teufele heißt Herr Häferlein. Käthle läßt sich auf keine
    Verhandlungen ein, und die Sternbuben drohen dem Kaufmann.


Drei Augenpaare hatten lange den Grills und Alette Amhag nachgesehen,
als die durch die Löwengasse schritten, um spazierenzugehen. Neidisch
und sehnsüchtig waren die Blicke gewesen, wie solche sind von Kindern,
die gern auch dabei wären.

Am Ende der Löwengasse, halb schon am Untermarkt, lag das Gasthaus zum
Silbernen Stern, das Heimathaus der schlimmen Sternbuben. Es war ein
uralter, wohlangesehener Gasthof. Der Silberne Stern prangte schon
zweihundert Jahre im Torschild, und viele, auch vornehme und reiche
Gäste waren im Laufe der Zeit darin eingekehrt. Zwei Täfelchen an
der Mauer, dicht neben dem Tor, verkündeten, daß einstmals ein König
und später ein sehr berühmter Mann im Silbernen Stern gewohnt hatten.
Das Haus hatte innen weite Flure und große Zimmer, viele Kammern und
Bodengelasse, und wenn die Sternbuben darin Versteckens spielten,
fanden sie sich beinahe selbst nicht zurecht.

Den Gasthof verwaltete allein nach dem Tode ihres Mannes Frau Marianne
Hinz. Das war eine umsichtige, fleißige Frau, die von früh bis spät im
Hause schaffte. Die Gäste im Silbernen Stern spendeten ihr reiches Lob;
wer einmal einkehrte, vergaß selten das Wiederkommen. Eins vergaß Frau
Marianne aber mehr und mehr über ihrer Arbeit, das waren ihre Kinder,
nicht deren leibliches Wohl, aber ihre Erziehung. Die Kinder wurden
satt, wurden gut gekleidet und litten keinerlei Mangel, was sie aber
sonst den lieben langen Tag taten, danach fragte die Frau wenig. Am
Zeugnistag gab es freilich immer Schelte, mitunter griff Frau Marianne
auch zum Stock, damit war es jedoch abgetan. In der übrigen Zeit fragte
die Mutter nie, wie es in der Schule ging, sie merkte nicht einmal das
Nachsitzen. Sie wußte wohl, ihre beiden waren rechte Wildlinge, aber
sie dachte leichtherzig, das gibt sich, Buben sind nun einmal so.

Noch weniger beinahe kümmerte sich Frau Hinz um ihr einziges Mädelchen.
Da brauchte sie nicht einmal an den Zeugnistagen zu schelten, denn
Gundel brachte immer gute Nummern heim. Gundel Hinz war ein scheues,
stilles Kind, durch frühes Leiden ernst geworden; sie hinkte, und schon
darum konnte sie nicht, wie es Trinle Grill tat, an den Spielen der
Brüder teilnehmen. Mathes und Peter verlangten freilich auch nicht
danach. Sie vertrugen sich nach ihrer Art sehr gut mit der Schwester,
sie kümmerten sich jedoch nur um sie, wenn sie etwas von ihr haben
wollten, wenn z. B. die Löcher in Hosen und Kitteln so groß waren,
daß es selbst ihnen zu arg schien. Die langjährige Hausmagd Mina im
Silbernen Stern, die für Wäsche und Kleider Sorge trug, verstand
nämlich in solchen Dingen keinen Spaß. Sie ging nicht erst zur Mutter,
um anzuklagen, sondern strafte selbst, meist sehr handfest und
grob. Es kam auch vor, daß sie an einem Sonntag den Buben sämtliche
Kleidungsstücke wegnahm und die beiden dann den schönen freien Tag im
Bett verbringen mußten. Das Haus und die Gasse hatte dann Ruhe vor den
beiden, und die schadenfrohen Nachbarn sagten wohl schmunzelnd: »Haha,
heute werden den Sternbübles die Hosen geflickt!«

Die Gasse sagte den Buben viel Schlimmes nach, und die Grills waren
nicht die einzigen, die mit ihnen nichts zu tun haben wollten. Herr
Häferlein mochte sie gar nicht in seinem Laden sehen. Herr Baldan
drohte gar mit dem Stock, und der dicke Bäcker Hering an der Ecke vom
Untermarkt sagte, er würde es noch einmal mit ihnen machen, wie es Max
und Moritz geschehen war.

An diesem Nachmittag hatten sich die Sternbuben in eine der
leerstehenden Fremdenstuben geschlichen, um ganz ungestört zu sein.
Es war keine Zeit, wo viele Fremde kamen, und etliche Stuben standen
darum verschlossen und verhängt. Mathes hatte unbemerkt einen Schlüssel
vom Brett genommen, und nun saßen sie vergnügt in dem großen Zimmer
und -- rauchten. Sie hatten auf der Straße eine dicke, große Zigarre
gefunden und beschlossen, diese gemeinschaftlich zu rauchen. Einmal zog
Mathes daran, dann Peter, und obgleich es ihnen eigentlich abscheulich
schmeckte, sagte doch immer einer zum andern: »Fein!«

Sie hatten sich auf das Fensterbrett gesetzt und sahen auf die Gasse
hinaus, denn wenn sie auch heimlich rauchten, so kamen sie sich doch
sehr wichtig vor und meinten, ein paar Leute könnten es schon sehen,
wie gut sie zu rauchen verstanden. Dabei sahen sie auf der Gasse
Grills wandern mit Alette Amhag. Die lachten gerade, als sie am Hause
vorbeigingen; sie sahen sehr vergnügt aus, und den beiden Wildfängen
schmeckte die Zigarre auf einmal noch schlechter als zuvor.

In der Gasse dachten alle: Die Sternbuben kann man schelten und schief
ansehen, so viel man nur will, sie machen sich nichts daraus, die haben
eine dicke Haut. Aber das war nicht richtig, die Sternbuben kränkten
sich wohl darüber, viel mehr als irgend jemand ahnte, und im Grunde
wären sie viel lieber so gern gesehen und wohl gelitten gewesen, wie
es die Grillschen Kinder waren. Die waren zwar auch wild, aber dann
doch wieder folgsam und höflich und fleißig dazu, auch schimpften und
fluchten sie nicht und streckten nicht ihre Zunge andern Leuten heraus.

Neidisch und sehnsüchtig zugleich sahen die beiden Raucher auf die
lustigen Spaziergänger herab.

»Die Neue aus Indien geht gleich mit ihnen,« brummte Mathes.

»Hm,« knurrte Peter, »uns wird sie net anschauen!«

Mathes seufzte schwer, und der Bruder fragte kleinlaut: »Was hast,
wird's dir auch übel?«

»Ich hab solche Sehnsucht!«

»Nach -- -- der Indianerin?« schrie Peter.

»Noi, nach dem Äffle, dem August.«

»Ja so -- ich auch!«

Eine Weile schwiegen beide, dann sagte Mathes plötzlich: »Weißt, wir
besuchen mal gleich Frau Tippelmann!«

»Ach, die -- die tut uns rausschmeisse!«

Mathes seufzte wieder. Es wurde ihm so sonderbar zumute, gewiß vom
Nachdenken. Der Bruder reichte ihm die Zigarre: »Jetzt rauch du
wieder!«

»Ja -- aber ...« Mathes nahm das Zigarrenstümpfchen nur zögernd in
den Mund, da sah er, daß drüben die Frau Sekretär Schmidt zum Fenster
heraussah. Das war eine Dame, die sehr oft und sehr viel auf die
Sternbuben schalt, und Mathes dachte trotzig: Nun gerade! Er paffte
kräftig, blies den Rauch mit vollen Backen zum Fenster hinaus, und
drüben schlug Frau Schmidt die Hände zusammen über die unnützen Buben.

»Gib mir noch mal!« Peter nahm die Zigarre und tat auch noch ein paar
Züge, und drüben klappte Frau Schmidt ärgerlich das Fenster zu. Die
Sternbuben werden immer ärger, dachte sie.

»Jetzt, wenn wir das Äffle hier hätten, wär's noch feiner,« sagte Peter.

Da beugte sich Mathes rasch vor und sagte halblaut: »Wir -- borgen uns
das Äffle mal.«

»Hm, borgen!« Peter warf das letzte Zigarrenendchen weg; er neigte sich
auch zu dem Bruder hin, und trotzdem sie ganz mutterseelenallein in dem
Zimmer waren, tuschelten sie doch heimlich miteinander. Sie kicherten
verschmitzt, es fiel ihnen dies und das ein. Peter sagte: »Komisch, daß
das Äffle August heißt wie Herr Häferlein!«

»Wie Herr Baldan!«

»Au jeh,« kreischte Peter plötzlich, »mir wird so übel!«

»Mir auch! Oh, oh mein Bauch!« jammerte Peter.

Sie rutschten vom Fensterbrett herab und krümmten sich auf der Diele
herum, denn auf einmal rumpelte und pumpelte das in ihren Bäuchlein
ganz unverschämt herum. Sie meinten außerdem, im Zimmer führe aller
Hausrat, Betten, Tisch, Schrank und Stühle, einen wilden Tanz auf;
alles wackelte und schwankte, und Peter, der sich aufrichten wollte,
purzelte auch gleich um. Platsch, lag er da, käseweiß sah er aus.

Er stirbt, dachte Mathes angsterfüllt und brüllte, so laut er nur
konnte. Und das Schreien verstanden die Sternbuben gut. Angst und
Schmerzen stärkten noch Mathesles Stimme, er brüllte wirklich wie ein
kleiner Ochse.

Das Zimmer lag im zweiten Stock; niemand war um diese Zeit oben, und
in den Wirtschaftsräumen war nichts zu hören. Auf der Straße vernahm
man das Jammergeschrei. Haha, die Sternbübles kriegen Haue! dachten
ein paar Nachbarsleute, aber Herr Häferlein, der eben von seinem
Spaziergang heimkam, hörte den Hilferuf heraus. Er lief in den Stern
hinein, und ein paar Minuten später rannten die Wirtin, die Mägde und
der freundliche Kaufmann dazu die Treppen hinauf und fanden oben die
beiden Missetäter.

»Haha! geraucht!« Herr Häferlein schnupperte in der Luft herum. »Das
ist keine schlimme Krankheit, Frau Wirtin,« sagte er lachend. »Die
beiden gehören ins Bett und dann -- meine Nachbarin Tippelmann würde
sagen: Der Stock muß helfen.«

O der böse, hartherzige Herr Häferlein!

Peter war muckstill, dem war es zu übel, aber Mathes brüllte noch
jammervoller, ganz schaurig klang es.

Frau Hinz sah doch etwas ängstlich drein, aber Herr Häferlein tröstete
sie gutmütig und versicherte: »Das geht bald vorüber. Heute dürfen
Sie ihnen nichts mehr zu essen geben, dann sind die beiden morgen
putzmunter, und dann -- den Stock nicht vergessen, den ja nicht.«

Nach diesem freundlichen Zuspruch ging Herr Häferlein, und die
Sternwirtin handelte wirklich nach seinen Worten. Dies war nun Mathes
und Peter sehr, sehr unangenehm, sie fühlten sich sehr unglücklich und
warfen beide einen tiefen Haß auf Herrn Häferlein. Sie wurden in das
Bett gesteckt, bekamen jeder bittere Tropfen zu schlucken, und danach
wurde ihnen jegliches Jammergebrüll ernsthaft untersagt, sonst --. Die
Mutter sah dahin, wo der Stock stand. Da krochen die Sternbübles flugs
unter die Decken, und von dorther tönte noch eine Weile ihr klägliches
Weinen.

Gleich den Brüdern hatte Gundel den Grills und Alette Amhag
nachgeblickt, solange sie nur ein Zipfelchen von ihnen sehen konnte.
Sie tat das ohne Neid über die Fröhlichkeit der andern, aber mit tiefer
Sehnsucht, auch einmal so in lustiger Gesellschaft dahinwandern zu
können. Ihr Leiden hatte sie zwar äußerlich scheu und verschlossen
gemacht, und wer das blasse Kind mit den ernsthaften großen Augen sah,
der ahnte gar nicht, in was für fröhlichen Gärten Gundel manchmal
spazierenging, Traumgärten, in denen sie heiter und schwatzlustig war.
Sie redete, wenn sie allein war, mit allen Dingen in Haus und Garten.
Da waren Bäume Märchenprinzen, Blumen feinliebe Elfenkinder, da war der
große Schrank ein alter König und die alte Standuhr eine kluge Fee. Sie
selbst war eine Prinzessin oder ein Gänsemädchen, manchmal auch eine
Mutter mit vielen Kindern, die schrecklich viel zu tun hatte, und die
ihren Kindern doch Geschichten erzählte.

Mitunter setzte Gundel ringsum Stühle, gab denen Namen, setzte sich
in die Mitte, erzählte Märchen oder hielt Schule ab. Einen alten
hochlehnigen Polsterstuhl, den sie besonders schön fand, nannte sie
immer Trinle Grill, denn in aller Heimlichkeit liebte Gundel das wilde,
frohe Nachbarskind, und bitter kränkte sie der Streit, den ihre Brüder
mit den Grills hatten.

An diesem Tage erhielt der Polsterstuhl einen feinen Nachbarn, einen,
auf dem ein gesticktes Kissen lag; den nannte Gundel Prinzessin Amhag
nach Alette, deren Vornamen sie noch nicht wußte.

Vor dieser Stuhlprinzessin machte Gundel gerade einen feierlichen
Knicks, sagte, sie wolle ihr eine sehr schöne Geschichte vorlesen,
als das wilde Brüllen der Brüder zu ihr herüberklang. Da lief sie
erschrocken, so schnell sie mit ihrem Hinkefüßchen laufen konnte,
dem Schreien nach, aber kurz vor dem Ziel hielt Mina sie fest: »Die
kriegen Schläge, Gundele, das ist ihnen arg gesund, du komm nur mit
mir! Verwunderlich ist's, wie ein solch brav Mädele zu solch unnütze
Brüderle kommt,« sagte sie. Mina meinte es gut mit Gundel, sie hatte
nur, genau wie Frau Hinz, zu wenig Zeit, sich viel um das stille Kind
zu kümmern.

Ein Weilchen blieb Gundel in der Küche, dann schlich sie sich davon und
suchte die Brüder auf. Sie öffnete sachte die Türe. Die beiden heulten
und stöhnten noch, aber nun schon mehr aus Langeweile als aus Schmerz.
Der Schwester Besuch kam ihnen sehr gelegen, und sie forderten: »Erzähl
uns was!«

Statt ihrer Stuhlgesellschaft erzählte nun Gundel den Brüdern ein
langes Märchen. Weil die immer viel haben wollten von allem, kamen
darin etliche Prinzessinnen und Könige vor, gleich ein halbes Dutzend
gute Feen und nicht ein, sondern drei Teufel. Der jüngste Teufel war
besonders schlimm, und Peter, dem es schon wieder ganz gut ging,
fragte: »Gelt, das Teufele heißt Herr Häferlein?«

»Eigentlich nicht,« sagte Gundel ganz erschrocken, denn sie fand Herrn
Häferlein viel zu nett und freundlich, um ein Teufele nach ihm zu
benennen.

»Eigentlich doch!« schrie Mathes. »Das ist fein! Mach fix, daß er
eingesperrt wird!«

Da ergab sich Gundel drein. Sie ließ das Teufele Häferlein zum Ergötzen
der Brüder noch allerlei schlimme Dinge erleben, und zuletzt geriet es
mit seinem Schwanz zwischen zwei schwere eiserne Torflügel, und da saß
es, konnte nicht heraus aus der Falle und mußte große Schmerzen leiden.

»Und wenn es nicht gestorben ist, dann sitzt es heute noch da,« schloß
Mathes sehr eigenmächtig die Geschichte. »Fein!«

»Ich hab Hunger,« rief Peter, der sehr geschwind aus der Märchenwelt in
den Alltag zurückfand. »Geh, Gundele, hol mir was!«

»Mir auch,« verlangte Mathes, und Gundel ging auch, den Wunsch der
beiden zu erfüllen. Unten fand sie Mina am Herd stehen, die briet
Hühner und sagte dabei kaltherzig: »Die Bübles müssen heute hungern,
das ist gesund. Ein Krankensüpple gibt's gleich, mehr nicht.«

Gundel schlich sich traurig wieder hinauf und verkündete beiden
mitleidig das harte Urteil. Das gab neues Jammergeschrei, und Mathes
rief bitterböse: »Daran ist Herr Häferlein schuld! Och, och, ich hab so
großen Hunger!«

»Mein Bauch tut so weh!« Peter stöhnte arg.

»Gerade darum ist das Süpple gut,« sagte von der Türe her die zweite
Sternmagd Käthle, die die Krankensuppe kochte.

»Er tut vor Hunger so weh!«

Aber Käthle ließ sich auf keine Verhandlung ein, und als Mathes schlau
fragte: »Kriegt Gundele ihr Abendessen net auch?« da antwortete sie
spöttisch: »Gundele ißt unten. Das wär was, hier oben eßt ihr ihr alles
weg, und sie bekommt nichts.«

»Gundele muß bleiben; wir haben so viel Sehnsucht nach ihr,« klagten
die beiden. »Gundele bleib!«

»Eure Sehnsucht, die kenn ich.« Käthle war genau so unbarmherzig wie
Mina, nichts rührte sie, auch Gundeles Bitten nicht, die wirklich gern
ihr Abendbrot den Brüdern geopfert hätte. Sie taten ihr so leid, und
sie folgte traurig der Magd. Die Buben aber löffelten trübselig ihre
Suppe aus, klagten sich noch eine Weile ihre Not, schalten auf Herrn
Häferlein, dem sie alle Schuld gaben, und schliefen dann ein. Als die
Mutter später noch nach ihnen sehen kam, da pusteten und schnarchten
sie wie zwei kleine Bären, nichts bedrückte sie mehr, nicht einmal die
ungemachten Schulaufgaben.

Am nächsten Morgen hatten dann Mathes und Peter die Sehnsucht nach
Gundel ganz vergessen, sie liefen der Schwester wie alle Morgen einfach
davon, und Gundel hinkte wieder einsam ihren Schulweg entlang. Die
Sternbuben rannten auch an diesem Morgen an Herrn Häferleins Laden
vorbei, und als der sie laufen sah, rief er ihnen spöttisch nach:
»Wollt ihr eine Zigarre? Hab schon gehört, daß euch der Stock gut
geschmeckt hat!«

Wart nur, Herr Häferlein! Mathes ballte drohend die Hand zur Faust,
und Peter tat es ihm nach. Beide sahen sich an, und beide nickten sich
vergnügt zu. Der Herr Häferlein sollte schon seine Strafe erhalten!



Fünftes Kapitel.

Spektakel auf der Löwengasse.

    Fräulein Laura hat einen seltsamen Traum und ärgert sich über
    Frau Tippelmann. Die Sternbübles kommen sehr geschwind aus
    der Schule heim, und Herr Häferlein hat vielen Grund, sich zu
    wundern. Einer hat es dem andern gesagt, aber die Schuldigen
    werden erwischt. Warum Alette bittet und Herr Häferlein erst
    traurig, dann wieder vergnügt ist.


Alette Amhag hatte die erste Nacht in dem alten Familienhaus tief
und fest geschlafen. Laura hatte sie am Abend noch ermahnt: »Achte
darauf, was du träumst. Träume der ersten Nacht im neuen Heim gehen in
Erfüllung.« Darauf hatte Frau Tippelmann ärgerlich gesagt: »Träume sind
Lügen, die sichtlich betrügen,« aber Alette hatte doch gedacht: Ich paß
auf. Doch als sie sich am nächsten Morgen schlaftrunken in dem ihr noch
so neuen Zimmer umsah, da wußte sie von keinem Traum der Nacht mehr.

Laura kam, um sie anzuziehen, und Alette ließ sich bedienen wie eine
richtige kleine Prinzessin, und dabei erzählte ihr Laura, sie hätte
geträumt, sie wäre in einem ganz wunderbaren Kleid, angetan mit vielem
Geschmeide, immer die Löwengasse auf und ab spaziert, und alle Leute
hätten geschrieen: Unsere Königin soll leben! »Ein feiner Traum, nicht
wahr?« sagte sie. »Aber in diesem dummen, alten Haus kann man sich
nicht einmal recht an seinen Träumen freuen.«

»Warum denn nicht?« fragte Alette, die diesen Traum sehr vergnüglich
fand.

»Ach,« brummte Laura unwirsch, »diese Frau Tippelmann mit ihren ewigen
Sprichwörtern verdirbt einem gleich den Spaß! Ich erzählte ihr meinen
Traum, da sagt sie: ›Träume machen weder reich noch satt!‹ Da habe ich
mich recht geärgert und gesagt: ›Na, Frau Tippelmann, Träume haben
manchmal ihre Vorbedeutung; wer weiß, was noch aus mir wird. Wenn auch
nicht gleich eine Königin, dann doch vielleicht eine sehr vornehme
Dame.‹ Und darauf erwiderte die Frau -- nein, ich sag's doch nicht, ich
schäme mich zu sehr.«

Aber Alette flehte: »Sag's doch, bitte, bitte!«

»Sie hat gesagt: Eine Gans wird kein Schwan, und wenn sie den Hals noch
so lang macht!«

Alette lachte. »Laura,« rief sie fröhlich, »damit hat sie dich doch
gewiß nicht gemeint!«

»Na, wen denn sonst?« murrte Laura. »Eine dumme Mode ist das, immer mit
einem Sprichwort zu antworten.«

»Weißt du, Laura,« sagte Alette nachdenklich, »mein Großvater hat
immer erzählt, seine Mutter hätte auch so viele Sprichwörter gewußt;
vielleicht weiß Frau Tippelmann sie daher.«

»Schnickschnack,« rief Laura, »was hat Frau Tippelmann mit deiner
Urgroßmutter zu tun? Eine alberne Mode ist das für heutige Tage, für
Urgroßmütter mag das gepaßt haben; ich ziehe mir doch aber auch nicht
mehr solche Kleider an wie die von Anno dazumal, also brauche ich auch
nicht so zu reden.« Sie ging an die Türe, und weil es sehr zu ihrem
Ärger keine Klingeln im Hause gab, rief sie laut und gebieterisch in
das Treppenhaus hinab: »Frau Tippelmann, Alette will ihre Schokolade,
aber schnell!«

»Das geht nicht so schnell wie 's Heftelmachen,« rief Frau Tippelmann
zurück. »Mit Geduld und Zeit wird 's Maulbeerblatt zum Atlaskleid.«

»Schon wieder eins,« schalt Laura, »und darüber wird es mit dem
Frühstück wohl dauern bis zum nächsten Neumond.«

So lange brauchte Alette nun aber nicht zu warten. Frau Tippelmann kam
bald und berichtete, sie hätte im Speisezimmer alles angerichtet. Sie
hatte es, so gut sie es wußte, getan; der Frühstückstisch sah sauber
und nett aus, aber Laura, der noch der Ärger im Herzen saß, rümpfte
doch die Nase und sagte spöttisch: »Wir sind's freilich anders gewöhnt!«

»Jeder macht's, wie er's versteht,« antwortete Frau Tippelmann kurz.

Hoho! dachte Laura, hier weiß ich auch mal so ein Sprichwort, und sie
erwiderte schnell: »Na ja, Bauer läßt nicht von Bauernart.«

Doch Alette rief vorwurfsvoll: »Ach Laura!« Sie blickte ganz ängstlich
zu der Hausverwalterin auf. Aber die lächelte sogar ein bißchen und gab
gelassen zur Antwort: »Das ist ein richtiges Wort. Ich weiß aber auch
eins, das heißt: Bauer werden ist nicht schwer, Bauer bleiben eine Ehr!«

»Frau Tippelmann,« fragte Alette rasch, »mein Großvater hat erzählt,
seine Mutter hätte immer viele Sprichwörter gewußt, haben Sie die
...« Alette stockte verlegen; eine Urgroßmutter war doch wohl etwas
schrecklich Altes, und Frau Tippelmann sah doch noch nicht so alt aus.

»Gekannt,« vollendete die Frau. »Nein, Kind, aber mein Vater hat sie
gut gekannt, der wußte auch von ihr viele, viele Sprichwörter. Deinen
Großvater habe ich mal gesehen, da war ich ein ganz kleines Ding, als
er fortzog seinen älteren Geschwistern nach. Er war damals sechzehn
Jahre.« Frau Tippelmann sagte nicht: Ich habe auch Amhag geheißen, bin
eigentlich eine Großtante von dir; sie ging still hinaus, denn sie war
zu bescheiden und zu stolz zugleich, um sich den reichen Verwandten
aufzudrängen.

»Die gefällt mir nun ganz und gar nicht,« sagte Laura hinter ihr her.
»Brr, der reine Sauertopf! Gut, daß wir bald wieder weggehen!«

Damit war Alette nicht einverstanden. »Ich will nicht weggehen,« rief
sie, »ich will hierbleiben und mit in Trinles Schule gehen. Gleich
schreib ich das an meinen Papa.«

»Tu das nur,« riet Laura, »da hast du etwas zu tun.« Sie dachte
bei sich, ehe der Brief ankommt, hat uns Frau van Bachhoven längst
fortgeholt. Bis dahin will ich mir aber doch noch dies närrische Nest
ansehen.

Alette war gerade mit ihrem Brief fertig, da kam Kasperle, seine neue
Freundin und Augustle zu besuchen, und der Vormittag verging rasch.
Laura hatte mit Auspacken und Einräumen zu tun und konnte nicht
einmal die Nase vor die Türe stecken; sie tröstete sich aber selbst:
Nachmittags gehen wir spazieren. Daran, daß man einfach ohne Hut und
Mantel auf die Gasse laufen könnte, dachte sie nicht, und sie erschrak
sehr, als sie von Frau Tippelmann hörte, Alette sei draußen.

»So, wie sie geht und steht?« rief Laura entrüstet. »Unsere Alette ist
ein vornehmes Mädchen, für die ist so etwas nicht.«

»Nun, solange die Amhags in der Löwengasse gewohnt haben, so lange
haben sie sich mit ihren Nachbarn gut vertragen. Warum soll das Kind
nicht draußen den Nachbarskindern guten Tag sagen? Es fällt ihm kein
Stein aus der Krone,« brummte Frau Tippelmann.

Laura gab sich nicht zufrieden, die lief hinaus, um Alette zu holen.
Als sie aus der Türe trat, dienerte nebenan vor seiner Ladentüre Herr
Häferlein und sagte höflich: »Schön guten Morgen! Gut geschlafen in der
Löwengasse?«

Laura fiel ihr Traum ein, und sie lachte. Da verneigte sich Herr
Häferlein gleich noch zweimal; ihm gefiel Laura sehr, wenn sie lachte,
er mochte überhaupt vergnügte Menschen gern leiden, und darüber vergaß
er ganz seinen kleinen schwarzen Namensvetter. Den hatte Alette auf dem
Arm, und die Grills standen drumrum, und alle miteinander lachten und
schwatzten, als wäre die Gasse eine Familienstube. »Aber Alette,« rief
Laura vorwurfsvoll, »du hast ja keinen Hut auf und keinen Mantel an,
komm doch herein!«

»Ich friere nicht,« rief Alette vergnügt, »es ist so hübsch draußen.«

»Aber das schickt sich nicht, so auf der Gasse zu stehen.«

Da fielen Alette ihres Großvaters Erzählungen ein, und sie antwortete
treuherzig: »Laura, das schadet nichts, Großvater hat auch immer auf
der Löwengasse gespielt, und da hatte sein Papa gewiß nichts dagegen.«

»Da hat das kleine Fräulein Amhag schon recht,« sagte Herr Häferlein.
»Unsere Breitenwerter Gäßle sind keine solchen wüsten, lauten Straßen,
wie man sie in Berlin hat. Na, und namentlich das Löwengäßle!«

»Was sagen Sie? Wüst, die Berliner Straßen?« Laura sah bitterböse aus.
»Ich bin nämlich aus Berlin,« rief sie gekränkt, »und habe davon nie
etwas gemerkt. Aber Sie vielleicht, waren Sie denn schon dort?«

Der gute Herr Häferlein war wirklich noch nie in Berlin gewesen, und
dies schien ihm auf einmal sehr beschämend. Vor lauter Verlegenheit
lief er geschwind in seinen Laden hinein, und Laura kehrte ebenfalls
in die Rose zurück. Mochte Alette draußen stehen, lange dauerte ihr
Aufenthalt in diesem schrecklichen Hause, in dieser schrecklichen Gasse
ohnehin nicht.

Alette war putzvergnügt. Die Grills erzählten ihr von der Schule,
August wurde bewundert, und dann verabredeten sie sich miteinander,
sie wollten am Nachmittag nach der Schule noch ein Weilchen zusammen
spielen. Alette sollte zu den Grills kommen, und die wollten ihr das
Haus zeigen. »Bei uns tut's fein rieche!« versicherte Trinle.

»Ja,« wisperte Kasperle, »Herr Baldan sagt immer, wie lauter
Bauchwehtröpfle.«

Alette lachte hell auf, und weil Lachen ansteckt, fielen die Grills
jubelnd ein. Die Gasse hallte wider von dem frohen Lachen, nur allein
Herr Baldan schaute drüben griesgrämig drein. Ihn bedrückte noch der
Ärger mit Herrn Häferlein. Der hätte seiner Meinung nach an diesem
Morgen zu ihm kommen müssen, aber er war nicht gekommen.

»Der Lärm auf der Gasse wird immer ärger,« grollte er.

Dafür war es am Nachmittag recht still. Es war Schulnachmittag, und die
sonnige Gasse lag wie eingeschlafen da. Als es halb vier Uhr schlug,
tat sich das Haus zur Rose auf, und Alette spazierte fein angetan
heraus. Laura folgte ihr, ganz wie ein feines Fräulein gekleidet. Frau
Grill hatte hinübergeschickt und Alette einladen lassen, mit drüben
zu vespern, wenn die Kinder aus der Schule heimkämen. Laura hatte ein
sehr schönes Kleid herausgesucht und den Vorschlag gemacht, sie wollten
beide noch einmal die Löwengasse auf und ab gehen. »Man muß doch
wissen, wo man wohnt,« meinte sie.

Beide gingen bis zum Obermarkt hinauf, wo sie sich eine schöne alte
Kirche und das wirklich prächtige Rathaus ansahen. Der ganze Platz
gefiel ihnen ungemein, und Laura erklärte, er sei viel zu schön für
Breitenwert.

»Sieh mal da!« rief Alette. »Von dem Brunnen mit dem steinernen Männle
hat mir der Großvater erzählt, und auf dem Untermarkt muß einer mit
einem Löwen stehen. Komm geschwind, wir wollen ihn mal ansehen.«

Sie wanderten beide die Löwengasse hinab, und just als sie am Silbernen
Stern anlangten, kamen zwei Buben in allerhöchster Eile angerast. Die
verschwanden im Torweg des Gasthauses, und Alette Amhag sah ihnen
neugierig nach. »Das waren die Sternbübles,« sagte sie. Ihre neuen
Freunde hatten ihr schon von denen erzählt.

Ein paar Minuten später kamen die Sternbuben wieder zum Hause heraus,
diesmal ohne Schultaschen, jeder mit einem dicken Butterbrot bewaffnet.
Sie schmausten und schritten dabei ganz, ganz langsam die Gasse hinauf,
und dabei kamen Laura und Alette an ihnen vorbei, denn Alette eilte
nun, um die Grills nicht zu verpassen.

Trapp, trapp! kam da plötzlich eine Anzahl Buben die Gasse entlang,
sehr eilig, als fürchteten sie, etwas zu versäumen.

Bei ihrem Anblick witschten die Sternbuben eilig in den Torweg eines
Hauses, das neben der Apotheke lag. Ein altes Ehepaar wohnte darin,
selten ging jemand aus und ein, und Peter und Mathes konnten sich
ungestört in dem Flur aufhalten.

Trapp, trapp! kamen vom Obermarkt her andere Buben gelaufen, dann ging
es klipp, klapp, klipp, klapp! ein neuer Trupp erschien; da waren aber
auch Mädel dabei.

»Die vielen Kinder! Lieber Himmel, gehören die alle in die Löwengasse?«
rief Laura. »Je, da kommt eine ganze Masse! Warum kommen die nur alle
hierher?«

Trapp, trapp, klipp, klapp! immer neue Trupps kamen, und alle sehr
eilig, alle sehr neugierig, und alle liefen sie auf Herrn Häferleins
Laden zu. Der Kaufmann arbeitete gerade in seinem Vorratsraume, der
merkte nichts, und der Gehilfe sah nur staunend immer mehr und mehr
Buben und Mädel sich vor dem Laden versammeln.

Die Grills kamen heim, und ihre erste Frage war, was los sei. Niemand
wußte es. Da und dort trat jemand aus seinem Hause und sah staunend
auf die immer wachsende Kinderschar. Auch Herr Baldan trat vor die
Apotheke. »Was soll das?« rief er zu den Kindern hinüber.

»Wir wollen ihn sehen,« brüllten sie zurück.

Tripp, trapp! kamen da in allerhöchster Eile noch vier Buben an, die
schrieen schon von weitem: »Ist er da?«

»Noch nicht!« tönte es zurück.

»Laßt uns durch, macht Platz!« Die zuletzt gekommen waren, versuchten
sich vorzudrängen. Das wollten die andern nicht dulden, sie drängten
und stießen einander, pufften sich, schrieen, schalten, drohten,
lachten; der Lärm wurde immer größer, und wenn die Erwachsenen fragten,
was los sei, dann brüllten alle so durcheinander, daß kein Wort zu
verstehen war.

Auf einmal schrie vorn ein langer Bube mit einer lustigen kleinen
Himmelfahrtsnase und strohblondem Haarschopf: »Jetzt kommt er,
aufgepaßt!«

»Hurra, hurra!« jauchzten viele.

»Wir sehen nichts, wir sehen nichts,« jammerten, die hinten standen.

»Nicht so drängen!« mahnten die vorderen.

»Sapperlot, Kinder, was soll der Mummenschanz?« rief der Bäckermeister
Hering, der die Löwengasse entlang kam.

»Man muß den Schutzmann holen,« drohte Herr Baldan.

»Jetzt kommt er, jetzt!«

Ein wahres Indianergebrüll entstand. In seiner Türe erschien Herr
Häferlein, aber nur einen Augenblick stand er da, dann segelten
plötzlich seine Beine in der Luft herum. Der Gehilfe schrie aus
Leibeskräften, die Kinder brüllten durcheinander, die hinten standen,
schrieen: »Wir wollen ihn auch sehen!« Die vorderen drängten zurück, es
sah wirklich gefährlich aus. Herr Grill, der, gestört von dem wüsten
Lärm, aus dem Hause trat, sprang erschrocken in das Getümmel hinein,
und der Bäckermeister folgte seinem Beispiel. Eins, zwei, drei, nahm
der ein paar der wildesten Schreier am Kragen und zerrte sie heraus;
Herr Grill holte ein paar Mädelchen aus dem Gedränge, und kaum sahen
das Veit und Steffen, als sie zur Hilfe heraneilten. Es gelang ihnen,
einen jämmerlich schreienden Knirps zu fassen, und als sie ihn hatten,
sahen sie erst, daß es Kasperle war.

Herr Baldan hatte so viel nach dem Schutzmann geschrieen, daß niemand
sich wunderte, als ein solcher mit langen Schritten vom Obermarkt
her kam. Der griff auch noch zu, nicht sanft, und schon sein Anblick
brachte manchen vorwitzigen Buben, manches ängstliche Mädel dazu,
lieber auszureißen. Vor Herrn Häferleins Laden lichtete sich das
Gedränge, und der arme Kaufmann erschien schreckensbleich, ganz
bestaubt, mit zerrissenem Rock in der Türe, ihn hatte die wilde Horde
einfach über den Haufen gerannt, und wenn sich sein Gehilfe nicht
dazwischengeworfen hätte, dann wäre es ihm wohl übel ergangen.

»Ich weiß nicht, was dieser Bande, diesen Räubern einfällt!« rief er
kläglich. »Mich haben sie sehen wollen, ja warum denn eigentlich?«

»Noi,« rief ein dicker, stämmiger Bube, der noch immer vor dem Laden
stand. »Sie wollten wir nicht sehen, das Äffle!«

»Das Augustle!« schrieen ein paar von hinten.

»Dummes Volk,« schalt Herr Häferlein, »ich hab' doch keinen Affen, ich
doch nicht! Wer hat denn das gesagt?«

»Der Heinrich!«

»Schulzens Emil!«

»Fritzele! Paule! Liesle! Eisendrehers Mariele! Bärble Husch! Nandle!
Moritzle! Wagners Dicker!« So rief es durcheinander. Jeder wußte jemand
anders zu nennen, und da die Genannten meist mit dastanden, riefen die
entrüstet wieder einen Namen und behaupteten, der oder die hätte es
gesagt.

»Was denn, zum Donnerwetter!«

»Heute nachmittag würde Herrn Häferleins Äffle auf dem Gäßle tanzen.«

»Das ist frech, ganz frech, ein Schabernack!« schrie Herr
Häferlein aufgebracht. »Wer ...,« er stockte. Drüben im Flur des
gegenüberliegenden Hauses hatte er zwei lachende unnütze Bubengesichter
erblickt, die Sternbuben. »Na wartet,« dachte er, »euch werd' ich mal
befragen, ihr werdet schon etwas wissen.«

Und während der Schutzmann, Herr Grill und der Bäckermeister mit den
Kindern verhandelten, tat er ein paar lange Sprünge, sprang an Fräulein
Laura vorbei, die erschrocken zurückwich, wutschte in den Hausflur
hinein und packte die beiden, ehe die noch begriffen hatten, daß die
Sprünge, die ihnen so viel Spaß machten, ihnen galten.

»Kommt ihr mal mit!«

Die Sternbuben brachen in ein wildes Geheul aus, und jäh verstummte
darüber aller andere Lärm auf der Gasse.

»Die Sternbübles!« wisperte und raunte es da und dort, und ein paar
Stimmen wurden laut: »Mir hat's Mathes gesagt, mir Peterle!«

»Hab' ich mir gleich gedacht.« Herr Häferlein schleppte die beiden vor
seine Ladentüre, und sein Gehilfe, der auf die Sternbuben auch nicht
gut zu sprechen war, half beim Festhalten. »Die sind's wohl gewesen?«
fragte er.

»Werden wir gleich wissen.« Herr Häferlein sah die beiden drohend an,
und der Schutzmann sah sie noch drohender an, und beide fragten in
einem fürchterlich strengen Ton: »Habt ihr es gesagt, daß hier heute
ein Affe gezeigt wird?«

»Nn« -- Peter druckste, aber Mathes stieß ihn an, da schwieg er.

Die Sternbuben waren nämlich ein paar heillose, unnütze Wildlinge, aber
eins taten sie nicht, sie logen nicht. Sie gingen wohl manchmal der
Wahrheit etwas aus dem Wege, aber eine richtige Lüge sagten sie nicht.
Sie senkten schuldbewußt die Köpfe, und im Kreise ringsum flüsterte und
raunte es: »Die kriegen Haue, na, das wird schlimm!«

Herr Häferlein machte ein sehr freundliches Gesicht; er sagte: »Kommt
einmal mit hinein, ihr könnt mal meinen netten Stock ansehen.«

»Nein, nein, huhuhu!« Die Bübles schrieen immer lauter vor Angst. Sie
schielten nach rechts, sie schielten nach links, -- kein Ausweg. Sie
mochten es wohl merken, ihre gefoppten Schulkameraden waren nicht
bereit, ihnen zu helfen. Ach, und so schlau hatten sie den Spaß,
dafür hielten sie es nämlich, eingeleitet! Sie hatten immer nur zu
einem heimlich von dem Affen in Herrn Häferleins Laden gesprochen und
immer gesagt: »Darfst zu niemand davon sprechen.« Natürlich hatte es
geschwind jeder weiter erzählt, aber daß so viele, viele herbeigelaufen
waren, wunderte die Sternbuben selbst. Die halbe Breitenwerter Jugend
stand in der Gasse, und vor allen sagte Herr Häferlein so gräßliche
Sachen. Die beiden heulten zum Steinerbarmen, und Alette Amhag, die
grenzenlos verwundert und recht ängstlich dem Spektakel auf der Gasse
zugeschaut hatte, fühlte tiefes Mitleid mit den ihr fremden Buben.

»Na, nur hereinspaziert,« sagte Herr Häferlein, »drinnen gibt's
Zuckerstengel!«

»Huhuhu,« jammerten die zwei, und da riß sich Alette jäh von Lauras
Hand los, bahnte sich aufgeregt einen Weg durch die lebendige Mauer und
rief Herrn Häferlein zitternd zu: »Nicht schlagen, so -- so böse haben
die's doch nicht gemeint; es war nur Spaß!«

»Ja, nur -- Spaaaaß,« heulten Mathes und Peterle.

Herr Häferlein sah verdutzt auf die liebliche Fürsprecherin. Die sah
ihn flehend und auch ein wenig drohend an, sie fand Herrn Häferlein in
diesem Augenblick gar nicht nett.

Laura auch nicht. Die eilte Alette zu Hilfe, stellte sich neben sie und
sagte kampfbereit: »So etwas, mit dem Stock drohen! Das nennen Sie wohl
nicht wüst, Herr -- Herr August? In Berlin käme das nicht vor, das kann
ich Ihnen versichern.«

Der freundliche Herr Häferlein erschrak. O je, die Fremden hielten
ihn wohl für einen rechten Wüterich, das war er doch nicht. Aber die
Sternbuben konnten wirklich den Geduldigsten in Zorn bringen. »Die
beiden haben Strafe verdient, sie sind zu unnütze Buben,« beteuerte er.

Da schluchzte Alette auf: »Nicht schlagen!« Und Laura rief erbost: »Sie
sind ein hartherziger, grausamer Mann. Wenn unser Alettchen bittet,
dann können Sie doch wirklich die Jungen laufen lassen. Wenn die zu
Ihnen kommen und einen Affen sehen wollen, ist das doch kein Unrecht.«

»Ich bin doch nicht hartherzig und grausam, und bei mir kann
niemand einen Affen sehen,« rief Herr Häferlein gekränkt, »aber
meinetwegen lauft!« Er ließ die beiden los, und unwillkürlich tat
sich zwischen den Zuschauern ein Gäßlein auf, da konnten die Schelme
hindurchschlüpfen, ohne Gruß und Dank -- weg waren sie.

Der arme Herr Häferlein hatte den Ärger gehabt, und einen Dank bekam
er auch nicht, denn Laura führte Alette fort; die wurde gleich von den
Grills in die Mitte genommen und wie ein richtiges Prinzeßchen in das
Haus zur Linde geführt.

Die Zuschauer verliefen sich, sie lachten nun doch über den Spaß. Auch
der Polizist ging von dannen, der Bäckermeister tat es auch, brummend
freilich, denn er hätte den Sternbuben eine tüchtige Strafe gegönnt,
und nur Herr Häferlein blieb vor seinem Laden stehen. Er war ganz
traurig. Hartherzig, grausam sollte er sein, bloß weil er die unnützen
Buben hatte strafen wollen. Er seufzte schwer; eine verkehrte Welt,
eine ganz verkehrte Welt, dachte er.

Da kam Fräulein Laura aus der Linde zurück. Sie blieb ein Weilchen
mitten auf der Gasse stehen, die lag noch halb in der Sonne, halb schon
im Schatten, die Rose aber stand auf der Sonnenseite. Eigentlich ist's
doch ein hübsches Haus, dachte Laura, sehr hübsch. Auf einmal sah
sie Herrn Häferlein vor seiner Türe stehen mit einem Gesicht wie ein
Novembertag. Dem gutmütigen Fräulein tat das leid. Sie trat rasch näher
und sagte freundlich: »Es war sehr nett von Ihnen, daß Sie die Buben
laufen ließen, Herr -- Herr --« Laura sah zu dem Ladenschild empor,
»ach, Sie heißen ja Häferlein, August ist nur Ihr Vorname.«

»Ja!« Der Kaufmann sah immer noch etwas gekränkt drein. »Eigentlich
ist's ein guter Name. Mein Vater hieß so und mein Großvater, aber
freilich, -- einen Affen habe ich noch nie August nennen hören.«

»Daran bin ich schuld,« antwortete Laura. »Als ich den Affen sah, mußte
ich lachen und sagte: ›Nein, so ein komischer August!‹ Dies hat Alette
so gefallen, daß sie das Tierchen dann August genannt hat. Ich will
ihr's aber sagen, sie soll es wieder Pussie nennen wie früher, solange
wir hier sind.«

Herrn Häferleins Gesicht wurde nun ganz hell, das letzte Restchen Groll
entwich daraus. Und weil er ein höflicher Mann war, verneigte er sich
und sagte wohl sechsmal: »Das ist zu nett, zu nett.«

Und als er mit aller Dienerei und Nettsagerei endlich fertig war,
klappte die Türe, Laura war in das Haus zur Rose eingetreten, und Herr
Häferlein stand wieder allein auf der Gasse.



[Illustration]



Sechstes Kapitel.

In der Linde.

    Schnupperle begrüßt den Gast etwas seltsam, und Steffen schlägt
    vor, in das Räuberschlößle zu gehen. Die Kinder erleben dort
    wundersame Abenteuer. Herr Baldan spricht mit Herrn Häferlein,
    und Herr Häferlein ist nicht zu sehen. Trinle Grill sagt, um
    ein gutes Kleidle muß man sich grämen. Laura erscheint, muß
    aber flüchten; sie wird böse und und wird wieder gut und lädt
    zu Schokolade und Kuchen ein.


»Nun bist du endlich bei uns,« rief Trinle Grill, als Alette den
Hausflur betreten hatte.

»Ja, endlich,« rief Kasperle. Sie taten, als hätten sie mitsammen
schon zehn Jahre auf Alettes Besuch gewartet. Und just als wäre sie
schon seit zehn Jahren mit den Grills in Freundschaft verbunden, so
heimatlich, traulich, so zu Hause fühlte sich Alette Amhag gleich in
der Linde. Sie saß unter den andern am Familientisch und vergaß darüber
allen Gassenlärm, und sie lachte so herzhaft, wie sie noch wenig
gelacht hatte. Alles gefiel ihr, und selbst den Bauchwehtröpflegeruch
fand sie lieblich, und das Honigbrot schmeckte ihr wie selten etwas.

Nach der Schmauserei mußte sie das Haus sehen. Die Buben fanden dies
zwar überflüssig, aber Trinle entschied: »Sie muß doch wissen, wie's
bei uns ist!« Das war richtig, und alle fünf zogen sie treppauf,
treppab. In alle Stuben und Kammern schauten sie hinein, auch in die,
in denen eigentlich nichts zu sehen war. Ein paarmal verlangten die
Buben: »Mach Schluß!« Aber immer behauptete Alette: »Es gefällt mir.«
Und es gefiel ihr auch wirklich. Es war nämlich, als säße sie auf
einmal mitten drin in einer Geschichte ihres Großvaters. Breitenwert
und das Löwengäßle waren dem über alles gegangen, und die Linde stimmte
viel mehr in seine Erzählungen hinein als die Rose. Drüben war der
Hausrat neu, alles war still und kühl, aber hier war es so, wie es der
Großvater geschildert hatte.

Doch die Buben sagten endlich: »Nun ist's genug, jetzt gehen wir in den
Kaninchenstall und dann ins Räuberschlößle; da wirst du staunen, das
ist am feinsten!«

»Geht net, das darf sie net,« rief Trinle plötzlich.

»Hoho, Trinle, rappelt's bei dir, warum net?« riefen Veit und Steffen
entrüstet. »In unsern Kaninchenstall kann man einen König führen, warum
nicht Alette?«

Trinle schüttelte ihren Kopf, als wäre der ein Apfelbaum. »Geht net,
ihr Kleidle ist zu fein.«

Die Buben schauten betroffen das Kleid von oben bis unten an, liefen um
ihren Gast rund herum und sagten schließlich beide kleinlaut: »Seide
ist's.«

Und auf einmal fühlte Alette, wie die Blicke der vier Geschwister
staunend, ja ein wenig fremd und scheu auf ihr ruhten, und es war ihr,
als trenne sie das schöne Kleid wieder von den neuen Freunden. Sie
schluchzte auf und klagte. »Das dumme Kleid, ach, und ich will doch so
gern in den Kaninchenstall, so furchtbar gern!«

Der Wunsch war den Geschwistern begreiflich, aber das Kleid war doch
bedenklich. Sie selbst wurden gehalten, ihre Sachen gut zu schonen, und
Feiertagskleider paßten nicht für alle Spiele.

»Ich hab' doch noch so viele seidene Kleider!« jammerte Alette Amhag.
Sie tat dies in einem Ton, als verkünde sie, sie sei arm wie eine
Kirchenmaus.

»Viele?« rief Steffen. »Oh, wenn du noch viele hast, kannst du mit!«

Aber Trinle forschte erst vorsichtig: »Sag mal, wie viele, und trägst
du oft alltags so feine Kleidle?«

»Ja,« flüsterte Alette bedrückt, »ich habe drei Koffer voll.«

Da war auch Trinle beruhigt, und alle vier führten ihren Gast in den
Kaninchenstall, der in einem Hofwinkel lag, und in dem nicht allein
Kaninchen, sondern auch eine weiße Ziege wohnte. Die gehörte Veit
zu eigen, aber die andern taten meist, als gehöre ihnen die Ziege
ebenfalls, womit Veit nicht immer einverstanden war. Er war von ihrer
Klugheit und Schönheit entzückt und erzählte Alette gleich: »Sie ist
furchtbar klug; wenn man sie was fragt, antwortet sie. Paß mal auf!« Er
schrie die Ziege laut an: »Schnupperle, hast du Hunger?«

»Mmmäh!« machte die schläfrig.

»Siehst du, sie hat geantwortet!« erklärte der Eigentümer triumphierend.

»Was denn?« fragte Alette verdutzt

»Nein hat sie gesagt; das versteht doch jeder!« rief Veit. Das Lachen
der Geschwister ärgerte ihn, und er bat: »Sag, Schnupperle, kennst du
mich?«

»Mmmäh!« Die Ziege glotzte ihren kleinen Herrn dumm an, aber der
erklärte stolz: »Jetzt hat sie ›ja‹ gesagt.«

»Ich will sie auch was fragen,« sagte Alette eifrig. Sie trat neben die
Ziege und bat: »Sag mir, wie du heißt.«

»Mmmäh!« Schnupperle hielt den Kopf schief und schielte Alette von der
Seite an. Ob der Ziege das seidene Kleid so gut gefiel, oder ob sie dem
Gast besondere Höflichkeit erweisen wollte, verriet sie nicht, aber sie
sprang urplötzlich auf Alette zu. Die verlor das Gleichgewicht und
purzelte in das Stroh hinein, das auf dem Boden lag.

»Pfui, aber pfui, Schnupperle!« schalt Trinle. »Du bist dumm; Alette
hat doch ein seidenes Kleidle an!« Ängstlich half sie der Freundin
empor und strich ihr das Kleid zurecht. »So ein dummes Schnupperle!«

Alette sah etwas erschrocken aus, aber sie weinte nicht. Damit erntete
sie Veits Anerkennung. Der sagte: »Na, wenigstens flennst du net
gleich! Schnupperle wollte dir nämlich nur guten Tag sagen, so nett ist
das Tierle -- uff!«

Patsch, lag Veit im Stroh, und das liebenswürdige Schnupperle sah
aus, als wolle es dies sonderbare Spiel mit allen seinen Besuchern
fortsetzen.

Die hatten keine Lust dazu, und da die Kaninchen sich in allen Winkeln
verkrochen hatten, schlug Steffen vor: »Wir gehen ins Räuberschlößle,
das ist am allerfeinsten.«

»Räuberschlößle!« Alette riß ihre Augen weit auf. Das klang wie
finsterer Wald, wie Schreck und Grauen, klang gar nicht verlockend.
Doch die vier Geschwister erzählten alle auf einmal, ungeheuer schön
sei's und gar nicht graulich.

»Es sind nur manchmal 'n paar Mäusle drin, sonst nichts,« versicherte
Veit, und Steffen erzählte: »Herr Baldan sagt: es geistert, aber der
will uns nur schrecken.«

»Es hat einen Turm,« berichtete Trinle. »Johann freilich, unser
Gärtner, sagt, der fällt bald ein und die Decke auch, aber fein ist's
doch!«

»Und schmutzig auch nicht,« schwätzte Kasperle. »Nur Berta nennt mich
immer Dreckbartele, der aus dem Schmierwinkele kommt.«

Da ging denn Alette neugierig mit, um dieses seltsame Wunderwerk zu
schauen. Sie dachte es sich groß und düster, fürchtete sich heimlich
ein wenig und blieb dann höchst verdutzt vor einem kleinen Gartenhaus
stehen, das einen lächerlich kurzen, dicken Turm hatte. Das ganze Ding
sah aus, als hätte beim Bauen einer aus Versehen den Turm wo anders
hergenommen.

»Gelt, fein ist's!« rief Steffen und stieß die Türe auf, die schon
etwas morsch war. Drinnen standen Gartengeräte, ein paar Stühle und
Tische, die offenbar hier überwintert hatten. Eine blitzeblaue Tapete
bedeckte die Wände, und an der Seite führte eine altersschwache
Holztreppe zum Turm hinauf.

»Dort oben ist's am schönsten, dort sitzen wir immer, wenn wir Ritter
und Räuber spielen,« erklärte Veit mit stolzer Handbewegung. »So gut
spielt sich's nirgends wie hier.«

»Aber,« klagte Kasperle, »allweil muß ich 's Prinzeßle sein; Trinle
will net.«

»Ich bin Räuber,« rief Trinle kühn; »weißt, Alette, du kannst
fein Prinzessin sein, und ich raube dich und verstecke dich im
Kaninchenstall oder im Kartoffelkeller, und die Buben befreien dich.«

»Ja, wir sind zusammen Prinzeßle,« bettelte Kasperle, und seine
kleine, dicke Hand legte sich in die der Freundin. Da erschien der
der Kaninchenstall und der Keller nicht mehr so furchtbar; mit dem
Kasperle zusammen hielt sie es dort wohl aus. Und sie stieg auch ganz
tapfer mit den Geschwistern die wackelige Treppe empor und überschaute
von dort aus das Gewirr von Gärten und Höfen, das sich unter dem
Turm ausbreitete. Über den Büschen lagen grüne Schleier, die Bäume
schimmerten rötlich, alles erzählte vom Frühling, der bald kommen würde.

»Die Störche sind schon da,« rief Trinle froh, und Kasperle tat gleich
seinen Mund auf und sang den Heimgekehrten jubelnd zu:

    »Storch, Storch, Steiner,
    Mit den langen Beiner,
    Flieg mir in das Bäckerhaus,
    Hol mir einen Weck heraus.
    Ist der Storch nicht ein schönes Tier,
    Hat 'nen langen Schnabel und säuft kein Bier?«

[Illustration]

Alette Amhag hatte noch nie einen Storch gesehen, sie hatte noch nie
mit Gesang einen Vogel begrüßt und sich so auf den Frühling gefreut,
wie es die Grills taten.

Die zeigten ihr das runde Nest auf einem spitzgegiebelten Haus und
erzählten ihr von kommenden Sonnentagen, von ihren Gartenspielen und
den Festen, denn alle vier waren Sommerkinder und feierten darum so
viele Sommerfeste.

Über dem Schwatzen vergaßen alle ein wenig die Zeit. Plötzlich duckte
sich Veit und sagte rasch: »Kauert euch zusammen, unten geht Herr
Baldan.«

Der Provisor konnte das Räuberschlößle nicht leiden. Er sagte immer, es
sei zu baufällig, behauptete, es könnte einfallen, und wenn er darum
die Kinder drinnen traf, schalt er und trieb sie hinaus.

Denen gefiel das nicht. Sie huschelten sich geschwinde zusammen, und
Veit legte sich platt auf den Boden, um ein wenig hinabsehen zu können.
Trinle vertraute Alette flüsternd an, warum sie sich vor Herrn Baldan
versteckten, bis Veit ihr zuraunte: »Still doch, er kommt!«

Unten knarrte die Türe, und der Eintretende brummte: »Schon wieder
nicht verschlossen!« Herr Baldan hatte die Eigenschaft, laut mit sich
selbst zu reden, zumal wenn er sich über irgend etwas oder irgend
jemand geärgert hatte. Da dies oft vorkam, mußte er viel mit sich
reden. Dazu suchte er gern das Räuberschlößle auf und ärgerte sich,
wenn er die Kinder darin fand.

An diesem Tage galt sein Groll noch immer Herrn Häferlein, und da er
um diese Stunde gerade wenig zu tun hatte, suchte er das Gartenhaus
auf und schritt nun in dem kleinen Raum aufgeregt hin und her. »Herr
Häferlein, das war nicht nett von Ihnen,« schrie er plötzlich, und die
Kinder im Turmstübchen erschraken.

War denn Herr Häferlein unten? Veit tuschelte: »Der ist gar net da!«

»Nein, freundschaftlich war das nicht, Herr Häferlein, auf so ein
dummes Kindergeschwätz hin mich gleich anzuschreien. Kasperle ist doch
ein Dummkopf!« schalt Herr Baldan.

Kasperle riß Mund und Augen auf, und Trinle legte rasch ihre Hand auf
seinen Plappermund. »Still, still!« flüsterte sie.

»Es ist freilich schrecklich, daß so ein unvernünftiges Tier August
heißt, man muß sich ja ärgern, ja ärgern!« Herrn Baldans Stimme schwoll
an: »Ich werde den Affen umbringen, jawohl, umbringen!«

Alette, die mit ängstlichen Augen zuhörte, bekam gleich zwei Hände auf
den Mund. Trinle und Steffen machten gleichzeitig »pst, pst«.

»Sind Mäuse hier?« rief Herr Baldan unten und rasselte mit einem Stuhl.

Die Kinder, die wohl wußten, daß der gute Herr Baldan ein wenig
furchtsam war, unterdrückten ein Kichern, und dabei entrutschte dem
Kasperle sein Murmelsäckchen, das er zu Lust und Zeitvertreib immer
mit sich herumtrug. Es ging auf, und gerade als unten Herr Baldan
vorwurfsvoll rief: »Sie sind schuld, Herr Häferlein,« rollerten und
kollerten alle grauen, blauen, roten und grünen Murmeln über den Boden
der Turmstube dahin, und etliche hopsten und sprangen mit viel Getöse
die Treppe hinab.

Herr Baldan meinte nicht anders, als der ganze Turm fiele zusammen.
Vielleicht, ja vielleicht waren es auch wirklich Ratten, Mäuse oder
sonst unheimliche Wesen! Herr Baldan sah nicht erst nach, Herr Baldan
riß aus. Rutsch, war er draußen, warf die Türe zu, schloß auch noch
den Schlüssel herum, und Veit, der an eins der Fenster gesprungen war,
rief: »Er rennt weg!«

»Er holt jemand,« sagte Steffen bedächtig, »kommt fix raus.«

»Meine Murmeln!« klagte Kasperle, und Trinle bückte sich rasch, hob
auf, so viel sie erwischen konnte, und versprach: »Wir suchen die
andern morgen.«

Damit war Kasperle zufrieden, und alle kletterten die Treppe hinab, um
das Räuberschlößle zu verlassen, aber wie es wohl einst in richtigen
Räuberwohnungen manchem ergangen sein mochte, sie fanden die Tür
verschlossen, sich gefangen.

Alette Amhag erschrak sehr, aber die Grills lachten sie aus. »Ich
steige durch das Fensterle und schließe euch die Türe auf,« erklärte
Veit. Er öffnete das kleine Fenster und sprang hinaus; Steffen folgte.
Beide liefen zur Türe und riefen von dort: »Er hat den Schlüssel
mitgenommen.«

»Da springen wir auch durch das Fensterle,« sagte Trinle gelassen. Sie
fand das weder aufregend noch sonderbar; aber Alette, die noch nie in
ihrem Leben so etwas getan hatte, wehrte sich ängstlich: »Nein, nein,
ich will nicht.«

Sie ist doch eine Zimpersuse, dachte Veit, und er sagte ein bißchen von
oben herab: »Na, freilich, du bist ja auch net aus dem Löwengäßle!«

Alette Amhag erglühte tief. Das Wort kränkte sie, und schon stiegen ihr
langsam die Tränen in die Augen, als Trinle sie tröstend umfing. »Ich
helfe dir, das lernst du schon.«

Trinle half, Steffen half, Veit wollte helfen und Kasperle auch, und
es ging nach dem Wort, daß viele Köche den Brei verderben. Alette kam
so ungeschickt als möglich aus dem Räuberschlößle heraus: ihr seidenes
Kleid trug drei lange Risse davon, und daß sie nicht auf die Nase fiel,
war ein Wunder zu nennen.

Über das zerrissene Kleid war Trinle außer sich, Alette gar nicht; die
tröstete: »Ich gehe gleich hinüber und ziehe ein anderes an.«

Doch Trinle stellte ihr Jammern nicht ein, und die Brüder riefen
geärgert: »Na, wenn sie sich selbst net grämt und noch so viele hat,
dann brauchst du doch net zu jammern, als hätte sich Alette den Kopf
abgerissen.«

Aber da wurde Trinle böse. »Über ein zerrissenes Sonntagskleidle muß
man sich wohl grämen,« rief sie, »sonst ist man ein Schlumperle.«

»Na, da gräm dich!« fuhr Steffen Alette an, und obgleich die gar nicht
wußte, was eigentlich ein Schlumperle war, fing sie doch gleich an zu
weinen, und die Geschwister mußten sie alle miteinander trösten.

Zum Unglück kam just Laura, um Alette abzuholen, und als sie die
letzten Tränen sah, -- denn Alette wollte gerade lachen -- erhob
sie ein lautes Klagegeschrei. »Was haben sie dir getan, mein
Zuckerlämmchen?« jammerte sie.

»Sei doch still,« flehte Alette erschrocken, »wir waren doch nur im
Räuberschlößle!«

»Wo?« kreischte Laura entsetzt, »wo haben sie dich hingeführt?«

»Alette ist nur zum Fensterle rausgesprungen,« erzählte Kasperle.

»Ja, weil Herr Baldan kam,« erklärte Trinle, »da mußten wir flüchten.«

»Um des Himmels willen!« Laura schlug die Hände zusammen; sie hatte
keine Ahnung, wer Herr Baldan war. Der Gedanke, Alette habe flüchten
müssen, und der Name Räuberschlößle brachten sie in die größte
Aufregung.

Den Kindern war das Geschrei sehr unangenehm; wenn es drinnen im Hause
gehört wurde, wenn es gar Herr Baldan ...

»Da kommt Herr Baldan,« rief Kasperle, und Steffen, der immer sehr
dafür war, geheimnisvoll zu flüchten, zu tun, als wären Indianer im
Anzug, tuschelte erschrocken: »Fliehen, wir müssen fliehen!«

»Alle guten Geister,« stöhnte Laura, »das ist ja gräßlich! Wer
überfällt uns denn?«

»Schnell, schnell,« drängten die Buben, »er kommt!« Sie schoben Laura;
Trinle, Alette und Kasperle zogen, Steffen befahl: »In den Stall!« In
rasender Eile ging es durch den Garten auf den Hof, und Laura befand
sich auf einmal in einem Kaninchenstall, und Schnupperle begrüßte die
Gesellschaft mit lautem »Mäh!«

»Hu!« kreischte Laura und wich entsetzt zurück, »was für 'n Tier!«

»Das ist doch nur Schnupperle!« rief Veit gekränkt. »Und überhaupt,
hier ist's doch fein!«

»Was, fein? Ich möchte wissen, was hier fein ist!« schalt Laura. »Und
nun sagt einmal, warum sind wir eigentlich ausgerissen?«

»Wegen Herrn Baldan; weil der mit Herrn Häferlein geredet hat und Herr
Häferlein doch nicht da war, und sich Herr Baldan darum ärgert, wenn
man das hört, darum!« erklärte Veit.

»Ach!« Laura riß Mund und Augen sperrangelweit auf; sie war noch genau
so klug wie vorher, und wenn ihr jemand etwas auf Chaldäisch gesagt
hätte, so hätte sie nicht weniger verstanden. Eins nur merkte sie, daß
die Flucht nicht so nötig gewesen war, und sie sagte: »Alette, erzähl
du mal, wo --«

»Im Räuberschlößle habe ich mein Kleid zerrissen,« unterbrach sie
Alette rasch, die dachte, die Frage gelte dem Kleid.

»Dein Kleid?« Nun erst sah Laura die drei Risse; sie wollte schelten,
aber sie kam nicht dazu, denn nun redete Trinle, und Kasperle, Veit und
Steffen sagten auch etwas. Alette sprach mit hinein, und Schnupperle
schrie fortgesetzt »mäh, mäh!« Dazu war es so eng im Stall und roch
sehr schlecht. Laura stöhnte: »Laßt mich raus, und du, Alette, komm, du
erzählst mir drüben alles!«

Die Grills fanden Laura etwas sehr schwer von Begriffen; sie hatten
sich doch so viele Mühe gegeben, ihr alles zu erklären. Sie söhnten
sich aber rasch mit ihr aus, da Laura, die sah, wie ungern sich Alette
von den neuen Freunden trennte, gutmütig alle vier Nachbarskinder zu
Schokolade und Kuchen einlud. »Samstag,« sagte sie; das war übermorgen,
also bald. Nur Kasperle klagte: »So lange!«

»Drüben gibt's wenigstens keine Räuberhöhle und keinen Stall!« meinte
Laura.

»Aber Augustle ist drüben, grüß Augustle schön!«

Und an den Affen dachten die Kinder noch, als Alette wieder mit Laura
über die Straße schritt, und alle vier riefen beiden nach: »Viele Grüße
an Augustle; er soll uns mal besuchen.«

Gleichzeitig sagten Herr Häferlein in seinem Laden und Herr Baldan in
der Apotheke: »Unerhört ist's doch, einen Affen August zu nennen, ganz
unerhört; so einen schönen Namen gibt man doch nicht einem Affen!«



Siebentes Kapitel.

Gundels Kummer.

    Laura ärgert sich über Frau Tippelmanns Sprichwörter, aber Herr
    Häferlein freut sich darüber. Er will versöhnen, läuft in den
    Silbernen Stern und ärgert sich wieder. Die Sternbuben kommen
    gut weg; sie wollen Alette Amhag heiraten und haben am nächsten
    Morgen ihre guten Vorsätze noch nicht vergessen. Ein trauriger
    Schulweg. Gundel geht heim, die Sonne schmunzelt, und Alette
    verspricht, August zu holen.


In der Rose erzählte Alette Amhag die Erlebnisse des Nachmittags, und
ihre Augen strahlten dabei. Sie fand, es sei doch wunderwunderhübsch
gewesen.

Aber Laura war unzufrieden. »Im Grunde ist das kein Verkehr für dich,«
schalt sie, »na, wenigstens dauert es nicht lange!«

»Sie ist doch keine Prinzessin auf der Erbse!« brummelte Frau
Tippelmann. Sie meinte, eine Amhag aus der Rose passe wohl zu denen aus
der Linde.

Alette fing das Wort auf. »Was ist das, eine Prinzessin auf der Erbse?«
fragte sie. »Wo wohnt die?«

»Im Märchen!« Frau Tippelmann kannte nur dies Wort, nicht das Märchen,
und sie geriet in Verlegenheit, als Alette sehr stürmisch flehte, sie
solle ihr das Märchen erzählen. »Ich weiß es nicht, wirklich nicht,«
beteuerte sie, als sie in die enttäuschten Augen der Kleinen sah;
»Märchen kann ich nicht erzählen, nur Geschichten, wahre Geschichten
aus alten Zeiten.«

Wenn Frau Tippelmann gedacht hatte, sie würde damit Alette abschrecken,
so irrte sie sich. Alette bat immer dringlicher um eine Geschichte.
Weil ihre Bäckchen aber schon glühten und sie ungewöhnlich aufgeregt
war, erklärte Laura, heute nicht mehr, heute müsse sie schlafen, morgen
dann.

»Ja, morgen,« versprach Frau Tippelmann, »morgen ist auch ein Tag.
Jetzt muß ich noch zu Herrn Häferlein gehen und einkaufen.«

Da gab sich Alette zufrieden. »Ich freue mich sehr,« sagte sie und
streckte Frau Tippelmann zutraulich die Hand hin. Die strich ihr zum
erstenmal liebkosend über das sanftgelockte Haar und sagte den alten
Spruch, den einst vor langen Jahren ihr die eigene Mutter allabendlich
mitgegeben hatte: »Schlaf gut in Gottes Hut. Es schüttle dir ein
Engelein ein flitterbuntes Träumelein von seinem Himmelsbäumelein!«

Laura, die eifersüchtig war, brummte: »Ewig die Sprichwörter, zu
langweilig ist's!«

Aber drüben bei Herrn Häferlein erntete Frau Tippelmann dann mehr
Dank. Der Kaufmann hatte bis zu dieser Abendstunde sehr viel zu tun
gehabt; seine Ladenklingel war nur so gehopst und gesprungen, ganz
atemlos zitterte sie und kam gar nicht zur Ruhe. Die Käufer strömten
unablässig in den Laden hinein, und jeder tat zuerst die Frage: »Was
war denn heute hier los?« Man hatte die wunderlichsten Geschichten in
Breitenwert erzählt von den Vorfällen am Nachmittag. Die einen sagten,
Herr Häferlein habe einen tollgewordenen Affen in seinem Geschäft,
die andern wußten zu berichten, alles sei zerschlagen im Laden, Herr
Häferlein selbst sei halbtot. Wieder andere wollten wissen, der
Kaufmann sei selbst toll geworden, und aus lauter Neugier kamen die
Leute und kauften. Da hieß es: »Bitte, für zwanzig Pfennige Mandeln,
und erzählen Sie doch mal, was hier los war!« Oder eine Frau verlangte
für fünf Pfennige Pfeffer und sagte dazu: »Aber recht genau erzählen,
ich habe Zeit!«

Herr Häferlein hatte gewogen, eingepackt und erzählt und wieder gewogen
und eingepackt und erzählt, und als Frau Tippelmann kam, war er schon
rechtschaffen müde, aber doch sehr vergnügt. Er rief der Frau gleich
entgegen, er wolle in den Silbernen Stern gehen und sich dort mit Herrn
Baldan versöhnen, der abends meist ein Stündchen das Gasthaus aufsuchte.

»Ist recht so!« Frau Tippelmann nickte zufrieden. »Wer seine Nachbarn
schilt, weiß bald, was er selber gilt,« sagte sie.

»Ich bin ja auch friedfertig,« versicherte Herr Häferlein, »nur den
Sternbübles verzeih ich's nicht; die werden heute noch bei ihrer Mutter
verklagt. Sonst bin ich nicht für Zank und Streit.«

»Kommt auch nichts dabei heraus. Denn wenn zwei zanken um ein Ei,
steckt's der dritte bei,« gab Frau Tippelmann zur Antwort. »Und nun
gute Nacht!«

Herr Häferlein sah seiner Nachbarin voll Bewunderung nach. Sie ist
doch eine erstaunlich kluge Frau, dachte er, immer weiß sie für alles
das rechte Wort. Na ja, an mir soll es nicht liegen, ich will mich
schon mit Herrn Baldan versöhnen! Nur die Sternbuben, die müssen eins
ausgewischt kriegen.

Herr Häferlein schloß seinen Laden und lief auf einem Umweg in den
Stern.

Herr Baldan verließ nur um zehn Minuten später die Lindenapotheke und
kam eine halbe Minute vor dem Kaufmann im Stern an. Ihm wäre ein Umweg
auch gut gewesen, da hätte er sich vielleicht ausgescholten. Seit er
am Nachmittag so sonderbar im Räuberschlößle in seiner Rede gestört
worden war, hatte er noch keinen Augenblick Zeit gehabt, weiter mit
Herrn Häferlein abzurechnen. Sein Groll lebte noch, und kaum erblickte
er den freundlichen Nachbar, da fuhr er diesen an: »Ei, pfui, Herr
Häferlein, Sie haben sich aber nicht nett benommen!«

Wenn nun einer, der gerade versöhnliche Gedanken im Herzen trägt, so
angeschrien wird, dann ärgert er sich meist, und Herr Häferlein ärgerte
sich sehr. Er gab eine patzige Antwort, und zum Überfluß fragte noch
jemand: »Haben Sie Ihren Affen mitgebracht?«

Da war es aus. Hui, fuhr Herr Häferlein auf! Frau Tippelmann hatte
einmal von ihm gesagt, er gliche einem Töpfchen voll Sahne, er sei
sanft und mild, aber wenn er einmal ins Kochen gerate, dann sei kein
Halten mehr, er brodele über.

So war es jetzt. Ein paar Gäste redeten freundlich zu. Herr Baldan
selbst hätte gern eingelenkt, aber das half nichts. Der Kaufmann sagte
seinem ehemaligen Freund bitterböse Worte; dann lief er zu der einen
Türe hinaus, Herr Baldan zur andern. Draußen rannte einer nach rechts,
der andere nach links, und dann kamen sie doch beide zu gleicher Zeit
in der Löwengasse an. Hier fuhren sie noch einmal aufeinander los, und
jeder dachte bei sich: Nun ist es aus, ganz aus mit der Freundschaft.

Bei diesem Streit, der den beiden ehemaligen Freunden trübe Stunden
genug schaffte, waren die beiden Sternbuben gut weggekommen, denn
Herr Häferlein hatte in seinem Ärger vergessen, sie bei der Mutter zu
verklagen. Die hatte gedroht: »Kommt Herr Häferlein, dann mag er euch
selbst bestrafen.« Doch dies Ungemach ging an beiden vorüber, und sie
spazierten an diesem Abend höchst vergnügt zu Bett. Es war leider so,
die Sternbuben fanden ihren Streich sehr lustig, und obgleich ihre
Schwester Gundel geklagt hatte, sie wären böse, erklärten sie doch
immer wieder, es wäre fein gewesen. Freilich meinten sie nicht die
Minuten damit, die sie in Herrn Häferleins Händen gewesen waren; da
schüttelten sie sich noch in der Erinnerung. Sie hatten das Gundel mit
großem Eifer geschildert; grausig war es gewesen, wie Herr Häferlein
sie gepackt hatte und sie beinahe geschlagen hätte, -- wenn nicht
Alette Amhag gekommen wäre.

O Alette! Die Sternbuben waren ein paar wilde, unnütze Schlingel,
frech, faul, borstig, meist auch etwas schmutzig, zu vielerlei
Missetaten aufgelegt, und doch blühten auch in den Gärtlein ihrer
Herzen schöne Blumen. Vor lauter Unkraut waren sie oft nicht zu sehen,
aber vorhanden waren sie, und an diesem Tag hatte die Dankbarkeit ihren
lichten Kelch entfaltet, die Dankbarkeit für das freundliebe Mädchen,
das sie aus Herrn Häferleins Händen befreit hatte.

Immer wieder erzählten sie Gundel von ihr, und immer wieder wollte
Gundel von Alette hören. Peter, der ein dicker, kleiner Stöpsel war,
ahmte mit viel Gepolter nach, wie Alette angekommen sei. Er quiekte
dabei wie ein kleiner Hund, der sich den Schwanz einklemmt; das sollte
Alettes flehendes Rufen vorstellen, und Mathes sagte auch jedesmal: »So
hat sie's gemacht.«

Und wieder dachte Gundel ohne Neid, aber mit viel Sehnsucht: Wäre das
fremde Mädchen doch meine Freundin! »Ihr müßt euch bedanken,« sagte sie
zu den Brüdern.

Die hätten das schon gern getan, aber wie? Einfach hingehen und sagen:
»Danke schön,« das ging doch nicht! Dazu waren die frechen Sternbübles
wieder viel zu schüchtern. Auch Gundel fand diesen einfachen Weg
furchtbar schwer; sie riet: »Ihr müßt ihr schreiben.«

Die Brüder lagen schon im Bett, als sie ihnen diesen Vorschlag machte,
und beide krochen mit einem wilden Aufschrei unter ihre Deckbetten.
Einen Brief zu schreiben, etwas so Ungeheuerliches mutete ihnen die
Schwester zu! »Uff!« stöhnte Peter, aber Mathes fand einen Ausweg:
»Schreib du; du nimmst so ein feines Bögle mit Vergißmeinnichtle drauf,
wie du an Weihnachten bekommen hast. Da freut sie sich.«

»Ja, schreib du!« Peterle kam auch wieder unter dem Deckbett vor. »Wir
tragen's hin und werfen's rein.«

»Wie heißt sie denn?« fragte Gundel zögernd.

Die Buben sahen sich an; ja, ja, das wußten sie gar nicht.

Gundel atmete erleichtert auf. »Dann kann ich net schreiben. Aber ein
Blumensträußle könntet ihr hintragen.«

Huje, ein Sträußle! Die Buben kreischten vor Vergnügen und strampelten
in ihren Betten hin und her. Der Gedanke, mit einem Strauß in die Rose
zu gehen, erschien ihnen zu närrisch, und Mathes prustete endlich
heraus: »Wir sind doch kein Mädle!«

»So dumm ist das gar net,« verteidigte Gundel gekränkt ihren Vorschlag.
»In einem Geschichtenbüchle von mir steht von einem Büble, der das
getan hat. Erst hat er Gänsle gehütet und dann das vornehme Fräulein
geheiratet.«

Heiraten, Alette Amhag heiraten, ja, das war etwas Feines!

»Ich heirate sie auch,« schrie Peter sehr bereitwillig.

»Nein, ich will sie heiraten,« brüllte Mathes.

»Ich hab's zuerst gesagt, gelt Gundel?«

»Ich bin aber älter, ich heirate sie.«

Peter besann sich einen Augenblick, dann rief er rasch: »Du heiratest
sie, und ich krieg's Äffle.«

»Nein, das will ich,« rief Mathes kirschrot, »dann heirate du sie.«

»Aber hört doch,« rief Gundel erschrocken ob dieses Geschreis, »sie
will euch doch gar net heiraten!«

»Warum denn net?« Peter und Mathes fragten es erstaunt wie aus einem
Munde; sie selbst fanden ihren Plan, Alette Amhag dereinst aus
Dankbarkeit heiraten zu wollen, wundervoll.

Gundels sanfte Augen füllten sich mit Tränen, und sie sagte traurig,
so recht aus bekümmertem Schwesternherzen: »Weil -- ach, weil sie euch
doch alle die wüsten Sternbuben nennen und -- und -- euch niemand im
Gäßle leiden mag!«

Das stimmte nun freilich, nur vergaßen es die beiden immer wieder.
Das Erinnern daran aber war schmerzlich. Die Bübles verschwanden jäh
wieder unter ihren Deckbetten, und aus der Tiefe klang nun ein dumpfes
Ächzen und Heulen; sie fühlten beide, wie schwer es ist, in einem
so schlimmen Ruf zu stehen. Zuerst steckte Mathes seine Nase wieder
heraus; er jammerte: »So arg ist's doch net!« Da kam auch Peters Kopf
zum Vorschein; der kleine Stöpsel heulte: »Wir meinen's doch net so!«

»Mina kommt,« sagte Gundel plötzlich erschrocken. Jemand kam die Treppe
herauf, ging draußen entlang, und die drei hielten fast den Atem an;
sie sollten eigentlich schon schlafen, und heute mochten sie nicht
gerade Minas Zorn reizen. Die Schritte entfernten sich, und Gundel
schlich sich hastig aus dem Zimmer, ihr Lichtlein vorsichtig in der
Hand tragend. Nun war es dunkel und still in der Stube der Sternbuben,
und der Schlaf hätte kommen können. Aber die beiden, die sonst
schliefen, ehe sie noch recht im Bett drin waren, lagen noch eine Weile
wach; zum erstenmal bedrückte es sie, daß die Löwengasse sie nicht
leiden mochte. Um Alettes willen hätten sie schon gern einen bessern
Ruf gehabt. Und Peter sagte plötzlich in das Dunkel hinein: »Morgen
sind wir brav.«

»Ja,« murmelte Mathes kleinlaut, »aber -- die Schularbeiten!«

Da seufzten sie beide tief und schwiegen -- die Schularbeiten hatten
sie beide nicht gemacht.

Als die Sternbuben am nächsten Morgen aufwachten, hatten sie,
merkwürdig genug, die guten Vorsätze des Abends nicht ganz vergessen.
Daher rasten sie nicht wie sonst der Schwester davon, sondern warteten
auf sie. Sie fanden nämlich auch, es ginge sich leichter zu dreien an
Herrn Häferleins Laden vorbei.

Der Kaufmann stand nicht vor seiner Türe; der saß verdrießlich innen.
Hätte er zwei linke Füße gehabt, er wäre an diesem Morgen mit ihnen
beiden zuerst aufgestanden, so schlecht war seine Laune. Trotzdem war
der Schulweg nicht lustig für die Sternbuben, und in der Schule erging
es ihnen auch übel genug. Man narrt nicht ungestraft seine Kameraden,
dies bekamen sie an diesem Morgen reichlich zu spüren.

Gundel hatte auf dem Schulweg viel um der Brüder willen zu leiden. Sie
sah den Zorn der andern, hörte die vielen Spottworte, konnte diese und
die vielen Püffe dazu nicht von ihren Brüdern abwenden; nur weinen
konnte sie. Weinend kam sie vor der Schule an, weinend trennte sie
sich von den Brüdern, und bitterlich weinend betrat sie ihre Klasse.
Ihre Kameradinnen fragten sie mitleidig nach ihrem Jammer; auch die
Lehrerin, Fräulein Raimund, tat das. Die hatte das sanfte, stille Kind
gern, und sie spürte es auch, das waren wirkliche Kummertränen. »Sag,
Gundel, was fehlt dir?« mahnte sie.

Doch Gundel blieb stumm, und dabei hätte sie so herzensgern von ihrem
Leid gesprochen, hätte sich so gern einmal liebreich trösten lassen.
Sie wäre auch gern wieder froh gewesen, aber sie konnte nicht; immerzu
mußte sie an ihre Brüder denken, die niemand leiden konnte, und zu
denen andere Buben gesagt hatten: »Nach der Schule gibt's was!«

»Geh heim, Gundel Hinz,« sagte Fräulein Raimund endlich. Sie begann
sich zu ängstigen, vielleicht war Gundel krank.

Da stand Gundel auf und schlich sich zur Klasse hinaus, und der jungen
Lehrerin tat das Herz weh, als sie das blasse Kind so kummerbeladen zur
Türe hinken sah. Sie ging ihr rasch nach und fragte sie draußen noch
einmal nach dem, was sie bedrückte, aber wieder vermochte Gundel nicht
zu sprechen, sie brachte nicht einmal heraus, daß sie lieber in der
Schule bleiben wollte.

»So geh denn, mein armes Mädle,« sagte die Lehrerin endlich gütig,
»vielleicht wird es zu Hause besser.«

Und Gundel ging. Sie schlich mit schwerem Herzen scheu durch die
Gassen, meinte, jeder müßte ihr die schlimmen Brüder am verweinten
Gesichtchen ansehen. Zu Hause, was sollte sie da? Dort hatte niemand
Zeit für sie, und Mina schalt gewiß, weil sie aus der Schule so früh
heimkam.

Es war wieder einer von den hellen, frohen Tagen, an denen sich
alles vom Frühling erzählt. Da flüstern und raunen sich die Bäume
und Büsche, die Blumen, die noch unter der Erde träumen, zu: »Bald,
bald kommt der Frühling.« Ganz alte Bäume wissen lustige liebe kleine
Frühlingsgeschichten zu erzählen; sie erzählen sie jedes Jahr, und
jedes Jahr freuen sich alle daran. Die Sonne schmunzelt dazu und mahnt:
Sputet euch, sputet euch, wachst, sproßt hervor, fühlt nur, wie warm
ich schon scheine!

Alette Amhag hatte sich von der Sonne verlocken lassen und war, trotz
Lauras Schelten, auf die Löwengasse gelaufen. Ach, wie warm und hell
die Sonne schien! Alette wartete auf Kasperle und lief die Gasse auf
und ab. Ganz still war es. Dem Untermarkt zu ging ein alter Mann,
sonst war niemand zu sehen. Da kam Gundel. Sie ging mit gesenktem
Kopf und schluchzte noch immer leise vor sich hin. Vor Tränen sah sie
niemand und nichts, und sie blieb erschrocken stehen, als Alette Amhag
sie mitleidig fragte: »Warum weinst du denn?«

Gundel brachte wieder kein Wort heraus; sie stand und atmete schwer.
Ach, so gern, so himmelgern hätte sie dem heimlich bewunderten fremden
Mädchen alles gesagt! Von den Brüdern hätte sie reden mögen, und wie
dankbar für die Hilfe gestern sie war, aber Gundel war eben ein armes
Schüchterle, dem nur schwer die Worte kamen. Doch ihre Tränen flossen
allmählich sachter, und als Alette wieder und wieder fragte, tat sie
den Mund auf, sie wollte sprechen.

Aber da kam Kasperle leider dazwischen. Schwatz- und spiellustig trat
der aus dem Hause und krähte vor Vergnügen wie ein Hähnlein, als er
Alette erblickte. Kasperle begrüßte Alette und schaute Gundel prüfend
an. »Das ist die Schwester von den Sternbuben,« rief er. »Nicht wahr,
du bist Hinkegundele?«

Dies war der Name, den die Löwengasse der armen Gundel gegeben hatte.
Niemand ahnte dabei, wie weh der Ruf dem armen Kinde tat. Der Name und
das Wort von den schlimmen Brüdern brachte Gundel um alle Fassung.
Sie knickte auf dem Bürgersteig zusammen wie ein Bäumchen, über das
der Sturm kommt, barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte zum
Steinerweichen.

Alette suchte erschrocken sie zu trösten; sie streichelte sie
ungeschickt und sagte immerzu: »Weine doch nicht, ach, weine doch
nicht! Bitte, bitte, weine nicht mehr!«

Kasperle stand betrübt dabei; er trat ungeduldig von einem Bein auf das
andere und fragte endlich seufzend: »Weinst du noch lange? Augustle
wartet doch!«

August vielleicht vermochte Gundel zu trösten. Alette kam das jäh in
den Sinn, und sie sagte eilig: »Wir holen ihn einmal heraus, da lachst
du vielleicht. Willst du?«

Gundel gab keine Antwort, aber Kasperle schrie begeistert: »Ja, fein!«
Er stapfte auch gleich über die Gasse, und Alette lief ihm nach. »Wir
kommen wieder, warte,« rief sie Gundel zu; dann verschwand sie im
Rosenhaus. Aber mit dem Wiederkommen ging das nicht so rasch, denn
August war leider nicht da, wo er sein sollte. Frau Tippelmann brummte,
Laura schalt, und Alette und Kasperle riefen klagend des Äffchens
Namen. Alle miteinander liefen im Hause hin und her, suchten oben,
suchten unten und fanden ihn schließlich da, wo sie ihn am wenigsten
gesucht hätten: in Frau Tippelmanns Wohnzimmer. Da saß er sehr vergnügt
auf dem Nähtisch und wirrte alles durcheinander. Er hatte schon eine
heillose Unordnung angerichtet. Frau Tippelmann packte ihn zornig und
schalt heftig: »So ein Hans Unnütz, so ein abscheulicher Wicht!«

August schrie gellend los. Frau Tippelmann hatte eine feste Hand, ihr
Griff tat nicht gut, und Laura rief erzürnt: »Sie drücken ihn ja tot!«

»I wo,« erwiderte Frau Tippelmann gelassen, »vom Geschrei stirbt einer
nicht!« Sie gab aber den Affen Alette, ohne ihn, wie diese gefürchtet
hatte, zu strafen. Sie selbst bückte sich still und hob ein paar
Glasscherben auf vom Boden. »Hat August was zerbrochen?« fragte Alette
ängstlich.

»Eine kleine Glasvase scheint's,« erwiderte Laura gleichgültig, »ärgern
Sie sich nur nicht, Frau Tippelmann, wir kaufen eine andere.«

Es war gut gemeint von Laura, aber es klang doch hochmütig und protzig,
und die alte Frau sah ernst das junge Mädchen an. »Man kann nicht alles
mit Geld bezahlen,« sagte sie ruhig; »das Gläsle stammt noch von meiner
Mutter, es kann mir nicht mit Gold und Silber ersetzt werden.«

Da setzte Alette ihren kleinen Liebling rasch zu Boden und schalt
ihn nun selbst. »Pfui, August, was hast du getan!« Sie lief auf Frau
Tippelmann zu, schmiegte sich an diese an und bat kummervoll: »Seien
Sie nicht böse!«

Frau Tippelmanns Gesicht hellte sich auf; es war, als hätte sie sich
geschwind mit Sonnenschein eingerieben, und freundlich versicherte
sie: »Ich bin nicht böse, Kind. Nein, gewiß nicht! Nun nimm nur deinen
dummen August, was wolltest du eigentlich mit ihm?«

»Der Hinkegundel zeigen,« schrie Kasperle; »die wartet.«

»Ach ja,« rief Alette erschrocken, »die sitzt auf dem Gäßle und weint.
Ich will schnell, schnell zu ihr.«

»Alette, Alette,« mahnte Laura erschrocken, »du kannst doch nicht mit
jedem Gassenkind spielen!« Doch Alette Amhag war schon aus der Stube
und trabte draußen durch den Hausflur mit Kasperle. Frau Tippelmann
aber sagte lächelnd: »Das ist nun mal in der Löwengasse so, und die
Amhags stammten halt daher, daran ist nichts zu deuteln und zu drehen.«

»Ach was,« rief Laura geärgert, »für die Großmütter mag's gepaßt haben,
Alette ist ein vornehmes Kind, das darf nicht hier bleiben! Ich hab's
schon an Frau van Bachhoven geschrieben. Wir wollen nach Paris, das ist
besser.«

»Bleibe im Lande und nähre dich redlich!« murmelte Frau Tippelmann.
»Eine Amhag gehört in die Löwengasse, und ein Schnattergänschen mag
meinetwegen über den Rhein fliegen.«

Das hörte Laura leider nicht mehr, die war den Kindern nachgelaufen
und fand die beiden enttäuscht auf der Gasse stehen. Gundel war fort.
Sie hatte lange und sehnsüchtig auf Alettes Wiederkehr gewartet, doch
endlich war sie heimgehinkt mit schwerem Herzen. Aber sie dachte nicht
mit Groll an Alette; für die hatte sie keinen Vorwurf. Nur als sie
wieder daheim in ihrem Zimmer war, da flossen ihre Tränen von neuem,
und diesmal rannen sie nicht allein aus Kummer um die Brüder, Alette
Amhag war auch schuld daran. Ach, warum war sie nicht gekommen!



Achtes Kapitel.

Eine seltsame Entdeckung.

    Alette wird traurig und wieder froh; sie geht einkaufen, und
    Laura sagt zu Herrn Häferlein, es sei gewiß langweilig in
    seinem Laden. Die Sternbuben sehen die Lindenkinder in die Rose
    gehen. Sie wollen arbeiten und denken an den ersten April.
    Wie sich die Nachbarsleute ganz unvermutet im Keller treffen,
    nachdem Herr Häferlein erst auf der Sauerkrauttonne gesessen
    hat. Frau Tippelmann schilt nicht, aber Laura denkt doch an die
    Abreise.


Alette war traurig über Gundels Fortgehen, und Alette wurde wieder
fröhlich. Sie spielte mit Kasperle, spielte sich hungrig und bekam rote
Bäcklein, die ihr sehr gut standen, und über die Frau Tippelmann ihre
Freude hatte. Laura dagegen sprach: »Vornehme Kinder sehen nicht so
erhitzt aus; es wird Zeit, daß wir aus der Löwengasse herauskommen.«

Am Nachmittag wollte Alette zu Frau Tippelmann gehen, die sollte ihr
die versprochene Geschichte aus vergangener Zeit erzählen, aber Laura,
die eifersüchtig war und Alettes Liebe niemand gönnte, sagte geschwind:
»Wir wollen spazierengehen. Frau Tippelmann laß nur, die ist froh, wenn
wir aus dem Hause sind.«

»Mag sie uns denn nicht leiden?« fragte Alette erschrocken.

»Nein, gar nicht.« Laura log und wußte es wohl, daß sie es tat; sie
entschuldigte sich aber vor sich selbst: Es ist besser so, Alette soll
hier niemand lieb gewinnen; sie bleibt ja doch nicht hier! Sie gingen
beide spazieren, und Frau Tippelmann sah ihnen traurig nach. Sie hatte
in ihrem Zimmer einen kleinen Tisch gedeckt, hatte ein paar schöne
Tassen daraufgestellt, die noch aus der Zeit stammten, da die Amhags
wohlhäbig in der Rose gehaust hatten. Aus ihnen sollte Alette an diesem
Nachmittag Schokolade trinken. Dabei wollte sie der Kleinen von den
Amhags erzählen und sagen, daß sie auch eine Amhag sei. Doch der Tag
verging, Alette kam nicht. Sie wich Frau Tippelmann scheu aus, und die
fühlte es wohl, und das Herz tat ihr weh. Sie wurde wieder finster
und verdrießlich, stellte die schönen Familientassen weg und erzählte
nicht, daß sie auch eine Amhag sei.

Und wieder wurde Alette traurig, und wieder wurde sie froh, denn gegen
Abend kam ganz geschwind Trinle Grill noch einmal gelaufen, erzählte
ihr von der Schule und wollte wissen, ob Alette Ostern hineinkäme.

»Ich hab's schon meinem Papa geschrieben; er erlaubt es gewiß,«
versicherte Alette. »Ach, ich will so gern in die Schule gehen!«

Trinle sprang vor Vergnügen. Sie hatte zwar schon acht allerbeste
Freundinnen in der Schule, aber für Alette Amhag war noch viel Platz
in ihrem kleinen zärtlichen Herzen. »Ich freue mich, ich freue mich!«
jauchzte sie. Und dann gab es einen langen zärtlichen Abschied, und
beide sagten: »Morgen wird's fein.«

Alette hatte noch nie einen richtigen Kinderbesuch gehabt, und als sie
am nächsten Morgen aufwachte, rief sie gleich: »Laura, deckst du bald
den Tisch?«

Daran dachte Laura nun freilich nicht, aber sie redete mit Alette denn
doch von dem Besuch, und wie es sein sollte. Sie hatte ein schlechtes
Gewissen, fühlte sich auch im Unrecht gegen Frau Tippelmann und dachte
immer: Lange bleibt Alette doch nicht hier, da mag sie meinetwegen in
der kurzen Zeit tun, was sie mag. Also ging sie und sprach versöhnlich
mit Frau Tippelmann. Die sah wieder um ein bißchen freundlicher drein
und gab gute Ratschläge, wie alles herzurichten sei.

»Warum sie mich nur nicht leiden mag?« Alette sann darüber nach und
kam schließlich auf den Gedanken: Es ist um Augusts willen, denn
der kleine Schelm beging an diesem Morgen wieder allerlei unnütze
Streiche, und Frau Tippelmann nannte ihn eine Landplage und sagte
wieder: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Zum erstenmal in ihrem Leben ging Alette an diesem Vormittag richtig
einkaufen. Zu dem Zuckerbäcker auf dem Obermarkt und zu Herrn
Häferlein. Damit August inzwischen nichts Dummes beging, nahm sie
ihn mit. So sah Herr Häferlein auf einmal seinen kleinen schwarzen
Namensvetter in seinem Laden. Er sah ihn etwas schief an, aber weil
Laura so freundlich lachte, lachte er schließlich auch, er gab dem
Äffchen sogar eine Handvoll Rosinen und freute sich mit, wie geschwind
der diese verschlang. Da schenkte er ihm noch Zuckerkand, und Laura
sagte: »Er wird Sie noch besuchen, wenn Sie ihn so verwöhnen.«

Herr Häferlein war wirklich ein überaus höflicher Mann, und weil er
dachte, Fremden muß man etwas erzählen, erzählte er dies und das
aus Breitenwert. Laura lachte viel; sie fand Herrn Häferlein sehr
schnurrig, und Alette Amhag sah sich neugierig in dem Lädchen um. So
etwas hatte sie noch nie gesehen, und alle die Kästen mit den kleinen
weißen Schildern, auf denen stand, was sie enthielten, bereiteten ihr
vielen Spaß. »Nicht wahr,« fragte sie plötzlich, »so einen Laden gibt's
nirgendswo als hier im Löwengäßle?«

Herr Häferlein lächelte geschmeichelt. »Der ist freilich schön,« sagte
er stolz. Doch Laura murmelte etwas verlegen: »Solche Läden gibt's
überall in Deutschland -- selbst in Berlin,« fügte sie zögernd hinzu.
Sie dachte dabei an den kleinen Vorstadtladen, den ihre Eltern besessen
hatten, und in dem sie schon helfen mußte, als sie so alt wie Alette
war. Laura redete nicht gern davon. Sie gehörte zu den Menschen, die
meinen, ein schlichtes Herkommen und bescheidene Lebensverhältnisse
wären eine Schande. Jetzt war sie Fräulein Laura, halb Zofe, halb
Gesellschafterin; sie trug schöne Kleider und bildete sich ein, sehr
vornehm zu sein, wenn sie Englisch oder Holländisch sprach und von
ihren weiten Reisen erzählte.

»Ein bißchen langweilig mag's schon sein, alle Tage im Laden zu
stehen,« sagte sie dann herablassend und mitleidig und rümpfte ihre
Nase. »Komm, Alette, wir müssen gehen.«

»Nun, nun,« rief Herr Häferlein, »langweilig ist's gar net. Mir gefällt
es ganz gut, und Frau Tippelmann sagt immer: ›Zufriedenheit macht
Wasser zu Wein,‹ und da hat sie ganz recht. Ich bin recht zufrieden in
meinem Lädle und will's net besser haben auf der Welt.«

In Lauras Herzen sang es, ein Klang aus vergangenen Tagen war es, da
hatte der Vater auch oft gesagt, wenn die Kinder von größerem Reichtum
redeten: »Seid zufrieden, Kinder, mit dem, was ihr habt, denn wer
nicht zufrieden ist, trägt an seiner Bürde doppelt schwer.«

»Du bist so still geworden, Laura,« fragte Alette draußen, »hat dich
Herr Häferlein geärgert?«

»Nein,« antwortete Laura hastig, »aber die Löwengasse ist mir
langweilig, und den kleinen Laden finde ich gräßlich. Wenn uns nur erst
Frau van Bachhoven holte!«

»Ich bleibe hier,« rief Alette erschrocken, und es war ihr auf einmal,
als sei ihr die ganze Freude an dem schönen Tag vergangen.

Sie kam aber wieder, als sie den festlich gedeckten Tisch überblickte
und von drüben aus der Linde die Grills herüberkommen sah. Die gingen
ganz langsam und feierlich, denn sie hatten sich fein gemacht, und sie
fanden, die Löwengasse dürfte es wohl sehen, daß sie in die Rose zu
Besuch gingen. Die Sternbuben erkannten das auch wirklich von ferne,
und ihre Herzen wurden ihnen schwer. Sie wären gerne auf einmal brave,
fleißige Sternbübles gewesen, hätten einen guten Ruf gehabt, um auch
von Alette Amhag eingeladen zu werden. Sie rannten denn auch eilig in
den Stern zurück, suchten ihre Schwester Gundel und erklärten, sie
wollten Schularbeiten machen, und sie sollte ihnen helfen.

Das war ein seltener Entschluß. Gundel fragte auch darum ganz
bedrückt: »Habt ihr wieder ein dummes Streichle gemacht?«

Bewahre! Die beiden verteidigten sich lebhaft. Ihr Gewissen war an
diesem Tage so rein wie ein frischgewaschenes Mundtuch, und sie fingen
auch wirklich sehr emsig zu arbeiten an, bis auf einmal Mathes sagte:
»Am Dienstag ist erster April -- ujeh!«

»Erster April!« Peters Augen blinkerten und glänzten da gleich vor
lauter Lust, und Gundel rief erschrocken: »Ach je, ihr denkt schon
wieder auf ein Dummheitle!«

Die beiden verteidigten sich wieder, versicherten, sie wüßten nicht das
kleinste Späßle, sie hätten nur so gelacht.

»Jetzt wißt ihr noch keins, aber dann fällt euch eins ein,« sagte
Gundel traurig, »ihr wollt doch brav werden!«

Ja, freilich, das wollten sie doch alle beide. Sie versuchten es also,
den ersten April zu vergessen, und steckten wieder emsig die Nasen ins
Buch. Sie waren augenblicklich viel gesetzter als die Grillschen, die
im Haus zur Rose so viel schwatzten, daß Laura dachte: Das vertrage ich
nicht.

Sie hörte aber doch zu, was die Geschwister zu berichten hatten, eine
ungeheuer wichtige Neuigkeit. Kaum waren sie im Hause, da riefen sie
alle stolz: »Wir verreisen.«

»Bald, nächste Woche schon,« sagte Veit, und Kasperle fügte hinzu: »Wir
bleiben schrecklich lange, und ich fahr mit.«

Schrecklich lange! Alette Amhag sah tief erschrocken drein, und
Trinle tröstete eifrig: »Schrecklich lange nicht, nur drei Tage.«
Dann erzählten sie. Die Großmutter, Frau Grills Mutter, die zwei
Stunden Bahnfahrt von Breitenwert entfernt wohnte, feierte am nächsten
Sonnabend ihren siebzigsten Geburtstag. Dazu reisten sie alle am
Freitag schon hin, und da dort alle Kinder und Kindeskinder der sehr
geliebten Großmutter zusammenkamen, kehrten die Grills erst Dienstags
heim. Weil ein siebzigster Geburtstag nicht alle Tage in einer Familie
gefeiert wird und der Tag nun einmal nicht in die Ferien fallen wollte,
hatten die Kinder frei bekommen. Schulfrei, so kurz vor den Ferien! Sie
sagten alle vier, dies sei besonders fein, obgleich Kasperle doch noch
immer Ferien hatte.

Alette wunderte sich etwas. Die Geschwister hatten ihr so viel davon
erzählt, wie gern sie in die Schule gingen, daß sie dachte, die
müßten nun eigentlich sehr betrübt sein über die versäumten Tage. »Du
bist aber dumm!« verwies sie Veit mehr offen als höflich, und Trinle
belehrte sie, das sei nun einmal so. Auf Ferien freue man sich immer
furchtbar, auf besondere Feiertage noch furchtbarer, und in die Schule
ginge man gern. »Du mußt dich aber nicht zu sehr nach uns bangen,«
schloß sie, »nachher erzähle ich dir viel, und vielleicht bringe ich
dir auch Kuchen mit.«

»Vielleicht,« sagte Laura zu sich. Der paßte die Reise der Grills gut,
und als das Schokoladetrinken vorbei war und die Kinder ein Spiel
beschlossen, ging sie in ihr Zimmer, um an Frau Juana van Bachhoven zu
schreiben. Sie dachte, den Geburtstagskuchen soll unsere Alette nicht
mehr essen, die Tage sind gut zur Abreise, da gibt es dann keinen
Abschiedsjammer. Sie schrieb dies und das und schrieb auch, Alette
freue sich auf Paris, sie würde gern hingehen. Es war wieder eine
Unwahrheit, aber Laura wollte fort, sie hatte die Löwengasse satt.

Frau Tippelmann hatte gemeint, Laura würde bei den Kindern bleiben. Sie
selbst hätte es gern getan, aber sie kannte doch Alettes Scheu vor ihr.
Die tat ihr weh, und sie ging still in ihr Zimmer, hörte das Lachen der
Kinder von fern und fühlte sich so einsam wie nie zuvor.

Die Gäste merkten nichts von Lauras Ärger und Frau Tippelmanns
Traurigkeit, sie waren vergnügt und Alette mit ihnen. Veit und
Steffen waren sehr für Entdeckungsfahrten eingenommen, und ihre Lust
am richtigen Spiel war bald vorbei. »Zeig uns den Garten, Alette,«
baten sie, und Alette führte ihre Gäste gern hinaus. Der Garten war
nicht sehr groß und glich mehr einer kleinen struppigen Wildnis. Frau
Tippelmann hatte nur immer dicht am Hause Blumen und Gemüse gepflanzt
und hatte die alten Bäume und Sträucher stehen und wachsen lassen, wie
sie wollten.

»Da ist ein Räuberschlößle,« schrie Kasperle, der durch das zarte Grün
des Buschwerkes ein Gartenhäuschen schimmern sah. Hart an der Mauer des
Nachbargartens lag es.

»Ach, es ist nicht schön,« sagte Alette, und ihre Gäste bestätigten das
bald, als sie vor dem halbverfallenen Budchen standen. Nein, schön war
es nicht.

»Aber reinsehen muß man,« erklärte Veit und rüttelte an der Türe. Die
gab nach; ein leerer, halbdunkler Raum gähnte den Kindern entgegen,
nicht einmal altes Rumpelzeug war darin. Nur sehr viel Staub und
Spinngewebe hing in den Ecken, es mochte wohl seit Jahren niemand hier
dringewesen sein.

»Da ist eine Klappe, da geht es in einen Keller,« rief Veit plötzlich.
Ein eiserner Ring war im Boden eingelassen, und die Buben stürzten
eilfertig darauf zu und zerrten und zogen daran. Sie mußten sich
ordentlich plagen, aber dann gab die Klappe nach und ging auf. Die
Kinder sahen nun ein Treppchen vor sich, das in die Tiefe führte.

»Ein Keller,« rief Alette ängstlich.

»Ja, freilich, und wer weiß, was da unten verborgen ist!« riefen Veit
und Steffen. »Früher haben die Menschen manchmal in solchen Kellern
Schätze versteckt.« Veit besonders war ganz aufgeregt; das war doch
etwas Geheimnisvolles, etwas, das er erforschen konnte! »Vielleicht
finden wir unten einen Schatz, vielleicht eine Kiste, vielleicht einen
Topf mit Geld, vielleicht --«

»Mäusle,« rief Trinle, aber der Bruder hörte nicht darauf. Der sagte
eifrig: »Wir müssen hinunter.«

»Nein, ach nein,« jammerte Alette erschrocken, »nicht da hinein, ich
fürchte mich so sehr!«

»Pah, Furchthäsle du!« rief Veit. »Fürchtest du dich auch, Trinle?«

Eigentlich graulte sich Trinle wirklich sehr vor dem unbekannten
Kellerloch und vor den Mäusles drinnen, aber sie schämte sich vor den
Brüdern ihrer Angst und sagte ganz kühn, ordentlich etwas protzig:
»Natürlich geh ich mit runter. Fürchten? Pah!«

»Ich geh auch mit!« Kasperle jauchzte vor Abenteuerlust. Er wollte auch
gleich das Treppchen abwärts steigen, aber Alette hielt ihn fest. »Du
mußt hierbleiben,« bat sie angstvoll. »Du bist zu klein, sonst -- sonst
hole ich Frau Tippelmann.«

Die Geschwister überlegten, und Veit entschied. »Ja, Kasperle bleibt
mit Alette erst mal oben, wir sehen, was unten ist.«

»Ich will mit,« kreischte Kasperle ungestüm. Er riß sich empört von
seiner guten Freundin los, aber zu seinem Kummer sagten beide Brüder:
»Du bleibst!« Kasperle zog einen schiefen Mund, er war gar nicht mit
seinen Brüdern darin einer Meinung, daß die Jüngeren den Älteren
manchmal folgen müssen. Er fügte sich aber, wenn auch sehr traurig, und
trotzig brummte er seine Freundin Alette an: »Ich besuch dich nicht
mehr.«

In Alettes Augen standen Tränen. Sie fürchtete sich entsetzlich vor
dem dunklen Loch, sah mit Zittern und Zagen die Geschwister die Treppe
hinabsteigen und sehnte Frau Tippelmann herbei. Doch die blieb fern,
und Steffen, Veit und Trinle stiegen kühn in die unbekannte Tiefe
hinab. Veit hatte vor kurzem von seinem Paten eine kleine elektrische
Taschenlampe bekommen, die er ungeheuer stolz immer bei sich trug. Sie
diente jetzt als Leuchte, und bei jedem Schritt sagte darum Veit: »Gut,
daß ich meine Lampe habe!« Das Lämpchen erhellte unten notdürftig einen
kleinen Kellerraum. Er war leer, aber Trinle erschien er schauriger als
das ganze Räuberschlößle. »Es ist nichts hier,« flüsterte sie zitternd,
»wir wollen zurückgehen, -- Alette grault sich.«

»Du wohl auch?« Veit fragte dies sehr hohnvoll, und Trinle nahm ihr
letztes kärgliches Restlein Mut zusammen und behauptete tapfer: »I wo!«

»Da geht's weiter,« schrie Steffen und deutete auf einen Gang. »Paßt
auf, wir finden noch was!«

»Eine Tür!« Veit war, unbekümmert darum, ob die andern sehen konnten,
mit seinem Lämpchen vorausgelaufen und beleuchtete eine Tür, die den
Keller nach irgendwohin abschloß.

Was lag dahinter? Eine Schatzkammer, verborgene, vergessene
Herrlichkeiten? »Wir müssen die Tür aufkriegen,« rief Veit und rüttelte
und rappelte an dem alten Holzpförtlein herum. »Auf, auf, auf,
Schatzkammer, öffne dich!« dachte er.

»Mit einem Beil einschlagen,« riet Steffen kühn. »Aber was ist denn da
los?«

Von oben herab tönte zitterndes Angstgeschrei. Alette und Kasperle
hatten das Dröhnen gehört; sie kauerten am Treppchen und jammerten
entsetzlich, sie meinten, denen unten sei etwas geschehen.
»Furchthasen,« schalt Veit grollend und brüllte: »Kommt runter, hier
ist's fein, wir finden was, kommt nur!«

»Kommt,« rief auch Trinle zaghaft.

Da wurden die oben still. Hinunter wagten sie sich nicht, aber sie
lauschten nun doch etwas beruhigter hinab. Nur merkwürdig war es,
denen unten schien das Schreien fortzutönen, jämmerlich klang es, bis
es allmählich verhallte. »Ein Echo,« sagte Steffen und hieb mit aller
Macht gegen die Türe.

»Wenn wir nur einen Schlüssel hätten!« brummte Veit und rüttelte an dem
verrosteten Schloß herum. Das knarrte, wackelte, und auf einmal sprang
die Türe mit einem lauten Krach auf, und die drei Entdecker blickten
in einen mit Fässern und Kisten gefüllten Keller, der gar nicht sehr
unheimlich aussah, sondern recht sauber und ordentlich.

Die drei waren plötzlich ganz still geworden. Was war da? Wo waren sie
hingelangt? Waren hier nun wirklich vergessene Reichtümer aufgestapelt?

Oben hatten Alette und Kasperle den Krach gehört, mit dem die Türe
aufgesprungen war. Trinles Schrei dabei war der letzte Laut gewesen,
dann wurde unten alles still, und auf Alettes bebendes Rufen kam keine
Antwort. Da packte die beiden eine jämmerliche Angst, und alle beide
rannten klagend zum Gartenhäuschen hinaus und schrieen draußen voll
Angst nach Frau Tippelmann.

Im gleichen Augenblick gellte vorn nach der Löwengasse hinaus ein nicht
minder ängstliches Rufen, und in der Nachbarschaft taten sich Türen
und Fenster auf. Was war geschehen? Leute stürzten auf das Gäßlein
hinaus, und aus der Lindenapotheke kam Herr Baldan mit langen Schritten
angerast. »Bei Häferlein brennt's,« rief es, »dort ist was los!«

In Herrn Häferleins Laden war wirklich etwas los. Bleich, zitternd saß
der Kaufmann auf einer Sauerkrauttonne, und sein schläfriger Gehilfe
saß auf einer Siruptonne, und beide stöhnten nur immer: »Diebe! Diebe!
Hilfe! Hilfe!«

Herr Baldan stürzte als erster in den Laden, ihn hatte der Hilferuf
namenlos erschreckt; wie die Posaune des jüngsten Gerichts gellte ihm
der in den Ohren. Sein Freund war in Not, mit dem er sich gestritten
und noch nicht wieder versöhnt hatte. Schwer bedrückte ihn das, und
als er Herrn Häferlein noch lebendig auf der Sauerkrauttonne sitzen
sah, umfaßte er den Freund mit einem lauten Jubelschrei: »Gottlob, Sie
leben, lieber Häferlein!«

»Lieber Baldan!« Der Kaufmann umarmte den Freund gerührt, all sein
Groll war im Augenblick verflogen, und er war fast ärgerlich, daß so
viele andere Leute auch in den Laden kamen. Aber freilich, die wollten
ihm alle helfen, alle forschten und fragten: »Was ist los? Wo sind die
Diebe?«

»Im Keller,« ächzte Herr Häferlein.

»Na, die wollen wir schon fassen!« Der dicke Bäckermeister Hering, er
war natürlich auch dabei, sagte es entschlossen, und Herr Baldan rief
mutig: »Die sollen uns nicht entwischen. Fritz, zeigen Sie uns den Weg!«

Doch Fritz blieb einem Jammerbilde gleich auf seinem Sirupfasse sitzen.
»Ich kann nicht,« ächzte er nur.

»Na, Gott sei Dank, die Polizei!« Herr Häferlein atmete auf, als er
einen Schutzmannshelm im Türrahmen erblickte, und Herr Baldan atmete
auch auf. Der Kaufmann rutschte von seinem Krautthron herab und sagte
nun, da der bewaffnete Helfer an seiner Seite stand: »Im Keller sind
sie; gehen Sie voran, -- ich komme mit. Fritz, schlafen Sie nicht, und
passen Sie hier auf!«

Drüben in der Rose hatten auch Hilferufe das Haus durchgellt. Die
waren aber nicht auf die Straße hinaus gedrungen, die hatten nur Frau
Tippelmann und Laura arg erschreckt. Laura schrie gleich, als könnte
sie damit Hilfe schaffen, Frau Tippelmann aber nahm kurz entschlossen
einen Besen und ein Licht und herrschte Laura grob an: »Viel Geschrei
und nichts dabei.«

Da nahm sich Laura zusammen und folgte der Frau und den verweinten
Kindern nach dem Gartenhaus. Was dort eigentlich geschehen, wußten
aber weder Alette noch Kasperle zu sagen; nur von einem Kellerloch und
einer Treppe erzählten sie schluchzend, und Frau Tippelmann lief immer
schneller. Die Angst trieb sie vorwärts.

Von all dem Lärm und aller Angst merkten die drei kühnen Entdecker
in ihrem Schatzkeller nichts. Die berieten noch immer, was sie tun
sollten, in dem gefüllten Keller weitergehen oder doch lieber umkehren
und Frau Tippelmann von dem geheimnisvollen Fund erzählen. Gerade
hatten sie sich für dies letztere entschieden, als hinter ihnen Frau
Tippelmann mit Laura auftauchte.

»Na nu -- was ist denn das?« Frau Tippelmann sah verdutzt auf die drei
Kinder, die ganz unversehrt zwischen Kisten und Fässern standen, aber
offenbar auch nicht recht wußten, was sie sagen sollten.

Ehe sie noch erzählen konnten, wie sie hier hereingekommen, klirrte das
irgendwo, eine Tür sprang auf, Lichtschimmer fiel herein, und jemand
rief: »Da sind sie noch -- herrje, Frau Tippelmann, Sie hier?«

»Herrje, Herr Häferlein, Sie sind's?«

»Du meine Güte, wie kommen denn Sie in meinen Keller?«

»Na, nun schlägt's dreizehn, das sind ja unsere Kinder!« schrie der
Provisor dazwischen.

Der Schutzmann grinste. »Die Diebe scheinen Ihnen ja bekannt zu sein,
Herr Häferlein,« sagte er. »Nein, so etwas! Frau Tippelmann, Sie hätte
ich aber net in Ihres Nachbars Keller vermutet!«

»Du lieber Himmel,« rief Frau Tippelmann entrüstet, »nun werde ich wohl
gar noch als Einbrecherin angesehen! Aber so etwas kommt von so etwas,
und Jugend ohne Hut tut selten gut, man hätte aufpassen sollen.«

Fräulein Laura wurde verlegen; sie fühlte es wohl, der Vorwurf galt
ihr, und berechtigt war er auch. Aber eine Antwort brauchte sie nicht
zu geben. Herr Häferlein schaute sich um und fragte: »Wissen möchte
ich aber doch, wie Sie in meinen Keller hineingekommen sind, Frau
Nachbarin!«

»Doch, kommen Sie durch das Loch wieder mit hinaus, da werden Sie
es sehen,« brummte Frau Tippelmann. Sie hielt ihr Licht hoch und
beleuchtete die verborgene Tür. »Hier geht es durch,« sagte sie, »und
verwunderlich ist die Sache nicht. Die Häuser gehörten früher beide den
Amhags, da mag der Keller angelegt worden sein. Übrigens ist es ein
rechtes Rattenloch, darum --«

»Hui, hui!« Laura, Alette, Trinle und Kasperle flüchteten kreischend,
und dabei rannten sie beinahe Herrn Häferlein und Herrn Baldan um.
Die purzelten gegeneinander und kamen so zu einer zweiten Umarmung an
diesem Tage.

Flink, flink, flink kletterten die Angsthasen die Treppe hinauf. Veit
und Steffen zögerten noch, aber da erzählte Frau Tippelmann gelassen
weiter: »Ja, Ratten gibt's in Massen hier, sie haben immer alles
angefressen und --«

Da kletterten auch die Buben sehr geschwind die Treppe hinan, und Frau
Tippelmann sah ihnen lächelnd nach und sagte schmunzelnd: »Angst macht
nicht allein ein altes Weib traben, es bringt auch junge Fürwitze
auf die Beine. Übrigens brauchen Sie keine Sorge zu haben, Nachbar
Häferlein, so schlimm ist es mit den Ratten nicht; ich wollte dem
Kindervolk nur die Kellerreisen vergraulen.«

Das war Frau Tippelmann freilich gelungen. Als sie wieder nach oben
kam, nachdem sie unten die Türe sorgfältig verwahrt hatten, fand sie
Alette und ihre Gäste ein wenig bedrückt beieinandersitzen, Laura dabei
mit einem Gesicht wie eine Gewitterwolke. Jetzt kommt's, dachte die. In
diesem gräßlichen Nest, in diesem gräßlichen Haus muß man sich wirklich
noch von einer alten Frau ausschelten lassen.

Doch Frau Tippelmann schalt nicht; sie schaute nur die blasse Alette
besorgt an, dann sagte sie: »Ich bringe euch noch heiße Milch, Kuchen
ist auch noch da; nach der Kellerluft wird ein heißer Trunk euch gut
tun. Wenn ihr einmal wieder auf Entdeckungsreisen ausgehen wollt, fragt
lieber vorher, ob ihr dürft.« Die Frau nickte den Kindern zu und ging
hinaus, und kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da rief
Trinle: »Sie ist gar net bös.«

»Nein, sie ist gut,« sagte Alette leise, aber Laura hörte es doch,
und Laura ärgerte sich. Und dann, als die Kinder schmausten, ging sie
wieder in ihr Zimmer und schrieb eilig den Brief fertig, in dem stand:
»Alette wird hier ganz verdorben, es ist gar kein Umgang für sie, sie
muß fort, nächste Woche schon.«



[Illustration]



Neuntes Kapitel.

April, April!

    Die Sternbübles helfen ihrem Oheim aufräumen, und Mina muß
    Kleister kochen. Was der Mond sieht, warum er sich über die
    Wolken ärgert. Die Breitenwerter erleben eine Überraschung.
    Herr Schmidt und noch mehr Leute ärgern sich, und August ist
    da, wo er nicht sein soll.


Die Kinder aus der Linde fürchteten sich ein wenig vor Herrn Baldans
Scheltworten und spitzen Reden bei ihrer Heimkehr. Aber Wunder über
Wunder! Herr Baldan redete sanft wie Honigmilch. Er lachte und scherzte
mit den Geschwistern über das Kellerabenteuer, nannte Frau Tippelmann
eine prächtige Frau und sagte kein böses Wörtlein. Herr Baldan war
so vergnügt wie seit langem nicht, weil er sich mit seinem Freund
Häferlein ausgesöhnt hatte.

Der Provisor gehörte zu den Leuten, die schwer die Bitte »Verzeih mir!«
sagen können. Sie leiden im Herzen, quälen sich Tag und Nacht, möchten
gern versöhnt sein, wissen auch ihr eigenes Unrecht und bringen doch
das kleine Wort »Vergib!« so schwer über ihre Lippen. Schreck und Angst
hatten die Freunde wieder zusammengebracht, und nun saß Herr Baldan
in der Apotheke, scherzte mit den Kindern und hätte am liebsten alle
bitteren Pülverlein und Pillen, die er zu mischen und zu rollen hatte,
in Zucker getaucht. Andere sollten auch froh sein, andern sollte auch
alles honigsüß schmecken.

Herr Häferlein saß nicht minder vergnügt in seinem Lädchen. Sein
Gesicht glänzte vor Freude, und wenn jemand kam und zu ihm sagte: »Ach,
Herr Häferlein, was haben Sie wieder für einen Schreck gehabt!« dann
sagte er allemal: »Gar nicht schlimm war es, ein rechter Spaß!«

Natürlich redeten die Leute in der Löwengasse viel von dem Einbruch bei
Herrn Häferlein; sie lachten darüber, weil der Kaufmann lachte, und am
liebsten wären sie alle in den Keller geklettert und hätten sich das
Loch angesehen. Am allerliebsten aber hätten dies die Sternbuben getan.
Denen war es bitter leid, nicht dabeigewesen zu sein. Sie klagten
grollend der Schwester: »Wenn wir so etwas machen, geht's uns gleich
schlimm!«

Damit hatten sie nun freilich recht, sie vergaßen nur einmal wieder,
daß sie sehr oft dumme Streiche begingen und in ihrem Schuldbuch schon
viele schwarze Striche standen. Im Ärger, nicht dabeigewesen zu sein,
vergaßen sie auch wieder ihre guten Vorsätze vollständig, die vergingen
wie der Schnee, der am letzten Märztag auf alle leise keimende
Frühlingsherrlichkeit niedersank. Es wurde recht ein Wetter, wie es der
April liebt, Regen, Schnee, Sonnenschein und Wind, und Frau Tippelmann
sagte: »Na ja, man merkt es, morgen ist erster April, ist der noch so
gut, er schickt dem Bauer doch Schnee auf den Hut.«

»Morgen ist erster April.« Die Sternbuben sagten das zueinander; ein
wenig trübselig klang es. Sie standen im Torweg des Silbernen Stern und
schauten dem Flockentreiben zu, aber die großen weißen Flocken brachten
ihnen keinen guten Einfall für einen Aprilscherz. Sie hätten gar zu
gern einen Spaß gemacht, hätten gar zu gern jemand recht tüchtig in
den April geschickt, aber nichts fiel ihnen ein. Sie wußten auch ganz
genau, man würde ihnen morgen aus dem Wege gehen. Mina hatte schon
gedroht: »Wenn ihr morgen mit euren Narreteien anfangt, dann wehe euch!«

»Mathes, Peter,« rief da innen der Mutter Stimme ihre Namen. Ein
Weilchen hörten sie beide träge an dem Ruf vorbei, endlich, da die
Mutter ungeduldig zu werden schien, trotteten sie in das Haus hinein.
Sie gingen wie ein paar müde alte Männlein vor Faulheit, als sie
aber von der Mutter hörten, sie sollten dem Onkel Adam frische Wurst
hintragen, da wurden sie schnell putzmunter. Zu dem Onkel Adam gingen
sie immer gern. Der besaß einen Papierladen und hatte lauter Dinge zu
verkaufen, die Mathes und Peter immer brauchten. Sie verloren viele
Stifte und verschmierten viele Hefte, sie liebten außerdem sehr buntes
Papier, Taschenmesser, Blaustifte und dergleichen, und alles das gab es
bei Onkel Adam mitunter als Bringelohn.

In dem Laden des Herrn Adam Hinz sah es an diesem Nachmittag, als
die Sternbuben eintraten, etwas kunterbunt aus, und der Onkel machte
gar kein vergnügtes Gesicht. »Ich muß aufräumen,« bemerkte er, »der
Frühling kommt, da schickt sich das. Besuche kann ich nicht brauchen.«
Sein Gesicht hellte sich aber gleich auf, als er die frische Wurst
erblickte, die aß er besonders gern, und er sagte viel freundlicher als
vorher: »Na, bleibt nur noch ein paar Minuten hier!« Das war den beiden
schon recht. Die Unordnung im Laden gefiel ihnen besonders; sie kramten
da und dort herum, und wenn ein Käufer kam, taten sie sehr wichtig,
beinahe als gehöre ihnen der Laden.

Über dem Kramen und Ordnen geriet Onkel Adam an ein Paket großer
Zettel, auf denen allerlei stand: »Wohnung zu vermieten« und
dergleichen. Auf einigen stand auch »Herzlich willkommen!« und Herr
Hinz schob den Buben das Paket hin mit den Worten: »Die könnt ihr mal
ordnen, so daß immer die verschiedenen Aufschriften zusammen liegen.
Versteht ihr das?«

»Es sind aber welche zerrissen,« rief Mathes gleich sehr eifrig.

»Die tut fort.«

»Können wir die nehmen?«

»Meinetwegen,« brummte Onkel Adam. Er wollte noch etwas sagen, aber da
kam eine Frau, die einen Briefbogen kaufen wollte. Zu dem Kauf brauchte
sie so viel Zeit wie andere zu einem Hauskauf. Die Buben ordneten
unterdessen emsig die Zettel, dabei tuschelten und kicherten sie
immerzu miteinander, sagten ein paarmal: »Das ist nicht mehr gut« und
legten sich so allmählich ein ansehnliches Stößlein beiseite; obenauf
lag ein ganz zerrissenes, beschmutztes Willkommenblatt. »Wir sind
fertig, und die da sind kaputt,« erklärten sie beide nach einer Weile.

»Na, gut!« Onkel Adam nickte, schenkte jedem noch einen Bleistift, und
dann zogen die beiden Schelme ab, und der gute Onkel brummte hinter
ihnen her: »Sie machen's auch zu arg mit den Sternbübles, so schlimm
sind sie gar nicht!«

Mina war ein Weilchen später sehr erstaunt, als die Buben von ihr
einen Topf voll Kleister forderten, der Onkel hätte ihnen Papier zum
Verkleben geschenkt, erklärten sie.

»Na, ein Täßle wird wohl genug sein,« erwiderte Mina.

»Nein, ein Töpfle muß es sein, ein großes Töpfle voll,« riefen die
Buben einstimmig. »Pah, ein Täßle ist viel zu wenig!«

Weil im Silbernen Stern nun ohnehin mehr große als kleine Töpfe auf dem
Herde standen, dachte Mina, es kommt ja nicht darauf an, und kochte
einen Litertopf Kleister, mit dem die Buben vergnügt von dannen zogen.

Sie waren an diesem Nachmittag weiter sehr brav, machten ihre
Schularbeiten, spielten mit Gundel und gingen so nett und brav ins
Bett, als wären sie nie in ihrem Leben die wilden Sternbübles gewesen.

Es war an diesem Abend in dem Gasthaus viel zu tun, eine große Hochzeit
wurde darin gefeiert, und Wirtin wie Dienstleute hatten alle Hände voll
zu tun. Nach den Kindern zu sehen, dazu hatte niemand Zeit.

Am Himmel zogen dunkle Wolken dahin, Sturmwolken, Regenwolken, und
der Mond hatte seinen rechten Ärger mit ihnen. Der hatte ohnehin ein
schiefes Gesicht, eine dünne und eine dicke Backe; vor lauter Verdruß
wurde es aber noch schiefer. Unten in Breitenwert gab es etwas höchst
Sonderbares zu sehen, doch gerade wenn der gute Mond recht genau
hinschauen wollte, husch, husch! flog ihm so eine dumme dunkle Wolke
am Gesicht vorbei. »Was fällt euch ein, ihr naseweises Luftgesindel!«
schalt er. »Weg mit euch, ich will sehen, was -- -- --«

Rutsch! saß ihm eine kohlschwarze Sturmwolke vor der Nase, die heulte:
»Schimpf nicht, alter Gesell, morgen ist erster April, da müssen wir da
sein.«

»Und ich muß aufpassen, was da unten geschieht; Platz da!« schrie der
Mond. Er wehrte sich, sah über die Wolke hinweg auf Breitenwert hinab
und rief: »Nein, die Sternbübles, was wollen denn die bei Nacht auf dem
Obermarkt, sie -- -- --«

»Man muß nicht neugierig sein, alter Papa,« mahnte eine große
Schneewolke und setzte sich dem Mond auf den Kopf. Da konnte er gar
nichts mehr sehen. Eine Weile balgte er sich mit den Wolken herum, und
als er wieder etwas sehen konnte, da erblickte er die Sternbuben in
einem Torweg. Wie sein Licht sie traf, wichen sie noch mehr zurück, und
er konnte nicht einmal sehen, was sie eigentlich in der Hand hatten.
»Die Sache muß ich mir ganz genau ansehen; mit den Sternbübles ist's
nicht geheuer,« brummte der Mond, aber da kamen die Wolken wieder,
der Kampf begann von neuem, bis es der Mond müde wurde. Ganz blaß und
angegriffen rief er noch der Sonne zu: »Na, meine gute Sonne, nun
ärgere du dich!«

Die ärgerte sich und schalt, und die Menschen auf der Erde ärgerten
sich auch und schalten und namentlich die Bauersleute, die in aller
Morgenfrühe nach Breitenwert fuhren, um dort auf dem Wochenmarkt die
Butter, und was sie sonst noch hatten, zu verkaufen. Die Bauern kamen
immer zeitig zur Stadt; meist packten sie schon die Waren aus, wenn
die Städter ihre Geschäfte erst aufschlossen, und wenn die Kinder
zur Schule gingen, war der Marktbetrieb meist schon im Gange. An
diesem Tage aber herrschte auf dem Obermarkt ein besonderes Leben. Da
drängten sich die Landleute vor einem Laden zusammen, jeder wollte
der erste Käufer sein, wenn aufgemacht wurde. In dem Geschäft gab es
Wirtschaftsgeräte zu kaufen, Teller, Tassen, Schüsseln, Butterdosen,
Kannen, Gläser, was man nur wollte. Der Besitzer, Herr Schmidt, pflegte
zu sagen: »Ich habe ein feines Geschäft, eins wie in einer Großstadt.«
Das war wirklich beinahe so, selbst Fräulein Laura hatte in diesem
Geschäft nicht die Nase gerümpft, wie sie es in den Breitenwerter Läden
zu tun pflegte.

Die Landleute kauften sonst nicht viel bei Herrn Schmidt, der war ihnen
zu fein und zu teuer. An diesem Tage hatte aber auf einmal jeder Lust,
etwas zu kaufen, und als Herr Schmidt von innen den Rolladen hoch zog,
erschrak er sehr vor den vielen Menschen, die draußen standen. Was
wollten sie nur alle bei ihm?

Die redeten draußen, was sie kaufen wollten. Eine Frau sagte: »Das
Körble, das da so aussieht wie Silber, nehme ich,« und eine andere
sagte: »Ich möchte das Glasschüssele haben dort mit dem Füßle.«

»Das nehme ich,« schrie eine dritte, sie stand schon an der Türe und
sah ordentlich kampflustig drein. Das ärgerte jene, die zuerst das
Glasschüssele gewollt hatte. Sie begann zu schelten, andere mischten
sich hinein, und der Lärm wuchs. Zum Überfluß kamen noch Schulkinder
dazu; die wollten natürlich auch wissen, was los sei, und drinnen sah
Herr Schmidt immer ängstlicher auf das Getriebe. Er wagte es gar nicht,
seinen Laden aufzuschließen, und die draußen ärgerten sich wieder, daß
es so lange dauerte. Sie riefen immer lauter: »Auf, auf, auf!«

Das kann jeder schreien, ich lasse zu! dachte Herr Schmidt, und nun
ließ er seine Rolladen wieder herab. Dann lief er zur Hintertür hinaus,
um zu sehen, was eigentlich los war.

Ein Zetergeschrei empfing ihn. Gleich zehn, zwanzig Menschen schrieen
auf ihn ein, was das sei, warum er erst einen Ausverkauf anzeige und
dann seinen Laden nicht aufmache. Abscheulich sei das von ihm, ganz
abscheulich!

»Aber,« rief Herr Schmidt, »aber -- -- --«

»Ich will das Körble von Silber kaufen.«

»Ich möchte die Eierbecherle haben und das blaue Bierkrügle.«

»Aber -- also, Leute, hört -- -- --«

»Das Teekännle da, wo zwanzig Täßle reingehen, will ich und das große
Glasschüssele.«

»Das Taschenmesser kauf ich,« schrie ein Bube.

»Aber --« Auf einmal blieb Herrn Schmidt die Sprache ganz weg. Was
war denn das, was stand da an seinem Laden angeschrieben? »Das ist
falsch, das ist falsch,« rief er, »das stimmt nicht, ich habe keinen
Ausverkauf!«

»So? Ei, das wäre doch, da steht's ja!«

Wohl zwanzig dicke und dünne Zeigefinger deuteten nach Herrn Schmidts
Laden hin; da klebten überall große Zettel, auf denen stand:
»Gänzlicher Ausverkauf,« und auf zwei Zetteln stand noch: »Jedes Stück
nur fünfzig Pfennige.«

»Was, das soll ich angeklebt haben?« rief der Kaufmann empört. »Ich
will ja gar nichts ausverkaufen, fällt mir nicht ein! Was, und fünfzig
Pfennig sollen meine guten, teuren Sachen nur kosten? Ei, das wäre ein
Spaß!«

»Vielleicht ist's auch nur ein Spaß,« sagte ein alter Bauer plötzlich
bedächtig dazwischen, »heute ist ja erster April.«

»Pfui, Herr Schmidt, wie können Sie uns so zum Narren halten!« rief es
gleich da und dort, und der arme Herr Schmidt hatte Not und Mühe genug,
es den Leuten begreiflich zu machen, daß er wirklich nichts dafür
konnte, gar nichts, er sei selbst genarrt worden. Etliche glaubten ihm
dies sogar erst, als ein paar Buben angerannt kamen, die erzählten, auf
dem Untermarkt, vor dem Zuckerwarenladen von Frau Kümmel sei es genau
so, dort wäre auch ein Ausverkauf angezeigt, und man hätte die arme
Frau Kümmel in ihrem Laden beinahe erdrückt.

»So etwas, nein, so etwas!« riefen die Leute. »Was auch alles in
Breitenwert vorkommt! Wer mag es nur gewesen sein?«

Ja, wer? Man redete noch hin und her, da kamen ein paar aus der
Löwengasse gelaufen, die erzählten, an der Lindenapotheke klebten
Zettel, auf denen stehe: »Neue Heringe.« Darüber sei Herr Baldan
fuchswild, und Herr Häferlein schimpfe auch, denn an seinem Hause
stünde überall: »Wohnung zu vermieten,« und allemal darunter: »Herzlich
willkommen!«

Es war kein Wunder, daß die Buben und Mädel, die am Obermarkt, in
der Löwengasse und am Untermarkt wohnten, nur gerade noch im letzten
Augenblick in die Schule kamen. Ja etliche konnten sich gar nicht
losreißen, die rannten erst noch einmal dahin und dorthin, jeden Zettel
staunten sie an, und natürlich kamen sie zu spät zur Schule, und
natürlich gehörten zu denen die Sternbuben. Die hatten blinkeblanke
Augen und wußten viel zu berichten, wie es da hergegangen war, hier
bei Herrn Schmidt und da bei Frau Kümmel. Wenn aber jemand sagte: »Wer
es nur gewesen sein mag?« dann guckten die Sternbuben in die Luft, als
ginge der ganze Lärm sie gar nichts an.

Man wurde an diesem Tag in Breitenwert nicht fertig, über den
Aprilstreich zu reden, zu lachen und sich zu ärgern. Und immer wieder
fragte einer den andern: »Wer mag's nur gewesen sein? Wie bekommt man
das heraus?«

Davon redete aufgeregt am Nachmittag auch Herr Häferlein mit Herrn
Baldan, und die Sternbuben -- sie gingen wohl zum zehnten Male an Herrn
Häferleins Laden vorbei an diesem Tage -- hörten gerade die Herren
reden. Sie stellten sich breitbeinig vor das Schaufenster, sagten, sie
wollten dies kaufen und jenes, und dabei spitzten sie gewaltig ihre
Ohren. Herr Häferlein ärgerte sich über die Buben. Wegjagen konnte er
sie aber nicht, denn sie waren kein bißchen unnütz, und vielleicht
sollten sie einkaufen; er konnte das nicht wissen. Er redete also
weiter mit Herrn Baldan und sagte ein paarmal: »Erwischen muß man die
Übeltäter. Na, ich falle heute auf keinen Aprilscherz mehr herein!«

»Ich auch nicht,« rief der Bäckermeister Hering, der gerade vorbeiging,
und er erzählte, sein Lehrjunge sei gekommen und habe gerufen, in der
Backstube wären Ratten, und dann seien gar keine dringewesen.

»Eine zu dumme Sitte!« brummte Herr Baldan. »Mich sollte nur einmal
jemand necken wollen, dem bekäme das schlecht!«

»Da kommt Ihr Fritz,« rief der Bäckermeister, »der will Sie auch in den
April schicken.«

Wirklich kam Fritz, der schläfrige Gehilfe, aus dem Laden heraus
und sagte langsam: »Herr Hää--ferlein, der Auuuguuust friißt alle
Rooosiiinen auf!«

»So ein Dummkopf!« Herr Häferlein wurde hochrot vor Ärger. »Wer an
meine Rosinen geht, weiß ich schon, der heißt nicht August, der heißt
Fritz!«

»Jaaah,« murmelte Fritz schläfrig und trottete zurück, und Herr
Häferlein sagte böse hinter ihm her: »Ein schrecklicher Faulpelz,
der denkt nur an Schlafen und Essen. Jetzt hat er mir sicher wieder
genascht. Wozu so ein erster April nicht alles gut ist! Jetzt gehe ich
aber mal zu Herrn Adam Hinz, vielleicht weiß der, wo die Zettel her
sind; vielleicht hat sie jemand bei ihm gekauft.«

Den Sternbuben schien plötzlich Herrn Häferleins Schaufenster
langweilig zu werden, sie trabten los mit gesenkten Köpfen. In diesem
Augenblicke aber gab es drinnen in Herrn Häferleins Laden ein lautes
Getöse und Geklirr, und gleich darauf erklang Fritzens Stimme: »Herr
Häääferlein, Auuuguuust hat waaas umgeworfen.«

Die beiden Freunde und der Bäckermeister eilten in den Laden, und die
Sternbuben vergaßen das Fortlaufen. Flugs steckten sie auch ihre Nasen
zur Ladentüre hinein und sahen innen auf dem Boden ein Durcheinander
von Kästen, Schalen, Zuckerstangen und Rosinen. Fritz aber hockte
wieder auf dem Sauerkrautfaß und klagte: »August war's!«

Es war wirklich August gewesen. Der Schelm war durch ein Fenster
der kleinen Ladenstube, das nach dem Garten der Rose hinaussah,
hereingeklettert, und Fritz hatte in seiner Schläfrigkeit erst lange
nichts von des Äffleins unnützem Wesen gemerkt; als er es melden ging,
war schon viel Unheil geschehen. August hatte überall genascht, hatte
Tüten abgerissen, Kästen heruntergeworfen, und kein Mensch konnte es
Herrn Häferlein verdenken, daß er bitterböse war. Er schalt heftig,
Herr Baldan schalt noch heftiger, und der Bäckermeister rief, man müsse
dem schwarzen Ungetüm das Genick umdrehen. Die Sternbübles hörten das
draußen, und sie fanden es sehr hart und böse; sie liefen alle beide
zur Rose, rissen stürmisch an der Klingel und schrieen Frau Tippelmann
entgegen: »August wird umgebracht; Herr Häferlein dreht ihm den Hals
um!«

»Quatsch! Ihr denkt wohl auch, am ersten April schickt man die Narren,
wohin man sie will?« rief Frau Tippelmann und schlug den beiden die
Türe vor der Nase zu.

Da merkten sie, daß es manchmal für die schwer ist, Glauben zu finden,
die die Leute einmal für Schelme halten. Doch Alette Amhag hatte auch
der Buben Angstgeschrei gehört, und sie hielt es nicht für einen
Aprilscherz, so oft ihr dies Frau Tippelmann auch versicherte. Sie
wollte hinaus, wollte ihrem kleinen Liebling helfen. Da öffnete Frau
Tippelmann wieder die Türe, und als die Sternbuben Alette sahen,
brachen sie in ein gellendes Jammergeschrei aus. »Er bringt ihn um, er
bringt ihn um; Herr Häferlein macht August tot!«

Dies angstvolle Rufen lockte Laura herbei, es lockte auch die
Grillschen Kinder auf die Straße, es lockte da und dort jemand ans
Fenster, und der gute Herr Häferlein hatte wieder einmal recht zu
seinem Ärger Neugierige genug um seinen Laden. Alle riefen sie nach
August, und darüber ärgerten sich die beiden Auguste mehr und mehr.
August Baldan sagte zu August Häferlein: »Es ist eine Schande, unsern
schönen Namen einem Affen zu geben,« und August Häferlein rief dem
schwarzen kleinen August wütend zu: »Na, warte nur, wenn ich dich erst
habe!«

»Pfui, Herr Häferlein, wie hartherzig Sie sind!« sagte da Laura, die
just hinter Alette den Laden betrat. »Unsern armen kleinen August
wollen Sie töten?«

»Der Himmel bewahre mich,« rief Herr Häferlein entrüstet, »so etwas
habe ich nie gewollt, so grausam -- -- --«

»Herr Häferlein macht den August tot,« brüllten draußen die Sternbuben
so lange, bis Herr Baldan scheltend aus dem Laden herauskam und mit
einem finsteren Gesicht Ruhe gebot. Da erschraken Mathes und Peter doch
darob ganz ungeheuer.

Innen hatte inzwischen Alette Amhag ihr Äffchen zärtlich gelockt. Das
war auch gekommen, und Herr Häferlein tat ihm nichts, ja er sagte sogar
gutmütig: »Hoffentlich hat er sich nicht den Magen verdorben!«

Dies war nun wirklich nett von Herrn Häferlein. Alette spürte es
dankbar, und dankbar gab sie dem Kaufmann die Hand und versicherte
dann: »Augustle hat's nicht böse gemeint. Er ist so lieb!«

Na ja! Herr Häferlein lächelte zwar ein wenig sauersüß, aber er öffnete
doch höflich selbst die Türe und ärgerte sich dann wieder über das
laute Geschrei, das Alette empfing. »Er lebt, er lebt, Augustle ist
nicht tot!« brüllten die Kinder, am lautesten wieder die Sternbuben.
Die drängten sich auch keck und unverzagt mit vor, und Alette lächelte
ihnen zu, ja Augustle ließ sich von ihnen streicheln, und so standen
die Sternbübles plötzlich im Kinderkreis, als wären sie mit allen gut
Freund. Das gefiel ihnen wohl, und als Laura sie nach ihren Namen
fragte, gaben sie so nett und bescheiden Antwort, verbeugten sich so
höflich, daß selbst Herr Baldan dachte: »So übel sind sie eigentlich
nicht, die Sternbübles.«

Und gerade da kam der Onkel Adam Hinz durch die Löwengasse, neben ihm
ging Herr Schmidt, und ehe die beiden Schelme noch an Ausreißen denken
konnten, fühlten sie sich ergriffen, und Herr Schmidt sagte zornig:
»Jetzt sollt ihr mir mal sagen, wer bei mir die Zettel angeklebt hat,
kommt mal mit!«

Da gab es kein Sträuben, selbst Alettes angstvolles Rufen half nichts.
Herr Schmidt nahm Mathes, Onkel Adam nahm Peter, und so ging es in den
Silbernen Stern hinein, und dort gab es ein böses Strafgericht.

»Die Sternbuben sind's gewesen, natürlich, wer anders als die
Sternbuben!« sagten sie in der Löwengasse, auf dem Obermarkt und dem
Untermarkt. »Das konnte man sich denken! Wie soll es nur noch einmal
mit den Buben werden, die geraten nicht gut!«

Im Silbernen Stern, ganz allein in einem der großen Zimmer des
altertümlichen Hauses aber saß eine, die den allertiefsten Kummer um
die schlimmen Bübles im Herzen trug, das war Gundel. Die weinte und
weinte und meinte, sie könnte nimmer froh werden vor Scham und Trauer.
Sie wollte ihnen zürnen und konnte es doch nicht, denn leise, leise
klang und tönte in ihrem Herzen ein Glöckchen, das hieß Vertrauen.
»Sie sind nicht so schlimm, sie sind nicht so schlimm,« tönte das fort
und fort. Zuletzt faltete Gundel die Hände und betete in ihres Herzens
tiefer Not: »Lieber Gott, hilf, mach, daß alle im Gäßle die Bübles
liebhaben! Lieber Gott, sie sind wirklich net so bös, glaub es, sie
sind net bös!«



[Illustration]



Zehntes Kapitel.

Frühlingsregen.

    Es fließt viel Wasser vom Himmel, und viele Tränen werden
    vergossen. Die Lindenkinder verreisen, und die Sternbuben
    rennen Alette nach. Was geschieht, wenn eine Brücke morsch ist.
    In die Löwengasse dringt eine schlimme Kunde, Frau Tippelmann
    erschrickt, Laura denkt, die Gasse tanzt, und Frau Hinz trägt
    ihr Gundele und findet ihre Buben wieder.


Die Löwengasse war bitterböse auf die Sternbuben. Alle sagten, die
wären eine Schande für die Gasse, und dieses schlimme Wort kam auch der
Sternwirtin zu Ohren. Es kränkte sie tief, und sie strafte ihre Buben
tüchtig, ja sie sagte sogar, sie würde die Buben fortgeben, zu einem
Verwandten, der Lehrer war in einer etwas größeren Stadt, und der schon
etliche Buben in seinem Haus erzog. »Wenn ihr sitzen bleibt, kommt ihr
fort,« sagte Frau Hinz, »da gibt es kein Federlesen mehr.«

Damit war den Sternbuben eigentlich das Urteil gesprochen, denn an ein
Versetztwerden glaubten sie selbst in ihren allerkühnsten Träumen
nicht mehr. Und wenn sie jetzt fleißig waren und nach Frau Tippelmanns
Wort aus einem Tag zwei gemacht hätten, sie waren zu weit unten, es
half ihnen nichts mehr. Die Sternbuben waren wirklich tief bedrückt
und Gundel mit ihnen. Alle drei miteinander taten, als müßten sie dem
April regnen helfen; ihre Tränen flossen wie Gießbäche, und dabei
regnete es in den ersten Apriltagen wirklich genug. Der Regen rann und
rauschte immerzu, immerzu, und der kleine Fluß, der das Breitenwerter
Tal durchfloß, wurde fast zu einem Strom. Von überall her rannen kleine
Bäche hinein, und davon schwoll er so an, daß die Leute im Städtchen
sagten: »Es gibt gewiß noch eine Überschwemmung.« Vorsichtige warnten
auch die Kinder: »Geht nicht über die Torbrücke, die steht nicht mehr
fest auf ihren Pfeilern.«

Es waren wirklich wasserreiche Tage. Die Tränenbächlein flossen nicht
allein im Silbernen Stern; auch in der Rose und in der Linde flossen
sie. Den Sternbuben war der erste April schlecht bekommen, dem Affen
August noch viel schlechter, der war krank geworden.

Nett war es nicht von Herrn Häferlein zu sagen: »Er hat sich in
meinem Laden überfressen.« Laura grollte dem Nachbar darum bitter,
sie erklärte: »August verträgt die Breitenwerter Luft nicht.« Aber
Alette meinte, er habe sich zu sehr geängstigt. Frau Tippelmann jedoch
brummte: »Gründe gibt's wie Brombeeren, und meist braucht man nicht
nach einer Krankheit zu suchen, die lauert vor der Türe.« Sie ging
dann selbst zum Tierarzt, der verschrieb ein Pulver, aber weder das
noch die warmen Umschläge, die Frau Tippelmann dem kranken kleinen
Schelm machte, vermochten ihm recht zu helfen. Er wurde schwächer und
schwächer, und der Blick seiner dunklen Augen wurde immer trauriger.
Vielleicht sehnte er sich wirklich zu sehr nach seiner sonnenheißen
schönen Heimat. Der Sturm, der das alte Haus umheulte, der Regen, der
gegen die Scheiben schlug, mochte ihm wenig gefallen, und wenn ihm
Alette erzählte: »Wenn erst Sommer ist,« dann schloß er nur müde die
Augen. Alette kauerte stundenlang neben ihrem kleinen Freund. Frau
Tippelmann wollte es nicht recht leiden, und Laura nannte sie darum
hartherzig. Auch die Lindenkinder entrüsteten sich darüber; freilich
ihre Mutter sagte: »Frau Tippelmann hat recht, es ist für Alette nicht
gesund, immer neben dem kranken Tierchen zu sitzen.«

Trotz all ihrer Teilnahme konnten sie sich in der Linde in diesen Tagen
doch nicht so viel als sonst um die Nachbarn in der Rose kümmern, denn
die Geburtstagsreise nahm alle Gedanken in Anspruch. Was gab es da
auch zu tun und zu bedenken! Gedichte mußten gelernt werden, Trinle
stickte noch mit Feuereifer an einer Decke, und es mußte bedacht
werden, welche Sachen man mitnehmen wollte. Am letzten Tag überlegte
es sich Trinle sechsmal: »Jetzt geh' ich zu Alette,« und immer kam
etwas dazwischen. »Geh du,« sagte sie zu Kasperle, und Kasperle lief
hinaus, und wie er draußen auf der Löwengasse war, kam ein Bote, der
eine Schachtel brachte. Flink lief Kasperle-Neugier in das Haus zurück;
er mußte doch sehen, was in der Schachtel drin war.

»Alette könnte auch zu mir kommen,« schalt Trinle, und als sie dann
endlich Zeit hatte und hinüberlief, da fand sie Alette in bitterwehem
Schmerz an Augustles Korb sitzen. Das Äffchen war tot.

Augustle tot! Dieser lustige kleine Schelm hatte wirklich seine
dunklen Augen für immer geschlossen, auf Alettes Schoß war er still
eingeschlafen.

Es flossen viele, viele Tränen um ihn. Den Grills war es erst, als sei
all ihre selige Reisefreude mit dem Regen weggeschwommen, und Trinle
versicherte schluchzend: »Ich freu' mich gar nicht mehr.« Sie kamen
auch tiefbetrübt heim. Aber als sie am nächsten Morgen vor Tau und Tag
geweckt wurden und dann mit den Eltern durch das tiefstille Gäßchen
wanderten, husch, war die Reiselust wieder da. Sie schwatzten und
lachten, und Alette hörte ihre frohen Stimmen. Die lag noch in ihrem
Bett, und ihre kaum versiegten Tränen brachen auf's neue hervor. Ach,
so einsam, so sehr verlassen fühlte sie sich! Sie weinte und weinte
und wußte selbst nicht mehr, ob sie nun tiefer um die Abreise der
Freunde oder um Augustles Tod klagte.

An diesem Vormittag brachte der Postbote einen eiligen Brief in das
Haus zur Rose, und Lauras Gesicht wurde ganz hell, als sie den las. Sie
ging zu Alette, die trotz Frau Tippelmanns Einsprache immer noch neben
dem toten Augustle kauerte, und sagte vergnügt: »Alette, freue dich,
wir reisen morgen ab!«

»Reisen morgen ab?« wiederholte Alette wie in einem Traum.

»Ja, ja, sieh nur nicht so schrecklich erstaunt drein! Es ist so und
bleibt so. Morgen reisen wir. Frau van Bachhoven hat eben geschrieben;
sie will uns morgen in Köln treffen.«

»Und dann?« Alettes Stimme zitterte wie eine kleine Flamme, gegen die
der Wind steht.

»Dann?« Laura war ein wenig verlegen; die Angst in des Kindes Augen
erschreckte sie, und sie murmelte leise: »Dann reisen wir nach Paris.«

Alette schrie auf: »Ich will nicht, ich will in Breitenwert bleiben,
ich --« Ihre letzten Worte erstickten ein heftiges Schluchzen, und so
hörte Laura nicht, daß sie sagen wollte: »Ich liebe Frau van Bachhoven
gar nicht.«

Laura wurde böse. Ihrer Meinung nach hatte sie alles sehr gut
eingerichtet, und sie kränkte sich über Alettes Widerspruch. Daß sie
eigentlich nur an sich gedacht hatte, nur an ihr Vergnügen, nach Paris
zu kommen, gestand sie sich nicht ein, und sie warf Alette heftig vor:
»Du bist undankbar, pfui, schäme dich!«

In dem Augenblick öffnete sich die Türe, Frau Tippelmann trat ein, eine
große weiße Schachtel im Arm. In der wollte sie den Affen begraben. Sie
sagte das ein wenig kurz und trocken, wie es ihre Art war. Sie meinte,
Alettes Tränen flössen noch immer um August, und sie glaubte, es würde
besser sein, wenn die Kleine den toten Liebling nicht mehr sehen könnte.

Die Freunde fort, August tot, Laura böse, und morgen sollte sie auch
noch die Löwengasse verlassen! Es war Alette, es müsse ihr das Herz
brechen, sie konnte nicht einmal mehr weinen, und ganz stumm stand sie
auf und verließ das Zimmer. Frau Tippelmann hätte sie gern in die Arme
genommen und sie getröstet, aber sie dachte traurig: »Alette hat ja
Laura, und mich liebt sie nicht.«

Fräulein Laura war über Alettes Hinausgehen froh. Nun konnte sie Frau
Tippelmann von der Reise sprechen. Sie log wieder einmal ein bißchen
und sagte: »Alette freut sich auch.«

»Na gut,« murmelte Frau Tippelmann, »mir kann's ja recht sein!« Sie
seufzte tief, nahm August, bettete ihn sorgsam in die Schachtel und
trug sie in den Garten. Ihr war das Herz schwer. So viele Jahre hatte
sie allein in dem alten Haus gewohnt und war zufrieden damit gewesen,
aber jetzt, seit Alette Amhag darin gewohnt hatte, fürchtete sie sich
fast vor der Einsamkeit. Nun würden keine flinken Füßchen mehr die
alten Treppen auf- und absteigen, kein helles Stimmlein würde mehr das
Haus durchtönen, und die Nachbarskinder kamen wohl auch nicht mehr mit
Lachen und Lärmen über die Gasse gerannt.

Frau Tippelmann stellte die Schachtel still unter einen Baum, später
wollte sie das Äffchen darunter begraben. Oben begann Fräulein Laura in
Hast und Eile die Sachen zu packen. Um Alette kümmerte sie sich nicht
weiter. Die würde weinen, nun ja, sie würde aber auch wieder aufhören,
und wenn morgen die Reise losging, da gab es keinen Abschiedsschmerz,
kein Jammergeschrei von denen drüben. Gut war es so, sehr gut. »Und
morgen geht es fort, geht's nach Paris,« trällerte sie vergnügt.

Alette Amhag wurde es an diesem traurigen Vormittag zu eng in dem Haus.
Lauras Singsang trieb sie von Stube zu Stube, sie schlich die Treppe
hinab, da hörte sie Frau Tippelmann in der Küche klappern und laut mit
sich reden. Ach, die war wohl froh, daß sie abreiste, Augustle würde
sie nun nicht mehr ärgern, und so viele Arbeit gab es dann auch nicht
mehr. Alette seufzte tief. Wie traurig es doch war! Sie schlüpfte
endlich sachte zur Haustüre hinaus und schaute hinüber nach der Linde.
Da stand nicht wie sonst so oft Kasperle vor der Türe, und Herr
Baldan war auch nicht zu sehen. Die Freunde waren nun schon bei der
Großmutter, sie feierten und freuten sich, und wenn sie wiederkamen --
-- -- da war Alette wer weiß wo!

Die grauen Wolken, aus denen in den letzten Tagen so viel Regen
herabgeflossen war, hatten sich fast alle verzogen, leichte, zarte
Weißwolken segelten lustig im blauen Luftmeer dahin, und die Sonne sah
freundlich in die Löwengasse hinein.

Alette dachte, sie würde nun vielleicht nie mehr die schnurrige kleine
Gasse sehen, und meinte, das Herz müsse ihr brechen vor Leid. Wäre ihr
Vater doch da, er müßte ihr gewiß helfen und würde sie nicht zwingen,
zu Frau van Bachhoven zu reisen! Wie sie sich fürchtete vor der Frau,
die so laut und herrisch war!

Eine tiefe Sehnsucht nach dem Vater erfaßte sie, und ihre Tränen
begannen schon wieder zu fließen. Es war ihr, als müsse sie wandern und
wandern, um den fernen Vater zu suchen, und unwillkürlich lief sie die
Löwengasse hinab, dem Untermarkt zu. Sie kam am Silbernen Stern vorbei.
Dort waren eben die Kinder aus der Schule heimgekommen und standen in
dem Hausflur zusammen. Sie ließen alle drei die Nasen gewaltig hängen,
denn den Buben war heute in der Schule die letzte karge Hoffnung auf
Versetztwerden zerronnen. Da sagte auf einmal Gundel: »Dort geht sie
und weint.«

Mathes und Peter wußten gleich, wen die Schwester meinte, und sie
vergaßen im Augenblick den eigenen Kummer und starrten Alette nach.
»Die hat Schelte gekriegt,« murmelte Mathes niedergeschlagen.

»Sie sah so traurig aus!« Gundeles Stimme klang unendlich mitleidig.
Sie sah selbst gleich ganz unglücklich drein, und die Brüder riefen
geschwind: »Wir laufen und fragen sie, warum sie flennt.« Beim letzten
Wort liefen sie schon, und am Untermarkt holten sie Alette ein. Statt
sie aber zu fragen, was ihr fehle, trotteten sie wie ein paar getreue
Hundchen immer hinter der Kleinen her. Ihre sonstige Keckheit hatte sie
ganz verlassen, und sie wagten die Frage nicht.

Alette Amhag lief und lief ganz ziellos weiter. Sie riß eigentlich vor
ihrem eigenen Kummer aus, aber der blieb in ihrem Herzen und klagte
laut: »Morgen geht es fort, morgen, morgen, morgen!«

»Wohin sie nur rennt?« sagten die Sternbübles zueinander. »Ob Augustle
ausgerissen ist?« Da klang es plötzlich neben ihnen: »Hallo, heda, ihr
Sternbuben! Wohin des Weges?«

Das war Oheim Adam Hinz, der seinen unnützen Neffen den Weg verstellte.
»Was habt ihr wieder angestiftet, ihr Rangen?«

Mathes und Peter schauten gar nicht lustig drein ob dieser Begegnung.
Sie hatten den Oheim seit dem bösen Strafgericht noch nicht gesehen,
und gerade erfreulich ist solch ein Wiedersehen dann nicht. Sie wären
himmelgern ausgerissen, aber der Oheim Adam mußte das ahnen, der hielt
sie beide fest, und er redete natürlich von ihren Übeltaten. Die beiden
Sternbübles seufzten schwer, sie standen wie auf einem Bratfeuerchen.
Da sollten sie nun allerlei höchst peinliche Fragen beantworten, und
inzwischen lief Alette Amhag wer weiß wohin. Ein rechtes Glück war es,
daß jemand kam und den Oheim grüßte. Der griff natürlich als höflicher
Mann an seinen Hut und ließ Peter los. Da rannte der eiligst davon, und
als Oheim Adam ihn greifen wollte, entwischte Mathes. Sie jagten die
Straße hinab und trafen sich erst in einer Nebengasse wieder, und in
der ersten Freude über ihre gelungene Flucht vergaßen sie Alette. Als
sie ihnen wieder einfiel, war sie ihren Blicken ganz entschwunden, und
sie rannten nun eine Weile ziellos weiter, bis sie am Flußweg von ferne
Alettes helles Kleid schimmern sahen.

[Illustration]

Der kleine Fluß sah an diesem Tage wirklich gefährlich aus. Gar nicht
sanft und klar wie sonst, dunkelgelb und dick geschwollen rauschte
er wild daher. Er war sehr böse, weil die vielen kleinen Rinnsale,
die er aufgenommen hatte, ihm alle erzählten, wie schlimm der Winter
sie geplagt hätte. Der hätte sie mit Eisfesseln gebunden; sie hätten
nicht hüpfen und eilen können, nicht lustig schwätzen wie sonst; ganz
schrecklich langweilig wäre es gewesen!

»Unerhört, so ein Benehmen!« schalt der Fluß, und er rüttelte an allem,
was er antraf. »Heisa, mich soll niemand mehr binden!« schrie er,
und er nahm Bretter und Äste, auch einen alten Schuh, was er gerade
fand, und warf alles gegen die Pfeiler einer kleinen alten Holzbrücke.
Dies Brücklein ärgerte den Fluß immer sehr, es war ihm zu alt und
unscheinbar. Er wollte es schon seit Jahren einreißen, und nie gelang
es ihm. »Na warte, diesmal gelingt es!« jauchzte er und tobte mit aller
Kraft dagegen. »Ich zerbreche dich, ich zerbreche dich doch!«

Auf der Torbrücke stand Alette Amhag. Sie starrte ängstlich in den Fluß
hinab und traute sich auf einmal nicht weiter zu gehen. Sie wußte gar
nicht recht, wo sie war, und so grenzenlos verlassen kam sie sich vor,
daß sie in ihrem Kummer auf der Brücke niederkauerte und verzweifelt in
das rauschende Wasser starrte. Ahnte sie es nicht, wie böse der Fluß
war?

»Dort ist sie,« schrieen am Ufer die Sternbübles erschrocken. »Hei,
über das Torbrückle darf man net gehen, das soll einfallen!«

»Wir holen sie runter,« schlug Mathes vor, »davon fällt's net gleich.«

Trapp, trapp, rannten sie der Brücke zu. Da hörten sie, wie von
irgendwoher jemand schrie: »Runter von der Brücke, geschwind,
geschwind!«

Alette Amhag hörte über dem Tosen des Wassers keine warnende Stimme.
Sie sah auch nicht, wie die Sternbuben links und ein Mann rechts vom
Ufer her eifrig zu winken begannen; sie sah nur das Wasser, hörte es
donnern und tosen und fühlte auf einmal, wie die Brücke zu schwanken
begann, just so, als führe sie auf einem Schiff.

Und plötzlich ein furchtbarer Stoß! Sie fühlte sich hochgeschleudert,
ein lauter Angstschrei gellte auf -- die Brücke stand nicht mehr.

Im Wasser wirbelten Balken und Bretter durcheinander, der Fluß jauchzte
in toller, böser Lust und hob etwas Weißes empor, riß es wieder in
seine dunkle Tiefe hinab, auf, nieder, auf, nieder.

Einen Herzschlag lang nur zögerten die Sternbübles am Ufer, sie
schrieen nicht, sie sahen sich nur an, nickten sich zu, und dann
sprangen sie ohne Besinnen in die rauschende Flut. Die Sternbübles
konnten schwimmen wie die Fische; sie hatten schon oft im Flusse
herumgeplanscht, aber so schwer war das noch nie gewesen. Der wilde
Strudel packte sie, schleuderte sie hoch, da -- Peter ergriff zuerst
Alettes Kleid, und nun hatte es auch Mathes. Sie zerrten und zogen;
wie schwer es doch war, wie furchtbar schwer! Das rauschte, wirbelte,
platschte; der Fluß schrie vor Wut, Balken kamen angeschwommen, und die
Buben kämpften einen harten Kampf. Auf, nieder, wieder empor, und da --
war das Ufer.

Ein paar Männer kamen gerade angerannt, als die Buben mit letzter Kraft
das Ufer zu erklimmen versuchten, sie rissen sie empor und brachten die
beiden mit ihrer geretteten Bürde auf das trockene Land.

Die Sternbübles pusteten und spuckten. Sie konnten nichts sehen,
so rann das Wasser an ihnen herab; aber sie waren doch noch höchst
lebendig. Alette Amhag dagegen lag blaß, still, leblos auf der braunen
Erde. Ein alter Mann beugte sich über sie und sagte trübe: »Sie ist
tot.«

»Noi,« kreischten die Sternbübles, »sie muß lebendig sein.« Sie
brüllten laut und verzweifelt los, und dies Geschrei lockte mehr
Menschen herbei. Ein Mann nahm Alette empor, der sagte: »Hier tut
schnelle Hilfe not, ich trag's Mädele rüber ins erste Haus.«

»Ins Spital,« rief jemand, »dort ist die beste Hilfe.«

Das Krankenhaus war nicht weit, es lag nur wenige Schritte entfernt,
und der Mann, der Alette emporgehoben, trug sie nun eiligst hin. Die
Sternbuben folgten triefend, zähneklappernd, aber sie konnten doch auf
ihren Füßen stehen. Ein paar Männer erboten sich, sie nach Hause zu
tragen, aber da schrieen beide wie aus einem Munde: »Noi, wir müssen
bei dem Mädle bleiben, bis es lebendig ist.«

So schnell ging das freilich nicht. Der Arzt im Krankenhaus sah
bedenklich drein, als er Alette erblickte, und als er hörte, wie
die Buben die Kleine gerettet hatten, sagte er schnell: »Die sollen
hierbleiben, die haben ein Recht dazu.«

Da taten die Schwestern, als wären die Sternbübles wirklich krank und
müßten gepflegt werden, worüber die beiden mächtig stolz waren. Sie
wurden gerieben, gerumpelt, bekamen einen heißen Trank und wurden in
gewärmte Betten gesteckt. In denen wurde es ihnen so wohlig warm, als
wären Hundstage draußen. Fein wäre es gewesen, nur die Angst um Alette
quälte sie. Um die hatten sie wirklich herzhafte Angst, und immer
wieder fragten sie: »Lebt sie schon?«

»Jetzt ist das Mädle gottlob aufgewacht!« rief da endlich eine
Schwester zur Türe herein. »Der Himmel gebe, daß sie nun auch gesund
wird!«

»Na freilich!« rief Mathes unverzagt, und dann tat er einen tiefen
Seufzer: »Ich bin müde.«

»Ich auch,« brummte Peter.

»So schlaft ein Stündchen,« riet die Schwester. Wenn sie gedacht, sie
müßte mehr zureden, dann hatte sie sich gewaltig geirrt. Die Buben
wuschelten sich in ihre Betten ein und schliefen im Handumdrehen, und
sie schliefen so fest, daß sie nichts von dem hörten, was um sie herum
vorging.

Inzwischen lief die schlimme Kunde in die Löwengasse. Einer, der
Alettes Unfall und ihre Rettung angesehen hatte, langte gerade an
der Rose an, als Frau Tippelmann vor die Türe trat und nach Alette
Ausschau hielt. Auch Laura kam dazu, auch die hatte nun doch Alette
gesucht, und beiden Frauen teilte der Bote das Geschehene mit: »Ins
Wasser gefallen und vielleicht ertrunken.«

Frau Tippelmann vergaß zum erstenmal, daß sie die Hüterin eines fremden
Hauses war; sie rannte einfach die Löwengasse hinab, und Laura wollte
ihr nachrennen, aber sie konnte nicht. Es schwankte ihr alles vor den
Augen, die ganze Löwengasse fing an sich vor ihr zu drehen, und sie
sank mit einem Wehlaut an der Türschwelle nieder. »Alette,« stöhnte
sie, »Alette, was habe ich getan?«

»Herrjeh, Fräulein Laura fällt in Ohnmacht!« rief Herr Häferlein, der
wieder einmal zu rechter Zeit die Nase aus seinem Laden herausstreckte.
Er sprang herbei und suchte Laura zu stützen. »Fräulein Laura, Fräulein
Laura,« jammerte er, »bitte sehr, sterben Sie nicht, ach, bitte nein,
nein, bitte, tun Sie es nicht!«

»Die muß ein paar Tropfen haben, irgend so was aus der Apotheke,« sagte
der Bote, und da lief auch schon Herr Häferlein hinüber, riß die Türe
auf und schrie: »Baldrian, Baldrian!«

»Fangen Sie schon wieder an?« Herr Baldan stürzte hochrot vor Zorn
hervor und brüllte den Freund an: »Narrenpossen, schämen Sie sich!«

»Baldrian, ich will Baldrian! Sie stirbt, und das sind keine
Narrenpossen,« brüllte Herr Häferlein zurück, und da erst merkte der
Provisor, die Sache war ernsthaft, und er fragte sehr sanft: »Wer
stirbt?«

»Es wird ihr schon wieder besser!« Der Mann, der die Unglücksbotschaft
überbracht hatte, steckte den Kopf zur Türe herein und meldete noch:
»Sie ist wieder aufgestanden.«

Herr Häferlein eilte hinaus, und Herr Baldan ergriff eine Flasche
und lief ihm nach. Draußen fanden sie Laura, die wirklich wieder auf
ihren Beinen stand, sich aber ganz hilflos umsah, denn sie hatte keine
Ahnung, wo das Spital liegen sollte, in das man Alette gebracht hatte.

Der Kaufmann erbot sich gleich, er wolle sie begleiten. Dies sei
Nachbarspflicht, dem andern in der Not beizustehen. Das Wort traf Laura
wunderlich. Was ein guter Nachbar ist, hatte sie in ihrem Wanderleben
noch nicht erfahren, und hier in Breitenwert hatte sie oft heimlich
über die Leute gelacht, die sich alle kannten, alle taten, als wäre
Nachbarsein etwas Besonderes. Jetzt spürte sie, wie gut das hilfreiche
Beistehen tat. Herr Baldan versprach, das Haus zu verschließen und auf
Herrn Häferleins Laden einen Blick zu werfen. Er tröstete sie selbst
noch herzlich, gewiß sei es nicht so schlimm, in dem Flüßchen könne
kaum jemand ertrinken, so seicht wäre es.

Ach, trotz dieses Trostes meinte Laura noch nie in ihrem Leben einen
schwereren Gang getan zu haben. Nichts, kein noch so gutes Freundeswort
konnte die Stimme in ihrem Herzen übertönen, die immer redete: »Du
trägst die Schuld, du, du.« --

In den Silbernen Stern trug auch jemand die Kunde von dem Unfall auf
der Brücke. Frau Hinz stand in der Küche; recht wie ein Feldherr befahl
sie ihren Leuten, und sie hatte wieder einmal über ihrer Wirtschaft
ihre Kinder völlig vergessen. Da kam Mina angelaufen und schrie:
»Unsere Bübles sind beinahe ertrunken mit dem fremden Mädle von drüben;
sie liegen im Spital.«

Beinahe ertrunken! Im Augenblick vergaß Frau Hinz ihr stattliches
Gasthaus, an dem sie viel Freude hatte, und sie dachte nur an ihre
Buben. Sie wurde totenbleich, und ein paar Sekunden lang meinte auch
sie, ihre Küche tanze. Aber sie war eine entschlossene Frau; sie nahm
sich zusammen und sagte kurz: »Ich muß hin.«

»Nimm mich mit!« Aus der Tiefe der Küche erklang flehend Gundels
Stimme. Die Angst um die Brüder zitterte darin, und die Mutter sagte
wieder kurz, wie es ihre Art war: »So komm!« Sie nahm Gundel an der
Hand und verließ so, wie sie ging und stand, das Haus. Als sie auf die
Gasse kam, rannten eben Laura und Herr Häferlein vorbei, auch getrieben
von der Angst, und Frau Hinz hastete ihnen nach so schnell als
möglich. Gundel versuchte Schritt zu halten, doch ihr lahmes Füßchen
versagte, und langsam löste sie ihre Hand aus der der Mutter. Frau Hinz
achtete nicht darauf, sondern lief weiter, weiter, bis sie es plötzlich
doch merkte, daß Gundel nicht mehr mit ihr ging. Da drehte sie sich um,
unwillig über das Aufgehaltenwerden, und sah nun weit zurück Gundel
mühsam ihr nachhinken.

Die Sternwirtin hatte ihr lahmes Mädelchen lieb. Sie war auch anfangs,
als Gundel noch klein war, rechtschaffen betrübt über deren Unglück
gewesen; allmählich hatte sie es vergessen. Es war eben so, und da
Gundel selbst nie klagte, dachte die Mutter kaum noch an dieses Leid.
Jetzt, als sie die Kleine so mühsam daherkommen sah, erschrak sie zum
andernmal tief im Herzen. Und sie lief rasch zurück und nahm ihr Mädele
auf den Arm. »Ich trag dich,« murmelte sie.

»Mutter!« Gundels blasses Gesichtchen färbte sich rosenrot vor Freude.
Die Mutter nahm sie auf den Arm, wie schön das war! Sie legte ganz
still ihren Kopf an der Mutter Brust, und in dem Glücksgefühl, dies tun
zu dürfen, ließ ihre Angst um die Brüder ein wenig nach, und sie sagte
leise, sich und der Mutter zum Trost: »Unsere Bübles sind gewiß net
tot.«

Frau Hinz seufzte. »Ach, wer weiß, was die wieder angestellt haben!«
Wie es gewesen war, hatte der Bote selbst nicht gewußt, und so ahnte
die Mutter noch nichts von ihrer Buben Heldentat. Sie seufzte schwer,
und Gundel schmiegte sich fester an sie. »Unsere Bübles sind gar net so
schlimm,« flüsterte sie, »nur halt ein bißchen wild!«

Das Wort bewegte die Mutter tief, und sie sagte es ihrem Kinde
unwillkürlich nach: »Nein, sie sind net so schlimm.«

Gundel war, wenn auch zierlich und schlank, doch immerhin kein rechtes
Tragekind mehr. Die Mutter spürte die Last wohl. Die zwang sie, langsam
zu gehen, und doch war es ihr, als würde ihre Angst leichter, je fester
Gundel in ihren Armen ruhte. Sie hatte sich ihrem Mädele noch nie so
nah gefühlt wie in dieser Stunde gemeinsamer Sorge, und jetzt erst, wo
sie zwei Kinder zu verlieren fürchtete, merkte sie erst, wie reich sie
durch alle drei gewesen war. »Ich werde dir zu schwer,« klagte Gundel,
und sacht streichelte sie der Mutter das erhitzte Gesicht.

»Du bist mir nie zu schwer,« sagte sie, »leg dich nur an, mein armes
Käferle du!«

Da wagte Gundel, was sie noch nie gewagt hatte, sie küßte ihre Mutter
und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich hab dich so lieb!«

Frau Hinz sagte nichts, sie drückte nur ihr Kind fester an ihre Brust
und spürte nicht mehr, daß der Weg lang und schwer war, denn ihre Sorge
wurde milder. Gundels Liebe war ihr wie Licht, das warm und sanft
eine dunkle Nacht erhellt. Diese Liebe gab ihr Mut und Kraft, und ganz
tapfer schritt sie in das Spital hinein und empfing dort die Kunde:
»Die Bübles leben und schlafen, und die schlimmen Schelme haben eine
tapfere Tat getan.«

Als Mathes und Peter erwachten, meinten sie zuerst, sie wären in eins
von den Märchenländern geraten, aus denen ihnen Gundel so lieblich zu
erzählen wußte. Da lagen sie selbst in schneeweißen Betten, und Mutter
und Schwester saßen daran, und die Mutter sah gar nicht mehr böse aus,
sondern so freundlich wie sonst nur am Weihnachtstag. Sie redete auch
so und streichelte ihre Buben, was sie auch so selten einmal tat, und
was denen doch ausnehmend gut gefiel. Wie sie das eben sagen wollten,
kam die Schwester in die Stube und der Arzt auch, und der sagte gleich:
»Na, ihr Lebensretter, habt ihr ausgeschlafen? Ihr habt das wirklich
brav gemacht, denn mit dem Mädle wär's alle, wenn ihr's nicht so
geschwind herausgeholt hättet.«

»Ja, sehr brav, merkwürdig brav,« sagte da noch jemand, und das war --
Herr Häferlein. Wirklich und wahrhaftig, Herr Häferlein! Der tat, als
wäre er mit den Sternbuben sehr gut Freund, er versprach ihnen sogar
Rosinen, und er sah dabei selbst aus wie die allergrößte, süßeste
Rosine aus seinem Laden.

O Wunder über Wunder! Auch Frau Tippelmann kam und lobte die
Sternbuben. Sie lachte nicht so vergnügt wie Herr Häferlein, sie sah
sogar sehr kummervoll drein, aber wie sie sagte: »Ihr habt's brav
gemacht, Gott lohn's euch!« da war es den Sternbübles, als säßen sie
in der schönen alten Stadtkirche und hörten die Orgel spielen. Und wie
immer, wenn sie dort saßen, weiteten sich ihre Herzen. Gute, fromme
Gedanken zogen ein, die strahlten aus ihren Augen, und die Mutter, Herr
Häferlein, die Schwester, der Arzt und auch Frau Tippelmann dachten in
dem Augenblick: »Wie lieb sie aussehen, die Bübles, ei, die sind doch
gar nicht so schlimm!«

Gundel aber umschlang plötzlich die Mutter und flehte: »Gelt, Mutterle,
unsere Bübles kommen net fort, die bleiben bei uns?«

»Die bleiben bei uns, ja,« sagte die Sternwirtin nachdenklich. »Meine
Buben geb ich nicht her. Jetzt werd ich's schon fertig bringen, sie zu
erziehen.«

»Ist recht so, ganz recht, und ich helfe Ihnen dabei, Frau
Sternwirtin,« rief derselbe Herr Häferlein, der noch am Morgen
gesagt hatte, es wäre ein wahres Glück für die Löwengasse, wenn die
Sternbübles daraus fortkämen.

So wandeln sich Meinungen. Fräulein Laura hatte auch vor wenigen
Stunden noch gedacht, Frau Tippelmann sei eine ungute, mürrische Frau;
nun sagte sie: »Gott sei Dank, daß Frau Tippelmann da ist!« Alette
Amhag sagte dies nicht, aber sie fühlte es, was manchmal besser ist.
Als Frau Tippelmann zu ihr, die sich wie ein kleiner verflogener Vogel
so angstvoll in dem weißen Spitalzimmer umsah, trat und fragte: »Willst
du heimfahren in die Rose und dort gesund werden?« nickte sie stumm,
aber heftig.

»Doch ich lasse dich nicht fort, kleine Alette, bis nicht dein Vater
selbst dich holen kommt; ist das recht so?« fragte die alte Frau, die
auf einmal verstand, was Alette fortgetrieben hatte. Da umschlang sie
Alette jäh mit beiden Armen und ließ sie nicht mehr los, und Frau
Tippelmann trug sie in den Wagen und trug sie daheim in das Bett und
wachte an dem Bett die ganze lange Nacht hindurch. Die Sorge um das
fremde, einsame Kind ließ sie nicht schlafen, und diese Sorge kam aus
einem Herzen voller Liebe.



[Illustration]



Elftes Kapitel.

Schwere Tage.

    Die Löwengasse fängt an, die Sternbübles mit anderen Augen
    anzusehen, und die merken es. Brav werden ist schwer. Die
    Lindenkinder kehren zurück, und Herr Häferlein läuft in die
    Nacht und holt den Arzt herbei. Laura und Frau Tippelmann
    sitzen Hand in Hand, und am Morgen gibt es Streit auf der
    Löwengasse. Warum Trinle und Gundel so lange auf der Treppe
    sitzen und es sich dann vornehmen, Friedensengel zu sein.


Den Sternbübles bekam das kalte Bad ausnehmend gut; nicht einmal ein
Schnüpflein trugen sie davon. Nur ihr Magen mußte sich schrecklich
erweitert haben, sie aßen am Abend wie ein paar Scheunendrescher, und
sie seufzten am Morgen schon wieder vor Hunger. Nachdem sie leidlich
satt waren, wanderten sie so brav und bieder mit Gundel zur Schule, als
wären sie immer so gegangen, und selbst Frau Sekretär Schneider, die
just ihren Staublappen zum Fenster herauswehen ließ, sagte, den Buben
nachsehend: »Man sollte nicht denken, daß die netten Buben so schlimm
sein könnten! Aber vielleicht wird's nun mit ihnen.«

Ähnlich dachte auch Herr Häferlein. Der sah die Sternkinder kommen, und
dieses Mal nickte er ihnen zu und rief: »Wenn ihr heimkommt, besucht
mich mal.«

Hui! Da rissen die Bübles geschwind ihre Mützen vom Kopf, grüßten so
höflich und sagten so höflich »Ja!«, daß Herr Häferlein seine rechte
Freude an ihnen hatte. »Die werden noch, die werden noch,« redete er
ihnen nach.

Vor der Rose blieben die Kinder einen Augenblick stehen und schauten
zu den verhängten Fenstern des ersten Stockes empor. Alette Amhag
schlief wohl noch; sie hatte es ja gut, sie brauchte nicht in die
Schule zu gehen. Heimlich dachten sie alle drei, wenn wir zurückkommen,
steht Alette Amhag vielleicht auf dem Gäßle, sagt uns guten Tag, ja
vielleicht wird es so, vielleicht.

Doch Alette Amhag schlief nicht mehr, aber aufstehen und auf das Gäßle
gehen konnte sie auch nicht; sie war krank.

Eine lange bange Nacht lag hinter Frau Tippelmann, und Laura und der
Arzt, der gleich am frühen Morgen kam, sprach von manchen sorgenvollen
Tagen und Nächten, die noch kommen würden; er sagte es ernst: »Das Kind
ist sehr krank.«

Laura weinte bitterlich, Frau Tippelmann jedoch blieb ruhig; sie klagte
nicht, sie vergoß keine Träne, aber sie tat sacht und lind alles dem
kranken Kind zuliebe, und der Arzt sah ihr zu und erklärte zufrieden:
»In Ihrer Hut ist die Kleine gut verwahrt, eine bessere Pflegerin
könnte ich nicht finden.«

Laura hörte das Wort, und sie schämte sich. Sie, die so viele Schuld
an dem Unglück trug, die Alettes Kummer nicht hatte hören wollen,
kam sich auf einmal sehr überflüssig vor. »Wäre Alette doch nie
hierhergekommen,« stöhnte sie, »wäre sie bei Frau van Bachhoven
geblieben!«

Vielleicht hatte Alette den Namen verstanden, sie schrie plötzlich
angstvoll auf: »Trinle, Trinle, hilf mir, Frau van Bachhoven holt mich!
Kasperle, hilf, ach, helft mir doch, ich will hierbleiben!«

»Hm, mir scheint, das Kind ist durch etwas sehr geängstigt worden,«
sagte der Arzt streng. Er sah von Laura zu Frau Tippelmann, sah die
fragend an, und Laura dachte, jetzt verklagt sie mich. Frau Tippelmann
tat dies aber nicht. »Wir sind alle schuld, Herr Doktor,« sagte sie
einfach, »wir verstanden das schüchterne Kind nicht, ich auch nicht.
Doch wir werden alles tun, um unsere Schuld gutzumachen. An Pflege
soll's nicht fehlen. Gelt, Fräulein Laura?«

Stumm legte Laura ihre Hand in die harte, feste Rechte der alten Frau,
und zum ersten Mal dachte sie:

»Gott sei Dank, daß wir hier sind! Ich will alles tun, was Sie sagen,
Frau Tippelmann,« murmelte sie bedrückt; »so wird's am besten sein.
Wenn wir nur das Kind am Leben erhalten.«

»Das denke ich auch!« Der Arzt nickte. »Nun laufen Sie schnell einmal
hinüber in die Lindenapotheke; die Medizin hier muß ich haben,« gebot
er.

Da rannte Laura ohne Hut und Mantel über die Gasse. Herr Baldan
bediente sie schnell und sprach ihr tröstlich Mut zu, ihm fielen gleich
sechs Kinder ein, die auch auf irgendeine rätselhafte Weise ins Wasser
geplumpst und wieder gesund geworden waren.

Wie er beim sechsten Kind angelangt war und die Medizin beinahe fertig
hatte, trat Herr Häferlein ein. Der wollte wissen, wie es Alette ging.
Er wußte noch von drei Wasserkindern zu erzählen, und er erbot sich
auch zu allen nur erdenklichen Hilfeleistungen. »Fräulein Laura,« sagte
er, »wenn es schlimmer werden sollte und Sie brauchen jemand, der Ihnen
nachts den Doktor holt, dann bitte, werfen Sie mir dort an das dritte
Fenster einen Stein. Es schadet nichts, wenn die Scheibe entzweigeht,
ich höre es dann besser. Vielleicht fällt mir der Stein ins Bett, aber
dies schadet auch nichts.«

»Und vielleicht schlägt Ihnen der Stein ein Loch in den Kopf, und das
schadet dann wohl auch nichts?« fragte Laura, die trotz ihrer Sorge
lächeln mußte.

»Nun, nun, so schlimm wird es nicht gleich werden,« rief der höfliche
Kaufmann, »wir sind doch Nachbarn!«

»Ja,« murmelte Laura dankbar, »Frau Tippelmann sagt auch immer: Ein
guter Nachbar in der Not ist besser als ein fremder Bruder.«

»Und Frau Tippelmann hat recht,« rief Herr Baldan.

»Freilich hat sie recht.« Laura nahm ihre Arznei und lief eilig wieder
über die Straße. An der Haustüre traf sie Frau Hinz. Die Sternwirtin
kam, auch ihre Hilfe anzubieten, wenn es not sei, und wie sie kam an
diesem Tage noch manche andere. Nur die eine konnte nicht kommen, nach
der Alette im Fieber sehnsüchtig verlangte, Frau Grill. Die Grills
feierten Geburtstag und ahnten nichts, wie oft und bang Alette nach
ihnen rief. Laura, die zuerst so froh über diese Reise gewesen war,
seufzte jetzt darüber: »Warum sind sie gerade jetzt nicht da!«

Hierüber waren nun die Sternbübles anderer Meinung. Die fanden, die
Reise der Lindenkinder sei zu rechter Zeit geschehen, denn da machte
ihnen niemand den Platz vor der Rose streitig. Mit Gundel hockten sie
auf den Bordsteinen der Rose gegenüber, trotzdem es noch gar kein
rechtes Wetter zum lange Draußenbleiben war, und starrten zu den
verhüllten Fenstern empor. Herr Häferlein sah es, wie er alles sah,
was auf dem Löwengäßle geschah. Er rief die drei in seinen Laden und
mahnte, sie würden sich erkälten. »Es hat ja keinen Zweck, daß ihr da
sitzt und hinüberschaut, helfen könnt ihr doch nichts.«

Dies sagte Herr Häferlein, und ein Minütchen später wurde die Hilfe der
Sternbübles doch gebraucht, und es ist nicht zu leugnen, Mathes und
Peter dachten da triumphierend in ihren Herzen: Ätsch, Herr Häferlein!

Fräulein Laura fiel es ein, daß sie an Frau van Bachhoven drahten
müßte, und sie lief einfach auf das Löwengäßle; vielleicht war da
jemand, der für sie zur Post lief, und so fand sie die Sternbübles. Die
rannten zur Post, setzten dazu sehr wichtige Mienen auf, denn sie waren
ungeheuer stolz, daß man ihnen eine Drahtnachricht anvertraute. Und als
sie zurückkamen, stand Fräulein Laura schon wieder vor der Türe und
bat: »Nicht wahr, ihr holt mir einen Eimer Eis von eurer Mutter? Ihr
seid ja so brav!«

Wenn nun zwei ausgemachte Schelme auf einmal brav werden wollen, ist
das keine leichte Sache. Die Sternbübles begannen das bald zu spüren.
Vielleicht, ja vielleicht hätten sie das kühne Unternehmen aufgegeben,
wenn nicht das große Zutrauen der andern gewesen wäre. Nicht allein
Fräulein Laura, sondern alle andern Leute in der Löwengasse schauten
auf einmal die beiden immer sehr freundlich und zuversichtlich an. Und
wenn nun jemand die eigene Bravheit immer wie ein schöner, duftender
Blumenstrauß vor die Nase gehalten wird: »Seht einmal, wie nett, seht
einmal, daran hat man doch seine Freude!« dann bleibt doch nichts
anderes übrig, als selbst daran zu glauben. Wie daheim, wie in der
Gasse, so ging es in der Schule. Auch die Lehrer sahen die Sternbübles
mit andern Augen an. Zwei, die so hops und platsch ins Wasser springen,
um ein fremdes Kind zu retten, ja, aus denen muß doch noch etwas
werden. Und wieder fühlten die Bübles das Zutrauen, und wenn sie
heimkamen, rannten sie zur Schwester und baten: »Gundele, hilf uns.«
Da half ihnen Gundele eifrig und sacht bei den Schularbeiten, und sie
sagte so lange: »Ihr seid gar net so dumm!« bis auch das die Bübles zu
glauben begannen.

Doch alle Bravheit und Nettigkeit geriet in die größte Gefahr wieder
wegzufliegen, als die Grills heimkamen. Purzelvergnügt kehrten die von
ihrer Geburtstagsreise zurück; doch schon auf dem Bahnhof erfuhren sie
von Alettes Unfall, ihrer Rettung und Krankheit. Es war an dem Tage, an
dem der Arzt am Morgen sorgenvoller denn je dreingesehen hatte, und an
dem es einer dem andern in der Löwengasse zuraunte: »Die kleine Alette
Amhag ist sehr, sehr krank -- vielleicht wird sie sterben.«

Frau Grill ging gleich in das Nachbarhaus hinüber, und ihre vier Kinder
blieben vor der Linde sitzen, um die Mutter zu erwarten. Da sahen sie
die Sternkinder drüben auf Herrn Häferleins Schwelle hocken, und der
Kaufmann redete freundlich mit ihnen. Auf einmal tat sich die Türe
in der Rose auf. Laura trat heraus und winkte. Mathes und Peter kamen
angerannt, die Grills hörten, wie Laura sie bat, Eis zu holen, und
dann rasten die Bübles in Windeseile die Gasse hinab, und Laura schloß
wieder die Haustüre. Herr Häferlein aber rief den Nachbarskindern über
die Gasse zu: »Ist gut, daß wir die Sternbübles haben, die sind jetzt
erstaunlich brav.«

Die und brav! Veit und Steffen machten lange Gesichter. Über die
schlimmen Sternbübles hatten sie sich geärgert, auf die braven
Sternbübles wurden sie eifersüchtig. Sie sahen ihnen entrüstet nach,
und Veit sagte: »Die drängen sich auf, hier haben sie nichts zu suchen;
das sagen wir ihnen noch.«

Doch ehe Mathes und Peter wiederkehrten, kam Frau Grill aus der Rose
zurück. Sie sah recht ernst und traurig drein, und als ihre Kinder sie
mit Fragen bestürmten, sagte sie: »Kommt mit ins Haus. Lärmt nicht so
viel auf der Gasse, denkt immer daran, dort oben liegt Alette, und sie
ist recht, recht krank.«

Für Frau Tippelmann und Laura kam wieder eine lange bange Nacht. In
dieser Nacht lief Laura wirklich auf die Löwengasse und warf einen
Stein an Herrn Häferleins Fenster. Davon sprang die Scheibe, und Herr
Häferlein wachte auf. Er lief dann wirklich schneller als schnell und
holte den Arzt herbei. Aber bis er mit ihm zurückkam, das dauerte für
jemand, der in Sorge wartet, schon immer eine Zeit. Laura kauerte an
Alettes Bett, sie konnte nichts mehr tun als weinen, immerzu weinen.
Einmal sagte sie: »Frau Tippelmann, ach, Sie sind so ruhig; wenn nun
Alette stirbt, was tun wir dann?«

Die alte Frau, die aufrecht an dem Krankenbett saß und jeden Atemzug
Alettes belauschte, antwortete einfach: »Ich halt's mit dem Wort:
Vertrau auf Gott und laß ihn walten, er wird dich wunderbar erhalten.«

Lauras Weisen verstummte. Das schlichte Wort tat ihr unendlich gut.
Sie kauerte neben Frau Tippelmann nieder und legte den Kopf an ihren
Schoß. So saßen die beiden Frauen still zusammen, zählten die Minuten,
die verrannen, und lauschten, ob auf der Gasse nicht Schritte hörbar
wurden. Dabei fiel es Laura ein, wie sie als Kind einmal krank gewesen
war, da hatte ihre Großmutter viel an ihrem Bett gesessen, und sie
mußte denken, die sah aus wie Frau Tippelmann. Und wie die war sie auch
gewesen, so schlicht, etwas wortkarg, so scheinbar rauh und doch so
gut. Das war nun freilich lange her. Die Großmutter war tot, die Eltern
auch. Und die Geschwister!

Laura seufzte. Um die hatte sie sich gar nicht mehr gekümmert. Sie war
zu vornehm geworden und hatte sich zu viel eingebildet auf ihre schönen
Kleider, auf ihre Stellung im reichen Hause. Laura seufzte wieder und
flüsterte: »Ach, Frau Tippelmann, ich bin recht schlecht, und daß
Alette so krank ist, ist auch meine Schuld.«

Frau Tippelmann strich mit ihrer harten Arbeitshand, die doch so linde
zufassen konnte, über Lauras Stirn. »Schuld haben wir beide,« murmelte
sie, »aber Reu ist des Herzens Arznei.«

Da klappten unten auf der Straße Schritte, sie kamen näher und hielten
vor dem Hause an -- der Arzt. Die beiden Frauen atmeten auf. Endlich
kam er, endlich! Es schien ihnen, als wäre eine furchtbar lange Zeit
verflossen, seit sie nach ihm ausgeschickt hatten, und doch war der
gute Herr Häferlein völlig atemlos, so sehr war er gerannt. Nachdem
er den Arzt herbeigeholt, hätte Herr Häferlein ja nun in sein Bett
zurückgehen können, denn gerade sehr gemütlich war es nicht auf der
Löwengasse. Der Wind blies kalt von Osten her, aber der Kaufmann
kümmerte sich nicht darum; der dachte, ich muß erst wissen, ob es dem
Kind da drinnen besser geht. Er mußte lange warten, doch dann wurde
seine Ausdauer belohnt. Der Arzt kam wieder und sagte: »Es geht besser,
nun können wir wieder hoffen.«

»Wieder hoffen, Gott sei Dank!« rief der treue Nachbar froh.

Der Arzt ging heim, Herr Häferlein legte sich wieder in sein Bett, und
im Haus zur Rose saßen Frau Tippelmann und Laura Hand in Hand. Sie
sprachen nicht zusammen, aber in ihren Herzen tönten unablässig die
Freudenglocken: »Es geht besser, besser, Alette wird gesund.«

Am nächsten Morgen trabten die Sternkinder am Haus zur Rose vorbei und
nickten zu den verhüllten Fenstern empor. Das sahen die Lindenkinder,
die eben aus ihrem Hause kamen. Die ärgerten sich. Sie fanden die
Sternkinder wieder aufdringlich, und als die auf dem Heimweg gar vor
der Rose stehenblieben, begannen Steffen und Veit darüber zu schelten.
»Hier oben im Gäßle habt ihr nichts zu suchen, marsch fort!« schrieen
sie.

»Hoho!« brüllten die Sternbuben empört, »ihr habt uns nichts zu
verbieten, wir können auf dem Gäßle stehen, wo wir wollen.«

»Hier nicht, für die argen Sternbuben ist hier kein Platz!« höhnten
Veit und Steffen.

»Wohl nur für Pillendreherbuben, he?« kreischten die Sternbübles wütend
zurück.

Pillendreherbuben war den Grills ein arges Scheltwort, und alle
vier, denn Trinle und Kasperle taten mit, stürzten sie sich auf die
Sternbuben. »Das sollt ihr büßen!«

»Alette, Alette, wenn sie es hört!« jammerte Gundel. Sie, die sonst so
Zaghafte, drängte sich zwischen die Streitenden. »Seid doch still, ach,
seid doch still!«

Puff puff rechts, puff puff links! Gundel geriet in das Kampfgemenge,
aber ihr flehendes Rufen verstummte nicht, und Trinle hörte zuerst
darauf. Richtig ja, Alette lag krank, Alette hörte vielleicht den Lärm,
und Alette sollte nicht aufgeregt und gestört werden. Da mahnte sie
auch: »Seid doch still; wenn es Alette hört!«

Gundel hatte Mathes erwischt; sie flehte: »Mathesle, geh heim, denk
doch, wenn es Alette hört!«

Trinle zerrte Steffen am Arm und bettelte:

»Streit doch nicht, Alette hört's gewiß; je, jetzt kommt Frau
Tippelmann!«

Frau Tippelmann kam wirklich aus dem Haus. Sie sah gerade noch fünf
Paar Bubenbeine eiligst entfliehen; die drei Grills verschwanden in der
Linde, die Sternbuben rasten die Gasse hinab, nur Gundel und Trinle
blieben auf dem Kampfplatz. Frau Tippelmann ging schnell an beiden
vorüber, sie wollte etwas besorgen. Auf die beiden Kinder achtete sie
gar nicht, denn sie hatte den Streit nur halb gehört. Erst als Trinle
eine ängstliche Frage nach Alette tat, blieb sie einen Augenblick
stehen und erzählte rasch, wie schlimm die Nacht gewesen war. Dann
mahnte sie noch: »Seid ja recht still auf dem Gäßle!« und schritt eilig
zum Obermarkt hinauf.

Die beiden Mädels standen wie erstarrt. Beinahe gestorben war
Alette! Sie vergaßen vor Schreck und Schmerz, daß sie eigentlich
in Feindschaft miteinander lebten; weinend, klagend sanken sie sich
plötzlich in die Arme und hielten sich fest, fest umschlungen.

Tripp, tripp, rannen Gundeles Tränen auf Trinles Schulter, und
Trinle heulte gleich so arg, daß Gundels Bluse ganz naß wurde.
Beinahe gestorben, beinahe gestorben! Sie konnten ein Weilchen gar
nichts anderes denken, erst nahende Schritte rissen sie aus ihrer
Versunkenheit. Gundel löste erschrocken ihre Arme von Trinles Hals und
flüsterte scheu: »Es kommt jemand.«

»Es kommt jemand,« wiederholte Trinle verlegen. Was sollte der Jemand
von ihrem Geheule denken! Aber sie ließ Gundel nicht los. »Komm mit
in unser Haus,« tuschelte sie und zog die andere so geheimnisvoll in
den Hausflur der Linde hinein, als hätten sie mitsammen ein Streichle
ausgeführt nach dem Muster der Sternbübles.

Im dämmerstillen Flur der Linde, in dem es mehr denn je nach
Bauchwehtröpfles roch, standen sie erst ein paar Herzschläge lang stumm
nebeneinander. Ihre Tränen versiegten langsam, ein paarmal schluchzten
sie noch auf, aber dann überkam Trinle auf einmal eine herzhafte
Lachlust. Sie kicherte und kicherte; das steckte an wie vorher die
Tränen, Gundel lachte auch. Dann sanken sie sich lachend in die Arme,
und ein Weilchen prusteten, kicherten und quiekten sie vor Vergnügen,
und darüber schwand ihnen die letzte Scheu vor einander.

»Wer schwätzt hier nur so sehr?« sagte ein paar Minuten später Herr
Baldan. Er öffnete die Türe seines Arbeitszimmers, steckte den Kopf
heraus und sah Trinle und Gundel auf der untersten Treppenstufe sitzen.
»Na ja, unser Trinle hat seine Freundin mitgebracht, konnt' mir's
denken,« brummte er und klappte die Türe wieder zu.

Die beiden Mädel ließen sich nicht stören, mochte Herr Baldan denken,
was er wollte, es kümmerte sie nicht. Sie schwatzten und schwatzten,
sie hatten sich ganze Bände voll zu erzählen, von Trinles Reise und
Alettes Unfall. Den mußte Gundel genau beschreiben, und dabei sagte sie
wieder und wieder: »Unsere Bübles sind jetzt so brav.«

Trinle hegte keinen Zweifel mehr, und gutherzig gelobte sie, ihren
Brüdern von der Bravheit der Sternbübles zu erzählen. »Eigentlich ist's
dumm,« rief sie, »wir könnten alle so gut auf dem Gäßle spielen und
dann bei uns.«

»Und bei uns,« flüsterte Gundel, »da gibt's so arg viel Platz.«

»Ha, fein! Erzähl mal, wie ist's bei euch?«

Da mußte Gundel erzählen, und Trinle fragte und fragte. Die Zeit
verging, die beiden spürten keinen Hunger, merkten nicht, wie sich
Minute zu Minute reihte, und schraken dann heftig auf, als in der
Linde die Tischglocke ertönte.

O je, schon Essenszeit! Und Trinle hatte ihre Bücher noch nicht
fortgelegt, noch nicht ihr Haar gekämmt und ihre Hände gewaschen. Da
mußte es einen schnellen Abschied geben. »Leb wohl, leb wohl, auf
Wiedersehen!«

»Ja, auf Wiedersehen, morgen!«

»Nein, heute auf dem Gäßle!«

Gundel hinkte eilig zum Hause hinaus. Trinle raste die Treppe hinauf,
husch, husch! die Hände gewaschen, und husch, husch! wieder hinab ins
Speisezimmer.

Sie war die Letzte, die kam, und die Mutter sah sie fragend an: »So in
Eile? Mit wem hast du denn so lange im Hausflur gesessen?«

»Mit -- mit meiner Freundin.« Trinle wurde rot. Was würden die Brüder
sagen zu dieser Freundschaft! Aber sie überwand ihre Verlegenheit und
sagte rasch: »Mit Hinkegundele -- die ist jetzt meine Freundin.«

»Hallo, die Schwester von den Sternbübles, eine feine Freundschaft!«

»Ruhe bei Tisch!« Der Vater sah die Buben strafend an. »Was soll dies
Geschrei, schämt euch doch!«

Veit und Steffen wollten sich verteidigen, und sie begannen bitterböse
auf die Sternbübles zu schelten. Mit deren Schwester dürfte Trinle
nicht verkehren.

»So, wo steht das?« Frau Grill legte ihre Hand auf Trinles Mund, die
glühend rot vor Zorn, hitzig auffahren wollte. »Streit bei Tisch gibt
es nicht. Frau Tippelmann würde sagen: Wem das Essen soll gedeihn, der
muß guter Dinge sein. Und auf die Sternbübles sollt ihr nicht schelten.
Die haben sich brav benommen, haben Alette Amhag gerettet, und jeder
sagt es, seitdem wären sie sehr nett.« »So ist's,« rief Herr Baldan,
»ich glaub's jetzt auch, aus den Sternbübles wird noch etwas.«

Den Sternbübles hätten eigentlich die Ohren klingen müssen, so laut
ertönte ihr Lob in der Linde. Nicht allein Herr Baldan, auch der andere
Gehilfe wußte allerlei Gutes von ihnen zu sagen, sehr zum Ärger von
Veit und Steffen. Die grollten und schmollten, und nach Tisch gab es am
Räuberschlößle zwischen den Geschwistern einen bitterbösen Streit. Es
kam, was selten genug geschah bei den Grills, Trinle trennte sich im
Zorn von den Brüdern; sie lief weinend auf die Löwengasse, statt wie
sonst mit den Brüdern zu spielen. Auf der Gasse fand sie Gundel, und da
wurde gleich die neue Freundschaft erprobt, denn Gundel mußte trösten
und beruhigen, und sie tat das sehr linde und sacht, und Trinles Zorn
legte sich auch bald. Bei ihr ging es geschwinde obenhinaus, aber sie
war dann auch wieder schnell zum Frieden bereit. Gundel nun war immer
friedlich gesinnt, und so redeten sie beide bald davon, daß sie ihre
Brüder miteinander versöhnen und Frieden auf der Gasse stiften wollten.
Es sollte nicht mehr Feindschaft sein zwischen der Linde und dem
Silbernen Stern, sie, Trinle und Gundel, wollten als ein paar rechte
Friedensengel die Versöhnung zustande bringen.



Zwölftes Kapitel.

Eine schwierige Versöhnung.

    Trinle und Gundel denken sich wundersame Erlebnisse aus
    und müssen schließlich Hösles flicken. Trine läuft auf die
    Löwengasse, und die Sternbuben finden das Räuberschlößle fein
    und reden von den römischen Kaisern. Frau Tippelmann erzählt
    Alette, was geschehen ist. Laura rennt zu Herrn Häferlein, Herr
    Häferlein holt den Arzt, aber Alette Amhag lacht und will in
    die Schule gehen.


Lieber Himmel ja, ist das eine schwere Sache, Friedensengel zu
sein! Gundel und Trinle merkten das bald. Vier widerborstige Buben
zu versöhnen, ist nicht leicht, zumal wenn die Buben, wie Veit und
Steffen, nicht einmal anhören, was die Schwester zu sagen hat.
»Entweder du läßt von Hinkegundele, oder mit uns ist's aus!« erklärten
sie, als Trinle ganz gespickt mit guten Versöhnungsgedanken heimkam.

Kasperle nahm der Schwester Partei, denn Trinles Tränen rührten sein
weiches kleines Herz. Und Trinle weinte und weinte, als müsse sie der
Frühjahrsüberschwemmung neues Wasser zuführen. Zum Abendessen erschien
sie mit so dick verweinten Augen, daß die Mutter erschrak. »Ja, Trinle,
was fehlt dir denn, was hat's denn gegeben?«

Nun verpetzt sie uns, dachten die Buben, aber Trinle tat das nicht.
Nur ihre kaum versiegten Tränen flossen aufs neue, und Frau Grill, die
merkte, hier stimmt etwas nicht, fragte nicht weiter. Sie sah nur Veit
und Steffen forschend an, und die senkten verlegen die Köpfe. Trinle
tat ihnen ja selbst leid, aber warum schloß sie auch mit Hinkegundele
Freundschaft, das mußte bestraft werden! Sie verschliefen auch über
Nacht ihren Groll nicht und rannten am nächsten Morgen der Schwester
davon. Zum ersten Male mußte Trinle allein den Schulweg machen, ohne
die Brüder. Kummerschwer trat sie den Weg an, und auf der Löwengasse
traf sie Gundele, die auch allein ging. Die Sternbübles hatten wieder
einmal vergessen, daß sie mit der Schwester gehen wollten. Gundel
war zu sehr daran gewöhnt, um sich besonders zu grämen, und sie
tröstete auch Trinle in ihrem Leid. Trinle Grill trug ihr Herz auf der
Zunge; sie verriet, warum Veit und Steffen ihr davongelaufen waren,
aber gleich darauf tat ihr ihr vorschnelles Wort leid, denn Gundel
seufzte schwer. Leise, traurig bat sie: »Laß mich lieber allein; um
meinetwillen sollst du net mit den Buben in Unfrieden sein.«

»Nein, ich laß dich net,« rief Trinle rasch, »das wäre feige.« Sie nahm
Gundels Arm, und alle zwei gingen sie einträchtig zur Schule. Unterwegs
berieten sie, wie sie die Buben versöhnen sollten. Sie schmiedeten
allerlei wundersame Pläne und dachten sich schöne Reden aus, die sie
halten wollten, und so langten sie sehr lieb und versöhnlich gestimmt
in der Schule an.

Aber Friedensengel sein ist nicht leicht. Die Bübles setzten alle
miteinander ihre dicksten Köpfe auf, sie wollten nicht. Die Grillschen
sagten, die Sternbübles taugen doch nichts, und die wieder redeten
denen aus der Linde nach: »Sie sind eingebildet und hochmütig.« Die
beiden Schwestern hatten ihre liebe Not, aber wie es manchmal so geht,
der gemeinsame Kummer brachte sie noch näher zusammen, und je trotziger
die Buben wurden, je fester schlossen sie Freundschaft miteinander.

Zwei Tage in Unfrieden und Hader waren vergangen, und wo auch immer
sich die Lindenbuben und die Sternbübles trafen, fuhren sie aufeinander
los wie zornige kleine Hähne. Nur vor der Rose nahmen sie sich in acht,
denn Alette Amhag lag noch immer sehr krank, und noch immer sahen die
Kinder scheu zu den verhüllten Fenstern hinauf: Würde Alette nicht bald
gesund sein?

Trinle und Gundel hatten sich immer neue seltsame, wunderbare
Ereignisse ausgesonnen, die zur Versöhnung führen könnten; an
zerrissene Bubenhosen hatten sie nicht gedacht. Aber wie es so kommt!
»Kleine Ursachen -- große Wirkungen,« pflegte Frau Tippelmann in
solchen Fällen zu sagen. Gundel war bei Trinle, das erste Mal in
Trinles Stübchen, um der Freundin Besitztümer zu bewundern, da tat sich
die Türe auf, und Kasperle erschien. Er setzte eine geheimnisvolle
Miene auf und sagte: »Trinle, sollst mal geschwind zum Räuberschlößle
kommen.«

»Was soll ich da?«

»Sollst kommen -- und dein Nähtäschele mitbringen.«

»Mein Nähtäschele? Die Buben haben sich wohl was zerrissen?« rief
Trinle ahnungsvoll.

Kasperle nickte betrübt, und er antwortete so geheimnisvoll, als handle
es sich um eine Staatsangelegenheit: »Die Hösles haben sie zerrissen!«

»Beide,« schrie Trinle, »und die guten?«

»Beide!« Kasperle seufzte schwer. »Sie sind im Räuberschlößle vom Turm
gefallen.«

»O je!« Trinle kreischte entsetzt, das war eine schlimme Sache. Veit
und Steffen hatten, das wußte sie, ihre guten Anzüge an, weil sie
nachher ihren Lehrer besuchen sollten. Die Mutter war nicht daheim, und
mit Berta, des Hauses Stütze, war in diesen Tagen nicht gut reden, die
dachte nur an das große Frühlingsscheuerfest, das nächstens beginnen
sollte.

»Gute Hösles kann ich net flicken,« klagte Trinle, »das gerät mir net.«

»Darf ich helfen?« fragte da Gundel sanft. Sie konnte das Hösleflicken
besonders gut; ihre Brüder sorgten für die rechte Übung.

»Ja, hilf du,« rief Trinle froh. Daran, daß Gundel eigentlich mit
Veit und Steffen nicht gerade auf dem Fuß des Hösleflickens stand,
dachte sie nicht. Sie vergaß auch im Eifer, den Brüdern zu helfen, den
eigenen Groll und packte ihr Nähtäschele zusammen, tat hinein, was
nur irgend gebraucht wurde, und zog mit Gundel und Kasperle nach dem
Räuberschlößle.

Potzwetter, sah es da innen wüst aus! Herr Baldans lang vorausgesagter
Einsturz war wirklich erfolgt. Die Turmtreppe war halb eingestürzt.
Veit und Steffen saßen in ziemlich kläglicher Lage auf einem
Trümmerhaufen, und wer sie nicht kannte, hätte sie gut und gern auf den
ersten Blick für Räuberbuben halten können. »Hu,« kreischte Trinle,
»wie seht ihr aus! Und die guten Sachen habt ihr an?«

»Sei froh, daß wir net was gebrochen haben,« brummte Veit. Er
betrachtete tiefsinnig ein großes Dreieck auf seinem Knie. Steffen rieb
sich den linken Arm; da klaffte ein Loch, und er fragte kleinlaut:
»Hast du dein Nähtäschle mit?«

»Freilich,« rief Trinle, »und Gundele auch; Gundele hilft flicken.«

»Hm,« brummelten die Buben verlegen. Gundels Hilfe war ihnen nicht
recht, sie sahen aber ein, daß zwei Flickerinnen schneller schaffen
konnten, und eilig war es. Also taten sie, als wüßten sie nichts von
einem Streit der letzten Tage, und Steffen zog als erster seine Jacke
aus. Dabei stand er auf, und Trinle schrie erschrocken: »O je, hinten
hast du aber ein Rißle, das schaff' ich nimmer!«

»So schlimm ist's noch nicht!« Steffen seufzte und tastete nach der
verletzten Stelle. Da sagte Gundel tapfer: »Ich flick's schon, nur
ausziehen mußt du die Hösles.«

Freilich, das mußte geschehen. Es war aber nicht gerade warm im
Räuberschlößle, und sonst war es auch nicht angenehm, ohne Jacke und
Hose dazustehen. Aber da wußte Trinle Rat. »Dort im Schränkle liegen
die Gartendecken, nehmt die um,« riet sie, »und da im Eckle zieht ihr
euch aus.«

Veit und Steffen sagten nicht »Unsinn« wie so manchmal bei der
Schwester Ratschlägen; sie holten rasch die Decken heraus, und wenige
Sekunden später lagen Hosen und Jacken vor den Mädels. Veit und Steffen
aber saßen, in rotkarierte Decken gehüllt, auf einer alten Gartenbank.
Sie schauten ziemlich kläglich drein, denn Trinle jammerte verzweifelt
über die großen Löcher, an denen ihre Flickkunst zu scheitern drohte.
Gundel sagte nichts; die ging tapfer an die Arbeit, und die Nadel flog
so flink auf und ab, daß Trinle voll Bewunderung rief: »Du kannst es
beinahe so gut wie Mutter!«

Gundel seufzte. »Ja, aber ein Stündele wird's dauern,« sagte sie
bedrückt, »und -- -- --«

»Ha, ich weiß,« Trinle entsank gleich vor Schreck die Nadel, »du willst
ja mit deinen Brüdern in die Bachmühle gehen!«

»Ja,« flüsterte Gundel, »die warten wohl schon auf dem Gäßle!«

Ein paar Augenblicke war es ganz still im Räuberschlößle. Veit und
Steffen sahen ein, daß Gundel um ihrer Hösles willen nicht auf ihren
Spaziergang verzichten konnte, sie ahnten aber dumpf, Trinle schaffe es
nicht allein, und Trinle erkannte das selbst. Sie begann kläglich zu
weinen: »Ich werde net fertig, wenn du gehst.«

Gundel überlegte. Sie wollte gern helfen, aber die Brüder so einfach
im Stich lassen wollte sie auch nicht, und sie schlug schließlich vor:
»Ich gehe aufs Gäßle und sag' es ihnen.«

»Nein, dann kommst du net wieder, ich -- ich sag's ihnen,« schrie
Trinle ängstlich. »Kasperle geht mit.«

»Ja,« riefen Steffen und Veit, »sag du's!« Sie spürten es nämlich
beide, Gundel verstand das Flicken besser als Trinle; die brachte in
fünf Minuten so viel fertig wie die Schwester in einer Viertelstunde.
Da war es schon besser, sie blieb.

»Ich geh!« Trinle sprang jäh auf; ihr war plötzlich etwas eingefallen,
und sie nahm Kasperle bei der Hand, zog ihn mit hinaus und rannte eilig
durch den Garten dem Hause zu, ohne auf Gundels und der Brüder Rufen zu
achten.

Die Sternbübles warteten wirklich schon in der Löwengasse auf die
Schwester, und sie waren höchst verwundert, als Trinle statt dieser auf
sie zukam. Trinle hatte sich gedacht: Ich hol die Sternbübles schwipp
schwapp hinein. Jetzt können Veit und Steffen net ausreißen, weil sie
keine Hösles haben, und da versöhnen sie sich. Aber so schwipp schwapp
ging das nicht; die Sternbübles wollten nicht. Die stellten sich ganz
widerborstig vor Trinle hin und erklärten: »Nein, zu euch in die Linde
kommen wir net, ihr seid zu wüst.«

Das war arg, und Trinle sah ein paar Herzschläge lang gar nicht wie
ein Friedensengel aus, sondern viel eher wie ein kleiner Kriegsteufel.
Sie schnappte nach Luft, wollte bitterböse Worte sagen, besann sich
aber noch rechtzeitig und rief: »Wir sind doch net im Haus, wir sind im
Räuberschlößle, und Gundel -- ja Gundel will euch was sagen!«

Im Räuberschlößle! Den Sternbübles blinkerten die Augen. Sie hatten
schon viel von dem Grillschen Räuberschloß gehört, hätten es
himmelgern längst gesehen, und nun sollten sie hinein, wurden sogar
darum gebeten. Sollten sie da nein sagen? »Na ja,« brummelten sie
endlich, »wenn Gundele will.« An ihren Nasenspitzen konnte man es ihnen
freilich ansehen, daß sie selbst wollten, denn sie trabten höchst
vergnügt neben Trinle und Kasperle durch das Haus in den Garten hinein.
Und da war das Räuberschlößle und -- --

Die Überraschung war auf beiden Seiten groß. Die vier Buben starrten
sich sprachlos an, und Trinle, das hinterlistige Trinle tat, als wäre
alles in schönster Ordnung. Sie sagte zu Gundel: »Da sind die Bübles,
sie warten, bis du fertig bist.«

Veit und Steffen hatten just gedacht: Wir werfen sie hinaus, da fielen
ihnen die ungestopften Hosen ein. Ja, wenn sie die Brüder rauswarfen,
dann ging auch Gundel, und dann -- -- --

»Wie fein du das machst!« rief Trinle schlau und voller Bewunderung.
»Ich brächt's net in drei Stunden so gut fertig.«

Gundel flickte in tödlicher Verlegenheit, so schnell sie konnte. Die
Anwesenheit der Brüder bedrückte sie. Wenn es nun Streit gab! Doch
es gab keinen Streit. Mathes und Peter waren so entzückt von dem
Räuberschlößle, das mit seiner eingepurzelten Treppe mehr als je einer
Rumpelbude glich, daß sie beide sagten: »Hier ist's fein.«

Diese Bewunderung erfreute Veit und Steffen sehr, auch erzählten
sie gern, wie die Treppe eingefallen war, sie beinahe herabgestürzt
wären und eigentlich von rechtswegen jetzt halb tot daliegen müßten.
Ein überstandenes Abenteuer zu erzählen, ist immer sehr vergnüglich,
namentlich wenn zwei so mit Lust zuhören wie die Sternbübles. Denen
wieder tat die Erkenntnis sehr wohl, daß die braven Lindenbuben sich
auch einmal die Hösles zerrissen, auch dumme Streiche machten, und am
meisten gefielen ihnen die umgehängten Tischdecken.

Mathes sagte: »Ich glaub', wie ihr haben die römischen Kaiser
ausgesehen.«

Das war ein Wort. Darüber flog alle Feindschaft zum Fenster hinaus,
denn allen vier Buben fiel ein, sie könnten einmal gut Römer spielen;
das Räuberschlößle konnte das Kapitol sein, das verteidigt wurde.
Trinle redete eifrig mit, Kasperle schrie, er wolle auch Römer sein,
nur Gundel schwieg. Als sie aber aufatmend Veits Hösle fortlegte und
sagte: »Die sind fertig,« riefen die Buben begeistert: »Gundele wird
dann die Mutter der Gracchen.«

Die hohe Ehre ließ Gundel tief erröten, und wenn möglich nahm sie sich
noch eifriger Steffens Hösles an, denn Trinle erklärte: »Ich bring das
Löchle net zu, es ist zu groß.«

Gundel aber brachte das Löchle zu, gerade noch zur rechten Zeit. Zwei
Minuten blieben Veit und Steffen noch, um sich wieder aus römischen
Kaisern in zwei Breitenwerter Schulbuben zu verwandeln. Dann aber war
es die höchste Zeit; zum Abschiednehmen blieb keine Zeit. Im Davonrasen
rief Veit nur noch: »Morgen spielen wir.«

»Ja, morgen,« schrieen die Sternbübles zurück.

»Kommt vorbei, wenn ihr in die Schule geht,« brüllte Steffen. Da schlug
die Gartentüre hinter ihm zu, und Gundel, die Trinles Nähtäschele
eingepackt hatte, sagte sanft: »Nun müssen wir uns aber eilen, sonst
wird's zu spät.«

»Wir begleiten euch ein Stückle, Kasperle und ich,« sagte Trinle rasch,
und dann wanderten sie alle fünf einträchtig die Löwengasse entlang.
Dabei trafen sie Frau Tippelmann, die eben von Veit und Steffen beinahe
umgerannt worden wäre. Als die Trinle, Kasperle und die Sternkinder so
einträchtig daherkommen sah, blieb sie stehen und fragte erstaunt: »Je,
ihr seid wohl jetzt gut miteinander?«

»Ja,« antwortete Trinle geschwind, »wir haben uns versöhnt.«

»Und deine Brüderles, warum sind die denn ausgerissen?«

»Ausgerissen sind die net, die machen nur einen Besuch.« Und geschwind
erzählte Trinle die Geschichte von den zerrissenen Hösles, rühmte
Gundels Flickkunst und schloß zufrieden: »Nun sind wir alle Freunde.«

»Ist recht,« sagte Frau Tippelmann, »vertragt euch miteinander. Haß und
Streit bringen nur Leid. Ich will's Alette erzählen, vielleicht freut
sie sich über eure Versöhnung.«

Die letzten Worte sagte Frau Tippelmann mit einem tiefen Seufzer, denn
noch immer zeigte Alette keine Teilnahme für irgend etwas. Sie lag
meist mit geschlossenen Augen da, nichts freute sie, und selten, ach,
sehr selten sprach sie einmal. »Viele Grüße für Alette,« riefen die
Kinder, »wir besuchen sie bald, sobald wir dürfen.« Dann rannten sie,
so schnell Gundel vorwärts kam, weiter. Frau Tippelmann ging in das
Haus und betrat innen Alettes Zimmer. Beim Anblick des blassen, stillen
Kindes tat ihr das Herz wieder weh, und Laura sah ihr auch kummervoll
entgegen. »Sie hat die ganze Zeit, während Sie fort waren, kein Wort
gesprochen,« klagte sie traurig. »Wenn ich nur wüßte, was ihr Freude
macht!«

Frau Tippelmann trat an Alettes Bett, beugte sich über die Kleine
und erzählte der, so heiter sie es vermochte: »Die Sternbübles haben
sich nun mit deinen Freunden aus der Linde ausgesöhnt; soll ich dir
erzählen, wie das kam?«

»Ja,« flüsterte Alette und schlug die Augen auf, »wo sind sie denn?«

»Spazierengelaufen.« Frau Tippelmann rückte sich einen Stuhl zurecht
und erzählte die Geschichte von den zerrissenen und wieder geflickten
Hösles, und daß nun die Grills mit den Sternkindern Freundschaft
geschlossen hätten. Und zum erstenmal lächelte Alette ein wenig, und
als Frau Tippelmann schloß: »Sie wollen dich alle gern besuchen,«
fragte sie rasch: »Dürfen sie?«

»Freilich, sobald du nur erst ein bißchen gesünder bist, dürfen sie
kommen, sooft du sie haben willst!«

»Alle -- auch die Sternbübles?«

»Gewiß doch, alle, und die Sternbübles erst recht, und Gundele dazu,
und wenn du erst wieder gesund bist, gehst du mit Trinle in die Schule.«

»In die Schule!« Alette richtete sich plötzlich auf, und ihre Augen
strahlten. »Dann darf ich doch hier bleiben?« fragte sie atemlos.

»Freilich, solange du willst! Nur dein Vater darf dich holen, niemand
sonst. Aber Kind, Herzenskind, um Gotteswillen, was hast du?«

Alette hatte mit einem Jubelschrei Frau Tippelmann umschlungen, und an
dem Halse der alten treuen Frau weinte sie heiße, heiße Tränen.

»Das Kind wird kränker,« schluchzte Laura, »Herr Häferlein muß den
Doktor holen.« Sie rannte hinaus, lief zu dem Nachbar hinüber, und
der eilte wirklich, wie er ging und stand, und holte den Arzt herbei.
Er traf ihn unterwegs, und der gute, freundliche Doktor, der nicht
mehr so jung und etwas wohlbeleibt war, kam völlig außer Atem in der
Löwengasse an, denn Herr Häferlein trieb unablässig zur Eile. Und
zuletzt zerrte und zog Laura den Arzt noch die Treppe hinauf, daß der
meinte, Alette Amhag sei nun wohl schon tot. Als er aber das Zimmer
betrat, fand er die Kranke in Frau Tippelmanns Armen liegend, ein
glückseliges Lächeln auf dem blassen Gesichtchen.

»Sie wird gesund, nun gewiß,« rief Frau Tippelmann dem Arzt entgegen.

»Ja, das scheint mir auch so,« sagte der heiter. »Da hätte ich freilich
langsamer gehen können. Herr Häferlein hat wohl gedacht, ich wäre ein
Automobil geworden und könnte so flink rennen?«

Alette Amhag lachte ihr frohes Glöckchenlachen, über das sich Frau
Tippelmann am ersten Tage so gefreut hatte, und der Doktor lachte
herzhaft mit. »Na, mir ist die Rennerei schon recht; wer erst wieder
lachen kann, der spaziert der Gesundheit entgegen. Aber nun fein brav
sein, damit -- -- --«

»Ich Ostern in die Schule gehen kann,« flüsterte Alette. »Ach, ich
freu' mich so!«



[Illustration]



Dreizehntes Kapitel.

Was aus Frau Tippelmann wird.

    Herr Häferlein fragt nicht nach den Zeugnissen. Die Sternbuben
    finden, die Uhren hätten es eilig, aber Alette Amhag meint, sie
    gingen im Schneckengang. Es ist Feiertagswetter, und Gundel
    erzählt Märchen. Jemand findet Breitenwert sehr häßlich. Herr
    Häferlein rennt noch einmal zum Doktor, und Frau von Bachhoven
    redet mit Frau Tippelmann; sie ärgert sich über das deutsche
    Gemüt, und die Sternbuben müssen erzählen, und schließlich sind
    alle froh über den Besuch.


»Jetzt wird unsere Alette bald gesund; heute hat sie geschlafen wie
ein Murmeltier,« erzählte Laura am nächsten Tage Herrn Häferlein. »Nun
werfe ich Ihnen keinen Stein mehr an das Fenster.«

»Ei, was das Steinwerfen anbelangt, das war nicht schlimm,« sagte der
höfliche Kaufmann, »aber das Gesundwerden freut mich und sicher alle
Leute in der Löwengasse!«

Damit sagte der gute Herr Häferlein nicht zu viel. Die ganze Löwengasse
freute sich wirklich über Alette Amhags Genesung, am meisten aber
Linde und Stern. Frau Grill ging jeden Tag in die Rose; die Sternwirtin
schickte dies und das, und die Kinder stürzten wie Habichte auf Frau
Tippelmann oder Laura zu, wenn sich eine von ihnen blicken ließ. »Wie
geht's Alette? Steht sie bald auf? Dürfen wir sie bald besuchen?«

»Ja, bald, bald; sie freut sich schon auf euch!«

Es vergingen aber immer noch etliche Tage, ehe Trinle Grill als erste
Besucherin das Krankenzimmer betreten durfte, just am ersten Ferientag
dazu. Als Trinle eintrat in das Zimmer, dessen Fenster offen standen,
um die Sonne, die heute wieder frühlingslustig schien, einzulassen,
hörte sie lauten Lärm. Sie blieb erschrocken stehen und sah scheu nach
dem Bett hin, in dem Alette noch blaß wie ein weißes Blümchen lag. »Die
Bübles schreien so arg,« stammelte Trinle.

»Das klingt lustig!« Alette streckte der Freundin die Hand hin,
und da vergaß Trinle den Lärm draußen in der Freude, die Kameradin
wiederzusehen.

Ein Viertelstündchen war ihnen beiden nur vergönnt, da mußte sich
Trinle arg sputen, um nur ein Hundertstel von allem, was sie auf dem
Herzen hatte, herauszuschwätzen. Die Viertelstunde tat einen Hopser --
aus war sie. Beim Abschied aber konnten doch beide sagen: »Morgen.« Am
nächsten Tag hieß es dann: »Und morgen bringe ich Gundele mit.« Und
Gundel kam, und die Buben alle, Kasperle zuerst; der wollte gar nicht
wieder fort. Gundel war schüchtern, aber gegen Mathes und Peter war sie
fast geschwätzig. So etwas! Die Sternbübles taten den Mund nicht auf,
aber am nächsten Tage kamen sie doch wieder, sogar eine halbe Stunde
zu früh. Da wanderten sie vor der Rose auf und ab und unterhielten
sich mit Herrn Häferlein genau so, als wären sie nie die schlimmen,
gefürchteten Sternbübles gewesen.

Herr Häferlein war auch wirklich sehr nett; der tat keine Frage nach
den Zeugnissen, wie es damit und mit dem Versetztsein bestellt sei. Das
war gut, denn daran hatten die beiden Schelme gesehen, daß einer nicht
im Handumdrehen auf den ersten Platz im Leben kommt. Die Mutter hatte
doch ein wenig geseufzt über die Zeugnisse, aber dann dachte sie an den
Tag, da sie ihre Buben im Krankenhaus gefunden, und sie fragte mild:
»Wird's besser werden das nächste Mal?«

»Ja,« sagten die Bübles schnell ganz fest und ehrlich, und Gundel sagte
auch ja; sie sagte es für die Brüder mit, und da lächelte die Mutter
froh: »Ich glaub's schon,« erwiderte sie, »wenn Gundele es auch sagt,
wird es schon werden.«

Freilich trauerten die Sternbübles doch trotz ihrer guten Fleißvorsätze
jedem Ferientag nach. Wieder einer vorbei, wie schnell das ging!
Unglaublich, welche Eile die Uhren in Ferienzeiten haben; es fällt
ihnen gar nicht ein, einmal ein bißchen still zu stehen und sich zu
besinnen: heute ist's gerade so schön, da wollen wir einmal langsamer
unser Ticktack schlagen.

Nur Alette Amhag fand, die Uhren gingen im Schneckengang. Ihr dehnten
sich die Stunden, und wenn sie die Freunde draußen auf der Löwengasse
jauchzen hörte, dann seufzte sie und dachte: Ach, wär ich dabei! Sie
mußte noch immer viele Stunden im Bett liegen, und die Zeit für Besuche
war karg bemessen. »Sie sind alle sehr nett, aber für Krankenbesuche
nicht recht geeignet,« sagte Frau Tippelmann. Trotzdem tat es ihr
selbst bitter leid, als sie hörte, am ersten Osterfeiertag wollten
sie allesamt über Land fahren, die aus der Linde und die aus dem
Stern. »Niemand bleibt bei mir,« klagte Alette, als Trinle ihr dies am
Ostersonnabend erzählte.

Die Grills wollten zu einem Onkel Pfarrer, der auf einem Dorf, zwei
Stunden von Breitenwert entfernt, wohnte, und die Sternkinder waren
auch von einer Landmuhme eingeladen worden. Draußen lockte und lachte
die Sonne auch gar zu fröhlich, und überall hatte der Frühling schon
seine holde Arbeit begonnen.

Wer wollte da daheim bleiben? Die Löwengasse war ja hübsch, aber
draußen, ja draußen war es doch schöner im Frühlingssonnenschein und im
ersten frischen Grün.

Alettes Klage ging Trinle Grill freilich sehr zu Herzen, und sie
erzählte Gundel davon, just als die von ihrer Freude sprach, daß sie
zur Landmuhme fahren dürfte. Gundel wurde still, Alettes Einsamkeit
nahm ihr die rechte Freude, und sie sagte endlich, fast wie frohes
Hoffen klang es: »Vielleicht regnet's gar am Ostertag.«

Es regnete aber nicht. Die Sonne schien schon am Samstag, als
wollte sie allen zurufen: »Rüstet euch, rüstet euch, morgen gibt's
Feiertagswetter!« Und dann gab es einen köstlichen Morgen, und in der
Linde und im Silbernen Stern purzelten die Kinder beinahe vor lauter
Eilfertigkeit aus den Betten, nur Gundel Hinz nicht. Die blieb daheim,
sie hatte ihre Mutter darum gebeten, und die hatte es erlaubt. Den
Bübles war es nicht ganz recht, aber als sie hörten, Gundel blieb, um
Alette zu besuchen, da stimmten sie zu. Sie versprachen der Schwester
Frühlingsblumen und Festtagskuchen, versprachen der Mutter allergrößte
Bravheit und zogen dann genau so selig in die Frühlingsherrlichkeit
hinaus wie die Lindenkinder. Alette Amhag hörte wieder das Jubeln und
Jauchzen auf der Löwengasse, und sie wurde darüber traurig. Nicht
einmal die schönen Ostereier, die ihr Laura aufbaute, konnten sie recht
trösten; der Tag lag gar zu lang und einsam vor ihr.

Doch als draußen die Kirchenglocken wieder sangen und auf der
Löwengasse die Stimmen der heimkehrenden Kirchengänger ertönten,
klopfte es an Alettes Tür. Gundel kam, der Kranken zu Trost und Freude.

An diesem Tage gewann sich Hinkegundel eine zweite Freundin, und für
die beiden Mädeles wurde es ein schöner, fröhlicher Feiertag. Gundels
Traum wurde zur Wahrheit; sie konnte der wirklichen Alette Amhag
Geschichten erzählen, feine, liebe Märchen, und Alette, die noch wenig
Märchen kannte, lauschte so still und zufrieden, daß Frau Tippelmann
sagte: »Gundel kann kommen, sooft sie mag; die paßt gut an ein
Krankenbett. Wie gut, daß sie daheimgeblieben ist.«

Am nächsten Morgen standen schöne Frühlingsblumen an Alettes Bett;
die Ausflügler hatten ihre kranke Freundin nicht vergessen. Sie kamen
auch, erzählten, es wäre wunderschön gewesen, und Alette bekam die
allergrößte Lust, bald, bald im Frühlingssonnenschein spazierenzugehen.
Selbst Laura sagte: »Wenn man die Kinder reden hört, meint man, eine
schönere Gegend als die Breitenwerter gibt's in der ganzen Welt nicht.
Herr Häferlein tut auch, als hätte hier mindestens das Paradies
gelegen.«

Ein paar Tage später aber schimpfte jemand laut und vernehmlich über
das häßliche Breitenwert, seine krummen Gäßlein und seine Menschen, die
allzu neugierig und vorwitzig wären. Frau van Bachhoven war es. Sie kam
auf einmal -- eins, zwei, drei -- ganz unerwartet schnell angereist.
Sie wollte Alette holen. Das gab eine Aufregung in der Rose und drüben
in der Linde, und als die Nachricht in den Silbernen Stern gelangte,
stürzten die Bübles auf die Straße, als müßten sie Alette Amhag wieder
aus Wassersnot befreien.

Am heftigsten aber erschrak Alette Amhag selbst. Als die die tiefe,
etwas rollende Stimme Frau van Bachhovens hörte, wurde sie totenbleich,
und diesmal lief Frau Tippelmann, um Herrn Häferlein nach dem Arzt zu
schicken. Der sollte kommen und helfen. Inzwischen gab es einen bösen
Auftritt zwischen der Dame und Fräulein Laura. Frau van Bachhoven
machte Laura die allerbittersten Vorwürfe, meinte, die sei schuld, daß
Alette noch hier sei, und verlangte, sie solle sofort die Sachen packen.

»Ich darf nicht, Frau Tippelmann erlaubt das nicht,« rief Laura, die
sich gar nicht mehr zu helfen wußte.

»Die Frau hat nichts zu erlauben, sie ist eine Dienerin, damit
fertig!« schrie Frau van Bachhoven geärgert. Nun gerade, weil alle
nicht wollten, sollte Alette zu ihr kommen. Sie war es so gewohnt,
um ihres Reichtums willen jeden Wunsch erfüllt zu sehen, daß dieser
unerhörte Widerstand sie heftig reizte. Alette Amhag erschien ihr
wie ein Spielzeug; sie wollte sie haben um jeden Preis. Sie schrie
Frau Tippelmann zornig an, als die kam, sie zu begrüßen: »Sofort wird
eingepackt, das Kind kommt mit mir; da gibt es keinen Widerspruch.«

»Den gibt es doch,« sagte Frau Tippelmann ganz ruhig. Sie war an
Alettes Lehnstuhl getreten, in dem die Kleine in der Sonne saß, und
streichelte sanft das weinende Kind. »Du bleibst hier, Alette Amhag.«

Frau van Bachhoven rollte ihre Augen ganz fürchterlich, und Laura kroch
entsetzt in einen Winkel. Lieber Himmel, dachte sie, Frau Tippelmann
weiß gar nicht, wie böse die Dame werden kann, und schließlich müssen
wir ihr doch gehorchen und mitreisen, da ist nichts zu machen.

»Was erdreisten Sie sich?« rief Frau van Bachhoven. »Sie sind eine
Dienerin und haben zu gehorchen, verstanden?«

»Mit Verlaub, das habe ich nicht!« Frau Tippelmanns Stimme klang ganz
ruhig. »Ich bin eine Amhag wie das Kind hier. Mein Vater selig und
Herrn Amhags Großvater waren Brüder; ich bin also Alettes Großtante.
Ihr Vater hat mir damals geschrieben, ich möchte für sein Kind sorgen;
das tue ich. Erst habe ich gemeint, Alette wollte nicht hierbleiben,
nun ich aber weiß, daß Alette hier glücklich ist, lasse ich sie nicht
fort, bis ihr Vater es anders bestimmt.«

»Sie -- eine -- Verwandte?« Frau van Bachhoven sah die in ein ganz
einfaches blaues Hauskleid gekleidete alte Frau von oben bis unten
verächtlich an. Sie lachte höhnisch: »Wer Ihnen das glaubt!«

»Das ist schon wahr, ganz gewiß wahr, meine Gnädige,« sagte da von der
Türe her der alte freundliche Doktor. »Frau Tippelmann ist eine Amhag
und des Kindes leibhaftige Großtante. Und die Reise darf sie nicht
einmal erlauben, denn die erlaube ich auch nicht. Das Kind ist noch
krank und darf nicht in der Welt herumgeschleppt werden, damit basta!
Gelt, kleine Alette, du willst noch bei uns bleiben?«

Alette gab keine Antwort. Die hielt Frau Tippelmanns Hand fest
umschlungen und sah mit strahlenden Augen zu der alten Frau auf. »Meine
Großtante,« flüsterte sie, »meine Großtante!«

»Ja, Kind, die bin ich. Und deinen Großvater habe ich noch gekannt. Ich
war damals ein kleines, dummes Mädele, als er die Heimat verließ. Aber
ich sehe ihn noch heute hinten im Garten an der alten Linde lehnen.
Er hat geweint, als sollte ihm das Herz brechen, daß er fort mußte
aus einer lieben Heimat. Ich habe dann manchmal gedacht, er ist wohl
nie wieder gekommen, weil er den neuen Abschied gefürchtet hat, denn
Breitenwert und das alte Rosenhaus war ihm der liebste Ort der Welt.
Die Heimat ist eben die Heimat.«

Frau van Bachhoven war ganz still geworden. Sie begriff nicht, wie
jemand an einer so kleinen Stadt, an einem alten Hause so hängen
konnte. Es war ihr, als spräche die alte Frau da eine ganz fremde
Sprache. Doch merkwürdigerweise schien Alette Amhag, dieses Kind, das
sie zum Zeitvertreib gern bei sich haben wollte, die fremde Sprache zu
verstehen. Auch Laura, das törichte Mädchen, sah ganz so aus, als hätte
Frau Tippelmann etwas Wunderschönes gesagt.

»Das ist das dumme deutsche Gemüt!« rief die reiche Dame endlich
ärgerlich. »Was ist an einem solchen alten Haus? Alette, besinne dich,
ich will dich mit nach Paris nehmen und dann in die Schweiz, da ist es
doch schöner als hier.«

»Ich will hierbleiben bei -- meiner Großtante,« sagte Alette leise.

»Und Sie, Laura?« Frau van Bachhoven sah Laura forschend an. Die
knickste verlegen, einmal, zweimal. Freilich, Breitenwert war ein
rechtes Nest, die Rose immerhin ein einfaches Haus, aber da war Alette,
die Löwengasse, die Kinder, Herr Häferlein, der gute Nachbar, in dessen
Laden sie immer an ihre glückliche Kindheit denken mußte; sie atmete
tief und sagte dann schnell: »Wenn es Ihnen recht ist, gnädige Frau,
dann möchte ich schon hier bei Alette bleiben, bis ihr Vater kommt.«

»Meinetwegen,« brummte die Dame. »Hier scheinen alle verhext zu sein.«
Sie stockte und sah sich in dem großen Zimmer um, an dessen Fenster
Frühlingsblumen blühten, und das so einfach, so hell und freundlich
aussah. »Vielleicht würde ich es auch noch, wenn ich hierbliebe.«

Da trat Frau Tippelmann rasch vor und bat: »Ein paar Stunden sollten
Sie doch bleiben, gnädige Frau. Alette ist Ihnen doch dankbar, daß Sie
gekommen sind.«

Je, wenn Frau Tippelmann glaubt, Frau van Bachhoven, der kein Hotel gut
genug ist, würde hierbleiben, dachte wieder Laura, na, da irrt sie sich
aber!

Doch diesmal irrte sich Laura. Die reiche Dame blieb wirklich bis zum
Nachmittag als Gast in der Rose. Nun erst merkte Alette Amhag, daß die
gefürchtete Frau im Grunde sehr gutherzig war, und sie verlor ihre
Scheu vor ihr. Sie erzählte ihr selbst von ihrem Sturz ins Wasser,
und wie die Sternbübles sie gerettet hatten. Da verlangte Frau van
Bachhoven die zu sehen, und die andern Kinder auch, und Laura mußte
laufen, um sie alle in die Rose zu holen.

Sie kamen an, verlegen und schrecklich neugierig dazu. Die Sternbübles
glühten wie zwei Himbeeräpfel, als sie erzählen sollten, wie es gewesen
war, als sie Alette gerettet hatten. Sie stießen sich an, blinkerten
sich zu, und Peter sagte zu Mathes: »Sag's du!« Aber Mathes wieder
tuschelte: »Du sollst es sagen.« Endlich besann sich Mathes auf seine
Ältestenwürde und begann: »Alette ist gelaufen wie'n Häsle.«

»Und wir hintennach,« schrie Peter.

»Dann kam das Flüßle und das Brückle,« fuhr Mathes fort, »und da --
und da -- und da plumpste sie rein.«

»Wir haben sie rausgefischt,« ergänzte Peter wieder.

»So war's,« rief Mathes. »So war's,« schrie Peter, und beide sahen sich
stolz ob dieser ausführlichen Erzählung an.

Frau van Bachhoven lachte. Dabei zeigte sie ihre weißen Zähne und
rollte ihre großen dunkeln Augen, und das gefiel den Bübles so, daß sie
auch in ein jauchzendes Gelächter ausbrachen. »Die gefallen mir,« rief
die Dame, »die möchte ich haben.«

Aber auch die Sternbübles wollten vom Mitreisen nichts wissen. Der
Silberne Stern und die Löwengasse gefielen ihnen vorläufig noch besser
als die weite Welt draußen. Sehr gefiel es ihnen dagegen, als Frau
van Bachhoven ihnen allerlei sehr schöne Dinge schenkte. Eigentlich
sollten zwar all das kostbare Spielzeug, die feinen Zuckersachen und
Früchte für Alette sein, doch die teilte gern mit den Freunden, ja sie
gab sogar die beiden Staatspuppen an Trinle und Gundel, und so wurde
schließlich für alle der Besuch, über den sie zuerst so erschrocken
waren, eine große Freude.

Am frohesten aber war doch Alette. Nun brauchte sie nicht mehr heimlich
zu befürchten, daß Frau van Bachhoven sie holte. Die war fort, und sie
durfte bei ihrer Großtante bleiben, bis ihr Vater sie holen kam. Auch
Laura war nun ganz zufrieden, auch sie sagte vergnügt: »Ja ja, ein
Weilchen bleibe ich schon noch gern in der Löwengasse. Aber das muß ich
doch sagen, Frau Tippelmann, recht war es nicht, daß Sie sich nicht
gleich als Alettes Tante zu erkennen gegeben haben, es wäre manches
anders gewesen.«

»So ist's im Leben,« antwortete Frau Tippelmann schelmisch, »wenn
mancher Mann wüßte, wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchem Mann
manchmal mehr Ehr.«

»O je, schon wieder ein Sprichwort!« rief Laura lachend. »So viele habe
ich ja nicht in der Schule gelernt; hier werde ich noch gelehrt wie ein
Professor.«

»Hm,« sagte Frau Tippelmann schmunzelnd, »es heißt aber: Je mehr einer
lernt, desto mehr sieht er ein, wie wenig er kann. Doch nun muß unser
Kind zu Bette gehen. Draußen auf dem Löwengäßle ist's schon ganz
dunkel, und mir scheint, der Sandmann spaziert schon herein.«



[Illustration]



Vierzehntes Kapitel.

Der Zöpflesstreit.

    Alette möchte eine Geschichte hören, Laura will erzählen, Frau
    Tippelmann will erzählen, aber die Sternbuben zeigen sich als
    sehr ungläubig, und schließlich wird aus der Geschichte keine
    Geschichte, und die Kinder kommen so geschwind wie noch nie aus
    dem Rosenhaus auf das Löwengäßle hinaus.


Wenn einer krank liegt, hat er viel Zeit zum Sinnen und Denken. Das
sind dann oft wunderreiche Tage, namentlich wenn die Krankheit schon
an der Türe steht und sagt: »Nun mach ich mich wieder davon; ich habe
dich genug geplagt, du armes Menschlein.« Man sieht die böse Krankheit
gehen, ist noch matt, aber fühlt es doch jeden Tag: ich werde gesund.
Und das Stilleliegen und Stilleseinmüssen tut dann so wohl, und
der Kranke, der sonst in aller Unruhe seines Lebens nicht Zeit zum
Nachdenken hat, kann dann einmal im eigenen Herzen spazierengehen und
sich darin umsehen. Es tut gut dieses Spazierengehen in seinem Herzen.
Da findet der Mensch manchmal Winkel, die er selbst nicht recht kennt,
und erstaunt wohl über all die unguten Dinge, die da aufgestapelt
liegen. In einer Ecke liegt da ein Häuflein Neid und Eifersucht, in
der andern ein Bündelchen Hochmut und ein Reis Überheblichkeit schießt
daneben empor. Ein anderer sieht bei solchem Umschauen die Eitelkeit
protzig im Winkel sitzen, er blickt der Lüge in die falschen Augen, und
dem oder jenem fällt allerlei ein, was er über liebe Menschen Häßliches
gesagt hat. Doch wer erst die schlimme Unordnung sieht, der findet wohl
auch die Kraft aufzuräumen. In den Tagen des langsamen Besserwerdens
ist die Seele des Menschen oft wie ein Gärtlein im Lenz. Liebliche
Blumen blühen empor, köstlicher Same keimt, und der Mensch selbst hat
Zeit, fein säuberlich das Unkraut zu jäten.

Es läßt sich aber auch gut träumen von vergangenen Tagen in der Zeit
der Genesung, auch an heitere Stunden der Zukunft denkt der Mensch da
gern.

Alette Amhag nun gehörte zu jenen, die still nachdenken können, und
weil ihre Herzstübchen alle blank und heil waren, kein Unrat in den
Winkeln lag, dachte sie viel an ihren fernen Vater, an die große Welt
und das kleine Löwengäßle. Darum lag sie auch, als es ihr besser ging,
mit frohen Augen im Bett, und Frau Tippelmann und Fräulein Laura
sagten oft zueinander: »Unsere Alette pflegen, ist wirklich leicht;
mit den Sternbübles wäre das wohl ein schlimmes Ding.« Ja, manchmal
seufzte Frau Tippelmann ein wenig und meinte: »Es wäre gut, wenn Alette
manchmal einen Wunsch hätte.«

Und eines Tages hatte Alette Amhag dann wirklich einen großen Wunsch;
ihr fiel auf einmal der Großtante Geschichte ein, die ihr die
noch nicht erzählt hatte. Ganz eilig rief Alette, nachdem ihr die
unterschlagene Geschichte eingefallen war: »Laura, liebste Laura, hole
doch die Tante, sie muß mir eine Geschichte erzählen.«

»Na, das kann ich doch auch!« sagte Laura etwas gekränkt. »Ich weiß
alle möglichen Geschichten, eine von einem Jungen, der in den Krieg zog
und dann auf einmal einen Grafen heiratete, weil er nämlich gar kein
Junge, sondern ein wunderschönes Mädchen war, und dann noch eine von
einer Frau, die so gerne Rosinen und Mandeln aß, daß sie schließlich
träumte, sie wäre ein riesengroßer Kuchen geworden, und -- -- --«

»Nein, nein,« rief Alette lachend, »die Geschichten will ich nicht
hören, Laura; ich will eine hören von damals, als noch meine
Ururgroßeltern in der Löwengasse wohnten.«

»Ach, das werden gewiß recht langweilige Geschichten sein,« brummelte
Laura; »aber meinetwegen, es gibt ja auch Menschen, die hören lieber
Leierkasten spielen als Klavier, und ich mag lieber Blechmusik; so ist
das nun einmal.« Nach dieser schönen Rede ging sie dann doch, um Frau
Tippelmann zu holen. Nach einem Weilchen kam sie wieder und sagte
betrübt. »Frau Tippelmann kann nicht erzählen.«

»Warum denn nicht?« fragte Alette erschrocken. »Sie hat es mir doch
versprochen!«

»Ja freilich, und ein Versprechen muß man halten, das ist schon wahr,
aber Frau Tippelmann kann das nun jetzt nicht tun, sie ist nämlich
weggegangen.«

Da konnte sie freilich keine Geschichte erzählen. Alette sah das ein,
doch weil sie nun gerade zuhörlustig war, ließ sie sich von Laura die
merkwürdige Begebenheit berichten von der Dame, die so gerne Rosinen
und Mandeln gegessen hatte. Laura erzählte sehr eifrig. Alette hörte
nicht minder eifrig zu, und just als die sonderbare Dame dabei war,
sich für einen schönen dicken Weihnachtskuchen zu halten, ging es
tripp, trapp im Hausflur, und Laura und Alette purzelten beide aus der
Geschichte in die Wirklichkeit zurück und riefen: »Die Sternbübles.«

Die waren es wirklich, aber sie kamen nicht allein; zwei Minuten später
ging es wieder tripp, trapp, da kamen sie aus der Linde, und zuletzt
tönte ein langsamer bedächtiger Schritt: Frau Tippelmann kehrte heim.

Laura berichtete von Alettes Wunsch, sie sagte: »Schade, daß nun gerade
die Kinder gekommen sind, da wird es nichts aus der Geschichte werden.«

»Warum nicht?« erwiderte Frau Tippelmann. »Es ist besser, ich erzähle
eine Geschichte, da sind die andern ruhig; die Sternbübles schreien
heute ohnehin wieder, als wären sie Jahrmarktsausrufer. Davon wird
unser Alettchen nur müde und matt; das stille Zuhören ist gesünder.«

Dieser Meinung waren die Gäste just an diesem Nachmittag nicht, am
wenigsten die Sternbübles. So gern sie auch sonst Geschichten hörten,
heute hatten sie selbst allerlei zu erzählen und zu fragen. Da war
am Morgen einer Bauersfrau eine höchst sonderbare Sache zugestoßen;
die hatte sich aus einem ganz unerfindlichen Grunde auf ihren
eigenen Eierkorb gesetzt, was weder ihrem Rock noch den Eiern gut
bekommen war. Die Sternbübles hatten schon Bauchschmerzen vor Lachen
darüber bekommen, und sie brannten darauf, reden zu dürfen. Aber
Frau Tippelmann fragte wenig danach, was sie wollten oder nicht; sie
sagte einfach: »Ich erzähle, damit Punktum, Streusand drauf, und nun
aufgepaßt!«

»Erst mal -- -- --« schrie Mathes.

»Nachher,« sagte Frau Tippelmann ruhig; »also hört. Alette will eine
Geschichte aus dem alten Amhaghaus; da gibt es natürlich viele, denn in
einem rechten Familienhaus geschieht im Laufe der Zeit immer allerlei.
Da gibt es lustige und ernsthafte Geschichten, seltsame, aufregende
und auch rührende. Leider wissen die Menschen immer viel zu wenig
Geschichten aus der Vergangenheit ihrer Familien, und die Kinder sind
jetzt auch schon so töricht, die denken, wenn es heißt, das ist aus
deiner Urgroßmutter Leben eine Geschichte, »Ach, wie langweilig!« Weil
unsere Alette glücklicherweise anders denkt, soll sie auch so viele
Geschichten, als ich noch selbst weiß, aus dem alten Amhaghaus und
dem Löwengäßle erfahren. Das Löwengäßle nun war immer ein schnurriges
Sträßlein, in dem die wunderlichsten Dinge sich zutrugen, und von all
den Geschichten ist mir besonders eine recht im Gedächtnis geblieben.
Das war damals, als die Damen noch mit hochgetürmtem Haar einhergingen,
weite Reifröcke trugen und jeder Mann ein Zöpfle hinten hängen hatte
-- -- --«

»Hoho,« schrie Mathes dazwischen, »das ist net wahr, Zöpfles tragen
Männer net!«

Frau Tippelmann sah über ihre Brille hinweg lachend auf das empörte
Büble. »So ein Dummköpfle, wie du auch bist!« brummelte sie. »Jetzt
tragen Männer freilich keine Zöpfe mehr, aber damals, als die
Geschichte spielte, trug jeder Mann seinen Zopf und -- -- --«

»Ich glaub's net,« trotzte Mathes auf, den Frau Tippelmanns Lachen und
das Gekicher der Mädchen reizte, »noi, ich glaub's net!«

»Ich auch net,« redete Peter dem Bruder eifrig nach. »Zöpfles trägt
kein Mann.«

»Doch einmal war es so,« riefen die Grills, und dabei schauten sie
ein wenig mitleidig über diese Unwissenheit auf die Sternbübles herab.
Diese gerieten erst recht in Eifer. Zum Überfluß fuhr sie nun auch noch
Frau Tippelmann unwirsch an und gebot: »Haltet euren Schnabel, das
Zwischenreden mag ich net leiden.« Da schrieen die Bübles lauter als
vorher: »Wir glauben das mit den Zöpfles net; Männer tragen keine.«

»Seid doch stille -- -- --«

»Männer tragen keine, Männer tragen keine.«

»Nun hört doch einer diese dummen Buben an!« schalt Frau Tippelmann
erzürnt. »Dabei ist euer eigener Ururgroßvater, der Sternwirt Jakob,
der Mann gewesen, der am längsten ein Zöpfle in Breitenwert getragen
hat. Den Zöpflewirt haben sie ihn genannt, mein Großvater hat mir noch
von ihm erzählt. Fragt nur eure Mutter, die wird's schon wissen. Also
nun weiter, damals trugen die Männer noch ihre Zöpfles und -- -- --«

»Noi, ich glaub's doch net, Männer sind net so dumm!« schrie Mathes,
und dabei wurde er vor Zorn so rot wie ein Krebs im heißen Wasser.

»Ich glaub's auch net.« Peter ließ den Bruder nicht im Stich, dessen
Glaube war sein Glaube, und Gundel flüsterte und ermahnte vergeblich,
sie möchten doch stille sein; die Brüder blieben bei ihrem Widerspruch:
»Männer tragen keine Zöpfles.«

»Taten sie doch, es ist wahr,« riefen die Grills, denen die Sache nun
auch zu dumm wurde, »wir wissen's genau. Zu dumm, so etwas nicht zu
wissen!«

»Wir glauben's doch net,« versicherten die Bübles grantig. »Pah,
Zöpfles sind für Mädeles; Männer sind net so affig!«

»Pfui,« schrie Trinle Grill entrüstet, »seid ihr frech! Mädeles sind
net affig, wenn sie Zöpfles tragen.« Und zum Zeichen, daß sie sehr
stolz auf ihren dicken Zopf war, schwenke sie den wie einen Uhrpendel
hin und her. »Zöpfle sind fein, und daß Männer sie getragen haben, weiß
ich auch.«

»Wir auch!« wiederholten ihre Brüder noch einmal in kriegerischem Ton.

»Es ist net wahr, net wahr, net wahr!« kreischten die Sternbübles.

»Na, so ein paar widerhaarige Buben sind mir noch gar nicht
vorgekommen,« rief Frau Tippelmann. Sie ärgerte sich und lachte dabei,
und da sie sah, daß die Sternbübles durch Worte nicht zu überzeugen
waren, stand sie auf und holte ein paar kleine Bilder herbei, die sie
den Kindern vorlegte. »Da seht ihr's,« sagte sie. »Da sind Männer mit
Zöpfles drauf; seht, das hier ist sogar ein Offizier, und der hat auch
einen Zopf. Na, glaubt ihr es nun?«

Ein paar Herzschläge lang starrten die Sternbübles stumm auf die
Bilder nieder. Wirklich, da hingen den feinen Herren kleine steife
Zöpfe herunter, und keiner sah darob sehr verwundert drein. Die
Bübles sahen sich an, sahen wieder die Bilder an, sie hörten aber
auch das schadenfrohe Lachen der andern, und der alte bitterböse
Sternbüblestrotz wachte wieder in ihnen auf. Mathes rief als
erster: »Die Bildles, die sind net wahr, die -- die -- sind aus --
Märchenbüchern.«

»Jawohl, aus Märchenbüchern sind se,« schrie Peter nach, »sie sind net
wahr.«

»Was, meine Bilder sind net wahr?« rief Frau Tippelmann verdutzt. »Mein
eigener Urgroßvater soll net wahr sein? Nun schlägt's aber dreizehn!«

Die Lindenkinder waren nur einen Augenblick sprachlos, dann tobten sie
los wie zur Zeit der schlimmsten Feindschaft mit den Sternbübles, und
die blieben die Antworten nicht schuldig. Worte flogen hin und her
wie Schneebälle. Frau Tippelmann schalt, Laura lachte, Gundel weinte,
Alette weinte mit, und alle miteinander überhörten den Klingelton
unten, hörten nicht, daß die neue Küchenmagd Selma mit jemand sprach,
bis sich die Türe auftat und dieser Jemand ins Zimmer kam. »Potzwetter,
nennt man das eine Krankenstube?«

Da war es nun plötzlich still, und tief erschrocken schauten alle auf
den Arzt. Frau Tippelmann aber seufzte schwer, fast schuldbewußt; es
war ihr beinahe, als hätte sie den Lärm selbst verursacht. Ordentlich
bedrückt sagte sie: »Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor, mit diesen
Sternbübles ist es ein Kreuz.«

»Was haben sie denn getan?«

Alle auf einmal wollten Antwort geben, diesmal aber gelang es Frau
Tippelmann, sie zur Ruhe zu bringen; sie rief streng: »Schweigt, ich
erzähle!«

Und dann erzählte sie halb lachend, halb ärgerlich die Zopfgeschichte,
und der gute Doktor machte ein Gesicht dazu, als könnte er das Lachen
nicht mehr recht am Ausreißen hindern. »So ist's!« sagte er und sah die
Sternbübles von oben bis unten an. »Hm, ihr glaubt also nicht an die
Zöpfles?«

»Noi,« beharrten die Bübles trotzig und gekränkt, »das ist net wahr!«

»So, hm! Na, seht einmal an! Wer ist denn das hier, der euch allen vor
der Nase hängt, und an dem ihr alle vorbeigesehen habt, obgleich man an
dem in der Weltgeschichte wirklich nicht vorbeisehen kann?«

Der Doktor nahm ein Bild von der Wand, hielt es Mathes und Peter vor
die Augen und fragte: »Wer ist das?«

»Der alte Fritz!« Die Lindenkinder riefen es zuerst, und dann schrieen
sie alle zusammen: »Er hat ein Zöpfle!«

»Na ja, freilich, der alte Fritz hat ein Zöpfle getragen, und was er,
der große Held, getan hat, werden die andern Männer wohl auch getan
haben. Glaubt ihr das nun, ihr Ungläubigen?«

Ja, nun glaubten sie es schon; wenn der alte Fritz ein Zöpfle hatte,
dann freilich! Die Sternbübles sahen ganz verdattert drein, und die
Lindenkinder taten soeben ihre Münder sperrangelweit auf, um in ein
riesenhaftes Jubelgeschrei auszubrechen, als der Doktor schnell rief:
»Nun aber raus, allesamt, eine Krankenstube ist keine Lärmstube, wer
schreien will, mag es draußen tun, obgleich es für das Löwengäßle
angenehmer wäre, ihr ginget fein stille heim.«

»Das werden sie ganz und gar nicht tun,« brummelte Frau Tippelmann,
»die schon sicher nicht. Ich bin aber froh, daß sie gehen; so bald gibt
es nicht wieder Besuch hier, das sage ich.«

»Und die Geschichte?« rief da plötzlich Alette in einem so jämmerlichen
Tone, daß es selbst den bockbeinigen Sternbübles an das Herz ging. Die
taten jeder einen kellertiefen Seufzer und schauten drein, als wären
Heim und Stube, Schulferien, das Löwengäßle, das Nachtessen und sonst
etwas weggeschwommen. »Die Geschichte bleibt nun unerzählt,« sagte Frau
Tippelmann streng. »Wer sich über ein Zöpfle net beruhigen kann, der
braucht keine Geschichten zu hören.«

Es war merkwürdig, Alette kannte ihre Tante doch erst seit kurzer
Zeit, aber schon wußte sie, hinter der Strenge lauerte das Lachen, und
ihr eben noch so betrübtes Gesicht hellte sich auf. Sie rief rasch:
»Morgen erzählst du, bitte, bitte!«

»Nein, morgen gewiß nicht.«

»Dann übermorgen.«

»Na, vielleicht, -- wollen mal sehen, aber nun Abschied!«

Der war kurz, denn Frau Tippelmann schob die Gäste einfach zur Türe
hinaus, der Doktor half, Laura auch, und so kamen die Kinder der
Löwengasse so geschwind hinaus wie noch nie. Auf einmal standen sie
auf dem Gäßle, die herbe Frühlingsluft umwehte sie, kühlte ihre heißen
Stirnen und dämpfte auch ihre Streitlust. Für die Ruhe auf dem Gäßle
war das recht gut.

»Übermorgen erzählt sie uns,« sagten sie zueinander.

»Vielleicht.« Gundel war zaghaft, aber die andern überstimmten sie:
»Nicht vielleicht, sondern gewiß. Um das Zöpfle wird sie net lang böse
sein, um ein dummes Zöpfle.«

»Ein Zöpfle ist was Feines,« schrie Mathes plötzlich; »hurra, der
alte Fritz hat auch eins getragen, hurra!« Und dann liefen sie heim,
denn über das Löwengäßle sanken immer tiefer die Dämmerschatten, und
die Abendbrotzeit war herangekommen. Nach dem Abendessen kam das
Zubettgehen, und dabei geschah es, daß sich die Sternbübles gegenseitig
ansahen, jäh verstummten und sich dann beide an die kugelrunden,
glattgeschorenen Köpfe faßten und riefen:

»Wir kriegen nie ein Zöpfle -- schade!«

Und sie seufzten tief und stiegen nachdenklich in ihre Betten. Peter
aber träumte in der Nacht von einem dicken, schwarzen Chinesenzopf.
Doch den hatte nicht er, sondern Herr Baldan; der ging damit im
Löwengäßle spazieren, schwenkte ihn hin und her und rief immer: »Platz
da für mein Zöpfle, das hat mir der alte Fritz geschenkt.« O, der
glückliche Herr Baldan!



Fünfzehntes Kapitel.

Hoher Besuch.

    Frau Tippelmann erzählt eine Geschichte von Sternbübles,
    und die lebendigen Sternbübles haben viel dreinzureden, und
    Fräulein Laura sagt, wenn von einem Herzog geredet wird, müsse
    es schneller gehen. Es kommt aber alles zu einem guten Ende,
    und die Sternwirtin weiß zuletzt nicht, von welchen Sternbübles
    ihre Kinder eigentlich erzählen.


Ein paar Tage lang tat sich die Rosentüre allemal nur ein Schlitzchen
weit auf, wenn eins der Nachbarskinder klingelte, und jedesmal hieß
es: »Alette geht es gut, Alette läßt grüßen, aber Besuch darf nicht
zu ihr.« Nur Gundele durfte einmal hinein, und als sie zaghaft an
Alettes Bett trat, da lachte die ihr froh entgegen. »Ein paar Tage
sollt ihr nicht kommen, aber nachher erzählt Tante Tippelmann doch die
Geschichte, und denke dir nur, Gundele, Sternbübles kommen darin vor,
richtige Sternbübles, die sind aber schon über hundert Jahre alt.«

Als Gundele aus der Rose zurückkam, schlenderten die Grillschen Buben
just mit ihren Brüdern zusammen das Gäßle hinab. Gundel lief ihnen nach
und erzählte das Gehörte.

Eine Geschichte von Sternbübles, die, wer weiß wann, gelebt hatten, ja
die vielleicht mit Zöpfles einhergegangen waren, wollte Frau Tippelmann
erzählen. Mathes und Peter wußten nicht recht, ob sie sich freuen oder
ob sie sich ärgern sollten. »So was gibt's gar net,« rief Mathes patzig
und rannte davon. Es fiel ihm nämlich ein, es könnte ganz gut sein, die
Mutter zu fragen; vielleicht wußte die etwas, vielleicht erzählte sie
es ihm, und vielleicht konnte er dann sagen: »Pah, die Geschichte kenn'
ich schon!« Ach, vielleicht!

Die Sternwirtin hatte wieder einmal alle Hände voll zu tun, als Mathes
in die Küche stürmte und seine Frage tat. Sie konnte sich auch auf
keine wichtige und sonderbare Geschichte besinnen und sagte: »Wenn
ich Gemüse schmore und einen Braten begießen muß, kann ich nicht
Geschichten erzählen. Jedes zu seiner Zeit; eine Geschichte verträgt
sich höchstens mit einem Strickstrumpf oder einer Flickerei. Bübles
hat's aber, Gott sei Dank, immer im Stern gegeben, und unnütz sind sie
sicher alleweil gewesen, weil das nun mal in den Bübles liegt. Paßt
nur gut auf, wenn Frau Tippelmann erzählt, damit ihr merkt, wie ihr es
nicht machen sollt.«

Das war nun eine magere Auskunft für die neugierigen Ungedulde, und
es war gut, daß sich Frau Tippelmann schon am nächsten Tage bereit
erklärte, die Geschichte zu erzählen. Und obgleich es eigentlich kein
Geschichtenwetter war, denn die Sonne schmunzelte wie eine alte, gute
Tante, und der Wind sang süße, sanfte Lieder, kamen die Zuhörer doch
sehr pünktlich und vergnügt in der Rose an. Sie wollten leise gehen und
trappsten die Treppe hinauf, daß der alle Stufen weh taten; sie knarrte
und ächzte unwirsch, aber oben rief Alette vergnügt: »Sie kommen.«

Frau Tippelmann saß schon am Bett der Nichte, und als die Gäste
versammelt waren, sagte sie gleich: »Wer aber heute nicht richtig
zuhört, sondern dazwischen schwätzt, der soll es gleich sagen, der muß
hinaus.«

Die alte Frau sah ernsthaft über ihre Brille hinweg von einem zum
andern, prüfte namentlich die Gesichter der Sternbübles und fragte:
»Na, wer geht lieber vorher?«

»Ich -- -- --«

»Also, dann hinaus!«

»Noi, ich möcht nur mein Schnupftüchle holen,« rief Peter kläglich,
fast niedergeschmettert von Frau Tippelmanns vorwurfsvollem Blick.

»Es wird wieder nichts!« Trinle rief es klagend, »die Sternbübles
stören wieder.«

»Noi, wir stören net.«

»Also, ich zähle jetzt bis drei, wer dann nicht still ist, muß hinaus.
Eins -- zwei --«

Peter nieste so heftig, daß Fräulein Laura beinahe vom Stuhl fiel, aber
da Mathes in seiner linken Hosentasche ein Schnupftüchle entdeckte und
dem Bruder half, sagte Frau Tippelmann drei, und da war es wirklich
still, und sie begann: »Der Silberne Stern ist schon seit etlichen
hundert Jahren ein berühmtes Gasthaus, in dem schon manchmal fürstliche
Gäste eingekehrt sind. Sternbübles, hebt eure Nasen net so in die Luft,
ihr habt noch nichts dazu getan, den Silbernen Stern in guten Ruf zu
bringen, im Gegenteil!«

Klapp, senkten die Sternbübles die Köpfe, und Frau Tippelmann fuhr
fort: »Es war also um die Zeit, da noch, wie ihr nun wißt, die Männer
Zöpfles trugen, als im Silbernen Stern ein sehr, sehr vornehmer Gast
erwartet wurde.«

»Ein König!« schrieen die Sternbübles aufgeregt.

»Schnabel halten -- ein Herzog war's, nicht mehr und nicht weniger.
Aber auch ein Herzog kam nicht alle Tage nach Breitenwert, und unser
gutes Städtchen stand beinahe auf dem Kopf vor Aufregung. Wie er wohl
aussehen mochte, der Herzog? Viele Tage lang redeten die Breitenwerter
nur von dem Herzog, und jeder sagte: Ich muß ihn aber sehen, ich ganz
bestimmt! Ihr könnt euch denken, daß dies vor allem die Kinder sagten.«

»Die Mädeles.«

»Die Bübles.«

»Schnabel halten -- alle Mädeles und Bübles und Bübles und Mädeles
waren neugieriger als sämtliche Elstern im deutschen Vaterland
zusammen. Am allerneugierigsten aber waren die -- Sternbübles.«

»Noi, das ist net wahr, wir waren's net,« schrieen Mathes und Peter
entrüstet.

»Dummhüte, ihr doch net! Eure Ururururgroßväter waren damals die
Sternbübles. Auch zwei wie ihr, auch just in eurem Alter, und auch sie
wurden im ganzen Städtle nur die »unnützen Sternbübles« genannt. Ja,
seht nur nicht so bitterböse drein; es war schon so! Um diese Zeit gab
es in der Linde ein einziges Mädele, das Gustele.«

»Und in der Rose?« fragte Alette eifrig.

»Da purzelten erst ein paar winzige Dreikäsehoch im Kinderzimmer
herum, die zählten noch nicht mit, denn die durften noch nicht auf
dem Gäßle spielen. Die Sternbübles und das Lindengustele nun waren
die allerbesten Freunde; die stritten sich nicht und schmähten sich
nicht, wie es später manchmal zwischen den Linden- und Sternkindern
vorgekommen sein soll.«

»Aber jetzt net mehr,« schrieen die Grills und die drei aus dem Stern
zugleich, »das war früher mal.«

»Freilich, freilich, das war einmal vor ewigen Zeiten, vor vier Wochen
etwa!« Frau Tippelmann lachte, die Kinder lachten, nur Laura sah
etwas brummig aus, als sie sagte: »Eine Geschichte, in der ein Herzog
vorkommt, darf nicht so langsam erzählt werden; das muß geschwinder
gehen. Kam denn der Herzog?«

»Ja, freilich, er kam. Vorher wurde aber im Silbernen Stern geputzt
und gescheuert, als müßten Weihnachten, Ostern und Pfingsten gleich an
einem Tage gefeiert werden. Das Fürstenstüble wurde gerichtet, in dem
ein großmächtiges Himmelbett stand, dessen Dach von vergoldeten Engeln
getragen wurde.«

»Das Bettle ist noch da,« schrieen die drei Sternkinder aufgeregt, »und
die Mutter sagt, ein König hat drin geschlafen, doch, ein König, ein
König!«

»Potzwetter, ihr sollt den Schnabel halten!« Frau Tippelmann sah ganz
grimmig drein. »Was habe ich gesagt?« rief sie. »Wer nicht still ist,
der muß hinaus, aber in der Geschichte, die ich erzähle, hat ein
Herzog drin geschlafen, und nun Punktum und Streusand drauf! Vorläufig
also war der Herzog noch nicht in Breitenwert eingetroffen, und die
Sternbübles Jaköble und Josefle standen mit Gustele aus der Linde
mitten im Fürstenzimmer und schauten sich die Herrlichkeiten an,
das schöne Bett mit der grünen Seidendecke darüber, die Gustele ganz
vorsichtig streichelte.«

»Durfte sie das?« Die Sternbübles hatten schon wieder einmal das
Schweigegebot vergessen, und Frau Tippelmann runzelte die Stirn ob
der neuen Unterbrechung. »Bewahre, sie durfte das natürlich nicht,«
brummte sie. »Die Kinder hatten sich ganz heimlich in das Prachtzimmer
geschlichen, in dem gerade der Malermeister Tänzer gewesen war, der den
einen Engel noch einmal ein wenig überstrichen hatte. Der Herzog sollte
an diesem Nachmittag kommen, und im Silbernen Stern lief alles in der
größten Eile durcheinander. Zur Hilfe hatten sie auch den Meister
Tänzer fortgeholt; er sollte den Willkommenspruch an der Haustüre
annageln. In der Eile hatte er seine Leiter in dem Fürstenzimmer
stehenlassen, und ich weiß nicht, wer es zuerst gesagt hat, das Jaköble
oder das Josefle: ›Man müßte da mal hinaufsteigen,‹ getan haben es
jedenfalls alle beide, und Gustele stieg auch hinauf, obgleich damals
die Mädeles im allgemeinen nicht auf Leitern herumkletterten. Oben auf
dem Betthimmel, neben den goldenen Engeln, die die seidenen Vorhänge
in ihren Händchen hielten, ließ es sich ganz gut sitzen. Jaköble -- es
kann auch Josefle gewesen sein -- rief: ›Ich bleib' hier, da sehe ich
den Herzog ganz genau, da --‹

›Bst, es kommt jemand!‹ Gustele verkroch sich erschrocken in den Falten
des Vorhanges, und auch die Buben suchten erschrocken Schutz, denn
draußen kamen rasche, laute Schritte näher. Die Tür wurde aufgerissen,
Christian, Meister Tänzers Geselle, sprang herein, rasch ergriff er die
Leiter und, husch, war er zur Türe hinaus, und man hörte ihn draußen
mit seiner Last geschwind die Treppe hinabpoltern. Einen Augenblick
freuten sich die drei; die Bübles riefen stolz: ›Ha, er hat uns net
gesehen!‹ Aber gleich darauf fiel es ihnen ein, es möchte ein schweres
Ding sein, von dem Betthimmel herabzukommen. Und herunter mußten sie
und unbemerkt und möglichst geschwind dazu. ›Springen,‹ riet Jaköble
oder Josefle.

›Das kann ich net,‹ klagte Gustele.

›Hm!‹ Die Buben überlegten; leicht war es nicht, und einer von ihnen
sagte endlich: ›Wir müssen runterklettern.‹

›Und wenn dabei was zerbricht oder das ganze Bettle umfällt?‹
Gustele zitterte vor Angst, und als sich die Buben die Sache recht
beschauten, zitterten sie ein bißchen mit. So leicht wie hinauf
kamen sie jedenfalls nicht hinab, und wie sie noch so redeten und
beratschlagten, entstand auf dem Löwengäßle auf einmal ein ungeheurer
Lärm, und zugleich polterten auch draußen auf dem Gang wieder Schritte.
Trapp, trapp, ging es. Die Türe wurde aufgerissen, und eine Magd
kam und raffte eiligst allerhand Werkzeug auf, das Meister Tänzer
am Boden hatte liegen lassen. Der ersten nach stürzte eine zweite
Magd in das Zimmer, die, husch, mit einem Staubtuche über Tische und
Stühle wischte, aber da schrie auch schon eine dritte zur Türe herein:
›Schnell, schnell, eilt euch, huje, er ist schon auf der Treppe!‹

Die Mägde rannten hinaus, draußen gab es Gerappel und Gerumpel,
mehrere Stimmen tönten durcheinander, dann ging wieder die Türe auf,
und gefolgt von dem tief sich verneigenden Sternwirt, zwei Herren und
etlichen Dienern, betrat ein großer, stattlicher Herr das Zimmer -- der
Herzog.«

»O je!« kreischten Peter und Mathes entsetzt, »und alleweil sitzen die
noch oben.«

»Ja, so war's,« sagte Frau Tippelmann, »die drei saßen noch oben auf
dem Betthimmel, und es ist schon ein richtiges Wunder, daß sie nicht
heruntergepurzelt sind, sondern noch so viel Verstand hatten, sich in
den Falten der dicken Vorhänge zu verstecken. Zu ihrem Glück sah auch
nicht gleich jemand nach oben. Der Herzog ging in das andere Zimmer
hinein, blickte sich um und sagte zufrieden zu dem Sternwirt: ›Er hat
ein recht stattliches Haus, ich denke, es wird mir bei ihm wohlergehen.‹

Der Sternwirt verneigte sich wieder und sagte, dies hoffe und wünsche
er von Herzen. Der Herzog ging wieder in das Nebenzimmer, schaute auf
die Gasse hinaus, und schließlich tat er einen Seufzer und sagte, er
habe Hunger.

Dies war nun ein rechtes Glück für Gustele und die Bübles. Das Mahl
für den Herzog war im Saal angerichtet, also begab er sich dahin;
seine Begleiter folgten ihm, die Diener liefen auch hinaus, und ein
paar Minuten später war es still und leer in den Zimmern. Die drei
Schelme wären nun himmelgern von ihrem hohen Sitz heruntergeklettert,
sie merkten aber bald, daß dies ein schwieriges Unternehmen war.
Als Jaköble, es kann auch Josefle gewesen sein, am Bettpfosten
herabrutschen wollte, wankte und schwankte das ganze Himmelbett, und
Josefle, es kann auch Jaköble gewesen sein, hielt den Bruder angstvoll
fest, denn der drohte herunterzupurzeln, ganz schrecklich sah es aus.

›Wir kommen net runter,‹ stöhnte Gustele.

›Und wenn uns der Herzog sieht, o je!‹ ächzte Josefle, es kann aber
auch Jaköble gewesen sein, so hinterher kann man net wissen, welcher
von den Bübles gerade gesprochen hat.«

»Noi, das kann man net,« redete Mathes dazwischen, aber Peter gab ihm
einen Stoß und mahnte: »Sei still, sie müssen sonst so lange oben
sitzen.«

»Ja freilich, lang genug mußten sie oben sitzen,« fuhr Frau Tippelmann
fort, »das stimmt. Jedes Mal nämlich, wenn Jaköble oder Josefle das
Heruntergerutsche versuchen wollten, wackelte das Bett, schwankte
wie ein Schiff auf hoher See, und immer wieder blieben die Kinder
erschrocken oben sitzen. Gerade sagte Josefle oder Jaköble wieder: ›Ich
rutsch', halt doch,‹ als sich leise die Tür öffnete. Ein herzoglicher
Diener trat ein; aber der benahm sich höchst seltsam, er sah sich
scheu um, und die drei auf dem Himmelbettdach meinten schon, er habe
sie gehört und habe nun Angst vor ihnen. Dabei hatten sie selbst
eine Heidenangst vor dem Diener, und so fürchteten die oben und der
Mann unten sich arg. Der Diener blickte ängstlich in alle Ecken,
lauschte, dann sprang er hastig auf das Gepäck des Herzogs zu, das noch
uneröffnet im Zimmer lag, und versuchte den einen Reisesack zu öffnen.
Das gelang ihm nicht gleich, er zog darum hastig ein Messer aus der
Tasche und schnitt ritsch, ratsch ein Loch in die Hülle.«

»Das ist frech,« brüllten Mathes und Peter, »das darf er nicht.«

Frau Tippelmann erwiderte darauf gar nichts, nur Laura brummte: »Der
längste Tag im Jahr ist nicht lang genug, um den Sternbübles eine
Geschichte zu erzählen. Also, was machte der Diener?«

»Der wühlte und kramte in dem Sack herum und zog schließlich ein
Kästchen heraus, das er in seine Tasche steckte; dann zog er noch ein
zweites größeres Kästchen hervor, damit ging er zum Ofen, öffnete das
Ofenloch und warf den Kasten hinein. Dann huschte er eilig aus dem
Zimmer.

Das Gustele sah auf dem Himmelbettdach das Jaköble an, das Jaköble sah
das Josefle an, und allen dreien kam die Sache höchst unheimlich und
seltsam vor; ein wahres Grauen beschlich sie.

Sie waren mit dem Verwundern noch nicht fertig, als sich schon wieder
die Türe auftat und zwei andere Diener hereinkamen. Einer von ihnen war
schon alt, ein würdiger, freundlicher Mann, den der andere fast wie den
Herzog selbst behandelte. Der sah sich im Zimmer um, lobte die schöne,
saubere Einrichtung, er trat auch an das Himmelbett heran --«

»Jetzt sieht er sie,« kreischte Peter.

»Nein, er sah sie nicht,« erzählte Frau Tippelmann weiter, »er sah eben
nicht in die Höhe, sondern sagte zu dem zweiten Diener: ›Wir wollen
rasch auspacken, Philipp; diesen Sack hier zuerst, da sind wichtige
Schriftstücke von unserm Herzog darin, die hat er mir besonders ans
Herz gelegt.«

Philipp ging rasch ans Werk, und oben tuschelte das Jaköble -- es kann
auch das Josefle gewesen sein -- alle Vorsicht vergessend: ›Jetzt
finden sie das Loch.‹

Die beiden unten hörten aber das leise Flüstern nicht, denn sie fanden
wirklich das ausgeschnittene Loch, und sie schrieen laut los. Der Alte
riß zitternd das Gepäck auseinander, wühlte darin, suchte und stöhnte
endlich: ›Fort, beraubt, die Papiere sind fort, die Juwelen sind fort!
Mein Gott, was tun wir nun?‹

Philipp war schon an die Türe gestürzt, er riß sie auf und schrie laut
in den Flur hinaus: ›Hilfe, Hilfe, Diebe, Diebe!‹

›Um Himmelswillen, Philipp, sei doch still!‹ jammerte der Alte,
aber seine Warnung kam zu spät. Der Ruf hatte schrecklich das Haus
durchgellt, Hausdiener und Mägde, Gäste und Wirtsleute, alle rannten
herbei, selbst der Herzog kam. Der hatte das Rufen gehört, hatte
gefragt, und der Sternwirt hatte ihm, an allen Gliedern zitternd,
berichtet, sein Reisegepäck sei bestohlen worden. ›Gestohlen in meinem
Haus!‹ jammerte er. ›Hochfürstliche Gnaden, Erbarmen, ich kann nichts
dafür!‹

›Das werden wir sehen.‹ Der Herzog sah gar nicht mehr mild und
freundlich aus, sondern bitterböse, als er das Zimmer betrat, und er
fuhr den alten Diener zornig an: ›Erzähle Er, Friedrich, wie hat Er's
gemerkt?‹

Der erzählte -- er konnte kaum sprechen vor Kummer --, alles habe
er selbst bewacht beim Herauftragen, dann sei er nur mit den andern
gegangen, um rasch etwas zu essen. In dieser Zeit müsse es geschehen
sein; es könne wohl nur jemand aus dem Hause gewesen sein.

Ja, das sei sicher, riefen des Herzogs Begleiter und Diener, und alle
sahen dabei den Sternwirt drohend an. ›Hat Er Diebe im Haus?‹

›Beileibe nicht! Noch nie ist so etwas hier vorgekommen, solange ich
Wirt bin,‹ jammerte der. ›Fragt alle meine Leute, allergnädigster,
durchlauchtigster Herr Herzog, niemand tut hier so etwas!‹

Der Herzog befahl nun, alle Leute sollten erscheinen, selbst die Köchin
mußte den Braten brotzeln lassen. Zuallerletzt kam Michel, der älteste
Hausknecht, der war nur widerwillig gekommen, weil er gemeint hatte,
unten könne man nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Als er
eintrat, deutete einer der Diener auf ihn und sagte: ›Den da sah ich
vorhin die Treppe herabkommen, er sah sehr verlegen aus, vielleicht
weil er so schwarz war; er mochte gerade einen Ofen ausgeräumt haben.‹

›Stiefel hatte ich geputzt,‹ brummte Michel unwirsch.

›Michel,‹ schrie der Sternwirt zornig, ›ist Er hier im Zimmer gewesen?‹

›Noi,‹ brummte Michel.

›Der Kerl sieht aus wie das leibhaftige schlechte Gewissen,‹ rief der
Herzog. ›Gesteh Er's, Er hat gestohlen!‹

Michel erschrak. ›Bei meiner Seel' net!‹ jammerte er, ›ich war's net.‹

›Man müßte suchen,‹ murmelte der Diener, der ihn angeklagt hatte.

›Nehmt ihn fest. Der Büttel soll kommen, man soll seine Sachen
durchsuchen,‹ befahl der Herzog finster.

›Ich war's net, bei meiner Seel', ich war's net!‹ schrie Michel
verzweifelt und wehrte sich gegen zwei Diener, die ihn packen wollten.

›Noi, er war's net,‹ schrie es da plötzlich von der Höhe herab,
›Michele hat's Kästele net genommen.‹

Drei runde Gesichter starrten aus den Falten des Bettvorhanges heraus,
und drei Fingerlein -- sie waren reichlich schwarz -- deuteten auf den
Diener, der Michel angeklagt hatte: ›Der da war's! Der hat die Kästeles
herausgenommen, und eins hat er in den Ofen gesteckt.‹

Die Stimmen gellten aus der Höhe herab dem Schuldigen wie Posaunentöne
ins Ohr. Er sah Gustele und die Sternbübles für himmlische Wesen an,
und schluchzend brach er unter der Last seiner Schuld zusammen. ›Ich
war's, ich war's,‹ stöhnte er, vor dem Herzog knieend, ›ich hab's
getan. Gnade, ach, Gnade!‹

›Die Engel sind lebendig geworden, um einen Unschuldigen zu retten,‹
rief der alte Diener andächtig.

›Noi, noi, Engele sind das da oben net; meine Bübles sind's. Gleich
kommt ihr runter!‹

›Wir können net,‹ jammerten die drei da oben, ›Christian hat's Leiterle
weggeschleppt.‹

›Eine höchst seltsame Geschichte, hm, hm, ungeheuer merkwürdig!‹ Der
Herzog schüttelte erstaunt den Kopf, er konnte es sich gar nicht recht
erklären, und er fragte den Sternwirt: ›Sag Er mir doch, warum sitzen
seine Kinder dort oben?‹

›Aus lauter Unnützigkeit, allergnädigster, durchlauchtigster Herr
Herzog,‹ rief der Sternwirt ärgerlich. ›Wenn sie runter kommen, kriegen
sie Haue.‹«

»Noi,« schrieen die lebendigen Sternbübles im tiefsten Mitgefühl mit
ihren Urahnen, »die haben doch den Michel gerettet!«

»Das haben sie freilich getan,« sagte Frau Tippelmann, »weil nämlich
manchmal eine höhere Macht gütig eine Dummheit in eine Guttat
umwandelt. Ich meine aber doch, Haue -- -- --«

»Noi, noi!« wehrten die Sternbübles aufgeregt, und auch Alette bat:
»Lieber nicht!«

»Na, seid nur still, sie haben ja auch an dem Tage keine Haue bekommen,
denn der gute Herzog verzieh ihnen ihre Neugier, ihn zu sehen, als er
alles erfahren hatte. Ja er schenkte jedem einen schönen, blanken Taler
mit seinem Bilde darauf, und Michele bekam als Schmerzensgeld drei. Da
wurde der so vergnügt, daß er den Bübles erlaubte, beim Stiefelputzen
zu helfen; dies war nämlich in Michels Augen eine ganz besondere
Gnade.«

»Und der Spitzbube?« fragte Mathes eifrig, denn der war ihm wichtiger
als Michels Stiefel.

»Von dem weiß ich nichts weiter,« erwiderte Frau Tippelmann. Der
gestand, daß er von einem Feind des Herzogs angestiftet worden war,
die wichtigen Papiere zu rauben. Und um den Verdacht auf einen andern
zu lenken, hatte er das Juwelenkästchen in den Ofen gesteckt. Er wird
wohl seine Strafe erhalten haben, aber ich denke, der gute Herzog wird
milde gewesen sein. Denn herzensgut war der wirklich und so freundlich
gegen jedermann. Als er nach zwei Tagen abreiste, heulten Gustele
und die Bübles jämmerlich darüber im Hausflur. Der Herzog, der es
hörte, tröstete sie selbst, sagte, er werde wiederkommen, wenn sie
unbeschreiblich brav würden. Die drei versprachen es und, was noch
besser war, sie hielten auch ziemlich Wort. Unbeschreiblich wurde es
mit dem Bravsein freilich nicht, aber alle drei wurden tüchtige Leute.
Der Herzog kehrte auch wirklich noch etliche Male im Silbernen Stern
ein und schlief dort sanft und ungestört. Damit ist meine Geschichte zu
Ende.«

»Sie war schon fein!« rief Fräulein Laura. »Nur das Gefrage und Gerede
von den Sternbübles ging über die Hutschnur. Doch das Bett muß ich noch
sehen; wo steht es denn?«

Gundele sah die Brüder an, die Brüder sahen Gundele an, sie wurden rot
und seufzten, und endlich bekannte Mathes: »Die Stube, wo's steht, ist
zugesperrt, weil -- weil -- weil --«

»Ihr gewiß einmal auf dem Bett herumgeklettert seid,« half Frau
Tippelmann dem stotternden Mathes nach.

»Ja,« bekannte der kleinlaut, »und alleweil ist einem Engele sein
Köpfle abgebrochen und dem andern Engele sein Beinle und --«

»Sternbübles bleiben Sternbübles, da darf man sich nicht wundern!« Frau
Tippelmann sah über ihre Brille hinweg zu den Buben hin, nicht etwa
böse, bewahre, ihre Augen lachten, ihr Mund lachte, und als Fräulein
Laura das sah, lachte sie mit, und schließlich war Alettes Krankenstube
erfüllt von einem hellen, frohen Lachen.

Vergnügt gingen nach einem Weilchen die Löwengäßler heim, und die
Sternkinder suchten ihre Mutter in der Küche auf. Dort schwätzten sie
so viel von dem Himmelbett, erzählten alle drei so durcheinander, daß
zuletzt niemand wußte, welche Sternbübles eigentlich auf dem Himmelbett
gesessen hatten, die lebendigen oder ihre Ururururgroßväter.



[Illustration]



Sechzehntes Kapitel.

Eine schauerliche Geschichte.

    Fräulein Laura seufzt, aber Frau Tippelmann will Pfingstkuchen
    backen. Im Räuberschlößle wird ein Plan geschmiedet, der auch
    zur Ausführung kommt. Drei Damen erzählen von einem furchtbaren
    Untier, der Gendarm Körble meint, es sei ein Füchsle gewesen
    oder Kräuterpeterle. Auf dem Berg wird nichts gefunden, aber
    im Bachwirtshaus gibt es eine wundersame Begegnung. Die
    Sternbübles bekommen ein Güßle und werden sehr vergnügt, und
    dem schönen Tag folgt ein schöner Abend.


Wie schnell doch die Tage vergingen!

Laura hätte den Tagen in Breitenwert nie so flinke Beine zugetraut.
Ostern war doch kaum gewesen, und nun stand Pfingsten schon vor der
Türe. Die Löwengasse roch vom Untermarkt bis zum Obermarkt nach
frischem Kuchen und jungen Birken. In allen Häusern wurde gescheuert
und geputzt. Alle freuten sich, nur Laura war traurig. Es war ein
Brief von Herrn Amhag gekommen, er wäre unterwegs, um Alette zu holen.
Er hatte von ihrer Krankheit erfahren und sorgte sich um sein Kind.
Breitenwert erschien ihm doch nicht der rechte Platz für Alette. Hier
waren sie alle zufrieden, hier war Alette ein glückliches Kind, und wo
gab es wieder ein so gemütliches Haus wie die Rose?

Laura wollte Frau Tippelmann nichts sagen; doch die sah ihr den Kummer
an der Nasenspitze an, und als sie Herrn Amhags Brief gelesen hatte,
wurde sie auch traurig. Sie sagte dann aber gelassen: »Man muß alles
nehmen, wie es kommt. Zu viel Sorge zerbricht das Glas. Heute wollen
wir Pfingstkuchen backen; kommt das Kind wieder fort, dann soll es
wenigstens ein rechtes frohes Pfingstfest gefeiert haben im Löwengäßle,
im alten Amhaghaus.«

An Pfingstfreude fehlte es Alette schon an diesem Tage nicht. Die saß
mit den Grillschen Kindern im wieder ausgebesserten Räuberschlößle und
genoß die ersten richtigen Ferien ihres Lebens, nach erst vierzehn
Tagen Schulzeit freilich; aber wunderfein war es doch. Sie waren
allesamt so vergnügt, daß sie himmelgern etwas ganz Besonderes getan
hätten, und sie spitzten alle die Ohren, als auf einmal Trinle rief:
»Ich weiß was Feines.«

»Ich ahn's schon,« brummte Steffen, »du kommst wieder mit deinem dummen
Räuber- und Prinzessinnenspiel; öde ist's.«

»Falsch geraten!« Trinle strich sich ihr blaues Leinenkleidchen glatt
und sah so pfiffig und geheimnisvoll aus, daß es Alette gar nicht mehr
erwarten konnte. Sie flehte: »Sag's doch endlich!«

»Also --,« Trinle holte erst noch mal Atem, »wir machen einen Ausflug
nach dem Burgbergle, und oben -- -- --«

»Spielen wir Drachen,« jauchzten die Brüder.

Alette Amhag riß die Augen weit auf. »Drachen?« fragte sie, »gibt's die
da?«

»O Alette, Alettle, dummes Nettchen,« riefen die Geschwister alle
durcheinander, »wir spielen Drachen mit unserem Drachen.«

»Habt ihr denn einen?«

Trinle nickte sehr eifrig, dabei fielen ihr beide Zöpfe über die
Nase. »Geschenkt bekommen von Onkel Valentin, damals zu Großmutters
Geburtstag. Weil du krank warst, hast du ihn net gesehen. Komm mit!«

Sie zerrten Alette in das Haus hinein und zeigten ihr dort in einer
Kleiderkammer ihren Schatz. Der sogenannte Onkel Valentin, ein älterer
Vetter der Kinder, war einmal zu einem kleinen Maskenfest als Krokodil
gegangen; die grüne Hülle hatte er dann Trinle geschenkt. Damit
gespielt hatten die Kinder freilich noch nie, sie hatten immer das
märchenhafte Gewand zu einem besonderen Fest aufheben wollen. Heute
schien ihnen der sonnenwarme Pfingstsonnabend aber recht geeignet, um
an ihm ein neues, wunderbares Spiel zu spielen.

»Wenn wir nur dürfen!« sagte Steffen etwas unsicher.

»Ach, schon, heute ist doch halb Feiertag! Erst fragen wir bei uns,
dann bei Frau Tippelmann,« bestimmte Veit, und die andern fanden auch,
so sei es recht.

Frau Grill zögerte mit der Erlaubnis; weil aber de Kinder gar so sehr
baten und allergrößte Bravheit versprachen, sagte sie schließlich ja,
und Frau Tippelmann zögerte erst auch und sagte dann auch ja.

Auf dem Gäßle trafen sie dann die Sternkinder, alle drei; die
erzählten, sie gingen zur Muhme Bachwirtin. Sie seufzten sehr, als sie
den schönen Plan vom Drachenspiel hörten; sie redeten hin und her, die
Bübles wären schon gern am Bachwirtshaus vorbeigelaufen, Gundel aber
sagte: »Das geht net.«

Da fiel Mathes etwas ein. »Kommt heim übers Bachwirtshaus,« riet er,
»die Muhme läßt uns alle heimfahren mit dem Wägele.«

»Ach, das wird fein!« schrie Trinle.

»Ich muß erst die Großtante fragen,« meinte Alette ängstlich.

Aber Veit belehrte sie rasch, dies sei nicht nötig. Die Burg, eine auf
einem mäßig hohen Berg gelegene, ganz zerfallene Ruine sei nicht weit
vom Bachwirtshaus. Dort waren die Grills schon oft mit ihren Eltern
gewesen. Sie kannten den Weg in das Tal hinab gut und gaben gern die
Zusage. Die Sternkinder waren noch nicht wanderbereit, sie sollten noch
allerlei für die Muhme mitnehmen, also gab es kein Zusammenwandern.

Mit Hurra und Hallo zogen die Grills und Alette durch die Löwengasse
über den Untermarkt zum Tore hinaus. Alette sehnte sich förmlich nach
der Burg, von der sie schon so viel gehört hatte, und sie war, wie
Steffen sagte, »purzelvergnügt«.

Von der Burg konnten die Breitenwerter in das anmutige Tal ihrer Heimat
hinabschauen, und sie gingen gern hinauf. Manchmal kamen auch Fremde
über den Burgberg nach dem Städtchen gewandert, weil es da einen
überaus lieblichen Waldweg gab. Am Pfingstsamstag aber kam sicher
niemand auf den Gedanken, auf die Burg zu gehen, und die Kinder ahnten,
sie würden heute dort ungestört sein. Dieser Gedanke berauschte sie
förmlich, und sie zogen singend durch das Städtchen und singend den
Berg hinan. Auf halber Höhe war ein Gasthaus, in dem die Breitenwerter
Kaffee zu trinken pflegten. An ihm schritten die Kinder stolz vorbei;
pah, sie hatten Vorrat genug in ihren Rucksäcken! Als sie oben waren,
schrie Kasperle gleich: »Ich habe ein Löchle im Bäuchle.«

Trinle war mehr dafür, gleich zu spielen, aber die Brüder überstimmten
sie. Also setzten sie sich auf die zerbröckelten Stufen, die zum alten
Wartturm hinaufführten, schmausten und erzählten sich von ihrem
Spiel. Trinle sagte zu Steffen: »Du mußt Drache sein, du kannst so gut
brummen.«

»Und Alette du 's Prinzeßle,« riefen alle, und Veit bestimmte noch:
»Kasperle ist ihr Page, und ich bin Ritter, und du bist mein Knappe,
Trinle.«

Damit waren alle sehr einverstanden, und Trinle freute sich besonders
über den Knappen. Heisa, da konnte sie gewiß den Drachen am Schwänzle
ziehen, was sich für Ritter selbst nicht schickte.

»Ihr müßt gehen,« sagte Steffen; »wenn ich pfeife, kommt ihr wieder,
dann bin ich Drache.«

Veit wollte nicht recht, aber die Mädel zogen ihn fort. Sie suchten
Blumen, denn Alette sollte doch eine Prinzessinnenkrone erhalten. Ein
paar Minuten später schritt dann Prinzessin Alette fromm und sittig,
ein Blumenkränzlein im Haar, der Burg zu, Kasperle als Page hielt sie
am Kleid fest. Auf einmal stürzte sich der Drache Steffen auf das arme
Prinzeßlein; er sah so furchtbar aus, daß sich Alette wirklich zu
fürchten begann und jämmerlich zu heulen anfing. Kasperle fiel ein,
und beide wurden von Veit stolz in das sogenannte Verlies geschleppt.
Dieses war der einzige noch gut erhaltene Raum der Burg, ein teilweise
überdachtes halbhohes Gemach. Es mochte wohl einst als Halle gedient
haben. Von seinen kleinen Fenstern aus, die in tiefen Nischen lagen,
hatte man einen lieblichen Blick über das Tal, das heute schön im
Frühlingsglanz lag. Alette kauerte am Fenster, Kasperle zu ihren Füßen,
und beide warteten wirklich ein wenig voll ängstlicher Sehnsucht auf
den Ritter Veit und Trinle, den Knappen. Steffen lag am Eingang; er
fauchte von Zeit zu Zeit, und Kasperle sagte etliche Male: »Alette, ich
graul mich.«

Ritter und Knappe saßen inzwischen auf halber Bergeshöhe, und als oben
das Geschrei losging, sagte Trinle befriedigt: »Jetzt hat er sie; fein,
Steffen schreit prachtvoll!«

»Nun komm!« Veit nahm seinen Stock, und als Trinle neben ihm bergan
schreiten wollte, brummte er sie an: »Ein Knappe geht hinter seinem
Ritter, weißt das net?«

Beschämt trat Trinle zurück. Sie dachte bei sich: Den Drachen zwick'
ich ordentlich! und darüber wurde sie wieder sehr vergnügt.

Eine Prinzessin befreien ist aber keine leichte Sache. Der Drache
Steffen wenigstens nahm es ungeheuer ernst, er fauchte, spuckte,
brüllte und fuhr mit einem Stecken seinen Angreifern so wild zwischen
die Beine, daß der Knappe Trinle das Schwanzzwicken aufgab und zuerst
davonlief. Und dann -- Ritter Veit prallte rasch zurück -- entzündete
der Drache zischend ein Rotfeuerhölzchen, und das wirkte so unheimlich,
daß Prinzessin Alette und der Page Kasperle laut aufschrieen und der
Ritter über seinen Stock stolperte, den zerbrach und waffenlos beinahe
dem Drachen in die Hände gefallen wäre. Er gab das Kämpfen auf und
floh seinem Knappen nach. Ganz atemlos fanden sich beide am Ruheplatz
zusammen. »Ich muß erst ein neues Stöckle schneiden,« murmelte Veit.
»Warum bist du mir ausgerissen?«

»Fein war's,« rief Trinle, »ich hab mich richtig gegrault!«

Oben lag der Drache am Boden und knurrte vor Behagen; er war mit seinem
Tun zufrieden. Wenn die arme Prinzessin Alette sich nur rührte, dann
fauchte er sie an, und Alette, die an solche Spiele noch nicht recht
gewöhnt war, fürchtete sich mehr und mehr. Auch Kasperle war die ganze
Geschichte unheimlich; er flüsterte ein paarmal Alette ins Ohr: »Wenn
wir nur ausreißen könnten!«

Das Fauchen und Knurren war draußen nicht zu hören, der Burgberg lag
ganz still im Frühlingsfrieden, nur die Vögel sangen, und die Bienen
schwirrten summend von Blüte zu Blüte. Plötzlich aber wurde diese
Stille durch Stimmen unterbrochen, und Ritter Veit, der sich gerade
zu einem neuen Kampfzug rüstete, sagte erschrocken: »Trinle, es kommt
jemand!«

Es kam wirklich jemand, daran konnte schon kein Zweifel sein. Die
Stimmen wurden lauter und lauter, und als Veit und Trinle vorsichtig
näher schlichen, sahen sie auf dem schmalen Fußweg, der zur Burg
führte, drei Damen wandern, immer eine hinter der andern, und hinter
ihnen kamen zwei Herren. Die erste der Damen schien recht schlechter
Laune zu sein; sie schalt unaufhörlich in einem fremdklingenden
Deutsch, das die Kinder nicht verstanden. Die sahen nur ihr bitterböses
Gesicht.

»Puh,« flüsterte Trinle, »aber die ist arg schlimm, so ein böses
Gesichtle!«

Den beiden andern Damen, die noch jünger waren, mochte das Schelten
auch nicht gefallen; sie hatten gar keine rechten Maientaggesichter.

Jetzt kamen sie alle drei so nahe, daß die Kinder auch verstehen
konnten, was sie sagten. »Es ist Unsinn,« grollte die alte Dame,
»bei dieser Hitze auf ein altes Burg zu gehen; das ist ein deutscher
Einfall. Wer weiß, ob das da überhaupt ein echtes altes Burg ist!«

»Wie frech,« tuschelte Trinle dem Bruder zu, »unsere Burg ist doch
echt!«

»Na ob!« Veit sah den dreien grollend und feindselig nach. Erstens
störten sie das Spiel, und dann war es wirklich empörend, an der
Echtheit der Burg zu zweifeln.

Drache, Prinzessin und Page konnten in ihrem Verlies die Fremden nicht
sehen, sie hörten nur undeutliches Stimmengewirr, und Steffen brummte
zufrieden: »So dumm, wenn sie solchen Lärm machen, hör' ich sie doch
kommen!« Er kugelte sich vor dem Eingang zusammen und hielt seine
Schachtel Buntfeuer bereit, sein Drachengift. Heisa, er wollte ihnen
schon zeigen, daß er ein tüchtiger, feuriger, kampfbereiter Drache war!

»Die gehen rein ins Verliesle,« flüsterte im Gebüsch Trinle aufgeregt.
Beide Kinder lagen flach auf dem Bauch und starrten gespannt den
Fremden nach.

»Hier scheint ja der Eingang zu sein,« sagte die alte Dame soeben; sie
ging als erste vorsichtig die paar Stufen zu dem Verlies hinab. Die
andern folgten nicht minder bedachtsam im Gänsemarsch.

»Pffpff, ruruhuuh, schischischih!« fauchte, spuckte und kreischte es
ihnen entgegen, und surr! stieg prasselnd ein rotes Flämmchen vor ihnen
auf, und etwas Furchtbares erhob sich da in der halben Dämmerung und
stürzte auf sie los.

Dreifach tönte gellendes Geschrei: »Hilfe, Hilfe, Hilfe!«

»Schiuih!« ging eine grüne Flamme in die Luft, und dann zuckte wieder
ein rotes Flämmchen auf; wie ein Höllenschlund erschien es den dreien.

[Illustration]

Kreischend, schreiend, sich gegenseitig fast umrennend, purzelten und
stürzten die drei Damen hinaus. »Hilfe, Hilfe, Hilfe!« Sie rasten
den Bergabhang hinab, rissen die beiden Herren, die erschrocken
stehengeblieben waren, mit fort und keuchten: »Kommt, kommt, Hilfe,
ach, Hilfe!«

»Was ist, was gibt es?«

Der jüngere der beiden Herren, ein stattlicher, hochgewachsener Mann,
wollte stehenbleiben, aber zwei Damen zerrten ihn hinweg, und ihr
Schreien hallte vom Berg zu Tal.

Trinle und Veit starrten den Fliehenden sprachlos vor Staunen nach.
Konnten die schreien! Aber warum taten sie es nur?

Plötzlich jauchzte Veit auf: »Trinle, sie haben den Drachen gesehen; o,
das ist fein!« Und gerade als unten die Fliehenden an einer Wegbiegung
verschwanden, sausten die beiden zur Burg hinauf und stürzten in die
Halle. »Die sind vor dir ausgerissen, Steffen,« jubelten sie beide,
»die haben dich für ein Teufele gehalten.«

Drache Steffen, Prinzessin Alette und der Page Kasperle sahen ein
wenig verstört drein; ihnen war die ganze Geschichte ziemlich dunkel.
Der Drache blies seine Hand, denn seine Buntfeuerschachtel war ihm
unversehens in Flammen aufgegangen, und dabei hatte er sich seine
Finger verbrannt. »Was war das nur?« brummte er mißmutig.

»Fremde waren's,« jubelte Trinle. Sie hüpfte vor Freude auf einem Bein
hin und her und sang: »Ausgerissen, ausgerissen, ausgerissen!«

»Ausgerissen, ausgerissen!« sang es ihr Kasperle nach, und Veit führte
einen wahren Indianertanz auf. »Ausgerissen, fein, fein!«

»Sie haben dich, hihihihi, für einen richtigen Drachen gehalten!«

»Oder für ein richtiges Teufele.« Trinle tat einen Luftsprung. »Fein,
fein!« ächzte sie.

»Für einen richtigen Drachen, mich -- und ausgerissen sind sie?«
Steffen war überwältigt von diesem Erfolg; kein König hätte in diesem
Augenblick stolzer sein können. »Hurra,« jauchzte er, »hurra!«

»Ausgerissen!« Alette Amhag bekam ganz große, runde Augen. Die ganze
Sache war so seltsam, so märchenhaft, daß sie zu träumen vermeinte.
Dann fiel ihr, der Zaghaften, aber jäh ein, die Ausgerissenen könnten
wiederkehren. Was taten sie dann, wer waren sie?« Bebend sagte sie:
»Wenn -- wenn sie wiederkommen!«

»Ich jage sie wieder weg,« rief Steffen kühn. »Freilich, mein Feuerle
ist alle!«

Ob nun ein Drache ohne eine Schachtel Buntfeuer auch so wirksam sein
würde, wußten die andern nicht, aber das Zurückkommen der Ausgerissenen
erschien ihnen doch wahrscheinlich. Ja, und dann? Sie sahen sich an und
kamen etwas bedrückt zu dem Entschluß, nun selbst einmal auszureißen,
andersherum nach dem Bachwirtshaus hinab, zu dem ein schmaler, kaum
sichtbarer Fußsteig hinabführte. Den breiteren Weg konnten sie nicht
wählen, da wären sie vielleicht den Fremden begegnet. Die vier packten
also eiligst ihre Sachen zusammen, der Drache nahm seine Haut über den
Arm, und dann verließen sie die Burg.

Trinle war es nicht recht; die sagte leichtherzig: »Wir könnten
bleiben, sie kommen net wieder.« Aber Alette flüsterte ängstlich: »Ich
höre Stimmen.«

Einen Herzschlag lang lauschten alle. Sie brauchten jedoch ihre Ohren
nicht allzusehr zu spitzen, die Stimmen wurden immer hörbarer, und
Trinle rief selig: »Wir müssen fliehen, himmlisch ist das!«

Auch die andern fanden die Flucht sehr aufregend, und Veit befahl:
»Mädeles, ihr geht mit dem Rucksack voran, Kasperle mit; wir zwei sehen
erst, wer kommt.«

»I wo, ich geh net voran, ich leg mich aufs Bäuchle wie die Indianer,«
erklärte Trinle begeistert.

Doch die Brüder überstimmten sie. »Du mußt bei Alette bleiben,«
geboten sie. Und wirklich brauchte Alette jemand; die zitterte wie ein
Grashälmlein im Wind. Doch Kasperle fühlte sich als ihr getreuer Page.
Der schob seine Hand in ihre und sagte gnädig: »Ich beschütze dich.«

Da war Alette zufrieden, sie schlich mit Kasperle durch das Gebüsch,
und die Buben und Trinle legten sich auf den Bauch. Noch waren die
Fliehenden nicht drei Schritte weg, da tuschelte schon Trinle den
Brüdern zu: »Ich sehe was Blankes.«

»Der Gendarm!« flüsterte Veit zurück.

So war es wirklich. Unten am Burgberg waren die schreienden, fliehenden
Damen endlich stehengeblieben und hatten den beiden Herren erzählt, was
ihnen begegnet war.

»Ein furchtbares Tier kam,« schluchzte die eine.

»Es war ein Löwe oder ein Räuber oder sonst ein Untier, ganz bestimmt,«
behauptete die älteste von den dreien, und die jüngste jammerte:
»Feuer, Feuer, es hat gebrannt!«

»Unsinn!« sagten die Herren.

»Kein Unsinn,« schrieen die Damen empört, »schrecklich war es!«

»Bitte schön, was ist so schrecklich?« fragte da eine Stimme, und vor
den Fremden stand dick und behaglich der Gendarm Körble.

»O, Sie kommen zur rechten Zeit,« rief die ältere Dame, »hören
Sie nur!« Und aufgeregt, von dem Klagen und Schluchzen der andern
unterbrochen, erzählte sie das Abenteuer auf der Burg.

»I noi!« Der gute Gendarm Körble riß Mund und Augen weit auf; so etwas
war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen. Er schüttelte bedächtig
den Kopf: »Räuberles gibt's hier net und, noi, solche Tierles auch net.
Hm, vielleicht war's ein Füchsle?«

»Schreit ein Fuchs, und spuckt ein Fuchs Feuer?« riefen die drei Damen
empört.

»Noi, so was tut ein Füchsle eigentlich nie net, das reißt immer aus!«
Körble sah ganz bedenklich drein. »Hm, hm!«

»Vielleicht war es ein -- ein Gespenst.« Die jüngste der drei Damen
flüsterte es zitternd.

»Hm,« brummte der dicke Gendarm, »mein Großmutterle selig hat alleweil
erzählt, auf der Burg geistere ein altes Ritterfraule herum, aber doch
net am hellen, lichten Tag. Noi, so was gibt's net. Ach, vielleicht
war's Kräuterpeterle, der oben sein Pfeifele geraucht hat!«

»Schreit der, spuckt der mal rotes, mal grünes Feuer?« rief die ältere
Dame, die immer wütender wurde.

»Noi, gewöhnlich net, der ist ein höflicher Mann.« Körble seufzte, das
war doch eine höchst verzwickte Sache; so etwas war in Breitenwert noch
gar nicht dagewesen. »Ich will mal nachsehen,« beschloß er endlich.

»Wir gehen mit,« riefen die beiden Herren.

»Mich bringen nicht zehn Pferde in das alte Räubernest,« erklärte die
ältere Dame. Die jüngeren aber hatten Lust, mit hinaufzugehen, und ein
paar Augenblicke redeten sie hin und her. Zuletzt blieben zwei Damen
unten am Wegrand sitzen, während die andern alle bergauf stiegen, um
das Ungeheuer zu sehen.

Oben fanden sie nichts, der Drache war spurlos verschwunden, und soviel
die vier auch suchten, so emsig sie auch in alle Winkel blickten,
nichts war zu sehen. Die drei Paar lustigen Kinderaugen, die aus dem
Haselgebüsch hervorlugten, sahen sie freilich nicht: Trinle und die
Brüder aber sahen alles und hörten auch, was gesprochen wurde, und ein
paarmal meinten sie vor Lachen ersticken zu müssen.

»Wir wollen hier doch mal in den Büschen suchen,« sagte oben endlich
der Gendarm.

»Ja, das wollen wir,« rief die Dame eifrig. »Es war etwas da, und
es muß etwas da sein; an ein Gespenst glaube ich freilich nicht.
Deutschland mag noch so romantisch sein, Gespenster zur Mittagsstunde
gibt es sicher nicht.«

»Jetzt müssen wir ausreißen,« flüsterte Veit den Geschwistern zu. »Los,
wir rutschen!«

Eilfertig begann er den Berg abwärts zu rutschen. Trinle und Steffen
folgten, und gerade als die oben sagten: »Hier raschelt es immer so,«
hatten die beiden unten Alette und Kasperle erreicht. Denen tuschelten
sie aufgeregt zu: »Wir müssen fliehen, rutscht auch weiter nach unten.«

»Beinahe wie bei den Indianern ist's,« jubelte Trinle. Sie war zwar
noch nie bei den Rothäuten gewesen, aber sie meinte, die Rutscherei
würde dort wohl gebräuchlich sein.

Alette Amhag aber klagte bänglich: »Wohin geht es denn? Ich -- ich
fürchte mich so!«

Doch das Rutschen war nicht sonderlich schwer, und da es im Walde
trocken war, langten die fünf nicht allzu schmutzig mit heiler Haut
und heilen Kleidern im Talgrund an. Dort ruhten sie ein Weilchen
und überlegten, was sie tun sollten. Sie hörten die Stimmen oben
näher klingen, und die Angst überkam sie, Körble könnte die Fremden
hier hinabführen. »Wir laufen ins Bachwirtshaus,« schlug Veit vor,
»vielleicht sind die aus dem Stern schon da.«

Den Plan fanden alle gut. Selbst Alettes Gesicht hellte sich auf, als
sie nun wieder auf ihren Beinchen stehen konnte, und das Bachwirtshaus
als Ziel lockte sie sehr. Der Weg führte am Waldrand entlang durch ein
liebliches Tal, durch das ein schneller Bach floß. Er hatte es eilig,
und die Kinder hatten es eilig, die wollten im Bachwirtshaus sein, ehe
die Fremden mit dem Gendarm vielleicht vom Berg herabkamen. Die Wirtin
freute sich über den Besuch, und noch drei mit ihr, Gundel und die
Brüder. Die waren vor einem Weilchen angelangt und saßen schon in der
großen Wohnstube des Wirtshauses als Ehrengäste, denn nur die durften
hier herein. Nach der Gaststube führte ein Fensterlein; aber die Wirtin
brauchte nicht hindurchzusehen, denn an diesem Pfingstsonnabend war
es sehr still in dem Wirtshaus. Erst morgen kamen wohl die Gäste.
Jedenfalls durchzog ein lieblicher Duft nach frischem Kuchen das
Haus, und die Bachwirtin sagte heiter: »Ihr kommt gerade recht. Und
Pfingstsonnabendgäste haben es umsonst.«

Es dauerte nicht lange, da stand Milch auf dem Tisch und ein
riesengroßer Teller voll Kuchen. Die Wirtin setzte sich zu den Kindern
und fragte: »Nun erzählt mal, wo waret ihr denn?«

»Auf der Burg -- da und --« Sie stockten, sahen sich an und platzten
dann alle auf einmal heraus: »Wir haben Drachen gespielt; fein war's!«

»Drachen,« rief die Wirtin erstaunt, »ja, wie habt ihr denn das
gemacht?«

Da erzählten sie alle durcheinander das Erlebnis, und die Wirtin,
die Sternbübles und Gundel lachten herzhaft darüber, am meisten die
Sternbübles. Die hopsten vor Vergnügen, und Mathes flehte: »Sei doch
noch mal Drache, Steffen!«

»Soll ich?« Steffen war sehr stolz auf sein Drachensein, nur das
Buntfeuer fehlte ihm. Aber die andern erklärten einstimmig, es ginge
auch ohne Feuer, denn das Fauchen, Kreischen und Spucken sei eben doch
die Hauptsache. Selbst die Bachwirtin sagte: »Spiel uns das Untierle
nur mal vor! Was seid ihr nur für Kinderles im Löwengäßle, immer fällt
euch was Rares ein!«

Die Sternkinder mußten sich an die Wand stellen, sie durften nicht
zusehen. Der Wirtin hielt Trinle die Augen zu und versicherte ihr: »Sie
sind sonst net überrascht genug. Alette paß auf die Sternbübles auf,
die blinzeln.«

Also wurden die Sternbübles bewacht. Bei Gundel war es nicht nötig,
die hielt sich ihr Schürzle fest vor das Gesicht, und die Wirtin ließ
sich das Augenzuhalten auch gutmütig gefallen; sie versprach, ungeheuer
überrascht zu sein.

Das waren sie dann alle miteinander wirklich sehr, als sich Steffen in
seiner graugrünen Krokodilshülle auf einmal vor ihnen auf dem Boden
wand und schauervolle Töne ausstieß. Da kreischten die Wirtin und die
Sternbuben laut auf, Gundel brach in Tränen aus und wurde von Alette,
die immer noch das blumige Prinzessinnenkrönchen trug, liebevoll
getröstet.

»Wie er faucht, wie er spuckt!« schrie Trinle begeistert. »Gelt, er ist
schön?«

Steffen, geschmeichelt durch dies Lob, spuckte, kreischte, knurrte,
grunzte und quietschte; er stand mal aufrecht, mal lag er auf der Erde,
kurz, er benahm sich wie ein richtiger Drache.

Das Lachen und Jauchzen der Zuschauer wurde immer lauter, am Fenster
der Gaststube standen ein paar Mägde, die schauten auch zu, und alle
miteinander vergaßen, daß in ein Wirtshaus auch Gäste kommen können.
Steffen schrie dumpf aus seiner Hülle hervor: »Jetzt mache ich den
Drachensprung und raube das Prinzeßle.«

Alette quietschte, sie kletterte flink auf einen Stuhl, Kasperle und
Trinle schrieen: »Wir schützen dich!« Die Sternbübles schauten sehr
wild und kampfmutig drein, und Steffen kauerte sich in einer Ecke
zusammen, zum Sprung bereit. Er brummte, heulte und sprang dann jäh mit
wildem Gebrüll empor --

»Da ist er wieder, das ist das Untier,« kreischte eine Stimme, und die
alte Dame vom Burgberg sank Körble in die Arme. »Ich sterbe!« ächzte
sie.

In der Türe, die Gastzimmer und Wohnstube verband, standen die
Fremden mit dem Gendarm. Ihr Kommen hatte niemand bemerkt, die Mägde
am Guckfensterchen auch nicht; sie alle hatten nur auf den Drachen
gesehen, der jetzt matt und kraftlos am Boden lag. Er hatte sich in
seinen Schwanz verwickelt und konnte nicht wieder aufstehen. Aber die
schöne Haut hatte allerlei Risse bekommen, und ein Bubenbein und ein
Bubenkittel wurden sichtbar. Nach und nach kam auch ein Gesicht zum
Vorschein. Steffen kroch ein wenig aus seiner Drachenhaut heraus, in
der es ihm anfing recht ungemütlich zu werden.

»Ein Boy, wirklich ein Boy!« riefen die drei Damen. »Wie komisch! Was
soll das bedeuten?«

Trinle fand die Frage recht überflüssig; sie meinte, jeder müßte
sehen, daß sie gespielt hatten. Sie kicherte ein wenig und flüsterte
verschämt: »Wir haben doch nur gespielt! Steffen war der Drache; der
hat Alette geraubt.«

»Alettle war das Prinzeßle,« schrieen die Sternbübles dazwischen, die
rechts und links wie zwei Schildwachen neben Alettes Stuhl standen,
beinahe so, als müßten sie die Freundin gegen lauter Feinde verteidigen.

»Alette!« rief da plötzlich der jüngere Herr erstaunt. »Mein Gott, das
ist ja meine Alette!«

»Papa, o Papa!« Der Stuhl, auf dem Alette stand, geriet ins Wanken, und
die Sternbübles vergaßen vor lauter Staunen ihn zu halten, aber der
Fremde sprang zu, und Alette lag da plötzlich in ihres Vaters Armen.
Sie lachte und weinte und wußte wirklich nicht, träumte oder wachte sie.

Herr Amhag sah gerührt, erstaunt, ja fast betroffen auf sein Kind
nieder. War dies rosige Mädel denn wirklich sein blasses Kind, von
dem Frau van Bachhoven ihm geschrieben, es würde sterben in der engen
Kleinstadtgasse? »Alette, Kind, wie kommst du hierher, und -- wie
siehst du aus?«

Alette dachte, des Vaters Frage gelte dem Blumenkränzlein in ihrem
Haar, sie griff verwirrt danach. »Es ist nur, weil ich ein Prinzeßle
war,« stammelte sie. »O Papa, wir haben so schön gespielt!«

»Gespielt, hier?« Ja, wo waren denn die vielen Kummertränen, die Alette
weinen sollte nach Lauras früherer Angabe? »Kind,« fragte Herr Amhag,
»bist du denn froh hier? Sehnst du dich nicht fort? Ich komme doch,
dich zu holen!«

Dich zu holen! Das Wort dröhnte den Linden- und den Sternkindern wie
Posaunenton ins Ohr. Ihre Alette sollte fortgeholt werden! Trinle
wohnte ohnehin immer zwischen Tränenbach und Lachbrünnlein, jetzt rann
eilig der Tränenbach. Kaum sah das Kasperle, so fing er auch an zu
schluchzen. »Alette soll nicht fort!« klagte er.

Das war zu viel für der Sternbübles Fassung. Die brachen jäh in ein
so ungeheures, gewaltiges Jammergebrüll aus, daß die alte Dame vor
Schreck auf einen Stuhl sank. So etwas hatte sie noch nie gehört! »Um
Himmelswillen, die beiden werden verrückt!« stöhnte sie.

»Seid ihr unklug, Büble?« schalt die Bachwirtin. »Was soll das
Geflenne?«

»Alettle, Alettle!« heulten die Buben. Sie brüllten, als sollten
sie wie zwei Öchslein über dem Feuer geröstet werden, und dieser
schreckliche Schmerz der beiden bewegte Alette tief; auch sie brach
in Schluchzen aus. Auf einmal heulte die ganze Kindergesellschaft,
nur Veit und Steffen drückten und schluckten, sie hielten Tränen für
unwürdig. Dafür schrie das Kasperle mit den Sternbübles um die Wette.
In allem Schmerz versuchten sie einander doch zu übertreffen, und jeder
dachte mit heimlicher Freude: »Ich kann's besser!«

»Willst du denn so gern hierbleiben, Alette?« Herr Amhag mußte lachen,
und wie das Alette sah, versiegten rasch ihre Tränen. Sie schlang beide
Arme um ihres Vaters Hals und flehte: »Bleib auch hier, es ist so
wunderschön im Löwengäßle!«

»Ich will's mir überlegen. Ihr da, hört mal auf zu heulen! Heute oder
morgen reist Alette bestimmt noch nicht ab.«

Morgen noch nicht! Na, da konnte man freilich mit den Tränen noch
warten, und flugs fand Trinle den Weg zum Lachbrünnlein wieder. Ihr
Gesicht strahlte, Kasperle jauchzte gleich laut auf, und auch Gundel
wischte sich bald die letzten Tränen ab. Nur die Sternbübles heulten
weiter; schauerlich war ihr Gebrüll. Sie waren so gut in der Übung
drin, da dachten sie, wenn schon, denn schon.

»Man muß sie zum Aufhören bringen,« brummte ihre Muhme, die Bachwirtin.
»Draußen die Hühner vergessen ja das Eierlegen vor Schreck bei so
einem Geschrei!« Sie nahm eine Wasserkanne vom Tisch und schwapp!
bekam Mathes einen Guß und schwapp! Peter einen. Da wurden die beiden
plötzlich mäuschenstill. Klapp, schlossen sie ihre Münder, und sie
sahen darob selbst so unglaublich verdutzt drein, daß die Bachwirtin
herzlich lachen mußte. Ihr Lachen fand ein vielstimmiges Echo, einer
nach dem andern fiel ein, und zuletzt lachten die Sternbübles am
lautesten. Hatten sie vorher vor Kummer gebrüllt, so brüllten sie jetzt
vor Lust, und die Muhme drohte: »Es gibt bald wieder ein Güßle, aber
ein kräftiges!«

Es gab aber kein Güßle mehr, kein Tränengüßle, kein Wassergüßle, und
der Himmel sandte auch kein Regengüßle. Der schöne Tag wandelte sich
zum schönen Abend, und just lugten sie in der Löwengasse ängstlich nach
den Kindern aus, als sie heimkehrten. Herr Amhag kam mit ihnen und die
Fremden auch. Die stiegen im Silbernen Stern ab, denn wer Breitenwert
recht kennenlernen wollte, der mußte in der Löwengasse wohnen.

Frau Tippelmann hatte eben nach alter Sitte zwei Maien an die Haustüre
gestellt, als Alette an ihres Vaters Hand daherkam. Da sah der das Haus
seiner Vorfahren im Festschmuck, und ihm, der die weite Welt durchreist
hatte, gefiel doch dies alte Haus in der kleinen Gasse, und er sah
heiter zu dem frohen, trotzigen Spruch des Ahnherrn auf, der über der
Türe unter der Rose stand: »Ich bau' mein Haus, wie mir's gefällt.«

Oben sah Fräulein Laura zum Fenster heraus. Die sah den Ankommenden und
sie seufzte schwer. »O weh, da ist der Herr gekommen, nun geht's bald
fort aus der Löwengasse!« Aber da hörte sie unten schon Herrn Amhag
heiter sagen: »Und vorläufig bleibe ich hier, ich will mich einmal
lange, lange ausruhen in dem alten Rosenhaus.«



Siebzehntes Kapitel.

Die Überraschung.

    Herr Häferlein ist betrübt, und Laura vergißt allerlei. Sie
    sagt vielerlei zum Lobe der Löwengasse. Herr Amhag geht mit
    Alette spazieren, und die Lindenkinder und die Sternkinder
    sinnen auf eine Überraschung. Was Herr Häferlein in seinem
    Laden findet, und warum Herr Baldan nun genug Sirup hat.


Man war an diesem Pfingstsamstag sehr vergnügt in der Löwengasse in
Breitenwert, nur der gute Herr Häferlein stand ein wenig betrübt vor
seiner Ladentüre. Ein paar Käuferinnen waren noch dagewesen, er hatte
ihnen allen gute Feiertage gewünscht, sie ihm auch, und nun wollte
er eben seinen Laden schließen. Da kam noch flink Fräulein Laura aus
der Rose gelaufen. Über Herrn Amhags Ankunft hatte sie das Einkaufen
vergessen, nun wollte sie noch dies und das. Herr Häferlein gab ihr
alles, er redete auch freundlich wie sonst, aber Laura sah doch, daß
er traurig war. »Was fehlt Ihnen, Herr Nachbar,« fragte sie heiter,
»fürchten Sie, es regnet morgen?«

»Nein,« antwortete der Kaufmann, »es wird wohl nicht regnen, aber
ich werde allein spazierengehen, und das macht mir keine Freude. An
Wochentagen tu ich's gern, aber an Feiertagen will ich mit fröhlichen
Menschen zusammensein. Meine Schwester wollte mich mit ihren Kindern
besuchen, nun hat sie abgeschrieben, und ich bin allein!« Er seufzte
und Fräulein Laura seufzte, und dann sagte Herr Häferlein wieder: »Es
ist doch traurig, wenn man allein ist!«

»Ja,« sagte Fräulein Laura, »das ist sehr schwer; ich wäre auch froh,
wenn ich noch zu meinen Eltern fahren könnte.« Und dann erzählte sie
zum ersten Mal von dem kleinen Laden, der ihrem Vater gehört hatte.

In der Rose dachte Frau Tippelmann ein paarmal, Laura kommt ja gar
nicht wieder, na, gewiß hat Herr Häferlein sehr viel zu tun. Endlich
aber kam Laura an, und als sie auspackte, fand sich's, daß sie die
Hälfte von dem, was sie besorgen wollte, vergessen hatte. »Nein, so
etwas!« brummte Frau Tippelmann erstaunt.

»Ja, so etwas!« sagte Laura und fiel ihr lachend um den Hals. »Es
ist nämlich so, Herr Häferlein und ich, wir wollen uns heiraten, und
darüber habe ich den Kaffee vergessen, das Mehl und die Zitronen, und
ich weiß nicht, was noch alles.«

»Lieber Himmel, Laura!« rief Frau Tippelmann. »Sie wollen in
Breitenwert bleiben und in der krummen, häßlichen Löwengasse wohnen und
gar in solch kleinem, dunklem Laden stehen?«

»Frau Tippelmann,« schrie Laura empört, »die Löwengasse ist nicht
krumm, nicht häßlich, sie ist sehr malerisch und freundlich, und der
Laden ist nicht dunkel, der ist -- wie meines Vaters Laden war.«

»So, ist mir ganz neu!«

»Ach, Frau Tippelmann,« rief Laura wieder lachend, »ich weiß ja schon,
Sie necken mich nur, und ich habe das einmal gesagt, aber heute sage
ich nun doch: über die Löwengasse geht nichts. Und ich will mein
Lebenlang hier bleiben; hier werde ich glücklich werden.«

Im gleichen Augenblick sagte oben im großen Gartenzimmer Alette auch zu
ihrem Vater: »Ich möchte immer, immer in der Löwengasse wohnen!«

»Immer ist viel gesagt,« antwortete Herr Amhag; »wir wollen sagen
einstweilen.«

»Mußt du wieder fort?« fragte Alette erschrocken. »Ach, bleibe hier,
hier ist's doch viel, viel schöner als in der ganzen Welt.«

»Schöner als in der ganzen Welt, Kind,« wiederholte der Vater sinnend,
»das ist es immer nur in der Heimat.« Er sah in den Garten hinab, der
im sanften Schatten des Frühlingsabends träumte, und er dachte an
seines Vaters Erzählungen, der hatte die alte Heimat auch über alles
geliebt. Wohl dem, der einen Ort auf der Welt hat, an den er mit
rechter Heimatsehnsucht denken kann. Auf einmal fühlte Herr Amhag,
wie arm seine kleine Alette in allem Reichtum bisher gewesen war, und
er strich ihr liebevoll die heißen Wangen. »Das Immer-hierbleiben kann
ich dir freilich nicht versprechen, Kind,« sagte er, »aber fremd soll
uns Breitenwert nie mehr werden. Morgen aber wollen wir ein fröhliches
Pfingstfest feiern in der alten Heimat. Und nun geh schlafen, damit du
morgen recht feiertagsfroh erwachst.«

Am nächsten Tag war zwar kein rechtes Pfingstwetter; es war ziemlich
grau und sonnenlos, aber sie feierten doch alle in der Löwengasse ein
sehr fröhliches Fest. Herr Amhag ging mit Alette durch die Straßen des
alten Städtchens, und oft blieb er stehen und sagte: »Davon hat mein
Vater erzählt, hier ist er zur Schule gegangen, diesen alten Turm hat
er besonders geliebt.«

Sie besuchten auch beide die Freunde im Silbernen Stern. Denen gefiel
es gut dort, sie sagten, in einem so hübschen alten Gasthaus hätten sie
noch nie gewohnt. Die alte Dame war besonders stolz, sie hatte nämlich
das Königszimmer. Sie sagte: »So etwas kann man in Amerika doch nicht
haben; in einem Königszimmer kann man nicht wohnen, weil es keine
Könige gibt, schade!«

Die jungen Damen aber sagten: »Am besten gefallen uns die beiden Boys,
die sind so nett; so nette Kinder haben wir noch nie gesehen.«

Die netten Sternbübles hörten das Lob nicht; sie saßen mit den
Grillschen Kindern auf dem Turm vom Räuberschlößle und überlegten
sich, wie sie Herrn Häferlein recht feierlich zu seiner Verlobung
Glück wünschen könnten. So einfach bums! hingehen und sagen: »Wir
wünschen Glück,« wollten sie alle nicht. Herr Häferlein, der nette,
gute Herr Häferlein verdiente schon eine Überraschung, eine recht feine
Überraschung. Sie überlegten hin, sie überlegten her, viele Köpfe,
viele Sinne, auf einmal aber schrieen alle: »Das wird fein!«

Und danach hatten sie es alle sehr eilig. Blumen wurden gepflückt,
Kränze gewunden. Die Sternbübles liefen zu ihrem Oheim Adam Hinz und
gaben dem viele himmelgute Worte, bis er mit ihnen wirklich in seinen
Laden ging, ihnen etwas daraus schenkte, dabei aber sagte: »Denkt an
den ersten April.« Darauf versicherten die Sternbübles hoch und heilig,
es würde keine Dummheit, sondern eine feine Überraschung, und die
Lindenkinder täten mit.

»Na, dann mag's sein,« sagte Onkel Adam Hinz, »wenn's nur gelingt!«

Veit und Steffen hatten unterdessen den schläfrigen Fritz aufgesucht,
der noch im Bette lag, denn für ihn war schlafen die schönste
Feiertagsfreude. Die Buben weckten ihn, redeten sehr eifrig mit ihm,
und der sagte: »Ja, ja, heute nachmittag geht es schon, da merkt es
niemand.«

Als am Nachmittag Alette mit ihrem Vater in die Linde kam, stürzte ihr
Trinle gleich entgegen und tuschelte: »Sie sind alle im Räuberschlößle,
es gibt eine Überraschung.«

Im Räuberschlößle wurde Alette ins Geheimnis gezogen, und während
die Erwachsenen zusammensaßen, gingen die Kinder alle auf das Gäßle,
um dort zu spielen. Die Sternkinder kamen auch, aber merkwürdig,
schließlich war doch niemand zu sehen. Herr Häferlein und Fräulein
Laura waren zusammen spazierengegangen, und so hörte niemand, wie es
in dem Laden mitunter rumpelte und klopfte, poch, poch, poch! Dann
polterte etwas, innen sagte jemand: »Ich roll das Fäßle her, dann kann
ich aufsteigen.« Irgend jemand kicherte unaufhörlich, jemand schrie:
»Prachtvoll wird's! Herr Häferlein wird staunen ...« -- »Der freut
sich gräßlich,« behauptete ein anderer Jemand. Dann ging es wieder
poch, poch, poch, es klirrte und kollerte, irgendwo wurde eine Türe
zugeklappt, ein Schlüssel rasselte, und danach wurde es still. Ein
Weilchen später erschienen alle Kinder im Grillschen Garten, und Frau
Grill sagte erstaunt: »Ihr seht ja so erhitzt aus, was habt ihr denn
gemacht?«

»Was Feines,« antworteten allesamt, und Trinle, die kleine Schwatzsuse,
flüsterte noch: »Herr Häferlein wird sich freuen.« Aber dies hörte die
Mutter glücklicherweise nicht mehr.

Am nächsten Morgen besuchte Herr Baldan Herrn Häferlein, just als der
gehen wollte, seinen Laden aufzuschließen. Es war nach der Kirche, und
Herr Baldan, der noch etwas Zeit hatte, sagte: »Ich gehe mit hinüber in
den Laden.«

Der Kaufmann schloß die Hintertüre auf, und die Freunde betraten den
halbdunklen Raum. Sie gingen ein paar Schritte vorwärts, da glitschte
Herr Baldan auf einmal aus.

»Na, na,« rief er, »was ist denn das auf dem Boden?«

»Ich weiß nicht,« murmelte Herr Häferlein, »o je!« Er glitschte auch
aus, verlor den Halt und fiel um, fiel in etwas Feuchtes, Klebriges
hinein. »Sirup,« schrie er, »Baldan, das Sirupfaß ist ausgelaufen!«

»Ich merk's,« stöhnte Herr Baldan, denn der lag auch auf dem Boden, und
er war gerade mit der Nase in eine dicke, süße Tunke gefallen. »Pfui
Teufel,« schimpfte er, »das ist ja gräßlich! Pff, pff, brrr, wie das
schmeckt!«

»Eine dumme Sache, hol's der Kuckuck!« ächzte Herr Häferlein, der sich
mühsam erhob. Er versuchte die Ladentüre zu erreichen, da stolperte er
über ein Faß, hielt sich an irgend etwas an und schrie: »Potzwetter,
was ist denn das -- Blumen?«

»Mach doch Licht, August!« rief Herr Baldan. »Au, mein Knie!«

»Gleich, August! Au, meine Nase!« Da endlich hatte Herr Häferlein die
Ladentüre erreicht, er zog den Rolladen hoch, und das helle Tageslicht
strömte in den Raum. »Ah!« riefen die Freunde unwillkürlich.

Über der Ladentafel prangte ein großes, mit Blumen umkränztes Blatt.
Darauf stand in roter und blauer Schrift groß: »Wir gratulieren!«
und darunter standen lauter Namen geschrieben. Es waren die der
Lindenkinder und der Sternkinder, auch Alette Amhag fehlte nicht.
Außerdem gab es noch viele Blumen in dem Lädchen, sogar das
Sauerkrautfaß hatte einen grünen Kranz erhalten.

Herr Häferlein vergaß das ausgelaufene Sirupfaß, vergaß seinen
beschmierten Feiertagsanzug, er sah nur das große bunte: »Wir
gratulieren!« und alle die Namen darunter, und er sagte gerührt: »Die
guten Kinder, sie wollten mir eine Überraschung bereiten.«

»Ich danke schön für solche Überraschungen!« knurrte Herr Baldan. »Pff,
pff, brrr,« spuckte er, »potzhundert, so viel Sirup habe ich in meinem
ganzen Leben noch nicht geschluckt!«

Da klopfte es stürmisch an die Ladentüre. Lachende, fröhliche Gesichter
drückten sich an der Scheibe platt: »Herr Häferlein, Herr Häferlein,
wir sind's!«

Der Kaufmann ging hin und schloß die Türe auf, und acht Stimmen auf
einmal riefen: »Gelt, Sie freuen sich sehr?«

»Ganz ungemein, Kinder,« sagte Herr Häferlein, »nur, was habt ihr denn
mit dem Sirupfaß gemacht?«

»Mit dem Sirupfaß? Ha,« schrieen die Sternbübles, »das war das Fäßle,
auf das wir 'n bißle gestiegen sind, weil wir net so hoch langen
konnten.«

»Sirup,« jauchzte Kasperle, »fein, das ganze Lädle ist voll Sirup!«

Er tippte mit dem Finger an den süßen Brei und leckte, und die
Sternbübles leckten, Gundel aber fragte erschrocken: »Herr Häferlein,
sind Sie in den Sirup gefallen?«

»Ja, mein Kind,« sagte Herr Häferlein gutmütig, »aber es ist nicht
schlimm, gefreut habe ich mich doch. Und ihr müßt alle, hört ihr, alle,
zu meiner Hochzeit kommen.«

»Ich auch,« jauchzte Alette, »ich bleibe hier, ein Jahr, nein,
vielleicht immer!«

»Es wär' auch dumm, aus dem Löwengäßle wegzugehen,« rief Trinle
wichtig, »so schön ist's nirgends.«

»Nein, so schön ist's nirgends,« brummte Herr Baldan, »nur gerade in
den Sirup braucht man nicht zu fallen. Brrr, pff, pff! Abscheuliches
Zeug!«

»Jetzt müssen wir Fräulein Laura holen, die muß auch die feine
Überraschung sehen,« rief Steffen stolz. Denn da Herr Häferlein nicht
über den Sirup schalt, war es doch nicht schlimm.

»Ach ja, Laura!« Alette lief hinaus, und »Laura, Fräulein Laura!« klang
es zur Rose hinauf.

Ein paar Minuten später stand Laura an der Ladentüre und rief
erschrocken: »Nein, so etwas -- das ist freilich eine Überraschung!«

Von der Löwengasse herein aber tönte das Jubeln und Jauchzen der
Kinder, die irgend jemand von der großen Überraschung erzählten.

Herr Häferlein lachte, Fräulein Laura lachte, und zuletzt lachte
auch Herr Baldan. »Ja, ja,« brummte der, »so etwas kommt auch nur im
Löwengäßle vor, ist halt ein ganz besonderes Gäßle. So eins soll man
suchen! Brrr, pff, pff, na, Sirup habe ich vorläufig genug geschluckt!«

[Illustration]



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen (mit {} gekennzeichnet):

    S. 69: derin → drein
      Der Kaufmann sah immer noch etwas gekränkt {drein}.

    S. 101: taurig → traurig
      Und wieder wurde Alette {traurig}

    S. 104: Tippelman → Tippelmann
      und Frau {Tippelmann} sagt immer:

    S. 197: möche → möchte
      dann {möchte} ich schon hier bei Alette bleiben

    S. 233: hate → hatte
      die grüne Hülle {hatte} er dann Trinle geschenkt.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Rose, Linde und Silberner Stern - Erzählung für die Jugend" ***

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