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Title: Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Author: Goethe, Johann Wolfgang von
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Schreibweise und Interpunktion wurden bis auf wenige Druckfehler
beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich
am Ende des Textes.

Die Großbuchstaben I und J werden im Original nicht unterschieden.

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  Goethes Briefe
  an
  Auguste zu Stolberg

  Im Insel-Verlag zu Leipzig



Einleitung des Herausgebers


»Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart.« -- Goethe, mit jedem
Pulsschlage seiner Empfindung nach greifbarer Gegenständlichkeit,
nach sinnenfälliger Wirklichkeit drängend, ist zu versichern
nicht müde geworden, daß persönliche Bekanntschaft erforderlich
sei, »das Siegel eigentlich auf jedes wahre sittliche Verhältnis
zu drücken.« Doch auch er hat einmal geglaubt, mit Augen der
Sehnsucht den fernenden Nebel durchdringen zu können, der ihm
ein leiblich nie geschautes Antlitz verbarg, mit Armen der
Freundschaft hinüberreichen zu können über eine Kluft, die
keine unmittelbare Begegnung überbrückte. In jener bedeutsamen
Zeit deutscher Geistesentwicklung ist das gewesen, da unsere
Literatur, wiedergeboren aus dem Schoße frisch erwachten
Naturgefühles, aufbrausend im »Sturm und Drang« erneuerter
Jugendfülle, alle suchenden Seelen in gleichen Bann schlug, da
Goethe, der diese neue Literatur mitgeschaffen, jung wie sie,
voll leidenschaftlichen Verlangens, einstimmende Herzen von Nähen
und Weiten forderte.

»Sturm und Drang« -- an dem ergreifendsten Erzeugnis dieser
aufgewühlten Epoche, an den »Leiden des jungen Werthers« hatte
sich Auguste Luise Gräfin zu Stolberg-Stolberg entzündet, als
sie im Januar 1775 an den ihr fremden Dichter den ersten Brief
richtete. Geboren am 7. Januar 1753, Sprößling eines uralten
niederdeutschen Geschlechtes, lebte sie »still und bewegt« ein
unscheinbares reiches Leben; das südliche Holstein, die dänische
Insel Seeland, die Niederungen der Elbmündung sind mit ihrem
Wechsel von Wiese und Buchenwald, von Moor und Ackerfläche, von
schäumender Meeresbrandung und kosendem Landsee der begränzte
Schauplatz dieses weiten Daseins gewesen. Gustchens Vater, Graf
Christian Günther, war seit 1756 Hofmarschall der Königin-Witwe
Sophia Magdalena in Kopenhagen; als er 1765 starb, hatte er jedes
seiner zahlreichen Kinder für alle Folgezeit gefestigt in dem
ihm eigenen Sinne lauterer Frömmigkeit und frohen Bekennermutes.
Die Mutter (gest. 1773), eine harmonische Natur, den »schönen
Seelen« des Pietismus verwandt, mit regsamer Empfindung und
Kraft der Phantasie begabt, ward den Ihren gemütvolle Erweckerin
einer entschiedenen Neigung und Fähigkeit zur Dichtkunst, und
dieser allgemeine poetische Geist vertiefte und verklärte sich
an Wesen und Werk des Messias-Dichters Klopstock, der, 1751 nach
Dänemark berufen, in vertrautester Freundschaft zur Familie
stand. Klopstock ist der Leitstern geblieben, nach dem die
Stolberge ihr Leben und Dichten gerichtet haben; nach seinem
Muster hat Gustchens ältere Schwester Katharina ihr biblisches
Drama »Moses« verfaßt. Und auch Bruder Friedrich Leopold, dessen
schöner ausdauernder Enthusiasmus sich die Liebe jugendlicher
Mitstrebenden wie die Anerkennung kritischer Nachwelt erwerben
durfte, ist der früh eingesogenen Bewunderung Klopstocks niemals
untreu geworden, ob er gleich voll Selbstgefühls sein _Zögling_
nicht hat heißen mögen, den schlichten Ton singbaren Liedes jeder
volltönenden Odenform vorgezogen hat und, von dem Wehen des
»Sturmes und Dranges« ergriffen, einzig im eigenen Bewußtsein,
in der sich selbst verbürgenden Dichterkraft Maß und Richtschnur
seines Schaffens hat erkennen wollen.

»Sturm und Drang« -- wohl müßte es reizvoll sein, diese mächtige
Bewegung sich in empfindsamer Mädchenseele bewähren zu sehen,
aber die Briefe Gustchens, die uns solchen Anblick bieten
könnten, sind den Flammen zum Opfer gefallen, denen Goethe 1797
die Dokumente aller seiner persönlichen Beziehungen überantwortet
hat. Dafür zeigen uns seine eigenen Antworten vom Jahre 1775
das Schauspiel der jungen Zeit in seiner erhabensten Gestalt.
Wie machtvoll weht uns aus diesen Zeilen, die mit strudelnder
Feder »hingewühlt« sind, der feurige Atem des Dichtergenius
entgegen, der das Mysterium der Welt und des eigenen Herzens zu
lösen ringt, der die Wirrsale des Daseins, das Wonne und Schmerz
zugleich ist, in künstlerischen Formen zu bändigen strebt!
Wie wechselt in diesem klopfenden Busen, der Himmel und Hölle
nebeneinander umschließt, die Flut der tiefsten Empfindung;
aus lichter Klarheit und Götternähe ins Dunkel der Erdennot
hinabgestürzt, auftauchend aus Kleinmut und Verzweiflung zu
hoffnungfreudiger Zuversicht auf die eingeborene Kraft und das
waltende Schicksal, ergreift dieses Gemüt jeden neuen Zustand
mit ungestümer Leidenschaft. Dem Überschwang des Gefühls versagt
sich das sonst so gefügige Wort; in bedeutungschwerem Stammeln,
halben abgebrochenen Lauten einer erschütterten Vollnatur macht
sich der Sturm des Innern Luft. »Ich bin wie ein klein Kind«, ein
Kind, das, hingegeben jedem Augenblick, sich in lallenden Tönen
überstürzt, um von Leiden und Freuden sich zu entlasten, die das
Herz erdrücken möchten. So hatte auch Werther einst gerufen:
»O was ich ein Kind bin!« Und wie hier die »Leiden des jungen
Werthers«, so klingen andere Dichtungen dieser reichen Epoche an
anderen Stellen unserer Briefe an. »Ich will Ihnen keinen Namen
geben, denn was sind Namen gegen das unmittelbare Gefühl«, dieses
erste Wort Goethes an Gustchen ist wahrhaft wesensverwandt jenem
Faustischen Bekenntnis: »Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich
habe keinen Namen Dafür!«

»Faust« steigt auf aus unseren Briefen; unmittelbar in die
Werkstatt des Dichters wird uns ein Einblick erlaubt, wenn
wir auf die Umschreibung des »Rattenliedes« stoßen. Und neben
»Faust« steht »Stella«, das kühne »Schauspiel für Liebende«,
herausgeboren aus dem seligschmerzlichen Verhältnis zu Lili
Schönemann. Lili -- das ist der Gegenstand der Frankfurter
Briefe. Wir sehen das unlösbare Geflecht von Qual und Entzücken,
in dem sich Goethe verfangen hat. Das blütenjunge Mädchen,
vollkommen schön und liebenswürdig, in kindlicher Harmlosigkeit
sich des Zaubers erfreuend, der von ihr ausgeht, und wiederum
fähig und bereit, dem Geliebten Familie und Heimat aufzuopfern,
erhebt ihn mit der Kraft ihrer innigen Neigung zur Höhe
überirdischen Glückes, und eine finstere Gewalt zerrt ihn
unbarmherzig hinab in den Abgrund innerlicher Verstörtheit:
das Grauen vor der Alltäglichkeit, der er sich überliefern
soll, die Furcht vor dem platten Nachbar- und Gevatterwesen,
der Widerwillen gegen das spießbürgerliche Getriebe, die leere
Selbstgefälligkeit eines verrottenden Gemeinwesens. Hin und her
gerissen zwischen Liebe und Freiheitssehnen, findet Goethe keinen
Standpunkt zu ruhiger Erwägung, sein Groll kehrt sich gegen die
Braut, die des unseligen Zwiespaltes unschuldige Ursache ist, er
plagt sie mit abweisender Kälte und büßt sein Unrecht in bittern
Selbstvorwürfen, er übergibt sich dem Strudel gesellschaftlicher
Vergnügungen, um die innere Unruhe zu übertäuben. So geht das
herzbeklemmende Schauspiel dem unausweichlichen Ende entgegen:
»Lili sieben Worte gesagt«. Mit der grandiosen Unbefangenheit des
Genies läßt er seinen Schmerz auf dem heiligsten Vorgang aller
Geschichte als auf einem Gleichnis eigenen Erlebens haften:
seine Liebe ist es, die er ans Kreuz geheftet hat, die das Haupt
senkt und spricht: Es ist vollbracht.

Getreuen Bericht dieser traurig-süßen Bräutigamszeit hat Goethe
dem unbekannten Mädchen abgestattet; aber immer aufs neue bricht
die Klage durch, daß er das Letzte, Tiefste, Geheimste nur von
Mund zu Munde sagen könne. So ist er denn also schon damals der
bittern Wahrheit inne geworden, daß aller Seelenkraft zum Trotz
die persönliche Gegenwart ganz allein ein wahres Verhältnis zu
bestimmen und zu befestigen vermögend sei, und doch bleibt er
noch unerschöpflich in der Erfindung von Mitteln, das Getrennte
wirksam zu vereinigen. Von Tag um Tag, von Stunde um Stunde
gibt er Rechenschaft, um sich über alle Fernen hinweg ganz
darzustellen; er bittet: »Schreiben Sie doch auch immer die
Daten«, weil er die lange Zeit hinwegtilgen zu können hofft, die
Gustchens Briefe haben reisen müssen, er borgt Hilfe von seiner
Zeichenkunst und gibt der Freundin ein Bild seiner Stube --
jener Stube, die seine Seufzer um Lili gehört, seinen »Faust«,
seine »Stella« hat entstehen sehen. Aber »Sturm und Drang« legt
sich zur Ruhe, Goethe reift fester Männlichkeit entgegen, die
nur in unmittelbarer Gegenständlichkeit wesen und wirken mag,
und in demselben Maße, wie ihm volle Realität alles Seins zur
Lebensbedingung wird, welkt das hastig emporgetriebene Verhältnis
zu Gustchen Stolberg ab.

Die einzige Gelegenheit, die sich ihm geboten hat, die Vertraute
seiner Frankfurter Leiden persönlich kennen zu lernen, hat
Goethe versäumt, als er im Dezember 1775 ihre Brüder, entgegen
dem ursprünglichen Plane, allein von Weimar abreisen ließ.
Der herzogliche Freund hielt ihn damals fest, und sie, die
nun auf länger denn ein Jahrzehnt seines heißen Verlangens
unerreichbarer Pol sein sollte, Charlotte v. Stein. Nur selten
wird Charlottens Name genannt in den Briefen, die Gustchen noch
aus Weimar erhalten hat, der Einfluß ihres stetig-milden Wesens
ist jedoch nicht zu verkennen. Wie viel ruhiger der Ton, wie
viel gleichmäßiger Bericht und Erzählung, wie viel gedämpfter
der Ausdruck neuen Leides, dessen Ursache im Dunkel bleibt! Die
zahlreichen Gedankenstriche, die, wie Erdrisse einen heißen Boden
zerklüften, die fiebernden Frankfurter Briefe durchsetzten,
kommen seltener und seltener aus ruhig fortlaufender Feder. Wie
erfrischender Frühwind eines herrlichen Sommermorgens weht es
heran, wie ein Wipfelgruß aus dem geliebten Garten am Park. Alle
seine früheren Geliebten habe sie beerbt, hat Goethe der teuern
Frau gestanden; sie ist auch in Gustchen Stolbergs Besitzrecht
eingetreten, als verstehende Frauenseele die Beichten eines
umgetriebenen Dichterherzens entgegenzunehmen. Hier war die
lebendige Hand, die sich kühlend auf die erhitzte Stirne legen
konnte, Fülle der Wirklichkeit, Kraft der Gegenwart -- da mußte
Gustchens Bild zu leerem Schemen verblassen.

Und noch einmal, nach einem Menschenalter voll wechselnden
Schicksals, ist Gustchen ungerufen vor den Stummgewordenen
hingetreten, um in eindringlichem Bekehrungsversuch zu erweisen,
wie nahe ihrem liebevollen Herzen der Freund der Jugend geblieben
sei. Kein Mephistopheles begrinse das Vertrauen dieser guten
Seele, die, ihres Glaubens voll, sich heilig quält, ihn, der ihr
einst so viel von seinem tiefsten Selbst geschenkt, verloren
halten zu sollen! Goethes Antwort, ernst und würdig, ist das
erhabenste Bekenntnis seiner reinen Weltfrömmigkeit. Mehr
als einmal ist er das Ziel eifriger Christianisierungslust
gewesen, die er dann wohl mit derbem Spott in ihre Schranken
zurückverwiesen hat -- was ist's, das ihn gutmeinender Anmaßung
hier mit Milde und verzeihendem Verständnis begegnen heißt? Ist
es der beredt-herzliche Ton der unerbetenen Mahnung? das Andenken
längst versunkener Zeit? der gesellschaftliche Rang der Gräfin?
Alles das mag zusammengewirkt haben, aber ein Entscheidendes
kommt hinzu: die letzte Liebe ist's, die wie der volle Glockenton
einer weltentrückten Bergeskirche vernehmbar wird. Was ihn Ulrike
v. Levetzow empfinden gelehrt hatte, die liebliche Jungfrau, der
er im Sommer 1821 entgegengetreten war, das hat Goethe, wenige
Monate nach dem Briefe an Gustchen, offenbart:

    Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
    Mehr als Vernunft beseliget -- wir lesen's --
    Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
    In Gegenwart des allgeliebten Wesens.

Der Friede Gottes, dem frommen Gemüt eines Kindes entflossen,
er ist es, der Goethes letzten Brief an Gustchen Stolberg
durchzieht; die reine Seele, die nur darum in Goethes Leben
eingetreten zu sein scheint, um wie ein Spiegel das Bild seines
Liebens aufzunehmen, sie hat nun ihre Sendung ganz erfüllt, da
auch Ulrikens ätherischer Geist leise an ihr vorübergeglitten ist.

Eine zierliche Greisin, das feine Gesicht von kurzgeschnittenen
silberweißen Haaren umrahmt, hat Gustchen im Kreise liebender
Enkel ihren Lebensabend verbracht, regsam und anteilnehmend bis
ans Ende. Sie ist gestorben in Kiel am 30. Juni 1835.

                                        _Max Hecker._



  Goethes Briefe
  an
  Auguste Gräfin Stolberg



Der erste Brief


Meine Teure -- ich will Ihnen keinen Nahmen geben, denn was sind
die Nahmen Freundinn Schwester, Geliebte, Braut, Gattin, oder ein
Wort das einen Complex von all denen Nahmen begriffe, gegen das
unmittelbaare Gefühl, zu dem -- ich kann nicht weiter schreiben,
Ihr Brief hat mich in einer wunderlichen Stunde gepackt. Adieu,
gleich den ersten Augenblick! --

Ich komme doch wieder -- ich fühle Sie können ihn tragen diesen
zerstückten, stammelnden Ausdruck wenn das Bild des Unendlichen
in uns wühlt. Und was ist das als Liebe! -- Musste _er_ Menschen
machen nach seinem Bild, ein Geschlecht das ihm ähnlich sey, was
müssen wir fühlen wenn wir Brüder finden, unser Gleichniss, uns
selbst verdoppelt.

Und so solls weg, so sollen Sie's haben dieses Blat, obiges
schrieb ich wohl vor acht Tagen, unmittelbaar auf den Empfang
Ihres Briefs.

Haben Sie Geduld mit mir, bald sollen Sie Antwort haben. Hier
indess meine Silhouette, ich bitte um die Ihrige, aber nicht
in's kleine, den grosen von der Natur genommenen Riss bitt ich.
Adieu ein herzlichstes Adieu. Fr[ank]furt d. 26. Jan. 1775.
                                        Goethe.


Der Brief ist wieder liegen blieben o haben Sie Geduld mit mir.
Schreiben Sie mir und in meinen Besten Stunden will ich an Sie
dencken. Sie fragen ob ich glücklich bin? Ja meine beste ich
bins, und wenn ich's nicht bin, so wohnt wenigstens all das
tiefe Gefühl von Freud und Leid in mir. Nichts ausser mir stört,
schiert, hindert mich. Aber ich bin wie ein klein Kind weis Gott.
Noch einmal Adieu.



Der zweite Brief


Wenn Sie sich, meine liebe, einen Goethe vorstellen können, der
im galonirten Rock, sonst von Kopf zu Fuse auch in leidlich
konsistenter Galanterie, umleuchtet vom unbedeutenden Prachtglanze
der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerley Leuten,
von ein Paar schönen Augen am Spieltische gehalten wird, der in
abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschafft, ins Conzert, und
von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des
Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht; so haben
Sie den gegenwärtigen Fassnachts Goethe, der Ihnen neulich einige
dumpfe tiefe Gefühle vorstolperte, der nicht an Sie schreiben mag,
der Sie auch manchmal vergisst, weil er sich in Ihrer Gegenwart
ganz unausstehlich fühlt.

Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biber-Frack mit dem
braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden
Februarlufft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe
weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend,
strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der
Jugend in kleinen Gedichten, das kräfftige Gewürze des Lebens
in mancherley Dramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner
Gegenden und seines geliebten Hausraths mit Kreide auf grauem
Papier, nach seiner Maase auszudrücken sucht, weder rechts
noch lincks fragt: was von dem gehalten werde was er machte?
weil er arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil
er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu
Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will. Das
ist der, dem Sie nicht aus dem Sinne kommen, der auf einmal
am frühen Morgen einen Beruf fühlt Ihnen zu schreiben, dessen
gröste Glückseligkeit ist mit den besten Menschen seiner Zeit zu
leben.

Hier also meine beste sehr mancherley von meinem Zustande, nun
thun Sie dessgleichen und unterhalten mich von dem Ihrigen, so
werden wir näher rücken, einander zu schauen glauben -- denn
das sag ich Ihnen voraus dass ich Sie offt mit viel Kleinigkeit
unterhalten werde, wie mirs in Sinn schiesst.

Noch eins was mich glücklich macht, sind die vielen edlen
Menschen, die von allerley Enden meines Vaterlands, zwar freylich
unter viel unbedeutenden, unerträglichen, in meine Gegend, zu mir
kommen, manchmal vorübergehn, manchmal verweilen. Man weiss erst
dass man ist wenn man sich in andern wiederfindet.

Ob mir übrigens verrathen worden: wer und wo sie sind, thut
nichts zur Sache, wenn ich an Sie dencke fühl ich nichts als
Gleichheit, Liebe, Nähe! Und so bleiben Sie mir, wie ich gewiss
auch durch alles Schweben und Schwirren, durch unveränderlich
bleibe. Recht wohl --! diese Kusshand -- Leben Sie recht wohl.

Franckfurt. den 13. Febr.
          1775.                         Goethe.



Der dritte Brief


Warum soll ich Ihnen nicht schreiben, warum wieder die Feder
liegen lassen, nach der ich bisher so offt reichte. Wie immer
immer hab ich an Sie gedacht. Und iezzo! -- Auf dem Land bey sehr
lieben Menschen -- in Erwartung -- liebe Aug[u]ste -- Gott weis
ich bin ein armer Junge -- d. 28 Febr haben wir getanzt die
Fassnacht beschlossen -- ich war mit von den ersten im Saale,
ging auf und ab, dachte an Sie -- und dann -- viel Freud und Lieb
umgab mich -- Morgends da ich nach Hause kam, wollt ich Ihnen
schreiben, liess es aber und redete viel mit Ihnen -- Was soll
ich Ihnen sagen, da ich Ihnen meinen gegenwärtigen Zustand nicht
ganz sagen kann, da Sie mich nicht kennen. Liebe! Liebe! Bleiben
Sie mir hold -- Ich wollt ich könnt auf ihrer Hand ruhen, in
Ihrem Aug rasten. Groser Gott was ist das Herz des Menschen! --
Gute Nacht. Ich dachte mir sollts unterm Schreiben besser werden
-- Umsonst mein Kopf ist überspannt. Ade. Heut ist der 6. März
denck ich. Schreiben Sie doch auch immer die Daten in solcher
Entfernung ist das viel Freud.

Guten Morgen liebe. Die Zimmerleute, die dadrüben einen Bau
aufschlagen, haben mich aufgewegt, und ich habe keine Rast im
Bette. Ich will an meine Schwester schreiben, und dann mit Ihnen
noch ein Wort.

Es ist Nacht, ich wollte noch in Garten, musste aber unter
der Thüre stehen bleiben, es regnet sehr. Viel hab ich an Sie
gedacht! Gedacht dass ich für Ihre Silhouette noch nicht gedanckt
habe! Wie offt hab ich schon dafür gedanckt, wie ist mein und
meines Bruder Lavaters Phisiognomischer Glaube wieder bestätigt.
Diese rein sinnende Stirn diese süsse Festigkeit der Nase, diese
liebe Lippe dieses gewisse Kinn, der Adel des ganzen dancke meine
Liebe dancke. -- Heut war der Tag wunderbaar. Habe gezeichnet --
eine Scene geschrieben. O wenn ich iezt nicht Dramas schriebe
ich ging zu Grund. Bald schick ich Ihnen eins geschrieben --
Könnt ich gegen Ihnen über sizzen, und es selbst in Ihr Herz
würcken, -- Liebe nur dass es Ihnen nicht aus Händen kommt. Ich
mag das nicht drucken lassen denn ich will, wenn Gott will
künftig meine Freu[den] und Kinder, in ein Eckelgen begraben oder
etabliren, ohne es dem Publiko auf die Nase zu hängen. Ich bin
das ausgraben, und seziren meines armen Werthers so satt. Wo ich
in eine Stube trete find ich das Berliner ppp Hundezeug, der eine
schilt drauf, der andre lobts, der dritte sagt es geht doch an,
und so hezt mich einer wie der andre -- Nun denn Sie nehmen mir
auch das nicht übel -- Nimmt mirs doch nichts an meinem innern
Ganzen, rührt und rückts mich doch nicht in meinen Arbeiten,
die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens
sind -- denn ob ich gleich finde dass es viel #raisonnabler# sey
Hünerblut zu vergiessen als sein eignes -- die Kinder tollen über
mir, es ist mir besser ich geh hinauf als zu tief in Text zu
gerathen.

Ich hab das ältste Mädgen lassen anderthalb Seiten im
Paradiesgärtlein herab buchstabieren, mir ist ganz wohl, und so
gesegnete Mahlzeit. Ade! -- Warum sag ich dir nicht alles --
Beste -- Geduld Geduld hab mit mir!

den 10ten, wieder in der Stadt auf meiner Bergere, aufm Knie
schreib ich Ihnen. Liebe der Brief soll heute fort, und nur sag
ich Ihnen noch dass mein Kopf ziemlich heiter mein Herz leidlich
frey ist -- Was sag ich --! o beste wie wollen wir Ausdrücke
finden für das was wir fühlen! Beste wie können wir einander was
von unserm Zustande melden, da der von Stund zu Stund wechselt.

Ich hoffe auf einen Brief von Ihnen, und die Hoffnung lässt nicht
zu schanden werden.

[Illustration]

Geseegnet der gute Trieb der mir eingab statt allen weitern
Schreibens, Ihnen meine Stube, wie sie da vor mir steht, zu
zeichnen. Adieu. Halten Sie einen armen iungen am Herzen. Geb
Ihnen der gute Vater im Himmel viel muthige frohe Stunden wie ich
deren offt hab, und dann lass die Dämmrung kommen, tränenvoll und
seelig -- Amen

Ade liebe Ade!
                                        Goethe.



Der vierte Brief


Mir ist's wieder eine Zeit her für Wohl u. Weh, dass ich nicht
weis ob ich auf der Welt bin, und da ist mir's doch als wär ich
im Himmel. Dies liebe Schwester den 19. Merz Nachts um eilfe.
Gute Nacht!

Den 23. Abends bald sieben. Ich komme von meiner Mutter herauf,
noch einige Worte dir o du liebe. Heut nach Tisch kam dein
Brief, eben da ich beym Braten gemurrt hatte, dass so lang
keiner kam. Ich dancke dir tausendmal. um 2 Uhr musst ich zu
einem verdrüslichen Geschäfft, da ging ich unter allerley Leuten
herum und dacht an dich und schrieb mit Bleystifft beigehendes
Zettelgen. So recht! Tritt u. Schritt muss ich wissen von meinen
lieben, denn ich bilde mir ein dass euch von mir das all auch so
werth ist; also dancke dancke für die Schildrung dein und deines
Lebens, wie wahr, wie voraus von mir gefühlt! -- O könnt ich
auch! -- -- Behalt mich lieb --

Jetzt bitt ich noch um die Silhouetten all deiner lieben, deines
Ehlers der mir verzeihen soll dass ich ihm nicht schreibe, ich
habe warrlich nimmer nichts zu sagen, nur ihr Mädgen kriegt
mich doch wieder dran. Dann die Schattenrisse deiner Brüder von
denen ich auch Briefe habe, meiner Brüder, und deiner innigen
Freundin. #NB.# alle wie sie auf der Wand gezeichnet worden ohn
ausgeschnitten.

Jetzt gute Nacht und weg mit dem Fieber! -- doch wenn du leidest,
schreib mir -- ich will alles theilen -- o dann lass mich auch
nicht stecken edle Seele zur Zeit der Trübsaal, die kommen
könnte, wo ich dich flöhe und alle Lieben! Verfolge mich ich
bitte dich, verfolge mich mit deinen Briefen dann, und rette mich
von mir selbst.

Auf beyliegendem Blättgen ist abgeschrieben das Bleystifft
Zettelgen wovon ich vorhin sprach. Liebe! liebe! und so leb wohl.
d. 25. Merz 1775.

Nicht doch du musst das Original haben! -- Was wär' ein Kuss in
#Copia#! --



Der fünfte Brief


Hier Beste, ein Liedgen von mir darauf ich hab eine Melodie
von Gretri umbilden lassen! Ach Gott Ihre Brüder kommen, unsre
Brüder, zu mir! -- Liebe Schwester, das liebe Ding, das sie Gott
heissen, oder wie's heisst, sorgt doch sehr für mich. Ich bin in
wunderbaarer Spannung, und es wird mir so wohl thun sie zu haben.

Ihren Schattenriss kriegen Sie, ich muss aber einen neuen von
Ihnen haben, _gros_.

Thun Sie doch einen Blick in den zweiten Band der Iris wenn Ihnen
der aufstöst, es sind allerley [Lieder] von mir drinn.

Ich halte mich offt in Gedancken an Sie.

Wenn ich wieder munter werde sollen Sie auch Ihr Theil davon
haben, lassen Sie nur meine Briefe sich nicht fatal werden, wie
ich mir selbst bin da ich schreibe. Ich meyne alle Falten des
Gesichts drückten sich drinn ab.

Den 15. Apr.                            Ade! Ade! Beste.


Wie erwart ich unsre Brüder! Welch ein lieber Brief von Euch
dreyen! Hier die Schattenrisse. Sie sind nicht alle gleichgut,
doch alle mit fühlender Hand geschnitten. Diesmal kein Wort
weiter. Behalten Sie mich am Herzen! d. 26. Apr. 1775.

                                        G.



Der sechste Brief


                                        Den 25. Jul. 75.

Ich will Ihnen schreiben Gustgen liebe Schwester, ob ich gleich,
wäre ich iezt bey Ihnen schwerlich reden würde. Ich muss
anfangen! Wie weit ists nun von mir zu Ihnen. Gut denn, wir
werden uns doch sehn.

Bin wieder in Franckfurt, habe mich von unsern Brüdern in Zürch
getrennt, schweer ward's uns doch. -- Das denck ich, wird Gustgen
sagen. -- Friz, meine Liebe, ist nun im Wolckenbade und der gute
Geist der um uns alle schwebt, wird ihm gelinden Balsam in die
Seele giessen. Ich litt mit ihm und durft nicht dergleichen thun.
Ich bitte Sie -- wenigstens lassen Sie mich iezt nichts davon
sagen -- und wer kann davon sagen -- Ich war dabey wie die lezte
Nachricht kam. Es war in Strasburg. Gute Nacht Schwester Engel.
Einen herzlichen Grus der Gräfin Bernsdorf.

Den 31. Jul. Wenn mirs so recht weh ist, kehr ich mich nach
Norden, wo sie dahinten ist zweyhundert Meil[en] von mir meine
geliebte Schwester. Gestern Abend Engel hatt' ich viel Sehnen
zu ihren Füssen zu liegen, ihre Hände zu halten, und schlief
drüber ein, und heute früh ist[s] wieder frisch mit dem Morgen.
Beste theilnehmende Seele, immer den Himmel im Herzen und nur
unglücklich durch die Deinigen! -- Aber wie du auch geliebt wirst!

Ich muss noch viel herumgetrieben werden, und dann einen
Augenblick an Ihrem Herzen! -- Das ist immer so mein Traum,
meine Aussicht durch viel Leiden. -- Ich habe mich so offt am
Weiblichen Geschlecht betrogen -- O Gustgen wenn ich nur einen
Blick in Ihr Aug thun könnte! -- Ich will schweigen -- Hören Sie
nicht auf, auch für mich zu seyn. Ade.

Hier Gustgen ein altes verlohrnes Zettelgen das ich wiederfinde.



Der siebente Brief


Gustgen! Gustgen! Ein Wort dass mir das Herz frey werde, nur
einen Händedruck. Ich kann Ihnen nichts sagen. Hier! -- Wie soll
ich Ihnen nennen das _hier_! Vor dem Stroheingelegten bunten
Schreibzeug -- da sollten feine Briefgen ausgeschrieben werden
und diese Trähnen und dieser Drang! Welche Verstimmung. O dass
ich Alles sagen könnte. Hier in dem Zimmer des Mädgens das mich
unglücklich macht, ohne ihre Schuld, mit der Seele eines Engels,
dessen heitre Tage _ich_ trübe, *ich!* Gustgen! Ich nehme vor
einer Viertelstunde Ihren Brief aus der Tasche, ich les ihn! --
Vom 2 Jun! und sie _bitten_, _bitten_, um Antwort, um ein Wort
aus meinem Herzen. Und heut der 3 Aug. Gustgen und ich habe noch
nicht geschrieben. -- Ich habe geschrieben, der Brief liegt in
der Stadt angefangen. O mein Herz -- Soll ich's denn anzapfen,
auch dir Gustgen, von dem Hefetrüben Wein schencken! -- Und wie
kann ich von Frizzen reden, vor dir, da ich in seinem Unglück,
gar offt das meine beweint habe. Lass Gustgen. Ihm ist wohler wie
mir -- Vergebens dass ich drey Monate, in freyer Lufft herumfuhr,
tausend neue Gegenstände in alle Sinnen sog. Engel, und ich sizze
wieder in Offenbach, so vereinfacht wie ein Kind, so beschränckt
als ein Papagey auf der Stange, Gustgen und sie so weit. Ich
habe mich so offt nach Norden gewandt, Nachts auf der Terrasse
am Mayn, ich seh hinüber, und denck an dich! So weit! So weit!
-- Und dann du und Friz, und ich! und alles wirrt sich in einen
Schlangenknoten! Und ich finde nicht Lufft zu schreiben. -- Aber
iezt will ich nicht aufhören biss iemand an die Thüre kommt und
mich wegrufft. -- Und doch Engel manchmal wenn die Noth in meinem
Herzen der grösst ist, ruf ich aus, ruf ich dir zu: Getrost!
Getrost! Ausgeduldet und es wird werden. Du wirst Freude an
deinen Brüdern haben, und wir an uns selbst. Diese Leidenschafft
ists die uns aufblasen wird zum Brand, in dieser Noth werden wir
um uns greifen, und brav seyn, und handeln, und gut seyn, und
getrieben werden, dahin wo Ruhe Sinn nicht reicht. -- Leide nicht
vor uns! -- Duld uns! -- Gieb uns eine Trähne, einen Händedruck,
einen Augenblick an deinen Knieen. Wische mit deiner Lieben Hand
diese Stirn ab. Und ein Krafftwort, und wir sind auf unsern
Füssen.

Hundertmal wechselts mit mir den Tag! O wie war mir so wohl mit
deinen Brüdern. Ich schien gelassen, mir war's weh für Frizzen
der elender war als ich, und mein Leiden war leidlicher. Jezt
wieder allein. --

In ihnen hatte ich _sie_ bestes Gustgen, denn ihr seyd eins in
Liebe und Wesen. Gustgen war bey uns und wir bey ihr! -- Jezt
-- nur ihre Briefe! -- Ihre Briefe! -- und _Nur_ dazu -- Und
doch brennen sie mich in der Tasche -- doch fassen sie mich wie
die Gegenwart wenn ich sie in Glücklichem Augenblick aufschlage
-- aber manchmal -- offt sind mir selbst die Züge der liebsten
Freundschafft todte Buchstaben, wenn mein Herz blind ist und taub
-- Engel es ist ein Schröcklicher Zustand die Sinnlosigkeit. In
der Nacht tappen ist Himmel gegen Blindheit -- Verzeihen Sie mir
denn diese Verworrenheit und das all -- Wie wohl ist mir's dass
ich so mit Ihnen reden kann, wie wohl bey dem Gedancken, Sie wird
dies Blat in der Hand halten! _Sie! Dies Blat!_ das ich berühre
das iezt hier auf dieser Stäte noch weis ist. Goldnes Kind. Ich
kann doch nie ganz unglücklich seyn.

Jezt noch einige Worte -- Lang halt ich's hier nicht aus ich muss
wieder fort -- Wohin! --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ich mache Ihnen Striche denn ich sas eine Viertelstunde in Gedancken
und mein Geist flog auf dem ganzen bewohnten Erdboden herum. Unseeliges
Schicksaal das mir keinen Mittelzustand erlauben will. Entweder auf
einem Punckt, fassend, festklammernd, oder schweifen gegen alle vier
Winde! -- Seelig seyd ihr verklärte Spaziergänger, die mit zufriedner
Anständiger Vollendung ieden Abend den Staub von ihren Schuhen
schlagen, und ihres Tagwercks Göttergleich sich freuen -- -- --

Hier fliest der Mayn, grad drüben liegt _Bergen_ auf einem
Hügel hinter Kornfeld. Von der Schlacht bey Bergen haben Sie
wohl gehört. Da lincks unten liegt das graue Franckfurt mit dem
ungeschickten Turn, das iezt für mich so leer ist als mit Besemen
gekehrt, da rechts auf artige Dörfgen, der Garten da unten, die
Terasse auf den Mayn hinunter. -- Und auf dem Tisch hier ein
Schnupftuch, ein Pannier ein Halstuch drüber, dort hängen des
lieben Mädgens Stiefel. #NB.# Heut reiten wir aus. Hier liegt
ein Kleid eine Uhr hängt da, viel Schachteln, und Pappedeckel, zu
Hauben und Hüten -- Ich hör ihre Stimme -- -- Ich darf bleiben,
sie will sich drinne anziehen. -- Gut Gustgen ich hab ihnen
beschrieben wie's um mich herum aussieht, um die Geister durch
den sinnlichen Blick zu vertreiben -- -- Lili war verwundert mich
da zu finden, man hatte mich vermisst. Sie fragte an wen ich
schriebe. Ich sagts ihr. Adieu Gustgen. Grüssen Sie die Gräfin
Bernsdorf Schreiben Sie mir. Die Silhouette werden ihnen die
Brüder geschickt haben Lavater hat die vier Heumans Kinder sehr
glücklich stechen lassen.

Der unruhige //


Lassen Sie um Gottes willen meine Briefe niemand sehn.



Der achte Brief


Ja lieb Gustgen gleich fang ich an d. 14. Sept. im Moment da ich
ihren Brief endige, sehen Sie wie hoch und klein, wie viel ich zu
schreiben dencke. Heut bin ich ruhig, da liegt zwar meist eine
Schlang im Grase. Hören Sie, ich hab immer eine Ahndung, sie
werden mich retten, aus tiefer Noth, kanns auch kein Weiblich
Geschöpf als Sie. Dancke zuerst für Ihre lebendige Beschreibung
alles was Sie umgiebt, hätt ich nur iezt noch einen Schattenriss
von Ihrer ganzen Figur! Könnt ich kommen. Neulich reisst ich zu
Ihnen! Durchzog in trauriger Gestalt Deutschland, sah mich weder
rechts noch lincks um, nach Coppenhagen, und kam und trat in ihr
Zimmer, und fiel mit Trähnen zu ihren Füssen, und rief Gustgen
bist dus! -- Es war eine seelige Stunde, da mir das lebendig
im Kopf und Herzen war. Was Sie von Lili sagen ist ganz wahr.
Unglücklicher Weise macht der Abstand von mir das Band nur fester
das mich an sie zaubert. Ich kann ich darf Ihnen nicht alles
sagen. Es geht mir zu nah ich mag keine Erinnerungen. Engel! Ihr
Brief hat mir wieder in die Ohren geklungen wie die Trompte dem
eingeschlafnen Krieger. Wolte Gott Ihre Augen würden mir Ubalds
Schild, und liessen mich tief mein unwürdiges Elend erkennen, und
-- Ja Gustgen wir wollen das lassen -- über des Menschen Herz
lässt sich nichts sagen, als mit dem Feuerblick des Moments. Nun
soll ich zu Tische


_Nach Tische._ Dein Gut Wort würckte in mir, da sprachs auf
einmal in mir, sollts nicht übermäsiger Stolz seyn zu verlangen,
dass dich ganz das Mädgen erkennte und so erkennend liebte,
erkenn ich sie vielleicht auch nicht, und da sie anders ist wie
ich, ist sie nicht vielleicht besser. -- Gustgen! -- Lass mein
Schweigen dir sagen, was keine Worte sagen können.


Gute Nacht Gustgen! Heut einen guten Nachmittag, der selten ist
-- mit Grosen, das noch seltner ist -- Ich konnte zwey Fürstinnen
in Einem Zimmer lieb und werth haben. Gute Nacht. Will dir so ein
Tagbuch schreiben, ist das beste. Thu mir's auch so ich hasse die
Briefe und die Erörterungen und die Meynungen. Gute Nacht! So! --
ich sehe zurück, schon dreymal, ists doch als wenn ich verliebt
in dich wäre! und den Hut immer nähme und wieder niederlegte.
Wie wollt ich du könntest nur acht Tage mein Herz an deinem,
meinen Blick in deinem fühlen. Bey Gott was hier vorgeht ist
unaussprechlich fein und schnell und nur dir vernehmbar.

                                        Gute Nacht.


d. 15. Guten Morgen. Ich hab eine gute Nacht gehabt. Und bin iezt
recht wie ein Mädgen. Sie rathen nicht was mich beschäfftigt,
eine Maske, auf kommenden Dienstag wo wir Ball haben.

Nach Tisch! -- Ich komme geschwind gelaufen, dir zu sagen was mir
drüben in der andern Stube durch den Kopf fuhr: Es hat mich doch
kein Weiblich Geschöpf so lieb wie Gustgen.

Und meine Masque wird eine altdeutsche Tracht, schwarz und Gelb,
Pumphose, Wämslein, Mantel und Federstuzhut. Ach wie danck ich
Gott dass er mir diese Puppe auf die paar Tage gegeben hat, wenns
so lang währt.

halb viere. In Brunnen gefallen wie ichs ahndete. Meine Masque
wird nicht gemacht. Lili kommt nicht auf den Bal. Aber dürft
ich, könnt ich alles sagen! -- Ich thats sie zu _ehren_ weil
ich deklarirt für sie bin, und eines Mädgens Herz pp. -- Also
Gustgen! -- Ich thats auch halb aus Truz, weil wir nicht
sonderlich stehn die acht Tage her. Und nun! -- Sieh Gustgen!
so kanns allein werden wenn ich dir so von Moment zu Moment
schreibe. -- -- halb 5. ich wollt ich könnt mich dir darstellen
wie ich bin, du solltest doch dein Wunder sehn. Gott! so in dem
ewigen Wechsel, immer eben derselbe.

d. 16ten. Heut Nacht necksten mich halb fatale Träume. Heut früh
beym Erwachen klangen sie nach. Doch wie ich die Sonne sah sprang
ich mit beyden Füssen aus dem Bette, lief in der Stube auf und
ab, bat mein Herz so freundlich freundlich, und mir wards leicht,
und eine Zusicherung ward mir dass ich gerettet werden, dass noch
was aus mir werden sollte: Gutes muths denn Gustgen. Wir wollen
einander nicht auf's ewige Leben vertrösten! Hier noch müssen wir
glücklich seyn, hier noch muss ich Gustgen sehn, das einzige
Mädgen deren Herz ganz in meinem Busen schlägt. -- Nach Mittage
halb vier. Offen und gut der Morgen, ich that was, Lili eine
kleine Freude zu machen, hatte Fremde. Trieb mich nach Tische
spasend närrisch unter Bekannten und Unbekannten herum. Gehe iezt
nach Offenbach, um Lili heute Abend nicht in der Comödie morgen
nicht im Conzert zu sehen. Ich stecke das Blat ein und schreibe
draus fort.

Offenbach! Abends sieben. In einem Kreise von Menschen die mich
recht lieb haben, offt mit mir leiden! Es ist nun so! ich sizze
wieder an dem Schreibtischgen von dem ich Ihnen schrieb eh ich in
die Schweiz ging. Lieb Gustgen -- da ist ein iunges Paar in der
Stube das erst seit acht Tagen verheurathet ist! eine iunge Frau
liegt auf dem Bette die der angenehmsten Hoffnung eines lieben
Kindes entgegen schmerzet. Ade für heute. Es ist Nacht und der
Mayn blinckt noch aus den duncklen Ufern.

Offenbach. Sonntag d. 17ten Nachts zehen. -- Ist der Tag leidlich
u. stumpf herumgegangen, da ich aufstund war mirs gut, ich
machte eine Scene an meinem Faust. Vergängelte ein paar Stunden.
Verliebelte ein paar mit einem Mädgen davon dir die Brüder
erzählen mögen, das ein seltsames Geschöpf ist. Ass in einer
Gesellschafft ein Duzzend guter Jungens, so grad wie sie Gott
erschaffen hat. Fuhr auf dem Wasser selbst auf und nieder, ich
hab die Grille selbst fahren zu lernen. Spielte ein Paar Stunden
Pharao und verträumte ein Paar mit guten Menschen. Und nun sizz
ich dir gute Nacht zu sagen. Mir wars in all dem wie einer Ratte
die Gift gefressen hat, sie läuft in alle Löcher, schlurpft alle
Feuchtigkeit, verschlingt alles Essbaare das ihr in Weeg kommt
und ihr innerstes glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer.
Heut vor acht Tagen war Lili hier. Und in dieser Stunde war ich
in der grausamst feyerlichst süsesten Lage meines ganzen Lebens
|: mögt ich sagen :| O Gustgen warum kann ich nichts davon sagen!
Warum! Wie ich durch die glühendsten Trähnen der Liebe, Mond und
Welt schaute und mich alles seelenvoll umgab. Und in der Ferne
die Waldhorn, und der Hochzeit Gäste laute Freuden. Gustgen auch
seit dem Wetter bin ich -- nicht ruhig aber still -- was bey mir
still heisst und fürchte nur wieder ein Gewitter das sich immer
in den harmlosesten Tagen zusammenzieht, und -- Gute Nacht Engel.
Einzigstes Einzigstes Mädgen -- und ich kenne ihrer Viele -- -- --

Montag d. 18. Mein Schiffgen steht bereit, ich werds gleich
hinunter lencken. Ein herrlicher Morgen, der Nebel ist gefallen
alles frisch und herrlich umher! -- Und ich wieder in die Stadt,
wieder ans Sieb der Danaiden! Ade! -- Ich hab einen offnen
frischen Morgen! O Gustgen! Wird mein Herz endlich einmal in
ergreifendem wahren Genuss und Leiden, die Seeligkeit die
Menschen gegönnt ward, empfinden, und nicht immer auf den Wogen
der Einbildungskrafft und überspannten Sinnlichkeit, Himmel auf
und Höllen ab getrieben werden. Beste ich bitte dich schreib mir
auch so ein Tagbuch. Das ist das einzige was die ewige Ferne
bezwingt. -- -- -- -- --

Montag Nacht halb zwölf. Franckf. an meinem Tisch. komme noch
dir gute Nacht zu sagen. Hab getrieben und geschwärmt biss
iezt. Morgen gehts noch ärger. O Liebste. Was ist das Leben
des Menschen. Und doch wieder die vielen Guten die sich zu mir
sammeln! -- das viele Liebe das mich umgiebt -- -- --

Lili heut nach Tisch gesehn -- in der Comödie gesehn. Hab kein
Wort mit ihr zu reden gehabt -- auch nichts geredt! -- Wär ich
das los. O Gustgen -- und doch zittr' ich vor dem Augenblick da
sie mir gleichgültig, ich hofnungslos werden könnte. -- Aber ich
bleib meinem Herzen treu, und lass es gehn -- Es wird --

Dienstag sieben Morgens. -- Im Schwarm! Gustgen! ich lasse mich
treiben, und halte nur das Steuer, dass ich nicht strande. Doch
bin ich gestrandet ich kann von dem Mädgen nicht ab -- heut früh
regt sich s wieder zu ihrem Vortheil in meinem Herzen. -- Eine
grose schwere Lecktion! -- Ich geh doch auf den Ball einem süsen
Geschöpfe zu lieb, aber nur im leichten Domino, wenn ich noch
einen kriege. Lili geht nicht.

Nach Tische halb vier. Geht das immer so fort, zwischen kleinen
Geschäfften durch immer Müssiggang getrieben, nach Dominos und
Lappen waare. Hab ich doch mancherley noch zu sagen. Adieu. ich
bin ein Armer verirrter verlohrner -- -- Nachts Achte, aus der
Commödie und nun die Toilette zum Ball! O Gustgen wenn ich das
Blat zurücksehe! Welch ein Leben. Soll ich fortfahren? oder mit
diesem auf ewig endigen. Und doch Liebste, wenn ich wieder so
fühle dass mitten in all dem Nichts, sich doch wieder so viel
Häute von meinem Herzen lösen, so die convulsiven Spannungen
meiner kleinen närrischen Composition nachlassen, mein Blick
heitrer über Welt, mein Umgang mit den Menschen sichrer, fester,
weiter wird, und doch mein innerstes immer ewig allein der
heiligen Liebe gewiedmet bleibt, die nach und nach das Fremde
durch den Geist der reinheit der sie selbst ist ausstöst und so
endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold. -- Da lass ich's
denn so gehn -- Betrüge mich vielleicht selbst. -- Und dancke
Gott. Gute Nacht. Addio. -- Amen: 1775.



Der neunte Brief


Wieder angefangen Mittwoch den 20. ob zum Zerreissen oder wie!
Genug ich fange an. Auf dem Ball bis sechs heut früh, nur zwey
Menuets getanzt, Gesellschafft gehalten einem süsen Mädgen, die
einen Husten hatte -- Wenn ich dir mein gegenwärtig Verhältniss
zu mehr recht lieben und edlen weiblichen Seelen sagen könnte!
wenn ich dir lebhafft! -- Nein wenn ich s könnte ich dürfts
nicht, du hieltests nicht aus. Ich auch nicht, wenn alles
auf einmal stürmte, und wenn Natur nicht in ihrer täglichen
Einrichtung uns einige Körner Vergessenheit schlucken lies.
Jezt ist's bald achte Nachts. Hab geschlafen bis 1, gegessen,
etwas besorgt, mich angezogen, den Prinzen von Meinungen mich
dargestellt, ums Thor gangen, in die Comödie. Lili sieben Worte
gesagt. Und nun hier. Addio.

Donnerst. den 21. Ich habe mir in Kopf gesezt mich heut wohl
anzuziehen. Ich erwarte einen neuen Rock vom Schneider den ich
mir hab in Lion sticken lassen, grau mit blauer Bordüre, mit
mehr Ungedult als die Bekandtschafft eines Manns von Geist der
sich auf eben die Stunde bey mir melden lies. Schon ist was
missglückt. Mein Perückenm. hat eine Stunde an mir frisirt und
wie er fort war riss ich's ein, und schickte nach einem andern,
auf den ich auch passe. -- -- --

Samstag den 23. Es hat tolles Zeug gesezt. Ich hab nicht zum
schreiben kommen können. Gestern lauter #Altessen#. Heut hab ich
einen Husten. Ade.

Sonntag den 8. Oct. Bisher eine grose Pause ich in wunderbaaren
Kälten und Wärmen. Bald noch eine grössere Pause. Ich erwarte
den Herzog v. Weimar der von Karlsruhe mit seiner herrlichen
neuen Gemahlinn Louisen von Darmstadt kommt. Ich geh mit ihm nach
Weimar. Deine Brüder kommen auch hin, und von da schreib ich
gewiss liebste Schwester. Mein Herz ist übel dran. Es ist auch
Herbstwetter drinn, nicht warm nicht kalt. Wann kommst Du nach
Hamburg?


                                        Weimar den 22. Nov.

Ich erwarte deine Brüder, o Gustgen! was ist die Zeit alles mit
mir vorgangen. Schon fast vierzehn Tage hier, im Treiben und
Weben des Hofs. Adieu bald mehr. Vereint mit unsern Brüdern! Dies
Blättel sollst indess haben.

                                        G.



Der zehnte Brief


Könntest du mein Schweigen verstehen! Liebstes Gustgen! -- Ich
kann, ich kann nichts sagen!

  Weimar d. 11. Febr. 76.               G.



Der elfte Brief


Kranck Gustgen! dem Todte nah! Gerettet liebster Engel, und das
mir alles auf einmal -- zu einer Zeit wo ich immer dachte warum
schreibt Gustgen nicht? Ist sie nicht mehr wie sonst, hat ihr
Stella nicht gezeugt dass ich ihr Alter bin, obschon ich nicht
schreibe, denn wie ich iezt lebe -- Ach Engel es ist Lästrung
wenn ich mit dir rede! ich will lieber gar nicht beten als mit
fremden Gedancken gemischt -- Auch dies schreib ich in des
Herzogs Zimmer den ich fast nicht verlasse. Mein Herz mein Kopf
-- ich weis nicht wo ich anfangen soll so tausendfach sind meine
Verhältnisse und neu, und wechselnd aber gut -- Gustgen nur Eine
Zeile von deiner Hand, nur Ein Wort dass du auch _mir_ wieder
lebst. Adieu Liebe! Liebe. Mittwoch nach Ostern 76.

                                        G.



Der zwölfte Brief


Ach Gustgen! Welcher Anblick! so viel von deiner Hand! -- der
ersehnten erflehten -- noch heut Abend! -- du Liebe nur dies! eh
ich anfange zu lesen.


Und da ich gelesen habe eine solche gute Nacht wie sie der Himmel
der Erde bietet! -- Engel -- Ja Gustgen Morgen fang ich dir ein
Journal an! -- das ist alles was ich thun kann -- denn _der Dir
nicht schrieb bisher_ ist immer derselbe.

  Nachts eilf den 16. May 76.
                                        G.



Der dreizehnte Brief


d. 17. May. Morgens 8. Guten Morgen Gustgen. Nichts als dies zur
Grundlage eines Tagbuchs für dich. Ach du nimmst an dem unsteten
Menschen noch Theil, der seit er dir nichts von sich schrieb,
seltsame Schicksaale gehabt hat. Ich fühle dass ich Dir nicht
alles sagen kann drum mag ich nichts sagen. Adieu! --

In meinem Garten Gustgen gegen 10. Hab ein liebes Gärtgen vorm
Thore an der Ilm schönen Wiesen in einem Thale. ist ein altes
Häusgen drinne, das ich mir repariren lasse. Alles blüht alle
Vögel singen. Gustgen und Du bist kranck! -- d. 18. May. Gestern
konnt ich dir nichts mehr sagen. Der Husarn Rittmeister kam in
meinen Garten, ich ritt um eilf nach dem Lustschloss Belvedere wo
ich hinten im Garten eine Einsiedeley anlege, allerley Pläzgen
drinn für arme Krancke und bekümmerte Herzen. Ich ass mit dem
Herzog, nach Tisch ging ich zur Frau v. Stein einem Engel von
einem Weibe, frag die Brüder, der ich so offt die Beruhigung
meines Herzens und manche der reinsten Glückseeligkeiten zu
verdancken habe. der ich noch nichts von dir erzählt habe, das
mir viel Gewalt gekostet hat, heut aber will ich's thun will ich
tausend Sachen von Gustgen sagen. Wir gingen in meinen Garten
spazieren. Ihr Mann, ihre Kinder, ihr Bruder. ein paar Fräul.
Ilten. es kamen mehr zu uns wir gingen spazieren, begegneten der
Herzoginn Mutter und dem Prinzen, die sich zu uns [gesellten].
Wir waren ganz vergnügt. Ich verlies die Gesellschafft, ging noch
einen Augenblick zum Herzog und ass mit Fr. v. Stein zu Nacht.
Nun ists wieder schöner heitrer Tag. Soviel iezt. halb 9.

12 Uhr in meinem Garten. Da lass ich mir von den Vögeln was
vorsingen, und zeichne Rasenbäncke die ich will anlegen lassen,
damit Ruhe über meine Seele komme, und ich wieder von vorne mög
anfangen zu tragen und zu leiden. Gustgen könnt ich Dir von
meiner Lage sagen! die erwünschteste für mich, die glücklichste,
und dann wieder -- Ich sagte immer in meiner Jugend zu mir da so
viel tausend Empfindungen das schwanckende Ding bestürmten: Was
das Schicksal mit mir will, dass es mich durch all die Schulen
gehn lässt, es hat gewiss vor mich dahin zu stellen wo mich die
gewöhnlichen Qualen der Menschheit gar nicht mehr anfechten
müssen. Und iezt noch ich seh alles als Vorbereitung an. Ich hab
das ausgestrichen weils dunckel und unbestimmt gesagt war. Nach
Tische mehr.

Sonnabends Nachts 10 in meinem Garten. Ich habe meinen Philipp
nach Hause geschickt und will allein hier zum erstenmal schlafen.
Und so meinen Schlaf einweihen dass ich Dir schreibe. Die Maurer
haben gearbeit biss Nacht ich wollt sie aus dem Haus haben,
wollte -- o ich kann dir nicht ins Detail gehn. Den ganzen
Nachmittag war die Herzoginn Mutter da und der Prinz und waren
guten lieben Humors, und ich hab denn so herum gehausvatert, wie
alles weg war, ein Stück kalten Braten gessen und mit meinem
Philipp, |: lass Dir von den Brüdern von ihm erzählen :| von
seiner und meiner Welt geschwäzzt, war ruhig und bin's und hoffe
gut zu schlaffen zu holdem Erwachen. Gute Nacht beste. -- Es geht
gegen eilf ich hab noch gesessen und einen englischen Garten
gezeichnet. Es ist eine herrliche Empfindung dahausen im Feld
allein zu sizzen. Morgen frühe wie schön. Alles ist so still. Ich
höre nur meine Uhr tackcken, und den Wind und das Wehr von ferne.
gute Nacht. -- Sonntag früh d. 19. Guten Morgen! ein trüber aber
herrlicher Tag. Ich habe lang geschlafen, wachte aber gegen
vier auf, wie schön war das grün dem Auge das sich halbtruncken
aufthat. Da schlief ich wieder ein.

Nachts 10. Im Garten versteht sich iezt von selbst. ging um eilf
heut früh in die Stadt steckte mich in erbaare Kleider, machte
eine Visite, ging zum Herzog, einen Augenblick zur Herzoginn
Mutter, wir haben Italiäners hier die uns gute Güsse der Antiken
schaffen, dann bey Fr. v. Stein zu Tisch, wir hatten Lust uns zu
necken, um vier zu Wieland in Garten wo der Mahler Krause dazu
kam. Beyde mit mir in meinen Garten. Sie verliesen mich ich las
Guiberts Tacktick, da kam der Herzog und der Prinz mit noch
zween Guten Geistern. Wir schwazzten und trieben allerley. Fr.
von Stein mit ihrer Mutter kam von Oberweimar herunter spazieren
wir begleiteten sie, kehrten um, der Prinz verlies uns auch, ich
erzählte dem Herzog eine Geschichte eines meiner Freunde der sich
wunderlich durch die Welt schlagen musste, begleitet ihn nach der
Stadt, und kam allein zurück. Hier treu mein Tag, lieb Gustgen.
Ich hab so viel gedacht! dass ich's doch nur nicht so hinsagen
kann.

Montag d. 20. Süsser Morgen. Arbeiter in meinem Garten. Allerley
Beschäfftigungen! -- -- -- --

Bey der Herzoginn Mutter gessen. Nach Tische ging alles nach
Tiefurt wo der Prinz sich hat ein Pachtgut artig zurecht machen
lassen. Die Bauern empfingen ihn mit Musick, Böllern, ländlichen
Ehrenpforten, Kränzlein, Kuchen, Tanz, Feuerwerckspuffen,
Serenade und s. w. Wir waren vergnügt ich hatte das Glück
alles sehr schön zu sehen. Und nun bin ich im Garten hab eine
Viertelstunde nach dem Feuerzeug getappt und mich geärgert und
bin so froh dass ich iezt Licht habe Dir das zu schreiben.
Dadrüben auf dem Schlosse sah ich viel Licht indess ich nach
Einem Funcken schnappte, und wusste doch dass der Herzog gern mit
mir getauscht hätte, wenn er's in dem Augenblick hätte wissen
können. Es ist ein trefflicher Junge und wird wills Gott auch
ausgähren. Friz wird gute Tage mit uns haben, so wenig ich ihm
ein Paradies verspreche. Gute Nacht. Eine grose Bitte hab ich! --
Meine Schwester der ich so lang geschwiegen habe als dir, plagt
mich wieder heute um Nachrichten oder so was von mir. Schick ihr
diesen Brief, und schreib ihr! -- O dass ihr verbunden wärt! Dass
in ihrer Einsamkeit ein Lichtstral von dir auf sie hin leuchtete,
und wieder von ihr ein Trostwort zur Stunde der Noth herüber zu
dir käme. Lernt euch kennen. Seyd einander was ich euch nicht
seyn kann. Was rechte Weiber sind sollten keine Männer lieben,
wir sinds nicht werth. Gute Nacht halb eilfe.

Dienstag d. 21. früh 6 aufgestanden herrlicher kühler
Sonnenmorgen. Arbeiter im Garten. Ein Jäger bringt mir einen
iungen Fuchs.

Mittwoch d. 22. um 10 Uhr. Gestern wieder nach Tiefurth die
regierende Herzoginn war dort. Der Herzog und noch einige blieben
die Nacht drausen, heut früh ritten wir herein dem Maneuvre der
Husaren zuzusehn und nun bin ich wieder in meinem Garten.

Freytag d. 24 Morgens eilf in der Stadt. Habe viel ausgestanden
die Zeit. Mittw. Nachmittag brach ein Feuer aus im Hazfeldischen
5 Stunden von hier der Herzog ritt hinaus biss wir hinkamen lag
das ganze Dorf nieder, es war nur noch um Trümmern zu retten und
die Schul und die Kirche. Es war ein groser Anblick ich stand auf
einem Hause wo das Dach herunter war und wo unsre Schlauchsprizze
nur das untre noch erhalten sollte, und sieh Gustgen und hinter
und vor und neben mir feine Glut, nicht Flamme, tiefe hohlaugige
_Glut_ des niedergesuncknen Orts, und der Wind drein und dann
wieder da eine auffahrende Flamme, und die herrlichen alten Bäume
um's ort inwendig in ihren hohlen Stämmen glühend und der rothe
dampf in der Nacht und die Sterne roth und der neue Mond sich
verbergend in Wolcken. Wir kamen erst Nachts zwey wieder nach
Hause. Gestern Donnerst. d. 23 ist mir auch wieder wunderbaars
Wesen um den Kopf gezogen -- Was wirds werden, ich hab eben noch
viel auszustehen, das ists was ich in allen Drangsaalen meiner
Jugend fühlte, aber gestählt bin ich auch, und will ausdauern
bis ans Ende. Adieu. Nun hörst du wieder eine Weile nichts von
mir. Schreib mir aber wann dichs freut. Friz soll kommen wann er
gerne mag der Herzog hat ihn lieb wünscht ihn ie eher ie lieber,
will ihn aber nicht engen. Adieu. Ich bin ewig derselbe

                                        G.

An meine Schwester die Addresse.
        Frau Hofrath Schlosser
fr. Rheinhausen      nach Emmedingen im Brisgau.



Der vierzehnte Brief


d. 28. Aug. Guten Morgen Gustgen! Wie ich aus dem Bette steige
guten Morgen. Ein herrlich schöner Tag aber kühl. Die Sonne liegt
schon auf meinen Wiesen! -- Der Thau schwebt noch über dem Fluss.
Lieber Engel warum müssen wir so fern von einander seyn. Ich will
hinüber ans Wasser gehn und sehn ob ich ein Paar Enten schiesen
kann.

Gegen 12. Ich verspätete mich auf der Jagt. Erwischte eine Ente.
Kam drauf gleich in das Getreibe des Tags und bin nun ganz
zerstreut. Adieu indess.

Nachmittag 4. Ich erwarte Wiel[an]ds Frau und Kinder. Habe heut
viel an dich gedacht.

Abends 7. Sie gehn eben von mir weg! -- Und nun nichts mehr. --
Gott sey Danck ein Tag an dem ich gar nicht gedacht, an dem ich
mich blos den sinnligen Eindrücken überlassen habe. Nun Adieu für
heut bestens.

d. 30. Es geht mir wie dir Gustgen, ich hab auch was auf dem
Herzen, also heraus damit.

Von Friz hab ich noch keinen Brief. Der Herzog glaubt noch er
komme, und man fragt nach ihm und ich kann nichts sagen. Lieb
Gustgen mir ist lieber für Frizzen dass er in ein würckendes
Leben kommt, als dass er sich hier in Cammerherrlichkeit
abgetrieben hätte. Aber Gustgen -- er nimmt im Frühjahr den
Antrag des Herzogs an, wird öffentlich erklärt, in allen unsern
Etats steht sein Nahme, er bittet sich noch aus den Sommer bey
seinen Geschwistern zu seyn, man lässt ihm alles, und nun kommt
er nicht. Ich weis auch dass Dinge ein Geheimniss bleiben müssen
-- Aber -- Gustgen ich habe noch was auf dem Herzen das ich nicht
sagen kann -- -- -- -- Und die, die man so behandelt, ist Carl
August Herzog zu Sachsen, und dein Goethe Gustgen. Lass mich das
iezt begraben, wir wollen dran wegstreichen. Adieu Engel ich muss
den Brief schliessen. Ich mach eine kleine Reise sonst kriegst du
ihn wieder lang nicht.

                                        G.



Der fünfzehnte Brief


Danck Gustgen dass du aus deiner Ruhe mir in die Unruhe des
Lebens einen Laut herüber gegeben hast.

    Alles geben Götter die unendlichen
    Ihren Lieblingen ganz
    Alle Freuden die unendlichen
    Alle Schmerzen die unendlichen ganz.

So sang ich neulich als ich tief in einer herrlichen Mondnacht
aus dem Flusse stieg der vor meinem Garten durch die Wiesen
fliest; und das bewahrheitet sich täglich an mir. Ich muss
das Glück für meine Liebste erkennen, dafür schiert sie mich
auch wieder wie ein geliebtes Weib. Den Todt meiner Schwester
wirst du wissen. Mir geht in allem alles erwünscht, und leide
allein um andre. Leb wohl grüse Henrietten! Ist das noch eine
eurer Schwestern? oder Christels Frau? zwar sie hat der Brüder
Handschrifft! Wenn ich einmal wieder ans Schreiben komme, will
ich ia wol sehn ob ich dadrüber was sagen kan was sie will. Grüse
die Brüder und behaltet mich lieb.

  Weimar d. 17. Jul. 77.
                                        Goethe.



Der sechzehnte Brief


Beste! heute nur ein Wort, und ein paar Lieder von mir, komponirt
von einem lieben Jungen, dem Fülle im Herzen ist. Hier auch
ein Schattenriss von Klopstock. Die Lieder lassen Sie nicht
abschreiben auch nicht die Melodien. Nächstens kriegen Sie mehr.
Hier indess eine Grabschrifft.

    Ich war ein Knabe warm und gut
    Als Jüngling hatt ich frisches Blut
    Versprach einst einen Mann
    Gelitten hab ich u. geliebt
    Und liege nieder ohnbetrübt
    Da ich nicht weiter kann.

  den 17. Merz 78.
                                        G.



Der siebzehnte Brief


Für ihr Andencken liebes Gustgen danck ich Ihnen recht herzlich.
Die kleine gute Schardt will ein Zettelgen von mir, sie ist in
meinem Garten mit mehr Gesellschafft an einem schönen schwülen
Abend. Lange hab ich mir vorgesetzt Ihnen etwas zu schicken und
zu sagen, es ist aber kein stockigerer Mensch in der Welt als
ich wenn ich einmal ins stocken gerathe. Grüsen Sie die Brüder,
schreiben mir wieder einmal von sich, und knüpfen Sie wenn
Sie mögen den alten Faden wieder an, es ist ia dies sonst ein
weiblich Geschäfft. Adieu. Den 3. Juny 1780.

                                        G.



Der achtzehnte Brief


Ihr Brief meine Beste hat mich beschämt, und mich meine
Nachlässigkeit verwünschen gemacht.

Zu Anfang des Jahrs redete ich mit der kleinen Schardt ab, Ihnen
ein Portefeuille zu mahlen und es zum Geburtstag zu schicken. Es
stand lange gestickt in meiner Stube und ich konnte nicht dazu
kommen, daß endlich der 15te verstrich. Wäre es fertig geworden
so hätten Sie es den Tag drauf als Ihr Brief abgegangen war
erhalten. Nun hat es Frau v. Stein gemahlt, ist aber auch nicht
glücklich gewesen der Atlas floss, er war zu dünne, es ist eben
kein Glück und Segen dabey.

Behalten Sie mich lieb, grüsen Sie die Brüder! alles Glück
dem neuen Paare! Ich bin wohl und noch immer in meinem Thale.
Geniesen Sie des Lebens.

  Weimar den 4. März 82.                Goethe.

       *       *       *       *       *



Gräfin Auguste Stolberg an Goethe


                                #B#: d: 15t: #October 1822#.

Würden Sie, wenn ich mich nicht nennte, die Züge der Vorzeit,
die Stimme die Ihnen sonst willkommen war, wieder erkennen?
nun ja ich bins -- Auguste -- die Schwester der so geliebten,
so heiß beweinten, so vermißten Brüder #Stolberg#. Könten doch
diese aus der Wohnung ihrer Seeligkeit, von _dort_ wo sie den
_schauen_, an den sie _hier glaubten_ -- könten doch diese, mit
mir vereint, Sie bitten: »Lieber Lieber Goethe, suchen Sie den,
der sich so gerne finden läßt, glauben Sie auch an den, an den
wir unser Lebe lang glaubten« Die seelig Schauenden würden hinzu
fügen, »den wir nun schauen«! und ich sage: »der das Leben meines
Lebens ist, das Licht in meinen trüben Tagen, und uns allen
dreyen, Weg, Wahrheit, und Leben, unser Herr, und unser Gott,
war.« und nun, ich rede auch im Nahmen der Verklärten Brüder die
so oft den Wunsch mit mir aussprachen: »Lieber Lieber Goethe,
Freund unsrer Jugend! Genießen auch Sie das Glük, waß schon im
irrdischen Leben uns zu Theil ward, Glaube, Liebe, Hofnung!« und
die Vollendeten setzen hinzu: »Gewißheit, und ewiger seeliger
Frieden harrt denn auch deiner hier« -- Ich lebe zwar nur noch in
Hofnung deßen waß zukünftig ist, aber in seeliger Hofnung die mir
so zur Gewißheit geworden ist, daß ich Mühe habe, die unendliche
Sehnsucht darnach zu stillen -- Ich las in diesen Tagen wieder
einmal alle Ihre Briefe nach -- #the Songs of other times# --
die Harfe von Selma ertönte -- Sie waren der kleinen Stolberg
sehr gut -- und ich Ihnen auch so herzlich gut -- das kan nicht
untergehen -- muß aber für die Ewigkeit bestehen -- diese unsre
Freundschaft -- die Blüthe in unsrer Jugend, muß Früchte für
die Ewigkeit tragen, dachte ich oft -- und so ergrif es mich
beym Lesen Ihrer Briefe, und so nahm ich die Feder -- Sie bitten
mich einmal in Ihrem Briefe, »Sie zu retten« -- nun maaße ich
mir wahrlich nichts an, aber so ganz Einfältigen Sinns bitte ich
Sie, retten Sie sich selbst. nicht wahr Ihre Bitte giebt mir
dazu einiges Recht? -- und ich bitte Sie immer, hören Sie in
meinen Worten, die Stimme, meiner Brüder, die Sie so herzlich
liebten -- Ich habe denn meinen Wunsch, meinen dringenden Wunsch,
ausgesprochen, den ich so oft wollte laut werden laßen: O ich
bitte, ich flehe Sie Lieber Goethe! abzulaßen, von allem waß
die Welt, Kleines, eitles, Irrdisches, und nicht gutes hat --
Ihren Blik, und Ihr Herz zum Ewigen zu wenden -- Ihnen ward viel
gegeben, viel anvertraut. wie hat es mich oft geschmerzt, wenn
ich in Ihren Schriften fand, wodurch Sie so leicht andern Schaden
zu fügen -- O machen Sie das gut, weil es noch Zeit ist -- Bitten
Sie um höhern Beystand, und er wird Ihnen, so wahr Gott ist,
werden -- Ich dachte oft, ich könte nicht ruhig sterben, wenn ich
nicht mein Herz so gegen den Freund meiner Jugend, ausgeschüttet
hätte -- und ich denke ich schlafe ruhiger darum ein, wenn mein
Stündlein schlägt -- Die Jahre nicht nur, sondern viel früher
haben, unsägliche Leiden, meine Haare schnee weiß gebleicht --
aber nie wankte in mir das feste Vertrauen zu Gott, und die Liebe
zu meinem Erlöser -- bey allem waß mich traf, tönte es tief,
und stark in meinem Innern: »Der Herr hat alles wohl gemacht!«
Der Gott meiner Jugend, ist auch der Gott meines Alters -- Als
wir uns schrieben, war ich eins der glüklichsten Geschöpfe auf
Erden, wie reich war ich! Früh durch die besten Eltern -- Geliebt
von den besten Geschwistern -- später, das Geliebte Weib des
Mannes meines Herzens -- Mutter der besten Kinder -- Aber welche
Trübsale wurden mir zu Theil -- der einzig von mir gebohrne Knabe
-- ein Kind von 4 Jahren, der die Wonne der Eltern, und der Stolz
der Mutter war -- ich sage nicht daß ich ihn verlohr -- waß für
ihn Gewinn war, sah mein Mutter-Herz nie als Verlust an -- er
gewann den Himmel, und nur mir ward der unsägliche Schmerz, zu
Theil -- und so konte ich selbst im heißen Schmerz, Gott danken
und später -- verlohr ich den Angebeteten Gatten -- O dieß war
noch ein ganz neuer, eigener, mit nichts zu vergleichender
Schmerz -- mir blieben noch die lieben Geschwister. Ach die
herrlichen die unaussprechlich Geliebten Brüder! Ein Sturm riß
den Jüngern hin -- und zerstörte, die vorher noch Jugend volle
Lebenskraft des Aeltern -- durch diesen doppelten, so schnell
auf einander folgenden Verlust, fühle ich mich, wie aufs neue
verwaißt -- Aber dennoch preise ich Gott -- Ich finde sie ja alle
wieder -- Eltern, Geschwister, Freunde, Kinder, und den Geliebten
Gatten -- So gerne nähme ich auch die Hofnung mit mir hinüber,
Sie Lieber Goethe, auch einst da kennen zu lernen -- Noch Einmal
bitte ich Sie -- schlagen Sie es der nicht ab, die Sie einst
Freundin, Schwester, nannten -- Ich bete für Sie, daß Sie es
ganz erfahren mögen, wie freundlich, und gütig der Herr ist, wie
glüklich die auf Ihn trauen.

Bitte laßen Sie dieß unter uns bleiben -- wollen Sie mir
antworten? Ich mögte wißen wo Sie sind, waß Sie treiben. ich lebe
meistens still auf dem Lande -- meine liebe Enkelin, Tochter
meines jüngsten Sohnes ist bey mir -- sie ist 13 Jahr -- meine
Liebe, und meine Freude. Ich reiche Ihnen freundschaftlich meine
Hand. Ihr Andenken ist nie in mir erloschen, und meine Theilnahme
für Sie immer Lebendig geblieben -- meine Wünsche für Ihr wahres
Wohl, auch. Manches betrübte mich oft -- Ich will so lange ich
lebe, noch recht für Sie beten -- mögten Sie sich doch darin
noch recht mit mir vereinigen -- Mein Erlöser ist ja auch der
Ihrige, es ist auch in keinem andern Heil, und Seeligkeit zu
finden. Ob Sie wohl noch an mich dachten? Bitte schreiben Sie ein
paar Worte

                                an
                        Auguste Bernstorff-#Stolberg#.

Meine #adresse# ist: in #Bordesholm#
        durch Hamburg.


d: 23 st:

Sie bitten mich in einem Ihrer Briefe, nachdem Sie lange
geschwiegen hatten: »den Alten Faden wieder anzuspinnen, es sey
dieß ja ohnehin ein Weibliches Geschäft.« Da ist er denn wieder
angesponnen, und o! möge er sich denn nun biß in die Ewigkeit
hineinspinnen! -- So leben Sie denn wohl, und verkennen Sie meine
Absicht nicht -- Laßen Sie, ich bitte Sie, dieß ganz unter uns
bleiben --



Letzter Brief Goethes an Auguste Stolberg


Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen
theuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten
Andenkens zu erhalten, war mir höchst erfreulich-rührend; und
doch zaudere ich unentschlossen, was zu erwidern seyn möchte.
Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besondern Zuständen
uns wechselseitig nichts bekannt ist.

Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte,
gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und
Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben
uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch
nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles
diesem Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das
Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der
vergänglichen Zeit.

Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und
bey allem irdischen Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie
und die Ihrigen haben es auch gethan. Wirken wir also immerfort,
so lang es Tag für uns ist; für andere wird auch eine Sonne
scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns indessen ein
helleres Licht erleuchten.

Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres
Vaters Reiche sind viel Provinzen, und da er uns hier zu Lande
ein so fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiß auch
für beyde gesorgt seyn; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis
jetzo abging, und angesichtlich kennen zu lernen und uns desto
gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.


Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes
geschrieben, allein ich wagte nicht, es wegzuschicken, denn mit
einer ähnlichen Aeußerung hatte ich schon früher Ihren edlen,
wackern Bruder wider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich
von einer tödtlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre,
soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der
Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu
schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und
Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre,
mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was
nachher sich trennte.

Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder
zusammen finden.

                        wahrhaft anhänglich
  Weimar den 17. Apr. 1823.             Goethe.



Anmerkungen


_Der erste Brief._ Adresse: _Der theuern Ungenandten_. Goethe
weiß somit noch nicht, mit wem er es zu tun hat; siehe die
Adresse des zweiten Briefes. Sein Schreiben hat er sicherlich
durch die Brüder Stolberg befördert, durch deren Vermittlung
er auch Gustchens anonymen Brief Mitte Januar erhalten haben
wird. -- _Musste er Menschen machen nach seinem Bild_: 1. Mos.
1, 26. -- _wenn wir Brüder finden_: »Brüder« prägnant für das
allgemeinere »Geschwister«; Goethe meint eben seine unbekannte
Korrespondentin.

_Der zweite Brief._ Adresse: _Der teuern Ungenannten_. Doch geht
aus dem letzten Absatz des Briefes hervor, daß dem Schreiber
Namen und Aufenthaltsort Gustchens (durch deren Brüder?) bekannt
geworden sind; der dritte Brief redet sie an »liebe Auguste«;
siehe auch die Adresse des vierten. -- _einer niedlichen
Blondine_: Lili Schönemann (geb. 23. Juni 1758), die Tochter
eines vermögenden Frankfurter Bankherrn, die Goethe zu Anfang
des Jahres kennen gelernt hatte. Die Schilderung, die er hier
von dem Gesellschaftstreiben im Hause der Geliebten entwirft,
kehrt wieder im Gedichte »An Belinden« (»Warum ziehst du mich
unwiderstehlich Ach, in jene Pracht?«): »Bin ich's noch, den
du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst? Oft so
unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst?« -- _dumpfe tiefe
Gefühle_: »dumpf« ein Lieblingswort des jungen Goethe zur
Bezeichnung gefühlsschwerer, ahnungsvoller, unruhig treibender
und schwellender Seelenstimmung. -- _Dramas_: Claudine von Villa
Bella, Erwin und Elmire (vgl. S. 22), Stella (vgl. S. 18, 34),
Faust (vgl. S. 30).

_Der dritte Brief._ -- _Auf dem Land bey sehr lieben Menschen_:
in Offenbach oberhalb Frankfurts in der Familie des Komponisten
Johann André (1741-1799), der, ursprünglich Seidenfabrikant,
seit 1774 dort einen Musikverlag besaß; er hat Goethes »Erwin
und Elmire« komponiert. Zu dem Offenbacher Kreise gehörte ferner
der Kaufmann Jean George d'Orville, ein Onkel Lilis, mit seiner
Gattin Jeanne Rahel, geb. Bernard, sodann der reformierte
Pfarrer Joh. Ludw. Ewald (1747-1822), der sich späterhin,
vom Rationalismus zu biblisch-positivem Glauben bekehrt, in
einflußreichen geistlichen Stellungen als gefälliger, lebhafter,
vielseitiger, aber allzu redseliger Vielschreiber, namentlich
auf pädagogischem Gebiet im Sinne Pestalozzis, beträchtliche
Verdienste um Bildung und Gesittung des Volkes erworben hat.
Siehe S. 30, 31. -- _in Erwartung_: Lilis, die etwa am 9.
eingetroffen sein wird. -- _Heut ist der 6. März_: nein! Goethe
schreibt am 7., einem Dienstag, an dessen Morgen er nach
Offenbach hinausgewandert war. -- _aufgewegt_: veraltete Form
statt »aufgeregt«, »erregt«. -- _an meine Schwester schreiben_:
Schwester Cornelia, seit 1. November 1773 mit Joh. Georg
Schlosser vermählt, lebte seit Ende Juni 1774 in Emmendingen
(Baden), wo ihr Gatte, zunächst vertretungsweise, dann (seit Juni
1775) als Oberamtmann, der Regierung der badischen Markgrafschaft
Hochberg vorstand. -- _Lavaters Phisiognomischer Glaube_: Joh.
Kaspar Lavater (1741-1801), Diakonus in Zürich, seit 1775 Pfarrer
an der Waisenhauskirche daselbst, Schriftsteller tiefster
Empfindung und verstiegenen Ausdrucks, in wundergläubiger
Christusschwärmerei und religiöser Überspannung befangen, begabt
mit dem Zauber hinreißender persönlicher Liebenswürdigkeit und
der Werbekraft enthusiastischer Überzeugung, suchte in seinen
vierbändigen »Physiognomischen Fragmenten« dem Versuche, die
Linien des Menschengesichtes für Erkennung des Charakters zu
verwerten, wissenschaftliche Methode zu geben; Goethe, seit
August 1773 mit ihm in Verbindung, hatte ihn hierin durch
Zeichnungen und Silhouetten, namentlich aber auch durch
Charakterschilderungen und Profildeutungen unterstützt. --
_schick ich Ihnen eins geschrieben_: Stella (vgl. S. 16). --
_Freu[den] und Kinder_: die zweite Silbe des ersten Wortes hat
Goethe beim Übergang von einer Zeile in die folgende irrtümlich
ausgelassen: Freu-. Die Schrift ist nicht deutlich; »Frau-« oder
»Frauen« steht jedenfalls _nicht_ da. Wenige Zeilen weiter nennt
Goethe seine Arbeiten die »aufbewahrten Freuden seines Lebens«.
-- _seziren meines armen Werthers_: Goethe denkt namentlich
an die im Januar erschienene »Berichtigung der Geschichte des
jungen Werthers« des früheren Juristen in Wetzlar, damaligen
hannoverschen Gardeleutnants Karl Wilh. Frhr. v. Breidenbach
(1751-1813). -- _Berliner ppp Hundezeug_: die von dem Berliner
Buchhändler und Aufklärungsschriftsteller Friedrich Nicolai
(1733-1811) verfaßten »Freuden des jungen Werthers«, gleichfalls
im Januar 1775 herausgekommen; in diesem geschickt geschriebenen
Erzeugnis hausbackener Nüchternheit, das von Goethe zeitlebens
eines besonderen Grimmes gewürdigt worden ist, wurden Werthers
Pistolen »mit 'ner Blase voll Blut« geladen, das den Helden beim
Schusse aufs schmählichste besudelt; »'s von 'em Huhn, das heute
Abend mit Lotten verzehren solt«, tröstet ihn Albert, der ihm
Lotten zu nicht immer erfreulich ausfallender Ehe abtritt. --
_die Kinder tollen_: des Ehepaares André. -- _Paradiesgärtlein_:
des braunschweigisch-lüneburgischen Generalsuperintendenten
Joh. Arndt in Celle (1555-1621) viel benutzte erbauliche
Sammlung von Gebeten und Gebetliedern »Das Paradiesgärtlein voll
christlicher Tugenden«. -- _Bergere_: Sofa. -- _Stube_: Goethes
dreifenstriges, der Straße zugekehrtes Wohnzimmer im Dachgeschoß
des väterlichen Hauses.

_Der vierte Brief._ Adresse: _Augusten_. -- _zu einem
verdrüslichen Geschäfft_: doch wohl seiner Anwaltspraxis. --
_beygehendes Zettelgen_: ist verloren. -- _Ehlers_: Martin Ehlers
(1732-1800), damals Gymnasialrektor zu Altona, später Professor
in Kiel, pädagogisch-philosophischer Schriftsteller; ein Brief
an ihn ging am 14. April ab. -- _innigen Freundin_: v. Oberg,
Stiftsdame im Stifte Ütersen (unterhalb Altona unweit vom rechten
Ufer der Elbe). -- _Fieber_: zu Gustchens Krankheitsanfällen
siehe noch S. 34.

_Der fünfte Brief._ In der Zeit dieses Briefes (April)
ist Goethes Verhältnis zu Lili durch die Einwilligung der
beiderseitigen Familien zur förmlichen Verlobung gediehen.
-- _Liedgen_: die Arie Erwins »Ihr verblühet süße Rosen« aus
»Erwin und Elmire« (vgl. S. 16), für die Goethes Freund, der
Frankfurter Komponist Philipp Kayser (1755-1823), eine Melodie
des französischen Opernkomponisten A. E. Grétry (1741-1813)
umgebildet hatte. -- _Ihre Brüder kommen_: aufgefordert von
ihrem Göttinger Studiengenossen, dem Baron Kurt v. Haugwitz, dem
späteren Grafen und preußischen Minister (1752-1831), hatten sich
die Grafen Christian und Friedrich Leopold zu einer Reise in die
Schweiz entschlossen. Sie trafen etwa am 9. Mai in Frankfurt
ein, wo sie von Haugwitz erwartet wurden. Gleich nach ihrer
Ankunft erschien Goethe bei ihnen. Er erklärte sich alsbald
bereit, die neuen Freunde auf ein großes Stück des geplanten
Weges zu begleiten; er hoffte im Wechsel frischer Natureindrücke
sein stürmendes Herz zu beruhigen und durch eine Trennung seine
quälend-beseligenden Gefühle für Lili sich klären und entscheiden
zu lassen. Am 14. Mai 1775 ward die Reise angetreten. -- _zweiten
Band der Iris_: die von dem Anakreontiker Joh. Georg Jacobi
(1740-1814) in Düsseldorf herausgegebene Vierteljahrsschrift
»Iris« enthielt in des zweiten Bandes erstem Stück (Januar 1775)
das Gedicht »Kleine Blumen, kleine Blätter«, das »Maifest« (»Wie
herrlich leuchtet«) und den »Neuen Amadis« (»Als ich noch ein
Knabe war«), in des zweiten Bandes drittem Stück (März 1775)
außer »Erwin und Elmire« die Gedichte: »An Belinden« (»Warum
ziehst du mich unwiderstehlich«, vgl. S. 50), »Neue Liebe, neues
Leben« (»Herz, mein Herz, was soll das geben«), »Willkommen und
Abschied« (»Es schlug das Herz, geschwind zu Pferde«).

_Der sechste Brief._ Ein unvollendeter Brief, der vielleicht
mit dem siebenten, wenn nicht noch später abgeschickt worden
ist. -- _Wie weit ists nun_: Gustchen war von einer Reise
nach Hamburg nach Kopenhagen zurückgekehrt. -- _wieder in
Franckfurt_: seit dem 22. Juli. Die Briefe, die Goethe von der
Reise an Gustchen gerichtet haben wird, sind nicht überliefert.
-- _in Zürch getrennt_: etwa am 6. Juli. Die Stolberge setzten
durch die Schweiz ihre Reise fort, die sie an den Comer und
Genfer See führte. -- _im Wolckenbade_: auf dem St. Gotthard.
-- _Ich litt mit ihm_: in Straßburg (am 25. Mai) hatte Fritz
Stolberg die Nachricht erhalten, daß Sophie Hanbury, eine junge
Engländerin in Hamburg, der er seine Liebe gewidmet, seine
Neigung nicht erwidern könne: vgl. S. 25. -- _Gräfin Bernsdorf_:
Gustchens Schwester Henriette Friederike, die erste Gattin des
hochverdienten dänischen Ministers Andreas Petrus Bernstorff
(1735-1797), dem nach dem Tode der Schwester (1782) Gustchen dann
selbst die Hand zur Ehe gereicht hat. -- _Zettelgen_: gemeint ist
nicht etwa eine Beilage, sondern der ganze sechste Brief.

_Der siebente Brief._ -- _Hier_: in Offenbach, im Hause
d'Orvilles, vor Lilis Schreibtisch. -- _der Brief liegt in der
Stadt_: jedenfalls Brief Nr. 6 (S. 23), der dann gelegentlich mit
dem Vermerk: »Hier ein altes verlohrnes Zettelgen« abgeschickt
worden ist. -- _Ihm ist wohler_: weil für ihn die Entscheidung
gefallen (vgl. S. 23). -- _Schlacht bey Bergen_: am 13. April
1759 zwischen Herzog Ferdinand von Braunschweig und den Franzosen
unter Marschall Broglie; sie ward die Ursache des im dritten
Buche von »Dichtung und Wahrheit« geschilderten Zusammenstoßes
zwischen Goethes Vater und dem Königsleutnant Grafen Thoranc. --
_Pannier_: Reifrock. -- _vier Heumans Kinder_: die vier Genossen
der Schweizer Reise, die gleich Rainald von Montalban und seinen
drei Brüdern, den Helden der »Schönen Historie von den vier
Haimonskindern, samt ihrem Roß Bayart« auf Abenteuer ausgezogen
waren. Nach der Mutter der Haimonskinder hat Goethes Mutter den
Namen »Frau Aja« erhalten. -- _stechen lassen_: die Silhouetten
Goethes, der Stolberge, des Barons v. Haugwitz finden sich in
Lavaters »Physiognomischen Fragmenten«, im dritten Versuch
(1777), auf der Kupfertafel zu S. 35. -- Statt der Unterschrift
ein Schnörkel.

_Der achte Brief._ -- _Schlang im Grase_: nach dem Worte des
Vergil: #latet anguis in herba# (Bucol. 3, 93). -- _Trompte_:
veraltet statt »Trompete«. -- _Ubalds Schild_: in Tassos
»Befreitem Jerusalem« erkennt Rinaldo, den die schöne Zauberin
Armida in Liebe und Wohlleben gefesselt hält, in dem ihm
vorgehaltenen demantenen Schilde des Ritters Ubaldo sein
durch Tand und weibischen Putz entwürdigtes Wesen. -- _zwey
Fürstinnen_: vermutlich die verwitwete Markgräfin Sophie Karoline
von Brandenburg-Bayreuth (geb. 1737) und die verwitwete Herzogin
Charlotte Amalie von Sachsen-Meiningen (geb. 1730). -- _iunges
Paar_: Pfarrer Ewald (vgl. S. 17) hatte sich am 10. September mit
Rachel Gertrud du Fay, der Tochter eines Frankfurter Kaufmanns,
vermählt. Zur Hochzeitfeier hatte Goethe das »Bundeslied« (»In
allen guten Stunden«) gedichtet. -- _iunge Frau liegt auf
dem Bette_: Frau André, die am 6. Oktober einen Knaben (Joh.
Anton) zur Welt brachte. -- _Verliebelte ... mit einem Mädgen_:
Lottchen Nagel, ein Mädchen anscheinend niederen Standes, in
ärmlicher, kellerartiger Behausung wohnend, aber wohl durch
Anmut, Ursprünglichkeit und urwüchsigen Geist den naturhungrigen
Genossen der Frankfurter Geniezeit ein Gegenstand verliebter
Bewunderung. Goethe hat sogar die Grafen Stolberg bei ihr
eingeführt, an sie das Gedicht »An Lottchen« (»Mitten im Getümmel
mancher Freuden«) gerichtet. -- _Ratte die Gift gefressen_:
Umschreibung des Liedes »Es war eine Ratt im Kellernest« in der
Szene »Auerbachs Keller« des »Faust«. Aus dieser Übereinstimmung
ist nicht zu schließen, daß die »Faust«-Szene, die Goethe am
Morgen gedichtet, eben die Szene »Auerbachs Keller« gewesen sei.
-- _war Lili hier_: zum Hochzeitfeste Ewalds. -- _süsen Geschöpfe
zu lieb_: unbestimmbare Persönlichkeit; vgl. S. 33. -- _Geist der
reinheit_: man gedenkt der Worte, die Goethe in sein Weimarer
Tagebuch unterm 7. August 1779 eingeschrieben: »Möge die Idee des
Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in Mund
nehme, immer lichter in mir werden.«

_Der neunte Brief._ Unmittelbare Fortsetzung des achten, begonnen
am 20. September. In den letzten Tagen des Septembers scheint
sich das Verhältnis zu Lili endgültig gelöst zu haben. Lili hat
sich 1778 mit dem Bankherrn Bernhard Friedrich v. Türckheim in
Straßburg vermählt. Die Charakterstärke und Seelengröße, die sie
später in den Stürmen der Französischen Revolution als Gattin und
Mutter bewährt hat, zeigen, daß Goethe die Liebeskraft seines
Dichterherzens an keine Unwürdige verschwendet hat. Sie ist 6.
Mai 1817 gestorben. -- _Prinzen von Meinungen_: Herzog August
Friedrich Karl von Sachsen-Meiningen (1754-1782) und sein Bruder
Georg Friedrich (1761-1803), die mit ihrer Mutter (vgl. S. 28) in
Frankfurt weilten. -- _ums Thor_: um die Stadtmauer. -- _Manns
von Geist_: nicht bestimmbar. -- _tolles Zeug_: vermutlich jenes
Mißverständnis, das Goethe (mit irrtümlicher Festsetzung des
Zeitpunktes?) im 20. Buch von »Dichtung und Wahrheit« erzählt.
Am 11. Dezember 1774 hatte Goethe den Erbprinzen Carl August von
Sachsen-Weimar und Eisenach (1757-1828) kennen gelernt. Am 3.
September 1775 großjährig geworden und zur Regierung gelangt,
weilte Herzog Carl August wiederum etwa 20.-22. September in
Frankfurt, auf der Durchreise nach Karlsruhe, wo am 3. Oktober
seine Vermählung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt
(1757-1830) stattfand. Für den 22. September nun hatte Goethe
eine Einladung zur Tafel von den Prinzen von Meiningen erhalten,
glaubte jedoch, es handele sich um eine Einladung zu Carl August.
Er suchte diesen auf, fand ihn bei den Prinzen von Meiningen,
von denen sich Carl August zur Weiterfahrt verabschieden wollte,
und verließ mit ihm die Prinzen nach kurzem Besuch, um dann
selbst auf der Straße vom Herzog, der den Reisewagen bestieg,
entlassen zu werden. -- _erwarte den Herzog v. Weimar_: der mit
seiner Gemahlin am 12. Oktober wiederum in Frankfurt eintraf. --
_nach Hamburg_: Goethe wollte mit den Grafen Stolberg, die, von
ihrer Schweizer Reise (vgl. S. 23) zurückkehrend, ihn in Weimar
abholen sollten, Klopstock und Gustchen besuchen. -- _Weimar_:
hier war er am 7. November angekommen. -- _erwarte deine Brüder_:
sie langten am 26. November in Weimar an und verließen es am
3. Dezember 1775, ohne Goethe, der, vom Herzog zurückgehalten,
dann am 11. Juni 1776 aus einem Gaste des Herzogs als Geh.
Legationsrat sein vertrauter Beamter geworden ist.

_Der elfte Brief._ -- _Kranck_: die Nachricht von der schwerem
Erkrankung Gustchens im März 1776 hat Goethe vermutlich
durch Fritz Stolberg erhalten; noch Ende April war sie nicht
ganz wiederhergestellt; vgl. S. 22. -- _Stella_: vgl. S. 16;
Ende Januar 1776 hatte Goethe die gedruckten Exemplare dieses
»Schauspieles für Liebende« erhalten und wird alsbald eines an
Gustchen gesendet haben. -- _Mittwoch nach Ostern_: 10. April.

_Der zwölfte Brief._ -- _das ist alles was ich thun kann_:
um sie, die in ihrem Briefe vermutlich ihrer Sorge über
das angeblich wilde Weimarer Treiben (vgl. S. 40) Ausdruck
gegeben hatte, durch genaue Darstellung seines Lebens von der
Haltlosigkeit des bösen Gerüchtes zu überzeugen.

_Der dreizehnte Brief._ -- _In meinem Garten_: in unmittelbarer
Nähe des Parks, am Abhang eines mäßigen Höhenzuges, unweit des
rechten Ilmufers gelegen, ein Geschenk des Herzogs, das Goethe
am 21. April 1776 in Besitz genommen hat. -- _Rittmeister_:
Friedr. Ernst v. Lichtenberg, Rittmeister des weimarischen
Husarenkorps. -- _Frau v. Stein_: Goethe hat sie Mitte November
1775 kennen gelernt. -- _Ihr Mann_: Oberstallmeister des
Herzogs Frhr. Gottlob Ernst Josias Friedrich v. Stein auf
Kochberg (1735-1793). -- _ihr Bruder_: der Regierungsrat Ernst
Karl Constantin v. Schardt. -- _Ilten_: Karoline v. Ilten und
ihre Schwester Sophie. Karoline stand in leidenschaftlichen
Beziehungen zum Prinzen Constantin, die vom Herzog mißbilligt
wurden: Sophie ist 1778 Gattin des Rittmeisters v. Lichtenberg
geworden. -- _Herzoginn Mutter_: Anna Amalia (1739-1807). -- _dem
Prinzen_: Carl Augusts jüngerer Bruder Constantin (1758-1793).
-- _Ich hab das ausgestrichen_: ausgestrichen ist im Briefe
von »mich dahin zu stellen« (Seite 36, 3. Zeile v. u.) bis
»als Vorbereitung an«. -- _Philipp_: Goethes vertrauter Diener
Philipp Seidel. -- _Krause_: Georg Melchior Kraus, der Leiter der
Weimarer Zeichenschule. -- _Guiberts Tacktick_: des französischen
Generals und Militärschriftstellers Jacques Antoine Hippolyte
Grafen v. Guibert (1743-1790) damals vielbeachteter zweibändiger
#»Essai général de tactique«#. -- _eines meiner Freunde_:
vielleicht Joh. Heinrich Jung, gen. Stilling (1740-1817), der,
ursprünglich Schneidergeselle, in Straßburg, wo er Goethes
Tischgenosse gewesen, Medizin studiert hatte und damals als Arzt
in Elberfeld lebte. Goethe hat seine von tiefster religiöser
Empfindung getragene Selbstbiographie 1777 zum Druck befördert.
-- _Tiefurt_: unterhalb Weimars am linken Ilmufer. -- _Friz wird
gute Tage mit uns haben_: vom Herzog zum Kammerherrn ernannt,
wurde er zum Antritt seines Amtes in Weimar erwartet; vgl. S.
40. -- _in ihrer Einsamkeit_: Cornelia fühlte sich in ihrer Ehe
nicht glücklich. -- _Habe viel ausgestanden_: durch den leitenden
Minister Jacob Friedrich v. Fritsch, der sich der Anstellung
Goethes widersetzte, und durch die Liebe zu Charlotte v. Stein.

_Der vierzehnte Brief._ -- _Von Friz .. noch keinen Brief_: Fritz
wurde von der Übernahme seiner Weimarer Verpflichtung durch
Klopstock abgehalten, den übertreibende Gerüchte vom zügellosen
Leben des Herzogs und seines Freundes erregt hatten. -- _kleine
Reise_: nach Ilmenau.

_Der fünfzehnte Brief._ -- _Todt meiner Schwester_: Cornelie
war am 8. Juni 1777 gestorben. -- _Henrietten_: die Gräfin
Bernstorff, Gustchens Schwester (vgl. S. 23, 27). -- _Christels
Frau_: Luise, geb. Gräfin Reventlow.

_Der sechzehnte Brief._ -- _Jungen_: der Weimarer Kammerherr Karl
Friedr. Sigismund Frhr. v. Seckendorff (1744-1785).

_Der siebzehnte Brief._ -- _Schardt_: Sophie Friederike Eleonore
v. Schardt, als Gattin des Regierungsrates v. Schardt (vgl.
S. 36) Schwägerin der Frau v. Stein, war als Tochter des
Kanzleidirektors Andreas v. Bernstorff in Hannover mit Gustchens
Schwager und späterem Gatten, dem Grafen Andr. Petr. Bernstorff
verwandt.

_Der achtzehnte Brief._ -- _kleinen Schardt_: vgl. S. 42. --
_Geburtstag_: 7. Januar. -- _neuen Paare_: Fritz Stolberg hatte
sich mit Agnes v. Witzleben verlobt.

_Gräfin Auguste an Goethe._ -- _heiß beweinten, so vermißten
Brüder_: Friedrich Leopold war am 5. Dezember 1819, Christian am
18. Januar 1821 gestorben. -- _#the Songs of other times#_ --
_die Harfe von Selma_: Anspielung auf die Ossian-Übersetzung,
die Goethe seinem »Werther« eingefügt hatte. -- _das Geliebte
Weib_: sie hatte am 8. August 1783 den Grafen A. P. Bernstorff,
ihren verwitweten Schwager, geheiratet. -- _Kinder_: Stiefkinder,
sieben Söhne und drei Töchter. -- _verlohr ... den Gatten_: Graf
Bernstorff starb 21. Juni 1797. -- _Ein Sturm riß den Jüngern
hin_: Fritz, schon lange schwer leidend, starb, wie man sagte
in der Erregung über den grimmigen Angriff, den sein einstiger
Studienfreund Joh. Heinr. Voß in der Schrift »Wie ward Fritz
Stolberg ein Unfreier?« 1818 gegen ihn anläßlich seines (schon
1. Juni 1800 vollzogenen) Übertritts zum Katholizismus und
der dadurch bedingten schriftstellerischen und praktischen
Wirksamkeit zugunsten katholisch-aristokratischer Tendenzen
gerichtet hatte.

_Letzter Brief Goethes._ -- _viel Provinzen_: Ev. Johannis 14,2.
-- _wider Wissen und Willen verletzt_: am 2. Februar 1789 hatte
Goethe, als am 15. November 1788 Fritz die geliebte Gattin
Agnes (vgl. S. 43) verloren hatte, ihm geschrieben: »Wenn ich
auch gleich für meine Person an der [materialistischen] Lehre
des Lucrez mehr oder weniger hänge und alle meine Prätensionen
in den Kreis des Lebens einschließe, so erfreut und erquickt
es mich doch immer sehr, wenn ich sehe, daß die allmütterliche
Natur für zärtliche Seelen auch zartere Laute und Anklänge
in den Undulationen ihrer Harmonien leise tönen läßt und dem
endlichen Menschen auf so manche Weise ein Mitgefühl des Ewigen
und Unendlichen gönnt.« -- _tödtlichen Krankheit_: am 17. Februar
1823 war Goethe plötzlich an Herzbeutelentzündung erkrankt, die
ihn innerhalb einer Woche an den Rand des Grabes stellte; er
erholte sich langsam im Verlauf des März.



_Gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig_

       *       *       *       *       *



Die folgende Liste enthält die vorgenommenen Änderungen.


  S. 28 eingeschlafuen -> eingeschlafnen (dem eingeschlafnen Krieger)
  S. 30 sieben -> sieben. (Offenbach! Abends sieben. In einem)
  S. 32 üsen -> süsen (einem süsen Geschöpfe zu lieb)
  S. 45 iu -> in (mich oft geschmerzt, wenn ich in Ihren)
  S. 53 Ich _litt -> _Ich litt (_Ich litt mit ihm_: in Straßburg)





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg" ***

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