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Title: Synnöve Solbakken - Erzählung
Author: Bjørnson, Bjørnstjerne
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Synnöve Solbakken - Erzählung" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



    Synnöve Solbakken

    Erzählung
    von
    Björnstjerne Björnson

    [Illustration]

    Im Insel-Verlag zu Leipzig



In einem weiten Tal findet man zuweilen eine nach allen Seiten hin
freiliegende Erhöhung, auf die die Sonne ihre Strahlen vom Aufgang bis
zum Untergang hinabsendet. Und die, die hart am Fuße der Berge wohnen
und weniger Sonne haben, nennen eine solche Stelle einen Sonnenhügel.
Die, von der hier erzählt werden soll, wohnte auf einem solchen, von
dem auch der Hof seinen Namen erhalten hatte. Dort blieb der Schnee
zuletzt liegen im Herbst, dort schmolz er auch im Frühling zuerst
wieder.

Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden Leser genannt, weil
sie eifriger in der Bibel lasen als alle andern Leute. Der Mann hieß
Guttorm und die Frau Karen; sie bekamen einen Knaben, der wieder starb,
und drei Jahre lang kamen sie nicht an die Ostseite der Kirche. Nach
dieser Zeit bekamen sie ein Mädchen, das sie nach dem Knaben nannten;
er hatte Syvert geheißen, und sie wurde Synnöv getauft, da sie nichts
Näherliegendes fanden. Die Mutter aber nannte sie Synnöve, weil sie,
solange das Kind klein war, die Gewohnheit hatte, »mein« hinten an den
Namen anzuhängen, und meinte, daß es so leichter auszusprechen sei. Wie
es nun auch sein mochte: als das Mädchen größer wurde, nannten sie alle
Synnöve wie die Mutter, und die meisten sagten, seit Menschengedenken
sei im ganzen Kirchspiel kein so schönes Mädchen herangewachsen wie
Synnöve Solbakken[1]. Sie war noch ganz klein, als die Eltern sie an
jedem Sonntag, wo gepredigt wurde, mit in die Kirche nahmen, obwohl
Synnöve anfangs nichts weiter begriff, als daß der Pfarrer dastand
und den Zuchthaus-Bert ausschalt, den sie gerade unter der Kanzel
sitzen sah. Der Vater aber wollte, daß sie mitgehn sollte, »um sich
zu gewöhnen«, wie er sagte; und die Mutter wollte es auch, »da man ja
nicht wissen konnte, ob daheim jemand acht auf sie gebe«. War auf dem
Hofe ein Lamm, ein Zicklein oder ein kleines Ferkel, das nicht gedeihen
wollte, oder eine Kuh, der etwas fehlte, so ward das betreffende Tier
immer Synnöve zu eigen gegeben, und die Mutter wollte wissen, daß es
sich von der Stunde an erhole; der Vater glaubte nicht so recht, daß es
daher käme, aber »es war ja einerlei, wem von ihnen das Vieh gehörte,
wenn es nur gedieh«.

    [1] Solbakken = Sonnenhügel.

Jenseits des Tals und hart am Fuße des hohen Berges lag ein Hof,
der Granliden hieß, weil er mitten in einem großen Tannenwalde lag,
dem einzigen in weitem Umkreise. Der Urgroßvater des Besitzers war
mit unter denen gewesen, die in Holstein gelegen und auf die Russen
gewartet hatten, und von diesem Zuge hatte er viele fremde und
merkwürdige Sämereien in seinem Tornister mit heimgebracht. Die hatte
er rings um seine Hofgebäude gepflanzt; im Laufe der Zeiten war aber
eine Pflanze nach der andern ausgegangen, nur einige Tannenzapfen, die
merkwürdigerweise dazwischengekommen waren, waren zu einem dichten
Walde herangewachsen und beschatteten nun die Gebäude von allen Seiten.
Der Holsteinfahrer hatte nach seinem Großvater Thorbjörn geheißen,
sein ältester Sohn nach seinem Vater Sämund, und so hatten auf diesem
Hofe die Besitzer abwechselnd Thorbjörn und Sämund geheißen -- seit
unvordenklichen Zeiten. Aber die Sage ging, daß in Granliden nur jeder
zweite Mann Glück habe, und das war nicht der, der Thorbjörn hieß. Als
der jetzige Besitzer, Sämund, den ersten Sohn bekam, machte er sich
allerlei Gedanken darüber, wagte aber doch nicht, die Familientradition
zu durchbrechen, und so nannte er ihn denn Thorbjörn. Er grübelte nun
darüber, ob der Knabe nicht so erzogen werden könnte, daß er an dem
Steine, den ihm das Schicksal und das Gerede der Leute in den Weg
gelegt hatten, glücklich vorüberkommen könnte. Er war sich nicht ganz
sicher, aber er glaubte, einen widerspenstigen Sinn bei dem Knaben
zu spüren. »Das muß ausgetrieben werden,« sagte er zu der Mutter,
und sobald Thorbjörn drei Jahre alt geworden war, setzte sich der
Vater oft mit einer Rute in der Hand hin, zwang ihn, alle Holzscheite
wieder auf ihren Platz zu legen, die Tasse wieder aufzuheben, die er
hinuntergeworfen, die Katze zu streicheln, die er gekniffen hatte. Die
Mutter pflegte hinauszugehn, wenn den Vater diese Laune anwandelte.

Sämund wunderte sich darüber, daß, je größer der Knabe ward, um so mehr
an ihm zu tadeln war, und das, obgleich er immer strenger behandelt
wurde. Er hielt ihn frühzeitig zum Lesen an und nahm ihn mit aufs Feld,
um ihn unter Augen zu haben. Die Mutter hatte einen großen Haushalt und
kleine Kinder, sie konnte nichts weiter tun, als den Sohn streicheln
und ihm jeden Morgen, wenn sie ihn ankleidete, gute Ermahnungen geben
und freundlich mit dem Vater reden, wenn sie an Sonn- und Feiertagen
zusammensaßen. Thorbjörn aber dachte, wenn er Schläge bekam, weil +ab+
nicht »ba«, sondern »ab« hieß, und weil er die kleine Ingrid nicht
prügeln durfte, wie der Vater ihn prügelte: Es ist doch merkwürdig, daß
ich es so schlecht haben soll, während alle meine kleinen Geschwister
es so gut haben!

Da er meistens bei dem Vater war und nicht wagte, sonderlich viel mit
ihm zu reden, wurde er wortkarg, obwohl er keineswegs gedankenarm war.
Einmal, als sie das nasse Heu wendeten, entschlüpfte es ihm jedoch:
»Weshalb ist alles Heu da drüben auf Solbakken trocken und eingefahren,
während es hier naß ist?« -- »Weil sie mehr Sonne haben als wir.« --
Es war dies das erstemal, daß es ihm zum Bewußtsein kam, daß er selber
von dem Sonnenglanz da drüben, über den er sich so oft gefreut hatte,
ausgeschlossen sei. Seit jenem Tage war sein Blick öfter nach Solbakken
hinübergerichtet als bisher. -- »So sitz doch nicht da und gaffe,«
sagte der Vater und versetzte ihm einen Puff; »hier unten müssen wir
uns abmühen, soviel wir können, groß und klein, wenn wir etwas unter
Dach und Fach haben wollen.«

Als Thorbjörn etwa sieben oder acht Jahre alt sein mochte, wechselte
Sämund seinen Knecht. Der neue hieß Aslak, und er war, wie es schien,
schon weit in der Welt herumgekommen, obwohl er hier nur Kleinknecht
war. An dem Abend, als er kam, war Thorbjörn schon zu Bett gegangen,
aber am nächsten Tage, als er dasaß und lernte, schlug jemand die Tür
mit einem solchen Fußstoß auf, wie er es noch nie gehört hatte, und das
war Aslak, der mit einem großen Arm voll Holz hereingepoltert kam und
es mit einer solchen Gewalt zu Boden warf, daß die Scheite nach allen
Seiten auseinanderflogen. Er selber sprang hoch in die Luft, um den
Schnee abzuschütteln, und bei jedem Sprung rief er: »›Es ist kalt,‹
sagte die Braut des Kobolds, als sie bis an den Gürtel im Eis steckte.«
-- Der Vater war nicht zu Hause -- die Mutter aber fegte den Schnee
zusammen und trug ihn stillschweigend hinaus. -- »Wonach glotzt du denn
da?« fragte Aslak Thorbjörn. -- »Nach nichts Besonderm,« erwiderte
dieser, denn er fürchtete sich. -- »Hast du den Hahn gesehn, den du da
hinten im Buche hast?« -- »Ja!« -- »Er hat eine Menge Hühner um sich,
wenn das Buch zu ist; hast du das gesehn?« -- »Nein!« -- »Nun, so sieh
nach!« -- Der Knabe tat es. -- »Du bist ein Schafskopf,« sagte Aslak.
Aber seit diesem Augenblick hatte niemand eine solche Macht über ihn
wie Aslak.

»Du weißt gar nichts,« sagte Aslak eines Tages zu Thorbjörn. -- Dieser
trippelte wie gewöhnlich hinter ihm drein, um achtzugeben. -- »Doch,
ich weiß bis zum vierten Hauptstück.« -- »Pah! Du hast ja nicht einmal
von dem Kobold gehört, der so lange mit der Dirne tanzte, bis die Sonne
unterging, und dann platzte wie ein Kalb, das saure Milch gefressen
hat!« -- Sein ganzes Leben lang hatte Thorbjörn noch nicht so viel
Gelehrsamkeit auf einmal gehört. »Wo war denn das?« fragte er. -- »Wo?
-- ja, das -- war drüben auf Solbakken!« -- Thorbjörn starrte ihn an.
-- »Hast du von dem Manne gehört, der sich dem Teufel für ein Paar alte
Stiefel verkaufte?« -- Thorbjörn vergaß zu antworten, so verwundert war
er. -- »Du denkst wohl darüber nach, wo das geschehen sein mag, he? Das
war auch drüben auf Solbakken, da unten an dem Bach, den du da siehst!
-- Du großer Gott! Sieht das aber traurig aus mit deinem Christentum,«
fuhr er fort. »Du hast wohl nicht einmal von Kari mit dem hölzernen
Rock gehört?« -- Nein, er hatte nichts davon gehört. Und während Aslak
jetzt eifrig arbeitete, erzählte er noch eifriger, nämlich von Kari mit
dem hölzernen Rock und von der Mühle, die auf dem Meeresgrunde Salz
mahlte, von dem Teufel mit den Holzschuhen, von dem Kobold, der mit dem
Bart in dem Baumstamm hängen blieb, von den sieben grünen Jungfrauen,
die dem Schützenpeter die Haare aus den Waden zwickten, während er
schlief, und durchaus nicht aufwachen konnte, und das alles trug sich
drüben auf Solbakken zu.

»Was in Gottes Namen ist nur mit dem Jungen los?« sagte die Mutter am
nächsten Tage. »Den ganzen Morgen, seit es hell geworden ist, hat er
auf den Knien auf der Bank gelegen und nach Solbakken hinübergestarrt.«
-- »Ja, er hat es heute sehr damit,« sagte der Vater, der dalag und
sich den lieben langen Sonntag ausruhte. -- »Die Leute sagen, er sei
mit Synnöve Solbakken verlobt,« sagte Aslak; »aber die Leute sagen ja
immer soviel,« fügte er hinzu. Thorbjörn verstand es nicht so recht,
errötete aber doch über das ganze Gesicht. Als Aslak die andern hierauf
aufmerksam machte, kroch er von der Bank herab, nahm seinen Katechismus
und begann darin zu lesen. -- »Ja, tröste du dich nur mit Gottes Wort,
du,« sagte Aslak; »du bekommst sie doch nicht.«

Späterhin im Laufe der Woche, als er glaubte, daß sie es vergessen
hätten, fragte er die Mutter ganz leise, denn er war ein wenig
verschämt: »Du -- wer ist Synnöve Solbakken?« -- »Das ist ein kleines
Mädchen, das einst Besitzerin von Solbakken werden wird.« -- »Hat sie
denn keinen hölzernen Rock?« -- Die Mutter sah ihn verwundert an. »Was
sagst du da?« fragte sie. Er fühlte, daß es etwas Dummes sein müßte,
und schwieg. -- »Niemand hat je ein schöneres Kind gesehn, als sie
ist,« fuhr die Mutter fort, »und der liebe Gott hat sie so gemacht zur
Belohnung dafür, daß sie immer so artig und brav ist und so fleißig
lernt.« -- Jetzt wußte er das auch.

Eines Tages, als Sämund mit Aslak auf dem Felde gewesen war, sagte er
am Abend zu Thorbjörn: »Du sollst nicht so oft mit dem Knecht zusammen
sein.« -- Thorbjörn aber achtete nicht weiter darauf. Nach einer Weile
hieß es: »Wenn ich dich noch einmal mit ihm zusammen sehe, geht es dir
schlecht!« Da schlich Thorbjörn ihm nach, wenn es der Vater nicht sah.
Dieser überraschte sie aber, als sie beieinander saßen und schwatzten;
da bekam Thorbjörn Prügel und wurde hineingejagt. Von nun an aber paßte
Thorbjörn Aslak auf, wenn der Vater nicht zu Hause war.

Eines Sonntags, als der Vater in der Kirche war, machte Thorbjörn zu
Hause Unfug. Aslak und er warfen einander mit Schneebällen. -- »Nein,
nein, du erstickst mich noch,« bat Thorbjörn; »laß uns zusammen nach
was anderm werfen.« -- Aslak war gleich dazu bereit, und so warfen sie
denn erst nach der kleinen Tanne neben dem Vorratshause, dann nach der
Tür und endlich nach dem Fenster des Vorratshauses. -- »Nicht nach dem
Fenster selber,« sagte Aslak, »sondern nach dem Rahmen!« -- Thorbjörn
traf aber das Fenster und erbleichte. -- »Pah! Wer erfährt das? Wirf
besser!« -- Er warf abermals, traf aber wieder eine Fensterscheibe.
-- »Jetzt werfe ich nicht mehr,« sagte er. -- In demselben Augenblick
kam seine älteste Schwester, klein Ingrid, heraus. »Wirf nach +ihr+!«
-- Thorbjörn war gleich bereit, die Kleine schrie, und die Mutter
kam heraus. Sie befahl ihm, mit dem Werfen aufzuhören. »Wirf! Wirf!«
flüsterte Aslak. Thorbjörn war heiß und aufgeregt; er tat es. -- »Ich
glaube, du hast deinen Verstand verloren,« sagte die Mutter und lief
auf ihn zu. Er entwischte ihr, sie lief hinter ihm drein -- rund um
den Hof herum; Aslak lachte, und die Mutter drohte. Aber endlich
gelang es ihr, ihn in einer Schneewehe zu fassen, und sie schickte
sich an, ihn gehörig durchzuprügeln. -- »Ich schlage wieder -- das tu
ich -- das ist hier so Sitte.« -- Die Mutter hielt verwundert inne
und sah ihn an. »Das hat dich ein andrer gelehrt,« sagte sie dann,
nahm ihn stillschweigend bei der Hand und führte ihn hinein. Sie sagte
kein Wort mehr zu ihm, sondern beschäftigte sich freundlich mit den
kleinen Geschwistern und erzählte ihnen, daß der Vater jetzt gleich
aus der Kirche heimkehre. Da begann es entsetzlich heiß in der Stube
zu werden. Aslak bat um die Erlaubnis, einen Verwandten besuchen zu
dürfen; er erhielt sie sogleich. Thorbjörn aber wurde sehr klein,
sobald Aslak gegangen war. Er hatte schreckliche Magenschmerzen, und
seine Hände waren so feucht, daß sie am Buche festklebten, wenn er
es anfaßte. Wenn nur die Mutter dem Vater nichts sagen wollte, wenn
er nach Hause käme, aber sie darum zu bitten, das brachte er nicht
fertig. Alles um ihn her hatte sich verändert, und die Stubenuhr
sagte: »Prügel, Prügel -- Prügel, Prügel!« Er mußte aufs Fenster
hinaufklettern und nach Solbakken hinübersehn. Es lag verschneit,
einsam und friedlich da und lachte wie immer im Sonnenschein; das Haus
stand da und blitzte aus allen Fenstern, und dort war sicher nicht
ein einziges zerschlagen; übermütig, fröhlich stieg der Rauch aus dem
Schornstein auf, sicher wurde dort auch für die Kirchgänger gekocht.
Synnöve schaute wohl nach ihrem Vater aus und sollte sicher keine
Schläge haben, wenn der heimkehrte. Er wußte nicht, was er anfangen
sollte, und wurde plötzlich so liebevoll gegen seine Schwestern,
daß er kein Ende fand. Gegen Ingrid war er so gut, daß er ihr einen
blanken Knopf schenkte, den er von Aslak bekommen hatte. Sie umarmte
ihn, und auch er schlang seine Arme um ihren Hals. -- »Meine liebe
kleine Ingrid, bist du mir auch böse?« -- »Nein, lieber Thorbjörn, du
kannst mich meinetwegen so viel schneeballen, wie du willst.« -- Aber
da stampfte sich jemand draußen den Schnee von den Füßen. Richtig, es
war der Vater; er sah so sanft und freundlich aus, und das war noch
schlimmer. -- »Nun?« sagte er und sah sich um -- es war ein Wunder, daß
die Wanduhr nicht herabstürzte! Die Mutter trug das Essen auf. -- »Wie
steht es denn hier?« fragte der Vater, indem er sich hinsetzte und den
Löffel ergriff.

Thorbjörn sah die Mutter an, bis ihm die Tränen in die Augen kamen.
-- »Ach, ganz gut,« sagte sie unglaublich langsam, und sie wollte
noch mehr sagen, das sah er deutlich. -- »Ich habe Aslak erlaubt,
auszugehn,« sagte sie. -- »Das ist nur der Anfang,« dachte Thorbjörn
und fing an mit Ingrid zu spielen, als denke er an nichts weiter in
der Welt. So lange hatte der Vater niemals gegessen, und Thorbjörn
fing schließlich an jeden Bissen zu zählen; als er aber an den vierten
kam, wollte er sehn, wie weit er zwischen dem vierten und fünften
zählen könnte, und dadurch kam er aus dem Zählen heraus. Endlich
erhob sich der Vater und ging hinaus. -- »Die Fensterscheiben! die
Fensterscheiben!« klang es ihm in den Ohren, und er sah sich um, ob die
in der Stube alle heil seien. Ja, sie waren alle heil. Aber nun ging
auch die Mutter hinaus. Thorbjörn nahm die kleine Ingrid auf den Schoß
und sagte so sanft, daß sie ihn ganz verwundert anstarrte: »Wir beide
wollen einmal Goldkönigin auf der Wiese spielen, wir!« -- Das wollte
sie gern. Und dann sang er, während ihm die Beine schlotterten:

    »Kleine Blume,
    Wiesenblume,
    Hör mich einmal an:
    Willst du meine Liebste sein,
    Schenk ich dir ein Mantel fein
    Aus Samt und Gold,
    Von Perlen voll.
    Ditteli, dutteli, döh,
    Die Sonne scheint auf der Höh.«

Und sie antwortete:

    »Goldkönigin,
    Perlenkönigin,
    Hör mich einmal an:
    Ich will sein die Liebste dein,
    Will haben auch den Mantel fein
    Aus Samt und Gold,
    Von Perlen voll.
    Ditteli, dutteli, döh,
    Die Sonne scheint auf der Höh.«

Als nun aber dies Spiel gerade im besten Gange war, kam der Vater
herein und sah ihn forschend an. Er preßte Ingrid fester an sich und
fiel gar nicht vom Stuhl! Der Vater wandte sich ab und sagte kein Wort;
eine halbe Stunde verging, und noch immer hatte er nichts gesagt -- und
Thorbjörn war nahe daran, ganz fröhlich zu werden, wagte es aber doch
nicht. Er wußte nicht, was er davon denken sollte, als ihm der Vater
selber beim Auskleiden half; er fing von neuem an zu zittern. Da fuhr
ihm der Vater liebkosend über den Kopf und streichelte ihm die Wange;
das hatte er nicht getan, solange der Knabe zurückdenken konnte, und
deswegen wurde ihm so warm ums Herz und über den ganzen Leib, daß die
Furcht aus seiner Seele schwand wie das Eis vor der Sonne. Er wußte
nicht, wie er ins Bett kam, und da er sich weder durch Rufen noch durch
Singen Luft machen konnte, faltete er still die Hände, betete sechsmal
das Vaterunser ganz leise vorwärts und rückwärts -- und fühlte, als er
einschlief, daß es auf Gottes grüner Erde doch niemand gebe, den er so
lieb hätte wie seinen Vater.

Am nächsten Tage erwachte er in furchtbarer Angst, weil er nicht
schreien konnte, denn nun sollte er doch Prügel haben. Als er aber
die Augen aufschlug, merkte er zu seiner großen Erleichterung, daß
er es nur geträumt hatte, aber er merkte auch bald, daß gerade ein
andrer Prügel haben sollte, nämlich Aslak. Sämund ging im Zimmer auf
und nieder, und +den+ Gang kannte Thorbjörn nur zu gut. Der ziemlich
kleine, aber stämmige Mann sah von Zeit zu Zeit unter seinen buschigen
Brauen so zu Aslak hinüber, daß dieser sehr wohl fühlte, was in der
Luft lag; Aslak selber saß oben auf einem großen Faß und ließ seine
Beine bald herabbaumeln, bald zog er sie unter sich in die Höhe. Er
hatte wie gewöhnlich die Hände in den Taschen, und die Mütze auf dem
Kopfe war leicht in die Stirn gedrückt, so daß das dicke, dunkle Haar
in Büscheln unter dem Schirm hervorguckte. Der etwas schiefe Mund war
heute noch schiefer als gewöhnlich, den ganzen Kopf hielt er ein wenig
schief und sah Sämund unter halb geschlossenen Augenlidern von der
Seite an. -- »Ja, dein Junge ist nicht recht gescheit,« sagte er, »weit
schlimmer aber ist es, daß dein Pferd verhext ist.« -- Sämund blieb
stehn. »Du bist ein Lümmel!« sagte er, daß es durch die Stube dröhnte
und Aslak die Augenlider noch fester schloß. Sämund ging wieder auf
und nieder, Aslak saß wieder eine Weile schweigend da. -- »Ja, weiß
Gott, es ist verhext!« -- Er schielt von der Seite zu ihm hinüber,
um zu sehn, welche Wirkung dies auf ihn mache. -- »Nein, aber es ist
bange vor dem Walde, das ist es,« sagte Sämund und schritt weiter auf
und nieder. »Du hast im Felde einen Baum über das Tier gefällt, du
nichtsnutziger Schlingel, und deswegen will es jetzt dort nicht mehr
ruhig gehn.« -- Aslak hörte das eine Weile an. -- »Ja, ja! Glaub du
das nur, der Glaube macht niemand zuschanden. Ich zweifle nur, daß
er dein Pferd wieder kuriert,« fügte er hinzu, schob sich ein wenig
höher auf die Tonne hinauf und bedeckte sein Gesicht mit der einen
Hand. Sämund kam wirklich zu ihm hinüber und sagte in leisem, aber
unheilverkündendem Tone: »Du bist ein schlechter --« -- »Sämund!«
ertönte eine Stimme vom Herde herüber. Es war Ingebjörg, seine Frau,
die ihn beschwichtigte, wie sie ihr kleinstes Kind beschwichtigte, das
bange war und schreien wollte. Das Kind hatte sie schon zum Schweigen
gebracht, und nun schwieg auch Sämund, aber er hielt doch seine für
einen so stämmigen Mann sehr kleine Faust Aslak gerade unter die Nase
und hielt sie dort eine Weile, indem er sich vorbeugte und ihm seine
zornsprühenden Augen ins Gesicht bohrte. Darauf schritt er wieder auf
und nieder und sah von Zeit zu Zeit hastig zu ihm hinüber. Aslak war
sehr bleich, grinste aber doch mit dem halben Gesicht zu Thorbjörn
hinüber, während er die Seite, die er Sämund zugewandt hatte, ganz
stramm hielt. -- »Gott schenke uns Geduld!« sagte er nach einer Weile,
hob aber in demselben Augenblick die Ellenbogen in die Höhe, als wollte
er einen Schlag abwehren. Sämund blieb plötzlich stehn und schrie mit
der ganzen Kraft seiner Stimme, indem er auf die Erde stampfte, so
daß Aslak zusammenzuckte: »Nenne +ihn+ nicht! -- du! --« Ingebjörg
sprang mit dem Säugling auf und faßte ihn sanft am Arm. Er sah sie
nicht an, ließ aber doch sofort den Arm sinken. Sie setzte sich hin,
er schritt von neuem auf und nieder; niemand aber sprach ein Wort.
Als dies eine Weile gewährt hatte, konnte sich Aslak nicht länger
bezwingen: »Jawohl, er hat hier auf Granliden freilich viel zu tun!« --
»Sämund! Sämund!« flüsterte Ingebjörg; ehe das aber zu ihm drang, war
Sämund schon auf Aslak losgerast, der den Fuß vorstreckte; den schlug
er zurück, faßte den Burschen daran und am Rockkragen, hob ihn in die
Höhe und warf ihn mit solcher Gewalt gegen die geschlossene Tür, daß
die Füllung hinausfiel und er kopfüber durchflog. Die Mutter, Thorbjörn
und alle Kinder schrien und baten für ihn, und das ganze Haus erscholl
von Jammergeschrei. Sämund aber stürzte ihm nach, dachte nicht daran,
die Tür gehörig aufzumachen, sondern stieß die Überbleibsel beiseite,
nahm ihn nochmals auf, trug ihn von dem Vorbau auf den Hof hinaus, hob
ihn hoch in die Höhe und warf ihn mit aller Gewalt nieder. Und als er
merkte, daß da zu viel Schnee lag, als daß er sich hätte gründlich
Schaden zufügen können, setzte er ihm das Knie auf die Brust und schlug
ihn gerade ins Gesicht, packte ihn dann zum drittenmal, trug ihn wie
ein Wolf, der einen zerrissenen Hund davonschleppt, an eine mehr
schneefreie Stelle, schleuderte ihn noch heftiger zu Boden als zuerst,
setzte ihm das Knie auf die Brust -- und niemand weiß, wie dies geendet
hätte, wenn nicht Ingebjörg mit dem Säugling im Arm dazwischengestürzt
wäre. -- »Mach uns nicht unglücklich!« schrie sie.

Eine Weile darauf saß Ingebjörg im Zimmer. Thorbjörn kleidete sich an,
der Vater ging wieder auf und nieder, trank von Zeit zu Zeit ein wenig
Wasser, aber die Hand zitterte ihm so, daß das Wasser über den Rand der
Tasse floß und auf den Boden platschte. Aslak kam nicht zurück, und
nach einer Weile schickte sich Ingebjörg an, hinauszugehn. -- »Bleib
hier,« sagte er in einem Ton, als spräche er nicht mit ihr, und sie
blieb. Aber nach einiger Zeit ging er selber hinaus. Er kam nicht
wieder. Thorbjörn nahm sein Buch und las unablässig ohne aufzusehn,
obwohl er nicht einen einzigen Satz verstand.

Etwas später, am Vormittag, war das Haus wieder in seiner alten
Ordnung, obgleich alle ein Gefühl hatten wie nach einem fremden
Besuch. Thorbjörn wagte sich endlich hinaus, und der erste, der
ihm an der Tür begegnete, war Aslak, der all sein Hab und Gut auf
einen Schlitten gepackt hatte; der Schlitten aber gehörte Thorbjörn.
Thorbjörn starrte ihn an, denn er sah schrecklich aus. Das Blut war
ihm im Gesicht festgeklebt, und alle seine Kleider waren mit Blut
beschmutzt. Er hustete und griff sich oft nach der Brust. Eine Weile
sah er Thorbjörn schweigend an, dann rief er heftig: »Ich kann deine
Augen nicht ausstehn, Junge!« -- Damit spreizte er die Beine über den
Schlitten, setzte sich und fuhr bergab. -- »Du kannst sehn, wie du
deinen Schlitten wiederkriegst!« sagte er und lachte, indem er sich
noch einmal umwandte und ihm die Zunge ausstreckte. So zog Aslak von
dannen.

Aber in der Woche, die nun folgte, kam der Vogt nach Granliden. Der
Vater war oft abwesend, die Mutter weinte, und auch sie war mehrmals
fort. »Was ist nur, Mutter?« -- »Ach, Aslak ist an allem schuld.«

Und dann eines Tages ertappten sie die kleine Ingrid, wie sie dasaß und
sang:

    »O du glückselige Welt,
    Nun bist du mir ganz vergällt.
    Das Mädel streckt den Fuß hervor,
    Der Junge ist ein blöder Tor,
    Die Mutter Wassersuppen braut,
    Der Vater liegt auf der Bärenhaut.
    Die Katze ist noch die klügste im Haus,
    Sie leckt den Rahm im Topfe aus.«

Es wurde ein Verhör angestellt, wo sie das Stück Lied her hätte. Ja,
sie hatte es von Thorbjörn gehört. Dieser wurde sehr ängstlich und
sagte, Aslak habe es ihn gelehrt. Da erhielt er denn den Bescheid,
daß er, wenn er selber solche Lieder sänge oder sie der Schwester
beibrächte, sich auf eine Tracht Prügel gefaßt machen könne. Kurz
darauf fing die kleine Ingrid an zu fluchen. Thorbjörn wurde abermals
ins Verhör genommen, und Sämund meinte, es würde wohl das beste sein,
wenn er gleich die Rute bekäme; aber er weinte und gelobte heilig und
teuer, sich zu bessern, so daß er diesmal mit der Angst davonkam.

Am nächsten Sonntag, wo gepredigt wurde, sagte der Vater zu ihm: »Heute
sollst du keine Gelegenheit haben, daheim Unheil anzustiften, du kannst
mich in die Kirche begleiten.«



2


Die Kirche steht in den Gedanken des Bauern auf einer hohen Stelle und
ganz für sich, weihevoll, die Feierlichkeit der Gräber ringsumher, den
lebendigen Gottesdienst drinnen. Es ist das einzige Haus im ganzen Tal,
worauf er Pracht verwandt hat, und ihr Turm ragt deswegen auch etwas
höher empor, als er zu ragen scheint. Ihre Glocken begrüßen ihn schon
aus der Ferne auf seinem Gange durch den klaren Sonntagmorgen, und er
lüftet immer die Mütze, wenn er sie hört, als wollte er sagen: »Dank
für das letztemal!« Es besteht ein Bündnis zwischen ihm und ihnen, das
niemand kennt. In frühester Kindheit stand er wohl in der offnen Tür
und lauschte ihrem Klang, während die Kirchgänger in stillem Zuge unten
auf dem Wege vorübergingen; der Vater schloß sich ihnen an, aber er
selbst war noch zu klein. Er verband damals mancherlei Vorstellungen
mit diesem schweren, vollen Ton, der eine oder auch zwei Stunden die
Herrschaft zwischen den Bergen hatte und von einer Felswand zur andern
widerhallte; eins aber war unzertrennlich von diesem Getön: reine,
neue Kleider, geschmückte Frauen, geputzte Pferde mit blitzendem
Geschirr.

Und wenn sie dann eines Sonntags über seinem eignen Glück läuten und
er selber in funkelnagelneuen, aber viel zu großen Kleidern gesetzt an
der Seite des Vaters einhergeht und das erstemal dahin soll -- ja, dann
liegt Freude und Jubel in ihrem Klange. Da öffnen sie ihm die Türen zu
alledem, was er nun zu sehn bekommen soll! Und auf dem Heimwege, wenn
sie über seinem Haupte dröhnen, das noch schwer und wirr ist von dem
Gesang, der Messe, den Worten der Predigt, die auf ihn eingedrungen
und wieder verdrängt worden sind von alledem, was das Auge zugleich
aufgenommen hat: die Altartafel, die Trachten, alle die Menschen -- da
wölben sie sich ein für allemal über alle diese Eindrücke und geben der
kleinern Kirche, die er fortan in seinem Innern trägt, die rechte Weihe.

Ist er ein wenig älter geworden, so muß er auf den Bergen das Vieh
hüten; wenn er aber an einem schönen, taufrischen Sonntagmorgen so
auf dem Felsblock sitzt, das Vieh zu seinen Füßen, und hört, wie die
Kirchenglocken das Herdengeläute übertönen, da wird ihm ganz wehmütig
ums Herz. Denn mit ihnen tönt etwas Lichtes, Leichtes, Lockendes zu ihm
herauf, der Gedanke an die Bekannten bei der Kirche, an die Freude,
wenn man da ist, und die noch größere, wenn man dagewesen ist, an das
gute Essen daheim, an den Vater, die Mutter, die Geschwister, an das
Spiel auf der Wiese an fröhlichen Sonntagabenden -- und das kleine Herz
wird ganz aufrührerisch in der Brust. Aber seine Gedanken kehren doch
immer wieder zu den Kirchenglocken zurück, die zu ihm heraufschallen;
er sinnt nach und entdeckt schließlich auch ein Bruchstück eines
Kirchenliedes in seinem Gedächtnis; das singt er mit gefalteten Händen
und einem sehnsüchtigen Blick ins Tal hinab, spricht dann ein kleines
Gebet hinterher, springt auf, ist fröhlich und stößt in sein langes
Hirtenhorn, daß es in den Bergen widerhallt.

Hier in den stillen Bergtälern hat die Kirche noch ihre besondre
Sprache für jedes Alter, ihr besondres Aussehn für jedes Auge; vieles
kann sich dazwischen aufgetürmt haben, nichts aber ragt über sie
hinweg. Den Konfirmanden steht sie erhaben und vollkommen da -- mit
erhobnem Finger, halb drohend, halb winkend dem Jüngling, der seine
Wahl getroffen hat; breitschultrig und stark über der Sorge des
Mannes, geräumig und mild über dem müden Greise. Mitten während des
Gottesdienstes werden die kleinen Kinder hereingetragen und getauft,
und es ist bekannt, daß bei dieser Handlung die Andacht am größten ist.

Man kann deswegen norwegische Bauern -- weder gute noch schlechte --
nicht zeichnen, ohne irgendwo mit der Kirche in Berührung zu kommen.
Das mag einförmig erscheinen, aber das ist vielleicht nicht das
Schlimmste. Dies sei ein für allemal gesagt, und nicht einzig und
allein wegen des Kirchenbesuchs, der nun folgt.

Thorbjörn war glücklich über den Gang zur Kirche und alles, was er sah;
wunderlich viele Farben nahm sein Auge vor der Kirche in sich auf, er
fühlte sich bedrückt durch die Stille drinnen, die auf allen und allem
ruhte, ehe noch die Messe begonnen hatte; und obwohl er selber vergaß,
den Kopf zu senken, als das Gebet verlesen wurde, war er doch wie
gebeugt durch den Anblick mehrerer hundert gebeugter Köpfe. Der Gesang
erschallte, und alle rings um ihn her sangen, sangen auf einmal, so daß
es ihm fast ängstlich zumute wurde. So versunken saß er da, daß er wie
aus einem Traum in die Höhe fuhr, als ihr Stuhl leise geöffnet wurde
und jemand eintrat. Nachdem der Gesang beendet war, reichte der Vater
dem Manne die Hand und fragte: »Geht alles gut auf Solbakken?«

Thorbjörn riß die Augen auf; aber soviel er auch starrte, war es ihm
unmöglich, diesen Mann mit irgendeiner Art von Zauberei in Zusammenhang
zu bringen. Es war ein freundlich aussehender, blonder Mann mit großen
blauen Augen, hoher Stirn und stattlicher Haltung; er lächelte, wenn
man ihn anredete, und sagte ja zu allem, was Sämund sagte, war aber
sonst wortkarg. -- »Da kannst du Synnöve sehn,« sagte der Vater,
indem er sich zu Thorbjörn hinabbeugte, ihn auf sein Knie zog und nach
dem ihnen gerade gegenüberliegenden Frauenstuhl zeigte. Da kniete ein
kleines Mädchen oben auf der Bank und sah über die Seitenlehne des
Kirchstuhls herüber; sie war noch blonder als der Mann, so blond, wie
er nie etwas Ähnliches gesehn hatte. Sie hatte rote, flatternde Bänder
an der Mütze, unter der das weißblonde Haar hervorguckte, und lachte zu
ihm herüber, so daß er eine ganze Weile nichts andres ansehn konnte als
ihre weißen Zähne. Sie hielt ein schimmerndes Gesangbuch in der einen
Hand und ein zusammengefaltetes rotgelbes seidnes Taschentuch in der
andern und ergötzte sich nun damit, daß sie das Tuch um das Gesangbuch
wickelte. Je mehr er sie anstarrte, um so mehr lachte sie, und nun
wollte auch er auf die Bank knien, so wie sie. Da nickte sie ihm zu. Er
sah sie eine Weile ganz ernsthaft an, dann nickte auch er. Sie lachte
und nickte noch einmal; er nickte zurück, und noch einmal und noch
einmal; sie lachte, nickte aber nicht mehr -- bis nach einer Weile, als
er es schon vergessen hatte, da nickte sie.

»Ich will auch sehn!« hörte er eine Stimme hinter sich, und
in demselben Augenblick fühlte er sich an den Beinen auf den
Boden herabgezogen, so daß er beinahe gefallen wäre; es war ein
vierschrötiger kleiner Bursche, der sich nun tapfer auf seinen Platz
hinaufarbeitete; auch er hatte blondes, aber struppiges Haar und eine
Stumpfnase. Aslak hatte Thorbjörn gelehrt, wie die bösen Jungen,
mit denen er in der Kirche und in der Schule zusammentreffen würde,
gehandhabt werden müßten; deswegen kniff denn Thorbjörn den Buben
von hinten, so daß der schon laut aufschreien wollte, sich aber
zusammennahm und statt dessen ganz geschwinde wieder von der Bank
herabkroch und Thorbjörn bei beiden Ohren packte. Dieser faßte ihn
beim Schopf und zwang ihn unter sich, noch schrie er nicht, biß aber
Thorbjörn in den Schenkel; Thorbjörn zog sein Bein zurück und preßte
das Gesicht des andern hart gegen die Erde. Da wurde er selber beim
Rockkragen gepackt und wie ein Strohsack in die Höhe gehoben -- es
war der Vater, der ihn auf seinen Schoß setzte. »Wäre es nicht in der
Kirche, so bekämst du Prügel,« flüsterte er ihm ins Ohr und drückte
seine Hand so, daß es ihn bis in den Fuß schmerzte. Da fiel ihm Synnöve
ein, und er sah wieder hinüber; sie stand noch da, aber so starr und
entsetzt, daß ihm eine Ahnung davon aufging, daß das, was er getan
hatte, etwas sehr Schlimmes sein müsse. Sobald sie merkte, daß er sie
ansah, kroch sie auf die Bank hinab und war nicht mehr zu sehn.

Nun kam der Küster, und dann kam der Pfarrer: aufmerksam hörte und sah
er sie an. Dann kam abermals der Küster und hinterdrein wieder der
Pfarrer; aber noch immer saß er da auf dem Schoß des Vaters und dachte:
»Ob sie wohl nicht bald wieder aufsehn wird?« Der Junge, der ihn von
der Bank heruntergezogen hatte, saß auf einem Schemel weiter hinten
im Stuhl, und jedesmal, wenn er aufstehn wollte, bekam er einen Puff
in den Rücken von einem alten Manne, der auch dasaß und nickte, aber
regelmäßig aufwachte, sobald der Junge Miene machte, aufzustehn. --
»Ob sie wohl nicht bald herübersehn wird?« dachte Thorbjörn, und jedes
rote Band, das er ringsumher flattern sah, und jedes bunte Bild in der
alten Kirche war entweder ebenso groß oder ebenso klein wie sie. Ja, da
hob sie den Kopf wieder hervor! Sowie sie ihn aber erblickte, zog sie
ihn ernsthaft wieder zurück. -- Noch einmal kamen der Küster und der
Geistliche zum Vorschein, die Glocken läuteten, und man erhob sich. Der
Vater sprach wieder leise mit dem blonden Manne; sie gingen zusammen
hinüber nach dem Frauenstuhl, wo man sich ebenfalls erhoben hatte.
Die erste, die heraustrat, war eine blonde Frau, die ebenso lächelte
wie der Mann, aber doch etwas schwächer; sie war ganz klein und blaß
und hielt Synnöve an der Hand. Thorbjörn eilte sofort geradeswegs auf
sie zu; sie aber entzog sich ihm schnell und verkroch sich hinter dem
Kleide ihrer Mutter. -- »Laß mich,« sagte sie. -- »Der da ist wohl
noch nie in der Kirche gewesen,« sagte die blonde Frau und legte ihm
die Hand auf den Kopf. -- »Nein, deswegen prügelt er sich auch das
erstemal, wo er drin ist,« sagte Sämund. Thorbjörn sah beschämt zu ihr
auf und dann zu Synnöve, die ihm noch ernster erschien. Sie gingen
alle hinaus, die Eltern im Gespräch miteinander, Thorbjörn aber hinter
Synnöve her, die sich jedesmal, wenn er ihr näher kam, dichter an die
Mutter herandrängte. Den andern Jungen sah er nicht mehr. Draußen auf
dem Kirchenanger blieben sie stehn und begannen ein längeres Gespräch.
Thorbjörn hörte mehrmals den Namen Aslak, und da er fürchtete, es
könne bei dieser Gelegenheit auch ein wenig von ihm selber geredet
werden, zog er sich zurück. -- »Du brauchst das nicht zu hören,« sagte
die Mutter zu Synnöve, »geh ein wenig beiseite, mein Herz -- geh weg,
sage ich dir.« Synnöve zog sich zögernd zurück. Jetzt näherte sich
Thorbjörn ihr und sah sie an, und sie sah ihn an, und so standen sie
eine ganze Weile da und betrachteten sich gegenseitig. Endlich sagte
sie: »Pfui!« -- »Weshalb sagst du pfui?« fragte er. -- »Pfui!« sagte
sie noch einmal. »Pfui, schäm dich,« fügte sie hinzu. -- »Was habe ich
denn getan?« -- »Du hast dich in der Kirche geprügelt, und noch dazu
während der Pfarrer vor dem Altare stand -- pfui!« -- »Ja, aber das ist
schon lange her.« -- Das leuchtete ihr ein, und nach einer Weile sagte
sie: »Bist du der, der Thorbjörn Granliden heißt?« -- »Ja; und bist
du die, die Synnöve Solbakken heißt?« -- »Ja. Ich habe immer gehört,
du wärst ein so artiger Junge.« -- »Nein, +das+ ist nicht wahr, denn
ich bin zu Hause der schlimmste von uns allen,« sagte Thorbjörn. --
»So was habe ich doch noch nie gehört!« sagte Synnöve und schlug die
kleinen Hände zusammen; »Mutter, Mutter -- er sagt --« -- »Schweig
und geh weg,« entgegnete ihr die Mutter. Sie blieb stehn, wandte sich
dann langsam um und kehrte rückwärtsgehend zurück, die großen, blauen
Augen auf die Mutter gerichtet. -- »Ich habe immer gehört, +du+ wärst
so artig,« sagte Thorbjörn. -- »Ja, zuweilen, wenn ich recht fleißig
gelernt habe,« erwiderte sie. -- »Ist es wahr, daß es bei euch von
Kobolden und Hexen und andern bösen Geistern wimmelt?« fragte er,
stemmte den Arm in die Seite, setzte den einen Fuß vor und stützte sich
auf den andern, wie er es von Aslak gesehn hatte. -- »Mutter, Mutter,
weißt du, was er sagt? Er sagt --« -- »Laß mich in Frieden, hörst du,
und komm nicht hierher, bis ich dich rufe.« -- Sie mußte abermals
langsam und rückwärtsgehend umkehren, sie nahm einen Zipfel ihres
Taschentuchs in den Mund, biß darauf und zerrte daran. -- »Ist es denn
gar nicht wahr, daß da drüben in den Hügeln jede Nacht Musik gemacht
wird?« -- »Nein!« -- »Hast du denn nie einen Kobold gesehn?« -- »Nein!«
-- »Aber in Jesu Namen --« -- »Pfui, das mußt du nicht sagen!« -- »Ach
was, das ist nicht schlimm,« sagte er und spuckte durch die Zähne, um
ihr zu zeigen, wie weit er spucken könne. -- »Ja, ja,« sagte sie, »denn
sonst kommst du in die Hölle!« -- »Glaubst du das?« fragte er bedeutend
kleinmütiger; denn er hatte nur gedacht, er könnte Prügel dafür
bekommen, und der Vater stand jetzt weit von ihm entfernt. -- »Wer bei
euch ist der Stärkste?« fragte er und setzte die Mütze ein wenig mehr
auf die eine Seite. -- »Das weiß ich wirklich nicht!« -- »Ja, bei uns
ist es der Vater, er ist so stark, daß er Aslak geprügelt hat, und der
ist stark, das kannst du mir glauben.« -- »So?« -- »Ja, er hat einmal
ein Pferd genommen und es in die Höhe gehoben.« -- »Ein Pferd?« -- »Das
ist so wahr, so wahr -- denn er hat es selber erzählt!« -- Da zweifelte
sie auch nicht mehr daran. -- »Wer ist Aslak?« fragte sie. -- »Das ist
ein schlimmer Gesell, das kannst du mir glauben. Vater, der hat ihn so
geprügelt, wie auf der ganzen Welt noch nie ein Mann geprügelt worden
ist.« -- »Prügelt ihr euch denn da drüben bei euch?« -- »Ja, manchmal,
dann -- tut ihr es bei euch nicht auch?« -- »Nein, nie!« -- »Was tut
ihr denn?« -- »Ach, die Mutter kocht das Essen und strickt und näht;
das tut Kari auch, aber sie kann es nicht so gut wie die Mutter, denn
Kari ist so faul. Und Randi besorgt die Küche, und der Vater und die
Knechte sind auf dem Felde oder auch zu Hause.« -- Diese Erklärung
schien ihn vollständig zu befriedigen. -- »Aber jeden Abend lesen und
singen wir,« fuhr sie fort, »und das tun wir des Sonntags auch.« --
»Alle zusammen?« -- »Ja!« -- »Das muß langweilig sein!« -- »Langweilig!
Mutter, er sagt --« Aber dann fiel ihr ein, daß sie die Mutter nicht
stören sollte. -- »Du kannst mir glauben, ich habe viele Schafe!« sagte
sie. -- »Wirklich?« -- »Ja, zwei bekommen diesen Winter Lämmer, und
das eine, glaube ich ganz sicher, bekommt zwei.« -- »So, du hast also
Schafe, du?« -- »Ja, ich habe auch Kühe und Schweine. Hast du denn
keine?« -- »Nein!« -- »Dann komm nur zu mir, dann will ich dir ein Lamm
schenken. Du sollst sehn, du bekommst dann mehrere davon.« -- Das würde
schrecklich lustig sein! -- Sie standen eine Weile schweigend da. --
»Könnte Ingrid nicht auch ein Lamm bekommen?« fragte er. -- »Ingrid?
Wer ist Ingrid?« -- »Ingrid -- die kleine Ingrid!« -- Nein, die kannte
sie nicht. -- »Ist sie kleiner als du?« -- »Freilich ist sie kleiner
als ich -- ungefähr so wie du.« -- »Ach ja, die mußt du mitbringen,
hörst du!« -- Ja, das wollte er tun. -- »Aber,« sagte sie, »da du ein
Lamm bekommst, so soll sie ein Ferkel haben!« -- Das fand er auch viel
vernünftiger, und dann sprachen sie ein wenig über gemeinsame Bekannte,
deren sie freilich nicht viele hatten. Die Eltern waren fertig, und sie
mußten nach Hause gehen.

In der Nacht träumte er von Solbakken, und es war ihm, als sähe er
da drüben nur weiße Lämmer und ein kleines blondes Mädchen mit roten
Bändern zwischen ihnen umhergehn. Ingrid und er sprachen jeden Tag
davon, daß sie hinübergehn wollten, sie hatten so viele Lämmer und
kleine Ferkel zu hüten, daß sie gar nicht wußten, wie sie damit fertig
werden sollten. Indessen wunderten sie sich sehr darüber, daß sie
nicht sofort hinübergehn durften. -- »Nur weil euch das kleine Mädchen
eingeladen hat?« fragte die Mutter. »Hast du je so etwas gehört?« --
»Ja, ja, wartet nur bis zum nächsten Sonntag, wo gepredigt wird,« sagte
Thorbjörn, »da werdet ihr schon sehn.«

Der Sonntag kam. -- »Du sollst so arg prahlen und lügen und fluchen,«
sagte Synnöve da zu ihm, »daß du nicht eher kommen darfst, als bis du
dir das abgewöhnt hast.« -- »Wer hat das gesagt?« fragte Thorbjörn ganz
verwundert. -- »Die Mutter.«

Ingrid sah voller Erwartung der Heimkehr entgegen, und er erzählte ihr
und der Mutter, wie es ihm ergangen wäre. -- »Siehst du wohl!« sagte
die Mutter. Ingrid aber sagte nichts. Doch von nun an gaben sie und
die Mutter acht auf ihn, sobald er prahlte oder fluchte. Ingrid und
er gerieten sich indessen eines Tages darüber in die Haare, ob der
Ausdruck: »Der Hund fahre in mich!« als Fluch zu betrachten sei oder
nicht. Ingrid bekam Prügel, und nun sagte er den ganzen Tag: »Der Hund
fahre in mich!« Am Abend aber hörte der Vater es. -- »Ja, er soll in
dich fahren!« sagte er und versetzte ihm eine Ohrfeige, daß er zu Boden
taumelte. Thorbjörn schämte sich am meisten vor Ingrid; aber nach einer
Weile kam sie zu ihm hin und streichelte ihn.

Als ein paar Monate vergangen waren, gingen sie beide nach Solbakken
hinüber; dann kam Synnöve zu ihnen, und sie waren wieder bei ihr, und
so ging es während der ganzen Zeit, daß sie heranwuchsen. Thorbjörn
und Synnöve lernten um die Wette; sie gingen in dieselbe Schule, und
er machte schließlich größre Fortschritte; so gute Fortschritte machte
er, daß sich der Pfarrer seiner annahm. Mit Ingrid ging es nicht so
gut, und die beiden andern halfen ihr. Sie und Synnöve wurden so
unzertrennlich, daß die Leute sie die Schneehühner nannten, weil sie
immer beieinander flatterten, und weil sie beide so blond waren.

Es kam wohl vor, daß Synnöve sich über Thorbjörn ärgerte, weil er gar
zu wild war und beständig in Schlägerei geriet. Ingrid legte sich dann
immer ins Mittel, und sie waren gute Freunde wie zuvor. Hörte aber
Synnöves Mutter von der Schlägerei, so durfte er in der Woche nicht
nach Solbakken und nur mit genauer Not in der nächsten. Sämund wagte
niemand etwas von dergleichen zu erzählen; »er ist zu hart mit dem
Jungen,« sagte die Mutter und gebot allen Schweigen.

Als sie nun heranwuchsen, waren sie alle drei schön anzusehn, jedes
freilich auf seine Weise. Synnöve wurde groß und schlank, hatte
hellblondes Haar, ein feines, leuchtendes Gesicht und sanfte, blaue
Augen. Sie lächelte, wenn sie sprach, und schon früh sagten die Leute,
es sei ein Segen, in den Bereich dieses Lächelns zu kommen. Ingrid
war kleiner, aber rundlicher, sie hatte noch helleres Haar und ein
ganz kleines, rundes, weiches Gesicht. Thorbjörn wurde mittelgroß,
aber er war gut gewachsen, hatte dunkles Haar, dunkelblaue Augen,
scharfe Gesichtszüge und starke Glieder. Er pflegte, wenn er zornig
war, zu erzählen, daß er ebenso gut lesen und schreiben könne wie der
Schulmeister und sich vor niemand im ganzen Tal fürchte -- den Vater
ausgenommen, dachte er bei sich; aber das sagte er nicht.

Thorbjörn wollte gern früh konfirmiert werden, aber daraus wurde
nichts. »Solange du nicht konfirmiert bist, bist du nur ein Knabe, und
ich kann besser mit dir fertig werden,« sagte sein Vater. So kam es
denn, daß er, Synnöve und Ingrid zu derselben Zeit zum Pfarrer gingen.
Synnöve hatte auch lange gewartet, sie war fünfzehn Jahre und ging ins
sechzehnte. -- Man kann nie genug, wenn man sein Glaubensbekenntnis
ablegen soll, hatte die Mutter immer gesagt, und der Vater Guttorm
Solbakken hatte sein Ja dazu gesprochen. Da war es denn nicht zu
verwundern, daß sich schon ein paar Freier zeigten, der eine der Sohn
eines vornehmen Mannes, der andre ein reicher Nachbar. »Das ist aber
doch zu arg! Sie ist ja noch nicht einmal eingesegnet!« -- »Ja, dann
müssen wir sie wohl einsegnen lassen,« meinte der Vater. Von alledem
wußte aber Synnöve selbst nichts.

Auf dem Pfarrhofe hatten die Damen Synnöve so gern, daß sie sie
hereinholten, um sich mit ihr zu unterhalten. Ingrid und Thorbjörn
waren draußen bei den andern stehngeblieben, und als einer der Knaben
zu ihm sagte: »Du kamst also nicht mit hinein? Die schnappen sie dir
gewiß noch weg!« da kostete es den Burschen ein blaues Auge. Von nun
an wurde es Sitte bei den andern Knaben, ihn mit Synnöve zu necken,
und es zeigte sich, daß ihn nichts in einen so großen Zorn versetzen
konnte. In einem Walde unterhalb des Pfarrhofes kam es schließlich
verabredetermaßen zu einer großen Prügelei, die ihren Grund in diesen
Hänseleien hatte. Die Zahl seiner Gegner wuchs so an, daß sich
Thorbjörn schließlich gegen eine ganze Schar auf einmal zu verteidigen
hatte. Die Mädchen waren vorausgegangen, so daß niemand da war, der sie
hätte auseinanderbringen können, und deswegen wurde es ärger und ärger.
Nachgeben wollte er nicht, es drangen immer mehr auf ihn ein, und nun
verteidigte er sich, wie er am besten konnte, und daher wurden Schläge
ausgeteilt, die später selbst erzählten, was vorgefallen war. Die
Veranlassung zu der Prügelei wurde zugleich bekannt, und infolgedessen
entstand ein großes Gerede im Kirchspiel.

Am folgenden Sonntag wollte Thorbjörn nicht zur Kirche gehn, und am
nächsten Tage, als sie zum Pfarrer gehn sollten, stellte er sich krank.
Ingrid ging deswegen allein. Er fragte sie bei der Heimkehr, was
Synnöve gesagt habe. -- »Nichts.«

Als er dann wieder mitging, glaubte er, alle Leute sähen ihn an, und
die Konfirmanden lachten über ihn. Aber Synnöve kam später als die
andern und war an diesem Tage lange im Pfarrhause. Er fürchtete,
Vorwürfe von dem Pfarrer zu bekommen, merkte aber bald, daß die
beiden einzigen im ganzen Kirchspiel, die nichts von der Schlägerei
wußten, der Vater und der Pfarrer waren. Das war ja soweit alles
ganz gut, nur wußte er nicht, wie er es anfangen sollte, wieder mit
Synnöve zu sprechen, denn zum erstenmal wagte er nicht recht, Ingrid
um ihre Vermittlung zu bitten. Nach dem Unterricht ging Synnöve
wieder ins Pfarrhaus. Er wartete, solange noch andre auf dem Hofe
waren; schließlich mußte aber auch er gehn. Ingrid war mit den ersten
fortgegangen.

Am nächsten Tage war Synnöve vor allen andern gekommen und ging mit
einer der Damen und einem jungen Herrn im Garten. Das Fräulein grub
Blumen aus und gab sie Synnöve, der Herr war dabei behilflich, und
Thorbjörn stand draußen unter den andern und sah zu. Sie erklärten
ihr so laut, daß alle es hörten, wie diese Blumen eingepflanzt werden
müßten, und Synnöve versprach, es eigenhändig zu tun, damit es genau so
würde, wie sie es ihr gesagt hatten. -- »Allein kannst du es nicht,«
sagte der fremde Herr, und das merkte sich Thorbjörn. -- Als Synnöve
wieder zu den andern herauskam, erzeigten ihr diese noch mehr Achtung
als sonst; Synnöve aber ging zu Ingrid hin, begrüßte sie freundlich
und bat sie, mit ihr zusammen auf den Grasplatz hinauszukommen. Dort
setzten sie sich hin, denn es war lange her, seit sie vertraulich
miteinander geredet hatten. Thorbjörn stand wieder unter den andern und
betrachtete Synnöves schöne, ausländische Blumen.

An diesem Tage ging Synnöve mit den andern zusammen nach Hause. --
»Soll ich dir nicht die Blumen tragen?« fragte Thorbjörn. -- »Das
kannst du gern tun,« erwiderte sie sanft, aber ohne ihn anzusehn, dann
nahm sie Ingrid bei der Hand und ging voran. In der Nähe von Solbakken
blieb sie stehn und sagte Ingrid Lebewohl. »Das kleine Stück kann ich
sie sehr gut noch selber tragen,« sagte sie und nahm den Korb auf, den
Thorbjörn niedergesetzt hatte. Den ganzen Morgen lang hatte er darüber
nachgedacht, daß er sich erbieten wollte, ihr die Blumen einzupflanzen,
aber nun kam er nicht dazu, denn sie wandte sich rasch um. Er dachte
aber an nichts andres danach, als daß er ihr doch bei den Blumen hätte
helfen sollen. -- »Worüber habt ihr beiden denn gesprochen?« fragte er
Ingrid. -- »Über nichts.«

Als die andern alle zu Bette gegangen waren, kleidete er sich leise
wieder an und ging hinaus. Es war ein schöner Abend, warm und still;
über den Himmel lag ein leichter Schleier von blaugrauen Wolken
ausgebreitet, der hie und da zerrissen war, so daß es aussah, als ob
jemand aus dem tiefen Blau wie aus einem Auge hervorluge. Niemand war
zu sehn in der Nähe des Gehöfts und auch nicht in der Ferne, aber
auf allen Seiten zirpten die Heuschrecken im Grase, rechts schlug
eine Wachtel, eine andre antwortete ihr von links her, worauf ein
Gesang im Grase hin und her anhub, so daß es ihm zuletzt war, wie er
dahinging, als habe er ein großes Gefolge um sich, obwohl er nichts
sehn konnte. Der Wald zog sich blau, dann dunkel und immer dunkler zum
Gebirge hinauf und glich einem großen Nebelmeer. Drinnen aber hörte
er den Auerhahn spielen und balzen; eine einsame Eule schrie, und der
Gießbach sang seine alten, harten Reime lauter als je -- jetzt, wo
sich alles niedergelassen hatte, um ihn anzuhören. Thorbjörn schaute
nach Solbakken hinüber und schritt weiter. Er bog von den gewöhnlichen
Wegen ab, kam schnell hinüber und stand bald in dem kleinen Garten,
der Synnöve gehörte und der gerade unter dem einen Giebelfenster lag,
gerade unter dem, hinter dem sie schlief. Er lauschte und spähte, aber
alles war still. Da sah er sich im Garten nach Arbeitsgerät um und fand
auch richtig Spaten und Rechen. Mit der Umgrabung des einen Beetes war
schon begonnen worden, aber nur eine kleine Ecke war fertig geworden,
in die aber schon zwei Blumen gesetzt worden waren, wahrscheinlich um
zu sehn, wie es sich ausnehmen würde. -- Sie ist müde geworden, die
Ärmste, und hat die Arbeit aufgeben müssen, dachte er; hier ist eine
männliche Kraft nötig, dachte er weiter und nahm die Arbeit in Angriff.
Er fühlte keine Lust zum Schlafen, ja es war ihm, als habe er niemals
eine so leichte Arbeit verrichtet. Er erinnerte sich, wie die Blumen
gepflanzt werden sollten, er erinnerte sich auch des Pfarrgartens und
richtete nun das eine nach dem andern. Die Nacht verstrich, aber er
merkte es nicht, er ruhte kaum, und es gelang ihm auch, das ganze Beet
umzugraben, die Blumen einzupflanzen und die eine und die andre wieder
umzusetzen, um es noch schöner zu machen, und dabei warf er von Zeit
zu Zeit einen Blick nach dem Giebelfenster hinauf, ob nicht vielleicht
doch jemand ihn bemerke. Aber weder dort noch anderswo war jemand, auch
hörte er nicht einmal einen Hund bellen. Endlich begann der Hahn zu
krähen und weckte die Vögel des Waldes, die nun einer nach dem andern
aufflogen, um ihre »Guten Morgen« zu singen. Während er so dastand und
die Erde glattklopfte, fielen ihm die Märchen ein, die ihm Aslak früher
erzählt hatte, und daß er ehemals geglaubt hatte, drüben auf Solbakken
wüchsen Kobolde und Hexen. Er schaute zum Giebelfenster hinauf und
lächelte bei dem Gedanken, was Synnöve wohl sagen würde, wenn sie in
der Morgenstunde herunterkäme. Es war schon ganz hell geworden, die
Vögel machten schon einen großen Lärm, deswegen schwang er sich über
die Gartenhecke und eilte nach Hause. Ja, nun sollte nur einer sagen,
daß er es gewesen wäre, der drüben in Synnöve Solbakkens Garten die
Blumen eingepflanzt hätte!



3


Bald erzählte man sich allerlei im Kirchspiel, niemand aber wußte etwas
Bestimmtes. Niemals mehr sah man Thorbjörn auf Solbakken, seit sie
beide eingesegnet worden waren, und gerade das konnten die Leute gar
nicht verstehn. Ingrid kam oft hinüber; dann pflegten Synnöve und sie
einen Spaziergang im Walde zu machen. -- »Bleibt nicht so lange fort!«
rief ihnen die Mutter nach. -- »Ach nein!« antwortete Synnöve -- und
kam vor Abend nicht wieder nach Hause. Die beiden Freier meldeten sich
von neuem. »Sie muß selber entscheiden,« sagte die Mutter, der Vater
war derselben Ansicht. Als man aber Synnöve beiseite nahm und sie
fragte, bekamen beide eine Absage. Es meldeten sich noch mehr Freier,
aber niemand hörte, daß einer das Glück von Solbakken mit heimgetragen
hätte. Einmal, als die Mutter und sie mit dem Scheuern der Milchkübel
beschäftigt waren, fragte die Mutter sie, an wen sie eigentlich denke.
Die Frage kam Synnöve so unerwartet, daß sie rot wurde. »Hast du
irgend jemand ein Versprechen gegeben?« fragte sie weiter und sah sie
forschend an. -- »Nein,« antwortete Synnöve schnell. Es wurde nicht
weiter über die Sache gesprochen.

Da sie weit und breit die beste Partie war, so folgten ihr lange
Blicke, wenn sie zur Kirche kam, dem einzigen Orte, wo sie außer
zu Hause zu sehn war. Man sah sie, da die Eltern Haugianer waren,
weder beim Tanz noch bei andern Festlichkeiten. Thorbjörn saß ihr im
Kirchenstuhl gerade gegenüber, aber sie sprachen, soweit die Leute
sehn konnten, niemals miteinander. Daß irgendein Verhältnis zwischen
ihnen bestehe, glaubte aber alle Welt zu wissen, und da sie nicht
auf dieselbe Weise miteinander verkehrten wie andre junge Brautleute
im Tal, fing man an, allerlei über sie zu schwatzen. Thorbjörn wurde
unbeliebt. Er hatte wohl selber ein Gefühl davon, denn er kehrte seine
rauhe Seite nach außen, wenn er mit andern zusammen war, wie beim Tanz
oder auf Hochzeiten, und dann geschah es wohl zuweilen, daß er sich
auf Schlägereien einließ. Dies nahm jedoch ab, als man erst merkte,
wie stark er war; Thorbjörn gewöhnte sich deswegen früh daran, nicht
zu dulden, daß ihm irgend jemand in den Weg trat. -- »Jetzt kannst
du dich auf deine eigne Faust verlassen,« sagte sein Vater Sämund zu
ihm; »vergiß aber nicht, daß meine doch vielleicht stärker ist als die
deine.«

Der Herbst und der Winter gingen dahin, der Frühling kam, und noch
immer wußten die Leute nichts Bestimmtes. Es waren so viele Gerüchte
im Umlauf über die Körbe, die Synnöve Solbakken ausgeteilt hätte,
daß sie fast ganz allein dastand. Ingrid aber blieb ihr treu; die
beiden sollten in diesem Jahre zusammen auf die Alm, da die Leute
von Solbakken einen Anteil an der Granlider Alm gekauft hatten. Man
hörte Thorbjörn oben an den Felsabhängen singen, denn er brachte dort
allerlei für sie in Ordnung.

Eines schönen Tages, als es schon gegen den Abend zu ging und er mit
seiner Arbeit fertig war, setzte er sich hin und sann über dies und
das nach, besonders aber dachte er an das, was man sich im Kirchspiel
erzählte. Er legte sich auf den Rücken in das rote und braune
Heidekraut, und die Hände unter dem Kopf schaute er zum Himmel hinauf,
der sich blau und schimmernd über den dichten Laubkronen wölbte. Das
grüne Laub und die Tannenzweige flossen in einen wogenden Strom
zusammen, und die dunkeln Zweige, die ihn durchschnitten, zeichneten
wilde, phantastische Figuren hinein. Der Himmel selbst war aber nur zu
sehn, wenn ein Blatt zur Seite wehte; weiterhin, zwischen den Kronen,
die nicht zueinander hinreichten, brach er hervor wie ein breiter Bach
in launenhaften Windungen. Dies versetzte sein Gemüt in Stimmung, und
er begann über das nachzudenken, was er sah.

-- -- Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zu der Tanne hinauf,
die Föhre stand da mit stiller Verachtung und spreizte ihre Nadeln
nach allen Seiten hin aus; denn je kosender die Luft wehte, desto
mehr schwache Schößlinge erstarkten, schossen empor und steckten ihr
frisches Laub der Föhre gerade unter die Nase. »Ich möchte wissen, wo
ihr diesen Winter gewesen seid,« sagte die Föhre, fächelte sich und
schwitzte Harz in der unerträglichen Hitze. »Das ist wirklich zu arg!
So hoch im Norden -- pfui!«

Aber da stand eine alte, grauköpfige Föhre, die über alle die andern
wegsah, aber doch noch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht
herabbeugen und einem kühnen Ahorn in den obersten Haarschopf
fassen konnte, so daß er bis in die Knie hinunter erzitterte. Diese
klafterdicke Föhre hatten die Menschen immer weiter und weiter hinauf
ihrer Zweige beraubt, bis sie eines Tages, dieser Behandlung müde und
überdrüssig, plötzlich so in die Höhe schoß, daß die schmächtige Tanne
an ihrer Seite erschrak und sie fragte, ob sie auch der Winterstürme
gedenke. -- »Ob ich der Winterstürme gedenke?« sagte die Föhre und
schlug die Tanne mit Hilfe des Nordwindes dermaßen um die Ohren, daß
sie nahe daran war, ihre Haltung zu verlieren, und das war schlimm
genug. Die grobgliedrige, dunkle Föhre hatte nun ihren Fuß so mächtig
in die Erde gesetzt, daß die Zehen ungefähr sechs Fuß davon aus der
Erde herausguckten und auch da noch dicker waren als die Weide an
ihrer dicksten Stelle, was diese eines Abends mit einer gewissen
Verschämtheit dem Hopfen zuflüsterte, der sie verliebt umschlungen
hielt. Die bärtige Föhre war sich ihrer Macht bewußt und rief den
Menschen zu, indem sie hoch über deren Bereich einen Zweig nach dem
andern in die milde Luft hineintrieb: »Nehmt mir meine Zweige, wenn ihr
könnt!«

»Nein, dir können sie die Zweige nicht mehr rauben,« sagte der Adler,
ließ sich gnädig herab, legte seine Flügel mit Würde zusammen und
begann, etwas elendes Schafblut von seinen Federn zu putzen. »Ich
glaube, ich bitte die Königin, sich hier niederzulassen; sie hat ein
paar Eier, die sie legen will,« fügte er leise hinzu und sah auf
seine nackten Füße nieder; denn er schämte sich, daß eine Menge süßer
Erinnerungen an jene ersten Frühlingstage geflogen kamen, wo man halb
närrisch wird über die ersten Sonnenstrahlen. Bald hob er den Kopf
wieder empor und schaute unter den federbeschatteten Augenbrauen hinauf
nach den schwarzen Felsriffen, ob die Königin dort nicht irgendwo
kreise, eierbelastet und matt. Von dannen rauschte er, und bald konnte
die Föhre das Paar hoch oben in der blauen, klaren Luft erblicken,
wo es in gleicher Höhe mit dem höchsten Berggipfel dahinsegelte und
seine häuslichen Angelegenheiten besprach. Sie konnte sich von einer
gewissen Unruhe nicht freimachen, denn so vornehm sie sich auch
fühlte, es mußte doch noch vornehmer sein, ein Adlerpaar zu wiegen.
Die ließen sich beide herab und gerade auf die Föhre zu! Sie sprachen
nicht miteinander, sondern fingen sofort an, Zweige zusammenzutragen.
Die Föhre breitete sich wenn möglich noch weiter aus -- es war ja auch
niemand da, der sie daran hätte hindern können.

Aber durch den ganzen übrigen Wald ging ein geschäftiges Gerede, als
man sah, welche Ehre der großen Föhre widerfahren war. Da war zum
Beispiel eine niedliche kleine Birke, die an einem Teiche stand und
sich darin spiegelte; sie glaubte, daß sie wohl berechtigt sei, ein
wenig Liebe von einem grauweißen Hänfling zu erwarten, der seinen
Mittagsschlaf in ihren Zweigen zu halten pflegte. Sie hatte dem
Hänfling ihren Duft gerade in den Schnabel hineingehaucht, hatte kleine
Insekten an ihren Blättern festgeklebt, so daß sie leicht zu fangen
waren; ja schließlich hatte sie in der Hitze ein kleines dichtes Haus
aus ihren Zweigen gefügt und gebaut und mit frischen Blättern gedeckt,
so daß der Hänfling wirklich im Begriff gewesen war, sich dort für den
Sommer häuslich niederzulassen. Jetzt aber hatte sich der Adler auf der
großen Föhre angesiedelt, und nun mußte der Hänfling fort! War das ein
Kummer! Er trillerte ein Abschiedslied, aber ganz leise, daß der Adler
es nicht merken sollte.

Nicht besser erging es einigen kleinen Spatzen im Erlenstrauch. Sie
hatten dort ein so liederliches Leben geführt, daß eine Drossel dicht
daneben, oben in einer Esche, niemals zur rechten Zeit einschlafen
konnte und zuweilen ganz wütend wurde und schrecklich schimpfte. Ein
ernster Specht in einem benachbarten Baume hatte so darüber gelacht,
daß er beinahe von seinem Ast heruntergefallen wäre. Aber dann sahen
sie den Adler in der großen Föhre! Und die Drossel und die kleinen
Spatzen und der Specht und alles, was fliegen konnte, mußte über Hals
und Kopf davon über und unter den Zweigen. Die Drossel schwur im
Davonfliegen, sie würde sich niemals wieder so einmieten, daß sie die
Spatzen zu Nachbarn bekäme.

So stand denn der Wald ringsumher verlassen und nachdenklich da mitten
im hellen Sonnenschein.

Alle seine Freude sollte ihm jetzt von der großen Föhre kommen, aber
das war nur eine armselige Freude! Der Wald beugte sich furchtsam
jedesmal, wenn der Nordwind darüber hinging, die Föhre aber peitschte
die Luft mit ihren gewaltigen Ästen, und der Adler umkreiste sie, ruhig
und besonnen, als sei es nur ein leichter Windstoß, der etwas elenden
Weihrauch aus dem Walde zu ihm emportrug. Aber die ganze Föhrenfamilie
freute sich; keins von ihnen bedachte, daß es selber in diesem Sommer
kein Nest wiegen sollte. »Weg!« sagten sie, »wir gehören zur Sippe.«

-- -- »Was liegst und sinnst du da?« fragte Ingrid -- sie trat lächelnd
zwischen den Büschen hervor, die sie zur Seite bog. Thorbjörn sprang
auf: »Ach, es geht einem so viel im Kopfe herum!« sagte er und sah
trotzig über die Bäume hin. »Übrigens schwatzten mir in der letzten
Zeit die Leute im Kirchspiel zu viel,« fügte er hinzu, indem er sich
den Staub abklopfte. -- »Warum kümmerst du dich nur immer um das, was
die Leute reden?« -- »Ach, ich weiß nicht recht; aber bisher haben
mir die Leute auch noch nichts gesagt, was ich nicht selbst im Sinne
gehabt hätte, wenn ichs auch nicht getan habe!« -- »Das war häßlich
gesprochen!« -- »Freilich war es das,« sagte er; und nach einer Weile
fügte er hinzu: »Aber es ist wahr.« -- Sie setzte sich ins Gras, er
stand da und sah vor sich nieder: »Ich kann sehr leicht so werden, wie
sie mich haben wollen; sie sollten mich so lassen, wie ich bin.« -- »So
wäre es doch deine Schuld.« -- »Mag sein, aber die andern haben auch
ihr Teil daran. Ich sage dir, ich will Ruhe haben!« Er schrie es beinah
und sah zu dem Adler empor. -- »Aber Thorbjörn!« flüsterte Ingrid. Er
wandte sich nach ihr um und lachte. -- »Stille, stille!« sagte er; »wie
gesagt -- es geht einem mancherlei durch den Kopf. Hast du heute mit
Synnöve gesprochen?« -- »Ja; sie ist schon auf die Alm hinaufgegangen.«
-- »Heute?« -- »Ja!« -- »Mit dem Vieh von Solbakken?« -- »Ja.« --
»Tralala!«

    Die Sonne herab auf den Baum sah,
    Triumlire.
    Bist du noch, mein schimmerndes Gold, da?
    Triumlit, Triumlat.
    Wies Vöglein erwacht, es gefragt hat:
    Was ist denn hier los? -- --

»Morgen treiben wir das Vieh hinauf,« sagte Ingrid; sie wollte ihn auf
andre Gedanken bringen. -- »Ich will es mit treiben helfen!« erwiderte
Thorbjörn. -- »Nein, der Vater will selber mit,« sagte sie. -- »Ach
so!« sagte er und schwieg. -- »Er hat heute nach dir gefragt,« sagte
sie. -- »So, hat er das getan?« entgegnete Thorbjörn, schnitt einen
Zweig mit seinem Schnitzmesser ab und fing an, ihn abzuschälen. --
»Du solltest mehr mit dem Vater sprechen, als du es tust,« sagte sie
sanft, »er hat dich so lieb,« fügte sie hinzu. -- »Das mag sein,«
sagte er. -- »Er spricht oft von dir, wenn du fort bist.« -- »Um so
seltner, wenn ich daheim bin.« -- »Das ist deine Schuld!« -- »Das mag
sein!« -- »So solltest du nicht reden, Thorbjörn, du weißt selber, was
zwischen euch liegt.« -- »Was ist es denn?« -- »Soll ich das sagen?«
-- »Es kommt wohl auf eins hinaus, Ingrid; du weißt, was ich weiß.« --
»Freilich, du wirtschaftest zu viel auf eigne Hand, du weißt aber, daß
er das nicht leiden kann.« -- »Nein, er möchte mich am liebsten am Arm
festhalten.« -- »Ja, namentlich wenn du zuschlägst.« -- »Sollen denn
die Leute tun und sagen dürfen, was ihnen beliebt?« -- »Nein, aber
du kannst ihnen auch ein wenig aus dem Wege gehn; das hat er selber
getan, und er ist ein geachteter Mann dabei geworden.« -- »Man hat
ihn vielleicht nicht so schrecklich gequält.« -- Ingrid schwieg eine
Weile, dann fuhr sie fort, nachdem sie sich vorher umgesehn hatte:
»Es nützt wohl nichts, daß ich noch einmal wieder darauf zurückkomme;
und doch -- wo du weißt, daß du mit Feinden zusammentreffen kannst,
solltest du fernbleiben.« -- »Nein, gerade da will ich sein! Ich heiße
nicht umsonst Thorbjörn Granliden.« -- Er hatte die Rinde von dem Zweig
geschält, jetzt schnitt er ihn mitten durch. Ingrid saß da und sah
ihn an und fragte zögernd: »Willst du am Sonntag nach Nordhaug?« --
»Ja!« -- Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte, ohne ihn anzusehn,
begann sie von neuem: »Weißt du, daß Knud Nordhaug zur Hochzeit seiner
Schwester nach Hause gekommen ist?« -- »Ja!« -- Jetzt sah sie ihn
an. »Thorbjörn! Thorbjörn!« -- »Soll er denn jetzt mehr Recht haben,
sich zwischen mich und andre zu drängen?« -- »Er drängt sich nicht
dazwischen! Nicht mehr als andre wollen.« -- »Niemand kann wissen, was
andre wollen.« -- »Das weißt du recht wohl!« -- »Sie selber sagt auf
alle Fälle nichts!« -- »Ach, wie du nur so reden kannst,« sagte Ingrid,
sah ihn unwillkürlich an, erhob sich und schaute hinter sich. Er warf
die Stücke des Zweiges weg, steckte das Messer in die Scheide und
wandte sich zu ihr: »Du, manchmal hab ich die ganze Sache satt. Die
Leute bringen mich wie sie um die Ehre, weil nichts offen geschieht.
Und auf der andern Seite -- ich komme ja nicht einmal nach Solbakken
hinüber, weil mich die Eltern nicht mögen, wie sie sagt. Ich darf sie
nicht besuchen, wie andre Burschen ihre Mädchen besuchen, weil sie zu
den Heiligen gehört! Jetzt weißt dus!« -- »Thorbjörn!« rief Ingrid
und wurde unruhig, er aber fuhr fort: »Vater will kein Wort für mich
einlegen; verdien ich sie, so krieg ich sie! sagt er; Klatsch und
nichts als Klatsch auf der einen Seite -- und nicht die geringste
Entschädigung für den Klatsch auf der andern Seite -- ja, ich weiß
nicht einmal, ob sie wirklich --« Ingrid sprang auf ihn zu und legte
ihm die Hand auf den Mund, indem sie sich umwandte. Da zerteilten sich
die Büsche abermals, und eine hohe, schlanke Gestalt trat tief errötend
hervor. Es war Synnöve.

»Guten Abend!« sagte sie. Ingrid sah Thorbjörn an, als wollte sie
sagen: »Da siehst dus.« -- Thorbjörn sah Ingrid an, als wolle er sagen:
»Das hättest du nicht tun sollen!« Keins von beiden sah Synnöve an.
»Ich darf mich wohl ein wenig setzen,« sagte sie, »ich bin heute schon
so viel gegangen.« Und sie setzte sich. Thorbjörn wandte den Kopf, wie
um zu sehn, ob es da, wo sie sich hinsetzte, trocken wäre. Ingrids
Augen schweiften nach Granliden hinunter, und plötzlich rief sie aus:
»Ach nein, ach nein! Fagerlin hat sich losgerissen und geht mitten auf
dem frischen Acker. Das abscheuliche Tier! Und Kelleros auch? Nein, das
ist denn doch wirklich zu arg! Es wird die höchste Zeit, daß wir bald
wieder auf die Alm hinaufkommen!« -- Und damit sprang sie den Abhang
hinab, ohne auch nur Abschied zu nehmen. Synnöve erhob sich sofort.
»Willst du schon gehn?« fragte Thorbjörn. -- »Ja,« sagte sie, blieb
aber stehn.

»Du könntest wohl noch ein wenig bleiben,« sagte er, ohne sie anzusehn.
-- »Ein andermal,« erwiderte sie. -- »Das kann lange währen!« -- Sie
sah auf; auch er sah sie jetzt an, aber es währte eine ganze Weile,
ehe wieder eins von ihnen sprach. -- »Setz dich doch wieder,« sagte
er ein wenig verlegen. -- »Nein,« entgegnete sie und blieb stehn. Er
fühlte, wie der Trotz in ihm aufstieg; da aber tat sie etwas, was
er nicht erwartet hatte; sie trat einen Schritt vor, beugte sich
ihm entgegen, sah ihm in die Augen und sagte lächelnd: »Bist du mir
böse?« Und als er sie ansah, weinte sie. -- »Nein,« sagte er und wurde
dunkelrot.

Er streckte die Hand aus; da aber ihre Augen voll Tränen standen,
bemerkte sie es nicht, und er zog die Hand wieder zurück. Dann sagte er
endlich: »Du hast es also gehört?« -- »Ja,« erwiderte sie, sah auf und
lächelte, aber jetzt standen noch mehr Tränen in ihren Augen als zuvor;
er wußte nicht, was er tun und sagen sollte; deswegen sagte er endlich:
»Ich bin wohl zu schlimm gewesen?« Er sagte das sehr sanft; sie sah
nieder und wandte sich halb ab. »Du solltest nicht über das urteilen,
was du nicht kennst,« sagte sie mit halberstickter Stimme, und ihm
ward ganz unbehaglich dabei; er kam sich vor wie ein Knabe und sagte
deswegen endlich, da ihm nichts andres einfiel: »Ich bitte dich um
Verzeihung!« -- Da aber brach sie wirklich in Tränen aus. Das konnte er
nicht ertragen, er ging hin, faßte sie um den Leib, beugte sich zu ihr
herab und sagte: »Hast du mich denn auch wirklich lieb, Synnöve?« --
»Ja,« schluchzte sie. -- »Aber es macht dich nicht glücklich?« -- Sie
antwortete nicht. -- »Aber es macht dich nicht glücklich?« wiederholte
er. Sie weinte noch heftiger als bisher und wollte sich ihm entziehn.
-- »Synnöve!« sagte er und zog sie fester an sich. Sie schmiegte sich
an ihn und weinte unaufhaltsam.

»Komm, wir wollen ein wenig miteinander reden,« sagte er und half
ihr, sich ins Heidekraut zu setzen; er selber setzte sich neben sie.
Sie trocknete die Augen und versuchte zu lächeln; aber das wollte
noch nicht gehn. Er hielt eine ihrer Hände in der seinen und schaute
ihr ins Antlitz. »Liebste, weshalb darf ich nicht nach Solbakken
hinüberkommen?« -- Sie schwieg. -- »Hast du nie darum gebeten?« -- Sie
schwieg noch immer. -- »Weshalb hast du das nicht getan?« fragte er
und zog ihre Hand näher zu sich heran. -- »Ich wage es nicht!« sagte
sie ganz leise.

Eine Wolke des Unmuts huschte über seine Stirn; er zog seinen Fuß ein
wenig an, stützte den Ellenbogen auf das Knie und legte den Kopf in
die Hand. -- »Auf die Weise werde ich wohl niemals hinkommen,« sagte
er endlich. Statt einer Antwort fing sie an, Heidekraut auszurupfen.
-- »Ach ja -- ich mag wohl manches getan haben, was nicht so war, wie
es sein sollte. -- -- Aber man sollte doch ein wenig Nachsicht mit mir
haben. Ich bin nicht schlecht« -- er hielt eine Weile inne --; »ich bin
auch noch jung -- kaum zwanzig Jahre alt -- ich« -- er konnte nicht
sogleich fortfahren. -- »Aber die, die mich +wirklich+ liebt,« sagte
er dann -- -- »die müßte doch« -- und hier blieb er ganz stecken. Da
vernahm er neben sich mit gedämpfter Stimme die Worte: »Du mußt nicht
so reden, du weißt, wie sehr -- -- ich wage kaum, es Ingrid zu sagen«
-- und abermals brach sie in bitterliches Weinen aus --; »ich -- leide
-- -- so sehr!« Er schlang den Arm um sie und zog sie fest an sich.
»Sprich mit deinen Eltern,« flüsterte er, »und du sollst sehn, es wird
noch alles gut wenden.« -- »Es wird so, wie du es willst,« flüsterte
sie. -- »Wie ich es will?« -- Da wandte Synnöve sich um und schlang
ihren Arm um seinen Nacken. -- »Liebtest du mich so, wie ich dich
liebe!« sagte sie sehr herzlich und versuchte zu lächeln. -- »Und das
täte ich nicht?« entgegnete er sanft und leise. -- »Nein, nein, du
nimmst niemals Rat von mir an; du weißt, was uns vereinigen würde, aber
du tust es nicht. Weshalb tust du es nicht?« -- Und da sie nun einmal
angefangen hatte, fuhr sie in einem Zuge fort: »Großer Gott, wüßtest
du, wie ich mich nach dem Tage gesehnt habe, wo ich dich auf Solbakken
sehn würde! Immer aber muß man etwas hören, was nicht so ist, wie es
sein sollte -- und die Eltern selber müssen es einem mitteilen!« -- Da
ging ihm gleichsam ein Licht auf; er sah sie nun deutlich auf Solbakken
umhergehn und auf den kleinen, friedlichen Augenblick warten, wo sie
ihn freudig den Eltern zuführen könnte; er aber schenkte ihr nie einen
solchen Augenblick.

»Das hättest du mir früher sagen sollen, Synnöve!« -- »Und das hätte
ich nicht getan?« -- »Nein; nicht so!« -- Sie sann eine Weile darüber
nach, dann sagte sie, indem sie ihren Schürzenzipfel in kleine Falten
legte: »Dann kam es wohl daher, daß -- ich es nicht recht wagte.« --
Der Gedanke aber, daß sie sich seinetwegen fürchten müsse, rührte ihn
so, daß er ihr zum erstenmal in seinem Leben einen Kuß gab.

Da ging eine solche Umwandlung mit ihr vor, daß ihre Tränen plötzlich
versiegten und ihr Blick unsicher wurde, indem sie zu lächeln
versuchte; sie sah nieder, sah dann endlich zu ihm auf und lächelte nun
wirklich. Sie sprachen jetzt nicht mehr miteinander, nur ihre Hände
fanden sich wieder, doch wagte keins die Hand des andern zu drücken.
Dann zog sie sich sanft zurück, begann die Augen und das Gesicht zu
trocknen und das Haar, das ein wenig in Unordnung gekommen war, zu
glätten. Er saß da und dachte im stillen, während er sie ansah: Wenn
sie schüchterner ist als die andern Mädchen im Tal und in andrer Weise
behandelt werden will, so darf man ja nichts dagegen sagen.

Er begleitete sie bis zur Alm hinauf, die nicht weit davon lag. Er
wäre gern Hand in Hand mit ihr gegangen, aber es war etwas über ihn
gekommen, was ihn abhielt, sie zu berühren; es erschien ihm fast
wunderbar, daß er an ihrer Seite gehn durfte. -- Als sie sich trennten,
sagte er deshalb auch: »Es soll lange währen, bis du wieder etwas
Schlimmes von mir zu hören bekommst.«

Daheim fand er seinen Vater beschäftigt, Korn aus dem Vorratshause
nach der Mühle zu tragen; denn die Leute ringsumher im Kirchspiel
mahlten auf der Granlider Mühle, wenn das Wasser in ihren eignen Bächen
versiegt war; der Granlider Bach trocknete niemals aus. Es waren viele
Säcke zu tragen, einige davon recht groß, andre von gewaltigem Umfang.
Die Frauen standen in der Nähe und rangen Wäsche aus. Thorbjörn ging
zum Vater und packte einen Sack. -- »Soll ich dir vielleicht helfen?«
-- »Ach, ich werde schon allein fertig werden,« erwiderte Sämund, hob
schnell einen Sack auf den Rücken und schritt damit auf die Mühle zu.
-- »Es sind ihrer viele,« sagte Thorbjörn, packte zwei große Säcke,
stemmte den Rücken dagegen und zog mit jeder Hand einen Sack über die
Schulter und stemmte die Ellenbogen in die Seite. Auf halbem Wege
begegnete er Sämund, der zurückkam, um einen neuen Sack zu holen; der
Vater sah ihn hastig an, sagte aber nichts. Als Thorbjörn seinerseits
nach dem Vorratshause zurückkehrte, begegnete ihm Sämund mit zwei noch
größern Säcken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz kleinen Sack und trug
ihn zur Mühle; als Sämund ihm begegnete, sah er ihn wieder an, und
zwar länger als das erstemal. Da geschah es, daß sie beim Vorratshause
zusammentrafen. -- »Es ist ein Bote aus Nordhaug gekommen,« sagte
Sämund, »sie wollen dich am Sonntag mit zur Hochzeit haben.« -- --
Ingrid sah flehend von ihrer Arbeit zu ihm auf, ebenso die Mutter. --
»So?« sagte Thorbjörn trocken und packte diesmal die beiden größten
Säcke, die er finden konnte. -- »Gehst du hin?« fragte Sämund finster.
-- »Nein!«



4


Die Granlider Alm hatte eine wundervolle Lage, man konnte von dort das
ganze Kirchspiel übersehn, vor allem Solbakken mit seinem vielfarbigen
Wald ringsumher, und dann die andern Gehöfte, die wie in einem Kranz
von Waldungen dalagen, so daß der grüne Grasplatz mit den Häusern in
der Mitte aussah wie ein Hort des Friedens, den man dem rauhen Erdboden
mit Gewalt abgerungen hatte. Vierzehn Höfe konnte man von der Granlider
Alm aus zählen. Von Granliden selber sah man aber nur die Dächer der
Häuser, und zwar auch nur von dem höchsten Punkte der Alm aus. Trotzdem
pflegten die Mädchen dort oft zu sitzen und den Rauch zu beobachten,
der aus den Schornsteinen aufstieg. -- »Jetzt kocht Mutter das
Mittagessen,« sagte Ingrid; »heute gibt es Salzfleisch und Speck.« --
»Horch! jetzt werden die Männer gerufen!« sagte Synnöve; »wo sie heute
wohl arbeiten?« und ihre Augen folgten dem Rauch, der ungestüm und
lustig in die klare, sonnige Luft aufstieg, bald aber langsamer wurde,
sich besann und dann in breitem Zuge über den Wald hinströmte, bis er
immer dünner wurde und schließlich als flatternder Flor in der Ferne
verschwand. Mancherlei Gedanken stiegen in ihnen auf und schweiften
dahin über das Kirchspiel. Heute weilten sie in Nordhaug. Es war einige
Tage nach der Hochzeit, da diese aber sechs Tage dauern sollte, drangen
noch immer hin und wieder Schüsse und vereinzelte, besonders laute Rufe
zu ihnen hinauf. -- »Sie sind lustig da unten,« sagte Ingrid. -- »Ich
gönns ihnen,« erwiderte Synnöve und griff wieder zu ihrem Strickzeug.
-- »Es wäre doch ganz amüsant, wenn man mit dabei sein könnte,« sagte
Ingrid, die im Grase kauerte und nach dem Hofe hinüberschaute, wo die
Leute zwischen den Gebäuden hin und her gingen -- einige nach dem
Vorratshause, wo sicher reichgedeckte Tische standen, andre weiter
entfernt, paarweise und in vertraulicher Unterhaltung. -- »Ich weiß
nicht recht, weswegen man sich dahinsehnen sollte,« sagte Synnöve.
-- »Ich weiß es auch kaum,« entgegnete Ingrid, die noch immer im
Grase saß. »Es muß wohl der Tanz sein,« fügte sie dann hinzu. Synnöve
erwiderte nichts hierauf. -- »Hast du niemals getanzt?« fragte Ingrid.
-- »Nein!« -- »Glaubst du eigentlich, daß Tanzen eine Sünde ist?« --
»Ich weiß nicht recht.« -- Ingrid ließ den Gegenstand der Unterhaltung
vorläufig fallen, denn sie erinnerte sich, daß das Tanzen bei den
Haugianern streng verboten war, und das Verhältnis der Eltern zu
Synnöve in diesem Punkte wollte sie nicht weiter untersuchen. Wie nun
auch ihre Gedanken darüber sein mochten, so sagte sie nach einer Weile:
»Einen bessern Tänzer als Thorbjörn habe ich noch niemals gesehn.« --
Synnöve wartete ein wenig, dann sagte sie: »Ja, er soll gut tanzen.« --
»Du solltest ihn nur tanzen sehn,« rief Ingrid und wandte sich nach
ihr herum. Synnöve aber antwortete schnell: »Nein, das will ich nicht!«

Ingrid stutzte bei diesen Worten, Synnöve beugte sich tief über ihr
Strickzeug und fing an, die Maschen zu zählen. Plötzlich ließ sie das
Strickzeug in den Schoß fallen, sah gerade vor sich hin und sagte: »So
von Herzen froh wie heute bin ich lange nicht gewesen.« -- »Weshalb
denn?« fragte Ingrid. -- »Ach, weil er heute nicht auf Nordhaug tanzt!«
-- Ingrid hing ihren eignen Gedanken nach: »Ja, es sollen dort Mädchen
sein, die sich nach ihm sehnen,« sagte sie. Synnöve öffnete den Mund,
als wollte sie reden, schwieg aber, zog eine Stricknadel heraus und
wechselte. -- »Thorbjörn wäre gewiß auch gern da; davon bin ich fest
überzeugt,« sagte Ingrid, merkte aber erst hinterher, was sie gesagt
hatte, und sah Synnöve an, die wie mit Blut übergossen dasaß und
strickte. Jetzt übersah Ingrid plötzlich ihr ganzes Gespräch, schlug
die Hände zusammen, rutschte auf den Knien im Heidekraut bis dicht zu
Synnöve heran und sah ihr in die Augen. Synnöve aber strickte weiter.
Da lachte Ingrid und sagte: »Nun hast du mir alle diese langen Tage
hindurch wieder etwas verheimlicht.« -- »Was sagst du da?« fragte
Synnöve und sah sie mit unsicherm Blick an. -- »Du bist nicht böse,
daß Thorbjörn tanzt,« sagte Ingrid und lachte noch immer. Synnöve
antwortete nicht; Ingrid aber lachte über das ganze Gesicht, sie faßte
Synnöve um den Hals und flüsterte ihr ins Ohr: »Aber du ärgerst dich,
weil er mit andern als mit dir tanzt.«

»Wie du nur so reden kannst!« sagte Synnöve, riß sich los und stand
auf. Ingrid erhob sich gleichfalls und ging ihr nach. »Es ist eine
Schande, Synnöve, daß du nicht tanzen kannst,« sagte sie und lachte;
»eine wahre Schande! Komm nur, ich wills dich gleich lehren!« -- Sie
faßte Synnöve um den Leib. -- »Was willst du?« fragte diese. -- »Dich
tanzen lehren, daß du nicht mehr den schrecklichen Kummer hast, daß
er mit andern tanzt als mit dir.« -- Jetzt mußte auch Synnöve lachen
oder doch so tun, als lache sie. -- »Es könnte uns leicht jemand sehn,«
sagte sie. -- »Gott segne dich für die Antwort, so dumm sie auch war,«
sagte Ingrid und begann schon eine Tanzweise zu summen und Synnöve nach
dem Takt zu drehen. -- »Nein, nein, es geht nicht!« -- »Du sagtest
doch vorhin selbst, du wärst manchen Tag nicht so vergnügt gewesen;
komm nur!« -- »Wenn es nur ginge!« -- »Versuchs nur, dann wirst du
schon sehn, daß es geht!« -- »Du bist so ausgelassen, Ingrid!« -- »So
sagte auch die Katze zum Sperling, als der Sperling nicht still sitzen
wollte, daß die Katze ihn fangen könnte. So komm nur!« -- »Im Grunde
hätte ich wohl Lust, aber --« -- »Nun bin ich Thorbjörn, und du bist
seine junge Frau, die nicht will, daß er mit andern als mit ihr tanzen
soll.« -- »Aber --« Ingrid summte die Melodie. -- »Aber« -- wiederholte
Synnöve noch einmal; aber sie tanzte schon! Es war ein Springtanz, und
Ingrid ging voran mit großen Schritten und männlichen Armbewegungen,
Synnöve folgte ihr mit kurzen Schritten und niedergeschlagnen Augen --
und Ingrid sang:

    »Der Fuchs liegt unter dem Birkenbusch
        Auf der Heide,
    Und der Hase hüpft so leicht husch husch
        Auf der Heide.
    Und alles ist eitel Sonnenglanz,
    Und überall ein Flimmertanz
        Auf der Heide.

    Der Fuchs lacht unter dem Birkenbusch
        Auf der Heide,
    Und der Hase lustig hüpft husch husch
        Auf der Heide.
    Wie ist mir heut so wonniglich!
    Hopp hopp! springst du wohl auch wie ich
        Auf der Heide.

    Der Fuchs lugt unter dem Birkenbusch
        Auf der Heide,
    Und der Hase hüpft grad auf ihn zu husch husch
        Auf der Heide.
    Hab ich dich da! -- Gott gnade mir!
    Mein Lieber, wie kannst du auch tanzen hier
        Auf der Heide?«

»Nun, ging es nicht ganz gut?« fragte Ingrid, als sie atemlos
innehielten.

Synnöve lachte und sagte, sie habe mehr Lust zu einem Walzer. -- »Ja,
dem steht nichts im Wege,« meinte Ingrid, und sie schickten sich schon
dazu an, indem Ingrid ihr zeigte, wie sie die Füße setzen müsse. --
»Denn das Walzen, das ist schwer.« -- »Ach, es wird schon gehn, wenn
wir nur erst im Takt sind,« sagte Synnöve, und nun wollte Ingrid, daß
sie einen Versuch machten. Und das taten sie denn auch, Ingrid sang,
und Synnöve sang mit -- anfangs summte sie nur, dann sang sie lauter.
Da aber hielt Ingrid inne, ließ sie los und schlug die Hände vor lauter
Verwunderung über dem Kopf zusammen. »Aber du kannst ja walzen!« rief
sie.

»Pst! sprich nur nicht darüber!« sagte Synnöve und umfaßte Ingrid
abermals, um weiterzutanzen. -- »Aber wo hast du es denn nur gelernt?«
-- »Trala, trala!« -- und sie schwenkte sie herum. Da tanzte Ingrid aus
Herzenslust und sang dazu:

    »Schau, Sonne die tanzt auf dem Heukelidfjäld;
    Nun tanze, mein Liebchen, solang es noch hell.
    Schau, Bächlein das hüpfet zum Meere hinab;
    Nun hüpf, wilder Bursche! dort wartet dein Grab.
    Schau, Birke die dreht sich im wirbelnden Wind;
    Nun drehe dich, Mädchen! -- Was brach da, mein Kind?
    Schau --« --

»Was für wunderliche Lieder du singst!« sagte Synnöve und hörte auf zu
tanzen. -- »Ich weiß wirklich nicht, was ich singe; Thorbjörn hat sie
gesungen.« -- »Es sind Lieder von dem Zuchthaus-Bert,« sagte Synnöve;
»ich kenne sie.« -- »Sind sie von dem?« fragte Ingrid erschrocken.
Sie sah vor sich hin und sagte nichts; plötzlich gewahrte sie jemand
unten am Wege. -- »Du -- da fährt jemand von Granliden die Landstraße
entlang!« -- Nun sah auch Synnöve hin. -- »Ist er es?« fragte sie. --
»Ja, das ist Thorbjörn, er will zur Stadt.« -- --

Es war wirklich Thorbjörn, und er fuhr zur Stadt. Sie war weit
entfernt, sein Wagen war schwer beladen, deswegen fuhr er langsam die
staubige Straße entlang. Diese lag so, daß man sie von der Alm aus
übersehn konnte, und als er nun von dort oben herab Jodler vernahm,
erkannte er, wer es war, stieg oben auf seinen Wagen und sandte einen
Jodler zurück, daß es in den Bergen widerhallte. Dann wurde auf dem
Hirtenhorn zu ihm herabgeblasen, er saß da und lauschte, und als die
Töne verhallt waren, erhob er sich wieder und sandte einen Jodler in
die Luft empor. So ging es eine Zeitlang fort, und eine fröhliche
Stimmung überkam ihn. Er sah nach Solbakken hinüber, und es war
ihm, als habe es die Sonne noch niemals so strahlend beschienen wie
eben jetzt. Aber wie er so dasaß und hinüberschaute, vergaß er das
Pferd, so daß es weiter trabte, wie es ihm beliebte. Da schreckte
er plötzlich empor, denn das Pferd machte einen solchen Sprung zur
Seite, daß die eine Deichselstange brach, und nun raste das Pferd
in wildem Galopp über den Nordhauger Acker, denn darüber führte der
Weg. Er erhob sich im Wagen und zog die Zügel an; es entstand ein
Kampf zwischen ihm und dem Pferde, das einen steilen Abhang hinunter
wollte, wovon er es zurückzuhalten suchte. Er zog die Zügel so straff
an, daß es sich bäumte; zugleich sprang er ab, und es gelang ihm,
ehe das Pferd wieder weiterrasen konnte, die Zügel um einen Baum zu
schlingen -- und nun mußte das Pferd stehn. Die Ladung war zum Teil
abgeworfen worden, die eine Deichselstange war zerbrochen, und das
Pferd stand da und zitterte. Er trat zu ihm heran, faßte es am Zügel
und redete ihm sanft zu; er wendete es gleich um, daß es nicht den
Abhang hinuntersausen solle, falls es abermals durchgehn wollte;
stillestehn konnte es nicht, so außer sich war es, und er mußte halb
springend nebenher laufen, weiter und weiter, bis er wieder auf dem
Wege angelangt war. Dabei kam er an seinen abgeworfnen Sachen vorüber,
die durcheinandergeworfen umherlagen -- die Gefäße zerschlagen, der
Inhalt zum Teil verdorben. Bisher hatte ihn die Gefahr ganz in Anspruch
genommen, jetzt fing er an, die Folgen des Unfalls zu erwägen, und
wurde zornig; es war klar, daß aus der Fahrt in die Stadt nichts mehr
wurde, und je mehr Betrachtungen er anstellte, desto wütender wurde
er. Auf der Landstraße scheute das Pferd nochmals und versuchte einen
Sprung zu machen, um sich loszureißen -- da aber brach der Zorn los.
Während er es mit der Linken am Gebiß festhielt, versetzte er ihm mit
der Rechten in die Flanke mit seiner großen Reisepeitsche Schlag auf
Schlag, Schlag auf Schlag, so daß es vor Wut schäumte und ihm mit den
Vorderhufen nach der Brust schlug. Er aber hielt es sich vom Leibe,
schlug es noch heftiger als vorher, aus Leibeskräften, und gebrauchte
dazu das dicke Ende der Peitsche. -- »Ich will dichs lehren, du
widerspenstige Kreatur!« und er schlug drauflos. Das Pferd wieherte und
schrie, er schlug. -- »Du sollst kennen lernen, wie eine starke Faust
schmeckt!« und er schlug. Das Pferd schnob, daß ihm der Schaum über die
Hand floß; er aber schlug. -- »Das soll das erste- und das letztemal
sein, du Bestie! Da! Da hast du noch einen, du Lumpenvieh! Ich will
dich parieren lehren!« und er schlug. Währenddem hatten sie sich
herumgedreht, das Pferd leistete keinen Widerstand mehr, es zitterte
und bebte bei jedem Schlag und beugte den Kopf wiehernd, sobald es
sah, daß die Peitsche sich über ihm in der Luft hob. Da überkam es
Thorbjörn wie Scham; er hielt inne. In demselben Augenblick wurde er
eines Mannes gewahr, der auf die Ellenbogen gestützt am Grabenrande lag
und über ihn lachte. Er wußte nicht, wie es zuging, aber es wurde ihm
schwarz vor den Augen, und das Pferd am Zügel drang er mit erhobner
Peitsche auf ihn ein. »Ich werde dir was zum Lachen geben!« Der Schlag
fiel, traf aber nur halb, da der Mann sich mit einem Schrei in den
Graben hinabwälzte. Hier blieb er auf allen Vieren liegen, drehte aber
den Kopf herum, schielte Thorbjörn an und verzog den Mund zum Lachen;
das Lachen selber hörte man aber nicht. Thorbjörn stutzte, denn dies
Gesicht hatte er schon früher gesehn. Ja, es war Aslak.

Thorbjörn wußte nicht, warum, aber ein kalter Schauder lief ihm
den Rücken hinab. -- »Das warst wohl du, der das Pferd beide Male
scheu gemacht hat,« sagte er.-- »Ich lag hier nur und schlief ein,«
antwortete Aslak und erhob sich ein wenig; »und dann wecktest du mich,
als du wie ein Verrückter mit deinem Pferd umgingst.« -- »Du hast es
scheu gemacht; alle Tiere fürchten sich vor dir!« und er streichelte
das Pferd, das so schwitzte, daß der Schweiß von ihm herabtroff. -- »Es
fürchtet sich jetzt sicher mehr vor dir als vor mir; ich habe niemals
ein Pferd so mißhandelt,« sagte Aslak; er hatte sich jetzt im Graben
auf den Knien aufgerichtet. -- »Nimm nur den Mund nicht allzuvoll,«
sagte Thorbjörn und drohte mit der Peitsche. Da erhob sich Aslak und
kroch herauf. -- »Was, ich -- ich sollte meinen Mund zu voll nehmen?
Nein. -- Aber wo willst du denn hin, daß du so eilig fährst?« sagte
er mit sanfter Stimme, indem er sich näherte, dabei aber von einer
Seite auf die andre schwankte, denn er war betrunken. -- »Ich werde
heute wohl nicht viel weiterkommen,« sagte Thorbjörn, der das Pferd
ausspannte. -- »Das ist ja fatal, das,« meinte Aslak, kam noch näher
heran und zog den Hut. »Herrje!« sagte er, »was für ein großer, schöner
Bursche du geworden bist, seit ich dich nicht mehr gesehn habe.« --
Er hatte beide Fäuste in die Taschen gesteckt und stand da, so gut es
gehn wollte, und beobachtete Thorbjörn, der das Pferd nicht von dem
zerbrochnen Wagen losbekommen konnte. Thorbjörn bedurfte der Hilfe;
aber er konnte es nicht über sich gewinnen, Aslak darum zu bitten,
denn er sah garstig aus; seine Kleider waren vom Graben beschmutzt,
sein Haar hing verfilzt unter einem alten, blanken Hut heraus, und das
Gesicht, das freilich zum Teil noch die wohlbekannten Züge trug, war
jetzt zu einem beständigen Lächeln verzogen, und die Augen waren noch
mehr geschlossen als früher, so daß er den Kopf ein wenig hintenüber
und den Mund halbgeöffnet halten mußte, wenn er jemand ansah. Alle
seine Züge waren schlaff und die ganze Gestalt steif geworden, denn
Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn auch früher häufig gesehn, aber Aslak
tat, als wisse er das nicht. Als Hausierer durchzog er die ganze Gegend
und war gern da, wo es lustig zuging, denn er konnte viele Lieder
singen, erzählte gut und wurde dafür mit Branntwein traktiert. So war
er jetzt auch auf der Nordhauger Hochzeit gewesen, hatte es aber, wie
Thorbjörn später erfuhr, für ratsam gehalten, sich für eine Weile
zu verziehen, da er nach alter Gewohnheit die Leute gegeneinander
aufgehetzt hatte und es schließlich über ihn selber herzugehn
drohte. -- »Du kannst das Pferd ebensogut an den Wagen binden als es
abschirren,« sagte er; »du mußt doch nach Nordhaug, um alles wieder in
Ordnung zu bringen.« Thorbjörn hatte denselben Gedanken gehabt, ihn
jedoch bisher von sich gewiesen. -- »Es ist eine große Hochzeit dort,«
sagte er. -- »Und deswegen ist auch hinreichend Hilfe dort zu haben,
entgegnete Aslak. Thorbjörn stand ein wenig unschlüssig da; aber ohne
Hilfe konnte er weder vorwärts noch rückwärts kommen, und da war es
denn das beste, auf den Hof zu gehn. Er band das Pferd solange fest und
entfernte sich. Aslak folgte ihm. Thorbjörn sah sich nach ihm um. --
»Ich kehre in guter Gesellschaft auf die Hochzeit zurück,« sagte Aslak
und lachte. Thorbjörn antwortete ihm nicht, sondern beschleunigte seine
Schritte. Aslak ging hinter ihm drein und sang:

    »Es ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus usw.,«

ein altes, wohlbekanntes Lied. -- »Du gehst aber schnell,« sagte er
nach einer Weile. »Du kommst immer noch früh genug,« fügte er hinzu.
Thorbjörn antwortete ihm nicht. Töne von Tanz und Spiel drangen ihnen
entgegen, durch die offnen Fenster des zweistöckigen Gebäudes schauten
Gesichter zu ihnen herab. Im Hofe bildeten sich Gruppen; er sah, daß
sie untereinander darüber sprachen, wer es wohl sein könnte; bald
bemerkte er, daß er erkannt sei und daß sie nach und nach das Pferd und
das über das Feld zerstreute Geschirr gewahrten. Das Tanzen hörte auf,
der ganze Schwarm ergoß sich gerade in dem Augenblick, als sie kamen,
über den Hof. -- »Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen,« rief Aslak,
als er sich endlich hinter Thorbjörn der Gesellschaft näherte. -- Man
begrüßte Thorbjörn und bildete einen Kreis um ihn.

»Gott segne das Gelage, gutes Bier auf dem Tische, schöne Dirnen auf
dem Tanzboden und gute Musikanten auf dem Schemel,« sagte Aslak und
drängte sich bei diesen Worten mitten unter die Menge. Einige lachten,
andre blieben ernsthaft; einer sagte: »Der Ranzen-Aslak ist allzeit
guter Laune.« Thorbjörn traf bald Bekannte, denen er von seinem Unfall
erzählen mußte; sie erlaubten ihm nicht, selber nach dem Pferd und den
Sachen umzukehren, sondern schickten andre hinunter. Der Bräutigam,
ein junger Mann und ehemaliger Schulkamerad von ihm, lud ihn ein, das
Hochzeitsbier zu schmecken, und nun zog alles wieder ins Haus. Einige,
namentlich die Mädchen, wollten den Tanz fortsetzen, andre wünschten
eine kleine Zechpause zu machen, und Aslak sollte erzählen, da er ja
nun doch zurückgekommen sei. -- »Aber du mußt etwas vorsichtiger sein
als das letztemal,« fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die übrigen
Gäste seien. -- »Ach,« erwiderte man ihm, »es ging vorhin ein wenig
unruhig zu; nun haben sich einige zur Ruhe gelegt, andre sitzen draußen
in der Scheune und spielen Karten; und wieder andre sitzen da, wo Knud
Nordhaug ist.« Er fragte nicht, wo Knud Nordhaug zu finden sei.

Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der dasaß, aus einer
Tonpfeife rauchte und Bier trank, sagte nun: »Erzähl uns jetzt eine
Geschichte, Aslak; ausnahmsweise kann man so etwas wohl mal mit
anhören.«

»Sind da noch mehrere, die mich bitten?« fragte Aslak, der sich in
einiger Entfernung von dem Tisch, an dem die andern saßen, rittlings
über einen Schemel gesetzt hatte. -- »Freilich!« sagte der Bräutigam
und gab ihm ein Glas Branntwein; »jetzt bitte ich dich.« -- »Sind da
noch andre, die mich ebenso bitten?« fragte Aslak. -- »Mag sein,«
entgegnete eine junge Frau, die auf einer der Seitenbänke saß, und bot
ihm einen Becher Wein. Es war die Braut; sie mochte ungefähr zwanzig
Jahre alt sein, war blond, aber mager mit großen Augen und einem
harten Zug um den Mund. -- »Mir gefällt es gut, was du erzählst,«
fügte sie hinzu. Der Bräutigam sah sie an, und sein Vater ihn. -- »Ja,
die Leute von Nordhaug haben meine Erzählungen immer gern gehört,«
sagte Aslak. »Sie leben hoch!« rief er und leerte ein Glas, das ihm
einer der Brautführer reichte. -- »Komm heraus mit etwas!« riefen
mehrere. -- »Von Ingrid, dem Zigeunerweib,« rief eine. -- »Nein, das
ist eine häßliche Geschichte,« sagten andre, namentlich die Frauen.
-- »So erzähle von der Schlacht bei Lier,« bat der Tambour Svend. --
»Nein, lieber etwas Ergötzliches,« meinte ein schlanker Bursch, der
in Hemdsärmeln dastand und sich gegen die Wand lehnte, während seine
Rechte, die schlaff herabhing, ziemlich ungeniert mit den Haaren von
ein paar jungen Mädchen spielte, die dort saßen; sie schalten, rührten
sich aber nicht vom Fleck.

»Jetzt erzähle ich, was +mir+ beliebt,« sagte Aslak. -- »Zum Teufel
auch!« brummte ein älterer Mann, der auf dem Bette lag und rauchte;
das eine Bein hing herab, mit dem andern stieß er nach einer feinen
Jacke, die über dem Bettpfosten hing. -- »Laß meine Jacke in Frieden,«
rief der Bursche, der an der Wand stand. -- »Laß du meine Töchter in
Frieden!« erwiderte der Mann auf dem Bette. Nun rückten die Mädchen weg.

»Ja, ich erzähle, was +mir+ beliebt,« rief Aslak. »Geht der Branntwein
ins Blut, so gibts frischen Mut!« sagte er und schlug die Hände
zusammen, daß es klatschte. -- »Du erzählst, was wir verlangen!« fuhr
der Mann auf dem Bette fort, »denn der Branntwein gehört uns.« -- »Was
soll das heißen?« fragte Aslak mit weit geöffneten Augen. -- »Ach, das
Schwein, das wir mästen, das schlachten wir auch,« sagte der Mann und
baumelte mit dem Bein. Aslak schloß die Augen wieder, blieb aber in
derselben Stellung sitzen, schließlich sank ihm der Kopf auf die Brust,
und er sagte nichts mehr.

Mehrere redeten ihn an, aber er hörte es nicht. »Der Branntwein hat
es ihm angetan,« sagte der auf dem Bette. Da blickte Aslak auf und
begann wieder zu lächeln. »Ja, nun sollt ihr ein lustiges Stück hören,«
sagte er. »Gott bewahre, wie lustig es ist!« sagte er nach einer Weile
und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber ohne daß sie das Lachen
hörten. -- »Er hat heute wirklich seinen guten Tag,« sagte der Vater
des Bräutigams. -- »Ja, meine Mittel erlauben es mir!« sagte Aslak;
»noch einen Schluck mit auf die Reise!« rief er und streckte die Hand
aus. Der Branntwein kam, er trank ihn langsam aus, hielt den Kopf mit
dem letzten Tropfen auf der Zunge ein wenig hintenüber, schluckte ihn
und sagte dann zu dem Mann auf dem Bett gewandt: »Jetzt bin ich euer
Schwein, ich!« und lachte wie vorhin. Er umspannte das Knie mit beiden
Händen, bewegte den Fuß auf und nieder, indem er sich dabei hin und her
wiegte, und dann begann er: »Ja, es war einmal ein Mädchen, das wohnte
in einem Tale. Der Name des Tals tut nichts zur Sache, ebensowenig wie
der Name des Mädchens. Aber das Mädchen war schön, und das fand der
Bauer auch -- pst! --, und das war der, bei dem sie diente. Sie bekam
einen guten Lohn, den bekam sie, und sie bekam noch mehr, als sie
bekommen sollte, sie bekam ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihm,
aber das sagte er nicht; denn er war verheiratet, und auch sie sagte es
nicht, denn sie war stolz, das arme Ding. So wurde denn bei der Taufe
eine Lüge gesprochen, und es war ein Taugenichts von Jungen, den sie
geboren hatte, und so war es einerlei, daß er mit einer Lüge getauft
worden war. Sie aber bekam eine Ruhestelle unterhalb des Hofs, und das
gefiel der Frau nicht, wie man sich ja denken kann. Kam das Mädchen
auf den Hof, so spuckte sie nach ihr, kam aber ihr kleiner Junge, um
mit den Kindern vom Hofe zu spielen, so hieß sie diese den Hornung
wegjagen; er sei nicht mehr wert, sagte sie.

»Sie bat ihren Mann Tag und Nacht, die Person vom Hofe zu jagen. Er
hielt stand, solange er ein Mann war, dann aber ergab er sich dem
Trunke, und da bekam die Frau das Regiment. Von nun an ging es dem
armen Mädchen sehr schlecht; es wurde mit jedem Jahre schlechter,
und es fehlte nicht viel, so wäre sie mitsamt ihrem kleinen Buben
verhungert, denn der wollte nicht von seiner Mutter, er.

»So verstrich ein Jahr und noch eins, und schließlich waren acht Jahre
verflossen; aber noch immer wohnte die Dirne auf ihrer Stelle, obwohl
sie weg sollte. -- Und dann kam sie wirklich weg! -- Vorher aber stand
der Hof in lichterlohen Flammen, und der Mann verbrannte, denn er war
betrunken; die Frau rettete sich mit den Kindern, und sie sagte, die
Betteldirne unten auf der Stelle hätte es getan. Das konnte ja sein,
daß sie das getan hatte. -- Und es konnte leicht auch anders sein. --
Es war ein merkwürdiger Junge, den sie hatte. Acht Jahre lang hatte
er es mit angesehn, wie seine Mutter sich abhärmte, und er wußte sehr
wohl, wo die Schuld lag; denn die Mutter hatte es ihm oft erzählt, wenn
er fragte, warum sie immer weine. Das tat sie auch an dem Tage, ehe
sie fort mußte, und deswegen war er während der Nacht nicht zu Hause.
-- Aber +sie+ kam lebenslänglich ins Zuchthaus, denn sie sagte selber
zu dem Schreiber, sie hätte das schöne Feuer auf dem Hofe gemacht. --
Der Junge blieb in der Gegend, und alle Leute halfen ihm, weil er eine
so schlechte Mutter hatte. -- Dann zog er aus der Gegend weg, weit
weg in eine andre, wo man nicht so gut gegen ihn war, denn dort wußte
wohl keiner, was für eine schlechte Mutter er hatte. Ich glaube nicht,
daß er es selber sagte. -- Das letztemal, als ich von ihm hörte, war
er betrunken, und die Leute sagen, daß er sich in der letzten Zeit
aufs Trinken gelegt habe; ob das wahr ist, will ich dahingestellt
sein lassen; eins aber ist wahr, daß ich nicht weiß, was er Besseres
tun könnte. Er ist ein schlechter, böser Bursche, das könnt ihr mir
glauben; er mag die Menschen nicht leiden -- und noch weniger mag er
es, daß sie gut gegeneinander sind, am allerwenigsten aber, wenn sie
gut gegen ihn selber sind. Und er sähe es gern, wenn andre so wären
wie er selber -- aber das sagt er nur, wenn er betrunken ist. Und
dann weint er auch, weint wie ein Schloßhund -- über gar nichts; denn
worüber sollte er auch wohl weinen? Er hat nie einem Menschen einen
Heller gestohlen oder etwas von dem Schlechten getan, was manche
andre tun, so daß er wirklich nichts hat, worüber er weinen könnte.
Und doch weint er, weint er wie ein Schloßhund. Und solltet ihr ihn
einmal weinen sehn, so achtet nicht darauf, denn er weint nur, wenn er
betrunken ist, und dann weiß er nicht, was er tut.«

Hier fiel Aslak unter heftigem Weinen rücklings von seinem Schemel
herunter, aber er beruhigte sich doch bald wieder, denn er schlief ein.

»Jetzt ist das Schwein besoffen,« sagte der Mann auf dem Bette. »Dann
liegt er immer da und heult sich in Schlaf.« -- »Das war eine häßliche
Geschichte,« sagten die Frauen, standen auf und gingen hinaus. -- »Ich
habe ihn niemals andre Geschichten erzählen hören, wenn man ihm seinen
eignen Willen ließ,« sagte ein alter Mann, der von seinem Sitz an der
Tür aufstand. »Gott weiß, warum die Leute ihn hören wollen,« setzte er
hinzu und sah nach der Braut hinüber.



5


Einige gingen hinaus, andre suchten den Spielmann, daß er wieder
hereinkäme, damit der Tanz beginnen könnte. Aber der Spielmann war in
einer Ecke der Diele eingeschlafen, und einige von den Gästen baten,
man möge ihn ruhig liegen lassen. Seit sein Kamerad Lars zuschanden
geschlagen worden ist, hat Ole Tag und Nacht spielen müssen. Man
hatte Thorbjörns Pferd und seine Sachen auf den Hof geschafft und
einen andern Wagen vorgespannt, da er trotz aller Bitten wieder
fort wollte. Namentlich der Bräutigam suchte ihn zurückzuhalten:
»Hier ist vielleicht nicht so große Freude für mich, wie man glauben
sollte,« sagte er, und Thorbjörn dachte das seine dabei; aber er
beschloß doch, weiterzufahren, ehe es Abend wurde. Als man sah, daß er
unerschütterlich war, zerstreute man sich über den Hof. Es waren viele
Leute da, aber es war sehr still, und das Ganze sah wenig nach einer
Hochzeit aus. Thorbjörn mußte einen neuen Deichselpflock haben und
ging, sich einen zu suchen. Auf dem Hofe war kein passender Gegenstand,
deswegen ging er ein wenig weiter und kam an einen Holzschuppen, in
den er hineinging, langsam und still, da ihn die Worte des Bräutigams
verfolgten. Er fand, was er suchte, und setzte sich dann, ohne recht zu
wissen, was er tat, an die eine Wand, Messer und Pflock in der Hand. Da
hörte er ganz in der Nähe etwas stöhnen; es war auf der andern Seite
der dünnen Wand, wo das Wagenschauer war, und nun lauschte er. -- »Bist
du es -- auch wirklich?« hörte er eine männliche Stimme leise und in
langen Zwischenräumen sagen, als spräche sie mit großer Anstrengung.
Dann hörte er jemand weinen, aber es war kein Mann. -- »Weshalb kamst
du auch hierher?« fragte eine Stimme, die der Weinenden gehören mußte,
denn sie war von Tränen erstickt. -- »Hm -- auf wessen Hochzeit sollte
ich denn spielen, wenn nicht auf deiner!« sagte die erste Stimme.
›Das ist sicher der Spielmann Lars, der da liegt,‹ dachte Thorbjörn.
Lars war ein kräftiger, schöner Bursch, dessen alte Mutter auf einer
Häuslerstelle, die zu dem Gehöfte gehörte, zur Miete wohnte, die andre
aber mußte die Braut sein! -- »Weshalb hast du nur nie gesprochen?«
sagte sie leise, aber sehr langsam, als sei sie in großer Erregung. --
»Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht nötig,« war die kurze
Antwort. Dann war eine Weile alles still, endlich begann sie von neuem:
»Du wußtest doch, daß er hierherkam. -- Ich hatte dich für stärker
gehalten.« -- Er hörte nun nichts als Weinen, endlich brach sie wieder
in die Worte aus: »Warum hast du nicht gesprochen?«

»Es hätte dem Sohne der alten Birthe wohl wenig genützt, wenn er
die Tochter auf Nordhaug angesprochen hätte,« antwortete er nach
einer Pause, während der er schwer geatmet und viel gestöhnt hatte.
Er wartete auf Antwort. -- »Wir haben einander doch so viele Jahre
nachgeschaut,« sagte sie endlich.

»Du warst so stolz, man wagte nicht, ordentlich mit dir zu reden.«

»Und doch habe ich nichts in der Welt so sehr gewünscht! -- Ich wartete
jeden Tag; wo wir uns begegneten -- es war mir fast, als böte ich mich
dir an. Und dann dachte ich, daß du mich verschmähtest.« -- Wieder war
alles still. Thorbjörn hörte keine Antwort, kein Weinen; er hörte den
Kranken auch nicht atmen.

Thorbjörn dachte an den Bräutigam, den er kannte und für einen guten
Mann hielt, und er empfand Mitleid mit ihm. Da sagte sie: »Ich fürchte,
er wird wenig Freude an mir haben, er -- der --« -- »Es ist ein braver
Mann,« sagte der Kranke und fing wieder an, leise zu stöhnen, da ihn
offenbar die Brust schmerzte. Es schien, als fühle sie seinen Schmerz
mit, denn sie sagte: »Das ist nun so schwer für dich -- aber es wäre
wohl niemals zur Aussprache zwischen uns gekommen, wenn dies nicht
geschehn wäre. Als du Knud den Schlag versetztest, verstand ich dich
erst.«

»Ich konnte es nicht länger ertragen,« erwiderte er. Und nach einer
Weile fügte er hinzu: »Knud ist schlecht!« -- »Er ist nicht gut,« sagte
die Schwester.

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte er: »Es soll mich wundern, ob
ich wohl jemals wieder gesund werde. Nun, das ist jetzt auch ganz
einerlei.« -- »Hast du es schlimm, so habe ich es noch weit schlimmer,«
und abermals folgte heftiges Weinen. -- »Willst du jetzt gehn?« fragte
er dann. -- »Ja,« lautete die Antwort, und nach einer Weile sagte
sie: »O mein Gott, mein Gott, was für ein Leben wird das werden!« --
»Weine nicht,« sagte er; »der liebe Gott wird meinem Leben bald ein
Ende machen, und dann wird es auch für dich besser werden, das sollst
du sehn.« -- »Jesus, Jesus, daß du nicht gesprochen hast!« rief sie mit
verhaltner Stimme, wie wenn sie die Hände ränge; Thorbjörn glaubte, daß
sie weggegangen sei, oder daß sie nicht imstande sei, länger zu reden;
denn er hörte eine ganze Weile nichts. Er ging.

Den ersten besten, dem Thorbjörn im Hofe begegnete, fragte er: »Was ist
eigentlich zwischen dem Spielmann Lars und Knud Nordhaug vorgefallen?«
-- »Ha? Zwischen denen? Ja« -- sagte der Häusler Peter und zog das
Gesicht zusammen, als wollte er etwas in den Falten verbergen; »danach
kannst du wohl fragen, denn das war um nichts und wieder nichts. Knud
fragte Lars nur, ob seine Fiedel auf dieser Hochzeit einen guten Klang
habe.«

In diesem Augenblick ging die Braut vorüber; sie hatte das Gesicht
abgewandt, als sie aber den Namen Lars vernahm, wandte sie sich um und
zeigte ein Paar große, rotgeweinte Augen, die unsicher blickten; sonst
aber war das Gesicht ganz kalt, so kalt, daß Thorbjörn es nicht mit
ihren Worten von vorhin zusammenreimen konnte. Das gab ihm noch mehr zu
denken.

Etwas weiter nach vorn im Hofe stand das Pferd und wartete; er
befestigte seinen Pflock und sah sich nach dem Bräutigam um, von dem er
sich verabschieden wollte. Er hatte keine große Lust, ihn zu suchen, es
war ihm sogar lieb, daß er nicht kam, und er setzte sich also auf den
Wagen. Da vernahm er von der linken Seite des Hofes her, wo die Scheune
stand, Lärmen und Rufen; es war eine ganze Gesellschaft, die aus der
Scheune herauskam; ein großer Mann, der voranging, rief: »Wo ist er? --
Hat er sich versteckt? -- Wo ist er?« -- »Da, da!« riefen mehrere. --
»Laßt ihn nicht dorthin,« sagten andre, »es gibt nur ein Unglück.« --
»Ist das Knud?« fragte Thorbjörn einen kleinen Jungen, der neben seinem
Wagen stand. -- »Ja, er ist betrunken, dann sucht er immer Händel!« --
Thorbjörn saß schon auf dem Wagen und trieb nun das Pferd an. --»Nein,
halt, Kamerad,« hörte er eine Stimme hinter sich; er hielt das Pferd
an, als dies aber weiterging, ließ er es laufen. -- »Hallo! bist du
bange, Thorbjörn Granliden?« schrie jetzt die Stimme ganz dicht hinter
ihm. Jetzt zog er die Zügel an, sah sich aber nicht um.

»Steig ab und nimm teil an unsrer guten Gesellschaft,« rief jemand.
Thorbjörn wandte den Kopf: »Danke, ich muß nach Hause,« sagte er. Sie
unterhandelten eine Weile, und währenddes war der ganze Schwarm an den
Wagen herangekommen; Knud stellte sich vor das Pferd hin, streichelte
es erst und faßte es dann beim Kopfe, um es zu betrachten. Knud
war hochgewachsen, er hatte blondes, aber struppiges Haar und eine
aufgeworfne Nase, der Mund war groß und dick, die Augen milchblau,
aber frech. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit der Schwester, nur einen
Zug um den Mund hatten sie gemein, und dann hatte er dieselbe gerade
aufsteigende Stirn, nur etwas niedriger, wie denn alle ihre feinen Züge
bei ihm gröber waren. -- »Was willst du für deinen Gaul haben?« fragte
Knud. -- »Ich will ihn gar nicht verkaufen,« erwiderte Thorbjörn. --
»Du glaubst wohl, ich könnte ihn nicht bezahlen?« sagte Knud. -- »Ich
weiß nicht, was du kannst.« -- »So? Du zweifelst daran? Davor solltest
du dich denn doch hüten,« sagte Knud. Der Bursche, der vorhin drinnen
im Zimmer an der Wand gestanden und mit dem Haar der Mädchen gespielt
hatte, sagte nun zu einem Nachbarn: »Knud wagt es diesmal nicht recht.«

Das hörte Knud. -- »Ich wage es nicht? Wer sagt das? Ich wage es
nicht?« schrie er. Mehr und mehr Leute kamen herzu. -- »Aus dem Wege,
gebt acht aufs Pferd!« schrie Thorbjörn und schwang die Peitsche; er
wollte fahren. -- »Sagst du zu mir: Aus dem Wege?« fragte Knud. -- »Ich
sprach mit dem Pferd; ich muß fort,« sagte Thorbjörn, wich aber auch
nicht zur Seite. -- »Was, du fährst gerade auf mich zu?« fragte Knud.
-- »So geh aus dem Wege!« -- und das Pferd erhob den Kopf, sonst hätte
es Knud damit gerade vor die Brust stoßen müssen. Da faßte Knud es
beim Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch von der Landstraße her
kannte, fing an zu zittern. Das aber rührte Thorbjörn, der bereute,
was er dem Pferde angetan hatte; jetzt wandte sich sein Zorn gegen
Knud, er erhob sich mit der Peitsche in der Hand und schlug Knud
über den Kopf. -- »Du schlägst?« schrie Knud und drängte sich näher
heran; Thorbjörn sprang vom Wagen herab. -- »Du bist ein schlechter
Mensch!« sagte er leichenblaß und übergab die Zügel dem Burschen aus
der Stube, der herzukam und sich erbot, das Pferd zu halten. Aber der
alte Mann, der von seinem Sitze neben der Tür aufgestanden war, als
Aslak seine Erzählung beendet hatte, ging jetzt zu Thorbjörn heran,
faßte ihn am Arm und sagte: »Sämund Granliden ist ein zu braver Mann,
als daß sich sein Sohn mit einem solchen Raufbold prügeln sollte.« Da
wurde Thorbjörn ruhig, Knud aber rief: »Ich bin ein Raufbold! Das ist
er ebensogut wie ich, und mein Vater ist ebenso gut wie der seine. --
Komm heran! Es ist schlimm, daß die Leute nicht wissen, wer von uns
beiden der stärkste ist,« fügte er hinzu und nahm sein Halstuch ab.
-- »Das wird sich schon früh genug zeigen,« sagte Thorbjörn. Da sagte
der Mann, der vorhin auf dem Bette gelegen hatte: »Sie sind wie zwei
Katzen; sie müssen sich erst Mut einreden, alle beide!« Thorbjörn hörte
das, antwortete aber nicht. Einige aus der Menge lachten, andre sagten,
es wäre schändlich mit allen den Prügeleien hier auf der Hochzeit und
namentlich, daß sie einen fremden Mann verhöhnten, der friedlich seiner
Wege ziehn wollte. Thorbjörn sah sich nach dem Pferde um; es war seine
Absicht, weiterzufahren. Der Bursche aber hatte es umgewandt und eine
ganze Strecke fortgefahren; nun stand er dicht hinter ihnen. -- »Wonach
siehst du dich um?« fragte Knud; »Synnöve ist weit weg!« -- »Was geht
dich die an?« -- »Nein, solche scheinheilige Frauenzimmer gehn mich
nichts an,« sagte Knud, »aber vielleicht hat sie dich um deinen Mut
gebracht.« -- Dies war zu viel für Thorbjörn; sie sahn, wie er sich
umschaute und den Platz prüfte. Jetzt legten sich wieder einige
von den ältern Leuten ins Mittel und meinten, Knud hätte auf dieser
Hochzeit schon genug Unheil angerichtet. -- »Mir soll er nichts tun,«
sagte Thorbjörn, und als die andern das hörten, schwiegen sie. Andre
sagten: »Laßt sie die Sache ausfechten, dann werden sie wieder gute
Freunde; diese beiden haben sich lange genug feindlich angesehn.« --
»Ja,« meinte einer, »sie wollen beide erster im Kirchspiel sein, jetzt
werden wir es ja sehn.« -- »Habt ihr etwa einen gewissen Thorbjörn
Granliden gesehn?« fragte Knud; »mich dünkt, er sei hier vorhin auf dem
Hofe gewesen.« -- »Ja, hier ist er,« sagte Thorbjörn, und in demselben
Augenblick bekam Knud einen Schlag über das rechte Ohr, so daß er
zwischen zwei Männer taumelte, die dastanden. Jetzt trat tiefe Stille
ein. Knud erhob sich und stürzte vor, ohne ein Wort zu sagen, Thorbjörn
trat ihm entgegen. Es entstand ein langer Faustkampf, da beide einander
auf den Leib wollten; beide aber waren geübte Ringer, und jeder hielt
den andern von sich ab. Thorbjörns Schläge fielen doppelt so schnell,
und einige meinten, auch doppelt so schwer. -- »Da hat Knud seinen
Mann gefunden,« sagte der Bursche, der das Pferd hielt; »macht Platz!«
-- Die Frauen flüchteten, nur eine stand hoch oben auf einer Treppe,
um besser sehn zu können; es war die Braut. Thorbjörn erblickte einen
Schimmer von ihr und hielt einen Augenblick inne -- da sah er ein
Messer in Knuds Hand; er erinnerte sich ihrer Worte, daß Knud kein
guter Mensch sei, und mit einem wohlgezielten Schlage traf er Knuds
Arm über dem Handgelenk, so daß das Messer zu Boden fiel und der Arm
kraftlos herabsank. »Au, wie du schlägst,« sagte Knud. -- »Meinst du?«
entgegnete Thorbjörn und drang auf ihn ein. Knud konnte sich mit einem
Arm nur schlecht wehren, er wurde aufgehoben und davongetragen, aber es
währte lange, bis er wieder geworfen wurde. Er wurde mehrmals so hart
zu Boden geworfen, daß jeder andre genug daran gehabt hätte, aber Knuds
Rücken war stark; Thorbjörn stürzte vorwärts mit ihm, die Leute wichen
zurück, er kam ihnen nach mit seiner Last, so ging es um den ganzen
Hof herum, bis sie an die Treppe kamen, wo er ihn noch einmal in die
Höhe hob und mit solcher Gewalt zu Boden schleuderte, daß seine Knie
nachgaben und Knud über die steinernen Stufen fiel, daß es in ihm sang.
Knud blieb regungslos liegen, stieß einen tiefen Seufzer aus und schloß
die Augen. Thorbjörn erhob sich und sah sich um; sein Blick fiel gerade
auf die Braut, die regungslos dastand und zuschaute. -- »Holt etwas und
legt es ihm unter den Kopf,« sagte sie, wandte sich um und ging ins
Haus.

Zwei alte Weiber gingen vorüber; die eine sagte zu der andern:
»Herrgott, da liegt schon wieder einer! Wer ist denn das nun?« Ein
Mann antwortete: »Das ist Knud Nordhaug.« Da sagte die andre Frau: »Da
hat es in Zukunft wohl ein Ende mit diesen Schlägereien! Sie sollten
ihre Kräfte doch auch zu etwas Besserm gebrauchen.« -- »Da hast du ein
wahres Wort geredet, Randi,« meinte die andre; »Gott helfe ihnen so
weit, daß sie aneinander vorbei und zu etwas Höherm hinaufsehn lernen.«

Diese Worte machten einen eigentümlichen Eindruck auf Thorbjörn; er
hatte kein Wort gesagt, sondern stand schweigend da und sah den Leuten
zu, die um Knud beschäftigt waren. Mehrere sprachen mit ihm, aber er
antwortete nicht; er wandte sich ab und versank in Gedanken. Synnöve
trat ihm vor die Seele, und er schämte sich tief. Er überlegte, was für
eine Erklärung er ihr geben sollte, und er dachte darüber nach, daß es
doch nicht so leicht sei, sich zu bessern, wie er geglaubt hatte. In
demselben Augenblick hörte er hinter sich den Ruf: »Nimm dich in acht,
Thorbjörn!« Ehe er sich aber umwenden konnte, war er von hinten bei den
Schultern gepackt und niedergeworfen, und er fühlte nichts mehr als
einen stechenden Schmerz, ohne recht zu wissen, wo er ihn empfand. Er
hörte Stimmen um sich her, fühlte, daß gefahren wurde, glaubte selber
zeitweise, daß er führe, war sich aber über nichts klar.

Dies währte eine lange Zeit, es wurde kalt, dann bald wieder warm,
und dann war ihm so leicht, so leicht, daß er zu schweben glaubte
-- und jetzt begriff er es: er wurde von einem Baumgipfel zum andern
getragen, so daß er auf den Bergabhang hinaufkam, und höher hinauf,
bis auf die Alm -- noch höher hinauf -- bis auf den höchsten Berg;
da beugte Synnöve sich über ihn und weinte und sagte, er hätte doch
reden sollen. Sie weinte heftig und meinte, er hätte doch selber sehn
können, daß Knud Nordhaug ihm in den Weg träte -- ihm beständig in den
Weg getreten wäre, und da habe sie ja Knud nehmen müssen. Und dann
streichelte sie ihm sanft die eine Seite, so daß er da ganz warm wurde,
und weinte so, daß sein Hemd an der Stelle ganz naß wurde. Aslak aber
kauerte oben auf einem großen, spitzen Stein und zündete die Baumwipfel
ringsumher an, so daß es knisterte und prasselte und die Zweige um ihn
herumflogen, er selber lachte mit weit aufgerissenem Munde und sagte:
»Ich bin ja nicht, der es tut, meine Mutter tut es!« Und Sämund, sein
Vater, stand auf der einen Seite und warf Kornsäcke so hoch in die
Höhe, daß die Wolken sie zu sich emporzogen und das Korn ausbreiteten
wie einen Nebel -- und es erschien ihm sonderlich, daß sich das Korn
wie ein Nebel über den ganzen Himmel ausbreiten konnte. Als er zu
Sämund selbst hinabblickte, erschien ihm dieser so klein, so klein,
daß er schließlich kaum noch über den Erdboden aufragte, trotzdem aber
warf er die Säcke immer höher und höher und sagte: »Mach mir +das+
einmal nach, du!« -- Weit fort in den Wolken stand die Kirche, und die
blonde Frau von Solbakken stand oben auf dem Turm und winkte mit einem
rötlichgelben Taschentuch in der einen und einem Gesangbuch in der
andern Hand und sagte: »Hierher kommst du nicht, ehe du dir das Prügeln
und Fluchen abgewöhnt hast!« -- und als er genauer hinsah, war es nicht
die Kirche, sondern Solbakken, und die Sonne schien so grell auf alle
die Hunderte von Fensterscheiben, daß die Augen ihn schmerzten und er
sie fest schließen mußte. --

»Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!« hörte er eine Stimme sagen und
erwachte wie aus einem Schlummer davon, daß er getragen wurde, und als
er sich umsah, war er in die Stube zu Granliden gekommen; ein großes
Feuer brannte auf dem Herde, die Mutter stand neben ihm und weinte;
der Vater hatte gerade den Arm unter ihn geschoben -- er wollte ihn
in ein Nebenzimmer tragen. Da ließ der Vater ihn wieder los: »Es ist
noch Leben in ihm,« sagte er mit bebender Stimme zur Mutter gewandt. --
»Herr, sei uns gnädig!« rief sie, »er schlägt die Augen auf! Thorbjörn!
Thorbjörn! Geliebter Junge, was haben sie dir getan!« und sie beugte
sich über ihn herab und streichelte seine Wange, während ihre Tränen
warm auf sein Antlitz fielen. Sämund strich sich mit dem einen Ärmel
über das Auge, schob dann die Mutter sanft zur Seite: »Ich will ihn
lieber gleich nehmen!« Und er schob die eine Hand vorsichtig unter
die Schulter und legte die andre ein wenig tiefer unter den Rücken:
»Halte du den Kopf, Mutter, wenn er nicht Kraft genug haben sollte, ihn
zu tragen.« -- Sie ging voran und hielt den Kopf, Sämund versuchte,
Schritt mit ihr zu halten, und bald lag Thorbjörn auf dem Bett in der
andern Stube. Als sie ihn nun zugedeckt und sorgfältig gebettet hatten,
fragte Sämund, ob der Knecht fort sei. -- »Sieh, da ist er!« sagte die
Mutter und zeigte aus dem Fenster. Sämund öffnete das Fenster und rief
hinaus: »Wenn du in einer Stunde da bist, sollst du deinen Jahreslohn
doppelt haben -- einerlei, ob du das Pferd zuschanden reitest.«

Er kehrte wieder an das Bett zurück, Thorbjörn sah ihn mit großen,
klaren Augen an, der Vater mußte hineinschauen, und da begannen die
seinen feucht zu werden. »Ich wußte, daß es so enden würde,« sagte er
leise, wandte sich ab und ging hinaus. Die Mutter saß auf einem Schemel
zu den Füßen des Sohnes und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn
wollte sprechen, aber er fühlte, daß es ihm schwer fallen würde, und
so schwieg er. Aber er sah die Mutter unverwandt an, und die Mutter
hatte niemals einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, sie waren
auch nie so schön gewesen, und das schien ihr ein schlimmer Vorbote
zu sein. »Gott der Herr helfe dir!« rief sie endlich, »ich weiß, daß
es mit Sämund aus ist an dem Tage, wo du gehst!« Thorbjörn sah sie
mit unbeweglichen Augen und Zügen an. Dieser Blick ging ihr durch und
durch, und sie begann, ihm ein Vaterunser vorzubeten, denn sie glaubte,
daß er nur noch kurze Zeit zu leben habe. Während sie so dasaß, ging
es ihr durch den Sinn, wie teuer gerade er ihnen allen gewesen war,
und jetzt war keins von seinen Geschwistern zu Hause. Sie sandte einen
Boten nach der Alm hinauf, um Ingrid und einen jüngern Bruder zu holen,
kehrte dann zurück und setzte sich wieder an ihren alten Platz. Er
sah sie noch immer an, und sein Blick wirkte auf sie wie der Gesang
eines Kirchenliedes, der ihre Gedanken nach und nach zu höhern Dingen
hinleitete, und die alte Ingebjörg wurde andächtig, holte die Bibel
und sagte: »Jetzt will ich dir vorlesen, das wird dir wohltun.« Da sie
keine Brille zur Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie noch
aus ihrer Mädchenzeit ungefähr auswendig wußte, und das war aus dem
Evangelium Johannis. Sie war nicht sicher, ob er sie hörte, denn er lag
unbeweglich wie zuvor da und starrte sie nur an; aber sie las doch,
wenn nicht für ihn, so doch für sich selbst.

Ingrid war schnell daheim, um sie abzulösen, da aber schlief Thorbjörn.
Ingrid weinte unablässig; sie hatte schon zu weinen begonnen, ehe
sie von der Alm gegangen war; denn sie dachte an Synnöve, die nichts
erfahren hatte. -- Jetzt kam der Doktor und untersuchte ihn. Er hatte
einen Messerstich in die Seite bekommen und war auch sonst verletzt
worden, aber der Doktor sagte nichts, und niemand fragte ihn. Sämund
folgte ihm in die Krankenstube, blieb dort stehn und sah das Gesicht
des Doktors ununterbrochen an, ging mit ihm hinaus, half ihm auf das
Kariol und griff an die Mütze, als der Doktor sagte, daß er am nächsten
Tage wiederkommen würde. Dann wandte er sich zu seiner Frau, die mit
hinausgekommen war: »Wenn der Mann nichts sagt, ist es gefährlich!«
Seine Lippen bebten, er schlang den einen Fuß um den andern, und dann
ging er auf das Feld hinaus.

Niemand wußte, wo er geblieben war, denn an jenem Abend und auch in der
Nacht kehrte er nicht heim, sondern erst am nächsten Morgen, und da sah
er so finster aus, daß ihn niemand etwas zu fragen wagte. Er selber
fragte: »Nun?« -- »Er hat geschlafen!« antwortete Ingrid; »aber er ist
so kraftlos, daß er nicht einmal die Hand aufzuheben vermag.« Der Vater
wollte hinein, um nach ihm zu sehn, kehrte aber um, als er an die Tür
gekommen war.

Der Doktor war da, wie auch am folgenden Tage und mehrere Tage darauf;
Thorbjörn konnte sprechen, durfte sich aber nicht bewegen. Meist saß
Ingrid bei ihm, aber auch die Mutter und sein jüngerer Bruder; aber
er fragte sie nach nichts, und auch sie fragten ihn nicht. Der Vater
kam niemals herein; sie sahn, daß es dem Kranken auffiel; jedesmal,
wenn sich die Tür öffnete, merkte er auf, und sie glaubten, es müsse
sein, weil er den Vater erwarte. Schließlich fragte Ingrid ihn, ob
er sonst noch jemand zu sehn wünsche. -- »Ach, sie wollen mich wohl
nicht sehn,« erwiderte er. Dies wurde Sämund wiedererzählt, der nicht
gleich darauf antwortete; an diesem Tage aber war er nicht zu Hause,
als der Doktor kam. Als der Doktor aber die Landstraße eine Strecke
hinabgefahren war, traf er Sämund, der am Wege saß und auf ihn wartete.
Nachdem er ihn begrüßt hatte, fragte Sämund nach seinem Sohne. -- »Er
ist arg zugerichtet,« lautete die kurze Antwort. -- »Kommt er durch?«
fragte Sämund und zog den Sattelgurt des Pferdes an. -- »Danke, der
sitzt ganz gut,« sagte der Doktor. -- »Er war nicht stramm genug,«
erwiderte Sämund. Es entstand nun ein kurzes Schweigen, währenddessen
der Doktor ihn betrachtete. Sämund aber war eifrig mit dem Gurt
beschäftigt und sah nicht auf. -- »Du fragtest, ob er durchkommen
würde; ich glaube wohl,« sagte der Doktor langsam. Sämund sah hastig
auf. -- »Ist er außer Lebensgefahr?« fragte er. -- »Das ist er schon
seit mehreren Tagen,« antwortete der Doktor. Da tropften ein paar
Tränen aus Sämunds Augen; er versuchte sie wegzuwischen, aber sie kamen
wieder: »Es ist wirklich eine Schande, wie ich an dem Jungen hing,«
schluchzte er, »aber siehst du, Doktor, einen stattlichern Burschen
gibts im ganzen Kirchspiel nicht.« -- Der Doktor war gerührt: »Weshalb
hast du erst jetzt danach gefragt?« -- »Ich war nicht stark genug,
es zu hören,« erwiderte Sämund und kämpfte noch mit den Tränen, die
er nicht zurückzuhalten vermochte, -- »und da waren die Weiber« --
fuhr er fort, »sie gaben jedesmal acht, ob ich fragen würde, und da
konnte ich nicht.« -- Der Doktor ließ ihm Zeit, sich zu beruhigen, und
dann sah ihn Sämund fest an: »Bekommt er seine Gesundheit wieder?«
fragte er plötzlich. -- »Bis zu einem gewissen Grade; übrigens kann
man noch nichts mit Bestimmtheit sagen.« -- Da wurde Sämund ruhig und
nachdenklich. -- »Bis zu einem gewissen Grade,« murmelte er. Er stand
da und sah vor sich hin; der Doktor wollte ihn nicht stören, weil ein
gewisses Etwas an dem Mann ihm das verbot. Plötzlich hob Sämund den
Kopf in die Höhe: »Ich danke dir für die Nachricht,« sagte er, reichte
ihm die Hand und ging zurück.

Zu derselben Zeit saß Ingrid bei dem Kranken. »Wenn du dich stark
genug fühlst, mich anzuhören, dann will ich dir etwas von dem Vater
erzählen,« sagte sie. -- »Erzähle,« sagte er. -- »Ja, den ersten
Abend, als der Doktor hier gewesen war, verschwand der Vater, und
niemand wußte, wo er war. Er aber war drüben im Hochzeitshause
gewesen, und allen Leuten war ganz unheimlich zumute geworden, als
er kam. Er hatte sich unter sie gesetzt und hatte getrunken, und der
Bräutigam hat erzählt, er glaube, der Vater habe sich einen kleinen
Rausch angetrunken. Dann erst fing er an, sich nach der Prügelei zu
erkundigen, und er erhielt genauen Bescheid, wie alles zugegangen war.
Knud kam hinzu, und nun wollte der Vater, daß +er+ erzählen solle,
und er ging auf den Hof hinaus nach der Stelle, wo ihr euch geprügelt
hattet. Alle Leute gingen mit. Knud erzählte ihm dann, wie du ihm
mitgespielt hättest, nachdem du ihm die Hand lahm geschlagen hattest,
als aber Knud nicht weitererzählen wollte, sprang der Vater auf und
fragte, ob es dann so zugegangen sei -- und damit ergriff er Knud
bei der Brust, hob ihn auf und legte ihn auf die Steinplatte, an der
noch dein Blut klebte. Er hielt ihn mit der linken Hand nieder und zog
mit der rechten sein Messer; Knud wurde leichenblaß, und alle Gäste
schwiegen. Einige von den Leuten haben gesehn, wie der Vater weinte,
aber er tat Knud nichts. Knud selber rührte sich nicht. Dann hob der
Vater Knud wieder in die Höhe, legte ihn aber nach einer Weile wieder
nieder: »Es wird mir sauer, dich laufen zu lassen,« sagte er und stand
da und starrte ihn an, während er ihn festhielt.

»Zwei alte Frauen gingen vorüber, und die eine von ihnen sagte: ›Denke
an deine Kinder, Sämund Granliden!‹ Und sie sagen, da hätte der
Vater Knud sofort losgelassen, und nach einer Weile sei er vom Hofe
verschwunden gewesen; Knud aber schlich sich zwischen den Gebäuden weg
von der Hochzeit und kehrte nicht wieder zurück.«

Kaum hatte Ingrid diese Erzählung beendet, als sich die Tür öffnete
und jemand hereinsah. Es war der Vater. Sie ging sogleich hinaus, und
Sämund kam herein. Was die beiden miteinander gesprochen haben, hat
niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand, um zu lauschen,
glaubte aufgefangen zu haben, daß sie davon gesprochen hätten, wie weit
er seine Gesundheit wieder erlangen würde. Aber sie war sich dessen
nicht ganz sicher, wollte auch nicht hineingehn, solange Sämund da war.
Als Sämund herauskam, war er sehr weich gestimmt, und seine Augen waren
gerötet. »Wir behalten ihn noch,« sagte er im Vorübergehn zu Ingebjörg.
»Aber Gott weiß, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird.«
Ingebjörg fing an zu weinen und folgte ihrem Mann auf den Hof hinaus.
Auf der Treppe des Vorratshauses setzten sie sich nebeneinander, und
nun wurde gar manches zwischen den beiden beredet.

Als aber Ingrid wieder leise zu Thorbjörn hineinkam, lag er mit einem
kleinen Zettel in der einen Hand da und sagte ruhig und langsam: »Das
hier mußt du Synnöve geben, sobald du sie wiedersiehst.« Als Ingrid
gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich um und weinte; denn
auf dem Zettel stand:

An die wohlgeachtete Jungfer Synnöve Guttormstochter Solbakken!

Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, muß es zwischen uns beiden vorbei
sein. Denn ich bin nicht der, den Du haben sollst. Der liebe Gott sei
mit uns beiden.

            Thorbjörn Sämundsen Granliden.



6


Synnöve hatte es am Tage darauf erfahren, daß Thorbjörn zur Hochzeit
gewesen war. Sein jüngerer Bruder war mit der Nachricht nach der
Alm hinaufgekommen. Ingrid aber hatte ihn gerade noch draußen im
Vorbau erwischt, als er gehn wollte, und sie hatte ihm eingeschärft,
was er sagen sollte. Synnöve wußte deswegen nichts weiter, als daß
Thorbjörn umgeworfen hatte und dann nach Nordhaug gegangen war, um
Hilfe zu suchen, daß Knud und er dort aneinandergeraten waren und daß
Thorbjörn leicht zu Schaden gekommen wäre und jetzt zu Bette liege,
ohne daß indessen die Sache gefährlich sei. Die Nachricht war derart,
daß Synnöve sich mehr darüber ärgerte als betrübte. Und je mehr sie
darüber nachsann, um so verzagter wurde sie. Wie viele Versprechungen
er ihr auch machte, immer betrug er sich doch wieder so, daß die Eltern
etwas gegen ihn zu sagen hatten. ›Aber trotzdem lassen wir uns nicht
auseinanderbringen,‹ dachte Synnöve.

Es kam nicht häufig Nachricht auf die Alm hinauf, und deswegen währte
es eine ganze Weile, ehe Synnöve wieder etwas erfuhr. Die Ungewißheit
lastete schwer auf ihrem Gemüt, und Ingrid kam nicht wieder herauf,
folglich mußte sich irgend etwas ereignet haben. Sie war nicht mehr
imstande, ihre Kühe des Abends heimzusingen, so wie sie es früher getan
hatte, und des Nachts schlief sie nicht gut, da Ingrid ihr fehlte. So
kam es, daß sie am Tage müde war, und das machte ihr den Sinn nicht
leichter. Sie ging umher und arbeitete, sie scheuerte Milcheimer
und Tonnen, machte Käse und setzte Milch an, aber es geschah alles
ohne Lust, und Thorbjörns jüngerer Bruder und der andre Junge, der
zusammen mit ihm das Vieh hütete, glaubten jetzt steif und fest, daß
zwischen ihr und Thorbjörn etwas los sei, was ihnen Stoff zu mancher
Unterhaltung gab oben auf den Halden.

Am Nachmittage des achten Tages, nachdem Ingrid nach Hause geholt
worden war, fühlte sie den Druck mehr als je auf sich lasten. Nun war
so lange Zeit verflossen, und noch immer keine Nachricht da. Sie ließ
ihre Arbeit liegen und setzte sich und sah über das Tal hin; das war
ihr, als hätte sie Gesellschaft, und sie wollte nun einmal nicht mehr
allein sein. Wie sie so dasaß, wurde sie müde, legte den Kopf auf ihren
Arm und schlief ein; die Sonne aber stach, und es war ein unruhiger
Schlaf. Sie war drüben auf Solbakken, oben auf der Bodenkammer, wo ihre
Sachen standen, und wo sie zu schlafen pflegte; die Blumen aus dem
Garten sandten einen süßen Duft zu ihr herauf, wenn auch nicht den, an
den sie gewohnt war, sondern einen andern, fast wie von Heidekraut.
›Woher mag das wohl kommen?‹ dachte sie und beugte den Kopf zum offnen
Fenster hinaus. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und pflanzte
Heidekraut. -- »Aber, Liebster, weshalb tust du denn das?« fragte sie.
-- »Ach, die Blumen wollen nicht wachsen,« erwiderte er und arbeitete
weiter im Garten. Da tat es ihr leid um die Blumen, und sie bat ihn,
sie ihr doch heraufzubringen. -- »Ja, das will ich gern tun,« meinte
er, und dann sammelte er sie auf und brachte sie ihr; aber es war nicht
mehr in der Bodenkammer, wo sie saß, denn jetzt konnte er geradeswegs
zu ihr hereinkommen. Gerade da kam die Mutter herein. »In Jesu Namen!
Soll der abscheuliche Bursche von Granliden zu dir hereinkommen?«
sagte die Mutter, sprang hinzu und stellte sich ihm gerade in den Weg.
Aber er wollte dennoch herein, und nun begannen die beiden miteinander
zu ringen. -- »Mutter, Mutter, er wollte mir ja nur meine Blumen
bringen,« bat Synnöve und weinte. -- »Ja, das hilft nichts,« sagte die
Mutter und rang weiter. Und Synnöve war so erschrocken, so erschrocken,
denn sie wußte nicht, wem sie den Sieg wünschen sollte, unterliegen
aber sollte keins von ihnen. -- »Nimm meine Blumen in acht!« rief sie,
aber sie rangen jetzt heftiger als zuvor, und all die schönen Blumen
wurden ringsumhergestreut. Die Mutter trat darauf, und er auch; Synnöve
weinte. Als aber Thorbjörn die Blumen hatte fallen lassen, wurde er so
häßlich, so häßlich; das Haar wurde lang, und das Gesicht wurde ganz
groß, die Augen blickten so böse, und mit langen Krallen packte er die
Mutter. -- »Nimm dich in acht, Mutter! siehst du nicht, daß es ein
andrer ist? -- nimm dich in acht!« schrie sie und wollte der Mutter
helfen, konnte sich aber nicht vom Fleck rühren. Da rief jemand nach
ihr -- und noch einmal hörte sie ihren Namen rufen. Sofort aber stürzte
Thorbjörn hinaus, und die Mutter ihm nach. Abermals hörte sie ihren
Namen rufen. -- »Ja!« sagte Synnöve und erwachte.

»Synnöve!« rief es. -- »Ja,« antwortete sie und sah auf. -- »Wo bist
du?« fragte eine Stimme. -- ›Das ist die Mutter, die mich ruft,‹ dachte
Synnöve, erhob sich und ging nach dem Weideplatz, wo die Mutter mit
einem Eßkorb in der einen Hand stand, während sie sich mit der andern
die Augen beschattete und zu ihr hinübersah.

»Hier liegst du und schläfst auf der bloßen Erde!« sagte die Mutter. --
»Ich war so müde,« entgegnete Synnöve, »daß ich mich einen Augenblick
niederlegte, und ich bin eingeschlafen, ehe ich michs versah.« --
»Davor mußt du dich in Zukunft hüten, mein Kind. Hier ist etwas für
dich in dem Korbe; ich habe gestern gebacken, da Vater eine lange Reise
antreten will.« -- Synnöve fühlte aber, daß die Mutter nicht deswegen
allein gekommen war, und sie meinte, daß sie nicht ohne Grund von ihr
geträumt habe. Karen, so hieß die Mutter, war, wie schon vorher gesagt
worden ist, klein und fein gebaut, mit blondem Haar und blauen Augen,
die ihr lebhaft im Kopfe herumgingen. Sie lächelte ein wenig, wenn
sie sprach, aber nur, wenn sie mit fremden Leuten redete. Ihre Züge
waren mit der Zeit ein wenig scharf geworden, sie war rasch in ihren
Bewegungen und war immer sehr geschäftig. -- Synnöve dankte ihr für
das Mitgebrachte, hob den Deckel ab und sah nach, was es war. -- »Ach,
das hat Zeit bis später.« sagte die Mutter; »ich habe vorhin bemerkt,
daß deine Milchkübel noch nicht gescheuert waren, mein Kind, das mußt
du immer tun, ehe du dich zur Ruhe legst.« -- »Ja, das war heute auch
nur ausnahmsweise.« -- »Komm jetzt, dann will ich dir helfen, da ich
nun einmal hier bin,« sagte die Mutter und stürzte die Röcke auf. »Du
mußt dich an Ordnung gewöhnen, du magst unter meiner Aufsicht sein oder
nicht.« -- Sie ging voraus nach der Milchkammer, und Synnöve folgte
ihr langsam. Sie nahmen alles heraus und wuschen es ab; die Mutter sah
das Geschirr nach und fand alles in gutem Zustande vor, sie erteilte
fleißig Ratschläge und half beim Ausfegen; so vergingen ein paar
Stunden. Während der Arbeit hatte sie Synnöve erzählt, was sie daheim
trieben, und wieviel sie zu tun gehabt habe, um alles für die Abreise
des Vaters fertigzumachen. Dann fragte sie, ob Synnöve auch daran
denke, Gottes Wort zu lesen, ehe sie sich am Abend schlafen lege; »denn
das darfst du nicht vergessen,« sagte sie, »sonst geht die Arbeit am
nächsten Tage schlecht.«

Als sie mit allem fertig waren, gingen sie auf den Weideplatz hinaus,
um dort die Kühe zu erwarten. Und als sie eine Weile beieinander
gesessen hatten, fragte die Mutter nach Ingrid, ob die nicht bald
wieder auf die Alm heraufkäme. Synnöve wußte darüber nicht mehr als
die Mutter. -- »Ja, so kann es den Leuten gehn!« sagte die Mutter, und
Synnöve begriff sehr wohl, daß nicht Ingrid gemeint war; sie hätte
gern von etwas anderm angefangen, aber sie hatte nicht den Mut dazu.
-- »Wer den Herrn nicht im Herzen trägt, der wird von ihm heimgesucht,
wenn ers am mindesten glaubt,« sagte die Mutter. -- Synnöve erwiderte
kein Wort. -- »Nein, das habe ich immer gesagt, aus dem Burschen wird
nichts -- -- sich so zu benehmen! -- pfui!« -- Sie kauerten beide auf
dem Rasen und sahn hinunter ins Tal, aber sie sahn sich nicht an. --
»Hast du gehört, wie es mit ihm steht?« fragte die Mutter und sah nun
schnell zu der Tochter hinüber. -- »Nein,« antwortete Synnöve. -- »Es
soll schlecht mit ihm stehn,« sagte die Mutter. Die Brust schnürte sich
Synnöve zusammen. -- »Ist es denn gefährlich?« fragte sie. -- »Ach ja,
da ist der Messerstich in die Seite -- und dann hat er auch noch arge
Schläge bekommen.« -- Synnöve fühlte, daß sie dunkelrot wurde; sie
wandte sich hastig ab, daß es die Mutter nicht sehn sollte. -- »Aber
das hat wohl nicht viel zu bedeuten?« fragte sie so ruhig, wie es ihr
nur möglich war; die Mutter aber hatte bemerkt, wie heftig ihre Brust
arbeitete, deswegen antwortete sie: »Ach nein, das hat es wohl nicht!«
-- Da begann Synnöve zu ahnen, daß etwas sehr Ernstes vorgefallen
sein müsse. -- »Liegt er?« fragte sie. -- »Natürlich liegt er! Es ist
ein Jammer um die Eltern, so brave Leute! Gut erzogen ist er auch,
so kann ihnen Gott das nicht zur Last legen.« -- Synnöve wurde nun
so beklommen, daß sie sich nicht zu helfen wußte. Da fuhr die Mutter
fort: »Nun zeigt es sich, was für ein Glück es ist, daß niemand an ihn
gebunden ist. Der liebe Gott führt doch alles zum besten.« -- Synnöve
wurde so schwindlig, als müsse sie den Berg hinabstürzen.

»Nein, ich habe es immer zum Vater gesagt, ich: Gott bewahre uns, habe
ich gesagt, wir haben nur diese einzige Tochter, und für die müssen wir
sorgen. Er ist ein wenig weich von Natur, der Vater, so brav er sonst
ist; da ist es denn ein Glück, daß er Rat da sucht, wo er ihn findet,
nämlich in Gottes Wort.«

Als nun aber Synnöve an ihren Vater dachte, wie sanft der allezeit war,
wurde es ihr noch schwerer, die Tränen zu unterdrücken, und diesmal
half denn auch kein Widerstand; sie fing an zu weinen. -- »Weinst du?«
fragte die Mutter und sah nach ihr hin, ohne ihr jedoch ins Gesicht
sehn zu können. -- »Ja, ich dachte an den Vater, und da -- --« und
nun brachen die Tränen gewaltsam hervor. -- »Aber liebes Kind, was
hast du nur?« -- »Ach, ich weiß nicht recht -- es überkam mich so --
-- vielleicht kann es ihm übel ergehn auf dieser Reise," schluchzte
Synnöve. -- »Wie kannst du nur so reden,« sagte die Mutter; »weswegen
sollte es ihm nicht gut gehn auf der Reise zur Stadt, die ebene
Landstraße entlang!« -- »Ja -- aber denk doch nur -- wie es -- dem
andern erging,« schluchzte Synnöve. -- »Ja -- dem! -- Aber dein Vater
fährt doch nicht drauflos wie ein Verrückter, sollt ich meinen! Er
kehrt sicher wohlbehalten wieder heim -- wenn nur Gott seine Hand über
ihm hält!«

Der Mutter aber gaben diese Tränen, die gar nicht wieder aufhören
wollten, zu denken. Und wie sie so dasaß, sagte sie plötzlich: »Es
gibt viele Dinge auf dieser Welt, die schwer genug sein können, aber
da muß man sich damit trösten, daß sie noch viel schwerer hätten sein
können.« -- »Ja, das ist ein trauriger Trost,« sagte Synnöve und
weinte bitterlich. Die Mutter konnte es nicht über das Herz bringen,
zu antworten, was sie dachte, so sagte sie denn nur: »Gott der Herr
lenkt gar vieles für uns in sichtbarer Weise; das hat er wohl auch
hier getan!« Und dann erhob sie sich, denn die Kühe fingen an oben auf
dem Bergrücken zu brüllen, die Glocken erklangen, die Hirtenjungen
jubelten, und die Herde kam langsam bergab, da das Vieh satt und ruhig
war. Sie stand da und sah zu, dann hieß sie Synnöve mitkommen und sie
in Empfang nehmen. Synnöve erhob sich jetzt auch und folgte der Mutter,
aber es ging langsam.

Karen Solbakken war nun vollauf in Anspruch genommen durch die
Begrüßung ihrer Herde. Da kam eine Kuh nach der andern herbei, und
alle erkannten sie und brüllten. Sie streichelte sie, sprach mit ihnen
und wurde wieder fröhlich, als sie sah, wie gut sie alle zugenommen
hatten. -- »Ach ja,« sagte sie, »Gott ist dem nahe, der sich zu ihm
hält!« -- Sie half nun Synnöve das Vieh eintreiben, denn bei Synnöve
ging es heute nur langsam. Die Mutter sagte nichts dazu; sie half ihr
auch beim Melken, obwohl sie infolgedessen länger da oben blieb, als
sie beabsichtigt hatte. Als sie nun die Milch geseiht hatten, schickte
die Mutter sich an, heimzukehren, und Synnöve wollte sie eine Strecke
begleiten. -- »Ach nein,« sagte die Mutter, »du bist sicher müde und
sehnst dich nach Ruhe«; und so nahm sie denn den leeren Korb, gab ihr
die Hand und sagte, indem sie sie fest ansah: »Ich komme bald wieder
herauf, um zu sehn, wie es dir geht. -- -- Halte dich zu uns, und denke
nicht an andre.«

Kaum war die Mutter ihr aus dem Gesichtskreis entschwunden, als sie
schon darüber nachdachte, wie sie am schnellsten einen Boten nach
Granliden hinabschicken könnte. Sie rief Thorbjörns Bruder, sie wollte
ihn hinabsenden; aber als er kam, konnte sie sich nicht entschließen,
sich ihm anzuvertrauen, deswegen sagte sie: »Ach, es war nichts!« Dann
dachte sie daran, selber zu gehn. Gewißheit mußte sie haben, und es war
unrecht von Ingrid, ihr keine Nachricht zu senden. Die Nacht war ganz
hell, und der Hof lag nicht so weit talabwärts, daß sie den Weg nicht
hätte machen können, wenn es sie so hinabzog. Während sie dasaß und
hierüber nachdachte, wiederholte sie sich in Gedanken noch einmal alles
das, was die Mutter gesagt hatte, und ihre Tränen begannen von neuem zu
fließen. Da aber zögerte sie nicht länger, warf ein Tuch um und wählte
einen Schleichweg, damit die Jungen nichts merken sollten.

Je weiter sie kam, um so mehr beeilte sie sich, und schließlich
sprang sie den Fußpfad hinunter, daß die kleinen Steine abbröckelten,
hinabrollten und ihr Schrecken verursachten. Obwohl sie wußte, daß es
nur Steine waren, die rollten, war es ihr doch, als wenn jemand in
der Nähe sei, und sie mußte stehnbleiben und lauschen. Aber es war
nichts, und sie sprang schneller als zuvor bergab. Da geschah es, daß
sie mit einem stärkern Sprung auf einen großen Stein geriet, der ein
Stück aus dem Wege hervorragte, sich aber jetzt löste und an ihr vorbei
hinunterrollte. Er machte argen Lärm, es knackte in den Büschen, und
sie war ganz bange, erschrak aber noch mehr, als sie leibhaftig sah,
wie sich da unten jemand erhob und bewegte. Zuerst dachte sie, es
könne ein wildes Tier sein, sie blieb stehn und hielt den Atem an --
auch die Gestalt unten am Wege stand still. »Hoi--ho!« rief es. Es war
die Mutter. Das erste, was Synnöve tat, war, daß sie zur Seite sprang
und sich versteckte. Sie saß eine ganze Weile da und wartete, ob die
Mutter sie erkannt hätte und zurückkäme; aber das tat sie nicht. Dann
wartete sie noch eine Weile, damit die Mutter einen guten Vorsprung
gewänne. Als sie sich dann wieder auf den Weg machte, ging sie ganz
langsam, und bald näherte sie sich den Häusern.

Sie wurde wieder ein wenig beklommen, als sie das Gehöft liegen sah,
und ihre Beklommenheit nahm zu, je näher sie kam. Alles war still
dort, die Arbeitsgerätschaften standen an die Wand gelehnt, Brennholz
lag gehauen und aufgestapelt da, und die Axt war in den Holzblock
festgeschlagen. Sie ging vorbei und auf die Tür zu; dort blieb sie noch
einmal stehn, sah sich um und lauschte; es rührte sich aber nichts.
Und wie sie so dastand und unschlüssig war, ob sie auf den Boden
hinauf zu Ingrid gehn solle oder nicht, kam ihr der Gedanke, es müsse
wohl eine solche Nacht gewesen sein, damals vor Jahren, als Thorbjörn
hinübergekommen war und ihre Blumen eingepflanzt hatte. Schnell zog sie
die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.

Ingrid erschrak sehr, als sie erwachte und sah, daß es Synnöve war,
die sie geweckt hatte. -- »Wie geht es ihm?« fragte Synnöve. Jetzt
fiel Ingrid alles wieder ein, und sie wollte sich ankleiden, um
nicht sogleich antworten zu müssen. Synnöve aber setzte sich auf die
Bettkante, bat sie, sich wieder hinzulegen, und wiederhole die Frage.

»Jetzt geht es besser,« sagte Ingrid flüsternd; »ich komme bald hinauf
zu dir.« -- »Liebe Ingrid, verbirg mir nichts; du kannst mir nichts
Schlimmes sagen, was ich mir nicht viel schlimmer gedacht habe.«
-- Ingrid war noch immer bemüht, Synnöve zu schonen, deren Furcht
aber drängte sie, und es blieb ihr keine Zeit, Ausflüchte zu machen.
Flüsternd fielen die Fragen, flüsternd die Antworten; das tiefe
Schweigen ringsumher machte sowohl Frage als Antwort noch schwerer, so
daß es einer der feierlichen Augenblicke wurde, wo man es wagt, der
Wahrheit gerade ins Auge zu sehn. Darüber aber wurden sich beide klar,
daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war und daß sich nichts Schlechtes
von seiner Seite zwischen ihn und ihr Mitgefühl für ihn drängte. Da
weinten sich beide gründlich satt, aber sie weinten leise, und Synnöve
weinte am heftigsten; sie saß ganz zusammengesunken auf der Bettkante.
Ingrid suchte sie zu erheitern dadurch, daß sie sie daran erinnerte,
wieviel Freude sie alle drei miteinander gehabt hätten; da aber ging
es hier, wie es so oft geht, daß sich jede kleine Erinnerung aus den
Tagen, über denen stiller Sonnenschein liegt, jetzt im Kummer in Tränen
auflöst.

»Hat er nach mir gefragt?« flüsterte Synnöve. -- »Er hat fast noch gar
nicht gesprochen.« -- Ingrid dachte an den Zettel, und der fing an, sie
zu bedrücken. -- »Ist er denn nicht imstande, zu sprechen?« -- »Ich
weiß nicht, wie es sich damit verhält -- er denkt wohl um so mehr.«
-- »Liest er?« -- »Die Mutter hat ihm vorgelesen, jetzt muß sie es
jeden Tag tun.« -- »Was sagt er denn?« -- »Nein, er sagt nichts -- das
erzählte ich dir ja schon. Er liegt nur da und sieht vor sich hin.« --
»Liegt er in der gemalten Stube?« -- »Ja.« -- »Mit dem Kopfe nach dem
Fenster zu?« -- »Ja!« -- Sie schwiegen beide eine Weile. Dann sagte
Ingrid: »Das kleine St. Johannisspiel, das du ihm einmal geschenkt
hast, hängt dort im Fenster und dreht sich.«

»Ja, es ist mir einerlei,« sagte Synnöve plötzlich und mit Nachdruck;
»nie im Leben soll mich jemand dahin bringen, daß ich ihn aufgebe, es
mag gehn, wie es will!« -- Ingrid wurde sehr beklommen: »Der Doktor
weiß nicht, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird,« flüsterte
sie.

Da richtete Synnöve den Kopf auf, drängte die Tränen zurück, sah sie
an, ohne ein Wort zu sagen, ließ den Kopf wieder sinken und blieb in
Gedanken verloren sitzen; die letzten Tränen rannen ihr leise die
Wangen hinab, aber es kamen keine neuen mehr; sie faltete die Hände,
bewegte sich aber nicht: es war, als sitze sie da und fasse einen
großen Entschluß. Dann erhob sie sich plötzlich mit einem Lächeln,
beugte sich über Ingrid hinab und gab ihr einen warmen, langen Kuß. --
»Erlangt er seine Gesundheit nicht wieder, dann will ich ihn pflegen.
Jetzt rede ich mit meinen Eltern.«

Dies rührte Ingrid tief; ehe sie aber etwas erwidern konnte, fühlte
sie ihre Hand ergriffen: »Leb wohl, Ingrid! Jetzt will ich allein
hinaufgehn.« -- Und sie wandte sich schnell ab.

»Da ist noch ein Zettel!« rief Ingrid ihr flüsternd nach. -- »Ein
Zettel?« fragte Synnöve. Ingrid war schon aus dem Bett, suchte ihn
hervor und brachte ihn ihr; indem sie ihn ihr aber mit der linken Hand
in den Busen steckte, schlang sie den rechten Arm um ihren Hals und gab
ihr den Kuß zurück, während Synnöve ihre Tränen warm und schwer auf ihr
Gesicht fallen fühlte. Dann schob Ingrid sie leise zur Tür hinaus und
schloß ab, denn sie hatte nicht den Mut, das Weitere mit anzusehn.

Synnöve schlich leise auf den Socken die Treppe hinab; da aber zu
viele Gedanken auf sie einstürmten, machte sie unversehens Geräusch,
erschrak, eilte über die Flur, ergriff die Schuhe und lief, sie in der
Hand haltend, an den Wirtschaftsgebäuden vorüber, über die Felder, bis
an das Zauntor; dort hielt sie inne, zog die Schuhe an und begann nun
eiligen Schrittes bergan zu gehn, denn ihr Blut war in Wallung geraten.
Sie schritt dahin, summte eine Melodie, ging schneller und schneller,
bis sie zuletzt müde wurde und sich setzen mußte. Da erinnerte sie sich
des Zettels. -- --

Als der Hirtenhund am nächsten Morgen Lärm machte, als die Jungen
erwachten und die Kühe gemolken und hinausgelassen werden sollten, war
Synnöve noch nicht zurückgekehrt.

Während die Hirtenjungen noch dastanden und sich wunderten, wo sie wohl
sein könnte, und herausfanden, daß sie die ganze Nacht nicht zu Bette
gewesen war -- da erschien Synnöve.

Sie war sehr blaß und still. Ohne ein Wort zu sagen, begann sie die
Mahlzeit für die Hirtenjungen zu bereiten, packte ihnen Mundvorrat ein
und half ihnen dann beim Melken.

Der Nebel hing noch schwer über den niedrigen Bergrücken, das
Heidekraut auf der braunroten Weide glitzerte vom Morgentau, es war
ziemlich kalt, und wenn der Hund bellte, hallte es von allen Seiten
wider. Die Kühe wurden herausgelassen, sie brüllten in der frischen
Luft, und eine nach der andern ging den Fußsteg entlang; dort aber saß
der Hund schon, nahm sie in Empfang und hielt sie zurück, bis alle
herausgekommen waren, worauf auch er sie durchließ; das Schellengeläute
tönte über den Bergrücken hin, der Hund bellte so, daß es durch das
Läuten drang, die Jungen versuchten, wer am lautesten jodeln könnte.
Von all diesem Lärm wandte sich Synnöve ab und ging nach der Stelle
auf der Alm, wo Ingrid und sie zu sitzen pflegten. Sie weinte nicht,
still saß sie da und starrte vor sich hin und vernahm nur von Zeit
zu Zeit das lebensfrohe Geräusch, das sich immer mehr entfernte und
harmonischer ineinanderfloß, je größer die Entfernung wurde. Währenddes
fing sie an, eine Melodie leise vor sich hin zu summen, dann sang sie
ein wenig lauter, und schließlich erscholl mit klarer, lauter Stimme
folgendes Lied. Sie hatte es einem andern nachgebildet, das sie von
Kindheit an gekannt hatte.

    »Nun habe Dank für alles, seit wir klein
    Zu frohem Spiele reichten uns die Hände,
    Ich dachte mir, so sollt es immer sein,
    Ja, bis an unsrer Tage Ende.

    Ich hoffte, daß vom Birkenbaum hinaus,
    Dem schimmernden, das frohe Spiel uns führe
    Bis in das sonnig helle Vaterhaus
    Und zu des roten Kirchleins Türe.

    Ich saß und schaute nach dem grünen Tann
    Und wartete in vielen Abendstunden,
    Doch Schatten schlich den dunkeln Berg hinan,
    Und nie hast du den Weg gefunden.

    Ich saß und wartete und hoffte noch:
    Ja, morgen findet er den Weg herüber.
    Und es erlosch die schwache Flamme doch,
    Es kam der Tag und ging vorüber.

    Das arme Auge, vom gewohnten Ziel
    Wird es ihm schwer, für immer sich zu trennen;
    Ach auf kein andres je der Blick noch fiel,
    Heiß fühl ichs unterm Lide brennen!

    Ihr meint, ich fände Trost an +einem+ Ort:
    Das Kirchlein ist es an der Bergesleite.
    O schweigt! wie fände ich wohl Ruhe dort:
    Da sitzet er mir ja zur Seite!

    Wohlan, so weiß ich doch, wer uns so nah
    Die Höfe setzte, einen bei dem andern,
    Wer unserm Blicke wies die Straße da
    Und ihm erlaubte, sie zu wandern.

    Wohlan, so weiß ich doch, wer uns so nah
    Des Kirchleins Stühle fügte wie zum Paare
    Und machte, daß sie eng verbunden da
    Hinüberschauen zum Altare.



7


Eine ganze Weile nach alle diesem saßen Guttorm Solbakken und Karen
zusammen in der großen, hellen Stube auf Solbakken und lasen einander
aus einigen neuen Büchern vor, die sie aus der Stadt erhalten hatten.
Sie waren am Vormittag in der Kirche gewesen, denn es war Sonntag; dann
hatten sie einen kleinen Gang durch die Felder gemacht, um zu sehn, wie
die Saat stehe, und um zu überlegen, welche Äcker im nächsten Jahre
brachliegen und welche bebaut werden sollten. Sie waren von einem
Brachfelde und Acker zum andern gegangen, und es schien ihnen, als sei
ihr Besitztum gut vorwärts gekommen, seit sie es bewirtschafteten.
»Gott weiß, wie es aussehn wird, wenn wir einmal fort sind,« harte
Karen gesagt. Da hatte Guttorm sie gebeten, mit hineinzukommen und
in den neuen Büchern zu lesen; denn man tut am besten, wenn man sich
solche Gedanken aus dem Sinne schlägt.

Nun waren aber die Bücher durchgesehn, und Karen meinte, die alten
wären besser: »Die Leute schreiben nur wieder daraus ab!« -- »Daran
mag etwas Wahres sein; Sämund sagte heute in der Kirche zu mir, die
Kinder wären auch nur die Eltern noch einmal wieder.« -- »Ja, du und
Sämund, ihr habt heute viel miteinander gesprochen.« -- »Sämund ist ein
verständiger Mann.« -- »Er hält sich aber wenig zu seinem Herrn und
Heiland, fürchte ich.« -- Hierauf erwiderte Guttorm nichts. -- -- »Wo
ist denn nur Synnöve geblieben?« fragte die Mutter. -- »Die ist oben
auf dem Boden,« antwortete er. -- »Du saßest ja vorhin bei ihr, wie war
sie gestimmt?« -- »Ach -- -- du hättest sie dort nicht allein sitzen
lassen sollen.« -- Es kam jemand. -- Die Frau schwieg eine Weile. --
»Wer war denn das?« -- »Ingrid Granliden.«

»Ich glaubte, sie sei noch auf der Alm.« -- »Sie ist heute nach Hause
gekommen, daß die Mutter zur Kirche gehn konnte.« -- »Ja, wir haben
sie ja auch wirklich einmal da gesehn.« -- »Sie hat viel zu schaffen.«
-- »Das haben andre auch; aber man kommt schon dahin, wohin das Herz
steht.« -- Guttorm erwiderte nichts hierauf. -- Nach einer Weile sagte
Karen: »Heute waren alle Leute aus Granliden da, Ingrid ausgenommen.«
-- »Ja, das war wohl, um Thorbjörn das erstemal das Geleite zu geben.«
-- »Er sah elend aus.« -- »Das war nicht anders zu erwarten; ich
wunderte mich, daß er noch so gut aussah.« -- »Ja, er hat für seine
Torheit büßen müssen.« -- Guttorm sah ein wenig vor sich nieder: »Er
ist ja noch die pure Jugend!« -- »Es ist kein guter Grund in ihm, man
kann sich niemals auf ihn verlassen.«

Guttorm, der die Ellenbogen auf den Tisch gestützt hatte und ein Buch
in der Hand hin und her drehte, öffnete dieses, und indem er scheinbar
anfing, leise darin zu lesen, ließ er die Worte fallen: »Man meint,
daß er ganz sicher seine Gesundheit wiedererlangen wird.« -- Auch die
Mutter nahm jetzt ein Buch: »Das wäre ein großes Glück für einen so
schönen Burschen,« sagte sie. »Der liebe Gott lehre ihn in Zukunft
bessern Gebrauch davon machen.« -- Sie lasen beide; dann sagte Guttorm,
indem er ein Blatt umwandte: »Er hat heute nicht ein einziges Mal zu
ihr hinübergesehn.« -- »Nein, ich bemerkte auch, daß er ruhig in seinem
Stuhle sitzen blieb, bis sie gegangen war.« -- Nach ein er Weile sagte
Guttorm: »Glaubst du, daß er sie vergessen wird?« -- »Das wäre auf alle
Fälle das beste.«

Guttorm las weiter, seine Frau blätterte in ihrem Buch. -- »Es gefällt
mir gar nicht, daß Ingrid hier so lange sitzen bleibt,« sagte sie. --
»Synnöve hat kaum jemand, mit dem sie reden könnte.« -- »Sie hat uns.«
-- Jetzt sah der Vater zu ihr hinüber: »Wir dürfen nicht zu strenge
sein.« -- Die Frau schwieg; nach einer Weile sagte sie: »Ich habe es
ihr auch niemals verboten.« -- Der Vater klappte das Buch zu, stand
auf und sah zum Fenster hinaus. »Da geht Ingrid,« sagte er. -- Kaum
hatte die Mutter das gehört, als sie schnell hinausging. Der Vater
stand noch lange am Fenster, dann wandte er sich ab und ging auf und
nieder; die Frau kam wieder herein, er blieb stehn. -- »Ja, es war so,
wie ich dachte,« sagte sie; »Synnöve sitzt da oben und weint, wühlt
aber in ihrer Lade herum, sobald ich hereinkomme.« Und dann fuhr sie
fort, indem sie den Kopf schüttelte: »Nein, es ist nicht gut, daß
Ingrid hierherkommt.« -- Sie machte sich mit dem Abendbrot zu schaffen
und ging oft aus und ein. Einmal, während sie draußen war, kam Synnöve
still mit rotgeweinten Augen herein; sie glitt an dem Vater vorüber,
sah ihm ins Gesicht, setzte sich dann an den Tisch und nahm ein Buch.
Nach einer Weile machte sie es wieder zu, ging zur Mutter und fragte,
ob sie ihr helfen sollte. -- »Ja, tu das nur!« sagte diese; »Arbeit ist
für alles gut.«

Sie mußte den Tisch decken, der am Fenster stand. Der Vater, der bisher
auf und nieder gegangen war, trat jetzt ans Fenster und sah hinaus.
-- »Ich glaube, der Gerstenacker, den der Regen niedergeschlagen hat,
richtet sich wieder auf,« sagte er; sie stellte sich neben ihn und
schaute auch hinaus. Er wandte sich um, die Mutter war im Zimmer, so
streichelte er nur sanft Synnöves Hinterkopf und begann dann wieder
auf und nieder zu gehn. Sie aßen, aber es war eine sehr schweigsame
Mahlzeit. Die Mutter sprach heute das Tischgebet, vor wie nach dem
Essen, und als sie aufgestanden waren, schlug sie vor, zu lesen und
zu singen, was sie auch taten. -- »Gottes Wort gibt Frieden; das ist
doch der größte Segen im Hause.« -- Die Mutter sah dabei zu Synnöve
hinüber, die die Augen niedergeschlagen hatte. -- »Jetzt will ich eine
Geschichte erzählen,« sagte die Mutter, »jedes Wort davon ist wahr, und
dem, der darüber nachdenken will, wird es nicht zum Schaden sein.«

Und dann erzählte sie: »Es lebte in meiner Jugend ein Mädchen auf
Haug, das war die Enkelin eines alten, gelehrten Schulzen. Er nahm
sie früh zu sich, um in seinen alten Tagen Freude an ihr zu haben,
und lehrte sie natürlich Gottes Wort und gute Sitten. Sie lernte
leicht und gern, so daß sie uns in kurzer Zeit weit hinter sich ließ;
sie schrieb und rechnete, wußte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig
Kapitel aus der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ich
erinnere mich dessen, als wäre es gestern gewesen. Sie mochte lieber
lesen als tanzen, so sah man sie nur selten dort, wo Lustbarkeit war,
desto häufiger aber in des Großvaters Bodenstube, wo seine vielen
Bücher standen. So kam es, daß sie jedesmal, wenn wir mit ihr zusammen
waren, so dastand, als wären ihre Gedanken anderswo, und wir sagten
zueinander: ›Wären wir bloß so klug wie Karen Haugen!‹ Sie sollte den
Alten beerben, und viele brave Burschen erboten sich, halbpart mit ihr
zu machen; sie erhielten sämtlich einen Korb. Um diese Zeit kehrte der
Sohn des Pfarrers von seiner Priesterlehre zurück; es war nicht gut
mit ihm gegangen, denn er hatte mehr Sinn für ein wildes Leben und
für alles Böse gehabt als für das Gute; jetzt trank er. ›Hüte dich vor
ihm!‹ sagte der alte Schulze; ›ich bin viel mit den Vornehmen zusammen
gewesen, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie unser Vertrauen
weit weniger verdienen als die Bauern.‹ -- Karen hörte stets mehr auf
seine Stimme als auf die aller andern, und als sie später zufällig mit
dem Sohne des Pfarrers zusammentraf, ging sie ihm aus dem Wege; denn
er trachtete ihr nach. Seither konnte sie nirgends gehn, ohne ihm zu
begegnen. -- ›Geh!‹ sagte sie, ›es nützt dir doch nichts!‹ -- Er aber
ging ihr nach, und so kam es, daß sie doch endlich stehnbleiben und ihn
anhören mußte. Er war sehr schön, als er aber sagte, er könne nicht
ohne sie leben, da lief sie erschreckt davon. Er trieb sich um ihren
Hof herum, aber sie kam nicht heraus; er stand des Nachts vor ihrem
Fenster, aber sie kam nicht zum Vorschein; er sagte, er wolle seinem
Leben ein Ende machen, Karen aber wußte, was sie davon zu denken hatte.
Da fing er wieder an zu trinken. -- ›Sei auf deiner Hut! Das sind alles
nur Teufelskünste,‹ sagte der alte Großvater. Da stand der Bursche
eines Tages plötzlich mitten in ihrem Zimmer, niemand wußte, wie er
dahingelommen war. ›Jetzt will ich dich ermorden!‹ sagte er. -- ›Ja, tu
du das nur,‹ sagte sie. Da aber weinte er und sagte, es stünde in ihrer
Macht, ihn zu einem braven Menschen zu machen. -- ›Könntest du dich nur
ein halbes Jahr des Trinkens enthalten!‹ sagte sie. Und da enthielt er
sich ein halbes Jahr des Trinkens. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er.
-- ›Nicht ehe du ein halbes Jahr von allen Festlichkeiten und Gelagen
ferngeblieben bist.‹ -- Das tat er. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte
er. -- ›Nicht ehe du hingehst und deine geistlichen Studien beendest.‹
-- Auch das tat er, und im folgenden Jahre kehrte er als ausgelernter
Pfarrer zurück. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er und hatte obendrein
Talar und Halskrause um. -- ›Jetzt will ich dich ein paarmal Gottes
Wort verkünden hören,‹ sagte Karen. Und das tat er wahr und lauter,
wie es sich für einen Geistlichen geziemt; er sprach von seiner eignen
Sündhaftigkeit, und wie leicht es sei zu siegen, wenn man nur erst den
Anfang gemacht habe, und wie schön Gottes Wort sei, wenn man es nur
erst gefunden habe. Darauf begab er sich abermals zu Karen. -- ›Ja,
nun glaube ich, daß du nach dem leben wirst, was du selber weißt,‹
sagte Karen, ›und nun will ich dir auch erzählen, daß ich seit drei
Jahren mit meinem Vetter, Anders Haugen, verlobt bin; du sollst uns am
nächsten Sonntag aufbieten.‹« -- --

Hier schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs nur geringe Teilnahme
für die Erzählung bezeugt, dann aber war ihre Interesse erwacht, und
nun folgte sie mit Spannung jedem Wort. -- »Kommt nicht noch mehr?«
fragte sie ganz erschrocken. -- »Nein,« sagte die Mutter. Der Vater sah
die Mutter an, da glitt ihr Blick unsicher zur Seite, und nachdem sie
sich einen Augenblick besonnen hatte, fuhr sie fort, indem sie mit dem
Finger über die Tischplatte hinstrich: »Vielleicht könnte noch etwas
kommen -- aber das tut nichts zur Sache.« -- »Ist da noch mehr?« wandte
sich Synnöve nun an den Vater, der es zu wissen schien. -- »Hm -- ja!
Aber es verhält sich so, wie die Mutter sagt -- es tut nichts zur
Sache.« -- »Wie erging es ihm denn?« fragte Synnöve. -- »Ja, das ist es
eben,« sagte der Vater und sah zu der Mutter hinüber. Diese hatte sich
an die Wand gelehnt und sah sie beide an. -- »Wurde er unglücklich?«
fragte Synnöve leise. -- »Wir müssen schließen, wo der Schluß sein
soll,« sagte die Mutter und stand auf. Der Vater tat ebenso, und
Synnöve stand dann auch auf.



8


Einige Wochen später an einem frühen Morgen machten sich sämtliche
Bewohner von Solbakken zum Kirchgang fertig; es war Konfirmation, die
in diesem Jahre etwas früher fiel als gewöhnlich, und bei einer solchen
Gelegenheit wurden alle Häuser abgeschlossen; denn dann mußten alle
mit. Fahren wollten sie nicht, da das Wetter klar war, wenn auch ein
wenig kalt und scharf in der frühen Morgenstunde; der Tag versprach
schön zu werden. Der Weg führte durch das Kirchspiel, an Granliden
vorbei, bog dann rechts ab, und eine gute Viertelstunde weiter lag
die Kirche. Das Korn war an den meisten Stellen gemäht und in Hocken
gesetzt, die Kühe waren fast überall aus den Bergen heruntergeholt
und weideten angepflöckt, die Wiesen waren entweder zum zweitenmal
grün oder auf magerm Boden grauweiß; ringsumher stand der vielfarbige
Wald, die Birke schon müde, die Espe ganz blaßgelb, die Eberesche mit
trocknen, zusammengeschrumpften Blättern und vielen Beeren. Es hatte
mehrere Tage stark geregnet, das niedrige Gestrüpp, das am Wege entlang
wuchs und sonst im Staube der Landstraße dastand und nieste, war jetzt
reingewaschen und frisch. Die Felswände aber begannen sich schwer auf
das Tal zu legen, jetzt, wo der plündernde Herbst sie entkleidete und
ihnen ein ernsthaftes Angesicht gab, während sich die Felsenbäche, die
im Sommer nur hin und wieder Leben gezeigt hatten, jetzt übermütig
aufbäumten und mit lautem Lärm hinunterschäumten. Der Granlider
Gießbach nahm einen schwerern, ruhigern Gang an, namentlich bis er an
den Granlider Steingrund hinabkam, wo der Fels ihn auf einmal nicht
weiter begleiten wollte, sondern sich von ihm zurückzog. Da machte
er einen Sprung über die Steine und brauste brüllend dahin, so daß
der Fels erbebte. Ihm wurde für seine Verräterei gründlich der Kopf
gewaschen, denn der Gießbach sandte ihm höhnisch einen Spritzstrahl
gerade ins Gesicht. Einige neugierige Erlenbüsche, die sich der
Schlucht genähert hatten, wären beinahe von der Flut mit fortgeschwemmt
worden; sie standen nun da und schnauften in dem Wasserbade, denn der
Gießbach war heute nicht geizig.

Thorbjörn, seine beiden Eltern und seine beiden Geschwister sowie
die übrigen Hausbewohner kamen gerade vorüber und beobachteten dies
alles. Thorbjörn war jetzt wieder gesund, er zog kräftig wie ehemals
seinen Strang bei der Arbeit des Vaters. Die beiden gingen jetzt immer
zusammen, so auch hier. -- »Ich glaube fast, wir haben die Leute von
Solbakken gerade hinter uns,« sagte der Vater. Thorbjörn sah nicht
zurück, die Mutter aber sagte: »Ja, so ist es; aber ich sehe nicht --
ach ja, da ist sie -- ganz hinten.« -- Entweder gingen die Granlider
jetzt schneller, oder die Leute von Solbakken hatten ihren Schritt
gemäßigt, aber der Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer,
schließlich sah man einander kaum noch. Es schien, daß heute viel Volk
bei der Kirche zusammenkommen würde; der lange Weg war schwarz von
gehenden, fahrenden, reitenden Menschen; die Pferde waren jetzt in der
Erntezeit übermütig und wenig daran gewöhnt, mit andern zusammen zu
sein, deswegen war ein Gewiehere und eine Unruhe unter ihnen, die die
Fahrt gefahrvoll, aber sehr lebhaft machten.

Je näher man an die Kirche herankam, desto größern Lärm machten die
Pferde, denn jedes, das kam, schrie zu denen hinüber, die schon
angebunden dastanden, und diese zerrten an den Leinen, stampften
mit den Hinterfüßen und wieherten den Ankömmlingen einen Gruß zu.
Alle Hunde des Kirchspiels, die die ganze Woche zu Hause gesessen,
einander angehört, sich gegenseitig angeknurrt und herausgefordert
hatten, trafen sich jetzt hier bei der Kirche, stürzten sich in die
großartigste Beißerei, paarweise und in ganzen Rudeln, weit über
die Felder hin. Die Leute standen still an den Häusern und an der
Kirchenmauer; sie führten eine flüsternde Unterhaltung und sahen sich
nur von der Seite an. Der Weg, der an der Mauer vorbeiführte, war nicht
breit, und auf der andern Seite lagen die Häuser dicht nebeneinander;
und nun standen die Frauen gewöhnlich an der Mauer, die Männer ihnen
gegenüber an den Häusern. Erst später wagten sie es, zueinander
hinüberzugehn; auch wenn sich Bekannte von weitem sahen, taten sie, als
kennten sie sich nicht, bis dieser Augenblick gekommen war; manchmal
geschah es, daß sie sich so nahe gegenüberstanden, wenn der eine Teil
kam, daß sie einen Gruß nicht vermeiden konnten; dann geschah es mit
halb abgewandtem Gesicht und in kurzen Worten, worauf sich jeder wieder
an seinen Platz zurückzog.

Als die Granlider herankamen, wurde es fast noch stiller als zuvor;
Sämund hatte nicht viele zu begrüßen, weswegen es mit ihm schnell
die Reihe entlang ging; die Frauen dagegen blieben gleich hängen und
blieben bei den ersten stehn. Daher mußten die Männer, als man zur
Kirche gehn wollte, wieder zu den Frauen zurückkehren. In diesem
Augenblick kamen drei Wagen in einer Reihe ungestümer als alle die
andern herangefahren und hielten nicht eher an, als bis sie mitten
unter den Leuten waren. Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren
worden waren, sahen zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud
Nordhaug und ein alter Mann, im zweiten seine Schwester mit ihrem
Manne, im dritten die Altenteiler. Vater und Sohn sahn sich gegenseitig
an; Sämund verzog keine Miene, Thorbjörn war sehr bleich. Als ihre
Blicke sich trennten, schweiften sie weiter und fielen auf die Leute
von Solbakken, die gerade ihnen gegenüber stehngeblieben waren, um
Ingebjörg und Ingrid Granliden zu begrüßen. Die Wagen waren zwischen
ihnen durchgefahren, die Unterhaltung war unterbrochen worden, die
Augen hingen noch an den Dahinfahrenden, und es währte eine ganze
Zeit, ehe sie sich davon losreißen konnten. Als sie dann nach dieser
Überraschung wieder zu sich gekommen waren und die Augen umherschweifen
ließen, um einen Übergang zu suchen, gewahrten sie Thorbjörn und
Sämund, die dastanden und starrten. Guttorm Solbakken wandte sich ab,
seine Frau aber sah sofort nach Thorbjörns Augen; Synnöve, die einen
Blick von ihm erhascht hatte, wandte sich zu Ingrid Granliden und
ergriff ihre Hand, wie um sie zu begrüßen, obwohl sie das schon einmal
getan hatte. Aber alle fühlten sie auf einmal, daß ihr Gesinde und
ihre Bekannten, einer wie alle, sie beobachteten, und nun kam Sämund
selber geradeswegs hinüber und reichte Guttorm mit abgewandtem Gesicht
die Hand: »Hab Dank für das letztemal.« -- »Hab selber Dank für das
letztemal.« -- Dann reichte er der Frau die Hand: »Hab Dank für das
letztemal!« -- »Hab selber Dank für das letztemal,« erwiderte sie,
ebenfalls ohne aufzusehn. Thorbjörn ging hinterdrein und tat wie der
Vater; dieser kam nun zu Synnöve, und sie war die erste, die er ansah.
Auch sie sah ihn an und vergaß »Hab Dank für das letztemal« zu sagen.
In demselben Augenblick kam Thorbjörn; er sagte nichts, sie sagte
nichts, sie reichten einander die Hand, aber nur lose, keins schlug
die Augen auf, keins vermochte einen Fuß zu rühren. -- »Es wird heute
sicher ein gesegnetes Wetter,« sagte Karen Solbakken und ließ den Blick
schnell von Synnöve zu Thorbjörn hinüberschweifen. Sämund antwortete
ihr: »Ach ja, dieser Wind treibt die Wolken weg.« -- »Gut für das Korn,
das noch steht und der Trockenheit bedarf,« sagte Ingebjörg Granliden
und fing an, Sämund hinten an die Jacke zu klopfen, vermutlich weil
sie glaubte, daß er voll Staub sei. -- »Gott hat uns ein gutes Jahr
beschert, aber es ist noch unsicher, ob alles unter Dach und Fach
kommt,« sagte Karen wieder und sah nach den beiden hinüber, die sich
seit vorhin noch nicht vom Fleck gerührt hatten. -- »Das kommt auf die
Zahl der Leute an,« sagte Sämund und wandte sich zu ihr, so daß sie
nicht gut dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte. -- »Ich habe oft
gedacht, wenn nur ein paar Höfe ihre Kräfte zusammenlegen wollten, da
würde es besser gehn.« -- »Aber es kann ja so sein, daß sie beide das
trockne Wetter gleichzeitig benutzen wollen,« sagte Karen Solbakken
und machte einen Schritt zur Seite. -- »Freilich,« meinte Ingebjörg
und stellte sich dicht neben ihren Mann, so daß Karen auch jetzt nicht
dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte; -- »aber an manchen Stellen
reift es früher als an andern; Solbakken ist uns oft um vierzehn Tage
voraus.« -- »Ja, da könnten wir einander ja gut helfen,« sagte Guttorm
und trat einen Schritt näher heran. Karen sah ihn hastig an. -- »Aber
es gibt immer so manche Umstände, die einem in den Weg kommen,« setzte
er hinzu. -- »Das ist so,« sagte Karen und trat einen Schritt auf die
eine Seite und einen auf die andre, und noch einen, aber dann wieder
zurück. -- »Ach ja, es kommt einem oft mancherlei in den Weg,« sagte
Sämund und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. -- »Freilich
ist es so,« sagte Guttorm, seine Frau aber fiel ihm ins Wort:
»Menschenmacht reicht nicht weit, Gottes Macht ist die größte, und auf
ihn allein kommt es an.« -- »Er würde doch wohl nichts Wesentliches
dagegen einzuwenden haben, daß wir einander bei der Ernte auf Granliden
und Solbakken behilflich wären?« -- »Nein,« meinte Guttorm, »dagegen
kann er wohl nichts einzuwenden haben,« und er sah seine Frau ernsthaft
an. Diese gab dem Gespräch eine andre Wendung: »Es sind viele Leute
heute zur Kirche gekommen,« sagte sie; »es tut einem wohl, zu sehn,
wie die das Haus Gottes aufsuchen.« -- Niemand schien hierauf etwas
erwidern zu wollen; da sagte Guttorm: »Ich glaube wirklich, es nimmt zu
mit der Gottesfurcht, es gehn jetzt mehr Leute zur Kirche als in meiner
Jugend.« -- »Ach ja -- die Menschen vermehren sich,« sagte Sämund. --
»Es sind wohl viele unter ihnen, vielleicht der größte Teil, die nur
aus Gewohnheit kommen,« meinte Karen Solbakken. -- »Vielleicht die
Jüngern,« entgegnete Ingebjörg. -- »Die Jüngern wollen einander gern
treffen,« sagte Sämund. -- »Habt ihr gehört, daß der Pfarrer von hier
fort will?« fragte Karen und gab dem Gespräch zum zweitenmal eine andre
Wendung. -- »Das tut mir leid,« sagte Ingebjörg; »er hat alle meine
Kinder getauft und auch konfirmiert.« -- »Und nun möchtest du wohl, daß
er sie auch traute?« sagte Sämund und kaute auf einem Stück Holz, das
er aufgenommen hatte. -- »Es wundert mich, daß die Kirche immer noch
nicht beginnt,« sagte Karen und sah nach dem Eingang hinüber. -- »Ja,
es ist heute heiß hier draußen,« bemerkte Sämund und lächelte abermals.
-- »Komm jetzt, Synnöve, wir wollen hineingehn.« -- Synnöve fuhr
zusammen und wandte sich um, denn sie hatte mit Thorbjörn geredet. --
»Willst du nicht warten, bis es geläutet hat?« sagte Ingrid Granliden
und sah zu Synnöve hinüber. -- »Dann gehn wir alle miteinander,« fügte
Ingebjörg hinzu. Synnöve wußte nicht, was sie antworten sollte.

Sämund sah über den Rücken zu ihr hinüber: »Wenn du nur warten willst,
dann läutet es bald -- für dich,« sagte er. Synnöve wurde dunkelrot,
die Mutter sah ihn ärgerlich an. Er aber lächelte ihr zu: »Es kommt
alles so, wie Gott es will, sagtest du das nicht vorhin selber?« Und er
schritt allen voran auf die Kirche zu, die andern folgten ihm.

An der Kirchentür war großes Gedränge, und als sie näher zusahn,
war sie noch nicht geöffnet. Gerade als sie näher herangingen, um
nach der Ursache zu fragen, wurde sie geöffnet, und die Leute gingen
hinein; einige aber kamen auch wieder zurück, wodurch die Ankommenden
voneinander getrennt wurden. An die Wand gelehnt standen zwei Männer
und sprachen miteinander; der eine groß und stark mit blondem, ein
wenig struppigem Haar und einer Stulpnase, und das war Knud Nordhaug.
Als er die Leute von Granliden kommen sah, hörte er auf zu sprechen,
wurde ein wenig verlegen, blieb aber trotzdem stehn. Sämund mußte nun
gerade an ihm vorüber, er sah ihn scharf an, Knud schlug aber seine
Augen nicht zu Boden, wenn auch sein Blick nicht ganz sicher war.
Nun kam Synnöve, und als sie Knud so unerwartet erblickte, wurde sie
leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und richtete sich von der
Wand auf, um zu gehn. Er hatte nur ein paar Schritte gemacht, da sah
er vier Gesichter auf sich gerichtet, Guttorms, Karens, Ingrids und
Thorbjörns. Verwirrt wie er war, ging er gerade auf sie zu, so daß er,
ohne es selber zu wissen, bald von Angesicht zu Angesicht mit Thorbjörn
selber stand; es schien, als wolle er sich sofort zurückziehn, aber
es waren mehr Leute herzugekommen, und es ließ sich nicht so leicht
bewerkstelligen. Dies trug sich gerade auf der Fliesenplatte zu, die
vor der Fagerlidkirche liegt; oben auf der Schwelle zum Waffenhause
war Synnöve stehngeblieben, während Sämund etwas weiter hinein stand;
sie konnten, da sie höher standen, deutlich von allen draußen gesehn
werden, wie auch sie alle sehn konnten. Synnöve hatte alles um sich her
vergessen und stand da und starrte Thorbjörn an; dasselbe taten Sämund,
seine Frau, die Leute aus Solbakken und Ingrid. Thorbjörn fühlte das
und stand wie festgenagelt; Knud aber fühlte, daß er hier etwas tun
müsse, und so streckte er denn die eine Hand ein wenig vor, sagte aber
nichts. Thorbjörn streckte die seine ebenfalls ein wenig vor, jedoch
nicht weit genug, daß sie einander hätten berühren können. »Hab Dank
für --«, begann Knud, besann sich jedoch, daß das hier kein richtiger
Gruß sei, und wich einen Schritt zurück. Thorbjörn sah auf, und sein
Auge traf Synnöve, die weiß wie Schnee war. Er tat einen langen Schritt
vorwärts, faßte Knuds Hand mit einem kräftigen Griff und sagte so
laut, daß die Zunächststehenden es hören konnten: »Hab Dank für das
letztemal, Knud! Vielleicht ist es für uns beide -- gut gewesen.«

Knud gab einen Laut von sich, der ungefähr wie ein Schlucken klang, und
es sah aus, als nähme er mehrmals einen Anlauf zum Sprechen, aber es
kam nicht dazu. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen, er wartete -- sah
nicht auf, sondern wartete nur. Es fiel indes kein Wort, und als nun
Thorbjörn dastand und sein Gesangbuch in der Hand hin und her drehte,
ließ er es unversehens fallen. Sofort beugte sich Knud hinab, nahm
es auf und reichte es ihm. »Danke,« sagte Thorbjörn, der sich selbst
hinabgebeugt hatte; er sah auf, da aber Knud wieder niedersah, dachte
Thorbjörn, es ist wohl am besten, wenn ich gehe. Und so ging er denn.

Die andern gingen auch, und als Thorbjörn sich gesetzt hatte und nach
einer Weile nach dem Frauenstuhl hinübersah, begegnete er Ingebjörgs
Gesicht, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken hatte
offenbar erwartet, daß er hinübersehn würde, denn in demselben
Augenblick, als er das tat, nickte sie ihm dreimal zu, und als er
darüber staunte, nickte sie noch dreimal, und zwar noch freundlicher
als vorhin. Sämund, sein Vater, flüsterte ihm ins Ohr: »Das hatte ich
mir gedacht.« -- Sie hatten das Einleitungsgebet gehört und einen
Gesang gesungen, jetzt stellten sich schon die Konfirmanden auf, als er
ihm nochmals zuflüsterte: »Aber Knud wird es schwer, gut zu sein; laß
es immer weit von Granliden bis Nordhaug sein.«

Die Konfirmation nahm ihren Anfang, der Geistliche trat vor, und
die Kinder stimmten das Konfirmationslied von Kingo an. Sie alle auf
einmal und allein so zuversichtlich singen zu hören -- das pflegt die
Leute zu ergreifen, namentlich die noch nicht so weit gekommen sind,
daß sie sich ihres eignen Konfirmationstages nicht mehr erinnern.
Wenn dann eine tiefe Stille folgt und der Geistliche, seit mehr als
zwanzig Jahren ist es derselbe, derselbe, der wohl in einer stillen
Stunde jedem einzelnen von ihnen einmal zum Guten geredet hat -- wenn
er nun die Hände über der Brust faltet und zu reden beginnt, so ist
die Bewegung am höchsten. Die Kinder aber fangen an zu weinen, wenn
der Pfarrer sich zu den Eltern wendet und sie auffordert, zu Gott für
ihre Kinder zu beten. Thorbjörn, der noch vor kurzem dem Tode nahe
gewesen war, und der dann später geglaubt hatte, er würde zeitlebens
ein Krüppel bleiben, weinte viel, besonders aber als die Kinder ihr
Gelöbnis ablegten und alle so fest überzeugt waren, daß sie es halten
würden. Er sah nicht ein einziges Mal zum Frauenstuhl hinüber; aber
nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid, seiner Schwester, hinüber und
flüsterte ihr etwas zu, worauf er sich schnell durch die Menge und
hinausdrängte -- einige wollten wissen, er sei, statt die Landstraße
einzuschlagen, am Bergesabhang entlang in den Wald hinaufgegangen; aber
sie waren sich dessen nicht sicher. Sämund suchte nach ihm, gab es aber
auf, als er sah, daß auch Ingrid verschwunden war. Er sah sich dann
nach den Leuten von Solbakken um; diese liefen über den ganzen Friedhof
und fragten nach Synnöve, von der niemand etwas gesehn hatte. Da zogen
sie heim -- jedes Paar für sich, und ohne ihre Kinder.

Weit voran auf dem Wege aber waren Synnöve und Ingrid. »Ich bereue
es fast, daß ich mitgekommen bin,« sagte die erste. -- »Es ist jetzt
nichts Unrechtes mehr, seit der Vater darum weiß,« entgegnete die
andre. -- »Aber er ist doch nicht +mein+ Vater,« sagte Synnöve. --
»Wer weiß?« erwiderte Ingrid, und dann wurde über die Sache nicht mehr
gesprochen. -- »Ich glaube, es war hier, wo wir warten sollten,« sagte
Ingrid, als der Weg eine große Biegung gemacht hatte und sie in einem
dichten Walde standen. -- »Er hat einen langen Umweg,« sagte Synnöve.
-- »Aber er ist schon da!« fiel Thorbjörn ein, der sich hinter einem
großen Stein aufrichtete.

Er hatte sich im Kopfe alles zurechtgelegt, was er sagen wollte, und
das war nicht wenig. Aber heute sollte es flott damit gehn, denn sein
Vater wußte darum und wollte es, dessen glaubte er sicher zu sein nach
dem, was vor der Kirche geschehn war. Und dann hatte er sich den ganzen
Sommer so schrecklich gesehnt, da mußte es ihm doch jetzt leichter
werden, mit ihr zu reden, als es bisher gewesen war. »Es ist am besten,
wenn wir den Waldweg einschlagen,« sagte er, »der führt schneller
vorwärts.« Die Mädchen sagten nichts, folgten ihm aber. Thorbjörn
wollte mit Synnöve reden, meinte aber, es sei besser, zu warten, bis
sie den Hügel erklommen hatten, und dann, bis sie an dem Sumpfe vorbei
wären; als das alles aber glücklich überstanden war, meinte er, es
sei das richtigste, anzufangen, sobald sie etwas weiter in den Wald
hineingekommen wären. Ingrid, die offenbar der Ansicht war, daß es
reichlich langsam mit ihnen ging, begann ihren Gang zu hemmen und blieb
mehr und mehr zurück, bis sie fast nicht mehr zu sehn war. Synnöve
tat, als merke sie es nicht, sondern begann hie und da eine Beere zu
pflücken, die am Wegesrande stand.

›Es wäre doch merkwürdig, wenn ich nicht mit der Sprache herauskäme,‹
dachte Thorbjörn, und dann begann er: »Es ist doch heute noch schönes
Wetter geworden.« -- »Ja, das ist es geworden,« antwortete Synnöve.
Und dann ging es wieder eine Strecke weiter; sie pflückte Beeren,
und er ging neben ihr. -- »Es war hübsch von dir, daß du mitkamst,«
sagte er; darauf erwiderte sie aber nichts. -- »Das ist ein langer
Sommer gewesen,« sagte er, aber auch darauf erwiderte sie nichts. --
›Nein, solange wir gehn, kommen wir doch nicht zur Aussprache,‹ dachte
Thorbjörn. »Ich glaube, wir tun am besten, wenn wir ein wenig auf
Ingrid warten,« sagte er. -- »Ja, laß uns das tun,« sagte Synnöve und
blieb stehn; hier waren keine Beeren, nach denen sie sich hätte bücken
können, das hatte Thorbjörn sehr wohl gesehn; Synnöve aber hatte sich
einen langen Grashalm gepflückt und stand nun da und zog die Beeren auf
den Halm.

»Heute mußte ich so viel an die Zeit denken, als wir zusammen zum
Konfirmationsunterricht gingen,« sagte er. -- »Ich mußte auch daran
denken,« erwiderte sie. -- »Es hat sich vielerlei seitdem ereignet«
-- und als sie nichts sagte, fuhr er fort: »Das meiste ist aber so
gekommen, wie wir es nicht erwartet hatten!« -- Synnöve zog ihre Beeren
noch immer fleißig auf den Halm und hielt den Kopf bei der Arbeit
geneigt; er rückte ein wenig beiseite, um ihr ins Gesicht zu sehn; aber
als ob sie seine Absicht bemerkt hätte, wußte sie es so zu machen, daß
sie sich nach der andern Seite wenden mußte. Da überkam ihn fast die
Angst, daß er nichts herausbringen würde. -- »Synnöve, du hast mir doch
auch wohl ein wenig zu sagen?« Da sah sie auf und lachte: »Was soll ich
sagen?« fragte sie. Da kehrte ihm der Mut zurück, er wollte sie um die
Taille fassen, aber als er ganz nahe an sie herangekommen war, wagte
er es nicht recht, sondern fragte nur ganz kleinmütig: »Ingrid hat
wohl mit dir gesprochen?« -- »Ja,« antwortete sie. -- »Dann weißt du
also etwas,« sagte er. -- Sie schwieg. -- »Dann weißt du also etwas,«
wiederholte er noch einmal und kam ihr noch einen Schritt näher. --
»Du weißt wohl auch etwas?« erwiderte sie -- das Gesicht konnte er
nicht sehn. -- »Ja!« sagte er und wollte eine ihrer Hände ergreifen;
aber sie war jetzt fleißiger als die ganze Zeit zuvor. -- »Es ist so
unangenehm,« sagte er, »daß du mir allen Mut raubst.« -- Er konnte
nicht sehn, ob sie dazu lächelte, und deswegen wußte er nicht, was er
weiter sagen sollte. -- »Kurz und gut!« rief er plötzlich mit lauter,
wenn auch ein wenig unsichrer Stimme, »was hast du mit dem Zettel
gemacht?« Sie antwortete nicht, sondern wandte sich ab. Er ging ihr
nach, legte die eine Hand auf ihre Schulter und beugte sich über sie.
-- »Antworte mir!« flüsterte er. -- -- »Ich habe ihn verbrannt!«

Rasch umfaßte er sie und wandte sie zu sich herum, da aber sah er, daß
sie dem Weinen nahe war, und nun verlor er den Mut und ließ sie los.
-- ›Es ist doch auch schlimm, daß sie immer gleich anfängt zu weinen,‹
dachte er. Als sie noch so dastanden, sagte sie leise: »Weshalb hast
du den Zettel geschrieben?« -- »Das hat Ingrid dir ja gesagt!« --
»Freilich, aber -- es war grausam von dir.« -- »Der Vater verlangte
es --« -- »Trotzdem --« -- »Er glaubte, daß ich mein Leben lang ein
Krüppel bleiben würde; von jetzt an werde ich für dich sorgen, sagte
er.«

Ingrid wurde unten am Hügel sichtbar, und nun begannen sie sofort
wieder zu gehn. -- »Es war mir, als sähe ich dich am deutlichsten vor
mir, als ich glaubte, daß ich dich nie mehr bekommen würde,« sagte er.
-- »Man prüft sich selber, wenn man allein ist,« sagte sie. -- »Ja, da
fühlt man deutlich, wer die größte Macht über uns hat,« sagte Thorbjörn
mit klarer Stimme und schritt ernsthaft neben ihr her.

Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. -- »Willst du sie haben?« fragte
sie und reichte ihm den Grashalm. -- »Danke!« sagte er und hielt die
Hand fest, die ihm die Beeren reichte. -- »Dann ist es wohl am besten,
wenn alles beim alten bleibt,« sagte er mit leise bebender Stimme.
-- »Ja,« flüsterte sie kaum hörbar und wandte sich ab. Sie gingen
weiter, und solange sie schwieg, wagte er nicht, sie zu berühren
oder zu sprechen; aber es war ihm, als habe sein Körper alle Schwere
verloren, und er war deswegen nahe daran, zu träumen. Es flimmerte
ihm vor den Augen, und als sie jetzt an einen Hügel kamen, von wo aus
man Solbakken deutlich sehn konnte, war es ihm, als habe er dort sein
ganzes Leben lang gewohnt, als sehne er sich jetzt dahin zurück. --
›Ich will sie nur gleich hinüberbegleiten,‹ dachte er und schöpfte Mut
aus dem Anblick, den er vor sich hatte, so daß er mit jedem Schritt in
seinem Vorsatz fester wurde. -- ›Der Vater hilft mir,‹ dachte er; ›ich
halte dies nicht länger aus, ich muß hinüber -- ich muß!‹ -- Und er
ging schneller und schneller, sah nur gerade vor sich hin. Das Tal und
das Gehöft lagen sonnenüberflutet da. -- ›Ja, heute! Nicht eine Stunde
länger will ich warten‹ -- und er fühlte sich so stark, daß er nicht
wußte, wohin er sich wenden sollte.

»Du läufst mir ja ganz fort,« hörte er eine sanfte Stimme hinter sich;
es war Synnöve, die ihm kaum folgen konnte und es nun aufgeben mußte.
Er wandte sich beschämt um, kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und
dachte: ›Ich will sie hoch über meinen Kopf heben‹; als er aber nahe an
sie herangekommen war, tat er es doch nicht. -- »Ich gehe so schnell,
ich,« sagte er. -- »Ja, das tust du,« erwiderte sie.

Sie waren jetzt nahe an der Landstraße; Ingrid, die die ganze Zeit
nicht zu sehn gewesen war, ging jetzt dicht hinter ihnen. -- »Jetzt
solltet ihr nicht länger zusammen gehn,« sagte sie. Thorbjörn zuckte
zusammen, es kam ihm zu früh; auch Synnöve wurde es ganz wunderlich
zumute. -- »Ich hatte noch so viel, was ich dir sagen wollte,«
flüsterte Thorbjörn. Sie mußte lächeln. -- »Nun ja,« sagte er, »ein
andermal.« Er nahm ihre Hand.

Sie sah mit einem klaren, innigen Blick zu ihm auf; es wurde ihm warm
dabei, und es fuhr ihm durch den Kopf: Ich gehe sofort mit ihr! Da aber
zog sie ihre Hand leise zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid und sagte
ihr Lebewohl; dann ging sie langsam bergab, der Landstraße zu. Er blieb
zurück.

Die beiden Geschwister gingen durch den Wald heim. »Habt ihr euch denn
jetzt ausgesprochen?« fragte Ingrid. -- »Nein, der Weg war zu kurz,«
sagte er und beschleunigte seinen Schritt, als wolle er nicht mehr
davon hören.

»Nun?« fragte Sämund und sah vom Tische auf, als die beiden Geschwister
in die Stube traten. Thorbjörn erwiderte nichts, sondern ging zu der
Bank auf der andern Seite, offenbar um seinen Rock auszuziehn; Ingrid
folgte ihm und lächelte. Sämund fing wieder an zu essen; von Zeit zu
Zeit sah er zu Thorbjörn hinüber, der sehr beschäftigt zu sein schien,
lächelte und aß weiter. -- »Komm und iß,« sagte er; »das Essen wird
kalt.« -- »Danke, ich will nicht essen,« sagte Thorbjörn und setzte
sich. -- »So?« -- und Sämund aß weiter. Nach einer Weile sagte er: »Ihr
hattet es ja heute nach der Kirche sehr eilig!« -- »Da war jemand, mit
dem wir noch reden wollten,« sagte Thorbjörn und hockte auf die Bank
nieder. -- »Nun -- hast du denn mit ihm gesprochen?« -- »Ich weiß nicht
recht,« entgegnete Thorbjörn. -- »Das ist doch des Teufels,« sagte
Sämund und aß weiter. Bald darauf war er fertig und stand auf. Er trat
an das Fenster, blieb dort eine Weile stehn und sah hinaus, dann wandte
er sich um: »Du, wir wollen hinausgehn und uns nach der Ernte umsehn.«
-- Thorbjörn erhob sich. -- »Nein, zieh nur lieber etwas an.« --
Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dasaß, zog eine alte Jacke an, die über
ihm an der Wand hing. -- »Du siehst doch, daß ich die neue angezogen
habe,« sagte Sämund. Thorbjörn tat desgleichen, und sie gingen hinaus,
Sämund voran, Thorbjörn hinterdrein.

Sie gingen nach der Landstraße hinab. -- »Wollen wir nicht nach der
Gerste hingehn?« fragte Thorbjörn. -- »Nein, wir wollen zu dem Weizen
hinübergehn,« sagte Sämund. Gerade als sie auf die Landstraße einbogen,
kam ein Wagen langsam dahergefahren. -- »Das ist ein Nordhauger
Fuhrwerk,« sagte Sämund. -- »Das sind die jungen Leute aus Nordhaug,«
versetzte Thorbjörn; die »jungen Leute« bedeutet aber soviel wie die
Neuvermählten.

Der Wagen hielt, als er in die Nähe der Granlider gekommen war. --
»Wirklich ein stolzes Frauenzimmer, diese Marit Nordhaug!« flüsterte
Sämund und konnte den Blick nicht von ihr abwenden; sie saß ein wenig
zurückgelehnt im Wagen, hatte ein Tuch lose über den Kopf gebunden und
ein zweites um sich. Sie sah die beiden mit starrem Blick an; nichts
bewegte sich in ihren reinen, kräftigen Zügen. Der Mann war sehr bleich
und mager, er sah noch sanfter aus als sonst, wie jemand, der einen
Kummer hat, über den er nicht reden kann. -- »Ihr Leute wollt wohl
das Korn ansehn?« fragte er. -- »Wills glauben,« entgegnete Sämund.
-- »Es steht gut in diesem Jahr!« -- »Ach ja -- es hätte schlechter
sein können.« -- »Ihr kommt spät,« sagte Thorbjörn. -- »Da waren so
viele Frauenzimmer, von denen ich Abschied nehmen mußte,« sagte der
Mann. -- »Wie -- willst du verreisen?« fragte Sämund. -- »Ja, das will
ich.« -- »Geht die Reise weit?« -- »Ach -- ja!« -- »Wohin willst du
denn?« -- »Nach Amerika!« -- »Nach Amerika!« riefen beide Männer wie
aus einem Munde -- »ein jungvermählter Mann!« fügte Sämund hinzu. Der
Mann lächelte: »Ich denke, ich bleibe der Nahrung wegen hier, sagte der
Fuchs, da saß er im Fangeisen fest.« -- Marit sah erst ihn und dann die
andern an, eine leichte Röte huschte über ihr Antlitz, das aber sonst
unverändert blieb. -- »Deine Frau reist wohl mit?« fragte Sämund. --
»Nein, das tut sie eben nicht.« -- »Man sagt, es soll leicht sein, in
Amerika zu Reichtum zu gelangen,« sagte Thorbjörn, er hatte das Gefühl,
daß die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten dürfe. -- »Ach -- ja,«
erwiderte der Mann. -- »Aber Nordhaug ist ein schönes Gut,« meinte
Sämund. -- »Es sind zu viele da,« erwiderte der Mann. Die Frau sah ihn
abermals an. -- »Der eine steht dem andern im Wege,« fügte er hinzu.

»Nun denn, glückliche Reise!« sagte Sämund und reichte ihm die Hand.
»Gott gebe dir das, was du suchst!«

Thorbjörn sah seinem Schulkameraden scharf ins Auge: »Ich muß noch
einmal mit dir sprechen,« sagte er. -- »Es tut einem gut, wenn man mit
jemand sprechen kann,« entgegnete der Mann und kratzte mit der Peitsche
auf den Boden des Wagens.

»Komm zu uns herüber,« sagte Marit, und Thorbjörn wie auch Sämund sahn
erstaunt auf: sie vergaßen immer, daß Marit eine so sanfte Stimme hatte.

Sie fuhren weiter; es ging langsam vorwärts, eine leichte Staubwolke
wirbelte hinter ihnen auf, die Abendsonne fiel voll auf sie herab;
gegen seine dunkeln Frieskleider hob sich ihr seidnes Tuch hell ab --
dann kam ein Hügel, und sie verschwanden.

Vater und Sohn schritten lange schweigend dahin. -- »Es ahnt mir, daß
es lange währen wird, ehe er heimkehrt,« sagte Thorbjörn endlich.
-- »Es ist auch wohl so am besten,« meinte Sämund, »wenn man das
Glück nicht im eignen Lande findet« -- und dann schritten sie wieder
schweigend dahin. -- »Du gehst ja an dem Weizenacker vorüber,« sagte
Thorbjörn. -- »Wir können ihn auf dem Rückwege besehn!« -- Und sie
gingen weiter. Thorbjörn wollte nicht gern fragen, wohin es gehn
sollte, denn jetzt hatten sie die Granlider Feldmark überschritten.



9


Guttorm und Karen Solbakken hatten schon gegessen, als Synnöve rot und
außer Atem eintrat. »Aber mein liebes Kind, wo bist du nur gewesen?«
fragte die Mutter. -- »Ich blieb mit Ingrid zurück,« sagte Synnöve und
blieb stehn, um ein paar Tücher abzulegen; der Vater suchte im Schrank
nach einem Buche. -- »Was hattet ihr beiden euch denn zu erzählen, daß
es so lange dauerte?« -- »Ach, nichts Besondres!« -- »Dann wäre es doch
sicher besser gewesen, du hättest dich zu den Kirchgängern gehalten,
mein Kind!« -- Sie erhob sich und setzte ihr zu essen hin. Als sich
Synnöve zum Essen niedergesetzt und die Mutter ihr gerade gegenüber
Platz genommen hatte, sagte sie: »Waren da etwa noch andre, mit
denen du gesprochen hast?« -- »Ja, da waren noch viele andre,« sagte
Synnöve. -- »Aber das Kind darf doch wohl mit den Leuten reden,« sagte
jetzt Guttorm. -- »Freilich darf sie das,« sagte die Mutter ein wenig
freundlicher; »aber sie hätte sich doch zu ihren Eltern halten müssen.«
-- Hierauf wurde nichts erwidert.

»Das war ein gesegneter Kirchtag,« sagte die Mutter; »es tut einem
gut, die Jugend vor dem Altare zu sehn.« -- »Man denkt an seine eignen
Kinder,« sagte Guttorm. -- »Darin hast du recht,« versetzte die
Mutter und seufzte, »niemand kann wissen, wie es ihnen ergehn wird.«
-- Guttorm saß lange schweigend da. -- »Wir haben Gott für vieles zu
danken,« sagte er endlich; »er hat uns ein Kind behalten lassen.« --
Die Mutter saß da und zog mit dem Finger über den Tisch; sie sah nicht
auf. -- »Sie ist doch unsre größte Freude,« sagte sie leise; »sie ist
auch gut geartet,« fügte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange
Pause. -- »Ja, sie hat uns viel Freude gemacht,« sagte Guttorm, und mit
weicher Stimme fuhr er nach einer Weile fort: »Der liebe Gott mache sie
glücklich!« -- Die Mutter fuhr wieder mit dem Finger über den Tisch, es
fiel eine Träne darauf, die sie wegwischte. -- »Warum ißt du nicht?«
sagte der Vater, als er nach einer Weile aufblickte. -- »Danke, ich bin
satt,« antwortete Synnöve. -- »Aber du hast ja gar nichts gegessen!«
sagte nun auch die Mutter; »du hast einen weiten Weg gemacht.« --
»Ich kann nicht essen,« erwiderte Synnöve und zog einen Zipfel ihres
Busentuches heraus. -- »Iß, mein Kind!« sagte der Vater. -- »Ich kann
wirklich nicht,« erwiderte Synnöve und fing an zu weinen. -- »Aber
liebes Kind, weshalb weinst du denn?« -- »Ich weiß es nicht!« und sie
schluchzte. -- »Sie weint so leicht!« sagte die Mutter. Der Vater erhob
sich und trat ans Fenster.

»Da kommen zwei Männer den Weg herauf,« sagte er. -- »So? Um diese
Zeit?« fragte die Mutter, und nun trat auch sie an das Fenster. Sie
schauten lange hinab. -- »Lieber, wer mag das sein?« sagte schließlich
Karen, aber es klang nicht wie eine Frage. »Ich weiß es nicht,«
erwiderte Guttorm, und sie standen da und schauten hinaus. -- »Ich kann
das nicht recht verstehn,« sagte sie. -- »Ich auch nicht,« meinte er.
Die Männer kamen näher heran. -- »Sie müssen es doch sein,« sagte sie
endlich. -- »Ja, es wird wohl so sein,« versetzte Guttorm. Die Männer
kamen immer näher heran, der ältere blieb stehn und schaute zurück, der
jüngere ebenfalls; dann gingen sie weiter.

»Hast du eine Ahnung, was sie wollen mögen?« fragte Karen in demselben
Ton wie vorhin. -- »Nein, ich habe keine,« erwiderte Guttorm. Die
Mutter wandte sich ab, trat an den Tisch, trug ab und räumte ein wenig
auf. -- »Du mußt dich wieder anziehn, Kind,« sagte sie zu Synnöve,
»denn es kommen Fremde hierher.«

Kaum hatte sie das gesagt, als Sämund die Tür öffnete und hereinkam,
Thorbjörn folgte ihm. -- »Gesegnetes Beisammensein,« sagte Sämund,
blieb einen Augenblick an der Tür stehn und ging dann sachte vor, um
die Anwesenden zu begrüßen. Thorbjörn ging hinter ihm drein. Zuletzt
kamen sie zu Synnöve, die noch hinten in einer Ecke mit ihrem Tuch in
der Hand dastand und nicht wußte, ob sie es umbinden solle oder nicht;
sie wußte wohl kaum, daß sie es in der Hand hielt. -- »Ihr müßt zusehn,
wie ihr einen Platz zum Sitzen findet,« sagte die Frau. -- »Danke, es
ist übrigens kein weiter Weg bis hierher,« sagte Sämund, setzte sich
aber doch; Thorbjörn nahm neben ihm Platz. -- »Ihr wart heute gleich
weg nach der Kirche,« sagte Karen. -- »Ja, ich habe nach euch gesucht,«
entgegnete Sämund. -- »Es waren viele Leute da,« sagte Guttorm. --
»Ja, es waren sehr viele Leute da,« wiederholte Sämund; »es war auch
ein schöner Kirchtag.« -- »Ja, wir sprechen eben auch davon,« sagte
Karen. -- »Es ist so wunderlich, einer Konfirmation beizuwohnen, wenn
man selber Kinder hat,« fügte Guttorm hinzu; seine Frau setzte sich auf
die Bank. -- »Das ist so,« sagte Sämund; »man wird veranlaßt, ernstlich
über sie nachzudenken -- und gerade das ist der Grund, weswegen ich
heute abend noch hierhergeschlendert bin,« setzte er hinzu, sah sich
zuversichtlich um, nahm ein neues Stück Kautabak und legte das alte
sorgfältig in die Messingdose. Guttorm, Karen, Thorbjörn, alle wichen
sich mit den Augen aus, jedes sah woanders hin. -- »Ich dachte, ich
wollte Thorbjörn nur lieber hierherbegleiten,« begann Sämund langsam;
»allein wäre er wohl schwerlich so bald herübergekommen; auch fürchtete
ich, er führe seine Sache nicht zum besten.« -- Er sah Synnöve von der
Seite an; sie fühlte seinen Blick. -- »Es verhält sich nämlich so, daß
er, seit er alt genug geworden war, daß er Verstand für so etwas hatte,
sein ganzes Sinnen auf Synnöve gerichtet hat -- und auch sie kann wohl
nicht leugnen, daß sie ihm ihr Herz zugewandt hat. Aber da denke ich,
es ist am besten, die beiden kriegen sich. -- Ich war nicht sehr dafür,
solange ich sah, daß er sich kaum selber regieren konnte, geschweige
denn andre; aber jetzt, glaube ich, kann ich für ihn bürgen, und
wenn ich es nicht kann, so kann sie es; denn sie hat jetzt doch wohl
die größte Macht über ihn. -- Was denkt ihr darüber, wollen wir sie
zusammengeben? Es hat wohl noch keine Eile, aber ich weiß auch nicht,
weshalb wir warten sollten. Du, Guttorm, bist in guten Verhältnissen,
ich habe freilich nicht so viel und habe mehrere, unter die ich teilen
muß, aber trotzdem denke ich, daß es sich machen läßt. Ihr müßt nun
sagen, wie ihr hierüber denkt -- sie frage ich zuletzt, denn ich glaube
zu wissen, was sie will.«

So sprach Sämund. Guttorm saß zusammengesunken da -- legte abwechselnd
die eine Hand über die andre, machte mehrmals Miene aufzustehn, indem
er jedesmal tiefer aufatmete; es gelang ihm aber erst beim vierten oder
fünften Mal, da erst bekam er den Rücken gerade, strich sich mehrmals
über das Knie und sah zu seiner Frau hinüber, doch so, daß sein Blick
von Zeit zu Zeit Synnöve streifte. Diese rührte sich nicht, niemand
konnte ihr Gesicht sehn. Karen saß am Tisch und strich mit dem Finger
darüber hin. »Die Sache liegt ja so -- daß dies ein gutes Anerbieten
ist,« sagte sie. -- »Ja, ich meine, wir müssen es mit Dank annehmen,«
sagte Guttorm mit lauter Stimme, als fühle er sich sehr erleichtert,
und sah von seiner Frau zu Sämund hinüber, der seine Arme gekreuzt und
sich an die Wand gelehnt hatte. -- »Wir haben nur diese eine Tochter,«
sagte Karen, »wir müssen uns die Sache bedenken.« -- »Dafür wird es
Rat geben,« sagte Sämund, »aber ich wüßte nicht, was dich verhindern
sollte, gleich zu antworten, sagte der Bär, als er den Bauern fragte,
ob er seine Kuh bekommen könne.« -- »Wir können wohl sofort antworten,«
erwiderte Guttorm und sah zu seiner Frau hinüber. -- »Es ist nur das
eine zu bedenken, daß Thorbjörn ein wenig wild sein möchte,« sagte
sie, aber ohne aufzusehn. -- »Ich glaube, das hat sich geändert,«
entgegnete Guttorm; »du weißt selber, was du heute gesagt hast.« --
-- Die Eheleute sahn nun eins das andre an; das mochte wohl eine
ganze Minute währen. -- »Wenn wir uns nur auf ihn verlassen könnten!«
sagte sie. -- »Ja,« nahm nun Sämund abermals das Wort, »was den Punkt
betrifft, so muß ich wiederholen, was ich vorhin gesagt habe; die Fuhre
wird gut gehn, wenn sie die Zügel führt. Es ist erstaunlich, was für
eine Macht sie über ihn hat; das merkte ich damals, als er daheim bei
mir krank lag und nicht wußte, ob es zur Genesung ginge oder nicht.«
-- »Du mußt nicht so schwierig sein,« sagte Guttorm; »du weißt, was
sie selber will, und wir leben doch nur für sie!« -- Da sah Synnöve
zum erstenmal auf und sah den Vater innig und dankbar an. -- »Ach ja,«
sagte Karen nach kurzem Schweigen und fuhr ein wenig härter als bisher
über die Tischplatte; »habe ich so lange widerstanden, so geschah es
wohl, weil ich eine gute Absicht damit hatte. -- -- Ich war vielleicht
nicht so hart wie meine Worte« -- sie sah auf und lächelte, aber Tränen
traten ihr in die Augen. Da erhob sich Guttorm: »So ist denn in Gottes
Namen das geschehn, was mein liebster Wunsch hier auf dieser Welt
gewesen ist,« sagte er und ging durch das Zimmer zu Synnöve hinüber.
-- »Ich bin deswegen nie besorgt gewesen,« sagte Sämund und erhob
sich nun auch; »was zusammenkommen soll, kommt zusammen.« -- Er ging
auch hinüber. -- »Nun, was sagst denn du dazu, mein Kind?« fragte die
Mutter, die ebenfalls zu Synnöve herangetreten war.

Diese saß noch da; sie standen alle rings um sie herum, alle, mit
Ausnahme von Thorbjörn, der auf demselben Flecke saß, wo er sich zuerst
hingesetzt hatte. -- »Du mußt aufstehn, Kind,« flüsterte die Mutter ihr
zu. Sie erhob sich, lächelte, wandte sich ab und weinte. -- »Gott sei
mit dir jetzt und allezeit!« sagte die Mutter, schlang die Arme um sie
und weinte mit ihr. Die beiden Männer gingen durch das Zimmer, jeder
nach seinem Platz.

»Du muß zu ihm hingehn,« sagte die Mutter noch immer weinend, ließ sie
los und schob sie sanft vorwärts. Synnöve tat einen Schritt, blieb
aber stehn, weil sie nicht weiter zu gehn vermochte; Thorbjörn sprang
auf und ging auf sie zu, ergriff ihre Hand und hielt sie fest, wußte
nicht, was er weiter tun sollte, und blieb stehn, ihre Hand in der
seinen, bis sie sie ihm leise wieder entzog. Dann standen sie still und
schweigend nebeneinander da.

Die Tür wurde lautlos geöffnet, jemand steckte den Kopf herein. -- »Ist
Synnöve hier?« fragte eine schüchterne Stimme; es war Ingrid Granliden.
-- »Ja, sie ist hier; komm nur herein!« sagte der Vater. Ingrid zögerte
ein wenig. -- »Komm nur! hier ist alles in Ordnung!« fügte er hinzu.
Jetzt sahen alle sie an. Sie schien ein wenig verlegen zu sein; »es
ist noch jemand draußen,« sagte sie. -- »Wer ist das?« fragte Guttorm.
-- -- »Es ist die Mutter,« sagte sie leise. -- »Laß sie hereinkommen!«
riefen vier Stimmen auf einmal. -- -- Und die Frau auf Solbakken ging
auf die Tür zu, während die andern sich glücklich ansahn. -- »Du kannst
getrost hereinkommen, Mutter,« hörten sie Ingrid sagen. Und dann trat
Ingebjörg Granliden in ihrer weißen Haube herein. -- »Ich merkte es
wohl,« sagte sie, »obwohl Sämund nie etwas sagen kann; und da konnten
Ingrid und ich es nicht länger aushalten, wir mußten hierherkommen.« --
»Ja, hier ist alles so, wie du es haben willst,« sagte Sämund und trat
beiseite, damit sie zu ihnen herankommen könnte. -- »Gott segne dich,
daß du ihn zu dir hingezogen hast,« sagte sie zu Synnöve, umarmte sie
und streichelte sie; »du hast bis zum äußersten festgehalten, du, mein
Kind; es kam doch so, wie du wolltest.« -- Und sie streichelte ihr Haar
und Wangen, die Tränen rannen ihr über das Gesicht; sie achtete nicht
darauf, sondern trocknete nur sorgfältig Synnöves Tränen ab. -- »Ja,
es ist ein guter Junge, den du bekommst,« fuhr sie fort, »und nun bin
ich seinetwegen ohne Sorge!« -- und sie zog sie noch einmal an sich.
-- »Mutter weiß mehr in ihrer Küche als wir andern, die wir mitten
darinstehn,« sagte Sämund.

Das Weinen und die Erregung beruhigten sich allmählich. Die Hausfrau
fing an, an das Abendessen zu denken, und bat die kleine Ingrid, ihr
zu helfen, »denn Synnöve taugt heute abend zu nichts«. Und so machten
diese beiden sich daran, Sahnegrütze zu kochen. Die Männer vertieften
sich in ein Gespräch über die diesjährige Ernte und was es sonst gab.
Thorbjörn hatte sich abseits ans Fenster gesetzt, und Synnöve trat
lautlos zu ihm heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wonach
siehst du?« flüsterte sie. -- Er wandte den Kopf herum, sah sie lange
und zärtlich an und dann wieder hinaus. -- »Ich sehe nach Granliden
hinüber,« sagte er; »es ist so wunderbar, es von hier aus zu sehen!«


            Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

    S. 24: Guttrom → Guttorm
      und der Vater {Guttorm} Solbakken hatte sein Ja dazu gesprochen

    S. 32: Was → War
      {War} das ein Kummer!

    S. 34: icht → Nicht
      {Nicht} mehr als andre wollen.

    S. 88: Thorbjörns → Thorbjörn
      zu Angesicht mit {Thorbjörn} selber stand





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Synnöve Solbakken - Erzählung" ***

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