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Title: Der Weltkrieg, II. Band - Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg
Author: Helfferich, Karl
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Weltkrieg, II. Band - Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg" ***

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                              Der Weltkrieg

                                   von

                             Karl Helfferich

                                II. Band


                           Vom Kriegsausbruch
                        bis zum uneingeschränkten
                               U-Bootkrieg


                             [Illustration]

                                  1919

                   Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin


  =Alle Rechte=, insbesondere das Recht der Übersetzung, =vorbehalten=.

        =Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin=

                    *       *       *       *       *



                                 Inhalt


  Vorwort                                                              9

  Umfang und Art des Krieges                                       11-47

      Vorbemerkung 13.  Übermacht der Entente 14.

   =Die militärische Gestaltung des Krieges=                       15-22
      Mobilmachung und erste Erfolge 15-17. Marneschlacht
      18, 19. Die Befreiung Ostpreußens 20, 21.
      Österreich-ungarische Niederlagen 21. Keine Aussicht auf
      ein rasches Kriegsende 21.

   =Der Krieg und die deutschen Finanzen=                          22-34
      Bestrebungen des Reichsbankpräsidenten Havenstein 22, 23.
      Glaube des Auslandes an unsere finanzielle Unterlegenheit
      24, 25. Geldmarkt und Börse unter der Einwirkung des
      Kriegsausbruchs 26-33. Erste Kriegsanleihe 33, 34.

   =Der Krieg und die deutsche Wirtschaft=                         34-47
      »Wirtschaftlicher Generalstab« fehlte 34-36. England
      geht gleich zum Wirtschaftskrieg über 37-40. Aussichten
      der Vergeltungspolitik 41. Neuorganisation unserer
      Wirtschaftsverfassung 42-44. Ansichten über die Dauer des
      Krieges 44, 45. Entstehung der Kriegswirtschaft 45-47.

  Die politische und militärische Entwicklung des Krieges bis
  zum Friedensangebot                                             49-108

    Vorbemerkung                                                      51

   =Die Türkei als Bundesgenosse=                                  52-64
      Natürlicher Zwang für die Türkei zum Anschluß 52-54.
      Dardanellensperre 55, 56. Notwendigkeit der Öffnung des
      Donauweges 57-60. Versuch der Forcierung der Dardanellen
      durch die Entente 61-64.

   =Italien=                                                       64-71
      Neutralität Italiens 64-67. Bülow in Rom 67-71. Italiens
      Forderungen 68, 69. Italienische Kriegserklärung 69, 70.

   =Von der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintritt
    Bulgariens in den Krieg=                                       71-91
      Masurenschlacht 71, 72. Durchbruchsversuche der Entente
      72-74. Befreiung Galiziens und Eroberung Polens 74-76.
      Diplomatisches Ringen auf dem Balkan 77-80. »Lusitania«
      versenkt 81, 82. Durchstoß nach der Türkei oder
      Ausnutzung des galizischen Sieges? 82-91.

   =Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumänischen Krieg=          91-108
      Entente-Offensive im Westen 91-93. Eingreifen Bulgariens,
      Eroberung Serbiens, Besetzung Salonikis durch die
      Entente, Kapitulation Montenegros 93, 94. Verfehlter
      Angriff auf Verdun 95-97. Österreichischer Vorstoß gegen
      Asiago und Arsiero, Brussiloff-Offensive, Somme-Offensive
      1916 97-99. Frage des einheitlichen Oberbefehls im
      Osten, Hindenburg Chef des Generalstabs des Feldheeres
      99-103. Rumäniens Kriegserklärung 104-106. Niederwerfung
      Rumäniens 106-108.

  Finanzielle Kriegführung                                       109-171

   =Reichsschatzamt=                                             111-115
      Übernahme des Reichsschatzamts 111-114. Falsche
      Sparsamkeit 114, 115.

   =Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen=             115-131
      Stickstofffrage 115-122. Reichsstickstoffwerke
      122-124. Stickstoffhandelsmonopol 124-127.
      Kriegsrohstoff-Abteilung und Reichsschatzamt 127, 128.
      Handels-U-Boote 128-131.

   =Kriegskosten und Sparsamkeit=                                132-139
      Entwicklung der Kriegsausgaben 132, 133. »Geld spielt
      keine Rolle« 134-136. Stabilität der Kriegsausgaben vom
      Frühjahr 1915 bis zum Herbst 1916. Legendenbildung über
      Geldverweigerung des Reichsschatzamtes 136-139.

   =Die Kriegsanleihen=                                          139-153
      Methoden zur Aufbringung der Mittel für die Kriegführung
      139-142. Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht 145.
      Deutsche und englische Anleihepolitik 145-151. Ungeheure
      Steigerung der Kriegsausgaben vom Herbst 1916 an 152, 153.

   =Kriegssteuern=                                               153-168
      Kriegssteuern als Ergänzung der Anleihepolitik? Vergleich
      mit England 153-159. Kriegsgewinnsteuer, Verbrauchs- und
      Verkehrssteuern im Reichstage 160-168.

   =Finanzielle Vorschüsse an unsere Verbündeten=                168-171

  Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft                          173-282

   =Reichsamt des Innern=                                        175-183
      Übernahme des Reichsamts des Innern 175-177.
      Geschäftsbereich des Reichsamts des Innern,
      Kriegsrohstoffabteilung, Kriegsernährungsamt 177-183.

   =Deutschland als belagerte Festung=                           184-201
      Skagerrak, Kreuzerkrieg 184, 185. Londoner Deklaration,
      Ausdehnung des Bannwarenbegriffes 185-188. Die Nordsee
      von England zum Kriegsgebiet erklärt, Verhalten der
      Neutralen 188-191. Kontrolle des neutralen Handels
      191-196. Rohstoffbezug aus den besetzten Gebieten
      196-198. Ernährungsschwierigkeiten bei den Verbündeten
      198-200. Ernteerträgnisse und Veränderungen des
      Viehbestandes in Deutschland 200, 201.

   =Der Wirtschaftskampf um die Neutralen=                       202-221
      Deutscher Gegendruck auf die Neutralen 202, 203.
      Reglementierung und Zentralisation der Ausfuhr und
      Einfuhr 203, 204. Wirkungen des planlosen Einkaufs 205,
      206. Zentral-Einkaufs-Gesellschaft 207-209. Planmäßige
      Verbindung von Ausfuhrgenehmigungen, Einfuhrgeschäften
      und Kreditabmachungen 210-215. Günstige Gestaltung
      unserer Einfuhr 215-221.

   =Die innere Kriegswirtschaft=                                 221-249

   =Die Technik im Dienste der Kriegswirtschaft=                 222-227
      Steigerung der wirtschaftlichen Kräfte 222, 223.
      Ersatzstoffe, neue Erfindungen 224-227.

   =Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der
    Arbeitskräfte=                                               227-232
      Umstellung der Produktion 227, 228. Umgruppierung der
      Arbeiterschaft 228-231.

   =Verbrauchsregelung und Volksernährung=                       232-240
      Höchstpreise, Rationierung, Beschlagnahme,
      Bewirtschaftung 232-234. Kriegsgetreidegesellschaft
      235-237. Reglementierung und Syndizierung des Handels,
      Kriegswirtschaftliche Reichsstellen 238. Übertreibung der
      Zwangswirtschaft 239, 240.

   =Bewirtschaftung der Rohstoffe=                               240-249
      Beschlagnahme und Bewirtschaftung 240, 241.
      Kriegsrohstoff-Gesellschaften 241-243. Rationelle
      Ausnutzung der Höchstleistungsbetriebe, Zeitungsgewerbe
      243-249.

   =Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm=                   249-282
      Munitionskrisis 249-254. Hindenburg-Programm,
      Hilfsdienstgesetz 254-259. Kriegsamt und Durchführung
      des Hilfsdienstgesetzes 259-272. Abkehrschein 273, 274.
      Lohntreiberei 275, 276. Kritik des Hindenburg-Programms
      und des Hilfsdienstgesetzes 276-278. Transport- und
      Kohlenkrisis 278-281. Finanzielle Überspannung 281.
      Überschätzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft
      282.

  Friedensbemühungen und U-Bootkrieg                             283-430
      Kriegführung und Diplomatie als Mittel der Politik
      285-288.

   =Die Friedensfrage=                                           288-299
      Langsame Gewöhnung an den Gedanken des
      Erschöpfungskrieges 288-290. Bethmann Hollwegs
      Kriegsziele 290-292. Deutschlands Friedensbereitschaft,
      Vernichtungswille der Entente 292-294. Bemerkungen zur
      Politik des Kanzlers 294-299.

   =Die erste Phase des U-Bootkriegs=                            300-325
      Tirpitz über die Möglichkeit eines U-Bootkrieges
      300. Bekanntmachung des U-Boot-Handelskrieges 301,
      302. Der Kaiser über die Kriegführung 303. Schonung
      der neutralen Schiffe 304. Englands Abhängigkeit vom
      Schiffsverkehr 304-306. Proteste der Neutralen 306, 307.
      Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 307-314. Versenkung
      der »Lusitania« 314-317. »Freiheit der Meere« 318-323.
      »Arabic« versenkt 323-325.

   =Der verschärfte U-Bootkrieg=                                 325-338
      Lansings Vorschlag über die U-Boot-Kriegführung
      an die Entente-Vertreter 325-328. Wiederaufnahme
      der »Lusitania«-Angelegenheit 328, 329. Stellung
      der militärischen Führung und des Kanzlers zum
      uneingeschränkten U-Bootkrieg 329, 330. Verschärfter
      U-Bootkrieg 330, 331. Haltung Amerikas 332-335. Forderung
      des uneingeschränkten U-Bootkrieges, Denkschrift des
      Admiralstabes 335, 336. Tirpitz' Rücktritt 337. Reichstag
      und U-Bootkrieg 337, 338.

   =Der »Sussex«-Fall=                                           338-349

      Note Wilsons 339-342. Amerika oder Verdun? 343.
      Deutsch-amerikanischer Notenwechsel 344-347. Einstellung
      des verschärften U-Bootkriegs 347-349.

   =Die Bemühungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen
    Friedensschritt=                                             349-355
      Ineinandergreifen der U-Boot- und Friedensfrage 349,
      350. Bemühungen bei Wilson 351-353. Gerards Reise nach
      Amerika, Wilsons Zurückhaltung 353-355.

   =Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt=          355-379
      Presserede Greys 355, 356. Günstige militärische Position
      für einen Friedensschritt 356-358. Antwort an Grey 359,
      360. Deutscher Friedensvorschlag an die kriegführenden
      Staaten 360-369. Friedensnote Wilsons an alle Mächte
      369-372. Zustimmende Antworten Deutschlands und seiner
      Verbündeten, schroff ablehnende Antworten der Alliierten
      372-379.

   =Der uneingeschränkte U-Bootkrieg=                            379-430
      Keine amerikanische Bemühung zur Aufhebung der Blockade
      379-381. Wiederaufnahme der U-Bootfrage 381-383.
      Verhandlungen im Hauptausschuß über den U-Bootkrieg,
      meine Stellungnahme gegen den U-Bootkrieg 383-390.
      Zentrumserklärung und ihre Wirkung auf die Stellung
      des Kanzlers zu den militärischen Instanzen 390-394.
      Gutes Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs vom Oktober
      1916 an 395. Admiralstab und Oberste Heeresleitung
      verlangen den uneingeschränkten U-Bootkrieg 395-399.
      Festmahl der amerikanischen Handelskammer 399-403. Neue
      Denkschrift des Admiralstabes 403-408. Entscheidung
      für den uneingeschränkten U-Bootkrieg, Vorgänge in
      Pleß 408-412. Meine persönliche Entschließung 412,
      413. Wilsons Botschaft an den Senat 414-417. Wilson
      ersucht um Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen
      417-419. Überreichung der deutschen U-Boot-Note,
      Mitteilung der deutschen Friedensbedingungen 419-421. Die
      Auffassung Bernstorffs 421-428. Urteil über Wilson als
      Friedensstifter 428-430.

                    *       *       *       *       *



                            Vorwort


Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges gliedert sich dem
rückwärtsschauenden Blick deutlich in zwei große Abschnitte.

Der erste fand seinen Abschluß mit dem Verbluten der fast fünfmonatigen
Offensive unserer Feinde auf den Schlachtfeldern der Somme, mit der
Niederwerfung Rumäniens und mit dem Scheitern des Friedensvorschlages
der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 wie des Friedensschrittes des
Präsidenten Wilson vom 21. desselben Monats.

Die im Januar 1917 beschlossene Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkrieges leitete hinüber zu dem zweiten Hauptabschnitt, der durch
den Eintritt der Vereinigten Staaten in die Reihe der Kriegführenden
sein Gepräge erhielt.

Der Darstellung des ersten dieser beiden großen Abschnitte des Krieges
gilt der vorliegende Band (Band II des Gesamtwerkes).

Der letzte Band, enthaltend die Darstellung des Krieges bis zum Ausbruch
der Revolution und zum Abschluß des Waffenstillstandes befindet sich
bereits im Druck und wird in Bälde ausgegeben werden.

    Berlin, im Juni 1919
                                                       =Karl Helfferich=



                   Umfang und Art des Krieges


Ein ungeheures Schicksal war über das deutsche Volk hereingebrochen.
Allein mit unseren österreichisch-ungarischen Verbündeten fanden wir
uns gegenüber der russisch-französisch-englischen Koalition, die von
vornherein durch Belgien, Serbien und Montenegro verstärkt war und
der sich noch im Laufe des August auch Japan zugesellen sollte. Unser
italienischer Dreibundgenosse dagegen lehnte es ab, den Bündnisfall
als gegeben anzusehen, und erließ eine Neutralitätserklärung, die
den französischen Ministerpräsidenten zu Worten hoher Freude und die
französische Kammer zu einer stürmischen Ovation für die »lateinische
Schwester« veranlaßte. Auch Rumänien, das seit vielen Jahren durch eine
geheime Militärkonvention mit uns verbunden war, hielt sich abseits;
König Carol war nicht stark genug, gegen seine widerstrebenden Minister
und die ententefreundliche öffentliche Meinung die Erfüllung der von ihm
übernommenen Verpflichtungen durchzusetzen.

Die Übermacht der Feinde war erdrückend. Allein Rußland und Frankreich
vermochten eine Truppenmacht ins Feld zu stellen, die der vereinigten
deutschen und österreichisch-ungarischen erheblich überlegen war.
Allein die britische Flotte war eine gewaltige Übermacht gegenüber den
vereinigten Flotten Deutschlands und seines Bundesgenossen. Nicht minder
war finanziell und wirtschaftlich das ungeheure Übergewicht auf der
andern Seite, und schon die ersten Tage des Krieges zeigten, daß unsere
Feinde, namentlich England, entschlossen waren, dieses Übergewicht bis
zum äußersten auszunutzen.

Auch das stärkste Herz mußte sich von der Sorge bedrückt fühlen, wie
das deutsche Volk sich der furchtbaren Übermacht sollte erwehren
können. Es brauchte der ganzen Kraft, die nur das Bewußtsein der guten
Sache verleiht, um die bangen Zweifel zu verscheuchen und die mutige
Zuversicht zu schaffen, mit der das deutsche Volk in den Kampf um sein
Dasein und seine Zukunft ging.

Die Straßen hallten wider von dem festen Tritte der Jungmannschaften
und der Landwehrmänner, die, blumengeschmückt und vaterländische Lieder
singend, ausmarschierten. Die Hoffnungen und die heißen Wünsche des
ganzen deutschen Volkes begleiteten sie. Der Abschiedsschmerz und die
Sorge um das Wiedersehen gingen unter in der Hingabe an das bedrohte
Vaterland. Alles schien klein geworden, was bisher das Leben ausgefüllt
hatte; es gab nur noch eines: die Verteidigung des deutschen Bodens
und der deutschen Volksgemeinschaft. In diesem Gedanken fand sich ganz
Deutschland in erhebender Einheit zusammen, alle Stämme, alle Klassen,
alle Parteien. Und diese Einheit, aus der höchsten Not des Vaterlandes
geboren, erschien als Gewähr des Sieges.


                 Die militärische Gestaltung des Krieges

Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit
der größten Ordnung und Präzision. Der Kriegsminister hat mir gegen
Abschluß der Mobilisationsperiode erzählt, daß nicht eine einzige
Rückfrage der Generalkommandos bei der Zentralinstanz erforderlich
gewesen sei. Am 16. August, nach Vollendung des Aufmarsches, begab sich
der Kaiser mit dem Großen Hauptquartier in aller Stille von Berlin nach
Coblenz.

Inzwischen harrte das deutsche Volk mit atemloser Spannung der ersten
Nachrichten von den Kriegsschauplätzen.

Mit besonderer Sorge blickte mancher nach der Nordsee in der Erwartung,
daß die dort versammelte britische Flotte, das gewaltigste Geschwader,
das je die Welt gesehen hatte, ohne Zögern zu dem so oft angekündigten
Vernichtungsschlage gegen unsere junge Marine ausholen werde. Aber der
erwartete Angriff erfolgte nicht. Die britischen Kriegsschiffe begnügten
sich mit der Jagd auf wehrlose deutsche Handelsschiffe und dem Anhalten
neutraler Fahrzeuge, von denen sie im Widerspruch zu allem Völkerrecht
deutsche Passagiere und deutsches Gut herunterholten. Dagegen lösten
einige kühne Taten unserer Marine großen Jubel aus, so gleich in den
ersten Tagen des Krieges der Durchbruch der »Göben« und der »Breslau«
durch ein starkes feindliches Geschwader bei Sizilien und ihr Einlaufen
in die Dardanellen, vor allem aber die Versenkung der drei englischen
Kreuzer durch das U-Boot des Kapitänleutnants Weddigen.

Von den Kriegsschauplätzen zu Lande kam die erste wichtige Nachricht
am Morgen des 7. August: ein von einer kleinen Truppe unternommener
Handstreich auf Lüttich sei nicht geglückt. Um so freudiger wurde
am Abend desselben Tages die Nachricht aufgenommen, daß die Festung
Lüttich in unseren Händen sei. Das war der erste große Erfolg. Er war zu
verdanken dem vor nichts zurückschreckenden Draufgängertum des damaligen
Generalmajors Ludendorff und der alle bisherigen Begriffe übersteigenden
Wirkung unserer 42-cm-Geschütze, die mit ihren Geschossen auf große
Entfernungen die stärksten Panzertürme wie irdene Töpfe zerschlugen.

Nun war die erste Bresche gelegt. Es folgte der unaufhaltsame Vormarsch
unserer Truppen durch Belgien, die Besetzung von Brüssel, die Einnahme
von Namur und die Schlachten bei Mons, Charleroi, Dinant, Neufchâteau
und Longwy, in denen unsere Armeen sich den Weg nach Frankreich bahnten;
dann die wuchtigen Schläge, die das britische Hilfskorps in viertägiger
Schlacht von le Cateau und Landrecies über Cambrai und St. Quentin warf
und großenteils vernichtete. Inzwischen hatte die Armee des bayrischen
Kronprinzen die in das deutsche Lothringen eingedrungenen Franzosen
zwischen Metz und den Vogesen gefaßt und in einer großen Schlacht
geschlagen. Kleinere Mißerfolge, wie die Schlacht von Mülhausen, in der
die geplante Abschnürung der französischen Truppen nicht gelang, taten
dem erfreulichen Gesamtbilde keinen Eintrag. Unaufhaltsam schienen sich
die gewaltigen deutschen Heeresmassen vorwärts zu wälzen und jeden
Widerstand vor sich zu zerbrechen. Am 4. September konnte der Kaiser in
Luxemburg, wohin inzwischen das Große Hauptquartier verlegt worden war,
zu mir sagen: »Wir haben heute den fünfunddreißigsten Mobilmachungstag.
Reims ist von unsern Truppen besetzt, die französische Regierung hat
ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, unsere Kavalleriespitzen stehen 50
Kilometer vor Paris!«

Freilich, als ich am Abend desselben Tages, vor meiner Rückreise in die
Heimat, den Chef des Generalstabs des Feldheeres besuchte, erhielt das
glänzende Bild, das ich mir aus den Berichten über die Siege und den
Vormarsch unserer Truppen gemacht hatte, einen ernsten Schatten. Ich
fand den Generalobersten von Moltke keineswegs in froher Siegesstimmung,
sondern ernst und bedrückt. Er bestätigte mir, daß unsere Vortruppen
50 Kilometer vor Paris standen; »aber« -- fügte er hinzu -- »wir haben
in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als
Schritt gehen kann.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Wir wollen
uns nichts vormachen. Wir haben Erfolge gehabt, aber wir haben noch
nicht gesiegt. Sieg heißt Vernichtung der Widerstandskraft des Feindes.
Wenn sich Millionenheere gegenüberstehen, dann hat der Sieger Gefangene.
Wo sind unsere Gefangenen? Einige zwanzigtausend in der Lothringer
Schlacht, da noch zehntausend und dort vielleicht noch zwanzigtausend.
Auch die verhältnismäßig geringe Zahl der erbeuteten Geschütze zeigt
mir, daß die Franzosen sich planmäßig und in Ordnung zurückgezogen
haben. Das Schwerste steht uns noch bevor!«

Die folgenden Tage brachten die große französische Gegenbewegung, die
man sich gewöhnt hat, als die »Marneschlacht« zu bezeichnen. Trotz
taktischer Erfolge unseres schwer angegriffenen rechten Flügels endigten
die Kämpfe mit einem strategischen Rückzuge. Unsere Generalstabsberichte
zeigten in den kritischen Tagen eine Zurückhaltung, die unserm Volk den
Ernst der Lage nicht zum Bewußtsein kommen ließ. Die damals bei uns noch
nicht veröffentlichten französischen und englischen Heeresberichte der
zweiten Septemberwoche strömten über von Siegesjubel. Namentlich die
französischen Berichte ließen unsere Armeen in voller Auflösung und in
unaufhaltsamer Flucht erscheinen. Auch die privaten Nachrichten, die von
der Front ihren Weg nach der Heimat fanden, lauteten nicht ermutigend.
Es waren für den Wissenden sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte.

Allmählich klärte sich die Lage. Unsere Armeen hatten eine stark
befestigte Verteidigungsstellung zwischen Noyon, nördlich Reims und
Verdun bezogen, an der sich der französische Gegenstoß endgültig brach.
Französisch-englische Versuche, uns durch Überflügelung in der rechten
Flanke zu fassen, wurden abgewiesen, wiederholten sich aber immer
wieder, und zwar fortschreitend in nördlicher Richtung. Alle Versuche
des Feindes, durchzubrechen und unsere rückwärtigen Verbindungen zu
bedrohen, wurden in heftigen Kämpfen, so bei Bapaume und Albert,
abgewiesen.

Mit der Einnahme von Antwerpen am 9. Oktober und der bald darauf
folgenden Besetzung von Ostende war für unsern rechten Flügel eine
starke Anlehnung an die Nordsee gewonnen. Aber unserem Versuche, mit dem
Einsatz unserer besten Kraft an der Yser und bei Ypern die feindliche
Front zu zerbrechen, die Heere der Verbündeten vom Meere abzudrängen und
sie endgültig zu überflügeln, blieb, trotz des beispiellosen Heldenmutes
unserer Freiwilligen-Regimenter und aller unsagbaren Opfer, der Erfolg
versagt. Nachdem der Feind zur Unterstützung seiner erlahmenden
Widerstandskraft das Meer ins Land hereingelassen und den größten Teil
des Kampfgeländes in Sumpf und See verwandelt hatte, flaute im November
nach einer letzten gigantischen Anstrengung bei Ypern das furchtbare
Ringen ab. Auch hier erstarrte der Kampf zum Stellungskrieg. Ebenso
blieben unsere Versuche, auf unserm linken Flügel die Sperrfortkette
Verdun-Toul zu sprengen, trotz einzelner Erfolge im ganzen fruchtlos.
Der Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze war im November auf
der ganzen Linie zum Stehen gekommen. Die Hoffnungen auf eine schnelle
Entscheidung und ein baldiges Ende des Krieges mußten begraben werden.

Auch im Osten war inzwischen schwer gekämpft worden. Gleich nach
Ausbruch der Feindseligkeiten hatte es sich gezeigt, wie weit die
russische Mobilmachung an unsern Grenzen bereits vorgeschritten war.
Unsere in Ostpreußen stehenden schwachen Kräfte wurden alsbald von einer
großen Armee angegriffen und mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr,
wertvolle Teile der Provinz dem Feinde preisgeben. Sengend und brennend,
plündernd und mordend ergossen sich die russischen Horden über das
blühende Land. Das über Erwarten rasche Vordringen des Feindes, die
verzweifelten Hilferufe der Einwohner und die Entrüstung über die
russische Barbarei bestimmten unsere Oberste Heeresleitung, früher
als ursprünglich geplant eine Gegenaktion in die Wege zu leiten. Der
General von Hindenburg, der kurz vor dem Kriege seinen Abschied genommen
hatte, wurde zum Führer der neuzubildenden Ostarmee ausersehen, der
Generalmajor Ludendorff wurde zu seinem Stabschef ernannt. Dem Genie
der beiden sich gegenseitig auf das Glücklichste ergänzenden Feldherren
gelang es, in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen
die gewaltige russische Übermacht vernichtend zu schlagen und unsere
Ostmark vom Feinde zu befreien. Der Jubel in ganz Deutschland war
grenzenlos. Die Namen Hindenburg und Ludendorff waren in aller Munde;
ihre mit einem Schlage gewonnene Volkstümlichkeit ist während des ganzen
Krieges von keinem andern Feldherrn oder Staatsmann auch nur annähernd
erreicht worden.

Aber auch die ostpreußischen Schlachten führten, so groß der Erfolg
war, keine Entscheidung herbei. Unsere österreichisch-ungarischen
Bundesgenossen hatten im südlichen Polen und in Galizien schwere
Niederlagen erlitten. Die Bukowina und der größte Teil von Galizien
mußten preisgegeben werden, und die Russen schickten sich an, über
den Karpathenkamm nach Ungarn einzudringen. Ein kraftvoller Vorstoß
Hindenburgs gegen Warschau und der Österreicher gegen Iwangorod
mußten abgebrochen werden. Schlesien erschien auf das Äußerste
bedroht, und Ostpreußen erlebte einen zweiten Russeneinfall. Wenn es
auch gelang, Ostpreußen zum zweitenmal zu befreien, die Gefahr für
Schlesien abzuwenden und den Krieg erneut nach Polen zu tragen, so
gestattete gegen die Wende des Jahres 1914 die Lage auf dem östlichen
Kriegsschauplatz keine Täuschung darüber, daß auch von hier keine
schnelle Entscheidung und kein baldiges Kriegsende zu erwarten war. Was
im ersten jähen Ansturm in West und Ost nicht geglückt war, den Feind
vernichtend zu schlagen und ihn zu einem unser und unserer Verbündeten
Dasein sichernden Frieden bereit zu machen, das konnte jetzt nur noch
von zähem Kampf und entschlossenem Durchhalten erwartet werden. Vielen
wurde es jetzt erst bewußt, vor welche Schicksalsprobe unser Volk
gestellt war.


                  Der Krieg und die deutschen Finanzen

Während das Heer unsere Grenzen schützte und den Krieg in Feindesland
trug, spannte auch die Heimat alle Kräfte an, um den Erfordernissen des
Krieges gerecht zu werden. Mehr denn jemals zuvor war dieser Krieg von
seinem Anbeginn an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein
Krieg der Finanzen und der Wirtschaft aller beteiligten Völker.

Meine Stellung in der Direktion des größten deutschen Finanzinstituts
gab mir Gelegenheit, auf diesem Felde mitzuarbeiten.

Schon in den Jahren vor dem Kriege hatte ich die Bestrebungen des
Reichsbankpräsidenten Havenstein, das deutsche Geld- und Kreditwesen
auf eine möglichst solide, auch gegenüber schweren Erschütterungen
wirtschaftlicher und politischer Art widerstandsfähige Grundlage zu
stellen, in meinem Wirkungskreise nach Kräften unterstützt. Meine
Kollegen in der Direktion der Deutschen Bank setzten in guter alter
Tradition ihren Stolz nicht nur in die Ausdehnung der Geschäfte der
Bank, sondern mehr noch in die Aufrechterhaltung und Verbesserung
der Liquidität ihres Standes; hier wurde die Berechtigung der
Havensteinschen Bestrebungen nicht nur theoretisch anerkannt, sondern
auch praktisch betätigt. Die seit dem Jahre 1905 sich überstürzenden
politischen Krisen zeigten, wie notwendig es war, das gesamte deutsche
Kreditwesen, das durch die ungestüme wirtschaftliche Entwicklung
Deutschlands auf das Stärkste angespannt war, krisenfest zu machen. In
dieser Richtung lag die Verstärkung des Goldbestandes der Reichsbank
als unserer nationalen Goldreserve, die Verbesserung der Zahlungssitten
durch die Ausdehnung des Scheck- und Giroverkehrs, die Einschränkung
der Festlegung der Bankdepositen in langfristigen und immobilen
Krediten, die Beseitigung der Abhängigkeit des deutschen Geldmarktes von
kurzfristigen Auslandskrediten, die innere Konsolidierung der großen
Unternehmungen durch eine vorsichtige Dividenden- und Reservenpolitik.

Schon die Marokkokrisis von 1911 hatte gezeigt, daß diese Bemühungen
nicht vergeblich gewesen waren. Das deutsche Geld- und Kreditwesen
zeigte damals schon, im Vergleich mit Frankreich und selbst England,
eine erfreuliche Widerstandsfähigkeit. Die namentlich im Ausland,
aber auch in Deutschland selbst verbreitete Auffassung, das deutsche
Wirtschaftsgebäude sei ein Koloß auf tönernen Füßen, das deutsche
Kreditsystem sei ein Kartenhaus, das beim ersten scharfen Windstoß
zusammenbrechen müsse, hatte sich damals schon als überholt erwiesen.
Freilich, unsere Gegner, namentlich die Franzosen, haben das nicht wahr
haben wollen. Obwohl die Börse und der Geldmarkt in Paris und sogar in
London, wie sich an den Kursen der Wertpapiere und den Geldsätzen ohne
weiteres ablesen ließ, durch die Erschütterung der Marokkokrisis stärker
in Mitleidenschaft gezogen wurden als bei uns, blieb nicht nur die
öffentliche Meinung, sondern -- von wenigen Ausnahmen abgesehen -- auch
der engere Kreis der Fachleute in Frankreich bei der vorgefaßten Meinung
von unserer unbedingten finanziellen Unterlegenheit; ja es bildete sich
die Legende, die Gefahr des finanziellen Zusammenbruchs habe es für
Deutschland unmöglich gemacht, es auf einen Krieg ankommen zu lassen.
Ich habe diesen Glauben an unsere finanzielle Unzulänglichkeit, der
mir in ausländischen Kreisen immer wieder entgegentrat, stets als
eine Verstärkung der dem Weltfrieden ohnehin schon drohenden Gefahren
angesehen; denn dieser Glaube konnte in kritischen Situationen leicht
dazu führen, unsere Gegner zu einer Überspannung ihrer Ansprüche
und Zumutungen zu verleiten. Ich habe mich deshalb für verpflichtet
gehalten, diesen irrigen Vorstellungen entgegenzutreten, insbesondere
dann, wenn sie, was vorkam, von Deutschland aus Nahrung erhielten. Noch
kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, im Juni 1914, habe ich im Vorwort
zur vierten Auflage meines Büchleins über »Deutschlands Volkswohlstand«
ausgeführt:

»Es ist geradezu ein Weltinteresse, daß die Illusion verschwindet, durch
Mittel der finanziellen Politik könne erreicht werden, was bisher weder
durch militärische Macht noch durch Allianzen und Ententen zu erreichen
war: die Niederkämpfung Deutschlands.«

Nun brach der Sturm des Krieges über die Welt herein und erschütterte
den wirtschaftlichen Aufbau aller beteiligten Völker in seinen
Grundfesten.

Schon seit dem Attentat von Sarajewo lag ein dumpfes Unbehagen über
den finanziellen Märkten der Welt. Das österreichisch-ungarische
Ultimatum an Serbien und die ungenügende Antwort der serbischen
Regierung, dazu die Stellungnahme Rußlands, das erklärte, »nicht
indifferent bleiben zu können«, brachten das Ungewitter zum Ausbruch.
Alles, was bisher an Werten als fest und sicher galt, geriet ins
Schwanken. Bares Geld, womöglich blankes Gold, erschien als der einzige
feste Pol in der Erscheinungen Flucht. Die Börsen wurden von allen
Seiten mit Verkaufsaufträgen überschüttet; die Geldinstitute wurden
mit Kreditanträgen und Wechseleinreichungen bestürmt; Kredite wurden
gekündigt; bei den Banken und Sparkassen drängte sich die Kundschaft,
um Guthaben und Einlagen zurückzuziehen.

Es galt, alle Kraft einzusetzen, um die Sturmflut der Panik einzudämmen
und der Besonnenheit wieder zu ihrem Rechte zu verhelfen. Jetzt hatte
sich zu bewähren, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten an echter
finanzieller Kraft gewonnen und an wirksamer finanzieller Organisation
aufgebaut hatte. Die großen Berliner Banken und Bankiers, die sich seit
Jahren in der sogenannten »Stempelvereinigung« zusammengeschlossen
und dort an ein einheitliches Handeln in allen Fragen von allgemeinem
Interesse ihres Berufes gewöhnt hatten, vereinigten sich alsbald
zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen, um in engster Fühlung mit
der Reichsbank und der Seehandlung durch eine Intervention auf den
Effektenmärkten, durch Aufrechterhaltung der Kredite und Schaffung
erweiterter Kreditmöglichkeiten für Beruhigung zu sorgen und die
Weiterführung einer geordneten wirtschaftlichen Tätigkeit zu
ermöglichen. Jeden Vormittag versammelten sich in jener kritischen
Zeit die Vertreter der an die »Stempelvereinigung« angeschlossenen
Finanzinstitute im Sitzungssaal der Deutschen Bank, um über die Lage
und die gemeinschaftlich zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten. Wir alle
waren durchdrungen von der Überzeugung, daß in jener schweren Lage jede
Ängstlichkeit und Engherzigkeit der in der deutschen Finanzwirtschaft
führenden Stellen verhängnisvoll wirken müsse; daß nur ein großzügiges
und weitherziges Verhalten gegenüber den Erfordernissen der Stunde die
Lage retten könne; daß schließlich den deutschen Banken ihr in langer
Arbeit und in ernster Selbstbeschränkung gefestigter Stand es gestatte,
jetzt in den Zeiten der Not vor den Riß zu treten und im Interesse des
Ganzen große Risiken zu übernehmen. Die strengen Normen in ruhigen
Zeiten haben ihren Zweck in der Sicherung der Bereitschaft für den
kritischen Augenblick. Wenn das Pferd über den Graben soll, heißt es die
Zügel locker lassen.

Der Erfolg der zweckmäßigen Organisation und des planmäßigen Eingreifens
blieb nicht aus. Die finanziellen Grundmauern der deutschen Wirtschaft
zeigten sich dem Sturm der Kriegspanik gewachsen; unsere finanzielle
Widerstandskraft hielt jeden Vergleich aus mit derjenigen unserer
Feinde, die sich auf einen viel älteren Reichtum stützen konnten und
sich uns gegenüber bisher als die unbestritten Überlegenen gefühlt
hatten.

Unsere Effektenmärkte zeigten in dem Kurssturz, der über alle Plätze bis
hinüber nach Amerika mit elementarer Wucht hereinbrach, immerhin eine
bessere Haltung als diejenigen Frankreichs und Englands. In der Zeit vom
17. bis 28. Juli 1914 -- in den folgenden Tagen kamen an den meisten
Plätzen keine ordnungsmäßigen Notierungen mehr zustande -- stellte
sich die Kursbewegung der maßgebenden Staatsanleihen Deutschlands,
Frankreichs und Englands wie folgt:

                                            Kurs vom           also
                                       17. Juli   28. Juli   Rückgang

     3%ige deutsche Reichsanleihe        76,50      73,75      2,75
     3%ige französische Rente            82,62      77,25      5,37
     2-1/2%ige englische Konsols         75,81      71,75      4,06

Der Kursrückgang in jenen kritischen Tagen war also bei den deutschen
Staatspapieren erheblich geringer als bei den englischen und namentlich
den französischen Anleihen. Dabei gaben die amtlichen Pariser Kurse
das wahre Bild nicht annähernd richtig wieder. Der »Temps« berichtete
über den Verlauf der Pariser Börse vom 25. Juli, daß die Kammer der
Kursmakler sich angesichts des starken Angebots von 3%iger Rente
genötigt gesehen habe, die Notierung eines niedrigeren Kurses als 78 zu
verbieten, obwohl Angebote zu 74 vorlagen.

Was hier in den kritischen Tagen unmittelbar vor Kriegsausbruch in
Erscheinung trat, war nicht etwa nur ein Augenblickserfolg der deutschen
Finanzen. Bis zum Frühjahr 1915 ging die 3%ige französische Rente um
weitere 12-15% zurück, die deutsche 3%ige Reichsanleihe nur um 5-1/2%.
Während im Durchschnitt des Jahres 1910 die 3%ige französische Rente auf
98, die 3%ige deutsche Reichsanleihe nur auf 84 gestanden hatte, sank
jetzt das französische Standardpapier unter den Kurs der mit gleicher
Verzinsung ausgestatteten deutschen Staatswerte. Auch der Rückgang der
englischen Konsols war bis zum Frühjahr 1915 mit 7% stärker als der
Rückgang der deutschen Reichsanleihe, obwohl die britische Regierung
Mindestkurse dekretiert hatte, die damals im freien Verkehr um 3-4%
unterschritten worden sein sollen.

Ebenso wie der Markt der Staatsanleihen, dessen Verhalten typisch war
für das Verhalten der fest verzinslichen Werte überhaupt, zeigte auch
der Markt der Dividendenwerte in Deutschland eine verhältnismäßig gute
Widerstandskraft. So sanken, um nur ein Beispiel zu geben, die Aktien
des ersten französischen privaten Bankinstituts, des Crédit Lyonnais,
vom 18.-20. Juli 1914 von 1535 auf 1350 Franken, also um 12% ihres
Kurswertes vom 18. Juli; in der gleichen Zeit sanken die Aktien der
Deutschen Bank von 231,60% auf 218%, diejenigen der Diskontogesellschaft
von 180,80% auf 170%, beide also um nicht ganz 6% des Kurses vom 18.
Juli.

Stärker noch als in den Kursen kam die große Widerstandskraft des
deutschen Kapitalmarktes in andern Erscheinungen zum Ausdruck. Die
Pariser Börse war in der letzten Juliwoche genötigt, zur Vermeidung
eines völligen Zusammenbruchs die Ultimoliquidation zwangsweise zu
suspendieren. Ein ähnliches Börsenmoratorium wurde in London notwendig.
In Berlin dagegen blieb die Börse, wenn auch unter Beschränkung auf den
Kassahandel, bis zur Proklamation des Kriegszustandes in Tätigkeit,
und die Juliliquidation wurde, im Gegensatz zu London und Paris,
nicht hinausgeschoben, sondern dank der von den Banken gewährten
Erleichterungen ohne nennenswerte Störung abgewickelt.

Auch dem gewaltigen Andrang nach baren Zahlungsmitteln hat das deutsche
Bankwesen -- abgesehen von einem vorübergehenden Mangel an Kleingeld --
zu erträglichen Bedingungen genügen können. Die Reichsbank, unterstützt
von den für den Kriegsfall vorgesehenen und alsbald in Wirksamkeit
tretenden Darlehnskassen, zeigte sich allen Ansprüchen gewachsen. In den
beiden Wochen vom 23. Juli bis 7. August 1914 stellte sie dem Verkehr
für mehr als 2 Milliarden Mark Zahlungsmittel der verschiedensten
Kategorien zur Verfügung, ohne mit ihrem Diskontsatz stärker als von
4% auf 6% in die Höhe zu gehen. In Frankreich und England dagegen
sahen sich die Zentralbanken genötigt, empfindliche Restriktionen
in der Diskontierung von Wechseln eintreten zu lassen. Die Bank von
England mußte ihren Diskontsatz in den drei Tagen vom 23. zum 25. Juli
sprungweise von 3% auf 10% hinaufsetzen. Während die Privatbanken in
Deutschland, gestützt auf den Rückhalt, den ihnen die Reichsbank bot,
anstandslos alle von ihnen verlangten Auszahlungen leisten, ihre Kredite
aufrechterhalten und erweitern konnten, sahen sie sich in Frankreich
und England alsbald vor ernsthaften Schwierigkeiten. In Frankreich
ließen sich die Banken und Sparkassen die gesetzliche Ermächtigung
geben, auf die bei ihnen stehenden Guthaben nur bescheidene Teilbeträge
auszuzahlen. In England wußte man sich nicht anders zu helfen, als daß
der auf den ersten Montag im August fallende »Bankfeiertag« auch auf
die folgenden drei Tage ausgedehnt wurde, was praktisch einer Sperre
der Bankschalter während der stürmischsten Tage gleichkam. Außerdem sah
man sich in allen kriegführenden Ländern, außer Deutschland, und in
zahlreichen neutralen europäischen und überseeischen Ländern genötigt,
Moratorien einzuführen, teils für den Wechselverkehr, teils für den
gesamten Bankverkehr, teils für alle Zahlungsverpflichtungen unter
Privaten. In Deutschland dagegen kam man in eingehenden Beratungen aller
beteiligten Instanzen zu dem Entschluß, von dem Erlaß eines Moratoriums
abzusehen. Man begnügte sich mit Gegenmaßnahmen, die die deutsche
Geschäftswelt vor der Wirkung der im Ausland erlassenen Moratorien
schützten. Außerdem wurde die Möglichkeit geschaffen, im Einzelfall
beim Vorliegen eines wirklichen Notstandes die Zahlungsfristen
durch gerichtliches Urteil hinauszuschieben. Im übrigen wurde die
Zahlungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch eine Reihe positiver
Maßnahmen und Einrichtungen aufrechterhalten, die das Zusammenwirken
der Reichsbank, der Darlehnskassen, der Genossenschaften und Sparkassen
in wirksamer Weise ergänzten; so insbesondere durch die in freiwilligem
Zusammenschluß der beteiligten Kreise geschaffenen Kriegskreditbanken
und die Vereinbarungen der Bodenkreditinstitute über die Bevorschussung
von Hypotheken.

Durch dieses ruhige, sichere und planmäßige Vorgehen gelang es, in
wenigen Tagen der Erregung des Publikums und der Kopflosigkeiten,
wie sie in solchen Zeiten immer vorkommen, Herr zu werden und in der
deutschen Geschäftswelt das Vertrauen in die finanziellen Grundlagen
unserer Wirtschaft wiederherzustellen.

Ein Vorfall, der sich in den Tagen der ersten großen Aufregung bei der
Deutschen Bank abspielte, zeigt, daß in solchen Lagen auf das große
Publikum nichts beruhigender wirkt als ein festes und zuversichtliches
Verhalten der Stellen, auf die sich die verängstigten Augen richten. Aus
der Hauptdepositenkasse wurde nach der Direktion gemeldet, der Andrang
des Publikums zu den Auszahlungsschaltern sei ungeheuer und geradezu
lebensgefährlich; es müsse etwas geschehen, um für die Aufrechterhaltung
der Ordnung zu sorgen. Der Bescheid, der gegeben wurde, ging dahin,
es seien alsbald zwei weitere Schalter für die Auszahlung zu öffnen
und das dem Publikum bekanntzumachen. Die Wirkung war durchschlagend.
Viele gingen beruhigt nach Hause, weil ihnen die Öffnung neuer
Auszahlungsschalter die Sicherheit gegeben hatte, daß die Bank imstande
und gewillt sei, jede Auszahlung zu leisten.

Schon vor der Beendigung der Mobilmachung und vor den ersten
Siegesnachrichten fing das Publikum an, die in den Tagen der
Panik abgehobenen Gelder wieder zu den Banken und den Sparkassen
zurückzubringen. Auch die gewaltigen Geldsummen, die das
Kriegsministerium im Laufe der Mobilmachung für die Beschaffung von
Heeresgerät und Heeresausrüstung aller Art verausgabte, fanden
bald ihren Weg zurück zu den großen Sammelbecken des Geldverkehrs.
An die Stelle der Geldklemme der ersten Wochen trat bald eine große
Geldflüssigkeit, die es möglich machte, die Begebung einer ersten
Kriegsanleihe schon für den Monat September ins Auge zu fassen.

In der Tat trat Deutschland als der erste unter allen kriegführenden
Staaten mit einer Kriegsanleihe an den Markt. Es fehlte nicht an
warnenden Stimmen, die einen Mißerfolg voraussagten. Das klägliche
Ergebnis der im Jahre 1870 vom Norddeutschen Bund ausgeschriebenen
Kriegsanleihe schwebte manchem als übler Vorgang vor Augen. Noch
mehr Bedenken erregte der kühne Vorschlag des Reichsbankpräsidenten,
die Kriegsanleihe in unbeschränktem Betrag aufzulegen, damit jedem
Zeichner von vornherein die Zuteilung des vollen gezeichneten Betrages
in Aussicht zu stellen und so auf jeden Anreiz zu spekulativen
Zeichnungen und auf jeden Scheinerfolg, wie er in der Überzeichnung
einer in limitiertem Betrag aufgelegten Anleihe leicht zu erzielen
ist, bewußt und absichtlich zu verzichten. Ich hatte Gelegenheit, mit
dem Reichsbankpräsidenten das Aktionsprogramm durchzusprechen und ihn
gegenüber den Stimmen der Bedenklichen in seinen Absichten zu bestärken.
Der Erfolg hat der Kühnheit recht gegeben. Das Zeichnungsergebnis
war rund 4-1/2 Milliarden Mark. Das war fast das Doppelte der bisher
größten Anleiheaktion der Geschichte, der französischen Anleihe vom
Juli 1872, die 2400 Millionen Mark erbracht hatte. Dabei hatte sich
die Einzahlungsfrist der französischen Anleihe vom Juli 1872 bis zum
Herbst 1873, also auf etwa 15 Monate erstreckt, während der fast
doppelt so große Betrag der ersten deutschen Kriegsanleihe nach den
Zeichnungsbedingungen in zwei Monaten einzuzahlen war. Ferner war
die große französische Anleiheaktion erst nach Abschluß des Friedens
durchgeführt worden, die deutsche Anleihe dagegen wurde zu Anfang eines
unabsehbaren Krieges gezeichnet. Und schließlich waren die Zeichnungen
auf die französische Anleihe zu einem großen Teil auf fremden Märkten,
namentlich auf dem Londoner Markte, erfolgt, während die 4-1/2
Milliarden der ersten deutschen Kriegsanleihe so gut wie ausschließlich
eine Leistung des auf sich selbst gestellten deutschen Volkes waren.

Die Sicherung der finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft und die
Beschaffung der für den Krieg erforderlichen Geldmittel war so in den
ersten Wochen des Krieges auf das beste eingeleitet.


                  Der Krieg und die deutsche Wirtschaft

Die finanzielle Mobilmachung war in Friedenszeiten gründlich
vorbedacht und vorbereitet worden. Abgesehen von der planmäßigen
Verbesserung und Kräftigung unserer Geld- und Kreditverfassung, die
sich jetzt so reichlich lohnte, lag der Organisationsplan bereit,
nach dem unser Finanzwesen den Kriegsbedürfnissen angepaßt werden
sollte. Auf dem Gebiete der Gütererzeugung und des Warenhandels waren
ähnliche Vorkehrungen für den Kriegsfall nicht getroffen worden.
Wohl hatte unsere Wirtschaftspolitik in ähnlicher Weise unsere
gesamte Volkswirtschaft erstarken lassen und für den Kriegsfall
tüchtig gemacht, wie unsere Geld- und Bankpolitik die finanziellen
Grundlagen unseres Wirtschaftslebens. Vor allem war es vermöge unserer
Wirtschaftspolitik gelungen, unsere landwirtschaftliche Erzeugung in
den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg in noch stärkerem Maße zu heben,
als unsere Bevölkerung gewachsen war. Ebenso war die eigene Gewinnung
der für den Krieg wichtigsten industriellen Rohstoffe, der Kohle und
des Eisens, in einem Maße gesteigert und auch technisch vervollkommnet
worden, daß eine Grundlage für die technisch-industrielle Durchführung
des Krieges gesichert war. Auch hatten wichtige Erfindungen und neue
Verfahren unsere nationalwirtschaftliche Selbständigkeit, die für das
Durchhalten eines großen Krieges von besonderer Bedeutung ist, in
einigen nicht unwesentlichen Punkten verbessert. Schließlich waren auf
dem Gebiet der sozialen Organisation, insbesondere der Ausgestaltung der
Arbeitsnachweise, Fortschritte erzielt worden, die für die Anpassung
unserer Wirtschaft an die durch den Krieg von Grund aus geänderten
Verhältnisse eine Erleichterung bedeuteten. Aber ein eigentlicher
Organisationsplan für die Bereithaltung, Beschaffung und Verteilung
der für das Leben der Bevölkerung und die Durchführung des Krieges
erforderlichen Nahrungsmittel und Rohstoffe, für die Umstellung unserer
gewerblichen und kommerziellen Tätigkeit und für die Umgruppierung der
Arbeitskräfte, wie sie der Krieg erforderlich machen mußte, war nicht
vorhanden.

Aus den Kreisen des praktischen Wirtschaftslebens heraus war in den
Jahren vor dem Ausbruch des Krieges wiederholt auf diese Lücke in
unserer Bereitschaft hingewiesen und u. a. die Einrichtung eines
»wirtschaftlichen Generalstabs« zur Bearbeitung dieser organisatorischen
Aufgaben verlangt worden. Es war aber nichts Durchgreifendes geschehen.
Ich habe den Eindruck, daß man sich bei unseren amtlichen Stellen, denen
die Bearbeitung unserer wirtschaftlichen Angelegenheiten anvertraut war,
einmal über die seit Jahren über uns schwebende Kriegsgefahr ebensowenig
Rechenschaft gab wie im allgemeinen in unserer öffentlichen Meinung; daß
man ferner sich von den wirtschaftlichen Verhältnissen und Anforderungen
eines modernen Krieges kein hinreichend greifbares Bild machen konnte,
um danach organisatorische Vorbereitungen einzurichten; schließlich, daß
man weder mit einem langen Kriege, noch auch mit einem ausgesprochenen
Wirtschaftskriege ernstlich rechnete.

Nun war der Krieg da; und die Maßnahmen unserer Feinde, namentlich
Englands, zeigten alsbald, daß dieser Krieg gegen eine gewaltige, uns
fast von allen Seiten umfassende Koalition kein bloßer Krieg der
bewaffneten Streitkräfte, sondern auch ein Krieg der Volkswirtschaften,
ja der ganzen Volksgemeinschaften sein werde.

Schon bei dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen lehnte es die
britische Regierung ab, den Schutz, den nach der Haager Landkriegsakte
das private Eigentum und die privaten Forderungen zu beanspruchen
hatten, unzweideutig und uneingeschränkt anzuerkennen. Alsbald nach
Kriegsausbruch erließ sie Verfügungen, die nach dem alten britischen
Recht alle Zahlungen an die Bewohner der mit England im Kriege liegenden
Länder unter Strafe stellten. Das Verbot wurde bald auf den gesamten
Verkehr mit dem Feinde ausgedehnt. Ebenfalls schon in den ersten Tagen
des Krieges wurden die Filialen deutscher Banken in London unter
Staatsaufsicht gestellt, der bald die Anordnung der Zwangsliquidation
unter Sequestration des Liquidationserlöses folgte. Im weiteren Verlauf
wurden Zwangsverwaltung, Sequestration und Zwangsliquidation auch auf
alle anderen Unternehmungen im Vereinigten Königreich, den Dominions
und Kolonien, die Deutschen gehörten oder an denen deutsches Kapital in
nennenswertem Umfange beteiligt war, ausgedehnt und namentlich in den
überseeischen Gebieten in der rigorosesten Weise durchgeführt. Dazu kam
die Aufhebung von Verträgen mit feindlichen Staatsangehörigen und der
feindlichen Staatsangehörigen zustehenden Patentrechte.

Noch einschneidender waren die britischen Maßnahmen auf dem Gebiet des
Seekrieges. Ohne sich durch die völkerrechtlichen Satzungen irgendwie
beirren zu lassen, unterwarf England den gesamten Seeverkehr auch der
Neutralen seiner Kontrolle in der Absicht, jede auch indirekte Zufuhr
für Deutschland zu verhindern. Darüber hinaus zwang es den Neutralen in
ihren eigenen Ländern eine Handelskontrolle auf, die in ihrer Wirkung
die Blockade bis an die Landgrenzen Deutschlands tragen sollte.

Ganz offenkundig und ganz rücksichtslos ging England, von seinen
Verbündeten unterstützt, von Anbeginn des Krieges an darauf hinaus,
die Kriegführung der Land- und Seestreitkräfte zu ergänzen und zu
unterstützen durch eine wirtschaftliche Erdrosselung des deutschen
Volkes. Durch die Abschnürung der Zufuhr kriegswichtiger Rohstoffe
sollte Deutschland wehrlos gemacht, durch die Abschnürung der Zufuhr
von Nahrungsmitteln sollte Deutschland ausgehungert und zur Übergabe
gezwungen werden. Dabei handelte es sich für England von allem Anfang
an nicht nur um ein Kriegsmittel, sondern klar erkennbar um einen
wesentlichen Kriegszweck: Deutschland sollte durch den wirtschaftlichen
Druck nicht nur -- unabhängig von den militärischen Operationen --
zur Kapitulation gezwungen, sondern Deutschlands Stellung in der
Weltwirtschaft, die England so unbequem geworden war, sollte den
tödlichen Streich erhalten. Die Verfolgung und Vernichtung jeder
deutschen geschäftlichen Betätigung, jeder deutschen Wirtschafts-
und Kulturarbeit in allen den Gebieten, die für den britischen Arm
überhaupt erreichbar waren, gibt davon beredtes Zeugnis. Der britische
Vernichtungswille kannte keine Schranke, weder in geschriebenen
Satzungen, noch in der ungeschriebenen Völkermoral, weder im
menschlichen, noch im göttlichen Recht. Alles was in den Bestrebungen
der edelsten Geister der Menschheit bisher erreicht worden war, um die
Kriegführung auf die bewaffneten Streitkräfte zu beschränken und die
Leiden des Krieges von der nichtkämpfenden Bevölkerung fernzuhalten,
erwies sich vor Englands Gewaltpolitik als eitel Schall und Rauch.

War schon der Krieg gegen eine rein militärisch so starke Koalition
für Deutschland und seinen Verbündeten eine in diesem Ausmaß in der
Geschichte aller Zeiten und Völker bisher unerreichte Kraftprobe, so
wurde die Gefahr der Zermalmung durch die brutale Übertragung des
Krieges auf das wirtschaftliche Gebiet ins Ungeheuerliche gesteigert.
Deutschland war, wie kein zweites Land außer England selbst, in die
Weltwirtschaft verwachsen. Es hatte im letzten Friedensjahr eine
Einfuhr von 10,7 Milliarden Mark gehabt, hauptsächlich Rohstoffe
und Nahrungsmittel; seine Ausfuhr, hauptsächlich aus Fabrikaten
bestehend, hatte den Wert von 10,1 Milliarden Mark erreicht. Wenn
wir auch infolge der glücklichen Entwicklung unseres Ackerbaues nur
eines verhältnismäßig geringen Zuschusses an Brotgetreide aus dem
Ausland bedurften, so war doch unsere Viehwirtschaft, und damit die
Versorgung unserer Bevölkerung mit Fleisch und Fett, in erheblichem
Umfange auf fremde Zufuhren an Futtermitteln angewiesen. Von unseren
großen Gewerbezweigen war die Textilindustrie, bis auf die geringe
einheimische Erzeugung von Wolle und Flachs, von der Rohstoffzufuhr
aus dem Auslande abhängig. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm,
stand es mit der Lederindustrie. Kohle und Eisen hatten wir im eigenen
Land; aber andere wichtige Metalle kamen vorwiegend, wie das Kupfer,
oder ausschließlich, wie das Nickel, aus dem Ausland. Unsere Ausfuhr
gab einem großen Teil unserer arbeitenden Bevölkerung lohnende Arbeit.
Die Ernährung, Bekleidung und Beschäftigung eines großen Teiles unserer
Bevölkerung, darüber hinaus die Ausstattung unserer Streitkräfte zu
Land und zu Wasser mit Kriegsgerät, Munition und Proviant wurde durch
die Unterbindung unseres Außenhandels auf das ernstlichste in Frage
gestellt. Die gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die auch ein
auf das rein Militärische beschränkter Krieg hätte mit sich bringen
müssen, wurden ins Unendliche gesteigert.

Nahezu alles, was zur Überwindung dieser Schwierigkeiten und Gefahren zu
geschehen hatte, mußte improvisiert werden.

Die Aussichten einer reinen Vergeltungspolitik waren schlecht. Wir
konnten die Beschlagnahme deutscher Vermögenswerte, die Zwangsverwaltung
und Zwangsliquidation deutscher Unternehmungen und die anderen gegen
deutsches Privatvermögen und deutsche Privatrechte gerichteten Maßnahmen
mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen beantworten und taten das auch.
Aber was an feindlichem Privatvermögen und Privatrechten unserem Zugriff
unterlag, war dem Werte nach nur ein Bruchteil dessen, was bei der
weitverzweigten deutschen Betätigung in dem Machtbereich unserer Feinde
der Willkür von Engländern, Franzosen und Russen ausgesetzt war. Der
völkerrechtswidrigen Unterbindung unserer ausländischen Zufuhren konnten
wir, da England die See beherrschte, zunächst nichts gegenüberstellen
als unseren wiederholten eindringlichen Appell an die an der
Aufrechterhaltung des Völkerrechts mit uns interessierten Neutralen; die
U-Bootwaffe, deren Anwendung wegen ihrer Rückwirkung auf die Neutralen,
besonders auf die Vereinigten Staaten, von Anfang an als zweischneidig
angesehen werden mußte, kam als Mittel für eine Gegenblockade erst im
weiteren Verlauf des Krieges ernsthaft in Betracht. Auch auf die sich
dem britischen Druck so gefügig zeigenden uns benachbarten Neutralen
konnten wir nur in sehr beschränktem Umfang einen Gegendruck ausüben.
Ihre Abhängigkeit von unserer Kohle und unserem Eisen war nicht entfernt
so groß und so empfindlich wie ihre Abhängigkeit von den unter Englands
Kontrolle stehenden Zufuhren von Nahrungs- und Futtermitteln und an
wichtigen überseeischen Rohstoffen. Immerhin gaben die uns zur Verfügung
stehenden Mittel des Gegendrucks auf diesem Gebiet uns wenigstens
einigen Spielraum.

Es kam darauf an, die bescheidenen Vorteile und Druckmittel, die uns
zur Verfügung standen, in geschickten Transaktionen und Kombinationen
nach jeder Möglichkeit auszunutzen, um die Erdrosselungsabsichten
unserer Feinde zu vereiteln. Es kam weiter darauf an, einen Überblick
über die im Inland vorhandenen Bestände der für das Durchhalten der
Bevölkerung und der Kriegführung wichtigsten Nahrungsmittel und
Rohstoffe zu gewinnen, die Erzeugungsmöglichkeiten dieser Stoffe oder
geeigneter Ersatzstoffe nach Möglichkeit zu fördern, ihren Verbrauch
zu kontrollieren und zu rationieren und auf die Preisbildung der für
den Lebensunterhalt der Bevölkerung wesentlichen Waren einen Einfluß
zu gewinnen. Das bedeutete nicht nur eine den besonderen Verhältnissen
und Bedürfnissen anzupassende Umstellung der wirtschaftlichen
Tätigkeit, sondern eine Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung
im Sinne des Überganges von dem individualistischen System der freien
wirtschaftlichen Betätigung und Initiative, das sich in der hinter
uns liegenden Friedenszeit von selbst reguliert hatte, zu dem Versuch
einer einheitlichen und planmäßigen Leitung der Gütererzeugung und
Güterverteilung.

Die Aufgabe war ihrer Art nach völlig neu. Es gab keine Möglichkeit,
sich an bereits erprobte Vorbilder und Methoden anzulehnen; alles mußte
gewissermaßen aus dem Nichts heraus geschaffen werden.

Die Aufgabe wurde auch keineswegs in ihrem Umfange von Anfang an
erkannt. Ich glaube, es gibt niemanden in Deutschland, der von sich
sagen kann, er habe von Anfang an mit einem so langen Kriege und einer
so strengen, sich im Laufe des Krieges immer mehr verschärfenden
Abschnürung Deutschlands von auswärtigen Zufuhren gerechnet. Die
Ansicht, daß ein moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein könne, wog
in militärischen wie in wirtschaftlichen Kreisen vor. Dafür sprach
die furchtbare Zerstörungskraft der modernen Kriegswaffen, die
rasche entscheidende Schläge in Aussicht zu stellen schien; ferner
die ungeheuerliche Entziehung von Arbeitskräften durch die auf der
allgemeinen Dienstpflicht beruhenden Volksheere, eine Entziehung,
die in ihrer Wirkung auf die Volkswirtschaft mit einem Generalstreik
verglichen worden ist; dann die alle Summen, mit denen Finanzleute
und Volkswirtschaftler bisher zu rechnen gewohnt waren, weit hinter
sich lassenden Kosten; schließlich die Spekulation auf die menschliche
Vernunft, die es nicht zulassen werde, daß die Völker Europas bis zur
letzten Erschöpfung ihrer physischen und moralischen Kräfte, bis zur
letzten Zerstörung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Werte sich
gegenseitig vernichten würden.

Gerade von sehr maßgebender militärischer Stelle habe ich, während der
Krieg bereits im Gange war, wiederholt die Meinung vertreten hören,
daß das Kriegsende in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten sei. Als
ich im Monat November 1914 im Großen Hauptquartier zu Charleville
im Einverständnis mit dem Auswärtigen Amt den Vorschlag machte, im
Interesse unserer Kriegführung im Orient -- die Türkei war in den
letzten Oktobertagen an unserer Seite in den Krieg eingetreten --
die an der Verbindung mit Syrien und Mesopotamien noch fehlenden
Gebirgsstrecken der Bagdadbahn im Taurus und Amanus alsbald mit allen
Mitteln auszubauen, erhielt ich die Antwort: Da die Fertigstellung
dieser Strecken erst nach Jahr und Tag zu erwarten sei, liege kein
militärisches Interesse an dem Projekte vor. Die Möglichkeit, daß
wir uns Ende 1915 noch im Kriege befinden könnten, wurde nach den
Eindrücken, die ich damals empfangen habe, überhaupt nicht ernstlich in
Betracht gezogen. Einer ähnlichen optimistischen Auffassung begegnete
ich noch im April 1915, als ich als Reichsschatzsekretär im Großen
Hauptquartier weilte. Man setzte damals große Hoffnungen auf gewisse
gerade eingeleitete militärische Operationen, und ich hörte die Hoffnung
aussprechen, daß, wenn alles gut gehe, der Krieg in wenigen Monaten zu
Ende sein könne.

Ebensowenig wie mit einem mehr als vierjährigen Krieg hat man die
Nachhaltigkeit und Wirksamkeit unserer Absperrung vom Ausland
vorausgesehen. Auch wer England jede Art von Völkerrechtsbruch,
namentlich in der Seekriegführung, zutraute, hat in den Anfängen des
Krieges noch hoffen können, daß die Maschen des Wirtschaftskrieges
weit genug bleiben würden, um uns zu gestatten, auf dem Weg über die
uns benachbarten Neutralen uns wichtige Zufuhren zu verschaffen. Das
Selbstinteresse der Neutralen, namentlich der Vereinigten Staaten,
erschien als ein Faktor, der in unsere Rechnung eingestellt werden
konnte. In der Tat hat in den ersten Kriegsmonaten England auf dieses
Selbstinteresse Amerikas einige Rücksicht genommen. Noch in einer Note
vom 7. Januar 1915, mit der die britische Regierung eine Beschwerde der
Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete, betonte die britische
Regierung, sie habe z. B. Baumwolle nicht auf die Konterbandeliste
gesetzt und bei jeder Gelegenheit ihre Absicht festgestellt, bei dieser
Praxis zu bleiben. In der Tat ist Baumwolle erst in der zweiten Hälfte
des Jahres 1915 von der britischen Regierung als Konterbande erklärt
worden.

So entwickelte sich im Laufe des Krieges erst allmählich der
ganze Ernst der Lage und damit die Erkenntnis der ganzen Größe
der zu bewältigenden Aufgabe. Unsere Kriegswirtschaft ist nicht
entstanden aus einem von vornherein die Aufgabe in ihrer Gesamtheit
umfassenden einheitlichen Plan; sie ist allmählich herausgewachsen
aus tastenden Versuchen und aus oft unzulänglichen, oft über das
Ziel hinausschießenden Notmaßnahmen, mit denen die wirtschaftlichen
Berufskreise und die staatlichen Gewalten den immer schwerer und
dringender werdenden Anforderungen der Zeit gerecht zu werden suchten.
An ihrem Anfange stand der unmittelbar nach dem Kriegsausbruch
einsetzende Zusammenschluß großer an dem Bezug ausländischer Rohstoffe
interessierter Kreise des Gewerbes und Handels zur gemeinsamen
Überwindung der sich auftürmenden gewaltigen Schwierigkeiten durch
einheitliches Vorgehen und gemeinsames Tragen der mit einem Schlage so
enorm gestiegenen Risiken (Zentraleinkaufsgesellschaft, Kriegsausschuß
für Öle und Fette, Kautschukabrechnungsstelle u. a. m.); ferner die
Errichtung der Kriegsrohstoffabteilung im Kriegsministerium zum
Zweck der Sicherung und Beschaffung der kriegsnotwendigen Rohstoffe;
dann gewisse Notmaßnahmen auf dem Gebiete der Ernährungspolitik,
wie die -- übrigens von der Vertretung der Landwirtschaft selbst
angeregte -- Festsetzung von Höchstpreisen für Brotgetreide, die
Ausmahlungsvorschriften, die Schaffung eines einheitlichen Kriegsbrotes,
die Verwendungsbeschränkung (Verbot der Verfütterung von Brotgetreide)
und ähnliche Maßnahmen mehr. Von diesen Anfängen ausgehend, erstreckte
sich die Kriegswirtschaft auf immer weitere Gebiete unserer ganzen
Wirtschaft. Zu dem einen sich immer weiter ausdehnenden Kreis von Waren
erfassenden System der Höchstpreise, Richtpreise und Preisprüfung
kamen immer weitergehende Verwendungsbeschränkungen, Beschlagnahmen,
Enteignungen, Ablieferungsverpflichtungen, Rationierungen des
Verbrauchs durch Karten, Bezugsscheine und Verteilungsschlüssel, eine
fortschreitende Zentralisation der Beschaffung und Bewirtschaftung
von wichtigen Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Fabrikaten; weiterhin
staatliche Eingriffe in den Aufbau einzelner Gewerbezweige im Wege
zwangsweisen Zusammenschlusses, verbunden mit Stillegungen und
Produktionsregulierungen; schließlich der Versuch einer staatlichen
Regulierung der wirtschaftlichen Arbeit durch das Hilfsdienstgesetz.
Ergänzt wurde diese Entwicklung der kriegswirtschaftlichen Organisation
durch die Mitwirkung der wirtschaftlichen Verbände des Unternehmertums
und der Arbeiterschaft, durch die mit bewundernswerter Tatkraft und
erstaunlichem Erfolg durchgeführte Anpassung der Gütererzeugung in
Landwirtschaft und Gewerbe an die neuen Verhältnisse und an die
gewaltigen Anforderungen des Krieges, durch die im Zusammenwirken
von Wissenschaft, Technik und wirtschaftlicher Tatkraft erzielten
Fortschritte im Produktionsverfahren, die zu einer ungeahnten Steigerung
der wirksamen Ausnutzung von Stoffen und Kräften führten und teilweise
ganz neue Wege von bleibender Bedeutung erschlossen.

Ich werde im weiteren Verlaufe meiner Darstellung Gelegenheit haben, auf
einzelne Teile der Entwicklung unserer Kriegswirtschaft, an denen ich
persönlich mitzuarbeiten berufen war, des näheren einzugehen.



     Die politische und militärische Entwicklung des Krieges bis zum
                             Friedensangebot


Die großen militärischen Entscheidungen der ersten Kriegsmonate hatten
uns in die Verteidigung gebracht. Im Westen in einer festen, weit in
das Feindesland ausholenden Linie, die im Stellungskrieg gehalten
werden mußte. Im Osten in einem weiten freien Raum, der eine offensive
Verteidigung im Bewegungskrieg gestattete. Starke feindliche Übermacht
hier wie dort, dazu eine Übermacht, die -- wenigstens soweit Rußland
und das britische Imperium in Betracht kamen -- durch vermehrten
Kräfteeinsatz noch einer wesentlichen Steigerung fähig war. Und diese
feindliche Übermacht konnte aus ihrer freien Berührung mit der gesamten
Welt Ergänzung und Entlastung finden, während die Mittelmächte auf sich
selbst gestellt waren.

Wir standen, wie am ersten Tage des Krieges, so nach den ersten
gewaltigen Kraftproben vor der Gefahr, trotz allen Heldentums und aller
Heldentaten erdrosselt und zermalmt zu werden. In dieser Lage hieß es,
nach jeder möglichen Hilfe ausschauen, die uns aus der furchtbaren
Umklammerung befreien konnte.


                      Die Türkei als Bundesgenosse

Während unser italienischer und unser rumänischer Bundesgenosse sich von
Anfang an der Erfüllung ihrer Bundespflicht enthielten, während Japan
seine zunächst erklärte Neutralität schon am 19. August durch sein an
uns gerichtetes Ultimatum aufgab und sich der Koalition unserer Feinde
anschloß, während die Neutralen abwartend und zumeist mit für uns recht
kühlen Gefühlen beiseite standen, stellte sich die uns seit langem
befreundete, aber niemals verbündete Türkei als ein willkommener und
wichtiger Mitkämpfer ein.

Ich habe im ersten Teil dieses Buches die Belastungsproben skizziert,
denen die deutsch-türkische Freundschaft seit der jungtürkischen
Revolution ausgesetzt war, und denen sie sich gewachsen gezeigt
hat. Deutschlands territoriale Uninteressiertheit an den Fragen des
näheren Orients, sein positives Interesse an der Aufrechterhaltung der
Unversehrtheit, der Unabhängigkeit, der wirtschaftlichen, militärischen
und politischen Erstarkung der Türkei war so offenkundig und trat
in so konkludenten Handlungen zutage, daß auch die westmächtlich
voreingenommenen jungtürkischen Politiker, sobald sie an der Macht und
Verantwortung waren, sich wohl oder übel zu Deutschland hingedrängt
sahen. Selbst das Vorgehen unseres österreichisch-ungarischen
Bundesgenossen in der bosnischen Frage und die tripolitanische
Brutalität Italiens hatten die aus den wahren Interessen der Türkei
erwachsende Wiederannäherung an Deutschland nicht hindern können.

Als der Krieg ausbrach, konnte in Stambul kein Staatsmann darüber im
unklaren sein, daß im Falle eines Sieges der Entente Rußland nach
Konstantinopel greifen und daß niemand ihm das verwehren werde. Zu oft
und zu deutlich war in den letzten Jahren von Rußland her proklamiert
worden, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin und Wien führe.
Der Krieg war also von Anfang an, ob die Türkei beiseite stand oder ob
sie eingriff, ein Krieg um die Existenz des türkischen Reiches. Die
Türkei hatte die Wahl, ob sie durch ein Eingreifen an der Seite der
Mittelmächte das ihrige zur Abwendung der Vernichtung tun oder ob sie in
willenlosem Geschehenlassen ihr Schicksal hinnehmen wollte.

Die britische Politik versäumte nicht, der türkischen Regierung sofort
mit Eindringlichkeit zu zeigen, wo ihr Platz in diesem Völkerringen
sei. Schon am 2. August 1914 beschlagnahmte sie zwei von der Türkei auf
Drängen des britischen Botschafters in England in Bestellung gegebene
und im voraus bezahlte Kriegsschiffe.

Schon in jenen Tagen wurde zwischen dem deutschen Botschafter Freiherrn
von Wangenheim und der türkischen Regierung ein Bündnisvertrag
vereinbart, für dessen Zustandekommen sich auf türkischer Seite vor
allem der Kriegsminister Enver Pascha einsetzte.

Am Abend des 10. August erschienen die beiden deutschen Kriegsschiffe
»Göben« und »Breslau«, die im Mittelmeer der feindlichen Übermacht
glücklich entronnen waren, vor den Dardanellen. Sie erhielten die
Erlaubnis zur Einfahrt; denn die türkische Regierung hatte die
beiden Schiffe in Erwartung ihrer glücklichen Ankunft von der
deutschen Regierung gekauft. Entrüsteter Protest der Ententemächte.
Zusammenziehung eines Ententegeschwaders vor den Dardanellen. Darauf am
28. September Sperre der Dardanellen.

Für die deutsche Kriegspolitik war schon mit dieser Etappe ein
wichtiger Erfolg erzielt. Die Verbindung der Westmächte mit Rußland
durch die Ostsee war durch den Krieg zerschnitten. Wenn jetzt auch
der Großhandelsweg durch die Dardanellen gesperrt war, so blieb
nur noch der für umfangreiche Transporte infolge des Mangels an
Eisenbahnen in Nordrußland nicht praktikable Weg über Archangelsk.
Die Dardanellensperre machte die Unterstützung der Entente auf dem
westlichen Kriegsschauplatz durch russische Mannschaften für lange Zeit
unmöglich, sie schränkte die Möglichkeit der Versorgung Rußlands mit
westmächtlichem Kriegsmaterial erheblich ein, und sie unterband die
Belieferung Frankreichs und Englands mit russischem Getreide.

Es konnte fraglich erscheinen, ob es im deutschen Interesse lag, die
durch drei Kriege geschwächte Türkei zu veranlassen, weiter zu gehen und
aktiv in den Krieg einzugreifen. Die Möglichkeit, auf dem Wege über die
Türkei und mit Hilfe der Türkei das britische Reich an lebenswichtigen
Punkten anzugreifen, etwa am Suezkanal oder gar über den Persischen Golf
in Indien, hatte zwar in der englischen Agitation gegen die Bagdadbahn
und leider auch in gewissen leichtfertigen deutschen Veröffentlichungen
eine Rolle gespielt; aber bei nüchterner und sachkundiger Beurteilung
mußte man die Durchführbarkeit und die Aussichten auch nur einer Aktion
gegen den Suezkanal so lange als äußerst zweifelhaft betrachten, als
einmal ein ungehinderter Verkehr zwischen den Mittelmächten und der
Türkei nicht gesichert war und als ferner die Eisenbahnverbindung
zwischen Konstantinopel und Syrien im Taurus- und Amanusgebirge noch
die empfindlichen Lücken aufwies. Im übrigen bot die Türkei sowohl im
südlichen Mesopotamien den Engländern als auch in Nordostanatolien
den Russen wegen des Fehlens jeder Eisenbahnverbindungen gefährliche
Angriffsflächen; ja, es war nicht einmal als unbedingt sicher zu
betrachten, ob die Dardanellen, trotz der in den letzten Jahren
durchgeführten Modernisierung ihrer inneren Befestigungsanlagen, einem
energischen und nachhaltigen Angriff würden standhalten können. Auf
den »Heiligen Krieg«, von dem manche die Revolutionierung Ägyptens
und Indiens erwarteten, habe ich nach meiner Kenntnis des stumpf und
unfanatisch gewordenen Islam niemals große Hoffnungen gesetzt, solange
wir nicht selbst die Bewegung in jene Länder tragen konnten.

Diese Ansichten wurden auch in unserem Auswärtigen Amt geteilt, und
man hat es deshalb wohl vermieden, die Türken zum Eintritt in den
Krieg allzu eifrig zu drängen. Aber die Dinge drängten von selbst in
dieser Richtung. Es zeigte sich bald, daß die Ententemächte sich mit
der Sperrung der Dardanellen nicht abfinden und der Türkei nur die
Wahl lassen würden, sich klipp und klar zu entscheiden. Die Wahl der
türkischen Staatslenker war im voraus getroffen. Vergeblich bot die
Entente der Türkei die Garantie ihres Besitzstandes; die Türkei hatte
mit solchen Garantien zu schlechte Erfahrungen gemacht. Der Druck der
Ententemächte verstärkte sich. Ende Oktober kam es bei der Einmündung
des Bosporus in das Schwarze Meer, wo russische Kriegsfahrzeuge Minen
legten, zu einem Zusammenstoß zwischen türkischen und russischen
Seestreitkräften: die Kriegserklärung erfolgte aus dem Munde der
Schiffsgeschütze.

Deutschland hatte einen politischen Sieg erfochten; es hatte zu
einer Zeit, in der es in West und Ost in die schwersten Kämpfe gegen
eine erdrückende Übermacht verstrickt war, einen Bundesgenossen
gewonnen, dessen nicht zu unterschätzendes Gewicht auf der Wage des
Völkerschicksals vielleicht den entscheidenden Ausschlag geben konnte.

Nun hieß es, das Gewicht des neuen Bundesgenossen in Wirkung setzen.

Der neue Bundesgenosse stand, von uns getrennt, auf einem ebenso
wichtigen wie bedrohten Außenposten. Wenn dieser Außenposten gesichert
und die militärische wie die wirtschaftliche Kraft der Türkei für uns
nutzbar gemacht werden sollte, dann mußten alsbald die Brücken zu dem
neuen Mitkämpfer geschlagen werden. Der Weg zur Türkei führte, solange
der Engländer das Mittelmeer, der Russe das Schwarze Meer beherrschte,
in jedem Fall über Bulgarien, außerdem entweder über Rumänien oder über
Serbien. Bulgarien stand uns mit wohlwollender Neutralität gegenüber.
Aber Serbien stand mit noch ungebrochener Kraft gegen uns im Feld,
und Rumänien nahm trotz seines Bündnisvertrages mit uns damals schon
in so ungenierter Weise für die Entente Partei, daß es auch den
völkerrechtlich durchaus einwandfreien Durchfuhren von uns zur Türkei
und von der Türkei zu uns die unerhörtesten Schwierigkeiten in den
Weg legte. Da ohne Krieg mit Rumänien die Überwindung des rumänischen
Hindernisses unmöglich erschien und da niemand bei uns das Bedürfnis
nach einem weiteren Kriegsgegner hatte, da ferner der serbische
Landesteil, der den Donauweg zwischen Ungarn und Bulgarien blockierte,
der sogenannte Negotiner Zipfel, eine Tiefenausdehnung von nur 50-60
Kilometern hatte, erschien der Weg vorgezeichnet: die Forcierung des
unterhalb des Eisernen Tores gelegenen serbischen Donaukreises.

Für diese Lösung setzten sich Kanzler und Auswärtiges Amt bei der
Obersten Heeresleitung, an deren Spitze damals bereits in Vertretung
des schwer erkrankten Generalobersten von Moltke der General von
Falkenhayn stand, mit allem Nachdruck ein; es wurde jedoch stets die
militärische Unmöglichkeit der Erfüllung dieser Forderung geltend
gemacht. Als die Türkei, die damals schon an Munitionsmangel litt, immer
stärker drängte, machte das Auswärtige Amt einen erneuten Versuch, zu
dem auch meine Mitwirkung auf Grund meiner Kenntnis der Verhältnisse
des näheren Orients herangeholt wurde. In Brüssel, wohin ich gerade
von einem Besuch im Großen Hauptquartier zurückgekehrt war, erhielt
ich am 28. November ein Telegramm des Unterstaatssekretärs Zimmermann,
das mich ersuchte, beim Reichskanzler, beim Generalstabschef und
nötigenfalls beim Kaiser selbst mit den stärksten Argumenten für eine
sofortige Aktion zur Besetzung des Negotiner Kreises und Freimachung
des Donauweges einzutreten. Ich entschloß mich, sofort wieder nach
Charleville zu fahren. Als ich am Abend des 29. November dort ankam,
stellte sich heraus, daß am Vormittag der Reichskanzler nach Berlin, der
Kaiser und General von Falkenhayn nach dem östlichen Kriegsschauplatz
abgereist waren. Ich wandte mich an den General Wild von Hohenborn,
der damals den Generalquartiermeister vertrat. Er sagte mir, daß beim
Generalstab wenig Neigung für die serbische Operation bestehe, da auf
den Hauptkriegsschauplätzen jeder Mann gebraucht würde. Aus diesem Grund
habe sich der General von Falkenhayn bisher gegenüber den Wünschen
des Auswärtigen Amts ablehnend verhalten und zunächst nur einmal
den Obersten Hentsch zur Prüfung der Verhältnisse an Ort und Stelle
nach dem Eisernen Tor geschickt. Aus den Darlegungen des Generals von
Wild entnahm ich, daß man in den leitenden militärischen Kreisen die
Voraussetzungen, unter denen allein die Türkei überhaupt erst aus einem
stark exponierten Angriffspunkt zu einem wertvollen Verbündeten gemacht
werden und außerdem Bulgarien für den Anschluß an uns gewonnen werden
könne, nicht genügend würdigte. General von Wild versprach mir, meine
Gesichtspunkte alsbald an den General von Falkenhayn zu telegraphieren.
Es blieb aber bei der Ablehnung.

Es war für mich schmerzlich, zu sehen, wie statt dieser so dringlichen
Öffnung des Donauweges, der uns in der Folgezeit viel schwere Sorgen
erspart und unserer Gesamtaktion eine so viel wuchtigere Schlagkraft
gegeben hätte, die österreichisch-ungarischen Truppen mit starkem
Kräfteeinsatz Serbien am andern Ende anpackten. Von Bosnien aus rückte
gegen Ende November eine starke Armee in Serbien ein und erzielte in
heftigen Kämpfen gute Fortschritte. Am 2. Dezember, dem 66. Jahrestag
der Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph, wurde Belgrad angegriffen
und genommen. Aber bald stießen die österreichisch-ungarischen Truppen
in dem unwegsamen westserbischen Gebirgsland auf große Schwierigkeiten.
Schon am 9. Dezember waren sie gezwungen, den Rückzug unter Preisgabe
vielen Materials und zahlreicher Gefangener anzutreten. Am 15. Dezember
mußte auch Belgrad wieder geräumt werden. Ich kann als Laie die Frage
nicht entscheiden, ob nicht der gleiche Kraftaufwand, der hier nutzlos
verpufft wurde, am Negotiner Donaubogen eingesetzt genügt hätte, um die
Verbindung mit Bulgarien und der Türkei damals schon herzustellen und
zu sichern. Zunächst war durch den österreichischen Mißerfolg diese
Möglichkeit auf absehbare Zeit verschlossen. Erst zehn Monate später ist
die damals schon so dringend empfohlene Aktion in Angriff genommen und
durchgeführt worden.

In der Zwischenzeit mußte sich die Türkei, so gut es ging, behelfen,
ohne uns über die Sperrung der Dardanellen hinaus einen wesentlichen
Vorteil bringen zu können.

Ein Versuch Envers, im armenischen Hochland gegen das russische
Kaukasusgebiet vorzustoßen, blieb mangels genügender rückwärtiger
Verbindungen in den Anfängen stecken und führte schließlich infolge
der feindlichen Haltung der armenischen Bevölkerung zu schweren
Rückschlägen. An dem türkischen Ufer des Persischen Golfs setzten
sich die Engländer mit indischen Truppen fest und bereiteten eine
Operationsbasis für die Eroberung Mesopotamiens vor, ohne daß die Türken
sie aus einer durch keine Eisenbahn überbrückten Entfernung von mehr
als tausend Kilometern ernstlich daran hindern konnten. Ägypten wurde
im Dezember 1914 zum britischen Protektorat erklärt, nachdem schon vor
dem Eintritt des Kriegszustandes zwischen England und der Türkei die
britische Regierung die ägyptische Regierung gezwungen hatte, den
Kriegszustand gegenüber den Mittelmächten zu proklamieren. Mehr als
gelegentliche Patrouillen- und Bandenvorstöße gegen den Suezkanal, die
keinerlei nachhaltigen Erfolg hatten, vermochten die Türken im Winter
1914/15 nicht zu unternehmen.

Dagegen machten die Verbündeten vom Februar 1915 an außerordentliche
Anstrengungen, die Dardanellen zu bezwingen und so einen entscheidenden
Stoß zu führen, der sowohl die Türkei ins Herz treffen, wie auch
die unterbrochene Verbindung zwischen Rußland und den Westmächten
wiederherstellen sollte. Letzteres erschien um so notwendiger, als
die Russen gerade damals in der »Winterschlacht in den Masuren« eine
Niederlage erlitten, in der ihre Verluste an Menschen und namentlich
Material so gewaltige waren, daß es in Frage gestellt schien, ob die
russische »Dampfwalze« sich ohne ausgiebige Nachhilfe von außen werde
wiederherstellen lassen.

In England waren die Meinungen über die Zweckmäßigkeit des
Dardanellenunternehmens geteilt. Churchill setzte es gegen allen
Widerspruch durch, insbesondere auch gegen den Widerspruch des Lord John
Fisher, des Ersten Lords der Admiralität.

Am 19. Februar begann eine mächtige Schlachtflotte die Außenforts der
Dardanellen zu bombardieren. Damit war das Signal zu dem gewaltigsten
Ringen gegeben, das diese seit dem Trojanischen Krieg so viel und heiß
umstrittenen Meerengen je gesehen hatten. Die veralteten und schwachen
Forts am Dardanelleneingang wurden niedergelegt, und Anfang März konnte
der Versuch, die starken Innenforts zu bezwingen, ins Werk gesetzt
werden. Der Versuch scheiterte. Am 18. März büßten die Angreifer drei
Schlachtschiffe ein, zwei englische und ein französisches. Man sah ein,
daß ohne ein starkes Landungskorps nicht vorwärts zu kommen sei.

Ein solches mußte erst zusammengestellt und herbeigeholt werden; denn
die wenigen Bataillone Senegalesen und Zuaven, mit denen man anfänglich
auszukommen gehofft hatte, genügten nicht entfernt, und die griechische
Hilfe, die man erwartete, blieb aus. Man griff auf die in Ägypten
versammelten Truppen, hauptsächlich Australier und Neuseeländer, zurück.
Am 25. April 1915 erfolgte die erste Landung auf der Halbinsel Gallipoli.

Die auf Gallipoli zusammengezogene türkische Armee leistete den
Angreifern, die ihre Forts und Feldbefestigungen Tag und Nacht mit
einem Eisenhagel aus Land- und Schiffsgeschützen aller Kaliber
überschütteten, den zähesten Widerstand. Eine unerwartete aber wirksame
Unterstützung erhielt sie durch deutsche U-Boote, die plötzlich vor
den Dardanellen erschienen, vom 25. bis 27. Mai die drei britischen
Panzerschiffe »Triumph«, »Majestic« und »Agamemnon« torpedierten und
durch die beständige Bedrohung die großen Schlachtschiffe von der
Halbinsel fernhielten. Aber eine schwere Sorge lastete auf den braven
Verteidigern: der Munitionsmangel. Der tägliche Verbrauch war bei aller
Sparsamkeit enorm; Rumänien ließ keine Munition durch; Serbien hielt
immer noch den Negotiner Donaubogen; unsere U-Boote konnten bei ihrem
beschränkten Tonnengehalt höchstens Zünder und ähnliche Dinge, aber
keine Granaten heranschaffen. Der Energie und Geschicklichkeit eines
deutschen Seeoffiziers gelang es, in Konstantinopel eine behelfsmäßig
ausgestattete Munitionsfabrik gewissermaßen aus dem Boden zu stampfen;
aber deren Leistungsfähigkeit konnte nicht entfernt auf die Höhe des
Bedarfs der Gallipoli-Armee gesteigert werden. Die Telegramme unseres
Botschafters verlangten immer dringender die Öffnung eines Weges für
ausreichende Munitionszufuhr. Wiederholt schien die letzte Stunde
geschlagen zu haben. Mehr als einmal war nach heftigen Angriffen der
Vorrat der Artilleriemunition so vollständig erschöpft, daß einem
erneuten Angriff des Feindes der Erfolg sicher gewesen wäre. Churchill
sprach damals das Wort: »Nur wenige Meilen trennen uns vom Ziel und vom
endgültigen Sieg.« Er wußte selbst nicht, wie nahe er oft an Ziel und
Sieg war.

Endlich kam die Erlösung. Im Oktober 1915 reichten wir uns über
Serbien hinaus mit Bulgarien die Hände, der Donauweg war frei, die
Dardanellen und Konstantinopel waren gerettet. Die Entente mußte sich
von der Aussichtslosigkeit weiterer Versuche überzeugen. Schon am 2.
November 1915 nannte der britische Premierminister im Unterhaus das
Dardanellenunternehmen »a disappointment and failure«. Im Januar
1916 wurden bei Nacht und Nebel die letzten Reste des Landungskorps
eingeschifft. Die Gräber von vielen Zehntausenden sind, wie die Tumuli
von Troja, das Denkmal des gewaltigen Ringens.


                                 Italien

Während uns in der Türkei ein neuer Bundesgenosse entstand, der das
Kräfteverhältnis zwischen uns und der übermächtigen feindlichen
Koalition immerhin zu unsern Gunsten verbesserte und uns einige Aussicht
bot, aus der eisernen Umklammerung den Weg ins Freie zu gewinnen, rückte
unser italienischer Dreibundgenosse, der mehr als drei Jahrzehnte
hindurch die gute Zeit mit uns geteilt, sich dabei wohl befunden hatte
und zu neuer Blüte erstarkt war, immer deutlicher von uns nach dem Lager
der Entente hinüber.

Aus den Gründen, die ich im ersten Band dieses Werkes entwickelt habe,
mußten die Mittelmächte für den Ernstfall eines Krieges mit einer
England einschließenden Koalition damit rechnen, daß Italien sich auch
bei einem unzweifelhaften Vorliegen des Casus foederis der Verpflichtung
zur Waffenhilfe entziehen würde. Erwarten durfte man auf Grund der mehr
als dreißigjährigen Gemeinschaft eine unzweideutige und wohlwollende
Neutralität. Auch Bismarck hatte damit gerechnet, daß im Kriegsfall der
Dreibundvertrag Italien zum mindesten abhalten werde, sich zu unseren
Feinden zu schlagen, daß er ferner Österreich-Ungarn gestatten werde,
seine italienische Grenze zu entblößen, und daß er andererseits einige
französische Armeekorps an den Seealpen binden werde.

Italien erklärte in der Tat eine freundschaftliche Neutralität. Aber
seine Handlungen standen mit dieser Erklärung von Anfang an nicht in
Einklang.

Die Mitteilung der Neutralität an Frankreich erfolgte in Formen, die
dort einen Begeisterungssturm erregten und der französischen Regierung
die Gewißheit gaben, daß sie ohne Gefahr den letzten Mann von der
Alpengrenze abziehen und gegen die deutsche Armee ins Feld stellen
könne. Dagegen holte Italien gegenüber den Mittelmächten den Artikel 7
des Dreibundvertrags hervor, der ihm für den Fall einer Machterweiterung
Österreich-Ungarns auf dem Balkan eine Kompensation in Aussicht stellte.
Indem Italien sich seiner Verpflichtung aus dem Dreibundvertrag entzog,
machte es aus dem gleichen Vertrag Rechte geltend. Die Mittelmächte
erkannten den Anspruch Italiens ausdrücklich an für den Fall, daß
die im Bündnisvertrag vorgesehene Voraussetzung der Erweiterung der
österreichisch-ungarischen Machtsphäre auf dem Balkan, die nach
den Erklärungen des Wiener Kabinetts nicht in dessen Absicht lag,
tatsächlich eintreten sollte. Gebessert wurde durch diese Anerkennung
nichts.

Auch wirtschaftlich ließ Italien uns im Stich. Es erschwerte und
verhinderte die Durchfuhr wichtiger Stapelartikel nach Deutschland,
ja sogar den Abtransport der bei Ausbruch des Krieges in italienischen
Häfen mit Bestimmung für Deutschland bereits lagernden Güter. Die
Aussicht, auf dem Wege über das verbündete, aber in diesem Krieg neutral
bleibende Italien die gegen uns geplante Wirtschaftsblockade vereiteln
zu können, mußte von vornherein aufgegeben werden.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier zu schildern, wie eine
raffinierte Bearbeitung der italienischen Presse und Straße das Land für
den Verrat an dem alten Bundesgenossen reif machte. Ich beschränke mich
auf die Feststellung des Ergebnisses.

Bereits im Oktober 1914, als der plötzliche Tod San Giulianos, der
noch im Jahre 1912 die Erneuerung des Dreibundvertrages unterzeichnet
hatte, die Neubildung des italienischen Kabinetts nötig machte, trat
die Abkehr von den Mittelmächten unverhüllt in Erscheinung. Nachfolger
San Giulianos wurde Sidney Sonnino, ein Mann, von dem ein italienisches
Wort sagt, er sei »mezzo Ebreo, mezzo Inglese« -- halb Jude und halb
Engländer -- und dessen Parteinahme für England allbekannt war. Am 3.
Dezember sprach Salandra, der das Präsidium auch des neuen Kabinetts
behalten hatte, in der italienischen Kammer die bedenklichen Worte
von der »tätigen und wachsamen Neutralität«, der »stark gewappneten
Neutralität« und »den gerechten Ansprüchen«, die Italien zu
verwirklichen habe. Diese Worte deuteten an und verhüllten zu gleicher
Zeit, was sich in den geheimen diplomatischen Verhandlungen abspielte:
Das neue italienische Kabinett, umworben von Versprechungen und bedrückt
von Drohungen der Entente, getrieben von dem sich immer mehr erhitzenden
Nationalismus und Irredentismus der Straße, dabei dem Zug des eigenen
Herzens folgend und fast mehr schiebend als geschoben, verlangte von
Österreich-Ungarn die im Dreibundvertrag vorgesehene Kompensation
unabhängig von dem tatsächlichen Eintritt der zu kompensierenden
österreichisch-ungarischen Machterweiterung auf dem Balkan, lediglich
auf Grund der damals von der österreichisch-ungarischen Armee
eingeleiteten und dann so unglücklich verlaufenen neuen Operation
gegen Serbien; es verlangte die Kompensation nicht, wie es dem Sinn
des Vertrages entsprach, auf dem Balkan, sondern es richtete seine
begehrlichen Augen auf Trient und Triest; es forderte schließlich
nicht eine Kompensation für später, sondern sofortige Auslieferung der
verlangten Gebietsteile.

Eine Gefühlspolitik hätte diese Zumutungen auf jede Gefahr hin mit
Entrüstung zurückgewiesen. Aber Gefühlspolitik verbot sich für die
Mittelmächte bei der ernsten Lage, in der sie sich befanden, von selbst.
Es galt, Figuren zu opfern, um nicht mit Sicherheit das Spiel um die
eigene Existenz zu verlieren.

Die deutsche Regierung schickte den Fürsten Bülow, der sich zur
Verfügung gestellt hatte, als außerordentlichen Botschafter nach
Rom, damit er als bester Kenner der italienischen Personen und
Verhältnisse mit seinem ganzen Ansehen und seiner ganzen diplomatischen
Geschicklichkeit helfe, das Äußerste zu vermeiden.

Es bedurfte eines starken Druckes auf unseren österreichisch-ungarischen
Bundesgenossen, um überhaupt die Grundlage für Verhandlungen zu
schaffen und späterhin den Abbruch infolge der immer maßloser werdenden
italienischen Ansprüche zu verhüten. Noch Ende Januar 1915 sagte der
damalige Erzherzog-Thronfolger, der spätere Kaiser Karl, bei einem
Besuch im Großen Hauptquartier unserem Kaiser, wie schwer es dem Kaiser
Franz Joseph werde, sich vor den italienischen Zumutungen zu beugen.
Kaiser Wilhelm hat mir Anfang Februar gesagt, er könne es als Souverän
und Verbündeter nicht übers Herz bringen, auf den alten Kaiser in dieser
furchtbaren Sache zu drücken. Er sei dem Baron Burian, der vor kurzem
seinen Antrittsbesuch als neuernannter Minister des Auswärtigen gemacht
habe, dankbar für den Takt, mit dem dieser es unterlassen habe, ihn
auf die Trentinofrage anzusprechen. Die Aufgabe, Österreich-Ungarn zu
den unvermeidlichen Zugeständnissen zu bewegen, müsse ihm von seinen
Staatsmännern abgenommen werden.

Nur mit dem äußersten Widerstreben und bis aufs äußerste zögernd fand
die Wiener Regierung sich bereit, die italienischen Forderungen zu
diskutieren und schließlich in der Hauptsache zuzugestehen. Am 18.
Mai 1915 hat der Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Reichstag die
österreichischen Konzessionen mitgeteilt, deren Hauptpunkte waren:

1. Der von Italienern bewohnte Teil von Tirol wird an Italien abgetreten.

2. Ebenso das Westufer des Isonzo, soweit die Bevölkerung rein
italienisch ist, sowie die Stadt Gradisca.

3. Triest soll zur freien Kaiserlichen Stadt gemacht werden, eine den
italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine
italienische Universität erhalten.

4. Die italienische Souveränität über Valona und die dazugehörige
Interessensphäre wird anerkannt.

5. Österreich-Ungarn erklärt seine politische Uninteressiertheit an
Albanien.

Das Deutsche Reich hatte dem römischen Kabinett gegenüber im
Einverständnis mit der österreichisch-ungarischen Regierung die volle
Garantie für die loyale Ausführung dieser Anerbietungen übernommen.

Aber Sonnino hatte sich schon im April der Entente gegenüber gebunden.
Der volle Umfang der österreichischen Zugeständnisse wurde dem
italienischen Volke und seiner Vertretung vorenthalten. Die beiden
Kammern des italienischen Parlaments, deren Mehrheit friedensfreundlich
war, ließen sich durch die bis zum Weißglühen erhitzte Straße
einschüchtern und stimmten der Kriegserklärung zu, die von dem
italienischen Botschafter am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1915, in Wien
überreicht wurde. »Die Erfüllung der nationalen Aspirationen gegen jede
gegenwärtige und künftige Bedrohung« wurde in diesem Dokument als der
Kriegsgrund bezeichnet!

Deutschland gegenüber wurde eine Kriegserklärung nicht abgegeben. Auch
Deutschland sah zunächst von einer Kriegserklärung ab und beschränkte
sich auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Auch der Fürst Bülow hatte den Eintritt Italiens in den Krieg nicht
mehr verhindern können. Ob es ihm gelungen wäre, wenn die Wiener
Regierung eine größere Entschlußfähigkeit betätigt und rascher mit
ihren Zugeständnissen hervorgetreten wäre, ist nachträglich wohl kaum
zu entscheiden. Persönlich bin ich der Ansicht, daß die italienische
Regierung, nachdem sie einmal den Weg des Verrats und der Erpressung
betreten hatte, durch das Mißtrauen des Verräters und Erpressers
zwangsläufig in den Krieg getrieben worden ist, und daß von jenem
Augenblick an keine Diplomatie und kein Entgegenkommen den Krieg noch
verhindern konnte. Auch nach allem, was mir Fürst Bülow über seine
römische Mission erzählt hat, ist dieser Eindruck bei mir bestehen
geblieben.

War so die Sendung des Fürsten Bülow zum Scheitern verurteilt, so
hat der Fürst doch einen in seiner Tragweite kaum hoch genug zu
veranschlagenden Erfolg erzielt: er hat es verstanden, die Entscheidung
hinauszuschieben bis zu einem Zeitpunkt, in dem die Gestaltung der
militärischen Ereignisse unserem Bundesgenossen die Möglichkeit gab,
dem italienischen Angriff eine Verteidigung entgegenzustellen. Noch
in der letzten Aprilwoche 1915 hat mir der General von Falkenhayn
auf meine Frage geantwortet, daß weder die Österreicher noch wir
in der Lage seien, einem italienischen Angriff nennenswerte Kräfte
entgegenzuwerfen. Die am 2. Mai einsetzende Schlacht bei Gorlice
befreite Österreich-Ungarn von der russischen Gefahr und machte ihm
rechtzeitig die Hände frei für die Abwehr des italienischen Überfalls.


  Von der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintritt Bulgariens in
                                den Krieg

Die Mittelmächte waren am Ende des Jahres 1914, wie wir gesehen haben,
in die Verteidigung gedrängt, in eine feste Verteidigung im Westen, eine
bewegliche im Osten. Es handelte sich für die Leiter ihrer Operationen
darum, auch in dieser schwierigen Lage die Initiative zu behalten. Wie
die Dinge lagen, konnte sich die Initiative nur im Osten entfalten.

Dort setzte sie bald nach Beginn des Jahres 1915 auf den breiten
Flügeln der in gewaltigem Bogen von den Masurischen Seen über das
westliche Polen und die Karpathen bis zur ungarisch-rumänischen Grenze
geschwungenen Kampffront ein.

An der Karpathenfront gelang es, den Russen Czernowitz wieder
abzunehmen und sie in schweren Winterkämpfen über die verschneiten
Pässe zurückzuwerfen. Aber die Kraft der dort kämpfenden
österreichisch-ungarischen Armee und der sie verstärkenden deutschen
Truppen reichte nicht aus, um den Ausgang aus dem Gebirge zu erzwingen
und das belagerte Przemysl zu entsetzen. In der zweiten Februarhälfte
kam die Angriffsbewegung ins Stocken.

Dagegen führte die Umfassungsschlacht, die Hindenburg am 7. Februar
gegen den rechten Flügel der russischen Front einleitete, zu einem
vernichtenden Schlag, dessen Wucht selbst Tannenberg übertraf. Acht
Tage nach dem Beginn des Ringens war die russische Armee im Raume von
Augustow-Suwalki eingekreist, und wenige Tage darauf erreichte die
»Winterschlacht in Masuren« mit der Vernichtung der russischen Nordarmee
ihren Abschluß.

Ostpreußen war jetzt endgültig von den Russen befreit und vor neuen
Einbrüchen gesichert. Die Offensivkraft der russischen Gesamtarmee war
durch die Zerschmetterung ihres rechten Flügels und den Verlust seines
gesamten Kriegsmaterials auf das schwerste erschüttert. Bis in die
Karpathen hinein empfanden die Armeen der Mittelmächte die Entlastung.
Ihre Führer sahen den Weg zu einer umfassenden und entscheidenden
Offensive geöffnet.

Inzwischen rüttelten an der Westfront Franzosen, Engländer und Belgier
mit ihren farbigen Hilfsvölkern unausgesetzt an den deutschen
Stellungen, bald in Flandern, im Artois und in der Picardie, bald an
der Aisne und in der Champagne, bald vor Verdun und in den Vogesen.
Alle diese Vorstöße vermochten das deutsche Stellungssystem wohl da und
dort leicht einzubeulen, aber nicht zu erschüttern, geschweige denn zu
durchbrechen. Ja, die deutschen Truppen zeigten sich trotz der starken
zahlenmäßigen Überlegenheit der Feinde zu kräftigen Gegenstößen fähig.
Als sie gegen die Mitte des Januar 1915 in wuchtigem Gegenangriff
die Franzosen von den Soissons beherrschenden Höhenstellungen
herunterfegten, erzitterte Paris in Panik, und die Feldherren wie die
Staatsmänner der Entente mußten sich Rechenschaft geben, daß die Träume
vom September ausgeträumt waren, daß nur eine riesenhafte Anstrengung
den deutschen Stellungsring würde sprengen können.

Eine solche Anstrengung versuchte der Marschall Joffre um die Mitte des
Februar 1915. In breit angelegter Durchbruchsschlacht versuchte er die
deutschen Linien in der Champagne zu zerreißen, zum mindesten aber dem
in der Masurenschlacht schwer bedrängten russischen Verbündeten eine
Entlastung zu verschaffen. Weder das weitere noch auch das engere Ziel
wurde erreicht. Nach drei Wochen fast ununterbrochenen Ansturmes mußte
das Unternehmen aufgegeben werden.

In den folgenden Monaten lag der Schwerpunkt der Kämpfe bei dem
nordwestlichen Frontteil. Am 23. April begannen unsere Truppen einen
umfassenden Angriff auf die britischen Stellungen in der Gegend von
Ypern. Jetzt, in der besser gewordenen Jahreszeit, wollte unsere
Heeresleitung noch einmal den im Spätherbst mißlungenen Versuch machen,
hier die feindliche Stellung aus den Angeln zu heben. Die Anfangserfolge
waren vielversprechend. Es schien, als ob es gelingen sollte, die
Ypernstellung in eine eiserne Zange zu nehmen. Aber auch diesmal blieb
dem Heldenmut unserer Truppen der entscheidende Erfolg versagt. Dagegen
setzten vom 10. Mai an Franzosen und Engländer mit schweren Angriffen
gegen unsere Stellungen auf und an der Lorettohöhe ein. Abermals und
dringender denn je brauchte das russische Heer eine Entlastung.

Denn am 2. Mai hatte mit der Schlacht bei Gorlice die gewaltige Aktion
der verbündeten Armeen eingesetzt, für die die Karpathenkämpfe im
Januar und Februar und auch die Winterschlacht in Masuren, trotz ihrer
gewaltigen Dimensionen, nur eigentlich die Einleitung gewesen waren.
Die russischen Linien in Westgalizien von der ungarischen Grenze bis
zur Mündung des Dunajec in die Weichsel wurden im ersten Anprall
an zahlreichen Stellen durchbrochen. Die westgalizische Front war
zerschmettert, die südlich anschließende Karpathenfront kam ins Weichen,
ebenso die im Weichselbogen stehenden russischen Linien. Vierzehn Tage
nach Beginn der Offensive war der San erreicht und an mehreren Stellen
überschritten. Am 3. Juni wurde das nach langer Belagerung am 22. März
gefallene Przemysl wiedererobert. Am 22. Juni wurde Lemberg den Russen
entrissen.

Im Juli rückte der Schwerpunkt des Ringens nach Polen. Westlich der
Weichsel wie zwischen Weichsel und Bug drängten unsere siegreichen
Armeen gegen Norden. Gleichzeitig begann unsere Nordarmee, die
inzwischen mit schwachen detachierten Kräften den größten Teil von
Kurland erobert hatte, einen zermalmenden Druck von der Südgrenze
Ostpreußens gegen die Narewlinie. Im August war die Frucht reif. Fast
gleichzeitig fielen am 4. und 5. August Iwangorod im Süden und Warschau
im Norden. Am 19. August folgte Kowno, am 20. Nowo-Georgiewsk mit einer
unerhörten Beute an Artillerie und sonstigem Material. Am 26. August
war Brest-Litowsk, der gewaltige Waffenplatz am Bug, in unserer Hand.
Drei Wochen später waren unsere Truppen 180 Kilometer weiter östlich in
Pinsk angelangt; das russische Heer war vor ihnen in den Pripjetsümpfen
verschwunden. Die wolhynischen Festungen Luck und Dubno wurden eine
leichte Beute. Im Norden wurde am 3. September das stark befestigte
Grodno gestürmt. Am 18. September fiel Wilna. Aber leider blieb einem
großartigen Umfassungsversuch Hindenburgs in Richtung auf Minsk der
Erfolg versagt. Ende September 1915 hielten wir in einer Linie, die aus
der Gegend Dünaburg in fast genau südlicher Richtung über Pinsk nach der
Ostgrenze Galiziens führte. Hier war die große, Anfang Mai eingeleitete
Operation zum Abschluß gekommen.

Gewaltiges war in den fünf Monaten erreicht worden. Das Anfang Mai bis
auf einen kleinen Rest von den Russen besetzte Galizien und der östliche
Rand von Ostpreußen waren befreit, ganz Polen, Litauen und Kurland, dazu
große Teile von Wolhynien und Weißrußland mit ihren starken Festungen
waren erobert. Die große russische Armee, die größte, die wohl je die
Welt gesehen, war geschlagen und auseinandergesprengt, große Teile von
ihr waren vollkommen vernichtet. Mehr als eine Million Gefangener waren
in unsern Händen geblieben. Die Verluste der Russen an Kriegsmaterial
waren ungeheuer.

Und doch war Rußland nicht bezwungen. Seine Armee als Ganzes war zwar
stark geschwächt, aber nicht vernichtet, sein Kriegswille war nicht
gebrochen. Hinter der langgestreckten neuen Front begann es, aus seinem
fast unerschöpflichen Menschenreservoir und mit der finanziellen und
industriellen Hilfe seiner Verbündeten wie der neutralen Amerikaner
sich ein neues Kriegswerkzeug zu formen; das es später bei den weiteren
Entscheidungen mit Wucht in die Wagschale warf.

                    *       *       *       *       *

Während wir mit klopfendem Herzen dem Siegeslauf unserer Armeen folgten,
stürmten schwere politische Sorgen auf uns ein.

Die Entente war nicht imstande, den wuchtigen Schlag, den wir
militärisch gegen Rußland führten, durch einen Gegenschlag zu parieren.
Die Loretto-Offensive brachte ihr zwar einigen nicht unwichtigen
Geländegewinn; aber sie vermochte ebensowenig, wie im Februar und
März die Champagne-Offensive, unsere Stellungen zu durchbrechen oder
uns zu zwingen, die russische Armee freizugeben. Dafür suchte die
Entente Entlastung auf diplomatischem Gebiete. Rumänien und Bulgarien
wurden gleichzeitig in Bearbeitung genommen. Das Ziel war, einen neuen
Balkanbund herzustellen, die Türkei endgültig von uns zu trennen,
Konstantinopel und die Dardanellen durch eine vom Lande her mit der
Ententeflotte und dem Landungskorps von Gallipoli zusammenwirkende
Armee zu forcieren und gleichzeitig vom Osten und Südosten her einen
umfassenden Angriff der vereinigten Balkanstaaten auf Österreich-Ungarn
anzusetzen, der unserer Offensive gegen Rußland ein Ende setzen
sollte. Zusammen mit dem vom Süden und Südosten zu führenden Einmarsch
der italienischen Armeen sollte diese Aktion den Zusammenbruch der
Donaumonarchie und das Ende des Krieges bringen. Mit allen Mitteln wurde
darauf hingearbeitet, die beiden Balkanstaaten diesem Plane dienstbar zu
machen. Geld wurde ebensowenig gespart wie Versprechungen.

Unsere Gegenaktion war besonders schwierig in Rumänien, wo mit dem Tode
des Königs Carol die letzte Stütze der Mittelmächte gefallen war und
der Hof, die Regierung, die Armee und das Volk aus der Geneigtheit,
im geeigneten Zeitpunkt mit der Entente zu gehen, überhaupt keinen
Hehl mehr machten. Den Versprechungen der Entente, die den Rumänen
Siebenbürgen und Ungarn bis zur Theiß in Aussicht stellte, vermochten
wir nichts annähernd Gleichwertiges gegenüberzustellen. Auch wenn es
gelang, die ungarische Regierung zu erheblichen Zugeständnissen an
die ungarländischen Rumänen zu bewegen, auch wenn man die Rumänen auf
Bessarabien hinwies, selbst wenn man ihnen die Bukowina anbot, was
wollte dies besagen gegenüber der von der Entente eröffneten Aussicht
auf ein im Umfang und der Bevölkerung verdoppeltes Großrumänien! Zwar
feilschte man um Kleinigkeiten, so um das Banat, auf das auch Serbien
Ansprüche erhob; aber diese Differenzen waren nicht das retardierende
Element in den Entschlüssen der Bratianu und Take Jonescu, sondern
einzig und allein die mangelnde Sicherheit des unbedingten Erfolges.
Man wollte einer starken russischen Hilfe für die Moldau, einer Deckung
gegen Bulgarien für die Walachei vergewissert sein, ehe man sich
entschloß, einzugreifen. Demgegenüber gab es für die Mittelmächte nur
ein Mittel, Rumänien draußen zu halten oder gar es auf ihre Seite zu
bringen: wir mußten als die Stärkeren erscheinen und in der Lage sein,
auf Rumänien einen unmittelbaren militärischen Druck auszuüben.

Auch in Bulgarien lagen die Verhältnisse für unsere Diplomatie nicht
leicht. Zwar war der Haß gegen Serbien und Rumänien groß. Serbien
hatte sich im zweiten Balkankrieg den in den ursprünglichen Abmachungen
Bulgarien zuerkannten Hauptteil von Mazedonien angeeignet. Die
bulgarischen Mazedonier aber waren seit langem die eifrigsten und
tätigsten bulgarischen Nationalisten und spielten in Sofia eine große
und einflußreiche Rolle. Die Rumänen hatten durch ihre Intervention das
Schicksal Bulgariens im zweiten Balkankrieg entschieden und den Bulgaren
die südliche Dobrudscha abgenommen. Aber auch mit Griechenland, das die
Mittelmächte neutral zu halten wünschten und bisher mit dem König und
gegen Venizelos neutral gehalten hatten, und mit der Türkei, die an
unserer Seite kämpfte, hatten die Bulgaren Rechnungen zu begleichen.
Griechenland hatte sich nicht nur in dem auch von den Bulgaren begehrten
Saloniki festgesetzt, sondern den Bulgaren im zweiten Balkankriege die
wertvollen Gebiete von Serres, Drama und Cavalla abgenommen. Die Türkei,
die nach dem ersten Balkankrieg auf die Linie Enos-Midia zurückgedrängt
war, hatte den zweiten Balkankrieg benutzt, um sich Adrianopel sowie
einen bis an die Maritza heran- und über die Maritza hinausreichenden
Geländestreifen wiederzuholen. Auch das war eine noch nicht vernarbte
Wunde. Die Entente bot den Bulgaren Mazedonien und Thrazien an, war aber
hinsichtlich Mazedoniens durch serbischen und griechischen Widerstand,
hinsichtlich einer allzu starken Annäherung an Konstantinopel durch
russische Empfindlichkeiten behindert.

Spiel und Gegenspiel auf dem Balkan war in vollem Gange und schien
der Entscheidung zuzudrängen, als Italien am Pfingstsonntag 1915 an
Österreich-Ungarn den Krieg erklärte. Aus zuverlässiger Quelle hatten
wir vorher Nachrichten über Abmachungen zwischen Italien und Rumänien
erhalten, nach denen die beiden Staaten sich dahin verständigt hatten,
gemeinschaftlich einzugreifen. Aber schon in den Wochen vor der
italienischen Kriegserklärung war es klar, daß Rumänien noch zögerte. Es
war wohl in erster Linie unser Sieg von Gorlice und seine Auswirkung,
die Rumänien noch zur Zurückhaltung veranlaßten; aber die Lage Rumänien
gegenüber blieb prekär.

Die Bulgaren zeigten sich zurückhaltend und warteten offenbar auf
Anerbietungen, die wir ihnen in Rücksicht auf die Türkei nicht machen
konnten. Auch die auf Kosten Griechenlands gehenden Wünsche konnten
wir nicht erfüllen. In Athen kämpfte König Konstantin mit Venizelos
einen schweren Kampf um die griechische Neutralität. Hätten wir
Bulgarien damals die griechischen Provinzen an der Bucht von Cavalla
versprochen, so hätten wir uns die bulgarische Unterstützung mit der
Kriegserklärung Griechenlands erkauft. Wir drückten auf die Türkei, die
Entente drückte auf Serbien und Griechenland, um die Voraussetzungen
für ein Gewinnen Bulgariens zu schaffen. Oft schien die Entscheidung
auf des Messers Schneide zu stehen. Aber auch hinsichtlich Bulgariens
hatte ich den Eindruck, daß den Ausschlag nur ausreichende militärische
Garantien für den Erfolg seines Losschlagens geben würden. Nur wenn
wir uns fähig und bereit zeigten, sofort mit der bulgarischen Armee
wirksam zu kooperieren, konnten wir hoffen, den unerträglich werdenden
Schwebezustand zu unsern Gunsten zu beendigen.

Die immer dringender werdenden Hilferufe von den Dardanellen erinnerten
fast täglich an das, was auf dem Spiele stand.

Nach der Landung der Ententetruppen auf Gallipoli war eine Aktion gegen
den Negotiner Kreis erneut in Erwägung gezogen worden. Angesichts
des guten Verlaufs der Offensive in Westgalizien war die Oberste
Heeresleitung mehr als bisher geneigt, die Aktion in Angriff zu nehmen.
Die Kriegserklärung Italiens an Österreich machte den Plan abermals
zunichte; denn jetzt mußte jeder anderswo entbehrliche Mann zur Abwehr
des italienischen Angriffs herangezogen werden. Auch diese Aussicht auf
eine Lösung mußte also vertagt werden.

Wenn die Lage überhaupt noch eine Verschärfung erfahren konnte, so
durch die ernste Spannung unseres Verhältnisses zu den Vereinigten
Staaten infolge der Torpedierung der »Lusitania«. Das Schiff war am
7. Mai versenkt worden; am 17. Mai, sechs Tage vor der italienischen
Kriegserklärung, übergab Herr Gerard die Note, die im ernstesten Ton
Genugtuung und Sicherheiten gegen die Wiederholung eines solchen Falles
verlangte. Seit jenen Tagen lag der schwere Schatten des Bruchs mit
Amerika über unserm Schicksal.

Den Abend des 22. Mai, den Vorabend des Pfingstfestes, verbrachte ich
bis spät in die Nacht hinein beim Kanzler. Wir waren allein auf dem
großen Gartenbalkon. Eine wundervolle Mondnacht lag über dem Park. Der
Kanzler schloß sich auf und sprach über seine Sorgen. Vom Fürsten Bülow
waren Telegramme aus Rom gekommen; der Fürst hatte noch eine letzte,
ganz schwache Hoffnung, aber das Gefühl sagte uns, daß der italienische
Krieg unabwendbar sei. Wir konnten jetzt hoffen, daß es gelingen werde,
den italienischen Angriff am Isonzo und an der Alpenfront aufzuhalten.
Aber die Rückwirkung auf den Balkan? Wie lange würde in Rumänien das
Schwanken, das seit unserer Gorlice-Offensive bemerkbar war, vorhalten?
Wie lange noch würden die Türken ohne ausgiebige Munitionszufuhr die
Dardanellen halten können? Welche Mittel gab es, Rumänien unter Druck
zu halten und die Verbindung mit der Türkei herzustellen? Unser Angriff
in Galizien hatte den San und damit einen gewissen Abschluß erreicht.
Weiter östlich hatten die österreichisch-ungarischen Truppen überall
die Karpathenausgänge erkämpft und standen in der Bukowina, am Pruth
und an der rumänischen Grenze. Die Frage lag nahe, ob jetzt nicht die
Möglichkeit gegeben sei, einen Teil unserer Ostarmeen heranzuziehen,
um die Lage auf dem Balkan in unserm Sinne zu entscheiden. Der Kanzler
sagte mir, daß General Falkenhayn eine Erneuerung der Offensive in
Galizien vorbereite und dafür seine Truppen brauche. Ich fragte nach dem
strategischen und politischen Ziel; die Säuberung Ostgaliziens und die
Befreiung Lembergs ständen nach meiner Ansicht politisch und schließlich
auch militärisch doch weit hinter einer endgültigen Eingliederung des
Balkans in unser politisch-strategisches System zurück. Der Kanzler
entgegnete, nach Falkenhayns Ansicht sei die russische Armee furchtbar
mitgenommen; der jetzt beginnende neue Angriff solle das Werk vollenden;
beim Durchhalten dieses Programms hoffe die Oberste Heeresleitung in
wenigen Wochen die russische Offensivkraft, zum mindesten für den Rest
des Sommers, endgültig zu brechen; es sei für ihn, den Kanzler, auch
wenn er weniger zuversichtlich denke als Falkenhayn, sehr schwer, dem
siegreichen Feldherrn in den Arm zu fallen.

Am nächsten Vormittag sprach ich mit dem Unterstaatssekretär Zimmermann
und einigen meiner Freunde vom Auswärtigen Amt über dieselbe Frage. Die
italienische Kriegserklärung war inzwischen sicher geworden, und der
Kanzler hatte sich entschlossen, am nächsten Abend mit Herrn von Jagow
nach dem Großen Hauptquartier zu reisen. Mir schien von dem richtigen
Entschluß in dieser kritischen Lage für den Ausgang des ganzen Krieges
so viel abzuhängen, daß ich für meine Person nichts versäumen wollte.
Ich übergab deshalb dem Kanzler vor seiner Abreise die nachstehende
Niederschrift:

    »Unsere Feinde werden, nachdem die Verführung Italiens zum
    Treubruch gelungen ist, alles daransetzen, um die Balkanstaaten,
    insbesondere Rumänien und Bulgarien, zum Eingreifen gegen uns
    zu bringen und dadurch gleichzeitig der Türkei das Ausharren an
    unserer Seite unmöglich zu machen. Das Gelingen dieser Bemühungen
    würde sofort die militärische Aufgabe aufs äußerste erschweren: das
    österreichisch-ungarische Staatsgebiet wäre nicht nur im Norden
    gegen die Russen und im Südwesten gegen die Italiener, sondern im
    weiten Bogen auch im Osten und Süden gegen die neuen Balkanarmeen
    zu verteidigen, während gleichzeitig die Öffnung der Dardanellen
    gestatten würde, den Russen und Rumänen Kriegsmaterial und eventuell
    Hilfstruppen in unbeschränkten Mengen zuzuführen.

    »Es ist also nicht nur ein politisches, sondern auch ein
    militärisches Lebensinteresse, daß der Übertritt Rumäniens und
    Bulgariens in das Lager unserer Feinde verhindert wird.

    »Ein solches Verhindern ist heute durch das Mittel bloßer
    Versprechungen oder auch sofortiger effektiver Zugeständnisse nicht
    mehr möglich. Versprechungen sind nach dem Treubruche Italiens
    noch stärker im Kurs gesunken, als sie es bereits waren; außerdem
    sind unsere Gegner in der Lage, alle unsere und Österreich-Ungarns
    Versprechungen zu übertrumpfen. Sofortige effektive Zugeständnisse
    könnten nur gegenüber Rumänien in Betracht kommen (Bukowina,
    Siebenbürgen); aber der Appetit der Rumänen geht heute bereits
    so weit, daß er nicht befriedigt werden kann; irgendwelche
    Anerbietungen würden also nur eine Einladung zur Chantage sein und
    als Zeichen der Schwäche aufgefaßt werden und so die zu vermeidende
    Entwicklung vielleicht noch beschleunigen.

    »Sowohl Rumänien wie auch Bulgarien werden sich unter diesen
    Umständen in ihrem Verhalten nur durch positive Ereignisse und
    Handlungen bestimmen lassen. Dabei wird das Verhalten der beiden
    Balkanstaaten sich gegenseitig beeinflussen: ein Vorgehen Rumäniens
    gegen uns wird der russenfreundlichen Partei in Sofia Oberwasser
    geben, während umgekehrt die Furcht vor einem Vorgehen Bulgariens
    an unserer Seite die Russenfreundschaft und Kriegslust Rumäniens
    dämpfen würde.

    »Frage: Was hat zu geschehen:

    1. um Rumänien von dem Eingreifen uns gegenüber zurückzuhalten?

    2. um Bulgarien zu einem Eingreifen an unserer Seite zu veranlassen?

    »ad 1. Bei dem nahezu sicheren Versagen aller Versprechungen und
    Zugeständnisse bleibt uns -- außer der unter 2. zu besprechenden
    Sicherung über Bulgarien -- nur der militärische Druck; wenn wir in
    der Lage sind, den Rumänen zu sagen: sobald ihr euch rührt, schlagen
    wir zu, ist die Situation gewonnen. Erscheinen wir den Rumänen
    gegenüber als die Stärkeren und Fordernden statt als die Schwachen
    und Bittenden, so wird der Mut der Rumänen sich verflüchtigen; und
    selbst, wenn wir dann zum Losschlagen gegen Rumänien gezwungen sein
    sollten, können wir als Angreifer mit großer Sicherheit auf ein
    Mitgehen Bulgariens rechnen, während wir als schwache Angegriffene
    auch Bulgarien auf der andern Seite sehen würden.

    »Die Frage ad 1 kommt also darauf hinaus: Können unsere Armeen in
    Galizien und der Bukowina jetzt schon eine den sofortigen Einmarsch
    in die Moldau gestattende Gruppierung erfahren?

    »ad 2: Auch Bulgarien gegenüber wird mit Versprechungen allein
    (Mazedonien, Dobrudscha usw.) nichts auszurichten sein. Immerhin
    kann Bulgarien vielleicht stark beeindruckt werden durch den Hinweis
    auf die großen, vom Dreiverband den Rumänen gemachten Versprechungen
    (Ungarn bis zur Theiß), wodurch Rumänien endgültig die Vorherrschaft
    auf dem Balkan gewinnen würde. Sichere Wirkung ist aber auch bei
    den Bulgaren nur durch Handlungen zu erreichen. In erster Linie
    steht hier der Angriff auf den Negotiner Donauzipfel; hier ist
    die geographische Entfernung am kürzesten, und ein Losschlagen
    gegen Serbien würde den Bulgaren wegen Mazedonien eher liegen als
    ein Losschlagen gegen Rumänien im Falle unseres Einrückens in der
    Moldau. Eine Aktion gegen den Negotiner Zipfel würde freilich die
    Bulgaren nur dann mit Sicherheit zum Losschlagen an unsere Seite
    bringen, wenn unsere Aktion raschen Erfolg aufweisen oder wenigstens
    von vornherein durch das Einsetzen ausreichend starker Kräfte den
    Erfolg sichern würde.

    »Als wirksamstes Mittel, eine gegen uns gerichtete Balkankombination
    im Keim zu zerstören und Bulgarien zum Eingreifen an unserer Seite
    zu veranlassen, erscheint also nach wie vor eine ausreichend starke
    Aktion gegen den Negotiner Zipfel.

    »An zweiter Stelle steht eine Gruppierung unserer Truppen in
    Galizien und der Bukowina, die in der kürzesten Zeit uns gestatten
    würde, einen starken Druck auf Rumänien auszuüben, nicht nur nach
    der negativen Seite des Stillhaltens hin, sondern auch nach der
    positiven Seite des Durchlassens von Munition usw. nach Bulgarien
    und der Türkei.

    »Geschieht nicht in der allernächsten Zeit entweder das eine
    oder das andere, dann ist zu befürchten, daß trotz des schönsten
    Fortgangs unserer Operationen in Galizien der ganze Balkan gegen uns
    geht und die Türkei zur Kapitulation gezwungen wird. Dann wären die
    Früchte des galizischen Sieges verloren und alle die großen Opfer
    umsonst gebracht.

    »Es ist also zwingend notwendig, auf das gewissenhafteste und
    sorgfältigste zu überlegen, wie der Fortgang der galizischen
    Operation -- und natürlich auch die Verteidigung gegen den
    italienischen Angriff -- mit den unter 1 und 2 angeführten Aktionen
    in Einklang gebracht werden kann. Diese zwingende Notwendigkeit ist
    nicht nur eine politische; denn die politischen Entwicklungen von
    heute setzen sich morgen in militärische Zwangslagen um[1].«

  [1] Auch Graf Czernin, damals noch österreichisch-ungarischer Gesandter
      in Bukarest, sah in jener Zeit eine Aussicht, Rumänien zu
      gewinnen. In einer Rede, die er am 11. Dezember 1918 in Wien
      gehalten hat, führte er aus, daß Majorescu, der Führer der
      rumänischen Konservativen, damals nicht abgeneigt gewesen sei,
      sich auf unsere Seite zu stellen; die rumänische Armee, die
      nach Bessarabien vorgestoßen wäre, wäre weit in den Rücken
      der zurückflutenden russischen Armee gekommen und hätte nach
      menschlicher Berechnung in Rußland ein Debacle herbeiführen
      müssen. Damals, wo es noch kein »Amerika« am Horizont gab, hätte
      man nach einem solchen Erfolg vielleicht den Krieg beendigen
      können. Allerdings hätten damals die Rumänen als Preis für ihre
      Kooperation eine ungarische Grenzrektifikation verlangt, die von
      Ungarn glatt refüsiert worden sei.

Der Kanzler schloß sich meiner Auffassung an. Im Großen Hauptquartier
jedoch stellte man die Ausnutzung des galizischen Sieges bis zur
äußersten Möglichkeit über alle andern Erwägungen.

Während unsere Armeen in Galizien neue Siege errangen, Lemberg
befreiten und weiter gegen Osten vordrangen, blieb die Balkanlage
im Schwebezustand. Bulgarien suchte sich mit der Türkei direkt zu
verständigen; aber die Sondierung, ob die Türkei bereit sei, den
Bulgaren Adrianopel und die Grenze Enos-Midia zuzugestehen, stieß
in Konstantinopel, trotz der bedrängten Lage der Dardanellen, auf
entrüstete Ablehnung. Insbesondere Enver Pascha, der Wiedereroberer
Adrianopels, konnte sich mit der Herausgabe dieser Festung nicht
abfinden. Djavid Bey, mit dem ich in jener Zeit über die Deckung
des türkischen Geldbedarfs verhandelte, sagte mir am 1. Juli, die
Herausgabe von Adrianopel sei gänzlich ausgeschlossen, deutete aber
an, daß die Maritza als Grenze möglich sei. Das war eine Grundlage für
die diplomatische Verständigung; aber gleichzeitig wurde auch immer
deutlicher, daß ohne eine militärische Aktion unsererseits auf dem
Balkan Bulgarien nicht zum Marschieren zu bringen war.

Wieder trat in jener Zeit eine Pause auf dem galizischen Kriegstheater
ein. Die Offensive nach Osten hatte sich ausgewirkt. »Die Lage ist
unverändert« lautete fast Tag für Tag der Heeresbericht über den
südöstlichen Kriegsschauplatz. Aber auch jetzt konnte sich die Oberste
Heeresleitung nicht entschließen, sich dem Balkan zuzuwenden. Das
große Kesseltreiben gegen Polen von Norden und Süden her war bereits
in Vorbereitung. Falkenhayn vertröstete den Kanzler auf die Beendigung
dieser Aktion.

Der glänzende Feldzug in Polen füllte den Juli und August. Mit Hängen
und Würgen hielten die Türken die Dardanellen, während in Sofia der
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, unterstützt von dem Gesandten
Grafen Oberndorff und Herrn von Rosenberg vom Auswärtigen Amt, mit König
Ferdinand und seiner Regierung, im Großen Hauptquartier der General
von Falkenhayn mit den bulgarischen Militärs über die politischen und
militärischen Bedingungen des Zusammenschlusses verhandelten, nachdem
unter unserer Mitwirkung eine Einigung zwischen Bulgarien und der
Türkei zustandegekommen war, die den Türken Adrianopel beließ, den
Bulgaren aber die Maritza mit einem Geländestreifen auf dem östlichen
Ufer zurückgab.

Den Bulgaren wurde ferner das bulgarische Mazedonien sowie das östliche
Serbien bis zur Morawa zugesagt. Ihre Ansprüche auf das griechische
Gebiet von Drama, Serres und Cavalla sollten nur dann praktisch werden,
wenn Griechenland von seiner Neutralität zu Kriegshandlungen gegen
unsern Verband übergehen sollte. Dafür behielten sich die Türken vor, im
Falle einer bulgarischen Gebietserweiterung auf Kosten Griechenlands die
jetzt von ihnen abzutretenden Gebiete von Bulgarien zurückzuverlangen.

Die Entente hat nicht vermocht, so lange wir ihr auch notgedrungen Zeit
lassen mußten und so sehr sie alle diplomatischen Künste spielen ließ,
den Anschluß Bulgariens an die Mittelmächte zu verhindern. Zwar war
der griechische Ministerpräsident bereit, der Entente über den Kopf
seines Königs hinaus einen großen Trumpf in die Hand zu geben, indem er
zugunsten Bulgariens auf Serres, Drama und Cavalla gegen Entschädigung
durch Smyrna und andere von Griechen bevölkerte Teile Kleinasiens
verzichten wollte. Aber Serbien sperrte sich gegen die Ausdehnung der
von den Westmächten in Mazedonien gewünschten Konzessionen; und den
großen Trumpf, Konstantinopel, der bei den Bulgaren sicher gestochen
hätte, wagte man in Rücksicht auf Rußland nicht auszuspielen. So
gewannen die Mittelmächte das Übergewicht.

Am 7. September konnten in Sofia alle Verträge unterzeichnet werden. Die
Vorbereitungen für die gemeinschaftliche Aktion gegen Serbien wurden
sofort eingeleitet.


           Vom Eingreifen Bulgariens bis zum rumänischen Krieg

Am 20. September donnerten zum ersten Male wieder seit langer Zeit an
der serbischen Donau die Kanonen. Belgrad und Semendria wurden aus
österreichischen und deutschen Geschützen beschossen. Es war nur ein
Auftakt. Der wirkliche Angriff begann erst am 6. Oktober.

Vorher aber machte die Entente einen heroischen Versuch, auf der
Westfront die Entscheidung des Krieges zu erzwingen.

Am 25. September 1915 meldete der deutsche Heeresbericht:

»Auf der ganzen Front vom Meere bis zu den Vogesen nahm das feindliche
Feuer an Stärke zu und steigerte sich östlich von Ypern zwischen dem
Kanal von La Bassée und Arras sowie in der Champagne von Prosnes bis zu
den Argonnen zu äußerster Heftigkeit. Die nach der zum Teil 15stündigen
stärksten Feuervorbereitung zu erwartenden Angriffe haben begonnen.«

Was mit dieser Generaloffensive erreicht werden sollte, besagte ein
Armeebefehl des Generals Joffre vom 14. September, in dem es hieß:

»Auf dem französischen Kriegsschauplatz zum Angriff zu schreiten, ist
für uns eine Notwendigkeit, um die Deutschen aus Frankreich zu verjagen.
Wir werden sowohl unsere seit zwölf Monaten unterjochten Volksgenossen
befreien, als auch dem Feinde den wertvollen Besitz unserer besetzten
Gebiete entreißen. Außerdem wird ein glänzender Sieg über die Deutschen
die neutralen Völker bestimmen, sich zu unsern Gunsten zu entscheiden,
und den Feind zwingen, sein Vorgehen gegen die russische Armee zu
verlangsamen... Der gegenwärtige Zeitpunkt ist für einen allgemeinen
Angriff besonders günstig. Einerseits haben die Kitchener-Armeen ihre
Landung in Frankreich beendet, und andererseits haben die Deutschen
noch im letzten Monat von unserer Front Kräfte weggezogen, um sie
an der russischen Front zu verwenden. Die Deutschen haben nur sehr
dürftige Reserven hinter der dünnen Linie ihrer Grabenstellung... Es
wird sich für alle Truppen, die angreifen, nicht nur darum handeln, die
ersten feindlichen Gräben wegzunehmen, sondern ohne Ruhe Tag und Nacht
durchzustoßen über die zweite und dritte Linie bis in das freie Gelände.
Die ganze Kavallerie wird an diesen Angriffen teilnehmen, um den Erfolg
mit weitem Abstand vor der Infanterie auszunutzen.«

Südwestlich von Lille, in der Gegend von Loos, erzielten die
Engländer, in der Champagne die Franzosen ansehnliche Anfangserfolge.
In der Champagne verloren wir die ganzen ersten Stellungen des III.
Armeekorps, viele Gefangene und viele Geschütze. Aber weder im Artois
noch in der Champagne erreichten die Feinde den Durchbruch. Es gelang
uns, ausreichende Reserven heranzuführen und die Einbruchsstellen
abzuriegeln. Die schweren Angriffe dauerten mit kurzen Unterbrechungen
bis in die zweite Oktoberhälfte hinein, ohne unsern Feinden mehr zu
bringen als unbedeutende lokale Geländegewinne.

Während Engländer, Belgier und Franzosen in diesen gewaltigen Anstürmen
ihre Kräfte nutzlos erschöpften, kamen auf dem Balkan die Ereignisse ins
Rollen.

Bulgarien mobilisierte. Rußland, unterstützt von Frankreich, stellte
am 4. Oktober ein Ultimatum. Am 7. Oktober war der Abbruch der
diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und den Ententemächten
vollzogen.

In den Tagen des letzten und stärksten Druckes auf Bulgarien bemächtigte
sich die Entente des Hafens von Saloniki als Operationsbasis. Am 5.
Oktober landete sie dort Truppen, angeblich auf Grund einer Aufforderung
des Ministerpräsidenten Venizelos. Am gleichen Tage gab Venizelos seine
Entlassung, nachdem ihm der für die unbedingte Aufrechterhaltung der
Neutralität eintretende König erklärt hatte, »er könne der Politik
seines Kabinetts nicht bis zu Ende folgen«. Die Besetzung von Saloniki
wurde von der Entente durchgeführt und aufrechterhalten gegen den
formellen Protest der griechischen Regierung.

Am 6. Oktober überschritten deutsche und österreichisch-ungarische
Truppen an verschiedenen Stellen die serbischen Grenzflüsse Drina,
Sawe und Donau. Zwei Tage später wurde Belgrad genommen. Semendria
folgte. Der Vormarsch ins Innere Serbiens begann. Am 15. Oktober griff
Bulgarien ein. Zehn Tage später war an der Donau die Verbindung zwischen
den Truppen der Mittelmächte und Bulgariens hergestellt; der Donauweg
war endlich frei. Am 6. November fiel die serbische Festung Nisch; die
Eroberung des alten Serbien war damit abgeschlossen. Vier Wochen darauf
wurde Monastir genommen. Mitte Dezember war Alt- und Neuserbien in
den Händen der deutschen, österreichischen und bulgarischen Truppen.
Mitte Januar 1916 besetzten die Österreicher die montenegrinische
Hauptstadt. Wenige Tage später streckte Montenegro die Waffen. Der Abzug
der Ententetruppen von den Dardanellen setzte das Siegel unter diese
Ereignisse.

Aber es blieb die Ententebasis in Saloniki als Pfahl im Fleisch, und
nördlich der Donau verharrte Rumänien in dauerndem Abwarten.

Ich halte es für einen der schwersten und verhängnisvollsten Fehler, die
von unserer Seite während des Krieges gemacht worden sind, daß wir, ehe
wir auf dem Balkan ganze Arbeit getan hatten, uns mit unserer Hauptmacht
wieder dem westlichen Kriegsschauplatz zuwendeten, um dort den Versuch
zu machen, mit Verdun den wichtigsten Schulterpunkt des feindlichen
Stellungssystems zu brechen.

Über die Gründe für diesen Entschluß und über die Art und Weise, wie
er zustandegekommen ist, habe ich niemals volle Klarheit bekommen
können. Die Vorbereitungen der Aktion gegen Verdun wurden mit solcher
Heimlichkeit betrieben, daß es im Februar, kurz vor Beginn unserer
Operationen, zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem General
von Falkenhayn und dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg gekommen ist,
weil letzterer außer dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts auch mich
in den Plan eingeweiht hatte.

Ich selbst hatte am Neujahrstag 1916 Gelegenheit zu einer längeren
Unterhaltung mit dem General von Falkenhayn in seinem Amtszimmer im
Berliner Kriegsministerium. Von Verdun und einer größeren Offensive in
Frankreich erwähnte er nichts; Hauptgegenstand unserer Unterhaltung
war vielmehr die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges, von der
Falkenhayn, gestützt auf das Urteil des Admiralstabs, ein baldiges Ende
des Krieges erwartete, während ich Zweifel gegen die Berechnung des
Admiralstabs geltend machte. Meinerseits wies ich darauf hin, daß die
Balkansituation einer weiteren Klärung bedürfe. Insbesondere müßten
wir uns vergewissern, wie wir mit Rumänien daran seien. »Nur wenn Sie
der Donna Rumania den Arm fest um die Taille legen, wird sie sich
entschließen, mit uns zu tanzen.« Falkenhayn antwortete: »Sie gehören
wohl auch zu den Leuten, die meinen, ich müßte nach Kiew marschieren?«
Ich antwortete, daß Kiew mir Hekuba sei, daß es mir vielmehr einzig
und allein auf Rumänien ankomme, das wir nicht als ganz unsicheren
Kantonisten im Rücken behalten dürften.

Am 23. Februar 1916 begannen, infolge des für die Artillerievorbereitung
unmöglichen Wetters einige Tage später, als ursprünglich geplant,
unsere Operationen gegen Verdun. Bereits zwei Tage später nahmen unsere
Truppen das hochgelegene Fort Douaumont, den wichtigen Nordpfeiler der
Außenbefestigungen von Verdun. Wir schienen den Erfolg in den Händen
zu haben. Bei den Franzosen herrschte die schwerste Besorgnis; die
Befehle zur Räumung der Stadt und des rechten Maasufers sollen damals
gegeben, aber gleich darauf widerrufen worden sein. Während wir mit
unserer schweren Artillerie nur langsam vorwärts kamen, verstärkte sich
der französische Widerstand. Monatelang wogte der Kampf auf den Höhen
und in den Schluchten rechts und links der Maas hin und her, ohne eine
Entscheidung zu bringen. Die Verluste auf beiden Seiten waren gewaltig.
Unsere Heeresleitung suchte sich und andere damit zu trösten, daß die
französischen Verluste noch erheblich größer seien als die unsrigen, ja
daß dieses »Ausbluten der Franzosen im Sack von Verdun« wichtiger sei
als der Besitz der Festung selbst. Niemandem war bei diesem Troste wohl.

Gegen die Mitte des Jahres lief sich die Verdun-Offensive tot. Andere
Kampfhandlungen von riesenhaftem Ausmaß, für die unsere Gegner die
Initiative ergriffen, übertönten den verhallenden Kanonendonner an der
Maas.

Mitte Mai hatten die Österreicher nach großen Vorbereitungen in Südtirol
gegen die Italiener, die in den zwölf Monaten seit ihrer Kriegserklärung
so gut wie nichts erreicht hatten, eine Offensive begonnen. Der Angriff
entwickelte sich gut. Ende Mai waren die wichtigen befestigten Plätze
Asiago und Arsiero in den Händen der Österreicher. Der Austritt in die
Po-Ebene schien gesichert.

Da führte das russische Heer vom 5. Juni an auf der ganzen Front
zwischen dem Pruth und dem Styrknie wuchtige Stöße gegen die nicht
sehr starken österreichischen Linien. Sie schlugen eine weite und
tiefe Bresche. Die wolhynischen Festungen fielen. Czernowitz und die
Bukowina wurden wieder preisgegeben. Hunderttausende von Gefangenen
und ungezähltes Material geriet in die Hand der Russen, die über die
Leichtigkeit, mit der sie diesen großen Erfolg errangen, vielleicht
selbst am meisten erstaunt waren.

Die Österreicher waren gezwungen, die wankende Front mit allen Mitteln
zu stützen. Die so vielversprechende Offensive gegen Italien wurde
aufgegeben, um Truppen für den bedrohten Osten freizubekommen. Die
Italiener konnten zu Gegenangriffen übergehen. Gegen Ende Juni mußten
die Österreicher ihre Südtiroler Front zurücknehmen; am Isonzo mußten
sie vor den erneut einsetzenden Offensivstößen der Italiener sich auf
die Höhen östlich des Flusses zurückziehen und Görz preisgeben. Auch
vom nördlichen Teil der russischen Front, den Hindenburg kommandierte,
wurden Verstärkungen auf Verstärkungen nach dem Süden abgegeben,
obwohl auch im Norden russische Angriffe begannen. Ja es wurden einige
türkische Divisionen an der galizischen Front eingesetzt.

Die schweren Kämpfe an der Ostfront waren noch in vollem Gange,
als die Ententeheere am 1. Juli im Westen zu einem alle bisherigen
Offensivstöße weit übertreffenden Angriff ansetzten. »In einer Breite
von 40 Kilometern,« so berichtete unser Großes Hauptquartier am 2. Juli,
»begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschränkten Mitteln
vorbereitete englisch-französische Massenangriff nach siebentägiger
stärkster Artillerie- und Gasvorbereitung auf beiden Ufern der Somme
sowie des Ancrebaches.« Von diesem Tage an waren unsere Truppen
fünf volle Monate hindurch den wütenden Anstürmen der Engländer und
Franzosen ohne Unterbrechung ausgesetzt. Der Feind hatte die starke
Überlegenheit in der Zahl der Kämpfenden. Er hatte eine noch weit
größere Überlegenheit im Material aller Art; denn die Industrie nahezu
der ganzen Welt arbeitete für ihn. Es ist eine kaum faßliche Leistung
unserer Feldgrauen, daß sie, unaufhörlich überschüttet vom dichtesten
Eisenhagel, in kaum aussetzenden Nahkämpfen mit der in unerschöpflichen
Wellen anstürmenden weißen und farbigen Übermacht die eiserne Kette
hielten und nur Schritt für Schritt dem ungeheuren Druck Raum gaben. Es
ging fast über menschliche Kraft, aber es wurde durchgehalten.

In der Zeit der schärfsten Zuspitzung der militärischen Lage, als zu
dem russischen Vorstoß die französisch-englischen Angriffe hinzukamen,
weilte ich bei dem Feldmarschall von Hindenburg in Kowno. Ich hatte
Gelegenheit, mit Hindenburg und seinen Offizieren die politische und
militärische Lage eingehend zu besprechen. Der Eindruck, den ich
gewann, war erschütternd. Hindenburg sagte mir am Abend des 3. Juli:
»Wir haben hier oben im Norden überhaupt nur noch eine durchsichtige
Kattunschürze. Ich habe, um das Loch bei den Österreichern zuzustopfen,
alles weggegeben, was ich entbehren kann, und mehr als das. Es blieb
mir nichts anderes übrig. Aber was ich weggegeben habe, sehe ich
nicht wieder. Nun greift der Russe hier oben bei uns an, ich weiß
nicht, was werden soll.« Seine Mitarbeiter wurden deutlicher. Die
verhängnisvollen Nachteile des Mangels eines einheitlichen Oberbefehls
über die Ostfront mußte auch dem Laien einleuchten. Meine Zweifel
an der Richtigkeit der im Osten befolgten Strategie, die ich seit
den Monaten Mai und Juni mit mir herumtrug, fand ich bestärkt. Wir
standen vom Rigaer Busen bis zur rumänischen Grenze in einer weit
auseinandergezogenen, wohl mehr als zwölfhundert Kilometer langen Front,
die in ihren überwiegenden Teilen eines jeden natürlichen Schutzes
entbehrte und gegen energische Offensivstöße einer an einem beliebigen
Punkt zusammengeballten Macht kaum zu halten war. Im Westen hatten wir
unsere beste Kraft in der Verdun-Offensive eingesetzt; nicht nur war es
uns nicht gelungen, die große Schulterfestung zu bezwingen, auch der
angebliche Erfolg des Ausblutens der Franzosen wurde durch die jetzt
beginnende Somme-Offensive als Täuschung erwiesen. Dazu im Hintergrund
die rumänische Gefahr, die durch den Zusammenbruch des Rumänien zunächst
gelegenen österreichischen Frontteiles nahezu automatisch ausgelöst
werden mußte.

Das dringendste Erfordernis der Stunde erschien mir die
Vereinheitlichung des Oberbefehls über die gesamte Ostfront. In
diesem Sinne telephonierte ich noch vom Osten aus am 4. Juli mit dem
Reichskanzler.

Als ich am Sonntag, 9. Juli, nach Berlin zurückkehrte, schilderte
ich dem Kanzler mündlich auf das Eindringlichste meine Wahrnehmungen
und Eindrücke. Der Kanzler hatte, wie mir bekannt war, schon in
einem früheren Stadium des Krieges und auch späterhin wiederholt
die Frage des Oberbefehls aus dem Zweifel heraus, ob der General
von Falkenhayn der richtige Mann an diesem Platze sei, zur Sprache
gebracht. Die militärischen Berater des Kaisers hatten jedoch damals
mit Entschiedenheit an General von Falkenhayn festgehalten. Der Kanzler
erzählte mir jetzt, daß der Kronprinz von Bayern neuerdings an den
Grafen Lerchenfeld, der diesen kurz zuvor im Gefolge des Königs von
Bayern in seinem Hauptquartier besucht hatte, einen Brief mit den
heftigsten Vorwürfen gegen die Oberste Heeresleitung geschrieben
habe. Auch andere hohe Offiziere seien jetzt zu der Ansicht gekommen,
daß die Oberste Heeresleitung in ihrer derzeitigen Zusammensetzung
den Schwierigkeiten der Lage nicht gewachsen sei. Der Kanzler hatte
inzwischen bereits die Übertragung des Oberbefehls über die gesamte
Ostfront einschließlich der österreichisch-ungarischen Truppen an
den Feldmarschall von Hindenburg verlangt. Der Chef des Generalstabs
der österreichisch-ungarischen Armee Conrad von Hötzendorff war
alsbald mit dem Antrag befaßt worden, hatte aber zunächst abgelehnt.
Einige Tage später hörte ich, daß der ungarische Ministerpräsident
Graf Tisza sich entschieden für die Übertragung des Oberbefehls an
Hindenburg ausgesprochen habe. Am 18. Juli waren die Generale Conrad
von Hötzendorff, von Falkenhayn und Ludendorff zur Besprechung der
Angelegenheit in Berlin; eine Einigung kam nicht zustande.

Ich war in den folgenden Tagen in München und Stuttgart. Sowohl der
König von Bayern wie der König von Württemberg sprachen sich mir
gegenüber aus eigener Initiative dafür aus, daß in der ungemein ernsten
Lage auf den Feldmarschall von Hindenburg zurückgegriffen werden müsse.
Der württembergische Ministerpräsident von Weizsäcker, dessen ruhiges
und klares Urteil ich immer besonders schätzte, flehte mich geradezu an,
der Kanzler müsse dem Kaiser die Augen öffnen. Weder Kaiser noch Reich
könnten einen ernsten Rückschlag ertragen, wenn Hindenburgs Genie und
Ansehen nicht voll in Wirksamkeit gesetzt werde.

Als ich nach Berlin zurückkam, lagen dort geradezu verzweifelte Berichte
aus Wien vor. Auch Graf Andrassy, der gerade in Berlin anwesend war,
erkannte an, daß die Zeit der Eitelkeiten und Rivalitäten vorbei sei
und nur der einheitliche Oberbefehl Hindenburgs die Lage retten könne.
Dazu kamen Nachrichten aus Rumänien, die darauf schließen ließen, daß
Bratianu sich der Entente gegenüber zum Eingreifen unter gewissen
Bedingungen verpflichtet habe, und daß der König zu schwach sei, um
Widerstand zu leisten. Der Kanzler bestand telegraphisch auf der
schleunigen Übertragung des Oberbefehls über die gesamte Ostfront an
Hindenburg und reiste am 25. Juli selbst nach dem Großen Hauptquartier,
um die Sache unter allen Umständen in Ordnung zu bringen. Am 2. August
wurde denn auch amtlich publiziert: »Unter Generalfeldmarschall von
Hindenburg wurden mehrere Heeresgruppen der Verbündeten zu einheitlicher
Verwendung nach Vereinbarung der beiden Obersten Heeresleitungen
zusammengefaßt.« Hindenburg hatte, wie mir der Kanzler nach seiner
Rückkehr aus dem Hauptquartier erzählte, mit dieser Lösung, die ihm
den Oberbefehl über die Ostfront von Kurland bis zu den Karpathen,
einschließlich der österreichisch-ungarischen Armee gab, sich befriedigt
und weiteres als zur Zeit unerwünscht erklärt.

Es kam jedoch bald zu ernsten Reibungen zwischen dem neuen Obersten
Befehlshaber der Ostarmee und dem Chef des Generalstabs des Feldheeres,
die sich auf die Frage »Falkenhayn oder Hindenburg?« zuspitzten. Der
Kanzler trat in Konsequenz seiner früheren Stellungnahme mit großer
Entschiedenheit für die Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg ein,
während die militärische Umgebung des Kaisers auch jetzt noch an
Falkenhayn festhielt. Allerdings gehörte der Kanzler nicht zu den
unbedingten Bewunderern des von dem Feldmarschall untrennbaren Generals
Ludendorff. Ludendorff sei geneigt, seinem Temperament zu unterliegen
und in ernsten Situationen übereilt zu handeln; so auch jetzt wieder,
wo er, ohne den unpäßlichen Hindenburg zu fragen, ein Abschiedsgesuch
abgeschickt habe, um es dann wieder anzuhalten. Auch in der Beurteilung
der militärischen Lage in seinem Befehlsbereich habe er, der Kanzler, an
Ludendorff mehrfach das Schwergewicht der inneren Ruhe und Sicherheit
vermißt; er sei ihm zu sehr »himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt«.
Die Lage ließ jedoch auch nach seiner Ansicht keine andere Wahl als die
Ersetzung Falkenhayns durch Hindenburg-Ludendorff.

Inzwischen erfuhren die Dinge eine weitere Zuspitzung. Seit der zweiten
Augusthälfte lauteten die Nachrichten aus Bukarest zwar unklar und
widerspruchsvoll; aber im Zusammenhang mit der Gesamtlage hatte ich aus
dem, was mir bekannt wurde, den Eindruck, daß Rumänien im Begriff sei,
gegen uns loszuschlagen. Ich ließ mich in dieser Beurteilung, aus der
heraus ich schon seit längerer Zeit auf den schleunigen Abtransport des
von Deutschland gekauften rumänischen Getreides hingewirkt hatte, auch
durch die lügnerischen Versicherungen des Ministerpräsidenten Bratianu
und des rumänischen Königs nicht irremachen. Als mir am Sonntag, 27.
August, der Kanzler gegen 11 Uhr durchs Telephon sagte -- in Dingen,
die nicht für alle Ohren bestimmt waren, pflegten wir französisch zu
telephonieren --: »L'Italie nous a déclaré la guerre,« antwortete ich:
»Et la Roumanie suivra sur-le-champ.« Im Auswärtigen Amt hatte man noch
Zweifel. Abends um 11 Uhr teilte mir der Kanzler mit, daß die rumänische
Kriegserklärung in Wien überreicht worden sei. Bei der ernsten Lage
auf allen Kampffronten nahm der Kanzler die Nachricht sehr schwer. Es
blieb uns natürlich keine Wahl, als die rumänische Kriegserklärung an
Österreich-Ungarn sofort mit unserer Kriegserklärung an Rumänien zu
beantworten. Noch in der Nacht wurde an die sämtlichen Bundesregierungen
telegraphiert. Ich schlug vor, sofort auch mit den Parteiführern wegen
Einberufung des Reichstags in Verbindung zu treten. Bei diesen regten
sich Bedenken, ob die nötige Geschlossenheit gewahrt werden könne, und
die Einberufung unterblieb.

Die Telegramme aus dem Hauptquartier über die Möglichkeit der
Gegenwirkung gegen den von den Rumänen seit Wochen und Monaten
vorbereiteten Überfall lauteten wenig trostvoll. Es stand nur wenig
Infanterie dort und fast gar keine Artillerie! Weder in Pleß noch
in Teschen scheint man geglaubt zu haben, daß Rumänien doch noch
losschlagen würde. Die Bulgaren hatten sich seit dem 20. August in eine
Offensive gegen die Ententearmee vor Saloniki verbissen; in welchem
Umfange und in welcher Zeit Truppen zur Verwendung gegen Rumänien
herausgezogen werden konnten, war ungewiß. Zum Glück hatte sich die im
Juni angesetzte russische Offensive gegen die galizische und wolhynische
Front ausgelaufen und verblutet. Hätte Rumäniens Angriff einige wenige
Wochen früher eingesetzt, zu der Zeit, als die österreichisch-ungarische
Front im Zusammenbrechen war, dann hätte wohl nichts die Katastrophe
aufhalten können.

Die rumänische Kriegserklärung und die dadurch geschaffene Erschwerung
der militärischen Lage veranlaßte den Kaiser, den Generalfeldmarschall
von Hindenburg nach Pleß zu berufen. Der General von Falkenhayn erhob
gegen diese ohne sein Befragen erfolgte Berufung Einspruch, worauf der
Kaiser ihm anheimstellte, seine Entlassung einzureichen. Als der Kanzler
am Vormittag des 29. August im Großen Hauptquartier eintraf, war die
Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs des Feldheeres und
Ludendorffs zum Ersten Generalquartiermeister bereits vollzogen.

Ich reiste mit dem Staatssekretär v. Jagow am 30. August gleichfalls
nach Pleß. Obwohl Bulgariens Haltung gegenüber der neuen Situation noch
nicht geklärt war -- Bulgarien hat an Rumänien erst am 1. September
den Krieg erklärt -- fanden wir eine zuversichtliche Auffassung der
Lage. Vier deutsche Divisionen rollten bereits von der Westfront nach
Siebenbürgen, weitere Verstärkungen wurden vorbereitet. Man werde zwar
den Rumänen für ihre Operationen zunächst freie Hand lassen müssen, sie
dann aber fassen und schlagen. Hindenburgs unerschütterliche Ruhe und
Ludendorffs rasch zugreifende Bestimmtheit gaben den Besprechungen die
Signatur. Wir alle verließen Pleß mit einem Gefühl der Erleichterung und
Beruhigung.

Die Rumänen brachen, fast ohne Widerstand zu finden, tief in
Siebenbürgen ein. Im Westen erneuerten Engländer und Franzosen mit einer
alles bisher Dagewesene übertreffenden Wucht ihre Angriffe an der Somme,
um uns das Abziehen von Truppen für Rumänien unmöglich zu machen. Aber
trotzdem sie gegen Mitte September bis über die Straße Bapaume-Péronne
hinaus vorstießen, ließen sich Hindenburg und Ludendorff, die sich
inzwischen an Ort und Stelle vom Stand der Dinge überzeugt hatten,
in ihren Dispositionen für den rumänischen Feldzug nicht beirren.
Während die Rumänen in Ungarn vordrangen, faßte sie der erste Stoß
dort, wo sie ihn augenscheinlich am wenigsten erwarteten, zwischen der
Donau und dem Schwarzen Meer in der Dobrudscha, und warf sie auf den
Trajanswall zurück. Gegen Ende September war unser Aufmarsch auch in
Ungarn vollendet. Am 29. September wurden die Rumänen bei Hermannstadt
geschlagen, am 8. Oktober wurde Kronstadt wieder genommen, und in den
folgenden Wochen wurden die rumänischen Truppen auf die Karpathengrenze
zurückgedrängt. Die Operationen in der Dobrudscha, an denen außer
bulgarischen und deutschen auch türkische Truppen teilnahmen, fanden
ihre Krönung in der Einnahme des rumänischen Hafens Constanza (23.
Oktober) und der am Eisenbahnübergang über die Donau gelegenen Stadt
Cernavoda (25. Oktober). Schon in diesem Zeitpunkte war der Feldzug
für Rumänien verloren, den Alliierten war der Trumpf aus der Hand
geschlagen, der die Entscheidung des Krieges hatte bringen sollen.

In der ersten Novemberhälfte erkämpften sich die deutschen und
österreichisch-ungarischen Truppen die Ausgänge aus den Karpathen in
die Wallachei. Am 25. November erzwangen sich deutsche und bulgarische
Truppen von Süden her den Donau-Übergang. In der dreitägigen Schlacht
am Argesfluß griffen die beiden Armeen von Norden, Westen und Süden
das rumänische Heer umfassend an und brachten ihm die entscheidende
Niederlage bei. Als Frucht des Sieges fiel die Landeshauptstadt
Bukarest am 6. Dezember in die Hand der Verbündeten. Wenig mehr als
drei Monate hatten genügt, Rumänien niederzuschlagen und für uns die
Lage wiederherzustellen. Auch die schweren Angriffe, die von der ersten
Novemberhälfte an die Saloniki-Armee der Entente ausführte und die
am 18. November die Bulgaren nötigten, Monastir wieder aufzugeben,
vermochten das Schicksal Rumäniens ebensowenig zu wenden, wie die
fortgesetzten heftigen Offensivstöße an der Somme.

Der Krieg war an einem großen Haltepunkte angelangt, der Freund und
Feind nötigen mußte, sich auf sich selbst zu besinnen und Umschau
zu halten, ob nicht vor der Einleitung neuer Kämpfe die Möglichkeit
bestehe, die schwer leidenden Völker aus Blut und Tränen heraus zu dem
ersehnten Frieden zu führen.



                        Finanzielle Kriegführung

                             Reichsschatzamt


Es war mir nicht beschieden, mit der Waffe für das Vaterland zu
kämpfen. Infolge eines Unfalles hatte ich seit dem Jahre 1893, also
bei Kriegsausbruch seit 21 Jahren, keine militärische Übung mehr
gemacht und im Jahre 1899 als dauernd untauglich meine Entlassung als
Reserveoffizier erhalten. Unter diesen Umständen mußte ich mich damit
bescheiden, in dem Krieg, der von Anfang an nicht nur ein Krieg der
Waffen, sondern auch ein Kampf der Finanzen und Volkswirtschaften war,
auf dem Platze, auf den mich mein Lebensweg geführt hatte, mein Bestes
zu tun.

Es waren keine kleinen Anforderungen, die der Krieg, namentlich in
seinen ersten Wochen, an die Banken und ihre Leitungen stellte. Es
hieß den Kopf oben behalten und mit äußerster Anspannung der Nerven
und der Arbeitskraft die Vorkehrungen und Verfügungen treffen, die
nicht nur für die Erhaltung des Kredits und der Zahlungsfähigkeit des
eigenen Instituts, sondern auch für die Erhaltung der finanziellen
Grundlagen unserer gesamten Volkswirtschaft erforderlich waren. Es
hieß gleichzeitig mitwirken an der Schaffung der Grundlagen unserer
finanziellen Kriegführung und an dem Aufbau der Einrichtungen
und Organisationen, die für die Mobilmachung unserer gesamten
Volkswirtschaft und die Einstellung unseres Wirtschaftslebens auf den
Krieg erforderlich waren.

Auch über meinen unmittelbaren Pflichtenkreis hinaus wurde ich von
der Regierung und Obersten Heeresleitung herangezogen. So wurde ich
alsbald nach der Besetzung Brüssels in das Große Hauptquartier gerufen
und von dort nach Belgien gesandt, um dem zum Generalgouverneur
ernannten Generalfeldmarschall von der Goltz und dem ihm als Chef der
Zivilverwaltung beigegebenen Regierungspräsidenten von Sandt bei der
Einrichtung der Okkupationsverwaltung, insbesondere bei der Ordnung der
finanziellen Angelegenheiten (Bankenkontrolle, Kontributionsfrage usw.)
behilflich zu sein.

Im Dezember 1914 stellte mich der Reichskanzler von Bethmann Hollweg
vor die Frage, ob ich bereit sei, die Leitung des Reichsschatzamtes
zu übernehmen. Er brauche an der Spitze der Reichsfinanzverwaltung
einen Mann, der nicht nur mit dem deutschen Wirtschaftsleben, sondern
auch mit den Finanzen und der Wirtschaft unserer Verbündeten, unserer
Feinde und des neutralen Auslandes vertraut sei und außerdem über eine
ungebrochene Arbeitskraft verfüge. Er schätze die Person und die
Verdienste des Reichsschatzsekretärs Kühn sehr hoch; aber Herr Kühn
habe selbst wiederholt angedeutet, daß sein Alter und seine Gesundheit
den durch den Krieg gewaltig gesteigerten und von Grund aus veränderten
Anforderungen seines Amtes nicht mehr gewachsen seien.

Das Angebot des Kanzlers kam mir völlig überraschend. Der Gedanke
widerstrebte mir, meine in mehr als achtjähriger Tätigkeit mir
liebgewordene, mich ausfüllende und mich befriedigende Wirksamkeit in
der Leitung der Deutschen Bank mit einer neuen, in wichtigen Teilen
mir bisher recht fernliegenden Aufgabe zu vertauschen und meine freie
Stellung gegen ein von Kanzler und Parlament abhängiges Staatsamt
aufzugeben. Ich brachte andere Persönlichkeiten in Vorschlag, von denen
ich annehmen durfte, daß sie der Aufgabe ebensogut und besser gewachsen
sein würden als ich. Der Kanzler hatte gegen jeden meiner Vorschläge
eine Einwendung, wollte auch alle die von mir genannten Namen mit
seinen Beratern, insbesondere dem Reichsbankpräsidenten Havenstein,
bereits diskutiert haben. Der einzige, der außer mir in Frage käme
und den auch ich in erster Linie vorschlug, der Reichsbankpräsident
selbst, habe in Rücksicht auf seinen geschwächten Gesundheitszustand
auf das bestimmteste abgelehnt; er, der Kanzler, müsse von mir das
Opfer verlangen. »Betrachten Sie das Reichsschatzamt als Ihren
Schützengraben!«

Nach kurzer Bedenkzeit erklärte ich mich bereit, dem Wunsche des
Kanzlers zu entsprechen. Am 1. Februar 1915 trat ich das neue Amt an.

Was mir an meiner neuen Behörde -- in Erinnerung an die Erfahrungen
aus meiner früheren Tätigkeit in der Kolonialabteilung des Auswärtigen
Amtes -- am wenigsten sympathisch war, das war der stark ausgeprägte
Geist der Negation. Die für eine staatliche Finanzverwaltung bequemste
Sparsamkeit, aber auch die zweischneidigste Sparsamkeit, ist der
wahllose Widerstand gegen neue Ausgaben. Diese Art Sparsamkeit war mir
in wenig angenehmem Gedächtnis. Große Unterlassungssünden, namentlich
auf dem Gebiete des kolonialen Eisenbahnbaues und des militärischen
Schutzes, die sich späterhin auch finanziell bitter rächten, hatten
ihre Wurzel darin, daß die Bewilligungsscheu des Reichstages im
Reichsschatzamt einen stillen, aber wirksamen Verbündeten besaß. Daß
auch der Krieg die alte Tradition nicht ohne weiteres fortgeschwemmt
hatte, davon konnte ich mich bald überzeugen. In den ersten Tagen meiner
Amtstätigkeit wurde mir ein Schreiben an eine andere Behörde vorgelegt,
in dem die Bewilligung der Gelder für einen mir durchaus vernünftig
und notwendig erscheinenden Zweck kurzerhand abgelehnt wurde. Ich bat
den Herrn, der die Sache bearbeitet hatte, um eine Begründung seines
ablehnenden Standpunktes und erhielt die klassische Antwort: »Wir
lehnen solche neuen Anträge grundsätzlich zunächst einmal ab. Ist die
Angelegenheit wirklich dringend, dann kommt die betreffende Behörde
schon auf die Sache zurück, und dann kann man sich's überlegen.«

Ich suchte von Anfang an den Rahmen für die Tätigkeit des
Reichsschatzamtes weiter zu spannen, als es der Überlieferung entsprach,
und die im Kriege doppelt notwendige Sparsamkeit nicht so sehr in der
grundsätzlichen Beschneidung der Anträge der anderen Ressorts, als
vielmehr in der positiven Mitarbeit an der finanziell und wirtschaftlich
zweckmäßigen Gestaltung des Notwendigen zu verwirklichen.


             Die Finanzierung kriegswichtiger Unternehmungen

Schon in den Tagen meiner Vorbereitung für das neue Amt erhielt ich
Gelegenheit, diese Auffassung meiner Aufgabe in einer Angelegenheit
von außerordentlicher Bedeutung für Kriegführung und Volksernährung zu
betätigen: in der =Stickstofffrage=.

Gewaltige Mengen von Stickstoffverbindungen wurden benötigt, einmal für
Pulver und sonstige Sprengstoffe aller Art, ferner als unentbehrliches
Düngemittel für die Erhaltung eines einigermaßen ausreichenden Ertrages
unseres heimischen Bodens.

Unser Inlandsverbrauch an Stickstoffverbindungen hatte im letzten
Friedensjahr rund 1400000 Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff
von rund 240000 Tonnen betragen; davon wurden etwa 200000 Tonnen in der
Landwirtschaft und 40000 Tonnen in der Industrie verbraucht. Unsere
heimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen war zwar in den letzten
Jahrzehnten gewaltig gestiegen; die Gewinnung von schwefelsaurem
Ammoniak als Nebenprodukt der Kokerei, unsere vor dem Kriege weitaus
wichtigste Stickstoffquelle, war von rund 90000 Tonnen im Jahre 1893 auf
rund 500000 Tonnen im Jahre 1913 gebracht worden. Aber trotzdem deckte
die einheimische Erzeugung von Stickstoffverbindungen auch im Jahre
1913 nicht einmal die Hälfte des Inlandsverbrauches. Die größere Hälfte
wurde aus dem Ausland bezogen, und zwar ganz überwiegend in der Form von
Chilesalpeter.

Der Krieg brachte eine enorme Steigerung unseres Bedarfs und eine
ebenso enorme Einschränkung unserer Versorgung. Der Stickstoffbedarf
für militärische Zwecke überstieg sofort um ein Vielfaches die Mengen,
die in Friedenszeiten von der Sprengstoffindustrie verbraucht wurden.
Auf der anderen Seite kam die Zufuhr von Chilesalpeter, die in
Friedenszeiten etwa die Hälfte unsres Gesamtbedarfs gedeckt hatte, mit
dem Kriegsausbruch völlig in Wegfall, und die heimische Gewinnung von
schwefelsaurem Ammoniak aus dem Kokereiprozeß erfuhr mit dem scharfen
Rückgang der Kohlenförderung und Eisenerzeugung, der mit Kriegsausbruch
einsetzte und nur allmählich überwunden werden konnte, gleichfalls eine
starke Einschränkung. Es war mit einem Ausfall von nicht weniger als
zwei Dritteln unserer Friedensversorgung an Stickstoff zu rechnen. Der
Zeitpunkt, in dem die vorhandenen Läger aufgebraucht sein würden, war
abzusehen; die heimische Produktion an Stickstoffverbindungen hätte
für die Landwirtschaft so gut wie nichts übriggelassen und selbst die
Deckung des in gewaltigen Sprüngen anwachsenden militärischen Bedarfs
nicht entfernt ausreichend gesichert.

Glücklicherweise waren Ersatzmöglichkeiten für die überseeischen
Zufuhren vorhanden, und zwar in den von deutschen Gelehrten
ausgearbeiteten Verfahren zur Gewinnung stickstoffhaltiger Verbindungen
aus den unerschöpflichen Vorräten der Luft. In Betracht kamen einmal
das von Geheimrat Haber erfundene Verfahren der synthetischen
Gewinnung von schwefelsaurem Ammoniak, das von der Badischen Anilin-
u. Sodafabrik in Ludwigshafen a. Rh. praktisch erprobt worden war;
ferner das Frank-Carosche Verfahren zur Herstellung von Kalkstickstoff,
nach dem in Werken zu Trostberg in Oberbayern und zu Knapsack bei Köln
a. Rh. gearbeitet wurde. Die Produktion der Ludwigshafener Fabrik an
schwefelsaurem Ammoniak betrug im letzten Friedensjahr etwa 30000
Tonnen mit einem Gehalt an reinem Stickstoff von rund 6000 Tonnen, die
Produktion des Trostberger und des Knapsacker Werkes erreichte je 25000
Tonnen Kalkstickstoff mit einem Reingehalt von rund je 5000 Tonnen.
Die Ludwigshafener Fabrik hatte noch im Frieden den Ausbau ihres
Stickstoffwerkes auf eine jährliche Leistungsfähigkeit von 150000 Tonnen
schwefelsauren Ammoniaks in Angriff genommen.

Die vitale Bedeutung der Stickstofffrage mußte in die Augen springen.
Die Heeresverwaltung und das preußische Landwirtschaftsministerium
drängten auf den Abschluß von Vereinbarungen, die eine sofortige und
ausgiebige Steigerung der einheimischen Stickstoffgewinnung sichern
sollten. Die im Besitz der Verfahren befindlichen Unternehmungen
stellten sich zur Verfügung und machten Vorschläge für die Aufbringung
und Sicherstellung der sehr erheblichen Kapitalien, die zum Zweck
der Errichtung der großen, die vorhandenen Stickstoffwerke um ein
Vielfaches übertreffenden Neuanlagen zu investieren waren. Die
Verhandlungen stießen auf allerlei Schwierigkeiten, namentlich
in der Frage der Gewährleistung gegen den Verlust des in den
neuen Fabriken festzulegenden Kapitals bei der Wiederkehr der
Friedensverhältnisse und in der Frage der Normierung von Höchstpreisen
für die Stickstoffverbindungen. Erst im Dezember 1914 kamen Verträge
mit Ludwigshafen und Knapsack zustande, die gegen Gewährung von
Darlehen des Reiches und Preußens eine Erhöhung der Produktion um
45000 Tonnen reinen Stickstoff vorsahen. Damit war aber nur erst der
Heeresbedarf nach der damaligen, sich späterhin als viel zu niedrig
erweisenden Schätzung annähernd gesichert, während für die durch den
Stickstoffmangel auf das Schwerste bedrohte Landwirtschaft noch nichts
vorgesorgt war. Die Verhandlungen mit den Bayrischen Stickstoffwerken,
in denen das Landwirtschaftsministerium eine Sicherung des Bedarfs
an Stickstoffdüngemitteln erstrebte, waren auf dem toten Punkt: Die
Stickstoffwerke verlangten für ihre Neuproduktion eine fünfzehnjährige
Absatzgarantie zu einem wesentlich unter den Friedenspreisen liegenden
Satze, die landwirtschaftlichen Vereinigungen waren aus sich heraus für
die Übernahme einer solchen Absatzgarantie nicht stark genug, und die
Finanzverwaltungen Preußens und des Reiches weigerten sich kategorisch,
ihrerseits eine Absatzgarantie zu übernehmen; -- sie waren auf Grund der
Kriegskredite formal wohl zur Leistung von Ausgaben für Kriegszwecke,
nicht aber zur Übernahme von Garantien befugt!

Als meine Ernennung zum Staatssekretär des Reichsschatzamts feststand,
besuchten mich der preußische Landwirtschaftsminister Freiherr von
Schorlemer und der preußische Finanzminister Herr Lentze, um mir die
geradezu verzweifelte Lage der Stickstoffversorgung der Landwirtschaft
darzulegen und sich meiner Unterstützung bei der Überwindung dieses
Notstandes zu versichern. Die Situation war mir bereits bekannt,
und ich war entschlossen, nicht nur meinerseits die Initiative zu
der notwendigen weiteren Steigerung unserer Stickstoffgewinnung zu
nehmen, sondern auch dem Reich in diesem neuen, nationalwirtschaftlich
unschätzbar wichtigen und finanziell aussichtsreichen Industriezweige
eine starke Position zu schaffen. Am Tage nach meiner Besprechung
mit den beiden Ministern, am 23. Januar 1915, fand, durch diese
veranlaßt, eine Besprechung der beteiligten Ressortchefs statt, an der
ich neben meinem noch amtierenden Vorgänger teilnahm. Ich entwickelte
den Gedanken, daß die Reichsfinanzverwaltung durch die Bayrischen
Stickstoffwerke eine große Kalkstickstoff-Fabrik für das Reich bauen
lassen und gleichzeitig mit den Bayrischen Stickstoffwerken einen
Betriebsvertrag abschließen solle, letzteren auf der Grundlage,
daß der gesamte über einen bestimmten Satz für das Kiloprozent
Kalkstickstoff hinaus erzielte Bruttoerlös dem Reich zufließen und
dieses außerdem an dem verbleibenden Reingewinn aus dem Betriebe mit
einem angemessenen Anteil beteiligt werden sollte. Dadurch wollte ich
der betriebführenden Firma die Möglichkeit nehmen, eine Steigerung
ihrer Gewinne in hohen Verkaufspreisen zu suchen, sie vielmehr darauf
hinweisen, ihre Gewinnaussichten lediglich in Verbilligungen der
Produktion zu erblicken, was ihr einen möglichst starken Anreiz zur
technischen Vervollkommnung ihres Verfahrens geben mußte. Ich schlug
ferner vor, durch ein Reichsgesetz dem Bundesrat die Ermächtigung zur
Einführung eines Stickstoff-Handelsmonopols geben zu lassen, um die
Position des Reiches in der Stickstoffindustrie zu verstärken und
gleichzeitig eine Waffe gegen eine nach Friedensschluß zu erwartende
Bedrohung der deutschen Stickstoffindustrie vom Auslande her rechtzeitig
bereitzustellen.

Meine Vorschläge fanden die Zustimmung der Ressortchefs. Auch der
Reichskanzler trat ihnen bei.

Auf dieser Grundlage schloß ich in den ersten Wochen meiner Amtsführung
Verträge mit den Bayrischen Stickstoffwerken ab, in denen der schleunige
Bau zweier Reichswerke mit einer jährlichen Leistungsfähigkeit von
insgesamt 225000 Tonnen Kalkstickstoff und gleichzeitig die Bedingungen
des Betriebs dieser Anlagen durch die Bayrischen Stickstoffwerke
nach den von mir vorgeschlagenen Grundsätzen vereinbart wurden.
Ferner verpflichteten sich die Bayrischen Stickstoffwerke zu einer
Vergrößerung ihrer eigenen Fabrik in Trostberg. Außerdem schloß ich mit
den Lonzawerken in Waldshut (Baden) einen Vertrag über die Errichtung
eines weiteren Kalkstickstoffwerkes ab, und zwar gegen Gewährung eines
Darlehns und mit der Auflage der Überlassung der gesamten Produktion zu
bestimmten Preisen an das Reich oder den vom Reiche zu bezeichnenden
Abnehmer. Insgesamt sollte durch diese Verträge die deutsche
Stickstoffgewinnung eine Erhöhung um 300000 Tonnen Kalkstickstoff,
gleich 60000 Tonnen reinen Stickstoffs, erfahren.

Die Ausführung wurde sofort in Angriff genommen. Schon während die
Verhandlungen noch schwebten, waren die Stickstoffwerke ermächtigt
worden, alle für den Bau der neuen Anlagen erforderlichen Vorbereitungen
zu treffen. Trotz der großen Schwierigkeiten in der Beschaffung von
Arbeitskräften, Maschinen, Metallen und anderen Rohstoffen gelang es,
die beiden Reichswerke in den Monaten Januar und Februar des Jahres 1916
in Betrieb zu bringen. Da mit den Bauarbeiten erst im März und April
1915 hatte begonnen werden können, hatten also 9 bis 10 Monate Bauzeit
genügt, um die gewaltigen Neuanlagen fertigzustellen.

Um von der Größe der in so kurzer Zeit für das Reich geschaffenen Werke
einen Begriff zu geben:

Das Reichswerk Piesteritz bei Wittenberg a. d. Elbe, das für eine
Jahresgewinnung von 150000 Tonnen Kalkstickstoff vorgesehen war,
umfaßte nach dem ursprünglichen, inzwischen noch erheblich vergrößerten
Ausmaß eine bebaute Fläche von 12-1/2 Hektar. Sein jährlicher
Elektrizitätsverbrauch war auf 500 Millionen Kilowattstunden berechnet;
das ist rund doppelt so viel, wie die gesamte von den Berliner
Elektrizitätswerken im Jahre 1914/15 nutzbar abgegebene elektrische
Energie. Die Elektrizität wird in dem Bitterfelder Braunkohlenrevier
erzeugt, mit einem Tagesverbrauch von 4400 Tonnen Braunkohle, und
auf einer 22 km langen Doppelleitung mit einer Spannung von 80000
Volt zum Piesteritzer Werk geleitet, wo der Strom mit den größten
Transformatoren, die bis dahin in der ganzen Welt gebaut worden waren,
zunächst auf 6000 Volt, dann auf die Betriebsspannung umgeformt wird.
Die elektrische Energie wurde den Reichswerken zum Satz von 1 Pfennig
auf Grundlage der damaligen Kohlenpreise gesichert. Dieser Satz ist
billiger, als er jemals zuvor in Deutschland für aus Kohle gewonnene
elektrische Energie gezahlt worden ist. Der tägliche Verbrauch des
Werkes an Kalk war auf 300 Tonnen, an Koks auf 180 Tonnen berechnet.
Kalk und Koks werden in mächtigen Öfen in starkem elektrischen Strom
zu Karbid verarbeitet. Der Kalkstickstoff wird gewonnen durch die
Verbindung des Luftstickstoffs mit dem gepulverten Karbid. Die Gewinnung
des Luftstickstoffs erfolgt in Piesteritz auf zwei Wegen. Einmal durch
Verflüssigung von Luft und Trennung des Sauerstoffs vom Stickstoff
nach dem Linde'schen Verfahren; dann in einer Ersatzanlage, in der
nach dem Verfahren von Frank-Caro Generatorgas mit Luft verbrannt und
das entstehende Gemisch von Kohlensäure und Stickstoff in seine beiden
Bestandteile zerlegt wird. Nach dem ursprünglichen Plane lieferte die
Linde-Anlage stündlich 90000 Liter flüssige Luft und 9000 Raummeter
Stickstoff, die Frank-Caro-Anlage stündlich 3000 Raummeter Stickstoff.
An Kühlwasser verbraucht das Werk eine Menge, die dem Wasserverbrauch
einer Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern entspricht.

Die mit raschem Entschluß in Angriff genommene und über alle
Kriegserschwernisse hinaus in so kurzer Zeit durchgeführte Errichtung
der Reichswerke, deren Produktion schon der Frühjahrsbestellung des
Jahres 1916 zugutekam, hat unsere Ernährungswirtschaft vor einer
Katastrophe bewahrt. Aber der Heeresbedarf an Stickstoff wuchs in
solchen Progressionen, daß die Reichswerke alsbald auch für die
Sprengstoffherstellung herangezogen werden mußten. Ich habe in der
ersten Zeit des Krieges Schätzungen gehört, die den militärischen
Bedarf an etwa 20%igen Stickstoffverbindungen auf 12000 bis 15000
Tonnen für den Monat bezifferten. Als ich in die Lage kam, über die
Stickstoffbeschaffung zu verhandeln, war bereits von erheblich größeren
Mengen die Rede. Zu Beginn des Jahres 1916 wurde mir der militärische
Monatsbedarf auf etwa 40000 Tonnen beziffert, und schließlich sind
wohl 100000 Tonnen im Monat erreicht und überschritten worden. Diese
Entwicklung zwang mich und später meinen Nachfolger im Reichsschatzamt,
den Grafen Rödern, für immer neue Erweiterungen und Neuanlagen zu
sorgen, die leider zum Schaden der Landwirtschaft immer wieder von den
alle Erwartungen weit übertreffenden Neuanmeldungen der militärischen
Stellen überholt wurden. Soweit meine Kenntnis reicht, ist während des
Krieges die deutsche Stickstoffgewinnung auf einen Umfang gebracht
worden, der die gesamte Vorkriegsproduktion von Chilesalpeter (2,1
Millionen Tonnen) übersteigt und nahezu das Doppelte des normalen
deutschen Jahresverbrauches an Stickstoffverbindungen ausmacht.

Im Reichstag fand ich mit meinem Ermächtigungsgesetz für die Einführung
eines Stickstoff-Handelsmonopols wenig Verständnis. Die Kommission,
der die Vorlage überwiesen wurde, ließ sich lange und interessante
Vorträge von Sachverständigen halten, die in ihrer überwiegenden
Mehrzahl gleichzeitig Interessenten und als solche dem Handelsmonopol
abgeneigt waren. Sie vertiefte sich in eine unfruchtbare und in der
Hauptsache unberechtigte Kritik dessen, was noch in der allerletzten
Stunde getan worden war, während eine berechtigte Kritik sich gegen
das hätte richten müssen, was lange genug versäumt und unterlassen
worden war. Ich wies vergeblich darauf hin, daß die neue, so
ungemein wichtige Industrie durch den Zusammenschluß der chemischen
Fabriken und die von diesen mit der Ammoniakvereinigung unserer
Montanindustrie getroffenen Vereinbarungen auf dem besten Wege zum
Privatmonopol war; ferner, daß unter englischer Führung eine Vertrustung
sowohl der Chilesalpeter-Gewinnung wie auch der ausländischen
Luftstickstoff-Industrie drohte. Die Notwendigkeit, dem Reich in der
neuen Industrie eine nach innen und außen hinreichend gesicherte
Position zu schaffen, wurde nur von einer Minderheit erkannt. Die
Kommission konnte sich schließlich weder zu einer Zustimmung noch zu
einer glatten Ablehnung aufschwingen, und ich mußte mich entschließen,
den endgültigen Austrag der Frage, der angesichts der unabsehbar
gewordenen Verlängerung des Krieges an Dringlichkeit verloren hatte,
einer gelegeneren Zeit zu überlassen.

Eine ähnliche Erfahrung habe ich gemacht, als ich bei Gelegenheit
des Erwerbs der bisher von dem amerikanischen Tabaktrust abhängigen
deutschen Zigarettenfabriken durch ein deutsches Konsortium
dem Reich die Option auf diese etwa ein Viertel der deutschen
Zigarettenproduktion darstellenden Fabriken zum Einstandspreis mit
einem geringfügigen Zuschlag sicherte, und zwar ohne das Reich für den
Erwerb dieser Option auch nur mit einem Pfennig zu belasten. Auch hier,
wo es sich darum handelte, das Reich in einer für ein ertragreiches
Monopol reifen Industrie zunächst einmal Fuß fassen zu lassen, fand ich
kein Verständnis, mußte mich vielmehr im Hauptausschuß des Reichstags
dafür angreifen lassen, daß ich es vorgezogen hatte, dem Reich die
Möglichkeit des billigen Erwerbs dieser Fabriken zu sichern, statt die
Fabriken ihrer Konkurrenz auszuliefern.

Heute, im Bann des Schlagworts »Sozialisierung«, denkt man anders, bis
zur Übertreibung ins entgegengesetzte Extrem. Man wird wohl gerade
auch der Stickstoffindustrie weit radikaler zu Leibe gehen, als das
in meinen Plänen lag. Jedenfalls aber glaube ich, daß der Typ des
gemischtwirtschaftlichen Betriebs, wie ich ihn bei den Reichswerken
für das Zusammenwirken von Reich und privatem Unternehmertum in
einem einheitlichen Betrieb geschaffen habe, den Vorzug vor manchen
anderen Formen der »Sozialisierung« verdient. Er sichert dem Reich die
Kontrolle des Betriebs und den Vorteil aus Preiserhöhungen, die in den
Produktionskosten nicht begründet und nur infolge der monopolartigen
Stellung des Unternehmens oder auf Grund von Preiskonventionen erzielbar
sind; er läßt auf der andern Seite dem privaten Unternehmer weitgehende
Freiheit in der Gestaltung des Betriebs und einen starken Anreiz, durch
Vervollkommnung von Technik und Organisation, die ihm allein gestattet,
seinen Gewinn zu steigern, die Produktion zu verbilligen.

Ich habe die Stickstoff-Angelegenheit eingehender dargestellt einmal
wegen ihrer großen Wichtigkeit für die Kriegführung und die Abwehr
der Hungersnot, dann als Beispiel dafür, wie ich die Aufgabe der
Reichsfinanzverwaltung auffaßte. In ähnlicher Weise bin ich auf
verwandten Gebieten vorgegangen. Das Betätigungsfeld, das ich vorfand,
war allerdings dadurch stark eingeengt, daß in den fünf Kriegsmonaten,
die vor dem Beginn meiner Amtsführung lagen, die Zivilbehörden, und
mehr als alle andern das Reichsschatzamt, die Initiative auf den
die Kriegführung berührenden wirtschaftlichen Gebieten der sehr
tatkräftigen Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums überlassen
hatten, die dann, ohne sich viel um die Zivilressorts zu kümmern,
ihren Weg ging. Da außerdem das Kriegsministerium, unbehindert durch
irgendwelchen Widerspruch, das Recht für sich in Anspruch genommen
hatte, über die vom Reichstag für die Zwecke des Krieges bewilligten
Kredite frei zu verfügen, ohne für die einzelnen Ausgaben die
Zustimmung der Reichsfinanzverwaltung einzuholen, so fehlte es dem
Reichsschatzamt sogar an einer vollständigen Übersicht über das, was
im Kriegsministerium auf diesem für die deutsche Volkswirtschaft
und die Reichsfinanzen so wichtigen Gebiete unternommen wurde.
Der Krieg, der rasches Handeln fordert, duldet keine Verzögerung
dringender Entschlüsse durch das Aufwerfen und Durchkämpfen von
Kompetenzkonflikten. Ich suchte deshalb die notwendige Fühlung und
Zusammenarbeit auf gütlichem Wege und durch die Bereitwilligkeit zu
positiver und aktiver Mitarbeit herzustellen, wie sie meine Behörde
in der Stickstoff-Angelegenheit geleistet hatte. Ich fand hierfür
sowohl bei den Leitern des Kriegsministeriums wie auch bei der
Kriegsrohstoffabteilung Verständnis. Von den später im Einvernehmen und
Zusammenarbeiten mit der Heeresverwaltung in Angriff genommenen Aufgaben
erwähne ich die Schaffung einer großen deutschen Aluminiumindustrie auf
Grund der während des Krieges entwickelten neuen Verfahren, die eine
wirtschaftliche Herstellung von Aluminium auch aus deutscher Tonerde
gestatten, während bis dahin nur das aus dem Ausland, hauptsächlich aus
Frankreich, bezogene Bauxit als verwendbar galt. Ich habe den Abschluß
der schwierigen Verhandlungen infolge meines Übertritts zum Reichsamt
des Innern allerdings meinem Nachfolger im Reichsschatzamt überlassen
müssen.

Erwähnen möchte ich ferner die Mitwirkung des Reichsschatzamts bei der
Schaffung der Handels-U-Boote, von denen die »Deutschland« vor dem
Ausbruch des Krieges mit den Vereinigten Staaten zwei erfolgreiche
Fahrten nach Amerika gemacht hat, während ihr Schwesterschiff, die
»Bremen«, auf der ersten Reise verschollen ist.

Die enorme Knappheit und Teuerung von Kautschuk, Nickel und einigen
anderen Stoffen, von denen für Kriegszwecke an sich nicht sehr
erhebliche Mengen, diese aber unbedingt erforderlich waren, veranlaßten
mich, bei der Marine Erkundigungen darüber einzuziehen, ob nicht U-Boote
für die Heranführung dieser Stoffe verwendet werden könnten. Ich dachte
zunächst an eine Übernahme der Materialien von neutralen Schiffen auf
hoher See. Dieser Weg erwies sich technisch und auch in Rücksicht
auf die mit allen Mitteln arbeitende englische Überwachung als nicht
gangbar. Der vergrößerte Aktionsradius unserer U-Boote, der sich in
Fahrten durch die Straße von Gibraltar nach Konstantinopel so glänzend
bewährt hatte, ließ mich die Frage aufwerfen, ob nicht ein Anlaufen
amerikanischer Häfen, in denen Kautschuk und Nickel bereitgestellt
werden konnten, durch U-Boote, die ad hoc zu desarmieren gewesen
wären, sich ermöglichen lassen würde. Auch dieser Gedanke stieß auf
Schwierigkeiten; einmal war nicht mit Sicherheit vorauszusehen, ob die
Vereinigten Staaten ursprünglich als Kriegsfahrzeuge gebaute U-Boote als
Handelsschiffe anerkennen und behandeln würden; vor allem aber erklärte
Herr von Tirpitz, von den großen und leistungsfähigen U-Booten keines
entbehren zu können. Es blieb also nur übrig, U-Boote von vornherein als
Handelsschiffe zu bauen.

Meine Gedanken begegneten sich mit denen des Bremer Großkaufmanns
Lohmann, der mich Anfang September 1915 besuchte. Lohmann ließ auf
Grund unserer Unterhaltung von der Weserwerft in Bremen Pläne für ein
Handelstauchboot konstruieren. Die Pläne waren Anfang Oktober fertig und
wurden dem Reichsmarineamt vorgelegt, dessen Einverständnis wegen der
möglichen Konkurrenz mit dem Bau von Kriegstauchbooten erforderlich war.
Es ergab sich, daß zu gleicher Zeit auf Veranlassung der Firma Krupp
die Germaniawerft in Kiel Pläne für ein Handelstauchboot ausgearbeitet
hatte. Die Pläne der Germaniawerft sahen eine größere Tonnage vor;
außerdem konnte die Germaniawerft für zunächst zwei Handelstauchboote
eine Fertigstellung schon für April und Mai 1916 in Aussicht stellen.

Risiko und Gewinnaussichten des Unternehmens waren ungewöhnlich groß.
Das Risiko wurde dadurch erleichtert, daß sich die Firma Krupp bereit
erklärte, eines der beiden U-Boote unentgeltlich zur Verfügung zu
stellen lediglich unter der Bedingung, daß dieses U-Boot auf seinen zwei
ersten Reisen gegen Zahlung einer hoch bemessenen Fracht eine bestimmte
Menge Nickel, die für Krupp in Amerika lagerte, nach Europa befördere.

Zur Durchführung des Unternehmens wurde zwischen Herrn Lohmann und mir
die Gründung der »Deutsche Ozean-Rhederei G. m. b. H.« vereinbart. Das
Reich nahm der Gesellschaft das Risiko ab und behielt sich andererseits
die großen Gewinnaussichten vor.

Im Juni 1916 konnte die »Deutschland« in aller Stille ihre erste Reise
antreten. Das Geheimnis war vollständig gewahrt worden. Die Ankunft
der »U-Deutschland« in Baltimore am 10. Juli erregte in der ganzen Welt
Sensation. Die englische Anzweifelung des Charakters der »U-Deutschland«
als Handelsschiff fand keinerlei Handhabe. Die Rückreise vollzog sich
ungestört.

Auf der Ausreise hatte die »U-Deutschland« Farbstoffe geladen, deren
Verkauf in Amerika einen Reingewinn in der mehrfachen Höhe des
Einstandspreises des Tauchbootes erbrachte. Auf der Rückfahrt nahm das
Tauchboot mehrere hundert Tonnen Kautschuk und Nickel mit. Allein die
Differenz zwischen dem Einstandspreis des Kautschuks und dem Preis, der
damals in Deutschland für Kautschuk bezahlt werden mußte, erreichte eine
stattliche Anzahl von Millionen und übertraf noch erheblich den Gewinn
der Ausfahrt. Vor allem aber war durch die eine Reise der dringende
Heeresbedarf an Rohgummi und Nickel für eine größere Anzahl von Monaten
gedeckt.

Es wurde, noch ehe die »U-Deutschland« zurückgekommen war, der Bau von
weiteren sechs Tauchbooten beschlossen. Die Kosten waren im voraus
durch den Gewinn der ersten Reise gedeckt. Die neuen U-Boote kamen als
Handelsschiffe nicht mehr zur Verwendung. Vor ihrer Fertigstellung
erfolgte der Bruch zwischen der Union und Deutschland. Die Schiffe
wurden nun als Kriegstauchboote ausgebaut.


                      Kriegskosten und Sparsamkeit

Neben der tätigen Mitarbeit an der Durchführung kriegsnotwendiger
Maßnahmen und Unternehmungen durfte die Sparsamkeit in der
Ausgabewirtschaft nicht vernachlässigt werden. Die täglichen
Nachweisungen über die Inanspruchnahme der Reichshauptkasse waren in
ihren gewaltigen Ziffern, die immerzu den Drang nach oben zeigten, eine
immer wiederkehrende Mahnung.

Als ich das Reichsschatzamt übernahm, beliefen sich die bis dahin --
also in den ersten sechs Monaten des Krieges -- entstandenen Ausgaben
auf rund 8650 Millionen Mark. Der Monat August hatte infolge der
außerordentlichen Ausgaben für die Mobilmachung allein 2047 Millionen
beansprucht, der September eine Ausgabe von 970 Millionen Mark, --
er blieb der einzige Kriegsmonat, dessen Ausgaben den Betrag einer
Milliarde nicht überschritten. Schon der Oktober hatte eine Steigerung
der Kriegsausgaben auf 1262 Millionen Mark gebracht. Die Ausgaben des
Januar 1915 schlossen mit 1545 Millionen ab. Für den Februar war ein
ähnlicher Betrag, für den März ein bereits erheblich höherer Bedarf
angemeldet. In der Tat haben die Ausgaben des März den Betrag von 2
Milliarden Mark noch um 35-1/2 Millionen überschritten und damit die
Kosten des Mobilmachungsmonats nahezu erreicht.

Bei allem meinem Vertrauen in die finanzielle Kraft Deutschlands
erfüllte mich diese Steigerung mit ernster Sorge. Die erste
Kriegsanleihe hatte rund 4-1/2 Milliarden erbracht. Aber wenn auch diese
Summe das Ergebnis aller bisher dagewesenen Anleiheoperationen weit
übertraf, so deckte sie doch nur etwa die Kriegsausgaben der ersten drei
Monate und nur etwas mehr als das Doppelte der Kriegsausgaben des einen
Monats März 1915. Als ich am 1. Februar 1915 das Schatzamt übernahm,
waren an unverzinslichen Schatzanweisungen bereits wieder 4365 Millionen
Mark im Umlauf, und dieser Umlauf stieg bis Ende März 1915 auf 7209
Millionen Mark. Auch wenn man für die im März 1915 aufgelegte zweite
Kriegsanleihe ein noch wesentlich höheres Ergebnis erwartete, als es die
erste Kriegsanleihe erbracht hatte, mußte man bei einem weiteren Steigen
der monatlichen Kriegsausgaben mit einem für das finanzielle Durchhalten
verhängnisvollen Anschwellen der Begebung von Schatzanweisungen
und damit -- da die Reichsbank der Hauptabnehmer war -- mit einem
lawinenartigen Anwachsen des Notenumlaufs, einer schrittweisen
Wertverringerung unseres Geldes und einer entsprechenden Steigerung des
allgemeinen Preisniveaus rechnen. Nur die peinlichste Sparsamkeit konnte
einer solchen Entwicklung entgegenwirken.

Es war mir wie aller Welt bekannt, daß in den ersten Wochen nach
Kriegsausbruch die mit der Beschaffung von Heeresbedarf aller Art
betrauten Stellen der Heeresverwaltung keineswegs überall sachgemäß
vorgegangen waren, sondern vielfach geradezu kopflos gehandelt hatten.
Der dringende Bedarf gewaltigen Umfangs für Ausrüstung und Verpflegung
unserer Truppen scheint in manchen darauf nicht vorbereiteten
Bureaus geradezu eine Panik erzeugt zu haben. Unter dem Druck der
Beschaffungsnotwendigkeit kam es zu der von mir späterhin überall
auf das Schärfste bekämpften Parole: »Geld spielt keine Rolle«; es
ist vorgekommen, daß den Lieferanten höhere Preise angeboten worden
sind, als sie ihrerseits zu fordern sich für berechtigt hielten. Unter
dem gleichen Drucke haben manche Beschaffungsstellen, statt mit dem
Produzenten oder dem regulären Handel in Verbindung zu treten, sich mit
Gelegenheits-Zwischenhändlern übelster Sorte, wie der Krieg sie gleich
Pilzen aus dem Boden schießen ließ, in Geschäfte eingelassen, die das
Reich über Gebühr belasteten und nicht die erforderliche Gewähr für
eine sachgemäße Lieferung boten. Auch die Organisation der Beschaffung
des Heeresbedarfs ließ manches zu wünschen übrig; es kam vor, daß sich
verschiedene Beschaffungsstellen gegenseitig Konkurrenz machten und
sich, ohne es manchmal selbst zu wissen, die Preise in die Höhe boten.

In allen diesen Punkten war zu Anfang des Jahres 1915 bereits vieles
besser geworden. Nach der Aufregung und dem Durcheinander der ersten
Mobilmachungszeit war Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt. Die
Organisation der Beschaffung war vervollkommnet worden. Namentlich
auf dem Gebiete der Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln
für die Armee hatte die schon im Laufe des August 1914 ins Leben
gerufene Zentralstelle für Heeresverpflegung für eine sachgemäße
und einheitliche Behandlung dieses gewaltigen Einkaufsgeschäftes
gesorgt. Auch auf den übrigen Gebieten wurden neue Verträge gründlich
geprüft und eine Nachprüfung der alten Verträge in die Wege geleitet,
der Gelegenheits-Zwischenhandel nach Möglichkeit ausgeschaltet und
direkte Abschlüsse mit den Produzenten angestrebt. Es war natürlich
für die Finanzverwaltung unmöglich, alle die Abschlüsse und Geschäfte
der Heeresverwaltung im einzelnen mitzubearbeiten oder auch nur zu
kontrollieren; dazu hätte ein Heer von Beamten gehört, über das ich
nicht verfügte und das in den Verhältnissen des Krieges auch nicht
zu beschaffen war; außerdem hätte der Versuch zu einer kaum zu
verantwortenden Erschwerung und Verschleppung der meist dringlichen
Geschäfte geführt. Es blieb also nur eine allgemeine Einwirkung im
Sinne einer zweckmäßigen Organisation und sachgemäßen Behandlung der
Beschaffung des Heeresbedarfs, sowie die Mitarbeit bei einzelnen
wichtigen Verträgen und die Kontrolle durch gelegentliche Stichproben.

Darüber hinaus betrachtete ich es als meine Aufgabe, die maßgebenden
militärischen Stellen von der zwingenden Notwendigkeit einer eisernen
Sparsamkeit zu überzeugen. Der verhängnisvolle Grundsatz: »Geld spielt
keine Rolle« mußte vom Kopfe her ausgebrannt werden. Nachdem ich eine
hinreichende Übersicht über die Verhältnisse gewonnen hatte, reiste
ich Ende April 1915 in das Große Hauptquartier, um dort mit dem Chef
des Generalstabs, dem Kriegsminister, dem Generalquartiermeister
und dem Generalintendanten des Feldheeres über die Möglichkeiten
der Erzielung von Ersparnissen zu beraten. Wir kamen in mehrtägiger
Beratung zu dem Ergebnis, daß sowohl bei den sachlichen wie namentlich
auch bei den persönlichen Ausgaben eine strengere Sparsamkeit
sich ohne Beeinträchtigung der Kriegführung durchführen lasse.
Insbesondere die offensichtlich auf einen kurzen Krieg zugeschnittene
Kriegsbesoldungsordnung und ihre Anwendung bot Spielraum zu
geldersparenden Korrekturen. Aber auch in der Materialwirtschaft wurde
vielfach noch gar zu sehr aus dem Vollen geschöpft. Ich konnte in dieser
Beziehung aus meinen Besuchen an der Front und vor allem aus einer
Besprechung mit dem früheren Kriegsminister, General von Einem, damals
Führer der Champagne-Armee, wertvolle Anregungen gewinnen.

Daß meine Bemühungen nicht ganz ohne Erfolg waren, zeigt die Entwicklung
der Kriegsausgaben. Ich habe das Schatzamt verwaltet vom 1. Februar
1915 bis zum 1. Juni 1916. Die Ausgaben im März 1915 stellten sich,
wie ich bereits erwähnte, auf 2035,5 Millionen Mark. In den meisten
der folgenden Monate blieben die Ausgaben hinter dem Betrage von
2 Milliarden Mark zurück. Im März 1916 beliefen sie sich auf 2059
Millionen, also nur wenig höher, als ein Jahr zuvor. Die folgenden
Monate April und Mai erforderten 1,884 und 2,008,5 Milliarden Mark.
Die Ausgaben sind also in den sechzehn Monaten meiner Verwaltung
nicht irgendwie nennenswert weiter angewachsen: und dieses Ergebnis
ist erzielt worden trotz der Ausdehnung der Kriegsschauplätze, trotz
der weiteren Vermehrung des Effektivbestandes unserer Truppen, trotz
der gestiegenen Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe und trotz der
starken Ausdehnung der Fabrikation von Kriegsgerät und Munition.

Ich muß dabei hervorheben, daß ich niemals auch nur in einem
einzigen Fall Wünschen oder Absichten des Kriegsministeriums auf
Beschaffung von Kriegsgerät oder Munition entgegengetreten bin. Die
Beurteilung des in dieser Beziehung für die erfolgreiche Führung des
Krieges Notwendigen konnte ich um so beruhigter der ausschließlichen
Verantwortung der zuständigen militärischen Stellen überlassen, als
die an mich herantretenden Anträge den Rahmen unserer finanziellen
und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in jener ersten Phase des
Krieges nicht überschritten. Nur ein einziges Mal bin ich als
Reichsschatzsekretär in die Lage gekommen, einer unsere militärische
Ausrüstung betreffenden Absicht Widerspruch entgegensetzen zu müssen,
und dieser eine Fall ging nicht das Landheer an, sondern die Marine. Im
Herbst 1915 wollte das Reichsmarineamt auf kaiserliche Anordnung für
einen gesunkenen Kreuzer ein großes modernes Schlachtschiff in Auftrag
geben. Bei der auf drei bis vier Jahre veranschlagten Bauzeit war die
Wahrscheinlichkeit, daß dieser kostspielige Neubau noch für den Krieg
von Nutzen sein könnte, zum mindesten zweifelhaft. Außerdem hätte der
Neubau große Anforderungen an die knappen Arbeitskräfte und Materialien
gestellt und diese dem für alle Eventualitäten notwendigen U-Bootbau
entzogen. Infolgedessen verweigerte ich meine Zustimmung und der Neubau
unterblieb. Im übrigen habe ich den verantwortlichen militärischen
Behörden für die Ausrüstung des Heeres mit Kriegsgerät und Munition
durchaus freien Spielraum gelassen; in wichtigen Fällen, so in der Frage
der Stickstoffbeschaffung und der Handelstauchboote, bin ich aus eigener
Initiative, ohne militärische Anträge abzuwarten, mit Maßnahmen und
Ausgaben vorgegangen, die der Kriegführung wesentlich zugutekamen.

Ich stelle diesen Sachverhalt hier fest, um einer Legendenbildung
entgegenzutreten, die sich später, zur Zeit der Beratung des Gesetzes
über den vaterländischen Hilfsdienst, herausgebildet hat. Damals
wurde ausgestreut -- ich habe nicht ermitteln können, von welcher
Seite -- die unbefriedigenden Zustände in der Munitionserzeugung,
die sich um die Mitte des Jahres 1916 herausgestellt hatten, seien
auf Geldverweigerungen des Reichsschatzamts zurückzuführen. Ich habe
damals schon im Hauptausschuß des Reichstags in Gegenwart der Vertreter
der für die Munitionsbeschaffung zuständigen militärischen Stellen
dieselbe Feststellung gemacht wie hier, daß in keinem einzigen Fall
die Beschaffung von Kriegsgerät und Munition durch ein Eingreifen des
Schatzamtes verhindert oder auch nur verzögert worden ist. Auf die
tatsächlichen Zustände in der Munitionserzeugung um die Mitte des Jahres
1916 komme ich weiter unten im Zusammenhang mit dem Vaterländischen
Hilfsdienst zurück.


                           Die Kriegsanleihen

Die ungeheuren Kosten des Krieges, die bisher in der Geschichte der
Völker auch nicht annähernd ihresgleichen hatten -- überschritt
doch bereits im Jahre 1915 die durchschnittliche Monatsausgabe
Deutschlands die deutschen Gesamtaufwendungen für den Krieg von 1870/71
-- stellten die Finanzpolitik der kriegführenden Völker vor ganz
neue Aufgaben und Probleme. Der gesamte Umlauf an metallischen und
papiernen Zahlungsmitteln in Deutschland bewegte sich vor dem Kriege
zwischen 4 und 5 Milliarden Mark. Der Krieg machte schon im Jahre 1915
die monatliche Beschaffung und Verausgabung von 2 Milliarden Mark
erforderlich, ein Betrag, der gegen Ende des Krieges auf nahezu 5
Milliarden Mark angewachsen ist. Das gesamte jährliche Volkseinkommen
Deutschlands hatte vor dem Kriege einen Betrag von 42 bis 45 Milliarden
Mark erreicht. Die Kriegsausgaben des Jahres 1915 stellten sich
auf rund 23 Milliarden Mark, die Kriegsausgaben des Jahres 1918 auf
50,2 Milliarden Mark. Diese Gegenüberstellung läßt ermessen, was die
Beschaffung und Verausgabung der für den Krieg erforderlichen Gelder für
die deutsche Finanzwirtschaft und Volkswirtschaft bedeutete.

Drei grundsätzlich verschiedene Wege standen den kriegführenden Staaten
zur Aufbringung der Mittel für die Kriegführung zur Verfügung und sind
von allen kriegführenden Staaten gleichzeitig benutzt worden, allerdings
in verschiedenem Maße und in einem sich während des Krieges erheblich
verschiebenden Verhältnis:

1. Die Schaffung neuer Kaufkraft zugunsten des Staates im Weg
des unmittelbaren Druckes von Papiergeld oder der Begebung von
Schatzanweisungen gegen die Ausgabe neuer Banknoten oder gegen die
Schaffung neuer Guthaben.

2. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der
Begebung von Anleihen gegen vorhandene Zahlungsmittel.

3. Die Aneignung vorhandener Kaufkraft durch den Staat im Wege der
Erhebung von Steuern.

Der erste Weg ist der bequemere aber gefährlichere; der zweite und
namentlich der dritte Weg ist schwieriger aber gesunder. Der erstere
Weg führt notwendigerweise zu einer sich fortgesetzt steigernden
Überfüllung des Verkehrs mit Zahlungsmitteln (Inflation) und zu einer in
der sich überstürzenden Steigerung aller Preise zum Ausdruck kommenden
Entwertung des Geldes. Der zweite Weg vermeidet diese Gefahr, aber er
belastet, ebenso wie der erste, die Zukunft. Der dritte Weg schließlich,
der sowohl die Inflation, wie auch die Belastung der Zukunft vermeidet,
führt über solche Widerstände und Hemmungen wirtschaftlicher und
politischer Natur, daß kein kriegführender Staat auf diesem Wege allein
seinen Kriegsbedarf auch nur annähernd hat decken können.

Alle kriegführenden Staaten sahen sich zunächst auf den Weg der
Schaffung neuer Kaufkraft für den Kriegsbedarf gedrängt. In der
Hauptsache nahmen sie ihre Zentralbanken durch die Diskontierung
kurzfristiger Schatzscheine gegen Noten oder Gutschrift in Anspruch. Sie
konnten nicht anders; denn die gewaltigen Zahlungen für die Mobilmachung
mußten geleistet werden, während die Geldmärkte in der ersten Panik die
schwerste Klemme durchmachten, also Bargeld nicht nur nicht abgeben
konnten, sondern für sich selbst benötigten.

Hunderte von Millionen, ja Milliarden neuen Geldes ergossen sich also
in den ersten Wochen des Krieges über die Volkswirtschaft. Alles, was
für das Heer zu liefern hatte, wurde bar bezahlt. Auf dem Wege über
die Arbeitslöhne und die Gebührnisse für Offiziere und Mannschaften
drang der neue Geldstrom bis in die kleinsten Kanäle des Verkehrs.
Die Geldklemme der ersten Kriegstage wurde bald durch eine wachsende
Geldflüssigkeit abgelöst. Wenn einer bedenklichen Inflation vorgebeugt
werden sollte, dann mußte durch eine Änderung der Geldbeschaffung der
allzu reichlich fließende Quell der papiernen Scheine verstopft und die
Hochflut neuer Zahlungsmittel aufgesaugt werden.

Die Begebung langfristiger Anleihen und die Ausschreibung neuer Steuern
standen zu diesem Zweck zur Verfügung.

Man wählte bei uns den Weg der Anleihe (September 1914) und erzielte
mit einem Zeichnungsergebnis von fast 4-1/2 Milliarden Mark den bereits
geschilderten Erfolg.

Als ich das Schatzamt Anfang Februar 1915 übernahm, war der Etatsentwurf
für das kommende Rechnungsjahr im wesentlichen fertiggestellt. Es war
darin ein neuer -- dritter -- Kriegskredit von abermals 5 Milliarden
Mark vorgesehen, den ich auf 10 Milliarden Mark erhöhte. Steuern waren
nicht vorbereitet. Der Reichsbankpräsident schlug mir für den März die
Ausgabe einer zweiten Kriegsanleihe vor.

Mit dieser Situation hatte ich mich zunächst abzufinden. Steuergesetze
lassen sich nicht aus dem Ärmel schütteln, namentlich nicht in einem
Bundesstaat. Bis zum Zusammentritt des Reichstags standen nur wenige
Wochen zur Verfügung. Da der Reichsetat in seinen ordentlichen
Einnahmen und Ausgaben infolge der Übernahme der gesamten Ausgaben für
Heer und Marine auf den Kriegsfonds balancierte, ja sogar noch die
Aufrechterhaltung der planmäßigen Schuldentilgung gestattete, konnte
die recht schwierige und umstrittene Frage der Kriegssteuern für dieses
Mal auf sich beruhen bleiben. Um so mehr kam es darauf an, die Anleihe
zu einem vollen Erfolge zu führen.

Der Erfolg unserer ersten Kriegsanleihe und ihre Kursentwicklung
nach der Zeichnung -- der Kurs stieg alsbald über den Ausgabekurs
von 97-1/2% und erreichte zeitweise 100% -- hatten gezeigt, daß die
Anleihebedingungen richtig gegriffen waren. Ein Vergleich mit England,
dem einzigen kriegführenden Staat, der außer uns schon im Jahre 1914
mit einer großen Anleihe an das Publikum herantrat, mußte diesen
Eindruck bestätigen. Bei uns hatte man sich sofort entschlossen, den
Kriegsverhältnissen durch die Gewährung einer 5%igen Verzinsung Rechnung
zu tragen. England, das zwei Monate nach uns, im November 1914, eine
Anleihe im Betrage von 350 Millionen Pfund Sterling auflegte, gewährte
nur eine 3-1/2%ige Verzinsung bei einem Ausgabekurs von 95%. Die Anleihe
wurde vom Publikum nicht voll genommen; die englischen Großbanken
mußten sich am letzten Zeichnungstage unter dem sanften Druck der
britischen Regierung entschließen, 100 Millionen für sich zu übernehmen,
um wenigstens den Anschein eines Erfolges zu retten. Der Kurs der
Anleihe ging alsbald unter den Ausgabekurs (95%) und sank im Frühjahr
1915 bis 87-1/2% herab. Der Mißerfolg war eingetreten, obwohl die Bank
von England den Zeichnern weit größere Erleichterungen gewährte, als
unsere Darlehnskassen. Die Bank von England erklärte sich bereit, die
Kriegsanleihe sofort bis zur vollen Höhe des Ausgabekurses zu einem Satz
von 1% unter Bankdiskont zu bevorschussen, während unsere Darlehnskassen
Beleihungen nur bis zu 75% und zu einem Satz von 1/4% über Bankdiskont
vornahmen.

Sowohl der eigene Erfolg wie der britische Mißerfolg konnten uns
also nur bestärken, an dem im September 1914 gewählten Anleihetyp
festzuhalten. Das war auch die Meinung aller Sachverständigen aus der
Bankwelt, den Sparkassen und Genossenschaften, mit denen ich mich
alsbald nach Übernahme des Schatzamtes in Verbindung setzte.

Notwendig erschien aber eine weitere Ausgestaltung der Werbetätigkeit.
Der Ertrag der ersten Anleihe von 4-1/2 Milliarden Mark mußte, um
unsere Kriegsfinanzen flottzuerhalten, ganz erheblich übertroffen
werden. Dazu war es erforderlich, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit
für die Anleihe zu interessieren. »Es gilt« -- so habe ich in meiner
Antrittsrede im Reichstag ausgeführt -- »dem ganzen Volk klarzumachen,
daß dieser Krieg mehr als irgendein anderer zuvor nicht nur mit
Blut und Eisen, sondern auch mit Brot und Geld geführt wird. Für
diesen Krieg gibt es nicht nur eine allgemeine Wehrpflicht, sondern
eine allgemeine Sparpflicht und eine allgemeine Zahlpflicht. Der
Verschwender notwendiger Lebensmittel und der Mammonsknecht, der sich
nicht von seinem Gelde trennen kann, ist um kein Haar besser als der
Deserteur, der sich seiner Wehrpflicht entzieht. Unser Ruf, der Ruf der
finanziellen Kriegsleitung, geht an alle, an Groß und Klein, und Schande
über jeden, der sich taub stellt!«

Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht mußte hunderttausendfältig
den Köpfen eingehämmert werden. Das war durch einige Ministerreden
allein nicht zu erreichen, auch wenn diese von dem Standort der größten
Publizität, der Tribüne des Reichstags, gehalten wurden. Es bedurfte
vielmehr einer weitverzweigten, wohlgegliederten und engmaschigen
Organisation über das ganze deutsche Land. In dieser Beziehung mußten
die im September 1914 geschaffenen Anfänge ausgebaut werden.

Zunächst wurde der Kreis der Zeichnungsstellen erweitert; neben den
Banken, Sparkassen und Versicherungsgesellschaften wurden sämtliche
Kreditgenossenschaften und Postanstalten als Zeichnungsstellen aufgetan.
Dann wurde im Zusammenwirken mit den Landesregierungen die Aufklärungs-
und Werbearbeit organisiert: die Landräte, die Gemeindevorsteher, die
Geistlichen, die Lehrer, nicht zum wenigsten die Zeitungen wurden für
diese Arbeit mobilgemacht. Merkblätter, die alles Wissenswerte über
die Kriegsanleihen enthielten, wurden in Millionen von Exemplaren
verbreitet; Mustervorträge und für die Werbearbeit in Betracht kommendes
Material wurden den örtlichen Propagandaorganisationen überwiesen. Es
war für den Reichsbankpräsidenten und für mich eine Freude zu sehen,
mit welchem patriotischen Eifer überall die Werbetätigkeit aufgenommen
wurde, und wie sich allerorten freiwillige Mitarbeiter zur Verfügung
stellten.

Der Erfolg übertraf alle Erwartungen.

Die zweite Kriegsanleihe erbrachte ein Ergebnis von 9100 Millionen Mark,
also mehr als den doppelten Ertrag der ersten Kriegsanleihe.

Die im September 1915 ausgegebene dritte Kriegsanleihe erzielte sogar
einen noch größeren Erfolg: der gezeichnete Betrag erreichte die Summe
von 12160 Millionen Mark.

Insgesamt wurden also im Jahre 1915 rund 21260 Millionen Mark auf dem
Anleiheweg aufgebracht, während die Kriegskosten des Jahres 1915 sich
auf 22965 Millionen beliefen. Die Kriegskosten des Jahres 1915 wurden
also bis auf einen nicht erheblichen Bruchteil durch den Ertrag der
Anleihen des Jahres 1915 gedeckt. Für die zweite Hälfte des Jahres 1915
war das Verhältnis noch günstiger: die Kriegsausgaben stellten sich auf
12091 Millionen, der Ertrag der Kriegsanleihe auf 12160 Millionen.

Als die Zeichnungsfrist der dritten Kriegsanleihe Ende September
1915 ablief, waren an kurzfristigen Schatzanweisungen begeben rund
10 Milliarden Mark. Der Ertrag der dritten Kriegsanleihe übertraf
diese Summe um rund 2 Milliarden Mark. Die Belastung des Reiches mit
kurzfristigem Kredit war also durch die dritte Kriegsanleihe vollständig
abgebürdet.

Die vierte Kriegsanleihe, die letzte in meiner Amtszeit als
Reichsschatzsekretär, zeigte allerdings gegenüber der dritten einen
leichten Rückgang: sie ergab 10768 Millionen Mark, also rund 1400
Millionen Mark weniger als die dritte, aber immer noch 1668 Millionen
mehr als die zweite Kriegsanleihe. Das Ergebnis war zweifellos
beeinträchtigt worden durch den damals heftige Formen annehmenden Streit
um den U-Bootkrieg und den in die Zeichnungsperiode fallenden Rücktritt
des Großadmirals von Tirpitz. Dem Ertrag der vierten Kriegsanleihe
standen gegenüber die Kriegsausgaben des ersten Halbjahrs 1916 mit
rund 11750 Millionen Mark. Die Kriegsausgaben waren also in diesem
Halbjahr um rund eine Milliarde Mark höher als der Anleiheertrag. Als
Ende März 1916 die Zeichnungsfrist auf die vierte Kriegsanleihe ablief,
stellte sich der Betrag der vom Reich ausgegebenen kurzfristigen
Schatzanweisungen auf 10400 Millionen Mark. Das Zeichnungsergebnis der
vierten Kriegsanleihe mit 10768 Millionen Mark deckte also auch dieses
Mal noch den Betrag der ausstehenden Schatzanweisungen.

Als ich am 31. Mai 1916 das Schatzamt verließ, stellten sich die
Kriegsausgaben des Reiches auf rund 39780 Millionen Mark. Davon waren
durch die vier Kriegsanleihen gedeckt rund 36 Milliarden Mark.

Kein anderer kriegführender Staat hat eine auch nur annähernd gleich
erfolgreiche Anleihepolitik durchzuführen vermocht.

England sah sich nach dem ungenügenden Erfolg seiner ersten
Kriegsanleihe vom November 1914 zunächst zur Geldbeschaffung im Wege
des kurzfristigen Kredits genötigt. Im Juni 1915 legte es eine zweite
langfristige Anleihe auf, dieses Mal mit einer nominellen Verzinsung
von 4-1/2%. Während man in Deutschland während des ganzen Krieges
bei der von Anfang an gewählten 5%igen Verzinsung bleiben konnte,
war England also gezwungen, bereits bei der zweiten Kriegsanleihe
einen um 1% höheren Zinssatz zu gewähren als bei der ersten. Es hat
späterhin bei der dritten Anleihe im Februar 1917 auf 5% gehen und einen
Emissionskurs von 95% anbieten müssen, während Deutschland bis zuletzt
für seine gleichfalls 5%igen Kriegsanleihen einen Ausgabekurs von 98%
festhalten konnte. Die englische Kriegsanleihe vom Juni 1915 wurde dem
Publikum durch allerlei Reizmittel schmackhaft gemacht; so wurde dem
Publikum der Umtausch sowohl der ersten 3-1/2%igen Kriegsanleihe als
auch der 2-1/2%igen Konsols zu bestimmten günstigen Sätzen gegen die
neue 4-1/2%ige Kriegsanleihe unter der Bedingung der gleichzeitigen
Barzeichnung auf die neue Anleihe freigestellt; vor allem aber erhielten
die Zeichner die Berechtigung, für den später praktisch gewordenen
Fall der Ausgabe einer höher verzinslichen Anleihe die 4-1/2%igen
Stücke ohne weiteres gegen Stücke der neuen höher verzinslichen Anleihe
tauschen zu dürfen. Trotz aller dieser Reizmittel erreichte die
Zeichnung, abgesehen von den Tauschstücken, nicht ganz 600 Millionen
Pfund Sterling. Um dieses Ergebnis zu erreichen, mußten die Banken
200 Millionen übernehmen. Der Kurs der neuen Anleihe ging alsbald um
einige Prozent unter den Ausgabekurs zurück. Der Markt war durch die
verfehlte Operation derartig gestört und das Schatzamt war durch das für
die Zukunft zugestandene Konversionsrecht derartig behindert, daß bis
zum Februar 1917 eine neue Anleiheoperation überhaupt nicht zustande
kam. Ende Mai 1916 hatte Deutschland 36 Milliarden Mark, England nur 19
Milliarden Mark durch die Begebung langfristiger Anleihen aufgebracht.
Und obwohl England, im Gegensatz zu Deutschland, damals schon die
Steuerschraube stark angezogen hatte, stellten sich seine kurzfristigen
Verbindlichkeiten auf nicht viel weniger als 20 Milliarden Mark, während
die unsrigen nur zwischen 4 und 5 Milliarden betrugen.

Frankreich kam erst im November 1916 mit einer Anleihe heraus. Sie
war mit einer 5%igen Verzinsung ausgestattet und wurde zum Kurs von
88% begeben. Ihr Ergebnis belief sich, abgesehen von dem auch hier
als Lockmittel zugelassenen Umtausch älterer niedriger verzinslicher
Anleihen, auf rund 13,7 Milliarden Franken, also um etwa auf 12
Milliarden Mark. Man kann annehmen, daß Frankreich um die Mitte des
Jahres 1916 etwa zwei Drittel seiner Kriegskosten durch Inanspruchnahme
kurzfristiger Kredite und Darlehen seiner Zentralbank hatte decken
müssen.

Dabei waren sowohl England als auch Frankreich in einem Punkte
wesentlich günstiger gestellt als wir: es stand ihnen die finanzielle
Unterstützung der Vereinigten Staaten von allem Anfang an in
wesentlich größerem Umfang zur Verfügung als uns. Die Sympathien der
amerikanischen Finanzwelt und des Publikums waren ganz vorwiegend auf
der Seite der Westmächte. Während England und Frankreich ohne jede
Schwierigkeit die gewünschten Kredite erhalten und im Herbst 1915 sogar
eine gemeinschaftliche Anleihe von 500 Millionen Dollar mit einem
amerikanischen Finanzkonsortium abschließen konnten, hatten wir die
größten Schwierigkeiten, auch nur die bescheidensten Beträge in Amerika
aufzubringen. Gleich nach Beginn des Kriegs hatte die Reichsleitung den
früheren Staatssekretär des Reichskolonialamts, Herrn Dernburg, nach
Amerika geschickt, in der Hoffnung, durch seine Vermittlung in Amerika
Geldquellen erschließen zu können. Aber auch seinen Bemühungen gelang
es nicht, etwas Nennenswertes zu erreichen. Bald nach meiner Übernahme
des Reichsschatzamtes gelang es allerdings, durch ein Bankhaus zweiten
Ranges Schatzscheine wenigstens in dem bescheidenen Betrag von 10
Millionen Dollar unterzubringen. Aber bald mußte der größte Teil davon
wieder zurückgekauft werden, um eine für unsern Kredit bedenkliche
Entwertung zu verhindern.

Es ist später gegen unsere Kriegsfinanzpolitik mitunter der Vorwurf
erhoben worden, sie habe versäumt, Amerika rechtzeitig finanziell für
uns zu interessieren, und es so geschehen lassen, daß die Vereinigten
Staaten ein einseitiges Interesse an unsern Feinden genommen hätten.
Der Vorwurf beruht auf einer Verkennung der wahren Sachlage. Als
im März 1916 ein Abgeordneter im Hauptausschuß des Reichstags mich
beglückwünschte, daß ich den Geldbedarf für den Krieg im Inland
decken könne und nicht, wie die Engländer und Franzosen, nach Amerika
gehen müsse, da antwortete ich, daß der Redner meine tugendhafte
Enthaltsamkeit überschätze, und daß ich gern von Amerika Geld nehmen
würde, wenn ich es nur bekommen könnte. Die Amerikaner haben im weiteren
Verlauf des Weltkriegs nicht etwa deshalb für die Entente Partei
genommen, weil sie dieser Geld gegeben hatten und uns nicht, sie hatten
vielmehr der Entente Geld gegeben und nicht uns, weil sie von Anfang an
in diesem Völkerringen mit ihren ganz überwiegenden Sympathien auf der
Seite der Westmächte standen.

Trotzdem wir so viel stärker auf die eigne Kraft angewiesen waren als
unsre Feinde, gelang es uns, mit unsrer Anleihepolitik den geschilderten
Vorsprung zu gewinnen.

Aber auch bei uns in Deutschland hat sich die günstige Situation,
die bei meinem Ausscheiden aus dem Schatzamt noch bestand, späterhin
stark verändert. Unter der Einwirkung der seit dem Herbst 1916 ins
Ungemessene wachsenden Kriegsausgaben hat sich, trotzdem jetzt das
Erträgnis der Kriegssteuern hinzutrat, das günstige Verhältnis
zwischen Kriegsausgaben und Anleihedeckung nicht aufrechterhalten
lassen; die Reichsfinanzverwaltung hat sich vielmehr von Halbjahr
zu Halbjahr immer weiter auf den bedenklichen Weg des kurzfristigen
Kredits und der Inanspruchnahme der Reichsbank abgedrängt gesehen.
Die Kriegsausgaben, die noch im August 1916 rund 1980 Millionen
betragen hatten, überschritten im Oktober 1916 erstmals die Summe von 3
Milliarden. Seit April 1917 sind sie niemals wieder unter 3 Milliarden
im Monat hinabgegangen, im Oktober 1917 überschritten sie den Betrag
von 4 Milliarden und haben sich seit jener Zeit mit einer Tendenz zur
weiteren Steigerung fast ständig über dem Monatsbetrag von 4 Milliarden
bewegt. Im Oktober 1918 wurde die ungeheure Summe von 4,8 Milliarden
Mark erreicht. Einem Gesamtaufwand für den Krieg von 23 Milliarden Mark
im Jahre 1915 steht ein solcher von mehr als 50 Milliarden im Jahre 1918
gegenüber.

Mit diesem gewaltigen Anwachsen der Kriegsausgaben hielt die
Steigerung des Ergebnisses der Kriegsanleihen nicht Schritt. Den
höchsten Ertrag hat die achte Kriegsanleihe vom März 1918 mit 15
Milliarden Mark erbracht; aber die durch diese Anleihe zu deckende
Halbjahresausgabe stellte sich auf wesentlich mehr als 20 Milliarden
Mark. Der Erlös dieser Anleihe ließ einen Betrag von 24 Milliarden
kurzfristiger Schatzanweisungen ungedeckt, während zwei Jahre zuvor
die vierte Kriegsanleihe die damals begebenen Schatzanweisungen noch
restlos abgedeckt hatte. Jetzt hat sich, nach den Mitteilungen der
Reichsfinanzminister Schiffer und Dernburg in der Nationalversammlung,
der Betrag der ausgegebenen Reichsschatzanweisungen und Reichswechsel
auf den ungeheuren Betrag von weit mehr als 60 Milliarden Mark erhöht!

Vom Herbst 1916 an ist also die Deckung unserer Kriegsausgaben auf die
schiefe Ebene geraten und mit wachsender Beschleunigung abwärts gerollt.


                              Kriegssteuern

Diese im Herbst 1916 einsetzende bedenkliche Entwicklung unserer
Kriegsfinanzwirtschaft legt die Frage doppelt nahe, ob nicht früher und
in stärkerem Maße, als es geschehen ist, neue Steuern zur Deckung der
Kriegsausgaben hätten herangezogen werden sollen.

Heute, wo wir alle vom Rathaus kommen, wird diese Frage im Brustton der
Überzeugung bejaht von Leuten, die im Rathause selbst noch ganz anderer
Meinung gewesen sind. Und diese Treppenklugheit erfreut sich des
allgemeinen Beifalls.

Steuern als Mittel zur Deckung des Kriegsbedarfs haben mit der
Aufbringung durch die Ausgabe langfristiger Anleihen den Vorteil
gemeinsam, daß sie lediglich bereits vorhandene Kaufkraft aus
den Händen Privater in die Hände des Staates legen, daß also die
Volkswirtschaft sich nicht den Gefahren der Überflutung mit neuen
Zahlungsmitteln aussetzt; daß ferner der Staat vor dem Damoklesschwert
der kurzfristigen Verbindlichkeiten gewaltigen Umfangs bewahrt bleibt.
Vor dem Anleiheweg hat der Steuerweg den Vorteil voraus, daß er die
endgültige Lösung der Deckungsfrage darstellt, während die Anleihe die
Deckungsfrage für Zinsen und Tilgung auf die Zukunft schiebt. Aber wenn
es schon in normalen Zeiten ein anerkannter Grundsatz der staatlichen
Finanzwirtschaft ist, daß neben der Steuer auch die Anleihe, also das
Verschieben der Belastung auf die Zukunft, ihre Berechtigung hat, so
kann im Kriege der Vorzug der endgültigen Deckung erst recht nicht ohne
weiteres zugunsten der Steuern den Ausschlag geben. In der Tat hat
kein kriegführendes Land auf dem Steuerweg allein seinen Kriegsbedarf
aufgebracht oder auch nur einen erheblichen Teil seiner Kriegsausgaben
gedeckt. Auch England nicht. Die britischen Minister haben sich zwar
zu Anfang des Krieges auf die gute alte Tradition berufen, die Gelder
für den Krieg soweit wie möglich durch Steuern zu beschaffen, was
sogar in den langen und kostspieligen napoleonischen Kriegen bis zu
45% der gesamten Kriegskosten gelungen war. Der Weltkrieg hat aber so
enorme finanzielle Ansprüche gestellt, daß auch England, so stark es
die Steuerschraube anzog, nur einen sehr bescheidenen Bruchteil der
Kriegskosten durch Kriegssteuern zu decken vermochte. Bis zum Ablauf des
Finanzjahres 1917/18 stellten sich die englischen Kriegskosten (ohne die
bei uns in Deutschland auf den ordentlichen Etat genommenen und durch
laufende Einnahmen gedeckten Zinsen der Kriegsanleihen) auf rund 120
Milliarden Mark, die steuerliche Deckung auf rund 15 Milliarden Mark[2]
gleich 12-1/2% der zu deckenden Kriegsausgaben. Dabei kamen von den 15
Milliarden Mark rund 7-1/2 Milliarden Mark, also die Hälfte, auf die
Kriegsgewinnsteuer.

  [2] Siehe =Prion=, Steuer- und Anleihepolitik Englands während des
      Krieges, S. 24.

Das Beispiel Englands zeigt also, wie bescheiden angesichts der enormen
Kosten des Weltkrieges das Ziel bei einer Finanzierung eines Teiles der
Kriegskosten durch Steuern gesteckt werden mußte.

Dabei lagen bei uns in Deutschland die Verhältnisse für die
Ausschreibung von Kriegssteuern ungleich ungünstiger als in England.

Schon die bundesstaatliche Verfassung des Reiches bedeutete
eine empfindliche Einschränkung der Bewegungsfreiheit der
Reichsfinanzverwaltung. Die Bundesstaaten beanspruchten das Gebiet
der direkten Steuern als ihre Domäne und setzten einem Hinübergreifen
des Reiches auf dieses Gebiet starken Widerstand entgegen; nicht
etwa nur die einzelstaatlichen Regierungen, sondern auch die
einzelstaatlichen Landtage. Demgegenüber gab es wohl Druckmittel,
aber keine Zwangsmittel. Auch die Druckmittel waren nur beschränkt
anwendbar; denn über die Tatsache war nicht hinwegzukommen, daß die
Einzelstaaten und neben ihnen die Kommunen und Kommunalverbände für
die Deckung ihres im Kriege gleichfalls anwachsenden Geldbedarfs sich
in der Hauptsache auf die direkten Steuern angewiesen sahen. Auf der
andern Seite hatte die Erfahrung gezeigt, daß im Reichstag indirekte
Steuern nur in Verbindung mit Reichssteuern auf Besitz und Einkommen
Aussicht auf Annahme hatten. Dazu kam der doktrinäre Standpunkt der
Sozialdemokratie, die indirekte Steuern grundsätzlich ablehnte. Da ohne
eine starke Heranziehung indirekter Steuern auf Verbrauch und Verkehr
ein praktisch durchführbares Steuerprogramm überhaupt nicht denkbar
war -- auch England hat im Krieg seine Verbrauchs- und Verkehrssteuern
stark erhöht --, so drohte also von einem Versuch mit Kriegssteuern
eine Gefährdung des seit dem 4. August 1914 behüteten »Burgfriedens«.
Schließlich war zu berücksichtigen, daß die Abschnürung Deutschlands
von der Außenwelt uns eine Reihe ergiebiger Steuerquellen verschlossen
hatte, die England nach wie vor zur Verfügung standen. England konnte
den Einfuhrzoll auf Kaffee, Tee und Kakao mit guter Wirkung erhöhen;
bei uns gab es an diesen Genußmitteln keine nennenswerte Einfuhr mehr.
England konnte Bier und Branntwein mit großen Summen heranziehen;
wir mußten die Herstellung von Trinkbranntwein verbieten und die
Bierbrauerei auf das Äußerste einschränken. Der Spielraum für die als
Domäne des Reiches anerkannte indirekte Besteuerung war also durch den
Krieg selbst auf das Empfindlichste eingeschränkt. Darüber hinaus war
dem deutschen Volk durch den britischen Wirtschafts- und Hungerkrieg
eine so ungleich größere Belastung seines Lebens und seiner Wirtschaft
auferlegt als unsern Feinden, denen außer den eigenen Hilfsquellen die
finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung der überseeischen Welt,
namentlich Amerikas, zur Verfügung stand, daß sich die Frage von selbst
aufwarf: Ist es zu verantworten, und wie weit ist es zu verantworten,
dem deutschen Volk während des Krieges selbst im Steuerwege Lasten
aufzubürden, die es voraussichtlich erheblich leichter nach
Wiederherstellung des Friedens würde bewältigen können?

Aber so groß diese Bedenken und Schwierigkeiten auch waren, ein
unübersteigliches Hindernis für jedes Anziehen der Steuerschraube
während des Krieges durften sie nicht bilden. Es war bei längerer Dauer
des Krieges mit Zwangsmomenten zu rechnen, die kaum eine andere Wahl
lassen würden, als neben den Anleihen auch die Steuern in Anspruch
zu nehmen. Eines dieser Zwangsmomente war in verhältnismäßig naher
Zeit mit Sicherheit zu erwarten: die Notwendigkeit, den ordentlichen
Etat, dessen Belastung durch die Zinsen der Kriegsanleihen stark
zunehmen mußte, im Gleichgewicht zu halten. Wenn man will, ein formaler
Gesichtspunkt, wie überhaupt die Ordnung etwas Formales ist. Aber dieser
formale Gesichtspunkt gab wenigstens einen bestimmten Anhalt, während
die Frage, welcher Prozentsatz der eigentlichen Kriegsausgaben durch
Steuern gedeckt werden sollte, nur durch einen ganz willkürlichen Griff
hätte entschieden werden können. Außerdem konnte von der steuerlichen
Deckung der Anleihezinsen noch während des Krieges, die als ein lösbares
Problem sich darstellte, ein immerhin recht wertvolles Zehrgeld für
die Übergangszeit bis zur endgültigen Neuordnung der Reichsfinanzen
erwartet werden, ein Zehrgeld, das um so nötiger erscheinen mußte, als
für die Friedenszeit mit erheblich größeren Schwierigkeiten in der
Aufnahme von Anleihen zu rechnen war als während des Krieges. Der Krieg
bedeutete für zahlreiche Unternehmungen den Ausverkauf ihrer Bestände,
ohne daß Neuanschaffungen möglich waren. Das für Neuanschaffungen nicht
verwendbare Geld stand für die Kriegsanleihen zur Verfügung. Nach dem
Friedensschluß mußte sich diese Sachlage ändern: die Unternehmungen
würden -- das war zu erwarten -- flüssige Mittel brauchen, um ihre
geleerten Bestände an Rohstoffen, Halbfabrikaten, Fertigwaren usw.
wieder aufzufüllen, ihren technischen und maschinellen Apparat zu
erneuern und zu ergänzen. Mit der Fortsetzung des Kreislaufs, in dem der
größere Teil des als Kriegsausgabe vom Reich hinausgegebenen Geldes
als Einzahlung auf Anleihen an das Reich wieder zurückfloß, war also
nicht zu rechnen. Auch konnte niemand erwarten, daß nach Friedensschluß
die Anleihezeichnung in demselben Maße noch als patriotische Pflicht
aufgefaßt werden würde wie während des Krieges. Um so wichtiger
und unerläßlicher war es, rechtzeitig dafür zu sorgen, daß für die
Übergangszeit bereits Neueinnahmen ausreichenden Umfanges zur Verfügung
stehen würden.

Das zweite Zwangsmoment, das während meiner Verwaltung des Schatzamts
praktisch noch nicht in Erscheinung trat, sich aber später in
bedenklichem Umfang einstellte, war die volkswirtschaftliche
Notwendigkeit, einer »Inflation« und ihren verhängnisvollen
Begleiterscheinungen entgegenzuwirken. Solange die Anleihebegebung die
Kriegskosten annähernd deckte, lag keine Gefahr vor. Wenn aber, was
vom Herbst 1916 an in steigendem Maße der Fall war, der Ertrag der
Anleihen hinter den Kriegsausgaben zurückblieb, so entstand ein Vakuum,
das nur durch Schaffung neuer Zahlungsmittel seitens des Staates,
also um den Preis der Inflation, ausgefüllt werden konnte -- oder
durch ein starkes Anziehen der Steuerschraube. Zum mindesten lag dann
angesichts der zersetzenden und verheerenden Wirkungen der Inflation die
Notwendigkeit vor, durch das Mittel der Besteuerung nach Möglichkeit
entgegenzuarbeiten.

Nach diesen Erwägungen habe ich während meiner Amtszeit als
Schatzsekretär die Finanzpolitik geführt.

Als ich den Haushaltsplan für 1915/16 beim Reichstag einbrachte,
mußte ich von Kriegssteuern absehen, da, als ich wenige Wochen zuvor
das Amt übernahm, nichts in dieser Richtung vorbereitet war; ich
konnte von Kriegssteuern absehen, da noch keines der geschilderten
Zwangsmomente vorlag. Ich habe späterhin häufig den Vorwurf gehört, ich
hätte mich damals grundsätzlich gegen die Erhebung von Kriegssteuern
ausgesprochen. Das ist ein Irrtum, der auch durch öfteres Wiederholen
nicht zur Wahrheit geworden ist. Ich habe in meiner Etatsrede vom 10.
März 1915 ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Voranschlag für das
kommende Rechnungsjahr ohne Kriegssteuern balanciere, obwohl nicht
nur die Verzinsung der bis dahin aufgelaufenen Kriegsschulden auf den
ordentlichen Etat übernommen, sondern auch die planmäßige Tilgung der
alten Reichsschuld aufrechterhalten worden war. Ich habe hinzugefügt:

»Der zwingende Anlaß, aus Gründen der rechnungsmäßigen Balancierung des
ordentlichen Etats zu neuen Steuern zu greifen, liegt also für uns nicht
vor, =jedenfalls zur Zeit noch nicht=. Unter diesen Umständen haben die
verbündeten Regierungen geglaubt, =zur Zeit= von der Einbringung von
Kriegssteuern Abstand nehmen zu können.«

In den folgenden Monaten ließ ich in meinem Amt die in Betracht
kommenden Kriegssteuern durcharbeiten. Für den 10. Juli 1915 hatte
ich die bundesstaatlichen Finanzminister zu einer Besprechung der
finanziellen Lage eingeladen. Ich stellte auf dieser Versammlung auch
die Frage der Kriegssteuern zur Erörterung. Die Finanzminister kamen
in eingehender Aussprache zu einem Einverständnis darüber, daß dem
Reichstag auch in der für den 10. August in Aussicht genommenen Tagung
Kriegssteuern nicht vorgeschlagen werden sollten. Ich erklärte damals
ausdrücklich, daß ich den Verzicht auf Kriegssteuern, der mir persönlich
nicht leicht werde, nur dann würde durchhalten können, wenn nicht ein
weiterer Winterfeldzug nötig werde.

Diesem Standpunkt getreu habe ich im Winter 1915/16 den Bundesrat und
den Reichstag mit einer Anzahl von Steuervorlagen befaßt. Die zwingende
Notwendigkeit lag jetzt vor; denn trotz der Übernahme der gesamten
laufenden Ausgaben für Heer und Flotte auf den Kriegsfonds zeigte der
ordentliche Etat einen rechnungsmäßigen Fehlbetrag von 480 Millionen
Mark, dessen starke Erhöhung im wirklichen Ergebnis mit Sicherheit zu
erwarten war.

Meine Vorschläge umfaßten:

1. Eine Kriegsgewinnsteuer.

2. Eine Anzahl von Verbrauchs- und Verkehrssteuern, nämlich
eine Erhöhung der Tabakabgaben, einen Quittungsstempel, einen
Frachturkundenstempel und Zuschläge zu den Post- und Telegraphengebühren.

Die Einbringung des Kriegsgewinnsteuergesetzes entsprach den Wünschen
aller Parteien. Dagegen stieß jeder weitere Schritt auf erhebliche
Schwierigkeiten. Schon innerhalb des Kreises der Reichsleitung hatte
ich es nicht leicht. Namentlich die Postzuschläge fanden bei dem
Staatssekretär des Reichspostamts den stärksten Widerspruch, der
schließlich nur durch eine Entscheidung des Reichskanzlers überwunden
werden konnte. Die Parteien des Reichstags zeigten sich kühl oder
feindlich. Der Führer der Nationalliberalen, Herr Bassermann, machte
mir die eindringlichsten Vorstellungen, ich solle darauf verzichten,
den Burgfrieden der Parteien auf eine Probe zu stellen, der er nicht
gewachsen sei. Der Reichstag werde unter Umständen genötigt sein, über
meine Vorlagen einfach zur Tagesordnung überzugehen. Ich hielt Herrn
Bassermann entgegen, daß ein Burgfrieden, der nur um den Preis des
Verzichts auf zwingende sachliche Notwendigkeiten aufrecht erhalten
werden könne, ein fauler Friede sei, der mehr schade als nütze; ich
sei entschlossen, meine Steuervorlagen einzubringen und mit ihnen,
bei aller Geneigtheit, über Einzelheiten mit mir reden zu lassen,
zu stehen und zu fallen. -- Noch unmittelbar vor Torschluß kam der
Zentrumsführer Dr. Spahn aus einer Sitzung seiner Fraktion zu mir, um
mir gleichfalls dringend nahezulegen, die Steuervorlagen zurückzuziehen.
Auf meine kategorische Ablehnung richtete er an mich die Frage: »Sind
Sie wenigstens der Deckung durch den Kanzler sicher?« Ich antwortete
»Seiner Zustimmung unbedingt.« Herr Spahn schüttelte bedenklich den
Kopf und erzählte dann, in der Fraktionssitzung habe ein Abgeordneter
berichtet, er habe an einer Sitzung beim Reichskanzler teilgenommen, in
der die Frage der Kriegssteuern besprochen worden sei; der Kanzler habe
schließlich anerkannt, daß die Gefährdung des Burgfriedens durch die
neuen Steuern vermieden werden müsse. Ich antwortete: »Der Abgeordnete
heißt natürlich Erzberger, und die Sache ist Unsinn. Ich werde aber
zu Ihrer Beruhigung den Sachverhalt sofort beim Reichskanzler selbst
feststellen.« Herr von Bethmann war über den Bericht des Herrn Erzberger
empört. Herr Erzberger hatte ihn am Vormittag besucht und dabei auch
die burgfriedlichen Bedenken gegen die Kriegssteuern vorgebracht. Herr
von Bethmann hatte ihm geantwortet, das sei alles überlegt worden, und
nach reiflicher Prüfung habe man sich zur Einbringung der Vorlagen
entschlossen; dabei müsse es bleiben.

Und es blieb dabei.

Aber es wurde eine schwere Geburt.

Presse und Parlament zausten in der grausamsten Weise an meinem
Steuerbukett herum. Die einen erklärten Kriegssteuern für überflüssig
und schädlich, den andern war ich zu schüchtern. Die Sozialdemokraten
riefen nach weiteren direkten Steuern, insbesondere nach einer
Erneuerung des Wehrbeitrags und nach einer Reichserbschaftssteuer, und
lehnten die Verbrauchs- und Verkehrssteuern trotz Krieg und Kriegsnot
nach altem Friedensbrauch grundsätzlich ab. Alle fanden, meine Steuern
seien Stück- und Flickwerk; und damit hatten sie recht. Unrecht hatten
sie nur, wenn sie von mir in diesem Stadium des Krieges ein »organisches
Ganzes« und eine »großzügige einheitliche Reichsfinanzreform«
verlangten. Es wäre Vermessenheit gewesen, im zweiten Kriegsjahr eine
durchgreifende und endgültige Neuordnung der deutschen Finanzen schaffen
zu wollen. Auch mein Nachfolger hat in seinen Steuervorlagen von 1917
und 1918 sich damit begnügen müssen, zu Notbehelfen zu greifen und die
endgültige Neuordnung der Reichsfinanzen der Friedenszeit zu überlassen.

Die Verbrauchs- und Verkehrssteuern wurden mit Änderungen, wie sie nun
einmal der Reichstag seiner Würde schuldig zu sein glaubte, im großen
Ganzen angenommen. Die Änderungen, die der Reichstag an meinen Sätzen
für die Postgebühren vornahm, hat er zwei Jahre später zum großen Teil
wieder nach rückwärts korrigiert. Die Vorlage über den Quittungsstempel
erfuhr eine gänzliche Umgestaltung: der Quittungsstempel wurde zu meiner
Freude durch den Umsatzstempel ersetzt. Ich hatte im Schatzamt den
Entwurf eines Umsatzstempelgesetzes in allen Einzelheiten ausarbeiten
lassen, da ich den Umsatzstempel für eine sehr entwicklungsfähige Steuer
hielt, und weil ich in ihm eine wichtige Ergänzung unseres Steuersystems
erblickte. Ich habe darüber bei der zweiten Lesung der Steuervorlagen
ausgeführt:

»Das Einkommen wird von den Einzelstaaten und Kommunen bei seinem
Entstehen an seiner Wurzel als Einkommen gefaßt. Die Besteuerung
und Verwendung des Einkommens liegt nun in der Weise beim Reich,
daß derjenige Teil, der verbraucht wird, unter den Umsatzstempel
fällt, und zwar proportional zum Verbrauch, und derjenige, der nicht
verbraucht wird, also einen Vermögenszuwachs bildet, unter die
Vermögenszuwachssteuer fällt.«

Wenn ich die Umsatzstempelvorlage nicht von vornherein einbrachte, so
war für mich in erster Linie bestimmend die Befürchtung, daß diese
Neuerung als allzu kühn abgelehnt werden würde. Den bereits dreimal
vom Reichstag abgelehnten Quittungsstempel schlug ich vor, weil ich
der Ablehnung so gut wie sicher war und dann wenigstens die Aussicht
hatte, daß man mir aus dem Reichstag heraus als Ersatz die Umsatzsteuer
präsentieren könnte.

So geschah's.

Der Abgeordnete Müller-Fulda erwies mir, ohne es selbst zu ahnen, den
von mir erwarteten Gefallen.

Am schlimmsten verunstaltet wurde das Kriegsgewinnsteuergesetz.

Die Verteilung der Steuergebiete zwischen Reich und Einzelstaaten legte
es nahe, die Kriegsgewinnsteuer als eine Steuer von dem während des
Krieges eingetretenen Vermögenszuwachs zu konstruieren. Den Nachteil,
daß bei dieser Konstruktion der Sparsame getroffen und der Verschwender
gewissermaßen belohnt wird, wollte ich dadurch wenigstens einigermaßen
ausgleichen, daß ich für die Bemessung des Steuersatzes den Grad der
Einkommensteigerung während des Krieges mitbestimmend sein ließ. Es war
nicht ganz einfach gewesen, die Bundesregierungen, die jede Heranziehung
der Einkommen durch das Reich als einen Einbruch in ihre steuerliche
Domäne anzusehen geneigt waren, für dieses Zugeständnis zu gewinnen. Die
Reichstagskommission setzte nun in ihrer ersten Lesung eine selbständige
Steuer vom Mehreinkommen neben die Steuer auf den Vermögenszuwachs,
und als die verbündeten Regierungen dagegen Einspruch erhoben,
schüttete sie das Kind mit dem Bade aus und strich -- zur großen Freude
der einzelstaatlichen Finanzminister -- jede Berücksichtigung des
Mehreinkommens aus dem Gesetz heraus. Denn geändert mußte nun einmal
werden, wenn nicht nach links, dann nach rechts!

Eine neue große Schwierigkeit entstand infolge des
Kommissionsbeschlusses, gleichzeitig mit der Kriegsgewinnsteuer
einen neuen Wehrbeitrag zu erheben. Freisinnige und Nationalliberale
hatten sich den Sozialdemokraten angeschlossen, während Zentrum und
Konservative dagegen stimmten. Die einzelstaatlichen Regierungen
meldeten bei mir den schärfsten Widerspruch an. Die ganzen Steuergesetze
drohten an dieser Differenz zu scheitern. Der Abgeordnete Schiffer
machte nun den Vorschlag, neben der Kriegsgewinnsteuer eine einmalige
Vermögensabgabe von 1 0/00 zu erheben. Am 11. Mai fand eine
interfraktionelle Beratung statt, an der alle Parteien teilnahmen,
außer den Sozialdemokraten, die wegen ihrer grundsätzlichen Opposition
gegen die indirekten Steuern fernblieben. Die Konservativen lehnten
den Schiffer'schen Vorschlag strikt ab. Darauf erklärte das Zentrum,
daß es bei einem Kompromiß nur mitmachen werde, wenn alle bürgerlichen
Parteien einschließlich der Konservativen sich einigten. Wenn diese
Einigung nicht gelinge, werde nichts zustande kommen. Der bayrische
Ministerpräsident Graf Hertling, der an jenem Tage in Berlin war,
erklärte mir, er werde im Bundesrat unerbittlich gegen jeden solchen
Kompromißgedanken stimmen; er sprach dabei mit einer Erregung, die
außer Verhältnis zur Sache stand, über Unitarismus und Revolution.
Die sächsische Staatsregierung beantragte am gleichen Tage die
Befassung des Bundesrats mit den Kompromißverhandlungen. Ich beantragte
beim Reichskanzler, die einzelstaatlichen Ministerpräsidenten und
Finanzminister zur Besprechung der Angelegenheit auf den 15. Mai nach
Berlin einzuladen. In diesen Beratungen setzte ich den Schiffer'schen
Vorschlag mit einer Variante durch, die ihn den bundesstaatlichen
Regierungen annehmbar erscheinen ließ: Die Vermögensabgabe sollte
sich dadurch als eine einmalige, den Kriegsverhältnissen angepaßte
Steuer charakterisieren, daß sie -- ebenso wie die Kriegsgewinnsteuer
auf den Vermögenszuwachs abgestellt war -- auf die Vermögenseinbußen
Rücksicht nahm, und zwar in der Weise, daß sie sich für jedes Prozent
Vermögensverlust um ein Zehntel ermäßigte, also bei 10% Vermögensverlust
ganz in Wegfall kam. Bei einer starken Vermögensabgabe, wie sie
jetzt wohl kommen wird, hat dieser Gedanke seine Berechtigung und
verdient geprüft zu werden. Bei einer Vermögensabgabe von 1 0/00 war
er eine Spielerei. Aber diese »Steuer auf entgangenen Verlust«, wie
sie der badische Ministerpräsident von Dusch witzig taufte, hatte
den Vorteil, die schmale Brücke zwischen kaum mehr ausgleichbar
erscheinenden Gegensätzen zu bilden. Der Vorschlag wurde sowohl von den
Bundesregierungen wie auch von den verschiedenen bürgerlichen Parteien
angenommen, und damit war das Steuerkompromiß perfekt.

In den letzten Tagen meiner Amtstätigkeit als Staatssekretär des
Reichsschatzamts wurden die Steuervorlagen vom Reichstag verabschiedet.
Ich hatte die Genugtuung, daß es mir noch gelungen war, über starke
Widerstände und Schwierigkeiten hinaus grundsätzlich die notwendige
Ergänzung unserer Kriegsfinanzpolitik durch die Ausschreibung von
Kriegssteuern durchzusetzen.


                    Vorschüsse an unsere Verbündeten

Es wäre hier noch ein Wort zu sagen über die finanzielle Unterstützung,
die wir zu Zwecken der Kriegführung unseren Verbündeten haben angedeihen
lassen.

Während wir von außen keine nennenswerte Hilfe erhielten, waren unsere
sämtlichen Bundesgenossen auf unsere Hilfe angewiesen.

Österreich-Ungarn brachte die Gelder für die im Innern zu leistenden
Kriegsausgaben im Wege einer bemerkenswert erfolgreichen Anleihepolitik
und auch von Kriegssteuern aus eigner Kraft auf; von uns beanspruchte
es lediglich sogenannte »Valutakredite« zur Deckung seiner nicht
unerheblichen in Deutschland und im neutralen Auslande zu leistenden
Ausgaben. Diese Kredite wurden ihm in Abmachungen, die regelmäßig von
Halbjahr zu Halbjahr abgeschlossen wurden, durch Vermittlung eines
deutschen Bankenkonsortiums gewährt.

Bulgarien benötigte von uns nicht nur »Valutakredite«, sondern darüber
hinaus auch einen großen Teil der Gelder für seine inländischen
Kriegsausgaben. Ich habe im November 1915 mit dem bulgarischen
Finanzminister Tontscheff die Verträge geschlossen, auf deren Grundlage
unsere finanzielle Hilfe im Verlauf des Krieges gewährt wurde. Die
Vorschüsse der deutschen Regierung schufen, soweit sie nicht unmittelbar
zu Zahlungen in Deutschland oder im neutralen Ausland verwendet wurden,
Guthaben, die als Grundlage für die Notenausgabe der Bulgarischen
Staatsbank dienten.

Sehr schwierig und verwickelt gestaltete sich die Finanzierung des
Geldbedarfs der Türkei; einmal weil die Türkei in weit größerem Umfang
als Bulgarien auch für die Beschaffung ihres inneren Geldbedarfs
auf uns angewiesen war; ferner weil die Bevölkerung im Innern der
Türkei an papierne Geldzeichen nicht gewöhnt war, sondern Hartgeld
verlangte; schließlich weil das türkische Noteninstitut, die Kaiserlich
Ottomanische Bank, die von englischem und französischem Kapital
beherrscht war, passiven Widerstand leistete. Der erste Vorschuß an
die Türkei für ihre inneren Bedürfnisse, der ihr unmittelbar nach
ihrem Eintritt in den Krieg gewährt wurde, war bares Gold; es handelte
sich dabei um fünf Millionen türkische Pfund. Dieser Weg war natürlich
bei längerer Dauer des Krieges ungangbar; er hätte den Goldbestand
unserer Reichsbank ausgepumpt. Als ich das Schatzamt übernahm, suchte
ich deshalb nach andern Mitteln. Mein Vorschlag, entweder den passiven
Widerstand der Ottomanischen Bank zu brechen oder an ihrer Stelle ein
neues Noteninstitut unter deutscher Beteiligung zu errichten, scheiterte
an dem hartnäckigen Widerspruch und am passiven Widerstand des
Finanzministers Djavid Bey. So schlug ich vor, die Vermittlung der in
der Türkei bei Einheimischen und Fremden den besten Kredit genießenden
internationalen Administration der türkischen Staatsschulden in Anspruch
zu nehmen. Die Staatsschuldenverwaltung gab nun auf Grund von in Berlin
hinterlegten deutschen Reichsschatzanweisungen Zertifikate aus, die in
der Türkei den Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel erhielten. Die
Vorschüsse der deutschen Regierung wurden also fortan in der Hauptsache
in der Form von Schatzanweisungen gewährt; nur ausnahmsweise und für
besondere Zwecke wurden noch gewisse Beträge in Gold oder auch in Silber
zur Verfügung gestellt.

Insgesamt hat der Betrag unserer Vorschüsse an die Bundesgenossen 10700
Millionen Mark betragen; davon sind rund 3900 Millionen Mark in bar
gewährt worden, 6800 Millionen Mark durch Begebung oder Hinterlegung von
Schatzanweisungen.



                  Wirtschaftskrieg und Kriegswirtschaft

                          Reichsamt des Innern


Während ich in dem ersten großen Abschnitt des Krieges durch meine
Berufung an die Spitze des Reichsschatzamts unsere Kriegführung auf
dem Gebiete der Finanzen zu leiten hatte und dabei in die Lage kam,
gelegentlich auch an den großen wirtschaftlichen Aufgaben mitzuarbeiten,
brachte mich die Ernennung zum Staatssekretär des Innern Ende Mai 1916
an die Spitze derjenigen Verwaltung, der nach der Friedensorganisation
der Reichsbehörden die Bearbeitung der wirtschaftlichen Angelegenheiten
des Reichs zustand.

Am 6. Mai ließ mir der Kanzler mitteilen, daß der bisherige Chef
des Reichsamts des Innern, Stellvertreter des Reichskanzlers und
Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums, Staatsminister
Delbrück, auf seinem schon öfter bekundeten Entschluß, seinen Abschied
zu nehmen, nunmehr bestehe und eine baldige Genehmigung seines Abschieds
dringend wünsche. Delbrück war kurz vor Ausbruch des Krieges im
Begriff, zur Wiederherstellung seiner stark angegriffenen Gesundheit
einen mehrmonatigen Urlaub zu nehmen; angesichts des Kriegsausbruches
hatte er diese Absicht aufgegeben und nun fast zwei Jahre hindurch die
gesteigerte Arbeitslast getragen, die der Krieg für seine Ämter mit sich
brachte. Seit dem Beginn des Jahres hatte sich sein körperlicher Zustand
verschlechtert. Ich hatte mehrfach bei wichtigen Beratungen für ihn
eintreten müssen. Nunmehr stellte mich der Kanzler vor die Frage, ob ich
als Stellvertreter des Reichskanzlers und als Staatssekretär des Innern
die Nachfolge Delbrücks übernehmen wolle; für das Vizepräsidium des
Preußischen Staatsministeriums, dessen jüngstes Mitglied ich damals war,
richtete er die gleiche Anfrage an den Eisenbahnminister von Breitenbach.

Die Gründe, die mir Herr von Bethmann Hollweg darlegte, ließen mir keine
Wahl, so schwer es mir auch wurde, das Reichsschatzamt zu verlassen und
das neue, kaum zu bewältigende Amt auf mich zu nehmen. Viel stärker noch
als bei der Übernahme des Schatzamts hatte ich das Gefühl des Sprungs
ins Dunkle.

Für den Posten des Reichsschatzsekretärs fiel die Wahl auf den Grafen
von Rödern, bis dahin Staatssekretär in Elsaß-Lothringen.

Am 22. Mai vollzog der Kaiser, der damals für kurze Zeit im Berliner
Schloß Bellevue residierte, die Ernennungen. Die Kaiserin sagte mir, sie
bewundere meinen Mut. Als ich antwortete: »Was man muß, das kann man
auch,« setzte sie, fast etwas vorwurfsvoll, hinzu: »Mit Gottes Hilfe!«

Am 1. Mai trat ich das neue Amt an.

Zu dem Geschäftsbereich des Reichsamts des Innern gehörte damals die
gesamte innere Politik, die Angelegenheiten des Bundesrats, die gesamte
Sozialpolitik und die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Letztere mit
Einschränkungen. Schon vor dem Kriege waren die Angelegenheiten der
auswärtigen Handelspolitik vom Auswärtigen Amt, das hierfür eine
eigene handelspolitische Abteilung hatte, mit dem Reichsamt des Innern
gemeinschaftlich bearbeitet worden. Gleich zu Anfang des Krieges
hatten die Militärbehörden, insbesondere die Kriegsrohstoffabteilung
des Kriegsministeriums, einen wichtigen Teil der wirtschaftlichen
Angelegenheiten, nämlich ungefähr alles, was mit der Ausrüstung und
Versorgung des Heeres im Zusammenhang stand, an sich genommen. Der
Belagerungszustand und die Art und Weise, wie das auf Grund des
Belagerungszustandes den Generalkommandos zustehende Verordnungsrecht
ausgelegt und gehandhabt wurde, gab den militärischen Stellen die
Möglichkeit eines viel prompteren Zugreifens, als das sogenannte
»Ermächtigungsgesetz« vom 4. August den Zivilbehörden. Durch dieses
Gesetz war der Bundesrat ermächtigt worden, »während der Zeit des
Krieges diejenigen gesetzlichen Maßnahmen anzuordnen, welche sich
zur Abhilfe gegenüber wirtschaftlichen Schädigungen als notwendig
erweisen«. Da aber der Bundesrat eine Körperschaft war, deren Mitglieder
zu ihrer Abstimmung der Instruktion durch ihre Regierungen bedurften,
war dieses Instrument -- wenn es auch gegenüber der Notwendigkeit,
den Reichstag zu befassen, eine wesentliche Erleichterung bedeutete
-- doch immerhin viel schwerfälliger als das Verordnungsrecht der
Militärbefehlshaber. Im übrigen hat niemals eine formelle und scharfe
Abgrenzung der Arbeitsgebiete der militärischen und zivilen Behörden
stattgefunden. Vielfach griffen die Militärbehörden ein, wenn aus
militärischen Gründen die prompte Erledigung einer wirtschaftlichen
Frage notwendig war, und vielfach kamen Angelegenheiten, die von den
militärischen Stellen in Angriff genommen worden waren, zur weiteren
Bearbeitung an das Reichsamt des Innern zurück. Die erforderliche
Einheitlichkeit und Kontinuität wurden durch die wechselseitige
Beteiligung von Kommissaren aufrechterhalten.

Ein großer Teil der wirtschaftlichen Geschäfte des Reichsamts des
Innern wurde jetzt gleichzeitig mit dem Wechsel im Staatssekretariat
abgetrennt: die Ernährungsangelegenheiten.

Auf diesem Gebiete hatte sich eine straffere und schlagfertigere
Organisation als notwendig herausgestellt. Abgesehen von der
Notwendigkeit der Befassung des Bundesrats mit den Einzelheiten der auf
diesem weitschichtigen Gebiet erforderlichen Verordnungen war an der
Vorbereitung und Ausführung der gesetzgeberischen Maßnahmen außer dem
Reichsamt des Innern eine große Anzahl von Reichs- und Landesbehörden
beteiligt. Die Einheitlichkeit der Ausführung wurde dadurch in gleicher
Weise beeinträchtigt, wie die Schnelligkeit der Entschließung. Es
erschien deshalb angezeigt, die Befugnisse des Reichskanzlers auf dem
Gebiete der Volksernährung erheblich zu erweitern und ihm für die
Ausübung dieser erweiterten Befugnisse eine besondere Zentralbehörde
zur Verfügung zu stellen. Mit dieser Lösung erklärte ich mich vor
der Übernahme des Reichsamts des Innern einverstanden. Gleichzeitig
mit meiner Ernennung zum Staatssekretär des Innern, am 22. Mai 1916,
wurde eine Bekanntmachung des Bundesrats über Kriegsmaßnahmen zur
Sicherung der Volksernährung veröffentlicht, die dem Reichskanzler
das volle Verfügungsrecht über alle Lebens- und Futtermittel und
die zur Lebensmittel- und Futtermittelversorgung erforderlichen
Gegenstände übertrug und ihn ermächtigte, alle zur Durchführung der
Lebensmittel- und Futtermittelversorgung erforderlichen Bestimmungen zu
treffen. Am selben Tage wurde durch Bekanntmachung des Reichskanzlers
das Kriegsernährungsamt geschaffen und diesem die Ausübung der dem
Reichskanzler auf dem Gebiete des Ernährungswesens zustehenden
Befugnisse übertragen. Zum Präsidenten des Kriegsernährungsamts wurde
der bisherige Oberpräsident von Ostpreußen, Herr von Batocki, ernannt.

Damit schieden die Angelegenheiten der Volksernährung aus dem
Geschäftskreis des Reichsamts des Innern aus; beim Reichsamt des Innern
blieb nur die Bearbeitung derjenigen Ernährungsangelegenheiten, die
untrennbar mit den Fragen unserer Einfuhr und Ausfuhr zusammenhingen.
Denn die Einfuhr von Nahrungs- und Futtermitteln aus dem Auslande konnte
nur im engsten Zusammenhang mit allen den anderen wirtschaftlichen
Fragen behandelt werden, die unser Verhältnis zu den einzelnen
befreundeten oder neutralen Staaten betrafen.

Im übrigen wurde mir in meiner Eigenschaft als Stellvertreter des
Reichskanzlers eine gewisse Mitwirkung auch bei den Geschäften
des Kriegsernährungsamts vorbehalten; da der Präsident des
Kriegsernährungsamts nicht zum Stellvertreter des Reichskanzlers im
Sinne des Stellvertretungsgesetzes von 1878 ernannt wurde, blieb die
Stellvertretung des Reichskanzlers in diesem Sinne bei mir. Angesichts
des engen und unlösbaren Zusammenhanges der Ernährungsfragen mit der
Gesamtheit der wirtschaftlichen Angelegenheiten erschien diese Regelung
notwendig, um die Einheitlichkeit in der Kriegswirtschaftspolitik des
Reichs nach Möglichkeit sicherzustellen und um zu vermeiden, daß die
Zusammenfassung auf dem Sondergebiet der Volksernährung durch eine
neue Zersplitterung auf dem Gesamtgebiet der Kriegswirtschaft erkauft
werde. In der Praxis jedoch waren meiner Einwirkung durch einen
besonderen Umstand enge Grenzen gezogen. Dem Kriegsernährungsamt wurde
der schon früher geschaffene Reichstagsbeirat für Volksernährung zur
Seite gestellt, mit dem alle wichtigen Verordnungen und sonstigen
Maßnahmen durchberaten wurden. Ich habe anfänglich den Versuch
gemacht, die Beratungen des Ernährungsbeirats persönlich zu leiten
und dadurch einen unmittelbaren Einfluß auf dessen Stellungnahme und
Beschlußfassung zu gewinnen. Bei der Häufigkeit und Ausdehnung der
Sitzungen des Ernährungsbeirats und bei der starken Inanspruchnahme
meiner Zeit und Arbeitskraft durch meine übrigen Dienstgeschäfte ließ
sich das aber nicht durchführen. Schon Ende Juli 1916 mußte ich mich
entschließen, den Vorsitz dem Präsidenten des Kriegsernährungsamts
zu überlassen. Nun kamen die Verordnungen und Bekanntmachungen zu
mir zur Unterschrift, nachdem der Ernährungsbeirat bereits Stellung
genommen hatte. Beanstandungen meinerseits bedeuteten infolgedessen
die Wiederaufnahme eines schwierigen und langwierigen Verfahrens, oft
genug in Fragen, die keinen Aufschub duldeten. Dieser Weg war natürlich
nur in ganz wichtigen Fällen gangbar. Infolgedessen mußte ich mich
oft genug wohl oder übel entschließen, meinen Namen unter Verfügungen
zu setzen, die ich nicht für zweckmäßig halten konnte. Ich erinnere
mich z. B. meiner Auseinandersetzungen mit Herrn von Batocki über
die Zwangsbewirtschaftung der Eier, die ich für verfehlt hielt und
heute noch für verfehlt halte. Aber der Ernährungsbeirat hatte sich
festgelegt und Herr von Batocki erklärte die Herbeiführung einer anderen
Stellungnahme für ebenso unmöglich wie eine Regelung gegen die formell
nur gutachtlichen Beschlüsse des Ernährungsbeirats. Solche Zwangslagen
waren nicht selten. Die Ausgestaltung des Kriegsernährungsamts zu
einem Staatssekretariat unter Übertragung der Stellvertretung des
Reichskanzlers auf den Staatssekretär war die Lösung, die sich
schließlich trotz aller in der Einheitlichkeit der Führung der
Kriegswirtschaft begründeten Bedenken aufdrängte. In diesem Sinne wurde
die Frage im Juli 1917 bei Gelegenheit des Übergangs der Kanzlerschaft
an Herrn Michaelis und des Kriegsernährungsamts an Herrn von Waldow
entschieden.

Das Geschäftsgebiet, das dem Reichsamt des Innern -- abgesehen von
den innerpolitischen Angelegenheiten -- in den wirtschaftlichen
Dingen verblieb, war auch nach der Abtrennung der eigentlichen
Ernährungsfragen von kaum übersehbarer Ausdehnung. Seine Bewältigung
wurde mit der Dauer des Krieges und mit der Verschärfung des Druckes der
Wirtschaftsblockade von Monat zu Monat schwieriger. Dazu kam, daß der
Personalbestand des Reichsamts des Innern auf das äußerste eingeschränkt
war. Zu Kriegsbeginn hatte sich ein großer Teil der jüngeren Beamten
für den Dienst mit der Waffe freigeben lassen. Andere mußten für
die verschiedenen Kriegsorganisationen und für die Verwaltung der
besetzten Gebiete abgegeben werden. Ausreichend geschulter Ersatz stand
nicht zur Verfügung. Die dem Amt verbliebenen Kräfte waren bis zur
Grenze der Leistungsfähigkeit belastet. Dazu kam die ständig wachsende
Beanspruchung durch die parlamentarischen Verhandlungen. Während im
ersten Halbjahr des Krieges nur 3 kurze Plenarsitzungen des Reichstags
stattfanden, deren stenographische Berichte nur 23 Seiten umfaßten, im
zweiten Halbjahr 9 Sitzungen mit 186 Seiten Bericht, fanden im sechsten
Halbjahr des Krieges (1. Februar bis 1. August 1916) nicht weniger als
37 Vollsitzungen statt, deren stenographische Berichte auf 1280 Seiten
anschwollen. Noch mehr Zeit und Kraft nahmen die parlamentarischen
Kommissionen in Anspruch. Ich habe als Staatssekretär des Innern lange
Zeiten hindurch meine eigentlichen Amtsgeschäfte in der Zeit vor neun
oder zehn Uhr morgens und nach sieben oder acht Uhr abends erledigen
müssen und oft erst spät nach Mitternacht die Arbeit verlassen können,
um am nächsten Morgen zu früher Stunde wieder auf dem Plan zu sein; und
ähnlich wie mir selbst, erging es meinen wichtigsten Mitarbeitern.

Mit diesem überlasteten Apparat mußten die gewaltigen Anforderungen
bewältigt werden, die der Krieg in immer steigendem Maße an die
wirtschaftliche Zentralbehörde des Reiches stellte.


                    Deutschland als belagerte Festung

Schritt für Schritt, mit ebenso unerbittlicher Folgerichtigkeit wie
souveräner Verachtung des Völkerrechts und brutaler Rücksichtslosigkeit
gegen die Neutralen, ergänzte und vervollkommnete die Entente unter
Englands Führung die wirtschaftliche Einschnürung Deutschlands.

Die deutsche Handelsflagge war in den ersten Tagen des Krieges von
den Weltmeeren verschwunden. Unsere Flotte genügte, um der britischen
Flotte die Annäherung an unsere Küsten und die Einfahrt in die Ostsee
zu gefahrvoll erscheinen zu lassen. Die Schlacht am Skagerrak am 31.
Mai 1916 hat gezeigt, daß es England in der Tat auf einen Kampf mit
unserer Hochseeflotte nicht ohne das größte Risiko für seine Flotte und
damit für seine Existenz ankommen lassen konnte. Damit war eine nach den
Regeln des Völkerrechts durchzuführende Blockade unserer Häfen unmöglich
gemacht. Auf der anderen Seite aber war unsere Flotte nicht stark genug,
um die britische Seemacht vor deren eigenen Stützpunkten zum Kampf
zu stellen. So waren wir in der Nordsee und Ostsee eingeschlossen.
England dagegen hatte die Meere frei, nachdem unsere wenigen zur Zeit
des Krieges in den überseeischen Gewässern stationierten Kreuzer nach
heldenhafter Gegenwehr und glänzenden Waffentaten, wie der Schlacht an
der Coronelküste, der Übermacht der Feinde zum Opfer gefallen waren.
Einzelne Streifzüge von Hilfskreuzern, wie der »Möwe« und des »Wolf«,
konnten, so Hervorragendes sie leisteten, an der Tatsache nichts
ändern, daß unsere Kauffahrteischiffe in deutschen und neutralen Häfen
feiern mußten, während die Schiffe der Entente bis zum U-Bootkrieg ohne
wesentliche Beunruhigung die Meere befahren konnten.

Da aber die Entente nicht in der Lage war, eine Blockade unserer
Küsten aufzurichten und durchzuführen, blieb uns die Möglichkeit des
Handelsverkehrs über See durch die Vermittlung neutraler Schiffe, soweit
nicht die völkerrechtlichen Satzungen über die Bannware entgegenstanden.

England hat von Beginn des Krieges an alles darangesetzt, uns diese
Handelsmöglichkeit zu zerstören und die Blockade unserer Häfen,
zu der es marinetechnisch nicht in der Lage war, durch ein System
der Schiffahrts- und Handelskontrolle zu ersetzen, das zwar allem
Völkerrecht Hohn sprach, aber dem Zweck, uns vom Verkehr mit der
Außenwelt abzuschnüren, besser angepaßt war, als es die wirksamste
Blockade unserer Küsten hätte sein können.

Das Seekriegsrecht hatte auf der internationalen Konferenz, zu der die
britische Regierung im Anschluß an die Haager Friedenskonferenz von 1907
eingeladen hatte, in der sogenannten »Londoner Deklaration« vom 26.
Februar 1909 eine neue Kodifikation erfahren. Die Bevollmächtigten der
Signatarmächte, einschließlich der britischen und französischen, hatten
in den »Einleitenden Bestimmungen« zur Londoner Deklaration ausdrücklich
festgestellt, daß die Londoner Deklaration im wesentlichen den allgemein
anerkannten Grundsätzen des internationalen Rechtes entspreche.
Trotzdem hatte die britische Regierung die Londoner Deklaration bei
Kriegsausbruch noch nicht ratifiziert. Die Regierung der Vereinigten
Staaten richtete wenige Tage nach Kriegsausbruch an die kriegführenden
Staaten die Anfrage, ob sie die Londoner Deklaration als maßgebend für
die Seekriegführung anerkennen wollten; sie fügte hinzu, daß nach ihrer
Ansicht die Annahme der Londoner Deklaration durch die Kriegführenden
schweren Mißverständnissen, die andernfalls in den Beziehungen
zwischen den Neutralen und den Kriegführenden entstehen könnten,
vorbeugen würde. Während Deutschland und sein österreich-ungarischer
Bundesgenosse alsbald die amerikanische Anfrage bejahend beantworteten,
erklärte die britische Regierung, die Londoner Deklaration nur mit
gewissen Modifikationen und Ergänzungen annehmen zu können. Schon die
damals der amerikanischen Regierung mitgeteilten »Modifikationen und
Ergänzungen«, wie sie in der Order in Council vom 20. August 1914
enthalten waren, bedeuteten in wesentlichen Punkten einen vollständigen
Widerspruch zu den in der Londoner Deklaration niedergelegten, bisher
allgemein anerkannten Grundsätzen des Seekriegsrechts. Insbesondere
setzte die britische Regierung eine Reihe von Gegenständen auf die
Konterbandeliste, die in der Londoner Deklaration als Nichtkonterbande
erklärt waren und die, da sie entweder überhaupt nicht oder doch nur
sehr mittelbar für kriegerische Zwecke verwendbar sind, nach den
allgemein anerkannten Regeln des Völkerrechts nicht als Konterbande
behandelt werden durften. Außerdem beseitigten die von der britischen
Regierung erlassenen Bestimmungen in ihrer Wirkung die in die
Londoner Erklärung aufgenommenen Regeln, nach denen die als »relative
Konterbande« bezeichneten Gegenstände nur dann als Konterbande behandelt
werden sollten, wenn sie für den Gebrauch der Verwaltungsstellen oder
der Streitmacht des feindlichen Staates bestimmt sind. Der für die
Versorgung eines kriegführenden Staates bestimmte neutrale Handel mit
Gegenständen der relativen Konterbande, insbesondere mit Lebensmitteln
und industriellen Rohstoffen, wurde damit unterbunden, im Widerspruch
nicht nur zur Londoner Deklaration, sondern auch zu dem vor der Londoner
Deklaration von der britischen Regierung selbst anerkannten Völkerrecht.
Die amerikanische Regierung hat später in einer ihrer vielen wirkungslos
gebliebenen Protestnoten dem Londoner Kabinett eine Erklärung des
Lord Salisbury während des südafrikanischen Krieges entgegengehalten,
lautend: »Nahrungsmittel, auch wenn sie feindliche Bestimmung haben,
können als Kriegskonterbande nur angesehen werden, wenn sie für die
Streitkräfte bestimmt sind. Es ist nicht genügend, daß sie =geeignet=
sind, so verwendet zu werden. Es muß bewiesen werden, daß dies zur Zeit
ihrer Beschlagnahme in der Tat ihre Bestimmung war.«

Die Order in Council vom 20. August wurde in der Folgezeit wiederholt
verschärft, immer in der Absicht, Deutschland von jeder nicht nur
Kriegszwecken dienenden, sondern auch für die Erhaltung seiner
Bevölkerung wichtigen Versorgung durch die neutrale Schiffahrt
abzuschneiden. Schließlich wurde durch eine Order vom 23. April 1916
der Unterschied zwischen relativer und absoluter Konterbande überhaupt
aufgehoben. Die Liste der Bannwaren wurde immer länger, so daß es
schließlich kaum mehr eine wichtige Warengattung gab, die nicht auf
dieser Liste figurierte. Am 7. Juli 1916 sagten sich die britische
und französische Regierung gänzlich von der inzwischen wie ein Sieb
durchlöcherten Londoner Deklaration los.

Aber die Ausdehnung des Bannwarenbegriffs und die Verschärfung der
Behandlung der Bannwaren genügten den Zwecken der britischen Regierung
nicht entfernt. Das Anhalten und die Untersuchung der Schiffe auf hoher
See war zu lästig und gefahrvoll, auf der anderen Seite nicht wirksam
genug.

Anfang November 1914 teilte die britische Regierung den Neutralen mit,
daß die ganze Nordsee als Kriegsgebiet anzusehen sei. Es sei nötig
geworden, den Zugang zur Nordsee zwischen Schottland und Norwegen mit
Minen zu belegen; allen Schiffen, die mit Holland, Dänemark, Norwegen
und den Ostseeländern verkehren wollten, wurde der dringende »Rat«
erteilt, den Weg durch den Kanal und die Straße von Dover zu benutzen,
von wo ihnen ein sicherer Weg nach ihren Bestimmungshäfen angewiesen
werden sollte.

Diese Mitteilung kam in ihrer Wirkung auf eine Blockade nicht nur der
deutschen Küsten, sondern auch der neutralen Anlieger der Nord- und
Ostsee hinaus. Der hierin liegende Verstoß gegen jedes Völkerrecht wurde
verschärft durch eine weitere Erklärung der britischen und französischen
Regierung vom 1. März 1915, daß sie von nun an das Recht beanspruchten,
alle Schiffe anzuhalten und in einen ihrer Häfen einzubringen, die Güter
führten, von denen vermutet werde, daß sie feindliche Bestimmung hätten,
feindliches Eigentum oder feindlichen Ursprungs seien.

Die Neutralen protestierten, allen voran die Vereinigten Staaten. In
einer Note vom 30. März 1915 machten sie mit Recht darauf aufmerksam,
daß die Alliierten Rechte für sich beanspruchten, die sie nur bei einer
effektiven Blockade, für die jede Voraussetzung fehle, in Anspruch
nehmen könnten; so das Einbringen aller irgendwie verdächtigen Schiffe
statt der Untersuchung auf hoher See; so das Vorgehen gegen jeglichen
Handelsverkehr mit Deutschland, insbesondere auch gegen die Ausfuhr von
Deutschland nach neutralen Ländern. Aber der Einspruch der Vereinigten
Staaten, der in einem langwierigen Notenwechsel mit der britischen
Regierung bis zum Ende des Jahres 1915 mehrfach wiederholt wurde, blieb
auf dem Papier. Ja die Behandlung der Schiffe, die nach einem Hafen
eines Deutschland benachbarten neutralen Landes bestimmt waren oder aus
einem solchen Hafen kamen, wurde später noch weiter verschärft, indem
diesen Schiffen bei Strafe der Beschlagnahme auferlegt wurde, sich
selbst in einem Hafen der Alliierten zur Untersuchung zu stellen.

Es ist nicht möglich, hier alle die einzelnen Maßnahmen zu schildern,
mit denen die neutrale Schiffahrt davon abgeschreckt wurde, deutsche
Häfen anzulaufen oder Waren irgendwelcher Art im deutschen Interesse
zu befördern. Als bezeichnend erwähnen will ich nur noch den Gebrauch,
den England von seiner Macht als Lieferant von Bunkerkohle machte.
Seit Oktober 1915 durfte Bunkerkohle an neutrale Schiffe nur noch
gegen die Übernahme von Verpflichtungen seitens der zu beliefernden
Reedereien abgegeben werden, die diese völlig unter die Kontrolle der
britischen Admiralität stellten. Als einige neutrale Reedereien sich
dieser Erpressung dadurch zu entziehen suchten, daß sie auf englische
Bunkerkohle verzichteten und dafür deutsche Bunkerkohle einnahmen,
erklärte die britische Regierung, daß deutsche Bunkerkohle als Ware
deutschen Ursprunges der Beschlagnahme unterliege.

Die Neutralen ließen sich den Druck, den England durch die
rücksichtslose und völkerrechtswidrige Ausnutzung seiner Herrschaft
zur See auf sie ausübte, unter Protest gefallen. Die Deutschland
benachbarten kleinen neutralen Staaten, die durch Englands Vorgehen
nach Deutschland am schwersten betroffen wurden, verfügten weder
politisch und militärisch, noch wirtschaftlich über genügende
Machtmittel, um England und seinen Verbündeten einen wirksamen
Widerstand entgegenzusetzen. Ja sie waren größtenteils in ihrer
Volksernährung und in ihrem ganzen Erwerbsleben so sehr von
überseeischen Zufuhren abhängig, daß sie sich sogar dazu pressen ließen,
die völkerrechtswidrigen Maßnahmen der Alliierten gegen Deutschland
auf ihrem eigenen Boden zu dulden oder gar zu unterstützen. Einzig und
allein die Vereinigten Staaten wären in der Lage gewesen, zugunsten
des Völkerrechts und der Menschlichkeit, der die Entwicklung des
Völkerrechts in der Beschränkung der Kriegführung auf die bewaffneten
Streitkräfte gerecht zu werden versucht hatte, ein Machtwort zu
sprechen. Es hatte einige Male den Anschein, als ob die Vereinigten
Staaten sich zu einem energischen Eintreten für die innerhalb
bescheidener Grenzen völkerrechtlich gewährleistete Freiheit der Meere
aufraffen wollten. Aber es blieb auch von dieser Seite bei papiernen
Protesten.

Unterdessen machte England Anstalten, das »Verbot des Handels mit dem
Feinde«, das es nach altem englischem Brauch alsbald nach Kriegsausbruch
für seine Staatsangehörigen und Einwohner erlassen hatte und dem seine
Verbündeten beigetreten waren, auch den neutralen Ländern aufzuzwingen.

Mit diesem Versuch hatte es sogar in den Vereinigten Staaten einen
gewissen Erfolg. Schon im Februar 1915 gelang es den englischen
Bemühungen, die Ausfuhr von Wolle aus den Vereinigten Staaten nach
Deutschland zu unterbinden. Zu diesem Zweck gestattete England die
Belieferung amerikanischer Bezieher mit Wolle aus den britischen
Besitzungen nur noch durch die Vermittlung der Amerikanischen
Textil-Alliance, die sich ihrerseits gegenüber dem britischen Handelsamt
verpflichtete, die Ausfuhr von Wolle nach Deutschland durch die
Auferlegung bestimmter Bedingungen an ihre Abnehmer zu verhindern. In
ähnlicher Weise hat England die Ausfuhr von Kautschuk und Gummiwaren
aus den Vereinigten Staaten unter seine Kontrolle gebracht. Die
Vereinigten Staaten bezogen etwa 70% ihres Gummibedarfs aus britischen
Besitzungen, 30% aus Brasilien, dessen Gummigewinnung und Gummihandel zu
einem erheblichen Teil unter englischer Kapitalkontrolle stand. Diese
Machtstellung hat England benutzt, um den amerikanischen Beziehern von
Kautschuk die Verpflichtung aufzuerlegen, Gummi und Gummifabrikate
nur auf dem Weg über England und nur mit britischer Genehmigung nach
Europa zu liefern. Ja sogar ureigene amerikanische Erzeugnisse wurden
dieser Kontrolle unterworfen. Nachdem England die Baumwolle zur Bannware
erklärt hatte (August 1915), gestattete es die Lieferung von Baumwolle
an europäische Neutrale nur solchen amerikanischen Händlern, die
Mitglieder der Liverpooler Baumwollbörse wurden und sich verpflichteten,
Deutschland auch nicht mittelbar mit Baumwolle zu beliefern. Gleiches
erreichte England hinsichtlich der amerikanischen Metalle, vor allem
hinsichtlich des Kupfers. Diese Abmachungen mit dem amerikanischen
Handel wurden ergänzt durch Abmachungen mit den wichtigsten
Schiffahrtsgesellschaften, die sich verpflichteten, von ihren Verladern
Sicherheit gegen jede Verletzung der britischen Vorschriften zu
verlangen, wofür ihnen von der britischen Regierung Erleichterungen in
der Handhabung der Kontrolle zugesichert wurden.

Handelte es sich gegenüber den Amerikanern noch um gütliche
Vereinbarungen oder höchstens um einen sanften Druck, so ließ England
die kleinen Neutralen die ganze Schwere seiner eisernen Faust fühlen.

Die überseeische Zufuhr der Deutschland benachbarten Neutralen wurde
einer scharfen Kontingentierung unterworfen. Die jährlichen Kontingente
für die einzelnen Waren wurden durch eine in Paris tagende Kommission
von Vertretern Englands, Frankreichs, Italiens und Rußlands festgesetzt.
Die hierdurch bewirkte knappe Bedarfsdeckung mußte allein schon eine
Einschränkung der Wiederausfuhr nach Deutschland zur Folge haben.
Aber damit begnügte sich die britische Regierung nicht; sie verlangte
vielmehr in zahlreichen Fällen Ausfuhrverbote, und zwar nicht nur
für die über See eingeführten Waren, sondern auch für einheimische
Erzeugnisse unserer neutralen Anlieger. Vor allem aber sicherte sich die
britische Regierung die nahezu lückenlose Kontrolle über den Verbleib
der ganzen überseeischen Einfuhr der uns benachbarten Neutralen durch
die Errichtung besonderer Kontrollgesellschaften.

Als erste dieser Gesellschaften wurde schon im November 1914 die
Nederlandsche Overzee Trust Maatschappij, meist NOT genannt, ins Leben
gerufen. Beteiligt an der Gründung waren die großen holländischen
Schiffahrtsgesellschaften und Banken, sowie einige Großhandelsfirmen.
Die NOT traf Abmachungen mit der britischen Regierung, in denen diese
zusagte, Schiffe mit an die NOT konsignierter Ladung unbeanstandet
passieren zu lassen, während die NOT sich verpflichtete, für den
ausschließlich inländischen Verbrauch der an sie konsignierten Artikel
und der aus diesen hergestellten Waren zu garantieren. Die englische
Regierung behielt sich ein weitgehendes Recht der Nachprüfung vor. Die
NOT ihrerseits war verpflichtet, von den Importeuren, die sich ihrer
Vermittlung bedienten -- und andere als durch die NOT vermittelte
Importe gab es bald nicht mehr -- Sicherheit für den ausschließlich
inländischen Verbrauch der Waren zu verlangen; der Importeur darf
die Waren nur mit Zustimmung der NOT und nur unter der Bedingung
weiter übertragen, daß der Erwerber gegenüber der NOT dieselben
Verpflichtungen übernimmt wie der Veräußerer.

In den Dienst der Kontrolle der Ausführung aller dieser Verpflichtungen
sind durch allerlei Abmachungen die Reedereien, die Spediteure, die
Lagerhäuser und Speichereien gestellt worden. Eine Durchbrechung dieser
Kontrolle war um so aussichtsloser, als die holländische Regierung
selbst durch eine Verschärfung der Grenzüberwachung und der gegen
Schmuggel gerichteten Strafbestimmungen das Überwachungssystem der NOT
ergänzte.

Im Herbst 1915 wurde in der Schweiz nach langen Verhandlungen
mit England, Frankreich und Italien eine der NOT ähnliche
Kontrollgesellschaft unter dem Namen »Société Suisse de Surveillance
Economique«, kurz S. S. S. genannt, gegründet. In Dänemark übernahmen
die Grosserer Societät und der Industrierat die Kontrollfunktionen, in
Schweden die Gesellschaft Transito. In Norwegen wurde die Kontrolle
durch ein Zusammenwirken der Regierungsorgane mit den britischen
Konsulatsbehörden hergestellt.

Die letzte Ergänzung und Vervollständigung erhielt dieses System der
Handelssperre durch die Postkontrolle und die Schwarzen Listen. Die
rücksichtslos durchgeführte und systematisch ausgenutzte Postkontrolle,
der gegen jedes Völkerrecht auch neutrale Schiffe auf der Fahrt von
neutralem zu neutralem Hafen unterworfen wurden, brachte wertvolle
Einblicke in die Handelsbeziehungen der Neutralen und damit neue
Kontrollmöglichkeiten. Durch die Schwarzen Listen wurden neutrale
Kaufleute, die mit Deutschland Handel trieben oder auch nur des Handels
mit Deutschland verdächtig waren, in bezug auf Handelsverbote usw.
den feindlichen Ausländern gleichgestellt, also einem Handelsboykott
unterworfen.

Alle diese Maßnahmen dienten dem einen Zweck, dem im schwersten
Kampf stehenden deutschen Volk den Lebensatem abzuschnüren. Niemals
in der Geschichte aller Zeiten und Völker haben brutale Gewalt und
kaufmännisches Raffinement sich zu einem so gewaltigen Unternehmen
zusammengetan. Die Napoleonische Kontinentalsperre war in ihrer Anlage,
ihren Mitteln und in ihren Wirkungen ein Kinderspiel im Vergleich mit
der Handels- und Hungerblockade, durch die England das große Land im
Zentrum Europas zu einer belagerten Festung machte.

Unsere militärischen Erfolge vermochten diese Lage in manchen nicht
unwesentlichen Beziehungen für uns zu verbessern, aber nicht von Grund
aus zu ändern.

Die rasche Besetzung Belgiens und Nordfrankreichs brachte Gebiete in
unsere Gewalt, die auch vom Standpunkt des Wirtschaftskrieges aus
eine wesentliche Stärkung unserer Position bedeuteten; vor allem eine
Stärkung unserer Rohstoffposition. Sowohl die Produktionsmöglichkeiten
jener Gebiete wie auch die großen in jenen Gebieten lagernden Vorräte
von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigwaren waren eine wertvolle
Ergänzung unserer eigenen Bodenschätze und Warenvorräte. Ich erinnere
nur an die Eisenerzvorkommen von Longwy und Briey, an die belgische
Montanindustrie, an die großen Lager Antwerpens an Stapelartikeln
aller Art, an die Bestände der Industriegebiete von Verviers und
Roubaix-Tourcoing an Wolle und Wollwaren, von Gent und Lille an
Baumwolle, Baumwollgarnen und Baumwollwaren. Im weiteren Verlauf des
Krieges hat die Besetzung der polnischen Industriegebiete uns einen
weiteren Zuwachs namentlich an Rohstoffen und Halbfabrikaten der
Textilindustrie gebracht.

Dagegen hatte die Besetzung dieser Gebiete im Osten und Westen keine
nennenswerte Erleichterung unserer Ernährungssituation zur Folge.
Die dichte Bevölkerung Belgiens und Nordfrankreichs bedurfte selbst
eines sehr erheblichen Zuschusses an Nahrungsmitteln; auch Polens
Landwirtschaft hat im Frieden nicht ausgereicht, um die eigene
Bevölkerung, die sich in den großen Industriezentren von Warschau,
Lodz und Sosnowice stark zusammenballt, mit der erforderlichen Nahrung
zu versehen. Litauen und Kurland vermochten bei der Rückständigkeit
ihrer Landwirtschaft und ihrer dünnen, durch den Krieg noch weiter
verminderten Bevölkerung das Bild nicht wesentlich zu ändern, obwohl
unsere Militärverwaltung sich nach besten Kräften und mit Erfolg
bemühte, die Produktion zu heben. Die Sorge um die Ernährung der
Bevölkerung Belgiens und Nordfrankreichs ist uns in der Hauptsache
durch die unter amerikanischer und spanischer Leitung arbeitende
»Relief-Commission« abgenommen worden. Die Bedingung für die Versorgung
dieser Gebiete mit amerikanischen Einfuhren war allerdings, daß wir
uns verpflichteten, nicht nur die von der Kommission eingeführten
Nahrungsmittel nicht für deutsche Zwecke zu beschlagnahmen, sondern
auch die eigene landwirtschaftliche Erzeugung Belgiens für die
belgische Bevölkerung vorzubehalten. Auf diese Weise sind wir zwar
der schweren Wahl enthoben worden, entweder die dichte Bevölkerung
der besetzten Gebiete durch Zuschüsse aus unseren eigenen knappen
Beständen durchzuhalten, oder im Rücken unserer kämpfenden Truppen
eine Bevölkerung von vielen Millionen allen Verzweiflungen des Hungers
preiszugeben. Aber eine irgendwie nennenswerte Erleichterung gegenüber
dem furchtbaren Druck der Hungerblockade haben uns die besetzten Gebiete
nicht gebracht.

Auch unsere Bundesgenossen waren uns in diesem Punkte keine Hilfe.

Österreich-Ungarn hatte schon in den Jahren vor dem Kriege aufgehört,
einen Überschuß an landwirtschaftlichen Produkten über den stark
angewachsenen eigenen Bedarf hinaus zu erzeugen. Immerhin stand die
Donaumonarchie in der Deckung ihres Nahrungsbedarfs durch die eigene
Erzeugung wesentlich günstiger da als Deutschland. Trotzdem stellte sich
bald heraus, daß Österreich-Ungarn gegenüber der durch die Sperrung der
Nahrungsmittelzufuhr geschaffenen Lage nicht dieselbe Widerstandskraft
aufzubringen vermochte wie Deutschland. Die eigene Produktion ging
stärker zurück und wurde weniger scharf erfaßt, der eigene Verbrauch
wurde laxer kontrolliert und eingeschränkt als bei uns. In Energie,
Organisation und Disziplin vermochte unser Verbündeter mit uns auch auf
dem Gebiet der Volksernährung so wenig Schritt zu halten, daß wir, trotz
unserer an sich ungünstigeren eigenen Lage, uns sehr bald gezwungen
sahen, den Österreichern gelegentlich auszuhelfen.

Eine ähnliche Erfahrung machten wir später, nach der Niederwerfung
Serbiens, mit Bulgarien. Auch dieses Bauernland, das im Frieden stets
einen Nahrungsüberschuß erzeugte, sah seine landwirtschaftliche
Produktionskraft durch den Krieg in einer Weise gelähmt, daß es nicht
nur nicht in der Lage war, uns auszuhelfen, sondern selbst in große
Ernährungsschwierigkeiten geriet, die schließlich zu dem Zusammenbruch
der bulgarischen Armee wesentlich beigetragen haben.

Auch die Türkei, die schon in Friedenszeiten infolge der Rückständigkeit
ihrer eigenen Landwirtschaft einen Getreidezuschuß aus Rußland brauchte,
konnte uns keine Hilfe sein.

Dagegen haben allerdings sowohl Bulgarien wie namentlich die Türkei uns
mit andern wichtigen Artikeln beliefern können, so mit Ölen und Fetten,
mit Tabak, mit Wolle, Baumwolle und Seide, mit Metallen. Freilich waren
auch bei diesen Gütern die Mengen beschränkt, nicht nur wegen der an
sich nicht sehr erheblichen Produktion, sondern vor allem wegen der
geringen Leistungsfähigkeit der Verkehrsmittel. In Friedenszeiten haben
jene Länder für ihre Ausfuhr und Einfuhr so gut wie ausschließlich den
Seeweg benutzt. Jetzt mußte sich der Export der Türkei auf die eine
eingleisige Eisenbahn von Konstantinopel über Sofia zusammendrängen, die
zudem für militärische Zwecke fortgesetzt stark in Anspruch genommen
war. Auch der Donauweg, der für den Verkehr mit Bulgarien und Rumänien
in Betracht kam, war wenig leistungsfähig und mußte während des Krieges
erheblich verbessert werden.

So waren wir für unsere Volksernährung im wesentlichen auf die eigene
landwirtschaftliche Erzeugung und auf die Zufuhren gestellt, die wir
im Kampf mit der britischen Hungerblockade doch noch aus den neutralen
Ländern herausholen konnten.

Unsere Landwirtschaft selbst war durch den Krieg in eine schwere Lage
gebracht. Die Entziehung der leistungsfähigsten Arbeitskräfte durch
die Einberufungen zum Heer, die Verminderung des Pferdebestandes
durch den militärischen Bedarf, die infolge der Verwendung der
Stickstoffverbindungen zur Sprengstofffabrikation alsbald einsetzende
Knappheit an Düngemitteln wurden in ihrer Wirkung noch gesteigert durch
ungünstige Witterungsverhältnisse. So kam es, daß der Ernteertrag des
Jahres 1917 an Roggen und Weizen sich nur auf 9,2 Millionen Tonnen
stellte gegen 16-1/2 Millionen Tonnen in dem allerdings glänzenden Jahr
1913; daß in derselben Zeit die Gerstenernte von 3,6 auf 2,0 Millionen
Tonnen, die Haferernte von 9,5 auf 3,6 Millionen Tonnen zurückging.
Das Jahr 1916 brachte ein völliges Versagen der Kartoffelernte, die
von 54 Millionen Tonnen in den Jahren 1913 und 1915 auf 25 Millionen
Tonnen zusammenklappte. Die beiden folgenden Jahre ergaben 34,4 und 29,5
Millionen Tonnen.

Was die Viehzucht anbelangt, so hielt sich unser Bestand an Rindvieh bis
in das Jahr 1917 hinein der Zahl nach ungefähr auf der Friedenshöhe.
Aber die Knappheit an Futtermitteln, namentlich an Kraftfuttermitteln,
führte zu einem starken Rückgang des Lebendgewichtes und vor allem
der Milchergiebigkeit. Unser Bestand an Schweinen stellte sich am 1.
Juni 1917 nur noch auf 12,8 Millionen Stück, gegen 25,7 Millionen am
1. Dezember 1913. Zu der Verminderung der Stückzahl kam auch hier eine
starke Verminderung des Lebendgewichtes und damit der Fetterzeugung.

Diese wenigen Zahlen mögen genügen, um ein Bild davon zu geben, wie
schwer und ernst es um die belagerte Festung stand und wieviel darauf
ankam, den Druck der Handels- und Hungerblockade zu lockern und aus den
neutralen Ländern alles, was immer erreichbar war an Nahrungsmitteln und
Rohstoffen, hereinzuholen.


                  Der Wirtschaftskampf um die Neutralen

Die Mittel des Gegendruckes, die uns gegenüber dem Druck Englands auf
die Neutralen zur Verfügung standen, waren bescheiden. Die Zeiten, in
denen der Verkäufer im allgemeinen in der schlechteren Lage ist als der
Käufer, in denen die Konkurrenz des Angebots meist größer ist als die
Nachfrage, waren mit Kriegsausbruch vorbei. Von jetzt ab beherrschte der
Warenhunger den internationalen Handel. Auch für die Neutralen war jetzt
die erste Frage nicht mehr: »Was kann ich dir verkaufen?« sondern: »Was
kannst du mir liefern?«

Der Welthandel ist in der Hauptsache Seehandel. Da unsere Feinde die See
beherrschten, konnten sie den Neutralen nicht nur die Erzeugnisse ihres
eigenen Landes und ihrer weltumfassenden überseeischen Besitzungen je
nach Belieben liefern oder vorenthalten, sondern darüber hinaus hatten
sie es in der Hand, die Erzeugnisse der ganzen überseeischen Welt den
europäischen Neutralen zu sperren. Sie haben von dieser Möglichkeit ohne
jede Rücksicht auf das Völkerrecht den brutalsten Gebrauch gemacht.

Uns stand demgegenüber nur unsere eigene, durch den Krieg ebensosehr
beeinträchtigte wie in Anspruch genommene Erzeugung zu Gebote. Darunter
wichtige Dinge, wie Kohlen, Eisen und Stahl, Teerfarben, Arzneimittel,
Kali und ähnliches. Aber einmal konnten wir auch von diesen Dingen nur
beschränkte Mengen abgeben; ferner waren Kohlen und Eisen immerhin der
Konkurrenz von englischer und auch amerikanischer Seite ausgesetzt;
schließlich ist der stärkste Druck immer noch der Hunger, den die
Entente durch die Sperrung der Zufuhr an Nahrungs- und Futtermitteln
in Wirkung setzen konnte. Es handelte sich darum, mit den wenigen
Trümpfen, die wir in unserm Spiel hatten, das möglichste an Vorteilen
herauszuholen.

Dazu war nötig die planmäßige Verfügung über unsere für die Ausfuhr
verfügbaren Waren. Schon die unbedingte Sicherung des eigenen Bedarfs
für Kriegs- und Wirtschaftszwecke hatte bald einzelne Ausfuhrverbote
erforderlich gemacht. Die Notwendigkeit, unsere Ausfuhr als Mittel im
Wirtschaftskampf um die Neutralen zu verwerten, machte es vollends
unmöglich, die Ausfuhr und die Ausfuhrbedingungen in dem Belieben des
einzelnen Produzenten oder Händlers zu belassen.

Nicht minder wurde eine Regelung der Einfuhr notwendig.

Wir konnten einmal die ohnedies gewaltigen Schwierigkeiten der
Heranziehung ausländischer Zufuhren nicht dadurch ins Ungemessene
steigen lassen, daß deutsche Aufkäufer auf den überlaufenen neutralen
Märkten sich gegenseitig eine schrankenlose Konkurrenz machten, die
Preise unvernünftig in die Höhe boten und die sonstigen Gegenforderungen
des Auslandes maßlos erhöhten.

Wir mußten ferner mit unserer beschränkten Kaufkraft für ausländische
Waren haushalten und die für uns beschaffbaren Beträge an fremder Valuta
für den Ankauf der am dringlichsten benötigten Waren verwenden.

Schließlich ließ die Tatsache, daß die Einfuhr wichtiger Waren nur in
bestimmten Mengen und nur gegen Zugeständnisse unsererseits auf dem
Gebiete der Ausfuhr zu erreichen war, gar keine andere Wahl als eine
planmäßige Regelung auch der Einfuhr.

Das sind die zwingenden Gründe, aus denen die vielgescholtene
Reglementierung und Zentralisation unserer Aus- und Einfuhr entstand.

Diese zwingenden Gründe wurden, wie die ganze Tragweite des
Wirtschaftskrieges, nicht von Anfang an voll erkannt. Aber immerhin
zeigten weite und wichtige Kreise unseres Wirtschaftslebens schon
in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ein richtiges Gefühl für
die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens beim Einkauf im neutralen
Ausland. Die damals schon aus der Initiative unserer industriellen und
kommerziellen Kreise geschaffenen Organisationen sind später ausgebaut
und mit anderen, vielfach nach ihrem Vorbild geschaffenen Einrichtungen
in den Dienst der Kriegshandelspolitik gestellt worden. Vielfach aber
fehlte das Verständnis für die Notwendigkeit einer einheitlichen und
planmäßigen Leitung unserer Einkaufs- und Verkaufsgeschäfte mit den
Neutralen in einem geradezu erstaunlichen Maße. Es blieb dann nichts
übrig, als mit den Machtmitteln, die der Reichstag dem Bundesrat
übertragen hatte, auch gegen den Willen der unmittelbar beteiligten
Kreise durchzugreifen.

Schon als Schatzsekretär hatte ich in wichtigen und bezeichnenden Fällen
Veranlassung, mich mit diesen Fragen zu befassen.

Die Einkäufe für den Bedarf des Feldheeres auf den neutralen Märkten,
die damals noch einen verhältnismäßigen Überfluß an Fleisch, Fett,
Butter und Käse hatten, erforderten sehr hohe und fortgesetzt steigende
Summen. Die Ursache war, daß die mit dem Einkauf beauftragten
militärischen Stellen auf diesen Märkten nicht nur mit dem Ausland,
sondern auch mit deutschen Einkäufern der verschiedensten Art, mit
Händlern, industriellen Werken, Kommunen, Einkaufsgesellschaften usw.,
ebenso mit Einkäufern für den österreichischen Heeres- und Zivilbedarf
zu konkurrieren hatten. Man trieb sich gegenseitig die Preise hoch mit
der Wirkung, daß die Verkäufer, je mehr die Preise stiegen, desto mehr
auf weitere Preissteigerungen spekulierten und die Ware zurückhielten.
Sehr schlimm lagen die Verhältnisse auf dem dänischen Buttermarkt. Ich
setzte im Herbst 1915 die Zentralisation des Einkaufs unter Einbeziehung
Österreich-Ungarns durch mit dem Erfolg, daß der Butterpreis, der bis
auf 275 Kronen für 50 kg gestiegen war, in nicht allzu langer Zeit
auf 152 Kronen zurückgebracht wurde und außerdem die Ankäufe für
Deutschland und Österreich-Ungarn erheblich gesteigert werden konnten.
Für das Reich wurden monatlich eine ganze Anzahl von Millionen gespart,
und für die Bevölkerung wie für das Heer wurde die Butterversorgung
verbessert.

Noch weit schlimmer lagen die Dinge auf dem rumänischen Getreidemarkte.

Nachdem die überseeische Zufuhr von Getreide und Futtermitteln
für uns abgeschnitten und für die europäischen Neutralen auf
ein Mindestmaß eingeschränkt worden war, blieb uns und unsern
österreichisch-ungarischen Verbündeten als einziges Land, aus dem
größere Mengen bezogen werden konnten, das damals noch neutrale
Rumänien. Die Jahre 1914 und 1915 brachten in Rumänien reiche Ernten,
für die infolge der Dardanellensperre ein anderer Absatz als an
die Mittelmächte zunächst nicht in Frage kommen konnte. Außerdem
war Rumänien dem Druck des britischen Wirtschaftskrieges entrückt.
Rein wirtschaftlich waren also die Voraussetzungen für den Bezug
von Getreide und Futtermitteln, namentlich Mais, aus Rumänien
durchaus günstig. Politisch allerdings war die Haltung Rumäniens
von Anfang an zweifelhaft, und die rumänische Regierung mit ihrem
ganzen Beamtenapparat, ebenso die rumänische Landwirtschaft und der
rumänische Handel waren geneigt, die Notlage der Mittelmächte nach
Kräften auszunutzen. Wir erleichterten ihnen dieses Spiel. Noch viel
mehr als auf den dänischen Buttermarkt stürzten sich der reelle und
unreelle Handel, die Einkäufer der Militärverwaltung, wirtschaftlicher
Unternehmungen, von Städten und Landwirtschaftskammern auf die
rumänischen Vorräte. Die Rumänen verkauften zu immer höheren Preisen
-- ich glaube für Mais wurden schließlich an die tausend Mark für die
Tonne bezahlt, -- ließen sich bar bezahlen, legten aber dem Abtransport
solche Schwierigkeiten in den Weg, vor allem indem sie die tatsächlich
vorhandenen Transportschwierigkeiten ins maßlose übertrieben, daß so gut
wie nichts aus Rumänien herauskam. Es lagerten schließlich in Rumänien
etwa 700000 Tonnen Getreide im Ankaufswert von etwa 200 Millionen
Mark, die von uns und unsern Verbündeten bezahlt waren, aber nicht
abtransportiert werden konnten. Weitere große Mengen Getreide waren
noch verfügbar, aber die Rumänen, die inzwischen ihrerseits den ganzen
Getreideverkauf syndiziert hatten, verlangten unerschwingliche Preise
und unerfüllbare Zahlungsbedingungen.

Auch hier konnte nur die Zentralisation des Einkaufs helfen, zugleich
mit einer einheitlichen Disposition über die von uns für den Abtransport
zur Verfügung zu stellenden Transportmittel.

Auf mein Betreiben wurde in schwierigen Verhandlungen die Zentralisation
durchgesetzt und das Einkaufsgeschäft der Zentraleinkaufsgesellschaft,
der später aus Unkenntnis und Unverstand so viel angefeindeten Z. E. G.,
übertragen. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schloß sich ihrerseits mit
der österreichischen Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt und der ungarischen
Kriegs-Produkten-Aktiengesellschaft zu einheitlichem Vorgehen zusammen.

Schon im September 1915, also noch vor Beginn des Feldzuges gegen
Serbien, konnte mit dem Abtransport von Getreide begonnen werden.

Der rasche und glückliche Verlauf des serbischen Feldzuges hatte
einmal die Wirkung, der Ententefreundschaft in Rumänien einen Dämpfer
aufzusetzen; dann aber machte er den Donauweg für den Abtransport des
rumänischen Getreides frei.

Es gelang nun der Zentraleinkaufsgesellschaft, im Dezember 1915 und im
März 1916 mit der rumänischen Regierung Verträge abzuschließen, durch
die den Mittelmächten rund 2,7 Millionen Tonnen Getreide zu erträglichen
Preisen und Zahlungsbedingungen gesichert wurden. Die Verträge kamen
zustande, obwohl die Ententeregierungen, vor allem die britische
Regierung, mit allen Mitteln versuchten, den Abschluß zu vereiteln. Ein
Versuch Englands, die rumänischen Getreidebestände durch Ankauf zu hohen
Preisen und Einlagerung in Rumänien für die Mittelmächte zu sperren, kam
zu spät und gelang nur in bescheidenen Grenzen.

Die großen Schwierigkeiten des Abtransportes wurden durch ein
Zusammenwirken der Einkaufsgesellschaften mit dem Chef des
deutschen Feldeisenbahnwesens und der österreichisch-ungarischen
Zentraltransportleitung überwunden. Die Durchfahrt durch das Eiserne
Tor wurde verbessert und zweckmäßig organisiert. Die ungarischen
Bahnen, auf denen der weitere Abtransport sich zum großen Teile zu
vollziehen hatte, wurden durch Verlängerung der Ausweichgleise usw.
leistungsfähiger gemacht. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schuf sich
in kurzer Zeit eine ansehnliche Donauflotte und sorgte für die nötigen
Umschlags- und Umladeeinrichtungen.

Der Erfolg war, daß es gelang, bis zum Ausbruch des Krieges mit Rumänien
das angekaufte Getreide abzutransportieren. Deutschland hat in dem
kritischen Frühjahr und Sommer 1916 aus Rumänien Getreidezufuhren von
mehreren hunderttausend Tonnen monatlich erhalten. --

War die Zentralisation der Einfuhr in den Händen weniger, nach
kaufmännischen Grundsätzen arbeitender und nach einheitlichen
Direktiven handelnder Organisationen eine unerläßliche Voraussetzung
für ein erfolgreiches Vorgehen auf den neutralen Märkten, so genügte
sie doch für sich allein keineswegs, um einen Erfolg zu sichern.
Die planmäßige Tätigkeit unserer Einkaufsorgane mußte Hand in Hand
gehen mit der planmäßigen Verfügung über unsere Ausfuhr, und da sich
bald zeigte, daß unsere Ausfuhr in ihrem Geldwert weit zurückblieb
hinter der Einfuhr, die wir benötigten und uns, eine Lösung der
Bezahlungsfrage vorausgesetzt, beschaffen konnten, so kam als Drittes
hinzu die Beschaffung der für die Bezahlung des Einfuhrüberschusses
erforderlichen ausländischen Zahlungsmittel.

In der Ausnutzung unserer für die Neutralen willkommenen oder gar
notwendigen Ausfuhrwaren für die Zwecke der Sicherung von Zufuhren an
für uns notwendigen Rohstoffen und Lebensmitteln konnte nicht nach einer
einheitlichen Schablone verfahren werden. Die Verhältnisse für ein
Operieren mit unsern Ausfuhrwaren lägen in einem jeden der neutralen
Länder anders. Der Grad ihrer Abhängigkeit von unserer Ausfuhr war
ebenso verschieden wie der Grad ihrer Abhängigkeit von der Entente; und
auch in den einzelnen neutralen Ländern erfuhr dieses Verhältnis während
des Krieges fortgesetzt Verschiebungen.

In großen Zügen entwickelte sich unser Vorgehen so, daß in der ersten
Zeit des Krieges vorwiegend einzelne Kompensationsgeschäfte mit unsern
neutralen Nachbarn abgeschlossen wurden; d. h. wir machten einzelne
wichtige Ausfuhrgeschäfte abhängig von bestimmten Gegenleistungen der
Neutralen für unsere Versorgung. Unabhängig von diesen Warengeschäften,
gelegentlich auch in Verbindung mit ihnen, wurde mit neutralen
Geldinstituten über die Eröffnung von Krediten für die Bezahlung unseres
Einfuhrüberschusses verhandelt. Es stellte sich nun bald heraus,
daß der Weg des Einzelaustausches nicht immer vorteilhaft und nicht
immer gangbar für uns war, vor allem aber, daß nur ein bescheidener
Teil unseres Einfuhrbedarfs durch einzelne Kompensationsgeschäfte
gedeckt werden konnte. Man kam deshalb allmählich zu umfassenderen
Abmachungen mit den neutralen Staaten, in denen man sich gegenseitig
eine Berücksichtigung der beiderseitigen Interessen bei der Handhabung
von Ausfuhrgenehmigungen und Ausfuhrverboten zusicherte. Dabei handelte
es sich für uns darum, durch ein weitherziges Entgegenkommen in unserer
Ausfuhrpolitik den Widerstand der Neutralen gegen den Druck der Entente
zu stärken, vor allem zu verhindern, daß die Neutralen sich dem
Verlangen der Entente nach dem Erlaß von Ausfuhrverboten fügten, oder zu
erreichen, daß bereits erlassene Ausfuhrverbote dauernd oder wenigstens
für einen bestimmten Zeitraum wieder aufgehoben würden. Wenn auch
diese Abmachungen insofern der Präzision des Einzelaustauschgeschäftes
ermangelten, als Leistung und Gegenleistung nicht ziffernmäßig
festgelegt war, so hatten wir doch eine wirksame Handhabe, um auf eine
sinngemäße Ausführung zu dringen. Erfüllte ein neutraler Staat die
Erwartungen nicht, auf Grund deren wir uns entgegenkommend gezeigt
hatten, so waren wir in der Lage, unsere Ausfuhren nach diesem Staat
entsprechend einzuschränken und damit einen Druck auszuüben. So hat die
Schweiz im Spätsommer 1916 unter dem Druck Frankreichs und Englands
die Ausfuhr aller Waren, die von der Entente zu Bannware deklariert
worden waren, nach Deutschland eingestellt. Wir gingen, als alle unsere
Vorstellungen daran scheiterten, daß die Entente die Schweiz unter dem
stärksten Druck hielt, auch unsererseits mit dem stärksten Druck vor,
indem wir eine Ausfuhrsperre für Kohle, Eisenwaren und andere für die
Schweiz unentbehrlichen Güter in die Wege leiteten. Der Erfolg war, daß
schließlich eine für uns erträgliche Einigung zustande kam.

Solche Erfahrungen führten zu einem weiteren Fortschritt in der
Gestaltung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu unsern neutralen
Anliegern. Die in ihrer Festsetzung von Leistung und Gegenleistung
präzisen Einzelkompensationsgeschäfte waren nur beschränkt anwendbar
und reichten nicht aus, um unsern Einfuhrbedarf zu decken; die
umfassenderen Verständigungen über gegenseitige Berücksichtigung bei
der Handhabung der Ausfuhrregelung waren nicht bestimmt genug, um für
beide Teile Lieferung und Bezug auf eine wenigstens für einige Zeit
gesicherte Grundlage zu stellen und plötzliche Störungen auszuschließen.
Es handelte sich darum, die Vorteile beider Systeme zu verbinden
und dabei, wenn irgend möglich, auch die immer schwieriger werdende
Finanzierung unserer Bezüge sicherzustellen. Zu diesem Zweck schlug
ich vor, den Versuch zu machen, mit unsern neutralen Nachbarn zu
Abmachungen zu gelangen, die sich erstens auf einen bestimmten längeren
Zeitraum erstreckten, zweitens für diesen Zeitraum bestimmte Leistungen
und Gegenleistungen an den für jeden der beiden Teile wichtigsten
Ausfuhrgütern vorsahen, drittens gleichzeitig den Überschuß unserer
Einfuhr über die Ausfuhr durch bestimmte Kreditvereinbarungen deckten.
Auf dieser Grundlage wurde in der Folgezeit mit der Schweiz, mit
Holland, mit Dänemark und mit Schweden verhandelt und abgeschlossen.

Daß die immer straffer durchgeführte Reglementierung und Zentralisierung
unsrer Einfuhr und Ausfuhr, zu der als notwendige Ergänzung noch die
Regelung des Verkehrs in ausländischen Zahlungsmitteln (Devisenordnung)
hinzutrat, die Interessen zahlreicher Einzelner und wichtiger
Berufsstände schädigte, daß bei der Durchführung manche übertriebene
Härte, manche überflüssige Umständlichkeit, mancher vermeidbare Fehler
mit unterlief, darüber habe ich nie einen Zweifel gehabt. Insbesondere
der Handel, dessen Vermittlertätigkeit kaum mehr ein Arbeitsfeld fand,
wurde schwer getroffen. Die Organisationen zur Durchführung der nun
einmal durch die Kriegsverhältnisse uns aufgezwungenen einheitlichen und
planmäßigen Regelung unseres Außenhandels mußten gewissermaßen aus dem
Nichts heraus geschaffen werden. Das notwendige Personal -- es waren bei
der Zentraleinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 weit über 4000 Angestellte
-- mußte aus allen Richtungen der Windrose zusammengeholt, eingegliedert
und eingearbeitet werden. Umsätze, die bald in die Hunderte von
Millionen, ja in die Milliarden gingen, waren zu bewältigen -- kurz,
das größte Warenhandelsgeschäft, das die Welt je gesehen hatte, war
aufzubauen und hatte zu arbeiten unter Verhältnissen und nach Methoden,
die ohne Vorbild waren. Und über den Köpfen, die das alles zu leisten
hatten, schwang der Krieg seine Hetzpeitsche. Alles drängte. Oft kam es
für wichtige Entscheidungen und Maßnahmen auf Stunden an. Da hieß es
manchmal nach dem alten militärischen Grundsatz zu handeln: Besser ein
falscher Entschluß als gar keiner!

Alle Mängel und Unzuträglichkeiten, auch alle Kritik und alle Angriffe
mußten um des Ganzen willen in Kauf genommen werden. Ja, es mußte
von denjenigen, die vor der Kritik und den Angriffen Rede zu stehen
hatten, sogar hingenommen werden, daß sie von der stärksten Waffe der
Rechtfertigung und Verteidigung, dem Hinweis auf die erzielten Erfolge,
überhaupt nicht oder nur im engen Kreise vertraulichster Beratungen
Gebrauch machen konnten. Denn die Darlegung der erzielten Erfolge hätte
unsern Feinden Einblicke in unsere Arbeit gegeben, die ihnen wirksame
Gegenaktionen ermöglicht und damit die glücklich gesicherten Zufuhren
wieder auf das schwerste gefährdet hätten.

Heute läßt sich ohne Gefährdung deutscher Interessen über diese Dinge
sprechen, und ich gebe deshalb einige Tatsachen, die zeigen, in welchem
Maße es uns gelungen ist, in dem schweren Kampf mit der Entente unsere
Stellung auf den Märkten der uns benachbarten Neutralen nicht nur zu
behaupten, sondern sogar auf Kosten Englands zu verbessern.

Zunächst sei festgestellt, daß uns trotz der Handels- und Hungerblockade
die Aufrechterhaltung unserer Einfuhr in weit höherem Maße gelungen ist,
als während des Krieges wohl von allen nicht Eingeweihten angenommen
wurde.

Unsere Einfuhr im letzten Friedensjahre, 1913, hatte den Wert von 10,8
Milliarden Mark erreicht. Unsere Einfuhr im Jahre 1915, als der Handels-
und Hungerkrieg bereits im vollen Gange war, betrug immer noch 7,1
Milliarden Mark; im Jahre 1916 stellt sie sich auf 8,4 Milliarden, 1917
auf 7,1 Milliarden Mark. Freilich erscheint der tatsächlich eingetretene
Einfuhrrückgang in diesen Ziffern zu gering; die Preissteigerung fast
aller Waren, die auch im Jahre 1915 sich bereits geltend machte,
verwischt das Bild der wirklichen Entwicklung. Immerhin bleibt, auch
wenn man die Preissteigerung in Rechnung setzt, die Tatsache bestehen,
daß uns trotz der Absperrung von der überseeischen Welt und trotz des
Druckes, den die Entente auf die uns benachbarten Neutralen ausübte,
eine recht ansehnliche Einfuhr verblieben ist. Eine Betrachtung der
Einfuhrmengen einzelner wichtiger Artikel wird dies bestätigen.

Gleich hier möchte ich darauf aufmerksam machen, daß unsere Ausfuhr
einen weit stärkeren Rückgang erfahren hat als unsere Einfuhr. Während
im Jahre 1913 unsere Ausfuhr mit 10,1 Milliarden Mark nur um rund 700
Millionen Mark hinter unserer Einfuhr zurückgeblieben war, sank unsere
Ausfuhr im Jahre 1915 auf 3,1 Milliarden Mark, ließ also gegenüber
der gleichzeitigen Einfuhr einen Fehlbetrag von 4 Milliarden Mark. Es
gelang zwar, im Jahre 1916, trotz der schwierigen Verhältnisse und des
immer wachsenden eigenen Bedarfs für Heer und Volk, die Ausfuhr auf 3,8
Milliarden Mark zu steigern; aber der Abstand gegenüber dem Einfuhrwert
wuchs, da letzterer noch mehr gestiegen war, auf 4-1/2 Milliarden Mark.
Im Jahre 1917 stand der Einfuhr von 7,1 Milliarden eine Ausfuhr von 3,4
Milliarden gegenüber; der Einfuhrüberschuß betrug also 3,7 Milliarden
Mark. Die großen und im Laufe des Krieges fortgesetzt steigenden
Schwierigkeiten der Beschaffung von Zahlungsmitteln für das Ausland, die
hieraus sich ergebende Steigerung der Wechselkurse der neutralen Länder
und der Druck auf unsere eigene Valuta finden in dem jährlich mehrere
Milliarden betragenden Passivsaldo unserer Handelsbilanz ihre Erklärung.

Wenn unsere Einfuhr sich in dem geschilderten Umfang aufrechterhalten
konnte, so lag dies daran, daß die uns benachbarten Neutralen, zu
denen bis Ende August 1916 auch Rumänien zu rechnen ist, den Ausfall
der Einfuhr aus den feindlichen Ländern und den nur auf dem Seewege
zu erreichenden Neutralen zu einem erheblichen Teil wettmachten; denn
unsere Verbündeten, deren Hilfsquellen für den eigenen Bedarf durch
den Krieg stark in Anspruch genommen waren, vermochten uns in dieser
Beziehung keine ziffernmäßig ins Gewicht fallende Hilfe zu gewähren.
Während unsere Gesamteinfuhr sich von 10,8 Milliarden Mark im Jahre 1913
auf 7,1 Milliarden Mark im Jahre 1915 verringerte, stieg unsere Einfuhr
aus den uns benachbarten Neutralen (einschl. Rumäniens) in derselben
Zeit von 1,1 auf 3,5 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1916 stellte
sich der Anteil dieser Neutralen an unserer Einfuhr sogar auf rund 70%
gegen wenig mehr als 10% im Jahre 1913.

An einzelnen wichtigsten Gütern konnten uns die benachbarten Neutralen
einen vollen Ersatz für den Wegfall der Einfuhr aus den feindlichen und
den für uns gesperrten neutralen Ländern gewähren, ja sogar darüber
hinaus unsere Gesamtbelieferung steigern. Das gilt vor allem für die
Produkte der Viehzucht, die in den uns benachbarten Neutralen, vor allem
in Holland und Dänemark, zu hoher Leistungsfähigkeit entwickelt war.
So ist unsere Einfuhr von Schweinefleisch, einschließlich Schinken,
von 21600 Tonnen im Jahre 1913 auf 98200 Tonnen im Jahre 1915 gebracht
worden. In derselben Zeit stieg unsere Einfuhr von Butter, an der vor
dem Kriege Rußland (Sibirien) zu mehr als der Hälfte beteiligt war,
trotz des Wegfalls dieser wichtigsten Bezugsquelle, von 54200 auf 68500
Tonnen, während allerdings gleichzeitig die Einfuhr von Milch und Rahm
eine starke Verminderung erfuhr. In derselben Zeit ist ferner die
Einfuhr von Käse von 26300 Tonnen auf 67300 Tonnen, also auf mehr als
das 2-1/2fache der Friedenseinfuhr gebracht worden. Die Einfuhr von
Salzheringen wurde von 1298000 Faß auf 2883000 Faß, also auf mehr als
das Doppelte, gesteigert.

Natürlich waren die uns benachbarten Neutralen, denen wir diese
wichtigen Zuschüsse zu unserm Kriegshaushalt verdanken, nicht in der
Lage, ihre Erzeugung an allen diesen Dingen von heute auf morgen in
einem Maße auszudehnen, das ihnen ohne weiteres eine so erheblich
gesteigerte Belieferung Deutschlands gestattet hätte. Irgendwelche
anderen Abnehmer, seien es die inländischen Verbraucher, seien es
ausländische Bezieher, mußten zugunsten Deutschlands verkürzt werden.

So war es in der Tat. Und der verkürzte Bezieher war in der Hauptsache
-- =England=!

Das sei an einigen Beispielen illustriert.

Die Ausfuhr der Niederlande nach Deutschland und England an einigen
wichtigen Artikeln, um deren Bezug die beiden Länder während des Krieges
konkurrierten, hat sich folgendermaßen entwickelt[3]:

                                         Holländische Ausfuhr nach
                                          Deutschland     England
       an Butter          im Jahre 1913     19000 t        7900 t
                           "   "   1915     36700 "        2500 "
                           "   "   1916     31500 "        2200 "
       an Käse            im Jahre 1913     16100 "       19100 "
                           "   "   1915     63300 "        8400 "
                           "   "   1916     76200 "        6800 "
       an Schweinefleisch im Jahre 1913     11000 "       34000 "
                           "   "   1915     55100 "        7600 "
                           "   "   1916     25100 "       10300 "
       an Eiern           im Jahre 1913     15300 "        5800 "
                           "   "   1915     25200 "        7800 "
                           "   "   1916     36400 "         800 "

  [3] Für 1917 und 1918 stehen mir die Ziffern nicht zur Verfügung.

Deutschland hat also seine Einfuhr aus den Niederlanden an diesen für
die Volksernährung und Heeresverpflegung so wichtigen Dingen während des
Krieges erheblich zu steigern vermocht, während gleichzeitig England
eine starke Verminderung seiner Zufuhren hinnehmen mußte.

Ähnlich entwickelte sich der Kampf zwischen England und Deutschland
auf dem dänischen Markte. Während von 1913 auf 1915 die dänische
Ausfuhr von Butter nach England von 85300 auf 66300 Tonnen zurückging,
vermochte Deutschland seine Zufuhr aus Dänemark von 2200 auf 25200
Tonnen in die Höhe zu bringen. An Schweinefleisch bezog England im Jahre
1913 rund 9400 Tonnen, 1915 nur noch 1900 Tonnen; Deutschland dagegen
vermochte seine Bezüge von 3800 auf 17900 Tonnen zu steigern. Dänemarks
Eierausfuhr nach England zeigte einen Rückgang von 30000 auf 18800
Tonnen, nach Deutschland dagegen eine Zunahme von 1200 auf 13000 Tonnen.

Auch in der Schweiz, in Schweden und lange Zeit hindurch sogar in dem
England gegenüber gefügigen, von der Belieferung durch Deutschland
kaum abhängigen Norwegen wurde unsere Position nicht nur behauptet,
sondern sogar verbessert. Das gilt sowohl für wichtige Produkte der
Viehzucht und der Fischerei, wie auch für einige Rohstoffe, die für
unsere Kriegsindustrie von größter Bedeutung waren. So gelang es, die
Zufuhr der für unsere Stahlfabrikation kaum entbehrlichen phosphorarmen
schwedischen Eisenerze, sowie die Zufuhr von Ferrosilizium und andern
wichtigen Ferrolegierungen aus Schweden aufrechtzuhalten; desgleichen
erhielten wir aus Schweden gewisse Quantitäten von Kupfer; ferner
große Mengen von Holzstoff, der uns angesichts der unzureichenden
eigenen Gewinnung für die Herstellung von Nitrozellulose, daneben
für die Herstellung von Textilose und Papier eine wesentliche Hilfe
war. Norwegen war das einzige Land, das uns und unsern Bundesgenossen
während des Krieges wenigstens mit bescheidenen Mengen des für die
Kriegsindustrie unentbehrlichen Nickels belieferte; daneben erhielten
wir von dort Kupfer und Schwefelkies sowie Rohkupfer, auch größere
Mengen von Norgesalpeter. Die Schweiz half uns vor allem aus mit
Aluminium.

Alles in allem: Wir haben zwar nicht vermocht, die britische Seesperre
zu brechen, wir blieben während des ganzen Krieges von allen nur zur See
erreichbaren Märkten abgeschnitten; aber Englands Versuch, auch die uns
benachbarten Neutralen in das System seiner Blockade einzubeziehen und
damit die Blockade bis unmittelbar an unsere Landgrenzen heranzutragen,
ist trotz des beispiellosen von der Entente angewandten Druckes
gescheitert. Das neutrale Vorgelände unserer belagerten Festung haben
wir in dem schweren Wirtschaftskampf siegreich behauptet.

Allerdings wurde auch dieses Vorgelände mehr und mehr verwüstet und
unterhöhlt. England und seine Verbündeten scheuten sich nicht, den
Druck ihrer völkerrechtswidrigen Maßnahmen auf unsere neutralen
Anlieger so weit zu steigern, daß deren eigene Produktionsfähigkeit und
Lebenshaltung auf das schwerste beeinträchtigt wurde. Namentlich die
Leistungsfähigkeit der Viehzucht wurde durch die scharfe Rationierung
der Zufuhr von Futtermitteln herabgedrückt; und wer immer von den
Neutralen Brot benötigte, mußte sich von dem Hungertod durch immer
weitere Zugeständnisse loskaufen.

Wir mußten deshalb vom Ende des Jahres 1916 an mit einem kaum
aufzuhaltenden allmählichen Versiegen auch unserer letzten neutralen
Bezugsquellen ernstlich rechnen.


                       Die innere Kriegswirtschaft

Die territoriale Erweiterung unserer Wirtschaftsgrundlage durch die
militärischen Erfolge, die uns die Besetzung und Verwaltung großer
Flächen feindlichen Gebietes ermöglichten, und unser erfolgreicher
Kampf um die neutralen Märkte, die uns erreichbar geblieben waren,
reichten nicht entfernt aus, Ersatz zu schaffen für die gewaltigen
Zufuhren an Nahrungs- und Futtermitteln, an Rohstoffen, Halbfabrikaten
und Fertigwaren aller Art, die uns durch den Krieg und durch die
Abschneidung vom überseeischen Verkehr entzogen wurden und die bisher
ein wesentlicher Teil des Untergrundes unserer Produktions- und
Verbrauchswirtschaft gewesen waren. So ergab sich die Notwendigkeit,
einmal den uns verbleibenden Spielraum für Produktion und Verbrauch
durch die Anwendung neuer Methoden und die Gewinnung von Ersatzstoffen
im Inland, sowie durch die intensive Nutzbarmachung der verfügbaren
Arbeitskräfte nach jeder Möglichkeit zu erweitern; dann unsere
Gütererzeugung und unsere Lebenshaltung auf die plötzlich so viel enger
gewordenen Verhältnisse einzustellen und sie gleichzeitig den gewaltigen
Bedürfnissen des Krieges anzupassen.


               Die Technik im Dienst der Kriegswirtschaft

Wissenschaft, angewandte Technik und Unternehmungsgeist hatten sich in
Deutschland seit den Zeiten eines Werner von Siemens zusammengefunden
und in gemeinschaftlicher, sich ergänzender und fördernder Arbeit
die deutsche Volkswirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu den von
aller Welt bestaunten und beneideten Fortschritten befähigt. Jetzt
galt es, alle diese Kräfte zur äußersten Leistung anzuspannen, um
eine Aufgabe zu lösen, so schwer, wie sie niemals in der Geschichte
einem Volke gestellt worden ist: Das Leben und die Wirtschaft eines
Siebzig-Millionen-Volkes, die bisher auf der freien Verfügung über die
Naturschätze und Naturerzeugnisse des ganzen Erdballes aufgebaut waren,
unter den drängenden Anforderungen und gewaltigen Erschwernissen des
Krieges durch die denkbar stärkste Ausnutzung der nach Art und Menge
beschränkten Hilfsquellen des eigenen Landes aufrechtzuerhalten.

Es war, wie wenn die Not des Vaterlandes die Kräfte des deutschen
Genius vervielfacht hätte. Überall mühten sich die besten Köpfe, um
den Lebensspielraum, den uns der Feind mit brutaler Gewalt bis zur
Erdrosselung einengte, durch die Macht schöpferischen Geistes zu weiten.
Niemals sind in gleich kurzer Zeit neue Erfindungen und neue Verfahren
in ähnlicher Fülle ausgedacht, ausprobiert und ins Werk gesetzt worden,
ist die Nutzwirkung von Arbeit und Stoff in ähnlichem Ausmaß gesteigert
und vervollkommnet worden. Und wenn schließlich trotzdem das erdrückende
Übergewicht der Zahl und der Masse in diesem Völkerringen den letzten
Ausschlag gegeben hat, so bleiben jene Leistungen doch für alle Zeiten
ein unzerstörbarer Ruhmestitel deutschen Geistes und eine Gewähr für
eine bessere Zukunft.

Es ist nicht möglich, hier eine ins einzelne gehende Darstellung, ja
auch nur eine einigermaßen vollständige Übersicht des auf dem weiten
Gebiete der Steigerung unserer nationalen Produktionskraft Geleisteten
zu geben. Nur einige der wichtigsten Fortschritte und Errungenschaften
seien angedeutet.

Von der Schaffung gewaltiger Anlagen zur Gewinnung von Stickstoff aus
der Luft, die uns überhaupt erst die Möglichkeit gaben, den ungeheuren
und ständig wachsenden Bedarf unseres Heeres an Munition zu decken und
daneben unsere Landwirtschaft mit dem unentbehrlichen Stickstoffdünger
zu versehen, habe ich in anderem Zusammenhang bereits gesprochen. Ebenso
von den Anlagen zur Gewinnung von Aluminium aus gewöhnlicher deutscher
Tonerde. Ich hätte hier noch zu erwähnen, daß das Kalziumkarbid, das als
Zwischenprodukt für den Kalkstickstoff gewonnen wird, auch Verwendung
als Ersatz für fehlende oder knappe Stoffe anderer Art gefunden hat;
so als Beleuchtungsmittel an Stelle von Petroleum und Spiritus, ferner
als Ersatz für wichtige ausländische Metalle in der Stahlfabrikation,
ja sogar als Hilfsstoff für die Herstellung von künstlichem Gummi
und als Rohstoff für die Herstellung von Spiritus. Aluminium hat als
Ersatz für das immer knapper werdende Kupfer, vor allem auch bei der
Munitionsherstellung und in der elektrischen Industrie große Dienste
geleistet. Die nahezu völlige Unterbindung der Zufuhr von Rohgummi
wurde uns erträglich gemacht durch die während des Krieges erfundenen
Verfahren zur Herstellung von künstlichem Gummi und die Vervollkommnung
der Regeneration von Altgummi. Wenn auch das künstliche Produkt nur
für Hartgummi ein vollständiger Ersatz ist, so ist doch der Bedarf
an Naturgummi durch diese Verfahren auf einen so bescheidenen Umfang
beschränkt worden, daß wir während des Krieges unser Auskommen gefunden
haben und weiter gefunden hätten.

Die Textilindustrie, und mit ihr die Bekleidung der deutschen
Bevölkerung, ist vor einem Zusammenbruch bewahrt worden durch die
zahlreichen Verfahren, die aus der Holzfaser neue Spinnstoffe geschaffen
haben (Textilose, Papiergarne, Typhafaser, Zellulosegarn). Diese
Verfahren haben ferner die Möglichkeit geschaffen, Landwirtschaft und
Industrie mit Packmaterial und das Heer mit den im Stellungskrieg in
so großen Mengen benötigten Sandsäcken zu versorgen. Das neu erfundene
Verfahren des Nitrierens von Zellulose hat uns von der Baumwolle als
Rohstoff für das rauchlose Pulver unabhängig gemacht.

Auf dem Gebiete der Landwirtschaft richteten sich die Anstrengungen,
abgesehen von der bereits erwähnten Herstellung von Stickstoffdünger,
auf die Beschaffung von Futtermitteln, da in diesen unsere Versorgung
durch die Unterbindung der ausländischen Zufuhren am schwersten
gefährdet war. Zunächst suchte man durch die möglichste Ausdehnung der
Kartoffeltrocknung Futterstoffe zu erhalten, die bisher in großem Umfang
durch Fäulnis zugrunde gegangen waren. Das Trocknungsverfahren wurde
im Laufe des Krieges auch auf zahlreiche andere bisher als wertlose
Abfälle behandelte Erzeugnisse, so auf Rübenkraut, Kartoffelkraut und
ähnliches mehr mit großem Erfolg ausgedehnt. Zu dem Trocknungsverfahren
kam bald hinzu die künstliche Herstellung von Kraftfuttermitteln, vor
allem die Herstellung von Mineralhefe (als Futterhefe und als Nährhefe)
und die Herstellung von Strohkraftfutter im Wege der Strohaufschließung,
schließlich die Herstellung von Kraftfutter aus Tierkadavern, Knochen
und bisher unverwerteten Abfällen aller Art. In ähnlicher Weise
ist unsere auf das äußerste bedrohte Versorgung mit Ölen durch die
sparsamste Ausnutzung aller ölhaltigen Samen und Kerne sowie durch neue
Verfahren der Ölgewinnung aus animalischen Stoffen und mineralischen
Substanzen (Schiefer) nicht unerheblich aufgebessert worden.

Auf den meisten dieser Gebiete hatte das Reich, und vor allem das
mir anvertraute Amt, anregend und zusammenfassend, fördernd und
organisierend mitzuarbeiten. Kaum ein anderer Teil der Geschäfte, die
ich als Reichsschatzsekretär und Staatssekretär des Innern zu leiten
hatte, hat mir die gleiche innere Befriedigung gewährt, wie die mir
leider nur in engen Grenzen mögliche Mitarbeit an diesen schöpferischen
Leistungen, als deren äußersten Kontrast ich, je länger desto mehr, die
endlosen und größtenteils fruchtlosen Parlamentsdebatten empfand. Ich
mag im Reichstag manchmal kurz angebunden und schroff gewesen sein; aber
das war dann meistens der Ausfluß einer mühsam unterdrückten inneren
Auflehnung gegen die Vergeudung von Zeit und Kraft in unfruchtbaren
Debatten; während die dringendsten und wichtigsten Arbeiten warten
mußten und zu Schaden kamen.


    Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskräfte

Neben der Steigerung der technischen Leistungsfähigkeit
der Gütererzeugung ging einher eine Umstellung des ganzen
Produktionsapparates auf die durch den Krieg total veränderten
Bedürfnisse. Die Herstellung von Kriegsgerät aller Art in gewaltigen
Mengen, daneben die Sicherung der Ernte traten mit Kriegsbeginn in den
Vordergrund; auf der andern Seite waren große Zweige der Industrie
und des Handels alsbald zu empfindlichen Einschränkungen gezwungen:
alles, was für den überseeischen Export arbeitete, und alles, was auf
überseeische Rohstoffe angewiesen war. In ganz großem Stil mußten
Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sich neuen Aufgaben und neuen
Beschäftigungen zuwenden.

Das Unternehmertum vollzog die Umstellung aus eigener Initiative
und im wesentlichen aus eigener Kraft mit einer erstaunlichen
Anpassungsfähigkeit und Energie. Fabriken und Werkstätten, die stets
nur der Herstellung von Waren des Friedensbedarfs gedient hatten,
wandten sich, angereizt durch gute Gewinnaussichten, der Fabrikation
von Heeresgerät und Heeresausrüstung zu. Nicht nur Betriebe der
Metallindustrie, auch Spinnereien und ähnliche Unternehmungen wurden
in Geschoßdrehereien und Zünderfabriken umgewandelt. Neue industrielle
Anlagen zur Fabrikation von Kriegsbedarf schossen wie Pilze aus der Erde.

Weit schwieriger war die Umgruppierung der Arbeiterschaft.

Die nächste Wirkung des Krieges, der unserer Volkswirtschaft Millionen
der leistungsfähigsten Arbeiter entzog, war -- eine erschreckende
Arbeitslosigkeit! In einer Lage, in der alles darauf ankam, jede
Arbeitskraft, die der Heeresdienst nicht in Anspruch nahm, für
die Gütererzeugung nutzbar zu machen, sahen sich Hunderttausende
zum Verlassen ihrer Arbeitsstellen gezwungen, ohne alsbald neue
Arbeit finden zu können. Die zum großen Teil unvermeidlichen, zum
Teil aber auch ohne Not überstürzten Betriebseinschränkungen und
Betriebseinstellungen setzten Arbeitskräfte frei, die nicht ohne
weiteres den Weg zu neuer Beschäftigung fanden, schon deshalb nicht,
weil die technische Umstellung der Industrie eine gewisse Zeit
erforderte. In welch erschreckendem Maße der Krieg den Arbeitsmarkt
erschütterte, davon geben folgende Zahlen ein Bild.

Bei den Arbeitsnachweisen kamen auf hundert offene Stellen bei den
männlichen Arbeitern im Juli 1914 158 Arbeitsuchende, im August 1914
dagegen nicht weniger als 248; bei den weiblichen Arbeitern kamen im
Juli 1914 auf 100 offene Stellen 99 Arbeitsuchende, im August 1914
dagegen nicht weniger als 202.

Das Reich griff alsbald nach Kriegsausbruch ein, um sowohl im Interesse
der Arbeiterschaft wie im Interesse der höchstmöglichen Leistung unserer
Produktion die Umgruppierung der schaffenden Hände zu beschleunigen.
Der Weg war eine den Kriegsbedürfnissen angepaßte Organisation des
Arbeitsnachweises.

Das deutsche Arbeitsnachweiswesen vor dem Kriege litt vor allem an
einer starken Zersplitterung. Neben den nicht bedeutenden gewerbsmäßig
betriebenen Stellenvermittlungen arbeiteten ohne ausreichenden
Zusammenhang nebeneinander: die von öffentlichen Körperschaften
eingerichteten Arbeitsnachweise, die Arbeitgebernachweise, die
Arbeitnehmernachweise und paritätische Arbeitsnachweise. Das Reichsamt
des Innern gab diesen Organen gleich nach Kriegsausbruch in der
»Reichszentrale für Arbeitsnachweise« eine einheitliche Spitze. Die
einzelnen Arbeitsnachweise übernahmen die Pflicht, sowohl die offenen
Stellen wie auch die überschüssigen Arbeitsangebote an die Zentralstelle
zu melden, um so einen Ausgleich zu ermöglichen. Schon am 9. August 1914
konnte die Reichszentrale ihre Arbeit aufnehmen. Sie hat sich nicht auf
die Herstellung der Verbindung zwischen den einzelnen Arbeitsnachweisen
beschränkt, sondern in wichtigen Fällen unmittelbar eingegriffen;
so vor allem gleich nach Kriegsausbruch bei der Beschaffung von
Arbeitskräften für die Bergung der Ernte, für die in großem Umfang
eingeleiteten Festungsarbeiten, für die reichseigenen Betriebe
der Militär- und Marinebehörden und der von diesen beschäftigten
Unternehmungen; ferner bei der Zuweisung von Kriegsgefangenen an die
unter Mangel an Arbeitskräften leidenden Betriebe in Industrie und
Landwirtschaft.

Ergänzt wurde die Tätigkeit der Reichszentrale und der Einzelnachweise
durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheit für die nicht ohne weiteres
unterzubringenden Arbeitslosen, durch Einschränkungen der Arbeitszeit,
das Verbot von Überstunden und von Nachtarbeit in gewissen Betrieben,
durch eine den Arbeiterverhältnissen angepaßte Verteilung der
Heeresaufträge, durch eine planmäßige Fürsorge für die Erwerbslosen.

Nachdem die erste große Umschichtung der Arbeitskräfte vollzogen war,
änderte sich die Lage und damit die zu bewältigende Aufgabe. Die
Einziehung der Millionen zum Heeresdienst und der steigende Bedarf an
Heeresausrüstung ließ die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften rasch
in die Höhe schnellen. Während im August 1914 auf 100 offene Stellen
248 Arbeitsuchende gekommen waren, brachte schon der April 1915 mit 100
Angeboten auf 100 offene Stellen den Ausgleich. In den folgenden Monaten
überwog die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften das Angebot immer
stärker: auf 100 offene Stellen kamen im Oktober 1915 nur noch 85, im
Oktober 1916 nur noch 64 Angebote.

Dagegen ging bei den weiblichen Arbeitskräften das Überangebot nur ganz
allmählich zurück. Hier wirkte dem Überangebot keine Einziehung zum
Heeresdienst entgegen; außerdem wurden durch Betriebseinschränkungen
gerade solche Industriezweige am stärksten betroffen, in denen die
weiblichen Arbeitskräfte überwiegen (Textilindustrie). Im Juli 1915,
also ein Jahr nach Kriegsausbruch, standen 100 offenen Stellen immer
noch 165 Arbeitsuchende gegenüber; dann kam infolge der gerade damals
notwendig werdenden Einschränkung in der Textilindustrie eine weitere
Steigerung des Arbeitsangebots bis auf 182 im Oktober 1915. Die Zahl für
den April 1916 war 162, für den Oktober 1916 immer noch 135 Angebote auf
100 offene Stellen.

Zunehmender Mangel an männlichen Arbeitskräften, fortdauernder Überschuß
an weiblichen Arbeitskräften -- das drängte auf einen Ausgleich.
Planmäßig wurde überall, wo es angängig war, die Männerarbeit durch
Frauenarbeit ersetzt. In welchem Maße das gelungen ist, zeigt sich
darin, daß nach den Arbeitsausweisen der Betriebskrankenkassen vom 1.
Juli 1914 zum 1. Juli 1916 der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte an
der Gesamtzahl der Arbeiter gestiegen ist:

  in der Hüttenindustrie, Metallbearbeitung und Maschinenindustrie
                                                          von  9 auf 19%
              in der chemischen Industrie                  "   7  "  23%
              in der elektrischen Industrie                "  24  "  55%

Allein vom 1. Juli 1915 bis zum 1. Juli 1916 weist die
Krankenkassenstatistik eine Vermehrung der weiblichen Arbeitskräfte um
750000 Arbeiterinnen auf.

Wie die Frauen, so mußten auch die Jugendlichen in verstärktem Maße zur
Arbeit herangezogen werden.

Um die Arbeitskraft der Frauen und der Jugendlichen für den Kriegszweck
voll nutzbar machen zu können, hatte ein Gesetz vom 4. August 1914 dem
Reichskanzler die Befugnis erteilt, Ausnahmen von den gesetzlichen
Bestimmungen über den Schutz der weiblichen Arbeiter und der
Jugendlichen zu gestatten. Die harte Notwendigkeit des Krieges machte in
vielen Fällen eine Lockerung dieser Schutzbestimmungen erforderlich. Es
wurde eben nicht nur auf den Schlachtfeldern gekämpft, sondern auch in
den Arbeitsstellen der Heimat. Hier wie dort waren wir gezwungen, von
dem wertvollen Kapital unserer Volkskraft zu zehren, um das Volksganze
gegenüber dem Vernichtungswillen unserer Feinde zu erhalten.

Ihre höchste Steigerung hat die »Mobilmachung der Arbeit« in dem Gesetz
über den Vaterländischen Hilfsdienst gefunden, auf das ich weiter unten
in einem besonderen Abschnitt des Näheren eingehen werde.


                  Verbrauchsregelung und Volksernährung

Die erfolgreichen Bemühungen, unsere heimische Gütererzeugung durch
technische und organisatorische Vervollkommnung und durch die
Nutzbarmachung aller Arbeitskräfte zu steigern, konnten wesentliche
Erleichterungen unserer bedrängten Lage schaffen und das Äußerste
abwehren, aber sie konnten uns nicht der Notwendigkeit entheben, die
Verwendung der den normalen Bedarf nicht deckenden Nahrungsmittel und
Rohstoffe zu regulieren.

Es war unmöglich, die Regulierung dem freien Spiel der Kräfte zu
überlassen. Dann hätte sich die Regulierung des Verbrauches der nur in
unzureichenden Mengen verfügbaren Waren im Wege der Preisgestaltung
vollzogen, in der Weise, daß eine scharfe Preissteigerung schrittweise
die weniger zahlungsfähige Nachfrage ausgeschaltet hätte. Reichliche
Versorgung der Wohlhabenden, Hunger und Elend der breiten Volksschichten
wären die unvermeidlichen Folgen gewesen. Es kam alles darauf an, eine
solche Entwicklung in sozialem Geist und mit Mitteln der sozialen
Organisation zu verhindern. Die schwere materielle Bedrängnis, die der
Krieg über unser Volk brachte, konnte nur dann ertragen und überwunden
werden, wenn alle Volksgenossen mittragen halfen und jeder seinen Anteil
an der notwendigen Einschränkung übernahm.

Die Festsetzung von Höchstpreisen allein konnte die Aufgabe nicht lösen.
Eine gesetzliche Preisfestsetzung schaltet den Preis als Regulator von
Angebot und Nachfrage aus, ohne einen andern Regulator an seine Stelle
zu setzen. Ein niedriger Höchstpreis veranlaßt Erzeuger und Händler
zur Zurückhaltung, ohne den Konsumenten zu der gebotenen Einschränkung
seines Verbrauches zu nötigen. Das System der Höchstpreise,
durch das die Bevölkerung von einer allzu starken Verteuerung der
Lebenshaltung bewahrt werden sollte, bedurfte mithin sofort, wenn
es das Zusammenbrechen der Versorgung nicht geradezu beschleunigen
sollte, der Ergänzung durch weitergehende Maßnahmen. Als solche kamen
in Betracht die Regulierung des Verbrauchs durch Einschränkungen der
Verwendung und durch Rationierung, ferner die Erfassung der Bestände und
der Neuproduktion durch Beschlagnahme und Enteignung. Die vollständige
Übernahme der Bewirtschaftung ist die äußerste Konsequenz.

Je elementarer das Lebensbedürfnis war, dem eine Ware zu genügen
hatte, je offenkundiger die Knappheit der verfügbaren Bestände, desto
dringender war das staatliche Eingreifen.

Auf dem Gebiet der Volksernährung hat demgemäß die Reglementierung mit
dem =Brotgetreide= begonnen und hier zur Entwicklung eines Systems
geführt, das für die Gesamtheit der Kriegswirtschaft von großem Einfluß
geworden ist.

Neben den Höchstpreisen wurden hier schon im Oktober 1914 bestimmte
Verwendungsbeschränkungen eingeführt. Das Verfüttern von Brotgetreide
wurde verboten. Für das Ausmahlen von Brotgetreide wurden Mindestsätze
vorgeschrieben. Für Weizenbrot wurde ein bestimmter Zusatz von
Roggenmehl, für Roggenbrot ein solcher von Kartoffeln oder Kartoffelmehl
vorgeschrieben. In der Folgezeit wurden diese Bestimmungen verschärft
und ergänzt.

Bereits im Januar 1915 ging man den entscheidenden Schritt weiter. Es
wurde jetzt einmal der Brot- und Mehlverbrauch pro Kopf und Tag auf
eine bestimmte Höchstmenge festgesetzt und zur Durchführung dieser
Rationierung die Brot- und Mehlkarte eingeführt. Gleichzeitig wurde
die Bewirtschaftung des in Deutschland vorhandenen Brotgetreides der
im November 1914 aus privater Initiative gegründeten und jetzt weiter
ausgebauten »Kriegsgetreide-Gesellschaft« übertragen. Das Brotgetreide
wurde für die genannte Gesellschaft beschlagnahmt, und die Gesellschaft
wurde beauftragt, das beschlagnahmte Getreide aufzunehmen, zu lagern,
vermahlen zu lassen und das Mehl mit Hilfe einer gleichzeitig
geschaffenen Reichsverteilungsstelle zu verteilen. Die Verteilung
der Mehlmengen über die Bäcker bis zu den Konsumenten wurde den
Kommunalverbänden übertragen.

Ihre endgültige Form erhielt die Organisation durch eine Verordnung
vom 28. Juni 1915. Die Kriegsgetreide-Gesellschaft wurde ersetzt durch
die »Reichsgetreidestelle«, bestehend aus einer Verwaltungsabteilung
und einer Geschäftsabteilung; die erstere wurde mit weitgehenden
behördlichen Befugnissen ausgestattet, der letzteren wurde die
kaufmännische Durchführung übertragen. Die neue Verordnung brachte
insofern eine Abweichung gegenüber der bisherigen Regelung, als das
Brotgetreide der Ernte 1915 nicht für die Reichsgetreidestelle,
sondern für die Kommunalverbände beschlagnahmt wurde, da diese als
die geeigneten Organe für die Durchführung der Beschlagnahme und
die örtliche Kontrolle erschienen. Den Kommunalverbänden wurde die
Verpflichtung zur Lieferung des Getreides an die Reichsgetreidestelle
oder an die von dieser zu bezeichnenden Stellen auferlegt.

Hier haben wir also klar herausgearbeitet die Kombination
von Höchstpreisen mit strengster Verwendungsbeschränkung und
Verbrauchsrationierung einerseits, Erfassung und Bewirtschaftung der
Produktion und der Bestände andererseits.

Beim Brotgetreide hat sich diese Organisation alles in allem vorzüglich
bewährt. Sie hat nicht nur eine ausreichende und regelmäßige Belieferung
der deutschen Wehrmacht und der gesamten deutschen Zivilbevölkerung mit
dem täglichen Brot sichergestellt, sondern sie hat diese Belieferung
zu Preisen durchgeführt, die bald hinter denjenigen in allen andern
Ländern, nicht nur der Kriegführenden sondern auch der Neutralen, nicht
nur diesseits sondern auch jenseits des Ozeans zurückblieben. Das ist
erreicht worden, obwohl Deutschland in Friedenszeiten auf Grund der
Agrarzölle das Zentrum der höchsten Getreidepreise der Welt gewesen
war, und obwohl nicht nur die ausländischen Zufuhren von Brotgetreide
in Wegfall kamen, sondern auch die inländische Produktion infolge einer
weniger intensiven Bodenbearbeitung und geringeren Düngung wesentlich
hinter den Friedensernten zurückblieb.

Allerdings lagen beim Brotgetreide die Vorbedingungen für eine
staatliche Bewirtschaftung besonders günstig. Bedarf und Bestände
sind hier verhältnismäßig leicht festzustellen. Die Kontrolle ist
verhältnismäßig einfach. Die Haltbarkeit und Transportfähigkeit von
Roggen und Weizen ist verhältnismäßig gut. Qualitätsunterschiede spielen
keine entscheidende Rolle. Alles Eigenschaften, die ein einheitliches
Disponieren nach einem wohldurchdachten Plan erheblich erleichtern, und
Eigenschaften, die bei den meisten andern Nahrungsmitteln fehlen oder
mindestens nicht in dem gleichen Maße vorhanden sind.

Man hatte deshalb in der ersten Zeit des Krieges auch wenig Neigung, das
beim Brotgetreide erprobte System der Bewirtschaftung auf die andern
Kategorien von Nahrungsmitteln zu übertragen. Schon bei den Kartoffeln
lagen die Verhältnisse für eine einheitliche Bewirtschaftung sehr viel
weniger günstig. Die Bestände sind infolge der Einmietung der Ernte
weniger leicht zu übersehen. Die Haltbarkeit ist geringer und stets
unsicher. Die verschiedenen Sorten bilden eine weitere Erschwerung.
Noch größer sind die Schwierigkeiten der zentralen Bewirtschaftung bei
leicht verderblichen Nahrungsmitteln wie bei Gemüse und Obst. Ebenso bei
Fleisch, Milch, Butter, Eiern, Fischen.

Man hat deshalb bei allen diesen Dingen, als sie anfingen knapp zu
werden, eine gleichmäßige Verteilung zu erträglichen Preisen auf andern
Wegen zu erreichen versucht: durch Reglementierung oder Syndizierung des
Handels, durch Abschluß von Lieferungsverträgen zwischen Kommunen und
Händlern oder Produzenten, durch teilweise Beschlagnahmen oder durch
Umlage von Lieferungsverpflichtungen auf Provinzen und Kommunen, durch
Festsetzung von variabeln Richtpreisen, durch Preisprüfungsstellen und
Kriegswucheramt. Aber der mangelhafte Erfolg aller dieser Maßnahmen
drängte -- trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten -- immer mehr
zu der radikalen Lösung, wie sie beim Brotgetreide mit so viel Erfolg
verwirklicht worden war. Auf fast allen Gebieten des Ernährungswesens
kam man von Teileingriffen zur zentralen Bewirtschaftung, die nach dem
Vorbild der Brotgetreide-Organisation in die Hand von Reichsstellen
mit Verwaltungsabteilungen für die behördliche Tätigkeit und
Geschäftsabteilungen für die kaufmännische Tätigkeit gelegt wurde. So
bekamen wir die Reichskartoffelstelle und Reichshülsenfruchtstelle,
die Reichsstelle für Gemüse und Obst und die Reichszuckerstelle,
die Reichsfleischstelle und die Reichsstelle für Speisefette,
die Reichsverteilungsstelle für Eier und den Reichskommissar für
Fischversorgung. Viele von diesen Reichsstellen umgaben sich für
die kaufmännische Durchführung ihrer Aufgaben mit einem Kranz von
Kriegsgesellschaften für alle möglichen Spezialgebiete, für Sauerkraut,
wie für Teichfische und Aale.

Ich habe der Ausdehnung der Zwangswirtschaft auf Gebiete, die sich
ihrer Natur nach für eine staatliche Bewirtschaftung nicht eignen,
mehrfach Widerstand entgegenzusetzen versucht. Ich bin auch heute
noch der Meinung, daß auf manchen Gebieten die Zwangswirtschaft weit
mehr geschadet als genutzt hat, daß sie die Produzenten verwirrte und
verärgerte und so die Produktion lähmte, daß sie große Mengen leicht
verderblicher Nahrungsmittel, die im Weg des privaten Handels leicht und
sicher dem Verbrauch zugeführt worden wären, verkommen ließ, sodaß in
der Endwirkung Erzeuger und Verbraucher zu kurz kamen. Den allergrößten
Nachteil aber sehe ich darin, daß die Überspannung des Systems der
zentralen Bewirtschaftung den wucherischen Schleichhandel geradezu
großzüchtete. Wenn auf der einen Seite die Kontrollmöglichkeit gering,
auf der andern infolge der Übertreibung des Systems die Versuchung zu
seiner Durchbrechung übermächtig ist, dann gibt es kein Halten. Auch
nicht durch Strafen. Im Gegenteil, indem die Strafen das Risiko des
Schleichhandels erhöhen, steigern sie die Schleichhandelspreise. Nach
meiner Überzeugung wäre hier weniger mehr gewesen. Aber jeder Widerstand
war vergeblich. Ein gewisser Ressortfanatismus in den Abteilungen des
Kriegsernährungsamts und den diesem angegliederten Reichsstellen, der,
vielleicht unbewußt, auf eine Erweiterung der eigenen Machtbefugnisse
hinausging, wäre an sich noch zu bändigen gewesen, wenn er nicht noch
geschoben und gedrängt worden wäre durch den parlamentarischen Beirat
des Kriegsernährungsamtes, in dem die Anhänger der alles erfassenden
staatlichen Bewirtschaftung stark überwogen.


                      Bewirtschaftung der Rohstoffe

Auf dem Gebiet der industriellen Rohstoffe führte die gleich zu
Beginn des Krieges eingerichtete Kriegsrohstoff-Abteilung des
Kriegsministeriums.

Hier mußten mit raschem Zugriff die vorhandenen Bestände an nicht
beliebig vermehrbaren kriegswichtigen Rohstoffen für die Heereszwecke
sichergestellt werden. Es handelte sich vor allem um die in Deutschland
nicht vorkommenden oder nur in beschränktem Umfang zu gewinnenden
Mineralien, die sogenannten »Sparmetalle«, und um die Textilrohstoffe.

Die Erfassung erfolgte zunächst im Weg der Beschlagnahme. Mit der
Beschlagnahme, die noch nicht gleichbedeutend mit Enteignung ist, wird
dem Eigentümer das Recht der beliebigen Veräußerung und Verarbeitung
des beschlagnahmten Materials entzogen. In zahlreichen Fällen hat die
Kriegsrohstoff-Abteilung von einer Enteignung abgesehen und lediglich
die Verwendung reguliert und kontrolliert. In andern Fällen sah sie
sich zu der Überführung der Bestände in Staatseigentum veranlaßt. Die
Notwendigkeit hierzu lag besonders dann vor, wenn nicht nur auf die
Vorräte der Industrie und des Handels, sondern auch auf die bereits in
den Gebrauch übergegangenen Bestände von Haushaltungen, Betrieben usw.
zurückgegriffen werden mußte, wie bei Kupfer und Kupferlegierungen,
Nickel, Zinn.

Für die Verteilung und die Verwendungsregulierung waren die auf
Grund der Bestandsaufnahmen und Bedarfsanmeldungen aufgestellten
Wirtschaftspläne maßgebend. Bei der Aufstellung dieser Wirtschaftspläne
hieß es, sich nach der Decke strecken, den angemeldeten Bedarf nach
seiner Dringlichkeit klassifizieren, nach Ersatzmöglichkeiten suchen
und jedenfalls so zu disponieren, daß in der Lieferung der notwendigen
Heeresausrüstung keine Stockung eintreten konnte.

Wie auf dem Gebiet des Ernährungswesens, so waren auch hier die zu
lösenden Aufgaben teils behördlicher, teils kommerzieller Natur. Die
Anordnungen von Bestandserhebungen, Beschlagnahmen und Enteignungen,
die Festsetzung der Preise, die Aufstellung der Wirtschaftspläne und
der Verteilungsschlüssel konnten nur von einer Behörde ausgehen,
die sich dabei natürlich der Beratung der beteiligten Industrie-
und Handelskreise bedienen mußte. Dagegen war die Abnahme und
Bezahlung der zu beschaffenden Materialien sowohl im Inland, wie
namentlich auch in den besetzten Gebieten, in den Ländern unserer
Bundesgenossen und der uns zugänglichen Neutralen, ferner die
Verfrachtung, Einlagerung, Sortierung ein kaufmännisches Geschäft großen
Stils, für dessen Bewältigung besondere Organe aus den beteiligten
Wirtschaftskreisen geschaffen werden mußten, die sogenannten
»Kriegsrohstoff-Gesellschaften«.

Schon die Erfassung der kriegswichtigen Rohstoffe für den Heeresbedarf
griff stark ein in die Versorgung der Zivilbevölkerung. Das gilt
vor allem für die Erfassung der Faserstoffe und des Leders. Für
die Verteilung des von der Heeresverwaltung für die Versorgung der
Zivilbevölkerung freigegebenen Leders mußte im Frühjahr 1916 eine
besondere Organisation geschaffen werden. Noch stärker wurde die
Versorgung der Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen, als
es sich notwendig zeigte, im Heeresinteresse die Hand auch auf
Fertigfabrikate der Textilindustrie zu legen. Nachdem am 1. Februar 1916
die Heeresverwaltung die Beschlagnahme der Anzugstoffe, Futterstoffe,
Wäsche, Unterkleider usw. verfügt hatte, wurde eine umfassende
Regelung der Versorgung der Zivilbevölkerung mit Kleidung und Wäsche
unaufschiebbar. Zu diesem Zweck wurde die »Reichsbekleidungsstelle«
ins Leben gerufen, der die dornenvolle Aufgabe zufiel, die
notwendig gewordene Einschränkung des Verbrauches im Wege des der
Lebensmittelkarte nachgebildeten, auf dem Gebiet der Bekleidung aber
viel schwerer anwendbaren Bezugsscheins durchzuführen und gleichzeitig
für die weitestmögliche Nutzbarmachung des hier besonders wichtigen
Altmaterials an Stoffen und Kleidern zu sorgen.

So entstanden, gerade in der Zeit, in der ich das Reichsamt des Innern
übernahm, für die Zivilverwaltung auch außerhalb des Gebietes der
Volksernährung neue große Aufgaben.

Diese Aufgaben wuchsen, als die immer stärker werdende Knappheit der
Rohstoffe und der Arbeitskräfte eine Beschränkung auf die Regelung des
Verbrauchs nicht mehr angängig erscheinen ließ.

Schon die Verteilung der allzu knapp gewordenen Rohstoffe auf die
einzelnen Betriebe durch die Kriegsrohstoff-Abteilung hatte einen
starken Einfluß auf die Betriebe selbst ausgeübt. Es waren zwei
verschiedene Wege gangbar: entweder die Verteilung auf sämtliche
vorhandenen Betriebe nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit, was zur
Folge haben mußte, daß alle Betriebe des betreffenden Industriezweiges
nur teilweise beschäftigt wurden; oder die Zuweisung des Rohstoffs an
einzelne besonders leistungsfähige Betriebe bis zur Vollbeschäftigung
unter Stillegung der weniger leistungsfähigen. Wirtschaftlich
rationeller ist das zweite System; denn es ermöglicht die gleiche
Leistung bei geringerem Aufwand von Arbeit, Kohle usw. Dagegen sprachen
gewisse soziale Rücksichten für das erstere System, da dieses keinen
Betrieb gegenüber den andern in Nachteil brachte und die Entlassung von
Arbeitern durch Kürzung der Arbeitszeit vermeiden ließ.

Solange kein Mangel an Arbeitskräften und keine Knappheit an Kohlen
bestand, mochte man dem ersteren System den Vorzug geben. Das ist in
der Tat in der ersten Periode der Kriegswirtschaft ganz vorwiegend
geschehen. Vor allem in der mit Rohstoffen besonders knapp versehenen
Textilindustrie, ebenso in der Schuhwarenindustrie hielt man auf eine
gleichmäßige Verteilung der Beschäftigung; das bedingte eine wesentliche
Verkürzung der Arbeitszeit, die unter Gewährung von Zuschüssen aus
öffentlichen Mitteln zu den Arbeitslöhnen durchgeführt wurde.

Als aber der wachsende Bedarf an Kriegsgerät die Nachfrage nach
Arbeitskräften immer mehr steigerte, als die äußerste Sparsamkeit mit
Kohle und andern Betriebsstoffen immer dringlicher wurde, ließ sich der
Übergang zu dem wirtschaftlich rationellen System der Vollbeschäftigung
der Höchstleistungsbetriebe und der Stillegung der weniger
leistungsfähigen Unternehmungen trotz aller sozialen Bedenken nicht
mehr vermeiden. Den entscheidenden Umschwung brachte das sogenannte
»Hindenburg-Programm« in Verbindung mit dem Hilfsdienstgesetz und die im
Winter 1916/17 scharf einsetzende Kohlenknappheit.

Schon vorher aber erschienen mir Eingriffe in die Struktur einzelner
Industriezweige im Interesse der Steigerung der Nutzwirkung aller Kräfte
und Stoffe und der Vermeidung unwirtschaftlichen Arbeits-, Kapitals- und
Materialaufwandes angezeigt.

Zunächst wurde angesichts des Mangels an Arbeitskräften im Kalibergbau
ein Verbot des Abteufens von neuen Schächten erlassen (8. Juni 1916).
Dann wurden Neubauten und Erweiterungsbauten von Zementfabriken
beschränkt (29. Juni 1916), um den angesichts der Nichterneuerung
der Syndikatsverträge zu befürchtenden irrationellen Arbeits- und
Kapitalaufwand für den Bau neuer oder die Vergrößerung bestehender
Werke zu verhindern. In der gleichen Richtung zielten meine Bemühungen
bei den Bundesregierungen und Generalkommandos, eine Zurückstellung
aller nicht kriegswichtigen Hoch- und Tiefbauten behufs Freisetzung von
Arbeitskräften und Ersparnis von Material zu erreichen. Schließlich
erwähne ich die Durchführung des wirtschaftlich rationellen Prinzips
der Beschäftigung einer Auswahl leistungsfähiger Fabriken in der
Seifenindustrie, die im Frieden nicht weniger als 2000 Betriebe
überwiegend kleinster Art beschäftigt hatte. Von diesen wurden jetzt
nur ganz wenige leistungsfähige Betriebe mit Fetten weiter beliefert,
während die stillgelegten Betriebe das Recht erhielten, von den
arbeitenden Fabriken Fertigprodukte zu Vorzugspreisen zu beziehen und
mit ihren eigenen Packungen in Verkehr zu bringen (Verordnung vom 21.
Juli 1916). Eine ähnliche Regelung wurde für die Schuhindustrie in die
Wege geleitet.

Bei einem wichtigen Gewerbe allerdings mußte ich aus zwingenden Gründen
des öffentlichen Wohles im entgegengesetzten Sinne, zum Zweck der
Erhaltung gerade der kleinen und weniger leistungsfähigen Betriebe,
eingreifen: beim Zeitungsgewerbe.

Es war die wachsende Knappheit der Rohstoffe der Papierfabrikation,
und späterhin auch der Kohle, die auf diesem Gebiet ein Eingreifen
nötig machte. Die Bemühungen, die Beschaffung und Verarbeitung der
Rohstoffe in ausreichendem Umfang zu sichern, hatten keinen vollen
Erfolg. Es fehlte in Deutschland an Arbeitskräften für den Einschlag
von Papierholz; der Bedarf des Heeres an Holz für die Schützengräben
usw. nahm immer größeren Umfang an, und der Bezug von Papierholz,
Zellstoff und Druckpapier aus dem Ausland wurde durch Ausfuhrverbote
erheblich eingeschränkt. Um das Papier konkurrierten mit den Zeitungen
neue wichtige Industrien: einmal die Fabrikation von Papiergarn, von
dem immer wachsende Quantitäten benötigt wurden, vor allem für die
Herstellung von Sandsäcken für die Schützengräben; dann die Verwendung
von Papier im Nitrierverfahren zur Herstellung von rauchlosem Pulver.

Die aus diesen Verhältnissen sich ergebende starke Erhöhung der
Rohstoffpreise und damit der Druckpapierpreise traf das Zeitungsgewerbe
um so schwerer, als seine finanziellen Grundlagen durch den Ausfall
von Einnahmen aus Inseraten ohnedies erschüttert waren. Um das
Forterscheinen der Zeitungen, namentlich auch der am schwersten
bedrohten mittleren und kleineren Zeitungen, zu ermöglichen,
entschloß ich mich im Frühjahr 1916 noch in meiner Eigenschaft
als Reichsschatzsekretär, Reichszuschüsse zur Verbilligung des
Druckpapierpreises zu bewilligen.

Aber damit war nur der finanzielle Teil der Schwierigkeiten überwunden,
nicht aber die Knappheit an Druckpapier, die trotz aller Gegenmaßnahmen
so stark wurde, daß der Wettbewerb um die verfügbaren Mengen einen
Teil der Presse einfach auszuschalten drohte. Eine planmäßige
Einschränkung des Verbrauchs von Druckpapier durch das Reich war
um so mehr geboten, als dafür gesorgt werden mußte, daß die recht
erheblichen Reichszuschüsse zur Verbilligung des Zeitungspapiers
ihren Zweck der Erhaltung der deutschen Presse in ihrer Gesamtheit
erfüllten und nicht nur den im freien Wettbewerb um das Papier stärkeren
Zeitungsunternehmungen zugutekämen.

Als Organ für eine sachgemäße Regelung wurde im April 1916 die
»Kriegswirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe« geschaffen
und zunächst mit der Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse
von Bedarf und Versorgung betraut. Nachdem ich das Reichsamt des
Innern übernommen hatte, wurde der Kriegswirtschaftsstelle ein
Beirat, bestehend aus Vertretern des Zeitungsgewerbes und der
Papierindustrie, beigegeben. Die notwendig gewordene Kontingentierung
des Papierverbrauchs der einzelnen Zeitungen wurde unter Mitwirkung des
Beirats durchgeführt. Eine gleichmäßige Einschränkung aller Zeitungen
um einen bestimmten Prozentsatz ließ sich dabei nicht ermöglichen,
weil die kleinen und mittleren Blätter, die nur in einem bescheidenen,
kaum zu verkürzenden Umfang erschienen, durch den notwendigen Abstrich
einfach zum Tode verurteilt worden wären, während die Zeitungen mit
einer Tagesausgabe von vielen Druckseiten eine stärkere Einschränkung
eher ertragen konnten. Die kleine und mittlere Lokalpresse mußte aber
aus naheliegenden und zwingenden Gründen unter allen Umständen am
Leben gehalten werden. Die gegebene und auch von dem Beirat mit großer
Mehrheit gebilligte Lösung war eine gestaffelte Kontingentierung,
die den Verbrauch der in größeren Ausgaben erscheinenden Zeitungen
stufenweise stärker einschränkte als den Verbrauch der Blätter mit
kleiner Ausgabe.

Ich bin wegen dieser Regelung späterhin, als infolge der Kohlennot
die Kontingentierung schärfer angespannt werden mußte, von einem Teil
der großen Presse heftig angegriffen worden; ja eine Anzahl Berliner
Organe hat sich damals zu einer Art Streik gegen mich zusammengetan und
verabredet, von meiner im März 1917 im Reichstag zum Etat des Reichsamts
des Innern gehaltenen Rede über unsere Kriegswirtschaft keinerlei Notiz
zu nehmen. Heute denkt wohl mancher von denen, die mich damals so scharf
befehdeten, etwas milder; denn es ist mir nicht bekannt, daß nach
meinem Ausscheiden aus dem Reichsamt des Innern eine bessere Lösung der
Druckpapierfrage gefunden worden wäre.

Die Zeitungsangelegenheit war ein Sonderfall ganz eigener Art. Die
Presse als Ganzes konnte ihre Funktionen, die im Kriege noch so viel
bedeutungsvoller waren als im Frieden, nur dann erfüllen, wenn auch ihre
über das ganze Land verteilten kleinen Organe erhalten blieben. Die
Erzielung einer stärkeren Nutzwirkung von Kräften und Stoffen im Wege
einer Konzentration der Produktion in wenigen besonders leistungsfähigen
Betrieben verbot sich also hier durch die Natur der von der Presse zu
vollbringenden Leistung. Überall aber, wo solche besonderen Verhältnisse
nicht vorlagen, verlangten die immer gewaltiger anwachsenden Ansprüche
des Krieges geradezu gebieterisch, daß aus Menschen und Stoffen das
Höchstmaß von Nutzwirkung herausgeholt werde. Die Entwicklung drängte
also zu der Verwirklichung der Grundsätze hin, die gegen Ende des Jahres
1916 im »vaterländischen Hilfsdienst« eine gesetzliche Formel gefunden
haben.


                Hilfsdienstgesetz und Hindenburg-Programm

Die aus der allgemeinen Lage sich ergebende Notwendigkeit der äußersten
Anspannung aller Kräfte wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 1916
verstärkt durch eine ernste Krisis der Munitionserzeugung.

Mit bewundernswerter Umsicht und Tatkraft hatte die deutsche
Eisenindustrie gleich nach Beginn des Krieges die gewaltige Aufgabe
der Versorgung unseres Heeres mit Kriegsgerät aller Art in Angriff
genommen und bewältigt. Der Verbrauch an Munition, namentlich an
Artilleriemunition, überstieg von Anfang an alle Begriffe. Die
vorhandenen Bestände waren rasch aufgebraucht, die bestehenden
Einrichtungen für die Herstellung von Artilleriemunition vermochten
mit dem riesenhaften Bedarf nicht entfernt Schritt zu halten. Im
September und Oktober 1914 machte die Munitionsversorgung des Heeres
eine schwere Krisis durch, die unsere militärischen Operationen auf
das äußerste beeinträchtigte, ja verhängnisvoll zu werden drohte.
Alles, was in der deutschen Eisenindustrie irgendwie der Herstellung
von Granaten dienstbar gemacht werden konnte, wurde herangeholt. Man
half sich mit Graugußgranaten, die zwar gegenüber den Stahlgranaten
geringwertig sind, aber rasch in großen Mengen hergestellt werden
konnten. Gleichzeitig wurden die Einrichtungen für die Herstellung von
Stahlgranaten in einem Maße ausgebaut, daß nach verhältnismäßig kurzer
Zeit für diese Fabrikation mehr als 90 Werke zur Verfügung standen,
gegenüber 7 bei Kriegsausbruch. Auch die Belieferung dieser Werke mit
Rohstahl gestaltete sich befriedigend. Zwar hatte unsere Eisen- und
Stahlerzeugung unmittelbar nach Kriegsausbruch einen schweren Rückgang
erfahren. Die Flußstahlerzeugung war von 1628000 Tonnen im Juli 1914
auf 567000 Tonnen im August herabgesunken. Aber den Anstrengungen der
Industrie und dem verständnisvollen Entgegenkommen der Heeresleitung
in der Freigabe von Arbeitskräften war es gelungen, die Stahlerzeugung
bald wieder zu heben; im Sommer 1916 erreichte sie etwa 1400000 Tonnen
im Monat, also etwa 85% der Friedenserzeugung. Eine besondere Förderung
hatte die Herstellung der Stahlgranaten dadurch erfahren, daß es
gelungen war, als Rohmaterial Thomasstahl an Stelle des immer knapper
werdenden Siemens-Martin-Stahls zu verwenden.

Die Klagen über ungenügende Munitionsversorgung waren so allmählich
verstummt. Lange Zeit hindurch schien die Munitionserzeugung den Bedarf
des Feldheeres ausreichend zu decken. Noch im Mai 1916 versicherte
mir der damalige Kriegsminister, General Wild von Hohenborn, als ich
mich bei ihm über die Wirkungen des gewaltigen Munitionsverbrauches
vor Verdun erkundigte, daß unsere Munitionsvorräte und unsere
Munitionserzeugung jeder Eventualität gewachsen seien.

Da begann am 1. Juli die Schlacht an der Somme, die erste ganz
große Materialschlacht. Engländer und Franzosen entwickelten
eine Überlegenheit an Artillerie und Munition, von der man sich
bei uns offenbar weder bei der Obersten Heeresleitung noch beim
Kriegsministerium und der Feldzeugmeisterei eine auch nur annähernde
Vorstellung gemacht hatte. Wie wenig unsere maßgebenden militärischen
Kreise mit einer solchen Steigerung des Munitionsbedarfes gerechnet
hatten, ergibt sich daraus, daß die Feldzeugmeisterei keinerlei Eile
zeigte, die am 30. Juni 1916 ablaufenden Verträge über die Lieferung von
Granaten aus Thomasstahl zu erneuern, obwohl der Vorstand des Vereins
Deutscher Eisenhüttenleute schon Monate vorher auf den Ablauf der
Verträge hingewiesen und auf rechtzeitige Erneuerung gedrängt hatte. Als
die Entscheidung ausblieb, richtete der Vorstand des genannten Vereins
im Juni noch einmal eine dringende Anfrage an die Feldzeugmeisterei
und erhielt darauf am 2. Juli die Antwort, eine Weiterlieferung von
Thomasstahl für die Granatfabrikation sei nicht beabsichtigt. Vierzehn
Tage später, am 16. Juli, erhielt der Verein ein dringendes Telegramm
des Inhalts, es liege die zwingende Notwendigkeit vor, Geschosse
aus Thomasstahl in großen Mengen zu beschaffen; es werde umgehende
Feststellung der Höchstmengen, die geliefert werden könnten, erbeten.
Drei Tage darauf fand eine Versammlung der Thomaswerke statt, bei der
die Militärbehörde den dringendsten Monatsbedarf an Thomasrundstahl
für die Granatenfabrikation auf ein Vielfaches dessen bezifferte, was
die Thomaswerke leisten konnten. Außerdem ergab sich, daß es in den
dringenden Bestellungen der Militärbehörden auf die verschiedenen
Arten von Stahlerzeugnissen -- Granaten, Wurfminen, Minenwerfer, Draht
usw. -- an der erforderlichen Einheitlichkeit fehlte, so daß die
einzelnen Stellen sich in der Nachfrage nach dem Rohmaterial gegenseitig
Konkurrenz machten.

Die neuen Anforderungen der Heeresverwaltung übertrafen in ihrem
Umfang bei weitem alles bisher Dagewesene. Die Stahlindustrie zeigte
sich sofort bereit, jede andere Arbeit, auch die Lieferungen an das
neutrale Ausland, zurückzustellen und die zur Bewältigung des neuen
Munitionsbedarfes erforderliche Umstellung ihrer Betriebe, die an
Umfang selbst die Umstellung der Industrie zu Anfang des Krieges
übertraf, mit jeder möglichen Beschleunigung durchzuführen. Über die
Voraussetzungen -- Freigabe der erforderlichen Facharbeiter und der
notwendigen Rohstoffe, einheitliche Disposition in den Bestellungen
der Heeresverwaltung auf Stahlerzeugnisse, Zurückstellung des Bedarfs
für andere Zwecke, z. B. des Schienenbedarfs des Eisenbahn-Zentralamts
-- war für den 18. August eine abschließende Besprechung im
Kriegsministerium vereinbart. Die Besprechung verlief ohne positives
Ergebnis, da, wie mir von Teilnehmern an der Beratung mitgeteilt worden
ist, weder der den Vorsitz führende Vertreter des Kriegsministeriums,
ein Major, noch der Vertreter der Feldzeugmeisterei und des
Ingenieurkorps genügend orientiert waren.

In diesem Stadium wurde ich zum erstenmal mit der Angelegenheit durch
Vertreter der Industrie befaßt. Ich erteilte den Herren, die über die
Behandlung dieser unabsehbar wichtigen Frage auf das äußerste erregt
waren, den Rat, sich alsbald an den stellvertretenden Kriegsminister
-- der Kriegsminister selbst befand sich im Großen Hauptquartier --
zu wenden, in der Überzeugung, daß dieser sofort durchgreifen würde.
Ich stieß mit diesem Rat auf Bedenken und Zweifel, aber die Herren
sagten zu, den Vorschlag alsbald an ihre Verbände weiterzugeben. Wenige
Tage darauf erhielt ich die Nachricht, man habe meinen Rat insofern
befolgt, als man den Kriegsminister telegraphisch gebeten habe, in
der Munitionsangelegenheit alsbald zwei Vertreter der Eisen- und
Stahlindustrie im Großen Hauptquartier zu empfangen. Die Antwort habe
gelautet, der Kriegsminister sei zur Zeit an der Ostfront festgehalten
und gebe anheim, bei dem stellvertretenden Kriegsminister in Berlin
vorstellig zu werden. Ein erneutes persönliches Telegramm des Herrn
Krupp von Bohlen und Halbach an den Kriegsminister hatte die erneute
Verweisung an dessen Stellvertreter zur Folge.

Der Verein Deutscher Eisenhüttenleute legte nun seine Auffassung der
Lage und seine Vorschläge in einer vom 23. August 1916 datierten
Denkschrift nieder, die dem Kriegsminister und wohl auch andern
maßgebenden militärischen Persönlichkeiten zugestellt wurde. Auch mir
wurde auf meinen Wunsch ein Exemplar überlassen. Schon vorher hatte ich
dem Reichskanzler, der im Begriff war, nach dem Großen Hauptquartier zu
reisen, über die Angelegenheit Vortrag gehalten und ihm anheimgestellt,
den Chef des Generalstabs -- damals noch General von Falkenhayn -- und
den Kriegsminister auf den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit
einer Reorganisation der Materialbestellung hinzuweisen.

Wenige Tage darauf war der General von Falkenhayn als Generalstabschef
durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg ersetzt. Als der
Kanzler am 28. August, noch ohne Kenntnis des Wechsels, abermals nach
dem Hauptquartier fuhr, gab ich ihm die mir inzwischen zugegangene
Denkschrift des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute mit. Der Kanzler
fand den Generalfeldmarschall und den General Ludendorff bereits
orientiert und fest entschlossen, durchzugreifen. Am 31. August
richtete der Feldmarschall an den Kriegsminister ein Schreiben, in
dem er das stärkste Kraftaufgebot zur Steigerung der Munitions- und
Waffenherstellung verlangte. Dem Kanzler gab der Feldmarschall eine
Abschrift.

Ich schrieb darauf an den General Ludendorff am 3. September 1916 einen
Brief, in dem es hieß:

  »Ich bin über die auf diesem Gebiet vorliegenden großen Schwierigkeiten
  durch unsere Industriellen unterrichtet. Mein Eindruck ist, daß die
  volle Leistungsfähigkeit unserer Industrie nur dann ausgenutzt werden
  kann, wenn

  1. die nötigen Facharbeiter aus der Front der Industrie schleunigst
     zur Verfügung gestellt werden,

  2. die Vergebung der Aufträge vereinheitlicht wird,

  3. der zu schaffenden Zentralstelle ein Mann ersten Ranges aus
        unserer Eisenindustrie beigegeben wird.

  ... Ich empfinde es als große Erleichterung von einer drückenden
  Sorge, daß die Oberste Heeresleitung diese wichtige Angelegenheit
  nunmehr in die Hand genommen hat. Die Oberste Heeresleitung ist die
  einzige Stelle, die auf das Kriegsministerium in dieser Sache mit der
  Sicherheit des Erfolges einwirken kann.«

Etwa zwei Wochen später erhielt der Kanzler ein Schreiben des
Feldmarschalls, in dem dieser unter nachdrücklichem Hinweis auf
den Ernst der Lage und auf die Notwendigkeit der Sicherung eines
ausreichenden Heeresersatzes wie der Steigerung der Leistungen unserer
Kriegsindustrie eine Reihe von Vorschlägen zur Erwägung stellte,
deren wichtigste waren: Ausdehnung der Wehrpflicht auf alle Deutschen
männlichen Geschlechts vom vollendeten fünfzehnten bis zum sechzigsten
Lebensjahr und Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht für Frauen.

So sehr ich von der Überzeugung durchdrungen war, daß eine intensivere
Ausnutzung der vorhandenen Arbeitskräfte dringend notwendig geworden
war, so wenig konnte ich mich von der Zweckmäßigkeit und Wirksamkeit der
von der Obersten Heeresleitung vorgeschlagenen Eingriffe überzeugen. Die
Ausdehnung der Wehrpflicht nach unten aus Gründen des Heeresersatzes
schien mir schon deshalb überflüssig, weil das bestehende Wehrgesetz,
das die Wehrpflicht vom vollendeten 17. Lebensjahre beginnen ließ,
hinsichtlich der beiden jüngsten Jahrgänge überhaupt noch nicht
ausgenutzt war. Auch von der Ausdehnung nach oben -- jedenfalls von
einer Ausdehnung über das fünfzigste Jahr hinaus -- eine Ausdehnung
bis zum fünfzigsten Jahr hielt ich für diskutabel -- vermochte ich
mir gleichfalls für den Heeresersatz keinen Vorteil zu versprechen,
der einigermaßen im Verhältnis zu den Härten und Nachteilen einer
solchen Maßnahme gestanden hätte. Wollte man aber die Ausdehnung der
Wehrpflicht nach oben und unten lediglich als Verschleierung einer
Arbeitspflicht, so schien mir dieser Weg nicht zweckmäßig; man
hätte die neuen Wehrpflichtigen alsbald für die Arbeit in die Heimat
wieder reklamieren müssen, und die mit den Reklamierten schon damals
vorliegenden Erfahrungen waren nicht gerade ermutigend. Die Einführung
einer allgemeinen Dienstpflicht für die Frauen sollte die Möglichkeit
geben, männliche Arbeit in weiterem Umfange als bisher durch weibliche
zu ersetzen. Ich hatte den Eindruck, daß die Oberste Heeresleitung, als
sie diesen Vorschlag machte, weder darüber im Bilde war, in welchem
Umfang der Ersatz männlicher durch weibliche Arbeitskräfte bereits
gelungen war -- ich habe oben dafür einige Zahlen gegeben --, noch auch
darüber, daß immer noch auf dem Arbeitsmarkt ein starker Überschuß
des Angebots weiblicher Arbeitskräfte über die Nachfrage bestand. Das
Problem lautete hier nicht: Wie kann man mehr weibliche Arbeitskräfte
verfügbar machen? -- sondern umgekehrt: Wie kann man für die verfügbaren
weiblichen Arbeitskräfte geeignete Arbeit schaffen? Auch schien mir der
Urheber des Vorschlages der Obersten Heeresleitung die wirtschaftlichen,
sozialen und sittlichen Unzuträglichkeiten eines Arbeitszwanges für das
weibliche Geschlecht nicht genügend zu würdigen.

In dem Ziel, die männlichen Arbeitskräfte weit stärker als bisher auf
die kriegswichtigen und lebenswichtigen Betriebe zu konzentrieren und
die Männerarbeit in noch weiterem Umfang als seither durch Frauenarbeit
zu ersetzen, stimmte ich mit der Obersten Heeresleitung überein. Aber
von dem vorgeschlagenen Weg vermochte ich -- abgesehen von der Frage
nach der Möglichkeit seiner gesetzgeberischen Verwirklichung -- bei
zweifelhaftem Nutzen nur ganz schwerwiegende Nachteile und Störungen
zu erwarten. Der Weg, der mir gangbar erschien, war die konsequente
Weiterführung und Verallgemeinerung der bereits für einige Industrien
in Angriff genommenen Konzentration und rationellen Nutzbarmachung der
verfügbaren Arbeitskräfte, und zwar unter möglichster Förderung der
weiteren Ersetzung von Männerarbeit durch Frauenarbeit im Wege der
Einwirkung auf alle irgendwie für weibliche Arbeitskräfte in Betracht
kommenden öffentlichen und privaten Betriebe. Auch die militärischen
Behörden und Betriebe sowohl in der Heimat wie in den besetzten Gebieten
schienen mir eine Überprüfung nach dieser Richtung hin sehr wohl zu
vertragen.

In diesem Sinne habe ich den Reichskanzler beraten, und in diesem Sinne
hat der Reichskanzler dem Generalfeldmarschall geantwortet.

Es knüpfte sich daran eine weitere Erörterung, in deren Verlauf die
Oberste Heeresleitung in einem Schreiben des Feldmarschalls vom
10. Oktober, das General Gröner am 14. Oktober dem Reichskanzler
überbrachte, einen neuen Vorschlag machte.

In diesem Schreiben setzte der Feldmarschall auseinander, daß die
bisher getroffenen Maßnahmen zur Steigerung der Leistungen unserer
Industrie (Einrichtung des Waffen- und Munitionsbeschaffungsamtes und
des Arbeitsamtes im Kriegsministerium) nicht zum Ziele führen würden.
Erfolge würden auch in Zukunft dadurch vereitelt werden, daß diese Ämter
nicht die erforderliche Selbständigkeit und Befehlsgewalt hätten, um
schnell und lediglich nach großen sachlichen Gesichtspunkten zu handeln,
die Ausführung zu überwachen und nötigenfalls auch durchsetzen zu
können. Auch das Kriegsernährungsamt leide unter den gleichen Mängeln.
Die unbedingt notwendige Änderung sei nur zu erreichen, »wenn wir uns
zunächst auf Maßnahmen beschränken, die lediglich durch Kaiserlichen
Erlaß, ohne Beteiligung der gesetzgebenden Körperschaften, getroffen
werden können«. Der Entwurf einer Allerhöchsten Kabinettsorder war
beigefügt.

Dieser Entwurf sah die Einrichtung eines »Obersten Kriegsamtes« vor, dem
die Leitung aller mit der Kriegführung zusammenhängenden Angelegenheiten
der Beschaffung, Verwendung und Ernährung der Arbeiter, sowie die
Beschaffung von Rohstoffen, Waffen und Munition übertragen werden
sollte. Das Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt, das Arbeitsamt und die
Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums sollten dem »Obersten
Kriegsamt« unterstellt werden. Ferner sollte das »Oberste Kriegsamt«
die Maßnahmen des Kriegsernährungsamts für die Versorgung der Arbeiter
überwachen. Letztere Regelung war als eine vorläufige gedacht, die
gänzliche Einfügung des Kriegsernährungsamtes in das »Oberste Kriegsamt«
sollte weiterer Erwägung vorbehalten bleiben.

Mündlich sagte General Gröner bei der Übergabe dieses Schreibens dem
Reichskanzler: General Ludendorff habe den Gedanken des Arbeitszwanges
noch nicht ganz aufgegeben; er, Gröner, sei für seine Person dagegen,
halte aber Einschränkungen der Freizügigkeit der Arbeiter, ähnlich wie
in England, für nötig.

Die Errichtung eines Kriegsamts, bei dem alle Angelegenheiten der
Beschaffung von Waffen und Munition, einschließlich der Arbeiter- und
Rohstofffragen einheitlich zusammengefaßt werden sollten, lag in der
Richtung der in meinem Schreiben an den General Ludendorff vom 3.
September gegebenen Anregung. Zweifelhaft war die Zweckmäßigkeit einer
völligen Lostrennung des Kriegsamts vom Kriegsministerium. Nach weiterer
Prüfung entschieden sich die militärischen Stellen dahin, das Kriegsamt
nicht als »Oberstes Kriegsamt« selbständig neben das Kriegsministerium
zu stellen, sondern es mit weitgehender Selbständigkeit im Verbande des
Kriegsministeriums zu belassen. In diesem Sinn wurde am 1. November
1916 die Errichtung des »Kriegsamts« durch Allerhöchste Order verfügt.
Gleichzeitig wurde der General Gröner zum Chef des Kriegsamts ernannt
und General Wild von Hohenborn als Kriegsminister durch General von
Stein ersetzt.

Noch ehe diese Änderungen veröffentlicht waren, am 28. Oktober, teilte
General Gröner dem Reichskanzler mit, daß die Oberste Heeresleitung --
entgegen der im Schreiben des Feldmarschalls an den Reichskanzler vom
10. Oktober ausgesprochenen Absicht, zunächst von Maßnahmen, die eine
Mitwirkung der gesetzgebenden Körperschaften nötig machten, abzusehen --
auf die früheren Vorschläge in der Form zurückgreifen wollte, daß für
alle männlichen Deutschen vom vollendeten 15. bis zum 60. Lebensjahr,
sowie für die Frauen eine Arbeitspflicht eingeführt werde.

Am folgenden Tage fand beim Reichskanzler unter Zuziehung des Generals
Gröner eine Besprechung mit den beteiligten Ressortchefs über diesen
Gedanken statt. General Gröner begründete die Notwendigkeit der
Arbeitspflicht, gegen die er sich dem Reichskanzler gegenüber noch
vierzehn Tage zuvor für seine Person ausgesprochen hatte, mit dem
gewaltigen Bedarf an Arbeitskräften zur Durchführung des neuen großen
Waffen- und Munitionsprogramms, des »Hindenburg-Programms«. Ich hörte
bei dieser Gelegenheit zum erstenmal von den gigantischen Dimensionen
dieses Programms, das aufgestellt und mit der Industrie größtenteils
bereits vereinbart war, ohne daß die militärischen Stellen in dieser
so tief in das gesamte Wirtschaftsleben einschneidenden und in
ihrer Durchführbarkeit von schwer zu übersehenden wirtschaftlichen
Voraussetzungen abhängigen Angelegenheit mit mir als dem Chef
des wirtschaftlichen Reichsressorts in Verbindung getreten wären.
Es ergab sich, daß auch der Eisenbahnminister von Breitenbach
und der Handelsminister Sydow zu der Feststellung des Programms
nicht herangezogen worden waren, obwohl dessen Durchführung, die
enorme Transporte für Neubauten industrieller Anlagen größten
Stils nötig machte und den Verbrauch der Kohle gewaltig steigern
mußte, von der Leistungsfähigkeit unserer Eisenbahnen und unserer
Kohlenproduktion ebenso abhängig war wie von der Möglichkeit der
Beschaffung ausreichender Arbeitskräfte. Beide Minister äußerten,
ebenso wie ich, die ernstlichsten Zweifel an der Durchführbarkeit des
»Hindenburg-Programms« und wiesen auf die verhängnisvollen Folgen einer
solchen Überspannung hin.

In Sachen der Arbeitspflicht brachte General Gröner nur den allgemeinen
Gedanken und den dekorativen Namen »Vaterländischer Hilfsdienst« mit.
Keine bestimmte Formulierung und keine Ausgestaltung im einzelnen.
Die Aussprache enthüllte die außerordentlichen Schwierigkeiten
der Verwirklichung des Gedankens der Arbeitspflicht. Sollten die
Arbeitspflichtigen wie die Wehrpflichtigen in Stammrollen eingetragen,
zu Arbeiterbataillonen formiert und in bestimmte Betriebe kommandiert
werden? Jedermann sah ein, daß dies unmöglich war. Weitaus der größte
Teil der künftighin Arbeitspflichtigen war bereits in Betrieben und
Beschäftigungen tätig, die als wichtig für die Kriegführung und
Volksversorgung anzusehen waren. Es hätte keinen Zweck gehabt und nur
die schwersten Störungen verursacht, wenn man diese hätte aus ihrer
Tätigkeit herausreißen wollen, um sie dann derselben Tätigkeit oder
einer anderen, aber nicht wichtigeren, wieder zuzuführen. Der Sinn
der Arbeitspflicht konnte doch nur sein, diejenigen heranzuholen, die
bisher entweder überhaupt nicht arbeiteten oder in für Kriegführung und
Volksversorgung unwichtigen oder weniger wichtigen Beschäftigungen tätig
waren, oder schließlich in an sich wichtigen, aber mit Arbeitskräften
übersetzten Betrieben arbeiteten. Das Erfassen dieser Arbeitskräfte
und ihre Überweisung an wichtige Arbeit war zu organisieren. Ferner
bedurfte der Zwang, eine zugewiesene Arbeit anzunehmen, zu seiner
Ergänzung einer Kontrolle des Verlassens einer kriegswichtigen Arbeit,
also einer Beschränkung des Arbeitswechsels. Und diese weitgehenden
Einschränkungen der persönlichen Freiheit machten ein geordnetes
Verfahren und einen Rechtsschutz für die dadurch betroffenen Personen
nötig. Vorauszusehen war ferner, daß bei der parlamentarischen
Behandlung eines Arbeitspflichtgesetzes die alten sozialen Wünsche nach
Arbeitsausschüssen, Schlichtungsstellen und Einigungsämtern und die
politische Forderung nach unbeschränkter Koalitionsfreiheit sich Geltung
verschaffen würden.

In der grundsätzlichen Frage konnte ich mich den Gründen, die General
Gröner für die Statuierung einer Arbeitspflicht darlegte, nicht
entziehen, obwohl ich den praktischen Nutzeffekt der Arbeitspflicht
erheblich geringer einschätzte als die militärischen Stellen. Aber
angesichts der schweren Bedrängnis, in die wir geraten waren, konnte
auf keine irgend mögliche Verbesserung in der Nutzbarmachung von
Arbeitskräften verzichtet werden. Die Arbeitspflicht der Jugendlichen
von weniger als 17 Jahren und der Frauen ließ General Gröner angesichts
der von allen Seiten geltend gemachten Einwendungen fallen.

Ich übernahm es, einen Entwurf ausarbeiten zu lassen, der als Grundlage
für die weitere Erörterung dienen sollte.

Das war am Sonntag, dem 29. Oktober. Obwohl ich damals neben
meinen anderen Geschäften durch die Reichstagsverhandlungen über
Belagerungszustand und Zensur, durch den Bundesratsausschuß für
auswärtige Angelegenheiten, der am 30. Oktober tagte, und die damals vor
der Entscheidung stehende polnische Frage auf das äußerste in Anspruch
genommen war, konnte ich die Grundzüge des Entwurfs schon am Donnerstag,
2. November, mit General Gröner besprechen und mit diesem vereinbaren,
daß vor weiterem die Angelegenheit in der folgenden Woche vertraulich
mit Vertretern der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmer-Organisationen
durchberaten werden sollte. Zudem hatte der Kaiser sich der Auffassung
des Kanzlers angeschlossen, daß vor einer öffentlichen Behandlung der
Frage der Arbeitspflicht die Wirkung des damals schon bei unseren
Verbündeten angeregten Friedensvorschlags abgewartet werden sollte.

Am 4. November war der Reichstag vertagt worden. Am Vormittag des
6. November schickte mir der Kanzler ein Telegramm des Vertreters
des Auswärtigen Amts im Großen Hauptquartier, der General Ludendorff
erkläre, das Hilfsdienstgesetz dulde keinerlei Aufschub; er werde
diesen Standpunkt mit allem Nachdruck bei Seiner Majestät vertreten.
Schon am Nachmittag erhielt der Kanzler ein Telegramm des Kaisers, in
dem dieser in ungewöhnlich schroffer Form die sofortige Erledigung des
Hilfsdienstgesetzes befahl. Auch in den folgenden Wochen, während mit
Hochdruck an dem Gesetz gearbeitet wurde -- der Entwurf wurde am 10.
November nach der Beschlußfassung des Preußischen Staatsministeriums
dem Kaiser zur Genehmigung vorgelegt und alsbald nach Eingang der
Kaiserlichen Order, am 14. November, bei dem inzwischen bereits
vertraulich orientierten Bundesrat eingebracht -- wiederholte sich
dieses ungestüme Drängen aus dem Großen Hauptquartier. Es ist mir
heute noch unbegreiflich, was für einen Sinn dieses Drängen haben
sollte. Die Durchführung des Gesetzes bedurfte in dem gerade erst neu
errichteten Kriegsamt umfassender Vorbereitungen, die unbeschadet der
verfassungsmäßigen Behandlung des Entwurfs sofort in Angriff genommen
werden konnten und in Angriff genommen wurden. Auch bei der besten und
gründlichsten Vorbereitung konnten die Wirkungen des Gesetzes sich
nicht auf Tag und Stunde, sondern erst im Laufe längerer Zeit fühlbar
machen. Andererseits war das Gesetz von solcher Tragweite für unser
ganzes Wirtschaftsleben und für die Verhältnisse eines jeden einzelnen
Staatsbürgers, daß ich für die Durchberatung mit den in erster Linie
beteiligten Wirtschaftskreisen, für die Beschlußfassung der Verbündeten
Regierungen und für die Vorbereitung der parlamentarischen Behandlung
die nötige Zeit in Anspruch nehmen mußte.

Jedenfalls war ich für meine Person nicht gewillt, das fortgesetzte
Drängen hinzunehmen. Ich erklärte dem Kanzler, daß ich dafür dankte,
unter der Hetzpeitsche des Großen Hauptquartiers zu arbeiten, und
bat ihn, dem Kaiser mein Entlassungsgesuch zu unterbreiten. Der
Kanzler selbst hatte den Eindruck, daß die unverkennbare Animosität
des Großen Hauptquartiers sich in der Hauptsache gegen seine Person
richte. Er reiste nach Pleß, um eine Aussprache mit dem Kaiser und dem
Feldmarschall herbeizuführen und danach seine eigenen Entscheidungen zu
treffen. Diese Aussprache reinigte für kurze Zeit die Atmosphäre; eine
wirkliche Klärung brachte sie nicht. Der Kanzler selbst kehrte aus Pleß
zurück mit dem Gefühl eines von Einzeldifferenzen unabhängigen, auf
die Dauer unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen sich und der Obersten
Heeresleitung.

Das Hilfsdienstgesetz wurde am 21. November vom Bundesrat angenommen
und dem für den 25. November wieder einberufenen Reichstag vorgelegt.
Schon zwei Tage zuvor begann der Hauptausschuß auf Grund der von mir
mit den Fraktionsführern getroffenen Abrede in freier Diskussion die
Beratung des Gesetzentwurfs. In Sitzungen, die vom frühen Morgen bis
zum späten Abend dauerten, wurde das Gesetz in der eingehendsten Weise
durchgearbeitet. Der Reichstagsausschuß verlangte, wie ich das nicht
anders erwartet hatte, daß alle die nach dem Entwurf dem Bundesrat
vorbehaltenen Einzelbestimmungen über die zur Durchführung des Gesetzes
zu schaffenden Organe und Instanzen sowie über den Rechtsschutz für die
Arbeitspflichtigen -- Bestimmungen, die in Form von »Richtlinien« der
Begründung des Entwurfs beigefügt waren -- in den Text des Gesetzes
selbst aufgenommen würden. Dazu kamen alle die vorausgesehenen und
manche nicht vorausgesehenen sozialpolitischen und politischen Anträge,
die auf ein mit dem Zweck des Gesetzes verträgliches Maß in schwieriger
Diskussion zurückgeführt werden mußten. So erfüllte sich die von einem
Vertreter der Obersten Heeresleitung bei der ersten Besprechung mit den
Gewerkschaften ausgesprochene Hoffnung, der Reichstag werde das Gesetz
als eine patriotische Großtat auffassen und ohne Diskussion en bloc
annehmen!

In Tages- und Nachtarbeit wurde der Entwurf so weit gefördert, daß der
Hauptausschuß schon am Abend des 28. November die Beratung abschließen
konnte. In den folgenden Tagen erledigte das Reichstagsplenum die
Vorlage in Dauersitzungen. Die zweite Lesung am 30. November begann um
12 Uhr mittags und endigte kurz vor 12 Uhr nachts. Am Nachmittag des 2.
Dezember wurde das Gesetz in dritter Lesung vom Reichstag mit 235 gegen
19 Stimmen der Unabhängigen Sozialdemokraten bei 8 Stimmenthaltungen
angenommen.

Bis zum letzten Augenblick waren einzelne wichtige Bestimmungen schwer
umstritten. Meine Stellung war gegenüber dem Reichstag eine ungewöhnlich
schwierige infolge des Umstandes, daß zwischen den einzelnen Stadien der
Reichstagsberatung nicht die genügende Zeit lag, um eine Stellungnahme
der Verbündeten Regierungen zu weitgehenden Abänderungen und Ergänzungen
der Vorlage herbeizuführen. Dadurch war ich gezwungen, in Wahrung
des gesetzgeberischen Rechtes des Bundesrats auch gegenüber Anträgen
Zurückhaltung zu zeigen, die ich an sich für erträglich hielt und
die ich bei den Verbündeten Regierungen gegen manche mir bekannte
Widerstände zu befürworten entschlossen war. Ich mußte in solchen
Fällen, wie ich es im Reichstag ausdrückte, den Verbündeten Regierungen
gewissermaßen »das Protokoll offen halten«. Der Reichstag hat für
solche Situationen, die sich aus der Stellung der Mitglieder der
Reichsleitung als Vertreter der Verbündeten Regierungen ergaben, stets
nur geringes Verständnis gezeigt. Im vorliegenden Fall kam für mich
noch die besondere Erschwerung hinzu, daß der General Gröner, der als
Chef des Kriegsamts mit mir die Vorlage zu vertreten hatte, in der nur
einem Soldaten gestatteten Unbefangenheit auf eigene Faust verhandelte
und Zugeständnisse machte, oft genug, ohne mich auch nur von seinen
Besprechungen und Zusagen zu unterrichten. Es ist mir in der Kommission
passiert, daß mir ein sozialdemokratischer Abgeordneter unter vier Augen
sagte: »Wir verstehen Sie nicht; Sie wehren sich hier gegen Dinge, die
uns der General Gröner längst zugestanden hat!«

Noch in der dritten Lesung kam es zu einer kritischen Zuspitzung.
Am Abend vorher wurde mir mitgeteilt, daß die Nationalliberalen auf
Drängen des Abgeordneten Ickler, der in den Eisenbahner-Organisationen
eine führende Rolle spielte, einen Antrag einbringen wollten,
der die Erstreckung der in den Beschlüssen zweiter Lesung
vorgesehenen Arbeiterausschüsse und Schlichtungsstellen auch auf die
Staatseisenbahnen vorsah. Der preußische Eisenbahnminister und mit
ihm das gesamte preußische Staatsministerium hatten, schon als in
den Kommissionsberatungen dieser Gedanke von sozialdemokratischer
Seite in die Erörterung geworfen wurde, eine solche Erstreckung für
unannehmbar erklärt. Der Widerstand des Eisenbahnministers richtete sich
vor allem gegen die Schiedsstellen, die für das Verhältnis zwischen
Eisenbahnverwaltung und Eisenbahnangestellten und Arbeitern eine dritte
außerhalb stehende Instanz geschaffen hätten. Dagegen gelang es mir,
von Herrn von Breitenbach die Zusicherung zu erhalten, daß die bei
der Eisenbahn bereits bestehenden Arbeiterausschüsse entsprechend
den aus der Mitte des Reichstags geäußerten und in einer Resolution
niedergelegten Wünschen ausgebaut werden sollten. Auf Grund dieser
Zusage gelang es, die Nationalliberalen noch vor Beginn des Sitzung
zur Zurückziehung des bereits gedruckten Antrages Ickler zu bestimmen.
Die Sozialdemokraten, die bisher einen solchen Antrag nicht gestellt
hatten, erhielten jedoch von dem gleich wieder zurückgezogenen Antrag
Ickler Kenntnis und nahmen diesen nun ihrerseits auf. Als bereits
der Abgeordnete Legien zur Begründung des Antrags sprach, trat der
Abgeordnete Ickler zu mir heran und sagte mir, daß, nachdem die
Sozialdemokraten den Antrag gestellt hätten, seine Freunde nun doch für
den Antrag stimmen müßten. Da die Haltung eines Teiles des Zentrums zum
mindesten zweifelhaft war, was mir der Abgeordnete Spahn bestätigte,
konnte die Annahme des Antrags, wenn überhaupt noch, dann nur durch eine
klare Stellungnahme meinerseits und einen Hinweis auf die möglichen
Folgen eines solchen irreparabeln, weil in der dritten Lesung gefaßten
Beschlusses verhindert werden. Ich nahm deshalb nach Legien das Wort,
teilte zunächst die Zusicherung des preußischen Eisenbahnministers
hinsichtlich der Arbeiterausschüsse mit, entwickelte kurz die Gründe
gegen eine Ausdehnung der Schiedsstellen auf die Eisenbahnen und fügte
hinzu: »Deshalb muß ich hier, so leid es mir tut, sagen, daß, wenn
der Antrag, wie er hier gestellt ist, angenommen wird, dann in der
Tat das Gesetz gefährdet ist. Dieses Wort habe ich bisher noch nicht
ausgesprochen; in diesem Punkte muß ich es leider tun.«

Diese Erklärung trug mir im Reichstag und in der Presse die heftigsten
Angriffe ein. Sie hatte aber die Wirkung, daß ein Teil der Abgeordneten,
die andernfalls für den sozialdemokratischen Antrag gestimmt hätten, vor
allem die Nationalliberalen um Ickler und die den Arbeiterorganisationen
nahestehenden Zentrumsabgeordneten, sich auf die zu diesem Thema
vorliegende Resolution zurückzogen und gegen den Antrag stimmten, der
auch jetzt nur mit einer Stimme Mehrheit, mit 139 gegen 138 Stimmen,
abgelehnt wurde. Ich war bei der Besetzung des Hauses auf eine Annahme
des Antrags gefaßt und hatte bereits meine Akten gepackt, um sofort zum
Kanzler zu fahren und meine Entlassung zu nehmen.

Mir persönlich wäre diese Lösung eine Erleichterung gewesen. Die das Maß
menschlicher Kraft übersteigende Arbeitslast, die sich in den letzten
Wochen ins Unerträgliche gesteigert hatte und durch die Reibungen
mit dem Großen Hauptquartier auf der einen Seite, mit dem Reichstag
auf der anderen Seite, noch eine besondere Würze erhielt, hatte mir
die Freude an meiner Amtstätigkeit zerstört und mir auch körperlich
stark zugesetzt. Neue schwere Reibungen und Konflikte sah ich voraus.
Die Erfahrungen bei der Beratung des Hilfsdienstgesetzes hatten mir
gezeigt, daß ich bei einem großen Teil des Reichstags, insbesondere bei
den Sozialdemokraten, mit einer unüberwindlichen Voreingenommenheit zu
kämpfen hatte. Man sah in mir, zu dessen Geschäftsbereich vor allem
auch die Sozialpolitik gehörte, stets den früheren Bankdirektor
und infolgedessen den Vertreter kapitalistischer Weltanschauung
und kapitalistischer Interessen, ohne mir den mildernden Umstand
zuzubilligen, daß auch ich nicht in einer goldenen Wiege gelegen habe,
sondern aus immerhin bescheidenen Verhältnissen lediglich durch eigene
Arbeit vorwärtsgekommen war. Andererseits lehnte sich, je länger desto
mehr, mein in neun Jahren großer geschäftlicher Tätigkeit an praktische
Arbeit gewohnter Sinn gegen die Arbeitsmethoden des Reichstags auf,
der immer wieder in endlose Debatten und öde Parteipolitik zurückfiel,
während draußen Stunde für Stunde um Leben und Tod der Nation gerungen
wurde und uns allen die Not des Vaterlandes auf den Nägeln brannte. Auch
in der Unerquicklichkeit des Verhältnisses zum Großen Hauptquartier
sah ich keine Besserung. Über die wachsende Schwierigkeit des
vertrauensvollen Zusammenwirkens konnte es mich nicht hinwegtrösten,
daß der Kaiser nach der Erledigung des Hilfsdienstgesetzes mir sein
unvermindertes Vertrauen durch die Übersendung seines Reiterbildes
mit einer anerkennenden Widmung zu erkennen gab. Aber in allen diesen
Schwierigkeiten überwog doch schließlich das Gefühl, daß persönliche
Empfindungen vor der harten Pflicht zurücktreten mußten, und daß die
Pflicht von mir verlange, auszuharren und weiterzukämpfen.

Die Durchführung des Hilfsdienstgesetzes wurde durch das Gesetz selbst
dem Kriegsamt übertragen, dem ein aus fünfzehn Mitgliedern bestehender
Ausschuß des Reichstags, ausgestattet mit weitgehenden Befugnissen, zur
Seite gestellt wurde. Damit waren meiner unmittelbaren Einwirkung auf
die Durchführung des Gesetzes enge Grenzen gezogen.

Von erheblicher Bedeutung für die Durchführung ist die Fassung geworden,
die der Reichstag dem § 9 des Gesetzes gegeben hatte.

Der Paragraph behandelt die als Ergänzung zur Arbeitspflicht
erforderliche Beschränkung des Arbeitswechsels. Ein Arbeitswechsel
sollte nur gestattet sein vermittels eines von dem bisherigen
Arbeitgeber ausgestellten »Abkehrscheines«. Gegen die Verweigerung des
Abkehrscheines sollte die Berufung an eine paritätisch zusammengesetzte
Kommission statthaft sein, die den Abkehrschein bei Vorliegen eines
»wichtigen Grundes« für das Ausscheiden auszustellen hatte.

Diese Regelung war bereits in den der Vorlage beigegebenen Richtlinien
enthalten. In der Kommission wurde ein Zusatz beantragt, daß als
»wichtiger Grund« für das Ausscheiden »insbesondere die Möglichkeit der
Verbesserung der Arbeitsbedingungen« zu gelten habe. Gegen diesen Zusatz
wurden nicht nur von mir, sondern auch aus der Mitte der Kommission,
namentlich auch von den Abgeordneten von Payer und Dr. Schiffer, starke
Bedenken geltend gemacht. Die einseitige Hervorhebung der Verbesserung
der Lohnverhältnisse als »wichtiger Grund« für den Arbeitswechsel
schien mir mit dem Zweck des Gesetzes, im Interesse der möglichsten
Steigerung der Produktion den Arbeitswechsel einzuschränken, im
Widerspruch zu stehen. Ich führte damals in der Kommission aus:

»Nach meiner Ansicht werden durch eine solche gesetzliche Bestimmung die
Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, daß sie sich überlegen,
wo sie bessere Arbeitsbedingungen finden. Statt den Arbeitswechsel zu
verhindern, fürchte ich, daß durch eine solche einseitige Definition
das Gegenteil erreicht wird, daß Unzufriedenheit in die große Masse der
Arbeiter hineingetragen wird, die an einen Arbeitswechsel bisher gar
nicht denken.«

Der Abgeordnete von Payer sprach geradezu von einer Entwertung des
ganzen Gesetzes durch eine so einseitige Hervorkehrung der Lohnfrage.

Schließlich einigte sich die Mehrheit der Kommission auf einen Zusatz,
lautend:

»Bei der Entscheidung der Frage, ob ein 'wichtiger Grund' vorliegt,
ist auf die Bedürfnisse des vaterländischen Hilfsdienstes Rücksicht
zu nehmen. Als wichtiger Grund soll insbesondere eine angemessene
Verbesserung der Arbeitsbedingungen im vaterländischen Hilfsdienst
gelten.«

Hier war wenigstens die Rücksicht auf den Zweck des Gesetzes im ersten
Satz vorangestellt.

Im Plenum des Reichstags jedoch wurde die Streichung des ersten Satzes
beantragt und gegen meinen Widerspruch angenommen.

Die seither gemachten Erfahrungen haben meine Befürchtungen leider
gerechtfertigt. Die heute allgemein, auch von den Sozialdemokraten,
beklagte ungesunde Lohntreiberei ist von der Kriegsindustrie
ausgegangen, und in der Kriegsindustrie hat ihr der vom Reichstag
beschlossene Zusatz geradezu den Boden bereitet.

Auf diesem Boden mußte die Lohntreiberei um so üppiger ins
Kraut schießen, als das Kriegsamt mehr und mehr dazu überging,
Lieferungsverträge abzuschließen, bei denen die Preisfestsetzung offen
blieb und nach Abschluß der Lieferung auf Grund der Gestaltung der
Materialpreise und Löhne erfolgen sollte. Durch Verträge dieser Art
wurden die Unternehmer geradezu angereizt, sich gegenseitig in den
Arbeitslöhnen zu überbieten. Denn die Lohnsteigerung wurde ja nun nicht
mehr von ihnen selbst getragen, sondern von dem geduldigen Staat; ja die
Lohnsteigerung brachte ihnen geradezu einen Vorteil, da ihr Gewinn im
Verhältnis ihres Aufwandes für Material und Löhne stieg. Das Kriegsamt
hat später in einer besonderen Denkschrift über dieses verheerende
System bewegliche und berechtigte Klage geführt. Es hat dabei nur
den einen nicht ganz unwichtigen Umstand übersehen, daß nämlich die
Anwendung und die Abstellung dieses Systems lediglich Sache seiner
eigenen Zuständigkeit und Verantwortung war.

Von der Lohnfrage abgesehen war die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes
in ganz besonderem Maße davon abhängig, wieweit es gelang, auf
organisatorischem Weg durch eine rationelle Gestaltung der einzelnen
Produktionszweige, insbesondere durch Zusammenlegung und Stillegung
von Betrieben, bisher ohne erhebliche Nutzwirkung gebundene
Arbeitskräfte freizusetzen und für wichtige Arbeit verfügbar zu
machen. Darüber ist schon bei den Verhandlungen des Hauptausschusses,
dann in den Verhandlungen des dem Kriegsamt zur Seite gestellten
Fünfzehnerausschusses unendlich viel gesprochen worden. Die praktische
Arbeit hat mit den theoretischen Worten leider nicht gleichen Schritt
gehalten. Das Reichsamt des Innern war bald genötigt, diese dem
Kriegsamt übertragenen Angelegenheiten allmählich wieder in seine Hand
zu nehmen.

Ein abschließendes Urteil über die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes
ist mir heute noch nicht möglich, da mir das hierfür erforderliche
Material nicht zugänglich ist. Mein Eindruck geht jedoch dahin, daß
seine Wirkung jedenfalls weit hinter den Erwartungen der Obersten
Heeresleitung zurückgeblieben ist, ja daß, alles in allem genommen, der
Nachteil den Vorteil aufgewogen hat. Dies gilt auch von der Wirkung auf
die Volksstimmung. Der große patriotische Aufschwung, den die Urheber
des Gesetzes von der Verkündigung der allgemeinen Dienstpflicht für
das Vaterland erwarteten, ist nicht eingetreten; dagegen haben die
Radikalsten der Radikalen das »Arbeitszwangsgesetz« als zugkräftigen
Agitationsstoff ausgenutzt. Ein entschiedenes, aber besonnenes
Fortschreiten auf dem bereits betretenen Weg der Einschränkung des
Arbeitsaufwandes für weniger wichtige Zwecke und der rationellen
Nutzbarmachung der Arbeitskräfte in den für den Krieg und die
Volksversorgung wichtigen Zweigen hätte uns wohl weiter geführt als die
große Aufmachung des »Vaterländischen Hilfsdienstgesetzes«.

Eines steht leider fest: Auch mit dem Hilfsdienstgesetz ist es nicht
gelungen, das »Hindenburg-Programm« auch nur annähernd zur Durchführung
zu bringen. Es trat vielmehr ein, was dem neuen Chef des Kriegsamts
schon in jener ersten Besprechung beim Reichskanzler am 29. Oktober 1916
mit allem Nachdruck entgegengehalten worden war: das Hindenburg-Programm
scheiterte nicht nur an der Arbeiterfrage, sondern auch an der
Transport- und der Kohlenfrage, und schlimmer als das: es brachte nicht
nur unsere Arbeitsverhältnisse, sondern auch unsere Transport- und
Kohlenverhältnisse in eine schlimme Verwirrung.

Schon Anfang Februar 1917 sah sich die Oberste Heeresleitung
genötigt, gegenüber der Industrie den Wunsch auszusprechen, es
möchte der Weiterbau aller derjenigen Fabriken, die nicht schon
innerhalb der nächsten drei bis vier Monate fertig würden, zunächst
einmal zurückgestellt werden. Die Schwierigkeiten, namentlich die
Transportschwierigkeiten, waren damals so groß geworden, daß kein
einziger der 40 Hochöfen, die vollständig betriebsfähig, aber kalt
bereitstanden, hatte angeblasen werden können. Eine Entlastung der Werke
zugunsten des Eisenbahnbedarfs war zur Vermeidung einer Katastrophe
unabweisbar geworden.

Aber auch die schon damals vorgenommene erhebliche Einschränkung
des Programms genügte noch nicht, das Gleichgewicht mit unserer
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit herzustellen. Die Transportkrisis,
verschärft durch einen ungewöhnlich harten Winter, der für viele
Wochen die Wasserstraßen unbenutzbar machte und das Eisenbahnmaterial
stark beanspruchte, hielt an. Die Kohlenkrisis wurde von Woche zu
Woche bedenklicher. Wie man dem Eisenbahnbedarf auf Kosten der
Munitionserzeugung freieren Spielraum geben mußte, so wurden auch auf
dem Gebiet der Kohlenförderung und des Kohlenverbrauches einschneidende
Maßnahmen nötig.

Die Sorge für die Kohle hatte zunächst das Kriegsamt an sich genommen.
Der »Kohlenausgleich« des Kriegsamts, der zu einer großen Organisation
ausgebaut worden war, stand im Februar 1916 vor der Unmöglichkeit, seine
Aufgabe zu bewältigen. General Gröner wandte sich an den preußischen
Handelsminister und an mich, um mit uns über die zu ergreifenden
Maßnahmen zu beraten. Es wurde ein Reichskommissar für Kohle eingesetzt
und mit selbständigen und weitgehenden Befugnissen ausgestattet, vor
allem mit der Befugnis der Beschlagnahme der Kohle und der Zuteilung an
bestimmte Empfänger. Zur Aufrechterhaltung der unbedingt notwendigen
engen Fühlung mit den militärischen Stellen wurde der Kohlenkommissar
dem Kriegsamt »angegliedert«, blieb jedoch der Aufsicht des
Reichskanzlers unterstellt.

Es stellte sich bald heraus, daß die Aufgabe des Kohlenkommissars, für
eine ausreichende Deckung des Kohlenbedarfs, vor allem des dringlichen
Kohlenbedarfs, zu sorgen, bei den damals obwaltenden Verhältnissen
unlösbar war. Zwar war die Kohlenförderung nach dem Rückschlag zu
Beginn des Krieges bald wieder in die Höhe gebracht worden. Die
Steinkohlenförderung stand nicht mehr weit hinter der Friedensproduktion
zurück, und die Braunkohlenförderung hatte die Friedensproduktion
sogar überschritten. Aber abgesehen von der schlechteren Qualität
der mangelhaft aufbereiteten Kohle waren die Eisenbahnen bis in
das Frühjahr 1917 hinein nicht in der Lage, die geförderten Mengen
abzutransportieren; Hunderttausende von Tonnen mußten auf die Halde
gestürzt werden. Und auch später, als die Wagengestellung wieder
ausreichte, um die gesamte Förderung zu bewältigen, zeigte sich, daß
allein die Dringlichkeitsliste der militärischen Stellen infolge
der enormen Ansprüche des Waffen- und Munitionsprogrammes größere
Kohlenmengen umfaßten, als bei damaligem Stand der Belegschaften
überhaupt gefördert werden konnten. Die Erhebungen des Kohlenkommissars,
der für das Jahr 1917 eine Bilanz aufzustellen versuchte, ergaben bei
einer Steinkohlenförderung von rund 160 Millionen Tonnen und einem
Bedarf von 183 Millionen Tonnen einen Fehlbetrag von nicht weniger als
23 Millionen Tonnen. Eine Nachprüfung der Ersparnismöglichkeiten ergab,
daß die Verwendungszwecke außerhalb der Kriegsindustrie (hauptsächlich
für Eisenbahnen, Hausbrand, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke,
Ausfuhr auf Grund abgeschlossener Kompensationsverträge) entweder keine
oder nur eine im Verhältnis zu dem Fehlbetrag geringfügige Einschränkung
vertrugen. Insbesondere habe ich mich dafür eingesetzt, daß der
Hausbrand, der mit 14 Millionen Tonnen ohnedies schon sehr niedrig
veranschlagt war, unter allen Umständen sichergestellt werden müsse. Wir
standen also vor der Alternative: entweder weitere Einschränkung des
Rüstungsprogramms oder Steigerung der Kohlenproduktion, die nur durch
die Freigabe einer großen Anzahl von Bergarbeitern aus der Front erzielt
werden konnte. Es handelte sich also im wesentlichen darum, den Bedarf
an Waffen und Munition und den Bedarf an Mannschaften gegeneinander
abzuwägen. Das war Sache der Obersten Heeresleitung, die allein darüber
entscheiden konnte, an welchem Punkt diese beiden Interessen ihren
Ausgleich finden sollten. Ich mußte mich darauf beschränken, den
militärischen Stellen die engen Grenzen der zivilen Ersparnismöglichkeit
und die damit unausweichliche Alternative: entweder ausgiebige Freigabe
von Mannschaften für den Kohlenbergbau oder weitere empfindliche
Einschränkung des Hindenburg-Programms, mit aller Eindringlichkeit
klarzumachen. Das ist von mir namentlich auch in einer eingehenden
Besprechung mit dem General Ludendorff im Juni 1917 geschehen.

Die Heeresverwaltung hat sich schließlich zu weitgehender Freigabe von
Mannschaften auf der einen Seite, zu einer neuen Einschränkung des
Hindenburg-Programms auf der andern Seite entschlossen. Der ungeheure
Druck der Tatsache, daß jede Tonne Steinkohle, die ohne zwingende
Notwendigkeit verbraucht wurde, eine Minderung der Versorgung des
kämpfenden Heeres mit Kampfmitteln darstellte, nötigte gleichzeitig zu
der äußersten Einschränkung des Kohlenverbrauches auf allen übrigen
Gebieten.

Auch unsere finanzielle Kraft wurde durch die Überspannung des Waffen-
und Munitionsprogramms über Gebühr in Anspruch genommen. Die monatlichen
Kriegsausgaben, die noch im August 1916 sich unter dem Betrag von 2
Milliarden Mark hielten, überschritten im Oktober 1916 bereits den
Betrag von 3 Milliarden Mark. Ein Jahr später wuchsen sie über die
vierte Milliarde hinaus, und im Oktober 1918 haben sie den Betrag von
4 Milliarden 800 Millionen Mark erreicht. Es ist also auch nach der
Einschränkung des Hindenburg-Programms nicht mehr gelungen, den immer
stärker anschwellenden Strom der Kriegsausgaben wieder einzudämmen.

Der Reichsfinanzminister Dr. Schiffer hat im Februar 1919 in der
Nationalversammlung das Hindenburg-Programm ein »Programm der
Verzweiflung« genannt. Diese Bezeichnung ist nicht zutreffend. Den
Herren, in deren Kopf das Programm entstand, das sie mit dem Namen
Hindenburgs ausstatteten, war die Verzweiflung fremd. Ihr Programm war
ein Programm der Selbstüberschätzung und der Überschätzung der deutschen
Volks- und Wirtschaftskraft. Bei ruhiger Überlegung des Notwendigen
und sachlicher Prüfung des Möglichen hätte es sich vermeiden lassen,
Mengen von wertvollem Material und noch wertvollerer Arbeitskraft in
industrielle Ruinen zu stecken, die aus Mangel an Menschen und Kohlen
teils nie vollendet, teils nie in vollem Umfang in Betrieb genommen
worden sind. Man hätte mit weniger Arbeitskräften und Material erheblich
mehr für die Ausrüstung des Heeres geleistet und unserer Wirtschaft
Störungen und Erschütterungen erspart, die letzten Endes an die Wurzeln
der Widerstandskraft unseres Volkes gingen.



                   Friedensbemühungen und U-Bootkrieg


Das berühmte Wort des Generals von Clausewitz: »Der Krieg ist eine
bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln« will nicht besagen,
daß während des Kriegszustandes der Krieg die Politik ersetze.
Clausewitz selbst hat die Auffassung abgelehnt, als »ob der Krieg von
dem Augenblick an, wo er durch die Politik hervorgerufen ist, an ihre
Stelle treten, als etwas von ihr ganz Unabhängiges sie verdrängen
und nur seinen eigenen Gesetzen folgen« könnte. Er hat ausdrücklich
betont, daß, da der Krieg von einem politischen Zweck ausgeht, dieses
erste Motiv, das ihn ins Leben gerufen hat, auch die erste und höchste
Rücksicht bei seiner Leitung bleiben muß, daß die Politik also den
ganzen kriegerischen Akt durchziehen und einen fortgesetzten Einfluß auf
ihn ausüben werde, wozu er allerdings die Einschränkung macht: »soweit
es die Natur der in ihm explodierenden Kräfte zuläßt«. Aber die Politik
muß nicht nur die höchste Rücksicht bei der Leitung des Krieges bleiben,
wie es dem Verhältnis von Zweck und Mittel entspricht, sondern es muß
ihr auch freistehen, neben dem außerordentlichen Mittel des Krieges,
d. h. der militärischen Gewaltanwendung, sich aller anderen ihr während
des Kriegszustandes überhaupt noch zu Gebote stehenden Mittel zu
bedienen. Wenn man diese anderen Mittel nichtkriegerischer Art unter
dem Namen der »Diplomatie« zusammenfaßt, so heißt das: Die Diplomatie
als Mittel der Politik ist durch den Kriegszustand nur so weit
ausgeschaltet, als ihre praktische Anwendung durch den Kriegszustand
unmöglich gemacht ist; im übrigen gehen auch während des Kriegszustandes
die kriegerischen und diplomatischen Aktionen als Mittel der Politik
nebeneinander her. Aufgabe der Staatslenker -- und zwar eine meist nur
mangelhaft gelöste Aufgabe -- ist es, für die Einheitlichkeit und das
planmäßige Ineinandergreifen der beiden Arten von Mitteln zu sorgen, die
Mittel dem Zweck anzupassen und, soweit es sich als nötig herausstellt
-- denn die Politik bleibt die Kunst des Möglichen -- den Zweck nach den
Möglichkeiten, die ihr die Mittel bieten, zu modifizieren -- das was man
kurz die »Einheit von Politik und Kriegführung« nennt.

Der Krieg, der im Sommer 1914 über uns hereinbrach, war für uns die
Fortsetzung der Politik der Verteidigung unseres Rechtes auf nationale
Existenz und auf friedliche Entfaltung unserer Volkskraft gegenüber
einer Koalition, die uns schon vor Kriegsausbruch dieses Recht auf
dem Wege der diplomatischen Einkreisung zu verkümmern gesucht hatte.
Gegenüber einer uns und unsern Verbündeten an Menschen und Machtmitteln
weit überlegenen Koalition. Gerade die Übermacht der Feinde war für
uns in besonderem Maße eine Nötigung, jedes für die Erreichung unseres
Kriegszwecks geeignete Mittel in Wirksamkeit zu setzen, sowohl auf
den Gebieten der eigentlichen Kriegführung wie auf dem Gebiete der
Diplomatie. Gleichzeitig brachte diese Nötigung zur äußersten Anspannung
aller Mittel in verstärktem Maße die Gefahr, daß die Einheit von Politik
und Kriegführung verlorengehe. Wenn wir den Krieg nicht nur militärisch,
sondern auch diplomatisch zu führen hatten, wenn wir angesichts der
Gefahr, von der feindlichen Übermacht militärisch und wirtschaftlich
erdrückt zu werden, genötigt waren, mit diplomatischen Mitteln
Friedensmöglichkeiten zu erschließen und einem weiteren bedrohlichen
Zuwachs für die feindliche Koalition vorzubeugen, so konnten sich
daraus Konflikte ergeben mit der Notwendigkeit der Einsetzung aller
militärischen Erfolg versprechenden Kriegsmittel.

Diese Konfliktsgefahr ist praktisch geworden in der Frage des
U-Bootkriegs.

Seit jenem Tirpitz-Interview vom Dezember 1914 hat die Hoffnung, mit
unsern U-Booten England, die Seele und den Zusammenhalt der feindlichen
Mächtekoalition, zu Tode treffen und damit den Krieg in kurzer Zeit zu
einem guten Ende führen zu können, immer höhere Flammen geschlagen.
Aber schon die ersten Versuche, dieses Kriegsmittel einzusetzen, zeigten
seine Zweischneidigkeit; sie offenbarten die Gefahr, daß die Anwendung
dieses Kriegsmittels die Neutralen, vor allem die Vereinigten Staaten,
veranlassen könnte, sich auf die Seite unserer Gegner zu schlagen.
Dadurch mußten nicht nur die Aussichten, ohne die kaum erreichbare
völlige Niederwerfung unserer Feinde zum Frieden zu kommen, aufs
äußerste beschränkt werden, sondern auch die feindliche Koalition eine
Verstärkung erfahren, die zu unserm Verhängnis zu werden drohte.

So begleitete der Widerstreit von Friedensbemühung und U-Bootkrieg vom
Ausgang des Jahres 1914 an das gewaltige Ringen an den Fronten und die
aufopfernde Kriegsarbeit in der Heimat, er führte zu den schwersten
Konflikten zwischen den für das Schicksal Deutschlands verantwortlichen
Männern und wühlte unser Volk bis in seine Tiefen auf.


                            Die Friedensfrage

Vor dem Krieg war die herrschende Meinung bei unsern Militärs und
Diplomaten, unsern Praktikern und Gelehrten der Volkswirtschaft, daß ein
moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein könne. Der Generalfeldmarschall
Graf von Schlieffen hat im Jahre 1909 sich dahin ausgesprochen,
ein sich hinschleppender Krieg sei »zu einer Zeit unmöglich, wo die
Existenz der Nation auf einem ununterbrochenen Fortgang des Handels
und der Industrie begründet ist und durch eine rasche Entscheidung
das zum Stillstand gebrachte Räderwerk wieder in Lauf gebracht werden
muß. Eine Ermattungsstrategie läßt sich nicht treiben, wenn der
Unterhalt von Millionen den Aufwand von Milliarden erfordert.« Schon
die ersten Monate des Weltkriegs haben diese Theorie widerlegt. Als
nach dem ersten gewaltigen Zusammenprall der Armeen in West und Ost
die erwartete Entscheidung ausblieb, da brachen die Wirtschaft und die
Finanzen der kriegführenden Länder unter der Wucht des Krieges nicht
zusammen, sondern stellten sich mit erstaunlicher Anpassungsfähigkeit
auf die außerordentlichen Verhältnisse des Krieges ein. Sowenig wie die
moderne Waffentechnik eine rasche Entscheidung herbeizuführen vermochte,
ebensowenig war für uns oder unsere Gegner eine wirtschaftliche oder
finanzielle Zwangslage entstanden, die stark genug gewesen wäre, um
dem Krieg ein rasches Ende zu diktieren. Ermattungsstrategie und
Erschöpfungskrieg waren greifbare Möglichkeiten geworden, die alle
kriegführenden Staaten in ihre Rechnung einzustellen hatten.

Nur widerstrebend und langsam gewöhnte man sich bei uns an diesen
Gedanken. Als aber auch die großen militärischen Aktionen des Frühlings
1915 keine Entscheidung brachten, als mit Italien eine neue Großmacht
gegen die Mittelmächte ins Feld trat, da hatte man sich endgültig mit
der Wahrscheinlichkeit einer langen Kriegsdauer abzufinden.

Die Aussicht auf einen sich lange hinschleppenden Ermattungskrieg
war für uns nichts weniger als günstig. Je länger der Krieg dauerte,
desto geringer mußte unser Vorteil der besseren und bereiteren
Kriegsorganisation werden, desto stärker und wirksamer konnten unsere
Feinde ihr über die Erde zerstreutes und mangelhaft organisiertes
Übergewicht an Menschen und Machtmitteln gegen uns ins Spiel
werfen, desto schwerer mußte schließlich für uns der Nachteil der
wirtschaftlichen Einschnürung ins Gewicht fallen. Wenn also die
militärischen Entscheidungen in ungewisse Ferne rückten, wenn wir auf
dem Felde des Wirtschaftskriegs durch unsere geographische Lage und
die Seeherrschaft des Feindes in die Verteidigung gebannt waren, wenn
wir schließlich das einzige Mittel, mit dem wir denkbarerweise der
feindlichen Übermacht den Lebensatem abschnüren konnten, aus Zweifeln
an seiner durchschlagenden Wirksamkeit und aus Befürchtungen wegen
seiner Rückwirkungen auf die Neutralen nicht in Anwendung zu bringen
vermochten, so ergab sich daraus die stärkste Nötigung für die Leiter
unserer Politik, nach Friedensmöglichkeiten zu suchen.

Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg und, ich glaube sagen zu
können, auch der Kaiser haben frühzeitig diese Lage erfaßt. Seit
ich durch meine amtliche Stellung mit Herrn von Bethmann in nähere
Fühlung gekommen war, konnte ich beobachten, wie die eine Frage: Wo
ist ein Weg zum Frieden? ihn unausgesetzt und auf das Innerlichste
beschäftigte. Seine große Sorge war, es könnte dahin kommen, daß wir
erst im Zustand der Erschöpfung unserer Kraft und unserer Hilfsmittel
zu Friedensverhandlungen gelangten und dann gezwungen sein würden, die
Bedingungen unserer Gegner anzunehmen. Von dieser Sorge hat mir der
Kanzler zum ersten Male bereits im April 1915 eingehend gesprochen,
und er ist im weiteren Verlaufe des Krieges bei jeder vertrauensvollen
Aussprache darauf zurückgekommen. Weder unsere militärischen Erfolge,
die er hinsichtlich ihrer kriegsentscheidenden Wirkung immer skeptisch
beurteilte, noch die überraschenden Beweise unserer wirtschaftlichen und
finanziellen Leistungsfähigkeit vermochten den Druck von ihm zu nehmen.
Er war deshalb der Ansicht, daß wir es nicht verantworten könnten, eine
Friedensmöglichkeit an übertriebenen Kriegszielen scheitern zu lassen.
Das Kriegsziel war für ihn die Erhaltung unseres territorialen und
wirtschaftlichen Besitzstandes. Wenn es die Gesamtlage beim Eintritt
in Friedensverhandlungen gestattete, darüber hinaus Sicherungen für
die Zukunft und eine Stärkung unserer wirtschaftlichen Position zu
erreichen, so würde Herr von Bethmann diesen Vorteil wahrgenommen haben.
Ich bin aber überzeugt, daß er an keiner einzigen Forderung, die über
die Erhaltung unseres vorkriegerischen Besitzstandes hinausging, den
Frieden hätte scheitern lassen.

Von dieser Grundauffassung ausgehend hat Herr von Bethmann unablässig
ausgespäht, wo sich ein Anknüpfungspunkt biete und wo bei unsern
Feinden eine Geneigtheit, vom Frieden zu sprechen, sich zeige. Die
Reden und sonstigen Kundgebungen der feindlichen Staatsmänner sah er
in allererster Linie daraufhin an, was aus den Worten und zwischen
den Worten an Bereitschaft zu einer Verständigung herauszulesen sei.
Seine eigenen Kundgebungen waren darauf eingestellt, den Gegnern unsere
Bereitschaft zu Verhandlungen zu erkennen zu geben. Den Eroberungs-
und Vernichtungszielen der Gegner pflegte er unser Verteidigungs- und
Sicherungsziel entgegenzusetzen. »Noch wird der Vernichtungskrieg gegen
uns betrieben,« sagte er am 9. Dezember 1915 in Beantwortung einer
sozialdemokratischen Friedensinterpellation unter Hinweis auf kurz
vorher gehaltene Kriegsreden der Herren Asquith, Briand und Ssasonoff.
»Damit müssen wir rechnen. Mit Theorien, mit Friedensäußerungen
von unserer Seite kommen wir nicht vorwärts und nicht zu Ende.
Kommen uns unsere Feinde mit Friedensangeboten, die der Würde und
Sicherheit Deutschlands entsprechen, so sind wir allezeit bereit,
sie zu diskutieren... Für die deutsche Regierung ist dieser Kampf
geblieben, was er von Anfang an war und was in allen unsern Kundgebungen
unverändert festgehalten wurde: der Verteidigungskrieg des deutschen
Volkes.«

Jeder feindliche Staatsmann, der diese und ähnliche Kundgebungen
des Reichskanzlers mit dem gleichen heißen Bemühen, einen Weg zum
Frieden zu finden, gelesen hätte, wie die Reden der feindlichen
Staatsmänner in Berlin unter die Lupe genommen wurden, hätte
daraus folgern müssen -- und dieser Schluß ist von den feindlichen
Staatsmännern sicher auch gezogen worden --: Deutschland ist
bereit zu einem Frieden, der seiner Würde und seiner Sicherheit
Genüge tut. Das Hindernis für Friedensverhandlungen, ja für eine
deutsche Initiative zu Friedensverhandlungen, lag ausschließlich in
den Erklärungen der Staatsmänner der Entente, die als Kriegsziel
aufstellten: die Vernichtung des sogenannten »preußischen Militarismus«,
die Zertrümmerung der deutschen Wirtschaftsmacht, die Abtrennung
Elsaß-Lothringens oder gar des ganzen linken Rheinufers und unserer
Ostmarken, dazu ähnliche Eroberungs- und Annexionswünsche gegenüber
unsern Verbündeten.

Wenn also keine Friedensbesprechung zustandekam, so lag das nicht --
die weitere Entwicklung hat das klar erwiesen -- an der Schwerhörigkeit
der Entente-Staatsmänner, sondern lediglich daran, daß die
Entente-Staatsmänner auf ihren mit der Sicherheit, dem Bestand und der
Würde Deutschlands nicht zu vereinbarenden Kriegszielen beharrten. Die
führenden Staatsmänner der Entente waren und blieben fest entschlossen,
den Krieg bis zur Niederwerfung Deutschlands, bis zu dem »knock out
blow« Lloyd Georges durchzuführen, und sie hatten -- von vorübergehenden
Schwankungen abgesehen -- von Anfang bis zum Ende das feste Zutrauen,
daß es ihnen gelingen werde, ihre Vernichtungs- und Eroberungsziele zu
erreichen. Daran, nicht an mangelnder Friedensbereitschaft der deutschen
Regierung oder des deutschen Volkes, nicht an mangelnder Deutlichkeit in
der Umschreibung unserer Kriegsziele und nicht an dem Unterlassen von
Anknüpfungsversuchen durch unsere Diplomatie, ist das Zustandekommen
von Verhandlungen über einen »Verständigungsfrieden« gescheitert.
Daran gescheitert sind auch alle die Sondierungen und Anknüpfungen,
die außerhalb der offiziellen Regierungskundgebungen versucht worden
sind, durch Staatsoberhäupter und Diplomaten, durch Kaufleute und
Industrielle, durch die sozialistischen Parteien der kriegführenden und
neutralen Länder.

Der Reichskanzler hatte in der Friedensfrage einen schweren Stand. Daß
die Forderungen der Militärs bei Friedensschlüssen meist weiter gehen,
als die politischen Staatsleiter durchsetzen und verantworten können,
ist eine alte Erfahrung, die sich auch jetzt wieder erneuerte. Zu den
»Grenzregulierungen«, die unsere Armeeführer für notwendig erklärten,
kamen die Forderungen der Marine auf Sicherung der flandrischen Küste.
Aber der Kampf um die Kriegsziele blieb nicht auf die Beratungszimmer
der Verantwortlichen beschränkt, er ergriff und zerriß mehr und mehr das
ganze Volk.

Die glänzenden Waffentaten unserer Armeen und ihrer Führer, die
Eroberung und Besetzung weiter Teile feindlichen Landes in West und Ost
bestärkten Volk und Heer in ihrem zuversichtlichen Glauben an einen
siegreichen Ausgang des Krieges. Daß trotz aller der großen Erfolge
auf den europäischen Kriegsschauplätzen der Krieg für uns nicht nur
seinem Ursprung nach ein Verteidigungskrieg war, sondern auch in seiner
ganzen militärischen, maritimen und wirtschaftlichen Entwicklung ein
harter, in jedem Augenblick schwer umstrittener und in seinem Ausgang
unsicherer Verteidigungskrieg geblieben war, darüber täuschten sich
weite Volkskreise hinweg. Die Riesenleistungen von Heer und Volk
verlangten, so dachten und sprachen viele, einen entsprechend großen
Siegespreis und gestatteten gleichzeitig, einen solchen Siegespreis
heimzubringen, wenn nur nicht nach dem alten Blücherwort die Feder
verderbe, was das Schwert gewonnen habe. In der Haltung des Kanzlers,
der sich weigerte, sich auf die großen Kriegsziele festzulegen, der
wieder und wieder zu erkennen gab, daß er für einen Frieden, der
sich auf den Zweck des Verteidigungskriegs beschränke, zu haben sei,
sahen diese Kreise Kleinmütigkeit, Mangel an Siegeswillen und eine
für den Ausgang des Kriegs gefährliche Herabstimmung der Zuversicht
des deutschen Volkes. Die schweren Angriffe, denen Herr von Bethmann
Hollweg in dieser Richtung ausgesetzt war, sind in aller Erinnerung.
Von der andern Seite her wurde mit der Dauer des Kriegs ein immer
stärkerer Druck auf den Kanzler ausgeübt, klar und deutlich vor aller
Welt festzustellen, daß Deutschland sich mit einem Frieden ohne jede
Gebietserwerbungen und Entschädigungen begnüge. Man warf ihm vor, daß er
durch die Verweigerung einer solchen ganz ausdrücklichen und bindenden
Erklärung zur Verlängerung des Krieges beitrage und die Stimmung des
Volkes, das zur Verteidigung, nicht aber zu Eroberungen ins Feld gezogen
sei, unterwühlen helfe.

Herr von Bethmann selbst hat noch im Mai 1917 seine Stellung zu diesem
Ansturm aus zwei entgegengesetzten Richtungen folgendermaßen umschrieben
(Reichstagssitzung vom 15. Mai 1917):

»Auch heute sehe ich bei England und bei Frankreich noch nichts von
Friedensbereitschaft, noch nichts von Preisgabe ihrer ausschweifenden
Eroberungs- und wirtschaftlichen Vernichtungsziele... Glaubt denn bei
dieser Verfassung unserer westlichen Feinde jemand, durch ein Programm
des Verzichts und der Entsagung diese Feinde zum Frieden bringen zu
können? Und darauf kommt es doch an! Soll ich diesen unseren westlichen
Feinden geradezu eine Versicherung geben, die ihnen gestattet, ohne jede
Gefahr eigenen Verlustes den Krieg ins Ungemessene zu verlängern?...
Oder soll ich das Deutsche Reich nach allen Richtungen hin einseitig auf
eine Formel festlegen, die von der Gesamtheit der Friedensbedingungen
doch nur einen Teil erfaßt, die einseitig die Erfolge preisgibt, die
unsere Söhne und Brüder mit ihrem Blut errungen haben, und die alle
übrigen Rechnungen in der Schwebe läßt? Eine solche Politik lehne ich
ab.... Und soll ich etwa umgekehrt ein Eroberungsprogramm aufstellen?
Auch das lehne ich ab. Nicht um Eroberungen zu machen, sind wir in
diesen Krieg gezogen und stehen wir jetzt im Kampf fast gegen die ganze
Welt, sondern ausschließlich, um unser Dasein zu sichern und die Zukunft
der Nation fest zu gründen. Ebensowenig wie ein Verzichtprogramm hilft
ein Eroberungsprogramm den Sieg gewinnen und den Krieg beenden. Im
Gegenteil! Ich würde lediglich das Spiel der feindlichen Machthaber
spielen, ich würde es ihnen erleichtern, ihre kriegsmüden Völker weiter
zu betören und den Krieg ins Ungemessene zu verlängern.«

Der Reichskanzler konnte mit solchen Erklärungen weder nach rechts noch
nach links befriedigen. Und doch bin ich auch heute noch der Meinung,
daß seine Haltung die richtige, ja die einzig mögliche war. Entweder
waren unsere Feinde bereit, auf ihre Eroberungs- und Vernichtungsziele
zu verzichten, dann boten die wiederholten Erklärungen des
Reichskanzlers über unsere grundsätzliche Bereitwilligkeit, uns mit der
Erreichung unseres Verteidigungszieles zu begnügen, eine hinreichende
Grundlage für die Einleitung von Friedensverhandlungen. Oder aber
die Feinde waren -- und so lagen die Dinge in Wirklichkeit -- nicht
bereit zu einem Verzicht auf ihre Eroberungs- und Vernichtungsziele,
dann konnte auch eine Bekanntmachung aller Einzelheiten unseres
Friedensprogramms nicht zu Friedensverhandlungen führen, sondern nur,
wie jede einseitige Festlegung, dem Gegner für jede weitere Entwicklung
den Vorteil der freien Entschließung bei begrenztem Risiko, uns den
Nachteil der gebundenen Hand bei unbegrenztem Risiko geben.

Aber das waren schließlich Fragen der Taktik, über die man streiten kann
und leider sehr viel, sehr heftig und sehr öffentlich gestritten hat.

In der Sache selbst glaube ich folgendes sagen zu können:

Wenn in irgendeinem Zeitpunkt des Krieges sich die Möglichkeit ergeben
hätte, zu einem Frieden zu kommen, der uns in den großen Linien unseren
vorkriegerischen territorialen und wirtschaftlichen Besitzstand
belassen hätte, so wäre der Friede dagewesen; er wäre an keiner von
uns geforderten Entschädigung und Grenzregulierung, auch nicht an
irgendwelchen deutschen Forderungen in bezug auf Belgien gescheitert,
wenn unsere nach diesen Richtungen gehenden Wünsche sich nur um den
Preis einer Fortsetzung des Kriegs hätten durchsetzen lassen. Dies
ist meine Überzeugung, wenngleich zwischen den an der Entscheidung
beteiligten Persönlichkeiten das letzte Wort noch nicht gesprochen
war und ohne die genaue Kenntnis der Lage im Augenblick wirklicher
Verhandlungen auch gar nicht gesprochen werden konnte. Wer jemals große
und wichtige Verhandlungen zu führen gehabt hat, der weiß, daß die
letzten Entschlüsse nicht =vor=, sondern =während= der Verhandlungen
gefaßt werden, und zumeist in einem Zeitpunkt, der dem Ende der
Verhandlungen wesentlich näher liegt als ihrem Anfang; daß die letzten
Zugeständnisse niemals durch Überredung in Erörterungen über noch
unpraktische Eventualitäten, sondern stets nur unter dem unmittelbaren
Druck der Verantwortlichkeit für das Ja oder Nein zustandekommen.
Ich bin sicher, daß kein Kanzler, weder Bethmann noch Michaelis noch
Hertling, unmittelbar vor die Wahl zwischen einem Status-quo-Frieden
oder einer unabsehbaren Fortsetzung des Krieges gestellt, etwas anderes
gewählt haben würden als den Frieden; und ich bin ebenso sicher, daß der
Kaiser eine solche Entscheidung gebilligt und durchgehalten hätte, auch
gegen die stärksten Widerstände anderer Ratgeber und gegen eine heftige
Auflehnung starker politischer Strömungen. Denn so wenig der Kaiser den
Krieg gewollt hat, auch wenn sein Auftreten mitunter einen kriegerischen
Eindruck machte, so sehr litt der Kaiser unter dem Krieg und wünschte er
für sich und für das deutsche Volk den Frieden. --

Das Scheitern aller unserer Bemühungen, im Wege einer Verständigung
zum Frieden zu gelangen, mußte unvermeidlich einen starken Einfluß
auf unsere Kriegführung ausüben, insbesondere auf die Entscheidungen
in der heiß umstrittenen Frage des U-Bootkrieges. Je deutlicher die
Abgeneigtheit unserer Feinde zu Friedensverhandlungen zutage trat, desto
mehr Gewicht mußte bei uns die Forderung gewinnen, daß jedes verfügbare
Kriegsmittel unter Hintanstellung aller anderen Rücksichten zur
Niederkämpfung des Feindes eingesetzt werde.


                    Die erste Phase des U-Bootkriegs

In der Frühe des 22. September 1914 versenkte »U 9« unter dem Kommando
des Kapitänleutnants Weddigen im Laufe einer einzigen Stunde die
drei britischen Kreuzer »Abukir«, »Hogue« und »Cressy«. Die drei
Torpedoschüsse hallten über die ganze Welt. In England weckten
sie ernste Besorgnis, ja Bestürzung. In Deutschland lösten sie
überschwengliche Hoffnungen aus: man begann in dem U-Boot die Waffe zu
sehen, die bestimmt sei, die britische Seetyrannei zu zerschlagen.

Diese Hoffnungen erhielten einen starken Antrieb, als der Admiral
von Tirpitz am 21. Dezember 1914 gegenüber einem Vertreter der
amerikanischen »United Press« von der Möglichkeit eines U-Bootkriegs
gegen die feindlichen Handelsschiffe sprach, durch den England an seiner
verwundbarsten Stelle, der Zufuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen,
getroffen werden könne. Jedermann sagte sich, daß die höchste
Marineautorität einen solchen öffentlichen Hinweis nur geben könne,
wenn die Wirksamkeit der U-Bootwaffe gesichert sei und wenn hinter der
Drohung die Tat stehe. Die völkerrechtlichen Bedenken hatte England
in der deutschen öffentlichen Meinung im voraus zerstört durch seine
völkerrechtswidrige Handels- und Hungerblockade, insbesondere durch die
schon am 3. November 1914 erfolgte Erklärung der ganzen Nordsee zum
Kriegsgebiet.

Als ich am 1. Februar in die Reichsleitung eintrat, stand die Erklärung
des U-Boot-Handelskrieges unmittelbar bevor. Es war eine Bekanntmachung
vorbereitet, in der die Gewässer um Großbritannien und Irland als
Kriegsgebiet erklärt wurden; vom 18. Februar 1915 an sollte jedes in
diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrteischiff zerstört
werden. Die Bekanntmachung fügte hinzu, daß es nicht immer möglich sein
werde, die dabei der Besatzung und den Passagieren drohenden Gefahren
abzuwenden; daß ferner auch neutrale Schiffe im Kriegsgebiet Gefahr
liefen, da es angesichts des von der britischen Regierung am 31. Januar
angeordneten Mißbrauchs neutraler Flaggen und der Zufälligkeiten des
Seekrieges nicht immer vermieden werden könne, daß die auf feindliche
Schiffe berechneten Angriffe auch neutrale Schiffe treffen.

Neben der Bekanntmachung war eine begründende Denkschrift vorbereitet,
die am 4. Februar 1915 mit der Bekanntmachung den neutralen und den
feindlichen Mächten zugestellt worden ist. Die Denkschrift legte
zunächst in großen Zügen dar, wie England in seiner Seekriegführung sich
über alles Völkerrecht hinaussetze, um durch eine Lahmlegung auch des
legitimen neutralen Handels das deutsche Volk auszuhungern; sie wies
dann darauf hin, daß die neutralen Mächte sich den völkerrechtswidrigen
Maßnahmen der britischen Regierung im großen und ganzen gefügt hätten,
daß sie sich mit theoretischen Protesten abzufinden und die von England
für seine völkerrechtswidrige Seekriegführung angerufenen britischen
Lebensinteressen als eine hinreichende Entschuldigung für jede Art
von Kriegführung gelten zu lassen schienen; solche Lebensinteressen
müsse nunmehr auch Deutschland für sich anrufen und die britische
Kriegsgebietserklärung damit beantworten, daß es die Gewässer rings
um Großbritannien und Irland als Kriegsschauplatz bezeichne und der
feindlichen Schiffahrt daselbst mit allen verfügbaren Kriegsmitteln
entgegentrete. Weiter wurden in der Denkschrift die Neutralen aus den
schon in der Bekanntmachung angegebenen Gründen gewarnt, feindlichen
Schiffen, die das Seekriegsgebiet beführen, Mannschaften, Passagiere
und Waren anzuvertrauen, und es wurde ihnen dringend empfohlen, auch
für ihre eigenen Schiffe das Einlaufen in das Seekriegsgebiet zu
vermeiden; »denn wenn auch die deutschen Seestreitkräfte Anweisung
haben, Gewalttätigkeiten gegen neutrale Schiffe, soweit sie als solche
erkennbar sind, zu unterlassen, so kann es doch angesichts des von der
britischen Regierung angeordneten Mißbrauches neutraler Flaggen und der
Zufälligkeiten des Krieges nicht immer verhütet werden, daß auch sie
einem auf feindliche Schiffe berechneten Angriff zum Opfer fallen.«

Die letzte Zustimmung von Kaiser und Kanzler stand noch aus. Beiden
ist sie nicht leicht geworden. Die Gefahr, daß dieser Art Kriegführung
friedliche Passagiere, auch Frauen und Kinder zum Opfer fallen könnten,
dazu die Aussicht auf Verwicklungen mit den Neutralen, insbesondere
mit den Vereinigten Staaten, stand beiden vor Augen. Ein Zufall hatte
es gefügt, daß ich zwei Monate zuvor einen Einblick in die Auffassung
des Kaisers hatte tun können. Ich war am Abend des 25. November 1914
in Charleville zur kaiserlichen Tafel befohlen. Der Kaiser brachte
die Nachricht mit, daß sich der Untergang des auf eine deutsche Mine
gelaufenen britischen Überdreadnought »Audacious« bestätige. Bei Tisch
bemerkte ein hoher Marineoffizier -- nicht der Admiral von Tirpitz --,
um ein Haar sei auch der englische Riesenpassagierdampfer »Oceanic« auf
eine Mine gelaufen. Der Kaiser antwortete: »Gott sei Dank, daß es nicht
dazu gekommen ist!« Auf eine etwas erstaunte Geste des Admirals richtete
sich der Kaiser hoch auf und sagte mit lauter Stimme: »Meine Herren,
denken Sie immer daran: unser Schwert muß rein bleiben. Wir führen
keinen Krieg gegen Frauen und Kinder. Wir wollen den Krieg anständig
führen, einerlei, was die andern tun. Merken Sie sich das!«

Ermöglicht wurde dem Kanzler wie dem Kaiser die Zustimmung zu der
Erklärung des Tauchbootkrieges in den Gewässern um England durch die
Anweisung, daß neutrale Schiffe im Seekriegsgebiet geschont werden
sollten. Man war sich klar darüber, daß die Wirkung des U-Bootkriegs
dadurch beeinträchtigt werde; aber aus Gründen der Humanität wie
zur Vermeidung schwerer Konflikte mit den Neutralen hielt man diese
Einschränkung für unerläßlich. Es ist späterhin mitunter behauptet
worden, der Reichskanzler sei nachträglich der Marine mit dieser
Einschränkung in den Arm gefallen und habe dadurch die von der Marine
erwartete Wirkung jenes ersten U-Bootkriegs vereitelt. Diese Annahme
ist unrichtig; wie sich schon aus dem Text der Bekanntmachung und
der Denkschrift vom 4. Februar 1915 ergibt, war die Anweisung an die
U-Boote, »Gewalttätigkeiten gegen neutrale Schiffe zu unterlassen«,
schon bei der Ankündigung der neuen Seekriegführung gegeben.

Die Marine rechnete auf einen raschen Erfolg. Zwar war die Zahl und die
Leistungsfähigkeit der verfügbaren U-Boote gering; aber man hoffte auf
eine starke Wirkung durch Abschreckung.

Wenn es gelang, den Schiffsverkehr der britischen Inseln erheblich
zu beeinträchtigen, so war damit in der Tat England an den Wurzeln
seiner Lebenskraft gefaßt. Denn noch ungleich viel mehr als Deutschland
waren die britischen Inseln in die Weltwirtschaft hineingebaut. Nicht
nur die Industrie, sondern auch die Volksernährung des Vereinigten
Königreichs war in weit höherem Maße, als das in Deutschland der Fall
war, von reichlichen und ungestörten überseeischen Zufuhren abhängig.
Deutschland hatte in seiner Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte
die Förderung seines Außenhandels in Einklang gebracht mit der Erhaltung
und der Entwicklung seiner heimischen Urproduktion. In den Gesamtwerten
unseres Außenhandels waren wir England nahe gerückt; aber wir hatten
gleichzeitig unsere Eigenproduktion, insbesondere an den wichtigsten
Nährfrüchten, in noch stärkerem Verhältnis gesteigert, als unsere
Bevölkerung sich vermehrt hatte.

England dagegen hatte im Vertrauen auf seine Seeherrschaft sein
Wirtschaftsleben, vor allem auch seine Volksernährung, immer mehr
auf die überseeische Zufuhr eingestellt und seine Landwirtschaft
verkümmern lassen. Seinen Bedarf an Brotgetreide hatte England in den
letzten Jahren vor Kriegsausbruch zu drei Vierteln bis vier Fünfteln,
seinen Bedarf an Butter zu nahezu zwei Dritteln, an Fleisch zu etwa
zwei Fünfteln durch überseeische Zufuhren decken müssen. Außerdem war
sein Kohlenbergbau auf starke Zufuhren von Grubenholz, seine Eisen-
und Stahlindustrie auf starke Zufuhren fremder hochhaltiger Eisenerze
angewiesen. Seine große Textilindustrie war von ausländischen Rohstoffen
abhängig. Das für die Kriegführung so wichtige Petroleum und die
Petroleumprodukte, wie Benzin, mußten über See zugeführt werden. Die
Gesamteinfuhr Großbritanniens im letzten Friedensjahr stellte eine
Menge von rund 57 Millionen Tonnen dar. Davon kamen auf Nahrungs- und
Genußmittel rund 20 Millionen Tonnen, also ein starkes Drittel, auf Holz
nahezu 16 Millionen Tonnen, auf Eisenerz rund 7-1/2 Millionen Tonnen,
auf alle andern Waren zusammen rund 13-1/2 Millionen Tonnen. Eine
erhebliche Einschränkung des Schiffsverkehrs nach den britischen Inseln
mußte also diejenigen Kategorien treffen, die für die Volksversorgung
und die Kriegführung unentbehrlich waren und für die Ersatz im eigenen
Lande entweder überhaupt nicht oder nur langsam und nur innerhalb enger
Grenzen beschafft werden konnte.

In der Ausfuhr überwogen der Menge nach die Kohlen. Von einer
Gesamtausfuhrmenge des Jahres 1913 in Höhe von rund 92 Millionen
Tonnen entfielen auf die Kohlenausfuhr allein rund 78 Millionen
Tonnen, auf alle andern Güter nur rund 14 Millionen. Volkswirtschaft
und Kriegführung der Verbündeten Englands waren auf die britischen
Kohlen doppelt stark angewiesen, seit Deutschland das belgische und
nordfranzösische Kohlenbecken besetzt hielt.

Das alles waren Momente, die den U-Boot-Handelskrieg als eine wirksame
Repressalie gegen den britischen Handels- und Hungerkrieg erscheinen
ließen, immer vorausgesetzt, daß es gelingen würde, den Schiffsverkehr
von und nach den britischen Inseln ausgiebig und in fortgesetzt
steigendem Maße abzudrosseln.

Wie sich die Neutralen zu dieser neuen Art des Seekriegs verhalten
würden, war allerdings unsicher. Durch die an die U-Boote gegebene
Anweisung, neutrale Schiffe auch im Seekriegsgebiet nicht anzugreifen,
hatte man eine Rücksicht auf die neutralen Interessen gezeigt,
als deren Wirkung man erwartete, die Neutralen würden sich unserm
U-Boot-Handelskriege gegenüber ebenso mit formellen Protesten begnügen,
wie sie das England gegenüber aus Anlaß der von diesem begangenen, auf
Kosten der Neutralen gehenden Völkerrechtsverletzungen, insbesondere aus
Anlaß der Erklärung der Nordsee zum Kriegsgebiet, getan hatten. Über die
Haltung der Vereinigten Staaten hatte der Unterstaatssekretär Zimmermann
den Botschafter Gerard sondiert und den Eindruck gewonnen, daß mehr als
ein papierner Protest auch von der Regierung in Washington wohl nicht zu
erwarten sei.

Die Proteste kamen in der Tat.

Der amerikanische Einspruch, den Herr Gerard am 12. Februar 1915
überreichte, war, bei aller Höflichkeit in der äußeren Form, sehr
bestimmt und unzweideutig in der Sache. Die amerikanische Note wies die
Kritik zurück, die in der Denkschrift der deutschen Regierung vom 4.
Februar an ihrer angeblich nicht neutralen Haltung geübt worden sei.
Sie habe gegenüber allen Übergriffen der andern kriegführenden Nationen
eine Haltung eingenommen, die ihr das Recht gebe, »diese Regierungen in
der richtigen Weise für alle eventuellen Wirkungen auf die amerikanische
Schiffahrt verantwortlich zu machen, die durch die bestehenden
Grundsätze des Völkerrechts nicht gerechtfertigt sind«. Zu den von der
deutschen Admiralität angekündigten Maßnahmen bemerkte die Note, die
amerikanische Regierung glaube das Recht, ja die Pflicht zu haben, die
deutsche Regierung zu ersuchen, sie möchte vor einem tatsächlichen
Vorgehen die kritische Lage erwägen, die in den beiderseitigen
Beziehungen entstehen könnte, falls irgendein Kauffahrteischiff
der Vereinigten Staaten zerstört oder der Tod eines amerikanischen
Staatsangehörigen verursacht werde. Die amerikanische Regierung würde
in solchen Handlungen kaum etwas anderes als eine unentschuldbare
Verletzung neutraler Rechte erblicken können und sich genötigt sehen,
die deutsche Regierung für solche Handlungen ihrer Marinebehörden
streng verantwortlich zu machen und alle Schritte zu tun, die zum
Schutz amerikanischen Lebens und Eigentums und zur Sicherung des vollen
Genusses der amerikanischen Rechte auf hoher See für die Amerikaner
erforderlich seien. Die amerikanische Regierung hoffe, daß die deutsche
Regierung die Versicherung geben könne und wolle, daß amerikanische
Staatsbürger und ihre Schiffe auch in dem Seekriegsgebiet in keiner
andern Weise als im Wege der Durchsuchung durch deutsche Seestreitkräfte
belästigt werden sollten.

Die amerikanische Regierung stellte sich also schon in dieser Note
auf den Standpunkt, daß sie ihrer Neutralität Genüge getan habe, wenn
sie für die Amerikanern aus Völkerrechtsverletzungen erwachsenden
Nachteile die Regierung, von der die Völkerrechtsverletzung ausging,
»in der richtigen Weise« verantwortlich machte. In welcher Weise,
darüber gestand sie Deutschland keine Kritik zu. In Wirklichkeit hatte
sie sich bisher gegenüber England auf die Forderung von Schadenersatz
beschränkt, jedoch keinen ernstlichen Versuch gemacht, die britische
Regierung zur Einhaltung der völkerrechtlichen Normen zu bestimmen.
Deutschland gegenüber kündigte sie an, daß sie nicht nur die deutsche
Regierung für jede Schädigung, die sich aus der Durchführung der am 4.
Februar angekündigten Maßnahmen ergeben sollte, verantwortlich machen,
sondern auch »alle Schritte« zum Schutz des amerikanischen Lebens und
Eigentums und zur Sicherung der amerikanischen Reisefreiheit auf den
Meeren tun werde.

Schon damit hatte der U-Bootkrieg ein ernsteres Gesicht angenommen, als
man es bei der Hinausgabe der Erklärung vom 4. Februar erwartet hatte.
Denn für die weitere Entwicklung des Krieges kam es weniger darauf an,
ob die Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten gerecht und billig
war, als darauf, welche Haltung diese praktisch einzunehmen entschlossen
war. Und nach dieser Richtung hin eröffnete die amerikanische Note keine
allzu guten Aussichten.

Die Reichsregierung gab auf die Note am 16. Februar eine ausführliche
Antwort. Sie legte zunächst dar, daß die angekündigte Maßnahme in
keiner Weise gegen den legitimen Handel und die legitime Schiffahrt
der Neutralen gerichtet sei, sondern lediglich eine durch Deutschlands
Lebensinteressen erzwungene Gegenwehr gegen die völkerrechtswidrige
Seekriegführung Englands darstelle. Die Neutralen hätten bisher die
völkerrechtswidrige Unterbindung ihres Handels mit Deutschland trotz
ihrer Proteste nicht zu verhindern vermocht. Dadurch sei der Zustand
geschaffen worden, daß einerseits Deutschland unter stillschweigender
oder protestierender Duldung der Neutralen von der überseeischen
Zufuhr auch solcher Güter, die niemals Kriegskonterbande waren,
abgeschnitten sei, während England unter Duldung der neutralen
Regierungen sogar mit solchen Waren versorgt werde, die stets und
unzweifelhaft als Konterbande galten. Insbesondere wurde auf die
Munitions- und Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten an die
Entente hingewiesen. »Die deutsche Regierung,« so fuhr die Note fort,
»gibt sich wohl Rechenschaft darüber, daß die Ausübung von Rechten
und die Duldung von Unrecht seitens der Neutralen formell in deren
Belieben steht und keinen formellen Neutralitätsbruch involviert; sie
hat infolgedessen den Vorwurf des formellen Neutralitätsbruchs nicht
erhoben. Die deutsche Regierung kann aber -- gerade im Interesse voller
Klarheit in den Beziehungen beider Länder -- nicht umhin, hervorzuheben,
daß sie mit der gesamten öffentlichen Meinung Deutschlands sich dadurch
schwer benachteiligt fühlt, daß die Neutralen in der Wahrung ihrer
Rechte auf den völkerrechtlich legitimen Handel mit Deutschland bisher
keine oder nur unbedeutende Erfolge erzielt haben, während sie von ihrem
Recht, den Konterbandehandel mit England und unsern andern Feinden zu
dulden, uneingeschränkten Gebrauch machen. Wenn es das formale Recht
der Neutralen ist, ihren legitimen Handel mit Deutschland nicht zu
schützen, ja sogar sich von England zu einer bewußten und gewollten
Einschränkung dieses Handels bewegen zu lassen, so ist es auf der andern
Seite nicht minder ihr gutes, aber leider nicht angewandtes Recht, den
Konterbandehandel, insbesondere den Waffenhandel, mit Deutschlands
Feinden abzustellen[4]. Bei dieser Sachlage sieht sich die deutsche
Regierung nach sechs Monaten der Geduld und des Abwartens genötigt, die
mörderische Art der Seekriegführung Englands mit scharfen Gegenmaßnahmen
zu erwidern. Wenn England in seinem Kampf gegen Deutschland den Hunger
als Bundesgenossen anruft, in der Absicht, ein Kulturvolk von 70
Millionen vor die Wahl zwischen elendem Verkommen oder Unterwerfung
unter seinen politischen und kommerziellen Willen zu stellen, so ist
heute die deutsche Regierung entschlossen, den Handschuh aufzunehmen
und an den gleichen Bundesgenossen zu appellieren; sie vertraut darauf,
daß die Neutralen, die bisher sich den für sie nachteiligen Folgen
des englischen Hungerkriegs stillschweigend oder duldend unterworfen
haben, Deutschland gegenüber kein geringeres Maß von Duldsamkeit zeigen
werden, und zwar auch dann, wenn die deutschen Maßnahmen, in gleicher
Weise wie bisher die englischen, neue Formen des Seekriegs darstellen.«
Die Note wiederholte dann, daß die Befehlshaber der deutschen U-Boote
angewiesen seien, Gewalttätigkeiten gegen amerikanische Handelsschiffe,
soweit sie als solche erkennbar seien, zu unterlassen, und machte zur
Vermeidung von Verwechslungen den Vorschlag, die amerikanische Regierung
möchte ihre mit feindlicher Ladung befrachteten, den britischen
Kriegsschauplatz berührenden Schiffe durch Konvoyierung kenntlich
machen, über deren Durchführung die deutsche Regierung alsbald zu
Verhandlungen bereit sei. Zum Schluß führte die Note aus: »Sollte es
der amerikanischen Regierung vermöge des Gewichts, das sie in die
Wagschale des Geschickes der Völker zu legen berechtigt und imstande
ist, in letzter Stunde noch gelingen, die Gründe zu beseitigen, die der
deutschen Regierung ihr Vorgehen zur gebieterischen Pflicht machen,
sollte die amerikanische Regierung insbesondere einen Weg finden, die
Beachtung der Londoner Seekriegsrechts-Erklärung auch von seiten der mit
Deutschland Krieg führenden Mächte zu erreichen und Deutschland dadurch
die legitime Zufuhr von Lebensmitteln und industriellen Rohstoffen zu
ermöglichen, so würde die deutsche Regierung hierin ein nicht hoch
genug zu veranschlagendes Verdienst um die humanere Gestaltung der
Kriegführung anerkennen und aus der also geschaffenen neuen Sachlage
gern die Folgerungen ziehen.«

  [4] Die amerikanische Regierung hat später wiederholt behauptet, ein
      Verbot der Waffenausfuhr an Kriegführende wäre, da eine
      Waffenlieferung nach Lage der Verhältnisse ausschließlich für
      die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschließlich
      die Entente schädige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche
      Regierung dagegen konnte sich für ihren Standpunkt, daß die
      Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschließlich der
      Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Präsident
      Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begründung des Verbots
      der Waffenlieferung für die beiden sich in Mexiko bekämpfenden
      Parteien erklärt hatte: »Da Carranza keine Häfen hat, Huerta
      dagegen über Häfen zur Waffeneinfuhr verfügt, ist es unsre Pflicht
      als Nation, beide auf gleichem Fuße zu behandeln, wenn wir den
      wahren Geist der Neutralität beobachten wollen und nicht eine
      reine Papierneutralität.«

Diese Note, die von dem formalen Recht an den Geist des Rechtes
appellierte und einen Weg zur Wiederherstellung einer menschlichen
Kriegführung zeigte, hatte zunächst einen Erfolg. Am 22. Februar wandte
sich die amerikanische Regierung in einer gleichlautenden Note an die
deutsche und an die britische Regierung mit einem Vorschlag, dessen
wesentlicher Inhalt war: Unterseeboote sollen gegenüber Handelsschiffen
nur zur Durchführung des Rechtes der Anhaltung und Durchsuchung
verwendet werden; neutrale Flaggen dürfen von Handelsschiffen der
kriegführenden Staaten nicht benutzt werden. England wird Nahrungs- und
Genußmittel, die für Deutschland bestimmt sind, nicht anhalten, wenn sie
an Agenturen in Deutschland adressiert sind, die von den Vereinigten
Staaten für den Empfang und den Weiterverkauf an die Zivilbevölkerung
bezeichnet sind.

Die deutsche Regierung antwortete bereits am 28. Februar, daß sie
in der amerikanischen Anregung eine geeignete Grundlage für eine
Lösung zu erkennen glaube. Sie erklärte sich ausdrücklich bereit,
die Tätigkeit der U-Boote gegenüber Handelsschiffen auf das Anhalten
und die Durchsuchung zu beschränken, falls der Flaggenmißbrauch
abgestellt werde und die von der amerikanischen Regierung vorgeschlagene
Regelung der Lebensmittelzufuhr nach Deutschland zustandekomme, mit
der sie ihrerseits sich einverstanden erklärte. Sie schlug lediglich
eine Ergänzung vor hinsichtlich der Zufuhr von Rohstoffen, die der
friedlichen Volkswirtschaft dienten.

Die britische Regierung dagegen lehnte am 13. März 1915 die
amerikanische Anregung ab mit der Motivierung, daß Deutschland die in
dem amerikanischen Vorschlag gleichfalls enthaltene Anregung über die
Beschränkung der Anwendung von Seeminen nicht vorbehaltlos angenommen
habe, womit es sich für die britische Regierung erübrige, eine weitere
Antwort zu geben.

Damit war die amerikanische Vermittlungsaktion erledigt.

Indessen kam die amerikanische Regierung nicht eher wieder auf die
deutsche U-Bootnote vom 16. Februar 1915 zurück, als bis praktische
Fälle vorlagen, daß amerikanische Schiffe und das Leben amerikanischer
Staatsbürger durch den U-Bootkrieg vernichtet wurden. Ein erster
solcher Fall ereignete sich am 28. März 1915, indem bei der Versenkung
des englischen Passagierdampfers »Fallaba« ein amerikanischer
Staatsangehöriger das Leben verlor. Am 28. April griff ein deutsches
Flugzeug versehentlich das amerikanische Schiff »Cushing« an. Am 1.
Mai wurde das amerikanische Schiff »Gulflight« versenkt, wobei zwei
amerikanische Staatsbürger ums Leben kamen. Schließlich wurde am 7. Mai
der große englische Passagierdampfer »Lusitania« durch ein deutsches
U-Boot torpediert; mehr als hundert Amerikaner, darunter viele Frauen
und Kinder, fanden ihren Tod in den Wellen.

Die Erregung in Amerika war ungeheuer. Sie wurde auch nicht gedämpft
dadurch, daß die deutsche Botschaft in Washington durch eine Anzeige
in den amerikanischen Zeitungen ausdrücklich vor der Benutzung der
englischen Passagierdampfer zu Fahrten in das Kriegsgebiet gewarnt
hatte. Im Gegenteil! Die amerikanische Regierung bezeichnete es als
»eine überraschende Regelwidrigkeit«, daß die deutsche Botschaft sich
mit einer solchen Warnung vor der Ausübung eines guten amerikanischen
Rechts durch die amerikanische Presse an die amerikanische
Öffentlichkeit gewendet habe. Die Erregung wurde auch nicht gedämpft
durch den deutschen Hinweis darauf, daß die »Lusitania« bewaffnet
gewesen sei und große Mengen von Munition an Bord gehabt habe -- diese
Angaben der deutschen Regierung wurden von der amerikanischen Regierung,
deren Behörden das Schiff ausklariert hatten, bestritten.

Die amerikanische Regierung ließ am 15. Mai in Berlin eine Note
übergeben, in der sie die ernstlichsten Vorstellungen erhob. Über
die vorliegenden Einzelfälle hinausgreifend, stellte sie fest, daß
der U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe ohne Mißachtung nicht nur des
Völkerrechts sondern auch der Regeln der Billigkeit, der Vernunft,
der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit nicht durchführbar sei. Sie
könne im übrigen nicht glauben, daß die U-Bootkommandanten ihre
ungesetzlichen Handlungen anders als unter einem Mißverständnis der
von der deutschen Marinebehörde gegebenen Befehle getan haben könnten.
Sie verlangte von der deutschen Regierung Mißbilligung der Handlungen
der U-Bootkommandanten, Genugtuung für den angerichteten Schaden,
schließlich sofortige Maßnahmen zur Verhinderung weiterer ähnlicher
Vorfälle. »Die Kaiserliche Regierung,« so schloß die Note, »wird nicht
erwarten, daß die Regierung der Vereinigten Staaten irgendein Wort
ungesprochen oder eine Tat ungeschehen lassen wird, die notwendig
sein sollten, um ihrer heiligen Pflicht zu genügen, die Rechte der
Vereinigten Staaten und ihrer Bürger zu wahren und deren Ausübung und
Genuß zu gewährleisten.«

An diese Note schloß sich eine diplomatische Korrespondenz an, in
der die amerikanische Regierung immer schärfer ihren Standpunkt
herausarbeitete, daß nur tatsächlicher Widerstand eines Handelsschiffes
oder sein fortgesetztes Bestreben zu entfliehen, nachdem Befehl zum
Anhalten zwecks Durchsuchung ergangen ist, dem Kommandanten eines
Tauchbootes das Recht gebe, das Leben der an Bord befindlichen
Menschen in Gefahr zu bringen; die deutsche Regierung dagegen nahm den
Standpunkt ein, sie könne nicht zugeben, daß amerikanische Bürger ein
feindliches Handelsschiff durch die bloße Tatsache ihrer Anwesenheit
an Bord zu schützen vermöchten. Des weiteren wurde die Frage der
Bewaffnung und Munitionsladung der »Lusitania« erörtert. Schließlich
wurden von deutscher Seite Vorschläge gemacht, die den freien Verkehr
ausreichend kenntlich gemachter und vorher angesagter amerikanischer
Passagierdampfer mit England sichern sollten. Dieser letztere Vorschlag
wurde von der amerikanischen Regierung in einer Note vom 23. Juli 1915
kategorisch zurückgewiesen, da er geradezu eine Vereinbarung für die
teilweise Aufhebung jener Grundsätze enthalte, auf deren Anerkennung
durch Deutschland die amerikanische Regierung bestehen müsse. Schärfer
als jemals bisher lehnte es die amerikanische Regierung ab, ihre Politik
gegenüber Großbritannien mit der deutschen Regierung zu diskutieren und
dem Verhalten Englands gegenüber Deutschland für die Erörterung zwischen
Amerika und Deutschland über die Frage des U-Bootkrieges irgendeine
Erheblichkeit zuzubilligen. »Wenn ein Kriegführender einem Feinde
gegenüber nicht Vergeltung üben kann, ohne Leben und Eigentum Neutraler
zu schädigen, so sollten sowohl Menschlichkeit wie Gerechtigkeit und
die angemessene Rücksicht auf die Würde der neutralen Mächte gebieten,
daß das Verfahren eingestellt wird.« Das Verlangen nach Mißbilligung
des Vorgehens der deutschen Seeoffiziere bei der Versenkung der
»Lusitania« und auf Ersatz für den entstandenen Schaden wurde mit
Nachdruck wiederholt, und der Schluß der Note enthielt die Wendung,
daß die amerikanische Regierung eine Wiederholung von Handlungen von
Kommandanten deutscher Seestreitkräfte, die eine Verletzung der Rechte
amerikanischer Bürger darstellten, als »vorsätzlich unfreundliche
Handlung« betrachten müßte.

Die scharfe Note der amerikanischen Regierung vom 23. Juli 1915 enthielt
jedoch in Anknüpfung an die in der vorhergegangenen deutschen Note zum
Ausdruck gebrachte Hoffnung auf Wiederherstellung der Freiheit der Meere
einen Passus, der zu dem kriegerischen Ausklang in einem merkwürdigen
Gegensatz stand. Dieser Passus lautete:

»Die Regierung der Vereinigten Staaten und die Kaiserlich deutsche
Regierung kämpfen für das gleiche große Ziel und sind lange zusammen
eingetreten für Anerkennung eben jener Grundsätze, auf denen die
Regierung der Vereinigten Staaten jetzt so feierlich besteht. Sie
kämpfen beide für die Freiheit der Meere. Die Regierung der Vereinigten
Staaten wird fortfahren, für diese Freiheit zu kämpfen, von welcher
Seite auch immer sie verletzt werden möge, ohne Kompromiß und um jeden
Preis. Sie ladet die Kaiserlich deutsche Regierung zu praktischer
Mitarbeit ein, im jetzigen Augenblick, wo diese Mitarbeit am meisten
durchsetzen kann und dieses große Ziel am schlagendsten und wirksamsten
erreicht werden kann. Die Kaiserlich deutsche Regierung hat der
Hoffnung Ausdruck gegeben, daß dieses Ziel in gewissem Grade sogar vor
dem Ende des gegenwärtigen Krieges erreicht werden könnte. Dies kann
geschehen. Die Regierung der Vereinigten Staaten fühlt sich nicht
nur verpflichtet, auf diesem Ziel, von wem auch immer es verletzt und
mißachtet werden mag, zum Schutz ihrer eigenen Bürger zu bestehen; sie
ist auch auf das höchste daran interessiert, dieses Ziel zwischen den
Kriegführenden selbst verwirklicht zu sehen, und hält sich jederzeit
bereit, als gemeinsamer Freund zu handeln, dem der Vorzug zuteil wird,
einen Weg vorzuschlagen.«

Neben die kaum verhüllte Drohung mit dem Abbruch der Beziehungen für den
Fall einer weiteren Schädigung der von der amerikanischen Regierung für
ihre Staatsangehörigen beanspruchten Rechte durch unsern U-Bootkrieg war
also die Bereitschaft zu einer Kooperation mit uns zur Wiederherstellung
der Freiheit der Meere, und zwar noch während des Krieges, gesetzt.
Damit war die deutsche Politik vor eine Entscheidung von größter
Tragweite gestellt.

Obwohl ich als Schatzsekretär nicht unmittelbar an der Behandlung dieser
Fragen beteiligt war, hatte ich doch, auch abgesehen von gelegentlichen
Aussprachen mit dem Kanzler und meinen Freunden im Auswärtigen Amt,
gewisse Berührungspunkte mit dem durch den U-Bootkrieg berührten
Fragenkomplex.

So war ich seit einiger Zeit mit der Frage der Baumwolleinfuhr aus den
Vereinigten Staaten befaßt worden. Persönlichkeiten, die im deutschen
Baumwollhandel eine große Rolle spielten, hatten Fühlung mit ihren
amerikanischen Geschäftsfreunden genommen und standen mit diesen in
Verhandlungen wegen des Abschlusses über einen sehr großen Posten zu
einem festen Preise. Die großen und einflußreichen amerikanischen
Baumwollinteressen waren durch die Unterbindung des Absatzes nach
Deutschland empfindlich geschädigt. Für uns handelte es sich darum,
diese Interessen zu unsern Gunsten mobilzumachen und mit ihrer Hilfe
nicht nur eine Belieferung Deutschlands mit amerikanischer Baumwolle
durchzusetzen, sondern womöglich die amerikanische Politik zu einem
tatkräftigen Handeln für die Wiederherstellung der Londoner Deklaration
zu bewegen. Die Finanzierung des Riesengeschäftes, um das es sich
handelte, ließ den deutschen Interessenten die Rückendeckung durch das
Reich erforderlich erscheinen, und so kam die Sache an mich. Die jetzt
von der amerikanischen Regierung angebotene Zusammenarbeit für die
Wiederherstellung der Freiheit der Meere erregte infolgedessen mein
besonderes Interesse.

Außerdem war die Gestaltung unseres Verhältnisses zu den Vereinigten
Staaten von besonderer Wichtigkeit für die finanzielle Kriegführung.
Auch bisher schon hatten die Banken der Vereinigten Staaten den
Ententeländern -- in viel bescheidenerem Maße auch uns -- einige
Unterstützung im Wege kommerzieller Kredite und der Übernahme
kurzfristiger Schatzanweisungen gewährt. Aber diese finanzielle Hilfe
hatte sich, zumal da der Präsident Wilson zunächst die Aufnahme
öffentlicher Anleihen zugunsten eines kriegführenden Staates als
neutralitätswidrig erklärt hatte, in engen, weit unterhalb der
Leistungsfähigkeit der Union liegenden Grenzen bewegt. Niemand konnte
zweifeln, daß ein Hinübertreten der Vereinigten Staaten auf die Seite
unserer Gegner den vollen Einsatz ihrer gerade während des Krieges
gewaltig angewachsenen Finanzkraft zugunsten der Entente bringen würde.
Für die Entente war daraus eine wesentliche Erleichterung nicht nur der
finanziellen, sondern auch der wirtschaftlichen Kriegführung, für uns
eine entsprechende Erschwerung zu erwarten.

Aber auch ganz unabhängig von den Interessen meines speziellen Ressorts
wollte es mir als ein geradezu verhängnisvoller Fehler erscheinen, es
wegen des U-Bootkrieges zum Bruch mit den Vereinigten Staaten kommen
zu lassen und die von Wilson gebotene Hand zur Wiederherstellung der
Freiheit der Meere, »von wem auch immer sie verletzt und mißachtet
werden mag«, zu übersehen oder auszuschlagen. Sowohl wirtschaftliche
Gründe als auch die politische Lage, insbesondere die kritische
Situation auf dem Balkan, von deren Entwicklung das Schicksal der
Dardanellen und der Türkei abhing, schienen mir keinen Zweifel über den
richtigen Weg zu lassen, zumal da der Erfolg des U-Bootkriegs nicht
entfernt den Erwartungen entsprach.

Ich legte dem Kanzler meine Gesichtspunkte zuerst mündlich und dann,
am 5. August 1915, auch schriftlich dar. Mein Vorschlag ging dahin,
der amerikanischen Regierung zu antworten: Wir akzeptieren die
angebotene Kooperation zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere.
In der Voraussetzung, daß die amerikanische Regierung gewillt ist,
alsbald wirksame Schritte bei der britischen Regierung zu unternehmen,
um diese zur Aufgabe ihrer völkerrechtswidrigen Seekriegführung zu
veranlassen und sie zur strikten Beobachtung der Londoner Deklaration
zurückzuführen, sind die U-Bootkommandanten unter Aufrechterhaltung
unseres grundsätzlichen Standpunktes angewiesen worden, bis auf weiteres
den U-Bootkrieg in einer der amerikanischen Auffassung Rechnung
tragenden Weise zu führen; wir behalten uns alles vor für den Fall,
daß die gemeinsame Aktion nicht innerhalb einer angemessenen Zeit den
gewünschten Erfolg herbeiführt.

Dieses Vorgehen hätte den Vorteil gehabt, für die nächste für die
Entscheidungen auf dem Balkan so wichtige Zeit die bedrohlichen
Differenzen mit Amerika praktisch auszuschalten und dem Präsidenten
Wilson freie Hand für die von ihm in Aussicht gestellte Aktion gegen
England zu geben, ohne uns für die Dauer die Hände zu binden.

Mein Vorschlag fand jedoch beim Auswärtigen Amt keine Unterstützung, und
der Chef des Admiralstabs nahm in einem Immediatbericht an den Kaiser
mit großer Entschiedenheit gegen meine Anregung und deren Begründung
Stellung. Der Kaiser stimmte zwar meiner Replik zu, in der ich meine
Auffassung unter eingehender Begründung aufrechterhielt; aber in der
Zwischenzeit hatte sich die Lage erheblich verschärft durch die am 19.
August ohne Warnung erfolgte Torpedierung des auf der Ausfahrt von
England nach Amerika begriffenen Passagierdampfers »Arabic«; abermals
fanden bei dieser Versenkung amerikanische Staatsangehörige den Tod.

Glücklicherweise war schon vor der Torpedierung der »Arabic« eine
Weisung an die U-Bootkommandanten ergangen, daß »Liners« nur nach
vorhergegangener Warnung und nach Rettung der Nichtkombattanten
versenkt werden sollten, es sei denn, daß ein Schiff zu fliehen
versuche oder Widerstand leiste. Der Kommandant des U-Bootes, das
die »Arabic« versenkte, hatte sich in dem Glauben befunden, daß
die »Arabic« Anstalten machte, sein U-Boot zu rammen. Die an die
U-Bootkommandanten ergangene Weisung wurde nun der amerikanischen
Regierung mitgeteilt. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen, die hart
an den Krieg heranstreiften, bestätigte Graf Bernstorff am 5. Oktober
1915 dem Staatssekretär Lansing, daß die an die U-Bootkommandanten
erteilten Befehle so bestimmt lauteten, daß eine Wiederholung ähnlicher
Zwischenfälle wie des Arabic-Falles als ausgeschlossen gelte.
Gleichzeitig erkannte die deutsche Regierung an, daß der Angriff auf
die »Arabic« den erteilten Befehlen nicht entsprochen habe, daß sie den
Vorgang nicht billige und ihn bedaure; dem Kommandanten des U-Bootes
sei eine dahingehende Eröffnung gemacht worden. Auch zur Gewährung
einer Entschädigung erklärte sich die deutsche Regierung bereit.
Natürlich konnten, wie sich jetzt die Lage gestaltet hatte, an diese
Mitteilung keine weiteren Bedingungen oder Voraussetzungen bezüglich
der von Amerika gegenüber England zu unternehmenden Schritte geknüpft
werden. Die Gelegenheit, in die von Wilson gebotene Hand einzuschlagen
und eine ernsthafte Probe auf seine Bereitwilligkeit zu einem
gemeinschaftlichen Vorgehen gegen Englands Seekriegführung zu machen,
war uns also durch die Versenkung der »Arabic« aus der Hand genommen.
Eine endgültige Klärung war auch nicht herbeigeführt; insbesondere
betonte Lansing, daß die »Lusitania«-Angelegenheit für die amerikanische
Regierung noch nicht erledigt sei. Aber die unmittelbare Gefahr schien
abgewendet. Darüber hinaus raffte sich jetzt die amerikanische Regierung
zum erstenmal seit langer Zeit zu einem energischen Schritt gegenüber
der Entente auf. In einer sehr ausführlichen Note vom 5. November 1915
legte sie die Völkerrechtswidrigkeit der von der Entente unter Englands
Führung beliebten Seekriegführung dar und erklärte, daß die Vereinigten
Staaten ohne Zaudern die Aufgabe der Vorkämpferschaft für die Rechte
der Neutralen zu übernehmen und der Erfüllung dieser Aufgabe ihre ganze
Energie zu widmen entschlossen seien.

Im eigenen Lager hatte die Frage unseres Verhaltens zu Amerika zu
einer ernstlichen Krisis geführt. Nachdem der Kaiser sich auf den vom
Reichskanzler vertretenen Standpunkt gestellt hatte, reichte der Admiral
von Tirpitz seinen Abschied ein, der aber vom Kaiser nicht angenommen
wurde (Anfang September 1915). Dagegen wurde an Stelle des Admirals
Bachmann der Admiral von Holtzendorff zum Chef des Admiralstabs ernannt;
gleichzeitig wurden durch eine Kaiserliche Order die Kompetenzen
zwischen Reichsmarineamt und Admiralstab neu abgegrenzt. Ein zweites
Abschiedsgesuch des Admirals von Tirpitz folgte, das abermals abgelehnt
wurde.


                      Der »verschärfte U-Bootkrieg«

Am 18. Januar 1916 machte Herr Lansing den Vertretern der Ententemächte
in Washington einen -- später als inoffiziell bezeichneten Vorschlag --
über die U-Bootkriegführung, der im wesentlichen auf folgendes hinauskam:

Er erkannte an, daß die U-Boote sich als wirksam in der Bekämpfung
feindlichen Handels erwiesen hätten und daß infolgedessen ihre Benutzung
zu diesem Zweck den Kriegführenden nicht ohne weiteres verwehrt
werden könne. Es handele sich also darum, eine Formel zu finden, die
den U-Bootkrieg, ohne seine Wirksamkeit zu zerstören, in Einklang
mit den allgemeinen Regeln des Völkerrechts und den Grundsätzen der
Menschlichkeit bringe. Sein Vorschlag sei: Einerseits sollten die
U-Boote gehalten sein, nur in den Formen des »Kreuzerkriegs« gegen
Kauffahrteischiffe vorzugehen, d. h. sie nicht zu versenken, ohne
sie zum Halten aufgefordert, nach Konterbande durchsucht und die
Mannschaft und Passagiere in Sicherheit gebracht zu haben. Auf der
anderen Seite sollten die Kauffahrteischiffe keinerlei Bewaffnung
führen dürfen. Zur Begründung dieses Vorschlags führte Lansing an,
daß angesichts der Konstruktion der U-Boote eine auch nur leichte
Bewaffnung den Handelsschiffen eine Überlegenheit gebe; jede Bewaffnung
eines Kauffahrteischiffes habe unter diesen Umständen den Charakter
einer Bewaffnung zu Offensivzwecken. Das Schreiben schloß: »Ich möchte
hinzufügen, daß meine Regierung das Argument verständlich findet, daß
ein Kauffahrteischiff, das irgendeine Bewaffnung trägt, angesichts des
Charakters des Tauchbootkriegs und der Schwäche der U-Boote in der
Verteidigung, sowohl von den Neutralen wie von den Kriegführenden als
Hilfskreuzer zu betrachten und zu behandeln ist, und daß meine Regierung
ernstlich erwägt, ihre Beamten dementsprechend zu instruieren.«

Diese Anregung sah aus wie ein schwerer Vorstoß gegen die
Seekriegführung der Entente. Die Entwaffnung aller Handelsdampfer
und ihre Verpflichtung, ohne Gegenwehr auf Anruf anzuhalten, sich
untersuchen und nach Feststellung der feindlichen Nationalität oder
des Vorhandenseins von Konterbande sich versenken zu lassen, hätte das
Vorgehen der deutschen U-Boote gegen den Seehandel der Ententeländer
nahezu gefahrlos gemacht und seine Wirksamkeit bedeutend gesteigert.
Die Ablehnung dieser Anregung durch die Ententemächte mußte deshalb
erwartet werden. Aber für diesen Fall stand am Schluß des Lansingschen
Schreibens die Drohung, daß die amerikanische Regierung künftighin
bewaffnete Handelsschiffe als Hilfskreuzer ansehen und behandeln werde.
Das hieß nicht nur, daß die bewaffneten Handelsschiffe bei ihrem
Aufenthalt und ihrem Verkehr in den Häfen der Vereinigten Staaten den
für Kriegsschiffe maßgebenden Beschränkungen unterliegen sollten,
sondern auch, daß die Regierung der Vereinigten Staaten sich jedes
Einspruchs gegen die Versenkung solcher bewaffneten Handelsschiffe durch
deutsche U-Boote begeben hätte, auch wenn die Torpedierung ohne Warnung
und ohne die Rettung der Schiffsbemannung und Passagiere erfolgte.

Die Entente war also in der Tat vor ein schweres Dilemma gestellt.
Hätte die Regierung der Vereinigten Staaten den Lansingschen Gedanken
sich zu eigen gemacht und festgehalten, so gab es für die Entente nur
den einen Ausweg, durch die Rückkehr zur Londoner Deklaration sich die
Beschränkung des U-Bootkriegs auf die Methoden des »Kreuzerkriegs«
zu erkaufen. Zielte Lansings Brief an die Ententevertreter nach
dieser Richtung? Sollte er eine drastische Ergänzung der noch immer
unbeantworteten Note der amerikanischen Regierung vom 5. November 1915
sein, die so scharf gegen die Methoden der britischen Seekriegführung
Stellung genommen hatte?

Ich vermag auf diese Frage auch heute noch keine Antwort zu geben;
denn ich hatte weder damals, noch habe ich heute genügend Einblick in
das, was jenseits des Atlantischen Ozeans vorging. Und die weitere
Entwicklung der Dinge selbst gab nicht nur keine Antwort, sondern
stellte uns vor ein Rätsel.

Nachdem nämlich Lansing am 18. Januar 1916 jenen Brief an die
Ententevertreter gerichtet hatte, nahm er Ende Januar gegenüber dem
Grafen Bernstorff die »Lusitania«-Frage, die bei der Erledigung des
»Arabic«-Falles ausdrücklich in Schwebe gelassen worden war, wieder
auf. Er verlangte nicht nur eine Entschädigung, sondern auch die
ausdrückliche Erklärung, daß wir diese Entschädigung »in Anerkennung
der Ungesetzlichkeit (illegality)« der Versenkung der »Lusitania«
gewährten. In einem solchen Zugeständnis sah man bei uns nicht nur
eine uns angesonnene Demütigung, sondern auch einen endgültigen und
vorbehaltlosen Verzicht auf die schärfere Form des U-Bootkriegs, zu dem
man sich um so weniger entschließen konnte, als keinerlei Sicherheiten
irgendwelcher Art für eine Zurückführung des Seekriegs unserer Feinde
auf die Normen des Völkerrechts vorlagen. Lansing bestand jedoch mit
der größten Hartnäckigkeit und Schärfe auf seiner Forderung. Die Lage
erfuhr abermals eine kritische Zuspitzung bis hart an den Abbruch der
Beziehungen. Am 5. Februar 1916 veröffentlichte das Wolffsche Bureau
eine Unterredung des Unterstaatssekretärs Zimmermann mit dem Berliner
Korrespondenten der »Associated Press«, in der er u. a. sagte: Er wolle
den Ernst der Lage nicht verhehlen. Deutschland könne keinesfalls
die Ungesetzlichkeit der Kriegführung der U-Boote in der Kriegszone
anerkennen. Die ganze Krisis sei auf die neue Forderung Amerikas
zurückzuführen, daß Deutschland die Versenkung der »Lusitania« als eine
völkerrechtswidrige Tat anerkennen solle. Deutschland könne die Waffe
der U-Boote nicht aus der Hand legen. Wenn die Vereinigten Staaten es
zum Bruch kommen lassen wollten, könne Deutschland nichts mehr tun, um
dies zu vermeiden.

Der Reichskanzler bestätigte in einer Unterredung mit dem Vertreter der
»New York World« die Zimmermannschen Erklärungen.

Während unser Verhältnis zu den Vereinigten Staaten diese neue und
unerwartete Zuspitzung erfuhr, kam es bei uns im Innern zu heftigen
Kämpfen über den U-Bootkrieg.

Der Admiralstab nahm unter seinem neuen Chef gegen Ende 1915 erneut
Stellung zugunsten der Aufnahme des durch keinerlei Einschränkungen
gehemmten U-Bootkriegs. Von einem rücksichtslos durchgeführten
U-Bootkrieg erwartete er binnen eines halben Jahres die Niederkämpfung
Englands und damit die siegreiche Beendigung des Krieges. Gegenüber
dieser Aussicht müßten alle andern Erwägungen, auch die Rückwirkung
des uneingeschränkten U-Bootkrieges auf die Vereinigten Staaten,
zurücktreten.

Der Chef des Generalstabs, General von Falkenhayn, war um die
Jahreswende für den uneingeschränkten U-Bootkrieg so gut wie gewonnen.
Er hoffte auf eine Niederkämpfung Englands in wenigen Monaten.

Auch die politischen Parteien und die Presse nahmen in jener Zeit immer
schärfer in der Frage des U-Bootkrieges Stellung. Die Marinebehörden
entfalteten eine starke propagandistische Tätigkeit zugunsten des
uneingeschränkten U-Bootkrieges, die sichtlich Einfluß auf die
Meinungsbildung der politischen Kreise und des Publikums gewann.

Der Kanzler leistete dem starken Druck Widerstand. Wenn schon die
Differenzen über die Erledigung der »Lusitania«-Frage so hart an den
Bruch zwischen Amerika und uns heranführten, so erschien der Bruch
und ihm folgend der Krieg sicher für den Fall der Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkrieges. Dafür war der Kanzler nicht geneigt,
die Verantwortung zu übernehmen.

Dagegen einigten sich die maßgebenden Persönlichkeiten Anfang Februar
1916 auf den sogenannten »verschärften U-Bootkrieg«, nämlich die
Versenkung der =bewaffneten= feindlichen Handelsschiffe ohne Warnung und
ohne Rücksicht auf die Mannschaften und Passagiere.

Der deutschen Marine waren auf verschiedenen britischen Handelsschiffen
Instruktionen in die Hand gefallen, aus denen sich ergab, daß die
bewaffneten Schiffe nicht etwa die Angriffe deutscher U-Boote
abwarten und sich gegen diese verteidigen, sondern, wo immer sich
eine Gelegenheit dazu bot, angriffsweise gegen die U-Boote vorgehen
sollten. Die deutsche Regierung zog hieraus die Konsequenz, daß die mit
Geschützen bewaffneten feindlichen Kauffahrteischiffe kein Recht mehr
darauf hätten, als friedliche Handelsschiffe angesehen zu werden. Sie
teilte diese Auffassung am 8. Februar 1916 den neutralen Regierungen in
einer Denkschrift mit, die mit der Ankündigung schloß, daß die deutschen
Seestreitkräfte nach einer kurzen, den Interessen der Neutralen
Rechnung tragenden Frist den Befehl erhalten würden, solche Schiffe als
Kriegführende zu behandeln.

Über die Zweckmäßigkeit dieses Schrittes konnte man verschiedener
Meinung sein; schon deshalb, weil die Erkennbarkeit der Bewaffnung
eines Handelsschiffes durch das Periskop eines U-Bootes eine recht
zweifelhafte Sache war und Irrtümer ganz unausweichlich erscheinen
mußten. Ich konnte den Eindruck nicht loswerden, daß die Herren von der
Marine »verschärften U-Bootkrieg« sagten, aber den »uneingeschränkten
U-Bootkrieg« meinten. Das konnte nicht gut gehen. Außerdem hätte ich
vorgezogen, zunächst einmal die »Lusitania«-Angelegenheit zu erledigen,
statt die so stark zugespitzte Lage durch eine neue Maßnahme von solcher
Tragweite zu komplizieren. Ich war jedoch an den Verhandlungen, die zu
der Proklamierung des »verschärften U-Bootkrieges« geführt hatten, nicht
beteiligt worden und erfuhr die vollendete Tatsache -- durch eine in
der Pressekonferenz von dem Marinevertreter gemachte Mitteilung.

Immerhin war der »verschärfte U-Bootkrieg« begründet in einer
Auffassung, die mit der von Lansing in seinem Schreiben vom 18. Januar
an die Ententevertreter entwickelten im wesentlichen übereinstimmte.
Diese Tatsache war, so durfte man annehmen, immerhin geeignet, den
»verschärften U-Bootkrieg« auch in den Augen der amerikanischen
Regierung als vertretbar erscheinen zu lassen.

Diese Hoffnung erschien um so mehr berechtigt, als sich damals in den
Vereinigten Staaten in der öffentlichen Meinung und in den Kreisen
des Kongresses eine Strömung zeigte, die sich gegen den Gedanken
eines Krieges zwischen Amerika und Deutschland auflehnte und zum
Zweck der Verminderung der Kriegsgefahr die Forderung aufstellte,
die amerikanische Regierung möchte die amerikanischen Bürger vor der
Benutzung bewaffneter feindlicher Handelsschiffe warnen oder gar ihnen
das Reisen auf bewaffneten feindlichen Schiffen verbieten. Im Senat wie
im Repräsentantenhaus wurden sogar Anträge in diesem Sinne eingebracht.

Um so auffallender war es, daß die amerikanische Regierung nunmehr gegen
die deutsche Auffassung des Charakters und der Wirkungen der Bewaffnung
von Handelsschiffen, die sich so nahe mit der von Lansing kundgegebenen
berührte, mit aller Schärfe Stellung nahm. Der Präsident Wilson selbst
griff ein, indem er am 24. Februar 1916 einen Brief an den Senator
Stone, den Vorsitzenden des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten,
richtete und veröffentlichte, in dem er sich auf den Standpunkt stellte,
daß die Ankündigung des verschärften U-Bootkrieges in so offenkundigem
Widerspruch zu den erst vor kurzem gegebenen ausdrücklichen
Versicherungen der Mittelmächte stehe, daß er erst weitere Erklärungen
abwarten müsse. Er fügte hinzu: Er könne keinerlei Verkürzung der Rechte
der amerikanischen Staatsbürger hinnehmen; die Ehre und Selbstachtung
der Nation sei im Spiel; Amerika wünsche den Frieden und werde ihn
um jeden Preis erhalten, nur nicht um den Preis seiner Ehre; den
Amerikanern die Ausübung ihrer Rechte verbieten aus Furcht, man könne
gezwungen sein, für diese Rechte einzutreten, würde in der Tat eine
tiefe Demütigung sein und außerdem nicht nur ein stillschweigendes,
sondern sogar ein ausdrückliches Sichabfinden mit der Verletzung der
Rechte der Menschheit und ein bewußter Verzicht Amerikas auf seine
bisher stolze Stellung als Wortführer für Gesetz und Recht. Amerika
könne nicht nachgeben, ohne seine eigene Ohnmacht als Nation zu erklären
und seine unabhängige Stellung unter den Nationen der Welt aufzugeben.

Am 3. März 1916 beschloß der Senat mit 68 gegen 14 Stimmen die
Erörterung der Resolution Gore, die das Reisen auf bewaffneten
feindlichen Handelsschiffen für Amerikaner verboten sehen wollte, auf
unbestimmte Zeit zu vertagen.

Drei Wochen später, am 25. März, veröffentlichte die amerikanische
Regierung ein Memorandum über ihre Stellung zur Frage der Behandlung
bewaffneter Handelsschiffe in neutralen Häfen und auf hoher See.
Das Memorandum kam auf Grund sehr kasuistischer Deduktionen zu dem
Schluß: Eine =neutrale= Regierung könne in ihren Häfen ein bewaffnetes
Handelsschiff auf Grund der Präsumption behandeln, daß es zum Angriff
bewaffnet sei und infolgedessen den Charakter des Kriegsschiffs
habe; dagegen müsse ein =Kriegführender= auf hoher See auf Grund der
Präsumption vorgehen, daß das Handelsschiff zu Verteidigungszwecken
bewaffnet sei und infolgedessen den Charakter als Kauffahrteischiff
habe. Der Status eines bewaffneten Handelsschiffes auf hoher See als
eines Kriegsschiffes könne nur auf Grund beweiskräftiger Evidenz seiner
Angriffsabsicht festgestellt werden.

Zwei Tage zuvor, am 23. März, hatte die britische Regierung die
Lansingsche Anregung vom 18. Januar als unvereinbar mit den allgemeinen
Grundsätzen des Völkerrechts und mit bestimmten Klauseln der Haager
Konvention abgelehnt.

Das merkwürdige Zwischenspiel des Lansingschen Vorschlags blieb
unaufgeklärt. Wir hatten jetzt bei der Führung des verschärften
U-Bootkrieges gegen die bewaffneten Handelsschiffe mit demselben
Widerstand Amerikas, ja mit einem noch ausgesprocheneren Widerstand zu
rechnen, wie bei unserm ersten Tauchbootkrieg. Jeder Tag konnte mit
einem neuen Zwischenfall die Krisis akut machen und uns vor die Wahl
zwischen dem Krieg mit Amerika oder der Einschränkung des U-Bootkrieges
auf die völkerrechtlich einwandfreien Formen des Kreuzerkriegs stellen.

In dieser Lage wuchs bei uns die Forderung nach dem uneingeschränkten
U-Bootkrieg zu einem wahren Sturm auf den Reichskanzler an. Die
Marine, die den »verschärften U-Bootkrieg« durchgesetzt hatte, dachte
nicht daran, sich damit zufriedenzugeben. Der Admiralstab hatte
eine umfangreiche Denkschrift über die englische Wirtschaft und den
U-Bootkrieg ausarbeiten lassen, die auf Grund eines weitschichtigen
statistischen Materials, aber in ganz dilettantischer Beweisführung, den
Nachweis zu erbringen versuchte, daß der »uneingeschränkte U-Bootkrieg«
im Laufe längstens eines halben Jahres zu dem Erfolge führen würde,
England auf dem Wege der Unterbindung des Seeverkehrs zum Frieden zu
zwingen. Zu der Denkschrift wurden von zahlreichen hervorragenden
Persönlichkeiten aus den Kreisen der Industrie, des Handels und der
Bankwelt Gutachten eingefordert, die bei der klugen Auswahl der
Befragten sich durchweg mit mehr oder weniger vorsichtigen Vorbehalten
den Folgerungen der Denkschrift anschlossen. Die Bearbeitung der
Presse und der öffentlichen Meinung zugunsten des uneingeschränkten
U-Bootkrieges war um so wirksamer, als es unmöglich war, die zugunsten
des U-Bootkrieges in Umlauf gesetzten Behauptungen und Beweisführungen
zu widerlegen, ohne geradezu Landesverrat zu begehen.

Ich hatte mich damals im Auftrage des Reichskanzlers eingehend mit
der im Admiralstab ausgearbeiteten Denkschrift befaßt und mußte auf
Grund der mit dem ersten U-Bootkrieg gemachten Erfahrungen, der noch
verhältnismäßig intakten wirtschaftlichen Reserven Englands, der
ausgezeichneten Welternte, namentlich auch der Rekordernten der England
zunächst gelegenen Versorgungsgebiete, des Umfangs des England noch
zur Verfügung stehenden Schiffsraumes usw. zu dem Schlusse kommen, daß
auch bei voller Leistung der vom Admiralstab in Aussicht gestellten
Versenkungen keinerlei Gewähr für eine Niederzwingung Englands innerhalb
eines absehbaren Zeitraumes gegeben sei. Auf der andern Seite konnte ich
nicht umhin, die Gefahren eines Krieges mit Amerika wesentlich höher zu
veranschlagen, als dies von seiten der Befürworter des uneingeschränkten
U-Bootkrieges geschah.

In der ersten Märzhälfte kam auf Betreiben der Marine die Frage
des uneingeschränkten U-Bootkrieges im Großen Hauptquartier erneut
zur Entscheidung. Der Reichskanzler drang mit seiner Ansicht
durch. Es scheint, daß auch der Chef des Admiralstabs und der Chef
des Generalstabs sich dem Gewicht seiner Gründe nicht entziehen
konnten. Der Kanzler bestand bei dieser Gelegenheit auch auf einer
Abstellung der von der Marine ausgehenden Propaganda zugunsten des
uneingeschränkten U-Bootkrieges. Der Kaiser verfügte die Lostrennung
der Nachrichtenabteilung vom Reichsmarineamt und ihre Angliederung
an den Admiralstab. Diese Maßnahme gab die unmittelbare Veranlassung
zum Rücktritt des Großadmirals von Tirpitz. An seiner Stelle wurde
der Admiral von Capelle, der in der U-Bootfrage die Auffassung des
Reichskanzlers teilte, zum Staatssekretär des Reichsmarineamts ernannt.

Die Budgetkommission des Reichstages beschäftigte sich Ende März in
vertraulichen Sitzungen mit der U-Bootfrage. Auch die Konservativen
und derjenige Teil der Nationalliberalen, die mit Entschiedenheit für
den uneingeschränkten U-Bootkrieg eintraten, nahmen schließlich davon
Abstand, eine dahingehende Entschließung zu beantragen. Es kam nach
langen Verhandlungen zwischen den Parteien eine Resolution zustande, die
lautete:

»Nachdem sich das Unterseeboot als eine wirksame Waffe gegen die
englische auf die Aushungerung Deutschlands berechnete Kriegführung
erwiesen hat, gibt der Reichstag seiner Überzeugung Ausdruck, daß
es geboten ist, wie von allen unsern militärischen Machtmitteln, so
auch von den Unterseebooten denjenigen Gebrauch zu machen, der die
Erringung eines die Zukunft Deutschlands sichernden Friedens verbürgt,
und bei Verhandlungen mit auswärtigen Staaten die für die Seegeltung
Deutschlands erforderliche Freiheit im Gebrauch dieser Waffe unter
Beachtung der berechtigten Interessen der neutralen Staaten zu wahren.«

Man einigte sich ferner dahin, daß eine Besprechung der U-Bootfrage im
Plenum des Reichstages unterbleiben solle.


                            Der »Sussex«-Fall

Inzwischen kam, was kommen mußte.

Die Versenkungen von Schiffen mit Amerikanern an Bord häuften sich.
In der Zeit vom 27. März bis zum 1. April hatte der amerikanische
Botschafter an unser Auswärtiges Amt, in Vorbereitung weiterer Schritte,
in nicht weniger als fünf Fällen die Anfrage zu richten, ob die
Versenkung durch ein deutsches Tauchboot erfolgt sei. Der schlimmste
dieser Fälle war die am 24. März 1916 ohne Warnung erfolgte Torpedierung
des unbewaffneten Passagierdampfers »Sussex«, der dem Passagierverkehr
über den Kanal diente. Von mehr als 300 Passagieren fanden etwa 80 ihren
Tod, darunter auch eine Anzahl Amerikaner. Der Kommandant des für die
Torpedierung in Betracht kommenden U-Bootes gab an, einen Minenleger
der neuen britischen »Arabis«-Klasse torpediert zu haben. Ort und Zeit
stimmte mit der Torpedierung der »Sussex« überein, und die im Rumpf der
»Sussex« vorgefundenen Stücke eines deutschen Torpedos stellten den
Sachverhalt außer allen Zweifel.

Mit dieser Katastrophe, deren Umfang nahezu an die Versenkung der
»Lusitania« heranreichte, stand unser Verhältnis mit Amerika vor dem
Biegen oder Brechen. Die Haltung der Vereinigten Staaten ließ darüber
keine Unklarheit. Nachdem unsere ursprüngliche, auf den Angaben
des U-Bootkommandanten beruhende Aufstellung, daß das versenkte
Schiff mit der »Sussex« nicht identisch sei, widerlegt war, übergab
der amerikanische Botschafter am 20. April dem Staatssekretär des
Auswärtigen Amtes eine Note, deren Bedeutung noch dadurch besonders
unterstrichen wurde, daß der Präsident Wilson sie unmittelbar vor ihrer
Übergabe in einer von ihm persönlich verlesenen Botschaft dem Kongreß
zur Kenntnis brachte.

Der wichtigste Inhalt der Note war:

Der tragische Fall der »Sussex« stehe leider nicht allein; er sei
nur =ein= Fall, wenn auch einer der schwersten und betrübendsten,
für die vorbedachte Methode, mit der unterschiedslos Handelsschiffe
aller Art und Bestimmung zerstört würden. Die deutsche Regierung habe
offenbar keinen Weg gefunden, ihren Tauchbooten die von ihr zugesagten
Beschränkungen aufzuerlegen. »Immer wieder hat die Kaiserliche
Regierung der Regierung der Vereinigten Staaten feierlich versichert,
daß zum mindesten Passagierschiffe nicht in dieser Weise behandelt
werden würden, und gleichwohl hat sie wiederholt zugelassen, daß ihre
U-Bootkommandanten diese Versicherung ohne jede Ahndung mißachteten.
Noch im Februar dieses Jahres machte sie davon Mitteilung, daß sie
alle bewaffneten Handelsschiffe in feindlichem Eigentum als Teil
der Seestreitkräfte ihrer Gegner betrachten und als Kriegsschiffe
behandeln werde, indem sie sich so, wenigstens implicite, verpflichtete,
nichtbewaffnete Schiffe zu warnen und das Leben ihrer Passagiere und
Besatzungen zu gewährleisten; aber sogar diese Beschränkung haben ihre
U-Bootkommandanten unbekümmert außer Acht gelassen.« Die Regierung der
Vereinigten Staaten habe viel Geduld gezeigt und die Hoffnung nicht
aufgeben wollen, daß es der deutschen Regierung möglich sein werde,
den U-Bootkrieg mit den im Völkerrecht verkörperten Grundsätzen der
Menschlichkeit in Einklang zu bringen; sie habe den neuen Verhältnissen,
für die es keine Präzedenzfälle gebe, jedes Zugeständnis gemacht und
sei gewillt gewesen, zu warten, bis die Tatsachen unmißverständlich
und nur einer Auslegung fähig geworden seien. Dieser Zeitpunkt sei
jetzt gekommen. Wenn es die Absicht der deutschen Regierung sei, den
U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe fortzusetzen ohne Rücksicht auf das,
was die amerikanische Regierung als die heiligen und unbestreitbaren
Normen des Völkerrechts und die allgemein anerkannten Gebote der
Menschlichkeit ansehen müsse, so gebe es für die amerikanische
Regierung nur einen Weg: »Sofern die Kaiserliche Regierung nicht jetzt
unverzüglich ein Aufgeben ihrer gegenwärtigen Methoden des U-Bootkrieges
gegen Passagier- und Frachtschiffe erklären und bewirken sollte, kann
die Regierung der Vereinigten Staaten keine andere Wahl haben, als die
diplomatischen Beziehungen zur deutschen Regierung abzubrechen.«

Zur Zeit der Übergabe dieser Note befand sich der Kanzler im Großen
Hauptquartier. Er reiste alsbald nach Berlin zurück, um die Lage
zu besprechen. Am Ostersonntag und Ostermontag (23. und 24. April)
fanden ausgedehnte Konferenzen statt, in denen der Staatssekretär
des Reichsmarineamts, Admiral von Capelle, im Gegensatz zum Chef des
Admiralstabs, Admiral von Holtzendorff, die Auffassung vertrat, daß
die Zurückführung des U-Bootkrieges auf die Formen des Kreuzerkrieges
keine allzu starke Beeinträchtigung der Wirksamkeit der U-Boote bedeute;
der weitaus größte Teil der Versenkungen erfolge jetzt bereits vom
aufgetauchten Boot durch Artilleriefeuer, und mit der fortschreitenden
Vergrößerung des U-Boottyps und der Verstärkung der artilleristischen
Ausrüstung der U-Boote werde sich in Zukunft das Verhältnis zugunsten
der Versenkungen durch Artillerie noch verstärken. Diese Darlegungen
erleichterten uns den ohnehin kaum vermeidbaren Entschluß, den
U-Bootkrieg mindestens zeitweise auf die Formen des Kreuzerkrieges zu
bringen. Ich griff dabei auf meinen Vorschlag vom August 1915 zurück,
einen Zusammenhang zwischen diesem Zugeständnis und den damals von
Wilson angebotenen Bemühungen zur Wiederherstellung der Freiheit der
Meere zu konstruieren. Es erschien fraglich, ob dieser Zusammenhang in
Form einer »Bedingung« oder einer »Voraussetzung« für unser Zugeständnis
oder in Form einer bloßen »Erwartung« hergestellt werden sollte.
Die Entscheidung zugunsten der letzteren Auffassung gab schließlich
eine vertrauliche und freundschaftliche Mitteilung des spanischen
Botschafters, der erklärte, die bestimmte Überzeugung gewonnen zu haben,
daß ein an Bedingungen oder Voraussetzungen geknüpftes Nachgeben von der
amerikanischen Regierung als ungenügend werde angesehen werden und zum
alsbaldigen Abbruch der Beziehungen, dem der Krieg folgen werde, führen
müsse.

Der Kanzler reiste am 25. April nach dem Großen Hauptquartier zurück,
während das Auswärtige Amt den Text der Antwortnote in Arbeit nahm.
Der amerikanische Botschafter hatte dem Kanzler vor seiner Abreise den
Wunsch, oder mindestens in einer einem Wunsch gleichkommenden Form die
Bereitwilligkeit ausgedrückt, nach dem Hauptquartier zu reisen und dem
Kaiser persönlich Aufklärung über den amerikanischen Standpunkt zu
geben. In der Tat erhielt Herr Gerard am 28. April eine Einladung, nach
dem Hauptquartier zu kommen. Er wurde dort am 1. Mai in Gegenwart des
Kanzlers vom Kaiser empfangen, der mit ihm die deutsch-amerikanischen
Beziehungen und die U-Bootfrage durchsprach, um auf diese Weise ein
unmittelbares Bild der amerikanischen Auffassung zu gewinnen.

Die Erledigung der U-Bootfrage in dem in Berlin besprochenen Sinn war
inzwischen im Hauptquartier auf eine große Schwierigkeit gestoßen:
der General von Falkenhayn, der noch acht Tage zuvor dem Kanzler
gegenüber sich dahin ausgesprochen hatte, daß auch nach seiner Ansicht
ein Konflikt mit Amerika vermieden werden müsse, trat jetzt beim
Kaiser gegen die Beschränkung des U-Bootkrieges auf die Formen des
Kreuzerkrieges ein; er müsse auf die Fortsetzung der Aktion gegen Verdun
verzichten, wenn der U-Bootkrieg suspendiert werde, und zwar, weil
selbst ein voller Erfolg der Verdun-Aktion die Opfer nicht lohne, wenn
die Suspendierung des U-Bootkrieges den Engländern Luft gebe und den
Franzosen die Hoffnung auf weitere englische Hilfe lasse. Der Kaiser
war durch diese Auffassung Falkenhayns stark beeindruckt und sagte am
30. April dem Kanzler: »Sie haben also die Wahl zwischen Amerika und
Verdun!« Der Kanzler war über diese Alternative auf das äußerste erregt.
Der Gedanke, vor der Geschichte als derjenige dazustehen, durch dessen
Schuld hunderttausend Mann vor Verdun umsonst geopfert worden seien,
schien ihm ebenso unerträglich, wie die Verantwortung für den Bruch mit
Amerika. Er ließ mich über die Sachlage telephonisch informieren und bat
mich, sofort nach dem Hauptquartier zu kommen.

Ich traf am nächsten Tage, 1. Mai, im Laufe des Nachmittags in
Charleville ein und fand die Lage bereits geklärt. Der Chef des
Admiralstabs hatte sich den politischen Gründen des Kanzlers
unterworfen. Der Kaiser hatte sich dem Kanzler gegenüber dahin geäußert,
daß der Bruch mit Amerika vermieden werden müsse, und sich mit dem vom
Kanzler vorgeschlagenen Vorgehen einverstanden erklärt.

Am nächsten Abend sprach sich der Kaiser nach Tisch mir gegenüber
eingehend über die U-Bootfrage aus. Ich hatte den Eindruck, daß ihm die
Entscheidung einen schweren Stein vom Herzen genommen habe. Er sprach
witzig und geistreich über seine Unterhaltung mit Herrn Gerard. Wenn man
Politik machen wolle, müsse man vor allem wissen, worauf es dem anderen
ankomme; denn Politik sei nun einmal ein zweiseitiges Geschäft. Gerards
Äußerungen hätten ihm bestätigt, daß Wilson eine Leiter zu der neuen
Präsidentschaft suche. Da wollten wir ihm lieber die Friedensleiter
hinstellen als die Kriegsleiter, die uns schließlich auf den eigenen
Kopf fallen werde.

Unsere Antwortnote wurde am 4. Mai dem amerikanischen Botschafter
überreicht. Sie stellte gegenüber dem Appell der Unionsregierung an
die geheiligten Grundsätze der Menschlichkeit und des Völkerrechtes
fest, »daß es nicht die deutsche, sondern die britische Regierung
gewesen ist, die diesen furchtbaren Krieg unter Mißachtung aller
zwischen den Völkern vereinbarten Rechtsnormen auf Leben und Eigentum
der Nichtkämpfer ausgedehnt hat, und zwar ohne jede Rücksicht auf die
durch diese Art der Kriegführung schwer geschädigten Interessen und
Rechte der Neutralen. Bei dieser Sachlage könne die deutsche Regierung
nur erneut ihr Bedauern darüber aussprechen, daß die humanitären
Gefühle der amerikanischen Regierung, die sich mit so großer Wärme
den bedauernswerten Opfern des U-Bootkrieges zuwendeten, sich nicht
mit der gleichen Wärme auch auf die vielen Millionen von Frauen und
Kindern erstreckten, die nach der erklärten Absicht der englischen
Regierung in den Hungertod getrieben werden sollten. Die deutsche
Regierung, und mit ihr das deutsche Volk, hätten für dieses ungleiche
Empfinden um so weniger Verständnis, als sie zu wiederholten Malen
sich ausdrücklich bereit erklärt habe, sich mit der Anwendung der
U-Bootwaffe streng an die vor dem Krieg anerkannten völkerrechtlichen
Normen zu halten, falls England sich dazu bereit finde, diese Normen
ebenfalls seiner Kriegführung zugrundezulegen. Wenn die deutsche
Regierung sich trotzdem zu einem äußersten Zugeständnis entschließe,
so sei für sie entscheidend der Gedanke an das schwere Verhängnis, mit
dem eine Ausdehnung und Verlängerung dieses grausamen und blutigen
Krieges die gesamte zivilisierte Menschheit bedrohe. Das Bewußtsein der
Stärke hat es der deutschen Regierung erlaubt, zweimal im Laufe der
letzten Monate ihre Bereitschaft zu einem Deutschlands Lebensinteressen
sichernden Frieden offen und vor aller Welt zu bekunden. Sie hat damit
zum Ausdruck gebracht, daß es nicht an ihr liegt, wenn den Völkern
Europas der Friede noch länger vorenthalten bleibt. Mit um so stärkerer
Berechtigung darf die deutsche Regierung aussprechen, daß es vor
der Menschheit und der Geschichte nicht zu verantworten wäre, nach
einundzwanzigmonatiger Kriegsdauer die über den U-Bootkrieg entstandene
Streitfrage eine den Frieden zwischen dem deutschen und amerikanischen
Volke ernstlich bedrohende Wendung nehmen zu lassen. Einer solchen
Entwicklung will die deutsche Regierung, soweit es an ihr liegt,
vorbeugen. Sie will gleichzeitig ein letztes dazu beitragen, um --
solange der Krieg noch dauert -- die Beschränkung der Kriegführung auf
die kämpfenden Streitkräfte zu ermöglichen, ein Ziel, das die Freiheit
der Meere einschließt, und in dem sich die deutsche Regierung mit der
Regierung der Vereinigten Staaten auch heute noch einig glaubt. Von
diesem Gedanken geleitet, teilt die deutsche Regierung der Regierung der
Vereinigten Staaten mit, daß Weisung an die deutschen Seestreitkräfte
ergangen ist, in Beobachtung der allgemeinen völkerrechtlichen
Grundsätze über Anhaltung, Durchsuchung und Zerstörung von
Handelsschiffen auch innerhalb des Seekriegsgebietes Kauffahrteischiffe
nicht ohne Warnung und Rettung der Menschenleben zu versenken, es sei
denn, daß sie flüchten oder Widerstand leisten.«

Der Schluß der Note sprach die Erwartung aus, »daß die neue Weisung
an die deutschen Seestreitkräfte auch in den Augen der Regierung der
Vereinigten Staaten jedes Hindernis für die Verwirklichung der in
der Note vom 23. Juli 1915 angebotenen Zusammenarbeit zu der noch
während des Krieges zu bewirkenden Wiederherstellung der Freiheit der
Meere aus dem Wege räumt«; die deutsche Regierung zweifle nicht, daß
die amerikanische Regierung nunmehr bei der britischen Regierung die
Beobachtung der völkerrechtlichen Normen der Seekriegführung verlangen
und durchsetzen werde. »Sollten die Schritte der Vereinigten Staaten
nicht zu dem gewollten Erfolge führen, den Gesetzen der Menschlichkeit
bei allen kriegführenden Nationen Geltung zu verschaffen, so würde die
deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenübersehen, für die sie
sich die volle Freiheit der Entschließung vorbehalten muß.«

Die Note brachte also die Zurückführung des U-Bootkrieges auf die
völkerrechtlich anerkannten Formen des Kreuzerkrieges. Das Zugeständnis
wurde jedoch nicht für alle Zeit gemacht; vielmehr behielt sich die
deutsche Regierung freie Hand vor für den Fall, daß es Amerika nicht
gelingen sollte, England zu einer Anpassung seiner Seekriegführung an
das Völkerrecht zu bewegen.

Damit war bis auf weiteres die Krisis in unserem Verhältnis zu den
Vereinigten Staaten beigelegt.

Mehr war nicht erreicht.

Daß seit dem verflossenen Juli Wilsons Bereitwilligkeit, mit uns zur
Wiederherstellung der Freiheit der Meere zu kooperieren, zum mindesten
stark abgeflaut war, zeigte die amerikanische Antwort auf unsere
Note. Diese vom 10. Mai 1916 datierte Antwort nahm Notiz von unseren
Erklärungen und fügte hinzu:

»Die Regierung der Vereinigten Staaten hält es für notwendig, zu
erklären, daß sie es für ausgemacht ansieht, daß die Kaiserliche
Regierung nicht beabsichtigt, zu verstehen zu geben, daß die
Aufrechterhaltung der neu angekündigten Politik in irgendeiner Weise
von dem Verlauf oder Ergebnis diplomatischer Verhandlungen zwischen der
Regierung der Vereinigten Staaten und irgendeiner anderen kriegführenden
Regierung abhänge, obwohl einige Stellen in der Note der Kaiserlichen
Regierung vom 4. d. M. einer solchen Auslegung fähig sein könnten. Um
jedoch die Möglichkeit eines Mißverständnisses zu vermeiden, teilt die
Regierung der Vereinigten Staaten der Kaiserlichen Regierung mit, daß
sie keinen Augenblick den Gedanken in Betracht ziehen, geschweige denn
erörtern kann, daß die Achtung der Rechte amerikanischer Bürger auf
hoher See von seiten der deutschen Marinebehörden in irgendeiner Weise
oder im geringsten Grad von dem Verhalten irgendeiner anderen Regierung,
das die Rechte der Neutralen und Nichtkämpfenden berührt, abhängig
gemacht werden sollte. Die Verantwortlichkeit in diesen Dingen ist
getrennt, nicht gemeinsam, absolut, nicht relativ.«

In welchem Maße die Westmächte von der deutsch-amerikanischen Spannung
glaubten profitieren zu dürfen, ergibt sich daraus, daß die britische
Regierung am 24. April 1916 die amerikanischen Vorstellungen vom
5. November 1915 wegen der Völkerrechtswidrigkeit der britischen
Seekriegführung durchweg ablehnend beantwortete und daß am 7. Juli 1916
die britische und französische Regierung gemeinsam den neutralen Mächten
mitteilten, daß sie sich an die bisher schon von ihnen immer weiter
durchlöcherte Londoner Deklaration nicht mehr für gebunden hielten.


        Die Bemühungen Bethmann Hollwegs um einen amerikanischen
                             Friedensschritt

Im weiteren Verlauf der Dinge griffen U-Bootfrage und Friedensfrage
ineinander über. Es scheint mir, angesichts des falschen Bildes, das bei
manchen Politikern und wohl auch in einem großen Teile der öffentlichen
Meinung von den wechselseitigen Beziehungen dieser beiden Fragen
entstanden ist, am Platze zu sein, daß ich versuche, die verschlungenen
Fäden, soweit ich es vermag, zu entwirren.

Schon bei den Berliner Besprechungen über die an die amerikanische
Regierung zu gebende Antwort auf die U-Bootnote vom 20. April
entwickelte der Reichskanzler den Gedanken, unser kaum mehr zu
vermeidendes Zugeständnis nicht nur zur Beseitigung der akuten
Konfliktsgefahr, sondern womöglich zur Anbahnung des Friedens zu
benutzen. Die in der letzten Zeit nach verschiedenen anderen Richtungen
hin ausgestreckten Fühler hatten kein Ergebnis gehabt oder drohten
ergebnislos zu bleiben. Dem Präsidenten Wilson traute der Kanzler
zu, daß es ihn reizen könne, die große weltgeschichtliche Rolle
des Friedensstifters zu spielen. Auf diesen Gedanken des Kanzlers
geht der oben wiedergegebene Hinweis auf unsere wiederholt gezeigte
Friedensbereitschaft in unserer Note vom 4. Mai zurück. Der Kanzler
hat auch in Unterhaltungen mit Herrn Gerard diesen Punkt berührt. Herr
Gerard erzählt in seinem Buch, der Kanzler habe ihm bei seinem Abschied
vom Großen Hauptquartier gesagt: »Ich hoffe, daß, wenn wir jetzt diese
Sache in Ordnung bringen, Ihr Präsident groß genug sein wird, die
Frage des Friedens aufzunehmen.« Herr Gerard erzählt weiter, daß auch
späterhin der Kanzler bei verschiedenen Gelegenheiten ihm vorgeführt
habe, daß Amerika etwas für den Frieden tun müsse, und daß, wenn
nichts geschehe, die öffentliche Meinung in Deutschland sicherlich die
Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Bootkrieges erzwingen werde.

Mir gegenüber hat der Kanzler von einem Schritt bei Wilson, um diesen
zu einer auf den Frieden gerichteten Aktion zu bestimmen, zum ersten
Male gesprochen, als ich am 31. August 1916 nach der Kriegserklärung
Rumäniens und nach der Ernennung Hindenburgs zum Chef des Generalstabs
des Feldheeres zusammen mit dem Staatssekretär von Jagow im Großen
Hauptquartier eintraf. Der Kanzler, der schon zwei Tage vorher nach
Pleß gereist war, entwarf uns ein Bild der Lage, die er trotz der
Zuversicht Hindenburgs und Ludendorffs als außerordentlich schwer ansah.
Wir müßten alles tun, um zum Frieden zu kommen. Der einzige Weg, den
er überhaupt noch sehe, führe über Wilson, und dieser Weg müsse, auch
wenn die Aussichten ungewiß seien, beschritten werden. Wilson habe
allein bei unseren Gegnern die große Position, die für einen wirksamen
Friedensschritt nötig sei. Wir müßten Wilson sagen, daß wir bereit
seien, Belgien herauszugeben, unter dem Vorbehalt, unsere Beziehungen
zu Belgien nach dessen Restitution durch unmittelbare Verhandlungen zu
ordnen.

Der Gedanke wurde zwischen dem Kanzler, Herrn von Jagow und mir
eingehend erörtert. Mir schien gegen eine Anrufung Wilsons zu sprechen,
daß dieser im bisherigen Verlaufe des Krieges eine stets wachsende
Voreingenommenheit zugunsten der Westmächte und ein geringes Verständnis
für unsere deutschen Verhältnisse und Lebensbedürfnisse gezeigt hatte;
sein Verhalten seit dem Beginn des Jahres 1916 schien mir keinen Zweifel
mehr an seinen Gesinnungen uns gegenüber zu gestatten. Auch fürchtete
ich, daß Wilson, wenn wir ihm die Friedensvermittlung in die Hand gäben,
uns vor eine internationale Konferenz führen würde, in der unsere
Feinde über uns zu Gericht säßen. Von der maßlosen Unpopularität einer
Anrufung Wilsons als Friedensvermittler sprach ich nicht; ich wußte, daß
der Kanzler sich darüber ganz im klaren war, daß aber solche Erwägungen
ihn nicht bestimmen würden. Eine Verständigung mit Rußland auf Kosten
Polens, über dessen künftigen Status der Kanzler und Jagow kurz zuvor
in Wien verhandelt hatten, nötigenfalls sogar unter Zugeständnissen in
dem von den Russen wieder besetzten Ostgalizien, zu denen sich unser
österreichisch-ungarischer Verbündeter, wenn es nicht anders gehe,
bereit finden müsse, erschien mir immer noch als der für uns günstigste
Weg zum Frieden. Der Kanzler glaubte jedoch nach dieser Richtung hin
kaum mehr eine Hoffnung zu sehen, nachdem alle Sondierungen gescheitert
waren, auch die im Einverständnis mit unserm türkischen Bundesgenossen
gemachten Andeutungen einer den russischen Wünschen entgegenkommenden
Regelung der Meerengenfrage. Herr von Jagow pflichtete dem Kanzler bei.

In der Tat ließ der Kanzler in der ersten Septemberwoche an den
Grafen Bernstorff nach Washington telegraphieren, um ihn ganz
persönlich um seine Ansicht über Wilson als Friedensvermittler zu
befragen. Graf Bernstorff antwortete, daß vor der Anfang November
stattfindenden Präsidentenwahl von Wilson nichts zu erwarten sei; werde
er wiedergewählt, wofür die Wahrscheinlichkeit spreche, dann werde
er wohl die Friedensvermittlung in die Hand nehmen, da er überzeugt
zu sein scheine, Amerikas Interesse verlange, daß keine der beiden
Mächtegruppen zu Boden geworfen werde.

Herr Gerard will dann im Laufe des September von Herrn von Jagow
gedrängt worden sein, mit seiner Frau, die für kurze Zeit nach Amerika
gehen wollte, zusammen zu reisen, um den Präsidenten zu bestimmen, etwas
für den Frieden zu tun. Wie weit das richtig ist, vermag ich nicht zu
sagen.

Jedenfalls war der Eifer des Präsidenten, auf unseren Wunsch einen
Schritt zur Herbeiführung des Friedens zu unternehmen, nicht allzu groß,
obwohl er bei den Präsidentenwahlen für sich als den »Friedensmacher«
Propaganda machen ließ. Auch nachdem er Anfang November wiedergewählt
worden war, beeilte er sich nicht, irgend etwas zugunsten des Friedens
zu tun oder auch nur die deutsche Regierung in irgendeiner Weise wissen
zu lassen, daß er beabsichtige, mit einem Friedensschritt in naher
Zeit hervorzutreten. Der amerikanische Geschäftsträger in Berlin, Herr
Grew, wich jeder Sondierung aus, indem er die Frage des zwangsweisen
Abtransports der belgischen Arbeitslosen, bei dem bedauerliche
Mißgriffe vorgekommen waren, zum Mittelpunkt der deutsch-amerikanischen
Beziehungen machte. Herr Gerard berichtet in seinem Buche, daß er
den Präsidenten Wilson gesprochen habe, ehe er am 4. Dezember die
Rückreise nach Deutschland antrat. Sein Eindruck sei gewesen, daß der
Präsident vor allem anderen wünschte, Frieden zu halten und Frieden
zu machen. »Natürlich,« so fährt Herr Gerard fort, »war diese Frage
des Friedenmachens eine sehr heikle. Ein direktes Angebot von unserer
Seite konnte uns derselben Behandlung aussetzen, die wir Großbritannien
während des Bürgerkrieges angedeihen ließen, als Großbritannien
Eröffnungen zum Zweck der Herbeiführung des Friedens machte und die
Nordstaaten eine Antwort gaben, die darauf hinauskam, daß die britische
Regierung sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern solle, daß sie
keine Einmischung dulden und weitere Eröffnungen als unfreundliche
Handlungen betrachten würden. Die Deutschen haben diesen Krieg begonnen
ohne irgendeine Befragung der Vereinigten Staaten, und dann schienen
sie zu denken, daß sie ein Recht hätten, zu verlangen, die Vereinigten
Staaten sollten Frieden für sie machen zu solchen Bedingungen und zu
solcher Zeit, wie es ihnen, den Deutschen, gut scheine; daß ferner, wenn
wir das nicht täten, sie das Recht hätten, alle Regeln der Kriegführung
zu verletzen und Bürger der Vereinigten Staaten auf hoher See zu
ermorden. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß der Präsident geneigt war,
in der Herbeiführung des Friedens sehr weit zu gehen.«

Aus diesen Ausführungen des Herrn Gerard ergibt sich das eine mit
Sicherheit, daß der Präsident Wilson, als Herr Gerard am 4. Dezember
1916 Amerika wieder verließ, sich noch zu keinem bestimmten Schritt
zugunsten des Friedens entschlossen hatte und daß Herr Gerard keine
Antwort auf die von Herrn von Bethmann und Herrn von Jagow gemachten
Eröffnungen mit auf den Weg bekam. Ferner geben die Bemerkungen des
Herrn Gerard einen Einblick in den Geist, in dem unsere Anregung, der
Präsident möchte eine Initiative zugunsten des Friedens ergreifen, zum
mindesten von Herrn Gerard aufgefaßt worden ist.


           Der deutsche und der amerikanische Friedensschritt

Am 23. Oktober 1916 hielt Lord Grey bei einem Pressefestmahl eine
auffallende Rede. Er beschäftigte sich zunächst wieder einmal mit den
Kriegsursachen, wobei er wiederum alle Schuld auf Deutschland abzuwälzen
versuchte; dann ging er mit einer Verbeugung vor Wilson und Hughes, den
beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, über zu einem Hymnus
auf Völkerbund und Schiedsgerichte als die Pfeiler des Systems, das in
Zukunft die Entstehung neuer Kriege verhindern müsse.

Der Bericht über die Rede lag in Berlin am 25. Oktober vor. Der Kanzler
war durch die Rede stark beeindruckt. Er fand sie sehr geschickt auf die
Mentalität der Neutralen, insbesondere der Amerikaner, zugeschnitten,
aber auch auf die Stimmung der kriegführenden Völker, die sich aus dem
Zerstören und Morden nach einem besseren Zustand des Zusammenlebens der
Völker sehnten. Der Krieg habe die Idee eines Völkerbundes und der
Schiedsgerichte ohne Zweifel mächtig gestärkt. Auch nach seiner Ansicht
gehöre dieser Idee die Zukunft. Er habe das Gefühl, daß in dieser Sache
die deutsche Politik nicht beiseite stehen dürfe. Er müsse jedenfalls in
diesem Sinn auf die Rede Greys antworten.

Mir schien die Frage der Verhinderung künftiger Kriege so lange im
zweiten Rang zu stehen, als die Frage der Beendigung des jetzigen
Krieges noch nicht gelöst sei. Die beste Antwort auf Grey schien mir
eine solche zu sein, die Grey auf diese praktische Frage stellte.
Zwei Tage zuvor war Constantza von unsern Truppen genommen worden; am
Vormittag hatte ein Telegramm die Einnahme von Cernavoda gemeldet. Der
rumänische Feldzug näherte sich seinem Ende. Unsere Feinde waren im
Begriff, abermals eine Hoffnung zu verlieren. Der Winter, und damit der
dritte Winterfeldzug, stand vor der Tür. Wenn irgendein Zeitpunkt seit
Beginn des Krieges die Regierungen und die Völker zum Nachdenken stimmen
mußte, ob es sich lohne, den Krieg fortzusetzen, so war es der jetzige.
Ich empfahl, zu überlegen, ob die Gesamtlage uns nicht das Recht und
die Pflicht gebe, ein offenes Friedenswort zu sprechen, auf das unsere
Feinde antworten müßten; etwa die Aufforderung an die Kriegführenden, zu
einer Besprechung über die Möglichkeit eines Friedens zusammenzutreten,
der Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit aller wahre.

Der Kanzler erwärmte sich für den Gedanken und entschloß sich, sofort
zum Kaiser zu fahren, der damals in Potsdam weilte. Im Begriff ins Auto
zu steigen, erhielt er die Nachricht von dem erfolgreichen Vorstoß der
Franzosen vor Verdun auf das Fort Douaumont. Das war ein Dämpfer auf die
rumänische Freude, aber mit solchen Zwischenfällen muß man im Kriege
immer rechnen.

Der Kaiser war sofort einverstanden. Der Kanzler reiste noch am
gleichen Abend nach dem Großen Hauptquartier, um sich mit dem
Generalfeldmarschall von Hindenburg zu besprechen. Der Feldmarschall
wollte sich nicht gegen die Anregung stellen und erklärte, er könne
jedenfalls keine Aussicht eröffnen, daß nach Beendigung des rumänischen
Feldzugs, die in einigen Wochen zu erwarten sei, im Winter oder
im nächsten Frühjahr ein entscheidender, den Frieden militärisch
erzwingender Schlag geführt werden könne.

Nun wurde der Gesandte von Stumm nach Wien geschickt, um das
Einverständnis unseres österreichisch-ungarischen Bundesgenossen
zu sichern. An der grundsätzlichen Zustimmung war um so weniger zu
zweifeln, als Baron Burian, wie mir der Kanzler sagte, selbst schon bei
früheren Gelegenheiten ein ähnliches Vorgehen angeregt hatte.

Nachdem auf dieser Grundlage der Kanzler dem Kaiser nochmals vorgetragen
hatte, schrieb der Kaiser an den Kanzler nachstehenden eigenhändigen
Brief:

                                              »Neues Palais, 31. 10. 16.

                          Mein lieber Bethmann!

Unser Gespräch habe ich noch nachher gründlich überdacht. Es ist klar,
die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im Wahne des Kampfes
und im Haß gehaltenen Völker unserer Feinde haben keine Männer, die
imstande wären, die den moralischen Mut besäßen, das befreiende Wort
zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche
Tat, die notwendig ist, um die Welt -- auch die Neutralen -- von dem
auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehört ein
Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt, und
ein Herz für seine und die feindlichen Menschen, der unbekümmert um die
eventuellen absichtlichen Mißdeutungen seines Schrittes den Willen hat,
die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu, ich will
es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie alles
bereit.

                                                          Wilhelm I. R.«

Die folgenden Wochen waren ausgefüllt mit Verhandlungen mit unseren
Verbündeten über die Grundlinien der bei einer Friedensbesprechung zu
erstrebenden Ziele, über die Art des gemeinschaftlichen Vorgehens, über
den Text der über unsere Friedensbereitschaft zu erlassenden Kundmachung
oder der an die Alliierten zu übergebenden Note.

In der Zwischenzeit antwortete der Reichskanzler im Hauptausschuß
des Reichstags am 9. November 1916 auf die Rede Greys. Er widerlegte
Greys Darstellung der Schuldfrage und stellte sich mit viel bemerktem
Nachdruck auf den Boden des Völkerbundes und der Schiedsgerichte.
Von dem geplanten Vorschlag zu Friedensverhandlungen sprach er noch
nicht. Mit unseren Verbündeten hatte man sich dahin geeinigt, daß der
Friedensschritt unternommen werden sollte, sobald durch den in kurzem zu
erwartenden Fall von Bukarest die Abwendung der rumänischen Gefahr für
jedermann offenkundig geworden sei.

Daß irgendwelche Rücksichten auf den Präsidenten Wilson ein Hindernis
für einen unmittelbaren Friedensschritt sein könnten, ist mir
gegenüber in den vielfachen Besprechungen, die in dieser Angelegenheit
stattfanden, von keinem der Herren, die an der Sondierung Wilsons
beteiligt waren, jemals erwähnt worden. Bisher war auf die schon
Anfang Mai von Herrn von Bethmann gegenüber Herrn Gerard gemachte
Andeutung keinerlei Antwort erfolgt. Das Anfang September an den
Grafen Bernstorff gerichtete Telegramm hatte diesen auch nicht etwa
beauftragt, bei Herrn Wilson oder der amerikanischen Regierung
irgendeinen Schritt zu unternehmen, der die deutsche Regierung in ihrer
eigenen Bewegungsfreiheit hätte binden können, sondern ihn nur um
eine persönliche Meinungsäußerung über Wilsons Geneigtheit zu einem
Friedensschritt ersucht. Die Möglichkeit, daß Wilson nach seiner am 6.
November 1916 erfolgten Neuwahl zum Präsidenten irgend etwas zugunsten
des Friedens tun werde, konnte uns, solange mit uns keine Vereinbarungen
darüber getroffen oder uns nicht wenigstens die bestimmte Absicht
eines Vorgehens mitgeteilt war, nicht das Recht der eigenen Initiative
beschränken noch uns der Verpflichtung überheben, nach anderen Wegen,
die zum Frieden führen konnten, Ausschau zu halten und einen uns
geeignet erscheinenden Zeitpunkt unsererseits für eine Friedensaktion zu
benutzen.

In der Tat geht aus der oben wiedergegebenen Stelle des Gerardschen
Buches hervor, daß Herr Wilson am 4. Dezember, also vier Wochen nach
seiner Wiederwahl, jedenfalls noch keinen bestimmten Schritt zugunsten
des Friedens ins Auge gefaßt hatte und sich seinerseits uns gegenüber in
der Friedensfrage in keiner Weise gebunden fühlte.

Ich erwähne dies ausdrücklich, weil späterhin bei uns in Deutschland
behauptet worden ist, die deutsche Politik habe dem Präsidenten Wilson
gegenüber ein doppeltes Spiel gespielt, indem sie ihn zuerst um eine
Friedensvermittlung ersucht habe, und dann, nachdem Herr Wilson sich
hierzu bereitgefunden, mit einer eigenen Aktion vorgegangen sei.

Persönlich erschien es mir für die deutsche Regierung durchaus
erwünscht, die Initiative zum Frieden in der eigenen Hand zu behalten;
denn ich konnte das Unbehagen gegenüber dem Gedanken einer Führung
Wilsons in den Friedensangelegenheiten nicht überwinden. Außerdem
konnte ich mir, so wenig es mir lag, im Strom der öffentlichen Meinung
zu schwimmen, nicht verhehlen, daß die Stimmung in Heer und Volk gegen
Amerika ein immer ernstlicheres Hindernis für eine amerikanische
Friedensaktion geworden war. Es kam schließlich doch auch darauf an,
daß der erste Schritt zum Frieden vom eigenen Volk möglichst einmütig
unterstützt und nicht von vornherein aus Gefühlen heraus, deren
Berechtigung nicht abzustreiten war, einer starken Anfeindung ausgesetzt
wurde. Die Tatsache, daß Amerikas Verhalten gegenüber dem deutschen
Volke in dem Kampf um sein Dasein nur eine formelle Neutralität, in der
Sache aber eine starke Begünstigung unserer Gegner war, lag klar vor
jedermanns Augen. Wilson war uns bei der Ausnutzung unserer U-Bootwaffe
gegen England in den Weg getreten. Das war sein formelles Recht; aber
die Ausübung dieses Rechtes uns gegenüber involvierte zum mindesten die
moralische Verpflichtung, auch England gegenüber mit gleich scharfen
Mitteln auf der strengen Beobachtung des Völkerrechtes zu bestehen. Seit
länger als sechs Monaten hatten wir in der U-Bootfrage nachgegeben; aber
die amerikanische Regierung hatte noch keinerlei Anstalten gemacht,
nun auch England auf den Boden des Völkerrechtes zurückzuführen. Die
Erbitterung bei uns wurde gesteigert durch immerzu wachsende Mengen
von Kriegsgerät und Munition, die Amerika der Entente lieferte. Die
Gerechtigkeit, die Herr Wilson noch im Februar 1914 dem Mexikaner
Carranza hatte zuteil werden lassen, indem er angesichts der materiellen
Unmöglichkeit der Waffenlieferung an den von der Küste abgeschnittenen
Carranza auch die Waffenlieferung an dessen Gegner Huerta verbot,
enthielt er Deutschland und seinen Verbündeten vor. Die völkerrechtliche
Sophistik, mit der die Regierung der Vereinigten Staaten diese
»Papierneutralität« begründete, wollte unserem Volke nicht in den Kopf.
Zumal der Feldgraue, den amerikanische Geschosse überschütteten, sah
nur die gewaltige Unterstützung, die Amerika einseitig unseren Feinden
gewährte.

Am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest. Damit war der Zeitpunkt für die
Friedensaktion gekommen.

Am 12. Dezember übergab der Reichskanzler den Vertretern der neutralen
Mächte, die den Schutz unserer Interessen in den uns feindlichen Staaten
übernommen hatten, eine Note mit dem Ersuchen um Übermittlung an die mit
uns im Kriege liegenden Staaten. Das gleiche geschah um dieselbe Zeit in
Wien, Konstantinopel und Sofia. Dem Reichstag machte der Reichskanzler,
nachdem tags zuvor die Parteiführer verständigt worden waren, alsbald
Mitteilung von dem vollzogenen Schritt. Nach einem kurzen und wirksamen
Überblick über die Lage führte er aus:

»Nach der Verfassung lag am 1. August 1914 auf Seiner Majestät dem
Kaiser persönlich der schwerste Entschluß, den je ein Deutscher zu
fassen gehabt hat, der Befehl der Mobilmachung, der ihm durch die
russische Mobilmachung abgerungen wurde. Während der langen und
schweren Kriegsjahre bewegte den Kaiser der einzige Gedanke, wie einem
festgesicherten Deutschland nach siegreich gefochtenem Kampfe wieder
der Friede bereitet werde. Niemand kann das besser bezeugen als ich,
der ich die Verantwortung für alle Regierungshandlungen trage. Im
tiefsten sittlichen und religiösen Pflichtgefühl gegen sein Volk und
darüber hinaus gegen die Menschheit hält der Kaiser jetzt den Zeitpunkt
für eine offizielle Friedensaktion für gekommen. Seine Majestät hat
deshalb in vollem Einvernehmen und in Gemeinschaft mit seinen hohen
Verbündeten den Entschluß gefaßt, den feindlichen Mächten den Eintritt
in Friedensverhandlungen vorzuschlagen.«

Der Kanzler verlas nunmehr die Note, die angesichts ihrer Bedeutung für
die Friedensfrage hier im vollen Wortlaut Platz finden möge:

    »Der furchtbarste Krieg, den je die Geschichte gesehen hat, wütet
    bald seit zwei und einem halben Jahre in einem großen Teil der Welt.
    Diese Katastrophe, die das Band einer gemeinsamen, tausendjährigen
    Zivilisation nicht hat aufhalten können, trifft die Menschheit in
    ihren wertvollsten Errungenschaften. Sie droht, den geistigen
    und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas zu Beginn des
    zwanzigsten Jahrhunderts bildete, in Trümmer zu legen.

    »Deutschland und seine Verbündeten, Österreich-Ungarn, Bulgarien
    und die Türkei, haben in diesem Kampfe ihre unüberwindliche Kraft
    erwiesen. Sie haben über ihre an Zahl und Kriegsmaterial überlegenen
    Gegner gewaltige Erfolge errungen. Unerschütterlich halten ihre
    Linien den immer wiederholten Angriffen der Heere ihrer Feinde
    stand. Der jüngste Ansturm im Balkan ist schnell und siegreich
    niedergeworfen worden; die letzten Ereignisse beweisen, daß auch
    eine weitere Fortdauer des Krieges ihre Widerstandskraft nicht zu
    brechen vermag, daß vielmehr die gesamte Lage zur Erwartung weiterer
    Erfolge berechtigt.

    »Zur Verteidigung ihres Daseins und ihrer nationalen
    Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbündeten Mächte gezwungen,
    zu den Waffen zu greifen. Auch die Ruhmestaten ihrer Heere
    haben daran nichts geändert. Stets haben sie an der Überzeugung
    festgehalten, daß ihre eigenen Rechte und begründeten Ansprüche in
    keinem Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen stehen. Sie
    gehen nicht darauf aus, ihre Gegner zu zerschmettern oder gar zu
    vernichten.

    »Getragen von dem Bewußtsein ihrer militärischen und
    wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen aufgezwungenen Kampf
    nötigenfalls bis zum äußersten fortzusetzen, zugleich aber von dem
    Wunsch beseelt, weiteres Blutvergießen zu verhüten und den Greueln
    des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier verbündeten Mächte
    vor, alsbald in Friedensverhandlungen einzutreten. Die Vorschläge,
    die sie zu diesen Verhandlungen mitbringen werden und die darauf
    gerichtet sind, Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker
    zu sichern, bilden nach ihrer Überzeugung eine geeignete Grundlage
    für die Herstellung eines dauerhaften Friedens.

    »Wenn trotz dieses Anerbietens zu Frieden und Versöhnung der Kampf
    fortdauern sollte, so sind die vier verbündeten Mächte entschlossen,
    ihn bis zum siegreichen Ende zu führen. Sie lehnen aber feierlich
    jede Verantwortung dafür vor der Menschheit und der Geschichte ab.«

Am gleichen Tage wurde ein Kaiserlicher Armeebefehl erlassen, der
lautete:

    »Soldaten! In dem Gefühl des Sieges, den Ihr durch Eure Tapferkeit
    errungen habt, haben Ich und die Herrscher der treu verbündeten
    Staaten dem Feinde ein Friedensangebot gemacht. Ob das damit
    verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahingestellt. Ihr habt
    weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feind standzuhalten und ihn zu
    schlagen.«

Die Aufnahme, die der Friedensvorschlag in Deutschland fand, war nicht
einheitlich zustimmend. In den konservativen und überwiegend auch in
den nationalliberalen Kreisen fürchtete man, der Vorschlag könne im
Ausland als Schwächezeichen ausgelegt werden und die Wirkung unserer
Siege in Rumänien beeinträchtigen. In den Kreisen derjenigen, die an
sich den Friedensvorschlag als einen ernsthaften Versuch, Deutschland
und die Welt von dem Elend des Krieges zu befreien, aufrichtig
willkommen hießen, bemängelte man vielfach, daß in dem Vorschlag unsere
konkreten Friedensbedingungen nicht aufgezählt waren.

Beide Ausstellungen halte ich auch heute noch für unberechtigt.

Es handelte sich darum, entweder zum Frieden zu kommen, oder vor der
ganzen Welt, sowohl vor dem eigenen Volke, wie vor den Völkern der
Neutralen und unserer Feinde die Verantwortlichkeit für die Fortdauer
des Krieges festzustellen. Wenn der Krieg weitergehen sollte, dann
brauchte vor allem unser eigenes Volk angesichts des ungeheueren auf ihm
lastenden Druckes eine moralische Rückenstärkung in dem Bewußtsein, daß
es nicht an uns lag, wenn Friedensverhandlungen nicht zustandekamen. Die
Gefahr, daß unsere Feinde unser Angebot als Schwäche auffassen könnten,
durfte demgegenüber nicht den Ausschlag geben; durch die Wahl des
Zeitpunktes war zudem dieser Gefahr nach Möglichkeit vorgebeugt worden.

Eine öffentliche Enthüllung unserer einzelnen Friedensbedingungen
wäre, solange die grundsätzliche Bereitwilligkeit unserer Feinde,
mit uns über einen Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unseres
Volkes wahrenden Frieden zu sprechen, nicht vorlag, das Gegenteil von
Zweckmäßigkeit gewesen. Wir hätten uns ganz einseitig festgelegt, uns
dadurch gegenüber unseren Gegnern stark in Nachteil gesetzt und jede
Verhandlung über die einmal öffentlich genannten Punkte außerordentlich
erschwert. Es ist leicht, über die »Geheimdiplomatie« zu schelten. Aber
solange die menschliche Natur sich nicht von Grund aus geändert hat,
wird der Zweck einer jeden Verhandlung, nämlich die Verständigung, in
vertraulichen Beratungen stets leichter zu erreichen sein, als wenn der
Ringkampf der Verhändler sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt.
Wenn unsere Feinde überhaupt Neigung hatten, mit uns über einen Frieden
zu sprechen, so mußte es ihnen genügen, daß unsere Friedensnote klar
aussprach: Der Krieg ist für uns ein Verteidigungskrieg geblieben;
für uns kommt es darauf an, Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit
unserer Völker zu sichern; unsere Rechte und Ansprüche stehen in keinem
Widerspruch zu den Rechten der anderen Nationen.

Aber die Neigung, mit uns über den Frieden zu sprechen, bestand bei
unseren Feinden nicht. Die Ziele, die sie verfolgten und unbeachtet
aller Opfer und Rückschläge zäh im Auge behielten, waren mit der
Verteidigung unseres Besitzstandes, mit der Wahrung unserer Ehre,
unseres Daseins und unserer Entwicklungsfreiheit nicht vereinbar. Ihre
Regierungen fürchteten, durch jede Einleitung eines Friedensgesprächs
den auf unsere Niederwerfung gerichteten Kriegswillen zu schwächen,
und deshalb hatten sie es ungemein eilig, unseren Vorschlag schroff
zurückzuweisen.

Schon am Tage nach unserem Friedensvorschlag, am 13. Dezember 1916
erklärte der französische Ministerpräsident Briand unsere Aufforderung
zu Friedensverhandlungen für ein Manöver, um unter den Alliierten
Uneinigkeit zu säen, die Gewissen zu verwirren und die Völker zu
demoralisieren. Am 16. Dezember wies der neue russische Minister des
Auswärtigen, Herr Pokrowsky, den Friedensvorschlag der Mittelmächte
»mit Entrüstung« ab und stellte ihm das Ziel gegenüber, »das uns allen
am Herzen liegt: die Vernichtung des Feindes;« alle die unzähligen
Opfer würden umsonst gebracht sein, wenn man mit einem Feind, dessen
Kräfte zwar geschwächt, aber nicht gebrochen seien, einen »vorzeitigen
Frieden« schließe. Am 18. Dezember beschwor der italienische Minister
des Auswärtigen, Herr Sonnino, die Kammer, nichts zu beschließen, was
die Vermutung zuließe, daß Italien in der Aufnahme des von Deutschland
gemachten »hinterlistigen Schrittes« eine von seinen Verbündeten
verschiedene Haltung einnehmen könnte. Am Tage darauf sprach Lloyd
George, der inzwischen Herrn Asquith als Ministerpräsident ersetzt
hatte, in der gewohnten Weise über den preußischen Militärdespotismus
und verlangte als Voraussetzung für irgendwelche Friedensgespräche
von Deutschland »vollständige Wiederherstellung, volle Genugtuung und
wirksame Garantien«.

Nun erschien auch der Präsident Wilson auf dem Plan.

Am 21. Dezember 1916 übergab der amerikanische Botschaftsrat in Berlin
dem Staatssekretär Zimmermann eine Note, die gleichlautend auch den
übrigen kriegführenden Staaten zugestellt wurde.

Die Note enthielt eine Friedensanregung. Der Präsident der Vereinigten
Staaten schlug vor, »daß baldigst Gelegenheit genommen werde, von allen
jetzt kriegführenden Staaten ihre Ansichten über ihre Bedingungen zu
erfahren, unter denen der Krieg zum Abschluß gebracht werden könnte
und über die Vorkehrungen, die gegen die Wiederholung des Krieges
oder die Entfachung irgendeines ähnlichen Konfliktes in der Zukunft
zufriedenstellende Bürgschaft leisten könnten, so daß sich die
Möglichkeit biete, sie offen zu vergleichen. Dem Präsidenten, so fuhr
die Note fort, ist die Wahl der zur Erreichung dieses Zieles geeigneten
Mittel gleich. Er ist gern bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in
jeder annehmbaren Weise seinerseits dienlich zu sein oder sogar die
Initiative zu ergreifen; er wünscht jedoch nicht, die Art und Weise
und die Mittel zu bestimmen. Jeder Weg wird ihm genehm sein, wenn nur
das große Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird.« Die Note wies
dann darauf hin, daß die allgemeinen Ziele der beiden kriegführenden
Parteien nach den von ihren Staatsmännern abgegebenen Erklärungen dem
Wesen nach die gleichen seien. Das Interesse der Vereinigten Staaten
an den künftigen Maßnahmen zum Schutz des Völkerfriedens sei ebenso
groß, wie das irgendeines anderen Volkes. Das amerikanische Volk und
seine Regierung sehnten sich danach, bei der Erreichung dieses Zieles
mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln mitzuwirken. Aber erst
müsse der Krieg beendet sein. Die konkreten Ziele, für die der Krieg
geführt werde, seien niemals endgültig festgestellt worden. Der Welt
bleibe es überlassen zu vermuten, »welche endgültigen Ergebnisse,
welcher tatsächliche Austausch von Garantien, welche politischen oder
territorialen Veränderungen oder Verschiebungen, ja selbst welches
Stadium des militärischen Erfolges den Krieg zu Ende bringen würde«.
Der Präsident schlage keinen Frieden vor, er biete nicht einmal seine
Vermittlung an; er rege nur an, »daß man sondiere, damit die Neutralen
und die kriegführenden Staaten erfahren, wie nahe wohl das Ziel des
Friedens sein mag, nach dem die ganze Menschheit mit heißem und
wachsendem Begehren sich sehnt«.

Dies war der sachliche Kern des Wilsonschen Friedensschritts.

An der Einkleidung dieses Kerns war bemerkenswert einmal die wiederholte
starke Betonung des Interesses der Vereinigten Staaten an der baldigen
Beendigung des Krieges, das sich schon daraus ergebe, »daß sie
offenkundig genötigt wären, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz
ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte«;
ferner eine Bemerkung über das Verhältnis der Wilsonschen Anregung zu
dem Friedensschritt der Zentralmächte. Der Präsident, so führte die
Note aus, habe sich schon lange mit dem Gedanken seines Vorschlages
getragen. Er mache ihn jetzt nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil
es den Anschein haben könnte, als sei er angeregt von dem Wunsch, im
Zusammenhang mit dem jüngsten Vorschlag der Zentralmächte eine Rolle
zu spielen. Tatsächlich sei der Gedanke des Präsidenten in keiner
Weise auf diesen Vorschlag zurückzuführen, und der Präsident hätte
mit seinem Vorschlage gewartet, bis der Vorschlag der Zentralmächte
beantwortet worden wäre, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des
Friedens beträfe, die am besten mit anderen dahingehenden Vorschlägen
erörtert werde. Der Präsident stellte also die Unabhängigkeit seiner
Anregung von dem Vorschlag der Zentralmächte fest, empfahl aber eine
gemeinschaftliche Erörterung.

In der Sache kam die Anregung des Präsidenten Wilson auf das gleiche
Ziel hinaus, das den Mittelmächten bei ihrem Friedensschritt
vorgeschwebt hatte: ein gegenseitiger Austausch der konkreten
Friedensbedingungen. Dieser Austausch mußte, wenn eine einseitige
Festlegung des einen oder anderen Teiles vermieden werden sollte,
Zug um Zug erfolgen, nach der Ansicht der Mittelmächte am besten
in der elastischeren Form eines unmittelbaren und persönlichen
Gedankenaustausches der kriegführenden Mächte.

Dem entsprach die Antwort, die wenige Tage nach Überreichung der
amerikanischen Note von den Mittelmächten erteilt wurde. Die deutsche
Antwort vom 26. Dezember 1916, die derjenigen unserer Verbündeten
inhaltlich entsprach, lautete wie folgt:

»Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen für
die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem
freundschaftlichen Geiste aufgenommen und erwogen, der in der Mitteilung
des Herrn Präsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Präsident zeigt das
Ziel, das ihm am Herzen liegt, und läßt die Wahl des Weges offen. Der
Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch
als der geeignetste Weg, um zu dem gewünschten Ergebnis zu gelangen.
Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklärung vom 12. d. M., die
zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt
von Delegierten der kriegführenden Staaten an einem neutralen Orte
vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, daß das
große Werk der Verhütung künftiger Kriege erst nach Beendigung des
gegenwärtigen Völkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird,
wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Freuden bereit sein, zusammen
mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe
mitzuarbeiten.«

Auch durch Wilsons Friedensanregung ließen sich die alliierten
Regierungen in ihrem Willen, Friedensgespräche zurückzuweisen und den
Krieg fortzusetzen, in keiner Weise beeinträchtigen; nur eine kurze
Verzögerung in der von Herrn Briand voreilig für den 20. Dezember
angekündigten Antwort der Entente auf unseren Friedensvorschlag ist
wohl durch den in London und Paris schon am 19. Dezember bekannt
gewordenen Friedensschritt Wilsons herbeigeführt worden. Aber in dem
Inhalt der Ententeantwort, die am 30. Dezember von Herrn Briand dem
amerikanischen Botschafter in Paris zur Weitergabe an die Zentralmächte
überreicht worden ist, hat Wilsons Eingreifen nichts geändert: schroffer
und höhnischer abweisend konnte keine Antwort lauten. In tendenziöser
Darstellung versuchte sie wieder einmal den Nachweis, daß der »Krieg
gewollt, hervorgerufen und verwirklicht worden sei durch Deutschland
und Österreich-Ungarn«. Nachdem Deutschland seine Verpflichtungen
verletzt habe, könne der von ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort
gegründet werden. Eine Anregung ohne Bedingungen für die Eröffnung der
Verhandlungen sei kein Friedensangebot. Die durch die Kriegserklärung
Deutschlands verursachten Verwüstungen, die zahlreichen Attentate, die
Deutschland und seine Verbündeten gegen die Kriegführenden und gegen
die Neutralen verübt hätten, verlangten Sühne, Wiedergutmachung und
Bürgschaften. Deutschland weiche listig dem einen wie dem anderen aus.
Der durch die Zentralmächte gemachte Vorschlag sei in Wirklichkeit
nichts als ein Kriegsmanöver, das einen deutschen Frieden aufnötigen
solle und beabsichtige, die öffentliche Meinung in den alliierten
Ländern zu verwirren. »In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch
der Notwendigkeiten der Stunde lehnen es die alliierten Regierungen,
die unter sich eng verbunden und in voller Übereinstimmung mit ihren
Völkern sind, ab, sich mit einem Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne
Bedeutung zu befassen.«

Da diese Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ,
mehr als eine Woche nach dem Friedensschritt des Präsidenten Wilson
erfolgte, mußte nicht nur der Friedensvorschlag der Zentralmächte,
sondern auch die Friedensanregung Wilsons als gescheitert betrachtet
werden. Wieder einmal stellte sich heraus, daß die feindliche Koalition
nicht bereit war, über Frieden zu sprechen, solange sie nicht in der
Lage war, den Frieden nach ihrem Belieben zu diktieren. Von dem Geist,
der bei den Machthabern unserer Feinde trotz des rumänischen Rückschlags
herrschte, gibt Zeugnis ein Tagesbefehl des Zaren an die russische Armee
und Marine vom 25. Dezember 1916, in dem als russisches Kriegsziel
aufgestellt wurde »der Besitz Konstantinopels und der Meerengen, sowie
die Schaffung eines in allen seinen drei gegenwärtig getrennten Teilen
freien Polens«.

Immerhin konnte man gespannt sein auf die Antwort, die unsere Feinde auf
die Friedensanregung Wilsons geben würden. Denn hier stand ihnen nicht
ein Feind gegenüber, den sie auf Tod und Leben zu bekämpfen entschlossen
waren, sondern der Repräsentant der stärksten neutralen Macht, dessen
Haltung für den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung werden
konnte.

Es dauerte drei volle Wochen, bis die Alliierten sich über eine Antwort
an Wilson geeinigt hatten; erst am 10. Januar 1917 wurde diese von Herrn
Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris ausgehändigt.

Die Antwort enthielt viele schöne Worte an die Adresse des Herrn
Wilson und über den künftigen Völkerfrieden. In der Sache aber war
sie gegenüber der Wilsonschen Anregung eine kaum weniger unverhüllte
Ablehnung, wie die Antwort an die Zentralmächte.

»Die Alliierten empfinden,« so hieß es in der Note, »ebenso tief wie
die Regierung der Vereinigten Staaten den Wunsch, möglichst bald
diesen Krieg beendet zu sehen, für den die Mittelmächte verantwortlich
sind und der der Menschheit grausame Leiden auferlegt; aber sie sind
der Ansicht, daß es unmöglich ist, heute bereits einen Frieden zu
erzielen, der ihnen die Sühnen, Wiedergutmachung und Bürgschaften
sichert, auf die sie ein Recht haben infolge des Angriffs, für den die
Mittelmächte die Verantwortung tragen und der gerade darauf abzielt,
die Sicherheit Europas zugrundezurichten.« Nach langen Beschwerden über
die völkerrechtswidrige und grausame Kriegführung der Mittelmächte, die
zu einem ständigen Hohn auf Menschlichkeit und Zivilisation geworden
sei, erklärte die Note, die den Mittelmächten durch Vermittlung der
Vereinigten Staaten überreichte Antwort auf deren Friedensvorschlag
vom 12. Dezember 1916 beantworte die von der amerikanischen Regierung
gestellte Frage. Im übrigen seien die Kriegsziele der Alliierten
wohlbekannt; sie seien mehrfach in Erklärungen der Oberhäupter der
verschiedenen Regierungen dargelegt worden. »Diese Ziele werden
in den Einzelheiten mit allen Kompensationen und gerechtfertigten
Entschädigungen für den erlittenen Schaden erst in der Stunde der
Verhandlungen auseinandergesetzt werden. Aber die zivilisierte Welt
weiß, daß sie alles Notwendige einschließen und in erster Linie die
Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros, die ihnen
geschuldeten Entschädigungen, die Räumung der besetzten Gebiete von
Frankreich, Rußland und Rumänien mit den gerechten Wiedergutmachungen,
die Reorganisation Europas, Bürgschaft für einen dauerhaften Frieden,
die Zurückgabe der Provinzen und Gebiete, die früher den Alliierten
durch Gewalt oder gegen den Willen der Bevölkerung entrissen worden
sind, die Befreiung der Italiener, Slawen, Rumänen, Tschechen und
Slowaken von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Bevölkerungen, die
der blutigen Tyrannei der Türken unterworfen sind, und die Entfernung
des Osmanischen Reiches aus Europa, weil es zweifellos der westlichen
Zivilisation fremd ist.« Die Note fügte hinzu, es sei selbstverständlich
niemals die Absicht der alliierten Regierungen gewesen, die »Vernichtung
der deutschen Völker und ihr politisches Verschwinden« anzustreben; sie
wollten nur die Sicherung des Friedens auf der Grundlage der Freiheit,
der Gerechtigkeit und der unverletzlichen Treue, welche die Regierung
der Vereinigten Staaten stets beseelt habe.

Eine besondere Verschärfung erfuhr die Ablehnung irgendwelcher
Friedensgespräche mit den Zentralmächten durch die Verwahrung gegen eine
Gleichstellung mit diesen. »Mit Genugtuung,« so hieß es in der Note,
»nehmen die Alliierten zur Kenntnis, daß die amerikanische Mitteilung in
keinem Zusammenhang steht mit dem Schritt der Mittelmächte; sie zweifeln
nicht an dem Entschluß der amerikanischen Regierung, selbst den blassen
Anschein einer auch nur moralischen Unterstützung der verantwortlichen
Urheber des Krieges zu vermeiden. Die Alliierten Regierungen halten
es für ihre Pflicht, sich in der freundschaftlichsten aber klarsten
Weise gegen eine Gleichstellung auszusprechen, welche auf öffentlichen
Erklärungen der Mittelmächte beruht und in direktem Widerspruch zur
offenkundigen Sachlage steht, sowohl bezüglich der Verantwortlichkeiten
in der Vergangenheit wie betreffs der Bürgschaften für die Zukunft.
Präsident Wilson hat durch ihre Erwähnung gewiß nicht beabsichtigt,
sich ihnen anzuschließen.«

Schallender konnte die Friedenstür nicht zugeworfen werden. Wenn sich
die Alliierten bei Herrn Wilson verbaten, von ihm mit den Mittelmächten
auf gleichem Fuß behandelt zu werden, so war das eine in ihrer Schärfe
kaum zu übertreffende Zurückweisung aller guten Dienste, die ein Dritter
zur Herbeiführung einer Verständigung zwischen den beiden kriegführenden
Gruppen überhaupt anbieten konnte.

Sachlich bedeuteten die von den Ententeregierungen kurz umrissenen
Friedensbedingungen nichts anderes als die völlige Zertrümmerung der
Türkei, die völlige Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie,
die Verstümmelung und Erniedrigung Deutschlands. Die Alliierten hatten
recht, wenn sie feststellten, daß es unmöglich sei, einen diesen
Wünschen entsprechenden Frieden jetzt schon zu erzielen; denn nur von
einem völlig niedergeworfenen Gegner konnten sie annehmen, daß er solche
Bedingungen auch nur einen Augenblick zur Diskussion stellen lassen
würde.

Der Fall lag also klar: Die Mittelmächte waren bereit, über einen
Frieden zu sprechen, der ihr Verteidigungsziel erfüllte und Ehre, Dasein
und Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sicherte; die Entente lehnte eine
Verhandlung auf dieser Grundlage mit der offenen Begründung ab, daß sie
auf der Zertrümmerung, Verstümmelung und Erniedrigung der Mittelmächte
bestehe, ein »Friedensziel«, für das auch nach ihrer Auffassung die
Mittelmächte noch nicht reif waren.

Wie Herr Wilson sich zu dieser Antwort stellte, werden wir später sehen.


                    Der uneingeschränkte U-Bootkrieg

Die deutsche Note vom 4. Mai 1916 hatte den U-Bootkrieg auf den
Kreuzerkrieg zurückgeführt und dadurch den Frieden mit Amerika erhalten.
Damit war die äußerste Erschwerung vermieden worden für eine Zeit,
die uns erst den gewaltigen Stoß der Russenoffensive in Wolhynien und
Galizien und die erfolgreiche Erneuerung der italienischen Offensive am
Isonzo, dann die an Einsatz und Dauer alles übertreffenden Angriffe der
Franzosen und Engländer an der Somme und schließlich den rumänischen
Überfall brachte.

Wir hatten uns Amerika gegenüber für die Führung des U-Bootkrieges
freie Hand vorbehalten für den Fall, daß unsere Erwartung, es möchte
der Regierung der Vereinigten Staaten gelingen, die Beobachtung
der völkerrechtlichen Normen der Seekriegführung auch bei England
durchzusetzen, sich nicht erfüllen sollte.

Die Erwartung erfüllte sich nicht. Von irgendwelchen ernstlichen
Versuchen der amerikanischen Regierung, England und die übrigen
Ententemächte zur Aufgabe ihrer völkerrechtswidrigen Handels- und
Hungerblockade zu veranlassen, ist in der Folgezeit nichts bekannt
geworden.

Die Propaganda zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges war
unter dem Eindruck der unmittelbaren Gefahr des Bruches mit Amerika
vorübergehend abgeflaut. Im Laufe des Sommers kam sie neu in Gang. Auch
die Marine begann, die Frage des U-Bootkrieges wieder aufzunehmen, zumal
da der gewaltige Einsatz von Material in der Sommeschlacht die Erwägung
nahelegte, ob nicht unseren Feinden die Zuführung dieses Materials durch
eine wirksamere Gestaltung des U-Bootkrieges einigermaßen verknappt
werden könnte. Auch von dem Admiral von Capelle, der im Frühjahr noch
mit aller Entschiedenheit die Meinung vertreten hatte, daß die auf den
unbeschränkten U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen seiner Befürworter
übertrieben seien und daß angesichts des zweifelhaften Erfolges die
politischen Bedenken den Ausschlag geben müßten, hatte ich den Eindruck,
daß er mehr und mehr auf den Standpunkt kam, wenn jetzt die Oberste
Heeresleitung den unbeschränkten U-Bootkrieg zur Entlastung der schwer
kämpfenden Westfront verlange, dann werde die Marine ihre Hilfe nicht
verweigern können, auch wenn man diese Hilfe bescheiden veranschlage.

Inzwischen war der U-Boothandelskrieg um England herum gänzlich oder
fast gänzlich eingestellt worden, während er im Mittelländischen Meer
mit leidlichem Erfolg in den Formen des Kreuzerkrieges fortgesetzt
wurde. Die Versenkungen gingen nach den Angaben des Admiralstabs von
225000 Tonnen im Monat April 1916 auf 101000 Tonnen im Juni 1916 zurück.

Gegen Ende August 1916 nahm der Chef des Admiralstabs die U-Bootfrage
offiziell wieder auf. Er teilte dem Reichskanzler mit, daß er nach
genauer Prüfung der Verhältnisse die Überzeugung gewonnen habe, daß
jetzt der Zeitpunkt für die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkriegs
gekommen sei, und beantragte eine alsbaldige Beratung der Angelegenheit.

Diese Beratung fand am 31. August 1916 im Großen Hauptquartier zu Pleß
statt. Es nahmen an ihr teil der Reichskanzler, der neuernannte Chef des
Generalstabs Generalfeldmarschall von Hindenburg, General Ludendorff,
der Chef des Admiralstabs Admiral von Holtzendorff, Admiral von Koch,
der Kriegsminister General Wild von Hohenborn, der Staatssekretär des
Auswärtigen Amts von Jagow und ich als Staatssekretär des Innern und
Stellvertreter des Reichskanzlers. Die gesamte politische, militärische
und wirtschaftliche Lage wurde auf das genaueste durchgesprochen,
ebenso die technischen Möglichkeiten und die militärischen und
wirtschaftlichen Wirkungen des U-Bootkrieges. Die Lage wurde in erster
Linie beherrscht durch die rumänische Kriegserklärung und den Einmarsch
starker rumänischer Truppen nach Siebenbürgen. Alle Truppen, die wir
irgendwo verfügbar machen konnten, mußten gegen Rumänien geworfen
werden. Gegenüber Eventualitäten, wie sie ein Bruch mit Amerika und
ein starker kombinierter Druck der Entente und der Vereinigten Staaten
auf die uns benachbarten Neutralen hervorrufen konnten, war nichts
vorgekehrt und konnte in der nächsten Zeit nichts vorgekehrt werden.
Unter diesen Umständen sprachen sich die Generale von Hindenburg und
Ludendorff dahin aus, daß bis zur Erledigung der rumänischen Gefahr
die Oberste Heeresleitung eine Verantwortung für die Einleitung des
uneingeschränkten U-Bootkrieges nicht übernehmen könne.

Der Verlauf der Beratung ließ keinen Zweifel daran bestehen, daß die
beiden Generale an sich dem uneingeschränkten U-Bootkrieg zuneigten.
Es war zu erwarten, daß sie auf die Frage zurückkommen würden, sobald
dies der Verlauf der militärischen Operationen in Rumänien gestattete.
Die öffentliche Meinung war durch die unausgesetzte Bearbeitung seitens
der Befürworter des uneingeschränkten U-Bootkrieges immer mehr für die
Überzeugung gewonnen worden, daß wir mit den U-Booten eine Waffe in der
Hand hätten, die uns bei richtiger Anwendung gestatte, binnen weniger
Monate England auf die Knie zu zwingen und damit allen den Opfern und
Leiden des Krieges ein Ende zu machen. Auch in den Reichstagsparteien,
die bisher in der U-Bootfrage Zurückhaltung gezeigt hatten, so im
Zentrum und bei den Freisinnigen, blieb die U-Bootkrieg-Propaganda
nicht ohne Wirkung.

Dies zeigte sich, als Anfang Oktober 1916 der Hauptausschuß des
Reichstages sich erneut mit der U-Bootfrage befaßte.

Die Stimmung des Ausschusses war gegenüber dem Monat März, in dem
die letzte U-Bootdiskussion stattgefunden hatte, merkbar verändert.
Zudem glaubte der Ausschuß aus der Rede, mit der Herr von Bethmann
die Erörterung einleitete, und noch mehr aus der Rede des Admirals
von Capelle, die auf die Kanzlerrede folgte, eine Verminderung des
Widerstandes gegen den uneingeschränkten U-Bootkrieg herauslesen zu
können. Auch wirkten auf die Urteilsbildung der Abgeordneten einige
sachliche Momente stark ein, die zweifellos die Aussichten eines
Erfolges des uneingeschränkten U-Bootkrieges verbessert hatten, so die
wesentliche Vermehrung der Anzahl und die erhebliche Verbesserung der
Leistungsfähigkeit der U-Boote seit Jahresbeginn, ferner die Bedrohung
der Versorgung Englands mit Brotgetreide durch eine mäßige Ernte im
eigenen Lande und eine maßlos schlechte Ernte in den Vereinigten Staaten
und Kanada. Dazu kam die wachsende Erbitterung gegen die Vereinigten
Staaten, die unsere Gegner in immer größerem Umfang mit Kriegsmaterial
unterstützten, ja ihnen dadurch die Sommeschlacht in ihren ungeheuren
Abmessungen überhaupt erst möglich machten, und die, nachdem wir uns
ihrem Druck in der U-Bootfrage gefügt hatten, augenscheinlich keinen
Finger rührten, um England, das seinen Hungerkrieg gegen uns und die
uns benachbarten Neutralen immer mehr verschärfte, auf den Boden des
Völkerrechts zurückzuführen. Ich hatte einen schweren Stand, gegenüber
der hierdurch erzeugten Stimmung für Besonnenheit und Erwägung der uns
aus einem Übergang zum uneingeschränkten U-Bootkrieg drohenden Gefahren
einzutreten.

In meinen Erwiderungen auf Ausführungen aus der Mitte der Kommission
bemühte ich mich, die Sachlage mit aller Ruhe und Objektivität
darzustellen. Ich gab ohne weiteres zu, daß durch die Gestaltung der
Welternte des Jahres 1916 die Möglichkeit gewachsen sei, Englands
Ernährung durch den U-Bootkrieg zu erschweren, vielleicht sogar zu
gefährden. Englands eigene Ernte an Brotgetreide hatte im Jahre 1916
nur 6 Millionen Quarters, gegen 8,7 Millionen Quarters im Vorjahre
ergeben. Die Weizenernte der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde für
1916 auf nur 21-1/2 Millionen Tonnen geschätzt gegen 37-1/2 Millionen
Tonnen im Vorjahre. Dabei hatte England im abgelaufenen Erntejahre aus
diesen beiden zunächst gelegenen Gebieten nicht weniger als 88% seines
Einfuhrbedarfs gedeckt. Ein Zurückgreifen auf Argentinien oder gar auf
Indien und Australien war angesichts des fühlbaren Mangels an Frachtraum
außerordentlich erschwert; denn der Frachtweg aus diesen Gebieten
nach England war zwei- bis dreimal so lang wie der Frachtweg aus
Nordamerika, die Heranführung derselben Getreidemenge erforderte also
den zwei- bis dreifachen Schiffsraum. Die sichtbaren Getreidevorräte
Englands waren in der zweiten Septemberhälfte 1916, nach Einbringung
der englischen Ernte, zum erstenmal niedriger als zur gleichen Zeit des
Vorjahres; sie betrugen 8,6 gegen 10,6 Millionen Quarters, während sie
sich zu Anfang Mai 1916 um 1,8 Millionen Quarters höher gestellt hatten
als Anfang Mai 1915.

Aber ich konnte nicht umhin, diesem für den Erfolg des uneingeschränkten
U-Bootkrieges günstiger gewordenen Moment gewichtige Zweifel
entgegenzustellen.

Schon auf dem Gebiet der Brotgetreideversorgung Englands durften
die großen amerikanischen Bestände aus der vorjährigen Ernte nicht
vernachlässigt werden. Ob es möglich sein würde, die Zufuhren aus
diesen Beständen und der allerdings knappen neuen Ernte im Wege des
uneingeschränkten U-Bootkrieges so weit zu verringern, daß sie zur
Ergänzung des in England liegenden, für mindestens 4-1/2 Monate
genügenden Bestandes nicht ausreichen würden, war zum mindesten eine
offene Frage.

Ebenso mußte ich den Berechnungen entgegentreten, die beweisen sollten,
daß eine monatliche Versenkung von 600000 Tonnen Handelsschiffsraum
genügen werde, um England innerhalb einer bestimmten Zeit -- es
wurde von 6 bis 8 Monaten gesprochen -- auf die Knie zu zwingen oder
wenigstens mürbe zu machen. Ich stellte fest, daß die britische
Handelsflotte (ohne diejenige der Dominions und Besitzungen) nach den
letzten Ausweisen im Juni 1916 noch 18825000 Bruttotonnen stark war.
Ich gab zu, daß davon etwa 7 Millionen für militärische Zwecke in
Anspruch genommen seien und daß die für den privaten Handelsverkehr
verbleibenden rund 12 Millionen im Laufe von 6 bis 8 Monaten durch den
uneingeschränkten U-Bootkrieg auf 8 Millionen Tonnen verringert werden
könnten. Aber ich gab zu bedenken, daß die britische Handelsflotte
vor dem Kriege fast die Hälfte der gesamten Handelsflotte der Welt
ausgemacht hatte, daß sie nicht nur für England, sondern für die halbe
Welt die Seefrachten besorgt hatte, daß Deutschlands Handelsflotte, nach
England die größte der Welt, vor dem Kriege gerade erst über 5 Millionen
Bruttotonnen hinausgewachsen war und daß wir mit diesen 5 Millionen
Tonnen über unsere eigene Versorgung hinaus uns gleichfalls einen
ansehnlichen Anteil am internationalen Frachtverkehr hatten sichern
können. Dazu kam für England die Möglichkeit, im Notfall auf den für
militärische Zwecke in Anspruch genommenen Frachtraum zurückzugreifen.
Ich zog daraus die Folgerung: »Niemand in der ganzen Welt wird mit
Sicherheit behaupten können, England werde nach sechs oder acht Monaten
wegen Frachtraummangels nicht mehr in der Lage sein, weiterzukämpfen.«

Ferner warnte ich davor, die britische Zähigkeit, die Möglichkeit für
die Engländer, sich in ähnlicher Weise einzuschränken, wie wir es
hatten tun müssen, schließlich die britische Fähigkeit, zu organisieren,
allzu niedrig einzuschätzen.

Vor allem aber hob ich die Gefahren eines Bruches und Krieges mit den
Vereinigten Staaten hervor. Aus der Mitte des Ausschusses wurde die
Ansicht geäußert, daß Amerika wegen des U-Bootkrieges nicht mit uns
brechen oder jedenfalls nicht Krieg mit uns machen werde. Demgegenüber
führte ich aus: »Ich habe im Laufe der Zeit von allen den Leuten, die
aus Amerika herübergekommen sind und die ich gesehen habe, nie eine
andere Ansicht gehört als die: Wenn ihr den rücksichtslosen U-Bootkrieg
anfangt, dann habt ihr den Bruch und den Krieg mit Amerika.«

Den immer wieder hervortretenden Zweifeln, ob Amerika, wenn es uns den
Krieg erkläre, der Entente erheblich mehr nutzen und uns erheblich mehr
schaden könne wie jetzt schon im Zustand der sogenannten Neutralität,
konnte ich nicht beitreten. Ich legte dar, daß die finanzielle Hilfe,
die von den Amerikanern den Ententemächten bisher nur in verhältnismäßig
engen Grenzen und zu recht schweren Bedingungen gewährt worden war,
ohne weiteres einer ganz erheblichen Steigerung fähig sei; daß ferner
die amerikanische Stahlproduktion, die mit 40 Millionen Tonnen jährlich
fast dreimal so groß war wie die unserige, den Amerikanern im Falle
ihres Eintritts in den Krieg eine gewaltige Steigerung ihrer Erzeugung
von Kriegsgerät und Material ermögliche; daß schließlich die Gefahr
der Unterstützung der Entente durch Truppensendungen kein Hirngespinst
sei. »Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben,« so führte
ich aus, »liegen doch zum großen Teil darin, daß die andern die große
Überlegenheit an Menschenmaterial haben. Glauben Sie unsere Position
dadurch zu verbessern, wenn Sie ein kultiviertes Land mit einer
starken, kräftigen Rasse, mit mehr als 100 Millionen Einwohnern auf
die andere Seite werfen?« Auch die Hoffnung, daß es unsern U-Booten
gelingen werde, Munitions- und Mannschaftstransporte von Amerika nach
dem westlichen Kriegsschauplatz zu verhindern, konnte ich nicht ohne
Widerspruch lassen, obwohl ich wußte, daß diese Hoffnung von maßgebenden
Persönlichkeiten in der Marine geteilt wurde. »Mein Optimismus geht
jedenfalls nicht so weit, zu bezweifeln, daß Amerika im Kriegsfall
beträchtliche Mengen von Truppen herüberschaffen kann, auch angenommen,
daß wir manchen Transportdampfer versenken. In Saloniki sollen noch
400000 Mann und mehr stehen. Diese ganze Armee ist antransportiert
worden und erhält ihren Nachschub an Ersatz, Munition und Proviant,
trotzdem unsere U-Boote ihre Tätigkeit im Mittelmeer ausüben. Die
Truppentransportdampfer sind eben auf ihrer Fahrt viel besser gesichert
als andere Dampfer.«

Auch die Wirkungen eines Krieges mit Amerika auf unsern späteren
Wiederaufbau bat ich zu berücksichtigen. Die Wiederherstellung unserer
Außenbeziehungen nach dem Krieg sei viel schwerer, als die meisten es
sich denken. »Wenn aber die Neutralität überhaupt aufgehört hat, dann
kann dasjenige, was heute die Entente träumt, Wirklichkeit werden,
nämlich der Wirtschaftskrieg nach dem Krieg; dann mögen wir noch für
Jahre der boykottierte Hund sein, dem kein Mensch auf der ganzen Welt
ein Stück Brot gibt.«

Vor allem aber müßten wir uns eines vor Augen halten: »Wenn die Karte
des rücksichtslosen U-Bootkriegs ausgespielt wird und sie sticht nicht,
dann sind wir verloren, dann sind wir auf Jahrhunderte hinaus verloren.«

Meine Ausführungen machten wohl einigen Eindruck, vermochten aber nicht,
einen entscheidenden Erfolg zu erzielen. Ich hatte Veranlassung, in der
Diskussion mehrfach auf meine Bedenken zurückzukommen und den eifrigen
Verfechtern des uneingeschränkten U-Bootkriegs zu sagen: »Wir wollen
doch klar sehen, wir wollen doch genau wissen, wie die Dinge liegen;
und sollte der U-Bootkrieg gemacht werden, so soll niemand da sein, der
nachher, wenn die Sache etwa schief geht, sagen kann: Ja, wenn man dies
und jenes uns gesagt hätte, wenn diejenigen, die an verantwortlicher
Stelle stehen, auf dies und jenes hingewiesen hätten.«

Der Kanzler konnte sich darauf berufen, er befinde sich in der
Beurteilung der Sachlage in Übereinstimmung mit der Obersten
Heeresleitung. Diesem Umstand war es mehr als allen Gründen zu
verdanken, daß im Hauptausschuß ein ausdrücklicher Mehrheitsbeschluß
zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges verhindert werden konnte.
Aber wenn auch kein förmlicher Beschluß zustande kam, so konnte doch der
Verlauf der Debatte keine Zweifel daran lassen, wie die Mehrheit der
Kommission zu dem U-Bootkrieg stand. Vor allem fiel ins Gewicht, daß die
Zentrumsfraktion, die bisher in ihrer großen Mehrheit den Kanzler in
seiner Stellungnahme zum U-Bootkrieg gedeckt hatte, folgende Erklärung
am 7. Oktober 1916 zu den Akten des Hauptausschusses gab:

»Namens =sämtlicher=[5] Fraktionsmitglieder der Zentrumsfraktion im
Ausschuß für den Reichshaushalt ist folgende Erklärung abgegeben worden:

»Für die politische Entscheidung über die Kriegführung ist dem Reichstag
gegenüber der Reichskanzler allein verantwortlich. Die Entscheidung des
Reichskanzlers wird sich dabei wesentlich auf die Entschließung der
Obersten Heeresleitung zu stützen haben. Fällt die Entscheidung für
die Führung des rücksichtslosen Unterseebootkrieges aus, so darf der
Reichskanzler des Einverständnisses des Reichstags sicher sein.«

  [5] Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.

Diese Erklärung der bei den Parteiverhältnissen des Reichstags
ausschlaggebenden Fraktion war nicht nur eine Blankovollmacht, sondern
geradezu eine Aufforderung an den Reichskanzler, in der U-Bootfrage
den Entschließungen der Obersten Heeresleitung zu folgen. Die Oberste
Heeresleitung, der natürlich der Gang der Verhandlungen im Hauptausschuß
und die Zentrumserklärung nicht verborgen blieben, wußte nunmehr, daß
der Reichskanzler, wenn er einem Verlangen der Obersten Heeresleitung
nach Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges künftighin sich
widersetzen sollte, nicht mehr auf die Deckung durch den Reichstag würde
rechnen können.

In der für die weitere Entwicklung des Krieges entscheidenden Frage war
damit die Stellung des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik
gegenüber der Obersten Heeresleitung in einer geradezu verhängnisvollen
Weise geschwächt.

Jeder Krieg birgt den Keim von Konflikten zwischen der militärischen
Gewalt und der politischen Leitung in sich. Der Krieg als »Mittel
der Politik« ist ein gewaltsames und herrschsüchtiges Mittel, das,
einmal in Wirkung gesetzt, eigenen Gesetzen zu folgen sucht. Es
bedarf einer starken Willenskraft und einer starken Autorität der
politischen Leitung, um Herr über den ungebärdigen Diener zu bleiben
und zu verhindern, daß das Mittel den Platz des Zweckes usurpiert.
Wenn die Gefahr solcher Konflikte in irgendeinem Lande besonders groß
war, dann in Deutschland. Eine eiserne militärische Erziehung hatte
unser Volk aus Zerrissenheit, Ohnmacht und Elend zu Einheit, Macht und
Wohlstand emporgeführt, hatte unser Land, das Jahrhunderte hindurch
das Schlachtfeld fremder Völker gewesen war, befreit und gesichert,
hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen unser Volk in friedlicher
Arbeit sich ein wohnliches Haus bauen konnte. Die Leidensgeschichte von
Jahrhunderten war es, die unserm Volk die Achtung vor der militärischen
Macht und ihren Vertretern anerzogen hatte. Mehr noch als unser Volk
stand die Hohenzollerndynastie, deren Oberhaupt uns die Reichseinheit
verkörperte, auf der militärischen Tradition. Auch ein an sich durchaus
friedlich gerichteter Charakter wie Wilhelm II. war in den großen
militärischen Überlieferungen seines Hauses befangen; ja man kann sagen,
je weniger er innerlich Krieger und Feldherr war, desto stärker stand er
unter dem Bann derjenigen, die Soldatengeist und Feldherrntum kraftvoll
verkörperten.

Die schweren Konflikte, die ein Bismarck, trotz seiner überragenden
Persönlichkeit und seiner bei König und Volk fest begründeten Autorität,
im Deutsch-Französischen Krieg mit den militärischen Gewalthabern
durchzukämpfen hatte, sind bekannt. Dabei dauerte dieser Krieg knapp
neun Monate. In dem von Jahr zu Jahr sich hinziehenden Weltkrieg
verfügten wir über keinen Staatsmann, dessen Autorität auf dem festen
Fundament politischer Großtaten begründet war und dessen Persönlichkeit
auf Volk und Kaiser eine bismarckische Wirkung auszuüben vermochte.
Dagegen erstrahlte seit der Tannenberger Schlacht das militärische
Doppelgestirn Hindenburg und Ludendorff in vollstem Glanz. Das deutsche
Volk ist, trotz all des Schrecklichen, das wir jetzt erleben, im
Grunde seines Wesens autoritätsbedürftig. Seine ganze Hingabe und seine
ganze Hoffnung setzte es auf die beiden Generale, die gleich zu Anfang
des Krieges in einer Waffentat ohnegleichen das ostpreußische Land
von den russischen Horden befreit hatten und die im weiteren Gang des
Krieges mehr als alle andern Feldherrn durch ihre gewaltigen Schläge
die Begeisterung des deutschen Volkes an sich fesselten. Dazu kam der
Eindruck der menschlich großen Persönlichkeit des Feldmarschalls und
der eisernen Willenskraft wie des lodernden Temperaments des Generals
Ludendorff. Als der Kaiser Hindenburg den »Heros des deutschen Volkes«
nannte, da sprach er aus aller Herzen und vor allem aus seinem eigenen.
Gegen Ludendorff hatte er eine gefühlsmäßige Abneigung, aus der heraus
er sich ursprünglich gegen die Berufung der beiden an die Spitze der
Obersten Heeresleitung sträubte. Auch späterhin ist er mit Ludendorff
nie warm geworden, ja er hat mitunter bei vertraulichen Unterhaltungen
in heftiger Aufwallung seinem Unmut über Ludendorff Luft gemacht; aber
gleichwohl stand er im Banne von Ludendorffs Willensstärke, und vor
allem unterwarf er sich der Überzeugung, daß Hindenburg und Ludendorff,
die untrennbar waren, in der Leitung der militärischen Operationen
unersetzlich seien.

Es war eine Wirkung und gleichzeitig eine Verstärkung des Übergewichts
der Heeresleitung über die politische Leitung, wenn jetzt die stärkste
Fraktion des Reichstags eine Erklärung abgab, die unzweideutig die
Entscheidung über die Schicksalsfrage des U-Bootkriegs in die Hände von
Hindenburg und Ludendorff legte.

Wer Ludendorffs Persönlichkeit kannte, der mußte wissen, daß die
Forderung der Obersten Heeresleitung auf Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkriegs nicht lange auf sich warten lassen würde. Und dann wurde,
das stand jetzt, wo der Kanzler auch des parlamentarischen Rückhaltes
beraubt war, für jeden Kenner der Persönlichkeiten und Verhältnisse so
gut wie unumstößlich fest, der U-Bootkrieg gemacht. Nichts war mehr
stark genug, dies zu verhindern. Der ganze Ingrimm darüber, daß wir
seit mehr als zwei Jahren ohne Gegenwehr den schändlichen Hungerkrieg
Englands über uns hatten ergehen lassen müssen, während wir nach den
Erklärungen der höchsten Marine-Autoritäten über ein sicheres Mittel
verfügten, den Hungerkrieg zu brechen, auf einen Schelmen anderthalb
zu setzen und dem Kriegsjammer in kurzer Zeit ein Ende zu machen --
der ganze Ingrimm darüber, daß Amerika uns den Gebrauch dieser Waffe
verwehrte, während es den Hungerkrieg des Feindes gewähren ließ und
die Ententearmeen zu ihren furchtbaren Offensiven mit Kriegsgerät und
Munition ausstattete -- dieser Ingrimm war nicht mehr zu bändigen und
zu halten in dem Augenblick, wo Hindenburg und Ludendorff den von der
Reichstagsmehrheit im voraus gebilligten uneingeschränkten U-Bootkrieg
vom Kanzler verlangten.

Es gab nur einen Ausweg, und das war die Herbeiführung von
Friedensverhandlungen; ein Ausweg, den auch -- wie oben dargestellt --
in jener Zeit die Entwicklung der gesamten Kriegslage nahelegte und für
den es gelang, sowohl die Oberste Heeresleitung wie vor allem auch den
Kaiser zu gewinnen.

In der Zwischenzeit konnten die Wirkungen des U-Bootkriegs auch
innerhalb der in den Formen des Kreuzerkriegs gegebenen Beschränkung
wesentlich gesteigert werden. Der Admiralstab hatte -- wie oben
erwähnt -- nach dem Abschluß der Verhandlungen mit Amerika über den
Sussex-Fall den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den britischen
Gewässern gänzlich eingestellt und die U-Boote in der Nordsee nur noch
zu rein militärischen Zwecken verwendet. Im Oktober 1916 entschloß
sich der Admiralstab trotz der Erschwerungen, die der Kreuzerkrieg für
U-Boote gerade in den britischen Gewässern wegen der vervollkommneten
Abwehrmaßnahmen bot, auch dort den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe
in den Formen des Kreuzerkrieges wieder aufzunehmen. Der Erfolg war
ansehnlich. Die im U-Bootkrieg versenkte Tonnage stieg von 101000 Tonnen
im Juni und 103000 Tonnen im Juli auf 394000 im Oktober und 416000 im
Dezember 1916.

Aber der Admiralstab ließ sich mit diesen Erfolgen nicht genügen.

Zunächst drängte er darauf, daß der »verschärfte U-Bootkrieg«, d. i.
der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen die bewaffneten feindlichen
Handelsschiffe wieder aufgenommen werde. Er wußte für diesen Gedanken
auch die Oberste Heeresleitung zu gewinnen, die mit ihrer Forderung
dringend wurde, nachdem die leitenden Staatsmänner der Entente sich in
ihren unmittelbar auf unsern Friedensvorschlag folgenden Reden scharf
ablehnend ausgesprochen hatten. Eine amtliche Antwort der Ententemächte
auf unsern Vorschlag lag noch nicht vor; der Friedensschritt des
Präsidenten Wilson war gerade erst erfolgt. Die elementarste politische
Klugheit gebot, einstweilen noch stillzuhalten, auch wenn man sich nach
den Reden der feindlichen Staatsmänner damit abfinden mußte, daß es
nicht zu Friedensverhandlungen kommen werde.

Am Abend des 28. Dezember 1916 reiste der Kanzler mit dem Staatssekretär
Zimmermann und mir nach dem Großen Hauptquartier. Wir besprachen auf der
Fahrt die U-Bootfrage. Die Oberste Heeresleitung hatte die sofortige
Absendung einer Note an die Vereinigten Staaten über die Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs gegen die bewaffneten Handelsschiffe
ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Friedensaktionen verlangt. Nun
stellte sich auch Zimmermann auf den Standpunkt, daß ein solcher Schritt
nicht länger verschoben werden dürfe; er schlug vor, höchstens bis
zum 2. Januar 1917 zu warten. Ich setzte mich auf das entschiedenste
zur Wehr. Die Wirkung des vorgeschlagenen Schrittes auf Amerika mußte
nach allem, was vorangegangen war, dieselbe sein, wie diejenige einer
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges überhaupt. Wir zerschlugen
mit eigenen Händen den letzten Rest einer Aussicht unserer eigenen
und der Wilsonschen Friedensaktion; wir setzten uns darüber hinaus
dem Verdacht aus, daß es uns mit unserm Friedensvorschlage gar nicht
ernst gewesen sei und daß wir einen Erfolg des Wilsonschen Schrittes
verhindern wollten, wenn wir jetzt, ohne eine Antwort abzuwarten und die
Friedensaktion sich auswirken zu lassen, eine Maßnahme ergriffen, von
der wir uns sagen mußten, daß sie jede Friedensmöglichkeit vernichten
und gerade unter diesen Begleitumständen mit Sicherheit nicht nur den
Bruch, sondern den Krieg mit Amerika herbeiführen mußte. Der Kanzler
stimmte mir bei, und auch Zimmermann schien überzeugt.

In Pleß fanden wir bei dem Feldmarschall und dem General Ludendorff
-- der Kaiser war nicht anwesend -- einen Empfang, der mit dem Worte
»eiskalt« noch milde bezeichnet ist. Die Differenzen der letzten Zeit --
was mich betrifft vor allem über die Behandlung des Hilfsdienstgesetzes
-- hatten offenbar eine starke Verstimmung hinterlassen. In der Sache
erkannten die beiden Generale unsern Standpunkt in der Frage der
bewaffneten Handelsschiffe nach kurzer Erörterung als berechtigt an.
Ich hatte den Eindruck, daß sie auf dieses Zwischenstadium keinen allzu
großen Wert legten, daß es ihnen vielmehr auf die baldige Eröffnung
des uneingeschränkten U-Bootkrieges ankomme. In dieser Frage erklärte
der Kanzler, seine Haltung von der endgültigen Stellungnahme der
Entente zu dem Friedensschritt der Mittelmächte und Wilsons sowie von
der weiteren Entwicklung der Gesamtlage abhängig machen zu müssen. Er
könne sich jetzt noch nicht festlegen. Die Sache werde im gegebenen
Moment zu prüfen sein, und wenn dann eine Übereinstimmung zwischen der
Obersten Heeresleitung und ihm nicht zu erzielen sei, werde der Kaiser
zu entscheiden haben. Materiell wurde diese Frage nicht eingehend
behandelt. Ich begnügte mich auszuführen, daß der uneingeschränkte
U-Bootkrieg sicherlich England erheblich schädigen werde, daß aber
niemand mit Sicherheit behaupten könne, daß England innerhalb einer
bestimmten Zeit zum Frieden gezwungen werde; trotz der schlechten
Welternte bleibe das Risiko für uns enorm.

Wenige Tage nach unsrer Rückkehr nach Berlin traf die Antwort der
Entente auf unsern Friedensvorschlag ein. Der Kanzler hatte das
berechtigte Gefühl, daß diese Antwort trotz aller ihrer Schroffheit eine
vorsichtige Behandlung erfordere. Wenn schon unsere Bemühungen um den
Frieden scheiterten, so mußte wenigstens vor aller Welt klargestellt
werden, daß die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges
ausschließlich auf die Entente falle. Ich habe Grund zur Annahme, daß
der neue österreichisch-ungarische Minister Graf Czernin, der kurz zuvor
Herrn von Burian ersetzt hatte und der am 8. Januar gleichzeitig mit
dem Staatssekretär Zimmermann im Großen Hauptquartier weilte, derselben
Ansicht war. Zu einer vorsichtigen Behandlung mahnte, abgesehen von
allen andern gewichtigen Gründen, auch die Haltung Bulgariens, das
sich wegen einer Differenz mit unserer Obersten Heeresleitung über
die Dobrudscha verstimmt zeigte und dessen Ministerpräsident sich
beeilt hatte, auf die Antwort der Entente in der Sobranje zu erklären,
Bulgariens Ansprüche seien bescheiden und würden von der Entente -- die
Bulgarien in ihrer Antwort nicht erwähnt hatte -- als legitim anerkannt.

In dieser schwierigen und aufs äußerste gespannten Lage fand am
Abend des 6. Januar 1917 im Hotel Adlon das später vielbesprochene
Festmahl der amerikanischen Handelskammer zu Berlin zu Ehren des aus
den Vereinigten Staaten zurückgekehrten Botschafters Gerard statt.
Das Festmahl war seit längerer Zeit angesagt, und der Staatssekretär
Zimmermann hatte es übernommen, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache
zu halten. Da jedoch Graf Czernin mit Zimmermann am Morgen des
6. Januar aus dem Großen Hauptquartier nach Berlin gekommen war
und Zimmermann denselben Abend mit dem Grafen Czernin bei dem
österreichisch-ungarischen Botschafter zubringen mußte, ersuchte mich
der Reichskanzler, an Stelle Zimmermanns bei der Begrüßungsfeier der
amerikanischen Handelskammer zu sprechen. Ich entledigte mich dieser
Aufgabe in einer mit dem Reichskanzler und Zimmermann vereinbarten
Ansprache, in der ich nach einigen höflichen Wendungen für die
Bemühungen des Botschafters, mit dem Studium der deutschen Sprache
auch in den Geist des deutschen Wesens einzudringen, die meist seit
langen Jahren in Deutschland ansässigen Mitglieder der amerikanischen
Handelskammer als Zeugen dafür anrief, »daß unser einziger Ehrgeiz
war, im friedlichen Wettbewerb der Völker durch Arbeit und Tüchtigkeit
uns emporzuringen, durch Hebung unseres geistigen, sittlichen und
wirtschaftlichen Standes uns unsern Platz in der Welt zu gewinnen und zu
behaupten«. Nach einigen Worten über den »Militarismus« Deutschlands und
seiner Feinde fuhr ich fort:

»Ich hätte noch manches hinzuzufügen, was Ihr und unser Herz bewegt.
Aber als Gast an einem neutralen Tische will ich nicht über Dinge reden,
die die Welt entzweien. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wollte
ich Ihrer Neutralität zu nahe treten, als wollte ich bei Ihnen für
unsere Sache werben. Sie wissen, wir verlangen von den Neutralen nichts,
keine Hilfe, keine Begünstigung, nichts als Neutralität. Freilich eine
Neutralität, die beide Parteien mit gleichem Maße mißt, beiden Parteien
in gleichem Maße Achtung erweist angesichts eines Völkerringens auf
Leben und Tod, wie es die Welt noch nicht gesehen. Als Kaufleute, die
seit langen Jahren unter uns leben, haben Sie Verständnis für unsere
Sinnesart und unsere Lebensnotwendigkeiten. Sie bilden für dieses
Verständnis eine Brücke über den Ozean. Ich bin überzeugt, daß diese
Brücke von Nutzen sein wird jetzt bei der Fortdauer des Krieges, wie
sie durch die Zurückweisung der vorgeschlagenen Friedensverhandlungen
notwendig wird, und auch späterhin, wenn es gilt, die Fäden des
geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen unsern Ländern wieder
aufzunehmen und fortzuspinnen.«

Ich schloß mit dem Wunsche, daß die friedlichen Schiffe des Kaufmannes
bald wieder zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten das jetzt
gefesselte, künftighin freie Meer befahren möchten zum Wohle der beiden
Länder und Völker.

Auf diese jedenfalls nicht überschwengliche Begrüßung, die einen ernsten
Hinweis auf die dunkle Wolke enthielt, die seit langer Zeit über dem
Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika lag, antwortete Herr Gerard
in einem auffallend herzlichen und freundschaftlichen Tone. Seine
Ansprache gipfelte in der Versicherung, daß die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und Deutschland niemals besser gewesen seien,
als in diesem Augenblick, und daß die Fortdauer dieser ausgezeichneten
Beziehungen gewährleistet sei, solange Männer wie Bethmann Hollweg,
Helfferich, Zimmermann, Hindenburg, Ludendorff und Holtzendorff die
Geschicke Deutschlands leiteten.

Noch am späten Abend erschien der Staatssekretär Zimmermann. In kurzer
Rede sprach er die Überzeugung aus, daß die freundschaftlichen und
vertrauensvollen Beziehungen, die ihn mit dem amerikanischen Botschafter
schon vor dessen Reise verbunden hätten, sich weiter so freundlich
gestalten würden, wie der Botschafter es ausgedrückt habe.

Die Veranstaltung und die bei ihr gehaltenen Reden haben damals großes
Aufsehen erregt. Ich bin in der Presse und später auch im Hauptausschuß
des Reichstags heftig angegriffen worden, daß ich überhaupt bei
der Empfangsfeier für Herrn Gerard erschienen sei, und wenn schon
-- daß ich mich dem Ehrengast gegenüber höflich und nicht wie ein
Hausknecht benommen habe. Der politische Unverstand, der uns Deutsche
auszeichnet, ist mir selten klarer zum Bewußtsein gekommen als bei
dieser Gelegenheit. Jedermann mußte fühlen, daß es in jener Zeit um die
letzte Entscheidung darüber ging, ob es gelingen würde, Amerika aus dem
Krieg zu halten. Und wenn auch mit einem »after dinner speech« keine
großen Wirkungen erzielt werden können, so wäre eine so offenkundige
Brüskierung des amerikanischen Botschafters wie das Fernbleiben von
jener Veranstaltung oder das gegen jede amerikanische Auffassung
verstoßende Stummbleiben das sicherste Gegenteil der Wahrung unserer
Interessen gewesen. Es kam nur darauf an, mit der gebotenen Courtoisie
die Wahrung unseres Standpunktes und unserer Würde zu verbinden. Ich
glaube, diesem Gebot der Lage gerecht geworden zu sein.

Für die Überschwenglichkeit des Herrn Gerard trifft mich keine
Verantwortung. Sie hat mich an jenem Abend erstaunt. Mein Erstaunen
ist gewachsen, nachdem ich in dem Buch des Herrn Gerard gelesen habe,
daß dieser bereits vor jenem Abend zuverlässige Mitteilungen darüber
bekommen haben will, daß die Wiederaufnahme des uneingeschränkten
U-Bootkrieges beschlossene Sache sei. Wenn dies der Fall war, wenn Herr
Gerard infolgedessen zu der Feier vom 6. Januar mit der Sicherheit
kam, daß der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
bevorstehe, wie konnte er dann von den Beziehungen zwischen den beiden
Völkern, die niemals besser gewesen seien, in so hohen Tönen reden?

An jenem Abend war über die Wiederaufnahme des uneingeschränkten
U-Bootkrieges noch keinerlei Beschluß gefaßt. Persönlich hatte ich
noch die Hoffnung, daß man vor jeder Entscheidung die Auswirkung der
deutschen und der amerikanischen Friedensaktion abwarten werde.

Aber allerdings -- die Entscheidung sollte rascher erfolgen, als ich
damals nach dem Ergebnis der Besprechung im Großen Hauptquartier vom 29.
Dezember erwartete.

Am 8. Januar erhielt der Kanzler vom Feldmarschall von Hindenburg
eine telegraphische Mitteilung, die ihn bat, alsbald nach dem Großen
Hauptquartier zur erneuten Besprechung der U-Bootfrage zu kommen; die
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges könne keinesfalls über
den 1. Februar hinaus verschoben werden. Kurz vorher hatte der Chef
des Admiralstabs dem Kanzler eine neue Denkschrift übergeben, die er
auch mir mit einem Schreiben vom 6. Januar zustellte. Die Denkschrift
selbst war schon vom 22. Dezember datiert. Sie bezifferte den für die
Versorgung Englands noch zur Verfügung stehenden britischen Schiffsraum
auf höchstens 8 Millionen Bruttotonnen und berechnete, daß man neben
einer monatlichen Versenkung von 600000 Tonnen mit einer Abschreckung
von mindestens zwei Fünfteln der auf England fahrenden neutralen
Tonnage mit Sicherheit rechnen könne. Dadurch werde der Seeverkehr
Englands im Laufe von fünf Monaten um 39 vom Hundert verringert, und
eine solche Verringerung werde England nicht ertragen können. Der
U-Boot-Kreuzerkrieg dagegen werde in derselben Zeit, auch wenn die
bewaffneten Handelsschiffe freigegeben würden, nur 18 vom Hundert des
britischen Seeverkehrs in Wegfall bringen können, und das werde nicht
genügen, um England zum Frieden zu bringen. Zwar sei der Krieg mit
Amerika eine so ernste Angelegenheit, daß alles geschehen müsse, um ihn
zu vermeiden; aber die Scheu vor dem Bruch dürfe nicht dazu führen, im
entscheidenden Augenblick vor dem Gebrauch der Waffe zurückzuschrecken,
die uns den Sieg verheiße. Um rechtzeitig vor der neuen Ernte die nötige
Wirkung erzielen zu können, müsse der uneingeschränkte U-Bootkrieg
spätestens am 1. Februar beginnen. Ein energisch und mit aller
Kraft geführter Schlag gegen den englischen Schiffsraum verspreche
unbedingt sicheren Erfolg. Er, der Chef des Admiralstabs, stehe nicht
an zu erklären, daß wir, wie die Verhältnisse jetzt lägen, mit dem
uneingeschränkten U-Bootkrieg England in fünf Monaten zum Frieden
zwingen könnten.

Der Eindruck dieser Denkschrift auf den Kanzler wurde verstärkt durch
Mitteilungen, die ihm eine Autorität ersten Ranges unserer Hochseeflotte
über ihre absolute Zuversicht auf den Erfolg des uneingeschränkten
U-Bootkrieges in diesen gleichen Tagen machen ließ.

Der Kanzler entschloß sich, noch am Abend des 8. Januar nach dem Großen
Hauptquartier zu reisen. Vor seiner Abreise besprach er die Lage mit
Zimmermann und mir. Ich machte starke Ausstellungen an den Berechnungen
des Admiralstabes. Außerdem aber waren wir alle drei uns darüber einig,
daß vor allem weiteren das Auswirken der Friedensaktion, zum mindesten
die Antwort der Entente an Wilson, abgewartet werden müsse.

Mir war klar, daß der Kanzler beim Durchsetzen dieses Standpunktes einen
schweren Kampf würde durchkämpfen müssen, und ich machte mir Vorwürfe,
daß ich nicht mit aller Entschiedenheit darauf bestanden hatte,
ihn nach dem Hauptquartier zu begleiten. Die Sache ließ mir keinen
Schlaf. Ich arbeitete in der Nacht noch einmal die ganze 37 gedruckte
Folioseiten starke Denkschrift des Admiralstabs durch und schrieb ein
ausführliches Telegramm an den Kanzler, in dem ich die meines Erachtens
für die Beurteilung des Erfolgs des uneingeschränkten U-Bootkriegs
entscheidenden Punkte zusammenfaßte, und das ich am Morgen dem Kanzler
durch Fernschreiber nach Pleß übermitteln ließ.

In diesem Telegramm bezweifelte ich zunächst die Berechnung des
Admiralstabs, daß in fünf Monaten der Seeverkehr Englands durch
den uneingeschränkten U-Bootkrieg um 39 vom Hundert, durch den
U-Boot-Kreuzerkrieg nur um 18 vom Hundert eingeschränkt werde. Ich
wies darauf hin, daß im Falle des gerade infolge des uneingeschränkten
U-Bootkriegs zu befürchtenden Eintritts der seefahrenden Neutralen in
den Krieg die abschreckende Wirkung des U-Bootkriegs auf die neutrale
Schiffahrt mindestens zu einem erheblichen Teil aufgehoben werden würde.
Ein Beweis, bei welchem Prozentsatz der Einschränkung des britischen
Seeverkehrs England nicht mehr durchhalten könne, sei natürlich nicht
zu erbringen. Die Angaben der Denkschrift über die Versorgung Englands
mit Brotgetreide erkannte ich als vorsichtig an mit dem Hinweis, daß
angesichts der knappen Zufuhrmöglichkeiten die britischen Bestände im
Laufe des Januar und Februar unaufhaltsam weiter abnehmen würden. Ich
gab jedoch zu bedenken:

»Hat der uneingeschränkte U-Bootkrieg den Eintritt Amerikas in den
Krieg gegen uns zur Folge, so ist Amerika an dem Siege Englands wie
an einer eigenen Sache interessiert. Ist eine Niederlage Englands nur
durch ausreichende Getreideversorgung abzuwenden, so muß und kann
Amerika zu diesem Zweck ein Opfer bringen, an das es als neutraler
Staat nicht denkt: die Einschränkung des eigenen Getreideverbrauchs
zugunsten Englands. Die Einschränkung braucht keineswegs durch eine
Rationierung des amerikanischen Brotverbrauchs zu erfolgen; es würden
große Käufe evtl. Zwangsankäufe der amerikanischen Regierung den Zweck
wohl erreichen können. Da die Union mehr als doppelt so viel Einwohner
hat wie England, ist jede Beschränkung des Getreideverbrauchs pro Kopf
des Amerikaners eine mehr als doppelt so große Zulage pro Kopf des
Engländers. Wenn das Schicksal des Krieges davon abhängt, halte ich es
nicht für ausgeschlossen, daß Amerika eine zehnprozentige Einschränkung
seines normalen Verbrauchs zugunsten von England durchführen könnte,
womit 1,7 Millionen Tonnen, gleich einem englischen Bedarf von drei
Monaten, freigemacht würden. Auch wenn hiervon auf dem Weg nach England
die Hälfte versenkt würde -- ein Prozentsatz, der weit über die vom
Admiralstab berechneten Möglichkeiten hinausgeht --, wäre ein solches
Vorgehen für England eine wertvolle, vielleicht die entscheidende Hilfe.
So paradox es klingt, ist also die Möglichkeit nicht ausgeschlossen,
daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegenüber dem U-Boot-Kreuzerkrieg
in seiner Endwirkung speziell die englische Versorgung mit Brotgetreide
nicht verschlechtert, sondern verbessert.«

Ob es beim uneingeschränkten U-Bootkrieg möglich sein werde oder nicht,
die Neutralen draußen zu halten, werde sich in einigen Wochen, wenn die
Antwortnote der Entente an Wilson vorliegt, besser übersehen lassen
als jetzt. Zu überstürzten Entschlüssen liege keine Veranlassung vor.
Denn augenblicklich arbeite in Sachen der Versorgung Englands die
Zeit nicht gegen, sondern für uns. Der Januar und Februar seien aus
natürlichen Gründen der Jahreszeit stets ungünstige Monate für die
britische Getreideeinfuhr. Dieses Mal habe die Absenkung der britischen
Einfuhr infolge der schlechten amerikanischen Ernte sogar schon im
Dezember begonnen; trotz der größten Anstrengungen Englands habe die
Getreideeinfuhr der vier Dezemberwochen nur 1410000 Quarters erreicht
gegen 1955000 Quarters im Vorjahr. Wenn wir aus den oben entwickelten
Gründen die Entscheidung über den uneingeschränkten U-Bootkrieg noch
um einige Wochen aussetzten, so hätten wir alle Aussicht, daß sich
inzwischen die bereits knappen britischen Getreidebestände noch
erheblich weiter verringerten. Je niedriger der Bestand beim Beginn
eines uneingeschränkten U-Bootkrieges, desto rascher und sicherer werde
der Erfolg sein.

Auch dieser letzte Versuch, wenigstens eine Vertagung zu erreichen,
änderte nichts mehr an der Entscheidung.

Der Kanzler kam unerwarteterweise schon in der Frühe des 10. Januar aus
Pleß zurück. Er schickte mir den Chef der Reichskanzlei, der mir sagte:
»Der Rubikon ist überschritten.«

Ich war durch diese Mitteilung auf das schwerste erschüttert.

Nach kurzer Aussprache bat ich Herrn Wahnschaffe, dem Kanzler zu sagen,
daß ich bei aller Treue und Ergebenheit für seine Person diesen Weg
nicht mitgehen könne und meine Entlassung nehmen würde. Wahnschaffe
erwiderte, mein Abgang würde für mich selbst natürlich der bequemste
Ausweg sein. Der Kanzler seinerseits habe aus Gründen zwingender Natur
davon Abstand genommen, auf seiner ursprünglichen Ansicht, den Abschied
zu nehmen, zu beharren. Der Kanzler habe den Wunsch, sich mit mir
persönlich über alles auszusprechen, und lasse mich bitten, bis dahin
keine Entschlüsse zu fassen.

Ich sah den Kanzler an diesem und an dem folgenden Tage nicht. Ich ging
erst zu ihm, als er mich am Abend des 12. Januar zu sich bitten ließ.

Er schilderte mir die Vorgänge in Pleß. Schon bei der Ankunft habe
ihm der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, mitgeteilt, der
Kaiser habe sich nach schweren inneren Kämpfen zu der Überzeugung
durchgerungen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht zu vermeiden
sei. In der Beratung am Vormittag beim Generalfeldmarschall habe dieser
mit dem General Ludendorff auf das eindringlichste verlangt, daß das
an allen Fronten in schweren Kämpfen stehende Landheer moralisch
und materiell durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg Unterstützung
erhalte. Im Westen sei für das Frühjahr mit einer neuen Offensive der
Franzosen, Engländer und Belgier zu rechnen, die an Wucht sogar die
Somme-Offensive des verflossenen Halbjahres übertreffen werde. Jede
Möglichkeit der Einschränkung der Zufuhr von Material und Mannschaften
an den Feind müsse unter allen Umständen wahrgenommen werden. Zeit
sei nicht zu verlieren. Wenn der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht
zum 1. Februar eröffnet werde, könnten sie, die beiden Generale,
die Verantwortung für den Gang der militärischen Operationen nicht
übernehmen. Auf der andern Seite seien sie bereit, die Verantwortung für
alle militärischen Folgen des uneingeschränkten U-Bootkrieges zu tragen,
auch für die Folgen eines Eingreifens der europäischen Neutralen und
Amerikas. Dem Eingreifen Amerikas legten sie übrigens keine allzu große
Bedeutung bei.

Der Chef des Admiralstabs habe sich mit seinen bekannten Argumenten mit
der größten Entschiedenheit für die Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkriegs am 1. Februar eingesetzt.

Angesichts der Bestimmtheit, mit der Hindenburg und Ludendorff die
Entlastung der Fronten durch den sofortigen Beginn des uneingeschränkten
U-Bootkriegs als unerläßlich bezeichneten und mit der sie die
Verantwortung für alle militärischen Folgen des U-Bootkriegs auf
sich nahmen, und angesichts der Sicherheit, mit der nicht nur der
Chef des Admiralstabs, sondern auch die Hochseeflotte und der
früher dem uneingeschränkten U-Bootkrieg abgeneigte Staatssekretär
des Reichsmarineamtes innerhalb weniger Monate den vollen Erfolg
des uneingeschränkten U-Bootkriegs in Aussicht stellten, ja
gewährleisteten, habe er, der Kanzler, sich die Frage vorlegen müssen,
ob er vor seinem Gewissen berechtigt sei, dem Kaiser zu raten, dem
Antrag der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs nicht zu
entsprechen. Sein nächster Gedanke sei gewesen, seinen Abschied zu
erbitten und zu der auf abends 6 Uhr beim Kaiser angesetzten Besprechung
nicht mehr zu erscheinen. Von dieser Absicht habe er auch dem Chef des
Zivilkabinetts Mitteilung gemacht. Er habe sich jedoch, so schwer es
ihm gefallen sei, überzeugen müssen, daß er sich auf diese Weise nicht
der Verantwortung entziehen dürfe. Nachdem die Oberste Heeresleitung
die Frage so gestellt habe, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg
unvermeidlich geworden sei, und nachdem er dessen Verhinderung, wenn sie
überhaupt noch möglich gewesen wäre, nicht auf seine Verantwortung habe
nehmen können, sei er verpflichtet, alles zu tun, um dem U-Bootkrieg zum
Erfolg zu verhelfen. Dazu gehöre, daß sich das deutsche Volk und unsere
Verbündeten geschlossen hinter den U-Bootkrieg stellten. Wenn er wegen
der Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs seinen Abschied nehme,
so werde das einerseits die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs
nicht verhindern, andrerseits den inneren Streit über den U-Bootkrieg,
der mit dem endgültigen Entschluß, den U-Bootkrieg zu machen, verstummen
müsse, geradezu auf die Spitze treiben, ja die innere Front gänzlich
zertrümmern; es werde ferner die Zustimmung unserer Bundesgenossen
für den uneingeschränkten U-Bootkrieg und damit unser Bündnissystem
selbst auf das äußerste gefährden. Auch ich müsse mir die Gewissensfrage
stellen, ob ich mit der Einreichung meines Abschieds eine Demonstration
machen dürfe, die an der bereits für den 1. Februar befohlenen Eröffnung
des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht das mindeste ändere, dafür aber
Verwirrung in die eigenen Reihen und in die Front unserer Bundesgenossen
tragen, bei uns das Vertrauen in den Erfolg des U-Bootkriegs schwächen
und bei unsern Gegnern und den Neutralen von vornherein Zweifel an
unserm Erfolg hervorrufen müsse; dies lediglich auf mein persönliches
Urteil hin, mit dem ich nachgerade unter den kompetenten Ratgebern der
Krone isoliert sei, und angesichts der Tatsache, daß doch auch nach
meiner Auffassung die Aussichten eines Erfolges des U-Bootkriegs sich
erheblich gebessert hätten. Ich müsse mir diese Gewissensfrage um so
mehr vorlegen, als es sich in erster Linie um eine Angelegenheit der
auswärtigen Politik und der Kriegführung handele, also um eine Frage,
die nicht in das Gebiet meiner Verantwortlichkeit falle.

Es war für mich die schwerste Entscheidung meines Lebens.

Sie wurde mir etwas erleichtert dadurch, daß der Kanzler mir die gerade
durch Wolff veröffentlichte Antwortnote der Entente an den Präsidenten
Wilson zeigte, die durch die Maßlosigkeit der angedeuteten Kriegsziele
und die Unverschämtheit der Weigerung, sich mit Deutschland auf gleichen
Fuß stellen zu lassen, jede Friedensmöglichkeit verschüttete und jeden
halbwegs unbefangenen Beurteiler von unserm Recht zur äußersten Notwehr
überzeugen mußte.

Sie wurde mir erschwert durch die Erwägung, daß es hier nur ein Entweder
-- Oder gebe: Entweder protestieren und gehen, oder bleiben, dann aber
die einmal gefallene Entscheidung hinnehmen, sich auf ihren Boden
stellen und auf diesem Boden kämpfen, wie der General seine Schuldigkeit
tut, auch wenn er bei der Feststellung des Operationsplanes seine
Ansicht nicht durchgesetzt hat.

Ich schied von dem Kanzler mit der Zusage, daß ich ihm helfen würde, die
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs vor dem Reichstag soweit zu
vertreten, wie es mir nach Lage der Dinge möglich sei.

Der im Großen Hauptquartier gefaßte Beschluß war dahin gegangen, daß
in einem näher umschriebenen Sperrgebiet um die britischen Inseln
und im Mittelmeer vom 1. Februar an der uneingeschränkte U-Bootkrieg
gegen jeglichen Seeverkehr geführt werden sollte. Der Beschluß war bis
zum letzten Augenblick geheimzuhalten. Erst am 31. Januar sollte der
uneingeschränkte U-Bootkrieg den Neutralen angekündigt werden, jedoch
mit der Maßgabe, daß neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf der Fahrt
nach Häfen im Sperrgebiet sein sollten, während einer »angemessenen
Frist« geschont werden sollten.

Ich fand diese Art der kurzen Ankündigung ebenso sinnlos wie
provozierend. Aber die Marine hatte auf dieser Inszenierung aus
»marinetechnischen Gründen« bestanden, und die Befehle waren, als ich
davon erfuhr, schon hinausgegangen.

Mit Spannung wartete ich nun, wie Herr Wilson sich bis zur Bekanntgabe
der Eröffnung des neuen U-Bootkriegs zu der unerhörten Antwort der
Entente auf seine Friedensanregung stellen werde. Hier lag vielleicht
noch ein kleiner Funken von Hoffnung.

Am 22. Januar richtete der Präsident Wilson an den amerikanischen
Senat eine Botschaft, die er noch am selben Tage den Regierungen der
Kriegführenden übermitteln ließ. Die Botschaft gewährt in die Sinnesart
und den Gedankengang ihres Urhebers, in dessen Hände der Gang der
Geschichte damals das Schicksal des alten Europa gelegt hatte, einen
wichtigen Einblick.

Die Botschaft begann mit einer Zensur der Antworten, die die beiden
kriegführenden Gruppen auf die Friedensanregung des Präsidenten
gegeben hatten: »Die Mittelmächte erwiderten in einer Note, die
einfach besagte, daß sie bereit seien, mit ihren Gegnern zu einer
Konferenz zusammenzutreten, um die Friedensbedingungen zu erörtern.
Die Mächte der Entente haben viel ausführlicher geantwortet und, wenn
auch nur in allgemeinen Umrissen, so doch mit genügender Bestimmtheit,
um Einzelfragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Bürgschaften und
Wiederherstellungen angegeben, die ihnen als die unumgänglichen
Bedingungen einer befriedigenden Lösung erscheinen. Wir sind dadurch
der endgültigen Erörterung des Friedens, der den gegenwärtigen Krieg
beenden soll, um so viel nähergekommen.«

Dem Präsidenten fehlte also jedes Verständnis dafür, daß die von den
Ententemächten angedeuteten Bedingungen derart waren, daß die Entente
selbst eine Erörterung dieser Bedingungen bei dem damaligen Stande
des Krieges für ausgeschlossen hielt. Die Ausführlichkeit, mit der
die Entente ihr Eroberungs- und Vernichtungsprogramm entwickelt und
eine Friedensdiskussion mit den Mittelmächten abgelehnt hatte, war
ihm sichtlich wertvoller als die Knappheit, mit der die Mittelmächte
sich zur Erörterung eines Friedens, der lediglich Ehre, Dasein und
Entwicklungsfreiheit ihrer Völker sichern sollte, bereit erklärt hatten.
Die Bekundung einer so merkwürdigen Befangenheit war eine Bestätigung
aller Bedenken, die bisher gegen eine Wilsonsche Friedensvermittlung
laut geworden waren, und gleichzeitig eine Warnung für die Zukunft,
die später im entscheidenden Augenblick leider nicht genügend beachtet
worden ist.

Im Anschluß an diese kurze, für die Frage der Friedensverhandlungen
allein unmittelbar wichtige Einleitung entwickelte Wilson ausführlich
seine Ideen über das künftige Zusammenleben der Völker. Dem Frieden
müsse eine Neuordnung der Völkergemeinschaft folgen, an deren Aufbau die
Vereinigten Staaten sich unter allen Umständen beteiligen müßten. Die
Grundlage für diesen Neubau werde durch den Friedensschluß gelegt, der
dem Völkerkrieg ein Ende zu machen habe. Die Hauptfrage sei: Ist der
gegenwärtige Krieg ein Kampf um einen gerechten und sicheren Frieden
oder nur für ein neues Gleichgewicht der Kräfte? Nicht Gleichgewicht,
sondern Gemeinsamkeit der Macht sei notwendig, nicht organisierte
Nebenbuhlerschaft, sondern organisierter Gemeinfriede. Es müsse ein
Frieden werden ohne Sieg. Ein Siegfrieden würde von dem Unterlegenen
als Demütigung, als Härte, als unerträgliches Opfer empfunden werden
und einen Stachel, Rachsucht und bitteres Gedenken hinterlassen, auf
dem das Friedensgebäude wie auf Flugsand ruhen würde. Nur ein Friede
unter Gleichen verspreche Dauer. Die Gleichheit der Nationen müsse
eine Gleichheit der Rechte sein, ohne Unterschied zwischen Großen und
Kleinen. Das Recht müsse gegründet sein auf die gemeinsame Kraft,
nicht auf individuelle Nationen. »Die Menschheit hält jetzt Ausschau
nach der Freiheit des Lebens, nicht nach dem Gleichgewicht der Macht.«
Neben der Gleichberechtigung der organisierten Völker sei für einen
dauernden Frieden erforderlich, daß die Regierungen ihre Macht von der
Zustimmung der Regierten ableiteten. Er halte es z. B. für ausgemacht,
daß die Staatsmänner überall über die Herstellung eines einigen,
unabhängigen, selbständigen Polen einig seien. Soweit wie möglich,
sollte überdies jedes große Volk eines direkten Ausganges zu den
Heerstraßen der See versichert sein, wenn nicht durch Gebietsabtretung,
so durch Neutralisierung der Zugangswege. Die Seewege selbst müßten
gleichfalls sowohl durch gesetzliche Bestimmung, wie auch tatsächlich
frei sein. »Freiheit der Meere ist eine Conditio sine qua non für den
Frieden, für Gleichheit und Zusammenarbeit.« Wilson sprach dann weiter
von der Notwendigkeit der Rüstungsbeschränkungen zu Wasser und zu Land.
Die Rüstungsfrage sei am unmittelbarsten und einschneidendsten mit dem
künftigen Geschick der Völker und des Menschengeschlechtes verknüpft.

Das waren Gedanken von einer großen Konzeption und hohem idealem Flug.
Aber ihre Verwirklichung war abhängig, wie das Wilson auch selbst
ausgeführt hat, von der Lösung der unmittelbar praktischen Frage der
Beendigung des Weltkrieges. Und in diesem Punkte brachte Wilsons
Botschaft weniger als nichts; denn sie enthüllte nur seine völlige
Verständnislosigkeit für unsere und unserer Verbündeten Lebensrechte
und Lebensbedürfnisse und für das Ungeheuerliche der Forderungen der
Entente, die nach deren eigenem Eingeständnis nicht durch einen Frieden
ohne Sieg, sondern nur nach völliger Niederwerfung der Mittelmächte
erreichbar waren.

Allerdings schien es noch einmal, in allerletzter Stunde, als wolle und
könne Herr Wilson einen Ausweg finden.

Am Sonntag, 28. Januar 1917, ließ mich der Kanzler noch abends gegen
10 Uhr zu sich bitten. Es war ein Telegramm des Grafen Bernstorff
eingegangen, das nach meiner Erinnerung folgenden Inhalt hatte: Oberst
House habe ihm im Auftrag des Präsidenten Wilson mitgeteilt, der
Präsident gebe trotz der Ablehnung der Entente die Hoffnung nicht auf,
den Frieden zustandezubringen, und sei bereit, seine Bemühungen nach
dieser Richtung wieder aufzunehmen. Diese seine Bemühungen würden ihm
wesentlich erleichtert werden, wenn wir uns bereit fänden, ihm unsere
Friedensbedingungen mitzuteilen. Graf Bernstorff bat, unter diesen
Umständen die ihm zur Übergabe am 31. Januar bereits übermittelte Note,
enthaltend die Ankündigung des uneingeschränkten U-Bootkriegs, vorläufig
einbehalten zu dürfen, und empfahl, dem Wunsche des Präsidenten Wilson
nach Mitteilung der Friedensbedingungen zu entsprechen.

Der Kanzler, der hier noch einmal die Hoffnung aufleuchten sah,
es könne der Krieg mit Amerika vermieden und vielleicht sogar der
Friede erreicht werden, war in einer Erregung, wie ich sie nie an ihm
gesehen habe. Er war entschlossen, Wilson durch Bernstorff in großen
Umrissen die Friedensbedingungen mitzuteilen, die wir für den Fall des
Zustandekommens der von uns vorgeschlagenen Friedensverhandlungen als
unsern Vorschlag mitbringen wollten. Schwierig lag die von Bernstorff
erbetene Einbehaltung der U-Bootnote; denn die U-Boote waren längst nach
ihren Stationen, die zum Teil weit im Westen Irlands lagen, unterwegs
und wahrscheinlich nicht zu erreichen.

Der Kanzler entschloß sich, noch am gleichen Abend mit dem
Staatssekretär Zimmermann nach dem Großen Hauptquartier zu reisen.
Dort wurde ein Antworttelegramm an den Grafen Bernstorff vereinbart
des Inhalts, daß wir die neue Initiative des Präsidenten auf das
freudigste begrüßten und den Botschafter ermächtigten, dem Präsidenten
die Grundzüge unserer Friedensbedingungen, wie sie bei unserm
Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 ins Auge gefaßt waren, zu
seiner persönlichen Information mitzuteilen. Dies solle gleichzeitig
mit der Übergabe der U-Bootnote geschehen. Die Zurückhaltung der
letzteren sei unmöglich, da die Boote mit den Befehlen sich bereits auf
ihren Stationen befänden und für einen Gegenbefehl größtenteils nicht
erreichbar seien. Wir seien jedoch bereit, den neuen U-Bootkrieg alsbald
einzustellen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelungen sein
würde, eine Erfolg versprechende Grundlage für Friedensverhandlungen zu
sichern.

Die dem Präsidenten Wilson mitgeteilten Bedingungen, die wir zur
Grundlage von Friedensverhandlungen zu machen beabsichtigten, waren die
folgenden:

    Zurückerstattung des von Frankreich besetzten Teiles von Ober-Elsaß.

    Gewinnung einer Deutschland und Polen gegen Rußland strategisch und
    wirtschaftlich sichernden Grenze.

    Koloniale Restitution in Form einer Verständigung, die Deutschland
    einen seiner Bevölkerungszahl und der Bedeutung seiner
    wirtschaftlichen Interessen entsprechenden Kolonialbesitz sichert.

    Rückgabe der von Deutschland besetzten französischen Gebiete unter
    Vorbehalt strategischer und wirtschaftlicher Grenzberichtigungen
    sowie finanzieller Kompensationen.

    Wiederherstellung Belgiens unter bestimmten Garantien für die
    Sicherheit Deutschlands, welche durch Verhandlungen mit der
    belgischen Regierung festzustellen wären.

    Wirtschaftlicher und finanzieller Ausgleich auf der Grundlage des
    Austausches der beiderseits eroberten und im Friedensschluß zu
    restituierenden Gebiete.

    Schadloshaltung der durch den Krieg geschädigten deutschen
    Unternehmungen und Privatpersonen.

    Verzicht auf alle wirtschaftlichen Abmachungen und Maßnahmen,
    welche ein Hindernis für den normalen Handel und Verkehr nach
    Friedensschluß bilden würden, unter Abschluß entsprechender
    Handelsverträge.

    Sicherstellung der Freiheit der Meere.

Die deutsche Regierung erklärte sich ferner bereit, auf der Basis der
Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson an der von ihm nach Beendigung
des Krieges angestrebten internationalen Konferenz teilzunehmen.

Das Telegramm an den Grafen Bernstorff ist am 31. Januar 1917,
unmittelbar nach Überreichung der U-Bootnote an Herrn Gerard, den
Mitgliedern des Hauptausschusses des Reichstags in geheimer Sitzung
mitgeteilt worden. Auch die Mehrheitssozialdemokraten erkannten es als
einen Versuch an, die Vereinigten Staaten dem Kriege fernzuhalten
und den Weg zum Frieden offenzuhalten. Die Grundlinien unseres
Friedensprogramms gaben wegen ihrer Bescheidenheit Anlaß zur Kritik.
Die Sprecher der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen
und des Zentrums, wenn ich mich recht erinnere, auch der Freisinnigen,
sprachen den Wunsch aus, der Kanzler möge sich, wenn es nun doch noch
zu Friedensverhandlungen kommen sollte, nicht an dieses Programm für
gebunden halten.

Es kam nicht zu Friedensverhandlungen, sondern sofort nach Überreichung
der Note zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche und einige Wochen später
zur Kriegserklärung.

                    *       *       *       *       *

Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhänge
zwischen den Friedensbemühungen, denjenigen der Reichsregierung wie
denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen.
Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgänge dargestellt,
wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich weiß, daß andere, darunter
auch solche Persönlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd
miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der
Geschehnisse übereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner
Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der
als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits
des Atlantischen Ozeans die Friedensbemühungen und die zum Krieg mit
Amerika führende Entwicklung mitgemacht hat.

Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur
davon überzeugt, daß der Präsident Wilson in jener Zeit ehrlich
den Frieden wollte, sondern auch daß er den beiden kriegführenden
Parteien ohne Voreingenommenheit gegenüberstand und bereit war, einen
für uns annehmbaren und erträglichen Frieden durchzusetzen. Die
Friedensbemühungen des Präsidenten Wilson hätten nach seiner Überzeugung
zum Erfolg geführt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Präsidenten
fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrängt hätten, in dem Augenblick,
wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg dem
Präsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmöglichkeit
zerstört und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen hätten.

Ich selbst habe bis zur letzten Möglichkeit dafür gekämpft, daß die
Entscheidung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges
vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie
desjenigen des Präsidenten Wilson vollkommen übersehen lasse. Wenn ich
der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so plädiere ich
also gewiß nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der
Aufklärung und der geschichtlichen Wahrheit.

Ich will dem Präsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner
Ansicht gerechten Frieden herbeizuführen, nicht abstreiten. Aber ich
kann ihm weder zubilligen, daß er in der Herbeiführung des Friedens
einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch daß er -- bei allem
subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit -- den beiden kriegführenden
Gruppen objektiv dasselbe Maß von Verständnis und Wohlwollen
entgegenbrachte.

Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der
Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenüber die Hoffnung
ausgesprochen, der Präsident Wilson werde nunmehr groß genug sein,
sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes
Jahr bis zur Präsidentenwahl; das Bevorstehen der Präsidentenwahl
konnte also noch kein ernstliches Hindernis für eine Friedensaktion
sein. Aber der Präsident tat nichts für den Frieden. Er steckte unser
Zugeständnis der Einstellung des uneingeschränkten U-Bootkriegs
ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um
England zur Rückkehr auf den Boden der völkerrechtlichen Normen des
Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewiß
nicht frei von Fehlern gewesen. Präsident Wilson hätte sich vielleicht
anders verhalten, wenn die Zurückführung des U-Bootkriegs auf die Formen
des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wäre, nachdem die
durch die Versenkung der »Lusitania« geschaffene kritische Lage durch
die Torpedierung der »Arabic« und schließlich der »Sussex« -- um nur
die wichtigsten Fälle zu nennen -- eine heillose Erschwerung erfahren
hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schon im
Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Präsidenten, mit ihm
zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch während des Krieges,
gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle
-- die Tatsache bleibt bestehen, daß der Präsident Wilson auf die von
deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der
Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht
einmal eine Zusage gab, daß er etwas tun werde, daß er schließlich mit
einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine
Verbündeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916
gemacht hatten.

Daß der Präsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und
Weltanschauung dem angelsächsischen Kulturkreis angehört und
infolgedessen innerlich unsern Feinden nähersteht als uns, ist kein
Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber für uns eine Tatsache, die wir
ungestraft nicht übersehen durften. Daß Herr Wilson objektiv nicht mit
dem gleichen Maße messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch
in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Präsidenten
der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem
Präsidenten vom Oktober-November 1918 über die Herbeiführung eines
Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen
sollte auch dem größten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden
sein, daß dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und
Voreingenommenheit uns gegenüber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson
an gerechter Würdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedürfnisse
zu gewärtigen hatten, war schon geradezu überwältigend zum Ausdruck
gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In
dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu
einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre,
Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbündeten Völker
sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir hätten auf seine
Friedensanregung »einfach« unsere Bereitwilligkeit erklärt, mit unsern
Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, während er die »viel
ausführlichere« Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die
Zerstücklung Österreich-Ungarns und der Türkei und die Verstümmelung
Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die
endgültige Erörterung des Friedens »so viel näher« gebracht habe!

Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der
letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch,
wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, daß Wilson damals im Begriff
gewesen sei, sich für einen für uns annehmbaren und erträglichen
Frieden einzusetzen und sich dafür mit Erfolg einzusetzen, so ist das
nur erklärlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen
er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaßen
ausreichenden Fühlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehr
und jede Art persönlicher Fühlung zwischen Berlin und der deutschen
Botschaft in Washington war völlig abgebunden. Die Benutzung unserer
eigenen amerikanischen Stationen für drahtlosen Verkehr hatte uns die
Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch für jede Art
von Chiffretelegrammen unmöglich gemacht, während die britischen Kabel
unbeschränkt unsern Feinden zur Verfügung standen. Die Möglichkeit,
durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der
amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern
Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen
gewährt. So ist es schließlich zu verstehen, daß unserer Vertretung
jenseits des großen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz
ringenden deutschen Volke und das Augenmaß für das uns Notwendige und
Erträgliche verlorenging.

Jedenfalls stand für uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917
fest, daß sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion
an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde
gescheitert seien. Den Temperamentvolleren genügten zur Bestätigung
dieser Überzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen
Staatsmänner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden
Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurückwiesen,
jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemächte am 31.
Dezember 1916 überreichen ließen. Für die Vorsichtigeren war jeder
Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr
Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den
Friedensschritt des Präsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter
in Paris übergab. Die Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson vom 22.
Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine
Fortsetzung der Friedensbemühungen, sondern lediglich als eine nur aus
unheilbarer Voreingenommenheit erklärliche Parteinahme des Präsidenten
Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefaßt werden. Niemand in unseren
leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung
und über die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen
Vorgängen noch der Meinung sein, daß man jenseits des Atlantischen
Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre
Fortsetzung dachte.

Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen
Bernstorff zeigte, daß Präsident Wilson einen erneuten Friedensschritt
zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich
es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge
überhaupt noch mögliche geschehen, um dem Präsidenten Wilson freies
Feld für diesen neuen Versuch zu geben. Der Präsident hat es aber
vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage für die
erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unserer
Bereitwilligkeit, den uneingeschränkten U-Bootkrieg alsbald wieder
einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen
für Friedensverhandlungen zu sichern, brüsk jede weitere Verhandlung
abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede
weitere Begründung abzubrechen.

Es mag als ein müßiges Fragen erscheinen, ob es dem Präsidenten
Wilson, falls die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht
in jenen kritischen Tagen erfolgt wäre, gelungen wäre, den Frieden
herbeizuführen, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem
Falle dem Krieg ferngeblieben wären. Aber diese Fragen haben unser
ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, daß es mir ein Bedürfnis
ist, auch hierüber ein Wort zu sagen.

Ich halte es für ausgeschlossen, daß die von Wilson gegen Ende Januar
1917 ins Auge gefaßte neue Friedensaktion zu einem für uns annehmbaren
Frieden hätte führen können. Die von der Entente aufgestellten
Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln können,
waren derart, daß nur ein gänzlich niedergebrochenes Deutschland sie
annehmen konnte. Wer hätte es damals in Deutschland wagen können,
Elsaß-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und
unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige
Kriegsentschädigung aufzuladen, uns für die Zukunft unter die
Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in
der schnödesten Weise der Zertrümmerung preiszugeben? Auch nur ein
Status-quo-Frieden wäre nur unter den schwersten inneren Kämpfen
durchzufechten gewesen; er wäre durchgefochten worden, aber was darüber
hinausging, war schlechterdings unmöglich. Nur wenn der Präsident Wilson
bereit gewesen wäre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen
Macht auf die Ententemächte zu drücken, um sie zu einer völligen
Sinnesänderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen
die Unterstützung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung
gefunden hätte, wäre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu
war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917
die unerhörten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte,
ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongreß der
Vereinigten Staaten. Viel näher lag die Wahrscheinlichkeit eines
amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbündeten.

Diese Wahrscheinlichkeit lag um so näher, als sich in der am 21.
Dezember 1916 in Berlin überreichten Friedensnote der amerikanischen
Regierung der Passus fand, daß die Interessen der Vereinigten Staaten
durch den Krieg »ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien«, und daß
das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich
daraus ergebe, daß »sie offenkundig genötigt wäre, Bestimmungen über
den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg
fortdauern sollte«. Diese kaum verhüllte Drohung wurde noch deutlicher
gemacht durch ein Interview, das der Staatssekretär Lansing bald
darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewährte und in dem er mit
unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am
Krieg.

Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, daß der
Präsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschränkten U-Bootkrieg
nicht gemacht hätten, der Welt den Frieden gebracht hätte. Auf der
andern Seite ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß gerade aus der
Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika
und Deutschland entstanden wäre, der nun aus der Veranlassung des
U-Bootkriegs entstanden ist.

Ich bedaure es, daß die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klärung
drängte, infolge der überstürzten Eröffnung des uneingeschränkten
U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschließenden
Weise wird aufgehellt werden können. Für mich selbst steht aus dem
Miterleben jener kritischen Epoche unerschütterlich fest: Wilsons
geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu
verhelfen, ist gescheitert an seiner Verständnislosigkeit für unsere
Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den
schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende
der Jahre 1916 und 1917.

                    *       *       *       *       *

Diese Ausführungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der
Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen
Friedensbedingungen der gegen uns verbündeten Mächte. Diese Bedingungen
sind eine Bestätigung des oben ausgesprochenen Urteils.

                    *       *       *       *       *

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                    *       *       *       *       *



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                    *       *       *       *       *



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