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Title: Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.
Author: Voß, Julius von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band." ***

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domain images generously made available by the University
and City Library of Cologne (Digital Collection Westerholt).



                          Florens Abentheuer
                              in Afrika,
                    und ihre Heimkehr nach Paris.


                       Romantisches Seitenstück
                                zu den
                Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,
                                 von
                           Julius von Voß.

                            Zweiter Band.

                      Mit Kupfern und Vignetten.

                            Berlin, 1809.
                     Bei Johann Wilhelm Schmidt.



                            Fünftes Buch.



                           Erstes Kapitel.
                        Blick nach dem Heere.


Wir wissen, daß Kuku und Tata geschlagen wurden, aber in einem Gebirge
eine neue gute Stellung bezogen. Daran thaten sie besser als wären sie
vorübergeflohen, und hätten dem Feinde eine große Landesstrecke zum
beliebigen Nießbrauch überliefert. Nun wurde das Heer wieder ermuthigt,
die Verstärkungen aus den Provinzen beeilt, und vor allen Dingen die
Fechtart in Gigis Heer, und die Bewegungen, wodurch das diesseitige bei
den schwachen Punkten angegriffen worden war, fleißig geübt. Kuku war
die Thätigkeit selbst, er hielt sogar Reden. Darkullaner, hieß es unter
andern darin, ihr seid ein Volk von Löwenkraft, von Tygergrimm, von
Felsenhärte, am Feinde erblickt man nur die Stärke des Schakal, die Wuth
der Zibethkatze, die Dauer der Cocosnuß. Dennoch erschlug er unsre
Brüder, und zwang uns zur Flucht. Das macht, ein Geist stand ihm bei.
Können wir den Geist auch beschwören, dann sind wir Ueberwinder. Und
eine Zauberin hat mir schon den Kreis gezeigt, worin er zu bannen ist.
Uebt nur recht fleissig die neue Kampfart, dadurch wird uns der Geist
zugethan, und hört unser Rufen.

Die Darkullaner glaubten, es sei ein Gespenstergeist gemeint, Kuku
verstand aber blos den im Kreise des Schädels. Flore war die Zauberin.
Liebe hatte ihn gelehrig für ihre Winke gemacht, denn sie gebietet der
rohesten Barbarei, und zwar in einer Regel mit wenigern Ausnahmen, wie
bei der zartesten Verfeinerung. Nur noch ein Paar muthige fröhliche
Schritte weiter, und dieser Sultan konnte der Manco Capac seines Volkes
werden, und zum Erzieher einer wilden Menge eignete er sich darum schon,
weil er von selbst darauf fiel, einigen moralischen Hokuspokus
anzubringen, und dennoch nicht dabei Gefahr lief, von der Weisheit
verlacht zu werden. So lernte Jetros Schäfer Gutes und Wahres in
Egypten, wollte es einem Haufen verächtlicher Sklaven mittheilen,
zündete bald einen Busch an, bald stieg er, ein majestätisch Ungewitter
merkend, auf den Sinai. Manches Jahrtausend nachher hielten die Genies
Rousseau und Schiller diesen edlen Betrügereien noch Lobreden. So wurde
Romulus von einer heftigen Tendenz des Willens getrieben, ein großes
Reich zu stiften, bei der Nachwelt vergöttert zu sein, und nur ein
Häuflein Lumpengesindel konnte er um sich sammeln. Er log ihnen die
Inspiration der Nymphe Egeria vor, (wobei, wenn man Lust fühlt, poetisch
zu ahnen, sich immer eine begeisternde Geliebte denken läßt) und noch
steht das Quiritenvolk als das Maaß des Größten da, wenn wir die
Erscheinungen der Geschichte prüfen. So spürte ein morgenländischer
Kameeltreiber dasjenige Krafttalent in seinem Innern, das das Große
leicht fühlt, und die Zeit, die einen Völkerverein wollte, da
anarchische Gräuel wütheten:

   Die ungestüme Presserin, die Noth,
   Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
   Gedient ist, die die That will, nicht das _Zeichen_,
   Den Größten immer aufsucht und den Besten,
   Ihn an das Ruder stellt, und müßte sie ihn
   Aufgreifen aus dem Pöbel selbst -- die setzte ihn
   In dieses Amt und schrieb ihm die Bestallung.

Er fütterte Tauben aus dem Ohr, und ließ den Brunnen zuwerfen, in
welchem ein versteckter Sklave Gottes Stimme nachahmte. Gleichwohl wird,
wenn einst die turcomannische Aufklärung hereinbricht, (unter Sultan
Selim wollte ihr Morgen schon ein wenig dämmern) und Spötter lange genug
den Witz eines voltairischen Stachels an dem Araber übten, doch
späterhin ein Fichte im Turban auftreten, welcher beweist: nur in
solcher Form hätte einst der Islamismus auftreten können, und daß besser
wie alles Wissen sey, die _Tauben_ auf _Glauben_ für den heiligen Geist
zu nehmen.

Doch unser Kuku sollte bald fallen.

Wenn aber bei aller Gelenkigkeit zum moralischen Fortschreiten, noch
dann und wann ein Bleiklumpen seinen Fuß zurückhielt, darf uns das nicht
befremden. So konnte er auch den Gedanken an Osmanns Kopf nicht tilgen.
Gesetzt auch, er hätte es über sich vermogt, die trotzige Rache wider
Gigi aufzugeben, so ging die Prophezeiung ihm zu nahe an, und daran noch
nicht zu glauben, war für Kuku zu früh. Man kann also einen Strauß von
Blumen, die der Geliebten Hand pflanzte, oder eine Locke ihres seidnen
Haares, nicht sehnsüchtiger erwarten, wie Kuku das von der Sultanin
erflehte Geschenk. Daß sie es ihm verweigern würde, glaubte er nicht.

Es muß hier nachgeholt werden, daß vor einiger Zeit Lolo, der die
auswärtigen Angelegenheiten besorgende Minister, ins Lager gerufen ward.
Er sollte wo möglich, mit Habesch (in unsern Geographien meistens
Abyssinien genannt) einen Schirm- und Angriffsbund schließen. Er hatte
in einer geheimen Unterredung aber dem Sultan gesagt, das Verfahren der
Nene könnte viele Uebel über das Land bringen, selbst den Zunder innerer
Kriege in Brand stecken. Viel reine Wahrheit lag darin wohl. Allein
reine Wahrheit von geliebten Personen berichten, heißt bei den Liebenden
sie anschwärzen. Kuku verstand, wo Nene im Spiele war, keinen Spas, und
ließ seinen Minister entzungen. Daß er nun so leicht keinen
Wahrheitsager wieder fand, versteht sich. Uebrigens sollte auch dabei an
Lolo ein Exempel von Belang gelten, denn schon zuvor hatte sich eine
Stimme gegen Nene vernehmen lassen, wenn die, welche sie erhoben, schon
nicht so kühn waren, wie der Minister, und mehr zu errathen
aufforderten, als sie selbst aussprachen.

Endlich wurde der langeersehnte Kürbis überbracht. Diese ausgehohlte
Frucht vertrat nämlich in Darkulla die Stelle der Kisten.

Der Bote, welcher den Kürbis trug, hub an: Esel aller Esel, Sohn --

Weg mit dem Titel, unterbrach ihn Kuku, Nene liebt ihn nicht, er mag
wegfallen. Nenne mich Sultan Kuku.

Wohlan, Sultan Kuku, ich bringe dir des Caffern Osmanns Kopf.

Kuku sprang so lustig umher, bei der Nachricht, wie einst der Feldherr
Suwarow, wenn er ein Belobungsschreiben seiner Kaiserinn empfing. Dann
riß (grelle Wildheit, die noch in dem Barbaren hauste) er den Kürbis
auf, nahm den Kopf heraus, tanzte wieder und küßte ihn sogar. Woher die
Hiebe auf dem Gesichte, fragte er den Mann. Der Caffer wollte sich nicht
geben, setzte sich kräftig zur Wehr, und konnte nur von Wunden
zerfleischt, niedergeworfen werden, hieß die Antwort.

Wenn schon, rief Kuku, ist der Kopf nun doch in meiner Gewalt. Und
gleich will ich ihn auch der tückischen Feindinn hinübersenden. Ein
Offizier wurde auch sogleich befehligt, ihn an die nächste Vorpost der
Beduinen abzuliefern.

Als der Offizier bald seinen Weg vollendet hatte, sahe er die Königinn
mit einem zahlreichen Gefolge daher reiten. Sie untersuchte die Ordnung
der Wachenkette. Da für das gegenwärtige Geschenk eben keine goldene
Dose, oder Diamantenaigrette zu erwarten stand, so eilte der Darkullaner
um so mehr, den nächsten Soldaten zu erreichen, warf den Kopf in den
Sand, und rief ihm blos zu: das deiner Königin vom Sultan Kuku. Sie darf
der Geschenke mehrere hoffen. Nun wendete er sein Pferd, und trieb es
schnell davon.

Gigi hatte aber den Offizier bemerkt, und da sie ohnehin an Kuku etwas
sagen lassen wollte, so schickte sie einige Adjudanten ab, wie sie ihn
umkehren sah, ihn wieder zu rufen. Jener spornte desto mehr, hatte aber
den Unfall, mit dem Pferde über eine Vertiefung zu stürzen. Nun hielt
man ihn an, sagte aber: er hätte nichts zu fürchten, solle nur eine
Bothschaft an seinen Herrn mitnehmen.

Der Darkullaner fürchtete nur zu viel, denn in dem Augenblicke ging
jener Soldat auch zu Gigi heran, den Kopf zu überbringen.

Gigi war so von Ahnung, Entsetzen und Abscheu durchdrungen, daß sie bei
dem Anblick unvermögend war, im Sattel zu bleiben. Ohne Unterstützung
wäre sie zu Boden gesunken. Sie winkte stumm gegen den Soldaten hin,
noch zurückzubleiben, sie wollte erst Fassung sammeln, denn ihren ganzen
zerrissenen Zustand im Gemüthe, sollte das Gefolge nicht sehn.

Doch wenn der große Charakter im Kampf mit seinem Schmerz unterläge,
wäre ihm ja der gewöhnliche ganz gleich. Wenigstens muß er die harte
Kunst verstehn, den Schein zu verbergen. Nach einigen Sekunden schon,
fragte Gigi: wessen Kopf brachtest du, Darkullaner? -- Des Caffern
Osmann, gab er bebend zur Antwort.

Ein Ausruf des Schreckens, ein neues Wanken, Gigi wandte das Auge hinweg
-- doch auch das wollte die Königin sich nur zwei Augenblicke gestatten.
Dann rief sie: es ist geschehn! Edelstein an Edelstein fügt zu einem
Becher. Darin setzt ihn in meinem neuen Marmortempel bei. Ich gebe dir
den Tod nicht, Bote, aber melde deinem Herrn, noch könne er der Rache
entfliehn, wenn mir wenigstens Mustapha lebend gesandt würde.

Der Darkullaner schwang sich eilig wieder auf sein Roß. Kaum glaubte er
dem eignen Munde der Sultanin, Gnade.

Diese blickte hin auf das Haupt, schauderte, rief aber plötzlich wieder:
holt den Darkullaner zurück!

Der arme Teufel spornte aus Leibeskraft, war aber dennoch bald
eingehohlt, und mußte abermals vor Gigi. Aber statt er Widerruf der
Milde, und unerhörte Foltern erwartete, hatte sich das Antlitz der
Siegerin freundlich geröthet. Dein Sultan, rief sie, wollte mir nur
einen Schrecken bereiten. Es ist Osmanns Haupt nicht. Wunden sollten es
entstellen, daß ich getäuscht würde. Kuku ist nicht so grausam, seine
Drohung zu vollziehen. Entbiete ihm tausend Dank. Entbiete ihm aufs Neue
Friede, und Erstattung aller Uebel, die dieser Krieg über seine Länder
brachte.

Mit diesem Bescheid mußte der Bote zurück, dem die Brust mächtig leicht
wurde, als er das Lager der Beduinen nicht mehr sah.

Der Becher aus Juwelen wurde nicht verfertigt, und der Kopf fand ein
einfaches Grab im Sande.

Wenn sich der ästhetische Sinn des Lesers, zu sehr daran stößt, daß hier
so viel von einem Kopfe geredet wird, so hat der Verfasser zwei
Entschuldigungen. Einmal ist die Szene Afrika, und der Verstoß gegen das
Kostüm könnte vom Kunstrichter mit Fug gerügt werden, wenn nur Köpfe auf
Rümpfen hier die Bühne zierten. Ferner ist man immer noch gegen das
Wiener Theater der Kaiserstadt Deutschlands diskret. Denn dort wird gar
eine Oper, _Lisaura_ betitelt, dargestellt, worin ein Kopf Cavatinen
singt.



                           Zweites Kapitel.
                        Kukus zorniger Eifer.


Ein Europäer ist gar keiner Vorstellung von der Freude fähig, welche
Kuku empfand, nachdem ihm jener Kopf übergeben und dann an Gigi
gefördert ward, selbst nicht einer aus den Geringeren, wo man sich noch
in der Lust und im starken Getränk berauschen kann. Von vornehmen
Männern aus diesem Welttheil ist nun gar nicht die Rede. Die wissen nur
zu lächeln, zu versichern, sie waren _enchantirt_, bei frohen
Ereignissen, und im Champagner trinken sie bloß sich krank. Kuku ließ
nicht nur alle Vorräthe von dem berauschenden Thau ausspenden,
unbekümmert, ob man hernach Mangel leiden würde, sondern auch
Lustgefechte im Heere anstellen, wobei wohl tausend Mann blieben. Seine
Klugheit rechtfertigte noch dazu diese Ergötzlichkeiten, wie eine
bewährte Uebung der Tapferkeit. So hatte ein preußischer (alt-)Oberst
ein Freibataillon geworben, und stand zum erstenmale damit gegen den
Feind. Man hatte ihm hinter einer Anhöhe seinen Posten angewiesen, oben
wurden nur beobachtende Wachen hinbefehligt, die hinter Sträuchern auf
dem Bauche lagen, um zu sehn, ohne gesehen zu sein. Allein der Oberst
änderte die Weisung des Feldherrn, und stellte seine Leute am Rande der
Anhöhe frei auf. Der Feind, welcher Kanonen in der Nähe hatte, wußte gar
nicht, warum er die gute Gelegenheit, seine Artilleristen zu üben,
ungenützt lassen sollte? Sie zeigten auch gar bald, daß ihre Schulen
gemacht wären, und das Freibataillon bekam manche Lücke. Nun schickte
der General, der das seltsame Schauspiel von ferne gewahrte, im vollen
Sprung einen Adjudanten ab, der anfragen mußte: was denn das bedeute?
Nichts, gab der Oberst zur Antwort, ich gewöhne sie nur ein wenig ans
Feuer. --

Genug, Kuku feierte Lustschlachten und Bankette, hatte sich selbst kaum
wieder von einem der wildesten Jubelräusche, die jemals getrunken worden
sind, ernüchtert, als sein Bote zurückkam.

Die Erzählung befremdete ihn, daß Jener die Sultanin selbst gesprochen
habe, das Ende des Berichtes setzte ihn in eine desto heftigere Wuth,
als erst seine Genugthuung ungemessen war.

Wie, Nene hätte mich betrogen? Soll ichs glauben? Könnte die liebliche
Schlange -- -- und Gigi spricht: ich wäre zu gut, einen Caffernkopf
abzuschneiden? O den Hohn soll sie mir bezahlen, diese Beschimpfung,
dieses Vergessen, was sie dem Sultan von Darkulla schuldig ist. O meine
Truppen mehren sich täglich, und lernen die neue Kriegerkunst. Habesch
nährt meine Hoffnung auf einen Bund. Bald werde ich das Felsennest
meiden, und im freien Gefilde den Kampf erneuen. Vielleicht tanz ich am
Siegestage mit Gigis Kopf in der Hand, -- -- -- --

Er vollendete nicht. Tata trat eben in sein Zelt. Schon hatte dieser des
Boten Meldung gehört. Wirklich Bruder, hub er an, schien es mir Osmanns
Kopf gleich nicht zu sein. Ich sah den Caffern zu oft, um die Gestalt
nicht in der Erinnerung aufzubewahren. Heller ist die Farbe des
Gesichtes und schwärzer der Bart. Dich nicht zu kränken, schwieg ich.

O Mahomed! O ihr goldnen Esel des Paradieses! Was soll ich beginnen?
rief Kuku.

Tata erwiederte: Ritze dir vor allen Dingen mit deinem Dolche eine Ader
auf, daß der Zorn dir ausströmt.

Kuku that es auf der Stelle, denn er fand den Rath gut, und er ist es
auch wirklich bei Wilden, bei deren Constitution es ohnehin auf ein
zwölf Unzen Blut mehr oder weniger nicht ankommt.

Während der Lebensquell im Fließen war, fuhr Tata fort: Nun glaub ich
auch, du wirst einem Sultan anständig von der treulosen Cafferin reden
können. Sonst müßte selbst dein Bruder für seine Zunge fürchten.

Wie, und du erfrechest dich, die Cafferin treulos zu nennen? rief Kuku
noch sehr empört.

Tata zog sich etwas zurück, und erwiederte: Es floß noch zu wenig, nur
noch einer Kokosnuß voll, du wirst einsehn, daß die treulos sein müsse,
die den nicht enthaupten mag, von welchem geweissagt ist, er würde, wenn
er lebte, deinen Thron besteigen.

Kuku rief weinend: Freilich, freilich, freilich scheint es so, aber ist
es nicht, diese Sonne sendet nur reinen Strahl nieder. --

Tata sagte manches was zur Sache gehörte, wich dabei dem Sultan aus, und
nahm den Dolch vom Boden, fürchtend, jener nähme ihn auf, ihn nach des
Bruders Herzen zu werfen.

Der Fußteppich des Zeltes war schon ziemlich gefärbt, da rief Kuku:
diesen Mond kann keine Finsterniß verdunkeln.

Tata schöpfte Hoffnungen, und raffte seine Beredsamkeit zusammen.

Schon waren alle Tygerhäute, woraus der Teppich verfertigt war, roth, da
rief Kuku: dieser Stern kann sich nicht in die frostige Erde tauchen.

Tata war sehr froh und antwortete: Die Sonne sengt oft die Blüthen des
Mandelbaums, wird bisweilen finster, wie es der Mond auch wird, in jeder
Nacht fahren Gestirne zur Grube.

Ach das ist wahr, gab ihm Kuku zu.

Und jener erneute fest seinen Ausspruch: Die Cafferin ist eine Treulose.

Verbinde mir die Ader, ächzte der Sultan, ich werde schwach.

Tata riß ein Stück von der Eselshaut des Thrones, und wand es um Kukus
Arm.

Der Sultan begehrte Wasser.

Reichlich tränkte ihn der Bruder und legte ihn auf ein erhöhtes Kissen
nieder.

Was soll ich thun? fragte der Sultan.

Dreister antwortete der Bruder: Sultan von Darkulla, einst gebotest du,
alle deine Weiber, selbst die geliebte Gigi zu morden, damit sie denen
von Habesch nicht in die Hände geriethen. Jetzt gilt es mehr. Deinen
Thron, dein Leben. Argwohnt deine Klugheit nicht, was im festen Lande
geschehen soll? O ich hörte viel, fürchtete mehr, und nun erst reicht
mein Verdacht bis in die Hölle. Dieser Osmann hat das Herz der Sultanin
zu beschleichen gefrevelt.

»Das ist nicht wahr, Verläumder! Ein Sklave, ein Sklave! Kann er meinen,
daß die Sultanin ein Weib ist?«

O diese Caffern meinen frech! Gutwilliger, unvorsichtiger König! Warum
hat die Weisheit der Väter die Eunuchen bestellt, aus deren Mitte die
Weiber der Gebieter nicht weichen sollten, in deren Mitte keinem andern
Mann zu dringen vergönnt war? Du gabst Nene das oberste Regiment, und
alle Schranken der Freiheit, nach der dem glühenden Herzen dürstete,
konnte sie sich eröffnen. Warum würde sie einen elenden Kopf verweigern,
wenn nicht -- --

»Höre auf, höre auf! nur einen Dolch senkte ich in meine Ader, du bohrst
Tausende in mein Leben.«

Treue, Bruderliebe, Pflicht gebieten, dir alles zu sagen. Es ist darauf
angesehn, dich beim Volke gehaßt zu machen, empören will sie sich mit
gewaffneter Hand, dich vom Thron werfen, und den Caffern hinaufsetzen.
Folgst du nicht Bruderrath, bist du verloren.

»Mahomed, Mahomed! zu welchem Leiden bin ich gespart! O der Thron ist
nichts, Alles Nene! Meine Länder mag mir der Caffer rauben, nur nicht
Nene.«

O schon ist sie dir geraubt!

»Ist sie, ist sie? Klagt dein Mund sie auch nicht fälschlich an?«

Zeugen sollen beschwören, daß Osmann allein in ihrem Zimmer war. Wache,
Frauen, alles mußte sich entfernen.

»In die Hölle, in die Hölle mit Nene.« --

Endlich fühlst du, wie es dem Sultan ziemt. Gern schont ich deiner
Liebe, und rieth, noch einmal Osmanns Kopf fordern zu lassen. Aber die
schändlich dich betrog, wird neue Ausflüchte finden. Es ist zu spät.
Eine Botschaft an den Senat ist nöthig, gemessener Befehl, Nene den
Gehorsam aufzusagen, und Osmann zu ergreifen.

»O Nene -- Nene!«

Immer noch?

»Aber wer wird den Befehl überbringen, wenn ich ihn erlasse? -- Freilich
muß ich ihn erlassen!«

Ich würde sagen, du selbst, wenn du nicht an Heeres Spitze ständest. So
laß mich ziehn. Ich nehme einige Truppen auf den Nothfall mit.

»Du hast mich überredet. Aber was soll aus Nene werden?«

Giebt sie sich in Gutem, führe ich sie unversehrt in dein Lager; sonst
muß der Sultan aber auch nicht zürnen, wenn ich ihren -- -- --

»Kopf bringe, willst du sagen!«

Das ist nicht des Sultans Stimme, der brausende Jüngling fuhr auf: Rufe
den Stolz der Väter! Laß den Sultan reden.

»Bringe ihren Kopf, so bin ich all der Verwirrung frei!«

Es lebe der edle weise Sultan von Darkulla!



                           Drittes Kapitel.
                         Coutances und Nene.


Welch gehässig Unrecht der armen Sultanin in Tatas Anklage widerfuhr,
liegt am Tage; aber die Anklagen übertreiben meistens, und wer hoch
steht, folglich viel gesehen wird, muß auch herberen Tadel dulden; wie
auf der anderen Seite, das süße erhabene Lob, was ihn trifft, sich
vervielfältigt. Nicht auf die entfernteste Weise ließ sich an die
Entspinnung eines Liebeshandels unter Coutances und Floren denken. Er,
ob ihm schon ein Theil seiner alten Munterkeit zurückgekommen war,
fühlte immer noch für Isabellen (und zwar seit einiger Zeit wieder mehr
wie sonst,) und ihr war Rings Andenken heißer aufgeregt worden, seitdem
sein Freund ihr Nachrichten von ihm überbracht hatte. Auch stellte sie
manche, gar nicht unmoralische, Betrachtung über die Dankbarkeit an,
welche dem Sultan von Darkulla für so viel Liebe, Güte und Vertrauen
gebührte, und wenn sie Ring vergessen mußte, so hatte Kuku die
allergegründeten Ansprüche auf Gegenliebe, er mogte schwarz sein oder
nicht.

Zudem waren Beide von bedenklichen Umständen angefeindet, mußten gegen
die Fremdheit, gegen das Vorurtheil und andere Hindernisse kämpfen,
wobei man denn nicht leicht an Etwas denkt, woran man sich sonst
allenfalls würde erinnert haben. --

Daß die Sultanin beim Volke eine Mehrheit für sich gewann, daß der
Franzos und der Spanier werkthätig für die Landeskultur waren,
berichtete das Ende des ersten Theils. Flore hoffte um so mehr Gutes,
als Kuku zeither so viel Billigung geäußert so viel Empfänglichkeit für
den Geist des Weiterstrebens in stummen Zeichen an den Tag gelegt hatte.
Endlich dachte sie, erleuchte ich des Schwarzen innere Dunkelheit ganz,
und dann muß das Licht nothwendig schon mit Edelsinn und Zartgefühl in
Bund treten. Dann läßt mich Kuku ziehn, und giebt mir eine Bedeckung
nach Egypten. Mein Name wird dann in Darkulla von Enkel zu Enkel
gefeiert werden. Wäre aber Ring todt, dann blieb ich wohl, ob es schon
meine Muhme in Paris[1] sehr bekümmern würde.

Vollkommen unschuldig standen die Sachen zwar, als schon jener Befehl,
welcher am Ende des ersten Theils gemeldet wurde, eintraf; gleichwohl
hatten der Antheil, den Flore schon früher an Coutances nahm, die
Freundschaft desselben mit Ring, der Nutzen, welchen er ihr schon in
Darkulla leistete, und fernerhin leisten konnte, ihn ihr theuer gemacht.
Nun sollte sie, so lautete Kukus Flehen, (denn damals flehte er noch)
sein Haupt einschicken. Fürchterlicher Auftrag!

Es nicht thun, Kukus Flehn verspotten, reizte den Zorn des Mächtigen,
und an die Erfüllung seiner Bitte konnte sie gar nicht denken. Was ihr
vollends die Möglichkeit einer solchen Einwilligung raubte, war der
Umstand, daß Coutances, von allem unterrichtet, in ihr Zimmer trat, und
sie beschwor, Folge zu leisten. Ihre Herrschaft, ihr Leben vielleicht
stehn auf dem Spiel, das bin ich nicht werth, theure Landsmännin, rief
er, mein Kopf mag ihre Sicherheit erkaufen. Schweigen sie, gab sie zur
Antwort, und kommen sie nie wieder zu mir, wenn sie einer solchen
Anmuthung fähig sind.

[Fußnote 1: Siehe Begebenheiten des Ignaz von Jalonsky. Berlin, bei
Schmidt 1806, wo der Leser überhaupt Ring und Floren näher kennen lernen
wird.]

Coutances eilte zum Spanier. Diesem war eben angezeigt worden, einer der
Caffern liege außerhalb der Stadt erschlagen. Dem Franzosen stieg ein
verschlagener Gedanke auf. Er eilte hinaus, den Leichnam zu sehen. Haar
und Bart waren den seinigen ähnlich. Starke Wunden entstellten das
Gesicht. Es wurde aus der Noth eine Tugend gemacht, und des Erschlagenen
Haupt ins Geheim dem Spanier überliefert. Coutances sagte ihm: Bringen
sie es der Sultanin, geben sie vor, ich sei der Getödtete, so ist der
Sultan zu befriedigen. Es muß etwas für die Sicherheit Florens geschehn.
Ich verberge mich einstweilen.

Alonzo fand den Anschlag gut ersonnen, und richtete ihn ins Werk. Flore
sank fast ohnmächtig nieder. Sie hatte eben ein Schreiben an Kuku
angefangen, als der Spanier erschien, und nach einigen vorsichtigen
Umschweifen berichtete, Coutances sei ein Opfer der öffentlichen Rache
geworden. Kein Wunder, setzte er hinzu, im Volke wußte man Kukus
Begehren, man konnte unsern Freund als geächtet ansehn. Wehmüthig traure
ich um ihn, da das Schreckliche aber nun geschehen ist, so darf sie auch
nichts abhalten, das Haupt zu übersenden. Schicken sie keinen Brief mit,
so mag der Sultan einstweilen glauben, seine Bitte sei durch sie selbst
erfüllt worden; was sie um so mehr in seiner Gunst befestigt, und den
Verläumdungen ein Ziel setzt, wovon sein Brief meldete. Erfährt er ja
auf anderm Wege, unser Freund sei durch den Pöbel umgebracht, so bleibt
die Behauptung immer übrig, man sei ihnen zuvorgekommen. In andrer Zeit
mögen sie allenfalls die Wahrheit offen bekennen, so stehn sie um so
reiner von einer Uebelthat da.

Sie konnte sich nicht beruhigen, nicht entschließen, Alonzos Vorschlag
einzugehn. Nein, ich will meine Getreuen aufrufen, ihre Zahl ist nicht
mehr klein, die Thäter des Frevels ausmitteln, fürchterlich bestrafen,
und dann Coutances mit dem Leichenpomp eines Sultans bestatten. Der
grausame Kuku soll mindestens seinen Blick nicht am Gräßlichen weiden.

Es gab eine Menge Gründe wider alles das, und Alonzo bot sie auf. Erst
gab es Vorwürfe, er habe den Freund nicht geliebt daß er so schauderhaft
kalter Besonnenheit fähig sei, daß er die ehrwürdigen Reste entweihen
wollte. Alonzo konnte sich leicht mit Geduld waffnen, schwieg endlich am
ersten Tage, nachdem er wenigstens Floren das Versprechen abgefleht
hatte, noch nichts weiter zu thun. Auch am folgenden blieb alles ein
Geheimniß. Am dritten drang er so weit durch, daß Flore ihm überließ,
nach seinem Gutdünken zu handeln. Nun empfing der Bote sogleich den mit
Specereien verpackten Caffernkopf, und Alonzo sagte einem Kammerherrn
leise: Die Sultanin habe in der Stille ihrer innern Kammern, Osmann
tödten lassen. Zugleich bat er ihn, gegen Niemand davon zu reden.
Allerdings erzählten es nun bald Stadt und Land. Coutances verbarg sich
eine Zeitlang bei Alonzo, dann bräunte er sich das Gesicht, um den
Egyptern ähnlich zu sein, von welchen viele unter den Künstlern und
Werkleuten waren, und ging aufs Land. Es rührte ihn innig, wenn er hier
durch Alonzos Briefe erfuhr, daß Flore ihn täglich beweinte. Dies ist
die Lösung der Räthsel in den vorigen Kapiteln.



                           Viertes Kapitel.
                Ein alter Bekannter tritt wieder auf.


Flore weinte also, aber denn doch mit Philosophie, das heißt, sie hörte
nach einiger Zeit auf. Die Genugthuung behielt sie sich vor, einst dem
Sultan zu erklären, sie habe keinen Theil an dem, was mit Osmann
vorgegangen sei, und darauf zu bestehn, daß dem Unglücklichen ein
stolzes Monument errichtet werde.

So vergingen mehrere Wochen, in deren Verlauf sich die Zeichen der
Volksgunst abermals erweiterten. Von dem Ungewitter, das ihr vom Lager
her drohte, fürchtete die arme Unwissende nichts.

Sie sollte zuvor aber noch mannichfach überrascht werden. Früher als sie
es hatte erwarten können, wurde ihr ein schwarzer Sklavenhändler
gemeldet. Sie ließ ihn vor, und es war der ehrliche Musa. Er hatte
treulich Florens Auftrag vollzogen, und in Cairo Ring gesucht. Doch war
dieser schon seit einiger Zeit von dort entfernt, denn er hatte nach
seinem Beruf, den Truppen, die Syrien besuchten, folgen müssen. Und die
Nachrichten, welche den Verlust bei dieser Gelegenheit aufzählten, waren
noch bei Musas Anwesenheit in Cairo bekannt geworden -- dort hatte er
das Unglück gehabt, von den Türken gefangen zu werden. Durch einen
Griechen, der im Umgang mit vielen Franzosen stand, war es dem Neger
möglich geworden, über das alles Kundschaft einzuziehn.

Flore erschrack gar sehr, da die Gefangenschaft bei den Türken, wie man
erfuhr, drückend genug sein sollte, indessen tröstete sie Musa, und
sagte: Es findet sich doch auch mancher wackere Muselmann, und wenn man
sich auf weitere Kundschaft legt, und Nachricht einzieht, wo er
hingekommen ist, so wird er wohl loszukaufen sein. Ich verspreche meiner
Bekannten Beistand, denn für mich selbst ist Syrien zu entlegen.

Jetzt zog der Neger noch einen Brief aus der Tasche. Diesen, sagte er,
hat dein Frank in seiner Wohnung zurückgelassen. Er war für dich
bestimmt, wenn du etwa nach Cairo zurückkämest, und weil ich davon
hörte, mußte ihn mir der Grieche verschaffen.

Flore griff hastig zu, und ihr Herz erbebte, da sie die wohlbekannte
Hand der Aufschrift sah. Mit frohem Zittern erbrach sie das Siegel. Ring
schrieb:

Ich folge den Truppen, welche nach Syrien gehn, und theile ihre
vielseitige Gefahr. Sollte das Glück wollen, daß du Verlorne während
meiner Abwesenheit in Cairo einträfest, so wäre es dir lieb und
nützlich, einen Brief von mir zu finden. Darum schreibe ich diese Zeilen
nieder, so geringe auch die Hoffnung ist, daß sie in deine Hand
gelangen. Den Schmerz dir zu malen, den ich empfand, da ich von den
Pyramiden heimkehrte, und erfahren mußte, dich hätten Mamelukken
geraubt, erlasse mir, ich würde nur meine Wunden aufreißen. Glaube auch,
daß ich nichts unversucht ließ, deinen Aufenthalt zu erspähn. Doch
Kosten, Briefe, da und dorthin, gefährliche Reisen, alles blieb
unbelohnt. Kömmst du bei dem allen aber nach der Hauptstadt Egyptens, so
erwarte mich aus Syrien. Hörst du von meinem Tode, so weine nach Gebühr,
versage aber einem braven Franzosen, der um die Wittwe wirbt, deine Hand
nicht, daß dir kein Beschützer mangle, dich ins Vaterland zu führen.
Erfährst du etwa, ich sei gefangen, wird wohl nur Paris der Ort sein, wo
wir uns wieder treffen. Sorge dann nicht um die Härte meines Schicksals,
du weißt, ich habe den Kampf gegen das Leben bestehen gelernt, und es
giebt keine Lage, in die ich mich nicht muthig und heiter zu fügen
wüßte. Ich werde schon meine Masregeln treffen, daß es mir gelingt,
Frankreich wieder zu erreichen. Schließe dich dann an meine Freunde, und
suche mit dem ersten Schiffe, das nach Europa segelt, abzugehn. Hier
hast du also Weisungen für mehr als einen Fall. Doch ist noch ein
anderer übrig. Du könntest, niedlich, angenehm und verständig, Glück in
eines vornehmen Muselmannes Harem finden, und dies Glück dir durch die
Vorwürfe des Pflichtgefühls, die Erinnerungen der Treue gestört werden.
Nein, dringt etwa dennoch dieser Brief zu dir, so glaube, daß ich dich
um jeden Preis beruhigt wissen mögte. Der Nothwendigkeit muß man
gehorchen. Bist du in einen Harem gesperrt, so verseufze das Leben
nicht. Genieße, und denke nicht weiter an mich als an einen Freund, den
man doch nie hoffen darf, wieder zu sehen. Ich dagegen liebe sicher
keine andre, wenn ich dich nicht wieder finde. Das ist keine Tugend,
kein Heroismus von Liebe und Treue, sondern beruht auf einer winzigen
Kleinigkeit, mir gefällt keine wie du. Es ist weniger ein Wollen, wie
ein Müssen, daß ich, sei es in Afrika, Asia oder Europa, ewig bin

                                                            der Deine.
                                                                 Ring.

Groß-Cairo.

Flore war von diesem Briefe innig gerührt, noch stärker ward der Zug des
Herzens nach ihm, noch lebendiger erwachte Rings Andenken in ihrer
Brust. Weit entfernt, aus der einen Wendung des Briefes, eine Befugniß
in Darkulla zu bleiben, für ihre Ueberzeugungen zu schmieden, sah sie in
der Liebe, von welcher die Wendung ausging, nur ein heiliges Gebot, nach
Befreiung zu streben. Wie wenig stand aber da in ihrer Macht? Sie
herrschte in dem Inneren von Darkulla. Aber hätte sie es zu fliehen, zu
verlassen gesucht, würde der erste Schritt aus dem engen Passe sie
entdeckt haben, denn vor demselben lagerten Truppen, die auf alles was
aus und einging, genaue Obacht führten. Zu einem solchen Vorhaben,
hätten es auch die anderweitigen Schwierigkeiten und Gefahren ausführbar
gemacht, konnte immer die gegenwärtige Zeit nicht gewählt werden.

Sie belohnte unterdessen Musa reichlich, und fragte gleich: in wie fern
er würde ausmitteln können, wo Ring gefangen säße? Er antwortete: Schon
dachte ich diesen Auftrag zu bekommen, und ließ meine Bekannten in Cairo
nach Aleppo Damaskus und Smirna schreiben, denn die Sklaven werden
bisweilen weit verführt. Ich denke, wenn ich mit der Caravane nach
Fezzan komme, wohin ich bald abgehe, einen Brief dort vorzufinden, der
mich benachrichtiget, was die Bekannten erfahren haben.

»Thue alles was du kannst, ihn loszukaufen, ich gebe dir das nöthige
Gold gleich mit, und mehr wie du bedarfst, denn ich kann deiner
Redlichkeit trauen.«

Musa nahm wieder das Wort: Sultanin, auch meine Knechte waren in dieser
Zeit nicht müßig, ja noch glücklicher wie ich! Sie haben Mehemeds Fährte
so rastlos verfolgt, bis sie ihn selbst erreichten. Eben da er über den
Niger kam, denn er ist auch jenseit dieses Stromes gewesen, fingen sie
ihn, und trafen mich auf der Reise hieher, da sie ihn zu mir brachten.
Noch alle deine Kostbarkeiten fand ich auf seinen Kameelen, diese aber,
gehören mir, wie du wohl einsiehst. Nichts veruntreue ich, doch das
meinige lasse ich auch nicht gern fahren.

Behalte alles, rief Flore, ich bedarf dessen jetzt nicht, und kann ich
einst Darkulla meiden, gebührt mir für das seinem Volke erwiesene Gute,
auch nicht mit leerer Hand zu ziehn. Aber wo ist der betrügerische
Mehemed?

Musa rief nach außerhalb, und zwei Neger brachten Perotti geführt. Hier,
redete ihn Musa an, ist die Sultanin, sie wird die Strafe über dich
verhängen.

Perotti blickte auf Floren, ließ einen Ausruf der Verwunderung hören,
faßte sich aber schnell, und stimmte Frohlocken an. So hab ichs
gewünscht, vorausgesehn, den Plan legte ich an, schrie er, und warf sich
vor der Sultanin nieder.

Sie war sehr befremdet über diese unverschämte Herzhaftigkeit, der
Italiener ließ sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort: Bei
deiner Liebenswürdigkeit mußte dir in Afrika hohes Glück lächeln, darum
kauft ich dich nicht los. Dein Vermögen wollt' ich dir bewahren, da es
ja doch der Sklavenhändler genommen hätte; sieh so ein redlicher Mann
bin ich! Auch ist kein Rubin, kein Smaragd abhänden gekommen, was willst
du mehr? Daß mich des Musa Knechte festhielten, dafür konnt ich nicht,
aber ich wollte eben nach Darkulla kommen, dir deine Schätze
auszuhändigen, denn so gebot es meine Gewissenhaftigkeit. Du darfst sie
dem Neger nur abnehmen, und kömmst zu deinem Eigenthum. Hast du je eine
bewährtere Treue gefunden?

Flore fiel ein: Buben fehlt es selten an Gegenwart des Verstandes. Du
meinst doch nicht, ich soll deinen Worten glauben?

Perotti betheuerte von Neuem, und setzte noch hinzu: Wäre auch meine
fürwahr engelreine Absicht, schwarz wie die Hölle gewesen, jetzt hättest
du Grund, sie zu lieben, sie erhob dich auf den Thron von Darkulla.

»O dieser unglückliche Thron! Hättest du mich von Musa erstanden,
vielleicht wäre es mir gelungen, nach Cairo zu kommen!«

Nimmer, nimmer, erhabene Sultanin! Zu keiner Zeit waren die Gegenden
mehr mit Räubervolk überschwemmt!

»Mein Freund, dein Feind, fand hier schmähligen Tod. Das macht mir dies
Negerland, so reizend es die Natur ausstattete, doppelt verhaßt.«

Dein Freund? mein Feind? Wer wäre das? Ich kenne Niemand, der mein Feind
wäre. Ich zum wenigsten liebe die ganze Welt.

»Kennst du den Franzosen Coutances?«

Coutances, er war in Darkulla? Ohne Zweifel Isabellen zu suchen? Und den
nennst du meinen Feind? Wir wetteiferten blos um den Besitz der
Schönheit. Nie konnt ich ihn hassen. Mich freute vielmehr sein Witz,
mich entzückte der verschlagene Sinn, und indem er ihn übte, erhöhte er
auch mein Talent!

»Du bist ein Meister der Verstellung.«

Und dieser brave feurige Coutances wäre dahin? Verzeihe meiner Thräne!
Sie muß ihm fließen.

Perotti weinte so natürlich, daß Flore beinahe getäuscht wurde.
Wenigstens freuten sie die Thränen, welche Coutances geweiht waren. Der
Augenblick ihrer Bewegung traf ein, und sie sprach: Sey ein Verräther,
ein Heuchler, oder nicht, es ist dir verziehn! Was frommte mir deine
Bestrafung? Geh frei aus!

Perotti warf sich von Neuem auf die Erde. Ich bin nicht strafwürdig,
dabei blieb er, also kannst du mich auch nicht strafen. Aber was soll
mir jetzt die Freiheit? Die Schwarzen raubten mir alles. Nimm mich in
deinen Dienst, große Sultanin!

»Dich? ha ha ha!«

Keinen ergebneren, keinen treueren Knecht findest du.

»Ha ha ha!«

Fürwahr, ich kann dir brauchbar seyn. Auf meiner Reise habe ich die
Sitten der Völker dieses Welttheils geprüft, und da ich tiefer in den
Süden drang, wie noch nie ein Europäer, lernt ich auch klüger mich in
den Menschen finden.

»O daran zweifelt bei Signor Perotti Niemand. Und wie fingst du es an,
überall ungestört durchdringen zu können, da so mancher Andere früh
umkehren mußte, oder seinen Tod fand?«

Auch ich machte den Arzt, wie es andre gethan haben, bediente mich aber
lauter kräftiger flüchtiger Reize, die allenfalls im Stande waren, die
Lebenskraft des Hinscheidenden noch für eine Stunde zurückzurufen. So
machte meine Heilkunde oft Glück, so lange ich anwesend war, was nach
meiner Abreise geschah, kümmerte mich nicht!

»O pfui!«

Was thut der Europäer nicht um die Weisheit! Nächstdem hatte ich einige
chemische Apparate, einige Instrumente der Naturkundigen auf meinen
Thieren. Ich hatte vorausgesehn, daß ich mir so den Ruf eines großen
Zauberers und Furcht erwerben könne. Und es gelang mir damit.

Wirklich mögte man glauben, daß wenn ins Große getrieben würde, was
Perotti wohl nur mit weniger Bedeutung that, die Naturwissenschaften
einen unternehmenden Abentheurer gar wohl in Stand setzten, sich unter
den Völkern in Afrika, vielleicht selbst in Asien, zum Religionsstifter
zu erheben; das höchste was bis jetzt unter den Menschen erreicht worden
ist, da die Namen Moses, Confutsee, Zoroaster, Fot, Mahomed u. s. w. die
der großen Eroberer überdauern. Welche für solche Menschen
unbegreifliche Erscheinungen könnte sie nicht hervorbringen, die ihnen
unfehlbar Himmelswunder gölten, und göttliche Sendung urkundeten.
Chemische Prozesse, Elektrizität, Luftschifferei, welche Hülfsmittel zu
diesem Zweck. Vielleicht fällt noch ein ruhmsüchtiger Wagehals darauf.
Noch interessanter ist aber der Gedanke an eine so hohe Stufe der
Naturkunde, die selbst Völkern, wie die gegenwärtig gelehrtesten,
Wunderglauben auferlegen könnte. Und doch wird sie gewiß einst erreicht,
und muß wieder winzig dastehn, gegen das, was die von ihr weiter gehende
Entwicklung offenbaren kann.

O, fuhr Perotti fort, wenn einige ruhige Stunden dazu günstig sind, dann
werde ich erzählen, was ich alles unter diesen Völkern sah, und that.
Aber am meisten werden meine Hörer staunen, wenn ich berichte, was mir
jenseits der Gebürge zu Gesicht kam, die das Auge erst in blauer Ferne
entdeckt, wenn der Pilger hundert Meilen über den Niger hinausdrang.
Wisse, daß hier Nationen hausen, bei denen tiefe Wissenschaft und Künste
mancher Art gar nicht fremde sind. Weiße wohlgebildete Nationen.
Nachkommen der von den Römern vertriebenen Carthager, der vor Belisarius
fliehenden Vandalen und Andere.

Darauf wäre ich wohl begierig, versetzte Flore.

Es wird sich Zeit dazu finden. Wohlan, bleibe in meinem Dienst, wenn du
schon mein Vertrauen nimmer gewinnen kannst.

Jetzt trat auch Alonzo ins Zimmer, der sich nicht wenig über den
Ankömmling verwunderte. Es erhub sich gleich ein Streit unter den
Beiden. Des Spaniers alter Kummer erwachte, und er maaß dem Italiener
Isabellens Verlust bei. Dieser erwiederte: Deine Schuld, daß du mich dem
Franzosen nachsetztest. Flore sagte: Dem sei wie ihm wolle, jetzt müßt
ihr euch versöhnen. Und wie steht es denn um die Nachrichten von
Isabellen, Perotti?

Auf meinem Wege fand ich keine weitere Spur.

Ach sie ist längst hinüber, seufzte Alonzo.

Wir hörten, nahm Flore wieder das Wort, sie sei umgekommen.

Das glaube ich demungeachtet nicht, erwiederte Perotti.

Auch ich nicht, war Florens Bemerkung.



                           Fünftes Kapitel.
                      Die schlimme Gefahr naht.


Eben wollte man weiter reden, als ein Darkullaner athemlos
hereingestürzt kam. Sultanin, rief er, ich bin dir treu, und will, wie
Tausend andere, mein Leben in deiner Vertheidigung opfern. -- Du sollst
deiner Macht entsetzt, getödtet werden. So will es der Sultan.

Alles rief bestürzt: der Sultan?

Ja, fuhr der Darkullaner fort, und schon ist sein Bruder Tata zum
Felsenweg herein. Allen die in den Dörfern wohnen, verkündigt er Kukus
Befehl. Hoher Lohn erwartet den, der dich lebend oder todt liefert.
Viele Mächtigen jubeln, aber die Knechte weinen, und berathen, ob sie
sich dir zur Seite stellen sollen? Denn du warst ihnen mild, und sahen
sie es nicht gleich ein, daß sie in dir ihre Beschützerin lieben mußten,
so sind sie nun von ihrem Irrthum zurückgekommen. Viele haben sich im
großen Dattelwald gesammelt. Schicke ihnen einen Anführer, und ihr
Entschluß wird genommen sein. Noch weiß Niemand in der Stadt davon, denn
ich ritt das schnellfüßigste Dromedar todt, um dir noch zu guter Zeit
die Kunde zu bringen.

Mir ziemt Ergebung, sprach Flore gefaßt, der Sultan gab mir diese Macht,
er nehme sie wieder hin, er ist Herr über mein Leben, mir bleibt nichts,
als mit Ruhe zu sterben. Schändliche Verläumdung hat seinen Zorn
entflammt, vielleicht werde ich gehört, kann meine Unschuld darthun.

Hören wird man dich nicht, rief der Darkullaner.

Dies fordert das Recht, versetzte die Sultanin, und ich kenne Kuku.
Aufbrausen kann er, aber leicht erwacht neue Großmuth in seinem Busen.

Perotti wimmerte: Gewiß läßt der Sultan erst deinen Kopf holen, der
verwünschte Gebrauch in Afrika, dann wird man einen Prozeß anstellen.
Sinne auf List, auf Trug, auf Ränke, hintergehe die Gegner.

Greife zum Schwerdt mit deinen Getreuen, rief Alonzo.

Wie, ich sollte das Schwerdt gegen meinen Wohlthäter erheben?

»Ist er es denn auch noch, wenn er elender Afterrede Gehör giebt, und
dich, die Unschuldige, zu verderben denkt. Unter den Waffen laß die
Gründe gegen deine Anklage hören, sonst bist du verloren.«

Flore war tief erschüttert. Wohl bin ichs mir schuldig, sprach sie, auf
meine Rettung zu sinnen, aber wie viele werden mir beistehn, wenn sie
des Sultans Gebot hören?

Durch Gaukelkünste muß das Volk an dich gekettet werden, fiel Perotti
ein.

»Freilich ist alles hier recht, was die Klugheit empfiehlt, doch wollen
wir edle Mittel gebrauchen. Der Sultanin Schönheit, die Anmuth ihrer
Rede, werden, müssen ihr die Herzen gewinnen, wenn sie sich öffentlich
zeigt.«

Perotti billigte diesen Ausspruch, doch setzte er hinzu, ich werde dann
sorgen, daß ihr Eindruck alle Gegenpartheien zermalmet.

Musa wurde gefragt, was er meinte, daß jetzt anzufangen sei? Er gab zur
Antwort: Ich trete nicht auf eine, noch auf die andere Seite, und
entfernte sich.

Flore rief den Obersten der Leibwache. Einen Eid, sprach sie, fordre ich
von dir und deinen Leuten, daß ihr in einer nahen Gefahr, die mich
bedrohen wird, mir beisteht, ohne zu fragen von wannen sie naht.

Was ist da ein Eid nöthig, sagte der Offizier. Das müssen wir ja so, da
wir schon schwuren, dich mit unserm Leben zu vertheidigen.

Wohlan, versetzte Flore, befiehl, daß alles Volk der Stadt sich vor dem
Pallaste sammle. -- Der Eunuche ging ab.

Alonzo entfernte sich einige Minuten. Während dessen trug Perotti einen
Plan nach dem andern vor. Die Soldaten werden dir nicht ergeben bleiben,
sprach er unter andern, wenn des Sultans Gebot ihnen zu Ohren kömmt;
wäre ich wie du, ich ließ ihre Gehörwerkzeuge mit erhitzten Eisen
zerstören, so vernähmen sie nicht, was ausgerufen oder vorgelesen wird.

Die Kammerherrn erschienen. Sie hatten erfahren, daß Nene Sorge
umschwebe. Welche? wußten sie aber nicht, und waren doch unsäglich
neugierig. Zugleich versicherten sie, wie sie außer sich vor Verdruß
wären, nicht jeder Zehntausend Leben und Zwanzigtausend Arme zu
besitzen, um sie in Nenes Vertheidigung lächelnd hinzuopfern. Gleich
aber folgte die Frage wieder: welche Gefahr doch die Sultanin umschwebe?

Da sie mit der Antwort zauderte, fiel Perotti darauf, ihnen gleichsam im
Vertrauen zu eröffnen, daß Sultan Kuku mit der Ergebung, welche das Volk
der Sultanin bezeigte, nicht zufrieden genug sei. Er wolle durchaus, ihr
solle unterwürfiger wie ihm selbst gehorcht werden, sogar gegen sein
Gebot solle man ihr treu bleiben. Um zu prüfen, ob auch dieser strenge
Wille befolgt sei, würde Tata mit Kriegern erscheinen, und das Volk
aufrufen, der Sultanin nicht mehr gehorsam zu sein, ja sie gefangen
auszuliefern; wer nun gehorchte, dessen Kopf würde in Kukus Lager
gebracht.

Die Kammerherren eilten was sie konnten, das auszustreuen, und von Mund
zu Mund lief die Warnung, ja nicht nach Tata zu hören.

Alonzo kam zurück. Heitrer wie zuvor suchte er Nene Muth einzusprechen,
und setzte hinzu: Es wird jemand, von dem du es gar nicht hoffest, zu
deiner Hülfe eilen.

Das Volk fing jetzt an, sich in dem Pallasthofe zu sammeln. Man hörte
sein dumpfes Murmeln, sahe die Bewegungen, welche den lebendigsten
Antheil, und verschiedne Partheinahme ausdrückten. Der treue Schwarze
mußte hinunter, und die Gespräche näher hören. Er kam bald zurück, und
berichtete: wie das listige Vorgeben wenig Glauben gewinne, vielmehr
sagte man sich: wenn Kuku seinen Bruder schicke, die Sultanin
abzusetzen, geschehe es, weil sie so manche ehrwürdige Einrichtung über
den Haufen geworfen habe.

So weiß ich noch eine andere List, rief Perotti, und diese wird
gelingen. Er rannte bei diesen Worten hinaus.

Welche List steht uns zu Gebote? sprach Alonzo. Ja, hätten wir
mancherlei Gegenstände aus Europa, so sollte sich Nene wie eine
Wunderthäterin, wie eine Gottgesandte zeigen. Eine große
Elektrisirmaschiene im Pallast verborgen, einen Draht unbemerkt
hinausgeführt, und so dem ganzen zusammengedrängten Volke einen Schlag
versetzt, während auch noch ein künstlicher Donner ertönte; eine
Engelgestalt aus Wachstaffent mit ärostatischem Gas gefüllt, in der
Nacht an einem dünnen Faden zur Höhe gelassen, und dann vor dem
Angesichte des Volks majestätisch in den Pallast herabgezogen, daß jeder
wähnte, ein Himmelsbote brächte der Sultanin Gottes Befehl, das könnte
mächtig wirken. Aber woher nähmen wir das alles?

Man sieht, daß ihr ein Spanier seid, versetzte Flore, auch eure List
trägt den poetischen Stempel. Mag es seyn wie es wolle, ich muß
versuchen, was mein Anblick, meine Rede auf den rohen Haufen wirken.

Sie trat nach diesen Worten auf eine Art Balkon hinaus, machte eine
grüßende Bewegung, und hub dann an mit Würde zu sprechen.

Doch ein geringer Theil empfing sie nur mit Freudengeschrei, ein anderer
mißbilligte das Stille gebietend, so entstand ein unordentliches
doppeltes Geräusch, das Florens Rede ungehört machte. Die unzufriedene
Parthei unterhielt den Lärmen absichtlich, und verletzte die
Ehrerbietung mit Frechheit. Flore eilte endlich zurück in den Saal, rief
erzürnt ihre Wache, und befahl ihr, muthig die Unverschämtheit zu
strafen.

Indem hörte man die Ankunft eines Herolds, der sich auf einem
darkullanischen Instrumente hören ließ. Vielleicht kömmt er zu mir,
dachte Flore, allein er hielt im Hofe, gebot Aufmerksamkeit, und rief
das Volk auf.

Die eben hinausgestürzten Eunuchen hörten auch auf den Herold, der nun
in Tatas Namen verkündigte: das Volk solle der Cafferin Nene Kopf, die
nicht mehr Eselin der Eselinnen sey, an Tata liefern. Weigerte man sich,
so würde er, schon nach zwei Tagen hier, die Stadt in Brand setzen, und
alles ermorden lassen.

Unentschlossen zauderte das Volk, doch einige Glieder des Divan, die
sonst immer noch treulich auf Nenes Seite gestanden hatten, riefen
furchtbar: Wir müssen gehorsamen!

Sogleich wälzte sich der rebellische Haufe dem Pallaste zu, selbst die
Eunuchen widerstanden nicht.

Jetzt war Perotti wieder ins Zimmer der Sultanin gekommen, die in der
That an ihrer Sache verzweifelte. Hinaus, rief er, noch einmal hinaus,
in diesem Augenblicke wird es gelten. Dabei änderte er einiges an ihrem
Haarschmuck, was sie kaum bemerkte.

Sie trat wieder auf den Balkon, und mußte den letzten Rest ihres Muthes
aufrufen, um nicht vor Schrecken über die unbändige auf ihr Leben
herandringende Masse niederzusinken.

Aber o Wunder! Plötzlich stand die Menge, das Wuthgeheul schwieg, die
mordlustigen Blicke waren erheitert. Ein kurzer Freudenruf, dann
allgemeines Verstummen.

Flore begriff diese schnelle Veränderung durchaus nicht, nützte sie aber
mit voller Geistesgegenwart, und hielt eine Rede voll Hoheit und
Rührung. Jedes Wort drang ein, alles rief: wir haben unsere Eselin
wieder! Heil der Eselin aller Eselinnen!

Der Divan rief am lautesten, die Eunuchen der Wache drohten
niederzubohren, was noch einen Schritt gegen den Pallast wagte.

Schwört mir, rief Flore, bei dem Propheten, neue Treue! -- Sie schwuren
alle. So nur könnt ihr eurem Sultan gefallen, setzte sie hinzu. Ich weiß
besser wie ich mit ihm stehe, wie selbst sein Bruder. Und nun
auseinander, zu euren Wohnungen!

Alles zerstreute sich sogleich, und Flore kehrte zurück.

Seht ihr, rief Perotti aus, indem er den Angstschweis von der Stirn
tilgte, seht ihr, es war wohlgethan, mich in euren Dienst zu nehmen.
Euer Leben rettete ich. Er faßte hierauf wieder nach ihrem Haupte, und
nahm die zwei Ohren der Leibeselin herunter, die er vorhin ihr unbemerkt
aufgesteckt hatte.

Nicht wahr, ein gescheuter Einfall, daß ich vorhin in den Marstall
schlich, und die Ohren holte? Sie haben das ganze Wunderwerk vollbracht.

Floren mischte sich Verdruß in die Freude, doch hatte sie einmal mit den
Eselsohren dagestanden.

Ich rathe, sprach nun Alonzo, die Stadt in Vertheidigungsstand zu
setzen. Tata und seine Krieger dürften nicht so bald zu umwandeln seyn.

Flore war das zufrieden. Das Volk mußte einen Wall und einen Graben
aufwerfen, spitze Pfähle erschwerten den Zugang. Alonzo leitete diese
Arbeiten, und als Tata erschien, war man schon zu einer Belagerung
vorbereitet.

Der treue Schwarze war auch thätig, und versicherte Floren, nun die
Städter ihr bei Mahomeds Namen Treue geschworen hätten, könne sie auch
darauf bauen, daß sie ihr Leben für sie wagten, und nichts sie
erschüttere.

Wohin soll das aber führen? rief Flore. Ich will keinen inneren Krieg,
Blut soll um mich nicht strömen. Alonzo entgegnete: und doch wird es
nicht mehr zu vermeiden seyn, es wäre denn, Tata ließe mit sich
unterhandeln, und berichtete an den Sultan zurück. Unter den Waffen aber
unterhandelt es sich am nachdrücklichsten.

Flore erließ Proklamationen an das Volk, die Alonzo aufgesetzt hatte,
und prächtig klangen. Neben aller Würde, vergaß man doch nicht, der
Menge darin zu schmeicheln. So gering auch die Portion ist, die bei
solcher Gelegenheit auf den Einzelnen fällt, so wachsen doch die kleinen
Theile von Erkenntlichkeit wieder zu einem namhaften Ganzen an.

Tata dagegen, wie er mit seinen Kriegern, und dem an sich gezogenen
Landvolk die Verschanzung umzingelt hatte, sprach in wüthenden
Manifesten, die bei furchtsamen Nationen vortrefflich seyn mögen, bei
andern aber, wohin hier unsre Darkullaner gezählt werden können, ganz an
der unrechten Stelle sind.

Doch nahm beinahe ein gewisser Umstand eine günstige Wendung für Kukus
Bruder. Die Eselin nämlich, welche durch Perotti um ihre wohlgeformte
Ohren gekommen war, die Leibeselin in den Hofmarställen, hatte in
Darkulla eine gewisse Weihe, einen Mysticismus aus den Zeiten der
Abgötterei her, und noch hatte der Islamismus, wie wir schon oben
bemerkten, diese Spuren nicht verdrängen können. Ueberhaupt ist die
Ideenmengung bei den Religionen so gar ungewöhnlich nicht, und es dürfte
keine einzige geben, die nicht mehrere Grundzüge einer anderen in sich
aufnähme. Darüber ließe sich hier der Schein tiefer Gelehrsamkeit
annehmen, wenn man berühmte aber dennoch nicht sehr gekannte
Schriftsteller ausschreiben wollte. Ohne aber mit einem Bailli oder
Volnei zu untersuchen: ob der Esel von Darkulla, mit einem äthiopischen
Mythos zusammenhängen mögte, sei es genug, zu melden, daß sein Stall
eine Art Tempel war, und daß dieser nach Ahnen, Tugend und Anmuth
gewählte Erzesel, sogar Priester zu seinem Cultus hatte. Nur an hohen
Festen durfte ihn der Sultan besteigen. Krankheit und Tod dieses Thieres
galten unglückliche Zeichen dem Lande; sein Wohlsein, muntrer Appetit,
sein muthiges Hintenausschlagen frohe Verkündigung.

Wenn nun unser Italiener im Augenblicke der Noth auf den Einfall kam,
der Sultanin des Landes edles Simbol in das Haar zu pflanzen, so
enthielt er die Genialität glücklicher Erfindung, denn der Gradsinn sah
reuiges Hinwenden zu dem Ehrwürdigen, der Aberglaube vielleicht gar den
Arm des Himmels in dieser Erscheinung. Allein Florens Unstern führte den
Italiener grade zu dem heiligen Thiere, ein unerhört schrecklicher
Umstand. Der Stall war eben ledig, und so wurden die Ohren schnell genug
und unbemerkt abgelöst. Nach einer Stunde etwa sprach Perotti mit dem
Spanier über die vollbrachte List, und dieser fragte: wie er doch so
geschwind zu den Ohren gekommen sei? Jener zeigte auf den Stall.

Alonzo schlug die Hände über dem Haupte zusammen. Wir sind alle
verloren, wenn das kein Geheimniß bleibt, rief er aus, und erklärte dem
Italiener, was er, bei längerem Aufenthalt in Darkulla, genauer, wie
dieser kannte.

Dieser lief in der Angst mit den Ohren wieder hinunter, bediente sich
eines Baumharzes aus dem Pallastgarten, und klebte sie so gut wieder an,
als es sich im ersten Augenblicke thun ließ. Zum Glück waren die
Priester und Knechte, des Auflaufs wegen, nicht in der Nähe.

Unentdeckt konnte aber die Sache nicht bleiben, und es war höchst
gefährlich, irgend jemand in die Mitwissenschaft zu ziehn. Es wurden
daher die gewöhnlichen Knechte des Esels entfernt und Perotti fütterte
und putzte ihn an ihrer Stelle, wodurch man der Entdeckung auswich. Auch
mußte Flore vorgeben, ein besonderes Gefühl der Verehrung des heiligen
Esels sei über sie gekommen, und sie wollte ihn huldigend mit einer
köstlichen Krone schmücken. Diese wurde in Eile aus Gefieder und
Juweelen gemacht, und sie bedeckte den Oberkopf so, daß weder ein Organ
daran vermißt wurde, noch sein defekter Zustand in die Augen fiel.

Perotti ließ sich sogar die priesterliche Würde geben, um bei Aufzügen
das Thier zu führen. So wurde jedermann davon entfernt.

Das alles aber reizte die Neugier eines andern Priesters, der gleich
vermuthete, es müsse hier eine Heimlichkeit verborgen sein, die man zu
offenbaren fürchtete. Er versteckte sich also eine Nacht hindurch in dem
Tempel, untersuchte das Thier, und fand die Verstümmlung auf.

Er war außer sich vor Freude, und das aus folgenden Gründen: Die
Eselspriester hatten ewige Controversen mit den Mahomedspriestern zu
bestehn, denn diese wollten jene, wie die ganze Eselsverehrung, als
unrein und unerlaubt austilgen. Bei den Controversen übt sich der
Verstand und nimmt einen ungewöhnlichen Flug, während die Vorurtheile
sinken. Der Mann, von welchem wir gegenwärtig reden, war jung, feurig,
der Priesterschaft gram, und hatte sich in Floren, die er oft sah,
heftig verliebt. Augenblicklich durchschaute er den Plan mit jenen
Ohren, und baute darauf einen Plan für das Glück seiner Liebe, oder noch
wohl höherer Wünsche. Er ließ sich kurz nach seinem Auffund bei Floren
melden.

Sie nahm ihn, umringt von einigen Staatsbeamten, an. Er bat um Gehör
unter vier Augen. Dem Priester versagte sich das nicht wohl. Nun warf er
sich nieder, und bekannte unverschämt und ohne Hehl seine Leidenschaft.

Flore fühlte sich heftig entrüstet. Schon der Akt an und für sich mußte
sie empören, und ihr war auch bekannt, daß die Eselspriester zum
ehelosen Stand, zur strengsten Enthaltsamkeit der Liebe verbunden waren.

Und du erfrechst dich -- hub sie mit strafendem Eifer an, aber der Neger
ließ sie nicht weiter reden, sondern fiel ein:

Erhabne weise Sultanin, oder vielmehr schönste der Weiber im
Menschengeschlecht, du herrschest hier durch die Kraft der Gesetze, auch
meine Macht ist nicht geringe, sie ward auf die Gewalt des Wahnes
gegründet, und diese überbietet oft sogar jene.

»Und du erdreistest dich, die Religion Wahn zu nennen?«

Schöne Königin, du glaubst an die Göttlichkeit der Esel nicht, nur das
Volk sichrer zu lenken, erzeigst du ihnen Verehrung. Noch mehr wie du,
lache ich, der Priester, über die Gaukelei. Aber wenn wir uns im
Zutrauen begegneten, welche Ketten, dauernd, und fest, würde unser
Verein den vornehmen und niederen Sklaven schmieden können. Die, woran
du das Volk lenkest, droht zu brechen, weil du die meinige zertrümmern
willst. Ich kann dir ersprießlicher als irgend ein Darkullaner oder
Caffer sein. Ich will die Herzen gewinnen, die Ueberzeugung fesseln.
Nicht nur gemeinschaftlicher Vortheil, auch Liebe, die heißeste, die je
im heißen Afrika einen Busen durchglühte, Liebe, Liebe betet dich an.
Verwirf sie nicht, und ich lehre dir, dem Zorn des Sultans Trotz zu
bieten.

Verruchter, rief Flore, ich höre auf, deinen Stand zu achten, und strafe
nur den Frevel.

Stolz erwiederte jener: Das würdest du vor dem Volke verantworten
müssen.

»Für niemand wird es sich einlegen, der seine hohe Würde entheiligte.
Ich rede schon zuviel mit dir. Wache!«

Noch Eins! Ich kann dich verderben. Das Geheimniß ist mir bekannt, wie
neulich die wüthende Menge beruhigt wurde.

Flore erschrack.

Der Priester bemerkte es schadenfroh, und setzte hinzu: Verwirfst du
mich, schreie ich der mich verhaftenden Wache zu: die heilige Eselin ist
der Ohren beraubt, geschändet, Weh über Darkulla, wenn sie nicht gerächt
wird! Preise dein Geschick, daß ich über die Eselin lache, daß Liebe mir
höher gilt, wie Possen, sonst wärst du schon verloren.

Flore sah den Abgrund, der vor ihr gähnte, sie dachte: Besonnenheit
allein kann mich retten, zog einen unter dem Kleide verborgenen Dolch
hervor, und stieß ihn dem Priester in die Brust. Eine That, welche die
grausam dringende Nothwendigkeit, und das nichtswürdige Betragen des
Bonzen ihr erleichterten.

Er sank hin, sagte aber sterbend: Es wird dich reuen, schöne Tyrannin.

Kein Eingeborner durfte ins Zimmer. Alonzo und Perotti wurden schnell
gerufen. Verbergt den Leichnam, schnell, schnell!

Die Beiden erschracken heftig.

»Es mußte sein, das Weitere ein Andermal.«



                          Sechstes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Wo man den Meister spielt, läßt sich viel ins Werk setzen, darum wurde
die heimliche Beerdigung des Priesters bald zu Stande gebracht. Alonzo
sagte aber: Wir müssen mehr als je mit dem Volke auf unsrer Hut sein.
Perottis Einfall rettete für den Augenblick, aber späterhin kann er uns
verderben.

Ei, rief Perotti, ich machte schon ein ander Thier ausfindig, das dem
vorigen ähnlich ist. Bei Nacht schaff ich es in den Tempel, und das
verstümmelte wird in einen Teich versenkt.

Wie gefährlich aber ist das alles, versetzte der Spanier. Laßt uns auf
Mittel sinnen, dem Volke ein Blendwerk im höheren Styl zu bereiten.
Selbsterhaltung legt es uns auf. Wir sind Europäer. Unsre
Naturwissenschaft muß uns dazu in Stand setzen. Laßt uns einige der
geschicktesten Caffern gebrauchen. Auch über sie schwebt die Gefahr.
Feuergewehr ist selten in diesem Reiche, wenn es schon nicht den
Schrecken verbreitet, wie bei ganz wilden neuentdeckten Völkern. Wir
wollen aber dennoch Salpeter suchen und Pulver in so großer Menge
verfertigen, als es immer möglich ist.

Gut, gut, rief Perotti, fehlt es uns an Flinten oder Stücken, so machen
wir Feuerwerke, hier ein ungesehen Schauspiel, mit dem manches
auszurichten ist. Das Volk muß uns schon der Kurzweil halber lieben.

»Auch denke ich Minen unter den Wall zu legen, oder -- noch etwas anders
fällt mir bei, wovon ich nachher reden werde.«

Mir auch, warlich in dem nämlichen Augenblick, sprach der Italiener, und
ich wette, wir fielen auf einen Gedanken.

»Sollte es uns nicht möglich werden, eine elektrische Vorrichtung zu
erbauen. Es fehlt uns zwar manches dazu, aber Noth ist erfinderisch.«

Wohl! Die Theorie davon ist mir wenigstens bekannt. Doch vor allen
Dingen mögte ich leichtes Gas und einen Wachstaffent bereiten können.
Ich glaube, einer unserer geschickten Zeugmacher hat einen feinen
dichten seidenen Stoff fertig.

»Mit Wachs überzieh ich ihn.«

Vitriol, Eisen, besitzen wir. Warum sollte sich nicht ein leichtes Gas
bereiten lassen.

»Unter dem Pallast sind tiefe Kellergewölbe. Da leg ich eine Werkstatt
an. Die Caffern, welche mir helfen, kommen nicht mehr ans Tageslicht,
bis das Volk von Darkulla uns unbedingt huldigt.«

Flore rief: Ihr Herren denkt auf alles. Beim Ausführen des Wunderbaren
will ich schon an meiner Stelle stehn. Warlich, nichts Geringes lastet
auf uns. Eigentlich müssen wir ja gegen das innere Volk der Stadt, und
wider das Belagerungsheer zugleich kämpfen. Fast ist unser Sieg nicht
abzusehn. Doch fallen wir, kann es die Feinde nicht ehren.

Doch unser Triumph wird unerhört sein. Und die hohe Stufe europäischer
Kultur muß gebieten! schwärmte der Spanier, der viel Elastizität hatte,
welche nur des äußern Drucks bedurfte, um wirksam zu sein. Daneben
fehlte es ihm gar nicht an dem poetischen Schwung, der ja nach
Isabellens Zeiten, wie neuere deutsche Autoren behaupten, ein Grundzug
des hispanischen Charakters geworden sein soll.

Genug, sechs Arbeiter wurden im Geheim angestellt, Perotti leitete die
Technik, die Ideen gab Alonzo, Flore übte die Rollen des Ausführens ein.
Weiter unten wird das Warum, Wie und Wo, näher berichtet.

Wenden wir den Blick zu Tata hin. Er stand vor der Stadt, und
besichtigte die Vertheidigungslinie. Anfangs glaubte er, seine Befehle
würden ohne Weiteres Unterwürfigkeit erzielen, da er aber die Hauptstadt
Nene anhängen, und sich zur Wehre stellen sah, wurde er heftig
erbittert. Zwar meinte er gleich, das Volk sei durch Verführungskünste
geblendet worden, und zauderte deshalb, um nicht Blut von Darkulla durch
Darkullaner zu vergießen, allein fest stand auch der Beschluß: wenn man
nicht bald sich gäbe, die ausgesprochenen Schreckensdrohungen nach ihrem
ganzen Umfange zu erfüllen.

Während er nun auf Aenderung des Sinnes hoffte, und die schwächste
Stelle der Verschanzung ausgesucht ward, um sie, wenn es sein müsse, zu
erstürmen, langte ein Knabe bei ihm an, der in der Nacht über den Wall
gestiegen war, und den Graben durchschwommen hatte. Er brachte ein
Palmblatt, auf welchem diese Worte standen:

Ruchlose Gaukelei hat das Volk der Stadt betrogen. Kein Zeichen vom
Himmel war es, daß die Sultanin der Menge mit den Ohren der heiligen
Eselin erschien, tempelräuberisch haben ihre Caffern das Thier
verstümmelt, und frech hat Nene die Ohren entweiht. Daß nicht Tausend
Donner den Frevel straften, ist des Himmels Langmuth, und seine Gnade
gegen dich, o Tata, weil er dir die Rache übergiebt. Ich sterbe für
meine Aussage, und bin nicht mehr, wenn der Bote deinem Lager naht.

                                 Der Großpriester der heiligen Eselin.

                   *       *       *       *       *

Diesem im Tempel dienenden Knaben, der des Lesens unkundig war, hatte
der Verräther das Blatt überliefert, ehe er zu Nene ging. Niemand, bei
Strafe des Feuertodes, lautete seine Weisung, zeige das Blatt. Warte
drei Tage auf mich, bin ich dann nicht wieder bei dir, so lebe ich nicht
mehr, und die Esel des Paradieses wollen, daß du in Tatas Lager
schleichest, ihm das Blatt in seine Hände zu liefern.

Der Knabe hatte am Altar schwören müssen. Allein nicht gleich war es ihm
möglich geworden, das Gebot zu erfüllen. Zu genau wachten die Krieger
auf dem Walle. So waren acht Tage vergangen, endlich aber doch die
Aufsicht betrogen worden.

Tata schauderte, da ihm doch noch einige Landesvorurtheile anhingen,
schäumte vor Wuth gegen die Sultanin, war aber bei dem allen auch froh,
nun ein Mittel gefunden zu haben, wodurch die Feindin unfehlbar zu
verderben sei.

Das Blatt wurde sogleich vervielfältigt, und rund um die Stadt durch
angestellte Getreuen laut abgelesen. Die Darkullaner auf dem Walle
vernahmen jedes Wort, Fanatismus, Jähzorn und Rachsucht loderten
furchtbar in allen Busen auf.

Ein Strom von Empörern brauste in zügelloser Erbitterung auf den Pallast
los. Schon sind sie an seiner Eisenpforte, wollen sie aufreissen, das
Haupt, das Herz der Sultanin holen, um das beleidigte Göttliche zu
sühnen -- da trifft den vordersten Mann, der das Thor berührt hat, ein
Schlag von unsichtbarer Hand, und diesen nämlichen Schlag fühlt die
ganze gedrängt nachstürzende Menge. Alle Nerven wurden den Männern durch
den entsetzlichen Schlag erschüttert. Kaum konnten sie über das Ereigniß
nachsinnen, als die Sultanin auf dem Balkon erschien, und ausrief:
Unverletzlich ist das Thor der Sultanin. Der Himmel beschützt sie, und
wer das geringe Zeichen seines Unwillens noch nicht achtet, dem wird es
sich wiederholen, bis er todt zu Boden stürzt, und die Seele der
Verdammniß sendet. Fort auf den Wall, die Stadt zu vertheidigen!

Starr weilte die Menge. Niemand wagte sich mehr vorwärts, Niemand wagte
auch den Befehl zu erfüllen. Plötzlich fühlte jeder einen neuen Schlag,
viel stärker als der vorige. Alles stürzte zu Boden.

Erfüllt das Gebot, oder des Himmels neues Zeichen stürzt euch alle ins
Grab.

Behend sprang hier Jeder auf, nach seinem Platze auf der Verschanzung zu
eilen. Tata hatte doppelt sicher gehen wollen, und während der Zeit, wo
der Wall von seinen Vertheidigern leer war, einen Sturm anbefohlen. An
vielen Stellen hatte man den Graben bereits durchschwommen, und
beträchtliche Haufen kletterten schon an dem Walle hinauf, doch nun
stürzte die erschrockene, durch eine höhere Furcht, als die vor dem
feindlichen Angriff, entflamme Menge hinzu, ein wüthend Gemetzel
entstand, die Stürmer wurden in den Graben zurückgeworfen, und die
Felsstücke, welche Alonzo an seinem Rande hinreihen ließ, auf sie
niedergerollt, daß fast keiner zurück ins Lager kam.

Nach dem vorhin Angedeuteten begreift der Leser wohl, wie elektrische
Vorrichtungen das hervorgebracht hatten, was Unkunde und Empfänglichkeit
für Aberglauben, Wunder nennen mußten. Den ersten Schlag empfingen die
Aufrührer durch das eiserne Thor selbst, den andern durch einen aus dem
Keller emporgeleiteten Draht, womit Perotti einen in der Menge berührte.

Bald sahe Flore Abgesendete aus dem Volke, welche im Staube flehten, den
tapferen Kampf gegen Tatas Sturm, der Unbesonnenheit des verführten
Volkes, zur Entschuldigung gelten zu lassen. Sie verzieh auf die
Bedingung künftiger Unerschütterlichkeit.

Sie zeigte sich oft den Kriegern, sorgte reichlich für sie, munterte
durch Belohnungen auf und gewann sich die Herzen aufs Neue.

Dem Tata schickte sie eine Botschaft hinaus, welche ihm sagen sollte:
Ihr sey es nicht zu verargen, wenn sie sich gegen Schande und
schmachvollen Tod zur Wehr setzte. Er mögte abziehn, damit kein Blut
mehr flösse, und Kuku melden, was er gesehn hätte. Wenn Kuku aber selbst
käme, dann wolle sie unbewaffnet ihm entgegen gehn, sein Herz würde sie
dann hören.

Tata ließ aber den Darkullaner, welcher die Botschaft brachte, sogleich
aufknüpfen, und erfuhr sogar nicht, was die Sultanin ihm wollte. Zu
ergrimmt war er ohnehin über den Verlust beim Sturm und sein Mißlingen,
und willigte auch bei andern Versuchen in keine Unterhandlung. Dagegen
ließ er immer wieder des Großpriesters Bericht ablesen, und immer wurde
hinzugesetzt: Darkullaner, eine höllische Gaukelei betrog euch, laßt
euch die heilige Eselin zeigen, und ihr werdet sehn, welche Missethat
die Cafferin verübte.

Das verfehlte denn doch nicht allen Eindruck, nachdem der erste
Schrecken über die Elektrizität gewichen war. Wo ist der Großpriester?
diese Frage wurde öfters gehört, man wünschte allgemeine Gebete um
Waffenglück, wo die heilige Eselin in Prozession umhergeführt, und in
die Mitte gestellt wurde.

Es erschien dieserhalb eine Bittschrift bei der Sultanin. Sie
erwiederte: Wie schon Tag und Nacht im Tempel gebetet würde, und deshalb
auch kein Priester ihn verlassen dürfe, (sie waren aber in Gewahrsam,
denn sie hatten nun doch den Zustand des Thieres gesehn, und konnten dem
Volke schlimme Dinge ins Ohr sagen) da aber die öffentliche Andacht
gewünscht werde, so könnte sie in einigen Tagen statt haben.

Bald darauf mußten die Herolde ankündigen: Die Hälfte der Bewaffneten
sollte sich einfinden, die andere auf dem Walle bleiben. Flore hatte
rund um den Eselstempel die nahen Gebäude wegreissen, und in der
Entfernung von einigen hundert Schritten einen Verschlag anbringen
lassen. Gegen Abend sammelte sich die Hälfte der Krieger, strömten alle
Weiber und Kinder aus der Stadt zu. Ein langes stummes Gebet machte den
Anfang der Feierlichkeit, dann trat Flore auf und hielt eine noch
längere Rede, indem sie bald nach dieser, bald nach jener Seite der
Schranken ging, überall ihre Worte zu wiederholen. Hauptsächlich trug
sie vor: Darkullaner, die Würde der Religion Mahomeds hat eure Herzen
gerührt, doch noch ruht des Propheten Zorn auf euch, da ihr das Joch
alter Abgötterei noch nicht abzuwerfen vermögt. Zweierlei Andacht ist
frevelhaft. Eine tadelt die Andere. Manche Noth, die seit kurzem dies
reizende Land heimsuchte, mag eine Strafe der Untreue seyn, die immer
einer Gottheit widerfahren muß. Weit entfernt sey es von mir,
entscheiden zu wollen, welche die allein wahre ist, die ältere oder die
neuere? Aber die Zeit ist gekommen, wo sich die allein wahre, durch ein
Wunder der Allmacht offenbaren will. Das sagte mir ein heiliger Traum.
Wohlan, so vereint denn eure Gebete brünstig mit dem meinigen. Wie eure
Sultanin, sinkt aufs Knie, und fleht, daß dies Wunder heute vor euren
staunenden Blicken erscheinen möge. Seht, hier steht der Tempel der
heiligen Eselin! Aus seinem Fenster glänzt der Opferlampe Schein durch
die Nacht. Dort auf der andern Seite prangt die Moschee, stattlich
aufgeführt, durch die Gefühle der Gläubigen geweiht, um dort den
Gottesdienst zu feiern, den des Propheten Coran auferlegt. Fleht, daß an
den Tempeln noch in dieser Nacht kund werde, welcher von ihnen dem
Himmel der gefälligste ist!

Alles warf sich nieder. Die feierliche Erwartung, der Fanatismus aufs
höchste gespannt. Leises Beten der Einzelnen, halblautes Seufzen, aber
in der Vielheit in der nächtlichen andächtigen Stille, schon ein
wesentliches Geräusch. Einige Zeit vergeht, dumpfe Pause folgt der auf
den Lippen und von den Busen hörbaren Inbrunst, dann tönt Florens Stimme
wieder, und die andern fallen neuerdings ein. Dicke Nacht umgiebt die
Knieenden und der Himmel ist umwölkt. Selbst die Opferflamme im Tempel
glimmt düster.

Plötzlich wird ein dumpfer unterirdischer Donner vernommen, und die
Erde, worauf die Andacht sich niederschmiegte, bebt. Dieser Donner löst
sich in ein hohles Knarren, ein gellendes Krachen, zuletzt in einen
orkanhaften Knall auf, bei dem alles aus Schrecken aufs Antlitz sinkt.
Ein helles Umleuchten. Ueberraschung mahnt aber in demselben Momente,
alle Blicke, sich wieder emporzurichten. Halbgeblendet, staunen, starren
sie nach dem Götzentempel hin, der in Trümmern zerschellt in einer hohen
Feuersäule in die Wolken steigt. Dampf, Rauch und dicker Staub
verschlingen bald wieder die Blitzeshelle, die zerrissenen Mauern sinken
aber brennend und rauchend auf den Boden zurück, Erde fällt weit
umhergeschleudert auf die Beter nieder.

_Mahomed ist Gottes Prophet!_ tönt nun eine Stimme aus der Höhe, nach
der Moschee richten sich alle Augen. Sie ist von lauter feurigen
Lichtern umgeben, kleine Flammen, Sternen gleich, steigen aus den
Minarets empor, und oben zeichnet Feuerschrift mit großen Charakteren
den Namen des arabischen Religionsstifters. Die Empfindungen der Menge
ergeben sich von selbst.



                          Siebentes Kapitel.
                           Tatas Unglaube.


Daß eine Mine den Götzentempel in die Luft gesprengt hatte, sieht
jedermann ein. Wo so leicht gebaut wird, wie in Darkulla, ließ sich in
ihrer Nähe aushalten, bei dicken Steinmauern wären wohl manche der Beter
zertrümmert worden.

Die Priester machten die Reise mit, obgleich Flore gewollt hatte, man
sollte sie retten, und irgendwo verbergen. Perotti meinte: besser sey
besser, und erklärte, als er Florens Vorwürfe hörte, er wolle alle die
Priesterseelen auf sein Gewissen nehmen.

Auch die heilige Eselin ohne Ohren ward bei dieser Gelegenheit
zerrissen, und man war der schlimmen Untersuchung überhoben. Alonzo und
Perotti tappten noch in der Nacht mit kleinen Blendlaternen umher, und
brachten die Stücke der Körper zusammen, die etwa oben auf den Trümmern
lagen, um sie zu verscharren. Der Glaube sollte meinen, alles Leben sei
hier völlig vernichtet worden.

Die Moschee erleuchtete ein Feuerwerk, von dem alle verrätherische
Ueberbleibsel auch weggenommen wurden, und damit das alles destomehr
ohne Beobachtung geschehen konnte, ließ Flore beim Sonnenaufgang, diesen
Tag dem Fasten und Gebeten widmen, denen, mit Ausnahme der Krieger auf
der Verschanzung, Jedermann daheim im Hause obliegen sollte.

Vielleicht wundert man sich, wie es Alonzo und Perotti möglich wurde, so
mancherlei Geheimes ins Werk zu richten, und die Arbeiter in der
Werkstatt zu bewachen. Aber es ist auch oben erinnert worden, wie
letztere dabei mit Leben und Wohlfahrt interessirt waren. Bei dem allen
hatte Perotti von den entlassenen stummen Kammerherrn gehört, meinte,
hier ständen sie an ihrem Platz, und berief sie ein. Sie mußten Aufsicht
über die Künstler führen, Neugierige abhalten, und wo es sonst nöthig
wurde, Hülfe leisten.

Zum Unglück aber konnte einer von ihnen schreiben, sogar etwas denken.
Er sah von den Arbeiten ab, was ihm möglich war, und überlegte, daß er
dem Bruder des Sultans mit Nachrichten über diese Gegenstände,
willkommen sein dürfte. Wenigstens lächelte er ihn an, und versicherte
ihn seiner Gnade, ein Genuß, welcher ihn, so lange er vom Hofe entfernt
war, nicht gelabt hatte.

In Tatas Lager sah man den Aufflug der Mine und die Verklärung des
islamitischen Tempels gar wohl, und die Krieger fanden sich wunderbar
durch die Erscheinungen bewegt. Ein Wispern und Flistern durchlief die
Reihen: man führe schlimmen Krieg, Gott stände dem Feinde bei. Tata
erschrack darüber nicht wenig, und wußte doch nicht, wie er den bösen
Eindruck bei seinen, und den guten bei Nenes Kriegern, den diese
unerhörte Dinge ins Leben gerufen hatten, tilgen sollte.

Da kam in der Nacht jener stumme Höfling, dem es gelungen war, aus der
Stadt zu schleichen. Die widerrechtlich eingeschlummerten Schildwachen
mußten dazu einen Todtenschlaf gehabt haben, da der Parfüm des
Vorüberschleichenden sie nicht weckte. Genug der Höfling war da.

Man reichte ihm einige Palmblätter, darauf niederzuschreiben, was er
anzubringen hatte. Einige wurden mit Artigkeiten angefüllt, dann ging es
zur Sache über, wo dem Fürsten Tata versichert wurde, wenn es ihm
Vergnügen mache, werde er, der Ankömmling, die Ehre haben, auch feurige
Erscheinungen und entsetzliche Donnerwetter hervorzubringen.

Ich dachte es, rief Tata, ich dachte es, Gaukelei liege zum Grunde, oft
habe ich gehört, daß die Caffern im Ländchen Europa mit ihrem schwarzen
Staub, Blitz und Donner machten; den Feuerschlund, welchen unsere
Krieger einst eroberten, würden wir auch laden und losbrennen können,
wenn uns der Staub nicht fehlte.

Jener klopfte der weisen Rede mit seinen Händen Beifall, und schrieb
wieder: er habe das Geheimniß abgemerkt.

Sogleich wurden ihm Handlanger in Menge zugesellt, die Gegend war an
Salpeter und Schwefel reich, man half sich mit den Kohlen so gut es gehn
wollte, und nach einigen Wochen besaß Tata einen großen Vorrath an
Schießpulver. Stand es gleich um die Mischung und Körnung desselben
fehlerhaft, war es immer geeignet, Staunen und Schreckniß unter die
Darkullaner zu verbreiten, und Florens Triumph zu stören.

In der Stadt vermuthete man gar wohl, daß den Belagerern eine solche
Kunde zugekommen sei. Denn es wurde der Flüchtling vermißt und Tata ließ
auch vor den Wällen ausrufen: er werde nächstens auch solche feurige
Erscheinungen hervorbringen, wie die Gauklerin Nene, welche die
Darkullaner schändlich betröge, und sich frevelhaft rühme, der Gottheit
Wunder erfleht zu haben. Das machte allerdings, daß die erste Stimmung
nach jener Nacht, die Floren vollkommen günstig gewesen wäre, wie eine
neue Religionsstifterin in Darkulla aufzutreten, in eine gewisse Kälte,
eine mißtrauische Bedenklichkeit, und eine gespannte Erwartung, was im
Lager vorgehn werde, überging.

Das Kleeblatt, Flore, Alonzo, und Perotti, berathete also, wie, wenn
auch Tata Explosionen mit Schießpulver zu Stande brächte, doch Vorliebe,
Bewunderung und Ehrfurcht auf dieser Seite zu erhalten, und noch
siegender als zuvor dahin zu lenken wären.

Tata ließ unterdessen einen ungeheuren Esel anfertigen. Es geschah in
einem Verschlag, daß die Ansicht der zunehmenden Arbeit nicht dem
Eindruck der Vollendung schaden sollte. Daneben war der Plan sehr klug,
einen Theil des Walles zu untergraben, und in die Luft zu sprengen. Das
sollte in der Nacht geschehen und dann der Esel mit Feuerwerksmaterie
behende auf Rollen durch die Bresche in die Stadt geschoben werden.

Alonzo, der gern etwas Genaueres wissen wollte, redete mit jenem
Darkullaner, der zuerst die treue Nachricht überbracht hatte, und bewog
ihn, im Finstern durch den Graben zu schwimmen und sich einen Tag im
Lager aufzuhalten, wo man, ihn für einen Krieger Tatas haltend, keinen
Verdacht schöpfen würde. Dann sollte er alles erspähn, und zurückkehren.

Der Neger, fest in seiner Anhänglichkeit, richtete den Auftrag zur
Zufriedenheit seiner Sender aus, und diese erfuhren Tatas Absicht
vollkommen, waren mithin auch im Stande, Gegenmittel vorzukehren.

Die Stelle des Walles, an welcher die Kluft ausgehöhlt ward, (eine
Arbeit, welche die Belagerer immer in der Nacht vollzogen, nachdem die
Arbeiter über den Graben geschwommen waren) blieb nun nicht unbekannt,
und es wäre ein leichtes gewesen, die Höhlung wieder auszufüllen, und
keinen Gräber mehr hereinzulassen. Das wollte man aber nicht, der
Triumph wäre nicht glänzend genug gewesen. Es wurde vielmehr hinter
jener Stelle ein neuer Abschnitt von einem Wall und Graben gemacht, weit
genug, daß die Kraft des im Hauptwalle entzündeten Pulvers ihn nicht
treffen konnte. Dazu legte man in der Mitte dieses Abschnittes noch eine
kleine Mine an. Zu welchem Behuf, werden wir hören.

Jetzt gedieh auch die chemische Beschäftigung mit dem Vitriol, und dem
kleingehackten Eisen mehr, und es wurde so viel brennbares Gas gewonnen,
als zu den vorgesetzten Zwecken erforderlich war.

Aus feinem gewächsten Seidenzeuge fertigten die Männer eine Hülle, die
aufgebläht die Gestalt eines Engels mit ausgebreiteten Fittigen
nachahmte. Das brennbare Gas füllte diesen seidenen Körper, und
wohlverschlossen wurde er in der Nacht an einem sehr langen dünnen
seidenen Strange in die Luft gelassen. Das Ende des Stranges war in
einem Zimmer angeknüpft, dem kein Ungeweihter nahen durfte.

Am Tage sahe niemand den Strang, weil er zu dünn war, und in einer
beträchtlichen Höhe aus dem Pallaste stieg; der Cherub hatte sich
vollends allen Augen entzogen, und schwebte hoch im Aether.

Nun kündigte die Sultanin abermals eine öffentliche Gebetfeier an, die
aber diesmal auf den frühen Morgen bestimmt war. Wie neulich mußte sich
das Volk versammeln, aber Flore zeigte sich nur von einer Zinne des
Pallastes, auf welcher sie frei stand. Hier wurde das Volk wieder ernst
aufgerufen. Die Rednerin sprach über die Tücke und Ruchlosigkeit der
Feinde, welche sie verderben wollten, wie sichtbar auch der Schutz
höherer Mächte sei; wie sie sich bemühten, sogar den Glauben wankend zu
machen, ja wie die Sultanin in Erfahrung gebracht, daß sie Teufelskünste
bereiteten, um die hohe Erscheinung verspottend nachzuahmen. So fleht
denn alle, setzte sie hinzu, daß der Herrscherin Geist von Oben
erleuchtet werde, daß sie stark und weise genug sei, des Gegners Bosheit
zu vereiteln.

Sie kniete oben, unten sank die Menge nieder. Ein langes stummes
inbrünstiges Gebet, bald von einzelnen Seufzern unterbrochen, dann ein
gemeinsamer lauter Chorus, der aus tiefen Herzen die Bitte tönen ließ.

Plötzlich vernahm man einige liebliche Akkorde, die aus den himmlischen
Gefilden herabzusteigen schienen. Alles ward still, kein Athem mehr
hörbar, denn jedes Ohr wollte die wundersüßen fremden Wohllaute trinken.
Die Blicke staunten empor in die Region des Liedes, wußten aber nicht,
wie es ins Leben gerufen wurde. Doch ein Pünktlein ward bald darauf in
der Höhe sichtbar. Ein Gestirn im reinen Blau des Morgenschimmers, wenn
schon die Sonne hoch über dem Horizonte prangt -- dies hatte noch keines
Darkullaners Auge gesehn. Doch der Punkt ward heller, größer, schien
sich herzuneigen aus den stillen Lüften. Die andächtigste Erwartung,
frommes wollüstiges Beben in jeder glühenden Brust. Doch bald kein
Punkt, kein Stern, kein Mond mehr. Ein glänzender schöner Knabe, vom
Schimmer der Verklärung umflossen, getragen durch ein leichtes
Goldgefieder, eine Harfe in der Hand. Daher tönten also die entzückenden
Melodien. Auf den Rücken warf sich alles, die Hände zur Anbetung
emporgestreckt. Keinen Augenblick wollte man im Anschauen des
himmlischen Boten versäumen.

Endlich senkt sich die Engelsgestalt auf die Zinne des Pallastes nieder,
wo Flore kniete. Sie berührt den Boden nicht, umschwebt nur der Sultanin
Haupt, und scheint ihr himmlische Kunde zu vertrauen. Bald darauf erhebt
sie sich wieder, unter der alten Göttermusik, verkleinert sich, und dann
bleibt nichts mehr den Sinnen wahrzunehmen, als ein süßer Duft, der,
seitdem die Gestalt näher kam, die Athemzüge mit balsamischem magischen
Hauche labte.

Der Leser weiß, wie die ästhetischen Gaukler verfuhren. Ein Aufrollen
des Fadens, und das Abrollen nachher, bewirkten das ganze Wunder,
nachdem die ärostatische Figur einmal in die Höhe gelassen war. Eine
Aeolsharfe, die die Gestalt trug, und einige andre auf der Zinne
angebracht, sangen mit Zephirs Beistand die wonnigen Harmonien, und
eine, aus den erwähltesten Blumen gezogene Essenz wurde reichlich
verschwendet, um mehr als einen Sinn zu bezaubern.

In der folgenden Nacht mußte aber der Engel herunter, und ward sehr
sorgsam versteckt, denn ein besonders scharfes Auge, das immer auf die
Zinne geblickt hätte, könnte doch wohl den Faden entdeckt haben. Und
_scharfsinnig_ sind die Neger, wobei man das Wort nicht in dem Verstande
zu nehmen braucht, welchen ihm eine verschobene Sprachmanier unter uns
gab.



                           Achtes Kapitel.
                     Tatas großer Plan scheitert.


Wir schweigen davon, was Flore nun den Kriegern in der Stadt war, und
wie es ein Spiel wurde, sie überall nach ihrem Willen zu lenken.

In Tatas Lager hatte man übrigens auch die Lichterscheinung
wahrgenommen, und sie dem Heerführer angezeigt. Dieser tritt aus seinem
Zelte, und erblickt im Luftraum den ungewöhnlichen strahlenden
Gegenstand. Begreifen konnte er nicht, was er sah, doch ermangelte ihm
die Fassung nicht, den Schluß zu ziehn: Wer einmal Blendwerkskünste
treibt, ist geneigt, öfter dazu seine Zuflucht zu nehmen, und was man
bei ihm Nicht Erklärbares findet, berechtigt immer, auf neuen Trug der
Art zu schließen. Sogleich ließ er den Befehl rund um die Linie ergehn:
es sollte sich alles platt aufs Gesicht niederwerfen, und nicht wieder
erheben, bis die Trommel ein gewisses Zeichen gäbe. Klüglich wollte er
hierdurch ausweichen, daß seine Leute der Anblick irre machte.

Sein Ueberläufer konnte keine Auskunft geben; nur die Bereitung des
Pulvers, nicht das chemische Laboratorium hatte er gesehn. Doch wurde
gleich beschlossen, er sollte in die Stadt zurückschleichen, um auch die
unbegreifliche Kunst abzusehn, woran er freilich nicht gern wollte.

Doch war auch für die folgende Nacht etwas Anderes vorbereitet, und Tata
hoffte um so mehr davon, als es seit einigen Wochen seine ganze
Anstrengung aufgeboten hatte. Die Höhlung im Walle war fertig, und schon
mit Pulver geladen.

Nun brachte man den mit Feuerwerksmaterien behangenen und entzündeten
Esel aus dem Verschlage. Unter dem Ruf: Mahomed ist der wahre Prophet,
aber auch der Väter Götter thronen im Himmel! ward er gegen den Wall
geschafft. Auf ein vom Feldherrn gegebenes Zeichen ward die Mine
angebrannt, und ein Stück Wall flog krachend zur Höhe, deckte auch, wie
man erwartet hatte mit der niedersinkenden Erde einen Theil des Grabens.
Noch etwas Strauchwerk zur Aushöhung, und der Esel konnte hinüber, und
hielt einen Einzug, dem des Rosses von Ilion ähnlich, wenn schon mit
minderem Glück. Zugleich mußte ein dicker Haufe mit vordringen, um den
Sturm auf die Stadt zu bestehn, während der Esel schon psychologisch
alles überwunden hätte. So hohe Aussichten eröffnete sich die Erwartung
von dem Thierlein, das freilich oft mehr gilt, wie man glauben sollte.
Darf man Kleines mit Großem vergleichen, so ist hier die Anekdote in
Erinnerung zu bringen, wie einst ein berühmter deutscher General sagte:
Meine Regimentsmusikanten taugten nicht, ich ließ sie aber fleißig auf
einem Esel reiten, und nun blasen sie vortrefflich. Ein anwesender
witziger Prinz bemerkte: _Was doch ein Esel vermag!_

Gleichwohl ging es dem Esel Tatas, wie seinen Kriegern überaus schlimm.
Diese fanden im Vordringen einen neuen Graben. Neger durchschwimmen den
wohl bald, aber ein neuer Wall mit spitzen Pfählen ausgesteckt, täuschte
die Hoffnung, weiter zu kommen, grausam. Der Raum füllte sich um so
schneller, als laut dem entworfenen Plan, die Krieger hinten dichte
aufrückten. Da nun der Raum angefüllt war, gab Alonzo das Zeichen,
_seine_ Mine zu sprengen, und es flogen Esel und Mannschaft in die Luft,
wogegen die Belagerten, die zeitig den neuen Wall mieden, nicht einen
Krieger verloren.

Der Morgen enthüllte einen Anblick voll Grausen. Mehr als Tausend von
Tatas Leuten waren dahin, zerrissenes Gebein überall herumverstreut. Der
Abschnitt spottete eines abermaligen Angriffes.

Tata beweinte die Verlornen, doch sein Muth wuchs mit dem Widerstande.
Der Ueberläufer sollte und mußte in die Stadt. Allein die Unfälle folgen
sich gern. Er wurde ergriffen und gehängt, aber an einen Galgen von
Mahagoniholz und einem parfumirten Strick. Man war auch so artig, auf
einer mit einem Pfeil hinübergeschossenen Visitencharte das traurige
Ableben zu melden.

Wohlan, rief Tata, seine Truppen anredend, an loser Kunst ist uns die
rebellische Cafferin überlegen. Laßt uns aber sehn, ob sie auch Mittel
finden wird, samt ihren treubrüchigen Soldaten, dem Hunger zu entgehn.
Wir sind zahlreich genug, jeden Eingang zu bewachen. Auch kein Reiskorn
darf in die Mauern der Stadt. Daß der Mangel bereits wüthet, ist mir
bekannt. Laßt uns hier liegen, entweder die Noth reibt sie auf, oder sie
müssen sich uns ergeben.



                           Neuntes Kapitel.
                 Vorkehrungen gegen den Mangel in der
                                Stadt.


Freilich sahen sowohl Flore, wie ihre Räthe, die ängstliche Lage ein,
worin sie die Entbehrung aller Zufuhr brachte.

Die Niedergeschlagenheit wegen dieses traurigen Umstandes verminderte
die Freude über die letzten Siege gar sehr.

Man hatte zwar schöne Gärten, die neben den trefflichsten anderen
Obstarten, Brotbäume, Sagopalmen, Oelpalmen, Ananas und Pisangpflanzen
trugen; auf den Teichen schwammen der Albatros, der Anhinga, der
Papagoientaucher und Pelikan; aus ihren klaren Wogen fischte man den
Zitteraal, den Paru, den Chätodon, Cephalus, den Cobitis, Polynemus, und
andre leckre Wasserthiere, wie auch die Ufer dieser Teiche, so artig
gestaltete, als fein nahrhafte Schildkröten, Muscheln und Schnecken
lieferten; aber wie mäßig auch verfahren wurde, wie enthaltsam der
Mensch im heissen Erdgürtel an sich ist, die Zahl derer, welche Anspruch
auf die Lebensvorräthe machten, stand mit diesen in keinem Verhältnisse.
Gärten und Teiche zeigten bereits merkliche Abnahme, und es wurde sogar
beschlossen, die Menagerie des Pallastes anzugreifen, die ohnehin aus
Futtermangel nicht mehr zu unterhalten war, aber freilich auch für
einige Zeit noch aushelfen konnte, denn es fanden sich ganze Ställe voll
Giraffen und Heerden von Straußen da.

Der treue Darkullaner aber sagte zur Sultanin: Wie ich zu dir kam,
berichtete ich dir, daß ein Haufe von dir ergebenen Knechten sich im
großen Dattelwalde gesammelt habe.

Alonzo fiel ein: daß ihnen ein Anführer mangele. Der hat sich gefunden.

O fuhr jener fort, dann sind sie auch wohl schon stark genug, etwas im
offenen Felde wider Tata zu unternehmen. Laß mich noch einmal
entschleichen, Sultanin, ich suche die Männer auf, melde die Bedrängniß,
und können sie Tata nicht ganz überwältigen, so wird doch während eines
nächtlichen Kampfes, der von der Stadt unterstützt werden muß, es
möglich werden, Hundert beladene Kameele in ein Thor zu treiben.

Flore rief aus: Ich verdanke der Erfindung Perottis in jenem Aufruhr das
Leben; Alonzos kühne Einfälle haben mich in der Gunst des Volkes
befestigt, und Tatas Angriffe bis jetzt vereitelt; wer nun noch Mittel
erdenkt, diese Schaaren dem Hungertode zu entziehn, hat einen gleichen
Anspruch auf meinen Dank.

Alonzo sprach: So viel der Europäer sonst möglich machen kann, hier will
mir nichts beifallen. Und die Hoffnung, welche der Neger hegt, scheint
sehr unsicher, es wäre denn, der Haufe von Getreuen hätte sich über die
Erwartung beträchtlich gemehrt. Dann steh ich für den Anführer ein.

Aber wer ist denn dieser Anführer? Davon weiß ich ja noch nichts, sagte
Flore.

Alonzo erwiederte lächelnd: Einer unserer Caffern, der viel Talent zum
Kriege offenbarte.

Perotti kratzte den Kopf, und nahm das Wort: Ich habe schon an so
vielerlei gedacht. Wären nur Tauben abzurichten, die in ganzen Schaaren
zu unsern Freunden flögen, und denen diese kleine Fläschchen mit Wein,
oder Ananas an den Hals hingen, oder wenn unsre Anhänger eine Batterie
von großen Mörsern zu errichten wüßten, und uns daraus Melonen,
Pfauenschinken und Korbflaschen mit Maraskinoliqueuren zuwürfen.

Ein kühner Ausfall, nahm Alonzo wieder das Wort, muß uns Proviant
erkämpfen. Wir bemächtigen uns der Vorräthe, welche der Feind häufte,
mit Gewalt.

Flore war in Traurigkeit versunken. Und wohin führte es am Ende, fragte
sie, wenn auch das noch gelänge?

Sei getrost, sprach der Darkullaner. Dieser Mehemed sprach von Tauben.
Es war eine Art Ahnung. Wisse, daß ich schon seit einigen Wochen mit
unsern Freunden durch Tauben Briefe wechsle. Was ich vorhin sagte,
geschah, dich nach und nach auf eine höchst freudige Botschaft
vorzubereiten. Ich brauche nicht von dannen zu schleichen, denn in
dieser Nacht kömmt Hülfe.

Alle schrien froh auf.

Zum Heer ist das Häuflein im Dattelwalde herangewachsen. Alle Caffern
vom Lande und begnadigte Beduinen schlugen sich zu ihm. Besser wurde es
schon eingeübt, wie Tatas Krieger. Auch sie haben sich den schwarzen
Staub bereitet, der im Kampfe so furchtbar ist. Doch fertigten sie auch
Röhre aus Giraffengebeinen mit seidnen Strängen, Leder und Eisenwerk
überzogen, an, und schleudern geglättete Steine. Genug, die Rettung ist
nahe. Wir müssen uns nur bereit halten, einen kräftigen Ausfall durch
das Thor zu thun, während Tatas Krieger von rückwärts angegriffen
werden, und alles wird gut gehn. Sind wir Ueberwinder, fällt auch Tatas
Anhang der Sultanin zu. Alle die noch zaudern, und um der Sicherheit
willen, partheilos gelten wollen, schließen sich dann an unsere Sache,
Nene ist Meisterin des inneren Darkulla und indem sie den Eingang
versperrt, wird Kuku auf immer von der Herrschaft ausgeschlossen.

»Das würde nimmer geschehn, wie mir auch das Waffenglück lächelte. Dem
Sultan darf ich sein Land nicht vorenthalten, nur muß er sich mit mir
verständigen, und einen guten Frieden eingehn, dessen Hauptpunkt mein
Abzug zu den Meinen ist.«

So Flore. Alonzo und Perotti dagegen meinten: wenn die Herrschaft
befestigt wäre, müsse es sich doch ganz artig in Darkulla leben lassen.



                           Zehntes Kapitel.
                               Entsatz.


Der Neger hatte keine Unwahrheit gesagt. Gegen die Tiefe der Nacht erhob
sich in Tatas Lager jähling ein wildes Geschrei: Zu den Waffen! Wir sind
verrathen! In demselben Augenblicke vernahm man auch Artillerieschüsse,
Sausen der Wurflanzen, Schwirren der Pfeile, Säbelklang, Wehklage der
Sterbenden und Verwundeten, und was der Ripienstimmen noch mehr sind,
welche ein Schlachtkonzert zusammensetzen, und die nachzuahmen, doch
keinem andern Tondichter gelingen will.

In der Stadt waren Tausend Mann schon am Abend bereit gestellt worden,
um in diesem Fall durch ein Thor auszubrechen, Alonzo bat sich nun die
Ehre aus, sie anführen zu dürfen, und lud Perotti ein, die Rolle seines
Lieutenants dabei zu übernehmen.

Gern, recht gern, rief dieser, und nahm einen langen Spieß in die Hand.
Aber ^Cospetto di baco!^ brach er mit einemmale aus, können wir auch den
Ausfall wohl sicher wagen? Kann Tata nicht den Darkullaner gewonnen
haben, all das Getöse Kriegslist seyn, und man nur eine Falle legen?

Der Darkullaner überlieferte sich sogleich der Leibwache Florens, und
bedeutete sie, ihm den ärgsten Martertod zu geben, falls er gelogen
hätte.

Bei dem allen, meinte Perotti, sei es doch besser, er bliebe innerhalb,
im schlimmen Fall dem Spanier einen gesicherten Rückzug zu bereiten.

Dieser lächelte. Ich merke, Signor Perotti, ihr seid ein besserer
Meister in List, wie in Tapferkeit.

Kann sein, war die Antwort, verschieden theilte die Natur ihre Gaben
aus.

Nun wurden die Balken, womit man die Thore verrammelt hatte, von einem
derselben weggeschafft, mit einem Flosse der Weg über den Graben
gebahnt, und Alonzos Trupp, durchglüht von Kampfgier und Verwegenheit,
trat den Marsch an.

Tatas Krieger waren schon in die übelste Verlegenheit gerathen. Nicht in
den Rücken erwarteten sie einen Angriff, die Wachen standen alle gegen
die Stadt, hinterwärts Zelte, Hütten, Vieh, die Behältnisse der
Vorräthe. Um nun gleich etwas entgegen werfen zu können, mußten die
Wachen, durchs Lager nach hinten eilen. Da Alonzo aber eintraf, fand er
keinen offnen Widerstand, und drang gleich bis ins Lager, wo die aus dem
Schlaf erwachten Krieger erst gestellt wurden, und von der Stadt aus
keinen Anfall ahnend, den Rücken dahin wendeten. Leicht ward es so, im
Gemetzel Herr zu werden, und die Feinde zu Schaaren hinzustrecken.

Bald war eine große Lücke durchbrochen, und die Bündner, durch ein
Loosungswort einander kenntlich, das in des Darkullaners Briefwechsel
verabredet war, stießen zusammen. Alles vom Feinde Uebrige wurde in die
Seite genommen, und das ist bekanntlich die Schaam des Kriegers, die ja
bedeckt gehalten werden muß. Man rollte rund um die Stadt auf. Gnade
nahm keiner der Belagerer an, obgleich das zur Wehr stellen, ganz
zwecklos war, da gegen die überaus schmale Vertheidigung eine so breite
Säule herandrang. Der aufdämmernde Morgen zeigte den Siegern den
freudigen Gräuelanblick erst ganz, die Stadt war gleichsam mit einem
Gürtel von schwarzen Leichnamen umgeben. Tata war gleich anfangs
getödtet worden.

Wie der Seefahrer, den die ganze gewitterschwere Nacht hindurch, die
Furcht vor Klippen und Sandbänken ängstete, am Morgen froh aufathmet,
wenn Titans erste Strahlen die Einfahrt des freundlichen Hafens
beleuchten, so fühlte Nene den Busen erleichtert, da, nachdem die
Finsterniß geendet hatte, ein Bote auf den andern mit Siegesnachrichten
erschien. Endlich kam Alonzo selbst und legte Tatas Schwert vor ihr
nieder. Er war verwundet, doch nicht schwer. Flore umarmte den kühnen
Greis dankbar.

Nun traf ein Caffer ein. Ihm folgten Hundert Kameele mit
Lebensvorräthen, zudem alle dem Feinde abgenommene Waffen und
Kostbarkeiten, welche andere Lastthiere trugen. Der Caffer fragte: wohin
die Sultanin beföhle, daß alles das gebracht würde?

Flore überließ es Alonzo, Sorge zu tragen, riß ihre Diamanten vom Halse,
sie dem Caffer zu schenken, und rief: Aber wo ist der Anführer des
Heeres, dem wir Rettung verdanken? Warum seh ich den Helden nicht, ihm
in meinen Freudenthränen die Fülle der Erkenntlichkeit zu weinen? Jener
antwortete: Schon zieht er mit den Truppen ab, die hier nicht mehr
nöthig sind, da nicht einer von deinen Feinden noch lebt. Er wird den
Felsenpaß besetzen, damit kein neuer Widersacher eindringe.

Und ich soll ihn nicht sehn? Nimmermehr, eile ihn zurückzurufen!

Er wird sich nur zeigen, Sultanin, wenn dein Streit mit Kuku endete.

Nun, fiel Alonzo lächelnd ein, da müssen ihn doch wichtige Gründe
bestimmen. Wärs auch nur die zarte Bescheidenheit, die keinen Dank
ärndten will, gebührt es sich, sie zu ehren.

O, rief Flore in Feuer, hier ist nicht bloß von meinem Dank die Rede.
Die Sultanin muß ihm die Stirn mit einem Lorbeer schmücken. Und den hat
ja, wie ich hörte, Cäsar getragen, und er soll doch auch bescheiden
gewesen seyn.

Cäsar, gab der Spanier zur Antwort, hatte ein kahles Haupt; dies
Gebrechen zu verbergen, diente ihm die Zweigkrone. Laß deinen Helden
ziehn, nöthig ist es, den Felsenpaß zu besetzen.

Flore mußte es sich gefallen lassen, so gern sie auch dem Anführer der
entsetzenden Truppen Dank und Lohn ertheilt hätte. In der Stadt dagegen
ordnete man glänzende Feierlichkeiten an, alle Herzen neigten sich
wärmer zu Nene hin; bald kamen zahlreiche Sendungen vom Lande, die ihr
im Namen des ganzen Volkes den Wunsch darbrachten, ihr allein als
Herrscherin von Darkulla huldigen zu dürfen.

Sie hielt da, wie es sich von selbst versteht, Reden, und wie es sich
gar nicht von selbst versteht, sie machte sie selbst.



                           Elftes Kapitel.
                     Erste Gesandtschaft an Kuku.


Machten ihr aber die Triumphe Freude, so schauderte sie bei dem Gedanken
an das vergeudete Blut. Denn nicht nur bei der Hauptstadt, auch in der
Provinz hatte des Krieges Flamme während dessen gelodert, aber ihre
Parthei nach und nach allenthalben die Oberhand behalten. Aber der
Erbitterung wegen, mit welcher afrikanische Krieger fechten, war die
Summe der in all den Gefechten Erschlagenen groß, ja sie hatte einen gar
merklichen Theil der Bevölkerung verschlungen. Sie floh deshalb den
Anblick der Menschen und sann im einsamen Gemach nach, was hier weiter
zu thun sei.

Bald darauf ließ sie Musa zu sich rufen. Er hatte sich immer noch in der
Stadt aufgehalten, und ob Perotti ihm schon übel wollte, und ihn gern
verdächtig gemacht hätte, so gab Flore nichts darauf. Höre, Dschelab,
sagte sie zu ihm, hast du Lust eine Sendung zu übernehmen? Ich
verspreche dir Gewinn.

_Musa._ Und warum nicht, erhabene Sultanin?

_Flore._ An Sultan Kuku?

_Musa._ Hm -- wenn er des Bruders Tod erfährt, wird er übel zu sprechen
sein, und der Kopf des Gesandten die böse Laune erfahren.

_Flore._ Ich hoffe, der Sendung Inhalt soll ihn versöhnen.

_Musa._ Der wäre?

_Flore._ Du magst ihm entbieten: Sultan Kuku! Du gabst Verläumdungen
Gehör, und begehrtest der treuen Nene Leben. Wohl der Wurm erwehrt sich
des Todesstreiches, so auch Nene. Oft ließ sie Tata Unterhandlung
anbieten, er lieh ihr kein Ohr. Endlich fiel er durch das Schwert der
Tapfern, welche unaufgefordert der Stadt zu Hülfe eilten, und Nene
konnte nichts mehr als ihn beweinen, und ihm ein ehrenvolles Grab
erhöhn.

Nene ist jetzt Herrin des innern Darkulla, und mit Mühe wird ein fremdes
Schwert das Land ihr streitig machen. Wohl aber gedenkt sie, wie deine
erste Liebe, dein erstes Vertrauen ihr die Macht in die Hände gaben. Um
dieser schönen Zeit, will sie die traurige Verirrung aus dem
Gedächtnisse tilgen, wo deine Grausamkeit sie zwang, sich kriegend gegen
dich zu vertheidigen. Bereit ist sie, dir dein Land mit allen
Reichthümern zurückzugeben, so du schwörst, sie mit sicherem Geleit nach
Egypten ziehn, und dem Volk, das für sie stritt, alle Rache zu erlassen.

_Musa._ Ein freundlich Anerbieten. Ich richte die Sendung aus.

_Flore._ Und was meinst du, daß der Sultan beschließen werde?

_Musa._ Aufrichtig, daß er dich ziehn läßt, glaube ich nicht. Seine
Liebe --

_Flore._ O die haben Zeit und Abwesenheit getilgt, wie hätte er sonst
meinen Kopf fordern lassen.

_Musa._ Aber kann man denn nicht demungeachtet heiß, recht heiß lieben?

_Flore._ Eine ächt afrikanische Frage! Freilich ließ er seine vorigen
Weiber einst morden. Gigi sollte auch die heisse Liebe empfinden, lehnte
aber die Ehre ab. Es heißt: der Krieg wider Gigi nähme jetzt
glücklichere Wendungen. Ich wollte, Gigi würde Kukus Gefangene, er
versöhnte sich mit ihr, und entbehrte desto lieber mich. Doch was rede
ich. Nicht Liebe, Haß wirst du bekämpfen müssen! Und ich denke, das
schöne Land soll alles gleich machen. Biete alle Kunst der Ueberredung
auf! --

Musa sahe noch das prachtvolle Leichenbegängniß, das Flore dem Bruder
des Sultans hielt, und die Errichtung seines kostbaren Denkmals im
Pallasthofe. Dann reiste er auf der Stelle ab.

Daheim traf Flore nun viele Veränderungen. Der Senat wurde in den
Ruhestand versetzt. Eben so die älteren Minister. Dagegen errichtete sie
drei hohe Rathsstellen, und theilte sie dem treuen Darkullaner, Alonzo
und Perotti zu. Gleichviel verdanke ich euch Dreien, sagte sie, billig,
daß euch mit demselben Danke gelohnt werde.

Jeder bekam einen Zweig in der Landesverwaltung, den er pflegen sollte.
Es ging aber dabei so erwünscht nicht, wie die Sultanin hoffte. Der
Spanier, im Drange der Noth einst so thätig, war jetzt abgespannt, und
überließ sich seinem alten Gram um Isabellen wieder. Was zu seiner
Erheiterung geschah, war fruchtlos.

Der Darkullaner, so treu, wie er sich immer schon bewiesen hatte, war
aber unfähig, Geschäften vorzustehn. Leidenschaften mußten bei ihm die
Stelle der Vernunft einnehmen. Dazu ward er sehr stolz, und prunkte
unmäßig.

Perotti hingegen, nahm nicht nur seiner zugetheilten Arbeit wahr,
sondern riß auch die fremde an sich, daß Flore über seine Thätigkeit
staunte. Immer wußte er ihr etwas Angenehmes zu berichten. Allein sie
wurde meistens getäuscht. Der Schein, nicht die That. Perotti ladete die
Arbeit Unterbeamten auf, und verfuhr selbst mit Oberflächlichkeit, und
einer Kürze, welche eigentlich den Zeitgeitz zum Grunde hatte, den
Zeitgeitz, der den Vergnügungen keine Frist rauben will. Bestechen ließ
er sich unerhört, doch mußte es mit Dekoration geschehn. Da aber die
Unterdiener denn doch hinter die Koulissen blickten, so machten sie es
ihrerseits kein Haar besser, und der Italiener sah ihnen großmuthsvoll
nach, ausgenommen es hatte einer es zu arg gemacht. Dann mußte er die
Kunst verstehn, die Hälfte des Raubes der Exzellenz zuzuwenden, wenn er
nicht verfolgt seyn wollte. Die Forderung erfüllte ein solcher getrost,
denn um so offner und sicherer waren nun die Wege, die geopferte Hälfte
doppelt zu gewinnen. Genug, Perotti hätte wohl in andern Ländern
Minister seyn können, als in Darkulla.

Die drei Minister fingen auch bald an, gegen einander zu kabaliren.
Jeder wollte die vorzüglichste Aufmerksamkeit der Monarchin für sich,
jeder erinnerte an das, was er geleistet hatte, mit dem erheblichsten
Anspruch.

Alonzo, der trotz seiner düstern Stimmung doch den Stolz nicht
aufgegeben hatte, gab zu verstehen: Nur Volksgunst erhielt die Sultanin.
Und wer hat diese durch erhabene, ja poetische Politik, wieder geweckt,
höher entflammt, mächtig erhalten?

Der Darkullaner äußerte unverhohlen: Ohne ihn würde die Parthei in der
Provinz nicht so angewachsen, Hunger endlich eine alles zu Boden
werfende Empörung aufgereitzt haben, wenn er nicht durch seine
Verbindungen es dahin gebracht hätte, daß das Heer zum Entsatz
herangenaht sei.

Perotti hingegen spielte oft, als geschähe es aus aufgeklärtem Spott
über das Alterthum, auf Eselsohren an, im Grunde aber wollte er immer
mahnen: _Mein_ damaliger Einfall rettete im Aufruhr Nenes Leben.

Sie sagte ihnen bisweilen: Ihr Herren, ich verdanke euch alles, aber ihr
mir doch auch. Und wieder eben so viel bin ich dem Manne schuldig, der
Tata schlug, und der bescheidener als wir Viere sich gar nicht einmal
zeigt.

                       Ende des fünften Buches.



                              Potpourri.
                      Basil, Sohn des Boguslav.


                    Beliebte altrussische Legende.

Boguslav, Fürst von Novogrod, starb im achtzigsten Jahre. Sechzig davon
waren unter seiner glücklichen Regierung verstrichen. Sein einziger
Sohn, ein Jüngling, kaum dem Knabenalter entflohn, fürchtete nun keine
Vaterstrenge mehr. Die Vormundschaft einer zärtlichen Mutter hielt ihn
nicht ab, seinem wilden Ungestüm Raum zu geben, und die Stadt erfuhr
davon viel Unheil. Bewundernswerth konnte man die Leibeskraft des jungen
Prinzen nennen. Tage lang ergötzte er sich in den Straßen mit Jung und
Alt bei gymnastischen Spielen. Wehe aber den Theilnehmern. Wen Prinz
Basil an der Hand ergriff, der war um die Hand, wessen Kopf er packte,
der war um den Kopf.

Den Bewohnern Novogrods mißbehagte der Fürstensohn, mit seiner seltsamen
Knabenlust. Die _Posadniks_ (Herren vom Rath) versammelten sich,
beriethen. Dann erschienen sie vor des Prinzen Mutter, und redeten also:
_Amelpha, Timophejewna!_ Edle Fürstin! Wir flehen um strengere Obhut
über dein geliebtes Kind, Basil, Sohn des Boguslav. Untersage ihm die
wilde Kurzweil, denn unsere große Stadt ermangelt der Bevölkerung.

Die gute Dame ward gerührt, sagte den Posadniks die Gewährung ihrer
Bitte zu, verneigte sich dann, und entließ sie freundlich. Gleich ließ
sie den Prinzen rufen, und ermahnte ihn mütterlich: »Um Gottes Willen,
mein lieber Sohn, treib es nicht mehr mit Alt und Jung auf den Gassen
von Novogrod. Dir ward die Kraft eines Ritters, aber nicht guten Brauch
weißt du davon zu machen, denn der, dem du die Hand angreifest, ist um
seine Hand, der, dessen Kopf du erpackest, ist um seinen Kopf. Das Volk
murrt, und die Posadniks kamen zu mir, Klage zu führen. Empörten sie
sich wider uns, was vermögten wir doch? Du hast keinen Vater mehr, ich
bin eine schwache Wittwe. Würde deine Leibeskraft es mit Tausenden
wagen? Wer zählte die Bürger in Novogrod? Darum mein lieber Sohn,
empfange treuen Rath, und gehorche der liebenden Mutter!«

Basil, Sohn des Boguslav, horchte unterwürfig, und da Amelpha
Timophejewna geendet hatte, beugte er sich tief und antwortete
bescheidentlich: »Meine gute Mutter! Wenig kümmern mich die Posadniks,
wenig die Bürger von Novogrod, aber viel deine wackre Ermahnung, und
dein mütterlicher Rath. Ich verheisse dir, nimmer in den Straßen
Kurzweil zu pflegen; wie aber üb' ich künftig meinen starken Arm? Hast
du mich geboren, daß ich nur am Ofen mich wärme? Wozu empfing ich diese
ritterliche Mannhaftigkeit? O die Zeit wird kommen, wo die Posadniks
erbeben, das ganze Land der Reussen mir das Knie beugen soll. Doch jetzt
leiste ich dir noch Gehorsam. Vergönne nur, daß ich mir einige Kameraden
auswähle, mit denen ich mich herumtummeln, und Ritterspiel üben mag.
Gieb mir Hypokras[2] und Bier, daß ich die Stärksten und Kräftigsten
lade, und Kampfgenossen finde, die meiner werth sind.«

Die Bitte fand Gehör. Amelpha Timophejewna ließ vor die Burgpforte
Tonnen mit Hypokras und Bier stellen. Humpen aus gediegnem Gold,
befanden sich daneben, und Herolde riefen durch Novogrod: »So jemand in
Lust und Ueberfluß zu leben gedenkt, und sich schmücken mag mit reichen
Kleidern, der zeige sich vor dem Pallaste Basils, Sohn des Boguslav.
Doch zuvor prüfe er der Gebeine festen Bau, denn nur die Kühnen und
Markigten liebt Basil, Sohn des Boguslav.« So riefen die Herolde vom
Morgen zum Abend, doch niemand erschien. Auch blickte der Prinz
neugierig durch sein Gitterfenster nach Ankömmlingen aus, aber Niemand
wagte die Tonnen zu berühren.

[Fußnote 2: Ein Getränk, mit Würzen und Süßigkeiten zubereitet.]

Endlich gegen die Nacht ließ _Fomuschka der Lange_ sich an der Pforte
sehn. Er nahte einem der eichenen Gefäße, ergriff einen gewaltigen
goldenen Humpen, füllte ihn mit Hipokras bis zum Rand und schlürfte ihn
in einem Athemzuge. Wie Basil dies gewahrte, stieg er eilig in den Hof
nieder, wo _Fomuschka der Lange_ sich befand, und versetzte ihm mit
seiner schweren Keule einen tölpischen Schlag hinter das rechte Ohr.
Fomuschka bemerkte den Schlag wenig, kaum wich die struppigte Locke
seines schwarzen stieren Haares der Keule. Da hüpfte dem jungen Prinzen
das Herz freudig. Er nahm Fomuschka bei der Hand, zog ihn die Treppe
hinauf, brachte ihn in sein vergoldet Gemach. Hier umhalsete er ihn, und
beide schwuren sich den Rittereid, als Brüder und Waffengefährten treu
an einander zu halten, zusammen zu leben und zu sterben, zu trinken aus
einem Humpen, zu speisen von einem Gericht. Endlich mußte sich Fomuschka
an die eichene Tafel setzen, Zuckerwerk und Wein wurden aufgetragen, und
man ließ sichs wohl seyn, in Jubel und Lust.

Zur andern Frühe, da Basil wieder durch das Gitterfenster spähte, ob
niemand käme, an seinen Tonnen zu trinken, erschien _Bogdanuschka der
Kleine_. Dieser trat an das Bier, warf den goldnen Humpen zur Erde, hob
eine große Tonne an den Mund, und leerte sie, ohne daß er einhielt, bis
zum letzten Tröpflein. Basil rief den Gefährten. Sie nahmen zwei starke
eiserne Lanzen der Rüstkammer, eilten hinab, und schlugen mit
Leibeskraft auf des kleinen Trinkers Schädel. Doch Sieheda! in tausend
Splittern brachen die Spieße, Bogdanuschka ward es kaum gewahr. Diese
Probe entzückte Jene, sie nahmen ihn in die Mitte, geleiteten ihn durch
den weiten Hof, über die schöne Treppe hinauf in das vergoldete Gemach.
Hier Umarmung und Schwur der Treue und Bruderschaft bis zum Tod.

Bald verkündete ein Gerücht: Basil, Sohn des Boguslav wählte die
riesenstärksten Jünglinge zu Gefährten, und schloß mit ihnen
brüderlichen Verein. Die Posadniks schöpften Besorgniß, und beratheten
wieder. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen, trat _Tschoudin_ der
erfahrne Greis, in des Saales Mitte, neigte sich nach allen vier Seiten,
zog wiederholt den weißen langen Bart durch die Hand, und sprach also:
»Höret mich, Posadniks von Novogrod, und ihr alle, Männer des Volkes der
Slaven die hier versammelt sind, höret mich! Bekannt ist es euch, wie
unser Reich des Herrschers ermangelt, denn minderjährig ist der Sohn des
Boguslav, und bis er das Mannesalter wird erreichen, sind wir Herren von
Novogrod, und von den Landen im Umkreis.

Doch der fürstliche Jüngling, bestimmt, einst über uns zu gebieten,
verheisset keine freundliche Hoffnung. Kaum den Knabenspielen entflohn,
zeiget er bösartigen hochfahrenden Sinn, Grausamkeit ist seine Kurzweil.
Waisen und Wittwen rufen schon in großer Zahl Wehe über seine
Ergötzungen. Nun treibt er es mit den wildartigsten Burschen des Landes.
Und warum? In guter Absicht? Dies lasset uns erforschen. Geben wir ein
festlich Mahl, den jungen Prinzen zu laden. Hier mag sich enthüllen,
welche Gesinnungen für das Oeffentliche seine Brust verschließt. Einen
großen Humpen starken Weines wollen wir ihm darreichen. Schlägt er ihn
aus, sehn wir ein übel Zeichen, Bedenkliches führt dann der Sohn des
Boguslav im Schilde. Trinkt er, wird die Verstellung aus dem
muthwilligen Geiste weichen, wir entdecken, was er in Herzens Tiefen
birgt, denn _Wahrheit ist im Wein_! Gewahren wir nun tückisches
Vorhaben, schlagen wir ihm ohne Zaudern sein Haupt ab, denn wohl leben
andre Fürsten in Rußland, unter denen die Auswahl zu treffen ist, und
gäbe es deren nicht, nun so könnten wir ihrer auch entrathen.«

Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten dem weisen Tschoudin ihre
Verbeugung; dann rief es rund umher, wie von einer Stimme: »Ehre deiner
Weisheit! Es geschehe was du willst!«

Schon mit dem Anbruch des folgenden Tages begannen die Vorbereitungen
zum Feste. Im großen Saale des Rathhauses wurden lange Tafeln von
Eichenholz hingereiht, bedeckt mit weißen Tüchern. Reichlich trug man
Backwerk und Confekt auf, sauber geordnet in den Schüsseln. An den
Wänden entlang prangten stattliche Tonnen mit Wein und Bier, über ihnen
hing köstliches Trinkgeschirr aus Gold, Silber und theurem Holz. Da
alles bereit stand, wurden etliche Posadniks nach der Burg entsendet,
die Fürstin zu laden, und den Sohn. Nachdem sie ihren Auftrag
ehrerbietig vollendet hatten, gab die gute Amelpha Timophejewna ihnen
diesen Bescheid: »Spiele und Tänze sind für mich dahin, die Tage der
Freude vorüber. Wie meines Lebens Sonnenstrahl noch glänzte, da mir der
Gemahl, euer Gebieter, noch zur Seite stand, hab auch ich des Frohsinns
Wonne gekostet, aber nun, da meines Lebens Sonnenstrahl entfloh, weil'
ich traurig im einsamen Gemache. Geht indessen zu meinem Sohne Basil,
vielleicht schmückt seine Jugend eure Feier, so ihr ihn bittend
begrüßt.« Nach diesen Worten eilten die Posadniks, den jungen Prinzen zu
sehn, und baten unterwürfig: zu schmücken ihr Fest durch seine Jugend.
Basil verhieß zu erscheinen, wenn anders Amelpha Timophejewna
einwilligte, und begab sich zu ihr. Darf ich dem Mahle der Bürger von
Novogrod beiwohnen? fragte er. Die gute Mutter war es zufrieden, und
ertheilte dem Sohne manchen belehrenden Wink, über das Betragen, welches
er unter den heuchelnden Posadniks anzunehmen hätte, die sie gar wohl
kannte. Trinke, mein Sohn, warnte sie, aber trinke nicht zu viel, listig
sind die Posadniks, durchblicken wollen sie dich. Sei wacker auf deiner
Hut, und so sie prahlen mit ihrer Kraft, ihrer Weisheit, ihren
Reichthümern, so mögen sie prahlen. Schweige, und prahle nicht. Vor
allen Dingen sei artig und herablassend, kränke Niemand durch unhöfliche
Manier! -- Nach dieser Rede schloß sie den Prinzen in ihre Arme, und
dieser begab sich in den festlichen Kreis.

Die Posadniks empfingen ihn an den untersten Stufen der Treppe, und
geleiteten den Prinzen in den Festsaal. Sie wiesen ihm gebückt den
Ehrenplatz an, doch Basil verbat ihn, und ließ sich am Ende der Tafel
nieder. Nun faßten sie ihn artig unter den Arm, führten ihn oben hin und
sprachen: »Hier gebührt es dir, dich zu setzen, Sohn des Boguslav, dies
ist dein Platz! Oft hat ihn der Fürst, dein Vater, eingenommen.« Hierauf
reichten sie ihm einen Humpen süßen Weins, und Basil trank, aß auch von
dem Backwerk und Confekt, womit er bewirthet wurde. Doch trinkend und
speisend saß er da, wie eine züchtige Jungfrau, und kein Wort entfloh
seiner Lippe.

Indessen begannen die Posadniks zu scherzen und zu plaudern, bald ließ
sich auch eitle Prahlsucht vernehmen. Einer rühmte sich dies, der andre
das. Der lobte sein schönes Pferd, jener seine junge Frau. Hier wurde
mit Reichthum, dort mit Leibesstärke groß gethan. Wieder einer prunkte
mit Klugheit. Sie schrien alle auf Einmal. Doch Basil, Sohn des
Boguslav, ließ sich durch solch Beispiel nicht anlocken. Er brach sein
Schweigen nicht, mogten sie prahlen nach Herzenslust. Endlich redeten
der weise Tschoudin, und der reiche Satka ihn also an: »Warum bleibst du
allein stumm, fürstlicher Jüngling? Wohl könntest du deine Vorzüge
rühmen!« Und der junge Prinz gab bescheidentlich zur Antwort:
»Posadniks, ihr seid Männer hoher Achtung werth. Euch ziemt es frei und
kühn zu reden. Wie aber sollte ich mich vor euch preisen, ich ein
Jüngling noch, und verwaist? Wohl besitze ich einiges Gold, Silber,
Edelgestein, doch bin ich es nicht, der die Schätze zu erwerben wußte.
Auch ich werde einst zur Reife gedeihen, und dann sei es mir auch
vergönnt, mich den andern gleich zu stellen.« Die Posadniks waren
verwundert, ob der bescheidnen und verständigen Rede, flüsterten
einander zu, und pflogen ferneren heimlichen Rath. Da ihr Entschluß
genommen war, füllte Tschoudin einen großen Humpen mit starkem Wein, und
brachte ihn dem Prinzen mit den Worten: »Wer liebt der Slaven Lande, und
das große Novogrod, leeret den Humpen!« Nun konnte Basil sich nicht
weigern, er faßte das Geschirr, und trank bis zum letzten Tropfen. Aber
da nun die Posadniks in der vorigen Weise fortfuhren, erhitzte der Geist
des Trankes des jungen Prinzen Gehirn, und nicht weiter vermogte er an
sich zu halten.

»Ihr Gecken, rief er aus, wisset wer Basil ist, der Sohn des Boguslav,
und schweigt! Basil ist Herr über Reussen, alle Lande der Slaven sind
ihm unterthan. Novogrod soll ihm Tribut zahlen, und die Posadniks in
seiner Gegenwart knien.«

Bei diesen Worten fuhren die Posadniks zornig auf. Sie erhoben sich von
den Sitzen und schrien allzumal: »Nein, nicht gebieten wirst du über der
Slaven Lande, nicht beugen wollen wir uns vor dir. Tirannensinn brütet
dein bösartig wildes Gemüth, und es thut uns kein Herrscher Noth. Darum
räume unsere Stadt, das Reich, und das morgen wie der Tag beginnt. Und
wirst du nicht im Guten dich fügen, soll Gewalt dich zwingen.«

»Ich fürchte weder euch noch jemand auf Erden,« antwortete der Prinz.
»Waffnet ganz Novogrod gegen mich, ich werde euch die Spitze bieten, und
fragen, wer mich zwingen will, mein Reich zu meiden? Denn Novogrod
gehört mir, ihr alle seid meine Unterthanen.« Hier stand er auf, schritt
durch den erboßten Haufen, der ihm Platz öffnete, und verließ den
Festsaal und das Rathhaus.

Da er entfernt war, lachten die Posadniks seiner Drohungen. Was will
dies Kind, riefen sie, denn so hieß man den Prinzen in der Versammlung.
Demungeachtet beschloß man zur Stelle alle Truppen von Novogrod unter
die Waffen zu sammeln, daß man den Prinzen zur Entfernung zwänge.

»Sein junges Gebein, rief Satka, soll auf der Haide bleichen, blos dem
Regen und Schnee, denn wie leistet der Knabe uns Widerstand?«

Von allen Thürmen brüllte die Sturmglocke, wer das Schwert führen
konnte, traf eilig auf dem Sammelplatze ein. Wie die gute Dame Amelpha
Timophejewna es vernahm, forschte sie nach der Ursache, und da sie
erfuhr, des Sohnes verwegene Rede habe der Posadniks Wuth entflammt,
eilte sie in sein Gemach, ihn ernst zu schelten. Da ihr aber sein
Zustand sichtbar ward, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in ein
Kellergewölbe, wo er weilen sollte, bis die Dünste der Trunkenheit durch
den Schlaf zerstreut wären.

Hierauf begab sich Amelpha Timophejewna in die Kammern, welche ihre
Schätze bewahrten. Sie ersah einen goldenen Kelch, den sie mit
mancherlei edlen Steinen füllte, mit Rubinen, Smaragden, und Diamanten.
Nun erschien sie, von ihren Frauen begleitet, im Rathhause, wo die
Posadniks anwesend waren. Indem sie den Saal betrat, neigte sie sich
tief, dann wurde der reiche Kelch auf die Tafel gestellt, und süße Worte
schmeichelten den Männern. »Verzeihet seinem Leichtsinn, flehte sie,
verzeiht der unbesonnenen Drohung in der Lust des Weins entflohn.
Gedenkt seiner Jugend, und wollt ihr das nicht, vergesset aus Liebe für
den verstorbenen Fürsten Boguslav, der sich verdient machte, um euch und
Novogrod die große!«

Doch Bitte und Herablassung vermehrten nur der Posadniks Stolz, und
frech antworteten sie ihrer Fürstin: »Hinweg von hier, betagte Frau!
Nichts haben wir mit dir zu schaffen, und nicht thun uns Noth deine
Steine und dein Gold. Wir wollen nur den Kopf deines verwegenen Kindes.«
So schrien sie allzumal.

Bittre Thränen vergießend, kehrte die gute Dame nach ihrer Burg zurück.
Sie befahl alle Pforten zu schließen, und harrte ungeduldig auf den
Ausgang der widrigen Begebenheit.

Am andern Tage, mit dem Erwachen der Sonne, griffen die Posadniks mit
der ganzen Macht von Novogrod die Burg an. Die Pforten wurden erstürmt,
und in den weiten Hof stürzten Soldaten, den Wogen gleich auf dem Bette
des empörten Stroms.

Vom Waffenlärm, vom Geschrei der Menge auf den Gassen von Novogrod,
erwachte in seinem Gewölbe, Basil, Sohn des Boguslav. Leicht raffte er
sich auf, eilte nach der Thür, sprengte das feste Schloß mit einem
Handschlag, und stand nach zwei Sprüngen mitten im Hofe. Die von
Novogrod warfen sich auf ihn. Doch er gewahrte zu seinen Füßen einen
Balken aus Eichenholz, den die Axt der Zimmerer noch nicht beschält
hatte. Diesen packt er eilig, und wirft ihn nun wieder auf die von
Novogrod. Bald nehmen diese Reißaus, Basil treibt sie vom Hofe weg,
folgt ihnen auf der Ferse, und erlegt sie hundertweis. Die entsetzliche
Waffe in der Faust, läßt er sie bald rechts bald links niederprasseln,
und macht die dicken Haufen der Flüchtigen licht. Umsonst schreien sie
Erbarmung, umsonst verheißen sie Gehorsam, Treue. Das junge Blut des
Prinzen siedet, sein Grimm ist nicht zu erweichen, er treibt die Empörer
der ungestümen Wolchova zu.

Nun meiden die Posadniks die Wahlstatt, rennen zum Rathhause, füllen
einen großen Goldpokal mit Juwelen, und bringen ihn angstvoll der guten
Dame Amelpha Timophejewna. Vor ihre Fenster, auf der Gasse stellen sie
sich hin, denn sie wagten sich nimmer in den Hof, und ihre stolzen
Schädel an den Boden drückend, wimmern sie kläglich: »Ach Fürstin! Ach
Mutter! Dein Mitleid wende sich nicht von uns! Wir erzürnten deinen
Sohn, unsern Herrn, Basil, Sohn des Boguslav, und sein Grimm macht eine
Wüste aus Novogrod. Verlasse unser Schrecken nicht, lege dich ein für
die Bangen, daß sein gewaltiger Zorn ende!« Wohl vernahm die gute Dame
das Geschrei, doch zeigte sie sich nicht, sondern ließ durch eine
Dienerin herabsagen: »Ihr begannt, ihr mögt enden. Was gehn die betagte
Frau eure Händel an?«

Mit gesenktem Ohr schlichen die Posadniks zurück, unterwarfen in einer
Urkunde, sich, Novogrod und das Land dem jungen Fürsten, und boten ihm
unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod, Gut und Blut, in ganz Rußland.
Mit dieser Schrift nahten sie demüthig _Fomuschka dem Langen_, und
_Bogdanuschka dem Kleinen_. »Wir sind sein, hier unsre Unterwerfung«
sprachen sie.

Die Ritter wurden erweicht, und warfen die zum kräftigen Beistand des
Waffenbruders erhobenen gewaltigen Keulen nieder, hielten das Blatt
empor, und riefen: »Heil Basil, Sohn des Boguslav! Morde nicht länger
den Unterthan, denn alles ward dir gegeben. Heil dir Fürst von Novogrod
und Rußland!« Hier warfen sie sich mit den Posadniks nieder, die Menge
folgte.

Nun hielt der junge kräftige Prinz ein, empfing Urkunde und Huldigung,
und vergaß, was geschehen war. Froh kehrte alles zur Burg. Glücklich
herrschte Basil, Sohn des Boguslav. Kein innrer Zwiespalt, kein Krieg
von außen, störten seine Regierung, denn alle Welt fürchtete Basil, Sohn
des Boguslav, Fomuschka den Langen, und Bogdanuschka den Kleinen.

Die ^Archives litteraires de l'Europe^ erheben diese Legende, wegen
mancher Züge von Einfalt, doch giebt sie auch einen Maasstab, wie rohe
Einbildungskraft Monarchenwerth in Anschlag bringt. Unserm Roman wurde
sie als Beilage verliehn, um den Leser zu der Betrachtung aufzufordern:
Es ist im Nord und Süd sich manches ähnlich, Bös und Gut überall gleich
gemengt, Demokrit und Heraklit vermissen nirgend ihren Stoff, und nach
Belieben, oder Lebensalter und Gemüthsstimmung ist Schillers Wort
anzuwenden:

   Thor, wo du siehst die Noth und die Plag,
   Erblick ich des Lebens hellen Tag.



                            Sechstes Buch.



                           Erstes Kapitel.
                        Flore und ihre Räthe.


Wir sahen, daß die Räthe der Sultanin in Darkulla fleißig einander den
Platz streitig machten, woraus für das Ganze nicht viel Segen zu keimen
pflegt. Man kann die Staatsführung allenfalls mit einem Wagen
vergleichen. Die vorgespannten Rosse sind die oberen Diener, der
Souverain lenkt ihre Zügel, achtet auf des rechten Weges Geleis. Gut,
wenn die Rosse stark sind, muthig schnaubend vorwärts dringen, daß es
eher nöthig wird, den Zaum aufzuhalten, als ihn bei anderweitiger
Antreibung zu lockern; mögen sie auch ein wenig eigenwillig, wiewohl dem
obern Willen gehorchend, lenkbar seyn, denn Shakespear sagt sinnreich
genug: verdrießlich ein Roß, das nicht in den Zügel beißt. Herrlich geht
alles von Statten, wenn die ausgreifenden Kräfte vorne _Talent_, und die
Lenkenden hinten _Genie_ genannt werden können. Es mangelte sogar nicht
an Beispielen eines gar lobenswerthen Fortgangs unter so angethanen
Umständen. Auch darf man nur in den bunten Gukkasten der Geschichte
blicken, wo die Tragikomödie der Vergangenheit aufgeführt wird, und man
wird da manchen Zügler gewahr, dem das Lenken unbequem wird, und der
sich also einen Stellvertreter anordnet, dem er nur bisweilen auf die
Hände sieht. Auch kann es gedeihlich ergehn, ermangelt diesem nur nicht
Kunde des Wegs und Kraft der Fäuste, schlimm aber wenn der Zügel
nachgelassen wird, eines der Thiere springt im wilden Gallop an, das
Zweite will sich im trägen Trott schonen, auch gelegentlich Gras an der
Seite des Weges rupfen. Am Kreuzpfad biegt eins rechts, das andre links.
Oder dem eigentlichen Bilde, worauf es hier angesehen ist, näher zu
kommen: ein Hochbeamter will rüstig fort ins Gebiet der Neuerung, wird
entzückt von den Phrasen der Projektenmacher, freuet sich der Zahlen
eines Law, hofft für jede papierne Saat Goldärndten, und der andre
gleichet solchen, wovon Herr von Held ein meisterhaft possierliches
Gemälde lieferte:

   Wohl mancher läßt an der Geschäfte Spitze,
   Von dem erhabenen Ministersitze,
   Die Staatsmaschine leiernd gehn,
   Das Schnarrwerk tanzt, und endlich lohnen
   Den invaliden Leirer, Pensionen,
   Dann mag ein Andrer weiter drehn.

Wie geht es da? Man gelangt auf Irrwege. Bald bricht etwas am Wagen,
bald kömmt er nicht von der Stelle, man wirft um u. s. w. u. s. w.

Floren machte es gewaltigen Verdruß, da sie sah, daß Alonzo, Perotti und
der Darkullaner ungleich und gegen einander wirkten. Und das Lenken
selbst nun so schwieriger, gewährte ihr um so weniger Vergnügen, als die
Blutszene ihr das sonst reitzende Land verhaßt gemacht hatten, und die
Sehnsucht den Blick nur ins Vaterland rief. Mit heißer Ungeduld
erwartete sie Musa zurück, und schöneren Traum konnte sie nicht träumen,
als Kukus Einwilligung in ihre Vorschläge.

Unterdessen kam Alonzo öfters, und stellte ihr vor: für die Arme einer
Dame wären die Zügel des Regiments zu beschwerlich. Ein Premierminister
würde ihre Sorge am freundlichsten erleichtern. Dann hatte er diesen
oder jenen glänzenden ausschweifenden Entwurf, welchen er zur Stelle
vollzogen wissen wollte. Denn obschon unthätig im Tagewerk, lebte ihm
doch eine rege Phantasie, er hielt den Charakter des Hispaniers fest.
Allein Flore fand die Entwürfe selten nach ihrem Geschmack, und der Alte
ward dann murrlaunig.

Perotti erschien noch häufiger, immer festlich geschmückt, die ziemlich
greisen Haare mit einer Farbe geschwärzt. Wenn er Floren nun eine Menge
angenehmer Dinge, und süßer Lügen vorgebracht hatte, stellte er ihr vor,
wie nöthig ihr in dem dermaligen Verhältnisse ein Gatte sei, ein Gatte,
nicht zu jung, um noch ein Sklave der Unbesonnenheiten zu sein, nicht zu
alt, um noch das Feuer der Liebe empfinden zu können. Dann gab er die
Rolle des Zerstreuten, Nachsinnenden, Unglücklichen.

Flore lachte in sich, da sie seine Plane ahnte.

Nicht lange, so erschien auch ein Brieflein voll der zärtlichsten
Wendungen. Flore lachte noch mehr, und beantwortete es nicht.

Doch wenige Tage nachher spielten ihre Frauen auf eine Verheirathung der
Sultanin an, die Stadt war plötzlich eines Abends erleuchtet, und Alonzo
erschien noch ganz spät, warf sich Floren zu Füßen, und warnte mit den
dringendsten Gründen, gegen den neuen Vorsatz. Flore war vor Erstaunen
außer sich.

»Nein, ehe du dem arglistigen gauklerischen Italiener die Hand reichst,
weiß ich einen Gemahl für dich, edelmüthig, tapfer, jung, liebenswerth,
und dem du eben so viel verdankest --«

Aber ums Himmels Willen, wurde er unterbrochen, wer hat euch gesagt, daß
mir so ein Gedanke einkam?

»Wer? Jedermann. Die gesammte Stadt ist voll davon. Darum die
Erleuchtung. Morgen werden Abgeordnete dir im Namen des Volkes Glück
wünschen.«

Hieraus ergab sich, daß Perotti die Neuigkeit selbst verbreitet hatte,
Floren desto eher für die Ausführung zu stimmen. So läßt man in den
Zeitungen verkündigen, man habe ein gewisses Geschenk, eine Stelle, eine
Ehrenbezeugung erhalten, und Einigemal hat das die Wirklichkeit zur
Folge gehabt.

Nicht so bei Floren. Sie ließ den Wälschen rufen, und sagte ihm
gemessen: Signor Perotti, war ich euch Dank schuldig, so bedenkt, daß
ich ihn durch Vertrauen, und durch Vergessen eurer ehemaligen Untreue,
entrichtet habe. Spielt ihr jemals auf diese eure thörigte Absicht
wieder an, geht ihr eures Amtes verlustig.

Perotti versetzte: Sultanin, wohin führt Liebe!

»Wie, in eurem Alter?«

Medea verjüngte den Greis Aeson, ihr, eine größere Zauberin, werdet doch
den Mann aus den Mitteljahren ins Jünglingsalter zurückführen --

»O erlaßt mir das! Ich meinte, jene Isabelle sei eure Geliebte. Schlecht
lös't ihr euer Wort, sie bis ans Ende der Welt zu suchen.«

Im Wetteifer mit Coutances gab ich dies Wort. Er ist todt, was brauche
ich es nun zu lösen.

»Also Eitelkeit, elende Eitelkeit, der Listigste gelten zu wollen, nicht
kräftige Leidenschaft spornte euch?«

Flore gab ihm noch manchen ernsthaften Verweis, dann trat auf ein
gegebenes Zeichen der Wachtoffizier herein, und Perotti wurde verhaftet.
Nur auf vier Wochen, sprach Flore. Jener mußte alles Sträubens
ungeachtet mit fort.

Diesen Abend war die Stadt noch weit heller erleuchtet. Das hatte Alonzo
besorgt. Flore, die ihn rufen ließ, erhielt auf ihre Frage folgenden
Bescheid:

»Das Volk ist doppelt froh. Einmal, daß Perottis Sage unwahr ist, ferner
daß ein Minister, der seinen vollen Haß trägt, hat ins Gefängniß wandern
müssen.«

Das sind, erwiederte Flore, alles Dinge, wovon dies gute Volk nichts
wußte, ehe wir die Hand an seine Verfeinerung legten. Ich sehe gar wohl,
daß jede Unze des Guten, die es durch mich empfing, reichlich durch eine
Unze Uebel aufgewogen wird, und das ist es, was mir die ganze
Beherrschung höchst zuwider, mit jedem Tage mehr zuwider macht. An all
das geflossene Blut darf ich vollends nicht denken, oder mich befallen
Gram und Trübsinn.

O, fiel der andre ein, ein Gemahl, ein Gemahl, nur Perotti nicht.

Schweigt, ich besitze schon einen! -- Doch Apropos! Ihr erwähntet vor
Kurzem eines rühmlichen jungen Mannes. -- Faßt ja keinen unrichtigen
Gedanken, wenn ich frage. Es hieß, ich verdankte ihm viel, und das mag
ich nicht schuldig bleiben.

Alonzo fing eben lächelnd an:

Es ist --

Da trat ein Diener ins Zimmer, und meldete Musas Zurückkunft. Dies
unterbrach das Gespräch völlig, denn Florens ganzer Antheil war dem
Neger zugewendet, der auch gleich vorkam.



                           Zweites Kapitel.
                       Musas Berichterstattung.


Was sagt Kuku? wackerer Dschelab, rief Flore dem Ankömmling entgegen.

Er erwiederte folgendes:

Da ich zu dem Sultan kam, erhabene Nene, und mich als deinen Gesandten
offenbarte, warf er sich jammernd und winselnd auf den Teppich. Alle
Liebe ist von den Weibern gewichen, rief er, auch diese Nene, die ich
zur Eselin der Eselinnen erhob, wollte nicht sterben.

O der Barbar! fiel Flore ein.

Jener fuhr fort: Nun mußte ich deinen Krieg gegen den Bruder berichten,
und wie Tata fiel. Da zürnte er nicht. Mein Bruder war ein Krieger,
sprach er, rühmlich ist Tata gesunken. Nun erzählte ich, wie du sein
Grab geehrt, sein Denkmal erhöht hast, da weinte er vor Freude.

Edler Rittersinn, rief Flore. Kuku verleugnet sich nicht. Das Gute und
Böse liegt in seiner Seele beieinander. Ich aber mag hier weder tilgen
noch entwickeln. Weiter!

Da ich nun antrug, du wolltest ihm sein Land zurückstellen, wenn er dich
mit sicherem Geleite ziehen ließe, war er halb zufrieden, halb nicht,
doch erklärte er sich endlich: er müsse vor allen Dingen erst Osmanns
Kopf, womit er betrogen worden sei, bekommen, diese Bedingung würde Nene
nicht versagen.

Osmanns Kopf? rief Flore. Osmanns Kopf! Betrogen sagst du? Hat er ihn
nicht? Mit meinem Willen zwar nimmer. Alonzo, was sagt ihr?

Ich weiß nicht anders, stockte dieser.

Musa fuhr fort: Der Sultan behauptet, einen anderen Kopf erhalten zu
haben. Er besteht auf den ächten; dann sollst du ihm auch noch einen
geschickten Caffern zusenden, der ihm das schwarze Pulver bereitet. Er
will es wider Gigi gebrauchen, mit der es immer noch nicht zu der lange
erwarteten entscheidenden Schlacht kam, denn man unterhandelt noch mit
Habesch um die Mittel, jene unfehlbar zu verderben.

Der Caffer soll ihm werden, ich hab ihn schon ersehen. -- Es ist ein
Irrthum. Der Kopf wurde ihr zugeschickt. Doch stände der Franzose auch
lebend vor mir, ich würde nimmer in die Forderung willigen.

Sie ließ hierauf Perotti aus dem Gefängnisse bringen.

Signor, erklärte sie ihm, ihr geht zum Sultan Kuku! Verseht ihn mit
Kunst, mit List, so viel ihr wisset und ihm Noth thut. Wenn ihr das
gehörig ins Werk gerichtet habt, so vollendet meinen Frieden mit ihm.
Der ehrliche Musa wird euch begleiten. Vielleicht ziehen wir am Ende
froh nach Europa.

Nach Europa? rief Perotti. Ich habe es schon vergessen, und darauf
verzichtet.

»Ich nicht, Signor, ich nicht!«

Laßt uns doch in Darkulla bleiben. Zum Paradiese fehlt ihm ja nichts
mehr, als eine Opera buffa, und ein maskirt Carneval. Doch Geduld, ich
richte alles noch ein.

»O meinetwegen künftig bei Sultan Kuku. Genug, ich höre keinen
Widerspruch, keine Bitte.«

Aber mein Amt, mein Amt!

»Werde ich einstweilen schon verwalten lassen, auch mich beim Sultan
einlegen, daß es euch vorbehalten bleibt.«

O keinem Sultan mag ich dienen, einer Monarchin. Wie Essex der
Elisabeth. Das bringt vortrefflich Regiment.

»Dies waren eure Abschiedsworte. Kameele vor. Glück auf die Reise!«

Er mußte gehorchen.

Alonzo wurde wieder allein befragt: Welchen jungen Mann meintet ihr?

Er gerieth in Verlegenheit. Ich bitte um Nachsicht, Sultanin. Ich weiß
keinen. Es war mir nur darum, zu erfahren, wie du einen Antrag der Art
beantworten würdest.

»So? -- Ei! -- Und Osmanns Kopf? Ihr stokt. Ihr bergt mir ein Geheimniß,
auch mag ich es nicht entschleiern. In einem Fall bin ich aber
unzufrieden mit euch. Das sollt ihr einst erfahren. Die Verkettung der
Ereignisse, welche uns treffen, ist sonderbar. Gebe das Schicksal nur
eine endliche freundliche Lösung.«

Alonzo mußte Perottis Geschäfte mit versehn. Flore drängte ihn, da
durfte er seiner Trägheit weniger nachhängen. Ehrlicher wie Perotti,
hing das Volk ihm lebhaft an, wiewohl es bald darauf auch genug an
seinen Einrichtungen zu tadeln fand, denn mit den ersten Eindrücken der
Verfeinerung, hatte sich der Geist des Widerspruchs, der in aller Busen
wohnt, der uns als moralisches Vertheidigungsmittel von der Natur
zugelegt zu sein scheint, auch ziemlich bei den Darkullanern
ausgebreitet. Von ihm sagt Morellet, einer der geistvollsten unter den
neueren französischen Autoren:

^Supposons qu'on appelle au Ministère un génie élevé, d'une probité qui
décourage la calomnie même, plein de la passion du bien public, et de
tous les sentimens qu'on peut desirer et exiger dans un homme en place;
je vais dire ce qui arrivera. S'il regarde autour de lui avant
d'entreprendre; s'il étudie, non pas les principes de l'administration
que l'expérience et de profondes réflexions lui ont rendus familiers,
mais les moyens par lesquels on peut les mettre en pratique et vaincre
les obstacles que la corruption élève de toutes parts; s'il marche avec
cette sage lenteur qui conduit plus sûrement et plus promptement au but,
on dira: _il ne fait rien_; _nous ne voyons rien_; c'est qu'on sera au
desespoir de n'avoir rien à blâmer et à contredire; mais à la première
de ses opérations, des milliers de voix s'élèveront; l'un critiquera la
forme, l'autre le fonds, non pas d'après des principes réfléchis, mais
uniquement par esprit d'opposition. Si le ministre eût fait tout le
contraire, on se fût simplement abstenu de corriger tel abus de faire
telle loi, ces mêmes gens l'auraient désapprouvé avec la même violence.
On eût dit: pourquoi ne réforme-t-il pas ceci ou cela? Pourquoi ne
fait-il ce bien au peuple, cette faveur à l'agriculture? S'il réforme,
s'il change, s'il s'efforce d'améliorer toutes les parties de
l'administration, on s'écriera: pourquoi toucher à ce qui est? Ne
sommes-nous pas bien? L'esprit de système, la constitution de l'Etat,
les privilèges des différens corps, le caractère de la nation, les
dangers d'une liberté, qui deviendrait bientôt licence, seront les mots
de ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, et bientôt sera
renversée, la statue au pied de laquelle on avait brûlé quelque encens.^

Dieser Geist des Widerspruchs, tief verfolgt zur Wurzel, und dann wieder
einen vielzweigigen Stamm aus der Tiefe erzogen, lieferte gar wohl den
Stoff einer neuen Erklärung des gesellschaftlichen Lebens. Doch scheint
die Sucht, philosophische Systeme aufzustellen, bei den Deutschen in
Abnahme zu gerathen. Bliebe es dabei! Denn wohin führen sie alle? Den
Mann bis zum Grabe zur Pein des Schülers zu verdammen; denn will er
nicht das sogenannte Hinken nach dem Zeitalter als Vorwurf hören, muß er
immerfort lernen. Und darf man Schätzen einen Werth zuerkennen, von
denen es ausgemacht ist, die Mode wird früher oder später gebieten, sie
wieder wegzuwerfen. Oder soll der Teutone die Weisheit inniger
umschlingen, da die Klugheit sich seinem Arm so viel entwindet?



                           Drittes Kapitel.
                        Der Kriegsschauplatz.


Wenden wir den Blick nach dem Kriegesgetümmel.

Immer hatte Gigi Unterhandlungen anknüpfen wollen, doch kein Gehör bei
Kuku gefunden. In seiner festen Stellung trotzte er ihren Angriffen, wie
wir bereits wissen, und übte daneben seine Truppen mit vieler Klugheit.
Eilboten gingen fleißig nach Habesch, und kamen von daher. Der
Entfernung halber, und da es nothwendig war, beträchtliche Umwege zu
nehmen, verliefen aber mehrere Monate, ehe die Unterhandlung am Ziele
stand. Endlich aber sagten die Verbündeten zu, Gigi mit einem großen
Heere in den Rücken zu gehn, und es wurde ein Tag beraumt, wo Kuku seine
Verschanzung meiden, und die Amazone im offenen Felde angreifen sollte.
Der Feldherr der Verbündeten rechnete darauf, um diese Zeit auch nahe zu
sein, so gerieth die Feindin zwischen zwei Angriffe, und um desto eher
hoffte man sie zu verderben.

Eben war man auf das ernsthafteste mit Waffenübungen beschäftigt, da
Perotti in Kukus Lager kam. Aber welche Waffenübungen. Nicht etwa so
bequem wie in Deutschland, wo man die freundliche Jahreszeit, den Tag,
und fein flache Gefilde dazu auswählt, dazu jedermann auf dem Papiere
hat, welche Szenen aufgeführt, welche Truppen vorwärts rücken, und
welche fliehen sollen. Nein, Sturm, Regen, Wolkenbruch, wie sie die
nasse Jahreszeit dort viele im Gebürge gab, tiefe Nacht, hohe Felsen,
Wald und Sümpfe liebte Kuku zu diesem Behuf. Immer wurden zwei Partheien
aufgestellt, deren Führer nach Urtheil handelten. Daß es dabei auf
blutige Köpfe nicht ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ins
Spital Verwundete zu bringen waren, versteht sich von selbst.

Perotti kam in der übelsten Laune von der Welt im Lager an. Er hatte so
schöne Träume geträumt, und war so übel davon erwacht. Zwar besaß er
viele Schätze, denn es war ihm vergönnt worden, ein Kameel mit seinen
Habseligkeiten zu beladen, und was er erpreßt, und durch Bestechungen
gewonnen hatte, nahm darauf Platz; gleichwohl aber sah er wenige
Sicherheit für den Reichthum voraus, und dem Kriegsruhm hatte er in
Europa nimmer Geschmack abgewonnen, um wie viel weniger in dieser
Erdgegend. Bei dem allen mußte er der Nothwendigkeit weichen, und es
galt ihm nur, sich in die Gunst des Sultans zu schmeicheln.

Das geschah denn nach aller Kraft, es wurde Pulver verfertigt, auch
Kanonen, ob sie gleich zu nichts taugten, als Schrecken einzujagen, was
freilich schon viel taugen heißt, besonders wenn man schreckhafte Feinde
vor sich hat. Kuku wollte ihm eine Unterbefehlshaberstelle bei den
Truppen anvertrauen, die er aber demüthig verbat, und dafür antrug, die
eines Feldhistoriographen anzuordnen, welche er mit nicht geringem Eifer
zu versehn anfing. Dabei stutzte er Zeitungsschreiber zu, und ließ alle
Tage ein Palmblatt ausgeben, worauf die Kriegsvorfälle geschildert
wurden. Hatte ein Darkullaner einen Fluch oder Schimpf gegen die
Beduinen ausgestoßen, so sprach diese Zeitung von der begeisterten
Stimmung, die das ganze Heer durchglühe. Kriegslieder enthielt sie zu
Dutzenden, sie wurden in der Expedition gut bezahlt, also fand sich
alles damit ein, was nur in der Landessprache reimen konnte. Hatte ein
Krieger in der Nacht _Wer da!_ gerufen, hieß es in Perottis Zeitung: ein
Ueberfall sey mit großem Verlust des Feindes zurückgeschlagen. Eine
ausgeschickte Patroll wurde zum Scharmützel gemacht, und eine größere
Zahl von Beduinen war auf dem Platze geblieben, als ihr Heer stark seyn
konnte. Da sagte Kuku aber: du bist ein Narr mit deiner Zeitung, höre
auf!

Bald darauf fiel des Sultans Geburtstag ein. Perotti machte, daß im
ganzen Lager Gastmahle gehalten wurden, man streute Blumen, Raketen und
Schwärmer stiegen am Abend leuchtend in die Höhe. Ueber dies Fest wurde
eine eigne Schrift herausgegeben, worin man den Patriotismus und die
Unterthanenliebe der Darkullaner bis zu den Wolken erhob. Kuku lachte
aber gar sehr, wie er die Schrift sah, und sagte zu Perotti: also meinst
du, ich soll an dem Darkullaner Tugenden des Unterthans erblicken, wenn
mein Geburtstag ihm einen Anlaß giebt, sich bei Mahl und Fröhligkeit zu
ergötzen? Nein, da will ich andre Beweise, am meisten in der nahen
Schlacht. -- So gescheut war Kuku.

Einmal lag Perotti in seinem Zelte. Schon war es tiefe Nacht. Da nahte
etwas durch die Stränge, womit das Haus von Linnen befestigt war.
Perotti horchte bange, und wollte eben nach der Wache rufen, als eine
Stimme ihm leis zuflisterte: Sei ruhig, es naht ein Freund, der dir
große Schätze nachweisen kann. Dies machte, daß der Italiener die Furcht
überwand. Der Fremde kam ins Zelt. Ich bin von Gigi gesandt, sprach er.
Sie weiß, daß Mehemed beim Sultan gilt. Liefere ihr die beiden Caffern
Mustapha und Osmann lebendig in die Hand.

Mustapha? erwiederte Perotti, das wäre so unmöglich nicht, aber Osmann
ist todt. Der Sultan hat ja sein Haupt abholen lassen.

Glaubst du das Mährchen auch? entgegnete die Stimme. Osmann lebt im
Felsenlande.

Osmann lebt? lebt? fuhr Perotti auf.

»Gewiß.«

Und wie kömmt es, daß Gigi das weiß?

»Man schickte ihr einen Kopf, der Osmann gehören sollte, sie erkannte
ihn aber falsch.«

Falsch? Wenn sah denn diese Gigi Osmann? Fremdling, ist mir doch, als
hätte ich deine Stimme schon einmal gehört.

Das wüßte ich doch nicht, versetzte die Stimme.

Seltsame, seltsame Gedanken stiegen bei Perotti auf. Endlich rief er:
wie weit ist es von hier nach Gigis Lager?

»Nur wenige Tausend Schritt.«

Kannst du mich unbemerkt hinübergeleiten, und wieder zurückbringen?

»Das ginge wohl an, doch aus welchem Grunde?«

Ich muß selbst mit Gigi reden.

»Kannst du mir deinen Willen nicht vertrauen?«

Laß mich zu ihr, dann verständigen wir uns leichter. Verdacht kann sie
nimmer gegen mich bergen, wie wagte ich mich zu ihr, und hier mein
Leben, fühlte ich nicht gegen sie warme Anhänglichkeit. Ich habe so viel
von ihren Thaten gehört, und bin schon lange ihr Bewunderer. Nicht nur
die Caffern sollen ihr werden, sondern wenn sie mir Folge leistet, auch
Sieg über Kuku.

Wohlan, schleiche mir nach, sagte der Fremde. Ich kann unbemerkt durch
die Außenwachen finden.

Nicht ohne Zittern willigte Perotti ein. Aber eine gewisse Ahnung in
seiner Seele bestimmte ihn zur Entschlossenheit.

Man tappte hinaus. Die einzelnen Wächter der Lagerkette sangen, dies
verbarg das leise Rauschen der Fußtritte im Sand. Nicht lange darauf kam
man bei einigen Reutern an, die den unternehmenden Späher erwarteten.
Einer von ihnen mußte sein Pferd an Perotti geben, und so ging es im
schnellen Galopp davon.

Wie man in das fremde Lager angekommen war, mußte Perotti etwas
zurückbleiben, da sein Führer ihn erst anmelden wollte. Jener brauchte
diese Zeit dazu, sich das Gesicht mit Erde zu beschmutzen, und sich
möglich unkenntlich zu machen, denn er meinte: _es sei wohl möglich, daß
er hier gekannt wäre_.

Es währte einige Zeit, bis der Beduin wiederkam. Er trug eine Fackel in
der Hand. Neugierig blickte Perotti nach seinem Gesichte, aber ein tief
in die Stirn gedrückter Turban, und ein bis über die Brust
herabfließender Bart machten, daß nur wenige Züge kenntlich waren.

Die Fürstin ist geweckt, und ihr deine Ankunft berichtet worden, sprach
Jener; folge zu ihrem Zelte.

Er ging mit der Fackel voran. Man kam durch lange Reihen von Pferden,
welche theils schnarchend ausgestreckt lagen, theils wachend ihr Gras
käuten, die Reuter lagen mitten unter ihnen, denn sowohl die Beduinen
wie die Kalmucken halten mit dem edelsten der Hausthiere enge
Freundschaft. Wachen waren in diese Gassen vertheilt, bei denen kleine
Feuer brannten. Die Zelte der Vornehmen erhoben sich geordnet, und
wurden durch Laternen, welche an ihrem Eingang hingen, auch in der Nacht
sichtbar. Endlich gewahrte man der Königin Gezelt. Wie der Dom eines
prachtvollen Tempels, zu einer Festlichkeit erleuchtet, ragte es empor,
denn nicht nur seine Höhe erregte Staunen, sondern überall waren auch
Laternen angebracht, welche rund umher den Platz erhellten, und alle
Schildwachen zu Pferde, welche umhergestellt waren, und die blinkende
Harnische bekleideten, sichtbar machten.

Die Stangen dieses Zeltes waren gerüstartig übereinander gestellt und
gefügt, kunstreich die Thierhäute, welche seine Wände bildeten,
verbunden. Der inwendige Theil bestand aus persischen Tapeten, und
Fußteppiche in Natolien gefertigt, deckten den Boden. Die Anlage eigener
Manufakturen hatte Gigi, wie wir wissen, noch wenig glücken wollen, sie
ließ also die Kostbarkeiten von der Fremde hereinbringen. Einstweilen
aber, bis ihre Städte eine vollendetere Gestalt zeigten, hatte sie
Erfindungsgeist und Geschmack auf die Verfeinerung des nomadischen
Lebens gewendet. Ein wandelnder Pallast war ihr Wohngebäude aus Häuten
und Tapeten; stattlich prangten die ihrer vornehmen Beamten; bequeme und
nette Einrichtung hatten die der Arbeiter; die Soldaten trugen ihre
Kasernen stückweis mit fort, und so die Pferde ihre Stallungen. Nur
jetzt, da man gegen den Feind stand, durfte letztere kein Obdach
enthärten, und auch die Bereitschaft auf Kampf duldete kein Hinderniß.

In der That hat das Nomadisiren für die Einbildungskraft viel
Anziehendes. Wenn man die _Tavernier_, _Niebuhr_, _Savary_, über die
Wanderer in Egypten und Arabien liest, und mehr noch die _Wytsen_,
_Georgi_, _Haygold_, _Reineggs_, _Pallas_ u. s. w. über die am Caucasus,
im kabardinischen und Truchmenen-Lande, Turkestan, der Bucharei, so
gewinnt das Bild einer reisenden Stadt einen wesentlichen Vorzug, gegen
das traurige Einerlei unserer festen dumpfen Wohnplätze. Welch ein
heiteres, gesundes, an mannichfacher Abwechslung reiches Leben, unter
Zelten, auch in der kultivirten Welt! Grade hier könnten die Künste ja
seine Bequemlichkeit so erhöhn. So schützte z. B. das Tränken mit
elastischem Harz die Leinwand gegen Nässe. Im Winter lagerte man
zwischen Bergen, die die rauhe Luft abwehrten, bei Wäldern, um keinen
Mangel an Feuerung zu leiden. Camine lassen sich gar wohl in Zelten
anbringen, oder man gräbt in dieser Jahreszeit sich etwas in die Erde.
Im Frühjahr bezöge man anmuthige Höhen, den Anblick der Naturverjüngung
ins Weite zu genießen, und nicht durch die viele Feuchtigkeit belästigt
zu sein. Der Sommer würde an See- oder Stromufern hingebracht, Kühlung
und Bad in der Nähe zu sehen -- -- doch es tönen so viele Aber entgegen,
daß man gern von dem Traume endet.

Perotti wurde nun in einen Vorsaal des Zeltes geführt, der wohl
erleuchtet war. Die Leibwache der Heldin schimmerte in leuchtenden
Kürassen, denn Gigi hatte zu viel Geschmack, Krieger mit rothen,
weissen, gelben Lappen herauszuputzen, und so unkräftig wenn sie nicht,
wie die Europäer, die feiger gegen die Last einer heilsamen Trutzwaffe
sind, wie gegen den Schuß einer Flinte oder Stich und Hieb der
Seitengewehre.

Nachher gelangte man in das innre Zimmer. Auf einem erhöheten Polster
saß Gigi, angethan mit einem mehr männlichen als weiblichen Nachtkleide,
von ausgewählter Eleganz. Ueber ihr Gesicht hing aber ein dichter
Schleier nieder. Nur ein Helldunkel war verbreitet, also konnte man die
Umrisse der Gestalt nicht deutlich erkennen.

Wie nennest du dich? fragte sie, mit einer Stimme, in der sich eine
erkünstelte Veränderung wahrnahm.

Perotti antwortete mit verstellter Sprache: Ich heiße Mehemed.

»Von welchem Lande der Caffern bist du?«

Von der Halbinsel Morea.

»So -- -- Renegat, oder als Muselmann geboren?«

Als Muselmann geboren.

»Du fandest Gnade bei Sultan Kuku?«

Er vertraut mir Geschäfte.

»Die Sultanin sandte dich zu ihm?«

Sultanin Nene.

»So -- -- werden Kuku und Nene sich versöhnen?«

Sultan Kuku ist grausam und wild, sanft und gut, voll von störrischem
Eigensinn, und gefälliger Nachgiebigkeit. Man kommt ihm schwer und
leicht bei.

»Welche Züge aber wirken hier ein?«

Die freundlicheren. Alles ist ausgeglichen, bis auf ein oder zwei Köpfe
-- --

»Was? -- wie? -- Ein oder zwei -- wie --«

Köpfe von Caffern. Lange hat Nene einen verweigert, und das kostete
Tausend von schwarzen. Nun aber wird sie wohl --

»Wird sie -- was, was?«

Der Klugheit nachgeben, wenigstens einen, wo nicht beide Köpfe senden.

Gigi sank etwas auf ihren Teppich zurück. Der Beduin fuhr heraus: Nein,
nein, das wird sie nicht!

Perotti, der ohne Aufmerksamkeit sichtbar zu machen, alles scharf
wahrnahm, fuhr nachläßig fort: Freilich wird es ihr hart angehen, am
meisten bei Osmann. Dieser liebt sie und liebt beglückt.

Perotti log hier höchst unverschämt, doch hatte er Gründe.

Gigi machte eine abermalige Bewegung des Schreckens; der Beduin rief:
Lüge, Verläumdung! hielt aber bald wieder an, und sagte ruhig und
freundlich: Unsre Sultanin bittet dich, ihr in ihren Absichten
beizustehn. Der Dienst, welchen du ihr leistest, wird das Maas deiner
Belohnungen bestimmen.

Perotti versetzte mit Lebhaftigkeit: Der Thatenruf Gigis hat mir lange
schon Bewunderung auferlegt, ihre Nähe begeistert mich, reißt mein
Gemüth hin in ihre Sklaverei. Sie gebiete.

Ist es dein Ernst, rief die Fürstin, so sinne auf Mittel, Mustapha und
Osmann lebendig in meine Hand zu liefern.

Schnell setzte der Andere hinzu: Gewisse Kunstfertigkeiten, die beide
besitzen, und die sonst in diesen Gegenden nicht zu finden sind, machen
der Sultanin diese Männer so theuer.

Und wo sollen diese Kunstfertigkeiten wuchern? fragte Perotti nach
einigem Bedenken, und fuhr fort: Schon fielen die von Habesch in Gigis
Land. Ein Feind steht hier vor ihr, der sich täglich verstärkt, und die
Kunst der Schlachten übt. Zwischen zwei Angriffe gepreßt, kann sie
leicht Thron und Land einbüßen.

Gigi fiel ein, obgleich nicht ohne Stocken: O dagegen bürgt mein
Schwert.

Der Beduin sagte: Daß du zeitig entdeckest, was uns gefährlich
überraschen soll, beweist Treue an dir. Aber schon sind wir
unterrichtet, daß neue Feinde in unserem Rücken auftreten, und Anstalten
dagegen sind vorgekehrt.

Perotti ging einige Schritte auf und nieder, dann brach er aus:
Sultanin, die Zeit ist kurz, du mußt mich vor Anbruch des Morgens
zurückbringen lassen, oder das Verständniß wird offenbar, dein Getreuer
hole mich aber in der folgenden Nacht wieder ab. Bis dahin werde ich
überlegt haben, was zu deinem Nutzen geschehen kann.

Dies war man zufrieden, und entließ den Italiener, den schnelle Rosse
wieder in Kukus Lager brachten, wo Niemand ihn vermißt hatte.

Gegen die Mitte der folgenden Nacht holte ihn der Beduin auf die vorige
Art ab, und die Heimlichkeit der Ausführung gelang vollkommen. Da er nun
wieder im Gezelt erschien, hub er an:

Sultanin, ohne Zweifel hörtest du von dem inneren felsenumschlossenen
Darkulla.

Es soll das schönste Land der Welt sein, versetzte Gigi.

Dort, fuhr Perotti fort, dort müßte Gigi herrschen, und das Paradies der
Natur würden bald die gewähltesten Zaubereien der Kunst schmücken. Die
Bahn der Verfeinerung ist gebrochen, deine Caffern, noch meistens am
Leben, würden unter deiner Leitung das Wundervolle darstellen, wogegen
Nene zwar hohe Entwürfe faßt, aber auch bald wieder in Ueberdruß sinkt,
und nur ein Gefühl noch im Busen trägt, das Heimweh.

Gigi hörte sehr aufmerksam zu.

Perotti fuhr fort: Und welcher unendliche Vortheil in der festen
Sicherheit des Ländchens. Eine geringe Wache am Paß, und inwendig ist
der ewige Friede nimmer zu stören. Sultan Kuku beging die ärgste
Thorheit, nur einen Fuß über die Klippengränze zu setzen. Suche dich zur
Meisterin des kleinen Paradieses zu machen. Kuku hat Schlimmes um dich
verdient. Nicht werth ist er des Köstlichen, sonst hätte er seinen
Entschluß von damals nicht geändert. Den Tod wollte er dir geben, den
Bruder unterstützte er in seinem Hohn gegen dich, er versagt deinen
billigen Anträgen, Frieden, und Entehrung würde dein Loos, so er dich
gefangen nähme. Deine Getreuen haben meistens Weib und Kind daheim. Gar
wohl nimmt das innere Darkulla diese Bevölkerung noch auf, der harte
Krieg von neulich tödtete große Schaaren, und die Fruchtbarkeit ist
ungemessen.

Die Amazonin sprach: Das innere Darkulla gehört Nene, welche durch
Schönheit, Muth und gewandten Sinn es erwarb. Könnt ich auch, wie dürft
ich sie darum bringen!

O, gab Perotti zur Antwort, Nene tritt dir mit Freuden das Reich ab. Um
ein sicher Geleit nach Egypten, will sie ja alles Kuku zurückgeben.
Vergiß deine Steppen, die wilde Nachbarn unsicher machen, die Krieger
von Habesch jetzt überschwemmen, und richte deine Absichten auf das
innre Darkulla.

Ich gestehe unverhohlen, bekam er zur Antwort, daß dein Rath mir
gefällt. Doch alle Hindernisse, die noch zwischen ihm und der Ausführung
liegen --

Besiegt List, fiel der Italiener ein. Vertraue meinen Planen.

Etwas schnell entgegnete Gigi: O viel wäre auf deine List zu bauen,
könnte man deiner Redlichkeit gewiß sein.

Der Beduin sprach: Zwischen unserm Lager und dem schönen Lande steht
Kukus Heer, in dem wohlvertheidigten Felsenneste, das nicht anzugreifen
ist.

Doch nicht lange mehr, erwiederte der Italiener. Bald wird er zum Kampf
hinausstürmen. Schlägt ihn Gigi, dann ist der Weg offen, und durch den
Paß bringe ich sie.

Wie aber, wenn ich geschlagen werde? fragte die weise Heerführerin.

»Das muß nicht geschehn. Kuku muß fallen. Ich werde machen, daß ein
hohes weisses Fähnlein getragen wird, wo er sich beim Kampfe aufhält.
Dahin mögen deine Schützen unverdrossen zielen. Sind sie demungeachtet
nicht glücklich, denke ich selbst -- im Gedränge -- ein behender
Dolchstich macht kein Aufsehn -- und sank der Führer, ist gemeinlich das
Heer verloren.«

Nein, pfui, nein! schrie Gigi heftig. Nur in guter Schlacht will ich
siegen, nicht durch Verrath und Meuchelmord des Feindes.

Du bist ein Ungeheuer! Weg von mir!

Perotti erwiederte kalt: Wenn mich Bewunderung dir so ergeben machte,
daß ich selbst das Zürnen deines Edelmuthes nicht fürchte, so ist es die
Schuld deines Ruhmes. Und wußte ich ein ander Mittel, die Caffern zu
retten --

Die Caffern! die Caffern! rief Gigi mit Bewegung. Höre Mehemed! Meine
Schlacht mit Kuku laß mich kämpfen, und sein Leben sei dir theuer. Kann
deine List mich aber nach gewonnenem Siege in den Paß führen, nehme ich
sie an und lohne sie reichlich. Erobere, denke ich, man durch List, wenn
der Eroberung, des Landes Heil folgen soll. Tödten aber nimmer. Würde
ich aber geschlagen -- geschlagen --

Dann gieb dich getrost an Kuku gefangen.

»Wie, du hast behauptet, mein Loos würde beklagenswerth seyn.«

Doch meinen Einfluß auf ihn nicht genannt. Ich werde ihm rathen, dich
als Sklavin an Nene zu senden, und du wirst dort eine Freundin finden,
die willig dir ihren Thron räumt. Du findest deine Caffern dort --

»Meine Caffern!«

Ich werde ihm vorstellen, nur so könne er Nenes Liebe gewinnen, sie
vermögen, in Darkulla zu bleiben, an seiner Seite, wenn du ihr als
Sklavin -- doch mit zarter Achtung vor aller Welt Blick behandelt -- zur
Stelle abgeschickt -- -- du magst verstehen --

Gigi eine Sklavin! Wie keck der Caffer mit Einbildungen spielt! Der
Gedanke könnte ihm wo anders das Haupt kosten, rief der Beduin.

Gigi lächelte aber, und beschenkte vorerst den Italiener. Käme das
Schlimmste zum Schlimmen, rief sie, bleibt mir mein Ring mit dem
rettenden Tropfen. Sonst mag die Zeit entscheiden, wie ich von Mehemeds
Hülfe Gebrauch machen kann.

Hier wurde er entlassen, und wie in den vorigen Nächten zurückgebracht.
Der Beduin redete noch Zeichenverständigung mit ihm ab, und sagte beim
Abschiede: Nur Verrath lasse dir nicht einkommen, sonst bin ich es, der
ihn straft.



                           Viertes Kapitel.
                    Die gelieferte Hauptschlacht.


Perotti lag Kuku mit Vorstellungen an, in jedem Fall Nene ziehn zu
lassen. Dann, sprach er, bist du deines Landes zwischen den Felsen am
sichersten. Wer stände sonst ein, daß sie dir, wenn du zurückgekehrt
wärest, nicht die Herzen wieder entzieht, denn sie ist eine große
Zauberin. Gieb mir einige hundert Mann, und Briefe an die Herrscher,
deren Land zwischen hier und Egypten liegt, daß sie sicher bis zur
Gränze reisen kann. Ich geleite sie und komme dann wieder. Eben jetzt,
da du der eigentlichen Hauptschlacht entgegen siehst, ist der Gedanke
wichtig. Denn träfe dich Unheil, könntest du ohne Sorge Rettung finden.

Der Sultan that, was die Sultane nicht immer pflegen, er gab Gründen
Gehör. Allein im Lager und unter dem fortwährenden Waffengetöse, hatte
seine Leidenschaft, so heißafrikanisch sie auch ursprünglich war, an
Feuer abgenommen. Ziehe sie hin, hieß die Antwort, ich werde dir die
Krieger geben.

Dann, versetzte Perotti, sendet sie dir auch gewiß aus Dankbarkeit die
Köpfe. Es ist ein eigensinnig Gemüth, aus Zwang will sie nichts, alles
mit Freiheit thun.

Er empfing nun dreihundert wohl gewaffnete und berittene Neger, die die
Weisung hatten, ihm unbedingt Gehorsam zu leisten. Auch die Briefe
fehlten nicht. Sein Plan war nun, Gigi zu bewegen, daß sie ihr Heer
verließ, um eine Reise nach dem innern Darkulla zu machen. Die
Sehnsucht, ihre Caffern zu sehn, meinte er, würde sie leicht den
Entschluß ergreifen lassen. Er theilte dem Beduinen, welcher in einer
der folgenden Nächte wieder bei ihm erschien, den Plan mit. Grade da die
Unterredung statt hatte, nahte auch Musa dem Zelte. Er hörte gedämpfte
Stimmen, verhielt sich ruhig, und lauschte. Nichts Zusammenhängendes
konnte er verstehn, doch aber sahe er ein, wie ein Verständniß mit Gigi
angezettelt war, und so viel war ihm wohl deutlich geworden, daß Gigi
nach dem innern Darkulla kommen sollte. Ha, Mehemeds Rache! dachte er.
Leicht konnte er Lärmen erregen, und den Treulosen wie den fremden
Späher verhaften lassen. Doch urtheilte er, das könne vielleicht noch zu
keinem vollen Lichte führen, da beide Theile hartnäckig läugnen würden.
Er nahm sich daher vor, auch in künftigen Nächten aufmerksam zu sein,
und die Unterredungen näher zu behorchen. Gleich aber schickte er am
Morgen einen Eilboten an Nene, mit der Warnung, ja auf ihrer Hut zu
sein, und den Paß noch zu verstärken. Denn Gigi würde sie vielleicht zu
bekriegen suchen.

Es kam aber zu keiner weitern Unterhandlung zwischen Perotti und Gigi,
denn eine Stunde, nachdem Musas Eilbote weggeeilt war, langte auch einer
bei Kuku an, den der Feldherr von Habesch abgefertigt hatte. Er brachte
die Botschaft, daß man eine Abtheilung der Beduinen geschlagen habe, und
nun dichte im Rücken Gigis stehe. Zugleich erfolgte die Einladung,
sofort anzugreifen, und das Versprechen, kraftvoll und nachdrücklich den
Kampf zu unterstützen.

Kuku gab also seine Befehle, und Perotti blieb mit seinen Negern in der
Nähe, um den Ausgang des Tages abzuwarten.

Allgemein war bald die Schlacht, und hartnäckiger wie je eine in Europa
geliefert wurde. Gigi ließ ihre Reuterei einbrechen, ehe noch Kukus
Truppen gehörig entwickelt waren. Bei jener herrschte aber der Gebrauch,
den Pferden die Ohren zu verstopfen, und die Augen zu verbinden, damit
weder das Getöse der Schlacht, noch der Anblick widerstehender Reihen
und gefährlicher Waffen sie schrecke. Nur das Gefühl blieb ihnen, und je
näher an den Feind, je mehr empfanden sie des muthigen Reuters Sporn,
wogegen in einem gewissen andern Welttheil der antreibende Stachel immer
weniger, und der wuthmäßigende Zügel immer mehr gebraucht werden soll.
Vorgestreckte Lanzen, wenn gleich noch einmal so lang, wie die
Bajonetflinte der Europäer, galten diesen Beduinen ein lächerliches
Hinderniß, denn hart an der Spitze, ließ der vorderste Reuter sein
wohlgeübtes Pferd einen mannhohen Satz machen, und zerbrach beim
Niedersenken die Stangen, indem die Träger zu Boden geworfen wurden,
oder es wurde auch das Thier aufgeopfert, und mit seiner durchbohrten
Brust angerannt, um dann einen unfehlbaren Streich zu führen. Dann
sprang sein Hintermann über ihn. Allein die Neger waren auch gegen
solchen kühnen Angriff bereit. Sie schreckte der Anblick der Vermessenen
nicht, noch weniger kehrten sie um, weil das grade der Reuterei den Sieg
in die Hände geben heißt. Jeder trug zwei Lanzen, was ja auch recht wohl
angeht, da die freigebige Natur den Menschen mit zwei Händen versah.
Eine hielt er niedrig, die andre hoch, eine zum beliebigen Aufspießen
des Pferdes beim graden Anrennen, eine beim Sprung. Daß ihn die Gewalt
des Thieres nicht hinwarf, unterstützten ihn die Kameraden. Sonst war
eine Lanze dem Pferde, die andere dem Reuter zugedacht. Auch wenn
demungeachtet die Linie gebrochen wurde, verzagten diese Neger nicht.
Sie wußten, daß es nur einen leichten Griff nach dem Beine des Reuters
kostet, um ihn über das Pferd zu werfen, ein Griff, den der Mangel an
Fassung sonst so selten wagt. Ein gelenker Mann kann auch schneller aus
dem Wege springen, als das Pferd ihn niederwirft. Des Reuters Stiche und
Hiebe sind ungewisser, als die des Fußgängers. Wie bald ist das Thier
hingestreckt. Die Neger krümmten sich gern unter seinen Bauch, wo sie
vor dem Reuter geschützt waren, und stachen es so mit einem Messer
nieder. Andre sprangen über den Schweif desselben, und warfen den
durchbohrten Feind über den Kopf, wodurch sie das Pferd gleich
behielten. Die neuen Stücke des Kuku taugten gar wenig, der Materie und
dem Bau nach, versagten vielfältig den Dienst, sprangen und verletzten
die eignen Leute, waren schwierig von der Stelle zu bringen, das Pulver
hatte schlechte Kraft, statt der Kugeln wurden auch Steine genommen, bei
denen wenig auf sichern Schuß zu zählen war. Demungeachtet leisteten sie
weit mehr, wie da, wo sie ganz vortrefflich sind, die Kanoniere aber in
großer Entfernung zu schießen beginnen, wo nur sehr selten getroffen
wird, und je näher der Feind kömmt, je ungewisser sie zielen, endlich,
wenn sie ihm das Weiße im Auge sehn, davonlaufen. Im letztern Abstand
fingen die Darkullaner erst zu feuern an, aber so kaltblütig, so ihr
Ziel fassend, daß sie nimmer fehlten. Doch hatten die Beduinen sich
wieder darauf eingerichtet. Sie sprengten in schmalen Kolonnen
pfeilschnell daher. Zuvor wurde das Loos gezogen, welche Reuter die
ersten sein sollten. Diese bekamen denn ein Ehrenzeichen, und die
Zusicherung eines hochrühmlichen Grabes. Dies Loosziehen war darum
Nothwendigkeit, weil Jeder der Vordere, Niemand hinten sein wollte.
Ueber die Gefallenen setzte die Schaar unaufgehalten fort, und in wenig
Minuten befanden sich die Uebriggebliebenen zwischen den Stücken. Die
Beduinen suchten gern ihren Feind in die sogenannten Flanken oder Seiten
der Reihen anzufallen. Leicht führten sie auch vermöge des Eilflugs
ihrer Pferde die Bewegungen aus, die zu einem solchen Zweck leiten
konnten. Aber der Sultan von Darkulla, Kriegern mit eisernem Sinn
gebietend, sah gar keine Gefahr, wo Europäer verzweifeln. Die Truppen
standen immer doppelt dick an den Enden. Wie eine Linie sich zeigte,
gingen sie selbst auf diese los, durchbrachen sie als Colonne, und indem
sie sich zu beiden Seiten wandten, bekämpften sie nun zwei Flanken der
Angreifenden.

Wo so geschlagen wird, glänzen schöne Rückzüge nicht, sondern der
Kämpfer Tod endet nur die Schlacht. Gigi führte Ueberall in die
schlimmste Gefahr. Kuku zeigte sich an der Spitze, wo der Streit am
hitzigsten war. Vielleicht hätte man ohne Entscheidung fortgemordet,
allein die Truppen aus Habesch rissen die Schaale nieder. Gigi hatte
sich ihre Zahl nicht so groß vorgestellt und nur eine geringe Abtheilung
entgegen gesandt.

Diese war durch die Menge überwältigt worden, und zugleich so umzingelt,
daß keine Nachricht von dem üblen Erfolg zu der Gebieterin dringen
konnte. Selbst wurden einige Beduinen Verräther, und berichteten
fälschlich einen günstigen Erfolg. So sahe Gigi endlich eine sehr große
Anzahl neuer Feinde in ihrem Rücken, und da sie nun urtheilte, der
ungleiche Kampf könne nicht mit Vortheil geführt werden, so gebot sie
selbst ihren Haufen, sich zu zerstreuen, und nannte einen Ort an der
Wüste, wo man sich wieder sammeln wollte. Sie selbst spornte ihr Roß, um
diesen Ort so bald wie möglich zu erreichen.

Auf diesem Ritte aber ward ihr Pferd tödlich getroffen, sank, und die
Amazonin fiel einem nacheilenden Negerhaufen in die Hände. Schon riß sie
den Ring vom Finger, um das Leben zu enden, doch fiel ihr in diesem
Augenblicke Perotti ein. Wie, wenn er es treu meinte, dachte sie bei
sich, zum Sterben ist es immer noch Zeit. Sie gab also das Vorhaben auf,
und den Negern ihr Schwert zum Zeichen der Ergebung.

Sie wollten ihr den Ring nehmen, sie sagte aber: ihr seht, er ist ohne
Werth, aber das Andenken einer Zauberin. Ich will ihn euch zehnfach
bezahlen. Das wurde geglaubt, und Gigi nach Kukus Zelt gebracht.

Dort ertönten aber Jammer und Klage. Die Siegsgesänge schwiegen traurig,
und alles lief erschrocken und trostlos umher, denn eben zu Ende der
Schlacht hatte Kuku eine tödtliche Wunde empfangen, an der er ohne
Hoffnung auf dem Teppich lag. Die Generale jubelten indeß auf, da sie
Gigi bringen sahn, auch erhob sich der Sultan ein wenig bei dem Anblick
der überwundenen Feindin, allein Freude und Leid hatten mit ihm ihre
Rechnung gemacht. Kaum hörbar, rief er Perotti, der auch zugegen war.
Mehemed, sprach er, bringe diese Gefangene zu Nene, ihr gehört all mein
Land außen und innen der Gebürge, ich bitte sie es nicht zu meiden, sie
beherrscht es weise.

Hier starb der Sultan. Perotti warf sich mit heissen Thränen auf seinen
Leichnam, und dennoch hatte er selbst den Sultan hinterrücks verwundet.
Der Arme kam um, wie es von Gustav Adolph und Carl XII. vermuthet wird.
Desto eher glaubte Perotti seine Absichten durchzusetzen. Er wollte nun
auch über alles beim Heere gebieten, das ließen aber die alten Männer
nicht zu, sondern errichteten einen Rath, der bis auf Weiteres die
Angelegenheiten leiten sollte. Sie zeigten auch schlechte Lust, Nene zu
gehorchen, welche hier viel getadelt ward, und Perotti ließ das Vorhaben
in ihnen erwachen, selbst einen Sultan zu wählen, welches einer in den
anderen bestärkte.

Der Rath beschloß noch, den Rest der Beduinen aufzureiben, und Sultan
Kukus Leichnam in das Felsenland zu schicken, um dort neben Tata
begraben zu werden; denn den Wunsch hatte der Verstorbene einst
geäußert.

Perotti sah noch bei der ihm anvertraut gewesenen Kasse möglichst zu
seinem Vortheil, dann machte er sich mit den zugetheilten Reutern, und
der schönen Gefangenen auf den Weg. Er hatte sie in dem Zelte des
Sultans nun ohne allen Schleier gesehn, und kein Zweifel bestand mehr,
wer sie sey.



                           Fünftes Kapitel.
                   Perottis vernichtete Anschläge.


Zwei Tagereisen ging es dem Felsenlande zu. Er ließ Gigi mit aller
Bequemlichkeit reisen, ihr ein prachtvolles Zelt geben, und hohe Ehre
beweisen. Sich selbst zeigte er aber nicht, doch den Sklavinnen, die ihr
auch zur Aufwartung gegeben waren, schärfte er ein, sie kräftig über ihr
Schicksal zu trösten, und sie zu versichern, Nene würde ihr die
Herrschaft abtreten. Eine aber unter den Sklavinnen hatte er auf seine
Seite gebracht.

Gigi wußte nicht, ob sie den Zusicherungen Glauben beimessen sollte,
schwebte in verlegener Unruhe, und wagte die ersten Nächte keinen
Schlaf. Endlich aber behauptete die Natur ihre Rechte, sie streckte sich
ein wenig auf einen Teppich, und gebot den Frauenzimmern, sie, wenn
irgend Jemand nahte, sogleich zu wecken. Die Verrätherin aber nahm den
Augenblick wahr, entfernte unter einem ersonnenen Vorwande die übrigen,
und zog, wie Perotti ihr aufgetragen hatte, Gigi den Ring leise vom
Finger. Vor großer Ermüdung war ihr Schlummer ungewöhnlich fest, und sie
bemerkte den Raub nicht. Am Morgen, da man schon Anstalten zum Aufbruch
machte, stellte die Sklavin ihre Beute dem erwachten Perotti zu.

Sogleich schrieb dieser einen mit Spott und Bitterkeiten erfüllten Brief
an Nene. »In meiner Gewalt stand es,« sagte er in diesem Briefe, »dich
nach Egypten, nach Europa zu bringen, denn ich gebiete Dreihundert
Reutern unbeschränkt, und besitze Sicherheitsbriefe, allein du hast mich
durch Verbannung von meiner Stelle, durch Kaltsinn gegen meine Liebe
gehöhnt, und nun magst du ewig unter den Negern bleiben. Denn kein
Geleit werden dir die Darkullaner außer dem Gebirge geben, die dich
hassen, und die meine Rache selbst aufmunterte, sich einen andern
Gebieter zu wählen.«

Dem sogenannten Osmann schrieb er Worte, welche ihn auch auf das
bitterste verwunden konnten, und schickte einen der Neger mit den
Briefen ab.

Nun wurde aber sogleich sein Weg verändert, und der nach Egypten
eingeschlagen. Die Reuter wußten von Kukus Befehl, Gigi in das innre
Darkulla zu bringen, nichts, sondern hatten nur Weisung, Mehemed zu
gehorchen, was solche Menschen denn blindlings thun.

Gigi saß auf ihrem Dromedare, noch kein Unheil ahnend, da kam Perotti
lachend herangeritten, und rief: »Nach Egypten zieht die Karavane. Die
stolze Königin der Beduinen schläft diese Nacht in Perottis Zelt.
Endlich werden Recht und Klugheit siegen!« Er sprengte weg.

Sie gerieth außer sich vor Schrecken, wollte den Ring vom Finger reissen
-- er war dahin. Sie wollte sich von dem Dromedar hinabstürzen, man
hielt sie ab, und hinderte jeden Ausbruch ihrer Verzweiflung. --

Der Leser lasse sich gefallen, daß die Szene des Romans wieder in das
innre Darkulla verlegt werde, und wende den Blick einstweilen von
Perotti und Gigi.

Flore hatte unterdessen von Perottis Unterhandlungen vieles gehofft. So
wenig sie auf seinen Charakter baute, meinte sie doch, auch er würde
wohl des Lebens unter den Negern müde sein, und gern nach der Heimath
zurückkehren. Das mußte ihn denn bestimmen, alles zur gemeinschaftlichen
Abreise einzuleiten.

Es währte aber lange, ehe eine befriedigende Nachricht einlief, Flore
theilte sich unterdessen mit Alonzo und jenem treuen Neger in die
Regierungsgeschäfte, deren sie aber mit jedem Tage müder ward, denn mit
jedem Tage drangen mehr Bitten und Gesuche auf sie ein, weil des Volkes
Begriffe so erweitert worden waren. Stolz und Habsucht forderten überall
Ehrenstellen und Reichthümer, und wie konnten sie immer befriedigt
werden. So häuften sich auch die Klagen, da der Verbrechen immer mehr
ins Leben gerufen wurden. Oft gedachte Flore der Worte ihrer alten
Räthe, wenn sie sie damals schon verlacht hatte, und sahe ein, daß: wie
einmal die menschliche Natur angethan ist, Monarchengewalt, verbrüdert
mit der heiligsten Religion des edelsten Willens, dennoch _keine
Glückliche zu erschaffen vermag_. Nein, nein, in der Mansarde des Palais
Royal wäre mirs besser, wie in diesem Pallast, dachte sie, denn es ist
unter andern mit dem Glücke auch, wie mit dem Regenbogen, nur wenn er
vor oder hinter uns steht sehen wir ihn, mitten darin nicht.

Es giebt bei dem allen Gemüther, welche in der Volkserziehung große
Ausdauer zeigen, wie z. B. Numa Pompilius, (nachdem Romulus, den die
Sache etwas zu langweilen begann,) den kühnen Entwurf eines neuen
Reiches geboren, und die Riesenschritte eingeleitet hatte. Flattersinn
geht bald in eine gewisse Philosophie über, die zwar weise Wahrheit
genug in sich trägt, allein der anhaltenden Arbeit nicht frommt.

Genug, Flore war des Regierens müde, und harrte ihrer Erlösung. Da kam
der Eilbote Musas an, durch welchen der Dschelab kund thun ließ, Mehemed
übe Verrätherei, und wolle wie es schien, Gigi in das Innre von Darkulla
führen, um Nene zu bekämpfen, und vom Thron zu werfen. Das letztere
klingt auch dem hart, der freiwillig vom Thron zu steigen gewilligt
wäre. Des Thrones Höhe durchglüht mit einem gar empfindlichen Stolz, und
die Lear, oder Carl V würden gleich ihre volle Gewalt entgegnet haben,
wenn Jemand in dem Augenblicke, da sie das Szepter niederlegen wollten,
es ihnen zu entwinden versucht hätte. So empfing Flore auch kaum jenen
Bericht, als sie Alonzo zu sich rufen ließ, und ihm aufgab, zur
Sicherheit des Landes doppelt zu sehn.

Das geschieht ohnehin, gab er zur Antwort, es ist nicht nur der Paß wie
immer besetzt, sondern es steht auch noch ein Heer nahe an demselben
bereit. Der Treue, welcher es anführt, meint: Kuku könne, auch Friede
heuchelnd, Arges im Schilde führen, und man müsse deshalb unter den
Waffen sein.

Von Kuku fürchte ich nichts, versetzte Flore, doch Gigis wegen seid auf
eurer Hut. Sie könnte jenen schlagen, und dann zu uns eindringen wollen,
und ihre Rache wegen der vorenthaltenen Caffern, die Unschuldigen
empfinden lassen.

So verstrich einige Zeit, bis das Gerücht einlief: Kuku habe in einer
großen Schlacht das Leben verloren. Bald darauf erfuhr man, sein
Leichnam würde nach der Hauptstadt gebracht werden, weil der Verstorbene
ein Grab neben Tata gewünscht hätte. Dem Gerücht folgte eine förmliche
Meldung, denn der Offizier, welcher den Leichnam geleitete, sendete zum
Paß voraus, und begehrte Eingang. Es wurde bei Floren angefragt, und
diese beschloß, mit Alonzo selbst dem Zuge entgegen zu reisen, und begab
sich zur Gränze. Diese Ehrenbezeugung geschah, um das Volk noch mehr zu
gewinnen, denn seine Gunst ist bei allem, was man vorhaben mag, wichtig.



                          Sechstes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Der Zug hatte mit dem Leichnam einige Tage außerhalb warten müssen, da
Flore ankam. Sie wollte ihm zuerst auf der innern Gränze ein Todtenopfer
darbringen.

Schon in einiger Entfernung kam ihr ein wohlgekannter Beamter entgegen,
der ihr von dem letzten Willen des Sultans Nachricht gab. Die Sultanin
konnte nicht anders, wie sich wahrhaft gerührt dabei zeigen. Der Neger
setzte anhänglich hinzu, das Erbe außerhalb der Felsen mögte dir
vielleicht streitig gemacht werden. Vornehme Krieger, von denen einige
durch Heirathen ihrer Väter mit dem Sultansstamme verwandt sind, zeigen
sich schwierig, und der Caffer Mehemed selbst redete ihnen zu, einen
Rath niederzusetzen, der vermuthlich aus ihrer Mitte ein Oberhaupt
wählt. Doch giebt es auch eine Parthei für dich, und nach der dir so
eigenen Kunst, die Herzen zu gewinnen, wirst du auch da wohl
durchdringen. Floren reizte diese Aussicht wenig, doch empörte sie die
Falschheit des treulosen Perotti, welche sie vernommen hatte. Noch
erfuhr sie, daß Gigis Truppen sämmtlich zerstreut wären, und die Feindin
selbst ihr würde gefangen eingeliefert werden. Du hast die Gelegenheit
deiner Rache bald in der Hand, setzte jener Neger hinzu, denn Mehemed
bringt nach einem Auftrage Kukus die Gefangene.

Alles wünschte Floren Glück zu so vielen günstigen Ereignissen, mit
kluger Politik aber erwiederte sie: das alles tröstet meinen Kummer über
des edlen Kuku Hintritt nicht.

In geringer Entfernung vom Felsenpaß sahe sie das Heer, von dem Alonzo
ihr gemeldet hatte. Darf der Führer sich dir nahen? fragte letzterer.
Und warum nicht, erwiederte sie, schon lange wünscht ich ihn zu sehen,
der sich meinem Anblick entzog, und dem ich den Sieg über Tata verdanke.

Ein Wink Alonzos, und der Führer ritt heran. Froh überrascht rief die
Französin: Coutances! Ihr? ihr lebt? Ich glaubte dir manche Unruhe zu
ersparen, sagte Alonzo, wenn du ihn todt, und seinen Kopf dem Sultan
überliefert wähntest.

O meine Ahnung! versetzte Flore, wohl habe ich ihn unter den Lebenden
vermuthet. Es gab eine Szene großer Freude, von allen Seiten.

Wohlan, nahm Flore wieder das Wort, nachdem sie Coutances herzlich
begrüßt und ihm gerührte Dankbarkeit erwiesen hatte, wohlan meine
Freunde, nun mögen diese Krieger auseinander gehn, denn keinen Feind
fürchten wir mehr.

Viele davon zerstreuten sich auch sogleich; doch einen Theil davon,
behielt Coutances noch beisammen, um die Begleitung des Leichnams zu
machen.

Jetzt gab man am Felsenpaß das Zeichen, dem Zuge den Weg zu öffnen, und
die Wache ließ die Brücken nieder. Doch wurde in der großen Sicherheit,
worin man sich befand, die Masregel versäumt, welche sonst in der
Gewohnheit war, nämlich einen Theil der Ankömmlinge zuvörderst über die
erste Brücke zu lassen, und diese sodann wieder aufzuziehn, ehe die
folgende erhoben ward, und so von einer zur andern. Das Gefolge des
Leichenzuges war bekannt und nicht zahlreich genug, um von ihm, hätte es
auch tückische Absichten genährt, etwas zu fürchten; sonst entdeckte
sich außerhalb der Felsen Niemand, die Brücken sanken also alle nieder,
langsam und feierlich ging der zusammenhängende Kondukt fort.

Flore wartete seiner, in tiefer Trauer, von ihren Höflingen umgeben; in
einiger Entfernung standen Truppen mit gesenkten Waffen und rührten ihr
dumpfes Spiel. Feierlich war die Anordnung.

Alonzo gab auf den Zug wenig Acht, sondern hatte sich während der Zeit
zu Coutances begeben. Was meint ihr, sprach er zu diesem, wird eure
Landsmännin noch daran denken, diesen reizenden Aufenthalt zu verlassen,
nachdem sie hier so sicher, und keine Feinde mehr fürchtend, thronen
kann?

»Vermuthlich dennoch. Ein geheimer Zug ins Vaterland zieht sie
unwiderstehlich an. Und vielleicht kann sie ihm nun um so eher folgen.
Denn was hindert sie nun, eine starke Bedeckung auszuwählen, und mit
dieser ihre Reise anzutreten?«

Hm -- wer weiß, wäre das Volk dabei gleichgültig. Es dürfte die
Regierung nicht gern wieder verändert sehen, weil das nicht ohne
Erschütterungen erfolgt.

»O da helfen Erdichtungen.«

Ich gestehe offen, daß ich gern den übrigen Abend meiner Tage hier
verlebte.

»Auch ich. Jemehr die Spuren der Barbarei ausgetilgt werden, jemehr
verdient dies Land den Namen eines Paradieses.«

Bewerbt euch um die Liebe eurer Landsmännin. Großen Anspruch habt ihr
auf ihren Dank. Das Volk wünscht sie vermählt zu sehn. So ist ihr Sein
an Darkulla zu fesseln. Ich deutete schon oft bei ihr dahin.

»Ich? Ihr wißt -- -- nein, nein!«

Ihr denkt immer noch an Isabellen, und das rührt mich innig. Allein sie
schlummert im Grabe. Ihr seid jung. Denkt an die Prophezeihung, ihr
würdet hier den Thron besteigen.

»Wie, an die Prophezeiung?«

Hier wurden sie durch den Anblick eines Getümmels unterbrochen, das sich
da erhob, wo die Sultanin betend kniete, indem grade der Leichnam an ihr
vorüber kam. Dies Getümmel war mit einem wilden unverständlichen
Geschrei begleitet, und Alonzo und Coutances spornten ihre Thiere an, um
dahin zu eilen.

Die Ursache dieser Bewegungen war folgende:

Langsam war der Kondukt durch den Paß gegangen, und wie das Ende
desselben dem innern Ausgang nahe war, sahen die Wachen mit Schrecken
und Befremdung, daß ein Trupp Beduinen vorwärts sprengte, um sich daran
zu schließen. Man wollte abwehren, zu spät, sie hatten sich dieser
Gelegenheit, einzuschleichen, mit vollem Glück bedient, schon waren die
vorderen über alle Brücken, ein zahlreicherer Schwarm drang nach, die
Wachen sahen sich geworfen, und jene dehnten sich im Innern aus.

Alles flüchtete in einen nahen Wald, Coutances flog zu den Truppen, um
sie heran zu führen. Er war aber zu schwach bei der Gegner Menge, mußte
vorerst auch auf einen Rückzug bedacht seyn, um die jüngst Zerstreuten
in einer vortheilhaften Stellung zu sammeln. Unter dieser Zeit wuchs die
Zahl der Beduinen immer stärker an.

Flore berathete mit Alonzo. Ohne Zweifel meinte dieser, sind diese
Reuter von dem geschlagenen Heere Gigis, und sie treibt wilde
Abentheurerei umher. Es ist großer Unfug von ihnen zu fürchten, wenn
hier nicht kräftig widerstanden wird. Man traf also alle Anstalten, ein
zahlreiches Heer in kurzem beisammen zu haben.

Da die Zerstreuten noch keinen weiten Weg zurückgelegt hatten, so fanden
sie sich, nachdem ihnen Boten nachgeschickt waren, bald wieder ein, und
Coutances konnte daran denken, dem Feinde die Spitze zu bieten. Flore
und Alonzo blieben beim Heere, theils, um die Tapferkeit aufzumuntern,
theils weil der Weg zur Hauptstadt durch die herumschwärmenden Feinde
unsicher gemacht war. Von den Anhöhen, auf welchen nun Coutances die
wieder zusammen gebrachten Truppen ordnete, erblickte man bald darauf
die jetzt auch in regelmäßige Schlachtordnung gestellten Feinde, die
durch die Ebene zum Kampf heranzogen. Coutances rückte ihnen entgegen,
und bald standen die Heereslinien in einer geringen Entfernung von
Einander.

Ein Herold erschien vor der Mitte, und gab das Verlangen nach
Unterhandlung kund. Coutances ritt ihm mit Bedeckung entgegen, und
fragte, was den Haufen so vermessen machte, in dies Land zu dringen?

Der Herold erwiederte: Bist du Feldherr?

»Ich bin es!«

Sultanin Gigi fordert dich auf, die Waffen zu strecken!

»Diese Aufforderung darf mir Niemand thun. Aber deine Sendung, Herold,
beginnt auch noch mit einer Lüge. Gefangen ist deine Sultanin.«

Dorthin wende den Blick. Die hohe Gestalt mit der weissen Feder auf dem
Helm ist Gigi. Willst du kämpfen, so sind wir bereit. Aber noch soll ich
dir vorschlagen, von beiden Theilen die Waffen ruhn zu lassen, bis Gigi
Bothschaft an deine Sultanin geschickt hat.

»Nicht fern ist sie von hier. Sie soll durch mich erfahren, was an sie
zu bestellen ist. Doch ihr Räuber wollt nur Zeit gewinnen. Schon zu
lange hauset ihr hier. Von Kuku schon seit ihr geschlagen. Vor mir
streckt das Schwerdt, oder keiner wird lebend davon kommen.«

Nicht mögt ich wagen, dies an Gigi zu bestellen. Mache aber erst deiner
Sultanin kund, was ihr Gigi sagt: »Ich komme in dies Land, Wohnplätze
für mein Heer zu finden. Es giebt deren noch genug hier. Gieb mir meine
mir lange verweigerten Caffern, vor allen Mustapha und Osmann, von denen
ich weiß, daß sie noch leben, dann wollen wir friedlich zusammen wohnen.
Gleich zum Zeichen des freundlichen Willens muß aber das Heer mir die
Waffen liefern, und dann auseinanderziehn.«

Coutances war nicht wenig verwundert. Der Antrag, erwiederte er, ist
Nene nicht zu machen. Wer würde auch mit treulosen Beduinen einen
thörigten Bund eingehn. Die Caffern, wovon du sprichst, befinden sich
wohl unter dem Szepter ihrer edlen Gebieterin.

Indem kam Flore selbst herzu, und vernahm den Antrag des Herolds mit
Verwunderung. Ich begreife nicht, rief sie, wie mir von Gigi eine
Sendung zukommen kann, die ich gefangen weiß; wäre es aber, so sage ihr:
sie soll ihre Krieger die Waffen niederlegen lassen, und sich selbst mir
als Geissel übergeben, dann sage ich Freundschaft und Wohnplätze zu. Wo
nicht, so entscheide das Schwert.

Der Herold eilte kopfschüttelnd hinweg, und kehrte nach einer Stunde
wieder. So entbietet meine Herrin der Sultanin von Darkulla, sprach er:
Mich jammert des Blutes, das in dieser Fehde strömen soll, doch giebt
mein hoher Sinn nicht nach, und räumen kann ich dies Land nicht mehr,
denn das meinige ging verloren, und überlegene Feinde harren draußen
meiner. Es mag aber der Feldherr des Heeres sich gegen mich in tapferem
Zweikampf stellen, ich bin bereit, in Person das Schwert gegen ihn zu
ziehn. Sinkt er, so gebiete ich im innern Darkulla, trifft mich der Tod,
sind meine Beduinen Nenes Sklaven.

Ich nehme die Ausforderung an, schrie Coutances. Flore wollte abmahnen.
Laßt mich, laßt mich, versetzte er, um so unblutiger wird die
Entscheidung nahen. Er wartete nicht erst ab, was die Sultanin aufs Neue
einwenden wollte, sondern spornte den muthigen Barbarhengst, und flog
vor die Linie hinaus.

Gigi von der andern Seite, ersah ihn kaum, als auch ihr Thier
angetrieben wurde. Kaum schien sein Huf den Staub zu berühren. Der
Reiterin Schwerdt glänzte im Schein der heissen Sonne, hoch wallte der
Federbusch an ihrem Helm empor.

Beide kamen sich näher. Gigi trug einen Wurfspieß in der rechten Hand,
und wußte so fertig damit umzugehn, wie ein Beduin. Da sie nun aber auf
funfzig Schritte heran war, rief sie: Wie? kein Neger, ein Weisser führt
dies Heer? Wohlan, Europäerwaffen! Sie schleuderte den Spieß hin, und
zückte einen breiten Degen. Coutances hatte den Griff des seinigen schon
in der Hand, und hob ihn hoch über den Kopf, einen wüthenden Streich
damit auf die Gegnerin zu führen.

Bis auf wenige Sprünge sind sie sich nah, da blicken sie einander an,
und in plötzlicher Erstarrung reißt jede linke Hand den Zügel zurück,
jede rechte läßt die Waffe sinken. Dennoch stehen die Rosse dichte
zusammen, weil der Sprung sich nicht jähling anhalten läßt. Bald darauf
eilen beide, hinab vom Sattel zu kommen, und sinken sich in die Arme.

Die Heere, in deren Angesicht das vorgeht, staunen, Flore, wenig von den
Kämpfern entfernt, sagte zu Alonzo: Coutances umarmt die Feindin, er ist
ein Verräther, oder -- oder --

Kein Verräther! ruft dieser aus, und flieht bestürzt zu dem Paare. Da
sprengt auch von jener Linie ein Beduin herzu. Auch mir eine Umarmung,
ruft Alonzo, die stattliche, mehr herangewachsene schöner gewordene
Heroin erkennend, auch mir Isabelle, und reißt sie Coutances weg. Da
greift der Beduin in des Franzosen Hand. Erinnerst du dich des Mannes,
Frank, dem du in der Wüste das Leben rettetest? Ich sagte dir Lohn zu,
endlich kann ich zahlen. Coutances fiel ihm an die Brust.

Flore, die von fern die umarmende Gruppe sah, eilte auch hinzu, da
stellte Alonzo die Tochter, Coutances die Geliebte, Gigi Vater und
Geliebten vor, daß jeder Funke der Kriegesflamme erstarb. Daß die
Weiber, welche durch das Gerücht schon lange Antheil aneinander genommen
hatten, auch sich in den Arm fielen, ahnet der Leser schon, aber es
sollte die Gruppe noch dichter werden. Denn von der andern Seite kam
Musa, einen Esel führend, worauf ein sehr gebrechlich scheinender
Kranker saß. Es war Perotti.

An dem Fleck, wo der Zweikampf hatte vor sich gehen sollen, wurde ein
prächtig Zelt aufgeschlagen, worin die Gesellschaft Erfrischungen nahm,
und sich ihre Begebenheiten mittheilte. Beide Heere traten zu einander
über, und wurden köstlich bewirthet.



                          Siebentes Kapitel.
                            Erläuterungen.


Wie kam aber Gigi, die Gefangene, zu Freiheit und Heeresmacht? Das sind
wir bereit zu erzählen.

Der Leser entsinnt sich, daß der dankbare Imar zugesagt hatte, des
Franken Edelthat zu lohnen. Er sah wohl ein, daß es nur durch Gigi
geschehn konnte, und verlor sie nicht aus dem Gesicht. Ihr
heldenmüthiger Charakter griff kräftig in die Begebenheit, da er sie
durch die Flucht befreit hatte, und ihre alle Beduinen bezaubernde
Schönheit, gab ihr die Gewalt über die Herzen und den Herrscherstab in
die Hand. Denn die wilden unstäten Krieger hatten das Weib nur verhüllt,
schwach und ängstlich gekannt, die alles für sich gewinnenden Reize, die
kühne unternehmende Natur der trefflichen Spanierin, durch die viel
eingewebte Romantik ihres Schicksals entwickelt, kamen ihnen wie etwas
Zauberisches vor, und sie erblickten eine Seherin, eine Prophetin in
ihr. So viel vermögen Schönheit, Kraft, Verstand!

Da sie nun ihre Plane zur Kultur des eroberten Landstrichs entwarf, die
freilich poetischer empfunden, als genau auf die mögliche Ausführbarkeit
berechnet waren, sollte Imar ihr auch den Vater und Geliebten zur Stelle
schaffen. Daher seine Reise nach Egypten. Doch war ihm strenge
untersagt, ihren europäischen Namen kund zu thun, sie wollte eine Szene
des unerwarteten Erkennens vorbereiten, ob sie schon nicht glaubte, die
Verkettung würde dahin gedeihn, daß sie noch einst dem Geliebten im
Zweikampf gegenüberstände. Dies war auch so ein romantischer Sinn. Wir
wissen nun, warum Imar jederzeit ein Geheimniß barg, selbst mußte er
Isabellens Tod behaupten, so prüften sich auch Treue und Anhänglichkeit.

Uebrigens zog er häufige Nachrichten von den beiden Lieben ein, war auch
selbst im innern Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer
gelingen wollte, sie zu den Beduinen zu bringen. Imars Vater starb
unterdessen.

Da nun endlich die Unterhandlung mit Perotti angeknüpft, und die
Schlacht verloren war, sollte dieser bekanntlich die Gefangene an Floren
liefern. Imar aber sammelte von den zerstreuten Beduinen einige Tausend
Mann, und zog mit diesen in einiger Entfernung neben Perotti her, der
auf seinem Wege genau beobachtet wurde. Jener hatte sich auch eine
Unterredung mit Musa möglich gemacht, und weil dieser sich unerkannt
unter Perottis Gefolge mischte, gegen den er seinen alten Haß trug, so
empfing Imar von des Italieners Beginnen jede Nacht Kunde. Der
veränderte Weg, und die trotzig rohe Sprache desselben entgingen ihm
also ebenfalls nicht.

Als er nun an jenem Tage, wo er sich seiner ganz werth betragen, den
Marsch vollendet hatte, und die Zelter aufgeschlagen waren, ließ er
Isabellen zu sich bringen, hohnlachte: Du bist, wenn du schon einem
Volke gebotest, meine Sklavin, und endlich will ich afrikanische Rechte
an dir gültig machen. Die Arme wollte verzweifeln, daß sie sich nicht
den Tod geben konnte. Er spottete frech. Eben ging es so weit mit dem
ruchlosen Beginnen, als Waffenlärm und Mordgeschrei draußen ertönten.
Der Himmel erbarmt sich, sendet mir Rettung, rief Isabelle. Rettung
erwiederte Imar, der eben mit Musa ins Zelt stürzte. Die Beduinen hatten
die Neger überfallen, und sich zu Meistern der Dinge gemacht.

Man trug Sorge für die schwer Geängstete, aber Perotti kam diesmal nicht
mit so gelinder Strafe davon, wie er es bei anderen Unthaten gewohnt
war. Der Araber behandelte ihn im Geschmack des Landes. Die böse Lust
soll dir vertilgt werden, rief er. Eine Art Chirurgus begleitete ihn,
der auf dem Fleck, und mit rascher Geschicklichkeit eine Operation an
dem Italiener vollzog, wie man sie in seinem Vaterlande zum Behuf der
Musik, und in den muselmännischen Reichen, der Haremssicherheit wegen
kennt. Es versteht sich aber, daß Isabelle damals das Zelt schon
verlassen hatte.

Ihr alter Muth kehrte ihr bald zurück, und der Rath, sich nach dem
innern Darkulla zu wenden, fand Gehör. Musa wußte, daß Sultan Kukus
Leichnam durch den Felsenweg würde gebracht werden, und Imar baute
darauf den listigen Anschlag, mit hineinzudringen.

Der Bote, den Perotti abgeschickt hatte, war unterwegs von Beduinen
aufgefangen worden, und langte darum nicht bei Floren an, wenn seine
Briefe schon destomehr Licht über des Italieners Vorsatz warfen.

Isabelle hätte nach dem inneren Darkulla eilen müssen, auch, wenn sie
das Herz nicht dahin zog, denn Uebermacht hatte schon die Beduinen
ausgemittelt, und verfolgte sie. Doch einmal durch den Weg, zog man die
Brücken auf, und wachte so sorgsam, daß nichts weiter zu befürchten
stand. Das Uebrige wissen wir.



                           Achtes Kapitel.
                        Die neuen Freundinnen.


Isabelle bat Floren jetzt dringend um Vergebung, daß sie mit listiger
Gewalt in ihr Reich gedrungen war.

Diese lehnte die Höflichkeit auf das artigste ab, entschuldigte den
Schritt durch den Zug des Herzens und den Drang der Umstände.

Isabelle machte das Kompliment: Wie Flore nur befehlen sollte, und sie
wäre bereit, gleich wieder hinauszuziehn.

Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu
sagen hätte, denn ihre Ankunft gewähre ihr das Glück, einer lange
sehnlich gewünschten Bekanntschaft.

Isabelle dankte für ihre Güte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde
ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid
Herrin!

Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnplätze giebt es genug, und die
reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre
Darkulla bevölkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben
raubten. Nun blühe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, daß
Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schöne
Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu
ein.

Diese sinnigen Gegenartigkeiten führten zum Wechselvertrauen, und dies
bald zu großmüthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie
es bald bei den schwarzen Machthabern im äußeren Darkulla dahin bringen
wolle, daß alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwärmten,
ungehindert in das Felsenland gelassen würden, wie auch die Weiber und
Kinder in den noch übrigen Lägern. Das erweckte allgemeine Freude unter
den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu
eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet
sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch
anständiger bewirthen, und dann -- vor allen Dingen -- ein Geschäft, bei
welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde -- vor allen Dingen
muß ich Anstalt zu einem hohen zärtlichen Feste treffen, das doch wohl
bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schöne Isabelle?

Isabelle lächelte hoch erröthend. Coutances schlug die Augen nieder,
eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er müßte denn
wahrhaft verliebt seyn.

Da das innre schöne Darkulla von vielen Teichen und kleinen Seen
durchschnitten war, die durch Ströme und Kanäle verbunden wurden, so
bediente sich das Sultanshaus zu Reisen, die eben keine Eile hatten,
einer schwimmenden Insel, wie es deren auf den Gewässern viele gab. Sie
waren nicht, wie in China, künstlich verfertigt worden, sondern die
Natur selbst hatte Stücken Torfmoor vom Lande getrennt, durch Winde war
nach und nach mehr Erde hinauf geweht, wie auch Saamenpflanzungen. Wer
sich ein so liebliches Eiland zugeeignet hatte, machte es durch
schattige Bäume, edle Früchte, Lauben von Blumen und Trauben noch
lieblicher. Eine inländische Gattung von Schwänen, sehr empfänglich für
Unterricht, wurde erzogen, diese kleine Inseln, an die man sie mit
Guirlanden von Lotosranken band, gemächlich fortzurudern.

Nichts entzückender wie so eine Reise. Man schifft sich ohne alle Sorge
für Unterhalt ein, von Bäumen aller Farbe, mit Blumenduft jeder Art
bewillkommt. Am Fuße dieser Bäume verflechten sich erquickende Melonen,
Bignonias, saftige Trauben ranken von Zweig zu Zweig hinauf, und bieten
dem Pilger freundliche Labe dar. Grotten, Wölbungen und Hallen, bildeten
Gesträuche mit Blumengewölken überhangen. An den Zweigen, die sich
liebkosend zu den Wellen beugen, zieht man köstliche Meerspinnen,
Austern, und andre buntfarbige Schaalthiere hinauf, in dem dichteren
Geflechte fanden die Reisenden ohne Mühe die erlesensten Gattungen der
Fische. Auf den balsamhauchenden Wipfeln der Bäume setzt sich Geflügel
aller Art, das der Gefahren nicht gewohnt, kaum nachlässig weghüpft,
wenn eine menschliche Hand ihm naht, man würde also auch thierische
Nahrung nach Bedarf finden. Allein die ganze Empfindung ist den
Wanderern zu harmlos gestimmt, als daß sie tödten könnten. Frommen
Braminen gleich, dienen nur Früchte zu ihrer Nahrung, und so gewürzhaft,
so in Fülle des reinsten Nahrungsstoffes, wie diese sind, würde auch ein
Lukull, wenn er von den Schatten wiederkehrte, hier vergnügt sein, für
seine Pfauenzungenragouts entschädigte ihn eine Cocosnuß mit einem
Gemisch aller öhligten balsamischen Fruchtkerne und edler Würzen, das
hier sogleich anzufertigen ist, und seinen Falerner, unter Consul
Torquat gepreßt, würde er vergessen, wenn er hier eine nektarische
Traube in eine Muschel drückte.

Das Eiland, welches Flore hier zur Reise bestimmte, glich ungefähr an
Umfang und Gestalt der Remusinsel in Rheinsberg, nur daß die südlichen
Früchte dort prangten. Wer also zu Rheinsberg war, kann sich ein desto
vollkommneres Bild von jener entwerfen, und urtheile, ob Flore,
Isabelle, Alonzo, Coutances, und die treuen Diener bequemen Platz darauf
fanden. Der Untreue sollte im Anfange nicht mit, fand aber hernach
Milde, wie der Verfolg darthun wird.

                      Ende des sechsten Buches.



                              Potpourri.
                Glossen über eine Weisung des Jesuiten
                          Balthasar Gracian.


»Elegante Gelahrtheit, diese vor allen Dingen suche der ächte Weltmann
sich anzueignen. Kunde von den Gegenständen der Zeit, Witz im gültigen
Augenblick, angenehme Wendungen; sie vollenden, zeichnen aus vor der
Menge, Alltagsform. Bisweilen bringt eine hingeworfene Deutung, eine
leichte feine Geberde mehr Eindruck zu Wege, als der tiefe Unterricht
weiser Lehre. Die Kunst der Unterhaltung wucherte Vielen reichlicher,
wie die gesammte Ausbeute der sieben freien Künste.

Alcid errang mehr Triumphe durch sein Betragen, wie durch den
Heldenmuth. Der Kraft, welche seinen Lippen entfloh, wich jene, womit er
die furchtbare Keule schwang. Hier tilgte er rohe Ungeheuer, dort schlug
er edle Geister in Banden. Es giebt eine gewisse freundliche Hofmanier,
eine gewisse trauliche glückliche Kennerschaft, welche allenthalben
beliebt, allenthalben gesucht machen. Doch nicht das Buch, nicht die
Schule erziehen dir diese Bildung. Sie muß im Tempel des guten
Geschmacks, auf der Bühne des höheren verfeinerten Lebens geärndtet
werden. Ihre lieblichen Geistesblüthen sind -- Allgemeine Vertrautheit
mit den Weltereignissen -- mit dem Ton des Tages -- die Gabe fein zu
beobachten, bei den Großthaten der Fürsten, den seltsamen Verkettungen
des Geschicks, dem Unbegreiflichen in der Natur. Ein Register sammelt
sie von der reinsten Poesie in den Dichtungen, des Antheilwürdigsten im
Neuen, des Gedachtesten in der Philosophie, des Treffendsten in der
Satyre. Sie kennt die moralische Angeln, um welche sich das Leben dreht,
die Tiefen der Vernunft, der Leidenschaften Gewalt und Schwäche des
Willens, am gründlichsten aber die Individualität derjenigen, welche
eben in dem Trauerlustspiele der Welt die Hauptrollen geben. Jeden ihrer
Charakterzüge verzeichnet ihr aufmerksamer Fleiß. So unterrichtet sie
sich von der räthselhaften Eigenheit dieses Monarchen, von dem
befremdenden Widerspruch, in welchem jener Große mit sich selbst steht,
von Schwäche des andern; mittelst dieser prüfenden seelenkundigen
Zergliederung, lernt sie den Schleier von der Wahrheit, und ihr Urtheil
über die Dinge heben. Ganz besonders aber halte sie ein Kabinet von
kernhaften Aussprüchen, sinnigen Anekdoten, schneidenden Einfällen,
Witz, Scherz und Laune. Man kann sich das alles, man kann sich die
Sentenzen eines Philipp II, die Apophthegmen eines Carl V, so
haushälterisch einspeichern, daß die Geistesgegenwart jede Unterhaltung
kräftig zu würzen vermag. Doch bei dem Gebrauch des fremden Geistes
wache Vorsicht. Nicht immer gefällt noch, was einst gefiel. Die
Ansichten sind verrückt, oder auch die Grazie ging in der Zeit unter.
Dem Reize der Neuheit seine Huldigung. Wer alt Silber losschlägt, muß
den Arbeitslohn einbüssen. Nicht genug, daß der Diamant strahle, die
Mode darf auch nichts gegen seine Fassung einwenden. Pedanten und Orbile
bemächtigen sich der verjährten Schöngeisterei.«

So weit _Gracian_. Man fühlt wohl, daß er ein Ideal zeichnet, denn
wirklich dürfte ihm kein Künstler im Weltton vorgekommen sein, der diese
Forderungen sämmtlich erfüllt hätte. Ueberhaupt bedienen sie alles oder
nichts. Mehr wie ein Menschenleben, das anhaltendste Zeitopfer,
gänzliche Abgeschiedenheit mögten nöthig sein, ihnen im vollen Sinn
nachzukommen. Und wo bliebe denn die Praktik des Umgangs, wo wäre
anzuwenden, was der Forscher erbeutet hätte. Aber einen, da -- wo die
Kritik nicht fühlbar ist -- glänzenden Schimmer ins Leben zu rufen, wird
hier eher gelehrt. Geschieht alles so obenhin, daß der Glaube für sich
gewonnen wird, so ist die ganze Weisung auch das Reskript zu einem
ächten ^Ex omnibus aliquid, ex toto nihil^.

Und so ist es gewiß von Hundert Weltmännern gebraucht, und mit Erfolg
gebraucht worden. _Gracian_ wurde besonders in Frankreich oft aufgelegt
und beliebt, denn in Spanien mogte die Zeit, für welche solche Regeln
taugen, ziemlich vorüber sein. In Frankreich waren sie aber unter Ludwig
XIV, dem Regenten, und Ludwig XV. recht an ihrer Stelle.

Doch mit Ludwig XVI. veränderte sich die Szene. Das Hofleben, und der
Ton der französischen Residenz, nahmen, bis auf wenigen geheimen
Intriguengeist, einen einfacheren Charakter an. Die ernsthafter
gewordene Literatur trug das ihrige dazu reichlich bei. Wie die
Montesquieu, J. J. Rousseau, Rainal gelesen wurden, galt das _Wissen_
bei Männern, nicht mehr sein Schein, so wie um diese Zeit der
flatterhafte Stutzer in den solideren Elegant überging. Es ist
merkwürdig, daß Mercier in dem _alten_ Gemälde von Paris, über die
letzte Anwesenheit Voltair's in der Hauptstadt sagt: Er hätte während
der dreißig Jahre, wo er Paris nicht gesehn, den Ton der Gesellschaft
verlernt, die Sucht: ^de paroître ingenieux à chaque instant^ habe
Befremdung erregt. Allerdings hatte sich die Würdigung des Menschen
gewaltig verändert, und eine so armselige Weisheit konnte nicht mehr
gefallen. Und Voltaire hatte sie selbst kräftig verdrängt.

In der Revolution schrie die Noth um Kraft, und fand sie. Ihr Impuls zum
schnellen bedachten Handeln, zur Selbstbeherrschung, zur Ergebung in die
Nothwendigkeit, zum eiligen epikurischen Erfassen der Freude, wenn sie
sich einmal darbeut, und zur stoischen Geduld im Leiden, ist sichtbar
auf jeden Franzosen abgeprägt, er ist durchaus der Mann der That
geworden, der Mann des Schimmers kann nicht mehr gedeihn, er hat
wahrlich mehr Melancholie im Charakter aufgenommen, wie der Britte, und
jene angenehm faselnden mit Epigrammen glänzenden Marquis, mit der
bunten Außenseite einer Erudition, wie Gracian sie will, finden sich
schon lange nicht mehr in Frankreich.

Aber der Deutsche, gern und verspätet den Nachbarn jenseit des Rheines
nachäffend, hat manches von jenem alten Ideal gerettet, da es dort schon
untergegangen war. An deutschen Höfen sahe man genug, wenn gleich
verunglückte Kopieen jenes Originals, und da mit dem Haß der
französischen Staatsumwälzung, dort und hie Deutschheit affektirt wurde,
zeigte man Vorliebe für vaterländische Geisteswerke, und das Zeichen der
Vielbelesenheit kam in Gebrauch. Elegants und Damen mußten gelehrt
scheinen, wenn sie Anspruch auf den Ton des Geschmacks machen wollten.
So haben wir denn nun den Schimmer des Wortes von den Franzosen
eingetauscht, und die That von Ehedem dafür hingegeben.



                             Aphorismen.


Wo Geniemangel fühlbar wird -- es gilt von Fürsten, Völkern, Individuen
-- suche man dagegen Wahrheit zu erkennen. Nur auf diesem Wege ist
einiger Ersatz für die Entbehrung zu finden.

                   *       *       *       *       *

In der Familie lieben Eltern die Kinder ohne Ursach, diese, welche
Ursach hätten, jene wenig. Umgekehrt lieben im Staatsverein die Kinder
das Vaterland, und werden nicht geliebt.

Der Großstädter, den sein Luxus ermüdete, kann das Köstliche im
Landleben nicht mehr umarmen, seine Kraft ist dahin, so wie der
Landmann, der spät in die Residenz kömmt, seine Kraft nicht mehr so
zerstören kann, bis er diejenigen Freuden der Verfeinerung, deren Genuß
Schwäche bedingt, in sich aufzunehmen vermögte.

                   *       *       *       *       *

Liebe für alte Gewohnheiten, ist meistens nur Trägheit, sich in neue zu
fügen.

                   *       *       *       *       *

Den Beinamen: Groß, verdient ein König, der mit einem Volke von geringen
Fähigkeiten kühne Unternehmungen vollbringt; er kömmt einem Volke zu,
wenn trotz der Mittelmäßigkeit seines Regenten die Angelegenheiten
vortheilhaft gehn.

                   *       *       *       *       *

Willst du Ehre -- ehre!



                           Siebentes Buch.



                           Erstes Kapitel.
                          Beginn der Reise.


Schon am Ende des sechsten Buches war die Rede von dem schwimmenden
Reiseeiland, das unsre Europäer in Afrika tragen sollte. Sie begaben
sich nach dem Ufer, da saß Perotti bleich und matt, er war bereits
vorangegangen. Flore und Isabelle, da sie an ihm vorüber schritten,
errötheten und sahen weg, Coutances warf einen Blick des höchsten Zornes
auf ihn, und Alonzo fragte finster: was er da wolle?

Mich mit einschiffen, gab er zur Antwort. Das Gefolge legt den Weg auf
Eseln zurück. Mein Zustand fordert Bequemlichkeit.

Wie frech seid ihr aber, euch hier noch vor den Fürstinnen zu zeigen. Zu
viel Mitleid und Großmuth, daß sie nicht die Todesstrafe über euch
verhängten. Verbergt euch, daß man euch gar nicht bemerkt, der Gedanke
an immerwährenden Kerker dürfte doch ganz nahe liegen.

»Man kann mich nicht ungehört verdammen. Wir treiben hier alle
Abentheurerei. Das Geschick erhebt, wie es eben fällt. Den Mangel an
Recht muß die Klugheit ersetzen, und klug handelte ich immer, nur nicht
mit dem Glücke im Bund. Nach dem Recht ist Isabelle meine Sklavin, ich
fordere Todesstrafe für Imar und Musa wegen der Gewaltthat, und gewiß
vergebens, denn es wird jenen freundlich geschmeichelt. So ungerecht ist
man, und will mir Haß aufbürden. Flore hat mir für alles, was sie wurde,
Verbindlichkeiten. Wenn ich sie damals von Musa nicht loskaufte, war es
nur eine billige Rache für ihren leichtsinnigen empfindlich verwundenden
Spott. Dadurch bestieg sie den Thron. Ich rettete ihr Leben, und wurde
meines Amtes entsetzt. Wars nicht recht, daß ich ohne sie nach Europa
entfliehen wollte?«

Coutances fing an Mitleid zu fühlen, Flore hatte etwas von seiner
Rechtfertigung gehört, Imar und Musa baten vor, man war überall heiter
gestimmt, und so durfte er denn das Eiland mit besteigen, und die Männer
sorgten für seine Pflege.

Coutances sprach: Dankt dem Himmel für das, was Imar an euch thut. Nun
ist mein Zorn entwaffnet, sonst hättet ihr den Dolch längst im Busen
gefühlt.

Hm -- erwiederte Perotti -- es ist damit auch so gar übel nicht. Wem die
Liebe entrissen wird, dem geht ein Kelch vorüber, der oben mit holdem
Nektar, unten mit dem herbesten Gallentrank gefüllt ist. Wer unter euch
berühmt sich, nicht eine Rechnung mit Amor schließen zu können, wo Wonne
und Verdruß rein aufgehen. Und die sind noch die Glücklichsten, viele
haben für eine Minute der Extase, Jahre von Pein und Reue zu zählen.

Alonzo, Imar und Musa schwiegen, aber der feurige hoffende Coutances
übernahm sehr beredt Amors Vertheidigung. Eine reine, treue Liebe,
triumphirend in Hymens Tempelhallen, wird doch mit Entzücken schwer die
Waage heben.

Ha ha ha ha! lachte der Italiener, als ob sich das nicht auch berechnen
ließ. Tausend Meilen hoch in den Aether hinauf, reiche die Leiter, auf
deren höchsten Stufe du jetzt stehst, so wirst du doch nach Tausend
Genüssen, wenn nicht ehe, wieder auf der platten breiten Erde stehn.
Also hast du jeden Genuß mit einer Meile schmerzlichem Verlust bezahlt.
Erfahre, erfahre nur zuvor!

Nun, sagte Alonzo, so haben wir dir mindestens eben so viel Glück zu
wünschen, als wie dich beklagen, und solltest du nicht minder Minister
werden, ist dein Anspruch auf die Oberhauptstelle der Eunuchen
vollkommen gerecht.



                           Zweites Kapitel.
                             Fortsetzung.


Man war eingeschifft, die Schwäne zogen. An der einen Seite stand eine
wunderschöne Laube, von tausend Blumenzweigen geflochten. Hier nahmen
Isabelle und Coutances Platz, und waren gar nicht da wegzubringen, so
viel hatten sie sich zu sagen, so wenig kümmerte sie, was weiter um sie
vorging, so ganz gnügten sie sich nach Art der Liebenden. Bald erzählten
sie einander von der traurigen bangen innigen Sehnsucht, die sie
gefühlt, wie sie vom Wiederverein wachend und schlummernd geträumt, wie
sie unter den Sternen des Nachthimmels Zeichen der Liebe gesucht, aus
den Mondstrahlen, die durch die Cocospalme winkten, Hieroglyphen der
Liebe geflochten, im Liede der Luftsänger Gruß der Liebe vernommen
hätten; dann schwuren sie sich wieder, daß die Phantasie, welche die
reitzendsten Gottheiten der Griechen erfand, die Heiligen, welche den
Himmel offen gesehn, nicht die Wollust empfunden hätten, welche sie nun
empfänden, wieder beisammen zu sein. Ein Theil freute sich über den
leicht gefundenen schönen Ausdruck des andern, und seine hochfliegende
poetische Uebertreibung, die aber den Funken der Beredsamkeit wieder aus
dem eignen Herzen schlug, daß die Hyperbeln zu Schaaren Leben traten[3].
So daß ältliche Männer, die es angehört, tödliche Langeweile empfunden
hätten, nicht aber ältliche Frauen, denn in Weibes Brust sterben die
Erinnerungen an die schöne Liebe nicht, und wecken die Theilnahme.

[Fußnote 3: Ein gewisser deutscher an Bildern vorzüglich reicher Dichter
heirathete, mit Fülle der Liebe. Doch nach kurzer Zeit -- kam es zur
Scheidung. In seinem Namen wurde folgende Elegie gefertigt:

   Eh noch des Torus heilige Fakkel mir glühte,
   Wehte Zephirs Athem im Blumenthale _Ciane_,
   Blüthen des Schleedorns Lenzgesträuche _Ciane_,
   Rankten Veilchen die zarten Gewebe _Ciane_,
   Flöteten Amsel und Prognens Schwester _Ciane_,
   Zitterte Luna durch dunkle Platanen _Ciane_,
   Plätscherte Seeschaum an Promentous Vorland _Ciane_,
   Rauschten Wogen an Lemans Gestade _Ciane_,
   Flochten die Moose auf Bevais Felsen _Ciane_,
   Tönte Echo in Klosterruinen _Ciane_,
   Lächelten Sterne im Aetherplane _Ciane_.
   Ach! da aber des Torus Fakkel entglühet,
   Hymen verstrickt die rosenumdufteten Bande,
   Da die Sympathie verkettet das Lichtpaar der Psychen,
   Die mit Hohn der Gräber die stolzen Busen erfüllten,
   Und er floh, der schönste elisischer Träume,
   Ach! da braus'te der Seesturm um schroffe Klippen _Ciane_,
   Heulte Orkan in nächtlichen Oeden _Ciane_,
   Wimmerte Uhu aus Warteklüften _Ciane_,
   Krächzten Raben um bange Kerker _Ciane_,
   Flüsterten schaurig an Gräbern Cypressen _Ciane_,
   Aechzten Geister im Nebelthale _Ciane_,
   Sangen der Tiefe Gnomen im Hohngelächter _Ciane_,
   Zürnten Bären auf Grönlands Eisflur _Ciane_,
   Glimmten Lampen in Todtengrüften _Ciane_,
   Thürmten Lavinen aus Schnee den Namen _Ciane_,
   Flammten Schlakken im Krater Aetnas _Ciane_,
   Grinzten Schädel in Murtens Beinhaus _Ciane_,
   Klirrten mit Kettengeräusch Verbrecher _Ciane_,
   Wanden sich Schlangen der Eumeniden _Ciane_,
   Bellte Cerberus Mund mit dreien Zungen _Ciane_!]

Flore unterdessen nahm mit Alonzo mancherlei Abrede über die
Feierlichkeiten, die sie veranstalten und die Ausführung eines
Entschlusses, der den Feierlichkeiten folgen sollte. Mit Imar und Musa
wurden die Masregeln überlegt, wie die Weiber und Kinder der Beduinen
sicher hereinzuschaffen, und denn die bräunlichen und schwarzen
Einwohner so zu befreunden, und zu verbrüdern wären, daß Abneigung und
Eifersucht keinen Raum gewönnen. Musa brachte eine Sendung an die
Machthaber draußen in Vorschlag, welche eine Entsagung Florens auf die
Länder außer den Felsen kund thäte, worauf jene denn wohl zur
Willfahrung ihres Verlangens geneigt sein würden. Flore war vollkommen
damit zufrieden. Imar meinte: eine ähnliche Botschaft müsse von Seiten
der noch immer gefürchteten Gigi geschehn, und dem Reiche Habesch ohne
Vorbehalt auf andre Zeiten abgetreten werden, was ihr Schwert einst
erobert hätte, so würde man die Weiber und Kinder, welche in ihren
Händen wären, gern ziehn lassen. Flore konnte zusagen, daß Isabelle
freudig einwilligen werde, Musa und Imar erboten sich aus eignem
Antriebe, die Rollen der Abgesandten zu übernehmen, womit Flore auch
Ursache hatte, einverständig zu sein.

So verstrich die Zeit, und die blühende und fruchttragende Barke glitt
weiter auf der klaren Silberfluth. Unterhielt man sich nicht, so labten
die köstlichen Genüsse, welche das wandelnde Paradies darbot. War man da
ersättigt, schweiften die Blicke nach den Ufern umher, und einer machte
den andern aufmerksam, auf die immer erneute Abwechslung der Aussichten,
auf die Verschönerung der Gegenden, je näher es zur Hauptstadt hinging,
auf die zauberische Wirkung bald der Morgenröthe, bald der Abendsonne,
bald des traulichen Mondlichts, bald der hellstrahlenden Planeten und
großen Fixsterne, deren Licht, wegen der südlichen Klarheit der Luft,
weit verklärter leuchtete, wie im gemäßigten Erdgürtel. Und das alles
wurde von Menschen genossen, denen von Außen Freude des Schicksals
lächelte, und in deren innerer Welt die Harmonie der Zufriedenheit
tönte. Glückselige Tage!

Indessen besuchte Kaiser Joseph II. einst eine Abtei an der Donau. Das
Kloster, oder vielmehr der Klosterpallast, ist auf einer Erhöhung
gebaut, die hart an die Donau reicht. Der katholische Clerus hat
bekanntlich von jeher viel Geschmack in Anlage seiner Niederlassungen
offenbart. Aus den Wohnzimmern entdeckt das Auge eine Pracht der
Aussicht, welche jeden fühlbaren Ankömmling hinreißen muß. Joseph,
entzückt und begeistert, sagte dem Abte: Ich beneide sie! Was befremden
konnte, da es ja nur bei dem Kaiser stand, die geistlichen Herrn wo
anders zu siedeln, und ein Lustschloß aus dem Kloster zu machen. Der Abt
antwortete ziemlich trocken: man wird es gewohnt, Ew. Majestät.

So erging es, mit Ausnahme der Verliebten, auch unserer
Reisegesellschaft. Paradies, immer Paradies, ^toujours perdrix^, das
frommt endlich der menschlichen Natur nicht, und es ist daher sehr
ersprießlich, daß die Hoffnung einer himmlischen Wonne, die vermuthlich
dauernder ist, uns winkt, wenn wir einst die seligen Gefilde beziehen
sollen. Sie sahen sich also nach anderem Vertreib desjenigen, was der
Mensch widersprüchlich so heiß liebt, der Zeit, um. Besonders Flore, sie
war ohnehin derjenige Theil unter allen, den die Gegenwart am wenigsten
kettete, und der die meisten Wünsche in die Ferne trug.

Da wurde denn also Signor Perotti, der keck und unverschämt ihr wieder
nahte, mit Schwänken beliebt, und bat nicht umsonst, um die Stelle des
Reisespasmachers. Man entdeckte sogar noch manche unbekannte Talente bei
ihm, so konnte er aus der Tasche spielen, und wußte von dem, was ihm aus
der Physik bekannt war, einen so erlustigenden Gebrauch zu machen, wie
sein berühmter Landsmann, der sehr in Eifer gerieth, da ein Professor in
Berlin seine Wunder erklärte.

Unter andern mußte er denn auch Fragmente aus seiner Lebensgeschichte
erzählen, die bunt genug ausfielen. Auch mahnte ihn Flore, daß er ihr
einst habe von der Reise Nachricht geben wollen, die er in die
unbekannteste Tiefe von Afrika gethan, nach dem Abentheuer in Darfur,
Isabellen suchend. Er entgegnete: Es wurde zeither immer vergessen, da
aber die gegenwärtige Muße besonders einladet, so mögt ihr vernehmen.



                           Drittes Kapitel.
                         Perottis Erzählung.


Da ich mich heimlich, und nicht ohne Gefahr von jenem Sultan entfernt
hatte, durchzog ich mehrere Länder der Schwarzen, wo ich fast dieselben
Thorheiten wie in Darfur wiederfand. Rohheit, närrische Titel, tolle
Ceremonie, lächerlicher Stolz, dummer Aberglaube, Mißtrauen und Haß
gegen Fremde, waren fast überall Sitte und Charaktergrundzüge. Dagegen
nahm ich dort auch manche Kraft, manche Tugend wahr, die man in Europa
vergeblich suchen würde. Den vielen Hindernissen, die ich vorfand,
begegneten Keckheit und Charlatanerie mit Glück. Charlatanerie ist
überhaupt ein Wort von weiterem Umfange, und achtbarerer Bedeutung, wie
es im gemeinen Leben verstanden wird. Nicht nur der Pfuscher in der
Heilkunde, auch der große Arzt, nicht allein geringe Künstler, auch
berühmte Weisen, der volkerziehende Staatsmann, der völkererschütternde
Held, versehen sich mit ihrem Nimbus, und gemeinhin würden sie sonst _zu
wenig leuchten_. Charlatanisiren heißt: sich geachtet machen, und
geschieht das, trägt man die Schuld an sich, redlich ab.

Es lohnte nicht, meine in diesen Reichen gesammelte Erfahrungen alle
aufzuzählen. Ich übergehe sie, um bald zur Hauptsache zu kommen, die
euch aber ohne Zweifel, Staunen abdringen wird.

Ich war über den Niger gegangen, und verfolgte meinen Weg gen Süden hin.
Die Reiche _Azarad_, _Terga_, _Zuenziga_, hatte ich schon gesehn, was
ich an den Ufern des großen Stromes sah, entfernte sich unbedeutend von
dem Gewöhnlichen, darum ging es immer weiter. Nahe an der Linie ward ich
endlich einen neuen in keiner Erdbeschreibung gedachten Strom inne, der
den Nil, den Senegal, den Niger ungemein an Breite übertrifft. Kaum
reicht das Auge von einem Ufer zum andern hinüber, doch vermuthe ich,
daß dies mächtige Gewässer sich endlich in den Sand verliert, sonst
würden die Küstenfahrer, die Ausströmung ins Meer doch wahrgenommen
haben.

Dem sei wie ihm wolle, ich bekam Lust über den Strom zu setzen, allein
es fehlte mir durchaus an Hülfsmitteln zu meinem Vorhaben, denn eine
Wüste reichte, so weit das Auge sah, an das Gestade, und kein Fahrzeug
ließ sich wahrnehmen. Ich kehrte also mit meinem Diener zurück,
Negerwohnungen aufzusuchen. Es gelang. Nun fragte ich: wo man wohl ein
Schiff finden mögte, über den großen Strom zu gelangen? Sie antworteten:
Einmal sei kein solches Schiff vorhanden, ferner dürfe auch kein
Lebender sich über seine Fluthen wagen, jenseit hause der Teufel, der
die Seelen der Verdammten dort erwarte. Die Väter erzählten sich, daß
einige Verwegene auf zusammengefügten Brettern hinüber gerudert wären,
doch kein Menschenkind habe je ein Gebein von ihnen wieder gesehn.

Es versteht sich, daß dieser platte Aberglaube nur mein Verlangen noch
mehr aufreizte. Ich machte den Negern große Versprechungen, wenn sie mir
ein Canot bauten. Es war ein gutmüthig Völklein, einige daraus wurden
durch den Gewinn bestimmt, und man fällte einen dicken Baum, den wir
mittelst scharfer Kieseln aushöhlten. Nun schafften wir ihn auf einem
Dromedar bis ans Ufer, und aus einer Binsenmatte wurde ein kleines
Seegel gefertigt. Steuer und Ruder zimmerten wir, so gut es gehn wollte.

Ich lohnte die Schwarzen ab, die mich als ein überirdisch Wesen ansahn,
und vor mir anbetend niederfielen, als ich die Keckheit in ihrem
Angesicht vollzog, die gefürchteten Wogen zu befahren. Sie baten dabei
naiv genug, ihres Volks im Guten bei dem Teufel zu denken, und die
lieben Verstorbenen zu grüßen.

Der Wind blies so günstig, daß ich das Ruder gar nicht von Nöthen hatte,
und bald war ich dem Ufer drüben nahe.

Wohl ergriff mich bei diesem Anblick Staunen. Ich kam aus Gegenden, wo
die Völker kaum eine Lehmwand an ihren Häusern zu kneten wußten, hier
aber stiegen feste Steinmauern und majestätische Thürme empor. Der
Anblick war mir so überraschend, daß ich nicht wußte, ob ich meinen
Augen trauen durfte. Am Lande kamen mir, was meine Befremdung vermehren
mußte, einige weiße Männer entgegen, die ich hier wohl nimmer vermuthet
hätte. Sie trugen Waffen, woraus ich schloß, sie müßten den Eingang in
die Stadt, welche vor mir lag, bewachen. Ich betrog mich nicht, wurde
angehalten, und befragt: woher ich käme, und welche Geschäfte mich nach
der Stadt führten?

Ich verstand sehr viele Wörter in ihrer Sprache, wenn ich mich gleich
nur dunkel erinnerte, wo ich sie einst mogte gehört haben. Auf einer
meiner Reisen aber gewiß.

Die Männer waren eben so gut befremdet wie ich, einen _fremden_ Weissen
zu sehn. Sie sagten, daß ihnen bekannt sei, drüben über dem Strome
wohnten dunkelfarbige Menschen, von denen so leicht sich keiner herüber
wage, da die Erfahrung sie wohl belehrt hätte, daß keiner wieder
zurückgelassen würde. So ist unsre Vorsicht, setzte der Eine gutmüthig
hinzu, denn die Nachkommen des Belisarius sollen nicht entdecken, daß
unsere Väter in diese versteckten Gegenden flüchteten.

Die Nachkommen des Belisarius? rief ich verwundert, indem ich mich so
viel als möglich ihres Idioms bediente, und ihnen also auch verständlich
ward. Welchen Zusammenhang hatten eure Väter mit diesem unglücklichen
Heerführer? Unglücklich? antwortete der Andere, wem gelang mehr, was er
unternahm? Ihm mußte selbst der tapfere Gilimer weichen, unser Ahnfürst,
dessen Namen wir noch führen.

Ich kramte aus, was ich von der Geschichte des Belisarius wußte, wie man
ihm einen so üblen Lohn gereicht habe, auch kein morgenländischer Römer
mehr zu fürchten sei, da Justinians schwache Nachfolger endlich den
Türken hätten weichen müssen. Dann drang ich aber mit vielen Fragen ein,
wie man doch hier noch die Nachkommen eines so lange verstorbenen Helden
fürchten könne?

Ich erhielt zur Antwort: Unsre Vorfahren, die sich Vandalen nannten,
hatten mit einigen anderen Völkerschaften aus Germanien, in Afrika ein
Reich gestiftet, welches blühte. Allein sie wurden durch Belisarius
angegriffen und geschlagen. Wer der Gefangenschaft entweichen wollte,
mußte sich entschließen zu fliehn. Sie nahmen den Weg nach der Mitte von
Afrika, und ihre Nachkommen haus'ten dort in Ruhe. Dieser Strom ist die
Gränze unsers Landes, nach den Schwarzen hin. Ein altes Gesetz verbietet
den Gilimeriern, so nennen wir uns, nicht über den Strom zu gehen, und
der Fremde, der zu uns kömmt, darf nicht wieder weg, daß unser
Aufenthalt nicht verrathen werde.

Das _nicht wieder weg sollen_ gefiel mir ganz und gar nicht, indessen
dachte ich, irgend eine List wird wohl Hülfe gewähren. Dann fuhr ich mit
meinen Erkundigungen fort, ob in dieser Weltgegend noch andere Völker
wohnten? O ja, hieß es, mehrere, die eben wie unsere Väter, bei Kriegen
im Alterthum flohn. Es giebt Celtiberier und Alt-Carthager, einst durch
Scipio verjagt, Vercingenten, die sich vor Julius Cäsar retteten. Alle
diese kamen früher an, wie unsere Ahnen, wohnen auch tiefer südlich, wir
bekamen das Gränzland.

Und diese Völker, leben sie in Verbindung unter sich?

O ja, antworteten meine Begleiter, wir handeln, wir schließen Bündnisse,
wir führen Krieg --

Krieg! Also doch auch Krieg? rief ich. Ists doch, als ob er gar nicht
aus der menschlichen Natur zu tilgen wäre. Wo man nur hinkömmt, hört man
von Krieg. Wohlan, setzte ich hinzu, würde mir es denn erlaubt sein,
eine Reise durchs Land zu machen? Ich bin neugierig, sehe die Fremde
gern.

Ich wurde zum Befehlshaber des Ortes gebracht, der mir nach manchen
Schwierigkeiten einen Paß ertheilte.



                           Viertes Kapitel.
                Was Perotti unter den Gilimeriern sah.


Ich trat nun die Reise ins Innere des Landes der Gilimerier an, und
theile gedrängt mit, was ich unter dem sonderbaren Volke sah.

Wie ich meinen Paß empfangen hatte, sagte mir der Ausfertiger: ich würde
das weiseste von allen Völkern, nicht nur in Afrika, und auf dem
Erdenrund, sondern von allen Wandelsternen sehn. Ich nahm das erst für
eine Redensart, nach afrikanischem Zuschnitt, allein die Folge belehrte
mich, daß die Gilimerier ihre feste Ueberzeugung mit so triftigen
Beweisgründen stützten, daß der Zweifler gern ehrerbietig verstummte.

Da man übrigens von Wandelsternen sprach, und sie bewohnt voraussetzte,
hatte ich gleich den Beweis, das Volk müsse gedacht haben, ein Beweis,
der sich auch oft genug wiederholte. Die Gilimerier sind Vieldenker,
Hoch- Tief- Lang- und Breit-Denker, nur zum Handeln kommen sie über das
Denken spärlich.

Ich wollte zuerst die Hauptstadt sehn, und fragte nach ihrem Namen. Man
sagte mir: Es ist ein wenig zweifelhaft, die Hauptstadt der Gilimerier
zu bestimmen. Nun antwortete ich, es wird doch Jedermann bekannt seyn,
wo der Sitz der Regierung, des Landesoberhauptes, der Mittelpunkt der
Wissenschaften und Künste, und des Handels ist?

Der Mann, mit dem ich noch immer redete, kratzte den Kopf, und meinte:
So eigentlich wäre der Sitz der Regierung in _Urkundia_, aber so
eigentlich auch nicht, übrigens würde sie dort, so viele Jahrhunderte
ihre Blüthe geprangt hätte, nicht mehr gehandhabt.

Nun, erwiederte ich, so will ich nach Urkundia, denn Handel,
Wissenschaften und Künste werden mich durch ihren Anblick entschädigen.

O, Handel giebt es dort gar nicht, fiel mein Gilimerier ein.

_Ich._ Sonderbar, ich sollte glauben, die Weisheit deutete aus manchem
Grunde darauf, den Mittelpunkt des Handels und der Regierung zu
vereinen, aber --

_Der Gilimerier._ Wissenschaften findet ihr in Urkundia gar nicht. Da
müßt ihr nach _Plapria_, oder besser, nach _Klinklingia_, Künste sucht
in _Lekria_, _Plapria_, allenfalls in _Zigzig_ und andern Orten.

_Ich._ Also meint ihr, daß von solchen Trennungen etwas Ersprießliches
ausgehn werde?

_Der Gilimerier._ Allerdings! Unsre vielen hohen Schulen sichern noch
mehr die Freiheit des Denkens. Die Tiefe der Wissenschaft, die Höhe der
Spekulation, das sind die Punkte, wo die Gilimerier sich vereinen.

_Ich._ Nun gut, wo wohnt denn also das Landesoberhaupt?

_Der Gilimerier._ In _Lekria_.

Lachend trat hier ein Andrer hinzu. Was, in Lekria wohnte das
Landesoberhaupt? Ha ha ha ha! Wie lange wurde ihm dieser Anspruch schon
geschmälert, und nun -- nun -- entsagte der Welik nicht selbst? Der
Erste war übel mit jener Einwendung zufrieden. Er wollte entgegnen und
hub an: Die _Gilimerier_ --

_Chilimerier_ heißt es, unterbrach ihn ein Dritter, und nun erhob sich
ein hitziger Streit, worin jeder Theil Beweise für die Güte seiner
Aussprache, und Rechtschreibung des Volksnamens, mit ermüdender
Weitläuftigkeit auskramte. Gemach, unterbrach ich die erhitzten Köpfe
bald, ein Volk, das sogar darüber nicht Eins ist, wie es heißt, kann
schwerlich wohl in Sachen von Gewicht zusammenklingen. Doch, ich werde
das ja alles näher sehn.

Hier reiste ich ab, und kam nach einer ziemlich weiten Reise in Lekria
an.

Es ist eine sehr große Stadt, von entzückenden Umgebungen, doch eben
keiner schönen Bauart. Der Gassen Volksgedränge, die wohlgenährten
Körper und ruheverkündenden Gesichter sprechen den Reisenden zuerst an.
Viele Tempel sind auch in Lekria zu sehn, und an feierlichen Tagen wird
der Cultus darin auf eine rührende und erhabene Weise vollzogen. Ich
erkundigte mich bald nach der Natur dieses Gottesdienstes, und erfuhr,
daß die Gilimerier den _Crodo_ anbeten, der aber in den Ober-, Mittel-
und Unter-Crodo abgetheilt ist. Daneben aber verehrt man die _Freja_,
den _Büsterich_, und noch eine Menge kleinerer Büsterichs, was
eigentlich verstorbne Gilimerier sind, die sich als Heroen der
Frömmigkeit auszeichneten, und eine Art Apotheose empfingen. Zufolge des
weiten Abstandes, welchen die Demuth sich maas, betet sie wenig zum
Crodo, sondern wendet sich an die Büsterichs, welche Vorbitte leisten
sollen. Die Druden kann man in jeder Gestalt zu sehn bekommen. Man kann
sie sich auf den Stufen einer großen Pyramide denken. Die unterste zeigt
meistens unmanierliche Gesellen aus dem Pöbel, in ekelhafte Lumpen
gehüllt, den Bettelsack neben sich. Sie wird für die verdienstlichste
gehalten, aber Söhne von Geburt oder Mitteln verirren sich selten zu
ihr. Auf der andern wird man schon artige Kleider und rauchende Tafeln
gewahr, und hübscher Leute Kind läßt sich aufnehmen. Von der dritten
strahlen Tressengewänder und köstlich Tempelgeräth, dampfen pikante
Saucen, duften würzhafte Weine entgegen. Dann sieht man höher hinauf
Druden, welche wieder Druden mancher Art unter sich, daneben über
ergiebige Ländereien zu gebieten haben. Die Geschäfte bei ihrem Amte muß
ein Unterdrude um ein Geringes versehn, und sie pflegen des Lebens. Hier
treten Grauen der untern Klassen schon mit Vergnügen ein, und weil mit
der Drudenstelle das ^Incommodum^ verbunden ist, daß man keinen
weiblichen Mund mit den Lippen berühren darf, so wird eine Art Flor
dazwischen gelegt, der aber kaum zu merken ist. Ferner erblickt man
Druden, die nicht nur Städte, Dörfer, und Ländereien von großem Belang
unter sich haben, sondern auch Soldaten zu Pferd und zu Fuß halten,
deshalb ihre Residenz der Sitz eines sehr kriegerischen Fürsten zu seyn
scheint. Vornehmere Grauen, ja die nachgebornen Söhne des Weliks drängen
sich zu den einträglichsten zu diesen Stellen. Von dieser Art Druden
giebt es die meisten in Gilimerien (oder man fand sich mit einer
Ausnahme allein da) wenn schon die Crodoische Religion auch in vielen
Ländern gilt. Noch höher stehen die Druden, welche den Drududu, d. i.
den Oberfürsten aller Druden zu kühren haben. Es giebt viele unter
diesen Aemtern, wohin nur eine vorgeschriebene Edelbürtigkeit nicht nur
des Kandidaten, sondern auch einer gewissen Zahl seiner begrabenen
Verwandten gehört, doch immer nur auf den oberen Stufen, zu den
untersten kann nahen, wer Lust hat. Endlich ganz oben steht der Drududu,
im glänzendsten Pomp. Bei dem allen, haben die letzteren Zeiten
Ereignisse mit sich geführt, welche sowohl dem Drududu, als den übrigen
Druden, Macht, Einfluß, und Reichthum bedeutend schmälerten.

Meine Aufnahme in Lekria war gastfreundlich. Ohne empfohlen zu seyn,
machte ich da und dort an öffentlichen Orten, Bekanntschaften, und ward
bald in dies, bald in jenes Haus geladen. Die Essen, welche man auftrug,
die Weine, die man mir vorsetzte, waren ausgesucht. Dazu giebt es in
_Lekria_ vortreffliche Schauspiele, und dicht dabei hinreissend schöne
Lustwandelgänge. Es würde mir ohne ein Paar Widrigkeiten, ein
bezaubernder Aufenthalt geworden sein. So aber höre man weiter:

Wie gut ich immer aufgenommen war, so langweilten mich oft die
Gesellschaften. Denn die Damen (sehr liebenswürdig, was die Sache
empfindlicher macht) wandten sich frostig von mir, und unterhielten sich
mit jungen Herren desto feuriger. Die Männer redeten, außer wenn sie zu
Essen mahnten, wenig, oder auch es waren Alltagsgespräche. Da ich mich
nun genau von der Gilimerier Weisheit unterrichten wollte, so ergriff
ich verschiedentlich das Wort, und lenkte eine Unterhaltung über
religiöse, philosophische oder politische Gegenstände ein. Da that nun
Einer, als verstände er mich nicht, ein Andrer blickte mich mit
Mißtrauen an, und brachte etwas Gewöhnliches zur Sprache, ein Dritter
sagte wohl gutmüthig: Lassen wir das an seinen Ort gestellt sein, und
leeren die Flasche! Hin und wieder fand ich denn aber doch offnere, und
sehr unterrichtete Männer. Diese ließen das gescheuteste Urtheil, was
man nur erwarten kann, hören. Einen solchen fragte ich denn auch einst:
Worin besteht aber die so gerühmte Weisheit der Gilimerier? Er gab mit
Lachen zur Antwort: Das erörtre im Allgemeinen wer Lust hat, nur in
_Lekria_ und dem ganzen Gebiete des Groß Weliks, besteht die Weisheit
darin, die Weisheit von dem Volke entfernt zu halten, so entgeht es
ihren Gefahren.

Seit einiger Zeit hatte ich bemerkt, daß mir ein nicht eben
übelgekleideter Mensch, folgte. Auf Spatziergängen lustwandelte er in
einer Nebenallee, trat ich in ein Erfrischungshaus, saß er bald an einem
andern Tische, so Ueberall. Dies bewog mich eines Tages an ihn hinan zu
gehn, und zu fragen: Ob er etwa ein Anliegen an mich habe, das er zu
eröffnen zaudre? Sehr höflich verneinte er, und empfahl sich. Am andern
Morgen erhielt ich eine Ladung zur Stadtobrigkeit, wo mir auch sehr
höflich angedeutet wurde, ich hätte binnen vierundzwanzig Stunden die
Stadt, und binnen acht Tagen das Land zu räumen.

Ich mußte gehorchen, und ging nach _Urkundia_, einem räucherichen alten
Neste. Hier brachte ich erst die Staatsverfassung der Gilimerer genau zu
meiner Kenntniß, denn da eine Menge kürzlich brotlos gewordener
Schreiber, um Beschäftigung bei mir anfragte, ließ ich nur den Wunsch,
unterrichtet zu werden, fallen, und sie überschrieen Einander, mir zu
willfahren.

Einer darunter ward erkieset, und gab mir folgenden Unterricht!

Nichts, so weit sie im ungemessenen Kreise umherspähn, nichts weiseres
hellen die Strahlen der Sonne auf, sahen es nicht in den Tagen der
Vorzeit, werden es nicht wieder erblicken, bis der Bau der Dinge
zusammenfällt -- als die Staatsverfassung der Gilimerier. Der ärmsten
Pflüger Rechte sind mit treu republikanischer Waage gewogen, aber die
der Edelbürtigen auch. Nirgends baut der Staat eine so rein symmetrische
Spitzsäule. Der Großwelik thront oben. Drei Druden, zugleich Unterweliks
folgen, dann fünf andere. Diese acht (in neueren Zeiten wurden sie noch
vermehrt) wählen Jenen, und legen ihm Papiere vor, die er feierlich zu
beschwören hat. Wo gäbe es eine weisere Vorsicht bei Besetzung der
höchsten Würde? Dann folgen die anderen Weliks verschiedenen Ranges, mit
Gebieten von weiterem oder geringerem Umfange, die Städte mit eigner
Verfassung, ja die Dörfer. Dreihundert Stäätlein, jedes Einzelne mit
sattsam zugetheiltem Maas von Freiheit, bilden den Gesammtstaat. Ein
immerwährender Bodd (leider vor Kurzem durch gewisse Umstände
unterbrochen, doch wer weiß wie lange?) in Urkundia gehalten,
repräsentirte alle Stände, machte aller Theile urherkömmliche Rechte
gültig. In drei Kammern auf verschiedenen Bänken versammeln sich die
ehrwürdigen Stellvertreter, der weiseste --

Ich unterbrach: Aber guter Freund, wohin hat denn die Weisheit dieser
Einrichtung euch gebracht? Herrschten immer Gemeinsinn und Einigkeit?

Ach, gab der Urkundianer zur Antwort, darum schrieb man ja Papierstöße,
die, würden sie in eine Säule gethürmt, an den Mond reichten. Natürlich
erwiederte ich: Und reichte sie in die Sonne, sie erfüllte nie ihren
Zweck, denn euer Bodd mußte auseinander gehn, manche Gegend eures
Landes, durch die ich kam, ist von fremden Kriegern besetzt.

Ach, fiel der Andre ein, das that Gewalt von Außen.

Und ich entgegnete wieder: Also eure so unendlich weise Staatsordnung
verlieh euch dennoch keine Mittel, der Gewalt von Außen zu widerstehn?

_Der Andre._ O sie wären wohl da gewesen, hätten nicht einzelne Glieder
sich der gemeinen Sache entzogen.

_Ich._ Und das litt euer Oberhaupt?

_Der Andre._ Seine Macht war nicht groß genug, sie zu zwingen.

O tiefe Weisheit! brach ich lachend aus, die weder den Einzelnen Liebe
einzuflößen, noch ihr Urtheil über die Vortheile der unentbehrlichen
Einigkeit aufzuklären vermag, und am Ende dem Haupte nicht Kraft giebt,
das Nothwendige zu erzwingen! Ha ha ha!

Dies nahm mein Mann ergrimmt auf. Bestände nur noch unser
Staatsobergerichtshof, rief er, ich würfe euch einen Prozeß an den Hals,
der dreihundert Jahre währen sollte!

Er spielte mir demungeachtet noch an dem Abend einen Possen. Vermuthlich
mogte er in Bürgergesellschaften davon erzählt haben, daß ich die
Weisheit der Staatsform ein wenig spöttisch in Zweifel gezogen hätte,
und die Urkundianer, in Ehrfurcht gegen das ehrwürdig Gepriesene
aufgesäugt, schlugen mir die Fenster ein. Ich eilte davon, und wandte
mich nach Klinklingia auch Lyrtonia genannt. Unterwegs berührte ich noch
manche Gegenden, wo rechts und links kleine Drudenpalläste standen,
allein sie waren zum Theil den Druden abgenommen worden. Auch dachte man
schon gar sehr auf Reinigung des Crodoismus, dessen Lehren durch die
Druden eigensüchtig und mißbräuchlich verfälscht worden waren. Ich
hörte: vor Jahrhunderten habe man gar blutige und schaudervolle
Bürgerkriege in Gilimerien geführt, indem der Süd und der Nord in
einigen Glaubenspunkten von einander abwichen. Das fand ich nun wieder
nicht der gerühmten Weisheit angemessen, da dergleichen Dinge bei kaltem
Blute, und mit Gründen, nicht aber in Kampfwuth und mit Waffen abgemacht
werden sollten. Noch weniger aber, daß am Ende man auf halbem Wege stehn
geblieben, und alle Metzelei umsonst gewesen war. Denn die Trennung
blieb, und mußte nach so wahnsinniger Erbitterung, in einen geheimen
forterbenden gegenseitigen Haß übergehn. Demungeachtet wurde der Friede,
der diese Trennung befestigte, und stärkte, wie ein Meisterstück der
höchsten Weisheit gerühmt. Doch was ist nicht weise bei den Gilimeriern.

Ich kam nach _Lyrtonia_. Eine kleine unansehnliche Stadt, in der Nähe
zwei oder drei artige Anlagen. Hier, sagen die Gilimerier, sind die
ersten Schöngeister der Nation, ein lebendig Pantheon der Musen, der
Grazien, des guten Geschmacks, und was weiß ich.

Allerlei Bekanntschaften wurden bald gemacht. Man mußte mir auch die
Werke der dortigen Poeten reichen, und ich entsagte für einige Zeit
meinem Italienischen Geschmack, der freilich längst über alle
schulrechten Formen lachte, und sich nur bei den Improvisatoren auf dem
Molo zu Neapel oder Sanct Marco in Venedig ergötzt. -- Der eine davon
gefiel mir ganz ausnehmend, er war so lebendig, mannigfach, anmuthig,
beschäftigte zugleich das Urtheil, wenn er alle Gefühle angenehm
aufregte, und die lieblichsten Gestalten in die Einbildungskraft trug.
Ich wurde zu einem Caffee geladen. Hier fing ich an, über das Gelesene
zu reden, und erklärte: wie ich jenem Dichter vor allen, laut meiner
Empfindung, den Vorzug einräumen müsse. Ich meinte, die Lyrtonianer
würden es nicht allein sehr verbindlich aufnehmen, ihren Mitbürger so
durch meinen Ausspruch geehrt zu sehn, sondern auch alle damit
übereinstimmen.

Plötzlich aber ward auf allen Gesichtern eine Veränderung kund. Hier ein
Paar vergrößerte Augen, dort ein offner Mund, bald ein Zug der Satyre
auf den Wangen, bald eine Hand, die das Lachen versteckte. Einige
schlugen die Hände über den Kopf zusammen, und ich hörte ein: »Aber kann
man so zurück sein?« flüstern. Einige junge Männer zügelten den Blick
der Verachtung gar nicht weiter, und drehten mir naserümpfend den Rücken
hin.

Das nahm ich übel, und fing meine Meinung an zu vertheidigen. Man ließ
mich aber nicht zu Wort. Veraltet sei der Dichter, rief der Eine. Seine
Gedanken da und dort entlehnt, ein Anderer. Er wolle überall mit Umfang
von Gelehrsamkeit prunken, ein Dritter. Dann kamen Alle darauf: ich
müßte durchaus unerfahren in der neuesten Geschmackslehre sein, und
fragten: ob ich denn nimmer eine Vorlesung gehört hätte, bei -- --.
Ungeduldig unterbrach ich sie mit einem Wörtlein des Moliere, aber man
achtete nicht weiter auf meine Rede, sondern verließ das Zimmer,
gleichsam als fürchte man, mit einem so rohen Barbaren in Gemeinschaft
zu bleiben. Die Abgehenden ließen auch wohl ein verächtliches Pfeifen
hören.

Hm, dachte ich, im Schulzwang des Geschmackes liegt doch auch eine so
gediegene Weisheit nicht, und begab mich von dem Oertlein, wo mir die
Ehre widerfahren war, ausgepfiffen zu werden, weg.

Mein Weg ging nun nach einer nahen sehr hohen Schule, in dem Bezirk von
Lyrtonia, und in den engsten Verbindungen mit der Poetenstadt. Hier,
sagten die Weisen, ist der Weisheit Tabernakel. Kaum hatte ich den Fuß
ins Gasthaus gesetzt, als ich nach dem berühmtesten Lehrer der
Philosophie fragte. Da drüben ist sein Hörsaal, war die Antwort. --
»Kann man wohl eintreten?« -- Es steht einem Fremden frei.

Gleich war ich hinüber. Vor eben nicht vielen Zuhörern stand ein Mann,
der so wenig repräsentirte, vielleicht noch weniger wie ich, Signor
Perotti. Aber von viel gewaltigerer Stimme war er, wie ich es besonders
seit einem gewissen Zeitpunkte bin. Der Saal war ohne Schmuck, hatte
sogar ein dürftig Ansehn, das that jedoch der Weisheit keinen Abbruch.
Mein Mann schloß heute seinen Vortrag, da er nach einer andern Lehrstadt
ziehen wollte. Ich hörte nur die letzten Worte noch. Sie klangen
ungefähr: »So hab ich ihnen denn das einzig wahre, nur wahr mögliche,
nothwendig ewige System der Weltweisheit dargestellt. Ich bewies
unumstößlich, daß alles vor mir, den Pfad des Irrthums wandelte, die
Nachwelt kann nur meinen Weg einschlagen. Sie sind geweiht, gehn sie,
und lehren die Menschheit!«

Diese hohen Worte ließen mich bedauern, nicht des Mannes ganzen Vortrag
gehört zu haben. Ich klagte das dem Gastwirth, den ich unter Büchern und
Papieren vergraben fand. Zu meiner nicht geringen Befremdung war er
Mitarbeiter an einem großen kritischen Institut, das alle Werke des
Geistes richtete. Er tröstete mich, und versprach, um ein Geringes, die
geschriebenen Hefte von der Lehre, welche ich wünschte,
herbeizuschaffen. Mich einstweilen zu unterhalten, las er mir eine
Kritik über ein neu erschienenes Buch vor, womit er war beauftragt
worden. Nie hab ich so viel hämischen Witz, Gallsucht, und in stattliche
Worte gekleidete Grobheit gepaart gefunden. Wirklich, ich mußte diesen
Meister loben und verachten. Doch noch nicht ganz war er zu Ende, als
jemand anpochte. Es war ein Bote von _Lyrtonia_, mit einem Briefe an den
Kunstrichter. Ehrerbietig erbrach er ihn. Ach, wandte er sich, nachdem
er hineingeblickt hatte zu mir, das ist ein Anderes, ja ja, das ist ein
Anderes, und stellte sich flugs an das Schreibepult.

Ich verstand ihn nicht, und begab mich auf mein Zimmer.

Unter Andern hatte ich erfahren, daß in einigen Tagen ein neuer Lehrer
der Weltweisheit, an dem Platze des Mannes, welchem ich das Ohr geliehn
hatte, erscheinen würde. Dies wartete ich ab, indem ich mir die Zeit mit
Spaziergängen in den gar anmuthigen Gegenden vertrieb. Der Tag kam
heran. Ich saß vor dem Lehrstuhl. Der Weise trat auf, und hub an: »Alles
was mein Vorgänger gesagt hat, ist nichtig, ich erkläre ihn für einen
grundlosen Schwätzer, noch gab es keine Weltweisheit, hier aber ist
eine:« Nun zählte er eine Art Buchstabenrechnung auf, womit er der
menschlichen Denkkraft Anschaulichkeit zu geben strebte, und vertiefte
sich so in Unverständlichkeit, daß ich gern davon lief. Zu Hause nahm
mich mein kritischer Gastwirth in sein Zimmer. Hören sie nun meine
umgeformte Kritik, sprach er. Mir kam ein Wink von bedeutender Hand zu,
da galt es, in einen andern Ton zu fallen. Jetzt hatte er eine
Lobschrift gefertigt, die nicht preisender, ausschweifender, ja
kriechender sein kann, lachte hoch auf während ihrer Mittheilung, und
erwartete mein Bravo über seine Gefügigkeit, das ich ihm freilich nicht
versagen konnte.

Ich hatte genug, und schlug die Straße nach Zigzig ein. Hier sind die
Haupt-Bücherniederlagen der Gilimerier, auch bringt man auf den
alljährigen Buchmarkt mehrere Tausend neue Werke. Wie mußte ich staunen,
als ich in die weitläuftigen Läden trat! Die Abtheilungen aller
Materien, machte allein eine ziemliche Schrift, die Aufzählung aller
vorhandenen Bücher, ein ungeheures Werk in vielen Bänden. Was giebt es
Gutes unter dem Neuesten, fragt ich: z. B. der Religion? Der Buchhändler
gab mir einige Sachen in die Hand, und ich blätterte. Sie vergriffen
sich, sagt ich, das sind ja Sätze gegen den Crodoismus. Vielleicht
Freigeistereien. -- Nein, nein! -- »Ich habe wenig Zeit. Auch etwas von
neuerer Aufklärung!« -- Eine Menge neuer Schriften lag vor mir. Ich sah
hinein. »Aber mein Herr, ich empfange immer das Entgegengesetzte. Hier
find ich ja nur das Lob der Büsterichs und Druden.« -- Ich versichere,
daß das die neueste philosophische Moral ist.

Nun konnte ich nicht umhin, die Fabrike im Allgemeinen sehr zu loben,
denn Veränderung der Waare ist allerdings ein vortrefflicher
kaufmännischer Grundsatz.

Ich verließ Zigzig, um so früher, als die durch den Ruf der großen Stadt
Plapria oder Martialia entflammte Neugierde mich trieb, und nach wenigen
Tagen, zog ich in ihre langen perspektivischen Straßen.

In der That, überall viel blendende Pracht, und eine so regelvolle
Ordnung der schönen Gebäude, wie ich nirgends sah. Zugleich aber auch
das Bild des Elends. In allen Häusern Sieche. Die Aerzte viel
beschäftigt, eben so viel die Leichenwagen. Die Stadt war schon einige
Jahre in Feindes Händen, und die Truppen der Eroberer kosteten ihr viel,
obschon ihre eigenen Erwerbsquellen versiegt waren. Ich bedauerte die
Einwohner.

Ich ging indessen auch in die zahlreichen Buchläden, und ließ mir die
Neuigkeiten zeigen. Fast nichts wie Schriften über Politik und
Kriegskunst. Hm, merkte ich an, wenn ihr es so gut versteht, wie man
Bündnisse knüpfen, und den Kampf führen soll, warum ging doch euer
meistes Land verloren? Der Buchhändler erwiederte: Ach ein anderes die
Theorie, ein anderes die Ausführung. Ei, das sollte kein anderes sein,
gab ich darauf, Ausführbarkeit ist ja eben die Eigenheit einer guten
Theorie.

Ich ging hierauf nach einem Caffeehause zu frühstücken. Da kam ein Mann
mit freudigem Gesichte hereingesprungen, und rief: Die Feinde verlassen
die Stadt in einer Viertelstunde! Das erweckte große Freude. Ich nahte
ihm gesprächig, und fragte: Um Vergebung, welche Gründe bewegen den
Feind dazu? -- »Gründe? Gründe? was weiß ich!« -- Ohne Gründe ist die
Erscheinung denn doch nicht denkbar. Ihr Wort in Ehren, aber noch glaube
ich es nicht. -- »Sie glauben es nicht, halten es also auch mit dem
Feinde?« -- Wie sollt ich, der Fremde aus ferner Weltgegend, der so
wenig mit dem einen als mit dem andern Theile in Verbindung steht.
Allein ich urtheile nach gesunder Vernunft. Politische Ereignisse können
es allerdings dahin wenden, daß der Sieger ihr Land räumt, von denen muß
aber doch erst die Rede mit Ueberzeugung sein. Sonst meine ich, ist es
gar nicht rathsam, sich mit Gerüchten zu schmeicheln, deren Täuschung
doch bald offenbar wird, denn seit den Vierundzwanzig Stunden, daß ich
in Martialia bin, hat man wohl schon sechsmal den gewünschten Abzug
jener bewaffneten Macht prophezeit, aber falsch. -- »Ei Herr, sie sind
kein Patriot, das geht aus allen ihren Reden hervor!«

Ein Mann, der ein inländischer Krieger von Rang sein sollte, fiel ein:
»Nun, ists denn nicht einmal Zeit, daß die *** zum *** gehen?« Er
bediente sich derber Worte. Ich dachte: Ein Ausbruch des Zorns gegen
die, von welchen man geschlagen und gefangen wurde, erklärt sich leicht.
Allein es war nicht blos der Zorn. Die _Meinung_ des Mannes ward in der
Fortsetzung seines Gespräches offenbar. Denn er ließ sich nun
weitläuftig über die Feinde aus und das bald, indem er mit Gründen zu
beweisen strebte, sie wären ohne Kriegskunst, Ordnung, Mannszucht,
Tapferkeit, bald mit der verächtlichsten Spötterei über ihre Formen, sie
lächerlich zu machen suchte. Man lachte ihm lauten Beifall.

Ich, etwas befremdet, konnte nicht umhin, den Antheil fortzusetzen.
Freilich hätte ich klüger gethan, zu schweigen. Aber mein Herr, rief
ich, in aller Welt, was gewinnen sie, wenn sie ihren Ueberwinder
herabwürdigen? Je mehr ihnen das gelingt, je tiefer müssen sie ja mit
sinken. Ich dächte, ich würde meinen glücklichen Feind auf die stolzeste
Höhe hinauf rühmen, das zöge mich immer ein gut Stück nach. Mindestens
glänzte ich als kluger Würdiger. So gäbe es wenigstens mein Takt mir an.

Hilf Himmel! wie übel erging mirs!

Einer warf mir Injurien an den Kopf, der andre gar das Glas. Da ich mich
neuerdings auf das Vernünftige in meiner Behauptung steifte, kams dahin,
daß ich unter Prügeln zur Thür hinausgeworfen wurde.

So hatt' ich denn auch ein Pröbchen der Weisheit in _Martialia_, und
eilte über Hals und Kopf nach dem großen Handelsorte _Derbia_. Hier
findet man enge schmutzige Gassen, hohe hölzerne Häuser, alte Tempel.
Die Einwohner _scheinen_ nicht so fein, nicht so klug wie die in
Martialia, doch so viel ein flüchtiger Blick, oder die eigne
augenblickliche Erfahrung urtheilen können, möchte ich behaupten: sie
_wären_ mehr, als sie scheinen, denn ich hörte keine ungesunden
Urtheile, und bekam noch weniger Prügel.

Das geschäftige Leben, von welchem man die Zeichen in einem großen
Hafen, weitläuftigen Speichern und andern Dingen sieht, stockte eben
gewaltig, die Schiffe waren meistens abgetakelt, die großen Waarenläger
verschlossen.

Ich fragte nach der Ursache einer so betrübten Lage der Dinge. Seufzend
gab mir ein Kaufmann zur Antwort: Seit vielen Jahren wüthet ein Krieg
zwischen den Carthagern, welche einst vor Scipio dem Römer in die Tiefe
von Afrika flohn, und den Vercingenten, welche Cäsar vertrieb, und deren
ihr fast allenthalben in Gilimerien gesehn habt. Welchen Vorwand man
auch hat gültig machen wollen, so ist doch die Hauptsache immer gewesen,
daß die Carthager _allein_ Vortheil von gewissen köstlichen
Fruchtpflanzungen ärndten wollen, die nur auf einem vor wenigen
Jahrhunderten erst entdeckten Landstrich gedeihn.

Und wem gehört denn dieser Landstrich? fragte ich.

Der Derbianer erwiederte: Als er hinter Gebürgen und Wüsten ausgemittelt
wurde, ging hin wer da wollte, den fast kindisch schwachen Einwohnern
Land zu nehmen und anzubauen. Die Celtiberier, die Vercingenten, die
Carthager und andere.

_Ich._ Die Gilimerier griffen ohne Zweifel doch auch zu?

_Der Derbianer._ Die Gilimerier nicht. Sie kauften die seltene Frucht
von anderen.

_Ich._ O Himmel, warum versäumten sie denn die Gelegenheit, machten sich
abhängig von anderen, verloren im Handelsgleichgewicht -- denn ich ahne
schon, wie es hat kommen müssen.

_Der Derbianer._ Auch fertigen die Carthager viele Waaren besser an, wie
wir. Sonst holte sie Derbia, und gewann dabei sowohl, wie beim Handel
mit den seltenen Früchten.

_Ich._ Warum lassen die Gilimerier irgendwo etwas besser fertigen, als
bei sich? Zeigt ihnen denn hier ihre Weisheit nicht die Mittel an? Warum
nehmen sie vom Ausländer lieber, wie vom Einländer, gesetzt es fehlte
auch die volle Güte?

Der Derbianer wurde etwas hitzig, verbat allen Tadel der Art und führte
mich in seine Bibliothek. Nirgends, rief er, giebt es schätzbarere Werke
über Handel und Kunstfleiß, da sehen sie diese stolze Reihen klassischer
Bände, und verstummen sie!

Ich machte eine tiefe Verbeugung gegen die Bücher, und eine gewöhnliche
gegen den Kaufmann, dann ging ich aus seinem Hause.



                           Fünftes Kapitel.
                Was Perotti unter den Carthagern sah.


Nun dacht ich: so hab ich denn das weise Volk gesehn, das die
vortrefflichste Staatsverfassung ersann, aber nichts an dem alten
ehrwürdigen Bau ausbessern wollte, bis er zusammenstürzte; dessen Väter
sich um Satzungen des Crodoismus erschlugen, aber wo bei den Enkeln, die
Druden aufgeklärt, und die Philosophen orthodox wurden; das seine
Kriegskunst und Tapferkeit mit Glück gegen sich selbst wandte, aber
uneinig dem Auslande unterlag, das, wie über alle Dinge, von Handel und
Kunstfleiß die herrlichsten Theorien kennt und ausgesogen wird.
Eigentlich tragen die Söhne der Väter Schuld, und der Apfel pflegt dann
auch nicht weit vom Stamme zu fallen.

Ich wollte die Carthager sehn, und ließ mich über den Strom zu ihnen
hinübersetzen. Es war eigentlich alle Verbindung aufgehoben, doch fand
ich heimlich Mittel, auf ein koarthagisches Fahrzeug zu kommen, deren
die Menge auf dem Strom umherschwammen.

Der Schiffer der mich fuhr, rief: Verdamm mich Crodo, ihr kommt ins Land
der Freiheit und Großmuth! Nirgends auf Erden gilt der Mensch so viel,
wie bei uns. Wir sind ein Volk von Weliken[4].

Das klingt hoch, erwiederte ich.

Bald waren wir hinüber. Es ging zur Hauptstadt. Die Dörfer unterwegs,
waren sehr nett gebaut, aber außer Knaben und Greisen, selten ein
männlicher Einwohner zu entdecken. Dazu paßten in Büschen und hinter
Hügeln, gewaffnete Männer auf, die, wenn sich eine Mannsperson zeigte,
sogleich auf sie eindrangen, und sie fortführten. Nicht sowohl die Güte
meiner Pässe, sondern, wie es schien, meine Jahre, und mein schwächlich
Ansehn, machten, daß ich, auch schon angepackt, wieder losgelassen
wurde.

Ich hatte einen Mann am Strande getroffen, der wie ich, nach der
Hauptstadt _Nodnol_ wollte, und mit ihm Reisegesellschaft gemacht. Er
war, so wie der Schiffer, von dem Lande der Carthager eingenommen.
Natürlich fragte ich ihn: was es mit der sonderbaren Menschenjagd für
eine Bewandniß habe? und wurde unterrichtet: daß man die aufgegriffenen
Männer auf den Prahmen brauche, die theils Waaren verführten, theils die
Prahmen andrer Völker wegnähmen, die auch Waaren laden wollten.

[Fußnote 4: Königen.]

Ich murmelte das Wort Freiheit zwischen den Zähnen, und erkundigte mich
bei meinem Reisegefährten, der ein Kaufmann war, und Ghlt hieß, welche
Satzungen und Gebräuche denn der Carthager Anspruch auf den Namen des
großmüthigsten Volkes begründeten. Herr Ghlt antwortete:

Erstens hat das Land Gesetze, welche die niedrigsten Tagewerker dem
vornehmsten Mann gleichstellen, Niemand darf ohne Wissenschaft aller
Welt im Kerker gehalten werden, durch seines Gleichen wird der
Verbrecher gerichtet, keine Peinfrage, keine Marterstrafe. Ueber die
Religionen herrscht die vollkommenste Duldung. Die große Hauptstadt, zu
der wir bald kommen, und die wenige Nebenbuhlerinnen auf dem Erdball
hat, zählt nicht allein eine große Menge von Armen- und Waisenanstalten,
die der öffentliche Schatz unterhält, sondern es giebt auch, durch den
Beitritt edelgesinnter Bürger, in allen ihren Theilen, Stiftungen, zu
unentgeltlicher Heilung armer Kranken. Mehr als ein Dutzend
Gesellschaften zu Abhelfung allerlei Noth, Leiden, Gefahr, eine für
unvorsätzliche Schuldner, eine zur Aufmunterung guter Gesinde, eine
gegen Laster und Unsittlichkeit, eine zur Verhütung von Verbrechen und
falschen Spielen, und noch viele andere.

Das läßt sich hören, sagte ich, und wurde eben gewahr, wie große
Geldsummen auf ein Fahrzeug geladen wurden. Man sahe zugleich Bedeckung
von des Weliks Leuten dabei. Welche Bestimmung mögen diese Schätze
haben? fragt ich wieder, und Ghlt antwortete mir: Das ist Geld, welches
wir unseren Bundesgenossen senden, damit sie den Krieg wider unsere
Feinde um so nachdrücklicher führen können. Schon mehr als funfzehn
Jahre erhalten wir einen weitschichtigen furchtbaren Krieg unserer
Bundesgenossen, und die Kosten gehen uns dennoch immer wieder ein. Nicht
nur das großmüthigste, sondern auch das klügste, entwurfreichste, im
Handel Allen überlegene Volk, sind die Carthager. Es gab sonst auf der
Nähe ein kleines aber zum Handel gar bequemes Ländchen, dessen Einwohner
durch Fleiß und Sparsamkeit mehrerer Jahrhunderte, ungeheure Reichthümer
gesammelt hatten. Wir nahmen ihm aber zuletzt seine auswärtigen
Besitzungen, seine Prahmen, sein Gewerbe, und die vielen Gelder, die es
uns geliehn hatte, bekam es nicht zurück. So mußte es verarmen, und wir
triumphirten auf seinem Ruin. Da sind unsre Nachbarn, die Vercingenten.
Einst waren sie auch im Handel geschäftig, und boten uns im Kriege die
Spitze. Sie geriethen aber einmal in innre Noth, da paßten die Carthager
den Zeitpunkt ab, und wurden im Handel ihre Meister. Die Celtiberier
hatten wir Lust zu berauben. Sie ließen eben Prahmen mit Silber von
ihren Bergwerken kommen. Mitten im Frieden nahmen wir sie weg, und
kündigeten dann Krieg an. Jetzt darf sich auf den Strömen, die das
kultivirte Afrika umfließen, kein Prahmen sehen lassen, oder wir nehmen
ihn weg. Unser Handel soll allein gelten, wir finden Mittel, allen
Kunstfleiß der übrigen Völker zu vernichten, und da wir so die Preise
nach Willkühr stellen können, saugen wir nach und nach all ihr Mark aus.

Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen. Also gegen einen ins Wasser
Gefallenen, gegen einen Schuldner seid ihr großmüthig, und den Völkern
seid ihr Räuber und Mörder?

Ach, rief Ghlt, das ist vaterländische Tugend!

Wir langten nun bald in Nodnol an. Es ist in der That ein Ungeheuer von
einer Stadt. So viele Schiffe sahe ich nie beisammen, wie auf dem
Strome, der ihren Hafen bildet, die Waarenvorräthe, die
Kaufmannsspeicher, übertrafen an Größe und Weitläuftigkeit, auch die
gespannteste Erwartung, viele ansehnliche Prachtgebäude, Monumente des
Staatsreichthums, viele geschmackvolle Anlagen im Kleinen, Belege des
hohen Wohlstandes der Einzelnen, wurden überall sichtbar. Das
Menschengewühl setzte in Erstaunen. Allein es entdeckte sich auch bald,
daß man weit mehr Waaren besaß, wie man loszuwerden hoffen durfte, viele
Läden waren ohne Beschäftigung; eine unerhörte Menge von Arbeitern aller
Art, mit bleichen verhungerten Gesichtern, fragte vergebens nach Arbeit;
Noth und Elend boten in den entlegenen Winkeln ein gräßlich Schauspiel
dar, und die Unsittlichkeit hatte eine schauderhafte Höhe erreicht.

Aber wo sind denn nun die Reichthümer, welche ihr von allen Seiten
erpreßtet? fragte ich meinen Begleiter. Sind sie in die Hände weniger
Einzelnen gekommen, welch Heil wird dem Volke davon? Er stockte, und
sagte mir, ich sollte in den großen Pallast gehn, wo die Gesetzgebung
und Staatshaushaltung öffentlich gehandhabt würden, da würde ich über
die großen Angelegenheiten Licht empfangen.

Der Rath wurde befolgt. Ich hörte dreierlei verhandeln. Einmal die
Nothwendigkeit neuer Auflagen, wobei die älteren aufgezählt wurden,
deren fast auf allen Lebensbedürfnissen bestanden, so daß ein Einwohner
dieses Landes, die Abgaben zu erschwingen, mehr als die Hälfte seiner
Vermögenseinkünfte geben, oder mehr als die Hälfte seiner Zeit, um
diesen Zweck arbeiten mußte. Leibeigne zur Hälfte, waren also diese
gepriesenen Freien. Eben bewilligte man eine Abgabe auf das Trinkwasser.
Dann wurden die nothwendigen Summen zur Erhaltung der Kriegsprahmen für
das laufende Jahr gefordert. Sie waren so hoch, daß ich wohl begriff,
wie das meiste, was dies Volk von anderen im Handel gewann, auf dem Wege
der Auflagen den Einwohnern wider abgenommen werden mußte, um jene große
Kosten zu bestreiten. Endlich kam die Schuld der Nation zur Sprache. Sie
betrug weit mehr, als den Werth des Landes, mit Allem was darin ist.
Also war man nicht reich, sondern arm, nicht nur arm, noch weniger. Der
Wucher baute eigentlich doch nur das Unglück der Menschen, wie
riesenhaft er auch seine Spekulationen anlegte.

Ich begab mich vor die Stadt hinaus. Da sah ich ein Lager bei dem
anderen, überall Waffenübung. Was bedeutet dies? fragte ich einen
Spaziergänger.

Das sind unsere Freiwilligen, gab er zur Antwort.

»Und wozu versammelt ihr so viel Jugend? Entzieht dem Ackerbau so viele
Hände?«

Aus Furcht vor einem Angriff der Vercingenten, die über den Strom kommen
mögten. Schon Jahre lang sind wir so in Bereitschaft. Noch Jahre lang
werden wir es fortsetzen müssen. Wohl ist es nothwendig. Die
Vercingenten können sechs Mann stellen, wo wir einen stellen, sind
fertig im Landkriege, wir müssen auf unsrer Hut sein, daß wir die Ufer
vertheidigen.

»So viel Angst, Sorge, Mühe, Verbrechen und Gewinn, der am Ende doch
wieder in Nichts zerfließt. Und wenn nun den Vercingenten es dennoch
einmal gelänge, den Fuß siegreich ans Land zu setzen?«

Dann würden die Vornehmsten und Reichsten entfliehen. Mögten die Feinde
das Land hinnehmen.

»Und das Land würde seinem Unheil überlassen, die Schuld wäre quitt? --
Adieu Land der Carthager! Ich habe das Land der Freiheit, Großmuth und
der Handelsherrlichkeit gesehn.«



                          Siebentes Kapitel.
               Was Perotti unter den Vercingenten sah.


Nichts Eiligers hatte ich zu thun, als mich aus dem Lande der Freiheit
und Großmuth zu entfernen. Ein Räuber, der ein stattlich Pferd ritt,
plünderte mich noch unterwegs, und da ich alles hingab, war er in der
That so großmüthig, mir das Leben zu lassen. Gut daß ich mir durch
einige Gaukelkünste Etwas wieder erwarb, sonst wäre ich in die
drückendste Verlegenheit gekommen.

Ich ließ mich zu den Vercingenten übersetzen. Eigentlich sollte es nicht
sein, doch mit Geld läßt sich Vieles möglich machen.

An dem Gestade der Vercingenten sahe ich große Vorkehrungen, um in das
Land der Carthager zu fallen. Es lagerte ein Heer, viele Fahrzeuge waren
bereit, über den breiten Strom zu setzen. Doch sagte mir ein Vercingent
ins Ohr: Wer weiß, ist es Ernst damit, wir richten aber schon genug aus,
wenn die Carthager in Furcht gehalten werden. Sie sind dann genöthigt,
alle Kräfte zur Bereitschaft des Widerstandes anzuspannen.

Ich erfuhr im Lande, daß die Vercingenten vor mehreren Jahren sich
genöthigt gesehen hätten, eine Regierungsveränderung vorzunehmen. Das
ging niemand etwas an, wie ihnen selbst. Allein mehrere auswärtige
Mächte waren mit gewaffneter Hand aufgetreten, und hatten begehrt, sie
sollten die alten Formen herstellen. Das hatte nun Partheiwuth und
innere Noth aufs höchste gebracht. Nichts war mehr zu verlieren, alles
zu gewinnen. Darum stand die Nation in voller Kraft auf, ihr Recht zu
behaupten. Wenn alles auf dem Spiele steht, muß sogar der Muthlose
verwegen sein. Genug, die Kraftsumme, welche jetzt in Thätigkeit kam,
brachte neben einer, dem Kriege günstigen geographischen Lage die
erstaunenswerthesten Wirkungen hervor, und besser stand noch der
Vercingenten Spiel, als ihre Feinde sich schlecht mit einander
vertrugen, und oft ihre Lust daran hatten, wenn der heimlich gehaßte
Bundesgenoß Unfälle erlitt. Wie glorreich sie aber auch kämpften, und
jeden Krieg mit Eroberung krönten, die Carthager (wir wissen schon
warum) bewirkten durch ihr Gold ihnen immer neue Kämpfe. Zuletzt wurden
die Vercingenten der Sache recht gewohnt, der Krieg war ihr Element, und
sie machten sich von einem Lande nach dem anderen Meister.

Eben da ich nach der Hauptstadt reis'te, sah ich auf den Landstraßen
bald Wagen mit erbeuteten Waffen, bald Siegeszeichen aus einer eben
gewonnenen Schlacht, bald lange Reihen Gefangener, die aus der Fremde
gebracht wurden.

Sehr begierig war ich, ihre Hauptstadt zu sehen, und der Wunsch wurde
mir bei den vortrefflichen Wegen und Anstalten zum schnellen Fortbringen
der Reisenden bald gewährt.

Ihr Umfang ist ebenfalls beträchtlich, wenn sie sich gleich durch
Schönheit der Straßen und Wohnhäuser im Allgemeinen nicht empfiehlt.
Kömmt man übrigens nach dieser Stadt, so wird man (mit Ausnahme einiger
Gegenstände, die bald zur Berührung kommen sollen) nichts weniger
meinen, als daß dies der Mittelpunkt eines kriegerischen und immerfort
in Krieg begriffenen Landes sei. Nichts wie üppige Vergnügungen überall.
Schauspiele in allen Gegenden der Stadt, die leckersten Gastereien bei
den Großen, eine Menge Lustgärten, die den raffinirtesten Lebensgenuß
darbieten, Spiel- und Tanzhäuser ohne Zahl. Nicht in Soldatentracht geht
hier der Held, der vielleicht mit Wunden bedeckt ist, und jenseit der
Gränze vor Kurzem vielleicht Wunder der Tapferkeit verrichtete. Im
weichlichen Stutzeranzuge sieht man ihn, von köstlichen Salben duftend,
von Schöne zu Schöne fliegen, Musik, Gesang und Galanterie treibend. Was
die Historie von einem Sybaris, einem Capua spricht, bleibt bei Weitem
gegen das sinnentrunkene Leben zurück, das die Vercingenten in ihrer
Hauptstadt führen, und die Schätze, welche man den Feinden abnahm,
werden hier zu den feinsten Schwelgereien angelegt. Ich fragte in den
Buchläden, welche Werke am meisten Leser fänden, und mir wurde ein
Lehrgedicht über die leckere Kochkunst genannt. Und gleichwohl darf ein
solcher Prasser nur zu den Heeren gerufen werden, so scheut er wieder
keine Mühseligkeit, und theilt Mangel, Noth und Gefahr, mit dem
niedrigsten Krieger auf die geläufigste Weise.

Ich konnte mich nicht genug verwundern, wie das, was sonst die Menschen
zu allem Kräftigen und Muthigen abspannt, hier gar keine nachtheilige
Wirkung äußerte, und sah mich dann ein wenig nach den Mitteln um, welche
die Vercingenten anwendeten, um das Feuer des Kriegsgeistes bei ihren
Bürgern nicht verglimmen zu lassen.

Was ich aber da sahe, lockte mir wieder ein neues Staunen ab. Denn
Gemüth und Einbildungskraft waren hier nach allem, was darin anschlagen,
reizen, begeistern kann, so in Ueberblick und Lenkbarkeit gebracht, als
wären sie sichtbare fühlbare Räder einer Maschine, die man nach Gefallen
in Bewegung bringt. Eine dichterische Spannung war über das gesammte
Soldatenhandwerk gebracht, daß jeder Krieger nichts Edleres, Höheres
fassen konnte, wie die Waffe. Alle Künste strebten, das Herz in den
Banden der Begeisterung fest zu halten, der Feldherr hatte Aussicht, in
großen Marmorstatüen, Untergebieter der Truppen in Büsten und Gemälden,
der Geringste in goldener Namensschrift an Ehrensäulen auf die Nachwelt
zu kommen. Man feierte phantastische, verbrüdernde, ermuthigende Feste,
bei Versammlung der Heere, an Tagen berühmter Siege. Dem Alter der
Hülflosigkeit des Kriegers, winkten bequeme Versorgungen. Der Lohn für
den besondern Muth war ausschweifend. Der Neugeworbene konnte hoffen,
schon im künftigen Jahre eine bedeutende Stufe zu erklimmen, die Krieger
von Rang erlangten neben Ehrenzeichen und Schätzen, oft Land und Leute,
wurden herrschende Grauen, wohl gar Weliks. So viele Aussaat mußte denn
wohl mit Frucht wuchern, und nichts wunderte mich mehr, als wie die
Feinde der Vercingenten, die das System solcher Anreize nicht kannten,
nicht in Ausführung bringen wollten (auch nicht mehr konnten), doch
immer Sieg hofften. Ohne ein Wunder vom Himmel blieb er, alle Umstände
zusammengenommen, denn doch nicht denkbar. Einige waren aber auch klug,
und wandten sich auf die Seite derer, die sie doch einmal nicht zu
bezwingen verstanden.

Uebrigens ist es blos eine gewisse Kürze des Entschlusses, welche die
Vercingenten zu dem Gipfel der Größe erhebt. Was ihnen gut dünkt, thun
sie gleich zur Stelle, haben sie geirrt, ändern sie geschwind wieder
ihren Weg. Liegt ein Stein vor ihnen, dieweil andre ihn messen, und
weitläuftig über die Mittel berathen würden, ihn wegzuschaffen,
sprengten sie lange darüber weg. Wer tiefe Ueberlegung, lange
Berechnungen ihrer Plane, hartnäckige Ausdauer an einem Vorhaben bei
ihnen suchte, würde sehr irren, überall nur kurzer muntrer Entschluß,
das nächste zu thun. Und das führt sie denn um so weiter als ihre
Nachbarn träge im Handeln sind. Außerdem, so viel Abgeschliffenheit
ihnen eigen ist, mag ich nichts mit ihnen zu thun haben, außer bei den
Tafeln der Großen ihrer Hauptstadt.

Ich gerieth bald in armseelige Umstände. Denn indem ich täglich in den
vornehmsten Gasthäusern schmauste, und niedliche Mädchen dazu einlud
(ein Fehler, in den ich wohl nun nicht mehr fallen dürfte) ward mein
Geld bald rein all. So gern ich das lustige Treiben fortgesetzt hätte,
mein Erwerb langte nicht, da es viel feinere und geschicktere Gaukler
gab. Ich sang zuletzt in die Guitarre, gewann aber auch da nichts, und
lief, Schulden nachlassend, davon.



                           Achtes Kapitel.
                   Perotti endigt seine Erzählung.


Mit Mühe erreichte ich das Land der Celtiberier. Diese waren einst
arbeitsam, stolz, großherzig, dichterisch gewesen, allein Reichthum
hatte Trägheit über sie gebracht, und der Aberglaube hatte, durch
frühere politische Leitung so dick und dunkel die Geister umnebelt, daß
wer nicht den Druden jedes Mährchen aufs Wort glaubte, verbrannt wurde.
Ich gewann indeß ansehnliche Geschenke, da ich den Crodoismus annahm,
und hielt mich länger nicht auf.

Nun kam ich noch zu manchen anderen Völkern. Unter andern ins Land der
Hinkenden. Hier konnte Niemand grade einhergehn, den Fehler aber zu
verstecken, tanzte man beständig. Die Kapriolen mit gebrechlichen Beinen
nahmen sich sonderbar genug aus, ob man gleich nun die Lähmung nicht
entdeckte. Ich ging natürlicherweise aufrecht, und ohne Sprünge zu
machen, einher, da hättet ihr das Lachen sehen, das Spotten hören
sollen. Es blieb dabei nicht, ich wurde auch mit Steinwürfen abfertigt.
Dies Land der Hinkenden kam mir vor, wie ein gewisses, wo es scheint,
die Menschen wüßten gar nicht das nächste evident klare Urtheil
auszusprechen, sei es nun aus einem wirklichen Hindernisse in der
Gehirnmasse, das den einfachen Gedanken immer unterbricht und
verschiebt, oder aus einem gewissen Dünkel, dem das Grade gemein dünkt,
und die Umschweife vornehm. Genug, um das Uebel zu verstecken, bedienen
sie sich der philosophischen Tanzkunst, und schweben immer zur Höhe
empor. Wehe, wer nun ein gesundes Urtheil, das sich nach Gebühr, auf dem
Erdboden erhält, unter ihnen gültig machen will! Er wird ausgezischt,
gegen ihn geschrieben, man bewirthet ihn mit Schimpf, ja es kann dahin
kommen, daß er in den Kerker wandern muß. Und so schlechte Progressen
auch die philosophischen Hinker machen; so sehr ihre Sprünge sie auf dem
Wege zurückhalten; wie sie ermattet keuchen, wo sie bequem vorwärts
dringen könnten; sie weichen dennoch nicht von der beliebten Methode.

Ich sah auch noch ein Volk von lauter Harlekinen, über die man nicht
lachte, von lauter tragischen Poeten, deren Nüchternheit keine Thräne
rief. Endlich aber ward ich der Streiferei müde, und begab mich nach dem
Gilimerischen Städchen, wo ich zuerst über jenen Gränzstrom setzend,
angelangt war. Ich forderte die Erlaubniß, mich wieder zurückbegeben zu
dürfen. Doch umsonst. Heilig hielt man das Landesgesetz. Die übrige
bewohnte Welt soll nichts von diesen verborgenen Völkern erfahren, und
deshalb wird kein Fremdling von ihnen gelassen. Man sagte mir: ich müsse
mich auf Lebenslang ansiedeln, wo? stände in meiner Willkühr.

Zum Glücke aber ist die Luftschifferei unter ihnen noch unbekannt. Ich
verfertigte ins Geheim einen Ball, wartete günstigen Wind ab, und
flatterte so nach der Wüste. Wie sahn die Bewohner mir nach! Man wird
wie von einem Wunder von meiner Abreise sprechen.

In der Wüste hatte ich meine Schätze verborgen, die, welche ich einst
dir verwahrte, und die mir der ruchlose Musa abnahm, waren dabei. Ich
hatte nur eine mäßige Summe mit über den Strom genommen.

Mein Diener war krank zurück geblieben, und zur Pflege bei einem alten
Neger gelassen worden. Ich fand ihn hergestellt. Wir nahmen die Schätze,
die Kameele, die der Neger auch hatte füttern müssen, und begaben uns
zurück. Mich traf das Unglück, den Spähern des Musa in die Hände zu
fallen, oder vielmehr das Glück, denn nun konnte ich dir, hohe Nene,
treue Dienste leisten. Was mir Armen sonst widerfuhr, ist dir bekannt.

Hier schloß Perotti seine Erzählung, aber Flore maß ihr wenigen Glauben
bei, und äußerte unverholen, sie hielte alles für unverschämte
Erdichtung.



                           Achtes Kapitel.
               Sie kommen in der Hauptstadt des innern
                             Darkulla an.


Die Schwäne zogen rüstig, der Wind half, und so sahe man denn bald den
Blumenpallast der Hauptstadt liegen. Flore zeigte ihn Gigi von fern,
doch diese blickte nur mit flüchtigem Auge dahin, sie beschäftigte die
holde neugeborne Liebe.

Als das Reiseeiland endlich dem Gestade des Pallastgartens nahe war,
rief Flore den alten Alonzo auf die Seite. Schon während der ganzen
Reise, fing sie an, denk ich darauf, wie ich das Beilager der Liebenden
auf eine neue, noch nicht erhörte Weise feiern lassen will. Alles in
unsern Schicksalen ist außerordentlich, so muß es auch diese Feier sein.
Aber ich bin ohne Erfindung, nur Gewöhnliches fällt mir bei, wissen sie
nichts auszudenken?

Und sie fragen noch? erwiederte der Hispanier. Wir steigen alle vom
Eiland, bis auf das Paar, ich spreche einen eiligen Vater- und
Priestersegen, sie bestätigen ihn obrigkeitlich, und wir stoßen sie
wieder ab. Sie mögen nun drei Tage für sich umherschwimmen. Kann ein
junges Paar seliger sein?

Recht Alter, Recht! entgegnete Flore, nach drei Tagen holen wir sie von
dem Eilande ein, und dann eine große Feier durchs ganze Land.

Man befand sich schon bei der Auffuhrt. Perotti, Imar und die Diener
wurden voran in die Stadt geschickt, Flore hatte einige rosenfarbne
Veilchen in einen Kranz gewunden, und schmückte die rabenschwarze
liebliche Locke Isabellens, unerwartet damit. Alonzo, heiligen Ernst auf
der Stirne, hieß die beiden niederknien. Sie thaten es betroffen, vor
einem Hügel von gediegenem Goldstaub, auf den der Strahl des eben über
das Palmengebüsch emporschwebenden Vollmonds glänzte. Alle Abendviolen
des Eilands hatten eben die duftenden Busen geöffnet.

Seegen vom Himmel auf dies neue Paar, sprach Alonzo mit freudebebender
Stimme, das ich an Priesters Statt hier verbinde.

Seegen! rief Flore, zog den Alten hinüber, und stieß mit einem kleinen
Stabe an die Insel, den Schwanen zugleich ein Zeichen gebend. Die
verständigen Thiere wandten sich um, und ruderten still wieder in den
großen silberklaren mondbeglänzten Teich. Ein leiser Zephyr stieg
zugleich auf, und blies in die breiten Cocosblätter und den Jasmin, die
Seegelstelle vertraten, und ein zahlreiches Heer von Nachtigallen, fing
ein holdes Lied an zu flöten, Isabellen und ihrem Erwählten das
heiligste Epithelam.

In drei Tagen Widersehn, riefen Jene den frohbestürzten, entzückten,
Neuvermählten zu, deren Wonne verstummte.

Alle Trauben an den Thyrsusstäben, verwandelten sich in ätherischen
Nektar, aus jeder Frucht ward Ambrosia Elysiums. Luna umstrahlte mit
Verklärung, im Dufte der Blumen athmeten sie Götterwahn, Philomelens
Gesang hob sie in die Sphären der Unsterblichkeit. Ein Gott und eine
Göttin von lauter Himmel umgeben, schwammen sie auf dem Eiland dahin.
Keine Fabel, denn trugen sie nicht den Götterfunken der Liebe im Busen,
hier von dem entzückend freundlichen Schicksal zur flammenden Apotheose
erzogen?

                      Ende des siebenten Buchs.



                              Potpourri.
                      Erfinderische Träumereien.


Manches Ding auf Erden bringt dem Geschlechte der Sterblichen,
alleinigen Nutzen, es müßte denn offenbarer Mißbrauch im Spiele sein,
manches wird wenigstens eben so oft heilsam wie nachtheilig, die
entschiedenen Schädlichkeiten können meistens unter besonderen Umständen
Vortheile bringen, wie unter andern Gifte, in der Aerzte Hand. So leicht
aber wird keine Sache ein so sichtbares empörendes Uebergewicht des
Bösen zeigen, wie das Schießpulver. Ganz überflüssig wäre es, dieser
Behauptung noch die kleinste Rednerblume anzuflechten, sie überzeugt
genug in vollkommner Einfachheit, denn das versteht sich wohl, der
Gesichtskreis soll hier nicht gelten, in welchen der Widerspruch den
Helden führen könnte, welcher durch die Mönchserfindung seinen Ruhm
erweitert. Auch den oft gehörten Satz: die Kriege sind jetzt weniger
blutig, als da noch mit Lanzen und Pfeilen gestritten wurde, weisen wir
billig zurück. Held und Krieg werden hier nicht bedungen, sondern
Menschenwohl.

Bei dem allen könnte das Pulver, vermöge seiner Gewalt, und bei
schwierigen weitläuftigen Arbeiten, höchst ersprießliche Dienste
leisten, ja auf andern Wegen ganz unerreichbare, unglaubliche romanhafte
Zwecke, ließen sich im Bunde mit dieser Titanenkraft umarmen, wenn wir
mehr Aufmerksamkeit auf diesen hochwichtigen Gegenstand wendeten.

Vor allen Dingen müßte die Materie wohlfeiler dargestellt werden, und
das könnte geschehn, wenn wir den Salpeter, wie in Frankreich, mehr
aufsuchten. Dann ist auch zu gewissen Zwecken gar nicht nöthig, daß es
mühsam und kostspielig auf den Mühlen zubereitet werde, der Zusatz von
Kohle, nothwendig, sobald vom Schießen die Rede ist, kann vielleicht
unter gewissen Umständen, zum Theil, oder ganz wegfallen. Salpeter und
Schwefel verlieren ohnehin durch ihn nur an Stärke. Lavoisier fand
freilich die Explosion ohne den Zusatz zu furchtbar, und die Materie
schwierig und gefährlich zu handhaben, allein das beweiset nicht, daß
sich dazu nicht bequeme Mittel ausfindig machen liessen, und mit der
erhöhten Vorsicht, wird die Gefahr vermindert.

Der Ackerbau, die Bergwerke, der Handel, alles was große mechanische
Kräfte braucht -- wo ein Hauptstoß bedungen wird, da ist doch alle
Mechanik gegen das Pulver wie eine lahme Matrone zu betrachten.

Einem schlechten Acker, den der Landwirth in nutzlose Brachen abtheilen
muß, wäre oft durch eine gänzliche Umwühlung aufzuhelfen, bisweilen
liegt nicht tief unter dem Sande, eine Ton- oder andre fruchtbare Erde,
wüßte man sie hinauf und den Sand hinunterzubringen, beide allenfalls
nur zu mischen, so würde der Acker an Ergiebigkeit, folglich an Werth,
ansehnlich gewinnen.

Das sogenannte Rajolen wird jetzt in Gärten angewendet, auf dem
Kornfelde selten, es ist dem Landmanne zu kostspielig, es fehlt auch
gemeinhin an hinlänglichen Menschenarmen dazu. Vielleicht würde es schon
bei dem gegenwärtigen Preise des Pulvers wuchern, sich seiner zur
Totalumwühlung schlechter Aecker zu bedienen, wie viel mehr, wenn erst
eine gewisse Wohlfeilheit erzielt würde, was, wie wir eben zeigten, gar
wohl möglich ist. Der Prozeß wäre dann folgender. Man baute eine Art
Ramme mit Rädern, die dann auf lange Zeiten, und von einer ganzen
Ortschaft zu benutzen wäre. Mit dieser würde ein spitzer Pfahl in
angemessenem Abstand, sechs oder acht Schuh tief, in schiefer Richtung
in die Erde geschlagen. Dann hätte man von einer eigens dazu bereiteten
schlechten Pappe, mit etwas Holz gegen den Erddruck gesichert,
Schachteln mit Pulver gefüllt. Diese würden nun in das schiefe durch den
Pfahl gebohrte Loch niedergelassen. An den Schachteln befände sich von
derselben harten Pappe eine Röhre, die bis auf den Erdhorizont
hinausginge, und durch welche ein in Schwefel und Salpeter getränkter
Faden lief. Sodann drückte und schüttete man die Erde mit Vorsicht zu.

Die Masse Pulver müßte eben hinreichen, einen Trichter Erde zur Höhe zu
sprengen. Läge sie sechs Fuß tief, so würde der Trichter, laut den
Erfahrungen der Minenlehre, zwölf Fuß im Zirkeldurchschnitt bekommen.
Alle zwölf Fuß müßten also auch Löcher eingesteckt werden. Die in einen
Punkt verbundenen Faden zündete man an, so würde das Feuer zu jeder
Schachtel laufen, und die allgemeine Sprengung von Statten gehen. Die
obere Erde ginge zuerst in die Luft, würde also auch die Steigekraft
zuerst wieder verlieren, und zurückfallen. Die untere, ohnehin
unmittelbar durch den Anstoß getroffen, dränge durch die obere Lage, und
sänke später nieder. Dadurch also bekäme der Landmann diejenige Erde,
welche sechs Fuß tief gelegen, oben, wenigstens mischte sie sich sehr
stark mit der anderen. Wäre sie von besserer Güte, so könnte das
Grundstück nun vielleicht noch einmal so viel werth seyn, wo nicht, so
wäre bei der frischen ausgeruheten Erde, immer einer Brache zu entsagen,
und das gäbe schon einen ansehnlichen Gewinn.

In einem flachen Lande unterstützt nichts so die innere Gemeinschaft,
wie Kanäle, auch von dem Nutzen, den sie als Bewässerungsmittel für das
Land haben, weggesehn. Wie anmuthig wird auch das Leben in Holland durch
sie. Statt in anderen Ländern, bei einer Reise man sich, dem immer doch
unbequemen Wagen, vertrauen, sich zu Pferde setzen, oder den Weg
beschwerlich zu Fuße zurück legen muß, miethet man dort einen Platz in
der Postgondel. Es ist ein wandelndes Haus. Man sitzt im netten, in der
Hitze kühlen, bei rauher Luft erwärmten Zimmerchen, fühlt kein Stuckern,
fürchtet kein Umwerfen, und die Landschaft draußen zieht still vorüber.

Alle niederen Lande könnten mit Kanälen durchschnitten, alle Flüsse von
Belang, mit Hülfe der Schleusen durch sie verbunden sein; bis jetzt
macht das aber ganz unerhörte Kosten, nur sehr wirthliche Regierungen
können von Zeit zu Zeit daran denken. Mehren wir aber erst den
Salpetergewinn, und bereiten eine rohe wohlfeile Sprengemischung, dann
legt man in dichten Abständen Minen, daß ein Zirkel in den andern
greift, und wirft sich so einen Kanal aus der Erde. Die Hauptsache ist
mit dem Wurfe geschehen, die Ungleichheiten des Randes werden mit dem
Spaten gehoben, und nun für die Bewässerung Sorge getragen.

Um viele nahmhafte Städte wird die Gegend der fehlenden Abwechslung
wegen angeklagt. Die Kunst hat durch Jahrhunderte gestrebt, das Schöne
darzustellen, sie prangt in stolzen Monumenten, und lockt des Wanderers
staunende Blicke an; allein die Väter wählten die Lage ohne Geschmack,
eine stiefmütterliche Natur steht mit einem öden Kontrast gegen die
Herrlichkeiten von Menschenhand da, und nur desto freudenlosere
Empfindungen ergreifen das Herz, wenn man vor Thoren eines neuen Athens
lustwandelt, und vielleicht eine unbildliche charakterlose Fläche
anblicken muß! Was haben sich unter andern die Umgebungen von Berlin,
durch den sinnreichen Verfasser der Parallele: _Wien und Berlin_, müssen
Bitteres sagen lassen! Petersburg, Moskau, Warschau, Kopenhagen darben
an Bergen in der Nähe, die eine schöne Landschaft bilden könnten. Was
würden nicht auch Paris und London dadurch gewinnen!

Die alten egyptischen Könige hätten sich nun freilich unter solchen
Umständen bald zu helfen gewußt. Wer Pyramiden erbaute, oder den See
Mäotis ausstechen ließ, bei dem hätte es wohl nur einer Erinnerung
bedurft, und bald würde sich ein kleiner Ossa oder Pelion emporgethürmt
haben. Nur im Geschmack der Neueren liegt so etwas gar nicht, besonders
weil sie so selten etwas für die Nachwelt thun wollen; die Erndte kann
immer nicht rasch genug auf die Saat folgen. Aber freilich, wer denn
auch einmal von der kleinlichen Gemeinregel abweicht, erscheint bald wie
eine Art Wunderthäter, und die Fürsten, welche ihre Regierung nur als
Pfründegenuß ansehn, und das Lob ihrer Ruhe, am liebsten von der
Schmeichelei hören, sinken bald zu Boden, wenn es einem unter ihnen in
gutem Ernste beifällt, das Leben der Unsterblichkeit zu widmen.

Einen Berg, oder eine Bergreihe darzustellen, hat aber so abschreckende
Hindernisse nicht, wie die Einbildungskraft im ersten Augenblicke
träumt, wenn man sich der Salpeter- und Schwefelkräfte bedient, und
daneben (das brauchte freilich keiner Erinnerung) die Kosten nicht
scheut.

Hier folgt die Art der Sprengung, welche Schreiber dieses zu einem
solchen Ende erdacht hat. Er mögte sie gern durch Zeichnungen erläutern,
aber der Verleger spricht achselzückend vom -- Zeitalter.

Man legt neben der Stelle, wo ein Berg entstehen soll, in einer nach
Maasgabe gekrümmten Linie eine Minenreihe an, deren Trichter zur Hälfte
ineinander greifen müssen, ladet und zündet. Nun wird die Erde nach
beiden Seiten zum Theil weit versprengt, zum Theil dicht am Rande des
entstandenen Grabens hingeworfen werden. In diesem aber, der Seite des
projektirten Berges gegenüber, gräbt man (bedient sich des Erdbohrers
vielmehr) dann wieder eine Reihe in den Rand, so daß die kürzeste Linie
nach diesem, nicht nach dem oberen Erdhorizonte geht. Jetzt wird man
Herr über die Sprengung, und kann sie beliebig nach der Stelle des
Berges leiten. Wie die Erde dieser Minenreihe nach ihrer Bestimmung
geworfen ist, fällt der Erdhorizont nach und ein neuer schiefer Gang
wird gebildet. In diesen scheidet man wie zuvor ein, und wirft seine
Hälfte weg, wodurch ein abermaliger neuer Rand sich darbietet. So wird
nun in der Widerholung alle Erde aus der Tiefe der anfänglichen Miene
fort, und nach der Bergstelle geschafft. Die Ladung wird so abgepaßt,
daß vorerst eine neue und niedrige Fläche erzielt wird, welche die
nöthige Unterlage giebt. Gedieh das weit genug, beginnt ein neuer
Hauptgraben, von dem aus eine anderweitige Lage fortgenommen wird. Daß
der Aufwurf schmaler zur Höhe steige, müssen die Verhältnisse der Ladung
bewirken. Das Wasser in der Tiefe wird vorerst durch hydraulische Mittel
entfernt, dann aber noch mit den nächsten Flüssen in Verbindung gesetzt,
daß man nicht nur einen Berg, sondern zur größeren Verschönerung auch
einen See daneben erziele.

Mit Hunderttausend Thalern ließe sich schon viel sprengen. Manches
Prachtgebäude kostet mehr und bringt doch bei weitem den Eindruck eines
Berges an seinem Orte, nicht hervor. Wirthlichkeit muß es aber noch weit
wohlfeiler bewirken können.

Bei Berlin, in der Gegend der sogenannten Jungfernhaide, zum Wedding und
Gesundbrunnen hin, ein großer gekrümmter See, mit Wiesen diesseits, mit
einer stattlichen, bepflanzten, in verschiedenen Kuppen sich endenden
Bergreihe jenseits, ein andrer See zwischen Tempelhof und Schöneberg,
der den Templower Berg, mit seiner Erde spitz erhöht, einige kleinere
Anlagen auf der nordöstlichen Seite -- würde die Landschaft da nicht
bald einen anmuthigen, ja romantischen Charakter empfangen? Und die dann
entstehenden, entzückenden Aussichten, von den Höhen über die große
Stadt!

Ohne diese Theorie hätte dergleichen, wenn gleich nicht so vollkommen,
mit Menschenhänden zu Stande gebracht werden können, wären seit dem
siebenjährigen Kriege die vielen müßigen Soldaten außer dem sogenannten
Dienst auf diese Weise beschäftigt worden. Und welche Kunststraßen
hätten sie in einem solchen Zeitraume anlegen können!

Aber freilich, sie mußten ihre Kraft allein der Waffenübung zuwenden --
um das Vaterland einst mit hohem Nachdruck zu vertheidigen.



                            Letztes Buch.



                           Erstes Kapitel.
               Wie Flore den Zustand der Dinge vorfand.


Flore hatte ihre Residenz eilig verlassen, und wenig Vorkehrungen wegen
des Regiments während ihrer Abwesenheit gemacht, doch fand sie alles mit
Treue und Gewissenhaftigkeit verwaltet. Der alte Darkullaner hatte viele
Glieder des Divans mit den Einzelgeschäften beauftragt, und so war alles
in der Ordnung gegangen.

Am anderen Morgen nach ihrer Rückkunft ließ sie sich Bericht erstatten.
Es war überhaupt lange nicht geschehn, und die unbeständige Sultanin
etwas nachläßig gewesen. Die vormaligen Divanglieder zeigten mit einigem
Nachdrucke der Stimme an, daß, was sonst nimmer in Darkulla erfolgt war,
viele Bürger Einander um Schuld und Rückstände verklagt hätten.
Gewöhnlich sei der Gegenstand irgend ein gekauftes und noch nicht
bezahltes Kleidungsstück. Ja, es habe sogar ein Darkullaner den andern
erschlagen, um ihm einen köstlichen durch die Caffern gefertigten Mantel
zu nehmen; demnächst wären die Knechte sehr schwierig gegen ihre Herren,
fast täglich liefen da Beschwerden ein. Sie wollten bei großer Dürre
(sonst gabs keine Ackerverrichtungen, als daß man säete und ärndtete)
kein Wasser auf die Gefilde tragen, darüber sei manche Frucht
untergegangen, auch das Gold nicht aus den Flüssen waschen, daß also die
Herren der Sultanin nicht so viel Gold als sie sollten, entrichten
könnten, und also ein Ausfall in den Einkünften vorhanden sey. Sogar
habe es von einem neuen Aufstande gegen die Regierung verlauten wollen,
was aber noch bei guter Zeit unterdrückt worden wäre.

»Ihr wollt mich überzeugen, daß Laster im Gefolge meiner Neuerungen
entstanden sind. Zufolge der menschlichen Natur, ist es schwer zu
vermeiden, die Güte der Gesetze vermag aber viel dagegen. Wartet nur
noch kurze Zeit, ihr werdet euch einer trefflichen Regierung freuen!«

Jetzt traf Flore Anstalten zu dem bevorstehenden hohen Feste. Alonzo und
Perotti mußten alle ihre Erfindung aufbieten. Wie Cäsar das ganze Volk
von Rom speiste, sah man Dürftigkeit, gegen die Fülle, welche hier
herbeigeschafft wurde. Cäsar hatte aber keinem Darkulla zu gebieten.

Auf einem schönen Anger, nahe an der Stadt, wurden in Eile lauter kleine
runde trockne Teiche gegraben, und mit Perlmutter und breiten Muscheln
fest ausgelegt. Dann füllte man sie, entweder mit dem trinkbaren
süßberauschenden Blumenthau von Darkulla, mit dem frischgepreßten Most
der edlen wilden Reben, mit der Milch der Angoraziegen, die auf den
duftenden Hügeln weideten, mit einem Sorbetähnlichen Gemisch, oder dem
ausgedrückten Saft von Himbeeren, oder Ananas.

Zwischen diesen Bassins (auf denen, in der Manier des Lord Russel,
Knäbchen und kleine Mädchen auf großen Muscheln herumruderten, und die
Gäste bedienten) wurden nun Lauben gebaut, aus lauter mit der Wurzel
eingegrabenen Fruchtbäumen und Weinranken, daß Pomonens Ueberfluß auf
die Rasentische niedersänke.

Noch leitete man überall kleine Bäche durch, in welchen Austern, roh und
gebraten, wie alle Arten Fische, auf die leckerste und verschiedenste
Weise zugerichtet, geschwommen kamen.

Gebraten Geflügel aller Art, dem sowohl die Schwingen gelassen, als auch
mit kleinen Bläschen voll brennbarer Luft versehn waren, flatterte
umher; so liefen Haasen, Kaninchen, Rehe völlig zubereitet zwischen die
Lauben, denn die brennbare Luft half ihnen fort.

In der Mitte des Angers steckte an einer Zeder von ungeheurer Länge, ein
weisser Elephant, und wurde bei einem gewaltigen Feuer gedreht. In
seinem Bauch befanden sich drei bis vier Ochsen, die wieder Ziegen oder
Rehe in den Eingeweiden hatten, worauf Lämmer, Spanferkel, Eichhörnchen
folgten, zuletzt kam immer eine kleine weisse Maus, von besonders zartem
Geschmack.

So trugen andre Vorrichtungen Strauße von ausnehmender Größe, denen
Schwan, Pfau, Gans, Fasan, Papagoi, Waldschnepfe, bis zum Zaunkönig
einverleibt waren.

Eine Giraffe lag auf einem Rost von Mastbäumen, und ein kleines Wäldchen
war allein zu dieser Feuerung umgehauen.

So war alles in Bereitschaft gesetzt worden, als die Neuvermählten drei
Nächte, und drei Tage, der Einsamkeit auf ihrer schwimmenden Insel
gehuldigt hatten.

Gegen Abend ließ Flore das Volk berufen, hielt eine innige Rede, und
ließ sich das allgemeine innige Versprechen geben, daß man mit dem, was
sie anordnen würde, zufrieden seyn wolle. Das Volk sah die festlichen
Anstalten, wallte von Liebe über und verhieß.

Nun steuerte Flore nach dem Eilande, das eben nicht weit vom
Pallastgarten schwamm. Das junge Paar wollte gar nicht glauben, daß
schon drei Tage geschwunden waren, stritt, bat um Verlängerung seiner
Einsamkeit, aber Flore willigte in nichts. Das Volk ist zum Feste
versammelt, sprach sie, nun gelte die allgemeine Freude.

Coutances und Isabelle mußten folgen, so schwerfällig ihr Tritt auch
war. Sie wurden vorerst in den Pallast geführt, um sich zu schmücken,
dann ging es in Begleitung des Hofes, der hohen Staatsdiener, der
Garden, und allem was den Glanz des Gefolges mehren konnte, zum Gefilde
hinaus.

Der Mond ging diesen Abend später auf, daher war es dunkle Nacht. Den
Neuvermählten kam es schon sonderbar vor, in die Finsterniß geleitet zu
werden, doch das Zeichen einer Rakete, und ein bewundernswürdiges, jeder
Erwartung spottendes Schauspiel, überraschte ihre befremdeten Blicke.

Nicht weit von der Hauptstadt befand sich nämlich ein hoher spitzer
Berg, dessen Inneres viel Schwefeladern enthielt. Alonzo war darauf
gefallen, einen Vulkan daraus zu machen, der dem Mahle am Feste leuchten
sollte. Mit Hülfe einer großen Menschenmenge, hatte man den Berg also
bis auf den Schwefel gehöhlt, und noch Harz, Pech, Salpeter,
Eisenschlacken u. s. w. in großer Menge hineingeworfen, auch dergleichen
Materien die Fülle daneben unter Schirmdächern aufgehäuft, um immer
wieder Nahrung in den Krater werfen zu können. Damit auch keine
Explosion, sondern eine Strömung erfolgte, wurde ein kleiner Bach hinein
gelenkt, der den schnellen Ausbruch dämpfen konnte.

Da nun die Rakete winkte, zündeten die Männer, deren Obhut der Vulkan
übergeben war, an, und ein dicker Feuerstrom, in allen Farben spielend,
stieg majestätisch gegen den Aether empor, und erhellte die ganze
Gegend. Nicht der Mittag stellt die Dinge klarer dem Auge dar, wie diese
eindruckreiche, magische Beleuchtung.

Isabelle schrie bewundernd auf, Coutances erstarrte. Sie wußten nicht,
sollten sie den Blick nach der Lichtsäule wenden, oder nach dem
unübersehbarem Volke und den Anordnungen der Lust, oder nach der Stadt,
deren Prospekt in dieser Helle etwas Hinreißendes zeigte.

Coutances, rief Flore, die alte Weissagung trifft ein, ihr seid Sultan
von Darkulla. Euch und Isabellen übergebe ich Land und Herrscherstab,
und des Volkes Zusage: meiner Verfügung froh zu begegnen, ward mir. Ihr
kühner, alles hoffender, jedem Hinderniß spottender Geist, Isabelle,
wird in Wonne schwelgen, diesem Volke edlere Bildung zu erziehn, und
viel kann ein so warmer Wille umfassen. Für mich, die Schwächere, paßt
das Riesenwerk nicht, und ich folge dem Zug ins Vaterland.

Isabellens Auge glänzte. Freundin, diese Großmuth -- Coutances rief:
Meine Ahnung!

Nichts von Dank, wo er mir nicht gebührt, fuhr Flore fort, Herolde
verkündet meinen Willen! juble Volk deinen Gruß dem neuen
Herrscherpaare!

Bald ras'te das betäubende Freudengeschrei, denn auch in Afrika fliegen
die Herzen und Erwartungen neuen Regenten zu.

Dann nahm der Hof unter seinen Goldbaldachinen Platz, die Menge
vertheilte sich in die Lauben. Der Schmaus, der stattliche, begann. Dann
durchtönten tausend afrikanische Instrumente die Luft, und die
freudetrunkenen Paare wirbelten im bachantischen Tanz dahin.

Der heiße Neger ist bei solcher Gelegenheit nicht so zu zügeln, wie der
Europäer, besonders der verfeinerte, bei dem oft eigne Schwäche zur
Polizei wird. Vom Mittelalter lesen wir aber, daß auch in unserm
Welttheile bei Trunk und Tanz Gefahr für die Jungfrauen erwachsen sei.
Dort aber ward es ungemein arg damit. Des Hofes Ansehn, die wenigen
Eunuchen richteten nichts aus. Flore mußte sogar, des Aergernisses
halber, zornig gebieten, daß der Vulkan mit seiner Feuerfontaine
einhielt, wodurch die Sache freilich viel schlimmer ward.

Bei dem allen darf man hier nicht an das vom Tigellinus dem Nero
gegebene Gastmahl, denken, wovon Tacitus im funfzehnten Buche der
Annalen ein Gemälde liefert.

Der Hof kehrte auch, früher wie er es gedacht, zurück in den Pallast.



                           Zweites Kapitel.
                         Isabellens Entwürfe.


Am andern Morgen sprach Flore: Ich gebe nun alle Regentengeschäfte in
ihre Hand, theure Isabelle, und rüste mich zur Reise. Eine gute
Bedeckung nehme ich mit, das letzte worüber ich noch gebieten will.

Jene komplimentirte viel, Flore mögte doch noch da bleiben, sie mit Rath
unterstützen, ihre ersten Einrichtungen prüfen, es war ihr sogar Ernst
damit, denn Flore hatte sie gewonnen; diese blieb aber fest.

Es bedarf meines Raths nicht, schöne Hispanierin, sie haben den Gemahl
und Vater. Auch ist das Volk eine Tafel von Wachs, die alle Eindrücke
leicht empfängt. Spätestens nach drei Tagen umarme ich sie zum
Letztenmale.

Isabelle weinte ein wenig, dann trocknete sie aber die Augen, und hub
mit allem Feuer einer poetischen Projektantin an: Hören sie wenigstens
an, was ich mit der Religion vorhabe. Ich denke eine _neue_ zu stiften.

Flore versetzte: Das Volk ist noch offen dafür. Es geschah sogar Einiges
die Bahnen zu ebnen.

Hören sie, fuhr Isabelle fort: die Darkullaner sollen den
Unerforschlichen anbeten, dem alle Nationen, wenn schon nach
verschiedenem Cultus, Altäre bauen, doch ohne Simbol, ohne Kirche, nur
unter dem Dom des Sternenhimmels. Selten die hohe, öffentliche, rein
geistige Verehrung, etwa beim neuen Jahr, nach der Erndte, am
Stiftungstag der neuen Weihe. Damit aber die edlere Sinnlichkeit, einen
Spielraum vor sich eröffnet sieht, damit die Künste in einen schönen
Bund mit dieser Religion treten können, nimmt sie geheiligte Heroen auf,
denen Tempel zu bauen, und Gebilde aufzustellen sind. Diese knüpfen das
Erdenleben an das Göttliche, deuten, bestimmen, ordnen die
Menschenpflicht. Christus ist einer der Hochverehrten; die Kindheit, die
Freundschaft, der Brudersinn, die Aufopferung sind sein Gebiet. Heiter
werden seine Tempel erhöht, die rührenden Szenen seiner Legende mag die
Kunst darin abbilden. Das Kind empfängt dort Unterricht, und wird mit
dem Jugendkranz entlassen; Feinde werden dahin geführt, sich zu
versöhnen. Trost und Stärkung schöpfen hier Unglückliche, denn auch die
Unsterblichkeit verbürgt der Heilige. Maria, die schöne, sanfte, milde,
ist die Harmonie der Liebe. Ideale sind ihre Gemälde, die Dichtkunst
legt ihre erhabensten Erfindungen, von Bildners Hand verwirklicht, an
ihren Altären nieder. Jünglinge und Mädchen, deren Herz spricht, mögen
hier flehen. Das Eheband wird hier geknüpft. Moses ist der Heros des
Rechtes. In seinen großen ersten Tempeln werden die Gesetze ausgehängt,
die Richter, seine Priester, halten Gericht. Daß das Recht ein Theil der
Religion werde, scheint mir passend und heilsam. Auch Mahomed ist ein
Heros dieser Religion, denn ich muß ja meinen Darkullanern begegnen. Ihm
gehöre der Krieg. Gilt es das gute Recht, das Vaterland zu vertheidigen,
dann werde sein sonst geschlossener Tempel geöffnet, der Kämpfer heiligt
seine Waffen vor den Bildsäulen des Furchtbaren, und der begeisternde
Streitgesang ertöne.

Was meinen sie, wenn einst Maler, Bildhauer und Dichter in Darkulla
erstehen, wird nicht diese Religion hohe Schönheit gewinnen, kann sie
nicht gute edle Menschen erziehn? Das bürgerliche Gesetz sei innig damit
verwebt, nur Greise die Priester, daß allem Mißbrauch vorgebeugt wird.

Flore war gerührt, umarmte die Freundin, wünschte das herrlichste
Gedeihen, und zog sich dann auf ihr Zimmer zurück.

Hier fing sie heftig an zu weinen. Wie, sprach sie zu sich, mein
Geschick ist so verwickelt, so sonderbar, aber oft komme ich doch mit so
guten Menschen, mit so wichtigen erhabenen Dingen in Beziehung. Was bin
ich gleichwohl? Eine Verworfene!

Aechte Magdalenenthränen, die sie aber ehrten, strömten reichlich von
ihren, aus Rührung bleichen Wangen nieder.

Ja Flore, du warst einst eine Verworfene, aber eine überaus unglückliche
Erziehung, die deine guten Anlagen untergrub, widrige Umstände, böses
Beispiel rissen dich in den Abgrund. Eine andere an deiner Stelle, die
jetzt vielleicht eine freundlichere Fügung, zum achtbaren gerühmten
Weibe machte, hätte auch sinken müssen. Richte dich auf, du hast in
dieser Büßung viel Schmach von der Tafel deiner Erinnerung weggetilgt!
Richte dich auf, du hast auch viel Gutes gewirkt, und der Wille, der
jetzt in deinem Busen lebt, ist fromm und tadellos! Die Reue verdient
Lob, aber sie vergifte nicht die heitre Laune, die in so manchem Sturm
des Lebens dich über den Wogen erhielt.

Nun, zu sehr ist das Letztre auch nicht zu fürchten. Flore ist eine
Pariserin. Schon trocknet sie ihre Thränen.



                           Drittes Kapitel.
                        Abreise von Darkulla.


Vierundzwanzig Elephanten ließ Isabelle mit Goldstaub beladen. Wozu so
viel? rief Flore? Ist des Plunders nicht genug in Darkulla? gab die
Sultanin zur Antwort.

Werde ich auch mit den Elephanten durch die Wüste kommen? fragte wieder
die Exsultanin. Alonzo rief: Nehmen sie noch vierundzwanzig. Zwölfe
mögen Fütterung, zwölfe Wasser tragen. Nun wurden dreihundert
Darkullaner, und dreihundert Beduinen, lauter stattliche treubewährte
Männer, zur Bedeckung ausgesucht, ohne die Elephantenknechte. Den
wackern Imar bestimmte Coutances zum Befehlshaber über die Krieger. »Ich
stehe dafür, der Araber wird den Durchzug erzwingen, wo man ihn
verweigern will.«

So wurde nun die Reise angetreten, und der Hof geleitete Floren bis an
den Ausgang der Felsenkette. Hier schied man ohne Sentimentalität, aber
nicht ohne Thränen.

Floren ward sonderbar, wie der Weg sie nun immer weiter führte. Der
Himmel ihrer Hoffnungen war geröthet, und auch nicht, sie verließ
Darkulla gern, und auch ungern, Wehmuth und Zufriedenheit wechselten,
ein fortwährender Streit der Empfindungen. Doch wie sie nach einigen
Tagen beim Zurückblicken keine Felskuppe des verlassenen Landes mehr
sah, da zog es sie entschiedner vorwärts, und sie war beruhigt, daß sie
die schönste Natur des Erdbodens, und die Freunde nicht wieder sehn
würde. --

So war Flore denn vom innern Darkulla entfernt. Der Leser suche aber das
reizende Land auf keiner Karte, er wird es nicht durch Guidotti,
Houghton, Mungo Park, Borheck oder Forster beschrieben finden; es liegt
zu versteckt, und ist den Geographen entgangen. Das große Darkulla
findet er wohl; so gut wie Louisiana, aber nicht die Gegenden, wo
Chateaubriants Atala wandelte.

Es währte jedoch nicht lange, so erwarteten unsere Reisende herbe
Unfälle. Die Häupter des Landes außer den Felsen, erhielten Kundschaft
von ihr, und den Reichthümern, mit denen sie von dannen zog. Sie
meinten: es sei Unrecht, das Köstliche so in die Fremde zu schleppen,
kamen mit gewaffneter Hand, und fielen sie am Wege an. Es gab einen
hartnäckigen Kampf. Imar führte tapfer und kräftig an, hatte aber das
Unglück, tödtlich mit einem Pfeile verwundet zu werden. Flore gerieth
außer sich vor Bestürzung, und theilte nun selbst die Rollen des
Trauerspiels aus. Brav fochten ihre Streiter, aber nach großem Verlust
an Mannschaft, hinderten sie der Feinde Beute doch nur zur Hälfte. Zwölf
goldbeladne Elephanten gingen verloren.

Flore beweinte Imar, waffnete sich des eingebüßten Reichthums wegen aber
mit Philosophie, und zog weiter.

Sie kam ohne neuen Unfall mit den zwölf übrigen Thieren bis Darfur. Auf
der Gränze forderte man Eins als Abgabetribut für den Sultan
Abdelrachman. Die Begleitung war geschwächt, die Forderung nicht zu
verweigern. In der Residenz lud sie aber der Herrscher zum Mahl, und
redete wie ein welker Salomo über die Nichtigkeit der Erdengüter.

Am Ausgang des Reiches Darfur, baten sich die Mauthner abermals einen
Elephanten aus. Fahre hin, dachte Flore, kaufe ich doch mit dem Rest
noch eine ganze Gasse von Paris.

Doch es sollte noch viel schlimmer gehn. In der großen Wüste konnten die
Thiere, bei aller Aufmerksamkeit für sie, und allen reichlichen
Vorräthen, nicht ausdauern. Es sank Eines nach dem Andern zu Boden, die
Ladung war nicht fortzubringen, mußte da im Sande liegen, und was das
ärgste war, so ließ sich auch nicht daran denken, sie ein Andermal mit
Kameelen abzuholen. Denn wenn die Elephanten, die entkräftet, nicht eben
behende sind, hinsanken, gingen meistens die Kisten, worin der Goldstaub
gepackt war, entzwei, der Wirbelwind der Wüste ergriff ihn -- dahin flog
der Welt Herrlichkeit.

Eine starke Seele erschüttern die tückischen Angriffe des Schicksals
wenig, auch der Leichtsinn giebt einen erprobten Balsam gegen seine
Wunden. Flore jubelte, daß sie nur zwei lebendige Elephanten mit ihren
Schätzen ins fruchtbare Land von Oberegypten brachte. Immer trugen sie
noch genug, um in Paris unter den Reichsten zu glänzen.

Die Männer der Bedeckung lagen ihr hier an, entlassen zu werden. Der
Rückweg ist lang und gefahrvoll, sprachen sie, wir werden im äußern
Darkulla ohnehin uns zum Gebürge durchschlagen müssen. Kaufe dir hier
Sklaven, die die Thiere führen, das Land ist bebaut, die Straßen sicher.

Schon seit mehreren Tagen hatte Unzufriedenheit unter ihnen geherrscht,
und das wohl, weil bei dem großen Verlust, den Flore erlitten hatte, sie
geringe Belohnung ihrer Mühseligkeit erwarteten.

Diese war sehr betroffen, doch indem sie am Ende gar Meuterei zu
befürchten hatte, beschloß sie, den Männern zu willfahren, sobald sich
nur etwas mehr Sicherheit auf dem Wege entdecken ließe.

Dieser Fall trat bald ein, denn Flore stieß auf einen Trupp
französischer Soldaten, bei deren Anblick sie in lauten Ausruf des
Entzückens ausbrach. Sie erfuhr, daß man vermuthlich Egypten räumen
werde, da ließ sich denn also noch hoffen, unangefochten bis ans
mittelländische Meer zu gelangen. Hätte Flore aber länger in Darkulla
gezaudert, und wäre nach dem Abmarsch ihrer Landsleute in Egypten
angekommen, würde schwerlich auch die Bedeckung von Negern und Beduinen
sie gegen die wilden Ausbrüche des Hasses gesichert haben.

Sie kaufte, oder miethete sich vielmehr einige Sklaven, denen sie die
beiden Elephanten übergab. Einen französischen Troßknecht nahm sie in
Dienst, ihres Reitpferdes zu warten. Nun wurden einige Edelsteine an
Moggrebinische Kaufleute veräußert, und ein Paar Kameele mit
Lebensmitteln für die Afrikaner beladen, jeder von ihnen empfing ein
reichlich Geschenk, und so wurden sie entlassen.

In dem Briefe an Isabellen, den sie auch mitnehmen mußten, sprach Flore
nichts von ihren Unfällen, die Freundin nicht zu betrüben, wiewohl die
Boten davon keinesweges werden geschwiegen haben, wenn sie glücklich zu
dem Orte ihrer Bestimmung gekommen sind. Der letztere Umstand ist aber
mit Recht zu bezweifeln, denn man hörte kurz darauf von einem
neuausgebrochenen wilden Kriege zwischen vielen Völkerschaften gegen die
Mitte dieses Welttheils. Darfur, Habesch, Bergu, und andre Reiche
sollten Theil daran haben; da werden diese, ohnehin durch jenes Treffen,
und Krankheiten in der Wüste, beträchtlich an der Zahl verminderten
Krieger, wohl unter irgend einen wüthenden Schwarm gerathen, und
umgekommen sein.



                           Viertes Kapitel.
               Flore trifft den guten wohlthätigen Bei.


Die Soldaten, an welche Flore sich nun geschlossen hatte, nahmen den Weg
gegen die Ruinen von Theben. Nach einigen Tagen erreichte man die
bewundernswürdigsten Denkmäler, welche das ganze Alterthum der Gegenwart
nachließ.

Wie staunten die Reisenden! Flore setzte sich zu einem Zeichner, auf ein
Säulenstück. Dieser hatte Sonninis Reisen bei sich, und las der
Gesellschaft folgendes Fragment daraus vor, welches die schon lebendig
erregte Begeisterung noch mehr entflammte:

»Wir langten bald darauf in dem elenden Dorfe Karnack an, dessen Hütten
den Glanz der prächtigen Ruinen, die um sie her liegen, nur desto mehr
erhöhen würden, wenn etwas mit den Ueberresten von Theben, einer
berühmten Stadt aus dem Alterthume, die Homerus besang[5], verglichen
werden könnte. Eine Meile weiter hinauf liegt Luxor, das auch ein Dorf
und auf dem äußersten Südende der Stelle erbaut ist, die diese berühmte
Stadt auf dieser Seite des Flusses einnahm. Man hätte mehr Zeit, als ich
hatte, und mehr Sicherheit haben müssen, als auf diesem Boden herrschte,
der mit Ruinen und Räubern bedeckt war, wenn man die Trümmern, die die
Unsterblichkeit den Anfällen der Zeit, und der Wuth der Barbarei
entrissen hatte, genau und vollständig hätte untersuchen wollen. Nicht
weniger schwer würde es sein, wenn ich die Eindrücke beschreiben wollte,
die der Anblick so großer, so majestätischer Gegenstände in mir
hervorbrachte. Es ergriff mich nicht eine bloße Bewunderung, sondern es
überfiel mich eine Entzückung, die den Gebrauch aller meiner Kräfte
aufhob. Lange blieb ich bewegungslos vor unnennbarer Wonne stehen, und
fühlte mich mehr als einmal bereit, mich zum Zeichen der Ehrfurcht vor
Denkmälern niederzuwerfen, die alle menschliche Erfindung, und alle
menschliche Kräfte zu überschreiten scheinen.«

[Fußnote 5: Der deutsche Uebersetzer des Sonnini führt an: »_Achilles_
sagt beim _Homerus_: Nie werde ich mich vom Agamemnon überreden lassen,
ins Lager der Griechen zurückzukehren:

   Böt er sogar die Güter Orchomenos oder was Theben
   Hegt, Aegyptos Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen.
   Hundert hat sie der Thor' und es ziehen zweihundert aus jedem
   Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren.

      Ilias B. IX. 383. (nach Voß Uebers.)]

»Obelisken, kolossalische und andere ungeheure Statüen, Zugänge, die
durch Sphinxe gebildet werden, und durch die man noch hineingehn kann,
obgleich der größte Theil von den Statuen zerbrochen, oder unter dem
Sande vergraben ist; gewölbte Gänge von einer ungeheuern Höhe, wovon
noch einer von 170 Fuß Höhe und 200 Fuß Breite vorhanden ist:
unermeßliche Säulenstellungen, deren Säulen über zwanzig, und einige
sogar ein und dreißig Fuß im Umfange haben; Farben, die noch durch ihre
Schönheit in Erstaunen setzen; Granit und Marmor, die bei dem Baue in
Menge verschwendet sind; ungeheuer große Steine, die von Knäufen
getragen werden, und die diesen prächtigen Gebäuden zur Decke dienen;
endlich Tausende von umgestürzten Säulen, alles dieses nimmt eine
Strecke von einem sehr großen Umfange ein.«

»Wie sehr sinken die so gerühmten Gebäude _Griechenlands_ und _Roms_ vor
den Tempeln und Pallästen des _egyptischen Thebens_ herab. Seine stolzen
Ruinen sind noch imposanter als ihre prächtigen Zierrathen, und seine
ungeheuer großen Trümmern sind noch ehrwürdiger, als ihre vollkommene
Erhaltung. Der Ruf der berühmtesten Gebäude verschwindet vor den Wundern
der _egyptischen_ Baukunst, und wenn man sie würdig beschreiben wollte,
müßte man das Genie der Männer besitzen, die den Plan dazu entworfen und
denselben ausgeführt haben, oder man müßte so beredt als Bossuet
schildern[6].«

[Fußnote 6: Eines Abends zog ich mich, den Geist mit den Wunderwerken,
die ich gesehen hatte, angefüllt, in eine von den Hütten zu Luxor
zurück, und las nochmals mit Enthusiasmus _Bossuets_ Stelle durch, wo er
nach Thevenots Erzählung, eine kurze Uebersicht von den Ruinen von
Theben giebt. Man kann von Werken, die Ehrfurcht und Bewunderung
einflößen, nicht in einer erhabneren Sprache sprechen. Ich glaube meinen
Lesern einen Gefallen zu erzeigen, wenn ich diese Stelle hier einrücke,
die ihnen ohne Zweifel noch eine vollkommenere Vorstellung von Orten
geben wird, die des Pinsels des französischen Redners würdig sind.

   »Die Werke der _Egypter_ waren für die Ewigkeit gemacht. Ihre
   Bildsäulen waren Colosse, ihre Säulen unermeßlich groß. _Egypten_
   hatte seine Absicht auf das Große gerichtet, und wollte die Augen
   auf sich ziehn, indem es dieselben stets durch die Richtigkeit
   der Verhältnisse befriedigte. Man hat in dem _Saib_ (man weiß,
   daß dies der Name der _Thebais_ ist) Tempel und Palläste
   entdeckt, die beinahe noch vollkommen erhalten wurden, wo diese
   Säulen, und diese Statüen unzählbar sind. Man bewundert daselbst
   vorzüglich einen Pallast, dessen Ueberreste blos darum scheinen
   stehen geblieben zu sein, um den Ruf aller der größesten Werke zu
   vernichten. Vier Gänge die so weit reichen, als man sehen kann,
   und an deren beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einem eben
   so seltnen Stoffe gehauen sind, als ihre Größe merkwürdig ist,
   dienen einer Halle, deren Höhe die Augen in Erstaunen setzt, zu
   Eingängen. Welche Pracht und welche Größe! Noch haben diejenigen,
   die uns dieses ungeheure Gebäude beschrieben haben, nicht Zeit
   gehabt, darin herumzugehn, und sie wissen nicht einmal, ob sie
   die Hälfte davon gesehen haben, alles aber erregte ihr
   Erstaunen.«

»Ein Saal, der ohngefähr in der Mitte dieses prächtigen Gebäudes war,
wurde von sechsundzwanzig Säulen getragen, die sechs Klaftern dick,
verhältnißmäßig groß, und mit Obelisken untermengt waren, die so viele
Jahrhunderte nicht haben niederstürzen können. Selbst die Farben, d. h.
dasjenige, was der Macht der Zeit am meisten unterworfen ist, sind noch
gut unter den Ruinen dieses bewundernswürdigen Gebäudes erhalten, und
haben noch ihre ehemalige Lebhaftigkeit. So gut verstand Egypten allen
seinen Werken den Charakter der Unsterblichkeit aufzudrücken.«]

»Der Araber, der zu _Luxor-Ismain_, _Abu-Alis_ Befehlshaber war, und dem
ich einen Brief von diesem Fürsten übergab, nahm mich sehr wohl auf,
dann setzten wir uns zu Pferde, und ritten unter seiner Bedeckung, bei
den Ruinen der alten Residenzstadt der egyptischen Könige herum. Ihre
Pracht und ihre Größe übertrifft alles, was man sich vorstellen kann,
allein neue Ereignisse jagten mich von den Ruinen weg, deren
merkwürdigsten Theil ich untersuchen und zeichnen lassen wollte. Ich
habe blos eine Zeichnung aufnehmen lassen können, die eine sonderbare
Säulenstellung des Theiles von den Ruinen vorstellt, wovon das Dorf
_Luxor_ umgeben ist.«

Der Europäer, und nur der Alterthumskundige vermag den tiefen Eindruck
dieser edlen Erhabenheit in sich aufzunehmen, doch ging das sonst nicht
ohne listige oder gefährliche Störung an. Nun aber in Gesellschaft
bewaffneter Soldaten wurde jede Nachforschung leicht, kein hoher Genuß
vernichtet. Und hätte die Expedition der Franzosen, ganz gewiß noch
einst folgenschwer, auch nichts bewirkt, als der gebildeten Welt all die
herrlichen authentischen Werke über Egypten zu geben, so würde die
Nachwelt sie schon mit Preis und Dank nennen.

Zwei bis drei Tage hielt man sich hier auf, bewunderte, maaß, zeichnete,
beschrieb. Flore half die Meßkette tragen.

Am letzten Tage irrte sie allein ein wenig umher, bog um eine dicke
Mauer, und wurde einige Menschen von dürftigem Ansehn gewahr, die ihr
etwas Bekanntes zu haben schienen. Jene erschracken, und wollten sich
verbergen, Flore ermuthigte sie, und fragte gutmüthig: ob sie ihnen
worunter nützlich werden könne?

Auf den vernommenen Ton ihrer Stimme wandte sich der Eine von den
Männern etwas rasch um, und blickte mit starrem Auge auf Floren. Diese
ihrerseits prüfte, forschte näher mit ihren Blicken -- siehe da! sie
hatte den Bei vor sich, den gutmüthigen, der sie einst von Schmach und
Tod gerettet, sie mit Geschenken und Freundschaft überhäuft hatte.

Sie freute sich hoch, aber mit Beben erkundigte sie sich; warum er doch,
mit seiner wackeren Gattin (denn auch sie saß da, in einen einfachen
Schleier gehüllt) und wenigen Knechten, sich an dem abgelegenen Orte
befände?

Der Bei, nachdem er sich von seinem Staunen erholt hatte, erzählte ihr
in Kurzen, wie er nicht nur durch die Zeitumstände von allem Einfluß,
und allen Einkünften ausgeschlossen worden sei, sondern auch noch das
herbe Unglück erlebt habe, auf jenem Landhause, seiner Schätze beraubt,
ja bis auf die ersten Bedürfnisse an Kleidung, geplündert worden zu
sein. Seine eignen Knechte hatten mit diebischen Arabern einen Bund
geknüpft, sich nach der That entfernt, und vorher alle Gebäude in Brand
gesteckt.

Waren die nicht dabei, welche mich geleiteten? rief Flore.

Ich vermuthe, diese waren die ruchlosen Anstifter, entgegnete der Bei.

»O das ist mir glaubwürdig genug. Auch an mir frevelten die Verräther.«

Sie fuhr nicht weiter fort, sondern dem ersten Gedanken, der ihr Herz
füllte, wärmte, fortzog, folgend, sprang sie zu ihren Elephanten. Sie
waren schon beladen, denn man wollte aufbrechen. Hierher, Knecht, mit
dem Einen! rief sie. Der verwunderte Bei sah sich plötzlich reich, seine
Gattin empfing einen Kuß, und Flore war in dem Säulenlabyrinth
verschwunden.

Da sie floh, und mit den Truppen fortwanderte, warf eine Stimme in ihrem
Innern ihr vor: »Aber so viel! die ganze Hälfte!« und eine andre fragte:
»Konnte ich weniger thun?«

Die erste mußte bald verstummen.



                           Fünftes Kapitel.
                 Neues Unglück und Ankunft in Cairo.


Sie zogen ohne Abentheuer, und ohne Merkwürdigkeiten zu sehn, mehrere
Tage fort; dann mußten sie sich über den Nil setzen lassen. Hier war es,
wo die arme Flore eine neue schwere Tücke des Schicksals erfahren
sollte. Es ging ihr genau nach der uralten Bemerkung, daß das Unglück
nicht Einzeln zu kommen pflegt.

Die Fähre, welche am Ufer vorgefunden wurde, war nicht geräumig, das
Commando mußte in zwei Abtheilungen eingeschifft werden. Der Elephant
blieb zuletzt, und es machte große Mühe, bis er zu bewegen war, in das
Fahrzeug zu steigen. Flore wollte nicht von ihrem Besitzthume entfernt
sein, aber sie fürchtete die plumpen Bewegungen des Thieres, deshalb
fuhr sie in einem kleinen Boote neben der Fähre her. In der Mitte des
Stromes muß unseligerweise ein Nilungeheuer, Hippodamus genannt, an der
Fähre in die Höhe springen, wie man wohl, die Ostsee beschiffend,
plötzlich erscheinende Seehunde wahrnimmt. Der Elephant entsetzt sich,
wird scheu, fängt an hin und her zu springen, dadurch verliert das
Fahrzeug das Gleichgewicht, die Ruderer schreien auf, springen in die
Fluth, sich durch Schwimmen zu retten, und das Fahrzeug schlägt um. Der
Elephant geht sogleich, von seiner Last in die Tiefe gedrückt, unter.

Flore fing laut an zu lachen. So komme ich also wieder nach Cairo, wie
ich auszog, rief sie. Aller Reichthum von Darkulla ist dahin, ich kann
die ganze Hoheit von Darkulla einen Traum nennen, und anders soll sie
auch in meinem Gedächtnisse nicht aufbewahrt werden.

Man kann nicht gefaßter seyn, wie sie es war. Andere hätten daran
gedacht, durch Taucher, die Ladung des Elephanten suchen zu lassen, sie
dachte aber: wer weiß, wohin der Strom das Thier wirft, wo find ich
solche Leute, _allein_ wäre ich mit ihnen nicht sicher, und die Soldaten
müssen fort. Fahre hin Reichthum! Finde ich nur in Cairo, was ich noch
zu fordern habe, läßt mich das Geschick Paris wieder erreichen, Ring
einst wieder sehn, so will ich gern sagen: mir _träumte_ einmal, ich
wäre Sultanin von Darkulla.

Wenn das Verhängniß nur Reichthum nimmt, ist es noch milde genug, aber
wenn auch die Freiheit verlohren geht, (wie Bajazeth, nachdem ihm
Tamerlan alles genommen hatte, noch in den Käficht kriechen mußte,) dann
wirds arg, und viel ärger, wenn man ein persischer Prinz ist, eine
Hauptschlacht wider den Gegner verloren hat, gefangen wird, und dann die
Augen hergeben muß.

Entstände die Frage: welchen Sterblichen nennt die Geschichte, der am
bittersten verlor; so wäre man geneigt zu antworten: der liebende
Abälard, da er durch die Greuelthat -- -- -- -- allein die ächt feinen
Gemüther, die das Menschliche ins Göttliche zu versenken wissen, können
antworten: Abälards Liebe verlor nicht, sie gewann. --

Die Ungewitter des Schicksals toben aber bisweilen aus. Ist ein
ungeheures Weh, nach früheren großen, erlitten, darf der Mensch auf
einen entwölkten Horizont hoffen. Flore kam nach Cairo, eilte nach ihrer
vorigen Wohnung, und so lange sie auch entfernt war, so lange man nichts
von dem gefangenen Ring gehört hatte, so fand sie alle ihre
Habseligkeiten richtig wieder. Die bravgesinnten Kameraden ihres Mannes
hatten sich der Aufbewahrung und Verwaltung unterzogen. Ja alle
Rechnungsbücher, die die an die Truppen geleisteten Lieferungen
aufzählten, alle Quitungen lagen an ihrem Ort. Es mangelte nicht an
baarer Kasse, und Flore übersah bald, daß Ring über das aus Frankreich
mitgenommne Kapital, mehr als Hunderttausend Franken, in gültigen
Forderungen, ausstehen habe. Das war die Frucht vortheilhafter Einkäufe,
emsigen Fleisses, und des Glückes bei dieser oder jener Unternehmung.

Jetzt waren die Forderungen nicht einzuziehn, doch Anweisungen auf Paris
wurden dargeboten. Flore war damit vollkommen zufrieden, um so mehr, als
sie hinlänglich mit Reisegeld versehn war.

Wie man die Papiere ausgefertigt hatte, beschenkte sie die redlichen
Freunde, und eilte nach Alexandrien. Hier besuchte sie Coraims Eltern,
und erzählte dem jungen Türken von Isabellen, Alonzo, Coutances,
Perotti, der nicht wenig befremdet wurde, und nun um einen Roman reicher
war, wenn er eine Gesellschaft durch Erzählungen vergnügen wollte.

Dann sahe sie sich nach einem Schiffe um, das nach Frankreich segeln
wollte. Sie fand deren jetzt nicht, da die Engländer zu mächtig in den
egyptischen Gewässern umherschwammen, doch lag ein italienischer
Kauffahrer mit Ladung nach Triest im Hafen. Sie beschloß mit diesem ihr
Glück zu wagen, und wurde bald einig wegen der Fracht. Es versteht sich,
daß sie sich jetzt immer wieder der Mannskleider bediente. Doch
wechselte sie den uniformmäßigen Rock, mit bürgerlichem Frack und
Ueberrock.



                          Sechstes Kapitel.
              Reiseabentheuer auf der Fahrt nach Europa.


Welche Gefühle, da Flore das Boot bestieg, welches sie nach dem auf der
Rheede liegenden Schiffe tragen sollte! Welche Gefühle, da die Matrosen
dort die Strickstufen hinabließen, und sie daran zum Verdeck
hinaufstieg! Welche Gefühle, da bald darauf der Schiffskapitain
zufrieden nach dem Wimpel empor schauete, und die Anker lichtende Winde
rüstig gedreht ward!

Sanft theilte der Kiel die blauen Fluthen. Das Schiff ging vor einem
Südostwinde von mäßiger Kraft, kein peinliches Schwanken, das die
Seekrankheit ruft, behagliches Gefühl, nur die sich verkleinernde Küste,
das Zeichen der eilenden Fahrt.

Noch am Abend sahe man wenig mehr vom Gestade des alten romantischen
Egyptens, am Morgen, da Flore ihr Wandbett fröhlich verließ, und zur
Cajüte hinaufstieg, erblickte sie nur Himmel und Wasser, Seemöven, und
in der Entfernung einige englische Stationärs.

Der Schiffskapitain hatte Floren versprochen, im Fall die Engländer das
Schiff visitirten, sie für seinen Sohn auszugeben, denn freilich konnte
sie auf keine Freundlichkeit bei den Britten zählen. Jene Zusage
beruhigte sie aber, denn der Mann hatte eine gewisse Biederkeit an sich,
die ihr Zutrauen warb. Ihre Menschenkunde betrog sich aber.

Sie hatte ihm ein Märchen aufgebunden, nach welchem sie der Sohn eines
alten französischen Offiziers sei, der in Egypten seinen Tod gefunden
hatte. Der Seemann glaubte, bedauerte, und verhieß Wohlwollen aller Art.

Allein in einigen Tagen kam ein englisches Kriegsfahrzeug nahe heran,
und gab das Zeichen die Seegel niederzulassen. Man mußte gehorchen, und
eine Chaluppe brachte mehrere brittische Beamte, welche die Papiere des
Kauffahrers untersuchen sollten.

Sie stiegen an Bord, fanden Frachtbriefe und Ladung richtig, und hatten
nichts einzuwenden, da das Schiff nach einem neutralen Hafen segelte.
Nun kam die Reihe der Passagiere. Die drei, welche außer Floren noch da
waren, fanden keine Schwierigkeit, nun fragte der englische Offizier:
wer ist der junge Mensch? Pässe vorgezeigt!

Es ist ein Franzos! rief der Schiffskapitän. Florens Knie zitterten. Die
Britten ließen ihr ^God damm^ und ^French dog^ vernehmen, und kündigten
ihr an, sie müsse gefangen mit auf das englische Schiff.

Die Arme war bis in den Tod erschrocken, und empört über die
Treulosigkeit des Schiffers, da war aber wenig Zeit zu Ausrufungen,
Verwünschungen und Klagen, sie mußte hinunter in die englische Chaluppe.

Meinen Koffer, rief sie, laßt mich doch mitnehmen, der Italiener
läugnete, daß einer da sei, die Britten wollten sich nicht lange
aufhalten, und ruderten davon.

Ein guter Genius der Vorsicht hatte Floren gerathen, ihre Papiere in
einem Taschenbuche von Wachstaffent, ins Futter der Weste zu nähen, so
hatte sie nun doch alle ihre Anweisungen auf Paris bei sich, und der
treulose Wälsche fand in ihrem Koffer, außer einigen egyptischen
Seltenheiten, und Kleidungen von geringem Werthe, nur wenig baares Geld.

Die Engländer wiesen ihr im unteren Schiffraum ihren Aufenthalt an, der
freilich sehr naß, kalt, und unbehaglich war. Sie konnte nicht einmal
fragen, was man mit ihr vorhabe, da sie nicht englisch verstand. Sie war
übrigens nicht geplündert worden, auch ihr Geschlecht blieb unentdeckt.
Eine Portion Schiffszwieback wurde ihr täglich gereicht, auch wohl
Mittags ein wenig Stockfisch oder Sauerkraut.

Vierzehn Tage lang mußte sie dies traurige, ängstliche, ungewisse Leben
aushalten, und selten wurde ihr vergönnt, ein wenig frische Luft auf dem
Verdecke zu schöpfen.

Dann segelte das Schiff nach Morea, um Wasser einzunehmen. Dort befanden
sich damals russische Truppen, und der junge französische Gefangene, den
man nicht mehr mit sich herumschleppen wollte, wurde ihnen ausgeliefert.

Waren die Engländer rauh, waren es die Söhne Moscoviens noch weitmehr.
Kaum hatte sie den Fuß ans Land gesetzt, als die Kosaken, welche sie ins
russische Hauptquartier bringen sollten, ihr Stiefeln, Ueberrock und Hut
nahmen. Sie gab noch die geringe Baarschaft von selbst hin, und bat
kniend nicht weiter zu gehn, denn sie hatte nun alles zu fürchten.

Knieen, Flehen, Händeringen, das sind inzwischen Dinge, von denen man
gar nicht billigerweise erwarten darf, daß sie auf Kosaken Eindruck
machen sollten. Sie kommen ihnen im Kriege täglich vor, und es ist
nothwendige Regel, daß Gewohnheit für die Eindrücke abstumpfe.

Doch gute Naturen plündern dennoch mit Güte. Sie mißhandeln nicht, und
ziehen die Kleidung behutsam herunter, indem die Versicherung gegeben
wird, es solle weiter nichts geschehen.

Im Anfang des letzten Krieges, den Oestereich mit der Pforte führte,
empfingen die türkischen Soldaten, für den feindlichen Kopf, einen
Dukaten, und suchten dann haushälterisch ein Sümmchen einzusammeln.
Nahmen sie nun Kaiserliche gefangen, und diese wanden sich um Pardon,
sagten die Leutseligen unter den Muselmännern: Fürchte dich nicht! Nur
den Kopf!

Doch zu Floren. In dem gültigen Augenblicke, trat eben ein russischer
Offizier daher, einen schönen jungen Mann in bürgerlicher Kleidung am
Arme. Männer erkennen verkleidete Weibern nicht immer, wenn die
weibliche Abweichungen der Gestalt nicht sehr scharf ausgesprochen sind.
Aber ein verkleidet Frauenzimmer erkennt das andre auf den ersten Blick.

Darum wandte sich Flore auch nicht an den Offizier, sondern seinen
schönen Begleiter, vermuthete aus der feinen Haltung, die französische
Sprache würde verstanden werden, und rief: schöne Dame, retten sie mich,
ich bin wie sie eine Verkleidete!

Der Offizier wurde roth, die andre Person blaß, doch stellte jener
Befehle aus, die Kosaken mußten im Raub Einhalt thun, ja Ueberrock, Hut
und Stiefeln zurückgeben, wofür er ihnen einige Rubel hinwarf.

Er erkundigte sich weiter. Flore fertigte einen kurzen wahren Abriß
ihres Lebens, wo aber manches ausblieb, z. B. das Palais Royal, und das
Königreich Darkulla; wie sie aber von ihren Begebenheiten bei der
polnischen Legion sprach, erwiederte der Offizier: O davon sollst du mir
noch mehr erzählen, ich bin auch ein Pole.

Flore wurde aus den Händen der Kosaken befreit. Ich verantworte alles,
sprach der Offizier und nahm sie mit nach seiner Wohnung, in einem nicht
weit von dem Ankerplatz, wo die Engländer lagen, entfernten Flecken.

Dort mußte nun Flore noch viel über den Krieg in Italien nachholen, und
ihre Reise mit dem Herrn von Jalonski, ein Hauptmoment aus jener Zeit,
kam auch zur Sprache.

Bei dem Namen Jalonski fuhren jene auf. Das ist mein Jugendfreund, rief
der Offizier, mit etwas blassem Gesichte. Die andere Person erröthete,
wie der Vollmond, wenn er dem Meere entsteigt.

Alles was Flore von dem Herrn von Jalonski wußte, mußte sie jetzt
berichten; man nahm nicht nur den lebendigsten Antheil daran, sondern
begegnete ihr nun mit lebhafter Auszeichnung, woran auch der bei ihrer
Erzählung offenbarte Verstand Ursache war.

Sie bekam ein kleines besonderes Zimmer, und die Versprechung, man werde
gewiß Sorge tragen, daß sie ungehindert und sicher nach Venedig oder
Triest gelangte.

Schon da alles schlief, kam die andere Person noch auf Florens Zimmer,
gestand, sie sei eine Verkleidete, und -- Jalonski's erste Geliebte.

Wer denkt man, daß es war? _Maria Gurowska!_ _Joseph_, der russische
Offizier! Nach jenem Aufstand in Warschau hatte er russische Dienste
genommen, und Marie geheirathet. Jetzt stand er schon eine gute Zeit in
Morea, empfand Langeweile, und schrieb nach Taurien, wo sich seine
Gattin befand, sie mögte zu ihm kommen. Sie wählte Mannskleider.

Joseph und Maria Gurowska sind denjenigen bekannt, welche die
Begebenheiten des Herrn von Jalonski lasen; wer die Lesereise durch
gegenwärtiges Büchlein macht, und dem jene Begebenheiten fremd sind,
wird auch mit den beiden Personen vertraut werden, wenn er sich jenes
Buch aus irgend einer Leihbibliothek holen läßt.

Hier wird demnach auch ein Kritiker ausgesöhnt, welcher dem Verfasser
einst den Vorwurf machte: er habe nicht berichtet, was aus Joseph und
Maria Gurowska weiter geworden sei.



                          Siebentes Kapitel.
                             Fortsetzung.


Maria konnte immer nicht genug von dem guten Ignaz hören, und manche
Thräne der Rührung perlte auf ihre holden Wangen nieder, wenn seine
Unfälle berührt wurden.

Die Erzählung mußte nothwendig Sympathie unter den beiden Weibern
erzeugen. Denn man kann verheirathet sein, und den andern Theil achten
und lieben; eine Erzählung, die die Saiten der ersten Liebe berührt,
ruft doch Melodien der Erinnerung, die den orpheischen Mund segnen
lassen. So kettete sich Maria an Floren, und diese gehörte ihr, durch
die Freude an ein solch Gefühl, und den Dank.

Sie wurden Freundinnen von neuer Zeitrechnung, aber innig.

Flore mußte acht Tage hier bleiben, und diese Zeit, ihr ohnehin angenehm
gemacht, diente ihr dazu, sich von den Mühseeligkeiten auf dem
englischen Schiffe zu erholen.

Dann fuhr eine Postjacht nach Corfu. Flore bekam gute russische Pässe
und Empfehlungen, auch Josephs Diener mit, der unterwegs für ihre
Bequemlichkeit sorgen, und ihr eine Gelegenheit nach Venedig oder Triest
verschaffen sollte, die man in Corfu bald zu finden hoffte.

Man schied gerührt. Sehen sie einst Jalonski, rief Joseph, so sagen sie
ihm: wenn schon unsere politischen Grundsätze sich trennten, mein Herz
gehört immer noch dem Jugendfreunde! Maria wandte den Blick weg, sie
konnte nichts sagen.

Das kleine Schiff, von Ragusanern geführt, ging immer längs der Küste,
und lag nach einigen Tagen im Hafen von Corfu. Man fand noch an
demselben Tage eine Brigg, die nach Triest steuern wollte. Flore
miethete ihren Platz darauf, beschenkte den Diener Josephs und ließ
Tausend Dank nach Morea entbieten.

Es gelang ihr, ein französisches Papier, mit einigem Verluste, bei dem
Wechsler, dem sie durch Joseph empfohlen war, umzusetzen, folglich
drückte sie keine Verlegenheit mehr.

Von jetzt an schien das Glück versöhnt, der Schiffskapitän, mit dem sie
reiste, war ein redlicher Mann, die Passagiere gute freundliche
Menschen; bis auf einen kleinen unerheblichen Sturm erzeigten sich Wind
und Wetter vollkommen günstig, und bald lag die Brigg im Hafen von
Triest vor Anker.

Flore begegnete jenem treulosen Schiffskapitän, der große Augen machte,
sie in Triest zu sehn. Sie reichte eine Klage wider ihn ein, er stritt
aber, und sie hätte vielleicht manche Woche harren müssen, um einem
vortheilhaften Richterspruch entgegenzusehn, das schien ihr der Mühe
nicht werth, und sie eilte weiter zu kommen.

Josephs Empfehlungen an den russischen Consul, waren auch in Triest sehr
wirksam, man hatte die Güte ihr einen Paß zu geben, der sie einen
Schweitzer nannte; so hinderte sie der Krieg zwischen Frankreich und
Oesterreich nicht an ihrer weiteren Reise.

Sie ging erst nach Venedig, dann mit einem Vetturin nach Mailand. Eine
Postkutsche brachte sie nach Turin, und hierauf wurden Maulthiere
gemiethet, um über den großen St. Bernard zu gehn. Sie kehrte bei den
gastlichen Vätern auf der Höhe ein, und ließ sich dann auf einem
geflochtenen Palankin niederwärts tragen, denn das Ramassiren, oder auf
kleinen Schlitten über den Schnee, bei den jähesten Abgründen vorbei,
gleiten, (was manchen Engländern so viel Vergnügen macht, daß sie die
Fahrt öfter wiederholen,) wagte sie nicht.

Die kalte Alpenluft war freilich sehr unbehaglich für Jemand, der aus
der Mitte von Afrika anlangt, doch trug sie nur einen kleinen Schnupfen
davon, der nichts zu bedeuten hatte, weil er bald verging. Denn
freilich, vergeht ein Schnupfen nicht bald, kann er viel zu bedeuten
haben. Tissot begegnete einem Edelmann, und fragte: wie befinden sie
sich? Jener antwortete: Wohl, bis auf einen Schnupfen. O, rief Tissot,
am Schnupfen sterben mehr, wie an der Pest. Er hatte Recht, da der
Schnupfen, vernachlässigt, leicht die Wurzel gefährlicher
Brustkrankheiten legt.

In Genf ruhete unsere Reisende nicht nur von den neuen
Ungemächlichkeiten auf dem Meere und den Gebürgen aus, sondern sie legte
hier auch feierlich das männliche Kleid ab, um es nie wieder anzuziehn.

Man wunderte sich nicht wenig im Gasthofe, bei der Verwandlung, und als
Flore eine Kammerjungfer miethete, mit der es ans Nähen, und
Cöffürenaufstecken ging.



                           Achtes Kapitel.
                      Endliche Ankunft zu Paris.


Da alles mit dem Costüme in Ordnung war, miethete Flore zwei Plätze auf
der Diligence, und stieg mit ihrer Kammerjungfer, einer munteren
Savoyarde, ein. In Lyon versah sie sich noch mit allerlei Putzwerk, um
stattlich in die Vaterstadt einzuziehn, alles aber an ihr mußte den
Stempel einer graziösen Ehrbarkeit tragen.

Außer daß die Gastwirthe unterwegs ziemlich dreist auf ihre Börse
spekulirten, begegnete ihr nichts Erzählungswerthes auf dem Wege. Die
Landstraßen sind gut, die Postillone fahren trefflich, der Ton ist in
Frankreich voll Anstand gegen das andere Geschlecht, da können also die
Frauen mit Bequemlichkeit und Dezenz reisen, wenn auch keine männliche
Begleitung um sie ist, ein Schritt, bei dem es in Deutschland dagegen,
Bedenklichkeiten genug giebt.

So rasch aber der Wagen fortgezogen wurde, je näher an Paris, je größer
Florens Ungeduld. Feierlicher, heiliger wird die Heimath, wenn man aus
einer weiten Entfernung zurückkehrt. »Werde ich von Ring hören? Ihn
vielleicht gar finden? Werden meine Verwandten noch leben?« Alle diese
Fragen richtete sie ängstlich an das Geschick. --

Endlich erreichte man die letzte Post, auf der die Pferde unleidlich zu
zögern schienen, ob sie der Postillon schon sehr eilig vorlegte. Endlich
rollte die schwere Kutsche, mit Passagieren überfüllt, auch von dort
weg. Flore setzte sich hinaus, auf das sogenannte Cabriolet, welches der
Platz vor der Kutsche ist, um die freiere Aussicht nach der Stadt hin zu
genießen, und sie eher wie von Innen zu sehn.

Oft täuschten sie Pappelbäume im Hintergrunde, die sie für die Thürme
von Notredame, und wieder dicke Linden, die sie für die Dome von dem
Pantheon, den Invaliden, oder Val de grace ansah. Endlich aber machte
die Täuschung der Wahrheit Platz, die Zinnen lagen wirklich vor ihr, und
von einem Hügel herab, war der ganze Prospekt, auf die breite, mit
zahllosen, von Rauch und Dampf umhüllten, Häusermassen bedeckte Fläche.
»Träumst du, Sultanin von Darkulla? Nein, da breitet Paris sich vor dir
aus!«

Da sie nun in der Stadt angekommen war, und die Diligence vor ihrer
Ausspannung anhielt, nahm Flore einen Miethswagen, und ließ sich in ein
Hotel bringen. Bei Dame Beatrice, ihrer Tante, im Palais Royal
vorfahren, das ging nicht mehr an. Auch über die Träume von Hoheit
weggesehn, gehörte Flore zu der Zahl ehrsamer guter Frauen, und das
Gesicht ward ihr immer heiß, wenn sie an die tiefe Vergangenheit dachte.

Sie hätte allenfalls den Abend erwarten, dann ins Palais Royal gehen,
und zur Tante unbemerkt hinaufschleichen können. Aber auch das wollte
sie nicht, aus Furcht, alte, nicht rühmliche Bekanntschaften, dort zu
finden. Ihr Kammermädchen sollte übrigens auch ganz und gar nichts von
einer gewissen Vorzeit erfahren.

Es wurde ein Lohnlakai zu Dame Beatrice geschickt mit der Ladung,
sogleich ins Hotel N. N. auf das und das Zimmer zu kommen. Wer den
Lohnlakaien schickte, das wußte er selbst nicht, die Bestellung war ihm
unten im Hause gemacht worden, und die Tante sollte auch überrascht
sein.

Das gab aber Anlaß zu einer sehr komischen Verwechslung. Dame Beatrice,
nach einem Hotel berufen, was konnte sie meinen, das man von ihr wollte?
Nicht doppelte Gänge zu haben, nahm sie gleich einige -- Stickerinnen
mit, die auch wohlgemuthet ins Zimmer traten. Darüber gerieth Flore in
peinliche Verlegenheit, und es minderte die Freude des Wiedersehens. Zum
Glücke aber kannten jene Novizen sie nicht, und wurden auf Florens Wink
bald von der Alten beurlaubt.

Diese war außer sich vor Freude, verschwenderisch an Fragen, die keine
Antwort erwarteten, und an Erzählungen, die nicht zu Ende kamen. Flore
konnte keine Ruhe in ihr Gemüth bringen, und ehe man sichs versah, war
Jene zur Thür hinausgesprungen und verschwunden.

Flore saß eine Weile allein auf dem Zimmer, und weinte, daß die Alte ihr
nichts von Ring hatte sagen können.

Nach einer halben Stunde war Dame Beatrice wieder da, den ^Maître
décrotteur^, und den Virtuosen Martin an der Hand, welche das Vergnügen
des Tages theilen, und die Heimgekehrte bewillkommen sollten.

Der Leser kennt diese beiden Ehrenmänner auch nur, wenn er die
Geschichte des Herrn von Jalonski seiner Durchsicht würdig gehalten hat.
Der eine, Florens Oheim, hatte eine Boutique am Pont neuf, wo für die
Reinlichkeit der Schuh und Stiefeln Vorübergehender Sorge getragen
wurde, der andere, sein Herzensfreund, ging Abends in den Gassen der
Vorstädte umher, einen Ohrenschmaus auf einem Instrumente anzutragen,
das auch das erklärteste musikalische Nichttalent in einer Stunde
meisterhaft spielen lernen kann weil es nur eine drehende Bewegung
fordert.

Ohne Umstände, nach Weise guter kleiner Bürger, fielen sie Floren um den
Hals, und die vormalige Sultanin in Afrika, konnte sich nicht einmal der
freudigen Ausbrüche erwehren.

Beklommen freundlich fragte sie: Was befehlen die Herren zu trinken?
^Blanc côte d'or? Hermitage? Vin vieux du Rhin? de Tokai?^

Eh, eh! erwiederte der Decrotteur, zu theuer, viel zu theuer! Ein Glas
^Chablis^ oder ^Beaune^. Oder eine Flasche ^Bierre de mars^, sagte der
Freund.

Flore schämte sich, und ließ ^Blanc côte d'or^ bringen, wobei sich die
Gäste bedeutend ansahen, und den Wein kennerisch zum Munde führten.

Der Decrotteur begehrte etwas Brot, und eine rohe Zwiebel, sein Freund
ein wenig Käse, Dame Beatrice äußerte Appetit auf ein Stück ^boeuf à la
mode^. Flore ließ ein ^Poulet normand au cresson^, eine ^Capitolade aux
truffes^, einige ^Bécasses, compots de touts espèces^, eine Menge von
Cremen und Confituren auftragen. Jene kauten sehr hoch, und der
vertrauliche Ton verminderte sich mit jeder neuen Delikatesse, womit
Flore auch gar nicht unzufrieden war.

Bald gingen die beiden Männer, auch mit einem etwas steifen Komplimente,
davon, denn ihre Geschäfte riefen.

Nun sprach Flore zur Tante: Ich kann es nicht mehr ansehen, Dame
Beatrice, daß sie ihr Handwerk fortsetzen.

Jene erwiederte: Himmel! Es nährte mich doch so lange redlich, nichts
anders habe ich gelernt.

Flore fuhr fort: Ich bin im Stande, für ihren Unterhalt zu sorgen. Es
gelang mir, in Egypten etwas zu erwerben, und ich bringe Anweisungen
mit, an deren Gültigkeit gar kein Zweifel besteht, da, wie ich schon
unterwegs erfuhr, durch die Solidität der jetzigen Regierung der
Staatskredit immer mehr befestigt wird. Ich kann auch meine Papiere bei
jedem Wechsler loswerden. Und mit dem Landgütchen, was Ring und ich
einst mit Papiergelde kauften, muß es gegenwärtig auch wohl stehn.

O ja, rief Dame Beatrice, es liegt Pacht für dich in Bereitschaft.
Wolltest du es verkaufen, es würde ansehnlicher Vortheil davon --

Nein, nein, unterbrach sie Flore, wir ziehen zusammen nach Toury. Paris
ist kein Ort für sie. Aufs geschwindeste geben sie alles auf,
versteigern ihre Mobilien, und folgen mir.

Ei nun wenns so gemeint ist, sagte die Tante mit weinerlichem Ton, wenn
du mich todt füttern willst, so geb ich die Geschäfte mit Vergnügen auf,
die Zeiten werden so immer schlechter, es giebt Unserer zu viel, und die
Welt ist bös, man wird auf allen Enden betrogen.

Flore trieb die Sache eilig und mit Nachdruck. Denn Paris, so heiß sie
sich danach gesehnt hatte, war ihr jetzt zuwider. Da sie seine Freuden
durchaus nicht ungestört genießen konnte. Sie besuchte die Oper, das
Boulevard, den Garten des Palais Luxemburg, in Gesellschaft der Wirthin,
doch überall fand sich bald ein ältlicher Elegant, der, sie
lorgnettirend, entweder ein bedeutendes ^Aha!^ ausrief, es gingen ein
Paar Militairs hinter ihr, und riefen ohne Umstände: ^Voilà Flore!^ oder
sie mußte wohl gar derbe Scherze vernehmen. Das machte, daß sie gar
nicht mehr ausging.

Sie verwandelte ihre Papiere in Geld, und that dies auf sichren Zins.
Dame Beatrice mußte aufpacken, Herr Jolin, der die Tante späterhin
heirathete, setzte sich mit in den Wagen, und so gings auf Toury bei
Orleans zu, dessen Pächter, wie ein ehrlicher Mann gewaltet hatte.

Sie fand baare Summen vor, die Grundstücke waren verbessert, es mangelte
nicht an Vieh, nicht an Geräth, und Toury verhieß seiner Besitzerin ein
anständiges Auskommen.



                           Neuntes Kapitel.
                         Einsamkeit zu Toury.


Hier dachte sie nun ernst über ihre bunte Vergangenheit nach. Die
Unruhe, das Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung, waren von ihr
gewichen, zum Erstenmale kam das Gefühl eines gleichstimmigen, zwischen
den Extremen unbemerkt hinlaufenden Daseins über sie. Die ländlichen
Beschäftigungen in ihrer harmlosen Einfachheit, gewann sie lieb, mischte
sich, wie eine Penelope, bald unter die Winzerinnen, bald unter die
Frauen an der Spindel.

Wohl von mehr als einer Seite konnte man sie mit der fabelhaften Königin
von Ithaka (die übrigens kaum so reich war, als Flore jetzt, um wie viel
weniger, als einst Flore in Darkulla) gleichen. Denn die junge Wittwe,
(alles sagte ihren Mann todt,) mit artigem Vermögen, und einem artigen
^beau reste^ gefiel manchen ehelustigen Männern der Gegend. Zu Wagen, zu
Roß und zu Fuße wurden ihr Aufwartungen gemacht, deren Absicht klar
genug einleuchtete, auch trafen ganz runde Anwerbungschreiben ein.

Doch sie hoffte auf Rings Zurückkunft. Warum sollte er nicht leben?
fragte sie immer. Lebendig ward er gefangen, das sagen meine
Nachrichten. Mordet der Türk nicht im Wüthen der Schlacht, so läßt er
hernach den Gefangenen wohl unverletzt, da er ihn als Sklave verkaufen,
oder selbst nützen kann. Lebt Ring, so wird er, es daure so lange es
will, schon Mittel finden, sein Loos, seinen Aufenthalt, hieher kund zu
thun, und da kauft man ihn mit einer Summe los.

Darum wurden die Freier artig, doch gemessen abgewiesen. Und da zu viel
Justiz im Lande war, als daß sie sich, wie jene übermüthigen, die Herrn
von Göthe so gefallen[7], hätten einlegen, und von der Schönen Haabe
zehren können, so blieb ihnen nichts, als sich artig zu entfernen; was
noch dazu in aller Stille geschah, weil Niemand gern den empfangenen
Korb wollte ruchtbar werden lassen.

[Fußnote 7: Siehe: Leiden des jungen Werthers.]

Doch nicht alle Freier beruhigten sich mit einem Korb; das, was sie
entbehren sollten, gewann nur einen desto anziehenderen Reiz für sie,
und die Plane der Intrigue wurden zu Hülfe gerufen.

So gings auch hier mit einem Herrn Noiseul, der sich in Madame Ring
verliebt hatte, und nicht an der Festung Uebergabe verzweifeln wollte,
war gleich das erste Aufforderungsschreiben rund abgelehnt worden. Wir
werden im folgenden Kapitel sehn, was Herr Noiseul that.

Sonst sind der Regel nach, die Weiber in diesen Intriguen gewandter, und
wie mancher Ehemann wird nach Hymens Tempel an den Banden der Schlauheit
geleitet.

Den Leser noch mit einer Episode zu bewirthen, mag hier eine Geschichte
der Art Platz nehmen, die dazu das Verdienst der pünktlichen Wahrheit
hat.

In B*** lebte eine adliche Wittwe, noch nicht über die Jugendfrische
hinaus, nicht ohne einnehmende Reitze, nicht ohne Vermögen. Ein
Offizier, noch jünger als sie, fand sie liebenswürdig, und da Offenheit
seine Sache war, blieben seine Gefühle ihr gar nicht verborgen. Sie fand
den Stand der Wittwe ein wenig öde, und einen Lebensgesellschafter, wie
den jungen Offizier, um so erfreulicher, als ihre erste Ehe eine Art
Zwangverbindung gewesen war. Der junge Offizier besaß eben keine Mittel,
doch ihre Einkünfte und sein Gehalt zusammengelegt, konnten eine
Haushaltung ganz gut bestreiten; zudem war ja darauf zu zählen, daß die
Zeit seine weitere Beförderung, und mit ihr, einen ansehnlicheren
Gehalt, herbeiführen würde. Sie sagte also dem Wüstling, der dreister
Natur, ihr bald im Hause aufwartete, eben keine Härten, und behielt ihn,
da seine Besuche gewöhnlich in die Nachmittagstunden fielen, gemeinhin
zum Abendessen.

Ein solch Souper auf der Serviette hatte für den Offizier viel
Anziehendes. Die Einladung hieß immer: ohne alle Umstände, oder ^à la
fortune du pot^, und es fanden sich denn in der That nur zwei
Schüsselchen, wohl gar nur eine, aber erlesen, denn Frau von *** besaß
darin recht feinen Geschmack. Ein Kapaun mit Austern, ein Fasan, eine
Gans mit Kastanien gestopft, eine sogenannte Matelotte von Karpfen und
Aal, eine Rebhuhnpastete -- ein niedlich Desert darauf, und ein
trefflich Glas Chateau Margot, von dem der selige Herr einen guten
Vorrath im Keller angehäuft hatte. Und nun noch die angenehme, witzige,
piquante Unterhaltung der lieben Frau, ihr Klavier -- wars Wunder, daß
Herr von *** die gewohnten Wirthshäuser, ja Schauspiel und Konzert mied,
um in jenem stillen Kreise, Wonneabende zu feiern? Und er wieder, der
Gefällige, Zärtliche in jeder Art; was ließ sich erwarten, als daß sie
alle ihre Gesellschaftszirkel aufgeben würde, um daheim sich weit besser
zu unterhalten.

So schwand ein froher Monat nach dem andern, und die Leutchen vergaßen
über ihr Glück, die näheren Erläuterungen sowohl, wie das nicht mehr
ganz stumme Urtheil der Welt.

Er besaß einen Freund, welcher von dem eben erwähnten Urtheile Einiges
vernahm. Dieser warnte: Du bist zu jung, zu unbeständig, zu
flattersinnig, als daß eine Heirath dir schon zu rathen wäre. Drängt die
Empfindung nicht ganz unwiderstehlich, oder ist das äußere Glück nicht
besonders ausgezeichnet, so bleibt es im Soldatenstande das klügste,
ledig zu bleiben. Dann nur zieht man mit ungetrübtem Sinn, und leichtem
Muth in den Krieg. Die beiden genannten Fälle sind hier wohl nicht
vorhanden, also lasse bei Zeit ab. Denke auch, was die Pflicht der
Redlichkeit dir gebietet, an die Ruhe, die Ehre der Dame. Es wäre
unverzeihlich, ihr Gemüth mit Hoffnungen zu nähren, die du nicht zu
erfüllen denkst; es wäre noch unverzeihlicher, ihr durch einen Umgang,
der zu zweideutigen Anmerkungen Gelegenheit giebt, Leumund zu bewirken,
ihr vielleicht eine anderweitige angemessene Verbindung, zu untergraben.
Vielleicht gingst du schon zu weit darin, darum höre was der Freund
erinnert. Er prüft mit kaltem Blute. Oder aber, ist es dein voller Wille
zu heirathen, fühlst du einen mächtigen Zug, dem du gern der Jugend
Freiheit hinopferst -- dann --

Nein, nein, mein Guter, erwiederte jener mit geängsteter Stimme, ich
fühle, daß der Ehestand mich unendlich einengen würde, ich nicht stark
genug wäre, im ganzen Umfang zu thun, zu meiden, was er gebietet -- und
-- und --

»Demungeachtet bist du täglich bei Frau von ***.«

Ich empfinde die Gerechtigkeit deiner Vorwürfe. Ich darf aber schwören,
daß ich ihr meine Hand nicht zusagte, es war sogar, unmittelbar, noch
davon nicht die Rede -- da bin ich also nicht treulos, wenn ich
zurücktrete; die Bemerkungen des Publikums müssen aufhören, wenn ich
alle Besuche abschneide, und -- da, meine Hand -- es soll von Heute an
geschehn!

Er hielt Wort.

Wer war aber bestürzter, wie Frau von *** als der Geliebte um die
gewöhnliche Zeit nicht erschien, ja auch, was sonst bei einem
eingetretenen Hindernisse pünktlich geschah, seinen Besuch nicht einmal
absagen ließ!

Sie schickte nach seiner Wohnung. Er war nicht zu Hause.

Es war ein so leckrer Heringsalat mit Kalbsbraten, Neunaugen,
Braunschweiger Wurst, Oliven, rothen Rüben, Möstrich, Kapern, Zwiebeln,
Aepfeln, Kartoffeln, Zitronsäure, und dem fettesten Marseiller Oel
bereitet. Er nannte diese Mischung sein Lieblingsessen, und wäre sonst
um einen solchen Heringsalat von einer Fürstentafel weggeblieben; doch
heute -- wer begreift, wer erklärt das? -- heute kömmt er nicht.

Frau von *** wartet zwei, drei traurige Tage, sie wartet umsonst.

Eine Kartenlegerin muß kommen. Eine Kartenlegerin! rufen die Leser in
kleinen Städten verwundert. Aber die Geschichte spielte auch in keiner
kleinen, sondern in einer großen Stadt. Da hat sich die Tradition nicht
nur durch das Zeitalter der Freigeisterei gerettet, sondern Poesie trat
in den letzten Tagen mit Mystik und Aberglauben, auch in einen sinnigen
bedeutungschweren Bund. Wie lange wird es währen, und wir sehen wieder
Astrologie. Wo giebt es erhabenere Kontemplationen als bei ihr? Wie
tragen die Verse empor:

   »Das, was geheimnißvoll bedeutend webt
   Und bildet in den Tiefen der Natur --
   Die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes,
   Bis in die Sternenwelt, mit tausend Sprossen
   Hinauf sich baut, an der die himmlischen
   Gewalten wirkend auf und nieder wandeln
   -- Die Kreise in den Kreisen, die sich eng
   Und enger ziehn, um die Centralische Sonne -- -- --
   Die himmlischen Gestirne machen nicht
   Bloß Tag und Nacht, Frühling und Sommer. Nicht
   Dem Sämann bloß bezeichnen sie die Zeiten
   Der Aussaat und der Erndte. Auch des Menschen Thun
   Ist eine Aussaat von Verhängnissen
   Gestreuet in der Zukunft dunkles Land
   Den Schicksalsmächten hoffend übergeben.«

Und der Kobold der Wenden, von dem immer noch eine geheime Sage, im Nord
von Deutschland, in der Lausitz, in Böhmen umtönt -- ob er gleich seit
Karl dem Großen aus der Phantasie getilgt sein soll -- rufe nur ein
mystischer Dichter, in einem hohen Trauerspiele, neue Weihe über ihn,
und es wird bald Ton werden, an ihn zu glauben, ihn bei nächtlicher
Weile gesehn zu haben u. s. w.

Genug, die Kartenlegerin mußte kommen. Natürlich wurde ihr alles
vertraut, sie hatte aber die Karte vergessen, konnte nicht zur Stelle
weissagen. Auf Morgen gelobte sie wiederzukommen und die treffende
Auskunft zu geben.

Die Zwischenzeit wurde angewandt, sich nach Herrn von *** und seinem
dermaligen Thun zu erkundigen. Die Prophetin brachte in Erfahrung, daß
er viel in des Freundes Gesellschaft lebe, es schlich sogar einer ihrer
Späher den Beiden am Abend nach, und behorchte ihr Gespräch. Sie war
mehr als zulänglich unterrichtet.

Da sie sich am anderen Tage bei Frau von *** einstellte, wurde das
magische Kartenspiel über den Theetisch gebreitet. Der Coeur König lag
nicht weit von Coeur Dame, er blickte sehnsüchtig zu ihr hin, allein der
Pik Valet stand zwischen beiden. Aha Madam, das ist der falsche Feind,
dieser bringt das Unheil, dieser macht abwendig.

O das ist der verwünschte N. N., rief die Dame, schon hab ich das
geargwohnt, der Mensch hat auch die maliziöseste verworfenste
Physiognomie, die es nur auf dem Erdboden giebt. Die Kartenlegerin
empfing ein Goldstück, und entfernte sich mit vielen Höflichkeiten.

Nun wußte die gute Frau etwas, wußte sogar Wahrheit, doch wohin führte
sie das? An Planen war sie eben nicht reich. Ihr fiel bei, daß die
Person, der die Wahrheit sich entschleierte, auch wohl die Wege zum
menschlichen Herzen kennen mögte, und die Kartenlegerin wurde abermals
berufen. Daß sie freudig erschien, kann man denken, denn nicht alle Tage
fanden sich Kundschaften, wo mit Goldstücken honorirt wurde.

Eine große Selbstvergessenheit von der Dame allerdings, dies Vertrauen,
ja in seiner ganzen Ausdehnung, nicht einmal mit ihrer Leidenschaft zu
entschuldigen.

Bald darnach empfängt der Offizier ein Billet von der Dame, worin sie
mit einem gewissen schneidenden Schmerz meldet, -- sie befinde sich in
andern Umständen.

Mit Entsetzen läuft dieser zu dem Freunde, ihm das Geheimniß
mitzutheilen. Ah -- ruft der Freund -- standest du so mit der Frau von
***

»Nein -- Ja -- aber --«

Jetzt kann ich weiter nicht rathen. Ich verweise dich an dein Gefühl. --

Unruhe, Gewissen machten, daß Herr von *** nun schnell zur alten
Geliebten eilte. Sie bedurfte Trost, fragte: sind sie ein Mann von Ehre?
Und sie zweifeln? hieß die Antwort, in welcher ihr Trost lag.

Das vorige Leben. Nur Erinnerungen, klare, von ihrer Seite, bald
Anstalten wegen der Heirath zu treffen.

Er ging zu seinem General. Dieser schüttelte den Kopf. Ei, ei, in ihren
Jahren schon? Das ist zu früh. Es ist eine Aufwallung, kein reif
überdachter Entschluß. Besinnen sie sich ein halbes Jahr, und kommen
dann wieder. Ich rede mit Niemand davon.

Der junge Mensch berichtete dies der Dame, die auch eben dem General
nicht gewogen ward. Doch mußte man sich fügen.

Jener fragte: wann sie meinte, daß ihre Entbindung nahen würde? Etwa
nach sechs Monaten, versetzte sie. -- »Heimlichkeit ist dann
nothwendig!«

Die Zeit verstrich, und der Offizier wunderte sich bisweilen, nicht zu
bemerken, was ihm angezeigt worden war, er wähnte noch weiter hinaus,
wurde demungeachtet eines Morgens ganz unerwartet mit einem Briefchen
überrascht, worin Frau von *** meldete: Ein klein lieblich Wesen erwarte
seine Küsse.

Er eilt hin. »Wie, in voriger Nacht?« -- Ja! -- »Wer dachte daran?« --
Es übereilte mich.

Die schöne Frau lag im geschmackvollen Nachtanzug da -- wenig
mitgenommen -- und reichte ihm einen jungen Sohn, dem er allerdings
liebkoste.

Frau von *** sagte mit schwacher Stimme: Er soll in der Stille aufs
Land. Und sie mein Herr, werden nun doch Ernst machen, die von dem
grämlichen General bestimmte Zeit, ist um, in dieser Angelegenheit haben
sie zu entscheiden. Uebel genug, daß ich sie mahnen, an ihr Kind mahnen
muß.

Nein, nein, das darfst du nicht, entgegnete er lebhaft. Heute setze ich
alles ins Werk.

Zufällig befand sich der General auf der Jagd, wurde nach einigen Tagen
erst zurück erwartet. Unterdessen erfuhr der Freund, dem nichts
verschwiegen blieb, die Lage der Dinge und diesem kam so manches darin
bedenklich vor.

Er hatte einen Diener, der zum Ausspähen von Heimlichkeiten trefflich zu
brauchen war. Dieser erhielt den Auftrag, genau zu beobachten, was in
der Wohnung der Frau von *** vorginge. Er fing das richtig an, und
hinterbrachte dem Herrn: ein altes Weib, das sich von Kartenlegen nähre,
käme des Abends, und hielt sich lange dort auf. Gut, sprach der Herr,
beobachte mir auch einen Tag lang alle Gänge des Weibes. Der Diener
stellte sich vor ihre erforschte Wohnung, und folgte von fern, wie sie
aus dem Hause trat. Unter andern ging sie nach dem großen Hospitale, wo
auch arme Mädchen entbunden werden. Nun kostete es ein Trinkgeld, dort
von den Krankenwärtern zu erfahren, zu wem die Alte käme? Man nannte ein
vor einigen Tagen entbundenes Mädchen.

Auf diese Nachricht, ließ der Freund es sich nun nicht verdrießen,
selbst nach dem Hospitale, zu dem Bette der Wöchnerin zu gehn.

Wo ist ihr Kind?

Die Person stockte.

Ohne Umstände, sage sie mirs, hier ist ein Thaler, es erfährt Niemand
von mir.

Das arme Geschöpf wollte erst Ausflüchte suchen, da diese aber nicht
galten, so vertraute sie: Ich bekomme zwanzig Thaler, und muß mir dafür
gefallen lassen, daß eine alte Frau täglich mein Kind auf einige Stunden
abholt. Wohin, weiß ich nicht, doch ist es gewiß in guten Händen, wird
mir immer richtig zurückgebracht, und von Morgen an, soll es auch ein
Ende damit haben.

Der Freund hatte genug, und begab sich zu Herrn von ***. Wie gehts mit
deiner Angelegenheit?

»Schlimm und gut, wie du willst. Ich besitze einen allerliebsten Jungen.
Morgen kömmt er aufs Land. Wie der General zurück ist, geht es vorwärts
mit meiner Heirath, wie kann ich nun anders?«

Ich wage eine Prophezeihung. Bald nach der Heirath wird das Kind auf dem
Lande gestorben sein. Du siehst es nicht wieder.

»Wie kömmst du darauf?«

Beschwören würde ich das, so gewiß bin ich meiner Sache.

»Das klingt ja sehr räthselhaft.«

Du siehst das Kind nicht wieder, doch härme dich nur nicht, es war nicht
das deinige.

»Wie!«

Ein armer Bastard aus dem Hospital. Gemiethet, dich zu fesseln. Freundes
Pflicht mußte dir das bekannt machen. --

Es versteht sich, daß nun aus der Heirath nichts wurde. Und zu beider
Theile Glück, sie paßten nicht für Einander.



                           Zehntes Kapitel.
                       Herrn Noiseuls Intrigue.


Herr Noiseul hatte Ring in Paris gekannt, und einige Geschäfte mit ihm
gepflogen. Das wußte Flore aber nicht. Er meinte: Nie wird Ring
heimkehren, vermuthlich starb er aus Mangel und Noth in der
Gefangenschaft, sonst wäre wohl ein Brief von ihm da.

Er machte ein Frauenzimmer in Paris ausfindig, eine Griechin aus
Konstantinopel gebürtig, der türkischen Sprache vollkommen gewachsen.
Sie war mit dem Bedienten eines französischen Gesandten bei der Pforte,
nach Frankreich gekommen, und lebte jetzt in Mangel. Er beredete sie
leicht, eine Rolle in seiner Komödie zu übernehmen, und listigen
Gemüthes war sie denn auch vollkommen dazu geeignet.

Diese Griechin kam eines Tages in morgenländischen Kleidern und mit
einigem Reisegepäck zu Toury an, und ließ sich bei Floren melden. Diese
empfing sie desto verwunderter, als die Fremde vor lauter Thränen nicht
zur Anrede kommen konnte. Endlich wurde sie Meisterin ihrer Worte, und
verkündigte Floren, sie käme aus Bagdad, wo Ring in der Sklaverei
verstorben wäre.

Flore erschrack aufs heftigste, sank zurück in ihren Stuhl, und konnte
nur nach einer Minute kalter Erstarrung, in Thränen ausbrechen. Dann
rief sie: Auf so eine Nachricht mußte ich freilich gefaßt sein, doch
aber übermannt sie mich. Nenne mir die näheren Umstände seines Todes,
Unbekannte! Wie kömmst du so weit hieher? Laß mich alles hören!

Nun fuhr die Griechin fort: Ich war Rings Weib. Er bedurfte einer
Gehülfin in der Sklaverei, erst auf dem Todtenbette vertraute er mir,
wie er schon in Frankreich sich verheirathet habe, doch meine Noth
bedenkend, sagte er: Gehe nach Paris, vielleicht findest du meine Flore
dort; sie wird einsehn, daß ich nicht Unrecht hatte, auf immer von ihr
getrennt, mich wieder zu verbinden, und so gut meine Flore ist, wirst du
auch Unterhalt bei ihr finden. -- Von Paris wieß man mich hieher.

Flore, die erst ungemessen geweint hatte, trocknete während dieser
Erzählung, eine Thräne nach der andern, und bald bedurfte sie keines
Tuches mehr. Denn die beleidigte Weiblichkeit gerieth mit dem Gram in
Wechselwirkung.

Die Griechin vollendete ihr Mährchen durch Aufzählung vieler
Nebenumstände, die Ring ganz richtig bezeichneten, ja, sie hatte ein
Briefchen, mit Zittern auf dem Krankenlager hingeschrieben, -- es schien
Rings Hand.

Flore blickte nur oben drüberhin, gab wenig mehr auf die Rede, und
dachte immer vor sich: »Und ich, ich, auch so weit entfernt, ohne
Hoffnung ihn je wieder zu sehn, ich heirathete doch nicht.« Zwar sprach
eine Stimme aus dem Innern dagegen: »Es hätte doch leicht dahin kommen
können«, sie wurde überhört.

Bald ging Flore mit hastigen Schritten im Zimmer umher, bald warf sie
sich weinend auf den Divan, bald traf ein Blick flüchtiger Verachtung
die Fremde.

Endlich übermannte es sie, eine Krankheit mehrerer Tage war die Folge,
während welcher Zeit Dame Beatrice die Griechin in einem Hinterzimmer
verpflegte, und sie nicht vor Floren ließ.

Herr Noiseul, in der Nachbarschaft wohnend, hatte denn von der Krankheit
gehört, kam, nahm Theil, ließ sich fast stündlich erkundigen.

Als Flore wieder hergestellt war, erklärte sie sich bereit, der Griechin
ein klein Jahrgeld auszuwerfen, doch sollte sie zu Paris ihre Wohnung
nehmen.

Eine Zeitlang erschien Herr Noiseul wieder nicht. Beide Nachrichten
sollten erst tief genug eingreifen, und er berechnete menschenkundig
genug, daß die, von einer anderweitigen Heirath Rings, seinen Vortheil
noch mehr fördern müsse, wie jene von seinem Tode.

Oft dachte er zwar: Wie aber, wenn der Mann noch lebte? Doch war er so
leichtsinnig, als unternehmend, und endete: Kömmt Zeit, kömmt Rath!

Nach sechs bis acht Wochen erneute er seine Besuche zu Toury, wurde
weniger kühl empfangen, machte der Tante Geschenke, und erfuhr schon von
dieser im Geheim: Madame Ring hätte gesagt: Herr Noiseul sei ein ganz
feiner Mann.



                           Letztes Kapitel.
                               Schluß.


An einem trüben Herbstnachmittag saß man zu Toury am Kaminfeuer. Es
stürmte draußen, die falben Blätter der Linden vor dem Hause fielen ab,
der Regen träufte an den Fenstern nieder.

Dame Beatrice, indem sie ihren Thee schlürfte, hub an: der Winter naht,
wohl dem, der nicht einsam am traulichen Caminfeuer sitzt. -- Im Sommer
fühlt sich das Bedürfniß der Geselligkeit weniger, als an den langen
Winterabenden --

Sie wollte nun, nach und nach, auf die Empfehlung der Ehe kommen, denn
ihr Plan war entworfen.

Flore sahe stumm über den Theebecher hin.

Da bellten draußen die Hunde, und ein Mann in fremder Kleidung kam über
den Hof. Dame Beatrice eilte ans Fenster, Flore blieb an ihrem Platz,
Herr Jolin ging hinaus, Erkundigung einzuziehn.

Bald kam er zurück. »Ein Mann im Turban und türkischen Pelz, mit einem
langen Bart, verlangt Madame Ring zu sprechen.«

Was ist das wieder? rief Flore verdrießlich, er komme.

Furchtbar anzuschauen, trat der Ankömmling ins Zimmer. In gebrochenem
Französischen sagte er: Ich komme aus dem fremden Morgenlande, und habe
Botschaft von dem Christen Ring an sie.

Ring ist todt! schrie Flore.

Nein, nein, das ist er nicht, war des Türken Antwort.

So bin ich betrogen worden. Die Griechin, die er heirathete, meldete es
mir!

Wie würde er heirathen! Lüge! Er lebt, doch in harter Gefangenschaft.

Aber mein Himmel! warum werd ich denn so schrecklich, so schändlich
hintergangen? Gottes Seegen über dich, Muselmann, wenn du wahr redest!
Aber bist du nicht auch ein Betrüger? Rede mir etwas in türkischer
Sprache, ich verstehe sie ein wenig.

Es geschah.

Du bist beglaubigt. Wo lebt Ring?

»In Smyrna!«

Erst hieß es in Bagdad. Wie ist er loszukaufen? Wohin muß das Geld?
Welche Summe ist erforderlich?

»Sein Herr fordert viel. Hunderttausend Franken.«

Gern, gern! Was ich besitze, kömmt von ihm, ist sein! O, wenn ich für
diesen Preis ihn wiedersähe!

Hunderttausend Franken! seufzte die Tante.

Gewaltig viel, setzte Jolin hinzu.

Flore merkte nicht darauf. Ich eile nach Paris, rief sie, zum Gesandten
der Pforte, auf der Stelle -- aber kannst du nichts Schriftliches
vorzeigen, Muselmann?

O ja, entgegnete dieser. Er wollte ein Papier herausnehmen, schlug den
Pelz auseinander. Bei dieser Gelegenheit wurde sichtbar, daß ihm ein Arm
fehlte. Flore sank bei dem Anblick auf den Divan.

»Dir fehlt ein Arm? --«

So bin ich erkannt!

Weg flogen Turban und falscher Bart. »Und du wolltest Hunderttausend
Franken erlegen? Hier hast du mich umsonst.«

Man kann hier unmöglich wieder erzählen, was in dem Buche[8], wozu das
gegenwärtige ein Seitenstück ist, bereits gedruckt steht. Dort findet
man, wie der einarmige Ring, nachdem er bei St. Jean d'Acre gefangen
worden, eine gute Zeit als Sklave zugebracht, aber des körperlichen
Mangels wegen, eben nicht geachtet ward, wie er frei wurde, nach
Constantinopel, nach Polen kam, und endlich seine Reise nach Frankreich
antreten konnte.

[Fußnote 8: Ignaz von Jalonsky, oder die Liebenden in der Tiefe der
Weichsel. Eine wahre Geschichte aus den Zeiten der Polnischen,
Französischen und Negerrevolution in St. Domingo, erzählt von Julius von
Voß. Berlin bei J. W. Schmidt. 8. 2 Theile. 1806.]

Nun hatte ihn Flore, er Floren wieder! Sie waren am Ende aller
Abentheurerei. Wohlstand und Ruhe winkten ihnen eine freundliche Zukunft
entgegen.

Dame Beatrice gestand ihre Vermuthung: Herr Noiseul habe jenen Zuspruch
der Griechin veranlaßt. Sie weinte heftig darüber.

Ring, höchst empört, wollte Herrn Noiseul auf Pistolen vorladen, das
Frauenzimmer sollte gerichtlich verfolgt werden.

Allein in all der Wonne der neuen Vereinigung besann man sich eines
Andern, beschloß nun der Ruhe und Liebe zu leben, und Herr Noiseul
empfing blos eine höfliche Anzeige der Heimkehr. Weisung genug für ihn,
Toury nicht wieder zu betreten.

Es ist nichts mehr zu sagen übrig.

                                Ende.



                          Letzter Potpourri.


                                 Die
                             Tapetenwand,
                      ein superfeines Lustspiel
                                 nach
                           Duchrest Genlis.

                              Personen.

   Die Marquise.
   Die Gräfin.
   Der Chevalier.
   Sophie, der Gräfin Nichte.
   Düpré, ihr Kammerdiener.

             Szene: Paris. Das Theater ein kleiner Saal.



                             Erste Szene.


                           Marquise. Dupré.

_Dupré._ Wärs gefällig hier zu verziehn --

_Marquise._ Wie, Dupré, gehört dies Zimmer nicht der Gräfin?

_Dupré._ Ihrer Nichte, und Madame bittet --

_Marquise._ Nach sechs Monaten erwarte ich kaum den Augenblick sie
wiederzusehn. Sie theilt meine Ungeduld eben nicht.

_Dupré._ Sie verkennen die Gräfin. O sie hat Ihnen so viel zu sagen.
Doch heute Abend giebt sie Gesellschaft, vierzig Fremde umringen sie,
wie es nur möglich ist abzukommen, erscheint sie hier sogleich --
einstweilen hab ich die Vollmacht, sie in die Intrigue zu weihen, die
eben vorbereitet wird -- wenn Madame es nämlich wünschen.

_Marquise._ Welche Intrigue?

_Dupré._ Sie ist neu, zartgesponnen, einzig!

_Marquise._ Ei ei!

_Dupré._ So viel Sinn wie Laune darin.

_Marquise._ Zur Sache.

_Dupré._ Denken sie an keine Alltäglichkeiten. Spannen sie immer die
Erwartung.

_Marquise._ (setzt sich.) Ich nehme Platz. Dupré, wie ich mich entsinne,
ist nicht ohne Verstand, nicht ohne guten Vortrag, aber ohne lakonische
Kürze.

_Dupré._ Wie sie befehlen. Ich fange mit einem Gemälde der Gräfin an.

_Marquise._ Funfzehn Jahr bin ich ihre Freundin.

_Dupré._ Ah -- ich siebzehn Jahr ihr Kammerdiener, ich wage zu behaupten
-- Siegelbewahrer ihrer Geheimnisse -- das dringt weiter, wie die
Freundschaft. Auch ist mir eine treue Zeichnung gestattet, denn nur
holde Züge vermag ich darzustellen. Sie ist so gut, es wird so leicht
ihr zu gehorchen -- o mit diesem edelmüthigen Sinn, dieser ächten Würde,
der noch kein Leumund zu nahen wagte -- diesen Talenten, dieser
Schönheit -- es stände nur bei ihr, die vier oder fünfunddreißig Jahre
zu verläugnen, denn wer sie sieht, glaubte wohl daran --

_Marquise._ Vier oder fünfunddreißig -- wirklich schon?

_Dupré._ Ja ja! -- da waren sie bereits nicht genau unterrichtet. Einen
Fehler aber, einen hat die Gräfin -- den Frohsinn!

_Marquise._ Grade dadurch erscheint sie so liebenswürdig, ihre
Unterhaltung empfängt so viel Würze --

_Dupré._ Zu viel Madame, zu viel! Mit Kummer habe ich es oft gesagt. Sie
giebt dem Frohsinn, dem gesellschaftlichen Vergnügen, zu freien
Spielraum, darum wird so manche kleine Unbesonnenheit ihr Vorwurf. Der
verstorbne Graf war unerträglich. Sie hinterging ihn nicht nein, aber
sie hatte ihn zum Besten, immer Mißverständnisse, Entzweiung. Nun immer
noch dieselbe. Kömmt es darauf an, jemand in Verlegenheit zu bringen --
o wenn sie nur lachen kann; sie spielt mit fremder Ruhe, ihr Witz
verwundet; ein Leichtsinn dazu, als zählte sie funfzehn Jahre. Es ist
furchtbar!

_Marquise._ Furchtbar, der richtige Ausdruck -- doch zur Sache --

_Dupré._ Eine kleine Geduld, ich muß noch zwei andere Gemälde --

_Marquise._ Aber --

_Dupré._ Von Personen, welche sie nie sahen. Der Chevalier von Blancé.
--

_Marquise._ Wohl kenn ich ihn.

_Dupré._ Empfing ihn die Gräfin --

_Marquise._ Zwei oder drei Monat vor meiner Abreise.

_Dupré._ Achtundzwanzig Jahr, den Ruf eines Wildfangs. Madame wollte
erst keine jungen Leute bei sich sehn, doch sie traf sich irgendwo mit
ihm, fand ihn drollig, lachte, er hatte Eingang. Da spielt er nun
Sprüchworte, macht den Erzähler, den Dilettanten der Musik, den --
Verliebten. Madame lacht, sie lacht, aber ich wiederhole ihr mein: _zu
viel Frohsinn_! -- Doch hat sie eine Schwester in der Provinz.

_Marquise._ Und diese eine verheirathete Tochter --

_Dupré._ Sophie -- nach einem Jahre wurde sie Wittwe, und verlor bald
darauf auch ihre Mutter --

_Marquise._ Das alles weiß ich, die junge Person ist ohne Vermögen.

_Dupré._ Die Gräfin denkt sie an Kindesstatt zu nehmen -- nun, es ist
ihre Nichte, seit vier Monaten bewohnt sie dies Zimmer.

_Marquise._ Sie ist schön?

_Dupré._ Ein Engel! Eine Form, eine Blüthe, eine Harmonie der Bewegung,
Madame -- und siebzehn Jahr! Wie sie nun ankam, gings an ein Entwickeln,
Bilden, Verfeinern; Ballettänzer, Opernsänger als Lehrer; dann
Toiletten, Schmuck, Federn; kurz der Gräfin Puppe. Die Kleine schreitet
zum Verwundern fort, so hold, so liebenswürdig -- _Frohsinn_ wird man
eben an ihr nicht inne, aber _Gefühl_, _Gefühl_! -- Madame wollte sie
wieder vermählen, ausstatten --

_Marquise._ Daran erkenn ich ihre Güte.

_Dupré._ Aber das kleine Herz traf eine Wahl, ganz für sich, ohne mit
Jemand zu berathen. Wir hatten ihr einen Mann gesucht -- vertraulich,
nicht flatterhaft, an Jahren reif -- nein, nein, nein, nein! sie mögte.
--

_Marquise._ Den Chevalier?

_Dupré._ Ja wohl!

_Marquise._ Und er --

_Dupré._ Ich gebe mein Wort, bis zum Wahnsinn! Aber diesem Ritter gnügt
nicht _ein_ Roman, der Tempel seiner Phantasie ist weit genug, um die
Altäre von mehr als einer Geliebten darin zu erbauen. Immer die
zärtliche, bald schmachtende, bald ungestüme, Aufmerksamkeit für Madame.
Die Leidenschaft für die Nichte, hebt den Geschmack für die Tante nicht
auf.

_Marquise._ Das ist ja ganz -- und was hofft er?

_Dupré._ Wohnt in solchen Köpfen Urtheil? Madame unterhält, ergötzt,
entzückt ihn, Sophie rührt ihn sanft, still, tief, innig; abwechselnd
kostet er die Wonne der verschiedenen Eindrücke. Uebrigens bringt er
sich in keinen zu bescheidenen Anschlag. Er glaubt an eine heftige
Empfindung bei Madame. Einmal schmeichelt sie, dann gebührt ihr
Schonung. Die Gräfin darf das Gefühl für Sophien nicht entdecken. Das
Geheimniß wird ihr sorgsam verschleiert; die Zeit, hofft er, wird den
Augenblick herbeiführen, wo man es ohne Gefahr entdecken kann. Bis dahin
liebt er, wird geliebt, freut sich der Wonne zu gefallen, der erobernden
Triumphe, kützelt sein Selbstgefühl durch das Bewußtsein einer feinen
Schlauheit.

_Marquise._ Ahnt die Gräfin? --

_Dupré._ Sie _weiß_, von mir. Hier ist die Geschichte: Der Chevalier
ward gegen mich artig, verbindlich -- _Mein lieber, mein guter Dupré_ --
Bisweilen ein klein Geschenk. Ah, ein Plan! dacht ich. Madame lachte gar
sehr, glaubte Bezug auf sich, gebot, ich sollte dem Ritter mein Ohr
leihen. Ich bereite ihm Gelegenheit -- aufmunternde Winke -- er vertraut
mir -- vertraut mir -- die Liebe zu Sophien.

_Marquise._ Und wozu?

_Dupré._ Sie erriethen es kaum. Sehn sie diese falsche Thür?

_Marquise._ Nun?

_Dupré._ Diese Tapetenwand trennt den Saal von einer Kammer, die an mein
Zimmer stößt. Der Saal gehört Sophien. Sie wollte den Chevalier nicht
bei sich sehn, man verbarg der Tante -- dann der Ton -- endlich ward man
Eins, nach dem Souper sich durch die Tapeten zu unterhalten, Sophie im
Saal, der Liebhaber in jener Kammer, die übrigens keine Verbindung mit
diesem Saale hat -- unverletzt ist die Tapete -- eine Hoftreppe führt
dort hinein.

_Marquise._ Hm --

_Dupré._ Der Chevalier bot mir dreißig Louisd'or, und beschwor mich, ihm
das Kabinet von Zeit zu Zeit einzuräumen. Ich nahm vierundzwanzig
Stunden Bedenkzeit, und meldete Alles Madame.

_Marquise._ Sie erschrack!

_Dupré._ Heftig, heftig! Diesmal war ihr _Frohsinn_ nicht anzuklagen.
Sie lachte einen Augenblick darnach -- aufrichtig, es war Grimasse. O es
drang ein, tief ein. Bei dem allen befahl sie mir, die Goldstücke zu
nehmen, mein Kabinet zu räumen und ja über ihr Mitwissen zu schweigen.
Ich gehorchte. Unsre Verliebten sprachen sich auf diese Weise nun acht
oder zehnmal in sechs Wochen. Und Madame -- hochherzig -- bekämpfte,
beherrschte sich muthig wenn sie wollen -- beschloß ihre Nichte dem
Chevalier zu geben; nur will sie das Paar zuvor zwei oder drei Stunden
durch Unruhe peinigen, Rache üben, an des Chevaliers Larve, Sophiens
Verstellung.

_Marquise._ Und wie?

_Dupré._ Sophie, ohnehin der Tante flüchtig ähnlich, besitzt ein
Sprachorgan, so übereinstimmend mit dem der Gräfin, daß es fast
unmöglich wird, durch den gleichen Ton der Rede nicht hintergangen zu
werden. Wir Hausgenossen erfahren das alle Tage.

_Marquise._ Schon errathe ich. Die Gräfin denkt Sophiens Platz
einzunehmen --

_Dupré._ Unsre Intrigue! Die Ausführung naht schon. Der Chevalier kömmt
diesen Abend ins Kabinet, Madame unterhält sich in Sophiens Namen.

_Marquise._ Lustig, neu -- aber ich besorge manches. Der Chevalier,
indem er Sophien vermuthet, kann über die Gräfin in den Tag
hineinschwatzen.

_Dupré._ Wohl möglich, doch Madame lacht mit so viel Geist, verzeiht mit
so viel Schonung, und die Empfindlichkeit, nur eine Minute in ihrem
Gemüthe, flieht. Jetzt heiter, erlustigt sie das alles, statt sie zu
entrüsten; auf vollkommne Nachsicht wenigstens, schwöre ich. Doch man
kömmt, sie wird es sein --

_Marquise._ Ihre Stimme --

_Dupré._ Ob es auch wohl Sophie ist? -- Nein Madame! -- Hier!



                            Zweite Szene.


                           Gräfin. Vorige.

_Gräfin._ Wo? -- Ah! (umarmt die Marquise.) wie glücklich bin ich!

_Marquise._ Wissen sie, daß ich eine Stunde warte?

_Gräfin._ Mein Gott, ich stand auf Dornen. Die vielen Menschen -- es
endete gar nicht. -- Denken sie, wir verlassen die Tafel -- Daß ich sie
doch näher sehe -- Ihr Gesicht ist wirklich sehr interessant -- ich bin
hager geworden, nicht wahr? -- Dupré! Gestatten sies, Liebe, daß ich
meine Befehle gebe? -- Dupré, sie wissen ihre Rolle --

_Dupré._ Der Chevalier tritt, wie gewöhnlich, in mein Cabinet, ich melde
ihm, die gnädige Frau Nichte wird im Saal --

_Gräfin._ Vergessen sie das Geräusch nicht, daß wir sie hören. (zur
Marquise.) Sie lachen, sind unterrichtet --

_Marquise._ Doch ihre Stimme! Der Liebhaber Ohr ist scharf.

_Gräfin._ Sie glauben nicht, welche Aehnlichkeit -- auch werde ich den
kindlichen Ton wohl nachahmen. Zudem sind noch Bretter hinter den
Tapeten. Man muß etwas rufen. Das verstellt -- nicht wahr, ein drolliger
Schwank? Dupré, wie viel an der Uhr?

_Dupré._ Ein Viertel auf Zwölf. Um Mitternacht trifft der Chevalier ein.

_Gräfin._ Gut, verlassen sie uns! Welch Zeichen denken sie zu geben,
wenn er kömmt?

_Dupré._ Ich huste.

_Gräfin._ O das hört man nicht. Sagten sie nicht selbst, ein Gespräch im
natürlichen Ton, wäre an der Gegenseite nicht zu verstehn?

_Dupré._ Man vernimmt nur ein leises Murmeln, die Worte unterscheiden
sich nicht. Aber ich huste gewiß kräftig --

_Gräfin._ Nein, nein! Stellen sie einen schweren, dichtgepolsterten,
großen Armstuhl hinter die Thür, den sie beim Oeffnen umwerfen.

_Dupré._ Madame, ich habe in dem Kabinet nur einen kleinen geflochtenen
Rohrsessel, ohne Lehne, er wird nicht viel schwerer wie eine Feder
fallen, es reicht nicht an den Husten --

_Marquise._ Dies Husten liegt ihm sehr am Herzen.

_Gräfin._ Gemeinhin fällt er um diese Stunde in Unbeholfenheit.

_Dupré._ Freilich naht mir der Schlummer ein wenig, und unterdrückt die
Geisteskraft. Aber wenn Madame, wie ich, um sechs Uhr aufständen --

_Gräfin._ Eilen sie sich aufzumuntern -- einen Polsterstuhl aus meinem
Zimmer gebracht -- Eilen sie!

_Dupré._ (ab.)



                            Dritte Szene.


                          Gräfin. Marquise.

_Marquise._ Aber was machten sie mit Sophien?

_Gräfin._ Stürme, Stürme regt ich auf in ihrem Busen. Nach der Tafel
zählt sie auf ihr Stelldichein, doch wink ich nun, ziehe sie in mein
Kabinet, sage: Sophie, sie vertreten mich diesen Abend, nehmen mein
Spiel, eine dringende Angelegenheit kann mich wohl bis zwei Uhr am
Morgen entfernt halten. --

_Marquise._ Die arme Kleine! O die arme Kleine!

_Gräfin._ Von der Umwandlung ihrer Züge entwerfen sie umsonst ein Bild.
Roth, bleich, Zittern, Wanken, unerhört! Ich schien gar nicht zu
beobachten, nahm wieder das Wort: Vor zwei oder drei Stunden, empfing
ich ein Billet, das mich bestimmte, in eine heimliche Unterredung zu
willigen. Meine Zimmer sind angefüllt, ich fürchte die Neugier, und will
die andere Person in ihren kleinen Saal bestellen. Hier fiel die
unglückliche Sophie in eine tödtliche Erstarrung, kaum athmete sie noch
-- ich, bescheidne Verlegenheit heuchelnd, fahre fort: Hören sie alles
Sophie! Der, den ich erwarte, ist der Chevalier von Blancé. -- Bei
diesem Namen glaubte ich, sie würde ohnmächtig niederfallen, doch
überwand sie den Schrecken, die Bewegung. Sie sitzt beim Wist --

_Marquise._ Harte Tirannin! -- Arme Sophie!

_Gräfin._ Bedauern sie sie nur. Unten warten zwei Notare, die ihren
Heirathsvertrag aufsetzen, ich lasse ihr verschreiben, was sie meinem
Wunsche begegnend, empfangen hätte. Ich behalte die Beiden, sie mögen
hier wohnen, meine Kinder sein: schelten sie doch die harte Tirannin!

_Marquise._ Nein, nein, sie sind gütig, duldend, hochherzig, die nahe
rasche Entwicklung tilgt mein Mitleid, und wahr bleibt es, Sophie hätte
ihnen entdecken sollen --

_Gräfin._ Ja wohl, doch ich entschuldige sie. Der Chevalier band ihr
auf, ich fühle Liebe für ihn, nur die Zeit würde mich heilen, mir Kraft
zum Aufopfern geben. Sophie fühlend, romanhaft, glaubte. Der Geliebte
leitete sie, demungeachtet verbirgt ihre Unbefangenheit sich so wenig
gewandt, daß es nur meinen Willen gegolten hätte, und das Geheimniß war
mein. Der Vorwurf meiner Rache ist _er_, mit seiner Falschheit, dem
sträflichen unbedachtsamen, platten Leichtsinn. Ihm gilt es!

_Marquise._ Meinen sie aber, er könne mit dieser Denkart ihre Nichte
beglücken?

_Gräfin._ Sie ist Wittwe, Herrin über sich, wählte allein; übrigens hat
er freilich tausend Gebrechen, doch zum Erstenmale liebt er wahr, er
betet Sophien ja an. Und er ist doch auch wacker, von achtbaren
Eigenschaften, Name, Vermögen -- billigt die gesunde Vernunft Sophiens
Wahl nicht unbedingt, was kann sie viel einwenden?

_Marquise._ Welche Pein sie ihm bereiten; doch die Erscheinung der
Notare gleicht alles aus.

_Gräfin._ So? Ah sie kennen ihn wenig. Das Lustige ist, er kömmt nicht
mehr davon, muß den Heirathsvertrag zeichnen, diesen Abend, muß entzückt
sein, vom Himmel, vom Göttlichen reden -- und er fühlt dennoch nicht die
mindeste Neigung zu einer so frühen Ehe.

_Marquise._ Ah --

_Gräfin._ Ein Herz ohne Tadel, doch ein Sinn für Freiheit -- sie kennen
das alles noch nicht. Wie er es jetzt treibt, trieb er es gern noch
lange. Ihn entzückt das Umhergaukeln, wohl denkt er Sophien einmal zu
heirathen, aber das drängt, das preßt ihn noch wenig. Erst noch Roman
auf Roman. Bisher kannte er nur die Genugthuung, zu gefallen; die
höhere, geliebt zu sein, beugte die üppige Eitelkeit noch keineswegs
nieder, alle Frauen die ihm liebenswerth erscheinen, zu unterwerfen. Und
das gelingt ihm besonders durch eine ungemeine Geschmeidigkeit der
Phantasie, die ihn alle Eindrücke auf das lebendigste in sich aufnehmen
läßt. Andere Männer ergreifen den _Schein_, er darf nicht heucheln, sein
leichter Flug der Begeisterung giebt die Wahrheit selbst; er glaubt
selbst an seine Eide; so betrügt er ohne zu hintergehn, ist ohne
Treulosigkeit wankelmüthig.

_Marquise._ Sophie, ich beklage dich!

_Gräfin._ Immer wird er zu Sophien wiederkehren. Dies ist alles, was sie
über ihre Nebenbuhlerinnen erhebt. Aber ist es wenig? Die Männer -- wer
von ihnen schlüge keine Nebenwege ein?

_Marquise._ Der Vicomte von Verteuil. Ihn nehmen sie aus. Innig glühte
er für sie.

_Gräfin._ Hätte ich die Flamme genährt, lange wäre sie erloschen.

_Marquise._ O er fühlt noch --

_Gräfin._ Freundschaft!

_Marquise._ Sehn sie ihn?

_Gräfin._ Hin und wieder, und ich treibe dann den Scherz, Blancés
Eifersucht zu wecken.

_Marquise._ Dieser zeigt ihnen also immer Liebe?

_Gräfin._ Meidet Sophie das Zimmer, allerdings! Glauben sie, seitdem mir
sein Geheimniß offenbar wurde, treib ich viel Scherz --

_Marquise._ Aber zuvor meine Freundin -- viel Ernst?

_Gräfin._ Sie glaubten --

_Marquise._ (lachend.) Nun --

_Gräfin._ Solche Schwäche von mir?

_Marquise._ Offen! Aus der Menge, die ihnen zu gefallen strebte -- hatte
der Chevalier vielleicht die gültigsten Ansprüche.

_Gräfin._ O mein Gott! Er hat Verstand, Grazie! -- Zehn Jahre früher,
dürft ich vielleicht -- nein, nein, nein, den Staarkopf hätte ich
geflohn -- kalte Verständigkeit will ich, strengen Sinn --

_Marquise._ Die hat der Vicomte, dazu manche Anmuth.

_Gräfin._ Der Gestalt -- ja er -- las, fühlt richtig, doch werden sie
eingestehn.

_Marquise._ Gestehen sie auch, daß die Starrköpfe oft desto anziehender
sind.

_Gräfin._ Pst -- mir deuchtet --

_Marquise._ Ja ja -- man steigt die Treppe herauf.

_Gräfin._ Die Thür ... Ah der Stuhl fällt. Das ist er, kein Zweifel.
Gehn sie theure Freundin!

_Marquise._ O noch einen Augenblick lassen sie mich hier.

_Gräfin._ Still, still! -- lassen sie uns hören. -- Man redet. Duprés
Stimme. (Sie horcht) Immer Dupré. (sehr laut) Sie sind doch allein? --
(zur Marquise) Ja er ist allein. Nur eine Probe mit dem Lehnstuhl. (Sie
horcht) Ja -- aber verstehn sie mich auch? (zur Marquise) Noch lauter.
-- Guter Gott, wie stark muß man rufen --

_Marquise._ Diese Art der Unterhaltung strengt an.

_Gräfin._ Nun werd ich inne, warum Sophie seit sechs Wochen heiser ist.



                            Vierte Szene.


                            Dupré. Vorige.

_Dupré._ Nun Madame, sie hörten den Fall?

_Gräfin._ Deutlich, und vernahmen sie genau, was ich sprach?

_Dupré._ O nein, reden sie ja lauter, den Mund an die Tapete. --
Apropos! Ich sahe, Madame, ihre Nichte, da ich den Stuhl holte --

_Gräfin._ So, und ihre Miene?

_Dupré._ Die Trauer, die Melancholie! Sie wollte allerhand fragen, ich
blieb stumm wie ein Fels. Sie hatte einen Augenblick die Gesellschaft
verlassen, ich weiß nicht unter welchem Vorwand, da sie meine Stimme
hörte. Nun rief man sie wieder zum Spiel. Seufzend gehorchte sie. --

_Gräfin._ Der Chevalier wird nicht länger säumen, gehen sie Dupré.

_Dupré._ Er sollte bald da sein, es wird spät -- (geht und kömmt
wieder.) Ei -- vergaß ich nicht das Allerwesentlichste?

_Gräfin._ Nun?

_Dupré._ Es kann alles fehlschlagen.

_Gräfin._ Was fehlt denn, was?

_Dupré._ Ja wenn ich das wüßte?

_Gräfin._ Sie wissen es nicht?

_Dupré._ Schlimm eben. -- Jeden Abend der Unterredung giebt mir, Madame,
ihre Nichte etwas, das ich zum Chevalier trage --

_Gräfin._ Was denn etwa?

_Dupré._ Wie ich dem Chevalier die Thüre öffne, empfängt er es. Er kennt
die Bedeutung, ich nicht.

_Marquise._ Ha ha ha!

_Gräfin._ Er schläft, schwatzt im Traum.

_Dupré._ Ein klein Geschenk, muß ich überreichen.

_Gräfin._ Worin aber besteht es gewöhnlich?

_Dupré._ Wahrhaftig Madam, ich entsinne mich nicht sogleich. Bald dies,
bald jenes ... ein Nichts, eine Kleinigkeit --

_Gräfin._ Gestern?

_Dupré._ Gestern? Erlauben sie -- könnt ich mich doch nur erinnern, aber
es war nicht der Rede werth, das weiß ich wohl noch. Gestern --

_Gräfin._ Welche Geduld muß ich verschwenden!

_Dupré._ Ah, mir fällt ein, was ich das Vorletztemal überbrachte; eine
Rose, ich verwundete mich noch am Stiel.

_Gräfin._ Eine Rose?

_Dupré._ Eine Rose. Ah, mein Gedächtniß wird treu! Am Freitag ein
Veilchen, am Sonnabend einen Strauß von kleinen Lilien --

_Gräfin._ Immer also Blumen?

_Dupré._ Ich glaube ja -- Blumen.

_Gräfin._ (zur Marquise:) Was mag das bedeuten?

_Marquise._ Abgeredete Zeichenschrift.

_Gräfin._ Gewiß Sophiens romantischer Einfall. Das macht mich verlegen.
-- Dupré, früge der Chevalier danach --

_Dupré._ Unfehlbar.

_Gräfin._ Sagen sie, Sophie hätte ihnen nichts gegeben.

_Dupré._ Dann schmollt er.

_Gräfin._ Meine Sache. Wir wollen schon sehn --

_Dupré._ (Nach der Uhr sehend) Mitternacht! Er eilt grade nicht.
Vielleicht schlummerte er ein. Ich thät es an seiner Stelle gewiß --

_Gräfin._ Fort, fort zur Thür!

_Dupré._ (ab.)



                            Fünfte Szene.


                          Gräfin. Marquise.

_Marquise._ Sophie ist so romanhaft?

_Gräfin._ Bis zur Uebertreibung. Und der Chevalier fertig, jeden Ton,
jede Form zu umarmen, weiht sich dem ihrigen mit einem Anstand, einer
Kunst -- Ohne daß es ihnen kund ward, behorchte ich einige ihrer
Unterhaltungen, und auf meine Ehre, der Chevalier übertraf sich selbst,
an zarten sublimen Wendungen, Flug der Phantasie --

_Marquise._ St -- was gilts, da --

_Gräfin._ Er -- er!

_Marquise._ Pocht ihr Herz nicht ein wenig? Fürchten sie nicht, erkannt
zu werden?

_Gräfin._ Nichts weniger. Aber Freundin, sie weilen nicht mehr.

_Marquise._ Nur bis zu Anfang der Szene. -- Das währt lange.

_Gräfin._ Seine Stimme. -- Er klopft -- ruft Dupré.

_Marquise._ Der ohne Zweifel einschlief.

_Gräfin._ Apropos! Wenn sie mich verlassen, treten sie in die
Gesellschaft, nehmen Sophien bei Seite, und berichten ihr mein Vorhaben
mit Blancé.

_Marquise._ Auch den Ausgang?

_Gräfin._ Ja wohl, und sie erscheinen Beide, wenn Dupré sie ruft.

_Marquise._ Nun treten sie hin -- der Stuhl liegt am Boden.

_Gräfin._ Nun, nun -- machen sie mich nicht lachen -- ich sterbe vor
Vergnügen -- diesmal ist es Blancé -- Ja, ich bin schon da ... Wie?[9]
... Bald eine Stunde. ... Eine Stunde? Das Bouquet, welches sie mir
diesen Morgen sandten? ... O ja! ... (gegen die Marquise) Ah, Dupré
hatte es ihm zurückbringen sollen.

_Marquise._ Hören sie!

_Gräfin._ (sehr laut:) Ich verstand nicht. ... Weil ich es gern länger
tragen wollte. -- (sehr laut) Wie? ... Ich verstehe nicht ... Meine
Hand?

_Marquise._ Was sagt er?

_Gräfin._ (gegen die Marquise) Meine Hand will er durch die Tapete
küssen.

_Marquise._ Das ist neu.

_Gräfin._ Welch ein Einfall! ... Ich willigte ein? ... (gegen die
Marquise) In der That, diese Gunst darf man ohne viel Bedenken
gestatten.

[Fußnote 9: Die Punkte zeigen ihr Schweigen an, während dessen sie
horcht, was der Chevalier an der Gegenseite der Tapetenwand ihr sagt.]

_Marquise._ Wie huldigen Liebende der Thorheit!

_Gräfin._ (gegen die Marquise) Das ist doch wahrhaft sonderbar. (gegen
die Wand) Wie zeige ich ihnen aber die Stelle an?

_Marquise._ Sagt er nicht: wie gestern?

_Gräfin._ Ja!

_Marquise._ So empfangen sie doch Unterricht.

_Gräfin._ Durch Schlagen. (gegen die Wand) Schlagen? ... den Handschuh
ablegen? ... Legt ich ihn denn gestern ab? ... (gegen die Marquise) Er
sagt, endlich hätte ich mich entschieden.

_Marquise._ Ha ha ha ha.

_Gräfin._ Man muß noch einige Schwierigkeit machen. (gegen die Wand)
Weil ... Weil sie zu viel fordern. ... (gegen die Marquise) Recht
hübsch, was er da sagt. (gegen die Wand) Nun -- nun -- keinen Zorn! ...
Gewiß! ... Zweifeln sie nicht länger! ... Er ist abgelegt.

_Marquise._ Aber so ziehn sie ihn doch aus.

_Gräfin._ (gegen die Marquise) Ja ja, ganz aufrichtig. (gegen die Wand)
Es geschah -- hören sie -- hier die Hand, hier hier ... (gegen die
Marquise) Mit welcher Extase er den Fleck drüben küßte. Bei dem allen
glaub ich, Sophie hätte die Lippe auf der Hand gefühlt. Es giebt nur
_ein_ Lebensalter von so scharfer Empfindung.

_Marquise._ Ha ha ha ha!

_Gräfin._ Ich sagte nichts ... Erröthet? ich bin erröthet? ... (gegen
die Marquise) Wie er an Kindlichkeit und Unschuld bei Sophien glaubt!
Wie artig, diese Meinung zu äußern! Aber ist das nicht allerliebst?
(gegen die Wand) Wahrhaftig, Chevalier, ich glaube, daß sie mich sehn.

_Marquise._ Sache des Herzens, nicht des Kopfes.

_Gräfin._ Ausdruck der Empfindung, und Ausdruck der Galanterie. O welch
ein Unterschied! ... Er hat eine andere Stimme bemerkt ... (gegen die
Wand) Ja, meine Kammerfrau. ... Gewiß! ... Sie kam, mir anzuzeigen, daß
die Tante noch nicht schlafen gegangen sei. (gegen die Marquise) Gehn
sie, meine Gute!

_Marquise._ Ich will der armen Sophie das Leben zurückgeben. Ungern meid
ich dies Zimmer. Die Intrigue ist so unterhaltend. (geht ab.)



                            Sechste Szene.


                            Gräfin. Dupré.

_Gräfin._ (allein.) Ja, sie ist hinaus. ... Ich bin ganz allein. (vor
sich) Was will doch Dupré? (gegen die Wand.) Es ist Dupré, der mir was
zu sagen hat.

_Dupré._ (heimlich zur Gräfin, die sich von der Wand entfernt) Da hatt'
ich einen artigen Schrecken. Die Frau Nichte dachte sie zu überfallen.

_Gräfin._ Wie?

_Dupré._ Unter dem Vorwand, hier einen Mantel zu holen. ... Hören sie!
Er ruft sich den Katarrh. Antworten sie!

_Gräfin._ (laut gegen die Wand) Einen Augenblick Geduld! Ich höre nur
Dupré an. Gleich! (zu Dupré) Nun?

_Dupré._ Jähling kam sie, bleich, verstört, ich hielt sie an, sie wollte
hinein, wußte nicht was sie that, die Frau Marquise erschien, nahm sie
unter den Arm, und verschwand mit ihr.

_Gräfin._ Die Marquise bringt freudige Ruhe über sie. Still, was fällt
mir ein, der Chevalier mag eine Erzählung hören. (zur Wand) Helfen sie
mir!

_Dupré._ Mit Vergnügen!

_Gräfin._ Chevalier ... ich bebe ...

_Dupré._ Gewiß, Herr Chevalier, wie ein Rohrhalm im Orkan!

_Gräfin._ Erschrecken sie aber nicht!

_Dupré._ O, er ist schon außer sich.

_Gräfin._ Die Tante wollte uns überfallen. Ohne Dupré --

_Dupré._ Ja, ich erwies ihnen einen großen Dienst. ... O sie sind sehr
gütig!

_Gräfin._ Wie würde sie mich apostrophirt haben! ... Dupré hat sie
überzeugt, ich schlief lange.

_Dupré._ Und sie glaubte mit einer edlen Einfalt! ... O, man hintergeht
sie leicht, glauben sie mir ... (zur Gräfin) Wie er lacht!

_Gräfin._ (an der Wand) Ha ha ha ha!

_Dupré._ (lacht laut auf an der Wand) Ha ha ha ha! Wenn sie ahnte, welch
ein Streich ihr gespielt ward.

_Gräfin._ Ha ha ha ha! ... Gewiß! ... Sie haben Recht ... Einen
Alltagskopf foppen, lohnt nicht; ... aber eine so listige verschmitzte
superfeine Frau ... Ha ha ha ha! (zu Dupré) Hörst du sein Gelächter?

_Dupré._ Ha ha ha ha! Darüber weicht aller Schlummer vor mir. (gegen die
Wand) Ja ja, die Thüren sind alle zu. Es ist nichts weiter von ihr zu
fürchten.

_Gräfin._ (gegen die Wand) Nein ich versichre es, sorgen sie nicht. --
Fort Dupré, die Rolle wurde gut gegeben.

_Dupré._ O Madame, lange nicht so vollkommen wie die ihrige. (geht ab)



                           Siebente Szene.


                            Gräfin allein.

Ja! ... Er ist fort. ... Ein unglücklicher Abend. Immer Störung! ... He?
Ich verstand nicht. ... Ein wenig lauter! ... Ihr Billet von heute? ...
Ich fand es -- artig, recht artig. ... Unglücklich? ... ob ich errathe,
warum sie unglücklich sind? (vor sich) Das ist so leicht eben nicht.
(gegen die Wand) O Chevalier! ... (vor sich) Weil ich ihm abschlug,
abschlug? Was denn? (gegen die Wand) Ob ich Grausame heute Erbarmen
zeigen will? ... (vor sich) Er würde keinen Gott beneiden? Ich muß wohl
fortfahren, zu versagen. (gegen die Wand) Aber wie dürfen sie hoffen ...
Berühren sie diese Saite nicht mehr, Blancé! Ich bitte! ... (vor sich)
Ah ein Crochet von meinen, nein, von ihren Haaren. Und ich fiel nicht
gleich darauf? Es lag ja am Tage. Ha ha ha! (gegen die Wand) Was? ...
Ich lache, daß sie einen so großen Werth daran binden. ... Nun, wir
werden sehn. ... Nein, ich sage nichts zu. ... Ueberrasche lieber. ...
Wie? ... (vor sich) Jetzt will er meinen Anzug wissen. (gegen die Wand)
Ein Musselinkleid von weisser Farbe. ... Ein weisser Hut. ... Der Gürtel
hellblau. (vor sich) Drollige Neugier! (gegen die Wand) Die Schuh? ...
Nun blau und schwarz. (vor sich) Er will doch alles erfahren. (gegen die
Wand) Und dies ihr Kleid? ... Auch blau? (vor sich) Da haben wir die
Sympathie! (gegen die Wand) O ja, ich bin frohgelaunt. ... (vor sich) O
das ist drollig, ich komme ihm heute pikanter vor wie gewöhnlich. Kann
sein! (gegen die Wand) Vorwürfe? ... Sie sind reitzbar ... Ich
versichere, daß sie mich nicht ganz kennen. ... So bin ich nicht
vollkommen von Coquetterie frei. ... Nein! ... Nein! ... Sie ist aber
weniger Zug des Gemüthes, wie Eigensinn. ... Bei ihnen, mein Herr, im
Gegentheil, ist sie lauter Gemüth! ... Sie streiten? ... Der Roman mit
der Tante? ... Ihre Empfindung für sie? ... (vor sich) Welch ein platter
Wahn! ... (gegen die Wand) Ich glaube nicht daran. Nein! Eher mögt ich
annehmen, daß sie den Vicomte liebt. ... Sie nur, Sie? (vor sich) Ist da
nicht eine Eigensucht! (gegen die Wand) Aber sie lieben meine Tante,
_liebten_ sie wenigstens? ... Nicht? (vor sich) Schmeichelhaft! (gegen
die Wand) Aber denken sie nur an den Sommer in Bercy. Wo sie die Nächte
hindurch vor ihrer Terrasse weilten, die tönende Guitarre in der Hand.
Jenen Abend, wo sie eine so poetische Erklärung begannen, die sie mit
lauten Epigrammen unterbrach? ... Wer mir das sagte? sie allein. ... O
das ist nicht wahr. Ich glaube der Tante mehr. ... Warum? Weil sie mir
theuer ist. ... (vor sich) Ah, Sophie gedachte meiner immer
vortheilhaft. Braves Mädchen! (gegen die Wand) Aber sie lieben doch
unstreitig den Ton ihrer Stimme? ... Warum? der Aehnlichkeit halber? ...
Sie meinen, das wolle nicht viel sagen, könne sie nimmer täuschen? (vor
sich) Wir haben die Probe. (gegen die Wand) Sie finden also ganz und gar
die bezaubernde Liebenswürdigkeit nicht, die der Vicomte ihr andichtet?
(vor sich) Schmeichelhaft! (horcht gegen die Wand) Nun zeichnet er mein
Porträt! ... Himmel! nach allem was er mir sagte, beschwur! ... O
Männer, Männer! So sind sie aber alle. Das ist bestrafter Vorwitz.
(gegen die Wand zornig) Was? Unbeständig, voll Leichtsinn, ohne Tiefe
der Empfindung? Und dennoch wähnen sie von ihr zum Sterben geliebt zu
sein? So flach zeichnen sie ihr Gemüth, und behaupten eine Kraft der
Leidenschaft -- ei, so widersprechen sie sich doch nicht! ... Wie? Wer
ist bei ihnen? Dupré? Was will er? Immerhin Heimlichkeiten, ich erfahre
sie dennoch. ... Reden sie zu mir Dupré! ... Nicht beide auf Einmal! Er
will sie erinnern, daß die Stunde zu Ende ging? Gut, die Unterredung
soll gleich abgebrochen sein. Nur weg! ... O wie sie den Armen anließen?
Gleich Aufwallung. ... Ich verlasse sie nun, habe noch Briefe zu
schreiben. ... Nein nein, sie sind heute unerträglich. ... Wie, ich wäre
gestern weit liebenswürdiger gewesen? Ich wette nein! ... Sanftmüthiger?
Wäre möglich! ... Den Maskenball am Sonntage hätte ich ihnen
aufgeopfert? Sie flehten, und dennoch waren sie gegen ihr heiliges
Versprechen dort. ... Nur einen Augenblick? Das heißt, zwei oder drei
Stunden. ... Sie gaben einer grauen Nonne den Arm. Und küßten ihre Hand
oft, ohne Handschuh, ohne Tapeten. (vor sich) Ah das verwirrt ihn.
(gegen die Wand) Mit eignen Augen sah ich es ja, denn ich hielt mein
Versprechen nach ihrem Muster. Ich folgte tief verlarvt, _sie_ zu
enthüllen. Sie sind durchschaut. ... (vor sich) Doch ein Triumph! Ich
quäle ihn unerhört. (gegen die Wand) Nicht wahr, sie kannten mich noch
nicht? ... Sie meinen, in sechs Monaten erforsche sich das weibliche
Herz? O wie unerfahren! ... Nun nun, lachen wir darüber, klüger wie
Harm. ... Gegenseitige Duldung! ... Sie finden das nicht romantisch? ...
Aber doch weise! ... Nachsicht von beiden Theilen! ... (vor sich) Ah,
nun fällt er in den tragischen Ton! (gegen die Wand) Wenn dies System
ihnen nicht gefällt, so -- so -- Hören sie: die Leidenschaft meiner
Tante ist doch ein unübersteiglich Hinderniß. Sie ist meine
Wohlthäterin. Darf ich ihre Ruhe untergraben? ... (vor sich) Welche
Bewegung! (gegen die Wand) Das Glück will einmal unsrer Liebe nicht
winken. Also standhafte Philosophie. Sprache der Lebensklugheit. Ich
besitze kein Vermögen, sie eben nicht viel. ... Hören sie mich doch
ruhig an! Sie erklärte mir diesen Abend, ich müsse dem Baron meine Hand
geben, oder lebenslang auf ihr Wohlwollen verzichten. Ich sagte aber
nichts zu -- aber -- aber. ... (vor sich) Nein diese Wuth! (gegen die
Wand) Ob ich den Baron liebe? Nein, doch Achtung, viele Achtung -- ...
Sie drohen? O deshalb wanke ich nicht. ... Eine runde nette Erklärung?
Wohlan: Ich fühle mich zu ihnen hingezogen, aber Chevalier, ihr
Ungestüm, ihr herrischer eifersüchtiger Sinn -- ich legte alles auf die
Waage -- ein Tag wandelt vieles um -- Mein Herr, ich kann ihnen meine
Pflichten nicht opfern, ihre Drohungen, ihr wilder Eifer, mahnen mich
nur lauter an Trennung. Sie wissen Alles! ... (vor sich) Nun ist er
starr und stumm! -- Bei alledem ein liebenswürdiger zorniger Unmuth!
Eine edle Verzweiflung! (gegen die Wand) Leben sie wohl! ... auf ewig --
ewig! (entfernt sich von der Wand, springt aber wieder zurück) Wie, das
Klirren eines Degens? Chevalier! (lauter) Chevalier! Chevalier! Sie
werden doch nicht! Gott ich mögte zu Boden sinken!



                             Achte Szene.


                            Dupré. Gräfin.

_Dupré._ Welch Geschrei! Giebts hier Unheil?

_Gräfin._ Ah -- kaum athme ich noch! (gegen die Wand) Es ist Dupré. ...
Welch Entsetzen! ... Ruhe, Ruhe, ich beschwöre sie darum! (zu Dupré) Das
drang tief ein --

_Dupré._ Wie -- durch die Wand? Hören sie. ...

_Gräfin._ Was sagt er da?

_Dupré._ Er fürchtet, sie werden in Ohnmacht sinken.

_Gräfin._ Ah! Das weckt mir einen ähnlichen Gedanken. Er entsetzte mich,
ich entsetze ihn wieder. Mache ihm bange, recht bange. Sprich!

_Dupré._ (gegen die Wand) Mein Herr, mein Herr -- Madame taumelt -- das
geht übel -- übel -- (zur Gräfin) Ach! -- hören sie die Angst!

_Gräfin._ (entfernt ihren Stuhl von der Wand) Sage ihm, ich sei ohne
Besinnung.

_Dupré._ Ach mein Herr! Madame ist bleich, wie eine Lilie. -- Die Augen
sind starr -- der Anblick durchbohrte ihr Herz.

_Gräfin._ Trefflich! Nur weiter! Ich glaube er weint.

_Dupré._ Er weint, schluchzt, rauft das Haar. Hören sie es denn nicht?
(gegen die Wand) Das nenne ich Krämpfe, Convulsionen! Ich brachte sie
auf den Divan, und empfing furchtbare Stöße ihrer Hand. -- Die Wangen
sind hellgrün und dunkelgelb, die Lippen Indigoblau. ... Ja ja, ich habe
^Eau de cologne^ hier --

_Gräfin._ Sag ihm, daß die Krämpfe zunehmen.

_Dupré._ O -- o -- o! (schlägt an die Wand) Hören sie es wohl, Herr
Chevalier, sie macht den Lärmen -- mit Hand, Fuß, und Stirn, ich halte
sie nicht allein. -- Mein Gott welcher Zustand. ... Ja den Kopf halt ich
zwischen den Händen, sie stieß sich nur einmal wider die Stirn, es
bedeutet wenig. (zur Gräfin) Aber nun Madame, enden sie!

_Gräfin._ So laß mich zu mir kommen, aber nach und nach. (sie rückt den
Stuhl wieder zur Wand hin.)

_Dupré._ Ah dem Himmel sei Dank, da fand ich doch ein wirksam Mittel.
Ich wollte ihr ein wenig Wasser ins Gesicht sprengen, sie schlug mit dem
Arm an die Carafine, und so strömte die ganze Flut über sie. -- Aber es
thut Effekt. -- Sie träuft wie eine Nymphe im Bade. -- Wäre nur das
Wasser nicht so eiskalt. Doch mit einem Schnupfen kömmt sie davon. -- Ja
es hilft wunderbar. -- Sie öffnet die Augen ... (die Gräfin und Dupré
klopfen wider die Wand) das ist sie immer noch. ... Die Krisis des
Uebels. Sie stampft -- windet sich -- die Nerven sind fürchterlich
angegriffen. ... Ah -- nun kömmt Ruhe über sie -- Erholung -- die
Mißfarbe schwindet -- das Kolorit ist wieder da. ... Die Lippen noch ein
klein wenig blau, sonst alles wieder in voller Ordnung.

_Gräfin._ Sage, ich nenne seinen Namen.

_Dupré._ Mein Herr, sie stammelt etwas, kaum hörbar zwischen den Lippen.
Ah -- Blan -- Blan -- ihren Namen, mein Herr! ... O glauben sie, daß ich
wie ein Kind weine -- (weint) Ihre Augen sind noch immer so stier -- da
quellen, glänzen, brechen Thränen hervor. ... Antworten sie ihm doch.

_Gräfin._ (gegen die Wand mit weinendem Ausdruck.) Ich wollte sie bergen
-- meine Fühlbarkeit -- vielmehr meine Schwäche --

_Dupré._ Wie zärtlich er nun ist.

_Gräfin._ Geh, ich mögte nur lachen!

_Dupré._ (ab.)



                            Neunte Szene.


                               Gräfin.

(allein) Oder weinen! (gegen die Wand) Hören sie mich? ... Die
Verstellung gelingt mir nicht. ... Ich wollte sie strafen. Erinnern sie
sich, was sie mir sagten. ... Ja ja, wenn die Tante will. ... Sie muß
zugezogen werden. ... Vereinen wir unser Flehn, wir werden sie rühren.
... Gewiß. ... Sie verkennen die Großmuth der Tante. ... Nun, hören sie
einen Vorschlag an, der sie ein wenig befremden wird. Ich berge ihnen
noch eine wichtige Entdeckung, muß ihnen ein Papier vorzeigen -- genug,
niemanden anders kann ich mich vertrauen, bin also bereit, sie hier zu
empfangen. ... Ja, ohne Tapetenwand, in dieser Stunde. ... (vor sich)
Bei allem Sturm der Liebe, zaudert er hier doch. Viel Zartsinn. Viel
innige Achtung für Sophiens Ruf. Ja, er verdient Gegenliebe! ... (gegen
die Wand) Gehörte ihnen Sophiens Herz noch nicht, diese Gesinnungen
würden es ihnen unterwerfen. Kommen sie ohne Furcht, ich muß sie sehn.
... (vor sich) Er sinkt aufs Knie. -- wie er zu bewegen versteht. (gegen
die Wand) Vielleicht wird ihnen hier Verzeihung -- oder sie fühlen sich
desto schuldiger. Stehn sie doch auf! Ich rufe Dupré, daß er sie
abholet. -- Dupré!



                            Zehnte Szene.


                            Gräfin. Dupré.

_Gräfin._ Bald löst sich der Knoten. Holen sie den Chevalier!

_Dupré._ Hieher?

_Gräfin._ Ja. Geschwind!

_Dupré._ In dieser Stunde? -- Madame, Madame! Zu viel Frohsinn!

_Gräfin._ Er glaube immer noch, Sophie erwarte ihn. Was ist die Uhr?

_Dupré._ Zwanzig Minuten auf Zwei!

_Gräfin._ In einer guten Stunde wird die Marquise mit Sophien gerufen.

_Dupré._ Das heißt, wenn Madame eine Stunde mit dem Chevalier
schwatzten.

_Gräfin._ Ja!

_Dupré._ Eine gute Stunde! -- Aber wenn er sie sieht, wirds mit dem
Schmälen zu Ende sein.

_Gräfin._ Fort, fort!

_Dupré._ Eine gute Stunde ist zu viel --

_Gräfin._ Aber Dupré --

_Dupré._ Madame -- ich kenne das -- Sie sind in Wallung -- haben wieder
zu viel Frohsinn -- Madame! auf ihrer Hut! (ab.)



                             Elfte Szene.


                           Gräfin (allein).

_Auf ihrer Hut!_ So übel nicht! Daß mich der Chevalier empfindlich traf,
darf ich es mir verhehlen? -- Hm -- was könnte interessanter sein, als
wenn er, bei all der endlosen Leidenschaft für Sophien, in der Stunde,
wo ich ihre Hand in die seinige legen werde -- wenn er noch da -- da --
da gestraft, ich gerächt würde. -- Sie wäre möglich diese Rache, bei ihm
-- o bei allen Männern. Darf man auf Einen bauen? -- Ich Glückliche, daß
ich die wiedererlangte Freiheit bewahrte! Ich Glückliche, daß er nicht
_so_ mich liebte, wie Sophien! -- Ah -- Da wird er sein. -- Thörigt
genug, aber ich bin voll peinlicher Unruhe. (setzt sich) Wie wird er
staunen! --



                            Zwölfte Szene.


                        Gräfin. Der Chevalier.

_Chevalier._ (im Hintergrunde) Wie bin ich erschöpft! -- Da ist sie -- O
Sophie!

_Gräfin._ (erhebt sich und wendet sich) Mein Herr?

_Chevalier._ (bei Seite) Himmel! Die Gräfin!

_Gräfin._ So angewurzelt -- versteinert? Doch was fürchten sie; sagt ich
ihnen nicht Verzeihung zu? Verzeihung in diesem Saal?

_Chevalier._ Was hör' ich! Wie, Madame --

_Gräfin._ Suchen sie Sophien etwa? Sie mied, seit der Abendtafel, nicht
mein Zimmer.

_Chevalier._ Träum ich aber? -- Madame -- sie -- sie hätten durch die
Tapetenwand --

_Gräfin._ Mich mit ihnen unterhalten. Ich meine, die Stimme könnte Sie
nicht hintergehn. Sophiens Sprachorgan ist viel melodischer und
harmonischer. Nannten sie es nicht so?

_Chevalier._ Madame -- sie -- sie! Wenn ich also Sophien anklagte, umgab
mich Täuschung, warfen Irrthümer mich hin; Sophie ist unschuldig, nichts
konnte sie umwandeln.

_Gräfin._ In der That, diese Aufwallung gewann mich. Nur aus der
tiefsten, wahrhaft gerührten Seele kann sie hervorgehn. Ein anderer
zeigte Bestürzung, Schaam, Verlegenheit, sie phantasiren nur mit
Sophiens Herz. So, so liebt man wahr!

_Chevalier._ Erwach ich denn gar nicht von diesem Traume? -- Rufe ich
mir aber zurück, was sie sagten, begreif ich nicht, daß ich einen
Augenblick hintergangen werden konnte. Welche Andere konnte mich mit
einer so zauberischen Gewalt der Worte, so treffendem, geistvollem
Ausdruck, so viel Grazie der Urtheile hinreissen.

_Gräfin._ Denken sie daran, was sie vorhin von mir sagten, und fühlen
sie, wie jetzt ihr Lob in mein Ohr tönt.

_Chevalier._ Wer eine Rivalin wie sie bekämpfen will, muß sich in die
Arme der Unwahrheit werfen.

_Gräfin._ Und diese Leidenschaft, die sie mir andichten --

_Chevalier._ Glaubt ich an den frohen Wahn, ließ ich mir eine
Gerechtigkeit widerfahren, die mich mit Selbstvertrauen waffnen sollte.
Theilt ich ihn Sophien mit, sollt er mir in ihren Augen mehr Werth
geben. O der Mann, den sie lieben, entflammt jedes Frauenherz.

_Gräfin._ Sie peinigt also keine Reue, keine Verlegenheit.

_Chevalier._ Ich würde betroffen sein, wären sie nicht über die
Gewöhnlichkeit erhaben, fühlt ich mehr Eigenliebe als Bewunderung für
sie -- denn die Schmach, die sie auf mich zu häufen strebten, war hart
-- Doch welche Fülle der Beruhigung in ihren Triumphen!

_Gräfin._ Artige Triumphe, sie zwei Minuten gefoppt zu haben.

_Chevalier._ Sie fühlten ihren Stolz nicht! Nein, die Bescheidenheit
wäre zu groß.

_Gräfin._ Ei -- Doch Apropos -- Ein wenig umgewandt. Im Frack? Ohne
Degen? Vortrefflich! -- Schon glaubt ich an Selbstmord, wähnte in
grauenvoller Ahnung die Klinge zücken zu hören.

_Chevalier._ Die Ohnmacht, die schauderhaften Zuckungen, die mir das
Haar emporsträubten.

_Gräfin._ Repressalien.

_Chevalier._ Nein Madame, in dem Talent zu hintergehn, wie in der
Gewalt, in Ketten der Liebe zu werfen, erkenn ich ihre Obermacht. -- O
diese Thränen, die gleich den meinigen geboten -- Gräfin, wenn ich sie
würdigte, nahm ich einen kühnen Flug, doch um einen ganzen Himmel höher
liegt der Gipfel, auf den sie heute meine Bewunderung tragen.

_Gräfin._ Ein Lob ohne Poesie, eine Erkenntlichkeit ohne Ausschweifung
will ich um sie verdienen. Was ich beschloß für Sophien zu thun, wenn
sie den Baron heirathete, geschehe auch jetzt. Sie verdienen sie, so
nehmen sie denn Sophiens Hand!

_Chevalier._ (gerührt) Ah Madame! Blickten sie in mein Herz -- Neben so
holder Schönheit, ein so reiner wahrer Edelsinn, so emporhebende Reize,
so niederwerfende beschämende Großmuth -- ich trag es nicht --

_Gräfin._ Das Glück meines Lebens bedingt ihre Freundschaft!

_Chevalier._ Nur meine Freundschaft? Arme Forderung! Nicht mein Leben?
Nicht --

_Gräfin._ Ich verlange, was sie gewähren können --

_Chevalier._ Hätten sie -- o ich Unglücklicher!

_Gräfin._ Nehmen wir Platz. (setzen sich) Ich fahre fort, ihnen mein
Herz vollkommen zu offenbaren.

_Chevalier_. (vor sich) Wüßt ich nur recht, was in dem meinigen
vorginge.

_Gräfin._ Jetzt -- da wir gegen einander alle Gefallsucht verbannen,
können wir uns zutraulich nahen.

_Chevalier._ _Gefallsucht_! -- Ja ja, das ist das rechte Wort. Verzeihen
sie, Gräfin, nur diese eitel prunkende Hülle stellten sie mir dar, es
gelang mir nie, sie _herzlich_ zu sehn.

_Gräfin._ Aber nein! In _mir_ wohnte die Gefallsucht nicht, sonst würde
die Szene der Tapetenwand mich ja entrüstet haben, sie sehen meinen
Gleichmuth.

_Chevalier._ Entrüstet? Warum, warum? Sie dürfen überall den Rang
fordern; Schönheit, Geist --

_Gräfin._ Weg nun mit aller Galanterie! Bei der Geliebten ist sie ein
Simbol, nichts bedeutet sie der Freundin, der Tante --

_Chevalier._ (ergreift ihre Hand, um sie zu küssen.) O gefährliche,
gefährliche Freundin! -- -- (leicht) doch warum ziehn sie die Hand
zurück, das Simbol ist aufgehoben. -- (wieder in Feuer) Nein _nie_ sah
ich sie! Zum _Erstenmale_ erblicke ich diese _neue, neue_ Anmuth --

_Gräfin._ Keine Unterbrechung! Ich habe ihnen zu eröffnen --

_Chevalier._ Zu _eröffnen_?

_Gräfin._ Daß ich endlich mich überzeugte: nur eine gewisse
_Sentimentalität_ banne Lebensfreuden; daß ich dem Scherz mit der Liebe
ja meiner Freiheit entsage.

_Chevalier._ Wie? Gewiß? Versteh ich sie --

_Gräfin._ Sie sehn mich zu einer andern Heirath entschlossen --

_Chevalier._ Gräfin!

_Gräfin._ Sie kennen die Leidenschaft des Vicomte --

_Chevalier._ Des Vicomte -- Gräfin! Wo denken sie hin! Nein sie wollen
mich nur quälen --

_Gräfin._ Da ich noch an ihre _Liebe_ glaubte, konnten sie an den Plan
einer solchen Qual glauben, nun --

_Chevalier._ Wie, sie _liebten_ den Vicomte?

_Gräfin._ Eine Andre sagte unter den Umständen wohl -- _Ja_, ich aber
_Nein_! Ihm mangelt die Bildung, welche mich gewinnen könnte, doch
würdige ich sein Herz, und hoffe von der Zeit Neigung.

_Chevalier._ Hat er ihr Wort?

_Gräfin._ Nicht eben entscheidend.

_Chevalier._ Hoffnung?

_Gräfin._ Ja -- wer _so_ liebt, schöpft sie leicht.

_Chevalier._ Seit wenn?

_Gräfin._ Seit ich entdeckte, von ihnen betrogen zu werden -- Aber mein
Gott! Was sagt ich!

_Chevalier._ Gräfin! -- In welche -- ich _betrog_ sie nicht! Nein! Hätt
ich geahnt, daß sie sogar meinen Geschmack für Sentimentalität theilen
--

_Gräfin._ Chevalier --

_Chevalier._ Sie hätten mich geliebt? Kein Wahn -- und _so, so_ geliebt
--

_Gräfin._ Weg mit der Vergangenheit!

_Chevalier._ Sie werden den Vicomte _nie_ lieben, können es nicht.

_Gräfin._ Er hat freilich wenig Grazie des Umgangs, ihm mangelt der
heitre gesellige Ton, der das Leben so mit Blumen bestreut, ihm fehlt
das leicht ansprechende scharfe Gefühl, dem die gleichgestimmte Saite
mit so viel Wonne entgegen tönt, und -- und -- doch wenn ihnen auch an
dem Allen ein Reichthum wurde, lieben sie nicht eine Frau, die ihn
entbehrt? -- Sophie zieht durch Anmuth, einfachen Sinn, freundlichen
Willen an, doch -- was man _piquant_ nennt, das ist sie nicht. -- Sie
sehn, daß man auch die ungleiche Natur zu lieben vermag.

_Chevalier._ Vermag man das wirklich? Oder ist es eine gefährliche
Täuschung, die aus dunklem Hintergrunde mit Reue droht! -- Gleiche Natur
-- o gleiche Natur, köstliche ewige Fessel des Gottes der -- -- sie
sagten Vertrauen zu, eine Frage, _eine_, aber lösen sie sie wahr --

_Gräfin._ O -- Unwahrheit gelingt mir ohne Tapetenwand nicht, (auf ihre
Augen deutend) diese Verrätherinnen plaudern mich aus --

_Chevalier._ O dann muß ich diese redlichen Schönheiten um Antwort
anflehn --

_Gräfin._ Nun -- (beide sehn sich stillschweigend an)

_Chevalier._ Ach --

_Gräfin._ Fragen sie mit _Worten_!

_Chevalier._ Wissen sie aber, daß die Entscheidung mir ein neues Loos
werfen, unwiderruflich werfen kann? --

_Gräfin._ O, o --!

_Chevalier._ Galt ich ihnen einst mehr? Betrog mein Wahn mich nicht
völlig? Sie senken den Blick -- schweigen -- Gräfin --

_Gräfin._ Weg mit der Vergangenheit! (ergreift ein Portefeuille und
nimmt einige Briefe heraus) Weg jede Erinnrung aus ihr. Nothwendigkeit
bedingt das harte Opfer. Nehmen sie diese Briefe zurück, die mich -- ach
zu grausam betrogen --

_Chevalier._ Ich heilige jeden Eid, den sie schwuren. (wirft sich vor
ihr hin) Hier ist mein Altar. Hier nur darf ich anbeten!

_Gräfin._ So sind die Männer, _so so_ --

_Chevalier._ O Gräfin --



                          Dreizehnte Szene.


                      Marquise. Sophie. Vorige.

_Sophie._ (Indem sie den Chevalier aufstehen sieht) O meine gute Tante,
auch mir gebührt es, mich zu ihren Füßen zu werfen.

_Gräfin._ Du hast den Chevalier errathen. Er dankte eben für meine
Einwilligung --

_Sophie._ Blancé, ihr lebendiger Eifer rührt mich!

_Chevalier._ (bei Seite) Aber der Teufel --

_Gräfin._ (zu Sophien) Wie bewegt -- wie hingerissen in Liebesflug --
irrend in höheren Welten. Sieh ihn an!

_Chevalier._ Madame --

_Marquise._ Die Notare warten. --

_Chevalier._ (etwas auffahrend) Notare?

_Marquise._ (bei Seite) Bei aller Liebe entfärbt ihn dies Wort.

_Gräfin._ Das wichtige Papier ist der Heirathsvertrag, der auf ihre
Unterschrift wartet --

_Chevalier._ Sogleich? -- Was verdanke ich ihnen nicht alles.

_Gräfin._ Sophie, triumphiren sie über ihre Wahl! Hier ist redliche,
feste, über jeden Wankelmuth erhabene Liebe. Wohl giebt es Männer, von
einer so kraftlosen Eitelkeit beherrscht, daß sie gleich vergessen und
hinopfern, wie nur ihrer thörigten Eigenliebe verschlagen gehuldigt wird
--

_Chevalier._ Nein Gräfin, sie klagen zu hart an.

_Sophie._ Und warum vertheidigen sie ungleiche Naturen? (ihn an der Hand
fassend) _Dies_ reine Gemüth begreift das Strafbare nicht.

_Chevalier._ (von der Gräfin an der andern Hand ergriffen) Schonung!

_Gräfin._ Dem Verdienste Gerechtigkeit! (winkt der Marquise, Sophien
abzuführen) Wir folgen!



                            Letzte Szene.


                          Gräfin. Chevalier.

_Chevalier._ Endlich! --

_Gräfin._ Lust und Rache sind gebüßt. Umarmen sie nun ihr Glück!

_Chevalier._ Mein Glück? Sie warfen es zu Boden, ich finde es nicht
mehr, mich umgiebt Verwirrung, soll ich sie _hassen_ oder _anbeten_? Sie
bewundern, oder wie eine Eumenide fliehen? Bin ich ein Narr, ein
Beklagenswerther, ein Glücklicher --

_Gräfin._ Ein _Glücklicher_! Sie lieben Sophien.

_Chevalier._ Ja!

_Gräfin._ Mich auch? Nicht wahr?

_Chevalier._ Ja, ja -- wer mag es erklären -- Gleich getheilt --

_Gräfin._ _Getheilt_, doch nicht _gleich_. Ihr _Herz_ gehört Sophien,
ihr Flattersinn, geleitet von glanzsüchtiger Eigenliebe, floh mir zu.
Ich erwartete es, alles war Prüfung; ich erfand den Roman mit dem
Vicomte --

_Chevalier._ Sie heirathen ihn nicht, Gräfin? Ein Fels weicht von meiner
Brust --

_Gräfin._ Diese Freude ist ein Verbrechen an Sophien. An sie tragen sie
meine Schuld ab. Entsagen sie Ansprüchen, die ihnen nur das Lob der
Thoren, und den Tadel der Guten bringen. Bisher war die Jugend ihre
Führerin, nun sei es --

_Chevalier._ Die Freundschaft!

                         Ende des Lustspiels.



Anmerkungen zur Transkription


Die fehlende Überschrift »Fünftes Buch« wurde ergänzt. Einige
Kapitelnummern erscheinen doppelt und einige Kapitelnummern fehlen. Dies
wurde wie im Original belassen.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die kräftig variierende und inkonsistente Schreibweise und Grammatik des
Originals wurden weitgehend beibehalten. Offensichtliche Auslassungen
von Satzzeichen sowie offensichtliche Buchstabenvertauschungen wurden
stillschweigend korrigiert. Alle weiteren Änderungen sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 8]:
   ... winkte stumm gegen den Soldaten hin, noch zuzurückbleiben, ...
   ... winkte stumm gegen den Soldaten hin, noch zurückzubleiben, ...

   [S. 17]:
   ... in deren Mitte keinen andern Mann zu dringen ...
   ... in deren Mitte keinem andern Mann zu dringen ...

   [S. 61]:
   ... und wirksam zu sein. Daneben fehlte es ihm ...
   ... um wirksam zu sein. Daneben fehlte es ihm ...

   [S. 64]:
   ... Rachsucht loderten farchtbar in allen Busen ...
   ... Rachsucht loderten furchtbar in allen Busen ...

   [S. 70]:
   ... der Fanatismus aus höchste gespannt. ...
   ... der Fanatismus aufs höchste gespannt. ...

   [S. 91]:
   ... furchtbar ist. Doch fertigten sie auch Röhre aus
       Giaffengebeinen ...
   ... furchtbar ist. Doch fertigten sie auch Röhre aus
       Giraffengebeinen ...

   [S. 113]:
   ... Hier erhuben sich alle Posadnicks, und machten ...
   ... Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten ...

   [S. 118]:
   ... zahlen, und die Pasadniks in seiner Gegenwart ...
   ... zahlen, und die Posadniks in seiner Gegenwart ...

   [S. 120]:
   ... aus Liebe für den verstorbenen Fürsten Boleslav, ...
   ... aus Liebe für den verstorbenen Fürsten Boguslav, ...

   [S. 122]:
   ... schreien sie Erbarmung, unsonst verheißen sie Gehorsam, ...
   ... schreien sie Erbarmung, umsonst verheißen sie Gehorsam, ...

   [S. 124]:
   ... und Bogdnauschka den Kleinen. ...
   ... und Bogdanuschka den Kleinen. ...

   [S. 140]:
   ... de lui avant d'entreprendre; s'il étuduie, non ...
   ... de lui avant d'entreprendre; s'il étudie, non ...

   [S. 140]:
   ... pas les principes de l'administration que l'experience ...
   ... pas les principes de l'administration que l'expérience ...

   [S. 140]:
   ... que la corruption élève des toutes parts; ...
   ... que la corruption élève de toutes parts; ...

   [S. 140]:
   ... rien à blâmer at à contredire; mais à la première ...
   ... rien à blâmer et à contredire; mais à la première ...

   [S. 140]:
   ... s'éléveront; l'un critiquera la forme, l'autre ...
   ... s'élèveront; l'un critiquera la forme, l'autre ...

   [S. 140]:
   ... le fonds, non pas d'apres des principes réfléchis, ...
   ... le fonds, non pas d'après des principes réfléchis, ...

   [S. 140]:
   ... pourquoi ne réforme-t-il pas ceci on cela? ...
   ... pourquoi ne réforme-t-il pas ceci ou cela? ...

   [S. 141]:
   ... de l'administration, on s'ecriera: pourquoi toucher ...
   ... de l'administration, on s'écriera: pourquoi toucher ...

   [S. 141]:
   ... L'esprit de systéme, la constitution de l'Etat, ...
   ... L'esprit de système, la constitution de l'Etat, ...

   [S. 141]:
   ... les privileges des différens corps, la caractère ...
   ... les privilèges des différens corps, le caractère ...

   [S. 141]:
   ... raillement que se donnera l'esprit de contradiction, ...
   ... ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, ...

   [S. 141]:
   ... dem Zeitalter; als Vorwurf hören, muß er immerfort ...
   ... dem Zeitalter als Vorwurf hören, muß er immerfort ...

   [S. 143]:
   ... ankam, auf dem Exerzierplatze Todten zu begraben, ...
   ... ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ...

   [S. 168]:
   ... die Zusicherung eines hohrühmlichen Grabes. ...
   ... die Zusicherung eines hochrühmlichen Grabes. ...

   [S. 172]:
   ... eher glaubte Perrotti seine Absichten durchzusetzen. ...
   ... eher glaubte Perotti seine Absichten durchzusetzen. ...

   [S. 194]:
   ... Durkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer ...
   ... Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer ...

   [S. 219]:
   ... Ein gewisser deutscher an Bildern vorzügleich reicher ...
   ... Ein gewisser deutscher an Bildern vorzüglich reicher ...

   [S. 236]:
   ... kann sie sich auf den Stufen einer großen Pyramise ...
   ... kann sie sich auf den Stufen einer großen Pyramide ...

   [S. 237]:
   ... Söhne des Meliks drängen sich zu den ...
   ... Söhne des Weliks drängen sich zu den ...

   [S. 256]:
   ... Des geschäftige Leben, von welchem man die ...
   ... Das geschäftige Leben, von welchem man die ...

   [S. 259]:
   ... die Söhne, der Väter Schuld, und der Apfel ...
   ... die Söhne der Väter Schuld, und der Apfel ...

   [S. 287]:
   ... sie sechs Fuß tief; so würde der Trichter, laut den ...
   ... sie sechs Fuß tief, so würde der Trichter, laut den ...

   [S. 301]:
   ... nicht weit vom Pallastgarten schwammen. Das ...
   ... nicht weit vom Pallastgarten schwamm. Das ...

   [S. 320]:
   ... beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einen eben ...
   ... beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einem eben ...

   [S. 323]:
   ... Der Europäer, und nur der Alterhumskundige ...
   ... Der Europäer, und nur der Alterthumskundige ...

   [S. 335]:
   ... sie hatte nun alles zu furchten. ...
   ... sie hatte nun alles zu fürchten. ...

   [S. 340]:
   ... rief Joseph, so sagen sie ihm; wenn schon unsere ...
   ... rief Joseph, so sagen sie ihm: wenn schon unsere ...

   [S. 343]:
   ... und den Gebürgen, aus, sondern sie legte hier ...
   ... und den Gebürgen aus, sondern sie legte hier ...

   [S. 361]:
   ... zu gläuben, ihn bei nächtlicher Weile gesehn zu ...
   ... zu glauben, ihn bei nächtlicher Weile gesehn zu ...

   [S. 392]:
   ... ich fürchte die Neugier, und will die anderen ...
   ... ich fürchte die Neugier, und will die andere ...

   [S. 418]:
   ... Gräfin. (gegen die Wand mit weinenden Ausdruck.) ...
   ... Gräfin. (gegen die Wand mit weinendem Ausdruck.) ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band." ***

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